Czytaj książkę: «Chronik eines Weltläufers»

Czcionka:


CHRONIK EINES
WELTLÄUFERS

DIE REISEN

VON OLD SHATTERHAND

ALIAS KARA BEN NEMSI

AUS DEN TEXTEN KARL MAYS ZU EINEM

REISETAGEBUCH ZUSAMMENGESTELLT

UND ERGÄNZT

VON

HANS IMGRAM


KARL-MAY-VERLAG

BAMBERG • RADEBEUL

Bedeutung der unterschiedlichen Schriftarten:

Adobe Garamond kursiv:

Text aus Karl May’s Gesammelten Werken

Adobe Garamond:

verbindender Text zu Schilderungen in den Gesammelten Werken

Arial:

eigene Einschübe des Verfassers zu Reisen, bei denen kein Karl-May-Text vorlag, bzw. erläuternde Hinweise

Arial kursiv:

Einleitung zu In Mekka von Franz Kandolf

Herausgegeben von Bernhard Schmid

© 2015 Karl-May-Verlag, Bamberg

Alle Urheber- und Verlagsrechte vorbehalten

Deckelbild:

Kostümfotos von Karl May: Alois Schießer, Max Welte

Kolorierung und Artwork: Torsten Greis / pinta

ISBN 978-3-7802-1624-3

www.karl-may.de

INHALT

ICH – Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi
Wer bin ICH?

ICH bin der Abenteurer und Weltläufer Karl May, nicht zu verwechseln mit dem Schriftsteller Karl May, der nur mein geistiger Vater war. Er hat mich erschaffen, da er nie das war, das sein und das vollbringen konnte, was er in seinen Gedanken mit mir, seinem zweiten ICH, zu tun vermochte. ICH war der ‚Superman‘, der Held, der eine riesige Körperkraft besaß und der nicht nur viele Sprachen beherrschte, sondern auch gleichzeitig ein Gelehrter und Mediziner war. ICH ragte über die gewöhnliche Größe hinaus, war aber keineswegs ein Riese.1

Als er mich 1860 auf meine erste Reise nach Amerika schickte, hatte ICH bereits studiert, hatte mir außerordentliche Kenntnisse (z. B. Feldmesserei) und Fertigkeiten (Schießen, Reiten, Fechten) angeeignet und beherrschte mehrere Sprachen, darunter auch das Arabische, denn der Professor, der mein Lehrer im Arabischen war, galt für den größten Arabisten Deutschlands.2 ICH studierte Hebräisch, Aramäisch, Griechisch, um die Heilige Schrift im Urtext zu lesen. ICH studierte den Koran, die Vedas, den Zaratustra und Cong-futse.3 ICH müsste also älter als der Schriftsteller Karl May sein, bin es aber nicht, denn ICH zählte achtzehn Jahre, als ich über die See nach Amerika kam4, weil unerquickliche Verhältnisse in der Heimat, der Wunsch, meine Kenntnisse zu erweitern, und ein angeborener Tatendrang mich über den Ozean in die Vereinigten Staaten getrieben hatten5, wo ich Winnetou kennenlernte. Wenn man das Leben des Schriftstellers kennt, so konnte er nie ICH sein, denn sein Leben verlief ganz anders, als er es in seiner Fantasie ausleben konnte. Mit mir reiste er in die weite Welt, mit mir erlebte er das, was sich einer nur wünschen konnte, der das Fernweh und die Abenteuerlust in sich verspürte. –

Bekannt wurde ICH als Old Shatterhand und als Kara Ben Nemsi in Karl May’s Gesammelten Werken. Der Schriftsteller Karl May war nicht Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi, wie seine Leser glaubten, weil er mir seinen Namen, nämlich auch Karl May, gegeben hatte. Und weil seine Leser glaubten, dass er selbst der Held seiner Erzählungen sei, glaubte er es letztendlich auch. Und er musste es ihnen beweisen, indem er Bilder von Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi anfertigen ließ, in deren Kostüm er geschlüpft war, und er erzählte seinen begeisterten und manchmal auch enttäuschten Zuhörern, dass er alles selbst erlebt habe. Warum betrieb er nur diese Maskerade und diese ‚Märchenstunden‘, denn sein klarer Menschenverstand musste ihm doch sagen, dass er vom Wuchs, von seiner Körperkraft, von seinem sächsischen Dialekt und auch von den Sprachkenntnissen her niemals diese beiden Figuren ausfüllen konnte? Also musste ICH ein anderer sein als dieser Karl May, obwohl ICH denselben Namen trug. –

Und noch etwas: Die Konfession Karl Mays war evangelisch-lutherisch, mich aber ließ er als Katholiken durch die ganze Welt reisen. ICH bezeichne mich nicht als fromm, aber ICH besaß einen fundierten christlichen Glauben, den ICH überall vertreten konnte. –

Doch eines muss ICH noch sagen: ICH bin dem Autor Karl May für seinen Old Shatterhand und für seinen Kara Ben Nemsi sehr dankbar, denn ohne ihn gäbe es sie nicht, also gäbe es auch mich nicht. Und die Welt wäre ohne meine fantastischen Abenteuer ein kleines bisschen ärmer, denn er hat ganze Generationen mit seinen Büchern begeistert.

Reise-Erzählungen und Reise-Tagebuch

Der Schriftsteller Karl May hat mich fast durch die ganze Welt reisen und Abenteuer bestehen lassen, doch er tat das ganz wahllos, ohne bestimmtes Zeitgefüge. Manche dieser Reise-Erzählungen beginnen oder enden anders, als ICH sie erlebt habe. Einige meiner Reisen hat er nur angedeutet, ohne einen eigenen Bericht darüber zu schreiben; manche frühere Abenteuer hat er erst nachträglich in spätere Erzählungen eingeflochten. ICH musste jetzt im Nachhinein lange überlegen, wann ICH wo war und wie meine Erlebnisse zusammengehören, die er oft nur als Einzelgeschichten ohne näheren Zusammenhang aufgeschrieben hatte und die dann in verschiedenen Zeitschriften gedruckt wurden. Das kam sicher daher, dass er am Anfang noch nicht recht wusste, was er mit mir wollte. Als er dann später die Gelegenheit gehabt hätte, das in der Buchausgabe in die richtigen Bahnen zu lenken, nahm er sich nicht die Zeit dazu. Doch jetzt kann ICH das alles in meinem Reise-Tagebuch richtig stellen. Wer dieses liest und dann mit den Reise-Erzählungen vergleicht, wird hin und wieder auf Widersprüche im Handlungsablauf stoßen, eben weil Karl May meine Erlebnisse nicht chronologisch aufgeschrieben und sich dadurch manchmal geirrt hat. –

Wer den geistigen Wandel im Schaffen des Autors nicht kennt, wird sicher erstaunt sein, dass meine neunte Orientreise plötzlich in Basra endet und nicht, wie beabsichtigt, nach Persien fortgesetzt wird. Das hat folgenden Grund: Hinter Basra ließ mich Karl May plötzlich mitten in der Gegend stehen und kümmerte sich nicht mehr um mein Abenteuerleben. ICH war ihm vollkommen egal geworden, denn sein Denken erfuhr nach seiner persönlichen Orientreise einen totalen Wandel: Er wurde zum Mystiker, zum Symbolisten, zum Philosophen.6 Er schuf eine andere, eine mystische Gestalt, der er aber genau denselben Namen gab wie mir, nämlich Kara Ben Nemsi, und die er bei seiner persönlichen Reise nach Nordamerika auch Old Shatterhand nannte. Aber dieser ‚neue‘ Kara Ben Nemsi und dieser ‚neue’ Old Shatterhand bin nicht ICH – das ist ein ‚Edelmensch‘, der mit mir, dem Abenteurer und Weltläufer, nichts zu tun hat. Das möchte ICH gleich zu Beginn meines Reise-Tagebuchs festhalten, damit kein Leser glaubt, ICH würde einen Teil meines Lebens und meiner Reisen unterschlagen.

Reise-Tagebuch
0. IN AMERIKA (1854)

Nachtrag zu meinem Reise-Tagebuch, Sommer 1854:

Ob man es mir glauben wird oder nicht: Ich war schon während meiner Schulzeit in Amerika! Natürlich ist damit nicht der Kontinent Amerika gemeint, sondern die Ansiedlung eines Spinnereibetriebes, die teils zu Penig, teils zu Arnsdorf in der Amtshauptmannschaft Rochlitz gehörte. Der Sohn unseres Nachbarn arbeitete in der dortigen 1836 gegründeten Kattunfabrik. Er hatte da eine Braut und wollte demnächst heiraten. Da er von zu Hause von seinen Eltern als Aussteuer Bettgestell, Strohsack, Zudecke und einige andere Gegenstände bekam, sollten diese auf einem kleinen Leiterwägelchen zu ihm hingeschafft werden. Seine Mutter fragte mich, ob ich ihm diese Sachen nach Amerika bringen und dann das Wägelchen wieder mit nach Hause nehmen würde, wofür ich drei Kreuzer erhalten sollte. Das war fast ein Vermögen für mich. Natürlich sagte ich zu.

Als es so weit war, machte ich mich am Morgen auf den Weg. Da ich ja das Handwägelchen hinter mir herzog, musste ich den weiteren Weg über Penig und die Peniger Brücke nehmen und nicht den kürzeren mit dem Kahn über die Mulde. Es war schon ziemlich später Nachmittag, als ich dort bei dem Sohn unseres Nachbarn ankam. Da er sich aber noch bei der Arbeit befand, musste ich warten, bis es fast dunkel wurde. Er nahm mich mit zu seinen zukünftigen Schwiegereltern, wo auch seine Braut wohnte. Hier bekam ich zuerst ein tüchtiges Abendbrot, was ich von zu Hause in dieser Menge überhaupt nicht kannte. Ich glaube, so satt gegessen wie an diesem Abend hatte ich mich noch nie. Hier erfuhr ich auch auf meine Frage, warum dieses kleine sächsische Amerika überhaupt so hieß: Weil man diese Ansiedlung und die Fabrik nur über die Zwickauer Mulde erreichen konnte, musste man ein kleines Fährboot besteigen, das an einem Seil von einem zum anderen Ufer, also über den Teich gezogen wurde. „Über den Teich“ aber zogen damals diejenigen, die nach Amerika fuhren, also nannte man die Ansiedlung einfach „Amerika“. Ich durfte in dieser Nacht bei den Schwiegereltern unseres Nachbarsohnes, die ein eigenes kleines Häuschen besaßen, schlafen. In diesem Haus würde auch später das junge Paar wohnen. Am nächsten Morgen, nachdem ich Kaffee getrunken und zwei große Stücke Brot mit Marmelade gegessen hatte, machte ich mich mit dem Leiterwägelchen wieder auf den Rückweg. Für die braven Leute schien es selbstverständlich zu sein, mir auch noch ein belegtes Brot mit auf den Heimweg zu geben, denn der war ja für einen Schuljungen doch sehr lang und anstrengend.

Und so war ich tatsächlich schon während meiner Schulzeit in Amerika gewesen.

1. ERSTE NORDAMERIKA-REISE (1860-1861)

Dienstag, 28. Februar 1860:

An einem kalten Wintertag, es war Samstag, der 28. Januar 1860 gewesen, hatte ich meinen verschneiten Heimatort am Rande des sächsischen Erzgebirges verlassen, und genau vier Wochen später landete ich in New York.1

Samstag, 31. März 1860:2

Unerquickliche Verhältnisse in der Heimat, der Wunsch, meine Kenntnisse zu erweitern und meine Angehörigen besser unterstützen zu können, hatten mich über den Ozean in die Vereinigten Staaten getrieben. Ich hätte in den Oststaaten recht wohl ein gutes Unterkommen gefunden, aber es zog mich nach Westen. Bald auf diese und bald auf jene Weise für kurze Zeit tätig, verdiente ich mir so viel, dass ich heute in St. Louis ankam.

Freitag, 20. April 1860:

Schon zwei Tage nach meiner Ankunft in St. Louis wurde ich in einer deutschen Familie Hauslehrer. Dort verkehrte ein gewisser Mr. Henry, ein Sonderling und seines Zeichens Büchsenmacher, mit dem ich mich gut verstand. Er bastelte an einem neuen Gewehr, von dem er behauptete: „Es wird ein Stutzen, ein Mehrlader mit fünfundzwanzig Schüssen.“

Dienstag, 15. Mai 1860:

Heute Abend war ich wieder einmal in seiner Werkstatt. Wir diskutierten über den Zweck und die Auswirkungen eines mehrschüssigen Stutzens. Danach begann er mich nach meinen Fertigkeiten und Kenntnissen auszufragen.

Mittwoch, 16. Mai 1860:

Bevor heute Morgen mein Unterricht als Hauslehrer begann, prüfte er mich auf einem Schießstand und er schien mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden zu sein. Dann schleppte er mich noch zu einem Reitstall, wo ich einen Rotschimmel bändigen musste.

Freitag, 18. Mai 1860:

Gestern und heute Morgen vor dem Unterrichtsbeginn war ich im Reitstall, um den Rotschimmel weiter einzureiten.

Samstag, 19. Mai 1860:

Mr. Henry führte mich heute Nachmittag in ein Geschäft, von dem ich nur kurz die Worte ‚Office‘ und ‚Surveying‘ lesen konnte. Drei Herren empfingen uns recht freundlich und das Gespräch mit ihnen drehte sich hauptsächlich um Feldmesserei, wobei mich die drei immer wieder mit Fragen konfrontierten, die ich nach bestem Wissen und Gewissen beantwortete. Ich war ganz unbefangen und merkte nicht, dass man mich dabei einer ausgedehnten Prüfung unterzog.

Sonntag, 3. Juni 1860:

Zwei Wochen nach unserem sonderbaren Besuch in der Vermessungskanzlei wurde ich zu einem ‚dinner‘ eingeladen. Anwesend war auch ein Westmann, der Sam Hawkens hieß. Ich war vollkommen perplex, als man mir mitteilte, dass ich ab jetzt Surveyor, also Feldmesser, der ‚Atlantic and Pacific Company‘ sein sollte. Die neue Bahnstrecke, deren Teil-Trasse ich mit zu vermessen hatte, lag zwischen dem Quellgebiet des Red River und dem Canadian. Die drei bewährten Führer Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker sollten uns dorthin bringen.

Montag, 4. Juni 1860:

Als ich heute Morgen zunächst von der deutschen Familie Abschied genommen hatte, suchte ich auch noch Mr. Henry auf, von dem ich mich ebenfalls verabschiedete. Er schenkte mir den Rotschimmel und gab mir den Bärentöter als Waffe mit. Danach brachen wir in das Indianergebiet auf.

Samstag, 1. September 1860:

Wir standen im Anfang des September und waren bereits drei Monate in Tätigkeit. Zwischen Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker, die man nur ‚das Kleeblatt‘ nannte, und mir hatte sich ein gutes Verhältnis herausgebildet. Sam Hawkens betrachtete es außerdem als Selbstverständlichkeit, mir in meiner recht knapp bemessenen Freizeit die Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln, die ein ‚guter Westmann‘ haben sollte. Er wusste auch, dass ich mir von allen Messungen eine Abschrift anfertigte, die ich in einer leeren Sardinen-Büchse in meiner Brusttasche aufbewahrte.

Sonntag, 2. September 1860:

Es war Sonntag früh, als Mr. White, der Leiter der westlich nächsten Gruppe, in unser Lager kam. Als einer der Westmänner Streit mit mir anfangen wollte, schlug ich ihm die Faust an die Schläfe, dass er betäubt liegen blieb. Mr. White meinte: „Man sollte Euch Shatterhand nennen.“ Dieser Vorschlag schien dem kleinen Hawkens zu gefallen: „Ein Greenhorn und schon einen Kriegsnamen! Old Shatterhand!“ Sam Hawkens und ich begleiteten Mr. White dann ein Stück auf dem Heimweg. Beim Zurückreiten in unser Lager entdeckten wir eine kleine Herde Bisons. Ich musste den Leitstier erschießen, um mein Leben zu retten. Sam schoss eine Büffelkuh. Ein anderer Bulle schlitzte seinem Pferd den Leib auf, sodass wir es erschießen mussten. Wir versorgten uns mit dem nötigen Fleisch der Büffelkuh, beluden mein Pferd und gingen zu Fuß zu unserem Lager zurück.

Montag, 3. September 1860:

Sam Hawkens nahm mich mit auf Mustangjagd, da er ja ein neues Pferd brauchte. Wir trafen tatsächlich auf eine Mustangherde, worunter sich auch ein Maultier befand, das wir fingen. Als wir wieder ins Lager kamen, hatte man es eine beträchtliche Strecke vorgeschoben, weil während unserer Abwesenheit fleißig vermessen worden war.

Dienstag, 4. September 1860:

Wir verlegten unser Lager in den oberen Teil des Tals. Kurze Zeit darauf traf ich ohne Gewehr auf einen Grizzlybären, der einen unserer Westmänner zerfleischen wollte. Schnell stand ich neben ihm, holte aus und stieß ihm das Messer zweimal zwischen die Rippen. Ich hatte meinen ersten Grizzly erlegt! Kurz danach erschien ein Indianer, der sich Klekih-petra nannte und vom Stamme der Mescalero-Apatschen war. Hinzu kamen noch zwei andere Indianer, und zwar Vater und Sohn. Der Vater hieß Intschu tschuna und der Sohn Winnetou, der mit mir ungefähr im gleichen Alter stand. Intschu tschuna forderte uns auf, sofort die Messungen einzustellen und das Gebiet zu verlassen, das seinem Stamm gehöre. Er gab uns eine Antwortfrist, bis beide wieder zurück seien, um die Pferde zu holen. Ich kam mit Klekih-petra ins Gespräch, wobei ich erfuhr, dass er Deutscher war, die Heimat aber nach der Revolution 1848 hatte verlassen müssen und nun bei den Mescaleros als der Lehrer Winnetous lebte. Als Intschu tschuna und Winnetou mit den drei Pferden zurückkamen, legte der betrunkene Rattler sein Gewehr auf Winnetou an und schoss. Klekih-petra warf sich dazwischen und wurde von Rattlers Kugel tödlich getroffen. Seine letzten Worte richtete er in deutscher Sprache an mich: „Bleiben Sie bei ihm – ihm treu – mein Werk fortführen…!“ Kurz darauf war er tot. Die beiden Indianer hoben die Leiche aufs Pferd, banden sie da fest und ritten langsam davon.

Mittwoch, 5. September 1860:

Obwohl ich hier bei den Vermessungen dringend gebraucht wurde, bestand Sam darauf, dass ich mit ihm ritt. Mein erster Kundschafterritt! Wir schlugen sogleich die Richtung ein, in der die beiden Apatschen fortgeritten waren. Erst eine Stunde vor Mittag kehrten wir um. Unterwegs trafen wir auf sechs Kundschafter der Kiowas, mit denen wir die Friedenspfeife rauchten. Sie waren auf dem Kriegspfad, um sich an den Mescalero-Apatschen zu rächen, die einige ihrer Krieger getötet hatten, als sie von diesen beim Pferdediebstahl erwischt worden waren. Sie ritten zuerst mit in unser Lager und dann weiter, um zweihundert Krieger herbeizuholen.

Donnerstag, 6. September 1860:

Heute beteiligte ich mich mit doppeltem Eifer an der Arbeit, weil ich gestern gefehlt hatte. Am Abend hatten wir eine doppelt so lange Strecke wie sonst vermessen. Deshalb waren wir sehr ermüdet und legten uns nach dem Abendessen zeitig schlafen. Das Lager war inzwischen weiter vorgeschoben worden.

Freitag, 7. September 1860:

Gegen Mittag kamen über zweihundert Kiowas in unser Lager. Ihr Anführer hieß Tangua. Wir machten mit dem Vermessen weiter, denn wenn wir nicht allen Fleiß aufwendeten, kamen die Apatschen, bevor wir fertig waren. Führten wir unser Werk aber vor ihrer Ankunft zu Ende, so war es uns vielleicht möglich, uns aus dem Staub zu machen und uns samt den wertvollen Messgeräten und Zeichnungen in Sicherheit zu bringen.

Samstag, 8. September 1860:

Es wurde wettermäßig ein ungemütlicher Tag. Als es zu dunkeln begann und wir unsere Vermessungen einstellten, waren wir in der Nähe des voraussichtlichen Kampfplatzes angekommen. Sam war inzwischen zu Fuß auf Kundschaft losgegangen.

Sonntag, 9. September 1860:

Es war erst wenig nach Mittag, als Sam Hawkens zurückkam und berichtete, dass er die Apatschen nicht nur gesehen, sondern auch belauscht habe. Es waren ungefähr fünfzig Krieger mit ihren beiden Häuptlingen, die uns überfallen wollten. Durch eine List konnten wir die Apatschen täuschen und sie gefangen nehmen. Am Abend saßen wir Weiße um unser altes Feuer, die Kiowas lagerten etwas abseits. Ich kroch an die Bäume heran, wo Winnetou und sein Vater angebunden waren. Mir gelang es, beiden die Fesseln zu durchtrennen und mir von Winnetous Haar eine Locke abzuschneiden. Dann schlich ich mich wieder zu unserem Feuer zurück. Sam machte mir Vorwürfe. Er hatte seine Augen auf die Apatschen gerichtet und hielt mitten in seiner Rede inne, weil die beiden eben jetzt von ihren Bäumen verschwanden. Es dauerte etwas, bis der Wächter einen lauten, durchdringenden Schrei ausstieß. Alles rannte zu den Bäumen, die Weißen auch. Das weitere Verhalten der Kiowas ließ uns um unsere Sicherheit besorgt sein.

Montag, 10. September 1860:

Wir durften keine Stunde versäumen, um mit unserer Vermessung womöglich noch fertig zu werden, bevor Intschu tschuna und Winnetou mit ihren Kriegern zurückkehren konnten. Als die Kiowas ihre Gefangenen am Marterpfahl sterben lassen wollten, schlug ich Tangua nieder. Nachdem er nun in meiner Gewalt war, versprach er, alle Apatschen freizulassen, wenn ich mit einem seiner Krieger um Leben und Tod kämpfen würde. Ich willigte ein. Mein Gegner nannte sich Metanakva, ‚Blitzmesser‘. Im Zweikampf fuhr ihm meine Klinge bis an das Heft ins Herz und er stürzte tot zu Boden. Kurz danach erscholl das schrill tönende ‚Hiiiiiiiiih‘, der Kriegsruf der Mescaleros. Hinter Büschen hatten sich die Apatschen unbemerkt herangeschlichen. Wir schlugen mehrere der Angreifer mit dem Kolben nieder. Ich konnte Intschu tschuna mit meinem Jagdhieb niederstrecken. Tangua aber wollte ihm den Skalp nehmen, doch als ich ihn daran hinderte, wurde ich mit dem Messer verletzt. Ein Kolbenhieb von Winnetou traf meine Schulter. Dann ließ er sein Gewehr fallen, zog sein Messer und stürzte auf mich. Er holte zum Stoß gegen meine Brust aus. Das Messer fuhr in meine linke Brusttasche, traf dort die Blechbüchse, worin ich meine Papiere verwahrt hatte, glitt an dem Blech ab und drang mir oberhalb des Halses und innerhalb der Kinnlade in den Mund und durch die Zunge. Es war ein Kampf um Leben und Tod. Es gelang mir, trotz meiner Verwundung, ihm zwei rasch aufeinanderfolgende Faustschläge zu geben und ihn zu betäuben. Doch dann bekam ich einen Kolbenhieb gegen den Kopf. Als ich wieder zu mir kam, war es Abend. Ich war an Händen und Füßen gefesselt. Zu meiner Rechten saß Sam Hawkens, der mir erzählte, wie er und die anderen sich hatten retten können, aber mehr hörte ich nicht, weil ich jetzt wieder in Ohnmacht fiel.

Dienstag, 11. September 1860:

Als ich abermals aus meiner Betäubung erwachte, fühlte ich, dass ich mich in Bewegung befand. Ich hörte den Huftritt vieler Pferde und schlug die Augen auf. Ich lag auf der Haut des Grizzlybären, den ich erlegt hatte, und hing zwischen zwei Pferden, die mich auf diese Weise tragen mussten. Mein Mund war verschwollen und voll von geronnenem Blut. Ich wollte es mit der Zunge ausstoßen, konnte sie aber nicht bewegen. Dann wurde ich von der Ohnmacht wieder übermannt.

Mittwoch, 3. Oktober 1860:

Ich fuhr mir mit der Hand zur Stirn und hörte Sam Hawkens neben mir sprechen. Ich wollte antworten, konnte aber nicht, weil mir die Zunge schwer wie Blei im Mund lag. Deshalb nickte ich nur. Er sagte mir, dass ich drei Wochen in Ohnmacht gelegen hätte. Dann vernahm ich die Stimme Winnetous. Als meine Kameraden fragten, wann sie mich wieder sehen dürften, antwortete er: „Am Tage eures und seines Todes.“ Ich schlief wieder ein.

Donnerstag, 4. Oktober 1860:

Wie lange ich geschlafen hatte, wusste ich nicht. Es war ein Genesungsschlaf. Vor mir saßen zwei Indianerinnen. Die alte hatte Runzeln im Gesicht und war hässlich. Die junge dagegen war schön, sehr schön. Sie hieß Nscho-tschi und war Winnetous Schwester. Ich machte den Versuch zu sprechen. Sie holte mir Wasser, half mir beim Trinken und wusch mir auch Gesicht und Hände. Sie sagte, dass wir in einem Pueblo am Rio Pecos seien, wo wir in einigen Tagen am Marterpfahl sterben würden. Als ich einige Stunden darauf erwachte, kam Nscho-tschi mit einer tönernen Schüssel und einem Löffel. Das Essen wurde mir noch viel schwerer als das Trinken.

Mittwoch, 17. Oktober 1860:

Meine Genesung schritt von Tag zu Tag fort. Das Gerippe bekam wieder Muskeln und die Geschwulst im Mund nahm stetig ab. Nscho-tschi blieb immer gleich, stets freundlich besorgt und dabei überzeugt, dass mir der Tod immer näher rücke. Auf meine Bitte hin hatte ich schon vor einigen Tagen einen großen, schweren Steinblock bekommen, damit ich mich setzen konnte, wie ich angeblich sagte. In Wirklichkeit aber benutzte ich diesen Stein, um mit ihm meine Muskeln zu stärken.

Montag, 29. Oktober 1860:

Ich war nun schon sechs Wochen hier. Es war an einem schönen, sonnigen Herbstmorgen, als ich gefesselt wurde und auf Leitern den Pyramidenbau verlassen musste. Das Pueblo lag in einem schmalen Seitental, wo gewiss sechshundert Apatschen anwesend waren. Die Kiowas gesellten sich zu ihnen. Ich wurde neben Hawkens, Stone und Parker an einen Pfahl gebunden. Nach einer Beratung wurde entschieden, dass Intschu tschuna gegen mich kämpfen würde, und zwar im Wasser. Wenn ich lebendig das gegenüberliegende Ufer erreichte und bis zu einer bestimmten Zeder gelangte, so waren nicht nur ich, sondern auch meine drei Gefährten frei. Ich sollte waffenlos bleiben, Intschu tschuna jedoch hatte einen Tomahawk. Da half nur eine List, die mir auch gelang, denn ich war ein guter Taucher und schwamm unter Wasser stromaufwärts, wo mich niemand vermutete. Drüben stieg ich aus dem Wasser und rannte auf die Zeder los. Ich konnte Intschu tschunas Tomahawk ausweichen, ihn bewusstlos schlagen und ihn an die Zeder fesseln. Winnetou, der herübergeschwommen kam, zeigte Respekt vor meiner Tat und erklärte, dass wir frei seien, außer Rattler, der Klekih-petra erschossen hatte. Dann gingen wir zu der Zeder und banden dem Häuptling die Arme los. Als wir wieder drüben am anderen Ufer waren, durfte ich meine drei Gefährten losschneiden. Dann zeigte ich Winnetou die Haarlocke, die ich ihm bei seiner Befreiung von den Kiowas abgeschnitten hatte. Das machte ihn sehr betroffen, denn jetzt wusste er, dass ich wirklich sein Freund war, und wir wurden im Laufe dieses Tages Blutsbrüder. Mit Tangua, dem Häuptling der Kiowas, trug ich noch einen Zweikampf aus, wobei ich ihm beide Knie durchschoss. Noch am selben Tag verließen die Kiowas zusammen mit ihrem verletzten Häuptling das Lager der Apatschen.

Rattler sollte noch am selben Tag den Martertod sterben. Als er jedoch laut schrie und jammerte, band man ihn los, stieß ihn in das Wasser des Rio Pecos und zwei junge Buben im Alter von etwa zehn Jahren feuerten ihre Gewehre auf ihn ab. Danach sprach ich mit Winnetou darüber, wie wir uns zum ersten Mal begegnet waren und dass ich dem sterbenden Klekih-petra versprochen hatte, ihm, Winnetou, treu zu bleiben.

Dienstag, 30. Oktober 1860:

Unter großer Feierlichkeit wurde zwischen Hawkens, Stone, Parker und den Apatschen die Pfeife des Friedens geraucht, wobei die üblichen langen Reden gehalten wurden.

Mittwoch, 31. Oktober 1860:

Heute kehrten die Kundschafter zurück, die den Kiowas gefolgt waren. Sie meldeten, dass die gegnerischen Scharen ohne Unterbrechung fortgezogen seien und demnach nicht die Absicht hegten, jetzt eine Feindseligkeit auszuführen.

Dienstag, 20. November 1860:

Nun folgte eine Zeit der Ruhe, für mich allerdings doch eine Zeit angestrengter Tätigkeit. Winnetou hatte es darauf abgesehen, mich in die ‚indianische Schule‘ zu nehmen. Wir waren oft ganze Tage fort und machten weite Ritte, wobei ich mich in allem, was zur Jagd und zum Kampf gehörte, üben musste. Wir krochen in den Wäldern umher, wo ich vortrefflichen Unterricht im Anschleichen erhielt. Er führte förmlich ‚Felddienstübungen‘ mit mir aus. Wie oft kam ich dann ermüdet und zerschlagen heim! Und doch gab es noch keine Ruhe für mich, denn ich wollte die Sprache der Apatschen erlernen und nahm im Pueblo Unterricht.

Mittwoch, 21. November 1860:

Am Abend brachte Winnetou mir einen fein gearbeiteten und mit roten indianischen Stickereien verzierten Jagdanzug von weißgegerbtem Leder, denn meine Kleidung sah sogar für indianische Augen sehr herabgekommen aus.

Donnerstag, 22. November 1860:

Als ich den Anzug am nächsten Morgen anlegte, saß er wie angegossen. Und kurze Zeit später befand ich mich im Haupttal, um mich im Werfen des Tomahawks zu üben.

Samstag, 24. November 1860:

Zwei Tage später sattelte ich meinen Rotschimmel, um mit Winnetou auf die Büffeljagd zu reiten.

Montag, 26. November 1860:

Am Abend dieses Tages sagte mir Intschu tschuna: „Wir werden in die Gegend reiten, wo ihr gearbeitet habt. Du wirst die unterbrochene Arbeit vollenden und dann den Lohn bekommen, der euch versprochen wurde. Wir reiten mit dir und dreißig Krieger werden uns begleiten.“ Er sagte mir, dass auch Nschotschi mitkäme, um in St. Louis all das zu lernen, was auch weiße Mädchen kennen würden. „So wollen wir nicht zögern, denn es ist schon die Zeit des späten Herbstes, auf den schnell der Winter folgt. Wir können schon morgen aufbrechen.“

Dienstag, 27. November 1860:

Der Tag hatte kaum begonnen, ein Spätherbstmorgen, dessen Kühle bewies, dass es Zeit gewesen war, den Ritt nicht länger aufzuschieben. Es gab ein kurzes Frühstück und dann wurden die Pferde gebracht. Es war eine beträchtliche Zahl von Packtieren dabei, von denen einige meine Messgeräte tragen sollten. Statt meines Rotschimmels brachte mir Winnetou einen prächtigen Rapphengst indianischer Schule, den er mir schenkte und der auf den Namen ‚Hatatitla‘ hörte. Winnetous Tier war dem meinen gleichwertig und hieß ‚Iltschi‘.

Donnerstag, 29. November 1860:

Die ersten Tage unserer Reise verliefen ohne irgendein Ereignis. Wir erreichten schon nach drei Tagen die Stelle, wo Klekih-petra von Rattler ermordet worden war.

Freitag, 30. November 1860:

Am anderen Morgen ging es weiter, aber vorerst noch eine Strecke den gleichen Weg, dem wir seinerzeit bei der Vermessung gefolgt waren. So kamen wir in die Gegend, wo unsere Messarbeit so plötzlich durch den Überfall unterbrochen worden war. Die Pfähle steckten noch und ich hätte nun sofort wieder beginnen können, tat es aber nicht, denn die restlichen Leichenteile der umgekommenen Weißen und Kiowas lagen noch da und wir begruben erst alles, was die Geier und andere Raubtiere von ihnen noch übrig gelassen hatten.

Samstag, 1. Dezember 1860:

Ich fing erst am nächsten Morgen meine Arbeit an. Abgesehen von den Kriegern, die mir die nötigen Handreichungen leisteten, half mir besonders Winnetou dabei und seine Schwester kam kaum von meiner Seite.

Montag, 3. Dezember 1860:

Ich erreichte trotz der Schwierigkeiten des Geländes den Anschluss an die nächste Abteilung schon nach drei Tagen.

Dienstag, 4. Dezember 1860:

Ich bedurfte nur noch eines vierten Tages, um die Zeichnungen und das Tagebuch zu vervollständigen. Am Abend des Tages war die Arbeit beendet und ich verpackte die Messgeräte in die Decken. Dann war ich fertig und das war gut, denn der Winter rückte schnell heran. Die Nächte waren schon empfindlich kalt, sodass wir die Feuer bis zum Morgen nicht ausgehen ließen.

Mittwoch, 5. Dezember 1860:

Wir machten uns reisefertig und brachen am Morgen auf. Die beiden Häuptlinge hatten sich für den gleichen Weg entschieden, auf dem ich von Sam in diese Gegend gebracht worden war.

