Czytaj książkę: «Der Kampf ums Glück»

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SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört,

einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher,

Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-7751-7516-6 (E-Book) ISBN 978-3-7751-6025-4 (lieferbare Buchausgabe)

Dieser Titel erschien zuvor unter der ISBN: 978-3-7751-3048-6

1. Auflage 2021 (2. Gesamtauflage)

© der deutschen Ausgabe 2021

SCM Verlagsgruppe GmbH · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen Internet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: info@scm-haenssler.de

Originally published in English under the title: The Song of Princes

© 1997 by Gilbert Morris

Published by Tyndale House Publishers, Inc.

Übersetzung: Laura Zimmermann

Umschlaggestaltung: Jan Henkel, www.janhenkel.com Wappen: Adler: © Potapov Alexander/Shutterstock.com, Schild: © pashabo/Shutterstock.com Titelbild: Häuserreihe: © Konmac/Shutterstock.com, beide Reiter: © Tony Marturano/Shutterstock.com Satz: Satz & Medien Wieser, Aachen

Inhalt

Über den Autor

Widmung

I | Der Erbe von Wakefield 1753–1759

1 | Der schlechte Samen

2 | Du warst mein Leben …!

3 | Die Verwechslung

4 | Die alte Ordnung ändert sich

5 | Der verlorene Sohn geht

6 | Tod in Quebec

II | Zu haben und zu halten 1760–1768

7 | Felle

8 | Eine Frau zum Lieben

9 | Der Überfall

10 | Männer sind ja solche Narren!

11 | »Liebe ist eine gefährliche Sache«

12 | Hochzeitsglocken

III | Ein Tag im Gericht 1772–1773

13 | Die Rückkehr des verlorenen Sohnes

14 | Aus der Vergangenheit

15 | Die Gerichtsverhandlung

16 | Das Leben eines armen Mannes

17 | Eine alte Flamme

18 | Bethany übernimmt das Kommando

IV | Die tiefe Kluft 1773–1775

19 | Blutsbande

20 | Honors Zeit ist gekommen

21 | Wolken über Boston

22 | Zwei Frauen

23 | Duell im Morgengrauen

24 | Kein Ausweg

25 | Die Sprache des Blutes

26 | Eine Zeit für Bethany

Mehr über Wakefield in Band 7 »Im Taumel des Glücks«

1 | Ein Ball für Shayna

Leseempfehlungen

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Über den Autor


GILBERT MORRIS (1929–2016) war Pastor, Englisch-Professor und Bestsellerautor.

Mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebte er in Alabama, USA.

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Widmung




Für Mark und Janie Baber

Weder Zeit noch Entfernung haben meine wundervollen Erinnerungen an euch verwischen können. Ich denke so oft an unsere schöne gemeinsame Zeit, als wir uns kennenlernten. In den folgenden Jahren ist unsere Verbindung noch tiefer geworden. Darum möchte ich dieses Buch euch beiden widmen. Ihr habt mein Leben sehr bereichert und mir gezeigt, dass es in dieser dunklen Welt noch immer Menschen gibt, die für andere ein Lichtstrahl sein können.


[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

I Der Erbe von Wakefield 1753–1759

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

1

Der schlechte Samen

Mai 1753

»Oh sieh nur, dahinten im Feld! Die Äpfel sind reif!«

Dieser Ausruf kam von einem dreizehnjährigen Mädchen mit karottenrotem Haar und dem ungewöhnlichen Namen Priscilla Bean. Ihre strahlenden blauen Augen funkelten, als sie sich den beiden Jungen an ihrer Seite zuwandte. »Oh, ich würde zu gern einen dieser saftigen Äpfel essen!«

Sofort wanderte der Blick der beiden Jungen zu dem Obstgarten, der unmittelbar hinter der alten Steinmauer lag. Ihre gleichzeitige Bewegung wirkte beinahe lustig, denn sie waren eineiige Zwillinge – David und Paul Wakefield.

David und Paul sahen wirklich genau gleich aus. Sie waren dünn und ihr dunkelblondes Haar war exakt gleich lang geschnitten, bis kurz über den steifen, weißen Kragen. Ihre graublauen Augen blickten offen und ihre feinen Gesichtszüge mit der breiten Stirn und der kurzen englischen Nase ließen bereits im Alter von zwölf Jahren erkennen, dass sie später einmal sehr gut aussehen würden. Der entschlossene Mund mit der vollen Unterlippe und den außergewöhnlich schönen Zähnen und das ausgeprägte Kinn ließen Züge von Eigensinn erkennen.

Die Jungen trugen sogar die gleichen Kleider: braune Kniehosen, weiße Strümpfe, langärmlige weiße Hemden und abgestoßene Lederschuhe mit Messingschnallen. Beide hatten ihre Bücher unter den Arm geklemmt.

David Wakefield, der rechts neben Priscilla stand, ließ seinen Blick ruhig und überlegt über den Obstgarten schweifen – so wie er fast alles mit reiflicher Überlegung tat. Es sah beinahe so aus, als würde er über eine philosophische Frage nachdenken. Dann wandte er sich dem Mädchen zu und schüttelte den Kopf. »Egal, wie saftig diese Äpfel sind, Priscilla. Wir werden keinen davon bekommen. Du weißt doch, was für ein schrecklicher Mann Saul Beddows ist. Denk an das, was er im vergangenen Jahr mit Martin Drake gemacht hat, als er ihn beim Apfelklauen erwischt hat.«

Priscilla runzelte die Stirn. »Armer Martin! Er hatte den ganzen Rücken voller Striemen.«

Paul Wakefield grinste und seine Augen verschwanden bei dem für die Zwillinge so typischen Grinsen fast in den Augenhöhlen. »Martin war einfach nur dumm!«, verkündete er mit Nachdruck. »Es geschah ihm recht, dass er geschnappt wurde!« Und schnaubend fragte er: »Woher weißt du überhaupt, dass er Striemen auf dem Rücken hatte, Priscilla? Hast du sie gesehen?«

Priscilla wusste genau, welcher der Zwillinge gesprochen hatte, denn David hätte niemals eine so ungezogene Äußerung gemacht. »Du bist einfach schrecklich, Paul Wakefield! So eine Frage gehört sich nicht!«

Paul jedoch achtete nicht auf sie. Er ließ seine mit einem verschlissenen Lederriemen zusammengebundenen Bücher baumeln und richtete seine graublauen Augen abschätzend auf den Apfelbaum. »So schwierig dürfte das gar nicht sein. Die reifen Äpfel hängen zwar ganz oben, aber der alte Beddows schläft vermutlich. Ich kann ihn jedenfalls nirgends entdecken.«

David, der seinen Zwillingsbruder beinahe so gut kannte wie sich selbst, erwiderte schnell: »Er könnte dich vom Fenster aus sehen … und wenn du geschnappt wirst, weißt du ja, dass dich Schläge erwarten, Paul. Komm, lass uns gehen.«

Ein bösartiges Grinsen umspielte Pauls Lippen. Er legte den Kopf zur Seite und fragte: »Willst du wirklich einen von diesen Äpfeln, Priscilla?«

»Oh, lieber nicht! Es ist zu gefährlich!«

Paul zögerte nicht lange. »Komm, David. Wir können uns ein paar Äpfel holen und wieder verschwunden sein, bevor Beddows uns überhaupt bemerkt.«

»Nein, Paul – das gibt Ärger. Mutter und Vater würde das überhaupt nicht gefallen.«

Doch seine Worte trafen auf taube Ohren. »Hier, Priscilla«, sagte Paul, »halte meine Bücher. Ihr beide bleibt hier, während ich uns ein paar von den Äpfeln hole.« Er reichte Priscilla seine Bücher und näherte sich der Steinmauer. Vorsichtig blickte er zur Hütte hinüber, die am hinteren Ende des Obstgartens stand. Eine dünne Rauchwolke stieg aus dem Kamin auf, aber draußen war niemand zu sehen. Paul legte seine Hände auf die Mauer und sprang hinüber. Er rannte zu dem hohen Apfelbaum, einem schon sehr alten Baum, und griff nach dem untersten Ast. Schnell stieg er weiter. Die unteren Äpfel ignorierte er und schon bald war er bis ganz nach oben geklettert. Er pflückte einen von den saftigen roten Äpfeln, steckte ihn in sein Hemd und streckte seine Hand nach dem zweiten aus. Gerade hatte er nach dem dritten Apfel gegriffen, als er einen schrillen Schrei hörte. Er sah zum Haus hinüber und entdeckte Saul Beddows, der von seiner Veranda sprang und wütend mit seinem knorrigen Spazierstock fuchtelte.

»Lauf!«, rief Priscilla und packte David an der Hand. »Komm schon!«

»Wir bleiben besser hier bei Paul.«

»Wir müssen weg!«, drängte sie. »Ich darf auf keinen Fall erwischt werden. Mein Pa würde mich auspeitschen, wenn er herausfände, dass ich Äpfel klaue!«

Paul schnappte sich noch den dritten Apfel, stopfte ihn in sein Hemd und kletterte mit der Geschwindigkeit eines Affen vom Baum herunter. Unten angekommen rannte er, so schnell er konnte, zu der Mauer, dicht gefolgt von Saul Beddows. Mit Leichtigkeit sprang er darüber und lief in den Wald auf der anderen Seite des Weges. Hinter sich hörte er Saul Beddows wütend schimpfen, aber Paul lachte nur, während er immer tiefer im Wald verschwand. Der alte Mann würde ihn nun nicht mehr einholen können. Er kämpfte sich durch den Wald, bog auf einen mit Dornen überwucherten Weg ab und erreichte schließlich eine Viertelmeile von Beddows’ Haus entfernt die Straße wieder. Dort wartete er einen Augenblick und kurz darauf kamen David und Priscilla die Straße entlanggerannt.

»Hier, bitte, Priscilla«, sagte Paul und holte einen Apfel aus seinem Hemd. »Einen für dich, David – und einen für mich.«

Nur widerwillig nahmen Priscilla und David die Äpfel entgegen. David schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, wir werden deswegen Ärger bekommen.«

»Du machst dir zu viele Gedanken«, sagte Paul achselzuckend. Dann biss er herzhaft in den Apfel. »Hmmm! Die sind gut! Los, komm schon, Priscilla, beiß rein.« Lachend fuhr er fort: »Adam und Eva haben ja auch wegen einer Frucht von einem Baum Ärger gekriegt, aber wir machen uns darum keine Gedanken, nicht?«

Priscilla biss in ihren Apfel, doch David starrte seinen nur an, schüttelte langsam den Kopf und gab ihn Paul zurück. »Ich wünschte, du hättest es nicht getan«, sagte er. »Es wird ganz bestimmt Ärger geben.«

Das Haus, in dem der Prediger Andrew Wakefield mit seiner Frau Dorcas und den Zwillingen David und Paul wohnte, sah aus wie die meisten bescheidenen Häuser im ländlichen Cornwall des Jahres 1753. Es war aus den Steinen gebaut, die man in dieser Gegend fand, und sein spitzes Dach war mit Stroh gedeckt. Zwei kleine Fenster in der Mitte ließen etwas Licht hinein, genau wie das einzige Fenster im ersten Stock. An einer Seite befand sich ein massiver Steinkamin, der beinahe zu groß für das bescheidene Häuschen wirkte. Die Südseite war von Weinranken überwuchert und eine riesige Eibe gab ausreichend Schatten; sie wurde von den Jungen als Kletterbaum benutzt.

Das Innere des Häuschens war bescheiden eingerichtet: In dem großen Raum links wurde gekocht und gegessen, rechts daneben befand sich ein Wohnzimmer und ein kleines Arbeitszimmer. Im hinteren Teil waren noch zwei Schlafzimmer untergebracht und eine schmale Treppe führte zu dem oberen Schlafzimmer. Die Küche, in der zwei Frauen und zwei Kinder saßen, hatte eine niedrige Decke und wurde von einer großen, mit Steinen eingesäumten Feuerstelle beherrscht. Jeder Zentimeter war mit Kupferkesseln, Töpfen und Gerätschaften aller Art vollgestopft. Neben der Feuerstelle stand ein von Messingringen zusammengehaltenes Butterfass, dem man den häufigen Gebrauch ansah. An der Decke hingen getrocknete Apfelstreifen, Pfefferschoten und Kürbisstreifen. Die Wände waren weiß getüncht und neben dem großen Fenster auf der Südseite standen auf einem Regal Eisen- und Kupfergeräte.

Eine der Frauen erhob sich von ihrem Stuhl und ging zu dem schwarzen Topf, der über dem Feuer hing. »Ich glaube, das Stew ist schon fast fertig.« Dorcas Wakefield rührte mit ihrer linken Hand in der Suppe. Ein Unfall in ihrer Kindheit hatte dazu geführt, dass sich die Finger ihrer rechten Hand nach innen krümmten und bis auf den Daumen bewegungslos blieben. Sie war achtunddreißig Jahre alt, und man konnte bei ihr noch die Spuren der schönen Frau erkennen, die sie mit achtzehn gewesen war. Ihre Figur war etwas fülliger, aber ihre Gesichtszüge waren ansprechend: große dunkelblaue Augen und dunkles, fast schwarzes Haar, von nur wenigen grauen Strähnen durchzogen. Dorcas rührte noch einmal in der Suppe, legte den Deckel wieder auf den Topf und kehrte zu ihrem Stuhl zurück. Mit einem Blick auf die beiden Kleinen im hinteren Teil des Zimmers meinte sie: »Ich kann kaum glauben, dass unsere Kinder so schnell groß werden, Sarah.«

Sarah Morgan blickte ihre geliebte Freundin an, die ihre Schwägerin geworden war. Sarah war eine Lancaster, die Tochter von Sir Talbot Lancaster. Als sie ihr bequemes Leben aufgegeben hatte, um Dorcas’ Bruder Gareth Morgan, einen armen Methodistenprediger zu heiraten, waren sowohl Sir Talbot als auch seine Frau Jane entsetzt gewesen. Es hatte mehrere Jahre gebraucht, bis sie sich mit Sarahs Entscheidung abgefunden hatten. Mit ihrem blonden Haar und den blaugrauen Augen war Sarah noch immer eine Schönheit. Wenn sie auch genauso alt war wie Dorcas, wirkte sie sehr viel jünger als die Freundin. »Ja, sie werden groß«, stimmte sie zu und warf einen Blick auf die Kinder. »Ich bin froh, dass sie sich so gut verstehen. Die meisten Jungen machen sich wenig aus ihren kleinen Schwestern, aber Ivor hat sich seit Bethanys Geburt um sie gekümmert. Und sie betet ihn an.«

»Sie sehen Gareth sehr ähnlich, meinst du nicht?«

Es stimmte, sowohl Ivor, acht Jahre, als auch Bethany, drei Jahre, hatten viel von Gareth, ihrem walisischen Vater geerbt. Beide hatten seine pechschwarzen Haare, wenn auch Bethanys lang und Ivors kurz geschnitten waren. Auch hatten sie seine dunkelblauen Augen geerbt, sein fein geschnittenes Gesicht und seine ausgeprägten Wangenknochen sowie seine schlanke Figur. Sarah meinte lächelnd: »Ich nehme an, dunkles Haar und dunkle Augen siegen über blondes Haar und hellblaue Augen, wie ich sie habe. Aber das ist schon in Ordnung. Ich fand ihren Vater sowieso immer hübscher als mich.«

Dorcas Wakefield lachte. »Sag ihm das nur nicht.«

»Dazu ist es zu spät. Das habe ich bereits«, erwiderte Sarah. Obwohl Gareth die Gemeinde in dem kleinen, etwas weiter entfernten Städtchen Deerfield betreute, war die Entfernung doch nicht so groß, dass die beiden Familien sich nicht häufig besuchen konnten. An diesem Tag waren die Morgans bei den Wakefields zu Besuch, denn kein anderer als John Wesley, der große Erweckungsprediger der Methodisten, übernachtete im Haus der Wakefields.

Wenige Meter von den plaudernden Frauen entfernt saßen die drei Prediger in Reverend Andrew Wakefields kleinem Arbeitszimmer. Dieser Raum war so mit Büchern vollgestopft, dass die drei Männer kaum noch Platz fanden. Der kleinste der drei Männer ließ seinen Blick über die überfüllten Bücherregale an den Wänden, über die auf dem Tisch und selbst auf dem Boden aufgestapelten Bücher gleiten. »Du warst schon immer eine Leseratte, Andrew.«

Der Sprecher, John Wesley, war fünfzig Jahre alt, neun Jahre älter als Andrew. Mit seinen ein Meter achtundsechzig war John schlank und sein langes kastanienbraunes Haar fiel ihm bis auf die Schultern. Sein offenes Gesicht mit den vollen Lippen und seiner langen dünnen Nase war häufig Gegenstand von spöttischen Bemerkungen seiner Gegner. Aber dieser Lehrer aus Oxford hatte zusammen mit seinem Bruder Charles England aufgewühlt. Ihre Lehre erschütterte die Grundfesten der anglikanischen Kirche. Die Wesleys hielten jedoch an der etablierten Kirche fest und hofften, dass die Tausende, die sich bei ihnen bekehrt hatten und ihre Gottesdienste besuchten, irgendwie ihren Platz in dieser Kirche fanden.

Jedoch gab es so gravierende Unterschiede zwischen Wesley und der etablierten Kirche, dass John manchmal beinahe verzweifelte, wenn er eine solche Versöhnung sah. Er lehnte sich nun zurück und sagte: »Ich musste gerade an die Zeit denken, als du, Charles und ich nach Savannah gingen.«

»Ich denke auch viel an diese Zeit in Amerika, Mr Wesley.« Andrew Wakefield war durchschnittlich groß und noch immer so schlank wie vor zwanzig Jahren. Sein dunkelblondes Haar war kurz geschnitten und umrahmte seine intelligenten blauen Augen, seine gleichmäßigen Gesichtszüge, die breite Stirn und seinen sehr ausdrucksvollen Mund. Er lächelte Wesley an und seine graublauen Augen funkelten amüsiert. »Ich glaube, wir haben jeden Fehler gemacht, den ein Missionar nur machen kann.«

Wesley runzelte die Stirn, denn er wurde nicht gern an seine Fehler erinnert, aber sein ihm angeborener Sinn für Humor siegte und er lachte. »Du hast recht, Andrew! Wir haben es gut gemeint, aber ich weiß noch, wie ich in mein Tagebuch schrieb: ›Ich bin nach Amerika gegangen, um die Heiden zu bekehren – aber wer wird mich bekehren?‹«

Wesley gegenüber saß ein dritter Mann, Gareth Morgan. Mit seinen knapp zwei Metern Größe und dem vom Arbeiten in den Kohlenbergwerken kräftigen Körperbau war er ein Hüne von einem Mann. Seine schwarzen, lockigen Haare, die dichten Augenwimpern und das ausdrucksvolle Gesicht ließen ihn sehr gut aussehen. Er ergriff das Wort: »Würdet Ihr gern wieder nach Amerika gehen, Mr Wesley?«

»Das würde ich allerdings! Aber das ist wohl nicht nötig«, bemerkte Wesley nachdenklich. »George Whitefield hat Amerika zu seinem Missionsfeld erklärt.«

»Ich habe gehört, dass dort Großes geschieht«, meinte Andrew.

»Er ist der beste Prediger, den ich je gehört habe«, erwiderte Wesley. Er hielt inne und fügte dann hinzu: »Und er hat auch ein sehr sanftes Wesen.«

Gareth und Andrew sahen sich an, denn sie wussten sehr wohl, dass Wesley und Whitefield sehr heftige Auseinandersetzungen in Bezug auf ihre Auslegung der christlichen Lehre geführt hatten. Sie sagten nichts, aber Wesley fing ihren Blick auf und sprach weiter. »Sicher, George und ich hatten über bestimmte Punkte unsere Differenzen … aber trotzdem bewundere ich seinen Charakter und seine evangelistischen Fähigkeiten.«

»Ich glaube, in Bezug auf George habt Ihr recht. Ich erinnere mich, wie er mich unterstützt hat, als ich in Oxford war«, bemerkte Andrew.

Gareth fügte hinzu: »Wenn er nicht gewesen wäre, hätte ich sicher aufgegeben und wäre nach Wales zurückgekehrt.«

Die drei Männer unterhielten sich noch eine Weile, bis Wesley schließlich zu Andrew sagte: »Wie hast du es geschafft, in der anglikanischen Kirche zu bleiben, Andrew? Das konnte ich nie verstehen. Ich darf in keiner Kirche in London predigen.«

Andrew schüttelte den Kopf. »Ich glaube, sie kennen mich nicht besonders gut. Dies ist eine so kleine Gemeinde in einem kleinen Pfarrbezirk. Soweit ich weiß, verkündige ich dasselbe Evangelium wie Ihr, aber sobald Euer Name genannt wird, gerät alles in Aufruhr.« Er lachte über seine eigenen Worte. »Dieses Leben gefällt mir. Ich war nie dazu bestimmt, eine große Rolle im Drama dieser Welt zu übernehmen.«

»Du bist des Herrn Diener hier in Cornwall, und ich bin Gott dankbar, dass du noch immer der Kirche von England angehörst.« Wesleys Worte verklangen, während er wehmütig aus dem Fenster sah. »Ich möchte keine Teilung«, fuhr er fort. »Ich habe nicht die Absicht, irgendjemanden der Kirche von England zu entfremden.«

Gareth wartete, bis Wesley fertig gesprochen hatte. »Ich glaube, dies ist Euch von Gott in den Weg gestellt worden, Sir«, meinte Gareth. »Ich habe es zwar nie miterlebt, aber ich habe oft gehört, dass Ihr, wenn man Euch nicht erlaubte, in Eurer kleinen Kirche in Epworth zu predigen, nach draußen gegangen seid und vom Grabstein Eures Vaters aus gepredigt habt.«

Wesley lachte. »Ja, das habe ich tatsächlich getan. Vielleicht steckt doch ein klein wenig Arroganz in mir. Ich bin ziemlich anfällig für solche Dinge.«

»Sagt so etwas nicht«, meinte Andrew schnell. Er liebte John und Charles Wesley von ganzem Herzen, und häufig war er versucht gewesen, aus der etablierten Kirche auszutreten und sich Wesley anzuschließen, wie Gareth es getan hatte. Aber irgendwie hatte Gott ihm gezeigt, dass sein Platz in der Gemeinde in Cornwall war. Er sprach seine Gedanken aus. »Ich denke, dass auch ich eines Tages aus der Kirche von England austreten werde, aber bis dahin werde ich hierbleiben. Die Leute haben alles, was ich weiß, schon hundertmal gehört.«

»Sie brauchen nichts anderes zu hören als Jesus«, sagte Wesley auf einmal. »Wenn du ihnen von ihm erzählst, Andrew, wie du es sicher tust, dann hören sie, was sie hören müssen.«

Gareth blickte auf, als seine Frau die Tür öffnete. »Was ist, Sarah?«

»Das Essen ist fertig.«

Die drei Männer erhoben sich sofort und Wesley verließ das Arbeitszimmer als Erster. Als sie das Esszimmer betraten, fragte Andrew: »Wo sind die Jungen?«

»Sie sind von ihrem Tutor noch nicht nach Hause gekommen«, erwiderte Dorcas. »Wir werden ohne sie anfangen. Ich bin sicher, sie werden bald kommen. Mr Wesley, wenn Ihr Euch vielleicht hierher setzt …« Mit den fünf Erwachsenen um den Tisch wirkte das Zimmer noch kleiner.

Dorcas hatte eine ausgezeichnete Mahlzeit zubereitet. Auf dem Tisch standen Schüsseln mit den köstlichsten Speisen: ein gebackener Fisch, ein schmackhaftes Stew, eine Platte mit einem knusprig gebratenen Hühnchen, Schüsseln mit Brotpudding, gewürzt mit Korinthen und Muskatnuss und eine große Schüssel geschnittener Äpfel mit Kürbisstreifen.

