Czytaj książkę: «Madame Bovary»
Gustave Flaubert
Madame Bovary
Übersetzt
Hans Reisiger
Saga
Madame Bovary ÜbersetztHans Reisiger Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1856, 2020 Gustave Flaubert und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726539981
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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ERSTER TEIL
1
Wir waren im Arbeitszimmer bei den Schulaufgaben, als der Direktor eintrat. Ihm folgte ein Neuer, der hoch „Zivil“ trug, und ein Schuldiener mit einem großen Pult. Wer gerade schlief, wachte auf, und alle sprangen von den Plätzen und taten, als seien sie mitten aus der eifrigsten Arbeit herausgerissen worden.
Der Direktor winkte ab: Setzen! und wandte sich dann an den Klassenlehrer.
„Herr Roger“, sagte er halblaut, „hier ist ein Schüler, den ich Ihrer Obhut empfehle. Er kommt zunächst mal in die Quinta. Wenn seine Leistungen und sein Betragen entsprechend sind, soll er zu den Großen aufrücken, zu denen er seinem Alter nach gehört.“
Der Neue, der in der Ecke hinter der Tür stehengeblieben war, so daß man ihn kaum sah, war ein Junge vom Lande, etwa fünfzehn Jahre alt und größer als wir alle. Er trug die Haare über der Stirn geradegeschnitten wie ein Dorfkantor und sah ganz verständig aus, nur sehr verlegen. Obgleich er nicht breitschultrig war, schien ihm seine grüne, mit schwarzen Knöpfen besetzte Tuchjacke doch zu eng unter den Achseln zu sein. Durch den Schlitz der Ärmelaufschläge schauten rote Handgelenke hervor, denen man ansah, daß sie für gewöhnlich unbedeckt waren. Seine Beine, die in blauen Strümpfen steckten, kamen aus einer gelblichen, von den Trägern übermäßig straff gespannten Hose. Er trug derbe, schlecht geputzte Nagelschuhe.
Man begann mit dem Vorlesen der Schularbeiten. Der Neue war ganz Ohr, aufmerksam wie bei der Predigt, und wagte weder die Beine übereinanderzuschlagen noch den Ellbogen aufzustützen. Als um zwei Uhr die Glocke läutete, mußte ihn der Klassenlehrer erst eigens auffordern, mit uns anzutreten.
Es war bei uns Brauch, beim Eintritt ins Klassenzimmer unsere Mützen auf den Boden zu schleudern, um die Hände frei zu haben; und zwar mußte man sie gleich von der Tür aus so unter die Bank feuern, daß sie bis an die Wand sausten und möglichst viel Staub aufwirbelten. Das gehörte zum „Schick.“
Entweder hatte der Neue dieses Manöver nicht bemerkt, oder er wagte nicht, gleich mitzumachen – jedenfalls war das Gebet schon beendet, als er seine Mütze noch immer auf den Knien hielt. Es war dies eine jener nicht näher zu bezeichnenden Kopfbedeckungen, die aus den verschiedenartigsten Elementen zusammengebaut sind, eine Mischung aus Bärenmütze, Tschapka, Filzhut, Pelzbarett und Zipfelmütze, kurz, eines jener bedauernswerten Dinge, deren stumme Häßlichkeit einen so unergründlich anblickt wie das Gesicht eines Idioten. Eiförmig und durch Fischbeinstäbchen versteift, kamen erst drei wurstartige Wülste, dann folgten, durch rote Einfassungen voneinander getrennt, rautenförmig Flicken aus Samt und Kaninchenfell, darüber eine Art Beutel, der oben von einem mit verzwickter Bortenstickerei überzogenen Vieleck aus Pappe abgeschlossen wurde, von dem an einer langen, unverhältnismäßig dünnen Schnur eine kleine Troddel aus Goldfäden herabhing. Die Mütze war neu, denn ihr Schirm glänzte noch.
„Steh auf!“ sägte der Klassenlehrer.
Er stand auf, seine Mütze fiel herunter. Die ganze Klasse fing an zu kichern. Er bückte sich, um sie aufzuheben. Ein Nachbar schubste sie mit dem Ellbogen wieder runter; er hob sie abermals auf.
„So trenne dich doch endlich von deinem Helm“, sagte der Lehrer, der ein Mann von Humor war.
Das darauf losplatzende Gelächter brachte den armen Jungen so aus der Fassung, daß er nicht wußte, ob er die Mütze in der Hand behalten, sie auf dem Boden liegenlassen oder sich auf den Kopf stülpen sollte. Schließlich setzte er sich hin und legte sie auf seine Knie.
„Steh auf“, begann der Lehrer wieder, „und sage mir, wie du heißt.“
Der Neue stieß stammelnd einen unverständlichen Namen hervor.
„Noch mal!“
Wieder ließ sich unter dem Hohngeschrei der Klasse das gleiche Silbengehaspel vernehmen.
„Lauter!“ rief der Lehrer. „Lauter!“
Da faßte der Neue einen verzweifelten Entschluß, riß seinen Mund überweit auf und schrie aus vollem Halse, als wolle er jemanden rufen: „Scharbovari!“
Mit einem Schlage erhob sich ein Spektakel und wuchs zum Orkan an; spitze Stimmen schrillten dazwischen, man heulte, bellte, trampelte und echote immer wieder: „Scharbovari! Scharbovari!“, bis das Getöse schließlich in einzelne Ausrufe verebbte und sich nach und nach legte. Nur hie und da zischte hoch auf einer Bank ein halbersticktes Lachen auf, ähnlich wie ein Schwärmer, der am Verlöschen ist.
Unter dem Hagel von Strafarbeiten, der auf die Klasse niederprasselte, trat wieder Ruhe ein, und nachdem es dem Lehrer endlich gelungen war, den Namen Charles Bovary zu verstehen, indem er ihn sich buchstabieren und dann nochmals vorsprechen ließ, befahl er dem armen Schlucker sogleich, sich auf die Faulenzerbank dicht vor dem Katheder zu verfügen. Charles Bovary setzte sich in Bewegung, zögerte jedoch noch, seinen Platz zu verlassen.
„Was suchst du denn?“ fragte der Lehrer.
„Meine Mü . . .“, brachte der Neue schüchtern hervor und schaute mit unruhigen Blicken um sich.
„Fünfhundert Verse die ganze Klasse!“
Dieser Satz, von wütender Stimme gedonnert, erstickte wie das Quos ego einen neuen Sturm im Keim.
„So gebt doch Ruhe!“ fuhr der entrüstete Schulmeister fort und wischte sich mit dem Taschentuch, das er unter seinem Käppchen hervorholte, den Schweiß von der Stirn. „Und du, der Neue da, du wirst mir zwanzigmal aufschreiben ,ridiculus sum‘.“ Dann fuhr er mit milderer Stimme fort: „Na, und deine Mütze wirst du schon wiederfinden; gestohlen hat sie keiner.“
Alles war wieder still. Die Köpfe beugten sich über die Hefte, und der Neue verharrte zwei Stunden lang in mustergültiger Haltung, ungeachtet dessen, daß ihm von Zeit zu Zeit eine Papierkugel, von einer Federspitze abgeschnellt, ins Gesicht flog. Er wischte sich jedesmal nur mit der Hand ab und blieb mit niedergeschlagenen Augen unbeweglich sitzen.
Am Abend holte er im Arbeitszimmer seine Ärmelschoner aus seinem Pult, brachte seinen kleinen Kram in Ordnung und liniierte sorgfältig sein Papier. Wir sahen, daß er mit großer Gewissenhaftigkeit arbeitete, alle Vokabeln im Wörterbuch nachschlug und sich viel Mühe gab. Sicherlich hatte er es auch hur dem guten Willen, den er bekundete, zu verdanken, daß er nicht in eine niedrigere Klasse kam, denn wenn er auch leidlich seine Regeln konnte, so war er doch ganz ungewandt in Stil und Ausdruck; er war nur durch den Pfarrer seines Dorfes in die Anfangsgründe des Latein eingeführt worden, weil ihn seine Eltern aus Sparsamkeitsgründen erst so spät wie möglich in die Schule geschickt hatten.
Sein Vater, Charles-Denis-Bartholomée Bovary, ein ehemaliger Stabsarzt, war um 1812 in Durchstechereien bei Rekrutenaushebungen verwickelt worden und hatte seinen Abschied nehmen müssen. Daraufhin hatte er seine persönlichen Vorzüge ausgenutzt und sich beiläufig in den Besitz einer Mitgift von sechzigtausend Francs gesetzt, die sich ihm in der Person der Tochter eines Mützenfabrikanten bot, der er mit seinem Auftreten den Kopf verdreht hatte. Ein schöner Mann, ein Renommist, der sporenklirrend daherkam, den Schnurrbart so trug, daß er in den Backenbart überging, die Finger stets mit Ringen schmückte und sich in auffallende Farben kleidete, vereinte er das Aussehen eines schneidigen Soldaten mit der schwungvollen Gewandtheit eines Geschäftsreisenden. Nach der Heirat lebte er zwei, drei Jahre von dem Vermögen seiner Frau, aß gut, stand spät auf, rauchte aus großen Porzellanpfeifen, kam abends erst nach Schluß des Theaters nach Hause und saß Tag für Tag in den Cafés. Dann starb der Schwiegervater, der nur wenig hinterließ. Empört darüber, verlegte sich Bovary nun selber auf die Fabrikation, setzte aber nur Geld dabei zu und zog sich aufs Land zurück, wo er den Verlust wieder herauswirtschaften wollte. Da er jedoch vom Ackerbau nicht mehr verstand als von Mützen und Mützentuchen, seine Pferde selber ritt, statt sie aufs Feld zu schicken, seinen Apfelwein selber trank, statt ihn zu verkaufen, das beste Geflügel seines Hofes aufaß und seine Jagdstiefel mit dem Speck seiner Schweine schmierte, dauerte es nicht lange, bis er merkte, daß es mit dem Herauswirtschaften auch nichts war.
Schließlich fand er in einem Dorf an der Grenze zwischen Caux und der Picardie ein Anwesen, halb Bauernhof, halb Herrenhaus, das er für zweihundert Francs jährlich mietete. Dorthin zog er sich mit fünfundvierzig Jahren zurück, vergrämt, von Reue geplagt, mit seinem Schicksal hadernd und auf alle Welt neidisch. Die Menschen ekelten ihn an, erklärte er, er wolle in Frieden leben.
Seine Frau hatte ihn in der ersten Zeit ihrer Ehe rasend geliebt und sein Herz durch tausend demütige Unterwürfigkeiten zu gewinnen versucht, die aber nur bewirkten, daß er sich noch mehr von ihr abwandte. Von Natur heiter, mitteilsam und liebevoll, war sie mit zunehmendem Alter – so wie abgestandener Wein sich in Essig verwandelt – reizbar, weinerlich und nervös geworden. Sie hatte anfangs, ohne sich zu beklagen, unsäglich gelitten, wenn sie mit ansehen mußte, wie er hinter jeder Dorfdirne herlief und abends abgestumpft und nach Fusel riechend aus irgendwelchen üblen Lokalen heimkam. Dann war es darüber zu heftigen Szenen gekommen, später aber empörte sich ihr Stolz, und sie schwieg dazu; sie schluckte ihren Kummer hinunter und hüllte sich in einen stummen Stoizismus, den sie bis an ihren Tod bewahrte. Sie war ständig in irgendwelchen Angelegenheiten unterwegs. Sie lief zu den Rechtsanwälten, zum Gericht; sie dachte daran, wenn Wechsel fällig waren, und erwirkte Zahlungsaufschub. Zu Haus plättete, nähte und wusch sie, beaufsichtigte die Arbeiter und beglich die Rechnungen, während der Herr Gemahl, ohne sich um irgend etwas zu kümmern, immer nur mißgelaunt und schläfrig am Kamin hockte, rauchte und in die Asche spuckte und aus seinem Dösen nur aufwachte, um seiner Frau etwas Gehässiges zu sagen.
Als sie ein Kind bekam, mußte sie es zu einer Amme geben. Nachdem der Kleine wieder ins Elternhaus zurückgebracht worden war, wurde er verwöhnt wie ein Prinz. Die Mutter fütterte ihn mit Süßigkeiten; seih Vater, den Philosophen à la Rousseau spielend, ließ ihn barfuß gehen und behauptete, eigentlich müsse er ganz nackt herumlaufen wie die Jungen der Tiere. Im Gegensatz zu den Ansichten der Mutter schwebte ihm ein gewisses Ideal von Männlichkeit vor, nach dem er seinen Sohn zu modeln versuchte. Spartanisch sollte der Junge erzogen werden, damit er recht stark und abgehärtet werde. Er ließ ihn im ungeheizten Zimmer schlafen, Rum mußte der Bengel trinken lernen, in großen Schlucken wie ein Mann, und sich über die Prozessionen lustig machen, das gehörte auch dazu. Da der Kleine jedoch von Natur friedfertig war, schlug diese Methode nicht recht an. Seine Mutter hatte ihn immer am Schürzenbändel. Sie schnitt ihm Pappfiguren aus, erzählte ihm Geschichten und unterhielt sich mit ihm in endlosen, melancholisch spaßigen, kindlich geschwätzigen Selbstgesprächen. Vereinsamt und in ihren Lebenserwartungen getäuscht, übertrug sie jetzt alle ihre Hoffnungen auf den Knaben. Sie träumte von hohen Stellungen, sah ihn schon als schönen, klugen jungen Mann vor sich, wohlbestallt bei der Straßen- und Brückenbauverwaltung oder bei der Stadtbehörde. Sie lehrte ihn lesen und brachte ihm sogar ein paar Lieder bei, die sie auf ihrem alten Klavier begleitete. Alles das erklärte Herr Bovary, der nicht viel vom Lernen hielt, für nicht der Mühe wert. Würden sie denn jemals in der Lage sein, den Jungen auf eine höhere Schule zu schicken oder ihm ein Amt oder ein Geschäft zu kaufen? Im übrigen: „Mit ein bißchen Maulwerk kommt einer sowieso schon durch die Welt.“ Frau Bovary biß sich auf die Lippen, und der Junge trieb sich im Dorf herum.
Er lief den Feldarbeitern nach und scheuchte die Krähen mit Erdklumpen auf. Er aß von den Brombeeren an den Rainen, hütete wohl auch einmal mit der Gerte in der Hand die Truthühner, half beim Heuwenden oder streifte im Wald umher. An Regentagen spielte er unter dem Kirchenportal Murmeln, und an den hohen Feiertagen bettelte er den Küster, ihn die Glocken läuten zu lassen. Dann hängte er sich mit seinem ganzen Gewicht an das Seil und ließ sich von seinem Schwung mittragen.
Bei all dem wuchs er auf wie eine Eiche, bekam starke Hände und eine gesunde Farbe.
Als er zwölf Jahre alt war, setzte seine Mutter endlich durch, daß er Unterricht erhielt. Man beauftragte damit den Pfarrer. Die Stunden waren jedoch so kurz und wurden so unregelmäßig gehalten, daß nicht viel dabei herauskam; sie wurden meist nur so nebenbei in der Sakristei erteilt, in aller Eile, im Stehen, zwischen einer Taufe und einer Beerdigung. Manchmal auch ließ der Herr Pfarrer, wenn er nicht ausgehen mußte, seinen Schüler abends nach dem Angelus zu sich kommen; dann stiegen sie hinauf in sein Zimmer und setzten sich zurecht. Nachtfalter und Fliegen tanzten um die Kerze. Es war heiß; der Junge schlief ein und bald auch der gute Mann, der nun, die Hände auf dem Bauch gefaltet, mit offenem Munde schnarchte. Manchmal wieder, wenn der Herr Pfarrer einem Kranken in der Umgebung die letzte Wegzehrung gebracht hatte und auf dem Heimweg Charles erwischte, der sich gerade auf dem Feld herumtrieb, rief er ihn heran, redete ihm ein Viertelstündchen ins Gewissen und benutzte die Gelegenheit dazu, ihn rasch unterm nächsten besten Baum ein Verb konjugieren zu lassen, wobei sie denn freilich des öfteren durch den Regen oder durch einen vorbeikommenden Bekannten unterbrochen wurden. Im übrigen war er immer mit ihm zufrieden und meinte sogar, der „junge Mann“ habe ein vortreffliches Gedächtnis.
So ging das nicht weiter mit Charles. Seine Mutter wurde energisch. Beschämt oder vielmehr des Sträubens müde, gab der Vater den Widerstand auf. Man wartete noch ein Jahr, bis der Junge die Erstkommunion hinter sich hatte.
Dann vergingen nochmals sechs Monate, und im Jahr darauf wurde Charles endgültig auf das Gymnasium nach Rouen geschickt. Sein Vater brachte ihn gegen Ende Oktober zur Zeit des Saint-Romain-Jahrmarkts selbst hin.
Es wäre heute wohl keinem von uns mehr möglich, sich noch irgendwie besonders an ihn zu erinnern. Er war ein ziemlich ruhiger Junge, der in der Freizeit spielte, im Arbeitszimmer fleißig büffelte, in der Klasse aufmerksam zuhörte, im Schlafsaal gut schlief und im Speisesaal tüchtig aß. Ein Bekannter seiner Eltern, ein Kurzwarenhändler aus der Rue Ganterie, der es übernommen hatte, sich ein bißchen um ihn zu kümmern, ließ ihn allmonatlich einmal an einem Sonntag nach Ladenschluß zu sich kommen, führte ihn am Hafen spazieren, wo er sich die Schiffe anschauen konnte, und brachte ihn, sobald es sieben Uhr war, noch vor dem Abendbrot wieder ins Gymnasium zurück. Jeden Donnerstag abend schrieb Charles mit roter Tinte einen langen Brief an seine Mutter, den er mit drei Oblaten verschloß. Dann vertiefte er sich wieder in seine Geschichtshefte oder las wohl auch in einem alten Exemplar des „Anacharsis“, das im Arbeitszimmer herumlag. Bei den Schulspaziergängen unterhielt er sich am liebsten mit dem Hausdiener, der auch vom Lande war.
Dank seinem Fleiß hielt er sich immer in der Mitte der Klasse; einmal kam er in Naturkunde sogar auf den ersten Platz. Am Ende des dritten Schuljahres nahmen ihn seine Eltern jedoch wieder von der Schule, um ihn Medizin studieren zu lassen; sie waren überzeugt, er würde sich allein bis zum Examen durchbringen.
Seine Mutter mietete ihm bei einem ihr bekannten Färber am Eau-de-Robec ein Zimmer im vierten Stock, gab ihn dort auch in Kost, beschaffte einen Tisch und zwei Stühle, ließ von daheim ein altes Bett aus Kirschbaumholz kommen und kaufte außerdem noch einen kleinen Eisenofen nebst einem Holzvorrat, damit ihr armes Kind nicht zu frieren brauchte. Dann fuhr sie Ende der Woche wieder ab, nachdem sie ihm noch tausendmal ans Herz gelegt hatte, sich jetzt, da er ganz auf sich allein gestellt sei, recht brav zu halten.
Das Verzeichnis der Vorlesungen, das er am Schwarzen Brett las, verursachte ihm ein Schwindelgefühl: Anatomie, Pathologie, Physiologie, Pharmazeutik, Chemie, Botanik, klinischer und therapeutischer Kurs, ganz abgesehen von Hygiene und Diätetik – lauter Namen, bei denen er sich nicht einmal über ihre sprachliche Herkunft klar war und die ihm wie ebenso viele Pforten zu Heiligtümern voll erhabenen Dunkels vorkamen.
Er verstand anfangs gar nichts; er konnte noch so eifrig zuhören, er begriff einfach nicht. Trotzdem arbeitete er, füllte eifrig die Kolleghefte und versäumte keine Vorlesung und keine Visite. Er erledigte sein tägliches Pensum wie ein Zirkuspferd, das mit verbundenen Augen immer im Kreise herumläuft und keine Ahnung hat, wobei es eigentlich mitmacht.
Um ihm Ausgaben zu ersparen, schickte ihm seine Mutter jede Woche durch einen Boten ein Stück Kalbsbraten, von dem er morgens frühstückte, wenn er auf einen Sprung aus der Klinik kam. Dann mußte er zu den Vorlesungen rennen, in die Anatomie, wieder in die Klinik und wieder heim durch alle die Straßen. Abends stieg er nach dem mageren Essen bei seinem Wirt in sein Zimmer hinauf und setzte sich in seinen durchgeschwitzten Kleidern, die ihm am Leibe dampften, vor dem glühenden Ofen an die Arbeit.
An den schönen Sommerabenden, um die Stunde, da die lauwarmen Straßen leer sind und die Dienstmädchen vor den Türen Federball spielen, öffnete er sein Fenster und lehnte sich hinaus. Unter ihm floß zwischen Brücken und Wehren, gelbviolett oder blau schillernd, der kleine Fluß, der diesen Teil von Rouen zu einem schmuddeligen Klein-Venedig macht. Am Ufer hockten Arbeiter, die sich die Arme im Wasser wuschen. An langen, aus den Speicherluken ragenden Stangen waren Baumwollsträhnen zum Trocknen aufgehängt. Vor ihm dehnte sich über den Dächern der klare, weite Himmel, an dem die Sonne rotleuchtend unterging. Wie schön mußte es jetzt daheim sein! Und wie frisch im Buchenwald! Er atmete tief, als spüre er die gute Landluft, die doch nicht bis zu ihm kam.
Er magerte ab; seine Gestalt ging in die Länge, und sein Gesicht nahm einen schmerzlichen Ausdruck an, der es beinahe interessant machte.
Wie nicht anders zu erwarten war, ließ er nach und nach aus Lässigkeit alle seine guten Vorsätze fahren. Einmal versäumte er die Visite, das nächstemal die Vorlesung, und schließlich behagte ihm die Faulheit so gut, daß er überhaupt nicht mehr hinging.
Er gewöhnte sich an, in die Kneipe zu gehen und mit Leidenschaft Domino zu spielen. Sich allabendlich in einem schmutzigen Lokal festzusetzen und mit schwarz punktierten Hammelknöchelchen auf Marmortischen herumzuklappern, schien ihm ein glorreicher Akt männlicher Freiheit, der ihn in seiner eigenen Ächtung steigen ließ. Das kam ihm vor wie die Einführung in die große Welt, wie der Zugang zu verbotenen Freuden, und schon wenn er eintrat, legte er die Hand mit einer fast wollüstigen Empfindung auf die Türklinke. Viel Verdrängtes in ihm entfaltete sich nun; er lernte allerlei Gassenhauer auswendig, die er bei Gelegenheit vortrug, begeisterte sich für Béranger, machte sich die Geheimnisse des Punschbrauens zu eigen und entdeckte schließlich auch die Liebe.
Dank dieser Vorbereitungen fiel er im medizinischen Staatsexamen glatt durch. Und am selben Abend erwartete man ihn daheim, um seinen Erfolg zu feiern!
Er machte sich zu Fuß auf, und als er am Eingang des Dorfes angelangt war, ließ er seine Mutter herbeirufen und beichtete ihr alles. Sie verzieh ihm, schob die Schuld auf die Ungerechtigkeit der Examinatoren, sprach ihm Mut zu und übernahm es, die Angelegenheit ins reine zu bringen.
Erst fünf Jahre später erfuhr Herr Bovary die Wahrheit. Da war schon Gras darüber gewachsen, und er regte sich nicht mehr auf, denn es war ja doch nicht denkbar, daß sein Sprößling ein Dummkopf sein sollte.
Charles setzte sich also wieder an die Arbeit; er wich nun keinen Augenblick mehr von seinen Büchern und paukte sich die Antworten auf sämtliche nur erdenklichen Fragen ein. Er bestand mit einer leidlichen Note. Das war ein Freudentag für seine Mutter und wurde mit einem großen Festessen gefeiert.
Wo sollte er nun seine Kunst ausüben? In Tostes. Dort gab es nur einen alten Arzt, auf dessen Tod Frau Bovary schon seit langem lauerte. Der alte Herr hatte denn auch kaum sein Bündel fürs Jenseits geschnürt, als sich Charles bereits ihm gegenüber als Nachfolger niederließ.
Doch nicht genug damit, daß sie ihren Sohn aufgezogen, ihm das Studium ermöglicht und eine Praxis für ihn gefunden hatte – nun mußte er auch noch eine Frau haben. Auch die fand sie für ihn, und zwar in der Witwe eines Gerichtsvollziehers aus Dieppe, die fünfundvierzig Jahre alt war und zwölfhundert Francs Zinsen jährlich zu verzehren hatte.
Obgleich Frau Dubuc, dürr wie eine Hopfenstange, alles andere als schön war und in ihrem Gesicht so viele Pickel sprossen wie Blüten im Lenz, war sie doch eine begehrte Partie, und Frau Bovary mußte, um zu ihrem Ziel zu kommen, erst eine ganze Schar anderer Freier aus dem Felde schlagen, wobei sie sehr geschickt sogar die Ränke eines Metzgermeisters vereitelte, dessen Werbung von der Geistlichkeit unterstützt wurde.
Charles hatte gehofft, sich durch die Heirat ein angenehmeres Leben zu schaffen, und sich eingebildet, er werde nun freier über sich und sein Geld verfügen können. Statt dessen zeigte sich bald, daß seine Frau der Herr im Hause war. Sie schrieb ihm vor, was er vor den Leuten sagen und was er nicht sagen durfte. Sie zwang ihn, jeden Freitag zu fasten und sich zu kleiden, wie sie es für richtig hielt. Sie war hinterher, daß er säumige Patienten mit Mahnungen verfolgte. Sie öffnete seine Briefe, überwachte seine Gänge, und wenn Frauen bei ihm in der Sprechstunde waren, horchte sie an der Wand.
Sie mußte jeden Morgen ihre Schokolade haben und nahm tausend Rücksichten für sich in Anspruch. Ewig hatte sie zu klagen: bald waren es die Nerven, bald die Brust, bald der Kopf. Das Geräusch von Schritten tat ihr weh. Ging man von ihr fort, stöhnte sie über die Einsamkeit, kam man zu ihr, so hieß es, man könne wohl nicht erwarten, sie sterben zu sehen. Wenn Charles abends heimkehrte, streckte sie ihre langen, hageren Arme unter der Bettdecke hervor, umschlang ihn und zog ihn auf den Bettrand nieder. Dann ging das alte Lied an: er vernachlässige sie, er liebe eine andere! Man habe ihr ja vorausgesagt, sie würde unglücklich werden! Zum Schluß bat sie ihn jedesmal um einen Löffel Sirup für ihre Gesundheit und um ein bißchen mehr Liebe.
2
Eines Nachts gegen elf Uhr wurden sie durch das Getrappel eines Pferdes geweckt, das gerade vor ihrer Haustür anhielt. Das Dienstmädchen öffnete die Bodenluke und verhandelte eine Zeitlang mit einem Mann, der auf der Straße stand. Er komme den Doktor holen und habe einen Brief mit. Nastasie stieg fröstelnd die Treppe hinab und öffnete umständlich die Schlösser und die Riegel. Der Mann ließ das Pferd stehen und folgte der Magd auf dem Fuße bis ins Schlafzimmer der Herrschaft. Hier zog er aus seiner grauen Troddelmütze einen in einen Lappen gewickelten Brief und überreichte ihn ehrerbietig dem Hausherrn, der sich mit dem Ellbogen auf sein Kopfkissen stützte, um ihn zu lesen. Nastasie stand am Bett und hielt das Licht; Frau Bovary blieb schamhaft der Wand zugekehrt liegen und ließ nur ihren Rücken sehen.
In dem Brief, der mit einem kleinen blauen Siegel verschlossen gewesen war, wurde Herr Bovary gebeten, sich sofort nach dem Hof Bertaux zu begeben, um ein gebrochenes Bein zu kurieren. Von Tostes bis Bertaux sind es über Longueville und Saint-Victor gut sieben Meilen. Die Nacht war dunkel. Frau Bovary fürchtete, daß ihrem Mann etwas zustoßen könne. Es wurde also beschlossen, daß der Stallknecht vorausreiten sollte. Charles wollte drei Stunden später bei Mondaufgang nachkommen. Man solle ihm einen Jungen entgegenschicken, der ihm den Weg zum Hof zeigen und das Tor öffnen könne.
Gegen vier Uhr morgens machte sich Charles, warm in seinen Mantel gewickelt, auf den Weg nach Bertaux. Noch schlaftrunken von der Bettwärme, ließ er sich durch den friedlichen Trott seines Pferdes wieder einwiegen. Als das Tier vor einer mit Dorngestrüpp bedeckten Grube, wie man sie an Ackerrainen findet, von selber stehenblieb, fuhr Charles aus dem Halbschlummer auf. Sogleich fiel ihm das gebrochene Bein wieder ein, und er suchte sich sämtliche Knochenbrüche, die er gelernt hatte, ins Gedächtnis zurückzurufen. Es regnete nicht mehr. Der Tag graute, und auf den Zweigen der kahlen Apfelbäume hockten unbeweglich die Vögel und plusterten ihre Federchen im kalten Morgenwind. Endlos dehnte sich das flache Land. Die Baumgruppen um die in großen Abständen verstreuten Höfe bildeten blau schwarze Flecken auf dieser weiten grauen Fläche, die sich am Horizont in der düsteren Tönung des Himmels verlor. Obwohl Charles ab und zu die Augen gewaltsam aufriß, versank er bald wieder in eine Art Dämmerzustand, in dem die jüngsten Eindrücke mit Erinnerungen verschmolzen, so daß er sich gleichsam doppelt empfand: er sah sich als Ehemann im Bett liegen und gleichzeitig wie einst als Student durch den Operationssaal schreiten. Der warme Dunst der Umschläge mischte sich in seinem Kopf mit dem herben Geruch des Morgentaus; er hörte das Klirren der Eisenringe an den Vorhangstangen der Krankenbetten und zugleich das Schnarchen seiner Frau . . .
Als er durch Vassonville kam, sah er am Grabenrand einen Jungen im Grase sitzen.
„Sind Sie der Doktor?“ fragte der ihn.
Als Charles bejahte, nahm der Kleine seine Holzpantoffeln in die Hand und lief vor ihm her.
Unterwegs erfuhr Charles aus den Reden seines kleinen Führers, daß Herr Rouault einer der wohlhabendsten Landwirte der Gegend war. Er hatte sich gestern abend das Bein gebrochen, als er von einem Nachbarn heimkehrte, bei dem er das Dreikönigsfest gefeiert hatte. Seine Frau war schon seit zwei Jahren tot, und er hatte nur das „Fräulein“ bei sich, das ihm den Haushalt führte.
Die Radspuren wurden tiefer. Man näherte sich Bertaux. Der Kleine zwängte sich durch ein Loch in der Hecke, verschwand und tauchte schließlich in einiger Entfernung am Hoftor wieder auf, um es zu öffnen.
Das Pferd trabte weich über das taufeuchte Gras, und Charles mußte sich bücken, um an den tiefhängenden Zweigen vorbeizukommen. Die Hofhunde vor ihren Hütten bellten und rissen an den Ketten. Als Charles auf Bertaux einritt, scheute sein Pferd und machte einen großen Satz.
Bertaux war ein ansehnlicher Hof. In den Stallungen, deren Türen offenstanden, sah man kräftige Ackerpferde gemächlich aus blanken Raufen fressen. An den Gebäuden entlang zog sich ein großer dampfender Misthaufen; außer den Hühnern und Truthähnen pickten auch fünf oder sechs Pfaue darauf herum, der besondere Stolz jedes Geflügelhofes in Caux. Der Schafstall war groß, die Scheune hoch, mit Wänden so glatt wie eine Hand. Im Schuppen standen zwei große Leiterwagen und vier Pflüge samt Peitschen, Kumten und allem Geschirr. Die blauen Wolldecken, die darauf lagen, waren mit dem feinen Staub bedeckt, der von den Schüttböden herunterfiel. Der Hof stieg nach dem Wohnhaus zu ein wenig an und war in regelmäßigen Abständen mit Bäumen bepflanzt. Vom Tümpel her erscholl das fröhliche Geschnatter einer Herde Gänse.
Auf der Schwelle des Hauses erschien jetzt ein junges Mädchen in einem mit drei Volants besetzten blauen Merinowollkleid, um Herrn Bovary zu empfangen. Sie nötigte ihn in die Küche, wo ein großes Feuer loderte. Rings um das Feuer herum schmorte in großen und kleinen Töpfen das Frühstück für das Gesinde. Im Kamin hingen feuchte Kleidungsstücke zum Trocknen. Kohlenschaufel, Feuerzange und Blasebalg, alles von riesiger Größe, funkelten wie blanker Stahl. An den Wänden hing ringsum reiches Küchengerät, darin sich zuckend die Herdflammen spiegelten, vereint mit den ersten Sonnenstrahlen, die durch die Fensterscheiben fielen.
Charles stieg in das erste Stockwerk hinauf zu dem Kranken. Der lag im Bett, schwitzte unter seinen Decken und hatte seine Nachtmütze weit zurückgeschoben. Es war ein kleiner beleibter Mann von fünfzig Jahren, mit weißer Haut, blauen Augen, kahler Stirn und mit Ringen in den Ohren. Neben sich hatte er auf einem Stuhl eine große Flasche Branntwein, aus der er sich von Zeit zu Zeit einschenkte, um „Mumm in die Knochen zu kriegen“. Als er den Arzt sah, wurde er sogleich ganz zahm, und statt weiter zu fluchen, wie er es seit zwölf Stunden getan hatte, fing er nun schwach und kläglich an zu stöhnen.
Der Bruch war einfach und ohne irgendwelche Komplikation. Charles hätte sich keinen leichteren Fall wünschen können. Er dachte daran, wie sich seine Lehrmeister an den Krankenbetten verhalten hatten, und redete dem Patienten zunächst mit allerlei tröstlichen Worten gut zu und zeigte dabei die wohlwollende Milde des Chirurgen, die dem Öl gleicht, mit dem man die Seziermesser einfettet. Dann ließ er sich aus dem Holzschuppen ein paar Latten holen, um das Bein zu schienen, wählte eine aus und glättete sie mit einer Glasscherbe. Derweil riß das Dienstmädchen ein Stück Leinwand in Streifen, und Fräulein Emma übernahm es, kleine Verbandpolster zu nähen. Als sie ihren Nähkasten nicht gleich finden konnte, fing ihr Vater an zu poltern. Sie erwiderte nichts, stach sich jedoch beim Nähen in die Finger, die sie darauf an die Lippen führte, um das Blut aufzusaugen.
Charles war überrascht, wie gepflegt ihre Nägel waren. Sie waren mandelförmig geschnitten, mit feinen Spitzen, und glänzender poliert als die Elfenbeinwaren aus Dieppe. Die Hand selbst war weniger schön; vielleicht nicht weiß genug und an den Fingergliedern ein wenig zu mager, auch zu lang und in den Linien nicht weich genug. Schön waren ihre Augen; eigentlich braun, wirkten sie durch die langen Wimpern fast schwarz, und ihr offener Blick strahlte einen mit freimütiger Keckheit an.
Als der Verband angelegt worden war, lud Herr Rouault höchstselbst den Arzt ein, vor der Abfahrt noch einen kleinen Imbiß zu nehmen. Charles stieg in das Eßzimmer hinunter, das im Erdgeschoß lag. Hier war am Fuße eines großen Himmelbettes mit Kattunvorhängen, auf denen allerlei türkische Gestalten zu sehen waren, ein kleiner Tisch für zwei Personen gedeckt. Silberne Becher glänzten neben den Tellern. Dem Fenster gegenüber stand ein großer Eichenschrank, dem ein Duft von Veilchenwurzel und feuchtem Leinen entströmte. In den Ecken des Zimmers lehnten ein paar Getreidesäcke, die in der nebenan gelegenen Kornkammer, zu der drei Stufen hinaufführten, keinen Platz mehr gefunden hatten. Als Zimmerschmuck hing mitten an der Wand, deren grüner Anstrich hier und da schon von Salpeter zerstört war und abblätterte, eine Kreidezeichnung in goldenem Rahmen, einen Minervakopf darstellend, unter dem in gotischen Lettern geschrieben stand: „Meinem lieben Papa.“
Sie sprachen zunächst über den Kranken, dann über das Wetter, die große Kälte und die Wölfe, die nachts die Gegend unsicher machten. Fräulein Rouault gefiel es gar nicht auf dem Lande, zumal jetzt, da sie fast ganz allein für den Hof zu sorgen hatte. Es war so kalt im Zimmer, daß ihr bei der Mahlzeit die Zähne klapperten. Dabei entblößten sich ihre vollen Lippen, an denen sie, wenn sie schwieg, immer herumnagte.
Ihr Hals erhob sich aus einem weißen Umlegekragen. Ihr schwarzes Haar lag so glatt an, daß es aus einem Stück zu bestehen schien, getrennt nur durch den feingeschwungenen Scheitel in der Mitte, und nach hinten zu hatte sie es, gerade noch die Ohrläppchen freilassend, zu einem üppigen Knoten geflochten; nur an den Schläfen war es leicht gewellt, eine Frisur, die der Landarzt zum erstenmal in seinem Leben sah. Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei Knöpfen ihrer Bluse steckte wie bei einem Mann ein Lorgnon aus Schildpatt.
Als Charles, nachdem er sich oben bei Vater Rouault verabschiedet hatte, vor der Abfahrt noch einmal ins Zimmer trat, sah er Emma am Fenster stehen und, die Stirn an die Scheiben gelehnt, in den Garten hinausschauen, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. Sie wandte sich um.
„Suchen Sie noch etwas?“ fragte sie.
„Verzeihung, meine Reitpeitsche“, sagte er und fing an, auf dem Bett, hinter den Türen und unter den Stühlen herumzusuchen.
Die Peitsche war zwischen den Säcken und der Mauer zu Boden gefallen. Emma entdeckte sie und beugte sich über die Säcke. Charles stürzte galant hinzu, und sich gleichfalls nach der Peitsche bückend, fühlte er, wie seine Brust den Rücken des jungen Mädchens streifte. Als sie sich wieder aufrichtete, war sie ganz rot und reichte ihm mit einem Blick über die Schulter seinen Ochsenziemer.
Statt nach drei Tagen, wie er es versprochen hatte, kam er bereits am nächsten Tag wieder und von da an regelmäßig zweimal in der Woche, die Besuche nicht mitgezählt, die er so zwischendurch, so gleichsam im Vorbeikommen machte.
Im übrigen ging alles gut; die Heilung verlief glatt, und als man Vater Rouault nach sechs Wochen wieder auf eigenen Füßen, wenn auch noch behutsam, in seiner „Bude“ herumstiefeln sah, begann man, Herrn Bovary als große Kapazität zu betrachten. Vater Rouault erklärte, auch die bedeutendsten Ärzte aus Yvetot oder Rouen hätten ihn nicht besser kurieren können.
Was Charles betrifft, so dachte er gar nicht daran, sich zu fragen, warum er so gern nach Bertaux kam. Hätte er es getan, so würde er sich wahrscheinlich vorgeredet haben, es sei ihm nur um den interessanten Fall und um das schöne Honorar zu tun, das ihm hier winkte. War es aber wirklich nur dies, was die Besuche auf dem Gut zu einer so reizvollen Abwechslung in dem Einerlei seines gewohnten Lebens machte? Er stand an diesen Tagen immer schon früher als sonst auf und ritt, sein Pferd anspornend, im Galopp davon. Kurz vor der Ankunft stieg er jedesmal ab, säuberte seine Schuhe im Gras und zog seine schwarzen Handschuhe an; und wenn er dann auf dem Hof ankam und das Gatter mit der Schulter aufschob, wenn der Hahn auf der Mauer krähte und die Dorfjungen ihm entgegenliefen, war ihm richtig wohl ums Herz. Er liebte die Scheune und die Pferdeställe, er liebte den alten Rouault, der ihm auf die Schulter klopfte und ihn seinen Retter nannte; er liebte die kleinen Holzüberschuhe, in denen Fräulein Emma auf den blank gescheuerten Fliesen der Küche hin und her trappelte. Ihre hohen Absätze machten sie ein wenig größer, und wenn sie vor ihm herging, schlugen die rasch bewegten Holzsohlen mit einem spröden kleinen Klappen gegen das Leder der Schuhe.
Wenn er aufbrach, begleitete sie ihn immer bis an die erste Stufe der Vortreppe und blieb bei ihm stehen, bis sein Pferd vorgeführt war. Verabschiedet hatte man sich schon, gesprochen wurde nichts mehr; die freie Luft wehte um sie her, zauste die widerspenstigen Härchen in ihrem Nacken oder spielte mit den Schürzenbändern an ihrer Hüfte, daß sie wie Wimpel flatterten. Einmal, es war Tauwetter, und von den Ästen der Bäume und den Dächern der Gebäude tropfte der geschmolzene Schnee, kehrte sie auf der Türschwelle wieder um, holte ihren Schirm und öffnete ihn. Durch die in Taubenhalsfarben schillernde Seide warf die Sonne spielende Reflexe auf ihr weißes Gesicht. Sie lächelte in der lauen Wärme unter ihrem Schirm, und man hörte, wie Tropfen um Tropfen auf die gespannte Seide fiel.
In der ersten Zeit, seit Charles nach Bertaux ritt, versäumte Frau Bovary nicht, nach dem Befinden des Kranken zu fragen. Sie hatte in ihrer doppelten Buchführung sogar eine schöne neue Seite eigens für Herrn Rouault eingerichtet. Als sie jedoch hörte, daß er eine Tochter habe, zog sie nähere Erkundigungen ein und erfuhr, daß Fräulein Rouault im Kloster bei den Ursulinerinnen aufgewachsen sei und dort eine sogenannte gute Erziehung genossen habe und daß sie infolgedessen im Tanzen, in der Geographie, im Zeichnen, im Sticken und im Klavierspielen bewandert sei. Das war die Höhe!
Also deshalb, sagte sie sich, strahlt er immer so, wenn er zu ihr fährt! Deshalb zieht er immer die neue Weste an, auch auf die Gefahr hin, daß der Regen sie ihm ruiniert! Ah, diese Person! Diese Person!
Und sie haßte sie instinktiv. Anfangs machte sie sich durch Anspielungen Luft, die Charles nicht verstand, dann durch allerlei streitsüchtige Betrachtungen, auf die er sich nicht einließ, um nicht ein Gewitter heraufzubeschwören, und schließlich durch ganz unverblümte Vorwürfe, auf die er nicht zu antworten wußte.
Woher kam es denn, daß er immer noch nach Bertaux fuhr, obgleich Herr Rouault längst geheilt war und diese Leute immer noch nicht bezahlt hatten? Doch wohl nur daher, weil dort jemand war, eine Person, die hübsch zu schwatzen verstand und sich gebildet aufspielte, eine Schöngeistige! Das war ja wohl so nach seinem Geschmack, das brauchte er ja wohl: ein Stadtdämchen! „Hach!“ höhnte sie geringschätzig. „Die Tochter des alten Rouault! Die, und eine feine Dame! Ihr Großvater war Schäfer, und ein Vetter von ihr ist beinah mal vors Schwurgericht gekommen, weil er bei einem Krakeel das Messer gezogen hat! Die hat es gerade nötig, so viel Trara zu machen und sonntags in der Kirche im seidenen Kleid daherzukommen wie eine Gräfin! Der gute Rouault! Als ob nicht jeder wüßte, daß er ohne die gute Rapsernte im vorigen Jahr nicht ein und aus gewußt hätte vor Schulden!“
Um des lieben Friedens willen stellte Charles schließlich seine Besuche in Bertaux ein. In einem großen Liebesausbruch hatte ihn Héloïse unter vielen Tränen und Küssen auf das Meßbuch schwören lassen, daß er nie mehr dort hingehen werde. Er gehorchte auch, aber sein Herz empörte sich gegen seine eigene Fügsamkeit, und in einer Art Bauernschläue legte er es sich so aus, daß dieses Verbot, Fräulein Rouault wiederzusehen, ihm nunmehr ein Recht gebe, sie zu lieben. Und seine Witwe war so mager und hatte so lange Zähne. Sie trug Sommer wie Winter ein kleines schwarzes Halstuch, dessen Enden ihr beständig hinten zwischen den Schulterblättern herumbaumelten. Ihre knochige Gestalt war immer in zu enge, futteralartige Kleider gezwängt, die so kurz waren, daß darunter ihre Knöchel mit den auf den grauen Strümpfen gekreuzten Bändern der großen Schuhe hervorschauten.
