Czytaj książkę: «Schattenkriege»
Schattenkriege
Band 2: Antagonista
Deutsche Erstausgabe
Mai 2021
Copyright: © 2021 H.L. Thomas
E-Mail: h.l.thomas-autor@web.de
Herausgeber: Helga Luttmann, Spillheide 77, 45239 Essen
Lektorat & Buchsatz: Petra Weymar, www.lektorat-ps.com
Covererstellung: Henry Damaschke, www.sheep-black.com
Bildquellen: „Fotografin“ Jessica Durrant by Die Illustratoren;
Umschlagfotos H.L. Thomas
Verlag & Druck: epubli – ein Unternehmen der Neopubli GmbH, Berlin
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, einschließlich der Rechte der vollständigen oder teilweisen Kopie in jeglicher Form, sind vorbehalten. Eine Verwertung ist ohne vorherige, ausdrückliche Zustimmung der Autorin unzulässig.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden, jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.
Inhalt
Prolog
Washington D.C.
Chile
Der rote Hof
Hinterfrage alles
Redaktionsschluss
Mara
Chile – 1974
Klapsmühle
Dragonstail
Samurai – 1975
Danelleton
Mexiko
Danke
Vorschau auf Band 3: „Shine“
»Schattenkriege« Thriller/Modern-Fantasy-Reihe
Prolog
Tank 1972
Trevor Jones, genannt Tank, genoss den Wind im Gesicht, das Vibrieren des Motors unter dem Sattel und die endlos lange Straße vor ihm. Die Route führte die Küstenstraße entlang, mein Gott, war dieses Land schön. Canyon-Land – so nannte man Arizona, und der Name passte. Ein Gefühl endloser Weite und unbändiger Freiheit überkam ihn. Er hörte förmlich die hämmernden Beats von Steppenwolfs ‚Born tob e wild‘ in seinem Kopf. Easy Rider. Ja, es fühlte sich gut an. Für einen Moment vergaß er seine trüben Gedanken. Die schreckliche Zeit in Vietnam, die Trennung von Jane, die seltsamen Ereignisse, die er seit seiner Rückkehr mit ihr erlebt hatte.
Es war knapp sechs Wochen her, seit Jane zurück in den Flieger nach Washington D.C. gestiegen war. Eigentlich wollte er nach Nebraska gehen, aber nach den seltsamen Umständen, unter denen sie die sterblichen Überreste von Janes Familie fanden, überlegte er es sich anders. Er erstand für knapp 1.000 $ eine gebrauchte 1966 Harley Davidson Electra Glide und fuhr in Richtung Süden.
Jane war in ihr rastloses Reporterleben zurückgekehrt. Es wäre sicherlich besser, sie zu vergessen, aber das gelang ihm nicht. Sie war die einzige Frau, die er wollte, die er immer lieben würde. Versuchte er deshalb herauszufinden, welches Geheimnis ihre Vergangenheit barg? Vielleicht war das eine Ausrede. Er brauchte die Jagd, das Aufspüren von Dingen. Die Suche gab seinem Leben eine Struktur, vermutlich war das der Bulle, der weiterhin tief in seinem Inneren steckte, auch wenn das Kapitel Militärpolizei ein für alle Mal vorbei war. Wo sollte er anfangen?
War der Tod von Janes Eltern wirklich ein Unfall? Jane selbst war in einer Art Zeugenschutzprogramm aufgewachsen. Sie hatte praktisch keine Erinnerung mehr an die Zeit davor. Es gab keine Familienfotos. Jetzt war auch ihre Pflegefamilie tot. Man konnte es durchaus Mord nennen, auch wenn irgendeine Bundesbehörde darin verwickelt war. Tank hatte seine eigenen Erfahrungen mit Vertretern von Bundesbehörden gemacht. Ihn überraschte nichts mehr.
Jane hatte von einem Biker namens Luke Cavenaugh erzählt, den sie aus der Highschool-Zeit kannte, vielleicht war das ein Anfang. Aber wie sollte er den Mann ausfindig machen? Er hatte schnell verstanden, dass Freizeit-Motorradfahrer und Biker zwei vollkommen verschiedene Sorten Mensch waren. Janes Jugendfreund gehörte zur zweiten Sorte. Die Marauders waren ein Outlaw-Club, wie man es nannte. Diese Leute saßen nicht in Truckstops, besaßen keinen festen Standort. Sie waren harte Jungs, die ihren eigenen Weg gingen. Sie sprachen mit ihm, weil er nach einigen Wochen auf der Straße optisch kaum von ihnen zu unterscheiden war. Die Klamotten waren staubig, das Haar länger, Bartschatten, sonnenverbrannte Haut. Gegen die sengende Sonne knotete er ein Bandana um den Kopf. Die Hände zierten deutliche Ölspuren, weil er alle zweihundert Meilen die alte Harley-Glide instandsetzen musste. Die offenen Luftfilter fraßen einfach zu viel Dreck. Mit diesem Aussehen war es eher schwierig, ein Motel zum Übernachten zu finden, von einem richtigen Hotel ganz zu schweigen. Seltsam, wie schnell man außerhalb der Gesellschaft stand. In einem schmierigen Truckstop hatte ein dickwanstiger Fahrer gemeint, ihn wegen seiner Haare als Hippie anmachen zu müssen. Tank wollte keinen Ärger machen, aber dieser Typ hörte einfach nicht auf zu nerven. Als der Mistkerl ihn anfasste, reichte es. Mit der blitzschnellen Reaktion, die er als Militärpolizist gelernt hatte, packte er den Mann beim Nacken und schlug sein Gesicht auf die Tischplatte. Die Nase knackte vernehmlich, als sie brach. Tank hatte das Geld für seinen Kaffee daneben geworfen und war gegangen. Er bemerkte, wie er langsam die Haltung der Outlaws verstehen konnte. Wenn die Gesellschaft ihn nicht akzeptierte, wieso sollte er dann die Gesellschaft akzeptieren?
Er war mit einigen Bikern gefahren. Manchmal bekam er ein Angebot, sich ihnen anzuschließen, aber er merkte schnell, dass es nicht seine Welt war. Es gab strenge Hierarchien und das war genau das, wovon er die Nase voll hatte. Er war es satt, sich sagen zu lassen, was er zu tun und zu lassen hatte.
Alle seine Versuche, von diesen Männern etwas über die Marauders oder den Brotherhood MC herauszubekommen, waren gescheitert.
„Da war irgendeine Scheiße unten in Mexiko“, war das Einzige, das er hörte, gepaart mit misstrauischen Blicken. Die Ausbeute war unbefriedigend. Er überlegte, über wen er noch an Informationen kommen könnte. Ein Kamerad aus seiner Ausbildungszeit fiel ihm ein: Ramon Guiterez, Spitzname El Gato. Er war schon vor mehreren Jahren nach Hause gekommen und schrieb mal davon, dass er sich einem Motorradclub angeschlossen hatte, den Los Diablos, unten in Arizona. Tank hatte beschlossen, noch einen Versuch zu machen, und jetzt war er nah dran.
Tank schüttelte sich, das Wasser war eiskalt. Immerhin erfrischte es ihn und vertrieb die letzten Reste der Müdigkeit. Wenn alles gut ging, konnte er in drei Stunden in einem Nest namens Palo Grande sein, dort würde er die Los Diablos finden. Er zurrte seinen Schlafsack fest und stieg auf die Maschine.
***
Verflucht, was für ein mieser Schuppen. Tank wischte sich den Staub von der Sonnenbrille und betrachtete das heruntergekommene Gebäude. Es war ein schmuckloser Bau, der vermutlich nicht einmal gut ausgesehen hatte, als er neu war. Jetzt blätterte die Farbe ab, die Leuchtreklame flackerte ungesund und die blinden Scheiben waren in den letzten dreißig Jahren vermutlich nicht mehr geputzt worden. Er erkannte Ramon sofort. Damals war er schon ziemlich pummelig gewesen und hatte echte Probleme, beim Training die Kletterwände zu bewältigen, aber jetzt konnte man ihn nur noch als fett bezeichnen. Die Tatsache, dass er über seinem Wanst nur eine Weste mit dem Clubemblem trug, verbesserte die Sache nicht. Fünf weitere Männer hingen herum und schauten misstrauisch zu ihm herüber. Vertrauenerweckend sahen sie alle nicht aus. Ramon stand auf und kam näher.
„Oh Madre Dios! Tank, bist du das wirklich?“ Ein Strahlen ging über sein Gesicht, als er Tank umarmte. „Alles klar, Companeros, der Mann ist in Ordnung. Wir kennen uns aus Parish Island.“
Tank registrierte sehr wohl, dass die eine oder andere Waffe wieder zurückgesteckt wurde und die Männer sich kaum merklich entspannten.
„Du hast mich doch eingeladen, da bin ich.“
Tank nahm die Sonnenbrille ab und stakste näher. Die lange Fahrt saß ihm gehörig in den Knochen. Er hatte wenig Hoffnung, bei diesem trübseligen Haufen die Informationen zu bekommen, die er haben wollte, aber einen Versuch war es wert.
Ein paar Tage später bereute es Tank beinahe, dass er hergekommen war. Was hatte er erwartet? Dass das Leben solcher Männer nichts mit der vielbeschworenen Biker-Romantik zu tun hatte, war ihm schnell klar geworden. Der Anführer der Diablos, genannt „El Grande“, war ein Mann Mitte dreißig. Er allein gab die Richtung vor, andere Meinungen waren nicht gefragt. Vielleicht hatten die Männer auch keine, so genau war das nicht festzustellen. Tank mochte El Grande nicht besonders. Er hatte was von einer Ratte oder vielleicht auch einer Schlange, er mochte sich nicht festlegen. Die Truppe hielt sich ein paar Mädchen, die in dem schmierigen Stripclub für sie arbeiteten, wobei die Dienstleistung beim Strip nicht endete. Die Mädchen waren total fertig. Die meisten betäubten ihr elendes Dasein mit Drogen. Der Umgang mit diesen Frauen stieß ihn zutiefst ab. Als er mitbekam, wie einer der Männer eine junge Anhalterin mitbrachte und auf welche Weise diese dann dazu gebracht wurde, für die Diablos zu arbeiten, war der kalte Hass in ihm hochgestiegen. Er verstand auf einmal die Reaktion der „normalen“ Bürger auf solche Typen. Verflucht, was hatte jemand wie Jane bei solchen Leuten gemacht? Hatte ihr so etwas gefallen? Er konnte es sich nicht vorstellen.
Als er drauf und dran war, seine Satteltasche zu packen, kam Ramon zu ihm.
„Wir fahren morgen zum Applecreek-Treffen. Wär’ schön, wenn du mitkommst. Das ist eine Riesen-Party. Alle Clubs aus Arizona, New Mexico und Texas werden da sein. El Grande hat noch ein Bonbon für dich: Wenn du beim ‚Dusty 100‘ mitfährst und unter die ersten zehn kommst, darfst du bei uns mitmachen, natürlich erst mal als Prospekt.“
Wow! Das waren ja tolle Aussichten, sich den ganzen Tag von dieser Rattenschlange rumscheuchen zu lassen und artig das zu machen, was ihm befohlen wurde. Tank bekam beinahe Zahnschmerzen bei dem Gedanken. Andererseits bot dieses Treffen vielleicht doch noch die Möglichkeit, endlich was über die Marauders und ihren mysteriösen Anführer herauszubekommen. Wenn er mit den Diabolos dorthin kam, war das auf jeden Fall besser, als allein aufzutauchen.
Er nickte Ramon zu. „Okay.“
Unterwegs beobachtete Tank, dass El Grande ihn die ganze Zeit im Auge behielt. Am zweiten Abend sprach er ihn an.
„Ey Mann, du sagst kaum ein Wort, interessierst dich nicht für unsere Geschäfte, packst nicht mal eine von unseren Nutten an. Du willst kein Mitglied bei uns werden, oder?“ Tank schaute ihn einfach nur an, ohne ein Wort zu erwidern. „Gringo, ich bin nicht blöd. Du suchst was!“
Tank nickte knapp. „Wenn ich’s finde, steh mir einfach nicht im Weg, dann sind wir beste Freunde.“
Etwas in Tanks Blick veranlasste El Grande, nicht weiter nachzubohren.
„Aber du fährst für uns?“
Tank war klar, dass diese Frage nur der Tatsache geschuldet war, dass er das PS-stärkste Motorrad besaß. Die anderen Bikes waren in einem teilweise erbärmlichen Zustand. Er nickte El Grande wortlos zu.
Wer dem Applecreek seinen Namen gegeben hatte, musste Sinn für Humor gehabt haben. Roter Staub lag über dem ehemaligen Tagebau, der sich tief in die Landschaft gefressen hatte. Selbst, wenn ein Strauch es gewagt hätte, in dieser Mondlandschaft zu wachsen, wäre es wohl kaum mehr als dürres Dornengestrüpp.
Tank stellte fest, dass es eine Menge Outlaws gab. Man kannte sich untereinander. Allerdings konnte nur mit einer herzlichen Begrüßung rechnen, wer dazugehörte. Tank tat das nicht. Bestenfalls wurde er der Kategorie einsamer Wolf zugerechnet, solchen Leuten vertrauten die Biker nicht. Entsprechend misstrauisch fielen die Antworten auf seine Fragen aus: „Brotherhood?“ – „Marauders?“ – „Alle draufgegangen.“ – „Nie gehört.“ – „Gibt’s nicht mehr.“ Tank war enttäuscht. Er war sicher, dass es hier Leute gab, die mehr wussten. Für das Dusty 100-Rennen gab es ein Bike zu gewinnen. Tank entging nicht, dass auf dem Tankdeckel der Schriftzug „Brotherhood“ nur halbherzig überarbeitet worden war.
Er fluchte leise, bevor er wieder zu seiner Harley zurückkehrte. Er musste vor dem Rennen noch die Maschine vorbereiten: Kerzen erneuern, Vergaser überholen, kurze Auspuffrohre anschrauben, Schutzbleche und Lampen runternehmen, Luft aus dem Hinterreifen ablassen, das war bei diesem Boden besser. Immerhin lenkte es ihn von seinem Frust ab.
Der Kurs war beeindruckend: steile Auf- und Abfahrten, Kurven, Hochgeschwindigkeitsstrecke, alles, was man brauchte. Tank musste aufgrund des PS-starken Bikes ziemlich weit hinten starten. Das bedeutete Dreck fressen! Der Lärm war ohrenbetäubend. Neben ihm nahm ein Fahrer Aufstellung, dessen schwarzes Bandana nur wenig von seinem Gesicht erkennen ließ.
„Wenn du mit einem von der Brotherhood sprechen willst: Heavy in Tusker, Alabama!“ Er zog den Gashahn und die Maschine schoss förmlich vorwärts.
Tank schaute überrascht hoch. Scheiße, er hatte den Start verpasst!
Das Rennen war die Hölle. Tanks Glide bockte wie ein wütender Esel über die Strecke. Er fühlte sich einen Moment lang an ein Rodeo erinnert. Schön wär’s, dann hätte er es wenigstens nach zwei Minuten hinter sich. Nach einigen Runden kannte er die richtig fiesen Stellen, die Schlaglöcher, die Matschgruben. Er schonte die Maschine zwischendurch, so gut es möglich war. Bei einem Stopp zwischendurch reichte Ramon ihm eine Flasche Whiskey. Tank schüttelte den Kopf und rief:
„Wasser!“
Das kühle Nass spülte den Staub aus seiner Kehle, aber die Erleichterung war nur vorübergehend. Es wurde langsam dunkel und kühl, aber er bemerkte es nicht. Seine Haut war von einer dicken Schutzschicht aus Schweiß und Staub überzogen, sein Hintern war taub und der Rücken schmerzte mörderisch, obwohl er die meiste Zeit stand, um den harten Schlägen auszuweichen. Direkt auf gleicher Höhe fuhr eine Triumph mit Hinterradfedern. Tank biss grimmig die Zähne zusammen. In den Kurven war sie nicht zu packen, er musste auf die nächste Gerade warten. Nach zwei weiteren Runden streikte die Glide. Kerzen, Vergaser, Tanks Bewegungen waren beinahe mechanisch, während seine Augen versuchten, den Mann auszumachen, der ihm den Tipp mit der Brotherhood gegeben hatte. Er fand ihn nicht. Die Glide erwachte wieder zum Leben. Im Schein der Feuer sah die Strecke beinahe surreal aus. Die Zuschauer grölten und feuerten ihre Leute an. Whiskyflaschen, Joints und kleine Tütchen kreisten. Tank war sich mittlerweile nicht mehr sicher, ob der Typ ihn wirklich angesprochen hatte oder ob er das alles nur geträumt hatte. Die Maschine brach aus, das nächste Schlagloch, vor ihm stürzte jemand. Ausweichen! Er war der Glide beinahe dankbar, als er fünf Runden später ein hässliches, mahlendes Geräusch hörte, erst der vierte Gang versagte, dann der dritte. Sie röchelte auf, bevor sie endgültig ausging. Er roch heißes Metall und verbranntes Öl. Die Harley lag auf der Seite wie ein sterbendes Pferd.
Wasser. Ein Mädchen hielt ihm eine gefüllte Feldflasche hin. Das Wasser war ziemlich abgestanden, aber im Moment schmeckte es köstlich. Heavy in Tusker, Alabama. Großartig. Hoffentlich war der Ort wenigstens so groß, dass er auf einer Straßenkarte verzeichnet war.
Er ging zu den Diablos zurück, um seine Satteltasche zu holen.
„Fährt einer von euch Jungs nach Alabama?“ Er blickte in irritierte Mienen. Die Hälfte war betrunken, die anderen wussten wahrscheinlich nicht mal, wo Alabama überhaupt lag.
Ohne ein weiteres Wort warf er die Satteltasche über die Schulter und verließ das Tal zu Fuß. Er war eine ganze Weile gelaufen, als ein Pick-up mit einer Truppe mexikanischer Wanderarbeiter neben ihm hielt. Er stieg hinten auf und schlief beinahe sofort ein.
Bei der nächsten Kleinstadt ließ er sich an einem Motel absetzen. Die Frau an der Rezeption schaute ihn entsetzt von oben bis unten an. Immerhin ließ sie sich für 50 $ überzeugen, ihm ein Zimmer zu geben und besorgte ihm auch noch eine Flasche Whisky.
Duschen! Tank schloss die Augen und genoss es, wie das heiße Wasser über seine Haut floss. In der Duschtasse sammelte sich eine rotbraune Brühe, als der Staub abgespült wurde. Aber es war nicht nur der Staub, der von ihm abfloss, der Ekel, die Verachtung, die er für die meisten dieser Leute hegte, floss gleichsam mit hinweg. Es fühlte sich einfach gut an.
Er zündete sich eine Zigarette an, nahm die Flasche Whiskey und legte sich aufs Bett. Am Ortseingang hatte er im Vorbeifahren einen Gebrauchtwagenhändler gesehen. Der schwarze 67er Ford Torino Fastback war ihm direkt ins Auge gefallen. Tank wusste, was er am nächsten Morgen machen würde.
***
Der schwarze Torino gullerte langsam die Straße entlang. Heavy’s Garage, Tusker, Alabama. Tank trat auf die Bremse.
Er stieg aus und zündete sich eine Zigarette an. Die Werkstatt machte einen guten Eindruck. Es gab kein Gerümpel, keine Öllachen, keine rostzerfressenen Wracks im Hinterhof. Ein alter 51er GMC mit Werkstattlogo parkte an der Seite. Der Wagen war alt, aber gepflegt, vermutlich würde er noch mindestens zwanzig Jahre halten. Ein kräftiger Mann Mitte dreißig kam auf ihn zu. Sein Blick ging zwischen Tank und dem Torino hin und her.
„Was kann ich für Sie tun, Sir?“ Tank überlegte einen Moment, ob er so tun sollte, als sei er wegen einer Reparatur hier. Nein, das war einfach nicht seine Art.
