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Ghila Pan

Das Eulenrätsel

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Kapitel 1 Ein Strand

Kapitel 2 Ein Wald und eine Heide

Kapitel 3 Ein seltsamer Gruß

Kapitel 4 Eine Gans ist nicht mehr ganz klar

Kapitel 5 Swinging London

Kapitel 6 Im Nichtigen Reich

Kapitel 7 Richtung Norden

Kapitel 8 Zu heiß für viel PS

Kapitel 9 Ein netter Reisegefährte

10 Kapitel Die Grenze schreitet voran

Kapitel 11 Die Sonne hat ein Gesicht

Kapitel 12 Lisa weiß nicht weiter

Kapitel 13 Bedrohung im Nichtigen Reich

Kapitel 14 Haus Swansteen

Kapitel 15 In der rettenden Höhle

Kapitel 16 Unterirdische Begegnung

Kapitel 17 Nachmittag in House Swansteen

Kapitel 18 Die hopsende Zeit

Kapitel 19 Ein ereignisreicher Vormittag

Kapitel 20 Auf steilem Weg nach oben

Kapitel 21 Höhenflüge

Kapitel 22 So ein Kreuz mit dem Kreuz

Kapitel 23 Ein bisschen Igug

Kapitel 24 Ein widerspenstiges Mittagsmenü

Kapitel 25 Ein schwerer Abschied

Kapitel 26 In Kälte und Hitze

Kapitel 27 Am Dach

Kapitel 28 Oben und unten im See

Kapitel 29 Akademisches Intermezzo

Kapitel 30 We all live in a yellow submarine

Kapitel 31 Walla

Kapitel 32 Bekannte aus der Vergangenheit und ein Blick in die Zukunft

Kapitel 33 Ein schöner Empfang

Kapitel 34 Etwas stimmt nicht ganz

Kapitel 35 Unten am Fluss

Kapitel 36 Li Wanse

Kapitel 37 Green Peace

Kapitel 38 Ein nettes Wiedersehen

Kapitel 39 Vollzählig

Kapitel 40 Gymnastikübung einer Göttin und deren Folgen?

Kapitel 41 Naher Abschied

Kapitel 42 Der Schrei

Kapitel 43 Auf der anderen Seite der Grenze

Kapitel 44 Grenzerfahrungen

Kapitel 45 Mister Clawsons Ende

Kapitel 46 Neues von den Blues Brothers

Kapitel 47 Schöne Aussichten!

Kapitel 48 Blues auf Hawaii

Kapitel 49 On the road

Kapitel 50 Der Weg ist das Ziel

Kapitel 51 Unterwegs

Kapitel 52 Neue Perspektiven

Kapitel 53 Es geht aufwärts

Kapitel 54 Das Vermächtnis der Zawosars

Kapitel 55 The final count-down

Kapitel 56 Back to Reality

Kapitel 57 The very last walz

Impressum

Widmung

Für Bernhard,

der mir mit seiner Unterstützung und Liebe geholfen hat,

diese Geschichte zu schreiben

Und für einen inneren Geliebten,

ohne den diese Geschichte nie geschrieben worden wäre.

Ich werde Euch niemals kennen

Euch zu kennen, würde bedeuten, einen Beginn und ein Ende zu sehen

Aber ich sehe keinen Beginn und kein Ende

Wenn ich Euch

In meinem Herzen erkenne

Liebe schenkt die Freiheit

Den anderen in seiner Unendlichkeit anzuerkennen und darin erkannt zu werden

Das Wesen der Liebe

Erkennt die letztendliche Unerreichbarkeit des Geliebten

Liebende sind Menschen

Die ihre Flügel gefunden haben

Ghila Pan, Ostern 2014

Es ist die Zeit ein Wahnbild, voller Düsternis und Leid,

doch unser Sein und Wesen sind außerhalb der Zeit.

Es ist die Zeit ein Käfig, in dessen Jenseits liegt

Berg Kaaf, und Vogel Anka

weit jenseits von ihm fliegt.

Ein großer Strom die Welt ist: doch wir sind nicht darin,

und nur von uns ein Schatten fällt auf die Wogen hin.

Dschalaluddin Rumi (1207-1273)

Kapitel 1 Ein Strand

Sommer 2004

Schmal war der Pfad, der Boden fühlte sich warm an unter ihren Füßen, den einzigen Spuren im Sand. Hibiskusblätter streiften Lisas Schultern, sie stapfte ein paar Meter die Anhöhe hinauf. Vor ihr lag eine Bucht, ganz anders als die Strände zu Hause in New Jersey. Immer schon hatte Lisa geheime Orte gesucht, in der Natur genauso wie in ihrem Inneren. Doch während sie die äußeren Orte von den Zwängen der lärmenden Städte abschirmten, verliehen ihr die inneren manchmal Flügel. Dieser Ort hier schien beides zu versprechen; eine versteckte Bucht, durch Dünen von den anderen Stränden getrennt. Niemand könnte sie hier sehen.

Warmer Wind durchwühlte Lisas Haar, blähte ihr Gewand auf wie eine sanfte Hand. Sie schmunzelte und ging zum Meer hinab. Ob Alwin schon vom Einkauf aus dem Dorf zurückgekommen war? Sie wünschte, er möge sich Zeit lassen, sich keine Sorgen um sie machen. Er machte sich so viele Sorgen. Vor allem seit sie das Buch geschrieben hatte. Sie sah zum Horizont und lauschte der Brandung. Als sie tief einatmete, wehte schwarzes Haar durch ihr Bewusstsein, dann ein lächelndes Kindergesicht: Maracella, das Südseemädchen! Ihre allererste Titelheldin. Lisa tat es heute noch leid, dass sie ihre eigenen Geschichten damals als Achtjährige verbrannt hatte. Die Erinnerung daran war wie ein Stich in die Seele.

Doch Maracella war trotzdem hier. Gegenwärtig, in Lisas Geist atmend. Behutsam legte Lisa die Arme um ihre Schultern und sah aufs Meer hinaus. Schließlich setzte sie sich langsam. Maracellas Kinderblick, ihre großen Augen, sahen Lisa an, so erwartungsvoll und forschend. Es war, als wäre Maracella hier neben ihr und musterte sie unverhohlen. Solches Haar in den Farbschattierungen von Eierschalen hatte Maracella wohl noch nie gesehen. Aber es gab viel, was ihre kleine Titelheldin noch nie gesehen hatte, obwohl sie alles andere als jung war. Lisa dachte noch darüber nach, warum diese Figur einer ihrer Kindergeschichten jetzt so präsent war, als sie eine helle Mädchenstimme fragen hörte, „Wer kennt dein Buch?“ Die Frage war so klar, dass Lisa sich umsah, doch nichts als Dünen, Sand und Meer waren um sie. Maracella lächelte sie an.

„Alwin!“, antwortete Lisa der Brandung nach einer Weile. Maracella hatte verstanden und sah ebenfalls zum Meer hinaus. Da saß Lisa nun, ihr Lächeln verband sie mit einem verlorenen Glück aus Kindertagen.

Weit draußen auf dem Ozean fuhren große Schiffe vorbei – aber was war das?

Lisa beobachtete, wie Maracella aufsprang und in die sich brechenden Wellen hüpfte. Als Lisa ebenfalls etwas in der Gischt auftauchen sah, ließ sie sich plötzlich rücklings in den Sand fallen. Mit einem Auge lugte sie auf Maracella. Als hielte das Mädchen einen sakralen Gegenstand in ihren Händen, musterte die Kleine das Treibgut.

„Da steht etwas geschrieben, unter dem Seegras und den Muscheln…!“, flüsterte Maracella geheimnisvoll.

„Ach ja, ein verschimmeltes Holzteil mit irgendwelchen Hyroglyphen, heißt vermutlich ‚Oliventransport’ auf Hawaiianisch, chinesisch oder makrobiotisch!“, sagte Lisa laut und schloss die Augen. Warum sagte sie das so laut und schnell? Doch wohl nicht, um mit der Vision ihrer kleinen Titelheldin zu kommunizieren? Lisa hätte sich am liebsten im warmen Sand vergraben.

Das letzte Jahr war so vielseitig gewesen. Und dann hatte sie diesen Traum. Ein Traum, der sie veranlasste wieder zu schreiben. Nach all den Jahren! Und sie schrieb und schrieb und schrieb… dieses Buch. Nicht für sich selbst oder für Alwin, das war von Anfang an klar. Und es würde sich niemals veröffentlichen lassen. Das war auch von Anfang klar. Aber sie musste es schreiben, sie hatte keine Wahl.

Warum spürte Lisa plötzlich ihr Herz heftig klopfen?

Die Antwort war wie ein sanfter Schlag. Gut, dass Lisa schon im Sand lag.

Sie existierten! Woher sie das wusste, konnte sie nicht sagen. Lisa sah sie nicht, so wie sie Maracella neben sich am Strand sah. Aber sie fühlte, dass sie lebendig waren.

Schweigend legte Maracella ihren Fund neben Lisa in den Sand.

„Und? Was steht da geschrieben?!“, fragte das Südseemädchen schließlich vorsichtig.

Lisa setzte sich auf und sah auf das Treibgut, das sie gut mit beiden Händen umfassen konnte. Salzig schmeckte der Geruch. Für einen kurzen Moment hatte Lisa den Eindruck, sie selbst wäre wie eine der Muscheln, die an dem Gegenstand hafteten: herausgerissen aus ihrem Element und zuhause in der Tiefe des Meeres.

„Ein Korken, er muss schon länger im Wasser geschwommen sein. Wahrscheinlich ist es ein Stück von einem Lebensmittelfass, irgendeine Werbung oder sonstige Beschriftung! Schwer zu lesen, man müsste das Seegras und die Muscheln ablösen...“, sagte Lisa leise zu sich selbst.

„Das ist kein Teil von einem Fass!“, drängte sich Maracellas Stimme in Lisas Gedanken.

Lisa seufzte und schüttelte den Kopf. Warum war sie nur so naiv und ließ sich von ihrer kleinen Titelheldin dazu verleiten, auf ein Stück Treibgut zu starren? Sie wusste die Antwort einen Augenblick später. Weil das Treibgut nicht unbedeutend war, und eine andere Titelheldin fiel ihr ein. Bela Petty.

„Ach, das ist doch bedeutungslos!“ Oh Gott, jetzt sprach Lisa schon zu sich selbst. Ob sie sich überzeugen konnte?

Das Mädchen streckte den Oberkörper. Ihre dunklen Augen blitzten angriffslustig.

„Aber das könnte doch auch eine Botschaft sein...!“ Mit einem lauten Stöhnen ließ sich Lisa wieder in den Sand fallen.

Weiter südlich ging Alwin langsam über den Strand. Sanfter Wellenschaum umspülte seine bloßen Füße. Die Hosen hochgekrempelt und das Hemd aufgeknöpft, genoss er die Einsamkeit dieses Nachmittags, während der Meereswind mit seinen grauen Haaren spielte. Manchmal huschte ein Lächeln über Alwins Gesicht, doch es versteckte sich schnell wieder in einer tiefen Falte zwischen den Augenbrauen. Soeben hatte er sich vorgenommen, nach seiner Pensionierung Schauspielunterricht zu nehmen. Ob er dieses neue Hobby Leonhard zu verdanken hatte? Aber bald wieder nagten seine Gedanken als beständige Sorge um Lisa an seiner Stimmung. Das kannte er schon seit zwanzig Jahren, doch seit seine Frau dieses Buch geschrieben hatte, war etwas an ihr, das ihm völlig neu war. Es machte ihm Angst. Am meisten Angst machte ihm, dass er gar nicht sagen konnte, was sich an Lisa verändert hatte. Irgendetwas war passiert. Ob es mit Leonhard zu tun hatte? War es zuviel für Lisa gewesen? Aber sie war so glücklich gewesen wie selten zuvor im Leben.

Auch Alwin sah die großen Schiffe. Ob er er Lisa jetzt suchen sollte, fragte er sich plötzlich. Sie war doch ganz alleine unterwegs. Er sah die Dünen hinauf, dann schüttelte er den Kopf. Lisa war doch kein Küken mehr!

Nein, Lisa war kein Küken und auch nicht ganz allein. Nachdem Maracella sich verabschiedet hatte, sah sie weit enfernt am Strand zwei Jungs gehen, beide 16 Jahre alt. Interessiert beobachtete sie die beiden mit geschlossenen Augen. Sie wanderten durch ihren Geist, als wäre dieser ein Faltenwurf mit unzähligen Verstecken, in denen all ihre Figuren gegenwärtig und lebendig Platz fänden. Jetzt kamen die beiden daraus hervor. Lisa kannte die Jungs aus ihrem unveröffentlichten Buch. Aber wo waren denn die anderen?

Der eine Junge hieß Lerry Miller und sah fast aus wie der fünfte ‚Beatle’, der andere, Kat Waterrise, hatte einen Krauskopf. Unter seiner Achsel klemmte meistens ein Surfbrett. Als Lisa damals mitten im Schreiben ihres Romans war, war Kat plötzlich aufgetaucht, aus dem Nichts. Sie begann von ihm zu erzählen, ohne zu wissen, was er eigentlich mit ihrer Geschichte zu tun hätte. Aber es passierten öfters eigenartige Sachen, als sie an diesem Buch schrieb. Was genau geschah, wenn ein Stern implodierte, wollte sie einmal wissen. Daraufhin klingelte das Telefon und ein Bekannter erzählte, er hätte begonnen, Astrophysik zu studieren. Oft wunderte sie sich über ihre eigenen Sätze, denn das Spannende an ihrem Buch war, dass sie selbst überhaupt keine Ahnung hatte, wohin die Geschichte führen würde. Doch zu ihrer großen Überraschung verwoben sich die Erzählstränge wie von Zauberhand geführt.

Schon standen die beiden Jungs ganz in ihrer Nähe. Neugierig beobachtete sie Lisa unter ihrem breitkrempigen Sonnenhut.

„... tja, und ich bin riesig froh, die Ferien nicht in England zu verbringen!“ Lerry blickte zu Boden, dann war es wieder Zeit, seine Haare über der Stirn glatt zu streifen. Er unterhielt sich mit Kat, ohne Lisa zu beachten. „Außerdem werde ich mir diesen Sommer von niemandem etwas vorschreiben lassen!“, meinte er bestimmt.

Lisa schmunzelte, setzte sich auf und beschloss, zur Hütte zurück zu gehen.

Kapitel 2 Ein Wald und eine Heide

Es wurde kühler. Nebel legte sich wie milchiger Schleier über die Stämme der Bäume. Sie stapften über Wurzeln ohne ein Wort zu sagen. Plötzlich zerriss ein Schrei ihr Schweigen.

„Ahhh! Da ist eine Schlange!“ Ein Ruck ging durch die Gruppe. Es floh oder versteckte sich, wer konnte, kletterte auf Bäume oder begann eifrig zu fressen – da der Aufschrei einen wunderbar hohen Frequenzpegel hatte, der nach Sahne und Sauerkirschteig schmeckte. Ein paar Mutige gingen weiter.

„Da vorne am Baumstamm...!“, kreischte Eulalia Birdwitch abermals, tat ein paar unvorsichtige Schritte rückwärts und stolperte über eine Wurzel. Sie wäre fast zu Boden gestürzt, wäre da nicht ein Mann im schwarzen Kapuzenmantel hinter ihr gestanden. Da dieser jedoch anstatt Finger eiserne Krallengerätschaften zu je fünf Metallspitzen besaß, wurde Eulalia nur durch seinen breiten Brustkorb vom Fallen abgehalten. Ein drittes Mal kreischte die einzig normale Erwachsene, als sie die Eisenfinger vor ihren Rippen gegeneinander schlagen hörte. Eulalia konnte den nach verbranntem Holz riechenden Atem in ihrem Nacken spüren. Wieder sicher im Gleichgewicht, stieß sie sich angewidert von dem Mann ab und wagte einen Schritt vorwärts. Suckandpop rülpste.

Ein Mädchen erreichte Eulalia und Elester Claw. Sie blieb aber nicht stehen, sondern ging beherzt auf den Baumstamm zu und hob etwas hoch. Grinsend drehte sie sich zu den anderen um. „Eine lasche Schlange! Der Nebel hat Ihnen einen Streich gespielt, Miss Birdwitch!“

„Siiieht aber wiiehrklichsch ausss wieeeh eine Ssschlannnge!!“ Jim Hicksley sah sogar mehrere Schlangen, doch das war ihm ziemlich egal. In letzter Zeit war ihm überhaupt so ziemlich alles egal, was nicht einfach vor seinen Augen verschwand, so wie damals. Er nahm noch einen Schluck aus seinem Fläschchen.

„Olle Tante!“

„Wer war das?“, brauste Eulalia auf. Alle anderen zuckten mit den Schultern, denn niemand hatte etwas gesagt.

„Ach, dieser nebulose Wald, wie lange sollen wir noch hier herumirren?!“ Eulalia sprach lauter, um sich Mut zu machen, und Suckandpop hatte Speichelfluss.

„Ja, in unserem Buch mussten wir wenigstens nicht ewig laufen ...“, meinte nun ein anderes Mädchen, das auch zu den Herumstehenden trat. Eulalia ließ sie nicht weiter zu Wort kommen und quiekte beinahe, „Ach was, dieses blöde Buch! Ich saß auf alle Fälle in meinem Büro in Los Angeles, ich war in Sicherheit, keine Kälte und kein Nebel!“

„Sicherheit... Sicherheit, wenn nicht einmal die hohe Wissenschaft astronomischer Pendelexperimente vor Kerzenleuchtern geschützt ist!“, schimpfte ein ehrenwert aussehender Mann und mischte sich in Höhe von Eulalias Kniekehlen ins Gespräch.

Er hatte die Erlebnisse aus jüngster Vergangenheit noch nicht vollständig verarbeitet – was aber verzeihlich war, da dieser ehrenwert aussehende Mann auf sehr viel Vergangenheit zurückblicken musste.

„Nun, jetzt stehen sie auf dem Boden, Herr Professor!“ meinte Bel Raven, die das Buch bis zu der Stelle gelesen, an der sie selbst darin vorkam. So eine Erfahrung prägt natürlich. Dadurch wusste sie mehr als alles anderen, wenn sie überhaupt etwas wusste.

„Herr Professor, Sie waren doch eine berühmte Persönlichkeit!“, fügte Penny Lo hinzu, um den kleinen Mann zu beruhigen.

„Ich WAR eine berühmte Persönlichkeit, bin aber schon längst tot!“, schimpfte Professor Draciterius unbeirrt.

„Na und. Bin es auch!“ Aus einer besonders dichten Nebelwand erhob sich ein dünnes Stimmchen. „Und das freiwillig! Hatte eine wunderschöne Zeit in meinem Haus in London, Clerkwell, Alaster Road 15!“

„So kommen wir nie weiter!“ Der Suckandpop schluckte zufrieden, während Penny Lo wütend mit dem Fuß gegen den Baumstamm stieß. „Wir müssen versuchen, zur Grenze zu kommen und...“

„Vielleicht einem Monster den Rachen verkleben? Sonst noch was?“, unterbrach ein Junge Penny Lo. Pat Swift war sicher kein Feigling, Held war er aber auch keiner.

„Wenn wir noch länger hier stehen bleiben, brauchen wir uns bald keine Gedanken mehr zu machen!“, brummte Eulalias Retter vor dem Fall.

Ein voller Mond war aufgegangen, manchmal rissen die Nebel kurz auf und es wurde hell im Wald.

„Es wird sehr kalt!“, meinte Prof. Draciterius so pathetisch, als würde er die Entdeckung der modernen Naturwissenschaften ankündigen. Dann schüttelte er seinen ehrenwerten Glatzkopf, den zwei noch ehrenwertere Kotletten schmückten, und war und blieb seiner Zeit um fünf Jahrhunderte zurück. Immerhin konnte er die anderen hin und wieder durch reformatorische Gedankenschärfe beeindrucken, wenn auch nicht gerade jetzt.

Die Gruppe der ihrem Buch Entrissenen machte sich also wieder auf den Weg. Jim Hicksley ließ alle an sich vorbeiziehen, um dann mit einem bleichgesichtigen jungen Mann namens Merlot die Nachhut des Trupps zu bilden.

So gingen sie, bis die Waldgrenze endlich hinter ihnen lag und sich Metallklinken der Morgendämmerung entgegen streckten.

„Alles Haltmachen!“, brüllte Elester Claw. Jim Hicksley stolperte fluchend zu Boden und fiel über Merlot, der sich wie ein Brett ins Gras hatte kippen lassen. Er nahm einen Schluck aus dem Flachmann und schlief ein paar Minuten später auf Merlot ein. Professor Draciterius und Dr. Sanguinis Anatomis taten sich nicht so leicht mit dem Einschlafen. Verzweifelt rannten sie zwischen den anderen hin und her, um eine Gerade zu finden. Doch die Heidelandschaft hielt nichts von Geometrie, und so begannen sich die beiden zu zanken, bis sie schließlich ebenso gerade umfielen wie Merlot.

Auch die Tiere waren müde. Selim, die einzig normale Gans, pardon, der einzig normale Gänserich, suchte sich einen Platz nahe eines Tümpels. Mäusegroßvater Mero fand mit seiner Familie im Gras Unterschlupf, ebenso Tarantilli, die Flohspinne, und Fischa, die Meerkatze.

Vierzehn Jugendliche sanken ebenfalls zu Boden, während ein an den Händen gefesselter Mann an eine Weide gebunden wurde und dort über seinen Qualen entschlummerte.

So schliefen alle ein. Wirklich alle? Nein, nicht alle. Wer kann sich vorstellen, dass Eulalia Birdwitch in freier Wildnis die Nacht verbringt? Sie war es nicht gewohnt, sich ohne ihre tägliche Fernsehserie dem kleinen Tod zu überlassen. Auf einem möglichst sauberen Stein sitzend dachte sie an ihr Appartement mit Bodenheizung in Los Angeles.

Doch sie war nicht die einzige, die wach war. Auch Bel Raven konnte keinen Schlaf finden. Das Mädchen hatte sich zwar, so gut es ging, in ihren Wollschal eingewickelt, doch Gewissensbisse lassen sich nicht einwickeln.

Bel blickte hinüber zu der Amerikanerin und seufzte. Ob sie zu ihr gehen und sich entschuldigen sollte? Doch damals hatte sie ja nicht wissen können, dass die Zusendung ihres Liedes an Warner Bros solche Konsequenzen haben würde. Komisch! Wo sie doch sonst immer alles wusste! Wozu das ganze nur? Erscheinen würde der Film sowieso frühestens erst 2017, wenn überhaupt. Immerhin war der Korken, den sie im Winter noch in den Pazifik befördert hatte schon an den Stränden von Hawaii angekommen. Sie versuchte sich zu erinnern, was sie damals eingeritzt hatte. Doch wie immer, wenn sie daran dachte: es mochte ihr nicht gelingen. Nun, irgendwann würde das alles zu Ende sein. Von dieser Erkenntnis beruhigt, schlief sie schlussendlich doch ein.

Auch Eulalia überkam die ersehnte Ruhe. Selbst ohne die Befriedigung zu wissen, ob Betty Love in der Vorabendserie ‚Die schmelzenden Eisbären von Denver’ noch an Mister Lester McStubborn herangekommen war oder nicht. Sogar die Ungewissheit, ob sie selbst, Eulalia, Opfer eines Mordes geworden war und ihre jetzige Lage vielleicht eine Vorhölle sei, erschien ihr mit zunehmender Müdigkeit belanglos.

