Czytaj książkę: «Was für ein Leben!»
Die Erzählungen wurden von Gianni Celati für diese Ausgabe zusammengestellt. Leben auf der Weide, Ein modernen Held und Eine Episode aus dem Leben des Schriftstellers Virgilio Tritone erschienen erstmals auf Italienisch unter dem Titel Vite di pascolanti 2006 bei edizioni nottetempo in Rom. Diese und die übrigen Erzählungen wurden in den beiden Bänden Costumi degli italiani, Band 1: Un eroe moderno, Band 2: Il benessere arriva in casa Pucci 2008 bei quodlibet in Macerata veröffentlicht.
E-Book-Ausgabe 2020
© 2008 quodlibet, Macerata
© 2008 für die deutsche Ausgabe:
Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin.
Covergestaltung Julie August unter Verwendung einer Photographie © corbis.
Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.
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ISBN: 978 3 8031 4293 1
Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 3219 2
www.wagenbach.de
Leben auf der Weide
In seiner Jugend war Pucci schmächtig, schüchtern und schlecht angezogen und er ging mit gesenktem Kopf, der schief auf eine Seite hing, seiner Wege. Vielleicht hielt er seinen Kopf so, weil sein Gehirn nicht im Lot war, wie sein Vater sagte. Die erste Zeit seines Lebens, die mir in den Sinn kommt, ist die, als er in der Schule, in die auch ich ging, zum dritten Mal in derselben Klasse durchfiel.
Der Bau muss früher einmal ein Gefängnis oder ein Kloster gewesen sein, und im ersten Stock befand sich ein großer Salon mit Fresken an der Decke, die dort oben in der Höhe die Arbeiten des Herkules zeigten. An den zwei Längsseiten dieses Raumes, den ich Salon genannt habe, waren die Türen der Klassenzimmer. Jede Klasse eingesperrt in ihr Zimmer, durch die Fenster sah man nicht den Himmel, sondern andere Fenster anderer Zimmer, in die andere Klassen eingesperrt waren. Die Mädchen saßen immer in den vorderen Bänken, weil sie besser waren als die Jungen, abgesehen von einigen Jungen, die so gut waren wie die Mädchen. Ah, die Köpfe da vorne mit den immer gehobenen Fingern, um was zu sagen! Diese Finger erinnerten an Hunde, die sich auf die Hinterpfoten stellen, um ihrem Herrchen zu gefallen. Pucci hat nie den Finger gehoben, nicht ein einziges Mal in seinem Leben, und er versteckte sich in der letzten Bank, weil er nichts zu sagen hatte.
Am ersten Schultag waren wir alle wie Kugeln, die ziellos über einen Billardtisch rollten, der eine ein bisschen früher, der andere ein bisschen später, nach der Reihenfolge der Ankunft in den Bänken. Aber Pucci stellte fest, dass die Schüler, die sich in die vorderen Bänke gesetzt hatten, diejenigen waren, die in der Schule gut vorwärts kamen, und die Schüler, die sich in die hinteren Bänke gesetzt hatten, diejenigen waren, die im Lernen zurückblieben. Er saß in der letzten Bank neben einem Mitschüler namens Bordignoni, und sie waren die schlechtesten der ganzen Schule, ich übertreibe nicht. Haben sich die beiden je gefragt, was sie eigentlich da machten? Sie haben es sich nie gefragt. Pucci erschien die Schule als ein wunderlicher Ort, ein sehr wunderlicher, angefangen beim Namen: Humanistisches Gymnasium. Bordignoni war nicht einmal das aufgefallen und er sagte, er sei hier wegen eines Irrtums seiner Mama, die ihn in eine technische Fachschule habe einschreiben wollen, sich aber im Eingang getäuscht habe.
In dem Sommer, als Pucci zum dritten Mal durchfiel, besuchte er öfter seine Mitschülerin Veratti. Schönwetterlage, die Ferien waren gekommen, und jeder Schüler ging in Freiheit, wohin er wollte. Aber wenn es etwas gab, das Pucci klar erkannt hatte, war es das, dass er nicht kapierte, wozu die Schule gut ist, und infolgedessen auch nicht, wozu die Schulferien gut sein sollten. Das Einzige, was ihm gefiel, war, den ganzen Tag ziellos durch die Straßen zu streichen, dabei langsam mit den Füßen zu schleifen und manchmal stehen zu bleiben, um an der Fassade eines Hauses hochzuschauen. Und wie er so durch die Stadt ging, gelangte er in eine Straße mit Arkaden aus umgekehrten Us und dort wohnte die Veratti aus seiner Klasse.
Das Haustor aus dunklem Holz, Marmortreppen, dritter Stock, ein Stubenmädchen mit Spitzenrüschen machte die Tür auf. Die Veratti war eine, die in der Schule sehr gut war, während man Pucci nicht mehr an der Schule behalten wollte. Aber ihr war dieser streunende Mitschüler irgendwie sympathisch, der plötzlich vor der Tür stand, ohne je eingeladen worden zu sein; unter anderem passte er ihrer Mutter nicht, einer Dame mit abgenutzten Nerven, welcher der rechte Mundwinkel lahmte, wenn sie Pucci zulächeln musste. Doch die Tochter empfing ihn über das ganze Gesicht lächelnd, dass einem das Herz weit wurde, und dann spielte sie Klavier, damit er hören konnte, wie gut sie spielte.
Die Mitschülerin Veratti, von allen ein hübsches Mädchen genannt, stand fest auf ihren Beinen und hatte abgesehen davon, dass sie Klavier spielte und in der Schule gut war, noch eine Spezialität: ein strahlendes Lächeln, anstandshalber. Was in der damaligen Zeit großen Eindruck machte, denn wir wussten noch nicht, dass man einfach so lächeln kann wegen nichts und wieder nichts. Deswegen stellte man sich weißgottwas vor, weil man dachte, man sei ihr wunder wie sympathisch, während sie einen vielleicht nie angeschaut hatte. Vielleicht ging Pucci zu ihr, weil auch er auf diesen Zauber hereingefallen war? Kann sein. Er hörte ihr beim Klavierspielen zu, und wenn sie zu Ende gespielt hatte, ging er wieder weg, ohne ein Wort gesagt zu haben. Anzumerken ist auch: Puccis Eltern freuten sich, dass ihr Sohn von der Mitschülerin Veratti zu Hause empfangen wurde, denn der Papa der Veratti war Diplomingenieur Veratti.
Der beste Freund Puccis war in diesem Augenblick der Entwicklung seines Lebens Bordignoni. Es war Bordignoni, der ihm die berühmte Feststellung eingegeben hatte: Ist einer mal geboren, dann ist ihm schon der größte Teil von dem passiert, was ihm im Leben passieren wird. Das verstand man gut, wenn man Bordignoni anschaute, denn er war am ganzen Körper gewaltig, er hatte gewaltige Zähne, eine gewaltige Stirn, eine gewaltige Nase, gewaltige Augen, gewaltige Hände, Füße wie zwei Schaufeln, einen Hals, den man nicht von den Schultern unterscheiden konnte, so gewaltig war er. Außerdem hingen ihm die Lider immer halb über die Augen, den Himmel konnte Bordignoni also nicht sehen. Ich kann mir nicht vorstellen, warum auch er zur Veratti gehen wollte. Vielleicht war es auch bei ihm wegen des strahlenden Lächelns anstandshalber, das schon viele von uns verhext hatte, und ihn, den Jungen aus dem Arbeiterviertel Mame, erst recht beeindrucken musste.
Das Lächeln anstandshalber brachte Bordignoni ganz aus der Fassung, denn es war für ihn eine absolute Neuheit, wie, sagen wir, das Telefon für die Einwohner von Papuasien. Jedenfalls ging er nur einmal zur Veratti, denn sie fand ihn zu gewaltig und konnte es nicht ausstehen, dass er jedes Mal, wenn etwas seine Phantasie beeindruckte, seinen Lieblingsausruf hören ließ. Die Sonne schien durch die schönen Leinenvorhänge in die Wohnung der Veratti und Bordignoni sagte: »Leckmichdoch, so eine Sonne!« Um ins Klavierzimmer zu kommen, musste man auf Filzstücken über die gewachsten Böden schleifen, und Bordignoni sagte: »Leckmichdoch, ist das rutschig!« Auch als er der Veratti beim Klavierspielen zuhörte, hatte er gesagt: »Leckmichdoch, du spielst aber gut!« Damit war er verurteilt, und nachher musste Pucci allein zur Veratti gehen.