„Ich suche jemanden. Einen Mann namens Luke Cavenaugh, Spitzname Cave.“
Heavys Miene verdüsterte sich.
„Wer will das wissen?“
„Mein Name ist Trevor Jones. Ich bin ein Freund von Jane Mulwray.“ Tank warf die Zigarettenkippe zu Boden und trat sie aus. „Ist ’ne längere Geschichte. Sie steckt in Schwierigkeiten und ich will herausfinden, warum. Ich suche diesen Mann, weil er vermutlich der Einzige ist, der sie seit ihrer Kindheit kennt.“
Heavy beäugte ihn misstrauisch, der Kerl hatte etwas von einem Bullen an sich. Andererseits, wer immer ihn hergeschickt hatte, war davon ausgegangen, dass der Mann sauber war.
„Nimm mal die Sonnenbrille ab!“ Heavy erinnerte sich an ein Foto, das er mal in Janes Brieftasche gesehen hatte. Ja, das könnte der Mann von dem Foto sein. „Was hat sie angestellt?“
Tank sah ihn irritiert an.
„Sie? Nichts.“
„Kommen Sie rein, Mann! Kaffee?“ Er hielt die Tür auf.
Tank trank langsam seinen Kaffee, während er erzählte, was in Seattle passiert war. Heavy hörte mit unbewegter Miene zu. Jane und das FBI. Scheiße, die Sache in Mexico war Monate her. Er hatte sich bemüht, das alles zu vergessen. Tara und er arbeiteten hart, um sich den Traum mit der Werkstatt zu erfüllen. Es ging ihnen gut. Warum in alten Geschichten wühlen? Er sollte den Kerl rausschmeißen. Verdammte Scheiße! Heavy rang mit sich, während die Dinge, die er so lange in seinem Innersten verschlossen hatte, wieder hochkamen.
Er hatte mit Boyd den Brotherhood MC gegründet, nachdem sie aus Vietnam zurückgekehrt waren. Es war sein Leben gewesen. Der Traum von Freiheit. Er fluchte innerlich wieder. Der Traum hatte nicht lange gehalten. Boyd war ein Irrer, das war er schon immer gewesen, aber drüben in Nam hatte es ihm imponiert. Hier war das nicht so. Hier hatte sich Boyd mit den McManner-Brüdern zusammengetan. Sie experimentierten mit Drogen und das trieb Boyd immer weiter in seinen Wahn. Er duldete keinen mehr neben sich, er hielt sich für eine Art Guru, Gott oder was auch immer. Er tat, was ihm passte und alle anderen mussten es ausbaden. Er brachte seine Mädchen auf Drogen, er verriet seine Freunde.
Heavy hatte die Augen vor all dem verschlossen. Für ihn gab es nur den Club, wo sollte er hin? Er sah nicht hin, mit wem Boyd Geschäfte machte. Er hörte nicht hin, als Ben von dem Deal mit dem FBI erzählte. Es ging darum, ein Mädchen fertigzumachen, richtig fertig. Im Gegenzug dazu entging Ben einer Gefängnisstrafe. Ben plagten Gewissensbisse, denn er mochte das Mädchen. Das Mädchen war eine echte Traumfrau. Lange, kastanienbraune Haare, endlose Beide, hohe Wangenknochen. Außerdem schlagfertig und schlau. Sie war Fotografin und wollte eine Fotostory machen. Ja, Ben war wirklich verliebt in diese Jane und das war bisher noch nie passiert. Boyd hatte gelacht und gesagt, Ben solle sich keine Sorgen machen. Heavy wurde heute noch schlecht bei diesem Lachen. Boyd übernahm den Deal, die Kleine würde draufgehen. Die McManners mixten einen irrsinnigen Drogencocktail und Boyd verpasste ihn ihr. Mein Gott, ihm wurde heiß und kalt, wenn er daran dachte, wie Jane abgegangen war. Ben bemerkte es nicht, natürlich nicht, er war ja selbst vollkommen stoned. Aber er, Heavy sah es und er sagte nichts. Sie erinnerte sich offenbar an nichts, was vermutlich besser war. Die McManners hatten ihr dann noch ein- zweimal Nachschub verpasst. Jane hatte sich zwischendurch immer wieder erholt. Sie musste die Konstitution eines Büffels haben. Ben war fuchsteufelswild geworden, als er mitbekam, was da lief. Ben hätte damals Jane schnappen und abhauen sollen, aber er wollte noch den Deal mit El Tupo durchziehen. Bei Clubangelegenheiten war er immer korrekt gewesen.
Heavy stellte energisch seine Kaffeetasse auf den Tisch. Er war Jane was schuldig. Dieser Jones hier machte sich ehrlich Sorgen um sie.
„Ich muss mal telefonieren.“
Es dauerte eine Weile, bis er zurückkam.
„Der Mann, den Sie sprechen wollen, ist nicht leicht zu finden. Er lebt – na ja, zurückgezogen wäre vermutlich der falsche Ausdruck.“ Heavy räusperte sich. „Wenn er mit Ihnen sprechen will, findet er Sie.“
Tank erwartete bei einem Mann, der seinen Unterhalt mit illegalen Waffengeschäften, Drogen und sonstigen Verbrechen bestritt, nichts anderes. Er fragte sich immer noch, wie Jane sich unter diesen Leuten wohlgefühlt haben konnte. Er kannte ihre Reportage über die Biker, ihre Bilder. Irgendwie nahm sie das alles vollkommen anders wahr als er. Vermutlich war er in seinem Inneren doch mehr Bulle, als er wahrhaben wollte.
„Und wie lange wird das dauern?“
Heavy lachte. „Oh Mann, keine Ahnung. Aber Sie können mir zwischenzeitlich einen Gefallen tun. Ich habe da ein Bike überholt. Ne schöne alte Triumph. Meine Frau ist nicht da und ich kann nicht weg. Sie helfen mir das Ding auf den Pick-up zu laden und liefern sie aus. Dann schaue ich, was ich für Sie tun kann.“ Er machte eine kleine Pause. „Geht es ihr gut?“ Seine Stimme klang besorgt.
Tank nickte. „Ja, als ich sie das letzte Mal gesehen habe, war sie okay.“
Es dauerte nicht lange, bis sie mit vereinten Kräften die Triumph auf den Pick-up gehievt hatten.
***
Tank musterte den Mann, der vor ihm stand. Er war groß, muskulös, dunkler Bart, strubbeliges Haar. Er trug eine Sonnenbrille – eine Pilotenbrille von Ray Ban, obwohl die Sonne nicht besonders hell schien. Eine lange, ziemlich dicke Goldkette lag auf seiner nackten Brust. Dazu ein paar Amulette mit irgendwelchem Indianerkram. Er trug eine Jeansweste mit den Emblemen seines Clubs. Ein Aufnäher wies ihn als Präsidenten aus. Seine Arme spannten sich ziemlich mächtig darunter. Schwarze Lederhose, Boots. Ein paar Tätowierungen, die meisten nicht besonders gut, vermutlich im Knast ausgeführt. Ein paar Narben. Das also war Luke Cavenaugh, genannt Cave, Janes Kumpel aus Kindertagen.
Ihn zu finden, war ein ziemliches Abenteuer gewesen. Er war gemäß Heavys Beschreibung zu einer abgelegenen Farm gefahren, um das Bike auszuliefern. Der Mann, der ihn dort in Empfang nahm, war nicht besonders freundlich.
„Wenn Heavy dich nicht mit dem Bike hergeschickt hätte, würdest du jetzt mit ’nem dicken Loch im Bauch vor meiner Veranda liegen, Mann! Aber es ist okay, komm mit!“
Er nahm die Schrotflinte herunter, verstaute sie auf seinem Bike und bedeutete Tank, ihm zu folgen. Die Strecke war ziemlich unwegsam und zog sich endlos hin. Tank war heilfroh, dass er im Ort noch mal getankt hatte.
Nach etwa zwei Stunden kamen sie an einem aufgelassenen Steinbruch an. Die Gebäude waren mehr oder weniger heruntergekommen. Ein hoher, rostiger Stahlzaun verwehrte den Einlass. An der Einfahrt standen zwei Wachen mit Sturmgewehren. Auf den Überresten eines verrotteten Turms konnte er einen weiteren bewaffneten Mann ausmachen. Tank war ziemlich klar, dass er ohne seinen Begleiter nicht lebend hier angekommen wäre. Das also war der Unterschlupf der Marauders – von wegen alle tot. Tank zählte etwa zwanzig Männer, von denen vermutlich jeder hundert Jahre Knast zu erwarten hätte, wenn man seiner habhaft wurde. Sein Begleiter fuhr bis zu einem Holzhaus, das einigermaßen instandgesetzt worden war. Tank hatte den Motor abgestellt und war ganz ruhig ausgestiegen. Ihn hatte das untrügliche Gefühl überkommen, dass die Leute hier auf überhastete Bewegungen allergisch reagierten.
„Mein Name ist Trevor Jones und ich würde gern mit Ihnen über Jane Mulwray sprechen.“
Cave nahm die Sonnenbrille ab und betrachtete den Mann, der vor ihm stand. Der Kerl schien überhaupt keine Angst zu haben. Das war dumm oder naiv. Allerdings sah er nicht aus, als sei er naiv oder dämlich. Er hatte was von einem Bullen, darauf hätte Cave gewettet. Er roch solche Typen, seit er bei seinem ersten Ladendiebstahl mit sechs Jahren erwischt worden war. Heavy musste davon überzeugt sein, dass der Mann sauber war, aber Heavy war nicht immer der beste Menschenkenner. Ob Jane in Schwierigkeiten steckte? Cave deutete mit dem Kopf auf ein altes Sofa, das neben einem Schaukelstuhl stand.
„Setz dich.“ Tank musste ein wenig um Cave herumgehen und beinahe war es, als umkreisten sich zwei Raubtiere. Jeder versuchte, den anderen einzuschätzen. „Was willst du von mir oder von dieser Frau?“ Cave musterte ihn eindringlich. „Wer bist du eigentlich? Habt ihr sie mal wieder im Visier?“
„Ziemlich viele Fragen auf einmal. Ich bin Janes Freund. Wir kennen uns aus Vietnam. Ich bin seit ein paar Monaten wieder hier und ich habe das Gefühl, dass sie in Schwierigkeiten steckt.“
„Und was habe ich damit zu tun?“
„Ich glaube, dass die Ursache für ihre Schwierigkeiten ziemlich lange zurückliegt. Ich suche jemanden, der sie schon recht lange kennt, der mir vielleicht aus dieser Zeit etwas erzählen kann, was mir weiterhilft.“
„Warum fragst du sie nicht selbst? Spricht sie nicht mit euch Bullen? Sie scheint was gelernt zu haben!“ Caves Blick war herausfordernd.
Tank schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass Jane die Antwort kennt. Außerdem bin ich kein Bulle.“
„Fang mit ihrer Familie an. Ich vermute, die können dir eine ganze Menge erzählen.“
„Geht nicht. Ich habe sie gefunden. Ist einige Wochen her. Oben an der kanadischen Grenze, etwa einen Meter unter der Erde. Archie und Helen Flechter, deren Söhne und zwei Kinder. Dafür, dass es sich um einen offiziellen FBI-Einsatz gegen ihr Restaurant gehandelt hat, ein ziemlich merkwürdiger Fundort.“
Cave griff nach der Flasche auf dem Tisch und schüttete sich einen Drink ein. Scheiße. Archie Fletcher und er hatten nie auf derselben Seite gestanden, aber er und seine Frau hatten gut für Jane gesorgt.
„Wie hat sie es aufgenommen?“
„Sie weiß es nicht und sie wird es auch nicht erfahren. Sie würde sich die Schuld geben. Sie hat die Leute nach fast zehn Jahren besucht und drei Wochen später waren sie tot.“
Cave fragte nicht lange, sondern schüttete einen zweiten Drink ein und gab ihn Tank. „Was willst du wissen?“
„Alles, woran du dich erinnerst.“
Cave blickte auf die bernsteinfarbene Flüssigkeit in seinem Glas. Alles, woran er sich erinnerte.
Er sah das kleine Mädchen mit dem kastanienbraunen Pferdeschwanz vor sich. Sie besaß etwas Besonderes, etwas Leuchtendes, beinahe Magisches. Viele Jungs hatten ihr bewundernd hinterhergesehen und er selbst machte keine Ausnahme. Bei den Mädchen hatte Jane einen schwereren Stand. Neid der Besitzlosen! Er erinnerte sich an einen Zusammenstoß mit einem anderen Mädchen von der Highschool. Cave sah das affektierte Grinsen vor sich, mit dem Amy Duster durch die Gänge der Schule stolzierte und Hof hielt. Sie war wirklich ein Miststück und hatte auf jeden Fall eine Abreibung verdient. Er wusste nicht, worum es bei dem Streit ging, aber die Sache war ziemlich eskaliert.
„Ich erzähl dir was über Jane. Sie muss so etwa zwölf, dreizehn gewesen sein, da hatte sie einen hässlichen Streit mit einem Mädchen aus ihrer Klasse. Jane hat ihr die Nase gebrochen. Die Kleine hatte einen älteren Bruder, Rory. Der Typ lauerte Jane mit ein paar Freunden auf, um es ihr heimzuzahlen.“
Tank kannte die Geschichte schon von Jane. Cave hatte sie aus dieser brenzligen Situation gerettet und nach Hause gefahren.
Cave lachte. „Hat sie das gesagt? Nein, Mann, so war es nicht. Ich habe eingegriffen, weil Rory Duster wie am Spieß um Hilfe schrie.“
Tank schaute ihn überrascht an.
„Nicht, dass ich den kleinen Scheißer leiden konnte, aber man geht nicht einfach weiter, wenn man jemanden in Todesangst kreischen hört. Zumindest dachte ich das damals. Rory war damals siebzehn, Football-Spieler, Quarterback, glaube ich. Er und seine Clique waren durchtrainierte, kräftige Jungs. Oh, mein Gott, ich habe noch nie ein kleines Mädchen so kämpfen sehen. Es dauerte nicht lange, da lag der Erste auf dem Boden. Der Kerl war übel zugerichtet und bewegte sich nicht mehr. Zwei rannten weg und dann schnappte sie sich Rory. Junge, hast du diese Frau jemals in Aktion gesehen? Es hört sich vielleicht bescheuert an, aber sie ist eine Kampfmaschine, ein Killer. Ich wollte nicht, dass sie Rory Duster umbringt, da ging ich dazwischen. Es dauerte einen Moment, bis sie realisierte, dass ich kein neuer Gegner war. Es war dann, als wache sie aus einem Traum auf. Sie hat nicht mal mitbekommen, was sie angestellt hat. Ich setzte sie auf mein Motorrad und habe sie nach Hause gebracht, bevor einer die Bullen rufen konnte.“
Cave trank das Glas mit einem tiefen Zug leer und schenkte sofort nach.
„Rory und seine Kumpane konnten natürlich nicht zugeben, dass ein kleines Mädchen sie so fertiggemacht hatte. Das hätte ihnen auch niemand abgenommen. Also waren es natürlich wieder die üblichen Verdächtigen. Ich bin dann abgehauen, bevor die Bullen dumme Fragen stellen konnten.“
Tank hörte Cave zu, ohne eine Miene zu verziehen. Er erinnerte sich, wie er Jane in Van T’rac zum ersten Mal gesehen hatte. Sie war tagelang auf der Flucht vor einer Special-Force-Einheit gewesen. Der Dschungel in Vietnam war die Hölle, das wusste er aus eigener Erfahrung. Als die Typen versuchten, sie sich zu greifen, fehlte nicht viel und sie hätte die Soldaten zu Kleinholz verarbeitet. Er hätte ihr damals den Arsch retten sollen, aber es war umgekehrt gewesen.
„Ich glaube, ich weiß, was du meinst.“
Cave fuhr fort: „Ich traf sie dann vor ein paar Monaten in Mexico wieder. Ich war ehrlich überrascht, sie dort bei Boyds üblem Haufen zu sehen. Sie hat dort echt was mitgemacht, eigentlich ein Wunder, dass sie nicht draufgegangen ist. Ich habe schnell gemerkt, dass die Feds an ihr dranhingen. Mein erster Gedanke war, dass es was mit Boyds Geschäften zu tun hat, aber das war nicht so. Sie waren hinter Jane her. Ich kann dir nicht sagen, was sie wollten, aber es ist gründlich schiefgegangen. Vielleicht hatten sie keine Ahnung, mit wem sie sich anlegen.“
Cave starrte auf den staubigen Boden und verstummte. Gewalt war Teil seines Lebens, aber bei der Erinnerung stellten sich ihm beinahe die Nackenhaare auf.
„Dein Mädchen ist ein Killer! Sie ist der gottverdammt schönste, effizienteste und gnadenloseste Killer, den ich je gesehen habe. Sie hat da unten mindestens ein Dutzend Leute massakriert. Nicht dass es mir leidtut, jeder von denen hatte das hundertfach verdient. Aber zwei Minuten später stand sie vor mir, wusste von nichts und heulte sich an meiner Schulter die Augen aus. Das ist gruselig.“ Cave beugte sich vor und senkte die Stimme. „Wenn du jemals irgendwem steckst, was ich dir jetzt sage, reiß ich dir das Herz raus: Ich mag das Mädchen, als sei sie meine kleine Schwester, aber gleichzeitig macht sie mir eine Scheiß-Angst.“
Hinter Tanks Stirn sprangen die Gedanken hin und her. Er war sich sicher gewesen, Jane zu kennen. Aber kannte er sie wirklich? Wer war sie? Was war sie? Was war mit ihr nach dem Autounfall ihrer Eltern passiert?
Seine Fragen schienen überdeutlich in seinen Augen zu stehen, denn Cave sah ihn nachdenklich an.
„Ich weiß es nicht, Mann. Mehr kann ich dir nicht sagen. Gib auf sie acht. Sie kann einen Freund gebrauchen.“
Washington D.C.
Ein Jahr später
Jane rührte das Milchpulver in ihrer Kaffeetasse um und schaute versonnen nach draußen. Es schneite leicht. Wo war nur das letzte Jahr geblieben?
Seit der furchtbaren Geschichte in Seattle waren die Monate nur so verflogen. Tank hatte sich rar gemacht, aber so hatte sie es ja gewollt. Womit er die letzten Monate verbracht hatte, wusste Jane nicht so genau. Viel Zeit war vermutlich für seine Jobsuche draufgegangen. Es war nicht leicht für einen Veteranen, Arbeit zu bekommen, auch nicht in Nebraska. Dort gab es so gut wie nichts, außer endlosen Flächen, die abwechselnd mit Getreide oder Gras bewachsen waren. Allerdings, was war überhaupt ein guter Job für Tank? Jane konnte ihn sich hervorragend als Detektiv vorstellen, aber da würde er in diesem Landstrich vermutlich verhungern. Eine Arbeit auf dem Bau? Schon eher. Burgerbrater, Verkäufer oder Versicherungsvertreter? Auf keinen Fall. Bei den wenigen Telefonaten sprachen sie nicht viel darüber, aber sie merkte schon, dass es an ihm nagte. Beim letzten Mal hatte er vor, als Autoverkäufer anzufangen. Tank besaß eine Menge Qualitäten. Er schoss wie ein Gott, war ein toller Ermittler, mutig, waghalsig und konnte auch seine Fäuste benutzen. Er könnte Trucker, Türsteher oder ihretwegen Holzfäller werden. Scheiße, sie vergaß, dass es in Nebraska ja keine Bäume gab. Wollte er wirklich in einem schlecht sitzenden Anzug arglosen Menschen überteuerte Autos aufschwatzen? Sie wusste, dass er das keine zwei Stunden ertragen könnte.
Sie war ehrlich erleichtert gewesen, als sie erfuhr, dass er bei den US-Marshals anfangen konnte. Den Job hatte er durch einen alten Freund bekommen, den er aus Vietnam kannte.