»Ihr seid vielleicht der Ansicht, dass Cornwall ein hartes Pflaster ist«, bemerkte Wesley. »Ich frage mich –«

Die Tür flog auf und die Zwillinge stürmten herein.

»Ihr seid spät!«, sagte Dorcas streng.

»Mr Cummings hat uns länger als gewöhnlich beim Schreiben festgehalten, Mutter«, erklärte Paul höflich.

»David!« Bethany, die neben ihrem Bruder Ivor in einer Ecke des Zimmers auf einem Hocker saß, sprang nun auf und rannte durchs Zimmer zu David. Die Erwachsenen konnten David und Paul häufig nicht auseinanderhalten, doch Bethany Morgan hatte mit ihren drei Jahren diese Probleme nicht. Instinktiv schien sie David zu erkennen, weil er mehr Zeit mit ihr verbrachte als sein Zwillingsbruder und mehr auf sie einging. Bethany klammerte sich an ihn und bettelte: »Liest du mir was vor?«

»Nachher, Bethany«, erwiderte David liebevoll. Er bückte sich und gab ihr einen Kuss.

»Nun kommt, wir haben euch noch ein wenig Fisch und vielleicht einen Hühnchenschenkel übrig gelassen. Wollt ihr Mr Wesley nicht begrüßen?«

Gehorsam begrüßten beide Jungen den Besucher. »Ihr gleicht einander wie ein Ei dem anderen«, meinte Wesley erstaunt. »Wie kann man euch nur auseinanderhalten?«

»Ich bin der Böse, Mr Wesley«, sagte Paul mit einem schelmischen Grinsen. »David ist der Gute.«

Wesley lachte leise und meinte: »Dann brauchst du also nur lieb zu sein, und deine Eltern werden glauben, du bist der Gute?«

»Ja Sir, genau das tue ich.« Paul warf David einen Blick zu. »Aber David ist niemals ungezogen, darum kann er auch niemanden täuschen.«

»Das reicht jetzt!«, sagte Dorcas streng. »Ich werde euch einen Teller fertig machen. Ihr könnt euch zu Ivor und Bethany setzen.«

Sobald die Jungen ihren Teller hatten, suchten sie sich einen Platz und begannen hungrig zu essen, während die Erwachsenen ihre Unterhaltung fortsetzten. Bethany zog ihren Hocker so dicht wie möglich an David heran und stellte ihm eine Frage nach der anderen, wobei sie ihn immer am Ärmel zupfte, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen.

Die Erwachsenen blieben noch eine Weile am Tisch sitzen und tranken ihren Tee, während die Zwillinge ihre Mahlzeit beendeten. Plötzlich wurde heftig an die Tür geklopft. Dorcas fuhr nervös zusammen. »Wer schlägt denn da die Tür kaputt?«

»Ich werde nachsehen«, erbot sich Andrew. Er erhob sich, ging zur Tür und öffnete sie. »Ach, Mr Beddows –«

»Mr Wakefield, ich bin wegen Eurer Jungen gekommen!« Saul Beddows trat ein. Er war ein großer, stämmiger Mann von Mitte sechzig, dessen Hände von der Arthritis leicht gekrümmt waren, doch ansonsten war er noch gesund und kräftig. »Es geht um den Diebstahl, den sie begangen haben!«

Andrew starrte den alten Mann an. »Ich verstehe Euch nicht, Sir«, erwiderte er ruhig.

»Ihr werdet sehr schnell verstehen, wenn ich Euch sage, dass einer Eurer Jungen einige meiner Äpfel gestohlen hat.«

»Ich wäre sehr traurig, wenn ich annehmen müsste, dass meine Jungen so etwas tun würden.«

»Ihr könnt ruhig traurig sein, Pastor, denn ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen. Ich hätte ihn beinahe geschnappt.«

Andrew betrachtete das Gesicht des Mannes. Er wusste, dass Beddows sehr leicht erregbar war, aber er war auch ein gutes, gottesfürchtiges Mitglied der Kirche. Ein wenig schwierig im Umgang vielleicht, doch sehr treu. »Ihr seid sicher, dass es einer meiner Jungen war?«

»Ganz sicher!«

Andrew drehte sich um und rief die beiden Jungen. Als sie neben ihm standen, fragte er leise: »Paul, hast du Mr Beddows’ Äpfel gestohlen?« Es war bezeichnend, dass er Paul fragte, denn nicht in seinen wildesten Träumen konnte er sich vorstellen, dass David so etwas getan hätte.

Paul riss die Augen auf. »Nein, Vater! Ich habe seine Äpfel nicht gestohlen!«

Andrew blinzelte und warf schnell einen Blick auf Dorcas, die nervös mit ihren Händen spielte. Dann wandte er sich an David und stellte ihm dieselbe Frage. »David, hast du Mr Beddows’ Äpfel gestohlen?«

David leckte sich die Lippen. Er hatte befürchtet, dass so etwas passieren würde, und nun waren seine schlimmsten Befürchtungen eingetroffen! Er verfügte über eine sehr lebhafte Fantasie und konnte bereits den Stock auf seinem Rücken spüren. Er wollte seinen Bruder nicht verraten, doch als er murmelte: »Nein, Sir …«, wirkte er sehr schuldbewusst.

»Er war es!«, brummte Mr Beddows. »Seht ihn Euch nur an. Schuldbewusst durch und durch.«

Dorcas stellte sich neben ihre Jungen, die bald so groß sein würden wie sie. Als sie die beiden ansah, wusste sie auf einmal, wie sich der Zwischenfall abgespielt hatte, ohne dass sie dabei gewesen war. »David hat Eure Äpfel nicht gestohlen, Mr Beddows.«

»Aber seht ihn Euch doch nur an! Er hat es getan und muss den Stock zu spüren bekommen.« Beddows ließ seinen Stock durch die Luft sausen. »Ich weiß, Ihr werdet niemals zulassen, dass ich Eure Söhne züchtige, Reverend, aber Ihr würdet sehr in meinem Ansehen sinken, wenn Ihr es nicht selbst tun würdet.«

Andrew fühlte sich schrecklich elend. Er nahm Beddows den Stock aus der Hand und blickte David an, der schuldbewusster denn je dreinblickte. »Es tut mir leid, dies tun zu müssen, David, aber –«

»Ich habe seine blöden Äpfel genommen«, sagte Paul. Er schob das Kinn vor und starrte den alten Mann an. »Ich habe drei Stück genommen. Was ist schon dabei?«

Das Verhalten des Jungen war so herausfordernd, dass die Erwachsenen im Raum entsetzt waren. Paul wusste, dass er gestraft werden würde, doch er hielt den Kopf hoch und zeigte keinerlei Furcht.

»Ich verstehe«, erwiderte Andrew langsam. »Komm mit … aber erst entschuldigst du dich bei Mr Beddows.«

»Ich habe Eure Äpfel genommen, und es tut mir leid, dass Ihr mich erwischt habt«, sagte Paul ohne Reue.

»Paul!« Dorcas war entsetzt. »So solltest du nicht mit Mr Beddows sprechen.«

Aber Paul Wakefield presste die Lippen fest aufeinander und folgte seinem Vater nach draußen. Bald war zu hören, wie der Stock auf den Rücken des Jungen niedersauste. »So etwas habe ich noch nicht erlebt«, sagte John Wesley erstaunt. »Ich fürchte, Euer Sohn ist ziemlich eigenwillig, Schwester.«

»Er hat in der Tat einen sehr ausgeprägten Willen.«

»Er muss gebrochen werden«, erwiderte Wesley sanft. »Auch ich hatte einen sehr ausgeprägten Willen und Gott musste hart mit mir ins Gericht gehen. Ich werde für Paul beten.«

»Vielen Dank, Sir«, erwiderte Dorcas leise.

Als die beiden Jungen später in ihrem Zimmer saßen, sagte David: »Ich habe es dir ja gesagt; du hättest es nicht tun sollen, Paul.«

Paul, der noch immer die Schläge seines Vaters spürte, verzog das Gesicht. »Es hat Spaß gemacht! Ich werde irgendwann abends hingehen und einen ganzen Sack voll holen!«

Die Stockschläge hatten bei Paul keinen Eindruck gemacht. Am folgenden Tag, bevor sein Vater mit Reverend Wesley zu einem etwas weiter entfernten Dorf ging, um dort zu predigen, erhielt er eine weitere Ermahnung. Andrew legte die Hand auf Pauls Schulter und sagte: »Es tut mir leid, dass ich dich schlagen musste, Paul. Das hat mir bestimmt keine Freude gemacht.«

Paul sah seinen Vater an und erwiderte: »Mach dir nur keine Gedanken, Vater. Es war nicht deine Schuld, sondern meine.«

Andrew betrachtete seinen Sohn und meinte nachdenklich: »Ich weiß, es waren nur drei Äpfel und das erscheint dir eine Lappalie zu sein – nur ein Jungenstreich. Ich habe auch solche Streiche gemacht, als ich in deinem Alter war.«

»Tatsächlich, Vater?«, fragte Paul lächelnd und interessiert. »Welche?«

Andrew lachte. »Ich werde dir ein anderes Mal davon erzählen. Alle Jungen machen so etwas.«

»David nicht«, sagte Paul und legte den Kopf zur Seite. »Ich glaube nicht, dass er in seinem Leben jemals geschlagen wurde, dafür habe ich für uns beide Schläge eingesteckt.«

»Vergleiche dich nicht immer mit deinem Bruder. Gott hat euch beide erschaffen«, sagte Andrew sanft. Es hatte ihm wehgetan, Paul mit dem Stock schlagen zu müssen, und ihm war daran gelegen, seinem Sohn dies klarzumachen. »Wir haben viele Gespräche geführt, Paul, und ich weiß, dass du der Meinung bist, ich würde viel von dir verlangen, aber ich mache mir Sorgen um dich. Es waren nur drei Äpfel, aber es war sehr eigensinnig, dich zu weigern, dich bei Mr Beddows zu entschuldigen. Und das hat mir zu schaffen gemacht. Du scheinst kein Gefühl für Recht und Unrecht zu haben.«

»Na ja, wie du schon sagtest, Vater, es waren nur drei Äpfel. Er hat Tausende.«

»Aber es waren seine Äpfel«, betonte Andrew. Und als er bemerkte, wie Paul wieder störrisch wurde, fuhr er schnell fort: »Wir wollen die Sache jetzt auf sich beruhen lassen. Ich werde heute Abend erst sehr spät wiederkommen und Mr Wesley setzt seine Reise fort.«

»Halte ihnen eine gute Predigt, Vater.«

Andrew musste unwillkürlich lächeln. Sein rebellischer Sohn konnte unglaublich charmant sein, wenn er es darauf anlegte. »Vielen Dank, mein Sohn«, erwiderte er. »Ich werde mich bemühen.« Er wollte den Jungen umarmen, aber Paul mochte so etwas nicht besonders. Da Wesley wartete, nahm Andrew seinen Hut und seinen Mantel, und nachdem er sich von seiner Frau und David verabschiedet hatte, ging er. Wesley und er nahmen die Pferde, da es zu dem Dorf, in dem sie erwartet wurden, zu weit zu laufen war. Andrew winkte seiner Familie noch einmal zu, als sie losritten. Wesley sagte: »Ich bewundere deine Familie, Andrew. Du hast eine prächtige Frau. Eine sanfte Frau. Und dein Junge erinnert mich an George Whitefield. Ein so sanfter Geist! Der andere«, fügte er nachdenklich hinzu, »ist anders.«

»Ich wäre Euch dankbar, Mr Wesley, wenn Ihr für Paul beten würdet.«

»Ganz bestimmt. Du kannst dich darauf verlassen.«

Als die beiden Männer das Dorf erreichten, in dem die Versammlung abgehalten werden sollte, wurden sie bei dem Leiter der dortigen Gruppe, einem großen, stämmigen Mann namens Johnson, begrüßt. Sobald die beiden Prediger abgestiegen waren, nahm er ihre Pferde und sagte besorgt: »Mr Wesley, ich denke, es wäre besser, wir würden die Versammlung verschieben.«

»Was ist los, Mr Johnson?«

»Nun, Sir, hier in der Umgebung gibt es eine Menge Raufbolde. Sie haben darüber gesprochen, wie sie … nun, sie sagen, sie würden Euch und Reverend Wakefield etwas antun, wenn Ihr die Versammlung abhaltet.«

»Lasst Euch niemals von Euren Ängsten bestimmen, Bruder«, erwiderte Wesley fröhlich. Schon oft hatte er vor aufgebrachten Menschenmengen gestanden. Das gehörte zum Methodismus dazu. Die Prediger, die Wesley aussandte, wurden häufig mit verfaultem Gemüse oder toten Katzen beworfen. Manchmal wurden sie geschlagen und nicht selten in einen Fluss oder Bach geworfen. Wesley zeigte keinerlei Besorgnis, genauso wenig wie Andrew Wakefield. Die beiden Männer machten sich auf den Weg zu dem Feld, auf dem die Versammlung abgehalten werden sollte, und fingen sofort an. Wie gewöhnlich ließ Wesley einige Lieder singen, bevor er mit seiner Predigt begann. Schon bald war die Luft erfüllt mit Liedern, von denen einige kein anderer als sein Bruder Charles geschrieben hatte.

Nach dem Singen stellte sich Wesley in seinen anglikanischen Kleidern auf eine kleine Erhöhung und begann zu den etwa hundert Menschen zu sprechen. Er hatte sich zu einem hervorragenden Freiluftprediger entwickelt. In dieser Beziehung hatte er viel von George Whitefield gelernt. Wenn er auch nicht Whitefields kräftige Stimme noch die Ausstrahlung des jüngeren Evangelisten besaß, so war er doch beeindruckend. Wesley war etwa in der Hälfte seiner Predigt angekommen, als Andrew plötzlich eine Bewegung wahrnahm. Von links sah er eine Gruppe von fünfzehn bis zwanzig Personen herankommen. Die Männer waren alle ärmlich gekleidet und wirkten recht grob. Einige von ihnen trugen Knüppel.

»Halt den Mund, Wesley!«, rief einer von ihnen, ein großer, stämmiger Mann, der der Anführer zu sein schien.

»Wir sind hier, um das Evangelium von Jesus zu verkündigen. Wir wollen niemandem etwas Böses tun«, erwiderte Wesley ruhig.

»Aber ich möchte dir Böses tun, Prediger! Verschwinde hier. Ich würde dir raten zu tun, was ich gesagt habe.«

Wesley versuchte, vernünftig mit den Männern zu reden, aber es war sinnlos. Sie waren betrunken, wie Andrew feststellte, und nachdem sie ruhelos Wesleys Worten zugehört hatten, rief der Anführer: »Gebt ihnen einen kleinen Vorgeschmack von dem, was sie erwartet!« Damit marschierte er direkt auf Wesley los.

Eine unschöne Szene folgte. Mehrere der Zuhörer wurden von den Knüppeln getroffen, einer erlitt einen Knochenbruch und auch Wesley musste einiges einstecken. Andrew machte keinen Versuch, sich zu verteidigen, und als vier starke Männer ihn umstellten, sagte er ruhig: »Es wird euch nichts nützen, gegen das Evangelium anzugehen. Warum stellt ihr euch gegen Jesus Christus, der euch liebt?«

»Genug davon! Ich glaube, er sollte getauft werden«, schrie einer der offensichtlich betrunkenen Männer. »Packt ihn und werft ihn in den Fluss!«

Andrew wurde ergriffen und zu dem breiten Fluss gezerrt, der in der Nähe des Dorfes vorbeifloss. Jeder seiner Gegner packte eines seiner Glieder und dann warfen sie ihn hoch durch die Luft ins Wasser. Mit dem Kopf zuerst landete er im Fluss. Ein schrecklicher Schmerz durchzuckte ihn. Danach verlor er das Bewusstsein.

Nachdem es Wesley gelungen war, den Mob zu beruhigen, und sich die meisten der aufgebrachten Männer zurückgezogen hatten, rief Johnson: »Sie haben Reverend Wakefield in den Fluss geworfen!«

Sofort eilte Wesley mit einer Gruppe hinunter zum Ufer. »Er ertrinkt! Jemand muss ihn sofort herausholen!«, rief Wesley. Ohne lange zu überlegen, sprang Johnson ins Wasser. Andrew Wakefield trieb mit dem Gesicht nach unten auf dem Wasser und rührte sich nicht, als Johnson ihn packte.

»Er bewegt sich nicht!«, rief Johnson, als er den Prediger umdrehte, damit er wieder Luft holen konnte. Nachdem er Andrew ans Ufer gezogen hatte, streckten sich ihm Hände entgegen, um ihm zu helfen, den bewusstlosen Mann ans Ufer zu ziehen. »Ist er ertrunken?«, fragte Johnson ängstlich.

»Nein, er atmet, aber er ist bewusstlos«, antwortete Wesley. Alle sammelten sich um den Verletzten und einige begannen zu beten. Schließlich seufzte Wesley erleichtert auf. »Seine Augenlider bewegen sich. Ich denke, es wird alles wieder gut werden.« Er wartete noch einige Minuten, dann hob er Andrews Kopf hoch. »Bist du in Ordnung, Andrew?«

Andrew erwachte aus seiner Bewusstlosigkeit. Er hustete, um seine Lungen freizubekommen, und blinzelte. Als er die Hand hob, um sich das Wasser aus dem Gesicht zu wischen, kam seine Erinnerung zurück. »Sie haben mich in den Fluss geworfen«, flüsterte er. »Bin ich mit dem Kopf aufgeschlagen? Er tut ziemlich weh.«

»Du wirst wieder in Ordnung kommen«, sagte Wesley freundlich. »Komm jetzt, wir wollen dir aufhelfen.«

Doch als sie versuchten, Andrew Wakefield auf die Beine zu helfen, rief er erstaunt: »Meine Beine! Ich kann sie nicht fühlen!«

»Was ist?«, fragte Wesley.

»Ich kann meine Beine nicht fühlen!« Andrew sah an sich hinunter. »Ich weiß, dass sie da sind, aber ich habe kein Gefühl in ihnen.« Seine Beine gaben unter ihm nach. Er hatte keinerlei Kontrolle über sie.

»Setzt ihn hierher«, sagte Wesley alarmiert. Sie setzten Andrew ab und Wesley kniff ihn ins Bein. »Kannst du das spüren, Andrew?«

»Nein. Nichts.« Und als Wesley ihn in den Oberschenkel kniff, starrte Andrew ihn an. Er sah, dass der Prediger ihn ins Bein kniff, und er schlug sich mit der Faust. »Bis hinauf zur Taille«, sagte er. »Es ist, als wäre alles taub.«

Wesley atmete tief durch. »Er braucht einen Arzt.«

Doktor Crowell, ein junger Mann von dreißig Jahren, saß an Andrew Wakefields Bett. Dorcas stand neben ihm und die Zwillinge am Fußende. John Wesley war gegangen, nachdem der Arzt ihn versorgt hatte, doch er hatte versprochen, am folgenden Tag zurückzukehren.

Dorcas suchte in Doktor Crowells Gesicht nach einem Zeichen der Hoffnung. Als sie keines entdecken konnte, sank ihr Mut. Seit drei Tagen hatte Andrew den unteren Teil seines Körpers nicht mehr bewegt. Doktor Crowell hatte gesagt, der Schock würde vielleicht nachlassen.

Auch Andrew Wakefield betrachtete aufmerksam das Gesicht des Arztes. »Keine gute Nachricht, Doktor, nicht wahr?«

»Ich wünschte, ich könnte Euch eine gute Nachricht bringen«, erwiderte Crowell langsam. Diese Seite seines Berufes hasste er. Es fiel ihm jedes Mal schwer, eine schlimme Diagnose zu stellen. »Ich fürchte, dieser Sturz hat Eure Wirbelsäule verletzt, und vermutlich wird sich Euer Zustand nur im Laufe der Zeit bessern.«

Andrew Wakefield war ein sehr intelligenter Mann. Er hörte Doktor Crowells Worte, doch er beobachtete auch aufmerksam das Gesicht des Mannes. »Ihr meint vermutlich, dass ich niemals wieder werde laufen können. Dass ich meine Beine nie wieder werde gebrauchen können.«

Crowell zögerte. »Das liegt in Gottes Hand«, sagte er schließlich und erhob sich. »Ich werde morgen wieder vorbeischauen, Reverend.«

Als der Arzt gegangen war, blickte Andrew Dorcas an. Mit ihrer gesunden Hand ergriff sie seine Hand. Tränen schimmerten in ihren Augen und plötzlich konnte sie sie nicht mehr zurückhalten. »Oh Andrew!«, sagte sie mit leiser Stimme. Dann fiel sie neben seinem Bett auf die Knie und barg ihr Gesicht an seiner Brust.

»Weine nicht, Dorcas. Alles liegt in Gottes Hand. Alles dient zu unserem Besten«, tröstete sie Andrew. Er sah die Jungen an und sagte: »Komm her, Paul, und du auch, David.« Die Jungen traten blass an seine Seite. »Es tut mir leid, dass ihr so etwas erdulden müsst, denn wenn ein Mann eine Familie hat, dann leiden alle mit, wenn ihm etwas zustößt.«

»Du wirst wieder gesund werden, Vater«, erwiderte David tapfer. Paul schwieg. Er suchte im Gesicht seines Vaters nach einer Antwort, konnte jedoch keine finden.

Andrew Wakefield wusste, dass Gott Wunder tun konnte. »Wir werden darauf vertrauen, dass Gott mir wieder Gefühl in den Beinen schenkt. Und wir werden geduldig sein. Gottes Wille soll geschehen.«

Stille erfüllte den Raum. David konnte die Tränen nun nicht mehr zurückhalten. Er wischte sie mit seinem Ärmel ab und nahm das ermutigende Lächeln seines Vaters an. Aber Paul Wakefield weinte nicht. Seine Lippen pressten sich zornig aufeinander und er dachte: Warum muss Gott meinem Vater das antun? Das ist nicht gerecht! Er sprach seine Gedanken jedoch nicht aus, aber die Rebellion stand ihm ins Gesicht geschrieben. Als Dorcas den Blick hob, erkannte sie es. Sie schüttelte leicht den Kopf, aber Paul wandte das Gesicht ab, damit sein Vater die Verbitterung in seinen Augen nicht erkennen konnte.

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2

Du warst mein Leben …!

Dezember 1755 – Februar 1756

Im Dezember 1755 hielt der Winter England eisern im Griff. Noch Jahre später wurde von dem »schlimmen Winter« gesprochen, und alle wussten, welches Jahr gemeint war. Bäume wurden von der Kälte gespalten, das Vieh erfror und die ganze Insel schien in die Polarzone getrieben worden zu sein. Im Februar 1756 schien das Schlimmste überstanden zu sein. Noch immer war der gefrorene Boden von Schnee bedeckt, aber wenigstens waren die Temperaturen erträglich. Die Menschen seufzten erleichtert auf und freuten sich auf den Tag, wenn der warme Atem des Frühlings ihre Insel auftauen und das Gras wieder aus der Erde hervorsprießen würde.

Am 10. Februar saß Sir George Wakefield in seinem Wohnzimmer und wärmte seine Füße am prasselnden Feuer. Seine Frau Caroline saß ihm gegenüber und las im Licht einer Walöllampe in einem Buch. Sie sah häufig auf. Besorgnis machte sich auf ihrem Gesicht breit, während sie ihren Mann betrachtete. Er saß mit über dem Bauch gefalteten Händen in seinem Sessel und das einzige Lebenszeichen war das gleichmäßige Heben und Senken seiner Brust.

Die Tür zum Arbeitszimmer öffnete sich und ein Diener in schwarzer Kleidung trat ein. Obwohl vollkommen gesund, war er sehr blass und sah aus, als gehöre er eher in einen Sarg. »Sir George …«, flüsterte er. Wakefield bewegte sich und blinzelte schläfrig. »Ja? Was ist, Ives?«

»Ihr habt Besuch, Sir. Ein Mr Gareth Morgan.«

»Morgan?« George schüttelte sich und schob den Hocker zurück. »Führ ihn herein, Ives.«

»Jawohl, Sir.«

»Was macht Gareth um diese Zeit hier?«, murmelte Wakefield. Er richtete sich auf und erhob sich.

