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Hans Hyan
Strafsache van Geldern
Kriminalroman
Saga
1
Am blauen, durchsichtigen Himmel zogen weisse Wölkchen friedlich von Osten nach Westen. Ein paar Schwalben schossen durch den Äther. Das und der Wipfel einer dunkelgrünen Kiefer waren das einzige, was Paulus van Geldern seit sechs Monaten, seit dem Beginn dieses Jahres 1931, von der Welt sah. Er stand in seiner hellgetünchten Zelle unter dem hohen Gitterfenster mit erhobenen Augen und blickte da hinaus durch das besonnte Rechteck, dessen Eisenstäbe in der Morgensonne glitzerten. Er dachte nichts. Seine Seele war hinausgeflogen in die leuchtende Weite, war eins und tief verbunden mit einer anderen, der er in Liebe ergeben war.
Hinter seinem Rücken rasselten die Schlüssel. Die wuchtige Eisentür ging auf, und der Aufseher, ein hoher, schlanker, blonder Mensch, stand in dem schmalen Türrahmen:
„Es ist Zeit, Herr van Geldern. Sie müssen zur Verhandlung!“
Van Geldern drehte sich langsam um. Er blickte durch den jungen Aufseher hindurch, als sei der Mann aus Glas. Er sah in diesem Augenblick schon den Schwurgerichtssaal vor sich, angefüllt mit Menschen, die gekommen waren, um seine Erniedrigung mitanzusehen, das Urteil über seine Schuld oder Unschuld zu hören.
Da richtete er sich mit einem Ruck in die Höhe, warf den Kopf mit dem kurzgeschnittenen dunklen Haar in den Nacken und trat an dem zurückweichenden Aufseher vorbei hinaus aus der Zelle auf die Galerie. Er ging schnell zur nächsten Eisentreppe, die er vor dem Aufseher hinunterlief, als wollte er entfliehen oder aber als könnte er nicht schnell genug diese letzte Station seines Golgatha erreichen.
Im Zentral stand der Oberaufseher Matthes, ein Mann in den Fünfzigern, der fast niemals sprach. Und dieser Schweigsame wandte sich zu Paulus van Geldern um mit den Worten:
„Schwere Stunde ... hm ... ja ... schwere Stunde ... Aber geht auch vorbei ... hm ...“
Van Geldern war stehengeblieben in der dienstlichen Haltung, die die Gefängnisnorm vorschreibt. Er sah in das starre graue Gesicht mit dem weissen Backenbart und nickte:
„Ich danke, Herr Oberaufseher!“
Dann schritt er hinüber zu dem grossen Tor, das das eigentliche Gefängnis abschloss. In dem dämmrigen Korridor traf er den Geistlichen. Der drückte ihm stumm die Hand.
Und wie er eben das Gefängnis verlassen wollte, kam von draussen von dem sonnenhellen Gefängnishof herein der Direktor Doktor Stupp, ein jovialer Mann, immer bemüht, es seinen unfreiwilligen Pflegekindern so leicht wie möglich zu machen, wenn sie ihn nicht durch Widersetzlichkeit reizten.
Er hielt van Geldern an, der wieder stramm stand, und klopfte ihm lächelnd auf die Schulter.
„Wer ein gutes Gewissen hat, der braucht sich vor keinem Gericht zu fürchten! ... Na und Sie ... Sie haben’s doch ... nicht wahr?“
„Jawohl, Herr Direktor!“
Die Stimme van Gelderns kam wie aus einem leeren Raum. Dann ging er weiter, der Aufseher immer hinter ihm, und trat auf den Gefängnishof hinaus. Er sah die Gärtnergehilfen in ihrem blauleinenen Gefangenenkittel, die da Gemüse pflanzten und Kartoffeln hackten, und ging, ohne dass er wusste, wohin, über den gelben Kiesweg dem roten Hause zu, das durch einen Gang mit dem Untersuchungsgefängnis verbunden war.
In dem grossen Schwurgerichtssaal fiel durch die hohen, buntverglasten Fenster in hellem Farbenspiel das Sonnenlicht. Es sprühte über das Halbrund des grün bezogenen Tisches hin, an dem die neun Männer des Schwurgerichts schon Platz genommen hatten. Der Vorsitzende in der Mitte war ein kraftvoller Mann mit blondem Bart. Er hatte eine dröhnende Stimme, die er doch so dämpfen konnte, dass nur der Angeklagte, der aber mit um so grösserer Wirkung, sie spürte.
Der Zuschauerraum war überfüllt. Mehrere Schupos flankierten die Tür und hielten das Publikum in Schach, das immer wieder hereindrängen wollte.
Eben öffneten die beiden Justizwachtmeister den hohen Saaleingang, und wie eine Welle flutete die Menge der Zeugen in den Saal, diesen plötzlich anfüllend und mit dem Summen ihrer leisen Unterhaltung belebend.
Landgerichtsdirektor Hallmann hob den blondbärtigen Kopf, der ohne ein Haupthaar in der Sonne glänzte, und klopfte mit dem grossen Bleistift auf die Tischplatte:
„Herrschaften!“ — ein Ausdruck, den er gern brauchte — „ich habe keine Zeit zu verlieren, und wir haben mindestens acht Tage mit der Sache angestrengt zu tun. Darum muss alles Überflüssige fortfallen! Zum Beispiel langatmige Auseinandersetzungen mit den Zeugen, Ermahnungen an die Zuhörer oder was weiss ich. Hier hat niemand ungefragt zu reden; aber wenn er gefragt wird, dann soll er gefälligst den Mund aufmachen und Rede und Antwort stehen! Ich meine ’s gut mit jedem, der ’s mit mir gut meint!“
Der Protokollführer, Referendar Lebermann, der zwischen dem Richtertisch und der Anklagebank seinen Platz hatte, ein kleiner, elegant aufgemachter Herr, nickte bedächtig und legte den gespitzten Bleistift ernst neben sich. Dann begrüsste er höflich den Ersten Staatsanwalt Doktor Malkenthin, der nicht aus dem Richterzimmer, sondern vom Korridor her durch die grosse Saaltür eintrat.
Der sehr magere, schwarzhaarige Herr mit dem Einglas im linken Auge trat sofort zu dem Vorsitzenden hin, wohl um ihm etwas Wichtiges zu sagen, als plötzlich alles, wie von einer elektrischen Schwingung erfasst, zur grossen Tür hinstarrte, durch die in diesem Augenblick, von zwei Justizwachtmeistern geleitet, der Angeklagte hereintrat.
Für einen Augenblick war nur das Summen einer grossen Fliege, die oben an dem sonnenbunten Fenster hin und her surrte, im Raum.
Paulus van Geldern wollte in die Anklagebank kreten, deren Gittertür der Justizwachtmeister vor ihm öffnete, als ihm der Vorsitzende gestattete: „Sie können da auf dem Stuhl“, er deutete mit breiter Geste hinüber, „vorläufig Platz nehmen!“
Dicht neben van Geldern, der sich wie automatisch niederliess, war die Rechtsanwaltsbank, neben der sein Verteidiger Doktor Joachim Vierklee sich mit Hans Lerse, dem Reportagechef von den „Berliner Allgemeinen Nachrichten“, unterhielt. Lerse brachte seinen dreieckigen Kopf mit der grossen spitzen Nase dicht an das Gesicht des Rechtsanwalts heran: „Wie legen Sie den Fall, Doktor?“
„Absolut: Sieg!“
Lerse schüttelte den Kopf mit den grossen abstehenden Ohren: „Platz! ... Höchstens! Ich wette keine zehn Mark, dass Sie den Mann frei kriegen!“
Vierklee hob das scharfgeschnittene Profil mit dem blitzenden Monokel und sah den Zeitungsmann ohne Antwort an. Sein schmaler Mund, die nur ganz wenig gebogene Nase und das in seinem Weiss leicht getüpfelte Auge veriet nichts von dem, was in seinem Innern vorging. Dieser Mann in der schwarzen Robe, zu dem jeder kam, der seine letzte Karte ausspielen musste, verschoss sein Pulver nicht vor der Schlacht.