Donnerstag, 6. Dezember 1860:

Als wir diesem Weg zwei Tage gefolgt waren, trafen wir auf vier Reiter. Es waren Weiße. Sam Hawkens fragte nach Woher und Wohin und erzählte auch, dass wir mit den beiden Häuptlingen und Nscho-tschi nach St. Louis wollten. Der Sprecher der vier hieß Santer, die Namen der anderen habe ich mir nicht gemerkt. Dann ritten sie weiter. Winnetou rügte Sam, weil er so viel erzählt hatte, denn er war instinktiv misstrauisch geworden. Mit ihm folgte ich den vieren ein Stück nach, doch als wir nach einiger Zeit sahen, dass sie weiterritten, kehrten wir um. Am Abend machten wir an einem Wasser halt. Nach dem Abendessen sagte Intschu tschuna, dass er morgen früh mit seinen Kindern von hier fortgehen, um Nuggets zu holen, und erst am Mittag zurückkehren werde. Wir sollten unbedingt am Lagerplatz bleiben, denn er würde den Ort, wo das Gold liege, keinem Menschen verraten oder gar zeigen und jeden niederschießen, der es wagte, ihnen heimlich zu folgen. Da schoss Sam Hawkens plötzlich in die Büsche und behauptete, zwei Augen gesehen zu haben. Die Apatschen durchkämmten das ganze Unterholz, konnten aber nichts Verdächtiges feststellen.

Freitag, 7. Dezember 1860:

Nach dem Frühstück machte sich Intschu tschuna mit seinem Sohn und seiner Tochter auf den Weg. Ich legte mich ins Gras, aber ich hatte keine Ruhe. Es war etwas in mir, das mich forttrieb. Deshalb warf ich mein Gewehr über und entfernte mich. Intschu tschuna hatte das Lager südwärts verlassen. Deshalb wandte ich mich nordwärts. Da traf ich zu meinem Erstaunen auf eine Fährte, die von drei Personen herrührte. Sie hatten Mokassins getragen: Intschu tschuna, Winnetou und Nscho-tschi. Ich durfte nicht weitergehen, sondern setzte meinen Weg nun in östliche Richtung fort. Schon nach kurzer Zeit traf ich auf eine zweite Fährte, die von vier Männern stammte, die Stiefel und Sporen getragen hatten. Die Spur führte in die Richtung, wo ich die beiden Häuptlinge wusste. Das musste Santer mit seinen drei Gefährten sein, der uns wahrscheinlich gestern Abend belauscht hatte und wusste, dass Winnetou und sein Vater Gold holen wollten. Sie waren also in höchster Gefahr. Ich musste möglichst schnell hinter den Buschkleppern her. Dann hörte ich mehrere Schüsse fallen. Einige Augenblicke darauf erscholl ein Schrei. Jetzt war ich am Rand der Lichtung. Fast in der Mitte lagen Intschu tschuna und seine Tochter. Links von mir standen zwei Kerle, von Bäumen geschützt, mit angelegten Gewehren. Rechts versuchte einer, Winnetou zu umgehen. Ich schoss die beiden hinter dem Baum nieder. Dann sprang ich hinter dem dritten her. Er floh in den Wald hinein. Es war Santer. Es war nicht möglich, ihn einzuholen. Deshalb kehrte ich zu Winnetou zurück. Intschu tschuna war tot, Nschotschi öffnete kurz die Augen, bevor auch sie starb. Ich blieb noch einige Zeit bei meinem Blutsbruder, dann vereinbarten wir, dass ich mit zehn Apatschen die Fährte Santers aufnehmen sollte, während ihm die anderen Krieger helfen würden, die Bestattungsvorbereitungen zu treffen. In unserem Lager herrschte Entsetzen, als ich die Nachricht vom Tode Intschu tschunas und seiner Tochter brachte. Kurze Zeit später brachen wir auf und entdeckten die Fährte Santers, der wir folgten, bis es dunkel wurde.

Samstag, 8. Dezember 1860:

Zur Mittagszeit wendete sich die Spur mehr südlich. Hawkens vermutete, dass sich Santer zu den Kiowas flüchten wollte. Kurz vor Abend entdeckten wir drüben am jenseitigen Ufer ein Lager der Kiowas. Wir banden unsere Pferde an und setzten uns nieder, um den Anbruch der Dunkelheit zu erwarten. Hier nahm ich einen Späher der Kiowas gefangen. Sam Hawkens wollte allein das Indianerlager beschleichen. Ich folgte ihm jedoch, gelangte über das Flussbett, legte mich nieder, kroch vorwärts und konnte sogar die Kiowas, die sich mit Santer unterhielten, belauschen. Da bemerkte ich, dass man Sam gefangen hatte. Ich sprang unter die Indianer, fasste Sam beim Arm und riss ihn mit mir fort. Aber plötzlich war er weg und wurde wieder ergriffen. Als wir uns später nochmals dem Lager näherten, waren die Kiowas verschwunden.

Sonntag, 9. Dezember 1860:

Als der Tag zu dämmern begann, sahen wir, dass die Spur der Kiowas in südöstliche Richtung ging. Ich hatte gestern Abend ihr Gespräch belauscht und wusste, dass sie zum Nugget Tsil unterwegs waren, Santer des Goldes wegen und die Kiowas, um Winnetou zu fangen. Wir konnten jetzt auf dem kürzesten Weg zurückreiten.

Montag, 10. Dezember 1860:

Deshalb kamen wir schon kurz nach Mittag vor der Schlucht an. Wir ließen die Pferde und den Gefangenen unter der Obhut eines Apatschen unten im Tal und stiegen empor. Dort sahen wir, wie fleißig die zwanzig Apatschen gewesen waren, um das Begräbnis ihres Häuptlings und seiner Tochter vorzubereiten. Ich erfuhr, dass das Begräbnis am nächsten Tag stattfinden sollte.

Dienstag, 11. Dezember 1860:

Während des Begräbnisses durfte Winnetou dem großen Schmerz über den Tod seines Vaters und seiner Schwester noch Ausdruck geben. Gleich nach dem Begräbnis befahl er den Apatschen, sich zum Aufbruch bereitzumachen und die Pferde aus dem Tal heraufzuholen. Winnetous Plan war, die Kiowas in eine enge Felsschlucht zu locken, die einem schmalen Canon glich. Er brachte uns nordwärts von der Blöße in den Wald hinein, der in einer ziemlich steilen Senkung niederfiel. Dann erreichten wir eine hohe, senkrechte Felsmauer. Sie war durch eine schmale Schlucht gespalten. Der Ausdruck ‚Falle‘ passte gut auf den engen Durchgang, durch den wir nun kamen. Es wurde schon langsam dunkel, als sich unsere beiden Gruppen trennten und Stellung bezogen. Da bemerkte ich, dass wir belauscht worden waren, wahrscheinlich von Santer selbst. Ich musste ihm unbedingt nach, trotz der Dunkelheit. Er konnte nur zu den Kiowas zurück. Ich war früher bei ihnen als er und konnte dadurch hören, was er mit ihnen besprach. Er kannte unseren Plan und wusste, dass wir uns geteilt hatten, um die Kiowas in der Falle festzusetzen. Nun wollten sie den Spieß umdrehen, erst unsere Gruppe überfallen und dann am Morgen Winnetou überrumpeln. Ich eilte zurück und führte meine Leute in der Dunkelheit zu Winnetou, der völlig überrascht von unserem Auftauchen war. Wir holten unsere Pferde und folgten ihm in die Prärie hinaus.

Mittwoch, 12. Dezember 1860:

Als es hell geworden war, beobachteten wir die Schlucht. Es regte sich nichts da drüben. Als wir dann die Prärie südlich vom Nugget Tsil erreichten, sahen wir eine Fährte. Die Kiowas waren also fort, wahrscheinlich auf dem Weg zu ihrem Dorf. Nun folgten wir ihrer neuen Fährte. Wir befanden uns zwischen dem Canadian und dem Quellgebiet des nördlichen Red-River-Armes.

Freitag, 14. Dezember 1860:

Am nächsten Morgen erreichten wir den Nordarm des Red River, dem wir noch einen zweiten Tag abwärts folgten. Im Winkel zwischen dem Salt Fork und dem Red-River-Nordarm lag das Kiowa-Dorf, dessen Häuptling Tangua war. Wir ritten einen weiten Bogen und hofften, nicht entdeckt zu werden. Aus weiteren Vorsichtsgründen benutzten wir dazu die Nacht.

Samstag, 15. Dezember 1860:

Als Winnetou und ich auf Kundschaft wollten, erblickten wir zwei Reiter. Es waren Händler, die aus dem Dorf der Kiowas kamen. Von ihnen erfuhren wir, wo Hawkens steckte und auch wo Santer untergebracht war. Wir verlegten unser Lager sicherheitshalber auf eine Insel etwas abwärts mitten im Fluss. Als es dunkel geworden war, brachen Winnetou und ich auf, um zum Dorf der Kiowas zu gehen. Dort trennten wir uns: Winnetou wollte sich an Santer heranmachen und ich hoffte, den auf einer Insel gefangenen Sam Hawkens befreien zu können. Doch dort befand sich auch ein Sohn des Häuptlings, Pida, der ‚Hirsch‘, der gerade mit Sam sprach. Er wurde durch ein lautes Geschrei unterbrochen. Sie hatten Winnetou gesehen, aber noch nicht erwischt. Ich konnte Hawkens heute nicht befreien, dafür aber den Sohn des Häuptlings niederschlagen und mit dem Bewusstlosen in seinem Kanu stromabwärts fahren. Das Kanu stieß ich später in den Fluss. Es begann zu regnen, und zwar so heftig, dass es mir unmöglich war, die Uferstelle zu finden, die unserer Insel gegenüberlag.

Sonntag, 16. Dezember 1860:

Der Regen hörte auf und der Tag begann zu grauen. Ich fand die Uferstelle und Winnetou half mir, meinen Gefangenen auf die Insel zu bringen. Wir planten, ihn gegen Sam Hawkens und gegen Santer auszutauschen. Unverhofft kam ein Kanu an uns vorbei: Es war Santer, der in Eile flussabwärts fuhr. Da hielt es Winnetou nicht mehr bei uns und er glaubte, mir unten an der Mündung des Rio Boxo eine Nachricht hinterlassen zu können. Dann ritt er mit seinen Apatschen fort, um Santer zu verfolgen. Mit dem Kanu, worin ich Pida entführt hatte, ruderte ich flussaufwärts, dem Kiowa-Dorf entgegen. Dort presste ich Sam Hawkens von Tangua mit dem Versprechen los, seinen Sohn Pida und den anderen Gefangenen freizulassen. Ich fuhr mit Sam im Kanu zurück zu unserer Insel, während uns zwei andere Kanus mit vier unbewaffneten Kiowas folgten, denen wir die beiden Gefangenen übergaben. Dann stiegen wir auf unsere Pferde und lenkten sie zur linken Seite des Flusses hinüber. Es galt, in dieser Nacht einen tüchtigen Ritt zu tun.

Freitag, 4. Januar 1861:3

Als sich Winnetou von mir getrennt und ich Sam Hawkens befreit hatte, gelangten wir nach einem wahren Gewaltritt an die Einmündung des Süd-Arms in den Red River, trafen aber keinen von Winnetous Apatschen an. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns direkt nach St. Louis zu wenden, wo wir nach langem Ritt heute Abend ankamen. Von Mr. Henry, den ich sofort aufsuchte, erfuhr ich, dass Winnetou hier gewesen war, aber Santer noch nicht hatte einholen können. Er wollte ihm nach New Orleans folgen.

Mr. Henry erzählte mir auch, dass im November vergangenen Jahres ein neuer Präsident gewählt worden war, nämlich der Republikaner Abraham Lincoln. Daraufhin sei, wie vorher angekündigt, der Staat South Carolina aus der Union ausgetreten und weitere Staaten des Unteren Südens wollten folgen. Wie es schien, brachen die Vereinigten Staaten von Amerika auseinander, und Mr. Henry prophezeite, wenn das geschehe, käme es bestimmt zu einem Bürgerkrieg.

Samstag, 5. Januar 1861:

Mit Sam Hawkens war ich im Vermessungsbüro der Atlantic and Pacific Company, um die Messgeräte und die Zeichnungen abzuliefern und meinen vereinbarten Lohn abzuholen.

Samstag, 12. Januar 1861:

Die Hälfte der Summe, die den Lohn meiner Arbeit bildete, schickte ich nach Hause und den größeren Teil der anderen Hälfte hinterlegte ich auf einer Bank als Rücklage. Ich hatte den Atem der Savanne getrunken, doch nicht lange genug, um ihrer Lockungen überdrüssig geworden zu sein, denn am nächsten Tag wollte ich wieder ins Indianerland aufbrechen.

Dienstag, 30. Juli 1861:

Ich verwendete die Wintermonate zu Sprachstudien bei verschiedenen Indianerstämmen, die den Apatschen freundlich gesinnt waren. Im Frühling wechselte ich dann über das Felsengebirge hinüber und besuchte die Mormonenstadt am Großen Salzsee. Es lockte mich dann, noch weiter nach Norden in die Gegend des Yellowstone-Sees zu reiten. Ich hatte dort oben ein gefährliches Erlebnis mit den Sioux-Ogellallah zu bestehen: Ich stand auf einem Felsen, und sie konnten mich mit ihren Kugeln nicht erreichen. Da trat ich hervor und erbot mich, mit dreien von ihnen zu kämpfen, sie mit dem Tomahawk und ich ohne Waffe. Ich habe sie alle drei mit der Faust erschlagen, darunter Pethaschitscha (‚Böses Feuer‘), den stärksten Mann des Stammes.4 – Hierauf überstieg ich abermals das Felsengebirge und wendete mich nach Süden.

In Fort Sill erfuhr ich vom Colonel Olmers, dem Kommandanten des Forts5, dass am 12. April zwischen den Nord- und den Südstaaten Krieg ausgebrochen sei. Doch der werde sicher bald vorbei sein, denn der Präsident habe 75.000 Freiwillige für 90 Tage einberufen, die es den Rebellen schon zeigen würden, wer der Herr im Hause Amerika sei. Hier in Fort Sill lernte ich den Engländer Emery Bothwell kennen, der sich mir auf meinem weiteren Ritt anschloss.

Im Apatschen-Pueblo wurden wir mit Jubel empfangen. Zu meiner großen Freude war Winnetou anwesend, der schon vor Monaten, leider ergebnislos, von der Verfolgung Santers zurückgekehrt war. Wir verlebten vier Wochen bei den Apatschen, dann aber machte sich der Gedanke an die Heimat mit aller Macht in mir geltend. Auch Bothwell verlangte nach Hause. Ich nahm von Winnetou Abschied, voraussichtlich für längere Zeit. Unterwegs verabschiedete ich mich von Emery Bothwell mit der Zusicherung, ihn drei Monate später in Nordafrika, in Algier, wiederzutreffen.

Da ich St. Louis an diesem Tag nicht mehr erreichen konnte, machte ich in Jefferson City letzte Station. Ich hatte gehört, dass Mutter Thick in der Firestreet 15 ein Boarding-house besitzen sollte, wo man auch vorzüglich essen konnte. Die Tische waren ungefähr zur Hälfte von Kavalleristen der Nordstaaten-Armee besetzt6, während an den anderen Zivilisten saßen. Es waren auch einige Prärieläufer darunter und einer wusste, dass ich Old Shatterhand war. Natürlich wollte sich jeder zu mir setzen. Doch ich bat darum, allein zu essen, und verzog mich dann in meine Stube. Vermutlich wurde noch über mich geredet, denn meine Abenteuer hatten sich bei vielen herumgesprochen.

Mittwoch, 31. Juli 1861:

Am frühen Morgen verließ ich Jefferson City und als ich heute wieder in St. Louis ankam, war mein erster Gang zu Mr. Henry. Nachdem ich ihm gründlich über meine Erlebnisse berichtet hatte, öffnete er seinen Gewehrschrank, nahm den ersten fertigen Henrystutzen heraus, erklärte mir den Bau und Gebrauch der Waffe und schenkte ihn mir.

Donnerstag, 1. August 1861:

Heute Morgen war ich auf der Bank und hob mein restliches gespartes Geld ab. Morgen werde ich die Reise in die Heimat antreten.

2. ERSTE ORIENT-REISE (1861-1862)1

Sonntag, 27. Oktober 1861:

Emery Bothwell und ich hatten uns das Versprechen gegeben, uns wiederzusehen. Die Begegnung sollte in Afrika stattfinden. Dass wir uns für Algier entschieden, geschah nicht ohne Grund, denn hier lebte ein Verwandter von ihm namens Latréaumont, der Leiter eines Handelshauses war. Bei ihm wollten wir uns treffen. Dort erfuhr ich, dass Emery Bothwell die Familie verlassen hatte, um deren Sohn zu suchen. Dieser hatte eine hauseigene Karawane begleitet, die aber von der ‚Gum‘, einer Raubkarawane, überfallen worden war und sich in deren Gewalt befand. Die Wüstenräuber hatten einen Boten geschickt und Lösegeld verlangt, das Latréaumont auch bezahlte, jedoch ohne den Sohn freizubekommen. Als der zweite Bote kam, war Bothwell eben eingetroffen. Er ließ die verlangte Ware abgehen, folgte aber heimlich nach. Vor zwei Wochen kam eine Nachricht, ich solle ihm nach meiner Ankunft sofort nachkommen. Der Bote, der diese Nachricht brachte, würde mich zu ihm bringen. Er hieß Hassan Ben Abulfeda und war ein Araber vom Stamm der Kababisch. Ich beschloss, schon am nächsten Morgen abzureisen. Doch noch am selben Abend traf wieder ein Abgesandter der Wüstenräuber ein, der nochmals Lösegeld verlangte. Ich schlug ihn nieder und bat Latréaumont, ihn der Polizei zu übergeben. Unter den Dienern des Hauses befand sich auch ein Deutscher namens Josef Korndörfer aus dem fränkischen Staffelstein, der mich als Diener in die Wüste begleiten wollte.

Montag, 28. Oktober 1861:

Wie vorher bestimmt, war ich mit Hassan und Korndörfer von Algier abgereist. Wir hatten bis Batna die Steppenpost benützt, mit der wir eine halsbrecherische Fahrt hinter uns hatten. Hier dingte ich einen Beduinen, mich und meine zwei Begleiter auf Pferden über das Auresgebirge zu schaffen.

Dienstag, 29. Oktober 1861:

Schon zwölf Stunden saßen wir im Sattel und ritten zwischen Felswänden und Abgründen, in deren unterster Tiefe das Auge das graugelbe Wasser eines reißenden Bergstroms erblickte. Es war der Wed al Kantara, in dessen Fluten Jules Gérard, der kühne Löwenjäger, seinen Tod gefunden hatte. Dann ging der Ritt weiter nach dem Pass von Kantara, bis wir zur Karawanserei El Kantara kamen, wo wir für die Nacht Einkehr hielten. In dieser Nacht – es war Dienstag auf Mittwoch – schoss ich in der Nähe der Karawanserei zwei Panther, die dem Wirt schon einige Schafe gerissen hatten.

Mittwoch, 30. Oktober 1861:

Nachdem wir am Morgen die Karawanserei verlassen hatten, befanden wir uns bald inmitten der Schluchten und Steinklüfte des Auresgebirges, dessen Längsrichtung wir bis gegen Abend einhielten, um dann über seinen Kamm in die Sahara hinabzusteigen. An seinem Fuß lag das Zeltdorf, das Ziel unserer heutigen Wanderung. Wir erwarben drei Reit- und ebenso viele Packkamele nebst allen Gegenständen und Vorräten, die zur weiteren Reise notwendig waren.

Donnerstag, 31. Oktober 1861:

Am Morgen folgten wir dem Fuß des Gebirges, um die Karawanenstraße aufzusuchen. Es war ein heißer Tag, und wir befanden uns noch immer auf den Ausläufern des Gebirges. Da erblickte ich eine Reihe von Zelten, zwischen denen zahlreiche Pferde und Kamele lagen. Wir kamen zu dem Duar, wo wir erfuhren, dass fast alle Männer auf Löwenjagd seien. Ich ließ mir den Weg zu ihnen zeigen und kam gerade recht, als ein Mann niedergerissen wurde, denn ich erschoss den Löwen und der Mann war gerettet. Als Dank dafür schenkte dieser mir ein Bischarinhedschîn (Kamel), wie es in der ganzen Sahel kein zweites gab, und überreichte mir noch ein eigentümlich geformtes Korallenstück. Seine scharfen, dunklen Augen hatten ein eigentümliches Licht. Ich hätte diesem Mann nie mein Vertrauen schenken können. Um ihn nicht zu erzürnen, musste ich das Tier annehmen. Als ich in der Satteldecke die Buchstaben A.L. eingestickt sah, wusste ich, dass der Besitzer zur Gum, also zu jener Raubkarawane gehörte, die Renaud Latréaumont entführt hatte. Ich verabschiedete mich von den Bewohnern des Duars und ritt mit meinen beiden Begleitern weiter.

Freitag, 22. November 1861:

Seit unserem letzten Abenteuer waren mehrere Wochen vergangen. Wir waren noch immer nur drei Genossen und verfügten über eine hinreichende Anzahl Packkamele, um die Lasten verteilen zu können. Wir konnten sicher sein, das Bab el Ghud, wo wir Emery Bothwell zu treffen hofften, nach drei guten Tagesmärschen zu erreichen. Auf unserem Ritt durch die Sahara sah ich nach und nach drei kleine Sandberge, unter denen die Leichen dreier Araber und ihrer Kamele vergraben waren. Die Toten hatten alle einen Schuss in die Stirn erhalten, und zwar genau über der Nasenwurzel. Das konnte nur Emery Bothwell gewesen sein, denn ich kannte diesen Meisterschuss. Eine Strecke weiter begegneten wir einem Mann, der von Emery Bothwell gesandt worden war, um uns zu suchen. Wir ritten mit ihm.

Samstag, 23. November 1861:

Gegen Mittag trafen wir auf die Spur einer Karawane. Wir nahmen an, dass sich die Karawane verirrt haben müsse, denn hier gab es für mehrere Tagesreisen nicht so viel Wasser, um ein einziges Pferd zu erhalten. Der Tebu, unser neuer Führer, meinte, dass die Karawane bewusst in die Irre geführt worden sei, um sie zu überfallen. Wir beschlossen, der Karawane zu helfen. Endlich erblickten wir sie vor uns zwischen den Dünen. Die Reiter baten uns um Wasser. Ich gab jedem nur so viel zu trinken, dass mein Schlauch für alle reichte. Übrigens bemerkte ich sowohl bei dem Karawanenführer als auch bei dem obersten der Kamelreiter die verräterischen Buchstaben A.L., die mir das Übrige erklärten. Als ich dem Karawanenführer das Korallenstück zeigte, glaubte er, ich sei ein Angehöriger der Gum, und er erklärte mir, dass heute Nacht die Karawane überfallen werden sollte, die er statt zur Oase Ghat in die Richtung zur wasserlosen Bab el Ghut geleitet habe. Und dass die Gum als Zufluchtsort ein Kaßr, eine alte Römerburg, besaß und wie der Weg dorthin führte. Da kamen im raschesten Lauf vier Reiter hinter uns her, und ich erkannte denjenigen, der mir sein Reitkamel geschenkt hatte, und den Boten, der in Algier von uns gefangen genommen worden war. Ihm musste es auf irgendeine Weise geglückt sein, seine Freiheit zu erlangen. Es kam zu einer bewaffneten Auseinandersetzung, in deren Verlauf ich beide erschießen musste und die beiden anderen von meinen Begleitern getötet wurden. Der Karawanenführer und sein Kumpan wurden gefesselt. Dann zog unsere Karawane weiter, obwohl wir wussten, dass die Gum in der Nähe war. Aber auch Emery Bothwell, den sie den Räuberwürger nannten, befand sich im Umkreis der Gum. Inzwischen ertönten in der Nähe Schüsse und ich erkannte an dem Knall des Gewehres, dass es sich um Emerys Kentuckybüchse handelte, womit er weitere Mitglieder der Gum eliminierte. Auch ich konnte drei Mitglieder der Gum erschießen. Dann standen wir, die wir uns in den Staaten das Wort gegeben hatten, uns in Afrika wiederzutreffen, voreinander im Innern der Sahara. Die Begrüßung war kurz, aber herzlich. Ich erzählte ihm in Kürze das Wissenswerte. Ein kurzer Meinungsaustausch brachte uns zu dem Entschluss, die Räuber zwischen zwei Feuer zu nehmen, was auch gelang. Doch dem Hedschân Bei und einigen seiner Männer gelang die Flucht.

Sonntag, 24. November 1861:

Die Zeit bis zum Morgen verging ohne Störung. Dann brachen wir auf. Wüstenreisende finden manchmal eine Stelle, an der es Wasser unter dem Sand gibt. Einen solchen Brunnen fanden wir. Unsere Tiere konnten sich erfrischen. Wir erreichten das Bab el Ghud kurze Zeit nach Einbruch der Dunkelheit.

Montag, 25. November 1861:

Am Morgen suchten wir das Bab el Hadschar auf. Es trug seinen Namen ‚Tor der Steine‘ mit vollem Recht, durch das wir unseren Weg nach El Kaßr suchen mussten, von dem ich annahm, dass dort Renaud Latréaumont gefangen gehalten wurde. Wir kamen an eine Schlucht und gelangten nun in einen Felsenkessel. Oben sahen wir El Kaßr liegen. Emery und ich wollten einen Weg hinauf erkunden und kamen an einen schmalen, tiefen Spalt, wo eine verborgene Treppe zu Höhe führen musste. Wir entdeckten dann eine niedrige, türähnliche Öffnung im Felsen und sahen auch menschliche Schädel und Knochen liegen: die Richtstätte von Hedschân Beis Gefangenen. Oben am Kaßr aber fanden wir den Eingang verschlossen. Wir stiegen wieder abwärts und ich bestieg mein Bischarin, und Josef nahm ein Mehari von Emery. Dann ging es in Eile den Weg zurück, den wir gekommen waren, und wir ritten nun in gerader Richtung auf das Schloss zu. Die Sonne tauchte soeben hinter den westlichen Himmelsrand hinab, als wir den hohen, offenen Eingang erreichten, wo hinter seinen Seitenpfeilern vier Männer hervortraten und uns ihre langen Flinten entgegenstreckten. Obwohl ich das Korallenstück zeigte, traten sie uns feindlich entgegen und wir mussten sie niederschießen. Wir machten noch einen Gefangenen, von dem wir erfuhren, dass nur diese fünf Männer die Bewacher des Kaßr waren. Unsere Leute stiegen nun alle die steinernen Stufen herauf und der Gefangene musste das Steintor öffnen. Als alle oben waren, führte der Gefangene Emery und mich in ein Gewölbe. Darin lag auf dem harten, bloßen Boden, von Stricken festgehalten, eine menschliche Gestalt: Renaud Latréaumont. Ein paar rasche Messerschnitte lösten die Bande. Wir ließen nun unsere Tiere herbeiholen und saßen bis in die späte Nacht hinein über der Erzählung der Leiden und Freuden, die wir hinter uns hatten.

Dienstag, 26. November 1861:

Als ich mich am Morgen erhob und in den Hof trat, sah ich unten über die Ebene eine Reihe von Arabern kommen. Wir brauchten nicht lange zu warten. Sie traten unbesorgt in den Hof und alle Gewehre krachten. Der Hedschân Bei aber war noch nicht oben, er stand noch mit zwei Männern unten bei den Kamelen und winkte diesen, ihm zu folgen. Sie schritten auf den Treppenaufgang zu. Der Bei trat mit seinen beiden Begleitern aus der Pforte in den Hof. Während sich Emery den Bei packte, hatten meine Kugeln seine beiden Begleiter niedergestreckt. Der Pehlewân Bei – der Räuberwürger Emery Bothwell – packte den Hedschân Bei – den Karawanenwürger –, trug ihn zur Mauer und schleuderte den Mörder hinab in die Tiefe, wo die Gebeine der Gemordeten lagen. Die Gum war bis auf den letzten Mann vernichtet.

Freitag, 13. Dezember 1861:

Vierzehn Tage später hatten wir die Serir durchschritten und ein wunderbar liebliches Bild breitete sich vor uns aus. Es war die Oase Ghat, wohin wir die Karawane glücklich brachten. Mit ihr trennte sich nach einem mehrtägigen Aufenthalt auch der Tebu von uns.

Mitte Januar 1862:

Und wieder mehrere Wochen später hielten wir unseren Einzug in Algier, wo wir von der glücklichen Familie Latréaumont mit unendlicher Freude empfangen wurden.

Ende Januar 1862:

Für Latréaumont und die Seinen war der Abschied von uns recht schwer. Der Staffelsteiner wollte mich nicht verlassen. Er ging mit mir und Emery, der mir zu Liebe seinen ursprünglichen Reiseplan änderte, nach Deutschland, um wieder einmal den ‚laufigen‘ Trank seiner Heimat zu kosten.

3. ERSTE OSTASIEN-REISE (1862-1863)1

Dienstag, 27. Mai 1862:

Gestern Abend kam ich hier in Hamburg an und heute Morgen war ich gleich bei mehreren Schifffahrtslinien und habe mich nach einer Fahrt in die ostasiatischen Gewässer erkundigt. Ich hatte Glück: Morgen früh kann ich auf einem Frachtschiff mitfahren. Normalerweise ist so ein Schiff für Passagiere nicht eingerichtet, aber in letzter Zeit hat man dort einige Kajüten etwas umgerüstet, sodass auch eine geringe Anzahl an Privatpersonen befördert werden kann, wenn sie nicht allzu große Ansprüche stellen. Man bot mir auch an, als Ersatz einzuspringen, wenn einer der Matrosen durch Krankheit einige Tage ausfallen sollte. Dafür würde mir dann eine Heuer ausgezahlt, deren Höhe pro Tag ich aber noch nicht weiß. Das wäre gar nicht schlecht, denn dadurch würde ich mir mein Reisegeld etwas auffrischen.

Montag, 30. März 1863:

Ich bin nach einer über zehnmonatigen Reise wieder glücklich in der Heimat angekommen. Wir waren auf dem Hinweg um das Kap der Guten Hoffnung gefahren, wo ein Matrose von starkem Fieber erfasst wurde und ich für einige Tage einspringen musste. Insgesamt waren wir drei Personen, die die Reise in die asiatischen Gewässer mitmachten: ein Geschäftsmann, der auf Ceylon aussteigen wollte, ein Forscher, der ebenfalls Ceylon als Ziel angab, und ich, der aus reiner Abenteuerlust diese Reise machte. Beide hatten mir unterwegs diese Insel so ans Herz gelegt, dass ich beschloss, Ceylon vielleicht doch noch zu besuchen. In Karatschi, als erster Stadt in Indien, wo der Dampfer anlegte, bevor er nach Südosten zur westlichen Küste abbog, verließ ich das Schiff. Indien bildet keine politische Einheit, sondern ist nur ein geografischer Name; man versteht darunter die Halbinsel Vorderindien mit ihren der britischen Krone untergebenen Ländern. Karatschi, wo ich von Bord ging, entwickelt sich immer mehr als Handelsplatz, auch wenn große Überseeschiffe noch keinen Hafen vorfinden; man benutzt die vorgelagerte Insel Kiamari als Anlegestelle. Über Haiderabad, das auf einer Felsplatte liegt, ging es mit einem Katamorin den Indus hinauf ins Pandschab-Gebiet, dem Land der fünf Ströme, einer großen Ebene mit steinlosem, sandigem Lehmboden. Die Tierwelt im Pandschab ist sehr reichhaltig. Vorher gelang es mir noch, einen Engländer aus einer misslichen Lage zu befreien. Er stellte sich als Lord David Percy vor, ‚ungeratener‘ Sohn des Earl von Forfax2. Mit ihm durchstreifte ich die Ebenen des Pandschab und wir konnten, teilweise unter Lebensgefahr, jeder einen jener Tiger schießen, die man Könige der indischen Tierwelt nennt.3 Wir beschlossen, bis Kalkutta zusammenzubleiben, was wir auch taten, und wir konnten so manches Abenteuer miteinander erleben. Vom Pandschab-Gebiet aus gelangten wir hinüber nach Delhi, einst Residenz der Großmoguln, am rechten Ufer der Dschamna mit berühmten alten Bauten und Ruinen. Schon früher hieß Delhi die Stadt der sieben Burgen. Das jetzige Delhi wurde im 17. Jahrhundert erbaut und ist auf drei Seiten mit einer starken Mauer umgeben. Die vierte Seite begrenzt die Dschamna, ein rechter Nebenfluss des Ganges. Von alters her war die Dschamna ein heiliger Fluss, dessen Wasser reinigende Kraft besaß, was jetzt noch von den Hindus geglaubt wird. Auch diesen Fluss ging es mit Booten hinunter, oft unterbrochen durch gewaltige Stromschnellen bis zu dessen Zusammentreffen mit dem Ganges. Hier machten wir Station in Allahabad. Allahabad, was übersetzt Gottesstadt heißt, hat als Wallfahrtsort unter dem Namen Prajâga (Opferstätte) schon in der altindischen Zeit existiert. Ab hier dominiert der Ganges, der Hauptstrom Vorderindiens, obwohl er kürzer ist als der Indus und der Brahmaputra. Man bezeichnet ihn auch als den heiligen Fluss, an dessen linkem Ufer Benares liegt, die heilige Stadt der Hindus und uralter Mittelpunkt der brahmanischen Kultur und Religion. Am Ende dieses riesigen Flusses liegt in dessen Delta die Stadt Kalkutta, Sitz des englischen Vizekönigs in Indien. Die Stadt zerfällt in die ‚weiße Stadt‘ im Süden mit Amtsgebäuden und Wohnungen der Reichen und der Europäer und in die ‚schwarze Stadt‘ im Norden und Osten mit engen, krummen und schmutzigen Gassen und den ärmeren bis ärmsten Eingeborenen, meist Bengalen. Viele europäische Dampfschiffe legen hier an, doch keines fuhr hinunter nach Ceylon. Ich machte aber einen bengalischen Küstenfahrer ausfindig, der an der Ostküste entlang bis nach Madras fuhr und der mich mitnehmen wollte. Lord Percy war davon so begeistert, dass er sich sofort anschloss. Wir dümpelten mit diesem bengalischen Handelsfahrer an der Ostküste von Vorderindien entlang, legten an vielen kleinen Hafenstädtchen an, kamen dann an die Koromandel-Küste, die sich zwischen Point Calimere und der Kistna-Mündung hinzieht und in deren Mitte wir nach gut drei Wochen in Madras anlegten. Die Einheimischen nennen Madras auch Tschennapattam. Madras ist Sitz des englischen Gouverneurs und eines anglikanischen Bischofs. Den Kern bildet die Schwarze Stadt, an die sich Fort St. George anschließt. Das Klima soll im Sommer für Europäer sehr gefährlich sein, doch ich hatte nicht vor, länger hierzubleiben, denn ich hoffte, eine Weiterfahrt nach Ceylon zu finden. Mein bisheriger Weggefährte Lord Percy wollte sich erst von mir trennen, um sich quer durch das Land über Bangalore zu den West-Ghats und dann hinauf bis nach Bombay durchzuschlagen, überlegte es sich aber dann anders. Ein französischer Frachter, der Zwischenstation an den französischen Städten der Koromandel-Küste machen wollte, nahm uns mit. Zuerst legten wir in Pondichery und zwei Tage später in Karikal an, beides Kolonialgebiete der Franzosen an der vorderindischen Südostküste. Dann schlängelte er sich durch die Palkstraße, eine durch Felsenriffe nicht ungefährliche Meeresenge zwischen der indischen Südküste und Ceylon, und dann durch den Golf von Manaar, bis wir dann in Kolombo, der Hauptstadt von Ceylon, anlegten. Wir befanden uns nun auf Sinhala Dvipa, der Löweninsel, wie sie von den Einheimischen genannt wurde. Von Kolombo aus gingen wir in das Innere der Insel nach Kandi, der ehemaligen Hauptstadt des alten Königreichs, wo in dem berühmten Tempel ein Zahn des Buddha aufbewahrt werden soll. Natürlich schlossen wir uns auch einer Elefantenjagd an. Wir schlugen dann den Weg nach Süden ein bis Point de Galle, wo ich sofort einen Frachtdampfer erwischte, der auch Padang auf Sumatra anfuhr, das ich mir als nächstes Ziel ausersehen hatte. Lord Percy aber wartete auf eine Fahrgelegenheit hinauf nach Madras, um seine geplante Reise durch Indien zu vollenden. Wir hofften, uns irgendwo auf Reisen einmal wiederzutreffen.

