Czytaj książkę: «Natur Natur sein lassen»
© edition Lichtland
Stadtplatz 4, 94078 Freyung
Deutschland
Bilder, soweit nicht anders angegeben:
„Verein der Nationalpark-Freunde e.V.“
Layout: Edith Döringer, Illustrationen unter
Lizenz von Shutterstock.com verwendet
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
1. Auflage 2017
ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-942509-61-9
eISBN: 978-3-942509-82-4
www.lichtland.eu
HANS BIBELRIETHER
NATUR
NATUR SEIN
LASSEN
DIE ENTSTEHUNG DES
ERSTEN NATIONALPARKS
DEUTSCHLANDS:
DER NATIONALPARK
BAYERISCHER WALD
Vorwort
Die Geschichte des Nationalparks Bayerischer Wald ist politisch und fachlich exemplarisch für die Entwicklung des Naturschutzes in Deutschland. Damit verbunden war auch der Lernprozess der Systemzusammenhänge in der Natur, den Ökosystemen.
Alle diese Lernprozesse waren natürlich auch Konfliktprozesse. In der gesellschaftlichen Debatte, in der politischen Auseinandersetzung und in der naturschutzfachlichen Diskussion. Für die politische Durchsetzung des Projektes Nationalpark Bayerischer Wald steht der Name eines Politikers, der im Naturschutz weitgehend unbekannt ist: Dr. Hans Eisenmann, der damalige Staatsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Bayern. Er verstand die ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge. Mit dem Bayerischen Waldgesetz wurden erstmals Naturschutz und Schutzwälder als Aufgabe benannt. Mit diesem Geist, dieser Haltung setzte Hans Eisenmann auch das von Anfang an umkämpfte Projekt Nationalpark Bayerischer Wald durch. Für die fachliche Verwirklichung steht das leidenschaftliche Engagement und die Fachkenntnis von Dr. Hans Bibelriether. Der Preis waren nicht nur große Belastungen und Anstrengung; der Preis waren auch unendlich viele Anfeindungen und Schmähungen. Nur mit großem Engagement, großer Überzeugungskraft und innerer Stärke war dieser Weg zu meistern.
Beiden Pionieren danken wir für diese große Lebensleistung, die nachhaltiger nicht sein könnte.
Alois Glück
Landtagspräsident a. D.
INHALT
1 |VISIONEN UND VISIONÄRE
WIE DIE GESCHICHTE IHREN ANFANG NIMMT
2 |WIR TUN DREI JAHRE SO ALS OB …
DER AUFBAU DES NATIONALPARKS BEGINNT
3 |HIRSCHE UND REHE FRESSEN DEN WALD
DAS WILDPROBLEM DER ANFANGSJAHRE
4 |ZWEI SCHRITTE VOR – EIN SCHRITT ZURÜCK
DER WEG ZUM WILDEN WALD BEGINNT
5 |ZUR RECHTEN ZEIT AM RECHTEN ORT
DER VEREIN DER NATIONALPARK-FREUNDE E.V.
6 |DAS UNABHÄNGIGE SPRACHROHR
DIE ZEITSCHRIFT „NATIONALPARK“ WIRD GEGRÜNDET
7 |EIN URWALD FÜR UNSERE KINDER UND KINDESKINDER
DER WINDWURF VON 1983 UND SEINE FOLGEN
8 |IST DER ROTHIRSCH WERTVOLLER ALS DER BORKENKÄFER?
DIE MASSENVERMEHRUNG DES BORKENKÄFERS UND IHRE FOLGEN
9 |MITEINANDER ARBEITEN – VONEINANDER LERNEN
EIN NATIONALES UND INTERNATIONALES NETZWERK ENTSTEHT
10 |LERNEN UND ERLEBEN MITEINANDER VERBINDEN
EIN INFORMATIONSZENTRUM WIRD GEBAUT
11 |NATIONALPARKGEMEINDEN WERDEN UNTERSTÜTZT
EINRICHTUNGEN FÜR BESUCHER
12 |RANGER UNERWÜNSCHT!
DIE NATIONALPARKWACHT WIRD AUFGEBAUT
13 |WALD ERLEBEN – NATUR VERSTEHEN
UMWELTBILDUNG WIRD AKTUELL
14 |DER NATIONALPARK IST KEINE INSEL
NATIONALPARKVORFELD UND INTEGRATION
15 |KEINE ANGST VOR GROSSEN TIEREN
FINDEN WOLF UND LUCHS IM BAYERISCHEN WALD WIEDER EIN ZUHAUSE?
16 |KEINE SPIELWIESE FÜR FORSCHER
FORSCHUNG MUSS DEM NATURSCHUTZ DIENEN
17 |EINE JAHRHUNDERT-TRAGÖDIE?
DER STREIT UM DIE NATIONALPARKERWEITERUNG VON 1995 BIS 1997
18 |NATURSCHUTZ AUF NEUEN WEGEN
VOM ARTENSCHUTZ ZUM SCHUTZ NATÜRLICHER ENTWICKLUNGEN
19 |DIE SCHÖPFUNG BEWAHREN
1 |VISIONEN UND VISIONÄRE
WIE DIE GESCHICHTE IHREN ANFANG NIMMT
Manchmal werden Wünsche und Träume wahr. Oft ist es schwer, neue Ideen durchzusetzen. Mitunter scheint es unmöglich. Und doch – es lohnt sich, für seine Träume zu kämpfen – umso mehr, wenn man vom Sinn einer Sache überzeugt ist. Immer wieder gibt es Menschen – Visionäre –, die etwas weiter sehen als andere und für machbar halten, was andere für unerreichbar erklären. Nicht selten werden solche Visionäre verlacht oder sogar angefeindet. Dennoch halten sie fest an ihrem Ziel und setzen sich mit ihrer ganzen Kraft dafür ein. Sie verkraften Rückschläge und stecken Niederlagen weg. Sie stehen immer wieder auf. Oftmals schaffen solche Visionäre etwas von bleibendem Wert. Sie schreiben ein Stück Geschichte. Unzählige solche Geschichten gibt es, und eine davon nahm ihren Anfang vor über einhundert Jahren. Es ist die Geschichte des ersten deutschen Nationalparks, des Nationalparks Bayerischer Wald.
Am 30. März 1898 – das Deutsche Reich wurde vom machtbesessenen Kaiser Wilhelm II. regiert – bewies ein preußischer Parlamentarier beeindruckenden Weitblick. In einer aufsehenerregenden Rede vor dem preußischen Abgeordnetenhaus forderte er den gezielten Schutz der bedrohten Natur. Wilhelm Wetekamp hieß der Mann, der in Zeiten massiver Aufrüstung und drohender Kriegsgefahr das Parlament aufforderte, „…gewisse Gebiete unseres Vaterlandes zu reservieren, (…) in „Staatsparks“ umzuwandeln, (…) Gebiete, deren Hauptcharakteristik ist, dass sie unantastbar sind.“
Damit wurde der Reformpädagoge Wetekamp einer der Begründer der deutschen Naturschutzbewegung. Ihm ist die Einrichtung der ersten deutschen Naturschutzbehörde, der „Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege“ in Preußen 1906 zu verdanken. Nur drei Jahre später, am 23. Oktober 1909, wurde in München der „Verein Naturschutzparke e.V.“ gegründet und 1911 der Bayerische Wald erstmals als geeignetes Gebiet für ein großes Naturreservat benannt. Bedingt durch die Abgeschiedenheit und klimatische Rauheit der Gegend, hatte eine intensive Forstwirtschaft im Bayerischen Wald viel später als anderswo in unserem Land begonnen, weshalb ursprüngliche Wälder noch großflächig erhalten waren.
Im selben Jahr – 1911 – rief Dr. Emmerich in einem Beitrag der „Niederbayerischen Monatshefte“ zum Widerstand gegen den materialistischen Zeitgeist auf. Er demonstrierte eine Einsicht, die uns auch heute gut zu Gesicht stünde: „Wir haben ein Recht zu leben, aber wir haben nicht das Recht, unser Vaterland zu einer Wüste zu machen, unseren Kindern und Enkeln ein verödetes, schematisiertes, von Paragraphen und Nützlichkeitstheorien, die so schnell vergehen, wie sie gekommen sind, regiertes Land zu hinterlassen. Zur wirksamen Abhilfe gibt es nur ein Mittel: Die Schaffung großer Naturschutzparke, in denen die gesamte, in diesen Gebieten einheimische Tier- und Pflanzenwelt ein dauerndes Asyl erhält“.
Doch wie so oft, folgte darauf zunächst nichts. Jahre gingen ins Land. Die Menschen kämpften während des Ersten Weltkrieges und in den Folgejahren der Weltwirtschaftskrise ums eigene Überleben. Der Schutz der Natur musste warten. Zwar meldete sich 1928 ein weiterer Visionär zu Wort, der Waldbaureferent der Bayerischen Staatsforstverwaltung, Geheimrat Dr. Karl Rebel. In blumigen Worten beschrieb er seine Vision bei einem Vortrag vor dem Bund Naturschutz. Er erträumte sich einen Nationalpark nach internationalem Vorbild, „wo keine Axt hallt, keine Sense klingt, kein Schuss fällt, kein Vieh weidet“. Doch wie die Axt im Wald, so verhallte auch dieser Ruf.
Den Preußischen Ministerpräsidenten und engen Vertrauten von Adolf Hitler, Hermann Göring, trieben andere, egoistische Visionen an, als er nach Hitlers Machtergreifung 1933 die Zuständigkeit für Forstwesen, Jagd und Naturschutz an sich riss und in einem „Reichsforstamt“ organisierte. Die von ihm in der Folge geschaffenen Reichsnaturschutzgebiete in der Schorfheide, auf dem Darß, in der Rominter Heide und im Elchwald ähnelten zwar von der Größe her späteren Nationalparken, in Wahrheit dienten sie Göring und seinen Freunden aber ausschließlich als feudale Jagdgebiete, betreut durch die Oberste Jagdbehörde. Es war die Fortsetzung eines jahrhundertealten Umgangs mit den tierischen Bewohnern unserer Landschaften. Darauf will ich an anderer Stelle noch ausführlicher eingehen. Vorerst genügt es festzuhalten: Naturschutz – Fehlanzeige! Ab 1941 wurden die Gebiete zu Staatsjagdrevieren erklärt, welche direkt Görings „Reichsjagdamt“ unterstellt waren. Doch während für Göring der Naturschutz als Deckmäntelchen für eigene Interessen diente, gab es auch zu dieser Zeit ernste Absichten zur Errichtung von Nationalparken.
Der Naturschutzbeauftragte der Regierung von Niederbayern, Oberstudienrat Eichhorn, legte 1937 dem Berliner Reichsforstamt einen Kartenentwurf vor, in dem der bayerischböhmische Grenzgebirgskamm als Nationalpark vorgeschlagen wurde. Heute unvorstellbare 100.000 Hektar sollte das Reservat umfassen!
Am 8. Dezember 1938 stand die Einrichtung eines Nationalparks noch einmal auf der Tagesordnung, und zwar bei einer Dienstbesprechung der Reichsstelle für Naturschutz unter dem Vorsitz von deren Leiter, Dr. Lutz Heck. Der Wille zur Errichtung eines ersten Nationalparks war vorhanden. Doch der Zweite Weltkrieg machte derartige Pläne zunichte. Der Plan für einen Nationalpark im bayerischböhmischen Grenzgebiet ging zusammen mit dem Dritten Reich unter. Die Idee blieb jedoch bestehen.
Eine Idee nimmt neue Formen an
Erneute Rufe nach einem Nationalpark in Deutschland während der 50er Jahre blieben zwar noch ungehört, doch Mitte der 60er Jahre schlug die Stunde eines weiteren Visionärs. Bei seinem Antritt als ehrenamtlicher Naturschutzbeauftragter der Regierung von Niederbayern stieß der Diplomforstwirt Hubert Weinzierl 1966 auf umfangreiche Akten über einen geplanten Nationalpark Bayerischer Wald/Böhmerwald. Sie stammten aus den 20er und 30er Jahren und bewegten Weinzierl dazu, die Begründung des ersten Nationalparks in Deutschland zu seiner Aufgabe zu machen.
Weinzierl war mit Dr. Bernhard Grzimek befreundet und begleitete den berühmten Tierfilmer und Präsidenten des Deutschen Naturschutzrings auf Reisen in afrikanische Nationalparke, vor allem die Serengeti. Auf einer zweitägigen gemeinsamen Wanderung 1967 durch den Bayerischen Wald gelang es Weinzierl, den Freund für seine Idee zu gewinnen. Fortan hatte Weinzierl einen prominenten Mitstreiter an seiner Seite. Im Juni 1967, bei einer Abendveranstaltung in Freyung, konnte Grzimek rund 700 Waldler für die Nationalparkidee begeistern.

Hubert Weinzierl und Bernhard Grzimek, 1970.
(Foto: Schmiedl, Seewiesen)
Bereits ein Jahr zuvor, am 15. Juli 1966, trafen sich mehrere einflussreiche Persönlichkeiten zu einem vertraulichen Gespräch mit dem damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Alfons Goppel. Der Geschäftsführer des „Bund Naturschutz“, Ludwig Rueß, der Ministerialrat im Innenministerium, Dr. Heigl, der Generaldirektor der „Staatlichen naturwissenschaftlichen Sammlungen“, Dr. Wolfgang Engelhard, Hubert Weinzierl und Dr. Bernhard Grzimek überreichten dem Ministerpräsidenten eine Denkschrift. Darin priesen sie die prächtigen Wälder, Schachten und Filze entlang der bayerischtschechischen Grenze und plädierten für die Schaffung eines Nationalparks in Bayern als „einer staatsmännischen Tat von großer Weitsicht.“
In der Pressemitteilung der Staatskanzlei vom selben Tag hieß es, die bayerische Regierung werde die Möglichkeiten zur Errichtung eines Nationalparks in Bayern prüfen. Diese Ankündigung löste bundesweite Diskussionen aus. Gegner der Nationalparkidee warfen Grzimek und Weinzierl zum Beispiel vor, sie wollten aus dem Bayerischen Wald einen Safaripark machen, obwohl Grzimek dem von Anbeginn widersprach.

„Der Mensch wird hier Gast in der Natur sein, nicht aber in erster Linie Gestalter, wie in der übrigen Landschaft.“
(Bernhard Grzimek, 1970 zum Nationalpark Bayerischer Wald)

Wie sehr sich Menschen auch außerhalb des Bayerischen Waldes mit dem Thema befassten, beweisen viele Zeitungsartikel von damals, die sich auf Experten beriefen, die statt der Rettung die Zerstörung der Natur vorhersagten. So zum Beispiel im „Münchner Merkur“ vom 21. Mai 1968, wo aus Verlautbarungen des „Verein Naturschutzpark“ wie folgt zitiert wurde: „Bei Grzimeks Nationalparkplan, gleichgültig ob es sich um 6.000 oder 10.000 ha handelt, kann nicht von Naturschutz oder Landschaftsschutz, sondern nur von zwangsläufiger Naturzerstörung und Waldvernichtung die Rede sein, die auch wirtschaftlich nicht zu verantworten wäre.“
Der Unternehmer Alfred Töpfer, damals Vorsitzender des „Verein Naturschutzpark“, nannte es unsinnig, ausgestorbene Tierarten in diesem Gebiet wieder heimisch zu machen, zumal der geplante Nationalpark in diesem Fall eingezäunt werden müsse und deshalb den Wanderern nicht mehr zugänglich sei. Ferner wurde behauptet, dass die Wälder „Horden von pflanzenfressenden Großsäugern quasi zum Fraß“ vorgeworfen werden sollten.
Andere fürchteten um das Wohl der Tiere, die während der langen und kalten Winter doch sicherlich erfrieren müssten. In dem bereits erwähnten Bericht des „Münchner Merkur“ äußerte sich Graf Lennart Bernadotte, Sprecher des „Deutschen Rates für Landespflege“: „Der Deutsche Rat für Landespflege vertritt die Auffassung, daß die in der Öffentlichkeit verbreitete Vorstellung, im Bayerischen Wald könne ein Nationalpark in der Art eines Großwildreservates eingerichtet werden, nicht an den natürlichen Gegebenheiten dieses Raumes orientiert ist. Die dortigen Klima-, Boden- und Vegetationsverhältnisse verbieten die Haltung eines so großen frei lebenden Wildbestandes, der touristisch attraktiv sein und für die wirtschaftliche Entwicklung des Raumes ins Gewicht fallen könnte … Das Ergebnis einer kritischen Untersuchung der Möglichkeiten lässt eindeutig erkennen, daß die Voraussetzungen für einen deutschen Nationalpark im Bayerischen Wald nicht gegeben sind.“
Die Waldler wollen einen Nationalpark
Solchen Unkenrufen zum Trotz scharten sich die Nationalparkbefürworter um Hubert Weinzierl und gewannen – über Parteigrenzen hinweg – die Unterstützung der kommunalen und regionalen Politiker aus dem Bayerischen Wald. Schon im August 1966 stimmten die Bezirksregierung von Niederbayern und die betroffenen Landkreise Wolfstein und Grafenau (heute Landkreis Freyung-Grafenau) geschlossen für die Nationalparkidee. Einer der engagiertesten Mitstreiter war der damalige Grafenauer Landrat Karl Bayer (Sohn eines Waldarbeiters aus dem Steigerwald), der in Spiegelau als Forstmeister das Sägewerk der Bayerischen Staatsforstverwaltung leitete. Bayer ging es nicht nur um die wirtschaftliche Entwicklung im Bayerischen Wald, er war auch ein überzeugter Naturschützer.

Karl Bayer war unter den Kommunalpolitikern vor Ort der wichtigste Unterstützer des Nationalparks Bayerischer Wald.
„Und so sage ich abschließend noch einmal, die Natur kann gar nicht streng genug geschützt werden. Der Mensch wird nur leben und überleben, wenn er Natur und Umwelt gesund erhält. Mit jedem Stück Natur, das wir zerstören oder zerstören lassen, zerstören wir einen Teil der Zukunft unseres Volkes, unserer Gemeinden, unserer Bürger. Wer es wirklich ernst meint mit der Forderung „der Mensch geht vor“, dem kann es mit dem Naturschutz gar nicht ernst genug sein, der wird in Zukunft mit uns, den Naturschützern, sein müssen.“
(Karl Bayer 1976)
In der wirtschaftlich kaum entwickelten und benachteiligten Grenzregion gewann die Nationalparkidee immer mehr Freunde. Lediglich die Bayerische Staatsforstverwaltung lehnte den Nationalpark von Anfang an entschieden ab. Um besser zu verstehen, weshalb Jäger und Forstverwaltung dieser Entwicklung und Waldnationalparken bis heute so starken Widerstand entgegensetzen, muss man einen kurzen Blick in die Geschichte der deutschen Wälder werfen.
Die Jäger und der König des Waldes
Seit jeher galt der Rothirsch als König der deutschen Wälder. Kaum ein anderes Tier ist hierzulande in Märchen und Legenden derart präsent. Hirsche zählen zum Hochwild. Sie zu jagen, die sogenannte „hohe Jagd“ auszuüben, war im Mittelalter das Vorrecht der Landesherren. In Bannforsten und bewaldeten königlichen Jagdreservaten frönten sie dieser Leidenschaft. Der von Adligen und Landesherren erhobene Anspruch auf den Wald als ein aristokratisches Revier endete zunächst mit der Revolution von 1848. Im Dritten Reich aber erlebte diese Geisteshaltung unter dem Reichsjägermeister Hermann Göring eine erstaunliche Renaissance. Die Vorstellung einer Jagd nach Gutsherrenart wurde von Göring sogar in das Reichsjagdgesetz übernommen. Wesentliche Inhalte aus jener Zeit haben unverändert in das heute gültige Bundesjagdgesetz Eingang gefunden.
Manche Tierarten sind, weil der Adel sie bevorzugte, in den vergangenen 200 Jahren gewissermaßen zu jagdlichen Lustobjekten avanciert. Das heißt: Sie wurden einseitig gehegt, damit eine möglichst große Zahl der Trophäen wegen „waidgerecht“ erlegt werden konnte. Die Unterscheidung zwischen Nutzwild wie Hirsch, Reh oder Gams und den sogenannten Schädlingen wie Bär, Wolf, Luchs, großen Greifvögeln oder Kolkraben führte zur Ausrottung letzterer, während sich erstere so stark vermehrten, dass sie zu einem Problem für die deutschen Wälder wurden.
Die jagdlichen Interessen hatten in der Auseinandersetzung um den Nationalpark große Bedeutung. Zumal die Anliegen von Jagd und Naturschutz im Wald extrem unterschiedlich sind. Die Staatsforstverwaltung war einerseits nicht Willens, auch nur ein Prozent der Fläche des Bayerischen Staatswaldes für den ersten deutschen Nationalpark freizugeben. Andererseits wurden bis in die 80er Jahre ein bis zwei Prozent eben dieser wertvollen Wälder für die Umwandlung in Wildäsungsflächen reserviert.
Das Rotwildvorkommen im Bayerischen Wald war bis Ende des Zweiten Weltkrieges unbedeutend geblieben. Weshalb, darüber wird in Kapitel 3 ausführlich berichtet. Das änderte sich, als Anfang der 50er Jahre Oberforstmeister Dr. Götz von Bülow die Leitung des Staatsforstamtes St. Oswald übernahm – Herzstück des späteren Nationalparks. Für von Bülow war der Verlust der Rotwildvorkommen in Ostpreußen durch den verloren gegangenen Krieg ein nationales Unglück. Er wob eine mystische Aura um die Bayerwald-Hirsche und stilisierte das Grenzgebirge zu einem bedeutenden Rotwild-Lebensraum hoch. Entsprechend hochtrabend beschreibt er seine Arbeit als Forstamtsleiter: „Die Betreuung unseres Edelwildes erfordert Mühe, Arbeit und Opferbereitschaft. Sie erscheint aber als verpflichtende kulturelle Aufgabe! Lohn ist oft allein der so seltene Anblick des Königs dieser Wälder, der jedem Besucher zum unvergesslichen Erlebnis wird. (…) Lohn ist aber auch nicht zuletzt die Genugtuung, den Wald gesund und die Biozönose im Gleichgewicht erhalten zu haben. (…) Wem ist mehr Leben in solcher Vielfalt in die Hand gegeben als dem Forstmann und wem ist hier mehr Sorge und Verantwortung aufgebürdet als ihm? Wer ist aber auch – um mit Adalbert Stifter zu sprechen – in der weiten Stille dieser Wälder der göttlichen Offenbarung teilhaftiger als er?“
Diese neue Heilslehre wurde von der örtlichen Jägerschaft unterschiedlich aufgenommen. Die bäuerlichen Jäger lehnten die Verherrlichung des Rotwildes ab. Die Freibauern im Lamer Winkel lebten von den Einnahmen aus ihren tannenreichen Plenterwäldern und hielten das Gebiet nordwestlich des Arbermassivs frei von Rotwild. Im Winter 1952, als die hohe Schneelage im Staatswald dem Wild entlang des Grenzkammes schwer zu schaffen machte, wurden etliche Hirsche, die in tiefer gelegene Gebiete abwanderten, erlegt. Für Götz von Bülow war das „wahllose Zusammenschießen im Flachland“ eine Katastrophe. Er sah sich und seine mitjagenden Herrenjäger als „Besitzer und Beschützer“ der Hirsche. Um sie während des Winters von den Flinten der Bauern fern zu halten, ließ er mit einem enormen Aufwand an Steuergeldern Futterkrippen im Staatswald anlegen. Er sorgte dafür, so beschreibt es Georg Sperber, „dass keines der ein Jahrzehnt und länger herangehegten Edeltiere von einem angrenzenden Bauernjäger unstandesgemäß umgelegt wird.“
Wer sich bemühte, Reh- und Rotwild zahlenmäßig im Zaum zu halten, wie die bäuerliche Jägerschaft, aber auch wie Kämpfer für eine naturgemäße Waldwirtschaft, etwa der Leiter des Staatsforstamtes Zwiesel-Ost, Konrad Klotz, sah sich dem Vorwurf der „Jagdfeindlichkeit“ ausgesetzt. Götz von Bülows Jagdideologie fand dagegen an höherer Stelle der forstlichen Hierarchie Zustimmung. Der Wald um Lusen und Rachel war zu einer der ersten Adressen in Trophäenjägerkreisen geworden.
Als es ernst wurde mit dem Nationalpark im Bayerischen Wald, setzte sich die Bayerische Staatsforstverwaltung immer heftiger zur Wehr. Sie behauptete zum Beispiel, die im Nationalpark zu erwartenden großen Mengen an Rot- und Rehwild würden den Wald auf längere Sicht vernichten. Sie befürchtete Schälschäden größten Ausmaßes und in der Folge Borkenkäferkalamitäten, die Vernichtung des Unterwuchses bis hin zur völligen Vernichtung des schönen Landschaftsbildes. Gegen diese Vorstellungen argumentierte Bernhard Grzimek in einem Schreiben an Ministerpräsident Dr. Alfons Goppel: „Offensichtlich werden hier Verhältnisse, wie sie in engen eingegatterten Wildgehegen mit zu hohem Wildbestand herrschen, mit einem Nationalpark verwechselt (…). Es kann selbstverständlich keineswegs die Absicht sein, das Rotwild zu überhegen und dadurch das Aufkommen des Waldes in Frage zu stellen. (…) Der Herr Forstpräsident betonte immer wieder, wenn die Besucher überhaupt Rotwild sehen können sollten, müssten gewaltige Mengen dieses Wildes vorhanden sein. Diese Aussage widerspricht jedoch völlig den Erfahrungen, die wir allerorten in Nationalparken gemacht haben. Große Scheu der derzeitigen Wildbestände ist die Folge der jahrhundertelangen Bejagung (…) Es kann keineswegs Ziel eines Nationalparks sein, einseitig die Wildbestände in biologisch ungesunder Weise zu vermehren auf Kosten der Vegetation, also primär auch des Waldes. Es soll sich ja ein naturgemäßes Gleichgewicht einstellen, das einen Ausschnitt der deutschen Landschaft (…) zeigt, (…) in der die Eingriffe des wirtschaftenden Menschen auf das unbedingt Notwendige verringert werden.“
Nationalparkbefürworter und Nationalparkgegner formieren sich
Schon vor seiner Gründung war der „Nationalpark“ also heftigem Gegenwind ausgesetzt. Zu den Gegnern zählte neben der Bayerischen Staatsforstverwaltung der „Bayerische Forstverein“, der „Bayerische Jagdschutzverband“ und der „Verein Naturschutzparke e.V.“. Letzterer befürchtete im Nationalpark eine Konkurrenz für seine Naturparke.
Die Befürworter gründeten am 6. Juli 1967 auf Anregung der Regierung von Niederbayern einen „Zweckverband zur Errichtung des Nationalpark Bayerischer Wald“. Mitglieder waren die Landkreise Grafenau, Wolfstein und Wegscheid, die Kreisstädte Grafenau und Freyung, sechs an den geplanten Nationalpark angrenzende Gemeinden, der „Bund Naturschutz in Bayern“ und die „Zoologische Gesellschaft Frankfurt“, deren Präsident Bernhard Grzimek war. Der Zweckverband erarbeitete in den folgenden Monaten ein Konzept für den Nationalpark und beantragte am 13. Dezember 1967 die Ausweisung eines mindestens 9.000 Hektar großen Gebietes um Rachel und Lusen als Nationalpark. Schon im November 1967 hatte der niederbayerische Bezirkstag die Ausweisung eines großräumigen Landschaftsschutzgebietes im Inneren Bayerischen Wald beschlossen. Ein Nationalpark könnte das Glanzstück dieses 75.000 Hektar großen Areals werden, argumentierten die Befürworter.

Werbefaltblatt des Zweckverbandes zur Errichtung des Nationalparks Bayerischer Wald aus dem Jahr 1966.
Im Mai 1968 empfing der Bayerische Landwirtschaftsminister Dr. Alois Hundhammer eine zwölfköpfige CSU-Delegation aus den Kreisverbänden Grafenau und Wolfstein, die sich für einen Nationalpark stark machten. Sie erreichten eine Weiterführung der Gespräche zwischen der Staatsregierung auf der einen und dem Zweckverband auf der anderen Seite. Zugrunde liegen sollte das seit Februar 1968 vorliegende „Gutachten zum Plan eines Nationalparks“ von Professor Dr. Wolfgang Haber, das sogenannte „Haber-Gutachten“.
Wo genau soll er liegen? Wie groß soll er sein? Wie soll er heißen? Nationalpark, Naturpark, Schutzgebiet? Im Rückblick hat man den Eindruck, der Nationalpark wäre bereits vor seiner Gründung beinahe totdiskutiert worden. Doch die Beharrlichkeit der Visionäre war größer. Und im entscheidenden Moment gab es politischen Rückenwind.
Der Wendepunkt: Dr. Hans Eisenmann wird Landwirtschaftsminister
Mit der Ernennung von Dr. Hans Eisenmann zum Bayerischen Landwirtschaftsminister im Frühjahr 1969 nahmen die Auseinandersetzungen um den Nationalpark eine positive Wendung. Ein weiterer Visionär trat auf den Plan. Vom ersten Tag an und in den nun folgenden Jahren seiner Amtszeit stellte sich Minister Eisenmann immer wieder hinter die Nationalparkidee – und zwar nicht eines Nationalparks „light“, sondern eines Nationalparks, der diesen Namen auch verdient und der auch internationalen Maßstäben entsprechen sollte. Eisenmann brachte die Auseinandersetzung um den Nationalpark rasch zu einem guten Ende. Er wurde in den darauffolgenden Jahren auch zum Wegbereiter einer zeitgemäßen Forstpolitik. Die während seiner Amtszeit entwickelte Waldfunktionsplanung und das erste „Wald“-Gesetz in Bayern waren Meilensteine der deutschen Forstgesetzgebung.

Landwirtschaftsminister Hans Eisenmann hat in den Anfangsjahren den Nationalpark Bayerischer Wald entscheidend vorangebracht.
Nationalpark im Bayerischen Wald wird beschlossen
Am 11. Juni 1969 war es soweit. Der Bayerische Landtag beschloss einstimmig (!) die Errichtung des Nationalparks Bayerischer Wald. Entscheidend dazu beigetragen hat Landwirtschaftsminister Eisenmann. Auf einer Pressefahrt im Mai 1969 in den Bayerischen Wald erklärte Minister Eisenmann, dass er dem Vorschlag, dort einen Nationalpark zu errichten, grundsätzlich positiv und ohne Voreingenommenheit gegenüber stünde. Der Träger des Nationalparks sollte der Freistaat Bayern sein. Es sollte eine Nationalparkverwaltung geschaffen und zusätzlich ein Gremium gebildet werden, dem Sachverständige, Vertreter der zuständigen Behörden und Körperschaften und Mitglieder des „Zweckverbandes zur Förderung des Projektes eines Nationalparks“ angehören.
Im Landtagsbeschluss wurde die Staatsregierung ferner aufgefordert, den Nationalpark entsprechend den Vorschlägen des „Gutachtens zum Plan eines Nationalparks“ von Wolfgang Haber zu errichten. Darin war im Gebiet zwischen Rachel und Lusen die Anlage von mindestens fünf Großwild-Schaugehegen für Rothirsche, Wildschweine, Bären, Wisente und Elche vorgesehen. Als Standorte wurden Neuhütte, Guglöd, Altschönau, Weidhütte und Glashütte vorgeschlagen. Die Gehege sollten nicht zu groß sein, damit Touristen die Tiere beobachten könnten. Außerdem steht im Gutachten, dass als frei lebendes Großwild neben Rotwild und Rehwild auch Gämsen und Mufflons im Park angesiedelt werden sollten. Damit sie dort gut leben könnten, sollten neue Wildwiesen angelegt und in geeigneten Tallagen Weichholzbestände gefördert werden.
In der Anlage zum Landtagsbeschluss wurde bestimmt, dass der Wald weiterhin naturgemäß gepflegt und die Holznutzung fortgesetzt werden sollte. Diese hätte sich aber den Erfordernissen des Parks unterzuordnen, etwa durch Erhöhung der Umtriebszeit. Die Erschließung des Gebietes durch Fahr- und Wanderwege sollte ebenfalls fortgesetzt und durch Reitwege ergänzt werden. Eine kleine Anzahl von Fahrwegen sollte für den Kraftfahrzeugverkehr freigegeben und an geeigneten Stellen weitere Parkplätze angelegt werden. Durch mindestens fünf Wald- und Wildlehrpfade sollten der Wald und die Tier- und Pflanzenwelt des Bayerischen Waldes dem Besucher näher gebracht werden. Dafür könnten auch die vorhandenen Naturschutzgebiete herangezogen werden.
Die Rechtsverordnung des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten über die Errichtung des Nationalparks Bayerischer Wald trat am 1. August 1969 in Kraft. Es wurde festgelegt, dass das zu errichtende Nationalparkamt diesem Ministerium unmittelbar nachgeordnet werden und sein Sitz in Spiegelau sein sollte. In der Verordnung wurden dem Nationalparkamt folgende Aufgaben übertragen: Planung der Einrichtungen des Nationalparks Bayerischer Wald und ihre Koordinierung mit den Planungen und dem Betrieb der fünf örtlich zuständigen Forstämter. Die an der Nationalparkfläche beteiligten Staatsforstämter behielten die volle Zuständigkeit für die Forstwirtschaft und die Waldbehandlung. Durch die Rechtsverordnung wurde auch der „Nationalparkbeirat“ gegründet, dem insgesamt 22 Mitglieder angehörten.
Am 2. Oktober 1969 fand die erste Sitzung des „Nationalparkbeirates“ unter Vorsitz von Minister Eisenmann statt. Übereinstimmend wurde festgelegt, dass das Nationalparkgebiet 10.160 Hektar umfassen sollte. Südgrenze war die heutige Nationalparkstraße zwischen Spiegelau und Mauth. Auf Antrag des „Nationalparkzweckverbandes“ wurde dann die Nationalparkgrenze bereits 1970 über die Straße hinaus an die Staatswaldgrenze nach Süden verlegt und der Kleine Rachel einbezogen. Damit wurde das Gebiet auf 13.000 Hektar erweitert.
Ein Naturpark erhält den Namen Nationalpark
Abschließend muss allerdings noch einmal zusammenfassend daran erinnert werden, dass Wolfgang Haber in seinem Gutachten, welches er im Auftrag des „Deutschen Rates für Landespflege“ erarbeitete und das die fachliche Grundlage für den Landtagsbeschluss war, forderte, dass eine bestmögliche touristische Nutzung des Gebietes erzielt werden sollte. Sowohl größere Besucherströme als auch einzelne Ruhesuchende und wildbeobachtende Wanderer sollten auf ihre Kosten kommen und dem Gebiet eine dauerhafte Beliebtheit sichern. Wörtlich heißt es im Gutachten: „Sobald ein Naturschutzgebiet dem Fremdenverkehr erschlossen werden soll, sei es als Nationalpark oder unter anderem Namen, ist ein Vollnaturschutz weder durchführbar noch sinnvoll.“
Nach Habers damaliger Überzeugung wünschte sich der erholungssuchende Tourist und Naturfreund eine naturgemäße und abwechslungsreich erschlossene Landschaft. Diese aber, so der Gutachter, könne nur unter Verzicht auf strengen Naturschutz erreicht werden. Deshalb plädierte Haber dafür, im Bayerischen Wald nicht einen Nationalpark, sondern einen Naturpark zu gründen – nach dem Muster der 30 in Deutschland bereits vorhandenen Naturparke. Sein Gutachten endet mit der Feststellung: „Sorgfältige forstliche Waldpflege und auch naturgemäße Holznutzung – nach den bewährten Grundsätzen der naturnahen Waldwirtschaft in den Staatsforsten des Bayerischen Waldes – müssen auch aus landschaftspflegerischen Erwägungen gewährleistet bleiben“. Ergänzend heißt es, dass „Vollnaturschutz und Fremdenverkehr nur dort einigermaßen vereinbar sind, wo eine kleinräumige landschaftliche Vielfalt eine hohe natürliche Selbstregulierungskraft bewirkt. In allen anderen Fällen muss die Natur durch überlegte Pflege und Gestaltung dem touristischen Gebrauch angepasst werden. Das aber ist das wesentliche Prinzip der Naturparke, dem auch der im Bayerischen Wald geplante Park einzuordnen wäre und seine Bezeichnung als Nationalpark mehr zu einer Vokabelfrage macht.“
2 |WIR TUN DREI JAHRE SO ALS OB…
DER AUFBAU DES NATIONALPARKS BEGINNT
Auf Vorschlag von Minister Eisenmann wurde ich am 2. Oktober 1969 in der ersten Sitzung des vom Landtag errichteten Nationalparkbeirates zum Leiter des Nationalparkamtes Spiegelau berufen. Mein Schulfreund Dr. Georg Sperber wurde von der Ministerialforstabteilung zu meinem Stellvertreter ernannt. Unser Dienst in Spiegelau begann am 2. November 1969. Trotz des einstimmigen Landtagsbeschlusses, einen Nationalpark einzurichten, gab die Ministerialforstabteilung in München den Widerstand gegen das Projekt nicht auf. Weder Georg Sperber noch ich hatten auch nur die geringste Ahnung, was da auf uns zukommen würde. Als wir am 5. November 1969 in Spiegelau von Regierungsdirektor Kilian Baumgart aus München in den Dienst eingeführt wurden, verabschiedete er sich mit den Worten: „Herr Dr. Bibelriether, da tun wir jetzt mal drei Jahre so als ob, dann erledigt sich das von selber.“ Ich hatte nur eine sehr beschränkte Vorstellung davon, was ein Nationalpark war, geschweige denn, wie ein solcher aufzubauen sei. Meine Bewerbung um den Posten hatte vor allem den Grund, endlich aus München weg zu kommen. Raus aufs Land, raus in die Natur – das war mein Wunsch! In meiner Jugend hatte sich dieser Wunsch entwickelt.
Große Freiheit mit zwölf Jahren
Bei Kriegsende 1945 war ich zwölf Jahre alt und brauchte ein Jahr lang nicht zur Schule zu gehen! Fernsehen oder Computerspiele gab es damals noch nicht, nur endlose Wälder, Wiesen und Feldfluren um mein Elternhaus in Ezelheim in Mittelfranken. Es war Frühling. Mein Bruder Martin und ich kundschafteten Vogelnester aus – etwa von Habicht und Krähe, Rotkehlchen und Rebhuhn. Am Ende der Brutzeit besaßen wir eine stattliche Eiersammlung von über 50 Vogelarten. Unvergessen sind mir unsere riskanten Klettertouren in die Gipfel alter Eichen, wo Mäusebussard und Gabelweihe, der Rote Milan, brüteten.
Als Jäger aus der Gefangenschaft heimkehrten, mussten sie ihre Gewehre abliefern und es gab jahrelang keine Jagd. So wurden Rehe und Wildschweine fast zahm. Ich sehe sie noch vor mir, am helllichten Nachmittag: Rotten feister Schweine, denen wir im Wald nachgespürt hatten. Zehn Meter vor uns erhoben sie sich grunzend von ihren Lagern auf und suchten eher beleidigt als ängstlich das Weite. Tagtäglich waren wir unterwegs. Nur das Unkrauthacken in den Kartoffel- und Rübenfeldern, das Zusammenrechen von Gras und Heu oder im Herbst die Kartoffel- und Rübenernte hielten uns von unseren Entdeckungstouren ab. Beim Kühe hüten dagegen blieb genug Zeit, den Forellen, Weißfischen und Krebsen im Bach nachzustellen.
Im Frühjahr 1946 war es dann zwar mit der großen Freiheit zu Ende. Wir mussten zurück auf die Schulbank. Aber die kleine Freiheit blieb. Die Rückfahrt mit dem Fahrrad aus der zwölf Kilometer entfernten Oberschule in Scheinfeld zog sich manchmal bis vier Uhr nachmittags hin. Schließlich wollten wir wissen, ob die jungen Waldohreulen schon ausgeflogen, die Walderdbeeren schon reif waren oder die Bekassinen noch in den Sumpfwiesen hockten. In mir wuchs in dieser Zeit nicht nur die Liebe zur Natur, sondern ganz besonders zum Wald. Das war auch der Grund, weshalb ich Forstwirtschaft studierte und Förster werden wollte. Dieses enge Band, das mich seit meiner Jugendzeit mit der Natur verbindet, hält bis heute. Und ich bin mir sicher: Das eine schulfreie Jahr hat mich mehr geprägt als zwölf Jahre Schule!
Stark durch Gemeinsamkeit
Schon bald nach unserem Dienstantritt im Nationalparkamt gab es erste Konflikte zwischen Georg Sperber und mir mit der Ministerialforstabteilung, weil wir den Aufbau des Nationalparks wirklich voranbringen wollten. Sie häuften sich und Ministerialdirektor Hermann Haagen stellte schon nach einem Jahr fest, es sei seine größte personalpolitische Fehlentscheidung gewesen, Georg Sperber und mich gemeinsam nach Spiegelau zu versetzen. Deshalb hat man auch versucht, Georg Sperber im September 1970 zur Bewerbung als Amtsvorstand an das freigewordene Forstamt Nürnberg-Süd zu überreden. Im Rückblick ist mir klar geworden: Einer allein hätte diese Anfangszeit nicht durchgestanden.
Doch wie kam es überhaupt dazu, dass Georg Sperber und ich uns beide um den Posten des Nationalparkleiters bemüht hatten? Mit Georg Sperber saß ich 1943 bis 1945 zusammen auf einer Schulbank in der Oberrealschule in Neustadt an der Aisch und als ich 1953 in München das Forststudium begann, traf ich ihn am ersten Tag im Hof der Forstabteilung der Universität in der Amalienstraße wieder. Unsere Schulfreundschaft wuchs in eine enge persönliche Beziehung. Im Studentenheim teilten wir uns eine Bude. Auf einer Exkursion im Herbst 1956 mit Waldbauprofessor Josef Köstler hörten wir im Bus hinter ihm sitzend, wie unser Studienkollege Karl Kreuzer mit Professor Köstler sprach, um bei ihm zu promovieren. Georg Sperber sagte am Abend zu mir, dass wir doch eigentlich auch promovieren könnten. Allerdings waren wir uns einig: Nur dann, wenn wir gemeinsam irgendwo die Außenarbeiten erledigen könnten. Wir trugen unser Anliegen Professor Köstler vor. Einige Wochen später sagte er uns, dass wir über die Lärche und die Weymouthskiefer im Spessart promovieren könnten. So begannen wir 1957 mit den Außenaufnahmen in Heigenbrücken im Spessart. Wir kauften uns gemeinsam einen gebrauchten VW-Käfer, arbeiteten einige Monate an Waldbestandsanalysen und Bodenuntersuchungen und promovierten beide im Jahr 1960 an der Universität in München.
Georg Sperber begann die dreijährige Referendarzeit erst 1958. Er kartierte, um Geld zu verdienen, nach seinem Studienabschluss einige Monate lang Waldstandorte im Forstbetrieb Öttingen/Spielberg. Dadurch machte er ein Jahr später als ich das Staatsexamen und lernte in dieser Zeit Hubert Weinzierl kennen. Sie freundeten sich an, da mein Freund Sperber – auch er hatte ein Jahr lang nicht in die Schule gehen müssen – bereits seit seiner Kinderzeit sehr an der Natur, vor allem der Vogelwelt interessiert war und mit Hubert Weinzierl diese Leidenschaft teilte.
Als im Juni 1969 der Landtag beschloss, den Nationalpark einzurichten und ein Nationalparkamt in Spiegelau zu schaffen, wurde er der Wunschkandidat von Hubert Weinzierl für die Amtsleitung. Ich selbst war damals noch in München im Dienst und traf in der Kantine des Landwirtschaftsministeriums Regierungsdirektor Kilian Baumgart beim Mittagessen. Ich sagte ihm: „Wenn sie jemand suchen, der in den Bayerischen Wald nach Spiegelau ginge, ich wäre daran interessiert.“ So wurde ich zum Kandidaten der Forstverwaltung. Dann trafen Georg Sperber und ich uns im August 1969 bei der Bayerischen Forstvereinstagung in Augsburg und beschlossen zu versuchen, diese Aufgabe wiederum gemeinsam zu übernehmen. Wir fuhren am Abend zu Hubert Weinzierl nach Ingolstadt – ich traf ihn da zum ersten Mal – und er war einverstanden, dass wir beide nach Spiegelau versetzt werden sollten.
Am nächsten Tag suchten wir während der Forstvereinstagung ein Gespräch mit Ministerialdirektor Hermann Haagen und schlugen ihm vor, dass nicht nur einer, sondern zwei Förster nach Spiegelau versetzt werden sollten. Denn wenn einer krank wäre, wäre das Amt führungslos. Er meinte, dass er dies auch für sinnvoll hielte. Wir sagten ihm, es wäre uns gleich, wer Leiter und wer Stellvertreter werden würde. So kam es, dass wir gemeinsam die schwierige Aufgabe, einen Nationalpark einzurichten, der keiner werden sollte, übernehmen konnten.
Dienstanfang in Spiegelau
Nach dem Dienstantritt am 2. November 1969 in Spiegelau stand uns wochenlang nur ein Raum mit einem Schreibtisch und einem zusätzlichen Couchtisch im Forstamtsgebäude zur Verfügung. Mit nach Spiegelau versetzt wurde der Revierförsteranwärter Hartmut Strunz. Er war ein Mitstreiter der ersten Stunde. Unser Arbeitsbeginn am Morgen führte uns öfters zum Schreibwarenladen schräg gegenüber, wo wir uns Bleistifte, Radiergummi und Papier besorgten, damit wir wenigstens handschriftliche Notizen über unsere Arbeit anfertigen konnten. Die Rahmenbedingungen für unsere Arbeit änderten sich erst nach Wochen schrittweise.

Spatenstich zum Bau der ersten Vogelvoliere in Spiegelau im April 1970. (v.l.n.r.:) Michael Haug, Georg Sperber, Georg Schmutzer und Hartmut Strunz.
(Foto: Hans Bibelriether)
Als erstes ging es darum, einen Überblick über das Nationalparkgebiet zu bekommen. Dr. Wolfram Elling, bei der Oberforstdirektion Regensburg Standortserkunder und interessiert am Zustandekommen des Nationalparks, begleitete uns noch Anfang November an die Schwarzbachklause und zum Steinfleckberg im Staatsforstamt Mauth-Ost. Dort bekamen wir einen ersten Eindruck vom Zustand der Natur im Nationalpark. Eine Wiese dort oben, der Kirchlinger Stand, war auf Nationalparkkosten teilweise bis zu einem Zentimeter hoch mit Kunstdünger bedeckt. Fünfzig Ballen Floratorf lagen ebenfalls dort. Man wollte sie in 1.150 Metern Höhe ausbringen, um den Graswuchs als Nahrung für das Rotwild zu fördern. Am Fuße des Steinfleckbergs war eine Forststraße neu gebaut worden, um mächtige Fichten und Tannen in einem ursprünglichen Waldteil, einem Naturschutzgebiet, einzuschlagen. Als wir den Chef des Forstamtes Mauth-Ost aufforderten, dort keine Bäume fällen zu lassen, gab es den ersten Ärger und die ersten Kompetenzstreitigkeiten. Es stellte sich heraus, dass von den 400.000 D-Mark, die nach dem Landtagsbeschluss noch im Jahr 1969 für den Nationalpark zur Verfügung gestellt worden waren, die Forstämter über die Hälfte bereits für Forstwege- und Straßenbauten ausgegeben hatten.
Sehr positiv verlief ein erstes Gespräch mit dem SPD-Landrat Karl Bayer und Hubert Weinzierl am 29. November 1969 im Hinblick auf die ersten Vorstellungen, die wir inzwischen über den Nationalpark entwickelt hatten. Vor allem ging es uns darum, in den alten, ursprünglichen Waldbeständen keine Bäume mehr fällen, keine neuen Forststraßen mehr bauen und keine seltenen Wildtiere wie Auerhähne oder Haselhühner mehr abschießen zu lassen. Beide zeigten sich damit weitgehend einverstanden und im Laufe der nächsten Monate wurde die Zusammenarbeit immer enger.
Das Verhältnis zur Oberforstdirektion Regensburg, der die fünf im Nationalpark liegenden Forstämter unterstanden, wurde schon im Frühjahr 1970 immer schwieriger. Der Regensburger Forstpräsident Richard Tretzel, der uns beim ersten Zusammentreffen im November 1969 noch gesagt hatte: „Sie werden sehen, mit dem Weinzierl haben`s noch in fünf Jahren ihr`n Ärger“, stellte nun fest: „Jetzt muss ich die Inspektion in den Nationalpark-Forstämtern selbst übernehmen, damit ich sie vor dem Nationalparkamt schützen kann.“
Ein klarer Auftrag an uns war, bis zur Eröffnung des Nationalparks im Herbst 1970 mehrere Gehege zu bauen. Im April 1970 war ich eigens zwei Tage an drei verschiedenen Orten in Österreich unterwegs, um neu errichtete Wildgehege anzusehen. Damals war es gerade Mode geworden, Tiergehege nicht nur in zoologischen Gärten, sondern draußen in der Landschaft anzulegen. Vorschläge für deren Standorte waren im „Haber-Gutachten“ enthalten. Wir entschlossen uns aber, die Gehege nicht in der unmittelbaren Nähe der einzelnen Dörfer, sondern nahe beieinander in einer „Gehegezone“ in einem sehr abwechslungsreichen Waldgebiet bei Neuschönau aufzubauen.
Ein neues Konfliktfeld öffnete sich, als wir erfuhren, dass die sogenannten „Schönbrunner Häuser“ der Forstverwaltung in sehr schöner Lage unmittelbar am Nationalparkrand verkauft werden sollten. Es gelang mit Unterstützung des damaligen Landtagspräsidenten Rudolf Hanauer, dies zu verhindern, und wir schlugen vor, dort ein Waldjugendheim einzurichten – das erste in Bayern. Später werde ich noch ausführlicher darüber berichten.
In einem Gespräch im Januar 1970 hatte uns Minister Eisenmann „grünes Licht“ gegeben, dass bis zur geplanten Eröffnung im Herbst 1970 neben dem Rothirschgehege auch ein Wisent- und ein Luchsgehege eingerichtet werden sollten. Zum Ärger der Ministerialforstabteilung und der Oberforstdirektion stimmte Minister Eisenmann bereits auch grundsätzlich unserem Vorschlag zu, dass das Nationalparkamt die Zuständigkeit für die Tierbestandsregulierung erhält, d. h. für die Regulierung von Rot- und Rehwild. Wir erfuhren, dass im Nationalparkgebiet 25 Rotwildfütterungen existierten. Örtliche Förster und der Rotwildring erhofften sich eine Bestandszunahme auf sechs bis acht Stück pro 100 Hektar, insgesamt 800 bis 900 Stück im Nationalpark. Die dort herangezüchteten starken Hirsche wollte man am Nationalparkrand erlegen.
Die erste Waldinventur 1970 im Nationalpark ergab, dass auf 3.000 Hektar Schälschäden durch Rotwild vorhanden waren. Fast 700 Hektar jüngere Waldbestände waren so massiv geschädigt, dass sie zusammenzubrechen drohten. Bei einer Pressekonferenz in München zur Eröffnung des Europäischen Naturschutzjahres am 16. Februar 1970 kam die Frage auf: „Wird im Nationalpark noch gejagt?“ Minister Eisenmann ermächtigte uns zu erklären: „Im Nationalpark wird im herkömmlichen Sinn nicht mehr gejagt. Lediglich eine Wildstandsregulierung bei Wildarten ohne natürliche Feinde ist notwendig.“ (Über dieses Thema mehr im nächsten Kapitel.)
In einer Dienstbesprechung im Februar 1970 mit der Oberforstdirektion und der Ministerialforstabteilung vor Ort forderten wir, dass die Restbestände alter Fichten-Tannen-Buchen-Bergmischwälder von der Nutzung freigestellt werden müssten, um diese ursprünglichen Waldteile zu erhalten. Es waren nur noch wenige hundert Hektar in den fünf Forstämtern vorhanden. Eine Zustimmung konnte zunächst nicht erreicht werden. Es gelang dies aber im Laufe des Jahres mit Unterstützung von Minister Eisenmann und auch den Landräten in den Landkreisen Wolfstein und Grafenau.
Aufgabenschwerpunkte werden festgelegt
Im März 1970 stellte ich bereits ein halbes Jahr vor der Eröffnung des Nationalparks für die Flurbereinigungsjahrestagung in Regensburg die von uns inzwischen ermittelten Aufgabenschwerpunkte, Naturschutz – Forschung – Fremdenverkehr und Erholung – Bildung, für den Nationalpark vor. In einem Referat erklärte ich zum Aufgabenbereich Naturschutz: „Auf dem Naturschutzsektor geht es um die Erhaltung des im Kern noch ursprünglichen größten deutschen Waldgebietes in seiner Gesamtheit mit seiner zum Teil einmaligen Tier- und Pflanzenwelt. Von besonderem Wert wegen ihrer Ursprünglichkeit sind die autochthonen Bergfichtenwälder der Hochlagen etwa ab 1.150 Metern Seehöhe; die Reste plenterartig aufgebauter Fichten-Tannen-Buchen-Mischwälder; die urwaldartigen Mischwälder im Bereich von Steilhängen und Felsabbrüchen sowie die Moor- und Moorrandbestockungen.“
Als Schwerpunkte für die Forschung: „Erforschung der Bedingungen, unter denen naturnahe Ökosysteme samt ihrer seltenen Tierarten erhalten und vermehrt und ausgestorbene Tierarten ökologisch sinnvoll wieder eingebürgert werden können. Erforschung der Entwicklungsdynamik von Urwäldern und naturnahen Wäldern sowie der Möglichkeiten, Wirtschaftswälder in naturnahe Wälder ursprünglicher Baumartenzusammensetzung zurückzuführen. Landschaftsökologische und wildbiologische Forschungen überregionaler Bedeutung wie die Erforschung der Anforderung der einheimischen Bevölkerung und der Erholungssuchenden an Landschaft und Wald, ganz allgemein der Wechselbeziehungen zwischen Landschaft, Tierwelt und Mensch.“
Zum Aufgabenbereich Fremdenverkehr und Erholung: „Auf der einen Seite besteht aus regionaler Sicht die Notwendigkeit, durch eine Weiterentwicklung des Fremdenverkehrsgewerbes die Wirtschaftskraft dieses Gebietes generell zu steigern und die Einkommenssituation der einheimischen Bevölkerung zu verbessern…. Es muss darauf geachtet werden, dass für die verschiedensten Erholungstypen, sozialen Schichten von Erholungssuchenden und Interessensbereiche (Naherholung – Fernerholung – Wochenenderholung – Ferienerholung; ältere Leute – Familien mit Kindern – naturinteressierte Jugendliche; Fußwanderer – Autotouristen – Wintersportler) entsprechende Einrichtungen geschaffen werden. Landkreise, Gemeinden, Fremdenverkehrsvereine sowie das Nationalparkamt müssen eng zusammenarbeiten, um die Planungen und Maßnahmen nicht nur im Nationalparkgebiet, sondern noch mehr im Vorfeld aufeinander abzustimmen.“
Ich betonte abschließend: „Dem Nationalpark sind zwei, zumindest partiell gegensätzliche Aufgaben gestellt… Es ist sicher, dass das Urteil über den Nationalpark Bayerischer Wald in 10 bis 15 Jahren einmal wesentlich danach gefällt wird, ob es gelungen ist, im Nationalpark und seinem Vorland eine gesunde, allen Anforderungen genügende Erholungslandschaft zu entwickeln, die hohe Besucherdichten ohne Schaden verträgt und die zusätzlich noch Heimstätte für ein wertvolles Stück heimatlicher, ursprünglicher Pflanzen- und Tierwelt ist.“
Da schon damals in Deutschland die Erhaltung einer gesunden Umwelt mit reiner Luft, sauberem Wasser und unverseuchtem Boden eine wichtige Aufgabe war, stellte Generaldirektor Dr. Wolfgang Engelhardt, als Präsident des „Deutschen Naturschutzrings“ fest: „Der Umweltnotstand hängt auch mit der Unzulänglichkeit unseres Bildungswesens zusammen. Ein sehr großer Teil der Personen, die in Behörden Entscheidungen und Veränderungen der Umwelt planen, können aufgrund ihrer Schulbildung auch als Sechzigjährige noch griechische und lateinische Vokabeln beugen, haben aber keine Ahnung, was zum Beispiel unter der natürlichen Selbstreinigung eines Gewässers zu verstehen ist.“
Aus dieser Situation erwuchs für den Nationalpark eine vierte Aufgabe: Das über 10.000 Hektar große Gebiet sollte genutzt werden, um umfassend über die Beziehungen zwischen den Einheimischen und Erholungssuchenden, die eine Landschaft nutzen, und über diese Landschaft mit ihren natürlichen Gegebenheiten zu informieren. Verständnis für diese Wechselwirkungen zu wecken, war und ist eine echte Bildungsaufgabe. Deshalb hielten wir schon damals die Einrichtung eines Informationszentrums für vordringlich und erreichten, dass schon im Juni 1970 vom Nationalparkbeirat ein diesbezüglicher Beschluss gefasst wurde.
Als eine weitere wichtige Aufgabe für das Jahr 1970 wurde die Erstellung eines Landschaftsrahmenplanes für das Vorfeld des Nationalparks festgelegt. Eine Planungsgemeinschaft sollte ins Leben gerufen werden. Mit der Erstellung dieses Planes wurde Diplomgärtner Michael Haug beauftragt, der ab Januar 1970 daran arbeitete. (Mehr zum Thema Nationalpark und Nationalparkvorfeld in Kapitel 13)
Die feierliche Eröffnung rückt näher
Am 7. Oktober 1970 sollte der Nationalpark mit einem Festakt eröffnet werden. Dass bis dahin ein Wisent-, ein Luchs- und ein Rothirschgehege fertig würden, war kaum vorstellbar. Es wäre auch nicht gelungen, wenn nicht Hermann Puchinger von der Waldarbeitsschule Buchenbühl bei Nürnberg, den Georg Sperber kannte und dessen hervorragende Arbeit er schätzte, ans Nationalparkamt abgeordnet worden wäre. Ihm ist es zu verdanken, dass diese großflächigen Einrichtungen in der Gehegezone noch rechtzeitig fertig wurden. Parallel dazu hatte der „Bund Naturschutz“ 1970 mit außerordentlichem Erfolg eine Spendenaktion für Tiere für die Gehege im Nationalpark gestartet. 600 D-Mark wurden für einen Bären angesetzt, der dann den Namen des Spenders erhalten sollte, 1.000 D-Mark für eine Gämse und 6.000 D-Mark für einen Wisent. Geld für mehrere hundert Bären wurden gespendet! Aber wo sollten die im Nationalpark leben? Ein Problem, das zum Glück nicht wir, sondern der „Bund Naturschutz“ den Spendern klarmachen musste. Der damalige Bundeslandwirtschaftsminister Josef Ertl, dem wir bei einem Besuch die Schäl- und Verbissschäden zeigten, stiftete einen Luchs, „um das Schalenwild besser regulieren zu können.“
Selbstverständlich mussten außerdem Spazier- und Wanderwege nicht nur in der Gehegezone, sondern möglichst bald auch in anderen ortsnahen Gebieten des Nationalparks geschaffen werden. Die heruntergekommene Forststraße zur Racheldiensthütte musste befahrbar gemacht werden, da diese zu einem Waldgasthof ausgebaut werden sollte. Das Klosterfilz bei Riedlhütte stellte uns vor ein besonderes Problem: Eines der größten und ursprünglichsten Hochmoorgebiete im Bayerischen Wald am Rande des Nationalparks wollte die Gemeinde St. Oswald in einen Stausee verwandeln. Investoren hatten sich schon Grundstücke gekauft. Der Lebensraum der letzten Birkhühner in der Region wäre damit zerstört worden, ebenso wie der für die letzten Fischotter in Süddeutschland. Auf Weinzierls Betreiben stiftete Bernhard Grzimek einige 10.000 D-Mark, sodass der „Bund Naturschutz“ noch im Frühjahr 1970 etwa 20 Hektar des 100 Hektar großen Gebietes ankaufen konnte. Dank der Unterstützung von Landrat Bayer verschwand der Stauseeplan daraufhin in der Schublade.

„Müllhappening“: Mehrere, mit im Nationalpark „entsorgten“ Autos vollbeladene LKWs wurden 1970 aus dem Wald gefahren.
(Fotos: Hans Bibelriether)
Die Zusammenarbeit mit den Forstämtern, insbesondere mit meinem Studienkollegen Franz Cronauer, dem Forstamtsleiter von St. Oswald, wurde immer schwieriger. Eine Woche vor der Eröffnung am 7. Oktober ließ er die Wanderwege in der Gehegezone, dem heutigen Tierfreigelände, durch Gräben unterbrechen, angeblich um Regenwasser abzuleiten. Außerdem ließ er Zäune bauen, damit die Besucher der Gehegezone nicht in den Wald nebenan gehen konnten.
Immer mehr Reporter und Fernsehteams kamen in den Nationalpark, aber auch ausländische Gäste, Wissenschaftler, Tourismusexperten und auch Jäger. Dem Vizepräsidenten des Bayerischen Jagdverbandes Seubert gegenüber äußerte Ministerialdirektor Haagen, er hätte „zwei Verrückte im Nationalpark“. Der Zweckverband unter dem Vorsitz von Landrat Bayer dagegen unterstützte uns konstruktiv. In seiner Sitzung am 24. Juli 1970 beschloss der Zweckverband sechs Punkte als Forderung an das Ministerium:
– die Zuständigkeit für die Tierwelt (Jagd und Fischerei) müsse an das Nationalparkamt übertragen werden;
– die Waldbehandlung müsse den Naturschutzzielen untergeordnet werden;
– das Nationalparkamt brauche mehr Geld, mindestens zwei Millionen D-Mark jährlich;
– das Nationalparkgebiet solle vollständig unter Naturschutz gestellt werden;
– das Nationalparkgebiet solle im Süden bis an die Staatswaldgrenze und im Nordwesten bis zum Kleinen Rachel erweitert werden;
– für den Ankauf wertvoller Randgebiete müsse Geld bereitgestellt werden.
Ähnliche Forderungen vom „Bund Naturschutz“ wurden auch einstimmig vom Zweckverband unterstützt.
Das Fest beginnt
Am 24. September 1970 wurde ein Ausstellungszelt auf dem Neuschönauer Sportplatz, an der Kreuzstraße im Nationalpark aufgebaut. Darin wurden die Themen des geplanten Informationszentrums präsentiert. Am 25. September wurden ein Wisentbulle und zwei Luchse von Heiligenstadt/Donau nach Neuschönau transportiert. Am Sonntag, den 27. September, waren um die Gehege bereits mehrere tausend Besucher unterwegs, Kutschen fuhren sogar über Treppenstufen, die Parkplätze waren überfüllt. Am 28. September wurde in München die Prägung einer Gedenkmünze in Auftrag gegeben. Das Festzelt wurde aufgebaut. Die Festschrift zur Eröffnung war fertig.
Am 30. September fing es an zu regnen. Am 2. und 3. Oktober nahmen Sturm und Regen zu. Alles stand unter Wasser. Es regnete weiter und am 5. Oktober wurden Holzstege zum Ausstellungszelt und zum Festzelt angelagt. Der Kutschweg für die geplanten Pferdekutschfahrten mit Festgästen war nicht mehr passierbar. Am 6. Oktober dann die große Überraschung: Entgegen dem Wetterbericht setzte sich starker Föhn durch, die Sonne schien strahlend. In meinem Tagebuch habe ich notiert: „Mit allen Arbeitern werden letzte Säuberungsarbeiten durchgeführt. Außerdem wird nochmals gewalzt. Auch auf dem Festplatz lassen sich Teile noch walzen – Mittags kommt Ministerialrat Baumgart und organisiert die Festversammlung. Vor allem um die Sitzordnung und die Münzenverteilung kümmert er sich persönlich. Abends wird im Hotel Tannenhof in Spiegelau ein „Freundesverein für den Nationalpark Bayerischer Wald“ gegründet. Gründungsmitglieder sind Professor Lorenz, Professor Grzimek, Professor Plochmann, Regierungspräsident Riederer, Dr. Rüdiger Disko, Karl-Oskar Koenigs und Hubert Weinzierl.“
Über den 7. Oktober notierte ich: „Der Tag beginnt mit strahlendem Herbstwetter. Die Kutschfahrt wird doch stattfinden… Im Zelt sammeln sich ab 10 Uhr zirka 3.000 Besucher. Minister Eisenmann ist etwas aufgeregt, denn Ministerpräsident Goppel hat sich gestern den Arm gebrochen und kann nicht eröffnen! 140 Presseleute drängen sich. Endlich, um 11.30 Uhr, sitzen alle! Von jetzt an klappt alles: die Böllerschüsse, die Leuchtkugel, das Freilassen der Wisente und Luchse, die Kutschfahrt der Minister und der Pferderitt von Minister Eisenmann. Um 16 Uhr ist die Schlacht geschlagen für den Nationalpark und wir sind einen, vielleicht den entscheidenden Schritt weiter.

7. Oktober 1970: Nationalpark-Eröffnungsfeier, Festzug mit Pferdekutschen. In der Kutsche sitzend links: Minister Hans Eisenmann, rechts: Bernhard Grzimek.
Am 8. Oktober ist Schulwandertag, ab 8.30 Uhr überschwemmen vier- bis fünftausend Kinder den Wald und die Gehegezone. Das Fest wird immer zünftiger, nachmittags ist Preisverleihung des Schulmal- und Fotowettbewerbs. Am Abend ist alles noch heil und das Wetter bleibt schön. Die Verärgerung der Arbeiter und die von Hermann Puchinger kann ausgeräumt werden (er wurde mit keinem Dankeswort bedacht), er bekommt noch eine Goldmünze und ist von Minister Eisenmann zum Essen eingeladen! In den nächsten Tagen ist Hochbetrieb im Bierzelt. Das Wetter bleibt schön. Das Interesse an der Informationsausstellung ist groß. Am Schlusstag werden etwa 15.000 Besucher gezählt, rund 2.000 Teilnehmer nehmen an der Sternwanderung zum Nationalpark teil, alle Beteiligten vor Ort sind sehr zufrieden, der Festwirt, die Landräte, die Bürgermeister und die vielen, vielen Einheimischen, denen der Nationalpark nun nahe gekommen ist.“
3 |HIRSCHE UND REHE FRESSEN DEN WALD
DAS WILDPROBLEM DER ANFANGSJAHRE
Unmittelbar nach Dienstantritt wurden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass wegen der viel zu hohen Rot- und Rehwildbestände in den Nationalparkwäldern Tannen und seltenere Laubbaumarten nicht mehr nachwuchsen. Jungwaldflächen wiesen massive Schälschäden auf. Das Thema Hirsche und Rehe im Nationalpark wurde zu einem Schwerpunkt der internen Diskussionen und der öffentlichen Auseinandersetzungen der ersten Jahre. Erst nach Horst Sterns Film „Bemerkungen über den Rothirsch“, der von der ARD an Heiligabend 1971 ausgestrahlt wurde, gelang es, das Schalenwildproblem schrittweise zu lösen.
Schutzgebiet für den König der Wälder
Als in den 50er Jahren Oberforstmeister Götz von Bülow als Leiter das Staatsforstamt St. Oswald übernahm, wurde die Rotwildhege wie bereits erwähnt zum Schwerpunkt seiner Tätigkeit. Er übertrug den neofeudalistischen Trophäenjagdkult nach ostelbischer Gutsherrenart in seine neue dienstliche Heimat. 1961 schrieb er: „Wir haben unersetzliche Verluste im Osten unseres Vaterlandes hinnehmen müssen, so vor allem die Rotwildvorkommen Ostpreußens, an ihrer Spitze das unvergessliche Rominten mit den stärksten deutschen, ja europäischen Hirschen.“
Der Bayerische Wald wurde von ihm zu einem Rotwildlebensraum der ganz besonderen Art hochstilisiert: „So ergeben die Umweltfaktoren im Ganzen ausgesprochen günstige Voraussetzungen für das Gedeihen unseres Wildes und lassen Vergleiche mit den besten und urtümlichsten europäischen Rotwildgebieten, vor allem mit den Karpaten, zu.“ Weiter schrieb er: „Ich kann versichern, die hier aufgewendeten Mittel bringen eine ideelle und materielle Rendite, die sich nicht nur in höheren Wildbretdichten und stärkeren Trophäen ausdrückt, sondern vor allem durch die Gesunderhaltung des Waldes unschätzbar wird!“ Die Behauptung, die Rotwildhege würde eine „materielle Rendite“ bringen und sich in der „Gesunderhaltung des Waldes“ ausdrücken, war eine glatte Lüge.
Noch vor Bär (1856), Wolf (1846) und Luchs (1846) wurde 1820 der letzte Hirsch im Böhmerwald erlegt. 1807 hatte Fürst Schwarzenberg, Großwaldbesitzer im Böhmerwald, sein Jagd-personal damit beauftragt, alles Rotwild abzuschießen, vor allem wegen der „häufigen Einfälle verwegener Raubschützen aus Bayern“. Fürst Adolf Josef zu Schwarzenberg beschloss dann 1874, das Rotwild wieder einzubürgern. 1878 wurden 29 Stück aus einem Gatter freigelassen. Kurz vor der Jahrhundertwende tauchten die ersten Tiere auf bayerischer Seite auf. Ein nennenswerter Bestand entwickelte sich erst im Dritten Reich. Nach dem Krieg wurden dann die Abschussplanungen nur unzureichend erfüllt und die Rotwildpopulation nahm zahlenmäßig immer weiter zu. Als besonderer Schutzherr und Nutznießer des Rotwildes tat sich der spätere Leiter der Oberforstdirektion Regensburg, Forstpräsident Richard Tretzel, hervor. Jahr für Jahr erlegte er im Bayerischen Wald starke Hirsche, von denen einige selbst den Vergleich mit Görings legendären Rotwildgeweihen nicht zu scheuen brauchten.
Bambi-Kult auf Kosten des Waldes
Als wir im Winter 1969/70 den Wildbestand zu erfassen versuchten, zählten wir mindestens 500 Stück Rotwild auf der Nationalparkfläche. 25 Fütterungen waren eingerichtet worden, damit das Rotwild im Staatswald blieb und nicht außerhalb von Privatjägern im Winter erlegt werden konnte. Schon bald erkannten wir, dass die Hirschzucht zu einer kaum vorstellbaren Schädigung der Waldbestände geführt hatte. Auf fast 700 Hektar war die Rinde von den Stämmen fast aller jungen Fichten abgeschält worden. Laubbäume und Tannen waren großflächig abgefressen. Junge Tannen gab es nur noch in begrenzter Zahl hinter Zäunen und vereinzelt an Waldrändern, die an private Jagdreviere angrenzten. Der König des Waldes war dabei, zusammen mit den Rehen denselben aufzufressen!

Schälschäden durch Rotwild aus den Jahren 1969 bis 1971.
(Foto: Hans Bibelriether)

Mitarbeiter des Nationalparkamtes versuchten in den Anfangsjahren, auf Drückjagden Rot- und Rehwild-bestände zu reduzieren.
(Foto: Hans Bibelriether)
Verantwortungsbewusste Forstleute, wie der damalige Chef der Bayerischen Staatsforstverwaltung Max Woelfle, versuchten, die Schalenwildbestände im Staatswald bayernweit zu reduzieren. Aber gegen den „Bayerischen Landesjagdverband“ hatte er damals keine Chance! 1968 wurde er auf der Titelseite der „Münchner Abendzeitung“ unterlegt mit einem schwarzen Kreuz als „Eichmann der Jagd“ bezeichnet. Die Jäger betrieben einen werbewirksamen Bambi-Kult und es gelang ihnen, einer gutgläubigen Öffentlichkeit „Tierliebe“ und „Wildhege“ als Hauptmotivation für ihr jagdliches Treiben zu verkaufen. 1972 brachte es Horst Stern auf den Punkt: „Es wurde viel zu oft versucht, den Wald gesund zu beten, statt gesund zu schießen.“
„Bemerkungen über den Rothirsch“
Georg Sperber und mir war klar: Wenn die Entwicklung eines naturnahen Waldes im Nationalpark auch nur eine geringe Chance haben sollte, mussten die Hirsch- und Rehbestände drastisch reduziert werden. Wir wollten einen Wildschadenspfad anlegen, auf dem zu sehen war, welche Auswirkungen der Verbiss und das Schälen auf die Waldentwicklung hat. Dies wurde uns im Juli 1971 von Ministerialdirektor Haagen untersagt. Trotzdem führten wir interessierte Besucher, darunter auch Journalisten, in solche beschädigten Waldbestände. Einer der ersten war im April 1970 Georg Kleemann von der „Stuttgarter Zeitung“. Er war mit Horst Stern befreundet, der damals mit seiner Filmserie „Sterns Stunde“ ein Millionenpublikum faszinierte, und erzählte ihm von den Wildschäden. Am 19. Dezember 1970 kam Horst Stern erstmals in den Bayerischen Wald. Georg Sperber zeigte ihm Reste der urwaldartigen Bergmischwälder und die von den Hirschen verursachten Totalschäden nicht nur an den jungen Waldbäumen, sondern auch an anderen Pflanzen. Am Abend verabschiedete Horst Stern sich von uns mit den Worten: „Ihr seid die komischsten Beamten, die mir je begegnet sind.“
Nach seinem Besuch im Bayerischen Wald begann er mit den Dreharbeiten für den Film „Bemerkungen über den Rothirsch“. Der an Heiligabend 1971 ausgestrahlte Beitrag schlug ein wie eine Bombe. Viele der Filmszenen wurden im Nationalpark aufgenommen. Der Film war der Anfang vom Ende des bis dahin offen zur Schau getragenen Herrschaftsanspruchs der Jäger am deutschen Wald. Noch in derselben Nacht erhielt Horst Stern telefonisch Morddrohungen. Massive öffentliche Auseinandersetzungen zwischen Jagdfunktionären und Forstleuten, denen es um einen gesunden Wald ging, zogen sich monatelang hin. Am 12. April 1972 wurde der Film im Agrarausschuss des Bundestages in Bonn gezeigt und dort diskutiert. Aber noch immer versuchten Jagdverbandsfunktionäre die Herrschaft im Wald zu behalten. Im Bayerischen Landtag verlangten Abgeordnete der CSU – 30 Prozent der Abgeordneten waren damals Jäger – die disziplinarische Abstrafung der am Film beteiligten Nationalparkbeamten, die Bayerns Ansehen mit Füßen getreten hätten. Minister Eisenmann stellte sich schützend vor uns und verbot auf unseren Vorschlag hin jegliche Art von Trophäenjagd im Nationalpark. Mit der Beendigung des Abschusses von Hirschen und Rehböcken als Trophäenträger wurde die „Jagd“ im Nationalpark in eine „Wildstandsregulierung“ umgewandelt, die weltweit in vielen Nationalparken bei einzelnen Großtierarten notwendig ist, weil deren natürliche Regulierung nicht mehr erfolgt.

Ohne Horst Stern wäre das Problem der zu hohen Rot- und Rehwildbestände in den 70er Jahren nicht gelöst worden.
Wintergatter als Kompromiss
Das Rotwild findet im Sommer in den Bergwäldern genügend Nahrung, im Winter nicht. Deshalb wanderte es früher aus dem Gebirge in die Tallagen, aus dem Bayerischen Wald hinaus in die Niederungen im Donauraum. Im Bayerischen Wald wurde das Rotwild durch die Fütterungen dazu gebracht, im Staatswald zu überwintern. Zäune und Fütterungen konnten aber die tief verschneiten Waldbestände nicht ausreichend schützen. So entwickelte man in Österreich die Idee der Wintergatter, um die Schäden am Wald zu reduzieren. Im Herbst werden die Tiere zu den Fütterungen in die Gatter gelockt und den Winter über mit Grassilage, Rüben und Heu gefüttert. Erst im Mai, wenn die Vegetation im Wald zu treiben beginnt, werden die Gatter geöffnet und die Hirsche wieder in die Freiheit entlassen.
Diese Lösung gefiel uns und mit Minister Eisenmanns Zustimmung wurden die ersten Wintergatter in Deutschland gebaut. Drei Stück von je ca. 30 Hektar Größe wurden im Nationalpark eingerichtet. Dafür verschwanden die 25 offenen Fütterungen. Das erste Wintergatter wurde bereits 1970 gebaut. Revierförster Lothar Hopfner setzte die Waldarbeiter seines Reviers dafür ein. Es wurde zusätzlich eine Beobachtungshütte errichtet und zwei Jahre später durch eine Fanganlage für Forschungszwecke ergänzt. Wintergatter während der kalten Jahreszeit sind ein Kompromiss zugunsten hoher Rotwildbestände und nur ein zweitrangiger Ersatz für die fehlenden Winterlebensräume, die in unserem dicht besiedelten Land praktisch nicht mehr existieren.

Postkarte, adressiert an Bernhard Grzimek, 1970.
Um die Rotwildbestände zahlenmäßig in Grenzen zu halten, reichte im geschlossenen Waldgebiet die herkömmliche Einzeljagd nicht aus. Deshalb war es sinnvoll, schwaches oder krankes Wild in den Wintergattern einzufangen und zu töten, ohne die anderen Tiere zu beunruhigen. Minister Eisenmann stimmte dieser Regelung im Dezember 1971 zu. Der Landesjagdverband versuchte mit allen Mitteln, dieses „unwaidmännische Treiben“ zu verhindern. Jagdverbandspräsident Seubert drohte, die Wintergatter aufzuschneiden. Ein hoher Funktionär des Jagdverbandes drohte mir einmal vor Zeugen, er könne nicht mehr für meine persönliche Sicherheit garantieren. In der Rechtsverordnung über den Nationalpark Bayerischer Wald vom 21. Juli 1992 wurde dann 20 Jahre später festgelegt, dass der Rotwildbestand in den Wintergattern reguliert werden kann. Ein vom Landesjagdverband beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof gestellter Normenkontrollantrag, die Nationalparkverordnung für nichtig zu erklären, wurde vom Verwaltungsgerichtshof am 5. März 1996 abgelehnt.
Weil der Rotwildbestand in den Wintergattern reguliert wurde, konnte das Rotwild vom Frühjahr bis zum Herbst im Nationalpark ungestört leben. Die ständige Beunruhigung durch die monatelange Trophäenjagd war damit beendet. Schälschäden waren nicht mehr zu beobachten und große Teile der natürlichen Verjüngung – nicht nur der Weißtanne, sondern auch von Bergahorn und anderen Laubbaumarten – wuchsen wieder unverbissen auf. Auch Blumen wie etwa Weidenröschen und Hasenlattich siedelten sich wieder außerhalb von Zäunen an.
Dazu trug auch ganz entscheidend mit bei, dass die Rehwildfütterung im Nationalpark eingestellt wurde und den Rehen im Winter nichts anderes übrig blieb, als sich ihr Futter außerhalb des Nationalparks zu suchen. Die öffentliche Auseinandersetzung über den Umgang mit Rot- und Rehwild im Nationalpark und das Bekanntwerden der unvorstellbaren Schäden im gesamten Staatswald in Bayern führten unter Minister Eisenmann dazu, dass erstmals in einem Waldgesetz in Deutschland der Satz „Wald vor Wild“ festgeschrieben wurde.
Junger Wald kann wieder wachsen
Nach einigen Jahren war das Rot- und Rehwildproblem gelöst. Der Rotwildbestand wurde bis 1975 im Nationalpark auf 120 Tiere im Winter reduziert. Die Rehe wanderten in der schneereichen Jahreszeit ins Vorfeld. Dass wir unsere Pläne umsetzen konnten, war der Entscheidung von Minister Eisenmann zu verdanken, der 1971 die Zuständigkeit für die Tiere des Parks an das Nationalparkamt übertragen hatte.
1974 kam in der Regierung von Niederbayern in Landshut die Idee auf, mit der Abruzzen-Region in Italien ein Partnerschaftsabkommen zu schließen. Der Nationalpark Bayerischer Wald und der Abruzzen-Nationalpark sollten darin eine wichtige Rolle spielen. Mit einem Festakt wurde 1975 im Bayerischen Wald eine Patenschaft zwischen beiden Nationalparken beschlossen. 1974/75 wurden 19 Stück Rotwild als Patengeschenk in den Abruzzen-Nationalpark transportiert. Sie fühlten sich in der Bergregion, in der es noch Wölfe und Bären gab, offensichtlich sehr wohl. Die Hirsche haben sich rasch vermehrt, so dass heute dort wieder einige hundert Stück Rotwild leben. Gemeinsam mit Horst Stern habe ich 1978 in den Abruzzen an einem sonnigen Nachmittag eine eindrucksvolle Hirschbrunft erlebt. Da dort seit Jahrzehnten nicht mehr gejagt wurde, sind die Großtierarten nicht mehr so scheu und lassen sich auch tagsüber beobachten. Sogar ein Bär zeigte sich eines Abends.
Allerdings kam der Transport von Bayerwaldhirschen nach Italien nicht bei allen gut an. Im Magazin „Stern“ wurde darüber berichtet, dass eine Vertreterin des „Kampfbundes gegen den Missbrauch der Tiere“ den für die Ausbürgerung zuständigen Ulrich Wotschikowsky beschimpfte, weil er es wage, „deutsche Hirsche italienischen Wölfen zum Fraß vorzuwerfen.“
Was ich damals noch nicht ahnte und was wir im Nationalpark Bayerischer Wald im Laufe der Jahre lernten, war die Tatsache, dass das Rot- und Rehwildproblem nur für Wirtschaftsforste gilt. In Naturwäldern, in denen Windwürfe und tote Bäume liegen bleiben, können Rehe und Hirsche nicht überall hinsteigen. So können genügend junge Bäume einzeln oder gruppenweise ohne Verbiss aufwachsen. Es entsteht auf diese Weise ein strukturreicher, ungleichaltriger, wilder Wald von viel größerer Stabilität als die Wirtschaftsforste. Naturwälder im Schutzwaldbereich der Hochgebirge dort, wo noch Wirtschaftsforste vorhanden sind, wieder entstehen zu lassen, wäre wohl eine bessere und billigere Lösung als die heute dort übliche „Schutzwaldpflege“, vorausgesetzt, die viel zu hohen Wildbestände würden zunächst aber einmal angemessen reduziert.
4 |ZWEI SCHRITTE VOR – EIN SCHRITT ZURÜCK
DER WEG ZUM WILDEN WALD BEGINNT
In manchen katholischen Regionen gab es einst die sogenannte Springprozession: Zwei Schritte vor – einen Schritt zurück… Ähnlich mühsam gestalteten sich die Veränderungen, die nötig waren, ehe aus dem bewirtschafteten Forst schließlich ein sich selbst überlassener Wald im Nationalpark wurde.
1840 wurden im Bayerischen Wald, nachdem sie in Staatsbesitz übergegangen waren, erstmals die damals vorhandenen Waldtypen dokumentiert. Dreiviertel der Flächen wurden als Urwald bezeichnet. Oberhalb 1.100 Meter wuchsen noch ursprüngliche Bergfichtenwälder. Die Hanglagen waren mit Fichten-Tannen-Buchen-Bergmischwäldern bedeckt. In den kalten Talmulden und an den Moorgebieten gab es sogenannte „Aufichtenwälder“, weil es dort für die Rotbuche zu kalt und zu nass war. Der Tannenanteil der Wälder im Nationalparkgebiet betrug damals 24 Prozent. Um 1850 begann nach Erlass von Wirtschaftsregeln für den Bayerischen Wald eine systematische Forstwirtschaft. Sie führte in wenigen Jahrzehnten zu einem massiven Rückgang der Weißtanne, deren Anteil zur Zeit der Nationalparkgründung nur noch vier Prozent betrug. Die strukturreichen ursprünglichen Wälder wurden großflächig in gleichaltrige Fichtenforste umgewandelt.
Als wir uns im Frühjahr 1970, wie bereits erwähnt, ein erstes Bild von den Waldbeständen im Nationalpark machten, stellten wir fest, dass die ursprünglichen Fichten-Tannen-Buchenwälder nur noch auf wenigen hundert Hektar existierten. Nur fünf Prozent dieses Bergmischwaldes waren erhalten geblieben. Anfang 1971 erklärte sich das Ministerium einverstanden, dass auf den Bergmischwald-Flächen keine alten Bäume mehr gefällt werden sollten. Minister Eisenmann entschied auf unseren Vorschlag hin außerdem, dass keine weiteren Forststraßen mehr gebaut werden durften. 115 Kilometer LKW-befahrbare Forststraßen waren damals noch geplant. Dadurch wurde der Einschlag in den noch nicht mit Forststraßen erschlossenen Waldbeständen, vor allem im Bergfichtenwald, eingeschränkt. So erreichten wir, dass die Forstamtsleiter – vor allem die der Staatsforstämter St. Oswald und Mauth-Ost ärgerte es besonders – in den naturnahen, ursprünglichen Altbeständen keine Bäume mehr fällen lassen durften. Oberforstmeister Franz Cronauer vom Staatsforstamt St. Oswald führte im Oktober 1971 aber trotzdem einen großen Kahlschlag im alten Bergfichtenwald am Lusen im „Naturschutzgebiet Simandlruck“ durch. Er ließ das Stammholz mit Pferden und Schleppern durch die angrenzenden Waldbestände talwärts zu den Forststraßen ziehen.
Im „Grafenauer Anzeiger“ wurde über den Kahlschlag am Lusen und die „Empörung“, die er hervorrief, ausführlich berichtet. In einem Leserbrief begründete Franz Cronauer den Kahlhieb dann damit, dass in dem „Vollnaturschutzgebiet“ die „ordnungsgemäße forstwirtschaftliche Nutzung uneingeschränkt zulässig“ sei. Bei einer Ortsbesichtigung bedauerte Ministerialdirektor Hermann Haagen zwar den Einschlag, wies aber die „Angriffe“ der Naturschützer als „maßlos übertrieben“ zurück. Landrat Karl Bayer aus Grafenau meinte: „Dieser Nationalpark gehört dem gesamten Volk und nicht einem Oberforstmeister. Wer gegen diesen Nationalpark handelt, der soll und muss aus dem Nationalpark verschwinden.“
Wir hatten zu der Zeit auch Besuch von Bundeslandwirtschaftsminister Josef Ertl, haben ihn zum Lusen begleitet und ihm diesen Kahlschlag gezeigt. Auch er war entsetzt über dieses Vorgehen in einem Nationalpark. (Übrigens ist es auch heute noch immer in großen Naturschutzgebieten in den Bergwäldern der Bayerischen Alpen erlaubt, Holznutzung durchzuführen, und die Bayerischen Staatsforsten betreiben diese auch alle Jahre wieder mit der fadenscheinigen Begründung, damit würden naturnähere Waldbestände geschaffen!)
In den Jahren 1970 und 1971 wurde von der Oberforstdirektion Regensburg zusammen mit den fünf Staatsforstämtern vor Ort ein „Waldpflegeplan“ – so wurde das Forsteinrichtungswerk benannt – für das Nationalparkgebiet erarbeitet. Er sollte für die nächsten zehn Jahre, vom 1. Januar 1972 bis zum 1. Januar 1982, gelten. Wir vom Nationalparkamt hatten darauf kaum Einfluss. Immerhin wurde aber der Jahreshiebsatz im Nationalparkgebiet, der in den 60er Jahren bei 68.000 Festmeter pro Jahr lag, auf 55.000 Festmeter reduziert. Tatsächlich betrug er dann in den ersten zehn Jahren im Durchschnitt nur 45.000 Festmeter, bei einem Zuwachs von über 80.000 Festmeter pro Jahr. Dass es dazu kam, war vor allem Dr. Hubert Zierl als neuem Leiter des Nationalparkforstamtes St. Oswald zu verdanken. Darüber später noch mehr.
Nach Inkrafttreten des Waldpflegeplans wurde vom Landwirtschaftsministerium öffentlich behauptet, dass die „nicht genutzte Fläche“ im Nationalpark über 4.000 Hektar betragen würde. Tatsächlich waren es nur 1.800 Hektar. Aus 1.320 Hektar war wegen fehlender Rückewege und Forststraßen kein Holzab-transport möglich und nur 480 von 13.000 Hektar wurden um des Naturschutzes willen als Naturwaldbiotope geschützt. Im Dezember 1976 stellte ich den Antrag, auf weiteren 1.800 Hektar naturnaher Altbestände in felsigen Regionen und auf Feuchtgebieten den Holzeinschlag einzustellen. Der Antrag wurde abgelehnt. Noch im November 1977 vertrat der zuständige Ministerialrat Seitschek bei einer Inspektion des Ministeriums die Auffassung, dass „der Landtagsbeschluss von 1969, den Wald naturgemäß zu pflegen, für die ganze Fläche des Nationalparks verstanden werden müsse. Wenn nach dem gegenwärtigen Stand auf rund 2.500 Hektar keinerlei Nutzungen mehr stattfänden, so gehe dies bereits zugunsten des Naturschutzes über die ursprüngliche Konzeption hinaus.“
Internationale Richtlinien dürfen nicht beachtet werden
Im Jahr 1969 veröffentlichte die Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) erstmals ihre Empfehlungen für die Zielsetzung von Nationalparken. Darin wurde festgelegt, dass dort „wo ein oder mehrere Ökosysteme durch menschliche Nutzung oder Inanspruchnahme in der Substanz nicht verändert wurden, … und wo die oberste zuständige Behörde des Landes Maßnahmen getroffen hat, um im gesamten Gebiet baldmöglichst die Nutzung oder Inanspruchnahme zu verhindern oder zu beseitigen und die Erhaltung ökologischer, geomorphologischer oder ästhetischer Eigenarten durchzusetzen“, dieses Gebiet als „Nationalpark“ bezeichnet werden kann. Die IUCN wurde am 5. Oktober 1948 als „International Union for the Protection of Nature“ (IUPN) gegründet und ist eine internationale Nichtregierungsorganisation. Ihr Ziel ist die Sensibilisierung der menschlichen Gesellschaften für den Natur- und Artenschutz. Eine nachhaltige und schonende Nutzung der Ressourcen soll sichergestellt werden. 1956 änderte sie ihren Namen in „International Union for Conservation of Nature and Natural Resources“ (IUCN), welcher heute rechtlich immer noch gültig ist. Auf der Nationalpark-Weltkonferenz 1972 wurden die erarbeiteten Richtlinien von den IUCN-Mitgliedern bestätigt.
Als wir diese internationalen Regelungen als Grundlage für unsere Argumentation zur Einschränkung der Holznutzung benutzten, wurde dies von Ministerialdirektor Hermann Haagen abgelehnt: „Rechtsgrundlage für den Nationalpark Bayerischer Wald ist der Landtagsbeschluss. Solange dieser nicht geändert wird, werden internationale Richtlinien für den Nationalpark Bayerischer Wald nicht akzeptiert.“
Das bekamen die Nationalparkbesucher zu sehen. Auf den Parkplätzen wurden schon 1970 riesige Mengen von frisch geschlagenem Holz gelagert. Entlang des neu geschaffenen Lehrpfades in der Waldabteilung Tanzboden bei Neuschönau wurden mächtige alte Tannen gefällt, obwohl dort auf einem Lehrpfad die naturnahen alten Fichten-Tannen-Buchenbestände des Bayerischen Waldes den Besuchern nahe gebracht werden sollten. Am Waldschmidthaus am Gipfel des Rachel wurden alte Fichten eingeschlagen und lagen den Sommer über dort, wo viele Nationalparkbesucher vorbei kamen. Nicht wenige fragten nach, warum in einem Nationalpark solche alten Bäume nicht stehen bleiben dürften.
Sturmwurf 1972
Im Jahr 1972 riss ein Herbststurm im Nationalparkgebiet ungefähr 5.000 Fichten zu Boden. Wir wollten, dass wenigstens ein paar Hundert davon nicht aufgearbeitet werden sollten, sondern als Biomasse im Wald verbleiben durften. Zur Kennzeichnung umwickelten wir diese mit Plastikschleifen. Obwohl die Forstamtsleiter dem zustimmten, wurden dann in drei Revieren im Forstamt St. Oswald trotzdem viele der markierten Windwürfe aufgearbeitet und als Stammholz verkauft. In einer Vormerkung für das Nationalparkamt schrieb Hartmut Strunz damals: „Ich vermute, dass es sich um eine „Demonstration“ der betroffenen Revierbeamten gegen meine Außendiensttätigkeit handelt, um zu zeigen, dass sie selbst in ihrem Revier alleinige Ausweisungsbefugnis haben. Revierförster Liegl gebrauchte in einem Gespräch mit einem Dritten bei der Trophäenschau in Freyung den Ausdruck: „Wenn die Deppen vom Nationalparkamt nicht wären…“ “

Ein Windwurf aus dem Jahr 1972 (Bild oben) zeigt, wie in wenigen Jahren auf solchen Flächen neuer, abwechslungsreicher Wald entsteht. 1983 (Bild Mitte) sind Vogelbeeren bereits wieder 2 Meter hoch und darunter siedeln sich Buchen und Fichten an. 1986 (Bild unten) sind die Stämme bereits nahezu niedergebrochen. Der neue Wald wächst auf.
(Fotos: Hans Bibelriether)
Immerhin blieben im Forstamt St. Oswald ungefähr 30 Fichten liegen, und zwar bei der Graupsäge an der Abzweigung von der Nationalparkstraße nach Waldhäuser. Selbst uns im Nationalparkamt war damals noch nicht bewusst, dass durch die Aufarbeitung von Windwürfen mit Maschineneinsatz und dem Abtransport der Stämme fast sämtliche junge Bäumchen vernichtet werden. Auf der nicht aufgearbeiteten Windwurffläche war schon wenige Jahre später zu sehen, welch abwechslungsreicher junger Wald zwischen den nebeneinander und übereinander liegenden Stämmen aufwuchs. Als es zehn Jahre später um die Frage ging, ob im Nationalpark auch großflächig Sturmwürfe als Biomasse im Wald bleiben könnten, überzeugte der kleine Windwurf an der Graupsäge mit seinem jungen Wald und den vielen Weißtannen und Buchen auch Minister Eisenmann: Wo Windwürfe nicht aufgearbeitet werden, kann ein wilder Wald entstehen.
Die Forstreform und ihre Folgen
Im Jahr 1973 wurde in Bayern die erste Forstreform durchgeführt. Die Zahl der Staatsforstämter wurde auf die Hälfte reduziert. Im Nationalparkgebiet wurden fünf Forstämter aufgelöst und zu einem Nationalparkforstamt zusammengefasst. Zum Leiter des Nationalparkforstamtes wurde Hubert Zierl ernannt, mit dem ich schon seit meiner Assistentenzeit am Waldbauinstitut an der Universität München engen Kontakt hatte. Ich überredete ihn, sich für die Stelle zu bewerben, denn er hatte volles Verständnis für die Zielsetzung des Nationalparks. Nach vier Jahren Arbeit im Nationalpark Bayerischer Wald wechselte er am 1. Februar 1977 als Leiter an den neu gegründeten Nationalpark Berchtesgaden. Hubert Zierl war es zu verdanken, dass ab 1973 wesentlich weniger Holz eingeschlagen wurde als die Planung der Oberforstdirektion von 1972 vorgeschrieben hatte. Er ließ naturnahe Altbestände unberührt und verkaufte jährlich nur 40.000 Festmeter Holz, davon 15.000 Festmeter aus Durchforstungen in jüngeren Beständen. Durchschnittlich 5.000 Festmeter blieben alljährlich im Nationalpark als tote Bäume, einzelne Windwürfe und Schneebruch liegen.
Die Forstreform hatte auch für uns personelle Folgen. Sie war Anlass für Georg Sperber, seinen Dienst als stellvertretender Leiter des Nationalparkamtes aufzugeben und in seine Heimat nach Franken in den Steigerwald zurückzukehren. Uns beiden war bereits 1971/72 bewusst, dass Sperber von dieser Ministerialforstabteilung nie mehr zum Leiter eines Forstamtes ernannt werden würde. Wenn nun auch noch die Zahl der Forstämter um etwa die Hälfte reduziert würde, hätte Sperber keine Chance mehr.
Zwischen Minister Eisenmann und mir hatte sich ein vertrauensvolles Verhältnis entwickelt. Er hatte mich ermuntert, in kritischen Fragen direkt mit ihm Kontakt aufzunehmen. Ihm schilderte ich im Herbst 1972, welche Folgen die Forstreform für meinen Kollegen Sperber haben würde. Ich bat ihn, sich dafür einzusetzen, dass er als Leiter an ein Forstamt versetzt würde, das nach der Forstreform weiter bestehen würde. So wurde Georg Sperber auf Anweisung von Minister Eisenmann die Leitung des Forstamtes Ebrach im Steigerwald übertragen. Er hat dort 25 Jahre lang sehr oft zum Ärger der Ministerialforstverwaltung im besten Sinn und wirklich konsequent naturnahe Waldwirtschaft realisiert, alte Rotbuchenbestände aus der Nutzung genommen und so die Grundlage für die hoffentlich in den nächsten Jahren doch noch stattfindende Ausweisung eines Nationalparks Steigerwald geschaffen.
Die Verwaltungsreform hatte für den Nationalpark weitere Folgen: Die fünf Forstämter wurden wie erwähnt zu einem „Nationalparkforstamt“ in St. Oswald zusammengelegt und dieses mit dem „Nationalparkamt“ Spiegelau zu einer in zwei Abteilungen gegliederte „Nationalparkverwaltung“ zusammengefasst. Im Juni 1973 erließ die Ministerialforstverwaltung eine Dienstordnung für diese neue Nationalparkverwaltung, die als Sonderbehörde dem Ministerium direkt unterstellt wurde. Die Leitung der Nationalparkverwaltung wurde als Sonderaufgabe dem Leitenden Forstdirektor Dr. Hans-Heinrich Vangerow, Referatsleiter an der Oberforstdirektion Regensburg, übertragen. Als Leiter des Nationalparkamtes wurde ich zum stellvertretenden Leiter der Nationalparkverwaltung vor Ort ernannt. Am 1. September 1976 wurden dann das Nationalparkamt Spiegelau und das Nationalparkforstamt St. Oswald unter ein Dach ins freigewordene Rathaus nach Grafenau verlegt.
Dr. Vangerow kam nur gelegentlich nach Grafenau. Er hielt sich streng an die Vorgaben des Haber-Gutachtens und des Ministeriums. 1978 schrieb er in einer Sonderausgabe der „Allgemeinen Forstzeitschrift“: „Somit ist es unabdingbar, im Weg der Waldpflege aktive Maßnahmen zu verwirklichen, die auf eine Wiederherstellung des natürlichen Gleichgewichts im dortigen Ökosystem abzielen. Überließe man den gesamten Nationalpark sich selbst, so würde seine Entwicklung zum naturnahen Wald langsamer und ungewisser voranschreiten als unter der behutsamen Hand von Forstleuten.“ Und: „Wir sollten den jetzt vorgeschriebenen Weg erst einmal einige Jahrzehnte begehen, ehe wir Wechsel auf die Zukunft ausstellen. Auch von daher betrachtet wäre es sicherlich falsch, nach nur sechsjährigem Bemühen im Sinne einer nationalparkgerechten Waldpflege auf ganzer Fläche von einem Urwald als Endziel zu träumen.“
Vangerow war überzeugt, dass nur Förster in einem Waldnationalpark tätig sein sollten. So wollte er sich dem Ministerium gegenüber auch nicht für die Weiterbeschäftigung unseres Zoologen Wolfgang Scherzinger einsetzen, nachdem dessen Arbeitsvertrag am 1. April 1978 endete. Auf Anweisung von Minister Eisenmann wurde dann zum 1. Januar 1979 eine neue Dienstordnung für die Parkverwaltung vom Ministerium erlassen. Das Nationalparkamt und das Nationalparkforstamt wurden aufgelöst und es gab nur noch eine Nationalparkverwaltung. Vangerow versuchte, meine Ernennung zum Leiter der Nationalparkverwaltung zu verhindern, indem er mir schon in der beamtenrechtlichen Beurteilung vom Januar 1977 die Fähigkeit zu einer Amtsleitung schriftlich absprach. Meine Beschwerde dagegen beim Ministerium hatte Erfolg und die Beurteilung wurde korrigiert. Am 1. Dezember 1979 wurde Vangerow von seiner Aufgabe entbunden und ich wurde zum Leiter der Nationalparkverwaltung ernannt. Maximilian Waldherr, seit 1977 Nachfolger von Hubert Zierl, wurde mein Stellvertreter als Nationalparkforstamtsleiter.
Es war ein Glücksfall, dass zu der Zeit im Nationalparkamt schon Herbert Altmann als Büroleiter tätig war. Er stammte aus Kirchdorf vorm Wald bei Klingenbrunn, arbeitete in der Bezirksregierung in Landshut und nutzte 1973 die Gelegenheit, als wir die Stelle eines Leiters für das Verwaltungsbüro besetzen durften, in seine Heimat zurückzukehren. Er entwickelte für die neue Nationalparkverwaltung einen sachbezogenen Geschäftsbetrieb, für dessen Struktur es ja noch kein Vorbild gab. Außerdem wurde er als Mitglied des „Verein der Freunde des ersten deutschen Nationalparks Bayerischer Wald“ (siehe nächstes Kapitel) 1982 zu dessen Schatzmeister gewählt. Er arbeitete an der Optimierung von Projekten im Nationalpark mit, die vom Verein finanziell unterstützt wurden, und kümmerte sich um den Einsatz von Zivildienstleistenden, Praktikanten und ABM-Kandidaten. Mit seinem Kollegen Helmut Jordan aus der Ministerialforstverwaltung, der ebenfalls Vereinsmitglied war, arbeitete er eng zusammen. Von Seiten der Kassenprüfer gab es nie irgendwelche Beanstandungen. Als 1995 die Diskussion um die Nationalparkerweiterung begann, lag das Heimatdorf von Herbert Altmann im potentiellen Erweiterungsgebiet und er konnte als Kreistagsmitglied im Landkreis Regen, später noch als Bürgermeister von Kirchdorf dort wichtige Kontakte mit Persönlichkeiten pflegen. Rückblickend bestätigt sich für mich immer wieder, was ich in meiner so vielfältigen beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeit erfahren habe, dass dann, wenn ein Netzwerk von Persönlichkeiten zusammenarbeitet, die sich für die gleiche Sache engagieren und kein Eigeninteresse verfolgen, wirklich auch schwierige Vorhaben umgesetzt werden können.
Darmowy fragment się skończył.