„Baby, hast du nicht Lust, einfach mal herzukommen? Jim würde sich freuen und …“
Sie wusste, was er als Nächstes sagen würde. Ja, sie vermisste ihn auch. Sehr sogar. Sie konnte sich kaum noch vorstellen, einen Menschen zu haben, dem man wirklich etwas bedeutete. Die Welt, in der sie lebte, war kalt, nicht nur, weil es Winter war.
Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen. Die letzten Monate hatten sie mehr geschlaucht, als sie zugeben wollte. Das Leben als Freelancer war ein ständiger Kampf ums Überleben. Dauernd auf der Jagd nach einer guten Story, um die besten Bilder. Sie musste schneller sein als andere. Es gab viele Journalisten und noch mehr Fotografen, auf jeden Fall mehr als gute Stories.
Aber was waren gute Stories, gute Bilder? Gewaltexzesse bei Demonstrationen? Opfer von Schießereien, die verdreht auf dem Pflaster lagen? Wohltätigkeitsevents irgendwelcher Politikergattinnen? Schauspieler in flagranti bei einem Seitensprung – oder, noch besser, beim Drogenkonsum?
Jane hasste diese Art von Berichterstattung. Das war nicht ihre Welt. Anderer Leute Privatleben durchschnüffeln? Lobhudeleien und falsche Freundlichkeit auf Partys? Es machte ihr weiß Gott keinen Spaß, aber sie musste leben. Der nächste Scheck für die Miete wurde fällig, sie brauchte Geld für Benzin, Strom, Essen und tausend andere Dinge.
Das Schlimme war, dass ihr das alles sinnlos erschien. Ihre Arbeit war ein Dreck im Vergleich zu dem, was sie in Vietnam gemacht hatte. Vietnam, das schien eine Ewigkeit her zu sein. Für die meisten war es ein Albtraum, den sie möglichst vergessen wollten, aber sie sehnte sich zurück. Hier riss sie sich den Arsch auf, schlug sich die Tage und Nächte um die Ohren. Und was brachte es? Bullshit-Fotos!
Die Ephedrintabletten halfen kaum noch. Sie hatte den Tipp ausprobiert, die Dinger mit hochkonzentrierten Vitaminpillen zu kombinieren. Nun ja, Vitamine konnten ja wohl nicht schaden und es war auf jeden Fall gesünder, als sich Kokain durch die Nase zu ziehen, was etliche Leute machten, die sie kannte. Gesünder …
Sie schüttelte den Kopf und lachte bitter. Gesund war gar nichts, was sie im Moment tat. Schlafen fiel oft genug aus. Es gab Wachmacher und die nahm sie. Essen? Mal einen Donut oder einen Hot Dog zwischendurch. Den meist miserablen Kaffee trank sie im Vorbeigehen. Sie lernte, Hunger zu ignorieren. Diätpillen waren eine gute Möglichkeit, das bohrende Gefühl in der Magengegend zu bekämpfen und trotzdem fit zu bleiben. Nicht, dass sie eine Diät nötig gehabt hätte, im Gegenteil. Außerdem litt sie unter Halluzinationen.
Oder wie sollte man es sonst nennen, wenn der grünhäutige Freund von Senator XY sich am Büffet das Essen in ein feistes, hauerbewehrtes Maul stopfte? Oder die in Lumpen gekleideten Waschbären, die in den Mülltonnen nach Essbarem wühlten und sie ansprachen, um ein paar Dollar zur erbetteln. Warum ließ ein kränklich aussehender Officer nach einem spektakulären Einbruch in eine Blutbank mehrere Beutel mit offensichtlich roter Flüssigkeit im Kofferraum seines Wagens verschwinden? Sie hätte schwören können, die Eckzähne dieses Kerls gesehen zu haben. Sie sah Dinge, die konnte es einfach nicht geben. Vielleicht sollte sie doch mal langsam mit diesen Scheiß-Pillen aufhören.
Als Tank ihr das nächste Mal vorschlug, sie zu besuchen, überlegte sie nicht lange. Sie nahm den Greyhound-Bus nach Lincoln, das Geld für den Flug konnte sie sich momentan nicht leisten. Und selbst hinfahren? Sie brauchte Ruhe, vielleicht konnte sie auf der Fahrt einfach mal ausschlafen. Es dauerte nicht lange, bis sie ihre Entscheidung bereute. Klar, in D.C. war es im Winter auch kalt, aber hier in den Plains war es einfach barbarisch. Sie war derart durchgefroren, dass sie vermutlich nie wieder auftauen würde.
***
Der Bus traf an einem klaren kalten Wintertag in Lincoln ein. Der Himmel war blassblau. Die Sonne schien hell, aber selbst ihr Licht strahlte keine Wärme aus.
Jane sah Tank schon warten, bevor der Bus hielt. Der Stern glänzte auf der Lederjacke mit dem Pelzbesatz, er trug einen dicken Schal und einen Hut. Er hatte sich einen Schnauzbart wachsen lassen und sah aus wie frisch aus einem Westernklassiker entsprungen. Und dieser Traummann, dieser Cowboy wartete auf sie. Eine Welle des Glücks wärmte sie und zum ersten Mal seit Tagen stahl sich ein Lächeln in ihr Gesicht.
Tank ging zielstrebig auf den Bus zu. Einige Reisende schauten sich verstohlen um. Sie fragten sich ganz offensichtlich, wer jetzt gleich verhaftet werden würde. Jane schnappte sich ihre Reisetasche. Tank packte sie um die Taille, noch bevor sie die Stufen hinuntersteigen konnte, und zog sie an sich. Sein Kuss verriet ihr eindeutig, dass er sie genauso vermisst hatte wie sie ihn.
„Ich habe dich so vermisst, Baby.“ Seine Stimme war rau. Er hielt sie ein wenig von sich weg, um sie genauer zu betrachten. Wie blass sie aussah. Sie zitterte.
Trotz der beißenden Kälte zog Tank seine Jacke aus und legte sie Jane um die Schultern. „Komm mit, du brauchst erst mal einen heißen Kaffee und was zu essen. Das taut dich wieder auf.“
Jane kuschelte sich in das warme Kleidungsstück und folgte Tank zum Parkplatz. Er steuerte auf einen schwarzen 1967er Ford Torino zu, der regelrecht grimmig aussah. Der Motor grollte dumpf, als Tank anfuhr.
„Schickes Auto, gefällt mir.“
Tank grinste. Er war offensichtlich mächtig stolz auf den Wagen.
„Bei dem Wetter wäre ein Truck mit Allrad sicher sinnvoller. Meine Kollegen ziehen mich ständig auf, aber ich hänge an dieser Karre.“
Jane konnte sehr gut nachvollziehen, dass der Torino wesentlich lieber in wärmeren Gefilden unterwegs wäre. Er war ein Exot zwischen den ganzen Pick-ups. Er passte nicht so recht hierher. Jane fühlte sich gerade genauso. Vielleicht könnten sie einfach Richtung Süden fahren und erst anhalten, wenn das Wetter wärmer wurde.
„Kannst du die Heizung höher drehen?“
Tank nickte und warf ihr einen besorgten Seitenblick zu. Ein Blinder konnte sehen, dass Jane sich ziemlich unwohl fühlte. Sie war blass und hatte ziemliche Ringe unter den Augen. Von ihrem gewohnten Elan und ihrer Fröhlichkeit war nicht viel zu spüren. Sie hatte es in der letzten Zeit wohl ziemlich schwer gehabt. Wenn sie freiwillig in einen Bus gestiegen war, statt zu fliegen, sagte das auch einiges aus. Genauso wie die Tatsache, dass sie bereits zwei Kopfschmerztabletten mit erschreckendem Automatismus genommen hatte. Ein paar Tage Ruhe, vernünftiges Essen und frische Luft würden ihr bestimmt guttun.
„Hey, ich kenne ein sehr nettes Lokal. Was hältst du von Steak, French fries mit Sour-Cream und zum Nachtisch ein großes Stück Käsekuchen?“
In diesem Moment wurde Jane klar, dass sie furchtbaren Hunger hatte. Ihr Magen rebellierte schon beinahe.
„Ja, gute Idee.“ Sie versuchte ein zaghaftes Lächeln. Mehr ließen ihr Magen und die stechenden Kopfschmerzen einfach nicht zu.
Tank hatte nicht zu viel versprochen. „Larry’s“ war ein alter Straßenbahnwagen, der auf irgendwelchen undefinierbaren Wegen nach Lincoln gefunden hatte. Er war jetzt zur Mittagszeit sehr gut besucht.
Tank schien Stammgast zu sein, denn Larry kam persönlich an den Tisch, um die Bestellung aufzunehmen. Tank war noch nie in Begleitung hergekommen. Neugierig musterte er Jane. Hübsch war sie ja, wenn auch etwas zu blass und zu dünn für seinen Geschmack. Eine richtige Großstadtpflanze.
Das Essen war wirklich sehr gut. Ihr Magen knurrte, seit Tagen hatte sie nichts Vernünftiges mehr in den Bauch bekommen, aber jetzt war es, als stecke ein Kloß in ihrer Kehle und hindere sie, zu schlucken. Ihre Hände zitterten.
Tank schaute sie mit einem besorgten Seitenblick an. Es entging ihm nicht, dass sie seit ihrer Ankunft mindestens drei verschiedene Pillen geschluckt hatte. Die Beiläufigkeit, mit der sie das Zeug runterspülte, ließ eine Gewöhnung erkennen, die ihn mit Sorge erfüllte. Kein Wunder, dass sie so kaputt und fahrig war. Das Ganze passte ihm ganz und gar nicht.
„Sollen wir fahren? Du schläfst dich erst mal aus, und wenn es dir morgen nicht besser geht, schleppe ich dich zum Arzt.“
Jane nickte, während Tank Larry bedeutete, dass er zahlen wollte.
„Marshal, du hast ja noch gar nicht aufgegessen. Und ihr Teller“, er schaute Jane an, „ihr Teller ist ja praktisch unberührt. Schmeckt es Ihnen nicht, Miss?“
Tank angelte eine Decke von der Rückbank und reichte sie Jane.
„Hier. Ich möchte nicht, dass du frierst. Es dauert immer einen Moment, bis die Karre warm ist. Jane rang sich ein Lächeln ab.
„Ich habe dich noch gar nicht gefragt, wie dein neuer Job ist. Wie fühlt man sich so als US-Marshal?“
Tank grinste. „Ist nicht halb so spannend wie bei Wyatt Earp. Mittlerweile reiten wir auch in Nebraska nicht mehr durchs Land und suchen nach den bösen Jungs. Wir vollstrecken Haftbefehle, aber das ist meistens nicht besonders spektakulär. Dann Bewachung von Zeugen, Überstellungen von einem Gefängnis zum nächsten. Gerichtstermine. Aber ich beklage mich nicht, hätte es wirklich schlimmer treffen können. Die Kollegen sind ganz in Ordnung, Jim kennst du ja. Er und seine Frau würden sich übrigens freuen, wenn wir in den nächsten Tagen mal zum Abendessen reinschauen.“
Jane nickte. Sie waren gute Freunde gewesen, damals in Saigon. Saigon – das schien in einem anderen Leben gewesen zu sein. Sie fragte sich, ob sie wieder hinfliegen würde, aber nein – es gab dort keinen Tank mehr. Saigon ohne Tank, das wäre nicht dasselbe und Tank war heilfroh, dass er wieder hier war.
Sein warmer Bariton unterbrach ihre Gedanken.
„Woran arbeitest du im Moment?“
Das wüsste sie selbst gern.
„Mal dies und mal das. Die richtig tollen Sachen werden meist von den Leuten erledigt, die für die großen Zeitungen schreiben. Für Leute wie mich bleiben da mehr so die Krümel, die unter den Tisch fallen. Nichts wirklich Großartiges. Das Aufregendste war letzte Woche eine Dinnerparty bei einer Society-Lady, Felicity irgendwas. Die Party plätscherte vor sich hin, bis die Tochter des Hauses vollkommen stoned die Treppe herunterkam. Wäre vielleicht nichts Besonderes gewesen, aber bis auf die Sandaletten, die sie in der Hand trug, war sie nur mit einem Slip bekleidet …“
Tank hörte Jane zu, während der Torino immer weiter über den Highway grollte. Das war also Janes Leben? Sie hatte tolle Reportagen gemacht. War rausgegangen, an die Front. Sie genoss große Anerkennung bei den Jungs. Und jetzt hörte sie den Polizeifunk ab, um lohnende Objekte zu finden, oder fotografierte auf drittklassigen Promipartys. Er konnte es nicht fassen. Irgendwann nickte sie ein, den Kopf an die Scheibe gelehnt.
„Wir sind da, Baby, aufwachen!“
Jane rappelte sich hoch und schaute aus dem Fenster. „Habe ich geschlafen?“
„Wie ein Murmeltier während der letzten halben Stunde.“ Das Lächeln in seinen Augen wärmte beinahe besser als die Decke. „Schau mal, sieht das nicht wundervoll aus?“ Er wies mit der Hand zum Seitenfenster.
„Wow!“
Vor ihnen breiteten sich endlose Felder aus. Getreidestoppeln schauten durch den Schnee, der die Landschaft wie mit Puderzucker überdeckt hatte. Darüber färbte die tiefstehende Sonne den Himmel rosa-golden, bevor sie bald hinter dem Horizont verschwinden würde.
Tank legte den Arm um ihre Schulter und zog sie an sich. Verträumt schaute er in die endlose Weite.
„Hier ist mein Zuhause.“
Jane hob den Kopf und küsste ihn auf die Wange.
„Ja, das sehe ich. Der weite Himmel, das ist etwas anderes als die Straßen von Washington. Ich mag es und jetzt musst du mir den Rest zeigen, bevor es dunkel ist.“
„Erwarte bloß nicht zu viel. Das Haus ist eine Ruine und die Scheune wartet nur noch auf den nächsten Sturm, um wegzufliegen! Aber das ist mir egal.“
Jane sah ihn erstaunt an. „Und wo werden wir dann schlafen? Sag bitte nicht in diesem Auto!“
Tank lachte schallend. „Nein Baby, keine Sorge. Ich habe einen Trailer hinter die Scheune gestellt. Das ist zwar nicht gerade ein Palast, aber es ist warm, es ist trocken und dort ist genug Platz für uns beide!“
Ihnen blieb nur ein kleiner Blick auf das, was einmal die Farm von Tanks Eltern gewesen war, denn die Dunkelheit senkte sich rasch über die Ebene. Tank würde viel Zeit und Arbeit investieren müssen, bis das Ganze wieder bewohnbar war.
Es war, als könne er ihre Gedanken lesen. Er zog sie an sich und schloss seine Arme um sie.
„Ich habe doch jede Menge Zeit, Baby. Es reicht, wenn es fertig ist, wenn du bleiben möchtest.“
Tanks Wohnwagen war tatsächlich ziemlich gemütlich. Er hatte den Abend zwar etwas anders geplant, aber Jane sollte sich erst mal etwas ausruhen. Ihnen blieb schließlich eine ganze Woche Zeit. Mit etwas Glück schneiten sie ein und er würde seinen Boss anrufen, dass er im Frühjahr wiederkommen würde. Er grinste bei der Vorstellung.
Jane kramte in ihrer Tasche und suchte nach dem Fläschchen mit den Ephedrinkapseln. Sie war schließlich nicht zum Schlafen hergekommen. Tank lehnte sich gegen die Wand und schaute ihr unverwandt zu.
„Meinst du nicht, du hast schon genug davon geschluckt?“
Jane sah irritiert auf. „Was soll denn die Frage?“
„Seit ich dich abgeholt habe, hast du drei verschiedene Pillen geschluckt und zusätzlich die beiden Kopfschmerztabletten bei Larry. Hältst du das für normal?“
Jane spürte, wie der Ärger in ihr hochstieg. Wieso führte Tank sich auf wie ein elender Besserwisser?
„Zählst du jetzt jede Pille mit, die ich schlucke? Ich habe Kopfschmerzen und ich möchte nicht den ganzen Abend verschlafen, wo wir uns endlich mal wiedersehen. Was hast du damit für ein Problem?“
Tank hob abwehrend die Hände. „Baby, jetzt reg dich doch nicht direkt auf. Ich mache mir einfach Sorgen. Du bist weiß wie ’ne Leinwand, zitterst und hast Ringe unter den Augen. Du wirfst dir das Zeug rein, als seien es Smarties. Ja, du hast so was auch früher schon genommen, aber nicht so.“
Musste der Kerl so maßlos übertreiben? Er tat so, als leide sie an einem absoluten Kontrollverlust.
„Ich finde, wir sollten diese Unterhaltung lassen. Das führt zu nichts. Ich habe alles unter Kontrolle, okay?“
„Den Satz kenne ich. Habe ich schon oft von Leuten gehört und am Ende gehen sie vor die Hunde oder sehen weiße Mäuse!“
Jane holte tief Luft. „Du unterstellst mir also, ich sehe Dinge, die nicht da sind? Ich sehe weiße Mäuse? Ich sehe Dämonenfratzen? Sagt ausgerechnet der Mann, der sich bei Fehlzündungen in Deckung wirft, weil er denkt, neben ihm geht ’ne Bombe hoch? Ich glaube, wir sollten mal ernsthaft darüber reden, wer hier ein Problem hat! Ich habe mich nicht nach Nebraska verkrochen!“
Tank unterdrückte den dringenden Wunsch, Jane durchzuschütteln. Dieser Vergleich war mehr als unfair. Schön, wenn sie das Gefühl vergessen hatte, wie es ist, wenn jederzeit und überall eine Sprengladung hochgehen konnte. Er lebte jeden Tag damit. Jeden Tag kämpfte er dagegen an, und zwar ohne zu saufen oder irgendwelche Pillen zu schlucken. Und ja, wenn sie schon dabei waren: Jane sah Dinge, die nicht da waren!
„Wenn du mich so fragst, ja, ich unterstelle dir, dass du Dinge siehst, die nicht da sind. Ich wollte nicht auf Seattle zu sprechen kommen, weil ich mir denken kann, wie furchtbar das für dich war. Ich habe es auf deine überreizten Nerven geschoben. Wenn ich es aber recht überlege, hattest du da bereits eine Armada von Pillen im Schrank.“ Seine Stimme war sehr ruhig. „Erwarte nicht von mir, dass ich zusehe, wie du dich damit kaputt machst, ohne dass ich ein Wort dazu verliere.“
Jane sah aus, als würde sie ihn jeden Moment anspringen. Er hatte sie noch nie so wütend gesehen.
„Ich bin vollkommen normal, Tank! Du hast doch gar keine Ahnung, wie mein Leben aussieht. Du warst nicht da. Du warst nicht da, als sie mich gefeuert haben. Du warst nicht da, als ich damit klarkommen musste, dass meine Familie verschwunden ist. Du hast dich in den hinterletzten Winkel dieser Welt zurückgezogen. Und jetzt meinst du, du könntest mir vorschreiben, wie ich zu leben habe?“ Ihre Stimme wurde schrill.
„Ich war nicht da? Ich habe dich allein gelassen? So siehst du das?“ Tank wusste, dass er bereuen würde, was er jetzt sagte, aber es war zu spät. „Dann werde ich dir jetzt was sagen. Eigentlich wollte ich nicht, dass du es je erfährst. Als du in Seattle in den Flieger gestiegen bist, bin ich zu Officer Wagmann vom Seattle Police Department gefahren. Wir haben gemeinsam ein paar Nachforschungen angestellt. Wir sind bis zur kanadischen Grenze hochgefahren. Wir haben deine Familie gefunden, sechs Fuß unter der Erde.“
Janes Hand klatschte in Tanks Gesicht. Er erstarrte. Verflucht, er hätte sich besser die Zunge abbeißen sollen.
