Czytaj książkę: «Ein verbummelter Student»

Czcionka:

Ein verbummelter Student
Gustav Sack

Saga

Gustav Sack †

Mit diesem Werke tritt ein Toter zum ersten Male als Gesamterscheinung vor die Öffentlichkeit. Was von Gustav Sack bei seinen Lebzeiten hier und da in Blättern erschien, zeigt nicht den ganzen Mann, sondern erhält nur von seinen großen Werken aus das volle Licht. Unter ihnen ist der Roman »Ein verbummelter Student« das erste.

Er schrieb ihn zum ersten Male nieder im Spätherbst 1910, fünfundzwanzigjährig, in seinem Heimatsort Schermbeck bei Wesel. Hier und in der Umgegend spielt die Handlung. Ort und Landschaft sind bis auf die Namen treu dargestellt; das alte Schloß, in dem die schöne Loo bei ihrem Vater wohnt, ist das halbzerfallene, unbewohnte Raesfeld. Mit derselben unbeirrten Sicherheit hat der Dichter seine eigene äußere und innere Lage geschildert. Sie spricht aus dem Titel, dem endgültigen sowohl wie dem ursprünglichen, der sinnbildlich »Der dunkelblaue Enzian« lautete.

Als Sohn des Hauptlehrers in Schermbeck am 28. Oktober 1885 geboren, besuchte Gustav Sack nach der Dorfschule von 1896 an das Gymnasium zu Wesel. Ostern 1903 erwarb er das Einjährigenzeugnis. Nach einer vierteljährigen Lehrzeit als Apotheker in Hadersleben kehrte er nach Hause zurück und trat, ohne Zeit verloren zu haben, zum Herbst wieder ins Gymnasium ein. Ostern 1906 bestand er die Abschlußprüfung. Er studierte drei Semester in Greifswald, eins in Münster Germanistik, dann ein Semester in Halle und drei in Münster Naturwissenschaften. Den Sommer 1910 verbrachte er zu Hause, fuhr aber zu Vorlesungen und Übungen zweimal wöchentlich nach Münster. Seinen Wunsch, jetzt zur Medizin umzusatteln, mußten ihm die Eltern, die ihm das Studium unter schweren Opfern ermöglicht hatten, versagen. So verbrachte er den Winter von 1910 auf 1911 in seinem Heimatsort, angeblich, um zum Examen zu arbeiten, tatsächlich aber, um seinen Roman zu schreiben.

Es war nicht nur die Länge seines Studiums und der Wechsel des Faches, was ihn in Schermbeck als verbummelt gelten ließ. Man wußte, daß er zu Zeiten unbändig und über seine Verhältnisse gelebt hatte. Er hatte getrunken, gerauft, über die Schnur gehauen, Schulden gemacht und vielfältigen Unfug verübt. Sein kraftvoller Körper und seine ungestüme Seele rissen ihn zu gewaltsamen Entladungen fort. In Greifswald war er bei der Turnerschaft Cimbria aktiv geworden; im dritten Semester wurde er aus der Verbindung entlassen, weil er an einem Abend nicht weniger als elf »Ramsche« hatte. In Münster gehörte er der Rhenania an. Sein Gesicht war arg zerhauen. Strafmandate und Pfändungen folgten ihm nach Schermbeck. Trotz eines ausreichenden Wechsels geriet er immer wieder in Bedrängnis, weil er nicht rechnen konnte und mitunter in einen Taumel des Geldhinauswerfens geriet. In Halle hatte er es ganz versäumt, sich einschreiben zu lassen. Die Schermbecker wußten nur von solchen Dingen. Die geachteten Bürger rückten von ihm ab, die Einwohner mißbilligten seinen Wandel laut, ja, Kinder riefen ihm nach. Er wehrte sich gegen die Verachtung durch Hochmut, der mitunter wie Dünkel aussah; bei Gelegenheit auch mit Heftigkeit. Dennoch litt er. Denn er fühlte wohl, wieweit Berechtigung in dem Vorwurf war, fühlte sich in der Schuld der Eltern und in der seinen. Den einzigen Freispruch sah er in der gelungenen und anerkannten Leistung.

Er hätte viel zu seinen Gunsten anführen können. Denn mit demselben Temperament wie auf den Genuß hatte er sich auf die Arbeit gestürzt. Den Perioden des Nichtstuns standen andre voll strammsten, ja wütenden Fleißes gegenüber. Die Naturwissenschaft, namentlich die Pflanzenkunde, in die ihn sein Vater schon früh eingeführt hatte, war ihm allgegenwärtig. Noch in den schwersten inneren Zerwürfnissen beobachtete, sammelte, untersuchte, mikroskopierte er. Die Flora und die niedere Tierwelt der Heimat waren ihm ganz vertraut. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, in Bescheidung auf diesem engen Gebiet eine wertvolle Arbeit zu leisten; etwa über den Chaetonotus Chuni, den »Bauchhaarigen«, dessen Name über einem Abschnitt des Romans prangt. Aber dazu war er zu ungenügsam, zu stark auf das Unbedingte gerichtet. Er wollte mehr als kennen, er wollte erkennen. Der Widerstreit zwischen wissenschaftlicher und philosophischer Erfassung der Welt war die Qual seines Lebens. Stets ging er auf die letzten Dinge los, mit den feinsten und den brutalsten Methoden. Äußeres Schicksal und Wirklichkeit sind nebensächlich; das Leben kommt über diesem Suchen immer wieder zu kurz. Es gibt schwerlich einen zweiten Dichter, dem das Denken so gefühlsmäßig, so Lebensinhalt geworden ist, wie Sack.

Hinter aller Handlung seiner Bücher tobt die Schlacht in seinem Hirn; sie ist es, auf die es ankommt. In dem ersten Briefe, den er an seine spätere Frau richtete, schrieb er (12. November 1912): »Daß Sie es sich nicht haben verdrießen lassen, die hundert und mehr Seiten schlechter Schrift durchzulesen und sich willig den oft nur allzu krausen Gedanken hinzugeben, sagt mir, daß Sie mit mehr als nur literarischer Neugierde den erkenntnistheoretischen Hilflosigkeiten Erichs zusahen; denn gerade diese bilden ja die eigentliche Tragik in seinem Leben, um Himmels willen aber nicht die dumme Liebesgeschichte mit ihren proletarierhaften Folgen – wie es A. L. angenommen zu haben scheint, der von einer wenig geglückten Zusammenstellung von Roman und philosophischen Erörterungen redet. Wäre es so, weswegen nimmt sich dann nicht unser armer Tölpel und Tor seine Loo und segelt mit ihr und ihres Papas Kassenscheinen nach Indien? Weswegen kommt er auf den sonst doch wahnwitzigen Gedanken, Loo zu töten usf. und Fabrikarbeiter zu werden? Alles Erleben wird schließlich nur Bestätigung und Gleichnis für die inneren Vorgänge; es ist tragische Notwendigkeit, daß Glück und Dasein schließlich als unwesentlich zerstieben. Das Ergebnis ist ungeheure Einsamkeit; kein Zufall, daß der Dichter sich immer wieder hingezwungen fühlt dahin, wo jede Spur von Leben erstirbt: in die Erdtiefe, unter die Sterne, zum nackten Fels, auf den Gletscher. Einen Anhauch davon fühlt das warme Leben selbst, um so stärker und erschreckender, je inniger die Berührung wird. »Du, weshalb lachen wir eigentlich nie?« fragt Loo. Und später, als sie über die Ahnung weg zur Gewißheit kommt, ruft sie: »Das Leben ist so schön, mein Freund – so schön wie die Liebe. – Aber das ist bei uns beiden anders –... Und darum sterbe ich.« Der Erkenntnisdrang in dieser Unbedingtheit ist lebensfeindlich. Erich, der das grüngoldene, tönende Himmelsweinglas, das voll Wein und Trunkenheit über ihm hängt, an die Lippen hebt, – er findet sich schließlich im Bergwerk, siebenhundert Meter unter der Erde: »Es ist das Einzige der Stolz und der Wille zu sich und eine Mauer von Eisen um mich und eine Mauer von Stein in mir« – und er endet seine Tage in blankem Hohn. Der dunkelblaue Enzian hat ausgeläutet, die Sehnsucht ist zerstoben und verflogen. Sack kannte die Gefahr solcher Veranlagung tief und wehrte sich dagegen. In seiner eigenen Lebensnot wurzelt seine Anschauung, daß alles geistige Schaffen im Grunde Krankheit sei, krisenhafte Ausscheidung eingedrungener Fremdkörper aus der Seele, die gesunden will. Wenn Sack in seinem zweiten Roman kurzerhand entscheidet: »Lieber verroht, als vergeistigt,« so ist das Notwehr gegen eine Bedrohung. Alle seine Schöpfungen sind Selbstbefreiungen aus schwerster Bedrängnis.