Während meines Aufenthaltes auf Sumatra und Malakka hatte ich mir das eigentliche Malaiisch, das durch die ganze australische Inselwelt Verkehrssprache ist, ein wenig angeeignet. Das Kawi, die malaiische Priester- und Schriftsprache, verstand ich nicht; dafür aber glaubte ich, dass ich mich wahrscheinlich auch den Bewohnern der Tahiti- und Marquese-Inseln in ihrer Mundart verständlich machen könnte, wenn ich diese Inseln einmal aufsuchen würde. Ich glaube, dass man sich leichter in eine fremde Sprache findet, wenn man während seiner Schülerzeit einen guten Grund gelegt hat. Bei der Bekehrung der westmalaiischen Volksstämme zum Mohammedismus hat ihre Sprache viel von dem Arabischen aufgenommen und wird noch jetzt mit wesentlich arabischen Buchstaben geschrieben. Da ich das Arabische verstehe, so hat mir ein Zurechtfinden im Malaiischen nicht viel Mühe gemacht.4

Im März hatte ich das Glück, in Singapur einen holländischen Frachter anzutreffen, der zurück nach Amsterdam fuhr. Ich stand vor der Wahl, entweder meine Reise im malaiischen Archipel fortzusetzen oder nach Hause zu fahren. Da meine Reisekasse ziemlich dünn geworden war, entschloss ich mich für die Heimreise, zumal sie mich nichts kostete, da ich mich als Hilfskraft mit zwar geringer Bezahlung, aber dafür mit voller Verpflegung, anheuern ließ. Wir hatten eine stürmische Rückfahrt durch den Indischen Ozean, nach dem Kap der Guten Hoffnung gab es im Atlantik zwar auch noch starken Wind, doch einen echten Sturm erlebten wir nicht mehr. Nun bin ich wieder zu Hause angelangt und werde in den nächsten Tagen versuchen, meine Erlebnisse zu Papier zu bringen.

4. RUSSLAND-REISE (1863)

Sonntag, 24. Mai 1863:

Ich bin jetzt in Wien und habe mir vorgenommen, mit dem Schiff die Donau bis zur Mündung ins Schwarze Meer hinabzufahren. Dort werde ich sehen, wie ich weiterkomme. Ich habe vor, über das Schwarze Meer nach Transkaukasien zu gehen, wo ich mir gerne einmal das Kloster Etschmiadzin ansehen möchte, von dem ich schon so viel gehört habe. Von dort aus würde ich gerne bis ans Kaspische Meer reisen oder, falls das mit zu großen Umständen verbunden ist, irgendwie sonst nach Norden zu gelangen suchen, denn ich möchte gerne den Don oder die Wolga kennen lernen und dann meine Reise nach Moskau fortsetzen. Ich hatte nämlich in Dresden die Bekanntschaft eines russischen Offiziers gemacht, der sich Iwan Semenoff nannte. Wir hatten uns beim Billard getroffen. Er war ein ausgezeichneter Spieler und ein höchst ehrenwerter Mann. Wir waren Freunde geworden und ich hatte versprechen müssen, ihn oder wenigstens seine Mutter zu besuchen, wenn ich einmal nach Moskau kommen sollte.1

Montag, 15. Juni 1863:

Es hat auf den Tag genau drei Wochen gedauert, bis ich hier in Tultscha, der großen Hafenstadt im Donaudelta, angekommen bin. Da bis hierher die Hochseeschiffe aus dem Schwarzen Meer kommen, hoffe ich, dass ich eine Gelegenheit zur Weiterfahrt finde. Es war eine erlebnisreiche Reise mit Hindernissen, teils auf dem Fluss, teils zu Land, da die Donau noch nicht überall schiffbar ist, etwas abenteuerlich, aber schön. Ich kann mir vorstellen, dass dann, wenn sich einmal alle Staaten, durch die dieser zweitgrößte Strom Europas fließt, einig sind und ein durchgehender Schiffsverkehr auf der Donau möglich gemacht wird, diese Reise auch für weniger abenteuerempfindliche Leute ein Vergnügen wird. Zu viele staatliche Interessen sind momentan noch zu berücksichtigen.

Montag, 22. Juni 1863:

Heute bin ich in Batum, der Hauptstadt von Russisch-Kaukasien, angekommen. Batum liegt an einer Bai, die den besten Ankerplatz im östlichen Schwarzen Meer bieten soll, und ist der Haupthandelshafen Transkaukasiens und gleichzeitig auch Kriegshafen. Die Einwohnerzahl könnte über 5.000 betragen. Nun suche ich von hier aus eine Gelegenheit, um in die Gegend von Eriwan zu kommen, von wo etwa zwanzig Kilometer westlich das Kloster Etschmiadzin liegt.

Dienstag, 30. Juni 1863:

Ich hatte schon einiges von dem berühmten armenischen Kloster gehört, das seltene Schätze besitzen soll. Ursprünglich stand hier die uralte Stadt Wagharschabad, die im Jahre 302 von König Tiritades gegründet worden war. 524 erbaute der Patriarch Narses das Kloster, das mit seiner hohen Mauer und seinen acht Türmen einer Festung ähnlicher sieht als einem Kloster der armenischen Kirche. Ich war in einer Herberge in der Nähe des Klosters untergekommen, in einer Gegend, die noch zum alten Wagharschabad gehörte. Vier Mal war ich insgesamt im Kloster Etschmiadzin,2 um mir die kostbaren Reliquien anzusehen und um mich mit den Mönchen zu unterhalten. Man kann daran glauben oder nicht, wenn man hört, welche Kostbarkeiten hier angeblich aufbewahrt werden: Das bedeutendste Stück soll die Lanze sein, mit der Christus am Kreuz durchbohrt wurde; dann sieht man ein Stück der Arche Noah und die rechte Hand des heiligen Gregor. Wer die heilige Hripsime war, von der ein Stück ihres Schädels hier aufbewahrt wird, weiß ich nicht. Weitaus mehr noch interessierte mich die Bibliothek, in der sehr seltene Werke, wie zum Beispiel alte Bibelhandschriften, aufbewahrt werden, an die ich aber nur herankam, nachdem ich mit maßgebenden Mönchen darüber ins Gespräch gekommen war. Nach einigen Tagen, als ich meinen Wissensdurst genügend gestillt und auch die beiden Filialklöster von Etschmiadzin, nämlich Kaiane und Hripsime, kurz besucht hatte, setzte ich meine Reise nach Zentral-Russland fort.

Sonntag, 26. Juli 1863:

Vom Kloster Etschmiadzin war ich wieder zurückgereist nach Batum, wo ich bei meiner Ankunft noch am gleichen Tag ein Schiff erreichte, das mich über das Schwarze Meer durch die Meerenge von Kertsch im Osten der Halbinsel Krim und durch das Asowsche Meer nach Taganrog brachte. Die Hafenstadt Taganrog liegt auf einer Landzunge am Asowschen Meer. Sie war 1698 von Zar Peter I. gegründet und vor wenigen Jahren (1855) von einer englischfranzösischen Flottille zerstört worden und befindet sich jetzt noch im Wiederaufbau. Nicht sehr weit davon fließt der Don, in mehrere Arme verzweigt, ins Asowsche Meer. Nördlich davon liegt das Gebiet der Donischen Kosaken, die als großes Reitervolk bekannt sind und die ich nicht näher beschreiben muss. Mich interessierte besonders ihre Reitkunst und ich muss sagen: Alle Achtung! Selbst die fast unübertroffenen indianischen Prärievölker Nordamerikas könnten noch einiges von den Kosaken lernen. Natürlich musste ich auch ein Kosakenpferd zwischen meine Schenkel nehmen. Mit einem Dampfer fuhr ich dann den Don so weit hinauf, bis dahin, wo er sich etwa auf sechzig Kilometer der Wolga nähert. Hier stieg ich aus und erreichte in östlicher Richtung die Kreisstadt Zarizyn an der Wolga. Nach dem Städtchen Sarepta, das südlich von Zarizyn liegt und 1765 von den deutschen Herrnhutern gegründet wurde, kam ich leider nicht, denn ich hatte Gelegenheit, mit einem Dampfer die Wolga aufwärtszufahren; mein nächstes Ziel war ja eigentlich Moskau.

Mittwoch, 29. Juli 1863:3

Das freundliche, an der Wolga liegende Subzow lag hinter mir, und die Troika, deren ich mich bediente, flog auf der Straße nach Moskau hin. Als wir an einem Gasthaus vorbeikamen, hielten wir an und legten eine Reisepause ein. Auf meine Frage, wem das Pferd gehöre, das neben der Tür stand, antwortete mir der Wirt, dass der Besitzer ein Rittmeister von Semenoff sei, der nach dem Flüsschen gegangen sei. Vielleicht war es mein Dresdener Bekannter und ich konnte ihn hier treffen. Ich folgte dem schmalen Pfad, der sich durch die Wiese schlängelte, bis in die Büsche, zwischen denen er sich bald verlief. Als ich ein höhnisches Lachen hörte, blieb ich stehen. Es mussten da zwei Personen beisammen sein, die höchstens zwanzig Schritte vor mir standen. Auf einem kleinen Umweg durch die Sträucher gelangte ich in ihren Rücken. Den Rittmeister kannte ich nicht, und der andere Mann musste erst kürzlich einem russischen Gefängnis entwischt sein, wie ich vernahm. Irgendwie kam er mir bekannt vor. Beide planten irgendein Verbrechen. Sie wollten sich heute Abend nochmals mit einer Frau namens Wanda in einem Garten bei den Eichen treffen. Ich hatte zwei Verbrecher belauscht. Diese Angelegenheit ging mich etwas an, da der Offizier den Namen meines Freundes trug.

In Moskau stieg ich im Hotel Petershof ab. Die Familie Semenoff wohnte in derselben Straße. Ich schickte meine Karte hin, und kaum war der Bote wieder zurück, so hörte ich eilige Schritte und Iwan trat ein. Natürlich musste ich in seinem Haus, einem Palast, wohnen und er stellte mich dann sofort seiner Mutter vor. Später lud er mich zum Billardspiel ein, an dem auch die Gesellschafterin seiner Mutter teilnehmen würde. Ich stand am Fenster. Unten lenkte ein Reiter nach dem Tor. Es war der Dragonerrittmeister, den ich belauscht hatte. Er hieß Kasimir und war der Vetter von Iwan, doch der wollte von diesem nicht viel wissen. Da trat die Gesellschafterin ein, Fräulein Wanda Smirnoff. Es war Schreck, der sie so fürchterlich erbleichen ließ, als sie mich erblickte. Die ‚stille, ernste, fromme‘ Gesellschafterin war Adele Treskow, eine ‚alte Bekannte‘.

Meine Bekanntschaft mit Adele ‚von‘ Treskow lag schon einige Zeit zurück. Ich lernte sie in einem Bahnhof im Ruhrgebiet kennen, wo sie ebenso wie ich den Zug nach Düsseldorf verpasst hatte. Da wir noch lange Zeit bis zur Abfahrt des nächsten Zuges hatten, suchten wir ein Kaffeehaus auf, wo wir beide Klavier spielten. Dort gesellte sich ein Mann zu uns, der sich als ‚Assessor Max Lannerfeld‘ vorstellte und die ‚Sängerin Adele von Treskow‘ von Berlin her kannte. Außerdem war noch ein reicher Viehhändler aus Köln da. Obwohl ich kein Spieler bin, ließ ich mich auf ein Kartenspiel mit finanziellem Einsatz ein. Ich aber wusste sofort, woran ich war; ich hatte es mit Gaunern zu tun. Ich gewann einige Male und verlor dann einmal. So hielt ich fest, bis vierzig Taler lagen. Da griff ich in die Tasche und zog drei Fünfzigtalernoten heraus. Das war mein Reisegeld, im Augenblick mein ganzes Vermögen. Ich sagte, dass ich diese Summe zusätzlich setzen würde, wenn ich jetzt gewänne. Und ich gewann. Dann strich ich das Geld ein. Es kam zu einem Wortgefecht, wobei sie verrieten, dass sie mich absichtlich hatten gewinnen lassen, um dann meinen erhöhten Einsatz zu kassieren. Ich verließ den Raum und meldete dem Wirt, dass verbotenes ‚Kümmelblättchen‘ gespielt worden war. Als einige Kellner in das Zimmer traten, war das Trio durch das Fenster entflohen. – Es war einige Monate später. Ich war wieder daheim in Dresden und gerade unverhofft von einer Reise zurückgekommen. Ich muss bemerken, dass ich mich damals für kurze Zeit als Redakteur hatte anstellen lassen. Mein Zimmer befand sich an meiner Arbeitsstelle. Da sah ich im Setzersaal noch Licht und hörte auch das Geräusch einer Handpresse. Als ich in den Raum trat, stand vor mir der ‚Herr Assessor Max Lannerfeld‘. Er hatte sich Passmuster gedruckt, die trotz der Unzulänglichkeit der alten Presse scharf ausgefallen waren. Die Polizei erschien und bemächtigte sich des Gefangenen. Die Untersuchung ergab, dass der Herr Assessor ein polnischer Schriftsetzer war, der längere Zeit in Berlin gearbeitet hatte. Später war er mit seiner Freundin, einer geborenen Polin, auf Reisen gegangen. Die ‚Sängerin‘ wurde nicht aufgefunden. Der Herr Assessor wurde zu einer längeren Haft verurteilt.4

Zurück nach Moskau: Iwan Semenoff führte mich später in den Garten. Dabei konnte ich feststellen, dass dies der Ort war, wo das vereinbarte Stelldichein der beiden Verbrecher stattfinden sollte. Iwan befand sich an diesem Abend mit seiner Mutter im Theater. Noch vor Mitternacht begab ich mich leise in den Garten. Es mochte drei Viertel nach zwölf sein, als ich leichte Schritte vernahm, und wirklich erkannte ich in der Nahenden die Gesellschafterin. Kaum eine Minute später erschien eine männliche Gestalt. Seit ich diese Wanda erkannt hatte, wusste ich auch, wer er war: der frühere angebliche Assessor. Sie unterhielten sich über mich, konnten dann aber nicht weitersprechen, denn der Rittmeister kam. Ich erlauschte, dass man am folgenden Tag, wenn Iwan mit seiner Mutter das Haus verlassen hatte, einen Juwelier mit seinen kostbarsten Stücken in die Villa bestellt habe, um ihn auszurauben und dann mit der Beute zu verschwinden.

Donnerstag, 30. Juli 1863:

Am Morgen war es mein erstes, Iwan davon Mitteilung zu machen. Er erstarrte vor Erstaunen. Dann eilten wir auf das Polizeiamt. Iwan kannte einen der höheren Polizeibeamten, zu dem ich ihn begleitete. Dieser hörte unserem Bericht aufmerksam zu und nickte dann. Er kannte den Assessor, einen Polen namens Mieloslaw, ein höchst gefährlicher Mensch, der kürzlich erst aus dem Gefängnis entsprungen war. Mit mehreren verkleideten Polizeibeamten kehrten wir zu Iwans Palast zurück und beobachteten ihn unbemerkt. Eine Viertelstunde verging; da kam eine Droschke herbei und hielt vor dem Gittertor. Ein einzelner Herr stieg aus; er trug einen winzigen Koffer. Es war der Juwelier Schikawiersky. Kurze Zeit darauf verschwanden die verkleideten Polizisten im Eingang des Palastes. Wir gingen mit hinein und drangen mit den Polizisten in die Räume. Im Zimmer stand der frühere Schriftsetzer in der Livree des Hauses; etwas weiter vor ihm befand sich Wanda, als Baroneska verkleidet. In der Hand hielt sie bereits den kleinen Koffer. Auf dem Stuhl lag mehr, als er saß, der Juwelier. Er war gewürgt worden. Die Steine, die geraubt werden sollten, hatten einen Wert von mehreren hunderttausend Rubel. Mieloslaw wurde gefesselt. Ebenso erging es seiner Gehilfin.

Freitag, 31. Juli 1863:

Am Nachmittag kam die Kunde, dass der Rittmeister in der hochflutigen Moskwa ertrunken sei.

Mittwoch, 7. August 1863:

Ich blieb mehrere Tage Gast von Iwan Semenoff und seiner Mutter. Er zeigte mir die Schönheiten Moskaus, die ich allein nie in dieser großen Weltstadt gefunden hätte. Besonders der Kreml hatte es mir angetan. An der Beerdigung des Rittmeisters nahm ich nicht teil. Mieloslaw wurde mit seiner Gehilfin auf Lebenszeit nach Sibirien verbannt. Heute ist der Tag des Abschieds von Moskau und den gastfreundlichen Semenoffs. Ich werde über Minsk und Warschau in meine Heimat zurückkehren.

5. ZWEITE NORDAMERIKA-REISE (1863-1865)

Montag, 28. September 1863:

Ich hatte geglaubt, meine Reiselust sei vorerst gestillt. Doch irgendwie hielt es mich nicht zu Hause. Nachdem ich die Wüste Sahara, Indien und die Sunda-Inseln kennengelernt hatte und in Russland gewesen war, zog es mich wieder in die Prärien Nordamerikas. Auch wollte ich Winnetou wiedersehen.

Frühjahr 1864:

Allerdings herrschte in den Vereinigten Staaten immer noch Bürgerkrieg. Die Eisenbahnverbindungen nach Westen waren deshalb stark eingeschränkt, aber irgendwie klappte es doch und auf Umwegen kam ich endlich in St. Louis an, wo ich sofort Mr. Henry, den Büchsenmacher, aufsuchte. Ihm musste ich von meinen Erlebnissen berichten und vor allem davon, wie sich der Henrystutzen bewährt hatte. Ich blieb einige Tage hier, um mich für den Westen zu rüsten. Danach, es war etwa Mitte Dezember 1863, verließ ich St. Louis und ging hinunter an den Rio Pecos, wo ich Winnetou traf, der mit mir einige befreundete Indianerstämme besuchte und die Prärien durchstreifte. Natürlich hatte er mir wieder Hatatitla anvertraut, der mich trotz mehrjähriger Abwesenheit sofort erkannte. Ich lernte nicht nur einige andere Indianerstämme kennen, sondern traf auch etliche Westmänner, deren Namen ich zwar kannte, die ich aber noch nie gesehen hatte. Wir kamen in Arizona auch in eine Gegend, die vielleicht nur von wenigen Indianern, aber noch nie von einem Weißen betreten worden war. Dort erlegten wir einen Grizzly auf einer Platte über einer Höhle in der Nähe eines Sees in einem tiefen Talkessel; Winnetou bezeichnete die Platte als ‚Fels des Bären‘ und den See als ‚Dunkles Wasser‘.1

Unser gefährlichstes Abenteuer hatten wir zu bestehen, als wir Gott sei Dank ohne unsere beiden Pferde Hatatitla und Iltschi unterwegs waren. Wir kamen von der Sierra Guadalupe herunter und wollten über die öden Staked Plains nach Fort Griffin hinüber. Auf halbem Weg trafen wir mit vier Personen zusammen, die von Fort Davis kamen und hinauf nach Fort Dodge wollten. Die vier Leute waren dem Tod geradezu in die Arme gelaufen. Als wir sie fanden, lagen sie fast verschmachtet im Sand, und ihren Pferden ging es ebenso. Sie baten uns, sie in nördlicher Richtung durch die Wüste zu bringen. Infolgedessen wichen wir von unserem eigenen Weg ab und ritten nach Norden. Als wir eine Trinkstelle erreichten, war sie fast ausgetrocknet. Dürstend ritten wir weiter. Wir ließen uns von unseren Pferden fortschleppen und schon am nächsten Tag konnten sie uns kaum noch tragen. Als die Pferde zu schwach wurden, erstachen wir eins und tranken das Blut. Am nächsten Tag erstachen wir die übrigen. Ihr Blut hatte uns bis dahin am Leben gehalten, doch wir waren alle am Ende unserer Kräfte. Da gellte plötzlich ein Geheul um uns her und wir wurden von vierzehn Komantschen überfallen und gebunden. Wir waren vor Ermattung halb tot. Die Roten fütterten uns und gaben uns zu trinken. Als wir uns so weit erholt hatten, wurden wir fortgeschafft zu einem Baum. Dort sollten wir verbrannt werden. Zuerst kamen unsere vier Begleiter dran. Man band sie an den Stamm fest und brannte dann ein Feuer an. Wir mussten zusehen, wie sie verbrannten. Das Zusehen war schrecklich, aber das Zuhören war noch entsetzlicher. Als man Winnetou und mir die Handfesseln löste, um uns als Nächste gemeinsam an den Baum zu binden, konnten wir uns befreien. Wir entrissen den Roten die Silberbüchse und den Bärentöter und eilten zu den Pferden der Komantschen. Sie waren so verblüfft, dass sie gar nicht daran dachten, auf uns zu schießen. Erst als sie uns verfolgten, schossen wir vier von ihnen nieder, sodass sich die anderen etwas zurückzogen. Dadurch gewannen wir Zeit, uns die besten Pferde auszusuchen und davonzureiten. Jetzt waren wir die Jäger und die Komantschen, die vier unserer Kameraden getötet hatten, die Verfolgten. Wir konnten diese rächen und alle Komantschen bis auf einen erschießen, darunter auch deren Häuptling ‚Starke Hand‘. Wir begruben sie mit allem, was ihnen gehörte. Aber was sie uns geraubt hatten, das nahmen wir ihnen ab, darunter auch meinen Henrystutzen. Mowa-kituh, die ‚Starke Hand‘, musste, weil er Häuptling war, ein würdiges Grab erhalten; das tat Winnetou nicht anders. Es gab im Todestal eine Felsspalte, in die wir ihn gelegt haben, die Waffen in der Hand, den Medizinbeutel umgehängt.2

Wir erlebten noch einige Abenteuer und die Nachrichten davon verbreiteten sich in Windeseile, denn obwohl ich noch ziemlich neu im Westen war, schienen Winnetou und Old Shatterhand in aller Munde zu sein. Wir waren – wie man bei uns zu sagen pflegt – bekannt wie bunte Hunde.

Samstag, 25. Juni 1864:3

Ich befand mich mit Winnetou bei den Navajos. Sie lagerten zwischen den Höhen der Agua Grande genannten Gegend und wollten von da aus nach dem Colorado hinab. Da brachten unsere roten Wachen zwei fremde Indianer, die sie unter sehr verdächtigen Umständen aufgegriffen hatten. Wir mussten wissen, woher die beiden Indianer kamen und ob sie Kundschafter irgendeines Stammes waren. Der Apatsche, ich und ein junger, aber sehr erprobter Krieger ritten fort, um den Aufenthalt der Gegner zu entdecken. Erst am Abend erreichten wir ein Wässerchen, wo sie gestern Rast gemacht hatten. Aus versteckten Farbtöpfchen ersahen wir, dass sie Pah-Utahs waren und sich auf dem Kriegspfad befanden.

Sonntag, 26. Juni 1864:

Es war gegen Mittag, als uns drei Reiter entgegenkamen. Zwei davon kannten wir: Es waren Dick Hammerdull und Pitt Holbers. Der dritte Reiter hieß Fletcher und war immerzu am Fluchen. Wegen seiner Flüche hatte er den Namen Old Cursing-Dry erhalten. Sie erzählten uns, dass ihre Gruppe, als Dick und Pitt auf der Jagd waren, von den Pah-Utahs überfallen wurde und nur Fletcher entkommen konnte. Sie sahen, dass ihre acht Gefährten gefangen und zwei Indianer tot waren. Winnetou nannte Fletcher den Mörder der beiden Indianer. Dieser aber antwortete: „Ich will erblinden und zerschmettert werden, wenn ich der Mörder bin!“ Wir wollten die Gefangenen befreien, unter denen sich auch Fletchers Sohn befand, und mussten dazu die Hilfe der Navajos herbeiholen. Winnetou schickte deshalb den uns begleitenden jungen Krieger mit der Nachricht zu seinem Stamm zurück und beschrieb genau den Ort, wo wir auf sie treffen würden, um die Pah-Utahs in eine Falle zu locken.

Montag, 27. Juni 1864:

Gegen Morgen des anderen Tages kamen wir in der Nähe der Pah-Utahs an. Winnetou ging zur Erkundung. Nach einem Streit schlug ich Fletcher nieder und er wurde gebunden. Dann kam Winnetou zurück. Er hatte erlauscht, dass unter den Toten der Sohn des Häuptlings ‚Großer Mokassin‘ war. Er war, wie einer der Indianer beobachtet hatte, von Fletcher erschossen worden. Man bereitete die Bestattung der Toten vor und wollte anschließend aus Rache die gefangenen Weißen töten. Um die Gefangenen zu befreien, mussten wir die zweihundertsechzig Pah-Utahs von diesen weglocken. Wir nahmen den Häuptling gefangen und zündeten das Grabmal an, worauf alle Pah-Utahs dorthin eilten. Dadurch konnten wir die Gefangenen befreien und zu einem Floß bringen, mit dem Winnetou den Rio San Juan flussabwärts fuhr. Zu viert ritten wir mit dem gefesselten Fletcher zu unserem vereinbarten Ziel.

Dienstag, 28. Juni 1864:

Wir folgten dem Fluss und kamen am Spätnachmittag an die Felswände, zwischen denen der Rio San Juan verschwand. Das war der Cañon, in dem wir die Pah-Utahs fangen wollten. Wir wussten, dass die Navajos bereits angekommen waren, und so konnten wir die Pah-Utahs in den Cañon locken, was auch gelang. Sie saßen in der Falle und konnten weder vorwärts noch zurück. Als sie merkten, dass ein Entkommen aus dem Cañon unmöglich war, waren sie so einsichtig, sich auf Verhandlungen mit uns einzulassen und dafür den Mörder des Häuptlingssohnes ausgeliefert zu bekommen. Da entriss Fletcher dem Häuptling ‚Großer Mokassin‘ die Pistole, die nur mit Pulver geladen war, hielt sie sich an die Schläfe und drückte ab, erhielt dabei aber von diesem einen Stoß, sodass der Schuss abgelenkt wurde und ihm in beide Augen ging. Er war blind. – In der Nacht wurde ich wach und erfuhr, dass Old Cursing-Dry entflohen sei. Sein Sohn war auch verschwunden. Einer der Außenposten hatte zwei Männer gesehen, die miteinander auf dem Pferd saßen. Er hatte sie angerufen und, als sie nicht antworteten, zweimal auf sie geschossen. Kurz darauf kam ein reiterloses Pferd ins Lager gelaufen. Es war das Pferd des jungen Fletcher.

Mittwoch, 29. Juni 1864:

Als der Tag zu grauen begann, machten wir uns auf die Suche. Wir brauchten gar nicht weit zu gehen, bis wir den Sohn liegen sahen, tot und kalt. Die Kugel des Außenpostens war ihm von hinten in die Brust gedrungen. Das Pferd war mit dem Alten weitergelaufen und hatte ihn an einer Felswand, die wohl dreißig Meter tief nach dem Fluss abwärts ging, abgeworfen. Wir holten ihn herauf. Seine Lästerung „Ich will erblinden und zerschmettert werden!“ war wortwörtlich eingetroffen. Als er erfuhr, dass sein Sohn tot sei, brach er sichtlich erschüttert zusammen. Endlich gestand er seine Tat, die beiden Pah-Utah-Indianer erschossen zu haben, und flehte um Gottes Barmherzigkeit. Dann starb er.

Donnerstag, 30. Juni 1864:

Wir hatten uns noch im Laufe des gestrigen Tages von den Navajos und den Pah-Utahs, die gemeinsam die Friedenspfeife geraucht hatten, getrennt und waren nach Norden weitergeritten. Dick Hammerdull und Pitt Holbers schlossen sich uns an. Ihre vier Gefährten aber ritten mit den Navajos zurück. Vor uns lag noch ein weiter Weg vom unteren Grenzgebiet der Territorien Utah und Colorado bis hinauf nach Wyoming.

Donnerstag, 28. Juli 1864:4

Vor drei Jahren war ich droben am Yellowstone von den Sioux-Ogellallah überfallen worden und musste mit drei Indianern kämpfen, um mein Leben zu retten. Nun wollte ich mit Winnetou nochmals hinauf zum Yellowstone, um die Gräber der von mir getöteten Sioux zu besuchen. Unsere kleine Gesellschaft bestand aus vier Personen: Winnetou, dem lustigen Dick Hammerdull, seinem wortkargen Freund Pitt Holbers und mir. Danach hatten wir einen uns befreundeten Stamm der Schoschonen besucht und waren von ihrem Häuptling und einigen hervorragenden Kriegern bis an die Mündung des Gooseberry Creek in den Bighorn River begleitet worden. Hier mussten die Schoschonen umkehren, weil jenseits des Bighorn das Gebiet der Upsarokas, der Krähen-Indianer, begann, mit denen sie in Todfeindschaft lebten. Zuvor hatten sie uns zu einer Bisonjagd im Herbst eingeladen, was wir auch angenommen hatten, vorausgesetzt, dass uns nichts dazwischenkäme. Als sie sich von uns getrennt hatten, setzten wir unseren Ritt in östlicher Richtung fort. Dick Hammerdull und Pitt Holbers wollten über die Bighorn Mountains nach dem Powder River und dann nach den Black Hills. Nördlich der Richtung, in der wir ritten, hatten die uns feindlich gesinnten Upsarokas ihre Jagdgebiete, und bis in die südlich von uns gelegene Rattlesnake Range waren die Sioux-Ogellallah vorgedrungen, unsere alten Gegner, die einen unversöhnlichen Hass gegen uns hegten. Wir befanden uns also zwischen zwei Völkerschaften, mit denen wir jede Begegnung möglichst zu vermeiden hatten. Noch hatten wir uns nicht weit vom Bighorn River entfernt, als wir auf eine Spur von etwa zweihundert Upsaroka-Indianer trafen, die sich auf einem Kriegszug befanden. Die Fährte stammte von gestern früh. Gegen Abend sahen wir zwei Pferdespuren und trafen bald auf eine Indianer-Squaw, die hinter ihren beiden vierzehn- und fünfzehnjährigen Söhnen her war, die heimlich ihrem Vater, dem Häuptling dieses Upsaroka-Stammes, folgen wollten. Nach einiger Zeit erblickten wir ein Lager der Sioux-Ogellallah. Als es dunkel war, beschlichen Winnetou und ich das Lager. Der Unterhäuptling ‚Langer Leib‘ saß mit einem Weißen etwas abseits, neben ihnen lagen die Upsaroka-Buben gefesselt im Gras. Der ältere der beiden sagte zu dem Weißen, dass dieser Folder heiße und seinem Vater einst Pferde gestohlen hätte. Der Weiße öffnete den Fellsack und zeigte ihnen die giftigen Klapperschlangen, die sich darin befanden. Da sprang neben uns die Indianer-Squaw aus den Büschen und warf sich über ihre Kinder. Der Unterhäuptling wollte Späher aussenden, um das Pferd der Squaw zu finden. Wir mussten schnellstens unseren jetzigen Lagerplatz verlassen und nahmen natürlich das Pferd der Squaw mit. Als wir uns nach Mitternacht wieder zum Lager der Sioux schlichen, waren sie nicht mehr da. Sie hatten also ihren Kriegszug fortgesetzt. Wir bestiegen unsere Pferde und ritten ihnen nach.

Freitag, 29. Juli 1864:

Vorsichtig folgten wir der Fährte. Dann entdeckten wir die Sioux. Sie ritten auf eine steile Höhe zu. Beide Anführer ritten allein, und zwar eine bedeutende Strecke hinter den anderen her. Die Squaw und ihre Söhne waren nicht dabei. Wir beschlossen, uns die beiden Anführer zu schnappen. Es gelang Winnetou und mir, sie von den Pferden zu holen und sie zu fesseln. Obwohl sie uns nichts verraten wollten, ahnten wir, dass die Squaw mit ihren beiden Kindern irgendwo beim letzten Lager zurückgelassen worden war. Wir fanden dort das Loch, in das man die drei Indianer zusammen mit den Klapperschlangen geworfen hatte, und waren erstaunt, oben am Rand den älteren Upsaroka-Knaben zu sehen; ebenso zwei skalpierte Sioux-Leichen. Er erzählte uns, dass seine Mutter ihre Handfesseln durchgebissen und dann die Klapperschlangen so lange gewürgt hätte, bis sie tot waren. Nun lag sie im Fieber. Die beiden Sioux hatten sich von der Grube entfernt, sodass es den Knaben gelungen war, den Rand des Lochs zu erklimmen. Als einer der beiden Sioux zurückkam, lehnte er sein Gewehr an einen Baumstamm und blickte in die Grube hinab. Da nahm der Älteste das Gewehr und schoss ihn nieder. Als auch der zweite Sioux zurückkam, wurde er das Opfer des jüngeren Bruders. Sie skalpierten ihre besiegten Gegner. Dadurch wurden die beiden jungen Burschen Krieger ihres Stammes. Wir mussten für die Squaw unbedingt frisches Wundkraut haben. Während wir noch danach suchten, kamen die Upsarokas. Ich schickte den Häuptling in den Wald hinein. Nach einiger Zeit kehrte er zurück. Er trat zu uns mit den Worten: „Old Shatterhand und Winnetou haben bewiesen, dass sie unsere Brüder sind, denn sie haben ihr Leben für meine Squaw und meine Söhne gewagt, und meine Söhne sind durch sie zu Kriegern geworden.“ Der Upsaroka-Häuptling ‚Schwarze Schlange‘ war damit einverstanden, dem gefangenen Unterhäuptling der Sioux, ‚Langer Leib‘, das Leben zu schenken und ihn mit seinen Kriegern ohne Kampf nach Hause ziehen zu lassen. Der Indianer-Agent Folder aber sollte am Marterpfahl sterben. ‚Schwarze Schlange‘ bestand unbedingt darauf, mit ihm in ihr Dorf zu reiten, was wir nicht abschlagen konnten.

