Czytaj książkę: «Im Schatten des Wolfes»

Czcionka:

H. E. OTYS

IM SCHATTEN DES

WOLFES


EDITION ROTER DRACHE

1. Auflage Oktober 2018

Copyright © 2017 by Edition Roter Drache.

Edtion Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel

edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

Titel- und Umschlagbild: Holger Much

Buch- und Umschlaggestaltung: Holger Kliemannel

Lektorat: Isa Theobald

Korrektorat: Sabrina Schmidt

Kapitelbild: H. E. Otys

Schmutzseitebild: Sabrina Schmidt

Gesamtherstellung: Wonka Druck, Deutschland

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN 978-3-964260-46-8

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Teil 1

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Teil 2

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Teil 3

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Teil 4

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Teil 5

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Teil 6

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Teil 7

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Teil 8

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel


1.

Das Leben ist eine Reise, eine nicht enden wollende Reise, unerschöpflich, unergründlich, unvorhersehbar.

Robyn stand an der Reling, blickte hinab in die schwarzen Fluten. Wenn sie sprang, wohin würde sie die Reise führen? Wie konnte sie wissen, ob dies die richtige Entscheidung war? Ein Sprung nur, ein Satz und ihr Leben wäre anders. Vielleicht beendete sie es. Vielleicht. Vielleicht würde Gott sie zu einem lichten Ort führen, besser als die dunkle, grausame Welt, in der sie seelisch tief verwundet dahinsiechte.

Sie wartete den nächsten vernichtenden Windstoß ab, entledigte sich ihres Umhanges, er würde sie im Wasser nur behindern. Niemand beachtete Robyn, als sie über die Reling kletterte und ihre Entscheidung traf. Ein Sprung nur.

Sie zögerte für einen kurzen Augenblick, dann holte sie Luft und sprang. Die Schwerelosigkeit berauschte sie, ließ sie für diesen Moment vergessen, dass sie sich vielleicht umbrachte. Alles war besser als das, was sie zurückließ. Sie würde nicht mit dem Schiff an den Felsen zerschellen. Sie wollte Gott zumindest entgegenschwimmen.

Der Aufprall lähmte sie kurzzeitig, noch ehe sie jedoch Kälte und Schock spüren konnte, explodierte ihr Kopf vor Schmerz. Hysterisch ruderte sie mit den Armen und stieß wieder an die Oberfläche. Wimmernd sog sie die Luft ein. Dann spürte sie die Kälte mit einem Mal, wie eine Eisenhand umschloss sie sie, erdrückte sie. Ihr Wimmern versiegte. Jener eiserne Griff schien ihr die Luft abzuschnüren, Panik ergriff sie das erste Mal seit langer Zeit, weckte sie und ließ sie sich umwenden.

Es war keine Sekunde zu spät. Sie ruderte plötzlich mit den Armen, um dem sich windenden Schiff zu entfliehen. Die wogende, sich dem Sturm beugende See spielte ihr Spiel mit dem verlorenen Schiff, verwandelte es in eine Waffe, die Robyn erschlagen konnte.

Dann schwenkte das Schiff ab. Eine Woge schien es zu holen, um das Spiel endgültig zu beschließen. Robyn schwamm. Ihr Atem ging schwer. Die Wellen zeigten zuweilen Erbarmen, zogen sie fort von dem Schiff, hinaus, weit hinaus in die Dunkelheit, während das Schiff zerschellte. Sie hörte nur das Rauschen der See. Sie wusste, sie war jetzt allein, war wieder Herr über sich selbst. Einige Stunden vielleicht, bevor sie ertrank. Aber sie würde frei sterben, niemandes Sklavin oder Gefangene, niemandes Eigentum.

2.

Seine Rückkehr stand unter keinem guten Stern. Wulf beobachtete die noch immer unruhige See, die nun in der Sonne gleißte. Der Sturm hatte sie weit vom Kurs abgebracht. Sie hatten mindestens einen halben Tag verloren.

In der Sonne schimmerte das Wasser einladend, die Wellen schienen ihre Arme auszubreiten, verbreiteten kühlen, klaren Geruch, nachdem der Sturm über sie hinweggefegt war. Wulf atmete tief ein und ließ sich berauschen. Er hatte zu lange ohne all das auskommen müssen. Jetzt endlich kehrte er heim und war seiner Pflicht entlassen, einem fremden Herrn zu dienen. Nur aus Ehrerbietung seinem Vater gegenüber hatte er jene Pflicht erfüllt.

Ungeduld war ihm fremd, trotzdem beäugte er den Stand der Sonne, rechnete, wie lange sie brauchen würden, um ihr Ziel zu erreichen. Zwei Tage, wenn nichts dazwischenkam. Die Reise bis hierhin hatte ihn schon mehr Zeit gekostet, als er beabsichtigt hatte. Basileios, gerechter, aber unnachgiebiger Kaiser von Byzanz, hatte bis zuletzt Entschuldigungen gefunden, um die Fähigsten unter seiner Leibgarde am Weggehen zu hindern. Aber ihr Eid war nach fünfzehn Jahren erloschen. Die Abmachung zwischen ihm und seinem Vater hatte ihr Ende gefunden. Mehr als sein halbes Leben hatte Wulf dem Kaiser gedient. Nur für einige Zeit war er heimgekehrt, um seinen ältesten Bruder sterben zu sehen, um ihn zu bestatten, um zu sehen wie der Jähzorn seines Vaters wuchs. Er hatte versucht, seine anderen beiden Brüder zu erinnern, dass ihr Vater den Zwist im Volk nur noch verstärkte, dass sie dagegen steuern mussten, um das Schlimmste zu verhindern. Aber seine Brüder waren dem Vater nicht gewachsen.

Seine Heimkehr wurde davon überschattet. Wulf blickte über das Deck und sah in die Gesichter jener Männer, die mit ihm gedient hatten. Sie kehrten zu ihren Familien zurück. Familien, die unter der Zwietracht zu leiden hatten, der Uneinigkeit, der Unentschlossenheit, wie es weitergehen würde. Die Zukunft schien unberechenbar. Er kannte sie gut, wusste um ihre Sorgen und teilte sie. Sie waren ein zerworfenes Volk, deren Führer uneinsichtig blieben.

Wulf atmete mit leicht geöffnetem Mund leise aus und sah kurz zu Boden. Wie konnte ein solches Volk einem Mann wie Olaf Tryggvason trotzen? Ihm mit Selbstvertrauen entgegentreten, um zumindest eine gewisse Unabhängigkeit zu behalten und ein eigenständiges Königreich zu bleiben? Sie würden es nicht mehr lange können. Vasallen waren sie seit vielen Jahren, seit dem Tage, da Olaf sich zum König über ganz Norwegen ausgerufen hatte. Er erdrückte sie mit einem neuen Glauben, gleich wenn er seinen Vasallen Zugeständnisse machte und sie in gewissem Maße selbstbestimmen ließ.

Er schloss kurz die Augen. Es bekümmerte ihn, sein Volk so zu sehen, aber was konnte er schon tun? Es lag nicht in seiner Macht. Jene einzige Hoffnung blieb verschollen bis in alle Ewigkeit. Dafür hatte sein eigener Vater gesorgt. Gut gesorgt. Wulf wünschte ihn in diesen Sekunden in die tiefsten Abgründe Ginnungagaps. Diese Schuld würde nie gesühnt werden.

Eine einzelne Planke stieß in Wulfs Nähe an die Seite ihres Schiffes. Er sah auf, zog die Augenbrauen zusammen. Die Planke war an den Enden zerfetzt. Fast ruckartig hob er den Blick höher, streifte damit über die See, erkannte weitere Wrackteile zu seiner Rechten.

Egill, der zur Wache eingeteilt gewesen war, kam mäßigen Schrittes an der Reling entlang.

»Ich denke, da gibt es wenig Hoffnung, Überlebende zu finden«, stellte er fest. »Weiter südwestlich könnten sie am Riff zerschellt sein, wenn ihnen der Wind den Weg zum offenen Meer verwehrte.«

Wulf hatte nicht aufgesehen, aber Egill wusste, dass er stets aufmerksam zuhörte. Sein Kommandant, und das würde er für ihn immer sein, hatte nicht umsonst den Respekt seiner Männer, der Leibgarde des Kaisers. Jene Fertigkeiten, einen Mann zu schützen und ihm Sicherheit zu bieten, hatte Egill von Wulf gelernt, aber nicht allein das. Mehr noch. Egill erkannte durch ihn eine noch größere Aufgabe für sein eigenes Volk. Sicherheit und die daraus entstehende Zufriedenheit hatten Egill und die anderen Wächter bewogen an ihre Heimat zu denken und an das, was sie erwartete: ein Volk seit fünfzehn langen Jahren in Unfrieden. Wulf hatte sie vorbereitet. Es gab kein Zurück zu ihrer alten Sicherheit, nur das Wissen, das es eine solche in der Heimat schon lange nicht mehr gab.

»Eines unserer eigenen Schiffe«, stellte Wulf nach einer Weile nicht minder sachlich fest.

»Aus unserem Dorf?«, wollte Egill wissen.

»Nein«, Wulf erkannte die Planken. »aus dem Westdorf.«

»Dann ist es nicht unsere Sorge«, entgegnete Egill missbilligend.

Wulf richtete sich auf, maß Egill einen Moment lang und sah zurück aufs Meer.

»Niemand wird je ändern, wie wir fühlen«, sagte Egill dann.

»Ihr belügt euch doch nur selbst.« Wulfs Worte waren ruhig gesprochen und verbargen den Zorn dahinter. Er wollte es nicht wie einen Vorwurf klingen lassen, denn dazu bedeuteten ihm seine Männer zu viel. »Dieses Schiff wurde von Männern des Westdorfes, des Süddorfes und unseres Dorfes gebaut. Zumindest diese Männer führen keinen Krieg untereinander, arbeiten gemeinsam, erzählen von ihren Familien, lassen den ewigen Streit nicht ihr Urteilsvermögen trüben.« Wulf wandte ihm wiederum den Blick zu. »Wir haben noch nicht vergessen, dass wir alle einmal zu einem Königreich gehörten; einmal ein Königreich waren.«

Egill bemerkte die Betonung des Wortes wir nur allzu gut. Wulf war Schiffsbauer. Seit er ein Junge war, hatte er das Handwerk bei jenen Männern gelernt. Wann immer er einige Monate zu Hause gewesen war, hatte er bei ihnen gearbeitet, ihre Kunst erlernt, die eigentlich nur von Vater zu Sohn weitergegeben wurde. Doch Wulfs väterlichem Freund, Arnulf, war es gestattet worden, Wulf auszubilden. Er gehörte mit jeder Faser zu dieser Gemeinschaft, die sich über den jahrelang schwelenden Streit erhoben und aus Mitgliedern aller drei verfehdeten Dörfer bestanden. Ein Dorn im Auge jener zwei Könige, die einander hassten und ein ganzes Königreich damit ins Unglück gestürzt hatten.

»Du solltest solche Gedanken in Gegenwart deines Vaters und einiger anderer schweigen lassen.« warnte Egill ihn. Obgleich viele aus allen drei Dörfern Wulfs Meinung teilten. »Wir werden nie stark genug sein, um jene zu fordern, die unser Volk in dieses Unglück stürzten. Angst herrscht und zu wenige haben Mut wie du.«

»Ich weiß, Egill.« Wulf bedauerte die Entmutigung seines Freundes und hasste seine eigene zuweilen aufflammende Gleichgültigkeit. »Aber warum - warum kehren wir dann zurück?«

»Meine Frau und meine Kinder brauchen mich, Wulf. Ich will nicht, dass sie dieses Leben allein führen müssen.«

»Ein Leben führen müssen«, lachte Wulf bitter auf. »Ja, wie Recht du doch hast.«

Wie so oft in all den Jahren wusste Egill keine Antwort darauf und sie schwiegen. Sie hingen mit ihren Gedanken an der Heimat und ließen dabei die eines Nordmannes unwürdige Schwermut zu. Beide wussten, dass der andere genauso dachte.

3.

Einige Stunden vergingen, in denen noch weitere Wrackteile an ihr Schiff stießen. Sie entdeckten ein paar Kleidungsstücke, aber keine Ertrunkenen. Irgendwann war das gesunkene Schiff nur noch eine Erinnerung und Egill nutzte die Gelegenheit auf dem letzten Rundgang vor seiner Ablösung, bei Wulf zu halten. Dieser hatte sich die Zeit genommen, um nach seinen Männern zu sehen. Zwei hatten sich während des Sturmes Prellungen zugezogen, einem war der Arm gebrochen, als er in der Mitte des Schiffes in den Laderaum gestürzt war. Man hatte sie gut versorgt. Sie ruhten auf Deck, eingehüllt in ihre Mäntel, dem kühler gewordenen Nordwind abgewandt.

»Es sollten ein paar Gliedmaßen weniger brechen nächste Nacht«, scherzte Egill leichthin mit Blick auf die nun ruhige See und die untergehende Sonne, die nur noch wenig Wärme schenkte, jedoch wie siedendes Gold ins Wasser tauchte.

»Es hätten weniger sterben sollen letzte Nacht.« Wulf konnte darüber nicht lachen. Er sah es Egill nach, doch er dachte auch an die Männer, die in der Nacht ertrunken oder mit dem Schiff zerschellt waren.

Wulf schärfte den Blick etwas, als er in der Ferne einen Punkt ausmachte. Es war ein heller Punkt, als schwämme ein Wassergeist in der Gold triefenden See. Die Strömung, der sie seit dem späten Morgen folgten, brachte sie dem Wassergeist näher. Egill und einige andere an der Reling entdeckten ihn wenig später auch.

»Es hätten weniger sterben sollen«, wiederholte Wulf seine Worte, als sie die Konturen eines leblosen Körpers erkannten.

»Nun doch eine Leiche, die wir bestatten müssen«, murrte Egill.

Als der Körper näher an sie heran getrieben wurde, glaubte Wulf wiederum, dass die Geister ein Spiel mit ihnen trieben. Eine Frau.

»Eine Sklavin«, stieß Egill wütend hervor, »und du bedauerst sie noch. Die Fische sollen ihre Körper zerfressen, damit man ihnen in Walhalla den Einlass verwehrt.«

Wulf widerte der Gedanke an, dass das Westdorf noch immer mit Sklaven handelte. Vor allem mit Frauen, da es unter ihnen nicht genug gab. Die rauen Sitten dort, obwohl der rechtmäßige König über sie herrschte, führten zu Widerstand bei den Frauen und viele ergriffen die Flucht. Nur wenige Kinder wurden geboren, und, als sei es ein Omen, vor allem Jungen. Seit Jahren sprach man hinter vorgehaltener Hand von einem Fluch. Und seit langer Zeit wurden die Wälder im Westen von den Frauen der anderen Dörfer gemieden, da sie dort Freiwild waren. Sie wollten nicht ins Westdorf entführt werden, wo man sie schwängern würde, um sie an einer Rückkehr zu hindern.

Die tote Wassernixe trieb nahe genug, um sie aus dem nassen Grab zu holen. Egill deutete einer weiteren Wache, ein Seil zu bringen. Wulf wollte es herablassen, sah hinab auf das weiße Gesicht der Toten, als sie unvermittelt die Augen aufschlug.

Robyns Aufschrei ließ die Männer an Deck einen Moment zögern. Noch im Schreien schob sich Robyn von der schmalen Planke, auf der sie stundenlang getrieben war, gehofft hatte, Gott möge sie holen. Ihre Beine gehorchten ihr nur noch unter Aufbringung all ihrer Kräfte, sie waren taub gefroren im eisigen Wasser. Doch sie schwamm, halb unter Wasser, nach Luft ringend, nur um den Nordmännern zu entkommen. Sie ruderte halb wahnsinnig, verlor für einige Augenblicke nahezu die Besinnung, sah sich plötzlich als Kind, es war heiß, unendlich heiß ...

Sie hatten das Mädchen im Morgengrauen geraubt. Es war ihnen ein Leichtes. Sie hatten genau gewusst, wann die Kleine aus dem Zelt treten würde, um die Fohlen der Sarazenenpferde zu streicheln, so wie sie es jeden Tag tat. Sie hatte sie nicht einmal kommen hören, geschweige denn erkannt.

Ihre Anordnungen, was aus ihr werden sollte, ließen keine Zweifel zu. Drei Tage hindurch ritten sie durch die karge Steinwüste, jagten ihre Tiere bis zur Erschöpfung in einen entlegenen Winkel des Byzantinischen Reiches.

Das Mädchen weinte still, wehrte sich aber nicht. Sie verstand nicht; vier Jahre waren zuwenig, um die Tragweite dessen zu erfassen, was die Männer im Begriff waren zu tun. Alles, was sie sah, waren Felsformationen, heißer kalkweißer, zuweilen blassgelber Sand und die unerbittliche Sonne. Die Männer sprachen nicht mit ihr, nicht untereinander. Nur manchmal rasteten sie, dann hetzten sie wieder Stunde um Stunde.

Wo war ihr Vater? Warum ließ er dies mit ihr geschehen? Sie meinte ihn zu vermissen, aber war sich nicht sicher. Zu streng, zu kühl war er ihr gegenüber. Auch das verstand sie nicht. Vielleicht hatte er den Männern geheißen, sie fortzubringen.

Ihre helle unbedeckte Haut war verbrannt, sie wollte weinen, aber irgendwann waren die Tränen versiegt. Ihre Kehle kratzte, sie fühlte ihre Augen zuklappen, ein Reflex, alles drehte sich. Ein Ruck ging durch den Pferdekörper.

Sie ließen sie auf den harten Steinboden fallen. Es schien ihnen die geeignete Stelle, um sich von ihr zu trennen. Es war ihnen strengstens untersagt worden, Hand an sie zu legen. Sie würden sie ihrem Schicksal überlassen, einem unentrinnbaren Schicksal, aber sie selbst durften es nicht wagen, ihr Leben zu nehmen.

Nach all der Zeit schluchzte sie laut vernehmbar in der Ödnis aus Stein und Felsen und zeigte endlich eine Regung. Ihre Knie und Ellenbogen bluteten durch den Aufschlag. Ihr zuckender Körper lag zusammengekrümmt auf dem heißen Boden.

Erstaunt blickte sie dann auf, blinzelte in die Sonne, als die drei Männer von ihren Pferden stiegen. Sie sanken vor ihr auf ein Knie, neigten ihre Köpfe und eine Stimme rauschte an ihr vorüber, sprach Worte ihrer Zunge, die ihr aber fremd blieben.

»Mögen die Götter uns verzeihen, kleine Prinzessin.«

Sie schluchzte weiter, als sie längst fort waren. Schluchzte in der Glut des sterbenden Tages, schluchzte in der eiskalten Dunkelheit, tat es noch, als sich Schritte näherten ...

Robyn atmete schwer, als sie es schaffte, erneut die Oberfläche zu durchstoßen. Sie trat das Wasser mit all ihrer Macht, tat einen langen Luftzug, da sie nicht verhindern konnte, dass sie wiederum absank. Einige Züge kämpfte sie sich unter Wasser hindurch, weg vom Schiff, weg von den Sklaventreibern, weg von Gefangennahme, von Gewalt, Schmerz, Verdammnis.

Als sie das nächste Mal auftauchte, wagte sie einen Blick zurück. Sie erschrak wimmernd, als sie den Hünen, in dessen Augen sie zuerst geblickt hatte, an der Reling hantieren sah. Scheinbar hatte er Mantel und Schuhe abgelegt. Sie drehte sich um, verschluckte sich, hustete im Untergehen, hörte das unverkennbare Geräusch eines ins Wasser eintauchenden Menschen hinter sich. Sie konnte nicht mehr schreien, niemand würde sie unter Wasser hören.

Etwas umfasste ihr Fußgelenk. Ihr Strampeln konnte dem eisernen Griff nichts entgegensetzen. Ein Schwall Wasser rauschte ihre Kehle hinunter, das Salz brannte in ihren Augen, als sie sie erschreckt aufriss, nach oben blickte, spürte, dass sie die Oberfläche nicht mehr selbst erreichen würde. Ein Arm umfasste ihre Taille. Sie spürte, dass ihre Gliedmaßen endgültig ihrem Willen entzogen wurden ...

Fast wäre sie am Tisch eingenickt, doch während ihr Kopf nach vorn sackte, erwachte sie, fuhr auf und umklammerte kurz die Tischkante.

Ath lächelte ob ihres Anblickes. Er stand im Schatten des hinteren Zeltes, betrachtete liebevoll die vom Kerzenschein umschienenen Konturen seiner Tochter. Sie hatte an einigen Papieren gearbeitet und darüber die Zeit vergessen. Er hatte ihr gesagt, sie solle sich Zeit für sich nehmen, aber das Mädchen teilte die Arbeitsmoral ihres Vaters. Die Rechnungen hätten auch noch Zeit bis morgen gehabt, aber nicht in ihren Augen.

Ath überlegte kurz. Er erinnerte sich an das kleine Mädchen in der Steinwüste. Über zwölf Jahre war es her. Zwölf Jahre des Vaterglücks, zwölf Jahre, in denen sie sein Leben erhellt hatte, in denen er Worte hörte, die er längst vergessen zu haben schien, hatte vergessen wollen. Einige Monate dauerte es, ehe sie anfing zu sprechen, seine Sprache lernte, ihn Vater nannte. Selbst kinderlos, weil seine Frau im Kindsbett gestorben war, liebte er das Kind wie sein eigenes. Woher sie kam, wer sie war, wie sie wirklich geheißen hatte, ob sie sich noch an etwas erinnerte - Ath hatte sich diese Fragen tausendmal gestellt. Sie hatte es nicht wissen wollen. Sie hatten Byzanz noch zweimal besucht seitdem, aber es hatte sie nicht sonderlich gestört. Er sei ihr Vater, nichts anderes zählte für sie. So oft er sie danach gefragt hatte, hatte sie ihm dieselbe Antwort gegeben.

Sie hatten bemerkt, dass sie keinerlei Schwierigkeiten hatte, der nordischen Zunge zu folgen. Ath schätzte deshalb, dass sie vielleicht zu den vielen Nordmännern gehört hatte, die hier in Byzanz genau wie er Handel betrieben hatten. Ihre helle Haut und die gleichfalls hellen braunen Haare sprachen dafür. Trotzdem hatte sie wenig Interesse gezeigt, dem nachzugehen.

»Tochter«, sprach er sie an, »du solltest deinem Vater nicht immer alles gleichtun.«

Sie legte den Kopf in den aufgestützten Arm und lächelte ihn schelmisch an.

»Ach«, murmelte sie, leicht schlaftrunken, »und wer von uns beiden hat es wohl nötiger, sich etwas auszuruhen?«

Sie stand auf, kam auf ihn zu und küsste ihn zärtlich auf die Wange.

»Du gehst in letzter Zeit langsamer.« Sorge klang in ihrer Stimme.

»Das scheint dir nur so.« Im Zwielicht der einsamen Kerze schloss er kurz die Augen. Er vermochte es nicht, den scharfen Augen seiner Tochter etwas zu verheimlichen.

»Deinem unausgesprochenen Rat soll gefolgt werden«, sagte er dann. »Ich werde mich zurückziehen, nur noch über einige Briefe gehen und unsere Heimreise übermorgen noch etwas vorbereiten.«

»Ist gut.« Sie wirkte beruhigt. »Ich konnte das heiße Wetter noch nie ausstehen.«

»Deine zynische Zunge in Ehren«, diesmal klang Sorge in seiner Stimme, »bist du sicher, dass ich auch diesmal nichts unternehmen soll?«

»Nein.« Sie brauchte nicht darüber nachzudenken. »Ich will nichts darüber wissen. Was würden deine Nachforschungen schon bezwecken? Ich bin stolz, deine Tochter zu sein. Die Tochter des ehrenwerten Angelsachsen Ath of Abingdon ...«

Sie dachte kurz nach. »Es sei denn, du willst, dass ...«

»Denk nicht mal daran, Tochter. Du weißt, ich würde dies nur in deinem Interesse tun, um dein Wohl.«

»Dann tu nichts«, stieß sie hervor.

»Du machst mich sehr glücklich.«

»Und du machst mich verlegen.« Sie schlug den Blick nieder. Ath konnte sich nicht erklären, wie er eine solche Tochter verdiente. Ihre Ergebenheit, ihr Respekt, ihre Liebe zu ihm. Wie konnte es sein, dass er allein all das erfahren durfte?

»Sag«, meinte sie dann, »soll der Wein zu Sahib? Und der Umschlag?«

»Ja, ich wollte ihm beides noch bringen. Es ist die Rechung für die Gewürze und den Honig, den ich ihm besorgt habe, und eine Flasche Wein für seine Gäste. Sie scheinen ihn zu mögen und du weißt wie schwer es ist, hier guten Wein zu bekommen. Er hatte mich heute Nachmittag darum gebeten. Er hat ein paar Nordmänner zu Gast und wollte sichergehen, sie wohlversorgt zu haben.«

»Lass mich hinübergehen und es ihm bringen, dann werde ich auch zu Bett gehen.«

»Wenn es dir nichts ausmacht.« Er gab ihr die beiden Sachen. »Dann sehe ich dich gleich noch.«

Er nickte ihr zu und zog sich in das hintere Zelt zurück, schlug die dicken Vorhänge im Gehen zu.

Jetzt war sie es, die ihm nachblickte und lächelte. Wie konnte sie erwägen, nach ihrem richtigen Vater, nach ihrer richtigen Familie zu suchen, wenn er all das war? Noch immer lächelnd, schüttelte sie unverständig den Kopf, wandte sich dem anderen Ausgang des Zeltes zu, der sie nach weiteren Vorhängen direkt in den lärmenden Gastraum brachte. Sie waren wie jedes Mal Gäste Sahibs gewesen. Ath und er kannten sich seit Jahren, Ath nannte ihn Freund und sie wusste, auch Sahib hegte eine große Schwäche für ihn und seit vielen Jahren nun auch für sie.

Sahib war nirgends im Zwielicht des großen Zeltabschnittes zu sehen. Etwa zehn Nordmänner waren Gast des Weinhändlers und gaben sich den lukullischen Köstlichkeiten und den auserlesenen Getränken hin, die gereicht wurden. Nur drei der Nordmänner saßen allein, die anderen hatten ein Mädchen im Arm und gaben sich auch dieser Kostbarkeit mehr oder weniger offensichtlich hin.

Aths Tochter gab sich Mühe, nicht über die Kissen zu stolpern, während sie einem herangeeilten Diener die Sachen reichte. Er schien zu wissen, worum es sich handelte. Froh darüber wollte sie sich zurückziehen. Der Geräuschpegel war nahezu unerträglich und das Benehmen nicht minder. Dann jedoch spürte sie ihr Fußgelenk umfasst, fuhr erschreckt herum und sah in das grinsende Gesicht eines der Nordmänner.

»Wag es nicht«, fuhr sie ihn auf Angelsächsisch an. Sie versuchte, ihren Fuß zu befreien.

»Sieh an, eine angelsächsische Kratzbürste«, grölte der rothaarige Riese in die Runde. »Sahib erwähnte nicht, dass seine Mädchen auch derart wählerisch sind.« »Ich bin keines von diesen Mädchen«, fauchte sie ihn an. Im Dämmerschein stolperte sie mit ihrem anderen Fuß über einen der Teppiche, fiel halb auf ihn, was ihm die Gelegenheit gab, sie an sich zu ziehen. Doch er hatte nicht mit ihrer Gegenwehr gerechnet. Sie krümmte sich, schob ihm ihren Buckel vor die Nase und kratzte ihn über die Hand, die noch immer ihren Fuß festhielt. Sie glaubte, er würde sie loslassen. Stattdessen klatschte seine flache Hand beseelt auf ihr Hinterteil, was sie entrüstet auffahren ließ. Ihr Kopf stieß dabei seine Nase, was endlich Pein genug schien, um sie freizulassen. Sie stolperte auf allen Vieren von ihm weg und sah zurück. Er hielt sich die Nase. Zwischen seinen Fingern quoll dunkle Flüssigkeit hervor, Blut, in dem Licht schwarz wie seine Augen.

»Du verdammtes Biest ...«

Noch ehe er die Worte ausgesprochen hatte, hievte sie sich hoch, wissend, er würde sich dies nicht vor den anderen, die bereits brüllend lachten, gefallen lassen. Sie strauchelte weiter, passierte zwei weitere Nordmänner, dann jenen am Kopf der Gruppe Sitzenden. Dieser jedoch griff blitzschnell nach ihrem Webgürtel, zog sie zu sich herunter. Noch ehe sie wiederum zum Kampf ansetzen konnte, spürte sie seinen Mund dicht neben ihrem Ohr.

»Ruhig, Mädchen«, zischte er, »tu nichts. Ich werde dich hier rausholen. Vertrau mir.«

Sie wusste nicht, warum, aber sie blieb augenblicklich still. Rührte sich nicht, verfolgte ungläubig das Gespräch der beiden Nordmänner.

»Ich denke, dass Mädchen hat sich die Gesellschaft für diesen Abend ausgesucht, oder nicht?«, meinte ihr Retter.

Der andere Nordmann, der aufgestanden war, um sie einzuholen, verschränkte die Arme.

»Das sehe ich. Trotzdem würde ich es begrüßen, wenn du sie mir überlässt. Ich hätte da noch ein oder zwei Sachen mit ihr zu klären.«

»Lass mal, Sazur, du hast bloß eine Nase.«

Die anderen lachten, selbst der gescholtene Nordmann. Er konnte seinem Kommandanten nicht wirklich gram sein und scheinbar hatte das Mädchen tatsächlich gewählt, hatte selbst die Arme um seinen Hals gelegt und schmiegte sich an ihn.

»Sie hat gut gewählt.« Sazur wandte sich ab. Sein Kommandant erhob sich daraufhin, noch immer das Mädchen im Arm.

»Ihr werdet verstehen, dass ich diesen Leckerbissen allein genießen werde.«

Seine Männer erhoben daraufhin ihre Hörner, prosteten ihm zu und wünschten ihm Vergnügen, bis er durch den Gang entschwand, aus dem das Mädchen erschienen war.

