Czytaj książkę: «Die Zeit auf alten Uhren»
Gerhard Köpf
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Zitat
Was war, kehrt zurück, klopft an unsere Tür,
unverschämt, flehend, einschmeichelnd.
Oft trägt es ein Lächeln auf den Lippen,
aber dem darf man nicht trauen, es ist ein trügerisches Lächeln.
Und in der Zwischenzeit leben oder schreiben wir,
was ein und dasselbe ist,
in dieser Illusion, die uns leitet.
Antonio Tabucchi: Der schwarze Engel
Das Blaue Land (1)
Im Anfang war das Nest, und das Nest war bei Gott, und Gott war das Nest.
Am Nest kann man erkennen, welcher Vogel darin wohnt. Es war Winter, und meine Eltern lagen in ihrem frisch gemachten Nest und verzehrten gemeinsam einen Bratapfel, der Appetit machte auf mehr. So krochen sie unter die Decke und zeugten mich. Das war kurz nach dem Krieg in einer kalten Januarnacht, in der sie gar nicht anders konnten, als sich eng aneinander zu schmiegen und liebevoll zu wärmen. Geboren wurde ich in der Zeit um Maria Geburt herum, wenn die Schwalben wieder fortziehen. Der September, in dem ich ankam, ist ein schöner Abschiedsmonat. Er lehrt uns das verglimmende Sommerglück, unter seiner Sonne beginnen die Blätter allmählich ihre Färberei. Das Licht bekommt dann einen Stich, weil das Jahr seine ersten Schritte auf den Winter zu tut. Und bald ist wieder Bratapfelzeit.
Das Land, aus dem ich stamm', hieß einst das Blaue Land, weil Flachs dort Leinewebern Brot und Arbeit gab. Illyrer aus dem Balkan siedelten zuvor, und ihnen folgten Vindeliker, Estionen und Likatier, bis Drusus und Tiberius das Recht mit ihren Schwertern schrieben. Der Griechengeograph Strabon schon kennt die Garnisonstadt Cambodunum, eh' Alemannen und Sueben den Limes stürmten und der Stadt dermaßen zusetzten, dass Odoakar seine letzten Römer abzog, um Platz zu schaffen für das Siedlungswerk der Alemannen, die sich, geschickt dem Zeitgeist angepasst, der Christianisierung nicht verschlossen, wovon noch heute Ottobeuren kündet. Die Albigaue, von der Sankt Galler Mönche schrieben, unterwarfen sich als Albigoi den Staufern und den Welfen, um Reichsstädte blühen zu lassen wie Leutkirch, Memmingen, Kaufbeuren, Kempten sowieso. Nach Konradin, dem letzten Staufer, den Karl von Anjou im Alter von gerade einmal sechzehn Jahren auf der Piazza del Mercato zu Neapel öffentlich enthaupten ließ, rissen der Bischof von Augsburg, der Fürstabt von Kempten, Reichsstifte, Städte, Grafen und Ritter das Blaue Land an sich. Der Schwäbische Bund schloss die Reichsstädte zusammen, zu Lindau wurde Reichstag gehalten, doch dann brach von Isny her der Bauernkrieg über Herr und Knecht herein, dessen Zwölf Artikel heute als erste Niederschrift der Menschenrechte in Europa gelten. Luthers Lehre spaltete mehr, als sie vereinte, und Kempten, Kaufbeuren und Memmingen wurden protestantisch. Der Augsburger Religionsfriede währte nicht lange, denn schon brachte der Dreißigjährige Krieg Hunger, Elend und schwere Not, zumal der Schwed' das Stift zu Kempten besetzte und nicht wenig wütete, bis er bei Nördlingen geschlagen wurde. Spanische Erbfolgekriege setzten weitere Belagerungen und Verwüstungen in Gang, und gegen Ende des 18. Jahrhunderts, in dem Goethe geboren wurde und Schiller und Hölderlin und Kleist, erreichte die Vereinödung des Blauen Landes ihren Höhepunkt. Jetzt machte sich der Franzos' breit. Dem unbeugsamen Willen Napoleons gemäß wurde das Land zweigeteilt in eine württembergische und eine bayerische Hälfte, indes der Anschluss an den Schienenstrang zur großen Welt in jenem Jahr geschah, da andernorts bereits die Hamburg-Amerika-Linie gegründet wurde, die Firma Krupp nahtlose Räder aus Gussstahl fertigte und die Blaue Mauritius ausgegeben wurde, die jedoch nicht aus dem Blauen Land stammte, obgleich es der Name vermuten lassen könnte. Spinnereien und Webereien entstanden dortselbst zuhauf, bis sich der Wind drehte und aus dem Blauen Land das Grüne Land wurde mit Neuschwanstein, Vieh- und Milchwirtschaft und ersten Sommerfrischlern. Das hielt sich tapfer mit der Butter- und Käsebörse zu Kempten, bis aus dem Grünen Land das Braune Land wurde und in Durach das Außenlager Weidach des KZs Dachau scheinbar über Nacht aus dem Boden wuchs. Schließlich zog General Patton durch das Ge-Äue und requirierte als Pferdenarr die noch verbliebenen Gäule, weil er plante, gemeinsam mit der intakt gebliebenen SS das andere Schwein namens Stalin zu schlachten, indes französische Soldateska aus dem Maghreb rund um Wangen und Isny grausamer wütete als Dschingis Khan und seine Horden. Der stille Lautenbau zu Füssen sowie die Hutmacherei zu Lindenberg sind heutzutag' fast nur noch museal. Jetzt wird hinter Nesselwang nach Erdgas gebohrt, und aus dem Blauen Land soll so etwas wie Klein Texas werden, als auf Reata noch die Ölquellen sprudelten und James Dean bei den Giganten seine schwarze Dusche nahm.
Das deckt sich ungefähr mit einer Weissagung meines Vorfahren, des Falkenstein-Sepp, der einmal prophezeit hat, das Blaue Land sei ein Billabong. Natürlich wusste keiner, was das sein sollte: ein Billabong, und man glaubte, der Sepp habe wieder einmal einen Zapfen. Doch der weitgereiste Mann und vormals königliche Kutscher klärte uns auf: Billabong sei ein Wort aus der Sprache der Aborigines. Diese bezeichneten damit ein Loch in einem Flusslauf, das sich in der Regenzeit mit Wasser fülle und während der Dürre wieder austrockne. Da so ein Billabong aber meistens nur eine von wenigen Wasserquellen in der näheren und weiteren Umgebung sei und oft länger Wasser führe als der Fluss selbst, werde der Billabong von Mensch und Vieh gleichermaßen genutzt. Und genau so verhalte es sich auch mit dem Blauen Land. Auch dort werde jedes Loch genutzt, wofür Nesselwang das beste Beispiel sei.
Doch wenden wir unseren Blick zurück in jene Tage, da von Kaiser Augustus der Befehl erging, eine Straße zu bauen, welche die Adria mit der Hauptstadt der Provinz Raetien nördlich der Alpen verbindet. Die Via Claudia Augusta wurde eine der der wichtigsten Verkehrsadern zwischen Oberitalien und dem westlichen Voralpenland und führte von Feltre über Trient, den Reschenpass, das Oberinntal und den Fernpass, vorbei am Heiterwanger See, über Reutte, Füssen, weiter am Lech entlang über Altenstadt, Landsberg und Königsbrunn nach Augsburg. Auf dieser Route zogen einst auch die Morituri nach Rom. Instand gehalten wurde sie von meinen Vorfahren, den Benefiziariern, einer aus pensionierten Legionären und begnadigten Gladiatoren gebildeten Straßenwacht, die ebenso für die Pflege der Wege sorgte wie für die Sicherheit der Reisenden. Entlang der Strecke entstanden Gasthäuser und Poststationen für den Pferdewechsel. In solch einem Haus in der Provinz Raetia, wie das Allgäu auf Latein heißt, wurde ich nicht weit von Cambodunum geboren, und aus dieser Station an der Via Claudia Augusta stammt auch diejenige, von der hier ebenfalls die Rede sein soll. Ich streiche das deshalb ein wenig heraus, weil wir bekanntlich immer den Geist der Mauern annehmen, die uns umgeben.
So wuchs ich auf, und meine ostpreußische Tante Mirtel, die mich nach dem Tod meiner Eltern aufzog, hat mich schon als Kind ermuntert, auf der Römerstraße mit Eimer und Schäufelchen nach alten Tonscherben zu graben. Anhand dieser Trasse lehrte sie mich, dass Geschichte etwas anderes ist als die Summe von Jahreszahlen. Seit jenen Tagen gilt meine Aufmerksamkeit dem, was vom Karren fällt. Aber der Karren selbst war natürlich nicht weniger interessant. Und deshalb hieß das Lieblingslied meiner Kindheit
„Rirarutsch,
wir fahren mit der Kutsch'.
Die Kutsche hat ein Loch.
Wir fahren aber doch.“
Meine Vorfahren waren Kutscher und Postillione, geheiratet haben sie Sattlerstöchter und Mädchen aus Stellmachereien. Ihre Gespräche drehten sich um Felgen, Speichen und Naben, und ihre Flüche galten den Wegen, den Schlaglöchern, dem Morast, mitunter den Fahrgästen, den weiblichen zuerst, meistens aber den Wegelagerern, den Strauchdieben, Landstreichern und sonstigem lichtscheuen Gesindel. Erwischte man einen von denen, so hängte man ihn auf. Bei jedem Wetter saßen meine Ahnen im Freien auf dem Kutschbock, und wenn die Straße zu steil, der zu querende Fluss zu reißend, der Dreck zu hoch lag, liefen sie neben ihren Pferden. Die Kutschen waren bei weitem nicht so nobel, wie sie heute durch die Filme gleiten, sondern sie galten als Rumpeltruhen und Marterkästen, in denen die Fahrgäste dicht bei dicht hockten und jeden Stein in ihrem Hintern und in ihrem Rücken spürten. Ein Rätsel, wie Mozart da noch komponieren konnte. Der Philosoph Lichtenberg meinte: „Sie streichen die Postwagen rot an, als die Farbe des Schmerzes und der Marter.“ Und die tausend Geschichten meiner Altvordern handelten von Achsen-, Rad- und Deichselbrüchen, von umgeworfenen Wagen, von Prellungen, Schürfungen, Stauchungen und Knochenbrüchen, von verdreckter Kleidung ganz zu schweigen. Über so manche „umwerfende Kutschfahrt“ wurde gefeixt oder herzhaft gelacht, auch wenn der Schaden oft so groß war, dass er sogar ein Menschenleben forderte. Nicht immer war ein Wirtshaus in der Nähe, wo Pferde und Röcke gewechselt werden konnten. Die Geschichten der Alten handelten auch von solchen, die nicht mitgenommen wurden, weil sie verdächtig aussahen oder möglicherweise den übrigen Mitreisenden lästig fallen könnten. Anlass zu gesteigerter Heiterkeit gab es immer wieder, wenn die Ein- und Aussteigmethoden diverser Herrschaften nachgeäfft wurden, wenn es über die Deichsel ging und sie sich krumm machen mussten, wo sie doch allesamt aussahen, als hätten sie den Ladestock eines preußischen Infanteriegewehres verschluckt. Und die Geschichten der Alten handelten von dem, was da noch transportiert wurde außer Menschen, also von Waren, die während der Fahrt wie besoffen hin- und her polterten, von stinkenden Heringsfässern, zerschlissenen Postsäcken, handelsüblichen Stoffballen, Vögeln in Käfigen, Hühnern in Körben oder immer noch blutig tropfendem, frisch erlegtem Wild. Nicht nur so mancher Mantelsack hing da aus dem Fenster, sondern auch die Beine des einen oder anderen Passagiers, wenn er nicht wusste, wohin sonst mit ihnen. Jeder, der schon einmal das zweifelhafte Vergnügen hatte, neben einem besonders fettleibigen Mitmenschen sitzen zu müssen, kann sich vorstellen, welche Tortur zur damaligen Zeit eine stundenlange Kutschfahrt über Stock und Stein gewesen sein muss. Dabei ist auch an die unterschiedlichen Körperflüssigkeiten und Ausdünstungen zu denken, die dem menschlichen Wesen sowie dem mitreisenden toten oder lebenden Vieh eigen sind. Zwischen allerhand Gepäck eingezwängt und stets unter Gottes freiem Himmel bei Regen, Schnee oder brütender Hitze erstritt man sich seinen Platz und war froh, sobald die Gäule anzogen. Und diese waren auch nicht immer gleich gut gelaunt, wie man sie sich in Mädchenbüchern vorstellt. Wer von den Kutschern mehr als fünf Meilen in sechs Stunden schaffte, der galt bereits als waghalsiger Zeit- und Rösserschinder, und so mancher Reisende hat es vorgezogen, auszusteigen und ohne seine Bagage der Kutsche voraus zu gehen, um von ihr möglicherweise erst Stunden später eingeholt zu werden. Der Name „Schneckenpost“ kommt nicht von ungefähr. Nur die Verliebten waren davon begeistert, konnten sie doch lange genug dem verlassenen Schatz nachwinken, ohne ihn aus den Augen zu verlieren.
Meine Vorfahren, die Kutscher, debattierten gewiss oft genug über die betrübliche Tatsache, dass man für eine Fahrt aus dem Blauen Land hinauf bis nach Frankfurt eine halbe Ewigkeit benötigte, wobei nicht vergessen werden darf, dass die wenigsten Wege überhaupt für Kutschen geeignet waren. Überdies gab es die Gefährte selbst auch nicht gerade im Überfluss. In der Regel verkehrten sie höchstens einmal wöchentlich. Es hat fast bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gedauert, bis sich die Reisegeschwindigkeit steigerte und sogenannte „Eilpostwagen“ ohne längeren Aufenthalt Tag und Nacht durchfuhren. Alles hatte natürlich seinen Preis, und das Fahren mit der Kutsche war kein billiges Vergnügen. Bezahlt werden musste nicht nur jede Meile, sondern hinzu kamen Gebühren je nach Kutschenart, Kosten für den Sitzplatz, für das Gepäck sowie für diverse Grenzüberschreitungen, zumal das Vaterland längst nicht geeint war, sondern aus vielen Fürstentümern und Kleinstaaten bestand, von denen ein jeder an einer Kutschfahrt verdienen wollte. Und zu einem Trinkgeld hat noch kein Kutscher nein gesagt.
Die schönsten Geschichten aber werden meine Vorfahren von ihren Rössern und von den Räuschen in den Gasthöfen erzählt haben, getreu dem alten Spruch: „Der Kutscher trinkt, es säuft das Pferd. Bisweilen ist es umgekehrt.“ Natürlich haben meine Ahnherren geflucht auf Teufel komm raus, und sie haben mitunter ihre Fahrgäste geärgert, gar schikaniert und sind den einen oder anderen Umweg gefahren, dreimal mit der Kirche ums Dorf, sei es, weil sie irgendwo unterwegs ein heimliches Gspusi hatten, sei es, weil sie inoffiziell noch eine unter Spezln vereinbarte Besorgung erledigen mussten, die ein extra Trinkgeld eingebracht hat. Erfahrene Passagiere wie der weitgereiste Dramatiker Kotzebue empfahlen daher, sich auf keinen Fall mit den Postillions anzulegen, zumal diese äußerst reizbar und jähzornig seien und bei jeder noch so zarten Ermahnung, gefälligst doch ein wenig schneller zu fahren, sogleich von grober Wut gepackt würden. Irgendwelche Dienstvorschriften mögen zwar existieren, beklagt der Dichter, doch schere sich kein Kutscher darum: „Der Postillion geht in das Wirtshaus, tut sich gütlich, und der Reisende hat das Vergnügen, aus seinem Wagen heraus, durch das Fenster des Wirtshauses, ihn am Tisch sitzen zu sehen, wo er sich oft sogar warme Speisen auftragen lässt, ohne sich darum zu bekümmern, ob den Reisenden hungert oder ob er Langeweile hat. Sagt man ein Wort dagegen, so bekommt man Impertinenzen zu hören.“ Aber derlei feine Herrchen hatten meine Vorfahren gefressen, die kamen ihnen gerade recht, und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sie den einen oder anderen extra Vornehmen mit ihrem losen Maulwerk und ihren Flüchen nicht nur zum Schweigen gebracht, sondern derart zur Katz' gemacht haben, dass der sich sogar jeden lauten Schnaufer gut überlegt hat.
Einer meiner Vorfahren mit dem Beinamen Falkenstein-Sepp hat es sogar zum Kutscher seiner Majestät König Ludwigs II. gebracht. Er, ein bildhübscher Kerl „mit klarblauen Vergißmeinnichtaugen“, wie es eigens in einer Chronik vermerkt ist, der sein Lebtag unbeweibt blieb und sich eher zu den Rössern und den Jünglingen hingezogen fühlte als zu den Röcken, war bei den nächtlichen Fahrten dabei, die von Neuschwanstein ihren Ausgang nahmen und nach Schloss Fernstein oder zur Burg Falkenstein führten, wo der König seine letzte Gralsburg errichten wollte. Wenn der Befehl zum Anspannen kam, durfte sich außer den Kutschern keiner im Schlosshof blicken lassen. Dann erschien die Majestät entweder im hellen Sommerleinen mit einem künstlerisch drapierten blausamtenen Umhang, oder im Winter eingehüllt in einen mächtigen Fellmantel, nobles Präsent des russischen Zaren, über den Knien eine dicke Decke aus Gänsedaunen, und auf dem kühnen Hut, den ihm Elisabeth, die Kaiserin von Österreich persönlich ausgesucht hat, blitzte eine Diamantenagraffe. Meist mussten die Kutscher und Lakaien Kostümen im Stile des französischen Sonnenkönigs erscheinen, den Seine Majestät fast so sehr verehrte wie den unseligen Kompositeur Richard Wagner. Dann ging es von Anfang an in hohem Tempo hinaus in die Nacht des Blauen Landes, geführt von einem ortskundigen und kavalleristisch erfahrenen Vorreiter mit einer weithin leuchtenden Laterne, die zu linker Hand in einem Schaft am Sattelzeug befestigt war. Am liebsten benutzte Ludwig II. aber den sogenannten „Puttenschlitten“, eine mit Kufen versehene offene Prunkkutsche. Dieses nach Entwürfen eines Theatermalers gebaute Gefährt, das einer bauchigen, vom Mondlicht bemalten Gondel glich, an deren Bug die mit Glühlampen illuminierte Königskrone leuchtete, ganz so, wie es von Rudolf Wenig gemalt wurde, wurde von vier Pferden gezogen, auf den Sattelpferden saßen zwei ausnehmend hübsche Reitknechte, denn der König hatte viel übrig für gut gewachsenes Stallpersonal. Sie und der hochherrschaftliche, selbst schon fast majestätisch hoch zu Ross thronende Vorreiter waren in phantasievolle samtene Kostüme über der dicken, in zwei Schichten getragenen Unterwäsche gekleidet, sie trugen dreispitzige Hüte, unter denen friderizianische Zopfperücken hervorlugten, und sie hatten über die Knie reichende Stiefel an den Beinen, wie sie sonst nur noch den Chevaulegers vorbehalten waren. Das Geschirr der Pferde bestand aus aufwendig gearbeiteten Schabracken, kostbar beschlagenen Sätteln und mit allerlei Zierrat versehenem Zaumzeug, die Staffage geizte nicht mit allerlei bunten Straußenfedern und silberhell klingenden Glöckchen und Schellen. Hatte der König die Schimmel befohlen, so war die vorherrschende Farbe der Ausstattung blau, denn Weiß und Blau sind die Farben Bayerns und seines Himmels. Wurden aber die Rappen angespannt, ein Geschenk seiner Apostolischen Majestät, des Kaisers von Österreich, so entschied man sich mit diplomatischer Rücksicht auf die Landesfarben für die roten-weiß-roten Garnituren. Schnell wie der Wind ging es über Land, durch eingeschneite Täler des Ammerwaldes, bergauf, bergab, und schon von weitem hörten die königstreuen Bewohner des Blauen Landes den majestätischen Hufschlag und das Klingen der königlichen Glöckchen. Dann ließen auch die Kinder in den Stuben die Löffel fallen, schoben die ärmlichen Vorhangfetzen vor den Scheiben zur Seite und warteten, bis im Schein der Fackeln und der Laternen der König in einer mondhellen Nacht an ihnen vorüber glitt wie das Christkind in einer Kutsche, die ganz aus Gold schien. Kaum einer hatte da ein Auge für den Kutscher des Königs, den Falkenstein-Sepp, der die ganze Verantwortung trug, um seinen königlichen Passagier nicht nur heil an sein Ziel, sondern auch gesund wieder auf Schloss Neuschwanstein zu bringen. Bei dem ständig befohlenen gestreckten Galopp war das keine Kleinigkeit.