Paulus van Geldern suchte auf den Zeugenbänken nach dem einzigen, das ihn in dieser Welt festhielt. Seine grossen dunklen Augen gingen im Saal hin und her und fanden endlich auf der zweiten Zeugenbank ganz in der Ecke die Gesuchte. Sie sass, von ihrer Mutter gedeckt, und hielt ihr Tuch an die Augen. Plötzlich, als spüre sie seinen Anruf, liess sie die Hand sinken und erhob ihr junges, achtzehnjähriges Gesicht zu ihm.
Sie gab ihm in diesem Augenblick alles, was sie ihm geben konnte, ihre ganze Seele, ihren Leib und ihr Leben. Sie behielt nichts für sich. Sie allein in diesem grossen, von Menschheit brausenden Saal war bis zum Rande ihrer Seele erfüllt von dem Glauben an seine Unschuld.
Und es war Paulus, als strömten ihm neue Kraftquellen zu für den schweren Kampf, den eine Welt von rachgierigen Feinden ihm entgegentrug.
In diesem Augenblick erhob sie sich und verliess mit ihrer Mutter und den anderen Zeugen auf das Gebot des Vorsitzenden den Saal.
Die beiden Sachverständigen, Professor Grolly von der Universität Greifswald und Doktor Rawenfleet von der Berliner Städtischen Irrenanstalt, machten sich mit dem Vorsitzenden bekannt.
Die Verlesung des Eröffnungsbeschlusses dauerte nicht lange. Es handelte sich darum, dass der Rechtsanwalt Paulus van Geldern aus Berlin und in Berlin wohnhaft hinreichend verdächtig erschien, am 5. Januar 1931 seine Ehefrau Martha, geborene Streckaus, in der gemeinsamen Wohnung in Westend bei Berlin, Quintenallee 17, ermordet zu haben.
„Bekennen Sie sich schuldig, Angeklagter?“
Van Geldern war, als seine Personaldaten von ihm verlangt wurden, aufgestanden und vom Vorsitzenden belehrt worden, dass er sitzen bleiben könne. Trotzdem erhob er auf diese Frage seinen wohl einen Meter neunzig hohen Körper mit einem Ruck. Seine breite und hohe Brust trat hervor, als hätte er sie tief mit Atem gefüllt. Er hielt die Arme gesenkt, aber sie fielen nicht schlaff zu beiden Seiten herunter, sondern es war in ihrer leichten Krümmung die ungeheure Spannung, der stärkste Wille zur Abwehr. So sah er den Vorsitzenden an. Seine Stimme kam wie aus mächtigem Druck:
„Nein!“
Dann setzte er sich wieder, und das Duell zwischen ihm, dessen Beruf es war, Menschen in ihrem oft verzweiflungsvollen Kampf zu helfen, und zwischen dem, der die menschliche Gerechtigkeit verkörperte, nahm seinen Anfang.
„Wollen Sie uns jetzt einmal ruhig und mit allen Einzelheiten erzählen, was sich am 5. Januar 1931 in Ihrer Villa zwischen Ihnen und Ihrer Frau zugetragen hat?“
Der Angeklagte atmete tief: „Ich kam um drei Uhr aus dem Büro. Im Speisezimmer, in das ich eintrat, nachdem ich meine Frau vergeblich im ganzen Haus gesucht hatte, war der Frühstückstisch noch nicht abgeräumt. Ich bin ein von Hause aus ordentlich erzogener Mensch, und eine derartige Liederlichkeit ist mir tief zuwider. Ich will hierbei gleich sagen, dass die Boheme-Natur meiner Frau der erste Anlass zu unserer Entfremdung war ...“
Der Vorsitzende hob leicht die Hand: „Darüber werden wir später Zeugen hören, die etwas ganz anderes bekunden ...“
Das Monokel von Joachim Vierklee funkelte wie ein Brennglas nach dem Gesicht des Vorsitzenden. Der parierte sofort: „Sie sind anderer Meinung, Herr Rechtsanwalt, und das entspricht Ihrer Funktion. Sie sollen auch nicht in der Bekundung Ihrer Ansichten von mir gehindert werden — ebensowenig wie Ihr Klient ... Also bitte weiter, Angeklagter!“
„Ich klingelte nach dem Mädchen, das ebenfalls nicht da war. Schliesslich kam die Köchin. Es ist das die Minna Müller, die auch als Zeugin gegen mich auftreten wird und die meine Frau aus ihrer früheren Wirtschaft schon mit in die Ehe gebracht hat. Ich weiss aus den Protokollen, dass ich nun sofort in einer ganz zügellosen Weise auf meine Frau geschimpft und gedroht haben soll: ich würde ihr den Standpunkt bei ihrem Heimkommen einmal deutlich klarmachen! ... Und das wäre von Handbewegungen begleitet gewesen, die keinen Zweifel an meinen bösen Absichten liessen!“
Der Angeschuldigte pausierte einen Augenblick, und der Vorsitzende nickte.
Ohne zu diesen Behauptungen Stellung zu nehmen, fuhr van Geldern in seinem Bericht fort: „Ich bekam also schliesslich ein paar Setzeier mit Bratkartoffeln. Das war mein Mittagsmahl, nachdem ich frühmorgens um halb acht das Haus verlassen und, beruflich stark in Anspruch genommen, wie ich bin, seit dem Frühstücksbrötchen keinen Happen zu mir genommen hatte. Ich bin ein wenig magenleidend, eben wohl durch das sehr häufig verzögerte und vergessene Essen, und gerate dann in eine gewisse Aufregung, die ich mich aber immer bemühe meine Umgebung nicht entgelten zu lassen. Die Stutzuhr auf dem Kamin schlug grade halb, als meine Frau ins Zimmer trat. Sie war in grosser Toilette und kam von irgendeiner mondänen Veranstaltung. Wenn ich nicht irre, war es ein Basar, den die Fürstin Hassfeld veranstaltet hatte.“
Die Hand des Vorsitzenden unterbrach: „Können Sie sich entsinnen, welche Toilette Ihre Gattin damals trug?“
Paulus van Geldern schien nachzusinnen. Ein unmerklich fragender Blick glitt zu Joachim Vierklee hin. Das scharfe, jetzt von einer gelblichen Röte überhauchte Gesicht des eben anfgestandenen Rechtsanwalts begegnete dem Auge des Klienten und gab Antwort: sprich, es ist ungefährlich!
„Müssen Sie sich das erst so lange überlegen?“ fragte der nicht ganz ahnungslose Vorsitzende.
Paulus van Geldern hatte seine Sicherheit wiedergewonnen. Er war nicht mehr der Angeklagte, er war der Anwalt des Beschuldigten und Angeklagter zugleich.