Auch Caroline hatte sich erhoben. Sie zog ihr dunkelrotes Kleid mit dem weißen Pelzkragen zurecht. Es war spät, bereits vier Stunden nach Sonnenuntergang. Nur wenige wagten sich bei diesem Wetter vor die Tür. »Ich weiß es auch nicht. Hattest du ihn denn erwartet, George?«

»Aber natürlich nicht. Habe nichts von ihm gehört – du etwa?« Seine Frage hatte einen seltsamen Unterton, denn Gareth Morgan hatte um Caroline Barksdale geworben, bevor George ihr Herz erobert hatte.

Wakefield war sich nie so ganz über die Gefühle seiner Frau für Gareth Morgan im Klaren gewesen, denn trotz seines Titels und seines Reichtums gab es keinen Mann in ganz England, der besser aussah als Gareth Morgan. Von Natur aus war Wakefield jedoch nicht misstrauisch veranlagt, und die Eifersucht, die ihn dann und wann plagte, verblasste schnell wieder. Er wandte sich der schweren Eichentür zu und betrachtete den Mann, der eintrat.

Gareth Morgan hatte seinen Mantel und seinen Hut abgelegt, doch an seinen Stiefeln hing noch etwas Schnee, und sein Gesicht war gerötet, als er in das warme, geräumige Zimmer trat. »Ziemlich kalt draußen, Sir George«, sagte er steif. Er wandte sich um und verbeugte sich leicht. »Wie geht es Euch, Lady Wakefield?«

»Sehr gut, Gareth, vielen Dank«, erwiderte Caroline. Auch sie erinnerte sich noch an die Zeit, als Gareth ihr den Hof gemacht hatte. Bei einigen Frauen blieb die Erinnerung an die jugendliche Verliebtheit, und Caroline hatte sich oft gefragt, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie Gareth geheiratet hätte.

Ich bin viel zu verwöhnt, dachte sie. Vermutlich hätte es mir gar nicht gefallen, mit einem armen Prediger verheiratet zu sein. Sie mochte Gareth und seine Familie. Sarah, Gareths Frau, war jahrelang mit ihr befreundet gewesen und auch jetzt besuchten sie sich gelegentlich und standen in Briefkontakt. »Geht es Eurer Familie gut?«

»Ja, sehr gut«, erwiderte Gareth. Er schüttelte George die Hand und meinte dann leise: »Ich bringe schlechte Nachrichten, Sir George.«

George starrte Morgan einen Augenblick lang an und fragte: »Was ist los, Gareth?«

»Es geht um Andrew, Euren Bruder, Sir. Er ist sehr krank. Ihr wisst, dass er sich seit dem Unfall nie wieder richtig erholt hat. Das ist nun schon fast drei Jahre her und er hat seither keinen einzigen Schritt mehr getan«, erklärte Gareth langsam. Er schüttelte den Kopf und fuhr schmerzerfüllt fort: »Er hat keine Bewegung, da er die meiste Zeit im Bett liegt – oder in dem Rollstuhl sitzt, den ich ihm gebaut habe. Diese Untätigkeit scheint seinen Körper geschwächt zu haben. Vor zwei Wochen hat er sich erkältet. Vielen von uns ist es so ergangen, aber seine Erkältung wurde schlimmer.«

»Was sagt der Arzt, Gareth?«, fragte Caroline schnell.

»Er sagt – nun, er sagte, ich sollte Euch besser holen, Sir George.«

Entsetzen machte sich auf Wakefields Gesicht breit. Er und Andrew standen sich nicht so nahe, wie es hätte sein sollen, aber George hegte eine tiefe Zuneigung zu seinem jüngeren Bruder. »Es tut mir leid, das zu hören.«

»Ich glaube, es ist eine Lungenentzündung. Ich bin schnell losgefahren, um Euch zu holen, Sir George. Ich denke, es ist das Beste, wenn wir sofort aufbrechen.«

»Ist es so ernst, Gareth?«, fragte George. Er war sehr groß und hatte beträchtliches Übergewicht. Eine ungesunde Blässe lag auf seinem Gesicht, denn in den vergangenen zwei Jahren hatte es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten gestanden. »Wir werden natürlich sofort aufbrechen.«

»Bei diesem Wetter, George?«, protestierte Caroline. »Du kannst nicht fahren. Dir geht es nicht gut.«

»Ich fürchte, mir bleibt keine Wahl, Caroline«, erwiderte Wakefield fest.

»Gareth, Ihr bleibt über Nacht hier und ruht Euch aus. Ich werde sofort aufbrechen, Ihr könnt morgen nachkommen.«

»Nein«, erwiderte Gareth bestimmt. »Ich werde mit Euch zurückkehren, Sir George.«

»Nun denn – geht in die Küche.« Wakefield ging zur Tür, öffnete sie und rief: »Ives, sieh zu, dass die Köchin eine kräftige, heiße Mahlzeit für Mr Morgan zubereitet, und lass Haines die Kutsche anspannen. Wir werden noch heute Nacht nach Cornwall fahren.«

»Das ist sehr freundlich von Euch, Sir«, sagte Gareth, als er zur Tür ging. Seine walisischen Augen funkelten billigend und trotz seiner Müdigkeit machte er sich leichten Schrittes auf den Weg in die Küche.

Nachdem Caroline mit George allein zurückgeblieben war, sagte Caroline: »George, du kannst nicht fahren. Du weißt doch, dass dein Herz in letzter Zeit nicht mehr so richtig mitmacht. Oh, du beklagst dich nicht, aber ich merke es.«

»Ich muss fahren, meine Liebe. Wir sind die einzige Hilfe, die Andrew und seine Familie hat. Ich komme zurück, sobald es ihm wieder besser geht, aber das kann eine Weile dauern.«

Caroline zögerte. »Und wenn er sich nicht wieder erholt?«, fragte sie vorsichtig. »Mir scheint er ernsthaft erkrankt zu sein.«

»Ich weiß es nicht. Im Augenblick kann ich gar nicht richtig denken. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, dass Andrew sterben könnte. Er ist zu jung – und ein zu guter Mensch. Ein besserer Mensch, als ich es bin.«

»Nein, er ist kein besserer Mensch als du«, erwiderte Caroline sofort.

Sie ging zu ihm hinüber und legte ihre Arme um ihn. Er drückte sie an sich und merkte, dass sein Herz wieder einmal unregelmäßig schlug, wie so oft in letzter Zeit. Er ignorierte es und drückte sie fest an sich. »Was werden wir tun, wenn er stirbt? Dorcas und die Kinder werden ganz allein sein.«

»Du musst sie hierher nach Wakefield bringen, George.«

»Hierher?« Wakefield war ehrlich erstaunt. »Bist du ganz sicher, Caroline? Das wäre – eine ziemliche Verantwortung und würde viele Unannehmlichkeiten mit sich bringen.«

»Sprich nicht so.« Caroline reckte sich, um ihm einen Kuss zu geben. »Hier ist es manchmal recht einsam.«

Weiter sagte sie nichts, aber George wusste, dass sie an ihre drei Babys dachte, die alle bei der Geburt gestorben waren. Ohne Kinderstimmen war es sehr still in Wakefield. George war traurig darüber, aber seiner Frau gegenüber erwähnte er diesen Schmerz mit keinem Wort. Er wusste, dass sie darüber tief betrübt war und viel weinte. »Ich weiß, du möchtest Kinder«, sagte er, »aber die Zwillinge – sie sind schon fast fünfzehn. Keine Babys mehr.«

»Ich weiß, aber wir müssen ihnen helfen, George. Ich habe Dorcas immer gemocht. Wir wollen hoffen und beten, dass Andrew wieder gesund wird, aber falls das nicht der Fall sein sollte, werden wir seine Familie hierher nach Wakefield holen.«

»In Ordnung. Wie du meinst. Und nun komm und hilf mir, mich fertig zu machen.«

Eine Stunde später stiegen die beiden Männer in die Kutsche. George Wakefield beugte sich hinaus, um Caroline zu winken. Sie stand trotz der Kälte in der Tür, um sie zu verabschieden. Als die Kutsche sich in Bewegung setzte, lehnte sich George mit einem Seufzer der Erleichterung zurück. Er atmete schwer von der Anstrengung, zur Kutsche zu gelangen und hineinzusteigen, und nun wartete er mit geschlossenen Augen darauf, dass sein Herzschlag sich beruhigte.

Gareth hatte gewusst, dass Sir George Wakefield Probleme mit dem Herzen hatte, aber ihm war nicht klar gewesen, wie schlimm es um ihn stand. Ich hätte ihm das nicht zumuten dürfen, dachte er. Als er Wakefield betrachtete, bemerkte er, dass der Mann sehr blass war und schwer atmete. Jetzt ist es zu spät. Vermutlich hätte ich es ihm sowieso nicht ausreden können. Während die Kutsche den Weg entlangholperte, betete Gareth nicht nur für Reverend Andrew Wakefield, sondern auch für dessen Bruder, Sir George Wakefield.

Das kleine Wohnzimmer im Haus der Wakefields war gemütlich warm. David hatte große Holzscheite hereingeholt und das Feuer angefacht, bis die Flammen lustig tanzten und orange Funken in den Kamin sprühten. Paul hatte ihm nicht dabei geholfen. Er saß auf einem Stuhl und sah mit ausdruckslosem Gesicht zu, wie sein Bruder das Feuer schürte.

Normalerweise war er ein lustiger junger Mann und mit seinen fast fünfzehn Jahren bereits so stark an Mädchen interessiert, dass seine Eltern sich Sorgen machten. Der Schock über die schwere Krankheit seines Vaters hatte ihn jedoch still und in sich gekehrt werden lassen. Er saß in der hintersten Ecke des Zimmers und starrte auf seine Hände. Nur gelegentlich hob er den Blick und sah zum Fenster hinaus auf den Schnee, der langsam fiel.

Die Morgans waren gekommen, und Sarah Morgan saß an Andrews Bett, während Dorcas sich ausruhte. Die mittlerweile sechs Jahre alte Bethany setzte sich sofort an Davids Seite, als er sich auf der Couch niederließ. Schweigend ergriff sie seine Hand. David sah sie an und bemerkte, dass sie sehr besorgt war. Er beugte sich vor und drückte sie. »Keine Angst, Bethany. Vater wird wieder gesund werden.«

»Aber ich habe Angst«, flüsterte Bethany. Abrupt drehte sie sich um, legte David die Arme um den Hals und klammerte sich an ihn. Sie stand Andrew Wakefield sehr nahe; er hatte die Rolle eines Großvaters bei ihr eingenommen. Während Andrews langer Krankheit waren die Morgans häufig zu Besuch gekommen, und da Andrew seine Pflichten als Pastor nicht mehr wahrnehmen konnte, war Gareth für ihn eingesprungen. Er betreute beide Gemeinden, so gut er es konnte. Sarah und die Kinder kamen häufig herüber und Bethany hatte sich noch enger an David angeschlossen.

Ivor, der dicht am Feuer saß, schnitzte nervös an einem Stock herum. Er war sehr groß für sein Alter, hatte schwarzes, lockiges Haar und dunkle Augen und war das Ebenbild seines Vaters. Er betrachtete seine Schwester und wunderte sich über ihre Zuneigung zu David Wakefield. Als er den Hufschlag von Pferden hörte, sagte er: »Da kommt jemand.« Er klappte schnell sein Messer zu und ging zur Tür. Er öffnete sie und berichtete: »Es ist eine Kutsche.«

Dorcas, die den Hufschlag ebenfalls gehört hatte, kam aus dem Schlafzimmer und stellte sich neben Ivor. Auch David und Bethany gesellten sich zu ihnen – nur Paul Wakefield rührte sich nicht von seinem Platz. »Es sind dein Vater und Sir George«, sagte Dorcas. Sie blieben in der offenen Tür stehen, bis Gareth, der Sir George stützte, hereinkam. Dorcas war schockiert, als sie sah, wie sehr sich der ältere Mann auf Gareth stützte, doch sie sagte nichts dazu.

Sir George nahm seinen Hut ab und ergriff Dorcas’ Hände. »Wie geht es ihm?«

»Nicht gut, fürchte ich. Ich bin froh, dass du gekommen bist, George. Er hat nach dir gefragt. Aber du hättest dich nicht bei diesem scheußlichen Wetter auf den Weg machen sollen.«

»Das ist doch selbstverständlich«, erwiderte George ungeduldig. »Ich möchte ihn sehen.«

Dorcas führte ihn ins Schlafzimmer. Bevor sich die Tür schloss, kam Sarah heraus. Sie ging sofort zu Gareth, der sie in die Arme nahm und küsste. »Ich mache dich ganz nass«, sagte er. »Es schneit noch immer. Wie geht es ihm?«

Sarah warf einen Blick auf die Kinder und schüttelte unmerklich den Kopf. »Der Arzt war noch einmal da. Er hat uns eine neue Medizin für Andrew gebracht.«

Gareth sah seine Frau eindringlich an. Er wusste, dass ihre Worte mehr bedeuteten. Er fuhr seinem Sohn durch die dunkle Lockenpracht. »Wie geht es dir, mein Sohn?«

»Gut, Papa. Komm zum Feuer und wärme dich.«

Gareth nickte und ging mit gefühllosen Füßen zum Kamin. »Es war eine schwierige Fahrt. Ich wusste gar nicht, wie schwach Sir George ist. Eigentlich hätte ich nicht gedacht, dass er eine solche Reise unternehmen würde, aber er bestand darauf mitzukommen.«

Gareth blickte Paul an, der in der Ecke saß. Ein eigensinniger Ausdruck verzerrte das Gesicht des Jungen und Gareth konnte den Zorn darin erkennen. »Vielleicht könntest du etwas zu essen machen«, meinte er leise. »Ich bin hungrig, und Sir George möchte bestimmt auch etwas essen, nachdem er mit Andrew gesprochen hat.«

»Natürlich«, erwiderte Sarah. »Ivor und Bethany, kommt mit in die Küche.«

»Ich möchte bei David bleiben«, protestierte Bethany.

»Du kannst später wieder bei David sein. Jetzt komm bitte mit«, beharrte Sarah.

Sobald die Morgans gegangen waren, ergriff Paul zum ersten Mal das Wort. »Nun, Bruder, jetzt wissen wir, wie Gott wirklich ist.« Er sprang plötzlich auf und trat ans Fenster. »Zuerst hat er Vater die Beine genommen und jetzt wird er ihm das Leben nehmen.«

David war schockiert, wie verbittert Pauls Stimme klang. »Vielleicht auch nicht, Paul«, sagte er und stellte sich neben seinen Bruder ans Fenster. Er beobachtete, wie die Schneeflocken fielen. Schließlich drehte er sich zu Paul um. »Wir müssen Gott vertrauen.«

»Seit fast drei Jahren betest du nun schon für Vaters Heilung. Und hat er je wieder laufen können? Nein!« Paul spuckte die Antwort auf seine Frage nur so aus. Und während er hinaus in die Dunkelheit starrte, fragte er mit einer Spur von Angst in der Stimme: »Was wird aus uns werden, wenn Vater stirbt? Wir werden verhungern.«

»Nein«, erwiderte David sofort und schüttelte entschieden den Kopf. »Onkel George wird nicht zulassen, dass wir verhungern.«

»Ihm ist das doch egal.«

»Das meinst du doch nicht wirklich, Paul. Du weißt doch, dass Onkel George uns alle mag.«

Paul wirbelte wütend und mit funkelnden Augen zu seinem Bruder herum. Im Laufe der Jahre hatte sich eine Härte in sein Wesen eingeschlichen, die niemand erklären konnte. Er hatte nichts von der Sanftheit seiner Mutter oder der Liebe seines Vaters für andere geerbt und er verabscheute ihre Armut. Seit dem Unfall seines Vaters war diese harte Seite von Pauls Charakter deutlicher zutage getreten. Mit knapp fünfzehn Jahren war Paul Wakefield zu einem verbitterten jungen Mann geworden.

Im Krankenzimmer begrüßten sich die beiden Brüder und George setzte sich auf das Bett des Kranken. Beim Anblick von Andrews einst so starken und sportlichen Körper war George schockiert. Er ist ja vollkommen zusammengeschrumpft, dachte George. Das Fieber und die Krankheit hatten tatsächlich alles Fleisch von Andrew Wakefields Körper aufgezehrt. Seine Wangen waren eingefallen und die Augen tief in ihre Höhlen eingesunken. Die Hand, die er seinem Besucher reichte, bestand nur noch aus Haut und Knochen.

George war nicht in der Lage gewesen, die Gefühle zu verbergen, die ihn beim Anblick seines Bruders ergriffen, und Andrew flüsterte sofort: »Mach dir keine Sorgen, George.«

»Mein lieber Bruder – mein lieber Junge …!«, murmelte George. Es fiel ihm schwer, seine Gefühle zu verbergen – die wenigen, die er hatte. George Wakefield hatte für tiefgehende Gedanken, Philosophie und Religion nicht viel übrig, doch nun war er sehr betroffen. Vielleicht war der Grund dafür der Anblick des zusammengesunkenen Körpers seines Bruders und die schwache, aber beharrliche Stimme, die ihn an seine eigene Sterblichkeit erinnerte. In diesem Raum wartete der Tod. George hatte die unheimliche Vorstellung, dass er, falls er sich umdrehte und in die dunkle Ecke hinter sich starrte, eine Gestalt in Schwarz erblicken würde – die auf die Seele seines Bruders wartete! Er bemühte sich, dieses seltsame Gefühl zu unterdrücken, und hielt die Hand seines Bruders.

»Du musst nicht denken, ich sei unglücklich«, sagte Andrew leise und mit schwacher Stimme. Das Sprechen strengte ihn sehr an, aber ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen und aus seinen Augen sprachen Liebe und Zuneigung. »Ich bin froh, dass du gekommen bist. Ich wollte mich von dir verabschieden.«

Georges Lippen zitterten und er versuchte, etwas herauszubringen, doch er schaffte es nicht. Normalerweise war er nicht sentimental veranlagt, doch nun traten Tränen in seine Augen. »Mein lieber Andrew. Ich – ich kann dich nicht gehen lassen!«

»Wir alle müssen einmal gehen, George, früher oder später. Das ist eine Reise, vor der sich kein Mensch drücken kann. Könige wie Bettler müssen sich mit dem Sterben abfinden«, sagte Andrew leise. »Ich habe Jesus treu gedient, und nun sieht es so aus, dass ich ihn früher sehen werde, als ich erwartet hatte. Ich finde das nicht schlimm – ich sehne mich sogar danach, den zu sehen, der für mich gestorben ist und mich so treu erhalten hat. Aber bevor ich zu ihm gehe, wollte ich noch mit dir – wie schon häufiger – über deine Beziehung zu Gott sprechen.«

Andrew Wakefield hatte tatsächlich häufig mit seinem Bruder über seinen Glauben gesprochen, jedoch war es ihm nie gelungen, zu ihm durchzudringen. Doch als George nun vom Schmerz gebeugt am Krankenbett seines Bruders saß und Andrew voller Leidenschaft von der Liebe Jesu und der Notwendigkeit sprach, mit Gott ins Reine zu kommen, hörte George zu.

Während Sir George Wakefield Andrews Worten lauschte, dachte er: Was für ein selbstsüchtiger Mensch bin ich doch gewesen! Und wie selbstlos ist dagegen mein Bruder. Er wird nun bald vor Gott stehen … er ist in Sicherheit … aber was wird aus mir?

»George, du musst dein Vertrauen auf Jesus setzen«, sagte Andrew. Seine Stimme war auf einmal fest und lebendig. Er umklammerte die Hand seines Bruders und blickte ihn eindringlich an. »Es würde mich so glücklich machen zu wissen, dass du das getan hast. Ich weiß, dass du Mitglied der Kirche bist, aber du musst dich Jesus ganz hingeben – mit allem, was du hast! Das ist sehr schwierig, doch ich, der ich nun vor den Toren der Ewigkeit stehe, trauere über die Bereiche meines Lebens, die ich nicht Gott überlassen habe. Wenn es ans Sterben geht, George, sollst du sagen können, dass du Jesus ganz gehörst!«

Dorcas war ins Zimmer geschlüpft und hörte schweigend zu. Sie wusste, wie sehr sich Andrew um seinen Bruder sorgte. Niemand konnte sagen, welche Beziehung George zu Gott hatte, denn er behauptete von sich zwar, Christ zu sein, aber er war nur ein Namenschrist. Doch nun erkannte Dorcas, dass er tief bewegt war.

Ein Schluchzen entrang sich George. »Sag nichts mehr, lieber Bruder! Ich verspreche dir, ich werde für mein Seelenheil sorgen, das werde ich. Ich werde mich Gott ausliefern – du hast mein Ehrenwort darauf!« Er drehte sich um, denn bei seinen Worten hatte Dorcas einen Freudenschrei nicht unterdrücken können. George starrte sie mit Tränen in den Augen eine Zeit lang an, dann drehte er sich wieder um und drückte die Hand seines Bruders. »Andrew«, flüsterte er mit brechender Stimme. »Um eines möchte ich dich bitten – sorge dich nicht um deine Familie. Ich werde dafür Sorge tragen, dass sie keine Not leiden werden, so wahr mir Gott helfe! Sie wird sein wie meine eigene, das verspreche ich dir.«

Andrew blickte ihn warm an und drückte seine Hand. »Das ist das, was mich, abgesehen von deinem Versprechen, dich selbst Gott zu geben, am glücklichsten macht. Ich danke dir, lieber Bruder!«

Zwei Tage kämpfte Andrew Wakefield noch mit dem Tod. Er sprach mehrmals mit George und beiden taten diese Gespräche gut … doch das Ende war nahe. Die Menschen, die den Kranken pflegten, konnten von Stunde zu Stunde sehen, wie er immer schwächer wurde. Schließlich war er nicht mehr in der Lage, Nahrung zu sich zu nehmen. Um drei Uhr an einem Mittwochnachmittag im Februar 1756 kam das Ende. Die ganze Familie war im Krankenzimmer versammelt und auch die Familie Morgan, von der er sich bereits verabschiedet hatte.

Das kleine Zimmer war überfüllt. Dorcas stand an Andrews rechter, seine beiden Söhne an seiner linken Seite. David kniete am Bett seines Vaters, doch Paul stand hoch aufgerichtet und mit ausdruckslosem Gesicht an seiner Seite. Alle lauschten auf das stoßweise Atmen des Sterbenden.

»Er stirbt«, flüsterte Dorcas. »Oh Andrew, kannst du mich hören?« Sie streichelte sein Gesicht und bei ihrer Berührung öffnete er die Augen.

»Dorcas –«

»Ja, mein Geliebter?«

»Erinnerst du dich noch an unsere Hochzeit? Wie wir versprochen haben, uns zu lieben?«

»Oh ja, natürlich erinnere ich mich daran …!« Dorcas rannen nun die Tränen über die Wangen, und sie machte keinen Versuch, sie aufzuhalten. Sie tropften auf Andrews Hand, doch er schien sie nicht zu bemerken.

»Ich erinnere mich noch so gut an diesen Tag«, sagte Andrew leise.

Ein langes Schweigen erfüllte den Raum. Das einzige Geräusch war das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims und das schwache Atmen des Sterbenden. Schließlich blickte Andrew seine beiden Söhne an und sagte mit neuer Kraft, die ihn für einen Augenblick aufzurichten schien: »David – liebe Gott.«

»Ja, Vater, das werde ich. Ich – ich liebe dich, Vater.« David nahm die Hand seines Vaters und küsste sie, dann barg er sein Gesicht in der Bettdecke.