Nachmittags weideten Pucci und Bordignoni auf den Straßen, aber sie wussten nie wohin. Sie gingen, wohin sie ihre Schuhe trugen, und Pucci sagte nie ein Wort. Bordignoni dagegen wiederholte andauernd seinen Lieblingsausruf: Leckmichdoch hier, Leckmichdoch da, bei allem, was er unterwegs sah. So war es immer, trotz der halb heruntergelassenen Augenlider, die ihm einen guten Teil des Panoramas verdeckten. Eines Tages wussten sie nicht, wohin sie gehen sollten, und so beschlossen sie, den Trambahnschienen zu folgen, auf Straßen, die aus der Stadt hinausführten: nie gesehene Viertel, Gärten mit großen Bäumen, Vorstadthäuschen, Radler, vorbeifahrende Laster. Sie gingen und gingen, aber die Trambahnschienen hörten nicht auf, und Bordignoni sagte: »Leckmichdoch, wo gehen wir eigentlich hin?« Ich kann mich aber nicht erinnern, wie dieses sommerliche Abenteuer ausgegangen ist.
Doch mir kommt etwas in den Sinn, bei dem Bordignoni seine Augenlider mehr als gewöhnlich hochzog, das waren die Frauen mit ausladender Brustbildung. Da entsprang ihm sein Lieblingsausruf direkt aus dem Herzen: »Leckmichdoch! Schau mal die an, solche Brüste!« Pucci hatte kapiert, dass er ihm nicht zu antworten brauchte, um ihre Unterhaltungen weiterzuführen; er brauchte nur mit demselben Schritt weiterzuschlurfen, den glucksenden Ausrufen seines Freundes folgend. Pucci hörte ihm zu, genau so ruhig, wie er seiner Mutter zuhörte oder dem Surren eines Radios, das stundenlang lief, und man wusste gar nicht, wovon es redete. Auf ihren sommerlichen Gängen hatten sie einander nie was zu sagen, aber Bordignoni begann hin und wieder zu glucksen.
Jetzt denke ich an die Tage des nahenden Sommers, am frühen Morgen die Schatten sehr lang, wenig Leute auf der Straße und ein Hauch von Müdigkeit überall, dass es eine Freude war. Sonnige Straßen mit der Stille der leeren Tage, verschlafene und dem Blick gewogene Häuser. Und die Kühle in den Hauseingängen? Gehört zu den besten Erinnerungen. Jemand fuhr mit dem Fahrrad in der Sonne vorbei und du kamst dir vor wie am Äquator. Jemand stand am Fenster und sofort musstest du gähnen. An solchen Tagen behagte es einem, träg zu sein und zu summen wie die Fliegen in den Küchen auf dem Land, dann ohne Ziel die Schuhe mitzuziehen und wie die Hunde herumzustreunen auf der Suche nach einem Knochen. Die Gedanken zerflossen in der Bewegung der Füße, und man wusste nichts mehr von Vater, Mutter, Familie und hatte auch vergessen, dass man einen Vornamen und einen Nachnamen hatte.
Am liebsten hätte man sich wie die Katzen im Schatten auf den Bürgersteig gelegt, anstatt immer dieselben Runden zu drehen. Pucci und Bordignoni hatten ihre Wege und die waren wie etwas Hingekritzeltes: vom Stadtplatz zum Bahnhof und vom Bahnhof zu der Grünanlage hinter dem Rathaus, von der Grünanlage hinter dem Rathaus zum Sportplatz, vom Sportplatz zum Stadtviertel Doro und dann zurück zum Bahnhof und zum Stadtplatz. Fünf oder sechs Stunden auf dieser Weide, mit dem Widerschein der Sonne auf dem Straßenpflaster und in der warmen Luft, die einen schläfrig machte, am Ende schafften sie es nicht einmal mehr, einander ciao zu sagen.
Von der Stadt, in der es Pucci zugefallen war, zur Welt zu kommen und zur Schule zu gehen, habe ich im Moment nur die blassen Farben der Häuser im Sinn und die schmalen Straßen mit Kopfsteinpflaster, auf denen wir unterwegs waren, die Hände in den Taschen. Es gab einen Stadtplatz mit einem breiten Spazierstreifen und Arkaden, wo die Leute gegen Abend ihre Runden drehten. Viele machten unter den Arkaden im Café Commercio halt, wo sie vor dem Abendessen einen Aperitif tranken, hier kannten sich alle und grüßten sich alle freundlich. Da waren die Rechtsanwälte, die Notare, die Bankangestellten, die Honoratioren, die eleganten Fatzkes, die Söhne der Einzelhändler und die Sprosse der besten Familien mit ihrem Anhang von Freunden, die am mondänen Leben teilnehmen wollten. Dann waren da auch einfache Weidetiere wie Pucci, Bordignoni und ich, die mit der Woge abendlicher Freundlichkeiten kaum etwas zu tun hatten.
Wenn wir dort vorbeikamen, dann schaffte es Bordignoni nicht einmal mehr, seinen Lieblingsausruf zu glucksen, er wurde schüchtern und kleinlaut, wobei ihm die Augenlider fast ganz hinuntersanken. Offenbar passten seine Gefühle weder zu diesem Ort noch zu dem dort wehenden Lüftchen, einem Lüftchen gestopft voll Geschwätz und moralischer Urteile, das wir in unseren Ohren pfeifen hörten. Es war aber klar, dass die anderen seriöseren Bürger hier auf dem öffentlichen Platz zu Hause waren, da sie in aller Ruhe unter den Arkaden spazierengingen, wo es ranzig roch und die Luft gefärbt wirkte. Eine bläuliche Luft, weil die Glühbirnen an der Decke der Arkaden mit blauem Papier bedeckt waren, viele bei den Begegnungen gewechselte Worte und Lächeln und die Seelen der Bürger schwammen im gefärbten Licht.
Abends bot sich dann auf dem Platz noch ein nicht ganz uninteressantes Schauspiel, bei dem aber Bordignoni Depressionen bekam. Man sah Massen schöner Frauen, die ihre gute Figur und ihre schönen Kleider zur Schau stellten, wobei sie Herden von Männern zulächelten, die ihre Augen weit nach ihnen aufrissen. Das Lächeln, das die schönen Frauen über die Menge der brünstigen Männer ausgossen, galt nie einem abgerissenen oder zahnlosen oder beklagenswertem Typ; es war immer bestimmt für Personen, die man schon meilenweit entfernt als wohlhabend erkannte. Denn der wohlhabende Bürger glänzt stärker als der rechtschaffene, nicht wohlhabende Bürger, und oft sticht er hervor durch eine gesündere Gesichtsfarbe, gut frisiertes Haar, einen flinken Kopf wie ein Torpedo.
Auf jeden Fall hatten wir trotz unserer Ahnungslosigkeit begriffen, dass die schönen Frauen Wert darauf legen, nur von solchen Männern angeschaut zu werden, die über ein gutes Gehalt verfügten, weswegen sie sich freuten, auf der Welt zu sein, und womöglich auch eine Empfehlung des Katholischen Vereins hatten; während es einen so gewaltigen und abgerissenen Jungen wie Bordignoni nach ihrem Geschmack nicht einmal auf der Welt hätte geben sollen. Bordignoni, der seine Augenlider mehr als gewöhnlich hochschob, wenn er eine Frau erspähte, die nicht schön war, aber riesige Brüste hatte, ließ sie fast ganz herunterfallen, wenn er einer schönen Frau begegnete. Er wurde verzagt, weil er in Betracht zog, dass er für eine schöne Frau weniger interessant war als ein Prellstein.
Am Anfang des Sommers kam es manchmal vor, dass Pucci und ich uns auf unseren nachmittäglichen Gängen begegneten. Wir weideten ein bisschen zusammen, ohne den Mund aufzumachen, und sonntags trafen wir Bordignoni mit unserem verstörten Mitschüler namens Rinaldi. Mit ihnen gingen wir in ein Kino im Zentrum, dessen Fassade mit Trompeten und Geigen und anderem Zeug aus Gips geschmückt war; es war ein ehemaliges Theater, wo der rote Samt der Sitze aufgerissen war, das Stuckwerk von den Kranzgesimsen abbröckelte und wo der Abortgestank schwadenweise hereinkam, in der obersten Galerie, wo wir saßen. Die oberste Galerie wurde von Männern besucht, die Jungen aufzugabeln suchten und uns hinter den Säulen versteckt zuwisperten. »He, pss, pss!« Wenn wir vorbeigingen, zischelten sie etwas, um uns in die Klos zu locken: »He, du, hör mal, komm her!« Manchmal sahen wir Kerle aus der Unterwelt, die im Schatten mit Messern aufeinander losgingen oder Polizisten, die einen wegzerrten, während der Film weiterlief und viele Zuschauer nichts merkten.
