Czytaj książkę: «Halt geben!»

Czcionka:

Karin Ackermann-Stoletzky

Hannelore Deußing

Halt

geben!

Menschen mit Demenz begleiten


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 9783865066985

© 2014 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfoto: shutterstock

Satz: Brendow Web & Print, Moers

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

www.brendow-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort I

Vorwort II

Zitat

Einführung

Teil I Demenz – Ursachen, Diagnose, Behandlung

Ursachen von Demenz

Das hohe Alter als Risikofaktor

Weitere Risikofaktoren für eine Demenz

Wann liegt eine Demenz vor?

Formen von Demenz

Verteilung der häufigsten Demenzformen

Alzheimer

Vaskuläre Demenzen

Demenzphasen: Eine Übersicht

1. Phase: Leichte Demenz

2. Mittelschwere Demenz

3. Schwere oder fortgeschrittene Demenz

Diagnose

Diagnosestellung

Der Ablauf der Diagnosephase

„Pseudodemenz“ – die Unterscheidung Demenz und Depression

GHIAbgrenzung zu weiteren Krankheiten

Anlaufstellen: Beratung und Information

Memory-Kliniken

Selbsthilfegruppen

Demenzberatungsstellen

Therapie: Was kann helfen?

Medikamentöse Therapie

Nicht-medikamentöse Behandlungskonzepte

Kommunikation und Demenz

Ein kleiner Einblick in die Kommunikationstheorie

Veränderungen in der Kommunikation von Demenzkranken

Hilfen und Anregungen für die Kommunikation mit demenziell Erkrankten

Teil II Halt im Meer des Vergessens. Hilfen für Betroffene und Angehörige

1. Leichte Demenz

Wenn sich der Alltag plötzlich entzieht – die Anfangsphase der Demenz

Demenz und Berufstätigkeit

Was Sie früh klären sollten: Vorsorgedokumente

Psychotherapeutische Angebote für den Betroffenen in der Frühphase der Krankheit

Liebe Gewohnheiten und Hobbys beibehalten

Demenz und Bewegung

Hilfsmittel: Merkhilfen im Alltag, Wohnungsumgestaltung, technische Hilfsmittel, Vorsorge im Notfall und vieles mehr

Orientierungshilfen im Alltag

Das Zuhause gut gestalten: So passen Sie die Wohnung an

Bereich Sicherheit

Im Notfall

„Stark mit Demenz“ – Ideen und Anregungen für Menschen im Frühstadium der Demenz von Helga Rohra

2. Mittlere bis schwere Demenz

Bewusster Umgang mit dem Betroffenen

Gefühle und Bewusstsein des Betroffenen ernst nehmen

Der Tag braucht Struktur: Anregung und Aktivierung

So klappt‘ s mit der Pflege

Weitere Anpassungen der Wohnung

Pflegehilfsmittel

Selbst-Erhaltung: Den Betroffenen einbeziehen

Essverhalten, Essen reichen, Ernährung

Leben aus dem Augenblick

Kommunikation bei fortgeschrittener Demenz

3. Späte Phase der Demenz

Die Verbindung nicht abbrechen lassen: Kommunikation in der Spätphase der Demenz

Die Gestaltung des Alltags

Basale Simulation

Zeit nehmen

Auf Körpersprache achten

Besondere Problemfelder der späten Phase

Essen und Trinken in der späten Demenz

Wenn Schmerz nicht wahrgenommen wird: Die verschiedenen Ebenen des Schmerzes

Unterstützungsmöglichkeiten: Vom Seniorendienst bis zur Pflegeeinrichtung

Woran erkenne ich ein gutes Pflegeheim?

Worauf muss ich bei der Auswahl eines Heimes achten?

Ehrenamtliche Angebote

Seniorenservice

Tagespflege: Eine alternative Versorgungsform

Pflegestufen

Einstufung

Weitere Unterstützungs- und Absicherungsangebote für pflegende Angehörige

Betreuungs- und Pflegekonzepte

Biografiearbeit

Realitätsorientierungstraining

Validation

Mäeutik – der verletzliche Mensch im Mittelpunkt

Dementia Care Mapping

Teil III Die Situation der Angehörigen

Wenn sich alles ändert

System Familie

Die Rolle des Betroffenen

Haben Sie noch „offene Rechnungen“?

Wenn Familienrollen behindern

Auswirkungen von langfristigem Stress für den Pflegenden

Wie Stress entsteht

Selbsttest: Wo lag heute Ihr „Stresslevel“?

Unabhängigkeit hilft, gesund zu bleiben

Möglichkeiten der Unterstützung

Entspannungsübungen

Ruhebilder

Ruheorte

Progressive Muskelentspannung

Kneipp‘ sche Anwendungen

Teil IV Noch immer Teil der „Gemeinschaft der Gläubigen“

Demenz und Spiritualität

Lebenslanger Glaube

Wie verändern sich die geistlichen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz?

Ein Ort für Glaube mit Demenz

Die „demenzfreundliche Gemeinde“

Was macht eine Gemeinde „demenzfreundlich“?

Ideen zur Gestaltung einer demenzfreundlichen Gemeinde

Ideen und Anregungen zur Durchführung eines Demenzgottesdienstes

Aufgabenparcours: Wie fühlt sich ein Mensch mit Demenz?

Verwendete Literatur

Hilfreiche Seiten im Internet

Weitere Bücher

Fußnoten

Vorwort I

Dieses Buch richtet sich nicht an „Profis“. Es will kein Fachbuch sein, sondern eher ein Lesebuch, das Sie ermutigt, informiert, nachdenklich macht sowie zum Handeln und zu guten Begegnungen verhilft. Wir möchten Sie einladen, mit uns darüber nachzudenken, wie Demenz das Leben, die Beziehungen, die eigene Spiritualität verändern kann – und Ihnen Gedankenanstöße dazu vermitteln, wie man mit dieser Situation umgehen kann.

Dabei gehen wir davon aus, dass jeder Mensch, ob mit oder ohne Demenz, ein wertvolles Lebewesen ist, ein Kind des Schöpfers. Und dass jeder Mensch es verdient, von seiner Umwelt so wertschätzend wahrgenommen zu werden.

Die Begründerin der Familientherapie, Virginia Satir, schrieb vor vielen Jahren ihr „Credo“ zum Umgang von Mensch zu Mensch:

„Ich glaube daran, dass das größte Geschenk, das ich von jemandem empfangen kann, ist, gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden. Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist, den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren. Wenn dies geschieht, entsteht Kontakt.“

Gesehen, gehört, verstanden und berührt … Wir würden uns freuen, wenn unser Buch dazu ermutigt.

Karin Ackermann-Stoletzky

Vorwort II

Warum schreibe ich mit an diesem Buch? Es gibt bereits so viele gute Bücher und Artikel zum Thema Demenz. Bücher von Fachleuten und Bücher von Betroffenen.

Ich bin Ergotherapeutin und arbeite mit Menschen, die in der Diagnosephase stehen, eine Demenzerkrankung diagnostiziert bekamen oder mit Demenz leben. Informationen und Gedanken, die mir wichtig sind, möchte ich hier zusammenfassen.

Ich bemerke, dass die Art und Weise, wie mit einer Diagnose umgegangen wird, immer unterschiedlich ist. Was macht die Diagnose Demenz so schrecklich? Vielleicht ist es das wenige Wissen, die Angst davor, damit nicht zurechtzukommen, die Ungewissheit. Denn das Leben wird sich nachhaltig verändern. Manches kann man vielleicht eine Weile verdrängen. Anderes ist von Beginn an so mächtig, dass es nicht verdrängt werden kann, sondern in den Alltag und in die Beziehungen drängt.

Ich habe mich manchmal gefragt: Wie wäre das für mich? Zu wissen, ich würde mehr und mehr Probleme mit dem Gedächtnis bekommen, mich an Verschiedenes in der Vergangenheit nicht mehr erinnern können und im Alltag zunehmend abhängiger von der Hilfe anderer? Letzteres wäre besonders schrecklich für mich.

Eines weiß ich ganz genau: Ich würde die Diagnose wissen wollen. Ich würde mir wünschen, genügend Zeit zu haben, die zu diesem Zeitpunkt unerledigten Dinge regeln zu können. Ich würde mir wünschen, Unterstützung zu haben und Unterstützung annehmen zu können.

Dabei soll dieses Buch helfen.

Ich arbeite jetzt fast 40 Jahre im sozialen Bereich, in der Pflege sowie in unterschiedlichen ergotherapeutischen Bereichen. Ich bin vielen Menschen mit Demenz begegnet. Viele Erinnerungen sind beim Schreiben dieses Buches und in den Gesprächen wieder hochgekommen. Eine ist mir besonders lieb: Ich erinnere mich an eine kleine rundliche Frau, die im Heim in einer Wohngruppe gelebt hat und gerne tanzte. Manchmal haben wir im Zimmer getanzt, Walzer, sie hat geführt. Das hat mich etwas Wichtiges gelehrt: Menschsein ist nicht nur denken und planen können. Menschsein ist leben können. Und es ist auch mit Demenz möglich. Auch dazu, dies zu erkennen, soll dieses Buch beitragen.

Ich bedanke mich bei allen Menschen, die mich unterstützt haben.

Ich bedanke mich besonders bei meinen Interviewpartnern und -partnerinnen.

Hannelore Deußing

Ich träume von einem Land,

in dem Menschen mit Alzheimer

durch die Straßen irren können.

Auf der Suche nach ihrem Haus,

dem für immer verlorenen Zuhause.

Und dass da immer jemand ist, der sagt:

„Kommen Sie, ich bring Sie nach Hause.“

Stella Braam

Einführung

„Ich gehe jetzt und …“ Mitten im Satz fällt einem das nächste Wort nicht ein. Man nennt das eine Wortfindungsstörung, und die zeigt sich besonders in Stresssituationen. Solche Augenblicke kennt jeder: Vergesslichkeit, Gedankendurcheinander, innere Zerfahrenheit – aber eben noch keine Demenz.

Anders sähe die Sache aus, wenn man nicht mehr wüsste, welche Jahreszeit gerade ist, oder ernsthaft glaubte, eine Apfelsine zu essen, bei der es sich aber offensichtlich um einen Apfel handelt. Oder wenn man sich plötzlich nicht mehr in der eigenen Wohnung zurechtfände.

Das können Anzeichen für eine Demenzerkrankung sein. Aber Vorsicht: Ebenso gut könnten sie auf eine schwere Depression, Austrocknung oder einen vorübergehenden Verwirrtheitszustand hinweisen …

Eine erschreckende Diagnose

Demenz, umgangssprachlich auch Altersverwirrtheit genannt, ist eine fortschreitende Erkrankung, von der vor allem ältere Menschen betroffen sind. Die Demenz ist nicht die Folge eines natürlichen Alterungsprozesses, sondern gehört zu einer Gruppe von Erkrankungen des Gehirns, bei der Nervenzellen vorzeitig absterben.

Wer an Demenz erkrankt, muss damit fertig werden, dass sich sein Leben grundlegend verändert.

Zunächst bedeutet Demenz eine zunehmende Einschränkung der Fähigkeit, das Leben selbst zu organisieren und zu verarbeiten. Außerdem bedeutet Demenz, ein stigmatisierendes Etikett zu bekommen, und zwar eines, das wir alle fürchten. „Ich denke, also bin ich“, hat es der Philosoph Descartes formuliert. Wenn mein Denken sich aber verändert, wenn ich die Kontrolle verliere: Bin ich dann noch? Und wenn ja, wer bin ich dann?

„Um offen zu sein, ich fürchte, ich bin nicht bei vollem Verstand. Mir scheint, ich sollte Euch kennen und diesen Mann auch, doch ich bin im Zweifel; denn ich bin völlig im Unklaren, was für ein Ort dies ist, und alle Kenntnis, die ich habe, erinnert sich nicht an diese Kleider; auch weiß ich nicht, wo ich letzte Nacht gewohnt habe.“

Zitat aus „König Lear“ von William Shakespeare

Der Begriff „Demenz“ an sich ist eigentlich schon eine Abwertung des Betroffenen. „Ohne Geist sein“, heißt die Übersetzung aus dem Lateinischen. Ohne Geist? Das ist vollkommen falsch! Menschen sind prinzipiell nicht ohne Geist. Wenn auch die Kontrolle über die eigenen Gedanken, Handlungen und Erinnerungen sich verändert und schwindet, bleibt ein Mensch doch er selbst, und die Gefühle verschwinden überhaupt nicht. Sie werden im Gegenteil oft viel unmittelbarer, ehrlicher und klarer. Und im christlichen Sinne gibt es die Idee vom „Menschen ohne Geist“ schon gar nicht. Jeder Mensch ist und bleibt ein geliebtes Kind des himmlischen Vaters. Prof. Jürgen Steiner (Zürich) schlägt deshalb als Alternative die Bezeichnung „Menschen in einem kognitiven Wandel“ vor, den wir ebenfalls für sinnvoller halten. In diesem Buch bleiben wir aber bei der in Deutschland gebräuchlichen Bezeichnung „Demenz“, um keine unnötige Verwirrung zu stiften.

Demenz ist kein Randgruppenthema

Nach Angaben des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sind derzeit rund 1,4 Millionen Männer und Frauen in Deutschland von Demenz betroffen. Weil unsere Gesellschaft immer älter wird, werden es 2050 voraussichtlich 3 Millionen sein. Dennoch herrscht viel Unwissen über die Krankheit, die überwiegend Menschen über 65 und einige wenige jüngere trifft.

In unserer Gesellschaft des langen Lebens kennt fast jeder Erwachsene Personen, die an Demenz erkrankt sind, oder zumindest ihre Angehörigen. Wenn man davon ausgeht, dass es pro Betroffenem durchschnittlich 3 Angehörige gibt, dazu Freunde, Nachbarn und Gemeindemitglieder, hat eigentlich jeder Mensch in seinem Umfeld Kontakt zu Demenzbetroffenen und ihren Angehörigen.

Viele sehr alte Menschen müssen erleben, dass ihre Gedächtnisleistungen und kognitiven Funktionen nachlassen. Unsere Kognition ist unsere Fähigkeit, Signale der Umwelt wahrzunehmen und weiterzuverarbeiten. Das Wort „kognitiv“ leitet sich aus dem lateinischen „cognoscere“ ab, was mit „erkennen“ zu übersetzen ist. Wenn es mir immer schwerer fällt, zu erkennen und zu verarbeiten, was um mich herum geschieht, verliere ich in meinem Leben zunehmend die Orientierung, fühle mich unsicher und kann nicht mehr so reagieren, dass meine Umwelt mein Verhalten als angemessen erlebt.

„Demenz“ beschreibt eine Erkrankung, bei der sich dieser Prozess immer weiter fortsetzt. Menschen mit Demenz fällt es zunehmend schwerer, Neues dazuzulernen. Ihr Kurzzeitgedächtnis wird immer stärker eingeschränkt, ihr Langzeitgedächtnis funktioniert nicht mehr zuverlässig – es gibt die benötigten Informationen nicht immer dann preis, wenn sie gebraucht werden. Störungen der Wahrnehmung und Persönlichkeitsveränderungen können hinzukommen, die Sprachfähigkeit kann sich verändern. Die Gefühle aber funktionieren bis zum Schluss – wenn auch nicht immer so, dass die Umwelt sie nachvollziehen kann.

Teil I Demenz – Ursachen, Diagnose, Behandlung
Ursachen von Demenz

Das hohe Alter als Risikofaktor

Im hohen Alter körperlich und geistig gesund zu sein ist sicherlich der Wunsch jedes Menschen. Allerdings gelingt es den wenigsten, auch mit über 80 Jahren in jeder Hinsicht fit zu bleiben. „Und Abraham verschied und starb in gutem Alter, alt und lebenssatt“, heißt es in der Bibel (1. Mose 25,8). „Alt und lebenssatt“ – das ist ein schönes Bild vom Alter, ein positives.

Biblische Aussagen über das Alter sind so vielfältig wie das Alter und ältere Menschen selbst. Manche Texte beschreiben die schönen Seiten, andere aber auch die Mühsal des Alters.

So vielfältig wie diese Sicht der Bibel ist auch die Realität. Es gibt die Menschen, die bis an das Ende ihres Lebens „fit“ sind, und das gilt auch für den Bereich der „geistigen Fitness“. Andere aber dürfen das nicht erleben.

Altersverteilung der Demenz

ca. 1,2 % der 65- bis 69-Jährigen,

ca. 2,8 % der 70- bis 74-Jährigen,

ca. 6,0 % der 75- bis 79-Jährigen,

ca. 13,3 % der 80- bis 84-Jährigen,

ca. 23,9 % der 85- bis 89-Jährigen,

ca. 34,6 % der über 90-Jährigen

entwickeln eine Demenz.

Zum Glück ist nicht jede Form von Vergesslichkeit gleich eine Demenz. Altersvergesslichkeit gehört zum normalen Alterungsprozess, während dem im Gehirn zahlreiche Veränderungen stattfinden. So wird beispielsweise ab dem 40. Lebensjahr das Gehirn um ungefähr 10 bis 15 Prozent kleiner, und die Verbindungen zwischen den Nervenzellen verändern sich. Aus diesem Grund verarbeiten Betroffene Informationen langsamer und können zudem Schwierigkeiten im Bereich der Konzentration oder Merkfähigkeit entwickeln. Vergesslichkeit gibt es allerdings nicht nur im Alter. Sie kann auch durch Stress, falsche Ernährung oder zu wenig Bewegung herbeigeführt werden.

Weitere Risikofaktoren für eine Demenz

Wer auf seine allgemeine Gesundheit (z. B. Blutdruck, Entzündungen, Zähne, Seh- und Hörvermögen etc.) achtet, kann die Wahrscheinlichkeit für eine Demenz-Erkrankung deutlich senken. Diabetes steigert dagegen das Risiko, ebenso jede Form von Gefäßerkrankung.1 Auch Depressionen, Einsamkeit und ungelöste Konflikte scheinen Demenz zu begünstigen. Dagegen wirken die Beschäftigung mit neuen Themen, Lernen im Alter und ein gutes soziales Umfeld vorbeugend.

Wann liegt eine Demenz vor?

Von einer Demenz ist erst auszugehen, wenn die folgenden Kriterien zutreffen:

1. Eine Störung des Gedächtnisses muss mit einer weiteren Störung der ausführenden Funktionen des Gehirns zusammenkommen (ausführende Funktionen sind z. B. Sprache, Handlungsplanung, Umgang mit Alltagsgegenständen und vieles mehr).

2. Sind zwei Funktionen des Gehirns eingeschränkt, muss diese Beeinträchtigung mindestens 6 Monate bestehen bleiben, bevor man von einer Demenz ausgehen kann.

»Vor einiger Zeit wollte ich die Wäsche waschen. Da stand ich vor der Waschmaschine und wusste plötzlich nicht mehr, wie sie funktioniert! Welchen Knopf muss ich jetzt wie drehen, und wie öffne ich das runde Glasdings vorn? Überhaupt, das erlebe ich jetzt immer wieder: Dinge, die mir eigentlich vertraut sind, werden plötzlich fremd. Und ich verhasple mich viel mehr. Ich hatte schon immer mal Probleme, weil mir ein Wort nicht einfiel. Jetzt ist das sehr oft so, es ist, als würden die Worte in dem Moment aus meinem Kopf flüchten, wenn ich sie brauche. Ich umschreibe dann, was ich sagen will. „Ich geh dahin, wo ich wohne“, habe ich letztens gesagt, weil mir die Worte „nach Hause“ einfach nicht einfallen wollten. Manche Sachen und Worte kommen zurück, aber manche Dinge bleiben dauerhaft außerhalb meiner Reichweite. Das hat ganz langsam angefangen, und es hat lange gedauert, bis ich mir eingestanden habe, dass ich wirklich ein Problem habe. Von der Erkenntnis „da stimmt was nicht“ bis zur Diagnose war es eine Zeit voller Angst. Und als die Diagnose kam, war ich fast erleichtert. Ich wusste wenigstens, woran ich war.

Mir fällt auf, dass es mit meinem Gedächtnis viel besser geht, wenn ich nicht unter Druck stehe. Je selbstverständlicher ich damit umgehe, dass mein Gedächtnis spinnt, umso besser komme ich zurecht.

Ich habe zum Glück viele Schliche entwickelt, mit meiner Demenz umzugehen. Ich habe mir aufgeschrieben, wie Dinge funktionieren, ich habe mir Listen gemacht. Ich kann Dinge umschreiben, wenn mir das richtige Wort nicht einfällt. Ich habe mutig angefangen, davon zu reden, dass ich an Demenz leide und um Hilfe und Verständnis zu bitten, wenn ich mit etwas nicht klarkomme.

Ich war als Lehrerin mein Leben lang eine Frau der Worte. Jetzt fürchte ich mich vor einer Zukunft, in der ich keine Worte mehr finden kann. Selbstständigkeit ist mir sehr wichtig. Und als alleinstehende Frau habe ich keine Familie, die sich um mich kümmern könnte, wenn ich dazu nicht mehr in der Lage bin. Auch davor fürchte ich mich, vor einem Leben, in dem ich nicht mehr richtig über mich bestimmen kann.

Ich habe eine Vorsorge- und eine Betreuungsvollmacht, in der festgelegt ist, wer für mich Entscheidungen treffen soll, wenn ich es nicht mehr kann. Ich habe Kontakt zu einer Demenzwohngemeinschaft, in die ich ziehen werde, wenn ich nicht mehr allein leben kann. Aber ich möchte so lange wie möglich in meiner gewohnten Umgebung bleiben, so lange wie möglich selbstständig leben. Ich habe schon überlegt, ob eine Pflegekraft aus Polen für mich eine Lösung sein könnte, Freunde haben da einen Kontakt zu einer Agentur, und vielleicht gibt mir das die Chance, länger in meiner schönen Wohnung zu bleiben, mit meiner Katze und meinem Hund, die ja meine Familie sind!

Ich merke, wie wichtig es für mich ist, trotz allem Vertrauen und Hoffnung zu haben, dass es auch mit Demenz ein lebenswertes Leben gibt. Und bisher scheint meine Erfahrung mir recht zu geben. Ich lebe im Moment sehr intensiv. Sehr bewusst nehme ich wahr, was passiert: die Jahreszeit, meine Bücher, meine Tiere, meine Freunde … Ich bewege mich viel, weil ich merke, dass mir das hilft, ich esse viel bewusster, versuche, Sorgen nicht zu sehr wachsen zu lassen … Es ist eine schwere und eine herausfordernde Zeit, aber sie ist auch irgendwie – ja, lebendig ist vielleicht das beste Wort dafür.«

Ute W., Köln

Aufgrund unterschiedlicher Erscheinungsformen, zum Beispiel Alzheimer- oder Multiinfarktdemenz, gibt es am Anfang einer Erkrankung meist keine untrüglichen Anzeichen, sondern nur Auffälligkeiten. Diese Auffälligkeiten findet man in einem oder mehreren Orientierungsbereichen.

Menschen mit Demenz können Veränderungen in fünf Hauptbereichen der Orientierung erleben:

1. Zeitliche Orientierungsstörung: Ein Mensch mit zeitlichen Orientierungsstörungen weiß das Datum, den Tag, den Monat, das Jahr, die Jahreszeit nicht.

2. Örtliche Orientierungsstörung: Der örtlich desorientierte Mensch weiß nicht, wo er ist, kommt in seiner Wohnung nicht mehr zurecht, verläuft sich und findet den Weg nach Hause nicht.

3. Situative Orientierungsstörung: Der situativ desorientierte Mensch hat keinen Überblick über die Situation, in der er sich gerade befindet (z. B. Untersuchung bei einem Arzt). Hier können wahnhafte Fehlorientierungen auftreten, z. B. wahnhafte Situations- und Personenverkennung.

Wahn ist ein Krankheitssymptom aus dem Fachgebiet der Psychiatrie. Es handelt sich um eine schwere inhaltliche Denkstörung und kommt im Rahmen verschiedener psychischer Störungen vor. Der Wahn ist eine die Lebensführung behindernde Überzeugung, an welcher der Patient trotz der Unvereinbarkeit mit der objektiv nachprüfbaren Realität unbeirrt festhält. Dies kann eine Störung der Urteilsfähigkeit zur Folge haben. 2

4. Orientierungsstörung zur eigenen Person: Die Orientierung über die eigene Person meint das Wissen um den eigenen Namen und um die persönliche Lebensgeschichte. So wird vielleicht der Ehename vergessen, die Tatsache, dass man verheiratet ist, oder Partner und Kinder werden nicht erkannt.

5. Orientierungsstörung zur finanziellen oder sozialen Situation: Der desorientierte Mensch hat keinen Überblick über seine finanzielle oder soziale Situation.

Zusammenfassung

Auffälligkeiten, die auf eine demenzielle Erkrankung hinweisen können, sind:

 Nachlassen der Merkfähigkeit und regelmäßige Gedächtnislücken

 Sprachstörungen und das Unvermögen, sich mitzuteilen

 Desinteresse an der Umgebung/​Stimmungsschwankungen

 Einschränkung der sozialen und praktischen Kompetenz

 Eine gute Diagnostik ist wichtig, um alle heilbaren Erkrankungen, die zu einer Demenz führen können, rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Formen von Demenz

Verteilung der häufigsten Demenzformen


www.praxis-intakt.de

Wie aus dem Schaubild deutlich wird, ist die Alzheimerdemenz die am häufigsten vertretene Erkrankungsform.

Alzheimer

Die Alzheimerkrankheit beginnt schleichend und schreitet meist langsam voran. Der Verlauf kann aber individuell sehr verschieden sein. Nur in seltenen Fällen liegt eine erbliche Veranlagung zur Krankheit vor (unter 4 - 7 %), und dies betrifft dann meist jüngere Menschen (Beginn der Erkrankung weit vor dem 65. Lebensjahr). Die durchschnittliche Dauer der Erkrankung beträgt 7 - 9 Jahre, allerdings mit großen individuellen Schwankungen.

Nach wie vor ist die Ursache der Alzheimer-Krankheit umstritten. Man kennt jedoch die Veränderungen und die Symptome und kann im fortgeschrittenen Stadium mit Hilfe der Radiologie den Abbau an Gehirnzellen bildlich darstellen. Aus mikroskopischen Untersuchungen der Gehirne Verstorbener weiß man, dass sich im Gehirn der Betroffenen Ablagerungen bilden (Amyloid-Plaques und Neurofibrillenbündel), durch die sowohl die Verbindungsstellen zwischen den Nervenzellen (den Synapsen) als auch die Nervenzellen selbst zugrunde gehen.

Vaskuläre Demenzen

Die zweithäufigste Erscheinungsform von Demenz ist die vaskuläre Demenz, die ihre Ursache in Durchblutungsstörungen hat. Durch Gefäßverengungen oder -verschlüsse kommt es zu Versorgungsmängeln, die zu einer Schädigung von Nervenzellen führen. Die Folge sind kleinere oder größere Hirninfarkte. Wenn viele kleine oder wenige größere Hirninfarkte aufgetreten sind und die Hirnschädigungen ein großes Ausmaß erreicht haben, bildet sich eine Demenz aus. Man bezeichnet sie als „vaskuläre Demenz“; die häufigste Unterform wird Multi-Infarkt-Demenz (MID) genannt.

Zur Gruppe der vaskulären Demenzen zählen noch weitere Unterformen. Die vaskuläre Demenz lässt sich diagnostisch gut von der Demenz vom Alzheimer-Typ abgrenzen. In ca. 10 % der Fälle liegt eine Mischform vor.

Darüber hinaus gibt es weitere demenzielle Erkrankungen, die jedoch weitaus seltener sind und deshalb hier nicht näher erklärt werden.

Demenzphasen: Eine Übersicht

Es gibt verschiedene Phasenmodelle in der Demenzlehre.

Die meisten teilen Demenz in drei oder vier Phasen ein. Wir benutzen hier ein Drei-Phasen-Modell.

1. Phase: Leichte Demenz

Der Erkrankte ist in der Arbeit und in sozialen Bereichen zunehmend eingeschränkt, kann aber noch notwendige Fähigkeiten zum unabhängigen Leben aufrechterhalten. Das normale Alltagsleben ist nicht stark beeinträchtigt, der betroffene Mensch schafft sich aber immer mehr Brücken wie Merkzettel, Vertuschungstechniken etc. zum Überspielen der Einschränkungen. Langfristig tritt eine Überforderung in den alltäglichen Dingen ein, und man fängt an, sich zurückzuziehen.

»Zuerst merkte ich, dass irgendwas sich veränderte. Meine Frau war so unorganisiert geworden! Beim Einkaufen vergaß sie die Hälfte, obwohl sie ihre Einkaufsliste dabeihatte. Oder sie ging zweimal los, um das Gleiche zu kaufen. Sie suchte ständig nach irgendetwas und beschuldigte mich, es verloren zu haben. Besonders bemerkte ich die Veränderung im Urlaub. Wir waren ja meist an die Nordsee gefahren, aber ich wollte so gern mal in die Berge. Meine Frau wehrte sich erst, aber dann war sie doch einverstanden. Und dann, im Urlaub, da war es, als wäre ich plötzlich mit einem Kind unterwegs. Sie hatte ständig Angst, sie fragte mich: „Warum sind wir hier? Wo bin ich hier?“ Am liebsten hätte sie das Hotel gar nicht verlassen! Nach fünf Tagen fuhren wir zurück, weil ich merkte, dass es ihr immer schlechter ging. Sie war richtig depressiv, weinte, war unruhig und wanderte die halbe Nacht durch das Hotelzimmer. Als wir nach Hause fuhren, wurde es besser, sie beruhigte sich. Ich wartete ein paar Tage ab, und dann sagte ich: „Du musst zum Arzt, Schatz. Mit deinem Gedächtnis stimmt etwas nicht.“– „Unsinn“, meinte meine Frau. Aber sie ließ sich doch überreden, und nach einiger Zeit stand das Ergebnis Demenz fest.«

Fritz Klein, Unna

Die demenziell Erkrankten nehmen diese Veränderungen ab einem bestimmten Stadium nicht bewusst wahr. Sie selbst haben eher das Gefühl, dass sich das Umfeld verändert hat.

Für jeden Menschen ist es existenziell wichtig, über sich selbst bestimmen zu können. Wer an einer Demenz erkrankt, ist in diesem Grundbedürfnis bedroht. Er verändert sich, und es ist schwer, mit dieser Veränderung umzugehen. In der ersten Phase und im Übergang zur zweiten Phase der Demenz verändert sich sein Leben, und er oder sie ist nur bedingt in der Lage, darauf zu reagieren. In diesem Kampf ist ein Mensch ganz besonders auf Unterstützung angewiesen – und auf Respekt von außen.

Für jeden Menschen ist es existenziell wichtig, über sich selbst bestimmen zu können. Wer an einer Demenz erkrankt, ist in diesem Grundbedürfnis bedroht.

»Ich bin krank. Manchmal liege ich wach und denke mit Schrecken daran, wie sich meine Demenz nach und nach immer weiter in meinem Leben breitmachen wird. Und dann sag ich mir: Jetzt lebe ich. Jetzt will ich allen, die ich liebhabe, zeigen, wie wichtig sie mir sind. Jetzt will ich alles tun, was mir guttut: singen, tanzen, gut essen, in meinem schönen Garten arbeiten. Ich will mich nicht verkriechen, auch wenn ich manchmal meine, das wäre am einfachsten. Aber das stimmt so nicht: Jede gute Begegnung, jede Sonnenminute mit Wind in den Haaren und Erde an den Händen will ich auskosten. Ich geh weiter in den Chor, auch wenn ich viele Tricks anwenden muss, damit ich es nicht vergesse. Ich verlange, dass man mir die Zeit lässt, die ich brauche, auch wenn hinter mir an der Kasse viele Kunden eilig weiterwollen. Ich schreibe mein Leben auf, klebe es in Alben, ich halte meine Erinnerungen wach, indem ich von ihnen erzähle. Ich lebe!«

Carla S., Solingen

Eine wichtige Voraussetzung dafür, lange die Selbstständigkeit zu bewahren, ist der bewusste Umgang mit der Erkrankung. Nur wer weiß, was mit ihm geschieht, und sich mit der Situation auseinandersetzt, nach Lösungen sucht, um Dinge anders bewältigen zu können als bisher, entwickelt ausreichend Überlebensstrategien. Außerdem scheint es so zu sein, dass Verdrängung, also die Verleugnung von Gefühlen, Verlusten und Trauer, den Verlauf der Erkrankung negativ beeinflusst. Das Ziel besteht darin, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sich aber auch nicht auf die Erkrankung zu fixieren.

Interview mit einer Betroffenen

Frau Müller (Name geändert) ist 70 Jahre alt und hat seit einiger Zeit Probleme mit der Wortfindung und dem Kurzzeitgedächtnis. Wir haben mit ihr über ihre Situation gesprochen.

Sie haben ja nun seit einiger Zeit Wortfindungsprobleme. Und Sie erleben, dass sich Ihr Kurzzeitgedächtnis verschlechtert hat. Was hat sich an Ihrem Leben dadurch verändert?

Eigentlich nicht allzu viel, könnte man sagen. Aber ich habe Hemmungen, wenn ich in Gesellschaft bin, weil mir dann so vieles entfällt und ich nicht noch besonders auf meine Defizite aufmerksam machen möchte. Das ist mein größtes Problem momentan.

Ihre Familie weiß um Ihre Probleme?

Ja!

Und Ihr restliches Umfeld? Bei den Veranstaltungen, an denen Sie teilnehmen, in den regelmäßigen Gruppen, gibt es dort jemanden, der Bescheid weiß?

Also, ich glaube, kein Mensch wird seine Fehler und seine Schwächen so gerne an die große Glocke hängen. Ich gehe aber inzwischen davon aus, dass es viele gemerkt haben. Einfach an meinem Verhalten, weil ich mich mehr zurücknehme. Und dass mir Dinge entfallen, merken die anderen sicher auch. Im Großen und Ganzen kann ich damit leben. Wichtig für mich ist es, nicht in ein Loch zu fallen, in dem ich eigentlich schon mit einem Fuß stehe. Aber noch hoffe ich, dass ich durch ein Medikament und Übungen den Verlauf positiv beeinflussen kann.

Sie sagen, Sie stehen mit einem Fuß in einem „Loch“. Was würde Ihnen helfen, den Fuß wieder aus dem Loch zu bekommen?

Hm, vielleicht muss ich einfach lernen, auch mal selber „Hilfe“ zu schreien. Das liegt mir nicht, ich war immer auf der anderen Seite.

Was hat sich in Ihrer Familie verändert?

Mein Mann, der natürlich der Hauptbetroffene ist, ist manchmal sehr genervt. Er gibt sich Mühe, mir zu helfen, aber oft nur nach Aufforderung. Es fällt mir schwer, das nachzuvollziehen, weil ich ja auch immer geholfen habe, wenn Not am Mann war. Mein Mann muss das jetzt lernen, auch wenn das für ihn nicht einfach ist.

Was wünschen Sie sich denn, wie Ihre Familie damit umgehen soll?

Ich würde es einfach mal mit Humor versuchen. Das ist meinem Mann nicht so gegeben. Ich bin ja eine rheinische Frohnatur.

Wie organisieren Sie Ihre Termine?

Das sind Gott sei Dank nicht mehr so viele wie früher. Das geht natürlich alles nur in Absprache mit meinem Mann. Ich gehe einen Tag in der Woche fünf Stunden in die Sauna. Dann habe ich einmal die Woche Sport, eine Stunde Gymnastik. Und freitags Chor.

2. Mittelschwere Demenz

In der Phase der mittelschweren Demenz ist eine selbstständige Lebensführung mithilfe einer regelmäßigen Betreuung nur eingeschränkt möglich. Die Selbstorganisation fällt oft sehr schwer. Weil die Erinnerung an die letzten Handlungen und Erlebnisse nur sehr unzuverlässig funktioniert, wird die Planung schwieriger. Manchmal ist der Zugriff auf lang vertraute und geübte Handlungen oder Informationen nicht mehr zugänglich. Dann erlebt der Betroffene Hilflosigkeit und Unsicherheit. Immer mehr Dinge und Handlungen müssen unterstützt werden.

Ich möchte Ihnen von Herrn Schmidt erzählen …

Herr Schmidt (Name geändert) ist Patient der geriatrischen Abteilung des Krankenhauses, in dem ich arbeite. Der Patient ist 87 Jahre alt, in der Bewegung eingeschränkt und kann nur mit Hilfe gehen. Meine Realität als Therapeutin: Ich möchte den Patienten kennenlernen und mit ihm so viel wie möglich an seinen motorischen Fähigkeiten arbeiten. Oberstes Ziel: alleiniger Transfer in den Rollstuhl und die Verbesserung des Standes.

Seine Realität ist offensichtlich eine andere. Auf meine Frage, ob er sich alleine aus dem Bett auf die Bettkante aufsetzen kann, tut er dies. Auf meine Frage, ob er alleine stehen kann, bekomme ich zur Antwort: „Ich kann alles.“

Die Augen beginnen zu strahlen, und es zeigen sich Lachfältchen. „Ich kann alles. Ich habe es gut im Leben, wir sind zu zweit, meine Frau hat es auch gut, wir haben schön gelebt und konnten einkaufen, was wir brauchten und uns wünschten. Meine Frau kommt mich besuchen.“

Der Gesichtsausdruck des alten Mannes zeigt große Zufriedenheit. Auf meine Frage, ob er Kinder hat, bekomme ich zur Antwort: „Ja, drei, wir waren vier, wir waren drei Jungen und ein Mädchen. Wir haben eine gute Zeit mit den Eltern verbracht. Die Kinder haben auch wieder Kinder und wieder Kinder. Wir haben es gutgehabt im Leben. Jetzt ist meine Frau gestorben.“ Der Gesichtsausdruck zeigt deutliche Trauer. „Wir haben es gut gehabt im Leben. Nach der Heirat haben wir alles gehabt.“ Der Gesichtsausdruck wechselt wieder zu Zufriedenheit.

Jetzt werde ich gefragt, wie alt ich bin. Ich bin 56, und er sagt: „Jung. Wo ist dein Mann?“ Ich antworte: „Ich bin nicht verheiratet“, und er sagt: „Oh.“ Sein Gesichtsausdruck und Tonfall zeigen Bedauern, und er streicht mit der Hand über mein Knie – tröstend. „Wir haben es gutgehabt …“

Die Welt, in der wir uns begegnet sind, war eine Welt der Emotionen, nicht die realistische Welt, wie wir sie kennen. In diesem Gespräch bin ich einem Menschen begegnet, der in den Zeiten springt und auch in seiner persönlichen Orientierung Probleme hat. Ich selbst weiß nicht, ob die Defizite im Kurzzeitgedächtnis das größere Problem waren oder die zeitlichen, örtlichen, persönlichen und situativen Orientierungsschwierigkeiten. In jedem Fall bin ich einem Menschen begegnet, der emotional adäquat auf seine momentanen Erinnerungen und Erfahrungen reagieren konnte und mich als sein momentanes Gegenüber mitfühlend einbeziehen konnte.

Hannelore Deußing

3. Schwere oder fortgeschrittene Demenz

Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einer fremden Stadt. Alles ist unbekannt, und die Gegend scheint nicht so richtig vertrauenerweckend. Inzwischen ist es dunkel geworden. Sie suchen nach Orientierungspunkten: Was kommt Ihnen bekannt vor? Aber Sie finden keine. Sie sind vollkommen verirrt, haben gänzlich die Orientierung verloren.

Mit diesem Bild könnte man die Situation eines Menschen mit fortschreitender Demenz vergleichen.

Menschen mit fortgeschrittener Demenz versinken in einem Meer des Vergessens. Die eigene Welt wird ihnen fremd und manchmal sogar zur Bedrohung.

Das tägliche Leben ist stark beeinträchtigt und macht ständige Betreuung und Pflege erforderlich. Bewegungen werden erschwert, Bewegungsabläufe gehen verloren. So wird es zum Beispiel schwer bis unmöglich, selbstständig zu essen, weil die dazu nötigen Bewegungsabläufe nicht mehr abgerufen werden können. Auch persönliche Hygiene ist nicht mehr selbstständig möglich, weil man nicht mehr weiß, was man mit dem Waschlappen anfangen soll. Die Kontrolle über die Blase und die Verdauungsorgane geht nach und nach verloren. Immer stärker verlieren die Erkrankten die Kontrolle über ihren Körper. Viele können nur noch in kleinen, schleppenden Schritten, häufig aber auch gar nicht mehr gehen. Sie bewegen sich nur noch auf Aufforderung, nicht mehr aus eigenem Antrieb. Selbst die Fähigkeit, aufrecht zu sitzen, kann verlorengehen. Die Mimik ist eingeschränkt. Schlucken wird schwierig, irgendwann vielleicht unmöglich.

Menschen mit fortgeschrittener Demenz versinken in einem Meer des Vergessens. Die eigene Welt wird ihnen fremd und manchmal sogar zur Bedrohung. Sie verstehen nicht, was um sie herum vorgeht. Aber die eigenen Gefühle und die Gefühle anderer Menschen nehmen sie oft noch sehr gut wahr. Wenn ein Begleiter unter Druck steht und überhastet eine Hilfe leisten will, wird er oft erleben, dass sein Gegenüber sich versteift, sich wehrt, „Hilfe!“ oder „Nein!“ ruft, wenn diese Worte noch vorhanden sind, und so seine Angst oder seinen Protest zeigt. Denn die Hast und die Unruhe des Begleiters teilen sich dem Erkrankten mit. Er kann sie aber nicht verstehen, die Situation nicht einschätzen und reagiert emotional.

Das Bewusstsein für die Gegenwart ist sehr eingeschränkt. Oft haben Demenzkranke aber noch sehr lange einen Zugang zu den Bildern ihrer Erinnerung.

Ich möchte Ihnen von Frau K. erzählen …

Frau K. wiegte sich hin und her, ihr Gesichtsausdruck war angespannt. Sie redete nicht mehr viel, aber sie „lautierte“, das heißt, sie murmelte und seufzte vor sich hin, wiederholte manchmal minutenlang Wortfetzen oder Worte wie „ja, ja, ja, ja“. Ich war heute wieder einmal mit meinem kleinen Hund auf Besuch in der Demenzwohngemeinschaft, in der sie lebte. Meine Nena ist ein kleiner Parson-Russel-Mix, die Menschen großartig findet, ganz sanft und vorsichtig Kontakt aufnimmt. Ich lasse sie immer frei im Raum herumlaufen, und sofort hört man von überall Lockrufe, sieht lächelnde Gesichter. Frau K. nahm Nena nicht wahr, wiegte sich weiter hin und her, hielt dabei die Hände verkrampft an die Brust gedrückt. Aber Nena hatte gerade sie ausgesucht: Trotz all der Lockrufe ging sie zu Frau K., setzte sich erst einmal vor ihre Füße und sah ihr ins Gesicht. Als Frau K. immer noch nicht reagierte, machte Nena noch einen Schritt auf sie zu, stellte sich auf die Hinterbeine und tapste Frau K. vorsichtig mehrmals mit der Pfote an. Endlich schien Frau K. sie wahrzunehmen. Die verkrampften Hände lösten sich, und zuerst zögernd und vorsichtig strich sie der Kleinen über den Kopf. Dann strahlte sie: „Purzel! Purzelchen! Da biste ja!“ Ein ganzer Satz von einer Frau, die eigentlich nicht mehr spricht! Eine Betreuerin erzählte mir später, dass Frau K. als Kind einen kleinen Hund namens Purzel gehabt hatte, an dem sie sehr gehangen hatte. Nena schien irgendwie zu wissen, wie gut sie der Frau tat. Lange schmuste sie mit ihr, leckte ihre Finger und legte ihren Kopf in ihre Hand. Und Frau K., die sich eigentlich nie lange auf irgendetwas konzentrieren konnte, liebkoste sie, spielte mit ihr, saß ganz entspannt und glücklich mit „ihrem Hund Purzel“ da.

Karin Ackermann-Stoletzky

Wer zunehmend auf Hilfe angewiesen ist, der braucht aufmerksame Menschen, die den Erkrankten mit Geduld begegnen, ihre Würde achten und ihnen Orientierung und Schutz geben. Aber das ist oft nicht so einfach, denn die Veränderungen im Leben des Demenzkranken erzeugen nicht selten Angst oder Unsicherheit bei der Umwelt, und Freunde und Angehörige ziehen sich instinktiv zurück. Dieser Prozess ist besonders für nahestehende Menschen schmerzhaft. Die Anforderungen an sie werden immer größer.

Andererseits ist es manchmal aber auch möglich, die Beziehung zueinander noch einmal auf eine ganz andere Art zu erleben. Wenn Gefühle wichtiger werden als die Fassade, dann erlebt man seine Nächsten manchmal eben auch auf einer Ebene, die man vorher nicht miteinander erreichen konnte.

Diagnose

Diagnosestellung

Jeder Demenzdiagnose sollte eine gründliche Untersuchung vorausgehen. Wenden Sie sich an Ihren Hausarzt, der die ersten Untersuchungen durchführen kann und Sie dann eventuell an einen Facharzt überweist. Ihr Hausarzt ist auch die Person, die Sie und Ihren Gesundheitszustand am besten kennt. In einem ausführlichen Gespräch mit Ihnen und gegebenenfalls einer Begleitung erhält er zuerst einen Eindruck der Situation und kann Sie dann an Spezialisten überweisen, die die Diagnose absichern können.

Warum ist eine gründliche Diagnose notwendig?

Die gründliche Diagnosestellung ist notwendig, um behandelbare Ursachen für demenzähnliche Symptome nicht zu übersehen. Spezielle Aufnahmen des Gehirns, z. B. mit Computertomografie (CT) und Magnet-Resonanz-Tomografie (MRT), können eventuell vorhandene Tumore oder Durchblutungsstörungen im Kopfbereich aufspüren. Blutuntersuchungen geben Hinweise auf Entzündungen, auf Hormon- oder Vitaminmangel und vieles mehr.

Wenn nach einer gründlichen Befunderhebung die Diagnose Demenz feststeht, ist vor allem Offenheit gefragt. Für die Sorgen und Ängste, die mit einer solchen Diagnose verbunden sind, wird Ihr Arzt Verständnis haben – sonst ist er nicht der richtige Begleiter für Sie. Er wird Ihre Probleme nicht verharmlosen, sondern mit Ihnen nach Lösungen suchen.

Eine gute und frühzeitige Diagnose ist auch wichtig, um die richtige Therapie zu finden. Neben medikamentösen Therapien gibt es viele Therapieformen oder Trainingsprogramme, die es ermöglichen, Symptome so lange wie möglich hinauszuzögern, zu mildern und die Lebensqualität zu erhalten.

Auch ist eine Diagnose wichtig für die weitere Lebensplanung. Wird die Diagnose früh gestellt, ist es möglich, noch selbst zu bestimmen: Wie will ich leben, wer soll für mich entscheiden, wenn ich dazu selbst nicht mehr in der Lage bin? Möchte ich in einem Pflegeheim leben, falls die Pflege zu Hause nicht mehr möglich sein sollte, oder in einer Wohngemeinschaft? Wer soll die Betreuung über Vermögen, Gesundheitsmaßnahmen usw. übernehmen, falls dies nötig werden sollte? Was kann ich vorher z. B. über eine Patientenverfügung oder über ein Patiententestament absichern, sodass meine Vorstellungen weiter wahrgenommen werden? Auch für direkte Angehörige ist es wichtig, sich auf die Erkrankung einzustellen, sich zu informieren und rechtzeitig Maßnahmen zu treffen, die die eigene Gesundheit erhalten.

Der Ablauf der Diagnosephase

In der Anamnese werden im Erstgespräch zwischen Arzt und Patient die Symptome besprochen. Was ist wichtig in diesem Gespräch, und wie können Sie sich vorbereiten?

 Vorbereitend können Sie sich die Symptome aufschreiben. Machen Sie sich eine Liste mit allem, was Ihnen aufgefallen ist, und allen Fragen, die Sie stellen wollen.

 Entscheiden Sie, ob Sie alleine zum Arzt gehen wollen oder jemand Vertrautes mitnehmen möchten. Möchten Sie Teile des Gespräches zu zweit oder das komplette Gespräch alleine führen?

 Vielleicht können Sie vorher Ihrem Hausarzt bei der Terminanfrage schon mitteilen, dass Sie einen Termin mit etwas mehr Zeit benötigen.

In der Fremdanamnese werden die direkten Angehörigen, z. B. Ehepartner oder Kinder, über evtl. Veränderungen befragt. Vielleicht gibt der Arzt auch einen Fragebogen aus, in dem Fragen zum Alltag und zu möglichen Veränderungen notiert sind. Vielleicht füllen Sie und ein Angehöriger auch beide jeweils einen Fragebogen mit den gleichen Fragen aus. So kann der Arzt sehen, inwieweit die normalen Alltagstätigkeiten durchgeführt werden können und inwieweit die Einschätzung übereinstimmt. Auch das ist wichtig für eine gute Diagnosestellung. Als Patient und auch als Angehöriger scheuen Sie sich bitte nicht, die Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten.

In der körperlichen Untersuchung werden u. a. neurologische Tests durchgeführt, um Reflexe, Koordination, Gleichgewicht usw. zu überprüfen.

Laboruntersuchungen, z. B. Blutuntersuchungen, können Krankheiten wie Schilddrüsenfehlfunktionen oder Vitamin-B-Mangel aufdecken. Aufwendiger in Untersuchung und Testung sind Liquoruntersuchungen, die über die Konzentration von bestimmten Eiweißen im Liquor (Beta-Amyloid, Tau) Aufschluss über frühe Anzeichen für eine evtl. entstehende Alzheimererkrankung geben können.

In den bildgebenden Verfahren (meist CT oder MRT) werden, je nach den unterschiedlichen Möglichkeiten der Verfahren, Aussagen über den Aufbau des Gehirns getroffen. Hier kann z. B. dargestellt werden, ob eine Atrophie (Schrumpfung des Gehirns) oder ein Tumor vorliegt.

Ausführliche Tests zur Überprüfung der Hirnleistung finden meist nicht beim Hausarzt statt, sondern bei Fachärzten, spezialisierten Therapeuten, Neuropsychologen oder in Gedächtnisambulanzen (siehe Memoryklinik). Die zurzeit wohl am häufigsten genutzten Tests sind der MMST, der Uhrentest und eine Depressionsskala.

Minimental-Status-Test

Dieser Test beinhaltet verschiedene Fragen und Aufgaben zu Orientierung, Merkfähigkeit, Rechenfähigkeit, Aufmerksamkeit, Erinnerungsfähigkeit, Sprache und visuell-räumliche Leistung.

Uhrentest nach Shulman

Hier besteht die Aufgabe darin, in einen vorgezeichneten Kreis die Ziffern einer Uhr und die Zeiger einzuzeichnen. Dieser Test gibt Auskunft über die visuell-räumlichen Fähigkeiten, die z. B. wichtig für die Orientierung sind.

Depressionsskala

Die Depressionsskala besteht, je nach Autor und Test, aus bis zu 30 Fragen. Meist wird eine Fassung mit 15 Fragen genutzt. Dieser Fragebogen gibt, sofern er ehrlich beantwortet wird, einen Hinweis auf eine bestehende Depression. In der Auswertung weist dieser Test darauf hin, ob eine Depression wahrscheinlich und eine weitere Diagnostik erforderlich ist.

Die Angst vor Tests

In der Vielfalt der Testverfahren gibt es Tests und Fragebogen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Kompetenzbereichen. Diese geben Hinweise auf Defizite und sind Bestandteile der Diagnostik. Sie zeigen allerdings nicht den ganzen Menschen mit all seinen Fähigkeiten. Sie zeigen nur eine Momentaufnahme. Vielen Menschen bereitet ein solcher Test sehr viel Stress. Manche werden dadurch an negative Erlebnisse während ihrer Schulzeit erinnert, und das hat Auswirkungen auf das Ergebnis. Bei Stress oder Angst wird die Denkleistung zeitweise gemindert.

Ein Mensch, der den Verdacht hat, an Demenz zu leiden, steht ohnehin unter Druck. Und dieser Druck kann unter Testbedingungen noch steigen. Derselbe Test würde in einer entspannten Situation besser abgeschlossen werden. Diese Testverfahren sind im Internet zum Teil gänzlich zu finden. Aus meiner Arbeit weiß ich, dass es Patienten gibt, die diese Tests vorher üben. Das ist verständlich, denn oft besteht die Furcht vor dem „Versagen“, aber es ist nicht sinnvoll. Denn nur ein ehrliches Testergebnis gibt Aufschluss über die wirkliche Situation.

„Pseudodemenz“ – die Unterscheidung Demenz und Depression

Nicht immer lassen sich eine Demenz und eine Depression bei älteren Personen klar voneinander trennen. Es gibt jedoch einige Anzeichen, die typisch für depressive Verstimmungen sind.

Von einer Pseudodemenz sprechen Ärzte, wenn es bei einer Depression zu deutlichen Defiziten in den kognitiven Fähigkeiten kommt, die im Wesentlichen auf einen Konzentrationsmangel und stark nachlassendes Interesse am persönlichen Umfeld und Ereignissen im Alltag zurückzuführen sind. Die Gedächtnisleistung ist anscheinend eingeschränkt.

Unterschiede:

1. Die eigenen Defizite können von einem depressiven Menschen deutlich beschrieben werden, während ein Mensch mit Demenz im weiteren Verlauf eher ungenaue Angaben macht.

2. Bei Demenz versuchen Betroffene häufig, die Defizite zu verbergen, sie gestehen sich keine Einschränkungen ein oder reagieren mit Abwehr, wenn man ihnen gegenüber die Probleme anspricht. Bei von Depressionen Betroffenen hingegen erfolgen kaum Kompensations- oder Erklärungsversuche. Betroffene geben sich die Schuld für ihr „Versagen“, resignieren oder geben auf.

3. Zudem zeigen sich kaum Defizite in der Orientierung; depressive Ältere können also meistens korrekt Auskunft zur Tageszeit geben oder darüber, wo sie sich befinden. Die für Demenz typischen Verwirrtheitsphasen treten hier nicht auf.

4. Die Alltagstätigkeiten sind bei einem Menschen mit Demenz im späteren Verlauf in der Durchführung eingeschränkt und benötigen Unterstützung. Bei einem Menschen mit Depression sind die Alltagstätigkeiten in der Durchführung intakt, aber durch die Antriebslosigkeit reduziert.

5. Bei einer Demenz sind Gedächtnis, Konzentration und Orientierung oft gleichermaßen betroffen. Bei einer Depression zeigen sich eher Defizite in der Gedächtnisleistung bei gleichbleibend guter Orientierung. Die auftretenden kognitiven Defizite beziehen sich vor allem auf das Erinnerungsvermögen, wobei sowohl das Langzeit- als auch das Kurzzeitgedächtnis betroffen sind. D.h., man beobachtet, dass Betroffene nicht nur Probleme haben, sich Geschehnisse zu merken, die erst wenige Minuten zurückliegen, sondern auch, dass sie bedeutende Ereignisse, die vor Jahren passiert sind, schlechter erinnern. Bei einer Demenz hingegen sind genau diese Informationen im Langzeitgedächtnis meist gut erhalten, während das Kurzzeitgedächtnis mehr Störungen aufweist.

Die oben genannten Defizite bleiben bei einer Depression im Wesentlichen auf die depressive Phase begrenzt und nehmen wieder ab, wenn die Depression abklingt.

Wie Sie auf Anzeichen einer Depression reagieren können

Wenn Sie den Verdacht haben, dass Ihr Angehöriger sich in einer depressiven Phase befindet, sprechen Sie ihn darauf an. Wählen Sie dabei eine altersgerechte, leicht verständliche Sprache. Sie können ihn zum Beispiel fragen, ob er sich häufig unruhig oder ängstlich fühlt, bedrückt, traurig oder innerlich wie taub ist.

Wird dies bejaht, können Sie weiterfragen, ob es bestimmte Ängste gibt (etwa Angst vor Krankheit) bzw. ob diese Gefühle in der letzten Zeit zugenommen haben. Fühlen Ihre Angehörigen sich traurig oder bedrückt, können Sie fragen, was der Grund für diese Empfindungen sein kann. Häufig werden dabei körperliche Einschränkungen, der Tod von Freunden oder eine zunehmende Einsamkeit als belastende Faktoren genannt.

Machen Sie Ihren Angehörigen darauf aufmerksam, dass diese Niedergeschlagenheit auch eine Krankheit sein kann, und sprechen Sie gemeinsam den Hausarzt auf Ihre Vermutung hin an. Im Gegensatz zu einer Demenz, die trotz Behandlung meist fortschreitet, kann eine Depression auch im Alter mit der richtigen Medikation oder einer Psychotherapie sehr effektiv behandelt werden, sodass sich die Lebensqualität Ihres Angehörigen verbessern lässt.

Abgrenzung zu weiteren Krankheiten

Wie kann man Altersvergesslichkeit von einer beginnenden Demenz unterscheiden? Das ist gar nicht so einfach, denn beides hat viele ähnliche Erscheinungsformen.

„Gutartige“ Altersvergesslichkeit

 Nicht fortschreitende Vergesslichkeit.

 Es bestehen Probleme, alltägliche Daten und Ereignisse aus neuerer Zeit abzurufen und zu speichern.

 Betroffene sind sich ihrer Beeinträchtigung bewusst.

 Gedächtnislücken werden umschrieben.

 Gedächtnislücken können eingestanden werden, die Betroffenen können offen damit umgehen.

Diese Störung entwickelt sich nicht zu einer Demenz.

Es gibt daneben eine Reihe weiterer Gedächtnisstörungen, bei denen sich ähnliche Symptome wie bei einer beginnenden Demenz zeigen, die aber andere Ursachen haben. Im Folgenden haben wir die wichtigsten für Sie kurz dargestellt.

Leichte kognitive Störung

 Im Zusammenhang mit einer internistischen oder neurologischen Grunderkrankung, z. B. einer Virusinfektion, Austrocknung des Körpers (d. h., es befindet sich zu wenig Flüssigkeit im Körper), Meningitis oder nach Operationen, treten demenzähnliche Symptome auf.

 Die Symptome gehen wieder zurück, wenn der Auslöser verschwunden ist.

Delir

 Andere Bezeichnungen: organisches Psychosyndrom, Delirium, Durchgangssyndrom, akuter Verwirrtheitszustand.

 Es liegt ein akuter organischer Auslöser vor (die vielfältigen Ursachen werden hier nur auszugsweise aufgeführt). Ursache bei älteren Menschen sind häufig: Infektionen (häufig Lungenentzündungen, Harnwegsentzündungen), hohes Fieber, Austrocknung, Elektrolytentgleisungen.

 Störung des Gedächtnisses, der Wahrnehmung, der Orientierung, der Aufmerksamkeit, der Emotionalität treten auf, es kommt zu Schlafstörungen und motorischer Unruhe.

 Es gibt einen akuten Beginn, die Symptome treten also plötzlich auf, der Tagesverlauf ist schwankend.

 Im Alltag wird Delir häufig mit Alkoholmissbrauch in Verbindung gebracht. Dies ist, wie Sie oben sehen, aber nur ein möglicher Grund.

 Reversibel und bei Auftreten dringend zu behandeln!

Leichte kognitive Beeinträchtigung (LKB)

 Andere Bezeichnung: MCI (mild cognitive Impairment).

 Patienten mit LKB haben ein Risiko von über 50 %, nach 5 Jahren eine Demenz zu entwickeln.

 Besondere Probleme bestehen im Bereich Kurzzeitgedächtnis, der Aufmerksamkeit und der Auffassung.

 Keine besondere Beeinträchtigung der psycho-sozialen Kompetenz.

 Ist entweder als Vorläuferstadium einer Demenz oder als eine (sich nicht weiter verschlechternde) Altersvergesslichkeit anzusehen.

 Eine LKB liegt nur dann vor, wenn psychische Störungen sowie spezifische organische Ursachen ausgeschlossen und die Kriterien für eine Demenz nicht erfüllt sind.

Anlaufstellen: Beratung und Information

Eine Krise kann definiert werden als ein „Ungleichgewicht zwischen Schwierigkeiten und der Bedeutung eines Problems und den unmittelbar zur Verfügung stehenden Ressourcen, dieses zu bewältigen“. Ein Mensch, bei dem die Diagnose Demenz gestellt wurde, braucht Unterstützung dabei, mit dieser Lebenskrise umzugehen.

Dabei gibt es sehr unterschiedliche Formen der Betroffenheit, so wie es eben auch sehr unterschiedliche Demenzformen und -schweregrade gibt. Neben den schwer Betroffenen gibt es auch sehr viele Menschen mit Demenz, die nicht so sind, wie man sich landläufig Demenz vorstellt. Sie können sich klar äußern, ihre Meinung sagen, aktiv und selbstverantwortlich leben – wenn ihre Umwelt es zulässt.

Memory-Kliniken

Memory-Kliniken, auch bekannt als Gedächtnissprechstunde oder Gedächtnisambulanz, sind Zentren, an die sich Angehörige und/​oder Betroffene zur Abklärung der kognitiven Funktionen wenden können.

Memory-Kliniken sind meist sehr unterschiedlich aufgebaut, haben aber eines gemeinsam: Personen, die den Verdacht haben, an Demenz erkrankt zu sein, erhalten hier Hilfe. Die Einrichtungen sind auf die Diagnose von Demenz-Erkrankungen spezialisiert und bieten Betroffenen wie Angehörigen umfassende Unterstützung. Meist sind diese Zentren an Kliniken angeschlossen. So ergeben sich fachübergreifende umfassende Diagnostik- und Beratungsmöglichkeiten aus Medizin, Psychiatrie, Psychologie, Sozialarbeit, Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie. Es werden außer medizinischen Untersuchungen auch entsprechende Gedächtnistests durchgeführt.

In vielen Memory-Kliniken gibt es einen begleitenden Sozialdienst, der Angehörigen und Betroffenen in vielen Fragen weiterhelfen kann, zum Beispiel, welche Hilfs- und Fördermöglichkeiten es durch die Krankenkassen gibt, wie Pflegestufen ermittelt werden usw. Hier gibt es auch Adressen von Selbsthilfeorganisationen und Beratungsmöglichkeiten in der Nähe.

Wie kann ich mich anmelden?

Am besten sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt, der Ihnen eine Überweisung ausstellen kann.

Was sollte ich mitbringen?

Die Anmeldung und Terminabklärung können oft telefonisch stattfinden. Klären Sie am besten gleich in diesem Telefongespräch, was mitgebracht werden soll. Häufig sind aktuelle Laborwerte oder vorhandene Röntgenbilder des Kopfes hilfreich. Wichtig ist in jedem Fall, dass Sie von jemandem begleitet werden (z. B. einem Angehörigen).

Die folgenden Internetadressen können Ihnen helfen, die nächstgelegene Memory-Klinik oder Gedächtnisambulanz zu finden:

www.deutsche-alzheimer.de

www.alzheimerinfo.de

www.hirnliga.de

www.demenz-service-nrw.de

Wie schon beschrieben, können in der Praxis Ihres Hausarztes die ersten Tests oder medizinischen Abklärungen durchgeführt werden. Vielleicht arbeitet Ihr Hausarzt auch mit einem Krankenhaus zusammen. Er kann Sie ebenfalls dabei unterstützen, eine Gedächtnisambulanz zu finden.

Selbsthilfegruppen

„Wir brauchen mehr Selbsthilfegruppen für Menschen mit Demenz“, lautet eine der Forderungen der Selbsthilfebewegung in Deutschland. „Im geschützten Rahmen solcher Gruppen kann man als Betroffener einmal ganz frei sprechen und mit Gleichbetroffenen an der Bewältigung seiner Situation arbeiten.“ Leider muss man solche Gruppen oft suchen und wird sie eher in Ballungsräumen als in ländlichen Gebieten finden. Lange wurde gar nicht richtig berücksichtigt, dass Demenzbetroffene in der Lage sein können, für sich selbst zu sprechen. Das Bewusstsein dafür wurde maßgeblich durch die Demenz Support Stuttgart gGmbH gefördert, die als eine der ersten Organisationen in Deutschland Betroffene einbezog (http://www.demenz-support.de) und als Experten in eigener Sache betrachtete. Ernst genommen zu werden und sich selbst ernst zu nehmen – das ist das Anliegen von Demenzselbsthilfegruppen.

Warum Sie sich nach einer Selbsthilfegruppe umsehen sollten

Wie der Name schon sagt: In einer Selbsthilfegruppe treffen sich Betroffene, lernen von- und miteinander. In einer Selbsthilfegruppe finden Sie die wirklichen Experten: die Betroffenen. Wir halten es für sehr wichtig, dass ein Mensch mit Demenz sich als aktive und kompetente Person erlebt, Teil der Gesellschaft bleibt und nicht nur als krank und hilfsbedürftig wahrgenommen wird. Angehörige, berufliche und ehrenamtliche Begleiter können von den Betroffenen sehr viel darüber lernen, was sie sich wünschen, was sie brauchen und was nicht.

Im sozialen Bereich ist der Begriff der „Teilhabe“ ein wesentlicher Denkansatz: Jeder Mensch, ob behindert oder nicht behindert, soll so gut wie möglich am normalen Leben teilhaben können. Das kann nur erreicht werden, wenn sich die Betroffenen als Experten in eigener Sache zu Wort melden und sich einbringen. In der Zukunft muss es selbstverständlich werden, dass Betroffene in wichtige Diskussionen und Entscheidungen einbezogen werden. Denn wer könnte besser etwas zu Fragen wie der Gestaltung von Unterstützungsleistungen oder der direkten Umwelt (Quartier, öffentlicher Nahverkehr u.v.m.) sagen als die Menschen, die das Leben mit einer Demenz aus eigenem Erleben kennen?

Demenzberatungsstellen

Eine wichtige Informationsquelle sind auch die Demenzberatungsstellen, die es inzwischen in den meisten Städten gibt. Oft sind sie der Stadt, dem Gesundheitsamt, der Diakonie oder der Caritas angegliedert. Sogar viele Verbraucherzentralen bieten solche Beratungsangebote.

Sie beraten Menschen mit Demenz und deren Angehörige, Freunde, gesetzliche Betreuer und Menschen, die im beruflichen Kontext demenzkranke Menschen begleiten. Die Demenzberatungsstelle berät fachlich qualifiziert und bietet in Einzelfällen auch Hausbesuche an. Sie informieren über die Erkrankung, über den Umgang mit demenziell erkrankten Menschen, zu Versorgungsangeboten für demenziell erkrankte Menschen, zu Entlastungsangeboten für Angehörige. Viele Beratungsstellen unterstützen auch bei der Vermittlung von stundenweisen Betreuungshilfen oder helfen bei Kontakten zu Institutionen, Behörden, Selbsthilfegruppen und Pflegediensten. Außerdem haben sich verschiedene Anbieter in vielen Gemeinden zu Demenznetzwerken zusammengeschlossen. Sie bieten Beratung zu Tages-, Nacht-, Wochenend- und Kurzzeitpflege und informieren über finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten, Hilfen bei der Vermittlung in geeignete Wohnangebote, Hilfen bei Beantragung von Pflegegeld und Schwerbehindertenausweis. Auch bei der Suche nach einer guten Pflegeeinrichtung oder der Beratung bei Hilfsmittelversorgung und behinderungsgerechtem Wohnungsumbau sind Sie hier meist an einer guten Adresse.

Therapie: Was kann helfen?

Medikamentöse Therapie

Gibt es die Pille gegen die Demenz?

In der Behandlung von Patienten mit Demenzerkrankungen können Medikamente eine wichtige Rolle spielen. Sie werden zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit und der Alltagsbewältigung, zur Milderung von Verhaltensstörungen, in manchen Fällen auch zur Verhinderung weiterer Schädigungen des Gehirns eingesetzt. Eine Behebung der Ursache ist nur in seltenen Fällen möglich. Zur Behandlung einer Demenz gehören selbstverständlich auch die geistige und körperliche Aktivierung der Patienten, die richtige Weise des Umgangs, die bedarfsgerechte Gestaltung der Wohnung und die Beratung der Angehörigen.

Jeder medikamentösen Therapie zur Behandlung von Demenz muss eine gründliche medizinische Untersuchung seitens eines Hausarztes/​Facharztes mit Abklärung der kognitiven Fähigkeiten und der Alltagskompetenz vorausgehen. Je nach Demenzform und Demenzstadium gibt es unterschiedliche Ursachen und Behandlungsformen. Bei der Alzheimerdemenz zum Beispiel sterben Neuronen ab. Dies führt zu einer verringerten Bildung von Acethylcholin, einem sogenannten „Botenstoff“, der im Gehirn für Gedächtnis- und Konzentrationsleistung benötigt wird. Ein sogenannter Acethylcholinesterasehemmer führt nun dazu, dass der Botenstoff Acethylcholin nicht mehr so schnell abgebaut werden kann und dadurch länger zur Verfügung steht.

Es gibt 3 Arten von Wirkstoffen: Donezepil, Rivastigmin und Galantamin. Ebenso kommt oft der NMDA-Antagonist Memantin zum Einsatz. Welches Medikament mit welchem Wirkstoff gegeben wird, muss individuell, abhängig von der Person und deren Erkrankungen, entschieden werden. Nicht jedes Medikament ist für jede Demenzform und jede Person gedacht. Antidementiva interagieren mit anderen Medikamenten und können bei verschiedenen Demenzformen das Gegenteil von dem bewirken, was beabsichtigt war, bzw. Nebenwirkungen hervorrufen.

Welche Wirkungen sind zu erwarten?

Grundsätzlich ist zu erwarten, dass sich die kognitiven Fähigkeiten stabilisieren und leicht verbessern. So kann sehr oft eine längere Selbstständigkeit erreicht werden. In der Literatur gibt es unterschiedliche Angaben zur Dauer der Wirksamkeit. Zu diesem Zeitpunkt ist zu sagen, dass es eine Stabilisierung und leichte Verbesserungen der Erkrankung von 1 - 3 Jahren geben kann, aber momentan noch keine Heilung. Es wird weitergeforscht, und immer wieder gibt es neue Erkenntnisse.

Zunächst sollte versucht werden, diese Symptome auf nicht-medikamentösem Weg zu beeinflussen. Veränderungen des Tagesrhythmus, Beschäftigung, körperliche Aktivität, Umstellungen im Verhalten der Bezugspersonen oder Anpassungen der äußeren Umgebung können hierbei hilfreich sein.

Milderung von Verhaltensstörungen

Zusätzlich zur Minderung der geistigen Leistungsfähigkeit und der Alltagsbewältigung können im Laufe einer Demenz oft auch sehr problematische Verhaltensweisen auftreten, die die Betroffenen stark belasten. Dazu zählen Depression, Unruhe, Aggressivität, wahnhafte Überzeugungen, Sinnestäuschungen und Schlafstörungen. Zunächst sollte versucht werden, diese Symptome auf nicht-medikamentösem Weg zu beeinflussen. Veränderungen des Tagesrhythmus, Beschäftigung, körperliche Aktivität, Umstellungen im Verhalten der Bezugspersonen oder Anpassungen der äußeren Umgebung können hierbei hilfreich sein. Dazu werden wir im Verlauf des Buches noch mehr erzählen.

Wenn Verhaltensstörungen sehr ausgeprägt und störend werden, akut auftreten und zu einer unvertretbaren Belastung oder sogar einer Gefährdung werden, wird der Einsatz von Medikamenten sinnvoll.

In der Behandlung von Unruhe, Aggressivität, wirklichkeitsfernen Überzeugungen, Sinnestäuschungen und Schlafstörungen sind Neuroleptika (Antipsychotika) wirksam. Diese Medikamente vermindern die Konzentration des Überträgerstoffs Dopamin im Gehirn und wirken dadurch beruhigend. Von diesen Wirkstoffen ist in Deutschland nur Risperidon für die Therapie alter und dementer Menschen zugelassen. Bei älteren Patienten mit Demenz ist der Einsatz von Neuroleptika mit einer erhöhten Sterblichkeit und mit einem vermehrten Schlaganfallrisiko verbunden. Auch ist hier die Erhöhung des Sturzrisikos zu beachten. Deswegen muss die Behandlung mit Neuroleptika in möglichst niedriger Dosierung über möglichst kurze Zeit sowie unter engmaschiger Kontrolle erfolgen.

Gegen depressive Verstimmungen bei Demenzkranken werden Antidepressiva verschrieben. Sie erhöhen die Konzentration der Überträgerstoffe Serotonin und/​oder Noradrenalin im Gehirn, die mit der Steuerung der Stimmung zusammenhängen. Schon länger in Gebrauch befindliche, aufgrund ihrer chemischen Struktur als „trizyklisch“ bezeichnete Antidepressiva (z. B. Amitryptilin, Clomipramin, Imipramin) sollten bei Demenzkranken nicht eingesetzt werden. Ebenso wirksam, aber besser verträglich sind Antidepressiva, die die Signalübertragung durch Serotonin beeinflussen (Citalopram, Fluoxetin, Paroxetin, Sertralin). Die häufigsten Nebenwirkungen dieser Medikamentengruppe sind Appetitlosigkeit, Übelkeit, Kopfschmerzen und Schlafstörungen.

Vorbeugung gegen weitere Schädigungen des Gehirns

Bei Demenzzuständen auf der Grundlage einer Minderdurchblutung des Gehirns (vaskuläre Demenz) muss versucht werden, durch eine Behandlung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Zuckerkrankheit, Fettstoffwechselstörungen, Herzrhythmusstörungen und Übergewicht weitere gefäßbedingte Schädigungen des Gehirns zu verhindern. Sehr alte Menschen sind neben Durchblutungsstörungen nicht selten zusätzlich von Alzheimer betroffen, sodass man von einer „Mischform“ der Demenz spricht. In diesen Fällen sollte die Therapie genauso erfolgen wie bei der Alzheimer-Krankheit.

Nicht-medikamentöse Behandlungskonzepte

Nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten haben das Ziel, bestehende Fähigkeiten zu erhalten und gegebenenfalls auszubauen. Sie sollen dabei helfen, Defizite auszugleichen und die Lebensqualität zu stärken.

Physiotherapie

Die Physiotherapie wird umgangssprachlich oft als Krankengymnastik bezeichnet. Ihr Ziel ist es, die Bewegungs- und Funktionsfähigkeit des Körpers wiederherzustellen bzw. zu verbessern oder zu erhalten. Durch bessere Beweglichkeit werden auch die kognitiven Fähigkeiten gefördert. Eine verbesserte Wahrnehmung des eigenen Körpers schafft mehr Sicherheit und Orientierung. Und das hat Auswirkungen auf die Fähigkeiten, den Alltag zu gestalten.

Die Physiotherapie bei Demenz orientiert sich an den körperlichen Symptomen der Erkrankten. Ein Ziel könnte zum Beispiel darin bestehen, durch ein Gehtraining die Gefahr zu stürzen zu reduzieren. Physiotherapie ist auch dann sinnvoll, wenn ein Mensch das Bett nicht mehr verlassen kann. So können zum Beispiel Schmerzen gemindert werden, Kontrakturen (oft sehr schmerzhafte Bewegungseinschränkungen der Gelenke) können vermindert oder sogar verhindert werden. Die Verordnung erfolgt durch den Haus- oder Facharzt. Überlegen Sie gemeinsam mit dem Arzt, ob ein Hausbesuch notwendig ist oder ob der Patient die Physiotherapiepraxis besuchen kann. Nach einer Befundaufnahme, in der z. B. Bewegungsausmaß, Muskelkraft, Gleichgewicht und Koordination betrachtet werden, wird gemeinsam mit dem Patienten besprochen, welche Übungen hilfreich sind, um die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten.

Es werden sehr unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten eingesetzt: Aktiv („ich bewege mich“), passiv („ich werde durch den Therapeuten bewegt“) oder physikalischer Natur (z. B. Wärmereize in Form von Fango oder Kältereize in Form von Eis).

Logopädie

In der Logopädie steht die Therapie der Sprache im Vordergrund. Im Verlauf einer Demenz kommt es unter anderem zu schweren Störungen des Sprechvermögens, des Sprachvermögens und der Sprachverarbeitung bis hin zum vollständigen Verlust der Sprache. Hier kann die Logopädie eine wertvolle Hilfe sein.

Mittels verschiedener Tests kann die Logopädin ein Bild über die Schwächen und Stärken der Sprachproduktion und des Sprachverständnisses erstellen. In der Logopädie können außer dem Üben einzelner Bestandteile der Sprache auch Hilfen und Hilfsmittel im Umgang mit Störungen der Sprache vermittelt werden. Angehörige bekommen individuelle Hilfen im Umgang mit Sprachproblemen. Das ist gerade in der Anfangsphase der Demenzerkrankung hilfreich.

Im späteren Verlauf der Erkrankung treten evtl. Schluckstörungen auf. Hier wird Unterstützung benötigt bei der Förderung des Schluckens, der Auswahl und Vorbereitung der Nahrung sowie der Gestaltung des Umfelds (z. B. die Sitzposition). Bei fortschreitender Demenzerkrankung mit Schluckstörungen gilt es, ein Verschlucken zu vermeiden, da dies bei reduzierten Reflexen wie Husten zu Lungenentzündung führen kann. Die Verordnung erfolgt durch den Haus- oder Facharzt. Überlegen Sie gemeinsam mit dem Arzt, ob ein Hausbesuch notwendig bzw. ein Besuch in der Logopädiepraxis möglich ist.

Ergotherapie

In der Ergotherapie steht die Selbstständigkeit im Alltag im Vordergrund. Es geht hier um die Alltagskompetenz auf verschiedenen Ebenen unseres Handelns: aufstehen, sitzen, kochen und essen, Haushaltstätigkeiten und vieles mehr.

In einem ersten Gespräch werden Einschränkungen und Fähigkeiten in einer Befundaufnahme erarbeitet und im Verlauf der Therapie der individuellen Situation immer wieder angepasst.

Dies umfasst folgende Bereiche:

 Die Bewegung und Planung zur Durchführung von Alltagstätigkeiten.

 Den Ausgleich von Bewegungsdefiziten. Hier wird auch dazu beraten und ausprobiert, welche Hilfsmittel nützlich sind.

 Wohnraum- und Umfeldgestaltung helfen, das Zuhause den Bedürfnissen anzupassen.

 Durch Förderung des Gedächtnisses/​der Hirnleistung und Strategien zum Ausgleich von Defiziten kann erreicht werden, dass beginnende Einschränkungen ausgeglichen werden.

 Wichtig sind die Förderung und Stärkung der Wahrnehmung. Denn je besser ich sehe, höre, fühle, meinen Körper und seine Fähigkeiten kenne, umso sicherer fühle ich mich. Und das stärkt den Mut und das Selbstbewusstsein, etwas auszuprobieren.

 Anknüpfend an Hobbys und alte Gewohnheiten, wird ausprobiert, was als sinnvolle Freizeitgestaltung helfen kann, weiterhin aktiv am Leben teilzunehmen.

 Auch die Beratung der Angehörigen ist ein wichtiger Bestandteil des ergotherapeutischen Angebots.

Die Verordnung erfolgt durch den Haus- oder Facharzt. Überlegen Sie gemeinsam mit dem Arzt, ob ein Hausbesuch notwendig bzw. ein Besuch in der Ergotherapiepraxis möglich ist.

Gedächtnistraining

„Ganzheitliches Gedächtnistraining steigert spielerisch und ohne Stress die Leistung des Gehirns und beteiligt Körper, Geist und Seele. […] Das Ganzheitliche Gedächtnistraining hat 12 Trainingsziele:

 Assoziatives Denken Verknüpfung neuer Informationen mit bereits gespeicherten

 Denkflexibilität Fähigkeit, auf wechselnde Situationen schnell zu reagieren

 Fantasie & Kreativität Vorstellungs- oder Einbildungskraft fördern, schöpferische Einfälle anregen

 Formulierung Einen Sachverhalt oder Gedanken in sprachlich richtiger Form ausdrücken

 Konzentration Die ungeteilte Aufmerksamkeit auf eine Sache lenken

 Logisches Denken Folgerichtiges, schlüssiges Denken aufgrund gegebener Aussagen

 Merkfähigkeit Die Fähigkeit, Wahrnehmungen kurzfristig und langfristig zu speichern

 Strukturieren Inhalte nach einem Bezugs- oder Regelsystem aufbauen und gliedern

 Urteilsfähigkeit Treffen einer Entscheidung nach Abwägen aller bekannten Faktoren

 Wahrnehmung Etwas bewusst mit einem oder mehreren Sinnen aufnehmen

 Wortfindung Abrufen von Wörtern aus dem Wortspeicher

 Zusammenhänge erkennen Neue Informationen in bestehende Wissensstrukturen integrieren und sinnvolle Zusammenhänge herstellen

Ganzheitliches Gedächtnistraining bezieht alle Sinne und natürlich beide Gehirnhälften mit ein. In der Gruppe fördert es die Sprachfähigkeit und die soziale Kompetenz. Nachweislich verbessert es die Durchblutung und den Stoffwechsel des Gehirns, was zu einer Steigerung der allgemeinen Lernfähigkeit führt. Die gleichzeitige Aktivierung des gesamten Organismus hebt das körperliche und geistige Wohlbefinden.“3

Je nach Fortschreiten der Erkrankung kann das Kurzzeitgedächtnis bereits so stark beeinträchtigt sein, dass Gedächtnistraining nicht mehr funktioniert. Das Fragen kann dann Druck bedeuten, und es erzeugt Frust, die Fragen nicht beantworten zu können. In diesem Fall wäre das Training eben keine Hilfe, sondern eine Quelle der Enttäuschung. Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Übungen den Betroffenen Spaß machen und dass sie Erfolgserlebnisse haben. Deshalb ist es unterstützender, wenn die Erinnerungen aktiviert werden, die im Langzeitgedächtnis abgelegt sind – außerdem stärkt das das Selbstwertgefühl des Betroffenen.

Kommunikation und Demenz

Ein kleiner Einblick in die Kommunikationstheorie

Bevor wir uns mit den Veränderungen im Kommunikationsverhalten demenziell erkrankter Menschen beschäftigen, erscheint es zunächst wichtig, dass wir uns mit den Grundlagen der Kommunikation vertraut machen. Hierzu dient der folgende Exkurs in die Kommunikationslehre.

Was bedeutet das Wort „Kommunikation“?

Das Verb „kommunizieren“ kommt vom lateinischen Verb communicare (gemeinschaftlich tun, mitteilen, allen gemeinsam sein) und wurde in der Physik bis ins 20. Jahrhundert vor allem für „in Verbindung stehen“ benutzt. In der Theologie bedeutete es „zur Kommunion gehen“. In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde es unter dem englischen Einfluss to communicate mit der Bedeutung „sich verständigen, Informationen austauschen“ belegt.

Welche Bedeutung hat Kommunikation für uns?

Abgesehen von dem Wunsch nach Anerkennung und Wertschätzung haben wir alle das Bedürfnis nach einem Gegenüber. Dieses Gegenüber finden wir in anderen Menschen, im geschriebenen und gesprochenen Wort, aber auch in Gott. Kommunikation heißt für uns zum Beispiel Austausch unserer Gedanken, Hilfe zu Entscheidungen, Bestätigung, Wissensvermittlung, Austausch von Sachverhalten und die Möglichkeit, Gefühle auszudrücken und mitzuteilen.

Kommunizieren wir nur mit Worten?

Wenn wir als Menschen miteinander ins Gespräch kommen, ist es nicht nur das gesprochene Wort, mit dem wir Informationen weitergeben. Von Watzlawick stammt die Aussage: „Wir können nicht nicht kommunizieren“, d. h., auch wenn wir nicht miteinander reden, kommunizieren wir allein durch unsere Anwesenheit und bewirken so etwas in uns und dem anderen Menschen.

Grundlegend ist zu sagen: In jeder Kommunikation gibt es einen Sender und einen Empfänger, die sich bewusst oder unbewusst eine Nachricht übermitteln.


Unabhängig vom gesprochenen Wort, treten wir miteinander in Kontakt, und es entsteht eine Begegnung. Was diese Begegnung alles beinhalten kann, wird in dem Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun beschrieben.

Nach Schulz von Thun enthält jede Nachricht verschiedene Inhalte, die wir mit unterschiedlichen Schwerpunkten mitteilen bzw. empfangen. Schulz von Thun nennt dies das „4-Ohren-Modell“. Jede Nachricht enthält zunächst einen Sachinhalt. Dabei geht es um den sachlichen Informationsgehalt einer Nachricht. Gleichzeitig sagt der Sender aber auch etwas über sich selbst als Person, im Sinne einer Selbstoffenbarung, aus; es kann zudem ein Appell übermittelt oder etwas über die Beziehung, in der Sender und Empfänger zueinander stehen, gesagt werden. Lassen Sie uns dies beispielhaft anhand der unten stehenden Nachricht betrachten.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Er (der Sender) und sie (die Empfängerin) treffen sich im Flur.

Er: „Mein Schlüssel ist weg!“

Der Sachinhalt ist klar: Der Schlüssel ist weg.

In der Selbstoffenbarung teilt der Sender vielleicht mit: „Ich kann mich nicht erinnern, wo ich den Schlüssel gelassen habe.“

Im Appell könnte die Aufforderung liegen: „Suche bitte mit mir zusammen meinen Schlüssel.“

Auf der Beziehungsebene kann Vertrauen ausgedrückt werden: „Du magst mich und wirst mir helfen.“ Überlegen Sie doch einmal, was Sie als Empfänger der Nachricht „Mein Schlüssel ist weg“, ausgesprochen von einer bestimmten Person (Sender), hören und verstehen würden.

Sie sehen, dass Kommunikation sehr viel mehr ist als Informationsaustausch. Es geht auch um unsere Beziehungen zueinander, um unser eigenes momentanes Befinden, das sich darin mitteilt, um unsere eigenen Prägungen und die des Gegenübers. Je nachdem, welcher Aspekt gerade im Vordergrund steht, konzentrieren wir uns auf den Sachinhalt einer Nachricht, oder wir verstehen eine Botschaft mehr als Aufforderung zum Handeln, als Ausdruck, welcher Art die Beziehung ist, oder als eine Aussage der sprechenden Person über sich selbst.

Dies alles geschieht nicht nur verbal, sondern auch paraverbal und nonverbal.

Verbale Kommunikationsebene

Verbal bezeichnet alles, was mit dem Wortschatz und der daraus resultierenden Wortwahl, mit der Grammatik und dem individuellen Sprachstil zu tun hat. Der Wortschatz ist nicht nur abhängig von unserer Bildung, sondern auch von Interessen und Umfeld. Die Grammatik einer Sprache ist weitgehend festgelegt, ihre Verwendung ist jedoch oft durch einen Dialekt oder andere Einflüsse abweichend. Ein individueller Sprachstil beinhaltet den Dialekt, die Wortwahl bezogen auf eine Gruppe, aber auch Teile der im Weiteren erklärten „paraverbalen“ Anteile von Kommunikation.

Paraverbale Kommunikationsebene

„Paraverbal“ bezeichnet nicht die reinen Worte, sondern die Art, wie Sprache vermittelt wird, und zwar über Artikulation, Intonation, Stimmhöhe, Sprechtempo.

Unter Artikulation verstehen wir die Aussprache, die deutlich, undeutlich oder auch dialektspezifisch sein kann.

Unter Intonation ist die Sprachmelodie zu verstehen, die uns zum Beispiel hilft, eine Frage oder Aussage, eine Zustimmung oder Verneinung zu definieren. Sie kann aber auch Gefühle ausdrücken oder dialektspezifische Unterschiede zeigen.

Mit Stimmhöhe ist die natürliche Höhe der eigenen Stimme, aber auch die höhenmäßige Veränderung der Stimme nach oben oder unten, etwa bei unterschiedlichen Gefühlslagen, gemeint.

Sprachebene bedeutet die allgemeine Verständlichkeit der Sprache, die beispielsweise durch die Verwendung von Fremdwörtern, regionale und persönliche sprachliche Besonderheiten bestimmt wird.

Das Sprechtempo ist ein individuelles Merkmal unserer persönlichen Sprache, das je nach Persönlichkeit, Dringlichkeit der Nachricht oder der Gefühle während des Sprechens unterschiedlich ist.

Nonverbale Kommunikationsebene

Als „nonverbal“ bezeichnet man alles, was Mimik, Gestik, Blickkontakt, Körperhaltung und Berührung betrifft. Im weiteren Sinn gehört dazu auch der persönliche Stil in Bezug auf Kleidung und andere Äußerlichkeiten.

Die Mimik bezieht sich im Wesentlichen auf unseren Gesichtsausdruck und begleitet, bewusst oder unbewusst, unsere Kommunikation.

Die Gestik umfasst die Bewegungen von Händen, Armen und Kopf bis hin zur kompletten Körpermitbewegung. Sie ist sehr unterschiedlich, je nach Herkunft oder Temperament des Menschen. Gestik und Mimik unterstreichen und verstärken unsere gesprochenen Worte und helfen zum besseren Verständnis.

Der Blickkontakt ist wesentlich für unsere Kommunikation: Er zeigt, dass man sein Gegenüber wahrnimmt und sich um Verständnis bemüht. Bleibt der Blickkontakt jedoch zu lange oder gar starr auf den anderen gerichtet, kann das als provozierend oder bedrohlich aufgefasst werden.

Mit unserer Körperhaltung drücken wir zum Beispiel Offenheit oder Ablehnung, aufmerksames Zuhören oder geringes Interesse aus, was unsere Kommunikation wesentlich beeinflusst. Dazu gehören auch die unterschiedlichen Positionen, die wir im Gespräch einnehmen, wie: sich seitlich oder frontal gegenübersitzen bzw. -stehen, ein bewusstes oder unbewusstes Spiegeln (Nachahmen) der Körperhaltung des Gegenübers usw.

Bei Berührung ist zu unterscheiden, ob diese Berührung im öffentlichen, halböffentlichen oder im intimen Bereich einer Person stattfindet. Der persönliche, intime Bereich liegt etwa in einem Abstand von 60 cm, also ungefähr auf Armeslänge, zu unserem Gegenüber. Wird dieser Abstand von einem uns nicht sehr Vertrauten oder Fremden nicht eingehalten, fangen wir an, uns unwohl zu fühlen.

Unter Kleidung wird eine Uniform, Dienstkleidung, eine der Situation, dem Wetter und dem gesellschaftlichen Rang angepasste Kleidung verstanden. Wann ist z. B. ein Top mit Spaghettiträgern angemessen, und wann wird es als unpassend interpretiert?

Zusammenfassend ist zu sagen: „Während der verbale Anteil einer Botschaft auch gelesen werden kann, kann der nonverbale Anteil als Körpersprache usw. hauptsächlich gesehen werden, während der paraverbale Anteil gehört wird.“ 4

Veränderungen in der Kommunikation von Demenzkranken

In erster Linie ist hier die Wortfindungsstörung zu nennen, die meist zuerst den Betroffenen und anschließend den Menschen aus dem Umfeld auffällt. Uns allen ist das Problem schon begegnet. Es fällt einem der Name eines Menschen, eines Ortes usw. nicht ein. Es liegt sozusagen auf der Zunge, aber man kommt nicht drauf. Wer kennt das nicht? Wortfindungsstörungen sind deshalb kein sicheres Anzeichen für eine Demenz. Sie können auch ganz andere Ursachen haben, wie z. B. Stress. Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, dass Ehepartner, die nur mit ihrem erkrankten Partner kommunizieren und sonst kaum Austausch haben, ebenfalls Wortfindungsprobleme bekommen. Und dies nicht aus Erkrankungsgründen, sondern weil sie selbst zu wenig zusammenhängende, lange und sie interessierende Gespräche führen. Es gibt kein festes Schema, nach dem die Defizite zu registrieren und zu messen und der Verlauf vorhersagbar wäre. Vorrangig sind bei Wortfindungsstörungen Hauptwörter (Substantive), Eigenschaftswörter (Adjektive) und Tätigkeitswörter (Verben) betroffen. Häufig gebrauchte Worte, wie zum Beispiel die Anrede „Liebling“, oder feststehende Begriffe, Redewendungen, Sprichwörter und Liedtexte bleiben lange bestehen. Ereignisse mit hohen emotionalen Anteilen können länger formuliert werden als theoretische Konzepte und Diskussionen mit geringem persönlichen Bezug.

Im späteren Verlauf kann Sprache sich auf einzelne Worte reduzieren, die als Satz nicht mehr ergänzt werden können. Und im letzten Stadium reduziert sich die Kommunikation oft auf einzelne Laute.

Die Wortfindung kann so eingeschränkt sein, dass der Inhalt zwar klar wird, aber nicht mehr direkt benannt werden kann. Hier bleiben dem Erkrankten sogenannte semantische Felder. D.h., das Wort bleibt im inhaltlichen Konzept erhalten. Im weiteren Verlauf kann es zu Umschreibungen kommen, die ebenfalls von Wortfindungsproblemen beeinträchtigt sind. Wörter wie Gabel und Löffel, heiß und kalt und essen und trinken werden miteinander verwechselt.

Lassen Sie uns gemeinsam einen kleinen Ausflug in unser Gehirn machen. Stellen wir uns das Gehirn wie eine Menge von Schränken mit Schubläden vor, in denen alles geordnet ist. Alles liegt an seinem Platz, bereit dazu, hervorgeholt und benutzt zu werden.

Nehmen wir als Beispiel das Wort Katze. Das Wissen um Katzen im Allgemeinen und im Besonderen, um die eigene Katze, die entsprechenden Bilder von Katzen sowie alle Begriffe und Bilder zu dem Begriff sind an verschiedenen Orten, in Schränken und Schubladen unseres Gehirns, abgelegt. In nächster Nachbarschaft liegen die entsprechenden Begriffe für Hund usw.

Eine Unmenge Daten sind in unserem Gedächtnis hinterlegt und miteinander verknüpft. Und doch sind diese individuell geprägt. So ist in unserem Gehirn der Begriff Katze weitaus gefächerter gespeichert als der Begriff Chamäleon. Bei einem Ureinwohner Südamerikas wird sich das anders verhalten. Der Begriff Katze ist auf unserer Datenautobahn häufiger angesprochen worden als das Chamäleon und somit auch besser abrufbar.

Nun kann es vorkommen, dass anstelle des gedachten Begriffes in die falsche, danebenliegende Schublade gegriffen und dafür ein Wort der gleichen Kategorie benutzt wird.

Einige Beispiele von Wortfindungsstörungen aus der Praxis:

Beispiel 1

(P = Patient, TH = Therapeutin)

P: Die sind immer so komisch!

TH: Wen meinen Sie mit „die“?

P: Die im Haus!

Gemeint waren hier die Angehörigen im häuslichen Umfeld.

Beispiel 2

P: Bitte das Papier.

Gemeint war hier die Serviette in der Frühstücksrunde.

Beispiel 3

P: Du, du, du … Du bist, du bist … du bist so

(streicht dem Praktikanten über die Wange und strahlt ihn an)

TH: Nett?

P: Ja!

Erschwerend kommen zu den Wortfindungsstörungen die beginnenden Einschränkungen im Kurzzeitgedächtnis hinzu. Dies kann dazu führen, dass Erzählungen abgebrochen und nicht zu Ende gebracht werden, weil der Betroffene den Anfang nicht mehr erinnert. Längere Sätze und Erklärungen können nicht verstanden werden, weil der Anfang des Satzes vergessen wurde. Hier handelt es sich nicht um Verstehensprobleme, sondern womöglich um zu lange Sätze. Wichtig: Menschen mit Demenz können bis in ein weit fortgeschrittenes Stadium die nonverbalen Anteile der Kommunikation verstehen.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
236 str. 11 ilustracji
ISBN:
9783865066985
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