Donnerstag, 4. August 1864:

Die Upsaroka boten, als wir ihr Wigwam erreicht hatten, alles Mögliche auf, um uns zu beweisen, dass sie es mit der Pfeife des Friedens ernst und aufrichtig gemeint hatten. Das einzige Ereignis, an dem wir uns nicht beteiligten, war die Hinrichtung Folders am Marterpfahl. Einer der größten Indianerquäler büßte da seine Schandtaten.

Samstag, 6. August 1864:

Die Squaw konnte schon nach einigen Tagen das Zelt verlassen und war nach einer Woche so gesund wie je. Wir verabschiedeten uns von den Upsarokas, deren Gastfreundschaft wir über eine Woche genossen hatten, und setzten unseren unterbrochenen Ritt weiter fort.

Mittwoch, 10. August 1864:5

Wir hatten uns vor einigen Tagen von den Upsarokas verabschiedet und Dick Hammerdull und Pitt Holbers noch eine Strecke weit begleitet, weil beide die Black Hills zum Ziel hatten.

Der Weg von Winnetou und mir war nach Süden gerichtet, dem North Platte River zu, an dessen Ufer wir aufwärtsreiten wollten. Wir waren seit drei Tagen wieder allein unterwegs und befanden uns etwa auf der Höhe des Blutsees, der nicht aus Wasser, sondern aus tiefem Sand bestand und so genannt wurde, weil hier einmal eine Schar Schoschonen von Weißen niedergemetzelt worden war. Hier stießen wir auf eine recht neue Querspur, die auf einen größeren Reitertrupp schließen ließ. Winnetou wollte unbedingt wissen, wer da in unserer unmittelbaren Umgebung ritt, und wir machten uns als Treffpunkt eine markante Tanne aus. Auf dem Weg zu unserem Treffpunkt bemerkte ich, dass zwei Reiter meiner Spur folgten. Ich versteckte mich und erkannte in den beiden den Dicken Jemmy und den Hobble-Frank, obwohl ich sie vorher noch nie gesehen hatte. Sie erzählten mir, dass ihre Kameraden, der Lange Davy, Martin Baumann, der Indianer Wohkadeh und der Neger Bob, in einer Schlucht auf sie warten würden. Zusammen seien sie auf dem Weg nach dem Yellowstone, um den Bärenjäger Baumann, den Vater von Martin Baumann, zu befreien, der mit einigen Gefährten am Devils Head in die Hände der Ogellallah-Indianer gefallen sei, welche planten, ihn am Grab des ‚Bösen Feuers‘ zu töten. Vor einiger Zeit erst war ich mit Winnetou an diesem Grab gewesen. Ich versprach den beiden, mit Winnetou ihren Lagerplatz aufzusuchen, den sie mir eingehend beschrieben hatten. Als sie sich von mir entfernt hatten, um zu ihren Kameraden zu reiten, kam ein Trupp Schoschonen-Indianer an, die ihre Spur entdeckten und verfolgten. Kurz danach tauchte Winnetou an unserem vereinbarten Treffpunkt auf, und auch die Schoschonen kehrten mit zwei Gefangenen zurück: Hobble-Frank und dem Dicken Jemmy. Winnetou hatte den Ort entdeckt, wo die Krieger der Schoschonen ihr Lager aufgeschlagen hatten. Es war ein anderer Stamm als der, den ich mit Winnetou besucht hatte, bevor wir die Upsaroka-Squaw und ihre beiden Söhne retten konnten. Mit Winnetou ritt ich nun zur Schlucht, wo die vier anderen auf ihre beiden Kameraden warteten, die ja nun gefangen waren. Wir erzählten ihnen, was geschehen war, und noch am selben Abend brachen wir in Richtung des Schoschonen-Lagers auf, um die beiden zu befreien. Es gelang uns, einen der Wächter des Lagers unschädlich zu machen und den Häuptling ‚Tapferer Büffel‘ in seinem Zelt zu überwältigen und fortzuschaffen. Ich konnte den ‚Tapferen Büffel‘ überzeugen, dass wir keinerlei feindliche Absichten gegen seinen Stamm hegten. Wir rauchten zusammen die Pfeife des Friedens und er wollte mit seinen Kriegern mit uns ziehen, um den Bärenjäger aus den Händen der Ogellallah-Sioux zu befreien.

Donnerstag, 11. August 1864:

Wie eine lange, dünne Schlange wand sich der Zug der Schoschonen durch die Blue Grass Prairie. Unterwegs sahen wir Zeichen der Ogellallah, die jedoch Wohkadeh galten, der ihnen nachfolgen sollte. Doch Wohkadeh, der eigentlich ein Mandan-Indianer war und als Kind zu den Ogellallah gezwungen wurde, hatte ohne ihr Wissen vor einigen Tagen deren Stamm verlassen, um Martin Baumann zu sagen, dass sein Vater gefangen sei, und nun befand er sich bei uns, um uns zu helfen. Später folgten wir der Spur der Ogellallah nicht mehr, denn ich kannte einen kürzeren Weg, der uns zu dem Grab führte, das am Feuerlochfluss lag. Gegen Abend erreichten wir einen Wasserlauf, an dem wir lagerten. Als wir später am Lagerfeuer saßen und von unseren Erlebnissen sprachen, sah ich im Gebüsch Augen leuchten. Winnetou machte mit seiner Silberbüchse einen Knie- und ich mit dem Henrystutzen einen Hüftschuss in die Büsche. Dort fanden wir zwei tote Indianer, denen wir durch die Stirn geschossen hatten. Danach brachen wir sofort auf und der nächtliche Ritt begann. Die beiden Toten hatten wir auf Ersatzpferde gebunden.

Freitag, 12. August 1864:

So ging es stundenlang fort, und als der Tag endlich zu grauen begann, öffnete sich vor uns ein steiler Pass, der zwischen hohe, dunkel bewaldete Berge hineinführte. Hier hielten wir an und stiegen ab. Die beiden Leichen wurden von den Pferden genommen und auf die Erde gelegt. Wohkadeh glaubte, dass es wahrscheinlich Upsaroka-Indianer seien. Er erzählte uns eine Begebenheit, die sich erst vor einigen Tagen zugetragen hatte, als Ogellallah einige Upsarokas beim Baden überrascht und ihnen ihre Medizin und einige Kleidungsstücke abgenommen hatten. Wahrscheinlich waren sie den Ogellallah nachgeritten, um sich zu rächen und um ihre Medizin wiederzuholen. Wir bestatteten die beiden Toten. Dann fingen wir die restlichen Upsarokas ab, rauchten die Friedenspfeife mit ihnen und ich sagte ihnen, dass sie ihre Medizin zurückbekommen würden, wenn sie mit uns ritten.

Samstag, 20. August 1964:

Wir waren über den Pelican- und den Yellowstonefluss herübergekommen, wollten morgen Vormittag über den Bridge Creek und dann westlich zum Feuerlochfluss reiten. Dort arbeitete der Geiser, der von den Indianern ‚Höllenmaul‘ genannt wird, und in seiner Nähe lag das Häuptlingsgrab. Es waren noch volle drei Tage bis zum Vollmond, und ich war der Überzeugung, dass die Sioux-Ogellallah unmöglich bereits hier sein könnten.

Sonntag, 21. August 1864:

Als wir am Morgen aufbrechen wollten, fehlten fünf Freunde: Martin Baumann, Wohkadeh, Hobble-Frank, der Dicke Jemmy und der Lange Davy. Bob, der Neger, hatte mitbekommen, dass sie den Sioux-Ogellallah entgegenreiten wollten. Ich vereinbarte mit Winnetou, dass er mit den Schoschonen den Ritt fortsetzen und mich am ‚Maul der Hölle‘ erwarten solle. Mit den fünfzehn Upsarokas und mit fünfzehn Schoschonen aber wollte ich die Ausreißer suchen. Gegen Mittag fand ich an einem Basaltfelsen einen Pelzfetzen, den der Dicke Jemmy sicher als Merkmal zurückgelassen hatte. Es war ein langer Ritt, schließlich brach der Abend herein und wir mussten Halt machen.

Montag, 22. August 1864:

Die Spuren der Ogellallah waren heute noch zu lesen. So kam es, dass wir die Höhe erreichten, ohne auf ein Hindernis zu treffen. Hier hörten wir ein eigentümliches, dumpf brausendes Geräusch, das bald von einem schrillen Pfeifen unterbrochen wurde. Jetzt senkte sich das Gelände abwärts. Deshalb stiegen wir ab und gingen zu Fuß, die Tiere hinter uns herführend. Viele Meilen lang und stellenweise zwei und sogar drei Meter breit, enthält es Hunderte von Geisern und heißen Quellen. Nahe am Rande des Schlammvulkans lagerten die Ogellallah. Ganz in der Nähe gab es mehrere zentnerschwere Steine. Dort saßen die Gefangenen. Ich nahm das Fernrohr aus der Satteltasche und richtete es auf die Sioux. Wohkadeh stand bei dem Häuptling, und Martin Baumann wurde herbeigeführt. Ich hatte aufmerksam jede Bewegung der Ogellallah beobachtet und sah, wie Wohkadeh und Martin zum Schlammvulkan geschleppt wurden. Die anderen Gefangenen wurden auf ihre Pferde gehoben und festgeschnallt. Da war höchste Eile geboten. Ich schickte die Schoschonen und die Upsarokas unter den Bäumen dort hinab, wo der Wald bis an den Fluss ging, dort sollten sie übersetzen, jenseits im Galopp hinaufjagen und sich mit lautem Geheul auf die Ogellallah stürzen. Als Bob hörte, dass Martin Baumann wahrscheinlich in den siedenden Schlamm geworfen werden sollte, rannte er los. Ich ergriff meinen weittragenden Bärentöter. Da hob der Häuptling den Arm. Zweimal blitzte der Bärentöter schnell hintereinander auf und die beiden Indianer, die Wohkadeh und Martin in den Krater hinablassen sollten, stürzten tödlich getroffen zu Boden. Dort oben schien große Bestürzung zu herrschen. Von unten sah ich, wie sich Bob auch schon auf sie warf, mit der Keule um sich schlagend wie ein Herkules. Die Ogellallah schienen die heranreitenden Schoschonen und Upsarokas zu sehen und jede Besonnenheit zu verlieren, denn sie stürzten zu ihren Pferden. Die Pferde, auf denen die Gefangenen festgebunden waren, waren nicht mehr aufzuhalten. Ich sah noch, wie der Häuptling sich als Letzter auf sein Pferd schwang. Er drängte sein Pferd an Baumann heran. Ein rascher Griff und er jagte davon, flussaufwärts, Baumanns Pferd und seinen Reiter mit sich fortreißend. Ich konnte erkennen, wie Bob die Fesseln von Martin und Wohkadeh durchschnitt und dann auch die des Hobble-Frank. Frank warf sich vom Pferd, riss einem der beiden von mir erschossenen Sioux den Tomahawk aus dem Gürtel und jagte davon, dem feindlichen Häuptling nach. Ich ritt dem Sioux-Häuptling und unseren Männern hinterher. Frank hatte sich hinter dem Häuptling aufs Pferd geschwungen, doch dann ging dieses mit beiden Reitern in den Fluss.

Der Ogellallah verschwand und Frank mit ihm. Es fand ein erbittertes Ringen unter Wasser statt. Als Frank an der Oberfläche erschien, hatte er den besiegten Feind bei den Haaren gefasst und kam langsam ans Ufer geschwommen. Winnetou hatte mit den Schoschonen und den Upsarokas die Ogellallah in der Schlucht eingeschlossen, wo sich die Gräber der von mir vor drei Jahren getöteten Sioux befanden. Nun begaben wir uns alle dorthin. Durch eine plötzlich eintretende Erderuption gab es einiges Durcheinander, wobei dem Sioux-Häuptling die Flucht gelang. Martin Baumann eilte ihm hinterher und holte ihn bei einem stufenartigen Felsvorsprung ein. Wir sahen die beiden auf Tod und Leben miteinander ringen. In einer Kampfpause verlor der Rote das Gleichgewicht, griff mit beiden Händen in die Luft, glitt aus, stürzte von dem Felsen herab und in das unten gähnende Schlammloch hinein, dessen grauenvoller Rachen ihn sofort verschlang. Das hatten alle gesehen, die sich im Talkessel befanden. Wir mussten mit den Ogellallah verhandeln, denn ihren Tod wollten wir nicht. Das war ein kühner Gang, doch bald kehrten ich und Winnetou zurück, an der Spitze der Ogellallah, die in einer langen Einzelreihe folgten. Die Weißen, die Schoschonen und die Upsarokas kamen überein, mit den Sioux Frieden zu schließen. Alle geraubten Medizinen wurden den Upsarokas zurückgegeben. Nun wurden die beiden von mir erschossenen Sioux herbeigeholt und in der Nähe des Häuptlings begraben. Der Tag wurde mit ernsten Leichenfeierlichkeiten verbracht, und dann verließ man das ungesunde Tal, um den Wald aufzusuchen, wo man sich von den Anstrengungen der letzten Zeit erholen wollte. Als am Abend die Lagerfeuer brannten, saßen Freunde und Feinde versöhnt beieinander, um sich befriedigt über die jüngsten Abenteuer zu unterhalten.

Dienstag, 23. August 1864:

Am Tag darauf trennten wir uns: Die drei Indianerstämme, die Upsarokas, die Schoschonen und die Sioux-Ogellallah, kehrten zu ihren Dörfern zurück. Auch Winnetou verließ uns, um zu seinen Mescalero-Apatschen heimzukehren, die westlich des Llano Estacado an einem Nebenarm des Rio Pecos ihre Pueblos hatten; und wir verabredeten, uns dort am Rande des Llano Estacado wiederzutreffen. Die Reisegruppe, der sich der Bärenjäger Baumann angeschlossen hatte, zog weiter. Wir anderen, Hobble-Frank, Bob, der Dicke Jemmy, der Lange Davy, Wohkadeh und ich, ritten mit Vater und Sohn Baumann zu deren Farm, wo wir einige Zeit bleiben wollten.

Samstag, 10. September 1864:

Heute zog es Jemmy, Davy und mich weiter. Bob wollte nicht länger bleiben, denn er war noch immer auf der Suche nach seiner Mutter und wollte sich uns anschließen. Auch Hobble-Frank ritt mit uns. Nur Wohkadeh, der eine innige Freundschaft mit Martin Baumann geschlossen hat, blieb dort zurück.

Mittwoch, 28. September 1864:6

Unser Weg führte in südliche Richtung. Als wir einige Tagesritte vom Llano Estacado entfernt waren, trennte ich mich von den vieren: zuerst von Frank und Bob und einen Tag später von Jemmy und Davy, die noch an den Washita River wollten. In knapp einer Woche planten wir uns am Rande des Llano Estacado in Helmers’ Home wiederzutreffen. Ich ritt nach Fort Sill, um meinen Munitionsvorrat zu ergänzen, der langsam zur Neige ging. Ich war vor drei Jahren schon einmal in Fort Sill gewesen, als Colonel Olmers noch dort kommandierte. Kurz bevor ich im Fort ankam, war auch sein Nachfolger, Colonel Blaine, abberufen und durch Major Owens ersetzt worden.

Dienstag, 4. Oktober 1864:

Ich hatte mich nicht lange im Fort Sill aufgehalten. Nachdem ich meinen Munitionsvorrat ergänzt und mich auch noch mit einigen anderen Kleinigkeiten versehen hatte, setzte ich meinen Ritt in Richtung Helmers’ Home fort, das ich heute noch zu erreichen gedachte. Es war um die Mittagszeit, als ich dort ankam. Hobble-Frank saß mit zwei Männern, es waren der Wirt John Helmers und der Juggle Fred, der auf eine Reisegruppe wartete, vor dem Haus auf der Bank und sie begrüßten mich herzlich. Indessen kam freudestrahlend der Neger Bob herbei. Nun saßen wir beisammen, um die Ereignisse des gestrigen Tages zu besprechen. Besonders vom Schuss in die Stirn eines Verbrechers durch den geheimnisvollen Bloody-Fox, den Hobble-Frank auf höchstens fünfzehn oder sechzehn Jahre schätzte, wurde mir ausführlich erzählt. Und weiter, dass ein angeblicher Mormonenmissionar, der sich Tobias Preisegott Burton nannte und dem niemand traute, plötzlich verschwunden wäre. Da gesellte sich ein angeblicher Kavallerie-Offizier der US-Streitkräfte zu uns, der vor mir angekommen war und sich bis jetzt auf seinem Zimmer befunden hatte. Er kam mir bekannt vor und ich erinnerte mich, dass er Stewart hieß und in Las Animas wegen eines Überfalls auf einen Bahnzug in Untersuchungshaft gewesen war. Deshalb glaubte ich ihm auch nicht, dass er Kavallerie-Offizier sei, dessen ‚Truppen‘ bei Fort Sill stünden und die dieser Tage hier eintreffen würden. Ich bezeichnete ihn als einen Lügner. Da verschwand er in seinem Zimmer und wir unterhielten uns noch kurze Zeit über diesen Vorfall und kamen dann wieder auf den Llano Estacado zu sprechen, wohin ich wahrscheinlich am nächsten Tag aufbrechen wollte. Von Bob erfuhren wir einige Zeit später, dass sich der angebliche Offizier aus dem Staub gemacht hatte. Ich hielt ihn für einen der ‚Llanogeier‘, die Reisegruppen in dieser Wüste überfielen, ausraubten und ermordeten. Deshalb musste ich unbedingt wissen, wohin er geritten war. Frank und Fred begleiteten mich und wir folgten der Spur des Verdächtigen. Wir kamen in eine Gegend, deren Vegetation immer dünner wurde, und trafen dort auf den Dicken Jemmy und den Langen Davy mit einem jungen Indianer. Es war Eisenherz, der Sohn meines Freundes Tevua-schohe (Feuersturm), des Häuptlings der Komantschen, mit dem ich die Pfeife des Friedens geraucht hatte. ‚Llanogeier‘ hatten ihn gestern ermordet, und die drei waren jetzt hinter den Mördern her. Wir beschlossen, die Verbrecher zu jagen, zumal sie nicht nur eine Auswanderergruppe überfallen wollten, sondern auch den Trupp, den Juggle-Fred durch den Llano führen sollte und der sich stattdessen den Auswanderern angeschlossen hatte. Ich wollte zurückreiten, um Bob zu holen und für Lebensmittel und auch für einen kleinen Wasservorrat zu sorgen. Kaum war ich in Helmers’ Home angelangt, brach ein Tornado herein. John Helmer versorgte mich mit dem nötigen Vorrat, und als der Tornado weggezogen und hart an Helmers’ Home vorübergegangen war, brach ich mit Bob auf.

Mittwoch, 5. Oktober 1864:

Mitternacht war schon einige Zeit vorüber, als ich wieder bei den fünfen eintraf. Der Tornado hatte sie Gott sei Dank verschont. Sie erzählten mir, dass ein Schattenbild am Himmel erschienen sei, in dem sie den Geist des Llano Estacado zu sehen glaubten. Kurz bevor ich ankam, bildete eine fremdartige Lichterscheinung einen gewaltigen Halbkreis am südlichen Himmel. Da, wo der Bogen dieses Halbkreises links auf dem Himmelsrand lag, tauchte jetzt plötzlich die Gestalt eines riesigen Reiters auf. Das Pferd war schwarz, der Reiter weiß. Er hatte die Gestalt eines Büffels. Man sah ganz deutlich den Kopf mit den beiden Hörnern, den Nacken mit der struppigen, halblangen Mähne, die hinterherflatterte. Die Gestalt verschwand so plötzlich, wie sie erschienen war, und der Lichtschein verblasste wieder. Als ich mich noch mit meinen Kameraden unterhielt, wurde er plötzlich wieder heller und lief wie an einer Funken sprühenden Lunte immer weiter nach Westen. Ganz links, da, wo das Bild begann, kam ein Reiter aus dem Dunkel hervor, derselbe von vorhin, mit einem Büffelfell bekleidet, aber in verkehrter Stellung, mit dem Kopf nach unten. Da ließ sich ein zweiter Reiter sehen, der dem ersten nachjagte. Hinter der letzterwähnten Gestalt folgten jetzt noch fünf oder sechs Reiter. Gewiss war der vorderste Reiter der sogenannte Geist des Llano Estacado, der von den anderen verfolgt wurde. Wir mussten ihm zu Hilfe kommen, weshalb wir den Gestalten entgegenritten. Nach etwa zwanzig Minuten sahen wir mehrere dunkle Punkte auf uns zukommen, die sich gegen den feurigen Hintergrund abzeichneten. Wir stiegen von den Pferden und duckten uns in einer Sandmulde. Der erste Reiter trug den Schädel eines weißen Büffels auf dem Kopf, von wo das zottige Fell weit über die Kruppe des Pferdes herunterhing. Sein Gesicht steckte so tief im Schädel, dass es nicht zu erkennen war. Ich rief ihm zu, dass ich Old Shatterhand sei und ihn beschützen wolle. Er bedankte sich, ritt aber weiter. Als die zweite Gestalt herankam, holte ich sie mit dem Lasso aus dem Sattel. Die anderen ‚Llanogeier‘ wurden von meinen Kameraden durch Schüsse auseinandergetrieben. Es war Stewart, der ‚Kavallerie-Offizier‘, den ich gefangen hatte, und Eisenherz erkannte in ihm den Mann, der seinem Vater in den Leib geschossen hatte, woran der Häuptling gestorben war. Eisenherz wollte mit ihm kämpfen, wobei beide nur mit einem Messer bewaffnet auf ihren Pferden davonritten. Nach einiger Zeit kam Eisenherz zurück, das Pferd seines Feindes am Zügel führend. An seinem Gürtel hing ein frischer Skalp. Danach richteten wir uns für ein kurzes Nachtlager ein.

Freitag, 7. Oktober 1864:

Wir waren seit zwei Tagen nach Süden durch den Llano Estacado unterwegs. Wir folgten einer tief in den weichen Sand getretenen Fährte, und zwar der Spur der Wüstengeier, die vor der Karawane herritten, um die Pfähle auszureißen und in falscher Richtung wieder in den Sand zu stecken. Da tauchte vor uns ein Reiter auf, ein einzelner Mann. Es war Bloody-Fox, ein kaum dem Knabenalter entwachsener Jüngling. Er bat uns um schnelle Hilfe für einen Zug von Auswanderern, meist Deutschen, die höchstwahrscheinlich noch heute Nacht von den ‚Geiern‘ überfallen werden sollten. Während wir weiter ritten, erzählte er uns, dass er auf über dreißig ‚Geier‘ gestoßen sei, wovon er zwei erschossen habe. Er gestand mir, dass er der ‚Avenging-ghost‘, der ‚Geist des Llano Estacado‘ sei und uns später mit in sein ‚Geisternest‘ nehmen wolle, das er bisher immer geheim gehalten habe. Eben als die Sonne unterging, erreichten wir die Wagenfährte, der wir nun gerade nach Süden folgten. Als wir ungefähr eine Stunde geritten waren, erblickten wir im Mondlicht eine Wagenburg. Man hatte die Wagen so zusammengeschoben, dass kein Reiter hindurchkonnte. Ein Mann kam herbei und lehnte sich über die Deichsel. Es war Tobias Preisegott Burton, der angebliche Mormonenmissionar. Er floh aus der Wagenburg und wir ließen ihn reiten, denn eine Verfolgung in der Nacht war fast aussichtslos. Der Anführer der Auswanderer, die alle Deutsche waren, erzählte uns, dass sie wahrscheinlich von ihrem Führer, jenem angeblichen Mormonen, in die Irre geleitet worden seien und kein Wasser mehr für sich und die Zugochsen gehabt hätten, weil ihre Wasserfässer angebohrt wurden. Nach kurzer Zeit stand ein Reitertrupp vor der Wagenburg. Zu meinem Erstaunen war es Winnetou mit Vater und Sohn Baumann, die ihn auf seine Einladung hin bei den Mescaleros besucht hatten, sowie vier fremde Männer und zwanzig Komantschen. Die Wagenburg wurde erweitert, und die Komantschen verteilten ihr Fleisch und auch das Wasser, das sie mit sich führten, unter die Auswanderer. Winnetou erzählte mir, dass er, als er mit den beiden Baumanns durch den Llano Estacado geritten war, vier Westmänner und zwei Mexikaner getroffen hatte und die Komantschen zu ihnen gestoßen seien. Die beiden Mexikaner waren geflohen, als sie von den Komantschen als ‚Llanogeier‘ enttarnt wurden. Daraufhin ritt man ihnen nach und stieß dabei auf das Lager der ‚Geier‘, in dem sich aber niemand mehr befand, doch man war deren Spuren gefolgt und hatte nach Einbruch des Abends den Platz, wo die Wüstengeier lagerten, entdeckt. Sie machten einen Bogen um das Lager der ‚Geier‘ und folgten im spärlichen Mondlicht Burtons Spur zurück, bis sie an die Wagenburg kamen. Wir beschlossen, dass Bloody-Fox sofort mit zehn Komantschen zu seinem ‚Geisternest‘ aufbrechen sollte, um die ‚Geier‘, die wir dort hintreiben wollten, in Empfang zu nehmen. Dann herrschte tiefe Ruhe rundumher.

Samstag, 8. Oktober 1964:

So verging die Nacht. Langsam wurde es heller, und nun sahen wir die Pfahlmänner zu Pferd im Galopp herankommen. Über dreißig Schüsse krachten. Die Schar der Angreifer bildete augenblicklich einen wirren Haufen. Tote und Verwundete stürzten von den Pferden. Die herrenlos gewordenen Tiere rannten weiter. Die anderen wurden von ihren Reitern zurückgerissen und jagten fliehend nach Süden. Ihrer waren freilich kaum noch über zehn. Ein Teil der Verfolger, mit Winnetou an der Spitze, ritt ostwärts, um dann nach Süden einzulenken und den Fliehenden den Weg dorthin zu verlegen, damit sie gezwungen seien, zwischen den beiden Kaktusfeldern einzubiegen. Ich eilte mit den anderen im Trab nach Süden, hinter den Wüstenräubern her. Nur Davy und Jemmy ritten eilig nach Südwesten, wo sie eine Kaktusfläche in Brand stecken sollten. Jahrelang hatten die papierdürren Kaktusreste dagelegen. Das gab einen Stoff wie Zunder. Die aufsteigende Hitze erzeugte einen Luftstrom, der immer stärker wurde und sich gar zum Wind erhob. Die Luft war glühend heiß; der Sand schien zu brennen. Droben begannen Blitze durch die Wolken zu zucken. Einzelne Tropfen fielen, dann mehr und immer mehr. Und jetzt regnete es wirklich, stärker, immer stärker, bis es schließlich goss wie bei einem tropischen Gewitter. Ich war überzeugt, dass die Auswanderer alle verfügbaren Gefäße herbeiholten, um sie sich füllen zu lassen, und die fast verschmachteten Ochsen wieder Leben bekamen. Von den gejagten ‚Geiern‘ waren nur noch drei übrig, von denen zwei an Eisenherz vorübermussten. Er erkannte sie, die bei der Ermordung seines Vaters beteiligt gewesen waren. Zwei Schüsse, und sie stürzten von den Pferden. Indessen jagte Bloody-Fox den Anführer Burton vor sich her bis vor die Hütte. Dort brach das Pferd des Räubers zusammen und Burton flog aus dem Sattel. Seine Augen blickten starr und gläsern, er hatte sich den Hals gebrochen. Bloody-Fox aber hatte in dem Toten den Mörder seiner Eltern erkannt. Jetzt kamen auch wir herbeigestürmt, während Fox sein Pferd bestieg und zurückritt, um sein zuvor verlorenes Büffelfell aufzunehmen und es wieder über Kopf und Schulter zu hängen. Alle, außer mir, waren ungemein erstaunt, als sie Bloody-Fox nunmehr in dem weißen Fell erblickten und in ihm den sagenhaften Geist des Llano erkannten. Auch Bob war mit in das ‚Geisternest‘ gekommen. Da kam eine Schwarze auf ihn zu, die ‚Haushälterin‘ von Bloody-Fox, und sprach mit ihm. Dann fielen sich beide in die Arme, denn es stellte sich heraus, dass Bob ihr Sohn war, der als Sklavenkind von Tennessee nach Kentucky verkauft worden war. Hier hatte er endlich seine Mutter Sanna wiedergefunden, die er immer gesucht hatte. Die Geier waren besiegt, und die Auswanderer wurden herbeigeholt. Bloody-Fox war der Held des Tages. Er musste seinen seltsamen Lebenslauf ausführlich erzählen, und er sprach den festen Entschluss aus, für immer hierzubleiben, um den Llano von den ‚Geiern‘ rein zu halten. Sanna und Bob erklärten, ihn nicht verlassen zu wollen.

Sonntag, 16. Oktober 1864:

Die Komantschen und die vier anderen Männer brachen schon nach zwei Tagen auf. Wir anderen aber blieben gut eine Woche als Gast bei Bloody-Fox. Hobble-Frank wollte mit den beiden Baumanns wieder zum Haus des ‚Bärenjägers‘; der Dicke Jemmy und der Lange Davy hatten andere Pläne. Die Auswanderer wollten nach Arizona hinüber. Winnetou und ich würden sie bis an den Rio Pecos begleiten,7 dann wollten wir nochmals hinauf zu den Schoschonen, die uns im Sommer zur Herbstbüffeljagd eingeladen hatten. Als wir uns von Bloody-Fox verabschiedeten, mussten wir ihm versprechen, ihn unbedingt zu besuchen, falls wir wieder in den Llano Estacado kämen.

Dienstag, 29. November 1864:

Bei den Schoschonen waren wir auch mit Amos Sannel, einem alten biederen Pelzjäger zusammen gewesen, der ein ganz seltenes Gewehr aus der Werkstatt von ‚Ralling, Shelbyville, Tenn.‘ besaß. Er hatte in die beiden Backen des Schlosses Blumen ätzen lassen, deren Staubfäden rechts am Lauf ein A und links ein S bildeten.8

Dienstag, 31. Januar 1865:9

Danach war ich mit Winnetou über das Gebirge und trotz der späten Jahreszeit quer durch ganz Wyoming bis nach Fort Niobrara in Nebraska geritten, wo uns der Winter überraschte. In Fort Niobrara wurden wir leider vollständig eingeschneit, und wir sahen uns gezwungen, den ganzen Dezember und Januar in dieser Einsamkeit zu bleiben. Es gab nur zwei Personen, mit denen wir uns zuweilen unterhielten. Das waren die Brüder Burning aus Moberly in Missouri, die in den Black Hills glücklich nach Gold gegraben hatten und sich jetzt mit dem Ertrag ihrer schweren Arbeit auf dem Heimweg befanden. Außerdem hatte sich noch allerhand Volk im Fort zusammengefunden, lauter zweifelhafte Existenzen, mit denen die Burnings nicht verkehrten. Am rohesten betrugen sich zwei Kerls, die Grinder und Slack hießen. Das ständige Wort Grinders war „Ich will gleich erblinden“, während sein Kumpan die Lästerung „Gott soll mich wahnsinnig machen“ im Munde führte. Zu erwähnen sind noch zwei Indianer, die der Schneesturm nach dem Fort getrieben hatte. Sie behaupteten, dem Stamm der Caddo ananzugehören, waren aber wahrscheinlich Ausgestoßene, die nicht einmal Waffen hatten, denn sie waren von den Sioux ausgeraubt worden. Sie wollten nach Kansas hinunter und schnitzten sich Pfeile und Bogen, um nicht unterwegs hungern zu müssen.

Dienstag, 7. Februar 1865:

Anfang Februar trat plötzlich milde Witterung mit Tauwetter und dann Regen ein. Der Schnee verschwand, und wir konnten nun daran denken, unseren Ritt fortzusetzen. Zuerst brachen die beiden Indianer auf, zu Fuß natürlich. Zwei Tage später ritten die Brüder Burning fort, denen am nächsten Tag Grinder und Slack folgten.

Mittwoch, 8. Februar 1865:

Als erfahrene Westmänner warteten wir noch einen Tag, um zu erfahren, ob die milde Witterung beständig sei; dann brachen auch wir auf. In dem weichen Boden sahen wir ganz deutlich die Spuren derer, die Fort Niobrara vor uns verlassen hatten. Sie alle schienen ohne Ausnahme, so wie auch wir, nach Fort Hillock zu wollen.

Sonntag, 12. Februar 1865:

Die Spuren hielten sich beisammen, und wir folgten ihnen über den Loup-Fork hinüber. Von da aus konnte man Fort Hillock nach einem kurzen Tagesritt erreichen. Da es aber jetzt schon über Mittag war, konnten wir nicht vor morgen Vormittag dort eintreffen. Diese Nacht verbrachten wir am Gebüsch eines kleinen Nebenflüsschens des Loup-Fork.

