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Günther Rühle

Ein alter Mann wird älter

Ein merkwürdiges Tagebuch

Herausgegeben

und mit einem Nachwort versehen

von Gerhard Ahrens


Günther Rühle

Ein alter Mann wird älter

Anmerkungen

Anhang

Editorische Notiz

Günther Rühle · Leben und Werk

Günther Rühle · Bibliographie

Nachwort

Gerhard Ahrens

Der andere Günther Rühle

Warum schreib ich das alles. Ich weiß nicht mehr, was ich schon alles geschrieben habe. In mir öffnet sich anscheinend so eine Art innerer Tresor. Ich war doch immer meine eigene Verschlusssache. g. r.

Inhalt

Mein merkwürdiges Tagebuch

Oktober 2020

November 2020

Dezember 2020

Januar 2021

Februar 2021

März 2021

April 2021

Vermächtnis

Anhang

Editorische Notiz

Günther Rühle: Leben und Werk

Günther Rühle: Bibliographie (Auswahl)

Der andere Günther Rühle

Mein merkwürdiges Tagebuch

Ein Prolog

I

Auf einmal machte es RUMS. Da merkte ich, ich wurde doch 96. Bis dahin sagte ich immer zum Scherz: »Na ja, ich bin ja auch erst 96«, wenn einer sagte: »Sie sind ja ganz schön fit.« Als wäre man ein Bestaun-Objekt. Jetzt war der Punkt. Die abgestellte Baumaschine am Kreisel hatte unten noch Kanten, die ich nicht sah, jetzt war unten der Riss im Schweller. Teuerste Stelle. Der Entschluss muss in mir gewartet haben. Nie mehr Autofahren. Schluss nach 66 Jahren. Ich wurde ein Taxist. Ein gutes halbes Jahr saß ich fortan im Taxi hinten rechts, wo immer die Direktoren sitzen. Es war ein ganz neues Fahrgefühl. Herrlich. Manche Fahrer, ob kroatisch, tschetschenisch, machten einem die Tür noch auf beim Aussteigen. Man konnte noch in die Stadt, an den Geldautomaten, im Supermarkt einkaufen. Auswählen. Man war nicht im Ruhestand. Noch immer nicht.

Als Journalist muss man nicht in den Ruhestand, solang einem noch was einfällt und man noch schreiben kann, sogar noch Lust dazu hat und merkt, dass man gar nicht aufhören will und kann mit dem Schreiben. Man denkt erst beim Schreiben. Ich konnte noch schreiben. Den ganzen Tag. Ich war in eine Arbeit geraten, die noch lange nicht aufhören wollte und sollte. Ich bin ins Theater geraten, ich weiß nicht, wie. Das Warum beschäftigt mich jetzt, da ich stillgestellt bin. Ich las damals, blätternd in alten Theaterkritiken von 1897, und plötzlich funkte es. Ich hatte den Beruf eigentlich schon hinter mir, war sogar aus Berlin zurück. Da, als ich einen Bericht, von wem war der nur, las, wie der alte Fontane mit Paul Schlenther in die erste Aufführung der »Gespenster« ging, 1897. Eine Stunde später setzte ich mich an die Tasten und schrieb drauflos. Der Text eröffnete dann vier Jahre danach mein »Theater in Deutschland«, fast tausend Seiten, die sich fortsetzten und deren Ende noch nicht abzusehen war, als es RUMS machte. Da war ich sicher, der dritte Band könnte noch fertig werden.1

Das eben erhielt mich froh, zufrieden, ich gehörte nicht zu denen, die nach dem Ausscheiden aus dem Beruf in ein Loch fallen und ihre Ehefrauen mit ihrer Langeweile quälen. Bei uns war es eher umgekehrt. Als meine Frau, die unvergessbare Margret, mit 67 aufhören musste, jungen Menschen in der Schule gutes Deutsch und richtiges Englisch beizubringen, dankte sie mir eines Tages, dass ich sie beschäftigte, aus den inzwischen in Breslau aufgefundenen Kerr-Briefen ein druckfertiges Manuskript zu tippen.2

Ich muss einhalten. Wenn man so unfreiwillig in einen Ruhestand getrieben wird wie ich eben, wachsen und wuchern in einem längst vergessene und verdrängte, auch vertriebene Kräuter und Unkräuter der Erinnerung wieder hoch. Die Zeit baut sich zurück, die man doch verlassen hatte.

Der Rums mit dem Auto war nicht das einzige Zeichen, dass es Zeit werde, in ein neues Lebensalter einzutreten. Sich einzugestehen, dass man doch inzwischen gealtert sei. Sich als alter Mann zu begreifen. Ruhe geben. Das Alleinsein stürzt über viele zusammen, erdrückend. Über Vereinsamte stürzt sich Einsamkeit. Wie viele Anrufe kommen jetzt: »Ich will nur deine Stimme hören« – Illusion des Zusammenseins. Anrufe sind die Verkehrsmittel des Alterns.

Was hier an Buchstaben so dahinfließt, ist auf gut Glück ertippt. Ich kann den Text nicht mehr lesen. Es wird sich jemand finden, der die falschen Buchstaben rauskehrt und das Passende zusammenführt. Damit sind wir am Punkt meines Alterns. Das Schwinden der Sehkraft ist wie ein Raub. Fort sind alles Gold und Silber. Wer füttert fortan dich – fortan? Jetzt?

II

Ich hoffe, gefüttert zu werden bleibt mir erspart. Damit beginnt der Verfall. Man ist außer Kraft gesetzt.

Mich rüttelt immer schmerzend die Vorstellung, dass Walter Jens, auch Joachim Kaiser, in ihrer Demenz gefüttert werden mussten. Das waren doch souveräne, autarke, selbstbewusste Menschen, wachen Geistes, belebenden Denkens, bannenden Sprechens. Außer Dienst Gestellte zu Lebzeiten, der hohe Geist verloschen, ohne den Körper mitzunehmen. Man ist dann wohl eine lebende Hülle.

Wenn man jetzt eine halbe Stunde vor dem Haus auf und ab geht, man sagt noch immer »Spaziergang«, obwohl es keiner ist. Drüben im Wald, ja; aber hier flaniert man auf der Sicherheitsroute vor den Häusern der Nachbarn, die einen noch freundlicher grüßen und immer dieselbe Frage stellen: »Wie geht’s?« – obwohl sie doch sehen, wie es einem geht, Schritt für Schritt, und mit Stock. Zweimal am Tag 1299 Schritte, das ist zweimal ums Karree. Vor einem halben Jahr hat man die Schritte noch gezählt – Zählen ist eine Einübung ins Altern –, jetzt weiß man, wie viele es sind bis zu dieser oder jener Ecke. Und wie viele bis zur Haustür.

Die Krise, die mit dem Fällen der Birke vor unserem Haus, meinem Sturz, dem Tod von Monika Schoeller3 begann, scheint überwunden. Sie enthielt Wandlungen. Es stiegen die Gefühle des Alterns, das Verlangsamen der Bewegungen. Den Spaziergang zum Sportplatz musste ich aufgeben, der halbstündige Weg durchs Dorf wird mühsamer, zwingt zum Stehenbleiben, gestützt auf Onkel Heinis Stock. Im Haus ist die Bewegung normal, fühle ich mich jünger, aber das Bewusstsein der Jahre trifft mich immer wie ein Hammer. Ich weiß, ich lebe in glücklichen Umständen, schmerzlos, noch wachen Geistes, voller, wenn auch gedämpfter Arbeitskraft, finanziell sorgenlos.

Auch die Not, die mit dem Enden des Autofahrens kam, die Unbeweglichkeit, sich zu versorgen, ist gelöst. Delia und Dumitru sind wie liebende Verwandte, kamen vorhin im strömenden Regen mit den Lebensmitteln, die ich brauchte, weil Rewe wegen der Corona-Angst nicht liefert, kamen stolz und mit Freude.

Der Wechsel des Kardiologen hat sich gelohnt, Schüßler scheint alles in den Griff zu bekommen, ein neues Hörgerät haben wir bestellt, das alte wurde trefflich wiederhergestellt. So höre ich fast im Überfluss, nur die Augen verlassen mich. Die Ärztin in Kronberg sagt, keine Behandlung möglich, die Makula trocken. Ich hoffe, ich verliere das Sehen nicht. Das Lesen ist mühsam und wird von Tag zu Tag schwerer. Heute Peymanns Biographie, zwei Seiten eine ganze Stunde (gut, zu klein gedruckt), aber die Welt ist mir wie hinter Milchglas. Selbst mit Brille kann ich manche Überschrift in der Zeitung nicht mehr lesen. Brauche Vergrößerung in allem, auch im Willen zum Leben, damit die Anfechtungen, das Verlangen nach Schluss, wieder wegkommen.

Neunzig Jahre brauchte es, bis ich ein Verhältnis zu mir selbst bekam. Ich interessierte mich nie für mich, nur insofern: Was kannst du, was steckt in dir = das Rühlesche Leistungsprinzip. Jetzt fühlt man sich, horcht in sich, erlebt die merkwürdigsten Dinge.

III

Schon seit längerem merke ich, dass in mir eine merkwürdige Phantasie sitzt. Ich schlafe fest, erwache und sehe Personen im Zimmer, körperlich, neben mir, über mir, die sich nach drei, vier, fünf Sekunden auflösen. Wie Besucher. Vorhin schlafe ich vor dem Fernseher ein, bei einer Sendung über Mata Hari. Ich erwache, es kniet eine Art Zwerg vor mir und reicht mir etwas zu. Neulich, ich saß im Arbeitszimmer, im Sessel – Margrets letztes Geburtstagsgeschenk –, schlief, erwachte, hinter mir ein Geräusch, es löste sich eine große Person in langem weißen Mantel, kommt hinter meinem Rücken hervor, geht zur Tür, löst sich dort auf. Was war das? Ein Schutzengel? Vorgestern, ich erwache morgens, es ist schon hell, an der Decke des Schlafzimmers ein schwarzes, wohlgefügtes, mit Blumen umwundenes Kreuz. Zehn Sekunden etwa. Was ist das alles? Morgen muss ich über die »Iphigenie« von Peymann schreiben.

IV

Die Krise war der Anfang des Endes. Ich sehe fast nichts mehr, musste vorige Woche alle Pläne für Vollendung TGIII4 aufgeben. Mit dem Verlag ist sicher, dass er das Buch machen will. Hermann Beil5 und Stephan Dörschel6 wollen weitermachen – großes Glück. Diese Zeilen werden geschrieben, bevor ich, auch nach langem Suchen, wo und wie, keine Mails mehr schreiben kann. Schlussbrief an Beil und Dörschel, ich weiß nicht, was noch wird. Ich torkle durchs Haus. Kann keine Uhr mehr lesen. Ich suche schon eine Stunde auf meinem Computer das Schlussstück zu TGIII. Das Denkmal, Steins »Faust«. Ich habe es wohl weggelöscht. Das war das Letzte, was ich noch konnte vor zwölf Tagen, dann dreimal umgeschrieben. Das Leben müsste längst weg sein, es ist eine Quälerei. Die Kräfte schwinden, man wackelt beim Gehen, erkennt nur noch die Konturen, Bewegung bald nur noch aus Erinnerung. Ich male mir alle möglichen Sorten von Suizid aus.