»Paul?«

Paul beugte sich vor und ergriff unbeholfen die Hand seines Vaters. Er sagte nichts, doch sein Vater bemerkte die Härte im Gesicht seines Sohnes. »Lass nicht zu, dass mein Tod dich bitter macht. Ich liebe dich, mein Sohn, und ich habe dafür gebetet, dass Gott dich erhalten möge und dich zu einem mächtigen Mann Gottes macht.«

Paul hörte zu; in seinem Gesicht arbeitete es. Er hielt die Tränen zwar zurück, aber er flüsterte: »Papa, ich liebe dich so sehr!«

Bei diesen Worten lächelte Andrew Wakefield schwach. Er wandte sich wieder an Dorcas, betrachtete ihr Gesicht und sagte: »Ich gehe zum Herrn Jesus …«

»Ja, mein Liebling … aber ich werde dich so sehr vermissen.«

»Ich werde – auf dich warten …« Und schließlich flüsterte er so leise, dass nur Dorcas es hören konnte: »Du warst mein Leben!«

Danach sagte er nichts mehr, und das Leben wich so sanft aus seinem Körper, dass es beinahe unmöglich war zu sagen, wann er diese Welt verlassen und in die andere Welt eingetreten war. Doch schließlich war diese Zeit gekommen und Dorcas wischte sich die Tränen aus den Augen. Sie legte ihre Hand auf den Kopf ihres Mannes und flüsterte: »Auch du warst mein Leben und meine Liebe …!«

An der Beerdigung nahmen so viele Leute teil, wie es in dem kleinen Dorf noch nie vorgekommen war. George Wakefield war erstaunt, wie viele trotz des schlechten Wetters gekommen waren. Die kleine Kirche war überfüllt und alle diese Menschen standen auch während der kurzen Ansprache am Grab.

Als die Familie ins Haus zurückgekehrt war, schüttelte Sir George erstaunt den Kopf. »Nie hätte ich gedacht, dass Andrew eine solche Menge liebevoller und umsichtiger Freunde hat.«

»Er war ein liebevoller und umsichtiger Mann«, erwiderte Dorcas leise.

Mit gebeugtem Kopf stand George vor ihr und dachte über das Gesagte nach. Lange Zeit sagte er nichts, und die Zwillinge blickten sich an und fragten sich, warum er so lange schwieg.

Schließlich hob George den Kopf. »Ihr kommt mit mir«, sagte er mit entschlossenem Gesicht. Als er die verblüfften Gesichter bemerkte, fügte er schnell hinzu: »Ich meine, ihr kommt mit nach Wakefield und werdet von nun an dort leben.«

»Aber George, das ist doch unmöglich«, rief Dorcas. Sie war ganz blass geworden.

»Nein, ihr müsst! Du hast außer Gareth keine Familie mehr – und er kann nicht für euch sorgen.«

»Aber Caroline wäre bestimmt nicht –«

»Caroline hat das bereits vorgeschlagen. Sie war es, die mir gesagt hat, dass ich euch, falls wir Andrew verlieren sollten, nach Wakefield holen sollte.«

Dorcas wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte versucht, Pläne zu schmieden, aber sie hatte keine Familie und nun, da Andrew tot war, wusste sie nicht, wovon sie leben sollte. Sie blickte George an und fragte: »Bist du sicher, dass du das wirklich möchtest, Bruder?«

»Ich bin absolut sicher, meine Liebe! Du hast gehört, wie ich Andrew versprochen habe, dass ihr nun meine Familie sein würdet. Dieses Versprechen werde ich ganz bestimmt halten!« Dann drehte Wakefield sich um und sagte: »Und da ich keine eigenen Kinder habe, wird der Titel und das Anwesen an dich als dem ältesten Sohn fallen, David.«

David Wakefield war fassungslos. An so etwas hatte er nie gedacht – er konnte seinen Onkel nur erstaunt anstarren.

»Sobald alles vorbereitet ist, sollten wir aufbrechen. Ich werde veranlassen, dass jemand eure Sachen holt. Ich denke, morgen sollten wir uns auf den Weg machen, Dorcas.«

»Wie du meinst, George.«

David dachte nicht über das nach, was sein Onkel gesagt hatte. Er war zu sehr mit seinem Schmerz beschäftigt, doch als er und Paul am folgenden Morgen ihre Sachen packten, wandte sich Paul ihm zu und sagte böse: »Das ist nicht fair! Du wirst alles bekommen und ich gar nichts … nur weil du ein paar Sekunden früher geboren wurdest als ich!«

»Mir ist das nicht wichtig. Ich möchte keinen Titel. Ich werde Onkel George bitten, ihn dir zu geben.«

»Das kann er nicht. Der Erstgeborene bekommt den Titel. So ist das bei den Wakefields – das weißt du genau.«

»Was mein ist, soll auch dein sein, Paul«, sagte David. Er legte seinem Bruder den Arm um die Schulter. »Du würdest dasselbe auch für mich tun …«

Im Wohnzimmer sprachen Dorcas und George über dasselbe Thema. George hatte gesagt: »Seltsam, wie Kleinigkeiten doch so wichtig werden können.« Er sah zu, wie Dorcas nervös im Zimmer umherging und den Raum in sich aufnahm, in dem sie so lange gelebt hatte. »Ich meine, wenn Paul als Erster geboren worden wäre, würde er nun den Titel erben.«

Dorcas blickte ihn an. Sie hatte nie über solche Dinge nachgedacht, doch jetzt setzte sie sich neben George, während sie sich an die Vergangenheit erinnerte. »An so etwas haben wir nie gedacht. Wir rechneten natürlich damit, dass du Kinder haben würdest, darum war uns das nicht wichtig.«

»Seltsam mit deinen Zwillingen. Ich habe es nie so richtig verstanden – wie nur wenige Minuten über ihr Schicksal bestimmen können.«

Dorcas musste an die Geburt der Zwillinge denken. Sie hatte nicht damit gerechnet, einmal zu heiraten, und schon gar nicht, Kinder zu haben. Und als Gott Andrew dazu bewegte, sie zur Frau zu nehmen und sich in sie zu verlieben, hätte nichts auf der Erde sie glücklicher machen können. Und als sie dann auch noch schwanger geworden war und Zwillinge bekam, war ihre Freude vollkommen gewesen. »Als die Zwillinge geboren wurden, war Dr. Brown gerade nicht in der Stadt, darum kam Dr. Callendar. Mrs Lesley hat ihm assistiert.«

»Sie war in der ersten Zeit deiner Ehe doch deine Haushälterin, nicht?«

»Sie mochte mich nicht besonders«, gestand Dorcas widerwillig ein. »Ihr gefiel es gar nicht, dass ich in die Pfarrei gekommen war. Mit der Frau des vorherigen Pastors hatte sie sich sehr gut verstanden. Ich versuchte, ihr näherzukommen, aber ich weiß, dass sie mich bis heute noch nicht leiden kann. Doch als die Wehen einsetzten, war sie da. Dr. Callendar war sehr dankbar für ihre Hilfe. Er brauchte sie, weil es eine sehr schwierige Geburt war.« Sie lächelte und fügte leise hinzu: »Als Andrew nach der Geburt ins Zimmer kam, sagte ich: ›Gott hat uns einen doppelten Segen geschenkt, Mann.‹ Oh, das gefiel ihm so sehr! Ich erinnere mich, dass er sich die beiden Jungen sofort angesehen hat. Sarah hielt einen der Zwillinge und er nahm den anderen Jungen auf den Arm und drückte ihn an sich. Als dieses Kind anfing zu schreien, sagte Gareth: ›Er wird vermutlich ein Evangelist, Mr Wakefield.‹«

»Ich glaube nicht, dass ich Dr. Callendar kennengelernt habe.«

»Nein, sein Schiff lief nur wenige Stunden nach der Geburt der Zwillinge nach dem Kontinent aus.«

Sie unterhielten sich noch eine Weile und schließlich sagte Dorcas: »Ich erinnere mich, dass Andrew, nachdem Gareth und Sarah gegangen waren, zu mir kam und sich auf das Bett setzte. Jeder von uns hielt ein Baby im Arm und Andrew fragte mich: ›Welcher von beiden ist der Ältere?‹ Und ich musste ihm gestehen, dass ich es nicht wusste.«

»Das konntest du ja auch nicht.«

»Nein, ich war anderweitig beschäftigt. Da Mrs Lesley, die bei der Geburt dabei gewesen war, sich im Zimmer aufhielt, fragte Andrew sie, welcher der Jungen zuerst geboren worden sei.«

»Was hat sie gesagt?«

»Sie ist eine sehr harte Frau, doch ich erinnere mich, dass ein seltsames Funkeln in ihre Augen trat, als sie sagte: ›Natürlich der ohne Muttermal. Er wurde zuerst geboren. Der Zweite hat ein Muttermal in Form eines vierblättrigen Kleeblatts auf seiner linken Schulter.‹ Daran erkannten wir, dass David der Ältere war. Es waren nur wenige Augenblicke, aber vor dem Gesetz ist das vermutlich wichtig.«

»Ja, das ist es – es ist sogar sehr wichtig.«

Bald darauf fuhr die Kutsche draußen vor und die Jungen kamen ins Zimmer. George sagte freundlich: »Paul und David, ihr werdet jetzt ein neues Heim bekommen. Ich hoffe, ihr werdet lernen, mich als euren Vater anzusehen. Ich bin nicht der Mann, der euer Vater war, aber ich werde mein Bestes tun.«

»Vielen Dank, Onkel George«, sagte David schnell. Er trat vor und schüttelte seinem Onkel die Hand. »Du hast schon so viel für uns getan.«

Paul meinte steif: »Wir sind dir sehr dankbar, Onkel George.«

Sie drehten sich um und verließen den Raum. Für George bedeutete es eine große Anstrengung, in die Kutsche zu steigen. Die Jungen halfen ihrer Mutter hinein und kletterten dann selbst hinein. George lehnte sich aus dem Fenster und rief: »Also los, Haines, bring uns nach Wakefield.«

Als die Kutsche sich in Bewegung setzte, blickte Dorcas aus dem Fenster. Das Häuschen, in dem sie mit Andrew die glücklichsten Jahre ihres Lebens verbracht hatte, verschwand aus ihrem Blick. Sie hielt ihr Gesicht von den anderen abgewandt, damit sie ihre Tränen nicht sehen konnten.

Aber David bemerkte sie doch. Er nahm Dorcas’ Hand und drückte sie. »Es wird alles gut werden, Mutter«, flüsterte er. »Du wirst sehen.«

»Natürlich wird es das.«

Paul jedoch sagte kein Wort und warf auch nicht einen Blick zurück auf ihr Haus, wie David es tat. Er hielt seine Augen starr auf das Innere der Kutsche gerichtet und schien gar nichts zu denken. Nur seine Mutter entdeckte das Zucken seiner Lippen, aber sie wusste, es war sinnlos, mit ihm zu sprechen. Darum lehnte sie sich still in ihren Sitz, während der Kutscher die Pferde zum Herrenhaus der Wakefields lenkte – wo auf Dorcas Wakefield und ihre beiden Söhne ein neues Leben wartete.

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3

Die Verwechslung

Februar 1757

Als David Wakefield das Geschäft des Stiefelmachers verließ, blickte er glücklich auf seine glänzenden schwarzen Stiefel, die nun seine Füße zierten. Er hatte immer Schwierigkeiten gehabt, passende Schuhe und Stiefel zu finden, darum trug er seine Schuhe immer, bis sie ihm praktisch von den Füßen fielen. Eine Woche zuvor hatte seine Mutter schließlich darauf bestanden, dass er ein paar neue brauchte. »David, diese Stiefel sind eine Schande!« Sie hatte ihm aufgetragen, sich im Dorf ein Paar neue anpassen zu lassen. Nur widerwillig hatte er sich auf den Weg gemacht.

Dies war eine ungewohnte Erfahrung für David, denn er hatte sich noch nicht an den Lebensstil gewöhnt, mit dem er und seine Familie nun, nachdem sie von Cornwall nach Wakefield gekommen waren, konfrontiert wurden. Sein ganzes Leben lang hatte er von seinem Vater oder seiner Mutter die Worte gehört: »Das können wir uns einfach nicht leisten …« Solche Worte hörte man in Wakefield niemals! Kleider, Stiefel, Schuhe, ein Sattel und sogar ein Pferd standen immer zur Verfügung.

Ich könnte mich daran gewöhnen, reich zu sein, dachte David, als er die Straße entlangging. Fast allen, denen er begegnete, nickte er freundlich zu, denn Wakefield war ein kleines Dorf, und in dem Jahr, in dem er mit seiner Mutter und seinem Bruder bei Sir George Wakefield und seiner Frau Caroline lebte, hatte er jeden kennengelernt. Es war ein klarer Morgen, und die Sonne begann bereits die Steine des Kopfsteinpflasters zu erwärmen, über das David marschierte. Bald würde der März anbrechen und der Frühling nach England kommen. Die Grashalme würden die harte Erde durchbrechen und wilde Blumen auf den Wiesen und Feldern aufblühen.

David atmete tief durch und betrachtete erneut seine Stiefel. Sie passten hervorragend und er wurde von einer Welle des Glücks erfasst. Der Stiefelmacher verstand sein Handwerk, denn die Stiefel saßen an seinen Füßen wie eine zweite Haut. »Herr, wie schön ist es, Schuhe zu haben, die passen!«, murmelte er leise. Es war gleichzeitig ein Ausruf der Freude, aber auch ein Dankgebet. Er ging weiter und war sicher, dass alle seine neuen Stiefel bewunderten. Bei dieser Vorstellung musste er laut lachen. Paul und er lebten nun schon seit einem Jahr auf Wakefield und beide wurden bald sechzehn. Damals in Cornwall wären die Sachen, die er jetzt trug, etwas ganz Besonderes gewesen, doch auf Wakefield waren es Alltagskleider: Ein weißes Batisthemd mit Rüschen vorne und an den Manschetten, eng anliegende Kniehosen aus leichter Wolle, schwere weiße Seidenstrümpfe und eine kurze Wolljacke.

David wurde von dem köstlichen Duft einer Bäckerei angelockt. Er zögerte nur kurz, bevor er eintrat. »Guten Morgen, Mr Brown«, sagte er zu dem Besitzer, einem kleinen dicken Mann mit einer weißen Schürze. »Sind die Törtchen frisch?«

»Das sind sie allerdings Mr – äh, seid Ihr nun Mr David oder Mr Paul?«

David war mittlerweile daran gewöhnt, dass niemand sie auseinanderhalten konnte, und lächelte. »Versucht nicht, uns auseinanderzuhalten, Mr Brown, Das gelingt sowieso keinem. Mr Wakefield reicht aus.«

»Ich habe noch nie zwei junge Männer kennengelernt, die sich so ähnlich gesehen haben«, sagte Brown und schüttelte verwundert den Kopf. Dann konzentrierte er sich auf die geschäftlichen Angelegenheiten. Er hob den mit einem weißen Tuch abgedeckten Teller hoch, nahm das Tuch ab und präsentierte dem jungen Mann stolz seine Waren. »Ich wage zu sagen, dass es in ganz England keine besseren Törtchen gibt.«

»Ich nehme ein halbes Dutzend, Mr Brown.«

»Ein halbes Dutzend, wie Ihr wünscht, Sir«, wiederholte Brown eifrig und wickelte schnell sechs der Törtchen in ein Papier ein. Er reichte sie David, der ihm dafür eine Münze gab und zufrieden nickte. »Guten Tag, Sir.«

»Guten Tag, Mr Brown.«

David verließ das Geschäft, doch der Duft der Törtchen war zu verlockend. Er blickte sich auf der Hauptstraße des Dorfes – eigentlich der einzigen Straße – um und ging zu der Bank, die vor dem Geschäft des Kesselflickers stand. »Habt Ihr etwas dagegen, wenn ich mich auf Eure Bank setze, Mr Stallings?«

»Natürlich nicht, Master Wakefield. Sieht so aus, als hättet Ihr Euch heute Morgen ein gutes Frühstück mitgebracht.«

»Versucht eines der Törtchen, Mr Stallings«, erwiderte David lächelnd. Er gab dem Kesselflicker ein Gebäckstückchen und die beiden setzten sich und bissen genussvoll in den Kuchen. Er zerging ihnen förmlich auf der Zunge. Als Stallings mit einem Kunden hineinging, blieb David sitzen und aß langsam weiter. Wie in allem ging er auch hierbei sehr methodisch vor. Er nahm kleine Bissen, kaute nachdenklich und genoss den Geschmack. Paul hätte seines mittlerweile schon vollständig aufgegessen, denn wie bei den meisten Dingen unterschieden sich die beiden Zwillinge in ihren Essgewohnheiten vollkommen voneinander.

Mit halb geschlossenen Augen dachte David an das Buch, das er am vorhergehenden Abend gelesen hatte – ein Gedichtband von einem Prediger mit Namen John Donne. David hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis und konnte sich praktisch das gesamte Gedicht wieder in Erinnerung rufen, das er am Abend wieder und wieder gelesen hatte. Es war ein ungewöhnliches Gedicht, und er war erstaunt gewesen festzustellen, dass der Dichter ein Kirchenmann war. Er dachte an die Worte und freute sich an den Bildern und Ausdrücken genauso sehr wie an dem Kuchen, den er gerade gegessen hatte.

David dachte über jeden Aspekt des Gedichtes eine Zeit lang nach. Die Sonne war warm und die Straße angenehm lebendig mit dem Lärm eines englischen Dorfes am Morgen. Als er in der Tüte nachsah, war er erstaunt festzustellen, dass sie leer war. Ich habe alle aufgegessen! Beschämt darüber, ein solcher Vielfraß zu sein, faltete er das Papier zusammen und steckte es in seine Tasche. Dann erhob er sich und ging zum Hufschmied zurück, wo er sein Pferd abgestellt hatte.

»Ach, da bist du ja, mein Hübscher!«

Eine junge Frau von etwa achtzehn Jahren tauchte auf und nahm David am Arm. Sie war ein süßes Ding mit einer Fülle von blonden Haaren und betörenden grünen Augen. Ihre üppige Figur wurde durch ihr Kleid sehr gut zur Geltung gebracht. Als sie sich an den erstaunten David drückte, flüsterte sie: »Wie wär’s? Sollen wir uns wieder am Fluss treffen?«

Sofort wurde David klar, dass das Mädchen, wer immer es war, ihn mit Paul verwechselte. Er selbst hatte praktisch keinerlei Kontakt zu jungen Frauen, aber von Paul wurden sie magisch angezogen. Sie liefen ihm nach, ohne dass er viel dazu zu tun brauchte.

David räusperte sich. Das Mädchen klammerte sich so fest an ihn, dass sich seine Gedanken überschlugen und sich seltsame Gefühle in ihm bemerkbar machten. Mit heiserer Stimme sagte er: »Ich – ich glaube, Ihr habt Euch geirrt.«

»Ach komm schon. Du kannst Molly doch nicht zum Narren halten! Du meine Güte, ich hätte nie gedacht, dass ich dich einmal zu einem Treffen mit mir drängen müsste, Süßer.«

David erinnerte sich, dass Paul von einem Bauernmädchen mit Namen Molly Satterfield gesprochen hatte, und er dachte: Warum gehe ich nicht einfach mit ihr? Sie würde es nie merken.

Die Versuchung wurde immer stärker, und als das Mädchen seinen Arm mit ihren kräftigen Fingern streichelte, fragte er: »Wo am Fluss?«

Molly Satterfield kicherte. »Als ob du das nicht wüsstest! Du bist doch oft genug da gewesen. Erzähle mir nicht, du hättest es vergessen!«

David hatte sich häufig gefragt, wie es sein würde, ein Mädchen zu lieben, aber abgesehen von ein paar flüchtigen Küssen von einer jungen Frau in Cornwall, die alle zu nichts geführt hatten, hatte er keinerlei Erfahrung. Und nun war er bis in die Tiefe seiner Seele aufgewühlt, denn diese Versuchung war sehr real. Er war Christ und versuchte verzweifelt, gegen die Begierde anzukämpfen, die seine Knie schwach werden und Gefühle in ihm aufkommen ließ, die gleichzeitig fordernd, aber auch angenehm waren.

Er wollte gerade sagen: »Lass uns zusammen gehen«, als eine raue Hand ihn packte und er herumgerissen wurde. Vor ihm stand ein stämmiger junger Mann, dessen grobes Gesicht rot vor Zorn war. »Ich habe dir gesagt, du sollst meine Schwester in Ruhe lassen, Wakefield!«, sagte er drohend. Die Hände des jungen Mannes waren groß und ziemlich schmutzig und er trug die Kleidung eines Bauern.

»Du sollst ihn in Ruhe lassen, Ebon!«, gab das Mädchen zurück. »Das geht dich nichts an!«

»Wenn ein Mann mit meiner Schwester seine Spielchen treibt«, gab Ebon drohend zurück, »dann geht es mich sehr wohl etwas an!«

David fehlten die Worte. Auf einer Seite klammerte sich Molly an ihn, auf der anderen hielt ihn ihr hünenhafter Bruder mit eisernem Griff fest. Ebon war ein Riese von einem Mann und David war hilflos in seinem Griff.

Als Ebon die Bitten seiner Schwester ignorierte, wurde sie ungeduldig. Doch er packte sie mit seiner freien Hand, als wäre sie ein Kind, und zerrte sie von David fort. Ohne auch nur innezuhalten, fuhr er fort: »Ich habe dir ja gesagt, was passieren würde, wenn du deine Finger nicht von ihr lässt, nicht? Das hast du jetzt davon!«

Noch immer hielt er David mit seiner linken Hand und holte nun zu einem Schlag aus, der David an der Stirn traf. Es war, als wäre er von dem Vorschlaghammer des Hufschmieds getroffen worden. Als er zurücktaumelte, sah er nur noch Sternchen und Blitze zucken, und er hatte den Eindruck, als sei ihm die obere Hälfte seines Kopfes abgerissen worden. Er litt unter starken Schmerzen und war nahe daran, das Bewusstsein zu verlieren.

Molly schrie: »Nun sieh nur, was du getan hast!« Sie warf sich auf ihren Bruder und begann ihn mit ihren Fäusten zu bearbeiten. Er ignorierte sie zuerst, dann schob er sie beiseite. »Er bekommt noch mehr!«, sagte er. Damit ging er zu David hinüber und packte ihn am Kragen. Er riss ihn hoch und schlug erneut mit seiner Faust zu, diesmal auf den Mund. David tauchte gerade aus seiner Bewusstlosigkeit auf, und der Schmerz durchzuckte ihn, während sich sein Mund mit Blut füllte. Immer mehr Schläge prasselten auf ihn herab und nur mit Mühe konnte er seinen Kopf mit den Armen schützen. Aber er hatte keinerlei Chance gegen die brutale Gewalt von Ebon Satterfield.

Satterfield dagegen gefiel es, diesen jungen Mann zu verprügeln. Seine Lippen umspielte ein grausames Lächeln. Wenn auch Molly sich bemühte, ihn aufzuhalten, sie konnte nichts gegen ihn ausrichten.

Plötzlich wurde Ebon Satterfield am Haar gepackt und sein Kopf nach hinten gerissen. Er schrie: »Was ist –« doch seine Worte blieben ihm im Hals stecken, als er eine kalte Klinge an seiner Kehle spürte. Er wusste sofort, dass es sich hierbei um ein Messer handelte, und er schrie furchterfüllt: »Tut mir nichts!«

»Ich denke, ich werde dir die Kehle aufschneiden und dich dann verbluten lassen!«

David hatte inzwischen die Hände vom Gesicht genommen. Die Schläge hatten aufgehört, und als er aufblickte, sah er Paul hinter Satterfield stehen und ihm ein Messer an den Hals drücken. Furcht stieg in David auf, denn er kannte das unberechenbare Temperament seines Zwillingsbruders. »Nicht, Paul!«, rief er und rappelte sich hoch.