Montag, 13. Februar 1865:

Sobald es im Osten nur einigermaßen zu grauen begann, saßen wir auf und ritten weiter. Wir ritten einem Buschwerk zu, um dessen Ecke die Spuren bogen. Da lagen die Burnings bei der Asche eines ausgegangenen Feuers in einer großen Blutlache. Wir durften uns nicht bei den Leichen aufhalten, sondern wir mussten den Mördern folgen, die ihren Opfern Gold und Gewehre abgenommen hatten und dann mit den zwei erbeuteten Pferden fortgeritten waren. Es konnten nur Grinder und Slack gewesen sein, die diese Bluttat vollbracht hatten. Ihre Fährte führte genau in Richtung auf Fort Hillock zu. Nach vielleicht einer halben Stunde sahen wir, dass die Reiter angehalten hatten. Von dieser Stelle an teilte sich die eine vierpferdige Spur in zwei zweipferdige Fährten. Die Mörder hatten die armen Roten hier eingeholt und ihnen die Pferde geschenkt, um den Verdacht von sich ab und auf sie zu lenken. Darum hatten sie ihre Opfer auch nicht erschossen, sondern erstochen, weil die Caddo-Indianer keine Gewehre, sondern nur Pfeile, Bogen und Messer besaßen. Während wir hierauf weiterjagten, sahen wir am Horizont vor uns eine Reiterschar auftauchen, die uns entgegenkam. Es waren Kavalleristen, die in ihrer Mitte die beiden Caddo-Indianer gefesselt mit sich führten. Ich erläuterte dem kommandierenden Offizier die Situation und erklärte die beiden Indianer für unschuldig. Er schien mir zu glauben, denn er wählte sechs Mann aus, die mit den mitgebrachten Spaten zum Ausheben von Gräbern weiterreiten mussten; dann nahm er uns mit den beiden Gefesselten in die Mitte, um nach dem Fort zurückzukehren. Der Kommandant des Forts erkannte mich sofort, doch ich bat ihn, meinen Namen der Sioux wegen nicht zu nennen. Er hatte mich gesehen, als ich 1861 vor meiner Rückkehr nach St. Louis bei Mutter Thick in Jefferson City eingekehrt war. Als wir mit dem Kommandanten allein waren, erzählte ich ihm ausführlich, was wir den Mord an den beiden Goldgräbern betreffend festgestellt hatten. Als Grinder und Slack eintrafen, wurden sie von den Soldaten in Gewahrsam genommen. Später wurden die Mitglieder des Gerichthofes zusammengerufen, der aus den Offizieren und drei Unteroffizieren bestand. Winnetou und ich hatten als Zeugen beizuwohnen und auch die Caddo-Indianer mussten erscheinen. Es gelang nicht, die Verbrecher zum Eingeständnis ihrer Tat zu bringen. Deshalb wurde vereinbart, dass sie sich mit Winnetou und mir auf einen Messerzweikampf in einem dunkeln Schuppen einlassen würden. Da wurde es ganz plötzlich außerordentlich kalt, so kalt, dass es durch Mark und Bein zu gehen schien, und kurz darauf begann ein hohles, dumpfes Brausen pausenlos über das Dach zu gehen. Es war ein Blizzard, wie der furchtbare Schneesturm im Westen des Mississippi heißt. Der Boden zitterte unter uns; der Schuppen prasselte; er neigte sich nach rechts, nach links, worauf der hintere Teil krachend zusammenbrach. Und jetzt trat die Ruhe ebenso plötzlich ein, wie der Sturm plötzlich gekommen war. Unter den Trümmern der eingestürzten Schuppenhälfte arbeitete sich eine Gestalt hervor, die mit lautem Gebrüll von dannen lief; es war Slack. Grinder lag zwischen zerbrochenen Brettern unter einem Balken, der ihm fast die Brust eindrückte. Ein Brett war mit der scharfen Kante quer über sein Gesicht gefallen und hatte ihm beide Augen ausgeschlagen. Wir suchten nach dem verschwundenen Slack und fanden ihn wahnsinnig an der Plankenumzäunung. Grinder blind und Slack wahnsinnig. Ganz so, wie sie es in ihrem Unglauben und ihrer Frechheit von Gott gefordert hatten!

Dienstag, 14. Februar 1865:

Sonderbarerweise trat nach dem schlimmen Tag wieder mildes Wetter ein, das uns die Fortsetzung unseres Ritts erlaubte. Grinder und Slack blieben als Schwerverletzte auf dem Fort zurück. Der Kommandant versprach uns, den Angehörigen der ermordeten Brüder Burning die acht Beutel Gold mit dem vollen Inhalt zuzustellen.

Montag, 20. Februar 1865:

Die beiden Caddo-Indianer konnten uns begleiten. Wir brachten sie an den vereinigten Platte-Fluss, wo sie von uns schieden, uns ihrer immerwährenden Dankbarkeit dafür versichernd, dass wir sie vom unverdienten Tod des Erhängens gerettet hatten. Mit Winnetou ritt ich weiter, denn wir wollten hinunter zu den Mescalero-Apatschen an den Rio Pecos.

April 1865:

Unser Ritt nach Süden zu den Mescaleros führte uns durch den Llano Estacado, wo wir zuerst in Helmer’s Home Station machten und dann mehrere Tage in der Wüsten-Oase bei Bloody-Fox blieben. Bob und seiner Mutter ging es prächtig und beide waren glücklich, sich gefunden zu haben. Beim Abschied mussten wir versprechen, immer wieder zur Oase zu kommen, wenn wir durch den Llano kämen. Ohne Zwischenfälle erreichten wir das Pueblo am Rio Pecos, wo ich noch einige Zeit bleiben wollte, bevor ich in meine Heimat aufbrach.

Mittwoch, 24. Mai 1865:

Heute am späten Nachmittag bin ich in Galveston angekommen. Der Bürgerkrieg ist zu Ende und die Verhältnisse im ehemaligen konföderierten Staat Texas beginnen sich zu normalisieren. Ursprünglich wollte ich nach New Orleans, weil ich hoffte, von dort aus am ehesten ein Schiff nach Europa zu finden. Doch der Weg hatte mich hinunter an den texanischen Teil des Golfs von Mexiko geführt und so versuchte ich erst einmal hier mein Glück. Mein Pferd hatte ich auf dem Festland in einem Mietsstall untergebracht. Es war nicht mein treuer Hatatitla, sondern ein Falbe, den ich von den Mescaleros mitgebracht hatte. Ich schlenderte auf den Hafen der Stadt zu, von der ich wusste, dass der Seeräuber Lafitte hier ehemals eine Niederlassung hatte, die aber 1821 von Lieutenant Kearny zerstört worden war. Die heutige Stadt Galveston wurde 1837 gegründet und ich schätze sie jetzt auf mehr als zehntausend Einwohner. Sie liegt auf der lang gestreckten Küsteninsel am Eingang in die Bay von Galveston und war bis zum Beginn des Bürgerkrieges die wichtigste Seestadt von Texas. Im Hafen sah ich neben den US-Kriegsschiffen eine flotte Bark am Kai liegen. Mich interessierte dieses Segelschiff, das bestimmt nicht für alle Ewigkeit hier liegen würde, und deshalb begab ich mich dorthin. Als ich über das Fallreep zum Schiff wollte, wurde ich von einem Maat angesprochen. Ich fragte höflich, was das für ein Schiff wäre, worauf er sagte, dass dies ein nordamerikanischer Frachtensegler sei, der dem Kapitän Frick Turnerstick gehöre. Als ich wissen wollte, ob dieser an Bord sei, erhielt ich zur Antwort, er befinde sich bei der militärischen Hafenverwaltung, um eine Auslaufgenehmigung zu erhalten. Das war Musik in meinen Ohren. Ich machte mich auf und traf den Kapitän tatsächlich beim Hafenkommandanten, zu dem ich hingeführt worden war. Natürlich musste ich mich vorher ausweisen und meinen Wunsch vortragen. Ich erfuhr, dass Turnerstick in einer guten Stunde den Hafen verlassen wollte, bevor es zu dunkel wurde. Selbstverständlich würde er mich mitnehmen, wenn ich mich innerhalb dieser Frist auf seinem Schiff einfände. Ich eilte deshalb zurück zum Mietstall, um meinen Lasso und die Sachen zu holen, die ich in meiner Satteltasche untergebracht hatte. Den Falben samt Sattel konnte ich gegen ‚Greenback‘-Dollars, wie man das US-Papiergeld nannte, verkaufen. Kaum war ich an Bord, so wurden auch schon die Anker gelichtet. Da ich der Besatzung im Weg war, durfte ich mir das Auslaufmanöver nicht mit ansehen und musste in meiner Kajüte verschwinden. Für mich war jedenfalls die Hauptsache, dass ich mich auf dem Weg in die Heimat befand.

6. ERSTE SÜDAMERIKA-REISE (1865)

Donnerstag, 25. Mai 1865:1

Als ich heute Morgen meine Kajüte verließ, glitt unser Schiff bei strahlendem Sonnenschein durch den Golf von Mexiko. Die Ernüchterung kam etwas später beim Frühstück mit Kapitän Frick Turnerstick: Als ich ihn fragte, welchen Hafen wir in Nordamerika anlaufen würden, antwortete er mir lachend, dass er eben erst New York verlassen hätte, einen kleinen Umweg nach Galveston gemacht habe, um einen Teil seiner Fracht abzuladen und neue aufzunehmen, und wir uns jetzt auf der Fahrt nach Buenos Aires in den La-Plata-Staaten befänden. Mir blieb das Frühstück fast im Halse stecken. Wir hatten gestern Abend beide versäumt, uns gegenseitig zu informieren, wohin wir eigentlich wollten. Nach dem ersten Schock fand ich mich damit ab, dieses Schicksal nicht mehr wenden zu können.

Freitag, 16. Juni 1865:

Kapitän Frick Turnerstick, ein echter friesischer Seebär, hatte lange Jahre im Dienst eines New Yorker Reeders gestanden und deshalb seinen allerdings seltsamen deutschen Namen Drechslerstock in das englische Turnerstick verwandelt. Er hatte sich gar manche amerikanische Gewohnheit angeeignet, war aber im Grunde dennoch ein Deutscher vom reinsten Wasser geblieben. Inzwischen hatte er sich selbständig gemacht und war sein eigener Reeder. Er war in allen Meeren bekannt als ein tüchtiger, kühner, gewandter und erfahrener Schiffsführer, der außerdem die höchst lobenswerte Eigenschaft besaß, dass er sich stets bemühte, seinen Untergebenen mehr ein freundlich besorgter Vater als ein strenger Vorgesetzter zu sein. Darum hatte er stets nur zuverlässige und tüchtige Mannen an Bord, die ihn liebten und achteten.2 – Das alles erfuhr ich im Laufe unserer Fahrt durch die Karibik und in den südlichen Atlantik. Und ich kann sagen, dass wir beide ganz gute Freunde wurden. Turnersticks Bark, die den trefflichen Namen ‚The Wind‘ trug, flog bei kräftiger Brise nur so über das Wasser. Selbst bei Seiten- oder Gegenwind verstand es die Mannschaft, das Schiff auf gutem Kurs zu halten. – Als wir am Kap Polonio vorbei und an Montevideo vorüber in die meerbusenartige Mündung des Rio de la Plata kamen, strich uns von dort ein warmer Spätherbstwind entgegen. Noch im Laufe dieses Tages warfen wir an der Boca de Riachuelo y Ensenada unseren Anker, denn Buenos Aires hat keinen eigentlichen Hafen, sondern nur eine Reede, die überdies häufigen Windstößen ausgesetzt ist. Turnerstick und ich gingen zur Hafenbehörde; er um sein Schiff anzumelden, damit er einen Teil seiner Ladung löschen konnte, und ich, um mich als Durchgangsreisender auszuweisen.

Sonntag, 18. Juni 1865:

Turnerstick bestand darauf, dass ich mir kein neues Quartier suche, sondern die Zeit, bis ich ein Schiff nach Europa fände, auf seiner Bark bliebe. Natürlich nahm ich sein Angebot dankend an.

Buenos Aires war Hauptstadt der Provinz gleichen Namens, die zur Argentinischen Konföderation gehörte, und lag am rechten Ufer des hier über 75 Kilometer breiten, aber seichten La-Plata-Flusses. Die Stadt war recht hübsch gebaut, in regelmäßige Vierecke eingeteilt, hatte breite, sich rechtwinklig schneidende Straßen mit einstöckigen Häusern und wurde durch eine Zitadelle und mehrere Forts verteidigt. Sie war 1535 von Pedro de Mendoza gegründet, doch schon 1539 von Indios zerstört und dann 1580 neu aufgebaut worden. Ab 1630 war sie Bischofssitz, von 1776 bis 1816 Hauptstadt des Vizekönigreichs La Plata, dann der Vereinigten Staaten des Rio de la Plata und seit 1862 die der Argentinischen Konföderation.

Ich hatte mich laufend erkundigt, wann ein Schiff nach Europa in See stechen würde, doch es bestand vorerst keine Aussicht. Turnerstick hatte inzwischen einen Teil seiner Ladung gelöscht und eine kleinere aufgenommen, die für Kapstadt in Südafrika bestimmt war. Seine Restladung musste er um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien bringen. Er fragte mich, ob ich mit ihm fahren wolle, doch ich lehnte ab, da es mich nach Hause zog.

Mittwoch, 21. Juni 1865:

Am Sonntagabend verließ ich die mir inzwischen so vertraute Bark und bezog ein Quartier in der Nähe der Reede. Der Abschied von dem lieben Frick Turnerstick, den ich ins Herz geschlossen hatte, und seiner Mannschaft fiel mir nicht leicht, aber irgendwann musste es ja so weit sein. Als ich am Montagmorgen zur Boca de Riachuelo y Ensenada blickte, war der Platz leer, an dem ‚The Wind‘ geankert hatte. Irgendwie fühlte ich mich jetzt ein bisschen einsam. Meine tägliche Nachfrage nach einem Schiff gen Europa schien vergebens zu sein, obwohl laufend welche hier ein- und ausliefen, doch ihre Ziele lagen alle woanders. In der letzten Nacht, als ich einmal wach wurde und nicht gleich wieder einschlafen konnte, kam mir der Gedanke: Warum eigentlich nach Hause fahren, wo ich doch schon einmal hier in Südamerika war? Ich könnte ja quer durch den Kontinent reisen, die Pampa und die Kordilleren kennenlernen, um dann von Chile aus die Heimat zu erreichen. Im Grunde brauchte ich nur ein gutes Pferd und eine einigermaßen brauchbare Landkarte.

Montag, 25. September 1865:

Es war schon Frühjahr auf dieser südlichen Erdhalbkugel, als ich endlich die Hafenstadt Valparaiso in Chile erreichte. Über dreizehn anstrengende Wochen lagen hinter mir. Am 27. Juni war ich in Buenos Aires aufgebrochen. Es war schon gegen Ende des südamerikanischen Herbstes und ein gewagtes Unterfangen, in den bevorstehenden Winter hineinzureiten, zumal mir das Land vollkommen fremd war. Ein robustes, ausdauerndes Pferd brachte mich hinaus in das weite Hinterland der Hauptstadt, in die Pampa, was in der Indiosprache ungefähr mit ‚baumlose Ebene‘ zu übersetzen ist. Es ist ein fruchtbares Land, meist Weiden, auf denen es riesige Viehherden, Rinder, Pferde und Schafe, gibt. Ich sah oft Gauchos, berittene Hirten, die große Herden durch die Weidegebiete trieben. Sie gehörten meistens zu einer ‚Estanzia‘, einem Herrensitz der Großgrundbesitzer. Die wenigen Kleinstädte, durch die ich kam, zeigten in ihrer Anlage oft ein Viereckmuster mit einer baumumsäumten ‚Plaza‘, mit Kirchen und Verwaltungsgebäuden. Nahe dem Rio Salado wurde die Gegend hügeliger und die ersten Ausläufer der Kordilleren tauchten schon mit weißen Spitzen im Norden auf. Bei Mendoza begannen die sogenannten Trocken-Anden, ein Gebiet, das ursprünglich von Chile her erschlossen worden war und erst 1776 zum Vizekönigreich La Plata kam. Beim Übergang über die Kordilleren war man in der Nähe der höchsten Gipfel, die teilweise bis an die siebentausend Meter reichten. Es war ein anstrengender Ritt mitten im Winter, doch glücklicherweise mussten keine hohen Pässe überwunden werden, denn die Anden sind so von Tälern durchzogen, dass manche Flüsse, die nach Osten fließen, im Westteil des Gebirges entspringen und umgekehrt. Im Großen und Ganzen war es doch eine recht strapaziöse Reise für mich. Ich war zwar ermüdet, aber innerlich sehr zufrieden, als ich mich der Hafenstadt Valparaiso näherte, die an der Valparaiso-Bai des Stillen Ozeans und am Fuß und auf den Abhängen einer kahlen Hügelkette liegt. Gerne hätte ich bei meiner Reise noch einen Abstecher zur Hauptstadt Santiago gemacht, aber das wäre doch ein zu bedeutender Umweg gewesen. Mein treues Pferd, das mich redlich quer durch den Kontinent getragen hatte, konnte ich natürlich auf meinem weiteren Weg nicht mitnehmen. Deshalb suchte ich einen Pferdehändler auf, der mir wesentlich mehr für das Tier bezahlte, als es mich in Argentinien gekostet hatte. Hier in Valparaiso, dem bedeutendsten See- und Handelsplatz an der südamerikanischen Westküste, hoffte ich, eine Fahrgelegenheit nach Europa zu finden, egal ob um Kap Hoorn oder quer durch den Stillen Ozean. Die Hauptsache war, meine finanziellen Mittel reichten aus, die Schiffspassage zu bezahlen.

7. ZWEITE OSTASIEN-REISE (1865-1866)

Freitag, 10. November 1865:1

Wir hatten mit unserem guten Dreimaster ‚Poseidon‘ vor nunmehr sechs Wochen Valparaiso verlassen, um nach Hongkong zu segeln. Ungefähr auf der Höhe von Ducir und Elisabeth schlug der Passat in einen Orkan um, wie ich ihn von solcher Stärke und Unwiderstehlichkeit während meiner vielen Fahrten noch niemals erlebt hatte. Jetzt lag unser Dreimaster gestrandet draußen zwischen den verräterischen Korallenklippen. Ich war auf dem Schiff der einzige Fahrgast gewesen, mit dem sich der sonst sehr schweigsame Kapitän Roberts unterhalten hatte. Er nahm mich auch mit, als ihm unser Wächter von der Anhöhe zurief, dass ein Segel in Sicht sei. Durch das Fernrohr sah ich eine malaiische Praue auf unsere Insel zukommen, die von weiteren fünfzehn Booten verfolgt wurde. Wir eilten hinunter, teilten unsere Mannschaft in zwei Abteilungen, denn wir wussten nicht, wie sich die Dinge entwickeln würden. Das erste Boot fuhr durch den Korallenring in das ruhige Wasser der Bucht. Der Verfolgte zog sein Boot halb aus dem Wasser, hing sich den Köcher über, nahm den Bogen zur Hand und griff dann nach seiner Flinte. Ich machte mich bemerkbar und kam mit ihm in ein kurzes Gespräch, wobei er mir erzählte, dass er Potomba heiße, in Papetee der Hauptstadt von Tahiti wohne, ein Ehri, ein Fürst des Landes sei und von seinem Schwiegervater verfolgt werde, der ihn töten wolle, weil er, Potomba, ein Christ sei. Soeben versuchte das erste Boot seiner Verfolger die Einfahrt durch den engen Kanal. Da zeigten sich alle Matrosen. Als die Verfolger sahen, dass die Insel von einer ganzen Truppe europäisch gekleideter Männer besetzt war, zogen sie schleunigst die Segel wieder auf und ruderten von dannen. Um Hilfe herbeizuholen, wollte mich Potomba in seinem kleinen Boot mit nach Tahiti nehmen, das wir vielleicht in zwei Tagen erreichen würden.

Sonntag, 12. November 1865:

Wir langten nach zwei Tagen in Tahiti an. Jetzt nun lag die herrliche Insel vor uns und Papetee hob sich immer mehr hervor. Im Hafen lag eine Reihe von Seeschiffen, die durch die breitere Einfahrt Zugang gefunden hatten. Der Bau des einen kam mir bekannt vor. Droben in den Wanten hing ein Mann, nämlich der sehr wackere und ehrenwerte Kapitän Frick Turnerstick. Er versprach mir, die gestrandete Mannschaft der ‚Poseidon‘ zu holen, sobald er morgen früh mit der Ebbe auslaufen konnte. Dann fuhren wir an Land, wo Potomba von seinem Bruder Potai hörte, dass sein Schwiegervater – der Heiden-Priester Anoui – Potombas Frau Pareyma, entführt hatte, da dieser die Hochzeit seiner Tochter mit einem Christen nicht anerkannte. Dabei hatte er Potombas Mutter erstochen. Pareyma sollte heute noch in Tamai auf der Insel Eimeo mit Matemba, dem Todfeind Potombas, verheiratet werden. Die beiden Brüder wollten auf Turnersticks Schiff Tahiti verlassen und nach Samoa gehen, nachdem alles Hab und Gut verkauft worden war. Doch zuvor wollte Potomba noch auf die Nachbarinsel, um seine Frau wiederzuholen. Ich informierte Kapitän Turnerstick von allem und stieg mit dem Ehri in ein Boot, das wohl vier Personen fassen konnte. Er hisste das Segel und wir flogen über das ruhige Wasser und nahmen dann Kurs auf Eimeo. Wir erreichten eine Brotfruchtpflanzung, die uns gute Deckung gewährte. Vor einem durch seine Größe auffallenden Haus stand ein mit Blumen geschmückter Altar mit zwei Götzenbildern, an dem vermutlich die Trauungsfeierlichkeit vor sich gehen sollte. Ich schlich mich an das Haus heran. Wenn das junge Weib, das ich da erblickte, wirklich Pareyma war, so konnte ich die Liebe begreifen, die Potomba für sie hegte. Sie erschrak zuerst, als ich sie ansprach und ihr sagte, dass Potomba in der Nähe sei und sie retten wollte. Sie solle nur alles tun, was ihr Vater wolle. Als auf der anderen Seite des Hauses ein Tamtam erscholl, kehrte ich zu Potomba zurück. Pareyma wurde zum Altar geleitet, an dem ihr Vater Anoui die Zeremonie beginnen wollte. Diese war in vollem Gange, als sich Potomba durch die Menge der Zuhörer drängte und vor dem Altar erschien. Mit einem raschen Sprung stand er auf dem Altar und zerstörte die Götzenbilder. Wir rannten zum Boot, fuhren weg und landeten später erneut auf Eimeo, in Alfaraeita, wo wir bis zu der bald hereinbrechenden Dunkelheit blieben. Dann brachen wir auf. Der Ehri hatte sich vorher eine beträchtliche Menge Fische gekauft und sie mit ins Boot genommen. Wir ruderten hinaus auf See und er warf nach und nach die Fische ins Wasser, bis sich mehr als ein halbes Dutzend Haie um unser Boot tummelte. Nun warteten wir auf die Hochzeitsflotte, die von Eimeo nach Tahiti hinüberfahren würde.

Montag, 13. November 1865:

Mitternacht war wohl schon vorüber, als wir die beleuchteten Boote bemerkten; im ersten saßen drei Personen: Matemba, Anoui und Pareyma. Wir erreichten es rasch und Potomba rief Pareyma, zu uns zu kommen. Die Gerufene erhob sich und schnellte über den Ausleger zu uns ins Boot. Der Ehri empfing sie mit dem linken Arm und ließ sie niedergleiten, dann bog er sich über Bord und zerschnitt mit zwei raschen Zügen die Baststricke, die den Ausleger des Hochzeitsbootes mit den Querstangen verbanden. Das Boot kenterte, Matemba und der Priester stürzten ins Wasser und wurden augenblicklich von den Haien verschlungen. Die wütenden Insassen der Prauen versuchten uns einzuholen. Es gelang ihnen nicht. In fünf Minuten hatten wir den ‚Wind‘ erreicht, der sein Fallreep niederließ. Am Morgen stachen wir in See.

Samstag, 18. November 1865:

Fünf Tage später befand sich Kapitän Roberts mit seinen Marsgasten und allem geretteten Gut bei uns an Bord, dann segelte der ‚Wind‘ nach Nord bei West, um die Samoa-Inseln zu erreichen.

Freitag, 5. Januar 1866:

Nachdem wir Potomba, den Ehri von Tahiti, seine liebliche Pareyma, seinen Bruder Potai und den Diener Ombi auf der Samoa-Insel Upolu abgesetzt und den Kapitän Roberts vom ‚Poseidon‘ mit seinen Marsgasten da gelandet hatten, waren wir einige Tage vor Anker geblieben und dann nach den Marianen gegangen, von wo aus wir nach den Bonin-Inseln segelten. Wir hatten sie aber noch nicht erreicht, als der Kapitän plötzlich einige Striche mehr nach Südwest abfallen ließ. Ein Taifun war im Anzug und da ich einen solchen einmal ‚hautnah‘ erleben wollte, ließ ich mich am Mast festbinden. Ich hatte noch niemals einen solchen Aufruhr der Naturkräfte erlebt und erwartete alle Sekunden, von meinem Haltpunkt losgerissen und in die kochende See geschleudert zu werden. Jetzt legte der Taifun mit doppelter Kraft los. Ein blendender Blitzschlag zuckte nieder, es erfolgte ein Donnerschlag, unter dem die See erkrachte und die Erde zu bersten schien und dann wühlte sich der Taifun ins Wasser. Wir wurden vom Wogenstrudel gepackt und um unsere eigene Achse gedreht. Ein entsetzliches Krachen und Prasseln und Schmettern, dann schwiegen die Lüfte so urplötzlich, und nur das Branden der Wogen gegen unsere Planken ließ sich vernehmen. Der Fockmast war gebrochen, das Schiff lag nach Starbord hinüber, weshalb die Taue sofort gekappt werden mussten. Auf dem Deck sah es fürchterlich aus. Und es war Wasser im Raum. Bereits nach zwei Minuten waren die Pumpen im Einsatz, während der Schiffzimmermann das Leck aufzufinden und zu verstopfen suchte. Wir mussten den nächsten Hafen anlaufen, um die Taifun-Schäden zu beheben. Das würde bestimmt einige Tage in Anspruch nehmen. Gegen Abend sahen wir die Peel-Insel, die südlichste der drei großen Bonin-Inseln, auf der auch der Haupthafen liegt, vor uns auftauchen, und eine halbe Stunde später gingen wir in Port Lloyd vor Anker.

Samstag, 6. Januar 1866:

Am andern Morgen gab es sehr viel auf unserem braven ‚The Wind‘ zu schaffen. Das Leck konnte nur von außen vollständig beseitigt werden, und da auf Peel-Island von einem Dock keine Rede war, so waren Taucherarbeiten erforderlich. Am Nachmittag ging ich mit Turnerstick auf Ziegenjagd in die Berge. Dabei konnten wir einen Chinesen retten, dessen Dschunke vom Taifun zerstört worden war. Die ganze Besatzung war umgekommen, nur ihn allein hatten die hohen Wellen über eine Felsklippe an einen Binnensee unter einer steilen Felswand gespült. Ohne uns wäre er nie gefunden worden. Er hieß Kong-ni und stammte aus Kanton.

Samstag, 20. Januar 1866:

Der Taifun hatte das ganze Gebäude des Schiffes arg zusammengerüttelt. Um nur die Hauptschäden wiederherzustellen, bedurften wir eines Aufenthaltes in Port Lloyd von zwei Wochen. Dann endlich gingen wir in See nach Kanton, wo die Hauptausbesserungen bewerkstelligt werden sollten.

Dienstag, 30. Januar 1866:

Die Granitfelsen der Insel, auf denen Hongkong erbaut ist, stiegen vor uns empor. Die uns begegnenden Fahrzeuge waren längst immer zahlreicher geworden, und als wir die Landspitze erreichten, hinter der Viktoria liegt, sahen wir im wahrsten Sinn des Wortes Tausende von Dschunken um uns her, teils mit Fischerei und teils mit Küstenhandel beschäftigt. Wir gingen in voller Takelung vor Anker. Kong-ni entpuppte sich als Mandarin und er wollte mir den Weg ebnen, dass ich als ‚angenommener Chinese‘ jederzeit durch das Land reisen konnte, ohne in Lebensgefahr zu geraten. Als er uns für sechs Tage verließ, hängte er mir eine Kette um, die mich vor den Flusspiraten schützen sollte.

Mittwoch, 31. Januar 1866:

Am frühen Morgen holte mich Turnerstick aus der Koje. Er hatte ein Lohnboot gemietet, das uns zuerst nach Hongkong bringen sollte, der Niederlassung der Engländer. Wir spazierten miteinander durch die Straßen der chinesischen Stadt. Nachdem wir etwas Geld gewechselt hatten, wollte Turnerstick weiter, und zwar mit dem gemieteten Boot bis hinauf nach Kanton. Eine Viertelstunde später trieben wir in unserem Bambuskahn mit der Flut stromauf. Unterwegs wollten wir eine von vier Pagoden besuchen. Der Pagodenwärter zeigte uns das Heiligtum, dann spielte ich auf zwei chinesischen Instrumenten unsere westliche Musik, die die Zuhörer zu begeistern schien. Als wir weiterwollten, warnte uns der Pagodenwärter vor den ‚Drachen‘, den Flusspiraten. Wir wurden tatsächlich überfallen und zu einem Gebäude geschleppt, konnten aber nicht nur uns selbst, sondern auch eine holländische Köchin befreien, die mit ihrer portugiesischen Herrin verwechselt worden war. Bei unserem Fluchtversuch verfolgte man uns. Es kam am Ufer zu einem mächtigen Handgemenge und wir konnten uns nur erwehren, indem wir zu den Revolvern griffen und schossen. Die Drachenmänner waren verschwunden und mit ihnen auch unser Boot.

Donnerstag, 1. Februar 1866:

Am Morgen kam eine holländische Pinasse heran, die stromabwärts segelte. Das traf sich glücklich. Ihr gaben wir unsere ‚Meisje‘ mit, während wir beide ja weiter stromaufwärts wollten. Und wirklich kam bereits nach kurzer Zeit eine kleine englische Privatjacht den Fluss heraufgedampft. Der Kapitän versprach, mit uns die Drachenmänner hochzunehmen, und wir durchsuchten die ganze Tempelanlage, fanden aber keinen einzigen mehr; sie waren alle ausgeflogen. Wir bestiegen die Jacht und dampften stromaufwärts. Sie legte in der Nähe der englischen Faktorei an. Wir ließen uns ans Land rudern. In der Menschenmenge, die uns umgab, geriet meine Kleidung in Unordnung, und das Lung-yin-Zeichen kam zwischen zwei Knopflöchern zum Vorschein. Ein Mann sah es. Er gehörte zu den Flussdrachen und sollte alle Genossen, die er traf, um Mitternacht in die ‚Herberge zu den zehntausend Herrschern‘ bestellen. Turnerstick, der trotz meiner Warnung in die verbotene Innenstadt wollte, ließ sich nicht halten. Wir kamen an eine Opiumkneipe, wo wir in eine Schlägerei gerieten, bis die Polizei kam und uns mit in den Gemeindepalast nahm. Ich musste dem Richter von unserem gestrigen Abenteuer mit den Flussdrachen erzählen, und als er unsere Namen hörte, sagte er, dass ihm sein Neffe Kong-ni von uns erzählt habe. Er versprach mir, heute Nacht die ‚Herberge zu den zehntausend Herrschern‘ aufzusuchen und die Drachenmänner zu verhaften. Wir beide aber sollten morgen früh zu Kong-ni nach Li-ting gehen, wo sich meiner Kenntnis nach auch das Oberhaupt der Flussdrachen aufhielt.

Freitag, 2. Februar 1866:

Wir frühstückten mit dem Richter. Er überreichte mir ein Empfehlungsschreiben, das ich seinem Bruder Phy-ming-tsu übergeben sollte. Bis nach Li-ting war es im Palankin (Tragsessel) eine Tagesreise. Das Gefolge bestand aus mehr als dreißig Menschen. Eben als die Sonne unterging, sahen wir Li-ting vor uns liegen. Es war eine kleine Stadt, deren Häuser aber sehr weit auseinanderlagen. Vor dem Ort sah ich ein stattliches Bauwerk, dem man es anmerkte, dass es der Sommersitz eines chinesischen Großen war. Unser Zug trabte weiter, einem burgähnlichen Gebäude zu, vor dessen Tor er anhielt. Wir wurden von Kongni und seinem Vater empfangen. Ich zog das Schreiben seines Bruders hervor und übergab es ihm. Dann wurden uns unsere Räumlichkeiten angewiesen. Anschließend sollten wir mit dem Hausherrn zu Abend essen. Später konnte ich im Garten ein Gespräch zwischen Kong-nis Vater und einem anderen Chinesen belauschen. Im Laufe des Gespräches stellte ich fest, dass der andere der ‚Kiang-lu‘ war, der Anführer der Flussdrachen.

Samstag, 3. Februar 1866:

Am Morgen sagte man uns, dass wir heute zu einem einflussreichen Freund kommen sollten. Ich konnte mich noch ein wenig umsehen und wollte erkunden, wovon ich gestern Abend gehört hatte, denn an der Drachenschlucht, die erwähnt worden war, hing vielleicht mein Schicksal; ich musste sie finden. Als ich sie ausfindig gemacht hatte, stellte ich fest, dass dort eine Frau in einer Senke gefangen gehalten wurde, der ich mein Taschenmesser hinunterwarf. Als ich zum Haus zurückkehrte, wartete man bereits auf mich. Wir bestiegen die Tragsessel und gelangten durch die Stadt nach dem Landhaus, das wir bei unserer Ankunft bemerkt hatten. Man zeigte uns den Garten und Pferde, von denen ich ein wildes, kaschgaraner2 Rassepferd zuritt. Ein Gespräch mit der Tochter des Hauses führte zu einem Eklat. Man nahm mich und Turnerstick gefangen und brachte uns in die Drachenschlucht, wo wir von einem Erker aus in das Loch hinabgelassen wurden. Dort sollten wir elendig verschmachten. Ein Glück, dass ich am Morgen der Gefangenen – es war die Frau des Kianglu, der sie loswerden wollte, weil sie Christin geworden war – mein Messer zugeworfen hatte. Dadurch konnten wir uns schnell von unseren Fesseln befreien und sahen unsere Rettung darin, dass wir versuchten, die Kaminwand hochzuklettern. Geräuschlos erreichten wir den Rand des Kamins. Der Kiang-lu stand mit dem Rücken gegen uns, ganz allein oben auf der Plattform; er fuhr herum und erblickte uns. Er stand am Rand der Plattform. Dorthin durfte er den Kampf nicht tragen lassen, deshalb sprang er mir mit einem Satz entgegen. Er rannte mit der Brust gegen meine vorgestreckten Fäuste und taumelte zurück. In diesem Augenblick holte Turnerstick aus und versetzte ihm mit seiner eisernen Faust einen Schlag vor den Kopf und der Kiang-lu stürzte rückwärts über die Felskante hinunter in den Abgrund. Ein dumpfer Ton drang herauf: der Körper des gefürchteten Strompiraten war unten aufgeschlagen und zerschellt. Wir holten die Frau herauf und brachten sie zu dem Landhaus. Dort hatte sich ihre Tochter Kuing mit dem Sohn des Bürgermeisters heimlich getroffen. Ihm sagten wir, dass Kuing und ihrer Mutter vielleicht Gefahr drohe, aber er meinte, sein Vater sei mächtig genug, sie zu beschützen. In den Räumen des Kiang-lu fanden wir unsere Waffen und alles, was man uns abgenommen hatte. Dann mussten wir fliehen. Wir eilten nach der Hofseite des Gebäudes und sprangen hinunter. Ich öffnete den Stall und zog zwei Pferde heraus und wir entkamen in die Nacht.