Nach der Ermordung Ludwigs II. durch heimtückische, von Bismarck gedungene preußische Heckenschützen hat sich mein Vorfahr auf den Falkenstein in eine Einsiedelei zurückgezogen, dorthin, wo ihn einst seine Mutter, angeblich ein „Weib wie ein Fels“, während der Heuernte geboren hat. Von nun an führte er mit ein paar Hühnern und Geißen sein eigenbrötlerisches Leben, ernährte sich von Erdäpfeln und Ziegenmilch und schrieb seine Lebenserinnerungen nieder, die ich als kostbaren Familienschatz in einer Schreiblade bewahre. Im Winter schlief er im Stall, er konnte jodeln, ein wenig auf der Ziehharmonika spielen, und er soll gerne geschnupft haben. War er einmal krank oder benötigte er Hilfe, was nur selten vorkam, so stellte er eine Laterne ins Fenster, die man bis ins Tal sehen konnte. Meist kurierte er sich jedoch mit Hilfe einheimischer Kräuter, mit denen er sich bestens auskannte. Als er starb, versagte man ihm seinen letzten Wunsch, im selbstgeschaufelten Grab neben seiner Hütte beerdigt zu werden. Die Bewohner des Blauen Landes packten den Falkenstein-Sepp in ein Fässchen und rollten es den Berg hinunter, um ihn am Weissensee zu begraben.
Bis ans Ende meiner Tage werde ich stolz darauf sein, aus einem Geschlecht von Postillions und königlichen Kutschern zu stammen, die allesamt das schöne Lied „Hoch auf dem gelben Wagen“ gesungen haben, unser Familienlied gewissermaßen, in dem es zum Schluss heißt:
„Sitzt einmal ein Gerippe
dort bei dem Schwager vorn,
schwingt statt der Peitsche die Hippe,
Stundenglas statt das Horn,
sag ich: Ade nun, ihr Lieben,
die ihr nicht mitfahren wollt.
Ich wär' ja so gern noch geblieben,
aber der Wagen, der rollt.“
Der Tod nämlich war der beständigste Fahrgast. Er war immer dabei, und für ihn fand sich immer ein Plätzchen.
Anna Kolik
Die medizinische Bibliothek meiner Tante Mirtel enthielt manchen Band, der mir in Kindertagen besonders rätselhaft und furchteinflößend erschien. Jahre später bin ich beim Entrümpeln auf eine Schwarte gestoßen, die mir bereits damals einigen Schauder über den Rücken gejagt hat. Es handelte sich um Hufelands gelehrte Abhandlung über den Scheintod. Sobald ich darin zu blättern begann, erinnerte ich mich an meine Begegnung mit Anna Kolik, einer Flüchtlingsfrau, die kurz nach dem Krieg von der Gemeindeverwaltung in einem verlassenen Bauernhaus untergebracht war, dessen einstige Besitzer ohne Nachkommen verstorben waren. Das Anwesen war deshalb an die Gemeinde übergegangen und wurde nur noch vom Straßenwart und Wegemacher Hans Nicolussi bewohnt. Ich war Anna Kolik einen Entschuldigungsbesuch schuldig, weil ich ihr mit der Steinschleuder eine Fensterscheibe zerschossen hatte. Meine Tante hatte mir dringend zugeredet, die Sache umgehend aus der Welt zu schaffen.
Die grün gestrichene Holztür zu Anna Koliks Behausung konnte nicht einmal abgesperrt werden. Lediglich eine altmodische Schnalle hielt sie notdürftig am Rahmen, durch die Ritzen fiel schräg das Licht in den gemauerten Gang, der mit einer Türe zur einstigen Waschküche, mit der anderen, einem Lattengitter, dessen Schloss aus einem quergelegten, in die Öffnung geschobenen abgebrochenen Kochlöffel bestand, aber zum Kellerloch führte, welches völlig finster war. Dies war der Hausgang von Anna Kolik, die von einem wacklig an die Wand genagelten Zigarrenkistchen eine Packung Streichhölzer nahm, ein Zündholz anriss und damit einen aus dem Kistchen hervorgezauberten Kerzenstummel entzündete, um den unverhofften Besuch anzuleuchten. Sobald ich in Anna Koliks Verschlag stand, glaubte ich, in einer Gruft zu sein und Verwesendes zu riechen. Ein feuchter Kuchen, auf einem Teller auf dem in der Mitte des Raumes stehenden rohen Waschtisch liegend, moderte vor sich hin. Daneben stand eine sehr große Tasse mit einem aufgemalten Enzian, ein blechern schimmernder Kaffeelöffel steckte in einer Art Kakao oder Schokoladenpudding, welcher gleichfalls schon einige Tage alt zu sein schien, über den Tisch verteilt lagen Brotrinden, teils angenagt, teils mit dem Messer flach geschabt. Auf einer bräunlich schäbigen Kommode entdeckte ich neben schmutzigem Geschirr einen kleinen Brotkasten, dessen Schuber aus schmalen, eng aneinander liegenden Brettchen wie der Verschluss des Armaturenbrettes im Schienenbus aussah, mit dem ich täglich als Fahrschüler unterwegs war. Anna Kolik war in einen schwarzen Schal gehüllt, so dass nach orientalischem Vorbild nur die Augen sichtbar waren. Sie schlurfte voraus und hieß mich mit einer Bewegung ihres Krückstockes, an dem mich die vom einseitigen Belasten schräg abgewetzte Gummikappe faszinierte, auf einem der beiden Holzstühle Platz zu nehmen. Sie selbst versank ächzend in einem knarrenden Korbsessel mit schwarzen Knöpfen an beiden Enden der durchgezogenen Armlehne, den sie energisch neben ihr gewaltig aufgetürmtes Bett gerückt hatte, welches mit einer Art schwerem Vorhang bedeckt war, seinem Muster zufolge vermutlich türkischer Herkunft. Die zu Sehschlitzen verengten Augen fragten, ob ich einen Schluck von dem bräunlichen Gebräu oder ein Stück von dem feuchtmarmornen Kuchen wolle, was ich mit beflissenem, krampfhaft höflichem Kopfschütteln quittierte.
Noch war kein Wort gefallen, noch hörten wir nur das Tropfen des drohend aus der Wand wachsenden Wasserhahnes, unter dem auf einem krummen Hocker eine Schüssel mit verwittertem Emailleboden stand. Mein trotz aller Furcht neugierig umherschweifender Blick blieb an dem Nachtkästchen, genauer an dem gestickten Deckchen über der Glasplatte hängen, die von vier Nasen gehalten wurde. Dort lag ein dickes Buch. Gerade in der Sekunde, da ich es entdeckt hatte, schien sich Anna Kolik dieser Nachlässigkeit wegen zu schämen, griff mit gichtigen Fingern hinüber zu dem in braunes Packpapier eingeschlagenen Band und meinte halblaut, Schriften über den Tod seien nichts für einen Jungen in meinem Alter, auch wenn er auf die Lateinschule gehe, wie sie wisse. Ich für meinen Teil wollte meine lästige Pflicht der Entschuldigung so schnell wie möglich loswerden, doch auch dies schien Anna Kolik sofort bemerkt zu haben. Immer stärker setzte sich in mir der Verdacht fest, sie habe eine ähnliche Gabe des Vorhersehens wie meine Tante Mirtel, auch sie besitze ein unbestechliches Gedächtnis, welches alles aufbewahre, nach dessen Verlust aber sich jemand wie ich in solcher Lage sehnte. Noch ehe ich meinen Entschuldigungssatz, den ich den halben Vormittag auswendig gelernt hatte, ausstoßen konnte, war mir Anna Kolik schon nach Art alter Leute blitzschnell zuvorgekommen. „Geschenkt“, winkte sie ab, und ich glaubte in meiner Verzweiflung, sie hinter dem schwarzen Strickschal, den sie unentwegt vor ihren Mund hielt, lächeln zu sehen: ein furchterregendes Lächeln, das sich über die ausgefransten Mundwinkel hinaus zu verlängern schien.
Halbverkrüppelte Finger mit Knorpeln, Schrunden und Warzen, Auswüchsen und kleinen, rötlich-violett schimmernden Geschwüren unter den Nagelbetten blätterten jetzt in dem Buch, dessen Titel von fettigem Papier verborgen wurde. Der bedrohlich wirkende Krückstock lehnte schräg und sprungbereit wie ein Kettenhund am knirschenden Korbsessel, ein dunkler Rock streifte den kalten Steinboden, auf dem ein löchriger, an den Rändern provisorisch eingenähter Flickenteppich lag, demütig wie ein Fußabstreifer. Unter dem Rock lugten schwarze, überraschend große knöchelhohe, durch eine schmale Blechschließe zusammengehaltene Filzpantoffeln mit absatzloser Sohle hervor, bewegungslos nebeneinander stehend, wie Wachsoldaten, tot verharrend. Von märchenhexenhaftem Kichern begleitet langte Anna Kolik ruckartig nach dem Kuchenteller und riss ein Stück von dem backpulverfarbenen Mehlklumpen ab, um es zwischen ihren gelblich schimmernden, in großem Abstand auseinander stehenden Zähnen verschwinden zu lassen. Erst jetzt sah ich, dass Anna Kolik Handschuhe trug, eine Art verlängerter Pulswärmer, die bis zu den mittleren Fingerknöchelchen reichten, wo schwarze Fransen wie ungekämmte Haare fischhäutig abstanden. Meine Eltern, hob Anna Kolik schnaufend an, seien Herbergseltern gewesen, Wirtsleute, welche unter eine Lawine geraten seien. Ich wusste auf der Stelle, dass dies glatt gelogen war. Aber warum erzählte mir die alte Frau solche Schauermärchen? Auch die nächsten Sätze ihres zwischen Zahnschluchten zischend hervorgestoßenen Berichtes ließen mich wieder frieren: meine Eltern seien erstickt, sagte die Flüchtlingsfrau, deren entstelltes Gesicht ich nun gerne ganz gesehen hätte. Erstickt, wiederholte sie mehrmals, spitz und eine Spur zu hämisch. Ächzend erhob sie sich vom Korbstuhl, um eine Runde in dem dunklen und kalten Waschraum zu drehen und sich endlich wieder mit einer stützenden Hand auf dem Stock, der anderen, aufstöhnend, flach auf die linke Hüfte gepresst am Fenstersims zwischen zwei verzweifelt grünenden Geranienstöckchen auszuruhen, als sei es zu dem ersehnten Stuhl noch meilenweit zu gehen. Wortlos hatte sie diesen nach der theatralischen Verschnaufpause erreicht, ließ sich erneut ächzend nieder, das Jammern des Stuhles in die eigene Klage mischend. Als man meine armen Eltern geborgen habe, wusste Anna Kolik mit krumm gestrecktem Zeigefinger zu korrigieren, seien sie in Wirklichkeit noch gar nicht richtig tot gewesen, sondern hätten in tiefer Bewusstlosigkeit auf Wiederbelebungsversuche gehofft; sie selbst kenne das von ihrer Flucht über die Kurische Nehrung, wo sie in die Gesichter zerfetzter Greise, gemarterter Kinder und geschändeter Mädchen und Frauen geblickt habe. Ihr könne man nichts mehr vormachen, sie habe alles gesehen und noch mehr, meine Eltern seien – und hier durchfuhr es mich eisig lähmend – scheintot begraben worden, scheintot, scheintot, erst im Sarg seien sie wirklich erstickt, erst im Sarg, unter der Erde, die man auf sie geworfen habe. Jawohl, sie seien nicht verschollen geblieben, man habe sie schon nach einer halben Stunde nach Niedergehen der Lawine ausgegraben, auf Hörnerschlitten ins Tal gebracht und scheintot begraben. Scheintot. Sie hätten noch geatmet, noch gelebt, als der Pfarrer über ihnen das Kreuz gemacht habe zum Zeichen des Eintritts in alle Ewigkeit, Amen. Hierin kenne sie sich aus, denn das Buch, und Anna Koliks gichtige Finger mit den schmutzigen, entzündeten Nägeln klopften auf den schweren Band, welches in schützendes Papier, das sie vom Metzger habe, gehüllt sei, aus gutem Grund überdies, sei die Geschichte des Scheintodes, verfasst von einem spanischen Privatgelehrten, von dem sie einst im Osten, sie wisse nicht mehr, ob es in Dorpat, Riga oder Reval gewesen sei, vierzehn Tage lang jeden Abend einen Vortrag gehört habe: Auszüge aus seinen Forschungen, wie er sie später in jenem bestürzenden Werk niedergelegt habe. Wieder stopfte sie ein Stück von dem abscheulichen Kuchen in ihren Mund, lüftete hierzu blitzschnell das schwarze Tuch, um sofort die halbbehandschuhten Finger darunter verschwinden zu lassen. Erneut gelang es mir nicht, einen Scherben der Hässlichkeit, einen Beweis der Verunstaltung damals auf der Kurischen Nehrung zu erheischen. Noch einmal wagte ich zaghaft, nach einigem Räuspern jedoch mutiger werdend, einen Versuch, um Verzeihung wegen der zerschossenen Fensterscheibe zu bitten, doch energisch wischte sie meinen Versuch diesmal mit dem Stock beiseite, eine Steigerung also des Signals, dass sie keinerlei Unterbrechung noch irgendeinen Widerspruch dulde.
Anna Koliks Finger griffen knorpelig und verwachsen zu dem Buch. Die Geschichte des Scheintodes. Cronica de la Muerte aparente. Von Don Jaime Bonfante, aus dem verzweigten Geschlecht spaniolischer Devotionalienhändler. Der erste Mann ihres Lebens sei ebenfalls Spanier gewesen. So sei es: Dummheit und Ignoranz verwechselten den Todesschlaf der Jungfrau Maria vor ihrer Himmelfahrt mit einem Scheintod, wie er das Mädchen befallen habe, welches, unterwegs im Wald, Wegelagerer zu vergewaltigen versucht hätten, hob Anna Kolik sich rechtfertigend an, obwohl ihr niemand widersprochen hätte bei solch herrischer Stimme.
Als ich mich einmischen wollte, um zu zeigen, dass ich in der Schule aufgepasst hatte, wehrte sie ab: Barbarossas bartwuchsfördernder Schlaf im Kyffhäuser oder Dornröschen seien ungeeignete Lesebuchbeispiele. Der von ihr hochgeschätzte spaniolische Wissenschaftler, ein Kopf vom Kaliber Lenins, dessen historisches, achthundertzweiundzwanzig Seiten zählendes Lebenswerk ein Quell seltener Erkenntnis sei, arbeite reichhaltige Spezialliteratur zu den aus Gräbern und Grüften vernommenen Schreien sowie fressenden Leichnamen auf, um schließlich schlüssig zu beweisen, dass sämtliche pompösen, aber auch bürgerlich hilflosen Grablegungsriten letztlich nichts als Vorsichtsmaßnahmen gewesen seien, um vorschnelle Beerdigungen zu verhindern: Drei Tage gebe man dem dreimal laut Angerufenen Frist. Selbst Tolstoi habe man, nach Art der Päpste auf dem Sterbebett, als er auf einer gottverlassenen Bahnstation mit dem Tod gerungen, noch einmal dreimal beim Vornamen gerufen. Niemals habe man einem lärmend ausgeschmückten Leichnam das Gesicht verhüllt, wie sie, Anna Kolik, eine der namenlos Gedemütigten aus dem Osten, es aus gutem Grund tue. Das Geschrei der Klageweiber schließlich ziele in Wirklichkeit auf skeptische Kontrolle.
Aufgeregt wetzte ich auf meinem Stuhl hin und her, die einstige Waschküche des aufgelassenen Bauernhofes kam mir noch düsterer und feuchter vor, als sie beim Eintreten einschüchternd auf mich gewirkt hatte.
Schon im Sarg, als der Henkel gebrochen und die Kiste polternd auf das Pflaster geschlagen sei, habe sich ein schöner Jüngling noch einmal retten können. So mancher sei von der Bahre gesprungen, so manche Leiche habe das Tuch zerrissen, um aus der Grube zu fahren und ihrer Wege zu gehen, Scheintote hätten später nicht selten noch etliche Kinder gezeugt oder geboren. Aber wie oft habe man fahrlässig gehandelt oder nichts bemerkt und unübersehbare Zeichen als Einbildung krankhafter Betschwestern abgetan? Könne man ermessen, ereiferte sich Anna Kolik, jetzt flinker mit den Knorpelfingern in dem Buch blätternd, welcher Schrecken Leichenfledderern in die Glieder gefahren sei, als sie, eben noch mit dem Abstreifen der Ringe von den erstarrten Knöchelchen beschäftigt, den Beraubten sich regen sahen? Nicht wenige Erblasser hätten vor der Eröffnung des Testamentes verlangt, dass man sie mit glühenden Zangen verschiedener Proben unterziehe: eine französische Prinzessin habe sogar angeordnet, man solle ihr vor der endgültigen Grablegung Bambusspieße oder Zahnstocher zwischen die Zehennägel zaubern. Bei der zunehmenden Sehnsucht nach Ordnung sei man zuletzt der Idee verfallen, jedwedes Abscheiden durch Gesetz von zwei Zeugen beglaubigen zu lassen, ehe man den Corpus, wie Anna Kolik sagte, auf stacheligem Rosshaar in kalter Luft aufgebahrt habe: Abstellräume, Waschküchen, Asyle des zweifelhaften Lebens. Der spaniolische Gelehrte führe wundersam aufregende Belege an, Geschichten aus De miraculis cadaverum – auch sie habe Latein gelernt, einst, in einem heute zusammengeschossenen Kloster, befreundet mit den von strengen Institutsfräulein erzogenen höheren Töchtern des Ostens, welche unvergleichlich stolz ihre linnene Tracht zu tragen verstünden. Leichen, wie der Spaniole schreibe, die bluteten, bissen, schwitzten, bei denen Haare und Nägel unaufhörlich wüchsen: verzweifelte Beweise einer monströsen Anomalie, niedergelegt in den Debatten eifriger Gelehrter über die Existenz einer Todeszeit. In jenen Tagen habe man außerdem, beiseite gesprochen, das Vergessen kunstfertigen Einbalsamierens zugunsten einer neuen Medizin eingeleitet.
Ich suchte nach Halt in der eisigen Waschküche und hätte mich am liebsten zwischen zwei in die Blechschüssel schlagenden Tropfen des Wasserhahns an der Wand unter dem Kissengebirge von Anna Koliks Bett versteckt, hätte ich nicht auch dort die ekligen Reste des nassschweren Kuchens und Flecken erkalteten Kakaos vermutet. So hielt ich mich mit klammen Fingern am Stuhl und schickte meinen Blick auf das vor dem Fenster sorgfältig aufgeschichtete, kleingehackte Brennholz, das Anna Kolik mühsam mit Lederriemen und groben Stricken, Abfällen vermutlich aus dem Papierkorb der Postagentur, verschnürt aus dem Wald herbeigeschleppt hatte: jeder Schritt ein Wagnis, jeder gemeisterte Meter Beweis für die zappelnd zähe Überwindung der allen Lebewesen anhaftenden Schwerkraft.
Anna Koliks Augen weiteten sich, als blickten sie auf ein Meer, vielleicht auf das jenseits der Kurischen Nehrung, auf der man ihr Gewalt angetan und sie für ihr Lebtag entstellt hatte, ihre Hände suchten den Knoten am Hinterkopf, prüfend, ob das Geflecht in Ordnung sei, woraufhin wieder sorgfältig das schwarze Tuch über das Haar gebreitet wurde.