Aths Tochter wurde augenblicklich heruntergelassen, als sie ihren Zeltabschnitt wieder betreten hatten. Noch immer verwirrt durch das, was eben passiert war, schritt sie zum Tisch, hielt sich, diesmal stehend, an der Tischkante fest, schluckte und befeuchtete ihre trockenen Lippen.

»H-Habt dank, Nordmann.«, ihre Stimme war nicht ihre eigene. Wo war ihre dunkle, beherrschte Stimme in diesem Moment?

»Verzeih meinen Männern«, antwortete er stattdessen. Sie glaubte zu träumen, sich einen Nordmann entschuldigen zu hören. Er fuhr fort: »Sie sind heute etwas zu ausgelassen, aber sie haben ihre Gründe. Einige harte Prüfungen liegen hinter ihnen. Zudem fehlt ihnen der Respekt vor Frauen.«

»Respekt vor Frauen«, wiederholte sie, ohne sich umzuwenden. Der Nordmann bereitete ihr selbst in dieser Entfernung eine Gänsehaut. Er sprach ihre Sprache fließend, roch nach herber Seife und gutem Wein. Sie wusste plötzlich, wer jenen Wein bevorzugte, den sie selbst hinübergebracht hatte.

»Respekt«, sagte sie nochmals. Sie hatte es geflüstert und trotzdem nicht gemerkt, dass er direkt hinter sie getreten war.

»Es scheint, dir ist bisher wenig Respekt von Männern entgegengebracht worden.« Seine Stimme klang nicht länger klar, ein Unterton schwang darin, leise, rau. Die Kerze flackerte kurz, dann erlosch sie. Sie bemerkte den Hauch der Atembewegung, als er sie ausblies.

Sie konnte sich nicht rühren. Wie zuvor. Sie stand nur da.

»Du solltest zumindest wissen, dass es Männer gibt, die euch sehr wohl Respekt entgegenbringen.« Während er das sagte, strich er das Haar aus ihrem Nacken und legte es vorn über ihre Schulter. Bei seinen nächsten Worten spürte sie seine Lippen auf ihrem Nacken, spürte, wie seine Barthärchen die Liebkosung begleiteten.

»Und du solltest es nicht vergessen, wenn du einem Mann einmal gehörst.«

Seine Arme legten sich um ihre Taille, zogen sie an ihn. Sie ließ es geschehen, lauschte seinen Worten, verfolgte seine Berührung. Sie hatte keine Angst. Vor diesem einen Mann nicht. Sie ließ zu, was kein anderer je gewagt hatte, was kein anderer je hätte tun dürfen.

»Männer wie ich nehmen sich niemals das, was eine Frau ihnen nicht freiwillig schenkt.«

Ihr Kopf legte sich auf seinen Oberarm, ihr Hals hieß seine Lippen willkommen, während seine Hände nach oben wanderten, den Ansätzen der sanften Wölbungen unter dem Webstoff des Kleides folgten.

»Jene anderen Männer werden nie in eure Seele schauen dürfen, merk dir das.« Er drehte sie langsam zu sich, nahm ihr Gesicht in beide Hände. Nichts vermochte die Dunkelheit zu durchdringen, weder ihre Gesichtszüge, noch ihre Haarfarbe oder die Farbe ihres Kleides. Nichts gab sie preis. Aber das Gefühl, das beide in Gegenwart der vielen Nordmänner beschlichen hatte, konnte die Dunkelheit durchbrechen.

»Ich zeige dir Respekt«, sagte er.

Wie von selbst öffneten sich ihre Lippen etwas, ließen den seinen ihren Willen, mehr noch, unterwarfen sich ihnen. Er atmete lang aus, eine jede Spannung schien den Hünen zu verlassen. Er genoss und sie wusste ganz plötzlich, was er meinte. Sie öffnete sich ihm, ohne sich selbst aufzugeben.

Der Nordmann bemerkte es, fühlte ihre Gedanken, wusste, er hatte erreicht, was er wollte. Er erhielt jene Antwort, die er begehrte, stellte trotzdem überrascht fest, dass ihm dieses Mädchen mehr gab als all jene vor ihr. Er bedauerte, dass Welten zwischen ihnen lagen.

Sie stellte sich unverhofft auf die Zehenspitzen und legte ihre Arme um ihn. Ihre Lippen antworteten den seinen sanft, ohne jede Hast, unverfälscht. Eine ewige Zeit. Sie beide genossen. Vergaßen, wo sie waren, wer sie waren, gaben sich einzig dem Gefühl hin.

Ungern trennte er sich dann von ihren Lippen.

»Bei den Göttern, ich wünschte, ich könnte dies hier zu Ende führen«, hauchte er in ihren Nacken und presste sie an sich.

»Gott schütze dich, Nordmann«, flüsterte sie in sein Ohr. »Ich werde niemals vergessen.«

»Suche jenen Mann, der dir gibt, was du verdienst. Suche ihn sorgfältig.«

Sie hielt sich wie zuvor an der Tischkante. Der Luftzug der herunterfallenden Vorhänge umgab sie. Er war fort.

Robyn schnappte nach Luft, Schmerzen durchfuhren ihren kältesteifen Körper. Schmerzen, die sie nie derart erfahren hatte. Nicht in all den Jahren. Wer war sie? Warum hatte sie als vierjähriges Mädchen inmitten einer unwirtlichen Steinwüste gestanden? Warum hatte ihr Vater das zugelassen?

Sie wimmerte auf, Tränen mischten sich auf ihren Wangen mit dem Salzwasser, das sie nur zu gern verschlingen wollte. Doch der Arm hielt sie fest. Die Präsenz des Nordmannes, der zwischen ihr und dem nassen Grab stand, war keine Einbildung. Kein Trugbild. Für einen Moment schloss sie die Augen.

Sie würde nie erfahren, wer jener Nordmann gewesen war. Warum hatte er ihr jene Erinnerung bereitet? Was hatte ihn bewogen, ihr an diesem Abend einen Glauben einzupflanzen, den sie nur zu bereitwillig aufnahm? Sie hatte nie einen solchen Mann getroffen.

»Es wird dir bei uns besser ergehen als bei jenen, die dich deiner Familie entrissen.«

Robyn brauchte eine Weile. Die Worte drangen nur langsam zu ihr vor. Dann begriff sie. Der Nordmann hatte zu ihr gesprochen. Sie drehte ihren Kopf langsam, zwinkerte im Sonnenlicht.

»Ich kann dir nicht das Paradies versprechen. Nur eines ...«

Robyn fühlte den Druck seiner Arme. Er würde sie nicht gehen lassen.

»Du wirst keine Sklavin sein.«

Wie konnte sie weiterleben wollen? Wenn nicht als Sklavin, als was dann? Was war mit all ihren Fragen? Wie würde sie je eine Antwort darauf erhalten?

Sie wandte sich ab, blickte auf die See, die ruhige See. Sie lag vor ihr, ließ in ihr die Hoffnung aufkeimen, dass sie irgendwo dort am Horizont die Antworten zu all ihren Fragen finden würde.

Wulf spürte, dass sie nach seinen Armen griff, doch ehe er feststellen konnte, ob sie sich von ihm befreien wollte oder die Ausweglosigkeit ihrer Situation zuließ, sank sie in sich zusammen. Er verhinderte ein erneutes Abgleiten unter Wasser, in dem er sie nach hinten kippen ließ, um mit ihr zum Schiff zu schwimmen.

Der Rauch quoll um alle Häuser am Strand. Sie floh, hielt ihre Röcke mit eiserner Hand fest, um nicht über sie zu fallen. Der sandige Boden ließ sie straucheln, sie fiel, spuckte den Sand aus, schluckte den Rest hinunter, nur um wieder auf die Beine zu kommen und weiterlaufen zu können.

In dem Durcheinander suchte sie ihren Vater. Etwas sagte ihr, er würde sich wie die anderen flüchtenden Menschen in das Wäldchen nahe dem Kloster zurückziehen. Dort war es unwegsamer, die Bäume und vereinzelten Sträucher boten mehr Schutz vor den raubenden und plündernden Nordmännern.

Ihr Vater würde mit den Mönchen und den anderen Bewohnern dort auf sie warten. Und abwarten. Die Nordmänner hatten, was sie wollten, zogen sich zum großen Teil bereits auf ihr Schiff zurück mit Gold, Wolle, den Vorräten des Klosters, insbesondere dem wertvollen Honig. Sie trugen ihre Beute nahezu ohne Gegenwehr der Menschen auf ihr Schiff, das am Strand lag und unheilvoll umwoben wurde vom Rauch der angezündeten Hütten und des flammenden Klosters.

Sie hörte die Nordmänner brüllen. Das Drachenboot wurde bereits ins Wasser geschoben, sie stemmten sich gegen die Planken, übergaben es der See. Verloren keine Zeit. Das Unheil, welches sie hinterließen, rief kein Mitleid in ihnen wach. Eine Pranke umfasste im Laufen ihren Hals, drückte ihr die Luft ab. Sie krallte sich in die Hemdsärmel des Nordmannes, der sie festhielt. Sie würgte an ihrem aufsteigenden Mageninhalt. Sein Blick war durchdringend, als er sie von oben bis unten betrachtete. Sie verstand augenblicklich. Er besah sich seine Ware. Sie fühlte, wie der Schock sie lähmen wollte, sie erkalten lassen wollte. Doch als der Nordmann sie mühelos über seine Schulter legte, holte sie aus tiefster Seele Luft und schrie, dass selbst die Nordmänner, die am Strand warteten, aufsahen.

»Vaaaaaaaateeeeeeeer ...« Sie wollte nicht so aufgeben, nicht ohne ihren Schmerz und ihre Verzweiflung herausgerufen zu haben. »Vaaaaaaateeeeeer ...«

Sie sah zurück auf das Wäldchen, im Dunst der Feuer kaum noch auszumachen. Sie starrte es mit tränenden Augen an, schrie unentwegt, ohne dem Schreien noch Silben zu verleihen. Dann, als sich ein anderer Nordmann von hinten näherte, sah sie ihren Vater plötzlich aus dem Wald stürzen. Er schrie genau wie sie, aber es war nur noch ein entferntes Echo. Der Schatten des anderen Nordmannes legte sich auf sie. Dann war es plötzlich dunkel ...

4.

Mit steifen Gliedern ließ Wulf sie wenig später unsanft auf Deck gleiten. Der Aufprall führte zu einem Hustenanfall, bei dem Robyn minutenlang das Wasser hervorwürgte.

»Eine schöne Fracht.« Egill stand mit verschränkten Armen über ihr, neben sich Wulf, der einige Male tief ein- und ausatmete. »Warum hast du sie nicht gehen lassen? Es schien ihr Wunsch sein.«

»Seit wann gewähren wir einem Menschen in Not nicht mehr unsere Hilfe?«, fuhr Wulf ihn an. Er hatte Egills ewiges Jammern satt. »Ist es nicht dein Wunsch, jene im Westdorf zu verurteilen? Sie hätten vielleicht so gehandelt. Aber nicht wir. Wir pflegen nicht wie sie auf Raubzug zu gehen. Nicht mehr. Hast du das vergessen?«

»Nein, Wulf. Aber du weißt, dass Frauen an Bord nur Unglück bringen. Noch dazu eine, die wie eine Nixe leblos im Wasser trieb.«

»Verdammt sei dein Aberglaube.« Wulf zog sich das Hemd aus, die untergehende Sonne würde nicht mehr lang Wärme spenden. »Sag zwei Männern, sie sollen ein Feuer machen und dann sieh zu, dass du irgendwelche trockene Kleidung für sie findest.«

Egill gab ein zustimmendes Brummen von sich und ging, bellte wenig später zwei der Männer an, damit sie Holz zusammentrugen.

Robyn fühlte zum ersten Mal seit Stunden ihre Beine. Sie zog sie heran, spürte keinen Schmerz, nur Kälte.

Eine Reise. Sie trat erneut eine Reise an.

Sie stöhnte leise. Warum nur? Warum?

Sie betastete ihren Kopf. Er hämmerte unerträglich. Der Nordmann am Strand hatte sie mit bloßer Faust bewusstlos geschlagen. Ihre Hand wanderte weiter. Fast hätte sie aufgeschrieen. Die gesamte linke Seite schien zu zerspringen. Sie versuchte stillzuliegen, damit der Schmerz nachließ. Befremdet zerrieb sie das geronnene Blut, das aus ihrem Ohr gelaufen war, in ihrer Hand. Sie benötigte einige Atemzüge, um den Blick endgültig zu schärfen, um ruhig aufzublicken, ohne Drehen, ohne verschwommene Bilder. Der Nordmann hatte abwartend über ihr gestanden.

Wulf bemerkte ihren schweren Augenaufschlag, sah gleichzeitig, wie sich ihre Lippen aufeinanderpressten. Sie war bemüht, ihren Schmerz zu verbergen, durchaus gekonnt, aber seine Augen waren zu gut trainiert.

»Nimm einige der Decken dort.« Er wies hinter sie auf einige Decken in Reichweite. »Zieh deine nassen Kleider darunter aus, dann begib dich zu dem Feuer, dass die Männer für dich anzünden. Und fürchte dich nicht. Niemand wird Hand an dich legen. Ich stehe zu meinem Wort.«

Wulf beobachtete sie noch kurz. Sie brauchte eine Weile. Er glaubte nicht, dass sie ihn nicht verstanden hatte. Vielmehr sammelte sie all ihre Konzentration, um seinen Worten folgen zu können. Sie zog sich langsam zu den Decken hin, ergriff eine. Damit hatte er genug gesehen. Er wandte sich ab, um selbst seine Kleidung gegen trockene einzutauschen.

Robyn konnte ihm nicht einmal hinterherblicken. Sie musste ihre Augen schließen, während sie die Decke um sich legte und das Kleid auszog. Ihre Schuhe hatte sie im Wasser verloren. Wozu hatte sie sie auch behalten sollen? Sie hatte sterben wollen. Für einen Augenblick bettete sie ihren Kopf auf die anderen Decken, sehnte sich zurück in die See, nach dem Horizont, dem kalten Wasser, da es sie nach all den Stunden zärtlich umarmt hatte, ihre Sehnsucht erwidert hatte.

»Weib!«

Sie schreckte auf. Woher kam das? Undeutlich erkannte sie die Konturen des Hünen wieder. Sie schärfte den Blick, diesmal mit Erfolg. Die kurze Entspannung hatte ihr gut getan. Er trug trockene Kleider, hatte sein Haar im Nacken zusammengebunden. Die Sonne war längst untergegangen, der Himmel in seinem Rücken rötlich.

»Wir riskieren eine Menge, indem wir ein Feuer an Deck entzünden. Hab die Güte und nutze es aus.«

Wieder brauchte es eine Weile, dann reagierte sie, zog sich an der Reling hoch, stützte sich auf sie, während sie langsam nach vorn strauchelte.

Wulf nahm einige Decken und folgte ihr im kurzen Abstand. Seine Männer beobachteten ihre Silhouette aufmerksam, vorsichtig. Wulfs Entscheidung, sie an Bord zu lassen, hatten einige nicht gutgeheißen und ihren Kommandanten dies auch wissen lassen. Er hörte ihren Eingebungen zu, bestimmte aber trotzdem, dass sie bleiben würde. Die Überfahrt näherte sich ihrem Ende. Zwei Tage noch, dann hatten sie ihr Ziel erreicht. Bis dahin mussten sie die Nixe an Bord dulden, hernach würde ihr König über sie entscheiden. Vielleicht würde einer der Nordmänner sie zur Frau begehren. Eine Heirat hatte den Vorteil, dass sie niemandem außer ihrem Mann und dem König Rechenschaft schuldig war. Für den Fall, dass sich niemand für sie fand, würde sie einfachen Arbeiten im Dorf nachgehen müssen, jedoch ohne den Schutz eines Ehemannes. Aber sie würde dieselben Rechte erhalten wie all die anderen. Sklaven gab es unter ihnen seit einer Generation keine mehr.

Und ein Zurück gibt es für dich auch nicht mehr, dachte Wulf, während sie kraftlos am Feuer niedersank. Wer immer du bist, deine Familie, dein Mann wird dich unter Nordmännern wissen; keine Schande dürfte größer sein.

Seine eigenen Gedanken widerten ihn an, aber er kannte den Ruf seines Volkes, wenngleich die Wahrheit anders war. Sehr anders.

Sein Blick streifte seine Männer. Große, starke Männer, kampferprobt seit vielen Jahren, in jeder erdenklichen Waffe trainiert, geschickt, furchtlos, ihre Haut gebräunt von der unerbittlichen Sonne in Byzanz. Versteinert sahen sie auf die Nixe, deren weiße Haut sich von der dunklen Decke absetzte wie ein unheimliches Omen. Misstrauen lag in Egills Bewegungen, als er sich hinabbeugte und ihr einige Kleidersachen hinlegte. Männerkleidung. Sie würde genügen müssen.

Wulf legte zwei weitere Decken zu ihr. Als sie sie bemerkte, ließ allein ihr Anblick ihre Augen zufallen. Ohne auf die Nordmänner zu achten, ließ sie sich nieder. Furcht und Schmerz verloren sich für den Moment und sie gab sich dem Schlaf hin. Der Nordmann würde zu seinem Wort stehen.

5.

Sie schlief einen ganzen Tag hindurch, ungeachtet der Männer, des Windes, der Planken, die nie still zu sein schienen. Robyn blickte hinauf in den klaren Sternenhimmel.

Trotz des Misstrauens waren die Nordmänner nicht ohne Freundlichkeit. Ein Hauch von Winter lag seit einigen Stunden über dem Schiff, je näher sie ihrer Heimat kamen. Jemand hatte ihr eine wärmere Decke um die nackten Schultern gelegt, während sie schlief. Das Feuer war erloschen, aber sie empfand keine allzu große Kälte. Die Decken waren von guter Qualität, ein Zeichen, dass die Nordmänner zu etwas Reichtum gelangt waren.

Robyn tastete vorsichtig ihr Ohr ab. Es war heiß und geschwollen. Sie wünschte sich sehnlichst, es kühlen zu können, aber das musste warten. Wenn man der Luft glauben schenken konnte, würde im Land der Nordmänner bereits Schnee liegen. Schnee ... Robyn glaubte für einen Moment ein Bild vor sich zu sehen. Doch es verschwand genauso schnell wieder. Ob es Erinnerungen waren? Die Zunge der Nordmänner bereitete ihr keine Probleme. Sie verstand jedes Wort. Andere Nordmänner aus Jutland, Svealand oder Götaland hätten ihre vollste Aufmerksamkeit benötigt, um sich verständlich zu machen. Nicht diese. Sie selbst hatte das meiste aus ihrer Vergangenheit vergessen, hatte die nordische Zunge nie gesprochen, solange sie bei Ath gewesen war. Alles, was vor der Steinwüste gewesen war, erschien ihr vage, verschwommen, niemals kehrten konkrete Sachen in ihr Gedächtnis zurück. Nur die kratzige Zunge, rau und doch für ihre Ohren nicht unangenehm, war ihr geblieben.

Ich verstehe jedes Wort.

Was bedeutete das? Konnte es sein, dass ihr Ursprung irgendwo im Land dieser Nordmänner lag?

Geliebter Vater, werde ich dich je wiedersehen?

Ihre Verzweiflung gewann erneut die Oberhand, verdrängte jene Gedanken. Die Furcht kehrte schockartig zurück. Sie war verdammt zu einem Leben unter diesen Menschen, die ihr so fremd waren. Was geschah, wenn sie an Land gingen? Was würden sie mit ihr tun?

Vater, steh mir bei. Lass mich nicht allein.

Die Angst verstärkte ihre Schmerzen. Sie wusste, sie musste sich zusammennehmen. Tat es nach einer Weile, atmete tief ein und aus.

Langsam richtete sie sich auf, das Blut rauschte in ihrem Kopf, ließ sie nochmals geraume Zeit verweilen. Dann erst klärte sich ihr Blick und sie erkannte die Umrisse der Kleidung, die einer der Nordmänner ihr hingelegt hatte, Hosen und eine weite helle Tunika, einige Lagen groben Stoffes und Lederschnüre, um ihre Füße zu schützen. Vielleicht würden sie ihr später Schuhe geben.

Später.

Robyn stöhnte leise.

Reiß dich zusammen! Die eigene Stimme in ihrem Kopf klang nicht überzeugend, aber sie sagte es sich wieder und wieder. Sie musste an das Jetzt denken, sich sammeln, um dem Später entgegentreten zu können.

Sie bemerkte einen Eimer und sah sich unsicher um. Niemand war in der Nähe, wenigstens das blieb ihr erspart. Fast schien sie allein auf dem Schiff. Auch als sie wenig später die Kleidung anzog und ihr Haar mit einer Lederschnur zusammenband, störte sie niemand. Beruhigt lehnte sie sich an die Reling, zog die Decken wieder enger um sich und versuchte ihren hämmernden Kopf zu vergessen.

»Nixe, schlag die Augen für einen Moment auf.«

Robyn hörte die leisen Worte kaum, leistete ihnen aber Folge. Sie wollte diesen Männern keinen Grund geben, ihre Freundlichkeit zu bedauern. Sie schienen nicht glücklich über ihr Hiersein. Auch ohne sie lange Zeit in Augenschein genommen zu haben, konnte sie es fühlen. Trotzdem schenkten sie ihr genug Aufmerksamkeit, mehr als ihre ertrunkenen Entführer, die sie wie ein Warenstück zu den anderen Gütern abgelegt hatten. Hernach hatte wahrscheinlich nur der aufziehende Sturm verhindert, dass sie sogleich über sie hergefallen waren. Der Sturm war ihr ein Wunder, ein Gottesgeschenk, ein Zeichen gewesen.

Einer der Nordmänner kniete neben ihr, hielt einen dampfenden Becher in der Hand. Es roch wundervoll nach Wacholderbeeren.

»Trink das«, sagte er, »morgen früh gibt es etwas Suppe, mehr solltest du noch nicht zu dir nehmen. Wenn wir morgen Nachmittag an Land gehen, wirst du bald etwas Richtiges essen können.«

Robyns Blick wanderte von dem Becher kurz zum Gesicht des Nordmannes.

»Trink langsam, Nixe«, zog er sie auf, »es ist kein Salzwasser.«

Sie nahm den Becher und er ging ohne ein weiteres Wort. In der Dunkelheit verhalten seine Schritte schnell. Robyn sog den Geruch des dampfenden Weines tief ein. Es dauerte nicht lange und die langsamen Schlucke betäubten den Schmerz. Dankbar ließ sie sich zurück auf die Decken sinken.

6.

Schläft sie noch?« Wulf blickte Sigurd entgegen, der auf seine Anweisung hin Wein zu ihr gebracht hatte. »Sie wird es bald wieder.« Sigurd legte seine Arme auf die Reling wie Wulf. Sie starrten hinaus auf die schwarzgraue See.

»Sie war angezogen, lehnte am Bootsrand und döste, schien dem Wein aber nicht abgeneigt ...Glaubst du, sie versteht uns?«, fragte er dann.

»Jedes Wort«, antwortete Wulf, ohne zu überlegen.

»Wie kannst du so sicher sein?«

»Beobachte nur ihre Augen«, erklärte Wulf. »Dass sie so langsam handelt, rührt einzig von einer Verletzung, die sie uns nicht preisgeben will, aber ansonsten versteht sie jedes Wort.«

»Glaubst du, die vom Westdorf haben sie weiter südlich geraubt?« Sigurds Überlegung war auch Wulfs.

»Sehr wahrscheinlich. Doch statt wie blind Beute hinterherzujagen, hätten sie besser daran getan, das Wetter zu beobachten.«

Sigurd verkniff sich seine Antwort. Er verfluchte jene Nordmänner vom Westdorf innerlich. Jedweder Gedanke an eine Vereinigung mit dem Westdorf sollte ausgelöscht sein, allein durch einen solchen Akt. Sie beide wussten das. Und doch hoffte Wulf immer noch, dass es eines Tages wieder nur einen König geben würde, nicht zwei Königreiche und ein weiteres Reich, das sich weigerte, auch nur einen der beiden anzuerkennen.

»Ich bezweifele, dass jemand sie zu sich nehmen wird«, sann Sigurd. »Es wird schwer für sie sein. Es wird ihr ewig anhaften, dass wir sie aus dem Meer gefischt haben. Die Alten werden es für kein gutes Omen halten, einer solchen Frau Schutz zu gewähren.«

Wulf sah ihn von der Seite an, wartete bis Sigurd seinen Blick kreuzte.

»Vielleicht gerade deshalb. Indem wir ihr Schutz gewähren, werden uns die Götter womöglich dankbar sein und unserem Volk etwas Zuwendung zeigen.«

»Ja, eine solche Zuwendung wäre allerdings dringend nötig. Trotzdem befürchte ich, dass der König nicht begeistert sein wird, dass wir sie mitbringen.«

»Das soll eure Sorge nicht sein«, beruhigte ihn Wulf. »Ich werde die Verantwortung übernehmen und ihm erklären, wie wir zu ihr kamen.«

»Nach fünfzehn Jahren kehren wir heim. Fünfzehn Jahre«, wiederholte Sigurd. »Endlich kann ich daheim bei Weib und Kind sein, muss sie nicht nur für einige Wochen besuchen, um dann wieder zu gehen. Ich werde bleiben. Diesmal werde ich bleiben.«

Wulf dachte kurz an sein eigenes Zuhause, im Wald verborgen. Dort wartete niemand mehr auf ihn. Und er war froh darüber.

7.

Robyn hatte nie wirklich an eine Flucht gedacht, doch nun war sie sicher, dass sie es nie geschafft hätte, diese in die Tat umzusetzen.

Es war früher Abend, als sie endlich anlegten. Das Wetter hatte sich stetig verschlechtert. Kein wirklicher Nebel lag auf dem Wald, der sie traurig begrüßte, nur ein nasser Dunst stieg vom Schnee auf. Scheinbar hatte der Sturm den Winter für kurze Zeit abgelöst und ließ es etwas wärmer werden, doch nicht für lang. Sie hatte einige Gesprächsfetzen der Nordmänner aufgefangen. Am steinigen Strand begrüßten sie einige Nordmänner und Nordfrauen mit Packpferden für die Ladung. Geduldig warteten sie, während ihr Retter und die anderen Männer anlegten und eine Rampe aufstellten. Sie bemerkte auch die unsicheren Handbewegungen zu ihr selbst hin. Obwohl sich Robyn so weit wie möglich an Bord zurückgezogen hatte, um das Anlegen und ihre Fluchtmöglichkeiten abzuschätzen, blieb sie nicht lang verborgen.

Sie verkrampfte innerlich, schalt sich, da ihr Kopf daraufhin wieder mehr schmerzte.

Wie würden sie damit umgehen, dass die Heimkehrenden eine Fremde mitbrachten? Aus dem Meer gefischt. Keine der ihren, wie sie bald feststellen würden, sondern eine Angelsächsin. Sie würde sich nicht mehr lang in Schweigen hüllen können. Bis jetzt hatte sie es umgangen zu sprechen, da sie befürchtete, dass sich ihr Kiefer ausrenkte. Wenn der Schmerz nachgelassen hatte, würde sie wieder sprechen müssen, um zu sehen, welchen Schaden der Sprung ins Wasser tatsächlich angerichtet hatte. Noch immer konnte sie nur schwer hören, manchmal verschwamm ihre Umgebung etwas, als könne sie zu schnellen Bewegungen nicht folgen. So wie jetzt als einer der Nordmänner auf sie zukam und sie kurzerhand auf seine Arme nahm, um sie die steile Rampe herunterzutragen. Sie schloss umgehend die Augen und hielt sie geschlossen, solange bis er sie absetzte. Als sie sie wieder öffnete, drehte sich alles. Unsicher ergriff sie das nächstliegende, die Mähne eines Packpferdes. Doch es scheute nicht, blieb ruhig stehen, bis sie sich selbst beruhigte. Sie ließ los, atmete tief ein und aus, bemerkte erst jetzt, dass ihr der Nordmann zudem eine Decke umgelegt hatte.

»Wirst du das Stück laufen können, Nixe?«

Robyn blickte nicht auf, erkannte trotzdem die Stimme ihres Retters. Sie nickte. Ein leichter Luftzug strich über sie hinweg.

»Halte dich am Pferd fest. Der Fußmarsch dauert nicht lang. Wenn wir in der großen Halle ankommen, wird man über deinen Verbleib entscheiden.«

Wulf musste nicht in ihre Augen blicken, um zu sehen, dass sie begriff. Und dass sie klug genug war, sich nicht zu wehren oder eine Flucht zu wagen. Für den Moment ergab sie sich ihrem Schicksal und ließ die Dinge geschehen. Sie handelte weise, denn in ihrer Zurückhaltung gab sie den anderen Nordmännern nicht noch mehr Gründe, sie nicht zu mögen. Ihre Schweigsamkeit würde sich auch in der Halle auszahlen, wenn sie sie beibehielt. Und das würde sie.

Als er sich abwandte, bemerkte Robyn, wie sich das Packpferd in Bewegung setzte. Es trottete den anderen hinterher, ohne geführt zu werden. Es fiel ihr nicht schwer, dem Pferd zu folgen. Es machte kurze, langsame Schritte, dem weichen Unterboden misstrauend. Robyn zog die Decke enger um sich, als sie den Wald betraten, und schaute vorsichtig um sich. Noch immer dampfte der Schnee um sie, die Tannen verloren unter dem leichten Wind Teile ihres weißen Kleides. Das Pferd erschreckte nicht einmal, als etwas davon auf seine Kruppe fiel. Der Tross zählte etwa fünfzehn Pferde, schwer beladen mit Kisten, Säcken, Körben und anderen unhandlichen Gegenständen. Die Nordmenschen gingen neben den Pferden, einige Frauen saßen auf den schweren Pferden der Heimkehrer, die in einiger Entfernung parallel zu ihnen den Wald durchritten. Die Pferde hatten keine Mühe, die doppelte Last zu tragen. Zu Robyns Erstaunen tauschten die Männer und die Frauen Vertraulichkeiten aus, flüsterten, lachten sogar leise.