Paul Wakefields Temperament war tatsächlich unberechenbar. Als er gesehen hatte, wie dieser Kerl seinen Bruder verprügelte, hatte er sich sofort in den Kampf gestürzt und das Messer gezogen, das er immer bei sich trug. Er hielt Satterfields Kopf fest und hörte mit grimmiger Zufriedenheit das Flehen des jungen Farmers. Er sah das Blut, das am Hals des Mannes herunterlief, und hörte Mollys Stimme, die ihn anflehte, aber sein Zorn war übermächtig und er drückte ihm das Messer nur noch fester in die Haut. Dann spürte er, wie eine Hand seinen Arm packte und das Messer fortzog.

»Lass ihn los, Paul. Lass ihn los! Du tötest ihn ja!«

Davids Stimme drang zu Paul durch, und er blinzelte wie jemand, der gerade aufgewacht ist. Verächtlich nahm er das Messer vom Hals des Mannes und trat ihm fest in den Rücken. Die Wucht des Stoßes ließ ihn taumeln und zu Boden gehen. Paul bückte sich und hielt ihm das Messer vor die Augen. »Wenn du dich jemals noch einmal an irgendeinem, der meinen Namen trägt, vergreifst, werde ich dir das Herz herausschneiden, verstanden?«

Satterfield, dessen Hemd von der kleinen Schnittwunde am Hals blutig war, hob die Hände. Er hatte sich selbst als einen toten Mann gesehen und nun stand er auf und rannte, ohne ein Wort zu sagen, davon.

Molly starrte die beiden an. Sie hatte sie oft genug gesehen, doch nun erkannte sie auf einmal ihren Fehler. Als sie David verwirrt anstarrte und sagte: »Ich wusste ja gar nicht –«, begann Paul zu lachen. Er wischte das Messer mit seinem Taschentuch ab und steckte es wieder in die Scheide. »Das war sicher schlimm für dich, Bruder«, sagte er, »aber ich glaube nicht, dass Satterfield dir noch einmal Ärger machen wird. Bist du in Ordnung?«

David nickte. »J-ja, ich glaube schon.«

»Dein Mund blutet. Du gehst besser nach Hause und lässt die Wunde versorgen. Es wird schwierig sein zu erklären, wie du darangekommen bist. Man stelle sich vor, der junge David Wakefield wird von einem eifersüchtigen Bruder verprügelt.« Paul lachte erneut. Sein Zorn war jetzt ganz verflogen. Er legte den Arm um Molly und sagte: »Komm, Süße. Du hast den falschen Mann erwischt, aber das hier ist jetzt der richtige.«

Während David den beiden nachsah, durchlebte er die unterschiedlichsten Gefühle. Einerseits war er sehr froh, dass er nicht mit Molly gegangen war, denn er nahm die Sünde der Begierde genauso ernst wie jede andere Sünde. Andererseits empfand er Trauer für seinen Bruder, der den falschen Weg eingeschlagen hatte und den anscheinend nichts aufhalten konnte. Wenn auch Paul nie wieder darüber gesprochen hatte, so wusste David doch, dass er noch immer wütend darüber war, dass David der Erbe Sir George Wakefields war. Das stand wie eine Mauer zwischen ihnen und David war sehr traurig darüber. Langsam drehte er sich um und ging weiter zum Hufschmied, wo er sein Pferd bestieg und nach Hause ritt. Sein ganzer Körper tat weh von den Schlägen, die er bekommen hatte.

Dorcas und Caroline saßen im Wohnzimmer. Es war das schönste Zimmer im Haus, und Besucher, die zum ersten Mal kamen, waren von seiner Schönheit immer wieder überwältigt. Es war fünf Meter breit und sieben Meter lang, grüne und karmesinrote Teppiche lagen darin und die Wände waren mit einer grünen Tapete mit einer Goldbordüre tapeziert. Durch zwei bis auf den Boden gehende Fenster fiel genügend Licht in den Raum und auf den aus Mahagoniholz geschnitzten Kaminsims. Darauf standen zwei Messingkerzenständer und eine Vase. Dorcas saß mit ihrer Stickarbeit in einem George-I.-Armsessel, der mit karmesinrotem Seidendamast bezogen war und auf einer Seite eines Rosenholztisches stand. Ihr gegenüber saß Caroline auf einem Walnusssofa aus der Zeit Ludwig XIV. und las in einem Buch. An einer Seite des Raumes stand ein Cembalo und neben der Tür eine Standuhr aus Mahagoni mit römischen und arabischen Ziffern.

Dorcas sah sich im Zimmer um und dachte: Dieser Raum und seine Möbel kosten vermutlich mehr als unser ganzes Haus mit seinem gesamten Inventar in Cornwall. Doch schnell senkte sie den Blick wieder, als die Traurigkeit über sie kam. Andrew war nun seit einem Jahr tot, aber nicht ein einziger Tag verging, ohne dass sie an ihn dachte. Trotzdem, in vielerlei Hinsicht war das Leben für sie jetzt sehr viel leichter. Es gab keine Geldprobleme mehr. Caroline und George sorgten sehr gut für sie. Es war so schön zu sehen, dass ihre Jungen jetzt prächtige Kleider trugen und die beste Ausbildung durch Tutoren erhielten. Schon bald würden sie nach Oxford gehen; so war es zumindest geplant.

»Ich mache mir Sorgen um George.« Caroline blickte plötzlich auf und legte ihr Buch auf den Schoß. Nervös spielte sie mit dem Seidenkissen neben sich.

»Ich weiß. Ich wollte nichts sagen, aber er sieht überhaupt nicht gut aus.«

»Der Arzt sagte, man könne nichts machen«, berichtete Caroline leise. Sie blickte auf. Traurigkeit war in ihrem Blick zu lesen, doch dann lächelte sie. »Du und die Jungen sind mir ein solcher Trost gewesen.«

Die beiden Frauen plauderten eine Weile miteinander. Bethany, die zu Besuch war, beschäftigte sich mit Papier und Schere. Mit ihren sieben Jahren war sie das hübscheste – und klügste – Mädchen, das die Bewohner Wakefields je gesehen hatten. Sie hatte einen scharfen Verstand und sehr schnell das Lesen gelernt. Stundenlang hatte David ihr vorgelesen, während sie an ihm hing und in das Buch sah. Schon früh hatte er es sich angewöhnt, mit dem Finger über die Worte zu fahren, damit sie lernen konnte, sie zu erkennen. Und da er dieselben Geschichten immer und immer wieder vorlas, hatte sie es sehr schnell begriffen.

Als sie ein Pferd herannahen hörte, sprang Bethany auf und rannte zum Fenster. »Es ist David!«

Sie rannte aus dem Zimmer zur Tür und Dorcas schüttelte den Kopf. »Es ist schon fast eine Sünde, wie dieses Kind David anbetet.«

»Warum sollte sie auch nicht? Er verwöhnt sie schrecklich. Er ist Bethanys großes Spielzeug! Ich habe noch nie erlebt, dass David ihr etwas abgeschlagen hätte.«

Nach wenigen Minuten kam Bethany zurück. »David ist verletzt!«, verkündete sie, und ihr Gesicht war von Schmerz verzerrt, als wäre sie selbst verletzt.

Verwirrt erhoben sich beide Frauen und eilten zur Küche, wo sie David vorfanden, der sein Gesicht in einer Schüssel wusch. Er wandte sich zu ihnen um und sie sahen, dass ein Auge beinahe zugeschwollen und seine Unterlippe aufgeplatzt war.

»Was ist passiert, David?«

»Ach, nur ein kleiner Unfall. Wirklich keine große Sache.«

»Komm, lass mich das abwaschen«, sagte Bethany mit blassem Gesicht. Sie bestand darauf, dass David sich setzte, machte den Lappen nass und wusch ihm vorsichtig das Gesicht. David bemühte sich darum, das Thema zu umgehen und die Fragen seiner Mutter abzutun.

»Eine kleine Meinungsverschiedenheit«, erklärte er. »Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste. Komm, Bethany, wir wollen ein wenig lesen.«

Sofort nahm Bethany seine Hand und führte ihn zur Bibliothek, ihrem Lieblingsraum im Haus.

»Irgendetwas stimmt da nicht«, meinte Dorcas nervös. »David war in eine Schlägerei verwickelt.«

»Sieht so aus, als hätte er schlimme Schläge einstecken müssen. Ich wäre nicht überrascht, wenn es Paul gewesen wäre, aber David – so etwas traut man ihm gar nicht zu.« Weiter wurde nichts mehr gesagt, aber beide Frauen waren von dem Zwischenfall beunruhigt.

In der Bibliothek drückte Bethany David auf die Couch und suchte sich ein Buch. »Lies das hier vor.«

»Das wird dich bestimmt nicht interessieren. Es ist ein Geschichtsbuch, Holinsheds Chronicles. Nur eine Geschichte von alten Königen, die schon lange tot sind.«

»Das macht nichts. Ich möchte es hören.«

David zuckte die Achseln und nahm das Buch zur Hand. Er hatte es bereits gelesen, denn es war das Buch, das die Grundlage zu Shakespeares Geschichtsdramen bildete. Die meisten waren schrecklich langweilig. Aber er begann zu lesen und gleichzeitig dachte er über die Schlägerei und über Paul und Molly Satterfield nach. Doch schon bald wurde seine Aufmerksamkeit auf das kleine Mädchen an seiner Seite gelenkt, das seinen Arm umklammert hielt und ihm so viele Fragen stellte, dass er sich auf das Lesen und die Beantwortung ihrer Fragen konzentrieren musste. Sie war ein süßes Kind und David war ihr immer sehr zugetan gewesen. Als er jetzt auf sie herabsah, bewunderte er ihr schwarzes Haar und die blauen Augen, die so dunkel waren, dass sie fast schwarz erschienen. Sie wird einmal eine Schönheit, dachte er und fragte sich, was für ein Mensch sie sein würde, wenn sie erwachsen war.

Die Sache hatte natürlich ein Nachspiel, womit David auch gerechnet hatte. Er und Paul wurden von Ives, dem Butler, geholt. »Sir George möchte Euch in seinem Arbeitszimmer sprechen.«

»Ich frage mich, was er jetzt schon wieder will«, sagte Paul und strich sich die Haare glatt. Im Spiegel bewunderte er seine Erscheinung in den neuen Kleidern. »Nicht schlecht. Was meinst du?« Paul trug Kniehosen aus feiner burgunderfarbener Wolle, ein weißes Seidenhemd mit Rüschen an den Manschetten und eine bis in die Taille geknöpfte Jacke aus blauem und schwarzem Stoff. Auf seine weißen Seidenstrümpfe war an den Knöcheln eine Uhr aufgestickt. Dazu trug er schwarze Lederschuhe mit einer großen Silberspange.

Doch David dachte nicht an Pauls Kleider und sagte nervös: »Wir wollen mal sehen, was Onkel George von uns will.«

Die beiden jungen Männer stiegen die Treppe hinunter, gingen den langen Flur entlang und betraten das Arbeitszimmer des Herrn von Wakefield.

Beide erkannten den Sheriff, einen mageren Mann mit Namen Epps. Paul war sofort auf der Hut. Seine Augen verengten sich.

»Einer von Euch beiden ist beschuldigt worden, einen jungen Mann mit Namen Ebon Satterfield angegriffen zu haben.«

»Ebon Satterfield? Ja, den Burschen kenne ich. Ein Hüne von einem Mann und ein Tunichtgut durch und durch«, meinte Paul beiläufig.

»Sein Vater beschuldigt Euch. Einer von Euch hat ein Messer gezogen und ihn damit am Hals verletzt.«

»Wer von uns?«, fragte Paul freundlich. »Werde ich beschuldigt oder mein Bruder?«

Epps war verblüfft, weil die beiden genau gleich aussahen. Er sagte: »Paul Wakefield wird beschuldigt.«

Paul schien das Ganze zu amüsieren, doch David fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. »Kommt schon«, sagte Sir George. »Ihr müsst doch eine genaue Identifizierung haben. Welcher meiner Neffen wird beschuldigt?«

Das Gespräch dauerte nur zehn Minuten und am Schluss hatte Sir George die Geschichte von David erfahren. Er wusste, es war die Wahrheit. »Es sieht so aus, als sei mein Neffe David von Ebon Satterfield angegriffen worden. Er wurde von ihm verprügelt, und anscheinend war es mein Neffe Paul, der verhindert hat, dass er bewusstlos geschlagen wurde. Geht zu Mr Satterfield und sagt ihm, ich würde ihn vor Gericht bringen, falls er noch ein einziges Wort in dieser Angelegenheit von sich gibt!«

»Sehr wohl, Sir«, erwiderte Epps nervös. »Ich werde ihm das ausrichten. Tatsächlich ist es so, dass ich es ihm bereits gesagt habe. Aber er ist sehr eigensinnig.«

»Sagt es ihm noch einmal«, meinte George. Er sah zu, wie der Sheriff seinen Hut nahm und ging, dann wandte er sich an David und sagte: »David, würdest du uns bitte entschuldigen? Ich möchte mit Paul sprechen.«

»Ja, Onkel.«

Sobald David das Zimmer verlassen hatte, ließ sich Sir George auf seinen Schreibtischstuhl sinken. »Setz dich«, sagte er kurz angebunden. Paul hatte gelernt, die Launen seines Onkels zu unterscheiden, und im Augenblick war er nicht bester Stimmung. Er ging schweigend zum Schreibtisch und setzte sich, wartete darauf, dass sein Onkel mit seiner Predigt beginnen würde, die nun unweigerlich kommen musste.

George Wakefields Gesichtsfarbe war grau, er sah gar nicht gut aus. In der vergangenen Nacht hatte er kein Auge zugetan, denn als er sich niedergelegt hatte, schien es, als würde sein Herz stehen bleiben, darum hatte er sich in einen Sessel gesetzt und auf den Sonnenaufgang gewartet. Jetzt sah er Paul an. Seine Stimme war rau vor Erschöpfung. »Ich weiß, du bist meiner Ermahnungen und Predigten überdrüssig, Paul, aber das hier ist ernster als alles, was du bisher getan hast.«

»Aber Onkel, es ist doch nichts passiert.« Paul hob ergeben die Hände. »Er hat den armen David verprügelt. Er hätte ihn sicher getötet!«

»Aber du hast den Mann in den Hals geschnitten.«

»Das war nicht so, wie es klingt«, entgegnete Paul schnell. »Ich musste das Ungeheuer aufhalten. Er ist doppelt so groß wie ich. Mit meinen Fäusten hätte ich gegen ihn keine Chance gehabt. Ich habe einfach nur seinen Kopf zurückgebogen, ihm das Messer an die Kehle gehalten und ihm gesagt, er solle aufhören. Bei dem Kampf hat er einen kleinen Kratzer abbekommen, aber das war auch schon alles.«

Paul Wakefield war ein findiger junger Mann und ein sehr guter Redner. In dem, was er berichtete, lag gerade so viel von der Wahrheit, dass er seinen Onkel überzeugte, und als er schloss, nickte Sir George Wakefield. »Ich glaube dir, aber du hast trotzdem den falschen Weg eingeschlagen, Paul. Warum kannst du nicht so sein –« Er brach ab und wich Pauls Blick aus.

»Warum kann ich nicht sein wie David? Wolltest du das sagen, Onkel?«

»Ich meinte nur, dass er niemals Schwierigkeiten hat – und du hast anscheinend immer irgendwelche.«

»Ich brauche mich von Schwierigkeiten auch nicht fernzuhalten. Er wird der Herr von Wakefield. Ich bin ja bloß der arme Verwandte.«

»Paul, ich wünschte, es gäbe einen Weg, dieses Anwesen zu teilen, aber nur ein Mann kann den Titel tragen, nicht zwei. Er kann nicht aufgeteilt werden. Ich sorge für dich, solange ich lebe, und nach meinem Tod – du weißt ja, dass David ein gutes Herz hat. Er wird immer gut für dich sorgen.«

»Das weiß ich, Onkel. Glaube nicht, ich sei dir nicht dankbar für alles, was du für mich getan hast.« Paul mochte seinen Onkel tatsächlich. Unter seiner rauen Schale verbarg sich ein weicher Kern. Normalerweise hielt er ihn sorgfältig verborgen, doch jetzt – nur für einen Augenblick – ließ er ihn zum Vorschein kommen. Er erhob sich, ging zu seinem Onkel und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Du bist so gut zu mir, meinem Bruder und meiner Mutter gewesen. Mein Vater wäre sehr froh darüber.«

»Glaubst du das wirklich, Paul?«

»Natürlich glaube ich das! Niemand hätte besser zu uns sein können.«

George Wakefield seufzte tief. »Ich habe versucht, mein Versprechen, das ich deinem Vater gegeben habe, zu halten.« Er sah auf und fuhr langsam fort: »Vielleicht lebe ich nicht mehr lange, Paul, aber erinnere dich an deinen Vater. Als er starb, betete er, du mögest ein guter Mensch werden. Ich bete auch dafür.« Er erhob sich. »Bedrohe nie mehr einen Menschen mit einem Messer«, sagte er. »Bitte!«

Paul sah seinem Onkel nach, als er den Raum verließ, und dachte: Er sieht tatsächlich nicht gut aus. Er wird nicht mehr lange leben. Sein schneller Verstand überlegte sofort, was das für seine Familie bedeuten würde. Was es für David bedeuten würde, wusste er. Aber er fragte sich: Was wird aus mir, wenn mein Bruder Sir David Wakefield ist?

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4

Die alte Ordnung ändert sich

Nichts schien in Ordnung zu sein.

Die Geräusche schienen eine Zeit lang verstummt zu sein, alle Lichter waren aus; es blieb nichts als eine kalte Stille zurück – und Dunkelheit.

Von Zeit zu Zeit durchbrachen Stimmen die Stille, doch sie schienen weit entfernt zu sein – sehr weit entfernt! Er konnte sie nicht einordnen, konnte nicht verstehen, was sie sagten, obwohl er manchmal glaubte, seinen Namen gehört zu haben. Er wusste, das war seine Frau. Sie flehte ihn an, zu ihr zurückzukommen.

Aber von woher? Hin und wieder sah er bunte Blitze, die aus dem Nichts zu kommen schienen. Diese irisierenden Lichter flackerten auf und verschwanden wieder – von der Dunkelheit verschluckt.

Nichts war so wie früher, und George Wakefield kam langsam zu der Erkenntnis, dass er am Ende seines Lebens angekommen war.

So ist es also, wenn man stirbt …

Der Gedanke war von einem schwachen Licht begleitet. Seine Augen waren geschlossen. Als er sie leicht öffnete, konnte er das Gesicht, auf das das Licht der Lampe zu seiner Rechten fiel, kaum erkennen. Noch bevor er Caroline erkannte, verstand er ihre Worte. Sie flüsterte seinen Namen, und er spürte, wie sie seine Hand in ihrer hielt und sein Gesicht berührte.

»Oh George! Kannst du mich denn nicht hören?«, flehte Caroline. George sah, wie Tränen ihre Wangen hinunterliefen, und versuchte zu sprechen. Er sah, wie sich ihre Augen öffneten, als er sich bewegte, und flüsterte: »Caroline …!«

Allmählich ergaben die Worte einen Sinn. Er erinnerte sich, im Garten spazieren gegangen zu sein, als er einen starken Schmerz in der Brust spürte, einen heftigen Schlag und den schrecklichen Kampf, wieder auf die Beine zu kommen. Doch was danach gewesen war, wusste er nicht mehr.

»Caroline …?«, flüsterte er mit schwacher Stimme. »Ich hatte einen Herzanfall.«

»Ja, George, aber du wirst wieder gesund werden. Der Arzt war hier und er wird wiederkommen. Ich werde Gareth losschicken, um ihn zu holen.«

George betrachtete ihr Gesicht und schüttelte leicht den Kopf. »Das ist nicht nötig«, flüsterte er. »Er kann nichts mehr tun.«

»Sag so etwas nicht, George!«

George Wakefield fühlte sich auf einmal kräftiger, und er schaffte es, den Kopf zu bewegen. Er sah Dorcas mit den Zwillingen an seiner linken Seite stehen. Bethany stand neben einem von ihnen, das musste David sein. Er drehte den Kopf erneut und entdeckte Gareth und Sarah mit Ivor unmittelbar hinter ihnen.

»So oft habe ich in einem solchen Zimmer gestanden«, murmelte Wakefield. »Und habe darauf gewartet, dass jemand aus diesem Leben schied. Es war nie besonders angenehm. Es tut mir leid … eine solche Last zu sein.«

Caroline beugte sich über ihn, nahm sein Gesicht in ihre Hände und küsste seine Lippen. »George, ich liebe dich so sehr. Wie könntest du mir eine Last sein?«

»Wie lange liege ich hier schon?«

»Zwei Tage, fast drei. Der Arzt –« Caroline brach ab, doch was sie sagen wollte, war klar. »Möchtest du irgendetwas, George?«

George dachte über diese Frage nach. Sein Herz fühlte sich an wie ein Stück zerbrechliches Glas. Er hatte keine Schmerzen, doch er hatte das Gefühl, dass eine Bewegung es für immer zerbrechen lassen könnte. Er wandte sich an Dorcas und flüsterte ihren Namen. Als sie näher kam, sagte er: »Dorcas, ich habe versucht, das Versprechen, das ich Andrew gegeben habe, zu halten.«

»Oh George!«, weinte Dorcas. Sie ließ die Hände der Jungen los und nahm seine. »Du bist den Jungen ein Vater und mir eine große Hilfe gewesen. Andrew hätte keinen besseren Bruder haben können.«

»Das höre ich gern. Ich bin nicht immer sehr nett zu Andrew gewesen. Ich bin froh, dass ich wenigstens das für ihn habe tun können.« Plötzlich lächelte er und sagte: »Vielleicht kann ich ihm schon bald davon erzählen.«

»Ganz bestimmt«, meinte Dorcas. »Ich bin so froh, dass du den Herrn Jesus kennst.«

Georges Blick wanderte zu David. »Wakefield wird nun in deine Hände übergehen. Ich bete, dass Gott dir Weisheit schenken möge.«

»Ich fühle mich noch nicht bereit dazu«, sagte David und biss sich auf die Lippen. Er mochte seinen Onkel George sehr und in den vergangenen Monaten war diese Zuneigung noch gewachsen.

Er beugte sich über den Sterbenden und berührte seine Hand. »Aber ich werde mein Bestes geben, so wahr mir Gott helfe!«, brach es aus ihm hervor.

Als David zurücktrat, blickte George Paul an, der blass und betrübt aussah. »Paul, denkst du, dass ich dir gegenüber ungerecht gewesen bin?«

»Nein. Wirklich nicht, Onkel. Das darfst du nicht glauben. So ist es eben. Bitte, du bist so nett zu meiner Mutter, meinem Bruder und mir gewesen. Mach dir um mich keine Sorgen. Ich werde schon zurechtkommen. Ich weiß, ich bin nicht so gewesen, wie du es dir gewünscht hättest, und das tut mir leid.«

George sprach trotz seiner Schwachheit eine Weile mit Paul. Schließlich meinte er: »Wende dich Gott zu, mein Junge. Das war das Gebet deines Vaters. Sein Gebet auf dem Sterbebett und es ist auch meines.«

George verabschiedete sich von Gareth und Sarah, dann von Ivor und Bethany. Und schließlich war es Gareth, der sagte: »Kommt.« Er führte alle aus dem Zimmer, damit George mit Caroline allein sein konnte.

Sie setzte sich auf sein Bett und nahm seine Hand. Gelegentlich sagten sie etwas. »Ich werde so müde«, sagte George. »Es ist fast … als würde ich mich abends schlafen legen.«

»Ich wünschte, ich wäre dir eine bessere Frau gewesen.«

»Eine bessere Frau? Das ist gar nicht möglich!« Georges Stimme war schwach. Er öffnete die Augen und sprach von seiner Liebe zu ihr und bat sie um Vergebung für sein Versagen als Ehemann. Dann schloss er wieder die Augen. »Du musst Dorcas danken. Sie hat so viel getan. Ihr und ihrem Mann, weil sie mich zu Gott gebracht haben. Und vor allem danke ich dir, Caroline.«

Eine halbe Stunde verging. Die große Uhr tickte langsam und die Familie wartete draußen. Niemand bewegte sich. Bethany saß dicht neben David und umklammerte seine Hand. Paul starrte aus dem Fenster, während Ivor sich leise mit seinen Eltern unterhielt.

Schließlich öffnete sich die Tür und Caroline kam heraus. Sie war traurig, doch eine seltsame Freude war ihr abzuspüren. »Er ist tot«, sagte sie einfach. »Aber er starb mit einem Lob Gottes auf den Lippen.« Tränen glitzerten in ihren Augen und sie wischte sie fort. »Ich möchte euch allen so sehr danken, dass ihr dazu beigetragen hat, dass mein Mann den Herrn Jesus gefunden hat …«

»Ich habe einfach nicht den Verstand dafür«, sagte David und starrte verloren auf den Schreibtisch, auf dem sich Papiere und Dokumente aller Größen und Formen stapelten. Verzweifelt schüttelte er den Kopf. »Es ist hoffnungslos. Ich werde das Gut niemals verwalten können.« Angus McDowell, ein Mann von achtundfünfzig Jahren mit hellblauen Augen und hellbraunem, mit grauen Strähnen durchzogenem Haar, hatte die Wakefields jahrelang in rechtlichen Angelegenheiten beraten und seine Sache sehr gut gemacht. Er betrachtete den Mann ihm gegenüber und dachte bei sich: Ich bin sehr froh, dass Mr David nun Wakefield übernimmt und nicht sein Bruder Paul. Paul würde den Besitz sofort zugrunde wirtschaften. Laut sagte er freundlich: »Ihr müsst nicht verzweifeln, Junge. Immerhin seid Ihr noch jung. Ihr habt noch Jahre Zeit zu lernen, was alle diese Dinge bedeuten.«

Doch David fühlte sich durch die Worte des Schotten nicht getröstet. »Es hat keinen Zweck, Mr McDowell, ich bin einfach kein Geschäftsmann.«

»Natürlich seid Ihr das nicht. Das kann man wohl auch kaum von Euch erwarten.« McDowell lächelte. »Als ich gerade sechzehn war, wisst Ihr, was ich da gemacht habe?«

»Was denn, Mr McDowell?«

»Ich war auf dem besten Weg zum Galgen«, erwiderte der ältere Mann fröhlich. Seine blauen Augen blitzten. Er schlug dem jungen Mann am Schreibtisch auf die Schultern. »Ihr seid noch nicht alt genug, um die Verantwortung zu übernehmen, aber dafür bin ich ja da. Eure Tante und Eure Mutter werden Euch helfen.«

»Es wäre besser, wenn Paul der Erbe gewesen wäre. Er ist viel intelligenter als ich.«

»Das kann ich nicht glauben. Er ist zwar schneller als Ihr«, gab McDowell zu und rieb sich nachdenklich das Kinn, »aber das ist nicht dasselbe wie intelligent. Jeder Narr kann schnell sein – und hinterher sein Handeln bereuen.«

»Gibt es nicht einen Weg, wie wir ihn an der Leitung des Besitzes teilhaben lassen können?«

»Warum seid Ihr so darauf bedacht? Ich weiß, Ihr beide seid Zwillinge, und ich habe immer gehört, dass Zwillinge sich näherstehen als normale Brüder.«

»Na ja, das kann schon sein … aber wir sind sehr unterschiedlich, Mr McDowell.«

»Ihr könnt mich Angus nennen … zumindest wenn wir allein sind. Vielleicht wäre vor anderen ein wenig Respekt vor diesen grauen Haaren nicht schlecht. Ihr seid wirklich ganz anders, David; alle haben bemerkt, dass der Unterschied darin liegt, dass Ihr ein sehr beständiger junger Mann seid, und Euer Bruder, fürchte ich, ist das nicht.«

»Aber er könnte lernen. Er hat eine so schnelle Auffassungsgabe! Er lernt Dinge an einem Tag, für die ich eine ganze Woche brauche.«

»Verstehe!«, sagte McDowell und nickte verständig. »Aber eine Entscheidung kann an einem Tag getroffen werden, über die man besser eine ganze Woche nachgedacht hätte. Denkt Ihr, Euer Bruder hätte die Geduld, diese Papiere durchzugehen? Vielleicht Jahre zu warten, bis er in der Lage ist, diese Verantwortung als Erbe von Wakefield zu übernehmen?«

»Vermutlich nicht, aber ich werde das nie lernen. Und Paul wird das nicht gefallen.«

»Warum sollte ihm das nicht gefallen?«, fragte Angus, obwohl Sir George vor seinem Tod und Lady Caroline bereits Andeutungen gemacht hatten.

»Paul – er möchte gern alles bestimmen. Und ich möchte das nicht«, erwiderte David. Er hob den Kopf und blickte den älteren Mann an. »Ich würde gern etwas anderes mit meinem Leben anfangen.«

»Aha! Habt Ihr schon einen Beruf im Sinn? Welchen? Das Recht?«

»Nein, Sir.«

»Die Kirche vielleicht? Ihr seid ein religiöser junger Mann.«

»Oh nein. Ich wäre kein guter Prediger.«

»Aber doch ganz bestimmt nicht die Armee.«

»Nein, ich wäre auch kein guter Soldat.«

McDowell starrte ihn an. »Nun, was bleibt dann noch für einen jungen Mann?«

»Ich – ich würde gern Schriftsteller werden.«

»Schriftsteller?« McDowell riss die Augen auf. »Mein Junge, Ihr erstaunt mich! Das ist doch kein passender Beruf für einen jungen Adeligen!«

»Das ist, was ich tun möchte. Ich lese gern. Ich liebe Bücher, und ich glaube, dass ich auch Bücher schreiben könnte. Vielleicht Gedichte, falls ich die Gelegenheit dazu hätte. Aber das kann ich nicht, wenn ich Wakefield leiten muss.«

McDowell war so erstaunt, dass ihm keine Antwort einfiel, doch schließlich räusperte er sich. »Na ja, das wird die Zeit zeigen. Es ist durchaus möglich, dass Ihr schreiben könnt. Andere gehen auf die Jagd oder zum Angeln, Ihr könnt Euch während Eurer Freizeit mit Büchern beschäftigen. In der Zwischenzeit müsst Ihr lernen, wie Ihr das Haus Wakefield am Leben erhalten könnt! Denn als Sir David Wakefield ist dies Eure Berufung. Das Haus am Leben erhalten! Es wird zugrunde gehen, wenn Ihr Euer anvertrautes Gut nicht treu verwaltet. Sir George hat dies in Eure Hand gelegt. Es ist eine heilige Pflicht, mein Junge, und ich weiß, Ihr werdet sie als solche ausüben.«

Betrübt durch die Last der Verantwortung nahm David eines der Papiere auf und versuchte, sich darauf zu konzentrieren. Doch bevor er anfing zu lesen, schüttelte er den Kopf und murmelte: »Das wird Paul gar nicht gefallen!«

»Du wolltest mich sprechen, Mutter?« Paul war in Dorcas’ Zimmer gekommen, nachdem einer der Dienstboten ihm ausgerichtet hatte, dass sie mit ihm sprechen wollte. Er hatte sich sofort zu ihr begeben und bemerkte, dass sie sehr nervös war. »Setz dich, Paul«, forderte sie ihn auf.

»Was habe ich dieses Mal verbrochen?«, fragte Paul. »Jedes Mal, wenn ich eine solche Aufforderung bekomme, habe ich das Gefühl, vor den Direktor zitiert zu werden.«

»Ich wünschte, das wäre nicht so, Sohn.«

»Nimm das nicht ernst, Mutter. Ich habe nur Spaß gemacht. Worüber wolltest du mit mir reden?«

»Ich weiß, es ist noch sehr früh, aber ich habe dich noch nie darüber reden hören, was du mit deinem Leben anfangen möchtest. Denkst du nicht, es wäre an der Zeit, dir zumindest einen Beruf auszusuchen?«

»Oh, ich habe doch einen Beruf.«

Dorcas starrte Paul überrascht an. Obwohl sie durchaus teure Kleidung hätte tragen können, hatte sie keinerlei Verlangen danach. Ihr einfaches gemustertes Leinenkleid war über dem weiten Reifrock schon sehr abgetragen. Ihr einziger Schmuck war eine einfache Goldkette, ein Geschenk von ihrem Mann Andrew, und ihr Ehering. »Welchen Beruf? Warum hast du mir nichts davon erzählt?«

»Na ja, ich habe mich erst kürzlich dazu entschlossen«, erwiderte Paul. Er lehnte sich zurück und blickte sie ironisch an. »Ich bin nicht sicher, ob er dir gefallen wird.«

»Paul, ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um dir zu helfen. Welcher Beruf ist es?«

Paul lachte. »Ich beabsichtige, ein armer Verwandter zu werden, der vom Herrn von Wakefield, Sir David Wakefield höchstpersönlich unterhalten wird.«

»Sei doch mal ernst, Paul!«

»Ich bin todernst. Viele leichtfertige jüngere Brüder tun nichts anderes. Einige von ihnen werden sogar, wenn sie älter sind, nach Übersee geschickt. Ihre Familie zahlt sie aus und sagt: ›Geh fort! Wenn du zum Teufel fahren willst, dann tu es da, wo wir es nicht mitbekommen!‹«

Betrübt bat Dorcas: »Sprich doch nicht so, Paul! Ich kann das nicht ertragen!«

Unter seiner harten Schale verbarg sich doch ein weicher Kern und Paul empfand eine tiefe Zuneigung zu seiner Mutter. Er erhob sich sofort, ging zu ihr und nahm ihre Hände. »Ich wollte dich nicht aufregen. Natürlich werde ich einen Beruf ergreifen und ich habe auch schon darüber nachgedacht. Ich hatte sogar mit Vater schon einmal darüber gesprochen. Hat er dir das nicht gesagt?«

»Nein.«

»Vermutlich hat er gedacht, ich würde das überwinden.«

»Was hast du ihm gesagt?«

Paul hielt dem Blick seiner Mutter stand. »Ich denke schon lange darüber nach, in die Armee einzutreten. Oh, ich weiß«, fuhr er schnell fort, »das ist kein Beruf, den methodistische Eltern sich für ihren Sohn wünschen. Aber Mutter, ich bin nicht für die Kirche geeignet. Du weißt, dass es so ist.«

»Vielleicht bist du es eines Tages.«

»Aber jetzt ist nicht eines Tages, hier geht es um das Jetzt … und David ist sowieso viel eher für den Dienst geeignet als ich.« Als er fortfuhr, lag in seiner Stimme eine leichte Andeutung von Neid. »Und ich könnte auch nicht Rechtsanwalt werden. Ich möchte nicht einer von den Rechtsverdrehern sein, die den ganzen Tag in ihren Büros hocken! Darum habe ich lange zwischen der Marine und der Armee geschwankt, aber da ich jedes Mal seekrank werde, wenn ich nur in einem Ruderboot sitze, ist die Entscheidung eigentlich klar.«

»Willst du wirklich zur Armee?«

»Es muss aufregend sein, Soldat zu sein. Große Dinge passieren, und die Armee wird entscheiden, ob England oder Frankreich über Amerika herrschen wird.«

Dorcas machte sich Sorgen, aber sie versuchte, das vor ihm zu verbergen. »Ich verstehe den Grund für diese Auseinandersetzung nicht so genau. Dein Vater hat versucht, es mir zu erklären, aber ich habe keinen Kopf für Politik und Weltangelegenheiten.«

Paul erhob sich. Sein Gesicht glühte vor Interesse. »Das ist ganz einfach, Mutter. England hat einen langen und grausamen Krieg mit Frankreich geführt, um herauszufinden, wer von ihnen die Welt beherrschen wird. Und nun findet der Krieg in Nordamerika statt. Früher oder später müssen wir diese Schlacht für England gewinnen …« Paul berichtete noch eine Weile von den aufregenden Ereignissen, die im Augenblick in Nordamerika stattfanden, dann sagte er: »Ich möchte etwas tun, Mutter, und so etwas liegt mir.«

»Hast du mit David gesprochen?«

»Darüber? Nein, habe ich nicht.«

»Ich denke, das solltest du, Paul. Er würde alles für dich tun.«

Paul zögerte nur eine Sekunde, dann sagte er entschlossen: »In Ordnung, ich werde mit ihm sprechen! Noch heute. Pitt wird neuer Premierminister, und er ist ein Mann, der sich durchsetzen kann!«

Dorcas tat das Herz weh für ihren großen, gut aussehenden Sohn. Er war so ganz anders als David und auch so ganz anders als Andrew. Irgendwie wusste sie, während sie Pauls Zukunftsplänen zuhörte, dass Schmerz und viel Schweres vor ihm lagen. Sie betete still für sich: Herr, wenn mein Sohn in die Tiefe gehen muss, dann geh bitte mit ihm! Lass ihn verletzt werden, wenn es sein muss – aber bring ihn sicher in die Familie Gottes!

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5

Der verlorene Sohn geht

Angus McDowell kam mit dem neuen Herrn von Wakefield sehr gut aus. An David gab es vieles, was er bewunderte, und er hatte seiner Mutter und Lady Caroline nur Gutes über die Fortschritte des jungen Mannes zu berichten. Bei einem Gespräch unter vier Augen hatte er noch etwas zweifelnd hinzugefügt: »Es stimmt, der Junge hat die törichte Vorstellung, Dichter werden zu wollen. Na ja, es könnte schlimmer sein, und ich bin sicher, dass er dies zu gegebener Zeit überwinden wird. Ich möchte Euch bitten, ihn in dieser abwegigen Idee nicht noch zu unterstützen. Immerhin gibt es Wichtigeres auf der Welt zu tun, als Dinge zu Papier zu bringen, die nie geschehen sind!«

Doch jetzt war das Gesicht des Rechtsanwalts gerötet, und er zwang sich, sein lebhaftes Temperament zu zügeln. Er hatte David rufen lassen und war sofort zur Sache gekommen: »Irgendetwas muss wegen Eures Bruders unternommen werden! Er ruiniert sich selbst und bringt Schande über die Familie!«

McDowell hatte gedacht, es würde ein einfaches Gespräch werden. Er brauchte nur zu erklären, dass Paul Wakefield zum Verschwender geworden war, dass er in der ganzen Stadt Schulden hinterlassen hatte und die Geschäftsleute rechtliche Schritte gegen ihn einleiten wollten. Das alles hatte er berichtet, dann fügte er noch hinzu: »Und er muss die Mädchen des Dorfes in Ruhe lassen! Zwei von ihnen habe ich bereits gekauft! Ich habe Euch nichts davon erzählt, David, weil Ihr so sehr mit dem Lernen beschäftigt seid. Aber ich fürchte, Eurem Bruder kann man in Bezug auf Mädchen nicht über den Weg trauen.«

David sah sofort ein, dass man Paul wegen seiner Affären mit den jungen Mädchen in den Dörfern und von den Bauernhöfen warnen müsse, doch er weigerte sich hartnäckig, Pauls Finanzen einzuschränken.

McDowell schritt mit auf dem Rücken verschränkten Händen im Zimmer umher und starrte auf den gemusterten Teppich. Schließlich drehte er sich um, wippte auf den Zehenspitzen auf und ab und sagte: »Schlagt Ihr etwa vor, den Jungen tun zu lassen, was er möchte?«

»Ich glaube nicht, dass ich Eurem Vorschlag nachkommen und seine Mittel beschneiden kann, Angus.«

»Und warum nicht? Er muss doch lernen, verantwortlich mit Geld umzugehen!«

»Das weiß ich, aber er braucht einfach noch ein wenig Zeit.«

»Zeit? Er hat so viele Rechnungen auflaufen lassen, dass eine kleine Bank daran bankrottgehen könnte! Was wird passieren, wenn Ihr ihm noch mehr Zeit gebt?« McDowell hob ergeben die Hände, seine Augen funkelten vor Zorn. »Er wird genau dasselbe wieder und wieder tun und Ihr wisst das!«

David befand sich in einer schlimmen Lage. Für ihn war es keine Überraschung, dass Paul Schulden hatte. Er hatte ein- oder zweimal versucht, ihn zu warnen, aber Paul war sofort so wütend geworden, dass David aufgegeben hatte. Jetzt sagte er: »Es ist sehr schwer für meinen Bruder. Ihr versteht das einfach nicht, Angus. Es ist nicht, als würde ein Vater ihm Vorschriften machen. Ich bin nur wenige Minuten älter als er. Wir sind im selben Alter, und er weiß, dass er klüger und viel fähiger ist als ich. Wie kann er eine solche Maßregelung von mir hinnehmen?«

Angus gab kurz zurück: »Es ist keine Maßregelung, hier geht es ums Geschäft! Der Junge muss lernen oder es ist sein Ruin!«

»Ich kann einfach nicht.«

Angus ging zum Schreibtisch und nahm zwei Blätter auf. »Vielleicht wird das Eure Meinung ändern. Wisst Ihr, was das ist?«

David nahm die Blätter und las sie. Es waren offizielle Papiere und Pauls Namen stand darauf, aber er konnte nicht herausfinden, worum es ging. »Was bedeutet das?«

»Das bedeutet, dass Euer Bruder ins Gefängnis kommen wird, wenn diese Schulden nicht bezahlt werden.«

»Wir werden sie bezahlen.«

»Damit er immer weitermachen kann?«, fuhr Angus etwas sanfter fort. Er stellte sich neben den jungen Mann an den Schreibtisch. »Ich weiß, Ihr liebt Euren Bruder, und ich kann mir auch vorstellen, wie er empfinden muss. Aber denkt doch einmal darüber nach. Meint Ihr, Ihr tätet ihm einen Gefallen? Ihr unterstützt ihn doch nur in seiner Leichtsinnigkeit.«

Das Gespräch ging noch mehr als eine Stunde weiter, doch Angus McDowell musste schließlich aufgeben. David blieb bei seiner Meinung. »Bezahlt die Rechnungen, Angus. Nehmt das Geld von meinem Privatkonto, wenn Ihr wollt. Nehmt es irgendwo her. Ich kann nicht zulassen, dass mein Bruder ins Gefängnis kommt und damit Schluss!«

Im Raum wurde es still, und David hatte das Gefühl, dass McDowell am liebsten noch weiterargumentiert hätte. Doch schließlich gab sich der Schotte geschlagen. »Sehr wohl, ich werde die Rechnungen bezahlen. Aber es werden weitere kommen.« Er knallte die Papiere auf den Schreibtisch, setzte sich auf seinen Stuhl und stützte den Kopf in die Hände. »Werdet Ihr denn wenigstens versuchen, mit ihm zu sprechen?«

David zögerte. »Ja, ich werde es versuchen. Das wäre nur richtig.«

»Ihr müsst hart sein, mein Junge!«

David nickte, doch er war sehr verunsichert. Als er das Büro verließ, schüttelte McDowell den Kopf. »Was für eine Schande. Das ist genau wie bei Kain und Abel. Aber David muss lernen, strenger mit seinem Bruder umzugehen. Es gibt keinen anderen Weg!«

Das Gespräch mit Paul verlief genauso schlimm, wie David befürchtet hatte. Nach seinem Versprechen an McDowell hatte er zwei Tage gewartet, um mit Paul über die Finanzen zu sprechen. Schließlich begegnete er ihm im Stall, wo er sein neues Pferd striegelte. Dies war eine Arbeit, gegen die Paul anscheinend nichts einzuwenden hatte. Begeistert wies er David auf die Vorzüge des Pferdes hin.

»Hast du jemals ein solches Pferd gesehen?«, schwärmte er und streichelte das eisengraue Fell des Tieres. »Sieh dir nur die kräftigen Muskeln an. Es könnte tatsächlich ein Jagdrennpferd sein. Was für ein Jäger würde es sein!«

David, der sich für Pferde nicht besonders interessierte, bemühte sich, begeistert zu klingen. »Wirklich ein schönes Tier, Paul, und du reitest auch so gut. Viel besser als ich.«

»Du hast gar nicht gefragt, was es gekostet hat.«

David zwinkerte verständnislos, denn Paul hatte sich zu ihm umgedreht und blickte ihn an. »Warum nicht?«

»Also gut, wie viel hat es gekostet?«

»Du wirst die Rechnung bekommen. Ich habe gesagt, man solle sie an McDowell schicken.«

Tatsächlich hatte David die Rechnung gesehen, und er wusste genau, wie viel das Tier gekostet hatte. Ihm wurde klar, dass dies die beste Gelegenheit für das anstehende Gespräch war. Er straffte die Schultern und sagte: »Ich fürchte, du hast zu viel für das Pferd bezahlt. Ich kenne mich zwar mit Pferden nicht sehr gut aus, aber Eastman hat das gesagt.« Eastman war der Stallmeister auf Wakefield und er kannte sich besser als jeder andere mit Pferden aus.

»Eastman weiß nicht, wovon er redet! Dieses Pferd ist jedes Pfund wert, das du dafür bezahlt hast, Sir David!«

Der ironische Ton, in dem er den Namen Sir David ausgesprochen hatte, ließ David erröten. Paul fuhr fort: »Ich nehme an, es ist jetzt an der Zeit, deine Predigt zu halten. Soll ich das für dich tun?«

»Paul, lass mich –«

»Paul Wakefield, du musst mit dem vielen sinnlosen Geldausgeben aufhören«, sagte Paul mit ernstem Gesicht. »Du bist eine Schande für deine Familie! Du bist genau wie der verschwenderische verlorene Sohn, und wenn du so weitermachst, wirst du dich selbst ruinieren und Schande auf die Familie bringen. Und wenn du nicht aufhörst, so viel Geld auszugeben, werde ich deine Rechnungen nicht mehr bezahlen und du wirst wegen deiner Schulden ins Gefängnis geworfen werden. Du musst dich entscheiden, Paul Wakefield. Was sagst du dazu?«

David schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, du würdest nicht so reden, Paul.«

»Kann man es denn anders ausdrücken?«

David räusperte sich. »Du weißt, dass ich mir aus Geld nichts mache. Eigentlich möchte ich viel lieber Schriftsteller werden, Paul. Ich habe es mir nicht ausgesucht, Sir David Wakefield zu sein. Ich habe mir immer gewünscht, du wärst der Erbe.«

»Ich habe mir dasselbe gewünscht, aber ich sehe keinen Weg, das zustande zu bringen.«

David ignorierte das ironische Funkeln im Blick seines Bruders. »Paul, ich weiß nicht viel über Geldangelegenheiten, aber Angus McDowell hat den Überblick. Nur ungern lege ich dem alten Mann diese Last auf, aber er sagt, du müsstest deine Ausgaben einfach ein wenig einschränken.«

David redete fünf Minuten lang auf Paul ein und schließlich winkte Paul ab. »Du kannst dir die Predigt sparen. Ich wusste genau, was du sagen würdest. Nur weiter, sag mir, ich solle zum Teufel gehen.«

»Das würde ich nie tun. Ich – ich wünschte nur, wir würden uns näherstehen.«

Paul grinste verstimmt. »Gib mir den Titel und dann können wir uns sehr nahestehen. Du kannst deine Gedichte schreiben und ich werde das Anwesen, so schnell ich kann, in den Ruin treiben.«

Wenn er in einer solchen Stimmung war, konnte man nicht mit Paul reden, darum gab David auf. Als er davonging, rief Paul ihm nach: »Komm und besuche mich, wenn ich wegen meiner Schulden im Gefängnis sitze, Bruder!«

Nach diesem Gespräch war David mehrere Stunden lang sehr niedergedrückt. Er mied seine Mutter und Tante, indem er sich in einen Raum im dritten Stock zurückzog, das für ihn zum Zufluchtsort geworden war. Es war nur ein kleines Zimmer, aber er hatte es mit einem Stuhl, einer Lampe, einem Schreibtisch und einem Regal für seine Bücher und Schreibutensilien ausgestattet.

Die schönsten Augenblicke seines Lebens waren die Stunden, während derer er seinen Pflichten zu Hause entkommen und hierherflüchten konnte. Nach dem unangenehmen Gespräch mit Paul seufzte er erleichtert auf, als er sich an seinem Schreibtisch niederließ, ein Buch in die Hand nahm und sich hineinvertiefte.

Er hatte eine Weile gelesen, als jemand die Tür öffnete. David blickte verwirrt auf. »Wer ist da?« Zuerst dachte er, es sei jemand von den Dienstboten, doch Bethany Morgan kam herein. »Ach du bist es«, sagte er. »Du hast mich mal wieder gefunden, nicht?«

»Ich wusste die ganze Zeit, dass du hier warst«, bemerkte Bethany. Sie trug ein neues cremefarbenes Seidenkleid mit einer Spitzenschürze, ellbogenlangen Ärmeln mit einer Spitzenrüsche und einem bodenlangen Rock. Ihre schwarzen Locken trug sie normalerweise offen, doch an diesem Tag waren sie einmal anders frisiert. David grinste sie an. »Du wirst modern. Wer hat dich frisiert?«

»Tante Caroline. Gefällt es dir?« Bethany strich sich über das Haar und blickte ihn ängstlich an. »Wenn es dir nicht gefällt, werde ich es wieder so machen, wie es vorher war.«

»Ich denke, es steht dir sehr gut.«

»Bedeutet das, es ist sehr hübsch?«

»Ja, das bedeutet, es ist sehr hübsch.«

Bethany stellte sich neben ihn, da es keinen zweiten Stuhl im Zimmer gab. »Ich könnte noch einen Stuhl holen und wir könnten uns zusammen an deinen Schreibtisch setzen. Ich könnte dir bei deinem Schreiben helfen.«

Das Kind hatte die beinahe magische Fähigkeit, David aus seiner Niedergeschlagenheit herauszuholen. Er lachte laut und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Du hast recht, ich denke, das sollten wir machen. Du wartest hier.« Er verließ das Zimmer und kam mit einem zweiten Stuhl zurück. Bald saßen die beiden nebeneinander am Schreibtisch. David hatte Bethany einige Kissen auf den Stuhl gelegt, damit sie höher saß.

»Wir werden es unser Geheimzimmer nennen. Deines und meines«, sagte Bethany. »Und wir werden keinen anderen hineinlassen, nicht?«

»Nein. Keinen anderen. Nur du und ich.«

»Was werden wir heute schreiben? Einen Brief?«

»Würdest du gern jemandem einen Brief schreiben?«

»Nein, ich würde lieber eine Geschichte schreiben.«

»Eine Geschichte? Ich wusste, dass du Geschichten gern hörst, aber ich wusste nicht, dass du sie auch schreibst.«

»Dies wird meine erste sein«, erklärte Bethany. »Du schreibst auf, was ich sage.«

»In Ordnung, Miss Geschichtenschreiberin. Dann mal los.«

Bethany schloss die Augen und legte tief in Gedanken versunken die Finger an die Lippen. Dann sagte sie: »Es war einmal ein kleines Mädchen. Sie war sehr hübsch und hatte schwarze Haare und sehr dunkle Augen. Es war ein liebes Mädchen, das alles richtig machte. Sie hatte einen Freund, der immer sehr lieb zu ihr war. Sie hatten ein kleines Zimmer, in das sie sich zurückzogen, um Bücher zu schreiben und zu lesen, und sie lebten glücklich bis an ihr Ende.«

Mit ernstem Gesicht schrieb David, was sie ihm diktierte, und streute dann Sand über die Tinte. »Jetzt musst du hier unten deinen Namen hinschreiben, damit alle wissen, dass du diese Geschichte geschrieben hast.«

Hocherfreut schrieb Bethany in großen Buchstaben ihren Namen. »Jetzt«, sagte sie, »musst du eine Geschichte erzählen und wir schreiben sie auf. Dann hast du eine Geschichte und ich habe auch eine.«

»Was für eine Geschichte?«

»Eine Geschichte über ein kleines Mädchen«, erwiderte Bethany. Ihre Geschichten waren immer dieselben und sie wollte immer die Heldin sein. David begann zu improvisieren, und während der nächsten zehn Minuten erzählte er die wildeste Geschichte von einem kleinen dunkelhaarigen Mädchen, das in alle möglichen Gefahren geriet und schließlich von ihrem Freund David gerettet wurde. »Und David und Bethany lebten glücklich bis an ihr Ende«, sagte er abschließend.

Bethany seufzte und lehnte sich zurück.

»Das ist eine gute Geschichte. Fast so gut wie meine.«

»Fast.« David unterdrückte ein Lächeln. »Jetzt muss ich aber gehen.«

»David?«

»Was ist, Bethany?«

Das Mädchen blickte ihn mit seinen großen Augen ernst an. Sie war ein unberechenbares Kind. Manchmal hallte das Haus von ihrem Gelächter wider, dann wieder war sie sehr ernst und beinahe melancholisch. Im Augenblick hatte sie einen seltsamen Gesichtsausdruck, den David nicht deuten konnte. Er wartete. »Du bist mein bester Freund, David«, erklärte sie schließlich im Brustton der Überzeugung.

David beugte sich über sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Das freut mich. Du bist auch meine beste Freundin, Bethany.«

Sie sprang von ihrem Stuhl herunter. »Ich gehe jetzt nach draußen zum Spielen. Wir treffen uns später wieder in unserem Geheimzimmer und schreiben noch mehr Geschichten.«

»Sag mir nur Bescheid. Ich lasse sofort alles stehen und liegen, was ich zu tun habe, und komme mit«, versprach David feierlich.

»In Ordnung«, erwiderte sie und verließ den Raum.

Sobald sie fort war, warf David den Federkiel auf den Schreibtisch und lachte laut. »Was für eine kleine Range!«, sagte er lachend. »Ich darf gar nicht daran denken, was aus ihr wird, wenn sie erwachsen wird. Sie wird ihren Mann schon auf Trab halten!«

»David, ich muss mit dir sprechen.«

David sah von seinen Papieren auf. Seine Mutter schien sehr besorgt zu sein. »Was ist los, Mutter? Stimmt irgendetwas nicht?«

»Ja, ich fürchte schon.«

David erhob sich sofort, kam zu ihr und nahm ihre Hände. »Was ist?«

»Es – es geht um Paul.«

»Ach, ich verstehe.« David biss sich auf die Lippen und überlegte, worum es sich dieses Mal handeln könnte. Seit seinem Gespräch mit Paul über seine Verschwendungssucht waren Monate vergangen, und soweit David wusste, hatte sich nichts geändert. »Geht es wieder einmal um Geld?«

»Nein, es ist viel schlimmer.«

»Was ist los?«

»Er hat ein Duell, David.«

Wenn seine Mutter gesagt hätte, Paul wolle über den Mond springen, hätte David nicht schockierter sein können. »Ein Duell! Ich kann es nicht glauben!«

»Es stimmt. Gareth hat es herausgefunden. Er hat mit dem anderen jungen Mann gesprochen und versucht, eine Versöhnung zustande zu bringen.«

»Vermutlich geht es um eine Frau?«

»Ja. Eine wertlose Schlampe, wie es nur eine gibt! Aber vermutlich war es nur eine Frage der Zeit.«

»Was soll ich tun? Er hört doch nicht auf mich.«

»Du weißt doch noch, dass er davon gesprochen hat, zur Armee zu gehen?«

»Ja natürlich. Ich habe darüber nachgedacht. Willst du das wirklich, Mutter?«

»Ich glaube, es ist die einzige Möglichkeit.«

David zeigte seine Besorgnis. »Der Gedanke gefällt mir gar nicht. Ich habe Angst um ihn. Die Armee ist kein geeigneter Ort für jemanden wie Paul. Seine schlechten Angewohnheiten werden sich noch verstärken. Andere werden ihm sogar noch schlimmere Ideen vermitteln.«

»Ich weiß, aber er ist so unglücklich hier.«

»In Ordnung, Mutter. Vielleicht hast du recht. Ich werde mit Paul reden. Wenn er es unbedingt möchte, werde ich dafür sorgen, dass er gehen kann.«

Es dauerte einige Tage, bis er mit Paul sprechen konnte. Nachdem er sein Zimmer betreten hatte, kam er sofort zur Sache: »Paul, was hat es mit dem Duell auf sich? Ich hoffe, du zeigst Vernunft und wendest es ab.«

Paul schnaubte verächtlich. »Ich bin sicher, genau das würdest du tun. Aber er hat mich beleidigt. Ich habe keine Wahl.«

»Jeder Mensch hat die Wahl. Ich kenne das Mädchen nicht einmal, aber sicher ist sie es nicht wert, dass du und der andere Mann riskieren, euch ihretwegen gegenseitig zu töten.«

Paul blieb hart und zwanzig Minuten lang stritten die Brüder. Schließlich sagte David: »Paul, ich möchte einfach nicht, dass du so etwas tust, und vielleicht weiß ich einen Weg, dich davon abzubringen.«

»Zum Beispiel?«, fragte Paul misstrauisch.

»Ich habe über deinen Wunsch, in die Armee einzutreten, nachgedacht und mit Angus darüber gesprochen. Er kennt alle möglichen Leute und hat einen Klienten, der unter General Wolfe dient.«

Sofort änderte sich Pauls Gesichtsausdruck. »Meinst du das ernst, David?«

»Ja. Ich habe Angus gebeten herauszufinden, ob sein Freund sich an den General wenden könnte. Er ist seinem Wunsch nachgekommen und General Wolfe ist bereit, dich in seine Kompanie aufzunehmen. Ein Offizierspatent steht zum Verkauf. Du würdest als Leutnant unter General Wolfe dienen.«

Paul starrte seinen Bruder an. »David, ich weiß, ich bin ein Schurke gewesen, aber wenn du mir diese Chance gibst, wirst du schon sehen. Du wirst stolz auf mich sein können.«

»Du weißt genau, wie ich darüber denke, Paul. Mir wäre es lieber, wenn du einen anderen Beruf ergreifen würdest … aber es ist dein Leben. Die Papiere sind unterzeichnet, der General ist einverstanden. Ich kann dir nicht garantieren, dass du ihm gefällst oder dass dir dieses Leben gefällt, aber wenigstens hast du deine Chance.«

Paul drückte Davids Hand. »Vielen Dank, David.« Überwältigt begann er im Zimmer herumzugehen und von dem Ruhm zu sprechen, der auf ihn wartete. David gab sich Mühe, seine Begeisterung zu teilen, doch er musste immer wieder denken: Er könnte getötet werden. Das würde ich mir nie verzeihen!

Die Royal Navy übernahm die Aufgabe, Englands Kampftruppen zum Kriegsschauplatz zu transportieren. Die Matrosen auf der Dominant, einem sehr schnellen Schiff, standen zum Ablegen bereit. Die Wakefields und Morgans standen an der Pier, um Paul Wakefield zu verabschieden. Paul trug seine neue Uniform, einen eng anliegenden Waffenrock. Die weiße Wolljacke war vom Hals bis zur Taille geknöpft und die Manschetten zierten gelbe und dunkelrote Streifen. Die Manschetten seines weißen Hemdes sahen unter den eng anliegenden Jackenärmeln hervor. Außerdem trug er noch eine ärmellose Weste und wollene Kniehosen, dazu lange Wollstrümpfe und kniehohe schwarze Reiterstiefel. Gekrönt wurde seine Ausstattung von einem breiträndrigen Dreispitz, den eine Kokarde säumte. Um Pauls Taille hing ein Schwertgürtel mit Schwert.

In den vergangenen Wochen hatte Paul nicht gewusst, wo ihm der Kopf stand. Er hatte General Wolfe kennengelernt und ihn sehr nett gefunden. Uniformen mussten angepasst und seine Ausrüstung beschafft werden, und bei allem hatte David ihn begleitet und dafür gesorgt, dass er von allem nur das Beste bekam. Einer der Offiziere an Bord rief nun: »Alle Mann an Bord!«

Paul wandte sich seiner Mutter zu und küsste sie. »Auf Wiedersehen, Mutter. Du wirst schon sehen. Ich werde als ruhmreicher Soldat heimkehren.« Er verabschiedete sich auch von den anderen der Familie und wandte sich dann an David. Zögernd grinste er ihn an. »Du bist Sir David Wakefield, aber eines Tages werde ich General Paul Wakefield sein.«

»Ich hoffe es, Paul«, erwiderte David. »Ich wünsche dir nur das Beste und werde jeden Tag beten, dass du bewahrt bleiben mögest.«

Diese Worte machten Paul irgendwie traurig, und er ließ den Kopf hängen, da er seinem Zwillingsbruder nicht in die Augen sehen konnte. Doch dann blickte er auf und seine alte Fröhlichkeit kehrte zurück. »Der verlorene Sohn zieht in die Fremde, aber ich werde keinen Schweinefraß zu mir nehmen und in Lumpen gehen. Ich werde ruhmreich zurückkehren. Auf Wiedersehen, Bruder.«

»Auf Wiedersehen, Paul.«

Die Familie sah der Dominant nach, wie sie aus dem Hafen segelte. Bethany, die Davids Traurigkeit spürte, nahm seine Hand. »Sei nicht traurig, David. Paul wird zurückkommen.«

»Natürlich kommt er zurück, Bethany.«

»Wir werden in unserem Zimmer eine Geschichte darüber schreiben, ja?«

»Wenn du möchtest.«

Bevor sie zur Kutsche gingen, drehte sich David noch einmal um und warf noch einen letzten Blick auf das Schiff, das nur noch als winziger Punkt am Horizont zu sehen war. Ich wünschte, ich hätte ihn halten können, dachte er. Ich wünschte, ich hätte ihn nicht gehen lassen … aber nichts hat ihn aufhalten können.

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6

Tod in Quebec

Als Paul Wakefield im Lager der britischen Armee in Nordamerika vor den Toren Quebecs ankam, war es bereits Sommer 1759. Obwohl er bei Weitem der Jüngste war – kaum mehr als ein Assistent ohne Erfahrung –, war er ein so fröhlicher und gut aussehender junger Mann, der so bereitwillig alles tat, worum man ihn bat, dass er in den unteren Rängen der Armee sofort akzeptiert wurde. Nach mehreren Monaten auf dem Schiff war Paul mehr als eineinhalb Jahre lang zwischen den verschiedenen Lagern gependelt und hatte mitgeholfen, die Zelte aufzubauen, die Vorräte zu lagern, um dann zu einem neuen Lager geschickt zu werden. Dort fing alles wieder von vorne an.

Die Männer, die er befehligte, waren alle älter als er, mit einer Ausnahme. Ein Gefreiter war achtzehn – genau in Pauls Alter. Die anderen waren hartgesottene Berufssoldaten oder Männer, die in die Mühlen der grimmigen Entschlossenheit Englands geraten waren, die Schlacht von Nordamerika zu gewinnen.

Im Lager herrschte hektisches Treiben. Paul war ein Platz in einem kleinen Zelt zugewiesen worden, das er mit einem der Gefreiten, einem schlanken jungen Mann mit Namen Phelps, teilen sollte, der früher einmal Schneider gewesen war und sich jetzt um die Uniformen der Soldaten kümmerte. Phelps leistete hervorragende Arbeit, und Paul, der einen großen Vorrat an Uniformen mitgebracht hatte, sagte zu ihm: »Ich werde vielleicht getötet, aber wenigstens sterbe ich gut angezogen.«

»Sagt so etwas nicht, Sir«, erwiderte Phelps schnell. »Das bringt Unglück.«

Paul lachte ihn nur aus. Er ging nach draußen ins Lager. Sein ganzes Leben lang hatte er von Krieg, Armeen und Schlachten nur gelesen, aber nun konnte er erleben, wie es wirklich war. Die Soldaten legten wenig Wert auf Körperpflege und das stieß ihn ab. Wenn sie nicht dazu gezwungen wurden, trafen sie absolut keine sanitären Vorsichtsmaßnahmen, und ein abscheulicher Gestank hing bereits über dem Lager. Paul wusste nur sehr wenig über die Armee, aber ihm war klar, dass so etwas nicht gesund sein konnte. Er beschloss, darauf zu achten, dass seine Männer mehr Wert auf Hygiene legten.

Eine Woche lang passierte nichts, doch schließlich hatte Paul das Privileg, mit anderen Offizieren Karten zu spielen. Dazu gehörten die Brigadegeneräle Robert Monckton, George Townshend und James Murray, alles Söhne von Angehörigen des Hochadels, die gesellschaftlich höher standen als General Wolfe. Paul hatte genügend Geld und war nicht besonders gut im Kartenspiel, wie die anderen hatten feststellen können, darum durfte er an ihrem Spiel teilnehmen, solange er sich ruhig verhielt. Paul verlor sein Geld so langsam wie möglich und lauschte aufmerksam auf die Gespräche über die Strategie der Generäle.

»Der eigentliche Feind«, sagte General George Townshend gelangweilt, »ist nicht die französische Armee, sondern das Terrain.«

»Wie kommt das, Sir?«, fragte Paul vorsichtig, während er weitere fünf Pfund an den General verlor.

»Nun, seht es Euch nur an, Leutnant!«, rief Townshend. »Das ist doch offensichtlich!« Townshend war ein großer Zyniker mit ausgezeichneten politischen Verbindungen. Er war ein sehr begabter Karikaturist, der überaus witzige Zeichnungen von seinem befehlshabenden Offizier machte. Er deutete auf eine Karte an der Wand und sagte: »Seht – Quebec liegt hier an der Spitze der riesigen Halbinsel, die sich bis in den Saint Lawrence erstreckt. Wer auch immer diese elende Stadt erobert, wird Soldaten brauchen, die wie die Fliegen an den Wänden hochklettern können!«

General Murray runzelte die Stirn. »Man munkelt, wir würden die Stadt umgehen und über die Plains of Abraham gegen die Stadt marschieren.«

»Und meint Ihr wirklich, wir könnten einen Soldaten wie Montcalm überrumpeln?«, fragte Townshend. »Er wird diese Ebenen wie ein Habicht beobachten.«

»Wir haben neuntausend gute Soldaten, George«, meldete sich Monckton zu Wort. »Sicher kann mit einer so hervorragenden Armee etwas ausgerichtet werden!«

Aber Townshend verzog nur das Gesicht. »General Wolfes Auftrag lautet, Quebec zu erobern. Aber ich glaube nicht, dass er es schaffen wird.«

Nachdem sich die Kartenspieler getrennt hatten, ging Paul zu seinem Zelt. Die Einstellung der Generäle hatte ihn schockiert und er dachte zornig: Wenn sie gute Soldaten wären, würden sie General Wolfe besser unterstützen! Aber was konnte er schon ausrichten, darum hielt er es für ratsam, den Mund zu halten und abzuwarten.

Als ein stämmiger Mann mit Namen Frenchy Doucett regelmäßig zu Besuch ins Lager kam, fragte Paul General Murray, warum ein Franzose Zutritt zum Lager habe. »Könnte er nicht ein Spion sein?«

»Frenchy Doucett? Er würde sicher zum Spion, wenn genügend für ihn dabei herausspringen würde. Er ist nur ein Trapper. Ich glaube, seine Loyalität gilt niemandem.«

Paul war häufig auf der Jagd gewesen und hatte viel über das Fallenstellen für Tiere gelernt, darum versuchte er mit dem Mann ins Gespräch zu kommen. »Ich bin Leutnant Paul Wakefield«, stellte er sich vor. »Wie ich höre, ist Euer Name Doucett?«

»Nennt mich Frenchy wie alle anderen auch.«

»Ich interessiere mich sehr für das Pelzgeschäft.«

»Habt Ihr schon Tiere gefangen?«

»Oh nein. Ich weiß nichts darüber. Ich habe es noch nie gesehen, aber ich würde gern mehr darüber erfahren. Immerhin«, sagte Paul vorsichtig, »geht es in diesem Krieg doch darum.«

Doucett, ein stämmiger Mann mit langen Haaren und dunkelbraunen Augen, starrte Paul an. Der Franzose trug einen kurzen Bart und schien immens stark zu sein, auch wenn er nicht besonders groß war. Ein Auge war durch eine ziemlich große Narbe zu einem Schlitz verengt, was ihm ein recht finsteres Aussehen verlieh. »Ich weiß alles über den Biber und andere Tiere, Leutnant. Was wollt Ihr wissen?«

»Erzählt mir davon. Kommt. Ich spendiere eine Flasche, wenn Ihr gleichzeitig trinken und erzählen könnt.«

»Ich kann alles tun und gleichzeitig trinken«, prahlte Doucett.

Frenchy Doucett war ein hervorragender Geschichtenerzähler. Er trank den Wein, den Paul ihm anbot, wie Wasser, und er schien keinerlei Wirkung auf ihn zu haben. Paul hörte mehr als zwei Stunden lang aufmerksam zu, während Doucett die Berge und die Tiere beschrieb, die dort gefangen wurden. »Ich habe vor, reich zu werden, Leutnant.«

»Werdet Ihr Eure Felle an die Franzosen oder an die Briten verkaufen?«

»Ich bin ein Trapper, kein Politiker oder Soldat. Ich werde die Felle an die verkaufen, die mir das meiste Geld dafür geben.«

Paul lachte. Der Bursche gefiel ihm. »Ich finde das sehr klug, Frenchy.«

Dies war das erste von mehreren Gesprächen. Paul interessierte sich immer mehr für das Fellgeschäft und fragte schließlich: »Kann man damit reich werden?«

»Oui, wenn man klug ist und seine Felle richtig verkauft. Und manchmal braucht man die Tiere sogar nicht einmal zu fangen!«

»Wieso das? Woher bekommt Ihr die Felle dann?«

»Von den Indianern. Sie stellen hervorragende Fallen. Man gibt ihnen für ein Biberfell eine Handvoll Glasperlen, die vielleicht zehn Pence kosten und verkauft es für zwanzig Pfund.«

Paul war erstaunt. »Wissen sie es denn nicht besser?«

»Sie lernen sehr schnell, aber wenn man mit guten Handelswaren zu ihnen kommt, kann man ein Vermögen machen.« Er betrachtete Paul Wakefield. »Zu schade, dass Ihr Soldat seid, Leutnant. Offensichtlich habt Ihr gute Ideen – genau wie ich.«

Paul antwortete nicht, aber er vergaß nicht, was Doucett gesagt hatte. Häufig dachte er darüber nach und wurde besessen von diesem Gedanken. Doch zwei Tage später wurde Paul von seinem Bestreben, durch Fellhandel reich zu werden, abgelenkt, weil General Wolfe einen Verzweiflungsschritt unternahm. Seit einem Monat lag die Armee nun bereits in der Nähe von Quebec, ohne etwas vorweisen zu können. Wolfe rief seinen Stab zusammen und gab einen direkten Befehl.

»Wir werden angreifen, Gentlemen«, verkündete er. Ohne nach ihrer Meinung zu fragen, erklärte er seinen Plan. »Wir werden die Männer stromaufwärts an Land bringen und übermorgen angreifen.« Er war zwar recht klein, verfügte jedoch über innere Stärke, und während er auf der Karte die Truppenbewegungen erklärte, wurde Paul ganz aufgeregt. Endlich geht es los – und ich werde ganz bestimmt dabei sein!

Doch die drei Brigadegeneräle stellten sich gegen Wolfes Plan. »Das wird nie gelingen, General Wolfe«, protestierte General Monckton. »An dieser Stelle werden die Männer bergauf stürmen müssen, genau in das Feuer des Feindes hinein. Sie werden abgeschlachtet werden, Sir!«

Townshend und Murray stimmten ihm zu, doch Wolfe blieb fest. »Der Angriff wird stattfinden – und ich erwarte einen Sieg«, war sein letzter Kommentar.

