Czytaj książkę: «Hinter der Tür»
Die italienische Originalausgabe erschien 1956 unter dem Titel Dietro la porta bei Giulio Einaudi Editore in Turin. Die erste deutsche Ausgabe erschien 1967 unter dem Titel Hinter der Tür im Piper Verlag in München. Die Übersetzung wurde nach der Ausgabe der 1998 bei Arnaldo Mondadori in Mailand von Roberto Cotroneo herausgegebenen Opere durchgesehen.
Diese Ausgabe wurde in freundlicher Zusammenarbeit mit der Fondazione Giorgio Bassani veröffentlicht.

E-Book-Ausgabe 2020
© 1980 Arnoldo Mondadori Editore, Milano
© 2008 Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin
Covergestaltung Sebastian Maiwind unter Verwendung des Gemäldes Red with Ian, 1959 von Peter Samuelson © The Bridgeman Art Library. Das Karnickel zeichnete Horst Rudolph.
Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.
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ISBN: 978 3 8031 4302 0
Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 2596 4
www.wagenbach.de
Ah, Seigneur! donnez-moi la force et le courage de contempler mon coeur et mon corps sans dégout!
Baudelaire
1
Ich bin in meinem Leben oft unglücklich gewesen, als kleines Kind, als Knabe, als Heranwachsender und schließlich als Erwachsener, und meine Verzweiflung hat oft den äußersten Punkt erreicht. Aber ich kann mich an keine Zeit erinnern, die schwärzer für mich gewesen wäre als die Monate vom Oktober 1929 bis zum Juni 1930, während ich die erste Klasse des Liceo, der Oberstufe des Gymnasiums, besuchte. All die Jahre danach haben daran im Grunde nichts ändern können. Sie konnten mir einen Schmerz nicht nehmen, der wie eine verborgene Wunde blieb, weiterblutend im geheimen. Heilung? Befreiung? Ich weiß nicht, ob sie jemals möglich sein werden.
Von Anfang an fühlte ich mich unbehaglich, ja vollkommen entwurzelt. Ich mochte unser neues Klassenzimmer nicht. Es lag am Ende eines düsteren Korridors, weit entfernt von dem anheimelnden, so vertrauten Gang des Ginnasio, der Unterstufe des Gymnasiums, mit seinen dreizehn Klassentüren. Ich mochte unsere neuen Lehrer nicht, die mit ihrer distanzierten, ironischen Art jedes Vertrauen, jedes persönliche Verhältnis unmöglich machten (sie alle siezten uns), wenn sie nicht gar – wie der Professor* für Latein und Griechisch, Guzzo, oder die Krauss, unsere Professorin für Chemie und Naturkunde – für die nächste Zukunft die Härte und Strenge wahrer Kerkermeister verhießen. Ich mochte unsere neuen Mitschüler nicht, die von der ›Fünf a‹ kamen und der wir, von der ›Fünf b‹, angegliedert worden waren. Mir schienen sie grundverschieden von uns, vielleicht tüchtiger, vielleicht schöner und, im großen und ganzen, aus besseren Familien als wir, aber jedenfalls hoffnungslos fremd. Und ich konnte die vielen unter uns von der alten ›Fünf a‹ nicht verstehen oder gar entschuldigen, die im Gegensatz zu mir sogleich Anschluß an die Neuen suchten und, wie ich zu meiner Bestürzung erkannte, durch Erwiderung der Sympathien, durch die gleiche unbefangene Verträglichkeit, wie sie sie ihnen entgegenbrachten, belohnt wurden. Ist das möglich?, fragte ich mich, verstimmt und eifersüchtig. In meiner Treue zur alten Klasse wollte ich am liebsten, daß auch hier noch, in der Oberstufe, eine Art unsichtbarer Demarkationslinie alle, die von der ›Fünf b‹ kamen, von denen aus der früheren ›Fünf a‹ schied, um jeden Verrat und jede Korruption in unseren Reihen auszuschließen. Und wie grausam hatte ich mich in meiner lächerlichen Anhänglichkeit gleich am ersten Tage verletzt gefühlt, als ich von weitem den geliebten Professor Meldolesi, der uns in der ›Fünften‹ in Literaturgeschichte unterrichtet hatte, an der Spitze seiner neuen ›Vierten‹ auf dem für uns nun verbotenen Korridor des Ginnasio verschwinden sah.
Aber am bittersten war für mich folgender Umstand: Otello Forti, der von der Grundschule an immer neben mir gesessen hatte, war bei der Abschlußprüfung der Unterstufe durchgefallen. (Ich selbst mußte wie im vorigen Jahr die Prüfung in Mathematik im Oktober wiederholen, aber Forti hatte im Oktober, obwohl er nur die Englisch-Prüfung noch einmal machen mußte, endgültig versagt.) Das hieß nicht nur, daß er nun nicht mehr wie seit jeher an meiner rechten Seite saß, sondern auch, daß ich mit ihm außerhalb der Schule nicht mehr zusammenkommen konnte. Nicht am Mittag, wenn wir gemeinsam von der Schule aus den Heimweg über den Corso Giovecca antraten, nicht am Nachmittag zum Fußballspiel auf dem Montagnone oder – und dies vor allem – nicht mehr bei ihm zu Hause, in diesem schönen, großen, fröhlichen Haus, in dem es so viele Brüder, Schwestern, Vettern und Basen Otellos gab und in dem ich so viele Stunden verbracht hatte. Denn der arme Otello, der den Schmerz über die Ungerechtigkeit, daß man ihn hatte durchfallen lassen, nicht verwand, hatte seinen Vater gebeten, die fünfte Klasse in Padua in einem Internat der Barnabiten, das den Staatsschulen gleichgestellt war, wiederholen zu dürfen. Und ohne Otello, ohne daß ich seinen massiven, ein wenig schwerfälligen Körper – so viel stärker und schwerer als der meine – neben mir spürte, ohne die Herausforderung, ja auch den Ärger, den mir seine zurückhaltende Art bedeutete, seine grobe, ironische und im Grunde so herzliche Art, wann immer wir zusammen, bei mir oder bei ihm, unsere Schularbeiten machten, ohne Otello empfand ich vom ersten Tage an den anhaltenden Schmerz des Verwaisten: das Gefühl eines durch nichts auszufüllenden Vakuums. Was wollte es da besagen, daß er mir schrieb und mit überraschender Wortgewandtheit (ich hatte ihn nie für sehr intelligent gehalten) sein Gefühl für mich in seine Briefe strömen ließ? Was machte es aus, daß ich ihm mit nicht geringeren Freundschaftsbeteuerungen antwortete? Ich besuchte jetzt das Liceo, und er ging noch immer ins Ginnasio – ich in Ferrara, er in Padua. Das war die unabänderliche Wirklichkeit, die er sich mit dem Mut, der Einsicht und der plötzlichen Reife des Unterlegenen noch deutlicher bewußt machte als ich. Weihnachten sehen wir uns wieder, schrieb ich ihm. Worauf er antwortete: Ja, Weihnachten, also in zweiundeinhalb Monaten, würden wir uns vermutlich wiedersehen (vorausgesetzt allerdings – er hatte es sich selber geschworen –, daß er in allen Fächern eine ausreichend gute Zensur erhielt, was nun keineswegs so sicher war!); doch würden zehn gemeinsam verlebte Tage an unserer Situation nichts ändern. Er schien mir raten zu wollen: Los, vergiß mich, such dir einen anderen Freund – falls du nicht schon einen gefunden hast. Nein, das Briefeschreiben nützte recht wenig. So daß wir tatsächlich bereits nach den Feiertagen von Anfang November – Allerheiligen, Allerseelen und dem Siegesgedenktag – in stillschweigendem Einverständnis beide damit aufhörten.
Ich hatte das Bedürfnis, meiner Unzufriedenheit Luft zu machen und ihr deutlich Ausdruck zu geben. So verzichtete ich am ersten Schultag bewußt darauf, mich am Sturm auf die bevorzugten Bänke zu beteiligen – das heißt auf jene, die dem Katheder am nächsten standen –, wie ihn meine Mitschüler stets zu Beginn eines neuen Schuljahres unternahmen. Das überließ ich den anderen, denen von der alten ›Fünf b‹ wie denen von der ›Fünf a‹, und blieb auf der Schwelle zum Klassenzimmer stehen, von wo aus ich angewidert die Szene beobachtete. Schließlich setzte ich mich nach hinten, auf die letzte Bank in der für die Mädchen bestimmten Reihe, nahe dem Fenster in der Ecke. Es war die einzige leer gebliebene Bank, eine große Bank, meiner mittelgroßen Statur nur schlecht angepaßt, dafür aber um so mehr meinem Wunsch nach Selbstverbannung. Wer weiß, wieviel lange Kerle hier schon vor mir gesessen hatten, die ein Schuljahr wiederholen mußten! Ich las die Inschriften, die meine Vorgänger mit dem Taschenmesser tief in den Lack der schrägen Tischfläche eingeritzt hatten – zumeist Beschimpfungen des ›Lehrkörpers‹, insbesondere des Direktors, der Turolla hieß, aber den Spitznamen ›Halber Liter‹ führte –, und als ich dann meinen Blick über die etwa dreißig Hinterköpfe vor mir gleiten ließ, fühlte ich Bitterkeit in mir aufsteigen. Zwar quälte mich noch immer der Makel meines Mißerfolgs in Mathematik, und ich konnte es kaum erwarten, die Scharte auszuwetzen, um wieder zu den Begabten und Intelligenten zu zählen: dennoch verstand ich zum erstenmal, was die Faulpelze auf den hintersten Bänken fühlten. Die Schule als Gefängnis gesehen, mit dem Direktor als Gefängnisvorstand, den Professoren als Wärtern und den Mitschülern als Sträflingen – kurz, als eine Welt, in die man keineswegs, zu begeisterter Mitarbeit bereit, sich einzufügen suchte, sondern die man sabotierte und schlechtmachte, wo man nur konnte. Wie gut verstand ich jetzt den Geist anarchischer Verachtung, den ich immer schon in der Grundschule mit furchtsamem Schaudern aus dem Hintergrund des Klassenzimmers hatte wehen spüren!
Ich sah mich in der Klasse um und lehnte ab: alle und alles. Die Mädchen in ihren unvorteilhaften schwarzen Schulschürzen zählten als Frauen überhaupt nicht. Die vier auf den beiden ersten Bänken (sie kamen aus der ›Fünf a‹) waren lächerlich klein und schienen mit ihren dünnen Zöpfen, die ihnen auf den schmächtigen Rücken herabhingen, geradewegs aus dem Kindergarten zu kommen. Wie hießen sie doch? Ihre Familiennamen endeten jedenfalls alle auf. ›-ini‹, so ähnlich wie Bergamini, Bolognini, Santini, Scanavini, Zaccarini; Namen, die allein durch ihren Klang an Familien des allerkleinsten Bürgertums erinnerten, an die Inhaber von Kurzwaren- oder Lebensmittelgeschäften, an Buchdrucker, städtische Angestellte, Vertreter und dergleichen mehr. Die beiden auf der dritten Bank, die Cavicchi und die Gabrieli – die erste schrecklich dick, die zweite so dünn, daß man beinahe durch sie hindurchsehen konnte, mit einem Gesicht voller Pusteln, von verwaschenem Ausdruck, dem Gesicht einer unverheirateten Dreißigjährigen –, waren allein von dem Dutzend Mädchen aus der ›Fünf b‹ übriggeblieben. Es waren gewiß die beiden häßlichsten – zwei farblose, geschlechtslose Büfflerinnen, die einmal Apothekerin oder Lehrerin werden sollten und so unpersönlich wie Dinge, wie bloße Gegenstände anzusehen waren. Die letzten auf der vierten und fünften Bank – die Balboni und Jovine auf der vierten, die Manoja allein auf der fünften – kamen von außerhalb: die Balboni vom Lande (man sah es – die Ärmste! – nur allzu gut an ihrer Kleidung; ihre Mutter war Dorfschneiderin und – was lag näher? – schneiderte die Kleider für sie); die Jovine aus Potenza und die Manoja aus Viterbo, vermutlich Töchter von Beamten der Provinzialverwaltung oder Staatsbahn, die wegen besonderer Verdienste nach Oberitalien versetzt worden waren. Es war schon ein rechtes Elend! Mußten Frauen, wenn sie es mit dem Studium ernst nahmen, wirklich so sein: Betschwestern ähneln, geduckt und farblos (übrigens waren sie auch nicht besonders gut gewaschen, diese Mumien, nach dem Mief zu urteilen, den sie ausströmten!), während man Schönheiten wie die Legnani und die Bertoni zum Beispiel, die beiden Vamps aus der ›Fünf b‹, immer erbarmungslos durchfallen ließ? Nur machten die sich nicht viel daraus. Die Legnani stand im Begriff zu heiraten, wenn nicht alles trog; und konnte man sich vielleicht vorstellen, daß die Bertoni, mit ihrer Wespentaille, ihrer schwarzen, glänzenden Fransenfrisur und den verschmitzt dreinblickenden Augen (im Stil der Elsa Merlini) die fünfte Klasse wiederholt hätte? Sie war ganz der Mensch, nach Rom zu verschwinden und zum Film zu gehen, wie sie uns so oft erklärt hatte, jedenfalls alles andere eher zu tun, als hierzubleiben und hinter der Tür des Gymnasiums zu versauern!
Aber hauptsächlich richtete sich meine Kritik gegen die männlichen Mitschüler, besonders gegen die in den Bänken der mittleren Reihe, die sich dem Katheder gegenüber befand. Da vorn, in der ersten und zweiten Bank, hatte die alte ›Fünf a‹ gleich drei der Ihren placieren können: Boldini, Grassi und Droghetti, dazwischen Florestano Donadio von der ›Fünf b‹, der auf der zweiten Bank neben Droghetti saß, nur wie ein geduldeter Gast wirkte, dürftig wie er in allem war, in geistiger, körperlicher und überhaupt in jeder Beziehung. Mit Droghetti, dem Sohn eines Kavallerieoffiziers, einem Jungen von ebenso untadeligem wie geistlosem Aussehen, das ihn, wie man schwören mochte, dazu bestimmte, die Laufbahn seines Vaters einzuschlagen, war zwar gewiß nicht viel los. Aber die beiden auf der vorderen Bank, Boldini und Grassi, die zu den Besten der a-Klasse gehörten, stellten zusammen eine Großmacht dar, der sich der blonde, kleine und rosige Donadio, dieses ängstliche Vögelchen, das er von jeher gewesen war, als tributpflichtiger Vasall geradezu anbot. Auf der dritten Bank saß wieder ein schlecht zusammengestelltes Paar: Giovannini von der ›Fünf b‹ und Camurri von der ›Fünf a‹. Nicht, daß Giovannini weniger tüchtig gewesen wäre als sein Nachbar, da es doch der gute Walter trotz seiner ländlichen Herkunft sogar fertigbrachte, sich in der Schriftsprache auszudrücken. Aber Camurri war ein Herr – häßlich, kurzsichtig, bigott, aber ein Herr. Seine Familie (die Camurri aus der Via Carlo Mayr – wer kannte sie nicht?) gehörte zu den reichsten der Stadt. Sie besaß Hunderte Hektar Land in der Gegend von Codigoro, aus der Walter kam, so daß es keineswegs ausgeschlossen war, daß Walters Vater oder Großvater früher, ja, vielleicht noch jetzt im Dienst der Familie Camurri stand … In der vierten Bank aber saß, allein, wer weiß, warum – vielleicht um anzudeuten, daß niemand soviel Verdienste aufwies, um neben ihm sitzen zu dürfen –, Cattolica, Carlo Cattolica, der schon von der ersten Gymnasialklasse an der unbestrittene Star der a-Klassen gewesen war (regelmäßig acht oder neun von zehn Punkten in sämtlichen Fächern). Man sah es ihnen nicht an – aber über die getreuen Camurri und Droghetti, die mit gebeugten Rücken vor ihm saßen, würde es für Cattolica in jeder Lage ein Kinderspiel sein, sich mit den nicht minder getreuen Boldini und Grassi in der ersten Bank in Verbindung zu setzen. Das würde man bald merken bei den Klassenarbeiten in Latein und Griechisch, und wie! Die Nachrichtenverbindung zwischen der vierten und ersten Bank würde so gut funktionieren, als ob die von der ›Fünf a‹ über ein Feldtelefon verfügten.
Hinter Cattolica saßen zwei von uns: Mazzanti und Malagù, beide ziemliche Nullen. Rechts neben mir saßen, tief über die Bank gebeugt, um sich zu verstecken und den forschenden Blicken des Professors hinter dem Katheder zu entgehen, Veronesi und Danieli. Veronesi war mindestens zwanzig Jahre alt, Danieli noch älter, sie waren daran gewöhnt, jede Klasse wiederholen zu müssen, alte Faulpelze, die nicht einmal zum Sport taugten und sich nur auf einem einzigen Gebiet auskannten: dem der Freudenhäuser der Stadt, in denen sie seit Jahren zu den eifrigsten Stammgästen zählten.
Wenn nun die Plätze in der Bankreihe der Tafel gegenüber und neben der Tür auch ein wenig besser besetzt waren (in der zweiten Bank war Giorgio Selmi neben Chieregatti gelandet, in der dritten war es Ballerini wieder gelungen, neben Giovanardi, von dem er unzertrennlich war, Platz zu finden), wie hätte ich mich wohl damit abfinden können, auf der vierten Bank neben Lattuga zu sitzen, Aldo Lattuga, diesem infamen Stinker, der von allen gemieden und verspottet wurde und bei dem sich in den unteren Klassen selten jemand bereit gefunden hatte, die Bank mit ihm zu teilen, und der nun auch hier wie Cattolica – selbst wenn aus genau entgegengesetzten Gründen – allein geblieben war? Nein und noch mal nein!, sagte ich mir. Dann besser auf meinem einsamen Platz bleiben, den ich mir auf der hintersten Bank in der Reihe der Mädchenplätze gesucht hatte. Professor Bianchi hatte den Italienischunterricht mit dem Vortrag einer Kanzone Dantes begonnen, und ein Vers daraus hatte mich merkwürdig angerührt: »Die Verbannung, die mir zuteil ward, rechne ich mir zur Ehre an.« Das könnte mein Wahlspruch sein, dachte ich.
Eines Tages blickte ich zerstreut durch das hohe Fenster links von mir auf den tristen, von hungrigen Katzen bevölkerten Hof, der das Guarini-Gymnasium, das sich im Gebäude eines ehemaligen Klosters befand, von der Seitenwand der Kirche del Gesù trennte. Ich dachte, daß es eigentlich schön gewesen wäre, wenn mich zum Beispiel Giorgio Selmi, der mir im Grunde immer sehr sympathisch gewesen war, von sich aus am ersten Schultag gebeten hätte, mich zu ihm zu setzen. Selmi war Vollwaise und wohnte mit seinem Bruder Luigi zusammen bei einem Onkel väterlicherseits, dem Rechtsanwalt Armando, einem mürrischen Junggesellen, der sich den Sechzig näherte und der nur auf die Stunde wartete, da er seine Neffen los wurde, wenn er den einen auf die Militärakademie in Modena und den anderen auf die Marineakademie in Livorno schicken konnte. Wie kam es, daß sich Giorgio lieber mit diesem stumpfsinnigen Büffler Chieregatti zusammensetzte als mit mir? Die Wohnung seines Onkels an der Piazza Sacrati (eine Anwaltskanzlei mit einigen dazugehörigen Wohnräumen) war sicherlich nicht besonders geeignet, um dort gemeinsam Schularbeiten zu machen, wenn es zutraf – und es traf wohl zu –, daß Giorgio in seinem Schlafzimmer lernen mußte, einem Kämmerchen von drei mal vier Metern. Bei mir zu Hause hingegen hätten wir so viel Raum gehabt, wie wir nur brauchten. In meinem Arbeitszimmer gab es Platz genug für mich, ihn und jeden, den wir noch in unsere Gemeinschaft aufnehmen wollten. Und was für einen prächtigen Imbiß, mit Tee, Butter und Marmelade als Grundlage, hätte uns meine Mutter um fünf Uhr bereitet, da sie so froh darüber war, daß ich jetzt den Nachmittag stets zu Hause und nicht wie früher bei den Fortis verbrachte. Es war wirklich schade, daß sich Giorgio Selmi nicht zu mir gesetzt hatte. Nur Eifersucht und Mißgunst konnten ihn davon abgehalten haben. Unsere Wohnung war im Vergleich mit seiner zu schön und zu komfortabel. Und ich hatte noch meine Mutter, während er nur einen alten, wunderlichen Onkel hatte. Der Antisemitismus spielte dabei ausnahmsweise mal keine Rolle; nein, damit hatte es ganz und gar nichts zu tun.
»Sss!«
Ein leiser Pfiff von rechts ließ mich zusammenfahren. Mit einem Ruck wandte ich mich zur Seite. Es war Veronesi. Geduckt hinter dem Rücken Mazzantis forderte er mich mit ausgestrecktem Zeigefinger auf – es war ein dünner, unwahrscheinlich nikotinverfärbter Finger –, nach vorn zu blicken. Was ich denn mache, schien er mich, halb belustigt, halb besorgt, fragen zu wollen. Wo meinte ich wohl zu sein, ich närrischer Kauz, für den, wenn nicht für Schlimmeres, er mich hielt!
Ich blickte auf. In der vollkommenen Stille, kaum unterbrochen durch ein halb unterdrücktes Lachen, waren alle Gesichter mir zugewandt. Auch Professor Guzzo fixierte mich vom Katheder aus mit einem ironischen Lächeln.
»Endlich!« bemerkte er mit sanfter Stimme.
Ich stand auf.
»Sie heißen?«
Ich stammelte leise meinen Namen.
Guzzo war für seine Bosheit berüchtigt; sie grenzte an Sadismus. Er war ein Mann um die fünfzig, hochgewachsen, von herkulischer Kraft, mit großen, blitzenden Augen – von smaragdgrüner Farbe mit braunen Flecken, wie die Haut gewisser Eidechsen – unter einer gewaltigen Stirn (einer Wagnerstirn) und mit langen grauen Koteletten, die bis zur Mitte seiner hageren Wangen reichten. Im Guarini-Gymnasium galt er als eine Art Genie. (Die Worte auf der Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, die sich unten im Treppenhaus so schön ausnahm, waren von ihm: ›Mors domavit corpora – Vicit mortem virtus: Der Tod bezwang die Körper – Die Tugend besiegte den Tod‹.) Er gehörte nicht der faschistischen Partei an, und nur deshalb – so sagten alle – hatte er nicht den Lehrstuhl an der Universität erhalten, für den ihn seine in Deutschland veröffentlichten philologischen Arbeiten gewiß legitimiert hätten.
»Wie bitte?« fragte er und hielt dabei seine Hand hinter das Ohr, während er sich so weit vorbeugte, daß er mit dem mächtigen Oberkörper das aufgeschlagene Klassenbuch berührte. »Sprechen Sie bitte lauter!«
Keine Frage: Es machte ihm Spaß. Er spielte Komödie.
Ich wiederholte meinen Namen.
Mit einem Ruck richtete er sich wieder auf und blickte aufmerksam ins Klassenbuch. »Gut«, bemerkte er, während er eine geheimnisvolle Eintragung vornahm.
»Und jetzt erzählen Sie mir ein bißchen von sich«, fuhr er fort und lehnte sich wieder auf seinem Stuhl zurück.
»Von mir?«
»Natürlich, von Ihnen. Kommen Sie aus der ›Fünf a‹ oder aus der ›Fünf b‹?«
»Aus der ›Fünf b‹.«
Er verzog den Mund.
»Also aus der ›Fünf b‹. Und wie haben Sie den Aufstieg hierher geschafft? Im ersten Anlauf, im Fluge oder – verzeihen Sie mein schlechtes Gedächtnis – erst in zweiter Instanz?«
»Ich habe die Prüfung in Mathematik im Oktober wiederholen müssen.«
»Nur in Mathematik?«
Ich bejahte.
»Tatsächlich? Haben Sie nicht doch vielleicht auch ein paar andere Fächer wiederholen müssen? Latein und Griechisch zum Beispiel?«
Ich verneinte.
»Ganz bestimmt nicht?« fragte er von neuem, mit katzenhafter Freundlichkeit.
Abermals verneinte ich.
»Nun hören Sie zu, mein lieber Freund, geben Sie gut acht … Ich möchte nicht, daß Sie im nächsten Sommer außer in Mathematik die Prüfung auch noch – quod deus avertat – in Latein und Griechisch wiederholen müssen – in drei Fächern … Sie verstehen mich doch, nicht wahr?«
Dann fragte er mich, wie ich mich bisher im Gymnasium durchgeschlagen hätte und ob ich nicht das eine oder andere Mal sitzengeblieben wäre. Aber er sah mich dabei nicht an, sondern blickte im Kreise umher, als ob er mir nicht traute und gern das spontane Zeugnis eines anderen gehört hätte.
»Er war immer einer der Besten«, wagte schließlich jemand zu sagen. Ich glaube, es war Pavani, in der ersten Bank der ersten Reihe.
»Ach, einer der Besten!« rief Professor Guzzo erstaunt aus. »Aber wie erklärt sich dann dieser Abstieg? Wieso ist es dazu gekommen?«
Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Ich starrte auf die Bank, als könnte mir ihr schwärzliches altes Holz die von Professor Guzzo gewünschte Antwort verraten.
Dann hob ich wieder den Kopf. »Wieso?« fragte er unerbittlich von neuem. »Und aus welchem Grunde haben Sie sich dann eine solche Bank ausgesucht? Vielleicht, um in der Nähe des ausgezeichneten Veronesi und des nicht minder ausgezeichneten Danieli zu sitzen und statt von mir von ihnen die wahre Wissenschaft zu erfahren?«
Die Klasse brach in ein einstimmiges Gelächter aus. Selbst Veronesi und Danieli lachten, wenn auch mit weniger Begeisterung.
»Nein, glauben Sie mir«, fuhr Guzzo fort, und mit der großen Gebärde eines Dirigenten vor seinem Orchester bändigte er den Lärm. »Vor allem müssen Sie Ihren Platz wechseln.«
Er suchte, prüfte und traf seine Entscheidung.
»Dorthin, auf die vierte Bank. Neben diesen Herrn.« Er zeigte auf Cattolica.
»Wie heißen Sie?«
Cattolica stand auf.
»Carlo Cattolica«, erwiderte er schlicht.
»Oh, gut! Der berühmte Cattolica. Gut. Vorzüglich. Sie kommen aus der ›Fünf a‹, nicht wahr?«
»Ja, Herr Professor.«
»Schön. A mit b. Ausgezeichnet.«
Ich packte meine Bücher zusammen, trat in den Gang, erreichte meinen neuen Platz, unterwegs von einem Gehüstel Veronesis gegrüßt und bei der Ankunft mit einem Lächeln vom Star der alten ›Fünf a‹ empfangen.
»Geben Sie gut acht auf ihn, Cattolica«, sagte Guzzo. »Ich vertraue ihn Ihnen an. Führen Sie dieses verirrte Schäfchen auf den rechten Weg zurück.«
2
Ich weiß nicht, was in den 30 Jahren nach unserer Schulzeit aus Carlo Cattolica geworden ist.
Er ist der einzige meiner Schulkameraden, von dem ich nichts weiß: nicht, welchen Beruf er ergriffen hat, ob er geheiratet hat, wo er lebt, ja, ob er überhaupt noch lebt. Ich kann nur sagen, daß seine Familie 1933, nach seiner glänzend bestandenen Reifeprüfung, von Ferrara nach Turin umziehen mußte, wo sein Vater, der Ingenieur war (ein kahlköpfiges Männchen mit blauen Augen, leicht verrückt: Opernnarr und leidenschaftlicher Philatelist, übrigens vollkommen beherrscht von einem Feldwebel von Frau, einer Mathematikprofessorin, die ihn um Haupteslänge überragte), ganz unvermutet eine feste Stelle gefunden hatte, ich glaube bei einer Fabrik, die Lacke herstellte. Ob der junge Cattolica nun wirklich Chirurg geworden ist, wie er es schon damals, zu Beginn des Liceo, mit seiner üblichen Selbstsicherheit verkündet hatte? Und ob er wirklich das Mädchen geheiratet hat, das er allabendlich mit dem Fahrrad in Bondeno besuchte und mit dem er bereits seit mehr als einem Jahr verlobt war? (Hieß sie nicht Accolti, Graziella Accolti?) Selten ist einer Generation so übel mitgespielt worden wie der unseren; der Krieg und die übrigen Ereignisse haben so unendlich viele unserer Vorhaben und Lebenspläne zunichte gemacht, die nicht minder ernst gemeint waren als die von Carlo Cattolica. Und doch, irgend etwas sagt mir, daß er lebt und daß er, wie er es sich vorgenommen hatte, wirklich Chirurg geworden ist (wenn noch nicht berühmt, so im Begriff, es zu werden), auch daß er, obwohl er Ferrara noch als Junge verließ, letzten Endes doch noch seine Graziella geheiratet hat. Werden wir beide uns jemals wiedersehen? Wer weiß. Ich halte es immerhin für möglich. Aber nur Mut.
Ich sehe das Gesicht Cattolicas noch vor mir: sein klares Profil, rechts neben mir, von der Präzision einer Medaille. Er war groß und sehr schlank; seine funkelnden schwarzen Augen lagen tief unter den ein wenig hervorspringenden Brauenbogen, und seine Stirn, nicht hoch, aber breit, bleich und gelassen, war sehr schön. Es ist merkwürdig, aber das älteste Bild, das meine Erinnerung an ihn bewahrt, ist ebenfalls eine Seitenansicht. Wir waren schon in der Volksschule zusammen gewesen, in der Gemeindeschule Alfonso Varano in der Via Bellaria, schon damals allerdings der eine in der a-, der andere in der b-Klasse; und eines Morgens fiel mir während der Pause auf dem Schulhof seine merkwürdige Art zu laufen auf. Er lief die Mauer entlang und bewegte dabei die dünnen Beine in dem gleichmäßigen, weit ausgreifenden Laufschritt eines Mittelstreckenläufers. Ich erkundigte mich bei Otello Forti nach ihm. »Was, den kennst du nicht?« fragte er überrascht. »Das ist doch Cattolica.« Ich bemerkte, daß er ganz anders lief als wir alle, mich nicht ausgenommen. Bei uns genügte eine Kleinigkeit, uns abzulenken und aus der Richtung zu bringen. Er aber sah, während er lief, ruhig geradeaus, als ob er allein, als einziger unter so vielen, genau das Ziel kenne.
Nun saßen wir nebeneinander, nur durch ein paar Zentimeter voneinander getrennt. Aber irgend etwas, eine Art unsichtbarer Barriere, einer geheimen Demarkationslinie, verhinderte, daß wir mit der unbefangenen Vertrautheit von Freunden miteinander verkehrten. Ich hatte zwar anfänglich den einen oder anderen schüchternen Versuch in dieser Richtung unternommen, etwa indem ich ihn eines Tages, als wir eine Klassenarbeit in Latein zu schreiben hatten, darum bat, ausnahmsweise die beiden dicken Bände meines Wörterbuchs einmal rechts von dem Brett legen zu dürfen, das den Platz für unsere Bücher und Hefte in zwei vollkommen gleiche Fächer teilte. Doch die Kühle, mit der er zustimmte – mit einer winzigen Drehung des Kopfes um die eigene Achse –, ließ es mir nicht geraten erscheinen, mit ähnlichen Annäherungsmanövern fortzufahren. Wonach war ich denn auch auf der Suche?, dachte ich. Reichten mir die gesellschaftliche Bedeutung, die mondäne Wichtigkeit, die unserer Verbindung zukamen, nicht aus? Schon immer war Cattolica der Beste in den a-Klassen gewesen, von der ersten bis zur fünften Klasse des Gymnasiums (ganz zu schweigen von der Grundschule, wo sich die Lehrer auf dem Gang gegenseitig seine Aufsätze zu lesen gaben). Aber auch ich, selbst wenn ich mir hin und wieder eine Pause gönnte, hatte im Grunde immer zu der kleinen Gruppe an der Spitze gehört. Also? War es nicht ganz richtig, daß wir uns als die Bannerträger zweier Heerscharen, die von altersher gegeneinander angetreten waren, so und nicht anders verhielten? Daß im wesentlichen jeder an seinem Platz blieb?
Für gewöhnlich stellten wir im Umgang miteinander die größte Rücksichtnahme, Achtung und Ritterlichkeit zur Schau. War zum Beispiel einer von uns aufgerufen und abgefragt worden und kehrte nun an seinen Platz zurück, dann sparte der andere nicht mit, je nachdem, beifälligem oder trostspendendem Lächeln, nicht mit beglückwünschendem oder auch kameradschaftlich mitfühlendem Händedrücken. Und er sorgte dafür, daß der hinter uns sitzende Mazzanti, der – vollkommen im Bilde über unser Verhältnis und eine Möglichkeit witternd, für sich und Malagù einen Vorteil aus der Situation zu ziehen – gleich zu Beginn ein privates Register angelegt hatte, in dem er Tag für Tag sorgfältig unsere Zensuren eintrug, nun auch wirklich genau die Punkte für den andern notierte und sich als der unparteiische Schiedsrichter, der ergebene und korrekte Buchhalter erwies, der er immer sein wollte. Aber wenn dann die Klassenarbeiten kamen, löste sich das zarte Gespinst gesellschaftlicher Heuchelei jäh wie Nebel in der Sonne. Dann konnte uns keine noch so schwierige Stelle im Griechischen oder Lateinischen zu einer gemeinsamen Anstrengung bewegen. Da arbeitete jeder für sich und hütete eifersüchtig das Resultat seiner eigenen Bemühungen; da geizte jeder mit sich selbst und hätte lieber eine unvollständige oder falsche Übersetzung abgeliefert, als daß er dem andern etwas hätte verdanken müssen. Wie ich es vorausgesehen hatte, übernahmen Droghetti und Camurri, die auf den Bänken vor uns saßen, die Rolle der zuverlässigen Vermittler zwischen Cattolica und den weit vorgeschobenen Vorposten Boldini und Grassi. Wenn die Zeit drängte und Professor Guzzo den Blick von den Korrekturfahnen seiner Arbeit über Sueton hob und mit grausamem Lächeln ankündigte, daß in genau zehn Minuten, und nicht einer mehr, der ›ausgezeichnete‹ Chieregatti die ›Elaborate der Herren‹ einsammeln würde, dann mußte man gesehen haben, wie das Fernsprechnetz der alten a-Klasse funktionierte, mit welch unverschämter Perfektion es wieder in Betrieb gesetzt wurde! In diesen dramatischen Augenblicken war es aus mit dem Lächeln und Händedrücken und mit allen geheuchelten Bekundungen liebenswürdiger Kameradschaft. Die Maske fiel. Und nun zeigte sich mir das sonst so glatte Gesicht Cattolicas, verzerrt von ehrgeiziger Anspannung, wie es wirklich war, in seiner ganzen Feindseligkeit und Gehässigkeit. Es zeigte sich endlich nackt.
Und doch, obwohl ich ihn verabscheute, bewunderte und beneidete ich ihn.
Es gab kein Fach, in dem er nicht vollkommen war, in Italienisch wie in Latein, in Griechisch wie in Geschichte und Philosophie, in Biologie, Mathematik und Physik nicht anders als in Kunstgeschichte, ja sogar im Turnen (vom Religionsunterricht war ich befreit, nahm also nicht am Unterricht Don Fonsecas teil, doch ich zweifelte nicht, daß Cattolica auch bei dem ›Priester‹ ein Musterschüler war); ich haßte seine geistige Klarheit und neidete sie ihm zugleich wie das luzide Funktionieren seines Hirns. Was für ein Wirrkopf war ich, verglichen mit ihm! Zwar war ich im italienischen Aufsatz vielleicht besser als er. Aber natürlich nicht immer; es kam auf die Aufgabe an; die eine machte mir Freude, die andere nicht; und wenn mir ein Thema nicht zusagte, war nichts zu machen; da war es schon viel, wenn ich sechs Punkte bekam. So war ich vielleicht im mündlichen Übersetzen in Latein und Griechisch brillanter (Guzzo hatte mir nach dem anfänglichen Geplänkel sein Wohlwollen geschenkt; wenn wir Homer oder Herodot lasen – vor allem Herodot –, wandte er sich fast immer an mich, um, wie er sagte, ›die genaue Übersetzung‹ zu hören), aber im Schriftlichen, besonders bei der Übersetzung aus dem Italienischen ins Lateinische, war mir Cattolica klar überlegen. Er hatte die ausgefallensten kleinen Regeln der Formenlehre und Syntax im Kopf und irrte sich praktisch nie. Sein Gedächtnis erlaubte ihm zum Beispiel, in der Geschichtsstunde Dutzende und Aberdutzende von Daten, wie aus der Pistole geschossen und ohne sich nur einmal zu irren, anzugeben. Oder vor der vor Wonne schier zerfließenden Krauss in der Biologiestunde die Klassen der Wirbellosen aufzusagen – so sicher und unbefangen, als läse er sie aus einem Buch ab. Wie machte er das, fragte ich mich. Was verbarg sich in seinem Schädel? Eine Rechenmaschine? Mazzanti zögerte nicht. Nach derartigen Gedächtnisleistungen war er bereit, in sein Register eine Neun, ja, eine Neun plus einzutragen. Und das Tollste dabei war, daß das ›Plus‹ sehr oft auf mich zurückging, der ich mich rasch umgewandt und darauf bestanden hatte, daß Mazzanti es hinzufügte.
Aber das Gefühl meiner Unterlegenheit rührte nicht einmal so sehr vom Vergleich unserer Leistungen in der Schule her als von ganz anderen Dingen.
Da war zuerst der Unterschied in der Größe. Er war groß und hager, ein junger Mann bereits und wie ein junger Mann gekleidet, mit langen Hosen aus grauem Vigogneflanell und einem andersfarbigen Sakko aus einem schweren Stoff – in der Tasche steckte ein Zehnerpäckchen Macedonia-Zigaretten – und einer hübschen Krawatte aus Organdy. Ich dagegen – klein und untersetzt, in meinen ewigen Knickerbockers, in denen ich mich so unglücklich fühlte und für die meine Mutter eine besondere Vorliebe hatte – nahm mich neben ihm nur wie ein kleiner Junge aus. Dann der Sport. Cattolica übte keinen aus. Er verachtete das Fußballspiel, aber nicht deshalb, weil er es nicht beherrschte (er hatte einmal auf dem Platz vor der Kirche del Gesù bei einem Spiel mitgemacht und dabei einen hervorragenden Stil gezeigt), sondern weil Sport ihn nicht interessierte und ihm nur verlorene Zeit bedeutete. Ferner: Für welche Fakultät würde ich mich einmal entscheiden, wenn ich auf die Universität ging? Ich wußte es noch nicht. Heute neigte ich zur Medizin, morgen zur Jurisprudenz, dann wieder zur Literaturwissenschaft. Er dagegen hatte sich nicht nur bereits für das Studium der Medizin entschieden, sondern auch seine Wahl zwischen innerer Medizin und Chirurgie zugunsten der letzteren getroffen. Und schließlich hatte er ein Mädchen, das er liebte und das ihn liebte, das Mädchen aus Bondone. Auf diesem Gebiet fehlte mir noch jede konkrete Erfahrung. (Konnte man Erfahrungen nennen, was ich im Sommer am Strand mit kleinen Mädchen erlebt hatte, dies bißchen Hand-in-Hand-Sitzen, Sich-in-die-Augen-Blicken, einen flüchtigen Kuß auf die Wangen und weiter nichts …?) Er dagegen war richtig verlobt: offiziell, mit einem gewaltigen Ring am Finger. Oh, dieser Ring! Es war ein Saphir, in Weißgold gefaßt, ein imponierender Ring, wie für einen Commendatore – und mir besonders unsympathisch. Und doch, wie sehr wünschte ich mir selbst einen solchen Ring! Wer weiß, dachte ich, um ein Mann zu werden, oder wenigstens um das Mindestmaß an Selbstsicherheit zu gewinnen, das man unbedingt braucht, um als einer zu gelten, konnte solch ein Ring vielleicht von großem Nutzen sein.
Mit wem zusammen machte Cattolica nachmittags die Schulaufgaben? Am Anfang war ich nicht dahintergekommen. So sehr schien er sich selbst zu genügen, so unerreichbar zu sein, daß ich an einen wirklichen, vertrauten Freund nicht glauben konnte. Selbst sein Verhältnis zu Boldini und Grassi schien mir von Fall zu Fall von reinen Zweckmäßigkeitserwägungen bestimmt; ich glaubte nicht, daß er je einen Schulkameraden in seiner Wohnung in der Via Cittadella empfing, auch nicht Boldini und Grassi.
Doch das war ein Irrtum.
Eigentlich hatte ich schon vorher etwas geahnt, und zwar seit jenem Morgen, an dem ich als letzter die Treppe vom Chemie- und Naturkundesaal (dem unbeschränkten Herrschaftsbereich der Krauss’) herunterkam und mich, als ich einmal aufblickte, plötzlich den dreien gegenüber fand: Cattolica, Boldini und Grassi, die im Gespräch auf dem Treppenabsatz stehen geblieben waren. Sie sehen und erraten, daß sie gerade dabei waren, eine Verabredung für den Nachmittag in der Wohnung eines von ihnen zu treffen, war eins. Tatsächlich änderten sie, sowie sie mich bemerkt hatten, das Gesprächsthema und begannen – man stelle sich das vor! – eine Diskussion über Fußball, als ob ich nicht gewußt hätte, daß sich Cattolica überhaupt nicht für Sport interessierte und nie über sportliche Ereignisse sprach.
Aber ich wollte mich selbst überzeugen können, wollte es mit Händen greifen. Und als ich am Abend meinen Vater im Klub der Kaufleute nicht angetroffen hatte (seitdem ich nicht mehr mit Otello meine Schularbeiten machte, hatte ich mir angewöhnt, mit dem Rad am Klub vorbeizufahren und meinen Vater dort jeden Abend gegen sieben Uhr abzuholen), entschloß ich mich plötzlich: statt nach Hause zu radeln, fuhr ich zur Kreuzung des Viale Cavour und der Via Cittadella und wartete ab.
Es war etwa zwanzig Minuten vor acht. Der Viale Cavour war vom Kastell bis zur alten Stadtzollschranke beleuchtet; die breite, umgepflasterte Via Cittadella schien dagegen wie in einem dunklen Nebel versunken. Ich rührte mich nicht von der Stelle und behielt das Haus Cattolicas im Auge. Es lag ungefähr hundert Meter von der Kreuzung entfernt – eine freistehende rote Villa mit zwei Stockwerken, vor nicht allzulanger Zeit erbaut, schön, gewiß, aber, so fand ich, zugleich irgendwie ein wenig vulgär. Waren zum Beispiel die rosa Gardinen vor den erleuchteten Fenstern im zweiten Stock nicht gewöhnlich, ja zweideutig? Ähnliche Gardinen schimmerten durch die angelehnten Fensterläden einiger Bordelle in der Via Colomba, in denen Danieli und Veronesi wie daheim waren.
Eine Viertelstunde verging. Schon schickte ich mich an fortzufahren (mir war der Verdacht gekommen, daß die Zusammenkunft anderswo abgehalten wurde, bei Grassi an der Piazza Ariostea oder bei Boldini in der Via Ripagrande), als sich die Haustür öffnete und nacheinander alle drei heraustraten, auch Cattolica.
Sie bestiegen ihre Räder und fuhren die Via Cittadella herauf bis zum Viale Cavour, glücklicherweise langsam genug, um mir Zeit zu lassen, ebenfalls aufs Rad zu springen und mich weit genug von der Kreuzung zu entfernen. Dort angelangt, trennten sich die drei. Boldini und Grassi bogen links ab, zur Stadtmitte, Cattolica rechts, zur alten Stadtzollschranke.
Wohin fuhr er jetzt? Es war klar: Er war unterwegs nach Bondeno zu seiner Freundin. Aber der Gedanke, daß er sich nach einem arbeitsreichen Tage (am Vormittag in der Schule, von der allgemeinen Achtung getragen, am Nachmittag zu Hause, umgeben von der Verehrung und Zuneigung seiner nächsten Freunde) nun auch noch den Luxus gestatten konnte, seiner Verlobten den Gutenachtkuß zu geben, war mir plötzlich unerträglich.
3
Obwohl Otello Forti nach den ersten zwei Monaten ein vorzügliches Zeugnis erhalten hatte, wollte er in den Ferien nur drei Tage daheim verbringen, den Heiligabend und die beiden Weihnachtstage. Ich sah ihn nur kurz, am zweiten Feiertag, ein paar Stunden, bevor er nach Padua zurückfuhr. Er war mit seinen Gedanken schon ganz bei der bevorstehenden Abreise. Ich besuchte ihn zu Hause, in der Via Montebello 24.
Er führte mich zunächst vor die große, prächtige Krippe, die wie immer im Erdgeschoß im Wohnzimmer stand und die ich bewundern sollte. Es war seit mindestens zehn Jahren das erste Mal, daß keiner der Brüder daran gedacht hatte, mich zur Mitarbeit bei der Aufstellung der Krippe aufzufordern. Danach stiegen wir in sein Zimmer hinauf. Aber selbst dort, in seinem kleinen Zimmer im obersten Stock, das mir immer auch ein wenig wie mein eigenes Zimmer gewesen war, konnte ich mich nicht nützlich machen. Sowie wir oben waren, nötigte er mich in den Sessel am Fenster. Dann begann er, seinen Koffer zu packen. Als ich aufstand, um ihm zu helfen, wollte er durchaus, daß ich mich wieder setzte. Er packe lieber allein, erklärte er mir, da er es so viel schneller hinter sich brächte. Solcher Beharrlichkeit gegenüber gab ich nach, setzte mich wieder und sah ihm von meinem Sessel aus zu. Ohne den Blick zu heben, machte er sich an seinem Koffer mit einer Langsamkeit zu schaffen, die etwas Gewolltes hatte. Ich hatte ihn anders in Erinnerung gehabt, blonder, dicker, rosiger. Vielleicht war er, abgesehen davon, daß er in seinen langen Hosen schlanker wirkte, tatsächlich magerer geworden und auch ein paar Zentimeter gewachsen. Aber in seinen Augen lag jetzt, hinter den Brillengläsern, die er als Kurzsichtiger brauchte, ein ernster, ja bitterer Ausdruck, der mich kränkte und verletzte. Nun hatte er zwar nie, überlegte ich, einen sehr aufgeschlossenen Charakter gehabt. Von uns beiden hatte stets ich die Initiative ergriffen, ob es sich um ein Spiel, eine Fahrt mit dem Rad über Land oder um eine Lektüre handelte, die nicht zu unserem Pensum gehörte, wie Salgari, Verne und Dumas. Er ließ sich von mir mürrisch und widerstrebend, aber manchmal, Gott sei Dank, auch lachend mitreißen; insgeheim bewunderte er mich, gerade weil es mir hin und wieder gelang, ihn zum Lachen zu bringen. Aber jetzt? Was hatte sich zwischen uns geändert? Wieso hatte ich Schuld daran, daß er nicht versetzt worden war? Warum machte er nicht endlich Schluß mit dieser Trauermiene?
»Was hast du?« fragte ich ihn.
»Ich? Nichts. Wieso?«
»Ach, ich weiß nicht. Es sieht beinahe so aus, als ob du auf mich böse wärst.«
»Gratuliere! Du bleibst immer derselbe«, antwortete er, mit einem Lächeln, bei dem sich nur seine Lippen verzogen.
Offenbar spielte er auf meine alte Neigung an, mir über jede Kleinigkeit Gedanken zu machen, und auf mein ständiges Bedürfnis nach dem Wohlwollen der anderen; aber er hatte wohl auch die Veränderung im Sinne, die das Mißgeschick an seinem Charakter bewirkt hatte. Falls es mir Spaß machte, mochte ich mich weiterhin meinen üblichen dummen und kindischen Einbildungen hingeben, schien er sagen zu wollen. Er aber nicht; denn er hatte weder Lust noch Zeit dazu. Sein Unglück hatte einen Mann aus ihm gemacht; und ein Mann mußte seine Würde wahren.
»Ich verstehe nicht, was du sagen willst«, erwiderte ich. »Aber, entschuldige, ist das überhaupt eine Art und Weise? Wenn du mir wenigstens geschrieben hättest …«
»Soviel ich weiß, habe ich dir geschrieben. Hast du meine Briefe nicht erhalten?«
»Doch, schon gut, aber …«
»Nun also!«
Jetzt hatte er den Blick erhoben und sah mich an, hart und feindselig.
»Wie oft hast du mir geschrieben? Drei Briefe waren es in den beiden ersten Wochen. Und dann – nichts mehr.«
»Und du?«
Er hatte recht. Ich hatte als erster nicht mehr geantwortet. Aber wie sollte ich ihm jetzt erklären, warum ich nicht mehr den Mut gehabt hatte, eine Korrespondenz fortzusetzen, bei der unsere Rollen plötzlich vertauscht waren? Ich hatte gemeint, es sei an mir, ihn über sein Unglück zu trösten. Statt dessen hatte in gewisser Weise er mir von Anfang an gut zureden und mich trösten wollen.
Es war ein milder Tag (kein Vergleich zu dem strengen Winter des Vorjahrs – trotz der schon vorgeschrittenen Jahreszeit war die starke Kälte bisher ausgeblieben), und so gingen wir später in den Garten. In der blauen, ein wenig nebligen Luft der Abenddämmerung besuchten wir noch einmal all die Orte, die sich mit unserer Freundschaft verbunden hatten – eine Art Generalbesichtigung: den schönen Rasen in der Mitte, jetzt feucht und kahl, wo wir beide, zusammen mit seinen Brüdern und Vettern, so manche Partie Krocket gespielt hatten; das kleine Bauernhaus dahinter, dessen Erdgeschoß als Lagerraum für Holz und Kohlen und dessen erster Stock als Taubenschlag benutzt wurde; und schließlich den mit Bäumen bestandenen Hügel an der Gartenmauer, auf dem Giuseppe, der ältere Bruder Otellos, in einem grauen Verschlag, der aus wurmstichigen Brettern und einem Drahtgitter bestand und ursprünglich als Hühnerstall gedient hatte, Kaninchen züchtete. Otello führte jetzt die Unterhaltung. Er erzählte mir ziemlich weitschweifig von seinem Leben im Internat, das, so gab er zu, hart war, vor allem wegen der unmöglichen Zeiten, zu denen sie von den Präfekten des Morgens geweckt wurden (um Viertel nach fünf mußten sie aufstehen; dann ging es in die Kapelle zum Beten), aber es war auch gut organisiert, damit niemand die Hände in den Schoß legen konnte und immer irgend etwas zu tun hatte. Das Pensum? Sehr viel umfassender als das unsere im vergangenen Jahr. In Latein würden sie über das dritte Buch der Äneis geprüft werden, ferner über Ciceros Briefe und Den Krieg mit Jugurtha von Sallust; im Griechischen über die Kyrupädie des Xenophon, die Dialoge des Lukian und eine Auswahl aus den Parallelbiographien des Plutarch; und im Italienischen über Die Verlobten von Manzoni und Den rasenden Roland des Ariost.
»Den Orlando furioso ganz?« fragte ich verblüfft.
»Ja, ganz«, antwortete er trocken.
Eine Frage aber hatte mir auf den Lippen gebrannt, und erst im letzten Augenblick, vor der Tür, schon im Begriff zu gehen, entschloß ich mich, sie zu stellen. »Hast du dich dort schon mit irgend jemandem angefreundet?« fragte ich ihn.
Mit augenscheinlicher Genugtuung bejahte er. Doch, er habe einen sehr sympathischen Jungen aus Venedig kennengelernt, mit dem zusammen er nun arbeite. Er hieß Alzerà, Leonardo Alzerà (sein Vater war Graf!) – ein sehr begabter Bursche, auch in Italienisch, Latein und Griechisch, aber hauptsächlich in Mathematik und Geometrie; in diesen beiden Fächern sei er – unter Garantie! – nicht zu schlagen. Ich schmierte rasch mal ein Gedicht oder eine Novelle herunter, nicht wahr? Schön, er aber löste mit der gleichen Leichtigkeit zu seinem Vergnügen komplizierteste Gleichungen dritten Grades. Ein Phänomen! Mit einem solchen Kopf konnte es nicht schwer sein, einmal Wissenschaftler, Erfinder, kurz, eine Berühmtheit zu werden …
Ob sich das Folgende tatsächlich am Morgen des 8. Januar, bei Schulbeginn nach dem Dreikönigsfest, zugetragen hat, kann ich nicht mit Bestimmtheit erklären. Ich glaube, ja. Sicher ist, daß ich eines Morgens früh, eine halbe Stunde vor dem Läuten in die Del-Gesù-Kirche trat. (Ich war noch nie in der Kirche selbst gewesen; wenn Otello vor einer Klassenarbeit oder in Voraussicht einer wichtigen Prüfung hier eintrat, ›um sich die Götter gnädig zu stimmen‹, wie ich es voller Nachsicht bei mir nannte, hatte ich ihn immer nur bis zur Tür begleitet, ohne die Schwelle je zu überschreiten.)
Kein Mensch war um diese Stunde in der Kirche. Ich hatte langsam das rechte Seitenschiff durchschritten, die Nase in der Luft wie ein Tourist; aber die durch die hohen Fenster einfallenden Sonnenstrahlen ließen mich die großen barocken Gemälde über den Altären nicht klar erkennen. Vor dem in Halbdunkel getauchten Chor angelangt, war ich zum linken Seitenschiff hinübergegangen, das vom Sonnenlicht überflutet war. Hier aber erregte sogleich eine seltsame Gruppe bewegungsloser und schweigsamer Gestalten meine Aufmerksamkeit, die sich neben der zweiten der beiden Nebenpforten eingefunden hatte.
Wer waren sie? Wie ich bald erkennen konnte, sowie ich nahe genug gekommen war, handelte es sich nicht um lebende Personen, sondern um Statuen. Statuen aus bemaltem Holz, in Lebensgröße gearbeitet. Und zwar um jene berühmte Beweinung Christi aus S. Maria della Rosa, vor die mich in meiner Kindheit Malvina (meine einzige katholische Tante) so oft geführt hatte, allerdings nicht hier, sondern eben in S. Maria della Rosa in der Via Armari, von wo die Gruppe offenbar später in die Jesuskirche gebracht worden war. Auch jetzt versenkte ich mich wieder in die grausame Szene und sah den fahlen, gemarterten Leib des toten Christus, der auf dem nackten Boden ruhte, und um ihn versammelt, erstarrt in ihrem Schmerz in stummer Gebärde, mit stummen verzerrten Gesichtern, mit Tränen, die sich nie ausweinen durften, die Angehörigen und Freunde: Maria, Johannes, Joseph von Arimathia, Simon, Magdalena und zwei fromme Frauen. Und während ich die Statuen betrachtete, erinnerte ich mich an Tante Malvina, die bei diesem Anblick nie ihre Tränen zurückhalten konnte. Sie zog den schwarzen Jungfernschal über ihre Augen und kniete nieder, natürlich ohne daß sie es wagte, auch ihren kleinen ungetauften Neffen niederknien zu heißen.
Endlich raffte ich mich auf, wandte mich um und wollte die Kirche verlassen.
Und in diesem Augenblick entdeckte ich Carlo Cattolica. Er kniete in einer Bank des Mittelschiffs, ruhig und gesammelt, der einzige Besucher in der Kirche.
Meine erste Regung war, ihn nicht zu stören und fortzugehen, ohne daß er mich bemerkte. Statt dessen ging ich auf Zehenspitzen und mit klopfendem Herzen durch das Seitenschiff bis zu seiner Bank.
Er hatte seine Bücher neben sich gelegt und betete. Die schöne, reine Stirn über die gefalteten Hände gebeugt, bot er mir, der ich ihn beobachtete, das gleiche scharfgeschnittene, rätselhafte Profil, das er mir täglich in der Schule zeigte. Ich spürte einen Schmerz. Warum waren wir nicht Freunde, fragte ich mich. Warum konnten wir nicht Freunde werden? Vielleicht, weil er mich nicht genug schätzte? Aber daran konnte es nicht liegen, denn wie tüchtig und intelligent Boldini und Grassi immer sein mochten, sie waren es gewiß nicht mehr als ich. Dann vielleicht der unterschiedlichen Religion wegen? Aber die Zugehörigkeit zu einer anderen Religion hatte zwischen Otello und mir nie eine Rolle gespielt. Ganz und gar nicht. Die Fortis waren alle sehr religiös und in katholischen Organisationen tätig (der Rechtsanwalt Forti gehörte dem Vinzenzverein an, und auch Giuseppe war vor zwei Jahren dort Mitglied geworden), und doch hatte mich keiner von ihnen je spüren lassen, daß ich Jude war. Übrigens waren die Eltern Cattolicas keineswegs dafür bekannt, besonders kirchlich gesinnt zu sein. Warum also? Warum?
Cattolica hatte sich erhoben, sich bekreuzigt und mich bemerkt – er kam auf mich zu. »Nanu, was machst du denn hier?« fragte er mich leise.
»Ich habe mir die Beweinung angesehen«, antwortete ich und wies dabei mit dem Daumen in die Richtung der Statuengruppe.
»Ach, hast du die noch nicht gekannt?«
Doch, ich hätte sie schon gekannt, erklärte ich ihm, da ich sie als Kind des öfteren in S. Maria della Rosa gesehen hätte. Und während wir noch einmal umkehrten, um die Statuen nun gemeinsam anzuschauen, verbreitete ich mich über Tante Malvina und ihre Leidenschaft, Kirchen zu besichtigen, sämtliche Kirchen der Stadt.
Das schien ihn zu interessieren. Er wollte wissen, wer diese Tante war. Vielleicht die Schwester meiner Mutter?
»Nein, die Schwester meiner Großmutter«, erwiderte ich und fügte hinzu: »Meiner Großmutter mütterlicherseits, die eine Marchi ist.«
Wir waren unterdessen auf den Platz vor der Kirche hinausgetreten. Es fehlten nur noch wenige Minuten bis neun Uhr, und überall, auf dem Kirchplatz, in der Via Borgoleoni und vor allem vor der Tür des Gymnasiums zeigten sich in Scharen die Schüler. Nebeneinander lehnten wir an der roten Fassade der Jesuskirche. Und da uns keiner unserer Kameraden zu bemerken schien, setzten wir die Unterhaltung fort. Es war das erste Mal. Das Ereignis bewegte mich. Es machte mich gesprächig, es reizte mein Bedürfnis nach vertraulicher Mitteilsamkeit.
Wir hatten begonnen, allgemein über Religion zu sprechen, aber er fragte mich, ob es wahr sei, daß wir ›Israeliten‹ nicht an die Madonna glaubten, ob es stimme, daß nach unserer Auffassung Jesus Christus nicht der Sohn Gottes sei, ob es zutreffe, daß wir noch immer den Messias erwarteten, ob wir tatsächlich ›in der Kirche‹ den Hut auf dem Kopfe behielten, und dergleichen mehr. Und ich antwortete Punkt für Punkt mehr als bereitwillig auf alle Fragen, weil ich plötzlich fühlte, daß seine oberflächliche, gewöhnliche, ja taktlose Neugier mich nicht verletzte, sondern mir im Gegenteil gefiel, mich befreite.
Aber zuletzt stellte ich ihm eine Frage.
»Entschuldige«, fragte ich, »seid ihr – ich meine deine Familie – schon immer katholisch gewesen?«
»Das möchte ich meinen«, antwortete er mit einem angedeuteten, hochmütigen Lächeln. »Warum?«
»Ich weiß nicht. Cattolica ist ein Ort, am Meer … zwischen Riccione und Pesaro, und die Juden haben alle, wie du weißt, ihre Familiennamen nach den Namen von Städten und Dörfern erhalten.«
Er straffte sich.
»Aber das stimmt nicht«, widersprach er sogleich und zeigte sich, wenigstens auf diesem Gebiet, vollkommen informiert. »Viele Israeliten heißen nach Städten und Dörfern, aber nicht alle. Eine ganze Reihe hat Namen wie Levi, Cohen, Zamorani, Passigli, Limentani, Finzi, Contini, Finzi-Contini, Vitali, Algranati und so fort. Was hat das damit zu tun? Ich könnte ebensogut eine endlose Reihe von Leuten aufzählen, die Namen haben, die jüdisch klingen, ohne daß sie deswegen jüdisch sind.«
Er war unterdessen weitergegangen, fuhr aber fort, mit gedämpfter Stimme, das Thema ausführlich zu erörtern. Was uns die Gelegenheit gab, ausnahmsweise einmal zusammen durch die große Schultür zu gehen, dann den langen Gang hinunter bis zu unserer Klassentür und schließlich, immer Seite an Seite, durch das Klassenzimmer bis zu unserer Bank zu gelangen, ganz wie zwei gute alte Freunde.
Darmowy fragment się skończył.