Die interessantesten Filme, die wir sahen, waren Lustspielfilme und dann kamen die, in denen die Helden Verbrecher waren, die am Schluss ins Gefängnis kamen oder tot waren. »Ex operibus eorum cognoscetis eos«, sagt der Apostel Matthäus. Der Verbrecher, dem die moralische und bürgerliche Ordnung scheißegal ist, und der dann in den Knast oder zur Zwangsarbeit geschickt wird, zeigt viel mehr Kraft als der glückliche Held, der eine schöne Frau heiratet und herrschaftlich lebt. Die Filme mit den glücklichen Helden, die dann immer eine schöne Frau heiraten, waren sämtlich geistlos. Bordignoni murrte: »Leckmichdoch, stinklangweilig!« Und wir kamen aus dem Kino, die Hände in den Taschen, und dachten, ob es so was überhaupt gibt, so langweilige Leute, bei denen alles immer gutgeht. Der verstörte Rinaldi sagte, das gebe es nur in Amerika.
Wie jetzt die Feder so übers Papier gleitet, kommen viele Tatsachen hervor, die aus einem Sumpf vergessener Dinge aufsteigen, wobei sie Orte und Personen zum Vorschein bringen, die es irgendwo unter dem Himmel gegeben haben muss. Wie etwa die Leute, die sich jeden Abend zum Spaziergang auf dem Stadtplatz einfinden, immer pünktlich zur festgesetzten Zeit, alle gut gekleidet für die Zeremonie der gesellschaftlichen Begegnungen, aufs höchste von städtischem Geist beseelt. Ich erkenne die vom Schneidermeister Masi angefertigten Sakkos und Mäntel, die beim Hutmacher Zaniboni- Forti gekauften Hüte, die vom Geschäftsmann Paci importierten Regenmäntel, die eleganten Schuhe aus dem Schuhgeschäft Del Pane; ich erkenne alle, die auf den Platz kamen, jeder mit seinem schönen Anzug, seinem Hut, den neuen Schuhen, nur weil das ganze Leben zu dieser ewigen Abenddämmerung der Begegnungen führt. Natürlich erscheint im Lauf der Jahreszeiten der Nachwuchs, die Mannschaften der jungen Sprösslinge aus unserer Schule und der Stadt; und jeder kam zum abendlichen Treffen in der Überzeugung, die Welt erwarte nur ihn, oder auch verärgert, wenn es ihm vorkam, sie warte auf einen anderen statt auf ihn. Jeder dreißig oder vierzig Jahre lang hier, um seine Kleider zu zeigen, seine Vergleiche zu ziehen, seine Kommentare abzugeben, und dann weg, hinüber zu anderen ewigen Dingen.
Abends ermahnte Puccis Mutter ihren Sohn, er solle sich ernsthaft ans Lernen machen: »Aurelio, du musst verstehen, wir bringen große Opfer, damit du in die Schule gehen kannst.« Leidenschaftlich liebte sie die religiöse Bedeutung des Wortes >Opfer<, auch wenn sie nicht leidenschaftlich gern in die Kirche ging, aber dafür leidenschaftlich gern das Fleisch ihres Dekolletés ausstellte. Doch vielleicht war diese Ausstellung die Folge eines organischen Überflusses und nicht eines Verlangens, etwas herzuzeigen, da an Frau Pucci im Allgemeinen eine melancholische Zurückhaltung beeindruckte. Ich erinnere mich gut an sie, denn, als ich die ersten Jahre ins Gymnasium ging, schaute ich ihr gern auf der Straße nach, weil sie so schöne Formen hatte, dass ich davon träumen musste; großen Eindruck machte mir ihr langer, fester Schritt, vor allem aber gefielen mir ihre schwarzen Augen und ihr zurückhaltender Blick. Sie ging, ohne um sich zu schauen, wie jemand, der sich allein fühlt auf der Welt; dann begann sie manchmal auf dem Bürgersteig zu rennen, als wäre sie plötzlich ganz verzweifelt und wollte weglaufen, um sich zu verstecken.
Jedenfalls hätte es Frau Pucci auch leidenschaftlich gern gesehen, wenn ihr Sohn etwas gelernt hätte, und das war der Grund der Opfer und der allabendlichen Ermahnungen. Jetzt, wo sie auf die Ergebnisse am Ende des Schuljahrs wartete, redete sie so ähnlich wie jemand, der auf ein Pferd gesetzt hatte, mit demselben Hin und Her zwischen Furcht und Hoffnung. »Aurelio, meinst du, es geht gut?« »Ja, ja«, antwortete der Sohn. So beruhigte sie sich und sprach von was anderem. Doch dazu ist zu sagen, dass die schulischen Leistungen nicht zu Puccis Gedanken gehörten, nicht einmal zu einem winzigen Teil davon, deshalb konnten sie ihm auch keine schlimmen Vorahnungen einflößen, die er mit seiner Mutter hätte teilen können.
Abends wartete er im Übrigen nur darauf, dass die Stunde schlug, in der er mit seinem Freund Bordignoni ausging, und er aß geschwind seine Suppe. »Aurelio, iss nicht so schnell!« Dann löffelte er langsamer und spürte in dem Moment, wie ihn der Abend umfing mit dem Geräusch anderer Löffel und anderer Gabeln aus dem unteren Stockwerk, und es ging ihm durch den Kopf, ob nicht alle dasselbe machten und nicht alle dasselbe dachten wie er, während sie ihre Suppe aßen, und sogar, ob nicht in anderen Häusern andere Puccis saßen, die auf immer ihre Suppe in der Familie aßen, aber alle schleunigst rauswollten wie er. »Aurelio, hörst du mir zu?«, fragte die Mutter. »Ja, ja«, antwortete der Sohn. »Schläfst du eigentlich oder fehlt dir was?« Es waren leere Augenblicke, die meinem Freund Pucci nicht schlecht gefielen, man muss nämlich wissen, je leerer die Augenblicke waren, desto besser passten sie zu seinen Gefühlen.
Pucci hörte auf die abendlichen Geräusche bei den Pedralis im Erdgeschoss, wo das Radio in der höchsten Lautstärke lief, während er vor dem Fenster die Lichter anderer Häuser sah, die genauso waren wie seins. Dann betrachtete er den Wecker auf der Kredenz, ein bescheidenes Ding, doch unter den gnädigsten für sein Leben, denn er zeigte ihm den genauen Augenblick an, in dem er ruckartig aus der Tür und die Treppen hinunter zu laufen hatte. Es gefiel ihm, dass die Minuten vergingen, das Geplauder der Mutter in seinem Ohr immer schwächer wurde, bis nur noch wenige Augenblicke blieben, die dazu dienten, auf die Straße zu rennen, um die Gassenecke zu gehen und pünktlich zur Verabredung mit dem Freund Bordignoni zu erscheinen, um dann auf die abendliche Weide zu ziehen.
Als Belästigung empfand er es, wenn sein Vater heimkam, bevor der Wecker den genauen Augenblick zum Rausrennen anzeigte. Denn Puccis Vater hatte oft die Drohung auf den Lippen, ihn zum Arbeiten zu schicken oder ihn als Alternative in eine Erziehungsanstalt zu geben, wenn er auch diesmal durchfallen würde: »Pass auf, junger Mann, dass wir unser Geld nicht umsonst ausgeben! Wir haben schon genug Opfer gebracht!« Daraufhin griff die Mutter zur Verteidigung des Sohnes ein, wodurch sich das rechtzeitige Losrennen bei der vom Wecker angezeigten Minute verzögerte. Auf dem Angesicht des Vaters war ein tiefer Kummer zu lesen, wenn er daran dachte, dass sein Sohn nicht im Geringsten den Wunsch hatte, sich der Familie nützlich zu machen, sondern nur den, sie mit dem Eigensinn seiner Seele zu ruinieren. Aber der Vater kam abends fast immer spät nach Hause, und gewöhnlich schaffte es der Sohn, diese Unannehmlichkeit zu vermeiden.
Sobald Pucci auf der Straße war, verlangsamte er seinen Schritt. Er schaute den Nachtfaltern zu, die an eine Straßenlaterne stießen, dort oben um einen schwachen Lichtschein kreisten, im Bann von einer Art Taumel wie dem, den er von zu Hause kannte. Er stellte sich Fragen und gab sich Antworten, so gut er konnte, mithilfe der Ideen, die nach und nach in seinem Kopf auftauchten, wie wenn auf einem verwüsteten Acker etwas hervorsprießt. Später landete er in einer psychiatrischen Klinik, wo er immer still blieb und sich diese Erinnerungen eine nach der anderen wieder und wieder erzählte; und ich habe ihn manchmal dort besucht. Aber heute Abend sehe ich ihn wieder vor mir, wie er sich auf der Straße bewegte und seinen Grübeleien nachhing, immer seiner Bestimmung ergeben, manchmal von einem irrsinnigen Widerschein umhüllt, wie die Nachfalter, die an die Straßenlaterne stießen.