„Ich habe von jeher auf dem Standpunkt gestanden, Herr Vorsitzender, dass es unendlich falsch und gefährlich ist, einen Angeklagten auf gewisse Daten, Orts- und Zeitbestimmungen oder auf Äusserlichkeiten in seinen Bekundungen festzunageln. Wir Menschen haben alle ein so kurzes und leicht auszuschaltendes Gedächtnis, dass wir uns nur an wenige Ereignisse ganz deutlich zurückerinnern können.“
Der Vorsitzende hatte sich in seinem hohen Armstuhl nach hinten gelehnt, den Kopf auf dem Kragen blies er aus gespitzten Lippen die Luft von sich. Plötzlich aber senkte er den Kopf und sagte fast mit einem Anflug von Humor:
„Sie verkennen Ihre Rolle, Angeklagter! Sie sind hier nicht Verteidiger, wie Sie anzunehmen scheinen. Das ist Doktor Vierklee. Sie selbst sind der Angeschuldigte ... also verteidigen Sie sich, aber halten Sie keine metaphysischen Brandreden!“
Doktor Vierklee sprang ein: „Sie gestatten, Herr Landgerichtsdirektor: es kann nach der Strafprozessordnung Abschnitt V § 243 dem Angeklagten nicht verwehrt werden, sich in der seinem Bildungsgrad und seinem geistigen Niveau entsprechenden Art zu verteidigen. Wenn mein Klient glaubt, darauf hinweisen zu müssen, dass es unendlich schwer ist, selbst nach wenigen Tagen, sich an affektive Tatsachen zu erinnern, so liegt das durchaus im erlaubten Rahmen seiner Verteidigung. In dieser Anklage wegen Gattenmordes gibt es keine tatsächlichen Beweise. Nur Indizien gibt es hier ... reine Indizien! Wir alle aber wissen, welch eine unendliche Gefahr für die Gerechtigkeit hinter dem Indizienbeweis lauert! Der Angeklagte kämpft um seinen Kopf! Auch nicht eine Spur seines Verteidigungsrechts darf ihm verkümmert werden!“
„Ist ja gar nicht meine Absicht!“ lächelte Hallmann, „also weiter, wenn ich bitten darf, Angeschuldigter ... Wie war Ihre Frau an dem Tage angezogen?“
Die Journalistenbank gegenüber dem Platz des Angeklagten war doppelt gefüllt. Die Bleistifte spritzten stenographische Haken aufs Papier. Hin und wieder fragte einer der Reporter flüsternd den anderen. Aber der lehnte unwirsch ab: die Leser seiner Zeitung wollten nicht ein Wort dieses Verhörs verlieren!
Hans Lerse, der kraft seines wirklichen Könnens, aber auch durch sein unerhört scharfes Mundwerk stets der Spitzenreiter bei solchen Journalisten-Matches war, sah seinen Nachbar an und meinte leise: „Mit dem Vorsitzenden wird er’s bald verdorben haben, der van Geldern — ich verstehe Vierklee nicht, soll ihm doch ’s Maul verbinden!“
Dabei richtete er den Blick seiner kalten grauen Augen wie hypnotisierend auf den angeklagten Rechtsanwalt, der wirklich in diesem Moment hersah und mit jener Überempfindlichkeit aufs höchste gespannter Menschenseelen die Mahnung des Journalisten und ihre Richtigkeit zu begreifen schien.
„Meine Frau trug ein Chiffonkleid von Lindenblütenfarbe, in der damals schon langen Rockmode, mit vielen Falten und Zipfeln an Mieder und Rock. Dazu lange, goldgestickte, schwarzgrüne Lederhandschuhe und eine lichte Crêpe-Kappe auf ihrem dunklen Haar ...“
Der Vorsitzende nickte.
Aber Staatsanwalt Malkenthin erhob sich:
„Gestatten Sie, Herr Landgerichtsdirektor? ... Diese ausserordentlich konkrete Angabe ist der Beweis, dass der Angeklagte an jenem Tage und selbst in der fraglichen Stunde in seiner Beobachtungskraft durch nichts getrübt oder erschüttert war. Ich selbst wäre nicht imstande, mit solcher Genauigkeit und nach so langer Zeit — die Tat ist doch jetzt über ein halbes Jahr her! — nein, ich könnte durchaus nicht so detaillierte Angaben machen über das, was meine Frau damals anhatte!“
Hallmann sah nach rechts und links zu seinen beiden Beisitzern und den je drei Geschworenen hin, und auf allen diesen Gesichtern bemerkte er die absolute Zustimmung zu den Worten des Staatsanwalts.
Im Publikum war leises Raunen.
„Na, und, Angeklagter, was geschah dann weiter?“
Paulus van Geldern atmete wieder schwer:
„Ich kam mit meiner Frau in Streit.“
„Aus welchen Gründen?“
„Es handelte sich um Geld!“
„So ... na, ich glaube, bei dem Punkt müssen wir etwas verweilen ... Wie war denn Ihre Situation, als Sie sich verheirateten? — Ja, übrigens, wie lange waren Sie verheiratet?“
„Ein Jahr, Herr Vorsitzender!“
Hallmann sah den jungen Anwalt fest an, als wollte er gerade in diesem Moment keine Unwahrheit aufkommen lassen:
„Wie war Ihre pekuniäre Lage bei Ihrer Heirat?“
Aber Paulus dachte nicht daran, zu lügen:
„Ich habe damals viel gespielt ... und habe gesellschaftlich alles mitgemacht, wozu ich durch meine Klientel verleitet wurde. Es ist ja nicht unbekannt, dass es im wesentlichen Halbwelt war, die zu mir kam. Dadurch, ich meine, durch mein wildes, zügelloses Leben, bin ich in Schulden geraten und hatte recht unangenehme Wechselschulden.“
„Die Ihre Frau bezahlt hat, als Sie sie heirateten — — und jetzt frage ich Sie etwas, Angeschuldigter, was Sie mir auch dann beantworten sollen, wenn es Ihren Charakter in ein ungünstiges Licht setzt ... die Zeugen werden ohnehin ... ich meine besonders die Leumundszeugen — werden Sie gerade darin belasten!“
Van Gelderns Gesicht blieb unbewegt:
„Ich weiss das, Herr Vorsitzender! Ich täusche mich nicht darüber, dass ich zu der Zeit ein Leben geführt habe, wie ich es nicht hätte führen dürfen. Aber wenn mir die Anklage vorwirft, dass ich meine Frau nur geheiratet habe, weil sie meine Schulden bezahlt hat, so ist das —“
Van Geldern hatte sich erhoben und reckte, wie er es stets in Augenblicken des Affekts tat, die gewölbte Brust vor:
„—so ist das eine Lüge, Herr Vorsitzender!“
Er hatte das Wort laut in den Saal gerufen und fuhr ruhiger fort:
„Ich habe meine Frau sehr gern gehabt, ehe ich sie näher kennenlernte. Sie war eine charmante Person — solange sie nicht ihre Anfälle bekam. Was eine Hysterikerin bedeutet, das kann nur der ermessen, der Tag für Tag, Monat für Monat mit einer solchen Frau zusammengelebt hat. Streit ohne jeden Anlass, zu jeder Tages- und Nachtzeit und kein Nachgeben. Ein ewiges, zermürbendes Sich-aneinander-Reiben. Um nichts! Um Dinge von solcher Geringfügigkeit, dass man’s nicht glauben sollte! Die tieferen Ursachen allerdings ...“
Der Vorsitzende hob wieder die Hand.:
„Ich will Sie ja nicht in Ihren Ausführungen beschränken, Angeklagter, aber für die Charakter- und Seelenanalyse der Prozessbeteiligten oder Betroffenen stehen uns zwei Sachverständige von hoher Qualität in der Person dieser beiden Herren da zu Verfügung. Machen Sie mir die Freude und halten Sie sich streng an die Darstellung der Tatsachen!“