„Du hast mir nichts gesagt! Du wusstest, dass sie tot sind. Du wusstest es und hast mir nichts gesagt. Wieso?“ Sie schrie die Worte heraus, während sie mit den Fäusten auf ihn losging.
Es gelang ihm mit Mühe, sie festzuhalten.
„Weil ich mir verdammt noch mal Sorgen mache und nicht wollte, dass du etwas Dummes tust. Weil du vollkommen fertig warst und ohnehin nichts hättest tun können. Du bist in Seattle gerade noch einer üblen Falle entgangen und du wärest ein zweites Mal hineingerannt. Du hast Feinde, Jane, und ich weiß nicht, warum.“
Jane hörte auf, sich zu wehren. „Du hättest es mir sagen müssen, Tank. Ich habe dir immer rückhaltlos vertraut. Immer, vom ersten Tag an. Wie konntest du mich so hintergehen? Ausgerechnet du?“ Ihr Blick war leer und verloren. „Du solltest mich jetzt besser zum Busbahnhof zurückbringen.“
„Es ist mitten in der Nacht, Jane. Bitte, bleib! Morgen reden wir darüber.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich möchte gehen. Muss ich mir ein Taxi rufen?“
„Du würdest hier um diese Zeit keines bekommen. Ich fahre dich.“
Sie sprachen kein Wort, während der schwarze Ford Torino sie durch die Nacht trug. Tank verfluchte seine Worte mindestens tausendmal. Was hatte er nur angerichtet. Er wollte nicht, dass sie ging. Nicht so. Er sah die Entschlossenheit in ihrem Gesicht. Es würde ihm nicht gelingen, sie zurückzuhalten.
Er öffnete die Tür. „Soll ich deine Tasche nehmen?“
„Nicht nötig! Semper Fi, Tank.“
Tank saß in seinem Wagen und schaute Jane nach, wie sie entschlossen davonstapfte. Er stützte die Ellenbogen auf das Lenkrad und barg sein Gesicht in den Händen. Wie zum Teufel konnte alles so schiefgehen? Er hatte sich unglaublich auf dieses Wochenende gefreut. Jane! Er hatte sie so vermisst. Vielleicht war er naiv gewesen. Die Zeit hatte sie beide verändert, sie einander entfremdet. Wenn sie nicht einmal mehr verstand, dass er sich um sie sorgte, dass sie der einzige Mensch auf der Welt war, der ihm wirklich alles bedeutete … Wenn es nicht einmal mehr dieses Band zwischen ihnen gab, dann war es wohl sinnlos.
Er schluckte und startete den Motor. Im Radio spielten sie „We gotta get out of this Place“ von den Animals. Einer der Songs, die ihm in Verbindung mit dem Foto von Jane geholfen hatten, den Krieg durchzustehen. Jetzt konnte er ihn nicht ertragen. Er drehte das Radio aus.
***
Drei Wochen später
Jane warf die Tür ins Schloss, lehnte sich mit dem Rücken daran und atmete tief durch. Ein neuer Job und – wow – endlich mal einer, der diesen Namen auch verdiente. Keine Verkehrsunfälle, geliftete Politikergattinnen auf Abwegen oder Promi-Partys. Ein richtiger Job. Sie würde für die Capital Tribune nach Chile gehen. Ein Informant hatte der Zeitung ungeheuerliche Berichte zukommen lassen, die sie nachprüfen und am besten mit Bildmaterial belegen sollte. Es war ihr vollkommen egal, was sie über die Begleitumstände erfuhr. Zwei Kollegen vom Independant und von TIME-Magazine waren unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Der Chefredakteur der Capital Tribune, Lou Brant bot ihr den Job nur an, weil keiner von seinen Leuten lebensmüde war. Jane sei ja kriegserprobt, ob sie Lust habe? 5.000 $ plus Spesen.
Jane ließ sich nicht zweimal bitten. Es war nicht das Geld. Sie wusste in dem Moment, als sie zusagte, wie sehr ihr der Kick gefehlt hatte, das Adrenalin, das Leben in der Gefahrenzone, das Kribbeln in ihren Adern. Es war, als komme sie nach Hause. Vermutlich war sie verrückt, aber das störte sie kein bisschen.
Sie öffnete den Umschlag mit dem Briefing. Scheinbar führte der Geheimdienst eine verdeckte Operation in Chile durch, um die Installation einer Militärdiktatur zu unterstützen. Das war nichts Neues. Ganz Mittel- und Südamerika galt als wichtig für die Sicherung amerikanischer Interessen. In den meisten Ländern unterstützte die Regierung mehr oder minder fähige Generäle und Diktatoren. In Chile hatten die Menschen es gewagt, den Sozialisten Allende zu wählen. Als der seine Wahlversprechen in die Tat umsetzte und die ersten Großgrundbesitzer enteignete, war das vermutlich der Beginn des Weltuntergangs. Zumindest stand es amerikanischen Geschäftsinteressen entgegen. Jane konnte sich vorstellen, wie die Sache weitergehen würde. Es lief immer nach demselben Schema ab. Man schickte militärische Berater, unterstützte die Opposition und sorgte für Unruhen. Jane hatte in Vietnam vieles über das System gelernt. Es ging immer nur um Geld und Macht. Leider. Immerhin versprach die Sache, spannend zu werden.
Die zentrale Figur in dieser Operation war ein Captain a.D. James Dinnort, Angehöriger der US-Botschaft in Santiago de Chile, ziviler Berater. Er war seit 1969 im Land, also schon deutlich vor der Wahl Allendes. Was genau er dort tat, wusste niemand, der Mann war sehr diskret. Vor wenigen Tagen wurde er zusammen mit einem unbekannten chilenischen Militär durch eine Autobombe hochgejagt. Jane spürte, wie ihr Jagdfieber erwachte.
Chile
05. November 1973, früher Morgen in Santiago de Chile, Außentemperatur fünf Grad Celcius, im Laufe des Tages würden es etwa fünfzehn Grad werden. Bewölkt. Jane schaute aus dem Fenster, während die Maschine langsam über das Flugfeld rollte. Es war wenig los. Einige Frachtmaschinen, einige Militärflugzeuge. Na ja, wer wollte schon hierher? Sie stieg die Gangway hinunter. Unten wartete ein Kleinbus. Außer ihr waren nur zwölf weitere Reisende angekommen. Sie blickte sich um. Überall Sandsäcke, Militärfahrzeuge, Patrouillen. „Du hast Kriegserfahrung, deshalb haben wir dich ausgewählt.“ Sie hörte noch Lous Stimme. Ein Land nach einem Putsch ist irgendwie immer ein Land im Kriegszustand. Die Soldaten waren in Alarmbereitschaft, Maschinengewehre im Anschlag. Eine angespannte Stimmung lag in der Luft. Im Gebäude setzte sich die triste Atmosphäre des Flugfelds fort. Der Geruch nach Reinigungsmitteln stieg ihr in die Nase. Ein Beamter öffnete ihren Koffer und durchsuchte genüsslich ihre Unterwäsche, nachdem er eine gefühlte Ewigkeit lang ihren Pass kontrolliert hatte. Jane fürchtete schon, er würde sie auch noch einer gründlichen Leibesvisitation unterziehen, aber dann bekam sie ihren Pass zurück und konnte ihren Koffer wieder zusammenpacken. Sie ignorierte das unangenehme Gefühl, als sie durch die Schleuse ging. Es war so, als bohre sich ein widerlicher Blick von hinten zwischen ihre Schulterblätter.
Ihr Kontaktmann sollte sie abholen. Javier Alvarez, argentinischer Journalist, der schon einige Zeit in Chile lebte. Ihr Blick fiel auf einen Mann, der die Ankommenden musterte. Er schien auf jemanden zu warten. Ob das Alvarez war? Wenn ja, hatte sie das große Los gezogen. Groß, schlank, leicht gebräunte Haut, schwarzes Haar. Er trug ein hellblaues Hemd mit offenem Kragen, Jeansjacke, weiße Baumwollhose. Offenes Gesicht mit Dreitagebart.
„Señor Alvarez?“
Er nickte.
Javier Alvarez war überrascht. Die Tribune werde einen ihrer besten Fotografen schicken, hatte man ihm gesagt. Jemanden mit Erfahrung in Krisengebieten. Dass es eine Frau war, verblüffte ihn. Die Zeitung nahm ihn offenbar nicht ernst. Er hatte angedeutet, womit sie es hier zu tun bekamen. Für diesen Job brauchte man Nerven wie Drahtseile. Was also sollte er mit einer Frau? Gut, er konnte es nicht ändern. Immerhin war sie sehr schön und besaß eine Stimme wie Samt.
„Kommen Sie, Miss Mulwray. Verlassen wir diesen ungastlichen Ort.“
„Ich heiße Jane.“
Er lächelte. „Javier.“
Draußen stand ein 41er Ford Coupé, der seine guten Tage eindeutig hinter sich hatte. Javier verstaute Janes Gepäck und hielt ihr die Tür auf.
„Im Handschuhfach liegt dein Begrüßungsgeschenk, Jane.“
Sie schaute einen Moment irritiert, als sie das Fach öffnete. Begrüßungsgeschenk? Sie schaute auf eine 357er Magnum. Wie unauffällig. Eine 22er wäre ihr lieber gewesen.
„Es ist gefährlich hier. Besser, du hast eine Waffe.“
Jane schaute aus dem Fenster. Das also war Santiago de Chile. Eigentlich eine schöne Stadt. Alte spanische Kolonialgebäude in bunten Farben. Flanierstraßen, die zum Bummeln einluden. Weiträumige Piazzas mit Springbrunnen oder Statuen geschmückt. Aber es lag eine beklemmende Atmosphäre über allem. Militär und Polizei standen an jeder Ecke. Sie passierten Straßensperren, Sandsäcke. Nur wenige Menschen gingen ihren Geschäften nach. Sie beeilten sich, huschten beinahe im Schatten der Mauern. Nur nicht auffallen, nicht gesehen werden. Jane hatte Angst selten so greifbar gesehen.
Javier war auffallend still, irgendetwas schien ihn zu stören.
„Ist etwas nicht in Ordnung, Javier?“
Er zögerte ein wenig zu lange mit der Antwort. „Nun ja, in Ordnung kann man hier eigentlich gar nichts nennen. Sieh dich um!“
Jane zog eine Augenbraue hoch. „Das meine ich nicht.“
Javier überlegte, wie er mit der Situation umgehen sollte, ohne unhöflich zu werden. Ihm fiel nichts ein. Besser, er sprach es direkt an.
„Nun, die Lage hier ist ziemlich brisant. Du bist bestimmt eine gute Fotografin, aber – ähm – wie soll ich das sagen? Für eine Frau kann das hier verdammt gefährlich werden. Ich begreife nicht, wie sie eine Frau in so eine Situation bringen können. Ich sollte dich am besten wieder in das nächste Flugzeug setzen, das von hier wegfliegt.“
Das war es also.
„Danke, dass du so offen bist. Die meisten hätten um den heißen Brei herumgeredet. Ich schlage vor, dass du mich einfach als Partner und nicht als Frau betrachtest. Ich habe vier Jahre in Vietnam gearbeitet und Reportagen von der Front gemacht. Ich habe mit den Jungs im Dreck gelegen. Ich wurde in einem Lager im Norden gefangen gehalten. Jetzt sitze ich hier neben dir und das würde ich nicht, wenn ich keine Ahnung hätte, wie man überlebt. Du wolltest jemanden mit Kriegserfahrung? Hier bin ich.“ Ihre Stimme klang kälter, als sie es beabsichtigte.
Javier war immer noch nicht glücklich darüber, mit einer Frau zu arbeiten. Gut, er hatte Jane vielleicht falsch eingeschätzt. Das war aber auch kein Wunder. Frauen, die so aussahen wie sie, arbeiteten für gewöhnlich vor der Kamera, als Model, Schauspielerin oder vielleicht Korrespondentin. Sie waren eine Verheißung für jeden Mann, er selbst machte da keine Ausnahme. Was war, wenn sie den falschen Leuten in die Hände fiel?
Jeden Tag verschwanden Menschen: Angehörige der alten Regierung, Gewerkschafter, jeder, der einer linken Partei angehörte oder nur verdächtig war, jemanden zu kennen, der es tat. Die Festnahmen erfolgten an Universitäten, in Regierungsgebäuden, am Arbeitsplatz, in der Wohnung. Es gab keinen sicheren Ort. Tausende wurden in das Nationalstadion gesperrt. Früher war das eine Sportstätte, jetzt diente es, wie so manche Schule oder Konferenzhalle, als Internierungslager. Es waren Orte des Grauens. Willkür, Folter, Mord. Niemand half ihnen. Es gab keine Anklage, keinen Anwalt, nur Gewalt und Tod. Wohin die Leichen verschwanden, wusste niemand. Die Familien bekamen keine Nachricht. Woher er das wusste? Mit viel Bestechungsgeld und noch mehr Glück war sein Bruder entkommen und untergetaucht. Es war vollkommen klar, was geschehen würde, wenn eine Frau wie Jane diesen Tieren in die Hände fiel. Die Vorstellung war für ihn unerträglich.
„Bitte missverstehe mich nicht, Jane. Ich respektiere deine Arbeit und ich wollte dich nicht beleidigen. Aber sollten uns Polizei oder Armee in die Finger bekommen, wäre es für mich leichter, zuzusehen, wie sie einen Mann fertigmachen, als wenn sie eine Frau vergewaltigen. Diese Leute schrecken vor nichts zurück. Es gibt keinen Funken Menschlichkeit dort.“
Jane schaute ihn an und lächelte leicht. „Okay, ich verstehe. Dann bleibt nur eins: Wir sollten alles daran setzen, uns nicht schnappen zu lassen.“
Javier nickte. „Guter Plan.“ Er bremste und stellte den Wagen, der erleichtert schnaufte, am Straßenrand ab.
Jane sah sich um. Das Viertel war nicht besonders repräsentativ. Die Straße war staubig, die Häuser schmucklos. Javier wies auf ein unauffälliges dreistöckiges Gebäude.
„Hier wohnte ein Freund von mir. Er verschwand, wie so viele. Ich habe einen Schlüssel zu seiner Wohnung. Dort sollten wir einigermaßen sicher sein.“
Die Luft war ein wenig abgestanden, als sie die Wohnung betraten. Sie war einfach, aber gemütlich eingerichtet und ordentlich. Es schien kaum vorstellbar, dass der Bewohner vor ein paar Wochen einfach verschwunden war.
Javier ging leise durch die Zimmer und schaute hinter Bilderrahmen und Vorhänge. Jane begriff sofort, dass er nach Wanzen suchte.
„Scheint sauber zu sein. Ich würde dir einen Kaffee kochen, aber den riecht man durch das ganze Haus. Die Wohnung gilt als unbewohnt. Wir sollten kein Risiko eingehen.“ Javier spähte vorsichtig durch das Fenster. Es war niemand zu sehen. Er entspannte sich ein wenig. „Du hast die Auswahl zwischen lauwarmem Dosenbier oder lauwarmer Cola.“ Er grinste ein wenig schief und zeigte auf eine Palette neben dem Kühlschrank.
Weder das eine noch das andere erschien Jane verlockend. Sie entschied sich für die Cola. Javier nahm ein Dosenbier und ließ sich auf einem der Stühle am Küchentisch nieder.
„Willst du dir Notizen machen?“
Jane nickte, setzte sich ihm gegenüber und zog ein Reisetagebuch hervor. Sie nippte an der Cola und sah Javier erwartungsvoll an.
„Es kann losgehen.“
„Also, beginnen wir bei Dinnort. Der Mann kam schon vor einigen Jahren her, lange bevor Allende die Wahl gewann. Dinnort war offiziell als ziviler Berater in der Botschaft tätig. Inoffiziell arbeitete er für die CIA. Er hatte Kontakt zu hohen Militärs. Sie versuchten, die Wahl zu verhindern, was aber nicht gelang. Den Leuten hier ging es nicht gut. Die meisten lebten in sehr einfachen Verhältnissen, während wenige reicher und reicher wurden. Jeder Großgrundbesitzer spielte sich als Herr über Leben und Tod auf. Die Arbeiter organisierten sich, gründeten Gewerkschaften. Sie nahmen dafür ein großes Risiko auf sich, denn Gewerkschafter lebten gefährlich. Allende gab uns Hoffnung. Nach seiner Wahl setzte er seine Versprechen tatsächlich um. Er tat viel, um die Lebensumstände zu verbessern. Preise für Mieten und Lebensmittel wurden eingefroren, Gesundheit und Bildung wurden kostenlos. So etwas ist teuer. Er begann, Konzerne und Großgrundbesitzer zu enteignen. Das brachte ihm mächtige Feinde ein. Die Großgrundbesitzer wollten ihren Besitz natürlich nicht kampflos aufgeben. Ausländische Konzerne, meist amerikanische, liefen Sturm. An dieser Stelle schlug die Stunde für Leute wie Dinnort. Er verfügte über beste Verbindungen. Er versuchte, einige Generäle zum Putsch zu bewegen. Das war nicht so einfach, wie er dachte. Der Leiter des Generalstabs mochte vielleicht den Sozialisten Allende nicht, aber er stand loyal zur Verfassung. Dinnort wechselte die Pferde. Er fand neue Freunde, die ganz bis nach oben wollten. Diese schreckten vor nichts zurück. Politische Gegner wurden entführt und ermordet. Der Generalstabschef wurde abgefangen, sein Wagen blockiert. Dann erschossen sie ihn und seine Begleiter. Das war der Tag, an dem ich begann zu recherchieren.“ Javier strich sich gedankenverloren durch die Haare und nahm einen Schluck aus der Dose. Er verzog angewidert das Gesicht. „Schmeckt grauenhaft. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, das Attentat. Allende ließ sich davon nicht einschüchtern. Dann begannen die Kampagnen. Sicher, die Versorgungslage hätte besser sein können, aber die Zeitungen übertrieben maßlos. Ich arbeitete damals für eine kleine Lokalzeitung, die politisch auf Seiten Allendes stand. Die gibt es natürlich nicht mehr.“ Javier lachte bitter. „Ich bekam mit, wie es lief. Die Geldkoffer wurden unverblümt in die Chefetagen getragen. Mit Geld kannst du dir alles kaufen und erst recht die öffentliche Meinung. Die Leute glaubten wirklich, wir stünden kurz vor dem Untergang. Internationale Beziehungen würden eingefroren, Devisenknappheit. Elektrizitätswerke wurden sabotiert. Es gab Stromausfälle. Die Leute gingen wieder auf die Straße. Die Transportarbeiter streikten. Ja, Dinnort verstand sein Handwerk. Dann kam der Putsch. Sie sagten, Allende habe Selbstmord begangen. Ich persönlich glaube, sie haben ihn umgebracht.“
Jane sah von ihrem Notizblock hoch. Javier hatte mit der rechten Hand die Dose zu einem Knäuel zusammengeballt. Seine Kiefer mahlten. Er brauchte ein wenig, um weiterzusprechen.
„Es war gut vorbereitet, das muss ich ihnen lassen. Sie verboten die Gewerkschaften und machten alle Zeitungen dicht, außer denen, die auf ihrer Seite standen. Sie verhafteten jeden, der etwas gegen die Putschisten – oh Verzeihung – ich meine natürlich die neue Regierung sagte oder auch nur dachte. Hier in Santiago steckte man sie in das Nationalstadion. Meinen Bruder haben sie auch erwischt, aber er konnte entkommen.“
Jane unterbrach ihre Notizen. „Hast du Beweise, dass die CIA hinter dem Mord steckt, hinter den Schmiergeldern? Dass Dinnort für die Firma gearbeitet hat? Ich glaube dir jedes Wort, aber mein Auftraggeber will hieb-, stich- und vor allem gerichtsfeste Beweise sehen. Wenn wir mit solch einer Story rausgehen, wird es einen Sturm geben.“
Javier nickte. „Ich weiß nicht, ob es reicht, aber ich habe Bilder. Die Fotos zeigen Kontaktleute der CIA, Vertreter chilenischer Militärs und Übergabe von Waffen und Munition. Es liegen Telegramme von ranghohen US-Politikern, CIA-Agenten an Verbindungsleute vor. Es existieren Belege von Geldtransfers, Tonbandmitschnitte und eidesstattliche Versicherungen von Interviewpartnern.“
„Wo? Kann ich es sehen?“
Javier schüttelte den Kopf. „Es ist nicht hier. Mein Bruder hat es mitgenommen. Er ist nach Bolivien geflohen und versteckt sich dort.“
Bolivien, Jane stieß einen Stoßseufzer aus. Wäre es nicht einfacher gewesen, direkt nach Bolivien zu gehen? Ihr Gedanke musste ihr wohl in Leuchtschrift auf der Stirn gestanden haben, denn Javier lächelte.
„Du würdest ihn nicht finden, Jane Mulwray. Er lebt im Untergrund. Es gibt Leute, die ihn schützen. Und wenn ich direkt von Bolivien aus Kontakt nach Amerika aufgenommen hätte, würde ich ihn und seine Leute gefährden. Versprich mir, dass du diese Geschichte bringen wirst, dann stelle ich den Kontakt her.“
Jane überlegte einen Moment. „Sag mal, Javier. Der Mord an Dinnort – haben dein Bruder oder seine Leute was damit zu tun? Darüber hast du mir nämlich gar nichts erzählt.“
Javiers Mine wirkte verschlossen. „Natürlich nicht. Er wurde ermordet, kein Zweifel, aber ich habe keine Ahnung, wer das war. Der Kerl war ein mieses Arschloch, der hat sich bestimmt mehr als genug Feinde gemacht.“
„Dann schlage ich vor, wir setzen genau da an, und zwar bevor wir nach Bolivien gehen. Ich weiß immer gern, womit ich es zu tun habe und ich mag keine unliebsamen Überraschungen. Soviel ich weiß, wurde sein Auto hochgejagt. Gibt es noch irgendwo Überreste davon?“
Javier überlegte einen Moment. Dinnort war tot. Wenn er wüsste, wer dafür verantwortlich war, würde er ihm wahrscheinlich ein Dankesschreiben zukommen lassen. Aber gut, wenn diese Americana unbedingt das Autowrack sehen wollte. Es konnte ja nicht so schwer sein, herauszufinden, auf welchem Schrottplatz das Ding stand.
„Ich werde es herausfinden.“
Jane nickte, während sie den Rest Cola herunterschluckte.
„Mmmh. Ich möchte dem amerikanischen Botschafter einen Besuch abstatten. Es interessiert mich brennend, ob der die ganze Zeit vollkommen ahnungslos war oder nicht.“
„Du willst in die amerikanische Botschaft? In das mutmaßliche CIA-Hauptquartier dieser Stadt? Bist du wahnsinnig?“
Sie lachte. „Ja, manchmal schon. Wäre ich sonst hier? Aber jetzt habe ich wirklich Hunger. Bekommt man hier irgendwo etwas Brauchbares zu essen? Und wage dich nicht, in diesem Kühlschrank nachzusehen!“
Javier nickte ergeben. Wenn diese Frau sie beide morgen in den Abgrund reißen wollte, indem sie in die amerikanische Botschaft stolzierte, sollten sie die Zeit genießen, die ihnen noch blieb.
„Ich kenne sogar ein sehr gutes Lokal. Ich denke, es wird dir gefallen.“
***
Javier stellte den klapprigen Wagen in einer Hofeinfahrt ab. Er öffnete die Beifahrertür und ließ Jane aussteigen. Dann bot er ihr mit einem Grinsen den Arm.
„Señora, darf ich Sie in eines der besten Lokale der Stadt ausführen?“
Jane lachte und hakte sich bei ihm ein. Er steuerte auf ein Gebäude zu, das im Stil einer Hazienda gebaut war. Es war mehrstöckig und besaß einen von außen nicht einsehbaren Innenhof, in dem einfache Tische standen. Balken, die den ganzen Hof überspannten, boten die Möglichkeit, Sonnensegel anzubringen. Im Sommer sicher eine angenehme Sache. Sie setzten sich an einen der Tische unter die Arkaden. Das Lokal war recht gut besucht. Hier war nichts von der düsteren Stimmung zu spüren.
Das Essen war bodenständig. Es gab Fleischeintopf, Maisbrot und Pastete. Zu allem wurde eine scharfe grüne Chilisauce serviert.
„Möchtest du Wein?“
Es war bestimmt besser, einen klaren Kopf zu behalten. Aber es war so schön hier, fast, als befände sie sich nicht in einer der gefährlichsten Städte, die die Welt gerade zu bieten hatte. Gegen ein Glas Wein war nun wirklich nichts einzuwenden. Sie nickte.
Der Rotwein war nicht allzu schwer und passte perfekt zu dem pikanten Eintopf. Sancho, der Wirt, kannte Javier und zwinkerte ihm zwischendurch zu. Es war klar, dass er Jane für Javiers Freundin hielt. Er war ein freundlicher älterer Herr mit puscheligen Ohren und einem geringelten buschigen Eichhörnchenschwanz, der hinten aus seiner Hose ragte. Jane schaute in ihr Glas und wieder zum Wirt. Der war allerdings bereits um die Ecke verschwunden. Aber der Barmann und die Kellnerin, die den Nachbartisch bediente, die waren da. Freundliche Hasenmäuse, die eifrig hin und her liefen. Hui, vielleicht hätte sie es doch besser bei einem Glas belassen sollen. Es gab keine eichhörnchenschwänzigen Kaninchen, die Lokale führten, auch nicht in Chile. Sie kicherte.
Javier betrachtete sie. Ein paar Haarsträhnen hatten sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst. Ihre Wangen waren ein wenig gerötet. Sie war wunderschön, wie sie lachte. Morgen würden sie sich mit vielen unerfreulichen Dingen beschäftigen, aber erst morgen. Der heutige Tag war schön, einer der besten seit Langem. Weil sie hier war, eine schöne Frau, die lachte. Er stand auf, ging zu Jukebox und warf ein paar Münzen ein. Sancho lächelte, während er eine neue Flasche entkorkte. Er hatte Javier schon lange nicht mehr mit so guter Laune gesehen, aber kein Wunder, wer konnte in all dem Elend Freude empfinden. Heute war es anders. Es musste an ihr liegen, dieser schönen Americana mit der seltsamen Magie.
„Möchtest du tanzen?“ Javier hielt Jane die Hand hin.
Jane hörte die sehnsuchtsvolle, rhythmische Musik. Sie sah Javier etwas verlegen an. „Ja schon, aber das ist ein Tango, nicht wahr?“ Er nickte. „Ich habe noch nie Tango getanzt!“
„Das macht nichts. Ich zeige es dir.“
Tango ist kein Tanz. Tango ist Leid, Trauer, Wut, Zorn, Leidenschaft. Javier beherrschte alle Register. Er führte elegant, kraftvoll, bestimmend. Vermutlich hätte er auch mit einem Besenstiel oder einer Straßenlaterne tanzen können und sie hätten dabei gut ausgesehen. Jane überließ sich einfach dem Rhythmus der Musik, folgte seinen Bewegungen. „Der Tango ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens.“ Jane konnte sich nicht erinnern, von wem dieser Ausspruch kam, aber wer immer es war, er hatte verdammt recht! Es war wie ein Rausch. Sie nahm ihre Umwelt wieder wahr, als ein Dutzend puscheliger Kaninchenmäuse begeistert applaudierte und Javier sie zum Tisch zurückbrachte.
„Ich denke, es wird jetzt Zeit, dass du dein Zimmer bekommst. Sanchos Frau hat es schon vorbereitet. Hoffentlich gefällt es dir.“
Er stieg vor ihr eine schmale Holztreppe hinauf, steckte den überdimensionalen altmodischen Schlüssel in das Schloss und öffnete die Tür. Das Zimmer zu betreten, war wie eine Zeitreise. Welches Jahr? 1905, 1920? Dunkle opulente Möbel, verblichene, vormals edle cremefarbene Vorhänge. Ein großes Eisenbett mit Verzierungen. Auf einem kleinen Tischchen standen Flakons aus buntem Glas. Der Spiegel war an einigen Stellen blind, aber herrlich verschnörkelt. Jane ging zum Fenster. Eine bodentiefe Doppeltür öffnete sich zu einem kleinen Balkon. Beinahe automatisch öffnete sie diese und trat hinaus. Es war jetzt etwas wärmer, der Wind hatte gedreht und die Luft war deutlich klarer als vorhin.
„Gefällt es dir? Du hast vielleicht etwas anderes erwartet. Es ist ein wenig altmodisch hier …“
„Nein, es ist traumhaft.“
„Gut. Ich sollte dann gehen. Morgen früh hole ich dich ab und wir frühstücken im ‚Deutschen Haus‘.“
Jane lehnte gegen den Türrahmen. Eigentlich wollte sie nicht, dass er ging. Javier war ein äußerst attraktiver Mann. Ihr gefiel seine Art, sich zu bewegen, zu tanzen. Er würde leidenschaftlich sein und nichts anderes wünschte sie sich jetzt. Sie hatte mehr getrunken als für einen klaren Kopf gut war. Umso leichter ließ sich die mahnende Stimme darin ausschalten.
„Du musst nicht gehen …“ Ihre Stimme hatte einen dunkleren Ton angenommen.
Javier sah sie an. Wie sie da stand, war eine einzige Herausforderung. Seine Kehle wurde trocken. Er wusste, wie sie tanzte. Ihm gefiel ihre Leidenschaft. Er trat zu ihr, umfasste ihre Taille und zog sie an sich.
„Du bist schön, wirklich schön.“ Seine Stimme klang rau.
Sie spürte, wie seine Hände über ihren Körper glitten. Ihre Haut erschauerte unter seiner Berührung. Ihr Kopf sagte ihr, dass es ganz und gar unprofessionell war, was sie da tat. Ihr Körper war eindeutig anderer Meinung. Sie wollte ihn, jetzt, auf der Stelle.
Der rote Hof
„Gringa, ich hätte dich töten sollen, als du deinen widerwärtigen weißen Fuß auf unser heiliges Land gesetzt hast!“ Die rabenschwarzen Augen der Frau sprühten vor Hass.
„Ja, da magst du wohl recht haben, liebe Itza.“ Mara schlug provozierend langsam das eine Bein über das andere, während sie ihr Gegenüber anlächelte. „Aber da haben wohl deine göttlichen Kräfte versagt.“ Ihre Stimme troff vor Sarkasmus. „Als die hochedle Göttin, für die die Leute dich gehalten haben, hättest du wissen sollen, dass Pferde keine göttlichen Wesen sind, sondern dumme Tiere, die spanische Soldaten durch das Land trugen. Als Göttin mit allmächtigen Kräften wäre es deine Aufgabe gewesen, die Gefahr zu erkennen, die von ihnen drohte. Du hättest sie vernichten können, zertreten wie räudige Hunde und ins Meer zurückwerfen. Aber das hast du nicht getan. Du bist nämlich keine kluge und edle Göttin, sondern nur eine dumme Todesfee.“
Itzapapalotl spürte, wie übermächtige Wut in ihr hochstieg. Schwarze, gläserne Krallen wuchsen aus ihren Händen. Gleich würde sie diese Vampirin packen, sie schütteln, zu Boden zwingen und ihr das herausreißen, was vor langer Zeit einmal ein Herz gewesen war. Sie hätte das schon vor Jahrhunderten tun sollen!
„NEIN.“
Itza vernahm die Stimme mehr in ihrem Kopf als in ihren Ohren. Warum hielt die weise Schlange sie zurück? Mit aller Kraft gelang es ihr, sich zu beherrschen.
„Ich dulde nicht, dass sich die Mitglieder dieses Hofes gegenseitig bekriegen. Wir haben weitaus größere Probleme. Mara hat um den Schutz dieses Hofes gebeten. Sie hat ihn erhalten und ist genauso ein Teil davon wie du, Obsidian-Schmetterling. Und ich muss ihr recht geben. Es war deine Aufgabe, über unser Volk zu wachen und Schaden von ihm fernzuhalten. Du hast damals versagt und wie es scheint, bist du dabei, es wieder zu tun. Vielleicht ist es deine Natur, dein ungestümes Wesen, das dich zu überstürzten Handlungen hinreißen lässt.“
„Es war nicht klug?“ Itzas Stimme wurde schrill. „Erneut fallen Gringos in unser Land ein. Dieses Mal nicht mit Schiffen und mit Pferden, mit Christenpriestern und Schwertern, mit Goldgier und mit Seuchen. Nein, heute kommen sie mit Coca-Cola und Koffern voller Geld. Sie rauben wieder die Schätze unseres Landes und geben uns wertloses Papier anstelle von Glasperlen. Sie besudeln es mit ihrer primitiven Art zu denken. Sie zerstören, was immer ihnen in die Hände kommt. Es reicht ihnen nicht, die Menschen zu versklaven, jetzt wenden sie sich gezielt gegen uns. Sie erkennen uns. Sie brachten ihre eigenen Geschöpfe mit. Ihre Oger töten unsere Feen. Ihre verdrehten halbmagischen Wesen vermögen, selbst die Stärksten unter uns anzugreifen. Sie töten uns! Hast du diejenigen gesehen, die ihre Opfer wurden, ehrwürdige Schlange?“
Ein Klagelaut klang aus den Tiefen des Raumes.
„Und statt herauszufinden, was das für Leute sind, wer sie schickt, wo ihre Schwachstellen liegen, kommt die schlaue Itza auf die Idee und bringt einen unbedeutenden Menschen um. Glaubst du nicht, sie werden einen anderen schicken, der ihre Spezialeinheiten befehligt?“ Maras Stimme wurde leise. „Diese Leute sind K-Programme, Itza! Weißt du überhaupt, was das ist? Die Amerikaner haben es geschafft, Wesen zu erschaffen, die uns besiegen können! Es ist vollkommen schwachsinnig, einen Krieg heraufzubeschwören. Eine offene Schlacht werden wir verlieren, genauso wie ihr vor fünfhundert Jahren verloren habt! Ach ja, du kennst ja K-Programme. Ist dir nicht vor nicht allzu langer Zeit eins entwischt? Hast du nicht getönt, du wolltest ihr Herz rausreißen?“ Mara machte eine Kunstpause und legte fragend den Zeigefinger an die Lippen. „Ach nein. Unsere schlaue Itza hat es nicht geschafft. Ein einzelnes kleines K-Programm und unsere großartige Itza war überfordert! Was haben wir gelacht …“
Itza keuchte auf vor Wut. Sie erinnerte sich sehr gut an diesen Tag. Ja, es mochte ein K-Programm gewesen sein, aber das war es nicht, was sie bezwungen hatte. Ein einzelner magisch veränderter Mensch war kein Gegner, der ein ernstzunehmendes Problem darstellte. Aber diese Frau war etwas anderes. Mächtige Magie, größer als die ihre, schützte sie. Sie war ein Mitglied des schwarzen Hofes. Sie war eine Drachentochter. Sie trug das Zeichen des Drachen, der sogar die gefiederte Schlange besiegt hatte. Auch diese aufgeblasene Vampirin wäre an ihr gescheitert, aber es hatte keinen Zweck, weiter darüber zu sprechen. Mara mochte ihr körperlich unterlegen sein, aber sie besaß das Vertrauen der gefiederten Schlange. Es war sinnlos, diesen Disput weiterzuführen. Mit einem Fauchen drehte sie sich um. Ihre Gestalt löste sich in tausende winzig kleine schwarze Schmetterlinge auf, die durch das Fenster hinausflogen.
Mara räkelte sich zufrieden in ihrem Sessel. Es war immer gut, seinen Gegner zu kennen und möglichst viel über ihn zu wissen. Der Obsidian-Schmetterling war die einzige Person, die zwischen ihr und der absoluten Macht stand. Mit unschuldigem Lächeln wendete sie sich der gefiederten Schlange zu, die zurückgesunken auf ihrem Lager ruhte.
„Es tut mir so leid, dass es zu diesem dummen Streit kam. Ich will doch nur das Beste für den roten Hof.“ Ihre Stimme klang seidig und einschmeichelnd. „In einem hat Itza recht. Sie tun den Unsrigen grauenhafte Dinge an. Sie suchen sich nicht die Starken, die ihnen gewachsen sein könnten, nein, sie vergreifen sich an den kleinen Tierwesen, an den Flussfeen und weißen Hexen. Es reicht ihnen nicht, zu töten. Sie foltern sie, verbrennen sie mit angezündeten Reifen, reißen sie in Stücke. Sie verschonen niemanden, weder Frauen noch Kinder.“
Ein weiteres dumpfes Stöhnen entfuhr der gefiederten Schlange. Mara war zufrieden.
„Ich habe eine Idee, wie wir es schaffen, die Fremden zu besiegen. Willst du sie hören?“
Die gefiederte Schlange nickte.
Hinterfrage alles
Als Jane aufwachte, saß Javier bereits fix und fertig angezogen in einem der Sessel und las Zeitung. Ihr Kopf schien voller Spinnweben zu sein. Sie versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Das Essen, der Wein, der Tango und ein Nachmittag, der irgendwie aus dem Ruder gelaufen war. Javier grinste sie von seinem Platz aus an.
„Ich dachte schon, du wachst nicht mehr auf. Ich wollte dich ausschlafen lassen, aber wir haben heute noch viel vor.“
Ja, er hatte natürlich recht. Sie ließ das Laken herabgleiten und ging ins Bad. Sie spürte förmlich, wie Javiers Blick ihr folgte.
***
Sie gingen auf einen Kaffee in ein Lokal, das „Deutsches Haus“ hieß. Es gab eine Menge deutscher Einwanderer hier. Sie setzten sich so, dass sie den Raum im Blick hatten. Javier wies sie auf einen Mann hin, der hinten rechts in der Ecke saß. Er hatte eine Weile Zeitung gelesen. Jetzt wartete er auf die Bedienung, um zu zahlen.
„Mach ein Bild von diesem Mann, aber unauffällig.“
Jane zog diskret die Kamera hervor. Sie nutzte einen Moment, in dem einige neue Gäste ihre Plätze einnahmen, um das Objektiv auf ihn zu richten. Für einen Moment schien es Jane, als wäre er mindestens zwei Meter groß. Seine mächtigen Beine passten kaum unter den Tisch. Die Haut war bleich, grobporig und sah seltsam ungesund grau aus. Sie schüttelte irritiert den Kopf. Nie wieder Rotwein! Sie brauchte dringend einen Kaffee und etwas zu essen. Die Kamera klickte ein paarmal, aber er bekam es nicht mit. Er schien sich unwohl zu fühlen. Sein Blick war unstet und vermied jeden Blickkontakt zu anderen Menschen. Selbst als er zahlte, sah er an der Bedienung vorbei. Als er hinausging, streifte er beinahe Javiers Schulter. Jane sah ihm hinterher und zu ihrer Verwunderung sah sie ein großes Messer, das in einem Holster so auf dem Rücken befestigt war, dass er es jederzeit nach unten herausziehen konnte. Messer war als Bezeichnung beinahe eine Untertreibung. Es war etwas größer als ein Bowiemesser und man konnte mit dem Ding vermutlich ganz bequem ein Paar Gliedmaßen durchteilen. Sie zog die Leica hervor und hielt drauf.
„Das ist einer der Männer, auf die wir achten sollten.“
Javier hatte die Kellnerin herangewinkt und beglich die Rechnung.
„Bevor wir zur Botschaft fahren, würde ich dir gern etwas zeigen.“
Javier fuhr sehr schnell. Seltsamerweise lag der Wagen erheblich ruhiger, als wenn man in gemächlichem Tempo durch die Straßen schaukelte. Es war schon komisch, auf so etwas Unwichtiges zu achten, wenn es ringsherum von Polizei und Militär wimmelte und Menschen auf offener Straße angeschossen oder verschleppt wurden, dachte Jane. Vielleicht war es einfach so, dass man sich an die normalen Dinge klammerte, um den ganzen Irrsinn zu überstehen.
Es dauerte etwa zwanzig Minuten, bis sie am Strand waren. Sie ließen das Auto stehen und schlenderten durch das flache Wasser. Javier griff nach Janes Hand.
„Es sieht glaubhafter aus, wenn ein Pärchen bei einem Strandspaziergang Hand in Hand läuft.“
Jane lächelte flüchtig. Nach einer Weile war niemand außer ihnen mehr zu sehen. Javier wechselte die Richtung und lief landeinwärts. Nach weiteren zwanzig Minuten erreichten sie ein Gelände, das offenbar als Abstellplatz diente. Javier schnitt den Maschendraht mit einem Seitenschneider auf, sodass sie bequem hineinschlüpfen konnten. Glücklicherweise gab es weder Hunde noch eine Wache. Hinter einem angerosteten Container stand das Wrack einer Limousine. Dinnorts Wagen. Das Dach war ausgebeult, der linke Kotflügel fehlte. Das Innere war stark verbrannt, was bei einer Explosion nicht anders zu erwarten war. Dinnort war gefahren, sein Begleiter hatte auf dem Beifahrersitz gesessen. Ein Fenster war heruntergelassen. Jane fischte einen winzigen Fetzen angekohltes Geschenkpapier aus einer Ritze. Sie zog die Kamera hervor. Die Kamera war immer ihr Joker. Warum auch immer, sie sah einfach mehr, wenn sie durch die Linse schaute. Auf dem Rücksitz hatte etwas gestanden. Die Explosion war von dort gekommen.
„Hast du dir alles angeschaut? Dann erzähle ich dir die offizielle Version der Geschichte. Dinnort hatte Kontakt zu einem chilenischen Ex-Militär aufgebaut. Der Mann wurde der ‚Kojote‘ genannt. Ein etwas zwielichtiger Typ. Früher war er Sergeant in der chilenischen Armee. Nach dem Putsch ist er rasend schnell aufgestiegen, bis zum Rang eines Colonels. Sein richtiger Name lautet Raffael da Costa. Er fungiert als Verbindungsoffizier zu den Amerikanern. Dinnort war mit ihm auf dem Weg zu einer Hochburg der MIR. Die MIR ist eine marxistische Gruppe, die einen Guerillakrieg gegen die Regierung führt. Er plante, ihnen instabile Granaten zu verkaufen. Sie gehen häufig zu früh hoch, was in diesem Fall geplant war. Das Militär erkennt anhand der Explosion den Standort der Aufständischen und kann sie erledigen. Was sagst du zu dieser Geschichte?“
Janes Verstand arbeitete. Es passte nicht zusammen. Dinnort war Experte für Fernlenkwaffensysteme. Es gehörte bestimmt nicht zu seinen Aufgaben, Granaten an wen auch immer zu verkaufen. Wenn er wusste, dass er instabile Granaten dabeihatte, wäre er bestimmt nicht so dumm gewesen, diese in den Fahrgastraum zu legen. Dass die Sprengladung nicht von außen angebracht, sondern im Inneren hochgegangen war, bewies die Ausbeulung des Daches. Und er hätte das Paket vermutlich auch nicht in Geschenkpapier eingewickelt. Jane blickte wieder auf den Wagen. Das heruntergelassene Fenster gab ihr die Antwort, die sie gesucht hatte. Wesentlich einleuchtender als die offizielle Story war eine andere Version: Dinnort und der Kojote waren tatsächlich irgendwo hingefahren. Ein Geschenkpäckchen lag auf dem Rücksitz. Dann hatte er angehalten. Etwas, das er in einer Gefahrensituation niemals getan hätte. Er hatte das Fenster heruntergekurbelt, wahrscheinlich deshalb, da er die Person kannte, wegen der er angehalten hatte. Zumindest vermutete er keine Gefahr von ihr. Der oder die Unbekannte hatte dann vermutlich eine Handgranate in den Wagen geworfen. Wer konnte das sein? Jemand von der MIR, Polizei, Militär oder jemand von den eigenen Leuten? Die letzte Vorstellung war absurd. Es sei denn, man wollte James Dinnort loswerden. Vielleicht hatte er etwas entdeckt, das nicht für seine Augen bestimmt war. Javiers Miene verriet Jane, dass er genau dasselbe dachte.
„Wir brauchen Beweise, Javier, und das wird nicht leicht sein.“
Sie fuhren zum Botschaftsgebäude. Jane wusste, wie die Botschaft in Saigon nach der TET-Offensive ausgesehen hatte. Sandsäcke, Belagerungszustand. Marines in voller Kampfausrüstung mit schussbereiten Maschinengewehren im Anschlag. Hier war es ähnlich. Die Häuser ringsum schienen nicht bewohnt zu sein. Ladenlokale waren mit Brettern vernagelt. Es war beklemmend. Sie hielten auf der gegenüberliegenden Straßenseite an.
Die Wachen richteten augenblicklich die Waffen auf sie. Jane atmete hörbar ein. Das war nicht normal. Sie befanden sich auf offener Straße. Sie öffnete die Wagentür. Sie hörte das Klicken der Waffen und eine der Wachen kam direkt auf sie zugestürzt. Das fehlte noch, dass ein übereifriger Soldat sie hier erschoss! Ganz vorsichtig griff sie in ihre Jackentasche, zog den Pass heraus und hielt ihn hoch.
„Ich bin amerikanische Staatsbürgerin …“ Weiter kam sie nicht.
Der Marine packte sie und zwang sie zu Boden, während der andere ihr den Lauf seiner Maschinenpistole ins Genick hielt.
Beide brüllten auf sie ein. Hände hinter den Kopf! Wer der Mann in ihrer Begleitung war, was sie wolle. Jane kämpfte gegen die aufsteigende Panik. Was war hier los? Seit wann ging man auf offener Straße so mit den eigenen Leuten um? Hatte es einen Anschlag gegeben? Die Situation ließ sich anders nicht erklären. Sie versuchte, einigermaßen ruhig zu antworten.
„Mein Name ist Jane Mulwray. Ich bin amerikanische Journalistin und arbeite für die Capital Tribune. Ich möchte den Botschafter sprechen.“
Sie war beinahe verwundert, dass sie den Satz zu Ende bringen konnte, ohne erschossen zu werden. Sie wagte es aufzublicken und musterte die beiden Soldaten. Großer Gott, wo hatte man die aufgetrieben? Beide waren sehr groß, sehr muskulös. Die Köpfe wirkten aufgrund der starken Halsmuskulatur so, als ob sie direkt auf den Schultern aufsetzten. Ihre Bewegungen waren ungewöhnlich schnell. Dann die Augen. Eisblaue Augen konnten schon mal kalt wirken, aber diese hier konnten schockfrosten. Sie sahen unmenschlich aus. Absolut gefühllos. Kein Lächeln, keine Regung. Jane hatte nicht das Gefühl, dass die beiden sie als menschliches Wesen wahrnahmen.
Einer der Männer deutete auf Javier.
„Was ist mit ihm?“
„Das ist mein Dolmetscher und Fahrer.“ Jane versuchte, ein harmloses Gesicht zu machen.
„Er bleibt draußen.“ Der Soldat machte Javier ein Zeichen, in sein Auto zu steigen. Dann wendete er sich wieder Jane zu. „Passieren Sie!“
Das Tor öffnete sich einen Spalt und Jane schlüpfte hindurch. Hinter dem Tor erwartete sie eine andere Welt und sie fragte sich einen winzigen Moment, ob sie die unangenehme Begrüßungszeremonie vielleicht nur geträumt hatte. Allein die Lufttemperatur war gefühlt zehn Grad wärmer. Durch einen parkähnlichen Garten führte ein gepflegter Kiesweg auf das Haupthaus zu, eine Villa im spanischen Kolonialstil. Vor der Hauswand gab es bunte Blumenrabatten. Ein lilablühender Baum duftete zart. Etwas weiter hinten schien eine Party stattzufinden. Menschen standen lachend beisammen, den unvermeidlichen Drink in der Hand. Einige Frauen spielten Federball auf dem akkurat gestutzten Rasen. Sie kam nicht dazu, sich das Ganze weiter anzusehen.
„Miss Jane? Jane Mulwray, sind Sie das?“ Die Stimme kannte sie. Sie fuhr herum. Ein sehr großer, sehr kräftiger Mann lief grinsend auf sie zu. „Erkennen Sie mich noch?“
Sie stutzte einen Moment. „Chandler? Chandler Crowe?“ Wie hätte sie diesen Mann je vergessen können? Chandler hatte ihr in Vietnam das Leben gerettet.
„Ja, Miss Jane. Wie schön, Sie zu sehen. Ist der Sergeant auch da?“ Chandler blickte sich suchend um.
Jane verspürte einen kleinen Stich, fasste sich aber sofort wieder.
„Nein, Chandler. Der Sergeant begleitet mich nicht. Wir sind nicht mehr zusammen. Er lebt jetzt in Nebraska.“
Der große Mann glich einen Moment einem enttäuschten kleinen Jungen, aber dann lächelte er wieder.
Jane gab ihrem ersten Impuls nach. „Ich werde dem Sergeanten erzählen, dass wir uns getroffen haben. Er freut sich bestimmt riesig, wenn er hört, dass es dir gut geht.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte ihren Arm um Chandlers Hals, um ihm einen Kuss auf die Wange zu hauchen.
„Wie ich sehe, kennen Sie unseren Gärtner?“, unterbrach eine sonore Stimme die Begrüßungszeremonie. Ein Mann mit gepflegten weißen Haaren und zweireihigem Club-Jackett stand hinter ihnen.
Chandler wurde verlegen und nahm augenblicklich Haltung an.
Jane drehte sich um. „Wir kennen uns aus Saigon. Ohne Chandler stünde ich vermutlich nicht hier. Oh, Entschuldigung, ich bin unhöflich. Mein Name ist Jane Mulwray, ich arbeite für die Capital Tribune. Ich bin hier, weil ich mich gern mit Botschafter Auburn unterhalten würde.“
Der Mann lächelte und nahm die Brille ab. „Ich bin Henry Auburn, Miss Mulwray. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, was ich der Tribune Wichtiges mitteilen könnte, aber eine charmante Dame wie Sie ist mir natürlich immer willkommen. Wir geben gerade eine kleine Dinnerparty, ganz zwanglos. Darf ich Sie einladen?“
Jane warf Chandler einen bedauernden Blick zu. Sie hätte gern noch ein wenig geplaudert. Chandler war also Gärtner hier. Merkwürdige Verwendung für einen begnadeten Scharfschützen. Mit heller Baumwollhose, dunkelblauem Hemd und rehbraunen Lederslippern sah er kein bisschen nach Gärtner aus.
„Nun, weswegen sagten Sie, wollten Sie mich sprechen?“ Der Botschafter hielt ihr den Arm hin.
„Oh, ich sagte es noch gar nicht, Mr Auburn.“ Jane hakte sich mit strahlendem Lächeln unter. „Mich interessieren die Hintergründe des schrecklichen Todes von Mr Dinnort. Die Tribune ist der Ansicht, dass es den amerikanischen Leser interessieren wird, wie ein hochrangiger Botschaftsangehöriger solch einem brutalen Anschlag zum Opfer fallen konnte.“
Auburn holte tief Luft: „Dinnort, ja, ein guter Mann. Ganz bedauerlich, diese Sache. Miss Mulwray. Ich denke, wir sollten uns in meinem Arbeitszimmer darüber unterhalten.“ Er wirkte ein wenig fahrig und sah sich nervös um.
Jane war der Ansicht, dass Botschafter Menschen seien, die immer und in allen Lebenslagen ein eloquentes Auftreten besaßen. Das war bei Henry Auburn eindeutig nicht so.
Als sie ins Haus kamen, empfing sie eine altmodische Pracht mit viel Gold, Schnörkeln und Stuck. Überall dunkle Kolonialmöbel, schwere Ledersessel und Sofas. Dicke Orientteppiche dämpften jeden Schritt. Alles war gediegen und geschmackvoll eingerichtet.
„Es ist gleich links, Miss Mulwray.“
Henry Auburn öffnete eine schwere Holzkassettentür. Am Schreibtisch lehnte ein Mann in Uniform. Sein Gesicht war regungslos. Auburn fuhr zusammen und blickte nervös zu Jane. Offenbar hatte er nicht mit der Anwesenheit einer anderen Person im Büro gerechnet. Er schien förmlich zu schrumpfen.
„Was machen Sie denn hier, Lieutenant Wolfmann?“ Seine Stimme zitterte leicht.
Jane musterte den Lieutenant interessiert. Militärisch kurzer Haarschnitt, blond, etwa ein Meter fünfundachtzig, sehr durchtrainiert. Markantes, scharfkantiges Gesicht. Kalte Augen. Das Hemd war makellos sauber und glatt gebügelt. Die Schuhe blank geputzt. Vermutlich würde sich nicht einmal ein einzelnes Staubkorn darauf finden.
„Ich würde gern mit Miss Mulwray sprechen, Botschafter. Unter vier Augen.“ Die Wärme der Stimme entsprach dem Blick der eisblauen Augen.
Auburn zuckte zusammen. „Ja…, nnnatürlich, Lieutenant Wolfmann.“ Er wendete sich Jane zu. „Bitte entschuldigen Sie mich, meine Liebe. Die Gäste und die Party – nun, Sie wissen ja. Vielleicht ein andermal, sprechen Sie einfach mit meiner Sekretärin wegen eines Termins.“ Der Botschafter konnte gar nicht schnell genug aus dem Raum kommen.
Jane sah ihm verblüfft nach. Wie konnte es sein, dass sich ein gestandener Diplomat von einem einfachen Lieutenant aus seinem eigenen Büro jagen ließ? Was ging hier vor sich?
Wolfmann bedeutete ihr, sich zu setzen, während er selbst auf dem Stuhl des Botschafters Platz nahm. Seine Bewegungen waren die eines Raubtiers. Er musterte sie unverwandt.
Da also stand sie, Jane Mulwray. Wer hatte sie geschickt? Abteilung 7 war es nicht, darüber hätte er Kenntnis erhalten. Aber es gab Geheimdienste innerhalb von Geheimdiensten, Sondereinsätze und noch geheimere Missionen. Die verschiedenen Regierungsstellen reagierten mittlerweile vollkommen paranoid auf die Vorkommnisse in Südamerika. Eine abgestimmte Vorgehensweise, ein übergreifender Plan? Schön wäre es, aber leider Fehlanzeige. Keiner wusste, was der andere vorhatte. Das machte die Sache für die Einsatzkräfte vor Ort nicht leichter. Wolfmann war zu lange im Geschäft, um sich noch Illusionen zu machen. Glaubte jemand, dass sie die Lage hier nicht in den Griff bekamen? Gut, Dinnorts Tod hatte für Wirbel gesorgt, aber der Kerl war ein Idiot. Sein plötzliches Ableben machte die Sache eher besser, fand Wolfmann.
Und jetzt schickten sie Jane. Ob sie sich an ihn erinnerte? Wohl kaum, zumindest ließ sie es nicht erkennen. Früher hätte Wolfmann seinen rechten Arm dafür gegeben, um so zu sein wie sie.
Sie war die größte Hoffnung des gesamten Forschungsprogramms gewesen. Sie entstammte derselben Versuchsreihe wie er selbst. Die erste Reihe, bei der ein ganz neues Vorgehen getestet worden war. Bis dahin hatte man versucht, ausgewachsenen Probanden, meist Soldaten oder Gefangenen, magische Substanzen mithilfe von Injektionen zu verabreichen. Die Ergebnisse waren eher dürftig, sie reichten von einer Art Abhängigkeit bis zu diversen Abstoßungsreaktionen. Im besten Fall überlebten die Leute es, ohne ihre schon bestehenden Fähigkeiten zu verlieren. Mit Kindern erzielte man bessere Erfolge. Sie vertrugen die Injektionen besser. Da der Körper noch im Wachstum war, konnten die magischen Substanzen besser in die eigenen Zellen integriert werden. Das Immunsystem verursachte weit weniger Abwehrreaktionen als bei Erwachsenen. Die Ergebnisse waren ermutigend. Die nächste Stufe ging noch weiter. Vermutlich wären die Mütter der ungeborenen Kinder durchgedreht, wenn sie gewusst hätten, was man ihnen injizierte. Sie ahnten es aber nicht und Vitaminspritzen konnten schließlich nicht schädlich sein. Natürlich gab es auch hier bedauerliche Verluste, aber das war nichts, was sich mit Geld und Einfluss nicht aus der Welt schaffen ließ. Jane und Wolfmann entstammten dieser Reihe. Der Erfolg ließ die Wissenschaftler jubeln. Wolfmann wuchs in abgelegenen Forschungseinrichtungen auf. Er konnte sich nicht erinnern, je ein anderes Zuhause gekannt zu haben. Er war elf Jahre alt, als ein kleines Mädchen in das „Waisenhaus“ kam. Das war Jane. Auf den ersten Blick war nicht zu erkennen, was ihre Fähigkeiten waren, aber langsam fanden sie es heraus. Sie kämpfte in einer absolut effizienten und tödlichen Art und Weise. Sie brachte Gegner zur Strecke, die weitaus älter und stärker waren. Aber das war nichts Besonderes. Viele K-Programme besaßen solche Fähigkeiten und sie wurden ausgiebig trainiert. Jane war anders. Sie besaß einen unbeugsamen Willen. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war niemand, wirklich niemand in der Lage, sie davon abzubringen. Es brachte ihr regelmäßig Ärger ein, weil sie versuchte, Schwächere zu schützen und Ungerechtigkeiten nicht ertrug. Sie versuchten alles, um den Willen des Kindes zu brechen. Wahrheitsserum, Drogen, Bestechung: Fehlanzeige. Folter, Bedrohung: nichts. Erfahrene Verhörspezialisten scheiterten an einem achtjährigen Mädchen. Sie war unangreifbar. Außerdem war es fast ein Wunder, dass sie den ganzen Dreck, den man in sie hineinspritzte, überlebte. Die Dosierungen hätten vermutlich jeden Elefanten umgeworfen, aber ihr ging es nach einer Weile wieder gut. Die Widerstandskraft ihres Körpers musste immens sein. Es konnte nur Teil ihrer magischen Substanz sein. Was es wohl war? Er wäre gern gewesen wie sie. Von einem kleinen Mädchen geschlagen zu werden, kratzte an seinem Ego. Irgendwann hatte es einen Zwischenfall gegeben, niemand sprach darüber, selbst in den Akten fand sich nichts. Auf jeden Fall war Jane aus dem Programm entfernt worden und hatte die Einrichtung verlassen.
„Wer hat dich hergeschickt?“
Die Frage kam unvermittelt, nachdem er Jane eine gefühlte Ewigkeit stumm gemustert hatte.
„Die Capital Tribune. Ich bin freie Mitarbeiterin.“
„Bullshit!“
„Wie bitte?“
„Du solltest gar nicht erst versuchen, mich zu verarschen!“
Jane sah den Lieutenant irritiert an. Wie sprach dieser Kerl mit ihr?
„Hören Sie, Lieutenant. Ich weiß nicht, was hier läuft. Ich habe keine Ahnung, was mit Ihnen los ist, aber Sie sollten sich mäßigen. Ich bin hier, weil ein Mitglied dieser Botschaft in die Luft gejagt wurde. Das passiert schließlich nicht jeden Tag. Aus diesem Grund hat die Zeitung mich hergeschickt und ich möchte ein Interview mit Botschafter Auburn führen. Was tut ein Mann wie Dinnort hier, welche Aufgaben und Kontakte hatte er? Das sind die Fragen, die ich stellen wollte. Ganz normale und harmlose Fragen. Wenn ich mir aber Ihr Verhalten anschaue, frage ich mich, ob nicht erheblich mehr dahintersteckt! Es ist kein Geheimnis, dass sich die US-Geheimdienste hier engagieren. Habe ich in ein Wespennest gestochen? Sollte ich vielleicht das Interview besser mit Ihnen führen?“
Wolfmann fühlte, wie so etwas wie Wut in ihm hochstieg. Ein ungewohntes und unangenehmes Gefühl. Er erlaubte sich keine Gefühle. Er war sich nicht sicher, ob er überhaupt welche besaß. Es gab nur einen Menschen, der ihn so aus der Fassung bringen konnte, und das seit seinem elften Lebensjahr. Es war dieses Mädchen, diese Frau! Sie hatte sich seither kein bisschen geändert. Sie nahm sich heraus, was sie wollte. Mit welchem Recht? Sie war exakt dasselbe wie er. Er war Teil des Systems, hatte sich hochgearbeitet. Er kannte seine Aufgabe. Diese Aufgabe bestimmte sein Leben. Vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage die Woche. Er schützte sein Land, seine gesamte Spezies vor diesen unmenschlichen Kreaturen. Seit Jahren versuchten sie, ihr Einflussgebiet auszuweiten. Sie bedrohten die Existenz der Menschheit! Es war seine Aufgabe, das zu verhindern. Es gab für ihn kein Lob und keine Tadel. Er funktionierte, das war alles, was von ihm verlangt wurde. Das galt für alle K-Programme. Aber Jane ging einfach her und entzog sich diesem System. Sie war nicht kooperativ. Sie stellte sich gegen die eigenen Leute. Er erinnerte sich sehr gut daran, was in Vietnam passiert war. Trotzdem hatte jemand Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um sie dort rauszuholen. Es gab Leute in hohen Positionen, die sie schützten.
Er konnte nichts tun und das ärgerte ihn maßlos. Wenn sie einen Befehl hatte, würde sie es ihm nicht sagen. Genau, wie sie früher nichts gesagt hatte. Er verspürte nicht übel Lust auszuprobieren, wie weit er gehen musste, damit sie endlich redete. Aber er konnte nicht riskieren, eine geheime Operation zu stören. Niemand kannte die Einsatzgebiete anderer K-Programme, so konnte man nichts verraten. Es war denkbar, dass diese Frau allein in die Reihen des roten Hofes geschickt wurde, um sie zu infiltrieren. Wenn jemand dazu in der Lage war, dann sie. Immerhin hatte sie schon einmal eine Bekanntschaft mit diesen Monstern überlebt.
Er hörte förmlich die Worte seines Dienstvorgesetzten: Lassen Sie die Frau in Ruhe ihre Arbeit machen. Wenn die Mission schiefgeht, mache ich Sie persönlich verantwortlich.
„Du willst wissen, wer Dinnort war? Was er hier wollte? Ja, Dinnort war in geheimer Mission hier. Seine Aufgabe war es, die Wahl Allendes zu verhindern. Das hat er nicht geschafft. Dann war es sein Job, dafür zu sorgen, dass dessen Amtszeit nicht allzu lange dauerte. Das hat er geschafft. Liefere ich dir Beweise? Nein, und du solltest auch besser nicht danach suchen. Wir alle hier machen nur unseren Job. Wir schützen die Interessen unseres Landes, das solltest du zur Abwechslung mal respektieren. Deiner Zeitung“, er spuckte das Wort beinahe aus, „kannst du ausrichten, dass ein amerikanischer Botschaftsangehöriger jederzeit Ziel von terroristischen Anschlägen werden kann, vor allen Dingen in einer unübersichtlichen Situation wie hier. Deswegen können wir nur hoffen, dass eine stabile Regierung wieder für Ruhe und Ordnung sorgt. Es gibt nichts Spektakuläres, nichts, was einen amerikanischen Leser interessieren würde. Das Interview mit Auburn kannst du dir also sparen. Er würde nichts anderes sagen.“
Mit einer geschmeidigen Bewegung erhob er sich und ging zur Tür.
„Sie dürfen gehen, Miss Mulwray. Und achten Sie darauf, uns nicht wieder in die Quere zu kommen.“
„Oh, zu freundlich, Lieutenant Wolfmann – und danke für das Interview.“
Jane tippte sich grüßend an die Schläfe, während sie den Raum verließ. Sie wusste beim besten Willen nicht, was sie von diesem Auftritt halten sollte. Wer war dieser Kerl und woher kannte er sie? Er musste sie kennen, anders war es nicht zu erklären, wie er mit ihr umgegangen war. Vietnam? An jemanden wie Wolfmann würde sie sich in jedem Fall erinnern. Sie war sich sicher, dass sie ihn noch nie in ihrem Leben gesehen hatte.
Ein Lächeln stahl sich in ihr Gesicht, während sie die Botschaft verließ. Vielleicht war Dinnort wirklich nicht so interessant, aber dieser Wolfmann war es. Wer war der Kerl, wie konnte er sich ein solches Auftreten leisten und was machte er hier? Es wäre spannend, das herauszufinden.
Wolfmann schloss die Tür. Wieso hatte er mal wieder das Gefühl, den Kürzeren gezogen zu haben? Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer.
***
Langley, Virginia
Direktor Jack Brabham lehnte sich zurück und stieß einen Seufzer aus. Was zur Hölle machte Jane in Chile? Es stellte ein Riesenproblem dar, dass sie ausgerechnet Wolfmann über den Weg gelaufen war. Der Kerl war nicht dumm, und wenn er einmal eine Fährte aufnahm, war mit ihm nicht zu spaßen.
Wir haben Grund zu der Annahme, dass der rote Hof nicht einheitlich agiert. Miss Mulwray hat schon Erfahrung mit dem roten Hof gemacht und der Rest übersteigt Ihre Geheimhaltungsstufe, Lieutenant. Brabham konnte ziemlich überzeugend sein und Wolfmann hatte keine weiteren Fragen gestellt.
Allerdings war Brabham klar, dass er die Sache nicht auf sich beruhen lassen würde. Es würde nicht leicht werden, Jane zu schützen, aber das war es nie gewesen. Egal, er hatte es sich geschworen und das würde auch ein Wolfmann nicht ändern. Warum zur Hölle konnte dieses verrückte Mädchen nicht einfach ihren Sergeanten heiraten, nach Nebraska ziehen und ein halbes Dutzend Kinder großziehen?
***
Javier wartete nervös im Wagen und beobachtete den Eingang. Er war erleichtert, als Jane dort erschien. Sie öffnete die Autotür und ließ sich mit einer fließenden Bewegung auf den Sitz gleiten.
„Hat er mit dir gesprochen?“ Javier schaute sie fragend an.
Jane nickte. „Ja, aber nicht sehr lange. Dafür habe ich einen äußerst unfreundlichen Lieutenant namens Wolfmann kennengelernt, der mir mehr oder weniger unverblümt gesagt hat, ich solle meine Nase aus der Sache raushalten. Wir sind also auf der richtigen Spur. Hast du schon mal was von dem Mann gehört?“
Javier schüttelte den Kopf. „Willst du seinem Rat folgen?“
Jane schaute ihn empört an. „Natürlich nicht! Was haben wir heute vor?“
„Ich habe dir doch heute Morgen diesen Kerl im ‚Deutschen Haus‘ gezeigt, du erinnerst dich?“ Jane nickte. „Gut. Er ist – besser, er war – einer von Dinnorts Handlangern. Ein Mann wie Dinnort macht sich natürlich nicht selbst die Hände schmutzig. Dafür hatte er seine Leute. Echt üble Kerle, ich habe nicht mal im Ansatz eine Ahnung, wo man so einen Abschaum findet. Das sind nicht nur Mörder, das sind Leute, denen es so richtig Spaß macht zu quälen, zu foltern und zu töten. Ich habe schon eine Menge erlebt, aber das geht über jedes erträgliche Maß hinaus. Bevor wir in die Sache einsteigen, will ich dir was zeigen. Ich hoffe, du hast einen guten Magen.“
Javier wendete den Wagen und gab Gas. Der altersschwache Ford protestierte vergeblich gegen das Tempo. Sie hielten vor einem alten Fabrikgebäude, das in früheren Zeiten eine Brauerei beherbergt hatte. Jetzt wies ein kleines Schild auf eine Tierarztpraxis hin. Javier führte Jane zu einem Seiteneingang, der in einen Keller führte.
Unten war es ziemlich kühl. Eine Stahltür verschloss das Ende des Ganges. Javier klopfte ein paarmal kurz an. Die Tür öffnete sich und ein ziemlich kräftiger Mann mittleren Alters schaute sie an. Er war ganz und gar nicht erfreut, jemand Unbekanntes zu sehen und herrschte Javier ziemlich rüde an. Javier hob abwehrend die Hände.
„Sie ist eine Kollegin, Antonio. Sie wird uns helfen.“
Antonio schaute immer noch skeptisch.
„Nun, Señora, ich hoffe, Sie haben einen guten Magen.“ Das hörte sie heute zum zweiten Mal.
Er ließ sie eintreten. In der Luft lag ein leichter Geruch nach Verwesung, der von Desinfektionsmitteln einigermaßen überdeckt wurde. Jane zog sich ihr Halstuch vor das Gesicht. Javier bedeutete ihr, zu folgen. Sie betraten einen Raum mit einigen Tischen. Eine provisorische Pathologie, nur dass es keine gesonderten Kühlfächer gab. Die Körper waren mit Planen zugedeckt.
„Jane, das sind Mordopfer. Es sind keine zufälligen Morde, sondern die Sache hat Methode. Die Täter sind Monster. Es sind Tiere, die Angst und Schrecken verbreiten sollen. Einige der Toten sollten gefunden werden. Sie lagen an öffentlichen Plätzen oder, besser, sie wurden dort drapiert. Du hast dich gewundert, weshalb hier alle Leute nur nach unten auf den Gehsteig blicken. Sie wollen nicht so enden.“
Antonio tippte Jane auf die Schulter und hielt ihr eine kleine Büchse mit stechend riechender Salbe hin.
„Nehmen Sie das, Señora. Ist besser.“
Jane schüttelte den Kopf und wies auf das Tuch. Sie hatte keine Lust, den Rest des Tages mit Kampfergeruch in der Nase zuzubringen.
Javier zog die erste Plane beiseite. Jane starrte auf das eingefallene Kaninchengesicht. Blut verkrustete das Fell.
„Die Frau hieß Carmen Didonna. Man hat sie ganz öffentlich auf der Plaza di Libertad zur Schau gestellt. Ihr Kopf war auf dem Schwert der Statue des Freiheitskämpfers aufgespießt und die Körperteile hat man ringsherum am Fuß des Denkmals gefunden. Sie war Kellnerin im ‚Deutschen Haus‘, wo wir eben waren.“
Jane schluckte und starrte auf das Kaninchengesicht der Frau, die einmal Carmen Didonna gewesen war. Frauen mit dem Namen Carmen Didonna hatten keine Kaninchengesichter. Genauer gesagt, hatte keine Frau ein Kaninchengesicht. Jedenfalls nicht so eines, mit Haaren und puscheligen Ohren. Es gab keine Menschen mit Kaninchengesichtern. Auch gestern Abend im Restaurant hatte sie keinesfalls Menschen mit Kaninchengesichtern gesehen. Das war nur der Wein. Sie sah so etwas nicht. Sie sah auch keine grauhäutigen Monster mit Messern und keine Leute mit Dämonenflügeln. So etwas GAB ES NICHT. Sie schloss für einen Moment die Augen. Sie wurde verrückt. Eine andere Erklärung gab es nicht. Seit diesem unseligen Drogencocktail in Mexiko sah sie Dinge, die es nicht gab. Eddy, das Opossum im Weihnachtsmannkostüm. Damit hatte es angefangen. Sie verfluchte den Tag, an dem sie Boyds Drink angenommen hatte. Das Zeug hatte irgendetwas mit ihrem Verstand gemacht und sie würde es nie wieder loswerden. Javier zeigte ihr gerade ein schlimm zugerichtetes Mordopfer, und sie sah Kaninchen.
„Jane? Alles klar? Es tut mir leid, ich hätte dir das nicht zeigen sollen.“ Javier schaute sie besorgt an.
„Es geht schon wieder. Ich hatte mich nur nicht darauf eingestellt. Darf ich fotografieren?“ Sie schaute Antonio fragend an. Sie brauchte Beweisfotos, versuchte sie, sich einzureden, aber eigentlich wollte sie nur wissen, was die Bilder zeigen würden. Zeigten sie eine Frau mittleren Alters, wäre sie einfach nur wahnsinnig und würde ihre Tage vermutlich irgendwann in der Klapsmühle verbringen. Wenn sie ein großes, totes, irgendwie menschliches Kaninchen zeigten, gab es vermutlich Menschen mit Kaninchengesichtern. Oh Gott, sie musste sich am Riemen reißen.
Antonio sah sie mit einem seltsam fragenden Blick an, nickte aber dann. Jane griff nach dem Tiegel mit der Kampfersalbe und dann nach ihrer Kamera. Sie schaltete jeden Gedanken aus und begann zu fotografieren.
Antonio zeigte ihnen das nächste Opfer. Ein schlanker junger Mann mit spitzen Ohren und durchschnittener Kehle. Jane schnappte verzweifelt nach Luft.
„Er und seine Frau hatten ein kleines Lebensmittelgeschäft, zwei Blocks weiter. Nette Leute, unauffällig. Keine Angehörigen hier in der Nähe. Wir haben ihn vor etwa einer Woche gefunden. Es hat sich niemand um den Fall gekümmert. Es gab keinerlei Ermittlungen. Seine Frau ist erst seit zwei Tagen hier. Sie lag draußen. Es ist kein schöner Anblick.“
Er ging zu einem Leichensack und zog den Reißverschluss auf. Ein betäubender Verwesungsgeruch stieg auf. Jane würgte und musste sich abwenden. Javier erbrach sich ins Waschbecken. Es war nicht nur die Verwesung, es waren auch Fressspuren, die den Körper schlimm zugerichtet hatten. Tiefe Einschnitte an den Handgelenken ließen darauf schließen, dass man sie vor ihrem Tod gefesselt hatte.
„Señora!“ Antonio hielt ihren Arm fest, als sie sich zum Gehen wandte. „Señora, diese Morde – das waren Ihre Leute. Sie suchen sich die Opfer bei den Unschuldigen, denn an ebenbürtige Gegner wagen sie sich nicht!“ Ein tiefes Grollen kam aus seiner Brust und er schüttelte den Kopf mit den langen dunklen Haaren. „Sie wollen uns ausrotten, wie sie es immer wollten. Suchen Sie an diesem Punkt weiter, wenn Sie es ernst meinen.“ Er starrte sie mit gelbglühenden Augen an. „Ich weiß, dass Sie anders sind. Und das hat nichts damit zu tun, dass Sie Reporterin sind oder dass Javier Ihnen vertraut. Sie können SEHEN. Helfen Sie uns.“
Jane war heilfroh, den Kellerraum zu verlassen. Sie atmete tief ein und sog die kühle, saubere Luft in die Lungen. Was meinte Antonio mit SEHEN? Stand ihr so deutlich „Ich habe eine Frau mit Kaninchengesicht fotografiert“ auf der Stirn geschrieben? Und wieso fand dieser Antonio das normal? Außerdem, diese Augen! Diese bernsteinglühenden Augen. Das hatte sie noch nie bei einem Menschen gesehen. Wölfe besaßen solche Augen, wenn das Licht auf sie schien. Ihr Gehirn arbeitete wie eine Maschine. Jane, es war das Licht. Das Licht dieser gelben Funzel hat sich in Antonios Augen gespiegelt. Und die tote Frau hatte einfach hochstehende Wangenknochen, Stupsnase und vorstehende Zähne. Vielleicht auch etwas flaumigen Damenbart. Deine Bilder werden es zeigen. Verlier jetzt bloß nicht die Nerven, ermahnte sie sich selbst.
„Antonio sagte, die Wohnung des Lebensmittelhändlers sei nicht weit weg. Sollen wir uns dort mal umschauen, vielleicht finden wir etwas?“
„Ja, wenn du willst.“
Sie nickte. Javier schaute sie an. Für einen Moment hatte er damit gerechnet, dass sie umkippen würde, weglaufen, aber sie hatte ihren Schwächeanfall überwunden und war jetzt wieder ganz der kühle Profi. Er musste gedanklich Abbitte leisten. Jane war wohl doch mehr als nur schön und sexy, erheblich mehr.
„Gut, es ist nicht weit entfernt. Wir können zu Fuß gehen. Ich erzähle dir unterwegs, was ich über zumindest einen der Killer herausgefunden habe. Du erinnerst dich an den Kerl aus dem ‚Deutschen Haus‘?“ Jane nickte. Der Kerl war wirklich gruselig, so jemanden vergaß man nicht so schnell. „Der Mann heißt Josef Metzger. Er ist Deutscher. Es hat eine Reihe von Morden in Deutschland, in der Nähe von Frankfurt gegeben. Der letzte Mord war eine Kantinenangestellte der US-Armee. Weil sie auf dem Stützpunkt gefunden wurde, waren die US-Behörden zuständig. Interessanterweise gab es keine Anklage, keinen Prozess. Er war wie vom Erdboden verschwunden, bis er hier wieder aufgetaucht ist.“ Jane runzelte die Stirn, das war mehr als seltsam.
Sie bogen gerade um die Ecke, als aus einer Seitenstraße Geschrei kam. Javier riss Jane zurück. Sie schaute ihn irritiert an.
„Polizei“, flüsterte er und zeigte auf eine schmale Nische zwischen zwei Hauseingängen. „Von da können wir sehen, was dort passiert.“
Jane huschte hinter ihm her. Überrascht stellte sie fest, dass sie sich schon genau dem Bewegungsmodus der Einheimischen angepasst hatte. Huschen und wegsehen. Nun, wegsehen wollte sie zumindest nicht. Sie hielt die kleine Leica griffbereit. Auf der Mitte der Straße stand ein Militärfahrzeug. Einige Männer lehnten dagegen und rauchten. Ihre Mienen waren gelangweilt, soweit man das trotz der Sonnenbrillen sehen konnte. Einer hielt einen Mann mittleren Alters im Schwitzkasten, der sich heftig wehrte. Er wollte wissen, was man ihm vorwarf. Er habe nichts getan. Er trug einen schwarzen Rollkragenpullover, eine helle Hose und machte einen sehr gepflegten Eindruck. Zwei andere Männer zerrten eine Frau aus dem Haus. Sie packten sie an ihrem langen Haar und zwangen sie unsanft auf die Knie. Die Frau weinte, vor Angst, vor Schmerz. Der Mann bettelte und flehte, seine Frau loszulassen, sie sei schwanger. Was immer man ihm vorwerfe, sie habe damit nichts zu tun. Zwei Schüsse trafen ihn in die Knie und der Mann brach mit einem Schmerzensschrei zusammen. Das Weinen der Frau wurde lauter.
Javier stöhnte unterdrückt und schlug mit der Fast gegen die Wand. In seinem Gesicht stand Wut und Verzweiflung. Jane griff nach seiner Hand. Sie wünschte, sie könnten etwas tun. Aber da draußen standen zirka fünfzehn schwer bewaffnete Männer. Es gab keine Möglichkeit einzugreifen. Sie verbot sich das Gefühl, darüber nachzudenken, was da gerade passierte, und fotografierte, wie die bedauernswerten Menschen auf den Lkw gezerrt wurden. Es dauerte nicht einmal eine Minute, bis die Soldaten aufsaßen und das Fahrzeug davonrumpelte.
Schweigend liefen sie weiter. Javier bog in eine schmale Gasse ab, die unmittelbar an einem verrammelten Geschäft endete. Die Straße war kaum belebt. Sie kamen unbehelligt bis zur Wohnungstür. Es gab keinerlei Siegel oder Absperrung. Javier zog einen Dietrich hervor und öffnete die Tür problemlos.
Jane blieb verblüfft stehen. Sie hatte eine verlassene, leicht stickige, leblose Wohnung erwartet. Aber so war es nicht. Vor ihnen öffnete sich ein verblüffend großer Raum. Eine blühende Ranke hing wie eine Girlande über dem Eingang. Zierliche Möbel, die kaum Ecken und Kanten besaßen, fügten sich Töpfen voller Gemüsepflanzen, Blumen und Sträucher zu einem perfekten Bild zusammen. Es gab keine Bilder, dafür funkelnde Gläser, bunte Keramik und Schalen voller Früchte. Ein leichter Duft von Vanille lag über allem. Wie verzaubert trat sie über die Schwelle. Als sie näherkam, bemerkte sie, dass einige Möbel umgeworfen waren. Eine zerbrochene Vase lag am Boden. Sonst deutete kaum etwas auf einen Kampf hin. Jane wendete sich einer Tür zu, die vermutlich zum Schlafzimmer führte. Sie war nicht verschlossen und gab auf leichten Druck nach.
Sie hielt die Luft an. Dieser Ort erzählte die ganze Geschichte eines grausamen Verbrechens.
Das Bett war zerwühlt. Aufgerissene Kissen lagen auf dem Boden, Federn hatten sich im ganzen Zimmer verteilt. Blut war über die Bettlaken bis zur Wand gespritzt. Nachdem sie die ersten Bilder gemacht hatte, zog sie das Laken zur Seite. Die Spermaspuren waren unverkennbar. An dem eisernen Kopfteil des Bettes fand sie blutige Drahtschlingen.
Ein umgestürzter Stuhl lag am Boden. An den Lehnen und Stuhlbeinen fand sie Reste von Klebeband. Es war kein normales Klebeband. Panzertape nannte man das Zeug, soviel sie wusste, wurde es ausschließlich vom US-Militär genutzt.
Vermutlich hatte man die arme Frau gefesselt und vergewaltigt, während man ihren Mann gezwungen hatte, das mitanzusehen, bevor man ihn umbrachte. Ob es ein Täter gewesen war oder mehrere, ein Werk der Geheimpolizei oder eines Psychopathen, war nicht festzustellen. Fingerabdrücke, das wäre jetzt gut, aber sie hatten dafür kein Equipment. So musste die Bilddokumentation reichen.
„Wirst du uns helfen?“
Jane fuhr erschrocken herum. Zwei zierliche, beinahe durchscheinende Gestalten standen hinter ihr und sahen sie an. Ein junger Mann mit traurigen Augen und durchschnittener Kehle hob bittend die Hand. Sein linker Arm lag schützend um die Schultern einer feengleichen jungen Frau mit langem, dunklem Haar. Furchtbare Wunden zeichneten ihren Körper.
„Ich konnte sie nicht beschützen. Sie waren zu stark.“ Unendlicher Schmerz lag im Gesicht des jungen Mannes. „Aber du, du trägst das Zeichen eines Drachen. Du bist stark. Du kannst sie aufhalten. Bitte, hilf uns.“
Die beiden Körper wurden immer durchscheinender, bis sie sich in winzige Lichtpunkte aufzulösen schienen.
„Jane, ist alles in Ordnung?“ Javier beobachtete sie besorgt. In Antonios Keller hatte sie mit einer Abgebrühtheit fotografiert, die ihn schon beinahe erschreckte. Jetzt stand sie da und starrte reglos auf das Fenster. Vielleicht war sie doch nicht so taff, wie es oberflächlich den Anschein hatte. Er tippte ihr auf die Schulter und Jane zuckte zusammen. „Jane, soll ich dich rausbringen? Vielleicht war das hier doch zu viel. Es ist auch ziemlich stickig. Ich glaube, du brauchst frische Luft.“
Er nahm sie in den Arm und hielt sie fest. Er spürte, wie sie sich fallen ließ, aber nur beinahe. Dann straffte sie die Schultern und schlug die Augen wieder auf. Die Augen glänzten verräterisch, aber ihre Stimme war fest.
„Wir sollten fahren.“
Auf der Rückfahrt hing Jane ihren Gedanken nach. Jetzt sah sie also auch noch Gespenster. Geister. Und diese Geister sahen das Zeichen des Drachen. Ein Zeichen, das sie selbst nie gesehen hatte. Das Zeichen von Madame Ma aus Saigon. Es war verrückt. Sie war verrückt. Sie sollte ihr nächstes Honorar dringend für einen guten Therapeuten ausgeben. Bitte hilf uns. Diese dunkelvioletten flehenden Augen …
„Ja, ich werde euch helfen.“
Javier blickte sie von der Seite an. Die Frau neben ihm hatte wohl schon eine ganze Menge gesehen. Jeder seiner Kollegen wäre in Antonios Pathologie umgekippt. Hundert Pesos für ihre Gedanken. Sie schien es nicht zu bemerken. Er gab Gas und trieb den altersschwachen Wagen vorwärts.
***
Javier schob seinen leeren Teller beiseite. Jane hatte ihr Essen kaum angerührt. Seit gefühlt zehn Minuten rührte sie in ihrem Kaffee.
„Dieser Lebensmittelhändler und seine Frau, die beiden gehen mir nicht aus dem Kopf. Ich glaube, das waren ganz wunderbare Menschen. Hast du gesehen, wie schön ihre Wohnung war?“
Javier schaute sie fragend an. Ihm war nichts Besonderes aufgefallen. Eine kleine Wohnung mit alten, etwas abgewohnten Möbeln. Die Wohnung eines jungen Paares, das nicht viel Geld besaß. Sie hatten das Beste daraus gemacht, mit den bunten Decken und ein paar Topfpflanzen. Es war einfach, aber recht gemütlich. Vielleicht hatte sie das gemeint.
„Sie hatten sich gerade etwas aufgebaut. Schwer genug, in dieser Zeit. Es ist schlimm, einfach nur schlimm und das Allerschlimmste ist, dass so etwas hier Tag für Tag passiert.“
Jane hörte auf, in der Tasse zu rühren und sah Javier unvermittelt an.
„Ich will, dass die Kerle dafür bezahlen, was sie getan haben.“ Es war ein unerbittlicher Unterton in ihrer Stimme.
„Wie darf ich das verstehen?“
„Du hast gesagt, dass sich niemand für diesen Mord interessiert. Nicht für diesen und nicht für die anderen. Dann werden wir uns jetzt dafür interessieren.“
„Und was genau meinst du damit? Sollen wir eine Anzeige bei der Polizei machen?“
„Javier, ich habe keine Ahnung, was genau wir tun können. Aber ich will, dass es aufhört. Wir müssen diesen Mann stoppen. Du weißt, wo wir ihn finden, ihn und seine Kumpane.“
„Und dann? Wenn es stimmt, was wir vermuten, handelt es sich hier um Spezialkräfte, die von deiner Botschaft aus gesteuert werden. Um ausgebildete Killer. Wir sind hier, um diese Schweinereien ans Licht zu bringen. Um dafür zu sorgen, dass die öffentliche Meinung sich gegen solche Einsätze richtet. Wir sind nicht hier, um diese Kerle anzugreifen. Das wäre nämlich Selbstmord, Jane!“ Javier schüttelte den Kopf. „Du hast recht, ich weiß, wo diese Kerle sich aufhalten. Ich habe sie observiert und ich habe recherchiert. Ich bringe dich dorthin. Du machst Bilder, wir versuchen, etwas zu finden, das sie mit den Morden in Verbindung bringt. Und dann nimmst du das ganze Material, bringst es in die vereinigten Staaten und machst eine Geschichte daraus. Deine Zeitung ist ein bekanntes Blatt. Wenn sie das bringt, werden die Menschen das lesen. Mehr können wir nicht tun.“
Jane nippte an dem kalt gewordenen Kaffee.
„Können wir nicht?“
Etwas in ihrer Stimme machte Javier unruhig. Was immer sie jetzt taten, es konnte nur schiefgehen. Diese Kriegsberichterstatter waren alle irre. Auch dann, wenn sie wunderschön waren und endlos lange Beine hatten. Das Beste wäre es, er würde sich umdrehen, gehen und sie nie wiedersehen. Das Beste wäre vermutlich auch gewesen, sich nie mit Politik zu beschäftigen, den Kopf in den Sand zu stecken oder auszuwandern. Das Beste wäre, wegzusehen, wegzulaufen.
Jane stellte entschlossen ihre leere Tasse auf den Tisch und sah ihn erwartungsvoll an. Weglaufen? Und eine Frau die Drecksarbeit machen lassen? Eine Frau allein in dieses Höllenloch schicken? Er würde den Rest seines Lebens nie wieder in den Spiegel sehen können, und das wusste sie. Sie war verdammt clever! Er holte tief Luft.
„Okay, dann sehen wir, was wir tun können.“
Sie fuhren zu einem kleinen Café am Hafen. Von dort hatte man einen guten Blick auf den Gebäudekomplex, den Javier ihr beschrieben hatte. Als sie aus dem Wagen stiegen, überkam sie für einen kurzen Moment das Gefühl, als folge ihnen jemand, aber sie konnte niemanden entdecken.
Jane beobachtete das Haus durch das Teleobjektiv ihrer Kamera. Es fiel nicht weiter auf, da der Hafen ein beliebtes Fotomotiv war. Das Gebäude der Standard-Shipping-Company war ein dreistöckiges, schmuck- und gesichtsloses Geschäftshaus. Die blassgelbe Farbe blätterte an manchen Stellen ab. Auf der einen Seite gab es eine Ladefläche und ein paar Parkplätze. Ein hohes Metallschiebetor verwehrte den Eintritt. Es gab einige Scheinwerfer, die die gesamte Hoffläche bei Bedarf ausleuchten konnten.
Sie merkte, wie Javier unruhig wurde.
„Jane, wir werden beschattet.“
Verflixt, sie hatte sich also doch nicht getäuscht.
„Er sitzt an der Tür. Ein riesiger Typ. Merkwürdig, dass sie für diesen Job nicht jemanden unauffälligeren ausgesucht haben.“
Jane beschloss, die Flucht nach vorn anzutreten und drehte sich um. An der Tür saß Chandler Crow.
„Ist okay. Ich kenne den Mann, wir waren zusammen in Vietnam.“ Sie stand auf und ging zu Chandlers Tisch. Er sah sie an und lächelte.
„Hallo, Miss Jane. Ich passe auf Sie auf. Ist gefährlich hier. Sergeant Jones hat gesagt, ich muss auf Miss Jane aufpassen und Chandler vergisst niemals einen Befehl. Ich stehe immer noch in Sergeant Jones Schuld und darum beschütze ich Sie so lange, bis die Schuld abgetragen ist. Diese Stadt ist sehr gefährlich, Miss Jane.“
Sein Gesicht war das eines treuherzigen Bernhardiners. Chandler Crow war ein sehr einfacher Mann und Jane wusste, dass er im Grunde ein guter Mensch war. Auch wenn er vermutlich mehr Menschen umgebracht hatte als die meisten anderen Scharfschützen. Es war ihm gar nicht klar, dass er tötete. Wenn er auf sie aufpasste, konnte ihr nichts geschehen. Sie beugte sich zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Wange, was ihn sehr verlegen machte.
„Vielen Dank, Chandler. Der Sergeant wäre sehr stolz auf dich.“
Er strahlte. „Ich gehe dann mal, Miss Jane. Auch wenn Sie mich nicht sehen, ich passe auf Sie auf.“
Javier beobachtete die Szene. Obwohl er nicht hören konnte, was gesprochen wurde, war es klar, dass dieser Mann nichts Böses im Schild führte. Jane kam mit einem weichen Lächeln zu ihrem Tisch zurück.
„Sein Name ist Chandler. Er war eine Zeit lang bei der Militärpolizei in Saigon. Tank – ich meine Sergeant Jones – war damals sein Sergeant. Er gab Chandler den Auftrag, auf mich achtzugeben. Das ist jetzt über fünf Jahre her und er hat es nicht vergessen.“
Sie rührte versonnen in ihrer Tasse Kaffee. Javier schien es, als sei sie für den Moment in einem anderen Leben versunken, an dem er keinen Anteil hatte. Tank, der Name kam über ihre Lippen, als sei er aus geschmolzenem Vanilleeis. Javier fühlte einen Anflug von Eifersucht. Geschmolzenes Vanilleeis? Madre Dios, hatte er das wirklich gerade gedacht? Diese Frau verdrehte ihm ganz schön den Kopf. Es wurde Zeit, dass er wieder klar wurde. Tank? Der Kerl sah vermutlich aus wie eine Schrankwand und benahm sich auch so. Vermutlich hatte sie diesen Sergeanten genauso um den Finger gewickelt wie ihn. Es wurde Zeit, dass er mal wieder klar denken konnte!
„Lebt er noch?“ Javier hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, als er Janes Gesicht sah. Sie kannte ihn aus Vietnam. Vermutlich war er längst tot, säße sie sonst hier?
„Wieso?“
„Immerhin kennt er dich!“, rutschte es ihm hinaus.
Das saß. Es fühlte sich an, als habe er ihr die geballte Faust in den Magen geschlagen.
„Ja, er lebt.“ Ihre Stimme war tonlos.
Javier hätte sich ohrfeigen können.
Jane nippte an der leeren Tasse und setzte sie wieder ab. Immerhin kennt er dich. Und das hat ihn auch fast das Leben gekostet, flüsterte eine innere Stimme ihr zu. In jedem Fall seine Karriere und es war weiß Gott nicht ihr Verdienst, dass er mit einem blauen Auge aus der Sache herausgekommen war. Alles nur, weil sie, ohne seine Warnung zu beachten, unbedacht losgestürmt war. Etwas ähnlich Unbedachtes hatte sie jetzt vor. Javier lag mit seiner Bemerkung näher an der Wahrheit, als er ahnen konnte. Es war ziemlich ungesund, sich in ihrer Gegenwart aufzuhalten. Sie hatte schon Leute in Schwierigkeiten gebracht, die deutlich härter waren als er. Außerdem war sie vermutlich unzurechnungsfähig. Ihre Sinne spielten Ping-Pong mit ihrem Verstand. Was, wenn sie diesem grauhäutigen Typen gegenüberstanden und sie wieder Dinge sah, die es nicht gab? Es war unverantwortlich, Javier dieser Gefahr auszusetzen.
„Du hast recht. Ich ziehe die Sache allein durch. Und versprochen, ich versuche nur, Beweise zu finden.“
„Hältst du mich für einen Feigling?“ Javier sollte erleichtert sein, dass sie ihm anbot, auszusteigen. Aber er war es nicht. Gekränkter Stolz? Vielleicht ein wenig. Aber das war es nicht allein. Wenn auch nur die Chance bestand, diese verdeckte Aktion der Amerikaner zum Scheitern zu bringen, würde er diese Chance nutzen.
„Nein. Du bist nur nicht lebensmüde. Das ist eigentlich ziemlich vernünftig – schau mal, da fährt jemand vor. Roter VW Käfer.“ Jane deutete auf das Gebäude.
Javier nahm die Kamera und blickte hindurch. „Rodrigo Miller. Das ist einer von denen.“
Miller blieb nicht lange in dem Gebäude und fuhr dann wieder fort. Ansonsten schien niemand auf dem Gelände zu sein.
„Ich fürchte, wir finden unsere Antworten dort drinnen. Es macht die Sache allerdings nicht einfacher, wenn Chandler uns folgt. Er würde mir nie Schwierigkeiten machen, aber es ist keine gute Idee, wenn er mich beim Einbruch in eine amerikanische Firma beobachtet. Vor allen Dingen dann nicht, wenn diese Firma mutmaßlich eine Scheinfirma der CIA ist.“
„Ich habe eine Idee. Siehst du das alte Kontor auf der anderen Seite. Wir gehen da rein. Mit etwas Glück schaffen wir es, unbemerkt in das andere Gebäude zu kommen. Wir sollten allerdings warten, bis die Sonne ein wenig gewandert ist und die Rückseite im Schatten liegt. Dann fallen wir nicht besonders auf.“
Jane wusste, dass Chandler nachts so gut sah wie tagsüber, aber es kam auf einen Versuch an.
Ein Mittagessen und fünf Kaffees später winkte Javier den Kellner heran und zahlte.
„Bereit?“
Jane nickte.
Das Kontor lag in einer Seitenstraße. Das Haus war erheblich älter als die gesichtslosen Neubauten in seiner Nachbarschaft und vermutlich einmal recht schön gewesen. Jetzt war es heruntergekommen, mit vernagelten Fenstern, schmutzig und abweisend. Zwischen dem Kontor und dem Gebäude der Standard-Shipping verlief eine schmale Gasse.
Javier ließ den Wagen hineinrollen und stellte den Motor ab.
Jane musterte die Rückseite des Kontors. Wenn man bis zum Dach hochsteigen konnte, wäre es kein Problem, auf das Dach der Standard-Shipping zu springen. Erfahrungsgemäß gab es immer einen Zugang zum Dach, schon allein wegen der Klimageräte und Wartungsräume. Blieb nur das Problem, Chandler abzulenken.
Ihr kam eine Idee.
„Lust auf ein kleines Schäferstündchen?“
Javier starrte sie entgeistert an. „Was?“
„Chandler Crowe ist wie ein Geist. Du siehst ihn nicht, du hörst ihn nicht. Wir können ihn nicht abschütteln. Aber eines weiß ich. Er würde niemals, wirklich niemals bei einer Sache zusehen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Scheibe beschlägt. Dann schlüpfen wir über die Ladefläche hinaus, nehmen diese halb aus den Angeln hängende Tür und sind mit etwas Glück im Kontor, bevor Chandler wieder hinschaut.“
Javier grinste nur. „Na, dann los!“
***
Chandler wechselte die Position, als er sah, dass Jane und der Mann das Café verließen. Sie setzten sich in das Auto und fuhren los. Er wollte sich schon Richtung Hauptstraße aufmachen, als er sah, dass sie auf die Seitenstraße in Richtung des alten Kontors einbogen. Das war eine schlechte Idee von Miss Jane. Der Ort war nicht gut. Rasch schlüpfte er aus seinem Versteck, um ihr zu folgen. Als er um die Ecke bog, sah er den blauen Wagen in der Seitengasse stehen. Ihn überkam ein ungutes Gefühl. Wusste Miss Jane von diesem Haus?
Er schob sich langsam vor, um die Gasse besser einsehen zu können. Die Scheiben des Autos waren beschlagen und es wackelte ein wenig. Er zog den Kopf zurück und versuchte, seine Gedanken zu sortieren. Was tat Miss Jane da? Er fühlte, wie seine Ohren zu glühen begannen. Miss Jane war doch die Freundin von Sergeant Jones. Nein, sie hatte ihm gesagt, dass sie nicht mehr die Freundin des Sergeanten war. Der Mann mit den dunklen Haaren war jetzt wohl ihr neuer Freund. Er hatte ihn in dem Café beobachtet. Er schien nett zu sein. Auf jeden Fall mochte er Miss Jane. Und Miss Jane mochte ihn. Aber warum fuhren sie nicht in seine Wohnung? Oder in ein Hotel? Es war nicht recht, hier auf dieser Straße. Und es war auch nicht recht, ihnen dabei zuzusehen. Er zog sich zurück und lehnte sich schwer atmend gegen die Hauswand.
Was sollte er tun? Er konnte sie unmöglich DABEI stören, aber er musste sie warnen. Warum hatte sie sich nur diesen Platz ausgesucht? Kein guter Platz. Ein böser Ort. Ein Ort, wo böse Dinge geschahen. Sie würden sie riechen. Sie rochen Feen und taten grausame Dinge mit ihnen. Und Miss Jane war doch beinahe so etwas wie eine Fee. Er konnte nicht zulassen, dass ihr etwas passierte. Er hatte es dem Sergeanten versprochen. Er holte tief Luft und näherte sich vorsichtig der Gasse.
Darmowy fragment się skończył.