In den ersten Julitagen geschah es, dass Bordignoni sein Schülerdasein an den Nagel hängte und eine Arbeit als Gehilfe in einer Mechanikerwerkstatt fand. Seine ganze gewaltige Gestalt steckte jetzt in einem Mechanikeranzug, und er rechnete mit seinem Wochenlohn, um seine Gelüste mit gewissen Frauen zu befriedigen, die er auf der Straße erspäht hatte. Er hatte eine Mustersammlung, die er jeden Abend auf den Spaziergängen mit seinem Freund Pucci durchging, nehmen wir an: Eine Frau auf dem Fahrrad, die er auf ihren sommerlichen Gängen zwei Sekunden gesehen hatte, von der redete er, als stünde es in einer Zeitungsnotiz: »Pucci, weißt du noch, die auf dem Fahrrad mit ihren Wahnsinnsbrüsten?« Pucci antwortete nicht, aber der andere redete trotzdem weiter: »Wenn ich die wieder finde, dann entwischt sie mir bestimmt nicht mehr! Du wirst schon sehen!«
Mit seinem Wochenlohn als Mechanikergehilfe schaffte er sich jetzt eine schöne Garderobe an: Er kaufte sich Hemden mit rosa Streifen, unten weiter werdende Hosen, ein modisches Sakko mit rückwärtigem Schlitz, der ihm bei jedem Schritt über den Arsch hoch stieg. Und wenn er an den Sonntagen so ausstaffiert und mit maximal hochgezogenen Augenlidern spazieren ging, versuchte er Frauen mit ausladender Brustbildung zu erspähen. Er hatte die Theorie, dass eine Frau, wenn man ihr fest in die Augen schaut, sofort begreift, wie viel es geschlagen hat; und wenn sie nicht blöd ist, gibt sie einem zu verstehen, dass sie’s machen würde, wenn es möglich wäre. Das ist die Theorie, die unser Freund der Nachwelt überliefert hat. Aber wenn er unterwegs war, selbst so festlich gekleidet, schaffte er es nicht einmal, einer einzigen in die Augen zu schauen, egal ob alt oder jung, schön oder hässlich. Die Frauen schauten alle anderswohin, sie sahen Bordignoni gar nicht, als gäbe es ihn nicht auf der Welt. »Leckmichdoch«, sagte er sich, »da komm ich ja auf gar nichts!« Und nachher bei den abendlichen Gängen mit Pucci kehrte er in seiner Vorstellung immer wieder zu der Frau zurück, die er zwei Sekunden auf dem Fahrrad gesehen hatte und die seiner Meinung nach eine war, die es machte, denn die war nicht blöd: »Pucci, ich sag’s dir, die macht’s!«
So flogen die Träume des gewaltigen Jungen in Richtung Zukunft. Dann geschah es, dass er eines Sonntags zu Pucci geht, klingelt und wer macht ihm auf? Die Frau, die er zwei Monate vorher auf dem Fahrrad gesehen hat! Oder zumindest eine, die der aus seiner Mustersammlung sehr ähnlich sieht. Vor der Tür stehend riss Bordignoni seine Augen bis zur vollen Pupille auf, dann wurde er rot im Gesicht und am Hals, dann weiß vor Angst, weil ihm klar wurde, dass es Puccis Mutter war. Dann wurde er wieder er selbst mit seiner rosigen Hautfarbe, aber erst, als er mit seinem Freund in dessen Zimmerchen allein sein konnte und die Tür geschlossen war. Diese Emotion ging über seine Gewohnheiten hinaus und er blubberte zwischen den Zähnen: »Brrrg … rrrrg … Leckmichdoch, Pucci!« Der andere schaute ihn an, ohne zu verstehen, bis folgende Beschwerde erhoben wurde: »Aber wie? Du hast eine Mama, dass einem schwindlig wird, und sagst mir nichts davon?«
Bordignonis Besuche gefielen der Mutter nicht. Auch sie stellte fest, dass an dem Jungen alles zu gewaltig war, dass er die Augenlider immer halb heruntergelassen und außerdem ein Schweinegesicht hatte. »Dieser Bordignoni gefällt mir nicht, Aurelio. Der hat ein Gesicht, das mir nicht gefällt.« Doch Bordignoni geriet in Ekstase, wenn er vor ihr stand, von wegen der Liebesvorstellung in seinem Hirn, die ihm vor Kälte den Rücken erhitzte und vor Hitze seine Wangen zittern ließ. Er kam also ein paar Sonntage zu Pucci auf Besuch, um Frau Pucci den berühmten Blick zuzuwerfen, durch den die Frauen angeblich verstanden, wie viel es geschlagen hat. Daraufhin würde auch sie, wenn sie nicht blöd war, ein Zeichen geben müssen, dass sie es wenigstens ein bisschen machte. Es stellte sich aber heraus, dass es ziemlich schwierig war, ihr den überwältigenden Blick zuzuwerfen, denn wenn Bordignoni sie vor sich stehen sah, wurde er krebsrot und dann so weiß wie ein Bettlaken und er zitterte und floh schließlich verwirrt in Puccis Zimmerchen.
Kaum war er allein mit seinem Freund, wischte er sich den Schweiß ab und begann Fragen zu stellen, um zu kapieren, was bei seinen Liebesversuchen nicht klappte: »Hör mal, Pucci, nach deiner Meinung …« Es ist klar, dass Bordignoni irreredete mit dem Fieber eines Verliebten, von den Visionen durchdrungen, die ihm gekommen waren: »Sag mal, stellt sie ihr Zeug immer so zur Schau, dass ihr die Brüste aus dem Büstenhalter rausschlüpfen?« Pucci verstand nichts oder er hörte nicht auf ein gewisses Glucksen und drehte den Kopf auf eine andere Seite, wie es die Katzen machen, wenn sie nicht gestört werden wollen. Aber Bordignoni achtete nicht auf solche Feinheiten, sondern nur auf die Emotionen, die in ihm aufstiegen: »Ach Pucci, du hast ein Glück, du schon!«
Die Mutter versuchte ihre Gespräche zu unterbrechen, und kaum streckte sie den Kopf ins Zimmer, sah man Bordignoni erneut die Farbe wechseln, aber andersherum als bei seiner Ankunft. Das heißt, von rosig nach weiß, dann rot vor Scham, bis er dann auf der Straße wieder zu seinem natürlichen Rosig zurückkehrte, freilich mit einigen rötlichen Flecken. Bei der Phase des Hinausgehens war er aber immer sehr rot im Gesicht, eigentlich feuerrrot, wobei er Puccis Mutter schräg beäugte, über Stühle stolperte, mit dem Schädel gegen die Kante der Haustür schlug, wenn er versuchte ihr den überwältigenden Blick zuzuwerfen. Wenn er draußen war, hatte die Mutter immer eine Bitte an ihren Sohn: »Aurelio, du musst diesem Bordignoni sagen, er soll nicht mehr kommen, er lenkt dich nämlich vom Lernen ab. Hast du verstanden?« »Ja, ja.« »Und außerdem gefällt mir sein Gesicht nicht, mit diesen großen Augen, die mich immer anglotzen. Was hat denn der immer so zu schauen?«
Ich spüre, dass mir die Inspiration vor allem in die Feder fließt, wenn ich an die beinahe leere Stadt denke, an die bebende Luft über dem Pflaster, an die streunenden Hunde, die an den Mauern schnuppern und an die sommerlichen Spaziergänge mit Pucci und Bordignoni. Ein dritter Mitschüler war manchmal auf diesen Gängen dabei; er hieß Scagliarini und schien zu dem einzigen Zweck gemacht zu sein, die Verschwendung an Größe und Dicke bei Bordignoni auszugleichen. Denn wenn an Bordignoni alles dick und groß war und große Lust zeigte, sich noch weiter auszubreiten, so war Scagliarini dünn und beinahe ohne Ausbreitung. Nur sein Profil stach hervor, denn seine rechtwinkelige Nase ragte ihm um einige Zentimeter voraus.
Außerdem: wenn Pucci und Bordignoni Kleidung trugen, die einmal ihren Vätern oder Großvätern gehört hatten und ihnen recht und schlecht passten, so hatte Scagliarini Kleider, die nur ihm passen konnten. Wie der Anzug, den er immer trug, bestehend aus grauem gestreiftem Sakko, enger Hose und schmaler Krawatte mit kleinem Knoten, was ihn ein bisschen wie einen Gangster aussehen ließ. Die Kleidung entsprach seinen Vorstellungen von der Zukunft, denn er wusste, dass er Billardspieler und Pokerspieler werden musste, der nur nachts unterwegs war. Er wusste, dass er auf dem Weg war, der Mann mit dem goldenen Arm zu werden, deshalb trug er einen gestreiften Anzug wie ein Berufsspieler mit Sakko, Krawatte und immer an der Lippe hängender Zigarette.
Was Scagliarini noch auszeichnete, waren seine sehr kleinen Füße, aber solche Plattfüße, dass er nur winzige Schritte machen konnte, wobei er sich auf die Fersen stützte und hin und her wackelte. Bordignoni sagte: »Scagliarini, haben sie dir die Pfoten zugehobelt?« Der andere ging weiter, ohne auf ihn zu achten, seinem wurstigen Stil gemäß; und die Emotionen für die Frauen, bei denen unser dicker Freund gluckste, interessierten ihn nicht. Die beiden hatten sich nicht viel zu sagen; jeder weidete nach seinem eigenen Kopf, ohne den anderen um Erlaubnis zu fragen. Aber wenn Bordignoni Scagliarini beim Billardspielen zusah, musste er bei dessen sicheren Stößen ehrlich ausrufen: »Leckmichdoch, Scagliarini, du bist wirklich der Mann mit dem goldenen Arm!«
Wir gingen oft in den Billardsaal, um Scagliarini beim Trainieren zuzusehen, wo er den Billardstock mit Kreide bestrich, während er, immer sehr konzentriert, die Kugeln nicht aus den Augen ließ. Er dachte nur an Gerade, Bandenstöße, Effetstöße, Zugbälle und Laufbälle, und wenn ein Freund kam, grüßte er ihn gar nicht. Später wurde er Meister im Kegelbillard – Goriziana – und es kamen auch Leute aus anderen Sälen, um ihn spielen zu sehen. Ich selber verspürte etwas wie einen Rausch, wenn die Kugeln über das grüne Tuch rollten, die kleine weiße dahin und dorthin geschlagen wurde und alles ablief, als wäre es seit eh und je vom Spiel des Schicksals bestimmt. Ich sehe Scagliarini wieder in dem Augenblick, in dem er zum Queuestoß ansetzt, dann höre ich den Klang der zusammenstoßenden Kugeln: >Tock!< Eine Welt klingt nach in diesem Tock. Der rauchige Saal, die Kreise von Wölkchen rund um die Köpfe, die grünen Lampen, die ihr Licht über die Billardtische werfen. Galgenvögel sind hier unterwegs mit Narben, scheelem Blick, mit Uniformen wie Bandenbosse. Warum ich aber beim Kegelbillardspiel an das Spiel des Schicksals denken musste, das weiß ich nicht zu sagen.
An unserer Schule genoss Scagliarini ein gewisses Ansehen als ein Mann, der nie mit der Wimper zuckt, aber die Mädchen betrachteten ihn als einen Tunichtgut, weil er beim Rauchen die Zigarette im Mundwinkel stecken hatte und sie nicht anschaute. Er hat tatsächlich nie eine Frau angeschaut. Aber wenn er manchmal am Morgen mit dem Taxi in die Schule kam, nachdem er eine ganze Nacht gepokert hatte und mit dem Gehabe eines hartgesottenen Rüpels aus dem Taxi ausstieg, waren doch manche Mädchen von seiner Persönlichkeit beeindruckt. Ich erinnere mich an eine namens Bonvicini, eine kleine Mollige, die bei den Nonnen aufgewachsen war; und wenn sich die Mitschüler um Scagliarini drängten, um zu erfahren, ob er gewonnen hatte, dann schaffte es die Bonvicini immer, ihm ein Heft mit den Mathematikhausaufgaben zu geben. Scagliarini nahm das Heft, ohne sich zu bedanken, seinem wurstigen Stil gemäß, und sie zog sich in einem so elektrisierten Zustand zurück, dass sich ihr sämtliche Härchen auf den Armen aufstellten. Ich würde gern noch was von der Bonvicini wissen, die in der Schule sehr gut war, beinahe so gut wie die Veratti. Wer weiß, wie es ihr im Leben ergangen ist? Sie wird geheiratet haben, die Bonvicini, es heiraten ja alle.
Bordignoni erwartete eines Abends Pucci schon an der Straßenecke, vor Aufregung zitternd wegen einer Idee, die in seinem Kopf aufgeblitzt war, während er einem Motor das Öl wechselte. »Jetzt pass auf, Pucci. Du kennst doch die Bernigotti, die Englischlehrerin? Also, bei der kommen wir zum Ziel, du wirst sehen!« Sein Kumpan schaute ihn an, in Erwartung weiterer Nachrichten, aber ohne jegliche Neugier wie gewöhnlich. »Hör zu, Pucci. Wir gehen zu ihr nach Haus, wir fragen, ob sie uns Englischstunden gibt und zahlen im voraus. Verstanden? Du wirst sehen, das klappt. Dann ziehen wir sie auf ein Bett und springen auf sie drauf.« Pucci hatte nie solche Ideen gehabt, und damals musste er lange nachdenken, um zu verstehen, wozu sie gut sind, denn sie wollten ihm absolut nicht einleuchten.
Abends weideten die zwei Freunde in der Allee der Umgehungsstraße, wo eine lange Reihe Linden am Bürgersteig entlanglief und das Licht der Straßenlaternen aus dem Halbdunkel hervortreten ließ. Auf der Seite der Stadtmauer waren ganz hinten die Damen, die sich den Männern anboten, die Prostituierten mit ihren Zuhältern, welche die Geschäfte und die Kundschaft überwachten. Auf der anderen Seite glänzten die Lichter der Kneipen im Freien mit vollen Tischchen, Leuten, die zusammen lachten und plauderten. In den dunkleren und menschenleeren Seitenstraßen, dem Weideland von Pucci und Bordignoni, waren Männer, die an einer Mauer versteckte Vorschläge wisperten; überall Liebe in Aussicht, Seelen auf der Suche nach Gesellschaft, Mädchen, die aus dem Fenster spähen, Hunde auf der Suche nach dem anderen Geschlecht, eine miauende Katze, ein Betrunkener, der sich kaum auf den Beinen hält. Die zwei Freunde strichen langsamen Schrittes herum, und hin und wieder kam Bordignoni auf seine fixe Idee zurück: »Also, Pucci, gehen wir zur Bernigotti?« Pucci schwieg, denn er dachte über den Zweck des Unterfangens nach, das ihm vielleicht wegen seiner kriminellen Natur nicht ganz missfiel.
Die Englischlehrerin Bernigotti, eine Frau mit kräftigem Knochenbau und sehr entschiedenem Schritt, war gewöhnlich mit einem Federhütchen und einem Hund an der Leine unterwegs. Beim abendlichen Rundendrehen war sie immer allein mit ihrem Hund und wurde von den Bürgern ein wenig eisig gegrüßt, denn sie gehörte zur Kategorie der sogenannten alten Jungfern. Ihre Haltung war aber so stolz, dass alle sie mit ein wenig Scheu oder auch Verlegenheit ansahen, da es nicht zu den Gepflogenheiten gehörte, das Altejungferntum auf dem Stadtplatz vorzuzeigen. Die schönen Frauen, die dorthin gingen, um sich anschauen zu lassen, zusammen mit den Männern, die sie anschauten, sagten: »Was hat denn die hier verloren, was dreht die hier ihre Runden?« Die ehrbaren Familienoberhäupter nebst jeweiligen Gattinnen hatten alle die größte Lust, ihr Übles nachzureden, doch es fehlte ihnen der Rohstoff. Sie lebte allein, ab und zu fuhr sie weg, kam wieder. Wo fuhr sie hin? Hmm. Hatte sie nicht zufällig weibliche Bekanntschaften, die an etwas Schmutziges denken ließen? Nein, nichts dergleichen. Aber trotzdem musste eine, die so für sich allein lebte, etwas zu verbergen haben, sagten die ehrbaren Familienoberhäupter und die jeweiligen Gattinen zueinander. Oder sie sagten es nicht einmal, denn die Sache verstand sich von selbst.