Daß Sack früh auf den Weg des Schaffens kam, ist natürlich. Sein geräumiges Vaterhaus bot für jedes Kind ein eigenes Zimmer. Die Familie besaß, trotz gegenseitiger Liebe oder vielleicht besser wegen ihr, eine zartfühlende Scheu vor seelischer Zudringlichkeit. Die ländliche und kleinstädtische Umwelt war arm an Zerstreuungen, arm auch an unmittelbaren geistigen Beeinflussungen; die aus eigenem Studium kommenden wirkten dafür um so nachhaltiger. Die Provinz, die es den Menschen schwerer macht, ist darum viel fruchtbarer in der Erzeugung eigener Köpfe als die Großstadt. Auf den jungen Sack wirkten einige Bücher sehr tief: die Edda, Byron, daneben Shelley, später Goethe; von Denkern Spinoza, Schopenhauer, Nietzsche. Vor allem hat ihn Byron aufs stärkste beeinflußt; die Strophe des Childe Harold rollte ihm so im Blut, daß sie ihn die natürliche dichterische Ausdrucksform deuchte. Er schrieb in ihr als Schüler zwei Heldengedichte als die beiden ersten Teile einer Trilogie, eins von mehr als 400, das zweite gar von der doppelten Anzahl Strophen. Es ist ein – freilich etwas bitterer – Witz, daß das erste ‚»Olof«, ein Gedicht in sechs Gesängen, das er als Sekundaner schrieb, das einzige seiner Bücher geblieben ist, das er bei Lebzeiten gedruckt sah. Es erschien unter dem Verfassernamen Ernst Schahr (so hieß der Großvater) 1904 bei Gustav Schuhr in Berlin. Die Eltern hatten die 150 Mark Druckkosten bezahlt, die Mutter, – ohne daß er es je erfahren hatte – heimlich die saubere Abschrift für den Druck hergestellt. Die Fortsetzung, »ErwinsTod«, 1906 geschrieben, blieb ungedruckt. So unfertig, abhängig und mitunter ein bißchen komisch diese Jugendwerke sind, blieben sie Sack doch auch später noch lieb. Sie waren ihm – mit Recht – treue Dokumente eines früheren Zustandes. So dachte er noch 1913 an eine Umarbeitung. Er sah deutlich die Linie, die von ihnen weiter führte, und stellte in einer Eintragung in die Handschrift die folgende Entwicklungsreihe hin:

Olof. – Unbewußt suchendes und drängendes Gefühl des Herumwühlens und Wütens in Gottgestalten und tollen Phantastereien;

Erwins Tod. – Überwindung des Götterglaubens;

Ein verbummelter Student. – Versuch, die Reste dieses Glaubens in der Philosophie zu vernichten (mißglückt);

Der Namenlose. – Der Götterglaube ist völlig überwunden; um aber im Relativismus und Positivismus bestehen zu können, Stütze und Verbindung mit dem Innersten der Natur durch geschlechtliche Liebe;

Im Hochgebirge (später: Paralyse, Bruchstück). – Der vollkommene Positivist und freie Mensch.

Eine Eintragung an gleicher Stelle gibt aus einem etwaigen ausführlichen Vorwort zu der gleichzeitigen Ausgabe der umgearbeiteten Jugend werke die folgende Auskunft über seine Entwicklung: »... und so wäre es mir sehr recht, wenn die drei Romane (Student, Namenloser, Hochgebirg) als Selbstbiographien aufgefaßt würden ... und so mag man sehen, daß ich, ohne es selbst zu wissen, auch in den drei ersten Büchern eine Entwicklung gab (in den zwei folgenden war die Fortführung bewußt). Für solche Leser, wie ich sie mir wünsche, und ich wünsche mir wenige, vorurteilslose und sucherische, brauche ich nicht hinzuzufügen, daß in diesem Bekenntnis (wie überhaupt in meinen Büchern) auch nicht ein Hauch nur des Selbstgefälligen liegt; ich bin mir, als ein Beobachtender und Schreibender, nichts anders als was mir ein Stein oder eine Blume ist, und das ist ein undurchdringliches Rätsel, an dem immer neue wundersame Seiten uns aufblitzen. Und daß ich und wir dieses Aufblitzen sehen, daß das Denken sich selber denkt, das ist das Allerwundersamste.«

Was aus den Jugendwerken bei einer Bearbeitung geworden wäre, entzieht sich der Beurteilung gänzlich. Sack war ungenügsam und unermüdlich. Gerade der »Verbummelte Student« beweist das. Sein Gedeihen vom ersten sichtbaren Keim bis zur letzten Form umfaßt nicht weniger als neun Jahre; innerhalb von sieben Jahren zeigt es sich in vier verschiedenen völlig fertigen Formen. Dieser Mann, der scheinbar die Dinge gehen ließ, wie sie wollten, und durch dessen Leben sich eine Reihe von Versäumnissen zieht, war ein Arbeiter von unerbittlicher Strenge.

Die Liebesgeschichte des Romans liegt vorgebildet in einem Gedicht von etwa 500 Zeilen, »Loo«, geschrieben im Frühjahr 1909. Vieles vom Gang, manches selbst von wörtlichen Anklängen findet sich in dem Roman wieder; dennoch ist das Gedicht an sich recht unbehilflich und ohne eigene Bedeutung. Dagegen ist ein noch älterer Bestandteil des Romans bereits in der Niederschrift von 1908 der Reife nahe: das Märchen von dem glückhaften Schiff Musarion, das Erich Loo erzählt. Es heißt in der alten, längeren, ironisch umrahmten und mit Stanzen reich durchsetzten Fassung: »Beschäftigung! Oder Marga und ihre zwölf Freunde. Eine scherzhafte Geschichte in Prosa und Reimen.« Auch das Märchen vom fehlenden Reim, das Loo erzählt, liegt bereits in einer Fassung von 1929 vor; auch hier ist der Unterschied, obwohl viel stehenblieb, erheblich. Immerhin: es war bereits allerhand da, als Sack den Entschluß faßte, sein Vorhaben in kurzer Frist zu bewältigen. Die Niederschrift mußte rasch geschehen; denn die Täuschung, durch die sich Sack die Möglichkeit dazu schuf, ließ sich nicht allzulange aufrechterhalten. Er hoffte, den Roman sofort zu verlegen, und rechnete dabei – genau – auf ein Honorar von 600 Mark. Diese Summe war dem in literarischen Angelegenheiten ganz Unbewanderten gelegentlich einmal als Bezahlung eines Romans durch eine Zeitung genannt worden und verließ ihn nicht. Von diesem Geld hoffte er ein weiteres Studiensemester selbst bestreiten zu können. Oktober 1910 sandte er die Handschrift »Der dunkelblaue Enzian« an einen großen Münchener Verlag. Es folgten Wochen qualvollen Wartens zwischen Zuversicht und Angst, Ergebung und Empörung. Tag für Tag lief der Bedrängte selbst zur Post, angeblich, um nach den Examensarbeiten zu fragen. Aus dieser Zeit (nur aus ihr vor dem Kriege) sind einige wenige Tagebuchaufzeichnungen erhalten; sie verraten deutlich den fürchterlichen Zustand. Dazwischen fing er Grillen: so begann er eine bissige Satire auf etwaige Kritiker des noch gar nicht angenommenen, geschweige denn gedruckten Buches. Endlich kam die Ablehnung; sie brachte ihn dem Selbstmord nahe. Aber der Verleger gab eine Hoffnung; er riet zu einer Umarbeitung. Sack nahm sie vor. Er ließ keinen Stein auf dem andern. Längen wurden unbarmherzig ausgemerzt, ganze Abschnitte umgestürzt; jede Seite erstand neu. Der Ausdruck gewann lebendige Körperlichkeit, die Farben begannen zu leuchten. So sandte er den Roman, der jetzt »Ein verbummelter Student« hieß, im Frühjahr abermals ein. Er erhielt ihn wiederum zurück. Nun faßte er den verzweifelten Entschluß, als Stromer ins Ausland zu gehen; als Ziel schwebte ihm Konstantinopel vor. Ein Freund lieh einiges Geld. Aber der Plan wurde entdeckt, und die Wirrnisse fanden einen einstweiligen Abschluß dadurch, daß Sack im Oktober 1911 nach Rostock ging, um sein Jahr abzudienen, was der Unbändige mit tiefstem Widerstreben tat, ohne Lorbeeren zu ernten.