Von Zeit zu Zeit kam Charles’ Mutter zu Besuch, aber der Schwiegertochter gelang es immer schon nach wenigen Tagen, sie auf ihre Seite zu bringen, und dann hackten sie beide mit ihren Vorwürfen und Ermahnungen wie zwei Messer auf ihm herum: Wie kann man nur so viel essen! Warum immer gleich jedem ersten besten, der kommt, etwas zu trinken anbieten! Was für ein Eigensinn, kein wollenes Unterzeug zu tragen!
Da geschah es zu Beginn des Frühlings, daß sich der Notar in Ingouville, der das Vermögen der Witwe Dubuc verwaltete, eines schönen Tages bei günstiger Gelegenheit auf und davon machte und unter Mitnahme sämtlicher ihm anvertrauten Gelder über den Ozean entschwand. Nun besaß Héloïse zwar außer einem auf sechstausend Francs geschätzten Schiffsanteil noch ihr Haus in der Rue Saint-François, aber von dieser Herrlichkeit, von der sie einst so viel Aufhebens gemacht hatte, war bis jetzt außer ein paar Möbelstücken und Nippsachen nichts zum Vorschein gekommen. Da mußte Klarheit geschafft werden. Es stellte sich heraus, daß das Haus in Dieppe bis in die Balken von Hypotheken zerfressen war wie von Holzwürmern. Wieviel sie beim Notar hinterlegt hatte, wußte Gott allein, und der Schiffsanteil betrug nicht mehr als tausend Taler. Sie hatte gelogen, die gute Dame!
In seiner Wut zerschlug Vater Bovary einen Stuhl auf den Fliesen und beschuldigte seine Frau, ihren Sohn ins Unglück gestürzt zu haben, indem sie ihn mit so einer Schindmähre verkuppelte, die nicht mal mehr das Futter wert sei. Sie fuhren nach Tostes. Es gab eine Auseinandersetzung und große Szenen. Héloïse warf sich schluchzend in die Arme ihres Gatten und beschwor ihn, sie gegen seine Eltern zu verteidigen. Charles wollte vermitteln, aber da wurden die Alten böse und fuhren ab.
Héloïse konnte den Schlag jedoch nicht überwinden. Acht Tage später, als sie im Hof beim Wäscheaufhängen war, bekam sie einen Blutsturz, und am nächsten Morgen, während Charles ihr gerade den Rücken zuwandte, weil er den Fenstervorhang vorzog, sagte sie: „Ach, mein Gott“, stieß einen Seufzer aus und verlor das Bewußtsein. Sie war tot. Wie sonderbar!
Als auf dem Friedhof alles vorbei war, ging Charles in sein Haus zurück. Unten im Erdgeschoß war niemand. Er stieg in den ersten Stock hinauf und trat ins Zimmer, wo er ihr Kleid noch im Alkoven hängen sah. Dann setzte er sich an den Schreibtisch und blieb, den Kopf in die Hand gestützt, bis in den Abend hinein in schmerzliche Betrachtungen versunken. Sie hatte ihn immerhin geliebt.
3
Eines Morgens erschien Vater Rouault und brachte Charles das Honorar für sein geheiltes Bein: fünfundsiebzig Francs, in Vierzigsousstücken, und eine Truthenne.
Er hatte von dem Trauerfall erfahren und tröstete ihn, so gut er konnte.
„Ich weiß, wie das ist“, sagte er und klopfte ihm auf die Schulter, „ich habe das auch durchgemacht! Als ich meine arme Selige verloren hatte, da lief ich hinaus in die Felder, um allein zu sein. Unter einem Baum warf ich mich hin, flennte, rief zum lieben Gott und sagte ihm allerlei Torheiten. Ich hätte einer von den Maulwürfen sein mögen, wie ich sie manchmal am Weg liegen sah, verreckt, schon die Würmer im Bauch. Und wenn ich dann dachte, daß die anderen nun ihre lieben, netten Weiberchen noch hatten und sie ans Herz drücken konnten, da prügelte ich vor Wut die Erde mit meinem Stock. Ich war wie verrückt; ich aß keinen Bissen mehr. Der Gedanke, allein beim Kaffee zu sitzen, widerte mich an. Na – ja und dann, so ganz sachte, wie ein Tag nach dem anderen verging und ein Frühling nach dem Winter und ein Herbst nach dem Sommer, da ist das so von mir abgebröckelt, Stückchen um Stückchen, fort, weg – oder hinunter, will ich sagen, denn etwas bleibt ja immer in einem stecken, ganz tief im Grunde, so was wie . . . ein Klumpen, da in der Brust! Aber da das ja nun einmal unser aller Schicksal ist, darf man deswegen nicht gleich meinen, es sei alles aus, und sterben wollen, weil andere vor einem gestorben sind. Sie müssen sich aufrappeln, Herr Bovary, das geht alles vorüber! Besuchen Sie uns doch mal! Meine Tochter denkt manchmal an Sie, müssen Sie wissen, und meint schon, Sie hätten sie ganz vergessen. Jetzt wird’s bald Frühling. Wir werden Sie mit ins Revier nehmen auf die Karnickeljagd; das wird Sie ein bißchen zerstreuen.“
Charles folgte seinem Rat und kam wieder nach Bertaux. Er traf alles an, als hätte er es erst gestern und nicht vor fünf Monaten verlassen. Die Birnbäume blühten schon, und der gute alte Rouault, der nun wieder obenauf war, kam und ging und brachte Leben auf den Hof.
Er hielt es für seine Christenpflicht, dem Doktor in seiner Trauer mit aller erdenklichen Rücksicht zu begegnen. Er bat ihn, doch ja die Mütze aufzubehalten, sprach nur mit gedämpfter Stimme zu ihm wie zu einem Kranken und stellte sich ganz zornig darüber, daß man nicht eigens für den Gast noch etwas Leichteres, einen Rahmpudding oder gedünstete Birnen, zubereitet hatte. Er erzählte allerhand Geschichten. Charles ertappte sich dabei, daß er darüber lachte; aber dann erinnerte er sich seiner Frau und wurde plötzlich wieder traurig. Als man jedoch den Kaffee brachte, dachte er schon nicht mehr an sie.
Je mehr er sich an das Alleinsein gewöhnte, um so seltener dachte er an sie. Das angenehme, ihm neue Gefühl der Unabhängigkeit machte ihm die Einsamkeit bald erträglicher. Jetzt konnte er seine Mahlzeiten einnehmen, wann es ihm paßte, kommen und gehen, ohne Rechenschaft darüber abzulegen, und, wenn er so recht müde war, sich in seinem Bett breitmachen und alle viere von sich strecken. So pflegte und hätschelte er sich denn gründlich und ließ sich auch alle die Tröstungen gern gefallen, die ihm zuteil wurden. Übrigens hatte ihm der Tod seiner Frau in seinem Beruf nur Vorteil gebracht, denn dadurch, daß es einen Monat lang immer wieder geheißen hatte: „Der arme junge Mann! Was für ein Unglück!“, hatte sich sein Name herumgesprochen und der Kreis seiner Patienten vergrößert. Nach Bertaux ritt er, sooft er konnte; eine ziellose Sehnsucht, ein unbestimmtes Glücksgefühl war in ihm. Wenn er jetzt so vor dem Spiegel stand und seinen Backenbart bürstete, fand er, daß er doch gar nicht so übel aussehe.
Eines Tages kam er nachmittags gegen drei Uhr auf dem Hof an. Alles war auf dem Feld. Er ging in die Küche, bemerkte jedoch Emma zunächst nicht, weil die Fensterläden geschlossen waren. Durch die Ritzen schoß die Sonne lange, feine Strahlen, die über die Fliesen glitten, sich an den Kanten der Möbel brachen und an der Decke zitterten. An den gebrauchten Gläsern, die auf dem Tisch standen, krochen die Fliegen herum, um sich schließlich summend in den Apfelweinresten zu ertränken. Durch den breiten Rauchfang drang ein wenig Tageslicht, in dem das rußige Kaminblech wie Samt und die kalte Asche ganz bläulich aussah. Zwischen Fenster und Kamin saß Emma und nähte. Sie hatte ihr Busentuch abgelegt, und auf ihren nackten Schultern glänzten kleine Schweißperlen.
Nach ländlichem Brauch bot sie ihm etwas zu trinken an. Er dankte, aber sie bestand darauf und lud ihn schließlich lachend ein, ein Gläschen Likör mit ihr zu genehmigen. Sie holte eine Flasche Curaçao und zwei Gläser aus dem Schrank, füllte das eine bis zum Rand, goß in das andere nur ein paar Tropfen und führte es, nachdem sie mit ihm angestoßen hatte, an den Mund. Da es fast leer war, mußte sie sich weit zurückbeugen und so, den Kopf nach hinten geworfen, die Lippen gespitzt und die Kehle gestrafft, stand sie da und lachte, weil immer noch nichts kommen wollte, während ihre Zungenspitze zwischen den feinen Zähnen herausfuhr und den Boden des Glases in kleinen Stößen ausleckte.
Dann setzte sie sich wieder und wandte sich von neuem ihrer Näharbeit zu. Ein weißer, baumwollener Strumpf war zu stopfen. Sie arbeitete mit gesenkter Stirn und sagte nichts. Charles auch nicht. Ein Luftzug fuhr unter der Tür herein und trieb ein wenig Staub über die Fliesen. Charles sah zu, wie er dahinstrich, und hörte nichts als das Pochen des Blutes in seinem Kopf und ganz in der Ferne das Gegacker einer Henne, die irgendwo auf einem der Höfe ein Ei gelegt hatte. Von Zeit zu Zeit hielt Emma ihre Handflächen an den kalten Eisenknauf eines der großen Feuerböcke und führte sie dann zur Kühlung an ihre Wangen.
Sie klagte darüber, daß sie seit Beginn des Frühjahrs an Schwindelanfällen leide, und fragte, ob Seebäder wohl gut dagegen seien. Sie begann vom Kloster zu erzählen, Charles von seinem Gymnasium; so gerieten sie allmählich in ein ganz lebhaftes Gespräch. Sie stiegen in ihr Zimmer hinauf. Emma zeigte ihm ihre alten Notenhefte von damals, die Bücher, die sie als Schulpreise bekommen hatte, und kleine Kränze aus Eichenlaub, die verlassen unten in einem Schrank lagen. Auch von ihrer Mutter erzählte sie, vom Friedhof, auf dem sie lag, und zeigte ihm sogar im Garten das Beet, von dem sie an jedem ersten Freitag im Monat die Blumen pflückte, die sie der Toten aufs Grab legte. Aber ihr Gärtner verstünde gar nichts, mit dem seien sie schlecht dran. Sie würde gern, wenigstens im Winter, in der Stadt wohnen, obwohl während der langen Sommertage das Leben auf dem Lande vielleicht noch langweiliger sei – und je nach dem, was sie sagte, klang ihre Stimme klar und hell oder wurde plötzlich matt, verschleiert und verlor sich fast in ein Murmeln, als spräche sie zu sich selbst. Bald schlug sie fröhlich die Augen auf und blickte naiv drein; dann wieder schloß sie die Lider halb, der Blick verschleierte sich verdrießlich, ihre Gedanken schweiften in die Ferne.
Abends auf dem Heimweg rief sich Charles alles, was sie gesagt hatte, noch einmal ins Gedächtnis zurück und suchte die Bedeutung ihrer Worte zu ergänzen, um sich ein Bild von ihr zu machen aus der Zeit, als er sie noch nicht gekannt hatte. Dabei gelang es ihm jedoch niemals, sie anders vor sich zu sehen als so, wie er sie zum erstenmal oder jetzt eben beim Abschied gesehen hatte. Dann fragte er sich, was wohl aus ihr werden würde, wenn sie sich verheiratete, und mit wem. Ach, Vater Rouault war sehr reich und sie . . . so schön! Aber Emmas Gesicht schwebte ihm immer und immer wieder vor, und wie das eintönige Summen eines Kreisels summte es ihm unablässig in den Ohren: Wehn du es wärst! Wenn du es wärst! In der Nacht konnte er nicht schlafen, die Kehle war ihm wie zugeschnürt, ihn dürstete. Er stand auf, um ein Glas Wasser zu trinken, und öffnete das Fenster. Der Himmel war mit Sternen besät, ein warmer Wind wehte, fernab bellten Hunde. Er wandte den Kopf nach der Richtung hin, wo Bertaux lag.
Von dem Gedanken ermutigt, daß er ja im Grunde nichts dabei riskiere, beschloß er schließlich, einen Antrag zu machen, sowie sich die Gelegenheit dazu böte; aber jedesmal, wenn sie sich bot, verschloß ihm die Angst, nicht die passenden Worte zu finden, die Lippen.
Vater Rouault wäre nicht böse darüber gewesen, wenn man ihm seine Tochter wegholte, die ihm keine große Hilfe im Haus bedeutete. Er entschuldigte sie bei sich damit, daß sie viel zu gescheit sei für die Landwirtschaft, dieses gottverdammte Gewerbe, das noch keinen zum Millionär gemacht hatte! Er jedenfalls, der gute Rouault selbst, hatte noch keine Reichtümer dabei gesammelt, sondern setzte jedes Jahr nur zu, denn wenn er auch auf dem Markt trefflich seinen Mann zu stehen wußte, weil er sich auf die Kniffe und Schliche des Handels verstand, so lag ihm die eigentliche Landwirtschaft samt der inneren Hofverwaltung durchaus nicht. Er zog nicht gern die Hände aus den Hosentaschen und sparte nicht im geringsten, wenn es sich um Ausgaben für seine eigene Person handelte. Er legte Wert auf gutes Essen und Trinken, einen warmen Ofen, ein weiches Bett. Ein gutes Glas Apfelmost, eine saftige, halb durchgebratene Hammelkeule, ein kräftiger Mokka mit Kognak – das war nach seinem Herzen. Er nahm seine Mahlzeiten immer in der Küche ein, allein für sich, neben dem Herdfeuer, an einem kleinen Tisch, den man ihm, schon fix und fertig gedeckt, hereinbringen mußte wie im Theater.
Als er nun merkte, daß Charles immer ganz rote Backen bekam, wenn er bei Emma war, was ja doch nur bedeuten konnte, daß er eines schönen Tages bei ihm um sie anhalten würde, ließ er sich die ganze Sache schon im voraus durch den Kopf gehen. Der junge Mann war zwar seiner Meinung nach ein bißchen schlafmützig und überhaupt nicht gerade ein Schwiegersohn, wie er ihn sich gewünscht hätte; aber er galt ja doch allgemein als solider, achtbarer Mann, sparsam und tüchtig in seinem Beruf, und vor allem war anzunehmen, daß er wegen der Mitgift keine Schwierigkeiten machen würde, und da Vater Rouault zur Zeit gerade genötigt war, zweiundzwanzig Morgen Land zu verkaufen, außerdem beträchtliche Schulden beim Maurer und Tapezier hatte und auch die Kelter erneuert werden mußte, so sagte er sich: Wenn er sie will, soll er sie kriegen.
Zu Michaelis war Charles drei Tage in Bertaux auf Besuch. Aber auch der letzte Tag verging wie die anderen, Viertelstunde um Viertelstunde, ohne daß etwas erfolgt wäre. Vater Rouault gab ihm das Abschiedsgeleit Sie gingen einen Hohlweg entlang. Gleich mußten sie sich trennen. Nun war der Augenblick gekommen! Charles gab sich noch eine letzte Frist, bis sie an der Hecke des nächsten Seitenweges anlangten, und dann endlich, als sie daran vorbei waren, würgte er hervor: „Herr Rouault, ich möchte Ihnen gern etwas sagen.“
Sie blieben stehen. Charles schwieg.
„Na, schießen Sie nur los!“ lachte Vater Rouault gemütlich. „Ich weiß ja doch schon alles!“
„Vater Rouault . . . Vater Rouault . . .“, stammelte Charles.
„Ich bin ja ganz einverstanden“, fuhr der Landmann fort, „aber obwohl ich überzeugt bin, daß die Kleine so denkt wie ich, muß man sie doch erst noch fragen. Bleiben Sie jetzt hier, ich gehe derweil heim und rede mit ihr. Sagt sie ja, so brauchen Sie nicht gleich zurückzukommen, wegen der Leute, und dann würde es Emma auch zu sehr aufregen. Aber damit Sie nicht so lange Blut schwitzen müssen, werde ich dann in diesem Fall den Fensterladen ganz weit aufschlagen, bis an die Mauer. Von da drüben können Sie es sehen, wenn Sie sich über die Hecke beugen.“
Damit ging er.
Charles band sein Pferd an einen Baum, lief nach dem Seitenweg und wartete. Eine halbe Stunde verging, dann zählte er noch neunzehn Minuten auf seiner Uhr, und dann plötzlich hörte er einen Schlag gegen die Mauer: der Fensterladen war mit läutern Krach aufgeflogen, die Schließkette baumelte noch hin und her.
Am nächsten Morgen war er schon um neun Uhr auf dem Hof. Emma errötete, als er eintrat, und suchte ihre Erregung hinter einem Lächeln zu verbergen. Vater Rouault umarmte den zukünftigen Schwiegersohn. Über die geschäftliche Seite der Sache redete man noch nicht; dazu war ja noch Zeit genug, denn die Hochzeit konnte natürlich nicht vor nächstem Frühjahr stattfinden, also erst, wenn Charles’ Trauerjahr abgelaufen war.
Der Winter verging so mit Warten. Fräulein Rouault beschäftigte sich mit ihrer Aussteuer. Ein Teil wurde in Rouen bestellt. Hemden und Nachthauben fertigte sie sich selbst nach Modezeichnungen an, die sie sich lieh. Bei Charles’ Besuchen sprach man nur von den Hochzeitsvorbereitungen; man überlegte, in welchem Raum das Festessen stattfindensolle, wie viele Gänge man geben müsse und was für Vorspeisen.
Emma hätte sich eigentlich am liebsten um Mitternacht bei Fackelschein trauen lassen; aber für diese Idee zeigte Vater Rouault nicht das mindeste Verständnis. So gab es also eine Hochzeit, zu der dreiundvierzig Personen erschienen, bei der man sechzehn Stunden bei Tische saß und die am nächsten und, etwas abflauend, auch an den darauffolgenden Tagen noch weiter gefeiert wurde.
4
Die Gäste erschienen schon früh in Gefährten aller Art: in Kutschen, Einspännern, zweirädrigen Karren und Kremsern mit Ledervorhängen; und die jungen Leute aus den Nachbardörfern trafen, in Reihen nebeneinander stehend und sich an den Seitenstangen anklammernd, um bei den derben Stößen nicht umzufallen, auf Leiterwagen ein. Manche kamen zehn Meilen weit her, aus Goderville, Normanville und Cany. Sämtliche Verwandten der beiden Familien hatte man eingeladen. Mit Freunden, mit denen man auseinandergekommen war, hatte man sich wieder versöhnt und an Bekannte geschrieben, die man seit langem aus den Augen verloren hatte.
Immer wieder ertönte Peitschengeknall hinter der Hecke; immer wieder tat sich das Gatter auf und ließ ein neues Fuhrwerk ein. Alle galoppierten bis an die erste Stufe der Freitreppe, hielten mit einem Ruck, und die Insassen quollen zu beiden Seiten heraus, rieben sich die Knie, reckten die Arme. Die Damen, in Hauben, trugen Kleider nach städtischer Mode, goldene Uhrketten und Umhänge, deren Zipfel über Kreuz in den Gürtel gesteckt waren, oder kleine farbige Schultertücher, die, im Rücken mit einer Nadel befestigt, den Hals freiließen. Die Knaben waren genauso angezogen wie ihre Väter, und man merkte ihnen an, daß sie sich in ihrem Staat sehr unbehaglich fühlten, und viele von ihnen weihten an diesem Tag ihr erstes Paar Stiefel ein. Neben dem einen oder anderen stand wohl auch stumm und steif ein hochaufgeschossenes vierzehn- oder sechzehnjähriges Mädchen, eine Kusine oder ältere Schwester, mit hochgeröteten Wangen, das Haar von Rosenpomade starrend, im weißen, für diese Gelegenheit verlängerten Kommunionskleid, und war ängstlich darauf bedacht, sich nicht die neuen Handschuhe zu beschmutzen. Da nicht genug Stallknechte zum Ausspannen da waren, krempelten sich die Herren die Ärmel hoch und griffen selber zu. Je nach ihrem Stand waren sie in Leibfräcken, Bratenröcken, Jacken oder Joppen erschienen – hochfeinen Leibfräcken, die von der ganzen Familie mit Ehrfurcht gehegt und nur zu Festzeiten aus dem Schrank geholt wurden; langschößigen Bratenröcken, die im Winde flatterten, mit hohen zylinderförmigen Kragen und mit Taschen, groß wie Säcke; Jacken aus derbem Tuch, zu denen meist Mützen mit kupferbeschlagenen Schirmen gehörten; Joppen mit zwei Knöpfen im Rücken, die dicht beisammenstanden wie ein Paar Augen, und mit ganz kurzen Schößen, die aussahen, wie vom Zimmermann mit der Axt aus einem Stück zurechtgehauen. Einige – und das waren natürlich die, welche dann bei Tisch ganz unten sitzen mußten – trugen nur ihre Sonntagskittel, bei denen der Kragen einfach umgeschlagen, der Rücken in Falten gebügelt war und die Taille durch einen aufgenähten, sehr tief sitzenden Gürtel zusammengehalten wurde.