Mag sein, dass die Geschichte von der alleinlebenden Frau in Bordignonis Hirn die Idee des Ansturms auf die Bernigotti hatte aufblitzen lassen, sie war eine vollbusige Frau, die einen gewissen Eindruck auf ihn machte. Aber wie hatte er sich den Annäherungsversuch vorgestellt? Nach seiner Meinung brauchten sie nur zu ihr nach Hause gehen, klingeln und sagen, sie wollten Englischstunden nehmen. Alles kommt jetzt aus meiner Feder, was an jenem fernen Abend los war, während die zwei Kumpane in der Allee der Umgehungsstraße herumgrasten. Sie gingen an einem Tanzlokal vorbei, wo sich die Männer stauten, die sich die Frauen ansahen, und von Frauen, die sich von den Männern ansehen ließen. Aus dem Tanzlokal kam eine so lasche Musik heraus, aber so lasch, dass man melancholisch wurde. In der Zwischenzeit sahen sich draußen die Männer und die Frauen an, ohne sich zu bewegen, mit langen Gesichtern, es war die alte Geschichte der Paarungen, der Ausschau nach Liebe, der Seelen auf der Suche nach Gesellschaft wie die in der Nacht herumstreunenden Hunde. Hier kehrte Bordignoni wieder zu seinem abenteuerlichen Vorschlag zurück: »Hör zu, Pucci. Wir gehen zur Bernigotti, wir tun so, als würden wir sie zum Spaß kitzeln, dann legen wir sie aufs Bett und genießen.«
Dieser Vorschlag muss Pucci fast überhaupt nicht kriminell vorgekommen sein. Er hörte nämlich nicht mehr auf seinen Kumpan, sondern machte es auch jetzt wie die Katzen, wenn sie wegschauen, um nicht gestört zu werden; und er schaute den Autos nach, die am Ende der Allee verschwanden und den Effekt der Schlusslichter hinter sich ließen, was auf den Gemütszustand des nächtlichen Wanderers eine gute Wirkung ausübte. Ich glaube, allmählich erwachte in ihm die Idee einer Übereinstimmung zwischen den Gelüsten der Augen und den Gelüsten der Füße und zwischen der Bewegung der Füße und dem Leben auf den Straßen je nach der Tageszeit; eigentlich der Eindruck, es gebe ein Innen und ein Außen, die irgendwie zusammenhingen, wer weiß wie. Aber an dem Abend muss Bordignoni unter einer Straßenlaterne verstanden haben, dass er als gewaltiger Junge, der seine Träume hatte, allein geblieben war: »Ach, Pucci, du hast mich wirklich enttäuscht!« So endete ihre Freundschaft, weil er sich gesagt haben muss, dass er einen aufgeweckteren Kumpanen brauchte, um sich in gewisse Abenteuer zu stürzen; und von da an haben sich die beiden nicht mehr getroffen, und Pucci ging danach allein auf die Weide.
Bordignoni hatte nie Glück bei den Frauen. Es heißt, eines Tages habe er sich in eine Kneipenkellnerin, eine gewisse Rossana, verliebt, die in der Kneipe dem städtischen Schlachthaus gegenüber arbeitete. Die gefiel ihm irrsinnig, weil auch sie dick war, aber auf andere Weise als er: sie hatte dicke Hüften, einen dicken Busen, dicke Arme und vielleicht auch dicke Beine unter ihrem langen Rock. Sie trug einen so weiten und so langen Rock, dass Bordignoni davon träumte, darunter zu schlüpfen wie in ein Zelt. Außerdem trug sie einen Angorapullover, der etwas Weiches und Flaumiges ausstrahlte, und ein Tuch um den Hals, mit dem sie sehr fein aussah. Vor allem das Halstuch hatte es Bordignoni angetan, es machte ihn schwindlig und er fand es von solcher Feinheit, dass ihn die Idee einer nie empfundenen Süßigkeit überkam.
Im Grunde war er so verliebt in die Kneipenkellnerin Rossana, dass er sie immer anschauen wollte, und wenn er einen Freund traf, wollte er immer von ihr sprechen, und wenn er frei hatte, ging er jede halbe Stunde in die Kneipe und sagte: »Einen Kaffee!« Die Mechanikerwerkstätte, wo er arbeitete, war weit weg von der Kneipe, also konnte er sie nur abends sehen. Aber in der Zeit des Sommerurlaubs weihte Bordignoni jede Minute der Kneipenkellnerin Rossana: ihrem Gesicht, ihrem Halstuch, ihrem Rock, den Erhebungen ihres Busens, ihren schneeweißen Armen, die er immerzu sehen wollte. Ab Anfang August ging er von morgens früh um sieben in die Kneipe dem Schlachthaus gegenüber und sagte: »Einen Kaffee!« Und hob die Augenlider so hoch er konnte, damit ihm nichts von ihr, von ihrer Kleidung, ihrem Zauber entging. Dann kehrte er um, verließ die Kneipe und spazierte zwanzig Minuten, allerhöchstens eine halbe Stunde am Doro-Kanal entlang; und ging wieder hinein und verlangte noch einen Kaffee. Ich weiß nicht, ob sie ihn je gefragt hat, warum er so viel Kaffee trinke, oder ob sie ihn je darauf hingewiesen hat, dass ihm das schaden könnte.
Tatsache ist, dass Bordignoni im Lauf weniger Tage ein flimmerndes Herzklopfen bekam. Schon war er bis über die Ohren verliebt und dazu noch der viele Kaffee, daraus wurde ein Herzkasperl, so dass er auf der Stelle ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Die Ärzte sprachen von Infarktverdacht und behielten ihn eine Zeitlang zur Beobachtung. Als er aus dem Krankenhaus kam, war er wie umgewandelt, ein anderer Mensch, nicht mehr ganz so gewaltig. Die Liebe hatte an ihm gezehrt und ihn verwandelt. Ja, du träumst und träumst, sie wiederzusehen, als ob du die Böschung des Fegefeuers hochklettern würdest, wo dich ganz oben deine Liebste erwartet.
Welche Veränderungen, welche Erwartung im Bett des Krankensaals, wo er die ganze Nacht keine Ruhe fand! Er versuchte jeden Moment ihr einen Brief zu schreiben, um ihr von dem Tamtam in seinem Herzen zu erzählen. Doch er fühlte sich zu schlecht im Schreiben, Bordignoni wusste nie, wann ein Doppelkonsonant kam, also verzichtete er auf den Brief. Und an dem Tag, an dem er freigelassen wurde, rannte er, obwohl man ihm gesagt hatte, er dürfe sich nicht anstrengen, in einem irrsinnigen Tempo vom Krankenhaus zur Kneipe, ungefähr vier Kilometer Asphalt. Am Ende ging ihm der Atem aus, die Milz war am Platzen, er hatte das Gefühl, er würde ohnmächtig auf den Boden fallen, und er blieb eine halbe Stunde auf den Bürgersteig sitzen, um wieder zu sich zu kommen, die Augen auf die Glastür gerichtet, hinter der die geliebte Rossana war.
Aber die Kneipenkellnerin Rossana war nicht mehr da, sie arbeitete gar nicht mehr als Kneipenkellnerin. Sie hatte einen Verkäufer von Schädlingsbekämpfungsmitteln, einen gewissen Fregatti geheiratet, ich kannte ihn, ein magerer Typ, schon in der Jugend mit Glatze, beinahe zu ernst und zurückhaltend. Und die Kunden der Kneipe und viele Arbeiter des städtischen Schlachthofs waren zur Hochzeit eingeladen worden, es war ein schönes Fest, das im Zirkel der Anarchisten im Viertel Fantuzzi gefeiert wurde. Aber Bordignoni war nicht eingeladen worden, weil er im Krankenhaus war und nicht einmal im Kopf der schönen Rossana präsent. Danach soll er sich mit den Pfaffen angefreundet haben und in die Kirche gegangen sein und sogar eine Pilgerfahrt zur Muttergottes von Lourdes unternommen haben. Und dann: Wer weiß, was ihm dann noch passiert ist? Bei ihm hat nie etwas geklappt, er wusste nicht, wie er seine Gelüste befriedigen sollte, die Begierden des irrsinnigen Körpers, die Qualen des Fleisches auf der Suche nach einem anderen Fleisch, um sich mit ihm zu vereinigen und nicht immer als Ungepaarter auf der Welt zu sein.
Noch eine kleine Anekdote, bevor ich schließe. Nachdem Bordignoni mit Pucci gebrochen hatte, ging er abends in Richtung Allee der Umgehungsstraße, wo die Damen des Trottoirs auf Kunden warteten: »Wie geht’s, junger Mann? Ein bisschen kühl heute abend, was?« Es waren mitteilsame Frauen, die gern über ihr Leben und über ihr Unglück redeten. Eine jammerte wegen ihrer Krampfadern: »Immer stehen, wissen Sie, die ganze Nacht! Ich müsste zum Arzt gehen, aber ich hab keine Zeit.« Eine andere sprach immer von ihrer Tochter: »Ich arbeite für sie, sie soll nicht in der Gosse bleiben, ich will, dass sie bei den Klosterfrauen in die Schule geht, meine liebe Mimmina!« Eine andere sagte, sie müsse sich an der Galle operieren lassen, habe aber noch nicht genügend Geld zusammengespart. In der Zwischenzeit hielten die Kunden im Auto das Trottoir entlang und protestierten: »He da, sollen wir heute leer ausgehen?« Die Frauen: »Momentchen! Wir reden gerade! So eine Hast!«
Eine angenehme Gesellschaft, die Damen auf dem Trottoir unter den Bäumen der Umgehungsstraße, immer herzlich, lächelnd, zum Scherzen aufgelegt. Insbesondere eine junge Hinkende, die mit ihren Wahnsinnssprüchen alle zum Lachen brachte. Aber sie wurden strengstens von ihren Beschützern bewacht, das waren magere, leichenblasse Typen im grauen Anzug mit Nadelstreifen, mit Galgengesichtern von Annodazumal, zum Kotzen. Kloakengeschmeiß, Saftsäcke von Mackern, zahnlose Brabbler teilten manchmal saftige Ohrfeigen aus, denn sie wollten nicht, dass in der Hurerei langsam gearbeitet wurde. Klatsch, klatsch! Allein ihre Visagen, wenn man die nur anschaute, ließen einem jede Liebeslust vergehen. Aber noch dazu hatten wir, wie auch unser Freund Bordignoni, kein Auto, und es war ziemlich unangenehm, es stehend an eine Mauer gelehnt zu treiben. »Da hinten in den Anlagen ist eine Höhle, wenn es Ihnen so recht ist.«
Wir mussten alles im Dunkeln machen, die Hose aufknöpfen und uns mit einem Arm an die Mauer stützen, um nicht umzufallen, während wir uns auf dem Weg zu den schattigen Stellen unserer Damen vortasteten, die es unter anderem immer eilig hatten, aus Angst vor ihren gewalttätigen Schutzengeln. Jedes Mal war es ein Problem, und wir waren damals noch nicht bewandert in der Führung so geschwinder Geschäfte, die uns von der Natur anbefohlen wurden, die auflodert und ihre Ansprüche geltend macht. Furchtsam ist das Verlangen, das zusammen mit Ängstlichkeit und Unbehagen auftritt. Fremd geht man über die Weiden, auf der Suche nach Futterplätzen, aber wenn die Lüste sprechen könnten, würden sie sagen, wie verlassen die Welt ist. Auf dem Heimweg dachte Bordignoni an die Frauen mit den riesigen Brüsten, die er auf der Straße erspäht hatte, aber die Lockung ihres Zaubers verflüchtigte sich, nachdem er die Funktionen der Natur hinter dem Brunnen der Anlagen erfüllt hatte, wo man in eine Art Höhle vordrang, voller Gestrüpp und Scheiße und dem Abfall vieler Jahreszeiten.