Montag, 5. Februar 1866:

Bereits am Nachmittag ritten wir in Kanton ein und am anderen Abend, also heute, befanden wir uns mit unseren zwei Pferden an Bord des ‚The Wind‘.

Donnerstag, 15. Februar 1866:

Wir besuchten nach unserer Rückkehr aus Kanton darauf in Makao das ‚tapfere Meisje‘, deren Herrschaft uns davon überzeugte, von einer Anzeige gegen die chinesischen Flusspiraten abzusehen. Der Konsul, an den wir uns dann wendeten, war derselben Ansicht. Wir verzichteten also darauf, über Kong-ni etwas Näheres zu erfahren, und lichteten die Anker, sobald ‚The Wind‘ ausgebessert worden war und neue Ladung genommen hatte.

Mittwoch, 21. Februar 1866:

Turnerstick segelte als sein eigener Reeder nordwärts in die den Ausländern offenen Hafenplätze an, bis wir in der Bai von I-mo-tung Anker warfen. Von hier aus wollte Turnerstick hinüber nach den Riu-kiu-Inseln und Japan, wozu ich keine Lust hatte, denn ich gedachte ein wenig landeinwärts zu gehen. Bis über den Chingan hinauf nach der Gobi war es nicht sehr weit, und da ich im Besitz von Papieren war, mit deren Hilfe ich für einen Chinesen gelten konnte, so entschied ich mich am Ende doch, mich von dem alten, wackeren Freund zu trennen, um wenigstens für einige Tage Wüstenluft zu atmen. Ich brachte also meine wenigen Habseligkeiten in Tien-tsin unter. Dann begab ich mich nach einer Herberge, wo ich zwei Männer traf. Einer von ihnen, er hieß Schangü, erbot sich, mein Führer ins Landesinnere zu sein. Ich versorgte mich noch mit Verschiedenem, was mir fehlte, suchte mir dann eins der Pferde aus und war nun zum Aufbruch bereit.

Sonntag, 25. Februar 1866:

Ich hatte bereits in meinen Knabenjahren von dem ‚Wunderwerk‘ der chinesischen Mauer Schilderungen gelesen. Leider aber sah ich mich enttäuscht, als wir sie nach einigen Tagen erreichten, denn was ich von ihr erblickte, war nur ein wüster Schutthaufen, von dem aus einzelne Seitenstreifen noch hier und dort in der Ferne verliefen. Ich lernte sie gerade an einer Stelle kennen, wo sie aufgehört hat, als Mauer zu dienen. Gegen Abend machten wir bei einer Herde Halt, die aus Pferden, Ochsen, Eseln und Schafen bestand und von Hirten getrieben wurde, die unter dem Befehl eines Lamas standen. Wir erzählten, dass wir nach Bogdy-ola wollten, wo ein ‚Heiliger‘ in einer Höhle wohnte. Der Lama, der ein Schabi, also Schüler eines buddhistischen Klosters war, wollte dem ‚Heiligen‘ den Erlös aus dem Verkauf der Herde bringen, damit dieser dort ein Kloster bauen konnte.

Montag, 26. Februar 1866:

Wir kamen dadurch ins Erzählen über unsere Religionen und die Sterne stiegen höher und höher; das Feuer verlöschte, es wurde kalt, endlich graute der Morgen und wir verabschiedeten uns von dem Schabi. Je mehr wir uns dem Wohnort des großen Heiligen näherten, desto reger wurde der Verkehr. Reiter auf Pferden, zuweilen auch bereits auf baktrischen3 Kamelen, begegneten uns oder eilten von rechts und links derselben Richtung entgegen. Der Schabi hatte uns erzählt, dass acht Russen bereits seit langer Zeit Schüler des großen Heiligen seien, und ich muss sagen, dass ich begierig auf die Bekanntschaft dieser Russen war. Es war mir nicht möglich, zu glauben, dass acht Christen eines solchen geistigen Rückschritts fähig sein könnten. Endlich erreichten wir Bogdy-ola. Es war nichts als ein großes und sehr weitläufiges Zeltlager. Schon von Weitem konnte ich die ‚Padma‘ des Heiligen erkennen. Der Berg stieg nach der Ebene zu fast senkrecht empor und trug hoch oben in der Nähe des Gipfels eine Höhle. Von der Höhle hingen zwei Seile herab, die den einzigen Weg bildeten, zum Heiligen zu gelangen. Übrigens war das Leben und Treiben des Ortes kein rein religiöses. Es hatten sich chinesische Krämer und Geldwechsler eingefunden.

Nachdem wir uns von dem Ritt ein wenig ausgeruht hatten, traten wir in ein Teezelt, das so überfüllt von Menschen war, wie man es auf deutschen Jahrmärkten zu sehen bekommt. Hinter uns saßen zwei Russen, die Polnisch sprachen. Wie ich hörte, mussten sie entsprungene Häftlinge sein, die sich als angebliche Schüler des Heiligen ausgaben, ihn jedoch berauben wollten. Da fiel auch der Name Mieloslaw, der mir so bekannt vorkam. Als wir außerhalb des Zeltes waren, sah ich ihn, es war der Schriftsetzer und Assessor Max Lannerfeld, der Falschspieler aus dem Ruhrgebiet, der Passfälscher aus Dresden und Juwelenräuber aus Moskau, der nach Sibirien verbannt worden war.4 Auch er erkannte mich und tauchte in der Menge der umherstehenden Menschen unter. Wir konnten ihn nicht mehr finden.

Es war längst Abend geworden. Da erscholl ein schriller Schrei, wie hoch aus der Luft, den man im ganzen Lager hören konnte. Vom heiligen Berg her ertönte ein entsetzlicher Lärm. Jetzt ging auch ich hinaus nach dem Berg. Ich konnte nicht bis an die Seile kommen, aber ich hörte, dass der Heilige einen Menschen aus der Höhle gestürzt habe, der ihn berauben wollte. Ein anderer wusste bereits, dass der Herabgestürzte einer der Russen sei. Der Sturz aus solcher Höhe hatte seinen Leib vollständig zerschmettert. Kaum eine Minute später kam eine neue Kunde. Es waren sieben Pferde gestohlen, und es fehlten die sieben anderen Russen. Im Nu zerteilte sich die Menge. Alles eilte daher nach den Gäulen, und ich nahm mir die Zeit, den Toten zu betrachten. Ich erkannte ihn beim Schein der kleinen Argolflamme, die angezündet wurde. Es war der Assessor.

Dienstag, 27. Februar 1866:

Am anderen Tag kehrten nach und nach die Reiter zurück. Hier und da brachte einer eins der geraubten Pferde; von den Räubern aber sprach keiner ein Wort; ich wenigstens konnte nicht erfahren, was mit ihnen geschehen war.

Sonntag, 1. April 1866:

Ich wartete noch einige Tage und setzte dann meine Reise zur Gobi, die von den Chinesen Schamo (Sandmeer) genannt wird, fort. Die Gobi ist das östliche Becken des Hanhai in der südlichen Mongolei, eine meist gewellte Wüstensteppe zwischen dem Altai-, Tien-schan- und dem Chinganggebirge. Bergzüge bis zu 2.100 Meter durchkreuzen die Wüstensteppe, hier im Osten sind sie teilweise bis zu 1.200 Meter hoch und die kesselartigen Vertiefungen zwischen den Gebirgszügen sinken bis zu 600 Meter Meereshöhe. Die meiste Fauna bildet die auch bei uns bekannte Erika und die drahtartige Dirissu der Mongolen, während Hasen, Füchse und Wölfe, kleine Nagetiere, wilde Bullen und Antilopen anzutreffen sind. Die Bevölkerung des Südens und des Ostens sind sesshafte Chinesen, die von Jahr zu Jahr die Steppe immer mehr einengen. Die Gobi wird im Osten von der Karawanenstraße Kichata-Kalgan durchschnitten. Die ersten Nachrichten über dieses Gebiet brachte der Jesuit Gerbillon, der zwischen 1688 und 1698 acht Missionsreisen in der Gobi unternahm. Nun hatte ich drei Wüsten auf drei verschiedenen Erdteilen kennengelernt: die Sahara in Afrika, den Llano Estacado in Amerika und die Gobi in Asien. Drei Wochen später befand ich mich wieder in Tien-tsin und gelangte von da nach Taku am Golf von Tschili. Ich musste einige Tage warten, bis ein Schiff in südlichere Gefilde abging, und war vor einigen Tagen in Kalkutta gelandet.

Dienstag, 3. April 1866:

Da ich kein Schiff fand, das in absehbarer Zeit nach Europa ging, fahre ich seit heute Morgen mit einem Dampfer nach New York.

8. DRITTE NORDAMERIKA-REISE (1866-1867)

Mittwoch, 9. Mai 1866:1

Ich war von Valparaiso über die Südseeinseln und China nach Ostindien gekommen, als der bedauerliche Tiefstand meiner Reisekasse mich zwang, den heimatlichen Gestaden zuzustreben. Da indes in absehbarer Zeit kein Schiff nach Deutschland in See ging, entschloss ich mich rasch und fuhr von Kalkutta aus mit dem nächsten Dampfer nach New York. Dort würde ich schon Mittel und Wege finden, die es mir ermöglichten, heimzukommen. Um das Kap der Guten Hoffnung gelangte ich nach fünf Wochen an mein vorläufiges Ziel und stieg in New York an Land.

Sonntag, 13. Mai 1866:

Ich setzte mich hin und brachte meine Erlebnisse meiner letzten Reise zu Papier. Sie fanden sofort Aufnahme in der Sonntagsbeilage der ‚New Yorker Staatszeitung‘, die schon damals das größte deutsche Blatt in den Staaten war, und ich durfte hoffen, auf diese Weise die zur Heimfahrt nötigen Mittel in kürzester Zeit zusammenzubringen.

Montag, 14. Mai 1866:

Da machte ich auf der Redaktion des Blattes die Bekanntschaft des sehr ehrenwerten Mr. Josy Tailor, des Leiters eines berühmten Privatdetektiv-Unternehmens. Als er hörte, wer ich war, bot er mir an, in seine Dienste zu treten. Ich sagte auf der Stelle zu.

Dienstag 29. Mai 1866:

Heute Morgen ließ mich Tailor in sein Arbeitszimmer kommen, wo ein älterer, sorgenvoll dreinschauender Herr saß. Es war der Bankier Ohlert. Dessen Sohn William hatte sich in den Kopf gesetzt, Dichter zu werden, und zeigte dabei Anzeichen von Wahnsinn. Vor Kurzem hatte der Vater einen Arzt kennengelernt, der eine Privatanstalt für Geisteskranke gründen wollte. Doch plötzlich war der Arzt zusammen mit dem jungen Ohlert verschwunden. Jetzt erst stellte sich heraus, dass dieser ein Schwindler war und sich Gibson nannte. Diesen Gibson hatte ich schon einmal im Auge gehabt und anhand einer Fotografie erkannte ihn der Bankier als den angeblichen Irrenarzt. Ich erhielt den Auftrag mit den nötigen Vollmachten und Anweisungen, Ohlert junior wieder nach Hause zu bringen. Bekannt war, dass schon jemand Geld in Cincinnatti abgehoben hatte.

Dienstag, 5. Juni 1866:

In Cincinnati fragte ich bei der betreffenden Bank nach und erfuhr, dass William Ohlert persönlich mit einem Begleiter dort erschienen war.

Mittwoch, 6. Juni 1866:

Von da an ging es nach Louisville, wo ich in Erfahrung brachte, dass die beiden Fahrkarten nach St. Louis genommen hatten.

Samstag, 9. Juni 1866:

Ich reiste ihnen nach und fand aber erst nach längerem Suchen ihre Spur. Hierbei war mir mein alter Mr. Henry behilflich, den ich selbstverständlich sofort aufsuchte. Er erklärte sich gern bereit, meine beiden Gewehre, die mir bei der Verfolgung hinderlich waren, bis zu meiner Rückkehr von New Orleans aufzubewahren. Ohlert und Gibson waren nämlich auf einem Mississippidampfer nach New Orleans gefahren, und ich musste ihnen dorthin folgen.

Montag, 18. Juni 1866:

Nun war ich in New Orleans und hatte alle Geschäftshäuser, die mir Ohlert senior genannt hatte, aufgesucht und sie gewarnt. Bei zwei Banken hatten sie Geld abgehoben. In einer deutschen Bierstube kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der sich als Old Death vorstellte. Ich hatte schon von ihm gehört und seine Gestalt und sein ganzes Aussehen gaben seinem Namen Recht. Ich sagte ihm natürlich nicht, dass ich Old Shatterhand war, weshalb er mich wie ein Greenhorn behandelte. Als er die Gaststube verlassen hatte, wurde die Tür geöffnet, und herein trat Gibson. Er musste mich gesehen haben, denn er verschwand sofort wieder. Bis ich hinter ihm herkonnte, verging zwar nur eine kurze Zeit, doch sah ich ihn bereits hinter einer dichten Menschenmenge verschwinden. Er spielte tatsächlich Katz und Maus mit mir und ich stand da wie ein begossener Pudel.

Dienstag, 19. Juni 1866:

Im Laufe des Tages kam ich wieder zu der deutschen Bierstube. Ich griff nach der in New Orleans erscheinenden ‚Deutsche Zeitung‘, und das erste, was mir auffiel, war ein Gedicht, das unterzeichnet war mit ‚W. O.‘; das musste William Ohlert sein. In der Geschäftsstelle dieser Zeitung erfuhr ich, wo Ohlert wohnte. Seine Pensionswirtin erzählte mir, dass Ohlert und sein Sekretär, womit sicher Gibson gemeint war, gestern noch mit dem Schiff über Galveston nach Quintana gefahren seien. Im Hafen fand ich ein Schiff, das am Mittag ebenfalls nach Galveston fuhr.

Samstag, 23. Juni 1866:

In Galveston war kein Schiff nach Quintana zu finden, sondern nur eines, das über dieses Ziel hinaus, nach Matagorda, am Ausfluss des östlichen Colorado, fuhr. Doch wurde mir versichert, von dort aus schnell nach Quintana zurückzukommen. Das veranlasste mich, dieses Schiff zu benutzen.

Montag, 25. Juni 1866:

In Matagorda hörte ich, dass erst nach zwei Tagen ein Schoner nach Quintana fahren würde. Ich fand Unterkunft in einem Gasthaus. Dann schlenderte ich langsam die Gasse hinab und rannte an einer Ecke mit einem Mann zusammen: Old Death. Wir gingen zusammen an diesem Junitag in eine kleine Kneipe, wo es Flaschenbier gab. Wir waren die einzigen Gäste. Von Old Death erfuhr ich so nebenbei, dass Gibson und Ohlert ebenfalls nach Matagorda gefahren und jetzt mit einem Dampfboot auf dem Weg nach Austin seien. Er war bereit, sie mit mir zu verfolgen. Da kamen einige Rowdies mit sogenannten Bluthunden in das Lokal und führten sich entsprechend auf. Sie suchten Streit, und als sie einen dieser Bluthunde auf mich hetzten, packte ich diesen bei den Hinterläufen und schleuderte ihn gegen die Mauer, dass der Schädel zerbrach. Old Death hielt die Rowdies mit seinen Revolvern in Schach. Da trat ein neuer Gast ein, ein Indianer, Winnetou! Er beachtete mich nicht, obwohl er mich gesehen hatte. Er musste einen Grund dazu haben. Als einer der Rowdies auch mit ihm Streit anfangen wollte, packte er ihn und warf ihn zum Fenster hinaus. Dann bezahlte er mit einem Nugget und verließ den Raum. Auch wir verließen das Lokal und Old Death ging mit mir einkaufen, denn wir mussten wahrscheinlich ins Texanische hinein, weshalb ich die entsprechende Kleidung und auch Waffen brauchte, denn meine beiden Gewehre befanden sich ja in St. Louis. Danach, Old Death durfte das nur nicht bemerken, suchte ich Winnetou auf. Er befand sich genau dort, wo ich ihn vermutet hatte. Wir hatten uns viel zu erzählen und dann sagte er mir, dass er in geheimer Mission für Benito Juarez unterwegs sei, der von den Franzosen aus Mexiko vertrieben worden war und jetzt sein Land wieder zurückerobern wollte. Er werde auf demselben Schiff wie wir fahren, wir sollten aber nicht miteinander sprechen. Ich nahm Abschied von ihm, hoffentlich nur für kurze Zeit.

Dienstag, 26. Juni 1866:

Am anderen Morgen ritten wir hinaus zur Raft, wo das Dampfboot wartete. Auch die Rowdies waren da. Winnetou kam mit seinem Prachthengst Iltschi an Bord. In Columbus kamen fünfzehn bis zwanzig Betrunkene dazu, die von den Rowdies mit stürmischer Freude bewillkommnet wurden. Es schienen alte Sezessionisten zu sein, die sich mit den Rowdies zusammenrotteten, uns Spione nannten und uns einem Lynchgericht unterwerfen wollten. Der Kapitän griff zu einem Trick, um die Bande loszuwerden. Sie fielen darauf herein und sprangen tatsächlich über Bord ins Wasser. Dann dampften wir weiter.

Als unser Dampfer in La Grange anlangte, war es Abend geworden, und er würde erst am nächsten Morgen wieder weiterfahren. Wir stiegen aus und sahen, dass Winnetou fortritt. Zur Übernachtung wurde uns ein Mr. Lange empfohlen, den wir um diese Zeit gewöhnlich im Wirtshaus antreffen würden. Dort trafen wir ihn auch zusammen mit seinem Sohn Georg, und es stellte sich heraus, dass dieser einst bei der Schlacht am Pea Ridge oben in Arkansas von Old Death aus der Gefangenschaft der Südstaatler befreit worden war. Von Lange erfuhren wir auch, dass er Ohlert und Gibson bei Señor Cortesio getroffen habe und dass beide abgereist seien, um zum Rio Grande zu gehen. Lange hatte nämlich sein Haus an Señor Cortesio verkauft und wollte mit seinem Sohn zu seiner Tochter nach Mexiko ziehen. An diesem Abend war im selben Gasthaus ein Treffen des Ku-Klux-Klan, einer illegalen terroristischen Vereinigung von Südstaatlern, deren Aufgabe es war, mit allen Mitteln, auch den unerlaubtesten und verbrecherischsten, gegen die nach Beendigung des Bürgerkriegs eingetretene Ordnung anzukämpfen. Zu ihnen gesellten sich noch im Laufe dieses Abends jene Strolche, die unser Kapitän hatte ans Land schwimmen lassen und die auf gestohlenen Pferden hier ankamen. Bevor uns diese im Nebenzimmer entdeckten, verschwanden wir durch das Fenster und suchten Señor Cortesio auf, um von diesem Pferde zu kaufen. Da dieser uns für Anhänger von Benito Juarez hielt, erhielten wir von ihm nicht nur ein Empfehlungsschreiben, sondern auch je zwei Pässe, der eine in französischer, der andere in spanischer Sprache. Außerdem beschrieb er uns den genauen Reiseweg, den Gibson und Ohlert zu nehmen beabsichtigten.

Von Lange erfuhren wir, dass er einige Freunde erwartete, weil die Kukluxer heute Nacht La Grange unsicher machen wollten. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion konnten die verschiedenen Anschläge des Ku-Klux-Klan verhindert und die gesamte Bande gefangen werden. In der eiligst einberufenen nächtlichen Gerichtsverhandlung wurde beschlossen, den Kukluxern Haar und die Bärte abzuscheren und die Verurteilten zum Steamer zu schaffen, der nach Matagorda weiterfährt. Danach wurde in der Gastwirtschaft von La Grange gefeiert bis zum nächsten Morgen. Beim Tanzen stürzte Old Death so schwer, dass er sich eine Quetschung an der Hüfte zuzog.

Mittwoch, 27. Juni 1866:

Wir beschlossen, heute einen Ruhetag einzulegen, und beim Mittagessen sagte uns Mr. Lange, dass er und sein Sohn mit uns reisen wollten, da sein Weg vorläufig der gleiche sei. Señor Cortesio bat uns, seinen schwarzen Diener Hektor mitzunehmen, der eine wichtige Nachricht nach Chihuahua bringen und eine schriftliche Antwort wieder mit zurücknehmen sollte.

Freitag, 6. Juli 1866:

Neun Tage später befanden wir uns im südlichen Texas. Old Death hatte volle drei Tage gebraucht, sich von der Verletzung zu erholen. Nun hatten wir in sechs Tagen fast zweihundert englische Meilen zurückgelegt. Wir ritten nach Südwest und trafen dabei auf einen Dragonersergeanten mit fünf Leuten. Er sagte uns, dass die Komantschen und Apatschen das Kriegsbeil ausgegraben hätten, weil Erstere ein Lager der Letzteren überfielen. Bei einem Treffen zwischen beiden Indianerstämmen auf Fort Inge wären zwei der drei erschienenen Apatschen-Häuptlingen von fünf Komantschen-Häuptlingen und zwanzig Kriegern in einem aufkommenden Streit niedergestochen worden. Der dritte Apatschen-Häuptling konnte verwundet auf seinem Pferd fliehen. Kurz nachdem die Komantschen das Fort verlassen hätten, sei Winnetou aufgetaucht. Als man ihn festnehmen wollte, habe er einige Soldaten über den Haufen geritten und sei verschwunden. Dann trennten wir uns von den Kavalleristen. Am Rio Leona entdeckten wir Pferdespuren. An verschiedenen Zeichen sahen wir, dass es Winnetou und der verwundete Apatsche gewesen sein mussten. Da es langsam dunkel wurde, lagerten wir. Hier erwischte Old Death einen Komantschen, den er kannte. Dieser erzählte uns, dass sämtliche Krieger der Komantschen ihre Zelte verlassen haben, um sich die Skalpe der Apatschen zu holen. Sein Stamm mit hundert Kriegern lagerte etwa eine Stunde entfernt am Ufer dieses Flusses, angeführt vom ‚Großen Bären‘, dem Sohn des ‚Weißen Biber‘, einem Freund von Old Death. Obwohl es stockdunkel war, ritten wir mit dem Indianer zu dessen Lager.

Samstag, 7. Juli 1866:

Wir verließen am nächsten Morgen die Komantschen wieder. Am Nachmittag erreichten wir die Estanzia del Caballero, die einer Festung glich. Hier wohnte ein Freund von Old Death, ein echter Mexikaner von unverfälschter spanischer Abkunft, namens Don Atanasio. Von ihm erfuhren wir, dass Ohlert und Gibson zusammen mit den Juarez-Anhängern hier gewesen und höchstens erst drei Stunden fort waren. Gibson hatte auch den verwundeten Apatschen-Häuptling gesehen, den Winnetou hierher gebracht hatte, bevor er weitergeritten war, um die Apatschen vor einem Angriff der Komantschen zu warnen. Als ich ein Bad im Elm Creek nahm, sah ich auf der anderen Seite des kleinen Flusses eine lange Schlange von Reitern kommen, einer hinter dem anderen: Indianer. Als wir auf die obere Plattform der Estanzia gelangten, schwang sich bereits der erste Indianer über den Rand. Ihm folgte ein zweiter, dritter, vierter. Es waren Komantschen. Sie hatten mit Hilfe von jungen Baumstämmchen die Außenmauer und dann auch die drei Plattformen erstiegen. Der Caballero trat ihnen einige Schritte entgegen und fragte, was die roten Männer bei ihm wollten. Der Anführer der Komantschen sagte ihm, dass in diesem Haus ein Häuptling der Apatschen versteckt sei. Sie hatten das von Gibson erfahren. Ich schaffte den Apatschen unbemerkt durch eine versteckte Tür aus dem Haus hinunter an den Fluss. Dafür belegten die Frau und die Tochter des Caballero dessen Zimmer. Über eine Stunde dauerte es, bis die Indianer ihre Hausdurchsuchung beendet hatten. Endlich waren sie überzeugt, dass sich der Gesuchte nicht auf der Estanzia befand. Da es langsam dunkel wurde, wollten die Komantschen die Nacht hier verbringen und am nächsten Morgen wieder zurückreiten. Wir wollten sie begleiten, weil wir hofften, Ohlert und Gibson noch bei der Hauptschar anzutreffen. Der alte Apatschen-Häuptling musste noch eine Nacht außerhalb der Estanzia verbringen.

Sonntag, 8. Juli 1866:

Wir verließen mit den Komantschen die Estanzia. Der Rio Grande, den wir überqueren mussten, war hier sehr breit, er hatte aber wenig Wasser. Kurz nach Mittag änderte die Fährte plötzlich ihre Richtung. Hier war die Fährte zweier Reiter auf die Roten gestoßen. Wir ritten auch in dieser Richtung weiter bis zum Abend.

Montag, 9. Juli 1866:

Um die Mittagszeit wendete sich die Fährte mehr nach Westen, und wir sahen in dieser Richtung nackte Berge vor uns aufsteigen: die Bolson de Mapimi. Wir erreichten die Berge und gelangten, als es dunkel wurde, in eine lange, schmale Schlucht, und als sie sich öffnete, sahen wir wohl gegen zehn Feuer brennen. Es schien ein runder Talkessel zu sein, den wir vor uns hatten. Die Höhen stiegen rundum steil an, ein Umstand, den die Komantschen offenbar als günstig für ihre Sicherheit betrachteten. Der ‚Weiße Biber‘ stand auf und begrüßte Old Death. Dann rauchten wir mit ihm die Friedenspfeife. Gibson und Ohlert befanden sich mit den von Señor Cortesio ausgestatteten Soldaten noch bei den Komantschen. Die zwei Reiter, die gestern den Komantschen-Stamm zur Richtungsänderung bewogen hatten, schienen keine Topias zu sein, wie sie vorgaben, sondern Apatschen, die die Komantschen in eine Falle geführt hatten. Als Old Death den ‚Weißen Biber‘ davon überzeugte, dass der Talkessel ein Hinterhalt sein könnte, kamen auch bei diesem Zweifel auf. Da erklang von der Höhe des Felsens das ängstliche Kreischen eines kleinen Vogels und gleich darauf der gierige Schrei einer Eule. Als ob er damit spielen wollte, ergriff Gibson einen Ast und stieß damit ins Feuer, dass es einmal kurz und scharf aufflackerte. Er wollte es eben zum zweiten Mal tun, da aber tat Old Death einen Sprung auf ihn und riss ihm den Ast aus der Hand. Es dauerte nicht lange, da erzitterte die Luft von dem vielstimmigen Kriegsgeheul der Apatschen. Jetzt drangen die Apatschen auf die Komantschen ein. Als Winnetou erkannte, dass eine viel zu große Übermacht gegen ihn stand, zog er seine Apatschen zurück. Ich wunderte mich darüber, dass er ganz gegen seine Gewohnheit nicht vorher Umschau gehalten hatte, um die Feinde zu zählen. Der Grund dafür wurde mir aber bald bekannt. Die Juarez-Anhänger waren mit Ohlert und Gibson verschwunden. Einer von ihnen, der verwundet zurückgeblieben war, gestand uns, dass Gibson so oft ins Feuer schlagen sollte, wie es hundert Komantschen waren. Dass Old Death Gibson daran gehindert hatte, noch viermal in sein Feuer zu stöbern, hatte die Apatschen veranlasst, uns jetzt schon zu überfallen, obwohl Winnetou nur hundert Apatschen bei sich hatte. Da ertönte jenseits des Tales eine laute Stimme. Dort stand Winnetou mit angeschlagenem Gewehr. Die beiden Läufe blitzten nacheinander auf. Der ‚Weiße Biber‘ stürzte getroffen nieder und neben ihm einer seiner Unterhäuptlinge. Als die Komantschen aus dem Talkessel wollten, wurden sie von den Apatschen blutig zurückgeschlagen. Old Death gab ihnen den Rat, mit den Apatschen Frieden zu schließen, was aber rundweg abgelehnt wurde. Da wir Weiße vollkommen allein saßen, war es Winnetou möglich, sich an uns heranzuschleichen und mit uns zu sprechen. Er riet uns, auf die Pferde zu steigen und zum Ausgang zu reiten, dort würden uns die Apatschen in Sicherheit bringen, was wir dann auch taten. Mehrere Apatschen nahmen unsere Tiere in Empfang, als wir abgestiegen waren. Winnetou geleitete uns in die Enge, die aus dem Tal führte. Als mich Winnetou fragend ansah, stand ich vom Feuer auf und streckte ihm beide Hände entgegen. Wir umarmten uns. Dann sagte Winnetou zu Old Death: „Es ist mein weißer Bruder Old Shatterhand.“ Wir überließen ihn seinem Erstaunen, denn Winnetou hatte mir zu erzählen. Als ich mich nach Gibson und Ohlert erkundigte, sagte er mir, dass beide mit den anderen Weißen schon lange nach Chihuahua zu den Truppen von Juarez unterwegs seien. Da kam die Meldung, dass die Komantschen ihre Feuer gelöscht hätten und vom Lagerplatz fort seien. Wir nahmen eine Position oberhalb des Talkessels ein, während Winnetou zu seinen Kriegern eilte. Kurz darauf krachten Schüsse. Der Kampf war ausgebrochen, doch er währte nicht lange. Wir hörten, dass sich die Eingeschlossenen in wilder Flucht zurückzogen.

Dienstag, 10. Juli 1866:

Aus dem morgendlichen Nebelmeer tauchte ein Reiter auf und viele, viele andere folgten. Alle diese Krieger gehörten einem der Apatschen-Stämme an, mit denen ich noch nicht in Berührung gekommen war. Sie verteilten sich oberhalb des Talkessels, wo sie mit ihren Gewehren alle dort befindlichen Feinde erreichen konnten. Die Komantschen schienen unrettbar verloren, doch Winnetou schlug ihnen vor, dass sie für jeden getöteten Apatschen fünf, für jeden Gemarterten aber zehn Pferde geben sollten. Ferner sollten sie so viele junge Mädchen ausliefern, wie sie Frauen und Töchter der Apatschen entführt hätten. Dazu verlange man auch die Kinder zurück, die sie mitgenommen hatten. Die Komantschen gingen jedoch nicht darauf ein. Winnetou begab sich oben an den Rand des Talkessels, um zu den Komantschen zu sprechen. Als aber der neue Häuptling des Gegners auf ihn schoss, erhoben sich rundum vierhundert Apatschen und feuerten in die Menge. „Es wird sich ein großes Klagen erheben in den Zelten der Komantschen, denn keiner ihrer Krieger kehrt zurück.“ Alle waren getötet worden. Ich war froh, diesen entsetzlichen Ort verlassen zu können, und eine halbe Stunde später nahmen wir die Verfolgung Gibsons auf. Winnetou nahm noch zehn gutberittene Apatschen mit. Es war gegen Abend, als wir bei der Laguna de Santa Maria anlangten.

Mittwoch, 11. Juli 1866:

Am Mittag hatten wir ein schlimmes Gewirr von Cañons hinter uns und ritten im Galopp über eine grasige Ebene. Da stießen wir auf eine Spur von über zehn Reitern. Winnetou behauptete, es sei die gesuchte. Dieser Trupp hatte einen Vorsprung von wenigstens sechs Stunden. Gegen Abend stieß von Süden her eine neue Fährte zu der bisherigen, von dreißig bis vierzig Reitern. Es schienen Indianer zu sein. Bald erreichten wir die Stelle, wo die Roten die Schar der Weißen eingeholt hatten. Gemeinsam waren sie dann weitergeritten. Wir kamen an einen Bach, und mitten im Bach erblickten wir nun einen unbedeckten menschlichen Kopf, der aus dem Wasser ragte. Hinter ihm im Wasser lag ein Spaten, denn der Eingegrabene war ein Gambusino, ein Goldsucher, der stets Hacke und Spaten bei sich hatte. Wir gruben ihn aus und sahen, dass er gefesselt war. Als er sich etwas erholt hatte, erzählte er uns, dass er Tadeo Sandia hieß und zusammen mit einem gewissen Fred Harton in einer Bonanza tätig gewesen war. Als Old Death den Namen Fred Harton hörte, wollte er nähere Einzelheiten wissen. Da berichtete Sandia, Fred Harton sei ein Kaufmann gewesen, der von seinem gewissenlosen Bruder Eduard um sein ganzes Vermögen gebracht wurde, das dieser verjubelte und danach verschwand. Dieser liederliche Bruder sei später ein sehr glücklicher Goldsucher gewesen. Deshalb sei Fred Harton auch unter die Goldgräber gegangen, da er hoffte, so seinen Bruder wiederzutreffen. Angestellt waren er und Harton bei einem gewissen Davis in Chihuahua. Es stellte sich heraus, dass Uhlmann, der Schwiegersohn von Lange, dem Schmied aus La Grange, eben bei diesem Señor Davis als Bergwerksdirektor angestellt war und bald Teilhaber werden sollte. Tadeo Sandia kannte auch Langes Tochter Agnes. Beide, Sandia und Harton, hatten hier an dem Bach geschlafen, als sie von Chimarra-Indianern umzingelt wurden. Als die Weißen, die sich bei den Indianern befanden, herausbekamen, dass beide Goldsucher waren, gruben sie Sandia in den Bach ein und nahmen Harton mit, der sie zur Bonanza von Davis führen sollte. Bis zur Bonanza sei es ein tüchtiger Tagesritt, sodass sie morgen Abend dort ankämen, wenn Harton nicht einen Umweg mache. Da es langsam Nacht wurde, beschlossen wir hierzubleiben, denn wir mussten für morgen gut ausgeruht sein und unsere Pferde auch.

Mir wollte die erwartete Ruhe nicht kommen. Als wir drei Stunden gelegen hatten, bemerkte ich, dass Old Death aufstand und fortging. Da erhob ich mich und ging ihm nach. Ich merkte, dass er etwas auf dem Herzen hatte, und nach einiger Zeit erzählte er mir, dass er eigentlich Eduard Harton hieß und der undankbare Bruder von Fred Harton sei, dessen ganzes Vermögen er verjubelt habe. Nun wolle er Frieden mit ihm schließen, wenn er ihn treffen würde. Sollte ihm aber vorher etwas zustoßen, solle dieser seinen Sattel aufschneiden und alles an sich nehmen, was sich darin befände. Kurz danach kehrte ich langsam zum Lager zurück und legte mich nieder.