Ich hätte mich gerne hinter den über dem Kanonenöfchen entlang dem Ofenrohr quer durch den Raum auf ein Waschseil gespannten Lumpen, Handtüchern und Hemden verborgen, die schützenden Hände meiner Tante Mirtel sehnlichst herbeiwünschend. Konnte sie nicht auf der Stelle mit dem Hubschrauber wie Lurchi Salamander, der Held meiner Kindheit, einfliegen? Anna Kolik aber schlug, meine Gedanken ertappend, die letzte Seite des Folianten auf, legte das umfangreiche Werk in ihren Schoß, holte eine Drahtbrille aus einem schnappenden Etui, welches wie ein luxuriöser Sarg mit leuchtend grünem Filz ausgelegt war, setzte die Brille nach Art alter Frauen auf ihre stattliche Nase und las, ihr schützendes Tuch in einigem Abstand vor ihrem Mund, so dass sie die Worte in baltischem Singsang deutlich rollen lassen konnte, die letzten Sätze aus dem einzigen Buch vor, das sie besaß:
„In der Nähe der Schleusentore, durch welche die Natur in die Bezirke der Menschen eindringt, haben wir begonnen, schweigend Angst vor dem Tod zu haben. Denn alles Verlorene möchte wiedergefunden, will neu erschaffen und sich selbst zurückgegeben werden: aufgelesen auf einer langen Wanderung entlang der Strecke im Nebel, einer zügellosen Reise über den Schnee, in der flimmernden Erwartung, unter einem unbegreiflich hellen Himmel mit erhabenem Stolz einzusinken, und keiner würde wissen, wie tief.“
Anna Kolik schloss sanft das Buch und wandte sich ab, dem Fenster zu, sah hinaus und schwieg. Über mir hörte ich Schritte, jemand ging durch den Flur des aufgelassenen Bauernhofes, die dunkle Holzstiege hinauf, vorbei an den Regenmänteln und Lodenumhängen, eine Tür schlug: Der Wegemacher und Straßenwart Hans Nicolussi kehrte nach Hause zurück. Ich nahm dies als willkommenes Zeichen und schlich mich auf leisen Sohlen davon. Anna Kolik stand gedankenversunken noch immer am Fenster, hielt sich das Tuch vor den Mund und hatte weite Augen, sehr weit.
Walburg
Einmal, manchmal auch zweimal in der Woche kommt eine Frau namens Walburg in das Haus meiner Tante Mirtel, um aufzuräumen, mit dem Staubsauger durch die Räume zu fahren und die Wäsche zu waschen. Die Walburg ist eine Stille, eine ganz Bescheidene, die nicht viel Aufhebens von sich macht. Und sie ist fleißig, weswegen sie bei meiner Tante einen Stein im Brett hat.
Walburg stammt aus Nesselwang, sie ist Kaspars Frau und Mutter der Söhne Luis und Baptist und Firmian, welcher zur See fahren wird. Walburgs Lieblingslied ist das Lieblingslied des Prinzregenten Luitpold: „Fein sein, beinander bleib'n“. Fein sein, beinander bleib'n. Das wollte Walburg immer. Sie ist ihrem Mann eine brave Frau und den Söhnen eine gute Mutter. Walburg kennt die Arbeit, nie hat sie einen Bogen um sie geschlagen, nie ist sie ihr ausgewichen, schon als Kind ist sie mit den anderen neun Geschwistern dem Vater zur Hand gegangen, hat ihm das Zaumzeug gehalten, das Leder eingefettet und als Älteste nach dem frühen Tod der Mutter den Haushalt geführt und die Geschwister großgezogen. Die Walburg ist dünn wie ein Stecken, aber sie kann zupacken. Es macht ihr nichts aus, im Bahnhofhotel in der Küche zu helfen, es macht ihr nichts aus, bei fremden Herrschaften zu putzen oder zur Verstärkung geholt zu werden, wenn ein Fest gefeiert wird, um aufzutragen und abzuspülen. Jeden Pfennig legt sie auf die Seite, jeden Groschen liefert sie bei Kaspar ab, der sich den Bau eines Häuschens in den Kopf gesetzt hat: Fein sein, beinander bleib'n.
Und weil ich die Walburg gern habe, weil sie immer gut zu mir ist, frage ich eines Tages meine Tante, was es mit der Walburg auf sich hat. Die Tante aber vertröstet mich zuerst, weil ich jedoch nicht locker lasse und immer wieder frage und bohre, erzählt sie mir eines Abends aus ihrem Lehnstuhl heraus bei einem Zigarillo Walburgs Geschichte:
Die Geschichte von Walburg beginnt lange vor dem Krieg. Da sucht nämlich der Leiter des Reichsarbeitsdienstlagers drunten im Meilinger Bad an der Vils eines Tages eine zuverlässige Kraft für das, was so anfällt an Wäsche von seinen Männern. Die Walburg rechnet im Kopf schnell nach, macht ein Angebot und erhält sogleich den Zuschlag. Schon wird im Hof des Bahnhofrückgebäudes ein großer Kessel mit Ofenrohr aufgestellt, schon schichten die Söhne Luis und Baptist und Firmian das Schürholz auf, schon wächst die Holzbeige, schon wird die Waschküche hergerichtet für die schmutzige Wäsche aus dem Lager.
Meine Tante Mirtel erzählt, wie der erste Lastwagen heran rollt, wie die Männer in ihren Knobelbechern von der Ladefläche springen, wie sie Körbe prallvoll mit Unterhosen und Unterhemden, Jacken, Socken, Leibchen und Pullovern, Uniformblusen und Sonntagshemden vom Lkw hieven, indes Walburg ein Seil spannt kreuzquer über die Wiese. Die Frau füllt den großen Kessel Schaff um Schaff, bereitet eine Lauge, heizt und schürt, bis die Lauge kocht, in die sie die Schmutzwäsche wirft, um mit einem schon ausgebleichten breiten Holz langsam umzurühren und die einzelnen Stücke aus dem brodelnden Laugenwasser zu holen. Nie hat es ihr bislang etwas ausgemacht, anderer Leute Dreck aufzuräumen oder fremder Leute Wäsche zu waschen. Aber als sie die verstunkenen Fußlappen des Arbeitsdienstes in die Nase bekommt, als diese Beize aufsteigt und sich einfrisst, da spürt sie einen Widerwillen, da muss sie schlucken, dass es ihr nicht hochkommt, zwei-, dreimal muss sie schlucken und schlucken, dass es sie nicht würgt. Von der ersten Wäsche an widersteht ihr alles, was mit dem Reichsarbeitsdienst zusammenhängt. Aber sie traut sich nicht, es Kaspar, ihrem Mann, zu sagen. Sie glaubt, das sei nur eine Empfindlichkeit, die ihr nicht zustehe, sie denkt an den Wäschepfennig und was sie bekommt pro Kilo und daran, wie der Pfennig in das Häuschen wandert, das Kaspar mit Hilfe seiner Söhne bauen will: Fein sein, beinander bleib'n. Zeitweilig nimmt das Häuschen die Form einer Sparbüchse an, aber das ist der Walburg bloß recht. Sie weiß genau, was ihr Hausvorstand hält von Ordnung, Fleiß und Sparsamkeit und dass man es damit zu etwas bringen kann, wenn man nur will. Deshalb schluckt sie und versucht, nicht länger an die Fußlappen des Arbeitsdienstes zu denken. Sie will sich die Männer auch gar nicht vorstellen: weder bei ihrer Arbeit noch abends, wenn sie die verschwitzten Füße lüften, die Socken ausziehen, Tarock spielen und ab und zu mit den Fingern zwischen den Zehen popeln oder die Fußnägel wegreißen.
Nein, sagt meine Tante Mirtel, das will sich die Walburg gar nicht erst ausmalen, weil sie sonst sofort wieder schlucken muss, und das will sie nicht, weil sie die Socken wegen des Häuschens waschen muss, weil sie die verseichten Unterhosen in die Brühe tauchen muss, weil sie die Wäsche aufhängen muss auf der Leine hinter dem Haus, Tag für Tag, für das Reichsarbeitsdienstlager, wegen des Häuschens, das da auch an der Leine hängt und im kochenden Kessel schwimmt wie die Hemden und die Fußlappen mit ihrem beizenden Geruch, der nicht mehr aus der Nase will: als wäre sie Fischverkäuferin. So stellt sich Walburg eine Fischverkäuferin vor: die Finger eisblau und ewig stinkend. Ewig. Aber die Walburg will keine Fischfrau sein. Wenn sie die schmutzige Wäsche gewaschen hat, will sie den Gestank der Fußlappen nicht aus der Waschküche in die Wohnung tragen, sie will nicht das Essen damit berühren, das sie ihren vier Männern kocht, wie sie gerne sagt. Es soll ihr keiner anmerken, wie sehr ihr die Wäscherei widersteht, wie ihr zuwider ist, was sie da auf sich genommen hat, bloß weil es in dem schönen Lied heißt: Fein sein, beinander bleib'n. Wieviele Dachziegel kann man vom Waschpfennig kaufen, wieviele Kilo Rafennägel, wieviele Schalbretter? Obgleich die Pläne für unser Oma ihr klein Häuschen immer schmächtiger werden und bescheidener, denkt die Walburg beim Umrühren des großen Kessels gerne daran, wie sie die Küche einrichten wird, wo das Sofa stehen soll, die Gautsche, wie man bei ihr daheim in Nesselwang dazu sagt, welches Bild über dem Ehebett hängen soll, ob es unser Herr am Ölberg ist oder die Darstellung der Muttergottes mit dem Schwert in der Brust.
Meine Tante Mirtel malt mir mit Worten die Walburg, wie sie sich auf der Veranda sitzen sieht in einem Korbstuhl, wie sie Wolle aufwickelt, um einem der Buben einen Janker zu stricken, wie sie mit besonderer Aufmerksamkeit auf Firmian blickt, weil er so unruhig ist, immer ein Treibauf und jäh und gach, denn die Walburg kann nicht wissen, dass Firmian eines Tages Schiffsoffizier und der Herr der sieben Meere werden wird.
Auch bei Regenwetter muss für den Reichsarbeitsdienst gewaschen werden. Zweimal die Woche fährt der Lkw vor und lädt ab, zweimal die Woche wird einer Frau schlecht vor dem Aufheizen des Kessels, der nur im Sommer im Freien steht, im Winter aber zwischen anderen seifenbleichen Schäffchen und Kübeln in der Waschküche, in der es nie richtig trocken wird, so sehr die Walburg auch lüftet. Kaspar hackt nach Feierabend das Holz, spaltet die Scheiter für den Waschkessel, während er die Söhne dazu anhält, sauber und ordentlich die Holzbeige zu errichten, denn Ordnung muss sein, wo kämen wir da sonst hin bei der Eisenbahn, bei der Kaspar beschäftigt ist, der er seine Seele verkauft hat.
Und immer wieder muss Kaspar auf seine Schweizeruhr schauen, immer will er, der Eisenbahner, wissen, wie spät es ist, immer muss er auf Zeiger und Zifferblatt starren wie ein Firmling und seine Söhne heimlich stoppen: welcher braucht am längsten für das Aufschichten des Kleingehackten, welcher macht es am ordentlichsten? Keine Frage: Es ist unser Baptist. Unser Baptist macht immer die schönsten Holzbeigen. Immer braucht er den Vater. Immer muss er gesagt bekommen, was er zu tun hat. Immer tut er, was der Stärkste von ihm verlangt. Walburg sieht mit Stolz und ein wenig Entsetzen, wie ängstlich ihr Baptist ist und wie ordentlich. Warum kann er nie für das geradestehen, was er getan hat? Warum muss er sich immer nach den anderen richten? Warum sagt er nie, was er denkt? Warum tut er nie, was er denkt? Luis dagegen ist verschlossen. Er rennt einfach los, wenn es ihm zu viel wird. Luis wird Langstreckenläufer. Schon jetzt nennen ihn seine Freunde nicht bei seinem richtigen Namen Luis, sondern Nurmi. In aller Frühe kann man ihn auf die Berge rennen sehen. Je dünner die Luft wird, desto wohler fühlt er sich. Luis wird Langstreckenläufer und Bergführer. Die Touristinnen können sich auf seinen starken Arm verlassen. Luis weiß das. Allmählich beginnt er, mit seinem Kapital zu wuchern. Firmian ist ein Hitzkopf'. Die Feinmechanikerlehre passt ihm überhaupt nicht. Wie oft hat er schon mit der Feile auf das in den Schraubstock gespannte Eisenstück geschlagen? Wie oft hat ihm der Meister deshalb eine Ohrfeige gegeben? Firmian will hinaus. Sein Kopf ist in den Wolken. Von seinem ersten Lohn hat er sich einen Atlas gekauft. Er war schon überall, und überall kommt er hin mit dem Finger auf der Landkarte. Aber das reicht ihm nicht.
Vorerst wird das Häuschen gebaut: koste es, was es wolle. Kaspar muss sein Häuschen haben. Er schaut auf die Uhr, als könne er ablesen, wie lange es noch dauern wird. Das Häuschen wird gebaut. Kaspar baut es mit der Uhr in der Hand, Walburg baut es beim Waschen der Fußlappen des Reichsarbeitsdienstes, Luis baut es mit zusammengekniffenen Lippen, Baptist baut es aus Gehorsam, Firmian baut es mit Flüchen inwendig und nach außen. Wie lange noch? Stein auf Stein. Das Häuschen wird bald fertig sein.
Gegen die stinkenden Fußlappen kämpft Walburg mit Zungenbrechern. Während sie den Kessel heizt und die Lauge umrührt mit dem seifenbleichen Holz, sagt sie immer häufiger: Wir Wiener Weiber wollen weiße Wäsche waschen, wenn wir wüssten, wo warmes Wasser wär. Fein sein, beinander bleib'n. Das summt sie dazwischen. Fein sein, wenn wir wüssten, wo warmes Wasser. Zeigt her eure Füßchen. Zeigt her eure Schuh. Wir schauen den fleißigen Waschfrauen zu. Aber der Gestank der Fußlappen widersteht Walburg trotzdem. Da hilft alles fein sein, beinander bleib'n nichts. Da helfen die Wiener Weiber nichts und nichts die fleißigen Waschfrauen. Die Fußlappen stinken. Die Unterhosen seicheln. Die Unterhemden schweißeln. Die Oberhemden müffeln. Manche Hosen sind vorne gelb und starr vor Urin. Aber das Häuschen muss gebaut werden. Die Kinder sollen es einmal besser haben. Eine Küche und eine gute Stube, ein Schlafzimmer und ein Zimmer für die Söhne, die sich ihren Anteil erarbeiten müssen: mit und ohne das Bedienungsgeld der leichten Frieda mit ihrem Mieder, an dem immer ein Knopf zu wenig geschlossen ist.
Wenn wir wüssten wo warmes Wasser wär. Das kalte Wasser kommt zuerst in den großen Kessel. Dort wird es zum Kochen gebracht. Die Lauge wird in kleinere Schäffchen umgefüllt: kübelweise. Ein Schäffchen für die Unterhosen, ein Schäffchen für die Fußlappen, ein Schäffchen zum Spülen. Die Lauge im Schäffchen für die Fußlappen muss besonders heiß sein, weil die Fußlappen des Reichsarbeitsdienstes besonders stinken. Jedes Schäffchen steht auf einem hölzernen Bock, der aussieht wie ein Kreuz. .Jedes Schäffchen hat links und rechts einen über den Rand hinausstehenden hölzernen Griff. Jedes Schäffchen enthält kochend heiße Lauge. Stein auf Stein, das Häuschen wird bald fertig sein. Kübelweise gießt Walburg aus dem Kessel die Lauge in die Schäffchen. An manchen Tagen ist der Gestank der schmutzigen Wäsche unerträglich. Schon in der Früh kann die Walburg nichts essen, weil ihr sofort alles widersteht. Als sei sie in anderen Umständen. Ihr ist, als liegen da keine Milchbrocken in der Schüssel, sondern die Fußlappen des Reichsarbeitsdienstes.
Da zaubert mir meine Tante Mirtel mit ihren Rauchwolken ein neues Bild. Wieder sehe ich Walburg. Sie trägt eine Wickelschürze, steht barfuß in Holzpantoffeln in der Waschküche. Sie verteilt die Schäffchen rund um den Kessel. Sie heizt den Kessel. Kübelweise schüttet sie die siedend heiße Lauge in die einzelnen Schäffchen. Der Lkw des Reichsarbeitsdienstes fährt vor. Zwei Männer springen von der Ladefläche, zwei Männer laden ab: körbeweise Fußlappen, körbeweise Unterhosen, körbeweise Hemden. Singend tragen die Männer die Körbe in Walburgs Waschküche. Die Reihen dicht geschlossen. Und noch einen Korb. Blüht ein Blümelein. Und das heißt. Noch einen Korb und noch einen. Eeerika. Schon widersteht es der Walburg. Schon springen die Männer auf den Lkw zurück, schon biegt er aus dem Hof. Stein auf Stein. Das Häuschen wird bald fertig sein. Die Holzpantinen klopfen. Schritt für Schritt. Und die erste und die zweite Hypothek. Zeigt her eure Füßchen, singen die Holzpantinen, zeigt her eure Schuh, wir schauen den fleißigen. Wir Wiener Weiber. Wenn wir wüssten.
Nur ganz leicht drehen sich die Rauchkringel des Zigarillos meiner Tante Mirtel. Und nur ganz zufällig wickelt sich die Wickelschürze nicht um Walburg, um die sie schon gewickelt ist größtenteils, nur ganz beiläufig ist da noch ein Stück Wickelschürze ohne Beschäftigung, nur ganz nebenher entdeckt dieses sich langweilende Stück Wickelschürze, nur ganz nebenbei und beiläufig und zufällig und ohne Absicht und ohne, ganz und gar ohne an etwas Böses zu denken wickelt sich ein Stück Wickelschürze um eine Entdeckung. Diese Entdeckung für die Wickelschürze heißt Holzgriff. Der Holzgriff gehört einem Waschschaff. Das Waschschaff steht auf einem Holzbock. Der Holzbock sieht aus wie ein Kreuz. Der du für uns das schwere Kreuz getragen hast. Die Wickelschürze wickelt sich. Sie wickelt sich eins, zwei, drei um einen Holzgriff eines Waschschaffs. In dem Waschschaff auf dem Holzbock schwimmt Lauge. Die Lauge ist für die Fußlappen des Reichsarbeitsdienstes. Die Fußlappen stinken. Der Walburg ist schon wieder schlecht. Weil die Fußlappen stinken, muss die Lauge kochen. Ergo: In dem Waschschaff auf dem Holzbock, der du für uns das schwere Kreuz, schwimmt siedend heiße, kochend heiße Lauge. Selbstverständlich für die Fußlappen. Selbstverständlich gegen den Gestank der Fußlappen. Die Wickelschürze wickelt sich um den Holzgriff. Sie hält ihn fest, denn ein Griff ist dazu da, um festgehalten zu werden oder um beim Wegtragen des Waschschaffes behilflich zu sein, ganz unabhängig davon, ob das Waschschaff mit heißer Lauge oder mit kaltem Wasser oder überhaupt nicht gefüllt ist. Die Wickelschürze besteht auf dem Wickeln und auf dem Wegtragen, der Holzgriff verhält sich so, wie sich ein Holzgriff verhält.
Meine Tante hält inne, nimmt einen guten Zug von ihrem Zigarillo, drückt den Tabak ein wenig nach, prüft gerade die Glut, als die Holzpantinen, in denen Walburg barfuß geht, feststellen: Hoppla, da ist ja Schmierseife auf dem Waschküchenboden. Die Holzpantinen erkennen, dass da Schmierseifenlauge auf den Boden gespritzt sein muss: womöglich beim Umfüllen der Lauge aus dem großen Kessel in die kleineren Schäffchen, die alle auf einem Holzbock stehen, der du für uns das schwere Kreuz. Die Holzpantinen vertragen sich nicht mit der Schmierseife. Die Zehen von Walburg versuchen, sich in die Sohle der Holzpantinen zu graben. Aber das Holz gibt nicht nach. Es hat nur die Schmierseife im Sinn unter sich auf dem Boden der Waschküche, während die Wickelschürze weiter nichts im Kopf hat, als sich um den Holzgriff des Waschschaffes zu wickeln, in dem die heiße Lauge schwimmt für die Fußlappen des Reichsarbeitsdienstes. Während sich das eine wickelt und während das andere sich noch wundert über das, was unter der Sohle glitscht, meldet sich Walburgs Magen. Er sagt zuerst noch: Fein sein, beinander bleib'n, er singt zuerst noch: Zeigt her eure Füßchen, zeigt her eure Schuh, er bricht sich zuerst noch die Zunge: Wir Wiener Weiber wollen weiße Wäsche waschen wenn wir wüssten. Aber dann weiß er nicht mehr weiter. Er weiß nicht mehr weiter, weil er sich umdreht. Aber damit konnte die Wickelschürze natürlich nicht rechnen. Wer denkt auch schon in dem Augenblick, in dem man sich um den Holzgriff eines Waschschäffchens mit heißer Lauge wickelt, daran, dass es einem Magen, also dem Magen der Wäscherin einfallen könnte, sich auch einmal umzudrehen? Wer kann damit rechnen? Weder die Wickelschürze kann damit rechnen noch die Holzpantinen, die sich nie für die Wickelschürze interessiert haben, sondern immer nur für den Waschküchenboden, so wie sich die Wickelschürze nie für die Holzpantinen oder den Waschküchenboden interessiert hat, ganz egal, ob Schmierseifenlauge ausgeschüttet worden ist oder nicht, Holzpantinen und Wickelschürze haben definitiv nichts miteinander zu tun. Sie haben verschiedene Interessen, die erst zusammenkommen, wenn sich ein Magen umdrehen will. Warum will sich der Magen umdrehen? Hält er es auf der einen Seite nicht mehr aus? Hat das etwas zu tun mit den Fußlappen des Reichsarbeitsdienstes?
Da greifen auf einmal Hände ins Leere. Was sind das für Hände, und wem gehören sie? Die Hände gehören Walburg, und plötzlich sehe ich: Das sind Hände, wie geschaffen für eine Geige. Täusche ich mich auch nicht? Machen mir da nicht die Finger bloß etwas vor? Die Hände greifen. Aber es ist keine Geige da. Nicht einmal ein Wäscheseil ist gespannt. Es ist überhaupt nichts in der Luft. Außer einem ganz bestimmten Geruch. Einem Reichsarbeitsdienstgeruch. Einem Lagergeruch. Stein auf Stein. Das Häuschen wird bald fertig sein. Wir Wiener Weiber. Wenn wir doch bloß wüssten. Zeigt her eure Füßchen, zeigt her eure Schuh. Aber die Schuh haben den Kopf ganz woanders. Sie haben ihn bei der Schmierseifenlauge auf dem Boden der Waschküche. Die Wickelschürze wickelt und lässt nicht mehr los. Ein Griff ist ein Griff ist ein Griff. Eine Lauge ist eine Lauge ist eine Lauge. Sie ist heiß. Sie ist siedend heiß. Sie ist kochend heiß. Der Griff gehorcht. Er tut, was die Wickelschürze verlangt. Die Holzpantinen fügen sich. Sie tun, was die Schmierseife auf dem Fußboden der Waschküche verlangt. Der Magen gibt nach. Er tut, was die Walburg von ihm verlangt: Er dreht sich um. Während er sich umdreht, dreht sich auch noch etwas anderes. Das Waschschaff dreht sich, weil der Griff gehorcht. Genauer gesagt: Es neigt sich. Es neigt sich schräg vom Bock, während sich der Magen umdreht, zeigt her eure Füßchen, wenn wir wüssten, wo warmes Wasser. Warmes Wasser fließt. Kochendes Wasser fließt aus. Die Wickelschürze wickelt. Was sie einmal am Wickel hat, entwickelt sich nur so, wie sie es sich in den Kopf gesetzt hat. Der Magen dreht sich. Die Sohlen gleiten. Das Waschschaff neigt sich. Die heiße Brühe tritt über den Rand. Wo fließt sie hin?
Die Kringel des Zigarillos meiner Tante Mirtel zeigen mir, wohin die Brühe fließt nach dem Gesetz der Schwerkraft und den goldenen Regeln der Mechanik. Während die Wickelschürze vermutet, die Lauge fließe auf die Holzpantinen, während die Holzpantinen mutmaßen, die Lauge fließe über die Wickelschürze, während der Magen wähnt, die Lauge tilge den Gestank der Fußlappen des Reichsarbeitsdienstes, verhält sich die kochend heiße Lauge ganz anders. Sie entdeckt ein Wäscherinnenbein. Sie entdeckt einen Oberschenkel. Schon berechnet sie das Gefälle, schon kennt sie den Winkel, schon weiß sie, wie die Fallhöhe zu nützen ist, schon setzt sie sich in den Kopf, vom Oberschenkel den Weg über das Knie, die Kniescheibe, über die Wade hinunter zum Schienbein zu nehmen, schon hat sie den Ehrgeiz, auch noch den Knöchel zu erreichen, schon erkennt sie, nein: den Knöchel wird sie wahrscheinlich doch nicht mehr schaffen, weil sie vielleicht von einem Schrei aufgehalten wird, das lässt sich wegen des Rauchs des Zigarillos meiner Tante Mirtel nicht genau feststellen, ob die siedend heiße Lauge nur über den Oberschenkel und die Kniescheibe bis zur Wade laufen kann, oder ob sie es wegen eines Schreies nicht mehr bis zum Knöchel schafft.
Aber wer könnte den Schrei hören? Wem kann er gelten? Die Männer vom Reichsarbeitsdienst sind mit ihrem Lkw längst wieder ins Arbeitsdienstlager gefahren. Sonst ist niemand in der Waschküche. Kaspar ist bei der Eisenbahn. Er darf seinen Dienstplatz nicht verlassen. Unter keinen Umständen. Luis ist in den Bergen oder rennt querfeldein oder will herausfinden, wie sich bei den KdF-Mädeln die Haken am Mieder anfühlen. Kraft durch Freude, Schmalz durch Gaudi. Baptist ist so mit Gehorchen beschäftigt, dass er keinen Schrei hört. Ein Schrei bedeutete womöglich, dass er handeln müsste. Er kann aber nur etwas tun, wenn ihm vorher einer sagt, was er tun soll. Firmian ist mit dem Finger auf der Landkarte. Vielleicht erreicht der Nagel des rechten Zeigefingers gerade die Mündung des Rio Para. Dort liegt Belém, das auf Deutsch Bethlehem heißt, obwohl es nicht im gelobten Land liegt.
Meine Tante Mirtel schlägt vor, dass wir zusammen überlegen, wem der Schrei gelten könnte, der da durch die Waschküche gellt. An wen hätte sich Walburg wenden können? Niemand ist zu Hause, niemand in der Nachbarschaft kann den Schrei hören. Vielleicht rangiert Kaspar gerade einen Güterzug, während er gewissenhaft auf seine Schweizeruhr blickt. Wir können es nicht sagen. Weil Walburg weiß, dass sie allein ist mit ihrem Schmerz, weil Walburg weiß, dass ihr niemand beistehen kann, während die kochende Lauge den Weg nimmt von ihrem Oberschenkel über die Kniescheibe, die Wade und das Schienbein womöglich bis zum Knöchel, weil nichts hilft: weder die Wickelschürze, noch der Holzgriff, weder die Holzpantinen, noch die Schmierseife, weder wir Wiener Weiber, noch das Zeigt her eure Füßchen, zeigt her eure Schuh, weder Stein auf Stein, noch das Häuschen, das ganz zweifellos bald fertig sein wird, weder das Feinsein, noch das Beieinanderbleib'n, weil nichts hilft, deshalb sagt sie still nach dem Schrei – und ich glaub' es nicht: Vergelt's Gott für die Armen Seelen.
Meine Tante wiederholt diese Ungeheuerlichkeit, und malt mir mit ihren Worten, wie die Walburg Mehl auf ihre Brandwunde streut, immer wieder Mehl, „lllergold doppelgriffig“, und wie sie dabei betet. Sie betet für die Armen Seelen, die unerlöst umhertreiben, all die Toten, all die Worte im Wind des Unheils, verkeilt ineinander als Illusion und Enttäuschung. Walburg gedenkt der armen Seele ihrer Mutter, ihrer verstorbenen Geschwister, sie gedenkt des Glockenspiels vom Rathausturm, wenn der weiße Ritter den schwarzen Ritter vom Pferd sticht, wenn die Kinder um den Hollerbusch tanzen, wenn der goldene Hahn kräht und der Sensenmann Stundenglas und Hippe zeigt, ehe die Glock' Zwölfe schlägt, sie gedenkt aller Wiener Weiber, die wie sie die Wäsche waschen, sie summt ihr Lieblingslied „Fein sein, beinander bleib'n“, sie gedenkt ihres Herrn und Meisters Kaspar und seines Leitspruches, der da lautet: Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir, denn unsere Walburg, sagt meine Tante Mirtel, ist musikalisch, sie gedenkt ihres Sohnes Luis, der auf die Berge rennt und querfeldein und bald hinter jedem Mädel her, sie gedenkt ihres Sohnes Baptist, der immer einen Vorgesetzten braucht im Leben, sie gedenkt ihres Sohnes Firmian, welcher Offizier auf einem stolzen weißen Segler und Herr der sieben Meere werden wird. Schließlich aber gedenkt sie des Häuschens, Stein um Stein, und sie gedenkt der ersten und der zweiten Hypothek, und sie hofft, dass auch sie vergolten werden, wie die kochend heiße Lauge den Armen Seelen.
Die Damen Vogelsang
In einem Feuilleton über die französische Stadt Nizza beschreibt Joseph Roth Mitte der zwanziger Jahre einmal Sommergäste, „denen der Arzt den Winter verbietet und denen die Brieftasche den ewigen Sommer erlaubt.“ Genau dies traf auch auf die Damen Vogelsang zu, die zu den treuesten Patientinnen meiner Tante Mirtel, der Landärztin zählten. Sie besuchten ihre Sprechstunde wegen jeder noch so kleinen Kleinigkeit, meine Tante sagte dazu „wegen jedem Hundsscheiß“, und dieses kuriose Trio in einer Schilderung des Blauen Landes, aus dem ich komme, zu übergehen, wäre ein schlimmes Versäumnis, denn die Damen Vogelsang gehörten zweifellos zu den unvergesslichen Kuriositäten dieses Landstriches, wobei sie zugleich als Sommerfrischlerinnen einer bestimmten Epoche des Fremdenverkehrs kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Maßstäbe setzten und ihren charakteristischen Stempel aufdrückten.
Die Absonderlichkeiten begannen mit den Namen: Niemand tauft sein Kind heute noch auf den Namen Theobald oder Gerda. Es ist nur verständlich, wenn auch die Wahl der Vornamen unserer Kinder der Mode und dem Zeitgeist unterliegt. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass beispielsweise Agatha so gewöhnlich war wie heute Kathleen, Vicky oder Cindy im Osten unseres wiedervereinigten Vaterlandes. Bei Agatha muss ich freilich nicht an die englische Kriminalschriftstellerin denken, sondern immer an die Damen Vogelsang. Korrekt und eigentlich: von Vogelsang. Drei Baronessen, die niemals einzeln auftraten, sondern stets nur im Verbund zu haben waren. Sie hätten alle Agatha heißen können, aber nur die Älteste hörte auf diesen Namen, eigentlich auf den Doppelnamen Agatha-Littegarde. Ihre Eltern mussten wohl Kleist gelesen haben. Sie führte das Kommando, sie war gewissermaßen der Feldwebel der Eskadron. Sie war lang und dürr wie eine Bohnenstange. Außerdem hatte sie ein abstoßendes Pferdegebiss, als sei sie die Zwillings-Schwester des Darstellers von Don Camillo. Für sie galt, was einst Siegfried von Vegesack, der Übersetzer von Gogol, Turgenjew und Nabokov über seine Tante Locka gesagt hatte: „Eigentlich war sie ein Mann, dem der liebe Gott aus Zerstreutheit Röcke wachsen ließ.“ Auguste-Bertha, so hieß die Mittlere, die wir Gusti nannten, trug Tag und Nacht eine Brille mit tiefschwarzen Gläsern, erfuchtelte sich mit in der Luft rudernden Händen ihren Weg und war offensichtlich blind wie ein Maulwurf, während Edith-Georgine, kurz: Gini, am Stock ging und so hinfällig daherkam, als sei sie mit Abstand die Älteste des Trios. Ihr klappriges Skelett wurde scheinbar nur noch von gefährlich gelockerten Schräubchen zusammengehalten, die sich jeden Augenblick lösen konnten, was unweigerlich zum kompletten Zusammenbruch dieses Gespenstes führen würde. Etwas Geheimnisvolles umgab sie, denn im Gegensatz zu ihren Schwestern hörte man sie kaum schnattern. Ein stummer Blick aus wässrig verträumten Augen genügte, um ihren Willen kundzutun. Mitunter seufzte sie über die große Anzahl von Bewerbern, die sie in ihrer Jugend abgewiesen habe, und dies nur, um bei ihren Schwestern bleiben zu können. Sie hatte es mit dem Poetischen und sprach konsequent vom Lenz, nie aber vom Frühling, den Jasmin nannte sie „Schasmin“ und zu Orchester sagte sie „Orschester“. Wenn sie lächelte, was selten geschah, verschob sich ihr Gebiss, und trat man näher an sie heran, so meinte man, ein wenig „Uralt Lavendel von Lohse (1910)“ riechen zu können, mit dem sie sich bevorzugt betupfte.
Die Damen Vogelsang, wie man sie allgemein nannte und geflissentlich das „von“ übersah, womöglich weil sich „von Vogelsang“ für die einfachen Menschen aus dem Blauen Land nicht so bequem aussprechen ließ, die Damen Vogelsang also kamen jedes Jahr zur Sommerfrische und requirierten das obere Stockwerk des winzigen Häuschens der Witwe Rosa Dopfer, die eine fromme Frau war, jeden Tag zur Kommunion ging und arg darunter litt, dass ihr zweiter Dauermieter, der unverheiratete, von einem verwegenen Menjou-Bärtchen verzierte Hauptlehrer Oskar Niemeyer, stolzer Besitzer eines VW-Cabrios und angeblich der beste Tänzer weit und breit, häufig auch über Nacht Besuch von seiner unentwegt filterlose französische Zigaretten rauchenden Freundin Vera Baumeister bekam, von der man munkelte, sie sei früher in der Großstadt als Sängerin in verruchten amerikanischen Nachtclubs aufgetreten.
Und jetzt auch noch diese Damen Vogelsang. Rosa Dopfer, deren enges Treppenhaus himmelblau gestrichen war und Heiligenbildchen an Heiligenbildchen aufwies wie ein Kreuzweg mit seinen Stationen, betete einen Rosenkranz extra, aber sie brauchte das Geld. Vogelsang: der Name sprach für den Rest, und der war laut, lebhaft, ständig quasselnd, immer das Besondere, nie das Normale, immer in Bewegung, nie still sitzend, immer voller Erwartung, immer voller Ungeduld, immer grell geschminkt, immer das Schrille, und ja nichts ohne Superlativ, stets die Nase hoch und ebenso den Kopf, auch wenn der Kragen mal schmutzig war. Sie trugen Hüte groß wie Wagenräder, bestückt mit den Blumen des Feldes und festgezurrt mit aufwendigen Schals, die leicht seitwärts verschoben mit einer opulenten Schleife unter dem Kinn verknotet wurden. Sie waren eine groteske Mischung aus Anna Karenina und Adele Sandrock (in her later years). Und immer, wenn ich auf meinem alten Damenfahrrad an ihnen vorbeiflitzte und sie hurtig, aber ergebenst grüßte, riefen sie mir zu: „Erst mal Mütze runter, Junge. Und tu nich' so wüüüst!“
Drei Schwestern – wie geträumt.
Sie stammten aus jener fernen Zeit, da die „Welt noch voll wunderlicher Tanten war“, stillen und geräuschvollen, wie Siegfried von Vegesack sagt, und sie kamen schon seit vielen Jahren, und es gab niemanden im Blauen Land, der hätte sagen können, seit wann genau nun die Baronessen meinem Heimatdorf ihre Aufwartung machten. Jedenfalls kamen sie, seit ich denken konnte. In dem Jahr aber, von dem ich erzählen will, reisten sie besonders früh an. Mitte März gehörte das Dorf eigentlich noch den Wintergästen, die sich in der Frühjahrssonne ihre Bräune für die Büros in den Großstädten holten, und Mitte März war im Grunde genommen kein geeigneter Zeitpunkt für den Beginn einer Sommerfrische. Eines schönen Tages aber, es war an Josefi, trudelten die Damen wie üblich mit dem Zug ein: wie gewöhnlich mit Sack und Pack, Schrankkoffern und einer halben Armee von sperrigen Regen- und Sonnenschirmen. Die Damen beabsichtigen – wie jedes Jahr – bis zum ersten Schneefall Ende Oktober zu bleiben. Agathas Stimme übertönte den Pfiff der Lokomotive und erfüllte nicht nur das Bahnhofsgelände, sondern nahezu den ganzen Ort. Die Landärztin pflegte, sobald sie diese durchdringende Stimme nur von Ferne rufen hörte, Ovid zu zitieren und zu seufzen: „Selig sind die Zikaden, denn ihre Weiber sind stumm.“
Jedermann wunderte sich über das frühe Eintreffen der treuen Sommerfrischlerinnen, und in Windeseile verbreitete sich die Nachricht von Haus zu Haus. So schrullig die Damen Vogelsang auch wirkten und so sehr sich die Einheimischen hinter ihrem Rücken über sie lustig machten, so sehr waren sie doch andererseits wegen ihres großstädtisch vornehmen Auftretens und ihrer großzügigen Trinkgelder bei den Gastwirten, den Gemüsefrauen und Schneiderinnen im Ort geschätzt und sogar beliebt. Sie waren die Garanten für die feinere Welt des Adels und der Noblesse, denn sie unterschieden sich grundsätzlich von den üblichen Kurgästen: zum einen wegen ihres exaltierten Auftretens, zum anderen wegen ihrer Kleidung. Die Damen Vogelsang liebten es, mehrere Schichten Röcke, Pullover, Überwürfe oder Jacken übereinander zu tragen und diese, sobald sie in der Sonne saßen, Schicht um Schicht abzulegen. Es schien ihnen gänzlich gleichgültig, im seltsam rosafarbenen Unterrock und mit herunter gerollten Wollstrümpfen beim Sonnenbad erwischt zu werden. Manchmal verabredeten wir uns, um bei Sonnenaufgang die drei Sommerfrischlerinnen barfuß im Ringelreihen, mit grotesken Bewegungen in flatternden Nachthemden und gelöstem Haar über die Wiesen tanzen zu sehen. Die Hässlichkeit der zaunlattendürren Frauenkörper wurde nur noch von den bizarren Bewegungen übertroffen. Natürlich konnten die Damen nicht tanzen, sondern sie zappelten, hüpften und jauchzten, um ihrer schöpferischen Phantasie freien Lauf zu lassen. Die schrillen Misstöne bewiesen, über welch reichhaltiges Repertoire an schräg angestauten Energien diese drei Vogelscheuchen verfügten, die allmorgendlich bei ihrer seltsamen Gymnastik im Begriff waren, die Gesetze von Harmonie und Ästhetik vollständig neu und nach ihrem Willen und ihrer ureigenen Vorstellung zu definieren. Damit verkörperten sie alles, was den Bewohnern des Blauen Landes hexenhaft fremd und geradezu furchteinflößend war, doch beabsichtigten sie damit keinesfalls, die Leute vor den Kopf zu stoßen, weswegen man sie auch – gelegentlich kopfschüttelnd – gewähren ließ. Schließlich wurden auch die morgendlichen Tänze zur Gewohnheit, und zuletzt kümmerte sich keine Seele mehr darum. Von meiner Tante Mirtel erfuhr ich, dass die Damen Vogelsang ihren exzentrischen Tanzpantomimen Namen gaben, die schwer zu deuten waren: „Vom Auto überfahrener Mann“, „Wasserleiche“ oder „Frühlingsopfer.“ Der bisweilen scheinbar gänzlich unmotivierte ruckartige Wechsel zwischen Verrenkung und Innehalten, Bewegungslosigkeit und wildem Zucken etwa mit dem Titel „Tote Grille“ oder wildem Geflatter und Wehen mit den Nachthemden unter dem Motto „Die Schwalben erwachen“ ließ uns Knaben, die wir hinter Büschen lauerten, angesichts der ekstatischen und leicht bekleideten Turnerinnen die Mäuler offenstehen.
Unternahmen die Damen Vogelsang eine Wanderung, so schleppten sie nicht nur gewaltige Rucksäcke und Unmengen von Proviant wie Haferflocken und Zwieback mit sich, als gelte es, wochenlang im Gebirge zu überwintern, sondern jede der drei Schwestern stützte sich auch auf einen mächtigen Haselnuss-Stock, der ihnen als „Gebirgsstange“ geläufig war. Das genagelte Schuhwerk hätte zweifellos auch eine Durchquerung der Wüste Gobi überstanden.
Die Damen Vogelsang reisten von weither. Sie kamen von Irgendwo aus dem hohen Norden, wobei sie allergrößten Wert darauf legten, nicht aus jener Stadt zu stammen, in der sie augenblicklich „zu leben gezwungen“ seien, wie sie opernhaft anmerkten. In Wirklichkeit, so betonten sie gebetsmühlenartig, stammten sie aus dem Baltikum. Darunter konnte sich zwar in meinem Heimatdorf niemand etwas vorstellen, doch man war sich einig darin, dass dieses Baltikum sehr weit weg sein müsse, wofür allein schon die seltsame Aussprache bürge, die man dort der deutschen Sprache angedeihen lasse. Jemand will vom Apotheker gehört haben, das Baltikum, auch genannt „Die kalte Heimat“, grenze an Russland, ja es sei gewissermaßen ein Teil Russlands, und zwar des Zarenreiches, das es heute gar nicht mehr gebe. Die anderen beiden Stichworte, die als ungefähre geographische Koordinaten herhalten mussten, lauteten „Ostsee“ und „Kurische Nehrung.“ Und diese hätten für einen aus dem Blauen Land auch auf dem Mond liegen können.
Das Auftreten der Damen Vogelsang durchlitt meine Tante mit dem ihr eigenen Anstand, aber sie wirkte dabei wie eine Mater Dolorosa, und sie zog ein Gesicht, als trage sie nun den ganzen langen Sommer über eine Dornenkrone auf ihrem Haupt. Sobald die Damen in ihrer Sprechstunde aufkreuzten, und es war jedes Mal ein bühnenreifer Auftritt, verbreiteten sie eine operettenhafte Feierlichkeit, als handle es sich um eine exquisite Gesellschaft schnatternder Ladies aus dem diplomatischen Corps, die mit nichts anderem beschäftigt schienen als dem neuesten Klatsch vom Wiener Kongress.
Dieser Hang zum Repräsentativen verwandelte jeden, der auch nur in die Nähe dieser Sommerfrischlerinnen trat. Selbst ich bewegte mich, als bekleide ich das Amt eines Pagen an einem kaiserlichen Hof, und es hat nicht wenig gefehlt, und ich hätte meine Tante mit Exzellenz angesprochen. Sie jedoch war vollauf damit beschäftigt, hinter ihrer wohlerzogenen Form der Höflichkeit ihren sanften Spott zu verbergen. Nur gelegentlich konnte man mit feinem Ohr einen unterirdisch rollenden und grollenden Zorn aus ihren Komplimenten heraushören. Die Damen Vogelsang freilich sprachen von ihr, die sie die „Madam Kurärztin“ nannten, stets respektvoll als von einer Frau, der man die Noblesse bereits an der tadellosen Bügelfalte ihres weißen Kittels ansehe. Und obgleich die Damen Vogelsang durchaus für die Erkenntnis standen, dass Misserfolg die Menschen einsam macht, brachten sie es doch mit ihren theatralisch verwirbelten Auftritten jedes Jahr fertigt, das Dorf in dem Blauen Land in ein Seebad mit dem Flair von Ostende und dem Zuschnitt von Deauville zu verwandeln.
Ihre letzte, wahrhaft große Szene hatten die Damen Vogelsang, als mit mächtigem Pomp, vielen Kreuzen und noch mehr Fahnen der Geistliche Rat Köberle zu Grabe getragen wurde. Er starb in jenem Sommer einen ihm durchaus angemessenen Tod, ganz im Gegenteil zu dem Bergführer Rindfleisch, der zwar die steilsten und gefährlichsten Gipfel der Heimat erklommen hatte, in einer Winternacht aber, als er gut abgefüllt aus dem „Adler“ gewankt und ihn inmitten der prächtigen weißen Winterlandschaft mit ihrer meterhohen Schneedecke ein Bedürfnis angekommen war, dem er auf der Stelle nachgab. Zu seinem Unglück freilich war ihm die Natur justament mitten auf dem verschneiten Bahngleis gekommen, und da der Schnee bekanntlich nicht nur alles zudeckt, sondern auch jedes noch so kleine Geräusch schluckt, hatte der in archaischer Hocke befindliche Rindfleisch, der Gipfelstürmer mit herabgelassener Hose, vermutlich aus wetterfestem Trenkercord, den letzten Schienenbus aus Tirol nicht kommen gehört, und auch der Lokführer hatte, seiner späteren Aussage zufolge, bei dichtem Schneefall die zusammengekauerte, yetihaft schneeumwehte Gestalt zu spät erkannt und nicht mehr rechtzeitig bremsen können. Meine eilends herbeigerufene Tante konnte nur noch beim Zusammensuchen der weithin verstreuten Rindfleischreste helfen, wohingegen sie beim Geistlichen Rat Köberle, zu dem sie von dessen Zölibatesse gerufen worden war, durchaus noch ihre ärztliche Kunst anwenden musste, denn der geweihte Herr war, nachdem er mit eben jenem letzten Zug aus dem Tirol gekommen war, der schon dem Bergführer Rindfleisch zum Verhängnis geworden war, und unter Absingen seines Dreigesangs von „Die Wacht am Rhein“, „Meerstern, ich dich grüße“ und „Völker hört die Signale“ glücklich schwankend seinen Pfarrhof erreicht hatte, schließlich im Vollrausch bei der letzten Inspektion seines stolzen Viehbestandes vom Heustock gefallen.
Seinerzeit gehörte zum Pfarrhof noch eine eigene bescheidene Landwirtschaft mit zwei, drei Kühen, einer Handvoll Hühner, ein paar Streuobstwiesen und moorige Heuschläge. Besorgt wurde diese Ökonomie von der Pfarrhaushälterin, zumeist eine leibliche Schwester oder nähere Verwandte des hohen Herrn. Der Geistliche Rat Köberle pflegte täglich am Nachmittag mit dem Zug nach Tirol zu fahren, bis zur ersten Station nach der Grenze mit dem einladenden Namen Schönbichl. Die Station bestand aus einem Wirtshaus, in dem jener Südtiroler Rote ausgeschenkt wurde, der Köberle immer mehr und mehr und noch mehr mundete. Wenn es im Himmel keinen Südtiroler Roten gebe, soll er gerne gesagt haben, dann pfeife er auf die ganze Seligkeit. Mit dem letzten Zug ging's dann nach bester geistiger Abfüllung zurück. Und da der Geistliche Rat Köberle ein gewissenhafter Mann war, wollte er in der Nacht noch nach dem Vieh sehen, hat aber wohl unter dem teuflischen Einfluss des Alkohols das Stockwerk verwechselt, hat, vom Gottseibeiuns ge- und verführt, die falsche Tür geöffnet und ist mit seinen gut zwei Zentnern Fastenpredigerkampfgewicht den Gesetzen der Schwerkraft folgend und möglicherweise begleitet von einer letzten mit Stentorstimme geschmetterten Anrufung aller Heiligen auf dem Steinboden der Tenne gelandet und hat sich das Genick gebrochen, wie mein Tante medizinisch fachkundig diagnostiziert hat. Da lag nun unser Monsignore in seinem Blute, das farblich vorzüglich zu der Farbe der rot paspelierten Knopflöcher seiner Soutane passte: ein Phänomen, das unter uns Messdienern ohne spezielle medizinische Vorkenntnisse schlicht als Knopflochentzündung bekannt war.
Bei der Beerdigung war das gesamte Blaue Land auf den Beinen. Meine Tante, die den Totenschein ausgestellt hatte, durfte nicht fehlen. Sie führte als Fahnenjunker, flankiert von zwei weißbärtigen Adjutanten, die Ehrenformation des Veteranenvereins an, denn auch sie hatte am Krieg teilgenommen. Gleich nach der leiblichen Schwester des Toten und den Geistlichen Würdenträgern der näheren und weiteren Umgebung kamen die Nonnen, von denen jede für sich schon physiognomisch ein eigener Trauerzug war. Dann folgte die Abordnung des Katholischen Frauenbundes. Sie wurde von niemand anderem angeführt als von den Damen Vogelsang, die nicht nur quer über ihre wallenden schwarzen Gewänder eine gestärkte, überbreite schwarze Schärpe trugen, sondern auch noch am linken Oberarm einen seidenen Trauerflor im Winde wehen ließen, der mit einer ebenso opulenten wie kunstvoll geknüpften Schleife versehen war. So sehr waren diese drei Damen, die man auf der Stelle für die Vorsitzenden der Zölibatessengewerkschaft hätte halten können, in die Geschehnisse des Blauen Landes verstrickt, dass es nahezu unvorstellbar gewesen wäre, die Leiche des Geistlichen Rates Köberle ohne deren vom Weihrauch großer Tragödien und pompöser Schicksale getränkte Anteilnahme mit sechs Böllerschüssen in die Ewigkeit zu schießen: sechs Schüsse deshalb, weil Köberle, ein Thulserner von altem Schrot und Korn, beide Weltkriege aktiv erlebt hatte – also drei Schuss pro Weltkrieg. Das war das Optimum. Mehr gab es nicht. Nicht einmal für Träger des EK I.
Das galt aber nur für Beerdigungen. Der Sommer, in dem Monsignore Köberle vom Heustock direkt in die Ewigkeit fiel, war auch der Sommer einer großen Entdeckung. Zusammen mit einigen Schulkameraden fand ich nämlich ein hübsches Waffenlager, das uns die SS zur Verfügung gestellt hatte, ehe sie sich der Übermacht unter Panzergeneral Patton ergab. Genauer gesagt handelte es sich um einige Kisten mit Karabinern, Handgranaten, MG-Munition und einer Panzerfaust. Da wir uns für ausgewiesene Waffenexperten hielten und jeder den anderen mit noch genaueren Kenntnissen über die Handhabung übertreffen wollte, versuchten wir zunächst, die Handgranaten beim Forellenfischen einzusetzen. Den Ring ziehen, bis drei zählen, werfen. Die jeweils entstehende Wasserfontäne war in jedem Fall höher als der anglerische Ertrag. Bei den Karabinern stellten wir zu unserem größten Bedauern fest, dass deren Repetier-Schlösser eingerostet waren. Blieben nur noch die Panzerfaust und die MG-Munition. Aufgrund einer unverzeihlichen Indiskretion seitens eines geschwätzigen Kameraden, der sich wichtigmachen wollte und den Mund nicht halten konnte, gelangte das Geheimwissen jedoch an meine Tante Mirtel, die sogleich die SS-Rückstände requirierte und wegsperrte, uns in einer Reihe antreten ließ und uns anfänglich ganz leise, schließlich aber mit unglaublichem Kasernenhofgebrüll zur Sau machte. Nie zuvor und auch nie mehr danach habe ich diese Frau derart in Rage erlebt. Was sie besonders herausstrich war der Umstand, dass wir soeben im Begriff waren, die MG-Munition auf einen Amboss zu legen, um unter Aufbietung aller gemeinsamen Kräfte, denn nur gemeinsam waren wir stark, den schweren Vorschlaghammer darauf hernieder fahren zu lassen. Dazu hätte Radio Beromünster den Schlager des Sommers gespielt: „Kein Land kann schöner sein“, gesungen von René Carol. Hierzu passend besonders die markante Strophe, in der es heißt: „Und in den Wäldern, da hört man's raunen, bald kommt sie wieder, die alte Zeit.“
Mir jedoch gefiel seinerzeit „Tiritomba“ viel besser, gesungen von Margot Eskens. Bei einer Strophe musste ich stets ein wenig schlucken, wenn es hieß: „Eines Tages aber kam er nicht mehr wieder, es verklangen all die Lieder.“ Überhaupt: Margot Eskens, eine sanftäugige Zahnarzthelferin aus dem Rheinland, die nunmehr die Titelseiten der Illustrierten des Lesezirkels schmückte und deren Blick jenen nebulösen Hang zum Melancholischen verhieß, der einem in der Pubertät bisweilen so gut tut. Sie wurde mein erster heimlicher Schwarm. Margot Eskens! Das war schon ein anderes Kaliber als die Damen Vogelsang mit ihrem herben Ostsee-Charme, der vermutlich auf nichts anderem beruhte als auf einer gewissen adeligen Einfältigkeit, wie sie heute nicht einmal mehr den blaublütigen Gattinnen pomadiger Politiker zur Verfügung steht.
Als dann die Damen Vogelsang im Spätherbst mit dem üblichen Getöse, den mehrfach vom Karren polternden Schrankkoffern, dem hektischen Suchen nach Regenschirmen und Fahrkarten und unter Anteilnahme der Blaskapelle sowie einer Ehrenabordnung der Freiwilligen Feuerwehr wieder abreisten, schwiegen auf einmal die sonst den ganzen Sommer über zirpenden Grillen, und die Schwalben, die so hoch geflogen waren, kehrten im nächsten Frühjahr ebenso wenig zurück wie die Damen aus dem Baltikum. Kein Zweifel: die drei Ladies haben sie mit sich genommen, und mit den Grillen und den Schwalben zugleich den Zauber meiner Kindheitssommer.
Was ich damals nur dunkel ahnen konnte, kann ich heute mit hundertprozentiger Gewissheit beschwören: Solche Bäume wachsen nicht mehr. Diese mir unvergesslichen Damen Vogelsang haben sich in das Schicksalswissen, einer untergehenden Spezies anzugehören, hineingewickelt wie in ihre zahllos übereinander getragenen rosafarbenen Unterröcke und wehenden Reformgewänder. Und sie trugen dieses Wissen mit der ihnen eigenen Würde. In ihrem Stolz wussten sie, dass bald die ganze Welt über sie hinweg trampeln würde, denn mit diesen drei liebenswerten Vogelscheuchen irgendwo aus dem hohen Norden, von denen niemand weiß, was aus ihnen geworden ist, starb eine ganz bestimmte Gattung der Sommerfrischler. Es war jene Spezies, die in Habitus und Kleidung einem geheimnisvollen Ritual gefolgt war, das mit seinem bescheidenen Glanz für jeden heutigen Touristen und dessen verwöhnte Ansprüche ein ewiges Enigma bleiben wird. Das bezaubernd Rätselhafte daran liegt nämlich weit jenseits der Verstehensgrenze jener, die sich zwar unendlich wichtig vorkommen, dabei aber ihre eigene Bedeutungslosigkeit so wenig erkennen wie ihre Vulgarität.
Madame Schaumlöffl
Ungelogen: Sie hieß wirklich Schaumlöffl, Maria Magdalena Schaumlöffl, und sie war das einzige Kind des Zuckerbäckers August Schaumlöffl und seiner Ehefrau Martha, geborene Sterzel. Wer damit angefangen hat, das Fräulein Schaumlöffl mit Madame anzusprechen, ist heute nicht mehr mit hundertprozentiger Sicherheit zu eruieren. Möglicherweise hatte meine Tante Mirtel die Hände im Spiel, denn sie liebte solche Spötteleien. Genaues weiß man nicht, aber ich habe da so einiges munkeln hören. Und es wäre auch nicht die erste Angelegenheit gewesen, bei der sie im Hintergrund nicht tüchtig mitgemischt hätte. Fest steht nur, dass sich diese Form der Anrede rasch etablierte und, wie übereinstimmend befunden wurde, der Respekt gebietenden Erscheinung der tüchtigen Geschäftsfrau sogar durchaus angemessen war.
Madame Schaumlöffl also, eine glänzend im Strumpf stehende Enddreißigerin, die wie eine resche Mittzwanzigerin aussah, war durch Schleckereien reich geworden. Sie hatte bei ihrem Vater, einem weithin angesehenen Zuckerbäcker, das Handwerk gründlich gelernt und eines Tages, als der Alte begann, die Zutaten zu verwechseln, das elterliche Geschäft übernommen und zu dem gemacht, was es heute in der Welt der Feinschmecker ist: ein Begriff. Wo immer Madame Schaumlöffl aufkreuzte, und es gab eine Zeit, in der sie kein gesellschaftliches Ereignis zwischen Bayreuth und Salzburg ausließ, tuschelte man nicht nur über ihr fabelhaftes Aussehen, denn sie war so gesund und rotbackig wie ein Mädel vom Land, sondern auch über den Umstand, dass Madame Schaumlöffl nie geheiratet hat, also eigentlich eine Mademoiselle Schaumlöffl war.
Ihre große Liebe, der Patissier Jacques, erster Geselle ihres Vaters, ein hochbegabter Franzose aus Savoyen, von dem sie nur den Vornamen kannte, hatte sich, obgleich er ihr mit allerlei französischen Schöntuereien die Ehe versprochen, kurz vor Bestellung des Aufgebotes mit der Ladenkasse auf Nimmerwiedersehen aus dem Staub gemacht, so dass die auf schnöde Weise Sitzengelassene nie den vollen Namen ihres Angebeteten erfuhr, denn selbstverständlich waren seine nachlässig zurückgelassenen Papiere gefälscht. So blieb sie also ledig, konzentrierte sich umso eifriger auf das Geschäft, stellte nur noch italienische Gesellen ein und machte ihrem sprechenden Namen mehr und mehr Ehre.
Bis sie eines Tages auf Stefano Lavarone stieß, einen Reisenden in Sachen Damenunterwäsche. Dieser Bonvivant aus Mailand führte nur feinste, hauchdünne Modelle in seinem Musterkoffer mit sich, eines sündhafter, ja verruchter als das andere, und samt und sonders französische Marken, die nicht nur für Qualität, sondern auch für hohe Preise bürgten und die auszusprechen einem die Schamröte über die Zunge trieben.
Wie Lavarone es angestellt hat, dass ihn Madame Schaumlöffl bei sich zu Hause empfing, ist nicht bekannt geworden. Auffällig war nur, dass er bereits nach dem zweiten Besuch bei ihr übernachtete. Im Gästezimmer, wie sie ausdrücklich gegenüber ihren Freundinnen betonte, mit denen sie sich, so oft es ihre Geschäfte zuließen, zum Kaffeekränzchen traf.
Lavarone freilich war ein Hallodri. Das sah man ihm auf Anhieb an: souveränes Auftreten, geschmeidige Bewegungen, glutvolle Augen, Brillantine im Haar, ein gepflegtes Menjou-Bärtchen, elegantes Äußeres und einen schmachtenden Blick, mit dem er offenbar jede Frau für sich und sein ebenso kostspieliges wie leicht frivoles Angebot einnehmen konnte. Er sprach Deutsch mit einem italienischen Akzent, was für sein Geschäft zweifellos einträglicher war als lupenreines Hochdeutsch mit hannoveraner Einschlag. Wenn er beispielsweise das Wort Mieder aussprach, hatte man den Eindruck, er parliere nicht nur von der Verpackung, sondern auch gleich vom Inhalt. Dabei setzte er vor allem seine in der Luft allerlei Gestalten formenden Hände ein, gestikulierte herum, fuchtelte, deutete, schmeichelte, speichelte, streichelte, ließ seine gepflegten Finger wie ein Paganini spielen, wedelte und tätschelte, als gelte es, dem Teufel eine Seele zu gewinnen. Er konnte einem einen Knopf ans Ohr quasseln: ein typischer Vertreter eben.
Was er Madame Schaumlöffl alles aufgeschwatzt und angedreht hat, konnte man nur ahnen, wenn gelegentlich – wie aus purem Zufall – irgendwo eine zarte Spitze hervorlugte, denn die Dame hielt sich strikt an das Eisberg-Prinzip: der wichtigste Teil blieb unsichtbar. Hin und wieder glaubte man auch, ein geheimnisvolles seidenes Rascheln zu vernehmen, wenn Madame sich bückte oder auf eine Staffelei stieg, um aus den oberen Regalen etwas herunterzuholen. Sobald man jedoch dieses Geknisters gewahr wurde, dachte man unwillkürlich an Stefano Lavarone, und man hatte das Bedürfnis, umgehend die Beichte abzulegen.
Der Milanese war nämlich, nicht wie sonst üblich, nach wenigen Tagen des Aufenthaltes im Blauen Land weitergezogen, sondern er war geblieben. Und zwar im Hause der Madame Schaumlöffl, und es hatte nicht lange gedauert, bis er bei den Honoratioren am Stammtisch einen festen Platz erobert hatte und naturgemäß das große Wort führte. Dabei ging es – außer in einigen frivolen Herrenwitzen zu vorgerückter Stunde – nicht mehr um Damenunterwäsche, sondern um Grundstücke, und es sollte sich herausstellen, dass besagter Lavarone auch dafür einen Riecher hatte. Zunächst vermittelte er Wohnungen zu Freundschaftspreisen: unter der Hand, versteht sich. Kein halbes Jahr später hatte er bereits ein kleines Büro, schaffte sich eine energische Sekretärin an, die das Telefon bediente, und betrieb einen schwunghaften Handel mit einer neuen Mode, die sich Ferienwohnungen nannte, zu der auch Urlaub auf dem Bauernhof kam. Längst hatte Lavarone einen Sitz im Gemeinderat und saß, wie praktisch, dem Bauausschuss vor. Als der Vorsitzende des Skiklubs von einem Herzinfarkt gefällt wurde, rückte der selbstlose Italiener nach und sorgte dafür, dass sich nicht nur neue Skilifte in die Steilhänge fraßen, sondern auch namhafte Wettkämpfe ins Blaue Land kamen, die via Fernsehen in alle Welt übertragen wurden. Da es aber beim Wintersport bedauernswerterweise immer wieder zu Knochenbrüchen kam, verfiel die Gemeinde auf die glorreiche Idee, eine Spezialklinik mit angeschlossenem ReHa-Zentrum zu bauen. Dafür infrage kam aber kein kommunaler, sondern ein privater Bauträger. Wie dieser heißen sollte, war kein Geheimnis. Die Bäume des Stefano Lavarone schienen in den Himmel zu wachsen, und Madame Schaumlöffl, die auch nach der pompösen Hochzeit mit weißer Kutsche, Schimmeln und beinahe kirchturmhoher Torte weiterhin ihre Zuckerbäckerei betrieb, zu der sich mittlerweile zahlreiche Filialen gesellt hatten, wurde immer runder, rotbackiger und stolzer.
Was einzig fehlte war ein Bambino, ein Stammhalter, obwohl der Italiener hundertfach versprochen hatte, seiner Angebeteten zu zeigen, wie man Tango im Liegen tanzt. Ein Knäblein sollte es werden, das einmal übernehmen sollte, wofür sich seine Erzeuger krumm gelegt hatten. Doch ein solcher Kronprinz wollte und wollte sich, porca miseria, nicht einstellen.
Angesichts dieses einzigen Wermutstropfens im Goldpokal des Schaumlöffl-Lavarone-Kartells meldete sich, zuerst ganz zart, so etwas wie Trübsal im Gemüt der Rotwangigen. Die Trübsal nahm, wie Madame, zu, denn Madame begann, Pillen zu schlucken, die ihr ob einer beginnenden Schwermut die Frauenärztin verordnet hatte. Doch alles was beruhigt, macht dick, hatte die Frau Doktor dunkel aber wahrheitsgetreu geraunt, und so geriet Madame Schaumlöffl allmählich zur Madame Dampfnudel. Die fachärztliche Erkenntnis, dass die Kinderlosigkeit nicht etwa ihrer weiblichen Infertilität geschuldet war, sondern am kalten Samen von Signore Lavarone lag, erschütterte die geschäftlich überaus erfolgreiche Zuckerbäckerin zutiefst. Dieser ganz mit seinen diversen Posten, Pöstchen und Gschaftlhubereien, sehr diskret freilich auch mit seiner neuen Sekretärin beschäftigte Tausendsassa hielt das für eine glatte Fehldiagnose meiner Tante Mirtel, unterstellte ihr überdies allerlei böse Absichten und Hintergedanken, nannte sie selbst eine vertrocknete Spinatwachtel, und begann, sich – als Gegenbeweis – hormonell auszutoben, so dass ihm bald der Spitzname „Häuptling offene Hose“ vorauseilte. Weibliches Personal wollte nicht länger mit ihm alleine im Treppenhaus sein. Dafür stieg sein Ansehen an den Stammtischen, und es wirkte sich auf die Inhalte sowie die sprachliche Ausgestaltung diverser Herren- und Kasinowitzchen aus.
Auf dem Höhepunkt seiner wirtschaftlichen und politischen Karriere, als schon der Einzug in den Bayerischen Landtag unmittelbar bevorstand, welchselbiger nur als eine Vorstufe zum Rang eines Staatssekretärs oder gar Ministers gedacht war, ereilte Stefano Lavarone, den gelernten Hausierer in Sachen Damenunterwäsche, ein schwerer Schicksalsschlag in Gestalt einer frühreifen Fünfzehnjährigen, deren geradezu sensationell zu nennende körperliche Entwicklung zahlreiche Herren der Gemeinde wohlwollend und aufmerksam beobachtet und naturgemäß wortreich mit einschlägiger Terminologie kommentiert hatten.
Das überwiegend kurzberockte Wesen mit unendlichem langem, edel geformtem Fahrgestell und beträchtlich ausgefüllten Pullovern respektive Blusen war als Lehrmädel in der Zuckerbäckerei von Madame Schaumlöffl angestellt. Dorthin aber, wohin es den Milanese zog, ruhte die Hand des Staatsanwaltes, die der Südländer in rauschhafter Wallung flugs beiseiteschob, denn ihm war noch kein noch so enges Tor verschlossen geblieben.
Wer hier wen wozu verführt haben mag, bleibe dahingestellt. Jedenfalls stellte meine Tante Mirtel als Hausärztin von Madame Schaumlöffl, die sich von Anfang an aus einem angeborenen mütterlichen Instinkt heraus des naiven Vögelchens angenommen hatte, nach einer kurzen Untersuchung routiniert und zweifelsfrei fest, dass ein Braten in der Röhre, Nachwuchs in Sicht und das junge Ding in der Hoffnung war.
Lavarone, der unter Heulen und Haareraufen ein melodramatisches häusliches Geständnis ablegte und dabei den Verführten, ja den Hereingelegten mimte, schlug seiner Holden vor, das Lehrmädel zu adoptieren, doch Madame Schaumlöffl lehnte es ab, auf einen Schlag Mutter und Großmutter zugleich zu werden, denn immerhin würde Lavarone dann seine – wenn auch adoptierte – Tochter geschwängert haben.
Im Blauen Land bleibt ein Geheimnis nicht lange geheim. Als die Sache ruchbar wurde und staatsanwaltliche Briefe ins Haus flatterten, legte der Gemeinderat dem Vorsitzenden des Bauausschusses nahe, von seinem Amt zurückzutreten. Überhaupt wurde das Wort „Rücktritt“ jetzt der wichtigste Begriff in der einstmals so steil bergauf führenden Karriere des Stefano Lavarone. Es ging nämlich von jetzt auf gleich bergab. Und zwar rasant. Binnen Jahresfrist kam es nicht nur zu einer Taufe, sondern auch zu einem Gerichtsverfahren, dem ein Scheidungsprozess folgte.
Madame Schaumlöffl nahm die junge Mutter und deren Leibesfrucht, einen prachtvollen glutäugigen Jungen mit südländischem Einschlag, unter ihre großmütterlichen Fittiche, fühlte sich endlich am Ziel ihrer fraulichen Wünsche, denn sie hatte nun Kind und Kindeskind, die Nachfolge der Zuckerbäckerei war gesichert, das vormals naive Vögelchen entwickelte sich zur tüchtigen Geschäftsfrau, blieb solide und schickte ihren Sprössling mit Omas finanzkräftiger Unterstützung bald auf ein teures Internat irgendwo am Genfer See.
Lavarone wurde verurteilt, nahm das Urteil unter Heulen und Zähneknirschen an, verzichtete auf Revision, erhielt jedoch nie Besuch im Gefängnis, wo er sich bald die einflussreiche Position eines Kalfaktors erquasselte. Nachdem er seine Strafe abgesessen hatte, verließ er um etliche Jahre und einige Erfahrungen reicher das Blaue Land just mit jenem Musterkoffer in der Hand, mit dem er einst eingezogen war. Man hat nie mehr etwas von dem Mann mit der flinken Zunge gehört, denn die Zeit der Hausierer in Sachen Damenunterwäsche war abgelaufen.
Furi
Furi heißt man nicht, Furi war nur der Spitzname. Der richtige Name von Furi war Siegfried: wie zum Hohn, denn er war alles andere als ein blonder germanischer Held und Nibelunge. Er war ein zaunlattendürres Büblein mit einem blassen Gesicht, das wie aus Knetmasse schien und aus dem ungewöhnlich brennende Augen leuchteten, die in merkwürdigem Kontrast zu einem abscheulich fuchsroten Haarschopf standen, der in diversen Wirbeln aus einem offensichtlich zu klein gebliebenen Schädel spross. Mit seinen Eltern wohnte er über der Freibank, wo es nach Schweineblut roch und nach frisch Geschlachtetem. Man hätte meinen können, Furis Vater sei der bei der Gemeinde angestellte Metzger gewesen, dem eine Dienstwohnung unmittelbar über seinem Arbeitsplatz zustand, doch dieser Mann war mit nur einem Arm aus dem Krieg heimgekehrt und übte jetzt einen der am tiefsten verachteten Berufe aus. Er war Fremdenführer. Ein einarmiger Fremdenführer, der den Kurgästen im stets ein wenig feuchtfröhlich klingenden rheinländischen Singsang die erbärmlichen Sehenswürdigkeiten des Ortes, worunter eine Burgruine sowie eine zerfallende Hammerschmiede zählten, und den kürzesten Weg zwischen den Gasthöfen zeigte. Das kam in Rang und Ansehen gleich hinter Zigeuner, Scherenschleifer, Kesselflicker und Abdecker. Und die Wohnung über der Freibank gehörte bei der Gemeindeverwaltung zur Abteilung Armenhaus.
Seinen Spitznamen verdankte Furi nicht etwa jenem schwarzen Pferd, das seinerzeit erstmals in die deutschen Wohnzimmer galoppierte, in denen bereits ein Köter namens Lassie neben dem ewig schwadronierenden Luis Trenker und seinem Geschwafel vom Herrgott und der Steilwand Raum gegriffen hatte. Nein, der schmächtige Siegfried, den die stolzen und reichen Bauernsöhne des Ortes einen Magermilchkrüppel nannten, hieß Furi, weil sein Familienname Fuhrmann lautete. Ein Fuhrmann aber konnte nur ein Bauer mit einem eigenen Gaul sein, und davon war der einarmige Fremdenführer unerreichbar weit entfernt. So wurde aus dem Fuhrmann eben bloß ein Furi, dessen gleichfalls magere und stets kränkliche Mutter in den Wirtshäusern spülte und die Latrinen reinigte.
Es war damals üblich, alles, was nicht aus dem Dorf stammte, klein zu machen, aber auf die Idee, den Siegfried beispielsweise auf einen Siggi zu stutzen, ist keiner gekommen. Diejenigen, die man verachtete, die nannte man beim Familiennamen. Die christlichen Vornamen blieben den Besitzern der Felder, der Wälder und der Fremdenpensionen vorbehalten. Wer etwas besaß, der hatte auch einen Vornamen. Etwas zu besitzen war eben die Voraussetzung dafür. Ohne Besitz blieb man namenlos, und statt des verballhornten Familiennamens hätte es auch die Hausnummer getan, aber die Freibank hatte keine Hausnummer, denn sie war ja nichts weiter als eine gemeindeeigene Einrichtung zum Verkauf von minderwertigem, deshalb im Preis erheblich herabgesetztem Fleisch, das sich Notschlachtungen verdankte. Der Fleischbeschauer, meist der Bezirksveterinär, hat es in der Regel nur als „bedingt tauglich“ eingestuft, und was nicht über die Ladentheke ging, wurde zu Hundefutter verarbeitet. Gekauft wurde das billige Freibankfleisch von den kleinen alten Leuten mit den schmalen Kriegs- und Versehrtenrenten, Armenhäuslern mithin, die dafür auch noch Schlange stehen mussten, damit auch jeder sie begaffen konnte.
Furis Vater hat die Sommerfrischler freilich nie in die Gegend geführt, in der er gewohnt hat. Er schwärmte lieber von der Majestät der Alpen und hatte durchaus ein Auge für eine weibliche Frohnatur in seiner Kundschaft. Und eine war garantiert immer dabei. Furi war arglos und folgsam, seine Schrift war sorgfältig aus Angst davor, etwas falsch zu machen, freilich tat er sich ein wenig schwer mit dem Rechnen, schrieb dafür aber mit geschmeidigen Worten phantasievolle Aufsätze und erzählte darin von Höhlen, in denen sich Truhen mit Golddukaten stapelten, er schwärmte von fernen Juweleninseln, von Sklavenkarawanen, Halbblutindianern, von Trapper Geierschnabel, der Pyramide des Sonnengotts, von Satan und Ischariot und von allem, was er in seiner kindlichen Vorstellungskraft miteinander verknüpfen konnte. Furi las nämlich viel, ja, er las fast pausenlos, und zwar mit Vorliebe das, was der Pfarrer im Religionsunterricht als Schundliteratur bezeichnet hatte. Doch Furi blieb mit seinen zwölf oder dreizehn Jahren davon seltsam unbeeindruckt und hielt sich an den dickleibigen, eng bedruckten Schmökern fest, die er unter der Bank versteckte oder im Schulranzen mit sich herumtrug und deren Titel er schneller herschnurren konnte als das Confiteor in der Messe: „Confiteor Deo omnipotenti et vobis, fratres, quia peccavi nimis cogitatione, verbo, opere et omissione …“ Was da auf den Buchdeckeln stand, klang allemal weitaus geheimnisvoller: „Durch die Wüste“, „Durchs wilde Kurdistan“, „Von Bagdad nach Stambul“, „In den Schluchten des Balkan“, „Durch das Land der Skipetaren“ … Mit diesen magischen Worten schien Furi imstande, die Erdachse zu verschieben. Aber woher kamen die Bücher? Es lag doch auf der Hand, dass sich eine Spülerin oder ein einarmiger Fremdenführer keine Bücher leisten konnten, und seien es noch so windig gebundene Exemplare. Woher stammten sie also? Hatte Furi sie geklaut? Aber wo? Wer in aller Welt hätte im Blauen Land solche Schwarten besitzen sollen, die vom Tal des Todes erzählten, von Derwischen, dem Löwen der Blutrache, dem Sand des Verderbens oder vom Rio de la Plata? Was war das überhaupt: Rio de la Plata?
Furi trug eine Brille, natürlich mit Kassengestell und wurde deshalb gelegentlich auch Brillenschlange gerufen. Wenn er las, schienen die dicken Gläser anzulaufen, und man hätte glauben können, das schmächtige Bürschlein entziffere die Buchstaben wie durch einen Nebel, aber das Beschlagen der Brille rührte vom Eifer der Lektüre, welcher die Knabenstirn über Gebühr erhitzte. Ansehen erwarb sich Furi nicht mit seiner Leidenschaft – im Gegenteil. Wenn einer sportlich eine Flasche war und weder für die Elite, die Fußballmannschaft gewählt noch aufgestellt werden konnte, dann taugte er nur noch dazu, gehänselt zu werden. Wozu wäre so ein Magermilchkrüppel auch sonst gut gewesen? Dürr, rothaarig, Brillenschlange: das genügte. Und dann auch noch diese Bücher. Also machten sich die Bauernsöhne einen Spaß daraus, Furi nach der Schule tüchtig zu verprügeln. Die Lust, den Schwachen zu peinigen, entwickelte sich zur neuen Sportart. Nur die Champions blieben dieselben, die auch den Fußball dominierten. Schon während der großen Pause hatten sie Furi aus nichtigem Grund angerempelt und ihm befohlen, sein Butterbrot in den Dreck zu werfen. Weil er sich standhaft geweigert hatte, war einem von den Größeren einfach die Hand ausgerutscht und derart heftig klatschend in Furis Gesicht gelandet, dass seine Stulle ganz ohne sein Zutun auf den Schulhof flog. Der Lehrer war dazu gestoßen, hatte Furi sogleich an den Ohren gezogen und ihm die Leviten gelesen: er solle sich schämen, derart verächtlich mit Brot umzugehen. Kinder in Afrika würden dankbar sein … Furi war gar nicht dazu gekommen, den wahren Hergang zu erklären, denn der Lehrer glaubte ihm ohnehin kein Wort. Wer blass und rothaarig war, von der Freibank kam, wer einen einarmigen Fremdenführer als Vater hatte und als Mutter eine, die Latrinen säuberte, wer sich überdies noch anmaßte, Bücher zu lesen, dem konnte man nicht glauben. Der log, sobald er sein Maul auftat. So kam es, dass Furi außer seinen Büchern keine Freunde hatte. Die Mitschüler verspotteten ihn, sie schalten ihn einen Lügner, wenn er von der Sklavenkarawane erzählte oder vom Sand des Verderbens, wenn er die Derwische tanzen ließ oder die Pyramide des Sonnengotts bestieg. Und wer lügt, dem war alles Schlechte zuzutrauen. Der Pfarrer hatte sie mit diesen Worten gewarnt: „Wer lügt, der stiehlt und kommt in d'Höll und wird des Teufels G'sell.“ Daraus folgte: Furi musste seine Bücher gestohlen haben. Aber er schwieg zu den Vorwürfen, und es gelang auch nicht, ein Geständnis aus ihm herauszuprügeln.
Viele Butterbrote landeten noch im Dreck, und auch die Bücher nahmen Schaden, denn Furi musste auf ihnen herum trampeln, man riss Seiten heraus, ja, einige urinierten sogar darauf. Zuerst hatte Furi noch Rotz und Wasser geheult und um Gnade für seine Bücher gebettelt, doch da er nicht erhört worden war, versiegten eines Tages seine Tränen, und er sah stumm diesen Hinrichtungen zu. Sein einarmiger Vater sagte ihm, er sei selbst daran schuld. Warum könne er nicht sein wie die anderen? So schwer sei das doch nicht. Die Bücher hätten ihn verweichlicht und verdorben. Die Mutter schwieg zu alledem und zählte immer wieder ihr Haushaltsgeld. Am Abend, wenn sie ihren schwächlichen Sohn im Bett liegen sah, wenn er eingeschlafen war und sie ihm die Taschenlampe und seinen Schmöker aus der Hand nahm, um sie auf dem Nachtkästchen abzulegen, schossen ihr Tränen in die Augen. So wehrlos lag ihr Siegfried da, und die einfache Frau verstand, warum er nicht glücklich werden würde im Leben. Die Dummen würden ihn, seine Träume und Sehnsüchte, seine Hoffnungen und seine Verzweiflungen nie begreifen, und die Intelligenteren, die Glücklichen und Starken würden sich von seiner Wehrlosigkeit in Frage gestellt sehen, und beide würden ihn weiterhin quälen und an seinem Lebensglück hindern. Was kann eine Mutter in so einem Fall tun, mag sie sich gefragt und dabei eingesehen haben, dass ihr nichts anderes übrig bleiben würde, als weiterhin die Fehler zu machen, die sie bisher gemacht hatte. Von ihrem Mann würde sie keinerlei Hilfe oder gar Verständnis erwarten können. Der fuchtelte lieber mit seinem kümmerlichen Armstummelchen in der Gegend herum, lockte die Kurgäste an wie der Rattenfänger von Hameln und konzentrierte sich bei jedem neuen Sonderzug, der am Bahnhof ankam, darauf, ob nicht vielleicht eine lustige Witwe dabei war, der er mit seinem gesunden Arm und seiner kräftigen Hand, mit der er Furi die üblichen Ohrfeigen gab, das Alpenglühen näherbringen konnte.
Dann kam der Tag, an dem die Klasse einen Ausflug machte. Das Wort dafür hieß Wandertag. Vorher gab es jedes Mal Streit um das Ziel. Die Mädchen wollten Schloss Neuschwanstein besuchen, andere zog es in den Hopferwald zu einem Lagerfeuer unter Aufsicht, die Mehrheit wollte am liebsten gleich auf den Fußballplatz. Aber jedes Mal entschied zuletzt doch der Lehrer, wohin es gehen sollte. Diesmal entschied er sich für die „Große Zwing“. So hieß eine enge Gebirgsklamm, an deren Ende ein Wasserfall aus gewaltiger Höhe von senkrecht überhängenden Wänden über Felsbänke und bizarre Gesteinsformationen in die Tiefe stürzte und in Gischt und Gebraus jeden noch so lauten Schrei verschluckte. Auf halber Höhe führte ein schmaler, in den Felsen gehauener Holzsteg durch die Schlucht und gab den Kurgästen Gelegenheit, dieses grausige Naturschauspiel aus unmittelbarer Nähe zu bewundern. Wenn unter einem der Tiefenbach brodelte und von oben die Wassermassen durch die zu jeder Tageszeit nur spärlich helle Klamm brachen, so vermittelte das dem Besucher ein wohlig schauderndes Gefühl, das ihm für einen Augenblick demonstrierte, wie klein doch der Mensch war im Angesicht der Naturgewalten.
Die vom Lehrer zur Vorbereitung auf den Wandertag im Unterricht erzählte Legende besagte, kurz vor Weihnachten anno 1857 habe ein Jäger namens Schwarzkopf in der Nähe der Klamm einen kapitalen Hirschen geschossen, der dort, wo die Schlucht am unbegehbarsten war, in die Tiefe gestürzt sei. Es sei nahezu unmöglich gewesen, das tote Tier zu bergen, doch habe der Jäger mit Hilfe seines Jagdgehilfen, eines gewissen Seraphim, nichts unversucht gelassen und all seinen Ehrgeiz darein gesetzt, den prachtvollen Zwölfender der Klamm zu entreißen. Schließlich sei es dem tollkühnen Seraphim gelungen, sich an einer Stelle abzuseilen und sich seinen lebensgefährlichen Abstieg durch glitschigen Schnee und kaltes Eis zu bahnen, ein Seil um den Kadaver und sein Geweih zu wickeln, selbst wieder empor zum Licht zu klettern und schließlich gemeinsam mit dem Jäger unter Aufbieten ihrer gesamten Kräfte den Hirsch nach oben zu ziehen, obgleich dieser sich mit seinen Geweihschaufeln mehrfach in den armdicken Eiszapfen verfangen und beide Männer nicht nur der Erschöpfung, sondern auch der Verzweiflung nahe gebracht habe.
Das war eine Geschichte so ganz nach dem Geschmack von Furi, weswegen er in der Nacht auf den Wandertag von schweren Träumen geplagt wurde, immer nur an den Hirsch denken musste, sich als Jagdgehilfe Seraphim sah und seinen einarmigen Vater als den Jäger Schwarzkopf. Doch jedes Mal, wenn es darum gegangen war, den Hirsch ans Licht zu zerren, war sein Traum gerissen wie ein brüchiger alter Filmstreifen, und Furi war schweißgebadet erwacht.
„Die große Zwing“ bot zweifellos ein einzigartiges Naturschauspiel, und oft schon hatte der einarmige Fremdenführer seine Gäste dorthin geführt, sie dann aber den glitschig nassen Pfad allein durchwandern lassen und im Wirtshaus gewartet, wo er ihnen dann nach erfolgreicher Rückkehr wortreich und dramatisch die Entstehung der „Großen Zwing“ geschildert hatte, wobei er die Uhr um mehr als zehntausend Jahre zurückgestellt, von abschmelzenden Gletschern schwadroniert und mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme erzählt hatte, wie der Tiefenbach den Schrattenkalk des Engenkopfes durchsägt habe.
Die Schulklasse brach frühmorgens auf, jeder hatte ein Rucksäcklein geschultert, in dem ein paar Pausenbrote mit Salami sowie ein lästig schwere, in den Rücken drückende Sprudelflasche verstaut waren. Man trug festes Schuhwerk und hatte einen Anorak oder eine Lodenkotze dabei, denn man war immer wieder darauf hingewiesen worden, wie nass der Weg sein und dass es überall vom Gestein herunter nässen würde, als gehe man stundenlang durch einen Landregen. Nur Furi hatte ein paar lumpige Halbschuhe an und kam daher wie ein magerer Flachländer, denn Furis Eltern konnten sich keine Bergschuhe leisten bei einem Buben, der noch im Wachstum war und dessen Füße täglich größer wurden, so dass so ein paar Bergschuhe zum einen nur in der Ecke gestanden hätten, weil Furi niemals in die Berge ging, zum anderen wären sie ihm spätestens nach einem Vierteljahr zu eng geworden, selbst wenn man sie zwei Nummern größer gekauft hätte. Aber die Halbschuhe mit ihren dünnen Sohlen, die bereits nach fünf Minuten auf dem Klammsteig gänzlich durchnässt und wie Lumpen waren, passten zu Furi und seinem erbärmlichen Erscheinungsbild, das er abgab: vor Kälte schlotternd, mit patschnassen Strümpfen, im Handumdrehen blau gefrorenen Knien und einem Fetzen von einem Anorak, der bestimmt nicht aus dem Sportgeschäft stammte, sondern aus einem Haufen von Kleiderspenden für die Caritas.
Der einarmige Fremdenführer und die Frau, die in den Wirtshäusern die Latrinen säuberte, kannten das Salamander-Schuh-Geschäft nur von außen, und Furi hatte sich immer wieder nach den grünen Heftchen von Lurchi Salamander verzehrt und sie nur leihweise lesen können: „Lange schallt's im Walde noch, Salamander lebe hoch!“ Aber er kannte die Helden aus „Lurchis Abenteuern“: Hops, den Frosch und Igelmann, Pieps, die Maus, Unkerich und Zwerg Piping, und wie sie alle hießen. Das letzte kostbare Lurchi-Heft, das er hatte gegen zwei Butterbrote eintauschen können, hatte von einem Schneesturm erzählt und davon, wie Lurchi und seine Freunde zu einer großen Hilfsexpedition für die Tiere im Wald gestartet waren: „Hoch im Baum in ihrem Haus kämpft Familie Haselmaus.“ Dann geht es weiter zum Siebenschläfer, der nichts an die arme Verwandtschaft abgeben will, den Inhalt seiner Speisekammer in einen großen Sack packt, sich damit zu einer Hütte aufmacht, die schneebedeckt an einem Berghang versteckt liegt. Und während Lurchi schon die in einer Schneewehe versteckten Haselmäuse entdeckt und ihnen aus seiner Thermosflasche einen heißen Trank anbietet, wie auch der Lehrer, den man an seinem genagelten Schritt erkennt, dem frierenden Furi einen Schluck Tee aus seiner kriegserprobten, filzummantelten Feldflasche einschenkt, stürzt der Siebenschläfer mit seiner schweren Last auf dem Rücken in eine Gletscherspalte: „Entsetzt sieht das aus nächster Nähe Ferdinand, die Alpenkrähe“. Er bringt die Nachricht sogleich zu Lurchi, und schon wartet ein neues Abenteuer, schon gelingt dank der wetter- und bergfesten Salamanderschuhe eine aufregende Hilfsaktion.
Und während der Lehrer zur Vorsicht mahnt und die Klasse im Gänsemarsch über den nassen Steg durch die Klamm schleicht, fällt Furi in Gedanken an Lurchi ein wenig zurück. Mit seinen lappigen Halbschuhen und seinen nassen Strümpfen kann der Sohn des einarmigen Fremdenführers auch nicht so trittsicher gehen wie die anderen in ihrem festen Schuhwerk. Aber es fällt keinem auf, dass Furi immer weiter zurück bleibt, denn um Furi muss man sich nicht kümmern, der zählt eigentlich gar nicht: weder bei der Auswahl der Fußballmannschaft noch beim Wandertag.
Der blasse Rotschopf mit den ungewöhnlich brennenden Augen indes bleibt irgendwann einmal auf dem Weg einfach stehen, legt seinen Rucksack ab, ehe er sich auf die glitschigen Holzbohlen des engen Steges hockt und sein Lurchi-Salamander-Heftchen aus dem Rucksack zieht und unvermittelt mit dem Lesen beginnt. Und was liest er da? „Man kämpft sich durch den Schneesturm fort und ist auch bald am Unglücksort. Sie schaun hinab und sehen schon den Siebenschläfer, der halb ohnmächtig in der Spalte liegt. Es scheint, er hat was abgekriegt. Wie aber sollen sie den bleichen Siebenschläfer dort erreichen? Sogleich ruft unser Salamander: 'Mäuschen! Fasst euch aneinander!' Und diese bilden voll Geschick mit ihren Schwänzen einen Strick. Zuunterst hängt sich Lurchi dran, dass er den Vetter packen kann. Dann ruft der Lurchi: 'Aufgepasst! Zieht an!' Hoch schwebt die Last. Unkerich hat mit Bedacht eine Angel mitgebracht. Und so kann er ohne Mühen die Säcke auch nach oben ziehen. Mit Siebenschläfer auf dem Schlitten wird jetzt ins Tal hinab geritten. Und Siebenschläfers Abschürfwunden hat der Lurchi schnell verbunden.“
Als aber der Lehrer am Ausgang der Schlucht seine Schüler wieder um sich scharte, fehlte einer. Niemand konnte sagen, wo Furi geblieben war. Man rief seinen Namen, einmal, zweimal, dann brüllten alle zusammen und bekamen Angst, doch der tosende Wasserfall der „Großen Zwing“ verschluckte jeden Ruf. Wo war Furi? Er wird doch nicht …? Man fand nur seine Brille mit dem Kassengestell und seinen leeren, triefnassen Rucksack aus billigem Rupfen.
Furi aber kommt nie mehr zurück, und niemand weiß bis auf den heutigen Tag, wo Furi geblieben und was aus ihm geworden ist. Denn da war kein Lurchi Salamander, der ihm hätte zu Hilfe eilen können, und da war auch kein Seraphim, der tollkühn bereit gewesen wäre, sich abzuseilen. Es hätte wahrscheinlich auch nichts genützt, weil Furi trotz Satan und Ischariot und allen tanzenden Derwischen längst an der Seite von Kara Ben Nemsi Effendi und Trapper Geierschnabel den Rio de la Plata durchschwommen, das Tal des Todes und den Sand des Verderbens hinter sich gelassen und nach Durchquerung der Wüste von Bagdad nach Stambul durch die Schluchten des Balkan im Land der Skipetaren die Pyramide des Sonnengotts bestiegen hatte.
Annla
Vom Himmel grinste der Sommer, als Annla Kaps mit einem Flüchtlingstreck ins Blaue Land kam: aufgeschossen, ausgehungert, dürr, Löcher in den Strümpfen und die Knie aufgeschlagen. Sie mag elf oder zwölf Jahre alt gewesen sein und stakste auf Fohlenbeinchen durch eine ihr gänzlich rätselhafte Welt, die eigenartig heil geblieben war, ein Stein lag noch immer auf dem anderen, als habe der Krieg sonst wo stattgefunden, nur nicht hier. Mit der Sprache tat sie sich schwer, denn sie stammte von irgendwoher aus dem Osten, eine hässlich gemusterte Kittelschürze hing ihr fetzenweise am mageren Leib, der so gar nichts Mädchenhaftes hatte, die ungewaschenen Haare strähnten ins Gesicht, und sie schaute immer scheu, fast verdruckst von unten, als gebe es dort oben, wohin sie ihren halb schüchternen, halb verstohlenen Blick richtete, etwas Kostbares, von dem sie im Stillen bereits wusste, dass es eines Tages ihr gehören würde. Man hätte sie für ein Zigeunerkind halten können, doch ihre Haut war nicht dunkel, sondern seltsam hell, fast weiß und so durchsichtig, dass man an ihren dünnen Ärmchen die Äderchen bläulich schimmern sah. Es gab Frauen im Blauen Land, die beim Anblick dieses Mädchens das Bedürfnis verspürten, sogleich aus ihren Schuhen zu schlüpfen und diese dem seltsamen Kind anzubieten, das anfänglich in Begleitung einer alten Frau war, von der sie behauptete, sie sei ihre Großmutter. Aber das war, wie man schnell herausgefunden hatte, nicht wahr. Annla hatte keine Eltern mehr, und die alte Frau muss sie wohl auf dem langen Flüchtlingsweg in einem Straßengraben von einem Russen gezerrt und mitgenommen haben, sei es aus Mitleid, sei es, weil man mit einem abgemagerten Kind an seiner Seite unterwegs rascher zu einem Stück Brot kam. Annla war immer hungrig. Viel war es nicht, was man ihr anfänglich zu essen gab, aber es reichte, um sie nicht verhungern zu lassen.
Die Gemeindeverwaltung steckte das eigenartige Wesen, das so gut wie kein Wort Deutsch sprach, zu den Klosterfrauen ins Waisenhaus, wo noch andere Kinder untergebracht waren, deren Herkunft ebenfalls unklar war und die weder Vater noch Mutter noch sonst Verwandte hatten. Kriegswaisen eben. Man kannte das, und es war in jenen Tagen nichts Besonderes für das Blaue Land. Annla musste jetzt zur Schule, aber sie stellte sich derart störrisch an, dass sie zuerst von den anderen Kindern, schließlich vom Lehrer links liegen gelassen wurde. Man konnte zu dem Eindruck kommen, sie habe keinerlei Interesse, die Sprache, das Lesen und Rechnen zu lernen, und sie begnüge sich weiterhin mit ein paar Handzeichen, die ihre Versorgung mit dem Notwendigsten garantierten. Warum also mehr lernen? Hin und wieder steckte ihr eine der Frauen ein Stück Brot oder Käse zu, das sie rasch in ihrer Schürzentasche verschwinden ließ. Die Klosterschwestern gaben sich redlich Mühe mit Annla und schlossen sie in ihre Gebete ein, doch vorerst schien nicht einmal der liebe Gott Interesse an dem ewig hungrigen Mädchen zu haben, das sich oft auf das Weinen als gutes Mittel verließ, um in den Schlaf zu finden. Einzig mit dem alten Bernhardiner der Waisenhausnonnen knüpfte sie eine innige Freundschaft. Jedenfalls trottete das kalbsgroße und über die Jahre unansehnlich gewordene, ständig sabbernde Vieh mit seinen tränenden, blutunterlaufenen Augen brav neben dem Mädchen her und folgte aufs Wort den meist geflüsterten Anweisungen in einer Sprache, die außer dem Hund keiner verstand. Wenn wieder einmal, wie so oft, nach Annla gesucht werden musste, so fand man sie regelmäßig mit Berno in der Tenne, beide eingerollt und schlafend im Heu. Erst als man dem Mädchen erlaubte, mit dem Hund zur Schule zu gehen und ihn während des Unterrichts vor der Türe neben einer Schüssel mit Wasser anzubinden, entwickelte Annla nach und nach Aufmerksamkeit im Unterricht und legte zuletzt sogar einen Lerneifer an den Tag, den ihr zu Beginn des Schuljahres niemand zugetraut hatte. Trotzdem musste sie die Klasse wiederholen. Jetzt war sie nicht nur dürr und hässlich, sondern auch noch eine Sitzenbleiberin. Auch das schien sie nicht weiter zu berühren, denn sobald die Schule aus war und sie im Waisenhaus ihr Mittagessen gierig in sich hineingeschlungen hatte, verschwand sie und streifte mit Berno bis zum Gebetläuten am Abend durch die Wiesen und Felder. In schlichten Träumen dachte sie sich ein schönes Leben aus, bis diese Seifenblasen in ihren Tränen ertranken, und sie wunderte sich, warum sie nicht tot war, wenn sie durch die Scheunen streunte, Spinnennetze zerteilte und Antworten suchte auf die ganz großen Fragen. Sogar singen konnte man sie dabei bisweilen hören, und schließlich stellte eine der Waisenhausnonnen fest, dass das Annla musikalisch war und jeden Ton treffsicher nachsingen konnte.
So kam Annla zum Waisenhaus-Chor, der zu zahlreichen kirchlichen Festen seine allseits geschätzten Auftritte hatte: bei den Maiandachten, bei Hochzeiten und Beerdigungen, an Fronleichnam, beim Besuch des Bischofs, bei der Firmung, an Kirchweih, an Allerheiligen, und im Advent, zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten sowieso. Geleitet wurde der Chor von Schwester Hiltgardis, der Organistin, die, wie es hieß, einmal Musik studiert hatte, ehe sie ins Kloster eingetreten war. Jedenfalls beherrschte sie eine Unzahl von Instrumenten und konnte auf der Quetschkommode ebenso spielen wie auf der Kirchenorgel, der Geige oder dem Alphorn. Hiltgardis nahm von nun an Annla unter ihre Fittiche, und Annla, die zuerst noch misstrauisch war, an den Nägeln kaute und trotzig schweigsam Löcher in den Boden stierte, fasste schließlich doch zaghaft Zutrauen, seit sie beobachtet hatte, dass Hiltgardis nicht zu jenen Nonnen gehörte, die Berno bei jeder Gelegenheit wegscheuchten oder ihm einen Tritt verpassten. Während der Hund vor seiner Schüssel mit Wasser saß, probte drinnen das Flüchtlingskind mit dem Chor. Zuerst kam fast nichts aus ihrem Hals, und manche ältere Chormitglieder fragten sich, weshalb so eine wie die da denn überhaupt im Chor sei. Die könne ja weder reden noch singen. Schwester Hiltgardis aber gab nicht auf, sondern meinte gegenüber der Oberin, irgendetwas werde schon in dem Annla verborgen sein, tief drin, sie wisse nur noch nicht was und wie man es aus ihr heraus kitzle. Die gewöhnlichen Kirchenlieder interessierten das Mädchen aus dem Osten nicht, und sie bewegte nicht einmal die Lippen zum Tedeum. „Großer Gott wir loben dich“ sagte ihr nichts. Überdies wollte sie nicht etwas loben, was sie nicht kannte.
Doch eines Tages, als sie wieder einmal mit Berno herumstreunte und nicht so recht wusste, wie sie den Tag totschlagen konnte, kam sie an der Kirche vorbei und hörte Schwester Hiltgardis auf der Orgel eine bestimmte Melodie spielen, die sie unwillkürlich und ganz gegen ihren Willen mitsummte. Einfach so mitsummte, obgleich sie diese Melodie überhaupt nicht kannte und weiß Gott nie zuvor gehört hatte. Es handelte sich um exakt 46 Takte für Chor, Streicher und Orgel, die auf den 17. Juni 1791 datiert waren und die der Kompositeur für das Fronleichnamsfest zu Baden bei Wien zu einem Zeitpunkt aufs Papier geworfen hatte, da sich sein Weib im neunten Ehejahr auf ihre sechste Niederkunft vorbereitete. Schwester Hiltgardis wusste das natürlich alles, aber Annla Kaps hatte davon nicht einmal den Schatten einer Ahnung. Was hätte ihr auch das Wissen genutzt, dass es sich bei der Melodie, die sie unwillkürlich mitsummen musste, um die Vertonung eines lateinischen Reimgebetes handelte, von dem die einen behaupteten, es stamme aus dem Genua des 13. Jahrhunderts, indes andere Papst Innozenz IV. als Urheber reklamierten. Annla war weder des Lateinischen mächtig noch konnte sie wissen, was eine Motette ist und dass diese Mozart aus der Feder geflossen war. Und zwar knapp ein halbes Jahr vor seinem Tod, während er zugleich an der „Zauberflöte“ und an seinem „Requiem“ arbeitete.
Annla jedenfalls betrat, wie von einem Magneten unwiderstehlich angezogen, die Waisenhauskapelle und hörte, wie Schwester Hiltgardis nicht nur auf der Orgel spielte, sondern auch zu der Melodie sang – Worte in einer Sprache, die sie nicht verstand, die sie aber dennoch so magisch anzogen und auf geheimnisvolle Weise verzauberten wie die Melodie selbst: „Ave, ave, verum corpus natum de Maria virgine, vere passum immolatum in cruce pro homine, cujus latus perforatum unda fluxit et sanguine; esto nobis praegustatum in mortis examine, in mortis examine!“ Kaum hatte Schwester Hiltgardis ihr Spiel beendet, als Annla lautstark in Tränen ausbrach und sich schluchzend in eine Kirchenbank warf. Die Nonne verließ daraufhin sogleich die Empore, nahm sich der bitterlich und unaufhaltsam Weinenden an und begleitete sie, die vor Schluchzen kaum laufen konnte, ins Refektorium, indes der alte Bernhardiner mit hängendem Kopf neben den beiden her trottete. Das magere und immer hungrige Kind war nicht zu beruhigen, bis es sich in den Schlaf geweint hatte, und als es am anderen Morgen erwachte, sollte es noch einmal einen Tag und eine Nacht dauern, bis die Tränen endgültig versiegt waren.
Von da an veränderte sich das Annla. Es hörte mit dem Streunen auf und fing an zu lernen. Nach und nach verbesserte sich ihr Deutsch und verlor den harten slawischen Akzent. Als sie von Schwester Hiltgardis eines Tages eine Blockflöte geschenkt bekam, war die Freude übergroß, und das gelehrige Mädchen fiel der Nonnen um den Hals: eine Geste, die noch vor einem halben Jahr völlig undenkbar gewesen wäre. Das erste Lied, das Annla nach wenigen Wochen fehlerfrei spielen lernte, wurde vom Gesang der Nonne begleitet: „Jesu bleibet meine Freude, meines Herzens Trost und Saft, Jesu wehret allem Leide, er ist meines Lebens Kraft …“ Und bald darauf folgte ein zweites Lied, das den Eifer der Schülerin noch steigerte: „Schafe können sicher weiden, wo ein guter Hirte wacht …“ Mehr und mehr behauptete sich Annla nun in der Schule und im Waisenhauschor, fand die vorsichtige, zunächst noch verhaltene, aber sich stetig festigende Anerkennung der anderen Kinder, bis sie schließlich so gut geworden war, dass sie von Schwester Hiltgardis zum ersten Sopran ernannt wurde, denn Annla konnte singen. Und wie. Sie traf nicht nur mühelos und sicher jeden Ton auch in den höchsten Lagen, sondern sie konnte ihn halten trotz ihres mageren Körpers, sie modellierte ihn, gestaltete die Kadenzen, und noch den Schatten eines Akkordes konnte sie zum Klingen bringen. Zwar weckte dies hier und dort offen erkennbaren Neid, doch Annla sonderte sich nun nicht mehr ab, sondern lachte und scherzte wie alle anderen Waisen, spielte mit ihnen, kicherte nach der Probe, machte gemeinsam mit ihnen ihre Hausaufgaben und gab die einstige Verschlossenheit auf, so dass ihr auch zuletzt die Eifersüchtigen ihren Erfolg gönnen mussten. Nur von Berno wollte sie nicht lassen, doch die anderen Kinder hatten sich längst daran gewöhnt, dass Annla ohne Berno nicht zu haben war. Im Laufe der Zeit schlug schließlich auch an, was das stets hungrige Mädchen mit der ihr eigenen Gier in sich hineingeschlungen hatte. Annla nahm an Gewicht zu und stakste nicht länger auf Fohlenbeinchen durch eine fremde Welt, sondern schoss noch einmal in die Höhe und entwickelte sich so, wie es einem Mädchen ihres Alters angemessen war. Ihr Haar war schon lange nicht mehr struppig und hing auch nicht mehr strähnig ins Gesicht, um den Blick zu verstellen, sondern es war stets gepflegt, glänzte vom vielen Kämmen und Bürsten und rahmte mit einer natürlichen Welle ein zunehmend hübscher werdendes Mädchengesicht. Annla wurde weder eine Streberin noch eine Musterschülerin, sondern hatte durchaus ihre schwachen Fächer, doch in Musik überragte sie ihre Mitschüler deutlich. Zur Blockflöte war schließlich eine Violine gekommen, und weil ihr das Spielen der Instrumente so leicht fiel, kam sogar noch der Unterricht an Klavier und Harmonium dazu. Zwar lernte sie das Lesen der Noten, doch in der Regel spielte sie nach Gehör. Das war ihre außergewöhnliche Begabung. Auf diese Art verliebte sie sich schließlich in ein Lied, das aus ihrer masurischen Heimat stammte und von fünf wilden Schwänen erzählte, Schwänen leuchtend weiß und schön, von denen eines Tages keiner mehr gesehen ward. Besagtes Lied erzählte ebenso von fünf jungen Birken, die grün und frisch am Bachesrand wuchsen, von denen aber keine jemals in Blüte stand, es erzählte von fünf jungen Burschen, die stolz und kühn zum Kampf hinaus zogen, und von denen aber keiner mehr nach Hause kam, und schließlich erzählte das traurig schöne Lied aus dem fernen Masuren von den Mädchen. Und das Annla musste immer weinen, wenn die Stelle kam, wo es heißt:
„Wuchsen einst fünf junge Mädchen
schlank und schön am Memelstrand.
Sing, sing, was geschah?
Keins den Brautkranz wand.“
Alles schien seinen guten Weg zu nehmen, bis der alte Bernhardiner eines Tages krank wurde und eingeschläfert werden musste. Da war Annla schon in der Abschlussklasse, und es war zwischenzeitlich sogar mehrfach die Rede davon gewesen, ob man das begabte Kind nicht auf eine weiterführende Schule schicken sollte, wobei Schwester Hiltgardis in ihrem Überschwang sogar ein Musisches Gymnasium vorschlug. Doch Bernos Tod machte all den schönen Zukunftsplänen einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Ja, wenn das Mädchen einen anderen Hund bekommen hätte … Aber den wollte ihr niemand geben, trotz der vielen Köter, die durch die Gassen streunten.
Von einem Tag auf den anderen wurde Annla wieder bockig, verstockt und stumm. Es war, als habe jemand einen Schalter umgelegt. Flöte und Violine lagen unbenutzt in der Ecke, Annla schwänzte den Unterricht und die Chorprobe und streifte diesmal nicht mehr durch die Felder, sondern trieb sich im Städtchen in der Bahnhofsgegend herum, wurde am Flussufer mit einer Flasche Bier in der Hand gesehen und interessierte sich nicht länger für Motetten und Kantaten, sondern für Jungs mit Mopeds und Motorrädern. Das abendliche Gebetläuten überhörte sie geflissentlich, und sie kam und ging, wann immer es ihr passte. Auf den angedrohten Hausarrest pfiff sie. Statt der Begeisterung für das „Ave verum“ gab es für Schwester Hiltgardis jetzt gereizte Widerworte und patzige Antworten. Je rüpelhafter Annla wurde, desto mehr wurde sie sich ihres wachsenden Körpers bewusst. Bald registrierte sie mit Genugtuung die Blicke der Jungs auf Beine, Po und Brust. Dabei entwickelte sie eine erste Ahnung von Macht, wenn sie herausfand, wie sehr sie mit den jungen Männern spielen konnte, wie bereitwillig sie nach ihrer Pfeife tanzten und wie diese von ihren ständig wechselnden Launen abhingen, denn mal konnte sie zuckersüß sein, dann wieder kratzbürstig und grob.
Die Waisenhausnonnen wussten natürlich, was mit Annla geschah und was in ihr vorging, denn sie hatten derlei immer wieder erlebt. Nachdem das koketter werdende Mädchen die Schule abgeschlossen und sich, sehr zum Bedauern von Schwester Hiltgardis, gegen eine weiterführende Ausbildung entschlossen hatte, gab man sie in der Käserei in die Lehre. Das Ziel hieß jetzt Käsereigehilfin. Annla jedoch fühlte sich von Anfang an nicht wohl bei dieser ewig nassen Arbeit, sie hatte einfach keine Lust, die Bottiche zu reinigen, die schweren Laibe zu heben, mit der Milch herumzuplanschen und außerdem noch die Berufsschule zu besuchen. Ständig spürte sie einen Ekel in sich und mied bald alles, was nur im Entferntesten mit Milch zu tun hatte. Deshalb wollte sie so schnell wie möglich weg aus der Käserei.
Sie wollte zum „Gockelwirt“, der ihr angeboten hatte, jederzeit als Kellnerin bei ihm anfangen zu können. Es dauerte nicht lange, bis sie die Lehre abbrach und dem Lockruf der Gastronomie folgte. Zuerst begann sie als Spülerin, dann putzte sie Gemüse und Salat, half in der Küche aus, doch nach und nach arbeitete sie sich in die Gaststube vor und machte sich bald hier und dort unentbehrlich, denn plötzlich konnte Annla wieder zupacken und fleißig sein. Kein Abend dauerte ihr mehr zu lang. Beim „Gockelwirt“ gab es immer etwas zum Lachen, hier hörte man derbe Sprüche und Musik, und mehr als einmal wurden ihr vielsagende Blicke zugeworfen, hier war sie in Gesellschaft der Männer, hier fühlte sie sich wohl. Der Wirt war recht zufrieden mit seiner neuen Küchen- und Schankhilfe, an der sich mancher seiner Stammgäste gerne die Hand abgewischt hätte. Annlas Anblick steigerte den Umsatz, und das Mädchen verdiente sein erstes Geld, das weitaus mehr war als das magere Lehrlingsgehalt in der Käserei, von dem sie sich nicht einmal ein bisschen neueste Mode oder ab und zu ein Paar Schuhe mit höherem Absatz leisten konnte. Zwar wohnte sie nach wie vor im Waisenhaus, doch das änderte sich, als der Wirt der Oberin anbot, das Annla könne doch die Dachkammer beziehen, die er eigens habe frisch herrichten lassen. Die Oberin aber bestand darauf, dass bis zum achtzehnten Geburtstag gewartet werden musste. Als es endlich soweit war, packte Annla ihr Köfferchen, gab den Nonnen frech grinsend die Hand und meinte beim Verlassen des Waisenhauses wie nebenher zu Schwester Hiltgardis, Blockflöte und Violine habe sie auf dem Bett zurückgelassen, sie könne die Instrumente behalten oder einem anderen dummen Kind geben, denn sie brauche sie nicht mehr, sie sei auch nicht mehr fromm, und ab jetzt werde eine richtige Musik gespielt.
Das geschah ein paar Wochen vor Christi Himmelfahrt. Als der von den Männern des Blauen Landes alljährlich heiß ersehnte Vatertag endlich da war, stand Annla in aller Herrgottsfrühe auf, um dem Wirt bei den Vorbereitungen zur Hand zu gehen, denn alle Welt weiß, dass es an einem Tag wie diesem nur einen Gewinner geben würde, und das war, das ist und das bleibt wie immer der Gastwirt. An keinem anderen Tag im Jahr wurde so viel Bier ausgeschenkt wie am Vatertag. Das wusste auch Annla, und sie freute sich auf die derben Sprüche, die zweideutigen Scherze, das dreckige Gelächter und die übergriffigen Hände der jungen und der alten durchaus rechtschaffenen Männer, die sich darauf verstanden, Holz zu spalten, Rösser zu beschlagen, Mauern hochzuziehen, Sensen zu wetzen und die Liebe nur als etwas Grobes kannten, das sich auf wenige harte Gesten beschränkte. Denen würde sie schon zeigen, was sie konnte, was es mit ihr auf sich hatte und dass sie genau wusste, wie sie ihre Wäschetruhe füllen würde. Deshalb zog sie sich auch ein besonders hübsches Dirndl an, weil sie wusste, dass ein Blick in den Ausschnitt die Bauerntölpel noch durstiger macht, was ihr wiederum ein Tätscheln des Gockelwirtes eintragen wird. Das war seine Art, Zufriedenheit auszudrücken.
Und weil der Mai nicht kühl und nass gewesen war, wie es die Bauernregel eigentlich vorschreibt, sondern schon hochsommerlich warm, waren auch die mittlerweile gut gewachsenen Beine des Mädchens ein wenig von der Sonne gebräunt, so dass das Annla auf Strümpfe verzichten konnte. Das Mädchen aus dem Osten band sich die Kellnerinnenschürze um, unter der sie die Geldbörse verstaute, dann wartete sie auf die ersten Gäste, die noch während des Gottesdienstes, wenn der Pfarrer zum Predigen auf die Kanzel stieg, den Weg zum „Gockelwirt“ fanden. Schon gingen die ersten Krüge über den Tisch, und schon bekam Annla jene Temperatur, die sie besonders empfänglich machte für die dumpf verschlagenen Blicke der Mannsbilder mit ihren vierschrötigen, vom Bier und vom frühen Sommer erhitzten Schädeln. Über die Mittagszeit nahm das Geschäft zu, und Maß für Maß und Schweinebraten um Schweinebraten musste aus der Küche in die Gaststube auf die Wirtshaustische gebracht werden. Die Sonne stach vom Himmel, und auch die Honoratioren, die ihr stur standhielten und sich am Stammtisch um den Geistlichen Rat versammelt hatten, wischten sich mit ihren gestärkten weißen Taschentüchern den Schweiß von der Stirn und bestellten sich zur Feier des Tages sicherheitshalber noch eine Maß Bier, denn auf einem Bein kann man bekanntlich nicht stehen. Es wurde politisiert und geschachert, die nächsten Hochzeiten wurden eingefädelt und der Viehhandel ausgeschnapselt, ein Wort gab das andere, und das Annla kam mit dem Bedienen kaum nach, so durstig war die Gesellschaft. Trotz der vielen Arbeit entging ihr freilich nicht, dass sogar Hochwürden einen Blick in ihren Ausschnitt riskiert hatte, als sie sich besonders weit vorbeugen musste, um dem Geistlichen Herrn seinen Krug vor seinen Prälatenbauch zu schieben.
Das erfüllte sie mit Freude und Genugtuung, denn sie war ein kluges Mädchen, das verstanden hatte, worauf es im Leben ankam. Es kam nämlich nicht darauf an, dass man im Waisenhauschor als erster Sopran bei den Hochzeiten herzzerreißend das „Ave Maria“ singen konnte, sondern es kam auf jene Dinge an, die nicht einmal im Kino zu sehen waren, und die man eben wusste oder nicht. Auch Annla schwitzte, und der Schweiß ließ die Haut der Achtzehnjährigen glänzen, gab dem Gesicht ein paar feurige Wangen und trieb die Hitze ins Herz. Und während sich die Hitze in das Herz des Mädchens aus dem Osten senkte, rutschte sie in den Lederhosen der Mannsbilder beim Anblick der herausfordernd hübschen Kellnerin immer tiefer, besonders dann, wenn sie ihr weißes Schürzchen lüftete und die schwarze Geldtasche hervorholte, in welche sie mit ihren geschickten Händen Münzen und Scheine verschwinden ließ. Dann wären die Burschen gerne jene prall gefüllte Geldkatze auf dem Unterbauch von Annla gewesen, dann stellten sich die jungen Herren dabei nämlich vor, wie Annla nicht nur die Kellnerinnenschürze lüftete, sondern noch etwas ganz anderes. Und wenn sie nach der ersten Maß Bier hinaus auf den Abtritt mussten, wo sie ihre Hosenlätze aufknöpften und eines Sinnes einträchtig in Reih und Glied nebeneinander in der Latrine vor der Rinne standen, um ihr Wasser abzuschlagen, drehten sich ihre fachmännischen Gespräche ausschließlich um ein einziges Thema, das diesmal ausnahmsweise nichts mit der nächsten Fahnenweihe zu tun hatte.
Wie so vieles im Leben schien freilich auch dies nur eine Frage der Zeit zu sein, wann in diesem hitzigen Spiel die Eichel-Sau Trumpf sein und wer den ersten Stich tun würde. Es ist daher ziemlich überflüssig, an dieser Stelle einen Namen zu nennen und ihn besonders herauszuheben, denn vor dem Gesetz waren ohnehin alle gleich, und die Regeln waren allgemein bekannt. Sie lauteten: Ober sticht Unter. So einfach war das. Daneben gab es noch zweitrangige Regeln wie Glück in der Liebe und Pech im Spiel und wie solche Sprüche mehr lauteten. Das alles war freilich an einem Tag wie diesem völlig gleichgültig und nebensächlich, denn jeder im Blauen Land wusste, dass es diesmal um eine ganz besondere Meisterschaft ging, um den schon viel zu lange aus allen möglichen Blickwinkeln beobachteten, ausgiebig diskutierten und allseits begehrten Pokal, ums Ganze, und dass das Annla am Vatertag ohne Wenn und Aber in die Gesellschaft des Blauen Landes aufgenommen werden musste, auch wenn sie von irgendwoher aus dem Osten gekommen war. Von nun an sollte sie dazu gehören und ein für allemal ihren Platz einnehmen, einen Platz, der ihr gebührte, für den sie geboren worden war, dessentwegen sie vor dem Russen geflohen war, den ihr die Mannsbilder des Blauen Landes, die ja allesamt tapfer gegen diese Kalmücken gekämpft hatten, von heute an zubilligten, und den sie eigens für sie bestimmt und ausgesucht hatten. Lediglich die Frage war noch offen, wer den Pokal aufbocken, zum Schuss kommen, den Vogel abschießen, den Volltreffer landen würde, denn der Anwärter waren da viele.
Wie hatte der Geistliche Rat in der Himmelfahrtspredigt von der Kanzel herab doch gleich gesagt: „Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtet. Er sandte seine Knechte aus, um die Eingeladenen zum Feste herbeizurufen. Doch diese wollten nicht kommen. Er schickte nochmals andere Knechte mit dem Auftrag aus: 'Sagt den Geladenen: Seht, mein Gastmahl ist bereitet, meine Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet; alles steht bereit. Kommt zur Hochzeit.' Doch diese gingen unbekümmert weiter. Der eine auf seinen Acker, ein anderer in sein Geschäft. Darauf sprach der König zu seinen Knechten: 'Das Hochzeitsmahl ist bereitet; doch die Geladenen waren dessen nicht wert. So geht denn an die Straßenausgänge und ruft zur Hochzeit, wen immer ihr findet.' Die Knechte gingen auf die Straßen und brachten alle, die sie gerade fanden, Böse und Gute, und der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen. Der König trat herein, um sich die Gäste anzusehen. Dort sah er einen Menschen, der kein hochzeitliches Gewand anhatte, und er sprach zu ihm: 'Freund, wie bist du ohne hochzeitliches Gewand hereingekommen?' Doch dieser schwieg. Darauf gebot der König seinen Knechten: 'Bindet ihn an Füßen und Händen und werft ihn in die äußerste Finsternis hinaus; dort wird Heulen und Zähneknirschen sein. Denn viele sind berufen, wenige aber auserwählt.'“ So hatte Hochwürden gepredigt.
Doch was kümmerte die Burschen des Blauen Landes, was so ein Pfarrer an Christi Himmelfahrt von der Kanzel herab verkündete? Was ging das die jungen, voll in Saft und Kraft verbissenen Kerle des Blauen Landes an? Was scherten sie ein König und sein Hochzeitsmahl, zu dem niemand kommen wollte, wo sie doch längst die Braut aller Bräute auserwählt und im Visier hatten? Mag ja sein, dass viele sich berufen fühlten, das Annla in den Keller, in den Heustock oder bei arger sommerlicher Hitze in einen kühlen, verschwiegenen Beichtstuhl zu begleiten, doch wer auserwählt sein würde, das würden sie schon selber herausfinden, dazu würden sie weder einen Pfaffen benötigen noch einen König und dessen Knechte. Selbst ist der Mann, und wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und ob es dabei jemals zu einer Hochzeit kommen würde, das war bei einem Weibsbild wie dem Annla von vorneherein höchst fraglich, denn so eine ist zum Bedienen da, nicht aber zum Heiraten.
Komm Annla, bring uns noch eine Maß und noch eine, und dann sagst du uns, du Katz', was du haben willst für eine hitzige Viertelstund', denn länger würde es nicht dauern, das wäre doch gelacht. So lange wird dich der Gockelwirt wohl entbehren können an einem Tag wie heut', an dem wir ihn ohnehin zum Millionär saufen, heut', bei diesem Kaiserwetter, an dem im Blauen Land die Helden gezeugt werden. Komm her und zier dich nicht, so gut wie der Russe können wir's auch, wir, der Stolz des Blauen Landes, wir im Bierdunst, im gemeinsamen Rausch, der uns einig macht und stark und uns wie aus einem Leib schwitzen lässt, los, stell dich auf den Tisch, dass wir dich anschauen können, wir wollen nämlich sehen, wie deine Storzen gewachsen sind, „a Hirtemadln mog i net, hot koane dickn Wadln net“, und schmecken wollen wir mit der Zunge, ob du nicht doch noch nach Milch riechst, du Hex', du willst es doch auch, sag, was verlangst du für einen offenen Knopf an deinem Mieder, wir zahlen bar und sofort, los, sag's, mach endlich dein Maul auf, sonst schlagen wir dich grün und blau und zieh'n dich gleich hier auf dem Tisch durch, vor allen Leuten, mitten in der guten Stube vom 'Gockelwirt', du Mensch, du …„
Und unter dem Gegröle der angesoffenen Gemeinde kletterte das Annla, jung, schön, gleichgültig, kichernd und kokettierend auf den Tisch, stieß bei dem alten Spiel „Zeigt her eure Füßchen, zeigt her eure Schuh“ einen Maßkrug um, so dass die uringelbe Brühe eine große Lake mitten auf dem Tisch bildete, in die sie keck einen roten Schuh setzte, um sie in Besitz zu nehmen wie ein Feldherr eine Festung, und dann drehte, drehte und drehte sie sich, und schon wendete und wendete sie sich, schwang ihr Röckchen, schwang es, ließ es fliegen, immer schneller, immer mutiger, übermütiger, immer herausfordernder, bis ihr zuletzt schwindlig wurde und sie noch im Fallen hörte, wie für einen zeitlupenhaft gedehnten Moment lang von ganz weit her eine altvertraute Weise vorbeigeweht wurde, eine Melodie, die seltsame Worte mit sich trug, Worte in einer fremden Sprache, vielleicht irgendetwas Lateinisches, oder war es nicht doch etwas von fünf Mädchen und einem Brautkranz, doch was genau, das wusste sie schon nicht mehr, weil sie in dem Augenblick, in dem sie aufhörte, ein Mädchen mit aufgeschlagenen Knien zu sein und ihre Kindheit endgültig abgelebt war, längst von starken behaarten hemdsärmeligen Armen aufgefangen worden war, die sie schwitzend umklammerten, die sie nicht mehr freigaben und die von da an ihren weiteren Weg wiesen. Und dazu grinste vom Himmel lotrecht der Sommer und warf keine Schatten.
Darmowy fragment się skończył.