»Wir werden niedergemetzelt werden!«, murmelte Townshend. Seine Lippen waren weiß vor Wut. »Wolfe ist ein Dummkopf!«

Am 31. Juli gehörte Paul zu den Männern in den Behelfsbooten, die die Truppen seiner Majestät den Saint Lawrence River an der Stadt Quebec vorbei flussaufwärts brachten. Er war aufgeregt, doch seine gute Laune wurde getrübt, als er einen halben Tag lang zusammen mit den schwitzenden Soldaten in diesem Ruderboot sitzen musste. Amüsiert entdeckte er Frenchy in seinem Boot und fragte: »Was macht Ihr hier, Frenchy? Das ist doch nicht Eure Seite.«

»Meine Seite bin ich!«, verkündete Doucett. »General Wolfe hat mich dafür bezahlt, dass ich mitkomme – um den Truppen zu zeigen, wo sie landen können. Ich kenne den Fluss in- und auswendig!«

Der Angriff kam für Paul unerwartet. Er war eingeschlafen, und als die Boote ans Ufer gesteuert wurden, war es Frenchy Doucett, der ihn wach rüttelte und flüsterte: »Ihr wacht besser auf, Leutnant –«

Paul war sofort hellwach. Als er hochfuhr, fiel er beinahe aus dem Boot; nur der starke Arm von Doucett bewahrte ihn davor. Als er den Blick hob, entdeckte er die roten Jacken seiner Einheit, die vorstürmte. Hauptmann Monday führte das Kommando. Er rief: »Kommt, Männer – für König und Vaterland!«

Paul zog sein Schwert und rannte zum Berg. Er war kaum drei Meter gekommen, als das Gewehrfeuer begann, und als er den Berg hinaufsah, entdeckte er die Gewehre, mit denen die Stadtmauern verteidigt wurden. Die Soldaten gingen in Scharen zu Boden, und wenn dies auch seine erste Schlacht war, so erkannte er doch, dass sie keine Chance hatten! Aber unbeirrt rückte er mit der kleinen Gruppe unter Mondays Kommando vor. Dann hörte er eine Stimme, die sagte: »Leutnant – kommt zurück!«

Als er sich umdrehte, entdeckte er Doucett hinter sich. »Zurück, Doucett!« In diesem Augenblick begann eine Gruppe französischer Soldaten mit dem Gegenangriff. Wie aus dem Nichts stand einer davon plötzlich vor Doucett und richtete sein Bajonett auf dessen Bauch. Ohne zu zögern, sprang Paul vor, schlug das Bajonett mit seinem Schwert beiseite und trieb seine Klinge direkt in das Herz des französischen Soldaten. Der Mann blieb stehen, ließ seine Muskete fallen und starrte auf die Klinge, die seine Brust durchstochen hatte. Mit traurigem Blick sah er auf, fast schien es so, als wolle er sich entschuldigen. Paul zog die Klinge zurück. Er fühlte sich elend – und betrachtete das Gesicht des jungen Mannes näher. Er schien kaum älter als achtzehn Jahre zu sein. Ein Vorhang schien sich über die Augen des jungen Mannes zu legen und plötzlich strömte Blut über seine Lippen. Langsam kippte er nach vorne und sackte zu Boden. Dort blieb er reglos und mit starrem Blick liegen.

»Kommt, Ihr werdet getötet!«

Paul wurde von Doucett buchstäblich den Berg hinuntergezerrt. Als sie den Schutz der Truppen erreicht hatten, musste Paul sich übergeben. Doucett schützte ihn vor den Blicken der anderen Soldaten. Als Paul sich aufrichtete und ihn mit leichenblassem Gesicht anstarrte, fragte er sanft: »Der erste Mann, den Ihr getötet habt?«

»J-ja!«

»Ihr habt hervorragend reagiert, Paul Wakefield. Ihr habt mein Leben gerettet – und so etwas vergesse ich nie!«

Nach der Schlacht wurde Doucett Paul gegenüber noch offener. Er zeigte ihm einige Biberfelle und erklärte ihm, wie man Hüte daraus machte. »Wer weiß schon, wie die Mode im folgenden Jahr oder gar im folgenden Monat sein wird. Der Punkt ist, die Biber zu fangen, sie zu verkaufen und reich zu werden. Dann kann ein anderer die Tiere fangen. Aber der beste Weg ist immer noch, sie von den Indianern zu kaufen.«

»Kennt Ihr denn Indianer?«

Ein listiger Ausdruck trat in das Gesicht des Franzosen. »Ich bin mit der Tochter eines der Häuptlinge des Ojibway-Stammes verheiratet. Ein großer Stamm. Sie vertrauen mir wie keinem anderen Weißen. Sie wissen, dass ich ihnen gute Ware anbiete. Keinen Whisky und keine Glasperlen. Aus unserer Sicht verlangen sie nicht viel. Ihr und ich, Leutnant, wir könnten einige Boote mit Tauschware beladen, sie gegen Biber- und Nerzfelle eintauschen und reich werden! Wie würde Euch das gefallen?«

»Das würde mir sehr gut gefallen, aber ich bin in der Armee.«

»Für wie lange, Leutnant?«

»Bis ich getötet werde – oder mein Offizierspatent verkaufe.«

»Was heißt das? Euer Offizierspatent verkaufen?«

»In der englischen Armee kaufen wir unser Offizierspatent. Mein Bruder hat mir meines gekauft. Wenn ich die Armee verlassen möchte, kann ich es einem anderen Mann verkaufen, der in die Armee eintreten möchte.«

Doucett schwieg einen Augenblick. »Ihr habt mein Leben gerettet, Leutnant. Und nun möchte ich Euch etwas anbieten, was ich nicht jedem anbieten würde. Ich hatte die Absicht, es allein zu tun, aber ich habe nicht genug Geld. Verkauft doch Euer Offizierspatent. Steckt das Geld in unser Unternehmen. Ihr habt das Geld, ich bin mit einer Indianerin verheiratet. Ich kann die Biberfelle bekommen. Wir könnten uns den Gewinn teilen.«

Paul starrte den Franzosen an und hörte genau zu, während Doucett ihm Fakten und Zahlen nannte. Schließlich sagte er: »Es wird warten müssen. Ich könnte General Wolfe nicht verlassen, bevor die Schlacht nicht gewonnen ist.«

»Das wird vielleicht niemals geschehen. General Montcalm ist ein sehr guter Soldat.«

»Das stimmt und ich werde vielleicht fallen. Aber falls ich nicht getötet werde und falls wir gewinnen, werden wir über diese Angelegenheit noch einmal sprechen, Frenchy.«

Wolfe hatte einen gravierenden Fehler gemacht und das Vertrauen einiger seiner Männer verloren, aber er ließ sich nicht entmutigen. Er war ein sehr fordernder, eingebildeter Mensch, der am liebsten im Alleingang handelte und seine Untergebenen schlecht informierte. Er beschloss, seine Armee am Anse de Foulon, zwei Meilen oberhalb der Stadt Quebec, an Land gehen zu lassen. Die Armee würde die steilen Klippen, die Quebec schützten, hochklettern und den französischen General überraschen müssen. Seine drei Untergebenen baten ihn um Einzelheiten, doch Wolfe war nicht bereit, sie ihnen zu geben.

Auf diese Schlacht freute sich Paul weniger, aber er gehörte zu den Männern, die in der Dämmerung des 13. Septembers 1759 die Klippen hochkletterten. Doucett war nicht mitgekommen, dafür aber viertausend Soldaten – und sie eroberten Quebec!

Paul erinnerte sich nicht mehr deutlich an die Einzelheiten der Schlacht, nur an Rauch, Blut und Gewehrfeuer. Beide Generäle, sowohl der englische als auch der französische, fielen in der Schlacht. Die Plains of Abraham wurden erobert, und mit dem Fall von Quebec war der Krieg, der England und Frankreich finanziell wie auch materiell ausgelaugt hatte, vorbei. Die Franzosen hatten verloren und würden fernerhin keine Bedrohung der Neuen Welt, der Kolonien an der Ostküste, mehr bedeuten. Von jetzt an würde Amerika den Briten gehören und nicht den Franzosen.

»Also werden nun die Briten Kanada regieren«, sagte Frenchy Doucett. Er nahm einen Schluck aus der Flasche, die auf dem Tisch stand. Er und Paul saßen in Quebec in einer kleinen Taverne am Fluss. Da die Briten die Stadt regierten, waren sie hier in Sicherheit.

»Noch ist nicht alles vorbei. Es könnte noch andere Schlachten geben.«

»Nein. Montcalm ist tot. Die Franzosen werden sich zurückziehen. Sie haben dieses Land verloren. Vielleicht versuchen sie, weiter ins Landesinnere vorzustoßen, aber das alles wird England gehören.«

Die beiden Männer schwiegen eine Weile und Paul trank eine beträchtliche Menge Alkohol. Sein Kopf jedoch war noch immer klar genug, sodass er abrupt sagte: »Das Angebot in Bezug auf eine Partnerschaft, gilt das noch?«

»Ihr wollt die Armee verlassen?«

»Mir gefällt das Soldatenleben nicht besonders«, erwiderte Paul langsam. »Sicher, es gibt Augenblicke des Ruhmes, aber ansonsten besteht es aus langen Monaten der Langeweile und der Eintönigkeit. Es wäre aufregender, reich zu sein.« Er grinste Doucett an.

»Ich will ehrlich sein. Vielleicht habe ich die Sache ein wenig zu einfach dargestellt. Vieles kann passieren. Wir könnten uns mit unseren Fellen auf den Weg machen und von einem anderen Indianerstamm angegriffen werden und alles verlieren. Vielleicht sogar unser Leben. Es ist durchaus nicht angenehm, in die Hände von einigen dieser Burschen zu fallen.«

»Ich habe keine Angst vor der Gefahr. Sagt mir nur, wie wir vorgehen könnten.«

Die Kerze auf dem Tisch brannte herunter, während sie Pläne schmiedeten und weitertranken. Schließlich fasste Paul einen Entschluss. »Ich werde es tun, Frenchy! Ich werde mein Offizierspatent verkaufen und das Geld investieren. Ihr kauft die Handelswaren und wir werden reich werden.«

»Darauf trinken wir. Also seid Ihr kein Leutnant mehr.«

»Nein. Nur noch Paul Wakefield, Trapper.«

Die beiden Männer tranken darauf und Frenchy sagte: »Die Zeit wird zeigen, ob der gute Gott uns reich machen wird.«

»Ihr glaubt an Gott?«

»Aber certainement! Ihr etwa nicht?«

»Ich glaube an Geld und ich glaube an mich. Das ist alles.«

Doucett starrte seinen neuen Partner an. »Ihr werdet herausfinden, dass das nicht ausreicht.«

»Für mich ist das genug«, beharrte Paul eigensinnig und erhob sich vom Tisch. »Ich werde das Geld, so schnell ich kann, besorgen.« Die beiden verließen die Taverne, und als sie gingen, dachte Paul: Ich bin zwar kein General, aber ich werde als reicher Mann nach Hause kommen. Dann werde ich zeigen können, dass ich der eigentliche Herr von Wakefield bin!

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II Zu haben und zu halten 1760–1768

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7

Felle

Frühling 1760

»Na, das scheint doch ein Platz zu sein, den die Biber mögen.«

Der Klang seiner eigenen Stimme verwirrte Paul Wakefield, denn seit Tagen hatte er wenig anderes als die lauten Schreie von Vögeln und das traurige Heulen von Wölfen und Kojoten gehört. Er lächelte kurz und nahm die Waschbärenmütze vom Kopf. Unwillkürlich musste er denken, wie sehr er sich verändert hatte. Ein Trapper zu werden, dachte er wehmütig, ist nicht leicht. Erinnerungen bedrängten ihn: Als Frenchy Doucett ihn zum ersten Mal in die Wälder mitgenommen hatte, hätte er am liebsten die ganze Sache fallen gelassen und wäre in die Zivilisation zurückgekehrt. Er hatte gedacht, eine gute Kondition zu haben, aber der zähe Franzose hatte ihn bis zur Erschöpfung angetrieben, war mit ihm durch die dichten Wälder gestreift und stromaufwärts gepaddelt, bis das rohe Fleisch an seinen Händen zu sehen war.

»Ich dachte, ich würde es nicht schaffen«, murmelte Paul. Als er an sich heruntersah, bemerkte er, dass die Muskeln an seinen Armen, seiner Brust und seinen Schultern sich von dem weichen Wildlederhemd, das er trug, abhoben. Das gefiel ihm, denn er war stolz auf seine Kraft. Doch schnell wandte er seine Aufmerksamkeit wieder seiner Aufgabe zu.

Er stand vor einem kleinen Teich, in dem sich viele Biber zu tummeln schienen. Paul ließ den Blick aufmerksam über das Wasser gleiten. In demselben Maß, wie sein Körper kräftiger geworden war, hatte er gelernt, sich im Wald zu Hause zu fühlen. Der Wind, die Bäume, der Boden, spitze Berggipfel – das alles war seine Welt geworden und er liebte sie! Er bemerkte, wie das Wasser sich in der Nähe des Ufers keilförmig kräuselte. Die Spitze des Keiles bildete ein kleiner, runder pelziger Kopf. Er kam auf ihn zu, dann drehte er um und schwamm in der entgegengesetzten Richtung wieder fort. Paul ließ seinen Blick über das Ufer gleiten und bemerkte die Kerben im Holz. Schließlich wanderte sein Blick zu dem kleinen Damm aus Stöcken und Schlamm. Zufrieden ging er an dem kleinen Teich entlang, wobei er darauf achtete, im Schlamm zu gehen und sich vom Wasser fernzuhalten. Schließlich fand er eine geeignete Stelle und legte seine Fallen ab. Er lehnte seine Muskete gegen einen Busch, spitzte einen langen trockenen Stock an, baute die Falle auf und ging damit ins Wasser.

»Wie kalt«, sagte er zu sich. »Noch vom Schnee.« Er bückte sich und stellte die Falle so tief im Wasser auf, dass die Wasseroberfläche sich eine Handbreit oberhalb des Auslösers befand. Als Nächstes zog er die lange Kette ins tiefere Wasser hinein. Er steckte den Stock durch einen Ring in der Kette und trieb ihn tief in den Schlamm hinein. Mit der Axt von seinem Gürtel schlug er ihn noch tiefer hinein, damit er auch ganz bestimmt festsaß, dann watete er zum Ufer zurück. Nachdem er einen Weidenzweig abgeschnitten hatte, schälte er ihn und nahm das ausgehöhlte Antilopenhorn von seinem Gürtel.

Er zog den Stopfen heraus und der starke Wildgeruch stieg ihm in die Nase. Er dippte den Weidenzweig in das Öl, steckte den Stopfen hinein und hängte das Horn wieder an seinen Gürtel, bevor er erneut ins Wasser watete, um das trockene Ende des Zweiges zwischen die Zacken der Falle in den Schlamm zu stecken. Das andere Ende mit dem Lockmittel befand sich vier Zentimeter über der Wasseroberfläche. Danach ging er rückwärts aus dem Wasser, wobei er sich bemühte, in die Abdrücke zu treten, die seine Mokkasins hinterlassen hatten. Sorgfältig spritzte er Wasser ans Ufer, um seinen Geruch zu überdecken.

Als er im Wasser mehrere keilförmige Wellen entdeckte, lächelte er und nickte nachdenklich. Es wird nicht lange dauern, bis ich euch auf dem Streckbrett habe. Dann ging er zurück, hob seine restlichen Fallen auf und suchte den ganzen Morgen nach ähnlichen Stellen am Fluss. Er fand eine Reihe von Biberdämmen und freute sich über seine Wahl. Vier Tage zuvor hatten er und Frenchy sich getrennt, um ein größeres Gebiet abdecken zu können. Frenchy hatte bezweifelt, ob er sich bereits im Wald zurechtfinden würde. »Du wirst dich in diesem großen Wald verirren«, hatte er prophezeit und zweifelnd den Kopf geschüttelt. »Oder vielleicht von Indianern getötet. Wenn du tot bist, kannst du keine Biber fangen.«

Aber Paul hatte darauf bestanden, und nach der Zeit, die er zusammen mit dem gewieften Doucett verbracht hatte, war er entschlossen zu beweisen, dass er auch allein im Wald zurechtkam. Nachdem er die Fallen aufgestellt hatte, baute er sich eine Unterkunft aus Zweigen und bedeckte sie mit Tannennadeln. Schließlich nahm er seine Muskete zur Hand und machte sich auf den Weg in den dichten Wald. Er war kaum eine Viertelmeile gegangen, als ein großer Hirsch kaum dreißig Meter entfernt auf eine Lichtung trat. Schnell nahm er sein Gewehr von der Schulter, legte an und schoss. Der Schuss hallte im Wald wider und der Hirsch ging zu Boden – sprang jedoch noch einmal auf und rannte ins Dickicht. In Windeseile lud Paul sein Gewehr nach, denn Frenchy hatte ihn gewarnt, niemals mit einer ungeladenen Waffe durch den Wald zu laufen, und rannte dem Tier hinterher. Er entdeckte Blutstropfen auf den Tannennadeln, und als er ihnen folgte, fand er bald den toten Hirsch. Er zog sein Messer, zerlegte das Tier und trug es zu seinem Lager zurück.

An diesem Abend ließ er sich frisches Hirschsteak und klares Quellwasser schmecken, das aus einem der Felsen in der Nähe seines Lagers sprudelte. Er lehnte sich zurück, blickte hinauf in den Himmel und fragte sich, was seine Familie wohl tat. Seit er mit seinem Freund Frenchy in die Wälder gegangen war, hatte er keinen Kontakt mehr zu ihnen gehabt. Einen Augenblick lang wurde er traurig, doch er schüttelte seine Gefühle ab, setzte sich auf, nahm einen weiteren Bissen von dem schmackhaften Fleisch und sagte laut: »Ich schätze, David ist reich und berühmt. Vermutlich wären sie schockiert, wenn sie mich so hier draußen in den Wäldern sehen würden.« Trotzdem war er stolz auf das, was er erreicht hatte. In weniger als einem Jahr hatte er die Grundlagen des Fallenstellens gelernt. Ohne Doucett hätte er das natürlich niemals geschafft, aber die beiden waren ein gutes Team. Paul hatte eine rasche Auffassungsgabe, und Doucett war erstaunt gewesen, wie schnell er sich an das Leben im Wald gewöhnt hatte.

Zufrieden mit sich selbst lehnte sich Paul gegen einen dicken Eichenstamm und freute sich an seinem Erfolg. Sein Ehrgeiz trieb ihn an. Er wollte immer der Beste sein, und seit er sich mit Doucett zusammengetan hatte, war er entschlossen, reich zu werden, wie schon andere vor ihm. Die meisten Trapper, das wusste er, wurden nicht reich. Die Männer, die die Felle von den Trappern kauften, waren diejenigen, die das große Geld machten. Das ging Paul Wakefield durch den Sinn, während er langsam das saftige Fleisch kaute und Pläne schmiedete. Irgendwann in ferner Zukunft würde er in teure Kleidung gehüllt nach England zurückkehren und in einer wunderschönen Kutsche vor Wakefield vorfahren. Der Wunsch, das Gesicht seines Bruders zu sehen und mitzuerleben, wie die Familie über seinen Erfolg staunte, trieb ihn an – es war etwas, das er niemals ganz vergaß.

Als sich die Dunkelheit über den Wald legte, beobachtete er die Funken, die wie kleine Sternchen zu den Baumwipfeln emporstiegen. Der Wind blies sachte und gab flüsternd Geheimnisse preis, die er nicht verstehen konnte.

Schließlich rollte er sich in seine Decke und fragte sich, wie lange es dauern würde, bis er genügend Biber gefangen hatte und sich wieder mit Doucett treffen konnte.

»Du machst dich prima, Paul!«

Frenchy Doucett stand vor dem Stapel Biberfelle, die Paul zu ihrem Hauptlager mitgebracht hatte, und nickte begeistert. »Du hast mehr als ich! Wie viele sind es?«

»Fast dreißig«, sagte Paul, der sich in Doucetts Lob sonnte. Nachdem er die Felle in dem Lagerraum verstaut hatte, den sie gemeinsam aus Baumstämmen gebaut hatten, setzten sie sich zusammen und berichteten von dem, was sie in den vergangenen Tagen erlebt hatten. Doucett war nach Norden gegangen, hatte aber nicht so viel Glück gehabt, wie er gehofft hatte. Trotzdem hatten sie mittlerweile eine recht ansehnliche Anzahl der wertvollen Felle gesammelt. Ein guter Start für das Jahr.

Da Paul erschöpft war, sorgte Frenchy für das Abendessen, zu dem auch frisch gebackenes Brot gehörte, da der Franzose es verstand, Sauerteig zu machen. Er hatte einen Bären getötet, dessen saftiges Fleisch sie an Stöcken über dem Feuer brieten.

Doucett holte ein Stück Fleisch vom Feuer und betrachtete es kritisch. Mit seiner freien Hand fuhr er sich durch sein schwarzes Haar und zupfte sich am Bart.

Paul betrachtete den Stapel Felle und versuchte, ihren Wert zu schätzen. »Was meinst du, wie viel werden sie uns bringen, Frenchy?«

Frenchy biss ein Stück Fleisch ab und kaute nachdenklich. »Das ist schwer zu sagen«, meinte er achselzuckend. »Das hängt davon ab, welchen Preis die Pelzhandelsgesellschaft festsetzt.«

Diese Antwort gefiel Paul überhaupt nicht. Er hasste es, von jemandem kontrolliert zu werden, und er wusste nur zu gut, dass die Trapper von den Pelzhandelsgesellschaften bestimmt wurden, so wie die Indianer praktisch von den Trappern kontrolliert wurden. Er erhob sich, ging zu den Fellen und ließ seine Hand über das glatte Fell eines noch jungen Bibers gleiten. »Diese Welt hier draußen wird von Fellen bestimmt, ist es nicht so, Frenchy?«

»Was meinst du damit?«

»Ich meine, dass die Menschen hier draußen von den Fellen leben. In den Wäldern wimmelt es von Trappern, die auf der Suche nach Fellen sind. Die Trapper treiben die Indianer immer weiter zurück und verändern ihren Lebensstil. Ich denke, durch die Felle bekommen die Indianer, was sie wollen. So wie auch wir es bekommen, nicht? Fast ein gesetzliches Zahlungsmittel.«

»Was ist ein gesetzliches Zahlungsmittel?«

»Geld«, antwortete Paul grinsend. »Das ist ganz einfach dasselbe wie Geld.«

Paul sprach die Wahrheit. Jäger und Händler drangen in die Wälder ein und überwinterten in einsamen Außenposten. Sie kamen zu Hunderten mit ihren Booten und Kanus, suchten die Flüsse ab und fingen Biber. Dann verkauften sie ihren Fang und viele verprassten den Verdienst eines ganzen Jahres in einer wilden, oft einige Tage andauernden Orgie. Dann zogen sie wieder für ein weiteres Jahr hinaus in die Wälder.

»Es muss doch einen besseren Weg geben als diesen«, sagte Paul plötzlich. Er kam zum Feuer zurück und setzte sich ganz nah an die züngelnden Flammen, die die scharfen Linien seines Gesichts widerspiegelten und seine graublauen Augen beinahe selbst wie Flammen erscheinen ließen. Sein wettergegerbtes Gesicht war fast ganz unter seinem braunen Bart verborgen. Lange Zeit starrte er in die Flammen. Er dachte nach und sagte nichts mehr.

»Was meintest du, als du sagtest, es müsste einen besseren Weg geben?«, fragte Frenchy. Er griff nach der Flasche neben sich und nahm einen großen Schluck von dem feurigen Schnaps, den er immer bei sich hatte. Er bot Paul die Flasche an, doch dieser schüttelte den Kopf. Frenchy nahm noch einen Schluck. »Sieh nur, wie viele Biber wir gefangen haben.«

»Und sieh nur, wie schwer wir dafür gearbeitet haben! Ich beschwere mich nicht, Frenchy, weil ich noch viel lernen muss. Doch mittlerweile habe ich gemerkt, dass wir beide unser ganzes Leben lang Biber fangen können und trotzdem kaum mehr als unseren Lebensunterhalt verdienen werden. Aber ich möchte mehr.«

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
03 kwietnia 2025
Objętość:
465 str. 10 ilustracji
ISBN:
9783775175166
Wydawca:
Hänssler
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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