Donnerstag, 12. Juli 1866:

Ein Apatsche nahm Tadeo Sandia hinter sich aufs Pferd; dann brachen wir auf. Gegen Mittag stellte der Gambusino Sandia fest, dass Harton einen Umweg eingeschlagen hatte. Auf einer grasbewachsenen Hochebene sahen wir die Fährte von über vierzig Reitern, die etwa eine Stunde alt war. Jetzt wurden die Sporen eingesetzt, und wir flogen über die Ebene dahin, freilich in ganz anderer Richtung, als die Chimarras geritten waren. Harton hatte sie nicht zum Eingang der Bonanza geführt, sondern zur hintersten Kante des Tals. Leider aber brach jetzt die Dunkelheit mit großer Schnelligkeit herein. Deshalb stiegen wir auch ab und gingen zu Fuß. Wir sahen in der Dunkelheit eine Gestalt zwischen uns und den Felsen dahinhuschen. Nach kurzer Zeit bemerkten wir einen unbestimmten Lichtschimmer, den Schein von Lampen, der durch die Decken eines Zeltes drang. Stimmen ertönten. Wir vier, Sandia, Old Death, Winnetou und ich, waren voran. Man erkannte von außen, an welcher Stelle sich der Eingang befand. Old Death trat als erster ein. Da fiel ein Schuss. Ich sah, wie sich der Scout mit beiden Händen an den Rahmen des Vorhangs krampfte, und sah zugleich mehrere Gewehre auf den Eingang gerichtet. Der Alte konnte sich nicht mehr aufrecht halten; er glitt zu Boden. „Schießt nicht!“, schrie ich auf. „Wir sind Freunde, Deutsche!“ Als die Leute des Lagers begriffen, dass wir keine Feinde, sondern Freunde waren, traten auch die beiden Langes ein, mit ihnen Sandia. Old Death war tot, gerade durchs Herz geschossen. Harton musste mir sagen, wie er entkommen sei. Außerdem galt es die nötigen Vorbereitungen zu treffen. So standen jetzt mehr als fünfzig Mann bereit, die Feinde zu erwarten, denen wir an Zahl gleich, an Waffen aber weit überlegen waren. Da kam einer der Leute, die wir vorgeschickt hatten. Er brachte zwei Weiße, die Señor Uhlmann ihre Aufwartung machen wollten. Dieser saß allein im Zelt, denn ich hatte mich mit den Langes, Winnetou und Harton in das Nebenabteil des Zeltes zurückgezogen. Da sah ich Gibson mit William Ohlert eintreten. Als sie saßen, trat ich aus meinem Versteck hervor; Harton folgte mir. Bei unserem Anblick fuhr Gibson auf. Ohlert saß wie gewöhnlich teilnahmslos da. Gibson aber fasste sich schnell. Er hatte sein Gewehr in der Hand und holte zum Kolbenhieb aus. Als ich ihn abwehrte, ging der Hieb zur Seite, der Kolben sauste nieder und traf den Kopf Ohlerts, der zusammenbrach. Im nächsten Augenblick drängten sich einige Arbeiter von hinten ins Zelt. Sie richteten ihre Gewehre auf Gibson. Ein Krach, und er stürzte, durch den Kopf getroffen, tot zu Boden. Als wäre der Schuss ein Zeichen gewesen, so erhob sich unweit des Zeltes wildes Indianergeheul. Als ich hinauskam, war das Gefecht schon entschieden. Die Feinde waren anders empfangen worden, als sie gedacht hatten. Die meisten von ihnen lagen tot oder verwundet am Boden. Die anderen flohen dem Ausgang zu.

Harton hatte noch keine Ahnung, wer auf unserer Seite der einzige Tote des heutigen Abends war. Ich ging mit ihm hinaus ins Tal und teilte ihm mit, was er erfahren musste. Fred Harton weinte wie ein Kind. Er hatte seinen Bruder trotz allem stets geliebt, hatte ihm alles vergeben. Ich musste ihm alles erzählen, von meinem ersten Zusammentreffen mit dem Scout bis zum letzten Augenblick, da den Reuigen die Kugel traf, die nicht für ihn bestimmt war. Erst nach mehr als einer Stunde gingen wir zum Zelt zurück.

Freitag, 13. Juli 1866:

Am anderen Morgen wurde Old Deaths Sattel herbeigeholt und aufgeschnitten. Wir fanden eine Brieftasche. Der Tote hinterließ seinem Bruder Bankanweisungen in bedeutender Höhe, und, was die Hauptsache war, die ausführliche Beschreibung und den peinlich genau bezeichneten Plan einer Stelle in der Sonora, wo Old Death eine vielverheißende Bonanza entdeckt hatte. Wir begruben Old Death und errichteten ihm ein Grabmal mit einem Kreuz aus silberhaltigem Erz. Sein Bruder trat aus dem Dienst Uhlmanns, um sich in Chihuahua einige Zeit auszuruhen. Groß war das Glück, das Uhlmann und seine Frau über die Ankunft ihrer beiden Verwandten empfanden. Sie waren liebe, gastfreundliche Leute, denen dieses Glück zu gönnen war. – Ohlert lebte zwar, aber er wollte nicht aus seiner Betäubung erwachen. Ich wollte so lange warten, bis es sein Zustand erlaubte, ihn nach Chihuahua in die Pflege eines tüchtigen Arztes zu geben.

Samstag, 14. Juli 1866:

Winnetou beschloss, mit seinen zehn Apatschen heimzureiten, denn seiner harrten nach Abschluss des Kampfes mit den Komantschen noch die Verhandlungen, die zwischen beiden Stämmen den Frieden sichern sollten. Auch der Neger Hektor reiste ab.

Samstag, 15. September 1866:

Und zwei Monate später saß ich bei dem guten Ordensmann Benito von der Bruderschaft El bueno Pastor in Chihuahua. Ihm, dem berühmten Arzt der nördlichen Provinzen, hatte ich meinen Kranken gebracht, und es war ihm gelungen, ihn völlig herzustellen. Es war, als sei mit dem Kolbenhieb in Ohlert die unglückliche Zwangsvorstellung, ein wahnsinniger Dichter zu sein, erschlagen worden. Er war munter und wohlauf und sehnte sich nach seinem Vater. Er wusste noch nicht, dass ich meinen Auftraggeber erwartete. Ich hatte ihm nämlich einen Bericht geschickt und darauf die Nachricht erhalten, dass der Vater selbst kommen werde, seinen Sohn abzuholen. Nebenbei hatte ich bei Mr. Josy Tailor um meine Entlassung gebeten. Heute saßen wir nun wieder beisammen: der Pater, Ohlert, Harton und ich. Da ließ der Diener einen Herrn herein, bei dessen Anblick William einen Freudenschrei ausstieß: Es war sein Vater, der Bankier Ohlert aus New York. Da gingen wir anderen still hinaus.

Ohlert brachte mir von Josy Tailor die erbetene Entlassung und den Gehaltsrest, dem der Bankier eine ansehnliche Sondervergütung beifügte.

Sonntag, 16. September 1866:

Jetzt hätte ich eigentlich mehr als genügend Mittel gehabt, um meine ursprüngliche Absicht, heimzukehren, endlich auszuführen. Aber ich sah ein neues Abenteuer winken, vor dem der Gedanke an die Heimat verblasste. Ich gab Fred Harton meine Zustimmung, ihn zu begleiten.

Mitte Dezember 1866:

Es kam auch jetzt wieder so, wie schon oft auf meinen Reisen: Ich blieb länger von zu Hause fort, als anfänglich mein Plan gewesen war. Es ist zu sagen, dass wir, allerdings unter großen Beschwerden und Gefahren, so glücklich waren, die von Old Death entdeckte Bonanza aufzufinden.

Bei meinen weiteren Streifzügen durch die Sonora, das nordöstliche Gebiet Mexikos, lernte ich einen Südamerikaner aus den La-Plata-Staaten kennen, der sich Pena nannte. Wir hatten uns einander angeschlossen, hatten Freud und Leid miteinander geteilt und mancherlei Abenteuer miteinander gemeinsam bestanden2. Ich musste ihm bei unserer Trennung versprechen, ihn in Tucuman zu besuchen, falls ich einmal nach Argentinien kommen sollte.

Samstag, 2. Februar 1867:

Nicht ganz ungefährlich gestaltete sich mein Weg nach St. Louis zu Mr. Henry, wo ich meinen Bärentöter und den Henrystutzen abholen wollte. Ich hielt mich kurz am Rio Pecos bei den Mescaleros auf, ritt dann durch den Llano Estacado zur Oase von Bloody-Fox. Danach ging es weiter nach Nordost, wo ich teilweise die Bahn benutzen konnte, bis ich bei Mr. Henry in St. Louis war, bei dem ich heute ankam. Er hatte sich ja vor mehr als einem halben Jahr bereit erklärt, meine beiden Gewehre, die allzu auffällig und mir daher bei der Verfolgung von Gibson und Ohlert hinderlich waren, bis zu meiner mutmaßlichen Rückkehr von New Orleans aufzubewahren. Hätte ich damals freilich geahnt, welch unerwünschte Ausdehnung die Verfolgung annehmen würde, so hätte ich die Gewehre mitgenommen. Ich musste Mr. Henry versprechen, mich einige Zeit bei ihm von meinen Strapazen zu erholen, bis ich wieder nach Deutschland zurückkehren würde, was ich auch gerne tat.

Donnerstag, 21. März 1867:

Ich hatte mir vorgenommen, mich auf dem Weg nach New York ein wenig in den Oststaaten umzusehen, da ich hier, außer bei meiner ersten Nordamerika-Reise, fast kaum etwas von der Landschaft und von den Städten gesehen hatte. Bis auf eine Begebenheit, die mich leicht das Leben hätte kosten können, ist nicht viel davon zu berichten. Dieses eine Ereignis geschah, als ich einen Abstecher zum Kanawha machte, einem Nebenfluss des Ohio in West Virginia. Dort wurde ich Zeuge, wie ein Ölbohrturm explodierte und die in der Nähe stehenden Arbeiter mit in den Tod riss. Ich werde dieses furchtbare Ereignis nie vergessen, denn ich war in unmittelbarer Nähe, aber doch glücklicherweise noch so weit entfernt, dass ich mit dem Schrecken davonkam. Wann und wie das meterhoch senkrecht in der Luft stehende lodernde Feuer gelöscht wurde, erfuhr ich nicht mehr, denn da war ich schon aus dem Kanawhatal heraus. Ich setzte danach meine Reise über die Industriestadt Pittsburg und über Philadelphia, wo ich mich etwas länger aufhielt, fort. In New York besuchte ich als erstes das Bankhaus Ohlert, wo ich von Vater und Sohn Ohlert freudig begrüßt wurde. William Ohlert hatte sich in der kurzen Zeit, in der er offiziell als Juniorchef im Bankhaus tätig war, gut eingearbeitet, wie mir sein Vater bestätigte. Selbstverständlich wurde ich eingeladen, während meines New Yorker Aufenthalts in ihrem Haus zu wohnen und mich so zu fühlen, als ob ich hier daheim wäre. Nach kurzem Zögern nahm ich das Angebot dankend an und fühlte mich dort die ganze Zeit recht wohl. Ich nahm dann auch noch Verbindung zur ‚New Yorker Staatszeitung‘ auf, die die Berichte meiner letzten Erlebnisse freudig annahm, denn solche Artikel bekam sie nicht jeden Tag. Natürlich nannte ich darin William Ohlert nicht bei seinem richtigen Namen, sondern veränderte die Angelegenheit etwas, sodass niemand auf den Gedanken kommen konnte, dass damit ein Angehöriger des Bankhauses Ohlert gemeint sei. In zwei Tagen wird ein Dampfer den New Yorker Hafen in Richtung Hamburg verlassen, auf dem mir Mr. Ohlert, obwohl ich das nicht wollte, eine Kabine erster Klasse gebucht hat. So nobel werde ich wohl nie wieder auf einem Schiff die Heimreise antreten. Ich hoffe, bis spätestens Ende dieses Monats wieder zu Hause anzukommen.

9. ROM-REISE (1867)1

Sonntag, 12. Mai 1867:

Ich habe mich ganz kurzfristig entschlossen, eine Rom-Reise anzutreten, und morgen früh werde ich abreisen. Wenn ich Glück habe, werde ich Papst Pius IX. sehen, der seit über zwanzig Jahren das Oberhaupt der katholischen Christen und nun schon 76 Jahre alt ist.

Pfingstsonntag, 9. Juni 1867:

Im Petersdom habe ich am Pfingstgottesdienst teilgenommen, einem feierlichen Pontifikalamt, das der Heilige Vater zusammen mit den in Rom anwesenden Kardinälen zelebrierte. Zu einer Audienz wurde ich leider nicht zugelassen.

Dienstag, 25. Juni 1867:

Heute bin ich von meiner eindrucksvollen Rom-Reise zurückgekommen. Es waren wunderschöne Tage, die ich dort verlebte. Ich habe die Heilige Stadt, die seit der Rückkehr von Papst Pius IX. aus dem Exil von Gaeta mit Hilfe der Franzosen wieder zum Kirchenstaat gehört, reichlich genossen. Nicht nur die wichtigsten christlichen Kirchen und Katakomben habe ich besucht, sondern bin auch regelrecht in den antiken Stätten herumgekrochen und habe die alte römische Zeit an mir vorüberziehen lassen.

10. ZWEITE ORIENT-REISE (1867)

Freitag, 19. Juli 1867:

Ich bin heute wieder auf der Reise in den Süden. Über Genua und Monaco, das durch seine Spielbank1 weltbekannt ist, will ich nach Marseille weiterreisen. Von hier werde ich nach Algier übersetzen und mich von dort aus über die Grenze nach Tunesien begeben.

Dienstag, 13. August 1867:2

Es war erst neun Uhr vormittags, und doch brannte die afrikanische Sonne schon stechend auf das vor uns liegende Tal herab. Wir kamen aus der Provinz Constantine, hatten gestern zwischen Dschebel Frima und Dschebel el Maallega die tunesische Grenze überschritten und waren dann quer durch das Wadi Melis gegangen. Wir wollten bis zum Abend Seraïa Bent erreichen. Mein Diener Achmed es Sallah war lange Zeit in Algier gewesen, stammte aber aus der Gegend, wo wir hinwollten, und war daher für mich der ideale Führer. Er hatte seine Heimat verlassen, da er arm war und Mochallah, die Tochter des Scheiks der Uëlad Sedira, liebte, die ihm dieser jedoch verweigerte. Er hatte in Algier viele Franken und Piaster verdient und nun konnte er dem Scheik bezahlen, was dieser für seine Tochter gefordert hatte.

Bei einer Gazellenjagd lernte ich den Obersten der Leibgarde des Herrschers von Tunis kennen, der als ‚Krüger Bei‘ bekannt und ein ehemaliger Bierbrauer aus Brandenburg war. Als ich ihn auf Deutsch ansprach, war er erst verblüfft, dann aber hocherfreut, dass er in mir einen Deutschen vor sich hatte. Und dann tauchte noch eine weitere Überraschung auf: Lord David Percy, der eigentümliche Sohn des Earl von Forfax, mein ehemaliger Reisegefährte in Indien.3 Beide wollten nach Seraïa Bent, um von Scheik Ali en Nurabi einige prächtige Pferde zu kaufen. Von den Reitern des Stammes wurden wir mit einer Fantasia begrüßt und vom Scheik zum Essen eingeladen. Wir machten ihm die geschossenen Gazellen zum Geschenk. Seine beiden Söhne waren mit einigen jungen Leuten unterwegs, um einen Überfall durch die Beni Hamema auf eine Karawane zu verhindern. Dann besichtigten wir die Pferde des Stammes. In der Herde befanden sich eine prachtvolle milchweiße Stute und ein noch kostbareres Bischarîn-Hedschîn. Während der Besichtigung kamen die beiden Söhne des Scheiks mit einem Gefangenen: Sâdis, der Krumir, der einen aus dem Stamm getötet und zwei andere verwundet hatte. Kaum waren wir im Lager, da stellte sich der Krumir hinter die Tochter des Scheiks und rief: „Ich bin der Beschützte!“ Die Versammlung der Ältesten beriet über das weitere Schicksal des Krumir. Achmed bat mich, ‚Schmiere‘ zu stehen, damit er sich heimlich mit der Tochter des Scheiks treffen konnte. Als ich das Liebespaar bewachte, sah ich eine verdächtige Gestalt. Es war der Krumir. Doch ich wurde von einigen anderen Personen niedergeschlagen, die mich fesselten und knebelten. Als ich aus der Bewusstlosigkeit erwachte, konnte ich aus ihrem Gespräch ihr weiteres Vorhaben hören. Sie wollten die Tochter des Scheiks entführen, das Bischarîn-Hedschîn und die weiße Stute stehlen. Trotz der Fesseln konnte ich einen meiner beiden Revolver erreichen und sechs Schüsse abgeben, sodass das ganze Duar geweckt wurde. Achmed hatte inzwischen einen der Hamema-Beduinen erschossen und einen zweiten verwundet, als sie auch meinen Hengst stehlen wollten. Es wurde beschlossen, dass ich mit Achmed, Lord Percy, dem Scheik und sechzig Beduinen die Verfolgung aufnehmen sollte, während hundertfünfzig Stammesangehörige unter der Leitung des Scheiksohnes der erwarteten Karawane entgegenreiten würden.

Mittwoch, 14. August 1867:

Krüger Bei, der Anführer der tunesischen Heerscharen konnte sich unserer Unternehmung nicht anschließen. Er kehrte mit seinen Begleitern nach el Bordsch zurück, wobei er eine große Strecke mit den Uëlad Sedira reiten konnte, die der Kâfila entgegengingen. Er nannte mich seinen Freund und mahnte, ich solle nicht vergessen, ihn in Tunis zu besuchen. Dann brachen wir auf, die einen nach Norden und wir anderen nach Süden. Wir ritten in Richtung des Bah Abida, den der Krumir übersteigen wollte. Später entdeckten wir, dass die Räuber sich getrennt hatten. Es waren vier verschiedene Spuren entstanden und es dauerte lange, bis ich endlich die gesuchten Hufeindrücke fand, die ich dem Krumir zuordnen konnte. Er schien mit der Tochter des Scheiks allein weiterzureiten. Nun aber ging es mit verdoppelter Eile auf der neu entdeckten Fährte weiter. Wir erreichten den Bah Abida nach dem Nachmittagsgebet und waren bei Sonnenuntergang auf seinem Gipfel.

Donnerstag, 15. August 1867:

Obwohl die Verfolgten der Spur nach nur zwei Stunden vor uns waren, mussten wir nach einigen Stunden feststellen, dass wir ihnen nicht näher gekommen waren, weil sie bessere Pferde besaßen. Deshalb trennten wir uns von unserem Trupp und wir vier, Achmed, Lord Percy, der Scheik und ich, ließen unsere Tiere doppelt ausgreifen. Nach stundenlangem Ritt sah ich weiße und farbige Punkte, die sich bewegten. Durch mein Fernrohr erkannte ich ein Kamel mit einer Atuscha und sieben Reiter, der eine von ihnen auf einer Milchstute. Als wir ihnen näher gekommen waren, blickte sich der Krumir um und erkannte, dass wir ihn einholen würden. Er ließ nur einen kurzen Augenblick halten, dann stob der Trupp auseinander, der Krumir geradeaus, das Hedschîn nach rechts und die anderen Reiter nach links. Ich eilte dem Krumir nach und hatte ihn beinahe erreicht, als er nach links abbog auf ein Beduinenlager zu. Der Krumir war gerettet, denn es waren Bekannte von ihm, die mich mit hundert Gewehren in Schach hielten. Da schwang ich mich vom Pferd und sprang auf zwei Frauen zu, die aus einem Zelt getreten waren. „Ich bin unter dem Schutz der Frauen!“, rief ich laut und huschte in das Zelt hinein. Die jüngere hieß Dschumeila und war die Nichte des Scheiks. Die Versammlung der Ältesten sah neben dem Krumir und mir auch den Scheik und den Engländer, die auch gefangen waren, als freie Menschen an, die das Lager jederzeit verlassen könnten, sprachen aber die geraubte Tochter des Scheiks dem Krumir zu. Mir gestand Scheik Mohammed er Rahman, dass ein Löwe schon einige Männer der Mescheer getötet und Kamele, Rinder und Schafe gerissen habe. Nun sei auch noch ein schwarzer Panther hinzugekommen. Da erbot ich mich, zusammen mit Lord Percy diese Raubtiere zu schießen. Ich ordnete an, wie die Herden der Pferde, Kamele, Rinder und Schafe in der Nacht zu stehen hätten, und machte mich zusammen mit Lord Percy ungefähr anderthalb Stunden vor Mitternacht auf, um unsere getrennten Positionen einzunehmen. Es verging eine lange Zeit, dann ein scharfes Prasseln und Krachen von Knochen, ein Schuss und noch einer, dann war es wieder still. Auf meinen Zuruf antwortete Lord Percy, dass er nicht wisse, ob er den Löwen richtig getroffen habe. Und dann waren plötzlich zwei Panther neben mir. Dem einen schoss ich ins rechte Auge, der Panther war tot. Für den anderen brauchte ich zwei Schüsse. Wir sahen die Blutspur des angeschossenen Löwen und wollten morgen seinen Weg verfolgen. Von den beiden Pantherfellen schenkte ich eines dem Scheik, das andere seiner Nichte Dschumeila.

Freitag, 16. August 1867:

Am nächsten Morgen brachen wir mit zweihundert Beduinen auf, um das Lager des Löwen zu finden, dessen Blutspur wir nachgingen. In einem Gebüsch fanden wir den toten Löwen, die Löwin mit ihren Jungen war weitergezogen zu einem Talkessel, wo wir sie stellten. Zwei meiner Schüsse trafen sie tödlich. Als wir wieder im Duar ankamen, war der Krumir fort und hatte Mochallah mitgenommen, in südlicher Richtung nach dem Dschebel Tiuasch zu. Und auch seine Kumpane, die Hamema-Beduinen, waren verschwunden. Wir nahmen die Verfolgung auf, doch es gelang uns nicht, die Räuber noch am ersten Tag zu erreichen.

Samstag, 17. August 1867:

Wir näherten uns jenen wenig besuchten Ländereien, in denen die Grenze zwischen Algerien und Tunesien strittig ist. So erreichten wir um die Mittagszeit die Berge von Schania, von denen man in das Gebiet der Schotts herabblicken kann. Auch heute holten wir den Krumir nicht ein.

Sonntag, 18. August 1867:

Wir kamen an eine Stelle, an der der Krumir mit seiner Gefangenen die Nacht zugebracht hatte. Gegen Mittag, blitzte es am fernen Himmelsrand hell und kristallisch auf; das war der Schott Rharsa. Wir sahen zwei Pferde, einen Falben und einen Schimmel: Mochallah und der Krumir. Auch er musste uns erkennen, denn er flog mit beiden Pferden davon. Wir näherten uns dem glänzenden Spiegel des Schotts immer mehr. Ich holte den Krumir mit meinem Lasso aus dem Sattel, doch er schwang sich hinter Mochallah auf deren Pferd und lenkte es auf die hell erklingende Salzdecke hinaus, ich hinter ihm her. Und Achmed folgte mir. Der Boden dröhnte, wankte, knirschte und prasselte. Der Tod flog mit uns, vor, neben, unter uns. Als der Krumir merkte, dass sein Pferd an Kraft verlor, weil es die doppelte Last zu tragen hatte, wollte er Mochallah herunterstoßen, doch die klammerte sich an ihm fest. Er aber schlug sie herunter, das flüssige Salz gab nach, sie sank. Doch in diesem Augenblick schoss mein Pferd an ihr vorüber, ich beugte mich tief hinab und fasste sie am Oberarm und zog sie hoch. Da endlich bemerkte ich einen dunklen Streifen, das war fester Boden, doch wir mussten springen, um auf ihm zu landen. Der Krumir war noch vor uns. Mein Rappe flog wie ein Vogel über den breiten, tief sumpfigen Rand hinweg, der die Salzkruste vom festen Boden trennte, und gleich hinter mir landete auch Achmed glücklich. Der Krumir aber lag regungslos im Sand. Seine ermüdete Stute war zu kurz gesprungen, und der aus dem Sattel geschleuderte Krumir hatte, mit dem Kopf zuerst aufschlagend, den Hals gebrochen. Wir banden den Toten auf sein Pferd, während Achmed Mochallah mit auf das seine nahm. Dann ritten wir unseren Gefährten entgegen. Später versenkten wir den Leib des Krumir unter die Salzkruste des Schotts Rharsa.

Donnerstag, 22. August 1867:

Wir blieben bis heute bei den Uëlad Mescheer, dann trennten wir uns von dem gastlichen Beduinen-Stamm. Achmed und Mochallah ritten mit ihrem Vater, dem Scheik Ali en Nurabi, zu den Uëlad Sedira zurück. Ich aber wollte über Sfax in meine Heimat, und Lord Percy, der mich noch ein Stück begleiten würde, wollte hinüber nach Algerien.

Dienstag, 10. September 1867:

In Sfax war in absehbarer Zeit kein Schiff nach Europa zu erwarten. Deshalb entschloss ich mich, mit einem Dampfer nach Tunis zu fahren, wo ich auf einen besseren Anschluss hoffen konnte. Hier machte ich mein Versprechen, Krüger Bei einmal in Tunis zu besuchen, schneller wahr als vorher gedacht. Draußen in Bardo, wo der ‚Herr der Heerscharen‘ seinen Sitz hatte, lernte ich auch seinen Adjutanten Selim kennen, der aber nur der alte ‚Sallam‘ genannt wurde. Krüger Bei freute sich riesig über mein unerwartetes Auftauchen. Natürlich musste ich ihn ausführlich über unser Abenteuer mit dem Krumir und dessen Ausgang informieren. Ich musste in seinem Haus Quartier nehmen und er wollte mich unbedingt länger hier behalten. Weil ich aber nach Hause wollte, erkundigte ich mich in Goletta, dem Hafen von Tunis, wann ein Schiff nach Marseille, Neapel oder Genua fahren würde, doch man konnte mir keinen konkreten Termin nennen.

Mittwoch, 11. September 1867:

Schon am frühen Morgen sah ich einen Frachtdampfer im Hafen liegen. Ich eilte hin, um mich nach dessen weiterem Reiseziel zu erkundigen. Doch nicht ein europäischer Hafen war sein nächstes Ziel, sondern Stambul in der Türkei. Am kommenden Tag, nachdem ein Teil der Fracht gelöscht und andere aufgenommen sei, werde das unter englischer Flagge fahrende Schiff wieder abdampfen. Enttäuscht kehrte ich zurück zu Krüger Bei. Sicher saß ich hier noch einige Tage fest, ohne in Richtung Heimat zu kommen. Dann aber kam mir die Idee: Warum nicht nach Stambul fahren? Ich hatte ja schon immer vor, eine Reise dorthin zu machen. Nun bot sich mir unverhofft die Gelegenheit dazu; warum sollte ich sie nicht nutzen, zumal ich ja einen Teil des Reisewegs sparen konnte? Bevor ich mein Quartier kündigte, nahm ich mit dem Kapitän des englischen Frachtdampfers Kontakt auf und dieser erklärte sich bereit, mich nach Stambul mitzunehmen. Ich solle spätestens heute Abend an Bord sein, denn schon beim ersten Morgengrauen wolle er ablegen.

Ende September 1867:

Der englische Frachter, auf dem ich mich mit Kurs auf Stambul befand, fuhr zwischen dem griechischen Festland und der Insel Kandia (Kreta) in das Ägäische Meer hinein und an den vielen größeren und kleineren Inseln vorbei, die größtenteils zu Griechenland gehörten, bevor wir den langen, engen Schlauch der Dardanellen passierten, um dann in das breitere Marmarameer einzufahren. Dahinter lag der Bosporus, der zum Schwarzen Meer hinführt. Der Kapitän erklärte mir, dass der Bosporus ungefähr siebenundzwanzig Kilometer lang sei und seine größte Breite etwa knapp zwei Kilometer betrage. Vom Schwarzen Meer her herrschte eine starke Strömung vor und jetzt im Herbst drückte ein starker Nordwind herein. Schließlich tauchte am südlichen Ende des Bosporus die Haupt- und Residenzstadt des Osmanischen Reiches, Konstantinopel, vor uns auf, von den Türken Istanbul, Stambul oder Ber-i-Veadet (Pforte des Glücks), von den türkischen Slaven auch Zarigrad (Kaiserburg) genannt. Nachdem unser Schiff in das Goldene Horn eingefahren war, legte es am nördlichen Ufer beim Stadtteil Galata an, wo der Handel und Verkehr von Konstantinopel seinen eigentlichen Brennpunkt hat.

An den Hafendämmen lagen die Dampfer und Segler aller seefahrenden Völker, und auf den glitzernden Wogen wiegten sich die seltsam gebauten türkischen Gondeln und Kähne, zwischen denen bisweilen schlankgeflügelte Seemöwen übers Wasser hinschossen, als wollten sie in spielerischem Übermut ihre Fluggeschicklichkeit erproben und beweisen.4

Ich suchte mir in Pera ein europäisch eingerichtetes Quartier. Pera ist der Stadtteil von Konstantinopel, der vorzugsweise von Europäern, ihren Gesandten und Konsuln bewohnt wird. Ich wollte mir hauptsächlich die auf dem europäischen Festland liegende geschichtsträchtige Stadt und vielleicht noch ein oder zwei ihrer Stadtteile, wie Pera und Galata, ansehen. Das auf der asiatischen Seite gelegene Skutari interessierte mich weniger. Die eigentliche Kernstadt südlich des Goldenen Horns ist teilweise mit Ringmauern umgeben, von denen die innere mit den hohen Türmen noch ziemlich gut erhalten ist. Mehrere Tore durchbrechen diese Ringmauern, davon allein fünfzehn nach dem Goldenen Horn zu.

Dienstag, 15. Oktober 1867:

Mein erstes Ziel war die Hagia Sofia, heute Moschee und ehemals christliche Kirche, ein Musterbau byzantinischen Stils. Die unter dem osmanischen Herrscher Soliman dem Großen erbaute Moschee gleichen Namens wurde der Hagia Sofia nachgebildet und wird als die schönste gerühmt. Sieben Minaretts hat die Moschee Achmeds I. Übrigens gibt es noch viele christliche Kirchen und einige jüdische Synagogen. Der Serai, die verlassene Residenz der ehemaligen Sultane, liegt auf der Spitze des Dreiecks zum Bosporus und Goldenen Horn und ist von einer Mauer umgeben. Dort befinden sich Paläste, Moscheen und die Wohnungen der Sultanswitwen und der alten Palastdiener. Beeindruckt war ich von dem Großen Basar mit seinen langen, in verschiedene Richtungen verlaufenden Bogengängen, worin sich ein normaler Europäer gänzlich verirren kann. Die eigentliche Stadt ist fast dreieckig auf sieben Hügeln gebaut und besteht aus einem Gewirr von engen, winkeligen und stinkenden Gässchen mit meist elenden, fensterlosen Hütten, teils unterbrochen durch einen freien Platz oder ein größeres Gebäude. Ganz anders sieht es in Pera oder in Galata aus, denn beide Stadtteile sind doch mehr europäisch geprägt. Besonders imposant ist der fünfundvierzig Meter hohe und runde Turm in Galata, der als Signalpunkt dient und eine herrliche Aussicht über Konstantinopel und die Vorstädte bietet.

Während ich mich hauptsächlich darauf beschränkte, die Stadt am Bosporus kennenzulernen, wurde ich Zeuge, wie ein Gefangener fortgeschafft wurde.5 Ich erinnere mich deshalb so genau an diese Begebenheit, weil dieser Mann schöne und feine, aber in ihrem Missklang doch so teuflische Züge6 hatte. Sein Blick, als wir uns nur einen kurzen Moment Auge in Auge gegenüberstanden, war forschend, scharf, stechend und förmlich durchbohrend.

Kurz nach dieser Begegnung konnte ich einem türkischen Offizier namens Osman einen nicht unbeträchtlichen Dienst erweisen und es stellte sich dabei heraus, dass dieser früher Adolf Farkas hieß und ein ehemaliger ungarischer Offizier war. Wir wurden sozusagen Freunde und tranken gemeinsam so manche Tasse Kaffee und rauchten manchen Tschibuk miteinander.7 Er war es auch, der mir über einen Kammerdiener einen Ferman mit der Unterschrift des Sultans, einer sogenannten Tughra, besorgte. Der Ferman ist der höchste Pass. Er enthält oben zwischen den kalligraphischen Schnörkeln die Titel des Padischah. Es wird darin den Behörden alle mögliche Rücksicht auf die Wünsche des Reisenden anbefohlen. Auch sind allerlei für den Inhaber vorteilhafte Bestimmungen in diesem Pergament zu lesen, zum Beispiel, zu welchem Preis er Pferde, Begleiter und Führer und anderes haben kann.8 Damit war ich für spätere Reisen in den Orient bestens gerüstet.

Samstag, 9. November 1867:

Anfang November hatte ich das Glück, ein deutsches Dampfschiff im Hafen von Galata zu erwischen, das mich mit nach Hamburg nahm. Heute bin ich wieder glücklich in Dresden angekommen.

11. NORDLAND-REISE (1867-1868)1

Mitte Dezember 1867:

Anfang Dezember schnürte ich wieder mein Bündel und verabschiedete mich in der Hoffnung, in einigen Wochen wieder zurück zu sein. In Rostock fand ich einen Frachtdampfer, der mich zum schwedischen Hafen Salmis brachte. Salmis ist der Seehafen der Stadt Haparanda, das von den Schweden Län Norbotten genannt wird. Von hier aus sind es nur wenige Kilometer bis hinüber zur russischen Grenzstadt Tornea, die zum finnischen Gouvernement Uleaborg gehört und an der Mündung des Torne-Elf in den Bottnischen Meerbusen liegt. Hier erwischte ich glücklicherweise ein Rentiergespann, das mich hinauf nach Rovaniemi ins finnische Lappland brachte. Dort am nördlichen Polarkreis ist es um diese Jahreszeit nur zwei Stunden am Tag hell. Es herrscht ‚Kaamos‘, die Polarnacht, was auch gleichzeitig Ruhe, Stille und Friede bedeutet.

Hier traf ich auf dem Markt Vater Pent, das Oberhaupt einer Samenfamilie, die er wie ein Patriarch beherrschte. Er nahm mich mit und ich fand bei seiner sehr gastlichen Familie freundliche Aufnahme und war sofort in den Sippenverband mit eingeschlossen.

