Czytaj książkę: «Selbstverständlich ist nichts mehr»

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HANS BÜRGER

SELBSTVER
STÄNDLICH

IST NICHTS MEHR

Sinnfindung in Zeiten von Arbeitsverknappung, Künstlicher Intelligenz und Pandemien


Aus Gründen der Lesbarkeit wurde in diesem Buch darauf verzichtet, geschlechtsspezifische Formulierungen zu verwenden. Der Autor möchte jedoch ausdrücklich festhalten, dass die gebrauchten maskulinen Formen für beide Geschlechter zu verstehen sind.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

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1. Auflage 2020

© 2020 by Braumüller GmbH

Servitengasse 5, A-1090 Wien

www.braumueller.at

Grafik Seite 96: basierend auf https://www.sinnforschung.org/wp-content/uploads/2010/10/lebe_grafik-1.jpg

Bild Seite 216: © wikimedia commons, public domain

ISBN 978-3-99100-311-3

eISBN 978-3-99100-312-0

Für Taddeo und Benno

INHALT

Über die Arbeit und den Sinn eines Buches über den Sinn

VORARBEIT

Der Wert der Arbeit

DAS GUTE LEBEN

Versuch zum „objektiv“ Guten

GLÜCK

Weshalb immer mit dem Unglück befassen?

Die sinnlose Suche nach dem Glück

SINN

Sinn schlägt Glück

Der Fragebogen zum Sinn

Das Bauchgefühl

Der Sinn von „Geschichten“

Sinnsuche ist sinnlos

Der Sinn hat keine Faustregel

WEISHEIT

Weisheit für dich und mich

Die moderne Weisheitsforschung

Zur Weisheit in Gesellschaft und Staat

ARBEIT

Bedingungsloses Grundeinkommen

Weniger Arbeitszeit pro Kopf?

Lebensarbeitszeit und Lebenseinkommen im Sinne eines guten Lebens

Arbeit neu denken

Muss die Arbeit überhaupt gerettet werden?

„Robot tax“

Was Künstliche Intelligenz können wird

Arbeitsverknappung durch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Robotik

Die Gemeinwohlökonomie

Die Donut-Ökonomie

Arbeit in Zeiten der Globalisierung

DIE ZUKUNFTSGESELLSCHAFT

Im Zeitalter der Authentizität

Zeit – das kostbarste Lebensgut

Erzwungener Stillstand in der Zeit der Pandemie: Aufbruch oder (nur) Zwischenstopp?

Weniger Arbeit – weniger arbeiten

Nach der Arbeit – Danke

Witerführende Literatur

Quellenverzeichnis

Vorwarnung

Das ist kein Buch für Philosophen.

Sie wissen schon alles.

Nur sagen sie es uns nicht.

Einige von ihnen schon – nur denen hören wir meist nicht zu.

Wenn wir die Philosophie als den uns permanent innewohnenden Wunsch nach Erkenntnis über den Sinn des Lebens definieren und den damit verbundenen Herausforderungen für jeden von uns, ist dann nicht nahezu jeder Zweifler ein „Philosoph“?

„Nein, ist er nicht“, meint der deutsche Philosoph Wolfram Eilenberger. Und er begründet es auch. Wer gar nichts „Neues“ denkt und nur wiederholt, der ist kein Philosoph.

Und deshalb: Das ganz Neue werden Sie hier nicht finden. Allerdings neue Zugänge, Überlegungen und Gedankengänge von zwei Seiten, einerseits aus dem journalistischen und andererseits dem ökonomischen Blickwinkel.

Und so darf der Autor Sie zu einer kleinen Reise auf der Suche nach Zutaten für ein zufriedenstellendes Leben einladen – unter Berücksichtigung politischer und ökonomischer Aspekte.

Über die Arbeit und den Sinn eines Buches über den Sinn

Begonnen hatte alles im hohen Alter von 33 Jahren. Jemand hatte das Buch „Sofies Welt“ unter den Weihnachtsbaum gelegt. Obwohl eigentlich als Buch für Kinder und Jugendliche gedacht, konnte einen dieses Kultbuch auch als Erwachsenen ins Staunen versetzen. Mehr als 40 Millionen Exemplare in fast 60 Sprachen sollen verkauft worden sein, der Anteil der erwachsenen Leser soll den der jüngeren bei Weitem übersteigen. Denn was ist im Leben schöner, intensiver und auf die momentane Stimmung wirkmächtiger als das – nur fälschlicherweise ausschließlich der Kindheit zugeschriebene – Staunen.

Wir haben es nur verlernt, weil wir uns zu oft ablenken lassen. Der Blick auf einen Baum mit Hunderten leuchtenden Herzchen am Wiener Christkindlmarkt ist eben bei gleichzeitigem Blick nach unten – auf das Smartphone – schwierig.

Das Staunen sollte aber wieder in unseren Alltag zurückkehren. Und nicht die Ansichten unseres gehetzten Arbeitslebens auf die Kinder übertragen werden, wie folgende Anekdote zeigt.

Es war im Frühjahr vor einiger Zeit. Mein älterer Sohn war eben neun Jahre alt geworden, und die Vorentscheidung, welches Gymnasium er auswählen solle, beschäftigte die ganze Familie. Er bat unter anderem die 14-jährige Schwester eines Klassenfreundes um Rat, die ihm eine bekannte Privatschule in Wien empfahl. Ich wollte es genauer wissen und fragte das junge Mädchen und ihren Vater, ob denn der Ruf stimme, der dieser Schule vorausseile. Streng, reiche Eltern und eher schnöselig. Das Mädchen antwortete sofort: „Überhaupt nicht, es ist wirklich eine Schule fürs Leben.“ – „Warum?“, fragte ich nochmals nach, und die Antwort erstaunt mich bis heute: „Dort kann man die tollsten Netzwerke für sein Berufsleben aufbauen.“

Dieser Satz lässt mich seitdem nicht mehr los. Was geht einer 14-Jährigen, die am Ende der späteren Kindheit an das Netzwerken denkt, wohl durch den Kopf? Wobei sie da nicht Freundschaftskreise zum Austausch von Musiktiteln oder Videofilmen im Hinterkopf hat. Nein, es geht ihr darum, berufliche Netzwerke für die Zeit nach dem Studium zu flechten, also für eine Zeit rund zehn Jahre später, wenn sie dann vielleicht 24 Jahre alt ist und wohl längst einen akademischen Titel vorweisen kann.

Was passiert da gerade in der westlichen Wohlstandsgesellschaft? Wie werden Kinder in diesem 21. Jahrhundert erzogen? Was ist und wofür steht Bildung? Ist Bildung tatsächlich nur noch Ausbildung? Und dient Bildung mittlerweile nur mehr als reines Werkzeug zum beruflichen Erfolg?

Abseits dieser philosophischen Nachdenklichkeit noch eine ganz andere Frage: Was werden all jene Menschen in nicht mehr ferner Zukunft machen, wenn die Arbeit geht? Weg von uns. Schritt für Schritt. In Richtung Roboter, in Richtung Künstliche Intelligenz. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts warnen Psychologen, Philosophen und Soziologen vor dieser Entwicklung. Was macht der Mensch, wenn ihm die Arbeit davonläuft? Wirklich ernst genommen wurden die Warner nicht. Jede neue technische Entwicklung habe schließlich immer noch neue, wenn auch komplexere, Aufgabengebiete geschaffen, denn ausschließlich Arbeitsplätze vernichtet. Das ewige Gejammer sei kontraproduktiv, und die meisten Skeptiker seien ohnehin zu faul, um sich durch effiziente Fortbildung an die neue Arbeitswelt anzupassen.

Zynismus pur. Und zudem immer unrichtiger. Denn ab dem dritten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends wird je nach Studie jeder fünfte bis zumindest jeder dritte oder bis 2050 sogar jeder zweite Arbeitsplatz, wie wir ihn bis dato kennen, verloren gehen. Ob bis 2040 oder 2050, das will niemand genau prognostizieren, aber meine Kinder und die heute vierzehnjährige Netzwerkerin werden mittendrin stecken. Im Beruf – oder in einer anderen Welt.

Und um diese Welt soll es in diesem Buch gehen. Ich verstehe es als Fortsetzung meiner ersten drei Bücher: „Wie Wirtschaft die Welt bewegt“, „Der vergessene Mensch in der Wirtschaft“ und „Wir werden nie genug haben“. Als eine Art Fortsetzung deshalb, weil mich als Absolvent eines Volkswirtschaftsstudiums eine Frage schon immer beschäftigt hat: Warum wirtschaften und wachsen wir in immer schnellerem Tempo, wenn Wohlstandsgesellschaften schon relativ viele Güter haben? „Sättigungstendenzen – Ursache dauerhafter Nachfrageschwäche?“ betitelte ich meine Diplomarbeit. Heute würde ich die Frage viel breiter anlegen. Was macht der Kapitalismus, wenn immer weniger mitmachen? Sei es aus Mangel an Einkommen (trifft noch immer auf rund 95 Prozent der Haushalte zu), aus Mangel an Lust auf den Konsum oder aus Mangel an Zeit.

Der durchschnittliche Deutsche kann heute rund 10.000 Dinge sein Eigen nennen. Von der Stecknadel bis zum Auto. Rund acht von zehn neuen Produkten schaffen es nicht mehr auf den Markt und wenn, dann nur ganz kurz. Dann sind sie wieder weg. Die Entwicklungskosten bleiben im Unternehmen, meist werden Mitarbeiter gekündigt oder – im schlimmsten Fall – muss die Firma zusperren. Im letzten Jahrhundert traf es etwa den Monoski. Kaum war er da, war er von den Breitensportpisten auch schon wieder verschwunden.

Oder ein Beispiel aus jüngerer Zeit: Der ruhelose Zappelphilipp auf zentral gelagerten Kugeln, besser bekannt als „Fidget Spinner“. Erfunden wurde er eigentlich von der US-Amerikanerin Catherine Hettinger im Jahr 1993 – allerdings verzichtete sie wegen Erfolglosigkeit beim Anbieten an Spielzeug-Verkaufsketten zwölf Jahre später auf die Erneuerung des bestehenden Patents. Zehn Jahre lang hätte sie noch durchhalten müssen. Denn plötzlich wollten alle Kinder Handkreisel. Ohne Vorwarnung. Aber natürlich nicht nur einen Fidget Spinner, sondern mindestens zehn verschiedene Modelle. Ende 2016 kürte das Forbes Magazine das Ding zum „Must-Have Office Toy For 2017“. Die Zahl der Hersteller explodierte weltweit. Kein Spielgeschäft der Welt, kein Touristenshop zwischen Peking und Pisa, keine Straßenverkäufer zwischen Wien und Berlin wagten es, keine Handkreisel anzubieten. Beim ersten Verkaufsrückgang begannen die Geräte in anderen Farben, Formen und teils mit angehängten kleinen Gewichten zu glänzen. Als auch das nichts mehr half, erzeugten manche Fidget Spinner beim Drehen bestimmte Muster, leuchteten im Dunkeln oder blitzten in der Nacht. Zwei Jahre später waren sie verschwunden oder um einen Euro in Billigläden zu erstehen. Dem Spiel Pokémon GO, bei dem Scharen von Kindern und Erwachsenen in Büschen virtuelle Gestalten suchen, ist es ähnlich ergangen.

Die Zeit, sich täglich mit Gegenständen zu beschäftigen, ist bei vielen von uns aufgebraucht. Weitgehend von Schlaf, Kommunikation und Arbeit ersetzt. Den Schlaf haben wir in den vergangenen 200 Jahren von acht auf sechs Stunden reduziert, das Kommunikationstempo seit 1825 ver-10-Millionen-facht. Bleibt nur noch die Arbeit.

Was machen wir also, wenn auch sie geht. Was bleibt uns dann? Für die meisten von uns, so hat man es uns einige Jahrhunderte lang gelehrt, ist es vor allem sie, die Sinn stiftet. Wer nicht arbeitet, ist nicht. Und hat letztlich auch kein Recht, in Zufriedenheit zu leben. Oder wie Apostel Paulus der Gemeinde Thessaloniki verkündete (Kap 3, Vers 10): Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.

Was man mit Falschinterpretationen alles anrichten kann. Denn der Apostel Paulus wollte mit diesem Satz in seinem zweiten Brief an die Thessalonicher keineswegs die Faulheit attackieren. Auch wenn es die Kirche jahrhundertelang so weitergegeben hat. Paulus meinte eigentlich das Gegenteil. Er verstand diese Aussage als Angriff auf jene Reichen, die andere Menschen für sich arbeiten ließen und nur faulenzten. Damit sollte ein klares Nein zur Sklaverei ausgedrückt und diese Hierarchie in der Gemeinschaft der Christen aufgelöst werden, etwa beim gemeinsamen Essen. Es sollten eben nicht die einen auf das Essen warten, das die anderen zubereitet hatten, sondern: Wer nicht gearbeitet hatte, sollte auch nicht mitessen dürfen. Im Grunde war das ein Aufruf zur sozialen Gleichberechtigung und Gerechtigkeit.

Abgesehen von diesem „historischen“ Einwand wird Faulheit wohl bei wenigen ein echtes Lebensziel sein. Kaum jemand wird sich zeit seines Lebens freiwillig ausschließlich zwischen Bett und Küche bewegen wollen. Fällt die Arbeit einmal tatsächlich weg oder auch nur zu einem großen Teil des bisher gewohnten Umfanges, wird für viele in der westlichen Welt auch der Sinn wegfallen. Auch wenn sie das anderen gegenüber nur selten zugeben werden.

Familie, Gesundheit, eine gesunde Umwelt und der Weltfrieden – deshalb bin ich hier, so werden zwar in den letzten Jahrzehnten Fragebögen ausgefüllt, aber im sozialen Vergleich sind es dann doch der Beruf, die hierarchische Ebene in diesem sowie Einkommen, Immobilie, Auto, Urlaubsdestinationen, Kleidung und das nicht länger als vor einem halben Jahr erworbene Smartphone, die zählen.

Das wäre in vielen Fällen wohl anders, würden wir – auch mit unserer Familie – auf einer einsamen Insel leben. Sobald der soziale Wettbewerb hinzukommt, ist es mit der Inselmentalität schon wieder vorbei. Tatsächlich schaffen in den letzten Jahren immer mehr Menschen die Fokussierung auf Glück, Lebenszufriedenheit und Sinn – auch mitten im sozialen Wettbewerb –, aber dennoch sind diese Aus- und Umsteiger in ihren selbst fabrizierten Holzhütten im Wald oder in Kleinhäuschen in Kreta nach wie vor in einer verschwindend kleinen Minderheit. Da nützen auch die seit der Jahrtausendwende gefühlt jährlich 1000 neuen Ratgeber zum Rückzug – am besten gleich ganz in sich selbst – wenig bis nichts.

Es wird jedem von uns – vor allem jenen, die am Anfang oder mitten im Arbeitsprozess stecken – nichts anderes übrig bleiben, als sich mit sich selbst darüber im Klaren zu werden, was kommt, wenn die Lohnarbeit geht.

Was kommen soll.

Was geschieht, wenn die direkte Abhängigkeit vom Arbeitgeber wegfällt. Was auf den ersten Blick nur zu Erleichterung führen kann, gestaltet sich auf den zweiten Blick allerdings viel komplexer. Geldlohn gegen zeitlich begrenzte Zurverfügungstellung von körperlicher oder geistiger Arbeitskraft schafft auch Sicherheit, halbwegs stabile Rahmenbedingungen im wackeligen Weltgefüge und die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg.

Arbeitgeber oder gar Selbstversorger, wie sie zum Teil in der Dritten Welt noch immer gang und gäbe sind, müssen sich diese Fragen nicht stellen, was dennoch nicht bedeutet, dass sie das „Wozu das alles?“ nicht auch zusehends beschäftigt.

Womit wir uns dem Untertitel dieses Buches annähern. Der Suche nach Sinn in einer kapitalistischen Welt, der immer mehr die Arbeit ausgeht. Oder: Sinn statt (nur) Gewinn. Gemeint ist selbstverständlich nicht nur der Unternehmensgewinn. Sondern das, was wir im herkömmlichen Sprachgebrauch neben dem Gewinn in Firmen darunter verstehen: Gewinn von mehr Gütern, Gewinn von sozialem Aufstieg oder Prestigegewinn (durch die Anschaffung von Kleidung, Smartphone, Auto, etc. – vorausgesetzt, das Produkt wird von anderen oder professionellen Marketingstrategen gerade jetzt als wirklich „in“ gebrandet).

Was wird sein, wenn Gewinn in diesem Sinne, beziehungsweise präzise formuliert: permanenter Gewinnzuwachs, nicht mehr möglich ist? Wenn uns das Gegenteil treffen wird? Weniger Arbeitsvolumen in der westlichen Welt, also weniger Nachfrage nach dem Produktionsfaktor menschliche Arbeitskraft, weniger Wirtschaftswachstum oder überhaupt kein Wachstum, was aber die feststehende Basis des Kapitalismus ist. Aber ohne Wachstum kein Kapitalismus. Warum das eigentlich so ist, werfen Sie ein?

Nur ein paar Zeilen dazu. Ein Unternehmen, das am Beginn steht, braucht neben Eigenkapital in der Regel auch Fremdkapital, und das nicht zu wenig. Es braucht also einen Kredit- und/oder einen Eigenkapitalgeber. Der verlangt Zinsen und/oder einen Teil des späteren Gewinns. Das gilt nicht nur bei Erstinvestitionen, sondern auch bei Erweiterungsinvestitionen. Eine neue Firma arbeitet also auf Pump und muss ab einem gewissen Zeitpunkt dauerhaft Gewinne garantieren können, damit Banken und Investoren bereit sind, Kapital vorzuschießen. Dauerhafter Gewinn bedeutet dauerhaftes Wachstum. Wäre der Kapitalismus ein Kreislauf, bei dem man nach jeder Periode wieder am Anfang landen würde, würden die privaten Unternehmen immer nur das einnehmen, was sie vorher an Löhnen und Investitionen eingesetzt hätten. Es entstünde dann eben keine Entlohnung des Kapitals, und keine Bank der Welt würde jemals wieder einen Vorschuss leisten. So oder so ähnlich, aber natürlich umfangreicher und detaillierter wird Kapitalismus auf Hunderten Seiten und in unzähligen Büchern definiert – dass es Kritiker ganz anders sehen und durchaus eine Ökonomie ohne Wachstum für realistisch halten, ist wieder eine andere Geschichte.

Auch eine andere Geschichte sind die Grenzen, die unser Planet dem ewigen Wachstum auf immer drastischere Weise entgegenhält. Ob nun die ökologischen Zäune, der in seinen Möglichkeiten begrenzte Mensch selbst, weil er mit dem Tempo des Lebens nicht mehr mithalten kann und ihm nicht nur Geld, sondern auch Zeit fehlt, um weitere Güter überhaupt noch konsumieren, geschweige denn genießen zu können, oder die immer weitgehender eingesetzte Digitalisierung der Arbeitswelt, Roboter oder Künstliche Intelligenz, wir werden uns schon aus diesen Gründen überlegen müssen, was der Mensch mit sich anfängt, wenn er in dieser neuen Welt seinen Platz finden will.

Wie also könnte er theoretisch auch leben? Gäbe es ein Leben mit mehr Sinn statt Tempo? Hat es überhaupt einen Sinn, ein „So ginge es auch“-Modell in der reinen Theorie zu beschreiben?

Hätte der Autor diese Fragen nach langem Überlegen letztendlich nicht doch mit „Ja, es hat einen Sinn“ beantwortet, wäre dieses Buch nicht entstanden. Und so hat er einige neue, vor allem aber teils jahrtausendealte Lebensweisheiten wieder ausgegraben, zusammengefasst und daraus theoretische Lebensmöglichkeiten gebastelt.

Das Buch wurde also geschrieben. Von Ende 2018 bis März 2020.

Und dann kam Corona.

Zeitgleich mit der Fertigstellung des Buches wurden in Österreich die sehr weitgehenden Ausgangsbeschränkungen beschlossen. Und schon nach wenigen Tagen wurde das für das Buch skizzierte Menschenbild – entworfen für eine Zeit, wenn die Arbeit als ein oder bei vielen der Lebenssinn wegfällt – Realität.

Plötzlich hatten alle Zeit. Zeit für sich, für die Familie, für Freunde, für Nachbarn. Eine Höflichkeit im Umgang miteinander war nicht Ausnahme, sondern fast schon Regel. Und die Menschen taten Dinge, die sie nach eigenen Aussagen, Jahre oder gar Jahrzehnte aufgeschoben hatten. Sie schlenderten durch die Natur, bastelten mit den Kindern oder suchten am Dachboden nach Juwelen.

Im letzten Kapitel soll darauf auch näher eingegangen werden, nicht auf die schreckliche COVID-19-Pandemie an sich, aber auf das, was dieser erzwungene Rückzug, der verordnete Stillstand, in uns allen ausgelöst hat.

Die Frage „Wozu das alles?“ – und damit wieder zurück zum ursprünglichen Sinn dieses Buches – erlebt seit Ende des vorangegangenen Jahrhunderts eine Renaissance. Zunächst in der Glücksforschung. In immer mehr Ländern wurde und wird versucht, mittels viel zu langer Fragebögen das Lebensglück zu erfragen, stets gipfelnd in der Parole: „Wir müssen Bhutan werden.“ Das buddhistisch gelenkte Königreich am Rand des Himalaya gilt weithin als weltweites Zentrum des Glücks, und seit den 1960er-Jahren wird das Bruttonationalglück in diesem Land in der Verfassung festgeschrieben. Sinngemäß heißt es dort: Nur eine Regierung, die für ihr Volk Glück schaffen kann, hat eine Existenzberechtigung. Tut sie das nicht, hat sie keinen Grund, zu regieren.

Auch die Ratgeberliteratur sprengte alle Rahmen des großen Glücks, das in nicht immer seriösen Varianten auf Zehntausenden Seiten niedergeschrieben wurde.

Doch dann ging dem Glück die Luft aus.

Glück sei nicht alles im Leben, warnten plötzlich die Philosophen. Ein Berufszweig, der Jahrzehnte geschwiegen und sich in die Denkerzimmer der theoretischen Philosophie, meist in Universitäten, zurückgezogen hatte, wagte sich wieder an die breite Öffentlichkeit. Die Philosophie erlebt in ihrer Ausprägung der praktischen Philosophie seit einigen Jahren ein unglaubliches Comeback. Ob die aus Deutschland stammenden Richard David Precht, Wilhelm Schmid, Albert Kitzler, Rüdiger Safranski, ob die Österreicher Robert Pfaller oder Konrad Paul Liessmann oder der Schweizer Philosoph Peter Bieri, ihnen allen geht es nicht mehr ums Glück allein. Es ist „das gute Leben“, das thematisch ihre an Universitäten allerdings sehr kritisch beäugten Publikationen dominiert, wie auch das seit Jahren in Frankreich und dann auch in Deutschland erscheinende Philosophie Magazin und andere neue Philosophie-Schwerpunkte in Zeitungen meist die „Lebenskunst“ in den Mittelpunkt stellen.

Was ist ein „gutes Leben“?

Eine der ältesten Fragen der Philosophie. Älter ist nur die Frage: Was ist der Sinn von allem?

Die Antwort ist so einfach wie banal: Weise leben.

Und das Schöne daran. Es ist schon alles gedacht. Vielleicht nicht wirklich alles. Aber fast alles. Zum Teil vor dreitausend Jahren.

Braucht es also neue Weisheiten? Nein, sagt der Philosoph Albert Kitzler: „Denn die Funktionsweise unserer Seele ist in den letzten 3000 Jahren im Wesentlichen unverändert geblieben.“1 Keiner von uns müsse das Rad immer wieder neu erfinden (wobei dieser Spruch erst rund 40 Jahre alt ist, das Rad selbst mindestens fünf Jahrtausende), man müsse auch die Lebensweisheiten nicht immer neu erdenken.

In diesem Buch soll es deshalb auch, oder vielleicht vor allem, um die vielen kleinen und großen Ideen und Anregungen weiser Menschen gehen, die manches im Leben im wörtlichen Sinne leichter machen könnten. Die Philosophie bekommt im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts immer stärkeren Rückenwind auf ihrem Weg in die immer mehr von Unzufriedenheit geprägte menschliche Gedankenwelt. Und das ist gut so. Nein, nicht das gedankliche und zu oft verbalisierte Raunzen, sondern die Befassung der modernen Philosophie damit – im Gewand der praktischen Philosophie, jenem Teilbereich der Philosophie, wie ihn Aristoteles geprägt hat. Es soll also um die konkrete Anwendung von Philosophie gehen in Fragen der Ethik, des Rechts, der Politik, auch der Ökonomie und der Medizin. In der Volkswirtschaftslehre sagen die sogenannten neoklassischen Professoren – in ihrer politischen Ausformung: die Neoliberalen –, dass man mikroökonomische Betrachtungen, wie wir sie eben getroffen haben, auf die Makroökonomie übertragen könne. Denn so wie sich der Homo oeconomicus, der stets rational handelnde Modellmensch in der Gleichgewichtswirtschaft, auf den Märkten bewege, so könne man das auch auf eine gesamte Volkswirtschaft umlegen. Oder weniger ökonomisch formuliert: So wie die Leute sind, so funktioniert dann auch ein ganzer Staat.

Dass das nicht stimmt, haben viele Wirtschaftswissenschaftler und Denker aufgezeigt und gut begründet. Der Wichtigste unter ihnen: John Maynard Keynes. So sei etwa ein Sparparadoxon auszumachen. Spart ein Mensch, so mag das für ihn gut sein, weil ihm in der Zukunft mehr Geld für eine geplante größere Anschaffung zur Verfügung steht. Sparen jedoch plötzlich alle, also die Wirtschaftsteilnehmer eines gesamten Landes, geht der Gesamtkonsum dramatisch zurück und damit das gesamte Volkseinkommen. Dann fallen beide – der Gesamtkonsum und die Gesamtersparnis.

Steht jemand in einer Theatervorstellung mitten im Zuschauerraum plötzlich auf, ist es gut für ihn, weil er dann besser sieht. Machen das alle, sehen alle schlecht.

Um diese Betrachtungen von John Maynard Keynes soll es in diesem Buch aber nicht gehen. Ich möchte vielmehr der Frage nachgehen, was wir aus der Sinnforschung und aus der Weisheitsforschung nicht nur für den Einzelnen lernen können, sondern auch, welche Antworten sich vor allem für die Politik ergeben könnten.

Und schon lande ich neuerlich bei John Maynard Keynes, denn schon acht Jahre vor seinem Hauptwerk „The General Theory of Employment, Interest and Money“ hat er 1928 in Cambridge eine sehr bedeutende und in den letzten Jahren oft zitierte Rede über eine mögliche Welt in hundert Jahren gehalten. Daraus wurde 1930 eine Vorlesung mit dem Titel „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“, die im Oktober desselben Jahres in zwei Folgen in der Zeitschrift The Nation and Athenaeum abgedruckt wurde.

Die Prognosekraft dieses kleinen Essays ist unglaublich und beeindruckend. Zwei Aussagen gleich vorweg: Der Lebensstandard 2030 werde bis zu achtmal so hoch sein wie heute (also damals, 1930) und wegen des rasant ansteigenden technischen Fortschritts werde man in der Lage sein, alle Tätigkeiten in der Landwirtschaft, im Bergbau und im Produzierenden Gewerbe mit „einem Viertel der menschlichen Anstrengungen von heute“ durchzuführen. Auch dann, wenn diese hohe Geschwindigkeit die Menschen schmerzen werde. Man sei schon heute „von einer neuen Krankheit befallen, deren Namen einige Leser möglicherweise noch nicht gehört haben, von der sie aber in den nächsten Jahren noch viel hören werden, nämlich der technologischen Arbeitslosigkeit“2. Damit meinte der Ökonom, Mathematiker, Politikberater und Politiker im Jahre 1930 (!) jene Arbeitslosigkeit, die entsteht, „weil unsere Entdeckung von Mitteln zur Einsparung von Arbeit schneller voranschreitet als unsere Fähigkeit, neue Verwendungen für Arbeit zu finden“3.

2030 werde laut Keynes das weltwirtschaftliche Problem im Großen und Ganzen gelöst sein, und die Menschen könnten sich der Muße und Freizeitgestaltung hingeben. Ganz konkret prognostizierte der Philosoph, der Keynes auch ist, eine Drei-Stunden-Schicht als täglich notwendige Arbeitszeit oder eine 15-Stunden-Woche.

Ich denke, das wird sich nicht mehr ganz ausgehen – bis 2030.

Was uns aber nicht daran hindern soll, schon heute die Frage zu stellen – und zwar unabhängig davon, ob wir irgendwann 21 oder viele von unseren Kindern und Enkeln 24 Stunden in der Woche arbeiten und den Rest „arbeitslos“ zu befüllen haben: Was genau hat denn dann SINN? Welche Handlungen geben uns einen Lebenssinn? An dieser Stelle sei die nicht sehr sinnvolle Übersetzung von „That makes sense“ mit „Das macht Sinn“ erwähnt, nicht nur weil es schlicht und einfach falsches Deutsch ist. Sinn ist nicht machbar. Nicht erzeugbar.

Eine Tätigkeit hat Sinn oder keinen Sinn. Und Sinn ist da oder nicht da.

Man kann ihn suchen, vielleicht erkennen, bestimmte Dinge können auch einen Sinn ergeben, herstellbar ist er nicht. Warum fragen wir überhaupt nach dem Sinn? Hat es Sinn, nach dem Sinn zu fragen?

„Fällt dir nichts Sinnvolleres ein?“, war noch eine der nettesten Antworten von Freunden, Bekannten und Kollegen, als ich ihnen von meinem Buchprojekt erzählt habe. Von Zeitverschwendung bis „das Leben ist der Sinn“ reichten die Argumente gegen die intensivere Beschäftigung mit dem Sinn.

Nicht immer hatte ich Zeit und Muße für die ausführliche Erklärung. Die Kernantwort war und ist immer dieselbe. Es gehe ja gar nicht um den großen Sinn des Lebens. Es wäre doch vermessen, als politischer Journalist auf diese einzig wirklich große Frage der Menschheit eine Antwort auch nur suchen zu wollen. Es sollen mögliche Faustregeln und Anregungen angeboten werden, die einen in bestimmten Handlungen mehr oder weniger deutlich einen Sinn erkennen lassen. Und das auf mehreren Ebenen.

Da ist natürlich in erster Linie der Mensch selbst. Denn wie gesagt: Arbeit kann und wird voraussichtlich in den kommenden Jahrzehnten als bisheriger Hauptsinnstifter außerhalb des Familienlebens für viele von uns und vor allem für unsere Kinder und Enkel in welchem Ausmaß auch immer wegfallen.

Und was dann?

Aber nicht nur der Mensch als Individuum soll hier Objekt der Sinnfrage sein. Auch die Wirtschaft. Wozu wird der Produktionsfaktor Mensch noch gebraucht werden? Und wenn tatsächlich in immer geringerem Ausmaß, woher soll das Einkommen für Konsumenten kommen, und vor allem: Was wollen Menschen, die immer weniger arbeiten noch konsumieren? Man stelle sich vor, immer mehr Menschen finden Gefallen an Dingen, die nichts kosten, und hören auf, Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen. Was würde das auf Dauer für den Kapitalismus bedeuten?

Und was wird schließlich der Sinn von Politik sein, wenn ein immer größer werdender Teil des Wahlvolks schon vor demokratisch gewählten Volksvertretern umgedacht hat und diese mit ihren Parteiprogrammen dem Willen der Wähler zeitlich hinterherhinken?

Eine Partei, die Wirtschaftswachstum nicht in ihrem Programm hat beziehungsweise dieses Wirtschaftsziel nicht in das Spitzenfeld ihrer Prioritätenliste aufgenommen hat, ist in der westlichen Welt nicht zu finden, und wenn doch, stehen ihre Erfolgschancen schlecht. Noch. Das könnte sich allerdings in diesem Jahrhundert rasch ändern. Was jedoch auch das Ende des Kapitalismus wäre.

Was aber käme nach dem Kapitalismus? Würde das neue System einen Sinn ergeben?

Die Sinnfrage wird sich, ob wir das nun wollen oder nicht, durch alle Gesellschaftsebenen ziehen. Von uns als Einzelkämpfer bis zum multinational tätigen Konzern.

Ein Kapitel in meinem ersten Buch (2009), welches ich zusammen mit dem weit über den deutschen Sprachraum hinaus bekannten Ökonomen Prof. Kurt W. Rothschild geschrieben habe, lautet: „das Ende der Selbstverständlichkeiten“. Heute, zehn Jahre später, ist es sinngemäß zum Titel dieses Buches geworden.

Jedenfalls erscheint heutzutage noch viel weniger als selbstverständlich als damals und erst recht gegenüber den 1960er-/1970er-Jahren. Was gilt denn noch? Was hält denn noch? Ehe, Beruf, politische Koalitionen, der Glaube an eine bestimmte Religion? Und dazu der Glaube an ein Produkt – an ein Objekt der Begierde am Gütermarkt? An eine Form des Zusammenlebens, einen Gott, einen Arbeitgeber, eine Stammpartei, eine Automarke, ein Kleidungsgeschäft, eine Skimarke. Ich könnte sie alle aufzählen, diese „Das und sonst nichts“-Kaufentscheidungen von damals, auch die meiner Eltern. Vom Kleidungsgeschäft über das Wirtshaus bis zur Automarke.

Drei fixe Mahlzeiten am Tag.

Zwei oder drei fixe Radio- und/oder Fernsehsendungen.

Fixe Sporteinheiten – zumindest bei einem Teil der Bevölkerung.

Ein Kinotag. Ein Einkaufstag. Und – erzwungenermaßen – in der Zeit der Ölkrise: der autofreie Tag. Und heute? Vielfältige Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens. Zweifel an Religionen, mehrere, einer oder kein Arbeitgeber, keine Stammpartei, mehrere Automarken, Hunderte Kleidungsanbieter, nicht ganz so viele Skimarken. Große, zig kleine oder gar keine Mahlzeiten, keine fixen Radio- und/oder Fernsehsendungen, kaum sportliche Betätigung oder nur dann, wenn zwischen 06:00 Uhr und 07:00 Uhr oder ab 20:00 Uhr Lust und Zeit bleiben. Kein spezieller Kinotag, sondern irgendwann, wenn es die Zeit zulässt. Kein geplanter Einkaufstag, sondern shoppen zwischendurch. Keine acht Stunden Schlaf.

Gefragt sind Entscheidungen. Nicht eine. Dutzende. Und das innerhalb von 24 Stunden. Sechs Stunden Schlaf weggerechnet (im Schnitt – variabel).

Schon 1994 (!), der Mobiltelefonwahn war noch ein Marktbaby, wird ein interessantes Wort geboren: die (mobile) Multioptionsgesellschaft (als Titel eines Buches des damals 53-jährigen Schweizer Soziologen Peter Gross, Co-Autor Stefan Bertschi). Gross schreibt angesichts der auf den Markt kommenden Mobiltelefone schon vor einem Vierteljahrhundert – lange vor dem unmittelbaren Siegeszug des Handys und noch viel länger vor dem ersten Smartphone – von einer „endlosen und kompetitiven Ausfaltung neuer Möglichkeiten“ in modernen Gesellschaften. Und dass die Ausfaltung neuer Möglichkeiten nicht nur die Regale der Supermärkte und das Angebot an Dienstleistungen betreffe, sondern auch das Reich des Geistes. In keiner Sphäre sei der Bewohner einer solchen Gesellschaft vor den Optionen geschützt, die sich ihm darbieten würden. Dieser Bewohner sei aber nicht Opfer, sondern der Wille zum Mehr und zur Steigerung sei im Herz des modernen Menschen implantiert. Rund 20 Jahre später wird der bekannte deutsche Soziologe Hartmut Rosa von der „Steigerungslogik“ sprechen.

Dennoch kann in einem Punkt auch widersprochen werden. Implantiert oder eingemeißelt, wie Gross es an anderer Stelle auch formuliert, war dieser Wille zur Steigerung wohl nur in wenigen von uns. Zuerst mussten wir die Möglichkeiten sehen. Um das von permanent neuem Konsum geprägte, kapitalistische System aufrechterhalten zu können, mussten menschliche Bedürfnisse erzeugt werden, die eben nicht vorhanden waren. Natürlich kann man auch anhand dieser Betrachtungsweise nicht von „Opfer“ sprechen, aber letztlich unterliegt der menschliche Wille auch immer den Gegebenheiten des persönlichen Umfelds. Zumindest darf man es als sehr schwierig bezeichnen, die Kinder von heute komplett ohne Smartphone und Tablet oder ohne sonstige mobile Computerwelten durchs Leben ziehen zu lassen, will man doch seine Lieben abseits der Erziehung zu kritischem Konsumgeist auch nicht automatisch in eine Außenseiterisolation abgleiten lassen.

Konsumentenverwirrung

Fragt sich nur, ob dann, auch bei Erwachsenen, der einem zugegebenermaßen schon seit der Aufklärung innewohnende ständige Drang nach Mehr noch als sinnvoll erlebt wird. Das darf vor allem dann hinterfragt werden, wenn wie in diesem 21. Jahrhundert das „Mehr“ in immer kürzeren Abständen erlebt werden soll. Der Soziologe Peter Gross spricht schon 1994 von der „Consumer Confusion“, einer Konsumentenverwirrung, die man heute im 21. Jahrhundert durch sehr spezielle Marketingmethoden zu verkleinern versucht. Werbesprüche, die nicht nur ins Auge stechen, sondern auch gleich jene Hirnareale ansprechen sollen, die vorher bei Testpersonen in Magnetresonanzröhren oder anderen medizinischen Hochleistungsgeräten getestet worden sind. Die Werbebranche überlässt diesbezüglich nichts mehr dem Zufall. Jeder Werbespruch ist genau durchdacht und soll exakt unser Belohnungssystem im Gehirn treffen.

Und dennoch geht die Schere zwischen der Lust auf Neues und dadurch Befriedigung erlangen immer weiter auf. Schon allein deshalb, weil die Vielfalt technischer Geräte nicht mehr bedient werden kann. Wobei die Handhabung ohnehin immer mehr in den Hintergrund tritt. Die „Habung“ genügt. Das aktuelle Smartphone des Jahres zu haben, ist mit Sicherheit für viele schon wichtiger geworden, als es in seiner Komplexität zu bedienen, geschweige denn verstehen zu wollen.

„Das Mobiltelefon ist eine Art Haltegriff der kommunikativen Vergewisserung in der modernen Welt“4, formulierte es Gross 2006. Aber wird dieser Haltegriff auch als sinnvoll erlebt? Interessanterweise findet sich in dem Wort Vergewisserung auch das Wort „Gewissen“ eingebettet. Man darf also fragen, welche Rolle das schlechte Gewissen spielt, wenn der Smartphone-Besitzer nicht „on“ ist. Alle sieben bis acht Minuten, Tendenz von Jahr zu Jahr sinkend, starren wir mitten in einem Gespräch mit einem real vor uns sitzenden oder stehenden Menschen oder während einer anderen Tätigkeit plötzlich auf unser kleines teures Mobiltelefon, ob auf einem der mindestens vier bis sechs Kanäle etwas Neues gekommen ist. SMS, E-Mail, WhatsApp, Signal, Wire und mindestens einem Sozialen Medium (Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat, TikTok – was auch immer). In Büros ist es in der Zwischenzeit ohnehin üblich geworden, alle Kommunikationsebenen gleichzeitig geöffnet vor sich zu haben, zu Sitzungen kommt das Smartphone natürlich mit. Die Zahl derer, die nicht mehr fernsehen, ohne gleichzeitig das Smartphone zu bedienen, steigt übrigens dramatisch an. Und wissen Sie, wie oft Jugendliche mittlerweile mit ihren Augenpaaren zwischen den beiden Medien hin und her wechseln? Im Schnitt alle 15 Sekunden.

Kommunikation 2020 – wirklich ein Haltegriff? Oder doch eher nachhechelnde Gewissensberuhigung?

Zeitkrise

Bei allem „Mehr“ bleibt ein Faktor immer gleich. Die Zeit. Sie beschleunigt sich nicht. Sie tut, was sie immer tut. Sie vergeht einfach. Egal, ob wir eine Stunde aus dem Fenster blicken und vorbeiziehende Wolken beobachten oder ob wir in diesen 60 Minuten drei Produkte online erworben, zwanzig Nachrichten auf vier Kommunikationsebenen gecheckt und filmschauend 20 Laufbandminuten hinter uns gebracht haben.

Die Zeit ist weg. Nur. Was haben wir als sinnvoll erlebt? Haben wir überhaupt etwas erlebt?

Der deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han spricht von Dyschronie und meint damit ein eher wirres Nebeneinander von Abläufen. „Wenn ich in einem Leben möglichst viele Weltmöglichkeiten umsetzen kann, brauche ich kein Versprechen auf Unsterblichkeit … aber dieses Kalkül ist naiv“5, sagt Byung-Chul Han. Fülle werde mit Erfüllung verwechselt. Schon die griechischen Philosophen haben uns klargemacht: Ohne das Erlebte nicht zu erfahren und ohne das Erfahrene nicht wirklich zu erkennen und zu verstehen, werden wir nicht genießen können. Wenn also all die auf uns einprasselnden Innovationen und Beschleunigungsmechanismen nicht mehr zu verarbeiten sind, setzen Überforderung und Desinteresse ein. Das wiederum führt über kurz oder lang zu innerem Abschalten und der Verweigerung neuer Botschaften und Produkte. Der umworbene Rezipient geht auf „off“. Sinn hat das keinen mehr. Und Unzufriedenheit und Wut wird es schließlich – um nochmals zur Multioptionswelt für Konsumenten zurückzublenden, wenn man sich beim Kauf eines Produktes, bei der Wahl eines Urlaubsziels, bei einem Mietvertrag in der Eile für die aus seiner Sicht dann doch falsche Option entschieden hat. Also wenn der Konsument nicht nur im Angebotswahnsinn aufgegeben, sondern auch noch eine unüberlegte, dann bereuende Entscheidung getroffen hat. Etwa weil die Schönheit der BiN (Bilder im Netz – Abkürzungscopyright beim Autor) jene der Realität am Urlaubsort eine Spur übertroffen oder sich das Hochqualitätsprodukt auf der Homepage nach Lieferung als Nachahmungsmist entpuppt hat.

Aber auch wenn es die für ihn letztlich doch passende Option geworden ist, erlebt der Mensch von heute ein mittel- oder langfristig zum Verbrauch gedachtes Produkt noch als sinnstiftendes Objekt? Wie lange dauert die Freude? Überlegen Sie für sich selbst. Fernseher, iPad, Auto, Fidget Spinner … egal, wie groß oder klein, wie teuer oder billig. Wie lange hält sie?

Vernachlässigung der Ich-Kräfte

Natürlich ist es heute möglich, einfach so dahinzuleben. Keine großen Fragen. Schon gar keine Ratgeber, auch keine Soziologen oder Psychologen. Der Alltag ist hart genug. Doch wenn man in einer stillen Minute einen Menschen befragt, wie es ihm denn wirklich gehe und ob er denn ein halbwegs glückliches Leben führe, kommen meist wenig euphorische Antworten, die sich im Österreichischen dann in etwa so anhören: „Geht schon.“ – „Passt schon irgendwie.“ – „Was soll’s, so ist das Leben.“ – „Einmal so, einmal so.“ – „Eh gut.“ – „Kein Unglück ist genug Glück.“ Und je weiter in Österreich nach Osten gehend, klingt es dann eher so: „Geh bitte, wer ist heutzutage schon glücklich“ bis zu „Was soll diese depperte Frage?“ oder „Was geht dich das an, ob ich glücklich bin, kümmere dich um deinen eigenen Mist“. Meine persönliche Nummer eins wurde von einem Dialektsänger in Wien geboren: „Mia is wurscht.“ (Mir ist das alles egal.)

Irgendwie erstaunlich. Denn was fehlt dem Menschen denn heute in den Wohlstandsgesellschaften? Und damit sind nicht jene Mitglieder in den Wohlstandsgesellschaften gemeint, denen es ohnehin finanziell an allen Ecken und Enden fehlt, die gerade noch mit dem Alltag zurechtkommen und die mit Fug und Recht behaupten könnten, dass sie eigentlich nicht sehr glücklich sein können. Interessanterweise ist die allgemeine Zufriedenheit aber gerade in jenen Bevölkerungsschichten höher, als sie es im obersten Einkommensdrittel der Gesellschaft ist.

Warum geht es Menschen subjektiv nicht so gut, obwohl es ihnen objektiv gut gehen sollte? Oft, weil sie deutlich spüren, dass mehr möglich wäre, mehr als dieses einfache Dahinleben.

Wie könnte mehr möglich sein? Wie könnte dieses Umdenken auch politische, vielleicht auch ökonomische Abläufe beeinflussen?

Ich darf Sie nun zu einer Reise einladen. Zu einer Reise menschlichen Denkens vom Recht auf Faulheit vor einigen tausend Jahren über ein strenges Pflichtbewusstsein, umrahmt nicht selten von schlechtem Gewissen in arbeitsfreien Stunden, und wieder zurück zum Ursprung und der neuerlichen Frage, einige tausend Jahre später: Haben wir nicht auch ein Recht auf mehr Zeit zur Muße, auf Momente des Nachdenkens und mehr Erfüllung statt Fülle?

VORARBEIT

Es war einmal.

Ja, es war einmal tatsächlich auch eine Zeit vor der Arbeit.

Jedenfalls eine Zeit vor dem, was man heute gemeinhin unter dem Begriff Arbeit versteht. Wirklich positiv war der Begriff nie besetzt. Im Lateinischen kommt das Wort Arbeit von arvum, dem Acker, und bezog sich im Wesentlichen auf die harte Feldarbeit. Das lateinische Wort laboro bedeutet neben arbeiten auch sich abmühen, leiden, geplagt werden oder in Sorge sein.

Archäologen datieren den Ursprung der Arbeit mit rund 10.000 Jahren vor Christi Geburt, als die Menschen begannen, sesshaft zu werden und ihre Überlebensmittel selbst herzustellen. Was bereits Arbeit gewesen war. Es folgte die Viehhaltung, und irgendwann erkannten die Menschen, dass sie auch mehr erzeugen konnten, als sie selbst zum Leben brauchten. Mit dem, was von der Nahrungsmittelproduktion „für andere“ übrig geblieben war, konnten Arbeiter dafür, dass sie bei der Produktion mithalfen, entlohnt werden. Hilfehandel sozusagen. Oder ein „Wie du mir, so ich dir“ im positiven Sinne.

In der griechischen Antike war Arbeit verpönt. Man überließ sie Sklaven und Frauen. Wer etwas auf sich hielt und sich das auch leisten konnte, gab sich ganz der Muße, dem Denken, der Philosophie hin. Der Dichter der Antike, Homer, er soll rund 850 vor Christi Geburt gelebt haben, ließ stets den Müßiggang hochleben, Arbeit galt als etwas Negatives. Und für den Schriftsteller Xenophon galt rund 400 Jahre später noch immer: Arbeit verhindere Muße und verdränge die Zeit für soziales Denken und Handeln. Weitere 100 Jahre danach sieht der Philosoph Aristoteles Arbeit als das Gegenteil von Freiheit. Bei den Römern sah die Lage nicht viel anders aus. Marcus Tullius Cicero, der bis 43 vor Christi Geburt lebte, schrieb in seinen „De officiis“ (Vom pflichtgemäßen Handeln): „Eines Freien unwürdig und schmutzig sind ferner die Erwerbsformen aller Tagelöhner, deren reine Arbeitsleistung – und nicht deren besondere Fähigkeiten – erkauft werden. Denn es ist bei ihnen der Lohn ja nichts weiter als einem Handgeld für eine Knechtstätigkeit.“ 6

Ehrenvoll sind für Cicero nur Tätigkeiten, an denen größere Klugheit beteiligt ist oder durch die ein „nicht mittelmäßiger Nutzen“ 7 angestrebt wird, wie sie Mediziner, Architekten, Gelehrte und Händler ausüben; Letztere nur dann, wenn sie in großen Geschäften tätig sind und Waren von überallher heranschaffen. Beide Formen, also die des Geistes und die der Handarbeit, werden erst im Christentum positiv bewertet. Schließlich sind Jesus und seine Jünger zunächst selbst Handwerker und Fischer.

Auch im Mittelalter bleibt die Arbeit grundsätzlich etwas Unangenehmes. Ein notwendiges Übel, um nicht zu verhungern. Der Wert des Lebens lag im Spaß, den man hatte. Feiern, tanzen, das Leben genießen. Und ein Jahr hatte 100 Feiertage. Zumindest für die Adeligen. Da gilt es, die Freuden des Lebens auszunützen. Materieller Wohlstand wird damals als sündhaft angesehen, wozu also mehr arbeiten, als unbedingt notwendig ist. Ab dem 12. Jahrhundert kommt es zu einer Art Dreiteilung: Kleriker, Ritter, Arbeiter. In den späteren Jahrhunderten entsteht erstmals der Begriff „arbeitsscheu“. Wer also nicht arbeitet oder sich als Bettler, Dieb, Verbrecher, Zuhälter oder Hure herumtreibt, wird zusehends geächtet.

Mit Martin Luther ist es schließlich soweit. Das Bild dreht sich komplett und hält bis heute. 1483 im heutigen Sachsen-Anhalt als Martin Luder geboren, zerbricht sich Luther schon als Jugendlicher den Kopf über das Freikaufen von Sünden, das Kirchenleute immer reicher und reicher macht. Luther findet das heuchlerisch und schlägt seine 95 Thesen gegen dieses Treiben an die Holzpforte der Schlosskirche Wittenberg. Sein Hauptfeind ist der Papst, seine Erneuerung (lateinisch reformatio) gewinnt in Deutschland immer mehr Anhänger. Und Luther lobpreist die Arbeit: „Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen.“

Der als Humanist gefeierte Freiheitskämpfer hält die Lohnarbeit hoch und verteufelt den Müßiggang, der eine Sünde wider Gottes Gebot sei. In dieser Zeit werden die Gemeinrechte für Bauern beschnitten, ihre soziale, rechtliche und wirtschaftliche Stellung verschlechtert sich immer mehr, die schrecklichen Bauernkriege folgen. Die Bauernschaft verliert die Kriege und 100.000 Menschenleben. Die Bauern müssen alle Nutzungsrechte von Weiden abtreten und werden so zu Zwangsarbeitern unter Lehnsherren oder in Fabriken.

Johannes Calvin, ein Reformator französischer Abstammung und Begründer des Calvinismus, der ab 1535 vor allem in der Schweiz gewirkt hat und 1564 dort gestorben ist, formuliert es viel drastischer als Martin Luther: „Unsere Arbeit, unser Broterwerb ist Gottesdienst und heilig. Müßiggang und Prasserei sind es, die die Menschen verderben. Darum arbeitet fleißig und lebt bescheiden, meidet Rausch, Tanz und Spiel. Das sind die Versuchungen des Teufels.“8

Diese beiden Reformatoren des 16. Jahrhunderts sind der Ansicht, dass für jeden schon vor der Geburt feststeht, ob man zu den Auserwählten oder zu den Verdammten gehört. Man wisse das aber nicht. Nur der totale Fleiß sowie Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit würden im Jenseits die Erlösung bringen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Mit Luther und Calvin ist die Arbeit zum ersten Mal positiv besetzt, heißt es in diversen Geschichtsbüchern. Kann man so sehen. Denn Arbeit bringe einen weiter. Nachdenken und Muße nicht.

Muss man aber nicht so sehen. Man könnte auch sagen: Damals im 16. Jahrhundert hat das begonnen, was nun bald ein halbes Jahrtausend hält.

Die Arbeit macht uns zu dem, was wir sind.

Und das soll nur „positiv“ besetzt sein, wie es uns nun jahrhundertelang eingeimpft worden ist?

Wenn die Berufung tatsächlich der Beruf geworden ist, dann stimmt das, dann kann Arbeit sinnstiftend sein und Freude bereiten.

Aber kann Lohnarbeit das auch?

Die „neuen“ Lohnarbeiter von damals haben das nicht so gesehen. Die eigene Arbeitskraft an einen anderen Menschen zu verkaufen, damit dessen Profit gesteigert werden kann, galt zumindest lange Zeit als entwürdigend.

Mit der Reformation waren übrigens auch Zinssätze möglich, manche Geschichtswissenschaftlicher sehen darin die eigentliche Geburtsstunde des Kapitalismus, bei dem ganz am Beginn des Prozesses ein Kredit steht, der jedoch in einer in der Zukunft liegenden Periode zurückgezahlt werden muss. Wir erinnern uns an den Kreislauf des eingesetzten Kapitals und den permanenten Wachstumszwang. Der deutsche Soziologe und Nationalökonom Max Weber schrieb 1904: „dass unser heutiger Begriff des Berufs religiös fundiert sei“ und „das Ethos des rationalen bürgerlichen Betriebs und der rationalen Organisation der Arbeit“9 der Reformation entspringe.

Aus dem Arbeiten, um zu leben, ist im Laufe der Jahrhunderte ein Leben, um zu arbeiten geworden.

Der Übergang war fließend. Aus dem Muss war offenbar Gewohnheit geworden. Eine der vielen Selbstverständlichkeiten, die wir in den weiteren Abschnitten infrage stellen wollen. Aber konkret erst für das 21. Jahrhundert.

Also führen wir den kurzen historischen Abriss fort und versetzen uns ins 18. Jahrhundert. Mit der Industrialisierung kommt es zu einer Bevölkerungsexplosion. Doch ohne Arbeit kein Einkommen. Männer, Frauen, Kinder – alle müssen in die neuen Fabriken. Die Welt beginnt, schneller zu werden. Vor Zügen mit Dampfmaschinen wird von Fortschrittsgegnern gewarnt. Ab einer Geschwindigkeit von etwa 30 km/h bestünde für den Menschen die Gefahr der Gehirnerweichung. Die Weltproduktion verdoppelt sich in kürzester Zeit. Einen Wert sehen die Arbeiter in ihrem Tun allerdings nicht. Kommt der Lohn, gehen sie nach Hause. Mehr als notwendig zu arbeiten, ist nicht vorgesehen. Die Fabrikanten reagieren so ganz und gar nicht ökonomisch, obwohl angeblich schon damals der freie Markt alles regeln sollte. Ein Satz aus einem Zeitungsartikel zu diesem Thema, der erst vor einigen Jahren erschienen ist, ist mir bis heute in Erinnerung geblieben:

Zur Motivation der Arbeiter senken die Fabrikanten die Löhne.

Das ist wahrlich interessant. Wenn das Angebot sinkt, steigen da nicht die Preise? Wenn sich frustrierte, erschöpfte Arbeitnehmer aus dem Produktionsprozess zurückziehen, könnte ich sie dann nicht mit höheren Löhnen zur Rückkehr motivieren? Könnte man. Muss man aber nicht, wenn man weiß, dass letztlich ohnehin immer mehr in die Fabriken drängen müssen. Dann kann man Männern, Frauen und Kindern auch Hungerlöhne zahlen, denn es wird ihnen, um irgendwie existieren zu können, nichts anderes übrig bleiben, als zu arbeiten. Und zwar immer länger pro Tag. Je niedriger der Lohn, desto länger muss die gesamte Familie in der Fabrik stehen.

Es kommt zur Arbeiterbewegung. Der Druck gegen die Fabrikbesitzer wird immer größer, die Arbeitsbedingungen verbessern sich. Aber halten wir dennoch fest: Am Wert der Arbeit rütteln auch Sozialisten und Sozialdemokraten nicht. Ganz im Gegenteil. In dem Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung (Text seit 1871), „Die Internationale“, die bewusst als Gegenpol zu rein nationalen Hymnen geschrieben worden ist, heißt es in Strophe 3:

In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute, wir sind die stärkste der Partei ’n. Die Müßiggänger schiebt beiseite! Diese Welt muss unser sein;

Kein Platz für Müßiggänger also, und das von österreichischen Sozialdemokraten seit 1868 (!) gesungene „Lied der Arbeit“ endet mit:

So ruft: Die Arbeit sie erhält, die Arbeit, sie bewegt die Welt! Die Arbeit hoch! Die Arbeit hoch!

Einzig in diesem Punkt treffen sich Kapitalisten und Sozialisten. Über die Arbeit lassen wir nichts gehen. Aber auch gar nichts.

Philosophie und Ökonomie machten diese Entwicklung übrigens weitgehend mit. Thomas Hobbes, ein englischer Mathematiker, Staatstheoretiker und bis heute viel beachteter Philosoph, sieht im 17. Jahrhundert die Arbeit als entscheidenden Faktor für soziale Anerkennung, Aufstieg und Vermögen. Mit der in weiten Zügen akzeptierten gesellschaftlichen Gleichberechtigung von Armut und Reichtum ist es vorbei. Und der „Erfinder“ und Begründer der Ökonomie als Wissenschaft, der Schotte Adam Smith, unterscheidet erstmals zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit. Blickt man in die griechische Antike zurück, fallen genau die damals hochgeschätzten „Tätigkeiten“ bei Smith hinab ins weitgehend unproduktive Nichts: politisches Engagement, Beamte, religiöse Gelehrte, auch das Militär und ganz besonders all jene, die danach trachteten, das Volk zu unterhalten: Schauspieler, Sänger, Musiker, Artisten und alle anderen, denen es damals nicht vergönnt war, ihre Künste auszuüben.

Den Tiefpunkt erlebt die Arbeit aber erst im Nationalsozialismus. Der internationale Tag der Arbeiterbewegung wird mit 1. Mai 1933 zum Tag der nationalen Arbeit. Zeitgleich werden die freien Gewerkschaften zerschlagen.

Aber es sollte noch viel entsetzlicher kommen. Als Aufschrift auf den Eingangstoren der nationalsozialistischen Konzentrationslager stand der Satz: Arbeit macht frei. Der Tiefpunkt für den Wert der Arbeit – ein Höhepunkt an Zynismus und menschlicher Entwürdigung. Ist die Arbeit im Werteranking des Menschen 2020 gegenüber dem 17. Jahrhundert dramatisch abgestürzt?

Nicht wirklich.

Ist im Gegenteil nicht nach wie vor

nichts als Arbeit?

„Heute haben wir keine andere Zeit als Arbeitszeit“, schreibt der Philosoph Byung-Chul Han. Den Maschinen des Industriezeitalters seien die neuen, Zwang und Sklaventum hervorbringenden, digitalen Apparate gefolgt. Die dadurch entstandene völlige Mobilität hat dafür gesorgt, dass wir den Arbeitsplatz überall vorfinden. Da Muße dort beginnt, wo Arbeit aufgehört hat, muss Erstere notwendigerweise verschwinden.

Cogito ergo sum. Wirklich? Oder doch nur noch laboro ergo sum?

Bin ich dann aber auch?

„In seiner Arbeit aufgehen“ kann dann eine radikale Bedeutungswende erfahren.

Wenn wir die Worte des Zweiflers schlechthin, des französischen Philosophen René Descartes, so auslegen, wie er sie tatsächlich gemeint hat, dann sind wir eigentlich nicht. Denn Descartes wollte mit ego cogito, ergo sum, wie es vollständig heißt („Ich denke, also bin ich.“), nichts weniger, als seine eigene Existenz beweisen, konkret seine Existenzfähigkeit.

Der Wert der Arbeit

Heute ist die Arbeit ein Beweis für Existenz. Wer nicht arbeitet, ist nicht.

In sich schon. Aber nicht im sozialen Netz der Vergleichspersonen. Mehr Einkommen lässt uns mehr Prestigegüter kaufen. Die gesellschaftliche Achtung steigt. So wie die Ächtung für jene, die nichts zu zeigen haben, weil sie vielleicht die Arbeit losgeworden sind. Unfreiwillig. Arbeitslos.

Arbeit gibt Prestige. Dessen Aufwertung zur Sinnstiftung bedarf keiner großen Schritte mehr. In diesem Fall könnten wir also formulieren: Arbeit macht Sinn.

Mehrarbeit macht demnach nicht nur mehr Sinn, sondern bringt auch ein höheres Einkommen. Und diese Mehrarbeit macht der Arbeitende selbstverständlich freiwillig. (Achtung Ironie.) Der Philosoph Nils Markwardt bringt es auf den Punkt: „Überstunden werden jetzt nicht mehr paternal verordnet, sondern die Kollegen werden vom jovialen Chef mit dem Verweis auf Teamspirit des gemeinsamen Projekts freiwillig zum Bleiben gebracht. Die Pointe: Der permissive Befehl ist viel stärker als der andere, weil ja der Chef mich nicht zur Arbeit gezwungen, sondern lediglich zur Einsicht in die vermeintliche Notwendigkeit gebracht hat.“10

Die deutsche Fernsehjournalistin Fabienne Hurst widmete sich in einer Reportage dem verordneten Glück durch Unternehmen, nennen wir es „Motivation Total“, und beschreibt, was in einer deutschen Bäckerei so abgeht.

In dieser Bäckerei herrscht „Corporate Happiness“. Nicht mittels höherer Löhne, sondern durch Erkenntnisse aus der Verhaltensökonomie. Am auffälligsten ist das seit Jahren so beliebte Gummibändchen am Handgelenk zur Anbringung diverser Botschaften. Auf dem Bändchen der Bäckereimitarbeiter steht: „Stop complaining“. Also: „Hör auf, dich zu beschweren.“ Oder ins Österreichische übertragen: „Sudere nicht!“

„Ein Bändchen auf dem Weg ins Glück“, kommentiert es die Redakteurin des Beitrages. Aber laut Firmenphilosophie soll das Bändchen nicht tagaus, tagein am Handgelenk herumhängen, sondern dumme Gedanken am Arbeitsplatz verhindern. Das alles ist kein Scherz. Tatsächlich sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgefordert, das Bändchen auf das andere Handgelenk zu geben, wenn man sich über etwas aufgeregt oder beschwert hat. Ziel ist es, das Bändchen 21 Tage lang am selben Handgelenk zu tragen. Und zwar 21 Tage in Folge. Das bedeutet dann, dass man sich drei Wochen lang über nichts aufregen oder beschweren musste. Die Idee stammt von einem früheren Finanzmanager und heute – auch von der Großbäckerei – gut bezahlten „Erfolgs- und Glückscoach“.

In diesem Unternehmen können auch „Happiness“-Punkte gesammelt werden. Mehr Punkte bedeuten einen höheren Rang im Glücksranking der Firma. Natürlich kann man seinen Kontostand schon mal ordentlich aufbessern, wenn man – im Sinne des Firmenglücks – ab und an mal bis 22:00 Uhr noch Dinge erledigt. Schließlich gilt es, den Führenden im Glücksranking vielleicht heuer doch noch einzuholen.

Moderne Erpressung? Aber nein! Einfach ehrliche Motivation durch den so einfühlsamen Vorgesetzten. Wichtigste Zutat laut Fabienne Hurst: „Die Mitarbeiter sollen nicht merken, dass sie zielgerichtet motiviert werden.“11

Auch Nils Markwardt sieht das gleichermaßen: „Die vermeintliche Freiwilligkeit ist ein unglaublich effektives, aber unter Umständen auch perfides Instrument der Führung … denn Selbstführung produziert ja relativ wenig Widerstand, weil die Leute oft nicht merken, dass sie geführt werden – oder weil sie es selbst wollen … In dem Moment, wo Mitarbeiter Freunde oder sogar eine Art Familie sind, fällt auch so ein gewisser Spielraum weg, ‚Nein‘ zu sagen.“12

Anerkennung ist nicht Selbstverwirklichung. Vielleicht auf den ersten Blick. Wer heute mit dem Zug fährt, sieht viele Pendler in Arbeit vertieft. Texte schreibend, Mails beantwortend. Ähnlich im Flugzeug, wenn es sich nicht gerade um einen Ferienflieger handelt. Die Laptop-Benutzer wirken angespannt und ernst. Nicht wirklich glücklich. Aber auch nicht unglücklich. Man fragt sich, gehen diese Leute gerade in sich auf oder verfehlen sie sich gerade? Oder wissen und spüren sie nicht mehr, ob ihnen das, was sie machen, auch inneren Lebenssinn bereitet.

Wenn etwa der Vorgesetzte anweist: „Gehen Sie doch in den Randzeiten zum Arzt“, dann ist das natürlich sein gutes Recht, aber die ausgesprochene Botschaft ist größer und versteckt sich im Wort Randzeit. Hauptzeit ist Arbeitszeit. Hauptlebenszeit ist Arbeitszeit.

Arbeit – die größte Selbstverständlichkeit der Welt. Warum eigentlich? Zur eigentlichen Sinnfrage kommen wir erst später, aber eine Vermutung des kanadischen Philosophen Mark Kingwell sei schon an dieser Stelle angeführt. Kingwell fragt sich, warum sich Arbeit als etwas Unvermeidliches präsentiert und gleichzeitig unter Verwendung eines Netzes von Finten und bestimmten Arbeitgebermethoden auch als etwas Angenehmes. Der wichtigste Effekt ziele auf die Verbreitung der Gewissheit ab, dass Arbeit grundsätzlich notwendig sei. „Jeder akzeptiert, dass jeder einen Job haben muss, weil er weiß, dass er einen Job haben muss.“13 Arbeit bringt Ansehen. Mehr Arbeit noch mehr Ansehen.

„Hatte Jahwe einst den Menschen mit lebenslanger Arbeit für den Sündenfall bestraft, scheint die Arbeit für uns heute selbst der Himmel auf Erden zu sein“14, schreibt die Philosophin Svenja Flaßpöhler.

Was aber ist, wenn nicht Arbeit ist? Egal, ob nun erzwungenermaßen (weil arbeitslos) oder freiwillig? Die Zeit einige tausend Jahre zurückdrehen und auf eine neue, wieder von der Muße bestimmte Antike hoffen? Für irgendetwas muss es sich doch zu leben lohnen außerhalb von reinen Genusswelten.

Wir stoßen nun auf eine der wahrscheinlich wichtigsten und ältesten Frage der Philosophie. Was ist das gute Leben?

DAS GUTE LEBEN

Das gute Leben.

Irgendwie haftet diesen in 1,73 Sekunden gelesenen drei Worten etwas Banales an.

Weit gefehlt.

Sokrates, Platon und Aristoteles haben in dieser Phrase das eigentliche Ziel der Philosophie gesehen. Gemeint haben sie eine gelungene Lebensführung und dass erst dadurch so etwas wie Lebensglück entstehen könne. Glück ist also das Resultat eines Verhaltens. Wobei Glück keine gute Übersetzung des Wortes ist, um das es tatsächlich gehen soll, das in der antiken Philosophie gemeinte Wort war Eudaimonie (auch Eudämonie, altgriechisch eudaimonía). Oft bleibt Eudaimonie bis heute unübersetzt. Am besten beschreiben würde es in etwa ein „seelisches Gesamtwohlbefinden als Resultat einer gelungenen Lebensführung nach den Anforderungen der Ethik“15.

Es ist schon merkwürdig. Nach vielen Jahrhunderten der Stille um „das gute Leben“ erlebt es in der Philosophie eine plötzliche Renaissance. Kaum ein Philosoph, kaum ein Qualitätsmedium, egal ob Print, Radio oder Fernsehen, kommt seit Jahren am guten Leben vorbei; an den Universitäten hat dieses eigentliche Ziel der philosophischen Forschung wieder Einzug gehalten, die Studierenden sind begeistert und spüren gute Lebensnähe des jahrzehntelang verstaubten Fachs. Dabei ist das gute Leben ein zentraler Begriff und das Hauptziel der Sozialethik.

Eine der Expertinnen zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum, Univ. Prof. Dr. Dagmar Fenner von der Universität Basel, die sich selbst als Philosophin und Ethikerin bezeichnet, zitiert selbst einen Philosophen: Man habe in den letzten Jahren tatsächlich den „Eindruck gewinnen können, dass die Grundfragen der Ethik auf die Gasse geraten“ seien.

Und tatsächlich hatte sich diese Suche nach einer wissenschaftlich begleiteten Lebensformel in die Ratgeberliteratur, die Welt der Lebensberater, bis hinein in die Wellnesstempel begeben. Von der Werbebranche gar nicht zu reden. Wie viele Produkte hatten in den letzten Jahrzehnten gleichzeitig ein gutes Leben und körperliches Wohlbefinden – natürlich für mindestens fünf Jahre garantiert – versprochen, wenn man sie doch einfach nur kaufen würde. Ratenzahlung willkommen. Nicht inkludiert: die oft Abertausende Euro teuren Esoterikpakete dubioser Heiler und Lichtgestalten.

Aber zurück zur Definition. Man bringe eher zwei Philosophen dazu, die gleiche Zahnbürste zu benutzen, als die gleichen Begriffe zu verwenden, schreibt Dagmar Fenner.

Apropos Zähneputzen. Der deutsche Philosoph Albert Kitzler versteht bezüglich des guten Lebens die Welt schon lange nicht mehr. Für alles Mögliche nehme man sich Zeit, nur für unsere ureigenen seelischen Bedürfnisse nicht. „Im Vergleich schneidet das Zähneputzen besser ab als die Sorge für den eigenen psychischen Haushalt. Wen wundert es? Wer hat uns denn beigebracht, wie wir uns um unser Seelenleben kümmern sollen?“16

Weshalb sind wir bei der Einhaltung bestimmter Abläufe und Rituale nur so unglaublich streng mit uns, warum stets so erpicht darauf, nur ja nicht von den selbst – oder den Eltern – vorgezeichneten Lebenslinien abzuweichen, wissend, dass es sich selten um tatsächlich Bedeutendes oder gar Existenzielles handelt? Wie wichtig ist in vielen Familien nach wie vor die punktgenaue Einhaltung der Essenszeiten oder gar die auf einen bestimmten Wochentag festgelegte Speise. Spaghetti immer samstags. Ja, warum denn eigentlich? Und man denke nur an die an den Wochenenden und vorwiegend in manchen Land- oder stadtnahen Gegenden zu beobachtenden Pkw-Schlangen samt Sonntagsfahrern vor Waschanlagen.

Völlig anders geht der Mensch von heute mit seinen ureigenen Bedürfnissen um. Wer nimmt sich Zeit, kurz innezuhalten? Was wäre denn hier und jetzt für mich gut? Sodass ich am Ende des Tages ruhigen Gewissens sagen kann: Das war ein guter Tag. Ist die Sorge um das eigene seelische Wohlbefinden und um jene, die uns wirklich nahestehen, nicht nur ein Bruchteil jener Sorge um andere?

Wie oft stecken wir Energie in die Aufrechterhaltung oder Wiedergewinnung der Gunst des Vorgesetzten, um Arbeitstage friktionsfreier erleben oder manchmal auch nur aushalten zu können?

Wozu das alles?

Spätestens an den Wochenenden schlägt sie dann zu, diese für immer mehr von uns offenbar unbeantwortbare Frage nach der Lebenskunst. Wer nimmt sich Zeit und überlegt einmal für eine Stunde?

Will ich diese jahrelang eingeübten Abläufe in meinem Leben noch?

Mag ich meine mir selbst immer mehr auffallenden Gewohnheiten noch?

Will ich meine Persönlichkeit überhaupt weiterentwickeln?

Den eigenen Körper betreffend, sind die meisten schon viel weiter. Vor allem seit die Welt der Breitensportler dem Vermessungswahn verfallen ist, kennen wir ihn so gut wie noch nie. Ohne Arzt, aber dank smarter Laufuhr und Online-Fitnesstrainer. So ist uns jede Übung für jeden speziellen Muskel bekannt, wir wissen, wie hoch der Puls im anaeroben Bereich ist (also dort, wo man während des Laufens nur noch atemlos sprechen kann), und Sixpack hat schon lange nichts mehr mit sechs Bierflaschen zu tun.

Aber was es zu tun gilt, damit es der Seele wieder besser geht – ohne jetzt an fremde Hilfe oder Tabletten zu denken –, also das, was wirklich Zufriedenheit in uns auslöst, das wissen in den westlichen Wohlstandsgesellschaften immer weniger Menschen.

Sollen wir uns diese Frage überhaupt stellen? Hätten wir kein Bewusstsein und unendliche Lebenszeit, müssten wir uns diese Mühe wohl nicht antun. Da wir Ersteres sehr wohl und Letzteres leider nicht haben, wäre es wohl nicht unklug, ab und an darüber nachzudenken, was zu tun ist, um am Lebensabend – ganz bei sich – mit einem „Ja, es war ein gutes Leben“ tief durchatmen zu können.

Der (philosophische) Spielraum verengt sich mit der ersten Geburtssekunde.

Jeder Mensch wird in eine Kultur, eine Gemeinschaft, Religion, Tradition hineingeboren. Viele Antworten sind also schon gegeben, bevor selbstständig geatmet wird. Viele bleiben diesen Antworten auch treu und orientieren sich an ihnen. Jahrhundertelang hat das auch funktioniert. Gott, Kirche, Elternhaus, Beruf und Wohnort der Eltern. Das „gute Leben“ lag am Tisch. Ob es wirklich gut war, diese Frage stellte sich nicht oder durfte nicht gestellt werden.

Das Koordinatensystem des Lebens war vorgegeben, klar und unverrückbar. Ein Kosmos mit einem Gott als alleinigem Eigentümer, dessen Geschäftsführer auf Erden der Papst war, und mit weltlichen Leitern wie dem König für die Menschen und dem Mann für die Familie. Hierarchie pur.

Ein gutes Menschenleben war eines, das sich an dieser Ordnung orientierte, Ausbruchsversuche untersagt.

Erst mit der Neuzeit vollzog sich die Wende zum Ich. Was hat sich seit Beginn der Neuzeit geändert? Dazu wollen wir sie hier ganz kurz definieren.

Wir sind im 15. Jahrhundert nach Christus, der Buchdruck ist erfunden, Amerika entdeckt. Schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts (1517) entwickelt sich mit Martin Luther die Reformation und die Spaltung des westlichen Kirchentums in verschiedene Glaubensrichtungen. 1543 rückt mit Nikolaus Kopernikus die Sonne statt der Erde in den Mittelpunkt des Weltbildes.

Um es salopper auszudrücken: Nichts ist mehr so, wie es war. Damals vor 500 Jahren.

Auch der Weg zu Gott, zur „göttlichen Ordnung“, ist ohne die Umleitung über das Ich nicht auffindbar. Es ist also schwieriger geworden, da plötzlich mehrere „Umleitungen“ möglich sind. Über den Verstand, das Bauchgefühl oder das Herz.

Aber diese Hinwendung zum Ich bleibt für unsere Suche nach dem guten Leben im neuen Koordinatensystem des Ichs nicht ohne Folgen. Denn die Gebrauchsanweisung fehlt. Jeder Mensch gelangt also zu einem anderen „guten“ und erträumten Lebensziel. Und weil durch den fortschreitenden Individualismus auch die Philosophie die Frage nach dem guten Leben nicht mehr verwissenschaftlichen kann, verschwindet diese Frage für lange Zeit aus den philosophischen Lehrstühlen der Universitäten.

Seit einiger Zeit scheint das allerdings nicht mehr zu gelten. Denn plötzlich war sie da. So rund um die Jahrtausendwende. Die unerwartete Renaissance der Frage nach dem guten Leben.

Aber warum? Was sind die Gründe dafür, dass Philosophen wieder reden und schreiben und Menschen wieder zuhören und lesen wollen.

Die Philosophin Dagmar Fenner sieht außer- und innerphilosophische Ursachen. Generell sei es das „allgemein gewachsene Bedürfnis nach Handlungsorientierung“ und zudem auch die neue Verständlichkeit der einfacher formulierenden Philosophen.

Andere Philosophen sehen die Krise der Moral im weiteren Sinne als Ursache für die Wiederbeschäftigung mit der Frage nach dem guten Leben. Eine Krise, die aus meiner Sicht durch die zweite große Weltwirtschaftskrise ab 2008 zumindest mitausgelöst worden ist. Wenn zu viele Menschen gleichzeitig vom „So kann es nicht mehr weitergehen“ sprechen, vergrößert sich das Potenzial zum grundsätzlichen Umbruch. Die einen sehen ihn mit Vernunft, die anderen treibt die Lust auf Unvernunft. So war es immer, und so wird es wohl immer sein.

Zunächst zur Vernunft: Diesem Konzept zufolge soll der Mensch vor allem sein Hirn einsetzen, genauer seinen Verstand – und er soll dabei immer versuchen, sich zu kontrollieren. Klingt nicht wirklich neu (Descartes!), dennoch ist ein Unterschied zur Zeit der göttlichen Ordnung klar erkennbar. Denn entscheidend ist nicht, jemandem zu dienen, sondern das Regelwerk für ein gutes, rationales Leben in sich selbst zu finden, und so viele Wünsche und Ziele wie möglich in seinem Leben umzusetzen, aber immer unter der Prämisse, dass der Weg dorthin dem Verstand gehorcht. Spontaneität oder fehlende Impulskontrolle sind unerwünscht, ausschlaggebend ist der eiserne Wille. Es geht also nicht um die spontan an- und einfallenden Wünsche, sondern um Ziele und Erfüllungen stets mit dem Blick auf das ganze Leben. Dazu bedarf es einer genauen Einschätzung von Zeitdimensionen und – vor allem – des permanenten Eingeständnisses von Endlichkeit. Das bedeutet natürlich auch immer wieder Verzicht. Verzicht auf den kleinen, spontanen Wunsch zugunsten der Erreichung eines der großen Lebensziele. Wobei diese Ziele nicht unabhängig nebeneinander, sondern in einer „vernünftigen“ Verbindung zueinander stehen sollten. Denn es müssen auch Prioritäten gesetzt werden. Dazu ist eine gute Planung notwendig. Der Philosoph Martin Seel spricht von Konstellationen von Wünschen.17 Die Wünsche sollten keinen illusionären Charakter aufweisen („Ich bin zwar schon im letzten Lebensdrittel, werde aber noch bei olympischen Spielen mitmachen.“) und sinnvoll miteinander vereinbar sein.

Beim Hedonismus wählen Menschen den umgekehrten Weg: Das Wort hēdonē´ kommt aus dem Altgriechischen und kann kaum besser übersetzt werden als mit Lust und Genuss. Dieses Streben nach Lusterfahrung, so oft und so intensiv wie nur irgendwie möglich, soll hier nicht näher erläutert werden. Jede und jeder weiß, was gemeint ist. Faktum ist, dass die sogenannte hedonistische Theorie eine der philosophischen Grundvarianten für ein gutes Leben ist. Auch diese Lebensform ist aus der Antike bekannt. Nicht selten wird Gott selbst zum Verursacher erkoren, sei er es schließlich gewesen, der diese Lustbedürfnisse dem Menschen mitgegeben habe, was könne also verwerflich daran sein, das Angeborene auch auszuleben. Ein gutes Leben ist demnach umso besser, je größer die Anzahl lustvoller Erfahrungen innerhalb eines Gesamtlebens ist.

G = L / A G (Gutes Leben) = umso höher, je größer L (Lusterfahrung) oder je kleiner A (Aufwand, um zur Lusterfahrung zu gelangen)

Da schimmert als Lebensformel „Die Mischung macht’s!“ durch. Auf den ersten Blick mag das stimmen, auf den zweiten nicht unbedingt. So, wie nicht jeder Mensch ein aus bestimmten Eigenschaften zusammengeschüttetes Misch- oder Durchschnittswesen ist, so sind es auch die Theorien zum guten Leben in ihrer philosophischen Ausprägung nicht. Was dabei herauskommt, wenn Wissenschaften, die aufgrund fehlender Gesetzmäßigkeiten (nicht etwa wie in der Physik: Der Teller fällt vom Tisch auf den Boden, wenn ich ihn zu weit über den Tischrand schiebe = Gravitation!), streng genommen, keine Wissenschaften sind, zeigt die Ökonomie. Noch immer wird an den Volkswirtschaftslehrstühlen der Universitäten der „Homo oeconomicus“ gelehrt, ein Kunstmensch, der immer rational handelt. Wissend, dass die Verhaltensökonomie viele der – mit der Aufrechterhaltung der Theorie des absolut immer ökonomisch sinnvoll agierenden Menschen entstandenen – mikroökonomischen Regeln längst widerlegt hat.

Neben jenen Menschen, die unter einem guten Leben ein eher hedonistisches oder ein rationales verstehen, gibt es auch jene, die ein an Gütern im allerweitesten Sinn orientiertes Leben als „gut“ ansehen.

Ganz neu ist die aktuelle individuelle Suche nach dem Guten im 21. Jahrhundert natürlich dennoch nicht. Trotz all der früheren klaren Orientierungen vom Himmel herab dachte auch schon Sokrates, dass immer ein wenig Spielraum bleibe, wenn er die Menschen dazu aufforderte, in jedem Gespräch das eigene Denken zu überprüfen. „Ein Leben ohne Selbstprüfung ist nicht lebenswert.“18 In anderen Übersetzungen heißt es sogar, dass man sich ein Leben ohne Selbstcheck „gar nicht verdient“ habe.

Natürlich kann das auch übertrieben werden. Zeitgenossen, die tagtäglich – und es gibt sie – über die Für und Wider ihres momentan geltenden Lebensentwurfes sinnieren, sollen wenn möglich nicht zum Vorbild gereichen. Sehr oft – muss man bedauerlicherweise feststellen – gleiten diese bemitleidenswerten (kein Zynismus!) Einzelkämpfer ins Neurotische ab und landen mehr oder weniger lang im Zwang.

Versuch zum „objektiv“ Guten

Bisher haben wir eher von subjektiven Theorien gesprochen, den Wünschen, Zielen und Bedürfnissen, die eine einzelne Person in sich trägt und mit deren zumindest teilweiser Erfüllung sie gerne ein an und für sich gutes Leben basteln würde. Legen wir aber die Betonung auf an und für sich, also auf das, was die deutsche Sprache unter „im Allgemeinen“ versteht, wird es deutlich schwieriger mit der Definition des guten Lebens. Und man kann es drehen und wenden, wie man will, der Mensch wird immer auch auf der Suche nach etwas Allgemeingültigen sein. Ob das dann wissenschaftlich fundiert ist, ist ihm eher egal. Es sollte also doch etwas sein, worunter viele Menschen ein gutes Leben verstehen könnten – unabhängig von den individuellen Lebenszielen des Einzelnen. Etwas „objektiv“ Gutes und Wertvolles. Hier landen wir sehr rasch bei Charles Taylor. Der 1931 in Montreal geborene Politikwissenschaftler und Philosoph sieht die Wurzeln für die Ratlosigkeit der Moderne ebenfalls in der späteren Neuzeit, als den Menschen schrittweise die „umfassende Ordnung“ abhandengekommen ist. Taylor spricht von einer kosmischen Ordnung und einer Kette der Wesen. Wir haben diese Kette bereits erwähnt: Gott, Kirche, Hierarchien – und viel mehr ist da nicht. Der Verlust dieser Ordnung leite eine Verengung des Lebens ein, so Taylor weiter. Eine Reduzierung vom großen Ganzen auf das Ich. Dass Menschen das Private zugunsten einer beruflichen Karriere opfern, ist nicht neu, dass aber heute viele meinen, sie müssten mit ihrem Leben so verfahren, weil es sonst ein vergeudetes wäre, stimmt schon längere Zeit nachdenklich.

Laut Taylor lande der Mensch so beim „Ideal der Authentizität“. Ideal ist ironisch gemeint, wenn der kanadische Philosoph gleichzeitig darauf hinweist, wozu dieses ausschließliche Hören auf die eigene innere (Vernunft-)Stimme führe. Denn, wenn jeder seine eigene Wahrheit in sich spürt, degradiert er damit alle anderen zu Instrumenten für sein eigenes Wohlbefinden, also für sein eigenes gutes, aber für andere gar nicht so gutes Leben. Es entsteht eine Welt von Einzelkämpfern oder eine fragmentierte Gesellschaft.

Da liegt die Vermutung nahe, dass die gesamte Gesellschaft, jede Vereinigung, ja jede politische Partei für diesen Einzelkämpfer, diese Einzelkämpferin instrumentalisiert wird. Wie kann dann aber ein gemeinsamer Zweck einer Gesellschaft definiert werden?

Für Taylor ist das nur dann möglich, wenn diese Selbstverwirklichung, nennen wir sie hier eine Selbstverwirklichung ohne Rücksicht auf (andere) Verluste, von einem Gefühl für das wirklich Wichtige begleitet wird. Es sollte also bei jeder individuellen Entscheidung etwas mitschwingen, von dem man spürt, dass es eine gewisse allgemeine Bedeutung hat. Oder noch präziser formuliert: Man sollte in der Lage sein, genau das herauszufinden, was einem in ganz bestimmten Punkten von anderen unterscheidet, warum es einem wichtig und warum dieses Unterschied machen zu anderen grundsätzlich bedeutend ist.

„Anders formuliert, die eigene Identität kann ich nur vor dem Hintergrund von Dingen definieren, auf die es ankommt. Wollte ich jedoch die Geschichte, die Natur, die Gesellschaft, die Forderungen der Solidarität und überhaupt alles ausklammern, was ich nicht in meinem eigenen Inneren vorfinde, so würde ich alles ausschließen, worauf es möglicherweise ankommen könnte. Nur wenn ich in einer Welt lebe, in der die Geschichte, die Forderungen der Natur, die Bedürfnisse meiner Mitmenschen, die Pflichten des Staatsbürgers, der Ruf Gottes oder sonst etwas von ähnlichem Rang eine ausschlaggebende Rolle spielt, kann ich die eigene Identität in einer Weise definieren, die nicht trivial ist.“19

Aber was sind nun objektive „Güter“, die – sollte man sie zur Verfügung haben – zu einem guten Leben führen?

Selbstverständlich sind darunter auch

materielle Güter

zu verstehen. Es stimmt nicht, dass bestimmte Dinge, so man sie sich schon länger wünscht und irgendwann hat, nicht glücklich machen. Sie schaffen das manchmal sehr wohl, zumindest für eine gewisse Zeit. Dann muss wieder etwas Neues her. Doch davon, warum welche Dinge glücklich machen, allerdings nicht für immer und überhaupt zur Frage, was ist Glück und was führt dorthin, etwas später im Kapitel Glück.

Weiters führen

anthropologische Güter,

so man sie hat, ziemlich sicher zu einem besseren Leben. Darunter sind etwa spezielle Fähigkeiten und Eigenschaften zu verstehen, die man hat oder gerne besitzen würde, um bestimmte menschliche Grundbedürfnisse stillen zu können. Abraham Maslow hat auf vereinfachende Weise in seiner Bedürfnispyramide versucht, diese menschlichen Bedürfnisse zu beschreiben. Seine Hierarchie der Bedürfnisse basiert auf vielen Experimenten und bestimmten klinischen Befunden bei physisch Kranken.


Abraham H. Maslow. „Motivation and Personality“, 1954

Auch

konstitutive Güter20

sind Bestandteile eines guten Lebens:

• Gesundheit und Schmerzfreiheit,

• die Fähigkeit, Fantasie und Denkvermögen zu gebrauchen,

• die Fähigkeit zur sozialen Integration,

• Arbeit und politische Mitbeteiligung,

• Spiel und Erholung,

• die Fähigkeit zur Freiheit der Selbstbestimmung.

Und schließlich wollen wir noch auf die vierten „objektiven“ Güter eingehen, die zumindest jene gerne in sich tragen würden, für die der Weg des guten Lebens mit Schwärmerei, Verträumtheit, Fantasie, Idealen, Feingefühl und Feinsinnigkeit, Zartbesaitung und einer gehörigen Portion Realitätsferne gepflastert ist:

die romantischen Güter.

Aufgekommen vor 300 Jahren mit dem 1712 in der Schweiz geborenen Philosophen und Pädagogen Jean-Jacques Rousseau, zeigt sich dieses gefühlsbetonte Handeln letztlich bis heute als ein möglicher Weg, um ein gutes Leben zu führen. Die Gefühle und nicht die Vernunft führten zu Sinnstiftung, lehrte Rousseau, und dieser sinnstiftende Wert rage über den einzelnen Menschen hinaus. Gemeint sind das Schöne, die Kunst, die Erkenntnis, das Humane an sich – und natürlich auch das weit über Gefühle und Einzelinteressen des Menschen Hinausragende: die Religion, das Soziale und die Liebe.

Auch Menschen, die ihr Leben für eine gerechtere Welt aufs Spiel setzen, Menschen, für die die Vernunft nie Endzweck, sondern maximal Mittel zum Erreichen eines wirklich großen Gefühls ist, gehen den romantischen Weg. So gesehen, ist dieser romantische Weg auch klar abgrenzbar von seinem hedonistischen Bruder. Die Sinnstiftung ragt weit über das einzelne Ich hinaus.

Soweit also zur Theorie, den subjektiven und objektiven Varianten für ein gutes Leben aus Sicht der Philosophie. In der knappest möglichen Form.

Jedenfalls scheinen diese verschiedenen Wege zum guten Leben kulturell tiefer verankert zu sein, als manchen heute noch lieb ist. Das Denken der Eltern, Großeltern, Ur- und Ur-Ur-Generationen so einfach abzulegen, gelingt wenigen, viele wollen es auch gar nicht. Und so landen doch einige von uns in einem der kulturell vorgesehenen Lebenswege. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Aufsatz des Salzburger Philosophen Michael Zichy, der für jeden Menschentypen auch die passenden „Anweisungen“ der Alten gefunden hat: von „Sei vernünftig!“ (der rationale Typus) über „Carpe diem!“ (der Hedonist) bis zu „Folge deinem Herzen!“ (der romantische Typ).21 Imperative, die für jeden von uns „nach wie vor zu spüren seien“. Das „Du lernst nicht für mich, sondern fürs Leben!“ meiner mich schultechnisch dominierend aufziehenden Großmutter hallt bis heute nach (rationalistischer Ansatz). Auch das von Oma stets an Sonntagen gepredigte: Heute früher schlafen gehen, denn „morgen beginnt wieder der Ernst des Lebens“. Oder das „Eine ordentliche Tanzschule ist für einen 16-Jährigen mindestens so wichtig wie gute Noten!“ meines Vaters (hedonistisch). Mit dem Imperativ „Nie lügen und immer deine Gefühle zeigen!“ (romantisch) meiner hochgeschätzten Mama wollen wir die Theorie belegende Praxisbeispiele fürs Erste aber auch schon wieder abschließen.

Gegen Ende des letzten Jahrtausends schien die Sache klar. Ein gutes Leben können alle führen, die das Glück gefunden haben. Also alle, die die Frage: „Sind Sie glücklich? / Bist du glücklich?“ mehr oder weniger verzögerungsfrei mit „Ja“ beantworten können.

Was lag also näher als der Schluss, wenn jede Einzelne, jeder Einzelne glücklich ist, dann wird wohl auch eine gesamte Nation, eine Volkswirtschaft, glücklich sein? Und so explodierte die Zahl der Glücksforscher – sowohl in der Populärpsychologie als auch in der Ökonomie. Zum einen sollte das Individuum in Glücksratgebern erlernen können, wie es rundum glücklich werden könnte, in „Fachkursen“ diverser Glücksexperten wurde man Sorgen und Geld los, das Geschäft florierte. Zum anderen traten mit zeitlichem Abstand die Ökonomen auf den Plan. Glücksforscher, wohin das wissenschaftliche Auge auch blickte. Bruttonationalglück statt Bruttonationalprodukt.

Das Königreich Bhutan in Südasien ist weltweit nach wie vor das einzige Land auf Erden, das den Wohlstand, den sein Volk genießen darf, mittels Bruttonationalglück (BNG) misst. Bald dreihundert Jahre (seit 1729) heißt es dort sinngemäß in der Verfassung: Schafft eine Regierung für sein Volk kein Glück, dann hat diese auch keine Existenzberechtigung.

Wohlstand statt Wachstum – und das vor knapp drei Jahrhunderten.

Der einzige Haken: Was Glück erzeugt, bestimmt der Staat. Politik und Wirtschaft sollen drei Ziele erreichen:

• eine sozial gerechte Gesellschaft,

• Kultur und Religion müssen bewahrt und gefördert werden,

• Umweltschutz und Nachhaltigkeit.

Die Regeln macht der Staat – allerdings, und darauf ist man recht stolz: basierend auf alle fünf Jahre durchzuführenden Umfragen mittels Fragebogen, in denen den Bürgern von Bhutan entlockt werden soll, was sie denn nun wirklich glücklich mache.

Womit wir uns im Kreis gedreht haben. Was, wenn der Einzelne nicht genau weiß, was ihn glücklich macht? Und auch wenn er es für sich ganz allein und vielleicht für seine Familie weiß, was, wenn diese Vorstellungen schon denen widersprechen, die der Straßennachbar gegenüber hat? Oder noch schlimmer, wenn jene Maßnahme, die das Glück des einen steigert, der andere als Nachteil, also als Glücksschrumpfung bilanziert?

Wenn das gute Leben Glück bedeuten würde, dann müsste es also allgemeingültige Regeln geben, die alle glücklich machen.

Womit wir neuerlich bei der Grundfrage angelangt sind: Finden wir allgemeingültige Regeln für ein gutes Leben, und wenn ja, sind sie über Glückszustände definierbar?

Dazu müssen wir uns an einen Definitionsversuch herantasten.

GLÜCK

Was ist Glück?

„Glück ist eine positive, lang anhaltende Stimmung aufgrund der Beurteilung des eigenen Lebens als eines guten“22, meint Dagmar Fenner. So gesehen wäre ein gutes Leben Grundvoraussetzung für Glück, aber dazu wird es erst dann, wenn wir nicht in einer Momentaufnahme urteilen, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg „glücklich“ sind. Ganz schön viel verlangt. Das Glück gibt’s also nicht billig.

Aber es wird noch komplexer. Ein gutes Leben kann man vielleicht durch bestimmte Verhaltensweisen, geistige Übungen, ja vielleicht sogar über neue Gewohnheiten irgendwie erlernen. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir dann glücklich sind. Glück ist nicht erwerbbar.

Gerade heutzutage werden wir sehr oft mit guten Menschen konfrontiert. Einige wenige nerven derartig, dass sie es geschafft haben, in ihrer Gesamtheit verunglimpft zu werden. Seit Jahren ist es ein großes Rätsel dieser Gesellschaft, wie es gute Menschen geschafft haben, durch ihr Denken, zum Teil auch durch ihr Handeln unbewusst ein Schimpfwort kreiert zu haben.

Du Gutmensch!

Erst exakt zur Jahrtausendwende hat es der Gutmensch in den Rechtschreibduden geschafft. Dort heißt es über ihn: ein (naiver) Mensch, der sich in einer als unkritisch, übertrieben, nervtötend oder ähnlich empfundenen Weise im Sinne der Political Correctness verhält, sich für die Political Correctness einsetzt.

Wofür? Ja, was bedeutet sie eigentlich, die Politische Korrektheit. Der Ausdruck kommt aus dem Englischen und versteht unter einem politisch korrekt kommunizierenden und/oder handelnden Menschen eine Person, die bestimmte Gruppen von Menschen nicht kränkt, beleidigt, verbal verletzt. Vor allem sind geschlechtsspezifische, hautfarbenbezogene oder auf die religiöse oder auch die sexuelle Einstellung bezogene Ausdrücke gemeint. Die „Political Correctness“ lebt erst rund drei Jahrzehnte unter uns, zuerst in den USA, später auch hierzulande. Irgendwann riefen die politisch Rechten Zensur und sahen eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, wenn jemand aufgrund bestimmter „inkorrekter“ Ausdrucksweisen in der Öffentlichkeit gerügt worden war. Sie drehten den Spieß also um. Das wahre Inkorrekte sei das Nicht mehr (sagen) dürfen.

„Gutmenschen“ würden im Unterschied zu wirklich guten Menschen ihre Einstellung vor sich hertragen, bevorzugt in Medien oder einer anderen Öffentlichkeit. Sie geben Interviews, die sie nicht selten selbst initiiert haben – meist über Umwege – und kommunizieren in Permanenz. Wenn nicht sprechend, dann über Twitter, Facebook, Instagram, in Blogs und in welchen auch immer noch zu schaffenden Kommunikationsplattformen. Sie reden also viel – und meist über sich selbst. Das, was sie sagen, ist durchaus nachvollziehbar und meist tatsächlich auch das, was es sein sollte: GUT.

Aber es stimmt schon, dass es nervt, wenn die Gutes sprechende Person ihre Taten ständig mit sich selbst in Verbindung bringt. Und bedauerlicherweise handelt es sich oft eben nicht um Taten, sondern nur um Worte. Und diese – damit befindet man sich dann wirklich auf dem besten Weg zum Gutmenschen – formuliert und vorgetragen in sehr belehrender Form.

Erstmals schaffte es der Gutmensch übrigens in den 1990er-Jahren in Deutschland in die Schlagzeilen. Der Kulturjournalist Kurt Scheel definierte den Gutmenschen sinngemäß als berufsmäßigen Moralisten, über den man schon mal süffisante Heiterkeit erzeugende Bemerkungen machen könne. Und schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert, 1994, veröffentlichten Gerhard Henschel und Klaus Bittermann das erste „Wörterbuch des Gutmenschen“ – mit dem Untertitel: „Zur Kritik der moralisch korrekten Schaumsprache“.

Dann geriet der Ausdruck aus den Schlagzeilen, aber seit 2015, dem Jahr der Flüchtlingsströme nach Europa, ist der Gutmensch wieder da. Stärker und heftiger als je zuvor. Jetzt ist er endgültig zum Kampfbegriff mutiert. Alle, die sich für Flüchtlinge engagieren, ob Bürgerinnen und Bürger quer durchs Land, ob Hilfsorganisationen, ob Interessensvertretungen oder politische Parteien, werden teils auf das Ärgste verspottet. Wie absurd und ungerecht! Und so muss man heute tatsächlich konstatieren:

Zu viel des Guten wird nicht mehr als gut empfunden.

Und im Jänner 2016 wurde der Gutmensch in Deutschland zum „Unwort des Jahres“ gekürt. Das Wort verhindere einen demokratischen Austausch von Sachargumenten, war das Hauptargument in der Begründung der Darmstädter Jury.

Unglaublich. Und bedenklich.

Gut nur noch böse? Wie kann so etwas passieren?

Seit sich Menschen aus aller Welt in Massen auf den Weg machen, um weit ab von ihrer Heimat ein wirtschaftlich halbwegs besseres Leben oder zumindest eines ohne Krieg zu suchen, werden jedenfalls Erklärungsversuche der einen für die jeweils andere Seite von Jahr zu Jahr inakzeptabler. Die einen halten die Suche nach einem sicheren, aber auch wirtschaftlich besseren Leben für gerechtfertigt und sich selbst deshalb für eher gute Menschen, für die anderen sind sie gerade deshalb naive Fantasten, die mit der sogenannten Willkommenskultur die westliche Gesellschaftsstruktur zerstören und den Untergang des Abendlandes nicht nur in Kauf nehmen, sondern beschleunigen.

Dazwischen ist – nichts. Schwarz-Weiß, Grautöne verschwunden.

In einem Artikel in der NZZ aus dem Jahr 2016 heißt es: „Niemand würde sich selbst als Gutmenschen bezeichnen, denn im Wort Gutmensch verschmilzt der Mensch mit seiner Moral: Er kann gar nicht mehr anders, als gut sein, und damit erhebt er sich über alle anderen. Dies zumindest unterstellen ihm jene, die ihn so nennen.“23

„Wer von den Gutmenschen hat denn bei sich selbst Flüchtlinge zu Hause?“, ist ein viel strapaziertes Argument. Kann man gut denken, ohne gut zu handeln?

Ist ein Leben gut, dass nur an und für sich gut ist?

Lassen wir diese Fragen für den Moment noch so stehen. Antworten sollte das Kapitel über wirklich weise Menschen bringen.

Angesichts dieser aktuellen Debatte erscheint die Aufgabe, ein gutes Leben zu führen, noch schwieriger bis unmöglich. Wenn schon ein Gutmensch kein guter Mensch mehr ist, was ist dann überhaupt gut? Warum ist überhaupt Gutes und nicht vielmehr nichts, erlaubt man sich in freier Anlehnung an des Philosophen Martin Heidegger berühmten Ausspruch frei zu dilettieren.

Aber wir wollen nicht aufgeben.

Vielleicht führen uns die Wege zum guten Leben doch über das Glück.

Wird das gesamte Leben als gut empfunden, entsteht ein positiver, lang anhaltender Zustand. Positive Grundstimmungen als roter Lebensfaden zum Unterschied von kurzfristigen Gefühlsregungen, wie etwa der Freude. Glück wäre dann laut Dagmar Fenner eine Art Summe von Stimmungen, die als „atmosphärische, relativ stabile Hintergrundtönungen des gesamten Erlebens, … sämtliche Gefühlsregungen eines Menschen … einfärben“24.

Auf jeden Fall ist Glück ein höheres Ziel. Ein Ziel auf einer höheren Stufe als Hedonismus. Nicht mit Glück gemeint ist hier selbstverständlich jenes Glück, das man hat oder eben erfahren hat. Weder also der Lottogewinn noch der in letzter Sekunde vermiedene Zusammenstoß zweier Autos im Straßenverkehr. Viele Sprachen haben deshalb zwei Worte für Glück. Eines, wenn man glücklich ist (happiness/bonheur), und das andere, wenn man Glück hatte oder hat (luck/fortune).

Zum dauerhaften Glück ist für Dagmar Fenner jedenfalls ein individueller Lebensplan notwendig, der ein Netzwerk von vagen Idealen und vielen Teilplänen beinhaltet. Denn der Genuss könne und dürfe nicht zur primären und ausschließlichen Orientierungsgrundlage eines glücklichen Lebens arrivieren, wie sie für pathologische Existenzweisen typisch sei. Allerdings, so wird nochmals gewarnt, müsse man immer dem Umstand Rechnung tragen, dass die objektiven Lebensbedingungen und die subjektive Lebenszufriedenheit „oft nur schwach korrelieren“25.

Was bedeutet das? Glücklich sein kann man nur, wenn man einsieht, dass bestimmte Dinge nicht beeinflussbar sein können, und man deshalb mit sich zufällig ereignenden, unvorhersehbaren Begebenheiten, ja auch mit Schicksalsschlägen „gut umgehen“ muss. Nur wenn das gelingt, kann Glück beständig sein.

In der Wissenschaft hatte das Glück seinen ersten Höhenflug Mitte der 1990er-Jahre. Gemeint ist die Psychologie, die dieses Thema bis dahin eher gemieden hat. Da ohnehin nicht erforschbar, sollten doch die Theologen und Philosophen mit diesem Teil der „Wissenschaft“ glücklich werden. Man werde es ihnen nicht streitig machen. Bis Martin Seligman kam. Der US-amerikanische Sozialpsychologe richtete eine recht einfache Frage an seine Zunft:

Weshalb immer mit dem Unglück befassen?

Warum fragt ihr Menschen immer nur danach, was sie unglücklich und letztlich krank mache (und wohl noch viel öfter danach: krank gemacht habe)?, ruft er den Psychologen zu. Es wäre doch höchst an der Zeit, die Frage zu drehen und sie dann den Menschen zu stellen, die glücklich sind:

Was war es denn, das sie glücklich hat werden lassen?

Welche Dinge haben Menschen getan oder gedacht, die sie glücklich gemacht haben?

Zwar nicht ein neues Begriffspaar, dafür eine gesamte neue Forschungsrichtung war geboren. Die

Positive Psychologie

Das Begriffspaar hat erstmals der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow im Jahre 1954 erwähnt. Zu einem Forschungszweig aufgebaut, wurde die Positive Psychologie aber erst rund vier Jahrzehnte später durch Martin Seligman. Er stellte die nur auf den ersten Blick recht schlichte Frage:

Was macht das Leben lebenswert?

Diese Frage näherte sich erstmals von der anderen Seite an, also nicht darüber, wie ich Unglück vermeiden und hoffen kann, dass sich dann Glück von selbst einstellt, sondern mit der Fragestellung: Was kann ich aktiv tun, um glücklich oder zumindest zufriedener zu werden?

In ihrem 2004 erschienenen Buch „Character Strengths and Virtues“ (Charakterliche Stärken und Fähigkeiten) haben die Psychologen Christopher Peterson und Martin Seligman den Versuch unternommen, einen personifizierten Vorbildcharakter zu modellieren. Also einen Menschen zu beschreiben, der 24 Charaktermerkmale aufweist, mit denen man eigentlich glücklich werden sollte. Ein wenig viel fürs menschliche Glück, aber vielleicht kommt man diesem ja auch mit der Hälfte des 24er-Programms ein wenig näher. Wobei beide Wissenschaftler davon ausgehen, dass der Charakter beeinflussbar ist.

Diese 24 Charakterstärken teilen die beiden in sechs (Tugend-) Untergruppen ein. An dieser Stelle sei eine Zusammenfassung auf Deutsch eingefügt, die an der Universität Zürich am Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik immer wieder aktualisiert wird.26

Weisheit und Wissen:

Kognitive Stärken, die den Erwerb und den Gebrauch von Wissen beinhalten.

1.Kreativität: neue und effektive Wege finden, Dinge zu tun.

2.Neugier: Interesse an der Umwelt haben.

3.Urteilsvermögen: Dinge durchdenken und von allen Seiten betrachten.

4.Liebe zum Lernen: neue Techniken erlernen und Wissen aneignen.

5.Weisheit: in der Lage sein, guten Rat zu geben.

Mut:

Emotionale Stärken, die mittels der Ausübung von Willensleistung interne und externe Barrieren zur Erreichung eines Zieles überwinden.

6.Authentizität: die Wahrheit sagen und sich natürlich geben.

7.Tapferkeit: sich nicht Bedrohung oder Schmerz beugen, Herausforderungen annehmen.

8.Ausdauer: beenden, was begonnen wurde.

9.Enthusiasmus: der Welt mit Begeisterung und Energie begegnen.

Menschlichkeit:

Interpersonale Stärken, die liebevolle, menschliche Interaktionen ermöglichen.

10.Freundlichkeit: Gefallen tun und gute Taten vollbringen.

11.Bindungsfähigkeit: menschliche Nähe herstellen können.

12.Soziale Intelligenz: sich der Motive und Gefühle von sich selbst und anderen bewusst sein.

Gerechtigkeit:

Stärken, die das Gemeinwesen fördern.

13.Fairness: alle Menschen nach dem Prinzip der Gleichheit und Gerechtigkeit behandeln.

14.Führungsvermögen: Gruppenaktivitäten organisieren und ermöglichen.

15.Teamwork: gut als Mitglied eines Teams arbeiten.

Mäßigung:

Stärken, die Exzessen entgegenwirken.

16.Vergebungsbereitschaft: denen vergeben, die einem Unrecht getan haben.

17.Bescheidenheit: das Erreichte für sich sprechen lassen.

18.Vorsicht: nichts tun oder sagen, was später bereut werden könnte.

19.Selbstregulation: regulieren, was man tut und fühlt.

Transzendenz:

Stärken, die uns einer höheren Macht näherbringen und Sinn stiften.

20.Sinn für das Schöne: Schönheit in allen Lebensbereichen schätzen.

21.Dankbarkeit: sich der guten Dinge bewusst sein und sie zu schätzen wissen.

22.Hoffnung: das Beste erwarten und daran arbeiten, es zu erreichen.

23.Humor: Lachen und Humor schätzen; die Leute gerne zum Lachen bringen.

24.Spiritualität, Glauben: kohärente Überzeugungen über einen höheren Sinn des Lebens haben.

Ist doch ganz einfach. Wenn unser „armer“ Charakter reich an diesen 24 Eigenschaften ist, werden wir glücklich. Kleine Nebenbedingung: Auch die bald anderen acht Milliarden Erdenbürger sollten über diesen moralischen Reichtum verfügen. Es würde schon genügen, würde unsere nähere Umgebung, von der Familie, den Verwandten und Freunden bis zu den Arbeitskollegen, Teile dieses 24er-Charakterpakets von Geburt an mitbringen oder sich diese zumindest in den letzten Jahren angeeignet und verinnerlicht haben.

Grundsätzlich ist es zu begrüßen, dass die Positive Psychologie umgedacht und einen Glücksraster entworfen hat, der uns schon eine Richtschnur sein könnte. „Was aber“, ist im Magazin „Psychologie Heute“ zu lesen, „was aber, wenn wir nicht voller Neugierde und Tatendrang sind, sondern nur gestresst und müde? Was, wenn wir leider keine Tätigkeit ausüben, die uns in einen Flowzustand versetzt, der uns die Welt um uns herum vergessen lässt?“27 Was, wenn wir keine verlässlichen Freunde, keinen Mann oder keine Frau haben, kein Geld und keinen Arbeitsplatz? Ja, dann müssen wir unser Leben eben selbst in die Hand nehmen und uns das Glück erarbeiten.

Unglückliche Umstände lassen sich eben nicht in Glückszustände transformieren. Weder durch erlernen noch üben noch meditieren, laufen oder sonst irgendein Ausweichmanöver.

Der US-amerikanische Universitätsprofessor für Englische Literatur Eric G. Wilson28 stellt schließlich die Killerfrage:

Warum müssen wir eigentlich glücklich sein?

Ob das denn in der Bibel stehe oder in der Verfassung? Nein, der Blues der Seele sei es, der in einer Welt der unverwüstlich guten Laune heilsam sein könne. Denn er mache uns menschlicher.

Oder wie es in der Beschreibung seines Buches „Unglücklich glücklich“ heißt: „Wir sind süchtig nach Happiness, verschlingen Wellness-Ratgeber und schlucken Glückspillen. Wer niedergeschlagen ist, gilt als angeschlagen, wer melancholisch ist, wird angezählt, wer depressiv ist, dem droht das soziale K.o.“29

Fehlt einem oder einer die Grundausstattung zum Glück, also wesentliche Teile des 24er-Pakets, wäre dann eigentlich das Glück auch zu erlernen? Literaturprofessor Wilson beschreibt in seinem Buch einen Selbstversuch.

„Auf Geheiß wohlmeinender Freunde kaufte ich Bücher zum Thema Glücklichsein. Ich bemühte mich, meinen chronisch finsteren Blick in ein breites Lächeln zu verwandeln. Ich versuchte, aktiver zu werden, mein düsteres Haus und die tristen Bücher zu verlassen und an der Welt sinnvoller Action teilzuhaben. Ich fing an zu joggen und kaufte mir einen Palm und ein Handy. Ich gewöhnte mir an, so oft wie möglich ‚toll‘ und ‚super‘ zu sagen. Ich begann Salat zu essen. Ich besuchte Yogakurse. Ich hörte mit Yoga auf und besuchte Tai-Chi-Kurse. Ich erwog, einen Psychiater aufzusuchen und mir Medikamente verschreiben zu lassen. Ich habe all das wieder aufgegeben, wieder damit angefangen und es dann noch einmal aufgegeben … Momentan beabsichtige ich nicht, noch einmal anzufangen. Die Straße zur Hölle ist mit erfolg- und glücksversprechenden Plänen gepflastert.“30

Die deutsche Psychologin Ursula Nuber formuliert es so: „Wir versuchen möglichst viel richtig zu machen, um in den Genuss eines guten, glücklichen Lebens zu kommen … Der Ertrag ist meist mager, statt das Leben glücklich zu genießen, kämpfen wir nach wie vor mit Depressionen, Einsamkeitsgefühlen, Ängsten, leiden unter Essstörungen oder trinken und rauchen zu viel. Wir ärgern uns immer noch über die Kollegin und streiten uns mit dem Partner. So sehr wir uns auch anstrengen, so viele Glücksangebote wir auch ausprobieren – wir werden einfach nicht glücklicher.“31

Die Suche nach dem Glück macht uns also doch nicht glücklicher. Das ist kein Fazit aus dem Bauch heraus, sondern mit Zahlen festzumachen. Noch Ende der 1970er-Jahre wurde rund jeder fünfzigste Deutsche, Österreicher oder Schweizer aufgrund psychischer Probleme krankgeschrieben. Heute ist es mehr als jeder sechste.

Laut DAK-Gesundheitsreport 2017 kommen im Ranking der zehn wichtigsten Krankheitsarten an den Arbeitsunfähigkeitstagen nach Beschwerden des Muskel-Skelett-Systems bereits an zweiter Stelle psychische Erkrankungen. Danach folgen Beeinträchtigungen des Atmungssystems, Verletzungen, Beschwerden des Verdauungssystems, Neubildungen, Infektionen, Kreislaufprobleme, Erkrankungen des Nervensystems, der Augen und Ohren sowie unspezifische Symptome.

In Österreich ist die Zahl der psychischen Erkrankungen innerhalb von nur drei Jahren (2016–2018) um unglaubliche zwölf Prozent gestiegen. Im Laufe eines Jahres leidet mittlerweile jeder fünfte Österreicher an einer Krankheit der Psyche, meist sind es Depressionen oder Angststörungen. In der Schweiz ist diese Zahl exakt gleich hoch. In Deutschland sind inzwischen sogar knapp 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das entspricht rund 18 Millionen Menschen. Und von diesen nimmt nicht einmal jeder Fünfte professionelle Hilfe in Anspruch.32 Glück allein macht Menschen nicht glücklich. Warum ist das so?

Die sinnlose Suche nach dem Glück

War also wirklich alles vergeblich?

Unsere so anstrengende und intensive Suche nach dem Glück? Rund ein Jahrzehnt nach der Wende zum dritten Jahrtausend kommen die ersten kritischen Glücksbücher auf den Markt. Mit indirekten Aufforderungen, die in den letzten Jahren erworbenen Glücksanleitungen doch wieder aus dem Fenster zu werfen:

„Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei.“ 33

Neu ist die Warnung vor der krampfhaften Suche nach dem Glück keineswegs, schon die alten Griechen wussten das. Wir erinnern uns, Eudaimonia ist eine Art „Glückseligkeit“ anstatt nur Glück. Im 19. Jahrhundert beschreibt Arthur Schopenhauer Glück als den angeborenen Irrtum des Menschen und empfiehlt, wenn man sich schon auf Glückssuche begebe, dann sollte man mittels Ausbildung zu einer gereifteren Persönlichkeit gelangen, statt Besitz und Ansehen nachzulaufen. Die größten Hürden am Weg zum Glück seien Schmerz und Langeweile.

Der befreundete zeitgenössische Künstler mag ihm da widersprechen, wenn er sagt: „Nur in der Langeweile entsteht Kreativität.“

Ebenfalls im 19. Jahrhundert fällt Friedrich Nietzsche richtiggehend über die Glücksfanatiker her. Es könne nicht das Glück an sich das letzte Ziel der Menschen sein, weil damit alle Menschen gleich gemacht würden, worin er eine Gewalttat sehe. Bei ihm ist das Glück nicht außen anzustreben, sondern innen. Eine Innerlichkeit, die jedem Menschen immanent ist. Glück besteht für den deutschen Philosophen aus dem „Gewohnten“, der Symbiose „Schönheit und Ruhe“ sowie der „Freude am Unsinn“. Es geht ihm dabei immer um das individuelle Glück, nie solle der Mensch die reine Tradition suchen, jene, die das Glück als allgemeingültigen Begriff interpretiert.

Der australische Psychotherapeut und Allgemeinmediziner Russ Harris formuliert eine klare Botschaft: Glück ist nicht machbar. Im Sinne von nicht erzeugbar, nicht herstellbar. Immer mehr wissenschaftliche Forschungen würden klar belegen, dass „wir alle in einer mächtigen psychologischen Falle gefangen sind“34. Das Problem sei die gute Tarnung dieser psychologischen Falle, sodass wir nicht einmal ahnen, darin gefangen zu sein. Russ Harris bietet als einzigen Ausweg aus dieser „Glücksfalle“ die sogenannte Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) an. Ohne sie hier in irgendeiner Art und Weise bewerten zu wollen, aber sind es nicht genau diese eindimensionalen Antworten, die den meisten Menschen schön langsam zum Hals heraushängen? Mache dies oder jenes, und du hast deinen Weg gefunden.

Was nicht heißen soll, dass ACT nicht bei einigen, vielleicht auch bei vielen Glücksuchenden funktioniert, aber eine einzige Methode kann nie Allgemeingültigkeit erlangen. Dazu kommt, dass es sich um eine Psychotherapie handelt, die mittels bestimmter Techniken (von buddhistischer Meditation bis zur Verhaltenstherapie) versucht, den Patienten von seinen dysfunktionalen Kontrollproblemen zu befreien. Dabei geht es vor allem darum, unangenehme Empfindungen zulassen zu können, was durchaus dem, worum es im Folgekapitel gehen wird, nahekommt. Dennoch. Es ist eine Psychotherapie. Und das sei an dieser Stelle klar gesagt. Darum geht es nicht in diesem Buch. Alles, worüber wir hier schreiben, richtet sich an Menschen, die nicht unter einer mehr oder weniger starken psychischen Erkrankung leiden.

Ärztliche Hilfe kann nie durch Bücher ersetzt werden, auch nicht durch Dr. med. Google. Das oft panische Aufsuchen diverser Online-Seiten zu medizinischen Fragen ist schon zu Diagnosezwecken gefährlich und kann bei Therapieideen lebensbedrohend sein. Doch das ist eine andere Geschichte.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
304 str. 7 ilustracji
ISBN:
9783991003120
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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