Penny Lo erwachte als erste von allen. Sie räkelte sich und meinte alle Knochen zu spüren. Doch was sie dann sah, schmerzte fast noch mehr. Unweit von ihr, unter einem stacheligen Gestrüpp, lagen zwei ehrenwerte Gestalten aneinandergeklammert auf dem Boden als wollten sie sich gegenseitig erwürgen. Etwas weiter, den Abhang hinunter Richtung Tümpel, schnarchte ein älterer, mit Fetzen bekleideter Mann. Unter ihm lag ein bleicher jüngerer Mann, der kaum zu atmen schien. Seine Augen waren mit einer Binde bedeckt. Penny Lo schüttelte den Kopf und ließ ihren Blick in die Weite schweifen. Sie befanden sich auf einer Hochebene, vor ihnen Gras und Büsche, die in Nebeln verschwanden, ein Tümpel war gerade noch zu erkennen. Dahinter mochten sich Wiesen und Wälder befinden, in der Ferne vielleicht ein Gebirgszug. Sie sog die frische Luft ein.

Dann zog der Suckandpop ihre Aufmerksamkeit auf sich. Das unförmige Etwas hing schlapp über dem tiefen Ast einer Birke. Es hieß übrigens Sucky. Penny Lo erinnerte sich an eine Schulstunde letzten Jahres, als dieses Unding besprochen worden war. Angeblich änderte es ständig seine Form und sah im wohlgenährten Zustand aus wie ein Riesenschnuller. Es ernährte sich ausschließlich von Frequenzen, eine Verstopfung hatte lautstarke Explosionen und den Gestank nach Schimpfwörtern zur Folge. Seit dieser Schulstunde wusste Penny Lo, dass Schimpfwörter stinken können.

Suckys Schlafplatz lag etwas abseits von den anderen. Nur eine etwas festere, blondhaarige Frau Mitte dreißig hatte den Fehler begangen, sich unter die Birke zu legen. Penny Los Stimmung erhellte sich augenblicklich, als sie Suckys triefenden Speichel beobachtete. Pat schien dasselbe zu beobachten und bemerkte nur: „Na, wenn die aufwacht, hat der Suckandpop sicher ein fulminantes Frühstück!“

„… Waschmaschine, weiß, schwarz und... neinnnnn!“, murmelte der an den Baum gebundene Schläfer. Der Suckandpop wurde etwas dicker, die Schnullerspitze streckte sich. Schleim tröpfelte auf Eulalias Bluse, sie lächelte im Schlaf und drehte sich auf den Bauch.

Als der Gefesselte die Augen aufmachte, sah er aus, als wäre er gerade einer Waschmaschine im Schleudergang entstiegen.

„Allle heeerkooommmen! Wir müssen einen Rat einberufen!“ Sucky bekam sein Frühstück, denn Elester Claw brüllte ziemlich laut. Aber es dauerte noch lange, bis alle versammelt waren. Vor allem die Tiere unten am Tümpel wollten nichts von irgendwelchen Zusammenkünften wissen. Die Meerkatze Fischa dachte sofort an Flucht. Versammlungen entsprachen nicht ihrem Naturell.

Die Sonne war schon fast wieder verschwunden, als Elester allen Beteiligten einen ‚Guten Morgen’ wünschte. Sucky, fett und glücklich, lag neben Elester und rührte sich nicht mehr.

„Wir haben“, erhob der ehemalige Mönch seine heisere Stimme, „einen gefährlichen Wald durchquert, und jetzt kann es nur noch einen Weg geben: den Weg zur Grenze!“

„Unmöglich!“, unterbrach ihn Professor Draciterius und hörte kurz auf, sich mit Dr. Sanguinis Anatomis zu streiten. „Ich will zurück ins Buch! Ich weiß gar nicht, warum ich mich diesem Trupp überhaupt angeschlossen habe. Habe ich mich diesem Trupp überhaupt angeschlossen? NEIN, ich wurde ausgeschlossen, eliminiert aus den Seiten, sozusagen!!“ Der Suckandpop hätte mit diesem anschwellenden Frequenzpegel seine Freude gehabt, doch sein Hunger war bereits gestillt.

„Ja, ganz richtig! Außerdem waren wir doch nur Randfiguren, ich verzichte darauf, zur Grenze des Nichtigen Reiches zu kommen, ich verzichte!“, fügte der zwielichtige Professor Anatomis Sanguinis hinzu, und man hätte meinen können, er und Professor Draciterius wären ein Herz und eine Seele.

„Ja, genau, ich bin eine ganz normale Gans. Mein Name wurde nur einmal erwähnt, stellt euch das vor: einmal! Ich wurde weder beschrieben, nein, nein, noch eigentlich durfte ich ein Wort reden, nicht reden durfte ich, jawohl! Nowhere Man. Und genauso ging es Elvira, jawohl, der Stubenfliege, genau, genau, Draculetta, ja, ja, der Fledermaus, genauso, genauso, der Flohspinne Tarantilli und Geier Willy, von der Fledermaus ‚Hu’ ganz zu schweigen! Twist and Shout. Wozu der ganze Aufwand? Wozu? Wozu? Let it be! Also, ich möchte auch zurück ins Buch, jawohl, zurück. Niemand wird mich bemerken, nein, nein, ich bin nur eine ganz unscheinbare Gans, ja, ja, und halte meinen Mund! Yeah, yeah, yeah! Und wenn das nicht geht, nicht geht, jawohl, ich meine, wenn das alles zu lange dauert, dann fliege ich, jawohl, dann fliege ich! I’ll Follow the Sun!“

„Selim hat völlig recht!“ Elester glaubte, seinen Augen nicht zu trauen, als auch noch vier Jugendliche aufstanden. „Wir möchten auch zurück!“

Der ehemalige Mönch setzte sich auf den nächsten Felsbrocken. Er hätte jetzt gerne den Kopf auf seine Hände gestützt, doch um sich selber nicht aufzuspießen, unterließ er es. Stattdessen verschränkte er seine Eisenspitzen ineinander, blickte schweigend von einem zum anderen, bis es endlich ruhiger wurde.

„Es stimmt, dass wir unvorbereitet auf diese Reise geschickt wurden. Wir wurden herausgerissen aus unserem täglichen Leben und fanden uns hier wieder. Einige von uns kamen auch nicht hierher, da sie zu schwer waren wie der Steinerne Löwe oder zu weit weg wie Kat Waterrise und Lerry Miller... Aber ihr wisst, was uns alle verbindet!“

„Ja, es verbindet uns, dass wir im Nirgendwo herumsausen...!“, piepste Draculetta, die Fledermaus.

„...und dass wir einmal gemeinsam in einem Buch waren, jedoch daraus – wodurch auch immer – verbannt wurden!“, ergänzte die Flohspinne Tarantilli.

„Freunde! Dort, wo ihr zurück wollt, ist keine Heimat! Wir alle waren doch nur Randfiguren in diesem Buch, keiner von uns war in die Handlung verwoben. Vielleicht haben wir jetzt, obwohl verbannt, die Möglichkeit, einen neuen Weg zu gehen und zu uns selbst zu finden! Jetzt können wir unsere eigene Geschichte schreiben! Der Weg ist das Ziel, und es ist alleinig unser Weg! Als erstes müssen wir die Grenze dieser Landschaft erreichen, denn wir befinden uns hier im Nichtigen Reich. Alles ist der Nichtigkeit preisgegeben, da es keinen Stein, keine Pflanze, keinen Tümpel und keinen Berg wirklich gibt, aber wenn wir…“

„Eben…! Alles ist so nichtig hier!“, unterbrach Prof Draciterius Elester aufgebracht. „Dann kehren wir doch ins Buch zurück! Ich brauche keine eigene Geschichte. Meine adeliges Blut ist geschichtsträchtig genug!“

„Nein, das ist nicht möglich!“, mischte sich Penny Lo ins Gespräch. „Wir können nicht mehr ins Buch zurück! Wären wir wenigstens in der wirklichen Welt, dann könnten wir unser Buch suchen und vielleicht wieder zwischen den Zeilen verschwinden. Doch wo das Nichtige Reich genau ist, wissen wir nicht. Wir wissen ja nicht einmal, wer wir genau sind! Wir haben die Form von Menschen und Tieren, aber das einzige, was wir sicher wissen, ist, dass wir in einem Buch entstanden sind! Außerdem ist das hier bei weitem nicht Schottland! Wir wandern doch schon tagelang Richtung Westen und hätten längst das Meer erreichen müssen, doch hier gibt es kein Meer!“ Diese Feststellung traf die Meerkatze Fischa. Ihre Enttäuschung war riesig. Da sie das Meer in ihrer Gattungsbezeichnung trug, hatte sie sich immer schon gewünscht, es einmal zu sehen.

Der Professor quengelte unterdessen unbeirrt weiter: „Und ob ich ein Mensch bin! Nieder mit dem versklavenden Idealismus, es lebe der Humanismus – auch wenn ich meiner Zeit etwas vorgreife! Schauen Sie sich ein Bild aus dem 16. Jahrhundert an: auf einer zweidimensionalen Fläche ist bereits eine räumliche Darstellung zu erkennen! Dank dem logischen Verstand und der genauen Beobachtung! Pah, wahrlich, ich sage Ihnen: cogito, ergo sum! Wir gehen einfach den Weg zurück, meine Herrschaften, und ich werde diesem Nichts eine Dimension hinzufügen – dank meiner Pendelexperimente, um uns wieder unserer wahren Heimat zuzuführen! Vertrauen Sie auf die Wissenschaft der Renaissance – ich habe schließlich Leonardo da Vincis geometrische Skizzen nicht umsonst studiert!“ Viele Augenpaare blickten begeistert auf den kleinen Mann. Nur Merlot und einige wenige sahen betreten aus. Der junge Vampir knickte sogar sichtlich ein. Er hatte nämlich einen Hang zu geisteswissenschaftlichen Überlegungen und dachte weiter als der Professor der Renaissance: wenn es nämlich dieses Nichtige Reich gar nicht gab, dann gab es ihn wahrscheinlich genauso wenig – das zumindest verriet eine von allem Idealismus befreite Logik. Trotzdem tauchte das Dämmerlicht die Gesichter aller in trübe Schatten.

Schließlich erklang wieder Elesters Stimme. „Pat, nimm mal den Stock!“ Als Elester begann, in die Luft zu hauchen, verstand der Junge. Er hielt dem Kapuzenmann einen nichtigen Stock vor den Mund, sofort entzündete er sich. Bald darauf brannte ein kleines, wenn auch nichtiges, Feuer. Elester starrte in die nichtigen – wir wissen es schon – Flammen und dachte nach.

Merlot hielt es schließlich nicht mehr aus. „Aber…, wenn wir irgendwo sind, wo wir nirgendwo sind, sind wir selbst dann überhaupt irgendwie oder sind wir vielleicht nirgendwie?“ Die Reaktion der Gefährten war für Merlot erstaunlich. Selten hatten seine Worte dasselbe ausgelöst wie seine Bisse – panische Aufschreie. Am schlimmsten dran war Eulalia. Nach tagelangem Herumirren mit diesen Irren, frisch bespuckt von einem Unding, und jetzt auch noch der Gewissheit beraubt, überhaupt zu existieren, reifte in ihr im Nirgendwo die Erkenntnis, dass dies keine Vorhölle, sondern die Haupthölle sei. Ob es eine solche überhaupt gab, hatte sie sich nie gefragt. Sie kniete nieder und begann um Verzeihung ihrer Sünden zu bitten. Bel Raven näherte sich ihr vorsichtig und meinte leise: „Es wird alles wieder gut!“

„Leute, wer oder was, wie und wieso, wodurch und weswegen, ob wir oder ob wir nicht existent sind, das tut jetzt alles nichts zu Sache! Auch wenn es uns gar nicht gibt, wäre es furchtbar langweilig, uns nicht vom Fleck zu bewegen. Also schlage ich vor, wir gehen einfach weiter!“, rief Penny Lo so laut sie konnte.

„Gehen, aber in welche Richtung? Das ist hier die Frage!“, ereiferte sich Professor Draciterius aufgebracht. „Ob´ s edler im Gemüt... alle, die an unumstößliche Größen wie Bilderrahmen glauben, gehen mit mir. Wir gehen dorthin zurück, woher wir gekommen sind! Von dort werden wir unsere geistige Heimat zurückerobern – mithilfe genauer wissenschaftlicher Analyse der Wirklichkeit!“ Angesichts der Bedrohung völliger Identitätslosigkeit ging ein fanatischer Aufschrei durch die Gruppe.

Elester erblasste. Die meisten seiner Kumpanen scharten sich um den Professor. Er stand auf und sah sich um. „Nun… Wenn es so sein soll, wer geht dann mit mir?!“

Bel Raven kam mit Eulalia vom Tümpel zurück. Sie stellte sich mit der Willenlosen hinter Elester. Auch Pat Swift und Penny Lo gesellten sich zu ihm.

„Konfrontiert mit dem Nichtsein ziehe ich die Aussicht auf ein fortschrittliches Nichtseins der Aussicht auf ein rückschrittliches Nichtsein vor, also komme ich mit euch! Ihr müsst mir nur eines versprechen!“, bemerkte Merlot.

„Und das wäre?“, erwiderte Elester matt.

„Tagsüber muss ich mir die Augen verbinden, da brauche ich unbedingt jemanden, der mich führt!“

„Aberrrr dass isch doch klar, mmmein Junggge!“ Jim Hicksley torkelte herbei. „Wo DU bissch, da binnn auch ich! Highly!“

„Fein, dann sind wir ja eine wirklich starke Truppe!“, brummte Elester, während ihm seine Kapuze vor die Augen rutschte.

„Elester...“

„Ja, Bel...“

„Nun, ich kenne unsere Geschichte ja schon, und an dieser Stelle fragt Bel Raven Elester, ob er sehr verzweifelt wäre, wenn sie, natürlich nicht wegen des Glaubens an unumstößliche Größen, sondern vielmehr wegen narrativer Umstände, sich der Gruppe der siebenunddreißig anschließen würde.“

„Und was sagt Elester da?“, fragte Elester.

„Er sagt: ‚Ja, ich bin sehr verzweifelt, aber bitte geh mit den anderen, da ich so oder so sehr verzweifelt bin!’“, erklärte Bel.

„Ja, ich bin sehr verzweifelt, aber bitte geh mit den anderen, da ich so und so sehr verzweifelt bin!“, wiederholte Elester. Bel schloss sich somit der größeren Gruppe an.

Die Nacht war hereingebrochen. Das Feuer warf einen flackernden Lichtkreis. Vom Waldrand her bewegte sich eine Gestalt auf sie zu. Die hintere Reihe der Fünfundvierzig teilte sich, und der Dunkelheit entsprang ein in Reiterhose, Stiefel und kariertem Hemd daherstapfendes monokeltragendes Individuum.

„Willkommen, Lord Waxmore, wir halten gerade eine Versammlung ab. Wollen Sie mit Professor Draciterius und den anderen zurück an den Ort, an dem unsere Reise begonnen hat? Obwohl sie diesen vermutlich nie finden werden. Aber wollen sie zurück, um der Hoffnung nachzuhängen, wieder in unser Buch zu gelangen, oder...“, fragte Elester lustlos.

„Guten Abend Mylords! Unser Buch? Was verbindet mich denn mit diesem Buch? Nichts als die Erwähnung meines Namens – keine Abenteuer, keine Aufgaben, ja nicht einmal eine Nebenhandlung wurde mir zugeschrieben. Nie und niemals möchte ich dorthin zurück!“, unterbrach der Lord Elesters Ausführungen.

„Ha, Niedergang des Adels! Sie werden sich noch ansehen, Mylord! Irren Sie nur blaublütig in diesem Nichtigen Reich herum! Im Namen der siegreichen Wissenschaft werde ich diesem unwürdigen Geschehen Widerstand leisten!“ Ohne weitere Verabschiedung, dafür mit wilden Schlachtrufen, stürmte Professor Draciterius Richtung Wald davon. Sechsunddreißig Individuen folgten ihm.

Sechsunddreißig Individuen?

„Nehmt mich mit!“, keuchte es aus dem Nirgendwo. Obwohl sich Penny Lo dreimal umdrehte, konnte sie nicht erkennen, wer gerufen hatte.

„Ich sitze auf deiner linken Schulter!“

Pat Swift grinste. Dann bemerkte er: „Das ist die Flohspinne Tarantilli! Sie ist so klein, dass sie kaum zu sehen ist, und sie wiegt auch nichts. Ich glaube, sie hat dich als Sänftenträger gewählt!“

„Na von mir aus...“ Plötzlich spürte Penny Lo einen Windhauch neben sich. Draculetta, die Fledermaus, landete auf ihrer rechten Schulter und piepste: „Nicht auszuhalten, dieser Haufen! Vor allem der Professor! Hu hält ja viel aus…“

„Wartet!“ Ein graubraunes Fellbündel kollerte Pat vor die Füße. „Erbarmen, ich komm auch mit euch!“, machte sich die Meerkatze Fischa bemerkbar. Sie sprang auf Pats Schulter, der entnervt wissen wollte: „Sind wir jetzt alle vollzählig?“

„Von den Tieren schon. Selim kann hinfliegen, wo er will, Mäusegroßvater Mero ist dem Trupp mit seinen Enkeln vorausgeeilt, BMS-Spatz Posi flattert auch voraus und hört nicht viel von den Schlachtrufen des Professors, und Geier Willy schwebt erhaben in den Lüften…!“

Pat wollte etwas sagen, bekam aber Fischas Schwanz ins Gesicht.

„Können wir endlich gehen…?“, flehte Merlot. „Solange es dunkel ist, sehe ich noch etwas von der Landschaft!“

Kapitel 3 Ein seltsamer Gruß

Lisa setzte sich im Bett auf, Alwin schien noch zu schlafen. Sie musterte das Innere der kleinen Strandhütte und lauschte den Geräuschen der sterbenden Nacht. Weit entfernt ließ eine Sumpfohreule einen fauchenden Laut hören. Ein Weibchen, dachte Lisa. Es dauerte nicht lange, da drang durch die aneinandergebundenen Bambusstäbe der Hüttenwand Licht. Einer der Strahlen zauberte Maracellas Nasenspitze hervor. Das Südeseemädchen machte es sich auf Lisas Bettdecke gemütlich und lächelte ihre Schöpferin an. Lisa lächelte zurück.

Eine Männerhand wanderte langsam Lisas Bein hinauf.

„Hey Kat, schon gefrühstückt? Komm, wir setzen uns raus! Wo ist Lerry?“, meinte Maracella plötzlich und sah zur Tür. Auch Lisa blickte auf die geschlossene Tür, ohne jedoch den verschlafenen und sehr ernsten Blick ihres Mannes zu sehen.

Kurz darauf saßen Alwin Richard und seine Frau an einem Tisch vor der Hütte. Vom Wind durch Sanddünen geschützt, verzehrten sie ihr Frühstück. Lisa hörte, wie sich Alwin nach ihrem Schlaf erkundigte. Sie gab eintönige Antworten, ihre Phantasie hingegen wurde bunter und setzte sich ebenfalls an den Tisch. Während Alwin nach Worten suchte, war Lisas Aufmerksamkeit von dem gefangen, was in ihrem Geist geschah: Als Lerry erschien, holte er etwas aus seiner Hosentasche und zeigte es Kat.

„Tja, es gibt ein Rätsel auf…“, meinte Kat nachdenklich. Nach einer Pause, in der Alwin die Hawaiianischen Koch- und Essgewohnheiten schilderte, fügte Kat leise hinzu: „Entschuldigung, Miss Richard, könnten Sie sich das bitte ansehen! Es könnte wichtig sein!“

Lisa schluckte. „Ein Stück Korken am Morgen und vielleicht landen Sie am Abend in einem Topf Gemüsesuppe und wundern sich, warum Sie noch immer keine Karotte geworden sind...“, leierte sie ohne mit der Wimper zu zucken vor sich her. Alwin blickte auf das Treibgut in Lisas Hand, dann auf die Ananas. Er schnitt weitere Scheiben davon ab und fragte sich im Stillen wieder einmal, ob die Ereignisse des letzten Jahres nicht vielleicht doch zu viel für seine Frau gewesen waren.

Ein Hawaiibussard schrie landeinwärts, während das Rauschen der Brandung mit den vergehenden Minuten stärker zu werden schien. Kat, Maracella und Lerry starrten schweigend auf Lisa, während Alwin die Lippen schürzte.

Lisa nahm eine der unzähligen Ananasscheiben und biss hinein. Wieder einmal strich sich Larry seine Haare glatt. Beide Ellbogen auf den Tisch und ihr Kinn in die Hände gestützt, ließ Maracella ihren Blick nicht von Lisa.

„Hmm..., klingt nach einem ungereimten Rätsel...“, murmelte diese und erschrak.

„Wie wirklichkeitsnah“, warf Alwin ein und legte das Messer weg. Er verschränkte seine Hände vor der Brust und versuchte zu lächeln, was sehr komisch aussah. Denn während sich sein Mund verzog, als hätte er auf einen unreifen Papayakern gebissen, standen seine Augenbrauen in Startposition für einen Paragleitflug.

Lisa starrte auf den Korken, der von den meisten Muscheln und dem Seetang befreit worden war.

Gefangen im Nichtigen Reich,

Unerhört ihre Geschichte,

Sie brauchen

Hilfe

Bald!

Unbekannterweise

Aus ganzem Herzen

Respektvolle Grüße an

…

„An wen diese Zeilen adressiert sind, ist nicht zu erkennen…!“, murmelte Lisa mehr zu sich selbst, währendAlwin sanft meinte: „Hm, Liebling, vielleicht legst du dich wieder etwas nieder!“ Dann nahm er Lisa den Korken aus der Hand. Er konnte die Schriftzüge jedoch nicht leugnen und wiederholte kopfschüttelnd die eingeritzten Worte. Schließlich ergänzte er, „Eine moderne Form, Grüße zu schicken. Wir leben ja im Zeitalter permanenter kommunikativer Erneuerungen. Vermutlich haben wir hier auf unserem Strand übersehen, dass Apple ein neues Tablet auf den Markt brachte! Aber wie dem auch sei…!“

Er sah kurz auf, ob sich seine Frau ein Lächeln abringen würde. Doch nichts dergleichen geschah. So fuhr er seufzend fort, „Tja, leider sitzt eine besonders ausdauernde Muschel über den Namen. Das dauert Wochen, bis die Anhaftung am Korken nachlässt. Das sagt der Biologielehrer in mir. Mr Holmes, da ist nichts zu machen! Um die Adressaten herauszufinden, müssen wir warten, bis die Muschel sich ablöst. Wenn wir versuchen, das Schalentier gewaltsam zu entfernen, wäre die Schrift vermutlich völlig unleserlich! Watson. Ende.“ Mit übertriebenem Ernst verschränkte er die Hände. „Aber dann können wir die Grüße ja weiterleiten!“

„Alwin, hör doch auf, vielleicht braucht jemand Hilfe!“, entgegnete Lisa ungeduldig, bereute es aber sofort. Paragleiter wurden durch einen Fallwind zur Stirnmitte gedrückt und Alwin meinte energisch, „Lisa, du mußt überhaupt niemanden retten! Das ist ein Stück Treibgut, das hat nichts zu bedeuten!“ Er beugte sich zu seiner Frau herab und sah ihr tief in die Augen.

„Nichts zu bedeuten?! Aber da steht doch, dass irgendwer ohne seine Geschichte rumläuft, genauso wie ich!“ Obwohl Lisa schwieg, spürte Alwin Maracellas Worte und ihren Blick. Ihr junges Gesicht sprühte vor Energie. Lisa hatte kurz den Eindruck, als wäre Maracella eine weise Furie, die sich gegen den Dämon der Vergessenheit wehrt wie eine ihren Nachwuchs verteidigende Wolfsmutter.