Dies waren keine Konkubinen. Keine Frauen für ein kurzes Vergnügen. Es waren Ehefrauen. Ehefrauen, die auf die Rückkehr ihrer Männer gewartet hatten. Sehnlichst gewartet hatten.

Dann hörte sie das leise Tuscheln. Ihr rechtes Ohr fing es vor ihr auf. Unsichere Blicke gingen von den Nordmenschen zu ihr hin. Sie versuchte sie zu ignorieren, doch es fiel ihr schwer. Zudem fröstelte sie mehr als zuvor. Der Stoff um ihre Beine begann durchzunässen, der Wind nahm zu, je lichter der Wald wurde. Der Blick auf das Dorf der Nordmänner wurde frei. Einige Leute kamen ihnen aus dem Dorf entgegengelaufen, ältere Leute, für die der Weg zum Strand zu beschwerlich gewesen war.

Um sich abzulenken, konzentrierte sich Robyn auf alle Einzelheiten der Menschen und ihres Dorfes. Die offensichtlichen Verteidigungsanlagen, Wälle, ein Graben mit Pfählen. Holz war das bevorzugte Baumaterial, der Wald gab ihnen genug davon. Ihre Häuser schienen stabiler als manch angelsächsisches Haus. Robyn hatte von der Kunstfertigkeit der Nordmänner gehört. Handwerker, Waffenschmiede, Schiffsbauer, nichts, was sie nicht herstellen konnten. Schmuck, eine Seltenheit unter angelsächsischen Frauen, den höhergestellten vorbehalten, trug hier nahezu jede Frau. Ketten, Armreifen, kunstvolle Fibeln, Haarschmuck. Robyn hatte, obwohl Ath ihr jeden Wunsch erfüllt hätte, nie viel davon gehalten. Gleichwohl beeindruckten sie die Kostbarkeiten.

Der Weg zum Dorf führte eine kleine Erhebung hinauf. Wie weit das Dorf hinter dem Hügel fortlief, vermochte Robyn nicht zu sagen, nur dass es sich zu ihrer Linken im Wald fortsetzte.

Die große, lang gestreckte Halle auf dem Bergkamm war nicht die erste dieser Art, die Robyn erblickte. Sie hatte ihren Vater stets auf seinen Reisen begleitet, sich im Hintergrund gehalten wie es sich für eine gute Tochter ziemte, seine Briefe und Rechungen und andere Papiere bearbeitet, seine Waren aufgelistet, ihrem Vater die Verhandlungen überlassen. Und sie hatte beobachtet und gelernt, Menschen einzuschätzen, ihre Sprachen zu sprechen, ihre Taktiken zu durchschauen, ihre Gepflogenheiten, ihren Glauben, ihre Medizin, ihre Bauweise, ihre Waffen, die sichtbaren und die unsichtbaren, mit denen man zuweilen mehr Schaden anrichten konnte als mit Schwertern und Äxten. Nordmänner beherrschten diese Waffe besonders gut. Respekt, Ehre, Wahrheit. Ihnen galten diese Wörter noch etwas. Wer sich nicht daran hielt, fiel in Ungnade und wurde bestraft mit Nichtachtung, Zorn und Zynismus. Ath hatte nie Probleme mit ihnen gehabt, umso freier hatten er und Robyn sich unter ihnen bewegen können. Sie hatten vorzügliche Geschäfte in Hedeby abgeschlossen. Und Robyn hatte ihre Hallen bewundern können, das ausgesuchte Holz, die Mächtigkeit dieser Bauten, ihre Ewigkeit, die geschickten Schnitzereien, innen und außen.

So wie jene, vor der sie jetzt hielten. Während die Nordmenschen die Packpferde abluden, stand Robyn teilnahmslos daneben und versuchte, sich unauffällig zu verhalten. Die große Tür der Halle ließ etwas Licht ins Halbdunkel nach draußen fallen. Der Geräuschpegel der Menschen um sie war gesunken, fast wortlos arbeiteten sie, brachten die Güter ins Innere der Halle. Der Dunst vermischte sich mit ihrem Atem, nur vereinzeltes Flüstern war noch zu hören. Vor allem die Frauen beäugten sie nach wie vor misstrauisch. Robyn trat unauffällig von einem Fuß auf den anderen. Der Stoff war inzwischen vollkommen durchnässt, aber sie musste noch aushalten, musste erfahren, was mit ihr passieren würde, musste stark sein.

Für einen Moment dachte sie an ihren Vater. Was mochte er gerade tun? Ob er sie suchen lassen würde?

Nach all den Jahren hatten sich ihre Wege wieder getrennt. So abrupt wie sie einander begegnet waren, einander geliebt und geachtet hatten, so jäh waren sie wieder auseinandergerissen worden. Und nichts konnte sie wieder zusammenbringen. Robyn war sich während der Fahrt darüber klar geworden. Es gab kein Zurück. Wenn im Frühjahr wieder an eine Flucht zu denken war, würde man sie nicht mehr gehen lassen. Wenngleich sie keine Sklavin sein würde, sollte der Nordmann sein Wort halten, hatten die Nordmenschen hier Macht über sie. Einer Macht, der sie ausgeliefert war, jetzt und im Frühjahr.

Ath, geliebter Vater.

Robyn stieß leise den Atem aus.

Ich werde dich nicht enttäuschen. Der Kreis schließt sich. Ich werde immer deine Tochter sein, aber vielleicht hat mich diese Reise dorthin geführt, wo ich wirklich herstamme.

Einer der Nordmänner schob sie unsanft in die Halle. Robyn holte tief Atem, sie wusste, was sie drinnen erwarten würde. Abgestandene, von Rauch erfüllte Luft. Das Feuer in der Mitte der Halle brannte lichterloh und sie war dankbar für die Rauch durchzogene, warme Luft. Der Nordmann ließ irgendwann ihren Arm los. Sie stand inmitten der mitgebrachten Kisten, Körbe und Säcke. Die anderen Nordmenschen saßen auf Bänken oder standen um das große Feuer, hinter dem sich ein Thron und drei weitere aus feinstem Holz geschnitzte Sitzgelegenheiten befanden. Den Thron und die zwei Stühle daneben nahmen der König und seine beiden Söhne ein. Die Ähnlichkeit war unverkennbar, beide Söhne hatten das rote Haar des Königs, wenngleich es bei letzterem von grauen Fäden durchzogen ein derbes, wettergegerbtes Gesicht umrahmte. Robyn starrte ihn augenblicklang an, fing seinen Blick kurz auf, als er über seine Untergebenen und die Ladung des Schiffes hinwegsah. Sie schlug den Blick sofort nieder. Ihre Gänsehaut rührte nicht mehr nur von der Kälte. Sie mochte den König nicht, ohne ihn zu kennen, ohne ihn sprechen gehört zu haben.

Wulf hatte ihre Reaktion beobachtet, während er seine Männer zum Thron führte und dort für einen Moment zähneknirschend ein Knie den Boden berühren ließ, während er den Kopf vor seinem König senkte.

»Seit unserem letzten Wiedersehen sind keine Männer gefallen«, sagte er, als sie sich wieder erhoben hatten. »So kann ich dir die Leibgarde des Kaisers von Byzanz vollzählig übergeben, auf dass sie nun endgültig in deinen Diensten steht. Der Kaiser entsendet seine Grüße und dankt dir für den Schutz seiner Person, der durch deine Männer gewährleistet wurde. In diesem Moment sind wir entbunden von unserer Pflicht, einem fremden Herrscher zu dienen und kehren heim. Der Kaiser schickt dir diese Geschenke.« Wulf wies auf die Ladung. »Stoffe, Gewürze, Seide, Wein, Silber und erlesene Juwelen. Du sollst dich daran erfreuen und deinen alten Freund nicht vergessen. Er wird dich immer willkommen heißen.«

Robyn schaute verstohlen auf die Männer, die vor dem König standen. Schaute auf ihren Retter. Die Leibgarde eines Kaisers. Durch ihr unbekannte Umstände an eine Pflicht gebunden, fern der Heimat zu dienen. Diese Männer hatten sie gerettet. Ihr Kommandant hatte sie gerettet. Sie musste den Blick erneut niederschlagen. In ihrem Kopf begann das quälende Hämmern, ihre Gedanken zu stören. Sie kniff die Augen zusammen, presste ihre Lippen aufeinander. Ihre Fäuste ballten sich unter der Decke, die Anspannung musste ihr helfen, sie musste dies hier durchstehen. Ohne sich innerlich zu lösen, lauschte sie den Worten des Königs.

»Hab dank für deine Worte. Wir erwarteten euch bereits vor zwei Tagen. Die Jahre in Byzanz haben euer Seefahrerblut nicht verdünnen können, ich sehe, ihr habt den Sturm gut überstanden ...«

Seine Stimme war quälend. Robyn verkrampfte sich noch mehr unter der Decke. Wärme, wo war die Wärme in seiner Stimme für jene Männer, die für ihn lange Zeit in fremden Diensten gestanden hatten? Er sprach über die Geschenke, dankte den Männern, brachte seine Erleichterung zum Ausdruck, dass sie wohlauf zurückgekehrt waren, fragte jeden nach seinem Befinden, hörte ihnen zu. Eine Ewigkeit verging. Robyn bemerkte die Zurückhaltung ihres Retters. Der König richtete kaum das Wort an ihn. Eine spürbare Kälte herrschte zwischen den beiden.

Nach einer Weile wurden die Gespräche der anderen Nordmenschen lauter. Scheinbar freuten sie sich auf die bevorstehende Feier zu Ehren der Heimkehrer. Robyn hörte ihre Stimmen zuweilen in Erregung anschwellen, einige hielten bereits Hörner mit Met in ihren riesigen Händen, Männer als auch Frauen.

Wulf wartete geduldig, während sich der König noch immer mit einigen seiner Männer unterhielt. Ihn störte der einschmeichelnde Ton in der vom Alkohol rau gewordenen Stimme. Sie konnte ihm nicht verbergen, was er sonst auf dem Weg zur Halle in den Gesichtern der Menschen gelesen hatte. Unschlüssigkeit, Unsicherheit, Unbehagen. Ein Fest konnte davon ablenken, aber wie lange? Morgen früh würden die Probleme dieselben sein. Und nur ein König konnte dies ändern. Aber er ignorierte es, so gut es ihm möglich war. Ignorierte, dass seine Leute darunter litten, uneins zu sein, getrennt zu sein von den anderen beiden Herrschaftsgebieten, auf die Eilaf rechtmäßig jedoch keinen Anspruch hatte. Weil er nicht der wirkliche König war. Jener würde in seiner Halle sitzen und den Tod vieler seiner Männer zu beklagen haben. Männer, die noch immer mit Sklaven handelten, diesmal jedoch selbst zu Sklaven geworden waren. Sklaven der Wassergeister, die ihre Seelen in Besitz genommen haben würden.

»Wulf.«

Niemand hätte jene düsteren Gedanken vermutet, als der Angesprochene seinen Blick dem König entgegen hob. Seine linke Hand lag ruhig auf dem Schwertgriff, der Mantel verdeckte die rechte zusammengekrampfte, die er in Gedanken schon hatte das Schwert nehmen lassen, nicht um zu töten, nur um seinen König aufzuwecken.

»Sprich, Wulf, welch seltsames Geschenk überbringt ihr noch vom Kaiser. Ein Mädchen in Männerkleidern ... hübsch? Nun das vermag ich nicht zu sagen ...« Einige der Nordmenschen lachten gedämpft. »Doch wohl mit ansehnlichem hellem braunen Haar und ein paar Augen, die das Feuer wie Gold funkeln lässt. Also, was hat es auf sich mit ihr?«

»Ein Fisch, der uns vor zwei Tagen ins Netz ging.«

»Ihr habt sie aus dem Wasser gezogen.« Eilafs Missbilligung war unüberhörbar. Einige der Frauen stießen Verwünschungen aus, andere begannen wieder zu flüstern.

»Ganz richtig«, war alles, was Wulf sagte.

»Ruhe«, schnauzte Eilaf seine Leute an. Augenblicklich verstummten die Stimmen. »Und was denkst du, soll mit ihr passieren?«

»Das werde ich ganz dir überlassen.« Wulf beobachtete Eilafs Unbehagen.

»Du weißt so gut wie ich, dass ihr das nicht hättet tun sollen. Sie war dem Wasser übergeben. Die Wassergeister könnten es uns bei unserer nächsten Überfahrt heimzahlen.«

»Olaf Tryggvason würden deine Worte nicht gefallen«, forderte Wulf den König heraus. »Er würde aus uns viel lieber gute Christen machen. Wassergeister, Aberglauben ...«

»Schweig«, rief Eilaf ungehalten. Wulf bereute seine Worte nicht, er hatte in den letzten Jahren zu selten die Gelegenheit gehabt, Eilaf zu reizen und ihn zu erinnern, was ihnen bevorstand, wenn sie Olaf Tryggvason nicht einig gegenübertraten.

»Ist sie von einem Schiff über Bord gegangen?« Eilafs Blick ging von ihr zurück zu Wulf.

»Vermutlich«, entgegnete Wulf ruhig. »Wir fanden Wrackteile. Ein Schiff vom Westdorf. Sie werden sie als Sklavin geraubt haben. Wo, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht weiter südlich.«

Eilaf blickte über seine Leute.

»Ist jemand bereit, sie zur Frau zu nehmen?«

Die Frauen flüsterten von neuem, diesmal hörte Robyn auch Männerstimmen. Sie glaubte Nixe zu hören, wieder Wassergeister, böses Omen, Untote.

Eilaf wurde ungeduldig.

»Also, wer will sie? Du, Hroar ... Eadgar, nein? Hrethel? Oluff?«

Wulf starrte einen Moment zu ihr hinüber. Sie hielt sich gut. Er hatte erwartet, dass sie niemand als Frau begehren würde. Nun musste Eilaf sie zumindest auf einem Hof unterbringen, als Magd oder Hirtin oder Näherin.

»Wer hat sie aus dem Wasser geholt? Sie zuerst berührt?«

Wulfs Blick schnellte zurück. Er glaubte nicht, was Eilaf im Begriff war zu tun. Und er selbst war machtlos.

»Ich.« Wulfs Stimme gab auch diesmal nichts von seinen wahren Gedanken preis.

Eilaf holte Luft, bevor er weitersprach. Er hatte vorschnell gehandelt, aber nun gab es kein Zurück mehr. Er hatte nicht geglaubt, dass Wulf die Unverfrorenheit besessen hatte, das Mädchen der See zu entreißen.

»Wie lange ist deine Frau tot, Wulf? Zwei Winter? Drei?«

»Zwei.« Wulf merkte, dass Eilaf ablenkte, um sich zu fassen. Sie beide würden diesen Abend nicht wieder vergessen. Wulf wurde ein weiterer Grund gegeben, diesen Mann zu hassen.

»Eine lange Zeit«, überlegte Eilaf »Ich denke, es wird Zeit, dass du dir wieder eine Frau nimmst. Sie gehört ab jetzt dir.«

»Ich denke, dass ist keine gute Idee.« Wulf konnte den Widerspruch nicht aufhalten, es war zu spät dafür.

»Es ist meine Entscheidung. Sie gehört dir.«

Die Nordmenschen schnappten nach Luft. Niemand hatte mit dieser Entscheidung gerechnet. Sie schraken zurück, als sich Wulf einen Weg durch sie bahnte, genau auf das Mädchen zu. Unsanft umfasste er ihren Oberarm, schleifte sie geradezu vor den König.

»Das hast du mir nach fünfzehn Jahren also zu geben«, stieß er zynisch hervor. Robyn wagte nicht zu atmen, ihre Fassungslosigkeit bewahrte sie jedoch vor einer unvorsichtigen Handlung. Unfähig sich all dem zu entziehen, lauschte sie ihrem Retter und dem König. »Fünfzehn Jahre, in denen du deinen anderen Söhnen ein Vater warst.« Wulf blickte die beiden jungen Männer zur Linken und Rechten des Königs giftig an und sah zurück auf Eilaf. »Aber mich fortschicktest.«

Die Stimmen der anderen schwollen beängstigend an.

»Und nun? Nun gibst du mir ein zweites Mal eine Frau, damit du deinen Frieden und einen Sohn aus dem Weg hast, der dir vielleicht die Wahrheit ins Gesicht sagt und sie nicht nur denkt. Ich füge mich, wie schon das erste Mal. Aber eines noch ...«

Robyn spürte, wie er sie direkt neben sich zog, wie in der Kirche, vor einem Altar. Ihr wurde schrecklich bewusst, was er als nächstes sagen würde.

»Deinen Segen, Vater!« Wulf schnaubte diesmal vor Zorn und er gab sich keine Mühe, es zu verbergen.

Eilaf sprang wütend auf.

»Geh mir aus den Augen, Wulf, bevor ich dir befehle, das wahre Hochzeitsritual hier stattfinden zu lassen und dein Weib vor unseren Augen zu nehmen, wie es Tradition ist. Aber ich will dich nicht sehen, nicht heute Abend. Komm zur Vernunft in den nächsten Tagen.«

»Vielleicht wird meine Frau mehr Vernunft zeigen als du, Vater.«

Wulf drehte sich mit einem höhnischen Blick auf seinen Vater um und ging. Robyn zog er halb, halb folgte sie ihm. Die anderen ließen ihn durch, ihre Stimmen beunruhigt, besorgt, unverständig.

Robyn stolperte über den steinernen Absatz vor der Halle, die schwere Tür schwang hinter ihnen zu. Zielstrebig steuerte Wulf auf sein Pferd zu, schob sie jetzt mehr vor sich her. Hinter ihnen wurde die Tür nochmals geöffnet, krachte erneut zu. Schnelle Schritte stapften durch den Schnee.

Wulf hatte sein Pferd erreicht, war im Begriff Robyn hochzuheben, als er seinen Namen vernahm und innehielt.

»Wulf, warte ...«

Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Robyn atmete nicht minder heftig gegen ihn. Sie war fassungslos, er war zornig und kochte vor Wut. Sie wusste nicht, ob es ihr flehender Blick oder die Stimme hinter ihnen war, die ihn dann jedoch die aufgestaute Luft ausstoßen ließ. Er schlug den Blick nieder. Sie sah im faden Licht eine Bitterkeit um seinen Mund, die sie ahnen ließ, dass seine äußere Gelassenheit in den letzten beiden Tagen keineswegs echt gewesen war.

Seine Hände entspannten sich. Er ließ ihre Schultern los. Wulf drehte sich um und sah seinen Bruder Leif vor sich stehen. Nach nur einem kurzen Atemzug umarmten sie einander.

»Verzeih meine Worte, Bruder. Aber der alte Mann hat einen solchen Sohn wie dich nicht verdient. Du siehst nur das Gute in ihm.«

Leif studierte Wulf kurz.

»Und du, Bruder, siehst noch immer nur das Schlechte in ihm. Wird das immer so weitergehen?« Leif lachte kurz, aber es klang gequält, voll Sorge

»Solange, bis Eilaf der Wahrheit entgegensieht, Leif. Genau solange.«

»Er wird nie aufhören zu glauben, er sei im Recht. Er hatte Kinder, Söhne, unser Onkel nicht. Vater hat die Zeit nur nach vorn gedreht.«

»Unser Onkel hatte auch Kinder«, beharrte Wulf.

»Ja, aber nicht mehr. Vater hat ein Recht auf diesen Thron, so wie ich, so wie auch du.«

»Ich verzichte auf diesen Thron. Ich wollte ihn nie, ich habe nie darum gebeten. Es war ganz allein Eilafs Entscheidung.«

»Vater wollte nur das Beste für dich.«

»Deshalb schickte er mich also all die Jahre nach Byzanz.« Wulf konnte nicht glauben, dass Leif noch immer hinter ihrem Vater stand. Sie führten diese Diskussion nicht zum ersten Mal.

»Er tat es, weil er glaubte, du wärst der geeignetste, fähigste von uns.«

»Schluss damit, Leif.« Wulf war es leid. »Wir werden uns in dieser Sache nie einig sein. Geh hinein und feiere, trink einen Met für mich und sieh zu, dass sich unser Bruder Harold nicht besinnungslos säuft.«

»Es ist gut, dass du wieder hier bist, Wulf«, sagte Leif ernst.

»Du bist einer der wenigen, der so denkt.«

»Täusch dich nicht. Viele wagen nicht zu sprechen ...«

»Ich täusche mich nicht in dir und meinte, was ich in der Halle sagte.« Wulf sah seinen Bruder durchdringend an. »Du denkst die Wahrheit, willst sie aber nicht sagen.«

Leif kannte den Blick seines Bruders und nickte leicht.

»Wirst du morgen am Strand sein?«, fragte er ihn abschließend. Zum ersten Mal an diesem Abend trat ein milder Ausdruck in Wulfs Gesicht.

»Von jetzt ab jeden Tag, Leif, jeden Tag. Davon habe ich über fünfzehn Jahre geträumt.«

»Ich werde hinunterkommen und dich besuchen. Die Schiffsbauern erwarten dich freudig.«

»Diesen Männern, Leif, glaube ich es.«

»Wulf?«

Robyn bemerkte, dass der Bruder ihres Retters sie musterte. Wulf folgte seinem Blick.

»Ihr habt sie wirklich aus dem Meer gefischt?«

»So wahr sie dort steht.«

»Die Leute reden schon jetzt über sie.«

»Die Leute sollen sich um ihren eigenen Kram kümmern.«

Einen Moment war es still. Ihr Atem stieg dampfend in die Winternacht auf. Der Wind strich leise durch die nahe gelegenen Nadelbäume.

»Eine Nixe«, sagte Leif, fast ehrfürchtig.

Gerade in diesem Augenblick schwoll das Dröhnen in Robyns Kopf wieder unerträglich an. Sie stöhnte leise und drehte sich zum Pferd hin, um ihnen ihren Schmerz nicht zeigen zu müssen.

»Bis morgen.« Leif wandte sich ab und ging langsam zur Halle zurück. Wulf nickte nur, hob Robyn mühelos in den Sattel und achtete nicht auf ihr Unbehagen.

8.

Du wirst noch eine Weile ausharren müssen, Nixe.« Mit Leichtigkeit hatte Wulf sich ebenfalls in den Sattel geschwungen.

Robyn hörte seine Worte kaum. Sie krallte sich an seinem Umhang fest, musste sich an ihn lehnen, um wieder Herr über den Schmerz zu werden. Er ließ sie gewähren und zügelte das Pferd, das wie er nach Hause drängte.

Nach einer Weile entkrampfte Robyn ihre Hände. Wieder hatte der Schmerz nachgelassen. Sie würde in den nächsten Tagen versuchen, sich weniger abrupt zu bewegen. Sie öffnete die Augen, ohne ihren Kopf zu heben, und betrachtete in der Dunkelheit die Häuser der Nordmenschen. Einfache Häuser, aber stabil und dem Wetter trotzend. Manchmal schlich ein Schatten um sie, doch sie war sich nicht sicher, ob sie Mensch oder Tier beobachtete. Die Abstände der Häuser wurden größer, umso dichter die Bäume wuchsen. Sie hatten den Wald erreicht, der sie mit unheimlicher Stille empfing, nur das Stapfen des Pferdes war zu hören. Dann aber sah Robyn wieder Schatten, hinter den Bäumen. Diesmal glaubte sie zu irren.

»Wachen«, meinte ihr Retter, der ihrem Blick gefolgt war, »die uns vor unseren eigenen Leuten schützen sollen. Vor jenen, die dich raubten.«

Robyn verstand noch immer nicht, was hier vorging. Befanden sich die Nordmenschen im Zwist mit ihresgleichen? Mit anderen Nordmenschen, die einmal zu ihnen gehört hatten? Einen anderen König hatten? Der kinderlos war? Der verstoßen worden war? Von jenem Rotschopf, dem sie misstraute?

Es verging einige Zeit. Zeit, die Robyn an ihrem Retter lehnte. Ihrem Ehemann. Sie würde keine Sklavin sein. Er hatte sein Versprechen gehalten. Aber sie würde die Frau eines zornigen Mannes werden. Dem eine Frau aufgezwungen worden war. Und nun eine zweite. Und sie wäre die Frau eines Mannes, der Anspruch auf den Thron hatte. Einen Thron, den er nicht haben wollte. Genauso wenig haben wollte wie sie als Ehefrau.

Begriff sie überhaupt, was passiert war? Wie konnte sie? Sie saß fast gelassen vor ihm auf dem Pferd, ihr Kopf Halt suchend an ihm, ihre Hände in seinen Mantel verschlungen. Was würde er tun, wenn sie in seinem Haus ankamen? Würde er sie schlagen? Ihr Gewalt antun? Oder sie ignorieren?

Ein Ruck ging durch den Pferdekörper.

»Pass auf.« Er ließ sie zuerst vom Pferd heruntergleiten. Sie hielt sich an der Mähne fest und sah sich um. Das Haus auf der anderen Seite des Pferdes war fast zugeschneit. Um es herum standen Tannen, die ihre schneebedeckten Zweige tief hängen ließen. Weitere Häuser konnte Robyn in der Nähe nicht ausmachen, der Weg vor ihr führte weiter in den Wald hinein. Weit konnte sie jedoch nicht sehen, die Dunkelheit und mit ihr der helle Schnee verschluckten Formen und Bewegungen.

Ihr Retter nahm das Pferd nicht wie erwartet mit zum Haus. Er wies es an, zu verweilen, was das mächtige Tier ohne Ungeduld akzeptierte. Jemand hatte scheinbar den Weg zum Haus etwas geräumt. Sie erreichten die Tür mühelos, Wulf schob sie auf, trat zuerst ein und wartete, dass sie ihm folgte.

Robyn war überrascht. Wärme stieg ihr entgegen. Das leichte Glühen der Feuerstelle strahlte noch genügend Wärme aus, um sie selbst an der Tür zu spüren. Doch das Haus war leer. Als hätten Geister gewirkt, um es wohnlich zu machen.

Wulf legte ohne Verzug etwas Holz nach und ging dann im Raum umher. Robyn verfolgte sein Tun. Er schüttete Wasser aus einem Eimer in einen Topf, den er ins Feuer stellte. Auf seinem Lager rechts türmten sich Felle und Decken, säuberlich gelegt, desgleichen Kleidung, von der er ein Hemd hervorzog, um es auf die Bank neben dem Feuer zu legen. Dann schritt er hinter das Feuer auf den Tisch zu. Dort lagen einige Bündel, die er kontrollierte. Dann sah Robyn, dass er Met in ein Horn einschenkte und damit auf sie zukam. Er überragte sie um mindestens einen Kopf, doch sie erwiderte seinen Blick furchtlos.

»Es ist Brauch, dass Mann und Frau am Tage ihrer Hochzeit aus einem Horn trinken.« Er gab ihr das Horn in die Hand. »Trink, Nixe. Auch diesem Ritual müssen wir uns beugen.«

Robyn setzte an, vorsichtig, um keine Schmerzen auszulösen, nahm jedoch einen tiefen Schluck und schloss die Augen, da sie plötzlich Durst und Hunger verspürte. Der Met verteilte sich angenehm auf ihrer Zunge. Dem Anlass zum Trotz trank sie einen weiteren langen Schluck und gab ihm dann das Horn. Wulf beendete den Brauch und leerte das Horn. Dann sah er hinab auf seine Frau.

Robyn spürte plötzlich seine Hand. Sie umfasste ihr Kinn, hob es langsam zu ihm empor, als wisse er, dass ihr jede schnelle Bewegung weh getan hätte. Eine Ewigkeit blickte er sie an, intensiv und konzentriert. Dann kehrte die Bitterkeit in sein Gesicht zurück.

»Wasch dich, wenn dir danach ist. Zumindest trockne dich. Zieh das Hemd dort an, Kleidung werde ich dir noch beschaffen. Essen, etwas Brot und getrocknete Beeren sind auf dem Tisch. Sieh zu, dass das Feuer nicht ausgeht. Leg noch etwas Holz nach und dann schlaf. Du siehst aus, als hättest du es nötig. Ich bin bald zurück. Warte nicht, geh schlafen.«

Robyn erwartete, dass er sie loslassen würde, doch stattdessen siegte etwas anderes in ihm, nur für einen Augenblick. Er beugte sich gefährlich nahe zu ihr, sie konnte den Met in seinem Atem riechen.

»Nicht Sklavin wirst du sein«, wiederholte er sein Versprechen.

Robyn schreckte zurück, als er versuchte, sie zu küssen. Es war die erste bewusste Abneigung, die sie ihm offenbarte. Sie machte sich von seiner Hand los, von seiner Nähe.

»Schon gut, Nixe«, meinte er, »ich hatte es nicht anders erwartet. Schlaf gut.«

Er ging ohne ein weiteres Wort. Robyn stand da, ließ die Zeit verstreichen. Zuerst zuckten ihre Schultern, dann ihr Unterleib, dann sie. Im Schein des wärmenden Feuers stöhnte sie auf, vor Schmerz, Verzweiflung, Ungewissheit. Plötzlich war die Wärme nicht wohltuend, nicht mehr lindernd. Sie schrie auf, als sie zurück ins Freie trat hin zu einer aufgetürmten Schneewehe. Sie sank auf die Knie, drückte Schnee auf ihre linke Gesichtshälfte, bedeckte ihr Ohr damit. Ihr Aufstöhnen hallte durch den Wald, doch sie hörte es nicht, zuckte nach einer Weile nur noch unter ihren Weinkrämpfen, die nicht allein ihr Ohr verursachte.

Wulf wusste das. Er saß im Wald verborgen auf seinem Pferd, hatte auf eine Reaktion gewartet, eine Flucht vielleicht. Doch sie dachte nicht an Flucht, sie betäubte dort ihren Schmerz, jenen offensichtlichen und jenen, den sie ihm vorhin eingestanden hatte. Keine Sklavin. Ehefrau. Verurteilt zu leben. Etwas, das sie nicht gewollt hatte.