Ein moderner Held
Zoffi war ein sehr fleißiger und wortkarger Junge, der immer seinen Gedanken nachhing. Was mich beeindruckte, war sein Ernst bei allem, was er sagte. Er trug ein einfaches Sakko, ein Hemd ohne Krawatte, zugeknöpft bis oben, und seine Augen waren immer halb geschlossen, wenn er einen ansah. Seine Mutter war das Gegenteil: eine stattliche Frau mit wie vor Hochmut immer erhobenem Kopf, welche die ganze Welt um sich herum zu befehligen schien; sie kam aus einer Familie, in der alle Namen aus der griechischen Mythologie hatten. So war sie Frau Juno, Tochter eines gewissen Saturn, eine gut aussehende Witwe mit Tabakladen in der Nähe der Stadtmauer.
Jetzt taucht in meinem Kopf das Bild eines Begräbnisses auf, mit einem schwarz ausgelegten und von zwei Pferden gezogenen Wagen an der Spitze bewegt es sich auf der Straße zum Friedhof. Hinter dem Wagen sehe ich Zoffi mit seiner Mutter in Trauerkleidung, ihnen folgen andere, die ich im Augenblick nicht erkennen kann. Dann kommen seine Freunde, unter ihnen meine Wenigkeit als Fünfzehnjähriger und seine Schulkameraden Fregatti und Baratteri. Da ist auch Professor Amos, nachlässig gekleidet, der früher an unserem humanistischen Gymnasium unterrichtete und sich jetzt mit uns Schülern herumtrieb. Am Ende des Zugs zeigte sich eine Gruppe anderer Personen, das waren die Freunde von Zoffis Vater, der hier auf den Friedhof gebracht wurde. Dieses Bild gehört also in den fernen Herbst, in dem mein Freund die Schule verließ, weil er sich um den Tabakladen seines verstorbenen Vaters kümmern musste.
An Zoffi kann ich mich gut erinnern, denn ich wollte einen Roman mit einer Gestalt schreiben, zu der er mich anregte, als moderner Held. Er war nämlich nicht wie ich aufs humanistische Gymnasium gegangen, um Latein und Griechisch zu lernen; er hatte eine technische Fachschule besucht, wo man für technische Ideen aufgeschlossen war, und das war ein anderes Paar Stiefel als die humanistischen Studien. Aber mit dem Roman, den ich schreiben wollte, konnte ich nicht vorwärts kommen, weil mir die Inspiration fehlte. Ich hatte das erste Kapitel geschrieben, in dem Zoffi immer an einem Morgen verharrte, an dem er aufwachte und zum Fenster hinausschaute, und dann wusste ich nicht mehr, was ich schreiben sollte. Aber das hat nichts mit seiner Geschichte zu tun, die beginnt, als er die Schule aufgeben musste, weil er sich um den Tabakladen zu kümmern hatte. Plötzlich von früh bis spät Zigaretten zu verkaufen, muss ein harter Schlag für ihn gewesen sein; und deshalb ist er, glaube ich, ein großer Nachdenklicher geworden, der so lange über etwas nachdachte, bis er fand, dass etwas faul daran war.
In seiner Jugend sah Zoffi draußen die Häuser, Leute auf der Straße, Autos und die Wolken am Himmel; dann gleich jenseits der Stadtmauern sah er andere Straßen, Felder, Bäume, Land. Aber was er durch seine Meditationen verstehen konnte, war Folgendes: dass er nichts zu tun hatte mit dem was er sah, auch nicht mit den Unterhaltungen im Tabakladen oder mit seiner Mutter oder unterwegs in der Stadt. »Ich habe nichts zu tun mit diesem Tabakladen, ich habe nichts zu tun mit den Unterhaltungen dort, ich habe nichts zu tun mit meiner Mutter, ich habe mit nichts etwas zu tun«, das war sein unreifer, aber schon sicherer Gedanke zu diesem Thema. Nicht, weil er es so gewollt hätte, sondern weil es zu seinem Unglück wirklich so war.
Die Entdeckung, dass einer von allem getrennt und in seine Gedanken eingeschlossen ist, die ihn noch mehr trennen, ist allein schon etwas, das einen verblüfft. Aber man füge die Entdeckung hinzu, dass die anderen einkaufen gehen, ihre Geschäfte erledigen, einander den Hof machen, sich lieben, sich verlassen, sich betrügen, sich zerfleischen und sterben, ohne dass es ihnen je in den Sinn käme, von allem Übrigen getrennt zu sein. Ganz zu schweigen von den Rentnern in diesem Stadtviertel, die in seinen Tabakladen zum Quatschen kamen, von früh bis spät über Politik oder über die Fußballspiele unaufhörlich quatschten. Mit denen fühlte er sich so allein, dass er manchmal plötzlich den Laden verlassen und hinausrennen musste, einen Gang in Richtung Stadtmauer zu machen.
Dass er im Vergleich zum Durchschnittsbürger ein zu sensibler Typ war, darüber besteht kein Zweifel. Er war ein unerbittlicher Nachdenker mit immer angespannten Nerven. Das erkannte man daran, weil er, wenn er seinen Mund zusammenzog, dieselben Grimassen machte wie einer, der gerade etwas Bitteres isst. Indem er über die Probleme nachdachte, die ihm durch den Kopf pflügten, fühlte er sich mit seinen Gedanken so allein, dass er hinterher überall etwas Faules sah. Zuerst hatte er eine hübsche, sympathische Freundin, aber eines Tages hatte er angefangen, auch darüber nachzudenken und am Ende war dabei herausgekommen, dass auch zwischen ihnen etwas faul war, denn sie waren einander fremd und taten nur so, als seien sie es nicht, um weiterzumachen: also auch sie heuchlerisch wie viele Verheiratete. Deshalb hatte er sie so weit gebracht, dass sie ihn verließ.
Ich erinnere mich an einige unserer Spaziergänge auf dem Land, wo er bei allem, was er sah, leiden musste. Nehmen wir an, einer sagte zu ihm: »Schau die Natur an, Zoffi! Sagt dir die Natur nichts? Ist sie nicht schön, die Natur?« Dann bekam er am Tag darauf einen füchterlichen Ausschlag mit Pickeln, denn das war sein wunder Punkt: der verlorene Liebreiz der Natur und vieles andere Liebreizende, das für immer verloren war. Doch gab es noch einen anderen Grund, der gesagt werden muss; und dies ist, dass er an eine gewisse Urania, eine Nichte seiner Mutter, dachte, denn er hatte sich in sie verknallt, als er sie mit ihrer schönen Figur, ihren schwarzen Augen und ihrem schwarzen Haar ansah, das ihr in Locken auf die Spitzenbluse fiel. Dann hatte er die Vorstellung, dass er nur mit ihr den Liebreiz der Natur genießen könnte, während es ohne sie keinerlei Sinn hätte. Aber Urania war mit einem Bankangestellten namens Bacchini verheiratet, also unmöglich, sich ihr zu nähern. Je mehr er daran dachte, desto mehr sah er sich von allem anderen getrennt, weil er von Urania getrennt war. Manchmal dachte er in seinem Tabakladen so sehr daran, dass die Kunden zusehen konnten, wie in seinem Gesicht Pickel hervorsprossen, die so groß waren wie Abszesse. Es war das Zeichen seines Martyriums, wie die Wunden von Christus auf den Händen der Heiligen.
Der Freund, der Zoffi am meisten bedeutete, war Professor Amos, der damals schon so um die fünfzig war. Dicklich, in ausgebeulten, alten Kleidern, immer eine angesteckte Zigarette zwischen den Lippen, hatte er früher an unserem Gymnasium Philosophie unterrichtet, dann war er als unwürdiger Säufer weggejagt worden. Er schwankte nicht wie gewöhnlich die Betrunkenen, sondern hatte durch sein andauerndes Trinken immer ein unsinniges Lächeln auf den Lippen. Dieses Lächeln ging Hand in Hand mit seiner Sucht, über alles komische Kommentare abzugeben, über die man aber fast nie lachen musste und die den Leuten auf die Nerven gingen, vor allem in den Gasthäusern, in die er, in festgelegter Reihenfolge, etwas trinken ging. Außerdem hatte Amos noch die Sucht, in seine Reden deutsche Wörter einfließen zu lassen, wie >natürlich<, >jawohl< oder auch >ach so<. Diese Wörter störten die Leute in den Wirtschaften.
Zoffis Tabakladen lag auf der Strecke der Orte, wo er zum Trinken haltmachte; und auch bei Zoffi hielt er an, um Zigaretten zu kaufen und den Diskussionen mit den Rentnern zuzuhören oder mit einigen Hausfrauen aus dem Viertel zu plaudern, die ihn sympathisch fanden. Er wurde von allen mit Zeichen des Respekts angesprochen: »Wie geht’s, Herr Professor?« Worauf er regelmäßig mit seinem unsinnigen Lächeln und auf Deutsch antwortete: »Wunderbar!« Zoffi erklärte ihm die Überlegungen, die sich in seinem Kopf zusammendrängten, und Amos gab ihm immer Recht: »Natürlich!« Nicht ein einziges Mal wurde gesehen, dass er jemandem Unrecht gegeben hätte, auch wenn nicht klar war, ob er es zum Spaß machte oder aus anderen Gründen. Die Rentner verstörten seine sonderbaren Antworten, aber er nahm niemanden auf den Arm, das kann ich versichern. Nur dass seine Späße, einerseits wegen seiner Vergangenheit als Philosophieprofessor und andererseits, weil er immer einen Kleinen sitzen hatte, nie zu volkstümlichen Preisen waren.
Der Tabakladen war ein kahler, grauer Raum im Kutschenviertel. An der Tür stand TABAK, aber auf anderen Schildern war zu lesen ÖL, PASTA oder auch KONSERVEN, denn als Zoffis Vater den Laden gekauft hatte, war es eine Gemischtwarenhandlung, und nachher hatte niemand daran gedacht, die alten Schilder abzunehmen. Zoffi verbrachte die Tage, indem er mit den alten Rentnern, Zigarrenrauchern, aus der Umgebung diskutierte, die vormittags und nachmittags dort zusammenkamen, um ihre Zeit als Rentner zu verbringen. Manchmal kam auch ich nachmittags hin, zusammen mit Fregatti und Barattieri; und wir standen herum und hörten uns die Argumentationen unseres Freundes mit den Rentnern an, die vor Mühe seufzten, weil sie seinen Reden folgen wollten.
Die gewohnte Prozedur war folgende: Kaum sprach jemand im Tabakladen eine Idee aus, dachte Zoffi sofort auf seine Weise darüber nach, was ihn dazu führte, etwas Faules oder eine gewaltige Falschheit der Menschen und der Welt daran zu finden. Die Rentner protestierten: »Aber Ihnen passt schon gar nichts! Ist es denn möglich, dass auf der Welt alles falsch ist?« Und Zoffi sagte: »Wenn Sie sich’s gut überlegen, werden Sie sehen, dass ich Recht habe.« Der Logik folgend hatte er nämlich nie Unrecht; seine Schlussfolgerungen waren so logisch, dass sie einen verblüfften, und am Schluss musste man ihm Recht geben. Aber den alten Rentnern fiel es schwer zuzugeben, dass es das Faule wirklich gab, das er überall fand. Also nehmen wir an, vor dem Tabakladen ging eine Frau vorbei, die ihre Hüften auf eine Weise schwang, dass die Augen der Rentner wach wurden, dann versuchten sie diese letzte Karte auszuspielen: »Na, Zoffi, was sagen Sie dazu? Hören wir! Hören wir, was er sich dazu überlegt hat!«
Das Interesse der Rentner für die Frauen wurde manchmal peinlich, besonders wenn Zoffis Mutter, Frau Juno, beim Tabakladen vorbeikam. Die unternehmungslustige Witwe mit blond gefärbtem Haar reckte beim Gehen den Kopf in die Höhe und rückte die Schultern weit nach hinten, so dass die Brust weit nach vorne stand. Am ganzen Körper war sie kräftig und trug so hohe Absätze, dass sie einen Schwung in die Senkrechte bekam, und ihre Röcke waren so eng, dass sie eine umgekehrte Kegelfigur bildeten. Von der Höhe ihrer Absätze aus schaute Frau Juno alle von oben herab an wie eine, die niemanden braucht, wobei sie unter anderem sehr stolz auf ihre Figur war. Das konnte man gut erkennen, wenn sie beim Tabakladen vorbeikam, hoch erhobenen Hauptes, entschiedenen, aber auch federnden Schritts, was eine komplexe Bewegung ihrer rückwärtigen Körperteile hervorrief.
Ihr Sohn hielt sie keine Sekunde lang aus; sowie er sie in den Tabakladen kommen sah, verzog sich sein Mund zu einer leidenden Grimasse. Aber sein größtes Leid war dies: dass, sobald seine Mutter im Laden erschien, die Augen der alten Rentner vor Erregung glänzten. Doch wagten es diese Augen kein bisschen, auf den Hintern der Frau Juno zu gleiten, den sie im Vorbeigehen mit starken Bewegungen schwenkte, als wollte sie den Rentnern etwas Gutes antun. In solchen Augenblicken hätte ihr Sohn aus dem Tabakladen und vom Erdboden verschwinden mögen, weil er sah, dass selbst an diesen alten Zigarrenrauchern etwas Falsches und Zwielichtiges war. Wenn auf dem Bürgersteig eine die Hüften schwingende Frau vorbeiging, waren sie immer mit ihren Glossen zur Hand: »Zoffi, haben Sie das gesehen? Na? Was sagen Sie jetzt?« Aber wenn seine Mutter vorbeiging, die ihren Hintern mehr als alle anderen schwenkte, verfielen sie in ein absolutes Schweigen, ein so peinliches Schweigen, das enthüllte, wie faul die Lage war.
Das Kutschenviertel gehörte zu den am schlimmsten heruntergekommenen der Stadt, die großen Wohnblöcke waren baufällig und von streitenden Mietern bewohnt. Früher einmal war es das Viertel der Ställe und Gasthöfe gewesen, wo die von den Straßen jenseits der Alpen kommenden Reisenden haltmachten. Mit dem Untergang der Kutschen hatte es sich in ein Ruinenviertel verwandelt, und in den dreißiger Jahren des Jahrhunderts war es mit vielstöckigen Wohnblöcken für Massen zahlreicher Familien neu entstanden. Einzelhändler, Makler, Handelsreisende, städtische oder in Handelsbüros Angestellte waren hierhergezogen; aber die, die ihr Glück gemacht hatten, waren bald in ein Viertel mit einem besseren Ruf und weniger Trümmern umgezogen. Geblieben waren nur die, welche nie ihr Glück gemacht hatten und welche die Hausbesitzer schlecht behandeln konnten. So war es am Ende zu einem Viertel geworden, das vor allem von Wäscherinnen und Rentnern in bescheidenen Verhältnissen bevölkert war.
Viele dieser Rentner kamen in Zoffis Tabakladen zusammen, um über Politik zu quatschen oder über Fußball, um über die Mannschaften und die Spieler ohne Unterlass zu quasseln. Aber mit einem Auge für den weiblichen Durchgangsverkehr auf dem Bürgersteig, der ihnen Erregungsschauer über den Rücken jagte, ohne dass sie den Zoll dafür bezahlten. Indessen rauchten sie ihre Zigarren und füllten den Tabakladen mit Rauchschwaden, so dass Zoffi wie ein Gespenst hinter der Theke verschwand. Auch er tat, was er konnte, damit es bald Abend wurde, aber manchmal hielt er es nicht mehr aus, ihr Gequassel im Laden anzuhören, dann bat er sie, eventuelle Kunden zu versorgen und lief weg, um bei der Stadtmauer ein paar Schritte zu gehen. Und so geschah es, dass er eines Tages auf der Straße der Urania begegnete, die er im Kopf hatte: »Wie geht’s?« – »Danke, gut« usw.
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