Alwin sah lange in die Augen seiner Frau. „Gut Lisa, mag sein, dass es eine Botschaft ist…“

Den Rest des Tages war Alwin besonders fürsorglich und verbrachte den größten Teil des Nachmittags mit Lisa innerhalb der Hütte. Als sie abends in ein nahe gelegenes Dorf essen gingen, fasste Lisa einen Entschluss. Bei einem Glas Cherry meinte sie leise, „Cherie, es ist zwar wunderbar hier, aber ich habe das Gefühl, wir sollten nach Schottland reisen!“ In diesem Moment knackte es. Alwin hatte auf die Sauerkirsche gebissen. Er zog das Stäbchen, an welchem die Kirsche gesteckt hatte, sehr langsam aus dem Mund. „Lisa…“

„Schau, wir haben die Hütte doch den ganzen Sommer über gemietet, wir könnten doch einen kleinen Abstecher nach Schottland machen und dann die zweite Hälfte der Ferien wieder hier verbringen!“

Ihr Mann sah ihr noch tiefer in die Augen. „Es ist wegen deiner Geschichte…“, meinte er langsam.

Lisa musterte den vorbeieilenden Kellner als würde er auf einem Laufsteg Pyjamas präsentieren.

„Lisa…, wieso jetzt?“

„Es ist dringend…!“

Alwin lachte auf, der Lampion über ihnen wackelte. „Aber es war doch von vornherein klar, dass du diese Geschichte nie wirst veröffentlichen können! Was willst du denn in Schottland, vielleicht über Schlossgeister recherchieren? Warum vergisst du das Ganze nicht und schreibst eine neue, eigene Geschichte. Vielleicht eine, die zufälligerweise in Hawaii beginnt?!“ Genervt blickte Alwin zu dem pendelnden Lichtkegel hoch.

Lisa holte tief Luft und richtete ihre Wirbelsäule gerade. „Weißt du, es sind diese Figuren, die ich erschaffen habe – aus dem Nirgendwo. Die brauchen mich!“

Ihr Mann stöhnte auf, dann sah er seine Frau an, als wäre sie ein Küken, das soeben aus einem Ei geschlüpft war und meinte sanft: „Natürlich, Jim Hicksley wird irgendwo in einem Kellergewölbe seinen Rausch ausschlafen und warten, bis Schneewittchen ihn wachküsst, und Elester Claw braucht deine Hände, damit er sich die Zähne putzen kann. Hast du dir überhaupt jemals überlegt, wie sich der Kapuzenmann die Zähne putzt?“ Endlich lächelte Lisa.

„Und Eulalia Birdwitch hat sich zu einer fliegenden Suffragette verwandelt und braucht Flugstunden zur Behebung ihrer Startschwierigkeiten. Aber vielleicht sollten wir Alice Schwarzer aufsuchen und sie informieren, dass das Patriarchat endlich im Untergang begriffen ist!“ Lisa schlang die Hände um ihren Mann, zerzauste seine Haare und küsste ihn lange.

Eine für den Radarschirm unsichtbare Mücke umkreiste schon seit drei Runden den Sonnenschirm, unter dem das Eis in Cocktail- und Fruchtsaftgläsern knackte. Vielleicht wartete sie auch auf den geeigneten Moment, um in einem der Riesenvögel zwischenzulanden und sich in einen anderen Kontinent fliegen zu lassen.

Als Lisa schließlich Maracella, Kat und Lerry in der großen Halle des Flughafens verabschiedete, musste sie sich einiges anhören.

„Ihr seht klasse aus... tolle Kostümierung, sehr unauffällig…“, maulte Lerry. Mit gemischten Gefühlen schielte er auf die beiden Erwachsenen. Sie wirkten wie Privatdetektive im Auftrag für den Scheich von Dubai. Alwin hatte eine Sonnenbrille von Armani auf und trug ein beiges Cordsakko von Lagerfeld, während Lisa in einem Rock von Gucci und in einer Seidenbluse von Channell steckte. Lerry hingegen steckte seine Hände tief in die Hosentaschen. Nur Maracella schien einigermaßen frohen Mutes, obwohl natürlich auch sie gerne mitgeflogen wäre. Ihre Augen strahlten Lisa an.

„Pass auf dich auf, ich verspreche dir, wir werden unser Möglichstes tun... vielleicht auch unser Unmöglichstes!“ Lisa umarmte ihre Jacke fester. Eine kleine Ewigkeit gehörte jetzt nur ihr und Maracella, eine Ewigkeit, die aber nicht länger als der Flügelschlag eines Pfauenauges dauerte.

„Na ja, dann alles Gute!“, murmelte Lerry. Er blickte zu Boden, als prüfe er, ob seine Sandalen sauber wären. Schließlich sah er lange in Lisas Augen.

Die Koffer waren schon eingecheckt, an der Sicherheitskontrolle standen kaum Passagiere. Das Flugpersonal an den Kontrollen war freundlich, es hatte heute schon genug Streitereien mit Fluggästen gehabt. Als Alwin sein Mobiltelefon mit einem Aufkleber zurückbekam, war keine Zeit mehr, sich zu wundern. Der Flug wurde zum dritten Mal aufgerufen, als die beiden Erwachsenen zum Terminal rannten.

Kapitel 4 Eine Gans ist nicht mehr ganz klar

Da Maracella seit achtundreißig Jahren nichts anderes zu tun hatte, als Südseemädchen zu sein, konnte sie schwimmen wie ein Fisch. Sie war schon weit vom Strand entfernt, die Wellen waren nicht hoch, sie legte sich auf den Rücken und ließ sich treiben. Da berührte sie etwas am Bein. Sie atmete tief ein. Da fühlte sie wieder einen Stoß im Rücken, doch auch diesmal ließ sich das Mädchen weitertreiben, als wäre sie ein Stück Holz.

„Tscherill! Ich bin doch kitzelig!“ Barthaare berührten Maracellas Wange. Eine Robbe tauchte dicht neben Maracella auf. Tscherill war Maracellas bester Freund, sie kannte ihn seit achtunddreißig Jahren, als er ihr damals das Leben gerettet hatte.

„Help!“

Wie vom Blitz getroffen sah Maracella um sich.

„Hallo, junge Dame! I’m so tired, nicht erschrecken, wenn ich rede, ich bin eine ganz normale Gans. Nun ja, vielleicht doch nicht ganz normal, habe leider viele ganz normale Menschen auf meiner Reise erschreckt bis jetzt, ja, es tut mir so leid, so leid, Cry Baby Cry, einige werden wohl zum Arzt gehen und erzählen, sie hätten eine Gans sprechen hören, Doctor Robert, ach, es tut mir jaaa so leid, aber es geht um Leben oder Tod! Lady Madonna, ich konnte nämlich nicht mehr zurück ins Buch! Nein! Nein! Don’t Let Me Down“, sprudelte es aus der Gans hervor.

„Hallo!“, sagte Maracella etwas zögerlich. „Du kannst mit mir reden, ich bin ja auch kein normales Mädchen und verstehe dich schon...!“

„Uff, endlich, du bist die erste seit achttausend Kilometer, die mich versteht! Thank you Girl!“

„Tja, eine Hawaiigans bist du nicht, die sieht anders aus und kann nicht fliegen. Aber komm, setzt dich auf meinen Kopf, du bist ja ganz erschöpft, liebe Gans, ich schwimm mit dir zum Ufer! Tschüß Tscherill!“

Endlich watschelte die Gans über den Sand. Lerry lag am Strand und las.

„Hallo, mein Junge, was liest du da? Doch nicht etwa dieses mysteriöse Buch, dem wir alle die Misere zu verdanken haben? It’s Been a Hard Days Night…“

Mit diesen Worten ließ sich die Gans augenblicklich in den Sand fallen.

„Schläft sie noch immer?“

Die Jungs nickten.

„Ist sie vielleicht tot?“

Lerry und Kat schüttelten den Kopf.

„Sagt ihr aber heute viel!“ Mürrisch setzte sich Maracella auf ein mit Gänsefedern gefülltes Sitzkissen. Da saßen sie nun alle drei neben dem unverhofften Gast.

Ein Geräusch ließ sie zusammenzucken. Es war die Gans, die mit geschlossenen Augen den Schnabel aus dem Gefieder zog, ein paar Mal laut schnatterte, um ihn wieder unters Federkleid zu schieben.

„Sie träumt wahrscheinlich!“, meinte Maracella ernst.

Lerry legte seine Karten auf die Bastmatte am Boden. „Poker, Kat, das Spiel ist aus!“

„Mist!“

„I’m Down. Wo bin ich hier gelandet?!“ Plötzlich riss die Gans ihren Kopf hoch und blickte sich um als sähe sie nur Gänseleber.

„Wir haben uns im Meer getroffen, kannst du dich erinnern?“, beruhigte sie Maracella.

„Good Morning Good Morning. Genau! Der erste Mensch, der mich verstand! Ain’t She Sweet. Verzeihung, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Selim, mein Name! Komme eigentlich ursprünglich aus dem Londoner Zoo! Jeah!“ Nach einer etwas umständlichen Begrüßungszeremonie, bei der Lerry, Kat und Maracella ihre Namen dreimal wiederholen mussten, begann die Gans loszuplappern. „Bin ich froh, euch getroffen zu haben. Ja, ja, froh! Here Comes the Sun. Wie viele Menschen habe ich angeschnattert, aber niemand wollte zuhören, nein, nein, keiner interessierte sich für meine Geschichte! Got to Get You Into My Life“

„Schieß los! Du bist also eine englische Gans?“ Lerry strich sich die Haare wieder einmal über der Stirne glatt.

„Ein Gänserich, wenn ich bitten darf! Nun gut, wo waren wir, ach ja, es begann alles damit, dass ein aufgebrachter Spatz in den Zoo geflogen kam und jedes Tier befragte, ob es eine Eule gesehen hätte, eine ganz bestimmte Eule, nämlich. Später im Nichtigen Reich, da hab ich, ja, da hab ich diesen Spatz wiedergesehen, er heißt Posi. Do You Want to Know a Secret? Posi hat mir erzählt, dass er der Grund war, jawohl der Grund, warum ich nun nicht mehr im Londoner Zoo bin! Der Grund war er, dieser Spatz, der eine Eule gesucht hat, eine ganz bestimmte Eule, ach dieser doofe Spatz, Entschuldigung, jedenfalls, ihr müsst wissen, deshalb nun diese ganze Odyssee! Twist and Shout!“

„Im Nichtigen Reich?!“

Alle drei waren aufgesprungen.

„Was weißt du über das Nichtige Reich?“ Kat schnappte sich vorsichtshalber sein Surfbord, das in einer Ecke lehnte, da er sich damit immer am sichersten fühlte.

„Na ja, soviel weiß ich auch nicht darüber, ja darüber, nun soviel nicht, nein, nein…! Happines Is a Warm Gun.“, beschwichtigte Selim seine Zuhörer und schaute unruhig von einem zum anderen.

„Setzt euch bitte wieder hin, ja, hin, zu große Tiere waren mir schon immer unheimlich, sehr unheimlich. Don’t Bother Me! Und wenn sie der Gattung Mensch angehören, dann ganz besonders, sehr besonders, jawohl! We Can Work It Out.“ Die Gans putzte kurz ihr Gefieder, fuhr dann aber doch fort zu erzählen. „Also, ich bin letztes Jahr geboren, ja, ja, aber eigentlich älter als ihr, wisst ihr? Jap, jap! Within You Without You“ Selim entließ eine Deckfeder aus ihrem Schnabel und sah in die Runde.

Alle drei blickten gespannt auf den Vogel.

„Also, in einer für mich und andere geschaffenen Welt lebe ich nämlich im Jahr 1965. Jip, Jip! The roaring sixties, jeah, jeah, jeah! Kenn aber schon alle Beatles Lieder! Ja, Ja, ein Wunder, sozusagen! Das hört sich jetzt kompliziert an, ist es auch, aber das macht nichts! No, no, Strawberry Hills Forever, Forever, Forever!!!“

Nach einer Pause war es Maracella, die als erste etwas sagte. „Ja, bei uns ist das auch ein bisschen kompliziert. Ich zum Beispiel bin seit achtunddreißig Jahren acht Jahre alt!“ Marcella lächelte Selim an. „Das ist der Grund, warum du einen von uns finden musstest. Niemand anderer hätte dich verstanden. Wir kennen die Vorgeschichte etwas! Beatles kenn ich aber nicht.“

Kat, der sich auf sein Surfbrett gesetzt hatte, erzählte nun Selim von dem Korken, den sie entdeckt hatten. Lerry vergaß, seine Haare, wie sonst üblich, zu glätten, während Selim auf die Stirn des Jungen starrte. Dann schnatterte er weiter, und die drei hörten sich an, was die Gans noch alles zu berichten wusste.

„Across the Universe… am Anfang war natürlich totales Chaos, Come Together, jawohl Chaos, ungefähr acht, neun Tiere, aber no Walrus, no Rocky Racoon, der Rest ein Haufen sechzehnjähriger Schüler, na, wie gut, dass jetzt Sommerferien sind, Good Day Sunshine, dann waren da noch ein gefesselter und drei ungefesselte Männer, It’s All Too Much, sowie allerhand komische Figuren, sehr komische, die sich noch nie vorher gesehen hatten, Here There and Everywhere, ja, und eine ganz normale Erwachsene.... Fool on the Hill, und zwei ehrenwerte Akademiker, die allerdings etwas klein geraten…! Dear Prudence! Das war ja schlimmer als die Seargant Peppers Lonely Hearts Club Band!“

„Die kleinen Akademiker waren wahrscheinlich Professor Draciterius und Dr. Sanguinis Anantomis! Letzterer hat vor einem dreiviertel Jahr mit einem Kerzenleuchter einen Anschlag auf meine Halbtante verübt und war danach nicht mehr zu finden gewesen!“, ergänzte Lerry Selims Beschreibungen. Die Gans wackelte aufgeregt mit dem Kopf.

„Und die anderen, kennst du sie, Lerry?“ Maracella riss ihre Augen auf und starrte Lerry an.

„Hm, weiß nicht so genau. Also, von einer normalen Erwachsenen wüsste ich nichts! Der Gefesselte könnte Body Britten sein. Er hat versucht, meine Halbtante zu entführen, wurde dann aber überwältigt.“

„Miss Petty muss ja ein entspanntes Jahr verbracht haben“, bemerkte Kat.

„Und es waren 45 Individuen?“, fragte Lerry schnell, da er nicht wollte, dass jetzt zuviel über Bela geredet würde.

Aufgeregt blickte die Gans von einem zum anderen. Bevor sie weitersprach, öffnete sie ihren Schnabel und sah Lerry wieder lange an. „Ja, und zuerst gingen und gingen und gingen wir alle gemeinsam tagelang durch einen Wald, Magical Mystery Tour, ja, durch einen gefährlichen Wald, bis wir zu einer Heide kamen, ja, einer Heide, doch dann teilte sich die Gruppe, jawohl die Gruppe. Hello Goodbye. Einige wollten unbedingt zur Grenze, unbedingt. Ich bin mit den meisten zurückgegangen, besser gesagt, geflogen, ja zurück, weil ich dachte, das Buch ist meine Heimat, jawohl, meine Heimat, Mother Nature’s Sun, obwohl ich darin in einem Zoo lebe! I’ve Got to Find My Baby.Aber wir kamen nirgends an, nein, nirgends! Dann hab ich mich davon gemacht, ja, ja! Aber plötzlich war sie da! Es war schrecklich, ja, ja!“

„Wer war da?“, fragten alle drei gleichzeitig.

„From Me To You: Die Grenze! Sie ist scheußlich, sehr scheußlich, jawohl, hab sie aber überflogen, ja, überflogen, da gibt es einen Sumpf, einen Sumpf, jawohl, Tomorrow Never Nows, eine riesige Mauer, Mauer, ja, ja, ein Monster, uhhh, ein Monster in einer Stadt, es ist schrecklich, seeeehr schrecklich... Run for Your Life!“

„Aber wo ist denn dieses Nichtige Reich überhaupt?!“, unterbrach Lerry die Gans ungeduldig.

„Das kann ich auch nicht genau sagen, genau, aber wahrscheinlich liegt das Nichtige Reich irgendwo, jawohl irgendwo, über den Wolken Schottlands, da irgendwo hoch oben, jawohl! Lucy in the Sky with Diamonds.“

„Wie kommst du denn auf diese Idee?“ Kat hielt sein Bord fester.

„Na ja, nachdem ich das Monster überflogen hatte, Free as a Bird, das Schreckliche, das Schrecklichste, in der Stadt, einer schrecklichen, da sah ich bald darauf ein paar Inseln, ja, ja die kenn ich, von denen hat meine freie Großmutter immer meiner gefangenen Mutter erzählt, Your Mother Should Know, als sie uns besuchen kam im Londoner Zoo, ich war noch ein Küken, und meine Mutter hat mir dann, als ich größer war, abends am Zooteich…!“

„Selim!“

„Ach so, entschuldigung, ich schweife ab, ja ab…! Ich bin dann halt immer weiter der Sonne nachgeflogen, Follow The Sun, wie bereits zitiert, und dann kam lange nur noch Wasser, ganz viel Wasser, jawohl! Wäre ich nicht auf einem Schiff zwischengelandet, ja gelandet, hätte ich den Überflug nie, nie, nie überlebt, nein, nein, wäre schon tot, wie traurig! No Reply. War aber auch schon schwierig genug, sehr, sehr schwierig, von den Matrosen nicht in einen Kochtopf gesteckt zu werden, Glass Onion, Kochtopf, wie schlimm, diese Meute, jawohl, Meute, ja, ja… Revolution!“

„Armer Selim, aber sag mir bitte, wie sah denn das Monster aus?“ Maracella liebte nämlich Monster aller Art.

„Gar nicht, es ist nämlich unsichtbar! You’ ve Got to Hide Your Love Away.“

Die drei Jugendlichen starrten die Gans an.

„Nein, du siehst es nicht, nein, nein, You Won’t See Me. Aber da es immer da ist, spürst du es, ja, ja, und das Schlimmste ist sein Rachen, wie schrecklich, wenn du ihm zu nahe kommst, zu nahe ja, dann denkst du nur noch daran, was du alles haben möchtest, Pleasy Pleasy Me, jawohl, und wie du es dir am besten holen könntest, ja ja. Ich bekam eine solche Lust, nach unten zu fliegen, ja wohl, um mir alles zu stehlen was nicht niet- und nagelfest ist, ja, ja, aber ich bin ja ein Tier, jawohl, Hey Bulldog, da hab ich das Monster irgendwann ausgelacht, jawohl, ausgelacht hab ich es! Real Love. Aber wehe dem, der dieser Gier nachgibt: den frisst das Monster, frisst ihn, jawohl, mit Haut und Haar! Piggies.“

Maracella, die nicht wusste, was sie von diesem Monster halten sollte, fragte neugierig, „Und im Nichtigen Reich, gibt es da auch Monster?“

„Ich hab keines gesehen, nein, nein, aber wer weiß, ja, wer weiß schon! Dig It!

„Was sind da noch für Wesen dort?“, wollte die kleine Hawaiianerin unbeirrt wissen.

„Keine Ahnung. Everybody Has Got Something to Hide Except Me and My Monkey.“

„Also, da ihr alle auch alle aus Lisas Feder seid, könnte sich auch Tarantuga im Nichtigen Reich befinden!“, überlegte Maracella laut.

„Tarantuga? Helter Skelter!“ Selim blinzelte misstrauisch.

„Tarantuga ist so alt wie ich. Seine Geschichte hatte das gleiche Schicksal wie meine. Lisa verbrannte sie, als sie noch ein Kind war!“

„Aber warum hat sie denn all diese Geschichten verbrannt?“, warf Lerry ein und vergaß Selims Erzählung für einen Moment.

Maracella zuckte die Schultern, dann dachte sie kurz nach. Schließlich meinte sie, „Naja, wahrscheinlich glaubte Lisa, Gott sei Katholik! Eigene Welten und Figuren zu erschaffen, ist doch so ungeheuer lustig und man leidet dabei so wenig! Sie fühlte sich wahrscheinlich irgendwie schuldig und nicht mehr fromm genug.“

„Wie auch immer, das hilft uns jetzt auch nicht weiter!“, meinte Kat missmutig. Diese ganze Diskussion uferte für sein Gefühl zusehends aus. Er sehnte sich zurück zu einem Ufer, wo man wenigstens Wellenreiten konnte. Außerdem war für ihn dieses Nichtige Reich samt Treibgut mehr als rätselhaft. Er hätte jetzt viel lieber handfeste Tatsachen als Spekulationen vor sich gehabt.

„Gab es eigentlich noch eine Erzählung, die Lisa damals verbrannt hatte?“ Lerry ließ nicht locker und sah Maracella an.

„Hm, ja, die Geschichte von Walla!“

„Walla, was war denn das, eine fliegende Untertasse?“, warf Kat lakonisch ein, worauf Maracella beleidigt schwieg. Auch wenn Lisa damals ihre Geschichten verbrannt hatte, durfte niemand etwas gegen sie sagen. Schon gar nicht die Figuren aus ihrem Buch!

Sie diskutierten noch lange über diesen mysteriösen Ort, doch Selim war ihnen keine große Hilfe mehr. Da er immer etwas abseits der anderen geflogen war, wusste er nichts Genaueres mehr über die Gruppe. Außerdem hatte der Graugänserich bereits einer wunderschönen Hawaiigans zu tief in die Augen geschaut.

„Nun Freunde, ich fürchte, ich kann euch auch nicht mehr verraten, so sorry, sorry. Ihr entschuldigt mich doch? All you need is Love!“

Schon flog er fort.

Kapitel 5 Swinging London

Lisa lugte auf die Wolken. Es war angenehm ruhig, die meisten Fluggäste dösten. Außer den Schritten der Stewardessen hörte sie nur das gleichmäßige Surren der Düsen. Lisa legte den Kopf auf Alwins Schulter und dachte an ihre Mutter, die sie nie wirklich gekannt, und die sie doch in ihrer Wahrheit erlebt hatte, dessen war sie sich sicher. Eine Wahrheit, die einem in leuchtenden Farben geschmückten Tempel glich.

Lisa war bei ihren Großeltern in Kanada aufgewachsen. Ihr Vater, ein verheirateter Engländer, hatte sich nie zu der herumreisenden Zigeunerin bekannt, die ihm eine Tochter geschenkt hatte. Deren Eltern hatten jedoch einen Zirkus. Als ihre Mutter kurz nach ihrer Geburt verschwand, übernahmen Lisas Großeltern ihre Erziehung. Die zwei älteren, liebevollen Menschen hatten ihr eine wunderbare Kindheit geschenkt und sie gelehrt, die Geborgenheit in der Reise, die Heimat in der Fremde zu umarmen.

Sie war in ihrem Leben viel herumgekommen. Dabei hatte sie immer getan, was sie fühlte, tun zu müssen. Oft genug kam sie dadurch in Schwierigkeiten; tat Dinge, die viele Menschen aus der Bahn warfen. Sie riss dort Wände ein, wo sie andere mühsam errichtet hatten, und oft genug ging sie dabei Leuten auf die Nerven. Doch sie konnte nicht anders.

Ihre Ehe mit Alwin war einem Segeltörn auf hoher See vergleichbar, weit weg vom sicheren Hafen. Dann, letztes Jahr, kam Leonhard. Als Alwin ihr mittgeteilt hatte, er hätte sich in einen jüngeren Mann verliebt, schlitterte Lisa zuerst in eine Depression. Es war, als wäre sie in eine seelische Totenstarre verfallen. Doch dann geschah, was sie trotz ihrer unkonventionellen Einstellung nicht für möglich gehalten hätte: Sie verliebte sich in den Liebhaber ihres Mannes. Für Alwin stellte das kein Problem dar, für Leonhard auch nicht, und sie erlebte mit diesen beiden Männern nie geahnte Höhenflüge.

Es war ein paar Tage nachdem Leonhard sich verabschiedet hatte und Lisa eines Abends den Bestseller der Autorin Mary Rocking, „The Return of the Godess“, zu Ende gelesen hatte. Die folgende Nacht träumte sie diesen Traum. Es war ein Traum, in dem sie Farben schmecken und Gerüche tasten konnte. Als sie aufwachte, fühlte sie sich erleichtert. Den ganzen Tag über spürte sie, etwas war anders in ihrem Leben. Am Abend begann sie plötzlich zu schreiben; das erste Mal nach so langer Zeit, nachdem sie als Kind ihre Geschichten verbrannt hatte. Die Worte flossen nur so aus ihrer Feder. Nach drei Monaten gab es neunhundert handgeschriebene Seiten mehr auf diesem Planeten. Sie überarbeitete den Text über die Machenschaften einer Göttin namens „Tochronoth“ und ließ das Manuskript als Buch binden. Es existierte nur ein einziges Exemplar davon. Für sie war dieses kreative Erlebnis eine Offenbarung. Seitdem wusste sie, das Paradies war etwas aus dem sie niemals vertrieben worden war – einem magischen Dreieck ähnlich, das über einem Abgrund kreist.

In London angekommen, nahmen sich Alwin und Lisa erst einmal ein Hotel. Weniger, um sich von dem langen Flug, sondern vielmehr von dem Schock zu erholen, höchstwahrscheinlich in göttlicher Mission unterwegs zu sein. Erst am Morgen des dritten Tages fragte Alwin in der mit Kaminfeuer erwärmten Frühstückshalle: „So, und was jetzt?“ Er sah Lisa an, als würde er noch immer irgendwo über den Wolken schweben.

Seine Frau zuckte mit den Schultern. „Mal sehen...!“, gab sie lächelnd zurück. Sie schob sich eine weitere Weinbeere in den Mund und meinte, „gehen wir doch einfach spazieren!“

Aber sie gingen nicht, denn da wären sie wahrscheinlich noch heute unterwegs. Also mieteten sie sich eine große hässliche Limousine, die für einen Parkplatz drei Pferdekutschenlängen beansprucht und deren Fenster mit kugelsicherem Glas verdunkelt sind. Wie alle anderen steckten sie im Stau. Als die Limousine schließlich an der Statue von Lord Nelson vorbeikroch, sagte Lisa zu Alwin, „Cherie, ich steige kurz aus!“ Anzuhalten brauchte der Fahrer ohnehin nicht. Lisa würde das Gefährt schon bald wieder eingeholt haben. Sie ging zu einem der großen steinernen Löwen und stand länger davor.

„Victoria Street!“, rief sie dem Chauffeur zu, als sie die Limousine bei der Kurve Richtung Piccadilly Circus wieder erreicht hatte.

Alwin legte den Arm um sie. „Was willst du denn in der City, hast du etwa vor, eine Weltwirtschaftskrise heraufzubeschwören?“

Lisa schwieg. Als sie der Limousine endlich entstiegen, setzte Alwin seine Sonnenbrille auf. Zumindest das war heute an London besonders: das Wetter war wunderschön. Sie gingen durch die mit Menschen dichtbevölkerte Straße, als Lisa unvermittelt stehenblieb.

„Es wird uns wahrscheinlich niemand beobachten, aber vielleicht kannst du so tun als würdest du mit mir reden, während ich mich mit dem steinernen Löwen dort oben an der Fassade unterhalte?“

Alwin betrachtete bloß den von Taubendreck beschissenen Löwen auf der Fassade eines im vorletzten Jahrhundert erbauten Herrschaftshauses. „Natürlich, Liebling!“

Ihren Blick nach oben gerichtet begann Lisa vorsichtig: „Guten Tag, Sir Leo, der Vierte hoch 3, können Sie sich noch an mich erinnern?“

Der steinerne Löwe verzog keine Miene, denn er war ja ein steinerner Löwe. Nach dem dritten Gruß jedoch war ein nur für Lisa wahrnehmbares sattes Brummen von der Fassade her zu hören. „Wer stört mich da in meiner Ruhe?“

„Erinnern Sie sich noch an mich? Wir haben uns letzten Frühling kennen gelernt.“, fügte sie fast entschuldigend hinzu. Dann sprach sie schnell weiter. „Genaugenommen war es in einer andere Zeit, und ich hatte auch ... nun, eine etwas andere Form!“

„Pah, und von so verrücktem Gesindel lass ich mich um meinen Mittagsschlaf bringen!“, brüllte der Löwe aufgebracht.

Alwin stand da und verrenkte seine Lippen. Da Lisa den kleinen König der Londoner Steinwüste schon ein bisschen kannte, sprach sie unbeirrt weiter. „Ich bin es, nun, sagen wir mal, ich bin Bela Petty. Es war Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts und ich war eine Eule!“, versuchte sie der Steinfigur etwas auf die Sprünge zu helfen.

Sir Leo, der Vierte hoch 3, schwieg kurz; dann ließ er helles Brummen hören. „Ach ja, die kleine Eule, die keine war, und verfolgt wurde – von wem eigentlich? Ich kann mich nicht mehr genau erinnern.“

„Das tut doch heute nichts zur Sache, aber Sie haben mir durch Purtschitz, die Spitzmaus, einen sicheren Schlafplatz vermittelt, wofür ich Ihnen heute noch dankbar bin!“

„Bitte, bitte! Werden Sie schon wieder verfolgt? Der Taubenschlag westlich von St. Pauls wäre zu haben! Ein prima Versteck!“ Sir Leo war freundlicher geworden, nachdem seine steinernen Gehirnzellen in Schwung gekommen waren.

„Danke, Sir Leo, der Vierte hoch 3. Heute bin ich ausnahmsweise nicht auf der Flucht. Aber ich hatte das Gefühl, ich sollte Ihnen einen Besuch abstatten. Ihr Artgenosse am Trafalgar Square hat mir nämlich berichtet, dass Jim Hicksley seit vier Wochen plötzlich spurlos verschwunden ist!“

„Jim Hicksley… ist das vielleicht der betrunkene Amerikaner, der die Tauben gefüttert hat?“, unterbrach Alwin Lisa unvermittelt.

Erstaunt sah sie ihren Mann an. „DU kennst Jim Hicksley?“

„Ja, damals, als wir dich gesucht haben…, in deinem Buch. Ich meine…, ich hab es ja auch gelesen, und ich war doch der, der Hicksley nach dir befragt hat...!“, stotterte Alwin. Warum er jetzt so reagierte, konnte er sich selbst nicht erklären. Sicher war, dass er Lisa zu sehr liebte, um sie mit ihrer Intuition alleine zu lassen. Dann lieber mit in ihre Welt gehen! Außerdem hatte sie ihn in diesem Buch so hervorragend beschrieben, schon dafür schuldete er ihr eine Gewisse Loyalität.

Lisa schüttelte besorgt den Kopf. „Der Arme, er muß ganz durcheinander gewesen sein, als es plötzlich ‚plopp’ gemacht hat, und ihr nicht mehr da wart!“ Zu dem steinernen Löwen hochblickend meinte sie nach einem Augenblick: „Ihr Kollege hat gesagt, dass die Bank auf der Jim saß, plötzlich leer war! Haben Sie vielleicht Jim in der Victoria Street gesehen?“

„Hm, nein, hab ich nicht, er kam auch sonst nur selten in dieses Viertel.“

„Sir Leo, haben Sie vielleicht um die Zeit, als Hicksley verschwunden ist, so vor vier Wochen ungefähr, haben SIE da etwas Besonderes gespürt oder bemerkt?“

„Vier Wochen, was sind denn vier Wochen?“, fragte Sir Leo ungehalten. Der Löwe schüttelte entrüstet seine steinerne Mähne oder dachte zumindest, es zu tun.

„Oh, natürlich, entschuldigung, also ungefähr dreißigmal Tag und Nachtwechsel! Oder besser ...“ Lisa sah zum Himmel, gegen Osten, aber natürlich war es noch zu früh. „... wenn einmal der Mond zu und dann wieder abnimmt!“

„Hmmm…“ Der Löwe schwieg.

Eine Gruppe Japaner war hinter Lisa stehen geblieben. Sie begann, den steinernen Löwen zu fotografieren, obwohl er mit seiner Taubenkacke am Kopf überhaupt nicht fotogen aussah. Doch ihm tat die vermehrte Aufmerksamkeit gar nicht schlecht. In etwas besserer Stimmung erwiderte er, „Soso, der Mond… ja, das weiß ich noch! Ungefähr vor einem Monat, wie ihr meint, da habe ich so ein eigenartiges Ziehen verspürt. Ich dachte kurz an ein Erdbeben, es hatte aber nur einen Moment gedauert, dann war es vorbei. Ich weiß es noch genau, weil unter mir eine wunderschöne Siamkatze durch die Menge lief, und ich mir dachte, jetzt auf sie raufzufallen wäre ein schöner Tod für uns beide!“

„Danke, Sir Leo, der Vierte hoch 3! Danke, Sie haben mir sehr weitergeholfen.“

Lisa sah Alwin an und meinte, „Ich weiß jetzt genug!“ Als sie weitergingen, wurden sie von einer kleinen Menschenmenge verfolgt und stiegen schnell in ihre Limousine. Ein glatzköpfiger Mann äffte Lisas Worte nach: „Danke, Sir Leo der Vierte hoch 3… Ich weiß jetzt genug!“ Lisa war froh, dass das kugelsichere und verdunkelte Fensterglas einiges aushielt. Immer wieder sah sie Handflächen an den Seitenscheiben picken und neugierige Gesichter, die erfolglos ins Innere des Wagens spähten.

„Vielleicht sollten wir doch auf Sir Leos Angebot zurückkommen und uns im Taubenschlag von St. Pauls verkriechen!“

„Ach was. Stell dir vor, du bist ein berühmter Schauspieler und alle lieben dich!“, erwiderte Lisa.

Doch Alwin sah ungeduldig auf die Uhr. „Es ist schon spät. Ich kann mir wirklich Schöneres vorstellen als hier im Stau zu stehen!“

„Wir stehen nicht, wir sitzen“, erwiderte Lisa.

„Gut, aber was eigentlich weißt du jetzt?“. Alwin blickte seine Frau von der Seite her an. Doch diese starrte weiter aus dem Fenster. Offenbar hatten ein paar Jugendliche jetzt auch die Straße vor ihnen blockiert, denn das Auto hielt. Bobbys versuchten die Menschentraube aufzulösen.

„Ein bisschen unheimlich… hoffentlich wird niemand verletzt!“, meinte sie besorgt. Es dauerte nicht lange, als Reiter der königlichen Garde auftauchten und der Limousine Geleit gaben.

„Hoffentlich werden wir jetzt nicht zum Buckingham Palace chauffiert!“, stöhnte Alwin, während Lisa sich schon einen Orden für den Verdienst entgegennehmen sah, einen neuen Königinnenbruder sechsten Grades erfunden zu haben. Schließlich konnten die beiden aufatmen. Der Verkehr wurde flüssiger und die Garde verabschiedete sich salutierend. Auf dem Weg zurück zum Hotel kam Alwin auf seine Frage zurück.

Lisa schwieg und blickte wieder hinaus auf die vorübereilenden Passanten.

„He, was ist los mit dir?“

Aber was sollte sie Alwin sagen? Das hatte doch nur sie mitbekommen: Kats Übelkeit, vor ungefähr einem Monat. Er hatte am ganzen Köper ein Ziehen verspürt, ihm war schwindlig geworden, und er hatte sich nicht mehr auf den Beinen halten können. Es hatte aber nur wenige Minuten gedauert.

Schließlich wagte es Lisa, Alwin jetzt davon zu erzählen.

„Na ja, eine kurze Kreislaufgeschichte wahrscheinlich“, murmelte er und begann plötzlich zu schwitzen.

„Aber der steinerne Löwe hatte doch auch von einem Ziehen gesprochen! Und das war ebenfalls vor einem Monat, genau zu der Zeit, als Jim Hicksley von einem Moment auf den anderen verschwunden ist!“

„Gut, und was sagt dir deine Intuition damit? Und vor allem, warum tust du das? Versuchst du noch immer an deinem Roman herumzubasteln?“

„Vielleicht schreibe ich einen neuen Roman!“, antwortete Lisa prompt.

Alwin stöhnte auf.

„Hast übrigens du mir vorgeschlagen! Nein, vergiß es, war ein Scherz. Was mich viel mehr beschäftigt, ist, wie wirklich ist unsere äußere Welt überhaupt? Alwin, dieser Traum und dann der Schreibfluss… Ich hab so etwas nie zuvor erlebt, bin weder Esoterikerin, noch halte ich viel von paranormalen Phänomenen – aber ich möchte verstehen, warum so etwas passiert. Wir alle leben doch so sicher in unserer Alltagswelt, während die moderne Naturwissenschaft schon längst von Parallelwelten und multidimensionalen Persönlichkeiten spricht. Ich meine, ich bin kein Wissenschaftler und habe keine Ahnung, aber ich erlebe zur Zeit täglich, dass es eine Welt in mir gibt, die über etwas Bescheid zu wissen scheint was ich mir nicht im Geringsten, nicht einmal im Traum, vorstellen könnte!“

„Falsch!“, konterte Alwin und fügte beschwichtigend hinzu: „Nun gut, du hast recht, es gibt wahrscheinlich unendlich viele Welten, ineinander geschachtelt oder wie auch immer, und die Wissenschaft weiß wenig darüber – aber was uns beide betrifft, sehe ich das etwas anders!“

Jetzt war es Lisa, die aufstöhnte. Sie wusste, was kommen würde und ließ Alwin daher nicht zu Wort kommen. „Okay, Herr Psychologe, ich bin elternlos aufgewachsen und aus meiner unerfüllten Sehnsucht heraus habe ich einen Mann geheiratet, der mein Vater sein könnte. Nach den erfüllenden erotischen Erlebnissen einer Dreierbeziehung habe ich eine mythische Göttin erfunden, auf die ich eine nie erlebte Mutterliebe projeziere. Das ist doch, was du sagen willst?“

Alwin schwieg.

„Nun, wie auch immer, sind wir nicht alle wie elternlose verwahrloste Kinder, die glauben, die intellegentesten Wesen auf diesem Planeten zu sein? Und sind wir nicht alle dabei, unsere Lebensquellen zu vernichten, indem wir die Natur und andere Lebewesen zerstören? Und was wissen wir wirklich?“

Wie pathetisch Lisa in solchen Momenten werden konnte!

„Nun gut, wahrscheinlich verbringen wir sowieso den Rest des Nachmittags in diesem Auto. Lass uns also ruhig ein bisschen an deinen Beobachtungen weiterrätseln, immerhin ist es unterhaltsam. Also, was hat Jim Hicksley wohl mit Kat Waterrise und dem Steinernen Löwen gemein?“

Lisa schwieg zuerst, konnte es Alwin aber nicht verübeln, dass es schwierig war für ihn, sie zu begreifen. Sie verstand sich ja nicht einmal selbst. Schließlich atmete sie tief ein und meinte leise, „Kat und der steinerne Löwe haben vielleicht zur selben Zeit ein komisches Ziehen verspürt – genau zu der Zeit, als Jim Hicksley verschwunden sein könnte!“

„Ja, und?“

„Alwin, es war eben alles zur selben Zeit!“, wiederholte Lisa.

„Mein Gott, vielleicht hat der große steinerne Löwe am Trafalgar Square Jim gerade nicht bemerkt, weil ihm eine Taube aufs Auge gekackt hat. Daraufhin kam sich Jim so unbeachtet vor, dass er in den nächsten Bus gestiegen ist, sich in Kings Cross in einen Güterwaggon gelegt hat, eingeschlafen ist und jetzt in Liverpool Tauben füttert! Wäre doch auch eine Lösung!“ Alwins Seufzen klang wie das einer kalbenden Seekuh und er fragte sich insgeheim, ob er nicht besser mit Lisa einen Arzt aufsuchen sollte.

„Die Worte auf dem Korken waren eindeutig ein Hilferuf!“, entgegnete sie jedoch vehement.

„Natürlich, auf einem verschimmelten Korken rufen dich Romanfiguren zu Hilfe! Was uns veranlasst, unseren Urlaub abzubrechen, nach London zu fliegen und im Stau zu stecken!“ Resigniert schüttelte er den Kopf.

Lisa schwieg. Erst nachdem Alwin lange genug durch die Frontscheiben gestarrt hatte, fuhr er gelassener fort: „So sehr ich deine atemberaubende Intuition schätze, aber im Moment sehe ich nur, dass die Ampel rot ist, wir bei grün zwei Meter weiter kommen, wieder anhalten, und das seit einer halben Stunde!“

„Gefangen im Nichtigen Reich. Ob das symbolisch gemeint ist oder wirklich?“, murmelte Lisa leise.

„Gefangen im Straßenverkehr, reicht doch“, gab Alwin entnervt zur Antwort. Er versuchte zu lächeln und sah wieder aus dem Fenster. Lisa hasste es, wenn er so lächelte und sich dabei von ihr abwandte. Sie fühlte sich plötzlich sehr verlassen.

„Halten Sie!“, zischte sie den Fahrer an, riss die Türe auf und sprang aus dem Auto. Alwin blickte ihr mit offenem Mund nach, er wollte noch etwas sagen, kam aber nicht mehr dazu. Im Nu war Lisas Gestalt im Großstadtgewimmel untergetaucht.

Als sie spät nachts zurück ins Hotel kam, lag Alwin angezogen auf dem Bett und starrte zur Decke. Sie setzte sich zu ihm.

„Glaubst du, dass es eine Form von zirkularer Bewegung geben könnte, die Romanfiguren aus einem Buch zieht? Ich meine, ihre geistige Essenz…, ich hab da so eine Ahnung.“

„Hmm, ist nicht ganz mein Fachbereich, aber wir können ja mal überlegen“, murmelte er, als plötzlich der Ruf der Internationalen ertönte: „Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht…“ Alwin fummelte sein Mobiltelefon aus dem Jackett. Doch ehe er den Anruf entgegennehmen konnte, nahm ihm Lisa das Telefon aus der Hand.

„Ja, hallo? Lerry?! Jaa…, danke, äh, uns geht es gut…!“

Alwin erbleichte.

„Ja…, nein…, was? Ja, bei uns ist es schon finster. Nun sag, wie geht es denn euch? Alles in Ordnung? Also…, was ist los?“ Lisas Augenbrauen zuckten. „Was für eine Grenze…? Die Grenze des Nichtigen Reiches, das sich irgendwo innerhalb der Atmosphäre, aber über den Wolken Schottlands...Was? Der Sumpf der Banalen Belanglosigkeiten, die Mauer der tausend unhinterfragten Glaubenssätze... Wessen Reich? Aha, des nie gesehenen immer gegenwärtigen Monsters unendlicher Gier“ Fassungslos blickte Lisa zu Alwin.

„Des nie gesehenen immer gegenwärtigen Monsters unendlicher Gier?“, wiederholte er und fügte ausdruckslos hinzu, „Nun, vielleicht sollten wir demnächst mal bei ‚Harrods’ vorbeischauen!“ Auf seinem Gesicht schienen sich die Falten ihre Plätze streitig zu machen. Er wusste nicht, ob er lachen oder durchdrehen sollte! Schließlich riss er Lisa das Telefon aus der Hand. Auf dem Display stand „Unbekannter Teilnehmer“.

„Hallo, wer spricht? Verdammt noch mal!“ Nachdem er kurz das Telefon ans Ohr gepresst hatte, ließ er seine Hand sinken und starrte Lisa an. „Willst du mich verrückt machen? Warst du eifersüchtig wegen Leonhard, hast du einen Geliebten, den du mir verschweigst? Wenn ich durchdrehe, gibt’s nichts zum Erben, verdammt noch mal, was machst du?“ Voller Verzweifelung blickte er auf seine Frau.

„Alwin, ich… ich mache nichts. Ich weiß auch nicht, wer angerufen hat. Der Anrufer meldete sich mit Lerry und… seine Stimme, naja, die Entfernung… Ich sah ihn vor mir, als ich telefonierte… Es war… so normal für mich. Als dein Telefon klingelte, wusste ich, es hätte etwas mit meiner Geschichte zu tun. Alwin, ich liebe dich. Ich bin weder eifersüchtig auf Leonhard, noch habe ich einen geheimen Geliebten und am wenigsten will ich, dass du durchdrehst. Schon gar nicht jetzt!“ Lisa wurde immer lauter und schrie die letzten Worte fast.

Ihr Mann atmete lange aus und ließ sein Gegenüber nicht aus den Augen. „Kommt vermutlich vom vielen Skypen!“, entgegnete er dann trocken. „Wahrscheinlich hat irgendein Irrer angerufen, und als du auf ihn eingegangen bist, hat er dir irgendeine Geschichte erzäht…!“ Alwin versuchte sich zu beruhigen. Nur nicht zuviel nachdenken!

Beide schwiegen, bis Lisas Blick auf das Mobiltelefon in Alwins Hand fiel. Dann meinte sie leise, „Seit wann kleben denn Fluglinien Werbevignetten auf Handys?“ Nun blickte auch Alwin erstaunt auf den runden Aufkleber mit einer Flughafenlegende an der Rückseite des Telefons.

Sie sahen sich beide an.

„Was denkst du?“

„Hm…, weißt du noch, wie unsere Fluglinie hieß?“

„Chickenwings?... Nein, im Ernst, kann mich nicht mehr erinnern. Aber warte, hier steht in kleiner Schrift ein Name.“ Lisa hielt das Handy unter den Lampenschirm und versuchte angestrengt die Buchstaben zu entziffern. Als sie wieder ihren Mann anblickte, war auch sie bleich. „Da steht ‚Tochronoth wings’… “ Sie bestellte beim Hotelservice eine Lupe, um sich zu vergewissern, dass sie Recht hatte.

„Komischer Zufall“, meinte Alwin leise. Sein Gesicht erschien Lisa irgendwie seltsam wächsern.

„Könnte jemand durch diese Vignette deine Telefonnumer herrausfinden?“, fragte Lisa kaum hörbar.

Alwin lachte hell auf und all die Spannung wich aus seinem Gesicht. „Vielleicht solltest du doch einen Roman schreiben! Einen Thriller. Darüber, dass eine Großmacht, am besten die USA, einen amerikanischen Staatsbürger verfolgt, weil er die Überwachungs-und Spionagepraktiken britischer und amerikanischer Geheimdienste aufdeckt… Lisa…!“

Anschließend surften sie im Internet. Eine Fluglinie namens „Tochronoth wings“ schien freilich nicht zu existieren. Allerdings gab es einige Artikel zu dem Thema „Flugvinetten“. Es wurde sogar in der „Times“ erwähnt, dass das Aufkleben von Vignetten zur Zeit an den Kontrollschaltern der Flughäfen zu zahlreichen Beschwerden führte, da so der Flugverkehr erheblich verzögert würde. Angeblich wollte das Sicherheitspersonal damit nur eine automatische Zählung der technischen Geräte an Bord vornehmen, da diese durch die Vignette automatisch registriert würden. Sogar eine Bürgerinitiative hatte sich gegründet, die gegen diese Art Überwachung protestierte.

Alwin und Lisa wurden immer nachdenklicher. Bei einem Glas Whisky, das keinem der beiden schmeckte, saßen sie in ihrem Hotelzimmer und überlegten.

„Was hat Lerry…, ich meine, dieser ‚wer auch immer’ zu dir gesagt?“, brach Lisa schließlich das Schweigen, während sie mit ihren Fingernägel die Vignette von Alwins Handy kratzte.

„Er behauptete, er hieße Lerry Miller. Dann entschuldigte er sich für die offensichtliche Störung und legte auf. Was hälst du davon?“

Lisa dachte lange nach. Gefasst entgegnete sie, „Alwin, vielleicht denkst du jetzt, ich wäre total übergeschnappt… Aber tun wir mal so, als könntest du mit meinen Romanfiguren telefonieren. Tun wir so, als wären wir selbst in meinem Buch gewesen und als wären all die Figuren auf irgendeiner Ebene real…“

Alwin vergrub sein Gesicht in den Händen. „Lisa…, bitte!“

„Schau mal, bei diesem Text… habe ich uns in ein Buch geschrieben. Es gibt uns also als Romanfiguren und als Menschen. Was ist, wenn Lerry und all die anderen Figuren nicht nur Romanfiguren sind?! Vielleicht leben auch sie in anderen Realitäten, genauso wie wir Menschen auf mehreren Ebenen zu Hause sind. Manche kennen wir, manche sind uns aber gänzlich fremd! Übrigens, kannst du dich an eine Gans erinnern, der du letztes Jahr im Buch begegnet bist?“ Den letzten Satz fügte sie wie beiläufig hinzu.

Ob das beinahe tierische Aufseufzen ihres Mannes eine positive Anwort versprach?

„Nein, die muss ein Außenposten gewesen sein. Das Nichtige Reich und seine Grenze haben einen besonderen Esprit, nicht?“, meinte er todernst.

In sich gekehrt sinnierte Lisa. „Gefangen im Nichtigen Reich!“, stellte sie gewichtig fest.

Alwin nickte, seine Lippen befanden sich auf Talfahrt. Was anderes konnte er jetzt noch tun außer mitzuspielen? Irgendwie schien es hoffnungslos, Lisa von ihrer fixen Idee abzubringen. Und nach zwei weiteren Schlücken Whisky war es ihm fast egal. „Also gut, irgendwo über den Wolken Schottlands irren ein paar Romanfiguren herum. Vielleicht sollten wir am besten alle Bodenkontrollstationen in der Umgebung verständigen, damit Jim Hicksley und Co. nicht den internationalen Flugverkehr lahm legen! Aber wahrscheinlich gibt es dort oben schon Landemöglichkeiten für Flugzeuge der ‚Tochronoth wings’. Fahren wir doch morgen zum Flughafen und bestellen einen Flug ins Nichtige Reich. Ich fände es äußerst spannend zu erfahren, wo wir dann landen!“

„Danke für deine Ironie! Du tust immer so, als wäre das ganze Schlamassel hier bloß mir zuzuschreiben. Du vergisst, ich habe dieses Buch wie in Trance geschrieben! Was ist, wenn es wirklich so etwas wie eine göttliche Macht oder ein Wesen gibt, dem es nicht egal ist, was hier auf dem Planeten passiert? Was, wenn von ‚oben’ jemand eingreift, um den Menschen etwas zu vermitteln? Okay, es war nur Fantasy. Und ich behaupte ja nicht Sri Aurobindo zu sein. Aber das Symbol eines ‚Göttervogels’ gibt es schon lange in unterschiedlichen Kulturen. Vielleicht gibt es ihn wirklich…“

„Lisa, nneeein!“

„Und dieses Wesen hatte einen Träumer wie mich gebraucht, um sich zu vermitteln! Nun gut, dass es sein Ei– metaphorisch gesprochen– in einen Bestseller legte, versteh’ ich auch nicht ganz. Aber vielleicht hatte es einen für seinen göttlichen Plan günstigen Ort gesucht, an dem es in Ruhe reifen konnte!“Alwin war wieder klar und verlor seine vorübergehende Gelassenheit. Wie zugänglich war Lisa eigentlich noch für logische Erklärungsversuche? „Wem ist es denn so wichtig, die ohnehin kaum wahrgenommenen Figuren eines unveröffentlichten Buches in ein ‚Nichtiges Reich’ zu versetzen? Ergibt das irgendeinen Sinn? In deinem Buch wären sie sowieso unentdeckt geblieben!“, fauchte er.

„Das verstehe ich auch nicht ganz…“, gab Lisa versöhnlich zu. Vielleicht will sie irgendjemand vernichten, weil ihr Vorkommen selbst in einem unveröffentlichten Buch zu beunruhigend ist. Das war vielleicht nicht einmal für dieses geflügelte Wesen vorauszusehen…“

„Ich seh’ auch gleich etwas nicht mehr voraus… “, meinte er nun ebenfalls sanfter. Mit Logik kam er ohnehin nicht mehr weiter. Aber in welche Wahnidee sich seine Frau auch immer verloren zu haben schien, er wollte sie nicht alleine lassen.

Als sich die beiden küssten, knipste er die Nachttischlampe aus.

Und unbemerkt zog Geier Willi noch immer seine Kreise am dunklen Himmel über London…

Kapitel 6 Im Nichtigen Reich

Eulalia war in einem bemitleidenswerten Zustand. Sie weigerte sich einen Schritt zu tun.

„Hätten wir sie doch Bel Raven mitgegeben!“, fluchte Elester.

„Na... hicks ... das haben wirsch glisch!“ Jim fand die Situation „gaaar nischt“ so schlimm. „Eine Madame musch mannn tragen, und sie ist meine Lands… hicks …frau! Komm Brüderschen hilf merrr!“

Jim packte die willenlose Amerikanerin unter den Schultern, und Merlot nahm sie an den Beinen. Von den vielen Stürzen muss hier nicht erzählt werden, es sei nur so viel erwähnt, dass Eulalia das Ganze als Läuterung ihrer Sünden ansah. Schließlich gelangte sie immerhin unverletzt bis zum nächsten Rastplatz. Da sie auf einem nach Nadelhölzern riechenden Waldboden landete und nicht auf dem Höllenspieß eines hungrigen Feuerteufelchens lächelte sie sogar.

„So... Meladdy, brauch… hicks …nun ein gleinnnes Päuschen, Sccchhhwesterchen, ein klitzelekleines Minni-Päuschen!“ Jim sackte auf das weiche Moos und war schon im Land der Träume.

„Junger Mann, vielleicht sollten Sie sich doch überlegen, zu Eisenpräparaten zu greifen!“, meinte Eulalia liebenswürdig an Merlot gewandt. Aus Höflichkeit schlug sie ihm nicht vor, sich die Zähne abschleifen zu lassen.

„Ach, meine Liebe, ich spüre so eine sanguine Lust in mir aufsteigen...!“ Mit einem beinahe irren Blick starrte Merlot in die Dunkelheit, schnüffelte und war verschwunden. Elester hatte ihn einen Eid schwören lassen, keinen der Gruppe anzusaugen. Da dieser Eid mit Blut geschrieben war, musste er sich daran halten, obwohl er ihn natürlich sofort aufgeleckt hatte.

Eulalia lächelte Elester, der mit einer aufgespießten Wühlmaus hinter dem nächstgelegenen Felsblock hervorkam, nervös an.

„Gar nicht hungrig, Miss?“, fragte er beinahe fürsorglich. „Es sind genug Wühlmäuse da!“

„Danke, sehr liebenswürdig, Mister Claw, morgen früh gehe ich Pilze sammeln.“

Nachdem die Wühlmäuse verzehrt waren, wachten nur noch Elester, Pat und Penny Lo. Sie starrten in ein kleines Feuer, Pat schmiss dürre Äste in die Flammen. Lange schwiegen sie.

„Lord Waxmore fehlt!“, sagte Pat schließlich.

„Ich weiß, aber er wird uns schon wieder finden.“ Elester zuckte mit den Schultern.

Bald rollten sie sich in ihre Mäntel und Jacken ein, froh vor der Kälte geschützt zu sein. Ein Käuzchen schrie, kurz darauf kam auch Merlot wieder zurück, setzte seine Augenbinde auf und schlief ein.

Das Feuer war am Erlöschen, nur die Glut gab noch Wärme und spuckte vereinzelt Funken aus, während ein matter Schein im Osten durch die Bodennebel kroch. Doch noch etwas anderes kroch durch die Bodennebel. Wie gut, dass alle schon schliefen. Es war wirklich traurig anzusehen! Ein dünnes halblanges Etwas, das am vorderen Ende Verdickungen aufwies, schleppte sich ausgehungert durch das Unterholz. Sucky! Da während des Marsches kaum einer gesprochen hatte und es außer ein paar Entsetzensschreien von Eulalia nichts zu futtern gegeben hatte, war er hinter den anderen zurückgeblieben. Jetzt war Sucky so erschöpft, dass er nicht einmal mehr ans Fressen dachte. Was denn auch schon! Das Knistern der Feuerstelle gab maximal ein paar Appetitanreger ab. Suckys Vorderspitze war staubtrocken und wund. Wie mit einer Wünschelrute ortete er die Aura der Gruppenmitglieder, um sich dann mit letzter Kraft dicht zu Eulalia zu legen. Er hoffte, nach dem Aufwachen wenigstens ein gutes Frühstück vorzufinden. Für ein paar Stunden schliefen alle friedlich.

„Aaahhh!“

Suckys Hoffnung erfüllte sich, und die ganze Gruppe wach war.

„Die Nebel sind dichter geworden“, stellte Elester bei der Morgenrunde fest und sah mit ernster Miene um sich.

„Das bedeutet, dass wir von Geistern umgeben sind?“, fragte Eulalia vorsichtig nach.

„Das bedeutet…“ Elester hätte sich jetzt gerne mit einer ganz normalen Fingerkuppe gekratzt. Da das jedoch unmöglich war, führte er seine Metallspitzen zur Wange und strich sich zweimal in Zeitlupentempo über die Haut.

„Das bedeutet, dass die Grenze auf uns aufmerksam geworden ist.“

„Die Grenze… auf uns aufmerksam?“, fragten Penny Lo und Pat fast gleichzeitig.

„Ja… ihr müsst wissen, im Nichtigen Reich ist letztendlich jedes Gehen ziellos…“

„Dann hätten wir doch mit den anderen gehen können oder uns gleich nicht von der Stelle bewegt!“, erklang eine erschöpfte Stimme. Hinter dem nächstgelegenen Felsblock knackte das Unterholz und ein keuchender Lord Waxmore kam zum Vorschein.

„Oh, Mylord, ich hoffe, es geht Ihnen gut! Ich war gestern Nacht leider etwas absent, sonst wäre mir sicher aufgefallen, dass Sie fehlen!“ Eulalia sprang auf den erschöpften Lord zu und half ihm bei den letzten Metern Fußmarsch.

„Sie waren nicht gerade schnell!“, meinte Pat vorwurfsvoll.

„Er ist genauso schnell gegangen wie wir, aber – wie ich schon sagte–, jedes Gehen hier ist letztendlich ziellos. Ausschlaggebend für ein Fortkommen ist es trotzdem, ein Ziel zu haben. Aber Sie, Lord Waxmore, Sie hatten wohl nicht wenigstens das Ziel, bei der Gruppe zu bleiben?!“, fragte Elester nicht eben freundlich.

„Nun ja, zunächst einmal möchte ich den hier Anwesenden mitteilen, dass es meiner Gewohnheit entspricht, mich auf meinem Reittier fortzubewegen. Und um die Wahrheit zu sagen, habe ich mir lange den Kopf darüber zerbrochen, ob es nicht vielleicht klüger wäre, als Großgruppe zusammenzubleiben und die anderen vielleicht doch zu überreden… Aber plötzlich war überhaupt niemand mehr zu sehen. Ich irrte stundenlang herum!“ Der erschöpfte Lord setzte sich auf einen Felsblock.

„Mister Claw, wenn die Grenze auf uns zukommt weil unser Gehen null und nichtig ist, dann ist es doch wirklich besser, wir bleiben hier!“, meinte Eulalia spitz und stellte sich neben den Lord.

„Nein, das können wir nicht! Wir müssen uns bewegen, sonst bewegt sich auch die Grenze nicht auf uns zu. Und außerdem: Nach mehr als sieben Stunden an einer Stelle würden wir beginnen uns langsam aufzulösen!“

„Ach ja, wenn das so ist…!“ Eulalia, die nichts mehr fürchtete als den Tod – wie wahrscheinlich die meisten Menschen –, sah an sich herunter. Waren es die Nebel, eine beginnende Weitsichtigkeit oder ihre schwachen Nerven? Sie hätte schwören können, dass sie schon dabei war sich aufzulösen! Sie packte den Lord, riss ihn hoch und heischte die anderen an: „Na los, worauf warten wir!

Kapitel 7 Richtung Norden

Am nächsten Morgen wussten Lisa und Alwin, dass zirkuläre Bewegungen einiges auszurichten imstande sind.

Lisa hatte noch die Augen geschlossen, als sie zu sprechen begann: „… durch eine hohe Verdichtung kinetischer Energie entstandener Sog, welcher Romanfiguren in seinen Bann zieht und an einen anderen Ort versetzen kann!“

„So nett hast du mir noch nie ‚Guten Morgen’ gesagt!“ Alwin schlief vor lauter Rührung fast wieder ein. Die Stimme seines Gegenüber klang wie ein rosa hauchendes Importprodukt aus einer REM-Phase. Eng verschlungen lagen die beiden noch im Bett. Da löste sich Lisa abrupt aus der Umarmung und drehte sich auf den Rücken.

„Jemand muss meine Romanfiguren aus dem Buch gezogen haben, zumindest ihre geistige Essenz!“ Sie starrte zur Decke. Alwin war plötzlich hellwach. Er rüttelte Lisa, bis sie tief einatmete. Dann begann sie sich zu strecken, ihre Körperlänge verdoppelte sich dabei für eine Zehntelsekunde wie ein in die Länge gezogenes Schwimmkrokodil aus Gummi.

„Guten Morgen, Liebling, gut geschlafen?“, fragte sie verträumt, ohne zu wissen was sie ein paar Sekunden vorher gesagt hatte.

„Natürlich, du hoffentlich auch. Na ja, dann ist ja alles klar!“, meinte Alwin und tat so, als wüßte er wovon er sprach.

„Was ist klar?“

„Du hast mir gerade erklärt, was mit deinen Romanfiguren passiert ist!“. Ihr Mann stützte seinen Kopf auf und sah Lisa an, als käme er gerade von einer Lehrerfortbildung. Er wiederholte ihre in Trance zitierten Sätze wortgetreu. Entgegen seinen Erwartungen fragte seine Frau nicht nach, sondern hüpfte aus dem Bett, zog sich an und zwinkerte ihm zu. „Wir machen heute etwas ganz Besonderes! Wir fahren mit einem Zug – aber erst nachdem wir geflogen sind.“

„Wunderbare Idee, mal ganz etwas anderes“, dehnte Alwin die Worte begeistert, versuchte zu lächeln und rappelte sich hoch.

Zehn Stunden später saßen sie in einem exklusiven Pub in Glasgow, nahe der Einkaufsmeile. Zur Feier des Tages bestellte Lisa den teuersten Whisky. Sie sog an dem Glas als wollte sie das ganze Wasser von Loch Ness zuzüglich eines Seeungeheuers verschlucken.

„Ich bin mir sicher, wir finden dieses Nichtige Reich. Dort sind alle Randfiguren versammelt. Sie brauchen mich, ich muss ihnen helfen!“ Ihre Worte klangen bestimmt.

Ach ja, und wer könnte deiner Meinung nach irgendein Interesse daran haben, Randfiguren von einem unveröffentlichten Buch in ein Nichtiges Reich zu versetzen?“ Alwin hoffte, seine Frau würde nicht zu laut antworten. Ihr Gespräch war gut mitzuhören.

„Weiß ich doch nicht! Tasache ist, dass sich dieses Nichtige Reich aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo über den Wolken von Schottland befindet!“

„Na, gut, dann nehmen wir ein Kleinflugzeug und suchen dort oben…“, brummte Alwin mit gesenkter Stimme und lächelte einer elegant gekleideten Dame am Nebentisch zu. Brüskiert wandte sich diese jedoch ab.

Lisa ignorierte die Szene und meinte nur unwirsch, „Du weißt genau, wir müssen auf einen poetischen Hinweis warten, um zu wissen, wo dieses Reich ist…!“

Alwin lehte sich vor und flüsterte beinahe. „Natürlich…! Über uns hast du ja auch in deinem Buch geschrieben. Wir befinden uns aber nicht in einem Nichtigen Reich oder?“

Lisa verzog ihren Mund und antwortete todernst:„Warum wir nicht in diesem Reich sind? Nun, vielleicht waren wir einfach resistent genug, dem kinetischen Sog zu widerstehen, aber gezogen hat es in meinem Bauch auch öfters! Ich könnte allerdings nicht sagen, ob ein magischer Kreis dahinter steckt oder nicht! Aber wenn du kneifst… Wir können uns auch Sauerstofflaschen besorgen, in Unterwasserhöhlen abtauchen, bei nicht mehr als drei Meter Sichtweite nach Nessi suchen, um ihr eine Weihnachtskarte zu überreichen. Wäre das ein sinnvolleres Projekt?!“

„Nein, denn es ist Anfang August… Lisa, schrei bitte nicht so! Vielleicht solltest du den Whisky doch nicht austrinken!“ Alwin blickte nervös um sich.

„Wieso, es verstärkt mein pantheistisches Erbe. Obwohl ich zugeben muss, noch nie ein so wunderbares Wesen wie Jesus kennen gelernt zu haben…!“

Die Krokodilledertasche mit Dame am Nachbartisch stierte zu ihnen herüber.

„Ja, Sie haben richtig gehört! Ich habe noch nie ein so wunderbares Wesen wie Jesus kennen gelernt. Sie etwa?“

Das angesprochene elegante Gegenüber wandte sich voll Ennui dem herbei gewunkenen Kellner zu. Lisa hatte ihre Frage aber durchaus ernst gemeint und hätte sich über eine ehrliche Antwort gefreut. Mit eisiger Miene richtete die Dame ein paar Worte an den Kellner.

Als dieser vor Alwin und Lisa erschien, schenkte er ihnen einen übertrieben freundlichen Blick. „Sie haben nach der Rechnung verlangt?“

„Also, das ist ein Service! Ich wusste gar nicht, dass hier die Wünsche der Gäste bereits fünf Minuten im Voraus erahnt werden!“ Lisa schenkte dem Pinguin in seinem Frack ebenfalls einen überaus freundlichen Blick und dessen Lächeln gefror zu Polareis. Alwin bezahlte rasch. In solchen Situationen konnte es leicht vorkommen, dass Lisa, überfallen von jäher Verzweiflung über die menschliche Spezies, in wochenlang anhaltende Schwermut versinken konnte. Nachdem sie das Pub verlassen hatten, hängte sie sich bei ihrem Mann ein. Schweigend bummelten sie durch die Straßen, da noch etwas Zeit war, bevor der Zug abfuhr. Aus den Auslagen der Geschäfte drängte sich ihnen alles Glück der Welt in schrillen Farben auf. Lisa war froh, als sie in etwas abgelegenere Straßen kamen.

„Lass uns doch diese Treppe hier hoch gehen!“

Die Köpfe zweier langohriger Katzen waren auf den Steinboden vor der ersten Treppe gemalt. Lisa schüttlelte energisch den Kopf. „Nein, das ist kein poetischer Hinweis!“

Trotzdem stiegen die beiden den schmalen Aufgang hoch. Oben angekommen, empfing sie ein wunderbarer Blick über Glasgow. Ziegeldächer und Hausfassaden glänzten trotz des bewölkten Himmels in protzigem Rot, höhere Häuser, Türme und Kirchturmspitzen streckten sich vereinzelt aus dem Dächermeer.

„Alwin, wir Menschen wissen so wenig…“, sagte Lisa unvermittelt und sah ihrem Mann in die Augen.

„Das ist mir klar seit ich dich kenne…“

Kapitel 8 Zu heiß für viel PS

Wie immer herrschte rege Betriebsamkeit. Jeder der Angestellten wusste, was er zu tun hatte. So auch Walter. Am liebsten drückte er in seiner Vorstellung die rechte Schulter Roys zu Boden – nein, nicht nur zu Boden, sondern noch tiefer: hinunter zu den Zawosars. Doch Roy, der schräg vor ihm am Computer arbeitete, schien nichts davon zu bemerken.

„Hast du die Position der SEPEs, die über die Grenze geflogen ist, schon registriert?“, hörte Walter die Stimme seines Kollegen.

„Natürlich!“, antwortete er, ohne sich umzublicken, denn er hatte nur einen Blick für Roys Schulter.

„Okay, dann setzen wir die PS auf die noch ausständigen SEPE an!“

„Natürlich!“

Eine Stunde später hörte Walter den Kollegen hinter sich fluchen.

„Verdammt, die PS sind nicht südseetauglich!“

Lerry, Kat und Maracella wanderten nachdenklich am Strand entlang. Wenn sie nur wenigstens, wie ganz normale Menschen, Alwin und Lisa anrufen hätten können!

„Was ist denn das?“, rief Kat plötzlich. Nach einer Sekunde allgemeinen Unbehagens gingen die drei vorsichtig weiter.

„Vielleicht ein toter Hai?“, meinte Lerry unsicher.

„Ist der Hai überhaupt tot?“, fragte Maracella ängstlich.

„Das Ding ist weder tot noch ein Hai!“, resümierte Kat als sie näherkamen. „Es wird von der Brandung bewegt – schaut eher aus wie ein Teil von einem Schiffswrack, vielleicht eine eiserne Tür!“

„Oder wie ein ausrangierter Roboter!“. Lerrys Stimme klang aufgeregt, als er mit Kat das schwarze Metallstück aus den Wellen zog.

„Schon wieder etwas Geheimnisvolles!“, rief Maracella voller Erwartung. „Ob das auch etwas mit der Botschaft auf dem Korken zu tun hat?“

Kat und Lerry bezweifelten es. Am nächsten Tag fanden sie noch mehr Metallstücke.

Kapitel 9 Ein netter Reisegefährte

Alwin blickte über die große Stadt. Eine Haarsträhne wehte ihm fast in die Augen. Aus der Ferne klang der Ruf einer Möwe, weiter unten auf einer Bank begann jemand Gitarre zu spielen. Ein Fünfjähriger heulte, während ein Geier etwas außerhalb der Stadt nicht mehr daran glaubte, einen Auftrag zu haben und sich ausgehungert auf einen toten Maulwurf stürzte. Ein Südseemädchen wurde von einer Robbe gerettet, als sie von Haien umgeben alleine in einem Boot saß. Dies ist aber nun wirklich eine andere Erzählung. Dass ein wirklicher Schotte jedoch einer österreichischen, anglophilen Touristin freundlicherweise den Weg zur Saussagehallstreet erklärte, in welcher über einer schwarzgelben Tür die Vorderfront eines kleinen Vehikels montiert ist, ist aber Wahrheit und nichts als Wahrheit, über die der Wind seine tausend Geschichten bläst und sich in einem Kuss verliert.

„Komm, es ist Zeit, wir müssen zum Bahnhof!“

Alwin und Lisa gingen die Treppe hinab, durchquerten die Straßen Glasgows und erreichten zu Fuß den zentrumsnahe gelegenen Bahnhof, von dem aus die Züge Richtung Norden abfuhren.

Lisa wäre gerne länger in Glasgow geblieben, da zwischen den Pflastersteinen und jenseits der Sprache merkantiler Geschäftigkeit auch noch die Sprache der Tiere, der Fabelwesen, der Pflanzen und der Hausgeister aus dem Boden wuchs, wenn man genau hinhörte – zumindest für ihre Ohren. Sie meinte, auch die Figur eines steinernen Gelehrten aus dem fünfzehnten Jahrhundert hätte ihr etwas zugeflüstert, aber für einen poetischen Hinweis, das Nichtige Reich betreffend, reichte diese Ahnung nicht aus. Sie verabschiedete sich leise von der Stadt, vor allem von all jenen ihrer Bewohner, die nicht zur Gattung der Menschen gehörten. Dann betrat sie mit Alwin die Bahnhofshalle.

Bald darauf hatten sie den richtigen Zug gefunden und setzten sich in ein leeres Abteil. Lisa beobachtete die vielen Menschen am Bahnsteig und sah dem geschäftigen Treiben nachdenklich zu. Als der Zug langsam aus der überdachten Vorhalle ratterte, waren sie noch immer alleine im Abteil. Vorstadtsiedlungen zogen an ihnen vorbei, bald schon sahen sie das Meer. Die Stadt wurde kleiner, je weiter sie nach Norden fuhren, die Besiedelung spärlicher. Zwischen ungezähmten Heidelandschaften tauchten vereinzelt Tümpel auf sowie kleine Hügel, während sich auf der anderen Seite das Meer mit seinen Armen in die Landschaft streckte. Lisa lehnte sich zurück und begann mit offenen Augen zu träumen. Auch Alwin sah schweigend aus dem Fenster. Wolken rissen auf, Sonnenstrahlen erhellten die Wiesen, und das Spiel von Licht und Schatten zeichnete große Flecken in sich verändernden Mustern auf die Graslandschaft. Der starke Küstenwind schuf immer wieder neue Farbformationen, während die Umrisse im Zugabteil länger wurden. Wenn die Hügelketten den Blick zum Meer abschnitten, verschwand der Horizont öfters aus ihrer Sicht.

Alwin knipste schließlich das Licht an und zog eine Zeitung aus seiner Gepäckstasche. Der Zug wurde plötzlich langsamer und hielt. „Fort William“ stand mit großen Buchstaben auf der Tafel neben den Gleisen.

„Das ist übrigens der nächste Halt für den Aufstieg auf den Ben Nevis, hast du Lust?“ Da Lisa wusste, dass Alwin nur äußerst widerwärtig etwas erklomm, das höher war als er selbst, egal ob es sich dabei um einen Fenstersims oder einen Berg handelte, grinste sie ihren Mann an. Alwin hatte nämlich schreckliche Höhenangst.

„Ich sagte, ich geh mit dir wandern, wenn die Steigung nicht mehr als drei Prozent beträgt.“ Er hob den Blick nicht von der Zeitung.

Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Lisa griff in ihre Handtasche und holte ein Buch hervor. Dabei fiel ihr Blick auf den Mann, der an ihrer Abteiltür stand. Er starrte sie einen Moment lang durch das Fensterglas an, lächelte jedoch sofort und zog die Tür auf.

„Einen schönen Abend, ist hier vielleicht noch ein Platz frei?“ Der Mitreisende war vornehmen gekleidet, herbes Parfüm begann das Abteil zu durchströmen. Er setzte sich Alwin gegenüber und stellte seine Aktentasche auf den leeren Platz am Fenster. „Entschudigen Sie, Sir.“ Alwin stieß unbeabsichtigter Weise an den Schuh des jüngeren Mannes und ärgerte sich darüber, dass er kaum eine Möglichkeit hatte, nicht daran zu stoßen. Lisa und die Aktentasche hingegen hatten kein Platzproblem.

„Kein Problem, Sir!“, meinte der Fremde und lächelte. Er packte keinen Laptop aus und schlug auch nicht die „Financial Times“ auf, sondern blickte seine Mitreisenden ostentativ neugierig an. Lisa begann in ihrem Buch zu blättern, als suchte sie eine bestimmte Seite.

„Dorin Gray sieht in sein Spiegelbild“, schoss es Lisa durch den Kopf.

Doch bevor sie über diesen Satz nachdenken konnte, meinte der Fremde: „Sie machen eine kleine Urlaubsreise? Eine wunderbare Landschaft hier. Sehr erfreut, Sie kennen zulernen!“

„Ja, wir machen eine Reise“, antwortete Alwin ohne von der Zeitung aufzusehen. Um nicht zu unhöflich zu wirken, ließ er kurz darauf den „Guardian“ sinken und fügte eine kleine Spur freundlicher hinzu: „Und Sie sind vermutlich… geschäftlich unterwegs?“

„Geschäftlich? Ach, nein, da bin ich Zeit derzeit meist in Übersee. Ich bin hier geboren und habe ein Anwesen geerbt. Es war natürlich schwierig, meine Firma in den USA gerade in dieser Phase alleine zulassen. Wir sind nämlich gerade dabei, unsere Angebote enorm zu erweitern. Aber da wir ja in einem Zeitalter universaler Vernetzung leben, ist die Welt ein… enger Ort geworden. Finden Sie nicht, Sir?“

Alwins Mund zuckte, dann lächelte er ebenfalls und sah zum Fenster hinaus.

Plötzlich stoppte der Zug.

„Was ist los? Hier ist doch gar keine Haltestelle!“ Im Dämmerlicht versuchte Lisa draußen etwas zu erkennen.

„Nein, Miss, das ist eine Brücke. Und da unten ist das Glenfinnan Monument mit der Statue von Bonnie Prince Charlie. Er hisste im Jahr 1745 an dieser Stelle das Banner der Stuarts und damit begann das Sterben von vielen Männern, eine unglückselige Geschichte…“

„Das ist aber wohl nicht der Grund, warum der Zug stehenbleibt!“ Lisas Stimme klang seltsam gereizt. Sie konnte es einen Moment nicht verhindern, länger in die tiefblauen Augen des Fremden zu schauen. Inzwischen verkündete ein Lautsprecher, dass an dieser Stelle der Zugstrecke Außenaufnahmen für eine Hollywoodverfimung gedreht worden waren.

Lisa sah in ihr Buch und Alwin in die Zeitung.

„Haben Sie nichts davon gehört?!“

“Nein“, erwiderte Alwin, nahm umständlich seine Zeitung auseinander und legte sie genauso umständlich wieder zusammen.

„Eine wunderbare Geschäftsidee, diese Serie soll mittlerweile auch in der britischen Außenhandelsbilanz aufscheinen!“, fuhr ihr Gegenüber fort.

„Was bei der britischen Außenhandelsbilanz nicht allzu schwierig ist“, brummte Alwin genervt und versuchte sich wieder in den „Guardian“ zu vertiefen.

Lisa hingegen war zu angepannt, um den Wortwechsel witzig zu finden. Unwirsch meinte sie: „Natürlich! Es gibt für Schriftsteller nichts Wichtigeres als die nationale Wettbewerbsfähigkeit ihres Landes zu steigern…“

„Aber…, nein, so habe ich das gar nicht gemeint, Miss… Sehen Sie, ich habe Wirtschaft studiert und leite jetzt eines der erfolgreichsten Mobilfunkunternehmen in Massachusetts und betrachte die Welt somit… aus etwas anderen Augen… Mac Futuroy, wenn ich mich übrigens vorstellen darf.“

Lisa sah abrupt aus dem Fenster.

Während sich der Zug wieder in Bewegung setzte, hörte sie ihren Mann langsam sagen, „Ihr Name klingt asiatisch, Sie sehen aber nicht danach aus!“

Lisa biss sich auf die Lippen, doch das bemerkte niemand.

„Ja, ich…“ Abrupt brach der jüngere Mann seinen Satz ab, um nach einer kurzen Pause leise hinzuzufügen, „das ist reiner Zufall… Ich hoffe, Sie werden eine angenehme Zeit in Schottland verbringen!“

Lisa sah von Alwin auf den Fremden, dann meinte sie äußerst liebenswürdig: „Dasselbe wünschen wir Ihnen auch!“ Eine Zeit lang blieb es im Abteil still. Lisa konzentrierte sich auf den Text ihres Buches, während Alwin immer wieder aus dem Fenster zu sehen versuchte und nichts anderes sah als den Fremden, der sich im Fensterglas spiegelte.

„Sie lesen gerne, Miss?“

„Genau, und das würde ich jetzt auch verdammt gerne tun!“, dachte Lisa. Sie wünschte sich, der Zug würde bald wieder halten und der Mitreisende aussteigen. Irritiert sah sie von ihrem Buch auf. Ihr Lächeln glich einem Hochseilkünstler, der registrierte, dass das Seil immer länger und dünner wurde, auf dem er tanzte. Der Fremde blickte zum Fenster, wo ihn Alwins Blick traf. Ein paar Minuten schwiegen alle, die Stimmung war angesapnnt, Lisa hätte am liebsten in ihr Buch gebissen.

„Wir kommen bald in Mallaig an“, sagte Alwin schließlich, bloß um irgendetwas zu sagen.

„Ja, und ich steige eine Station früher aus. Aber wenn es ihr Zeitplan zulässt, besuchen Sie mich doch einmal auf meinem Anwesen!“ Alwin hob die Augenbrauen und Lisa sah eine Spur zu schnell auf. Der Fremde genoss es sichtlich, seine Mitreisenden in Erstaunen zu versetzen und legte lächelnd seine Visitenkarte auf das Amaturenbrett des Wagonfensters.

„Ich hoffe, Sie haben sich durch meine Anwesenheit in keiner Weise belästigt gefühlt. Ich weiß, ich habe nichts mehr von der britischen Reserviertheit an mir, die man uns gemeinhin zuschreibt, dafür habe ich schon zulange in Amerika gelebt. Ich bitte Sie, meine Geste nicht als Höflichkeitsfloskel abzutun. Es würde mich wirklich freuen, Sie in meinem Haus als Gäste begrüßen zu dürfen! Wie ich heraushören konnte, darf ich Sie ja in gewissem Sinn als Landsleute betrachten. Danke für Ihre kurzweilige Präsenz, ich wünsche Ihnen noch eine angenehme Reise.“ Mit diesen Worten erhib sich der Fremde. „Ach, und, ich hätte es beinahe vergessen…“ Er öffnete seine Aktentasche und nahm ein Mobiltelefon heraus. „Zur Zeit entwickeln wir ein Gerät, das bereits 46 verschiedene audiovisionelle Zusatzfunktionen beinhaltet…! Tja, unser Mobiltelefon kann schon einiges… und noch viel mehr...!“ Beflissen legte er das Telefon neben seine Karte. „Ein kleines Werbegeschenk, sozusagen. Ich wünsche Ihnen noch alles Gute!“

Lisa versuchte abermals zu lächeln und es gelang ihr sogar etwas. Ein Hochseilkünstler erblickte das Ende der Seilstrecke. Als der Fremde die Abteiltür hinter sich geschlossen hatte, schüttelte sie den Kopf.

Alwin lachte laut auf und nahm die Karte in die Hand. „Mister Mac Futuroy, Director of ‚Mobiles Word Wide’, Frebur Elm, Massachusets, USA.“ Darunter stand eine Telefonnummer. Lächelnd steckte er die Karte ein, griff nach dem Telefon und schaltete es ein. „Na, wunderbar!“

„Alwin, bitte lass es da!“

„Wieso? So ein Handy kann man immer brauchen, sogar mit Internetzugang, nicht schlecht.“

„Du weißt doch, mir gehen diese Dinger schrecklich auf die Nerven und ich lege keinen Wert darauf, ein Andenken an diesen netten Zeitgenossen mit uns herumzutragen! Bitte!“

„Lisa, ich weiß, du bist…“

„Alwin, lass es liegen!“

„Und wenn Bruce Springsteen mit uns gefahren wäre? Hättest du es von ihm angenommen?“ Grinsend warf er das Telefon auf den Sitz gegenüber.

„Bruce Springsteen hat es nicht nötig, Mobiltelefone zu verschenken!“

Alwin lachte noch ziemlich oft an diesem Abend. Es dauerte nicht mehr lange, bis sie Mallaig erreichten, wo sie sich in einem Hotel ein Zimmer nahmen.

Noch am selben Abend fuhr der Zug nach Glasgow zurück, um am nächsten Tag pünktlich zur Generalüberholung bei Whisley und Co, zwischen Containerhallen, etwas außerhalb Glasgows, bereit zu sein. Doch es war seine letzte Fahrt. Er stand auf dem Abstellgleis, als ein Mobiltelefon klingelte. Es klingelte einmal. Es klingelte zweimal. Es klingelte dreimal…

Die Anrainer rundherum weckte eine ohrenbetäubende Detonation, dichte Rauchwolken erhoben sich über die Containerhallen.

10 Kapitel Die Grenze schreitet voran

Eulalia und Lord Waxmore bildeten die Vorhut. Die Amerikanerin war wieder zu Kräften gekommen, überzeugt davon, doch noch nicht im Jenseits gelandet zu sein. Obwohl die Nebel an Dichte nichts zu wünschen übrig ließen, kam die Gruppe gut vorwärts. Hinter dem Kapuzenmann und den beiden Jugendlichen bildete Jim, der die amerikanische Nationalhymne in allen Vierteltonlagen sang, zusammen mit dem blinden Vampir die Nachhut. „Wann gehen denn endlich seine Alkoholreserven zu Ende?“, jammerte Pat.

„Leider nie, solange wir im Nichtigen Reich sind!“, antwortete Elester, während er mit den Metallspitzen gegen einen herabhängenden Ast schlug.

„Hier bleibt alles so, wie es war, als wir am ersten Tag in diese Welt geschleudert wurden: es gibt keine wesentliche Veränderung. Habt ihr euch nicht gefragt, warum eure Kleider nicht schmutzig und zerfetzt werden?“

„Aber essen und trinken müssen wir!“, stellte Penny Lo fest.

„Ja, das schon, aber sonst bleibt immer alles gleich!“

Irgendwann würde man hier wahrscheinlich vor Langeweile sterben!“, sinnierte das Mädchen weiter, während Draculetta tief schlafend über ihrem Schulterblatt baumelte, die Krallen im Mantel festgehakt.

„Was passiert mit den Tieren, die wir essen, und dem Wasser, das wir trinken, wenn hier alles gleich bleibt?“, wollte Pat wissen, der gerne länger über ein Problem nachdachte.

„Sie reproduzieren sich, als wäre nichts gewesen“, gab Elester zur Antwort.

„Das heißt, es gibt hier auch keinen Tod?“, wandte Penny Lo ein. Eulalia hielt mitten in ihren Ausführungen inne. Lord Waxmore musste leider darauf verzichten, schnell etwas über den Vorteil von Flachbildschirmen gegenüber herkömmlichen Fernsehgeräten zu erfahren.

„Wir können hier also nicht sterben…?“, fragte die einzig normale Erwachsene nach und fügte schnell hinzu, „aber wir lösen uns doch auf, wenn wir mehr als sieben Stunden an einem Ort verweilen. Das ist doch unlogisch!“

„Nun, auflösen schon, aber dann würden wir als Partikel herumschwirren. Stelle ich mir nicht gerade lustig vor! Tatsache ist, dass wir in dieser Welt keine Verbindung zu den Menschen und zu anderen Wesen haben. Niemand weiß etwas von uns, wir haben keinen Kontakt zur Erde, auf der Pflanzen wachsen und verblühen, hier ist alles so unveränderlich wie in einer Konservendose! In gewisser Hinsicht können wir also nicht sterben. Aber, wie gesagt, leben können wir hier auch nicht! Und irgendwann würden wir in Nichtigkeit vergehen.“

„Aber, Mister Claw...!“, nuschelte Merlot, „dann könnte ich ja alle aussaugen, und sie würden sich wieder regenerieren. Das würde mir die ewige Jagd in der Nacht ersparen!“

„Sie vergessen, lieber Vampir, es würde uns Schmerz bereiten, und Schmerz ist hier nur zu gut zu spüren, da diese Welt in ihrer Eintönigkeit selbst schon fast als schmerzlich bezeichnet werden kann!“, entgegnete Lord Waxmore und war froh, einen Moment lang eine andere Stimme als die von Eulalia zu hören. Die Sicht betrug nur noch ein paar Meter, die Nebel schienen sie einzukreisen.

„Ach, ich finde es hier gar nicht so unbequem, außer dass wir keine Unterkunft haben. Ich meine, so ein kleines grünes Waldhäuschen vielleicht, das sich nicht sofort auflöst, mit einem netten Garten und einem sehr süßen Gartenzwerg, ich liebe Gartenzwerge. Gut, das Klima ist nicht so besonders und ich vermisse ‚Das Liebesnest von Charlie und Ann’ am Dienstag Nachmittag um halb drei, aber man könnte doch… Aua!!“ Eulalia hatte sich während ihren Mitteilungen zu Elester und den Jugendlichen umgedreht. Da auch Lord Waxmore nicht geradeaus, sondern auf den Moosboden geschaut hatte, hatte die Vorhut den Metallmasten nicht gesehen, gegen den Eulalia soeben gerannt war.

„Die Grenze…, sie kommt näher!“, flüsterte Elester beinahe andächtig. Alle starrten den Pfosten hoch, der vom Waldboden aufragte.

„Ahhhh! Wie nah ist denn diese Grenze?“, fragte Eulalia entsetzt. Grenzen waren für sie seit jeher etwas Unbequemes mit all dem Fremden, das dahinter lauern mochte.

„Das weiß nur die Grenze selbst. Sie entscheidet, wann sie sich ganz offenbart. Aber eines ist gewiss: wir müssen achtsam sein!“

„Achtsam, wieso?“, fragte Pat unruhig.

„Je näher die Grenze kommt, desto näher rückt der Sumpf der Banalen Belanglosigkeiten. Das ist die Grenze des Nichtigen Reiches auf unserer Seite. Wenn wir nicht genau überlegen, was wir sagen, dann reden wir, je näher wir dem Sumpf kommen, nur noch Stumpfsinn!“ Der Kapuzenmann fixierte Eulalia, als wollte er sie aufspießen. Einen Moment lang schwiegen alle.

„Und was ist das hier? Ein Grenzpfosten?“ Penny Lo deutete auf den Masten.

Elester zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht…“

Hinter den Sprechenden schnüffelte jemand. Die einzig normale Erwachsene, Lord Waxmore, Elester, die Jugendlichen sowie Sucky drehten sich jäh um.

Der Vampir hatte seine Nase in die Luft gestreckt, saugte die Waldluft ein und witterte. „Irgendetwas bewegt sich auf uns zu, ich rieche es! Etwas Lebendiges…, etwas, das Blut in seinem Köper hat!“, flüsterte Merlot, während Fischa mit großen Augen in den Dunsthimmel über ihnen starrte.

Plötzlich stach ein kleiner Vogel aus der Nebeldecke und landete. Merlot wollte sich schon auf ihn stürzen, doch plötzlich stockte er.

„Posi!“, rief Penny Lo.

„Mist!”, fluchte der Vampir.

Ein völlig atemloser Spatz saß mit hängenden Flügeln im weichen Moos. „Hab’ ich euch endlich erreicht!“, keuchte er.

Penny Lo kniete sich zu Posi und hob ihn behutsam auf. Die Brust des kleinen Vogels hob und senkte sich hastig. Es dauerte eine Weile, bis er sich in der Wärme von Penny Los Händen etwas erholte. Jeder bombardierte ihn natürlich sofort mit Fragen: wie es der restlichen Gruppe gehe und so fort.

„Chaos... komplettes Chaos!“, piepste Posi, nach Atem ringend. „Die Gruppe gibt es nicht mehr, sie hat sich aufgelöst…“

„Was? Heißt das, es sind alle verschwunden?“, fragte Pat erschrocken.

„Nein, nein, die einzelnen gibt es schon noch, aber sie gehen nicht mehr gemeinsam. Professor Draciterius und Dr. Sanguinis Anatomis haben sich nur noch gezankt! Wir haben den Ort nicht mehr gefunden an dem wir hier im Nichtigen Reich gelandet sind, und bald hat sich jeder mit jedem gestritten. Jetzt irren die meisten alleine durch die Wälder!“

„Oh Gott, das heißt, sie sind verloren! Da sie wohl kaum die Grenze erreichen wollen, werden sie ewig so wandern. Wie entsetzlich!“

Elester blickte auf. Diese Kombinationsgabe in der Nähe des Sumpfes der Banalen Belanglosigkeiten hatte er von Eulalia nicht erwartet. Aber offensichtlich handelte es sich hierbei um eine paradoxe Reaktion.

„Und Bel Raven?“, fragte Penny Lo den kleinen Spatz.

„Ach, Bel, die kennt ja die Geschichte. Sie hat einfach ein Lied gesungen, gelächelt und ist ihres Wegs gegangen, nachdem sie mir den Tipp gegeben hat, euch zu suchen!“ Der Spatz lugte nun keck unter Penny Los Handflächen hervor.

„Und jetzt willst du mit uns zur Grenze?“, fragte Elester ernst.

„Nun ja, ich könnte die Grenze überfliegen und jemandem eine Botschaft überbringen! Ich bin ja ein BMS-Spatz, ein: Bird-Message-Service-Spatz!“

„ Hmm… das wusste ich allerdings nicht. Wo ist denn Geier Willy?“, fragte Elester dann unvermittelt.

„Ach, der ist sicher schon drüben. Wir Vögel können ja die Grenze überfliegen. Er meinte, er hätte einen Auftrag, wusste aber nicht welchen. Flog einfach so los!“

„Das heißt, der Geier hat vielleicht schon den Sumpf, die Mauer… Aber vielleicht hat ihn ja auch das Monster verschluckt!“, rief Pat.

„Aber woher! Wir Tiere sind unempfindlich gegenüber der unendlichen Gier. So etwas kennen nur die Menschen!“ Posi zuckte entschuldigend mit den Flügeln.

„Lasst uns doch erst einmal rasten!“, schlug Penny Lo vor, und alle setzten sich auf den weichen Boden. Doch schon bald überkam sie eine seltsame Unruhe.

„Ich weiß nicht warum, aber ich fühle mich hier nicht wohl!“ Pat starrte den Masten empor.

„Vielleicht sollten wir lieber doch wieder unserer Füße in die Hände nehmen und unseren Schritten Folge leisten!“ Lord Waxmore strich seine glatten Haare im Mittelscheitel zurecht, während er sich erhob. Auch die anderen waren bereit weiterzugehen, da alle ein seltsames Gefühl beschlich. Keiner konnte genau sagen wieso, doch es war ihnen unwohl an diesem Ort. Also brachen sie auf.

Nach längerem Schweigen riss Elester die anderen aus ihren Gedanken: „Eines ist klar: Ohne Hilfe von außen können wir nicht über die Grenze!“Niemand widersprach, Penny Lo und Pat Swift wirkten konfus.

„Sag, warum weißt du immer alles so genau? Wir hingegen haben nie einen blassen Schimmer!“

„Ich habe mich mit Bel Raven unterhalten, bevor sich die Gruppe getrennt hat“, gab Elester zu.

„Und dann hat sie dir alles schon im vorhinein erzählt?“

„Nein, sie hat gesagt, dass ich alles, was nötig sei, im gegebenen Moment erfahren würde! Und so ist es auch. Ich meine, ich hoffe, sie hat die Wahrheit gesagt…“, fügte der Kapuzenmann hinzu und machte kurz einen etwas erschrockenen Eindruck.

„Tja, das hoffen wir alle...!“, meinte Penny Lo und blickte verzweifelt auf Pat.

So wanderten sie und wanderten und wanderten…

„Lord Waxmore, es ist wirklich eine originelle Idee, Radieschenpüree mit Ananastortenecken zu spicken, diese dann mit einer durchsichtigen Hochglanzfolie leicht zu umwickeln, sodass sich daraus, mit dem richtigen Farbstoff blanchiert und mit Vitaminen angereichert, eine Masse Nahrungsmittelergänzungssubstanz ergibt, um diese danach zu kleinen Pastillen zu formen und sich so das aufwändige Kochen zu ersparen, schließlich zu tranchieren und Jamie Oliver als Hengsthuffrikadee in Radieschenpüree mit Ananaseckentorten zu servieren!“

„Anhalten!“, brüllte Elester plötzlich wie am Spieß.

„Oh, mein Gott, was ist das?“ Eulalia und Lord Waxmore sahen vom Boden auf und was sie vor sich sahen war – nichts. Dort, wo Waldboden zu vermuten gewesen wäre, stieg dichter Nebel auf. Es roch nach fauligem Schlamm.

„Aber zuerst war da doch Wald. Ich konnte noch Bäume sehen“, stammelte Eulalia.

„Eine Sinnestäuschung: Das Gehirn reproduziert Eindrücke, die es gespeichert hat, weil es erfahrungsgemäß plötzlich Unerwartetes nicht so schnell einordnen kann“, überlegte Pat laut.

„Du olle Tosse, kriegst auch überhaupt nichts mit!“

Wütend wendete sich Eulalia dem Kapuzenmann zu. „Wer war das, Sie etwa?!“

Der Angesprochene murmelte bloß: „Nein…, gar nichts hab ich gesagt!“

Alle stierten wieder in den Abgrund, dann meinte Elester fast feierlich: „Meine Herrschaften, die Grenze ist auf uns zugekommen!“

„Was? Das ist die Grenze? Und der ganze Wald dort vorn ist einfach… verschwunden?“, fragte Penny Lo. Draculetta wachte auf, als das Mädchen seine Schultern hochzog.

„Für die Grenze spielen Zeit und Raum keine Rolle. Sie ist da, wenn es ihr passt!“

„Ah… irgendwie hab ich Bauchweh…, und es stinkt hier immer mehr!“ Angeekelt hielt Pat sich die Nase zu.

„Ja, Leute, das ist kein angenehmer Ort. Aber wir müssen trotzdem warten, bis sich die Nebel etwas lichten.“ Elester deutete in den von milchigem Dunst verschleierten Abgrund.

Das Schlimme am Warten war nicht einmal der Gestank. Viel schlimmer war, dass jeder bald wieder ein unangenehmes Ziehen und Drücken spürte.

Plötzlich horchte Merlot auf. „Was ist das?“

Bald hörten es die anderen auch. Ein Gebrabbel und Gemurmel drang aus der Tiefe des Abgrunds. Suckys dünne Haut dehnte sich erwartungsvoll.

„Stimmen, das sind ja Stimmen von Menschen“, flüsterte Eulalia entsetzt und hielt sich die Hand vor den Mund.

„Na und… Daschchch Leben ischchch ein einzzziger Sumpf... jahhhwolll, meine Herrschaffften, ein Sumpf… Mann, tut mir mein Schchhädel weh heute!“

„Halt doch den Mund, Jim! Wir können gar nicht hören, was da unten gesprochen wird“, fauchte Pat.

„Das wäre auch nicht besonders interessant!“ Elesters Metallklinken wiesen in den Abgrund.

Die Nebel hatten sich zu lichten begonnen. Was sie nun sahen, jagte ihnen einen Schauer über den Rücken. Einen Schauer des Grauens über den Sumpf der banalen Belanglosigkeiten. Wie weit sich der Sumpf erstreckte, konnte keiner sehen, aber er schien riesig.

Gespickt von unzähligen Metallmasten zog sich grauer Schlamm, so weit der Blick reichte. Zuerst konnte man die Figuren kaum erkennen, da sie genauso grau waren wie der Sumpf. Doch als sich die Nebel weiter lichteten, schrie Eulalia: „Das sind Menschen, die ziellos durch den Sumpf waten!“

„Ja, Menschen, die dabei sind, im Sumpf ihres Gebrabbels allmählich zu versinken“, flüsterte Elester.

Alle starrten mit Entsetzen nach unten. Unzählige Menschen wateten durch den Sumpf und redeten. Die Hände waren ihnen an den Rücken gebunden und bald war zu erkennen, dass sie in ein Schnurlostelefon sprachen, das um ihren Hals hing. Mit jedem Wort, das sie brabbelten, tropfte grauer Schleim aus dem Telefon und ließ den Sumpf ansteigen. Manchen stand der Sumpfschleim schon bis zum Hals, aber sie redeten und redeten, bis ihnen der Schleim in den Mund drang. Nur noch Nasen und Augen überragten die Oberfläche der grauen Schlacke. Augenpaare lugten aus der schlammigen Masse und sahen anderen Menschen beim Versinken zu. Eulalia fiel in Ohnmacht. Selbst Sucky schien der Appetit vergangen zu sein, während Fischa von Pats Schulter zurück in den Wald gesprungen war.

„Ah, mir tut alles weh… mein Gott, diese Masten, das sind ja Mobilfunkmasten“, rief Penny Lo.

„Ja, tausende! Dieses Ziehen in unserem Körper, diese Schmerzen – das sind Auswirkungen akustischer Umweltverschmutzung!“

Sucky übergab sich und spie grauen Schleim.

„Wir müssen uns konzentrieren, noch ein paar Minuten. Wo sind die Tiere? Draculetta, Tarantilli, Posi…!“

Elester keuchte. Ein vernünftiges Wort schien ihm an diesem Ort kaum über die Lippen zu kommen. Er war der einzige, der noch nahe am Abgrund stand.

Draculetta flatterte verschlafen auf Elesters Schulter. „Mann, ist das laut hier!“

„Flieg, so schnell du kannst, über den Sumpf, aber pass auf mit den Masten…“

„Unmöglich, Elester, bei dem Lärm verlier ich die Orientierung!“

„Dann nimm Tarantilli mit. Sie wird dich durch den Mastenwald lotsen. Ihr wisst, was ihr zu tun habt! Helft Posi auf seiner Mission. Posi, es…, es ist so weit.“

„Gut, Elester, ich bin bereit!“ „Dann such …diese… Le…, diese Fr… eule! Du weißt schon, wen ich… meine…“ Elester konnte kaum mehr klar denken und brach schließlich zusammen. Pat und Penny Lo zogen ihn rasch vom Abgrund weg und torkelten zurück in den schützenden Wald. „Ach, natürlich, schon wieder diese Halbgöttin! Wäre ja nicht das erste Mal, dass ich nach ihr suche!“, piepste Posi und erhob sich in die Lüfte – gemeinsam mit einer Fledermaus, auf der eine Flohspinne saß. Da es Tag und Draculetta natürlich ganz duselig und unausgeschlafen war, übernahm Tarantilli sofort das Kommando.

Kapitel 11 Die Sonne hat ein Gesicht

Nachdem der Strand wieder sauber war, saßen Kat, Lerry und Maracella am Meer. Sie blickten hinaus auf den Horizont, zu dem Feuerball, der langsam im Meer versank.

„Es sieht ja wirklich so aus, als wenn der Himmel und das Meer eins werden, da draußen!“, sagte Maracella und dachte an ihre verbrannte Geschichte. Kat und Lerry schwiegen. Auch sie dachten nach.

„Sag, Lerry, wovon handelt unsere Geschichte eigentlich? Ich war ja die ganze Zeit hier, die Haupthandlung hab ich irgendwie nicht mitbekommen.“

„Hmm“, brummte Lerry und malte ein Ei in den Sand.

„Na, sag schon!“, drängte Kat.

„Na ja, also, es ging um… so was wie einen Göttervogel oder eine Göttin, der genaue Unterschied war mir nie wirklich klar.“

„Und?“, wollte jetzt auch Maracella wissen.

„Naja, dieser Göttervogel legte sein Ei in ein Nobelinternat, so ähnlich wie Eton, was aber vorerst niemand bemerkte.“

„Cool!“, meinte Maracella, „aber warum tat der Vogel das?“

Lerry zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß nicht. Wahrscheinlich hatte er so etwas wie einen göttlichen Auftrag. Es war allerdings ein ziemliches Chaos, denn plötzlich tauchte eine neue Lehrerin auf, angeblich ohne jede Lehrbefugnis, aber mit sehr viel ‚Know how’.“

„Und alle Figuren, die Lisa erschuf, schlüpften die… aus dem Ei?“, wollte Maracella wissen.

„Ja, so in etwa. Und die Lehrerin entpuppte sich als Halbgöttin!“

„Und? Was geschah dann?“, fragte Kat bestimmt, dem Geschichten schnell zu kompliziert werden konnten.

Doch Lerry zeigte nur auf das verglühende Rot. „Jetzt hat die Sonne ein Gesicht, könnt ihr es sehen?“ Seine Stimme klang ernst. Und wirklich, als Lerry und Maracella konzentriert auf den Horizont blickten, sahen sie, wie weit draußen Schiffe Muster in den sinkenden Feuerball zeichneten. Der Anblick war Kat Antwort genug. Bald darauf funkelten Sterne am Nachthimmel. Lange saßen die drei noch da und schwiegen.

„Glaubt ihr, dass es nur einen Gott gibt, oder glaubt ihr, es gibt viele Götter?“, durchbrach die Stimme der seit achtundreißig Jahren Achtjährigen nach geraumer Zeit die dunkle Stille.

Lerry zuckte wieder mit der Schulter, was aber niemand mehr bemerken konnte. Dann meinte er nachdenklich, „So etwas fragen sich die Menschen schon ewig, aber vielleicht ist der eine Gott in vielen Göttern enthalten und umgekehrt…“

„Glaubt ihr, dass Gott die Menschen erschaffen hat, oder dass die Menschen Gott erschaffen haben?“, bohrte Maracella weiter.

„Auch das ist eine uralte Streitfrage“, warf Kat ein. „Wie mit der Henne und dem Ei…“

„Ja, aber das ist doch auch nur ein Problem für die Menschen mit ihrer atemberaubenden Logik! Vielleicht ist es im Grunde gar kein Widerspruch“, rätselte Lerry. „Oder glaubt ihr, die Tiere oder die Pflanzen denken über so etwas nach?“

„Na ja, ich möchte eingentlich nur wissen, wer uns erschaffen hat“, meinte Maracella leise.

„Lisa natürlich!“

„Und wer ist Lisa.“

„Lisa ist eindeutig ein Mensch!“

„Und wer sind wir?“

„Romanfiguren!“

„Aber warum können wir dann hier am Strand von Hawaii sitzen ohne unsere Geschichte?“

„Tja, das ist allerdings in der Tat komisch“, antworte Lerry dem Mädchen. „Aber vielleicht sind wir mehr als wir glauben. Im Grunde sind wir ja Romanfiguren und Menschen“, fügte er ernst hinzu.

„Wahrscheinlich sind wir Romanfiguren, Menschen und Götter! Na kommt, gehen wir, mir wird schon langsam kalt!“, meinte Kat und stand auf.

Hinter den Dünen fauchte eine Hawaiieule.

Kapitel 12 Lisa weiß nicht weiter

Das erste, was Lisa hörte, war der Schrei einer Seemöwe. Verschlafen drehte sie sich auf die andere Seite. Eine Göttin zwinkerte, nachdem Lisa noch einmal ins Land der Träume gesunken und ein Vogel dort mit ihr über Wüstensand geflogen war.

Am Frühstückstisch stellte Alwin wieder einmal die Frage: „Und jetzt?“

„Wir mieten ein Boot, um an der Küste entlang zu fahren oder vielleicht auch auf eine nahe Insel!“

„Suchst du etwas Bestimmtes?“

„Nein, nur das Meer, die Landschaft und die Tiere “, meinte Lisa lächelnd.

Alwin gab sich mit dieser Antwort zufrieden. Er hatte Schlimmeres erwartet, so etwas wie: „Wir gehen schwimmen, tun so, als wären wir beheimatete Robben, und warten auf von Meerwasser überspülten Felsen auf ultimative Intuitionsergüsse!“ Insofern fand er ihren Vorschlag beruhigend, einfach und unkompliziert und freute sich auf ein paar Tage Naturerlebnis, obwohl er natürlich insgeheim mit den größten Katastrophen rechnete, so realistisch war er.

Das kleine Hotel in dem sie wohnten lag unweit von der Bootsanlegestelle. Sie gingen den Kai hinunter, es roch nach Fisch und Meertang. Mit einem gemieteten Motorboot fuhren sie dann Richtung Norden, die Küste entlang. Einige Wolken zogen auf und warfen Schatten über die Grashügel, als wollten sie wandernde Figuren erschaffen; zumindest sah das Lisa so. Für einen poetischen Hinweis genügte das Naturschauspiel jedoch leider nicht. Das Boot passierte schließlich einen Felsvorsprung, dahinter schlängelte sich der Meerarm in Landesinnere. Ein Grashügel erhob sich, nicht höher als zweihundert Meter.

„Lass uns hier hineinfahren!“, schlug Lisa Alwin vor. Sie folgten dem Wasserlauf und sahen die ersten Steine am Meeresboden. Alwin stoppte den Motor.

„Und jetzt?“

„Wir besteigen diesen Hügel!“

„Lisa?!“

„Ach, komm schon, Alwin!“

Seufzend gab er nach. Sie machten das Boot an einem Pfahl fest, schlüpften in Wellington-Boots und wateten zum Ufer. Dort stapften sie den schmalen Weg zur Hügelspitze.

Erschöpft ließ sich Alwin auf einem Stein nieder. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen sah er zu Lisa, die das offene Meer betrachtete.

„Wir könnten ja nach Lewis hinüberfahren und den Steinkreis von Callanish betreten, vielleicht stülpt sich dann ein freundliches schwarzes Loch über uns, und wenn es uns wieder ausspuckt, sind wir im Nichtigen Reich. Wir schnippen noch dreimal mit den Fingern, und landen am besten mit all deinen Romanfiguren wieder auf Hawaii, das ließe sich sicher einrichten…!“

Leise erwiderte Lisa: „Es ist so schön hier, es gibt Steine, Tiere, Pflanzen… Irgendwie helfen sie mir!“

Bevor sie wieder ins Boot stiegen, spazierten sie noch die Küste entlang. Nach einer Weile gelangten sie zu kleinen Felsblöcken, über die sie sprangen. Es tat Lisa gut, hier alleine mit Alwin zu sein, der nun gar nicht mehr murrte und diese kleine Wanderung genoss. Einzig die vielen leeren Plastikflaschen und Kanister, die angeschwemmt zwischen den Felsen liegengeblieben waren, verdüsterten ihre Stimmung.

„Alles wird von den großen Schiffen ins Meer geworfen, als wäre es eine große Müllhalde!“ Lisa stieß wütend eine leere Cola Flasche weg, die vor ihr im Kies lag. Am liebsten hätte sie diese Welt aus den Angeln gehoben, den ganzen Mist entleert und die Menschen beschworen, sich vor der Muttergöttin Gaia zu verbeugen und den Titel „Krone der Schöpfung“ ins Archiv für überholte Bezeichnungen zu verbannen, um sich als kleiner unbedeutender Teil der Schöpfung neben Braunbären und Waldameisen einzureihen.

Als ob er diesmal Lisas Gedanken erraten konnte, flüsterte Alwin leise, „Und sie dreht sich doch…!“ Lisa nahm seine Hand und so gingen sie zurück zum Boot.

„Komm, wir fahren aufs Meer hinaus!“, meinte sie zuversichtlich.

Ein nun wieder wolkenloser Himmel ließ das Wasser tiefblau schimmern, als sie Fahrt aufnahmen. Sie übernachteten auf einer Insel. Tags darauf fuhren sie weiter nach Skye, besuchten ein Schloss, stiegen nochmals auf einen Hügel, ließen das kleine Boot im Hafen und nahmen am Nachmittag eine Fähre nach Harris. Die Überfahrt verbrachte Alwin auf einer Bank am Unterdeck der Fähre liegend. Lisa hingegen saß backbord an das Außenfenster gelehnt und wünschte sich, ewig in diesem Wellenmeer zu schaukeln. Tarbert war viel zu schnell erreicht, für ihr Gefühl.

Halb krank verschlief Alwin den nächsten Tag, während Lisa all ihre Antennen ausfuhr, um irgendeinen Hinweis zu empfangen, was jetzt zu tun wäre. Doch sie konnte keinerlei Zeichen erkennen, wo sich ein Nichtiges Reich befinden könnte. Auch der darauffolgende Tag, an dem sie Lewis besuchten und in verlassenen Dörfern herumirrten, barg nicht den kleinsten poetischen Hinweis. Und das war fast ein Wunder, denn von alten Webstühlen bis mit Stroh bedeckten Steinhäusern gab es genug, was Geheimnisse zu bergen schien.

Am nächsten Morgen beim Frühstück meinte Alwin, nachdem er lange genug auf seinem Brötchen herumgekaut hatte, „Lisa, ich hab das Gefühl, dass wir so nicht recht weiterkommen!“

„Und, was solen wir deiner Meinung nach tun?“ Lisa war angespannt.

„Nun, vielleicht sollten wir mehr auf die Leute zugehen, die hier leben.“ Sie saßen in einem kleinen Raum mit einem Kamin und Schiffsbildern an den Wänden. Der Kellner kam, um nach den Wünschen zu fragen, doch Lisa schüttelte bloß den Kopf, als wollte sie dadurch auch Alwins Vorschlag ablehnen. „Welche Leute denn? Obwohl die Menschen hier alle sehr nett sind, hab ich noch niemand getroffen, bei dem ich das Gefühl…“ Eine böse Ahnung ließ sie plötzlich stocken. „Alwin, das ist doch nicht dein Ernst?“

Ihr Mann hatte die Visitenkarte aus dem Jackett gezogen und spielte damit.

„Du meinst doch nicht, dass dieser… Mac Future, oder wie er hieß, uns weiterhelfen kann?“

„Hm, wer weiß?“ Alwin sah auf die Karte, die er zwischen seinen Fingern drehte.

„Wahrscheinlich nicht, aber…“ Er sah Lisa an und fuhr dann schmunzelnd fort: „Immerhin war es das erste Mal, dass von Büchern und Filmen die Rede war – erinnerst du dich? Als der Zug in Glenfinnan stehenblieb. Von wegen poetischer Hinweis….“

„Sehr poetisch“, konterte Lisa, wich Alwins Blick aus und starrte auf seine Finger, welche die Visitenkarte umfasst hielten, als wäre sie das indizienführende Beweisstück in einem Mordprozess.

„Alwin, das war doch reiner Zufall!“

„Na, wunderbar, wir kurven hier in den Highlands herum auf der Suche nach irgendeinem Hinweis über den Aufenthaltsort von möglicherweise multifunktionalen Romanfiguren, und wenn ein völlig Fremder etwas über eine berühmte Buchverfimungen erwähnt, ist das bloßer Zufall! Auf was willst du den noch warten? Vielleicht dass der Geist der Alaster Road zu uns kommt, um uns ins Nichtige Reich zu begleiten?“ Plötzlich warf Alwin die Visitenkarte wie nach einem verlorenen Spiel auf den Tisch und winkte dem Kellner. Müdigkeit fuhr in seine Glieder.

Lisa sah ihren Mann lange an, dann sprach sie leise: „Du willst Mac Futuroy wiedersehen…“

Gereizt verdrehte Alwin die Augen. „Hör mal, wir brechen wegen deiner untrüglichen Intuition unseren Urlaub ab, verbringen tagelang in Staus oder Zügen und fahren ziellos im kühlen Schottland herum, wo wir doch eigentlich bei einem Glas Bacardi auf Hawaii sitzen könnten, um uns die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen…“ Er schob die Hände in die Hosentaschen und stierte schweigend auf die Eingangstür des Lokals. Als er den Kellner sah, bedeutete er ihm, die Rechnung zu bringen.

„Sorry, ja, aber….“

„Das ist deine Mission, die wir hier verfolgen!“, unterbrach Alwin Lisa barsch. Nach einer einer kurzen Pause stellte er sachlich fest: „Ja, ich weiß, es wäre dir lieber gewesen, wenn sich Edgar Allan Poe ins Abteil gesetzt und uns in das ‚House of Usher’ eingeladen hätte.“ Als seine Frau lächelte, wich auch aus Alwins Zügen die Spannung. Er sah so lange in Lisas haselnussbraune Augen, bis der Kellner vor ihnen stand, um die Rechnung auszuhändigen. Nachdem Alwin umständlich bezahlt hatte, wie um sich wieder in die Gegenwart einzuloggen, umschloss Lisa seine Hände.

„Vielleicht hast du Recht. Die Tatsache, dass uns ein Schotte anspricht und sogar einlädt, ihn zu besuchen, birgt gewisse…“ Lisa sah aus dem Fenster und beobachtete eine Möwe, die sich kreischend auf einem Fischkutter niederließ. „…. gewisse Möglichkeiten, unserem Ziel näher zu kommen. Zumindest scheint er sich in der Geschichte dieses Landes auszukennen!“

„Und in den Geschichten dieses Landes!“, ergänzte Alwin.

„Ja, so gesehen könnte man das Ganze als literarisches Augenzwinkern bezeichnen...“, gab Lisa schließlich zu.

„Also, wenn du mich fragst, ist es ein Wink mit dem Zaunpfahl!“

Dann schwiegen sie eine Zeit lang, jeder in seine Gedanken versunken.

„Vermisst du ihn?“, fragte Lisa plötzlich, nachdem sie die Möwe auf dem Boot beim Abflug beobachtet hatte. Sie sah plötzlich ernst aus.

„Du meinst Leonhard?“ Alwin lachte auf, dann blickte er zu Boden, ehe er seiner Frau wieder in die Augen sah. Leise, ohne Untertöne, meinte er: „Wie heißt es so schön? Menschen, die man liebt, trägt man immer in seinem Herzen mit sich.“

Lisa strich Alwin über die Schläfen und küsste ihn. „Na meinetwegen, dann statten wir diesem Mac Futuroy eben einen Besuch ab!“ Sie drückte seine Finger fester und ihr Mann erwiderte den Druck. Beide sahen aus dem Fenster.

Eine große Möwe landete auf dem Kutter. Ihre Flügel, zuerst noch ausgebreitet in der Luft schwingend um das Gleichgewicht zu bewahren, legte sie einen über den anderen und wechselte noch ein paar Mal die Stellung des Deckflügels, bis sie ihren Schnabel öffnete und einen Fischer ankreischte, der sein Boot reparierte und wahrscheinlich noch herrlich nach morgendlichem Fang duftete.

„Nein, ich werde ihn wohl auch nie vergessen, ihr beide wart meine Flügel...“

„Und jetzt kreischst du jeden an, der nach Frischfisch riecht!“, grinste Alwin.

„Aber ich bin doch keine Möwe!“, entrüstete sich Lisa und schmollte verschmitzt.

Um zu vermeiden, dass seine Frau ausführlich über die Hauptfigur ihres Romans zu erzählen begänne, meinte Alwin schnell: „Lass uns auf der Karte nachsehen, wo Mac Futuroy wohnt!“

„Wir haben nur seine Telefonnummer!“ gab Lisa etwas spitz zurück.

„Stimmt.“ Alwin befreite seine Hand aus ihrem Griff, zog sein Mobiltelefon aus der Tasche und wollte schon wählen.

„Cherie, lass das, bitte! Es gibt doch noch immer diese kleinen süßen roten Telefonzellen!“

Alwin sah schon wieder so aus, als würde er den Weihnachtsmann am Plafond hängen sehen. Lisa musste ihre Sätze nicht mehr aussprechen, er kannte sie bereits auswendig. ‚Wir wissen gar nicht, was die Strahlungen bewirken. Es gibt viel zu viele Mobilfunkmasten. Weil jeder mitmacht, muss ich nicht wie ein blindes Schaf mitrennen. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Und: Mir geht’s ohne eben besser!’ Also schob er sein Telefon gehorsam zurück in die Tasche und sah seiner Frau tief in die Augen.

„Außerdem braucht Mac Futuroy nicht sofort deine Telefonnummer zu wissen“, fügte sie bissig hinzu.

So standen sie auf, verließen das Hotel und gingen zu einer knallroten Telefonzelle, die sauber geputzt und frisch gestrichen vor dem Postamt des kleinen Ortes stand. Alwin öffnete die Türe. Ein Fauchen war zu hören, sodass er erschrocken zur Seite trat.

„Achtung, Tiger!“ Eine riesengroße gestreifte Katze sprang ins Freie.

„Entschuldigung“, murmelte Alwin, „wusste nicht, dass gerade gesprochen wird!“ Zu Lisa gewandt meinte er: „Jetzt haben wir wahrscheinlich gerade ein tierisch ernstes Gespräch unterbrochen!“

Lisa sah auf die Katze, die unter dem nächsten geparkten Auto verschwand und murmelte, „Alwin, ich glaube, wir müssen wirklich vorsichtig sein!“

„Genau! Darum sollten wir gefährliche öffentliche Anlagen meiden und lieber von meinem Mobiltelefon aus anrufen, aber bitte…“ Er überlegte kurz. „Vielleicht könnte es sich dabei ja auch um einen literarischen Hinweis handeln? Also, dann übernehme ich, wie ausgemacht, die Gesprächsführung mit Mac Futuroy und du übernimmst die mit der Katze, vielleicht versteht sie dich ja!“ Langsam schloss sich die Tür der Zelle.

Lisa ging langsam ein paar Schritte die Straße hinunter und ertappte sich bei dem Gedanken, Alwin möge den kontaktfreudigen Unternehmer gar nicht erreichen. Doch ihre Hoffnung erwies sich als nichtig.

„Schöne Grüße. Mister Futuroy wirkte erfreut, als er von uns hörte und hat uns für heute Nachmittag eingeladen.“

Eine Stunde später verließen sie tatsächlich das Hotel und machten sich zum Fährhafen von Stornoway auf den Weg.

„Von Ullapool mieten wir einen Wagen nach Inverness, Glen Affric liegt südwestlich von der Stadt. Futuroy hat mir den Weg genau beschrieben!“

Die Fahrt nach Inverness verlief ruhig und sie kamen gut voran. Lisa fiel auf, dass sie überhaupt wenig miteinander gesprochen hatten, seit sie in den Highlands angekommen waren. Je weiter sie nach Osten kamen, desto mehr Wolken brauten sich zusammen. Als sie Inverness erreicht hatten, begann es zu regnen.

„Und jetzt?“. Diesmal war es Lisa, die das fragte.

„Wir sollen uns südlich halten, die Hauptstraße Richtung Perth, und Futuroy von unterwegs aus anrufen, er würde uns lotsen!“

„Wahrscheinlich hat er einen Vertrag mit den heimischen Mobilnetzbetreibern!“, ätzte Lisa. Der Regen wurde immer heftiger. Bald krochen sie nur noch wie die immer seltener werdenden anderen Autos dahin.

„Wenn das so weitergeht, wird es Mitternacht, bis wir ankommen!“

„Wenn wir überhaupt ankommen. Was steht auf dem Schild da vorne? Ich glaube wir müssen abbiegen!“ Alwin fuhr fast schon Schrittgeschwindigkeit und betätigte den Blinker. Sie fuhren von der Hauptstraße ab und befanden sich auf einer von hohen Bäumen gesäumten Straße mit Schlaglöchern und Pfützen.

„War das jetzt schon die richtige Abzweigung? Die Straße ist eng, hinter uns fährt niemand, und es kommt uns seit fünf Minuten schon kein Auto mehr entgegen!“

„Futuroy hat den Weg so beschrieben. Aber ich sehe kaum noch etwas!“ Alwin hielt und stellte die Warnblinkanlage an.

„Du erlaubst?“ Er holte sein Telefon aus der Jacketttasche und wählte.

Grauschwarze Wolken jagten über den Himmel, die Bäume verloren ihre Blätter, als wäre es schon Herbst, und dicke Regentropfen trommelten lautstark gegen das Wagendach.

„Danke, Mister Futuroy, das ist sehr zuvorkommend von Ihnen!“ Alwin schob das Telefon wieder ein und legte seinen Arm über Lisas Sitzlehne.

„Er schickt seinen Chauffeur, er wird uns den Weg zeigen!“

„Wahrscheinlich einen einäugigen Quasimodo in schwarzer Pferdekutsche, einem langen Umhang, spitzen Zähnen und einem Sarg im Schlepptau!“, brummte Lisa.

Quasimodos Pferdekutsche war tatsächlich schwarz, hatte jedoch bedeutend mehr Pferdestärken. Der Range Rover war das einzige Auto, das ihnen in der nächsten dreiviertel Stunde begegnen sollte. Alwin startete und folgte dem schweren Geländewagen durch den nicht enden wollenden Regen.

Kapitel 13 Bedrohung im Nichtigen Reich

Eigentlich hatte er vorgehabt, die Gruppe, der nicht die Flohspinne Tarantilli angehörte, als erste zu informieren. Da man jedoch bei dieser Ansammlung kaum von einer Gruppe als solcher reden konnte, entschied er sich trotz Spinnenbissgefahr, der zweiten Interessensgemeinschaft seine Informationen zukommen zu lassen. Um so positiver überrascht war er, als er nach der Rückkehr von seinem Spionagefeldzug keine Flohspinne mehr sichten konnte.

„16 Uhr 42 Minuten 25 Sekunden, wir haben also noch genau 3 Stunden 17 Minuten und 35 Sekunden Zeit zu rasten!“ Elester, Merlot und Jim schliefen, während Eulalia alle zwei Minuten auf ihre Swatch blickte, um ja nicht die Zeit zu übersehen und sich vorzeitig aufzulösen. Sucky lag zu ihren Füßen. Er liebte seine neue Freundin sehr, da er durch sie für alle Zukunft von Hungersnöten befreit schien. Und da Eulalia es liebte, geliebt zu werden, hatte sie sich mit Sucky arrangiert.

„Autsch!“ Penny Lo kratzte sich am Hals. Kurz darauf begann es sie auch an den Armen heftig zu jucken.

„Was ist denn los?“ Pat richtete sich auf.

„Ha, nichtige Insekten! Warum jucken die denn?“ Eulalia war aufgesprungen und kratzte sich schon prophylaktisch.

„Nun, wir werden ja auch von den Pflanzen und Tieren dieses Waldes satt. Warum sollten Föhe dann nicht von uns satt werden“, bemerkte Pat verschlafen, riss eine nichtige Waldbeere von einem Strauch und frühstückte.

„Ja, juckt wohl wie ein Flohbiss!“ Eulalia sah aus, als hätte sie Seife im Mund.

„Ich bin kein nichtiges Insekt, du olle Trosse!“

„Wie bitte? Was hast du zu mir gesagt?“, fragte Eulalia verunsichert.

„Ich? Nichts“, antwortete Penny Lo.

„Olle Trosse!“

„He, was soll das?!“

„Aber, ich hab wirklich nichts gesagt, Miss Birdwitch!“

„Doofe, doofe, olle Trosse!“

„Ich verbitte mir das! Also DU hast mich die ganze Zeit genervt!“ Wütend, gereizt und überspannt von den für einen amerikanischen Mittelstandsgeist apokalyptischen Erfahrungen der letzten Tage ging Eulalia mit erhobenem Zeigefinger auf Penny Lo zu. „Ich höre doch nicht schon Stimmen! Lass diese Scherze!“

„Miss Birdwitch, ich hab es auch gehört, aber das ist nicht Penny Lo“, mischte sich Pat ein.

„Ihr verwöhntes verzogenes Pack, euch werd ich die Leviten lesen“, ertönte das Stimmchen aufs Neue.

Mit verblüfftem Gesicht kratzte sich Eulalia ratlos und langsam am Kinn.

„Haha, bin ich nicht gut?! Meine Verehrung, die Herrschaften, darf ich mich vorstellen? Ich bin Filbus, der Eulenfloh:

Stets zur Hand,

wie jeder weiß,

tropft aus mir nicht kalter Schweiß?

Wenn ich mich zum Feinde wage,

Um zu spionieren, alle Tage!

Bin der Beste wohl in meinem Fach,

da sagt jeder Feind: Ach, ach!!

Geschwind bring Informationen ich,

doch lass dich dann im Stich!

Denn niemand kann mir ganz vertrauen,

doch dafür Mauern gegen Feinde bauen!

Grüß Euch Gott,

Ihr lieben Leut,

jetzt ist Filbus Flöhe Zeit!

„Ahhh! Ich hasse Flöhe!“ Sucky frühstückte, rülpste jedoch irritiert, da Eulalia fast auf ihm ausgerutscht wäre.

„Olle Tante, du hast keinen guten Geschmack!“, sprach das helle Stimmchen von Eulalias Kinn.

„Wass’n llos?! Ruhe, es ischh noch Middernacht!“ Jim drehte sich auf die andere Seite und schlief sofort wieder ein, während sich Elester kerzengerade aufrichtete. Er klappte seine Metallspitzen aneinander.

„Ich höre eine fremde Stimme!“

„Und ich rieche sie!“ Merlots Nasenlöcher blähten sich. Umständlich schob Elster seine Kapuze aus der Stirn und sah sich um.

„Wer da? Wer ist zu uns gestoßen?“

„Haha, ich war immer wieder mal unter euch, und ihr habt mich nicht bemerkt!“

„Ein Floh! Ein hinterlistiger Floh!“, jappte Eulalia. „Und ich dachte, IHR würdet immer diese gemeinen Sachen sagen, entschuldigt bitte! “ Die einzig normale Erwachsene versuchte, Elester und die anderen anzulächeln.

„Wo bist du, Floh? Gib dich zu erkennen“, murrte Elester übel gelaunt.

„Wer kann schon einen Floh erkennen? Bin einmal hier und einmal dort, sage allen ein richt’ges Wort. Frag nie nach dem Ziel der Reise, für Informationen kenn ich Preise.“

„Ja, ja, ist schon gut, dann bleib halt unsichtbar. Aber was willst du eigentlich, und woher kommst du?“, unterbrach Penny Lo das Lautgedicht des vorlauten Insekts.

„Woher ich komm? Nun höre zu, bin auch gefangen im Nichtigen Reich wie du, mit euch bin ich gereist und…“ Da der Floh zu müde war, weiter in Reimen zu reden, sprach er endlich Klartext. „Ihr müsst wissen, ich bin nur so gut in meinem Beruf, weil ich Workaholic bin. Als die große Gruppe sich gespalten hat, hab ich mal die eine, mal die andere Gruppe ausspioniert! Natürlich wissen die anderen jetzt bereits, dass ihr an der Grenze gewesen seid, und ich hab ihnen noch Weiteres erzählt. Zugegeben, ein bisschen geflunkert habe ich schon, aber immerhin, damit es euch nicht langweilig im Nichtigen Reich wird, hab ich es geschafft.“ Filbus schwieg plötzlich geheimnisvoll.

„Was hast du geschafft?“, fragten Pat, Penny Lo und Elester fast gleichzeitig zu Eulalia gewandt, die sich unentwegt kratzte.

„Ich habe es geschafft, dass Professor Draciterius und Dr. Sanguinis Anatomis sich wieder vertragen!“

„Gratuliere, und wie?“

„Tja, wie immer im Leben gibt es irgendwo einen Haken…“

„Na, sag schon!“, drängte Eulalia und hoffte, je früher alles zu Sprache käme, desto eher würde der Floh wieder verschwinden.

„Das kostet, liebe Leute, das kostet! Aber ich kann euch versichern, es ist für euch von lebenswichtiger Bedeutung; wenn nicht, könnt ihr den Preis für die Information wieder zurückerhalten!“

Drei Minuten später war das Geschäft besiegelt, nachdem als Verhandlungsbedingung ein Beißverbot verhängt worden war. Rasch kam der Floh zum Thema.

„Also, Professor Draciterius und Dr. Sanguinis Anatomis vertragen sich wieder. Aber, wie ich schon sagte, alles hat seine Schattenseite. Die beiden haben sich deshalb verbündet, weil sie glauben, einen großen gemeinsamen Feind zu haben.“

„Ach ja, und wer ist der Feind?“, knurrte Elester.

„Tja, wie gesagt…“

„Raus damit!“, schrie Eulalia kampfbereit.

„Na, ist das so schwer zu verstehen? Ihr seid der Feind, ihr! Gewissermaßen…“

„Was hast du erzählt?“, fragte Pat entrüstet. „Etwa dass wir gegen sie kämpfen wollen?“

„Na ja, in gewisser Hinsicht. Es ist nun jedenfalls so, dass sie versuchen eine Armee zu rekrutieren.“

„Eine Armee?! Wenn ich dich jetzt sehen könnte, würde ich dich…!“

„Aber das ist ja das Gute, dass ich unsichtbar bin. Keine Angst, nachdem alle anderen der Gruppe in diverse Richtungen verstreut sind, besteht die Armee hauptsächlich aus zwei Personen. Ihr könnt raten aus wem!“

Nach einem kurzen Schweigen murrte Elester: „Aber was wollen sie von uns, uns vernichten?“

„Nein, das nicht. Bevor sich die Gruppe gespaltet hat, sagte Raven allen, dass sie unbedingt die Grenze überqueren müssten, um zurück ins Buch zu gelangen. Jetzt wollen sie wissen, wie man zur Grenze kommt.“

Elester lachte auf, und Eulalia fragte verwundert: „Wieso? Ich dachte es reicht, wenn man zur Grenze will! Dann kommt die Grenze schon mal auf einen zu!“

„Nun, die Grenze kommt nicht auf die ehrenwerten Herren zu, weil sie ja nicht um der Grenze willen zur Grenze wollen, sondern weil sie ins Buch wollen, das hat die Grenze natürlich beleidigt…!“

„Als ob es nicht reichen würde, dass wir uns hier in einem Reich befinden, wo man damit rechnen muss, sich nach längerer Ruhe aufzulösen… Jetzt werden wir auch noch verfolgt!“, stöhnte Eulalia

„Aber was ist mit Bel Raven, warum verfolgen sie die nicht?“, fragte Pat und sah auf einen Ast über ihm.

„Tja, von ihr weiß nicht einmal ich, wo sie sich gerade befindet“, seufzte der Eulenfloh und wirkte in seiner Ehre gekränkt.

„Aber was sollen uns die beiden schon tun? Das ist doch lächerlich“, wandte Penny Lo ein.

„Sagen Sie das nicht, junge Dame!“ Das Mädchen drehte sich schnell um. Die Stimme kam jetzt von einem Strauch hinter ihr. Mittlerweile ging es schon allen auf die Nerven, immer woanders hinzuhören, da der Floh natürlich ständig herumhüpfte. Offenbar hatte er sich jetzt auf Elesters Kopf gesetzt, der mit beiden Augen nach oben sah.

„Es stimmt, dass die Armee aus zwei Personen besteht, aber eben auch aus 199 Falken, 397 Moskitos und 65 Tauben!“

„Wie bitte?“

„Nun, alle namenlos zwar, aber wenn sich die Herrschaften an das Buch erinnern können… dort wurden sie erfolglos als Suchtrupp eingesetzt. Jetzt befinden sie sich in militärischer Ausbildung!“

„Oh, Gott, wir werden von Falkenschnäbeln, Taubenkacke und Stechmücken bedroht!“, maulte Eulalia, während Elester seinen Kopf schüttelte.

„Ist das ein Witz? Die beiden könnten uns doch fragen, wie man aus dem Nichtigen Reich herausfindet“, meinte Pat.

„Aber sie hätten sich nie einigen können, gemeinsame Sache zu machen, wären sie nicht durch einen Feind verbunden! Die Tiere würden sich nicht mit ihren fanatischen, feurigen Reden für sie einsetzen und… Vorsicht!“, jappte der Floh, und es waren seine letzen Worte für längere Zeit.

Kapitel 14 Haus Swansteen

Obwohl die Scheibenwischer auf höchster Stufe über das Frontglas huschten, war die Sicht so schlecht, als kippte jemand Eimer voll Wasser über das Autodach. Alwin konzentrierte sich darauf, die Rücklichter des Range Rovers nicht aus dem Blick zu verlieren. Lisa ermahnte ihn immer wieder, nicht zu schnell zu fahren, doch das führende Auto gab ein Tempo vor, dem schwer zu folgen war. Mittlerweile war es Abend geworden. Vom Wind und Regen gepeitscht, fielen kleine Äste auf die Straße. Jede Unebenheit im Beton wurde zum Regenloch, und so sprangen und schwammen Alwin und Lisa mehr über die schmale Landstraße als dass sie fuhren. Nach ungefähr fünf Kilometern blinkte das schwarze Auto vor ihnen und bog rechts ab. Es ging nun langsamer über eine Schotterstraße. Die beiden erwarteten jeden Moment das Wohnhaus vor sich zu sehen, während das Unwetter nach wie vor tobte. Dicht an Laubbäumen vorbei führte der schmale Weg, der nur für eine Fahrspur ausreichte. Äste kratzten an den geschlossenen Seitenfenstern und mehr als einmal schrak Lisa zurück, wenn einer davon brach.

„Hoffentlich erreichen wir bald dieses Haus, ich bekomme Kopfweh“, war der einzige Satz den sie in einem Zeitraum von zehn Minuten von sich gab.

„Nun, es kann nicht mehr allzu weit sein, wir haben ja auch nicht ewig auf den Wagen gewartet!“, entgegnete Alwin, doch auch ihm wurde langsam etwas mulmig. Hier in der Einöde waren sie Quasimodo ausgeliefert, oder wer auch immer der unbekannte Chauffeur sein mochte. Was, wenn Mac Futuroy ihnen gar nichts Wichtiges zu bedeuten hatte, diese Fahrt umsonst wäre oder sich der eigenartige Jungunternehmer als der Ururenkel von Graf Dracula erweisen würde? Als sie bergauf fuhren, um nach einem kurzen Plateau wieder steil bergab zu rutschen, begannen Alwin und Lisa ihren Beschluss vorsichtig zu hinterfragen.

„Warum sitzen wir eigentlich nicht bei einem Glas Sherry auf einer Dachterrasse in Nizza, und lassen uns die Sonne auf den Pelz scheinen?“, stellte Alwin zur Diskussion.

„Warum sind wir eigentlich keine Galapagoslemuren auf Alphazentauri zehn und leben von Philanthropie?“, entgegnete Lisa.

„Du erstaunst mich immer wieder mit deinen Urlaubsplänen!“, konterte ihr Mann, während er versuchte einem Schlagloch auszuweichen. Dem Range Rover machten diese Bodenverhältnisse nicht allzu viel aus. Alwin wollte schon zu Lisa sagen, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis die Achse ihres Autos brechen würde, da krachte es. Etwas gab unter dem linken Vorderrad nach, sie sackten ein, die Lenkung reagierte kaum mehr und sie schlitterten gegen den nächsten Baum. Da ihre Fahrtgeschwindigkeit jedoch fast Schritttempo gewesen war, wurden Alwin und Lisa nur leicht nach vorne geschleudert.

„Sind Sie verletzt?“ Ein älterer Herr in schwarzer Chauffeurslivree unter einem Regenschirm beugte sich in den Wagen.

„Nein, aber ich fürchte das Auto ist fahruntauglich!“, murrte Alwin.

„Bitte die Herrschaften im Range Rover Platz zu nehmen. Mister Futuroy wird sich gewiss morgen um den Wagen kümmern!“

Im Vergleich zu ihrem Mietauto kam sich Lisa in dem neuen Gefährt wie in einer Sänfte vor. Obwohl die Schlaglöcher nicht weniger wurden, schwebten sie fast über den Kies. Der Fahrer schwieg. Die beiden Gäste lehnten sich in die Ledersitze, eine Duftwolke von würzigem Tabak umgab sie. So fuhren sie, bis die Nacht hereingebrochen war und der Wagen vor einem hohen Gittertor hielt. Auf Knopfdruck des Chauffeurs öffnete sich die Absperrung und der Wagen passierte die Einfahrt. Alwin und Lisa sahen zu den Lampen am Wegesrand empor. Obwohl der Regen etwas schwächer geworden war, bog heftiger Wind die Pappelspitzen der Allee in alle Richtungen. Noch war keine Hauseinfahrt zu sehen, immer wieder tauchten Pappeln hinter scharfen Kurven auf. Erst nach weiteren fünf Minuten gab die verschlungene Zufahrt den Blick auf Mac Futuroys Anwesen frei.

„Nette Hütte!“, meinte Alwin, nachdem ihnen der Chauffeur die Türe des Wagens geöffnet hatte.

Lisas Nackenmuskel waren auf Hochspannung, die Fahrt hatte den Kopfschmerz verstärkt. So warf sie nur einen kurzen Blick auf das Gebäude, das in viktorianischem Stil erbaut vor ihnen thronte. Der Chauffeur wies sie auf den mit Steinfiguren gesäumten Treppenaufgang, wiederum sprang die Türe wie von alleine auf. Dahinter trat eine Frau mit asiatischen Zügen in den Türrahmen, ihr Hausanzug war aus reiner Seide. Sie lächelte Alwin und Lisa freundlich an.

„Seien Sie gegrüßt, Mister Futuroy erwartet Sie schon!“ Die Frau verbeugte sich leicht, Alwin und Lisa folgten ihr. Kristallkugeln an den Wänden erleuchteten die Eingangshalle, an der Decke war ein in allen Spektralfarben strahlender Luster befestigt. Es wurde ihnen bedeutet, Schuhe und Socken auszuziehen, auf einem dicken Perserteppich schritten die beiden durch den mit Marmorsäulen gezierten Gang. Portraits von schottischen Nationalhelden schmückten die Wände, dazwischen befanden sich Palmen und Spiegel, die das Licht reflektierten. Schließlich blieb die Frau stehen, verbeugte sich nochmals und zog sich zurück. Automatisch öffneten sich die Flügel einer Türe und ihr Gastgeber erschien.

„Willkommen auf House Swansteen! Wie freut es mich, Sie bei so guter Gesundheit wiederzusehen und in meinem bescheidenen Heim begrüßen zu dürfen. Es ist mir wirklich eine ausgesprochene Freude!“

Lisas Schläfen pochten, als sie Mac Futuroy mit einem breiten Grinsen und offenen Armen empfing.

„Ich hoffe, Sie werden sich hier wohlfühlen. Wie nett, dass Sie sich entschieden haben, mich zu besuchen! Morgen werde ich mich natürlich um das kaputte Mietauto kümmern, keine Sorge!“

Lisa war froh, als ihr Gastgeber nach ein paar kurzen Freundlichkeiten schließlich meinte: „Sie sind sicher müde nach der aufregenden Reise. Ihr Zimmer wurde bereits gerichtet. Wir werden ja in den nächsten Tagen genügend Zeit haben, uns eingehender zu unterhalten! Yin Su wird Sie nach oben geleiten.“

Die Frau, die sie vorhin in Empfang genommen hatte, verbeugte sich wieder und führte sie zu ihrem Zimmer, das so geräumig wie eine eigene Wohnung war. Lisa atmete auf und ließ sich auf das Plüschbett fallen. Sie schloss die Augen, froh für Momente nur Dunkelheit und kreisende Lichtflecke zu sehen.

„Wenn du mich fragst, der Sohn eines reichen Einheimischen mit genügend Startkapital, um in Amerika zu punkten. Er beschäftigt sich wahrscheinlich mit irgendeiner esoterischen Tradition wie Wum Wei oder Ti Quan Tei oder so…“, stellte Alwin sachlich fest. Lisa musste lachen, obwohl sie das Gefühl hatte, als hämmerten hundert kleine Bergwerksleutchen mit Bolzen und Hammer gegen ihre Schädeldecke.

„Jedenfalls genügt seine Präsenz nicht, um meine Kopfschmerzen verschwinden zu lassen!“

„Wo tut es denn weh?“ Alwin setzte sich aufs Bett, und legte Lisa die Hand auf die Stirn. „Entspann dich!“

Doch pötzlich sprudelte es aus Lisa hervor: „Ach, Alwin, ich denke so viel nach. Über diesen Schreibfluss und die Geschichte. Warum habe ich die Fortsetzung eines Bestsellers geschrieben? Ich wusste, das Buch würde sich niemals veröffentlichen lasse Aber es war so… natürlich für mich. Ich hatte einen Traum, etwas erklang in mir. Etwas, das mich ermunterte, Neues zu erschaffen. Aber es war notwendig meine Geschichte in eine literarische Welt zu betten, die es schon gab. Eine Form von Kontrapunktion, sozusagen, oder von… literarsymphonischem Geschehen, wenn du so willst!“

Alwin stand abrupt auf und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Frauen an sich waren ja manchmal schwer zu verstehen, aber Frauen mit kreativen Schreibflüssen schienen zu grenzenloser Kompliziertheit zu neigen!

„Du hast eben eine spezielle Ader für Musik und Literatur. Kein Wunder, das sind ja auch die Fächer, die du unterrichtest“, entgegnete er und verschränkte die Hände vor der Brust.

„Eben, sonst hätten wir ja niemals den Korken entdeckt!“, meinte Lisa prompt.

„Wie bitte?“

Lisa legte den Kopf schief, sah ihren Mann lange an bis ein Lächeln über ihr Gesicht huschte. „Das ist ungefähr so etwas wie das Klatschen der einen Hand. Im Zen würde man es Koan nennen.“

Es dauerte noch lange, bis die beiden endlich eng umschlungen auf Haus Swansteen einschliefen.

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9783738004762
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