Er betrachtete ihren Kampf.

Zumindest darin sind wir uns einig, Nixe, dachte er. Keiner von uns beiden will dieses Leben.

Er wartete bis sie wieder nach drinnen ging, sicher war, dass sie die Tür verschloss und nicht daran dachte zu erfrieren. Sie würde weiterkämpfen.

9.

Der schwere Hengst stapfte zügig durch die Schneewehen. Er kannte den Weg gut. Sein Herr ritt ihn meist des Abends, wenn es unauffälliger war.

Wulf interessierte nicht, dass die Ritte ein Vergehen bedeuteten. Er begab sich dorthin, wo er, anders als in seinem Dorf, Wärme und Zuneigung erhielt. Er ging dorthin, wo jene zwei Menschen lebten, die ihm wirklich Mutter und Vater waren, ihn verstanden, ihm gaben, was er von Eilaf und seiner toten Mutter nie erfahren hatte. Da sie selbst keine Kinder hatten, hatte Wulf in ihren Herzen immer diesen Platz eingenommen. Und Wulf wusste, dass er diesen Platz auch gehabt hätte, hätten sie Kinder besessen.

Das Süddorf lag in einer Senke, so dass das Pferd mit Bedacht den Hügel hinabschritt, zuweilen hinunterglitt, doch sein Herr hatte ihn gut ausgebildet. Er blieb ruhig, wie er es in Byzanz gelernt hatte.

Wulf fühlte, dass es kälter geworden war. Er würde nicht lange verweilen können. Doch zumindest wollte er sie sehen. Und er musste Annija um Kleidung bitten. Dann konnte er seinen Wahleltern erzählen, dass Eilaf ihm wiederum eine Frau gegeben hatte. Weil er ihn aus dem Weg haben wollte.

Arnulfs Haus stand wie das seinige etwas abseits. Schon von weitem sah Wulf ihn in der Tür stehen. Der Lichtschein fiel auf den kräftigen Schiffbauer, der verhinderte, dass der Hund lossprang, um Wulf zu begrüßen. Annija tauchte hinter ihm auf, putzte sich ihre Hände an der Schürze ab und lächelte, als Wulf das Pferd vor ihnen zum Stehen brachte.

»Es tut so gut, dich zu sehen«, sagte sie. Sie konnte es kaum erwarten, dass er abstieg und sie an sich zog und leicht hochhob.

»Wie hat mir das gefehlt!« Wulf ließ sie wieder herunter, umarmte Arnulf wie es ein Sohn tun würde, ohne Scheu, ohne Zurückhaltung, einen Moment zu lang.

»Willst du über Nacht bleiben, Junge?«

Arnulf sah ihn abwartend an.

»Lasst uns kurz reingehen, dann erkläre ich euch den Grund meines Hierseins.«

Arnulf und Annija tauschten einen Blick. Sie bemerkten den bitteren Klang in Wulfs Stimme und folgten ihm wortlos hinein.

Annija sorgte für etwas Met, während Arnulf seinen Sohn und Freund musterte, den er seit zwei Jahren nicht gesehen hatte. Der Junge starrte mit finsterem Blick in das Feuer, die Arme verschränkt. Erst als Annija ihm das Horn reichte, sah er auf. Die dunklen, blauen Augen suchten ihn und baten ihn wortlos um Hilfe.

»Sprich, Junge, was ist passiert? Wir haben dein Haus in den letzten Tagen stets etwas hergerichtet in Erwartung deiner Ankunft, brachten dir Kleidung und Essen. Das Risiko hierher zu kommen ist groß, auch wenn wir froh sind über dein Kommen. Aber was hat dich bewogen?«

»Auf der Überfahrt fischten wir eine Frau aus dem Wasser ... ich«, verbesserte er sich, »holte sie aus dem Wasser. Ein Schiff aus dem Westdorf hat sie geraubt und ist in dem Sturm untergegangen. Sie ist wahrscheinlich die einzige Überlebende. Eilaf fragte, wer sie zur Frau begehrte. Niemand wollte sie. Doch sie wird nicht als Magd hierbleiben. Er machte sie zu ...« Wulf atmete tief durch. Arnulf und Annija warteten, dass er weitersprach.

»Er machte sie zu meiner Frau«, stieß er dann hervor.

Die beiden schwiegen für einen Moment. Er hatte schon einmal so vor ihnen gestanden. Vor vier Jahren. Hatte eine Frau nehmen müssen, die er nicht einmal in der Lage gewesen war zu mögen. Die in ihm vieles zerstört hatte. Er bekam ein ungezügeltes Weib ohne jeden Anstand. Sie hatte nach Einfluss gegiert und blieb zeitlebens unverständig, dass ihr Ehemann sich nichts aus seiner Stellung machte. Sie war unleidlich gewesen, dass er weit ab einem anderen Herrn diente. Sie wurde maßlos, skrupellos. Und schließlich untreu.

»Eine Nordfrau?«, fragte Annija vorsichtig.

Wulf war fast froh, dass sie versuchte, ihn von seinen düsteren Gedanken und Erinnerungen abzulenken.

»Wahrscheinlich. Sie hat noch nicht gesprochen. Sie scheint sich den Kiefer oder das Ohr verletzt zu haben.« Er wartete Annijas Reaktion ab. Sie überlegte, wägte die Umstände ab, wie sie es als Heilerin über viele Jahre hinweg gelernt hatte.

»Kann es sein«, wollte sie dann wissen, »dass sie ins Wasser gesprungen ist?«

»Sie hat sich damit womöglich sogar gerettet«, erwiderte Wulf.

»Mmh«, murmelte Annija. Sie ging an einen Tisch, der offensichtlich ihr vorbehalten war und mit getrockneten Kräutern, kleinen Schalen und handgeschnitzten Dosen übersät war. Sie suchte eine Weile, dann ergriff sie eine Dose und brachte sie Wulf.

»Ich denke, sie hat sich nicht den Kiefer verletzt, sondern das Ohr. Möglich, dass sie auf diesem Ohr nie wieder richtig hören wird. Aber gegen den Schmerz kann ich etwas tun. Gib ihr das, sie soll es um das Ohr schmieren, es kühlt und lindert etwas. Ist sie etwas desorientiert?«

»Ja, schnelle Bewegungen fallen ihr schwer«, erklärte Wulf. Er erinnerte sich an ihre Unsicherheiten seit er sie aus dem Wasser gezogen hatte.

»Ich weiß, es verlangt dir viel ab, aber lass sie in den nächsten Tagen etwas in Ruhe. Gib ihr nicht zu schwere Arbeiten; weben und Wasser holen und dir Freude bereiten kann sie später noch.«

Annija und Arnulf sahen ihn wiederum schweigend an. Noch hatte Arnulf nichts gesagt, er kam jedoch nahe zu ihm und legte eine Hand auf seine Schulter.

»Wer hat Schuld, Wulf? Das ist es, was du wissen willst, nicht wahr?«

»Wer sonst, wenn nicht Eilaf?«, stieß Wulf wütend hervor.

»Sicher?«

Wulf sah Arnulf an.

»Du meinst, ich hätte sie nicht aus dem Wasser ziehen sollen?« Wulf klang ungläubig.

»Nun, Wulf, ich glaube, du hast das richtige getan. Alles hat seinen Grund. Auch, dass du so empfindest und sie nicht hast ertrinken lassen, wie es deine Männer wahrscheinlich getan hätten.«

Arnulf tauschte einen Blick mit Annija. Sie schien dem zuzustimmen.

»Wulf«, meinte Arnulf eindringlich, »anders als die meisten Männer hier, jedoch auch deine eigenen Männer der Leibgarde, kennst du Mäßigung und Zurückhaltung. Du hast einer Frau mehr zu bieten. Deine erste Frau verstand das nicht, sie hat dafür bezahlt ...«

»Arnulf«, sagte Annija leise, doch Arnulf ließ sich nicht beirren.

»Nein, Annija, Dora war ein schlechter Mensch und hatte Wulf nicht verdient. Den Tod vielleicht nicht, aber verursacht hat sie ihn selbst, während sie im Kindsbett Wulf ihre Untreue offenbarte. Ein Knabe mit roten Haaren ...« Arnulf hätte ausspucken mögen. »Ich kann nicht sagen, dass mir Dora leidtut, der Knabe schon ... sein Fehler war es nicht ... aber vielleicht ist es gut so, dass sie beide dabei starben ...«

»Arnulf«, sagte sie diesmal laut.

»Annija«, beschwichtigte Wulf sie, »er hat Recht. Ich kann nicht sagen, dass es schmerzte, sie und den Knaben gehen zu sehen ... ich ...« Wulf blickte zurück ins Feuer. »Es ist nicht zu ändern, genauso fühle ich.«

Arnulf hatte sich wieder beruhigt. »Wulf, sieh in ihr nicht Dora. Das hat sie vielleicht nicht verdient. Ändern werden wir nicht, dass sie ab jetzt deine Frau ist, aber du wirst stark genug sein, um Eilaf nicht wieder einen Grund zu geben, dich fortzuschicken.«

»Ich wünschte, ich hätte einen Grund gehabt, nicht wiederzukehren. Ich wünschte, es wäre so.«

»Sag so etwas nicht«, warf Annija aufgebracht ein.

»Doch, Annija, es ist so. Oder ist es so, wie es ist, erträglich?«

»Es ist der Prinz, der jetzt spricht«, meinte Arnulf.

»Du weißt, wie wenig mir das bedeutet.«

»Vielleicht mehr als deinen Brüdern und deinem Vater.« Arnulf studierte den wiederkehrenden bitteren Ausdruck in Wulfs Gesicht.

»Er ist so wenig mein Vater wie Leif und Harold meine Brüder sind. Und er wird es mich spüren lassen, solange ich lebe. Ich hasse ihn dafür. Ich verfluche ihn. Er hätte mich damals in den Trümmern sterben lassen sollen. Warum hat er Mitleid für einen Jungen gezeigt, dessen Eltern und Geschwister durch sein Verschulden umgekommen waren? Warum, Arnulf, warum? Hast du dafür einen Grund? Einen Grund für diese grausame Tat?«

»Eine grausame Tat?« Arnulf mühte sich, seine Beherrschung zu behalten. »Womöglich, Wulf, aber es wäre noch grausamer gewesen, hätte dieser in deinen Augen herrschsüchtige, ruchlose und ungezügelte Despot dich sterben lassen. Er tat es nicht!« Arnulfs Stimme drohte sich zu überschlagen. »Stattdessen nahm er dich als seinen eigenen Sohn an, mit allen Rechten, aber auch Pflichten ...«

»Rechte, Arnulf?«

»Bei den Göttern, Junge, wenn du nicht wie mein eigener Sohn wärst, würde ich dir am liebsten ins Gesicht schlagen.«

Wulf verbiss sich einen weiteren Kommentar. Die klaren, ehrlichen Worte seines Freundes trafen ihn mehr, als er je zugeben würde.

»Wenn du es wünschtest, Wulf, würdest du wie deine Brüder in der Halle leben können, wie es deinem Rang und Namen entspricht. Du entscheidest dich aber für die Einöde, für ein Randdasein, nicht nur wegen deines Handwerkes. Wir Schiffbauer werden immer anders sein durch unsere Einstellung. Aber bei den Göttern, Wulf, du treibst es seit Jahren auf die Spitze. Bist selten Gast am Tische deines Vaters, lehnst jegliche Einladung ab, es sei denn, es lässt sich nicht vermeiden ...« Arnulf holte kurz tief Luft. Es schien, als hätte er dieses Gespräch schon länger im Kopf gehabt. Trotzdem traf es ihn unvorbereitet, Wulf so kurz nach seiner langersehnten Wiederkehr die Meinung zu sagen.

»Weißt du, warum dein Vater dich und nicht deine Brüder fortschickte? Hast du es dir je einmal wirklich durch den Kopf gehen lassen?«

»Ich glaube noch immer, dass er mich loswerden wollte ...«, begann Wulf vorsichtig.

Arnulf brummte vor sich hin. Er ging zum Feuer, legte Holz nach und sah im erwachenden Feuerschein in die Augen seines Ziehsohns.

»Wulf.« Arnulf atmete erneut tief ein und aus. »Er schickte jenen Sohn fort, der die Dinge vielleicht wieder in Ordnung bringen kann. Er schickte dich fort, damit du lernst. Nicht das Kämpfen, sondern das Herrschen. Damit du andere Herrscher siehst und von ihnen lernst. Harold und Leif haben diese Möglichkeit nie gehabt. Sie sehen nur ihren despotischen Vater, folgen ihm und dem Chaos, das Eilaf vor so vielen Jahren angerichtet hat. Despot, Wulf, ja, aber er ließ seinen Leuten auch die Wahl. Und sie wählten den leichten Weg der Feindschaft. Eilaf richtete Unheil an, spielte seine eigenen Leute gegeneinander aus, so dass sie schließlich begannen, einander umzubringen. Er war nicht dumm, Wulf. Und die Gerüchte, Wulf, er sei verantwortlich für den Tod der Kinder seines Bruders ... was glaubst du?«

»Ich habe nie behauptet, Eilaf sei dumm. Aber er ist auf eine gefährliche Art schlau und wusste um die wunden Punkte seiner Gegner.«

»Ah, natürlich wusste er das. Nichts wird ändern können, dass Wiglifs Kinder in einer anderen Welt sind und das zuallererst Harold Thronerbe ist.«

»Dann verstehe ich immer noch nicht, warum er mich fortschickte, wenn er mich für den fähigsten hielt.«

»Wulf.« Arnulf wusste um die Gefahr, aber es musste gesagt werden. Das hier war wichtig für die nächsten Monate, deren lange Arme sich bereits nach ihnen ausstreckten und nichts Gutes verhießen, »Harold ist ein Säufer ...«

»Arnulf, das ist kein Geheimnis.«

»Wulf«, mischte sich nun Annija ein, »Harold ist im Begriff sich damit mehr oder weniger das Leben zu nehmen.«

»Wie meinst du das?«

Annija kaute kurz auf ihrer Unterlippe. Nur einen Moment zögerte sie, doch sie konnte Wulf vollends vertrauen.

»Vor einigen Wochen«, begann sie unsicher, »schickte Harolds Frau einen Boten hierher. Des Nachts. Du weißt, die Heilerin in eurem Dorf ist nichts weiter als eine böse Zauberin. Sie versteht nichts von Kräutern und Tinkturen, nur von ihren Sprüchen und alten Knochen, von denen sie glaubt, dass sie alles heilen können. Nun, der Bote bat mich eindringlich mitzukommen. Es gehe um Leben und Tod des Thronerben. Ich ging mit ihm, wurde in die Halle geführt, so dass niemand etwas bemerkte, nicht einmal der König. Harold war in einem entsetzlichen Zustand. Ich habe noch nie gesehen, was Zügellosigkeit wirklich mit einem Menschen anrichten kann. Dein Bruder, Wulf, ist sehr, sehr krank. Ich konnte ihn in dieser Nacht retten, aber ich befürchte, wenn er nicht aufhört in dem Maße zu trinken, wie er es seit Jahren tut, wird irgendwann jede Hilfe zu spät kommen.«

»Was ...« Wulf stockte kurz, er war sich nicht sicher, ob er mehr wissen wollte. »Was meinst du damit, was Zügellosigkeit anrichten kann?«

Annija war es sichtlich peinlich, darüber zu sprechen. Sie räusperte sich kurz.

»Er ... er erkannte nicht einmal mehr seine eigene Frau. Er hatte jegliche Kontrolle über seinen Körper verloren ... ich meine, er ... er erbrach sich, er ... nun ,..er schrie, wir mussten ihn knebeln, damit er niemanden weckte ...«

Wulf strich sich kurz über das Gesicht. Doch Arnulf ließ ihn nicht zur Ruhe kommen.

»Und Leif?«, fuhr er fort, »Leif ist ein guter Junge, aber ein König?«

»Nicht, Arnulf, nicht Leif ...«

»Doch, Junge, es muss gesagt werden. Er wäre ein schwacher König. Und das weißt du. Er würde nie richten können, was sein Vater verursachte. Eilaf akzeptierte die Trennung. Er musste sie akzeptieren. Das Königreich zerfiel, wir alle waren Zeuge, entschieden uns für eine der drei Seiten. Niemand ist wirklich glücklich damit ...«

»Ich hatte nie eine Wahl, Arnulf«, brauste Wulf auf.

»Oh doch, Wulf, und es war dein Vater, der dir die Wahl ließ. Du bist wiedergekommen. Du bist nicht beim Kaiser geblieben oder hast dich in andere Dienste begeben. Du stehst mir gegenüber mit all deinem Stolz und Trotz, all deinen Fähigkeiten, deinem Mut und deiner Schlauheit. Und was gibst du deinen Leuten? Was gibst du uns, der du so anders bist als dein Vater? Der unsere Hoffnung sein könnte? Ablehnung, Wulf! Du lehnst uns ab. Deine eigenen Leute, die so darauf warten, erlöst zu werden.«

»Niemand hat mich je um Hilfe gebeten, hat je auf mich gewartet ...«

»Du hast ihnen nie wirklich Anlass dazu gegeben. Als dein Vater dich mit Dora verheiratete, gab er dir eine Frau aus einer der hoch angesehensten Familien. Was, glaubst du, wollte er damit erreichen? Er wollte, dass du dich eingliederst, dir bewusst wirst, wer du bist! Stattdessen hast du dich in deinem Haus im Wald verschanzt, dich und deine Frau damit unglücklich gemacht. Sie in die Arme anderer getrieben, auch wenn das vielleicht ohnehin passiert wäre.«

Wulf lachte bitter auf. Er dachte an seine Hochzeitsnacht.

»Arnulf, sie hatte zumindest schon mit einem Mann vorher das Lager geteilt ...«

Wulf sah nach einigen Atemzügen der Stille auf Annija, und lächelte.

»Würdest du mir ein paar Sachen für meine Frau geben? Ich befürchte, sie wird sonst nichts zum Anziehen haben in den nächsten Tagen.«

Annija nickte und entfernte sich in eine Kammer, die vom Raum abführte. Wulf schritt um das Feuer auf Arnulf zu und wartete, bis sich ihre Blicke kreuzten.

»Ich verspreche dir, über die Dinge nachzudenken, die du mir zu sagen hattest. Doch bitte erwarte dir davon nicht zuviel. Selbst wenn all das wahr ist, es gibt eine Seite an Eilaf, die mich schon immer abgestoßen hat. Ich kann dir nicht beschreiben, was es ist, aber Eilaf kann und wird deshalb nie den Platz in mir einnehmen, den du und Annija innehabt. Hätte ich je wählen dürfen, ich wäre aus den Trümmern in eure Arme gerannt. Ich hätte hier mit euch leben können, als euer Sohn.«

Arnulf schwieg. Er wäre so froh gewesen, hätte Wulf die Wahl gehabt. Aber das würde er ihm nie sagen. Wulfs Bestimmung war eine andere und Arnulf würde immer hoffen, dass auch Wulf das erkennen würde.

Als Wulf merkte, dass Arnulf keine Antwort geben würde, wandte er sich wieder Annija zu, die ihm ein Bündel überreichte.

»Wenn sie weben und nähen kann, wird sie sie mir bald zurückgeben können. Ich hoffe, sie wird dich nicht schon darin enttäuschen, das Haus nicht ordentlich führen zu können.«

»Wir werden sehen.« Wulf klang nicht überzeugt.

»Noch etwas«, meinte Annija. Sie zögerte abermals, zog dann aber etwas aus ihrer Schürzentasche und legte es in Wulfs Hände.

Er sah sie fragend an.

Es war ein Armreif, etwa so breit wie ein Zeigefinger. Die Glieder des Reifes hatten die Form sich gegenseitig verschlingender Schlangen. Der Verschluss war nicht sofort erkennbar. Der Schmied dieses Stückes hatte ihn in eine der Schlangen eingearbeitet.

»Ich weiß nicht, warum, Wulf«, erklärte Annija, »aber ich habe Dora nie für würdig empfunden, die Hochzeitsgabe deines Vaters an deine Mutter zu tragen. Ich bete noch immer, dass ich damit nicht Böses heraufbeschworen habe und sie mit dem Kind ins Unglück stürzte. Lege es deiner Frau noch heute um. Berichte ihr irgendwann, wenn sie bereit ist, wer der Träger dieses Armreifes war. Eine mutige Frau, die lieber mit ihrem Mann und ihren Söhnen starb, als sich einem König unterzuordnen, der nicht ihr wahrer König war. Die in einem brennenden Haus starb, aus dem nur ein Sohn gerettet werden konnte. Sage dies deiner Frau, wenn sie würdig ist, die Wahrheit zu erfahren. Ich werde zu den Göttern beten, dass sie dich glücklicher machen wird als deine erste Frau.«

Wulf nahm den Armreif, der einst den Arm einer zierlichen, dunkelhaarigen Frau geschmückt hatte. Eine Frau, an die er sich nur noch vage erinnern konnte, die seine wirkliche Mutter gewesen war. Die sich geopfert hatte.

»Ich wusste nicht, dass du etwas von meiner Mutter besitzt.«

»Ich hüte den Reif schon so lange. Dein plötzliches Auftauchen heute, Wulf, ist ein Zeichen. Ich mag nichts von Zauber verstehen, aber ich deute es nicht als Zufall, dass du heute Nacht noch einmal zu uns kamst. Geh nun zu deiner Frau. Die Götter mögen ihre Hände über euch halten.«

»Du bist dir sicher, dass ich es ihr geben soll?« Wulf wirkte nicht überzeugt.

Annija sah auf, blickte in seine dunklen, blauen Augen.

»Denke einen Moment an sie ...«

»Was?« Wulf verstand nicht.

»Tu es«, forderte Annija eindringlich.

Wulfs Blick wandte sich auf einen unbestimmten Punkt an der Wand.

»Siehst du sie?«, wollte Annija wissen.

»Ja«, meinte Wulf.

»Nun, sieh auf ihr Handgelenk ...«

Wulfs starrer Blick wanderte für einen Moment.

Dann sahen Annija und Arnulf, wie sich seine Hand plötzlich um den Reif schloss.

»Ist gut.« Wulfs Stimme hatte jene Unschlüssigkeit verloren.

»Ich sehe dich morgen am Strand«, meinte Arnulf zum Abschied, »wenn es das Wetter zulässt.«

Wulf nickte, verstaute die Salbe und den Armreif sorgfältig in einem Bündel, das er wenig später am Sattel festband.

Er küsste Annija auf die Wange und tauschte einen letzten Blick mit Arnulf, der schweigsam geblieben war.

»Ich verspreche es, Arnulf, ich werde darüber nachdenken«, wiederholte sich Wulf ein letztes Mal vom Rücken des Pferdes.

»Ich weiß, mein Sohn, ich weiß.«, Arnulf hob die Hand, während Wulf über das schneebedeckte, im Dunkeln leuchtende Feld ritt. Der Schnee knirschte lauter als zuvor und zeugte von der Kälte, die zurückgekehrt war.

»Vielleicht hat Wulf Recht«, murmelte Annija, während sie ihn im Wald verschwinden sahen.

»Womit?«

»Nun, manchmal wünschte ich, er hätte einen Ort gefunden, der es wert gewesen wäre, fort von hier zu bleiben. Vielleicht wäre er dann glücklicher.«

»Ich weiß, Wulf gibt keine leeren Versprechen. Er wird über die gesagten Dinge nachdenken. Aber was muss passieren, damit er spürt, dass dieser Ort immer hier sein wird? Es gibt keinen anderen Ort für ihn, Annija. Wulf gehört hierher. Wie wir alle, wie du, wie ich, wie all unsere Leute.«

»Mag schon sein. Das Schicksal fragt nicht nach dem Glück des einzelnen.«

10.

Robyn versuchte sich den Fortlauf ihrer Reise vorzustellen. Sie war die Ehefrau eines Nordmannes. Sie würde sein Heim versorgen, seine Gefährtin in schwierigen Zeiten sein. Mit Selbstlosigkeit verbundene Gedanken jagten durch ihren Kopf. Es überraschte sie. Dann jedoch schweiften ihre Gedanken in eine andere Richtung. Ob er jemals eine Wiedergutmachung für ihr Leben verlangen würde?

Welches Leben, fragte sie sich. Sie hatte nicht darum gebeten. Er hatte ihre Schwäche ausnutzen können, sonst nichts.

Sie zog die Felldecke enger um sich. Das Feuer loderte noch friedlich, spendete angenehme Wärme, doch ihr Frösteln hatte nichts damit zu tun. Sie lag auf einer niedrigen Holzbank am Feuer, nachdem sie sich gewaschen und eine seiner Tuniken übergestreift hatte. Sie reichte bis zu ihren Knien. Sie hoffte, er würde ihr bald Kleider beschaffen können. Aber heute Abend genügte es vollkommen. Selbst etwas von dem Brot hatte sie gegessen und einen weiteren Schluck Met getrunken. Sie hatte sich davon etwas Schwere und Ruhe erhofft. Doch ihre Gedanken ließen sich nicht so leicht abstellen. Wieder und wieder kreisten sie um ihre Reise. Eine Reise, die sie allein ihm zu verdanken hatte.

Verdanken?

Sie schloss die Augen kurz.

Sollte sie Wulf dankbar sein?

Ath würde es so sehen, entschied sie dann. Wahrscheinlich wäre er enttäuscht von ihr, wüsste er, dass sie sich aufgegeben hatte.

Aber war sie dem hier gewachsen? Ehefrau? In einem Land fernab von allem, was sie kannte. Kalt, unwirtlich, abweisend.

Sie atmete lang und geräuschvoll aus. Seitdem sie sich hingelegt hatte, schmerzte ihr Ohr etwas weniger. Für kurze Zeit schien der Schlaf Nachsicht mit ihr zu haben.

Bevor sie ihn sehen konnte, hörte sie ihn. Ein kraftvolles Rauschen. Ein Aneinanderreiben und Aufbrausen unzähliger Blätter. Der Wind durchfuhr den Baum mit unsichtbarer Stärke, in unregelmäßigen Abständen. Wieder. Und wieder. Und wieder.

Sie konnte die Stärke des Baumes körperlich spüren. Ihr Atem ging tief, als atme sie sie ein. Sie atmete mit dem Wind, fühlte das Rauschen in ihren Ohren, meinte einen Schlag zu hören. Wieder. Und wieder. Und wieder. Es klang, als schlüge ein Herz. Sie wusste, sie lauschte dem Baum, seinem Herz, seiner Seele.

Ein Windstoß, lauter als all jene zuvor. Blätter wurden vom Baum abgetrennt und streiften ihre Wange mit einem kratzenden Geräusch. Er befahl ihr aufzuwachen.

Da hörte sie es. Schritte, leise, vorsichtig, nicht die Schritte eines Heimkehrenden. Wulf hätte sich dem Haus nicht so genähert. Die Tür im Nebenraum, wo der Stall war, hätte sich geöffnet. Aber das tat sie nicht.

Wieder Schritte. Als ging jemand das Haus von außen ab, um zu sehen, ob sich jemand darin befand. Der winzige Rauchabzug hatte ihn wahrscheinlich nicht überzeugen können.

Robyn wagte nicht, sich zu rühren. Vielleicht würden sich die Schritte wieder entfernen. Doch der Schnee knirschte auch weiterhin gedämpft.

Wie gelähmt hielt sie den Atem an. Die Schritte verstummten, doch sie konnte jetzt einen schweren Atem vernehmen. Direkt vor der Tür. Es klang mehr wie das Japsen eines Hundes.

Dann wurde die Tür geöffnet, nicht vorsichtig wie das Abschreiten des Hauses zuvor vermuten ließ. Geräuschvoll schwang sie auf, blieb offenstehen, ließ kalte Luft und Schnee hinein. Leichter Flockenwirbel hatte draußen eingesetzt, doch Robyn sah nur den Mann, der in den Feuerschein getreten war. Sein Atem ging noch immer schwer. Und roch nach Met. Mehr als das. Der ganze Mann stank danach.

»Für eine Weile hatte ich fast geglaubt, mein Bruder hätte dich zu seinem kleinen nächtlichen Ausflug mitgenommen. Aber wie ich sehe, hatte er ein Herz und setzte dich in deinem neuen Heim ab.«

Ehe sie sich versah, kam er um das Feuer und packte ihr Fußgelenk, um sie an sich zu ziehen.

»Bevor er wiederkommt, haben wir beiden noch etwas Zeit. Nicht viel wahrscheinlich, aber du scheinst alt genug, um mir auch in kurzer Zeit zu meinem Vergnügen zu verhelfen.«

Seine andere Hand krallte sich ihr Handgelenk und er riss sie zu sich heran. Er wollte ihre Hand zwischen seine Schenkel legen, doch Robyns andere Hand kratzte nach seinem Gesicht. Er musste ihr Fußgelenk loslassen, um Schlimmeres zu verhindern, gab ihr jedoch damit die Gelegenheit, ihn zu treten. Und das tat sie. Mit aller Macht. Wie irrsinnig trat sie gegen seinen Unterleib, würgte am Schmerz und am Metgeruch, der ihn umgab wie eine betäubende Hülle.

»Aber, nicht so heftig«, amüsierte er sich. Seine Stimme war rau, sein Atem faul und süßlich zugleich. »Du scheinst rechtmäßig in Doras Fußstapfen getreten zu sein. Sie mochte es auch ein bisschen wilder ...«

Er stemmte plötzlich sein gesamtes Gewicht gegen sie, warf sie dabei neben der Holzbank auf den Boden und zerrte ihr die Decken fort.

»So gefällst du mir schon besser«, raunte er. Er blickte an ihr hinunter, auf ihre nackten Beine, das halbgeöffnete Hemd und leckte sich über die aufgesprungenen Lippen.