Paulus nickte sein Einverständnis:
„Ich habe auch meiner Frau das für mich verauslagte Geld — es waren etwas mehr als fünfzigtausend Mark — zu zwei Dritteln zurückerstattet ...“
„Das stimmt! Aus den sehr ordentlich geführten Büchern Ihrer Frau geht hervor, dass sie über dreissigtausend Mark zurückerhalten hat ... Im übrigen eine einwandfreie Buchführung — wie stimmt die mit der angeblichen Liederlichkeit Ihrer Gattin überein?“
„Herr Landgerichtsdirektor, es gibt Frauen, die wahre Musterbilder in ihrem geschäftlichen Leben und zu Hause in der Wirtschaft einfach unbrauchbar sind. Schon der Umstand, dass sie die nötige Zeit ...“
Hallmann winkte ab:
„Ich verstehe! Also Sie führten eine unglückliche Ehe, — es ist sogar zum Schlagen zwischen Ihnen beiden gekommen?“
„Ja, leider ... meine Frau geriet bei solchen Anlässen in eine derartige Erregung, dass sie jeden Gegenstand nach mir warf, gleichviel, ob es nun ein Buch oder ein Glas oder sonst irgend etwas war. Sie stiess mich mit den Füssen, kratzte und schlug auf mich ein, wenn ich sie nicht ganz energisch abwehrte.“
„Ich verstehe nur nicht, dass Sie das so lange mitgemacht haben! Ein Mensch, der Achtung vor sich selbst besitzt, trennt sich dann doch von der Frau! Um so mehr, als hier die Existenzfrage gar nicht ins Gewicht fiel. Ihre Frau hat, wie wir wissen, in ihrem Modeatelier recht erhebliche Einnahmen gehabt, und auch Sie waren ja trotz Ihrer Jugend schon ein grosser Geldverdiener!“
Doktor Vierklee sah auf:
„Darf ich einmal unterbrechen, Herr Landgerichtsdirektor? ... Ich habe bei der Verhandlung gegen einen Mörder, die Sie, Herr Landgerichtsdirektor, so mustergültig geleitet haben, aus Ihrem eigenen Munde den prachtvollen Satz gehört: ‚Der Vorsitzende ist nicht der Staatsanwalt! Wenn jener anklagt, soll der Verhandlungsleiter zugunsten des Angeklagten abwägen und schlichten‘!“
Der massige Mann in der Mitte des Richtertisches war einen Augenblick ganz still. Es schien, als denke er nach. Dann sagte er so offen und freimütig, dass jeder im Saal für ihn war:
„Sie haben ganz recht, Herr Doktor. Aber Sie müssen mir auch zugestehen, dass es für einen Menschen nichts Schwereres gibt, als gegen seine Überzeugung dem zu helfen, der für sein Verbrechen keinerlei Hilfe erwarten darf.“
Doktor Vierklee nahm das Monokel aus dem Auge und putzte mit einem gelbseidenen Tuch daran:
„Sie nehmen mit der Linken, Herr Vorsitzender, was Sie eben mit der Rechten gegeben haben! Aber man darf von niemand verlangen, dass er über seinen eigenen Schatten springt!“
Hallmann sah den Anwalt nachdenklich an. Dann zuckte er die Achseln und wandte sich wieder seiner Aufgabe zu.
2
Sie behaupten also, Angeklagter, dass Sie nach diesem Zank das Haus verlassen, dann ein Auto genommen hätten und ... na, erzählen Sie uns mal selber, was Sie nun gemacht haben!“
„Ich habe, wie Sie, Herr Vorsitzender, eben sagten, eine Autodroschke genommen und bin ziellos umhergefahren.“
„Was heisst ziellos?“
„Ich habe erst eine Adresse angegeben, und als der Wagen dort hielt, eine andere und so weiter. Ich weiss nicht, wie oft, auch nicht, wohin ich gefahren bin ... das weiss ich in der Tat nicht!“
„So! — Also Sie wissen nichts davon? ... Ja, das ist schlimm für Sie ... und das schlimmste ist, dass ausser Ihnen auch niemand etwas davon weiss! Das Gericht ebensowenig wie Ihr eigener Anwalt. Wir haben uns alle Mühe gegeben, den Schofför herauszufinden, mit dem Sie damals gefahren sind.“
„Der Mann kann Berlin inzwischen verlassen haben ... er kann krank sein ... am Ende lebt er nicht mehr!“
„Und was kam nachher? Was taten Sie dann? ... Wo sind Sie damals ausgestiegen aus dem Auto, das Sie benutzten?“
Van Geldern hob die Schultern: „Ich kann mich nicht mehr entsinnen. Es ist, als ob über diese Stunde sich ein dichter Schleier gelagert hätte ... Ich weiss nur, dass ich vorher schon einmal ausgestiegen bin und, wie es leider meine Gewohnheit ist, wenn derartige Aufregungen über mich kommen, in einem Café am Bayrischen Platz eine Anzahl grosser Kognaks getrunken habe.“
„Sie trinken im allgemeinen nicht?“
„Nein, sehr selten.“
„Aber an diesem Tage? Warum tranken Sie denn ... so unmässig?“
Wieder die hebende Bewegung der Achseln und jener Blick aus den Augen van Gelderns, der über Menschen und Raum hinweg oder durch sie hindurch sehen zu wollen schien: „Ich kann es nicht sagen ... nein, und ich glaube, das weiss niemand, warum in solchen Momenten ein wahnsinniger Durst nach Alkohol den Menschen überfällt ... Richtig besinnen kann ich mich erst wieder auf alles von dem Augenblick an, wo ich in Westend war und in die Villa getreten bin.“
„Sie waren doch mit dem Auto nach Berlin und in Berlin hin und her gefahren?“
Der Angeschuldigte nickte: „Ganz recht, Herr Vorsitzender ...“
„Na, wie sind Sie denn wieder nach Westend gekommen? ... Daran müssen Sie sich doch wenigstens erinnern!“
„Ich weiss es aber nicht, Herr Landgerichtsdirektor! ... Und ich kann nur das sagen, was ich weiss!“
„Sicherlich! ... Sie wissen aber leider recht wenig! ... Also Sie kamen in die Villa. Wir werden ja später einen Termin am Tatort abhalten müssen. Aber ich habe mir inzwischen die Umgebung schon einmal persönlich angesehen und kann Ihnen daher gut folgen, wenn Sie mir nun erzählen wollen, was alles und wie es sich von da an, ich meine, als Sie wieder zu Hause waren, was sich da nun abgespielt hat?“
Der Angeklagte richtete sich mit einem tiefen Atemholen auf: „Ich öffnete das unverschlossene Gitter und ging durch den Vorgarten die Verandatreppe hinauf, um durch das Esszimmer, dessen Türen zum Balkon weit offen standen, in mein Studio zu kommen ...“
„Sie meinen Ihr Arbeitszimmer?“
Paulus sah den Vorsitzenden gross und mit leerem Blick an: „Ja ... ich meine mein Arbeitszimmer ... Dabei musste ich durch den kleinen Salon, den meine Frau bewohnt. Und da — —“
Paulus liess den Kopf sinken, ein Zittern lief über seinen Körper. Er musste wiederholt zum Sprechen ansetzen, bis es ihm gelang:
„Meine Frau ... hatte eine so merkwürdige Vorliebe für Kissen und Polster ... alles lag voll davon in ihren Zimmern ...“ Er stockte. „Aber das ist ja ... nur ... wie ich eintrat, da lag sie auf einem Berg von Kissen ...“
Der Angeklagte atmete zwischen jedem Wort tief und schwer: „... mit dem Gesicht auf dem linken Arm, die rechte Hand seitwärts fortgestreckt, so lag sie da ... Die Knie waren unter dem Leib angezogen ...“
Totenstille.
„Ja“, sagte der Vorsitzende, die Luft gewaltsam aus dem offenen Munde stossend, „ja, das stimmt alles, nur — war, die da so merkwürdig am Boden lag, erstochen! Warum sagen Sie denn davon nichts, Angeklagter?“
„Ich kann nicht alles auf einmal sagen, Herr Landgerichtsdirektor. Zu dem, was Sie meinen, komme ich noch ... übrigens würden Sie es mir am meisten verargen, wenn ich jetzt hier ganz unbewegt meine damaligen Eindrücke schildern würde.“
„Ach so, Sie meinen: wird der Angeklagte rot, ist er schuldig, weil er ein schlechtes Gewissen hat — bleibt er blass, ist er erst recht schuldig, weil alles von ihm abprallt! ... Nein, Angeklagter, so ist das nun nicht! Wenigstens da nicht, wo ich verhandle! Das Gericht und die Geschworenen empfangen — das dürfen Sie mir gern glauben — die richtigen Eindrücke schon und werden sie auch entsprechend verwerten!“
Bei diesen Worten bekam van Gelderns Gesicht etwas unglaublich Starres. „Ich habe den Eindruck, Herr Vorsitzender“, entgegnete er, „dass Sie selbst mein Urteil schon gesprochen haben. Wenn diese Verhandlung so weiter geführt wird, werde ich auf keine Frage mehr antworten!“
Doktor Vierklee erhob sich, trat an den Angeklagten heran und legte ihm, leise zuredend, die Hand auf die Schulter. Dann wandte er sich zu dem Vorsitzenden und sah ihn ohne ein Wort ruhig und ernst an.
Aber Hallmann sprach, als sei gar nichts vorgefallen, leise zu dem Landgerichtsrat Schnellpfeffer, um dann mit einer kurzen Wendung zu van Geldern in der Verhandlung forzufahren:
„Ich möchte jetzt die vom Tatort und von der Leiche der Ermordeten aufgenommenen Fotografien bei den Geschworenen zirkulieren lassen.“
Vierklee erhob sich: „Ich widerspreche dieser Anordnung des Herrn Vorsitzenden auf das entschiedenste! Selbstverständlich kann die Staatsanwaltschaft und das Gericht das von Ihnen beigebrachte Material im Sinne der Anklage verwerten. Aber einer guten Gepflogenheit zufolge geschieht das meist nach der Zeugenvernehmung. Jetzt, in diesem Stadium, die Geschworenen schon mit den furchtbaren Eindrücken der Fotogramme zu belasten, heisst, ihre psychische Einstellung aufs ärgste beeinflussen ... und das erscheint mir nicht zulässig. Ich widerspreche dem also nochmals!“
„Ob meine Massnahmen zulässig oder unzulässig sind, darüber bestimmen nicht Sie, Herr Rechtsanwalt! ... Um aber jeder Schwierigkeit aus dem Wege zu gehen, werde ich einen Gerichtsbeschluss herbeiführen.“
Das Gericht verschwand im Beratungszimmer. Der Staatsanwalt machte sich eifrig Notizen. Nach einer kurzen Weile kehrten die Herren zurück und verkündeten durch den Mund des Vorsitzenden: „Das Gericht hat beschlossen, da die Anordnung, den Geschworenen schon jetzt die Mord-Fotogramme zur Kenntnis zu bringen, durchaus innerhalb der Kompetenz des Verhandlungsleiters liegt, dass die Fotografien nunmehr zirkulieren sollen.“
Vierklee setzte sich, sprach leise mit dem Angeklagten: „Werden Sie nicht unruhig, lieber Kollege, und zeigen Sie ja keine Ängstlichkeit. Dieser merkwürdige Mann, der übrigens sonst ein Kind an Gutherzigkeit ist, muss irgendeinen ganz sonderbaren Komplex in bezug auf Ihre Sache haben. Wir müssen jedenfalls damit rechnen, dass Hallmann Ihnen nichts schenken wird.“
Paulus nickte mehrmals in ruhiger Bejahung:
„Ich fürchte mich nicht, Herr Doktor. Ich kenne den Herrn Landgerichtsdirektor und weiss, dass er letzten Endes ein untadeliger Richter ist.“
Die Stimme des Vorsitzenden kam wieder:
„Sie riefen nun die Dienstmädchen, Angeklagter, nicht wahr? ... Oder nein, wir wollen erst mal über die Waffe sprechen ... hier, bitte!“
Der Landgerichtsdirektor winkte einem der beiden Justizwachtmeister und liess sich von dem Tisch neben der grünen Richtertafel, auf dem die Asservate lagen, ein Schwedenmesser reichen.
„Hier, Angeklagter, sehen Sie sich das Ding mal an! Sie werden nicht bestreiken können, dass die Waffe Ihr Eigentum ist?“
„Ich habe keine Veranlassung, Herr Vorsitzender, etwas zu bestreiten, was der Wahrheit entspricht. Der kleine Dolch ist oder er war vielmehr mein Eigentum bis ein paar Wochen vor dem Unglück. Ich habe ihn mir seinerzeit aus Kopenhagen mitgebracht, hatte ihn auf meinem Schreibtisch liegen, ohne mehr daran zu denken; bis ihn am einunddreissigsten Mai — an dem Tage ist mein Geburtstag — meine Frau zufällig nahm, einen Brief damit aufschneiden wollte und mich bat, ich sollte ihn ihr doch schenken. Was ich natürlich tat.“
„Natürlich! ... Was könnte man auch für eine plausiblere Erklärung dafür finden, dass sich die Waffe zufällig in Reichweite des Mörders befand, als Ihre Frau erstochen wurde ... Wir werden uns nunmehr mit dem Vorgang des Mordes eingehender zu beschäftigen haben ... Wie ich glaube, haben Sie, Herr Staatsanwalt“, Hallmann sah zu Doktor Malkenthin hinüber, „den Wunsch, für diesen Teil der Verhandlung die Öffentlichkeit auszuschliessen?“
Doktor Malkenthin erhob sich:
„Ich beantrage Ausschluss der Öffentlichkeit für die ganze Dauer der Verhandlung.“
Eine Bewegung, die Hallmann machte, zeigte, dass er seinen Vorschlag so weitgehend nicht verstanden wissen wollte. Aber dann erhob er sich mit seinem gewohnten Achselzucken, und das Neun-Männer-Kollegium verliess den Saal, kam nach dieser kurzen Förmlichkeit sofort zurück und verkündete:
„Die Öffentlichkeit ist vorläufig wegen Gefährdung der Sittlichkeit ausgeschlossen!“
Bei aller Angst vor der Strenge des Vorsitzenden lief der Widerspruch des Publikums murrend durch den Raum. Hallmann schlug mit der flachen Hand auf den Tisch:
„Ein bisschen schnell, Herrschaften! Oder sollen die Justizwachtmeister erst ihres Amtes walten?“
Nun leerten sich die Räume rasch. Die Presse blieb im Saal.
*
Auf dem breiten Korridor vor dem grossen Schwurgerichtssaal in der ersten Etage des gewaltigen Stiegenhauses war durch Schranken ein grosser Raum abgeschlossen, in dem sich die Prozessbeteiligten auf hielten; rechts und links in diesem Abschnitt waren Bänke für die Zeugen aufgestellt. Eine merkwürdige Gesellschaft, beinahe durchweg elegant und modern, wenigstens in ihrer Kleidung. Gute und schlechte Parfüme und ein nicht zu lautes, hastiges Getuschel und Geraune erfüllten den Raum. Über all diesen Menschen lag der schwer zu bestimmende Hauch jener Grenzregion, in der man nicht weiss, ob man jemandem freimütig die Hand entgegenstrecken oder sie besser in der Tasche lassen soll.
Eine kleine, blonde, grell geschminkte Frau, die so hübsch war, dass sie diese Malerei gut hätte entbehren können, in zartblauer Seide wie in einer lichten Wolke schwebend, stand neben einem blonden Riesen und sprach mit grosser Heftigkeit auf ein Mädchen mit kupferrotem Lockenkopf ein.
„Ihr wisst doch, ich war Marthas beste Freundin! Mir hat sie alles gesagt!“
Die Kleine in Blau presste die schmalen Hände beteuernd an die Brust:
„Niemand weiss so genau Bescheid wie ich mit der ganzen Geschichte! Noch zwei Tage vorher war sie bei mir! Da hat sie mir gesagt: Hortense, sagt sie, er schlägt mich sicher noch tot. Es vergeht kein Tag, wo er mir nicht droht, dass er mich umbringen will!“
Die rote Loni, eine Wienerin, die es von der einfachen Maniküre in einem Jahr zur „grossen Frau“ gebracht hatte, die bei der Auswahl ihrer Liebhaber das Flugwesen bevorzugte und selbst in tadellosem Looping durch den Äther schoss, sah ihre kleine blonde Freundin lächelnd an:
„Aber geh, Hortense! Der Paulus, den kenn’ mir besser! Da kannst uns nix erzählen! Der tuat doch kan Kinderl net weh ... Und die Martha? ... Wenn die net was zerbrechen und zerschlagen hat können oder wen was an’ Schädel schmeiss’n, dann war’s ihr do net wohl ...“
Die schwarzen Augen suchten Zustimmung bei dem blonden Gert, der aber in seiner fabelhaften Pomadigkeit lehnte jedes Urteil ab:
„Es ist alles nicht so wichtig, Kinder! Wichtig ist, wo wir nachher frühstücken werden, und wer heute abend mit mir ausgeht!“
Die Damen lachten, und auf ihr Gelächter kamen zwei Herren von der anderen Seite her. Der eine, ein berüchtigter Spieler, lang, schmal, hektisch, mit den Allüren des Grandseigneurs, und sein Freund, ein bekannter Herrenreiter, der auch schon in einem Spielerprozess nur mit Mühe an der Anklagebank vorbeigeglitten war. Der lachte mit viel zu breitem Munde und flinkernden Augen:
„Zu dumm, den armen Kerl hier auszustellen wie eine Panoptikumfigur! Ich kenne van Geldern! Wenn der den Mord begangen hat, dann heisse ich Matz!“
„Und wie heisst du wirklich?“ fragte die rote Loni.
Alle lachten.
„Das sage ich nicht! Du kriegst es fertig und nennst mich laut beim Vornamen!“
Der lange Hasardeur schüttelte missbilligend den Kopf:
„Mir scheint, es ist nicht der Augenblick, um Witze zu reissen ... da kämpft ein Mensch um sein Leben und um seine Ehre. Ich wünschte, ich könnte etwas für Paulus van Geldern tun. Mir scheint, der arme Junge hat eine schlechte Karte in der Hand ... er wird das Spiel hinwerfen müssen!“
„Seht ihr, das sage ich auch!“ Hortense Bernhardi fuchtelte mit ihren weissen Kinderarmen in der Luft. „Und es ist ihm ganz recht! ... Meine arme Martha!“ Das süsse Gesichtchen schluchzte plötzlich laut auf.
Plötzlich kamen zwei ganz in Weiss gekleidete Frauen, einander sehr ähnlich, weshalb man sie auch „die Zwillinge“ getauft hatte, mit allen Gesten einer grossen schrecklichen Neuigkeit herüber, und sofort verbreitete sich die Kunde, die schon durch die geschlossenen Türen des Schwurgerichtssaales gedrungen war: wie und unter was für grausigen Umständen Martha Streckaus ermordet wurde. Sie steckten alle die Köpfe zusammen, wisperten.
„Ja“, flüsterte die eine der beiden duftig hellen „Zwillinge“, „auf dem rechten Arm hat sie gelegen mit dem Gesicht ...“
Sie sprach französisch weiter ... Leise Schreie ertönten, als sei die Schlussnote eines grellen, herzzerreissenden Musikstücks aufgeklungen und schwinge zitternd im Raum. Aus der Höhe der Riesenfenster goss die Sonne einen Schwall von Licht in das Stiegenhaus. Da war es, als trüge jedes Sonnenstäubchen diese entsetzliche Mär von dem Mord, den der Gatte an seiner eigenen Frau verübt haben sollte.
3
Der Justizwachtmeister hatte die grosse Pforte des Schwurgerichtssaales zum Korridor hin ebenso wie die hohen Fenster weit geöffnet. Der Tag war heiss, und im Saal hatte die Luft, schon jetzt um zwölf Uhr, wie ein Bleimantel auf den Menschen gelegen.
Die Öffentlichkeit wurde wiederhergestellt. Die Zeugen, die noch nicht aufgerufen waren und den Saal vorläufig nicht betreten durften, drängten zu der aus der Tür fallenden Helligkeit. Zuhörer kamen durch den Hintereingang, man hörte Scharren, Räuspern und Husten. Die Damen und Kavaliere auf der Galerie erschienen, und der Vorsitzende verkündete:
„Die Vernehmung geht weiter ... Angeklagter! Was können Sie uns über den Schmuck, den Ihre Frau in so reichem Masse besessen zu haben scheint, was können Sie uns darüber angeben?“
Es war, als wehe von irgendwoher aus dem Unbekannten und Unsichtbaren etwas an den Rechtsanwalt Paulus van Geldern heran. Seine Sicherheit und Festigkeit schien ins Schwanken zu kommen. Er dachte nach. Er besann sich, und als ihn der Landgerichtsdirektor wiederholt und weniger freundlich aufforderte, sich zu diesem Punkt zu äussern, meinte er sichtlich verlegen:
„Ich weiss nicht, ob ich Sie richtig verstehe, Herr Vorsitzender ...?“
„Ja, Sie verstehen mich schon richtig, Angeklagter! Aber hier ist die Ecke, um die Sie nicht herumkommen!“ Der starke, dicke Finger schlug wiederholt auf den Aktendeckel: „Machen Sie keine Ausflüchte, sagen Sie frei heraus, dass Sie diesen Schmuck an sich genommen und verkauft haben!“
Es dauerte immer noch Sekunden, bis van Geldern sprach. Aber man sah jetzt an seinem kampfentschlossenen Gesicht, dass er nicht mehr unsicher war. Er überlegte nur. Dann sagte er ruhig und bestimmt:
„Ich habe nichts zu verbergen, und ich werde nichts verheimlichen. Vergleichen Sie bitte die Protokolle, wie sie in meinen Verhören mit Kommissar Dammann zustande gekommen sind. Ich habe niemals etwas anderes gesagt als das, was ich jetzt sagen werde ...“
„Etwas viel Vorrede!“ brummte Hallmann. Aber die Worte erreichten van Gelderns Ohr kaum.
„Ja, meine Frau besass viel Schmuck. Sie hat stets eine grosse Vorliebe für Brillanten und Edelsteine, besonders auch für Perlen gehabt. Und bei der Eigenart ihres Geschäfts ist sie wohl häufig in die Lage gekommen, statt Zahlung Schmuckgegenstände annehmen zu müssen. Daher stand sie mit verschiedenen Juwelieren — zwei der Herren sind ja als Zeugen geladen! — mit denen stand meine Frau in dauernden Geschäftsbeziehungen. Wieviel Schmuck sie gehabt hat, wie die einzelnen Stücke aussahen, das kann ich nicht sagen. Ich selbst habe nur eins, und zwar ein Perlenhalsband, in Händen gehabt. Und das habe ich“, der Angeklagte erhob seine Stimme und sein Gesicht zu den Gesichtern, „nicht nur mit Wissen, sondern in ausdrücklichem Einvernehmen mit ihr verkauft!“
Der Landgerichtsdirektor nickte langsam und träge mit seinem grossen blanken Schädel, dass der blonde Bart sich an dem schwarzen Samtaufschlag der Robe rieb:
„Natürlich, Angeklagter, wie werden Sie denn auch ohne den Willen Ihrer Frau ein so auffallendes Wertstück verkauft haben, wo sie jedenfalls sehr gut auf ihre Sachen aufgepasst hat! Aber die anderen Stücke, die — darüber kann uns die Direktrice Schneider volle Auskunft geben — die bestimmt am Morgen des Mordtages noch vorhanden waren, was ist damit geschehen?“
Und ehe van Geldern noch antworten konnte:
„Ich habe hier“, er klopfte auf das Papier, „eine genaue Liste. Danach sind geraubt: ein paar Boutons in ungefährem Wert von siebzehntausend Mark, ein Diadem über fünfzigtausend Mark, zwei Schmucknadeln mit grossen Smaragden, minimal achttausend Mark, vier Perlenringe, die der Sachverständige zusammen mit zehntausend Mark bewertet —, wir wissen beinahe bei all den Sachen, wo sie her sind und was sie gekostet haben —, dann sind noch eine Agraffe, mehrere goldene Ketten und eine Uhr in Goldemail mit Diamanten —, wo sind diese Gegenstände?“
Der Angeklagte sah seinen Richter ernst und lange an:
„Das weiss ich nicht, Herr Vorsitzender! Ich habe diese Dinge kaum bei einer anderen Gelegenheit gesehen, als wenn meine Frau etwas davon trug. Ich habe mich auch nicht dafür interessiert, und ich habe auch nicht die leiseste Ahnung, wo der Schmuck nach dem Tode meiner Frau hingekommen ist.“
„Aber das wissen Sie, dass Sie die Perlenkette, die Ihnen Frau Streckaus zum Verkauf übergeben hat, nicht verkauft, sondern Ihrer Geliebten geschenkt haben?“
„Ich habe keine Geliebte, Herr Vorsitzender! Ich bin verlobt mit Fräulein Heerström. Ich hatte vor, das Perlenband zu verkaufen. Nun war ich damals durch ein hohes, sehr hohes Vertragshonorar und durch Spielgewinne in der Lage, die Perlen für mich zu behalten ... Den von meiner Frau geforderten Preis von achtundvierzigtausend Mark hat sie bei Heller und Pfennig bekommen.“
„Allerdings, das geht aus ihren Büchern auch hervor. Aber was wurde mit den Perlen? ... Na, antworten Sie doch! Sie waren ja nun Ihr wohlerworbenes Eigentum, Sie konnten ja damit machen, was Sie wollten!“
Paulus schwieg. Seine Augen suchten unwillkürlich die Stelle, an der vorhin Greta Heerström gesessen hatte. Er sagte:
„Ich betrachte diese Angelegenheit als eine reine Privatsache. Das Gericht hat das Recht, in einem solchen Prozess den Angeklagten nach allem zu fragen. Aber kein Mensch auf der Welt ist verpflichtet, solche Fragen zu beantworten.“
Hallmann war ein wenig verblüfft. Er fasste sich aber schnell:
„No’, da haben Sie recht! ... Bloss jede verweigerte Erklärung fällt auf den Angeschuldigten zurück. Wenn Sie über Dinge, die mit dem Mord innig zusammenhängen, ausdrücklich nichts sagen wollen, so steht Ihnen das frei ... Nur werden Sie sich nicht wundern dürfen, wenn das Gericht daraus Schlüsse zieht!“
Paulus van Geldern sah seinen Anwalt an, Vierklee schien ihn aufzufordern, er möchte sich doch seine Lage nicht unnötig erschweren. Aber in den Zügen des jungen Anwalts war eine so eisige Gleichgültigkeit, dass der gelbe Kopf mit dem grossen Einglas mit leisem Neigen sich einverstanden erklären musste.
„Ist Ihnen, Angeklagter, denn noch sonst irgend etwas bekannt, eine Tatsache, ein Umstand, dieser oder jener Mensch, der vielleicht zu dem Morde Beziehungen haben könnte? ... Sie sagen, Sie sind nicht der Täter?“
Van Geldern bewegte verneinend den Kopf.
„Geschehen ist die Tat aber, also muss einer der Täter sein! Und ich frage Sie nochmals: Haben Sie von irgendeinem Umstand Kenntnis, der uns einen Fingerzeig geben könnte über die Person des Mörders?“
„Nein, Herr Vorsitzender!“
Hallmann stiess wieder die Luft aus und sah nach der Decke hinauf:
„Ich fühle mich verpflichtet, Angeklagter, Sie hier an dieser Stelle noch einmal zu fragen: Wollen Sie ein Geständnis ablegen? ... Es wäre ja doch möglich, dass Sie die Tat nicht oder nicht nur aus gewinnsüchtigen Absichten begangen hätten ... und ich brauche Sie, als geschickten Verteidiger, wohl nicht darauf hinzuweisen, dass die ganze Beurteilung dieses traurigen Geschehnisses anders wird, wenn Sie jetzt mit einem offenen Geständnis vor das Gericht hintreten.“
Langsam, abgemessen, fast feierlich kam die Antwort:
„Ich bin nicht im Sinne der Kirche gottesgläubig. Aber wie jeder denkende Mensch verehre auch ich ein hohes Wesen, eine Gewalt, die über uns entscheidet. Und bei diesem Glauben an das Unsichtbare, Allumfassende und Allgütige sage ich hier noch einmal und zum letzten Male, dass ich die Tat nicht begangen habe und dass ich nichts von ihr weiss!“
Irgendwo von der Galerie her kam es wie ein schluchzender Laut.
Doktor Malkenthin blickte, wie erschrocken, nach oben. Aber Hallmann kehrte sich daran nicht: „Mit seinem Schöpfer muss sich jeder allein auseinandersetzen, Angeklagter ... Ich habe meine Schuldigkeit getan und habe Sie noch einmal auf die Vorteile hingewiesen, die ein offenes Geständnis bietet!“
Er beugte sich zu den Beisitzern: „Es ist ein Uhr, ich glaube, wir legen am besten jetzt eine Frühstückspause ein. Die Vernehmung des Angeklagten zur Tat ist ja beendet. Nach der Pause kommen wir zu den Zeugen!“
Damit stand er auf und gab das Zeichen für die Richter und die Geschworenen, sich zurückzuziehen.
Der Erste Staatsanwalt, Doktor Malkenthin, blieb im Saal. Er sass eine Weile unschlüssig auf seinem Platz rechts oben beim Fenster und blickte hinauf nach der Galerie, die jetzt auch leer wurde, und sah dann hinüber zu dem Angeklagten. Der erwiderte den Blick. Und nach einigem Zögern stand Doktor Malkenthin auf und kam, die hohe magere Gestalt im Genick etwas gebeugt, langsam zu Paulus van Gelderns Platz.
Der neben dem Angeklagten sitzende Justizwachtmeister trat sofort respektvoll zurück, als der Erste Staatsanwalt den Angeklagten, der sich erhoben hatte, bat, doch wieder Platz zu nehmen. Er hätte nur eine Frage an ihn.
Paulus, der alle im Saal überragte, blieb stehen und neigte sich nur ein wenig zu Doktor Malkenthin, der im Flüsterton sprach: „Ich habe es nicht fertiggekriegt, Herr Rechtsanwalt, Ihnen die dreitausend Mark, die ich Ihnen noch schulde, zurückzugeben. Und ich weiss wohl, dass ich unter diesen Umständen nicht an meinem Platz stehen dürfte. Aber das Eingeständnis dieser meiner Schuld bedeutet meinen Ruin, vielleicht mein Ende.“
Paulus van Geldern lächelte, und ebenso leise wie der, der ihn anklagen sollte, erwiderte er: „Sie sind mir nichts schuldig, Herr Staatsanwalt. Die dreitausend Mark, die ich Ihnen damals mühelos leihen konnte, weil ich sie eben erst gewonnen hatte, von denen ist keine Rede mehr. Ihr Schuldschein ist verbrannt, und aus meinem Munde erfährt niemand etwas. Ich möchte Sie nur um eines bitten: Nehmen Sie es sich ebenso fest vor, wie ich es mir selbst vorgenommen habe, und rühren Sie nie wieder eine Karte an! Im übrigen erwarte ich von Ihnen nichts anderes als Gerechtigkeit!“
Doktor Malkenthin stand noch einige Augenblicke mit gesenktem Kopf. Dann nickte er, wandte sich und ging an seinen Platz.