Oktober 2020
10. Oktober 2020
Tagesgespräch 1

Nun ist es aus. Vor acht Wochen ging Schreiben und Lesen gerade noch. Drei Untersuchungen, trockene Makula, Altersdegeneration. Man ist wie abgeschnitten von seinem Leben. Ich bin jetzt – fast plötzlich – ein anderer. Ohne Zweck und Sinn. Wie einst, bevor man sich den Zweck beruflich zugelegt, dem auch einen Sinn zugelegt hat. Mein Zweck muss das Schreiben, der Sinn dessen Inhalt gewesen sein. Ich, der fröhliche Bub aus der Bäckerei Poths in Weilburg, bin im Theater gelandet, dort fixiert durch die Arbeit und die Meinung der anderen, Leser genannt. Wessen Geschöpf ist man? Das der Eltern, seiner selbst oder der anderen? So plötzlich außer Dienst, außer Funktion gestellt, lebt man nur noch für sich. Wird sich selbst das Ereignis des Tages. Was konnte ich vorgestern noch, gestern, heute. Nächste Woche wird man noch schlechter sehen, die Uhr nicht mehr erkennen. Man braucht das dritte Bein, das Wackeln beginnt, man braucht Hilfe und Hilfen. Heitere Einsicht (sehr vorübergehend), man hat noch eine Entwicklung. Wird Altersunternehmer. Wer putzt das Haus, macht die Wäsche, kocht. Die zunehmenden Reduktionen schaffen Bewegung für andere. Sinn, Zweck? Die Fragen von früher lösen sich auf. Fließen weg ins Überflüssige, ersetzen sich, werden gar wörtlich: Was wurde aus diesem und jenem? Wie kommst du durch? Redlich? Deutlich erkennbar? Verantwortlich oder unsicher, taumelnd, ziellos, schuldhaft? Warst du schäbig, was war falsch, was richtig? Die Fragen tropfen in einen hinein, rumoren. Hängt im Hintergrund noch immer das Jüngste Gericht? Lass das. Draußen kommt die Abendsonne.

11. Oktober 2020
Tagesgespräch 2

Doch wieder aufgewacht, kräftiger, wacher als letzte Woche, obwohl man jetzt jeden Abend bittet, es möge die Nacht die letzte Gnade empfangen, möglichst sanft nachts wegschlafen. Das früh eingeübte Beten hat sich wieder eingeschlichen, das in dem Tagesbetrieb und seinem Freiseinwollen sich weggeschoben hatte. Wie ein verlorener Text krabbelte es aus dem seltsamen Computer unseres Gehirns wieder hervor, als das Danksagen begann, Dank für das Erstrebte, Erreichte, Gefundene, an wen? Denke nicht weiter. Wer oder was ist »Der Herr«? Du »entschläfst« dich mit dem Grübeln, raubst dir den Schlaf fast. Was ist das einsilbige »Ent«: Entbehren, entsagen, enttrümmern, entlassen, entbinden, entkräften. »Ent« bedeutet dem Wort, was es sagt. Will man denn nicht schlafen, obwohl man den ewigen Schlaf sucht? Ein »du entschläfst«, der Euphemismus für »entleben«. Es gehört zu den heimlichen Milderungen, mit denen wir entschärfen.

17. Oktober 2020

Von wegen entschlafen. Es trieb mich nach der Rasur in neuen Schlaf. Wir können uns nicht entschlafen, es entschläft uns. Müßige Qual der Gedanken. Sie bohren sich in den Kopf, das kommt immer öfter. Versprechen ist auch sowas. Es erhalten. Wenn man anfängt, kommt man aus dem Gedankendreh schwer wieder raus. Verschwendete Zeit. Wenn die Augen sich von ihrem Dienst zurückziehen und alles neblig wird, auf der Straße wie im Wohnzimmer, fällt man in sich selbst zurück, in den Wust nicht verarbeiteter Gedanken, Gefühle, Erinnerungen. Erst wundert man sich, wo das herkommt, dann staunt man, was da kommt, wie man lachen musste, als der Vater die Treppe runterfiel und man nachher die Dresche bekam. Fast spürt man sie wieder und hört sich rufen: »Hör auf, ich habe es doch nicht böse gemeint.« Man sieht auf einmal in die andere Zeit. Achtzig Jahre zurück, wenn die Augen verlöschen, der Leib vergeht, wo bleiben dann die Gedanken. Wieder so ein Drehwurm. Ich musste raus aus dem Sessel und draußen die tausend Schritte gehen, die ich jetzt einübe.

18. Oktober 2020

Ich treibe in eine Landschaft voller Nebel. Er wird von Morgen zu Morgen dichter. Ich habe schon ein eigenes Mess-System. Wie viele der kleineren Fliesen im Bad sehe ich noch. Ich verliere die Kontrolle über die Zeit. Die Uhren im Haus versinken im Nebel. Noch reicht es für die Stufen der Treppe. Wie lange noch? Ich lebe immer mehr von den eingeübten Wegen, Schritten. Ich messe Räume und Entfernungen immer mehr aus Einübung und Wohlgefühl. Gestern Abend war ich fast verzweifelt, kam mit der Kassette von dem Lautsprecherturm von Braun, dem Renommierstück von vor vierzig Jahren, nicht mehr zurecht. Die Dinge, die wir machen, haben eine andere Lebenszeit als wir selbst. Schreibt man deswegen Bücher, um sich über seine Zeit hinaus zu erhalten? Meine Absicht war das nie. Ich lebte aus der gegenwärtigen Lust am Schreiben, aus der täglichen Forderung. Wenn es in der Redaktion mal knallte, sagte ich im stillen Trotz oft: »Ich werde euch alle überleben«. Das war Übermut, nun ist es so, und man will raus aus diesem Leben. Das Fallenlassen ist auch ein schönes Gefühl. Leise Wonne im Übergang: anderswohin. Dann rebelliert der Rest des Lebenswillens. Plötzlich singt man laut ins leere Haus, in dem die Vergangenheit stillsteht:

»Heidewitzka, Herr Kapitän« — oder noch jugendlich frecher: »Heidewitzka, mein Mann ist krank, er liegt besoffen unterm Kleiderschrank.«7 Man erschrickt vor sich selbst. Wie sagt Goethe: »Das Alter macht nicht kindisch, wie man spricht. Es findet uns nur noch als wahre Kinder.«8 So oder so ähnlich. Ich kann es nicht mehr nachschlagen. Man kann nur noch in seinem Kopf lesen, Bücher gehen nicht mehr. Adieu Zitatenhort von vier Generationen. Google weiß es wohl, aber selbst da ist jetzt alles im Nebel.

19. Oktober 2020
Die Nachtruhe

Die Nachtruhe hat den Augen nichts gebracht, eher den Nebel verdichtet. Das Üben hier wird schwer, ich muss die Buchstaben auf der Tastatur schon suchen. Es handle sich um Netzhautablösung. So steht es jetzt im Bericht. Gottlob habe ich morgen Termin bei Frau Schmidt. Ich soll den Frankfurter Bericht mitnehmen. Hoffentlich finde ich ihn.

Die tausend Schritte vor dem Haus gehen. Meine rumänische Lebenshilfe, Krankenschwester oben in der Rehaklinik, ist krank. Wer hilft mir?

Ich jammere mich nicht ins Unbekannte. Ein Dutzend Mal am Tag auch die Namen meiner Toten und noch lebenden Nächsten. So belebt man sich künstlich den leeren Raum um sich, übt wenigstens die Stimme. Mein Sprechen wird immer holpriger. Man schweigt fast den ganzen Tag. Manchmal entdeckt man sich in Selbstgesprächen. Man kommt sich komisch vor, wenn man sich entdeckt. Es bleibt das Telefon als Übungsgerät, man ruft die sechs, sieben Menschen an, die einem noch nah sind, zu Gesprächen, die mit dem immer schon fünfmal Gesagten enden und in guten Wünschen. Gestapelt füllten sie schon das halbe Haus. Es ist also noch etwas Platz.

Der Anteil der Eisware an meiner Ernährung wächst, das Kochen mindert die Lust wegen dauernder Wiederholung von Bratwurst mit Kartoffeln und Salat.

Ich war für mich interessiert, nicht an mir.

Ich denke, meist samstagabends, wenn ich mich langlege: wieder eine Woche weg, eine Woche näher am Exitus, den man oft will und oft nicht. Letzte Woche noch. Aber nicht jetzt. Jetzt nicht! Die Gefühle lösen einander ab. Morgens in sich gespalten, wünscht man sich das Ende und greift noch nach dem Leben. Zweimal und oft am selben Tag.

Ich wollte von der Zauberbrille erzählen, die man mir zu verpassen sich anschickt …

20. Oktober 2020

Es ist nun sicher: Der Umbau beginnt. Ich komme von der wunderbaren Augenärztin zurück, der zwei hochrenommierte Fachkollegen ihre Diagnose bestätigt haben. Richte dich ein in dem beschädigten Zustand. Trockene Makula, keine Hoffnung für das linke Auge. Dreimal die gleiche Diagnose, das muss reichen. Es hilft weiter nur die Brille mit der Kamera, die die Texte, die ich lesen will, fotografiert, in Sprache umsetzt und mündlich berichtet, was sie liest, und ich das hören kann, was ich mit den Fingern benannt habe. »Sie müssen das tüchtig üben.« Üben und sogar tüchtig. Noch ein Apparat und einer ganz neuer Art. Blinde Studenten sollen damit sogar das Examen geschafft haben.

Es fing vor fast 50 Jahren an. Statt der Zähne: Implantat. Dann die Brillen, drei Stück, für Ferne, Nähe und den Computer. Dann musste das Herz gestützt werden. Zwei Stents und ein Herzschrittmacher. Jetzt also dieser Apparat. Sehe hörend, wohin du nicht siehst. Denn man muss den Kopf etwas schräg halten, mit dem rechten Auge knapp am zu lesenden Text vorbeigucken, damit die Kamera, die dein Auge ist, lesen kann. Werde ich die Geduld haben, ich kämpfe seit Jahren schon mit den Einstellungen auf dem Computer. Das Angebot ist reichlich, der Irrtum unausweichlich. Man kann sich schon einen künftigen Menschen vorstellen, der aus lauter Ersatzteilen besteht. Mit eigenen Olympischen Spielen. Mich schauderte interessiert; wenn ich die Anfänge bei den Paralympics noch sehen könnte. Die Brille, die mir zuwächst, ist nichts fürs Fernsehen. Es bleibt mir eine akustische Erregungsstation. Meine Zukunft wird sichtbar im Verschwinden des Sichtbaren.

Eben brachte die Post das neue Buch von Bernd Feuchtner über »Die Oper des 20. Jahrhunderts in 100 Meisterwerken« – munter, freundlich und höchste Kompetenz bewahrend. 1992 habe ich ihn als Musikkritiker an den Tagesspiegel geholt. Da begann seine Karriere. Ein zarter, freundlicher, gescheiter, empfindsamer Mann. Das wollte, sollte, könnte ich lesen. Ich habe großen Nachholbedarf in Sachen Oper. Aber mit 96 bleibt das Meiste beim Wollen. Es gibt eine merkwürdige Lust zu denken: »Ich könnte« – auch wenn man nicht kann. Möglichkeiten sind der Saft der Hoffnung. Und die Hoffnung eine andere Art des Atmens.

20. Oktober 2020
Die Kerr-Ausgabe

Man lebt in Zusammenhängen, die man erst später begreift. Ich habe von Alfred Kerr nicht das Kritikenschreiben erlernt. Ich kann auch aus vielen seiner Kritiken die Aufführungen nicht mehr erkennen, auf die er sich bezieht. Mich traf seine Sprache, die bewusste Form von Kritik, das Absolute, selbständige Gegenüber, diese sich selbst setzende Kompetenz, die sich in hoher, leidenschaftlicher Rationalität bestätigte, die Sinnliches auf den Begriff brachte. Die Kunst der Verkürzung, die Zuspitzung in der Pointe, die einen traf wie ein Blitz. Also das Besondere, Einmalige, das niemand anderes konnte. Die Sprache, die sich als Sprache, als der geschärfte Gedanke zur Wirkung brachte und in den Theaterkritiken die äußerste Konzentration vorwies als Schärfe eines lebendigen, souveränen Intellekts.

Noch etwas anderes. In der Beschäftigung mit der Literatur des deutschen Exils, mit der Wiederherstellung und der Abbildung der Literatur, fühlte ich eine Zäsur, sah ich die Lücke. Die Lücke hieß Kerr. Er war nicht vergessen, mit seinen Kritiken in der Erinnerung auch richtig positioniert, aber die Breite seiner Wirkung war nicht mehr präsent. Die Weite seiner Interessen, seiner Themen, seiner Bedeutung war neu zu erschließen.

Wir brauchten die Neubesichtigung von Kerr, seiner Arbeit, seiner Person, seiner tragischen Geschichte. Eine neue Ausgabe sollte das alles sichtbar machen. Die Suche begann. Wer will das? Die kühne Gerda, die den blauen Mantel immer so theatralisch über ihre Schulter warf, in der Hertziana in Rom geschult, im Verlag S. Fischer bekannt geworden, hatte in Zürich eine eigene Literarische Agentur begründet. Zu ihr brachte ich Kerr: »Such einen Verlag!« Von vielen Gängen kam sie mit einem »Nein« zurück. Rowohlt, Suhrkamp, Hanser waren dabei. Kerr? In Berlin hatten sie unvermutet keine Bedenken. Es war noch vier Jahre vor der Wende, in West-Berlin plante man noch für den Westen. Der Tagesspiegel hatte eine Stiftung, die Geld hatte. Aus dem Geld sollte ein Verlag werden, Argon hieß er. Berlin, Zwanziger Jahre. Dahin, in diese Nische kam Kerr. Es war ein Anfang. Es war ein Glück mit Enttäuschungen, Zerwürfnissen und dem Schrumpfen meiner Hochachtung vor deutschen Professoren. Herr Poll war schon in einem vorbereitenden Gespräch mit einem Professor für eine Kerr-Ausgabe.9 Wir teilten die Arbeit. Als die ersten Bände erschienen, waren die neuen Bände voll von einst schon gedruckten Texten. Die Anmerkungen hatten etwa diese Qualität: »Goethe, Wolfgang, deutscher Dichter, lebte in Weimar«, so ungefähr. Das war der Anfang aller Trennungen. Die gehören in die Verlagsgeschichte. Ich wollte nur berichten, dass es doch schwierig war, wieder darzulegen, dass Kerr mehr war als ein Erinnerungswert. Die Ausgabe der Kerr-Schriften wuchs auf acht Bände. Doch schließlich bei S. Fischer. Weil Argon in der Wende Pleite ging und im Fischernetz landete. (Ich musste Reich-Ranicki zu Hilfe rufen.) Kerr, der S. Fischers Gründer einst tüchtig genährt hatte, hatte eine bösartige, auch lyrische Grummelei mit Thomas Mann. Mann war der neue Hausheilige bei S. Fischer. Aber es klappte.

Ich sehe mit Wehmut auf die acht Bände drüben im Regal. Die Kerr-Geschichte ist damit nicht zu Ende.10 Ich berichte, wenn ich wieder eine Erfrischung brauche.

21. Oktober 2020

An wie vielen der herrlichen Tage dieses rosenblühenden Sommers hat das Schwinden der Hoffnung die Stunden verdüstert, den Lebenswillen verkürzt. Das dauernde Zucken in den Beinen, das auch durch Erhöhung des Anteils von dem Tablettensalat, der morgens zugereicht wird, nicht weichen will, reicht dann schon für die Verdüsterung. Wie froh, er und die Maschine aus Fleisch und Wasser liefen bis zum Abend. Reisedurstig ist man früher in den Tag aufgebrochen – warum schreibe ich immer »man«, wenn ich »Ich« meine –, und die Biomaschine aus Fleisch und Wasser lief bis zum Abend und machte selbst am Abend »noch einen drauf«. Also so eine Formulierung, die mir eben in den Schreibcomputer läuft, hätte man vor wenigen Jahren noch nicht aufs Papier gebracht. Man / Ich dachte immer sehr hoch von dem Wunderwerk, das der Mensch ist, aber nun, wo es dauernd heißt: »Sie müssen mehr trinken, mindestens zwei Flaschen am Tag«, lernt man anders begreifen. Das Selbstverständliche wird ungewiss, das Klare undeutlich. Das Gewisse fraglich, der Gang wackelig. Selbst mein Orthopäde, der hilfsfreudig Schmerzen im Bein mit Telefon-Diagnose wegkriegt. Formel: »Wasser trinken!« Es hilft, man muss aus solchen Stimmungs-Heimsuchungen erlöst werden, sonst trudelt man in die Abgründe herbeigedachter Selbstvernichtung hinab. Man hat dabei schnell ein ganzes Paket von Möglichkeiten, man malt sich aus, wie – vier Vorstellungen brennen in mir, ich wage sie nicht zu benennen. Der Sturz kopfüber, dass unten das Genick bricht, ist noch das Friedlichste. Da hat die Möglichkeit die Hoffnung, dass der Hals bricht. Es gibt wollüstige Gedankenspiele der Selbstvernichtung. Vorsicht mit den Wörtern, die das Ende hart benennen.

Thomas Bernhard brachte die »Selbstauslöschung« in Umlauf, er hat die Sünde aus dem Wort genommen, er hat selbst nah am Tod gewohnt. Wenn man ins Nachdenken kommt, was das Leben, was der Körper ist und die Regungen und Empfindungen in diesem Paket aus Fleisch und Wasser, kann man das Thema nicht länger unterdrücken. Es drückt sich hoch durch alle Fröhlichkeit. Warten wir, wann es kommt, wiederkommt. Es hat sein eigenes Erfolgsbedürfnis.

21. Oktober 2020

Ich war wieder auf der Strecke. Das sind die hundertfünfzig Meter vor meinem Haus nach links, leicht ansteigend, und zurück sind dreihundert. Wenn ich das viermal »auf drei Beinen« mache, habe ich gut tausend Meter, 1200 Schritte. Abends mache ich das mit Dumitru. Im Karree gehen ist eben mein Bewegungsraum. Allein wage ich’s nicht mehr. Wie entdeckten wir die Wege durch den Wald, als wir vor vierzig Jahren hierherzogen, liefen in die Taunusfelder, zwei, drei Stunden. In den Ferien im Schwarzwald einmal sogar sieben Stunden, oben in Saig, wo Benno Reifenberg, Friedrich Sieburg und der skurril wunderbare Herbert Küsel nach dem Krieg die anspruchsvolle Die Gegenwart machten, die später in der F.A.Z. aufging, weil deren Gründer Erich Welter unbedingt Sieburg einkaufen wollte. Die Weite der Wege bezeichnet noch die jeweilige Lebenskraft. Wie lange ging ich noch über das Viereck oben am waldnahen Sportplatz. Ich habe da Kraft geholt, Gedanken, Einsichten gefischt in die Geschichte. Wege schrumpften fast auf null, wie die Arbeit am Band. Der Weitblick von einst reicht noch für fünf geparkte Autos am Straßenrand.

Als ich also vorhin von der »Strecke« heimkam, dachte ich an den gestrigen Fernsehbericht über Magellan, den Seefahrer, der sich durch die wilden Wasser am Ende von Südamerika, wo die beiden Meere zusammenstoßen, durchbiss. Ich war mal da unten im Süden Chiles, Vortrag Goethe-Institut, über das neue deutsche Theater, es war in der Spitzenzeit von Peter Steins »Groß und klein« und »Orestie«. In Chile. Welche Strecke. In der Wand meiner Bücher vor mir steht Stefan Zweigs Biographie über Magellan. Wollte ich immer lesen. Ich habe so viel Ungelesenes mitzunehmen, wenn ich ins Jenseits abreisen muss. Ich trauere jetzt schon um meine Bibliothek. Sie enthält so viel Vergangenheit. Von Kin Ping Meh und Homer und Anaximander an und mit Hebbel, Ibsen, Strindberg ist es noch nicht zu Ende. Alles gesammelt, geordnet für den Ruhestand, der erst jetzt von den Augen erzwungen wird. Schleefs Tagebücher waren das letzte Satz- und Schmerzgebirge, das ich durchkletterte. Was war das letzte, was die Augen lasen? Nochmal »Frau Jenny Treibel« von Fontane. Auf dem Nachttisch liegt seit fünf Jahren Handkes »Tage und Werke«. Das Lesezeichen sagt nach zweieinhalb Seiten, hier könntest du weiterlesen. Es liegt nicht nur am Können. Wenn früher, als ich noch geselliger sein konnte, Besucher kamen, war immer die erste Frage: »Haben Sie das alles gelesen?« Ich sagte dann oft mit ernstestem Ton: »Natürlich nicht. Ich vertraue auf Osmose.« Das war nicht nur ein Scherz. Es gibt sowas. Man lebt mit Büchern zusammen und hat oft das Gefühl, ich weiß, was da drinsteht, obwohl man vieles noch nicht einmal durchblätterte. Anscheinend bin ich ein Sammler. Es gibt einen Bildungstrieb, der sich durch Sammeln befriedigt. Vielleicht bin ich so einer. Vierzig Bände Strindberg, die ganze lange Gelbe Reihe. Sicher bin ich so einer. Sicher hat mich auch das Theater der schönen und gelehrten Literatur entzogen. Als ich die Theaterintendanz in Frankfurt begann, da war ich noch jung, erst 61, und hatte mich in dem vornehmen Club in der Siesmayerstraße einzuführen in die Frankfurter Gesellschaft. Vortrag, Diskussion. Es wurde bald sehr belebt, denn Fassbinders »Der Müll, die Stadt und der Tod« war angekündigt. Ich wurde des Antisemitismus verdächtigt. Ein Satz hält sich in meiner Erinnerung. Er kam von Frankfurts zu rühmendem Buchhändler Cobet. Er war ein fast übergelehrter Mann. Er konnte sich nicht enthalten zu konstatieren, ich sei »partiell dumm«. Ich konnte ihm nicht widersprechen. Mich hat ein Leben lang das Verlangen nach mehr an Tun und Wissen, nicht nach Geld getrieben. Mich treiben die Defizite. Ich sah vor mir immer zu begehende Strecken. Ich denke an Magellan. Die meine beträgt jetzt viermal dreihundert Meter, zweimal täglich. So nimmt man auch Tabletten.

23. Oktober 2020

Kurz nach zwei heut Nacht hat mich wieder die Wut gepackt: kein Wecker hat das bisher vermocht. Der jetzt zum fünften Mal. Freilich nicht kurz nacheinander, mit einwöchigen Ruhepausen dazwischen, also anscheinend kalkuliert. Dieser Wecker hat anscheinend einen Wecker drin, der ihn weckt. Es ist der sechste, den ich in den letzten fünf Jahren erhalten habe. Der erste war ein ganz graziles Ding, aber eines Nachts, unverstellt, plötzlich so laut, dass ich ihn im Erwachungsschreck vom Nachttisch warf, sodass seine zarte Glashülle zerbrach und der große Zeiger ausklinkte. Dann bekam ich einen Wecker alter Art, großes Zifferblatt, zwei Silberglocken auf den runden Schultern mit einem Schlegel dazwischen; wenn der losraste, musste man raus. Das nächste Modell war ein geschmeidig formschönes Produkt mit leuchtenden Ziffern. Er musste mich nur einmal wecken, ehe die Leuchtleiste brach. Dann als Ersatz ein Kunststück der Technik. Schwarz mit vielen Tasten, schwenkbarem Leuchtstrahl, der an der Zimmerdecke in Rot die Uhrzeit anzeigte. Man musste sich also nicht mehr drehen, halb aufstehen. Eine Erfindung außergewöhnlicher Art. Ich musste ihn, ohne sein Weckwerk benutzt zu haben, ersetzen, weil ich die Zahlen an der Decke nicht lesen konnte. Das war das erste sichere Zeichen, dass meine damals noch nicht ahnbare, jetzige Augennot begann. Man brachte mir den fünften. Schon bei der ersten Ansicht waren die Zahlen zu klein. Als sich so die Schwierigkeiten der Beschaffung und Nutzung von Weckern erwiesen hatten, haftet jetzt nachts leuchtend auf der ausgeschalteten Heizung im Schlafzimmer die ultimative Uhr, die sozusagen heimlich, also in sich, eine Nachtbeleuchtung enthält. Die Zahlen, die die Zeit bedeuten, jede zwölf Zentimeter groß, sind weit sichtbar noch hinter dem leeren Bett, dem von Margret einst.

Wir alle haben in uns eine innere Uhr. Man kann schätzen, erfühlen, wie weit der Tag, die Arbeitszeit rum ist, wann die immer goldgekämmte Judith Rakers ihre Abendnachrichten beginnt. Wenn die Zeiten der inneren und der äußeren Uhr identisch sind, gibt es Glücksgefühle, wie gut, wie treffsicher es funktioniert hat. Man fühlt sich einen Augenblick als Herr der Zeit. Man, ich empfinde das auch schmunzelnd einverständlich, wenn der Wecker mir wohlgesinnt ist oder gar kokettiert, wenn er gerade die gleichen, sofort aufeinander folgenden drei oder vier Zahlen präsentiert. 12:34 Uhr zum Beispiel gibt es einmal am Tag. Das beim Aufstehen zu treffen ist schwierig, aber kommt vor, Glücksmomente. Ich spiele nachts gern mit diesen Zahlen. Aber der grimmige Zorn von heute Nacht kam daher, dass um 2:40 Uhr der Wecker 03:40 Uhr anzeigte. Wollte der mich ärgern, auf den Arm nehmen? Da kommt man auf die grundlegende Frage: Braucht man mit 96 noch einen Wecker? Muss man noch zum Flughafen, Bahnhof, Taxi? Zur Frühkonferenz um acht? Ach so, gestern Abend sagte meine Rumänin, bevor sie ging: »Nehmen Sie morgen früh die neuen Tropfen, stellen Sie sich den Wecker.«

23. Oktober 2020

Ich war immer ein wacher Mensch, schlief gern und gut, war aber ruckzuck auf. Mich hatte die Lust am Buch gepackt, an einer eigentlich unmöglichen Arbeit. Aber morgens um halb fünf war’s aus. Ich hatte Zeit bis Viertel nach sieben. Da musste das Frühstück fertig sein, die Frau musste zur Schule. Dann war noch mal frei für zwei Stunden. Um zehn dann ab in die Redaktion. Warum fällt mir das jetzt ein? Ich führte mich eben vorsichtig die Treppe hinab, sie ist breitstufig, bequem zu gehen – man grübelt immer, ob man da stürzt und mit welchen Folgen –, um zu schreiben, wie dieser dunkle Morgen die Schlafsucht verlängert. Und da setzt man sich hin und schreibt was ganz anderes. Der erste Satz ist wie ein Startschuss. Warum so anders auf einmal. Weckt die Treppe, löst sie die Glieder? Ich bin seit Tagen schwanger vom Verlangen, was anderes zu schreiben, wo man keine Studien braucht, die Augen nur für die Tasten wach sind. Das Verlangen nach aktiv sinnvoller Arbeit plagt einen also bis ins hohe Alter. Da fällt mir der Anfangsanfang von allem ein. Das ist überraschend neu, was da kommt. Viele haben gerufen, aber ich habe mich immer gewehrt gegen eine Biographie. Ich war mir nie interessant, oder nur soweit, mir neue Aufgaben und Themen zu suchen, um mich am Schreiben zu erkennen. Jetzt, wo es nichts mehr zu tun gibt, die eigene forschende Arbeit aufgegeben werden muss, drängt sich Erinnerbares wieder in den Kopf.

Also morgens halb fünf. Ich war fünf Jahre bei der Zeitung, meine Theaterkritiken wurden häufiger, eines Tages kam ein Anruf von Rudolf Hirsch, damals Direktor vom S. Fischer Verlag. Hirsch war ein hochgebildeter, zarter, leiser Mensch, schwärmend hingegeben an Hofmannsthal.11 Er wollte von mir ein Panorama des modernen Theaters, eine Sammlung von und für Theatrasten. Ich wollte nicht. Theater hat für mich mit Theorien nichts zu tun. Man kann im Methodischen streiten. Es gibt keine Theorie des Theaters, außer was es ist: Spiel. In den höchsten Momenten ein Schöpfungsakt. Die Zuschauerlust, Geber und Empfänger. Mit Theorien kommt man nicht an die Lebenskraft des Theaters. Ich machte Hirsch einen anderen Vorschlag. Ein Buch zu machen über das Theater der Zwanziger Jahre. Man sagte damals noch »Goldene Zwanziger Jahre«. Die waren nicht golden, glänzten nur manchmal so. Hirsch war ein Kind jener Zeit. In diesen zwanziger Jahren zerbrach das Jahrtausend. Die alten politischen Reiche, die Kirchenmächte, Glaubenswelten waren zerbrochen, man suchte Bauteile für eine neue Welt. Ich war mittendrin in diese Welt gekommen, ich schrieb jetzt Kritiken in der wichtigsten Zeitung, ich musste wissen, was geschah, wie man reagierte, wie man schrieb. Ich stürzte mich in diese Arbeit. Das daraus entstandene Buch ist ein Denkmal einer kurzen Epoche geworden. Damals setzte sich in mir fest, was mich dann begleitet hat bis heute, der Zusammenhang von Theater und Zeit.12 Egal wie es ist, es entsteht aus der Zeit für die Zeit. Deswegen morgens halb fünf. Wenn ich jetzt um halb fünf wach werde, zähle ich die Stunden, die ich noch schlafen kann. Und nach dem Frühstück kommt noch der Morgenschlaf. Lebensmüdigkeit ist auch eine körperliche Wahrheit.

26. Oktober 2020

Ich war im Beruf immer im Betrieb, Zeitungsmenschen kennen kein ruhiges Wochenende. Veranstaltungen, Termine, Sonntagsdienst. Ich war immer froh, wenn ich mal allein war. Das Alleinsein jetzt ist eine Plage. Sind allein und einsam identisch? Bin ich einsam und / oder allein? Ich werde dem nachspüren, aber nur keine Grübelei. Grübeln zerfrisst einen. Ich lechze nach Aufgaben, aber wo gibt es die noch. Mir fehlt meine Arbeit jeden Tag mehr. Mein Text der Theatergeschichte, den ich abgeben musste, hängt noch im Computer. Ich musste heute zum sechsten Mal aufgeben, ihn zu lesen. Die Vergrößerung auf 28 Punkt hält man nicht durch. Das Erkennen strapaziert Augen und Hirn. Ich muss selbst die Versuche aufgeben, den Buchstabensalat, den ich hier im Drauflosbenutzen der Tasten anrichte, zu kontrollieren. Ich spür jetzt auch schon eine sich einschleichende, eine wachsende Scheu, einige der fertigen Stücke noch mal zu lesen. Die Selbstkritik ist erbarmungslos, sie verlässt einen nicht, und vorgelesen werden meine Sätze sicher andere, als sie geschrieben sind. Ich nannte sie abgekürzt TGIII. Ich möchte jetzt rufen, laut, dass es hallt: »TGIII, komm zurück.« Auch das Begriffene schmerzt. Die Sache ist in guten Händen. Ich bin auf der Suche nach Zufriedenheit und Heiterkeit. Vielleicht finde ich morgens etwas, was den Tag leicht macht.

27. Oktober 2020

Jetzt bin ich entsetzt, die besseren Gefühle sind dem Erschrecken gewichen. Ich bin an meine bisher geschriebenen Texte geraten, mache Stichproben, ob man das so machen kann, hoffte auf Bestätigung. Ich habe versucht zu lesen und viele Sätze und Wörter nicht mehr verstanden. Die Augen dicht vor dem Bildschirm, um noch was zu erkennen, und ich erkannte, dass das Drauflosschreiben manche Texte zum Gestrüpp macht. Cora war heute Morgen da und sagte, sie nimmt die Ausdrucke mit und korrigiert oder schreibt neu. Ich kann ihr das gar nicht zumuten. Ich bin auf mich selbst zurückgeworfen. Der Verwirrer flotter Sätze bin ich. Das heißt: Mein lebenslang geübtes Zweifingersystem, das in den gut siebzig Jahren zigtausend Sätze von mindestens 900 Kilometern Länge hingetippt hat, ist nicht mehr treffsicher. Selbst wenn die Finger nicht zittern, ich hau daneben. Statt einem G ein F oder ein H oder V oder ein T. Jeder Buchstabe hat mindestens zwei, meistens vier Nachbarn. Ich werde ein Hersteller von Wortsalat.

28. Oktober 2020

Vorgestern musste ich doch den Sohn von den lieben Nachbarn zu Hilfe holen. Er ist wohl Ende 30, fährt gern Motorrad, ist Lehrer in der Fachschule, Optiker, aber mit Computer-Kenntnissen. Gestern kam er, ordnete und führte mehrere Dateien auf einen Stick. Der Lektor im Verlag wollte den Text von einem Band. Der kam gerade, als auch Dumitru mit seinem Sohn kam, der ist elf. Als der Optiklehrer das Problem probierend löste, stand Rares mit ruhigem Gesicht daneben. Er war nahe am Weinen, sagte seine Mutter tags darauf. Er hätte sich so gerne hilfreich gezeigt.

Wenn ich zusammenzähle, arbeiten jetzt schon vier Generationen an dem Support, der sich mir jetzt immer schneller entzieht. Drei davon sind schon Nachwuchs. Zwei haben die Anfänge des Digitalen Zeitalters nicht mehr erreicht. Ich sitze bei den Hilfsaktionen staunend dabei und wundere mich, was sie draufhaben. Bewundere das Tempo ihrer tastendrückenden Hände, staune, was sie alles machen, und dass der Apparat all das kann, was sie aus ihm herausholen. Ich spüre, sie leben schon in einer anderen Welt, obwohl wir noch beieinander sind. Eins habe ich aber allein. Ich weiß noch, wie alles anfing. Vor gut 50 Jahren kam Kollege Held aus Silicon Valley in die Redaktion zurück und verkündete uns Ungläubigen die Verwandlung, die jetzt Wirklichkeit ist.

28. Oktober 2020

Nun ist schon Ende Oktober und ich lebe noch immer. Sogar klarer als im August. Damals war jede Stunde zu viel, ich dachte nur an Schlussmachen. Die Frage, wie ich das mache, hat die Gedanken beherrscht, da ich keine letalen Tabletten bekam. Da nach dem Karlsruher Spruch zur Sterbehilfe keine Hilfe zu erwarten war, kam ich am Ende auf elf Methoden der Selbsthilfe: Mit Stürzen, Stichen, Schnitten, Stricken, Ertränken, den Gashahn vom Grill, Ersticken, Verhungern, und die Überdosis Blutdrucksenker. (Ob das ging?) Es gab mehr Möglichkeiten, als man dachte. Ich musste oft an Adalbert Stifter13 denken, in dessen beruhigte Welt auch der Schnitter eintrat, der er dann selbst war.

Der im August selbstgesetzte Termin ist vorbei, ich gehe jetzt wieder stockgestützt, freilich durchs Dorf nicht mehr durch, sondern vorm Haus, 200 Schritte nach links, dann nach rechts. Es geht gut, erfrischende Schritte. Gestern war Cora da. Sie schaut einem zuerst in die Augen, ob ihr Weiß noch oder wieder klar ist. Bessern kann sie sie nicht, aber sie zog meine Hände auf ihre Brüste. Sie hat das gern. Ich denke dann immer wieder an die lebenstapfere Marieluise Fleißer. Der junge Lion Feuchtwanger war ihr Liebhaber, damals, Anfang der zwanziger Jahre, bevor sie in Brechts Hände fiel. 1970 übernahm ich auf Unselds Ruf die Ausgabe der Fleißerschen Werke14 – die Fleißer wurde damals auch mit Fassbinder, Kroetz und Martin Sperr in Ingolstadt zusammen präsentiert – und wie das Gespräch so ging, fragte der Brecht-Verleger Unseld in seiner stets tätigen Neugier, wie Brecht denn so im Bett gewesen wäre. Die Antwort war kurz, also sachlich. Aber dabei erzählte sie, dass der liebe Lion immer von ihrem jungfräulichen Busen als »dem schönsten in Mitteleuropa« gesprochen, ja geschwärmt habe.

Ich merke jetzt, es ist beim Schreiben wie im Leben: die erotischen Sachen kommen einem immer dazwischen. Ich wollte eigentlich sagen, ich bin unverhofft gestärkt, es ist wohl ein Zwischenhoch – aber wieder allein. Ich muss mir die Tage selbst füllen, suche also vielleicht doch mit mir nach mir. Die neuesten Fußball-Ergebnisse auf dem Abendspaziergang mit meinem treuen rumänischen Betreuer reichen dann doch nicht aus.

Zarte Roulade, mit herrlichster Soße und Kartoffelpüree, vorsichtig auftauen und nachher im Backofen heißmachen. Ich hatte auf Ober- und Unterhitze statt auf Auftauen gedreht. Mein Auge erkennt die Striche nicht mehr und mein Kopf hat die Striche noch nicht eingeübt. Die Roulade war ein einziges hartes schwarzes Etwas. Ich musste das Festgebrannte mit dem Messer abkratzen, war gerade dabei, den heißen Teller einzuweichen, da kam Dumitru und half meinem Suchen nach Ersatz aus der Patsche. Es war noch da, ein Stück vom Wiener Schnitzel, kalte, gekochte Kartoffeln. Er brauchte zwei Anläufe, bis es essbar warm war. Danach der Rest von der Roten Grütze. Dann öffnete Dumitru, es war sein 20. Hochzeitstag, die blaue Dose vom Hochzeitsfeierkuchen. Seine hübsche Frau, die Krankenpflegerin, ist eine Tortenbäckerin erster Güte, schickte vom neuesten Produkt, Sahne mittendrin, ein Stück mit. Ich sollte es unbedingt versuchen. Jetzt liegt mir alles im Magen und drückt mir die erdachten Gedanken aus dem Kopf.

29. Oktober 2020

Ich hab’s gerade noch geschafft, es fängt an zu regnen, ich war mit der umstürzenden Frage beschäftigt, was besser, richtiger ist: immer die 1200 Schritte zählen oder was ganz anderes denken. Noch kann ich sagen, es kommt auf die Tagesform an. Die Erfahrung habe ich erlebt. Aber irgendwann wird man, werde ich stürzen und um Hilfe rufen und was dann? »Carpe diem« hätte ich beinah geschrieben, und schwupp hörte ich wieder die froh springende und schwingende Stimme, die Gedichte von Horaz ins Zimmer sprach. Ich hatte eine alte, wieder ausgegrabene Schallplatte aufgelegt, habe ja immer noch das stammelnde Latein aus der Lateinstunde im Ohr, aber das hier war lebendig, wie auf einem römischen Gelage. Ich war plötzlich im alten Rom. Ich verstand nichts, aber erlebte eine römische Viertelstunde, wie gestern, als ich Heidegger hörte, langsam jedes Wort setzend (Bodenständigkeit, Atomzeitalter), wie ein Prediger, jedes Wort aus dem Satz genießend. Letzte Woche überraschte mich Thomas Mann. Er sprach seine Erzählung »Herr und Hund« zum Teil ganz aufgeregt, als läse einer die gefährlichste Passage aus »Sherlock Holmes«. Er steckte die ganze Aufregung in den Vortrag. Ich hielt ihn immer, weil er so lange Sätze schrieb, für einen denkenden Redner. Hier verschwand das sicher feinsinnig Erdachte in einem ganz fremden Ton. Ich habe mir einen ganzen Stapel solcher Schallplatten aus dem Schrank holen lassen, Josef Pieper, Elisabeth Langgässer, von Stefan Andres »Wir sind Utopia«. Und sechs Platten von Gert Westphal. Er war ein edler Sprecher, es war seine eigentliche Karriere. Ich kannte ihn als Schauspieler aus Bremen. Gepflegte Form der fünfziger Jahre, traf wieder auf ihn im Zürcher Schauspielhaus. War dort höchst beliebt, bis 1970 Peter Stein kam. Es muss ihm damals, wie vielen anderen, das Theater zusammengebrochen sein. Als er meine Kritiken las, schrieb er an die Herausgeber der F.A.Z. über den neuigkeitssüchtigen Herrn g. r. Es wirkte – die F.A.Z. hatte eine teilweise sehr konservative Mannschaft – lange nach. Ich bin gespannt, wie lange ich das Stimmen-Museum aus den fünfziger Jahren aushalte. Man treibt in die Zeit wieder, der man entkommen ist, besser: aus der man sich herausgearbeitet hat.

30. Oktober 2020

Schmerzpunkt des vorgerückten Alters: »Du hättest zehn Jahre früher anfangen müssen«, spricht es in mir. Das »Zu-spät« war früher der Brennpunkt großer dramatischer Werke. Die Stückeschreiber von heute kennen das nicht mehr.

Auch im Internet gibt es Umleitungen. Man lernt noch immer dazu, aber kann es selber nicht mehr nutzen. Bernd Feuchtner, der mir vorletzte Woche sein neues Buch über die Oper des 20. Jahrhunderts schickte, schwer wiegt es in der Hand, bedankte sich für meinen Dank, den Cora nach Diktat ihm schickte. Ich hatte ihm berichtet, dass ich das Werk nicht mehr lesen, nur noch durchblättern könne. Er schrieb zurück, dass ihn meine Reduktion sehr getroffen hätte, erinnerte an die gemeinsame Arbeit in Berlin, gleich nach der Wende, und was man früher für Schmus gehalten hätte, und das in dem Satz endete vom besten Chef, den er hatte. Das war wie ein Echo aus dem grünen Urwald des Lebens in mein vertrocknetes Dickicht, in das ich geraten bin. Je dicker das Schweigen um einen wird, desto mehr kommt man ins Sammeln solcher Sätze. Man hält Ausschau nach Zeichen, dass man doch noch in der Welt ist.

31. Oktober 2020

Ich warte jetzt auf eine Antwort vom Verlag. Ob, was und wie die Dinge ruhen oder in Bewegung sind. Ich muss mich selber bremsen, damit das Tempo des Wartens nicht zu hoch wird. Dabei bin ich früher, wenn ich nach Zürich oder ins Theater musste, gern schnell gefahren, auch mal zweihundert. Das war vor 50 Jahren, da gab es den »Raser« noch nicht, wenigstens nicht als Begriff. Aber die Autobahn war nachts auch noch leerer. Damals war das noch eine Lust; wenn ich heute daran denke, spüre ich die Gefahr und mein Glück, dass ich heil angekommen bin. Auf der Fahrt von Bochum – wohl nach Hagen – hielt ich einmal an einer Tankstelle. Da kam mein Hintermann und sagte: »Wissen Sie, dass Sie hinten platt sind?« Der Schreck war groß und sitzt bis heute in mir. Das Tempo hatte den platten Reifen wohl gehalten. Mein Gott, was einem wieder einfällt, kommt man mit einem Wort auch nur in die Nähe ehemaliger Begebenheit. Als würde plötzlich hier einem Gefangenen das Tor des Verlieses geöffnet. Dabei wollte ich doch ganz anderes in die Maschine geben. Nennt man das auch Eingebung? Ich wollte nur noch vermerken, dass unter den Grüßen, die mich jetzt erreichen, doch öfter angemerkt wird, man habe viel von mir gelernt. Das überrascht mich heute noch. Ich habe das nie erwartet, dass von mir was zu lernen sei. Ich fühlte mich selbst immer als Lernender. Wenn ich mal deuten sollte: ich suchte, ohne zu wissen, nach dem Geheimnis des Theaters. Das muss es doch geben, sonst wären nicht so viele vernarrt oder nur beschäftigt mit Theater. Ich glaube, es hat mich einfach angezogen, angesogen, obwohl ich immer noch meine, ich gehöre anderswohin. Nennt man das Magie?

31. Oktober 2020, abends

Ich muss dem doch mal nachgehen. Die Frage »Wie kamst du zum Theater?« habe ich immer wieder weggesteckt. Das Seltsame ist, wenn ich an die Anfänge denke, sehe ich immer eine Figur aus Zuckmayers »Der fröhliche Weinberg« auf dem Misthaufen stehen, der in unserer Bäckerei prächtig vor unserem Küchenfenster lag. Wir hatten zwischen Backofen und Scheune einen umbauten Hof, der umgeben war von Küche, Misthaufen, Aschenkammer, Plumpsklo und dem Stall für zwei Schweine und das Pferd, unsern Max. Daneben lag die große Scheune und die hohe Bodenkammer für das Mehl. Auf dem Misthaufen sehe ich immer Zuckmayer. »Des Karlche«, wie wir Zuckmayer immer nannten, hatte in der Figur des Knuzius sicher einen künftigen Nationalsozialisten hingestellt, um ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Auf unserem Misthaufen stand er nie, aber ich sehe ihn immer noch dort. Ein Beispiel über die Nachwirkungen eindrucksvoller Vorstellung in unserer lebenslangen Erinnerung. Richard Weichert war damals der Hauptmann des Frankfurter Schauspiels. Regisseur. Der Berliner hatte einen prachtvollen Humor. Er hatte in Frankfurt in den Zwanzigern und wieder in den fünfziger Jahren mehr Glück als zwischendurch in Berlin. Meine Erinnerung jedenfalls ist merkwürdig, aber wie ich nun in meinem Kopf krame, mit dem Mist hat es was zu tun. Ich entdecke jetzt, 90 Jahre später, dass ich zuallererst ein reisendes Kasperltheater auf dem Marktplatz gesehen habe. Das muss mir viel Spaß gemacht haben. Wenn ich bei meinen zwei Kaninchen im Hof saß, sah ich oft verträumt auf den überdachten Steg hinauf, der von der Wohnung im ersten Stock über den Misthaufen zum Plumpsklo führte: Auftritte von links aus der vermieteten Wohnung, selten von rechts. Ein Teufel war dabei, aber wohl kein Drache. Später ist mir mal aufgegangen, dass das Theater über dem Klo hinüberliefe. Da spielte meine Phantasie Kasperltheater. Ich sehe den Karl jetzt selbst noch vor meinen dämmernden Augen. Auftritte von links aus der vermieteten Wohnung und rechts. Ein Riese war dabei, auch Räuber, Kasper kam immer davon. Wenn ich das heute sehe, war mein Theater schon ein Überbau, eine Gegenwelt, gegen die dampfende Wirklichkeit. Zuckmayers Knuzius auf dem Misthaufen vor der Küche: das kleine erspielte Weltbild geht mir nicht aus dem Kopf.

November 2020
2. November 2020

Aber das kann’s nicht gewesen sein. Vielleicht der noch unbewusste Boden, auf den dann das Feuer fiel. Ich war acht, als Alwin Kronacher in Frankfurt die Römerberg-Festspiele gründete. Mein Vater, jetzt im Städtischen Revisionsamt angestellt, holte mich aus meiner verfallenden hessischen Residenz, die Provinz wurde, in die festlich aufgezwirbelte Stadt. Die Innenstadt abgesperrt. In den engen Gassen drängten sich die Besucher. Die Spieler, schon in Rüstung und Gewändern, auch die Pferde. Um halb acht hieß es: »Bitte Plätze einnehmen.« In der Mitte des Römerbergs um den Brunnen der Justitia war eine Tribüne gebaut. Die Fensterlöcher waren voll besetzt. Dann plötzlich ganz Stille, Erwartung, Fanfaren, es ging los. Die Tore unten gingen auf, die Schauspieler kamen. Es gab bald Schlachtgetümmel, mittendrin eine Frau, die später auf hohem Pferd saß, Fahne in der Hand. Man sagte mir, das sei der Einzug in Reims. Sie spielten Schillers »Jungfrau von Orleans«. Mit acht verstand man das noch nicht, aber man guckt und guckte und guckt und ging nach dem großen Beifall später an Vaters Hand aufgeregt nach Hause.

Wenn ich tagsüber allein im Frankfurter Zimmer saß, weil er Firmen revidierte, übte ich auf seiner neuen Schreibmaschine tippen. Zwei Finger, bis heute. Und was fabrizierte ich: Eintrittskarten für mein Theater über dem Misthaufen daheim. Es bestand noch zwei Jahre, die Bäckerei wurde verkauft, damit meine Phantasie. Aber wie sich jetzt zeigt: nicht die Erinnerung.

Die Festspiele auf dem Römerberg sind sicher sowas wie eine Zündung gewesen. Viermal durfte ich zu den Festspielen, die die Nazis schon 1933 als ihre Erfindung ausgaben. Da sah ich Heinrich George. Man sagte mir, wer das war. Während der Schuljahre in Bremen sah ich etliches, aber es blieb nichts, außer dem »Lohengrin« in der Staatsoper, der mir fast fürs Leben, wenigstens bis 82, reichte. Ich weiß heute, was ich da verpasst habe. Danach wollte ich alles einholen. Ich bin noch auf halber Strecke. Die im Schauspiel habe ich dann doch dreimal gemacht. Das Schauspiel hat mich wie ein Geschenk überrascht: Es hat mich getroffen, weil es mich aus meinem Alltag entführte; und dann betroffen, als ich in die Tiefe der Schicksale sah, die es ergründend vor Augen führt.

Ich muss mal weiterdenken. Wann wurde ich zum ersten Mal betroffen? Wenn ich das bedenke, komme ich immer wieder auf Borcherts »Draußen vor der Tür«. Das war bald nach dem Krieg. Das waren genau unsere Fragen in das dämmernde Bewusstsein, in das man kommandiert war, zu sterben. Und dann die großen Inszenierungen im kaputten Frankfurt. Hilperts glänzend bitteres Tableau von Zuckmayers »Des Teufels General«, mit Martin Held als Harras. Ich staunte, wie »Zuck« in Vermont, im Exil, die Göring-Welt gezeichnet hatte. Den Leutnant Hartmann, oder den Saboteur Oderbruch, den die Zuschauer von 1948 noch hassen konnten. Die Diskussionen – nein, ich mache den Deckel auf den Topf. Was kocht da auf: Ich will das alles nicht mehr wissen. 70 Jahre verdrängt. Irgendwo in mir hat das doch überlebt. Ich mache schnell den Deckel auf den Topf.

»Trauer muss Elektra tragen«, »Eines langen Tages Reise in die Nacht«, »Endstation Sehnsucht«. Das waren Nachrichten aus Amerika. Die Welt öffnete sich mit dem Theater. Eugene O’Neill und Tennessee Williams, Giraudoux, Anouilh und Lorca öffneten den Blick. Zehn Jahre dauerte der Strom von draußen. Nie hat das Theater in Deutschland eine so poetische Rolle übernommen. Es waren fast üppige Jahre. Dazu die Literatur von Kafka bis Hemingway. Ich spüre plötzlich die Wohltat der Erinnerung. Darf ich mir noch erlauben, nochmal 28 zu sein? Wird man nicht zornig auf das Altern? Werde ich zornig? Auf das, was mir passierte? Ich kann nicht lesen, was ich eben schrieb. Verdammt noch mal!

3. November 2020

Heute wählen sie in Amerika. Gestern haben sie in meinem Dorf den wärmsten Novembertag seit Aufzeichnungsbeginn gemessen. Ich habe die Männer, die vor zwei Tagen ein paar Straßen weiter Erde aushuben, gefragt: »Was macht ihr?« – Sie antworteten fröhlich: »Das wird ein Parkplatz.« Wieder einer, der vierte im letzten Jahr, den ich sah. Der beim Nachbarn ist gerade fertig. Eine Tierärztin zieht ein, macht das Haus praxisreif, Bedingung vier Parkplätze. Nicht mehr für Kühe oder Pferde, sondern die veränderte Welt. Als ich 1979 hier einzog, war das noch ein richtiges Dorf. Sie schirrten noch ihre Kühe, wenn sie zum Säen oder Ernten aufs Feld mussten. Und zwei Schafherden gab es da noch. Wie oft mussten wir warten, bis die alle vorbei waren. Es war ein lebendiges, meckerndes Schauspiel. Das gibt es jetzt alles nicht mehr. Die Kleinbauern sind leise verschwunden. Vor sechs Jahren wurde der letzte Misthaufen beseitigt, dann starb auch der Henninger, ich nenn ihn mal den Oberbauern, bekannt und tüchtig fürs Dorf. Im Gemeinderat rühmte er sich, dass er mit der Öffnung des Dorfs zur Ansiedlung für die Großstädter ringsum auch das Hochhaus durchgesetzt habe, das jetzt fremd, siebenstöckig dasteht, sozusagen als Zeichen der neuen Zeit. Als wir hier einzogen, gab es im Dorf noch eine Art Supermarkt im Tante-Emma-Format, er hatte alles: Persil, Salzheringe, Nudeln und eine eigene Bäckerei mit einem Bäcker, der sich aufs Brot- und Brötchenbacken verstand. Und auch zwei Metzger. Die Post ist schon lange weg, die zwei Sparkassen und die Volksbank folgten. Von den zwei weitbekannten Gastwirtschaften ist eine, die bekannt war für ihre Schlachtfeste und Gänse, der Straßensanierung zum Opfer gefallen; die zweite kämpft sich in eine Zukunft. Ihr Tanz- und Theatersaal war der Lustort im Dorf. Etwa 1000 kamen, als man den zu früh gefällten Wirt begrub. Die Leute kamen von Frankfurt herauf. Ich berichte, wie ich so merke, vom Verschwinden der alten Welt. Selbst das Lädchen, das neben dem Lotto noch eine Art der Notversorgung auf eigene Kosten unterhielt, musste zumachen. Die Sonntagmorgenbrötchen waren dort noch ein Treffpunkt. Das Dorf ist eine Parkstadt geworden für auswärtig Beschäftigte. Ich war ja selbst ganz früh dabei. Jetzt sind drei Pkw für einen Haushalt keine Seltenheit. Es wachsen hier die Porsches, die Audis und die SUVs aller Bauarten wie früher die Rüben. Ich kann mein Alter messen an den Veränderungen. Das Dorf wächst sich aus zum Städtchen. In der Region bildet sich sowas wie Groß-Berlin. In nochmal 96 Jahren würde ich’s sicher sehen. Ich bin ein Zwischenstück. Die Parkplätze oben im geopferten Vorgarten sind schon Notwehr, um sich künftig ein freies Weg- und Heimfahren zu sichern.

Das Alter, sagt man, macht sich zufrieden mit dem sanften Gefühl, dass man vieles nicht mehr muss. Ich führe noch gern in meine Garage, die leer steht. Ich muss aufpassen, dass sie kein Gerümpelplatz wird. Man hat so viel wegzuwerfen.

7. November 2020

Ich kam gestern an einen prekären Punkt. Abschied von der Universität, mit dem begehrten Titel, der in Deutschland viel gilt, und mit Margret, die ihre Zukunft mit mir verbringen wollte. Sie hat immer gesagt, sie hätte mir aufgelauert, im Hörsaal, Reihe hinter mir. Aber ich habe ihr aufgelauert. Sie war so frisch, munter und immer in diesen Jahren bunt und schick. Sie hatte Stoff aus Amerika von den Telefonistinnen, die sie nachts vertrat, wenn die amerikanische GIs erfreuten. Margret war ein Flüchtlingsmädchen, wie man damals sagte, aus der Tschechoslowakei. Familie mit vier Töchtern, der Vater, Direktor einer Kaligrube, an den Folgen der Haft verstorben, wohnte in einem Ort in Franken, der so war, wie er hieß: »Müdesheim.« Im katholischen Pfarrhaus, einer Art Schloss im Dorf. Ein Wohnzimmer im zweiten Stock, unten die Küche ohne Wasseranschluss. Der Pfarrer, der mich gleich zum Mönch machen wollte, war ein humaner Mensch. Er hatte sicher acht freie Zimmer im Haus. Ich musste die Mutter beim Bettenmachen fragen, ob sie mir ihre Margret gibt. Es vollzog sich alles nüchtern, unzeremoniell. Es wurde aber dauerhaft. Ich wartete damals auf das Rigorosum, übte mich bei der Frankfurter Rundschau, Lokales, ein in den Journalismus, bekam vom Lokalchef immer die Berichte von den Richtfesten zugesprochen, die sich damals, 53, sehr vermehrten – wegen der dort gereichten Rippchen mit Kartoffelsalat. Ich galt als armer Student.

Margret zeigte mir ihre anhängliche Liebe immer neu, wenn ich sie am Schaukasten am Rundschauhaus traf, wie sie die Zeilen zählte von meinen Berichten. Es gab 30 Pfennig die Zeile. Wir wollten und konnten gut miteinander. Als ich im Rigorosum war, saß sie vor dem Prüfungszimmer und zerriss sich vor Aufregung ihre ersten, damals kostbaren Nylonstrümpfe, die der Vertretungslohn waren. Wir standen nun da und fragten, was jetzt? Ich wollte in den Journalismus, brauchte eine Stelle, die damals, noch gab es kein Fernsehen, alle dicht besetzt waren. Ich landete bei einer Wochenzeitung für Vertriebene, die Ost-West-Kurier hieß, und war der einzige »Reichsdeutsche«, wie das damals noch arglos hieß, und musste bald einen »Knüller« schreiben (wie schreibt man einen »Knüller«?) und sah bald, wo ich war. Der Verlagsleiter war der Propagandachef von Henlein im »Protektorat« der besetzten Tschechoslowakei. Ihn besuchte oft der Herausgeber der damals noch beachteten Nationalzeitung. Als ich ein Buch besprach, das Walter Flex nachahmte, gab es einen Knall. Ich wollte weg.

Die verlangenden Augen der wohl nicht ganz glücklichen Sekretärin fühlte ich bald auf mich gerichtet. Ihr Mann war im Krieg Stuka-Flieger, leitete jetzt den Fuhrpark der bürgerlichen Frankfurter Neuen Presse, die damals noch angesehen mutig, auf die Dauer aber erfolglos gegen die aufkommende F.A.Z. kämpfte. Da hatte der Stuka-Flieger eine Stelle für mich aufgetan. Eintreten ins Feuilleton. Ich war am Haupt- und Wendepunkt. Ich muss Schluss machen.

8. November 2020
Anfang als Kritiker FNP 1956

Ich war also im Feuilleton der Frankfurter Neuen Presse. Ein gediegenes Örtchen mit freundlichen Mitarbeitern. Ein gern schäumender, vital wirkender Chef, Manes Kadow, ein poetisch ambitionierter Kollege mit abgebrochenem Studium, Sohn eines Apothekers, der eine verschwommene Liebe zu den Künsten hatte, gelegentlich Gedichte schrieb, verheiratet mit einer rastlosen Studentin, die ihm zuliebe Pharmazie machte, weil er die bestens gehende, stattliche Apotheke am Goetheplatz nicht übernehmen wollte. Sie füllten gewissenhaft, aber ambitionslos die täglichen Feuilletonspalten, sehr gern mit eingeschickten Geschichtchen. Beide liebten das Kino und das Gläschen auf dem Tisch. Der Theaterteil, den Helmut Castagne lange sehr gut begleitet hatte, lief so nebenbei. Es war also angenehm friedlich. Kadow fuhr freitagnachmittags nach Köln, er machte nebenbei das Nachtstudio im Westdeutschen Rundfunk. Da waren sie froh, dass sie mich in die Freitagspremieren ins Theater schicken konnten. Ich hatte noch nie eine Kritik geschrieben.

Vor dieser Nacht vom 9. zum 10. November 2020

Jetzt ist’s mitten in der Nacht. Mich treibt’s um. Ich war gestern Abend im Schreiben angekommen bei der FNP, wollte das speichern, sehe, dass der Anfang auf einem neuen Blatt steht, nichts davor, Leere dahinter. Die Frage kam: »Wollen Sie speichern?« Ich schreibe: »Ja«. Das brachte die Katastrophe. Da war man auf Anfrage positiv und saß in der Verzweiflung. Der ganze vorherige Text war weg, 79 Seiten. Wie krieg ich die wieder? Das »Rückgängig« habe ich neulich aus Versehen aus der Befehlsleiste gelöscht. Ich habe fast eine Stunde probiert, den Papierkorb gewendet, immer kommen nur anderthalb Seiten. Es lief so gut. Über die Anfänge als Kritiker in Frankfurt, Brecht und die Folgen für die Kritik. Das war doch sicher spannend, was ich da schreiben wollte. Jetzt: Text weg. Denken blockiert. War die Fehlleistung symbolisch? Nichts ging mehr. Es ist nicht nur der Text vom Tage weg, bis auf den gedruckten Rest, sondern das Ganze. Ich muss wohl aufgeben. Ich sehe, dass ich immer untauglicher werde. Bisher war mir der Computer eine Nothilfe. Jetzt finde ich noch nicht einmal mehr die Datei »Dokumente«, wo ich bisher so viele verlorene Texte wiederfand. Noch erkenne ich ja die Buchstaben auf meiner großen Tastatur. Aber ich beherrsche sie nicht mehr. Wieder ein Anfang im Verschwinden des Könnens.

10. November 2020

5 Uhr 20 zeigte der Wecker. Ich halte es im Bett nicht mehr aus. Zum ersten Mal. Ich spüre seit Tagen, dass mein Schlaf dünn wird. Ich hatte immer einen klaren tiefen Schlaf, nach den Unterbrechungen nachts schlief ich sofort wieder ein. »Freu dich, dass du so gesund schläfst«, sagten die Freunde. Ich spüre, auch das geht zu Ende. Diese Nacht war ein einziger Kampf, eine steigende Unruhe, fünfmal den Schlafanzug gewechselt, geschwitzt, die Decke wieder zurechtgezurrt. Ich habe schon lange die klassische Schlaflage eingeübt: auf dem Rücken, den Kopf gut gestützt, die Arme längs an den Seiten. Mindestens fünfzehnmal habe ich mich herausgeschleudert, auf die Seite, in die Babystellung. Auch das half nicht mehr, war sonst immer todsicher. O, warum plötzlich dieses Wort. In der Halbschlafquälerei dieser Nacht kam wie natürlich das Verlangen nach dem Ende wieder auf. Ich dachte sogar an die Hilfsinstrumente in der Küche. Und fragte mich, ganz gegen meinen Willen, warum macht man das nicht? Noch nicht? Dann wieder zugedeckt, wieder aus dem Halbschlaf gehustet, im Rachen oben links juckt eine besondere Art von Schleim, der will raus. Man wirft sich rum, immer wieder auf den Mausarm, der nach ein paar Minuten wehtut, selbst das Dämmern zerstört. Man ist selbst das Ereignis dieser Nacht. Sitzt die Unruhe nicht im Gehirn? Ich musste jetzt runter und das hinschreiben. Die Sätze sind frisch vom Fass. Komm ich so frei von der Zappelei dieser Stunden? Jetzt wird auch mein Schlaf krank. Man wartet, dass die Nacht endlich vorbeigeht. Man wird müde in den bald grauenden Tag gehen, der selbst nichts anderes hervorbringt als den Wunsch nach einer guten Nacht. Ich gehe jetzt wieder rauf und fühle schon jetzt, wie es wieder wird, eine feuchtwarme Wälzerei. Wie kriegt man die alles registrierenden Ungeduldssätze aus dem Hirn, die so tun, als wären sie Gedanken. Die Nacht dauert noch fast drei Stunden.

10. November 2020

Ich konnte gestern Nachmittag nicht weiterschreiben, obwohl ich wollte. Ich wurde gebremst, weil ich mir sagte: O, nicht weiter, gehört das ins Tagebuch? In der Nacht drauf brach ein anderes Stück aus der verdrängten Erinnerung. Es war im Halbschlaf, ich war beim Entwässern, da stand ich auf einmal in Oberallmannshausen, klingle an dem großbürgerlichen Haus, es öffnet ein alter Mann, schmal, wacklig, stockgestützt. Das war jetzt Hanns Johst, ehemals eine hohe Figur bei Hitler, Reichsschrifttumsleiter, beinahe Intendant des Staatstheaters in Berlin, der jung Expressionist war und dabei, als 1919 die Expressionisten nach dem Neuen Menschen riefen. Sein Stück »Der Einsame« war eines der Ereignisse jener Tage. Deswegen war ich jetzt hier. Es war wohl 1970, als die Studenten im Land ihre Revolte einübten. Ich machte eine Edition, die später »Zeit und Theater« hieß.15 Ich wollte mit Johst über seine Anfänge sprechen. Er führte mich ins Zimmer und deutete auf einen Stuhl: »Setzen Sie sich da drauf. Da hat mal der Brecht gesessen.« Die beiden Jungdichter waren damals in einem anscheinend freundlichen Clinch. Er schrieb gegen Johst die Geschichte vom Heimkehrer Kragler, aus der »Trommeln in der Nacht« wurde. Brecht lebte für den alten Johst in dem Zimmer. Ich war viele Jahre später nochmal in Oberallmannshausen, Rudolf Noelte lebte dort. Er sollte mir für Frankfurt »Vor Sonnenuntergang« inszenieren. Es wurde nichts daraus, aber die Sache mit dem Stuhl kannte er. Sie sind sich wohl begegnet. Aber aus der Stunde mit dem alten Johst behielt ich etwas, was mir heute Nacht erschien. Er war wohl früh in der Partei. Er sagte: »Wir redeten viel vom Volk, wussten aber nicht, was das Volk war. Deswegen haben wir die Parteitage eingerichtet. Da stand es vor uns, geordnet und einheitlich.« Irgendwo habe ich das schon beschrieben, vor 50 Jahren. Jetzt überstürzt es mich noch immer. Ich sah mich plötzlich, ich war in der neuen Uniform zwischen Frankfurt und Darmstadt auf dem Damm vor einem Wald aufgereiht, ich war »Jungvolk«, hintransportiert, weil »Der Führer« den ersten Teil der Autobahn einweihte. Als er nach langer Zeit ankam, schrien und riefen wir »Heil« und wurden dann wieder heimgefahren. Mich schauderte plötzlich. Ich sah, als wär’ es derselbe Tag, Jahre später, auf dem Osterdeich in Bremen, hinter mir mein »Fähnlein«, drei Züge zu 40 Mann, Gleichschritt, die »Blauen Dragoner« singend. »Herr, lass uns stark sein im Streiten / Dann sei unser Leben vollbracht.«16 Ich war fünfzehn, die hinter mir zehn bis zwölf. Was wurde mit uns gemacht, was habe ich da mitgemacht. Nennt man solche Stürze in die Nacht »Heimsuchung«? Es wurde mir kalt, ich fror bis in den Morgen. Ich suche mich, indem ich’s hinschreibe.

10. November 2020

Jetzt fang ich zum dritten Mal an, immer rutschen die Sätze weg. Draußen ist ein trüber, kalter Tag. Im Haus alles wie vernebelt. Ich hatte geschrieben. Ich gehe durchs leere Haus wie ein Gespenst, suchend nach Leben, das es nicht gibt. Noch ist mir alles bekannt, noch, wo die Noten von Vaters Klavierauszügen liegen. Aber es wird alles so fern, als wäre jedes Möbelstück schon Erinnerung. Ich schleppte mich vor diesen Computer, der mich gestern so verließ, und kam nicht mehr zurecht. Fand den Anfang dieses Textes, der unter »Tagebuch 2« gespeichert war, unter »Adressarium« auf dem Desktop wieder. Habe das Adressarium anscheinend gelöscht. Ich sah mich plötzlich in Mutters Situation, kniend vor dem Schränklein in der Eingangshalle, die Tässchen-Sammlung, ausgeräumt, wieder einzubauen versuchend. Man sah einen tätigen Körper, zur Tätigkeit verführt, ohne noch zu können, was von einem verlöschenden Geist noch gedacht war.

So war heute Morgen das Satzgestrüpp. Ich hatte das Ende meiner Schreiberei vor Augen. »Vor Augen« ist zwar gut und richtig gesagt, aber auch wieder nicht richtig, denn Erinnerungen kommen aus den inneren Augen. Die gibt es also. Aber ich war so irritiert, dass ich verstört hinausging auf meine 1200 Meter Strecke. Da spürte ich verwundert, wie flott die stockgestützten Schritte gingen, vierzig Meter die Straße hoch. Ich machte wieder die Augenprobe. Das rechte sah etwa zehn Meter weit, das linke in die vernebelte Ferne über hundert, bis ans Ende meiner Strecke. Man kann also noch leben, der Körper sagt noch gut vier Monate, der Geist, das wären noch 120 Nächte wie die letzte. Was also kann man noch wollen. Man geht und atmet noch zwischen Nein, Ja. Und Ja und Nein. So bin ich nun zurück, bin froh, dass ich die Buchstaben auf meiner großen Tastatur noch sehe, auch bediene. Kontrolllesen unmöglich. Ich werde fortan einfach drauflosschreiben müssen. Ich werde und bin wohl schon eine Buchstabenfabrik.

10. November 2020

Der dunkle Tag draußen bedrängt die Seele und den Leib. Ich komme mir schon vor wie ein Gespenst, das noch durchs Haus tappt, an den Zimmern vorbei, die vor Leere und Kälte gähnen, auf Leben warten, das ich nicht mehr geben kann. Das Haus ist ein Gebäude, in dem man sterben kann und noch nicht kann.

11. November 2020

Seit ich täglich meine »Strecke« mache, treffe ich den großen weißen SUV. Er steht da wie ein deutliches Signal: »Hier ist Hilfe. Hier wohnt Frau K.« Frau K. war eine flinke kleine, hilfreiche Frau, wir sind seit vierzig Jahren gute Nachbarn. Frau K. lebt in dem großen Haus seit fast dreißig Jahren allein, die drei Kinder sind seit langem weg, kommen jetzt wieder öfter zu Besuch. Ich habe mit Schmerzen das elende Sterben ihres tüchtigen Mannes gesehen. Er saß zuletzt nur mit verbogenem Körper im Rollstuhl. Jetzt kommt sie nur noch im Rollstuhl auf die Straße, die Kroatin ist bei ihr, Tag und Nacht. Ich sehe an ihr, was mir noch passieren kann. Wenn ich sie bei ihrer schwierigen Ausfahrt treffe, denke ich immer, was mag sie von mir denken, wenn sie mich zwar stockgesichert, aber doch noch behenden Schrittes sieht. Ich denke oft, wie sie sich durch den Tag quälen muss. Sie duldet und hat wohl eine unendliche Geduld. Sie ruht wohl in einem festen Glauben. Sie ging immer pünktlich zur Kirche mit katholischer Inbrunst. Sie hielt immer ihr Gesang- oder Gebetbuch vor sich im gebeugten Arm. Das tröstet mich für sie. Die immer hilfsfreudige Frau wird ein großes Begräbnis haben im Dorf. Wie mag ihr Gott aussehen? Der uralte Mann im Himmel? Und meiner? Ich gehöre ja noch zu den Jahrgängen, die im Kindergottesdienst und in der Schule in Luthers Gläubigkeit erzogen wurden, gehöre heute noch zu einer tätigen Gemeinde, zahle unverdrossen die Kirchensteuer, weil ich sehe, wie vielen Menschen sie doch immer noch Zuflucht und Hilfe ist. Ein geistiges, soziales System. Und habe doch immer ohne Kirche und gottesfern gelebt. Fern von den Bindungen bei Gryphius. Ich habe jetzt Zeit für andere Gedanken und Gefühle.

12. November 2020

Wenn ich morgens meine zwölf verschiedenen Tabletten schlucke, die mich, scheint es, doch am Leben erhalten, wundere ich mich, wie man mit Chemikalien auf die Defizite des Körpers antworten kann, wie Körper aufeinander reagieren, sich zusammenfinden oder abstoßen. Was die Natur alles bereitstellt, damit der Mensch und die anderen Lebewesen sich ernähren können, auf ein Zeit- oder Lichtkommando die Blätter von den Bäumen fallen und wieder ergrünen. Wie diese Welt, die seit vielen Millionen Jahren besonnt und festgehalten im Weltall treibt, jetzt sogar Erfindungen wie das Internet, ganz neue Systeme gesellschaftlichen Verhaltens erlaubt. Eine große umfassende Konstruktion. Muss man da nicht folgern dürfen, was Friedrich Schiller so sagte: »Brüder überm Sternenzelt / muss ein guter Vater wohnen.«17 Das »Muss« betont als Folgerung, dass das nicht alles Zufälle sind, die wir als Leben erleben. Gott als Konstrukteur. Es ist denkbar, aber längst zerdacht. Den Gottesbeweisen ist widersprochen worden: »Gott ist tot.« Der Ruf ging über die Welt, und doch gibt es das Verlangen, aus dem nicht nur Frau K. von gegenüber lebt, in Gottes Hut zu sein, welches die Kirchen erhält und außerhalb der Kirchen in Abtrünnigen weiterlebt und immer wieder an den frühen Satz des Augustinus erinnert: »Credo quia absurdum est«18 – »Ich glaube, obwohl es absurd ist«. Der Satz hat mich einmal überfallen und ist jetzt wieder da. Ich war begeistert, als das Absurde Thema auf dem Theater wurde, in vielen Spielarten sichtbar. Selbst Samuel Beckett zählte dazu. Weil er immer wieder das »Trotzdem« zum Thema machte, hatte er noch ein »Gegenüber«. Ich bitte abends wieder um eine gute Nacht und spreche von Lebensdank.

12. November 2020

Vielleicht werde ich ja doch noch ein Neuer Mensch. Ich merke mit Dankbarkeit an mir doch eindrückliche Veränderungen. Das sind wohl nicht die unmittelbaren Folgen der 16 verschiedenen Tabletten, die ich am Tag schlucke. Mit denen jetzt mein Doktor mich ja einigermaßen wieder hingekriegt hat. Aber vielleicht sind es Nachwirkungen. Seit Tagen gehe ich ja leichter meine »Strecke«, gestern Abend sogar zweimal. Die Veränderungen, die ich meine, laufen eher über den Gaumen, den Appetit, die Esslust, also die Ernährung. Zuerst merkte ich es an der Schokolade. Ich habe früher gern Schokolade gegessen, oft eine ganze Tafel Vollmilch Nuss, wenn es beim Artikelschreiben nicht voranging. Die Schokolade hatte den Whisky der Anfangszeit abgelöst. Neulich konnte ich im Kaffeeladen einer Luxusschokolade nicht widerstehen, edel verpackt, teuer. Ich hatte bittere erwischt, was ich erst auf der Zunge merkte. Ich mag bittere Schokolade nicht, das Leben ist doch bitter genug. Ab und zu gönnte ich mir eine Praline, nach dem Mittagessen, zur Einleitung des Mittagsschlafs. Damit ist es ab heute und fortan auch vorbei. Die Pralinen heute waren sehr viel besser als die von neulich, aber der Magen und das mit ihm verbundene Lustgefühl haben Schluss gemacht. Mir ist elend und ich kriege den Geschmack nicht mehr weg. Früher ging das mit einem Schluck Campari. Auch das hat wohl ein Ende. Nicht, weil er die Schokolade nicht mehr schafft, auch neulich die Kartoffelpuffer nicht mehr, denen ich mit zu viel Rapsöl eingeheizt hatte. Mit Hering in Tomaten wird es nicht anders gehen. Ich habe aber noch zwei Dosen im Kühlschrank. Cora war heute Morgen da und machte zu Mittag frisch Quiche Lorraine. Die Quiche war wunderbar, ich habe sie sehr gelobt. Sie sagte darauf zu mir: »Du musst öfter Frisches essen, nicht immer Gefrorenes aus dem Kühlschrank, das ist auf die Dauer nicht gut.« Genau das hatte ich vorhergesagt: »Die Pfanne mit der Quiche war zu gut gefüllt.« »Da hast du für die nächste Woche noch was. Ich frier es dir ein.« Die Folgerichtigkeit küchenbezogener Handlung ist manchmal brüchig. Aber ich brauche keine Angst zu haben. Mein Gefrierschrank, den Dumitru neulich entfrostet hat, ist wieder ganz voll. Neulich habe ich mir mal ein frisches Wiener Schnitzel gewünscht, wie es die immer so gut im Berliner Savoy oder im Wiener Beisl in der Kantstraße gab, schön dünn und knusprig. Ich will jetzt auch keine deutschen Schweinen entnommenen Kalbsschnitzel mehr. Soweit der Befund, weswegen ich auf den Neuen Menschen in mir warte. Ich entziehe mich alten Lebensformen.

Als Cora heute Morgen kam, zog ich wieder das frischgebügelte blaue Oberhemd mit den dicken Knöpfen an. Sie sieht mich gern in Blau. »Das macht dich jung.« Als sie nach der Quiche Lorraine nach dem Mittagessen ging, schloss ich gleich meinen Tagesspaziergang an. Die »Strecke« tausendzweihundert Schritte. Bei tausend fange ich, der Steigung wegen, zunächst noch sanft, immer an zu schwitzen. Als ich mich nach der Heimkunft zum verdienten Mittagsschlaf hinlegte, musste ich nach zehn Minuten doch wieder raus, total verschwitzt. Ich musste gleich unter die Dusche, mittags um zwei, mit der halben Quiche Lorraine im Leib. Jetzt warte ich darauf, ob das der Anfang vom Neuen Menschen in mir ist, der sich so vielfach ankündigte. Also, bitte keine Schokolade mehr.

12. November 2020

Es gibt noch andere Knöpfe, die einen aufregen und zur Verzweiflung bringen können. Es sind nicht nur die dicken Hemdknöpfe. Ich habe vor Jahren ähnlich, aber anders, denselben Kampf mit Manschettenknöpfen geführt. Meine liegen wohl schon über ein Jahrzehnt oben im Schrank. Ich habe das Manschettenknopf-Zeitalter damals für mich beendet, werde aber gelegentlich daran erinnert. Manschettenknöpfe am frisch gebügelten Hemd zierten ja einst den Mann. Ich sah neulich ein Foto von Friedrich Merz. Seine Manschettenknöpfe strahlten mir entgegen. Ich dachte sofort, das ist Wahlkampf, er will demnächst die CDU führen und gibt Signale an Mitglieder und solche, die es werden wollen: Ich bin konservativ und von der edlen Sorte. Wenn ich aus Versehen beim Suchen nach einem frischen Hemd eines von meinen Manschettenhemden, die vor sieben oder neun Jahren frisch gebügelt wurden, greife, zeigt sich mir die vergrabene Zeit und ich denke an die schönen und einmal sehr teuren Manschettenknöpfe, die wir frohgemut in Hamburg an der Alster erstanden. Aber von den körperbezogenen Knöpfen wollte ich gar nicht sprechen. Mit den technischen wird es immer schwieriger, obwohl mir der Verkäufer beim Erwerb eines Diktiergeräts, das ich vorsichtshalber wegen zunehmender Schreibschwäche erstand, sagte: »Das ist ganz einfach, Sie müssen nur hier drücken.« Die zwei Knöpfe meiner Spülmaschine beherrsche ich schon lange, auch am Elektroherd, und verwechsle doch zunehmend vorne und hinten. Die Waschmaschine konnte ich, solange ich nur Hemden weißwusch. Meine Wäschelage ist komplizierter geworden. Handtücher, Betttücher, Schwarzwäsche, Küchentücher. Derselbe Knopf hat verschiedene Stellungen. Man muss neue Stellungnahmen lernen. In der Mikrowelle habe ich schon zwei Schutzhauben für das Mittagessen versengt, weil ich auf Grill stellte. Ich dachte, Grill haben wir nur auf der Terrasse. Ich habe meine alte Hi-Fi-Anlage nach zwanzig Jahren wieder in Betrieb nehmen wollen. Ich drückte alle Knöpfe vom Plattenspieler, CD-Player, Powertaste, R und Kassette. Es gibt einen Knopf als Schalter, den man fünfmal nach unten oder nach oben drehen muss und dabei ausschalten, was man nicht braucht, mit Druckknopf links. Fünf Wochen, dann habe ich nach Hilfe gerufen, an Dumitru, und begriffen. Seine Zeichnung von den Druck- und Schaltstellen liegt noch immer bereit. Jetzt aber der Backofen. Ich hatte mich in meinem Alleinsein schon zum absoluten Mikrowellisten vorgearbeitet. Jetzt dringt eine alte Freundin auf mich ein: »Du nimmst besser den Backofen.« Ich habe es zweimal versucht und bin dreimal gescheitert. Ich kann nicht mehr lesen, was was ist. Statt den Gemüseeintopf zu kochen, wundere ich mich, dass er nicht warm wurde. Der Schalter stand auf Auftauen. Die Enteisung meines Nudelauflaufs verendet fast in Ober- und Unterhitze. Beim dritten Mal wollte ich üben, vergaß auszuschalten und verbrannte mir, als ich’s merkte, meinen vierten Finger. Ich habe mittags fast eine Viertelstunde mit Cora geübt. Auftauen links unten und Oberhitze rechtsrum dreimal. Hoffentlich behalte ich’s. Unerbittlich vor dem Herd sitzen, eine Einstellung wie nach einer Lebensgarantie suchend. Mir brennt jetzt noch das Herz.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
242 str. 4 ilustracji
ISBN:
9783895815799
Artysta:
Redaktor:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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