Robyn holte Luft, zog den Arm hervor, auf dem sie selbst und der Nordmann lagen und krallte ihre Hand in die roten Haare des ältesten Thronerben. Bereits in der Halle hatte sein Blick unentwegt auf ihr gelegen. Sie zog an seinem Haar, bis er zornig aufschrie. Er ließ sie für einen Moment los. Sie kämpfte sich unter ihm hervor und war halb aufgestanden, da packte er erneut ihr Fußgelenk. Sie fiel auf den Boden, konnte einen Schmerzensschrei nicht mehr verhindern. Das Echo in ihrem Kopf ließ sie zusammenzucken. Das gab Harold die nötige Zeit, um sich wieder auf sie zu stürzen.

Sie wimmerte kurz, doch er drehte sie rücksichtslos herum.

»Schluss jetzt! Er hat sich nicht um Dora gekümmert, er wird sich auch nicht um dich kümmern. Lass mich das für ihn erledigen.«

Er riss an der Tunika, schien mit weniger Widerstand zu rechnen. Doch er irrte. Robyn fasste diesmal nach seinen Handgelenken und versuchte sie wegzudrücken, was ihn nur noch wütender machte.

Er schlug ihr ins Gesicht, sie schrie auf, diesmal langanhaltend und ohne wieder aufzuhören. Der Schmerz in ihrem Kopf ließ sie die Verzweiflung und Machtlosigkeit herausschreien. Schreie, die in den Wald hallten. Und Gehör fanden.

Robyn strampelte unter ihm, halb besinnungslos vor Pein. Der sachte Wind von draußen fachte das Feuer an, sprühte Funken auf, die auf ihren nackten Beinen verglühten. Wie lange würde sie sich noch wehren können?

Harold hielt ihre Kehle umfasst, um sich selbst von seinem Umhang zu befreien. Sie bekam kaum noch Luft, sah den Schatten über Harold nicht. Erst als Harold von hinten ergriffen und von Robyn fortgezogen wurde, um dann, zwei Tischbeine durchbrechend, an die hintere Wand geschleudert zu werden.

Das Bersten des Holzes scholl in Robyns Ohren. Schnaufend holte sie Luft. Wulf kniete neben ihr nieder, umfasste ihr Gesicht, ohne Rücksicht auf ihre Verletzung. Ihre Nasenflügel vibrierten sichtlich, ihre Augen tränten ohne Unterlass, blickten ihn ebenso ängstlich an wie Harold nur Augenblicke zuvor. Seine Augen, seine Hände, eisige Kälte umgab ihn. Und schneidend war seine Stimme. Ungläubig lauschte sie seiner indirekten Anschuldigung.

»Hast du ihm Anlass gegeben hierher zu kommen?«

Wie konnte er glauben, sie hätte etwas mit seinem Erscheinen zu tun?

»Antworte mir, sonst führe ich zu Ende, was er begonnen hat!«

Ein Wimmern drang aus ihrer Kehle. Es entwich ihren Lippen.

»Wulf, nā ...«

Es dauerte einen Moment, dann erst verstand Wulf. Zu sehr überraschte ihn ihre Stimme. Sie war heiser, leise durch den Schmerz. Doch sie war dunkel und klang älter, als er sie eingeschätzt hatte. Und sie sprach angelsächsisch. Sie war keine Nordfrau, sie war eine Angelsächsin. Und für einen winzigen Atemzug nur schmerzte ihn die Erinnerung an eine Angelsächsin. Doch das ging schnell vorbei.

Nā. Nein. Sie hatte seine Frage verneint. Seine Augen hingen an ihren Lippen. Sie sprach weiter.

»Ič ne misdyde.« Ich tat nichts Böses.

»Warum ist er dann hier?«, stieß Wulf hervor. Er wurde sich bewusst, dass er noch immer die nordische Zunge sprach. Aber sie schien zu verstehen.

Schwer schlossen sich ihre Augenlider, öffneten sich mit ebenso viel Anstrengung.

»He ... he spræc of Dora ...« Er hatte Dora erwähnt.

Wulf lockerte bei Erwähnung dieses Namens augenblicklich seinen Griff.

Zu Robyns Überraschung entspannten sich seine Züge, ein zynisches Lächeln erschien auf seinen Lippen.

»Verzeih, Nixe. Ich tat dir Unrecht ... ich hätte es besser wissen sollen ...«

Fast entschuldigend strich er eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht, drehte sich im selben Augenblick um und stand auf.

Harold hatte sich mühselig erhoben und ordnete seine Kleider. Er konnte kaum stehen.

»Du bekommst einfach nicht genug, nicht wahr?«

Harold grinste.

»Was meinst du, Bruder? Vom Met? Oder von deinen Frauen? Tu doch nicht so, als ob du es nicht gewusst hättest?«

Wulf packte ihn am Kragen, doch Harold konnte sich erstaunlich gut wehren. Sie rangen, stemmten sich gegeneinander.

»War der Bastard von dir?«

»Was glaubst du denn? Von Leif etwa? Der kann nicht mal ...«

Wulf stieß ihn an die hintere Wand. Harold holte mit dem Kopf aus, um ihn gegen den seines Bruders zu rammen. Wulf wich dem aus, dadurch konnte Harold sich etwas freimachen und sie schwankten durch den Raum, wo sie in der Mitte einen Moment voneinander ließen.

Robyn stand mühselig auf, um ihnen aus dem Weg zu gehen. Harolds Hand schnellte nach ihr, griff ihre Haare.

»Sie gefällt mir, Bruder«, rief er, »wir können sie uns teilen ... vielleicht bringst du es ja diesmal fertig, dass die Nachkommen von dir sind ...«

Er stieß Robyn über die Bank vor dem Feuer. Diesmal blieb sie reglos liegen. Wulf nutzte seine kurze Unaufmerksamkeit, rammte ihm den Ellenbogen erst in den Unterleib und dann ins Gesicht. Er hörte den Knochen splittern, sah das Blut aus Harolds Nase schießen. Dieser Schmerz würde ihn lange genug betäuben. Harold krümmte sich vor Schmerz, seine Nase gab rasselnde Geräusche von sich. Für den Moment gab er sich geschlagen. Wulf fasste seine Schultern und zog ihn nach draußen in die Kälte, wo Harolds Pferd in der Nähe harrte. Harolds massiger, vom Met aufgedunsener Körper bereitete Wulf keine Schwierigkeiten. Er hievte ihn auf das Pferd, wo er nach vorn kippte und Halt am Hals des Pferdes fand.

»Scher dich nach Hause, Bruder. Geh zu deinem Met. Und vergifte weiter das Ohr unseres Vaters ...«

»Zum Teufel mit dir«, stieß Harold hervor.

»Nein, zu ihm nicht. Ich werde in Walhalla sein und warten, dass wir Verrätern wie dir den Hals umdrehen.«

Er berührte die Kruppe des Pferdes, worauf es sich in Bewegung setzte. Es würde seinen Weg zum Dorf und zur Halle allein finden.

Wulf wandte sich ab. Der Rappe stand abwartend vor dem Eingang, im Lichtschein der Tür, wo er ihn stehengelassen hatte, als er ins Haus gestürmt war. Ihre Schreie hatten durch den Wald gehallt. Sie hatte die ganze Zeit nicht geschrieen, keinen Ton von sich gegeben, trotz allem. Die Reise, die Abneigung der Nordmenschen, wortlos hatte sie alles über sich ergehen lassen, hatte ihre Schmerzen verborgen, die Zähne zusammengebissen.

Doch jetzt hatte sie geschrieen.

Und ihm war plötzlich nach Lachen zumute. Doch es war bitter. Und es schien nie anders gewesen zu sein. Er konnte sich nicht mehr erinnern, je anders gelacht zu haben.

Die Nixe, wer immer sie war, hatte verweigert, was wenige Frauen hier ausgeschlagen hätten. Vor allem hatte es Dora nicht. Vor allem sie nicht.

Der Rappe wandte ihm den Kopf zu, als er nähertrat. Wulf fuhr kurz über die Stirn des Pferdes.

»Ah, Sleip, wir waren zu lange fort«, murmelte Wulf.

Der Rappe ließ ihn nicht aus den Augen. Das Feuer drinnen schien auf sie, umrahmte sie gegen den dunklen Wald hinter ihnen.

Ohne die Zügel des Pferdes aufzunehmen, ging Wulf zum Stall, wohin ihm Sleip folgte. Er öffnete die Tür, ließ das Pferd an seinen angestammten Platz gehen, wo Arnulf ihm bereits am Morgen Wasser und Heu hingetan hatte. Wulf streifte ihm Sattel und Trense ab. Er legte das Zaumzeug achtlos an die Wand. Er würde sich später darum kümmern. Sleip war gut versorgt, so dass er durch die zweite Tür zurück ins Haus ging. Nachdem er die andere Tür auch geschlossen hatte, stand er für kurze Zeit am Feuer und blickte auf seine Frau. Die Unordnung, die der Kampf angerichtet hatte, interessierte ihn nicht. Er sah nur sie.

Sie hatte ihre Wahl getroffen. Seinen Bruder abzuweisen, bedeutete alle hier abzuweisen. Zumindest die meisten. Wenige hielten zu Wulf. Sie respektierten ihn, aber trauten ihm nicht. Und Wulf erging es ebenso.

Sie würde keine Sklavin sein. Aber seine Frau zu sein, war nicht bedeutend einfacher.

Doch sie hatte sich entschieden.

Er wickelte das Bündel auf, nahm den Armreif.

Als er sich zu ihr niederließ, zögerte er noch kurz, ergriff dann aber ihr Handgelenk. Der Verschluss klickte kurz, das Licht des Feuers brach sich im Gold. Sie würde den Reif nie selbst abnehmen oder abstreifen können, er war zu eng, der Verschluss nur mit beiden Händen zu öffnen.

Er betrachtete den Reif kurz, ihren Arm. Er hatte sie in Arnulfs Haus so gesehen. Mit dem Reif. Es schien richtig.

Wulf umfasste ihre Schultern mit dem einen, ihre Beine mit dem anderen Arm und zog sie zu sich heran. Ihr Kopf lehnte an seinem Oberarm.

Trotz Harolds Übergriff roch sie gut. Seife schien ihr kein Fremdwort. Selbst ihr Haar fiel feucht über ihre Schultern. Er bemerkte die geraden Enden. Jemand schnitt ihr das Haar. Keine der Nordfrauen hier tat das, sie ließen es wachsen. Obwohl sie während der Fahrt nur Suppe zu sich genommen hatte, spürte Wulf, dass sie gut genährt war. Kein Zeichen von Armut. Und sie sprach nicht das Angelsächsisch der niederen Leute. Wulf konnte unterscheiden, er hatte unter dem Kaiser von Byzanz lange mit Angelsachsen gedient. Er hatte ihre Sprache gelernt, ihre Kultur und gesellschaftliche Gliederung.

Der Daumen jener Hand, die ihre Beine hielt, strich über ihre nackte Haut. Sie war weich, so weich wie jene der adligen Frauen in Byzanz, die ihre Zeit in Bädern und bei Massagen verbrachten.

Wulf atmete lang und tief aus.

Diese Angelsächsin hätte einiges Geld eingebracht, hätte man sie weiterverkauft. War sie zudem in der Lage, einen Mann zufriedenzustellen, stieg ihr Preis ins Unermessliche. Dies herauszufinden, würde er später Gelegenheit haben.

»Menschen leben, um zu sterben ...«

Wulfs Blick schnellte zu ihren Lippen. Die Worte waren leise, doch deutlich. Ihr Blick war starr, auf das Feuer geheftet, dessen Wärme sie nun, da die Tür wieder verschlossen war, erreichte und ihre Füße und Beine wärmte. Sie sprach noch immer angelsächsisch, wissend, dass auch er sie verstand.

»Wir leben, um zu büßen ... Wir werden ewig für meine Rettung büßen ... Du hättest mich sterben lassen sollen ... sterben ...«

»War es das, was du wolltest?« Seine Worte veranlassten sie, ihren starren Blick zu lösen. Ihren dunklen Augen sahen ihn einen Moment lang an.

»Was glaubst du?« Da war kein Vorwurf in ihrer Stimme. Sie erwartete auch keine Antwort.

»Nixe«, sagte er dann, »was auch immer ich vom König halte, ich werde mich seinem Willen beugen. Und das solltest auch du tun. Es gibt kein Zurück mehr.«

»Muss ich mich dem Willen deines Bruders etwa auch beugen?« Diesmal war es ein Vorwurf.

Er antwortete nicht, stieß nur verärgert die Luft aus.

»Verzeih«, sagte sie müde. Sie krallte eine Hand in sein Hemd, um sich in eine bequemere Position zu bringen. Sie musste nach ihrem Ohr greifen, lehnte sich mit der Hand daran wieder kraftlos an ihn.

»Bist du gesprungen, bevor das Boot unterging?«, wollte er wissen. Er trug ihr den Vorwurf nicht nach.

»Ja.«

»Sie haben dich geraubt?«

Sie nickte leicht.

»Wo?«

»Jorvik.«

Wulf ließ die Antwort kurz auf sich wirken. Ein langer Weg lag hinter ihr. Sie war fernab ihrer bekannten Welt. Es gab kein Zurück mehr. Nicht jetzt, nicht im Frühjahr. Niemals.

Er sah, dass sie ihr Handgelenk betrachtete, es leicht hin und her bewegte.

Dann blickte sie ihn fragend an.

»Später, Nixe. Wenn die Zeit gekommen ist.«

Sie sagte nichts darauf, schwieg einen Moment, als müsse nun sie etwas wirken lassen. Robyn wusste, dass es eine Hochzeitsgabe war. Die Angelsachsen teilten einen solchen Brauch mit den Nordmännern. Es band sie an ihren Mann, aber gleichzeitig ehrten die Männer ihre Frauen auch damit. Wulf gab ihr das Recht und sein Einverständnis hier zu sein, er akzeptierte, dass sie für sein Haus verantwortlich sein würde. Und er tat all das, ohne sie zu kennen. Ohne zu wissen, ob sie würdig dafür war.

»Wer ist Dora?«, fragte sie dann leise, obwohl sie die Antwort bereits kannte.

»Jene, die deinen Platz vorher einnahm. Auf dieselbe Weise dazu kam. Unter Zwang.«

»Dein Vater hat dich zweimal gezwungen eine Frau zu nehmen?« Robyn quälte jedes ihrer Worte, der Schmerz wurde nur durch ihre stützende Hand etwas gedämpft.

»Ja, zweimal, Nixe. Aber fast will mir scheinen, das zweite Mal bin ich nicht ganz unschuldig an der Situation.«

»Bereust du deine Entscheidung?«

»Dich zu retten?« Er sah sie erstaunt an.

Sie nickte leicht.

»Was glaubst du?«, wiederholte er ihre eigenen Worte, doch ihre Antwort überraschte ihn.

»Es tut mir leid.« Ihre Stimme war so leise, dass es die Ehrlichkeit nur noch mehr hervorhob.

»Sieh mich an, Nixe«, forderte er sie auf. Sie leistete ihm Folge.

»Warum bist du gesprungen?«, verlangte er ein zweites Mal zu wissen.

»Um zu st...«

»Denk nach, Nixe«, unterbrach er sie jedoch, »geh in dich, geh tief in dich und sag mir, warum du gesprungen bist!«

Robyn fürchtete die Tiefgründigkeit dieser Frage, doch sie schloss kurz die Augen, ging zurück zum Schiff der Nordmänner, zum krachenden Sturm, zum Sprung ins Wasser, zu ihrer Kindheit, zu Ath, zu ihrem Raub, zu jenem Nordmann tief in ihrer Erinnerung. Sie schnappte überrascht nach Luft, sah Wulf erschrocken an. Der Bilderrausch vor ihren Augen erlosch, und nur seine Silhouette blieb.

»Ich wollte nicht sterben«, gab sie zu. Sein Gesicht kam dem ihren plötzlich sehr nah.

»Deshalb tut mir nicht leid, dich aus dem Wasser gezogen zu haben. Das Schicksal ist ein nicht zu unterschätzender Verbündeter, Nixe. Nimm es an, sei dankbar und lass uns das Beste daraus machen. Gib dem hier Zeit und hoffe.«

Robyn atmete ein und aus, bevor sie ihm antworten konnte.

»Du scheinst deine Zeit in Byzanz nicht nur in Waffen verbracht zu haben. Du sprichst mit den Worten eines weisen Mannes.«

Wulf ließ die Anerkennung zu, die ihn mit einem Mal für sie durchzog. Es war sehr lange her, dass er für eine Frau etwas Derartiges empfunden hatte.

»Und du? Eine Angelsächsin, der Seneca nicht unbekannt ist ... die meisten hier halten eine kluge Frau für gefährlich. Ich jedoch denke, es wird dir von Nutzen sein. Du wirst es brauchen, Nixe, denn Freunde um uns sind rar und schwer zu erkennen.«

Seine Stimme hatte sich unmerklich geändert, doch Robyn spürte die Wahrheit in seiner Warnung. Seine Stimme war rauer, verbittert, gefährlich, doch nicht sie musste sich fürchten. Sie stellte erstaunt fest, dass die Gefahr für jene bestand, die ihr zu nahetreten würden. Wulf und sie waren zu dieser Ehe gezwungen worden, doch seine Pflicht ihr gegenüber, ihr ein Heim zu geben und sie zu schützen, würde er ohne Widerspruch erfüllen.

Wulf studierte ihre dunklen Augen, fand darin, was er erhofft hatte: Verstehen.

Zufrieden lehnte er sich wieder zurück. Zum ersten Mal an diesem Tag entspannte er sich etwas. Nicht ganz, das hatte er seit vielen Jahren nicht mehr gekonnt, aber doch genug, um tief auszuatmen und mit seiner Frau im Arm aufzustehen und sie hinüber zum Lager zu tragen. Er legte sie neben die Holzwand des Hauses, legte zwischen sie und die Wand ein Fell und deckte sie dann zu.

Kurz darauf hielt er Annijas Salbe in der Hand.

»Reib deine Verletzung damit etwas ein. In ein paar Tagen sollte der Schmerz vergehen. Hörst du mit dem Ohr schlecht?«

Robyn war überrascht, dass er derart gut über die Verletzung Bescheid wusste. Sie hatte ihn in dieser Hinsicht unterschätzt.

Sie gehorchte, rieb die Stelle vorsichtig mit der aromatisch riechenden Salbe ein und gab ihm die Dose zurück.

»Manchmal höre ich ein bisschen, sehr leise«, antwortete sie ihm.

»Stell dich darauf ein, dass es nicht mehr besser werden wird. Dein Sprung ins Wasser hat deinem Gehör großen Schaden zugefügt.«

»Aber mein Leben gerettet«, fügte sie hinzu.

Sie sahen einander daraufhin lange schweigend an. Robyn musste diesen Blick nicht ertragen. Sie erlebte ihn, während er neben ihr auf dem Lager saß. Die Decken, die er um sie gelegt hatte, wärmten sie. Sie hatte nicht das Gefühl, ihm ausgeliefert zu sein, obwohl er später neben ihr liegen würde, ein fremder Mann und doch ihr Mann.

»Nixe, bevor ich die erste Nacht bei dir verbringe, verrate mir den Namen meiner Frau.« Seine Stimme war wieder rau, aber aus einem anderen Grund.

»Robyn, mein Name ist Robyn.«

»Robyn«, Wulf überlegte kurz, »hat es in deiner Sprache nicht eine Bedeutung ...«

»Ein kleiner Vogel mit rotem ...«

»Ja, ich weiß, ein Rotkehlchen ...«

Robyn hörte ihn das nordische Wort aussprechen, erinnerte sich daran, nickte. Es entsprach ihrem Namen.

»Eine kleine Beute für einen Wolf«, meinte Wulf.

»Zu klein vielleicht«, entgegnete Robyn schläfrig. Plötzlich jedoch fühlte sie seine Hand auf ihrer Wange.

»Irre dich nicht. Ein Wolf ist vielseitig. Unter bestimmten Umständen ist er sehr anpassungsfähig, ändert seine Beute.«

»Aber wie lange jagt er eine Beute?« Robyn war atemlos. Sie spürte, dass sein Daumen über ihre Lippen strich.

»Ein Wolf ist ein sehr geduldiger Jäger. Er wartet und respektiert seine Beute.« Er zog seine Hand zurück. »Schlaf, Nixe. Es war ein langer Tag.«

Robyn beobachtete ihn mit halbgeschlossenen Augen. Sie konnte noch lange nicht schlafen, ruhte jedoch in diesem, ihrem Haus entspannt, atmete den aromatischen Geruch der Salbe ein, nahm die Wärme des Feuers wohlwollend auf. Sie sah Wulf eine Weile Ordnung schaffen, dann Stunde um Stunde am Feuer sitzen, etwas Met trinken. Er hatte sich so niedergelassen, dass die Wärme sie ohne Unterlass bestrahlte, sein Profil zeichnete sich scharf in dem Lichtschein ab. Seine Gesichtszüge, seine Augen, seine ganze Haltung blieben während dieser Nacht gedankenschwer. Ein-, zweimal strich er sich durch den Bart, der sein Kinn und seine Oberlippe bedeckte, seine Hände drehten das Methorn oft, als sei er unschlüssig, ob er daraus trinken solle oder nicht.

Robyn würde diese erste Nacht in seinem Haus niemals vergessen. Für eine unendlich lange Zeit schien ihr Wulf wie ein Trugbild, unwirklich, aus einer anderen Welt. Sie sah seine Wangenmuskeln spielen, seine Augen, die sich von Zeit zu Zeit verengten, wieder entspannten, sich schlossen, als weile er weit entfernt, sich wieder öffneten. Robyn beobachtete ihn im Halbschlaf bis ins Morgengrauen. Erst dann erhob er sich, entledigte sich seiner Schuhe und legte sich neben sie auf eines der Felle, deckte sich jedoch nicht zu.

Als sie wenig später seine gleichmäßigen Atemzüge wahrnahm, tat sie es für ihn, zog vorsichtig eine Decke über ihn. Sie bemerkte die winzige, überraschte Unregelmäßigkeit seines Atems nicht.

* * *


1.

Robyn schrak auf. Wulf saß neben ihr, frisch rasiert, das Haar feucht, seine Kleidung ausgetauscht gegen eine neue Tunika und enge Hosen. Sie roch Seife, Holz und frische eisige Luft von draußen. Er hatte sie an der Schulter wachgerüttelt. Erst jetzt bemerkte sie die angelehnte Tür und den Lärm draußen.

»Geh nach nebenan, nimm die Decke mit, schnell«, zischte er und drückte ihr die Dose mit der Salbe in die Hand.

Robyn gehorchte ihm ohne Gegenfrage. Sie stieg aus dem Lager, schwankte kurz, tappte jedoch über die Felle durch den Raum und wartete nicht, bis das Schwindelgefühl nachließ. Sie hatte es schlimmer in Erinnerung. Das Pochen in ihrem Kopf hatte auch aufgehört. Ein ungutes Gefühl überkam sie, als sie die Tür hinter sich schloss. Die Unruhe draußen bedeutete Gäste. Gäste, die sie eigentlich bewirten müsste als neue Herrin in diesem Haus. Aber Wulf hatte sie nicht umsonst fortgeschickt. Und die Stimmen, die kurz darauf erschollen, ließen sie in die hinterste Ecke des Raumes zum Pferd weichen. Der mächtige Rappe, misstrauisch gegenüber allem Fremden, ließ sie gewähren. Der Geruch seines Herrn haftete ihr an. Er sorgte sich um sie und Sleip konnte die Sorge an ihr riechen.

Wulf öffnete seinem Vater die Tür und ließ ihn eintreten. Er hatte fast damit gerechnet, ihn zu sehen. Nach Harolds und seiner Schlägerei gestern Nacht überraschte es ihn nicht. Eilaf folgten Harold selbst und Leif mit entschuldigendem Blick. Zwei Begleiter blieben draußen bei den Pferden.

»Verzeih, Vater, dass ich euch nichts anbieten kann, ich wollte mir heute erst meine Sachen und Vorräte besorgen.«

Eilaf hatte sich derweil umgesehen. Er war lange nicht hier gewesen. Außer dass alles eine Weile nicht bewohnt worden war, hatte es sein Sohn verstanden, sich ein Heim herzurichten. Er war ein begabter Schiffsbauer als auch Tischler, der mehr Möbelstücke besaß als alle hier. Ein Luxus, der einzige, den Wulf sich je gegönnt hatte. Eilaf war zu stolz gewesen, um ihn je um Anfertigungen für die große Halle zu bitten, seinem eigentlichen Zuhause, dem er entsagt hatte, sobald er alt genug gewesen war, nur um dann nach Byzanz geschickt zu werden. Eilaf wusste, er würde nie zu Wulf durchdringen können, ihre Differenzen waren einfach zu groß, die Kühle zwischen ihnen selbst für andere spürbar. Doch er hatte nie aufgehört zu glauben, dass sein Einfluss auf seine anderen beiden Söhne gut war. Er würde es ihm nie sagen können, aber er bewunderte Wulfs Mäßigung und Disziplin. Harold und Leif hatten nichts davon. Harolds Maßlosigkeit in allen Dingen war allgemein bekannt und gefürchtet, Leifs Schwäche war seine Unsicherheit, sein fehlender Wille, sich einer Sache zu verschreiben und voll und ganz hinter ihr zu stehen.

Eilaf wandte den Blick seinem Ziehsohn zu. Seine Haut war fast so dunkel wie die eines Sarazenen, die Augen groß und ruhig. Er verbarg ausgezeichnet, dass er den Besuch missbilligte. Allein seine nachfolgenden Worte würden ihn verraten. Er hatte die Arme verschränkt und hielt abwartend dem Blick stand. Eilaf betrachtete die sehnigen Hände, die sich in all den Jahren oft bewiesen hatten, die, anders als seine eigenen, schreiben konnten, nicht nur Runen, sondern auch andere Sprachen. Er wäre ein ausgezeichneter Berater für Harold in der Kriegsführung als auch bei Verhandlungen.

Eilafs Gesichtszüge spannten sich sichtbar an. Er verdrängte jene Gedanken, kehrte zurück zu dem eigentlichen Grund seines Kommens. Es gab Dinge zu klären nach gestern Nacht. Eilaf hatte sich gewünscht, die Brüder hätten ihren Zwist etwas beigelegt und Wulf hätte die Zeit genutzt, um sich einige Sachen durch den Kopf gehen zu lassen. Doch Harold hatte dafür gesorgt, dass der alte schwelende Zwist zwischen den beiden dort begann, wo er vor fünfzehn Monaten bei Wulfs letztem Besuch geendet hatte.

»Etwas Met wirst du hoffentlich für einen alten Mann haben«, meinte Eilaf und ließ sich bei dem Feuer auf einer Bank nieder.

»Natürlich, Vater.« Wulf schenkte ihm ein, reichte ihm das Horn.

»Für mich auch, wenn du gestattest«, grinste Harold.

Wulfs Augen verengten sich.

»Du wirst in diesem Haus nur geduldet, weil Vater hier ist ...«

Harolds Grinsen verschwand schnell, er ging zwei Schritte auf Wulf zu, um ihn zu provozieren, doch Eilaf gebot ihnen Einhalt.

»Haltet den Mund und schweigt«, rief er aufgebrachter als beabsichtigt. Er nahm einen tiefen Schluck aus dem Horn, zog sich den Umhang enger um die Schultern, obwohl es in dem Raum warm genug war.

»Bei Odin, ihr seid Brüder, vergesst das nicht.«

Weder Harold noch Wulf antwortete darauf. Sie maßen sich stumm, jeder der beiden denselben Gedanken in Zorn eingebettet. Keiner von ihnen empfand auch nur annähernd brüderliche Zuneigung.

Harold selbst spiegelte den Hass seines Bruders auf ihn unmissverständlich wider. Seine Nase, seine Oberlippe, alles war blau geschwollen. Er würde für ein paar Tage entstellt sein und zudem das Gespött der Leute.

»Ich wünschte, du hättest dieses Mädchen ertrinken lassen, Wulf. Sie ist einen Tag hier und trägt schon Schuld an eurem Streit. Etwas, was ich unbedingt vermeiden wollte.«

Eilaf sah vom Feuer auf, während er das sagte.

»Sie trägt keine Schuld, in keiner Weise, Vater«, entgegnete Wulf.

»Harold behauptet, sie hätte ihm schöne Augen gemacht, als ihr gestern in der Halle ward.«

»Ist das so? Ich denke, Harold überschätzt den Eindruck, den er auf Frauen macht.«

»Sag das noch mal ...«

Diesmal war Harold nicht mehr zu halten, auch von Eilaf nicht. Wulf wollte die Kühnheit seines älteren Bruders fast bewundern, ihn erneut herauszufordern. Jedoch hielt er es mehr für den Leichtsinn eines haltlosen Säufers. Er fing Harolds Faustschläge geschickt ab. Eine Weile rangen sie miteinander, bis Wulf genug hatte und Harold die Luft abdrückte, was nach nur wenigen Sekunden die gewünschte Wirkung hatte.

Eilaf, der entrüstet aufgestanden war, sah beide Söhne zornig an.

»Harold, geh hinaus und hol dir etwas frische Luft. Deine Anwesenheit hier führt zu nichts.«

Leif, der all dem still gefolgt war, öffnete die Tür. Harold verließ schnaufend das Haus, gab sich für den Moment geschlagen.

Eilaf setzte sich wieder, stieß den Atem aus, nahm erneut einen Schluck aus dem Horn.

»Ist die Ehe vollzogen?«, wollte er dann ruhig wissen.

Wulf lachte auf, ohne jeden Humor, kalt und zynisch. Er wusste genau, worauf sein Vater hinauswollte.

»Hast du es dir etwa anders überlegt? Gestern noch schienst du überzeugt, dass es das Richtige sei, sie mir zur Frau zu geben. Wie schnell du deine Meinung geändert hast. Lass mich raten, Harold hätte sie wohl gern als Zeitvertreib? So wie Dora?«

»Wie kannst du behaupten, dass er ...«

Wulf ließ ihn nicht aussprechen. Er schnellte nahe an ihn heran.

»Hast du jemals meinen toten Sohn erblickt? Hast du?«

»Was soll die Frage?«

Wulf ließ sich nicht beirren.

»Er hatte rote Haare.« Wulf besah sich die ergrauten Haare seines Vaters, die noch immer rötlich schienen, so wie jetzt im Schein des Feuers.

Eilafs Lippen pressten sich aufeinander, er schaffte es nicht, den Blick seines Ziehsohnes zu erwidern.

»Davon wusste ich nichts.«

»Dann sind wir schon zwei, Vater.«

Wulf suchte kurz den Blick seines zweiten Bruders. Leif jedoch schüttelte den Kopf. Dann sah Wulf zurück zu seinem Vater.

»Und – nein. Meine Frau hat Harold gestern keine schönen Augen gemacht. Er kam hierher aus alter Gewohnheit.«

Wulf drehte sich ab, kehrte hinter das Feuer zurück, betrachtete den alten Mann am Feuer. Er wollte und konnte kein Mitleid für ihn empfinden. Die Uneinigkeit seiner Söhne hatte auch er zu verantworten. Vor allem seit Einar, sein ältester Sohn, tot war, war Wulfs und Harolds Hass aufeinander gestiegen. Und Eilaf hatte nichts getan, um dies zu ändern. Manchmal hatte sich Wulf gefragt, ob Eilaf Harold überhaupt noch gewachsen war.

»Du tätest gut daran, Harold zu sagen, er soll sich in Zukunft von ihr fernhalten«, sagte Wulf nach einer Weile, »sie gehört mir, auf deinen Wunsch und ich akzeptiere das. Er sollte sich nicht selbst zum Gespött der Leute machen und einer Frau nachjagen, die seinem Bruder gehört.«

»Harold versucht scheinbar mit allen Mitteln, seine eigene Frau loszuwerden«, kommentierte Leif, »da sie ihm keinen Erben schenkt.«

Wulf sah ihn an, überlegte kurz.

»Sie sind seit sechs Jahren verheiratet. Eine lange Zeit ...«

»Zeit genug, um sich anderweitig zu vergnügen, auch mit der Frau seines Bruders«, Leif sah zu Boden, »oder mit jeder anderen.«

»Ingrid?« Als Wulf den Namen aussprach, nickte Leif, blickte nicht auf.

»Und ich hätte sie fast geheiratet. Wie dumm ich war. Weiber. Sie sind alle gleich. Solange es zu ihrem Vorteil geschieht, werden sie mit jedem Mann das Lager teilen.«

Eilaf stieß seinen Atem vernehmbar aus. All das schien unwichtig im Vergleich zu jenem wirklichen Problem, das ihn beschäftigte, das sie alle etwas anging.

»Wulf«, sagte er, »ich wünsche, dass du dich öfters in der Halle blicken lässt. Es würde einen guten Eindruck machen, wenn uns die Leute wieder öfter zusammen sehen.«

»Glaubst du allen Ernstes, dass sie diese Taktik nicht durchschauen werden?«, erwiderte Wulf. »Sie wissen, dass wir uns in dieser einen grundlegenden Sache nicht einig sind und uns nie einig sein werden.«

»Ich verstehe nicht, warum du es so gering erachtest, Thronerbe zu sein und damit etwas zu bewirken.«

»Das hat damit nichts zu tun. Ich denke nur nach wie vor, dass dieser Thron einem anderen gehört und nicht dir.«

»Verflucht seiest du, Wulf!« Eilaf stand wütend auf und stampfte um das Feuer. »Wiglif wäre gar nicht fähig uns zu führen. Er kann ja nicht einmal seine eigenen Leute unter Kontrolle halten. Die Zustände im Westdorf geraten immer mehr außer Kontrolle. Dieser Kark schart mehr und mehr Männer um sich. Ich befürchte irgendwann wird er Wiglif stürzen, dann haben wir ein ernstzunehmendes Problem.«

»Ist denn dieser Kark so gefährlich?« Wulf spürte nicht zum ersten Mal, dass seine jahrelange Abwesenheit dazu geführt hatte, dass er über einige Vorfälle und Zusammenhänge unzureichend informiert war.

Leif antwortete für seinen Vater.

»Er hat sich erst als Günstling des Königs hochgearbeitet, dann vor einigen Monaten wandte er sich plötzlich gegen den König. So weit ich gehört habe, spaltet sich das Westdorf immer mehr in zwei Lager. Und falls es Kark gelingt, die Macht im Westdorf an sich zu reißen, ist es sehr wahrscheinlich, dass sein nächster Schritt ein Angriff auf uns oder das Süddorf sein wird.«

»Verstehst du nun, warum wir unbedingt Zusammenhalt demonstrieren müssen?«, wollte Eilaf wissen.

»Du redest von Zusammenhalt? Dass ich nicht lache! Was muss noch geschehen, dass du ...« Er sah kurz auf Leif und verbesserte sich. »Dass ihr seht, dass dies der falsche Weg ist? Solange du auf diesem Thron sitzt, der rechtmäßig Wiglif gehört, solange wird es hier nie Einigkeit geben. Nie. Niemals. Ist dieser Kark so gefährlich, dann könnt ihr nur zusammen etwas gegen ihn unternehmen. Genauso gegen Tryggvason. Aber ich sage dir das seit vielen Jahren und ich habe aufgegeben, daran zu glauben, dass ihr je Vernunft annehmen werdet. Wenn du es wünscht, werde ich zur Halle kommen, aber es wird nichts an meiner Einstellung ändern. Und die Leute wissen das, Vater. Bei den Göttern, sie wissen es seit fünfzehn Jahren und länger.«

Wulfs Atem war aufgebracht, vermischte sich mit dem knackenden Feuer. Nur langsam beruhigte er sich wieder. Eilaf und er standen sich gegenüber. Es war Eilaf der zuerst den Blick niederschlug. Worte sagte, die ein Vater einem Sohn nie sagen sollte.

»Bei den Göttern, ich hätte dich damals verbrennen lassen sollen.« Er sprach so voll Zorn, so voll Bitterkeit wie Wulf ihm antwortete.

»Das hättest du, Vater. Wie recht du hast ...«

Er wandte sich ab.

»Es ist besser, ihr geht jetzt. Was gesagt werden musste, ist gesagt«, knurrte Wulf.

Noch ehe Eilaf und Leif jedoch zur Tür geschritten waren, durchbrach Lärm die verbitterte Stille im Raum. Eilige Schritte erklangen, der unterdrückte Schrei des Mädchens, dann wurde die Zwischentür aufgerissen und Robyn stürzte in das Zimmer. Sie beging in diesem Moment einen fatalen Fehler - doch war es ihre einzige Möglichkeit. Sie lief schutzsuchend hinter Wulf, machte sich Harold endgültig zum Feind und gab das Vertrauen, dass sie zu Wulf hatte, preis. Und Wulf ließ in diesem Augenblick die Tatsache zu, dass seine Frau einen wunden Punkt für ihn darstellen würde. Die Entscheidung traf er schnell und merkwürdig frei von Widerstreben.

Harold konnte nicht verbergen, was er im Stall versucht hatte zu tun. Er kam ins Zimmer, besah sie noch immer gierig, aber auch zornig, ob der erneuten Abfuhr.

»Wag es nicht, sie anzufassen, Harold«, stieß Wulf zwischen den Zähnen hervor, »sie gehört mir.«

»Solange Dora noch im ersten Rausch war, einen Thronerben geheiratet zu haben, gehörte sie auch dir. Aber ihre Einstellung hat sich auch schnell wieder geändert, nachdem sie herausfand, wen sie wirklich geheiratet hatte«, schnaufte Harold.

»Du irrst, Bruder, ich hatte meine Einstellung geändert. Dora war es nicht wert, ihr eine Sekunde nachzutrauern. Sie hatte meine Einwilligung in diese Zwangsehe und den Respekt davor missbraucht und bekommen, was sie verdiente.«

»Ah, die Werte des Kommandanten der Leibgarde des Kaisers von Byzanz«, Harolds verneigte sich spöttisch, »ich hatte ganz vergessen, wie tugendhaft mein Bruder ist. Aber lass dir gesagt sein, Wulf, das war nicht der einzige Grund, warum deine Frau in meine Arme flüchtete. Sie war königstreu, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Raus«, sagte Wulf kalt. Dann, an seinen Vater gewandt: »Du hättest besser getan, ihn nach Byzanz zu schicken, vielleicht hätte er dann etwas Mäßigung und Disziplin gelernt.«

»Zumindest steht er auf der richtigen Seite«, grollte Eilaf ihm und ging hinaus. Harold folgte seinem Vater boshaft lächelnd. Nur Leif blieb kurz zurück.

»Es wäre gut, dich einmal in der Halle zu sehen«, meinte er.

»Es wird nichts ändern, Leif, gar nichts«, stieß Wulf hervor, wandte sich diesmal auch von ihm ab, »schließ die Tür hinter dir.«

Leif presste seine Lippen aufeinander und folgte den beiden nach draußen. Die Tür schlug er wütend zu.

Das Schnaufen der Pferde und das Knirschen unter ihren Hufen verklang alsbald in der eisigen Luft. Drinnen legte Wulf etwas Holz nach. Dann besah er Robyn. Er konnte Harolds Begierde recht gut nachvollziehen. Die Nixe atmete nach wie vor heftig, ihr Körper zeichnete sich dabei unter der Tunika ab und ein Mann hätte aus Stein sein müssen, um nicht darauf zu reagieren. Harold jedoch besaß keinerlei Zurückhaltung, Wulf indes hatte es schon immer besser verstanden, sich zu zügeln.

Er ging zu ihr hinüber, legte eine Hand unter ihr Kinn, drehte ihren Kopf zur Seite, besah sich das Ohr. Die Schwellung war leicht zurückgegangen, auch sonst schien sie unversehrt.

»Du solltest dir langsam etwas Ordentliches anziehen, Nixe, wenngleich ich finde, dass dir meine Tunika weitaus besser steht. Aber wie du siehst, bist du nicht sicher in diesem Aufzug. Auch vor mir nicht mehr lange, fürchte ich.«

Er ließ ihr Kinn nicht los, blickte in ihre braunen, gläsernen Augen. Sie schreckte nicht zurück vor ihm, ließ die Berührung ohne Gegenwehr zu.

»Was ...« Sie schluckte, ihre Stimme war rau vom langen Schweigen. »Was meinte dein Vater damit, als er sagte, er hätte dich verbrennen lassen sollen?«

»Hast du alles gehört?«

»Mein anderes Ohr hört noch ganz gut«, gab sie zu. Wulf lächelte, etwas sehr Seltenes. Ihre Lage hatte sie nach anfänglichen Schwierigkeiten nicht verzweifeln lassen. Hier zu leben, hieß diese Welt verstehen zu müssen. Und sie war klug genug gewesen, sehr aufmerksam zu lauschen, um sich die Stücke dieser Welt zusammenzusetzen.

»Eine Ironie eigentlich«, antwortete er dann, »so wenig wie du wolltest, dass ich dich rette, so wenig wollte ich, dass mich Eilaf aus den Trümmern meines brennenden Elternhauses rettete.«

Er konnte beobachten, wie sie Teile zusammensetzte, Schlüsse zog und ihn dabei sehr genau studierte, ihren Blick über seinen Bart und seine Haare streichen ließ.

»Er ist nicht dein richtiger Vater?«

»Gut erkannt, Nixe«, erwiderte er, ihrer Schlussfolge aufgrund der Haarfarbe Rechnung tragend, »wenngleich es keinerlei Auswirkung auf meine Rechte und Pflichten hat. Es mag dir nicht so scheinen, aber hier spielt das Blut keine so große Rolle. Es genügte, dass Eilaf mich als seinen Sohn anerkannte.«

»Warum hat dieser Wiglif das nicht auch mit einem Kind getan, das ihm zugetan war? Dann hätte er doch auch wieder einen Anspruch auf den Thron!«

»Nixe ...«, Wulf vergaß seine Wut für einen Moment, zu sehr überraschte ihn ihre Auffassungsgabe, Doch sie verstand sein Zögern falsch und zog diesmal einen falschen Schluss, der seinen Zorn viel zu schnell wiederkehren ließ.

»Verzeih, ich sollte das nicht fragen ...«

Robyn spürte diese Veränderung. Seine Hand wanderte über ihre Wange und ihr unverletztes Ohr, ergriff ihren Hinterkopf, zog sie unvermittelt zu sich heran.

»Hör nicht auf zu fragen«, zischte er sie an, »hör nie auf zu fragen! Und wenn du all das, was hier vorgeht, verstehst, dann urteile.«

Robyn fühlte, dass sie ihm diesmal nicht entweichen konnte, falls er sie küsste. Doch statt ihren Mund berührten seine Lippen nur ihren Mundwinkel. Ihre Hand schnellte vor, um sich an seinem Hemd festzuhalten. Sie wusste nicht, ob der Schwindel von ihrer Verletzung herrührte oder er sie ausgelöst hatte. Sie bemerkte, dass er ihre Reaktion sehr genau aufnahm, unweigerlich mit jener gegenüber Harolds verglich. Wulf hielt es für ihre Vernunft, doch Robyn wusste ganz plötzlich, dass es nicht allein Vernunft war. Sie fürchtete sich jedoch vor der Zuneigung, die sie ihm gegenüber empfinden könnte. Sie verstand sich nicht.

Er ließ von ihr, sein Zorn hatte ihn bereits zu weit gehen lassen. Jedoch hatte ihre Reaktion ihm gezeigt, dass sie durch ihre Vernunft und ihr Einsehen vielleicht eine ganz gute Ehe führen würden. Zumindest in dieser Hinsicht. Was ihr Urteil betraf, würde er abwarten. Er konnte ihr verbieten, frei wählen zu dürfen, doch er entschied sich dagegen. Er scheute ihre Klugheit nicht. Er würde sie wählen lassen.

Während er seinen Umhang anlegte, stand sie noch immer hinter dem Feuer.

»Schau dich heute etwas um, wenn dir danach ist. Alles hier gehört auch dir, also zögere nicht, es dir anzusehen und zu benutzen. Ich bin in ein paar Stunden wieder hier.«

Ein kalter Luftzug umhüllte Robyn, dann hatte er die Tür wieder geschlossen. Sie war allein.

2.

Es war klirrend kalt geworden, doch Robyn hatte genügend warme Kleidung gefunden, um sich auch außerhalb des Hauses umzusehen. Die frische Luft tat ihr gut, die Schwellung am Ohr war weiter zurückgegangen, die Salbe wirkte, wenngleich sie nicht in der Lage gewesen war, die Kräuter darin zu identifizieren. Wer auch immer sie zubereitet hatte, schien sehr geschickt im Umgang mit Kräutern und der Herstellung von Tinkturen und Salben. Sie würde Wulf bei Gelegenheit nach der Person fragen.

Robyn stapfte weiter, folgte keinem bestimmten Ziel, wollte sich nur eine Weile umsehen. Nicht im Dorf, das wagte sie nicht, aber der Wald interessierte sie. Ath hatte ihr genügend darüber beigebracht, so dass sie bald einige verschneite Sträucher und Bäume identifizieren konnte, andere sah sie zum ersten Mal. Doch die ihr bekannten gaben ihr Hoffnung im Frühjahr einige Kräuter und Wurzeln zu finden, mit denen sie arbeiten konnte. Die Idee war ihr im Haus gekommen, während sie sich dort etwas umgesehen hatte. In einer Kiste hatte sie einige getrocknete Kräuter gefunden. Sie wollte Wulf bitten, ihr zu gestatten, weitere zu sammeln, damit sie selbst Salben und ein paar andere Heilmittel herstellen konnte. Sie wusste, dass die Nordmänner mit allem Handel betrieben, vielleicht konnte sie ihn damit unterstützen. Sie hatte erschreckt festgestellt, dass Gedanken einer Ehefrau und ihre Pflichten sie beschäftigten. Dann jedoch musste sie an ihren Vater denken. Er hatte sich in noch so schweren Situationen zurechtgefunden, hatte ihnen Gutes abgewonnen, sie nüchtern über sich ergehen lassen. Er hatte ihr beigebracht, Tatsachen zu akzeptieren. Jedem war es erlaubt verzweifelt zu sein, in der Stunde der Not keinen Ausweg zu sehen. Aber Wulf hatte sie aus dem Wasser befreit. Und er hatte ihr eine zweite Chance gegeben. Er hatte sie akzeptiert, eine Zwangsehe, eine Angelsächsin, den Groll seines Bruders, seines Vaters. Sie musste das auch. Ath hätte sich der Situation genau so angepasst, versucht klar zu denken, in die Zukunft zu schauen.

Sie entdeckte einen weiteren ihr bekannten Strauch. Sie wusste aus Erfahrung, dass in seiner Nähe einige Kräuter und Pflanzen wuchsen, die sie später verwenden konnte. Sie sah sich um. Hier standen die Bäume noch dicht beieinander, aber weiter Richtung Westen wurde es lichter. Birken wuchsen dort, eine kleine Lichtung tat sich auf. Dann blickte sie zurück. Sie kannte den Weg noch immer. Ihre Orientierung hatte nicht nachgelassen, dem Sonnenstand zufolge war sie auch nicht lang unterwegs. Sie wusste, sie würde bald umkehren müssen, wenn Wulf zurückkam. Beruhigt schlug sie den Weg zur Lichtung ein. Die Sonne, die bald die obersten Wipfel der Bäume berühren würde, schien ohne den Hauch von Wärme auf sie herab. Doch Robyn hatte sich genug bewegt, sie spürte keine Kälte, obgleich ihr die Kälte in diesem Land fremd erschien. Sie roch das Meer in der Nähe, die Luft war feuchter, doch eisig. Der Wind, den das Meer brachte, konnte das Wetter scheinbar schnell ändern. Eigenartig schien ihr auch die Tatsache, dass die Einbuchtung, durch die sie an den Strandabschnitt des Dorfes gelangt waren, nicht zugefroren war. Ob eine warme Strömung das Wasser frei von Eis hielt?

Robyn zog ihren Schal enger, der ihren Kopf und ihr Gesicht schützte, und ging den Rand der Lichtung ohne bestimmtes Ziel ab. An einer Stelle scharrte sie den Schnee etwas beiseite und beugte sich näher darüber, als der Grund sichtbar wurde. Wie sie vermutet hatte, gab es noch etwas vergilbtes Gras darunter, einiges sogar noch grün. Sie nahm ihre Hände zu Hilfe und schaufelte etwas mehr Schnee weg. Nichts.

Sie ging weiter, versuchte sich die Lichtung im Sommer vorzustellen. Eigenartig. Es bereitete ihr keine Mühe. Sie blieb stehen, lauschte ihrem Atem, der in kleinen Wolken vor ihr aufstieg. Ein leises Geräusch, doch voll Frieden und Reinheit. Ansonsten nichts. Kein Laut. Nur Stille. Sie schloss die Augen. Nach einer Weile konnte sie die Gräser zischen hören, während sie sich dem Wind beugten. Die Bäume, die wunderschönen Birken rauschten bei jedem Windstoß, dann schwiegen sie wieder. Für einen Moment hörte sie Kinderlachen und schrak aus ihrem Tagtraum, schrak daraus wie nach einem heftigen Schlag. Doch der Gedanke verflüchtigte sich so schnell wie er gekommen war. Sie stand wieder fast knietief im Schnee, schaute über die karge, gleißende Lichtung. Dann sah sie plötzlich einen Schatten hinter einer Birke, der sich erst bewegte, um dann wieder still zu verharren. Es war genug, um sie davonlaufen zu lassen. Sie war nicht allein auf dieser Lichtung.

3.

Wulf hatte den gesamten Weg nicht aufhören können nachzudenken. Sein Kopf war schwer von Gedanken, vor Sorgen, die er sich eingestehen musste. Die Nachrichten der anderen Schiffsbauer verhießen nichts Gutes. Sein Vater und Leif hatten Recht behalten, was diesen Kark betraf. Er stellte eine ernstzunehmende Gefahr dar. Eine Gefahr, die jeden Tag an Macht und Einfluss gewann. Eine Gefahr, die keine Skrupel kannte, gegen die eigenen Leute intrigierte, sie gegeneinander aufhetzte. Die Geschichte schien sich zu wiederholen. Damals hatte sie zwei Brüder auf ewig entzweit und drei Reiche erschaffen, von denen eines seitdem ohne König auskam und die anderen beiden den Brüdern gehörten. Aber wie würde diese Geschichte enden?

Seine eigenen Leute fürchteten Eilaf und vor allem den Einfluss Harolds auf ihn. Doch eine Einmischung würde von beiden nicht erfolgen. Eher würden sie zusehen, wie Wiglif von einem seiner eigenen Männer gestürzt würde. Die Folgen hielten sie für geringfügig. Ein Machtwechsel, nichts weiter. Doch die Schiffsbauer aus dem Westdorf sagten anderes. Sie sprachen von Plänen, die alle drei Dörfer betrafen. Kark war gierig und er wusste um die Schwächen seiner Gegner. Die einen ohne Führer, die anderen mit einem leichtfertigen Führer und falschen Beratern. Im Weg stand ihm nur noch ein greiser Mann, ohne Erben, verbittert, ohne Augen für die Wahrheit.

Nachdem Wulf auf dem Rückweg zwei Fische geangelt hatte, die, wie er hoffte, von seiner Frau zubereitet werden würden, hatte er schweren Schrittes das letzte Stück des Weges in Angriff genommen. Morgen würde er Sleip etwas bewegen und ihn mitnehmen. Heute hatte er ihm nach der Überfahrt den warmen Stall gegönnt. Viel hatten die Schiffsbauer zu dieser Jahreszeit nicht zu tun. Es war üblich, in der kleinen Hütte am Strand am Feuer zu sitzen und sich bei einigen Schnitzereien auszutauschen. Nur manchmal arbeiteten sie bei gutem Wetter unten am Strand. So wäre es heute gewesen, doch da Arnulf ihnen von Wulfs Ankunft erzählt hatte, beschlossen sie stattdessen Neuigkeiten auszutauschen. Wulf war nicht entgangen, dass einige der Nordmänner voll Hoffnung auf seine Rückkehr gewartet hatten. Sie glaubten, er könnte seinen Vater beeinflussen, etwas zu unternehmen. Arnulf hatte ihn bei der Beantwortung der indirekten Frage mehr als deutlich studiert, sich an die vergangene Nacht und ihr Gespräch erinnert. Wulf hatte nachgedacht, lange. Er berichtete ohne Zögern vom Besuch seines Vaters am Morgen, erzählte, dass er sehr wohl von der Gefahr, die von Kark ausging, wusste, sie jedoch insofern unterschätzte, dass er meinte, nur durch gespielten Zusammenhalt würde Kark abgeschreckt werden. Die Entrüstung der Nordmänner ob der fehlenden Sorge um seinen Bruder hatte das Gespräch auf die Vergangenheit gelenkt, ließ die Älteren unter den Männern alte Geschichten ausgraben, die glücklichere Zeiten beschrieben.

Wulf konnte Arnulfs Blick lange Zeit nicht vergessen. Enttäuschung. Hoffnung. Zorn. Vertrauen. All das hatte Wulf darin lesen können. Die Antwort hatte Arnulf nicht gefallen, aber er wusste auch, wie schwer es war, einem jähzornigen Mann Vernunft beizubringen, einem Vater zu sagen, dass sein Sohn Unruhe stiftete und ihn falsch beriet.

Wulf betrat das Haus, stand kurze Zeit später wieder draußen. Das Haus war leer. Er ging hinter das Haus, zum Bach. Auch dort war sie nicht. Er suchte die Umgebung sorgfältig ab, ließ den Blick in jede Richtung schweifen, die untergehende Sonne warf messerscharfe Schatten auf den Schnee. Er fand Spuren, kurze Schritte, kleine Schuhe. Sie war nicht schnell gelaufen, vielleicht hatte sie sich nur die Füße etwas vertreten wollen. Er sah zurück. Sleip zu satteln, raubte ihm zuviel Zeit, außerdem wäre er schneller zu Fuß, da sie keinen Weg eingeschlagen hatte, sondern querfeldein gegangen war. Sie hatte kein Gepäck, die Tiefe ihrer Abdrücke entsprach ihrem normalen Gewicht mit etwas mehr Kleidung.

Sie war nicht weggelaufen, nicht eine Sekunde glaubte er daran. Diese Frau war zu vernünftig, zu schlau, um sich auf ein solches sinnloses Unterfangen einzulassen. Doch eine Tracht Prügel würde er ihr heute Abend trotzdem verpassen. Ohne weiteres Zögern folgte er den Spuren im Schnee.

4.

Robyn wollte nicht einmal wissen, wer die beiden Nordmänner waren, die sie im Wald jagten wie eine Beute. Ob Harold sie geschickt hatte? Hatte sie sich hier so schnell Feinde geschaffen? Oder waren sie einfach nur zufällig auf der Lichtung gewesen und nun auf ein Vergnügen mit ihr aus? Oder wollten sie sie rauben, wie die Männer in Jorvik? Waren es gar Männer aus jenem Dorf?

Eines stellte sie eindeutig fest. Sie kamen weitaus schneller vorwärts als sie. Ihnen schien der tiefe Schnee weniger Schwierigkeiten zu bereiten als ihr. Sie wagte nicht mehr hinter sich zu blicken. Zu sehr fürchtete sie, damit wieder den Abstand zu verkürzen. Sie hatte sich längst verlaufen, lief nur noch ungefähr in die Richtung, die sie für die richtige hielt. Die Sonne war in ihrem Rücken, sie musste irgendwann dem Dorf wieder nahekommen. Das Schnaufen der beiden riesigen Nordmänner hallte bis zu ihr, sie wollte wimmern, vor Angst um Hilfe rufen, doch sie konnte nicht, sie musste weiterlaufen, erreichte schließlich dichteren Wald. Der Schnee lag nicht ganz so hoch, an weiten Stellen sah sie blanken Waldboden, mit Nadeln übersäht, die ihre Schritte schluckten. Hier konnte sie wieder etwas Abstand gewinnen, da es ihr leichter fiel unter den tief hängenden Zweigen und Ästen hindurch zulaufen. Die Riesen hatten mehr Schwierigkeiten.

Sie wischte sich geschwind die Tränen und den Schweiß von den Augen, überlegte ob sie nur für einen Moment stehen bleiben konnte, um Luft zu holen.

Als sie den nächsten Baum im Laufen passierte, lief sie genau in einen Arm, der sie hinter den Baum zog. Eine Hand legte sich auf ihren Mund, der Arm drückte sie an die Person, sie fühlte das Kratzen eines Bartes an ihrem Ohr.

»Verflucht seiest du, Nixe, für diese Unüberlegtheit.«

Wulf nahm die Hand von ihrem Mund, als sie ihn erkannte, ließ sie zu Luft kommen. Sie musste schon eine Weile verfolgt worden sein. Sie war völlig außer Atem, er fühlte ihre Rippen allzu deutlich bei jedem ihrer Atemstöße.

»Kein Wort, Nixe«, zischte er in ihr Ohr, »tu nur, was ich sage.«

Sie hatte sich vor Angst in den Arm gekrallt, der sie umschlungen hielt. Wie von Sinnen klammerte sie sich nun an seiner Hand fest und nickte heftig.

Wulf dankte ihr innerlich für ihr Vertrauen. Es würde es einfacher machen, hier heil herauszukommen.

Er lauschte kurz den beiden Männern aus dem Westdorf. Sie hatten ihre Beute verloren, unterhielten sich scheinbar in einiger Entfernung, berieten, wie sie weiter verfahren sollten. Sie würden auf keinen Fall aufgeben. Eine solch günstige Gelegenheit bot sich ihnen selten. Kaum verirrte sich dieser Tage eine Maid in die Wälder um das Westdorf. Sie alle wussten um die Gefahr hier und die Gier der Männer im Westdorf, denen Frauen fehlten.

Wulf überlegte kurz. Er hatte eine Axt dabei, ansonsten nichts, was als Waffe dienen konnte. Er wollte sie nicht umbringen, nur musste er zumindest einen von ihnen so verletzen, dass der andere aufgeben würde. Er tötete keinen von denen. Gut möglich, dass es Männer waren, mit denen er aufgewachsen war. Für ihn waren sie keine Feinde, nur Männer, denen ein guter Führer fehlte, die unter falschem Einfluss standen und verzweifelt waren.

Er riskierte einen Blick zurück, Robyn passte sich der Bewegung an, harrte abwartend. Sie wusste, er überlegte sich die beste Taktik. Dann, als die Stimmen der beiden Männer verstummten und sie sich scheinbar trennten, um einen größeren Radius bei der Suche nach ihr abdecken zu können, lehnte er sich wieder nahe zu ihr.

»Lauf nach links, Nixe, in dieser Richtung liegt das Haus. Lass dich nicht abschrecken, du wirst ziemlich genau in die Arme des einen laufen, aber bis dahin hoffe ich, den anderen schon so erwischt zu haben, dass er umdreht, um ihm zu Hilfe zu kommen. Verstanden?«

Sie nickte, holte tief Luft, straffte sich.

»Dummes, kluges Mädchen.«

Er lockerte den Griff um sie, ließ sie laufen und hörte im selben Moment das Geschrei der beiden Männer, die sich wieder an ihre Fersen hefteten. Nicht lang und er konnte sehen, wie Robyn einen Haken schlug, um dem sich nähernden Riesen zu entwischen. Sie hatte ihm ohne zu hadern vertraut.

Wulf verbannte den Gedanken, dass sie einen sehr wunden Punkt in seinem Leben darstellen würde, für den Augenblick. Die Tatsache dessen war so schnell und heftig innerhalb nicht einmal eines Tages über ihn gekommen, dass er zweifelte, ob er jemals herausfand, warum dem so war. Derartige Gefühle für eine Frau hatten ihn bisher nur einmal in seinem Leben ergriffen und sie waren genauso unerklärlich gewesen wie jetzt.

Der zweite Nordmann passierte ihn in nur kurzer Entfernung. Wulf musste ihm nicht lange nachjagen, einige Schritte und er warf den Nordmann von hinten zu Boden, ohne dass dieser ihn vorher gehört oder gesehen hatte. Zuerst versuchte er, den Nordmann ohne die Axt bewusstlos zu schlagen. Mit einem dumpfen Aufprall landeten sie in dem Gemisch aus Nadeln und Schnee. Der Überraschte drehte sich auf den Rücken, um zur Gegenwehr überzugehen. Keiner von beiden konnte den Arm oder das Handgelenk des anderen packen. Als es geschah, wälzten sie sich über den Boden und drehten sich bis sie vor einen Baumstamm stießen. Schnee rieselte auf sie, Der Nordmann prustete die angehaltene Luft heraus, schwang sich auf und wollte Wulf von sich stoßen. Doch Wulf duckte sich unter ihm hindurch, sprang ein Stück entfernt auf, nur um wieder auf den Anderen loszugehen. Sie stießen mit der Wucht zweier Hünen aufeinander, rangen wiederum, doch keiner der beiden unterlag der Kraft des anderen. Schließlich stießen sie sich voneinander ab und blickten sich in die Augen. Es gebrauchte keiner Worte. Sie akzeptierten die Stärke des anderen, das Durchhaltevermögen. Beide nahmen ihre Axt vom Gürtel. Vielleicht würde diese Waffe eine Entscheidung bringen.

5.

Robyn rechnete damit, dass der Nordmann sie bald eingeholt haben würde. Und nichts, was sie an ihren Marsch hierher erinnerte, kam in Sicht. Der Wald sah noch immer gleich aus, keine Laubbäume erschienen, nur Nadelbäume, Kiefern, Tannen, Fichten, aber keine Eiche, wie in der Nähe des Hauses.

Sie hechtete über das wenige Unterholz, duckte sich unter tiefhängenden Ästen hindurch, aber der Nordmann hatte die bessere Kondition.

Dann plötzlich krachte etwas in weiter Ferne. Metall schlug auf Metall. Zum ersten Mal meinte Robyn, den Abstand vergrößern zu können. Vielleicht würde Wulfs Taktik doch aufgehen. Aber mit einem hatte sie nicht gerechnet.

Wie versteinert blieb sie plötzlich stehen. Zitternd drehte sie sich um. Ihr Verfolger lief zurück. Er würde seinem Kameraden zu Hilfe eilen. Und Wulf würde es mit zwei Gegnern zu tun bekommen.

Sie hörte ihren eigenen Atem rasseln, die Wolken vernebelten ihre Sicht. Fast hätte sie den Nordmann aus den Augen verloren. Sie hatte keine Zeit um nachzudenken. Sie tat, was sie in diesem Moment für richtig hielt.

Sie hastete dem Nordmann hinterher, in ihrer Verzweiflung musste sie für einige Augenblicke fast hysterisch dabei wimmern. Nun verfolgte sie den Nordmann.

Die Metallstöße waren nicht verklungen, sie hörte sie in regelmäßigen Abständen, je näher sie ihnen kam, in sich verkürzenden Abständen. Sie wusste nicht, was sie tun würde, wenn sie Wulf erreichte. Es erschien ihr Wahnsinn zu denken, sie könnte ihm eine Hilfe sein. Aber weiterlaufen und ihn hierzulassen, diese Wahl hatte es nicht gegeben. Er war hierhergekommen, um sie zu suchen. Zu retten. Schon wieder.

Robyn machte die drei Silhouetten aus, die sich in unmissverständlichen Bewegungen maßen. Wulfs Schläge mit der Axt schienen ihr weitaus treffsicherer, doch er würde sich nicht lang gegen zwei andere Äxte behaupten können. Wut stieg in ihr auf. Ehre hätte es dem anderen geboten, nicht einzugreifen. Doch scheinbar war deren Wut über die verpasste Beute größer gewesen.

Sie schlug erneut einen Haken, um sich dem einen Nordmann von hinten nähern zu können. Die Konzentration der Männer lag ganz und gar beim Kampf, so dass ihr Auftauchen erst bemerkt wurde, als es zu spät war. Wulf traute seinen Augen nicht, als er sie aus dem Unterholz auf den einen der Nordmänner zuspringen sah.

»Robyn, nicht!« Doch seine entsetzten Worte konnten sie nicht mehr aufhalten. Ohne jeden Plansprang sie mit einem Satz los umklammerte den Hals des einen. Dieser ließ augenblicklich die Axt fallen, um sich der unerwarteten Last zu entledigen. Doch Robyn krallte sich mit aller Macht an ihm fest, ließ dumpf aufschreiend seine Faustschläge an ihren Seiten zu und versuchte mit ihren Beinen seinen Leib zu umschlingen, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die Metallschläge erklangen indes weiter, diesmal meinte Robyn noch schneller, noch heftiger als zuvor.

Als sie merkte, dass sie dem stämmigen Nordmann die Luft nicht abdrehen konnte, da ihre Kraft nicht ausreichte, griff sie ihm stattdessen in die Haare. Sie zog daran, spürte wie sie sich von der Kopfhaut lösten, zerrte umso mehr an ihnen. Der Nordmann, der sie noch immer mit den Fäusten bearbeitete, schrie mit einem Mal los und schritt rückwärts. Für einen Moment glaubte Robyn, er würde endlich das Gleichgewicht verlieren, doch mit der Wucht des Aufpralls, der daraufhin folgte, zerstörte sich ihre Hoffnung. Der Stumpf, der aus einem Baumstamm herausragte, bohrte sich tief in das weiche Fleisch oberhalb ihrer Hüfte. Sie konnte nicht einmal schreien, der Schmerz raubte ihr die Stimme. Sie biss sich auf die Lippe. Wie ein Stein fiel sie zu Boden, spuckte ihr Blut aus, fing Wulfs Blick auf, folgte ihm. Ihre Hand berührte ein bearbeitetes Holzstück. Den Griff einer Axt. Sie schloss die Augen, unterdrückte den Schmerz, umfasste im selben Atemzug den Griff und holte aus, ohne zu sehen, wohin sie schlug. Der Nordmann war viel zu überrascht, um der Schneide auszuweichen. Robyn durchschnitt seinen Unterschenkel mit all der Kraft, die ihr Wulfs Blick noch hatte geben können. Sie rollte weg, um nicht von ihm begraben zu werden. Das Blut spritzte aus dem Bein, der Nordmann stöhnte auf, als er auf die Erde sank. Der Andere warf einen unsicheren Blick auf Wulf.

Robyn verlor keine Zeit, als sie sah, dass Wulf und der andere den Kampf abbrachen. Sie wartete nicht erst, dass Wulf ihr beim Aufstehen half. Sie hievte sich gekrümmt auf, fasste Wulfs Hand, der sie erbarmungslos durch den Wald zog. Die Unsicherheit der beiden Nordmänner hatte sie wahrscheinlich vor schlimmerem bewahrt.

6.

Der Lauf erschien Robyn endlos. Sie dachte an die beiden Nordmänner, fragte sich, warum sie den Kampf fast einhellig, wenngleich unsicher, beendet hatten. Wulf hatte nicht töten wollen. Dies schien ihr sicher. Kannte er die Männer vielleicht? Von früher? Aus vergangenen Zeiten, als sie alle noch ein Reich gewesen waren? Warum hatten sie sie rauben wollen? Um dem anderen Reich ihre Überlegenheit zu zeigen? Um es zu reizen? Herauszufordern?

Ihr Kopf schmerzte. Es gab so vieles, was sie nicht verstand. Doch die Folgen dessen, was heute passiert war, ließen sie daran zweifeln, ob sie den Mut aufbringen würde, Wulf in nächster Zeit danach zu fragen. Er ging in einigem Abstand vor ihr, versicherte sich aber fortwährend ihres Zustandes, indem er einen Blick über sie gleiten ließ. Sie wusste, er würde sehr wütend auf sie sein. Sie fürchtete sich vor der Rückkehr ins Haus. Ihre Ahnungslosigkeit hatte sie heute weit mehr kosten können als ein paar Schürfwunden. Wenngleich Robyn den Aufprall am Baumstamm weniger leicht abtun konnte, als sie zugab. Die Bewegung hatte bisher verhindert, dass sie den Schmerz allzu sehr spüren konnte. Später jedoch würde er sich einstellen.

Da sah sie das Haus vor sich auftauchen. War dankbar dafür. Die Furcht vor Wulfs Zorn verschwand für den Moment. Sie folgte Wulf hinein, entledigte sich gespielt geschäftig der Sachen, die sie in der Nähe des Feuers zum Trocknen hängte. Wulf tat es ihr gleich, doch seine Wut ließ nicht lang auf sich warten.

»Was hast du dir dabei gedacht!«, blaffte er sie an. »Ich hatte gesagt, du sollst dich im Haus umsehen ... im Haus, verstehst du! Bei allen Göttern, wie konntest du nur dort hinausgehen? Nicht ins Dorf, wo Menschen sind ... nein, die Angelsächsin gibt sich nicht mit nordischem Gesindel ab, geht im Wald spazieren ...«

»Ihr seid kein Gesindel ...«, wehrte sie sich.

»Was?«

Sie drehte sich zu ihm.

»Ich sagte, ihr seid kein Gesindel.«

Die angelsächsischen Worte klangen in Wulfs Ohren für den Moment wie ein Hohn. Er fuhr in seiner eigenen Zunge fort.

»Wieso bist du in den Wald gegangen? Warum nicht dorthin, wo Menschen sind? In den Wald! Auch noch in den westlichen Wald! Du musst verrückt gewesen sein ...«

»Ich-ich wollte doch nur nach Kräutern suchen ...«

»Im Schnee? Bei verfluchter klirrender Kälte ...« Wulf schien sie wirklich für nicht ganz klar im Kopf zu halten. Sie wollte ihm erklären, dass das nicht stimmte.

»Ich meine, ich wollte mich nur einmal umsehen. Für das Frühjahr, dann kann ich dort Kräuter sammeln ...«

Wulf kam auf sie zu, packte ihre Schultern.

»Wag es nicht noch einmal, einen Fuß in diesen Wald zu setzen. Wag es nicht, hörst du?«

Robyn schüttelte eingeschüchtert den Kopf, biss sich auf die blutige Lippe.

»Ich verspreche es, wenn es dein Wunsch ist.« Ihre Stimme war nicht lauter als ein Flüstern.

»Wag es nicht«, wiederholte er nochmals, etwas ruhiger, doch nach wie vor drohend.

»Nein ...« Ihre Stimme versagte endgültig. Er ließ von ihr ab.

»Mach uns etwas zu essen. Ich habe uns Fisch gefangen.« Wulf setzte sich, betrachtete sie vom Feuer aus kurz. Sie hatte verstanden, er hatte ihr genug Angst gemacht. Angst war eine nicht zu unterschätzende Waffe. Nach heute würde sie sich vom Wald fernhalten. Bis in alle Ewigkeit. Noch einige Augenblicke stand sie dort, starrte ins Leere, dann rührte sie sich, wandte sich dem Fisch zu und den anderen Sachen, die Wulf bei den Schiffsbauern eingetauscht hatte. Erst jetzt, da sein Blick zurück zum Feuer ging, fiel ihm die Veränderung im Haus auf. Sie war nicht untätig gewesen.

Der zerborstene Tisch stand an der hinteren Wand und wartete darauf von ihm repariert zu werden. Sie hatte sich Geschirr zusammengesucht, Teller, Becher, in zweifacher Ausführung, einige Töpfe und Platten. In einer Ecke sammelte sie in einem Korb schmutzige Wäsche, daneben lag Seife, außerdem hatte sie in einer Kiste eine Kräuteressenz gefunden, die Dora für ihr Haar benutzt hatte. Es gab noch einige Dinge von ihr hier, und Wulf wusste ganz plötzlich, woran ihn der Geruch ihres Haares vorhin, als er sie im Wald gefunden hatte, erinnert hatte. An seine erste Frau. Und doch roch sie damit anders. Ihr Haar war fülliger, weicher, das Haar einer Frau, die es seit langer Zeit sorgfältig pflegte, ohne selbstgefällig zu sein. Robyn hatte draußen Hosen, eine Tunika und einen Umhang getragen, keine langen Gewänder wie es Dora grundsätzlich getan hatte. Sie wäre nie in den Wald gegangen, um nach Kräutern zu suchen. Das hatte sie andere machen lassen.

Um das Lager hatte sie die Felle verteilt, die Arnulf für ihn hiergelassen hatte. Seine Sachen hatte sie in der Kiste verstaut, die beiden darauf liegenden Bücher studiert. Er konnte es sehen, er wusste, sie hatte sie angesehen. Seine erste Frau, wenngleich aus einer adligen Familie, hatte weder lesen noch schreiben können. Mit ihr jedoch würde er über Bücher reden können. Sie musste einer höher stehenden Familie entstammen, sonst hätte man ihr nie gestattet, lesen zu lernen. Sie kannte sich offensichtlich mit Kräutern aus. Ob sie ein Kloster besucht hatte?

Der Geruch von gutem, heißen Wein mit Wacholderbeeren stieg in seine Nase. Sie reichte ihm einen Becher. Er nahm ihn wortlos entgegen. Der Wein senkte sich wie auch das Feuer wohlwollend auf sein erzürntes Gemüt. Wenig später nahm er einen weiteren Geruch wahr. Der Fisch röstete am Feuer, während Robyn einige getrocknete Beeren in Honig erwärmte.

Wer hatte sie gelehrt zu kochen? Nonnen? Dazu tat sie all dies zu lässig, zu unverkrampft. Es schien ihm, dass sie für jemanden gesorgt hatte. Einen Mann?

Seine Augen folgten ihren Bewegungen, während sie den Fisch aufschnitt, die besten Stücke auf einen Teller legte, die Honigsoße mit den herben Beeren darüber goss und ein Stück Brot die Soße darauf aufsaugen ließ. Sie schmeckte ein letztes Mal die Soße ab, in dem sie ihre Finger ableckte. Es fand ihre Zustimmung, denn erst dann reichte sie Wulf den Teller.

Das Essen mundete vorzüglich. Er hegte keinen Zweifel daran, dass sie sich in dieser Weise vorher um jemanden gekümmert hatte. Nur um wen?

Sie starrte gedankenverloren in die Glut des Feuers und schob ab und an ein Stück Fisch in ihren Mund. An wen dachte sie in diesem Moment?

Er stellte den Teller beiseite, nahm sich ein Stück Holz von den Resten des Tisches und begann am Feuer zu schnitzen. Sie ging derweil hinaus, um das Geschirr zu waschen. Als sie wiederkam, erkannte sie bereits die groben Formen eines Hammers an dem Stück Holz, das Wulf bearbeitete. Sie schenkte Wulf nochmals von dem Wein ein, legte dann die inzwischen trockenen Sachen zusammen, doch nicht etwa für den morgigen Tag. Sie landeten bei der schmutzigen Wäsche. Sie suchte frische Kleidung für ihn heraus, legte sie auf die Kiste und sah die Kleider durch, die Annija ihr mitgegeben hatte. Dabei fiel ihr Blick auf die Axt, die er vorhin abgelegt hatte. Wulf hatte sie auf dem Marsch zurück im Schnee sorgfältig gereinigt. Das Blut daran war verschwunden. Ihr Finger glitt an der Klinge entlang, sie konnte noch immer fühlen, wie sie durch den Unterschenkel des Mannes gefahren war.

»Es tut mir leid, Wulf«, sagte sie leise, worauf er das Schnitzen unterbrach, »ich wollte nichts Böses. Es war dumm von mir, doch ich dachte, wenn ich mich etwas umschaue, kann ich im Frühjahr und Sommer leichter Kräuter finden und kann sie trocknen und später verwenden. Ich habe nicht geglaubt, dass ich mich und auch dich dadurch in Gefahr bringen könnte.«

Er war hinter sie getreten, beobachtete ihre Hand auf der glänzenden Klinge der Axt.

»Eine gefährliche Waffe, Nixe«, sagte er. Kein Funken Zorn war in seiner Stimme zurückgeblieben, er hatte ihr verziehen. »Keine Waffe für eine Frau,« Er umfasste ihr Handgelenk und tastete die Muskeln daran ab, »auch wenn du sie vorhin äußerst geschickt geführt hast...«

Seine Nähe ließ Robyn merkwürdig nervös werden. Schon einmal hatte ein Mann, ein Nordmann, so hinter ihr gestanden, sie berührt. Andere Männer hatten sich um sie bemüht, aber niemanden hatte sie je wieder so nah an sich herangelassen. Ihre seltsame Zuneigung zu Wulf hatte sie bisher nicht vor ihm zurückschrecken lassen. Bis auf einmal. Ihre Lippen gehörten diesem einen Nordmann in ihrer Vergangenheit. Und sie würde nicht bereit sein, sie einem anderen zu schenken. Auch nicht Wulf.

»Unsere Frauen erlernen den Gebrauch einer Waffe«, meinte Wulf, »es ist wichtig, zuviel Streit und Unmut herrscht zuweilen unter den nordischen Völkern. Bis vor vielen Jahren war das hier nicht so. Die Frauen konnten ein unbeschwertes Leben auch ohne Waffen führen. Doch jetzt nicht mehr.«

Robyn neigte ihren Kopf etwas, als er nicht weiterredete. Wulf sah die sich leicht kräuselnden Haare in ihrem Nacken. Er konnte nicht anders, als seine Lippen darauf zu senken. Sie zuckte zusammen, ließ aber auch die Axt los. Er umfasste ihre Hand, drückte sie mit seiner eigenen an ihren Körper.

»Ich sollte dir beibringen, eine Waffe zu gebrauchen«, murmelte er in ihren Hals. Seine Lippen wanderten hinauf, verweilten unterhalb ihres Ohres. »Was macht deine Verletzung, Nixe?« »Es-es geht, sehr gut so-sogar ...«, stammelte sie. Darauf hatte Wulf gehofft. Robyn schnappte hilflos nach Luft, als er ihr Ohr küsste, vorsichtig, doch mit nicht zu unterschätzender Absicht. Sie fühlte sich wiederum genau beobachtet. Er testete, wie weit er gehen konnte. Und sie wusste, er würde es jeden weiteren Tag ergründen.

»Nixe«, hauchte er in ihr Ohr. »Deine Handgelenke, so zart sie sind, könnten eine Axt führen. Ich überlasse dir die Wahl. Ich kann dich auch den Umgang mit einem Bogen lehren oder den mit einer Lanze.«

»Hältst du das für nötig?« Sie wollte ihre Stimme so normal wie möglich klingen lassen, doch bemerkte wie anders ihre Stimme klang, während er sie küsste. Jeder Herzschlag schien darin mitzuschwingen.

»In Anbetracht dessen, dass mein Bruder ein Auge auf dich geworfen hat und da wir in ständigem Streit mit den anderen Dörfern hier liegen, halte ich es für eine gute Idee.«

»Dein Bruder würde es nicht wagen ...« Sie sprach nicht zu Ende.

»Du hast ihn selbst erlebt. Nicht einmal die Anwesenheit unseres Vaters, geschweige denn die meinige, hat ihn abgehalten, dir nachzustellen.«

Wulf bemerkte ihre Veränderung, während sie von Harold sprachen. Nichts von ihrer Anschmiegsamkeit war geblieben. Sie stand stocksteif da, und eine Kälte kroch ihre Haut hinauf, die Wulf ahnen ließ, dass sie in keiner Weise schuld an Harolds Treiben war.

»Ich werde noch einmal nach Sleip sehen.« Er ließ von ihr ab.

Robyn stand noch eine Weile unschlüssig da und betrachtete die Axt. Sie war sich nicht sicher, ob es eine gute Idee war, doch sie glaubte Wulf und vertraute seinem Urteil. Sie strich über ihren Hals und fühlte der Spur seiner Lippen nach. Sein Annähern bereitete ihr Angst und Genuss zugleich. Für einen kurzen Augenblick ergriff ihre Angst davor die Oberhand. Sie schlug ihre Hände vor das Gesicht, um nicht aufzuschluchzen. Sie wollte ihm keinesfalls ihre Schwäche zeigen. Niemand durfte sie so sehen. Sie presste ihre Augen zu, ließ den Schmerz der Wunden, die der Nordmann verursacht hatte, zu, damit er sie ablenkte von dem Gedanken an den einen Nordmann, dem sie vor langer Zeit mehr als nur einen Kuss geschenkt hatte.

Robyn fasste sich schnell, auch aufgrund der Schmerzen. Sie zog sich aus und spürte wie wenig sie sich noch bewegen konnte. Die Wunde über der Hüfte pochte wie ein Amboss unter den Schlägen eines Hammers. Da die Wunde nicht nässte, streifte sie die Tunika darüber. Sehen konnte sie sie nicht.. Sie musste sich selbst den Mund dabei zu halten, um nicht zu wimmern wie ein Kind. Sie holte sich zwei Decken und ließ sich am Feuer auf der kleinen Bank nieder. Sie ächzte leise, ehe sie eine bequeme Position gefunden hatte.

Wulf kam wenig später von draußen herein. Er hatte sich noch etwas umgesehen, aber es blieb ruhig, so dass er annehmen musste, dass die beiden Nordmänner es nicht gewagt hatten, Verstärkung zu holen, um sie weiter zu verfolgen. Doch irgendwann, befürchtete Wulf, würden sie auch die Wachen nicht mehr abhalten, Frauen aus den anderen Dörfern zu rauben. Die Schiffsbauer aus dem Westdorf berichteten von mehr und mehr Männern, die in den Wäldern umherzogen, immer auf der Suche nach einer Frau, die Reisig sammelte oder im Sommer Beeren. Wie lange die Einigkeit unter den Schiffsbauer unter den gegebenen Umständen noch Bestand hatte, wusste Wulf nicht. Bis jetzt hatten sie sich aus all dem heraushalten können. Aber wie lange noch würde das ohne Vorwürfe möglich sein? Wie lange, bevor einer der Schiffsbauer selbst betroffen war?

Etwas von seinem Groll kehrte zurück, als er sie auf der Bank vor dem Feuer liegen sah. Ob es ihr gefiel oder nicht, ihre Ehe vollzogen war oder nicht, ihr Platz war neben ihm auf dem Lager. Er legte seinen Umhang ab, zog seine Stiefel unwillig aus, ging zu ihr, um sich zu ihr herabzubeugen.

»Dies ist nicht der Platz einer Ehefrau«, sagte er, während sie ihn leicht schlaftrunken ansah, und zog die beiden Decken weg. Er fasste unter ihre Knie und ihren Oberkörper und hob sie hoch. Sie fuhr zusammen.

»Wulf, nein ...« Sie krümmte sich in seinen Armen vor Schmerz, wischte sich aber gleichzeitig wütend eine Träne fort.

»Was...« Wulf setzte seine Frage nicht fort. Er erinnerte sich an den Kampf mit dem Nordmann und legte sie auf das Lager, wo sie sich selbst schnell auf den Bauch drehte, um ihren Rücken etwas zu beugen.

»Wulf, nein«, protestierte sie erneut, als er ohne Zögern ihre Tunika nach oben schob.

»Nichts, was deine Liebhaber nicht schon gesehen haben, Nixe«, meinte er spöttisch. Er blieb jedoch für den Moment unempfindlich für ihre nackten Beine und den Rest, der sich ihm zeigte. Sein Blick blieb an dem faustgroßen, schwarzen Bluterguss über ihrer Hüfte hängen.

»Der Baumstamm, nicht wahr?«

Robyn spürte seine Hand den Erguss umkreisen. Sie nickte in ihre aufgestützten Arme.

»Nixe, du hättest etwas sagen können«, meinte er.

»Es macht nichts«, murmelte sie in den Hemdsärmel hinein.

Ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Seine Frau war stark und er schätzte das an ihr.

Erst jetzt gestattete er sich, sie von oben bis unten anzublicken und genoss, was er sah. Mit Ausnahme der unschönen Wunde und der anderen dunklen Flecken, die zeigten, wo ihr Körper die Faustschläge des Mannes abgekommen hatte. Es war besser, dass sie das Lächeln nicht bemerkte. Es hätte sie zu diesem Zeitpunkt vielleicht erschreckt, wie viel ehrliche Zuneigung sich darin widerspiegelte. Sie beide waren noch nicht bereit dafür.

»Der Erguss ist nur in der Mitte etwas aufgeschürft. Soll ich die Salbe von Annija darauf tun?«

Robyn überlegte kurz. Annija war die Frau mit den Zauberhänden. Ob er sie an ihrem ersten Abend besucht hatte?

Ihr war nie in den Sinn gekommen, dass er vielleicht eine andere Frau hatte. Eine Frau, die er vielleicht begehrte.

Sie nickte schließlich und ließ ihn die Salbe auftragen. Sie biss in den Hemdsärmel, obwohl Wulf sehr vorsichtig handelte. Dann wartete er, bis die Salbe eingezogen war, und schob ihre Tunika langsam und nicht ohne Hintergedanken wieder nach unten. Er rückte näher zu ihr, wartete diesmal darauf, dass sie den Blick zu ihm hob. Seine Hand verweilte ungehindert auf ihrem Oberschenkel, wo die Tunika endete, als sie es tat.

»Annija ist die Frau meines sehr gutes Freundes Arnulf«, zischte er boshaft lächelnd.

Robyn fühlte sich ertappt, errötete leicht.

»Verzeih, es steht mir nicht zu, über dich zu urteilen«, meinte sie. Daraufhin schob seine Hand den Stoff der Tunika einfach weg, um ihre Haut darunter zu berühren.

»Wulf ...«

»Schscht, Nixe ..., mir steht es nicht nach Untreue. Es widerspricht dem, woran ich glaube, wenngleich dir das vielleicht fremd erscheinen wird. Auch wenn du hier unter Zwang neben mir liegst, heißt das nicht, dass ich dich nicht mit Achtung berühre oder nicht anerkenne, dass du im Wald heute zu mir zurückkamst, um mir beizustehen ... ich werde das nicht vergessen, Nixe.«

Er ließ von ihr ab, rückte jedoch nicht von ihrer Seite. Robyn sah, dass sein Gesicht wieder ernst geworden war.

»Geh nie wieder in den westlichen Wald, Robyn, nie wieder.« Der Klang ihres Namens aus seinem Mund erinnerte sie an den Kampf im Wald. Er hatte sie dort bei ihrem Namen genannt, genau wie jetzt, denn was er zu sagen hatte, war ihm mehr als wichtig.

»Jene Männer, die dich aus Jorvik raubten, versuchten dich auch heute wieder zu rauben.«

»Die aus dem ...« sie überlegte kurz, »Westdorf?«

»Ja«, antwortete er, »sie gehen auf Beutezug hier und in Angelsachsen, im Frankenreich, überall. Sie brauchen Frauen, denn sie haben nicht genug. Als sich unser Reich damals spaltete, blieb die Mehrzahl hier in unserem Dorf und im Süddorf, wo Arnulf lebt.«

Robyn sah ihn an, wägte ab. Er schien bereit, ihr mehr zu erzählen. Sie drehte sich etwas zu ihm. Er legte den Kopf in seinen aufgestützten Arm und genoss die Nähe zu ihr. Etwas von der Anspannung des Nachmittages schwand.

»Frag schon, Nixe. Ich sehe dir an, dass du gern mehr wissen möchtest. Du weißt, ich stehe zu meinem Wort. Also hör nicht auf zu fragen.«

»Hat-hat Eilaf deine richtigen Eltern umgebracht?«

Diese Frage hatte er nicht erwartet. Einige Atemzüge verstrichen, ließen ihn sicher wieder entspannen. Er ließ ihre Gedanken und ihre offenbarte Fürsorge wirken.

»Das Feuer, in dem sie umkamen, legten seine Häscher. So, ja und nein. Obwohl ich ihm letztlich bis heute die Schuld daran gebe.«

»Aber das ist nicht der Grund, warum ihr einander nicht versteht?«

»Kluges, feinfühliges Mädchen! Nein. Im Krieg geschehen Dinge und wir können nicht absehen, inwieweit sie uns treffen. Doch Eilaf führte einen Bruderkrieg, der uns alle ins Unglück stürzte, nicht nur mich, sondern mein ganzes Volk.«

»Warum tötete Eilaf seine eigenen Leute? Deine Eltern?«

»Eilaf ist ein herrschsüchtiger Mann. Er wollte den Thron und damit den Anspruch auf die zwei Dörfer und ein paar andere Siedlungen in der Umgebung. Kein großes Reich, aber groß genug für den Titel eines Königs und die Vorteile, die damit einhergehen.«

»Vorteile? Ist es ein Vorteil, König zu sein?«

Wulf musste wiederum lächeln. Er strich sanft über die Wange seiner Frau.

»Ich sehe, du hast noch niemals von der Frucht der Macht gekostet, Nixe. Sie ist süß und verspricht noch mehr Süße, je länger man von ihr isst. Sie verleitet Menschen dazu, andere Menschen zu hassen und ihnen zu nehmen, was ihnen rechtmäßig nicht gehört. Eilaf sah seine Möglichkeit, nachdem die beiden Kinder seines Bruders tot waren. Wiglifs Ansprüche waren dadurch geschwächt. Wer würde den Thron nach Wiglif bekommen?«

»Aber wäre das nicht Eilaf gewesen? Oder gab es keine anderen Anwärter?«

»Nein, gab es nicht. Aber Wiglif konnte noch immer Kinder zeugen, obwohl seine Frau im Kindsbett verstorben war. Eilaf wollte dieses Risiko nicht eingehen. Er holte sich den Thron und wurde von den Konsequenzen selbst überrascht. Niemand kann genau sagen, wie ein Kampf ausgeht. Doch Eilaf muss sehr überrascht gewesen sein, was den Ausgang seines Kampfes anbelangt.«

»Nicht alle folgten ihm«, erriet Robyn.

»Nein, ganz im Gegenteil. Ein Großteil wandte sich von Eilaf als auch von Wiglif ab. Sie waren die Streitereien und später die Kämpfe zwischen den Brüdern müde. Sie gründeten ein neues Dorf.«

»Deine Eltern waren dabei?«

»Ja, und es wurde ihnen und meinen Geschwistern zum Verhängnis. Es gab Überfälle auf das Dorf, immer und immer wieder versuchten beide Seiten, das Süddorf und jene umliegenden Gehöfte, die sich zu diesem Dorf rechneten, zurückzuerobern. So brannte das Haus meiner Eltern nieder, meine Eltern, meine Brüder und meine Schwester kamen um. Nur ich nicht. Und Eilaf, der bei diesem Überfall zugegen war, nahm mich zu sich.«

»Und Wiglif?«

»Ist bis heute verbittert über den Verrat seines Bruders, schart seine Leute um sich und hat doch nicht verhindern können, dass sich in seinen eigenen Reihen zwei Lager gebildet haben.«

»Glaubst du ...« Robyn versuchte, die Frage richtig zu formulieren. »Glaubst du, es wird ... Krieg geben zwischen den Lagern und dann euch?«

»Eine schwierige Frage.« Wulf drehte sich auf den Rücken, doch Robyn ließ sich nicht abschütteln. Diesmal rückte sie umständlich an ihn heran, legte eine Hand auf sein Hemd und umfasste es, um sich über ihn beugen zu können.

»Glaubst du, es wird zwischen euch Krieg geben?«

Wulf zog die Augenbrauen zusammen, während er in ihre Augen sah.

»Sag du es mir, Robyn! Du hast meinen Vater gesehen, meine Brüder! Was sagt jemand, der außenstehend ist wie du?«

Robyn dachte nach. Er fragte sie, weil er selbst unsicher war. Vielleicht weil er nicht wahrhaben wollte, dass es wieder passierte.

»Ich mag deinen Vater nicht«, sagte sie dann. »Er ist ein schlechter Mensch, ob mit Harold als Berater oder nicht.«

»Wieso sagst du das?«

Robyn trennte ihren Blick von ihrer Hand auf seinem Hemd.

»Kein Vater sieht seinen Sohn so an, wenn er ihn seit so vielen Monaten und Jahren nicht gesehen hat, Wulf. Kein Vater tut das! Mein Vater, würde er mich wiedersehen, wäre dies seine Glücksseligkeit. Er wäre außer sich vor Freude. Deines Vaters Augen waren kalt, als er dich ansah. Wulf, ich denke, dein Vater ist nur an Macht interessiert und wird bis zum Äußersten gehen, so er denn die Gefahr einmal erkannt hat. Und dein Bruder Harold? Er wird sich sein Erbe nicht streitig machen lassen. Wenn er etwas haben will, kriegt er es ...« Sie schnappte nach Luft, begriff erst jetzt, was sie gesagt hatte.

Wulf sah auf die Hand, die noch immer auf ihm lag und umschloss sie mit seiner eigenen.

»Sollte es zum Äußersten kommen ... er wird nicht alles bekommen, nicht alles«, sagte er mit Nachdruck.

Sie schwiegen kurz, hingen dem Gesagten nach.

»Dein Vater«, fragte Wulf dann, »ist er ein guter Mann?«

Zum ersten Mal sah Wulf Tränen in ihren Augen aufsteigen. Tränen, die sie abermals nicht zuließ. Sie sah kurz weg, beruhigte ihren Atem.

»Bereust du hier zu sein und nicht im Meer?«

Sie blickte ihn wieder an. Sicherheit war in ihr Gesicht zurückgekehrt.

»Ich habe angenommen, wozu du mir die Chance gabst. Ich tat es, seitdem ich Fuß in deine Heimat setzte. Es-es ist schwer, aber ich will ... ich will versuchen dir eine gute Frau zu sein.«

»Dein Vater hat dir beigebracht so zu denken?«

Sie nickte heftig.

»Er hat eine starke Tochter. Und er wird sie sicher irgendwann wiedersehen.«

Robyn sah ihn fragend an.

»Niemand weiß, wie eine Schlacht ausgeht«, entgegnete er.

Sie sagte nichts darauf.

»Glaubst du, du wirst morgen ins Dorf gehen können?«

»Was soll ich tun?«, fragte sie unsicher.

»Ich habe noch zwei Ziegen und ein Schaf bei einer Frau untergestellt. Du könntest sie holen. Keine Angst, es ist nicht weit. Eigentlich nicht einmal im Dorf. Es ist das zweite Haus in Richtung Dorf von hier. Die alte Frau wohnt auch etwas außerhalb. Sie hat sich immer um mein Vieh gekümmert, wenn ich in Byzanz diente.«

»Ich denke, das werde ich schaffen«, antwortete Robyn zuversichtlich.

»Aber nur zu der Frau, kein Wald, kein Dorf«, versicherte er sich nochmals.

»Keine zehn Pferde bringen mich in den Wald. Und das Dorf? Ich glaube, ich bin ihnen zu sehr ein Wassergeist.« Robyn zog sich zurück auf ihre Seite und deckte sich langsam zu, um sich nicht zu viel zu bewegen.

»Mir scheint, du wirst jeden Abend mit einer anderen Verletzung neben mir liegen.« Wulf lachte in sich hinein.

»Mach dich nur lustig. Das nächste Mal sollen die Männer dich dort im Wald zerfleischen.«

»Ah, ich sehe, dein Zynismus kehrt zurück. Dann wird es dir bestimmt bald wieder besser gehen, Nixe.«

Sie brummte etwas in die Decke, doch er verstand es nicht. Aber er ließ in diesem Moment das Gefühl zu, dass ihm eine Frau nach langer Zeit wieder etwas bedeutete.

7.

Robyn stapfte wiederum durch den Schnee, doch diesmal war er nicht knietief, sondern ausgetreten und einfach zu bewältigen. Seitdem sie das erste Haus passiert hatte, war der Weg besser geworden. Scheinbar wurde er öfters von den Dorfbewohnern genutzt. Robyn war froh darüber, denn sie hatte eines von Annijas Gewändern an. Es war etwas zu lang, Annija musste weitaus größer als sie sein. Sie stopfte es fortwährend unter den Gürtel, damit es nicht auf dem Boden schleifte.

Sie hatte es nicht eilig. Gegen Mittag war sie losgegangen. Wulf hatte in der Früh Sleip genommen und war zum Strand geritten. Sie hatte sich weiter im Haus umgesehen und dann entschieden, als die Sonne am höchsten stand, den Weg einzuschlagen, den Wulf ihr beschrieben hatte. Ihre Erinnerung daran war sehr dürftig. Am ersten Abend, als sie ihn mit Wulf geritten war, hatte die Dunkelheit die Welt umhüllt und die Angst und Verwirrung ihr Herz. Jetzt sah sie ihre Umgebung im Sonnenschein. Über den Wipfeln der kahlen Bäume machte sie einige Rauchschwaden aus. Das Dorf lag noch in einiger Entfernung und sie würde es auch nicht wagen, ihm näher als das Haus der alten Frau zu kommen. Sie musste zugeben, dass sie die Abneigung der Dorfbewohner fürchtete. Sie hatte die Ablehnung nicht vergessen können. Die Blicke der Dorfbewohner vor zwei Tagen waren eindeutig gewesen. Misstrauen hatte in den Augen der meisten gestanden, Aberglaube.

Sie wich kurz vom Weg ab, kniete sich an einer lichten Stelle nieder und schob den Schnee beiseite. Während sie grub, dachte sie an Wulf. Er hatte sie nie so angesehen, wachsam, ja, und verständig. Aber nicht mit Argwohn. Er hatte sie ohne Hadern gerettet, seine Treue und Loyalität hatten ihn veranlasst, sie als Frau zu akzeptieren, und ihr durch seine Zuneigung zu zeigen, dass es nicht allein Zwang war, der sie miteinander verband.

Robyn lächelte, als sie den Boden erreichte und Grün darunter fand, kleine sichelförmige Blätter, fast schon vergilbt, aber noch immer zu gebrauchen. So viel sie davon fand, schnitt sie mit ihrem Messer ab und verstaute sie in dem kleinen Beutel, der an ihrem Gürtel hing.

Zwei Tage, dachte sie, zwei Tage war sie hier. Weitere drei, seitdem sie Wulf kannte. Weitere fünf, seit sie ihren Vater das letzte Mal gesehen hatte. Ihre alte Welt schien ihr weit entfernt. Sie hockte im Nordland im Schnee und suchte nach ein paar Kräutern und Heilpflanzen. Was würde Ath dazu sagen? Sie stellte ihn sich vor. Was er im Moment tat. Wo er war. Wer bei ihm war. Etwas wie Erleichterung überkam sie dabei. Er würde wissen, dass sie, falls sie noch am Leben war, ihren Weg weitergehen würde. Für eine kurze Zeit hatte sie ihre Reise anderweitig fortsetzen wollen, doch nun stand sie unter dem Schutz eines klugen und starken Mannes, der sie bisher gut behandelt hatte. Robyn wusste, dass Wulf ein sehr zorniger Mann war. Sie hatte es selbst zu spüren bekommen. Sein Zorn richtete sich nicht gegen sie, sondern gegen seinen Vater, seinen Bruder, sein ignorantes Volk.

Ath! Sie wischte sich über ihre Augen. Ich lebe, und es geht mir gut.

Sie stöhnte leise, als sie sich erhob. Ihr Erguss brannte wie Feuer. Es dauerte einen Moment, bis der Schmerz wieder nachließ. Dann steckte sie die restlichen Blätter in ihren Beutel und lächelte fast über sich selbst.

Es geht mir sehr gut, dachte sie, außer ein paar Kratzern.

Dann jedoch hörte sie Stimmen. Sie brauchte einen Augenblick, ehe sie die Quelle ausmachen konnte. Ihr linkes Ohr ließ sie nach rechts blicken. Aus dem Wald kamen ihr zwei Männer entgegen. Sie stapften durch den höheren Schnee, gingen augenscheinlich dem Weg zu. Robyns Kehle schnürte sich zu, als sie einen der beiden erkannte. Sie presste sich gegen den nächststehenden Baum, zog sich um ihn herum zur Wegseite, damit man sie nicht sehen konnte. Sie hörte ihr Herz schlagen, konnte es in ihren Ohren selbst fühlen. Ihr rechtes Ohr hatte bis zu diesem Moment nicht mehr geschmerzt, aber das Rauschen ihres Blutes ließ es pochen. Robyn beugte sich etwas nach hinten, damit ihre Hüfte nicht zu sehr an den Baumstamm lehnte und sie ihre Wunde nicht merkte. Sie wartete, doch die beiden kamen nur sehr langsam näher.

Robyn spürte Schweiß auf ihrer Oberlippe. Sie hielt den Atem an, als die Männer in Hörweite kamen und sie die verhasste Stimme von Wulfs Bruder erkannte. Sie betete, sie würden die Stelle, an der sie gegraben hatte, nicht beachten oder nicht direkt daran vorbeikommen.

»... wird nicht mehr lange dauern ... du wirst sehen ...« Es war die Stimme des anderen, dann setzte Harolds Stimme ein.

»Aber sollen wir den Winter abwarten? Vielleicht wäre es besser, nicht mehr zu warten ...«

Der Schnee knirschte unter ihren Füßen. Robyn versuchte weiter zu lauschen, krallte ihre Hände in die Baumrinde. Man durfte sie nicht entdecken. Denn das, was sie zu hören bekam, war für niemandes Ohren bestimmt.

»Wir müssen noch etwas abwarten. Einen günstigen Zeitpunkt, um Wiglif zu stürzen ...«

»Und Vater?«

»Halt ihn zurück. Er darf sich nicht einmischen, bevor wir nicht genug Stärke und Männer haben, um auch ihn zu stürzen ... was ist mit deinem Bruder Leif, wird er mitmachen?«

»Es wird ihm nichts anderes übrigbleiben. Er wird mitziehen, wenn die Zeit gekommen ist. Mein anderer Bruder macht mir mehr Sorgen ...«

»Er hätte in Byzanz bleiben sollen«, knurrte der Zweite. »Er wird nie die Seiten wechseln. Dieser Starrkopf ist voller Ideale und Glauben an Gerechtigkeit...«

»Zu gegebener Zeit werden wir uns etwas ausdenken müssen, um ihn aus dem Weg zu räumen ...«

Robyn biss sich auf ihre behandschuhte Faust. Etwas Schnee bröckelte von ihren Schuhen.

»Hast du das gehört?«, fragte der Zweite leise.

»Wahrscheinlich ein Schneehase«, tat Harold ab. »Nicht so schreckhaft, Kark, die Wachen des Dorfes sind weit entfernt, dafür habe ich heute selbst gesorgt.«

»Wie auch immer, Harold, spiel den guten und sorgenden Sohn und lass dir vor Wulf nichts anmerken.«

»Keine Angst, er wird zu beschäftigt sein, sich Gedanken um mich und seine Frau zu machen. Er wird gar nicht merken, dass ich anderes im Schilde führe.«

»Du hast ein Auge auf sie geworfen?«

»Aus alter Gewohnheit ... obwohl ... das Weib gefällt mir. Ist ein bisschen zickig. Dora war mir zuweilen etwas zu willig ...«

»Du kannst froh sein, dass sie Wulf nichts bedeutet hat und sie mit deinem Bastard im Arm gestorben ist.«

Harold lachte gedämpft.

»Ich werde versuchen bei der Nixe etwas vorsichtiger zu sein.«

»Tu das und lass Wulf nichts merken. Falls er Wind von der Sache bekommt, haben wir ein ernstes Problem.«

»Du glaubst, er hat Einfluss auf die Leute?«

»Bei den Göttern, Harold, Wulf ist ein besserer Thronerbe als du oder Leif je sein werdet. Die Leute sind nicht dumm. Sie werden einem guten Führer folgen und Wulf ist ein solcher Mann. Dein Vater tat gut daran, ihn nach Byzanz zu schicken, um diese Qualitäten zu perfektionieren. Du bist dir wahrscheinlich noch immer nicht bewusst, dass Wulf genauso König werden könnte wie du, wenn es Eilaf wünscht.«

»Dazu wird es nicht kommen«, zischte Harold.

»Das hoffe ich. Und wenn, müssen wir dem zuvorkommen.« Kark und Harold blieben in ihrer Nähe stehen.

»Zu gegebener Zeit ...«

»Ja ... gib Bescheid, wenn dein Vater seine Meinung ändern sollte, ansonsten halte ihn auf Abstand und lass uns die Sache mit Wiglif erst beenden.«

»Ist gut. Schick einen deiner Spione, wenn es losgehen soll.«

Sie trennten sich. Robyn hatte Probleme zu hören, in welche Richtung sie gingen. Sie wagte nicht, sich zu rühren. Doch dann sah sie zu ihrer Erleichterung Harold den Weg kreuzen und in Richtung Dorf wandern, während der andere Nordmann sich wieder in den Wald zurückzog. Harold wandte ihr den Rücken zu und drehte sich auch nicht mehr um. Erst als sie beide verschwunden waren, blies Robyn die aufgestaute Luft hörbar aus. Sie lockerte den Schal um ihren Hals, um mehr Luft zu bekommen.

»Das kann alles nicht wahr sein«, hauchte sie in die zurückgekehrte Stille.

Harold und Kark planten, beide Könige zu stürzen und alles und jeden aus dem Weg zu räumen, der sich ihnen widersetzen würde.

Sie lehnte ihren hämmernden Kopf an den Baum und starrte nach oben in den stahlblauen Himmel, durch den sich die knorrigen kahlen Arme der Bäume renkten.

»Was soll ich tun?«, fragte sie. Doch niemand antwortete ihr. Der einzige, dem sie diese Frage vertrauensvoll gestellt hätte, war weit fort am Strand unter Menschen, die noch zusammenhielten. Aber was würde Wulf antworten? Er zweifelte selbst an Hoffnung und Glauben an seine eigenen Leute. Die Menschen brauchten einen Führer, aber Wulf wehrte sich seit langer Zeit dagegen, dies zu sein. Er wollte es nicht sein, da er ihnen nicht traute. Es war ein Teufelskreis.

Robyn schritt betrübt weiter. Plötzlich hatte der Wald seine Freundlichkeit verloren. Sie entsann sich der Axt, die Wulf an seinem Gürtel trug. Würde sie lernen damit umzugehen, um in Zukunft der Angst vor einem Krieg gegenübertreten zu können? Jede Frau beherrschte eine Waffe, jede Frau war vorbereitet. Aber sie ahnten nicht auf was. Sie ahnten nicht das Ausmaß dessen, was ihr ältester Thronerbe für sie geplant hatte.

Nicht weit entfernt kam ein Haus in Sicht. Eine Frau sammelte gerade einige Holzscheite zusammen. Sie sah auf, als sie Robyn auf dem Weg entdeckte.

»Nun, Mädchen, du siehst mir nicht gerade aus, als ob du dem Wasser knapp entronnen bist. Komm nur näher, ich weiß schon, wer du bist. Ich habe damit gerechnet, dass entweder du oder dein Mann vorbeikommen würdet. Dein Mann tat recht, dich zu schicken. Ein bisschen Frauengesellschaft tut mal ganz gut.«

Robyn lächelte. Wulf hatte ihr verschwiegen, dass sie ihm wohlgesonnen war. Scheinbar schloss ihre Sympathie Robyn ein. Es ließen sich wohl nicht alle gleich beeinflussen. Wulf hatte sie nicht ohne Grund hierhergeschickt. Sie vergaß für einen Moment, wessen sie im Wald Zeuge geworden war und trat auf die ungewöhnlich beleibte Frau zu. Deren Gesicht war von der Arbeit draußen rot angelaufen, doch ihr Lächeln hatte noch immer nicht nachgelassen.

Robyn bot ihr einen Arm für die Holzscheite. Irm nahm die Hilfe dankbar an, stapelte einige Scheite darauf und deutete ihr dann, ihr zu folgen.

Im Haus brannte das Feuer lichterloh, trotzdem tat Irm zwei weitere Scheite darauf und legte die restlichen neben der Tür ab. Robyn tat es ihr gleich. Irm folgte ihren Bewegungen und wartete, dass Robyn den Schal herunterzog.

»Hab mich in der Halle nicht getäuscht, Mädchen. Wulf hat gut gewählt.«

Robyn sah sie fragend an.

»Du meinst gewählt. Ja, irgendwie hat er das schon. Diesmal.«

Robyn verstand nicht ganz. Die Abfolge der Gedanken der alten Frau war ihr zu verwirrend.

»Also, ich bin Irm«, sagte die Frau, »und wie dir dein Mann wahrscheinlich erklärt hat, auch seine Viehhirtin.«

Sie lachte wieder. Sie schien viel zu lachen.

»Robyn«, stellte sich Robyn vor.

»Seltsamer Name.«

Irm putzte sich die Hände an der Schürze ab und wollte gerade weitersprechen, als es an der Tür klopfte.

»Ja«, bellte sie.

Die Tür öffnete sich und eine Frau mittleren Alters kam herein, gefolgt von zwei anderen Frauen. Erstere war vornehm gekleidet, ihr Pelz von feinster Qualität, das Gewand darunter von kräftigem Rubinrot. Der Schmuck, den sie an Armgelenken, Ohren und um den Hals trug, bestand aus wertvollem Silber. Bevor ihr Blick sich an Irm wandte, wurde sie Robyn gewahr und ihr faltiges Gesicht verfinsterte sich umgehend. Sie schien ihre Meinung den Besuch betreffend plötzlich zu ändern. Ihre Stimme schnitt ins Mark wie ihr kalter Blick.

»Ich komme ein anderes Mal wieder. Wie ich sehe, hast du zu tun.«

»Bitte, wie es dir beliebt«, entgegnete Irm, der der eisige Blick auf Robyn nicht entgangen war.

Die Tür schlug zu.

Irm schüttelte den kopf. Zum ersten Mal sah sie Robyn nicht lächeln.

»Welch ein Zufall.«, murmelte sie. »Die alte Krähe wird es nicht als gutes Omen nehmen, gerade dich hier zu treffen.«

Robyn stöhnte leise auf. Wem war sie nun wieder begegnet? Eine Zusammenkunft mit einem Menschen, den sie verabscheute, pro Tag genügte vollends. Wer war diese Frau gewesen?

»Wer war das?«

Irm sah sie verständnislos an.

»Was hast du gesagt?«

Robyn schluckte. Sie hatte angelsächsisch gesprochen. Sie war es so gewohnt, von Wulf verstanden zu werden, dass sie bisher keinen Anlass gesehen hatte, seine Sprache zu sprechen. Eine Sprache, die sie seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesprochen hatte. Nicht mehr hatte sprechen wollen. Und sie wollte es auch jetzt nicht. Sie hätte es wahrscheinlich ohnehin nicht mehr gekonnt.

Robyn deutete auf die Tür.

»Ach, wer sie war? Die Mutter von Wulfs erster Frau. Nimm dich in Acht vor ihr. Eine Intrigantin, die die ganze Welt hasst, seitdem ihre Erstgeborene tot ist.«

Irm trat näher an sie heran.

»Du verstehst alles, was ich sage?«

Robyn nickte.

»Angelsächsin?«, erriet Irm.

»Ja«, hauchte Robyn. Dieses Wort wusste Irm richtig zu deuten.

»Na ja, egal. Ich denke, du wirst Wulf in jedem Fall eine bessere Frau sein. Dora war ein Miststück, wohl adlig, aber keineswegs besser. Du scheinst mir ungleich vornehmer, auch wenn du die einfacheren Sachen trägst. Aber ich denke, du verbirgst ein bisschen mehr in deinem hübschen Köpfchen. Adlig?«

Robyn schüttelte den Kopf.

»Ah! Gelehrtenfamilie?«

Robyns Blick hellte sich auf. Die kleine Frau war nicht zu unterschätzen.

»Ja, ja. Rate, warum ich einen solchen Narren an Wulf gefressen habe?«

Robyn zuckte mit den Schultern. Irm wurde plötzlich wieder ernst.

»Er ist ein guter Mann, nicht?«

Robyn blieb still.

»Behandelt dich gut.« Sie machte Feststellungen. Und sie kannte Wulf besser als die meisten hier. Besser als Wulfs eigener Vater.

»Ein guter Mann«, sagte Robyn. Es klang in beiden Sprachen so ähnlich, dass es Irm als Antwort genügte. Sie hatte die Angelsächsin genug geprüft.

»Du willst die Ziegen und das Schaf holen.«

Robyn nickte.

»Nun, eine der Ziegen ist mir im Herbst eingegangen, aber du kannst Wulf sagen, dass ich ihm im Frühjahr eines von meinen Zicklein überlasse. Du kannst das Schaf und die andere Ziege mitnehmen.«

Sie gingen in den Nebenraum, wo die Tiere untergebracht waren. Irm holte eines der drei Schafe und eine der fünf Ziegen, eine dunkle braune mit schwarzem Kopf und Beinen, heraus.

»Sie gibt gute Milch«, erklärte Irm. Sie band einen Strick um die Ziege und übergab ihn Robyn. »Das Schaf wird dir so folgen, wenn du es ein bisschen vorantreibst ... braucht ihr noch etwas?«

Robyn sah sie etwas hilflos an. Sie zeigte auf ihre leere Hand, schüttelte mit dem Kopf.

»Wie, du kannst nicht bezahlen?« Irm verstand sie und lachte wieder. »So läuft das hier nicht bei uns, Mädchen. Dein Mann kann sich sein Essen verdienen. Sag ihm nur, er soll sich mal wieder blicken lassen.« Sie wies auf die hintere Einzäunung, an der die Bretter lose herunterhingen, anscheinend von einem der Tiere kaputt getreten. »Er kann das reparieren. Und nun lass mich dir etwas mitgeben.«

Sie verschwand, während Robyn unschlüssig im Stall stand und abwechselnd auf das Schaf und die Ziege blickte. Doch sie schienen zufrieden, waren gut genährt und sauber, so wie alles hier. Den Schmutz und den aufgeweichten Boden verursachte der Winter, aber Robyn hatte den Wohnraum gesehen und der stand der Sauberkeit, für die sie in Wulfs Haus gesorgt hatte, in nichts nach.

»So, Mädchen.« Irm kam wieder und band Robyn eine Tasche um die Schultern. »Ein bisschen Wurst und Käse, Honig natürlich, pass gut auf, dass er nicht ausläuft. Milch habt ihr heute Abend, da wird es euch gut gehen. Und den Nachtisch ...« Irm grinste Robyn an. »Nun, den wird Wulf auch recht gern haben.«

Robyn öffnete den Mund, doch nichts wollte über ihre Lippen kommen. Die Entrüstung hätte Irm doch nicht verstanden, und wenn, hätte sie sie nur ausgelacht. So beließ es Robyn mit einem zaghaften Lächeln, das Irm doch mehr sagte, als sie gedacht hatte.

»Ah, sieh an, Mädchen, es beruht auf Gegenseitigkeit. Das ist schön. Bleib ihm nur recht treu. Das hat er wahrlich verdient.«

Robyn dankte Irm auf ihre Weise, ohne Worte. Sie drückte die Hand der alten Frau.

»Schon gut, Mädchen, du wirst es schwer genug haben. Die Menschen hier sind anders als früher, in sich gekehrt, misstrauisch, manchmal besessen abergläubisch. Sie machen mir zuweilen Angst. Halte dich an Wulf, Arnulf, falls du ihn kennenlernen solltest. Annija, seine Frau. Das sind gute Menschen. Vielleicht nimmt dich Wulf einmal ins Süddorf mit. Schrecklich genug, dass er sich damit schuldig macht. Wofür, frage ich mich? Ach, es ist ...« Sie brach ab, schaute Robyn an, dann lachte sie wieder. Doch ihr Lachen war nicht mehr so gelöst wie am Anfang.

»Komm, ich begleite dich noch nach draußen und schaue, dass du gut auf den Weg kommst.«

Wenig später war Robyn wieder allein, nur die beiden Tiere begleiteten sie. Ihr Kopf war voll von dem, was Irm ihr direkt oder indirekt mitgeteilt hatte. Sie passierte die Stelle, wo sie Harold und Kark belauscht hatte. Die Ruhe war beklemmend. Der Sonnenschein trügerisch. Diese Welt bereitete ihr Angst. Eine Angst, die sie nicht einzuschätzen vermochte. Sie würde hier leben. Mit Wulf. Aber auch mit Menschen, die ihr nicht wohlgesonnen waren. Die Wulf nicht wohlgesonnen waren. Wie lange würde sie eine solche Angst in ihr in Zaum halten können? Wie lange bevor sie sich vergaß und ...

Sie blieb stocksteif stehen. Doras Mutter stand mitten im Weg vor ihr. Ihr Blick lag genauso kalt auf ihr wie in Irms Haus. Sie zitterte vor Erregung, ihre knorrigen unbehandschuhten Hände ballten sich unter den langen pelzbesetzten Ärmeln.

»Untote«, stieß sie hervor. Ihre Stimme war schrill vor Zorn. »Du solltest am Meeresboden treiben. Du wirst Unglück über uns alle bringen ...«

Sie kam näher, schritt direkt auf Robyn zu. Ihre Schritte waren steif, aber zielstrebig. Robyn wusste nicht, was sie tun sollte. Sie ließ die Ziege los. Diese sprang erschreckt weg, als Doras Mutter sie erreichte. Robyn wollte nach hinten ausweichen, doch stieß sie dort mit den anderen beiden Frauen zusammen, die sie vorhin gesehen hatte.

Doras Mutter holte im Laufen aus und schlug sie mit einer Heftigkeit ins Gesicht, die Robyn nicht erwartet hatte. Genauso wenig wie die Tatsache, dass die Frau sie überhaupt schlagen würde. Sie hatte mit einem Wortgefecht gerechnet, doch nicht damit. Sie taumelte nach hinten, doch die beiden Frauen ergriffen ihre Oberarme und hielten sie fest. Dem nächsten Schlag konnte sie trotzdem besser ausweichen, da sie ihn kommen sah. Sie duckte sich weg, strauchelte über ihre eigenen Beine, befreite sich dabei aus dem Griff und fiel in den Schnee. Eine der Frauen griff ihren Umhang, die andere ihr Gewand. Robyn spürte, wie ihr die Luft abgedrückt wurde. Sie löste geschwind die Fibel, die den Umhang zusammenhielt und rollte sich weg. Ein Stück des Gewandes riss dabei ab.

»Nein, nicht das Gewand«, rief sie entsetzt. Einen Augenblick kehrte die Stille wieder ein. Die drei Frauen sahen sich ungläubig an. Dann schrie Doras Mutter mit unverminderter Wut auf.

»Eine Angelsächsin, bei den Göttern, die Untote ist eine angelsächsische Hure!«

Die zwei Frauen stürzten sich wieder auf sie. Robyn konnte gar nicht so schnell aufstehen. Die beiden ergriffen ihre Schultern, zerrten sie auf ihre Beine, wo ihr Doras Mutter wieder entgegentrat. Robyn spuckte den Schnee aus. Er schmolz in ihrem Gesicht, hing in Klumpen in ihren Haaren. Ihren Schal hatte sie mit dem Umhang verloren.

»Dass du es weißt, Untote, dein Platz gehörte meiner Tochter. Doch sie weilt nicht mehr in dieser Welt. Glaub nicht, dass du sie je ersetzen wirst. Du bist eine winzige Brotkrume, wie man sie vom Mund abwischt. Das bist du!«

»Da, wo ich herkomme, wischt man eine solche Krume nicht fort, sondern erfreut sich noch daran«, schnappte Robyn zurück. Doras Mutter verstand ihre Sprache, redete jedoch unverwandt in ihrer eigenen weiter.

»Bilde dir ja nicht ein, du könntest Wulf in irgendeiner Weise gefallen oder ihm gar gleichwertig sein. Meine Tochter war von edlem Blut, du bist ein nichts. Eine Angelsächsin, eine Sklavin, die er aus dem Wasser fischte, schmutzig, unrein, befleckt ...«

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Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
517 str. 12 ilustracji
ISBN:
9783964260468
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