Wie Kürasse wölbten sich die gestärkten Hemden über den Brüsten! Alles hatte sich die Haare schneiden lassen, so daß die Ohren noch mehr von den Köpfen abstanden, und alle waren sorgfältig rasiert. Nur einige, die schon vor Morgengrauen aufgestanden waren, hatten offenbar nicht genug Licht dazu gehabt, denn sie wiesen große Schmisse unter der Nase oder talergroße Hautabschürfungen am Kinn auf, die sich unterwegs in der frischen Luft noch mehr gerötet hatten, so daß die feisten, vergnügten Gesichter ganz scheckig aussahen.
Da das Gemeindeamt nur eine halbe Stunde vom Höf entfernt lag, begab man sich zu Fuß dorthin und kehrte, als die Feierlichkeit in der Kirche vorüber war, auch zu Fuß wieder zurück. Der Hochzeitszug, der sich zuerst wie ein buntes Band den schmalen Pfad entlang durch die grünen Saatfelder geschlängelt hatte, lockerte sich bald und zerfiel in verschiedene Gruppen, die des öfteren stehenblieben und plauderten. Allen voran schritt der Spielmann mit seiner buntbebänderten Fiedel. Dann kamen das junge Paar, die Eltern und Verwandten und schließlich die anderen Gäste, wie es sich gerade traf. Die Kinder blieben weit hinten und belustigten sich damit, die Glöckchen von den Haferähren abzureißen oder sonst allerlei Unfug zu treiben, froh, daß sich niemand um sie kümmerte. Emmas Kleid, das zu lang geraten war, schleppte ein wenig nach. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um es aufzuraffen und behutsam mit ihren behandschuhten Händen die Rauhgräser und Distelhäkchen abzuzupfen, und Charles stand mit leeren Händen dabei und wartete, bis sie fertig war. Vater Rouault im neuen Zylinder und Frack, dessen Ärmelaufschläge ihm bis an die Fingernägel reichten, führte die alte Frau Bovary. Herr Bovary senior, der im Grunde seines Herzens die ganze Gesellschaft verachtete und nur in einem einreihigen Überrock von militärischem Schnitt erschienen war, schäkerte anzüglich mit einer jungen blonden Bäuerin, die ihm artig zuhörte, errötete und nicht wußte, wie sie ihm antworten sollte. Die übrigen Gäste sprachen von ihren Geschäften oder ulkten einander an, um sich schon im voraus in Stimmung zu bringen. Zu alledem vernahm man, wenn man hinhörte, immer das Gefiedel des Spielmanns, der auch hier im Freien unaufhörlich spielte. Wenn er merkte, daß die Gesellschaft hinter ihm zurückblieb, blieb er stehen, verschnaufte, rieb umständlich seinen Bogen mit Kolophonium ein, damit die Saiten besser quietschten, und marschierte dann wieder weiter, hob und senkte den Hals seiner Fiedel, um sich selbst den Takt anzugeben. Vor dem Lärm, den er erzeugte, flohen die kleinen Singvögel schon von ferne.
Unter dem Schutzdach des Wagenschuppens war die Tafel gedeckt. Vier Lendenbraten prangten darauf, sechs Schüsseln mit Hühnerfrikassee, eine Platte mit Kalbfleisch, drei Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier in Sauerampfer gekochten Leberwürsten, ein allerliebstes, knusprig gebratenes Spanferkel. An den Tischecken, standen Karaffen mit Branntwein und Flaschen mit süßem Apfelwein, der seinen dicken Schaum schon an den Korken heraustrieb, und auf der Tafel waren sämtliche Gläser im voraus bis an den Rand mit Wein vollgeschenkt. Große Schalen mit gelber Süßspeise, die bei der geringsten Erschütterung des Tisches erbebte, zeigten in verschnörkeltem Zuckerguß die Anfangsbuchstaben der Neuvermählten. Für die Torten und Kuchen hatte man eigens einen Konditor aus Yvetot kommen lassen. Der war erst jüngst in die Gegend gezogen und hatte sich daher besondere Mühe gegeben. Beim Nachtisch trug er eigenhändig ein Prunkstück seiner Kunst auf, das allgemein Bewunderungsrufe erweckte. Der Unterbau aus blauer Pappe stellte einen Tempel dar, mit einem Säulengang und kleinen, mit Goldpapiersternen geschmückten Nischen, in denen zierliche Statuetten aus Tragant thronten. Darüber erhob sich ein Wartturm aus Biskuit, umbaut von winzigen Brustwehren aus Bonbons, Mandeln, Rosinen und Apfelsinenscheiben; und die oberste Plattform endlich, die eine grüne Wiese darstellte, mit Felsen und Teichen aus Zuckerguß und Schiffchen aus Haselnußschalen, war gekrönt von einem kleinen Amor auf einer Schokoladenschaukel, deren Pfosten oben als Knaufe zwei natürliche Rosenknospen trugen.
Man tafelte bis zum Abend. Wer des Sitzens müde geworden war, ging im Hof spazieren oder spielte in der Scheune eine Partie Bouchon und setzte sich schließlich wieder an den Tisch. Gegen Ende der Mahlzeit schliefen manche ein und begannen zu schnarchen. Aber beim Kaffee wurde alles wieder munter. Nun wurden Lieder gesungen und allerlei Kraftproben veranstaltet; man stemmte Gewichte, schoß Purzelbaum, versuchte einen Wagen mit den Schultern zu heben, riß derbe Witze und küßte die Damen. Beim Aufbruch hatte man Mühe, die Pferde anzuschirren, die sich bis an die Nüstern voll Hafer gefressen hatten. Sie bockten und schlugen aus; das Geschirr fiel herunter, und die Besitzer fluchten oder lachten. Die ganze Nacht hindurch rasten im Mondschein Fuhrwerke im Galopp die Landstraße entlang, holperten über Abzugsgräben und Meilensteine, verhedderten sich an den Hecken, und die Frauen beugten sich ängstlich zu den Wagentüren hinaus, um nach den Zügeln zu greifen. Wer in Bertaux blieb, zechte die Nacht über in der Küche weiter, während die Kinder unter den Bänken lagen und schliefen.
Die junge Frau hatte ihren Vater inständig gebeten, sie vor den landesüblichen Brautriachtspäßen zu bewahren. Trotzdem versuchte einer der Vettern, ein Seefischhändler, der als Hochzeitsgeschenk ein Paar Seezungen gestiftet hatte, einen Mund voll Wasser durchs Schlüsselloch zu pusten, und Vater Rouault kam gerade noch rechtzeitig dazu, um ihn daran zu hindern und ihm begreiflich zu machen, daß sich derartige Scherze mit der Würde seines Schwiegersohnes nicht vertrügen. Nur widerwillig ließ der Vetter von seinem Vorhaben ab. Im stillen schalt er den alten Rouault einen Dünkelhans und setzte sich in einer Ecke mit ein paar anderen Unzufriedenen zusammen, die zufällig bei Tisch nicht gerade die besten Fleischstücke erwischt hatten und nun über die schlechte Bewirtung tuschelten und dem Gastgeber heimlich den Bankerott an den Hals wünschten.
Die alte Frau Bovary hatte den ganzen Tag über mit verkniffenem Mund dagesessen und keinen Ton geredet. Man hatte sie weder bei der Besorgung der Aussteuer ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier um Rat gefragt. Sie zog sich bald zurück. Ihr Gatte ließ sich Zigarren holen, anstatt mit ihr zu gehen, qualmte bis zum Morgengrauen und trank dazu unausgesetzt Grog mit Kirschwasser, eine Mischung, die der übrigen Gesellschaft unbekannt war, was sein Überlegenheitsgefühl noch steigerte.
Charles war keineswegs ein guter Gesellschafter und hatte während der ganzen Hochzeit keine glänzende Rolle gespielt. Gegen all die Späße, Zweideutigkeiten und Anulkungen, mit denen er der Sitte gemäß schon von der Suppe an bombardiert worden war, hatte er sich wenig schlagfertig gezeigt.
Am anderen Morgen jedoch war er wie ausgewechselt. Fast hätte man glauben können, er sei es, der über Nacht die Jungfernschaft verloren habe, während der jungen Frau nicht die geringste Veränderung anzumerken war. Selbst die kecksten Witzbolde fanden nichts an ihr, was zu irgendeiner Hänselei Anlaß geboten hätte, obwohl sie sie wie mit Argusaugen beobachteten, sooft sie in ihre Nähe kam. Charles trug sein verändertes Wesen ganz unverhohlen zur Schau. Er nannte sie „mein Frauchen“, duzte sie, fragte jeden nach ihr, lief ihr überallhin nach und zog sie des öfteren abseits auf den Hof hinaus, wo man ihn dann von weitem unter den Bäumen mit ihr auf und ab gehen sah, den Arm um ihre Hüften gelegt, halb über sie gebeugt und von Zeit zu Zeit den Kopf an ihre Brust pressend, so daß er ihr das Busentuch ganz zerknüllte.
Zwei Tage nach der Hochzeit fuhren die Neuvermählten ab. Charles konnte seiner Patienten wegen nicht länger bleiben. Vater Rouault ließ sie in seinem Jagdwägelchen heimbringen und gab ihnen bis Vassonville selber das Geleit. Dort umarmte er seine Tochter noch einmal, stieg dann ab und machte sich zu Fuß auf den Rückweg. Als er etwa hundert Schritt gegangen war, blieb er stehen, schaute sich noch einmal nach dem Wagen um, der die staubige Straße dahinrollte, und seufzte tief auf. Er dachte an seine eigene, Hochzeit, sein Leben damals und die erste Schwangerschaft seiner Frau. Auch er war überglücklich gewesen an dem Tage, da er sie aus ihrem Vaterhaus in das seine geführt hatte; sie hatte hinter ihm im Sattel gesessen, als er so über den Schnee ritt, denn es war um Weihnachten, und das ganze Land war weiß. Mit dem einen Arm hielt sie sich an ihm fest, am anderen hing ihr Korb. Der Wind spielte mit den langen Spitzen ihres normannischen Kopfputzes und wehte sie ihr manchmal vor den Mund, und wenn er den Kopf wandte, sah er ganz nah über seine Schulter hinweg ihr rosiges Gesichtchen, das unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich hin lächelte. Wenn sie an den Fingern fror, steckte sie ihre Hände für eine Weile vorn in seine Jacke, ganz nahe an seine Brust. Wie lange war das nun schon alles her! Ihr Sohn wäre jetzt schon dreißig Jahre!
Als er sich abermals umblickte, war nichts mehr auf der Straße zu sehen. Er kam sich so traurig vor wie ein verödetes Haus. Die wehmütigen Erinnerungen mischten sich mit den düsteren Gedanken seines vom vielen Essen und Trinken noch dumpfen Hirns, und für einen Augenblick verspürte er nicht übel Lust, einen Umweg über den Kirchhof zu machen; aber dann fürchtete er wieder, daß ihn das noch trauriger stimmen könne, und ging geradenwegs heim.
Charles und Emma trafen gegen sechs Uhr in Tostes ein. Die Nachbarn stürzten an die Fenster, um die neue Frau Doktor zu sehen.
Die alte Magd empfing die Herrschaften, brachte ihren Glückwunsch dar, entschuldigte sich, daß das Essen noch nicht ganz fertig sei, und bat die gnädige Frau, unterdessen ihr neues Heim in Augenschein zu nehmen.
5
Das Haus grenzte mit seiner Backsteinfassade unmittelbar an die Straße oder, richtiger gesagt, an die Landstraße. Hinter der Tür hingen ein Mantel mit kleinem Kragen, ein Zügel und eine schwarze Ledermütze, und in einer Ecke standen am Boden ein Paar Gamaschen, noch von angetrocknetem Straßenkot starrend. Rechter Hand lag der Raum, in dem man aß und sich auch für gewöhnlich aufhielt. Eine kanariengelbe, oben mit einer bläßlichen Blumengirlande abschließende Tapete bauschte sich, schlecht aufgeklebt, an den Wänden. Weiße, mit roter Borte eingefaßte Kattunvorhänge hingen, sich überkreuzend, vor den Fenstern, und auf dem schmalen Kaminsims prangte eine Stutzuhr mit dem Kopf des Hippokrates zwischen zwei versilberten Leuchtern unter ovalen Glasglocken.
Auf der anderen Seite des Flurs lag Charles’ Sprechzimmer, ein kleiner Raum, nur etwa sechs Schritt lang, mit einem Tisch, drei Stühlen und einem Bürosessel. In den sechs Fächern eines Bücherschranks aus Fichtenholz standen fast ganz einsam nur die broschierten, unaufgeschnittenen Bände des „Wörterbuchs der medizinischen Wissenschaften“, denen man ansah, daß sie schon mehr als einmal den Besitzer gewechselt hatten. Während der Sprechstunden drang von der Küche her Bratengeruch durch die Wand, und in der Küche konnte man hören, wie die Kranken im Sprechzimmer husteten und ihre ganzen Leidensgeschichten erzählten. Hierauf folgte ein großes verwahrlostes Gelaß mit einem Backofen. Es führte unmittelbar auf den Hof hinaus, wo sich der Stall befand, diente jetzt als Holzschuppen, Keller und Rumpelkammer und war vollgepfropft mit altem Eisen, leeren Fässern, ausgedientem Ackergerät und einer Menge anderer verstaubter Gegenstände, bei denen unmöglich zu erraten war, wozu sie einmal gedient hatten.
Der Garten, der länger als breit war, erstreckte sich zwischen zwei mit Aprikosenspalieren bedeckten Lehmmauern bis zu einer Dornenhecke, die ihn vom freien Felde trennte. In seiner Mitte befand sich auf gemauertem Sockel eine Sonnenuhr mit einem Zifferblatt aus Schiefer. Vier Rabatten mit spärlichen Heckenrosen umgaben symmetrisch ein Mittelbeet mit nützlicherem Gewächs. Ganz hinten, unter ein paar kleinen Fichten, las ein gipserner Pfarrer in seinem Brevier.
Emma stieg nun zu den oberen Zimmern hinauf. Das erste war überhaupt nicht möbliert; im zweiten aber, im ehelichen Schlafgemach, stand in einem Alkoven mit roten Vorhängen ein Bett aus Mahagoniholz. Eine kleine Muscheltruhe zierte die Kommode, und auf dem Sekretär am Fenster stand in einer Karaffe ein mit weißen Seidenbändern umwundener Strauß künstlicher Orangenblüten. Es war ein Brautbukett – das Brautbukett der „anderen“! Emmas Blick blieb daran haften. Charles bemerkte es, nahm den Strauß und trug ihn auf den Dachboden, während sie, in einem Sessel sitzend – man stellte unterdessen ihre Sachen ins Zimmer –, an ihr eigenes Brautbukett dachte, das in einer Schachtel verpackt war, und träumerisch darüber nachsann, was wohl damit geschehen würde, wenn sie zufällig stürbe.
In den ersten Tagen beschäftigte sie sich damit, allerlei Änderungen in ihrem Hause auszudenken. Sie nahm die Glasglocken von den Leuchtern, ließ neu tapezieren, die Treppe neu streichen und im Garten rings um die Sonnenuhr Bänke aufstellen. Sie erkundigte sich sogar, was man tun müsse, um ein Wasserbecken mit einem Springbrunnen und Fischen anzulegen. Außerdem kaufte Charles, da er wußte, wie gern sie spazierenfuhr, und sich gerade eine Gelegenheit bot, ein kleines Halbwägelchen für sie, das, mit neuen Laternen und einem gesteppten Spritzleder versehen, beinahe wie ein Tilbury aussah.
Er war jetzt also glücklich und hatte keine Sorgen mehr auf dieser Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, der Abendspaziergang auf der Landstraße, die Bewegung ihrer Hand, wenn sie ihre Schleifen glättete, der Anblick ihres am Fensterkreuz aufgehängten Strohhutes und noch eine Menge anderer Dinge, von denen Charles niemals geahnt hatte, wie reizend sie sein können, reihten sich nun zu einer ununterbrochenen Glückskette aneinander. Morgens im Bett, Seite an Seite mit ihr auf demselben Kopfkissen, sah er das Sonnenlicht durch den Flaum ihrer blonden Wangen scheinen, die halb von den Bändern ihres Pikeehäubchens bedeckt waren. So aus der Nähe betrachtet, kamen ihm ihre Augen noch viel größer vor, besonders, wenn sie beim Erwachen die Lider mehrmals hintereinander aufschlug. Im Schatten schwarz und tiefblau im Sonnenlicht, wiesen sie gleichsam verschiedene Farbschichten auf, die sich nach der schimmernden Oberfläche zu aufhellten und weiter tiefer immer dunkler wurden. Sein eigenes Auge verlor sich in diese Tiefen, und er sah sich selbst bis zu den Schultern darin ganz klein gespiegelt, mit dem Tuch um den Kopf und mit dem Kragen seines halboffenen Nachthemds.
Er stand auf. Sie trat ans Fenster, um ihn fortreiten zu sehen, lehnte sich im losen Morgenrock hinaus, die Arme zwischen zwei Geranientöpfen auf das Fensterbrett gestützt; und während sich Charles unten auf der Straße, den Fuß auf dem Prellstein, die Sporen anschnallte, plauderte sie mit ihm, dann und wann ein Blättchen oder Blütenblatt von den Geranien mit dem Munde abzupfend, das sie ihm zublies und das, langsam hinabschaukelnd und Halbkreise ziehend wie ein Vogel, schließlich noch an der struppigen Mähne der alten, unbeweglich vor der Tür haltenden Schimmelstute hängenblieb, ehe es zu Boden fiel. Vom Pferde aus warf ihr Charles eine Kußhand zu. Emma winkte zurück, schloß das Fenster, und er ritt davon. Und auf der weiten Landstraße dann, die ihr staubiges Band endlos hinstreckte, in den Hohlwegen, über denen sich die Bäume zu einem Laubdach wölbten, auf den Feldwegen, wo ihm die Ähren bis an die Knie reichten, die warme Sonne auf dem Rücken, die frische Morgenluft um die Nase, das Herz noch voll von den Wonnen der Nacht, ruhigen Gemüts und mit gesättigten Sinnen, genoß er in Gedanken sein Glück immer wieder, wie jemand, der nach der Mahlzeit noch die Trüffel auf der Zunge schmeckt, die er bereits verdaut.
Was hatte er bis jetzt Gutes vom Leben gehabt? Die Schulzeit etwa, da er zwischen den hohen Mauern eingesperrt war, einsam unter seinen Kameraden, die reicher und begabter waren als er, die sich immer nur über seine bäurische Aussprache und seinen Anzug lustig machten und denen ihre Mütter an den Besuchstagen immer Kuchen in ihren Muffs mitbrachten? Oder etwa später als armer Medizinstudent, der niemals über Geld genug verfügte, um auch mal irgendein kleines Fabrikmädel zum Tanz führen zu können, das dann sein Verhältnis geworden wäre? Und dann die vierzehn Monate, die er mit der Witwe zusammengelebt hatte, deren Füße im Bett immer kalt wie Eisklumpen gewesen waren . . . Aber jetzt gehörte ihm fürs Leben diese reizende Frau, die er anbetete. Seine Welt ging nicht über den Seidensaum ihres Unterrocks hinaus, und er machte sich Vorwürfe, daß er sie nicht genug liebe, er sehnte sich danach, sie wiederzusehen, er ritt spornstreichs zurück und eilte mit klopfendem Herzen die Treppe hinauf. Emma war gerade beim Ankleiden. Er schlich sich auf Zehenspitzen heran. Er küßte sie auf den Rücken – sie schrie auf.
Er konnte es nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe, ihr Halstuch zu berühren. Manchmal gab er ihr innige Küsse auf die Wangen, mit dem ganzen Mund, dann wieder eine Reihe flüchtiger, den nackten Arm entlang, von den Fingerspitzen angefangen bis hinauf zur Schulter. Halb lächelnd, halb gelangweilt, wehrte sie ihn ab wie ein Kind, das sich an einen hängt.
Vor der Heirat hatte sie geglaubt, ihn zu lieben. Aber da das Glück, das aus dieser Liebe hervorgehen sollte, sich nicht einstellte, so sagte sie sich, sie müsse sich wohl getäuscht haben. Und sie grübelte darüber nach, was man denn nun eigentlich im wirklichen Leben unter den Worten „Glückseligkeit“, „Leidenschaft“ und „Liebestrunkenheit“ verstehe, die ihr in den Büchern so schön erschienen waren.
6
Sie hatte als junges Mädchen „Paul und Virginie“ gelesen und lange Zeit von der Bambushütte geträumt, von dem Neger Domingo und dem treuen Hund, besonders aber von der wunderbaren Freundschaft so eines guten kleinen Bruders, der einem von Bäumen, höher als Kirchtürme, rote Früchte herunterholte oder barfuß durch den Sand gelaufen kam und einem ein Vogelnest brachte.
Als sie dreizehn Jahre alt war, fuhr ihr Vater selbst mit ihr zur Stadt, um sie ins Kloster zu bringen. In dem Gasthof im Viertel Saint-Gervais, wo sie abstiegen, wurden ihnen beim Abendessen Teller vorgesetzt, die mit Bildern aus der Geschichte des Fräuleins de la Vallière bemalt waren. Die legendenhaften Darstellungen, die hier und da schon von Messerschnitten zerkratzt waren, verherrlichten alle die Religionen, die zarten Gefühle des Herzens und den Glanz des Hofes.
In der ersten Zeit langweilte sie sich im Kloster nicht im geringsten und fühlte sich wohl in Gesellschaft der guten Schwestern, die sie zuweilen, wenn sie ihr eine Freude machen wollten, mit in die Kapelle nahmen, zu der man vom Refektorium aus durch einen langen Gang gelangte. Sie spielte nur sehr wenig in den Freistunden, faßte den Katechismus gut auf, und bei schwierigen Fragen war immer sie es, die dem Herrn Vikar antwortete. So heranwachsend, ohne jemals aus der lauen Schulstubenluft herauszukommen, immer in Gesellschaft dieser blassen Frauen mit den Rosenkränzen und Kupferkreuzchen, verfiel sie allmählich in ein mystisches Schmachten, das von den Weihrauchdüften des Altars, der Kühle der Weihwasserbecken und dem Lichtschein der Kerzen ausging. Statt der Messe zuzuhören, versenkte sie sich in die Betrachtung der frommen, himmelblau umränderten Vignetten ihres Gebetbuches und verliebte sich in das kranke Lamm Gottes, in das von spitzen Pfeilen durchbohrte Herz Jesu und in den armen Heiland selbst, der unter der Last seines Kreuzes zusammenbricht. Um sich zu kasteien, versuchte sie einen ganzen Tag ohne Essen auszukommen und zerbrach sich den Kopf nach irgendeinem Gelübde, das sie ablegen könne.
Ging sie zur Beichte, so dachte sie sich recht viele kleine Sünden aus, um noch länger dort so verharren zu können, im Halbdunkel kniend, die Hände gefaltet, das Gesicht am Gitter, unter dem Geflüster des Priesters. All die Gleichnisse vom himmlischen Geliebten und Bräutigam und Gemahl und der ewigen Hochzeit, die in den Predigten immer wieder vorkamen, erweckten im Grunde ihrer Seele ungeahnte Schauer des Entzückens.
Allabendlich wurde im Arbeitssaal vor dem Gebet etwas Erbauliches vorgelesen, an den Wochentagen ein Abschnitt aus der biblischen Geschichte oder die „Disputationen“ des Abbé Frayssinous und sonntags zur Erholung Stellen aus Chateaubriands „Geist des Christentums“. Wie lauschte sie, als sie zum erstenmal die klangvolle Klage romantischer Schwermut vernahm, die allerenden aus Erde und Ewigkeit widerhallte! Hätte sie ihre Kindheit im Hinterstübchen eines Kramladens in irgendeinem Geschäftsviertel verbracht, so wäre sie vielleicht jener lyrischen Naturschwärmerei verfallen, die gewöhnlich nur auf dem Umweg über Bücher hervorgerufen wird. So aber kannte sie das Land zu gut; das Blöken der Herden, die Milchwirtschaft, Egge und Pflug waren ihr vertraut. An geruhsame Bilder gewöhnt, wandte sie sich ganz dem Gegenteil, dem Erregten und Erregenden zu. Sie liebte das Meer nur um seiner Stürme willen und das Grün nur dann, wenn es spärlich zwischen Ruinen sproß. Mehr empfindsam als künstlerisch veranlagt, mehr auf Gefühl bedacht als auf Betrachtung, mußte sie den Dingen irgend etwas Persönliches für sich abgewinnen können, und alles, was nicht unmittelbar ihrem Herzen Anregungen gab, verwarf sie als unnütz.
Ins Kloster kam alle Monate für acht Tage eine alte Jungfer, um die Wäsche auszubessern. Da sie als Angehörige einer alten, durch die Revolution ruinierten Adelsfamilie vom Erzbischof begönnert wurde, durfte sie im Refektorium mit am Tisch der ehrwürdigen Schwestern essen und pflegte nach Beendigung der Mahlzeit noch einen kleinen Schwatz mit ihnen zu halten, ehe sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah es auch, daß die Zöglinge heimlich aus dem Arbeitszimmer entschlüpften und sich zu ihr schlichen. Sie wußte allerlei galante Lieder aus dem vergangenen Jahrhundert auswendig, die sie ihnen mit halblauter Stimme vorsang, während sie die Nadel führte. Sie erzählte Geschichten, wußte stets Neuigkeiten, übernahm Besorgungen in der Stadt und lieh den größeren Mädchen heimlich Romane, von denen sie immer einen in ihrer Schürzentasche hatte und woraus das gute Fräulein in ihren Arbeitspausen selbst ganze Kapitel verschlang. Darin wimmelte es nur so von Liebschaften, Liebhabern, Geliebten, in einsamen Pavillons ohnmächtig niedersinkenden verfolgten Edeidamen. Auf jeder Poststation wurde mindestens ein Postillion ermordet, auf jeder Seite ein Pferd zuschanden geritten. Dunkle Wälder, Seelenkämpfe, Schwüre, Schluchzen, Tränen und Küsse, Gondelfahrten im Mondschein, Nachtigallen in den Büschen, Männer, stark wie Löwen und sanft wie Lämmer, unwahrscheinlich tugendhaft, stets tadellos gekleidet und elegisch wie Trauerweiden – und alles, was das Herz begehrte, war da. Ein halbes Jahr lang beschmutzte die fünfzehnjährige Emma ihre Hände mit dem Staub dieser alten Scharteken. Dann geriet sie an Walter Scott und berauschte sich nun an historischen Begebenheiten, träumte von alten Truhen, Waffensälen und Minnesängern. Am liebsten hätte sie auch auf so einer alten Ritterburg gelebt wie diese Schloßherrinnen mit den langen Miedern, die ihre Tage unter den Spitzbogengewölben damit verbrachten, daß sie immer nur, den Arm auf das Gemäuer, das Kinn in die Hand gestützt, dasaßen und ins Land hinausspähten, ob nicht aus der Ferne ein edler Ritter mit weißer Helmzier dahergesprengt käme auf schwarzem Roß. Besonders schwärmte sie zu jener Zeit für Maria Stuart, wie sie sich überhaupt für alle berühmten oder unglücklichen Frauen begeisterte. Jeanne d’Arc, Héloïse, Agnes Sorel, die schöne Ferronière und Clémence Isaure leuchteten ihr wie glänzende Kometen aus dem grenzenlosen Dunkel der Geschichte, aus dem ihr sonst nur noch hie und da, schwächer und gänzlich zusammenhanglos, einige Einzelheiten hervorschimmerten: Ludwig der Heilige unter seiner Eiche, der sterbende Chevalier de Bayard, ein paar Schreckensszenen aus der Zeit Ludwigs XI. oder aus der Bartholomäusnacht, der Helmbusch des Béarnesers und immer wieder jene den Hof des Sonnenkönigs verherrlichenden Bilder, die sie damals auf den bemalten Tellern gesehen hatte.
In den Liedern, die in der Musikstunde gesungen wurden, war von nichts anderem als von Madonnen und Engelchen mit goldenen Flügeln, von Lagunen, Gondolieri und dergleichen die Rede, aber hinter den albernen Texten und faden Melodien tat sich ihr lockend das Wunschbild einer Wirklichkeit voll edler und schöner Gefühle auf. Einige ihrer Mitschülerinnen brachten die Poesiealben mit ins Kloster, die sie zu Neujahr geschenkt bekommen hatten. Das war eine aufregende Sache, man mußte sie verstecken und heimlich im Schlafraum lesen. Mit behutsamen Fingern betastete Emma die schönen Atlaseinbände, und ihre Augen ruhten geblendet auf den Namen der unbekannten Autoren, die – meist Grafen oder Barone – ihre Eintragungen unterzeichnet hatten. Das Herz klopfte ihr, wenn sie gegen das Seidenpapier über den beigefügten Stahlstichen hauchte, daß es sich aufblähte und dann sacht auf die Seite sank. Da sah man denn auf hohem Balkon einen jungen Mann in kurzem spanischem Mantel, in seinen Armen ein Fräulein in weißem Gewand mit einem Täschchen am Gürtel; oder unbenannte Porträts blondgelockter englischer Ladies, die einen unter ihren runden Strohhüten hervor mit großen Unschuldsaugen anblickten. Manche sah man, wie sie, in schöne Equipagen hingegossen, durch ihre Parks spazierenfuhren; ein Windspiel sprang vor den trabenden Pferden her, die zwei kleine Grooms in weißen Hosen lenkten. Wieder andere saßen träumerisch auf Sofas, einen erbrochenen Brief in Händen, und schauten durch das geöffnete, von einem schwarzen Vorhang halb verhüllte Fenster in den Mond. Einige ganz Unschuldsvolle schnäbelten, eine Träne auf der Wange, durch das Gitter eines gotischen Käfigs mit einer Turteltaube oder zerzupften, den Kopf lächelnd auf die Schulter geneigt, mit spitzen, wie Schnabelschuhe nach oben gebogenen Fingern eine Margerite. Und auch ihr fehltet nicht, ihr Sultane mit den langen Pfeifen, unter Lauben im Arm von Bajaderen wonnig hingelagert, und ihr Giaurs, ihr türkischen Säbel und phrygischen Mützen und ihr vor allem, wesenlose Landschaften vielgepriesener Gegenden, die ihr uns alles friedlich beisammen zeigt: Palmen und Fichten, Tiger zur Rechten und Löwen zur Linken, am Horizont tatarische Minaretts, im Vordergrund römische Ruinen, dazu eine Gruppe kauernder Kamele, das Ganze eingerahmt von einem höchst säuberlichen Urwald und senkrecht durchschossen von einem riesengroßen Sonnenstrahl, der sich zitternd in einem See spiegelt, wo sich als weiße Tupfen schwimmende Schwäne vom stahlgrauen Hintergrund abheben. Und das abgeschirmte Licht der Lampe, die Emma zu Häupten an der Wand hing, fiel auf all diese Bilder einer fernen Welt, die so in der Stille des Schlafsaals an ihr vorüberzogen, während nur dann und wann das Rollen eines verspäteten Wagens vom Boulevard herüberdräng.
Als ihre Mutter starb, weinte sie in den ersten Tagen viel. Sie ließ sich eine Haarlocke der Verblichenen in Glas und Rahmen fassen und schrieb nach Bertaux einen Brief voll schwermütiger Betrachtungen über das Leben und bat ihren Vater darin, man möge sie später einmal in das gleiche Grab betten wie ihre Mutter. Der gute Mann dachte, sie sei krank, und fuhr gleich zu ihr. Emma aber fühlte sich innerlich hoch befriedigt, schon beim ersten großen Schmerz ihres Lebens den Idealzustand blasser Vergeistigung erreicht zu haben, zu dem sich die mittelmäßigen Seelen niemals erheben. Sie überließ sich nun ganz den Fluten der Vergänglichkeitsromantik Lamartines und vernahm im Geiste nur noch Harfenklänge über stillen Weihern, Gesänge sterbender Schwäne, das Rieseln fallender Blätter, das Himmelfahrtsseufzen jungfräulicher Seelen und die raunende Stimme des Ewigen in den Tälern. Schließlich wurde ihr das langweilig. Sie wollte es sich nicht eingestehen und hielt zunächst aus Gewohnheit, später aus Eitelkeit daran fest, bis sie eines Tages die überraschende Entdeckung machte, daß von dem ganzen Kummer nichts mehr zu spüren und ihr Gemüt so wolkenlos war wie ihre glatte Stirn.
Die guten Nonnen, die so sehr auf Emmas fromme Berufung gerechnet hatten, merkten zu ihrem größten Erstaunen, daß Fräulein Rouault ihrem Einfluß zu entschlüpfen drohte. Sie hätten sich nicht zu verwundern brauchen. Sie hatten ihr dermaßen mit Messen und Andachtsübungen und frommen Ermahnungen zugesetzt, ihr so oft gepredigt, wieviel Ehrfurcht man den Heiligen und Märtyrern schulde und was man alles zur Kasteiung des Leibes und für sein Seelenheil tun müsse, daß sie es nun einfach machte wie Pferde, die man zu fest am Zügel hält und die dann ganz plötzlich stehenbleiben, so daß ihnen die Kandare aus den Zähnen rutscht. Ihr bei aller Schwärmerei so auf die Wirklichkeit eingestelltes Wesen, das die Kirche nur um der Blumen, die Musik nur um der Liedertexte und die Bücher nur um der Gefühle willen, die sie in ihr erregten, so sehr geliebt hätte, lehnte sich gegen die Mysterien des Glaubens und noch mehr gegen die Klosterzucht auf, die ihrer Natur zuwider war. Als ihr Vater sie aus dem Kloster wieder herausnahm, sah man sie ohne Bedauern scheiden. Die Oberin fand sogar, sie habe es in der letzten Zeit an Ehrerbietung gegen die Schwesternschaft fehlen lassen.
Daheim gefiel sich Emma anfangs darin, das Gesinde zu kommandieren, wurde des Landlebens aber bald wieder überdrüssig und sehnte sich nach dem Kloster zurück. Zu der Zeit, als Charles zum erstenmal nach Bertaux kam, hielt sie sich für in jeder Beziehung enttäuscht und meinte, für sie gebe es nichts mehr hinzuzulernen und nichts mehr zu empfinden.
Dann aber hatte die Bangigkeit, die mit jedem neuen Zustand verbunden ist, oder vielleicht auch die Unruhe, die ihr die Gegenwart dieses Mannes verursachte, genügt, in ihr den Glauben zu erwecken, daß nun endlich jene wunderbare große Leidenschaft über sie gekommen sei, die ihr bisher immer nur als Riesenvogel mit rosenrotem Gefieder, in den strahlenden Himmeln der Poesie schwebend, erschienen war. Und jetzt, in ihrer Ehe, wollte ihr nicht in den Sinn, daß der gleichmäßige Friede, in dem sie dahinlebte, das Glück sei, von dem sie geträumt hatte.
7
Manchmal dachte sie darüber nach, daß dies doch eigentlich die schönsten Tage ihres Lebens seien, der Honigmond, wie man es ja nannte. Aber um seine Süßigkeit so recht aus-, zukosten, hätte man gewiß in eines jener Länder klangvollen Namens reisen müssen, wo die Tage nach den Liebesnächten nur von wonnigem Nichtstun erfüllt sind, wo man in einer Postkutsche mit blauseidenen Vorhängen auf steilen Straßen hinanfährt, dem Liede des Postillions lauschend, das vereint mit dem Herdengeläut der weidenden Ziegen und dem tiefen Rauschen der Wasserfälle von den Bergwänden widerhallt, wo man bei Sonnenuntergang an blauen Meeresbuchten den Duft der Zitronenbäume atmet und abends dann auf stiller Terrasse, ganz allein und die Hände ineinander verschlungen, zu den Sternen aufschaut und Zukunftspläne schmiedet . . . Ach, das Glück wuchs vielleicht nur in gewissen Gegenden der Erde, gleich einer Pflanze, die nur auf einem bestimmten Böden gedeiht und anderswo verkümmert. Warum war es ihr nicht vergönnt, angesichts herrlicher Berge auf dem Balkon eines Schweizerhäuschens zu lehnen oder ihre Traurigkeit in einem schottischen Landhaus vor der Welt zu verschließen, an der Seite eines Gatten in schwarzem Samtrock mit langen Schößen und Manschetten, in feinen weichen Stiefeln, mit spitzem Hut!
Manchmal hätte sie wohl von alledem mit irgend jemandem reden mögen. Aber wie dieses wesenlose Mißbehagen in Worte fassen, das sich alle Augenblicke veränderte wie die Wolken und wechselte wie der Wind? Die Worte fehlten ihr, die Gelegenheit, der Mut.
Ja, wenn Charles gewollt hätte, wenn er nur die geringste Ahnung davon gehabt hätte, wenn sein Blick ein einziges Mal ihren Gedanken begegnet wäre! Dann, meinte sie, hätte sich das alles mit einemmal von ihrem Herzen gelöst, wie eine reife Frucht vom Spalier fällt, wenn man sie nur anrührt. So aber fühlte sie, wie sich die innere Kluft, die sie von ihm trennte, immer mehr erweiterte, je fester das Eheleben sie äußerlich aneinanderschloß.
Charles’ Unterhaltung war platt wie ein Bürgersteig, und Allerweltsgedanken in Alltagskleidern bewegten sich darauf herum, die weder zu einer Entgegnung noch zu einem Lachen oder zum Nachdenken anregten. Er selbst erzählte ihr, daß er während seines ganzen Aufenthalts in Rouen niemals das Bedürfnis verspürt habe, ins Theater zu gehen und sich die Schauspieler aus Paris anzusehen. Er konnte weder schwimmen noch fechten, noch Pistolenschießen, und als ihn Emma eines Tages bat, ihr einen Ausdruck aus der Reitersprache zu erklären, auf den sie in einem Roman gestoßen war, konnte er auch das nicht einmal.
Mußte aber nicht ein Mann alles kennen, sich auf allen Gebieten hervortun? Mußte er nicht imstande sein, einen in die Tiefen der Leidenschaft, in alle Feinheiten und Geheimnisse des Lebens einzuweihen? Aber der da, der lehrte sie nichts, wußte nichts, erstrebte nichts. Er glaubte, sie sei glücklich, und sie grollte ihm ob dieser satten Gemütsruhe, dieses stillvergnügten Behagens, ja ob des Glückes selbst, das sie ihm gab!
Manchmal zeichnete sie, und dann war es für Charles ein besonderes Vergnügen, dabeizustehen und ihr zuzuschauen, wie sie, über das Blatt gebeugt, die Augen zukniff, um ihr Werk besser betrachten zu können, oder mit den Fingerspitzen kleine Brotkügelchen zurechtknetete. Wenn sie Klavier spielte, bewunderte er sie um so mehr, je schneller ihre Finger über die Tasten liefen, denn Emma pflegte mit großem Schwung zu spielen und fegte ohne Anhalten von oben bis unten über die Klaviatur, daß die Saiten zu reißen drohten, der ganze alte Kasten schütterte und man ihr Spiel, wenn das Fenster offenstand, bis ans Dorfende hören konnte, und oft geschah es, daß der Schreiber des Gerichtsvollziehers, wenn er mit bloßem Kopf und in Pantoffeln auf der Landstraße vorbeikam, mit seinem Aktenblatt in der Hand stehenblieb und lauschte.
Aber Emma verstand es andererseits auch, ihren Haushalt zu führen. Den Patienten ließ sie die Aufstellung der Arztkosten in so geschickt abgefaßten Briefen zugehen, daß es gar nicht mehr nach einer Rechnung aussah, und wenn sie sonntags jemand zu Tisch hatten, wußte sie immer ein ansprechendes Gericht anzubieten. Sie hatte ein eigenes Geschick, Pyramiden von Reineclauden auf Weinblättern aufzubauen, brachte die Süßspeise in Form kleiner Bomben auf einzelne Teller gestürzt auf den Tisch und sprach sogar davon, daß sie Spülschalen für den Nachtisch anschaffen wolle.
All das kam dem Ansehen Charles’ sehr zugute, und sein eigenes Selbstgefühl wuchs in dem Bewußtsein, eine solche Frau zu besitzen. Voll Stolz zeigte er im Wohnzimmer zwei kleine Bleistiftzeichnungen Emmas, die er in unmäßig breite Rahmen hatte fassen lassen und die an langen grünen Schnüren an der Wand hingen. Wenn man aus der Messe kam, konnte man ihn in schön gestickten Pantoffeln vor seiner Tür stehen sehen.
Abends kam er meist spät heim, um zehn Uhr, manchmal erst um Mitternacht. Dann mußte er sein Abendbrot haben, und da das Dienstmädchen schon schlafen gegangen war, bediente ihn Emma selbst. Dabei pflegte er seinen Rock auszuziehen, um sich behaglicher zu fühlen, und dann fing er an zu erzählen, wen er alles getroffen hatte, in welchen Dörfern er gewesen war, was er den verschiedenen Leuten verschrieben hatte, verspeiste selbstzufrieden sein Zwiebelgulasch, schabte sich den Käse sauber, schmauste einen Apfel, leerte die Weinkaraffe, ging dann zu Bett, legte sich auf den Rücken und schnarchte.
Das Kopftuch, das er jetzt statt der lang gewohnten Nachtmütze trug, rutschte ihm im Schlaf immer von den Ohren, was zur Folge hatte, daß ihm morgens die Haare wirr ins Gesicht hingen, weiß befiedert mit den Daunen seines Kopfkissens, dessen Schnüre sich in der Nacht lösten. Er trug stets derbe hohe Stiefel, die überm Spann zwei dicke, schief zu den Knöcheln verlaufende Falten hatten, während die Schäfte so steif und gerade an den Waden saßen wie an einem Holzbein. „Fürs Land gut genug“, meinte er.
Seine Mutter unterstützte ihn in dieser Sparsamkeit, denn sie besuchte ihn wie früher, wenn es bei ihr daheim einen Sturm gegeben hatte. Für ihre Schwiegertochter jedoch schien sie nicht sehr eingenommen zu sein. Sie fand sie viel zu großartig für ihre Verhältnisse. Holz, Zucker, Kerzen, das ging alles drauf wie in einem großen Hause, und die Kohlen, die täglich in der Küche verfeuert wurden, hätten für fünfundzwanzig Gerichte gereicht! Sie brachte Ordnung in die Wäscheschränke und hielt Emma Vorträge darüber, wie sie den Metzger kontrollieren müsse, wenn er das Fleisch brachte. Sie predigte, Emma hörte zu, und den ganzen Tag über ging es hin und her mit „liebe Tochter“ und „liebe Mutter“, aber die Lippen juckten dabei, und die sanften Stimmen, mit denen sie redeten, bebten vor verhaltenem Zorn.
Zu Lebzeiten der Witwe Dubuc hatte sich die alte Frau immer noch als die Bevorzugte gefühlt; jetzt aber erschien ihr die Liebe Charles’ zu Emma wie Fahnenflucht von seiner Sohnesliebe, wie ein Raub an etwas, das ihr gehörte, und sie beobachtete sein Glück mit stummer Verbitterung, so wie jemand, der plötzlich verarmt ist, durch die Fenster des einst ihm gehörenden Hauses zusieht, wie sich andere darin zu Tisch setzen. Sooft wie möglich brachte sie die Rede auf die alten Zeiten, um ihm zu Gemüte zu führen, wieviel Mühe sie mit ihm gehabt, wie viele Opfer sie ihm gebracht hatte, wie sehr es Emma im Vergleich dazu an Fürsorge fehlen lasse und wie ungerechtfertigt es deshalb sei, so ausschließlich sie zu vergöttern.
Charles wußte nicht, was er darauf erwidern sollte. Er achtete seine Mutter hoch und liebte seine Frau über alles. Er hielt das Urteil der Mutter für unfehlbar, fand aber zugleich Emma untadelhaft. War dann Frau Bovary wieder abgereist, so versuchte er wohl schüchtern, die eine oder andere ihrer harmloseren Bemerkungen wörtlich anzubringen, aber Emma bewies ihm jedesmal mit zwei Worten, daß er im Irrtum sei, und schickte ihn wieder zu seinen Kranken.
Einige Male machte sie nach den Theorien, die ihr gut schienen, den Versuch, Liebes Stimmung zu schaffen, indem sie abends im Garten bei Mondenschein alles hersagte, was sie an schwärmerischen Versen auswendig wußte, oder ihm schmachtend melancholische Weisen vorsang; aber sie fühlte sich danach immer genauso ruhig wie zuvor, und auch an Charles war keinerlei größere Zärtlichkeit oder Rührung zu verspüren. Wenn sie so an seinem Herzen Feuer geschlagen hatte, ohne ihm einen Funken zu entlocken, zog sie in ihrer Unfähigkeit, etwas zu verstehen, was sie nicht selbst empfand, oder an etwas zu glauben, was nicht auf herkömmliche Weise zutage trat, ohne weiteres den Schluß, daß seine Gefühle für sie nicht mehr sonderlich stark seien. Seine Zärtlichkeiten hatten eine gewisse Regelmäßigkeit angenommen. Die ehelichen Umarmungen erfolgten nur noch zu genau festgesetzten Zeiten und waren eine Gewohnheit wie alles andere auch, gleichsam der auf der Speisekarte vorgesehene Nachtisch.
Ein Jagdhüter, den Charles von einer Lungenentzündung geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor eine kleines venezianisches Windspiel. Das nahm sie nun immer mit auf ihren Spaziergängen, denn sie ging jetzt manchmal aus, um wenigstens einen Augenblick allein zu sein und nicht ewig nur den Garten und die staubige Landstraße vor Augen zu haben.
Gewöhnlich wanderte sie zum Buchenwald von Banneville, bis zu dem verlassenen Lusthäuschen, das an der Ecke der Parkmauer steht, wo die Felder anfangen und wo im Mauergraben zwischen allerlei Unkraut hohes Schilf mit schneidend scharfen Blättern wächst.
Das erste war, daß sie ringsumher schaute, um zu sehen, ob sich seit dem vorigen Mal nichts verändert habe. Aber es stand alles noch an seinem Platz: die Fingerhutstauden und der Goldlack, die Brennesselbüsche um die großen Feldsteine und die Moospolster unter den drei Fenstern, deren stets geschlossene Holzläden hinter den verrosteten Eisengittern vor Alter bereits zu zerfallen drohten. Ihre Gedanken schweiften zuerst ziellos umher wie ihr Windspiel, das in weiten Kreisen durch die Felder fegte, nach den gelben Schmetterlingen schnappte, auf Feldmäuse Jagd machte oder die Mohnblumen am Rande des Kornfeldes anknabberte. Allmählich jedoch sammelte sich ihr Denken auf einen Punkt, und während sie im Grase saß und mit der Spitze ihres Sonnenschirms darin herumstocherte, fragte sie sich nur immer wieder: Mein Gott, warum habe ich eigentlich geheiratet?
Sie sann darüber nach, ob sie nicht durch eine andere Verkettung von Umständen einen anderen Mann hätte finden können, und versuchte sich vorzustellen, welcher Art diese nicht eingetroffenen Umstände hätten sein können, wie dieses andere Leben wohl geworden wäre und wie dieser unbekannte Gatte wohl ausgesehen hätte. Alles wäre natürlich ganz anders als das, was jetzt ihr Leben ausmachte. Vielleicht wäre er schön und geistreich gewesen, vornehm und verführerisch, wie wohl sicher alle die, die ihre ehemaligen Mitschülerinnen vom Kloster geheiratet hatten. Was die jetzt wohl machten? In der Stadt, im Straßengetümmel, im Theatertrubel, im strahlenden Licht der Ballsäle führten sie gewiß ein Leben, bei dem einem das Herz, aufging und alle Sinne erblühten. Ihr Leben jedoch war kalt wie eine nach Norden gelegene Dachkammer, und die Langeweile spann lautlos wie eine Spinne ihre Netze in allen Winkeln ihres verdüsterten Herzens. Die Tage der Preisverteilung in der Klosterschule fielen ihr wieder ein, und sie sah sich wieder auf das Podium steigen, um ihre kleinen Auszeichnungen in Empfang zu nehmen. Sie schaute so allerliebst aus mit ihren geflochtenen Zöpfen, in dem weißen Kleid und den Atlashalbschuhen, und die Herren beugten sich vor, als sie an ihren Platz zurückging, und machten ihr Komplimente. Der Hof war voll Kutschen, man verabschiedete sich am Wagenschlag, und als der Musiklehrer mit seinem Geigenkasten unterm Arm vorbeikam, zog er den Hut vor ihr. Wie weit lag das nun schon alles zurück – wie weit!
Sie rief Djali, nahm ihn auf den Schoß, streichelte seinen schmalen, feinen Kopf und sagte: „Komm, gib Frauchen einen Kuß. Du hast ja keinen Kummer!“ Als sie dann aber in die melancholischen Augen des schlanken Tierchens sah, das hingebungsvoll gähnte, wurde sie von zärtlicher Rührung ergriffen. Es war ihr, als fühle sie etwas von ihrer eigenen Seele in ihm, und sie redete ihm tröstend zu wie einem betrübten Menschenkinde.
Manchmal kamen Windstöße vom Meere her, fegten plötzlich über die ganze Hochebene von Caux hin und trugen eine salzige Frische weit über die Felder. Pfeifend legte sich das Schilf zu Boden, und die Blätter der Buchen raschelten in jähem Schauer, während sich die Wipfel rauschend wiegten. Emma zog fröstelnd ihr Tuch um die Schultern und stand auf.
In der Allee fiel durch das Laubwerk grünlich gedämpftes Licht auf das Moospolster des Bodens, das unter Emmas Füßen leise knirschte. Die Sonne sank. Zwischen den Zweigen leuchtete rot der Himmel, und die gleichmäßigen Stämme der in gerader Linie gepflanzten Bäume standen wie eine braune Säulenreihe gegen goldenen Grund. Eine Bangigkeit befiel sie, sie rief nach Djali und eilte auf die Landstraße und nach Tostes zurück, wo sie sich in einen Sessel warf und den ganzen Abend kein Wort mehr sprach.
Aber gegen Ende September ereignete sich etwas Außergewöhnliches in ihrem Leben: Sie erhielt eine Einladung nach Schloß Vaubyessard zum Marquis d’Andervilliers.
Der Marquis, der unter der Restauration Staatssekretär gewesen war, wollte wieder ins politische Leben zurückkehren und betrieb von langer Hand seine Kandidatur für die Deputiertenkammer. Im Winter ließ er große Mengen Reisig verteilen, und im Bezirksausschuß trat er immer wieder mit Eifer für den Bau neuer Straßen in seinem Arrondissement ein. Letzten Sommer hatte er einen Abszeß im Mund gehabt, von dem ihn Charles mit einem rechtzeitigen Einstich wie durch ein Wunder befreit hätte. Der Geschäftsführer des Marquis, der nach Tostes geschickt worden war, um das Honorar zu bezahlen, hatte abends nach seiner Rückkehr erzählt, daß er in dem kleinen Garten des Doktors herrliche Kirschen gesehen habe. Da nun die Kirschbäume in Vaubyessard schlecht trugen, erbat sich der Marquis einige Ableger von Bovary, hielt es daraufhin für seine Pflicht, sich persönlich zu bedanken, lernte bei der Gelegenheit Emma kennen, fand, daß sie eine reizende Figur habe und gar nicht bäurisch sei, und war so von ihr angetan, daß man auf dem Schloß zu der Ansicht kam, es werde die Grenzen der Herablassung nicht überschreiten und in keiner Weise unschicklich sein, wenn man das junge Ehepaar einmal zu Gast bäte.
Eines Mittwochs um drei Uhr brachen Herr und Frau Bovary in ihrem Wägelchen nach Vaubyessard auf. Hinten war ein großer Koffer aufgeschnallt, und vorn auf dem Spritzleder lag eine Hutschachtel. Außerdem hielt Charles noch eine Pappschachtel zwischen den Beinen.
Bei Einbruch der Nacht, gerade als man im Park die Lampen anzündete, die den Wagen leuchten sollten, trafen sie ein.
8
Das Schloß, ein neuerer Bau im italienischen Stil, mit zwei nach vorn angebauten Flügeln und drei Freitreppen, erhob sich jenseits einer weiten Rasenfläche, auf der zwischen vereinzelten Gruppen hoher Bäume ein paar Kühe weideten. Verschiedenerlei Gebüsch – Rhododendron-, Flieder- und Schneeballsträucher – säumte üppig den gewundenen Kiesweg. Unter einer Brücke floß ein Bach. Ein paar verstreute, strohgedeckte Gebäude waren gerade noch im Abenddunst des von zwei sanft abfallenden, bewaldeten Hügeln begrenzten Wiesenlandes zu erkennen, und weiter hinten, im Gehölz, lagen in zwei gleichlaufenden Reihen die Wagenschuppen und Stallungen, noch erhaltene Reste des alten, zerstörten Schlosses.
Charles’ Wägelchen hielt vor der mittleren Freitreppe. Die Diener erschienen, und der Marquis trat heraus. Er bot der Gattin des Arztes den Arm und führte sie ins Vestibül.
Es war mit Marmorfliesen belegt und sehr hoch. Schritte und Stimmen hallten darin wider wie in einer Kirche. Dem Eingang gegenüber stieg eine gerade Treppe an, und linker Hand führte eine Galerie, die nach dem Garten ging, zum Billardsaal, aus dem das Klappern der Elfenbeinkugeln zu hören war. Als Emma auf dem Wege zum Salon durch den Billardsaal schritt, sah sie eine Anzahl Herren mit ernsten, würdevollen Gesichtern oder still lächelnd, das Kinn in hohe Krawatten vergraben, alle mit Ordensbändchen im Knopfloch, beim Spiel.
An dem dunklen Holzgetäfel der Wände hingen in vergoldeten Rahmen große Porträts, an deren unterem Rand in schwarzen Lettern Inschriften standen. Sie las: „Jean-Antoine d’Andervilliers d’Yverbonville, Graf de la Vaubyessard und Baron de la Fresnaye, gefallen in der Schlacht von Coutras am 20. Oktober 1587.“ Und auf einem anderen: „Jean-Antoine-Henry-Guy d’Andervilliers de la Vaubyessard, Admiral von Frankreich und Ritter des Sankt-Michael-Ordens, verwundet im Treffen von La Hougue-Saint-Vaast am 29. Mai 1692, gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693.“ Die dann noch folgenden waren kaum zu erkennen, weil das Licht der Lampen nur auf das grüne Tuch des Billardtisches fiel und den übrigen Raum im Halbdunkel ließ. Nur die feinen Brüche und Sprünge im Firnis der Leinwand glänzten in dem schwachen Widerschein, und hier und da trat eine hellere Stelle aus den großen, schwarzen, goldumrahmten Vierecken hervor: eine blasse Stirn, zwei Augen, die einen anblickten, eine Allongeperücke, die in Locken über eine puderbestäubte, rote Rockschulter fiel, oder die Schnalle eines Kniebands über einer prallen Wade.
Der Marquis öffnete die Tür zum Salon. Eine der Damen – die Schloßherrin selbst – erhob sich, kam Emma entgegen, bat sie, neben ihr auf einer Causeuse Platz zu nehmen, und begann so freundschaftlich mit ihr zu plaudern, als wären sie alte Bekannte. Sie war eine Frau von etwa vierzig Jahren, mit schönen Schultern und einer Adlernase. Ihre Art zu sprechen war etwas schleppend. Sie trug über dem kastanienbraunen Haar ein einfaches Spitzentuch, das dreieckig in den Nacken fiel. Neben ihr auf einem hochlehnigen Stuhl saß eine junge Blondine. Ein paar Herren mit kleinen Blumen im Knopfloch plauderten mit den Damen, die um den Kamin saßen.
Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der Überzahl waren, nahmen im Vestibül am ersten Tisch Platz und die Damen mit dem Marquis und der Marquise am zweiten im Speisesaal.
Gleich beim Eintreten fühlte sich Emma von lauer Luft umfangen, in der sich der Duft von Blumen und feiner Tischwäsche mit Braten- und Trüffelgeruch mischte. Die Flammen der Kerzen in den Kandelabern züngelten aus den glockenförmigen Haltern hervor, und die geschliffenen, von der Wärme beschlagenen Kristalle warfen sich matte Strahlen zu. Die ganze Tafel entlang reihten sich Blumensträuße aneinander, und auf den breitrandigen Tellern standen, in der Form von Bischofsmützen gefaltet, die Mundtücher, jedes mit einem ovalen Brötchen zwischen den beiden Zipfeln. Die roten Scheren der Hummern ragten über den Rand der Schüsseln hinaus. Üppige Früchte türmten sich auf Moos in durchbrochenen Körben. Die gebratenen Wachteln waren mit ihren Federn verziert. Leckere Düfte stiegen auf, und inmitten all der Herrlichkeit bewegte sich mit der ernsten Würde eines Richters der Haushofmeister, in Seidehstrümpfen, Kniehosen, weißer Krawatte und Jabot, reichte zwischen den Schultern der Gäste hindurch die kunstgerecht zerlegten Braten und praktizierte mit geschicktem Schwung seines Löffels jedem das Stück auf den Teller, das er sich ausgesucht hatte. Von dem mächtigen, mit Kupferstäben vergitterten Porzellanofen blickte die Statue einer bis zum Kinn verhüllten weiblichen Gestalt regungslos auf die Tafelnden herab.
Am oberen Ende der Tafel, ganz allein unter all den Frauen, saß, über seinen gefüllten Teller gebeugt, ein Greis, dem man wie einem kleinen Kind eine Serviette um den Hals geknotet hatte und dem die Sauce vom Munde tröpfelte. Seine Augen waren rot unterlaufen, und ein mit schwarzem Band umwickelter kleiner Zopf hing ihm am Hinterkopf. Das war der Schwiegervater des Marquis, der alte Herzog de Laverdière, ehemals Busenfreund des Grafen d’Artois in der Zeit der großen Jagden auf Vaudreuil beim Marquis de Conflans und, wie gemunkelt wurde, Geliebter der Königin Marie-Antoinette als Nachfolger des Herrn de Coigny und Vorgänger des Herzogs von Lauzun. Er hatte ein wüstes Leben hinter sich, voller Skandale, Duelle, Wetten und Entführungen. Er hatte sein Vermögen verschleudert und war der Schrecken seiner ganzen Familie gewesen. Ein hinter seinem Stuhl stehender Diener rief ihm laut die Namen der Gerichte ins Ohr, auf die er lallend mit dem Finger wies; und Emmas Blicke kehrten unwillkürlich immer wieder zu dem alten Mann mit den hängenden Lippen zurück wie zu etwas ganz Außerordentlichem und Ehrfurchtgebietendem. Er hatte am Hof gelebt und im Bett einer Königin geschlafen!
Es wurde eisgekühlter Champagner eingeschenkt. Emma lief ein prickelnder Schauer über die Haut, als sie das kalte Getränk im Munde spürte. Sie hatte noch nie im Leben Granatäpfel gesehen und noch nie Ananas gegessen. Sogar der Puderzucker erschien ihr weißer und feiner als anderswo.
Nach der Tafel begaben sich die Damen auf ihre Zimmer, um sich zum Ball umzukleiden.
Emma machte mit peinlicher Sorgfalt Toilette wie eine Schauspielerin vor ihrem ersten Auftreten. Sie ordnete das Haar nach den Ratschlägen des Friseurs und schlüpfte dann in ihr Barègekleid, das auf dem Bett ausgebreitet lag.
Charles war die Hose um den Bauch zu eng.
„Und die Stege werden mich beim Tanzen stören“, sagte er.
„Beim Tanzen?“ wiederholte Emma.
„Ja!“
„Du bist wohl nicht gescheit! Man würde dich auslachen. Bleib bloß auf deinem Platz. Außerdem schickt sich das besser für einen Arzt“, fügte sie hinzu.
Charles schwieg. Er ging im Zimmer hin und her und wartete, bis Emma fertig angekleidet war.
Er sah, hinter ihr stehenbleibend, zwischen den zwei brennenden Kerzen ihr Bild im Spiegel. Ihre schwarzen Augen schienen noch schwärzer als sonst. Ihr glatt gescheiteltes, nach den Ohren zu leicht gewelltes Haar schimmerte bläulich, und in ihrem Chignon zitterte an lockerem Stengel eine Rose mit künstlichen Tauperlen in den Blättern. Das Kleid war matt safranfarben und durch drei Sträußchen von Moosrosen mit etwas Grün belebt.
Charles küßte sie von hinten auf die Schulter.
„Laß mich!“ wehrte sie ab. „Du zerknüllst mir ja alles.“
Die ersten Klänge der Geigen und Hörner drangen herauf. Emma stieg die Treppe hinab. Sie mußte an sich halten, daß sie nicht rannte.
Die Quadrille hatte bereits begonnen. Alles strömte herbei und drängte sich. Emma setzte sich unweit der Tür auf eine kleine Polsterbank.
Als der Kontertanz zu Ende war, leerte sich das Parkett bis auf die Gruppen der Herren, die im Stehen plauderten, und die Diener in Livree, die große Platten herbeitrugen. Die Reihe der sitzenden Damen entlang bewegten sich die bemalten Fächer auf und nieder. Blumensträuße hoben sich vor lächelnde Gesichter, und Riechfläschchen mit Goldstöpseln funkelten in halbgeöffneten Händen, deren weiße Handschuhe die Form der Fingernägel erkennen ließen und das Fleisch an den Handgelenken einschnürten. Die Spitzengarnituren wogten an den Miedern, die Diamantbroschen glitzerten an den Busen, die medaillongeschmückten Armbänder klirrten an den nackten Armen. Im Haar, das die Damen alle glatt anliegend und im Nacken geknotet trugen, prangten Kränze, Sträußchen oder kleine Zweige von Vergißmeinnicht, Jasmin, Granatblüten, Ähren und Kornblumen. Die mit gelangweilten Mienen friedlich an den Wänden sitzenden Mütter trugen rote Turbane.
Das Herz klopfte Emma ein wenig, als sie, von ihrem Tänzer an den Fingerspitzen geführt, sich in die Reihe stellte und auf den ersten Bogenstrich wartete. Aber bald schwand die Aufregung, und sich nach dem Takt der Musik wiegend, glitt sie mit leichtem Neigen des Kopfes dahin. Manchmal, wenn die anderen Instrumente schwiegen und nur die Geige allein gewisse zarte Passagen spielte, flog ein Lächeln um ihre Lippen.
Es war in diesen Augenblicken so still, daß man von den Spieltischen nebenan das helle Klimpern der Goldstücke hören konnte; und dann setzten mit einemmal alle Instrumente wieder ein. Das Horn schmetterte, die Füße nahmen den Takt wieder auf, und die Röcke bauschten sich und rauschten. Die Hände faßten einander und ließen sich wieder los. Dieselben Augen, die eben noch scheu niedergeblickt hatten, versenkten sich jetzt in ein anderes Augenpaar.
Einige Herren zwischen fünfundzwanzig und vierzig Jahren – etwa fünfzehn an der Zahl –, die unter die Tanzenden verstreut waren oder plaudernd in den Türnischen standen, stachen, obwohl sie sich in Kleidung, Gestalt und Alter voneinander unterschieden, durch eine gewisse familiäre Zwanglosigkeit von der übrigen Menge ab.
Ihre Fracks schienen besser gearbeitet und aus weicherem Tuch zu sein als die der anderen und ihre an den Schläfen gewellten Haare von feineren Pomaden zu glänzen. Sie hatten den Teint des Reichtums, jene weiße Hautfarbe, die blasses Porzellan, schimmernde Seide und feinpolierte Möbel besonders zur Wirkung kommen läßt und die durch den geregelten Genuß erlesener Speisen rein erhalten wird. Ihr Hals bewegte sich frei über niedrigen Krawatten. Ihre langen Favoris fielen auf Umlegekragen herab. Sie wischten sich den Mund mit Taschentüchern, in die große Monogramme gestickt waren und die einen angenehmen Duft ausströmten. Diejenigen unter ihnen, die schon zu altern anfingen, sahen noch jugendlich aus, während den Gesichtern der Jüngeren schon eine gewisse Reife eigen war. In ihren gleichmütigen Blicken drückte sich die Ruhe von Menschen aus, die in der Lage sind, tagtäglich ihren Neigungen und Wünschen nachzukommen, und hinter ihren verbindlichen Manieren war jene gewisse Brutalität zu spüren, welche die Beherrschung ziemlich leichter Künste mit sich bringt, in denen die Kraft sich ausgeben und die Eitelkeit sich genügen kann: die Führung von Rassepferden und der Umgang mit käuflichen Frauen.
Drei Schritte von Emma entfernt plauderte ein Kavalier in blauem Frack mit einer blassen jungen Dame, die einen Perlenschmuck trug, über Italien. Sie sprachen rühmend von den mächtigen Säulen der Peterskirche, von Tivoli, vom Vesuv, von Castellamare, von den Cascinen, von den Rosen in Genua und vom Kolosseum bei Mondschein. Mit dem anderen Ohr lauschte Emma einer Unterhaltung, in der lauter Ausdrücke vorkamen, die sie nicht verstand. Man umringte einen noch ganz jungen Mann, der vorige Woche in England „Miß Arabella“ und „Romulus“ geschlagen und durch einen famosen Grabensprung zweitausend Louisdors gewonnen hatte. Ein anderer klagte darüber, daß seine Gäule Fett ansetzten, und ein dritter über einen Druckfehler, durch den der Name seines Pferdes völlig entstellt worden sei.
Die Luft im Ballsaal war drückend, die Beleuchtung wurde fahler. Man verzog sich ins Billardzimmer. Ein Diener stieg auf einen Stuhl und zerbrach zwei Fensterscheiben. Als Frau Bovary beim Klirren der Scherben den Kopf wandte, sah sie, daß sich von draußen, vom Garten her, Bauerngesichter an die Scheiben preßten und hereinglotzten. Dabei stieg plötzlich die Erinnerung an Bertaux in ihr auf. Sie sah wieder den Hof mit der schlammigen Mistgrube, ihren Vater im Arbeitskittel unter den Apfelbäumen und auch sich selbst, ganz wie einst, wie sie in der Milchkammer mit den Fingern die Milch in den Schüsseln abrahmte. Aber im Strahlenglanz der gegenwärtigen Stunde verblich die eben noch so klare Erinnerung an ihr früheres Leben schnell wieder, und fast zweifelte sie, es je gelebt zu haben. Hier, hier war sie, und über alles, was außerhalb dieses Ballsaales lag, war Schatten gebreitet. Sie schlürfte ein Maraschino-Eis, das sie in einer vergoldeten Silbermuschel in der linken Hand hielt, und schloß die Augen halb, den Löffel zwischen den Zähnen.
Neben ihr ließ eine Dame ihren Fächer fallen. Ein Tänzer ging vorüber.
„Würden Sie bitte so freundlich sein, mein Herr“, sagte die Dame, „mir meinen Fächer aufzuheben, der mir hinter das Sofa gefallen ist!“
Der Herr bückte sich, und während er seinen Arm ausstreckte, sah Emma, wie die Hand der jungen Dame etwas Weißes, dreieckig Zusammengefaltetes in seinen Hut fallen ließ. Der Herr hob den Fächer auf und reichte ihn ehrerbietig der Dame. Sie dankte ihm mit einem leichten Neigen des Kopfes und barg schnell das Gesicht in ihrem Blumenstrauß.
Nach der Abendtafel, bei der es viele Sorten Wein aus Spanien und vom Rhein, Krebs- und Mandelmilchsuppen, Trafalgarpudding und kaltes Fleisch verschiedenster Art in zitterndem Gelee gab, begannen die Wagen einer nach dem andern abzufahren. Wenn man den Musselinvorhang am Fenster ein wenig beiseite schob, konnte man die Laternenlichter im Dunkel dahingleiten sehen. Die Polsterbänke leerten sich. Einige Spieler hielten noch an den Tischen aus. Die Musikanten kühlten sich die Fingerspitzen an der Zunge; Charles stand mit dem Rücken gegen eine Tür gelehnt und schlief schon halb.
Um drei Uhr morgens begann der Kotillon. Emma konnte nicht Walzer tanzen. Aber alle Welt tanzte Walzer, selbst Fräulein Andervilliers und die Marquise. Es waren jetzt nur noch die Gäste da, die im Schloß übernachten sollten, etwa ein Dutzend Personen.
Einer der Walzertänzer, der allgemein nur „Vicomte“ genannt wurde – die weit ausgeschnittene Weste saß ihm wie angegossen –, kam nun schon zum zweitenmal, um Frau Bovary aufzufordern, und versicherte ihr, er werde sie schon richtig führen und alles würde gut gehen.
Sie begannen langsam, tanzten dann schneller. Erst drehten sie sich, dann drehte sich alles um sie her: die Lichter, die Möbel, die Wände, das Parkett – eine einzige kreisende Scheibe. Als sie an der Tür vorbeischwebten, bauschte sich Emmas Ballkleid und legte sich um die Hose ihres Tänzers. Ihre Beine schoben sich ineinander. Er blickte auf sie herab, sie schlug die Augen zu ihm auf. Ein Schwindel ergriff sie; sie blieb stehen. Dann ging es weiter, und der Vicomte zog sie nun noch rascher mit sich fort und verschwand mit ihr bis ans Ende der Galerie, wo sie, ganz außer Atem, dem Umsinken nahe, einen Augenblick den Kopf an seine Brust legte. Dann führte er sie, immer noch tanzend, aber jetzt langsamer, an ihren Platz zurück. Sie lehnte sich gegen die Wand und hielt die Hand vor die Augen.
Als sie die Augen wieder aufschlug, saß in der Mitte des Saales eine Dame auf einem Taburett, und drei der Tänzer knieten vor ihr. Sie wählte den Vicomte, und von neuem setzte die Geige ein.
Alle schauten auf das tanzende Paar, das immer wieder vorbeiglitt – sie, regungslos in ihrer Haltung, das Kinn ein wenig gesenkt, er, immer in der nämlichen Pose, mit hohlem Kreuz, den Ellbogen vorgebogen, den Mund vorgeschoben. Die konnte Walzer tanzen! Sie tanzten so lange, daß es den andern langweilig wurde.
Man plauderte noch ein paar Minuten, sagte sich dann „Gute Nacht“ oder vielmehr „Guten Morgen“ und ging schlafen.
Charles schleppte sich mühsam am Treppengeländer hinauf. Er hatte sich „die Beine in den Bauch gestanden“. Fünf geschlagene Stunden hatte er damit verbracht, an den Spieltischen beim Whist zuzuschauen, ohne das geringste davon zu verstehen. Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung zog er sich jetzt seine Stiefel aus.
Emma nahm ein Tuch um die Schultern, öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus.
Die Nacht war schwarz. Ein paar Regentropfen fielen. Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die Augenlider kühlte. Die Ballmusik summte ihr noch in den Ohren, und sie suchte sich mit aller Gewalt wach zu halten, um noch jede Minute dieses traumhaft glanzvollen Erlebens auszukosten, das nun gleich wieder enden sollte.
Der Morgen graute. Sie schaute lange nach den Fenstern gegenüber und versuchte zu erraten, wo wohl die einzelnen schliefen, die ihr am Abend zuvor aufgefallen waren. Sie hätte gern von dem Leben dieser Leute erfahren, in dieses Leben eindringen und darin aufgehen mögen.
Schließlich zitterte sie vor Kälte. Sie zog sich aus und kroch unter die Decken, dicht an Charles heran, der schon schlief.
Zum Frühstück fanden sich viele Leute ein. Es dauerte jedoch nur zehn Minuten, und zu Charles’ Verwunderung wurde kein Likör gereicht. Dann sammelte das junge Fräulein d’Andervilliers die Reste der Kuchenbrötchen in einem Korb, um sie den Schwänen auf dem Schloßteich zu bringen, und die Gesellschaft begab sich in das Gewächshaus, wo sich seltsame, struppig behaarte Pflanzen pyramidenförmig unter hängenden Schalen türmten, aus denen wie aus übervollen Schlangennestern lange grüne Ranken ineinander verknäult herabhingen. Ganz am Ende gelangte man zur Orangerie, die, mit einem Glasdach gedeckt, zu den Wirtschaftsgebäuden führte.
Um der jungen Frau ein Vergnügen zu machen, führte sie der Marquis noch durch die Ställe. Über den korbförmigen Raufen waren Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzer Schrift die Namen der einzelnen Pferde standen. Jedes der Tiere stampfte, wenn man an seinem Stand vorbeikam und mit der Zunge schnalzte. Die Dielen in der Geschirrkammer glänzten wie das Parkett eines Salons. In der Mitte hingen die Wagengeschirre an drehbaren Pfosten. Kandaren, Trensen, Kinnketten, Steigbügel und Peitschen reihten sich wohlgeordnet an den Wänden.
Charles war inzwischen nach vorn gegangen und hatte einen Stallburschen gebeten, sein Wägelchen anzuspannen. Es fuhr an der Freitreppe vor, und nachdem alle Gepäckstücke verstaut waren, verabschiedete sich das Ehepaar Bovary mit vielem Dank vom Marquis und von der Marquise, und dann ging es wieder heim nach Tostes.
Emma sah schweigend zu, wie sich die Räder drehten. Charles saß am äußersten Ende des Bänkchens und kutschierte mit abgespreizten Ellbogen. Das kleine Pferd lief im Zuckeltrab dahin in seiner Deichselgabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Zügel tanzten auf seiner Kruppe und wurden naß von Schaum. Der hinten aufgeschnallte Koffer schlug in regelmäßigen Stößen gegen den Wagenkasten.
Auf den Höhen von Thibourville überquerten plötzlich ein paar Reiter lachend und die Zigarren im Mund vor ihnen die Straße. Emma glaubte in einem von ihnen den Vicomte zu erkennen und schaute, sich umwendend, ihnen nach, sah aber nur noch die im Trab oder Galopp sich ungleich auf und nieder bewegenden Umrisse der Reiter am Horizont.
Eine Viertelmeile weiter mußten sie haltmachen, um die zerrissene Kinnkette mit einer Schnur festzubinden.
Als Charles jedoch das ganze Geschirr noch einmal nachsah, bemerkte er zwischen den Beinen seines Pferdes einen Gegenstand am Boden. Er hob ihn auf: es war eine Zigarrentasche, ganz mit grüner Seide bestickt und mit einem Wappen in der Mitte.
„Es sind sogar noch zwei Zigarren drin“, sagte er, „die sind gut für heute abend nach dem Essen.“
„Rauchst du denn überhaupt?“ fragte sie.
„Hie und da, wenn es sich so macht.“
Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab seinem Klepper die Peitsche.
Als sie zu Hause ankamen, war das Essen noch nicht fertig. Frau Bovary regte sich darüber auf, und Nastasie gab eine patzige Antwort.
„Raus!“ rief Emma. „Was erlauben Sie sich? Sie sind entlassen!“
Es gab Zwiebelsuppe und ein Stück Kalbfleisch in Sauerampfer. Charles saß seiner Frau gegenüber und rieb sich vergnügt die Hände.
„Schön, wieder daheim zu sein!“
Man hörte Nastasie in der Küche weinen. Er hatte das arme Ding gern. Sie hatte ihm so manchen Abend während seiner Witwerschaft Gesellschaft geleistet; sie war seine erste Patientin gewesen, seine älteste Bekannte hier in der Gegend.
„Hast du ihr wirklich im Ernst gekündigt?“ fragte er schließlich.
„Natürlich. Wer will mich daran hindern?“ versetzte sie.
Nach Tisch wärmten sie sich in der Küche, während das Schlafzimmer zurechtgemacht wurde. Charles zündete sich eine der Zigarren an. Er rauchte mit vorgeschobenen Lippen, spuckte alle Augenblicke aus und bog sich bei jedem Zug zurück.
„Dir wird noch übel werden“, meinte Emma verächtlich.
Er legte seine Zigarre weg und lief schnell an die Pumpe, wo er gierig ein Glas Wasser trank. Emma nahm die Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel des Schrankes.
Der nächste Tag wurde ihr unerträglich lang. Sie ging in ihrem Gärtchen spazieren, immer wieder dieselben Wege auf und ab, blieb bald vor den Blumenbeeten stehen, bald vor dem Obstspalier, bald vor dem Gipspfarrer, und alle diese ihr so wohlbekannten alten Dinge schauten sie so sonderbar fremd an. Wie fern schien der Ball schon zurückzuliegen! Was war es denn, was den vorgestrigen Morgen und den heutigen Abend so weit voneinander trennte? Diese Reise nach Vaubyessard hatte einen Riß in ihrem Leben aufgetan, wie im Gebirge manchmal ein Gewittersturm in einer einzigen Nacht tiefe Spalten aufreißt. Aber sie fügte sich in ihr Schicksal. Liebevoll andächtig barg sie ihren ganzen schönen Ballstaat im Schrank, mitsamt den Atlasschuhen, deren Sohlen vom Parkettwachs eine bräunliche Politur bekommen hatten. Ihrem Herzen war es ähnlich ergangen: von der Berührung mit dem Reichtum war etwas haftengeblieben, das nie wieder wegzubringen war.
Die Erinnerung an diesen Ball wurde nun für Emma zu einer Art Weihedienst. Jeden Mittwoch beim Aufwachen sagte sie zu sich: Heut vor acht Tagen – vor vierzehn Tagen – vor drei Wochen – war ich dort! Nach und nach verwischten sich in ihrem Gedächtnis die einzelnen Gesichter, sie vergaß die Melodien der Kontertänze, sie sah die Livreen der Lakaien und die verschiedenen Räume nicht mehr so deutlich vor sich. Die Einzelheiten schwanden, aber die Sehnsucht blieb.
9
Oft, wenn Charles fort war, holte sich Emma aus dem Schrank das grünseidene Zigarrenetui wieder zwischen der Wäsche hervor, wo sie es verborgenhielt.
Sie betrachtete es, öffnete es, sog den Geruch des Innenfutters ein, das nach Eisenkraut und Tabak duftete. Wem mochte es wohl gehört haben? Dem Vicomte? Vielleicht war es ein Geschenk seiner Geliebten. Vielleicht hatte sie es in aller Heimlichkeit gestickt, auf einem zierlichen Polisanderrahmen, und gewiß viele Stunden lang träumerisch daran gestichelt, während ihr die weichen Locken darüber fielen. Ein Liebeshauch war in die Maschen des Kanevas eingewebt. Mit jedem Nadelstich war eine Hoffnung oder eine Erinnerung mit hineingestickt, und all die verschlungenen Seidenfäden spannen nur die eine stumme Leidenschaft fort. Und dann, eines Morgens, hatte der Vicomte die Tasche mit sich genommen. Was mochte sie wohl alles für Gespräche mit angehört haben, als sie noch auf breiten Kaminsimsen zwischen Blumenvasen und Rokokouhren gelegen hatte?
Jetzt war sie hier in Tostes. Und er, er war in Paris da drunten! Wie mochte dieses Paris sein? Was für eine Unermeßlichkeit lag in diesem Namen! Sie sprach ihn immer wieder halblaut vor sich hin und entzückte sich daran; er klang ihr in den Ohren wie Glockengedröhn einer Kathedrale, flammte ihr in die Augen, selbst von den Etiketten ihrer Salbentöpfe.
In der Nacht, wenn die Fischhändler mit ihren Karren unter ihrem Fenster vorbeifuhren und die „Marjolaine“ sangen, wurde sie wach und lauschte dem Rasseln der eisenbeschlagenen Räder, das jäh erstarb, wenn sie am Ende der Ortschaft wieder auf die ungepflasterte Landstraße kamen.
Die sind morgen früh in Paris, dachte sie dann bei sich; und in Gedanken folgte sie ihnen dahin, hügelauf, hügelab durch die Dörfer und Marktflecken, im Sternenlicht auf der großen Landstraße. Und irgendwo in ungewisser Ferne lockte dann immer das dunkle, verworren brausende Ziel, in das sich ihr Traum verlor.
Sie kaufte sich einen Plan von Paris und machte mit dem Zeigefinger lange Wanderungen durch die Weltstadt. So ging sie die Boulevards auf und ab, verweilte an jeder Ecke, zwischen den Straßenzügen, vor den weißen Vierecken der Häuserblocks. Wurden ihr die Augen müde, dann schloß sie die Lider und sah im Dunkel die Flammen der Gaskandelaber vor den Säulenportalen der großen Theater im Winde flackern und hörte das Rollen der anfahrenden Equipagen.
Sie abonnierte „La Corbeille“, eine Frauenzeitschrift, und die „Sylphe des salons“. Sie verschlang, ohne auch nur das geringste auszulassen, sämtliche Berichte über Uraufführungen, Rennen und Abendgesellschaften. Sie interessierte sich für das Debut einer Sängerin ebenso wie für die Eröffnung eines Warenhauses. Sie kannte die neuesten Moden, die Anschriften der guten Schneider, die Tage, an denen sich die vornehme Gesellschaft im Bois de Boulogne oder in der Oper traf. Sie studierte bei Eugène Sue die Schilderungen von Wohnungseinrichtungen. Sie las Balzac und George Sand und suchte bei ihnen imaginäre Befriedigung ihrer persönlichen Lebensbegierden. Sogar zu den Mahlzeiten brachte sie ihr Buch mit und las und blätterte darin, während Charles aß und mit ihr sprach. Immer wieder tauchte beim Lesen das Bild des Vicomte vor ihr auf, und sie setzte alle Romangestalten in Beziehung zu ihm. Mit der Zeit aber erweiterte sich der Kreis immer mehr, und der Glanz, der ihn umgab, wich von ihm, um andere Traumbilder zu erleuchten.
Weiter als ein Ozean, lag Paris vor Emmas Blicken gleichsam in funkelndem Glanze ausgebreitet. Das tausendfältige Leben, das sich dort regte, schied sich jedoch in ihrer Vorstellung in scharf voneinander getrennte Gruppen, und zwar waren es eigentlich nur drei, hinter denen für sie alle anderen zurücktraten und die einzig und allein für sie die Menschheit darstellten. Das war einmal die Welt der Diplomaten, die sich in Spiegelsälen auf glänzendem Parkett um Tische mit goldbefransten Sammetdecken bewegten; die Welt der Staatsgeheimnisse, der Ängste und Sorgen unter lächelnder Larve. Dann kam die Welt der Herzoginnen, in der man aristokratisch bleich aussah und erst nachmittags um vier Uhr aufstand; die Damen – arme Engel! – trugen Unterwäsche mitenglischen Spitzen, und die Herren, die durchweg die hervorragendsten Fähigkeiten unter einer nichtssagenden Außenseite verbargen, ritten zum bloßen Vergnügen ihre Vollblüter zuschanden, verbrachten die Saison in Baden-Baden und heirateten schließlich, wenn sie an vierzig waren, reiche Erbinnen. Der dritte Kreis endlich, das war der bunte Schwarm der Literaten und Schauspieler, die nach Mitternacht in den Séparées bei Kerzenschein tafelten und lachten, verschwenderisch alle wie die Könige und voll hochfliegender Ideale und toller Phantastereien. Das war ein Leben, hoch überm Alltag, zwischen Himmel und Erde, in Sturm und Drang – etwas Erhabenes.
Was die übrige Welt betraf, so verlor sie sich für Emma ins Ungewisse und hatte keinen bestimmten Platz in ihren Gedanken, als wäre sie gar nicht vorhanden. Je näher ihr übrigens die Dinge standen, um so mehr schloß sich ihr Innenleben dagegen ab, und was sie unmittelbar hier in Tostes umgab – die langweilige Landschaft, die stumpfsinnigen Spießbürger, dies ganze Durchschnittsdasein –, kam ihr wie eine Ausnahmeerscheinung in der Welt vor, eine Enge, in die sie nur durch Zufall festgebannt war, während sich überall draußen das unabsehbare Reich der Glückseligkeiten und Leidenschaften breitete.
In ihren Wunschträumen war Herzensglück untrennbar mit Wohlstand, Gefühlszartheit untrennbar mit äußerer Eleganz verbunden. Bedurfte die Liebe nicht auch, wie die Tropenpflanzen, eines besonders gepflegten Bodens und einer besonderen Luft? Die Seufzer im Mondschein, die langen Umarmungen, die Tränen, auf hingegebene Hände geweint, all die heißen Schauer des Fleisches, all die schmachtenden Wonnen des Herzens waren für sie nicht mehr wegzudenken von stolzen Schlössern mit hohen Altanen, wo man nur seiner Muße und seinem Belieben lebt, von einem Boudoir mit seidenen Vorhängen, dicken Teppichen, gefüllten Blumentischchen, von einem erhöht auf einer Estrade prangenden Himmelbett, von dem Funkeln der Edelsteine und dem Glitzern betreßter Livreen.
Der Bursche von der Post, der allmorgendlich kam, um die Stute zu striegeln, klotzte jedesmal mit seinen plumpen Holzpantinen durch den Hausflur. Er trug keine Strümpfe, und sein Kittel war zerlöchert. Das war nun der Groom in Kniehosen, mit dem sie sich begnügen mußte. Hatte er seine Arbeit getan, so kam er den ganzen Tag über nicht mehr wieder, denn Charles brachte, wenn er heimkehrte, sein Pferd immer selbst in den Stall und nahm ihm Sattel und Zaumzeug ab, während das Dienstmädchen ein Bündel Heu herbeischleppte und in die Krippe warf, so gut sie konnte.
Als Ersatz für Nastasie, die schließlich tränenüberströmt aus Tostes abgezogen war, hatte Emma ein vierzehnjähriges Mädchen, eine sanftmütig dreinschauende Waise, in Dienst genommen. Sie verbot ihr, ihre Bauernmütze zu tragen, brachte ihr bei, die Herrschaften nur in der dritten Person anzureden, ein Glas Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem Eintreten anzuklopfen, lehrte sie Wäsche bügeln und stärken, beim Ankleiden behilflich zu sein und war bestrebt, eine richtige Kammerzofe aus ihr zu machen. Die Kleine fügte sich denn auch ohne Murren in alles, um nur nicht fortgeschickt zu werden; und da die Gnädige gewöhnlich den Schlüssel im Büfett steckenließ, nahm sich Félicité – so hieß das hoffnungsvolle Kind – jeden Abend einen kleinen Vorrat an Zucker mit, den sie dann, nachdem sie ihr Nachtgebet verrichtet hatte, heimlich verspeiste.
Nachmittags machte sie zuweilen einen Sprung über die Straße, um mit den Postillionen zu schwatzen. Madame blieb um diese Zeit gewöhnlich oben in ihrem Zimmer.
In einem ausgeschnittenen Morgenrock, der zwischen den Aufschlägen ein feingefälteltes Vorhemdchen mit drei Goldknöpfen sehen ließ, eine Kordel mit dicken Quasten um die Taille, ihre granatroten, mit Rosetten aus breiten Bändern gezierten Pantöffelchen an den Füßen, trödelte Emma dann im Zimmer umher und suchte sich die Zeit zu vertreiben. Sie hatte sich eine Schreibunterlage, Briefpapier und einen Federhalter gekauft, aber es gab niemanden, an den sie hätte schreiben können. So wischte sie hier und da ein wenig Staub, betrachtete sich im Spiegel oder nahm ein Buch zur Hand, ließ es aber, darüber hinweg träumend, bald wieder in den Schoß sinken. Am liebsten wäre sie auf eine weite Reise gegangen oder in ihr Kloster zurückgekehrt. Sie wünschte sich im selben Atem, zu sterben und in Paris zu leben.
Unterdessen trabte Charles bei Wind und Wetter über Weg und Steg, aß Eierkuchen bei den Bauern, griff in verschwitzte Krankenbetten, ließ sich beim Aderlassen das warme Blut ins Gesicht spritzen, lauschte auf das Röcheln Sterbender, prüfte den Inhalt von Spucknäpfen und streifte viele schmutzige Hemden hoch. Am Abend jedoch fand er immer ein flackerndes Feuer vor, einen gedeckten Tisch, einen weichen Lehnstuhl und eine reizende Frau, hübsch angezogen und einen frischen Wohlgeruch ausströmend, von dem man nicht recht wußte, woher er eigentlich kam und ob es nicht ihre Haut war, die das Hemd durchduftete.
Sie entzückte ihn immer wieder mit tausend netten Kleinigkeiten: bald hatte sie eine neue Art Papiermanschetten für die Leuchter erfunden, bald einen Volant an ihrem Kleid umgeändert oder sich einen großartigen Namen ausgedacht für ein ganz simples Gericht, das das Mädchen obendrein verdorben hatte, das Charles aber bis zum letzten Rest begeistert verschlang. Einmal sah sie in Rouen, daß die Damen an ihren Uhrketten allerlei Berlocken trugen; sofort kaufte sie sich auch Berlocken. Dann wieder wünschte sie sich für ihren Kamin zwei große Vasen aus blauem Glas und einige Zeit darauf ein Nähzeug aus Elfenbein mit einem vergoldeten Fingerhut. Je weniger Charles von derlei Luxusdingen verstand, um so stärker war der Zauber, den sie auf ihn ausübten. Sie schmeichelten seinen Sinnen und machten ihm sein Heim noch liebenswerter. Es war ihm, als sei sein ganzer bescheidener Lebenspfad mit feinem Goldstaub bestreut.
Es ging ihm gut, und er sah auch vortrefflich aus. Sein Ansehen als Arzt war nun fest gegründet. Das Landvolk mochte ihn gern, weil er gar nicht stolz war. Er streichelte die Kinder, ging niemals ins Wirtshaus und flößte aller Welt durch seine Biederkeit Vertrauen ein. Besondere Erfolge hatte er bei Hals- und Lungenleiden. Da er immer Angst hatte, seine Patienten zu Tode zu kurieren, verschrieb er fast ausschließlich Beruhigungsmittel und dann und wann ein Brechpulver, ein Fußbad oder Blutegel. Dabei hatte er keineswegs etwa Angst vor Eingriffen chirurgischer Art. Er ließ die Leute zur Ader, als hätte er Pferde vor sich, und es hieß, beim Zähneziehen habe er eine währe Eisenfaust.
Um sich auf dem laufenden zu halten, abonnierte er „La Ruche médicale“, eine neue medizinische Fachzeitschrift, von der man ihm eine Probenummer zugeschickt hatte. Darin pflegte er nach dem Essen ein wenig zu lesen, aber die Zimmerwärme, vereint mit der beginnenden Verdauung, hatte meistens zur Folge, daß er bereits nach fünf Minuten einnickte; und da saß er denn, den Kopf vornüber auf die Hände gebettet, daß sich die Haare auf dem Tisch wie eine Mähne bis an den Fuß der Lampe breiteten. Emma sah sich das achselzuckend an. Warum hatte sie nicht wenigstens eine jener stillen Leuchten der Wissenschaft zum Ehemann, die nachts über ihren Büchern hocken und schließlich mit sechzig Jahren, wenn sich das Gliederreißen einstellt, ein Verdienstkreuz an den schlecht sitzenden Frack gehängt bekommen. Sie hätte gewünscht, der Name Bovary, den sie ja nun auch trug, sei berühmt, in den Buchläden ausgestellt, in den Zeitungen genannt, in ganz Frankreich bekannt. Aber Charles hatte ja keinen Funken Ehrgeiz! Ein Arzt aus Yvetot, mit dem er kürzlich eine gemeinsame Konsultation gehabt, hatte ihn am Bett des Kranken vor der versammelten Familie blamiert. Als Charles abends die Geschichte erzählte, entrüstete sich Emma höchlich über den Kollegen. Darüber gerührt, küßte Charles sie feuchten Auges auf die Stirn. Aber sie war außer sich vor Scham über die Demütigung und hätte ihn am liebsten geohrfeigt. Sie ging auf den Flur hinaus, riß das Fenster auf und sog die frische Luft ein, um sich zu beruhigen.
„Wie erbärmlich! Wie erbärmlich!“ sagte sie immer wieder vor sich hin und biß sich auf die Lippen.
Auch sonst wurde er ihr immer widerwärtiger. Mit der Zeit hatte er allerhand üble Gewohnheiten angenommen: beim Nachtisch zerschnitt er den Korken der leeren Weinflasche, nach dem Essen fuhr er mit der Zunge in den Zähnen umher, und wenn er die Suppe löffelte, gluckste er bei jedem Schluck. Zudem fing er an dick zu werden, und seine an sich schon kleinen Augen schienen allmählich ganz hinter seinen feisten Backen zu verschwinden.
Manchmal schob sie ihm den roten Saum seiner Trikotunterjacke wieder unter die Weste, zog seine Krawatte zurecht oder warf ein Paar abgetragene Handschuhe fort, die er gerade wieder anziehen wollte. Aber das tat sie nicht ihm zuliebe, wie er meinte, sondern sich selbst zuliebe, aus Widerwillen gegen den häßlichen Anblick, aus nervöser Gereiztheit. Manchmal sprach sie auch zu ihm von dem, was sie gerade gelesen hatte: von einer Stelle aus einem Roman, von einem neuen Stück oder einer Skandalgeschichte aus der großen Gesellschaft, die in der Zeitung gestanden hatte. Schließlich war er doch immerhin jemand, der ihr jederzeit bereitwillig zuhörte und in allem beistimmte. Sie sprach ja auch mit ihrem Windspiel und hätte im Notfall auch mit den Holzscheiten im Ofen und dem Pendel ihrer Stutzuhr geredet.
Im Grunde ihrer Seele aber wartete sie immerzu auf irgendein Ereignis. Gleich Schiffbrüchigen ließ sie ihre verzweifelten Blicke über die Öde ihres Lebens schweifen, ob sich denn nicht endlich in der Ferne, im Dunst des Horizonts ein weißes Segel zeige. Sie wußte nicht, welcher Zufall, welcher günstige Wind es ihr zutreiben werde und zu welchem Gestade es sie bringen sollte, noch ob es eine kleine Schaluppe oder ein stolzer Ozeandampfer sein würde, bis oben hin beladen mit Ängsten oder Glückseligkeiten. Aber an jedem Morgen, wenn sie erwachte, hoffte sie auf den neuen Tag, horchte auf jedes Geräusch, fuhr hoch, wunderte sich, daß nichts kam, und wünschte sich am Abend todtraurig, es möge schon wieder Morgen sein.
Der Frühling kehrte wieder. Als die ersten warmen Tage kamen und die Birnbäume blühten, litt sie an Atembeklemmungen.
Von Anfang Juli an zählte sie die Wochen bis zum Oktober an den Fingern ab, in der Hoffnung, daß der Marquis d’Andervilliers vielleicht dies Jahr wieder einen Ball auf Vaubyessard geben werde. Aber der September verging, ohne daß eine schriftliche oder mündliche Einladung kam.
Nachdem sie den Verdruß über diese Enttäuschung verwunden hatte, war es wieder leer in ihrem Herzen, und die Reihe der ewig gleichen Tage begann von neuem.
Sie sollten also nun wirklich immer so dahingehen, einer wie der andere, unzählig, und keiner brachte etwas mit sich. So fläch auch das Leben anderer Leute war, für sie bestand doch wenigstens die Möglichkeit, daß sich in ihrem Dasein einmal etwas ereignete. Ein Zufall hatte manchmal unabsehbare Folgen und veränderte das Bild vollkommen. Aber für sie geschah nichts. Gott hatte es so bestimmt. Wie ein langer stockfinsterer Gang mit einer fest verschlossenen Tür am Ende lag die Zukunft vor ihr.
Sie gab auch das Musizieren auf. Wozu Klavier spielen? Wer hörte ihr schon zu? Da es ihr ja doch niemals vergönnt sein würde, in einem Samtkleid mit kurzen Ärmeln in einem Konzertsaal auf einem Erardflügel mit leichten Fingern über die Elfenbeintasten dahinzufahren und das Raunen der Begeisterung wie Windhauch um sich her zu fühlen, so lohnte es ja auch nicht, sich mit dem Üben abzuquälen. Auch Zeichengerät und Stickrahmen ließ sie im Schrank. Wozu das alles? Wozu? Das Nähen ward ihr zuwider. – Und gelesen habe ich auch schon alles, dachte sie. Und so saß sie da und vertrieb sich die Zeit damit, die Feuerzange so lange in die Glut zu halten, bis sie glühte, oder sie schaute zu, wie der Regen fiel.
Und wie traurig war sie an Sonntagnachmittagen zur Zeit des Vesperläutens! Sie lauschte stumpfsinnig und doch gespannt, wie die matten Glockenschläge einer nach dem anderen verhallten. Manchmal schlich wohl eine Katze langsam über die Dächer und krümmte den Buckel unter den bleichen Sonnenstrahlen. Auf der Landstraße blies der Wind Staubwirbel auf. In der Ferne bellte ein Hund. Und immer wieder, in regelmäßigen Abständen, fing die Glocke mit ihrem eintönigen Gebimmel an, das sich in der Landschaft verlor.
Dann kamen die Leute aus der Kirche. Die Frauen in blankgewichsten Schuhen, die Bauern in frischen Kitteln, und vor ihnen her sprangen barhäuptig die Kinder. Alle gingen sie heim; nur vor der Wirtshaustür saßen noch fünf oder sechs Männer, immer dieselben, und spielten Bouchon.
Der Winter war kalt. Jeden Morgen waren die Fensterscheiben zugefroren, und das Licht, das weißlich-blaß durch sie hereinschien wie durch Milchglas, hellte sich manchmal den ganzen Tag nicht auf. Um vier Uhr nachmittags mußte man schon die Lampen anzünden.
An schönen Tagen ging sie in den Garten hinunter. Der Reif hatte um die Kohlstauden silberne Spitzen gewoben, und hie und da hingen lange Silberfäden von einer zur andern. Kein Vogel ließ sich hören, alles schien im Winterschlaf zu liegen.
Das Spalier war mit Stroh umwickelt, und der Weinstock hing wie eine große, kranke Schlange an der Mauer, auf der man, wenn man näher hinschaute, vielfüßige kleine Asseln umherkriechen sah. Der im Brevier lesende Pfarrer bei den Fichten an der Hecke hatte den rechten Fuß verloren; auch war der Gips vom Frost hie und da abgesprungen, so daß sein Gesicht von weißen Flecken entstellt war.
Dann ging sie wieder hinauf, verschloß die Tür, schürte das Feuer im Kamin und fühlte sich in der erschlaffenden Wärme von neuem und nur noch bleierner von der Langenweile gelähmt. Sie wäre gern hinuntergegangen, um ein bißchen mit dem Dienstmädchen zu plaudern, aber ein Gefühl der Scham hielt sie zurück.
Jeden Morgen um die nämliche Stunde öffnete drüben der Schulmeister, sein schwarzseidenes Käppchen auf dem Kopf, die Fensterläden seines Hauses, und der alte Feldhüter kam vorbei, den Säbel um seinen Kittel geschnallt. Morgens und abends wurden die Postpferde, immer zu drei und drei, durch die Straße zur Tränke nach dem Dorfteich geführt Von Zeit zu Zeit bimmelte die Türklingel eines Kramladens, und wenn der Wind ging, hörte man die beiden kleinen Messingbecken, die der Friseur als Aushängeschild vor seinem Laden hatte, an ihren Stangen quietschen. Die Dekoration seines Schaufensters bestand aus einem an die Scheibe geklebten alten Modenblatt und einer weiblichen Wachsbüste mit gelber Perücke. Auch er, der Haarkünstler, klagte ständig über sein verfehltes Leben und seine aussichtslose Zukunft; sein Traum war ein Geschäft in einer großen Stadt, in Rouen zum Beispiel, am Hafen oder in der Nähe des Theaters, und in Ermangelung dessen spazierte er den ganzen Tag lang mit düsterer Miene zwischen der Bürgermeisterei und der Kirche hin und her und wartete auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary einen Blick hinauswarf, sah sie ihn in seiner Wolljacke, die phrygische Mütze auf dem Ohr, wie eine Schildwache hin und her pendeln.
Nachmittags erschien zuweilen vor den Fenstern des Eßzimmers ein sonngebräunter Männerkopf mit schwarzem Backenbart und einem breiten, trägen, sanften Lächeln um den Mund, aus dem zwei Reihen weißer Zähne blitzten. Alsbald ertönte eine Walzermelodie, und in einem winzig kleinen Salon, der auf dem Leierkasten angebracht war, begannen sich lauter daumenlange Figürchen – Damen in rosa Turbanen, Tiroler in Lodenjacken, Affen in schwarzen Fräcken und Herren in Kniehosen – zwischen den Sesseln und Kanapees und Ziertischchen um und um zu drehen und zu wenden, vervielfältigt durch die aus kleinen Spiegeln bestehenden, an den Kanten mit Goldpapier aneinandergeklebten Wänden. Immer an seiner Kurbel leiernd, ließ der Mann seine Blicke nach rechts, nach links und zu den Fenstern hin wandern. Von Zeit zu Zeit hob er mit dem Knie seinen Kasten ein wenig hoch, weil ihn der harte Gurt auf die Schulter drückte, wobei er einen langen Strahl braunen Tabaksaft gegen den Prellstein spie. Und immerfort dudelte unterdessen die Musik, bald schwermütig und schleppend, bald vergnügt und munter, hinter dem rosafarbenen Taftbezug hervor, über dem ein verschnörkelter Messingbeschlag glänzte. Es waren Melodien, die man überall spielte und sang in den Theatern und Salons und abends zum Tanz unter strahlenden Kronleuchtern – ein Widerhall aus der großen Welt draußen, der hier bis zu Emma drang. Es war ihr, als zöge ein ganzer, nicht endender Reigen von Musik sie mit sich, und wie eine Bajadere auf dem Blumenmuster eines Teppichs hüpfte ihr Geist im Takt der Musik und wiegte sich in immer sehnsüchtigeren Traum, in immer tiefere Trübsal. Wenn der Mann die Geldstücke in seine Mütze gesammelt hatte, schlug er die alte blaue Wolldecke wieder über seinen Kasten, nahm ihn auf den Rücken und ging mit schweren Schritten weiter. Sie schaute ihm lange nach.
Besonders zu den Mahlzeiten wurde es ihr unerträglich in diesem kleinen Wohnzimmer im Erdgeschoß, wo der Ofen rauchte, die Tür in den Angeln quietschte und die Wände und der Fußboden ewig feucht waren. Es schien ihr dann, als werde ihr die ganze Bitternis ihres Lebens auf ihrem Teller vorgetischt, und wenn sie den Rindfleischdunst roch, war ihr, als stiege aus dem Grund ihrer Seele ein ebensolcher fader Brodem auf. Charles aß und aß, während sie nur ein paar Nüsse knackte oder sich, den Ellenbogen aufgestützt, damit die Zeit vertrieb, mit der Messerspitze auf dem wachsleinenen Tischtuch herumzusticheln.
Im Haushalt ließ sie jetzt alles gehen, wie es wollte, so daß sich die alte Frau Bovary, als sie während der Fastenzeit zu Besuch kam, sehr über diese Veränderung wunderte. Es ging so weit, daß sich Emma, die sonst so peinlich sauber und sorgfältig war, tagelang nicht ordentlich anzog, in grauen Baumwollstrümpfen herumlief und statt der Lampe ein Talglicht brannte. Immer wieder behauptete sie, sie seien nicht reich und müßten sparen, wobei sie jedesmal hinzufügte, daß sie sehr zufrieden, sehr glücklich sei, daß es ihr in Tostes sehr gut gefalle, und führte dergleichen ungewohnte Reden mehr, die der verdutzten Schwiegermutter die Sprache verschlugen. Im übrigen schien Emma auch gar nicht mehr geneigt, ihre Ratschläge zu befolgen. Als Mama Bovary einmal die Bemerkung für nötig befunden hatte, die Herrschaft sei verpflichtet, sich um den religiösen Lebenswandel ihrer Dienstboten zu kümmern, hatte Emma ihr mit einem so zornigen Blick und einem so eiskalten Lächeln erwidert, daß die gute Frau nicht wieder an das Thema rührte.
Emma wurde immer reizbarer und launischer. Sie ließ sich besondere Gerichte zubereiten und rührte sie dann nicht an; den einen Tag trank sie nur Milch, den nächsten ein Dutzend Tassen Tee. Sie weigerte sich hartnäckig, an die Luft zu gehen, und fand es im nächsten Augenblick im Zimmer zum Ersticken, riß die Fenster auf und zog sich ein leichteres Kleid an. Wenn sie ihr Dienstmädchen nach Kräften schikaniert hatte, machte sie ihr Geschenke und ließ sie Spazierengehen, wie sie denn auch manches Mal alles Kleingeld, das sie bei sich trug, an arme Leute fortgab, obwohl sie von Natur nicht eben mildtätig war und für die Leiden anderer nicht viel übrig hatte, gleich den meisten Menschen bäuerlicher Herkunft, deren Gemüt immer etwas von den Schwielen behält, die die Väter und Vorväter an den Händen hatten.
Gegen Ende Februar erschien Vater Rouault und brachte zur Erinnerung an seine Heilung dem Schwiegersohn eine prachtvolle Truthenne mit. Er blieb drei Tage in Tostes, und da Charles meistens bei seinen Kranken war, leistete ihm Emma Gesellschaft. Er qualmte in ihrem Zimmer, spuckte in den Kamin und redete von Landwirtschaft, Kälbern, Kühen, Geflügel und Gemeinderatssitzungen, so daß sie, als er wieder abreiste, die Tür hinter ihm mit einem Gefühl der Erleichterung schloß, das sie selbst überraschte. Im übrigen machte sie jetzt gar kein Hehl mehr aus ihrer Geringschätzung für alles und für jeden, versteifte sich auf sonderbare Meinungen, tadelte, was andere lobten, und lobte, was andere verkehrt und unmoralisch fanden, so daß ihr Gatte oft große Augen machte.
Ach, sollte denn dieses Elend ewig so weitergehen? Sollte sie nie davon loskommen? Sie war doch wahrhaftig ebensoviel wert wie alle die anderen Frauen, die glücklich lebten. Auf Vaubyessard hatte sie Marquisen und Herzoginnen gesehen, die plumper gebaut waren und sich ungeschickter benahmen als sie, und sie verwünschte die Ungerechtigkeit Gottes, lehnte den Kopf an die Wand und schluchzte vor Neid und Sehnsucht nach dem rauschenden Leben, nach nächtlichen Maskeraden, gewagten Vergnügungen und all den Tollheiten, die sie nicht kannte, die es aber doch sicher gab.
Sie wurde zusehends blasser und litt an Herzklopfen. Charles verordnete ihr Baldrian und Kampferbäder. Aber alles, was man versuchte, schien sie nur noch mehr zu reizen.
An manchen Tagen redete sie ohne Unterlaß mit einer fieberhaften Geschwätzigkeit, und auf diese Exaltiertheit folgte im nächsten Augenblick wieder ein Zustand völliger Stumpfheit, in dem sie keines Wortes und keiner Regung fähig war. Einigermaßen beleben konnte sie sich dann nur dadurch, daß sie sich eine Flasche Kölnischwasser über die Arme goß.
Da sie sich ständig über Tostes beklagte, glaubte Charles, daß die Ursache ihrer Krankheit in irgendwelchen örtlichen Einflüssen zu suchen sei, und begann ernsthaft daran zu denken, sich anderswo niederzulassen.
Von da an trank sie Essig, um mager zu werden; ein kleiner trockener Husten stellte sich ein, und der Appetit verschwand völlig.
Es fiel Charles nicht leicht, Tostes nach vierjährigem Aufenthalt aufzugeben, und gerade jetzt, da er festen Fuß gefaßt hatte. Aber wenn es sein mußte, in Gottes Namen! Er brachte sie nach Rouen, um seinen ehemaligen Lehrmeister zu konsultieren. Der stellte ein nervöses Leiden fest und verordnete Luftveränderung.
Nach vielen Anfragen hier und dort brachte Charles schließlich in Erfahrung, daß sich in Yonville-l’Abbaye, einem größeren Marktflecken im Arrondissement Neufchâtel, der dort ansässige Arzt, ein polnischer Emigrant, in der vergangenen Woche aus gewissen Gründen aus dem Staube gemacht habe. Er schrieb also an den Apotheker des Ortes, um zu erfahren, wieviel Einwohner Yonville habe, wie weit entfernt der nächste Kollege säße, wieviel sein Vorgänger jährlich verdient habe und dergleichen mehr, und da die Antworten zufriedenstellend ausfielen, beschloß er, im Frühjahr umzusiedeln, wenn sich Emmas Gesundheit bis dahin nicht gebessert haben sollte.
Eines Tages, als sie, schon mit Vorbereitungen für den Umzug beschäftigt, in einer Schublade kramte, stach sie sich mit etwas in den Finger.
Es war ein Stückchen Draht von ihrem Brautbukett. Die Orangenknospen waren grau von Staub und die Atlasbänder mit den Silberfransen schon ganz ausgefasert an den Rändern. Sie warf es ins Feuer. Es flammte rascher auf als trocknes Stroh. Einen Augenblick glühte es noch wie ein kleiner feuriger Dornbusch, dann sank es in sich zusammen. Sie schaute zu, wie es verbrannte. Die kleinen Beeren aus Pappe platzten, die Drähte krümmten sich, die Silberfransen schmolzen, die verkohlten Blütenblätter schwebten wie schwarze Schmetterlinge am Kaminblech empor und flatterten schließlich durch den Rauchfang davon.
Als sie im März aus Tostes fortzogen, war Frau Bovary schwanger.
Darmowy fragment się skończył.