Zu van Geldern trat eben wieder Doktor Vierklee, der draussen rasch ein Glas Portwein zu seiner Frühstücksschrippe getrunken hatte: „Haben Sie keinen Hunger, lieber Kollege?“
„Nein, aber eine Zigarette möchte ich rauchen!“
„Kann ich Ihnen leider hier nicht vermitteln. Aber wenn Sie drüben in dem kleinen Richterzimmer ...“
Paulus schüttelte den Kopf: „Nein ... keine Vergünstigungen! Ich danke Ihnen. Wieviel Tage werden wir verhandeln, Doktor, was meinen Sie?“
„Eine Woche mindestens!“
„Dann werde ich solange überhaupt nicht rauchen ... ich fiebere nämlich ... aber ich habe ja dann Zeit, mich zu erholen.“
„Sie meinen, dass ...?“
Paulus nickte: „Ja! Jeder Angeklagte muss doch unmittelbar nach seinem Freispruch entlassen werden.“
Doktor Vierklee nahm die sehr grosse, merkwürdig spitzfingrige Rechte des Angeklagten in seine beiden viel kleineren Hände: „Gott erhalte Ihnen diese Zuversicht! ... Aber ich bitte Sie noch einmal, wenn ich selbst auch unverbrüchlich von Ihrer Unschuld überzeugt bin, seien Sie nicht zu siegessicher! Sie haben, glaube ich, in diesem Saal ausser mir keinen Menschen, der Ihr Freund ist!“
„Doch, einen ja!“
Und Paulus van Geldern lächelte wie einer, der aus der tiefsten Hölle mitten unter die jubelnden Engelchöre des Himmels tritt.
*
Die Geschworenen genossen ihr Frühstück im Beratungszimmer. Die drei Richter hatten sich in das Amtszimmer des Landgerichtsdirektors zurückgezogen, und der jüngste von den drei Herren, Landgerichtsrat Ernemann, war hinausgegangen, um auf dem Korridor einen Bekannten zu begrüssen.
So sassen Landgerichtsrat Schnellpfeffer und Hallmann allein, assen ihre belegten Brote und unterhielten sich. Nicht eigentlich über die Sache selbst. Hallmann hatte ein jüngst erschienenes Buch in der Hand und zeigte dem Kollegen die fotografischen Abbildungen zu einem Fall, der sehr ähnlich zu liegen schien. Ein stellungsloser junger Mensch hatte seine ehemalige Geliebte ermordet und beraubt. Er hatte die Ergebenheit der Frau benutzt, um der Ahnungslosen eine Schlinge um den Hals zu legen und sie — scheinbar voller Zärtlichkeit — zu erwürgen.
„Die Sache ist ja auch in der Presse breitgetreten worden, es wird da allerlei geredet von abnormen Erregungszuständen, die leidenschaftliche Ausbrüche des Unterbewusstseins hervorrufen ... So sollen Mordtaten zustande kommen, die für den logisch Denkenden nichts anderes als Auswirkungen einer widerlichen Habsucht und scheusslichen Geilheit sind ... Ich bin der Überzeugung, dass, wenn sich die Justiz auf diese abschüssige Bahn locken lässt, wenn wir erst einmal damit anfangen, die sogenannten Absenzen, Rauschzustände und was weiss ich sonst, gelten zu lassen, dann — ja, dann ist der Tag nicht mehr fern, wo jeder Halunke ungestraft morden und Verbrechen begehen darf, wie er gerade Lust hat ...“
Er sah den Kollegen von der Seite an: „Sie schweigen sich wieder aus, lieber Schnellpfeffer, wie immer in solchen Fällen! Sind Sie etwa auch schon in das Lager dieser Menschheitsbeglücker oder vielmehr: Verderber hinübergewechselt?“
Der andere schüttelte seinen eisgrauen Kopf mit dem verrunzelten, aus erstorbenen Augen blickenden Gesicht. Aber er sprach noch nicht.
„Na, was ist los? ... antworten Sie doch!“
Es schien ihm Mühe zu machen. Endlich sagte er: „Ich beobachte und ich höre. Ich lese. Man muss alles kennen.“
Und schwieg wieder.
„Na ja, aber weiter! ... weiter!“
Der andere sprach, und es klang, als wenn Buchstaben kalt, traurig und trostlos, ohne Hoffnung auf ein Weiterkommen und Erlösen redeten: „Das Menschenleben ist nicht so wichtig, wie viele glauben! Wichtig ist allein der Bestand der Ordnung und der Gerechtigkeit. Die Formen können sich ändern. Der Inhalt nie. Wir Richter sind dazu da, auch die Formen zu bewahren. Der menschlichen Bestie den Beisskorb anzulegen, ohne den sie zum gefährlichen Raubtier wird.“
„Also, Sie meinen, eine Gerechtigkeit im eigentlichen Sinne gibt es nicht?“
„Als Ideal! Als Einbildung! Auch Phantasien sind wichtig. Nur nicht für den Richter, der den erhabenen Begriff der Staatshoheit verkörpert.“
Den Landgerichtsdirektor hatte es, wie so oft in der Gegenwart dieses Mannes, seltsam ergriffen. Er grübelte noch, als sich die Tür auftat und der andere Kollege, Landgerichtsrat Ernemann, eintrat.
Die Frühstückspause war zu Ende, und die Verhandlung begann von neuem.
Hallmann sprach zu dem Justizwachtmeister hinüber: „Die Zeugin Hortense Bernhardi!“
Das blaue Seidenkleidchen mit dem lockigen Kinderkopf darüber schwebte herein und trat an den Zeugentisch. Sie gab ihren Namen an und ihr Alter mit zweiundzwanzig Jahren.
„Sie sind mit dem Angeklagten nicht verwandt oder verschwägert?“
„Nein, Herr Präsident!“
„Also, Sie müssen Ihre Aussagen beeiden. Sie müssen sich überlegen, ob alles das, was Sie hier aussagen, auch wirklich und wahrhaftig wahr ist. Wenn Sie etwas nicht ganz genau wissen, so sagen Sie es nicht. Sie dürfen keinen Augenblick ausser acht lassen, dass Sie für eine falsche Aussage, auch wenn Sie sie aus Fahrlässigkeit oder ohne Ihren Willen machen — dass Sie dafür bestraft werden ... Haben Sie mich verstanden?“
„Ja, Herr Präsident!“
Die Kleine sah mit ihren grossen blauen Augen voller Andacht zu dem mächtigen Manne hinauf.
„Also erheben Sie die rechte Hand ... Sie wollen doch den Eid in religiöser Form ablegen?“
„Ja, Herr Präsident!“
Herr Hallmann stand auf, und mit ihm erhoben sich alle, die in dem grossen schweigenden Saal sassen.
„Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, dass ich nach bestem Wissen die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde — so wahr mir Gott helfe!“
Und mit einer Kinderstimme, Wort für Wort wiederholte die Zeugin die Eidesformel.
„Was können Sie nun zur Sache selbst aussagen?“
„Ich ... ich war die Freundin ... ich war Martha Streckaus’ beste Freundin ...“
Darmowy fragment się skończył.