März 1868:

Es war der kälteste Winter, den ich je erlebte. Und ein Nordlicht, wie ich es in dieser Pracht und Herrlichkeit noch niemals beobachtet hatte. Ich nahm an einer Bärenjagd teil und es gelang mir, einige Geldbeutel wiederzufinden, die Vater Pent gestohlen worden waren, worauf dieser sein Amulett, seinen Talisman, in das Feuer warf. Zuvor sagte er zu mir: „Nie hat man hier solche Waffen gesehen, wie die deinigen sind. Ein jeder Dieb wird sich vor dir fürchten. Auch bist du in fernen, wilden Ländern gewesen, wo du gelernt hast, die Spur eines Flüchtlings zu lesen, wie wir es nicht vermögen. Du selbst hast uns erzählt von den bösen Indianern, denen ihr gefolgt seid über Berg und Tal, um ihnen die Felle wieder abzunehmen, die sie euch gestohlen hatten.“

Ich blieb noch einige Zeit bei der gastlichen Lappenfamilie, doch irgendwann musste ich wieder fort. In Salmis hatte ich noch zwei Tage zu warten, bis ein Schiff nach Stockholm ablegte. Von dort aus gelangte ich nach Rostock und im März 1868 war ich wieder zu Hause.

12. VIERTE NORDAMERIKA-REISE (1868-1869)

Donnerstag, 26. März 1868:

Als ich mich in Hamburg nach einer Überfahrt in die USA erkundigte, erfuhr ich, dass schon morgen ein Dampfschiff nach New Orleans abgehen werde, und erhielt glücklicherweise noch einen Platz.

Montag, 20. April 1868:

In New Orleans war ich zuletzt im Jahre 1866, als ich den Sohn des Bankiers Ohlert aus New York suchte und dort Old Death kennenlernte. Diesmal wollte ich, bevor ich mich in die ‚dark and bloody grounds‘ begab, den Mississippi hinauf, etwa bis Vicksburg, und von da aus nach Westen. Also fuhr ich mit einem Mississippi-Steamer hinauf bis Baton Rouge, wo ich auf das Dampfboot nach Natchez warten musste. Am Landeplatz saßen zwei Bettler. Ihre Gesichter kamen mir bekannt vor. Dem einen fehlten beide Augen. Der andere hielt mir seinen Hut hin. Als ich ein Silberstück hineinwarf, wusste ich, wen ich vor mir hatte: Es waren Grinder und Slack. Die Mörder der beiden Goldgräber-Brüder hatten nach dem Blizzard auf Fort Hillock doch nicht ihre Strafe gefunden, aber ihre jetzige Lage war jedenfalls noch schlimmer als der Tod.1

Donnerstag, 28. Mai 1868:2

Ich hatte zuletzt mit Winnetou und einer Schar seiner Apatschen in der Sierra Blanca gejagt. Wir wollten dann zu den Navajos hinüber. Es kam aber nicht dazu, denn auf Wunsch Winnetous begleitete ich einen kalifornischen Geldtransport nach Fort Scott. Von Fort Scott solle ich nordwärts zu der westlich vom Missouri gelegenen Gravel-Prärie reiten, wo er wieder mit mir zusammentreffen werde, denn er wolle seinen alten, berühmten Freund Old Firehand besuchen, der sich jetzt in jener Gegend aufhalte. Ich ritt erst über den Kansas und dann über den Nebraska, durch das Gebiet der Sioux. Meiner Berechnung nach musste ich mich jetzt in der Nähe einer Ölniederlassung befinden, die New Venango hieß und in einer jener Schluchten lag, die gewöhnlich von einem Flüsschen durchzogen sind. Schon gab ich es auf, dieses Ziel heute noch zu erreichen, da bemerkte ich seitwärts zwei Reiter, die gerade auf mich zuhielten. Einer der beiden war noch ein Knabe von vielleicht dreizehn Jahren. Er hieß Harry und er erzählte mir, dass er von seinem Bruder komme, der in Omaha wohnte, und sein Begleiter, der Forster hieß, sei nicht nur der Vater seiner Schwägerin, sondern auch der Besitzer der Ölquelle in New Venango. Harry glaubte nicht, dass Winnetou, den er übrigens sehr gut zu kennen schien, mir mein Pferd geschenkt hatte. Nachdem ich im Store eingekauft und auch meinen Munitionsvorrat ergänzt hatte, war es dunkel geworden. Ich erlauschte unabsichtlich ein Gespräch zwischen Forster und Harry, der dem Jungen erklärte, dass er Öl in die Landschaft ablaufen lasse, um es knapper und damit teurer zu machen. Welch ein sträflicher Leichtsinn, denn in diesem Augenblick dröhnte ein Donnerschlag, als sei die Erde mitten unter uns auseinander geborsten. Ich sah da, wo der Bohrturm in Betrieb gewesen war, einen glühenden Feuerstrahl senkrecht in die Höhe steigen. Ich kannte diese furchtbare Erscheinung, denn ich hatte sie im Kanawhatal in ihrer ganzen Schrecklichkeit gesehen.3 Mich weiter um niemand kümmernd, riss ich Harry in meine Arme und saß im nächsten Augenblick mit ihm im Sattel. Und in rasendem Lauf trug uns Hatatitla stromabwärts durch das immer rascher vorwärtsschreitende Feuermeer. Dass wir diesem Inferno über den Fluss entrinnen konnten, grenzte schon an ein Wunder. Als Harry, der bewusstlos geworden war, wieder zu sich kam, nannte er mich einen Feigling, weil ich die anderen aus dem Tal nicht auch noch gerettet hätte. Er riss sich von mir los und in meiner Hand blieb ein Ring zurück. Ich sah ihn nicht mehr und konnte ihm deshalb auch nicht folgen. Ich beschloss, die Nacht hierzubleiben und den Anbruch des Morgens zu erwarten.

Freitag, 29. Mai 1868:

Das Tageslicht milderte den blendenden Schein der Flammen. Außer einem kleinen Häuschen oberhalb des Tales war alles verschwunden. Vor diesem Häuschen standen einige Menschen, bei denen ich Harry gewahrte. Als ich zu ihnen wollte, trat man mir mit Waffen entgegen, bezeichnete mich als Mordbrenner und schoss auf mich, doch ohne zu treffen. Deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als diese Gegend zu verlassen.

Samstag, 30. Mai 1868:

Am nächsten Tag erreichte ich eine Mulde in der Gravel-Prärie, wo ich mich mit Winnetou treffen wollte.

Samstag, 6. Juni 1868:

Ich musste aber eine ganze Woche auf ihn warten. Es tummelten sich da mehrere Trupps von Sioux in der Gegend herum. Als Winnetou kam und ich ihm die Anwesenheit der Roten meldete, war er einverstanden, sogleich weiterzureiten. Ich freute mich sehr darauf, den berühmten Old Firehand endlich kennenzulernen. Der Weg zu ihm war nicht ungefährlich.

Sonntag, 7. Juni 1868:

Das merkten wir schon am nächsten Tag, als wir auf die Fährte von Indianern trafen. Wir vermuteten, dass der Haupttrupp hier in der Nähe lagerte, weshalb ich die Gegend nach den Indianern absuchen wollte, während Winnetou bei den Pferden blieb. Ich kam bald zu deren Lager, wo sich ungefähr hundert Mann befanden, sämtlich mit den Kriegsfarben bemalt. Mir gelang es, zwei Häuptlinge, von denen einer Parranoh vom Stamme der Poncas war, bei ihrem Gespräch zu belauschen, und ich erfuhr, dass sie Fort Niobrara überfallen wollten. Ich hatte genug gehört und zog mich geräuschlos zurück. Doch da warf sich ein riesiger schwarzer Schatten auf mich. Himmel, hatte der Kerl Kraft. Wir rangen stillschweigend miteinander, doch ich konnte mich noch so anstrengen, dieser Mensch schien unbezwingbar. Dabei verlor ich mein Messer und in einer Kampfpause zog ich mich etwas von ihm weg. Als ich mich wieder auf meinen Gegner stürzen wollte, war er verschwunden. Da ich vorher gerade noch seinen Bart berührt hatte, wusste ich, dass es kein Indianer, sondern ein Weißer war. Mein Bowiemesser war fort, mein Gegner hatte es wohl auf der Suche nach seinem eigenen gefunden und an sich genommen. Mit Winnetou ritt ich dann eine große Strecke weit, bis wir unser Nachtlager aufschlugen. Jetzt erzählte ich ihm, was ich erlebt hatte, und war ganz überrascht, als er sagte, dass er mit Parranoh, dem weißen Häuptling der Poncas, noch eine Abrechnung habe. Da er nicht mehr darüber erzählte, fragte ich auch nicht, denn wenn es an der Zeit war, würde er sein Schweigen schon brechen.

Montag, 8. Juni 1868:

Am nächsten Morgen ritten wir zum Fort Niobrara, um die Besatzung vor dem Überfall durch die Poncas zu warnen. Winnetou und ich waren schon einmal vor Jahren hier in diesem Fort gewesen,4 das ich jetzt allein aufsuchte. Der Fortkommandant war ein anderer als damals vor über drei Jahren. Er hatte Besuch, den ich sofort erkannte, obwohl ich ihn noch niemals in meinem Leben gesehen hatte: Es war Old Firehand und er hatte, zu meiner Überraschung, neben seinem eigenen auch mein Bowiemesser in seinem Gürtel stecken. Jetzt brauchte ich mich freilich nicht mehr zu wundern, dass es mir nicht gelungen war, den Mann zu überwältigen, der gestern im Dunkel der Nacht mit mir gekämpft hatte. Ich berichtete dem Kommandanten vom geplanten Überfall der Poncas, doch war er schon von Old Firehand darüber informiert worden. Nachdem ich sagte, dass auch Winnetou in der Gegend sei, hatte der Kommandant keine Bedenken mehr, mit seinen dreißig Mann Besatzung das Fort gegen hundert Indianer zu verteidigen. Und Old Firehand erriet nun, dass ich Old Shatterhand war, war jedoch ganz erstaunt, zu erfahren, dass ich zudem derjenige war, mit dem er gestern Abend gerungen hatte. Nachdem auch Winnetou herbeigeholt worden war, wurde Lagebesprechung gehalten. Obwohl die Indianer ihre Angriffe meist gegen Morgengrauen vornehmen, stand die ganze Besatzung schon von Mitternacht an hinter den Palisaden bereit.

Dienstag, 9. Juni 1868:

Die Morgendämmerung brach endlich mit einem leichten Nebel an. Kurz darauf griffen die Poncas an, wurden jedoch mit einer Feuersalve empfangen. Nach der zweiten Salve brausten zehn Kavalleristen hinaus, die die Roten in die Flucht schlugen. Doch Parranoh zwang sie zur Umkehr, und da Winnetou, Old Firehand und ich ebenfalls auf den Kampfplatz gestürmt waren, wurden wir in Zweikämpfe verwickelt. Jetzt erblickte ich Parranoh im Haufen der Indianer und bemühte mich, an ihn zu kommen. Mir ausweichend, kam er in die Nähe des Apatschen, der sich auf ihn stürzen wollte, doch Old Firehand drängte Winnetou ab und schrie, dass ‚Tim Finnetey‘ ihm gehöre. Vor Schrecken starr stand Parranoh, als er seinen eigentlichen Namen rufen hörte, doch dann stürmte er wie von der Sehne geschnellt davon. Bevor Winnetou und Old Firehand ihm folgen konnten, war ich ihm schon auf den Fersen und bei einem Zusammenprall fuhr ihm mein Messer bis an den Griff in den Leib. Ich nahm kein Zeichen des Lebens mehr an ihm wahr. Da war auch schon Winnetou heran, der ganz gegen seine Gewohnheit Parranoh mit drei Schnitten die Kopfhaut vom Schädel löste. Wie grimmig musste der sonst so menschenfreundliche Apatsche diesen Tim Finnetey hassen, dass er ihm die Kopfhaut nahm. Dann eilten wir zurück und konnten gerade noch den verwundeten Old Firehand aus einer misslichen Lage befreien. Der Kampf war vorüber, und die Besatzung beschäftigte sich bereits damit, die Toten zusammenzutragen und die Verwundeten ins Fort zu schleppen. Später kamen auch noch die Reiter zurück, die die fliehenden Indianer verfolgt hatten.

Mittwoch, 10. Juni 1868:

Am nächsten Tag wurden die roten Indsmen begraben. Vorher hatte man noch die nähere und weitere Umgebung abgesucht und dabei eine überraschende Entdeckung gemacht: Der Platz, wo ich Parranoh zur Strecke gebracht hatte, war leer. Der vereitelte Überfall war durch Eilboten sofort nach Fort Randall gemeldet worden.

Dienstag, 16. Juni 1868:

Nach sechs Tagen traf von dort eine Verstärkung von zwanzig Mann ein. Sie brachten den Befehl ihres Colonels mit, die Gefangenen nach Fort Randall zu schicken, wo sie abgeurteilt werden sollten. Auch jetzt erfuhr ich nichts über die Beziehung von Winnetou und Old Firehand zu Parranoh.

Mittwoch, 24. Juni 1868:

Die Genesung Old Firehands war schneller fortgeschritten, als wir erwartet hatten, und so waren wir nach verhältnismäßig kurzer Zeit aufgebrochen, um durch das Land der kriegerischen Dakotas bis an den Mankizita vorzudringen, an dessen Ufer Old Firehand seine ‚Festung‘ hatte. Als wir am heutigen Abend am Lagerfeuer saßen, bemerkte Old Firehand den Ring an meinem Finger, den Harry mir nach dem Ölbrand in New Venango unfreiwillig zurückgelassen hatte. Ich musste ihm dieses Abenteuer erzählen und er fieberte direkt mit. Er kannte Harry, kannte Emery Forster, der wahrscheinlich bei dem Ölbrand ums Leben gekommen war, und er kannte Harrys Bruder in Omaha. Aber er sagte mir nicht, dass er selbst Harrys Vater war, wie ich aus seiner ganzen Aufregung annehmen musste.

Donnerstag, 25. Juni 1868:

Am nächsten Morgen schlugen wir die Richtung zur Festung ein. Winnetou und Old Firehand schienen enger miteinander verbunden zu sein, als ich bisher annehmen konnte. Doch Winnetou hatte mit mir nie darüber gesprochen. Ich erfuhr jetzt nur, dass Winnetou und Old Firehand vor Jahren dieselbe Frau geliebt hatten, die sich jedoch für den Weißen entschieden hatte und deren beider Sohn Harry war. Mit der hereinbrechenden Dämmerung kamen wir in die Nähe der ‚Festung‘. Hier traf ich zu meiner Überraschung auf meinen alten Lehrmeister Sam Hawkens, der zusammen mit Dick Stone und Will Parker zur Mannschaft Old Firehands gehörte. Durch den engen Zugang des ‚Wassertors‘ gelangte man in Old Firehands ‚Festung‘. Das Felsental schien von oben herab unbezwingbar zu sein. Nachdem ich mich umgesehen hatte, steuerte ich auf eine etwas höher liegende Hütte zu, wo ich unverhofft auf Harry traf, der mich fast feindlich empfing. Abends am Lagerfeuer betrachtete er mich jedoch mit anderen Blicken, wie es mir schien. Später sprach er sich mit mir aus, entschuldigte sich für sein Verhalten in New Venango und wies mir seine eigene Felshöhle als Wohnung an.

Freitag, 26. Juni 1868:

Am Morgen ging ich mit Harry und Sam Hawkens zum Bee Fork, um die aufgestellten Fallen zu prüfen. Durch das Verhalten der Biber wurden wir auf zwei Ponca-Indianer aufmerksam gemacht, die durch die Gegend schlichen. Es schienen Kundschafter auf dem Kriegspfad zu sein. Was wollten diese hier? Waren sie uns wegen ihrer Niederlage bei Fort Niobrara auf den Fersen? Sam Hawkens musste Old Firehand sofort warnen, während Harry und ich uns nach der Hauptschar der Roten umschauen wollten, damit wir deren Stärke genau kennenlernen und unsere Maßnahmen danach richten konnten. Wir mussten wohl eine Stunde lang gehen, bis wir eine andere Spur entdeckten, die in Richtung ‚Festung‘ ging. Als wir dann Brandgeruch wahrnahmen, schlich ich mich allein weiter, um die Poncas zu zählen, doch ich erlebte eine böse Überraschung: In ihrer Mitte saß der weiße Häuptling Parranoh oder Tim Finnetey und von seinem Kopf hing die prächtige Skalplocke herab, während Winnetou sie ihm doch genommen und nicht eine Minute lang aus seinem Gürtel gebracht hatte. War der Schurke denn leibhaftig von den Toten auferstanden? Um nicht entdeckt zu werden, kehrte ich zu Harry zurück und wir verfolgten die zuletzt entdeckte Spur, stießen dabei auf Sam Hawkens, der die beiden Indianer beobachtet hatte. Dann kehrten wir ins Lager zurück. Zusätzlich zur Wache, die die nötigen Vorbereitungen zur Verteidigung treffen musste, verließ ich mit dem Kleeblatt, Old Firehand und Winnetou die ‚Festung‘, um das Lager der Poncas aufzusuchen. Wir waren nicht weit davon entfernt, als wir auf Parranoh und einige seiner Krieger stießen, mit denen es einen heftigen, lautlosen Kampf gab. Ich hatte Parranoh unter mir und konnte ihn unschädlich machen, während die anderen Gegner ebenfalls niedergemacht wurden. Winnetou riet uns, sofort in die ‚Festung‘ zurückzukehren, da wahrscheinlich die anderen Poncas dort einfallen würden. Den bewusstlosen Parranoh aber nahmen wir mit ins Lager. Die Vorbereitungen gegen den zu erwartenden Überfall nahmen den Nachmittag und den Abend voll in Anspruch.

Samstag, 27. Juni 1868:

Es war früh am anderen Tag. Unsere Kundschafter hatten noch einen zweiten Lagerplatz der Roten entdeckt und es waren mehr, als wir angenommen hatten, und so war unsere Lage heikel, denn wir zählten insgesamt nur vierundzwanzig Mann. Deshalb wurden Dick Stone und Will Parker losgeschickt, um Verstärkung von Fort Randall herbeizuholen.

Ich war auf den Felsen gestiegen, wo ich am vorgestrigen Abend Harry wiedergefunden hatte, der mir jetzt nachgekommen war. Er erzählte mir, dass sein Vater, Old Firehand, einst Oberförster in Deutschland gewesen und in den Strudel politischer Gärung geraten sei, weshalb er mit Frau und Sohn nach Amerika flüchtete. Seine Frau starb auf der Überfahrt. Er ging als Jäger in den Westen und ließ seinen Sohn im Osten bei einer Familie zurück. Da führte ihn ein Jagdzug hinauf an den Quicourt, mitten unter die Stämme der Assiniboins, und dort traf er zum ersten Mal mit Winnetou zusammen, der mit Intschu tschuna von Wyoming kam, um sich am oberen Mississippi den heiligen Ton für die Kalumets seines Stammes zu holen. Beide, Old Firehand und Winnetou, verliebten sich in Ribanna, die Tochter des Häuptlings der Assiniboins. Sie zog Old Firehand vor, obgleich er viel älter war. Trotzdem blieben Old Firehand und Winnetou Freunde. Als Winnetou zur Zeit des Frühlings zurückkehrte, fand er Ribanna als Mutter. Harry war erst einige Tage alt. Die Jahre vergingen und Harry wuchs heran. Da nahm ihn sein Vater mit in den Osten zum älteren Sohn. Als sie zurückkamen, hatte Tim Finnetey zusammen mit den Schwarzfuß-Indianern das Lager der Assiniboins, deren Krieger auf der Jagd waren, überfallen und alle Frauen und Kinder, darunter Ribanna mit ihrer kleinen Tochter, verschleppt. Winnetou, der gerade die Assiniboins besuchen wollte, folgte Old Firehand, Harry und den Kriegern auf der Suche nach den Räubern, die hier am Bee Fork gestellt wurden. Es kam zum Kampf, doch die Assiniboins unterlagen und wurden niedergemacht. Harry fand seine Mutter Ribanna und sein kleines Schwesterchen, von Tim Finnetey erschossen, tot auf dem Schlachtfeld. Nach Tagen kamen Winnetou und Old Firehand verwundet zu Harry zurück, der sich in der Nähe des Kampfplatzes versteckt hatte. Und seit dieser Zeit suchten sie Tim Finnetey, der jetzt als Parranoh weißer Häuptling der Poncas war. Während Harry und ich wieder hinunter in den Talkessel stiegen, gingen mir verschiedene Gedanken durch den Kopf: Harry war jetzt um die dreizehn Jahre alt. Er hatte Winnetou als den jüngsten Bewerber um Ribanna bezeichnet, er sei fast noch ein Knabe gewesen. Das müsste etwa um 1854 gewesen sein. Winnetou wäre damals gerade erst vierzehn Jahre alt gewesen, denn wie ich wusste, war er 1840 geboren. Wir hatten eigentlich nie Geheimnisse voreinander, doch seine große Liebe zu Ribanna verschloss er in seinem Herzen selbst vor mir, seinem Blutsbruder.

Im Lager hatte man einen Pfahl errichtet und Parranoh daran gebunden, um Gericht über ihn zu halten. Man beschloss, ihn dort hinzurichten, wo er Ribanna und ihr Töchterchen ermordet hatte: drunten am Bee Fork, außerhalb der ‚Festung‘. Dass man sich dabei wegen der Anwesenheit der Poncas in nutzlose Gefahr begab und dadurch auch unser Aufenthaltsort verraten wurde, ignorierte man vollkommen. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, dass uns dadurch Unheil entstehen müsse. Natürlich würde ich nicht an der Urteilsvollstreckung teilnehmen. Doch meine Sorge trieb mich hinterher, denn ich hatte Indianerspuren entdeckt, die den unsrigen folgten. An einem freien Platz, wo sicher das Urteil über Parranoh vollstreckt werden sollte, standen unsere Leute und rundum unter den Büschen lagen versteckt die Ponca-Krieger. Hier war keine Zeit mehr zu verlieren. Ich nahm den Henrystutzen an die Wange und drückte ab. Nach kurzer Verblüffung gellte der Kampfruf der Indianer fast hinter jedem Strauch hervor. Bevor Harry seine Pistole auf Parranoh abschießen konnte, wurde er von einem der Poncas daran gehindert, die sofort ihren Häuptling befreiten. Obwohl viele in das Kampfgeschehen verwickelt wurden, gelang den meisten die Flucht. Mit Harry und Sam Hawkens kam ich in der Nähe unseres Lagereingangs an, der von Indianern belagert wurde. Fast gleichzeitig mit uns trafen auch Old Firehand, Winnetou und zwei der Jäger hier ein. Wir rollten nun von hinten die Linie der Belagerer auf, von denen einigen noch die Flucht gelang. Endlich gelangten wir durch das Wassertor in das Innere des Talkessels und waren damit vorerst in Sicherheit. Da Old Firehand bestätigt hatte, dass über die steilen Felswände kein Indianer ins Lager gelangen konnte, musste also der schmale Schluchteingang besonders gut verteidigt werden, falls der Gegner einen Angriff wagen sollte.

Die Nacht lag still und ruhig über dem Tal, doch ich konnte nicht einschlafen. Ich suchte deshalb Hatatitla auf, der im dunklen Hintergrund des Kessels weidete. Durch sein Schnauben aufmerksam geworden, bemerkte ich mehrere Gestalten, die sich von dem dunklen Felsen lösten und herabstiegen. Weil ich kein Gewehr bei mir hatte, konnte ich den Vordermann nicht abschießen. Da fiel vorn am Wassertor ein Schuss, dem bald mehrere folgten. Ein Scheinangriff, um von der Felswand abzulenken. Mit meinem Revolver gab ich Schüsse auf die dunklen Gestalten ab, schwang mich auf meinen Hatatitla und ritt in die Mitte des Lagers. Uns blieben zur Rettung nur die Höhlen um den Talkessel als letzter Zufluchtsort. Doch daran wurden wir gehindert, denn die Indianer waren schneller die Felswand heruntergekommen und mir gefolgt, als ich angenommen hatte. Es war ein wilder, grauenvoller Kampf, wie ihn sich die Einbildungskraft kaum auszumalen vermag. Old Firehand, der wie ein Fels in der Brandung stand, wurde durch einen Schuss Parranohs getroffen und brach dann lautlos zusammen. Ich fühlte einen schmetternden Schlag auf den Kopf und verlor das Bewusstsein.

Sonntag, 28. Juni 1868:

Als ich erwachte, war es dunkel und still um mich. Ich lag in einer der Höhlen und war gefesselt. Gleich darauf bemerkte ich jemanden neben mir, es war Sam Hawkens. Von ihm erfuhr ich, dass außer ihm, Winnetou, Harry und mir alle ausgelöscht seien. Doch Sam besaß noch sein Messer, mit dem wir unsere Fesseln zerschnitten. Als ich den Fellvorhang beiseiteschob, sah ich nicht nur unsere Pferde vor dem Talausgang stehen, sondern auch Parranoh, der gerade die Anweisung gab, Winnetou und Harry an den Marterpfahl zu führen. Nun war Eile geboten. Mit weiten, aber leisen Sprüngen schnellten wir hinter den Indianern her, überwältigten diese und schnitten den beiden Gefangenen die Fesseln durch, bewaffneten uns notdürftig und eilten zu den Pferden. Harry zog ich hinter mir in den Sattel. Wütendes Geheul erfüllte die Luft, Schüsse krachten, Pfeile schwirrten um uns. Ich kann unmöglich sagen, wie ich durch den engen, gewundenen Pass ins Freie kam. Da fiel hinter uns ein Schuss. Als ich mich umblickte, sah ich Parranoh auf seinem Mustang dicht hinter mir. Nach einer kurzen, aber wilden Verfolgungsjagd schoss Winnetou Parranoh aus dem Sattel und im selben Augenblick spaltete der von mir geworfene Tomahawk den Schädel des weißen Häuptlings. Parranoh hatte alle meine Waffen umhängen, die ich jetzt wieder in Besitz nahm. Dann hatten uns die verfolgenden Poncas fast erreicht und wir ritten weiter. Plötzlich flog ein ansehnlicher Reitertrupp vom Waldsaum her zwischen uns und die Verfolger herein, schwenkte gegen die Roten um und stürmte ihnen im gestreckten Galopp entgegen. Es handelte sich um eine Abteilung Dragoner aus Fort Randall. Bei ihnen befanden sich auch Will Parker und Dick Stone. Dann ging es zur ‚Festung‘ zurück. An der Zugangsschlucht aber saß Sam Hawkens und schoss die ankommenden Poncas aus dem Sattel, sodass diese nicht mehr in die Festung eindringen konnten. Im Talkessel angekommen, eilten Harry und Winnetou zur Leiche Old Firehands. Doch zu aller Erstaunen war dieser gar nicht tot, er hatte bloß eine sehr schwere und mit großem Blutverlust verbundene Verwundung. Gegen Mittag stellten sich die Dragoner wieder ein. Sie hatten die Poncas zu Paaren getrieben und dabei keinen Mann eingebüßt.

Mittwoch, 1. Juli 1868:

Um die Pferde ausruhen zu lassen, blieb der Trupp drei Tage im Tal. Während dieser Zeit wurden die Toten beerdigt, dann lud man uns ein, Old Firehand, sobald er die Reise aushalten könne, in das Fort Randall zu bringen, wo er leidliche Pflege und vor allem sachgemäße ärztliche Behandlung finden werde. Wir sagten gern zu.

Donnerstag, 1. Oktober 1868:

Drei Monate später war Old Firehand zwar gerettet, aber immer noch sehr schwach, sodass wir ihn bisher nicht nach Fort Randall hatten schaffen können. Es war vorauszusehen, dass sich Old Firehand selbst nach seiner Genesung noch lange werde schonen müssen. Deshalb hatte er sich entschlossen, sobald er die Reise unternehmen könnte, nach Osten zu seinem älteren Sohn zu gehen und Harry mitzunehmen. Die Fellvorräte, die sich hier angesammelt hatten, konnten nicht für immer hier liegen, sondern mussten verkauft werden. Durch die Soldaten hatten wir erfahren, dass sich drüben am Cedar Creek ein Pedlar (Händler) aufhielt, der alles Mögliche aufkaufte und die Waren auch mit barem Geld bezahlte.

Samstag, 3. Oktober 1868:

Winnetou und ich machten uns deshalb auf den Weg und kamen schon am zweiten Tag an den Cedar Creek. Wo nun den Pedlar finden? Es gab in der Nähe ein Blockhaus, in dem ein weißer Ansiedler wohnte, bei dem wollten wir uns erkundigen. Erst als er tatsächlich wusste, wer wir waren, ließ er uns in seine Hütte, denn er befürchtete, von den Okananda-Sioux überfallen zu werden, die momentan in dieser Gegend ihr Unwesen trieben. Ein Gehilfe des Pedlars sollte heute Abend zurückkommen. An ihn könnten wir uns dann wegen des Verkaufs der Felle wenden. Als dieser eintraf, wurde ich das Gefühl nicht los, dass man ihm nicht ganz trauen könne, zumal er angeblich nicht wusste, wo sich Mr. Braddon, der Pedlar, momentan aufhielt. Da wir nicht in der Hütte schlafen wollten, legten Winnetou und ich uns hinaus zu unseren Pferden. Nachts wurden wir beide wach und sahen, dass einige Gestalten auf das Blockhaus zukrochen. Wir konnten uns eine schnappen. Es war der Häuptling der Okananda-Sioux selbst, für uns ein guter Fang. Durch Verhandlungen erreichten wir, dass die Indianer abzogen, ohne sich am Besitzer der Blockhütte zu vergreifen, der sich ohne ihre Erlaubnis hier niedergelassen hatte. Rollins, der Gehilfe des Pedlars, aber wollte ihnen nachgehen, um zu sehen, ob sie wirklich die Gegend verlassen würden.

Sonntag, 4. Oktober 1868:

Am Morgen ritten wir mit Rollins vom Blockhaus fort, um ihn zu Old Firehand zu führen, wo er sich die Felle ansehen wollte. Unterwegs trafen wir auf drei Fußgänger, die sich auf Stöcke stützten und angaben, von den Okananda-Sioux überfallen worden und jetzt nach Fort Randall unterwegs zu sein. Sie schlossen sich uns an. Und da mein Misstrauen gegen Rollins wieder aufgekommen war und Winnetou zudem die Meinung hegte, die drei angeblich von den Indianern Überfallenen schauspielerten nur, waren wir beide doppelt vorsichtig. Als es dunkel wurde und auch noch zu regnen anfing, lagerten wir nicht draußen auf der Prärie, sondern in einem nahe gelegenen Wäldchen. Winnetou schien plötzlich etwas zu bemerken, denn er setzte zu einem ‚Knieschuss‘ an, legte sein Gewehr dann aber wieder ab und wollte nun die Pferde inspizieren gehen. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis er zurückkam. Zu spät bemerkte ich, dass sich ein völlig Fremder Winnetous Saltillodecke übergehängt hatte. Er schlug mich mit dem Gewehrkolben besinnungslos.

Montag, 5. Oktober 1868:

Als ich wieder zu mir kam, graute bereits der Morgen. Ich war gefesselt. Da vernahm ich eine Stimme, die ich kannte: Es war die Stimme von Santer, dem Mörder von Intschu tschuna und Nscho-tschi, dem Vater und der Schwester Winnetous. Winnetou, den man krummgeschlossen hatte, und ich befanden uns in einer sehr misslichen Lage, denn von Santer hatten wir beide keine Gnade zu erwarten, zumal dieser ja wusste, dass Winnetou immer hinter ihm her sein würde, um seinen Vater und seine Schwester zu rächen. Uns konnte nur eine List helfen, wir mussten Santers Habgier nach Gold und Reichtum wecken, um ihm vielleicht dadurch zu entkommen. Santer war der Pedlar, den wir gesucht hatten, und die drei hilfsbedürftigen Fußgänger waren seine Gehilfen, während Rollins angeblich nicht zu ihm gehörte und gestern Abend entkommen war. Als wir beide dann allein zusammenlagen, sprachen wir heimlich über den Goldschatz, den Winnetou angeblich nur eine Tagesreise von hier versteckt hatte, denn wir ahnten, dass Santer unser Gespräch belauschen würde. Seine Gier nach Reichtum und Gold schien momentan größer zu sein als die, uns zu töten, denn wir würden ihm ja sowieso wieder in die Hände fallen. Dann wurden die drei Helfer von Santer losgeschickt, die Umgegend nach Rollins abzusuchen und ihn zu fangen. Und sie brachten ihn tatsächlich nach einiger Zeit herbei. Santer und Rollins spielten ihre Rollen so, als ob sie gute Bekannte seien, die sich nach langer Zeit wieder einmal sahen. Sie taten schließlich so, als ob Rollins es durch seine Fürsprache fertig brächte, dass wir später mit allem, was wir besaßen, freigelassen werden sollten. Santer ritt mit den anderen fort und Rollins sollte uns am Abend befreien, sodass wir in der Nacht Santer nicht mehr folgen konnten. Als uns Rollins dann die Fesseln abnahm, ritten wir mit ihm in der Dunkelheit in Richtung der ‚Festung‘.

Dienstag, 6. Oktober 1868:

Am Morgen wurde eine kurze Rast gemacht und gegen Mittag wieder. Dann schnappten wir uns Rollins und banden ihn an einen Baum. Später, nach der Überwältigung Santers, wollten wir ihn hier abholen. Wir ritten etwas seitwärts zurück, denn wir wollten nun Santer abfangen, der uns bestimmt auf unserer Spur folgte. Es war noch anderthalb Stunden Tag, und bis dahin musste er uns eingeholt haben. Als wir etwas später in der Ferne einen Reiter sahen, der in die Richtung ritt, aus der wir Santer erwarteten, ahnten wir nichts Gutes. Ich ritt zurück und stellte fest, dass jemand Rollins befreit hatte und dass dieser Jemand, der Fußspur nach, kein anderer als Sam Hawkens gewesen sein konnte. Ich jagte zu Winnetou zurück und wir ritten nun auf unserer alten Fährte so weit, bis wir auf eine Spur von vier Reitern trafen, die mit einem anderen Reiter zusammengetroffen waren und eine andere Richtung eingeschlagen hatten. In der hereinbrechenden Dunkelheit mussten wir die Verfolgung aufgeben und ritten stattdessen zur ‚Festung‘, wo wir ankamen, als der Mond aufging. Da sich der Zustand von Old Firehand etwas verschlechtert hatte, bat mich Winnetou, hierzubleiben und nicht mit ihm Santer zu jagen, denn ich würde hier jetzt notwendiger gebraucht.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
706 str. 11 ilustracji
ISBN:
9783780216243
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki