Czytaj książkę: «Hell und Dunkel. Eine Gemsjagd in Tyrol.»

Czcionka:

Gesammelte Schriften

von

Friedrich Gerstäcker.

Vierter Band.

Volks- und Familien-Ausgabe.

Hell und Dunkel. – Eine Gemsjagd in Tyrol

Jena,

Hermann Costenoble.

Ausgabe letzter Hand, ungekürzt, mit den Seitenzahlen der Vorlage

Gefördert durch die Richard-Borek-Stiftung und Stiftung Braunschweigischer Kuilturbesitz

Friedrich-Gerstäcker-Gesellschaft e.V. und Edition Corsar, Braunschweig, 2021

Herausgegeben von Thomas Ostwald nach der von Friedrich Gerstäcker

eingerichteten Textausgabe für H. Costenoble

Geschäftsstelle: Am Uhlenbusch 17, 38108 Braunschweig

Alle Rechte vorbehalten! © 2016 / © 2021

Herr Hobelmann.

„Bitte, Herr Conducteur, ein Coupé, wo nicht geraucht wird!"

„Nicht geraucht? - ja wohl - wohin?"

„Yvenburg!"

Der Conducteur öffnete eins der nächsten Coupés des dicht mit, von der Leipziger Messe kommenden, Fremden besetzten Zuges, und der junge Mann, der sich ein Nicht-Rauch-Coupé erbeten hatte, lächelte still vor sich hin, als er nur noch einen einzigen Passagier in dem innern Raum entdeckte. Die in der Mitte befestigte Lampe verbreitete allerdings blos einen düstern Schein im Wagen, so daß sich sein Gesicht nicht deutlich erkennen ließ; das ist aber unterwegs auch nicht nöthig, denn es kommt bei unserer jetzigen Eisenbahnfahrt in der That wenig darauf an, mit wem man die kurze Zeit der Reise beisammen ist. Lernt man sich doch selten oder nie näher kennen, als eben nöthig bleibt „Guten Morgen" zu sagen.

Der junge Fremde schien übrigens kein Neuling unterwegs. In kurzer Zeit hatte er sein weniges Gepäck zweckmäßig untergebracht, und einen buntfarbigen wollenen Ueberwurf, der ein ausländisches Gepräge trug, zusammenrollend und unter den rechten Ellbogen schiebend, lehnte er sich behaglich in seine Ecke zurück, und sah still und schweigend vor sich nieder, bis der Conducteur die Billete coupirt und den Wagen wieder geschlossen hatte. Dann aber sich zu seinem eben so schweigsamen Reisegefährten wendend, sagte er: /8/

„Wir sitzen hier in einem Coupé, wo nicht geraucht wird, nicht wahr?"

„Allerdings!" lautete die lakonische Antwort.

„Aber es ist Ihnen doch vielleicht einerlei, wenn ich mir eine Cigarre anzünde?" fuhr der Fremde fort.

„Einerlei? nein," erwiderte der Mitbesitzer des Nicht-Rauchcoupés - „einerlei ist es mir gar nicht, denn wenn Sie rauchen, rauch' ich mit."

„Das soll ein Wort sein!" lachte der junge Fremde, indem er aus seiner Brusttasche eine äußerst fein aus Stroh geflochtene Cigarrentasche nahm und seinem Nachbar hinüberreichte - „bitte, versuchen Sie einmal meine Havanas. Daß sie ächt sind, garantire ich Ihnen."

„Man kann es in den anderen Coupés gar nicht aushalten," sagte der Erste, indem er mit dankender Verbeugung eine Cigarre nahm - „sie sind gedrängt voll von polnischen Juden."1

„Aus dem nämlichen Grunde habe ich mir ein Nicht-Rauch-Coupé erbeten. Wenn wir nur keine Dame hereinbekommen!" sagte der zuletzt Eingetroffene.

„Das ist in der Nacht kaum zu fürchten; es gehen zu viel Züge bei Tage, und nach der Messe reisen Damen gewiß nicht in der Nacht, wenn sie nicht nachgedrungen müssen. - Die Cigarre ist übrigens vortrefflich."

„Schmeckt sie Ihnen?"

„Ausgezeichnet - ich habe noch keine bessere geraucht."

„Sie wohnen in Yvenburg?"

„Ich gedenke dort zu wohnen. Ich komme von Würzburg, wo ich eine Zeit lang prakticirt, und will mich jetzt in Yvenburg als Arzt niederlassen."

„Als Arzt? - vortrefflich. Da wünsche ich Ihnen oder vielmehr Ihren Patienten Glück."

„Wir können es zu beiden Theilen gebrauchen," lachte Jener, und die beiden jungen Leute lehnten sich schweigend in ihre Ecken zurück, um von jetzt an ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. An den verschiedenen Stationen, an denen angehalten wurde, ließ man sie auch ungestört. Unterwegs stiegen nur noch wenig Passagiere ein, und die wenigen /9/ wünschten auf der Fahrt Alle ihre Cigarre zu rauchen, belästigten sie also nicht.

Der Tag dämmerte gerade, als sie sich dem Ziel ihrer Fahrt näherten.

„Haben Sie schon ein Logis, Herr Doctor?" frug der Fremde, während er sein Reisegepäck zusammenlegte, um es beim Aussteigen gleich bei der Hand zu haben.

„Ich? - ja. Ein Privatlogis, das ich beziehen werde. Und Sie?"

„Ich will einen Onkel von mir überraschen, den ich seit neun Jahren nicht gesehen habe. Ich komme allerdings noch ein wenig früh, und der alte Herr wird im ersten Augenblick nicht angenehm überrascht von der Störung sein. Aber das schadet nichts; die Freude ist nachher desto größer."

„Sie waren längere Jahre verreist, wie mir scheint."

„Ich komme direct aus Havana."

„Daher also die vortrefflichen Cigarren."

„Von denen ich Sie bitte, sich noch eine anzuzünden."

„Aber ich beraube Sie."

„Nicht im Mindesten - ah, da sind wir!"

Der Zug hielt; die beiden jungen Leute stiegen aus, grüßten einander, und der Havanese fuhr gleich darauf in einer Droschke über die Brücke in die Stadt hinein, während ihm der neue Doctor langsamer und seinen Umständen mehr entsprechend zu Fuß folgte.

Die Maschine schnaufte und pustete und blies den weißen Qualm aus, wie erhitzt vom raschen Lauf und frische Kräfte jetzt zum neuen sammelnd. Während sich dann die lebendige Menschenlast, die sie eben erst hergeschafft, nach allen Richtungen hin zerstreute, drehte es sich um, das kochende, glühende Ungeheuer, faßte mit den eisernen Zangen den nächsten schwerbeladenen Zug und schnaubte keuchend wieder hinaus, scheinbar mitten in's blanke Feld hinein, anderen Städten, anderen Ländern zu - rastlos, ruhelos mit der unermüdlichen eisernen Brust. /10/

II.

Es war noch früh, denn bei den schon wieder ziemlich kurzen Tagen fanden sich die Stadtbewohner Morgens nicht so rasch aus ihren Betten. Nur die Mädchen gingen nach Brod oder Milch, um das Frühstück für die Herrschaft herbeizuschaffen, und hier und da rasselte ein mit ausgeschlachtetem Fleisch behangener Wagen die Straße herauf, seine Ladung den nächsten Hallen zuzuführen. Unser junger Fremder wußte aber doch, trotz seiner langen Abwesenheit von dem Vaterland, ziemlich Bescheid in der innern Stadt - wenn er sich auch in den Vorstädten schwieriger zurecht gefunden hätte. Er bezeichnete wenigstens dem Droschkenkutscher genau die Straße und das Hotel, in das er wollte, ließ dort sein Gepäck abladen und schritt dann selber, ohne weitere Erkundigungen einzuziehen, quer über den nächsten Platz hinüber, eine Strecke an der Häuserreihe hin und dann in ein Eckhaus hinein, in dem er in flüchtigen Sätzen die Stufen hinauf bis in die erste Etage sprang.

Die Vorsaalthür dort war aber versperrt, und unschlüssig blieb er davor stehen, denn er scheute sich jedenfalls zu klingeln. Da hörte er drinnen Schritte, irgend Jemand legte die kleine Kette zurück, die den Eingang sicherte, und gleich darauf öffnete sich die Thür selber, aus der ein Dienstmädchen, den Frühstückskorb am Arm, gerade heraustreten wollte.

„Guten Morgen, mein schönes Kind!" sagte der junge Mann.

„Herr Jesus, haben Sie mich erschreckt!" fuhr das Mädchen zurück, und schien nicht übel Lust zu haben, ihren Weg ganz aufzugeben. Damit war aber dem Fremden nicht gedient, und ihren Arm ergreifend, sagte er lachend:

„Fürchten Sie sich nicht; ich thue Ihnen nichts - ich will nur zum alten Herrn. Schläft er noch?"

„Der alte Herr - ei gewiß!" erwiderte das Mädchen, das jetzt schon selber überzeugt war, daß ihr von dem gar /11/ stattlich aussehenden fremden Herrn keine Gefahr drohe - „es ist ja knapp sechs Uhr."

„Und wann steht er auf?"

„Ja, das soll ich wissen! Um acht Uhr hat er das Frühstück bestellt."

„Acht Uhr, so lange kann ich nicht warten. Ich werde ihn wecken."

„Das geht nicht - das hat er streng verboten."

„Nur nicht ängstlich," lachte der Fremde - „ich nehm's auf mich. Es ist mein Onkel."

„Ihr Herr Onkel - ja wenn's das ist. Na warten Sie, ich will Ihnen nur den Weg zeigen."

„Danke bestens - den kenn' ich schon selber," bemerkte der Fremde.

„Den Weg kennen Sie?" sagte das Mädchen erstaunt; ehe sie ihn aber daran verhindern konnte, war er, in dem behaglichen Gefühl, seine Ueberraschung völlig geglückt zu sehen, an ihr vorübergesprungen und verschwand gleich darauf in der nächsten Thür, die, wie er sich noch recht gut aus alter Zeit erinnerte, in das Schlafzimmer seines Onkels führte.

Die Thür öffnete er aber nur ganz leise und schaute erst vorsichtig hinein. Dort stand das Bett noch auf der nämlichen Stelle, wo es vor zehn Jahren gestanden hatte, als er von seinem damals kranken Oheim Abschied nahm. Der alte Herr ging nicht gern von seiner gewohnten Lebensweise ab - und jetzt - was er für ein Gesicht machen würde, wenn er in dem unwillkommenen Störenfried seinen leiblichen, tausend Meilen von da entfernt geglaubten Neffen erkannte.

Und wie hatte sich der junge Mann auf das Wiedersehen gefreut! Du lieber Gott, wenn wir uns weit entfernt von der Heimath unter kaltherzigen, gleichgültigen, fremden Menschen so lange, lange Jahre umhergetrieben haben, was war da unser einziger Trost, der einzige Lichtblick unseres oft so trüben Lebens, als der Gedanke gerade an solch ein Wiedersehen? Wie unzählige Male haben wir uns da den ersten Anblick der heimischen Küste, das erste Betreten vaterländischen Bodens ausgemalt; sind im Geist wieder und wieder durch die lieben alten, uns ach! so wohl bekannten Straßen ge/12/schritten - haben an die Thür geklopft und gehorcht, und endlich fest und innig die theuren Gestalten an unser Herz geschlossen, nach denen sich das wunderliche Ding so heiß und lange vergebens gesehnt. - Und immer, immer war das nur ein Traum; immer wieder mußten wir allein und freundlos draußen erwachen, bis der scharfe Kiel sich endlich der geliebten Küste entgegenwendet, und die vollgeblähten Segel uns ihr näher und näher bringen. - Und jetzt haben wir sie erreicht - jetzt springen wir an's Land und fühlen vor Lust und Seligkeit den Boden kaum unter den Füßen, und jetzt - aber das kann nicht beschrieben, das muß erlebt, wirklich erlebt werden, um eine Idee zu haben von dem wonnigen Gefühl, das in diesem Augenblick all' unsere Nerven durchzuckt. Wie läßt sich etwas mit Worten schildern, das selbst der Augenzeuge nicht verstehen würde, wenn er's nicht selber schon einmal mit durchgemacht.

Unser junger Freund aber verstand es zu würdigen, und geizte mit diesen kostbaren Minuten, die er Jahre lang ersehnt hatte. Lange stand er deshalb und schaute nach dem Bett seines Onkels hinüber, hinter dessen Vorhängen der alte Herr laut und regelmäßig athmete, ahnungslos, welche liebe Unterbrechung seinem Schlaf bevorstand. Endlich schlich er auf den Zehen näher - leise und vorsichtig, bis dicht zum Bett, dessen Gardinen er öffnete. - Aber die dunkeln, noch niedergelassenen Rouleaux schlossen das Licht aus; er konnte die Züge des Schlafenden nicht erkennen, und wie jetzt das Mädchen draußen, das indessen neugierig geworden war, der Wiedererkennungsscene beizuwohnen, leise den Kopf zur Thür hereinsteckte, flüsterte er:

„Onkel!"

Der Alte antwortete nicht; er schlief zu fest, um durch solchen sanften Anruf irgendwie gestört zu werden.

„Onkel!" - rief er lauter.

Noch immer kein Erfolg.

„Onkel - lieber, bester Onkel!" wiederholte der junge Fremde, und schüttelte diesmal, um seinen Worten Nachdruck zu geben, die Schulter des Schlafenden. /13/

„Ha! - ja! - wer ist da?" rief da der Schlafende, erschreckt und erst halb wach, in seinem Bett emporfahrend.

„Onkel!"

„Zum Teufel auch! Herr, was wollen Sie? - wer sind Sie? - Diebe!"

„Aber lieber, guter Onkel!"

„Der Henker ist Ihr Onkel, zu dem gehen Sie, heh! Hülfe! Hülfe!" schrie der alte Herr, und griff dabei unwillkürlich nach seiner Uhr und seinem Portemonnaie, das neben seinem Bett auf dem Waschtisch lag.

„Na, das nehmen Sie mir aber nicht übel," sagte jetzt auch das Mädchen, das bestürzt in das Zimmer trat, „was soll denn das eigentlich heißen?"

„Aber lieber, herzigster Onkel," beharrte der junge Fremde, „so wachen Sie doch nur ordentlich auf. Ich bin es ja, — Ihr Neffe Franz, der eben geraden Wegs aus Amerika zurückkommt."

„Und was geht das mich an?" polterte der alte Herr zurück, jetzt in etwas beruhigt, da er Uhr und Geldtasche gerettet in Händen hielt und noch eine dritte Person im Zimmer wußte. „Was wollen Sie von mir? Wie kommen Sie überhaupt mitten in der Nacht hierher, und wer hat Sie eingelassen?"

„Ja, bester Herr Hobelmann," mischte sich jetzt das Mädchen in die Unterhaltung - „der fremde Herr sagte, Sie wären sein Onkel, und da dachte ich -"

„Hobelmann?" rief aber Franz, erschreckt aufhorchend, „Hobelmann? - ja alle Wetter, wohnt denn hier nicht der Regierungsrath Kettenbrock?"

„Kettenbrock? weiß ich nicht - geht mich auch nichts an," knurrte der Alte, der nun wohl sah, daß die ganze Sache auf einen gefahrlosen Irrthum hinauslaufe. „Warum um's Himmels willen erkundigen Sie sich denn nicht erst, wenn Sie bei nachtschlafender Zeit einem fremden Menschen wie eine Bombe in's Zimmer fallen?"

„Ja, da bitte ich tausendmal um Entschuldigung," versetzte der junge Mann kleinlaut und selbst etwas erschreckt. Denn plötzlich schoß ihm der Gedanke durch's Hirn, daß sein /14/ lieber alter Onkel am Ende gar gestorben sein könne, und nun fremde Menschen das Haus inne hätten, in dem er seine Jugendzeit verlebt. „Aber Sie können mir dann wohl sagen -" rief er jetzt aus.

„Gar nichts kann ich Ihnen sagen," unterbrach ihn jedoch ungeduldig und barsch der Alte - „lassen Sie mich zufrieden. Ich will schlafen. Zum Henker auch, gehen Sie zum Nachtwächter und erkundigen Sie sich dort nach dem, was Sie erfahren wollen."

Und damit auf das Entschiedenste dem Fremden den Rücken kehrend, schob Herr Hobelmann vorsichtiger Weise Uhr und Geldtasche unter sein Kopfkissen, und schnitt so jeder noch möglichen Unterhaltung den Faden ab. Aus dem Alten war nichts herauszubringen, das sah der junge Mann wohl ein, und kopfschüttelnd wandte er sich mit einem trockenen „Guten Morgen", der aber nicht einmal erwidert wurde, der Thür zu, an der ihn das Mädchen schon erwartete.

„Nun ja, jetzt werd' ich's kriegen, wenn der alte Brummbär nachher wieder aufwacht," sagte diese, indem sie dem Eindringling die Vorsaalthür öffnete. „Wer stürmt denn aber auch den Leuten so mir nichts dir nichts in's Zimmer und an's Bett, ohne auch nur erst einmal zu fragen, wer da wohnt?"

„Sagen Sie mir nur um Gottes willen, liebes Kind," bat sie aber der junge Fremde, „was mit dem Regierungsrath Kettenbrock vorgefallen ist, daß er dies Haus, in dem er so lange Jahre gelebt, verlassen hat?"

„Vorgefallen? ich dachte gar!" versetzte das Mädchen - „nichts ist vorgefallen; er ist frisch und gesund und befindet sich wohl, das weiß ich gewiß, weil meine Schwester dort dient. Dies Haus hat er nur vor etwa acht Wochen verkauft, weil sich ihm rechts neben dem Garten ein Kupferschmied und links ein Blechschmied hingesetzt hatten, und er das Geklopfe nicht mehr aushalten konnte. Er wohnt jetzt am Obstmarkt Nummer 47."

„Gott sei Dank, da ist mir ein Stein vom Herzen!" - sagte der junge Fremde, mit einem aus tiefster Brust herausgeholten Seufzer. /15/

„Ja, Sie haben gut reden," schmollte das Mädchen, „aber ich bekomme nachher das Aufgebot, wenn der alte Brummbär aufsteht."

„Da, nehmen Sie das indessen darauf," lachte der Fremde, indem er ihr ein Geldstück in die Hand drückte.

„Danke schön," sagte das Mädchen, mit einem eben so zufriedenen als erstaunten Blick über solche Freigebigkeit nach dem blanken Thaler niederschielend - „jetzt mag er schimpfen, so lange er Lust hat."

„Und wer ist der alte Brummbär da drinnen eigentlich?"

„Was weiß ich?" plauderte das Mädchen, die kleine Stumpfnase rümpfend, denn sie hatte jetzt entschieden Partei für den jungen, freigebigen Fremden genommen. „Unsere Herrschaft hat das Haus gekauft, und er ist, glaub' ich, der Advocat, den sie daheim in Schlesien hatten, und der ihnen hier Auskunft wegen einer Klage oder sonst 'was geben soll. Gestern Abend mit dem Nachtzug kam er erst an, und ich weiß nur, daß er Hobelmann heißt."

„Schönen Dank, mein Kind, für die Auskunft. Also der Regierungsrath Kettenbrock wohnt jetzt am Obstmarkt?"

„Nummer 47 - Sie können gar nicht fehlen - eine Treppe hoch. Und Sie sind der Neffe vom Herrn Regierungsrath? Na, das wird eine Freude sein!"

„Hoffentlich größer, als sie mir Herr Hobelmann gezeigt hat," bestätigte Franz Kettenbrock, nickte dem hübschen Mädchen zu und sprang die Treppe hinunter, um, jetzt aus einer sicherern Basis als vorher, seinen Verwandten aufzusuchen.

III.

Mit der Ueberraschung in seines Onkels Hause hatte sich aber der junge Havanese, wenn er fest darauf gerechnet, doch geirrt, denn der alte Herr befand sich keineswegs so unvorbereitet auf ihn, wie er vermuthetete. Franz Kettenbrock’s Ge/16/schäftsfreund in Hamburg nämlich, den er dort aufgesucht, war ein abgesagter Feind jeder Ueberraschung, da, nach einer mündlichen Ueberlieferung seiner Großmutter, vor uralten Zeiten in seiner eigenen Familie einmal eine solche Ueberraschung sehr böse und nachtheilige Folgen gehabt haben sollte. So wie er deshalb erfuhr, daß der junge leichtsinnige Mensch seinem Onkel nur eben so in's Haus hineinfallen wollte, wodurch er das größte Unglück anrichten konnte, ging er, nach vergeblichen desfallsigen Vorstellungen, einfach auf das Telegraphenamt und setzte den alten Herrn Kettenbrock von der glücklichen Landung seines Neffen und der Stunde seines Eintreffens zu Yvenburg, mit beabsichtigter Ueberraschung, pflichtschuldigst in Kenntniß. Der Onkel war dadurch vollkommen im Stand, sich auf jede freudige Aufregung genügend vorzubereiten.

Allerdings blieb ihm keine lange Zeit zu großen Empfangsfeierlichkeiten; die waren aber auch nicht nöthig. Ein paar Kränze und Guirlanden bekam man früh genug, ehe der Zug eintraf, auf dem Markt, und der Onkel trieb an dem Morgen selber, was er eigentlich gar nicht nöthig gehabt hätte - seine beiden bei ihm lebenden Nichten aus den Federn. Sie sollten jedenfalls fertig angezogen sein und den Kaffee bereit halten, wenn „der Schlingel von Neffe" heimlich angeschlichen käme, und wunder glaubte, wie gescheidt er es angefangen habe, seinen Onkel zu überlisten.

In dem einen Kranz, der gerade in der Mitte prangen sollte, war auch ein strohblumengeflochtenes, lesbares „Willkommen" angebracht, und die beiden jungen Mädchen freuten sich jetzt ganz besonders auf das erstaunte Gesicht, das der Vetter aus Havana machen würde, wenn er sich hier so verrathen sah. Es wäre ja auch höchst fatal gewesen, wenn er sie Morgens ganz früh und noch im vollen Negligé überrumpelt hätte.

So schlug es sechs Uhr - der Zug war jedenfalls angekommen, und mit einer Droschke konnte der Vetter recht gut in zehn, höchstens fünfzehn Minuten vor ihrer Thür sein. - Es schlug aber ein Viertel - jetzt auf der nächsten, und dann auf allen anderen Uhren der Stadt, und er kam immer /17/ noch nicht. - Wenn er heute ganz ausgeblieben wäre - oder erst mit dem nächsten Zug um elf Uhr eintraf! Der alte Regierungsrath wurde förmlich nervös vor Spannung, denn er liebte den transatlantischen Neffen wie einen eigenen Sohn - trotz mancher tollen Streiche, die er schon verübt, - und die beiden jungen Mädchen horchten abwechselnd an der Vorsaalthür, ja Ricke, das Hausmädchen, war sogar unten auf die Treppe postirt worden, um von dort aus gleich zu melden, wenn sich der Erwartete etwa blicken lasse. -

Unser anderer junger Freund, der Arzt aus Würzburg, hatte indessen seinen Gepäckschein einem der numerirten Kofferträger übergeben, und ging mit seiner leichten Reisetasche in der Hand, langsam und seinen Gedanken nachhängend, in die Stadt hinein. Vor allen Dingen mußte er das ihm schon ausgemachte Quartier aufsuchen, und dann, wenn sein Koffer eintraf, sich für die nothwendigen und eben nicht angenehmen Visiten in die geeignete Verfassung setzen.

Haus und Straße wußte er allerdings, wo sein Logis bestellt worden: Obstmarkt Nr. 47, zweite Etage - auf dem Zettel war aber die 7 so undeutlich, daß es eben so gut eine 2 sein konnte. Uebrigens ließ sich das leicht erfragen; auch wußten seine neuen Wirthsleute, daß er heute Morgen eintraf, und erwarteten ihn gewiß.

Das neue, ungewohnte Leben der fremden Stadt interessirte ihn dabei, und er schritt langsam die vorher erfragte Straße nieder, bis er den sogenannten Obstmarkt erreichte, das bezeichnete Haus fand und, als er eintrat, auf dem ersten Treppenabsatz ein Mädchen stehen sah. Dieses wollte er nach den Bewohnern fragen, um sich zu überzeugen, ob er auch am rechten Ort wäre. Das Mädchen stand ihm aber keine Rede, denn kaum hatte sie ihn erblickt, als sie auch umdrehte und spornstreichs die Treppe hinauflief. Oben angelangt, war es ihm auch, als ob er sie die Worte rufen hörte: - „Eben kommt er - er ist schon im Hause", und still vor sich hinlächelnd, sagte er:

„Da bin ich also doch an der rechten Stelle und meine Wirthsleute scheinen mich richtig erwartet zu haben. Jetzt freu' ich mich nur auf eine Tasse recht heißen Kaffees." /18/

Er stieg langsam die Treppe hinauf, und sah sich gleich darauf den aufgehangenen Guirlanden und Kränzen mit dem eingeflochtenen „Willkommen" gegenüber. - Aber das war in der ersten Etage und galt ihm nicht. Nur einen Augenblick blieb er lächelnd stehen, denn es schien ihm fast, als ob er hinter der angelehnten Vorsaalthür ein leises Kichern und Flüstern hörte, dann aber wandte er sich wieder, um eine Etage höher zu steigen.

Da wurde plötzlich und rasch die Thür aufgerissen, die lachende Stimme eines alten Herrn rief:

„Haltet ihn — haltet ihn fest, den Ausreißer!" und ein paar junge, allerliebste Mädchen sprangen aus der Thür gerade auf ihn zu, warfen ihm, ehe er vor Erstaunen wußte, wie ihm geschah, eine lange grüne Guirlande über die Schultern und zogen den sich wenig oder gar nicht dagegen Sträubenden unter lautem Jubel in den Vorsaal hinein.

„Haben wir ihn?" schrie der alte Herr - „haben wir ihn erwischt, den Land- und Meerstreicher? Uns überraschen wollte er erst, und dann - wie er merkte, daß es mißglückt war, vorbeischleichen, als ob ihn die ganze Geschichte gar nichts anginge, heh? - Kam uns aber gerade recht, der Musjö; wie, Ihr Mädchen? - Junge - alter Seelensjunge, wie geht's?"

Und damit zog er den jungen Mann ohne Weiteres an seine Brust und küßte ihn ab nach Herzenslust.

„Aber, bester Herr!" stotterte dieser jetzt ernstlich verlegen. Ein Mißverständniß lag der ganzen Sache jedenfalls zu Grunde, und er wünschte das sobald als möglich aufzuklären.

„Was - Herr!" rief aber der Alte - „will sich wohl gar jetzt noch herauslügen? - Flausen! Flausen! Damit ist's nichts - und Ihr, Blitzmädel, steht jetzt da, als ob Ihr nicht Drei zählen könntet? Ist das ein Empfang für einen Vetter, auf den Ihr Euch so lange gefreut habt, heh? - und wollt Ihr ihm gleich um den Hals fallen und einen oder ein Dutzend derbe Küsse geben?"

„Willkommen, Franz!" rief da die Jüngste, die sich zuerst ein Herz faßte, sprang dem jungen Mann entgegen und drückte die rosigen Lippen fest auf seinen ihr sehr bereitwillig /19/ dargebotenen Mund. Und dann kam auch die zweite mit eben so süßem Willkommen, und der junge Arzt sagte lachend:

„Und wenn ich mir das auch wie ein Dieb in der Nacht stehle, mag da ein Anderer widerstehen, und mir der herzliche Empfang in diesem Hause Glück bedeuten. Jetzt aber, mein bester -"

„Trinken wir vor allen Dingen Kaffee und rauchen wir eine vernünftige Cigarre oder Pfeife dazu," unterbrach ihn wieder der Regierungsrath, der heute fest entschlossen schien, seinen vermeintlichen Neffen gar nicht zu Worte kommen zu lasten. „Allons, Mädels, voraus - hier, Rieke, nimm einmal die Tasche und den Shawl, und dann soll er erzählen - erzählen von heute Morgen bis spät in die Nacht hinein, bis wir Alles aus ihm heraushaben, was wir wissen wollen." Dabei hatte er den jungen Mann unter den Arm gefaßt und zog ihn in das schon festlich mit Blumen geschmückte Zimmer.

„Wenn Sie mir aber nur vorher gestatten wollten, Ihnen mit wenigen Worten eine Erklärung zu geben," machte noch einmal der also Gepreßte den Versuch, das Mißverständniß aufzuhellen.

„Keine Erklärung vor dem Kaffee," parirte aber der hartnäckige Regierungsrath auch diesen letzten Angriff, und im nächsten Moment fand sich der Arzt dem alten Herrn gegenüber, an jeder Seite eine seiner reizenden, wenn auch aufgezwungenen Cousinen, vor der qualmenden, vortrefflich duftenden Kaffeekanne, vor allen Dingen die höchst wichtige Frage zu beantworten, ob er viel Sahne und wie viel Zucker er wünsche. - Da steckte das Dienstmädchen, die Rieke, den Kopf wieder in die Thür herein und meldete, daß draußen ein Fremder sei, ein junger Herr, der den Herrn Regierungsrath zu sprechen wünsche.

„Jetzt?" rief dieser - „geht nicht - soll wiederkommen. In einer Stunde, oder den Nachmittag, oder am liebsten morgen früh. Heute kann ich unmöglich." Das Mädchen verschwand wieder, kehrte aber schon nach wenigen Augenblicken zurück und richtete aus:

„Er kann nicht warten, sagt er, und müßte Sie gleich sprechen." /20/

„Er soll zum Teufel gehen!" fuhr der sonst so gutmüthige Regierungsrath jetzt gereizt und ärgerlich empor - „von „Müssen" kann gar keine Rede sein; ich muß gar nichts, und heute Morgen am allerwenigsten."

„Das ist nun das zweite Mal heute Morgen," sagte da eine lachende Stimme in der Thür, „daß mich ein „möglicher" Onkel zum Teufel wünscht, und es müßte nur sein, daß ich wirklich zum zweiten Mal an den falschen gekommen wäre. Onkel Kettenbrock? —"

„Onkel?" sagte der alte Herr, überrascht von seinem Stuhl aufspringend und erst den Eindringling und dann seinen früher vermutheten Neffen ganz erstaunt betrachtend.

„Ja, mein lieber Herr," sagte der Arzt, der bis über die Ohren roth geworden war, „wenn Sie mich nur einen Augenblick hätten zu Worte kommen lassen, so würden Sie schon lange erfahren haben, daß Sie sich in mir geirrt."

„Ja, wer zum Wetter ist denn jetzt eigentlich der Neffe?" rief ganz verdutzt der Regierungsrath.

„Vielleicht entscheidet da der Name," lachte der Letztgekommene, „ich heiße Franz Kettenbrock."

„Franz Kettenbrock?"

„Und ich Karl Helmerdiek," sagte der Doctor.

„Mein Reisegefährte aus dem Nicht-Rauchcoupé."

„Der allerdings bedauert," sagte der junge Doctor, „einen so lieben Willkommen auf fremdem Revier und unverdienter Weise erhalten zu haben."

Die Reihe zu erröthen war jetzt an den jungen Damen. Der Regierungsrath aber, mit dem richtigen Neffen vor sich, übersah in dem Augenblick alles Andere, und die Arme ausbreitend, rief er:

„Junge - bist Du es denn wirklich - freilich, das Gesicht giebt's ja - wo ich auch nur vorher die Augen gehabt habe! - Herzensjunge - und doch überrascht!"

„Lieber, bester Onkel!" rief Franz Kettenbrock, an seine Brust fliegend und den alten Mann fest an sein Herz drückend. Dann richtete er sich wieder auf. „Und das sind meine beiden Basen?" jubelte er, während ihm die hellen Thränen in den Augen standen. „Fränzchen - Adele - tausend noch /21/ einmal, was für große Mädchen sind die Knirpse geworden!" Im Nu hatte er sie beim Kopf und herzte sie nach der Art.

„Aber ist das auch gewiß der Rechte?" rief da Fränzchen, ihn noch mit schelmischem Lachen abwehrend, „nach den heutigen Erfahrungen -"

„Wie ich merke, hat mir mein Nachbar aus dem Nicht-Rauchcoupé schon das Beste oben abgeschöpft," sprach Franz - „aber halt! laßt ihn nicht fort - wir sind noch nicht fertig mit einander."

Der junge Arzt, der wohl fühlte, daß er hier eine eben nicht beneidenswerthe Rolle spielte, hatte sich in der That leise nach der Thür gedrückt, um mit der Freude des Wiedersehens seinen Rückweg zu decken. „Mein bester Herr Nachbar," sagte er, „es thut mir allerdings leid, das Alles nur unter dem Namen eines Andern erhalten zu haben; aber ich bin wirklich unschuldig."

„Den Herrn trifft keine Schuld," nahm auch Fränzchen jetzt seine Partei. „Wir Beide haben ihn förmlich eingefangen, und Onkel hat ihn gar nicht zu Worte kommen lassen, denn wir waren fest überzeugt, daß er der Rechte sein mußte. Hat also hier Jemand um Entschuldigung zu bitten, so sind es jedenfalls wir, die wir Sie so hinterlistig auf der Treppe überfielen."

„Na, auf die Art läßt er sich, glaub' ich, jeden Morgen überfallen," lachte der junge Kettenbrock - „aber ohne Kaffee dürfen wir ihn keineswegs entlassen. Sie haben ihn einmal hereingeschafft, Onkel."

Der Regierungsrath hatte indessen den jungen fremden Mann mit einem wohlwollend prüfenden Blick gemessen. Derselbe sah so anständig aus, und sein Gesicht hatte dabei etwas so Offenes, Ehrliches, daß er ihm überdies in der Freude des Augenblicks die Hand entgegenstreckte und ausrief: „Nun, Herr - wie war eigentlich Ihr Name?"

„Doctor Karl Helmerdiek."

„Also, Herr Doctor, wenn Sie auch nicht mein Neffe sind, hätten Sie es doch recht gut sein können, und da Sie unserthalben wahrscheinlich Ihr Frühstück versäumt haben, so machen Sie uns eine Freude, wenn Sie das unsrige mit uns theilen, /22/ um so mehr, da die beiden Herren auch schon bekannt mit einander sind -"

„Wir waren Coupé-Nachbarn," sagte Franz Kettenbrock, „und ich hätte wahrlich nicht geargwohnt, daß mir mein Reisegefährte beinahe den Onkel abspenstig machen sollte. Das Komische bei der Sache ist jedoch, daß ich heute Morgen schon in Eurer alten Wohnung einem wildfremden Menschen in's Zimmer und an's Bett gefallen bin."

„Im alten Logis?"

„Natürlich; ich hatte ja keine Ahnung, daß Sie das Haus je verlaßen würden."

„Und der Fremde?" lachte der Onkel mit dem ganzen Gesicht.

„War wüthend, daß ich ihn im Schlafe störte und ihn im Dunkeln ganz zärtlich meinen lieben, besten Onkel nannte."

„Das ist eine himmlische Verwechselung!" riefen die jungen Mädchen. „Wer die Scene mit hätte erleben können!"

„Als ob Ihr es mir hier um ein Haar besser gemacht hättet! Draußen steht „Willkommen" an der Thür, und drinnen bin ich eben so gut zum Teufel gewünscht worden, wie drüben bei dem alten Brummbär. Das war heute ein eigenthümlicher Empfang."

Fränzchen lachte dennoch wie vorher. „Etwas Komischeres kann man sich kaum denken."

„So? - nun wartet, ob ich nicht mit Euch quitt werde," bemerkte Franz. „Für den Empfang muß ich meine Revanche haben."

„Und auf welche Art, Herr Vetter?" fragte schelmisch Adele.

„Das weiß ich noch nicht," rief der Havanese, „aber die Mittel werden sich finden lassen."

„Dann will ich Dir gleich Gelegenheit dazu geben," lächelte der Onkel. „Auf morgen Abend habe ich zur Feier Deiner Ankunft einen kleinen Ball arrangirt und alle Deine alten Schulkameraden dazu eingeladen, - da kannst Du die Mädchen gleich zur Strafe sitzen lassen."

„Daß ich ein Narr wäre!" erwiderte Franz, „aber /23/ aufrichtig gesagt, liegt mir an einem solchen Fest verwünscht wenig. Ich hatte mich darauf gefreut, daß wir gemüthlich zusammenbleiben sollten. Bei so viel fremden Menschen -"

„Dann mußt Du mir das Opfer bringen," sagte der Onkel. „Ueberdies triffst Du ja auch fast nur Bekannte dort."

„Ihnen zu Gefallen Alles, lieber Onkel," rief Franz. „Darf ich aber dann wohl einmal die Liste der Eingeladenen sehen oder vielleicht noch eine oder die andere Einladung selber machen?"

„Du bist der König des Festes und hast das volle Recht, einzuführen wen Du willst," sagte der Onkel.

„Vortrefflich!" rief Franz. „Dann beginne ich gleich hier mit meinem Nachbar. Mein zeitweiliger Repräsentant will sich nämlich als Arzt in Yvenburg etabliren, und der kleine Ball dient ihm dann vielleicht zur Einführung in die Gesellschaft. Sie nehmen die Einladung doch an?"

„Wenn die Damen keinen Groll mehr auf mich haben," sagte der junge Arzt mit einem bittenden Blick, vorzüglich auf Fränzchen.

„Herzlich willkommen sollen Sie uns sein!" rief der alte Herr, - „und wo ist Ihr Absteigequartier?"

„Wenn ich die Nummer recht gelesen habe, hier im Hause selbst," lautete die Antwort, „vorausgesetzt, daß der Registrator Ehrlich sein Logis hier hat."

„In der Etage über uns. Dann sind wir ja überdies Hausgenossen und müssen gute Nachbarschaft halten. Und nun, Kinder, werft Euch in Euren Staat, denn die Frau Muhmen werden im Handumdrehen da sein, um den neu eingetroffenen Vetter in Beschlag zu nehmen."

„Die Frau Muhmen?" rief Franz erschreckt.

„Nun, die Commerzienräthin Brummer und die Steuerräthin Fischbach. - Ich will Dir nur wünschen, daß Du die Beiden erst glücklich überstanden hast. Die Frau Commerzienräthin wird wohl gleich damit anfangen, Dir ihre Subscriptionsliste auf den neuen Missionsverein vorzulegen - eine Actiengesellschaft mit Anwartschaft auf den Himmel, zahlbar mit Actien zu zwei und ein halb und fünf Thaler, /24/ um schwarze oder chinesische oder birmanesische Seelen zu retten."

„Gott steh uns bei!" rief Franz erschreckt; „dort mache ich keine Visite."

„Das hast Du auch nicht nöthig," lachte der Onkel, „die kommt zu Dir und bringt Dir eine permanente Einladung zu ihren Kaffeegesellschaften mit. Also, lieber Herr Doctor, morgen Abend sieben Uhr - pünktlich."

„Ich weiß wahrlich nicht, womit ich diese Güte verdient habe."

„Ein halber Verwandter sind Sie nun doch geworden," sagte Franz, „und als Hausgenosse gehören Sie nach havanesischen Gesetzen ohnedies zur Familie. Sie wollen jetzt Ihr Quartier aufsuchen?"

„Meine neuen Wirthsleute werden mich wahrscheinlich schon längst erwarten," lächelte der junge Mann, „wenn auch freilich nicht mit einem so lieben Willkommen. Also auf Wiedersehen, und nehmen Sie nochmals meinen herzlichsten Dank dafür, daß Sie dem Fremden, der auf so wunderliche Art bei Ihnen eingeführt wurde, den Irrthum nicht haben entgelten lassen. Ich werde Ihnen Ihre Gründlichkeit nie vergessen." Die Männer schüttelten sich die Hand, der falsche Vetter neigte sich ehrfurchtsvoll gegen die Damen, die ihn immer noch mit einem schüchternen Erröthen entließen, und der Regierungsrath führte dann den Neffen in das für ihn bestimmte Zimmer, damit er es sich dort erst bequem mache, während er dem Onkel in kurzen Umrissen erstlich von seiner Reise und dann von seinen jetzigen Plänen und Verhältnissen erzählen mußte.

IV.

Des Regierungsraths Warnung war indeß keineswegs übertrieben gewesen, und der junge Havanese kaum im Stand, die an dem Tage auf ihn einstürmenden Besuche abzuwehren. /25/

Wie ein Lauffeuer hatte sich das Gerücht seiner Rückkehr unter all' seinen früheren Bekannten verbreitet, und besonders schien der weibliche Theil derselben ganz über alle Maßen neugierig, den Mann zu sehen, der sich jetzt neun volle Jahre bei den „Cigarren-Indianern" herumgetrieben hatte. Einige derselben kamen auch wirklich in der felsenfesten Ueberzeugung, einen dunkelbraunen, über und über tätowirten, halbwilden Menschen zu finden, und sahen sich grausam enttäuscht, als sich der Havanese auch in gar nichts von den übrigen europäischen jungen Leuten seines Alters unterschied, als vielleicht in der um einen Schatten dunkleren Hautfarbe seines Gesichts. Von Tätowirung war keine Spur an ihm zu sehen. Franz Kettenbrock fühlte sich aber in diesem Treiben nicht behaglich und parirte auf das Geschickteste drei verschiedene Einladungen zu drei verschiedenen Kaffeegesellschaften - hatte er ja doch auch in den ersten Tagen die Ausrede, sich ganz seinem Onkel widmen zu wollen.

Auf den nächsten Tag fiel aber der Ball, und da seine Cousinen außerordentlich beschäftigt waren, die nöthigen Anordnungen dazu zu treffen, ja der Regierungsrath selber alle Hände voll zu thun hatte, und dabei so viel kochen und braten ließ, daß er mit seinem Neffen im Wirthshause essen mußte, so ging dieser für den Nachmittag allen weiteren Begegnungen am besten dadurch aus dem Wege, daß er aus dem Thor dem nächsten Dorfe zuwanderte, um dort den Nachmittag Kaffee zu trinken, und dann noch ein paar Stunden die benachbarte freundliche und heimische Gegend zu durchstreifen. Hochauf athmete er, als er, vom lichten warmen Sonnenschein beglänzt, die lieben Hügel und Thäler, den blitzenden. Strom wieder erschaute, und an der nächsten Höhe angekommen, warf er sich in's Gras und blickte mit leuchtenden Augen auf das wunderliebliche Schauspiel, das sich vor ihm ausbreitete.

Wie hatte er sich auf diesen Augenblick gefreut! wie oft sich in Gedanken schon die bunten Matten, die dunkeln Wälder ausgemalt, die jetzt in Wirklichkeit wieder vor ihm lagen! Jedes Dorf kannte er auch noch beim Namen, und wußte wie er dort und da gespielt, an Sonn- und Feiertagen /26/ mit den Spielkameraden in die Berge gegangen, und leider auch an dem und jenem Ort die Obstbäume sorgloser Nachbarn geplündert hatte. Oh welch' eine liebe Zeit war das gewesen, und auch wieder, welch' trübe schwere Jahre lagen dazwischen! Sein Vater war erst gestorben, dann seine Mutter, und wie ihm die Heimath mehr und mehr verödete, wenn auch der Onkel den Knaben wie sein eigen Kind erzog, wachte die Sehnsucht in ihm auf nach jenem fernen, geheimnißvollen Land: Amerika. Zum Kaufmann von Jugend auf erzogen, trat er dort mit seinem achtzehnten Jahre selbstständig in ein Geschäft und vermehrte, mündig geworden, durch glückliche Speculationen sein Vermögen bald sehr bedeutend. Aber die Heimath konnte ihm das schöne fremde Land doch nicht ersehen; hierher trieb es ihn mit unwiderstehlicher Kraft zurück, und wenn er auch gerade nicht die Absicht hatte, sein Leben in Deutschland zu beschließen, wollte er doch sein Vaterland wenigstens noch einmal wiedersehen - die Gräber seiner Eltern besuchen. Dies hatte er auch schon mit Tagesanbruch gethan, sich an dem theuren Platz recht herzlich ausgeweint, und war dadurch recht weich, recht wehmüthig gestimmt worden.

Um so greller und unangenehmer berührte ihn dafür dies Drängen und Treiben der gesellschaftlichen Welt, die ihn aus den Armen seiner Familie heraus mit aller Gewalt in ihre Kreise ziehen wollte. Wie schal und nichtig kam ihm das Alles vor, und wie hatte er sich besonders über die Frau Steuerräthin geärgert, die seinethalben heute ein kleines Diner unter ganz intimen Freundinnen nur einfach zu dem Zweck arrangirt hatte, den „Havanesen" noch warm vom Schiffe fort an ihrem Tische zu sehen und sich seine Abenteuer aus erster Hand erzählen zu lassen. Vom Grabe der Eltern in die langweilige Gesellschaft - sein ganzes Herz empörte sich gegen den Gedanken, und wie er sich der Einladung selber geschickt zu entziehen gewußt hatte, so hätte er auch lieber dem Onkel den ganzen Ball heute noch ausgeredet, wenn es nur nicht zu spät dazu gewesen wäre.

Unter solchen Gefühlen schweifte sein Auge jetzt über die freundliche, sonnenbeschienene Landschaft hin, als seine Auf/27/merksamkeit auf seine unmittelbare Nähe, und zwar durch einen eigenen Zwischenfall geleitet wurde.

Etwa fünfzehn Schritt unterhalb von da, wo er auf dem Rasen lag, lief ein schmaler Fußpfad nach dem nächsten Dorf vorbei, und eine alte Frau, mit einem anscheinend schweren Korb auf dem Rücken, war dort in die Kniee gesunken und konnte, ohne Hülfe, nicht wieder auf. Dicht hinter ihr her kam ein ältlicher, breitschultriger Herr, anständig angezogen und eine Brille tragend, denselben Pfad. Die alte Frau hatte die Schritte gehört, und den Kopf nach ihm umwendend, sagte sie:

„Ach, liebes Herrchen, wären Sie wohl so gütig mir ein kleines Bischen heben zu helfen? Ich bin ausgerutscht und kann nicht wieder in die Höh' kommen; der Korb ist gar zu schwer."

Der breitschultrige Herr war bei ihr stehen geblieben, aber - er hatte lichte Glacehandschuhe über die dicken Finger gezogen und mochte sich die wahrscheinlich nicht schmutzig machen.

„Ladet nicht mehr auf, wie Ihr tragen könnt," brummte er deshalb finster vor sich hin, rückte sich die Brille, bog eben genug aus, die Frau nicht zu berühren, und - ging vorbei.

„Ach Du mein liebes Herrgottchen," klagte die arme Frau, „was giebt's doch für hartherzige Menschen in der Welt!" Sie brauchte jedoch nicht mehr zu sagen, denn Franz, über das Betragen des Burschen auf's Aeußerste entrüstet, war schon unten bei ihr, half ihr mit ihrem Korb wieder in die Höh' und sagte freundlich:

„Seid nicht böse, Mütterchen, unser Herrgott hat allerlei Kostgänger, und gute und böse, arme und reiche Menschen gemacht; von solchen, wie der da vorn, giebt's aber, dem Himmel sei Dank, nicht viel. - Doch Ihr tragt schwer, habt Ihr noch weit damit zu gehen?"

„Nein, mein gutes Herrchen - nur bis zu den nächsten Häusern drüben. Sonst hab' ich schon mehr getragen - wenn man aber erst einmal die Fünfundsechzig hinter sich hat, da wollen die Beine doch nicht mehr so recht fort. /28/ Aber, wie Gott will, und wenn's Zeit ist, wird er mich schon rufen."

„Adieu, Alte," sagte Franz und drückte ihr dabei etwas in die Hand.

„Oh Jemine!" rief die Alte erstaunt aus - „so viel Geld hab' ich ja wer weiß wie lange nicht beisammen gehabt. Ach, der Herrgott vergelt's tausend- und tausendmal, und lasse Sie -"

Franz hörte nicht die Hälfte von allen den Segenswünschen, die sie auf ihn herabflehte, denn er eilte, so rasch er konnte, dem Dorfe zu, wohin ihm schon der breitschultrige Herr vorangeschritten war. Diesen erreichte er auch gerade noch, als er eben rechts in eine Gartenpforte bog, und Franz sah kaum, daß dort aufgestellte Tische und Stühle einen Wirthshausgarten verkündeten, als er ohne Weiteres ihm zu folgen beschloß, um sich den hartherzigen Menschen wenigstens einmal in der Nähe zu betrachten. Gab es dann die Gelegenheit, so ließ sich ihm auch vielleicht sagen, was er von ihm und seinem Betragen hielt.

Der Breitschultrige hatte sich eine Portion Kaffee bestellt und setzte sich behaglich an einen kleinen runden Tisch, der einen weitästigen Birnbaum umschloß. Franz Kettenbrock ging an ihm vorüber und schleuderte ihm einen verächtlichen Blick zu; der dicke Herr bemerkte das aber gar nicht und sagte nur zu einem der eilfertig herbeispringenden Kellner:

„Habe schon bestellt."

Franz Kettenbrock blieb überrascht stehen und sah sich nach dem Breitschultrigen um. Die Stimme mußte er jedenfalls schon gehört haben - und war denn das nicht - das Gesicht hatte er freilich gestern Morgen nicht erkennen können - aber war denn das nicht etwa sein falscher Onkel aus dem alten Logis? - Der breitschultrige Herr nahm noch immer keine Notiz von ihm; Franz aber, jetzt fest entschlossen sich Gewißheit zu verschaffen, bestellte ebenfalls eine Portion Kaffee, zündete sich eine frische Cigarre an und setzte sich ohne weitere Umstände an den nämlichen Tisch, an dem Jener saß. Der Kaffee wurde gebracht; die Beiden schenkten sich schweigend ein und saßen eine ganze Weile einander gegenüber, ohne auch /29/ nur ein Wort mitsammen zu wechseln. Das hielt aber unser ungeduldiger Havanese nicht lange aus; ein Anknüpfungspunkt war auch bald gefunden: er ließ seine Cigarre ausgehen und bat seinen Nachbar um Feuer, und damit war ein Gespräch angeknüpft.

„Sehr schöne Gegend hier," sagte der Breitschultrige.

„Sehr schön - Sie sind fremd hier?"

„Vorgestern Nacht angekommen."

„Und wohnen vielleicht in einer nicht so hübschen Umgebung?"

„In Schlesien," lautete die Antwort, und Kettenbrock zweifelte jetzt keinen Augenblick mehr, daß er seinen „verkehrten Onkel" vor sich habe. Nur hinsichtlich des Namens mußte er sich noch Gewißheit verschaffen.

„Ja, dann glaub' ich, daß Ihnen die hiesige Gegend gefällt. - Sie sind Geschäftsmann, nicht wahr?"

„Advocat," sagte der Fremde - „treibe aber auch allerdings ein kleines Geschäft dabei," setzte er mit einem breiten, häßlichen Lächeln hinzu.

„Lieber Gott," meinte Kettenbrock - „das Geschäft ist ja doch die allgemeine Achse, um die sich die ganze Welt dreht, und nur wer sich einen guten Platz daran zu sichern weiß, das heißt der, der richtig speculirt, darf hoffen in der Welt zu reussiren."

„Ganz meine Meinung," nickte beifällig der Fremde, und über seine Züge stahl sich sogar bei der Bemerkung ein Schein von Wohlwollen.

„Ihre Geschäfte haben Sie also auch nach Yvenburg geführt, nicht wahr, mein Herr - wie war doch gleich Ihr werther Name?"

„Hobelmann."

„Ach ja, Herr Hobelmann," sagte jetzt Kettenbrock, vollkommen sicher.

„Geschäfte allerdings," erwiderte der Breitschultrige - „ein Proceß wenigstens. - Was ist Ihr Geschäft, wenn man fragen darf?"

„Ich bin Arzt," erwiderte auf gut Glück der junge Kettenbrock. /30/

„Arzt? hm! - Gutes Geschäft hier?"

„Nur mittelmäßig - die Gegend ist unverschämt gesund."

„Hm," sagte Herr Hobelmann, „hätte ich Sie früher gekannt, hätten wir vielleicht ein Geschäft zusammen machen können. Jetzt ist es vorbei."

„Wir Beide?"

„Ja. — In der Proceßsache, die ich hier für einen Clienten von mir führte - ich habe ihm eben die Schlußacten gebracht - handelte es sich darum, ein Gutachten von einem hiesigen Arzt über den Geisteszustand eines Dritten zu bekommen."

„In der That?" sagte Franz, und ein eigener toller Gedanke fuhr ihm wie der Blitz durch die Seele - „da interessiren Sie sich auch vielleicht für Geisteskranke?"

»Ich? - Damals lebhaft. Ueberhaupt ist ein Mensch, der nicht vollkommen bei Verstand ist, immer ein interessanter Gegenstand, da man nie bestimmen kann, inwieweit er für seine Thaten zurechnungsfähig blieb."

„Sie sind noch ganz fremd hier in der Stadt?"

„Vollkommen - kenne nur die Familie, bei der ich wohne. Warum?"

„Es war nur so ein Gedanke von mir," sagte Kettenbrock. „Ich bin nämlich in einem hiesigen Institut für Geisteskranke angestellt, mit denen wir heut Abend einen eigenthümlichen Versuch machen wollen."

„So? - Welchen, wenn man fragen darf?"

„Unser Obermedicinalrath hat einen Ball für die Verrückten arrangirt, auf dem sie sich vollkommen frei und unbelästigt bewegen sollen!"

„Die Tollen? - Alle Teufel, das muß sich merkwürdig ausnehmen. Aber es wäre wohl nicht möglich, Zutritt zu erlangen?"

„Nicht leicht - es ist verboten, Fremde dort hinzubringen."

„Hm - das ist schade - sehr schade!" sagte Herr Hobelmann. „Aber - ließe sich das nicht vielleicht auf die eine /31/ oder die andere Weise machen? - Es sollte Ihr Nachtheil nicht sein." ,

„Mit Geld, meinen Sie?" sagte Franz, durch diese Gemeinheit nur noch mehr in seinem Vorsatze bestärkt. „Nein, damit ist nichts anzufangen. Aber - der Oberarzt ist mein Onkel, und ich könnte vielleicht die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, wenn Sie mir versprechen wollten, gegen keinen Menschen eine Silbe darüber zu äußern. Sie brächten mich in dem Fall in die größte Verlegenheit."

„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort," rief Herr Hobelmann rasch und erfreut, „und würde Ihnen noch außerdem zu größtem Dank verpflichtet sein, Herr - wie ist gleich Ihr Name?"

„Franz - Doctor Franz."

„Sehr schön, Herr Doctor. Sagen Sie mir übrigens - Gefahr ist doch nicht dabei?"

„Nicht die geringste," beruhigte ihn Franz. „Die Leute stehen unter der unmittelbaren Aufsicht ihrer Wächter, die den Abend sämmtlich als Bediente oder Ballgäste verkleidet sind. Wir Aerzte verlassen sie außerdem keinen Augenblick, und falls ja bei Einem oder dem Andern die Tobsucht ausbrechen sollte, so ist kräftige Hülfe im Moment bei der Hand. Sie können sich wohl denken, daß jede nöthige Vorsichtsmaßregel für solchen Fall getroffen ist. Uebrigens sind wir auch der Leute ziemlich sicher, und nach unserer Methode hoffen wir eben von einem zeitweiligen Eingehen auf ihre fixen Ideen die heilsamsten Folgen. Es versteht sich trotzdem von selbst, daß man zu einem solchen Ball nur die harmlosesten Geisteskranken zuläßt. Wer sie nicht kennt, würde keinen Augenblick auf den Gedanken kommen, daß er sich unter lauter Verrückten befindet."

„Vortrefflich. Heut Abend ist der Ball, sagen Sie?"

„Heut Abend - ich will Sie abholen. Wo find' ich Sie?"

„Ich wohne in der Kreuzgasse, an der Ecke der Neuen Straße, die Nummer weiß ich nicht, beim Geheimrath von Pottlitz."

„Sehr gut, — ich werde um halb zehn Uhr mit einer /32/ Droschke an der Ecke warten. Aber Sie vergessen Ihr Ve¬sprechen nicht? Sie schweigen und halten sich bereit?"

„Kein Mensch erfährt eine Silbe," betheuerte Herr Hobelmann, „geht auch Niemandem etwas an, wo ich meinen Abend zubringe. Bin vollkommen mein eigener Herr."

„Also auf Wiedersehen um halb zehn Uhr. Ich muß jetzt in die Stadt zurück, um noch einige Anstalten zu treffen. Empfehle mich Ihnen, Herr Hobelmann."

„Empfehle mich Ihnen gehorsamst, Herr Doctor," sagte Herr Hobelmann, von seinem Stuhl aufstehend und sich vor dem jungen Mann verbeugend - „war mir ungemein angenehm, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen."

„Ja, das hast Du mir schon gestern Morgen versichert," lachte Franz stillvergnügt, als er wieder den schmalen Pfad zur Stadt zurückschritt. „Aber warte nur, Kamerad, den Empfang gestern im heimathlichen Hause und Deine Hartherzigkeit gegen die arme Frau heute tränk' ich Dir jedenfalls ein, und - hahaha - vielleicht kriegen die Frau Steuerräthin und die Frau Commerzienräthin auch ihren Theil ab von dem Spaße. Jedenfalls ist es der tollste Einfall, den ich in meinem Leben gehabt, und der Onkel wird mir am Ende böse darüber. Aber, bah! Zuletzt muß er doch darüber lachen. Und Herr Hobelmann - hahaha - wenn's nur erst Abend wäre!"

V.

Der Abend kam, und in den Salons des Regierungsraths Kettenbrock, der ein ziemlich großes Haus machte und brillant eingerichtet war, sammelten sich nach und nach die Gäste, bei deren Empfang Franz Kettenbrock natürlich nicht fehlen durfte. Im Anfang machte ihm das auch Freude, denn er knüpfte da manche alte Bekanntschaft wieder an, und schon lang' vergessene Namen und Gesichter tauchten auf's Neue vor ihm auf und /33/ weckten schlummernde Erinnerungen zu neuem Leben. Als aber die Frau Steuerräthin ihre Tochter und die Frau Commerzienräthin ihre beiden Nichten mitbrachten, und dann noch außerdem ein paar alte adelige Fräulein hereinrauschten, den armen jungen Mann in ihre Mitte nahmen und ihn mit ihren faden, alltäglichen Phrasen todt zu quälen suchten, da erwachte ein Gefühl der Empörung in Franz.

Ihm zu Ehren ward die kleine Festlichkeit gegeben, und er als Hauptperson wollte und brauchte sich nicht langweilen zu lassen. Im Anfang hatte er allerdings leichte Gewissensbisse über seinen tollen Plan gehabt, und wie sein alter Onkel so vergnügt und glücklich in den hell erleuchteten Räumen umherschritt, und ihm einmal über das andere, wo das nur irgend unbemerkt geschehen konnte, in seiner Freude die Hand drückst, da beschloß er schon das Ganze ungethan und den alten egoistischen Hobelmann ruhig sitzen zu lassen. Aergerte diesen das nicht erfüllte Versprechen, so geschah ihm das gerade recht. Aber Stunde um Stunde verging, und den äußersten Belebungsversuchen des alten Regierungsrathes zum Trotz zog sich die Gesellschaft immer wieder in einzelne steife Gruppen zurück, die nur dann und wann darauf ausgingen, den Havanesen abzufangen und sich anzueignen. Franz hatte auch volle Arbeit, ihnen geschickt auszuweichen oder, wenn wirklich einmal gefaßt, den gelegten Schlingen zu entgehen, mit denen ihn besonders die beiden „Muhmen" verfolgten. Eben war er solcher Art ganz verbittert der Frau Commerzienräthin entschlüpft und stand in einem kleinen Nebenzimmer in tiefen Gedanken, als ihm plötzlich der Onkel seinen Arm unterschob und sagte:

„Das weiß doch der Henker, in unsere Gesellschaften, wir mögen's anstellen wie wir wollen, ist nun einmal kein Leben zu bringen, und wie ich sehe, ennuyirst Du Dich ebenfalls schmählich."

„Aber, lieber Onkel, - wie können Sie glauben -"

„Papperlapapp, ich bin nicht blind. Das langweilige Volk, anstatt Dich mit zu unterhalten, wartet darauf, daß Du ihnen irgend etwas Außergewöhnliches - etwas Havanesisches zum Besten geben sollst, und da stehen sie und thun den Mund /34/ nicht auf, außer wenn sie Dich ausfragen oder heimlich untereinander flüstern und ihre Nebenmenschen lästern. Das Gescheiteste wird sein, ich lasse anfangen zu tanzen, damit nur etwas Bewegung in sie kommt."

Franz sah schlau vor sich nieder.

„Und wenn ich nun mit etwas Havanesischem zwischen sie führe?"

„Das wär' recht," rief der Onkel - „irgend etwas, um Wechsel, um Bewegung in die Sache zu bringen."

„Aber Sie werden vielleicht böse, Onkel?"

„Ich? wahrhastig nicht. Wo willst Du denn hin?"

„Nicht fort - ich bin im Augenblick wieder da. Wie viel Uhr haben wir jetzt?"

„Es wird gleich halb zehn Uhr sein."

„Schön, lieber Onkel. So lassen Sie den Ball nur beginnen."

„Aber den Tanz wirst Du doch eröffnen?"

„Gewiß, wenn Sie es wünschen. Bis Sie in Ordnung sind, bin ich wieder da. Ich will nur mein Schuhwerk wechseln, denn ich blieb vorhin mit der linken Sohle an einer Schwelle hängen und habe sie mir abgesprengt."

„Bleib mir nicht zu lange aus. So wie Steuerraths Euphrosine die Gnadenarie und etwa noch „Die schönsten Augen" zu Ende gesungen hat, geb' ich der Tanzmusik das Zeichen."

Der junge Havanese benutzte den nächsten Moment, um die Thür zu erreichen, und einige ihm nachgeschleuderte Blicke aus schönen Augen nicht achtend, stürzte er hinaus, warf seinen Paletot über und war wenige Secunden später auf der Straße.

„Wie viel Uhr haben wir, Kutscher?" rief er einer der unten haltenden Droschken entgegen.

„Gerade schlägt's halb zehn Uhr."

„Ecke der Kreuzgasse und Neuen Straße! Dort wird ein Herr zu mir einsteigen, dann drehst Du augenblicklich um und fährst hierher zurück - aber nicht an die Front des Hauses. Weißt Du, wo der Garten an der Promenade ausmündet?" /35/

„Von dem Hause hier? - gewiß - es brennt gerade eine Laterne an der Pforte dort."

„Dorthin fährst Du, aber nicht den nächsten Weg. Fahr aus dem Emmer-Thor hinaus und das Stück über die Promenade bis an die Gartenthür - verstanden?"

„Sehr wohl."

„Hier ist Dein Fahrgeld für beide Touren und laß Dein Pferd ein wenig austraben."

Der Kutscher, sehr zufrieden mit dem ihm gegebenen Gelde, zog seinem Gaul ein paar tüchtige Peitschenhiebe über und ließ die alte Droschke über das holprige Straßenpflaster rasseln. Es dauerte auch nicht lange, so befanden sie sich an der bezeichneten Ecke, und kaum hielt dort die Droschke, als Herr Hobelmann auch schon, in seinen Mantel gehüllt, erschien.

„Sie sind außerordentlich pünktlich," sagte er sehr freundlich.

„In unserer Anstalt muß Alles nach der Minute gehen," erwiderte Franz. - Der Kutscher hatte die erhaltene Weisung wohl gemerkt. Er fuhr hinaus auf die Promenade.

„Ihre Anstalt liegt außerhalb der Stadt?" sagte Herr Hobelmann.

„Nein," lautete die Antwort, „nur frisch und luftig am entgegengesetzten Ende derselben."

„Sie haben doch meinethalben keine Schwierigkeiten gehabt?"

„Nicht im Mindesten - das heißt bis jetzt noch nicht. Lassen Sie sich nur nicht das Geringste merken, daß Sie eine Ahnung davon haben, wo Sie sich befinden. Die Leute wollen natürlich nicht, wie Sie sich wohl denken können, für Verrückte angesehen werden. Mit den verschiedenen Persönlichkeiten und ihren Eigenthümlichkeiten werde ich Sie unter der Hand bekannt machen. Sie sind doch Ihres Versprechens eingedenk gewesen und haben zu Hause nichts erwähnt?"

„Sie können sich auf meine Diskretion verlassen. Aber wenn mich der Oberarzt bemerkt?"

„Ich habe Ihnen schon gesagt," erwiderte Franz, „daß derselbe mein Onkel ist, und dem muß ich Sie natürlich gleich /36/ vorstellen, sobald wir eingetreten. Er hat das Fest arrangirt und sämmtliche Irrsinnige sind von ihm nach aller Form der Etikette eingeladen worden. Jeder betrachtet sich deshalb vollkommen in seinem Recht, und da die Anstalt ziemlich kostspielig ist und nur Geisteskranke aus den höheren, wenigstens bemittelten Ständen aufnimmt, so dürfen Sie sich auch auf glänzende Toiletten gefaßt machen."

„Ich bin auf's Aeußerste gespannt," versicherte Herr Hobelmann.

„Und da sind wir schon," sagte Franz, während er vorn an das Droschkenfenster klopfte. „Bitte, folgen Sie mir so rasch Sie können, denn ich habe mich schon eigentlich etwas über meine Zeit aufgehalten." Die Droschke hielt, und Franz Kettenbrock, der seinem Begleiter so wenig als möglich Zeit zum Umschauen gönnen wollte, sprang behend aus dem Wagen und in die Gartenthür. Herr Hobelmann folgte ihm eben so flink, und bald betraten sie das innere Haus und erstiegen die mit Teppichen belegte Treppe.

„Das sieht ja hier ganz vornehm aus," flüsterte Herr Hobelmann - „und alle die harrenden Diener da?"

„Sind theils Wächter, theils nur für den Abend von dem Magistrat entlehnte Polizeidiener, die sich hier aufhalten, um einer möglichen Unordnung vorzubeugen," erwiderte Franz. „Natürlich würden sie die Kranken, wollten sie in ihrer gewöhnlichen Uniform erscheinen, gleich von vornherein mißtrauisch machen. In dieser Livrée dagegen vermuthet keiner, was in ihnen steckt."

„Vortrefflich," sagte Herr Hobelmann. „Eigentlich sogar ein Bild unserer ganzen bürgerlichen Verhältnisse. Die Polizei spielt ihre Maskerade ausgezeichnet."

„Finden Sie?" lachte Franz, - „doch da sind wir bei den Irren. Jetzt nehmen Sie sich zusammen."

„Thun Sie mir nur den Gefallen und lassen Sie mich nicht allein."

„Haben Sie keine Angst, jedenfalls verlasse ich Sie nicht, bevor ich Sie einigen der Herren und Damen vorgestellt habe. Da drüben der alte Herr, das ist der Oberarzt, zu dem werde ich Sie vor allen Dingen führen."

„Und wie titulirt man den Herrn?"

„Herr Rath - ah, er hat uns schon gesehen! Er ist allerdings Obermedicinalrath, aber man nennt ihn hier in der Anstalt nur einfach Herr Rath."

„Franz, wo steckst Du denn?" sagte der Regierungsrath, der in diesem Augenblick den zurückkehrenden Neffen erspäht hatte und rasch auf ihn zukam. „Die ganze Gesellschaft ist schon in Verzweiflung."

„Lieber Onkel," sagte der junge Mann, „ich habe das Vergnügen, Ihnen hier Herrn Hobelmann vorzustellen. Er ist fremd in der Stadt, und ich möchte Sie ersuchen -"

„Sehr angenehm Ihre werthe Bekanntschaft zu machen," sagte der alte Herr.

„Ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten, daß ich wage -"

„Keine Entschuldigungen; von meinem Neffen eingeführt, sind Sie mir herzlich willkommen. Tanzen Sie?"

„Es ist allerdings schon einige Zeit her, daß ich mich nicht mehr diesem Vergnügen hingegeben habe."

„Bitte, dann geniren Sie sich ja nicht," sagte der freundliche Wirth. „Jeder ist hier sein eigener Herr, und da drinnen kommt wohl eine Partie Whist oder L'Hombre zu Stande, an der Sie mit Bequemlichkeit Theil nehmen können." Der Onkel eilte geschäftig davon und Franz flüsterte seinem Opfer zu:

„Sie müssen jedenfalls tanzen; ich werde Sie schon einigen unserer „ruhigsten" Damen vorstellen."

„Aber ich habe wahrhaftig lange nicht getanzt."

„Gut. Dann nehmen Sie zum Anfang keine von den jüngsten, und erst einmal wieder in Gang, kommen Sie bald in den Wirbel hinein. Sehen Sie, da haben wir gleich eine unserer älteren Schönen."

„Die Dame mit den gelben Rosen?"

„Das ist eine ungarische Gräfin," sagte Franz, „die aber vollkommen geläufig Deutsch spricht. Sie hat die fixe Idee, daß ein deutscher Steuerrath sie aus ihrem Schlosse an der Theiß entführt und geheirathet habe." /38/

„Gerade ein Steuerrath? Das ist merkwürdig!" sagte Herr Hobelmann.

„Ich werde Sie gleich vorstellen."

„Und die beiden jungen Damen dort?"

„Von denen nachher. Seien Sie nur um Gottes willen voller Aufmerksamkeit gegen die unglückliche Gräfin."

„Und wer ist die alte Dame drüben mit dem Papier in der Hand?"

„Das ist die Königin von Birma."

„Wer?"

„Die Königin von Birma," wiederholte Franz ruhig und mit vorsichtig gedämpfter Stimme, denn die genannte Dame rauschte eben an ihnen vorüber und schien Jemanden zu suchen. Franz, der wohl ahnte, daß sie ihn aufzufinden wünsche, hatte sich durch die breite Gestalt des Herrn Hobelmann vollständig und glücklich gedeckt.

„Aber Sie meinen doch nicht im Ernst?" sagte der erstaunte Advocat.

„Gott bewahre!" lächelte der junge Mann. „Sie war früher an einen Commerzienrath in Berlin verheirathet und schnappte gerade zu der Zeit über, als der birmanische Gesandte durch Berlin nach London reiste. Jetzt bildet sie sich ein, er sei nur dorthin gekommen, um sie an den Hof des Großherrn zu holen. Ueber den Zustand der dortigen Seelen aber innigst betrübt, läuft sie nun fortwährend mit einer Liste herum, Beiträge zur Bekehrung der Heidenkinder in Birma zu sammeln - doch da kommt die Gräfin-Steuerräthin auf uns zu. Jetzt nehmen Sie sich zusammen."

„Aber, bester Franz, wo haben Sie die Zeit daher gesteckt?" sagte in diesem Augenblick die Steuerräthin, die, vollkommen ahnungslos über die ihr zugetheilte Würde, zu den beiden Männern trat. „Wie eine Stecknadel haben wir Sie überall gesucht und der Tanz soll beginnen."

„Erlauben Sie mir nur erst, hochgeehrte Frau," sagte Franz, „Ihnen einen Tänzer zuzuführen, der darauf brennt Ihre Bekanntschaft zu machen. Graf Hobelmann aus Pest."

Die Frau Steuerräthin knixte fast bis auf den Boden hinunter und Herr Hobelmann sah seinen Begleiter mit einem etwas dummen Blicke an. Dieser aber flüsterte der Dame mit den gelben Rosen zu: „Halten Sie ihn fest, Steuerräthin, ich glaube fast, Sie haben da eine ganz brillante Eroberung gemacht," und verschwand im nächsten Augenblick von ihrer Seite, seine Cousine Adele zu dem ersten, eben beginnenden Tanz zu führen.

Hier traf er auch schon das zweite Paar, seinen sehr glücklich lächelnden Reisegefährten mit Base Fränzchen am Arm.

Der junge Doctor schien in einem wahren Meer von Wonne zu schwimmen; er ging gar nicht, er schwebte ordentlich, und sein Antlitz strahlte von Vergnügen.

„Bester Kettenbrock," rief er, des Havanesen Hand ergreifend, „ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen für diesen Abend bin - wie glücklich ich mich fühle -"

„Ist auch gar nicht nöthig," lachte Kettenbrock. „Ihr Gesicht verrätht das schon ohnedies. Aber Cousine Fränzchen scheint mir niedergeschlagen?"

„Ich?" sagte das junge Mädchen erstaunt, und ihr offenes Gesicht überflog ein leichtes Roth. „Du bist ein arger Spötter, Vetter Franz; aber im Nu wird Dir die Frau Commerzienräthin über den Hals kommen. Siehst Du, wie sie dort mit ihrem Subscriptionsbogen durch den Saal streicht?"

„Wie ein Habicht über ein Ackerfeld," lachte Franz, „und wehe den armen Opfern, auf die er niederfährt."

„Aber sie bringt sie nicht um —"

„Nein, sie zapft ihnen nur das Blut ab, um jene Klasse von Menschen mit dem Erbeuteten zu füttern, die in einem schwarzen Frack und weißer Halsbinde das passende Futteral für ihre unsterbliche Seele gefunden zu haben glauben."

„Pfui, Franz," rief die Cousine, „schäme Dich!"

„Etwa weil ich glaube, daß die Neger und Indianer keine wollenen Strümpfe brauchen?" gab der junge Mann zurück. „Aber wahrhaftig, sie hat es auf mich gemünzt," und ohne weiter ein Wort zu sagen, verließ er die Gruppe /40/ und ergriff Adelens Hand, den Tanz zu beginnen, dessen Tacte eben lustig vom Orchester herabschmetterten.

„Lieber Franz," sagte die rücksichtslos einschreitende Commerzienräthin, „in glücklichen Momenten des Lebens ist das Herz am mildthätigsten, am weichsten gestimmt -"

„Hat aber auch die wenigste Zeit," unterbrach sie der junge Mann und setzte sich mit seiner Dame in Bewegung. „Platz, oder der ganze Zug geht über Sie hin!"

„Aber nur einen Moment -"

Es half ihr nichts. Die Paare flogen an ihr vorüber.

Nur einer der Tänzer theilte das allgemeine Vergnügen so wenig, daß er sich lieber davon zurückgezogen hätte, wenn er dazu den Muth besessen, und das war Herr Hobelmann. Die überselige Frau Steuerräthin als wahnsinnige Gräfin im Arm, keuchte er mit triefender Stirn durch den Saal. Die Gräfin schien gar keine Lunge zu haben, und wenn er inne halten wollte, traf ihn ein so merkwürdiger Blick aus ihren Augen, daß er immer wieder auf's Neue die Zähne zusammenbiß und vorwärts arbeitete. Er durfte ja die Unglückliche nicht reizen. Endlich aber konnte er nicht mehr; seine Kräfte ließen nach, sein Kopf schwindelte, der ganze Saal drehte sich mit ihm im Kreis, und mit immer ängstlicheren Verbeugungen, die er seiner Tänzerin machte, taumelte er zu einem nahen Sitz, auf den er athemlos niedersank.

„Bravo! Bravo! vortrefflich!" flüsterte ihm Franz zu, „Sie tanzen ja mit einer Leidenschaft, mein guter Graf, daß Sie die jüngeren Leute ordentlich beschämen."

„Graf!" flüsterte da Etwas zur Seite, und als Franz den Kopf wandte, entdeckte er die Frau Commerzienräthin, die mit dem unerbittlichen weißen Bogen in der einen und einem schwarzen Bleistift in der andern Hand neben ihm stand, - „bitte, lieber Franz, stellen Sie mich dem Herrn Grafen vor."

„Mit dem größten Vergnügen," willigte in seinem Uebermuth der junge Havanese ein. „Meine Gnädigste, ich habe hier die Freude, Sie mit einem unserer leidenschaftlichsten und besten Tänzer, dem Grafen Hobelmann bekannt zu machen. Herr Graf, sehen Sie in dieser Dame die Mutter aller /41/ unchristlichen Waisen, die Königin und Wohlthäterin von Birma, wie von verschiedenen anderen heidnischen Länderstrichen."

„Sie Schmeichler," lächelte verschämt unter ihrer Schminke erröthend die Commerzienräthin. „Herr Graf, ich freue mich außerordentlich, diese ehrenvolle Bekanntschaft zu machen, und entschuldigen Sie nur, wenn ich gleich bei Ihnen mit einer Bitte erscheine, und so gewissermaßen mit der Thür in's Haus falle."

Sie trat dabei dicht auf Hobelmann zu, und dieser, in der Scheu, der Königin von Birma zu nahe zu kommen, erhob sich rasch von seinem Sessel, mit dem er beinahe umgefallen wäre.

„Sie ist vollkommen unschädlich," raunte ihm Franz zu, und die Dame, der die erschreckte Bewegung nicht entgehen konnte, sagte lächelnd:

„Fürchten Sie sich nicht, Herr Graf, es soll Ihnen nichts geschehen, nur Ihre Mildthätigkeit möchte ich in Anspruch nehmen, und zwar für die armen Heidenkinder in Birma, über deren Elend Sie mir wohl erlauben, Ihnen zugleich einige kleine Broschüren zu überreichen."

„Majestät sind zu gnädig!" stammelte der also Ueberraschte. Die Commerzienräthin aber, mit einem lächelnden Blick auf Franz den Titel acceptirend, hielt ihm das Papier vor und sagte bittend:

„Unterschreiben Sie, Herr Graf; bedenken Sie, daß Sie mit ein paar hier so heilvoll angelegten Louisd'oren unendlichen Segen wirken. Und wenn Sie auch nur eine Seele damit retten, so hätte sich das Capital ja tausendfach, millionenfach verzinst."

„Was soll ich denn thun?" wendete sich der geängstigte Hobelmann an den sich dicht zu ihm haltenden Franz.

„Unterschreiben Sie," rieth dieser leise, „sie wird sonst böse. Derartigen Leuten muß man scheinbar den Willen thun -"

„Aber wie viel?"

„Das bleibt sich ja gleich - unter zehn Louisd'or können Sie aber auf keinen Fall zeichnen. Wenn die Summe nur auf dem Papier steht, so ist die Dame vollkommen zufrieden." /42/

„Nun, nicht wahr, Sie sind so freundlich?" drängte noch einmal die Commerzienräthin.

„Wenn Sie befehlen, von Herzen gern!" sagte Herr Hobelmann, nahm den ihm gereichten Bleistift, und im nächsten Augenblick stand sein Autograph: G. Hobelmann mit der anscheinend unschuldigen Bemerkung: zehn Louisd'or auf dem Papier und vor den entzückten Blicken der Heidenbeschützerin. Im Ueberfließen ihres Dankes ergriff sie seine Hand.

„Großmüthiger, freigebiger Mann," rief sie, „dafür ermöglichen Sie vielleicht den Eintritt einer ganzen Familie in den Himmel. Nur um Ihre werthe Adresse dürfte ich wohl noch bitten."

„Die werde ich schon ausfüllen," mischte sich aber Franz Kettenbrock in das Gespräch und wehrte dadurch die Frau Commerzienräthin endlich ab. Brannte ihr doch auch schon der Boden unter den Füßen, auf neue Opfer zu stoßen und die unterschriebenen zehn Louisd'or im Triumph durch den Salon zu tragen. Herr Hobelmann aber, höchst erfreut so billig davongekommen zu sein, machte ihr eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung, wie er es dem Rang einer Königin von Birma für angemessen hielt, und gewann sich dadurch ihr Herz vollkommen. Die Frau Steuerräthin dagegen rümpfte die Nase und war jetzt im Innern mehr als je davon überzeugt, - wenn es dazu überhaupt noch irgend eines Beweises bedurft hätte - daß die Commerzienräthin eine höchst durchtriebene und intriguante Person sei, vor der man sich entsetzlich in Acht nehmen müsse.

„Nun, wie gefällt Ihnen die Gesellschaft?" fragte Franz, als er sich mit Herrn Hobelmann einen Augenblick allein sah.

„Vortrefflich, mein junger Freund, ganz vortrefflich!" erwiderte der dicke Advocat, sich dabei den Schweiß von der Stirn trocknend; „ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen dafür bin, mich hier eingeführt zu haben. So etwas bekommt man nicht alle Tage zu sehen. Die Königin von Birma zum Beispiel ist göttlich - ein wahres Charakterbild, einzig in ihrer Art! Aber sagen Sie mir einmal, wer ist denn der Herr, der da so finster zwischen den verschiedenen Gruppen herumgeht? Den mit der Brille /43/

mein' ich und dem großen Schnurrbart. Er hat etwas Militärisches."

„Das ist unser Hauptkrankenwärter," erwiderte Franz leise, denn der erwähnte Herr ging eben unfern von ihnen vorbei und warf dem Herrn Hobelmann einen scharfen, nicht besonders freundlichen Blick zu. „Hier in der Gesellschaft wird er zwar Herr Hauptmann titulirt, und die Kranken lassen ihn für ihres Gleichen gelten, außerdem hat er sie aber tüchtig unter der Fuchtel, und sie fürchten ihn, wenn er einmal ärgerlich wird und zwischen sie fährt. Doch da kommen noch ein paar unserer interessantesten Irrsinnigen, eine noch eben nicht bejahrte Dame in dem permanenten Alter der Zwanziger, ein Fräulein von Bomershausen, die, wenn ich nicht irre, ein Drama geschrieben hat, und vor der Aufführung aus Furcht vor dem Mißlingen desselben wahnsinnig geworden ist, und ein anderes gnädiges Fräulein von Losenbrett, ebenfalls eine Schriftstellerin, die wunderbarer Weise in ein französisches Attentat verwickelt zu sein glaubt und in jedem Fremden einen Spion fürchtet. In ihren lichten Augenblicken macht sie Gedichte, in ihrem ärgsten Parorysmus aber liest sie dieselben vor."

„Sie scheinen es ebenfalls auf uns abzusehen," sagte Herr Hobelmann.

„Im schlimmsten Fall fordern wir Beide zum Tanz auf," beruhigte ihn Franz; „die Musik wird im Augenblick wieder beginnen."

„Ich bin aber schon so müde, daß ich kaum noch aus den Füßen stehen kann," versicherte Herr Hobelmann.

„Das schadet nichts," entgegnete Franz. „Sie tanzen sich wieder munter. Ich empfehle Ihnen Fräulein von Losenbrett."

„Die Dame mit den entsetzlich langen Locken?"

„Bst - dieselbe - nicht so laut. Derartige Irrsinnige haben ein wunderbar scharfes Gehör und sind außerordentlich mißtrauisch."

Er hatte kaum ausgesprochen, als Fräulein von Losenbrett, von der man schon seit fünfzehn Jahren behauptete, /44/ daß sie eine höchst interessante Blondine sei, an ihn heranglitt, seinen Arm berührte und leise sagte:

„Lieber Kettenbrock, wer ist denn der dicke fremde Herr, den Sie uns da gebracht haben?"

„Ein Graf Mann, mein gnädiges Fräulein," antwortete Franz. „Nach seinem Erbgut Hobelmann genannt."

„Aber den Namen kenne ich gar nicht."

„Er ist aus dem fernen Ostpreußen und erst heute bei uns eingetroffen. Erlauben Sie, daß ich ihn vorstelle?"

„Gleich - erst noch eine Frage. Ich - ich habe zu Ihrer Rückkehr ein kleines Gedicht - eigentlich nur ein Epigramm, gemacht - denn Sie werden mir zugestehen, daß Sie keine Lyrik verdienen."

„Mein gnädiges Fräulein -"

„Still - ich möchte es Ihnen vorlesen - am liebsten Ihnen allein - in Begleitung einer Freundin natürlich - aber - wenn Sie Ihren Freund mitbringen wollen, habe ich nichts dagegen."

„Jetzt? meine Gnädige. - Der Tanz wird im Augenblick wieder beginnen und ich bin engagirt."

„In der nächsten Pause denn, unmittelbar nach dem Tanz. Drüben im kleinen Erker."

„Indessen," sagte jetzt Franz, und zwar wieder mit lauter Stimme, „erlauben Sie mir wohl, Ihnen meinen Freund, den Grafen Hobelmann, vorzustellen, - Fräulein Emma von Losenbrett - eine unserer gefeiertsten Dichterinnen."

Die Dame verneigte sich erröthend, und Hobelmann wollte sich ebenfalls mit einer tiefen und etwas steifen Verbeugung loskaufen. So billig sollte er aber nicht davonkommen, denn der boshafte Franz fuhr fort: „Er hat mich vorhin schon ersucht, Sie, meine Gnädige, in seinem Namen um diesen Tanz zu bitten."

Die Antwort war eine stumme, aber gestattende. Auch blieb nicht viel Zeit zu längerer Conversation, denn in demselben Augenblick begann die Musik auf's Neue, und Hobelmann war gleich darauf genöthigt, nach dem Tact eines rasend schnellen Galopps den Saal hinab- und wieder heraufzuwirbeln. /45/

Erschöpft und mit pochenden Adern machte er eben mit seiner Tänzerin eine kurze Pause, als ihn Jemand leicht auf die Schulter klopfte. Wie er sich rasch danach umdrehte, stand der Regierungsrath hinter ihm und sagte, lächelnd mit dem Finger drohend:

„Ei, ei, mein Bester - Sie thun, als wenn Sie nicht mehr tanzen könnten, und ich laufe mir die Beine ab, Ihnen einen Platz an einem Whist- oder Bostontisch zu verschaffen, indessen Sie wie ein Zephyr durch den Saal hüpfen."

„Bester Herr Obermedicinalrath!"

„Schon gut," lachte der alte Herr, - „kommt auf den Titel nicht an, und ist mir eine herzinnige Freude, Sie und Alle so aufgeräumt, so froh zu sehen. Wenn Sie nur -"

Herr Hobelmann hörte nichts weiter. Fräulein von Losenbrett hatte genug geruht, und sehr erfreut einen Tänzer gefunden zu haben, schleppte sie den vollständig erhitzten Advocaten unerbittlich wieder hinein in das wogende Meer der Wirbelnden.

„So!" sagte Herr Hobelmann, erschöpft nach Luft schnappend, als er endlich von seiner Dame frei geworden und todmatt auf einen Stuhl geflüchtet war, während Franz Kettenbrock, der seinen Gast nicht aus den Augen ließ, wieder zu ihm trat, „so, das glaub' ich! Für sich suchen Sie sich die hübschesten Mädchen aus, und mir hängen Sie die alten auf, damit sie mich durch ihre Tanzwuth ruiniren."

„Aber Fräulein von Losenbrett -"

„Daß die verrückt ist, will ich selber unterschreiben," stöhnte der durchaus Fertige, „denn was mir die für Unsinn in den paar Minuten vorgeschwatzt hat, das geht auf kein Buch groß Royalpapier. Ich sagte nur immer Ja, um sie nicht zu reizen."

„So kommen Sie jetzt mit in jenen Erker, daß wir uns ein wenig ausruhen," sagte Franz - „auch stehen dort Erfrischungen. Bleiben wir hier, so werden wir doch gleich

wieder zum Tanzen abgefaßt."

„Wohin?" rief Hobelmann erfreut. „Nur nicht wieder tanzen, sonst bin ich morgen früh ein todter Mann."

Er erschrak aber ordentlich, als ihnen am Eingang des /46/ kleinen Erkers anstatt einer Erfrischung die unvermeidliche Emma von Losenbrett, diesmal mit einem Heft Manuscript in der Hand, entgegentrat, und wollte sich rasch aus der Schlinge ziehen. Franz hielt aber sein Opfer fest, und die Dame sagte lächelnd:

„Das ist hübsch von Ihnen, daß Sie Wort halten. Jetzt nehmen Sie hier Platz, Louise wird uns Gesellschaft leisten. Ich habe mich unendlich auf diesen Augenblick gefreut."

„Mich entschuldigen Sie vielleicht," sagte Herr Hobelmann.

Franz aber warf ihm einen warnenden Blick zu, der ihn in den Erker hineintrieb. Als einmal der Vorhang hinter ihm gefallen, gab es kein Entrinnen. Hobelmann sowohl wie Franz kamen nicht eher von der Vorlesung los, als bis sie von der Commerzienräthin in ihrem Versteck aufgestöbert wurden.

„Zur Belohnung für Ihre Geduld gegen eine unserer gefährlichsten Kranken," tröstete Franz den Advocaten, der keine einzige vernünftige Stelle in allen den Versen des Fräuleins gefunden haben wollte, „zur Belohnung dafür werde ich Sie jetzt mit ein paar ganz harmlosen jungen Geschöpfen bekannt machen, die, vollkommen vernünftig in jeder andern Hinsicht, nur ein paar unbedeutende fixe Ideen haben."

„Mit Einer von diesen haben Sie vorhin getanzt?"

„Allerdings - und dort kommt die Andere. Die ist Ihnen doch hübsch und jung genug?"

„Ein allerliebstes Mädchen."

„Schön - wenn Sie sich bei ihr in Gunst setzen wollen, so bitten Sie sie nur um eine Prise."

„Sie schnupft?"

„Leidenschaftlich."

„Aber das ist doch nicht ihre Krankheit?"

„Nein - das arme Geschöpf, das kaum siebzehn Jahre zählen kann, bildet sich ein, daß es seit zehn Jahren verheiratet sei - an einen Mann, der nach Amerika gegangen und von dort in der nächsten Woche zurückkehren werde."

„Das ist sehr traurig," sagte Herr Hobelmann.

„Sie ist übrigens vollständig zurechnungsfähig, sobald man sie in diesem Wahn läßt," fuhr Franz Kettenbrock fort, /47/ „verfällt aber in die gefährlichsten Ausbrüche, sobald man ihr nur im Geringsten widerspricht."

„Dann wäre es mir am liebsten, Sie ließen mich ihr aus dem Weg gehen," meinte Herr Hobelmann.

„Sie haben nicht das Geringste zu besorgen," beruhigte ihn aber Franz; „so wie Sie sich nur angelegentlich nach dem Befinden ihres Gemahls erkundigen - von seinem Wohlsein mit ihr sprechen - ist sie überaus glücklich. - Fränzchen!" wandte er sich in diesem Augenblick an die herantretende Dame. „Hier habe ich das Vergnügen, Dir den Herrn Grafen Hobelmann vorzustellen, der Dich durch mich um den nächsten Walzer ersuchen läßt."

Hobelmann zupfte seinen Peiniger heimlich am Rock, denn er konnte vor Mattigkeit kaum noch die Füße vom Boden heben; aber es half ihm nichts, Base Fränzchen, in ihrer Gutmüthigkeit, neigte sich freundlich gegen ihn, und die einfallende Musik erlaubte kein weiteres Sträuben.

„Onkel hat uns schon mitgetheilt," sagte sie mit ihrer liebenswürdigen Freundlichkeit, während Franz etwas auf die Seite trat, „daß uns der Vetter einen werthen Besuch in Ihnen mitgebracht."

„Wie jammerschade um das liebe Wesen," dachte Hobelmann. „Sie sind sehr gütig, gnädige Frau," erwiderte er laut. „Haben Sie kürzlich Nachricht von Ihrem Herrn Gemahl erhalten?"

Fränzchen sah ihn erstaunt an, aber eben folgten sie dem ihnen zunächst vorantanzenden Paare. Sie begnügte sich daher, mit einem tiefen Erröthen zu fragen:

„Meinem Gemahl?"

„Ich weiß, daß er lange in Amerika ist," keuchte Herr Hobelmann. „Und jetzt auf dem Rückwege zu Ihnen."

„Für wie alt halten Sie mich?" lächelte ihn da Fränzchen so schelmisch an, daß Herr Hobelmann seine Geistesgegenwart vollends verlor und verlegen stammelte:

„Sie entschuldigen, gnädige Frau - aber - ich - ich weiß wirklich nicht. Sie - scheinen sich ausgezeichnet conservirt zu haben."

Fränzchen sah ihn erstaunt an - aber ein plötzlicher Ge/48/danke zuckte ihr durch den Sinn, und ihr Auge suchte den Vetter Franz. Dieser unterhielt sich aber gerade auf das Angelegentlichste mit einer andern jungen Dame seiner Bekanntschaft und trat mir ihr ebenfalls zum Tanze an. Auf das Paar, zu welchem Hobelmann gehörte, schien er gar nicht weiter zu achten.

Bei der ersten Pause, die er machte, hatte Fränzchen den Havanesen eingeholt. „Was für einen Menschen hast Du uns denn da zugeführt?"

„Ich?" erwiderte Franz gelassen, „meinst Du den Grafen?"

„Entweder ist er verrückt, oder ich - sehe aus wie eine Matrone von vierzig Jahren!" rief das Mädchen und wurde gluthroth bei den Worten.

„Matrone von vierzig Jahren, mein schönes Bäschen, ist ein Unding und existirt gar nicht auf der Welt," lachte Franz , als Antwort. „Ueberhaupt giebt es keine Damen in den vierziger Jahren, ausgenommen in den niederen Ständen; höchstens Damen von zweiunddreißig bis vierunddreißig Jahren, und dann ganz alte, würdige Matronen hoch in den Fünfzigen."

„Du bist boshaft, Vetter," sagte Fränzchen und warf einen scheuen Blick nach ihrem Tänzer hinüber, der eine kurze Strecke von ihnen entfernt stand und sich mit der Hoffnung schmeichelte, daß ihn seine Tänzerin verlassen habe und nicht wiederkehren würde.

„Aber er tanzt vortrefflich, nicht wahr?" sagte Franz.

„Wie ein Mehlsack. Zweimal hat er mich schon aus die Füße getreten," sagte Fränzchen. „Wenn ich den Walzer mit ihm aushalte, ist das nur ein Opfer, das ich Deinem Ehrentage bringe."

„Aber, bestes Bäschen - ich muß jetzt fort - nachher ein Weiteres."

In der Ecke des Saales stand der Hauptmann Stimbeck mit dem alten Regierungsrath Kettenbrock zusammen.

„Sagen Sie mir einmal, Regierungsrath, was ist denn das für ein wunderlicher Kauz, den uns Ihr Neffe heut Abend mitgebracht hat?" /49/

„Ja, ich kenne ihn selber nicht recht, ein Herr Hobelmaus, oder Hobelmann, glaub' ich -"

„Herr Hobelmann?" brummte der Hauptmann, „die alte Steuerräthin schwärmt ja von einem liebenswürdigen Grafen mit dem sie getanzt haben will."

„Ein Graf?" sagte der Regierungsrath. „Dann müßte ich das in der Eile des Vorstellens überhört haben."

„Und was für ein confiscirtes Gesicht der Kerl hat!" fuhr der Hauptmann fort, indem er dem Tanzenden mit den Augen folgte, „und wie er die kurzen Beine schleppt. Wenn das ein Graf ist, fress' ich ihn bei lebendigem Leibe" - und verächtlich die Lippen emporwerfend, drehte sich der Hauptmann ab und ging mit diesem kannibalischen Vorsatz nach der andern Seite des Saales hinüber.

Dort suchte Franz eben einen Zwist zwischen Herrn Hobelmann und dem jungen Doctor Helmerdiek zu schlichten. Denn der Arzt hatte sich an's Ohr Hobelmann's gedrängt und flüsterte dem Advocaten zu: „Herr, Sie sind ein unverschämter Mensch, wenn Sie sich mit Damen solche Scherze erlauben können. Wenn Sie Ehrgefühl im Leibe haben, so stehen Sie mir Rede."

Franz deutete dem Advocaten an, daß er es mit einem schwer Kranken zu thun habe, und faßte den gereizten Doctor ohne Weiteres unter den Arm, um ihn mit Gewalt in ein benachbartes Cabinet zu ziehen.

„Was fällt Ihnen denn ein, lieber Kamerad," sagte er hier, „mit dem alten Herrn da Streit anzufangen? Was hatten Sie nur ihm?"

„Ich? gar nichts-“, sagte Helmerdiek, etwas verlegen, „aber er verlangte von Ihrer Cousine, Fräulein Franziska - "

„Nun? - was denn?" und der junge Kettenbrock horchte gespannt auf.

„Es ist zu unsinnig,“ rief Helmerdiek, etwas verlegen, „und man könnte wahrhaftig darüber lachen, wenn es die junge Dame nicht gar zu sehr in Verlegenheit gebracht hätte.“

„Aber was um Gottes willen verlangte er denn nur?“

„Eine Prise.“ /50/

„Aber, bester Helmerdiek, das ist ja viel zu komisch, um sich darüber zu ärgern."

„Ich sage Ihnen, Kettenbrock, das ist ein ganz grober, ungeschliffener Mensch. Sehen Sie nur, jetzt hat er da drüben auch schon Streit mit der Steuerräthin bekommen."

Franz antwortete nicht, denn er gewahrte mit einem Blick, daß seine Gegenwart an der bezeichneten Stelle dringend nöthig sei. Ohne einen Moment Zeit zu verlieren, eilte er auf den wieder in irgend eine Klemme gerathenen Hobelmann zu, nahm ihn, während ihm die Frau Steuerräthin entrüstet und verächtlich den Rücken wandte, unter den Arm und führte ihn ein wenig aus dem Weg.

„Aber was um Gottes willen haben Sie denn nun schon wieder angefangen?" sagte er dabei leise; „ich hatte Sie doch so dringend gewarnt, mit den Leuten vorsichtig umzugehen."

„Diesmal war ich allerdings schuld," sagte Herr Hobelmann etwas bestürzt. „Ich glaube wenigstens, ich habe ein Versehen begangen. Jene ungarische Gräfin kam auf mich zu, von der Sie mir sagten, daß sie mit einem Steuerrath durchgegangen sei. In Gedanken verwechselte ich aber den Steuerrath mit dem Grafen, und um doch etwas zu sagen, machte ich einige Andeutungen auf die Liebschaft mit einem Grafen, was sie entsetzlich übel zu nehmen schien. Sie kamen gerade zur rechten Zeit dazu."

„Aber, bester Herr Hobelmann," sagte Franz, der mit aller Gewalt an sich halten mußte, sein Lachen zu verbeißen, „das hätte sehr unglücklich ablaufen können."

„Allerdings," erwiderte der Advocat und warf einen verstohlenen Blick über seine Schulter. - „Vorhin nahm mir auch schon eins der männlichen Individuen etwas übel - derartige Leute sind ja entsetzlich reizbar. Sie kamen zum Glück dazwischen. Aber wer war der junge, ganz elegant gekleidete Mann? Und was ist er?"

„Der? Das ist, wie ich Ihnen schon andeutete, einer unserer unbändigsten Kranken, wenn er einmal losbricht," erwiderte Franz, während Herr Hobelmann auf Helmerdiek zeigte. „Sie werden auch bemerken, daß sich zwei der sogenannten Bedienten stets in seiner Nähe befinden. Halten Sie sich lieber entfernt von ihm."

„Er steht mich noch fortwährend finster an," sagte Herr Hobelmann, den das beunruhigte.

„Es fällt gar nicht so selten vor," meinte Kettenbrock, „daß ein solcher Patient gegen irgend ein ihm ausstoßendes fremdes Gesicht plötzlich einen Widerwillen zeigt, und geschieht das, so müssen wir solche, ihren kranken Geist erregende Elemente allerdings sogleich entfernen. Im vorigen Jahr stürzte sich ein ähnlicher Kranker trotz aller Aufsicht auf einen Fremden, der ihm nicht das Mindeste zu Leide gethan, und ehe wir zu Hülfe springen konnten, hatte er ihm die Halsader durchgebissen."

„Es ist entsetzlich!" sagte Herr Hobelmann und fing an, sich nicht mehr recht geheuer zu fühlen.

„Franz - auf ein Wort," zürnte in diesem Augenblick die Frau Steuerräthin, die gerade wieder vorüberrauschte - „ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen."

„Ich stehe im Moment zu Diensten'" versetzte der junge Mann.

„Wissen Sie was, mein bester Doctor," bemerkte Herr Hobelmann - „ich denke, ich werde mich jetzt lieber wieder entfernen. Ich habe Ihre Zeit eigentlich schon zu lange in Anspruch genommen, und es wird spät."

„Mein bester Herr Hobelmann, es war mir eine große Freude, Ihnen gefällig gewesen zu sein, aber - wenn Sie nicht länger bleiben wollen - das Souper muß übrigens gleich beginnen."

„Ich danke Ihnen sehr. Apropos - Sie entschuldigen jedenfalls die Frage - ist hier - ist hier vielleicht irgend Jemand von den Leuten, dem man ein Trinkgeld -"

„Das ist nicht nöthig," sagte Franz, dessen muthwilliger Blick gerade aus den unfern der Thür stehenden Hauptmann fiel, „wenn Sie aber Jemandem eine Kleinigkeit geben wollen, so ist das der Krankenwärter dort, der da drüben an der Thür steht."

„Ah, der Mann mit dem großen Schnurrbart?"

„Derselbe." /52/

„Ich bin Ihnen verbunden. Wie aber werde ich mich jetzt am besten nach Hause finden? Droschken sind doch jetzt nicht mehr zu finden."

„Nein, aber ich habe dafür gesorgt. Der Diener dort in der Scharlachweste wird Sie begleiten, damit Sie nicht irre gehen."

„Ah, nur bis auf den Markt, dann finde ich meinen Weg schon allein."

„So wie Sie in die Ihnen bekannte Gegend kommen, können Sie ihn zurückschicken."

„Und Ihrem Herrn Onkel, dem Herrn Obermedicinalrath, bitte ich mich bestens zu empfehlen. Er wird jetzt beschäftigt sein, und ich möchte ihn nicht stören."

„Ich werde es übernehmen, mein werther Herr Hobelmann. Bitte, gehen Sie nach dieser Seite herüber; da drüben kommt der junge Kranke wieder, der, wie es scheint, die Idiosynkrasie wider Sie hat, und ich möchte daher nicht gern, daß Sie ihm begegneten."

„Wünsche einen recht angenehmen Abend," sagte Herr Hobelmann rasch, der Anordnung aus das Bereitwilligste Folge leistend, und von dem Bedienten - dem Kutscher des Regierungsrathes, den Franz schon vorher genau instruirt hatte - begleitet, arbeitete sich der Advocat, sehr zum Erstaunen der Gäste, äußerst rücksichtslos auf den Hauptmann zu. Er war ja im Begriff fortzugehen und dicht an der Treppe, was brauchte er also mit den „Verrückten", für die er doch die ganze Gesellschaft hielt, noch viel Umstände zu machen.

Mit einigem Erstaunen sah ihn Hauptmann von Stimbeck so gerade auf sich zukommen. Sollte der Fremde etwa eine oder die andere der Bemerkungen gehört haben, die er vorher ziemlich laut über ihn gemacht? - Was that's denn? Er mochte ihn zur Rede stellen, desto besser - an kurzer, derber Antwort sollt' es nicht fehlen. Herr Hobelmann kam näher. Jetzt war er nur noch zwei Schritt entfernt - er bog weder rechts noch links aus - jetzt noch einen - der Hauptmann maß ihn trotzig mit den Augen - jetzt streckte er den Arm aus, und Hauptmann von Stimbeck fühlte, wie ihm etwas /53/ Papiernes in die Hand gedrückt wurde. - War das die Karte seines vermeintlichen Gegners? - und das „confiscirte Gesicht" nickte dazu so gnädig. Im nächsten Augenblick war Hobelmann durch die Thür verschwunden, während Stimbeck seine Hand gegen eine der nächsten Lampen öffnete.

„Tod und Teufel!" knirschte er dabei zwischen den zusammengebissenen Zähnen - „ob mir der Schuft nicht einen Kassenschein in die Hand gedrückt, als ob ich ein Bedienter wäre -" und in aufloderndem Jähzorn wollte er dem unglücklichen Manne nach. Hier aber vertrat ihm Franz den Weg, und seine Hand ergreifend, bat er dringend:

„Ich ersuche Sie um Gottes willen, lieber Hauptmann, machen Sie hier keine Scene. Der alte Herr war so fidel und hat so viel getanzt, daß ihm der starke Wein, den er gleich darauf getrunken, wohl ein wenig in den Kopf gestiegen ist. Ich wies ihn an den Bedienten, der hinter Ihnen stand, um seinen Ueberzieher von dem zu fordern, und wahrscheinlich hat er gar nicht mehr gesehen, wen er vor sich hatte, und war nur froh, daß er die Thür erreichte."

„Ich werde es ihm anstreichen," brummte der Hauptmauer in den Bart hinein. „Wo wohnt der Mensch?"

"Ich sage Ihnen später seine Adresse. Lasten Sie ihn wenigstens erst ausschlafen. Außerdem hat Sie mein Onkel schon überall gesucht - Sie sollen einen Hochheimer Ausbruch mit ihm probiren."

„Alle Wetter, da steh' ich zu Diensten! Aber ich kann das Geld doch nicht behalten? Wenn ich dem Tölpel seinen Thalerschein nur gleich in's Gesicht geworfen hätte."

„Der Hochheimer Ausbruch wartet. Geben Sie das Geld dem ersten besten Diener, dem Sie begegnen."

„Nein - verdammt," sagte der Hauptmann, indem er es in die Westentasche steckte, „daß der Bursche am Ende noch glaubte, ich hätte es behalten? Das soll er mit gehörigem Protest zurückbekommen. Wie sind Sie nur an das Ungethüm gerathen, Kettenbrock? So viel ich weiß, haben Sie ihn uns doch heut Abend zugeführt."

„Später erzähle ich Ihnen einmal die ganze Geschichte, /54/ mein bester Hauptmann - jetzt wartet der Onkel und der Wein, und die vertragen alle beide keine Versäumniß."

VI.

Franz Kettenbrock, wie er mit dem wenigstens für jetzt beruhigten Hauptmann durch den Saal schritt, konnte es aber nicht entgehen, daß unter den bis dahin so steifen und förmlichen Gästen ein ganz reges Leben herrsche. Kaum war der Tanz beendet, als sich überall kleine Gruppen sammelten, und die Frau Steuerräthin, der junge Helmerdiek, wie die beiden Fräulein von Losenbrett und Bomershausen fuhren dazwischen hin und her und theilten den verschiedenen Parteien ihre Entrüstung über den Fremden mit, über den sie fest entschlossen waren, von Franz Kettenbrock genügende Auskunft zu verlangen. Die jungen Leute dagegen, die heimlich ihre herzinnige Freude an dem Zorn der älteren Damen hatten, standen ebenfalls in kleinen Trupps kichernd beisammen, und jedenfalls war das Eis gebrochen, das sonst derartige Gesellschaften mit seiner kalten, glatten Fläche überzieht.

Hobelmann, ein so ungeselliger Bursche er an und für sich auch sein mochte, hatte, wenn auch ganz unfreiwillig, die Laune der Anwesenden erweckt, und der alte Regierungsrath, bis dahin ohne die geringste Ahnung von der Ursache dieser freudigen Veränderung, traf mit einem innig vergnügten Gesicht, an der Thür des kleinen Cabinets, mit Franz und dem Hauptmann zusammen, schüttelte Beiden die Hände und versicherte ihnen, er wisse sich der Zeit nicht zu erinnern, wo er eine so lebendig bewegte Gesellschaft bei einander gesehen habe.

„Es geht auch heute in der That ungewöhnlich munter her," sagte der Hauptmann, „ich weiß selber nicht, wann ich's so gesehen hätte. Die jungen Damen kichern und lachen da mit einander, daß es eine wahre Lust ist."

„Was sie nur haben, die lieben Dinger," schmunzelte der /55/ Regierungsrath - „und Adele kenne ich heute gar nicht wieder, sie ist ganz ausgelassen, während Fränzchen ihre sonstige stille Rolle übernommen hat."

„Das arme Fränzchen haben sie mir geneckt," meinte der Hauptmann, „und daran ist Niemand weiter schuld, wie jener vertracte, ungeschickte Bursche, den uns der Franz heute über den Hals gebracht hat."

„Der Fremde?" rief der Regierungsrath erstaunt; „apropos, Junge, wo ist denn Dein Freund? Ich habe Dir doch gesagt, Du solltest ihn mit zum Weine bringen."

„Er läßt sich entschuldigen,, bester Onkel," erwiderte Kettenbrock. „Er kann das lange Aufbleiben nicht leiden und äst heimgegangen."

„Heim? - um elf Uhr schon? wäre nicht übel - und nicht einmal einen Imbiß angenommen. Doch es ist seine eigene Schuld und kein Mensch kann etwas dafür. Jetzt, Kinder, sollt Ihr aber noch vor der Tafel ein Gläschen Hauptwein kosten."

„Soll ich unsern jungen Doctor nicht dazu holen?" unterbrach ihn Franz.

„Den Helmerdiek?" sagte der Regierungsrath und warf seinem Neffen einen eigenthümlichen Blick zu, „ich fürchte beinahe, der hat schon zu viel Feuer im Kopf und der Hochheimer verdreht ihn mir ganz. Aber meinetwegen hol' ihn. Es scheint mir ein ordentlicher Mann zu sein, und ich mag ihn bis jetzt ganz wohl leiden." Der alte Herr war vortrefflichen Humors, und der kostbare Rheinwein diente nicht dazu, seine Laune herabzustimmen. Auch das bald servirte Souper wurde heiter belebt. Hobelmann aber, danach zu urtheilen wie man von ihm sprach, war gerade zur rechten Zeit verschwunden. Am ärgsten wüthete die Steuerräthin gegen den Grafen Hobelmann, und nur die Königin von Birma, durch die unterschriebenen zehn Louisd'or geblendet, nahm einigermaßen seine Partei.

Aber selbst Herrn Hobelmann vergaß man, als nach der Tafel die Tische bei Seite geschoben wurden und die lockenden Töne der Instrumente das junge Volk zu neuem Tanze riefen. /56/

Die Frau Commerzienräthin allein behielt den „Grafen" auch nach aufgehobener Tafel noch im Gedächtniß, und in der natürlichen Sorge, die gezeichnete Summe baar in ihre Kasse „für die armen Heidenkinder" zu bekommen, bat sie den jungen Kettenbrock um die versprochene Adresse. Franz suchte ihr anfangs auszuweichen, aber sie ließ nicht nach, und um die Sache nicht weiter zu treiben und etwa gar an die Öffentlichkeit zu bringen, was ihm seines Onkels wegen fatal gewesen wäre, gab er ihr endlich einen andern Stadttheil mit irgend einer beliebigen Hausnummer an. Dadurch glaubte er sich vollkommen dagegen gesichert, daß sie den Grafen Hobelmann etwa auffände, und setzte sie ihn später selber über die nicht erfüllte Verbindlichkeit zur Rede, so ließ sich wohl ein Ausweg finden, den Grafen vorläufig zu entschuldigen und die Sache hinauszuschieben. Franz Keltenbrock kannte jedoch, in Allem was ihre „milde und heilige Stiftung" betraf, die Hartnäckigkeit der Frau Commerzienräthin noch nicht.

Herr Hobelmann war indessen von dem ihm beigegebenen Diener durch den Garten aus dem Haus und auf einem kleinen Umweg bis zum Markt geführt worden, wo sich der würdige Mann bald orientirte, seinem Führer ein kleines Trinkgeld gab und, sehr zufrieden mit der Benutzung seines Abends, eben der eigenen Wohnung zugehen wollte. Der Bursche hatte sich aber auf eigene Hand das Vergnügen gemacht, ihn wieder nach vorn, genau vor das Haus zu führen, das er vor einer Viertelstunde etwa durch die Hinterthür verlassen, und die hell erleuchteten Fenster wie die Musik fielen Herrn Hobelmann auf.

„Wer wohnt da, wo die Musik ist?" frug er den Bedienten.

„Der Herr Regierungsrath Kettenbrock, zu dienen."

„Hm - Kettenbrock? - Kettenbrock? - hat auch Ball?" - sagte Herr Hobelmann, dem der Name auffiel.

„Sein Neffe ist nach langer Abwesenheit zurückgekommen, und da wird ein kleines Familienfest gefeiert."

„So? - hm - na gute Nacht," und mit den Worten kehrte sich Herr Hobelmann ab und schlenderte der Richtung /57/ zu, in der er jetzt sein eigenes Quartier wußte. Der Bediente aber blieb noch kurze Zeit vor der hell erleuchteten Etage des Regierungsraths stehen, und erst als der Fremde um die nächste Ecke verschwunden war, nahm er seinen Schlüssel aus der Tasche, öffnete still vor sich hinlachend die Thür und tauchte ebenfalls in das Innere des Hauses ein.

Herr Hobelmann, mit keiner Ahnung übrigens, welchen Zwecken er den Abend gedient haben könnte, schlief die Nacht ganz ausgezeichnet, und erwachte am nächsten Morgen etwas später als sonst für seine Geschäfte. Um neun Uhr brütete er aber doch schon wieder über einem tüchtigen Stoß Acten, und ging erst im Laufe des Nachmittags aus, um eine Stunde lang frische Luft zu schöpfen.

Um Yvenburg ringelte sich eine sehr hübsch arrangirte und gut unterhaltene Promenade, die Vorstädte von der eigentlichen Stadt trennend und den in ihre hohen Häuser eingeengten Städtern Luft, Licht und Schatten gewährend. Schmale Wege zogen sich, hier in einander laufend, dort wieder nach verschiedenen Richtungen auszweigend, neben einander hin und wurden an schönen Abenden von den Bewohnern von Yvenburg auf das Lebhafteste frequentirt.

Hobelmann hatte übrigens andere Dinge im Kopf, als sich viel um die ihm fremden Bewohner von Yvenburg zu bekümmern. Deshalb, die Hände auf den Rücken gelegt, den Kopf etwas gesenkt, war er schon eine ganze Weile achtlos dahingeschritten, als er plötzlich mit einer ihm gerade entgegenkommenden Dame fast zusammenrannte. Wie er aber den Kopf hob, sah er sich Auge in Auge mit der Frau Steuerräthin, die ihn kaum erkannte, als sie ihm einen majestätischen Blick der Verachtung zuschleuderte und dann vorüberrauschte.

Im ersten Moment, und in dem Gefühl ein bekanntes Gesicht vor sich zu haben, griff Herr Hobelmann nach seinem Hut; im folgenden Augenblick aber, als mit der Erinnerung an gestern Abend die Gestalt der Dame Form und Namen erhielt, erschrak er ordentlich.

Jene ungarische Gräfin, die sich für eine Steuerräthin hielt, auf offener Straße? - Jedenfalls hatte sie also gestern Abend eine unbewachte Gelegenheit wahrgenommen und war /58/ entsprungen - in dem Kleiderstaat, den sie auch heute trug, konnte sie recht gut gerade vom Balle kommen - und Herr Hobelmann blieb im ersten Augenblick, vollkommen unschlüssig über das, was er thun solle, stehen und sah ihr nach. Sein Gefühl für bürgerliche Sicherheit und Gerichte ließ ihn aber nicht lange in Zweifel, und die Frau Steuerräthin, die es sich nicht versagen konnte zurückzuschauen, ob der „freche Graf" durch den ihm zugeschleuderten Blick auch wirklich vernichtet sei, bemerkte zu ihrem unbegrenzten Erstaunen, daß er umdrehe und ihr folge. - Wollte er sie anreden? - ha, er sollte nur kommen, - sie fühlte sich gerade in der Stimmung, ihm mit kalten, dürren Worten zu sagen, wie sehr sie ihn geringschätze.

Obgleich sie sehr langsam ging, überholte sie aber der vermeintliche Graf doch nicht, sondern blieb in gleicher Entfernung hinter ihr, und als sie eine an ihr vorbeigehende Dame benutzte, den Kopf zurückzuwenden, sah sie sogar, daß der Unverschämte mit einem gerade dort stehenden Polizeidiener sprach und auf sie deutete.

Der liebe Gott nur weiß, weshalb sie dabei so erschrak, aber sie wurde leichenblaß, und war sie früher langsam gegangen, so verdoppelte sie jetzt ihre Schritte, dem verhaßten Menschen zu entkommen. Der Polizeidiener blieb aber nicht allein hinter ihr, sondern überholte sie sogar, und als er an ihr vorüberging, als ob er irgend ein anderes Ziel verfolge, drehte er sich nach ihr um und sah ihr in's Gesicht - dann ging er wieder langsamer, ließ sie vorbei und hielt sich nur in ihrer Nähe.

Herr Hobelmann dagegen, der jetzt glaubte seiner Pflicht genügt zu haben, indem er die Polizei auf ein der Gesellschaft gefährliches Individuum aufmerksam gemacht, zugleich aber auch mit der Sache weiter nichts zu thun haben mochte, drehte wieder um, um seinen vorhin begonnenen und durch die Steuerräthin unterbrochenen Weg fortzusetzen. Er hatte die Dame auch in der That schon beinahe vergessen, als er auf eine so eigenthümliche als wirksame Art auf's Neue an sie erinnert wurde.

„Ach, mein lieber Herr Graf," redete ihn eine ältliche /59/ Dame in einem mit großen Blumen besäeten Hut und in größte Toilette gekleidet an, indem sie auf ihn zutrat und, als er an ihr vorbeischlüpfen wollte, seinen Arm berührte, „das ist ja ein sehr glücklicher Zufall, der mich Sie hier finden läßt. Mein Mädchen ist heute Morgen nach dreistündigem Umherlaufen nach der mir von Franz gegebenen Adresse nicht im Stande gewesen, Sie aufzufinden. - Auch auf der Polizei war es nicht möglich, den Herrn Grafen zu erfragen, und ich wollte mir eben noch einmal Ihre richtige Adresse geben lassen."

„Die Königin von Birma!" dachte Hobelmann erschreckt. „Gleichfalls ausgekniffen? Die beiden Frauenzimmer müssen zusammen davongelaufen sein - das ist wirklich eine schöne Aufsicht in der Anstalt."

„Sie kennen mich am Ende gar nicht mehr?" lächelte die Frau Commerzienräthin, als sie sein bestürztes Gesicht bemerkte.

„Oh, ja wohl, Majestät," sagte Herr Hobelmann, noch unschlüssig ob er die Unglückliche sofort in Person festhalten und um Hülfe rufen, oder sie ebenfalls - wie vorhin die ungarische Gräfin - ungesehen verfolgen und dem ersten ihm begegnenden Polizeidiener anempfehlen solle. Natürlich mußte er nur jetzt noch, so lange sie in Freiheit war, auf ihre vermeintlichen Ideen eingehen. „Ich werde so leicht die Ehre nicht vergessen, bei Ihnen Audienz erhalten zu haben."

„Ja - um's Himmels willen," sagte die Frau Commerzienräthin erschreckt, „für wen - für wen halten Sie mich denn?"

„Majestät können, wenn Sie nicht erkannt sein wollen," sagte Herr Hobelmann, der das Erstaunen ganz falsch verstanden, „auf meine volle Discretion rechnen."

„Der Graf ist verrückt geworden; er ist rein übergeschnappt," dachte die bestürzte Dame und wollte sich schon mit einer Verbeugung zurückziehen - aber die zehn Louisd'or konnte sie doch nicht im Stiche lassen, und mit nur etwas ängstlicher Stimme sagte sie:

„Sie erinnern sich doch, daß Sie gestern Abend so freund-/60/lich waren, eine kleine Summe zum Besten der heidnischen Waisen zu unterschreiben?"

„Allerdings," erwiderte Herr Hobelmann ohne den mindesten Rückhalt, denn ein Widerspruch hätte ihm hier auf der Straße eine heftige Scene bereiten können - „mit dem Wunsche, daß das Geld segensreiche Früchte tragen möge."

„Er ist doch am Ende nicht verrückt," sagte sich die Frau Commerzienräthin. „Um Ihre werthe Adresse dürfte ich Sie dann wohl bitten," fügte sie laut hinzu, „wenn Sie das Geld nicht gerade bei sich haben sollten."

„Hm," dachte Herr Hobelmann - „so viel Verstand besitzt sie doch, daß sie das nicht vergessen hat. Geld kann sie aber nicht bekommen, lieber halt' ich sie mit der Adresse hin."

„Majestät," sprach er also, „Geld habe ich im Augenblick in der That nicht bei mir, die Adresse steht Ihnen aber mit Freuden zu Befehl, und es wird mir eine Ehre sein, dieselbe von Ihnen einzulösen."

„Er ist doch verrückt," dachte die Commerzienräthin - „wenn ich nur erst meine zehn Louisd'or von ihm hätte." Dabei nahm sie die ihr gereichte Karte, dankte Herrn Hobelmann und suchte so rasch als möglich aus der ihr unheimlich werdenden Nähe des Mannes zu kommen. Kaum war sie aber ein paar Schritte von ihm entfernt, als sie auch einen verstohlenen Blick auf die Karte warf, und zu ihrem Erstaunen dort keinen Grafentitel, sondern nur die einfachen Worte las:

G. Hobelmann,

Advocat und Notar,

und darunter war mit Bleistift geschrieben:

Nr. 17, Ecke der Kreuzgasse und Neuen Straße.

Wie hing das zusammen? - Aber es ließ sich auch erklären: das G. vorn bedeutete den Grafen, verschwieg aber den Rang, weil sich derselbe nicht wohl mit der Beschäftigung eines Advocaten vertrug. Was aber hatte ihn so zurückgebracht, daß er sich sein Brod mit einer seinem Rang so wenig entsprechenden Berufsart verdienen mußte? Und war er zurückgekommen, wie konnte er da, ächt gräflich, zehn Louisd'or für einen wohlthätigen Zweck unterschreiben? - Sie warf einen noch immer zweifelhaften Blick über ihre Schulter /61/ nach dem räthselhaften Grafen zurück und sah jetzt, daß er stehen geblieben war und ihr nachschaute. Aber wenn er kein Geld bei sich hatte, konnte ihr auch seine Person nichts nützen. Sie besaß ja nun seine richtige Adresse und er war ihr gewiß.

Hobelmann übrigens folgte ihr, wie sie sich abdrehte, gerade so wie der Steuerräthin, um sie ebenfalls sicheren Händen zu überliefern, als er plötzlich durch eine neue Erscheinung zurückgehalten wurde. Auf dem andern Gang nämlich kam eine ganze Gesellschaft lachend und scherzend heraus, und als er einen flüchtigen Blick hinüberwarf, wollte er seinen eigenen Augen nicht mehr trauen. Vor sich nämlich sah' er die beiden hübschen jungen Mädchen von gestern Abend - mit der Einen hatte er selber getanzt - sah er außerdem jenes Fräulein von Losenbrett, die ihnen die entsetzlichen Gedichte vorgelesen, und noch eine andere Dame, auf deren Namen er sich nicht gleich besinnen konnte. Daß sie aber mit in die Anstalt gehöre, hätte er beschwören können, und zum Ueberfluß ging der junge unbändige Mensch, vor dem ihn sein Führer besonders gewarnt hatte, mit ihnen. Dieser Irrsinnige lachte und erzählte und that gar nicht, als ob er jeden Augenblick beim Kragen genommen und wieder zurück unter Schloß und Riegel geschafft werden könne.

Aber war denn das ganze Irrenhaus heute ausgebrochen? Denn daß man solchen Leuten gestattete frei umher zu gehen und ihre Mitmenschen zu gefährden, ließ sich doch nicht denken. Fast unwillkürlich nahm er auch den Hut vor der Gesellschaft ab, die ihn ebenfalls erkannte, und schritt rasch vorüber. - Die Königin von Birma hatte er ganz vergessen.

„Das ist eine wunderliche Geschichte," brummte er in sich hinein. „Kein Gefangenwärter, kein Polizeidiener in der Nähe, und hier auf öffentlicher Promenade ein ganzer Trupp von Wahnsinnigen, - Aber was kümmert es eigentlich mich? Wenn sich Die, die es angeht, nicht daran kehren, brauch' ich mir auch keine Sorge weiter deshalb zu machen. Der alte Medicinalrath mag aber eine schöne Nase bekommen, wenn die Sache ruchbar wird."

In solchen Gedanken und ganz mit den eben gesehenen /62/ Leuten beschäftigt, blieb er endlich stehen, als diese an ihm vorbeigegangen waren, und wußte jetzt wirklich nicht, was er thun solle: nach Hause gehen und sich weiter gar nicht um das Geschehene kümmern, oder die Flucht der Wahnsinnigen anzeigen. Gerade aber war er mit sich im Reinen, das erstere zu befolgen, als ein langer, breitschultriger Herr mit einem großen Schnurrbart auf ihn zukam und sagte:

„Apropos, mein Herr, Sie treffe ich hier zur guten Stunde."

„Ich weiß nicht, daß ich das Vergnügen hätte, Ihre werthe Bekanntschaft -" stammelte Herr Hobelmann, von der rauhen Anrede verblüfft.

„Wir waren gestern Abend zusammen in Gesellschaft beim Regierungsrath Kettenbrock," unterbrach ihn aber der mit dem Schnurrbart, „und dort hatten Sie die Unverschämtheit, mir, als Sie gingen, nachdem Sie fast alle Damen der Gesellschaft beleidigt, einen Thalerschein in die Hand zu drücken. Herr, für wen halten Sie mich?"

Bei diesen Worten nahm der Ergrimmte das sorgfältig aufbewahrte Papier aus der Tasche und hielt es dem bestürzten Herrn Hobelmann unter die Nase.

Herr Hobelmann wollte eben dagegen protestiren, daß er je in einer Gesellschaft bei einem Herrn Kettenbrock gewesen wäre, als er die Persönlichkeit, den langen Mann mit dem großen Schnurrbart, wieder erkannte. Vor der trotzigen Anrede und dem finstern Blick übrigens einen Schritt zurückweichend, sagte er freundlich:

„Sehr verehrter Herr, es ist mir außerordentlich beruhigend, daß ich Sie gerade jetzt, und jener Gesellschaft folgend, treffe. Was übrigens den Kassenschein betrifft, so hatte ich nicht die entfernteste Absicht, Sie zu beleidigen, sondern wollte Ihnen nur, als dem Krankenwärter der Anstalt, ein Trinkgeld geben. Heute scheinen indessen alle Ihre Kranken -"

„Herr, sind Sie verrückt?" unterbrach der Hauptmann den Andern, indem er ganz bleich vor Wuth wurde. „Aber diesen Schimpf sollen Sie mit Ihrem Blute bezahlen. Ich ein Krankenwärter? - Tod und Teufel Wo ist Ihre Wohnung. Herr?"

„Aber ich begreife Sie nicht -" /63/

„Wo ist Ihre Wohnung, Herr - geben Sie mir Ihre Karte, oder Sie reizen mich, etwas zu thun, das ich später vielleicht bereuen würde," flüsterte der Hauptmann, und Herr Hobelmann bemerkte zu seinem Schrecken, wie der Fremde vor verhaltener Wuth förmlich blau im Gesicht geworden war. Von einem so entsetzlich aufgeregten Menschen ließ sich das Schlimmste erwarten, und um nicht auf offener Promenade angefallen zu werden, gab er ihm rasch die verlangte Karte. Damit hatte er aber auch jeder Anforderung, die der Beleidigte in diesem Augenblick an ihn stellen konnte, genügt, und der Hauptmann sagte, indem er ihm verächtlich den Rücken wandte:

„Sie werden heut Abend von mir hören, da - nehmen Sie!" - und mit den Worten, indem er dem bestürzten Herrn Hobelmann seine eigene Karte und den Papierthaler in die Hand drückte, schritt er, ohne den verdutzten Advocaten weiter eines Blickes zu würdigen, die Promenade eilig hinab. Herr Hobelmann aber sprach bestürzt vor sich hin:

„Wenn der nicht toller ist, wie irgend Einer der seiner Zucht anvertrauten Patienten, so will ich selber dort eingesperrt werden. Jetzt aber habe ich die Geschichte satt, und bis die ganze Bande nicht wieder eingefangen ist, setze ich keinen Fuß mehr vor die Thür."

Damit bog er seitwärts der Stadt zu und in eine kleine Seitenstraße ein, und eilte so rasch er konnte seiner Wohnung zu.

VII.

Dort angekommen, suchte er aber unverzüglich seinen Wirth, den Geheimrath von Pottlitz, aus, um diesem die Begebnisse des letzten Abends und heutigen Tages zu erzählen und ihn um seinen Rath zu fragen, wie er sich dabei zu verhalten habe. Der alte Herr hörte ihm aufmerksam zu, schüttelte dabei erst langsam, dann jedoch immer bedenklicher mit dem /64/ Kopfe, und sagte endlich, als Herr Hobelmann fertig war und ihn erwartungsvoll ansah:

„Hören Sie, mein guter Herr Hobelmann, das ist eine höchst wunderliche Geschichte, die Sie mir da erzählen. Vor allen Dingen möchte ich Ihnen aber Eins bemerken. Wir haben hier allerdings ein Irrenhaus, eine Privatanstalt, aber eine gute Stunde von der Stadt entfernt und weit außerhalb des Droschkenbezirks. Sind Sie gestern Abend dort gewesen?"

„Gott bewahre," sagte Herr Hobelmann, „die Anstalt muß in der unmittelbaren Nähe der Stadt liegen, oder vielmehr in der Vorstadt da drüben. Wir sind keine zehn Minuten gefahren, und ich bin den Weg dann in nicht ganz einer Viertelstunde zurückgegangen."

„Und bei wem sagte Ihr vermeintlicher Krankenwärter, daß sie einander gestern Abend in Gesellschaft begegnet wären?"

„Der faselte von einem Regierungsrath Kettenbork oder Kettenbrock."

„Und wer hat Sie in jene Anstalt eingeführt?"

„Ein junger Mann, ein gewisser Doctor Franz, ein Neffe des alten Obermedicinalraths. Er nannte ihn auch Onkel."

„Und die ganze Gesellschaft haben Sie heut Abend auf der Promenade getroffen?"

„Die ganze Gesellschaft allerdings nicht, aber wenigstens sechs oder sieben Personen davon."

„Soll ich Ihnen jetzt meine Meinung sagen?"

„Ich bitte Sie darum."

„Gut. Jener Herr Doctor Franz hat sich einen, allerdings ziemlich derben Spaß mit Ihnen erlaubt und Sie in eine ganz vernünftige, gewöhnliche Abendgesellschaft gebracht, unter dem Vorwände Sie in ein Irrenhaus zu führen."

„Aber das ist nicht möglich!" rief Herr Hobelmann entrüstet aus. „Die Königin von Birma -"

„Erlauben Sie mir," unterbrach ihn der alte Geheimrath. „Wir haben hier in der Stadt eine mit Kettenbrocks sehr befreundete und, wenn ich nicht irre, auch verwandte /65/

Dame, eine Commerzienräthin Brummer, die in der ganzen Stadt herumläuft und für die Heidenkinder in Birma Collecten sammelt. Ihre ganze Beschreibung paßt auf die Dame ausgezeichnet."

„Aber das ist ja gar nicht möglich!" rief Herr Hobelmann.

„Ebenso findet sich eine Frau Steuerräthin Fischbach, die dort aus- und eingeht und verwandt mit Kettenbrocks ist."

„Bei voller Vernunft?"

„Ich möchte Ihnen wenigstens nicht rathen, sie ahnen zu lassen, daß Sie das Gegentheil vermuthen."

„Aber meine Steuerräthin soll eine ungarische Gräfin sein?"

„Unsinn! Ihr „Doctor Franz" hat Ihnen das mit dem Uebrigen aufgebunden. Wenn Sie am Ende wirklich gestern Abend unter solchen Auspicien bei Kettenbrocks in Gesellschaft gewesen wären, so erführ' es heute die ganze Stadt und Sie würden zum Gespött der Leute."

„Kettenbrocks - unmöglich!" sagte Herr Hobelmann; „wie wir auf den Markt kamen, sah ich eine erleuchtete Etage und hörte Musik und frug den Diener, der mich geführt hatte, wer da wohne, und der sagte mir, wie ich mich jetzt recht genau entsinne, daß ein Ball bei Kettenbrocks sei."

„Dann begreif' ich nicht, wo Sie gewesen sein können," erwiderte kopfschüttelnd der Geheimrath. „So viel aber ist sicher, in einer Irrenanstalt waren Sie nicht, sondern bei ganz vernünftigen Leuten. Auch wer Sie zur Zielscheibe seines Witzes gemacht haben kann, ist mir ein Räthsel, denn so viel ich weiß, kennen Sie ja noch keine Seele in der Stadt."

„Es ist ein Bedienter draußen, der den Herrn Hobelmann zu sprechen wünscht!" meldete in diesem Augenblick das Dienstmädchen, das den Kopf zur Thür hereinsteckte.

„Mich?" sagte Herr Hobelmann erschreckt.

„Ja, ich weiß es nicht," versetzte das Mädchen - „er trug nach einem Herrn Grafen Hobelmann und zeigte mir die Karte hier." /66/

„Das ist von der verrückten Gesellschaft," rief der Advocat bestürzt. „Sie nannten mich dort Graf."

„Dann lassen Sie den Diener hereinkommen," sagte der Geheimrath. „Wahrscheinlich erfahren wir jetzt, woran wir mit der ganzen Sache sind."

Der Bursche trat ein und überreichte dem die Hand danach ausstreckenden Geheimrath ein Papier - die Herrn Hobelmann nur zu gut bekannte Subscriptionsliste vom gestrigen Ball - auf der dessen Autograph unleugbar mit zehn Louisd'or verzeichnet stand.

„Haben Sie das geschrieben?" fragte ihn der Geheimrath.

„Allerdings," sagte Herr Hobelmann, - „aber -"

„Erlauben Sie einmal," unterbrach ihn jedoch der Geheimrath - sich dabei an den Diener wendend, der indessen einen Bleistift aus der Tasche genommen hatte, um augenblicklich nach empfangener Zahlung das Dedit-Zeichen an die Liste zu machen - „wo war die Frau Commerzienräthin gestern Abend in Gesellschaft, mein Freund?"

„Beim Regierungsrath Kettenbrock," sagte der Mann.

„Es war große Gesellschaft dort?"

„Ja - wurde auch getanzt - der junge Herr Franz, der Neffe des alten Herrn, ist vor ein paar Tagen von Amerika zurückgekommen, und da -"

„Franz?" unterbrach ihn rasch Herr Hobelmann - „ein junger Mann mit einem leichten Schnurrbart und etwas brauner Gesichtsfarbe?"

„Gewiß," sagte der Bediente, der mit bei Kettenbrocks aufgewartet hatte, „Sie kennen ihn ganz gut, Herr Graf - Sie sind ja gestern den ganzen Abend mit ihm im Saal herumgegangen."

Herr Hobelmann wäre fast auf seinen Stuhl zurückgesunken, von Pottlitz aber sagte:

„Der alte Regierungsrath ist sein Onkel - und dieses Haus gehörte früher ihm. Erst vor einem halben Jahre etwa habe ich es ihm abgekauft und bin hierher gezogen."

„Und der Neffe ist vor zwei oder drei Tagen Morgens ganz früh eingetroffen?"

„Ja wohl," sagte der Bediente - „er hatte den alten /67/ Herrn überraschen wollen, und war erst in ein falsches Haus gekommen. Die Frau Commerzienräthin erzählte die Geschichte."

„Hm," sagte Herr Hobelmann, ganz in Gedanken, indem er eine Visitenkarte aus seiner Westentasche nahm und dem Bedienten vorhielt, „können Sie mir dann auch vielleicht sagen, wer der Herr ist, dessen Name darauf steht?"

„Sehr gern," erwiderte der gesprächige Bursche - „der Herr Hauptmann von Stimbeck - sein Bruder hat eine Schwester des Herrn Regierungsraths geheirathet, und die Herrschaften leben in Berlin."

„Danke Ihnen," sagte Herr Hobelmann, indem er die Karte wieder einsteckte und die Subscriptionsliste zusammenfaltete. „Wollen Sie einen Augenblick warten? - ich werde Ihnen ein paar Zeilen für die Frau Commerzienräthin mitgeben."

„Was wollen Sie thun?" frug der Geheimrath erstaunt.

„Ich bin gleich wieder bei Ihnen," sagte aber Herr Hobelmann und verließ das Zimmer. Nach einigen Minuten schon kehrte er jedoch mit einem kleinen Brief zurück, den der Bediente aber noch unschlüssig in der Hand behielt, denn er hatte den festen Auftrag bekommen, nicht ohne das unterschriebene Geld zurückzukehren.

„Die Anweisung liegt in dem Briefe," sagte der Advocat ruhig - „meine schönste Empfehlung an die Frau Commerzienräthin."

„Sie haben das Geld geschickt?" fragte Herr von Pottlitz, als der Bediente das Zimmer verlassen hatte, um zu seiner Herrin zurückzukehren.

„Ist mir nicht eingefallen," erwiderte Herr Hobelmann.

„Die Frau Commerzienräthin wird Ihnen kaum Ruhe lassen."

„Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Geheimrath," nahm jetzt mit fast feierlicher Stimme Herr Hobelmann das Wort. „Unsere Geschäfte find so weit abgewickelt, daß wir das Uebrige recht gut schriftlich erledigen können."

„Sie wollen fort?"

„In einer Stunde geht der Schnellzug nach Berlin, und /68/ den gedenke ich zu benutzen," erwiderte auf das Entschiedenste Herr Hobelmann.

„Aber was um Gottes willen -"

„Erlauben Sie mir," unterbrach ihn Herr Hobelmann, „ich durchschaue die ganze Sache und bin keinesfalls gewillt, der Gesellschaft hier zum Gespött zu dienen. Diesen Herrn Franz Kettenbrock kaufe ich mir vielleicht ein ander Mal, denn er ist derselbe Bursche, der mir aus Versehen neulich Morgens früh in's Zimmer gebrochen -"

„Sie glauben?"

„Ich weiß es gewiß, und der aus Aerger, daß ich ihn so hart abgefertigt, mir diesen Streich gespielt hat. Das aber ganz abgerechnet, daß ich eine höchst unangenehme Rolle dort gespielt, käme ich, bliebe ich hier, nicht allein in die Verlegenheit die zehn Louisd'or zu bezahlen, sondern könnte mich auch noch zum Ueberfluß mit Herrn Hauptmann von Stimbeck schlagen, der die größte Lust zu haben scheint, mir an den Kragen zu kommen."

„Aber was in aller Welt haben Sie mit dem gehabt?"

„Nur eine Kleinigkeit, die ich Ihnen aber jetzt nicht mehr auseinandersetzen kann, denn ich muß meinen Koffer packen."

„Und der Brief an die Frau Commerzienräthin?"

„Enthielt eine Anweisung an Herrn Franz Kettenbrock vom „Grafen Hobelmann", wie er so freundlich war mich in jener Gesellschaft einzuführen, jene zehn Louisd'or für die heidnischen Unterröcke und Strümpfe auszuzahlen. Ich bin nicht solch ein Esel, mein gutes Geld an derlei Unsinn wegzuwerfen."

„Er wird sich weigern."

„Dann mag er es mit der Frau Commerzienräthin ausfechten. Ueberdies war die Sache ein Betrug, und ich könnte ihn dafür gerichtlich belangen."

„Mein bester Herr Hobelmann -"

„Fürchten Sie nicht, daß ich solch ein Thor bin," sagte aber der Advocat, „Herr Kettenbrock würde die Lacher aus seiner Seite haben. Uebrigens mag er für den Spaß jetzt zehn Louisd'or bezahlen, denn wie ich die Frau Commerzienräthin kennen gelernt habe, glaube ich nicht, daß sie nachgiebt, /69/ bis sie das Geld in Händen hat. Ich wollte nur, ich hätte zwanzig unterschrieben."

Der Geheimrath lachte; Herr Hobelmann war aber in keiner Stimmung, sich einer gleichen Fröhlichkeit hinzugeben, sondern verließ rasch das Zimmer, um sein Gepäck in Ordnung zu bringen, und eine halbe Stunde später - zum unbegrenzten Erstaunen des Dienstmädchens über die so plötzliche Abreise, das Haus. Er war auch nicht um viel Minuten zu früh gegangen, denn gleich nachher kam der Bediente der Frau Commerzienräthin noch einmal, und am spätern Abend erschien ein fremder, militärisch aussehender Herr, der ebenfalls nach Herrn Advocat Hobelmann fragte, aber jetzt, der Anordnung nach, bedeutet werden mußte, daß der Herr - auf unbestimmte Zeit verreist sei.

VIII.

„Hör' einmal, Franz," sagte der Regierungsrath Kettenbrock am nächsten Tag zu seinem Neffen, als er mit ihm und seinen beiden Nichten bei Tische saß, „was ist denn das für eine Geschichte mit Deinem Grafen Hobelmann oder Herrn Hobelmann? - Ich werde aus dem Allen nicht klug, und die Frau Steuerräthin und Fräulein von Losenbrett, der Hauptmann, Dein Freund, der Doctor, und jetzt sogar auch noch die Frau Commerzienräthin laufen mir das Haus ein, um sich theils über den Menschen zu beklagen, theils sich nach ihm zu erkundigen. Die Frau Commerzienräthin war sogar vor einer Stunde hier und wollte von Dir zehn Louisd'or für ihn haben."

„Wirklich?" lachte Franz.

„Das scheint mir ein sonderbarer Kauz zu sein. Wo hast Du ihn denn eigentlich kennen lernen?"

„Ich, lieber Onkel? - ich kannte ihn gar nicht."

„Gar nicht? - Du hast ihn doch bei uns eingeführt." /70/

Franz lachte. „Und der Doctor hat sich auch über ihn beklagt?"

„Er war wüthend auf ihn, wollte aber nicht recht mit der Sprache heraus. Ich glaube, der Fremde hat Fränzchen mit Etwas beleidigt."

„Mein Freund aus dem Nicht-Rauchcoupé scheint sich sehr für mein Bäschen zu interesstren, daß er ihre Partei so blindlings nimmt," bemerkte Franz, während er seiner Cousine einen Seitenblick zuwarf.

Die beiden jungen Mädchen hatten sich, als Herr Hobelmann erwähnt wurde, angesehen und gelacht. Des Vetters Worte trieben aber das Blut blitzesschnell in Fränzchen's Wangen.

„Vetter," rief sie aus - „ich hätte eigentlich Ursache auf Dich böse zu sein, daß Du uns den fatalen Fremden in's Haus gebracht."

„Um von etwas Anderem zu reden, nicht wahr?" lachte Franz; „wenn ich es aber nun gethan hätte, um meine Revanche des Empfanges wegen zu nehmen?"

„Das ist er wahrhaftig im Stande gewesen!" rief Adele rasch. „Jetzt aber möcht' ich nur wissen, Franz, was Du dem Mann für Geschichten von uns weisgemacht hast. Mich hat dieser Hobelmann gedauert; denn er rannte dermaßen gegen Alle an, daß er zuletzt Hals über Kopf davonlief."

„Und dem Hauptmann ein Trinkgeld in die Hand drückte," lachte Fränzchen. „Aufrichtig jetzt gestanden, Vetter, was es mit dem räthselhaften Gast für eine Bewandtniß hat."

„Wenn Ihr mir Euer Versprechen gebt, daß Niemand außer Euch ein Sterbenswörtchen davon erfährt."

„Gewiß - keine Silbe," betheuerten hastig die beiden Mädchen.

„Hui, wie hitzig, wo es eine pikante Neuigkeit giebt! - aber ich habe noch eine Bedingung zu stellen."

„Und die ist?"

„Daß Sie mir, lieber Onkel, wie meine beiden schönen Bäschen, was ich auch immer zu berichten hätte, nicht böse werden wollen."

„Gewiß nicht," sagten beide junge Damen, und der alte /71/ Herr meinte: „Nun sehe ein Mensch die Vorsichtsmaßregeln! Der Junge muß ein bitterböses Gewissen haben."

„Das hat er auch, Onkelchen," sagte Franz, „und nur durch eine vollständige Beichte läßt sich das Alles wieder gut machen. Dazu kommen Sie aber in's Nebenzimmer, wohin, wie ich sehe, der Kaffee schon gebracht ist. Hier draußen könnte Jemand horchen, und der Gefahr möchte ich mich nicht aussetzen."

Der Regierungsrath schüttelte den Kopf, die beiden jungen Mädchen waren aber schon vorausgesprungen und schenkten den Kaffee ein, und Franz schloß und verriegelte hinter sich die Thür.

Eine Viertelstunde später kam die Frau Steuerräthin und wollte den Herrn Regierungsrath und die Damen sprechen. Der Diener sagte aber, daß sie sich beim Kaffee eingeschlossen und da drinnen entsetzlich gelacht hätten. Das natürlich war kein Grund, sich abweisen zu lassen, und die Frau Steuerräthin, jetzt mehr als je entschlossen zu erfahren, was da so merkwürdig Komisches vorgefallen sei, schickte den Diener hinein sie anzumelden und zu bestellen, daß sie ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen habe.

Wenige Minuten später wurde die Thür geöffnet, und der Regierungsrath, mit einem dicken rothen Kopf, Thränen noch vom vielen Lachen in den Augen, begrüßte die Frau Steuerräthin mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt.

„Was ist denn vorgefallen?" rief diese aber gleich - „was haben Sie denn Alle? Sie sehen ja so echauffirt aus. Worüber haben Sie denn so entsetzlich gelacht?"

„Oh, der Vetter hat uns ein paar so spaßhafte Anekdoten erzählt!" sagte Fränzchen rasch gefaßt.

„Dann will ich Ihnen auch etwas Komisches erzählen," nef die Frau Steuerräthin, der ihr Geheimniß auf der Seele brannte. „Wissen Sie etwas Neues?"

„Ist etwas vorgefallen?" riefen die beiden Mädchen

„Vorgefallen? Ach sollte meinen," sagte triumphirend die alte Dame, „und es betrifft noch dazu Ihren Freund, Herr /72/ Franz, den Grafen, für dessen Bekanntschaft wir Ihnen Alle zweifelsohne sehr dankbar sind."

„Aber ich begreife gar nicht -"

„Wissen Sie, was er mir gestern Nachmittag angethan hat?"

„Ihnen, beste Frau?" sagte Franz anscheinend mit großer Theilnahme.

„So will ich es Ihnen sagen. Einen Polizeidiener hat er mir nachgeschickt - einen wirklichen Polizeidiener, der mir auf Schritt und Tritt um die ganze Stadt nachgegangen ist, und wie ich endlich mein eigenes Haus betreten habe, ist der unten zu den Leuten hineingegangen und hat sich erkundigt, wer ich wäre, ob ich da wohne und ob ich - denken Sie sich diese Scheußlichkeit - ob es mit mir hier richtig wäre" - und die Frau Steuerräthin deutete dabei in größter Entrüstung auf ihre Stirn.

„Aber das ist ja doch gar nicht möglich!" rief Franz, der kaum seine Fassung bewahren konnte. Der Regierungsrath war aber nicht im Stande an sich zu halten. Erst wurde sein Gesicht immer röther und dicker und die Augen traten ihm aus dem Kopf, endlich aber litt es ihn nicht länger und er platzte geradeheraus, während die Frau Steuerräthin ärgerlich sagte:

„Ja, Sie haben gut lachen, aber wissen Sie denn, daß wir Alle in großer Gefahr gewesen sind -"

„Gefahr? wie so?" frug Franz, auf die Erklärung gespannt.

„Der Mensch war verrückt!" sagte die Frau Steuerräthin.

„Der Graf Hobelmann?"

„Erstens war es gar kein Graf," rief die Dame mit Schadenfreude, „sondern ein ganz gewöhnlicher Advocat Hobelmann aus Schlesien - ich habe Alles herausbekommen - und Sie, Herr Franz, ließen sich von einem plumpen Betrüger dupiren. Daß aber auch in seinem Gehirn nicht Alles in Ordnung sei, habe ich ihm den Augenblick angesehen."

„In der That?" sagte der Regierungsrath und trocknete /73/ sich die Thränen aus den Augen; „aber wissen Sie das auch bestimmt, Frau Steuerräthin?"

„Wissen? - gestern Abend noch spät ist er plötzlich von ein paar Leuten - wahrscheinlich den Aufsehern einer Irrenanstalt, abgeholt und auf die Eisenbahn geschafft worden," sagte mit gemessener Stimme die Dame, und sah sich dabei rings im Kreise um, um das Erstaunen über diese Nachricht einzuernten.

„Er ist fort?" rief aber auch Franz Kettenbrock, von dieser Neuigkeit in der That ganz angenehm überrascht.

„Gestern Abend mit dem Schnellzug - eben habe ich es aus ganz sicherer Quelle erfahren - und zwar fortgebracht unter Begleitung."

„Aber, beste Frau Steuerräthin," sagte Franz mit vorwurfsvoller Stimme - „wenn der arme Mann mit einem so unseligen Leiden behaftet war, sollten wir doch eigentlich eher Mitleiden mit ihm haben."

„Mitleiden - wie so?" rief aber die Dame, „und glauben Sie etwa, daß er der Commerzienräthin das unterschriebene Geld gegeben hat? - Gott bewahre; reine Großprahlerei war es - die reine, blanke Großprahlerei!"

„Die armen Heiden in Birma werden sich jetzt ohne wollene Socken behelfen müssen," sagte der Regierungsrath.

„Das schmerzt mich eigentlich am wenigsten," meinte die Frau Steuerräthin, indem sie ihren Sonnenschirm wieder aufgriff.

„Sie wollen schon fort?" frug Adele.

„Ich habe noch etwas bei Fräulein von Losenbrett zu besorgen," erwiderte die Dame, die fest entschlossen war, die Neuigkeit eigenhändig bei allen Betreffenden herumzutragen. Sie ließ sich auch nicht einmal durch das Anerbieten einer Tasse Kaffee halten, und brach gleich darauf auf, ihren Rückmarsch anzutreten. Der Regierungsrath wandte sich aber, als sie fort war, an seinen Neffen und sagte, mit dem Finger drohend:

„Den bist Du diesmal zur rechten Zeit los geworden, mein Junge. Wenn ich Dir aber rathen soll, so mach' Du /74/ mich nicht wieder zum Obermedicinalrath, - und wenn es nur der gesundheitsschädlichen Folgen wegen wäre."

„Wenn ich Ihnen nun aber den jungen Doctor Helmerdiek zum Famulus gäbe?" lachte Franz, mit einem Blick auf die erröthende Cousine.

„Den," sagte der alte Herr mit freundlichem Ernst, „will ich doch lieber noch etwas genauer kennen lernen. Denn diesen Famulus möchten wir nicht wieder so leicht los werden, wie den Herrn Grafen Hobelmann."

*

Jetzt sind acht Jahre seit jener Zeit verflossen, und in der zweiten Etage desselben Hauses mit dem Regierungsrath wohnt der Herr Medicinalrath Helmerdiek, und nennt den alten Herrn „Schwiegerpapa". Franz aber ist ebenfalls nicht, wie es früher seine Absicht war, nach Havana zurückgekehrt, sondern hat das Eckhaus der Kreuzgasse und Neuen Straße an sich gekauft, und zwar mit den beiden Häusern rechts und links, in denen einst der Kupfer- und Blechschmied hämmerte, und seine kleine Frau, Adele, behauptet, daß es sich dort vorzüglich wohnen lasse. - Vom „Grafen Hobelmann" haben sie aber nie wieder ein Wort gehört.

Die Flucht über die Cordilleren

Es war im September 1845, daß die vereinigten Geschwader von England und Frankreich die argentinische Flotte auf dem La Plata, von Admiral Brown, einem Irländer, commandirt, wegnahmen und den Hafen von Buenos-Ayres blokirten. Ja sie landeten sogar Truppen, eroberten die von dem argentinischen General besetzten kleinen Häfen, wie die für die Schifffahrt der argentinischen Binnenwasser so wichtige kleine Insel Martin Garcia und setzten damit dem Einfluß des Dictators Rosas, wenn auch nur für kurze Zeit, einen entschiedenen Damm entgegen.

Rosas wüthete und drohte gleich darauf durch ein Decret, seine Gegner als Seeräuber behandeln zu wollen, und hätte er damals die Macht in Händen gehabt, seine Feinde würden bös gefahren sein. So aber fürchtete er doch noch immer das entschiedene Auftreten der beiden vereinigten Mächte, und mußte sich begnügen, seiner Rache gegen Einzelne freien Lauf zu lassen, die seinen Gesetzen zuwider handelten und ihnen anheimfielen.

Die rücksichtsloseste Strenge, ja Grausamkeit wurde aber gegen Solche angewandt, die wirklich mit den Feinden der Föderalisten, den Unitariern, in geheimer Verbindung gestanden, ja auf die nur der Verdacht eines solchen Bündnisses fiel. Das war die Schreckenszeit, in welcher die abgesandten Henkersknechte des Dictators, die mashorqueros, besonders in Buenos-Ayres selber durch die Stadt zogen, die bezeichneten /78/ Häuser besetzten und den verdächtig gewordenen Opfern - wer hätte sie alle verhören können - oft in der Mitte ihrer eigenen Familien, die Kehlen durchschnitten. Dann brannten sie vor dem Hause eine Rakete ab, als Zeichen, daß die Polizei die Leiche abholen könne.

Das war die Zeit, wo das Gitter des großen Obelisken auf dem Victoria-Platz allnächtlich, ja am hellen Tage seinen furchtbaren Schmuck von abgeschlagenen Köpfen trug; das die Zeit, wo das Herz des treuesten Anhängers Rosas' selbst vor Entsetzen aufhörte zu schlagen, wenn man ein Klopfen an der Hausthür vernahm, denn Niemand war sicher, und jener furchtbare Mann des Blutes, der aber auch nur auf solche Art im Stande war, sich das Land zu unterwerfen und die wilden Gaucho-Horden in Furcht und Ordnung zu halten, mähte förmlich in den Reihen seiner Feinde.2

Aber nicht allein in Buenos-Ayres selber, sondern auch im innern Lande lebten ihm Feinde, und besonders stand die Provinz Mendoza in dem Verdacht, den „asquerosos, inmundos Unitarios" nur zu geneigt zu sein. Mendoza aber, am Fuß der Kordilleren, lag zu weit ab von dem wirklichen Schauplatz des Krieges, um die Einwohner dort eben so streng unter Aufsicht, eben so erfolgreich in Schrecken zu halten als die Küstenstriche; und wenn auch dort die föderalistische Polizei, von den wilden Gaucho-Soldaten unterstützt, das Land der Regierung des Dictators gehorsam hielt, waren es doch besonders die Fremden, die jetzt, darauf fußend, daß ihre Landsleute mit offenen Schießluken die Hauptstadt des Landes eingeschlossen hielten und bedrohten, ziemlich offen sich aussprachen über eine Regierung, die „genug Blut vergossen habe, um einen Dreidecker flott zu halten", und allen Gesetzen der „Civilisation und Menschenrechte" Hohn spräche.

Ein junger, erst seit Kurzem mit einer Mendozanerin verheirateter Engländer, Namens Ellington, dessen Vater durch eine der Maßregeln des Dictators fast sein ganzes Vermögen eingebüßt, eiferte besonders gegen diese Zustünde und trotzte /79/ dabei auf die Kriegsfahrzeuge seiner Landsleute, unter deren Schutz er sein Leben wähnte. Vergebens bat ihn selbst sein Vater, bat ihn sein junges Weib, seine Zunge zu wahren; offen schon hatte er sich gegen oft nur zweideutige Freunde ausgesprochen, daß gerade vom Westen aus die Bevölkerung nach der Seeküste vorpressen müsse, um einem Zustand der Willkür ein Ende zu machen, der unerträglich würde; ja er verbarg mehrere flüchtige Unitarios in seinem Hause und weigerte sich, der argentinischen Polizei den Zutritt zu gestatten, bis er Mittel gefunden die Verfolgten zu retten.

Allerdings hatte ihn bis jetzt nur noch seine Nationalität vor der Rache des beleidigten Dictators geschützt; aber dem mächtigen Gaucho-Häuptling standen auch andere Mittel zu Gebote, seine Feinde unschädlich zu machen, als allein öffentliches Gerichtsverfahren, und über Mr. Ellington's Haupt zog sich ein Gewitter zusammen, das ihn in kurzer Zeit zu erreichen und - zu vernichten drohte. - Nichtsdestoweniger blieb er blind gegen die dringendsten Warnungen seiner wenigen wirklichen Freunde, denn nur Wenige wagten noch in der That, sich öffentlich seine Freunde zu nennen.

So rückte der Juni 1846 heran, und Ellington, nur noch kühner gemacht durch die lange Duldsamkeit Dessen, der doch die Macht in Händen hatte, ihn zu vernichten, ließ sich in immer tiefere Verbindungen ein, und unterhielt sogar schon eine ziemlich lebhafte Korrespondenz mit Chile, um von dort herüber der Sache der Unitarier zu Hülfe zu kommen. Ja die Schlinge schien schon gelegt, die den Dictator in ihren Maschen fassen und vernichten sollte, als eines Abends Don Jose, Mr. Ellington's Schwager, leichenbleich und vollständig zur Flucht gerüstet, in dessen Wohnung stürzte und dem anfangs Ungläubigen die Kunde brachte, daß ihr Beider Leben in diesem Augenblick an kaum mehr als einem Haar hinge; denn von Rosas gedungene mashorqueros seien allein in diesem Auftrag selbst von Buenos-Ayres nach Mendoza gekommen, und der nächste Augenblick schon könne sie selber in der Gewalt dieser furchtbaren und unerbittlichen, blutdürstigen Henkersknechte sehen.

Schleunige Flucht, so lange selbst diese ihnen noch übrig /80/ blieb, war das Einzige, was sie jetzt retten konnte; und wenn sich auch Ellington im Anfang gegen den Gedanken sträubte, die Gefahr so nahe zu glauben, ja sich auf den Consul seiner Nation stützen wollte, dem gegenüber Rosas nicht wagen würde eine Gewaltthätigkeit zu begehen, konnte er doch nicht lange dem Zureden seines Schwagers, den flehenden Bitten seines Weibes widerstehen. - Selbst der alte Mr. Ellington, der jedenfalls den Mißhandlungen der Henker ausgesetzt gewesen wäre, wenn diese den Sohn entflohen fanden, mußte sie begleiten, und nur eben zusammenraffend, was sie an Geld, Pretiosen und Lebensmitteln fortbringen konnten, verließen sie, vollkommen bewaffnet, wirklich im entscheidenden Moment das Haus, denn kaum zehn Minuten später wurden die verschiedenen Thüren desselben von außen leise besetzt, und roth verhüllte Gestalten durchsuchten mit blanken Waffen und ingrimmigen Verwünschungen die leeren Räume.

Die Lage der Flüchtlinge war aber deshalb keineswegs um Vieles gebessert. Den Messern des Dictators allerdings im ersten Anlauf entgangen, wäre ihnen doch die Flucht auf die Länge der Zeit durch die weiten öden Pampas, die Mendoza rings umschließen, unmöglich gewesen; und die Kordilleren, die sie nur in kurzer Entfernung von dem gastlichen Chile trennten, lagen mit Schnee gefüllt und drohten dem Tollkühnen Verderben, der sich in dieser Jahreszeit in ihre sturmdurchbrausten Schluchten wagen sollte. Und doch blieben diese nur ihre einzige Rettung - wenigstens in der Möglichkeit, den zürnenden Elementen das dürftige Leben abzuringen; denn kein Erbarmen hatten sie von den mashorqueros des gereizten Rosas zu erwarten. Wohl aber wissend, daß bis Tagesanbruch auch selbst dorthin die Wege abgesperrt sein würden, führte Don José den kleinen Trupp in gerader Richtung in die Hügel hinein, an deren Fuß sie sich fast befanden, ihrem guten Glück vertrauend, von dort einen jetzt im Winter ganz unwegbaren Paß über das Gebirge selber zu finden.

Das Glück begünstigte sie hier insofern, als sie, der ersten Schlucht in die nächsten Hügel hinein folgend, eine kleine Hütte und dort zwei Peons trafen, die sich augenblick/81/lich bereit zeigten, ihnen gegen eine sehr beträchtliche Belohnung zu Führern über die Gebirge zu dienen. Die Burschen waren, wie sie behaupteten, mit jedem Pfade, jedem Bach in den Bergen bekannt, und selbst das aufrichtige Geständniß Don José's, daß sie von Rosas' Henkern verfolgt würden, konnte sie nicht abschrecken. Lachend meinten sie, sie wären allerdings Argentiner, aber gehörten doch eigentlich nach Chile hinüber, und wenn die Señores und die Señorita fürchteten, daß sie verfolgt würden, wollten sie schon einen Pfad nehmen, aus dem bald die Kecksten der Gauchos, die sich überdies nie gern von ihren Pferden trennen, zurückbleiben sollten.

Noch vor Tagesanbruch waren zwei Maulthiere, das eine für Señora Ellington, das andere für den alten Herrn, gesattelt und mit den nöthigsten Provisionen beladen, und der kleinen Schlucht, in der die Hütte stand, aufwärts folgend, erreichten sie gerade mit Dunkelwerden den Gipfel der ersten Hügel- oder Bergreihe, der schon dicht mit Schnee bedeckt lag, überschritten diese und stiegen dann bei dem matten Licht, das die Sterne auf den Schnee niederfunkelten, wieder in ein anderes, wärmeres Thal hinab.

Die Kordilleren bilden sich nämlich, wie die Rocky Mountains oder Felsen-Gebirge im Norden durch drei Abdachungen, hier durch zwei streng von einander geschiedene Gebirgsreihen, die sich von Nord nach Süd hinunterstrecken. Der erste, nach den Pampas zu liegende Berg- oder Hügelstreifen - denn was in einem andern Lande recht gut ein Berg genannt werden könnte, erscheint hier, neben den gewaltigen Cordilleren, doch nur als Hügel - schmiegt sich dicht an den Hauptrücken, nur ein schmales Thal zwischen sich und diesem lassend, hin, ist aber hoch genug, sogar in dieser niedern Breite den Winter hindurch eine gar warme und behagliche Schneedecke zu tragen, während die Cordilleren selber schroff und gewaltig, in riesiger Masse aus dem nämlichen Thal emporsteigen - ein fester, compacter Körper von Schnee und Eis, auf granitenem Piedestal ruhend. So schroff und steil kommen /82/ dabei die einzelnen Bergwasser aus jenen riesigen Höhen herausgestürzt, daß es nur an einzelnen Stellen möglich ist, dem Lauf derselben aufwärts zu folgen, während die übrigen Gebirgsmassen eine feste, unersteigbare Wand bilden, die sich wolkenhoch, Berg auf Berg gehäuft, emporthürmt.

Aber selbst diese wenigen Pässe können nur für eine Strecke weit im Winter mit Maulthieren begangen werden; nachher muß der Wanderer, den sein Geschick in diese Wildniß getrieben, die Bahn zu Fuß weiter suchen, und nicht allein der Abgrund dicht unter dem schwankenden Schritt droht Verderben, nein, der geringste losgebröckelte Schnee, der ihn hier träfe, müßte ihn, durch das Gewicht seines Falles, in die Tiefe schmettern, und der Condor oder der Puma der Gebirge hätten dann ein treffliches Mahl.

Die beiden Peons kannten hier aber jeden Fuß breit Landes, und dem Thale folgend, das sich in ziemlich gerader Richtung gen Norden zog, erreichten sie gleich am nächsten Tage einen der Pässe, der eigentlich nur im Sommer benutzt wurde, den sie aber doch jetzt ebenfalls hofften passiren zu können, und hier hatten sie dann kaum eine weitere Verfolgung zu fürchten. Nur zu bald sollten sie aber diese Hoffnung getäuscht finden: ein gewaltiger Schneesturz hatte den schmalen Pfad so überschüttet, daß sie Wochen lang gebraucht haben würden, sich hier hindurch zu arbeiten, und wo indessen Provision hernehmen, während ein völliges Schneegebirge jeden weitern Fortschritt hemmte?

Selbst jetzt war die Gefahr groß genug, gerade an dieser Stelle von ihren Verfolgern überholt zu werden, denen sie dann nach keiner Richtung hin mehr hätten entfliehen können.

Langes Berathen half hier ebenfalls nichts; rasch umdrehend, eilten sie die eben gemachte Bahn in das Thal zurück, wo ihre Maulthiere noch zwischen den dort grünenden Myrtenbüschen reichliches Futter fanden, um den Tucunjado, ebenfalls einen der Bergströme, zu erreichen, ehe die Verfolger bis hierher ihre Spur aufgefunden /83/ haben könnten. Diese mußten übrigens schon in großer Anzahl kommen, wenn sie ihnen gefährlich werden sollten, denn die Gauchos, wie die Bewohner der Pampas genannt werden, führen selten oder nie Feuergewehre, mit denen sie auch nur höchst mittelmäßig umzugehen wissen, und die beiden Engländer waren mit Pistolen und Büchsen vortrefflich bewaffnet. Selbst Don José führte ein Paar Pistolen im Gürtel und ein Doppelgewehr, und die Peons hatten ihre gewöhnlichen langen Messer, ohne das ein Argentiner, besonders in damaliger Zeit, nie die Schwelle seines Hauses verließ.

Unten an der Mündung des Tucunjado, das heißt dort, wo der Bergstrom, von dem Hauptrücken der Kordilleren niederschäumend, seine Wasser mit einem größeren Bache vereinigt, der von Norden niederkommt und sich später seine Bahn in die freie Ebene bricht, liegt, hoch von den Schneegebirgen überragt, aber auch gegen all' die rauhen Südweststürme geschützt, in fast tropischem Klima, eine kleine freundliche Farm, die Grenzstation der Argentinischen Republik, und im Sommer der Stapelplatz der Mauthaufseher, die den Tucunjado-Paß niederkommenden Caravanen zu überwachen. Im Winter aber, wo fast jede Verbindung mit Chile, unbedingt jede mit Packthieren abgeschnitten ist, wird die Bewachung theils sehr lässig betrieben, theils ganz aufgegeben, und eine kleine Wirthschaft mit einigen Bergbewohnern und einem Dutzend starker, kräftiger Guanacohunde ist das Einzige, was zurückbleibt, bis der Schnee der Gebirge thaut, seine Massen in Sturzfluthen durch das Thal gesandt und die Pfade wieder freigegeben hat. Jetzt hausten dort nur ein paar alte Guanacojäger, und den hoch eingefriedigten Weideplatz, mit dem üppigsten Gras und Futterklee bedeckt, kannten die müden Thiere gut genug, um ihm schon von Weitem entgegen zu wiehern.

Ehe man sich aber in Sicht dieses Platzes wagte, wurde ein kurzer Kriegsrath gehalten, und zwar einstimmig dahin beschlossen, vorerst einen der Peons zum Recognosciren vor/84/auszuschicken und zu sehen, ob die Spione und Henkersknechte des Dictators selbst bis hierher gedrungen wären. War das der Fall, so mußten sie, wo sie sich eben befanden, die Nacht abwarten, nach einbrechender Dunkelheit am rechten Ufer des Bergstromes, so weit es die steilen Wände erlaubten, hinaufhalten, und den Fluß dann furthend den schmalen Pfad zu erreichen suchen, der an dem linken Ufer bis fast zu dessen Quellen auflief.

Der älteste der Peons, ein durchtriebener Bursche mit wilden, verlebten Zügen, aber einem Paar schlau und listig unter buschigen Brauen vorblitzenden Augen, wurde dazu gewählt und kehrte auch schon nach zwei Stunden mit der Nachricht zurück, daß allerdings elf Mann in dem Hause lägen und eben erst von einem kurzen Streifzug den Tucunjado hinauf zurückgekehrt wären, nachdem sie sich überzeugt hätten, daß die Flüchtigen noch nicht auf diesem Wege entkommen seien. Am nächsten Morgen würden sie aber unfehlbar das ganze Binnenthal absuchen und deshalb gar keine Wahl lassen, was man etwa thun sollte. Die einzige Möglichkeit, noch zu entkommen, sei, während der Nacht die Station zu umgehen und dann so rasch vorwärts zu rücken, wie es die Kräfte der Passagiere nur irgend erlaubten. An der Schneegrenze angekommen, wollten sie dann die Maulthiere absatteln und laufen lassen - den Rückweg suchten die klugen Thiere leicht allein, und hatten sie erst einmal den theilenden Gebirgsrücken erreicht, so waren sie sicher, denn Rosas durfte nicht wagen, die chilenische Grenze zu überschreiten.

Das Umgehen der Farm gelang, von einer ziemlich dunkeln Nacht begünstigt, vortrefflich. Noch lange vor Tagesanbruch hatten sie den schmalen Bergpfad erreicht, der sich am linken Ufer des jetzt niedern Stromes, oft kaum zwei Fuß Bahn neben einem Abgrund lassend, hinaufzog; hier aber mußten sie halten, bis das Tageslicht ihnen weiter helfe, denn es wäre mehr als Tollkühnheit gewesen, solchen Weg in dunkler Nacht zu verfolgen. Mit dem ersten Dämmerlicht brachen sie wieder auf, und selbst Señora Ellington, wenn auch nie im Leben an solche Strapazen gewöhnt, fühlte sich durch die kurze Rast /85/ wie neu gestärkt; kein Wort der Klage kam wenigstens über ihre Lippen.

Den schwierigsten Theil des Ueberganges hatten sie aber noch vor sich, jedenfalls den beschwerlichsten, und als erst ihre wirkliche Wanderung über den Schnee begann, drohten die Kräfte der jungen Frau sowohl wie die des alten Herrn den ungewohnten und gewaltigen Anstrengungen zu erliegen. Als sie am Abend, schon nach Dunkelwerden, die punta del vaca, eine kleine schmutzige Steinhütte, erreichten, mit einem Loch zur Thür und nichts als den kalten, gefrorenen Boden der Hütte selber zum Bett, wäre es der schwachen, zarten Frau nicht möglich gewesen, auch nur noch einen Schritt weiter zu setzen, und doch wußten sie Alle, daß vielleicht an der Verzögerung einer Viertelstunde schon der Tod hing.

Es mochte zehn Uhr Abends sein. Der Himmel war klar und sternenhell, und in der Hütte hatten sich die müden Wanderer, ohne selbst im Stande zu sein ein Feuer anzuzünden, in ihre Decken gehüllt und dicht neben einander geschmiegt, der Nacht vielleicht eine Stunde Schlaf und Ruhe abzustehlen. Nur der jüngere Peon stand, wohl dreihundert Schritt zurück, von woher sie gekommen, auf Posten, um hier an einer schmalen Stelle der Straße, an der kein Feind, noch dazu über den hellen Schnee, an ihn heranschleichen konnte, den Paß zu bewachen und bei dem geringsten Zeichen von Gefahr die kleine Schaar zu alarmiren. Von der Hütte her kamen jetzt Schritte, und wenige Minuten später stand der ältere Felipe an feiner Seite.

„Was sagst Du zu unserem Unternehmen, compañero?" frug er endlich leise den Kameraden, als er ein paar Minuten an dessen Seite gestanden und in die Nacht hinaus gelauscht hatte.

„Daß ich es herzlich satt habe, mich auf einer Seite mit einer papiernen Señorita herumzuquälen," brummte der Gefragte mürrisch, „die wir morgen wahrscheinlich noch das Vergnügen haben werden durch den Schnee zu schleppen, /86/ denn gehen kann die Puppe doch nicht mehr, und ich andererseits meinen Hals in Gefahr weiß, sobald uns die mashorqueros des Gouverneurs überholen. Pest und Gift, die Burschen verstehen keinen Spaß, und ich könnte mir eher Erbarmen von einer wilden Schaar der Pampas-Indianer erbitten, als von einem von Rosas' rothen Ponchos. - Ich wollte, wir hätten uns mit der ganzen Sache nicht eingelassen."

„Weißt Du, compañero," sagte der Alte, seinen Arm traulich auf dessen Schulter legend und vorsichtig dabei zurückschauend, ob keiner ihrer Passagiere munter und in der Nähe wäre - „mir selber gefällt die Geschichte auch nicht mehr, und - für die lumpigen zehn Unzen wären wir eigentlich rechte Thoren, wenn wir - wenn wir eben -"

„Wenn wir was?" frug der Jüngere gespannt und drehte sich halb nach seinem älteren Gefährten um.

„Ei zum Teufel, wenn wir uns eben noch unnützer Weise abquälten!" - setzte dieser rasch und wild hinzu. - „Es sind doch nur Unitarios und dürfen nie nach der Republik zurückkommen. Ueberdies steht mir der Himmel da drüben im Südwesten ebenfalls nicht so richtig aus. - Kriegen wir hier einen Temporale, so sind wir geliefert, und - ich meinestheils bin fest entschlossen, diesen Augenblick meinen Rückweg anzutreten - gehst Du mit?"

„Du hast mir die Gedanken aus der Seele gelesen," lachte der Jüngere - „mag der Inglese sehen, wie er über die Berge kommt - wir lassen ihm überdies unser charque3 in der Hütte zurück, und sie dürfen sich nicht beklagen, daß sie nichts zu essen hätten. Aber komm, die Zeit vergeht, und es ist bitter kalt hier oben. Wenn wir uns tüchtig in Trab setzen, können wir die estancia noch bei guter Zeit morgen früh erreichen."

„War mir's doch, als ob ich da vorn ein Geräusch wie von knirschendem Schnee hörte," sagte der Alte da plötzlich /87/ und schützte seine Augen mit dem Arme gegen den blendenden Schein der weißen Decke - „da wieder."

„Mir kam es auch erst so vor," sagte der Jüngere, seinen Poncho um sich herziehend und dann niederknieend, um das eine Schaffell, das er sich der Kälte wegen um seine Füße gewickelt, etwas fester zu binden, „aber es wird der puma4 sein, der vor etwa einer halben Stunde quer vor mir über den Schnee sprang und hinunter nach dem Wasser zu hielt. Rosas müßte einen tüchtigen Preis auf das Einbringen unserer Gesellschaft gesetzt haben, wenn er die Gauchos bis hier in den Schnee hinter ihnen her treiben könnte. - So," - rief er dann, indem er, seine Fußbekleidung in Ordnung gebracht, wieder in die Höhe sprang und den Hut in die Stirn drückte - „jetzt bin ich fertig, und nun können wir doch sagen, daß wir unsern Weg bis hierher ganz anständig bezahlt bekommen haben."

Felipe antwortete nichts, horchte nur noch einmal zurück, wo sie Die, die ihrer Treue viel zu gutmüthig vertraut hatten, ohne Ahnung zurückließen, daß die Führer und Wachen sie verrätherischer Weise im Stich ließen, und schritt dann dem Gefährten rüstig voraus durch den tiefen Schnee, um sobald als möglich die von diesem freie Passage wieder zu erreichen und von da ab rasch dem wärmeren Thal zueilen zu können.

„He, Felipe, rief's da nicht hinter uns?" sagte, stehen bleibend, plötzlich der junge Bursche.

„Was kümmert's Dich?" brummte aber, die Schritte eher noch dadurch beschleunigend, der ältere Gefährte; „laß sie schreien, aber mach', daß Du aus Schußweite -"

Seine Rede wurde hier auf etwas rauhe Art unterbrochen, denn neben ihm, wie aus dem Schnee heraus, sprang eine Gestalt, flog ihm nach der Kehle und hatte ihn auch im nächsten Moment, ehe er nur daran denken konnte nach seinem Messer zu greifen, zu Boden geworfen, wo er wie in einen /88/ Schraubstock eingeklemmt und regungslos dalag, „Asistencia!" wollte er rufen, aber schon bei dem ersten Laut blitzte ein blanker Stahl vor seinen Augen, und der Ruf erstarb ihm auf den Lippen. - Sein Angreifer sprach kein Wort - lautlos, doch mit riesiger Kraft hielt er ihn zu Boden. Wenige Minuten später hörte Felipe, daß sich Jemand näherte, gleich darauf fühlte er sich selber von noch Anderen gefaßt und aufgehoben, und als sie den nächsten Felsenvorsprung erreicht und hinter sich hatten, fand er sich plötzlich zu seinem Erstaunen ganz frei neben seinem jüngeren Gefährten stehend, der auf gleiche Weise überwältigt worden sein mußte, und nur sein erster Angreifer sagte mit leiser, aber nichtsdestoweniger drohend genug klingender Stimme:

„Du bist alt genug zu wissen, compañero, daß wir keinen Spaß verstehen – verhalte Dich ruhig und sag' uns, was Du weißt, und Du hast für Dich selber nichts zu fürchten; mache dagegen einen einzigen Versuch zu fliehen, oder uns zu verrathen, und Du bist ein Kind des Todes."

Der alte Peon, der seine Arme kaum frei fühlte, griff fast unwillkürlich nach seinem Gürtel zurück, das Messer zu fühlen. Der Fremde, der die Bewegung bemerkte, sagte jedoch mit kaltem, fast höhnischem Lächeln:

„Es ist in guten Händen - könnte Dir selber aber auch jetzt nur Schaden thun. Wir wissen überhaupt Alles, und Ihr Beiden mögt es unserer guten Laune, Euch hier in der Falle zu wissen, zuschreiben, daß unsere Messer nicht schon lange, und statt aller weiteren Umstände, mit Euren Kehlen Bekanntschaft gemacht haben."

„Und weshalb?" - frug jetzt der Alte, der seine Geistesgegenwart rasch wiedergewonnen und nun aus ihrer Lage soviel Vortheil als möglich zu ziehen suchte - „etwa weil wir Euch heut Abend in unserer Nähe spürten und uns nach kurzer Beratschlagung aufmachten, Euch unsere Hülfe und Arme anzubieten? - Ich dachte allerdings nicht, daß Ihr so zahlreich wäret," setzte er dann langsamer hinzu, indem sein Blick rasch die ihn umgebende Schaar, vierzehn oder fünfzehn /89/ drohende Gestalten, überflog - „aber wenn Ihr uns nicht braucht, ist damit nicht gesagt, daß wir den Tod verdient hätten."

„Der Teufel traue Dir nur, compañero," lachte der Anführer der mashorqueros - „doch ich will sehen, inwieweit Du wenigstens jetzt aufrichtig bist; so beantworte vor allen Dingen meine Fragen kurz und treu, wir haben weder Zeit noch Lust, Ausweichungen oder Unbestimmtes zu hören - also: haben die Flüchtlinge Feuergewehre und sind sie gut bewaffnet?"

„So ziemlich," erwiderte Felipe, der nicht den mindesten Grund sah, irgend etwas geheim zu halten, dem gefährlichen Burschen die Sache aber auch nicht wollte zu schwierig erscheinen lassen, um ihn bei guter Laune zu erhalten - „ihre Waffen sind wohl gut, aber ich glaube kaum, daß irgend Einer von ihnen, den jungen Engländer ausgenommen, ordentlich verstehen wird damit umzugehen. Don José, weiß ich gewiß, kann kaum seine Pistolen wieder laden, wenn er sie erst einmal abgeschossen."

„Wo haben sie ihre Gewehre?" fragte der Gaucho zurück.

„Neben sich auf der Erde liegen," sagte Felipe.

„Und ist es nicht möglich, die unschädlich zu machen?"

„Unschädlich?" brummte der Peon - „der junge cringo5 schläft mit einem Auge offen und seine Pistolen hat er gespannt in der Hand - ich bin fest überzeugt, er selber hält jetzt schon, sollten sie uns vermißt haben, Wache, und kein Fuchs könnte sich ungesehen hin zur Hütte schleichen."

„Gut," sagte der Henker nach kurzer Pause und Ueberlegung - „ich will Euch Beiden Gelegenheit geben zu beweisen, daß Ihr mir, als wir Euch überraschten, die Wahrheit gesagt habt und es redlich mit uns und der Federacion meint. Einer von Euch, und dazu wird der Aelteste am /90/ besten passen - kehrt augenblicklich, als ob nicht das Geringste vorgefallen wäre, in die Hütte zurück - eine Ausrede habt Ihr bald. - Ihr glaubtet, irgendwo etwas gehört zu haben und wäret recognosciren gegangen. - Du legst Dich zum Schlafen nieder, als ob Alles sicher sei, und bemächtigst Dich, wenn die Fremden wieder schlafen, der Gewehre und des Pulvers. Ist es möglich, so wird es am besten sein, dem Engländer vor allen Dingen den Schädel einzuschlagen - es wäre für Dich dann auch die Gefahr beim Entfliehen mit den Waffen nicht halb so groß, und nachher haben wir leichte Arbeit."

„Und das würde lohnen?" - frug der alte Peon lauernd.

„Ah, Du verlangst auch noch Lohn außer dem Geschenk Deiner eigenen Kehle!" lachte der Henker. „Du bist unverschämt, alter Bursche; aber es sei. Machst Du die Burschen unschädlich, so sollt Ihr Beide Euren Antheil von dem, was wir bei ihnen als Beute finden, haben, aber jetzt auch rasch, denn der dämmernde Morgen muß uns, nach vollbrachtem Geschäft, auf dem Heimweg sehen."

„Gut," sagte der alte Peon, mit der Hand nachdenkend sein Kinn streichend - „dann darf ich aber nicht gehen, sondern Pedro da, mein compañero, muß zur Hütte zurückkehren. Ich war gerade ausgerückt, um ihn von seiner Wache abzulösen, und käme ich statt seiner wieder, so schöpften die Fremden augenblicklich Verdacht."

„So laß uns Beide gehen," meinte Pedro rasch - „unter irgend einer Ausrede -"

„Danke, danke," unterbrach ihn aber der Henker lachend, „Einen von Euch wollen wir doch lieber als Geißel zurückbehalten - nicht etwa daß ich glaubte, der Andere würde sich viel daraus machen ihn im Stiche zu lassen, aber er wäre verloren, wenn er uns verriethe, und wir rückten dann mit seinem Kameraden an der Spitze vor - überdies möchte ich den Feind nicht unnützer Weise mehr verstärken, als unumgänglich nöthig ist. So, meinetwegen magst Du gehen, amigo, Du bist auch wohl rascher und gewandter als der /91/ Alte da, und find' ich Dich noch zwei Minuten später hier, den zottigen Schädel kratzend, so schneide ich Dir Nase und Ohren ab und schicke Dich zur Abkühlung in den Tucunjado hinunter - marsch fort - eine halbe Minute ist schon vorbei."

Der arme Teufel von Peon zweifelte nicht im Mindesten, daß der mashorquero Ernst machen würde, denn schlimmere Thaten hatten diese entsetzlichen Menschen oft nur zum Spaß und aus reinem Muthwillen verübt; - würden sie deshalb hier gezaudert haben, wo es wirklich der Ausführung eines wichtigen Planes galt? Pedro kannte auch seine Leute, und nur noch mit wenigen Worten dem Führer Vorsicht empfehlend, nicht eher loszubrechen, bis er selber entweder zurück sei, oder ein Schuß in der punta del vaca ihnen sage, er sei genöthigt gewesen, auf diese Art sich Luft zu verschaffen, glitt er, sein Messer, das man ihm zurückgab, wieder in den Gürtel schiebend, um die nächste Felsecke, und war bald in dem Dämmerlicht, das wie ein dünner Nebel auf dem glitzernden Schnee lag, verschwunden.

II.

Während sich die beiden Peons heimlich entfernten und von einem wachsameren Posten überrascht wurden, hatte Charles Ellington schon mehrmals lauschend den Kopf erhoben, um das Zurückkehren der abgelösten Wache zu erwarten. Lange schon wäre er aufgestanden, aber die Kälte war scharf, und er scheute sich, die neben ihm Schlafenden, doch jedenfalls nutzlos zu stören. Endlich aber, da der eine Peon noch immer nicht wiederkehrte, kroch er leise unter der Decke vor, und den Rock fester zuknöpfend, um den kalten Zug abzuhalten, der durch die niedere Oeffnung ihm entgegenschlug, stand er eine Zeit lang lauschend und horchte hinaus in die Stille der Nacht, die durch keinen Laut irgend eines lebenden Wesens /92/ unterbrochen wurde. Nur der Bergbach tief unten rauschte und murmelte dumpf herauf, und da drüben, wo sich der Felsenhang steil in das Thal hinunterwarf und den Strom gegen die andere Wand hinüberzwang - das war wohl ein Fuchs gewesen, der hier, in seinem Abendmarsch gestört, die Fremden witterte und gegen den Wind und die verdächtige Nachbarschaft anbellte.

„Felipe!" rief er jetzt, erst mit vorsichtig gedämpfter, dann mit etwas lauterer Stimme - „Felipe!" - Niemand antwortete, nichts ließ sich hören noch sehen, und wenn er auch für einen Augenblick glaubte, der Laut einer Menschenstimme dränge zu ihm herüber, so war das doch so rasch wieder verhallt, daß er sich auch eben so gut geirrt haben konnte. Die furchtbare Wahrheit tauchte jetzt, erst in flüchtigem Verdacht, der ihm schon das Blut in den Adern gerinnen machte, dann in entsetzlicher Gewißheit in ihm auf: - ihr Führerpaar war entflohen, und ihre kleine Schaar dadurch nicht allein um ein Bedeutendes geschwächt, sondern die Gefahr, gerade von den früheren Führern verrathen zu werden, so dringend geworden, daß jeder Augenblick, den sie an der argentinischen Seite der Gebirge verträumten, ihr Verderben rettungslos auf sie niederführen konnte.

Hier galt entschlossenes Handeln - den Weg über die Gebirge getraute er sich schon, wenn es sein mußte, allein zu finden, denn von hier aus lag das anscheinend schmale Thal des Tucunjado lang ausgedehnt vor ihnen, ein Abweichen zur Rechten oder Linken nicht einmal gestattend, und nur beim Niedersteigen waren sie größerer Gefahr ausgesetzt, in mit Schnee gefüllte Abgründe zu stürzen; keineswegs war die aber dringender, als das Bewußtsein gewissen Todes, wenn sie den Henkersknechten des Dictators in die Hände fielen, und es blieb deshalb keine Wahl.

Rasch weckte er Don José, dem er seine Befürchtungen in wenigen Worten mittheilte, und als dieser ebenfalls ihm bei- und zu augenblicklicher Flucht stimmte, hob sich auch die arme junge Frau von ihrem traurigen Lager, ihren Gatten über dessen Befürchtungen, sie selber betreffend, zu beruhigen, /93/ indem sie sich durch die wenigen Stunden Rast wie neu gestärkt fühle und die Männer wenig in ihrem Fortschreiten behindern werde. Wenige Minuten später fanden sie Alle zum neuen Marsch durch eine Schneewüste, nur mit dem ungewißen Licht des Schnees selber, gerüstet, als Ellington, der, immer aufmerksamer geworden, nach der Thalschlucht hinüber lauschte, plötzlich ausrief, er sähe einen der Peons kommen.

„Gott sei Dank!" flüsterte mit gefalteten Händen die junge Frau, „also waren es doch keine Verräther, und unsere Befürchtungen grundlos."

„Das gebe die heilige Jungfrau!" murmelte Don José, indem er die sich rasch nähernde Gestalt vorsichtig und mißtrauisch beobachtete und fast unwillkürlich nach den schon wieder im Gürtel geborgenen Pistolen griff, - „ich wollte, ich wüßte genau, wo der andere Schuft steckt."

„Am Ende haben wir ihnen doch Unrecht gethan," flüsterte Ellington, „und können nun wenigstens Tageslicht abwarten, um unsern Weg fortzusetzen. Wozu die arme Candelaria mehr erschöpfen, als eben unumgänglich nöthig ist."

„Erst wollen wir aber wissen, was der Bursche zu seiner Entschuldigung zu sagen hat," beharrte Don José, der seine Landsleute besser kennen mochte als der Engländer, - „jedenfalls müßen sie, selbst im günstigsten Fall ihrer Rechtfertigung, irgend etwas Verdächtiges gesehen oder gehört haben, sonst wären sie schon gar nicht so weit von hier fortgegangen - aber ruhig - es ist Pedro - der Alte scheint also doch seinen Posten zu halten." -

Der Jüngere der Peons kam indessen rasch näher, und seine Füße draußen an der Thür gegen die Steine klopfend, daß er den Schnee aus den Falten des um die Knöchel geschlagenen Schaffelles abschüttelte, betrat er mit dem frommen, aber vollkommen leise und kaum hörbar gemurmelten Gruß: „Ave Maria purisima!" die Hütte.

„Para siempre!" erwiderte halb unbewußt mit lauter Stimme und recht aus tiefstem, innerstem Herzen heraus die Frau, und der Peon, der in dem vollkommen dunkeln Raum, /94/ bei dem schwachen Schein, der dürftig durch die niedere Eingangspforte fiel, seine Umgebung nicht gleich erkennen konnte, sagte mit kaum unterdrücktem Ausruf der Ueberraschung, aber bald gefaßt:

„Pero, amigos - was ist das? - die Señorita - ei wahrhaftig, Alle zusammen auf und munter - es ist noch lange nicht Morgen. Aber ich glaub' es wohl, daß Ihnen die Zeit hier in dem kalten Loch lang geworden - wir können noch fünf oder sechs Stunden schlafen."

„Und wo bist Du gewesen, amigo?" frug Don José den Führer, der noch immer, halb unschlüssig, was er selber thun sollte, ob sich zum Schein niederlegen oder offen entfliehen und dadurch den vollen Alarm geben, in der Thür stehen blieb, „wo ist Dein compañero, und weshalb habt Ihr Beide Euern Posten verlassen?"

Der Peon lachte.

„Es war ein Puma da drüben," sagte er endlich nach einer kleinen Pause, „und wir konnten das Thier im Schnee hören und auch manchmal den dunkeln Schatten seiner Gestalt sehen. Um ganz sicher vor Ueberraschung zu sein, umschlichen wir die Stelle, wo wir ihn vermutheten, aber er entfloh in langen Sätzen, und erst nachdem wir dort eine Zeit lang gelauscht und gewartet, ob sich nichts Verdächtiges weiter regen würde, kehrte ich zurück - aber der Puma ist noch draußen," setzte er dann plötzlich, von einem neuen Gedanken durchzuckt, hinzu, „und Felipe schickte mich hier herein, eins der Gewehre zu holen - die Haut des Thieres gäbe ein herrliches Lager für die Señorita."

„Ich will selber mit Dir gehen," sagte Ellington rasch, aber Don José ergriff seinen Arm.

„Das wäre doppelter Wahnsinn," rief er in englischer Sprache; „drohte hier wirklich Verrath, so liefst Du den Schuften selber in die Schlinge, - selbst das aber angenommen, daß sie ehrlich sind, dürfen wir hier gar nicht schießen, denn der Schall würde unendliche Strecken in die Berge donnern und unseren Feinden, sollten uns diese wirklich nachfolgen, genaue Kunde von unserer Nähe geben. - Mir gefällt auch der Rath des Burschen nicht - der alte Peon ist viel zu schlau und vorsichtig, um sich selber zu verrathen, und außerdem glaub' ich nicht einmal, daß er ein Gewehr ab- feuern könnte."

Der junge Bursche hatte indessen dem Gespräch, von dem er keine Silbe verstand, unruhig und mißtrauisch gelauscht; - was beriethen die Männer, und was thaten indessen die vielleicht ungeduldig werdenden mashorqueros, wenn er zu lange zögerte? Er erkannte jetzt recht gut, daß Alle auf und zum Weitermarsch gerüstet waren, und was blieb da für ihn selbst das Sicherste?

„Aber wo ist Felipe?" wandte sich Don José jetzt plötzlich gegen ihn, - „Euer früherer Posten war gerade da drüben, und ich kann nichts mehr von ihm erkennen."

„Er ist an der Spitze da vorn stehen geblieben," erwiderte, auf diese Frage schon vorbereitet, der Peon - „erstlich hoffte er dort den Puma am ersten wieder zu sehen, und dann kann man auch von dem Punkt aus den von unten herauf führenden Pfad bester überwachen."

„Gut, so leg Dich wieder nieder," sagte Ellington, „und schlaf noch ein paar Stunden; vor Tag aber wollen wir wieder aufbrechen, um wo möglich noch die zweite casucha6 zu erreichen; der nächste Tag sieht uns dann auf chilenischem Gebiet, und dort hoffentlich sicher vor den Henkersknechten des blutigen Tyrannen."

„Bueno, amigo!" brummte als halbe Antwort der Peon. An der Wand der Hütte aber hintastend, um seinen früheren Lagerplatz wieder zu finden und dort das Weitere zu überlegen, so wie abzuwarten, bis sich die jetzt mißtrauisch gemachten Flüchtlinge wieder beruhigt hätten, fühlte er plötzlich - und wie mit einem elektrischen Schlag fuhr es ihm durch die Glieder - die Gewehre der beiden Engländer, die Ellington dort hingestellt hatte, um sie, falls sie wirklich angegriffen werden sollten, gleich zum Gebrauch bei der Hand zu haben. /96/

Eine rasche Bewegung der Hand überzeugte den Peon jedoch, daß die Pulverhörner nicht dabei hingen, und er kauerte sich dicht daneben auf den Boden nieder, den für ihn günstigsten Zeitpunkt abzuwarten.

Er sollte nicht lange zu warten brauchen. Wenn auch Ellington im Anfang beabsichtigt haben mochte, zu wachen, und ein paar Mal zu dem niedern Eingang schritt und hinauslauschte, war die Luft doch zu bitter kalt, sich ihr unnöthiger Weise zu lange auszusetzen. In seinen Poncho deshalb fest eingehüllt, streckte sich der Verfolgte endlich tief aufseufzend dicht neben die Gattin nieder, der er schon vorher das Lager wieder bereitet.

Der Peon war indessen nicht müßig gewesen; vorsichtig neben sich herumfühlend, nahm er das eine Gewehr zu sich nieder auf's Knie und fing an es zu untersuchen. Hierbei aber war für ihn ein Uebelstand - er hatte wohl schon häufig schießen sehen, aber noch nie selber geschossen; nur so viel wußte er, daß der Hahn gespannt werden mußte. Die Waffe, die er in der Hand hielt, war ein Doppelrohr, die andere eine einfache Büchse, aber weder Pulver noch Blei dazu; was half ihm da das Gewehr? Da durchblitzte ihn ein teuflischer Gedanke - wenn er das einfache Rohr in die Ecke abfeuerte, wo die Flüchtigen dicht aneinander geschmiegt lagen, und dann mit dem noch geladenen Doppelgewehr entfloh, brachte ihn die Verwirrung des ersten Entsetzens jedenfalls außer Schußweite, und nicht allein einer oder mehrere der Fremden würden verwundet, sondern die mashorqueros waren dann auch im Stande, mit dem andern Gewehr sie am Weitermarsch zu verhindern, oder doch so lange aufzuhalten, bis sie die wenigen Provisionen aufgezehrt hatten und dann rettungslos ihnen zur Beute fielen.

Der Bursche, schlau und gewandt, zögerte nicht lange mit der Ausführung; überdies sollte der Schuß ja als Zeichen den Uebrigen gelten, und preßten diese scharf heran, so war es sogar möglich, daß sie sich ihrer Beute ohne Weiteres bemächtigten. Ellington's Leichtsinn, die Gewehre solcher Art außer dem Bereich des eigenen Arms zu lassen, wäre den /97/ armen Verrathenen bald verderblich geworden - Pedro kannte nur den Mechanismus des Gewehres nicht genau genug, um den Hahn geräuschlos zu spannen, und als er das Doppelrohr wieder neben sich an die Wand gelehnt und die Büchse ergriffen hatte, um den Hahn leise aufzuziehen, knackte dieser, als er in die erste Ruhe trat.

Don José hatte gar nicht geschlafen, und schon seit der Peon die Hütte wieder betreten, lehnte er, halb sitzend und nur in seinen warmen Poncho gehüllt, an der Mauer der Hütte, dem geringsten Laut horchend, der zu ihm herüberdringen möchte. Er wußte sich selber nicht ordentlich Rechenschaft zu geben, aber er war mißtrauisch geworden und erwartete mit Sehnsucht den anbrechenden Morgen. Nur die Augen schloß er endlich, und überdachte halb wachend, halb träumend die Möglichkeit des Gelingens - die Gefahren ihres Marsches - als ihn das Knacken des Hahns zuerst aus seiner Ruhe wieder emporschreckte. Den Blick rasch nach dort richtend, von woher das so unvermuthete Geräusch gekommen, sah er jetzt deutlich bei dem schwachen von draußen hereindämmernden Schneelicht, wie sich der blanke Lauf eines Gewehres - er konnte nur nicht recht genau erkennen nach welcher Richtung - niedersenkte. Dann war Alles todtenstill.

Aber auch Ellington war durch den nur zu gut gekannten Laut aufgestört; auch er sah, gerade als er die Augen aufschlug, die Bewegung des Laufs, und dem im Lager überraschten Wilde gleich fuhren die beiden Männer empor, um der neuen, noch kaum bewußten Gefahr zu begegnen .

Vergebens riß indessen der Bandit an dem Drücker der Büchse, um sich selber durch den Schuß zu retten; er hatte keine Ahnung, daß der Hahn zweimal ausklinken mußte, ehe er feuern konnte; so war er nur „in Ruh' gesetzt" und das Schloß verweigerte den Dienst. Die doch nutzlose Waffe von sich schleudernd, ergriff er das Doppelrohr, um die Thür noch vor seinen Angreifern zu erreichen; hier aber verrannte ihm Ellington den Weg, und noch während er sein Messer aus /98/ der Scheide riß, sich die Bahn zu stoßen, brach er mit einem leisen Stöhnen, zugleich von Ellington's Faust und Don José's scharfem Stahl getroffen, der ihm die eigene Waffe in den Rücken trieb, eine Leiche, zu Boden.

Die kleine Hütte war im Augenblick ein Bild der Verwirrung, und das Verderben der Unglücklichen wäre besiegelt gewesen, hätten die Henker nicht auf das Zeichen des ausgesandten Spions gewartet. Aber die Furcht vor Feuerwaffen, die der Gaucho nicht leicht überwindet, besonders wenn er sie in den Händen von Europäern weiß, hielt sie zurück, und so gern sie das Blutgeld ihres Herrn verdienen mochten, so wenig dachten sie daran, ihre eigene Haut unnöthig dabei zu Markte zu tragen.

Ellington und Don José aber waren in dem Augenblick so bestürzt und erschreckt, daß der Spanier schon in der That das Messer zum zweiten Mal gezückt hatte, den eigenen Schwager, den er ebenfalls für einen der Angreifer hielt, niederzustoßen, als ein zufälliger Ausruf desselben noch sein Leben rettete.

Ellington besetzte jetzt vor allen Dingen die Thür, und - während Don José die Leiche aus dem Weg und in die eine Ecke zog, eilte auch der alte Herr herbei, um den Platz, der, wie er natürlich glauben mußte, schon vom Feind angegriffen wurde, vertheidigen zu helfen.

III.

Der Führer der mashorqueros stampfte indessen den Schnee in toller Ungeduld.

„Carajo!" rief er, dem alten Peon dabei einen grimmigen Seitenblick zuschleudernd - „ich glaube wahrhaftig, der Schuft von vaqueano hat uns betrogen und die vermaledeiten cringos gewarnt, anstatt ihre Waffen in unsere Hände zu liefern - Gift und Messer, wenn ich das gewiß wüßte!" /99/

Die Anrede war halb an den Alten gerichtet, und dieser, der sich unter dem boshaften, tückischen Blick des Henkers nicht gerade wohl fühlte, erwiderte ruhig:

„Pedro wird sich hüten und uns verrathen, er weiß gut genug, daß uns die Burschen nicht entgehen können; aber es ist auch möglich, er hat die Sache dumm angefangen, - und dann freilich wär's böse."

„Böse für Dich, compañero," knurrte der Andere, - „wenn uns die Schufte entgehen, so freu' Dich, denn ein Kopf ist mir sicher, und wenn er auch keine zwölf Unzen trägt, ist er doch des Mitnehmens werth."

„Paciencia, amigo," sagte der Alte trocken und mit unzerstörbarem Gleichmuth - „wenn der Tag dämmert, werden wir's sehen."

„Und glaubst Du, daß ich helles Tageslicht abwarten soll, mich von den Schuften nachher wie einen Hund todtschießen zu lassen, wenn ich mich nur in Kugelnähe auf dem Schnee blicken lasse?" tobte der Henker. „Jetzt, augenblicklich müssen wir den Angriff wagen, oder sie ziehen morgen früh aus und ab vor unseren Augen, ohne daß wir es hindern können. Die punta del vaca ist außerdem noch die einzige Hütte, an die ein Anschleichen möglich wäre, wenn ich überhaupt Lust hätte, mich weiter in die Schneeregion hinein zu wagen."

„Aber, amigo," sagte der Alte, „Du wirst Dir selber -"

„Fuego!" unterbrach ihn, ingrimmig den Boden stampfend, der Henker - „Du wirst reden, wenn ich Dich frage, und nun voran! Wohl verstanden, Du bleibst dicht an meiner Seite - es könnte sein, daß ich Dich brauchte."

Der Henker wandte sich von ihm ab, der alte Peon aber murmelte leise vor sich hin:

„Glaub's wohl, um irgendwo zur Scheibe zu dienen, während die Uebrigen von der andern Seite anschleichen - aber paciencia!" - und ruhig seinen Poncho etwas fester um sich ziehend, erwartete er den Entschluß des Anführers, /100/ dem er sich, wie er recht gut wußte, offen doch nicht widersetzen durfte.

Der mashorquero rief jetzt seine Schaar rasch zusammen, und mit der Gegend hier, ja mit jedem Stein und Felsenvorsprung seit langen Jahren vertraut, bedurfte es auch weiter keiner Berathung. Klar und deutlich wies er Jedem den von ihm bestimmten Platz an, um im entscheidenden Moment hervorzubrechen, und zu diesem bestimmte er den Augenblick, wo die Flüchtigen die Hütte selber wieder verlassen würden, um ihren Weg fortzusetzen.

Die casucha der punta del vaca besteht aus einer Doppelhütte von Steinen, und nur wenige Schritte von ihr entfernt läuft die Bank des Tucunjado in steilem Hang schräg nieder zu dem unten vorbeischäumenden Strom, den selbst der eisige Winter hier oben nicht unter der starren Decke fesseln konnte. Diesen Weg schlug er selber mit dem alten Peon und noch Einem von den Seinen ein, bis sie sich dahin durch den Schnee arbeiteten, wo sie durch den Ausbau der Hütte selber geschützt waren und leicht bis dicht hinankommen konnten. Der mashorquero hatte außer zwei kleinen Terzerolen auch noch einen leichten Lasso, ohne den ein Gaucho selten auf einen Kriegszug ausgeht, an seinem Gürtel hängen, und den Uebrigen noch einmal einprägend, so nahe als möglich an die Hütte hinanzurücken, begann er selber seinen weniger gefährlichen als mühseligen Pfad zu verfolgen.

Dem alten Peon war indessen die ganze Jagd von Grund aus verleidet worden. Weiteren Mühseligkeiten und Gefahren zu entgehen, hatte er sich den Treubruch gegen die Fremden zu Schulden kommen lassen, und jetzt mußte er in stockdunkler Nacht, zitternd vor Frost, dem nämlichen Ort durch den tiefen eisigen Schnee wieder entgegenkriechen, eine Kugel sein Lohn, wenn er von dort gesehen wurde, während der mashorqueros hinter ihm wenig Umstände gemacht haben würde, ihn sein Messer fühlen zu lassen, so er sich nur im Mindesten dessen Befehlen widersetzte. Er wäre auch mit dem größten Vergnügen zum zweiten Mal desertirt, aber wie erst hier fortkommen? Und gelang ihm das wirklich, hatten die Fremden dann nicht volle Ursache, seinen /101/ guten Absichten jetzt nicht zu glauben und ihn als einen Feind zu behandeln? - Was war überhaupt aus seinem Kameraden geworden?

Nur unendlich langsam rückten sie indessen vorwärts, denn der Schnee gab oft nach unter ihren Füßen, und wenn auch der Abhang im Ganzen nicht so steil war, daß er unpassirbar gewesen wäre, kamen doch hier und da einzelne Stellen, an denen es schroff und tief hinabging, und die sie zur äußersten Vorsicht zwangen, der dünnen Schneeschicht nicht zu viel zu vertrauen. Endlich erreichten sie den Theil des Ufers, der von dem Eingang der Hütte aus nicht mehr gesehen werden konnte, und der Peon mußte dem Anführer der Bande jetzt genau beschreiben, in welcher der beiden Hütten die Flüchtlinge ihr Lager aufgeschlagen, wie viel Gewehre und Pistolen sie bei sich hätten, und von welchem Körperbau die beiden jüngeren Männer wären.

Felipe hatte bis jetzt gehofft, daß er selber zum Recognosciren ausgesandt werden würde, und schon allerlei Pläne darauf gebaut. Der mashorquero schien ihm aber keineswegs zu trauen, und dem mitgenommenen jungen Burschen eins seiner Terzerole und die nöthigen Befehle gebend, sandte er diesen nach dem Rücken der Hütte hinauf, um dort das Terzerol auf den ersten der Männer, der sich zeigen würde, aus seinem Versteck heraus abzufeuern, und sich nachher auf seine Beine zu verlassen, um wieder zu entkommen.

Der Peon verlangte jetzt von seinem Begleiter wenigstens sein Messer zurück, um sich, im Fall es zu einem Handgemenge käme, vertheidigen zu können; der mashorquero verweigerte ihm dasselbe aber mit einem kräftigen Fluch und schwur, die einzige Art, wie er je wieder ein Messer von ihm bekommen solle, sei zwischen die Rippen oder in die Kehle.

Die Nacht war indessen mehr und mehr vorgerückt, und hinter ihnen stieg schon der Morgenstern über die schroffen Kuppen des mächtigen Gebirges. - Der Tag konnte nicht mehr fern sein, aber noch immer ließ sich nicht das mindeste Zeichen irgend eines lebenden Wesens von der Hütte heraus hören oder erkennen. Der Henker wurde ungeduldig. So /102/ lagen sie wohl noch eine halbe Stunde, die Glieder fast zu Eis erstarrt, und über dem Schnee dämmerte indessen der junge Tag. Während die Schlucht unter ihnen noch in tiefem Dunkel lag, schoß über die schneeigen Kuppen, die schroff und starr in den sternbesäeten Nachthimmel hinausragten, ein lichter bläulicher Schein; die Hänge und Kanten gewannen Ausdruck in Form und Farbe, und es war fast, als ob weiße gigantische Körper aus dämmernden Nebelschleiern emporstiegen und höher wüchsen, indeß das steigende Licht ihnen Kraft gab und ihre Glieder reckte.

„Ich halt's nicht mehr aus," flüsterte der Peon endlich, der, von dem scharfen Südostwind abgekehrt, vergebens die letzte Stunde schon gesucht hatte seine Glieder zu erwärmen - „mir ist das Blut in den Adern geronnen."

„Daß ich's nicht flüssig mache!" drohte der mashorquero, „aber, beim Teufel! mir wird die Zeit hier auch lang, und ich begreife nicht, was die Canaillen so lange im Baue hält. - Dein Kamerad, der Schuft von Unitarier, hat jedenfalls geplaudert, und mir zuckt's ordentlich in den Armen, mein Messer da an ihm - und an Dir zu versuchen. - Ruhe! - was helfen mir Deine Beteuerungen, mach' Dich fertig, wir wollen den Spuren unseres vorangegangenen Spions folgen und der Bande zu Leibe rücken, die Uebrigen werden jetzt auf ihren Posten sein. - Ich will, beim Teufel! nicht Wochen lang im Sattel gehangen haben, um jetzt unverrichteter Sache wieder abzuziehen. Da, compañero - krieche einmal zurück bis zu jenem kleinen Vorsprung - von da mußt Du die Thür der Hütte in Sicht haben - und versuch', ob Du nichts von dort erkennen kannst."

Felipe ließ sich das nicht zweimal sagen - irgend ein Grund, aus der Nähe des blutdürstigen mashorquero zu kommen, schien ihm erwünscht, noch dazu da es ihm zugleich Gelegenheit bot, seine Glieder wieder zu gebrauchen. Rasch deshalb in seiner eigenen Fährte zurückspringend, erreichte er bald den bezeichneten Platz und hob leise und vorsichtig den Kopf. - Ein einziger Blick verrieth dem Peon den ganzen Stand der Dinge, und wie ihm die /103/ Gedanken das Hirn durchkreuzten, welchen Weg er jetzt, da ihm ein günstiger Zufall auf kurze Zeit freie Bahn gegeben, am besten verfolgen könne, hatte sich im Nu sein Plan gebildet.

Rasch überzeugte er sich nämlich, daß die Flüchtlinge die Gefahr kannten, in der sie sich befanden, und ihre Annäherung ruhig erwarteten. Er konnte die beiden Gestalten der jungen Männer erkennen, die mit ihren Gewehren in der Thür, aber noch weit genug im Innern standen, um von einem auswärts lauernden Feinde nicht gefährdet zu sein. Der abgesandte mashorquero dagegen lehnte an der einen Ecke der Hütte, wie der Tiger, der auf die Beute lauert, während die übrigen Feinde in kleinen Abtheilungen, theilweise schon in Schußnähe, aber immer noch durch schneebedeckte Felsstücke den Feinden verborgen, im Hinterhalt lagen. Hätten sie Feuerwaffen gehabt, die kleine Besatzung wäre der ersten Salve erlegen.

Nahm er jetzt einen Anlauf, so konnte er sicher die casucha erreichen, ehe die mashorqueros im Stande waren ihn daran zu verhindern; aber wie dann, wenn ihn die Belagerten nicht hinanließen, vielleicht gar auf ihn feuerten? - „Pest und Tod!" murmelte er vor sich hin, „ich glaube die Bestien schössen auf ihren eigenen Bruder." - Im offenen Kampf mit ihnen war er der Gefahr aber noch weit mehr ausgesetzt, während seine Kehle juckte, wenn er nur an das Messer des blutdürstigen mashorqueros-Führers dachte. Er sah sich nach diesem um, und die ungeduldige, drohende Geberde desselben machte im Augenblick all' seinen Zweifeln ein Ende. Noch einmal das Terrain überschauend und mit den Augen messend, blieb ihm ein Raum von circa hundertzwanzig Fuß Breite, um zwischen der nächsten Abtheilung der Feinde zur Rechten und seinem jetzigen Tyrannen zur Linken durchzubrechen; die Entfernung bis zur casucha betrug überdies kaum mehr als dreihundert Schritt, und wenn ihn auch der Schnee im raschen Laufen hinderte, rechnete er doch im Anfang auf die Überraschung der im Hinterhalt Liegenden und später auf den Schutz, den ihm die Gewehre der Europäer bieten mußten. So also sich rasch und entschlossen auf den /104/ Kamm der Bank schwingend, hinter der vor er bis dahin recognoscirt hatte, floh er, hier von dem hartgefrorenen Schnee begünstigt, rasch über die Fläche hin. Wohl sah er, daß sich die Gewehre der Fremden, so wie er sich aus dem Schnee emporhob, gegen ihn wandten; aber nur ein flüchtiger Blick war es, den er dorthin warf, denn links von ihm sprang der mashorquero, jetzt ebenfalls jeden Versteck verschmähend, auf die Bank, und suchte augenscheinlich ihm den Weg abzuschneiden. Was half auch jetzt noch hinter dem Berg halten - ihr Hinterhalt war verrathen, und der mashorquero hätte in diesem Augenblick der Wuth und Rache sicherlich gern die Europäer entfliehen lassen, wäre ihm nur dadurch die Wiederergreifung des verrätherischen Peons gesichert gewesen.

In tollkühnem Grimm jede andere Gefahr dabei hintansetzend, lief er deshalb dem flüchtigen Alten nach; das Terrain schien ihn auch zu begünstigen, denn jener gerieth in eine Schneewehe, durch die er sich nur weit langsamer Bahn brechen konnte. Ein Blick auf die casucha überzeugte ihn aber auch, daß er sich fast schon in Schußnähe befand, und dem Flüchtigen jetzt auf etwa dreißig Schritt nahe gekommen, riß er das Terzerol aus dem Gürtel, um auf ihn zu schießen. Da sprangen von drüben herüber die anderen Gauchos vor, und diesen nicht in die Hände zu laufen, mußte der Peon noch näher nach dem Führer der mashorqueros hinüberhalten. Dieser drückte die Waffe auf ihn ab, aber ohne Erfolg, und ingrimmig das Terzerol in den Schnee schleudernd, ergriff er den Lasso, den er lose in der linken Hand trug, und die Schlinge zweimal rasch um den Kopf schwingend, flog sie in furchtbarer Sicherheit über ihr Opfer.

Felipe wäre verloren gewesen, hätte ihn der Schnee, der ihn am raschen Laufen hinderte, nicht auch eben wieder vor der gefährlicheren Lassoschlinge gerettet; denn kaum sah er die furchtbare Waffe, deren Sicherheit er nur zu gut aus eigener Erfahrung kannte, gegen sich gerichtet, als er auch blitzschnell in den hier weichen Schnee sank, und schon im nächsten Moment fühlte er, wie die drohende Schnur, durch den weichen Schnee emporgehalten, wie eine Schlange, aber harmlos, über /105/ ihn hinglitt. Die Gefahr war vorüber, und emporschnellend floh er der Hütte zu.

Ellington und Don José standen dort Beide, die Gewehre im Anschlag, in der Thür, des sonderbaren Schauspiels Zeuge, und im Anfang in der That nicht sicher, ob das Ganze nicht eine schlau ausgesonnene Kriegslist sei, an sie heranzukommen. Das Abfeuern des Terzerols bestärkte sie darin fast noch mehr, denn an drei verschiedenen Stellen tauchten nach dem Schuß plötzlich dunkle, drohende Gestalten empor. Der Lassowurf schien aber wirklich ernst gemeint, und das bleiche, erregte Gesicht des Peons, der zu gleicher Zeit ängstliche Blicke nach dem entfernteren Theil ihrer eigenen Hütte warf, schien eher ihre Hülfe anzuflehen, als Verrath zu sinnen. Was konnte der einzige Unbewaffnete ihnen auch schaden? - Ungehindert ließen sie ihn deshalb heran, als ein Schuß, dicht neben ihnen abgefeuert, ja fast wie aus der Hütte selber kommend, sie auf's Neue erschreckte.

In der nächsten Minute war Felipe an ihrer Seite, ohne sich aber auf eine Entschuldigung oder Erklärung seines Betragens einzulassen, die, wie er recht gut wußte, einen irgend gegen ihn erhobenen Verdacht in diesem Augenblick nur vermehren mußte; er zeigte jedoch auf den sich jetzt wieder zurückziehenden Führer der mashorqueros und rief, kaum im Stande von der furchtbaren Anstrengung Luft zu schöpfen:

„Dort - Den - macht Den unschädlich - es ist der Hauptmann der Henker - er kann Euch - er kann Euch nicht mehr entfliehen."

„Wir dürfen die Hütte nicht verlassen!" rief warnend Don José, als er sah, daß Ellington unwillkürlich hinaussprang, um den gefährlichen Feind zu erreichen; aber seines Schwagers grenzenlose Wuth gegen die Helfershelfer und Henkersknechte seines grimmigsten Feindes ließ denselben im tollen Uebermuth der Gefahr trotzen.

„Wir müssen Luft haben!" schrie er, indem er den Hahn der Büchse spannte und in's Freie sprang - „Pest und Blut über jene Schufte, und jetzt, da uns Gott sein Sonnen-/106/licht gesandt, mögen sie's wagen, unseren Büchsen entgegen zu treten!"

Mit wenigen Sätzen den freien Plan vor der Hütte erreichend, von wo er das Thal überschauen konnte, sah er eben, kaum zwanzig Schritt von sich entfernt, die flüchtige Gestalt des jungen Spions. Hatte dieser doch gerade von der Hütte selber aus auf den Peon gefeuert, und jetzt floh er der Schlucht wieder zu. Fast unwillkürlich hob Ellington die Büchse, diesem den Todesboten nachzusenden; allein der Führer der Bande war edleres Wild. - Aber wo war der mashorquero geblieben? - wie in den Boden gesunken, schien er verschwunden. - Ellington sprang noch einige Schritte vor, und nicht viel Zeit hatte er zu verlieren, denn die Helfershelfer eilten von zwei verschiedenen Seiten herzu - da hob sich die dunkle Gestalt wieder aus dem Schnee heraus - die Schlinge wirbelte um seinen Kopf, und während der Engländer überrascht im Anschlag blieb, fühlte er sich plötzlich von einer unwiderstehlichen Gewalt gefaßt und zu Boden gerissen. Das Triumphgeschrei des Henkers tönte in sein Ohr, und das blanke, haarscharfe Messer in der Faust, stürmte dieser heran. Ellington wäre verloren gewesen, hätte Felipe nicht, wie er den mashorquero in den Schnee niederkauern sah, und leicht die Absicht desselben errieth, den jungen Spanier vermocht, dem Freund zu Hülfe zu eilen. - Fiel Ellington, das wußte er setzt recht gut, so war er selber verloren, und Don José, die Vertheidigung der Hütte so lange dem alten Herrn überlassend, kam mit der Doppelflinte eben noch zeitig genug, um das rechte Rohr auf den heranstürmenden Henker abzufeuern und sich dann rasch gegen zwei der anderen Feinde zu wenden, die indessen den Eingang der Hütte zu erreichen suchten.

Hier aber empfing sie der Bleigruß des alten Briten, der trotz seiner vorgerückten Jahre die Tage in Moor und Haide noch lange nicht vergessen hatte und mit zwei wohl- gezielten Schüssen aus kaum fünfzehn Schritt Entfernung beide Henker zu Boden streckte.

Es bedurfte keines weitern Schusses - wie ein Volk zerstreute Hühner stoben die übrigen der Verfolger, um der /107/ furchtbaren Wirkung der Feuerwaffen zu entgehen, nach allen Seiten auseinander. Ellington aber, der sich rasch wieder von der ersten Betäubung des Sturzes erholt und von dem Lasso befreit hatte, sah eben noch die Flucht der Feinde und den herbeieilenden Felipe, der, das in der casucha gefundene Messer seines früheren Kameraden in der Hand, jetzt ebenfalls herbeieilte und dem Engländer winkte, der Fährte des angeschossenen mashorquero nachzugehen. Am steilen Rand der Uferbank war dieser im Schnee verschwunden, aber das strömende Blut verrieth die Todeswunde des Unglücklichen, und als sie den Hang erreichten, von wo aus sie das ganze Thal übersehen konnten, taumelte der Henker seinem Grabe entgegen. Ellington hob noch einmal die Büchse, aber senkte sie wieder.

„Schießt!" schrie der Peon, und ein wildes, unheimliches Feuer blitzte aus seinen Augen.

Bei dem Klang des Wortes drehte sich der zum Tod getroffene Henker nach ihm um und that, die Hand krampfhaft auf die Wunde pressend, noch einen Schritt nach vorn - es war sein letzter - der Fuß glitt auf einem der Steine aus - er wollte sich halten, rechts von ihm wich der Schnee, eine steile Kluft hinab schmetterte er in die Tiefe, und in der nächsten Minute spielte die stürmische Fluth des Tucunjado mit der Leiche des Henkers.

*

Felipe war jetzt schlau genug, die Gefahr, in der er geschwebt, um seinen neuen Herren treu zu dienen, gegen die Flüchtigen herauszuheben, und da ihm nun selber der Rückzug abgeschnitten worden, führte er die kleine Schaar ihren mühseligen und auch gefährlichen Weg treulich durch den Schnee nach Chile hinüber. Wohl drohte ihnen noch ein grimmer Feind in aufsteigenden Wolken, die den Horizont umzogen und sich in dicken Schwaden über die Höhen legten, aber was ihren Pfad hier bedrohte, schützte sie auch auf der andern Seite wieder um so viel sicherer gegen jeden weitern Verfolger, von denen sich keiner in die Gebirge gewagt hätte, /108/ so lange solche Wolkennebel einen jener entsetzlichen Schneestürme befürchten ließen.

Zwar mit Hunger und Kälte kämpfend, gewannen sie aber doch drei Tage nach den vorbeschriebenen Scenen die Schneegrenze Chiles - und Rosas' Arm reichte nicht so weit, sie hier mehr zu gefährden.

Der todte Zimmermann

I.

Im Westen von Yorkshire, tief im Innern des Landes und von der großen Heerstraße selbst ziemlich abgelegen – denn Eisenbahnen gab es damals noch nicht in dem jetzt von ihnen nach allen Richtungen hin durchschnittenen England – lag ein altes, wohl nicht gerade schon verfallenes, jedoch baufällig genug aussehendes Gebäude. Vor der Reformation hatte es zu einem Kloster gedient, von den Rundköpfen aber genommen und eine Zeit lang zu einer Art Kaserne benutzt, war es später durch Kauf an eine alte katholische Familie übergegangen, die allerdings kein Kloster wieder daraus machen konnte und wollte, aber doch auch soviel als möglich das alte Schloß von den Entweihungen zu befreien suchte, die ein fanatischer Pöbel damals, in der festen Ueberzeugung, dem lieben Gott damit einen ungemein großen Gefallen zu thun, ausgeübt hatte.

Die Klosterkirche oder Kapelle, von der die wüthenden Reformatoren wenig mehr als die Gewölbe hatten stehen lassen – und diese ebenfalls nur aus dem Grunde, weil sie sie nicht einreißen konnten -, wurde wieder so weit hergestellt, daß sie den Namen eines ‚anständigen Gotteshauses‘ verdiente – wie es die Pastoren und Priester gewöhnlich nennen, wenn die Kirche ländlich und die Pfarrwohnung behaglich eingerichtet ist. Die hohen gewölbten Fenster, aus denen die wilden Soldaten all‘ die zierlichen Steinhauereien, die gothischen Arabesken, Kreuze und Heiligenbilder, mit /112/ größter Sorgfalt herausgeschlagen hatten, wurden frisch, aber einfach umgemauert und mit neuen Fenstern versehen - die Zellen der Mönche dagegen, die eben den Haupttheil der Kaserne gebildet hatten, ließ der Eigenthümer niederreißen und den Platz zu Wirthschaftsgebäuden benutzen. Er war bis auf das Refectorium mit der innern Einrichtung fertig geworden, als er plötzlich starb und sein ganzes Vermögen und Grundeigenthum, was sich meist auf dies alte Kloster und die dazu gehörigen Ländereien beschränkte, seiner einzigen Erbin, einer Stiefschwester und alten Jungfer, hinterließ, die ihm bis dahin, mit Hülfe ihrer fast eben so alten Dienstmagd, die Wirthschaft geführt hatte.

Diese verpachtete bald darauf das Gut an einen Fremden, einen Protestanten, der die Felder und sonstigen Wirthschaftsgebäude in vortrefflichen Stand brachte, sich aber dafür den Henker um die neu eingerichtete Kapelle kümmerte, und lieber zwei volle englische Meilen zu der dort errichteten protestantischen Kirche ritt, als daß er sich der kleinen Gemeinde in der alten Klosterkapelle angeschlossen hätte.

Die Dienstleute, fast lauter Katholiken, die mit dem früheren Besitzer gekommen oder sich später, aus protestantischen Umgebungen, hierher gezogen hatten, schüttelten darüber freilich mit dem Kopf und meinten, der alte Herr müsse sich im Grabe umdrehen, wenn er sähe, wie all' seine Mühe und Arbeit nun so vergebens gewesen wäre und protestantische - und man könnte eben so gut sagen heidnische - Hände auf seinem Grund und Boden wirthschafteten. Die Schwester aber war ein viel zu vernünftiges Frauenzimmer, sich an solche Reden und Ideen zu kehren. Sie wußte recht gut, daß sie leben mußte, und da sie natürlich nicht selber mehr Landwirthschaft treiben und Felder bebauen konnte, so verstand es sich von selbst, daß sie einen Pächter dazu nahm. Ob der nun später, wenn er einmal starb, in den Himmel und Abraham's Schooß, oder an einen Ort kam, dessen eine gute Christin nur mit innerem Schauder gedenken konnte, ging sie auf der Welt nichts an. Sobald der Mann nur, so lange er ihr Gut bewirthschaftete, seinen Zins ordentlich bezahlte, hätte er ihretwegen einen Wegweiser /113/ statt eines Crucifix anbeten können. Das konnte ihr gleichgültig sein.

Ich erwähne dies aber nur hier deshalb, um eben zu rechtfertigen, daß sie von den noch streng katholischen Untersassen des kleinen Gebiets mit nichts weniger als günstigen Augen betrachtet wurde. Diese schüttelten auch sehr häufig die Köpfe und meinten, das könne nun und nimmermehr zu einem guten Ende führen.

„Das Fräulein", wie sie übrigens allgemein von der Nachbarschaft zum Unterschied von anderen Fräulein genannt wurde, die gewöhnlich noch ihren Geschlechtsnamen dabei gesetzt bekamen, bewohnte mit ihrer alten Dorothea die Zimmer des früheren Abtes, die danach von einigen Officieren der Rundköpfe7 benutzt, später, nachdem sie anständig hergerichtet worden, von ihrem Bruder in Besitz genommen, und dadurch die noch am besten erhaltenen Gemacher des ganzen Hauses waren.

Gleich an diese stieß das alte Refectorium des Klosters, und dieses hatte ihr Bruder wollen mit mehreren Abtheilungen durchschneiden und dadurch in kleinere Gemächer, die zu verschiedenen Zwecken benutzt werden konnten, verwandeln lassen. Hierbei aber vom unerbittlichen Tod überrascht, war Alles in dem großen Saale, wie es die Arbeiter eben verlassen, stehen und liegen geblieben, und es sah fast unheimlich aus, wenn man, aus dem Wohnzimmer tretend, die Thür öffnete und dann in den weiten, alten, grau düstern Saal hineinschaute, wo die Mauersteine neben den noch halb vergoldeten und mit Zierrathen geschmückten, halb von profanen Händen abgekratzten und beklecksten Wänden aufgeschichtet oder unordentlich umhergestreut lagen; wo hier ein Balken über einem Heiligenbild, dem die Rundköpfe das früher glorienumstrahlte Angesicht schwarz übermalt hatten, in der Ecke lehnte, dort eine Leiter aus der Kreuzigung Christi an der Hinterwand ordentlich herausgefallen schien, während die Bilder selbst, beschmutzt und mit groben Pinselstrichen überschmiert, gar traurig und betrübt nur hier und da noch einen Arm oder ein Bein vorstreckten.

Der alte Herr hatte diese Kleinigkeiten eben gelassen, /114/ weil er einen Totalumbau des ganzen Saales beabsichtigte, und dann wären die Wände ja doch von Neuem wieder mit Kalk beworfen und übermalt worden.

Dies Alles beschloß „das Fräulein" abändern zu lassen, und zwar nicht allein des Saales und des dadurch verlorenen Raumes wegen, - lieber Gott, sie brauchte mit ihrer alten Magd sehr wenig Platz, und hätte den recht gut entbehren können, ohne sich auch nur im Mindesten einzuschränken, - aber es war schon ein häßliches, ich möchte fast sagen, unheimliches Gefühl, wenn sie in ihrem Zimmer, das dicht daran stieß, saß und sich nur durch die schwere eichene Thür von dem wüsten Bauplatz mit seinen entweihten und geschändeten Bildern und dunkeln Ecken und Schutthaufen getrennt wußte. Und Abends hätte sie manchmal darauf schwören wollen - wenn sie das überhaupt je gethan -, daß sie Schritte und Geflüster in dem Saal gehört habe. Dorothea war leider halb taub und konnte nicht gut zum Zeugen aufgerufen werden; aber selbst die Köchin, ein junges leichtfertiges Ding zwar, und sonst gerade in keiner großen Achtung bei ihrer Herrin, wurde, als man sie später danach fragte, ganz verlegen und versicherte dem Fräulein, sie wolle es nur gestehen, sie hätte etwas ganz Aehnliches in dem alten Saale auch schon gehört, und sie möchte ihm nicht, mit seinen verunstalteten und mißhandelten Heiligenbildern, Abends nach Dunkelwerden zu nahe kommen - nicht um alles Geld in Yorkshire.

Arbeiter mußten deshalb her, um den Theil des Saales, der ihrer Zimmerthür zunächst lag, aufzuräumen und eine Mauer quer durch die obere Abtheilung zu führen. Hierdurch wurde nicht allein die weite Räumlichkeit gebrochen, sondern auch noch eine prächtige und luftige Speisekammer gewonnen, die nur noch einer Decke bedurfte, um benutzt werden zu können und das Wohnzimmer des Fräuleins von ihrer früheren unheimlichen Nachbarschaft vollkommen abzuschneiden.

Diese Decke, die aus etwa zehn Fuß von der Erde eingemauerten Balken bestand, und nur einzig und allein noch mit Planken übernagelt zu werden brauchte, hatte ein unten /115/ im Ort wohnender Zimmermann, ein Irländer, zu vollenden übernommen, und mit einigem Fleiß würde er auch im Stande gewesen sein, in nur wenig Tagen seinen Accord zu erfüllen. Patrick O'Flannagan hatte aber, obgleich sonst eine seelensgute Haut, einen einzigen Fehler, der aber manche seiner guten Eigenschaften wieder nicht allein verdunkelte, sondern total in den Schatten drängte. - Er trank nämlich, und wenn ich sage trinken, so meine ich nicht etwa unschuldiges Quellwasser, sondern ächten irischen Whisky, schon aus Nationalgefühl, und von diesem solche Quantitäten, daß man es recht gut trinken nennen konnte.

Die Beendigung der Speisekammer verzögerte sich deshalb von Tag zu Tag, und obgleich das Fräulein Patrick O'Flannagan immer drängte sie zu beendigen, oder ihr wenigstens einen Tag zu sagen, an dem er sie fest und bestimmt beendigt haben würde, - denn wenn Patrick erst einmal sein Wort gegeben hatte, konnte man Häuser darauf bauen, wie viel mehr denn Speisekammern - wich Patrick dem doch immer so geschickt aus, wie es wirklich nur ein Irländer unter solchen Umständen im Stande ist. Er versprach allerdings, sie „in den nächsten Tagen" fertig zu machen, hing aber so viele Wenn und Aber und Bedingungen von „mit des Herrn Gnade das Leben behalten" und „gesund bleiben" etc. an, daß man schon von vornherein wissen konnte, der liebe Gott würde gar nicht im Stande sein, all' die Bedingungen, die Patrick stellte, zu erfüllen, und der Erfolg lehrte auch, daß es gewöhnlich so herauskam.

Nun muß ich den Leser aber vorher noch mit Patrick's Privatverhältnissen etwas näher, und sei es nur durch wenige Worte, bekannt machen.

Patrick O'Flannagan wohnte am äußersten Ende des kleinen Ortes, wohl zweihundert Schritt von den letzten Häusern entfernt, auf einem kleinen Stück „Bog" oder Sumpf, das er sich zum Andenken an seine traute „Smaragden-Insel", wie ja das alte grüne Irland von seinen poetischen Söhnen genannt wird, ganz besonders ausgesucht und von dem früheren Eigenthümer des Grundstücks, der viel auf ihn hielt, noch kurz vor dessen Tode erb- und eigenthümlich bekommen /116/ hatte. Dort hauste er ganz allein mit seiner alten Mutter und einem jüngeren Bruder, und mied nicht allein die übrigen Dorfbewohner, sondern wurde auch von ihnen gemieden, denn Patrick gehörte zu jener Partei der irischen Nation, die sich dem Protestantismus zugewandt und die wunderliche Idee gefaßt hatte, daß sie auch ohne die Gebete ihrer bisherigen Patres einen Eingang in den Himmel finden könnten.

Es thut mir aber leid, hier gleich bemerken zu müssen, daß sich Patrick in der That eben so wenig um den Protestantismus bekümmerte, wie er sich früher um den Katholicismus bekümmert hatte. - Alles, woran ihm hier auf Erden gelegen schien, war, seinen eigenen Leichnam, so viel das nur irgend in seinen Kräften stand, zu pflegen und sich so lange als möglich „im Leben zu erhalten". Da er nun, wie er häufig äußerte, „mit sehr wenig Arbeit auskommen konnte", hütete er sich wohl, seine Kräfte übermäßig anzustrengen, und waren Kartoffeln und Whisky genug im Haus, dann hätte ich den Christenmenschen sehen mögen, der Patrick aus seinen eigenen vier Pfählen gebracht hätte. So lange noch eine dieser „irischen Citronen" (wie die Kartoffeln dort auch häufig scherzhafter Weise genannt werden) oder ein Tropfen des „Bergthaues" (der edlere Name für Whisky) im Hause waren, rührte und regte er sich nicht, und erst wenn diese Vorräthe zur Neige gingen, dachte er auf neue Arbeit und damit neue „Provisionen".

Patrick war übrigens außerdem ein ungemein drolliger Kauz und wußte die komischsten Geschichten von der Welt mit einem Humor zu erzählen, in dem er von wenigen anderen Menschen und von keinem auf zehn Meilen in der Runde übertroffen wurde. Da er sich auch noch außerdem als ein vortrefflicher und wackerer Sohn bewies und es seiner alten Mutter, die er zu sich genommen hatte, an nichts fehlen ließ, so war ihm das Fräulein und besonders Dorothea, was fast noch mehr sagen wollte, sehr gewogen. Sie wollten es ihm deshalb auch nicht gern zu Leide thun, einen andern Arbeiter zur Beendigung der Speisekammer anzunehmen, obgleich ein nüchterner und rechtschaffener Zimmermann - noch dazu ein Katholik - nur wenige Meilen von dem Gut entfernt wohnte, /117/ und seine Dienste auch schon mehrmals selber angeboten und durch Andere hatte anbieten lassen.

Endlich aber konnte es das Fräulein nicht länger aushalten; sie war es müde geworden, immer und immer nur anzutreiben und sich die Vollendung der Arbeit auf's Ungewisse hinaus versprechen zu lassen. Sie schickte also an einem Dienstag-Morgen - denn Montags war es immer nur eine höchst ungewisse Sache mit Patrick - den Kutscher, einen jungen rüstigen Burschen, der die zwei Pferde zu besorgen, die alte Kutsche in Stand zu halten und nebenbei noch den kleinen Garten zu bestellen hatte, nach Patrick O'Flannagan's Wohnung hinüber und ließ ihm sagen, er möchte augenblicklich einmal auf's „Kloster" (wie das Herrenhaus immer noch aus alter Gewohnheit genannt wurde) herauskommen, weil das Fräulein etwas sehr Wichtiges mit ihm zu besprechen habe.

Solchen Ruf versäumte Patrick nie, denn er bekam dort nicht allein stets eine ganze Portion gute Ermahnungen, sondern zuletzt, wenn man ihn zu Worte kommen ließ und er ein paar von seinen Schwänken einschieben konnte, auch stets einen ausgezeichneten „Bittern", wie ihn wirklich nur das Fräulein gegen Magenweh und andere häusliche Unfälle auszusetzen wußte.

Diesmal sollte er aber nicht mit bloßen Ermahnungen und weitläufigen Versprechungen davonkommen; das Fräulein blieb selbst gegen seine Betheuerungen unempfindlich und erklärte ihm rundheraus, daß es heute das letzte Mal sei, wo sie über die Beendigung dieser Arbeit spräche.

„Schämt Euch, Patrick!" sagte sie zuletzt, „schämt Euch in Eure Seele hinein, mich hier, die ich es immer so gut mit Euch gemeint habe, um ein klein Stück Arbeit, das Ihr, wenn Ihr nur wolltet, in einem einzigen Tage vollenden könntet, so viel zu quälen und zu ärgern, und so lange warten zu lassen, obgleich ihr wißt, daß ich die ganze Arbeit, wo es mich nur ein Wort kostete, um denselben Preis bis morgen Abend gethan kriegen könnte. Ich habe Euch also nun zum letzten Male rufen lassen und verlange von Euch zu wissen, ob Ihr die Arbeit bis spätestens heute über acht Tage wollt gethan haben oder nicht, und ich gebe Euch mein Wort, /118/ daß, falls Ihr es nicht thut, morgen über acht Tage Meister Sharpsaw, den ich nicht zweimal dazu aufzufordern brauche, dabei ist, und dann sind wir Beide geschiedene Leute."

So ernsthaft hatte das Fräulein noch nie mit ihm gesprochen, und da nun gar noch Dorothea gerade mit dem bewußten Bittern dazukam, konnte Patrick zwei solchen, von so verschiedenen Seiten und mit so verschiedenen Angriffswaffen, geführten Beweisgründen nicht länger widerstehen. Er acceptirte Ermahnungen wie Bittern und versprach, unter einem ganz besondern Grad von Rührung, dem Fräulein feierlich, daß bis heute über acht Tage Abends mit Sonnenuntergang - er behielt sich wohlweislich den letzten Termin offen - ihre Speisekammer gemacht sein solle, und Patrick O'Flannagan wäre der Mann, der sein Versprechen todt oder lebendig hielte.

„Pfui, Patrick," sagte aber, während Dorothea mit der linken Hand ein andächtiges und zugleich abwehrendes Kreuz schlug, das durch des Mannes endlich gegebenes Wort schon wieder bedeutend milder gestimmte Fräulein, - „Pfui, Patrick, wie könnt Ihr nur so häßliche gotteslästerliche Reden führen. Trinkt nicht so viel, und Ihr könnt noch lauge leben und manche Arbeit beginnen und fertig machen. Ihr seid aber Euer ärgster Feind mit der Flasche, und wenn Ihr das so fort treibt, möcht' ich Euch allerdings nicht für ein langes Leben gut stehen. - Unmäßigkcit tödtet die stärksten Naturen und wird auch die Eurige untergraben. Ja, ich weiß schon," sagte sie lächelnd, als Patrick eine betheuernde Bewegung machte, „Eure Vorsätze sind immer gut genug, aber ich will nun auch sehen, ob es wahr ist, daß Ihr Euer fest gegebenes Wort wirklich haltet, und bedenkt, daß es sonst das letzte Mal gewesen ist, daß ich Euch geglaubt habe."

„Fräulein," rief Patrick, nachdem er sein bisher still in der Hand gehaltenes Glas auf einen Zug geleert und auf den Tisch geschoben hatte - zugleich wohl darauf achtend, daß es wieder in Dorotheens Nähe und den Bereich der vollen, unter ihren Händen stehenden Flasche kam; - „Fräulein, wenn ich diesmal mein Wort nicht halte, dann sollen die Jungen unten im Dorfe mit Fingern auf mich /119/ weisen und mich den Lügner Patrick nennen, nein, noch schlimmer, ich will nicht eher wieder einen Bissen von Ihrem Brod, oder einen" - er hielt hier erst einen Augenblick inne, den ihm von Dorothea freundlichst zum zweiten Mal eingeschenkten Bittern zu sich herüber zu ziehen und, wie es schien, nur mit einer geschickten Handbewegung zu leeren - „oder einen Tropfen von Ihrem Schnaps trinken," fuhr er dann betheuernd und sich den Mund wischend fort, „bis ich Ihre Speisekammer fertig gemacht habe, schlechter, elendiger Kerl, der ich bin. Und todt oder lebendig, Fräulein, Sie haben einmal mein Wort, und Patrick O'Flannagan mag sonst sein, wie er will, aber sein Wort hält er, darauf können Sie sich verlassen."

Und damit drückte Patrick seinen alten Hut, den er bis jetzt unter den linken Arm gequetscht gehalten, wieder soviel als möglich in eine halbwege Facon zurück, machte erst gegen das Fräulein und dann gegen Dorothea (Patrick war viel zu sehr Irländer, diese Letztere zu versäumen) seine Abschiedsverbeugung und war im nächsten Augenblick durch die nächste Thür verschwunden.

Dorothea aber, als sie Patrick's Glas weggenommen und ein etwas kleineres, zierlich geschnittenes dafür auf den Tisch gesetzt hatte, denn das Fräulein mußte nach solcher Aufregung jedenfalls ihren Lebensgeistern ein klein wenig zu Hülfe kommen, schüttelte gar ängstlich und bedenklich mit dem Kopf und meinte, solche gotteslästerliche Reden wie „lebendig oder todt" gefielen ihr nun und nimmermehr. Damit käme nie etwas Gutes zuwege, und es sei ein altes, aber gutes Sprüchwort, man solle den Teufel nicht an die Wand malen. Der Patrick wäre ein ganz guter Mensch, aber er glaubte an keinen Gott, denn ob er nun Protestant sei oder „gar nichts", das käme doch auf Eins heraus, und sie fürchte, sie fürchte - es passire noch einmal etwas.

Das Fräulein lächelte aber darüber und versicherte Dorothea, Patrick sei ein ganz guter Mensch und ein noch besserer Sohn, wenn er nur das fatale Trinken wollte sein lassen, und so eine Rede sei, wenn auch gerade nicht in der Ordnung, doch nur so leicht hingeworfen, und der liebe Gott würde /120/ es schon nicht so genau damit nehmen. Und damit war die Sache für diesmal abgethan.

II.

Dienstag, Mittwoch und Donnerstag vergingen, ohne dass sich Patrick im Kloster blicken ließ. Das Fräulein schüttelte schon bedenklich den Kopf und machte sich allerlei arge Gedanken über den liederlichen Zimmermann; Dorothea hatte aber von Einem der Dorfleute gehört, daß er krank sei, und kam ordentlich ängstlich mit dieser Nachricht zu ihrer Herrin. Das änderte freilich die Sache, und Patrick O'Flannagan war also diesmal außer Schuld.

„Das wußte ich wohl," sagte Dorothea auch, ihn vertheidigend, „wenn Patrick nicht unwohl geworden wäre, hätte er gewiß schon seht sein Wort gehalten; er ist wohl ein bischen ein leichtsinniger junger Mensch" - Patrick war, beiläufig gesagt, achtunddreißig Jahre alt - „aber kein schlechter, und Sie sollen einmal sehen, Fräulein, so wie er nur wieder besser ist, kommt er mit Hobel und Säge angerückt. Dann ist er auch wie der Blitz mit der Arbeit fertig, denn ungemein schnell arbeiten kann der Patrick."

Die beiden guten alten Seelen beschlossen denn auch, es nicht allein dabei bewenden zu lassen, sondern den Mittag noch wurde eine gute, kräftige Suppe gekocht, und der Kutscher damit betraut, diese dem Kranken hinauszutragen und sich zugleich nach seinem Befinden zu erkundigen.

„Das kommt aber von seinem leichtfertigen, unregelmäßigen Leben," sagte das Fräulein, als Tommy, der Kutscher, mit dem großen steinernen Henkeltopf, den er vorsichtig in eine Pferdedecke eingeschlagen trug, befördert war, „wenn Patrick das böse, häßliche Trinken lassen wollte, wäre er ein ganz guter, brauchbarer Mensch. Das Trinken wird auch noch sein Tod sein, und er verdiente eigentlich gar nicht, daß

man sich so viel Sorge um ihn machte und so viel Mühe mit ihm gebe; was sollte aber nachher aus der armen alten Frau, seiner Mutter, werben? Patrick ist doch ein guter Bursche."

Es ist sonderbar, daß sich die Frauen so oft für liederliche Menschen interessiren. - Ist Einer ordentlich und anständig, nun so versteht sich das von selbst, daß er so ist, und es bekümmert sich Niemand um ihn; er thut ja nicht mehr als seine Pflicht und Schuldigkeit, und wer soll ihm das danken? - Die liederlichsten Subjecte dagegen finden beim schönen Geschlecht gerade die regste Theilnahme - an ihnen ist noch etwas zu retten, hier ist noch ein Körper und eine Seele dem zeitlichen und ewigen Verderben zu entreißen, und das milde und weiche Frauenherz fühlt sich besonders dazu hingezogen, ja einen ordentlichen Beruf in dergleichen Aufopferung und Hingebung. Man möchte wahrhaftig manchmal recht aus freien Stücken auch ein liederliches Subject werden, nur um schöne, liebe Frauenaugen in zarter Sorgfalt um uns betrübt und bemüht zu sehen.

Vor allen Dingen wollen wir aber jetzt erst einmal mit dem Kutscher nach Patrick's kleinem Haus gehen und sehen, wie sich unser vermeintlicher Kranker dort befindet.

Patrick O'Flannagan war nämlich nichts weniger als krank, sondern hatte nur ganz unverhofft an demselben Tag, wo er im Schlosse gewesen, von einem der benachbarten Dörfer ein paar Särge bestellt bekommen, die augenblicklich fertig gemacht werden mußten, und dabei so viel Geld verdient, daß er wieder recht gut eine Zeit lang auch ohne Arbeit auskommen konnte. Der nächste Dienstag war noch lange hin, und mit ein paar Bekannten fing Patrick, der sich wieder einen guten Vorrath von Whisky eingelegt hatte, an zu zechen und jubilirte Tag und Nacht fort, daß es eine Freude war. Das Gerücht, daß er krank sei, war auch auf sehr natürliche Art und Weise entstanden. Ein Mann aus dem Dorfe wünschte eine Säge zu borgen, - denn wenn sie nicht etwas von Patrick haben wollten, kam Keiner zu ihm hinaus: die alte Mrs. O'Flannagan aber, eine sechsundsiebzigjährige Frau, die nicht gern die Nachbarn wissen lassen wollte, daß ihr /122/ Sohn wieder einmal tüchtig angetrunken sei, fertigte ihn an der Thür mit der Antwort ab, Patrick O'Flannagan sei krank und sie könne keins von seinen Handwerkszeugen hergeben.

Als Tommy deshalb mit der Suppe vor dem Haus erschien und Einlaß begehrte, kam die alte Dame zuerst in nicht geringe Verlegenheit. Tommy aber war ein guter Freund Patrick's, und besonders was er in der Hand trug und was ihr so süß wie kräftige Fleischbrühe entgegenduftete, keineswegs so vor der Thür abzuweisen, wie Jemand, der eine Säge borgen wollte, und Tommy durfte eintreten.

„Bei Jesus, Tommy, acushla!" war das Erste, was dem erstaunten Tommy der sterbenskrank geglaubte Patrick entgegenjubelte, das Zweite aber ein volles Glas kochend heißer und vortrefflich gebrannter Whiskypunsch, den er zu Hause im Kloster nicht einmal zu riechen, viel weniger zu kosten bekam, und Tommy, außerdem kein Kostverächter und ein zu pfiffiger Bursche, um nicht zu wissen, daß Festtag wäre, wenn die Leute in die Kirche gingen, blinzelte mit dem rechten zugekniffenen Auge nach Patrick hinüber, und lieferte mit der einen Hand seine Suppe ab, während er mit der andern das dargereichte Glas annahm und auf einen Zug ausleerte.

„Und die Alte glaubt, Ihr seid sterbenskrank, Patrick," schmunzelte Tommy, als er nach wirklich nur sehr kurzer Nöthigung seinen Platz an dem kleinen Tisch neben den vier anderen schon vorhandenen Zechbrüdern eingenommen.

„Bin ich auch, Tommy - hick!" lallte Patrick, der heute einen fürchterlichen Schluckauf (außer seinem gewöhnlichen Schlucknieder) hatte - „bin ich auch, Tommy, ich habe das - hick - ich habe das hitzige Fieber, Tommy, hick – hick - und ich vertreibe es mir jetzt - hick - homöopathisch, wie die Doctoren sagen - hick - mein Junge!"

„Curioses Fieber das, Paddy," sagte Tommy, der schon seinen Hut ablegte und es sich anfing bequem zu machen - „curioses Fieber - kommt mir vor wie Kalklöschen, Paddy, - je mehr man dazugießt, desto hitziger wird's, Paddy!" /123/

„Und wie geht's denn der Alten im Kloster - hick?" frug Patrick jetzt, die Beine unter und die Arme auf den Tisch gerade vor sich ausstreckend und den Kopf ein ganz klein wenig mit einem recht schlauen Ausdruck in den rothen, aufgedunsenen Zügen zur Seite beugend und nach Tom hinüberwinkend. – „He, Tommy! hick - was macht die - hick - hick - was macht die gute alte Seele?"

Patrick entblödete sich nicht, das ehrwürdige alte Fräulein eine „gute alte Seele" zu nennen, und was das Schlimmste dabei war, Tom, der sonst einen unbeschreiblichen Respect vor seiner Herrin zu haben schien, entsetzte sich nicht im Mindesten darüber, sondern ließ sich sogar noch einmal einschenken und trank mit Patrick auf das Wohl dieser „guten alten Seele".

Das alte Fräulein im Schloß und Dorothea, ja selbst die Köchin, geriethen zuletzt, als der abgesandte Tom gar nicht wiederkam, in nicht geringe Besorgniß und wollten schon, wie es gegen Abend ging und selbst mit einbrechender Dämmerung der Bote noch nicht zurück war, einen andern Mann nach Patrick's Hütte hinübersenden. Gerade als die Drei oben zu solchem Kriegsrath beisammen waren, läutete es unten an der Thür. Das war Tom; Rosy sprang augenblicklich fort, ihm zu öffnen, und stieß ordentlich einen Schrei aus, als sie sein rothes Gesicht und seine starren Augen sah. Tom hatte aber noch gerade Besinnung genug, sich auf keine Erläuterungen einzulassen, ja Rosy wäre vielleicht sogar böse auf ihn geworden, denn er bot ihr nicht einmal auf seine gewöhnliche Art und Weise „Guten Abend", hätte er ihr nicht, das Tuch fest vor das Gesicht pressend, zugeflüstert, er fühle sich unwohl und glaube, Patrick's Krankheit sei ansteckend gewesen. Dann glitt er ihr unter den Händen weg, in sein Kämmerchen hinein und zu Bett, und als die alte Dorothea nach einiger Zeit unter Zittern und Zagen zu ihm ging und ihm eine Tasse Thee, den sie schnell bereitet hatte, brachte, lag er tief unter seine Bettdecke gedrückt und ließ sie sein Ge-/124/sicht nicht einmal sehen, so fror ihn - das Bett schüttelte ordentlich.

Glücklicher Weise sollten die armen Frauen aber diesmal mit dem bloßen Schreck davonkommen, denn am andern Morgen fühlte sich Tom schon wieder bedeutend besser und konnte sogar gegen zehn Uhr aufstehen und an seine gewöhnlichen Geschälte gehen.

Das war Freitag - von Patrick hörten sie den ganzen Tag nichts, aber am nächsten Mittag brachte eine Magd von dem Gute mit der gewöhnlichen Butter auch die Nachricht, daß Patrick O'Flannagan vor einer Stunde etwa vom Schlag gerührt und gestorben sei, und daß sie draußen im „Irischen Haus", wie seine kleine Hütte von den Dorfbewohnern gewöhnlich genannt wurde, schon ihre gebräuchlichen Weh- und Leichenklagen hielten.

In der Nachricht lag übrigens nichts Außerordentliches; Patrick war überall als ein starker, ja unmäßiger Trinker bekannt, und daß solche Leute sehr häufig der Schlag rührt, ist nicht Neues. Tom erschrak am meisten darüber, er hatte noch so kürzlich mit dem jetzt Todten einen so fröhlichen Nachmittag verlebt, und wenn er sich auch nicht verhehlen konnte, wie sehr er selber damals über die riesigen Mengen des starken Getränkes, die Patrick in sich hineingeschüttet, erstaunt gewesen sei, so war doch jetzt der Tod gar zu schnell und plötzlich in die Thür getreten, um sein ihm freilich schon längst verfallenes Opfer zu holen.

Für den Todten konnte nun freilich das Fräulein nichts mehr thun, er war Protestant und sie Katholikin - er durfte nicht einmal auf ihrem Kirchhof begraben werden, obgleich sie selber viel zu vernünftig darüber dachte, dagegen irgend eine persönliche Abneigung zu haben. Kaum eine halbe Meile auf der andern Seite des Irischen Hauses war aber eine kleine protestantische Kirche, wohin die alte Mrs. O'Flannagan regelmäßig zur Andacht ging, und dorthin mußte er also auch jedenfalls beigesetzt werden.

Von ihrem Fenster aus konnte sie eben noch das kleine, einsam gelegene Häuschen, gerade an der andern Seite eines niedern Weidendickichts, das zwischen dem Gut und dem /125/ Hause lag, sehen, und Sonntag Nachmittag wurde der Sarg vom andern Dorf herübergebracht, die Leiche hineingelegt und noch an demselben Abend zu ihrer letzten stillen Ruhestätte hinausgetragen.

Das Fräulein und Dorothea standen am Fenster, als die kleine Procession sichtbar wurde, und Dorothea faltete die Hände und sagte, während eine stille Thräne dem guten alten Mädchen in die Augen trat: - „Da tragen sie nun den armen, sonst immer so lustigen und muntern Patrick O'Flannagan auch in die kühle Erde; wie viele Särge hat er für andere Leute gezimmert, und jetzt liegt er selber in solch' einem kleinen Bretterhäuschen - Es ist doch eine schlimme Sache um das Sterben - und seine arme alte Mutter nun -"

„Der soll es, so lange sie lebt, an nichts fehlen," sagte das gute, alte Fräulein rasch -„laß nur die ersten Trauertage vorüber sein, Dorothea, nachher magst Du selber zu ihr hinübergehen und sie beruhigen, daß sie sich nicht etwa auch noch auf die paar Tage, die sie hier auf Erden zu wandeln hat, Nahrungssorgen macht."

„Ach, Fräulein!" sagte da plötzlich die alte Dorothea und trocknete sich die Augen, wobei sie sich wohl absichtlich etwas von ihrer Herrin abwandte - „ich bin vielleicht recht kindisch, - aber ich wollte doch, Patrick hätte das letzte Mal, als er hier in diesem gesegneten Zimmer war, nicht gesagt, er würde die Speisekammer da drin lebendig oder todt bis Dienstag fertig machen, das war doch eigentlich recht sündhaft gesprochen, und wenn ihn der Himmel nur nicht dafür gestraft hat."

Aufrichtig gesagt, hatte das Fräulein schon denselben Gedanken gehabt, natürlich wollte sie sich aber von ihrer Magd nicht auf einer solchen Schwachheit ertappen lassen, und sagte kopfschüttelnd:

„Bah, bah, bah, Dorothea! was sind das für Redensarten für ein vernünftiges Frauenzimmer. Das war allerdings eine alberne Rede von Patrick, und ich wollte jetzt selber, er hatte nicht gesagt, was er gerade gesagt hat, nicht etwa weil ich fürchte, sein Geist könne deshalb keine Ruhe /126/ haben," setzte sie lächelnd hinzu, fuhr aber gleich wieder ernster fort: „sondern weil es ihm möglicher Weise vor seinem Tode eine trübe Stunde gemacht hat, sein Wort nicht lösen zu können, denn Patrick O'Flannagan mochte in manchen Stücken wirklich so leichtsinnig sein wie er wollte, aber sein Wort, sobald er das einmal gegeben, hielt er. - Ich entbinde ihn aber hiermit feierlich davon!" sagte sie plötzlich etwas lauter, als das für Dorothea, die dicht neben ihr stand, gerade nöthig gewesen wäre, ja sie warf sogar einen etwas scheuen Seitenblick nach der Thür hinüber, die zu der noch unvollendeten Speisekammer hinausführte, und setzte dann hinzu: „Es ist also nicht nöthig, die Sache auch nur mit einem Wort weiter zu erwähnen. Ja, ich weiß nicht, ob ich nicht sogar besser thue, gleich hinüber nach dem nächsten Dorf zu schicken, um mir den andern Zimmermann, der sich mir angeboten hat, holen zu lassen, damit dieser die Arbeit vollende."

„Das ist wahr, Fräulein, ach das thun Sie!" rief Dorothea rasch; „dann haben wir hier unser Wort gebrochen und nicht die gehörige Zeit gewartet, und dann ist er vor Gott und der Welt davon entbunden."

Das Fräulein wollte aber die Sache von dieser Seite nicht aufgefaßt haben. Dorothea sollte nicht etwa glauben, daß sie selber so abergläubisch wäre, auch nur auf eine solche Idee scheinbar einzugehen, und sie sagte deshalb kurz abbrechend:

„Nein, es ist auch wahr - ich habe Patrick O'Flannagan versprochen, bis Dienstag Abend zu warten, und keine Entschuldigung, weshalb ich mein Wort nicht halten sollte; also bleibt es dabei. Den Mittwoch Morgen soll Tom hinübergehen und den andern Zimmermann herüberholen." /127/

III.

Ein irisches wake (Begräbnißfeier) ist wirklich in seiner Art eine Merkwürdigkeit und muß einmal mit angesehen sein, wenn man sich einen rechten, richtigen Begriff davon machen will. Die Leute kommen bei einem solchen „Wake", wie sie's nennen, allerdings zusammen, um über den Todten zu trauern, aber wenn das nicht besonders dabei gesagt wird, daß sie wirklich trauern, würde es aus ihrem ganzen Benehmen und Singen und Jubilaren wahrhaftig nicht zu schließen sein. Die Frauen, ja, wehklagen wohl um den Hingeschiedenen, und Mutter, Frau oder Schwester sitzen in der einen Ecke mit verhüllten Häuptern und ihr schriller Noth- und Schmerzensschrei dringt oft fast durch das Getobe der Zechenden. Die Männer aber thun gerade das Gegentheil von dem, was man bei einer Begräbnißfeier etwa von ihnen erwarten könnte, bei keinem andern Fest sind sie toller und ausgelassener, und ebenso wie bei anderen endet auch dieses gewöhnlich mit einer Schlägerei.

Die katholische Nachbarschaft kam deshalb auch dem Irischen Haus, so lange das Wake dauerte, und das war bis ziemlich spät in die Nacht, am Montag nicht zu nahe. Als Dorothea aber an dem Abend in ihr Kämmerchen ging, von dem sie ebenfalls über das Weidendickicht hinüber nach dem Irischen Haus sehen konnte, lag dies in Nacht und Dunkelheit verborgen, und Dorothea ging, sich heute andächtiger als je bekreuzigend, in ihr Bett und betete noch manches, manches Ave für die arme Seele Patrick O'Flannagan's.

Lange konnte sie auch nicht einschlafen; es war ihr heut Abend so merkwürdig ängstlich und beklemmt zu Muthe, und wohl drei- oder viermal fuhr sie, fast aufschreiend, im Bett in die Höhe, denn sie hätte drauf schworen wollen, sie höre den schweren, langsamen Schritt Patrick's auf der Treppe, wie er sonst gewöhnlich mit seinem Werkzeug anzukommen pflegte. Aber das war natürlich nur Täuschung ihrer überdies etwas erregten Phantasie, und sie mußte sich zuletzt /128/ immer selber gestehen, sie habe sich geirrt. Es hätte auch in der That Niemand die Treppe heraufkommen können; die Thür unten war fest verschlossen und verriegelt, der Kutscher Tom schlief im Stallgebäude, und von den drei Frauen, inclusive Rosy, wollte sich wohl Jede hüten, die Nacht irgend Jemandem die Thür aufzumachen.

Endlich schlief sie ein, aber dadurch war sie nur um Weniges gebessert, denn die ganze Nacht hörte sie fortwährend im Traum Hammer und Säge gehen und sah ein furchtbares Skelet auf einem der offenen Balken in der Speisekammer sitzen, und sägen und Nägel einschlagen, als ob das so seine natürliche und ganz altgewohnte Beschäftigung gewesen wäre. Die Aufregung mochte sie aber doch ermüdet haben, denn sie wachte über dem Traum nicht auf, sondern schlief, bis am nächsten Morgen die aufsteigende Sonne ihre ersten goldenen Strahlen gegen die Fenster warf.

„Jesus, Maria und Joseph!" schrie sie aber, als sie kaum die Augen geöffnet und gewissermaßen munter geworden war, und fuhr wie ein Blitz und mit einem Schreck, daß ihr die Glieder wie im Fieberfrost flogen, unter die Decke zurück. - Die Hintere Wand ihres Zimmers ging nämlich ebenfalls nach dem alten Saal zu und stieß dicht an den zur Speisekammer bestimmten Platz, und sie hätte das heilige Abendmahl darauf nehmen wollen, daß sie gerade da drüben, als sie nur den Kopf aus der Decke steckte, die schrillen, regelmäßigen Töne einer hin- und hergezogenen Säge gehört habe.

Erst unter der Decke fiel ihr nun wieder ein, was sie die Nacht eigentlich für entsetzliche Geschichten geträumt hatte und ihre Phantasie müsse ihr also noch so eine Art Nachspiel des Traumes im Halbwachen vorgespiegelt haben - aber es war so deutlich gewesen. Das Herz schlug ihr wie ein Schmiedehammer in der Brust, aber, lieber Gott, die helle Sonne stand ja am Himmel, und heraus mußte sie doch einmal. - Vorher indessen faltete sie - immer noch unter der Decke, unter der sie spurlos verschwunden blieb, - die Hände und betete ein frommes Ave Maria und „alle guten Geister" - dann noch eins, und dann ein drittes, und nun /129/ ein frommes „Mit Gott!" murmelnd, warf sie entschlossen die Decke von sich und richtete sich auf.

Sie wäre aber eben so gern wieder hinuntergefahren, hätte sie nur die Furcht gelassen, denn deutlich, unbezweifelbar tönten von der Speisekammer her: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs regelmäßige Hammerschläge, als ob Jemand ein Brett auf einen der Balken festnagele. Sie horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, und der kalte Schweiß trat ihr dabei auf die Stirn, denn sie gedachte in diesem Augenblick wieder ihres Traumes und des entsetzlichen Skelets, und es blieb kein Zweifel - in der Speisekammer wurde gearbeitet, sei das nun von einem lebendigen oder todten Zimmermann.

Hier aber allein auszuharren - das Furchtbare allein zu ertragen, vermochte sie nicht - mit einem Satz war sie aus dem Bett und an der Thür ihrer Herrin - Dorothea hatte in ihrem ganzen Leben keinen solchen Sprung gemacht, - dort aber in's Zimmer und auf deren Bett zu stürzen, die ebenfalls schon wach und leichenblaß darin saß, war das Werk eines zweiten Augenblicks, und sie rief jetzt mit durch die Angst erstickter Stimme:

„Oh Du lieber gütiger Heiland - er ist da - er ist gekommen - er hat Wort gehalten!"

Dieser Ausbruch von Verzweiflung, und vielleicht auch die Nähe eines menschlichen Wesens, gab aber dem Fräulein viel von ihrer Geistesgegenwart zurück. Sie faßte Dorotheen bei der Schulter, schüttelte sie sanft und sagte beruhigend und beinahe mit fester Stimme:

„Komm, komm, Dorothea, sei kein Kind - wer wird denn gleich das Schlimmste denken. Wir stehen in Gottes Hand und kein böser Geist könnte uns etwas anhaben - wir wissen aber noch gar nicht einmal ob das ein Geist ist, und mir fällt jetzt ein, daß die Leiter im Hofe ja immer noch angelehnt steht, durch welche die Maurer ihre Backsteine herausschafften. - Wer weiß, ob nicht Tom gestern zu dem andern Zimmermann gegangen ist und ihn bestellt hat. Er mag vielleicht geglaubt haben, daß die Speisekammer doch jetzt von dem andern Arbeiter fertig gemacht werden müßte, /130/ und hat ihn dann wahrscheinlich, ohne mich vorher noch einmal darum zu fragen, auf heute Morgen herbestellt. Der Mann nun, der uns nicht aus dem Schlafe stören und gern pünktlich sein wollte, ist durch's Fenster in den alten Saal hineingestiegen."

Das Fräulein hatte sich, während sie sprach, so in diese Idee hineingedacht, daß sie ihr selber wahrscheinlich erschien. Sie klopfte Dorotheen auf die Schulter und fuhr freundlich fort: „Komm, komm, Kind, sei nicht so närrisch, zieh Dich an und mach' Rosy die Thür auf; die pocht schon seit fünf Minuten draußen, als ob sie die Gefache einschlagen wollte. Schämst Du Dich nicht, so furchtsam zu sein?"

Dorothea fühlte sich durch diese fast unbefangene Aufmunterung wirklich so ermuthigt, daß sie aufstehen, schnell ihren Morgenrock überwerfen und die der Treppe zuführende äußere Thür aufschließen und aufriegeln konnte. Kaum war das aber geschehen, so wurde sie von der leichenbleich hereinstürmenden Rosy auch fast umgerannt, und die Köchin konnte nur mit zitternden Lippen, als sie zum Fräulein in's Zimmer stürzte, die Worte herausbringen:

„Haben Sie ihn gehört - er ist da - er ist gekommen!"

Das ominöse Sägen und Hämmern dauerte indessen ununterbrochen fort; Bretter wurden herüber- und hinübergeschoben, Nägel eingeschlagen, Planken abgesägt - und sie konnten deutlich die Stücke hinunter auf den Estrich fallen hören. Es war gar kein Zweifel mehr, daß irgend Jemand in dem alten Saale arbeitete, und das Fräulein suchte auch Rosy mit ihren schon oben angeführten Gründen zu beschwichtigen. Dafür sprach auch das, daß Patrick sonst immer, wenn er an der Arbeit war, ununterbrochen pfiff und sang und den Tact dazu hämmerte, daß es sich ordentlich gut anhörte, heute aber ging Alles still da drin her und das Geräusch des Handwerkszeugs war das einzige, was laut wurde.

Dazu aber - daß Tom nämlich einen andern Zimmermann bestellt haben sollte, schüttelte Rosy auf das Aengst lichste wie auf das Entschiedenste mit dem Kopf, und behauptete so bestimmt, dies wäre nicht geschehen, daß ihr /131/ Fräulein sich gar nicht erklären konnte, woher sie das wissen wollte. Rosy versicherte aber, Tom habe sich noch gestern Abend heißes Wasser bei ihr in der Küche geholt - und sie habe ihn gefragt, ob er an Geister glaube und ob ein Mensch, wenn er einmal ordentlich gestorben und begraben wäre und sechs Fuß unter der Erde läge, wieder heraufkommen und eine Speisekammer machen könne - und da habe ihr Tom auch gesagt, das wäre Unsinn und ein todter Mensch sei und bliebe todt, und sie - Rosy - solle einmal sehen, morgen früh, als wie heute, werde ihn das Fräulein nach dem andern Zimmermann schicken, und der nachher kommen und die Speisekammer fertig machen, und das wäre dann das Ende vom Geist. Das bewies doch jedenfalls, daß er bis jetzt noch nicht den andern gerufen hatte, und dieser unmöglich von selber kommen könne.

Das Fräulein machte jetzt, hierdurch selber wieder etwas außer Fassung gebracht, den sehr vernünftigen, aber deshalb nicht weniger unausführbaren Vorschlag, ehe man sich weiter ängstige, nachzusehen, wer eigentlich im Saale arbeite. Wer sollte aber nachsehen?

Dorothea weigerte sich hartnäckig, der Thür selbst auch auf nur fünf Schritt nahe zu kommen, und erklärte feierlich, lieber aus dem Fenster springen zu wollen, als im Zimmer zu bleiben, wenn Jemand nur Miene machen wolle, sie zu öffnen; ja Rosy verwarf selbst den Vorschlag, durch's Schlüsselloch zu sehen, als unmöglich.

„Heilige Mutter Gottes!" sagte sie und hielt sich schaudernd die Schürze vor's Gesicht - „wenn ich da so auf einer Seite in's Schlüsselloch hineinsehe und das Gespenst auf der andern - oh Du mein Heiland, es könnte das größte Unglück geben, und mir ist es schon bei dem bloßen Gedanken wie Blei in die Glieder geschlagen."

Das war auch eine schreckliche Idee, und dem Fräulein schauderte selber dabei - sie hätte es keinem andern Christenmenschen zumuthen mögen - was aber nun um des Himmels willen thun?

Rosy machte hier den ersten vernünftigen Vorschlag, sie wollte zu Tom hinuntergehen und den an das äußerste Ende /132/ des Hofes schicken - die Fenster im Saal waren noch alle offen, denn selbst die Rahmen standen, herausgenommen, in der einen Ecke desselben - und von dort aus konnte er jedenfalls die Stelle, wo „das Ding" arbeitete, übersehen und dann Nachricht bringen, was es sei und wie es aussähe.

Die Sache hatte weiter keine Schwierigkeit, als daß dann das Fräulein mit Dorothea allein hätte im Zimmer bleiben müssen, und nachdem die alte Dame bestimmt wußte, daß es kein anderer Zimmermann möglicher Weise sein konnte, wurde ihr selber, so ganz in der Nähe eines überirdischen Wesens und nur durch die dünne Thür von ihm getrennt, unheimlich und bange zu Muthe.

Dorothea schien, bei Rosy's Vorschlag, große Lust zu haben, diese zu begleiten - lieber Gott, wie das sägte und arbeitete in der Kammer, es ging Einem ja wie mit glühenden Messern durch die Seele, nein, man mußte Gott auch nicht durch zu große Dreistigkeit versuchen und es war besser, einer solchen Sache friedlich aus dem Weg, als ihr gerade entgegen zu gehen. Das Fräulein beschloß also ebenfalls sich Rosy anzuschließen, in deren Kammer unten zu gehen und dort mit Dorothea zu warten, bis Rosy Tom gerufen habe und dieser Nachricht bringen würde. Nachher konnten sie noch immer thun, was sie für gut fanden.

Das war ein Vorschlag zur Güte und so schnell ausgeführt als gefaßt. Das Fräulein und Dorothea setzten sich in Rosy's kleinem freundlichen Kämmerchen, die Erste auf den einzigen Stuhl, der darin stand, die Andere auf's Bett, und beteten mit angsterfülltem Herzen zu ihrem Heiland, daß er den schweren Kelch an ihnen glücklich vorüberführen und Alles noch zum Besten kehren möge. Rosy blieb etwas lange aus, endlich kam sie aber zurück und brachte die Nachricht, Tom sei augenblicklich hinübergegangen, wohin sie ihn beschicken habe, und werde, sobald er nur irgend etwas deutlich sehen und erkennen könne, direct hierher kommen und ihnen Nachricht bringen.

„Und was sagte Tom?" frug das Fräulein etwas ängstlich, denn sie hoffte noch immer in Tom's totalem Unglauben einigermaßen Trost zu finden. Hierin sollte sie aber vollkommen getäuscht werden, denn Tom war, nach Rosy's Aussage, als sie ihm erzählt, was oben im alten Saale vorgehe, todtenbleich geworden und hatte nur schwer bewogen werden können, die schwierige Mission zu unternehmen. Was für Mittel Rosy angewandt, ihn doch endlich dahin zu bringen, sagte sie nicht, aber er war gegangen und konnte jetzt jeden Augenblick mit der Botschaft zurück sein.

Tom kam endlich, aber er sah selber zu viel wie ein Geist aus, als daß er den geängstigten Frauen hätte können tröstliche Nachrichten bringen. Er zitterte am ganzen Leibe, sein Gesicht war erdfahl und die Augen traten ihm stier aus dem Kopfe.

Er hatte ihn gesehen - es war Patrick O'Flannagan, wie er leibte und lebte, schneeweiß angezogen, wie sie die Leichen in's Grab legen - und mit einem weißen Tuch um die untere Kinnlade, um diese vor dem Niederfallen zu bewahren. Im Gesicht sah er dabei aus, nicht als ob er erst vor wenigen Tagen gestorben wäre, sondern als ob er schon eben so viele Monate im Grabe gelegen hätte - die Augenhöhlen leer und schwarz und der übrige Theil des Gesichts eher wie ein leerer Schädel als ein Leichenantlitz.

„Oh mein Traum, mein Traum," jammerte Dorothea, „ich wußte ja, daß es so kommen würde!"

„Und was macht er?" frug das Fräulein endlich nach einer ziemlich langen Pause, in der sie sich die größtmöglichste Mühe gegeben hatte, ihr eigenes Entsetzen zu bezwingen - „was macht er aber?"

„Was er macht?" wiederholte Tom erstaunt - „er arbeitet, daß Einem die Haare zu Berge stehen. Die Planken fliegen nur so, wenn er sie kaum anrührt, und legen sich selber auf ihre Plätze - mit dem Hammer geht's, als ob er hundert Hände dazu hätte, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er bis zum Frühstück mit der ganzen Be- scheerung fertig wäre."

Das Fräulein hatte Tom noch nie so zerknirscht gesehen, und der arme Mensch dabei so tiefliegende Augen und bleiche Backen - wenn er nur nicht selber krank war.

„Tom," sagte sie plötzlich, einen neuen Gedanken erfassend /134/ - „das Fieber neulich hat Euch doch auch recht angegriffen - Jesus Maria, wie bleich Ihr ausseht - legt Euch lieber zu Bett und ich will aus dem nächsten Städtchen den Doctor holen lassen."

Tom wurde noch bleicher als vorher, so daß Rosy jetzt selber vor Angst die Hände faltete und ihr die großen hellen Thränen in die Augen traten. Einen Augenblick stand er stumm und sprachlos - ein Bild trostloser Angst und Sorge da, dann aber plötzlich, als gerade von oben das Klopfen und Hämmern deutlich zu ihm heruntertönte, daß Alle unwillkürlich einen scheuen Blick nach oben warfen, konnte er sich nicht länger halten. In diesem Augenblick konnte er nicht lügen und fiel auf einmal mit gefalteten Händen vor dem auf's Aeußerste erstaunten Fräulein nieder, ihr seine ganze Sünde von neulich und die Unwahrheit, mit der er sich der verdienten Strafe zu entziehen gesucht, zu bekennen. Er erzählte jetzt auch dem Fräulein - denn nun er erst einmal im Zuge war, ging's ihm wie gedruckt von den Lippen, - wie entsetzlich Patrick an dem Tage getrunken habe und daß er fast glaube, der Schlag habe ihn nur in Folge jener unmäßigen Quantität des heißen, scharfen Getränkes getroffen.

Tom hätte übrigens zu einem solchen Bekenntniß keinen besseren Augenblick wählen können, denn das Fräulein war selber viel zu aufgeregt, um bei dem strafbaren Verfahren ihres Kutschers auch nur mit einem Gedanken weilen zu können. Sie schüttelte zwar bei der Erzählung des Geängstigten mißbilligend mit dem Kopfe, während Dorothea mit einem frommen Blick und Seufzer zum Himmel schaute und Rosty, ein Bild - aber ein liebliches - sprachlosen Staunens daneben stand - das war jedoch auch Alles, und sie frug den Zerknirschten jetzt noch einmal ernsthaft, ob er sich auch wirklich nicht in der Person geirrt habe und ob das - Wesen, das da oben im alten Saale schaffe und arbeite, dem seligen Patrick wirklich ähnlich sähe.

Tom, froh, diesmal so gut davongekommen zu sein und jetzt mit erleichtertem Herzen, bestätigte das aber auf das Ernsthafteste und Beharrlichste, und fügte auch zum Beweis der Wahrheit hinzu, daß er zwei von den Gutsknechten her/135/übergerufen und ihnen das - das Ding gezeigt habe, und Beide hätten nicht allein augenblicklich Patrick erkannt, sondern wären auch in demselben Moment, von plötzlicher Angst ergriffen, wie Spreu vor dem Wind auseinander gestoben.

Tom hatte aber ganz wahr erzählt. Als die Leute vom Gut die schauerliche Gestalt oben in dem überdies halbdunkeln Saale so allein und einsam bei der Arbeit sahen - eine Gestalt, die allem Rechte nach auf dem stillen Friedhof ruhig ausgestreckt liegen und der Ewigkeit entgegenharren sollte, faßte sie ein panischer Schrecken, und sie stoben, so schnell sie ihre Füße trugen, auseinander, um die schreckliche Kunde, je rascher, desto besser, auf dem Gut und im Dorfe zu verbreiten.

Es dauerte auch gar nicht lange, so sammelte sich das ganze Dorf unter der alten Linde, die an dieser Seite des innern Hofes stand, und von wo aus sie gerade in die Fenster des früheren Klostersaales hinaufsehen konnten. Männer, Frauen und Kinder standen in lautloser Angst dichtgedrängt um den knorrigen Stamm des Baumes herum, ja einige der muthigsten und auch wohl nichtsnutzigsten Jungen waren selbst in den Baum hinauf geklettert und hatten sich dort einen besseren Ueberblick über das gefährliche Terrain zu verschaffen gesucht. Hals über Kopf stürzten sie aber von dort wieder herunter, als das Gespenst nur zum ersten Mal das entsetzliche Leichengesicht nach ihnen hinüberdrehte und sie mit den leeren Augenhöhlen, in denen noch ein unheimlicher Schein zu glühen schien, anstierte.

Es hatte sich solcher Art auf dem Hof wirklich eine ganz wunderliche Gruppe gebildet - die Männer vorn, aber auch soviel als möglich zurückgedrängt, als ob sie gerade keinen besondern Stolz darein setzten, dem, was ihnen vielleicht entgegentreten konnte, die Stirn zu bieten; einige sogar mit Mistgabeln und anderen häuslichen Geräthschaften bewaffnet, sich irgend einer unbestimmten Gefahr zu erwehren oder fatale Gegenstände vom Leibe abzuhalten. Dicht dahinter gedrängt standen die Frauen, und wie Mandeln in einem Kuchen stak, zwischen die ziemlich feste Masse hingestreut, die ganze liebe Dorfjugend, da die Schule erstlich noch nicht an/136/gegangen war und auch sechs Schullehrer sie heute nicht von einem wirklichen Gespenst weg- und in die kleine Schulstube hineingebracht hätten.

„Da ist es," flüsterte jetzt einer der Männer und zeigte vorsichtig mit dem Finger - sich wohl dabei hütend, den Arm nicht weit vom Körper weg zu strecken - nach einem der Fenster hinauf - „gerade da oben neben der einen Planke - mein Heiland, ich glaube es sitzt ganz in der Luft!"

„Und warum soll es denn nicht in der Luft sitzen können?" sagte ein Anderer eben so leise, mit ängstlich gedämpfter, aber eifriger Stimme - „ein Schatten kann ja auch an der Wand und an der Decke kleben, und braucht nicht immer oben auf einem Balken daraufzusitzen."

„Ich begreife nur nicht, wie es dann die Bretter so werfen kann," wisperte der Erste dagegen.

„Jetzt fängt's gleich wieder an zu hämmern," unterbrach ihn hier ein Anderer und richtete sich, so weit er das irgend möglich machen konnte, auf den Zehen in die Höhe. Keiner wagte zu athmen und es herrschte eine lautlose Stille, bis endlich das Niederfallen des Hammers das prophezeite Geräusch verkündigte und es sich die draußen Harrenden leise untereinander bestätigten.

„Seht Ihr's? - da klopft's wieder, wie mit einem ordentlichen Hammer."

„In dem Haus möcht' ich nicht wohnen," sagte eine junge Bauerfrau schaudernd, „und wenn sie mir den Fußboden mit Gold und Edelsteinen belegten und ich weiter nichts als Wein und Chocolade trinken sollte. Da müßte man ja keine ruhige Stunde mehr darin haben -"

„Ich auch nicht," sagte eine Andere, „und auf solchen Häusern, wo einmal der Gottseibeiuns gewirthschaftet, liegt kein Segen mehr. Das kommt aber davon, wenn man Protestanten in's Haus nimmt und guten Christen damit die Arbeit entzieht - mein Schwager hätte die ganze Arbeit da oben schon in -"

„Bst - bst!" unterbrach es sie hier von mehreren Seiten - „jetzt sägt's wieder - oh Jesus Maria! jetzt dreht es sich um - Ha!" kreischten ein paar Frauen auf und fuhren /137/ zurück; eine wurde sogar ohnmächtig und mußte weggetragen werden. Der Raum vor der Linde war im Nu frei geworden, und Alles drängte sich in jähem Schreck nach hinten.

Das Gespenst hatte sich umgesehen und sie mit der entsetzlichen Todtenlarve so wild angestiert, daß es den Beherztesten unter ihnen wunderlich zu Muthe wurde, und die Männer, die fast sämmtlich dem lebendigen und noch kräftigen Patrick furchtlos im Einzelkampfe entgegengetreten wären, bebten und zitterten jetzt wie die Kinder vor dem Schatten desselben, der nur ihrer Menge die bleichen Züge entgegenwandte.

Das Gespenst oben im Saal hatte sie bis jetzt augenscheinlich gar nicht gesehen, oder, wenn gesehen, wie das von einem Gespenst kaum anders möglich sein konnte, doch nicht beachtet; ebenfalls nur sehr selten den Kopf nach ihnen hingewandt - und selbst dann immer um irgend ein Handwerkszeug zu suchen und aufzunehmen, ohne auch nur im Mindesten das, was außer dem Saal vorging, eines Blickes zu würdigen.

„Es leidet ihn nicht draußen, er will machen, daß er wieder in sein Grab zurückkommt," hatten die Männer geflüstert - „seht nur, wie er arbeitet, um das frevelhafte Gelübde zu erfüllen - und wer weiß, ob er nicht so bis zum jüngsten Tag fortarbeiten muß." Und die Frauen hatten dann immer ein leises Gebet für die arme gepeinigte Seele gemurmelt. Wenn es "auch ein Ketzer gewesen, lieber Gott, er war ja jetzt todt, und aus Frauenherzen keimt ja die schönste Blume unseres armen irdischen Lebens - das Mitleiden.

Jetzt schien es mit dem Gespenst da oben aber anders zu werden - es setzte sich auf das stumpfe Ende des einen Balkens, das Gesicht gerade nach außen gewandt, und stierte mit den bleichen, ausdruckslosen Zügen gerade auf sie, eine ganze Weile lang, hinunter. Dann schüttelte es mit dem Kopf, als ob es hätte sagen wollen: „Nein, nein! ich gehöre nicht mehr zu Euch, Ihr leichtsinnigen, gedankenlosen Menschenkinder, meine Zeit ist vorbei - meine Zeit ist vorbei!" - und ging dann wieder, wie von einer innern unbestimmten Gewalt getrieben, an die Arbeit. /138/

Einige machten jetzt den Vorschlag, den Geistlichen zu holen, daß er das Gespenst bannen möge, ein Anderer aber behauptete, das wäre nicht nöthig, Patrick hätte sich verpflichtet diese Arbeit fertig zu machen, und wenn das geschehen sei, was gar nicht mehr lange dauern könne, dann kehre er von selber wieder unter seinen Hügel zurück.

Dem widersprach aber einer der früheren Sprecher entschieden und riet, auf das Eifrigste flüsternd:

„Glaubt Ihr denn, daß der je mit seiner Arbeit da oben fertig wird? - wie ist es denn dem Maurer an der schottischen Grenze gegangen, der sich auch an seinem Heiland versündigte und ein frevelhaftes Gelübde that, was er Alles mit seiner eigenen Kraft und ohne des Himmels Beistand zu leisten vermöge, und der mußte Nacht für Tag an dem Thurm bauen, den er angefangen, und wenn er nur noch ein paar Steine vielleicht einzusetzen hatte, um fertig zu sein, dann rissen es ihm die Geister wieder nieder, daß es polternd zusammenstürzte. Immer von Neuem mußte er deshalb an der trostlosen, nimmer endenden Arbeit beginnen, und so wird es hier auch gehen," setzte der Mann mit düsterer Stimme hinzu, während sich die Umstehenden segneten und bekreuzten. „Wenn er das letzte Brett auflegen, den letzten Nagel einschlagen will, dann bricht ihm das Ganze unter den Händen zusammen und er kann wieder von vorn beginnen, aber Ruhe kriegt er hier auf Erden nicht, bis seine Schuld gebüßt ist oder ein frommer Mann vielleicht die gehörige Zahl Seelenmessen für seine arme Seele liest."

„Was macht es denn jetzt?" frugen hier Einzelne, denen eine Fenstereinfassung vielleicht die Gestalt entzog, „ich kann nichts mehr davon sehen."

„Es sitzt in der einen Ecke dort," zischelten Andere, „ganz zusammengedrückt, aber es ist zu dunkel dort hinten, man kann nicht sehen, was es treibt."

„Es bekreuzigt sich," flüsterten Einige - „es fährt immer mit der einen Hand hinauf nach der Stirn."

„Es ißt, bei der Mutter Gottes!" rief jetzt ein junger Bursch lauter als bisher, und zwar so laut, daß die neben /139/ ihm Stehenden seine Nähe nicht mehr für ganz sicher hielten und sich weiter von ihm fortdrängten.

„Essen!" riefen aber Andere wieder verächtlich - „essen! - wer hat schon davon gehört, daß ein Gespenst ißt? - Jesus Maria, da kommt es!" Und als ob ein Kanonenschlag zwischen sie gefahren wäre, so stoben sie Alle plötzlich auseinander, denn jenes unheimliche Wesen oben, was bis jetzt ihre Aufmerksamkeit so in Anspruch genommen, glitt wirklich plötzlich von einem der Balken herab und trat an eins der offenen, vom Sonnenlicht beschienenen Fenster. Einige der Herzhaftesten wagten es sich umzusehen, und es stand eine kurze Zeit an der Oeffnung, bog sich heraus, als ob es auf's Dach schauen wollte, schüttelte wieder wie wehmüthig mit dem Kopf und verschwand dann im Dunkel des Saales.

Im Kloster oben waren aber die Frauen auch nicht müßig gewesen. Als sie wiederholt durch Tom die Versicherung erhalten, es sei wirklich Patrick O'Flannagan's Geist, der keine Ruhe im Grabe habe, bis er auf Erden sein Wort gelöst, hatten sie nämlich denselben Gedanken ausgeführt, der auch unten bei den Leuten angeregt worden, und zwar zu dem Geistlichen geschickt, um dessen Hülfe und Beistand anzurufen.

Das Gerücht dieses Wunders war indessen schon lange zu dem ehrwürdigen Mann gedrungen und fand ihn nicht mehr unvorbereitet. Mit allem Nöthigen versehen, von dem Knaben, der die Räucherpfanne trug, begleitet, und vollständig gerüstet dem Teufel in jeder sich ihm zeigenden Gestalt mit dem Zeichen des Herrn bewaffnet entgegenzutreten, begab sich der Geistliche, von Tom schon angemeldet, nach dem Kloster, betete erst mit seinen Beichtkindern um Kraft zu dem bevorstehenden Kampf, und stieg dann mit festen Schritten, von den Frauen ängstlich und in weiter Entfernung gefolgt, nach oben.

Er mußte durch des Fräuleins Zimmer, wo es allerdings noch ein wenig unordentlich aussah, denn heute Morgen hatte natürlich nicht an Aufräumen gedacht werden können. Es war jetzt aber auch keine Zeit, auf so etwas Rücksicht zu /140/ nehmen, und der Priester trat mit schnellen, entschlossenen Schritten auf die Kammerthür zu.

Das Geräusch der Säge und des Hammers im Saal hatte indessen aufgehört; sie horchten einen Augenblick - nicht ein Athemzug ließ sich hören. Sollte die ketzerische Seele schon vor der Annäherung des ehrwürdigen Mannes geflohen sein? Der Geistliche mochte wohl etwas Derartiges glauben, denn mit einer laut ausgesprochenen Gebet- und Bannformel ergriff er den Schlüssel, drehte diesen zweimal rasch um, drückte auf das Schloß und stieß die Thür weit auf.

Der Priester war ein beherzter, unerschrockener Mann und auf etwas Uebernatürliches, schon als er die Schwelle des Hauses betrat, gefaßt gewesen; er fuhr aber doch fast unwillkürlich einen Schritt zurück, und die Zunge klebte ihm am Gaumen fest, als er sich plötzlich der wunderlichsten, geisterhaftesten Gestalt gegenüber sah, die ihm in seinem ganzen Leben - und der Mann war zweiundachtzig Jahre alt - vorgekommen.

Oben auf einem der Querbalken, die gerade durch den Saal befestigt waren, um die Decke der verhängnißvollen Speisekammer zu tragen, und auf denen die hierzu bestimmten Bretter schon theilweise festgenagelt, theilweise noch aufgeschichtet lagen, saß eine menschliche Gestalt in weißer grober baumwollener Hose und ebensolcher Jacke, mit einem weißen breiten Tuch um die untere Kinnlade gebunden, wie das Tom ganz richtig beschrieben hatte. Bei Leichen ist es ja auch gebräuchlich, ihnen die Unterkiefer aufzubinden, bis sie erstarrt sind, damit sie auch nach dem Tode noch ein eher menschenähnliches Aussehen behalten und nicht so graß und abschreckend aussehen. - Das Gesicht leichenblaß, die Augen aber nicht aus düsteren Höhlen herausstarrend, wie den Leuten das von unten vorgekommen war, sondern allerdings schwarz, aber eher, wie es schien, angeschwollen, saß das „Ding" dort oben und hielt ein Papier, mit irgend etwas darin eingeschlagen, vor sich auf den Knieen.

Der Geistliche behielt jedoch gar nicht Zeit, das Alles so genau zu beobachten, wie ich es hier beschrieben habe; seine /141/ innere Aufregung ließ ihn schon nicht dazu kommen. Er sah nur, die geisterhafte Gestalt, die allerdings Patrick O'Flannagan, wenn auch im Gesicht auf eigenthümliche Weise entstellt, auf ein Haar glich - was jedenfalls durch das im Grabe Liegen herkommen mußte, und er rief mit laut beschwörender Stimme, das Kreuz gegen das Gespenst emporhaltend:

„Gehe ein zum Frieden, gemarterter Geist eines Unglücklichen, und entweihe nicht diese heilige Stätte hier mit Deiner unreinen Gegenwart. Weiche im Namen des Vaters, weiche im Namen des Sohnes, weiche im Namen des Heiligen Geistes - hebe Dich weg von hier, Satanas!"

„Guten Morgen, Ew. Ehrwürden! Bin es ich etwa, mit dem Sie sprechen?" sagte aber Patrick O'Flannagan's Geist mit der größten Gemüthsruhe und seinem breitesten irischen Dialekt - nahm zu gleicher Zeit aus dem vor ihm liegenden Papier ein großes Stück Brod und Käse heraus, das wenigstens an und für sich nicht das mindeste Geisterhafte an sich trug - und schob es in den Mund. Patrick O'Flannagan hatte sich während seiner Lebenszeit nicht viel aus katholischen Geistlichen gemacht, und es war kaum zu erwarten, daß er sich darin nach dem Tode geändert haben sollte.

Der Priester, als er sah, daß seine Bannrede nicht den mindesten Eindruck auf das entsetzliche Wesen zu machen schien, hatte schon hinter sich gegriffen, um die Räucherpfanne zu fassen und einen förmlichen Exorcismus zu beginnen. Da sah er zu seinem unbegrenzten Erstaunen, daß der Geist mit vollen Backen zu kauen anfing und ihm dabei zu gleicher Zeit auf das Unbefangenste und Freundlichste zunickte. Etwas Derartiges war ihm in seiner Praxis noch nicht vorgekommen.

„Patrick O'Flannagan!" rief er erstaunt aus - „haben sie denn nicht vor drei Tagen Deine sterbliche Hülle zu Grabe getragen, und ist dies nicht Dein Geist, der am hellen Tage in Gottes Sonnenlicht umgeht und keine Ruhe finden kann?“

„Meine sterbliche Hülle haben sie noch viel schlimmer be/142/handelt als blos zu Grabe getragen, Ew. Ehrwürden," sagte der Geist da mit einem unheimlichen Zug um den Mund. „O'Brian, der Schuft, und wenig genug dank' ich's ihm - hat ihr die Paar schönsten blauen Augen gegeben, die sie in ihrem ganzen Leben gehabt hat; der Geist ist übrigens noch im Körper drin, wenn drei Gallonen vom besten irischen Whisky, der nur je Berglust gekostet, überhaupt nämlich Geist genannt werden können."

„Und bist Du denn nicht gestorben, Unglücklicher?" rief der Priester, dessen Erstaunen bei den räthselhaften Worten des merkwürdigen Wesens, das ihm aber schon anfing gar nicht mehr wie ein wirklicher Geist vorzukommen, mit jedem Augenblick wuchs.

„Gestorben? - ich?" sagte Patrick und schob sich auf's Neue ein Stück Brod in den Mund, das einen Thomas von seiner Identität hätte überzeugen können, „noch nicht - wenigstens nicht so viel ich weiß" - setzte er vorsichtiger Weise hinzu; „denn in den letzten sechs Tagen ist mehr mit mir vorgegangen, worüber ich eigentlich gern genaue Rechenschaft haben möchte. Doch können Sie das bei mir zu Hause erfahren."

Der Priester sah ihn starr und verwundert an, und wußte natürlich gar nicht, wie er sich das Ganze zusammenreimen sollte. Er hatte selber vor einigen Tagen die bestimmte Nachricht erhalten, daß Patrick O'Flannagan vom Schlage gerührt und gestorben, nachher von dem protestantischen Geistlichen beerdigt sei. Ja noch mehr, er war gerade an demselben Nachmittag die Straße heruntergekommen und noch, einem kleinen Beipfad folgend, aus dem Weg geritten, als er den Begräbnißzug - und das mit eigenen Augen - aus dem Irischen Hause herauskommen sah.

Die Frauen auf der Treppe, mit Tom im Nachzug, wußten nun gar nicht, was sie aus der wunderlichen Unterredung zwischen dem Geist und ihrem Pater schließen sollten - sie hatten sich natürlich nicht nahe genug hinan gewagt, um das fürchterliche Wesen „von Angesicht zu Angesicht" zu sehen. Patrick's nur zu wohl bekannte Stimme erfüllte sie schon mit /143/ Furcht und Grausen, und sie erwarteten fast mit jedem Augenblick einen Kampf auf Leben und Tod zwischen dem hartnäckigen Geist und seinem Beschwörer.

Die Nachricht, daß der Pater im Hause sei und den Teufel austreiben werde, war indessen auch zu den Leuten draußen gedrungen, und die gespannteste Neugier hielt alle in der Nähe des Gebäudes, und so, daß sie die Fenster übersehen konnten, versammelt. Alle schienen ein unbestimmtes Gefühl zu haben, daß sie über kurz oder lang eine blaue Schwefelflamme zu einem der altgothischen Fenster würden herausfahren sehen - und darauf warteten sie.

„Und hat Euch - Patrick O'Flannagan - nicht wahr und wahrhaftig der Schlag gerührt?" frug der Priester, der wenigstens hierin seinen Zweifel wollte gehoben wissen.

„Der Schlag?" entgegnete ihm Patrick, mit wieder etwas von seinem früheren Humor in den schrecklichen Zügen; „der Schlag, Ew. Hochwürden? - ja wenn sie eine Quantität von Püffen rechts und links von einem der besten Boxer im ganzen süßen Irland einen Schlag nennen, so hat mich der allerdings gerührt, ich möchte aber nicht gerne von der Art zwei haben."

„Wie bist Du denn aber in die Leichenkleider gekommen, Unglücklicher?" rief der Pater, der jetzt natürlich nicht mehr umhin konnte, zu sehen daß er es mit einem wirklichen körperlichen Wesen - und mit nichts weniger als einem Geist zu thun habe - „und wer ist aus Deinem Hause begraben worden?"

„Leichenkleider?" wiederholte Patrick erstaunt und besah seine beiden Aermel und Hosenbeine; „Leichenkleider? wo so Leichenkleider? - wenn mir O'Brian - bad luck to him - einen Fetzen von meinen gewöhnlichen Sachen am andern gelassen hätte, so brauchte ich allerdings nicht meines Bruders Sonntagsjacke und Unterhosen anzuziehen, und wenn Euer Ehrwürden nur einmal zwei Minuten unter O'Brian's Fäusten gewesen wären, würden Sie wohl auch ein Tuch um's Gesicht binden - und vielleicht zwei. - Wer aber begraben ist," sagte er auf einmal ganz traurig und ernst werdend, „das ist aber eine andere und recht schmerzliche Geschichte, und Patrick O’Flannagan bringt von nun an in seinem Leben keinen Tropfen Whisky mehr über die Lippen. – Aber, please, Yer ‚honour‘“, setzte er dann wieder mit etwas von dem all Drolligen in seinen Zügen hinzu und deutete dabei auf die Räucherpfanne, mit der und offenem Maule sich indessen der Chorknabe herbeigedrängt hatte, um dem merkwürdigen Gespräch zu lauschen – „ist es wirklich ein Geist, für den Sie mich gehalten haben, daß Sie mich vielleicht zum Fenster hinausräuchern wollen? Und darum haben auch wohl die guten Leute da unten den ganzen Morgen auf dem Hof gestanden und sind ausgekniffen, als ich an’s Fenster trat (denn ich glaubte, sie hätten oben etwas auf dem Dache), als ob der Gottseibeiuns hinter ihnen wäre. Das ist gut.“

Patrick lachte still in sich hinein, legte aber dann sein Frühstück bei Seite, griff Hammer und Säge wieder auf und sagte: „Nein, das thut’s nicht – bis heut Abend muß ich fertig sein und ich habe noch viel, viel zu thun, Yer honour – wenn Sie mich aber nach Feierabend ausräuchern wollen“, setzte er mit seinem trockensten Gesicht hinzu, „so stell‘ ich mich Ihnen ganz zur Verfügung.“

Der Geistliche zog sich etwas verlegen zurück, die Frauen wollten es aber erst gar nicht glauben, daß es Patrick O’Flannagan selber, und nicht Patrick O’Flannagan’s Geist gewesen sei, der den ganzen Morgen im alten Saale gehämmert und gesägt habe, „und das Fräulein“ schämte sich jetzt allerdings ein wenig, der allgemeinen Furch so nachgegeben und sich nicht fester gezeigt zu haben. Es war aber doch so immer besser, daß es kein Geist gewesen, sie wären in dem alten Hause sonst wohl nie ihres Lebens froh geworden.

Dorothea jedoch, als sie sich endlich zu Patrick hingetraut oder dieser vielmehr zu ihnen heerübergerufen wurde, schlug die Hände zusammen über die Jammergestalt und meinte gutmüthig, es wäre kein Wunder, daß man ihn für einen Geist gehalten hätte, denn er sähe ja gar nicht mehr aus wie ein menschliches Wesen. Zu ihrem wirklich unbegrenzten Erstaunen verschmähte aber Patrick selbst den Bittern, den sie ihm brachte, und zwar nicht nur aus dem Grunde, daß er /145/ seine Arbeit noch nicht vollendet habe, sondern weil er überhaupt keinen mehr trinke, und der Grund, den er dafür angab – wenn überhaupt noch einer, außer seinem Gesicht, nöthig gewesen wäre – rechtfertigte ihn vollkommen.

In das Trinken hineingerathen, hätte er sich fast die ganze Woche nicht wieder herausreißen können, da sei seine Mutter, eine überhaupt altersschwache und sieche Frau, plötzlich ernstlich krank geworden und endlich – während er noch besinnungslos fortgezecht habe, gestorben. Was während seines trunkenen Zustandes vorgegangen, wußte er gar nicht, selbst nicht, weshalb er sich mit O’Brian geschlagen. Als er aber wieder zu sich kam, lag seine alte Mutter, von der er gar viel hielt – kalt und starr auf dem Stroh – sie war gestorben, ohne daß er, der Sohn, ihre letzten Worte gehört und ihr die Augen zugedrückt hätte, ja mehr, sie war gestorben, während er in dem nächsten Zimmer, vom übermäßigen Genuß des Whisky fast rasend gemacht, sang, schrie und jubelte, und ihre sterbliche Hülle selbst hatten sie aus dem Haus getragen, ohne daß er im Stande gewesen wäre, ihr die letzte Ehre zu erweisen.

Das war zu viel – als er wieder zur Besinnung kam, machte er sich die bittersten Vorwürfe; dabei aber blieb’s nicht allein, er gab sich sein Wort, daß, so lange er athme, kein Tropfen geistiger Getränke wieder über seine Lippen solle, denn er fühlte sich zu schwach, ohne ein solches Gelübde der Versuchung widerstehen zu können, und war jetzt, wie er hoffte, ein anderer Mensch geworden.

Was das Uebrige betrifft, wird es sich der Leser leicht denken können. Patrick hatte das dem Fräulein gegebene Wort nicht brechen wollen und war deshalb früh auf der schon früher erwähnten Leiter in’s Fenster des alten Saales gestiegen, um seine Arbeit zu vollenden. Die Uebrigen schämten sich allerdings noch ein wenig vor einander, einem so tollen Gedanken Raum gegeben zu haben, am meisten aber Tom, dem in seiner Herzensangt das Bekenntniß seiner begangenen Sünde entfahren war – und Tom gerade hatte deshalb später nicht wenig von Rosy zu leiden. In der all-/146/gemeinen Verlegenheit schlüpfte er jedoch glücklich mit durch, und es wurde auch, wie sich das wohl denken läßt, so wenig als möglich von der Sache gesprochen.

Im Dorfe aber hieß Patrick von dem Tag an nur „der todte Zimmermann".

Der Bekehrte.

Patrick O'Kearney war ein wackerer junger Bursch, und seinem Geschäft nach ein Schiffszimmermann. Die fleißigste Hand bei der Arbeit, der kräftigste Schillelagh8 bei einer Schlägerei, und außerdem von gutem, ehrlichem Herzen, gewann er sich besonders die Liebe und Achtung der Nachbarn durch die Zärtlichkeit, mit der er seine alte kranke Mutter pflegte, bis sie in seinen Armen starb. Er hätte auch sicherlich in Inveran ein so ruhiges und stillzufriedenes Leben geführt und sich eine wackere Hausfrau genommen, wie andere junge Burschen, wenn - ja wenn die Sache nicht einen Haken gehabt.

Patrick liebte nämlich - wie sich das von selbst versteht, denn ein Irländer ohne Liebe, Prügel und Whisky ist nicht denkbar - ein junges, hübsches, aber armes Mädchen in Inveran, und da er selber ebenfalls kein Vermögen besaß, schloß er, der Himmel müsse sie Beide sicherlich für einander bestimmt haben. War das nun wirklich der Fall, so hatten die Menschen desto mehr dagegen. Judith Mac Reale mochte den wackern jungen Burschen freilich wohl eben so gern leiden wie er sie, und ein hübscheres, passenderes Paar gab es sicher an der ganzen Galwaybai nicht mehr, aber Judith hatte eine alte Tante. Denen nun, die schon aus Erfahrung wissen, was alte Tanten bei jungen Braut- oder Liebesleuten zu bedeuten haben, brauchte ich eigentlich gar nichts weiter zu lagen. Denen aber, die es noch nicht wissen, bin ich doch eine nähere Erklärung schuldig. Diese alte Tante gedachte nämlich /150/ Judith einmal - wenn sie starb - ein paar hundert Pfund zu hinterlassen, und glaubte dafür gerechte Ansprüche zu haben, ihr künftiges Lebensglück zu regeln, wie sie es für gut finden würde. In einer Verbindung ihrer in der recht-gläubigen Lehre erzogenen Nichte mit dem Ketzer Patrick O'Kearney konnte sie keinen Segen erblicken oder hoffen, und nur als sich Judith ihren Machtspruch gar so zu Herzen nahm, beschloß sie aus übergroßer Milde, selber einmal den abtrünnigen Patrick in's Gebet zu nehmen und ihm anzuempfehlen, wieder zur alten rechtgläubigen Kirche zurückzukehren! - nachher ließ sich vielleicht noch Alles reguliren. Daß seine Eltern und Großeltern schon Protestanten gewesen waren und ihn in diesem Glauben hatten taufen und erziehen lassen, kümmerte sie nicht.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
701 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783754149591
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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