Während seiner Dienstzeit lernte er den gleichfalls sein Jahr abdienenden Schriftsteller Dr. Hans Harbeck aus Hamburg kennen. Sack erwähnte, als er dessen Beruf erfuhr, gelegentlich, er habe auch einmal etwas geschrieben, und gab ihm die Handschrift. Dr. Harbeck las sie und gab sie seiner Schwester Paula, Sacks späterer Frau. Diese brachte es mir. Das Buch schien mir sofort, trotz einiger Vorbehalte, ganz ungewöhnlich, ja genial. Der vereinigte Zuspruch machte Sack neuen Mut. Im Winter 1912/13, den er wieder in Schermbeck verlebte, wo er seinen zweiten Roman schrieb, nahm er eine nochmalige Durchsicht des Studenten vor; er strich dabei auf meine Anregung die zahlreichen Verse, die der Roman gegen den Schluß enthielt, und fügte das Bergwerkskapitel ein. Gerade dieser Abschnitt ist jetzt einer der stärksten des Buches, den man nicht mehr wegdenken kann. Und nun begann die Odyssee des »Studenten«. Das einzige handschriftliche Exemplar, meist von Paula Harbeck verschickt, reiste nach und nach zu fast einem Dutzend deutscher Verleger; zuweilen war es von einer Empfehlung begleitet; es lagerte dann eine Weile und kehrte abgelehnt wieder. Nach fünf Vierteljahren des Hungerns und Schaffens in München, kurz nach Sacks Verheiratung, brach der Krieg aus und rief einen jungen Verleger sofort ins Feld, der eben Teilnahme an Sacks Werken gewonnen hatte. Damit war die Wanderung vorerst zu Ende und die erste greifbare Aussicht auf Annahme dahin. Aber gewisse Dinge, die schwer zu tragen sind, scheinen dennoch notwendig zu sein und im Plane der Vorsehung zu liegen. Sack war Anfang 1916 aus dem Westen als Leutnant zurückgekehrt. Nach einem Aufenthalt im Lazarett zu Lippstadt und einem Vierteljahr Garnisondienst in München kam er nach Aschaffenburg, wo er von August bis Oktober blieb. Von Lippstadt aus hatte er mit seiner Frau Schermbeck besucht und alle Örtlichkeiten, die im »Studenten« eine Rolle spielen, wiedergesehen. In Aschaffenburg las er, unter diesem Eindruck, den »Studenten« wieder durch: er hatte daran eine naive Entdeckerfreude. Und nun ging er nochmals an eine gründliche Überarbeitung. Jetzt erhielt der Roman die vierte, letzte, endgültige Form. Die Durchsicht greift nirgends in das Wesentliche des Buches, läßt aber kaum eine Seite unberührt, ändert auch keineswegs nur Ausdrücke, sondern fügt Absätze zu und streicht andre. Es ist eine Durchfeilung von unbestechlicher Gewissenhaftigkeit und strengster Künstlerschaft. Mit den – gesondert geschriebenen – Änderungen stellte er in gemeinsamer Arbeit mit seiner Frau die endgültige Fassung fertig, unausgesetzt abwägend und sichtend. In der letzten Nacht, die er in der Garnison zubrachte, wurde der Schlußpunkt unter den Roman gesetzt, der nun, wie sein erstes, auch sein letztes reifes Werk wurde. Am 16. Oktober reiste er nach Rumänien ab; am 5. Dezember 1916 traf ihn die tödliche Kugel auf dem Vormarsch nach Bukarest bei Finta Mare in die Brust.

Das Buch geht nun als erstes seiner Werke in die Welt; er hat es nicht mehr erlebt. Daß ich ihm das Vorwort schreiben darf, erfüllt mich mit Stolz. Ich habe ihn persönlich nur bei seinem kurzen Urlaub in Hamburg gesehen, aber in einer höchst lebendigen Berührung mit ihm gestanden. Das heißt etwas; denn er stand, selbst als er unter Literaten lebte, ganz außerhalb aller eigentlichen literarischen Beziehungen. Er war einsam als Schaffender, wie heut kaum ein zweiter. Die wenigen Skizzen und Gedichte, die von ihm bei Lebzeiten erschienen, verloren sich. So war er, als er starb, ein Unbekannter. Als er gefallen war, gab mein Aufsatz :»– so will ich für Hektorn zeugen« im Berliner Tageblatt zum ersten Male einer breiten Öffentlichkeit Kunde von dem ganzen Mann. Jetzt werden seine Werke selbst sprechen: nach dem »Studenten« alle die andern, der »Namenlose«, die »Paralyse«, die Novellensammlung »Der Rubin«, sein Drama »Der Refraktär«, seine Skizzen und Kriegsbilder, Aufsätze und Sonette, wie sie die Gesamtausgabe, die bei S. Fischer erscheinen wird, vereinigt. Dann wird auch die Zeit sein, über sein Leben und sein Gesamtwerk Abschließendes zu sagen. Diese Zeilen sollen nur zu dem vorliegenden Roman ein paar Hinweise und Daten geben; einen kleinen Beitrag zur Geologie dieses prachtvollen, ragenden Berges, dessen Wunder und Gefahren nun ein jeder auf eigene Hand ergründen mag.

Hamburg, 9. Mai 1917

Hans W. Fischer.

Der Lichtenhagen

In einem flachen Kessel am Niederrhein liegt zwischen waldigen und heidigen Höhen ein Dorf, dessen Signum ein kurzer klobiger Backsteinkirchturm ist und dessen Hauptstraße kurz und gut die Mittelstraße heißt, und die wird zu beiden Seiten begleitet von der Kaffeestraße und Kirchstraße und ist mit ihnen verbunden durch mehrere Sträßlein, deren offizielle Namen man nur in dem heimatkundlichen Unterricht der Schule hört; später vergißt man sie und bezeichnet die Sträßlein nach irgendeinem irgendwie hervorstechenden Anwohner.

Die Bewohner aber neigen ein wenig zum Kretinismus und haben insbesondere vor ihren Nachbarn einen eigentümlichen hämischen und bissigen Witz voraus – sonst leben sie wie diese in den Tag und wissen nichts von der transzendenten Idealität der Zeit, der Verneinung des Willens, dem Pathos der Distanz und wären so glücklich wie ihr Vieh, wenn sie eben nicht den hämischen Witz hätten und so eingefleischte Ebenbilder ihres Gottes wären.

In diesem Dorfe ging gerade der Küster zur Kirche, um das Abendläuten zu besorgen, als ihm Erich Schmidt begegnete, der seinen Abendspaziergang begann. »Erich Schmidt«, das hieß für seine Mitbürger soviel wie ein älterer Student, der sich nach seiner, höchst wahrscheinlich doch lustigen, Studienzeit bei seinen Eltern aufhielt, wie er sagte, um sich für sein Examen vorzubereiten, – es war aber schwer, an ihn heranzukommen, und deshalb war er ihnen nur ein dankbares Objekt für ihren schiefmäuligen Witz.

Sein Gang war hastig und unruhig, besonders wenn es seinen Abendspaziergang galt: denn der begann erst draußen mit dem »Tiefen Weg«, und er mußte zusehen, schnell aus dem Drückenden, Engen, Warmen, Hämischen, Vorwurfsvollen und Ungefälligen – daß er aus alle dem herauskam.

Der Tiefe Weg nimmt seinen Anfang gegenüber der letzten Wirtschaft des Dorfes, führt mit einer flechten- und moosgeschmückten Steinbrücke über den Mühlenbach, geht dann unter alten Roßkastanien, die vor einiger Zeit ihre weißen gelb und purpurn gefleckten Blütenblätter zur Erde gekrümelt haben, den Teich entlang und verliert sich durch Garten und Felder im Wald.

Es war den Tag über drückend warm gewesen: die Schulen hatten geschlossen und die badenden Jungen zertraten das hohe Gras, die Frauen setzten für die Feldarbeit ihre ungefügen weißen Hauben auf und die Imker hatten volle Arbeit mit dem Einfangen der Schwärme, da ein Hochzeitsflug den anderen drängte – und jetzt hing es blauschwarz im Osten. Doch Erich zählte eine geraume Zeit, ehe der Donner bei ihm war, oft blieb er noch aus, und es kam als einziger Bote der rasche bleiche Blitz.

Das Gewitter ist noch weit; und wenn auch, mag’s mich übereilen – denn weswegen soll der Blitz, wenn er einmal einen Baum treffen muß, gerade den treffen, unter dem ich mich befinde? Und wenn auch – was geht’s mich an.

So ging er seinen Weg; am Teich entlang, wo er bemerkte, daß die Kaulquappen am ganzen Ufer eine bestimmte Tiefe bevorzugten und sich derart wie ein zitterndes schwarzes Band dahinschlängelten, an den Gärten vorbei, wo wieder Dornhecken zerstört und ersetzt waren durch starrende Drahtzäune, zwischen den süßlich duftenden Kornfeldern hindurch und kam dann in den Lichtenhagen.

Dieses Wort begreift den ganzen Buschkomplex, der sich nordwärts von dem Gärten- und Felderring eine Wegstunde breit bis zum Königlichen Wald hinzieht. Es liegt dort leichter Boden, Sand über Lehm, und außer Streu und Lehm und Brennholz ist wenig zu holen; so holt man dies und läßt das Andere liegen und wachsen wie es will.

Hier hatten einmal Jungen einen kleinen Waldbrand entfacht – man kümmerte sich nicht um den Nachwuchs und ließ die Birken und Heidelbeeren sprießen; hier war vor Zeiten Lehm gegraben – nun wucherten in den aufgewühlten Löchern die Rohrkolben und quakten die Grünröcke und nebenan, umrahmt von Ginster und Brombeergestrüpp lag ein Acker mit kärglichem Hafer; auf der anderen Seite, verborgen hinter Haseln und Adlerfarn schlief eine Wiese und neben ihr kämpfte eine andere um ihr Leben gegen Binsen und Glockenheiden; hier in der flachen Mulde eines Heidestücks, deren Rand düstere Wacholder und Stechpalmen bestanden, lebten Wollgräser und halbmeterdicke Polytrichumpolster und in den trügerischen schwarzen Lachen trieb der Wasserschlauch und hob seine bleichgelben Blüten in die Sonne; und dann wieder weitausladende Kiefern und weiße Birken, Buchen und blitzgetroffene Wipfeldürre Eichen – und das Alles wuchs, wie’s ihm gefiel; wurde ein Buschstück gefällt oder eine Wiese nicht mehr gepflegt, so konnte die Natur dort selber bauen. Und der Hauptweg war sandig, bald lehmig oder torfig, bei schlechtem Wetter kaum zu gehen.

Da lag zu linker Hand ein junger Eichenbusch abgeholzt am Boden, armdick die Stämme und die jungen Blätter zerknittert und grau; aber zwischen ihnen wucherte der gelbe Wachtelweizen so üppig wie nie in den vorigen Jahren.

Euch, die ihr wachsen wolltet wie für eine kleine Ewigkeit, fällt unsere Unvernunft wie ein Schlag – aber unter euch das schmarotzende Kräutervolk kommt und kommt wieder und wird nicht schwinden trotz Streuhacke und Spaten. Aber weswegen umhüllt das Wort Schmarotzer ein peinliches Gefühl? Ist es begründet in dem Ahnen oder gar in dem absoluten Wissen von einer Ordnung der Dinge nach Gut und Böse, oder in unserem rücksichtslosen Selbsterhaltungstrieb? – Er steckte die Pflanzen, die er mit dem Stock ausgegraben und die mit einigen Gräsern verwachsen waren, zu sich, bückte sich zu einer Blume nieder und schaute ihr in die Augen und ging mit ärgerlichen Schritten wieder fort.

Ob nicht bald der blaue Enzian blühen wird? Dort im feuchten Grase unter der Eiche ist sein Ort, die Jägereiche nennt man sie. – Wie eine Blume und ein Baum so seinen Namen hat – und diese Namen sind unsere Welt. Wirklich diese Namen? Oder die Dinge, die uns diese Namen aufzwingen? –

Da prallte ihm plötzlich ein süßer Duft entgegen: ein wildes Gaisblatt hatte einen Haselstrauch überwuchert und sandte in den schwülen Abend seinen lockenden Duft; Käfer und Nachtfalter umschwärmten seine fahlen Blüten. – Da schlug dem Einsamen eine heiße Blutwelle ins Gesicht, und eilends drang er vom Wege ab in den tieferen Wald.

Der hohe Farn streifte seine Brust, die Peitschenzweige des gleißend gelben Ginsters schlugen ihm ins Gesicht, ein Kuckuck stieß seltsam laut und sich überstürzend seinen Ruf aus und zwischen den Salweiden und Dornen rief eine Drossel ihr lärmendes Warnsignal, ein Häher trug es kreischend weiter – fort ging es durch Birken und Krüppelkiefern, Sumpflachen und Heidekraut, bis er sich erschöpft auf einen modrigen Baumstumpf warf, und blitzschnelle Vorstellungen, schimmernd aufsteigende Erinnerungen breiteten ihren charakteristischen aufregenden Duft um ihn – –.

Aber die Ruhe des Ortes, die weite Schonung, die sich vor ihm bis zum Hochwald ausdehnte und einen kühlen Luftzug aufkommen ließ, das spielende Betrachten rotköpfiger Becherflechten, die dem Baumstumpf entwuchsen, all das begann löschend und begütigend auf ihn zu wirken – aber da fuhr ein Rauschen durch den Wald, blendete ihn ein Blitz und brach krachend neben ihm ein Donner ein –:

Oh! nun fliegt wieder des Sturmes lose Braut dahin! In Fetzen stiebt ihr Schleier und wird zu wüsten, nachsausenden Gestalten, zu feurigen Schimmeln, die leuchten in den Blitzen wie Silber und Gold – nun flattere ich in ihren Haaren – es reißt mich hin – fort – fort! Eingewiegt im Sturmwind – weit – weit und hoch!

Es war Morgen, als Erich in sein Dorf zurückkehrte. Arbeiter, Bauernsöhne und Handwerker, die ihr kleines Gut vertrunken und verspielt hatten und jetzt in den Gruben des naheliegenden Industriebezirks ihr Brot verdienten, begegneten ihm auf ihrem Weg zum Bahnhof, sahen ihm nach und machten ihre Glossen über ihn, wie er beschmutzt und durchnäßt daherging. – Der will die Nacht über im Wald gewesen sein? Betrunken hat er im Graben gelegen, kopfüber ist er beim Fenstersteigen in den Mist gefallen!

Aber er ging auf sein Zimmer, kleidete sich um und lehnte sich in das Fenster, blaue Tabakwolken in den Morgen blasend.

Erich führte seit einiger Zeit über seine Stimmungen und mancherlei ihn quälende Fragen eine Art von Tagebuch – wie er sich vor sich selber entschuldigte, nur zu dem Zwecke, diese an sich vagen Zustande und Gefühle unter dem Zwange, sie in feste Worte, Sätze und Verbindungen zu pressen, einfacher, begreiflicher und eindringlicher zu machen. Nun war ihm nach den Erregungen der Nacht und mit dem erfrischend kühlen Morgen ein Besinnen auf sich selbst gekommen, das, so leicht und froh wie es zuerst war, nur sein Verhältnis zu den Dingen betrachtend und dieses rätselhafteinteressante genießend, bei der bald eintretenden Ermüdung und der Unbehaglichkeit der durchnäßten und beschmutzten Kleidung immer persönlicher, kritischer und mißmutiger wurde. –

Da fühle ich wieder den Draht, der mich mitspielen heißt in diesem Marionettentanz des Lebens; soeben in reiner Anschauung über den Dingen schwebend, von mir und dem drängenden Willen befreit – und jetzt ein armer Teufel, rettungslos in die Zwickmühle geklemmt von Leben-Müssen und Nicht-mehr-leben-Mögen, von Lust am Wissen und dem Wissen von dem Nicht-wissen-Können, von – haha! von Examensangst und Philosophasterdünkel – ! –

Und als er, nur für eine kurze Dauer erfrischt durch den Tabaksgenuß und das Bild des erwachenden Tages, schnell wieder verstimmt durch den beginnenden Tageslärm, das hungrige Brüllen der Kühe, das patzige Krähen der Hähne, das Rasseln der Wagen und vermaledeite Knallen der Peitschen – vom Fenster zurücktrat, überfiel es ihn wieder mit aller Macht: Da setzte er sich vor den Tisch, wo auf einer kleinen zierlich gestickten Decke Petrefakten lagen und ein Stein drüben aus der Heide über und über geschmückt mit hervorgeschossenen Kieselkristallen, – und schrieb:

Sie nennen mich, ich weiß es wohl, den verbummelten Studenten, und blicken mit mühsam verhehlter Schadenfreude auf mich und meinen Vater. Daß ich sie wegen dieser spezifischen Primateneigenschaft niedriger schätze als meine verstorbene Katze, ist meine Quittung hierauf. Aber mit ihrem verbummelten Studenten haben sie insofern recht, als mein studere, meine Willenskraft – zwar nicht durch ein überlustiges Leben, wie sie sich zu glauben zwingen – verbummelt, zersplittert, gehemmt und unselig gestört ist; als ich unfähig bin zu akademisch nüchterner, schematischer und absichtlich begrenzter, einseitiger Bearbeitung meiner Wissenschaften; Analogien, Beziehungen, Verbindungen und Zweifel zeigen sich mir überall und reißen mich über die Schranken des Schemas fort.

Zwar macht es mir wenig Sorge, wenn mich ein Leitfossil aus der Geographie hinüberzieht zur Zoologie, zu Entwicklungstheorien und damit zu denen unserer Begriffe, und wieder ein Bodenbakterium zur Chemie und weiter zur eigentlichen Physik – und damit wieder zur Philosophie: mir ist es eben Ernst mit meiner – Wissenschaft.

Aber das ist schon trauriger, wenn die jahrelang mir aufgezwungene Betrachtungweise – oder was sonst? – bewirkt hat, daß es mir nicht möglich ist, diese Tatsachen, die mir zwar ihre Verbindungen und Beziehungen unaufhörlich aufdrangen, als einen gemeinsamen Erfahrungskomplex zusammenzufassen und einer philosophischen Ansicht unterzuordnen: denn darauf läuft doch alle Wissenschaft hinaus! – daß so meine Feierabendstunden, in denen ich das philosophische Resultat einer wochen- und monatelangen Arbeit ziehen wollte und deren anspornende Wirkung ich mir so freudig ausgemalt hatte, zu Qual- und Nötestunden wurden; – daß ich schließlich verzweifelt alles über den Haufen warf, bis in mir eine klägliche Leere war und ich mein Leben hypochondrisch ausfüllte mit Journalelesen und Rauchen, Schlaf und Trank und tagelangem trüben in die Wolken Sehen. Dadurch ist mir die Freude zur steten Arbeit genommen; ohne einen mich befriedigenden Abschluß zu erreichen, werden meine Kräfte lahmer und widerspenstiger von Tag zu Tag. Dadurch – und das ist das Böseste – konnten jene Gedanken zu mir kommen und haben sich bei mir eingenistet: alles Wissen sei kein Wissen, sei nur ein zu wissen Glauben.

Lerne ich, um am Ende zu bekennen, all mein Wissen ist nur Glaube, ist nur ein auf geglaubten Grundgesetzen, der absoluten Wahrheit unserer Denkformen, aufgetürmter Begriffebau? Der in absoluter Hinsicht keinen Pfifferling Wert hat? Um mir gegen mein Wissen Brot, Bier und eine Gans zu kaufen – erklettere ich deswegen diesen gläsernen Bau? Arbeite ich, um mit Hilfe jenes Glaubens, jener Lüge mein Leben fristen zu können – das Leben, das ich doch habe, ohne es gewollt zu haben?

Und doch sagt mir eine drängende Stimme, daß es irgendwie und irgendwo ein abschließendes Wissen, eine adäquate Wahrheit gibt –: so war eben der Weg, den ich einschlug, sie zu erreichen, für mich der falsche, und darum suche ich mir einen neuen Weg, darum will ich von heute an diese wissenschaftliche Bummelbahn, dieses Springen von einem zum andern, weitergehen, ausgesprochener und unbekümmerter als der krasseste Fuchs – mein Geist drängt darnach, er wird schon wissen weshalb. Darum will ich ihn ohne Aufsicht meines wurmstichigen Willens irrlichtern und tauchen lassen wohin und wie seicht oder tief er mag; darum will ich ihn von jenem für andere vielleicht lobenswert praktischen, aber für mich unangenehm spanischen Stiefel befreien und ihn schauen und walten lassen wie er will. Nur die eine Regel soll er nicht ganz aus dem Auge verlieren, alles was er zu sich zieht, mit Ernst zu umfassen, nicht dem mystifizierenden Kirchen- oder Katheder- oder gar dem kuhäugigen Philisterernst, sondern dem stets wachen Gefühl, daß auch das Geringste ein Ausfluß des Urdings, Urgrunds ist, aus dem auch er geflossen, daß das anscheinend Einfachste und Alltäglichste das Würdigste und Bedeutendste ist, da es die Lösung des Rätsels in sich verborgen hält.

Aber nun möchte ich wissen: wie kommt es, daß ich zu dieser paradoxen Selbsthilfe greifen und meinen Intellekt, den ich vergeblich bemüht war durch meinen Willen zu lenken, nun ganz von ihm befreien muß, damit er wieder kräftig und seiner froh wird? Mein Wille ist zu schwach, gewiß; aber wann, wie ist er schwach geworden?

Ist er, ehe er vollkräftig war, geknickt? Daß ich den Kränkling nun zu ewigem Feiertag frei lassen muß?

Ich habe nicht mehr oder weniger als jeder meines Alters und Standes dem Trunk und den Straßenfreuden der Liebe gehuldigt: und die Andern schreiten fort und erwerben sich Amt und Stand, während ich am Wege liege und träume; waren sie stark und robust und habe ich da, empfindsamer als sie, den Knacks bekommen?

Empfindsamer? So ist er als schwaches, morbides Kind geboren, während sein Bruder gesund und leicht ins Leben flatterte? Neige ich, weil es mir angeboren ist, dazu, die Dinge zu betrachten nicht nach dem, was sie mir nützen, sondern nach dem, was sie sind?

Aber es führt zu nichts, einen Fehler als ererbt zu erkennen und ihn bei der Voraussetzung der Unveränderlichkeit des Charakters auf sich beruhen zu lassen.

So gilt es, den Punkt zu suchen, wo und wie und wann ich den Knacks bekommen habe, auf daß ich nicht wie die angeschossene Wildente untertauche und im Schlamm mich fest beiße, um im Dunklen zu sterben, sondern meine Wunde am hellen Tageslicht betrachte und auf Heilung sinne.

Und zu diesem allen trage ich noch ein seltsames Instrumentenmöbel durch mein Leben huckepack, ein Wort, mit der ganzen es umgebenden Hülle des Gefühls, eine immer wache melodische Selbsttäuschung über meine kurze überstürzte Arbeitswut und mein langes, leeres und lässiges Nichts, ein immer bereites fades Objekt für sentimentale Reimereien –: Sehnsucht nennt sich dieses Möbel. Wonach? Wozu! Sehnsucht! Arme Ausbreiten und in die Wolken Träumen!

Doch nun frage ich: wo habe ich sie mir aufgeladen und warum? – Vielleicht damals, als ich den Knacks bekam, habe ich sie mir da als Rezept verschrieben, um nur noch leben, nur noch vegetieren zu können? Mir gar von Poetastern und Schwätzern aufhalsen lassen? das Rezept: Du bist berufen, eine hohe blaue Sehnsucht zu tragen, eine Sehnsucht, die aber ach! nicht erfüllt werden wird, die nicht erfüllt werden kann!

Oder habe ich auch die als Zugabe auf den Lebensweg bekommen? – –

Aber sollte nicht gerade mein leidiger Wille, da doch sein Bruder ungerührt und uninteressiert über den Dingen flattert, in diesem flatternden Drängen und Sehnen verborgen sein? Sollte er nicht so, einmal nicht geschaffen, der Welt als Räuber gegenüberzustehen, mich treiben, die Dinge nach ihrem Sein und Leiden zu betrachten? Auf daß ich mich in Allem wiederfinde? Auf daß ich ihn durch Verneinung von der ewigen Leidenskette zum Nirwana erlöse, der Ruhe, dem Nichts, wo die Winde stille sind –? Sollte dies die blaue Sehnsucht sein?

Haha! Der verbummelte Student als buddhistischer Philosoph! Nur schade, daß er nicht glaubt, was er schwadroniert und – leben möchte!

Ich will baden gehen.

Die Lippe

Den Weg zur Lippe, die von hier aus noch einige Stunden sich durch sandige Ufer windet, bis sie sich in den Rhein ergießt, ging Erich mehrere Male des Tags; und darum sinnierte er sich dann jedesmal einen kleinen Roman zurecht, wie er es auf alten und bekannten Wegen pflegte; es handelte sich da meistens um eine Privatdozentenstellung nebst einer anhängenden blonden Grafen- oder exotischen Fürstentochter.

Und nach dem Bade streckte er sich nackt ins Gras und ließ stundenlang die steile Mittagssonne auf sich nieder brennen – .

Als ich Junge war und auf Vaters Armen das Schwimmen lernte, ließ er mich untertauchen und das etwas salzige Wasser schmecken –: Sieh, so, aber viel stärker schmeckt das Meer. – Dann streiften wir über die Wiesen, benannten Blumen und sprangen über Bäche und sahen das Wasserhuhn auf dem sandigen Grund unter den Wellen laufen. Im Dorf aber beim Schummerlicht erzählte ich den Nachbarjungen, wie gewaltig tief die Lippe sei und wie dort schwarze Vögel, groß wie ein Strauß, gleich Fischen unter dem Wasser schwimmen, und die rufen so, gerade als wenn ein kleines Kind ertrinkt. – Doch wenn die Fledermäuse kamen und die Glühwürmer tanzten, wurden wir unter dem Wagen, wo wir hockten und erzählten, hervorgeholt und zu Bett gebracht. Dann kam das Gute Nacht, das wohlige Sich-Gruseln und Verstecken-Spielen in den Kissen und dann das Gebet: Da war ein Kaninchen krank geworden – Lieber Gott, laß es wieder gesund werden – ein kleiner Eichbaum gepflanzt – Lieber Gott, laß ihn anwachsen – war ein Feuerchen angezündet, und das wird morgen geklatscht – Lieber Gott, laß mich keine Prügel kriegen.

Da gedachte er – und reckte sich eitel-behaglich in der bratenden Sonne – wie er bei solcher Gelegenheit auf die Frage: Willst du es nicht wieder tun? – nach einigem Überlegen mit Ja! geantwortet hatte, da er sich sagen mußte: Ja, ich will es nicht wieder tun – ist richtiger als die doppelte Negation: Nein, ich will es nicht wieder tun. Die Belohnung für diese erste Probe logischen Gefühls war nicht ausgeblieben. –

Und da mir gesagt war, Amen bedeute soviel wie: Ja, ja, es soll also geschehen – so hängte ich an mein zierliches Gebet einen ungeheuren Amenschwanz; hunderte Male leierte ich das Zauberwort her und zählte es an den Fingern ab –: wenn ich mir soviel Mühe gebe, kannst du mir auch helfen! –

Doch dieses trauliche Bittverhältnis nahm bald ein Ende; er merkte schnell, daß sein Gebet wenig fruchte, im Gegenteil, hatte er im Hinblick auf ein gefährliches Vergnügen heftiger als sonst um Sicherheit gebeten und ging dann umso sorgloser zu Werke – Feuermachen, auf die Bäume-Klettern, Eisschollen- und Nachenfahren auf dem Teich, so traf ihn desto sicherer das Verhängnis; dazu die Belehrung älterer Kameraden, der unverständliche Katechismusunterricht mit Auswendig-Lernen, Prügel und Nachsitzen, wenn die Andern sich draußen tummelten: Das störte bald dieses Verhältnis, das nur auf Bitten und berechtigten Erwartungen beruhte. – Seinen letzten Stoß erhielt es mit dem Tode eines kleinen Mädchens. Noch einmal hatte er während ihrer kurzen Krankheit alle seine Gebetsmacht aufgerufen, hatte sein Amen! so dringlich und unzählig hergeschrien, bis der mitleidige Schlaf ihn in die Arme nahm – aber die Kleine, Zarte starb, still und schön wie ihr kurzes Leben – .

Da streifte ich mir die schwarze Trauerbinde vom Arm und band sie vor die Augen, daß dem kleinen umherstapfenden Jungen die ganze Welt schwarz erschien; des Nachts suchte ich zwischen den Sternen, ob ich nicht dort ihr Veilchenauge fände, des Tages aber sammelte ich Primeln und Hainanemonen – das waren ihre Lieblingsblumen, und legte sie auf ihr kleines Grab. –

Dann brachte die unheimlich losplatzende Liebeszeit Nöte über Nöte. Und da fielen die schimpfenden Worte eines bornierten Pfaffen, der ihn zur Konfirmation vorbereitete und für sein Geld etwas leisten wollte, auf geeigneten Boden; der wetterte von Sünde und ewiger Höllenpein, daß der Scheublickende, Ratlose sich ansah wie ein ganzes Nest von Sünden. Und hatte er so kein Vertrauen und keine Ehrfurcht, geschweige denn Liebe für den wieder aufgetauchten Gott, so doch vernichtende Furcht. – Da fielen ihm die Edda und seltsamer Weise die Dichtungen Shelleys in die Hände; die vertrieben den eifernden Judengott und setzten den Verschüchterten wieder mitten in die Natur.

Da hatte ich auf einer hohen Stange, um die ich eine Türkische Bohne hatte ranken lassen, meine Wetterfahne stehen –: das war eine Schwanenfeder, die auf der dornigen Astspitze einer Schlehe spielte; auf der Ligusterhecke, in der die Wetter-Bohnen-Stange ihren Halt hatte, hockte mein Kompaß –: den hatte ich gebaut aus einer mit Wasser gefüllten Lippmuschelschale, in der auf Holundermark eine magnetisierte Nadel schwamm; daneben ein hygroskopischer Fichtenzapfen und am Fenster das Thermometer waren meine übrigen meteorologischen Instrumente, – aber es waren seltsame Instrumente: um ihre Aufzeichnungen kümmerte ich mich wenig, ihr einfaches Dasein, von mir geschaffen und zusammengestellt und nun lebend in der freien Natur, bei Tag und Nacht, Regen und Sonnenschein – genügte mir. Sie bildeten für mich die Verbindung, den Kontakt mit dem Innersten der Natur – dem Innersten? Haha! dem Innersten der Natur!

Aber als ich Gott Valet gesagt und dem Engländer die Hand gereicht hatte, lebte ich, wenn ich des Morgens zur Bahn ging, um nach der naheliegenden Gymnasialstadt zu fahren, es mit seltsam lyrischem Stolz nach, wie der Sonnenaufgangsäther die rosa Schäfchenwölkchen umarmte, ehe er sie trank, sah in düsterseliger Melancholie den Sturm der Raben Scharen wiegen und hörte ihn an den Telegraphendrähten seine Klagelieder pfeifen. Und die Edda bevölkerte meine Welt mit Riesen aus Frost und Reif und dem einäugigen Windegott, wie er neun Tage an der Esche hängt und aus Mimes Quell dicke Weisheit schlürft.

Aber je tiefer ich mich in diese Gestalten flüchtete, je vertrauter mir das Rauschen eines einsamen Wacholders wurde und je bedeutsamer die schwüle Stille des Mittags, wo die Kornweibchen über den wogenden Roggenfeldern geistern, desto tiefsinniger zugleich, rätselhafter und einem innigen Erfassen widerstrebender wurde das, was mich da umgab. Und da kam es, daß ich eines Tages neugierig in einen Garten trat voll hoher Pappeln: doch was Spinoza mir zu Einem Großen einte, zerschlug Schopenhauer mit einem Hieb: ich und das Ding da draußen, das ich doch erraten wollte, ich und das Ding in mir, das ich doch fassen wollte: und da bekam ich ein Wort, ein wüstes wildes drängendes Wort – und so war es denn wieder nichts weiter als der in ein Wort verkleidete hinterweltliche Finstergott und der Junge, der mit seinen schwachen Kräften gegen ihn loszieht.

So warf ich das Große Eine, das ich ersehnte und wofür ich nun die Formel gefunden, und die ewige Zweiheit, die ich fürchtete, deren Formel ich aber nicht widerlegen konnte, zusammen und begnügte mich mit Schlagworten, die ich nur zum Teil verstand.

Aber was mir so an Verständnis abging, ersetzte sich reichlich durch Gefühl. Ich wußte und fühlte mich glücklich darüber, daß ich mit meinem amor dei, meiner substantia cogitans et extensa oder meiner Erlösung des Willens durch den Intellekt, meiner interesselosen Anschauung, meiner Welt als moralisches Problem irgend etwas Tiefes aussagte und jedenfalls den Dingen näher stand als meine Mitschüler und Lehrer, wenn sie mit donnerndem Pathos »die Worte des Glaubens« hinwarfen und nicht ahnten, was sie sagten und, wußten sie es, zu feige waren, aus ihrem Wissen die Konsequenzen zu ziehen. Sie fühlten, wie ich sie kannte und verachtete, und dankten mir mit Spott und gemeinem Hohn.

Und dann war ich eines Morgens Student, war Fuchs und stand unter der kalten Ernüchterungsdousche: Schau, Leibfuchs, jetzt kommt das Leben, Mädel, Schläger- und Gläserklang! Und in den Ferien: bald nächtlicher Wanderer im Wald, bald Sternengucker; bald Mikroskopiker, bald trübsinniger Träumer am Bach – – semester-, jahrelang. – Da tauchte das Wort Sehnsucht auf – es hing so in der Luft, da holte ich es herunter. Und dann? Wo vorher die Sehnsucht gehangen, hing nun das Examensgespenst, wurde größer und größer und hüllte sich in die absonderlichsten Masken. –

Und jetzt liege ich hier und bin ein verbummelter Student. Und suche mir zu helfen, indem ich mich mit klarer Absicht und hellstem Bewußtsein auf dieser Bummelbahn des flüchtigen Naschens fortrollen lasse. Soll denn das Unergründliche, das mich in das bewußte Dasein geworfen, nur sein Spielzeug an mir haben wollen? Ein interessantes Experiment mit mir anstellen wollen, was aus solchem Konglomerat aus haltlosem Willen und überwacher Anschauung, hineingestoßen in das rastlos und erbarmungslos rollende Rad des Lebens, wird – um es dann, wenn es zerschellt, in die Rumpelkammer der mißratenen Existenzen zu werfen? Hm, auch mich interessiert’s.

Ja, lieber Strom, das ist derselbe Knirps, den du vor zwanzig Jahren das Schwimmen gelehrt – ein wenig größer geworden, ein wenig dummer, ein wenig klüger, ein wenig braun gebrannt, ein wenig zerhauen – – Wie die Sonne brennt! Als ich am Lubminer Strand oben in Pommern lag, zog sie mir die Haut in Fetzen vom Leibe – ah! da war Leben.

Sollte vielleicht das, was ich meine blaue Sehnsucht, nenne, die versteckte Wut nach lautem Leben sein? Soll erst dann meine Willenskraft aufwachen, wenn ihm etwas Gewaltiges entgegentritt, nicht dieser elende Mikrokrimskrams von Bücherstaub und Tiftelei – Kampf und Krieg, ein lohendes Glück, ein mich niederschmetterndes, buchstäblich mich mit Füßen tretendes Leid – brausendes riesenfäustiges Leben?

Sehnsucht nach dem Leben? Eine vermaledeite Sehnsucht – schmeiß sie fort! –

Es war spät am Nachmittag, als Erich müde und wie betäubt von der brennenden Sonne zu Hause ankam.

Als es Abend ward, blätterte er in seinem verehrten Byron und las das süße Märchen von dem griechischen Inselkind Haidie. –

Und als er am nächsten Tag vom Bade heimkehrte, ging er auf sein Zimmer und schrieb:

Die Kieselkristalle blinzeln und glitzern mich an – bald fern und still wie ein Stern, bald wie neckische Geister. Über ihnen breitet ein Sauerklee, die hohe, ästige, an Gartenhecken häufige Form, seine Blätter; flach ausgebreitet am Tage, dicht zusammengefaltet in der Nacht – wie liegt in diesen bescheidenen Bewegungen das ganze Rätsel des Lebens!

Man nennt und gruppiert sie unter dem Namen Schlafbewegungen, nyktitropische, und reiht sie unter die durch äußere Reize hervorgerufenen Variationsbewegungen. Das sagt, mir nichts: so habe ich Schnitte durch die Blattpolster gemacht und sie unter dem Mikroskop betrachtet. Das sagte mir noch weniger.

Gewiß, wie diese Bewegungen möglich sind und zustande kommen, kann ein Schuljunge verstehn. Aber hiermit begnügen wir uns nicht, wir glauben mit diesen Bewegungen einen augenscheinlichen Nutzen für die Pflanze verbunden und kommen so immer wieder auf die verrufene Zwecktätigkeit zurück. Nun können wir aber nicht ins Blaue hinein den Pflanzen Empfindungen der Außenwelt und ein zweckmäßiges Reagieren auf deren Veränderungen zuschreiben, doch nicht das Bedürfnis als Grund der Handlung, es zu befriedigen, hinstellen. Sie müßten das Bedürfnis nicht nur deutlich empfunden, sondern klar erkannt haben und darnach unter den verschiedenen Handlungsmöglichkeiten die zweckmäßigste aussuchen und zielbewußt anwenden, um das so erkannte Bedürfnis zu stillen. Und wissen wir überhaupt so bestimmt, ob ein solches Bedürfnis, wie wir es meinen, vorlag? Ob mit der erreichten Handlung überhaupt irgend ein Nutzen, und wenn – ob gerade dieser damit verknüpft war?

Und dem Plasma, als der lebenden Kohlenstoffverbindung, allgemein die Fähigkeit der Empfindung und des zweckmäßigen Handelns zuzuschreiben, sagt garnichts; das ist nur eine Phrase mehr.

Und schalte ich die Zweckmäßigkeit und auch einen unbeabsichtigt erreichten Nutzen aus und betrachte allein den nackten Zusammenhang von Ursache und Wirkung, so haben sich vielleicht unzählige Ursachen von irgendwo her an diesem Punkt getroffen und ihr Zusammenstoß war eben die »zufällige« Ursache zu dieser ungewußten und ungewollten Wirkung.

Und diese Wirkung, diese Erscheinung hat sich nun vererbt – und zwar ohne daß in allen Fällen die zufälligen Ursachen, wie sie die erste Erscheinung bewirkt haben, weiter wirkten –, nun komme ich schon ohne Empfindung, Nutzen und Zweckmäßigkeit nicht weiter. Ich muß sagen: Die Pflanze hat den Nutzen der einmaligen Abänderung empfunden, er hat ihr im bekannten Kampf ums Dasein geholfen, und sie hat ihn deshalb ihren Kindern vererbt – denn die Erklärung: Das ist eine spezifische Eigenschaft des Plasmas, die durch äußere oder innere Eindrücke in ihm bewirkten Veränderungen zu vererben, ist keine Erklärung, ist nur eine sehr wohlfeile Beschreibung.

Aber auch schädliche Abänderungen vererben sich – ? –

Und nun steckt einmal in dieses Durcheinanderwirken von Ursachen und Wirkungen, Vererbungen und Anpassungen, unbewußten und bewußten Empfindungen, zweckmäßigen bewußten und unbewußten Handlungen, Tropismen, Nastien und Instinkten eure Molekulartheorie hinein, beseelten Stoff und stoffliche Seele, Kräfte von irgendwo her, die irgendwo angreifen – wundert ihr euch dann noch über euer hilfloses Gesicht? – Aber euer Gesicht ist glatt und eure Brillen sind ganz vergnügt – –?

Oder liegt die Erklärung wieder darin, daß wir alle Erscheinungen als in Wirklichkeit auch so seiend aber auch nur so seiend auffassen, wie sie uns scheinen, und sofort sie nach Zeit, Raum und Ursächlichkeit ordnen, schematisieren und erklären wollen, wo unser Intellekt vielleicht garnicht geschaffen ist, die Dinge adäquat zu erkennen? Aber weswegen ist er denn fähig, seine Unfähigkeit zur absoluten Erkenntnis einzusehen? Weswegen muß ich denn wissen, daß ich nichts wissen kann?

So stehe ich denn abermals vor der mit Brettern zugenagelten Wand – es ist so jämmerlich traurig. Oh, es ist wohl besser, dieser vermaledeiten Wand den Rücken zuzukehren, anstatt jahrlang an ihr entlang zu rasen und eine Öffnung zu suchen, von der man sich doch sagt, daß sie nicht zu finden ist, garnicht vorhanden sein kann? Oh, es ist wohl besser, mit einem Sprung, einem tollen, alles überjauchzenden Schrei in das Leben da draußen zurückzujubeln: Es lebe das Leben!

Aber da humpelt wieder die griesgrämige Frage an: Weshalb jubelst du nicht, es lebe die Arbeit? – Herrgott! weil sie doch wieder an die vernagelte Wand führt!

Und die andere, die ebenso griesgraugrämige: Tu’s – aber was hast du davon?

Und die teuflische: Tu’s – aber meinst du, du tust es, weil du willst? Du Narr, weil du mußt; du kannst nicht anders!

Ich werde ins Freie gehen. Wohin? Ins Bruch? In den Wald? In die Heide? – Soll ich schließlich den zureichenden Grund suchen, weshalb ich dieses Mal ins Bruch und nicht in die Heide gehe!

Das Bruch

Östlich vom Lichtenhagen zieht sich von Norden nach Süden eine Senkung hin, auf der gegenüberliegenden Seite begrenzt von aufsteigenden Ackerfeldern, weiten Heideflächen und Kiefernwäldern. Zwei Bäche sammeln die Wasser dieser auf Lehm und Mergel ruhenden Senkung und tragen sie in trägem Lauf zu Tal, um mit ihnen den Dorfteich zu speisen. Der treibt mit ihnen seine Mühlräder, schafft aus ihnen Badekölke und Eisbahnen für die Jugend, Schwemmen für die Pferde und Waschplätze für die Weiber und gibt dann diese durchtollten und durchwühlten Wasser durch eine andere Senkung in den südlichen Höhn weiter durch Bach und Fluß zum Strom.

In der Mitte dieses langgestreckten, mannigfach eingeengten und verbreiterten Tales liegt ein Heiderücken, der schon seit langer Zeit auf seiner einsamen Höhe ein Hochmoor trägt; das schmückt seinen Rand mit würzigen Gagelsträuchern und Sumpfporsten und dem gelben Beinheil, mit schwarzen Moorkiefern und kümmerlichen Zwergbirken, über seiner Mitte aber wölbt sich ein gewaltiges Sphagnumlager – und unter dem, hier in dem übermoosten See, haben die beiden südwärts fließenden Bäche und ein dritter nach Norden abströmender ihren Ursprung.

Dieses ganze, versumpfte, vermoorte und vertorfte Gebiet nennen die Leute das Bruch und denken dabei an saure Wiesen, oftmalige Überschwemmungen, die ihnen das karge saftlose Heu wie Schiffe und Flöße davontragen, und an Maifröste, die in den wenigen anliegenden Gärten die Obstblüte und die jungen Gemüse regelmäßig zerstören.

Aber auf den torfigen Wiesen, den sandigen Aufschüttungen der Bäche und eisenroten Gräben, an den übelriechenden Sumpflöchern, in den zerstreut liegenden Elsen- und weichhaarigen Birkengebüschen, am Rande der Kiefern- und Eichenkolonien geben sich flammende leuchtende Blumen ihr Stelldichein: Da läuten neben den brennenden Weidenröschen die Purpurglocken des Fingerhuts, gesellt sich zu dem weinduftenden Wasserdost der friedlose Goldweiderich und breitet die gewaltige Bärenklau ihre gastlichen Dolden. Hier leuchtet weit über die Wiesen die hohe Grundfeste und unter ihr nickt die Arnika mit ihrem harzduftenden Blütenkopf, während allerorts die bunten Kerzen der Knabenkräuter brennen und die zartgefransten Blütentrauben des Fieberklees; und allerorts schwellen die Sphagnummoose ihre grünen und bläulichen Polster, zarte Moosbeeren und gleißender Sonnentau haben sich auf ihnen angesiedelt und neben ihnen, wo der wilde Schneeball an zierlichen Schirmtrauben seine Früchte hängen läßt, hockt träge und tückisch das Fettkraut und schaukelt seine Veilchenblüten auf schlanken Stengeln. Aber in der Mitte, dort um das schwarze Erlenloch, in dem der sparrige Pferdekümmel sich breit macht, haben gefleckter Schierling und hohe Brustwurz im Verein mit übermannshohen Sumpfdisteln und Nesseln eine Mauer geschlungen, über die nur noch die braunen Rispen des Schilfrohrs ragen; und von Rispe zu Rispe, von Halm zu Halm und Baum zu Baum klettert über alles und überschüttet alles die Winde mit ihren weißen Trichterblüten. –

Ringelnattern und Kreuzottern haben hier ihr Reich und ihre Beute an lärmenden Froschheeren und mannigfachen Mäusen; Wasserhühner und Krickenten locken aus dem Röhricht und trippeln des Abends auf den taufeuchten Wiesen; polternden Fluges gehen Rebhühner- und Fasanenketten vor dir hoch; gaukelnde Kiebitze wiegen sich in den Lüften; schreiende Regenpfeifer streichen in Scharen dahin; der schillernde Eisvogel huscht über die Bachläufe – während der Reiher steif wie ein Pfahl am Schilfrand steht.

Aber in den Kolken und Lachen tanzen unzählige seltsame Wesen auf und nieder – ein grotesker ungeheurer Kopf, mit zwei Hörnern versehen, der Körper eingeschlagen und nicht viel größer als dieser, mit breiten Borsten am Schweif – mit einigen zornigen Schlägen ist es unten und steigt jetzt wieder geruhig hoch, stundenlang geht das Spiel, auf und ab –. Doch des Abends schälen sich aus den seltsamen Tauchern Schnaken hoch, diese Lachen und Kolke senden Heere auf Heere aus von sausenden surrenden Mücken, daß das ganze Tal singt und summt und surrt. –

Es ist schön, am glühenden Sommermittag durch dies Alles zu schweifen, sich im Schatten einer Silberweide neben den Bach ins Gras zu werfen, zuzusehen, wie der Grashalm in den kleinen Wellen sich hebt und senkt, wie über ihnen blauschimmernde Gyriniden gleich tanzenden Quecksilberkugeln ihre unermüdlichen Reigen kreisen, wie glänzende Schilfkäfer von Halm zu Halm schwirren, wie dort auf dem trockenen Eichenast ein Sperber aufbäumt, umlärmt von Schwalben und Bachstelzen und anderem scheltenden Volk – um dann seinen Blick an eine einsame Wolke zu hängen und mit ihr durch den blauen Himmel zu segeln, weit fort ins Reich der Träume, der bunten Sommerträume – so weit, daß du plötzlich um dich blickst: was ist das? – wer bin ich? – wo war ich? –

Wie die beiden südlichen Bäche ihr Wasser dem Dorfteich zuführen, so hat auch der dem Nordrande des Hochmoors entspringende seinen Teich zu tränken. Der liegt am nördlichen Ende der großen Senkung. Die Wälder, die in einiger Entfernung das ganze Tal begleitet haben und dann in gewaltiger kompakter Masse sich bis an den Rhein nach Cleve walzen, senken sich hier von allen Seiten flach und sanft herab und lassen ihre Vorposten, Haseln und Weiden, in den stillen Wassern sich spiegeln. Weiße Seerosen liegen in der Mitte dieser Wasser und träumen in lauen Nächten zum Mond, während an den langgestreckten Ufern der ewig raschelnde und lispelnde Schilfwald schwätzt; bis unter die Buchen und breitkuppligen Kiefern dringt er zuweilen in dem umgebenden Wald vor mit seinen bleichen Schlangenwurzeln. Mehr und mehr sucht er dem Wasser sein klares spiegelndes Reich zu rauben, immer neue spitze Schößlinge läßt er aus dem schlammigen Grund hochschießen, er kann nicht genug sein windiges zerrissenes Gesicht sehen, nicht genug sich rascheln und schwätzen hören. Nach Osten zu hat er schon die beiden Ufer bis fast zur Teichesmitte in seinem festen schwätzenden Besitz, hier und da reicht er sich schon die Hand von Ufer zu Ufer, seine rauschende raschelnde Hand, und die armseligen freien Lachen dazwischen hat er in ein, zwei Jahren zugewürgt, und dann liegt er da, breit und brutal, und neigt schwätzend seine braunen fahrigen Köpfe nach den ewig gleichen Stößen des Westwinds –.

Doch am östlichen Ende dieses raschelnden Waldes liegt wieder ein Teich, blank und rein vom Schilf; Laichkräuter, Froschlöffel und runde Kolonien dunkelgrüner Krebsscheren leben in dem, und purpurne Schwanenblumen und die weißen Blütenwirtel der Pfeilkräuter lächeln von seinen Ufern: und wenn bis hierhin die kleinen Wellen des Baches, die von da oben zwischen den narkotischen Gagein und Porsten heruntersickerten, gekommen sind, dann spielen und glucksen sie an mächtigen Mauern und Pfeilern, ein hoher Turm spiegelt sich in ihnen, dann plätschern und wandern sie rings um eine Wasserburg, das alte Schloß zu Raesfeld – eine Wasserburg, im Tiefland, von breiten Gräben umgeben – wie sie im Norden und Nordwesten Deutschlands träumen und zerfallen.

Nichts weckte in Erich schöner und reiner die schmerzlose Verwunderung über unser hineilendes, verzerrtes, sinnloses und unergründliches Dasein als diese alte, halb zerfallene Burg. Oft wanderte er, vor sich und seinem Überdruß flüchtend, hier hinaus, um auf der flechtenbewachsenen Galerie des Turmes stehend oder in eine der tiefen Fensternischen gelehnt dieses träumerische Bild auf sich wirken zu lassen.

Auf drei Wegen konnte man das Schloß und das nach ihm benannte etwas abseits gelegene Dorf erreichen. Einmal durch das Bruch, an den Bächen entlang, über den Heiderücken mit dem einsamen Moor und den anderen Bach hinab; das war der kürzeste, er lief der Luftlinie gleich und in zwei Stunden war man dort. Sodann im Bogen über die östlichen Höhn, durch Felder und Heideland, über ein Dorf, das berühmt war durch eine uralte Eiche – von dort aus benutzte man den Fahrweg und sah nach einer kleinen Weile die Türme des Schlosses herüber grüßen – drei Stunden ging man hier. Der dritte Weg schlängelte sich westwärts vom Bruch durch den Lichtenhagen und den Königlichen Wald – sandige, nasse und verheidete Waldwege. Es dauerte vier, auch wohl fünf Stunden, bis man mit dem niedersteigenden Wald bei dem Schilfteich anlangte; doch meistens verlief man sich unterwegs und kam nach stundenlangem Umherirren in einer ganz anderen Gegend heraus.

Ein feiner Westwind, der zuweilen an stillen glühenden Sommertagen von den feuchten Wäldern nach der weiten dürren Heide weht, rastet gern auf seiner Fahrt bei dem alten Schloß. – Mit einem leisen Schwung hebt er sich von den Teichen, deren ölig glatte Fläche er nicht zu kräuseln vermocht hat, hoch und streicht, nach vergeblichem Bemühn die steilen Mauern des Schlosses, seine hochgelegenen breiten Fenster und sein flaches Schieferdach zu erklimmen, längs der Wand des auf jenem Flügel senkrecht stehenden Gebäudes hin, hebt sich langsam bis zu dem spitzen Ziegeldach, um sich aber bald in dem mächtigen Efeubewuchs der Mauer zu verfangen und über ihre dunkelgrüne Mauerraute, ihren Rainkohl und Hauslauch niederzugleiten zu den niedrigen Trümmern eines runden Turms; er kühlt und tränkt die Pflanzen, die dort zwischen dem Schloß und dem Wassergraben hausen – den Alant, die Pestwurz und das Bilsenkraut, den alten Spindelbaum, der Jahr aus Jahr ein im Schutz einer hohen Esche in scharlachroten Kapseln seine orangegelben Samen trägt, den schwefelfarbenen Eibisch und die über ihm blühenden weinduftenden Rosen.

Inzwischen hat der Graben, der die ganze weitere Nordseite des Schlosses schützt, schon seit Jahrhunderten hinter dem runden Turm einen Arm nach Süden geschickt – und über den eilt nun der Westwind hinüber, quer über den langgestreckten Hof, um aber gleich an der zusammenhängenden Wand der Wirtschaftsgebäude und ihrem steilen Ziegeldach anzuprallen; die werfen ihn wieder über den Hof zurück, sodaß er denselben Graben über einer breiten Brücke überweht und dann in den eigentlichen Schloßhof fällt.

Auf diesem hochgelegenen Hof, den an seinen beiden Wasserseiten eine niedrige Mauer umfaßt, lagert die Luft heiß und leicht und läßt den Wind, wie er von den kühlen Bogengängen vor den Kelleröffnungen zurückfährt, kreisen und steigen, die enge Treppe, die zu der schmalen Tür des Hauptflügels führt, hinaufgehen, auf der Plattform neben ihr seine Kräfte wieder sammeln, in die breiten, der Morgensonne entgegenlachenden Fenster des einen und die schmalen, Schießscharten ähnlichen des andern Flügels blicken – und dann im Bogen auf den hohen Turm zuwehen, der neben dem Schieferdach in eigentümlich ausgeschweiften Linien sich verjüngt. Vergebens versucht der Flüchtige an solchen Tagen die rostige Windfahne, die da oben von der zwiebeiförmigen Kuppe ins Land schaut, zu drehen und setzt mit einem eleganten Sprung über die beiden Höfe und den Graben zu dem anderen Turm hinüber, der massiger und weniger hoch als der des Wohngebäudes das Südende der langgestreckten Wirtschaftsgebäude abschließt.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
190 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711460825
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki