Czytaj książkę: «In alle Winde»

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GERD MJØ­EN BRANTEN­BERG

Für Mama

Die Phönixtreppe

Inger steht auf der Phönixtreppe in Fredrikstad, trägt ihre Studentenmütze und hat ein gutes Abitur gebaut. In ihr herrscht die Katastrophe. Neben ihr reckt Vater den Hals, um mit aufs Bild zu kommen. Auf der anderen Seite steht ihre Mutter mit den anderen Müttern und schaut zu. Um Inger herum steht der ganze Abiturjahrgang in ordentlichen Reihen auf den sieben Treppenstufen – alle mit ihren Paten, genau wie sie. Hartvig mit Kaspar Olesen, Leif Monradsen mit seinem Vater. Else Tøgern mit Turid aus Plus, Lillian mit ihrer Mutter (einer der wenigen Mütter mit Abitur in der Stadt), Tove Midtbø mit ihrem Vater. Alle. Da sind sie alle. Das ist meine Welt, denkt Inger. Das weiß sie. Alles, was ich bin, wohnt in diesem Jahrgang, alles, was ich kenne, und jetzt müssen wir uns trennen, und in ihr herrscht die Katastrophe.

Niemand von all denen in ihrer Welt, die sie so gut kennen, sieht diese Katastrophe. Sie ist unsichtbar, und Inger ist ein ziemlich hübsches Mädchen (sagen sie), und sie ist tüchtig, sie ist sogar komisch, eine sehr gefragte Eigenschaft. Das sagen sie, wenn sie „hübsch“ auch oft nur unter Vorbehalten anführen. „Du müßtest abnehmen“, hatte Jorunn Johansen gesagt. „Wenn sie sich nur ein bißchen flotter zurechtmachte, dann wäre sie die Hübscheste im ganzen Jahrgang“, hatte Sigvart Jespersen gesagt, allerdings nicht zu ihr. Die Haare und der Speck und die Unordentlichkeit waren Hindernisse beim Hübsch-Sein, und das konnten alle sehen. Aber das ließ sich ändern, an dem Tag, an dem sie das selber wollte. Sie brauchte nur aufzuhören, heimlich alle diese Smiles zu essen und alle diese Coca Colas zu trinken, sie müßte sich nur die Haare zurechtmachen, sich gerade halten und etwas Hübsches anziehen – und dann würde es ihr genauso ergehen wie H. C. Andersens Entlein. Aber in ihr würde noch immer die Katastrophe herrschen. Und wer kann schon mit der Katastrophe in der Brust Schwanenfittiche ausbreiten?

Die Katastrophe war Tove. Die Katastrophe war, daß Tove dort stand und die Hübscheste und Schönste war, die jemals durch Nygaardsgata gewandert war, die Phönixtreppe betreten und die Welt erfüllt hatte. Die Katastrophe war: Wenn Tove sie ansah, mit ihr sprach, sie am Arm faßte, weinte oder lachte oder mit ihr Bridge spielte, dann war das Ziel des Lebens erreicht.

Einmal – ein einziges Mal – ganz früh am Morgen, als die Vögel in Kirkeparken sangen und sie auf dem Heimweg von einem Abiturfest im Pavillon saßen und sie nicht mehr ganz nüchtern gewesen war, hätte sie Tove um ein Haar die ganze Katastrophe erzählt. Aber in diesem Moment hämmerte ihr Herz so wütend los, daß ihr die Worte im Hals steckenblieben. Und jetzt mußten sie sich trennen. Tove würde in einem Pub in Wiltshire stehen und den Bauern Bier ausschenken. Wie es möglich sein sollte, auf den Beinen zu bleiben, wenn der Zug mit Tove abfuhr, war ein ungelöstes Rätsel.

Solche Rätsel dürfte es in meinem Leben nicht geben, dachte Inger, aber es hatte sie immer gegeben. Immer kam ein Mädchen und machte ihr weiche Knie. Ihre Haut wurde lebendig, und ihre Gedanken waren hundertmal schneller als vorher und wirbelten mit den ausgefallensten Ideen durcheinander. Wenn nur Tove geschehen wäre und sonst keine andere, wäre die Katastrophe vielleicht nicht so groß. Aber so war es ja nicht. Nein, nein und abermals nein. Sie brauchte nur über all die neuen schwarzen Mützen hinwegzublicken, und sie wußte, daß dort Beate Halvorsen und Elsa Tøgern und Jorunn Johansen standen, und sie waren geschehen, allesamt, jede auf ihre Weise, nicht gleich gewaltig, nicht gleich lange, sie waren so verschieden geschehen, wie ihre Gesichter waren, ihre Stimmen und ihr Lachen, sie war ganz einfach unverbesserlich verrückt auf Mädchen. Idiotisch, das war das Wort, das Fredrikstadwort, das sich auf die Katastrophe anwenden ließ und das alle verstehen würden, und wenn sie es gehört hätten – all diese Menschen, die ihre Welt ausmachten –, dann hätten sie gekotzt. Daran gab es keinen Zweifel.

Sie selber kotzte nicht. Sie mußte mit der Schönheit leben, die diese Mädchen waren. Sie hatte ein gutes Abitur gebaut. Sie konnte machen, was sie wollte, und sie konnte nur eines machen, nämlich in die Welt ziehen und hoffen, daß die Mädchen verschwinden würden.

Alle stehen auf der Phönixtreppe in Fredrikstad. Sie hoffen. Sie denken. Sie werden die Stadt verlassen, die sie großgezogen hat, die Stadt, der sie alles schulden. Aber so denken sie nicht. Sie finden nicht, daß sie irgendwem irgendwas schulden. Sie haben nicht darum gebeten, geboren zu werden. Es ist ihnen einfach passiert. In Fredrikstad, im St. Josefs-Hospital sind sie auf die Welt gekommen, fast alle. Und sie schulden niemandem etwas. Sie stehen da und lächeln. Sie werden schließlich fotografiert.

Sie stehen da und hoffen, daß sie auf dem Bild gut aussehen werden. Daß sie flott aussehen werden. Daß sie genau so aussehen werden, wie sie sind. „Hallo, Leute!“ sagt der Fotograf. Und alle sehen ihn an und hoffen, daß das Bild ihre Schönheit und Klugheit ausstrahlen wird.

Es wird ein klares und flottes Bild. So klar und flott wie alle anderen Bilder, die nach jedem Abitur auf der Phönixtreppe in Fredrikstad aufgenommen worden sind. Es wird bei Fotograf Sollem für alle ausgestellt, die sich die Mühe machen, im Vorbeigehen stehenzubleiben und hinzuschauen, die sich zum Fenster vorbeugen, die Augen zusammenkneifen und sagen: „Ach, das ist sie ja!“ oder „Aber da ist er ja! Siehst du? Da rechts, in der zweiten Reihe von oben! Das habe ich ja immer gesagt – dieser Junge, der hatte was Besonderes.“

Für andere, die vorbeikommen und niemanden in diesem Jahrgang kennen, gibt es nichts Außergewöhnliches zu sehen. Einfach noch ein Jahrgang von Köpfen unter schwarzen Mützen. Seltsam, wie gleich sie alle aussehen, Jahr für Jahr, abgesehen davon natürlich, daß es Jungen und Mädchen sind.

Und manche bleiben stehen und denken: Da hätte ich stehen sollen!

Inger hatte immer gewußt, daß sie dort stehen würde. So sicher, wie es im Winter auf Wiesebanen Schlittschuheis und im Frühling in Rødskogen Leberblümchen geben würde, so sicher war auch, daß sie eines Tages Abitur machen würde. Und jetzt kam der Sommer, und an seinem Ende wartete keine Schule mehr. Sie fuhr mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester Ellen nach Tjøme, wie immer, dort gab es Meer und Felsen, und sie hatte keine Ahnung, was sie werden sollte. Das lag daran, daß sie wußte, sie würde Schriftstellerin werden.

„Was willst du werden?“ fragten alle. Werden, werden, werden. Immer redeten sie von „werden“. „Ich bewerbe mich um ein Lehramt in Karasjok und Kautokeino“, sagte sie, denn sie hatte gerade entdeckt, daß es eine Zeitschrift gab, in der Stellen ausgeschrieben waren, und daß darin Karasjok und Kautokeino vorkamen. „Das wird mein Militärdienst, schließlich darf ich mein Land sonst nicht verteidigen, wegen meines Geschlechts.“ Das war blödsinnig. Das Militär war auch blödsinnig, keiner der Jungen wollte hin. Aber das machte das andere nicht weniger blödsinnig. Sie bekam keine Antwort, weder aus Karasjok noch aus Kautokeino. „Dann nicht. Dann müssen sie eben ohne mich zurechtkommen“, sagte sie. Oder: „Eines schönen Tages werde ich mich wohl als Schlagersängerin durchschlagen.“ „Du, Inger“, fragte Liv Mo, „wenn du eine berühmte Schauspielerin bist und ich mit Blumen komme, versprichst du mir, mich dann noch zu kennen?“

Das Seltsame war, daß sie erwarteten, sie würde sich schon durchschlagen. Egal, als was. Und sie witzelte sich durch die Zukunftsmöglichkeiten hindurch. „Vielleicht werde ich Journalistin.“ „Journalistin“ war das Wort, das sie statt „Schriftstellerin“ verwendete. Denn die Hoffnung war so groß, daß sie sie zusammen mit der Katastrophe in ihrem Herzen versteckte.

Als Schriftstellerin würde sie „Kristin Lavranstochter“ schreiben, „Anna Karenina“ und „Meuterei auf der Bounty“, und sie würde ein Buch schreiben, das „Tausend Kessel“ hieß und das sie noch nicht gelesen hatte. Sie würde auch gern „Ruf der Wildnis“ von Jack London schreiben und die Auswandererbücher von Moberg, vor allem „Bauern ziehen übers Meer“. „Bauern ziehen übers Meer“ war das schönste von allen Büchern, die sie schreiben würde.

Um alle diese Bücher schreiben zu können, mußte sie weg. In Fredrikstad hatte sie nichts erlebt, worüber sie schreiben könnte, es war entweder so öde, daß sie längst eingeschlafen wäre, noch ehe sie halb fertig war, oder so entsetzlich, daß sie es nicht erwähnen konnte. Ein Roman war in seinem Wesen das genaue Gegenteil von Fredrikstad.

Eines Tages kam Evelyns älteste Schwester, Solveig, in ihren roten Gewändern mit einer Zeitung über den Hof geflattert. „Hier“, sagte sie und zeigte auf eine Annonce. „Edinburgh Family of six wants au pair for a year. Write to: Mrs. Mayfield, 6, Aberdeen Road, Edingburgh 5. 1 £ a week.“

Inger starrte die Anzeige an. Das Zeichen £ war beeindrukkend. „Aber ich kann Hausarbeit nicht ausstehen!“ sagte sie.

„Das macht doch nichts“, erwiderte Solveig, die selbst die seltsamsten Arbeiten verrichtet hatte, in Europa und in Amerika, einfach, um die Welt zu sehen. Inger sah ihre Tante skeptisch an. „Du kommst raus! Und das wirst du nie bereuen!“

Inger schrieb, sie heiße Inger. Sie sei achtzehn, ihre Hobbys seien Gitarre spielen, schreiben und lesen, und Hausarbeit könne sie nicht ausstehen. Yours sincerely, Inger Holm. Dann wartete sie voller Spannung darauf, daß das Leben endlich geschah.

Schließlich kam ein Brief. Mrs. Mayfield schrieb, sie sei sorry, weil Inger Hausarbeit nicht möge, aber es handle sich auch nur um light housework, und sie könne drei oder vier Abende die Woche The Royal High School besuchen und sonntags in The Scandinavian Church in Leith gehen. (Die glaubt doch tatsächlich, ich würde in die Kirche gehen!) Here’s our family.

Ein kleines Bild von the family war beigelegt. Die bestand aus Mr. und Mrs. Mayfield, dem zwanzigjährigen Glen, der achtzehnjährigen Sheila, dem vierzehnjährigen Duncan und dem sechsjährigen Adam. Die beiden jüngeren Söhne schienen eine Art Uniform zu tragen. Sheila hatte ein Sommerkleid an und ein ganz winziges Verkäuferinnenlächeln. Inger beugte sich über das Bild und betrachtete es genau, und plötzlich wußte sie, daß dieses Mädchen – diese unbekannte Schottin auf dem winzigen Bild – ihre neue Katastrophe sein würde.

Evelyn und Inger saßen auf dem Felsen, die Möwen jagten hin und her, und Mama grauste sich vor Ingers Abreise. „Du bringst soviel Leben ins Haus!“ sagte sie. Aber sie sagte auch: „Wenn du Jahr für Jahr am selben Ort wohnst, ist ein Jahr wie das andere. Aber im Ausland ist immer alles neu, und du bekommst eine Quelle, aus der du später immer wieder schöpfen kannst.“

Sie hatten gebadet, ihre Beine waren sonnenbraun, und Inger hatte Evelyns schlanke Beine geerbt. Daß sie ansonsten nicht so schlank war, hielt Mama ihr nie vor. Sie sagte: „Wart nur ab! Wenn du dich verliebst, dann wirst du dünn!“

Das war ihr nämlich passiert, und auch ihrer Schwester Lisa war es immer so gegangen. Dünn und verliebt. Mama sprach über das Ausland. Sie erzählte von damals, als sie jung und verliebt war. Ehe Papa auftrat. Inger kannte Mamas ganzes Leben. Mama mit vierzehn Jahren, lachlustig und voller Hemmungen, die sich unter dem Tisch in der Ris-Schule mit ihrer besten Freundin, Ragnhild, traf, während die Lehrerin sich den Kopf zerbrach, wo sie denn wohl steckten. Mama mit fünf Jahren, ein bißchen zu dick und mit einem blonden Pony, als sie nur deutsch sprechen und das norwegische L nicht zustandebringen konnte. Und dabei brauchte sie es dringend, denn sie lernte bald, daß sie „Selber dick“! rufen mußte, wenn jemand „Dicke!“ zu ihr sagte. Aber das schaffte sie nicht. Mama war immer in Deutschland gewesen und hatte als Kind Heimweh. Aber ihre Mutter, Emilie, hatte gesagt, sie würden jeden Tag um zwölf Uhr aneinander denken. Deshalb dachte Mama jeden Tag um zwölf Uhr an Emilie, die sich vielleicht in Italien befand oder in Oslo, jedenfalls viele Meilen weit weg, und jeden Tag um zwölf Uhr dachte Emilie an Mama, egal, wo sie war.

Inger wußte auch jetzt, wie es war, Mama zu sein. Sie war gefesselt und gefangen. Sie war nervös. Aber Papa machte sie noch nervöser. „Nerven?“ fragte Mama, als sie jung war. „Was ist das?“ Aber dann heiratete sie Papa. Das war 1937 in Potsdam, und es kam dazu, weil Papa dafür gesorgt hatte, daß Helga unterwegs war. Das Schlimmste in Mamas Leben war, daß sie Helga verloren hatte. Das war auch das Schlimmste in Ingers Leben. Inger wußte nicht mehr, wie oft sie die fünf Tage durchgegangen waren, vom Samstag, als Helga krank wurde und alle dachten, es sei eine Sommergrippe oder vielleicht Mumps, bis zum frühen Donnerstagmorgen, dem 27. September 1951, als sie an Kinderlähmung gestorben war.

Helga war im Felsen. Darin, wie er sich rundete, nur darin. Sie war in den herumjagenden Möwen und in den Gletschermühlen auf der anderen Seite der Bucht. Nirgends war sie so sehr in allem wie hier. Das wußten sie beide, als sie dort saßen. Sie konnten es sagen oder darüber schweigen. „Weißt du noch, wie sie dahinten beim Eisenbolzen stand und die Hüften schwenkte und sang: Tarara pompia!“ Und dann lachten sie. Helga war witzig. Es war vielleicht ein bißchen seltsam, über sie zu lachen. Aber Helga wußte doch nicht, daß sie in all den vielen Jahren die Schwester sein würde, die gestorben war.

Und jetzt verliert Mama auch mich, dachte Inger. Aber ich sterbe ja schließlich nicht. Obwohl auch das nicht sicher ist. Denn schon mit zehn Jahren wußte Inger, daß man jederzeit sterben konnte. Und sie kam gar nicht auf die Idee, sich davor zu fürchten. Sie würde nur dorthin kommen, wo Helga war, und sie war doch immer schon hinter Helga hergetrottet. Daß andere sterben könnten, davor hatte sie sich seit damals allerdings immer gefürchtet.

„Warst du eigentlich noch nie verliebt?“ fragte Mama.

Die Frage kam so plötzlich. Sie hatten lange still gesessen. Mamas Frage. Sie war nah und warm.

Inger hatte immer gewußt, daß diese Frage kommen würde. Eines Tages. Eines Augenblicks. Dieser Augenblick war jetzt. Jetzt, und nicht ein anderes Mal.

Ihr Herz hämmert: Ich muß antworten. Der Felsen ist rund und glatt, sie sehen auf die Schären. Inger sieht nicht dorthin, wo Mama ist. „Meinst du etwa, ich wäre ganz und gar gefühllos?“ fragt sie. „Aber nicht doch“, wehrt Mama sofort ab. Denn das glaubt sie ja nicht. Das glaubt sie wirklich nicht.

Aber Inger hat geantwortet, und mehr antwortet sie nicht. Sie spürt Mamas Sehnsucht, und sie denkt: Ach, Mama! Du hättest Helga behalten sollen! Was bin ich für eine Tochter, wenn ich das nicht beantworten kann? Das Schlimmste, was mir passieren kann, weißt du, was das ist? Daß ich mich von Tove verabschieden muß. Aber die Worte – die unglaublich schlichten Worte – wollen nicht heraus.

Der August ist von Abschieden erfüllt. Und bei jedem wird die Stadt unwirklicher. Fredrikstad wird der Inhalt des Lebens entzogen. Da steht sie tatsächlich, zusammen mit einigen anderen, die noch nicht losgefahren sind, auf dem Bahnhof, um einen Zug abfahren zu sehen, und gegen jedes Naturgesetz tragen ihre Beine sie. Wann wird sie sie wiedersehen? Wann wird irgendwer irgendwen wiedersehen? Niemand weiß es; allen Versicherungen zum Trotz, daß sie immer befreundet sein wollen, wissen sie, daß die Welt in Wirklichkeit schrecklich groß ist. Aber was ist sie? Und was wird jetzt ihr Inhalt sein, wo wir nicht mehr ihr Inhalt sind?

Bei diesen Abschieden wird nicht geweint. Junge Menschen weinen nicht. Die Beine, auf denen sie stehen, weinen. Aber das sieht niemand.

Inger wird am 26. September abfahren. Dieses seltsame Datum rückt näher. Das hat zwar jedes Datum bisher getan. Aber dies hier ist ganz und gar unwirklich. „Ich kann gar nicht an diesen Tag denken“, sagt Evelyn.

Ørnulf dagegen sagt nichts. Wenn er seine Tochter schon in die Welt hinausschicken muß, dann wenigstens erster Klasse. Sie haben eine kleine Broschüre von Fred. Olsens Reederei mit einer Querschnittzeichnung der M/S Blenheim. Alle Kabinen sind Vierecke in verschiedenen Farben, die die Klassen kennzeichnen. Die erste Klasse ist rot, aber auch hier gibt es unterschiedliche Schattierungen, die Preis und Qualität ansagen. Das dunkelste Rot kann er sich nicht leisten. Im hellsten Rot will er sie aber auch nicht fahren lassen. Darin fahren alle, die es sich nur ganz haarscharf leisten können, fein zu sein. Inger sitzt auf seinem Schoß, sie studieren die Broschüre. Er zeigt auf ein Viereck. „Hier!“ sagt er. „Wir buchen eine Überfahrt in der zweitbilligsten ersten Klasse!“ „Kannst du dir das denn leisten?“ „Ja“, nickt er großartig.

Eines Tages ruft er sie ins Wohnzimmer. Evelyn sitzt schon bereit. „Inger“, beginnt Papa, und seine Stimme klingt feierlich. „Wir haben uns etwas überlegt.“ „Ja? Und was denn?“ „Daß Mama und ich uns dich nicht ohne Schreibmaschine vorstellen können.“

Ein Abschiedsgeschenk? Inger blickt vom einen zur anderen. Dann lacht sie. „Spinnst du vielleicht, oder was?“ „Ich habe bei Kontor-Service angerufen“, antwortet Papa stolz. „Du kannst hingehen und dir eine aussuchen.“

Inger entscheidet sich für eine kleine Royalite-Reiseschreibmaschine, glänzend und hellgrau, mit weißen Tasten und einem hellbraunen Lederkoffer. Sie nimmt sie in die Hand. Trägt sie zur Zollstation. Die Schreibmaschine muß plombiert werden. Sie erhält ein kleines rundes Plombierdings. „Gute Reise nach Edinburgh“, wünscht der Zollbeamte. Gute Reise, gute Reise! sagen alle. Als sie oben in Lillians Wohnung steht, erscheint Lillians große, dünne Mutter in der Tür und sagt das auch. Sie ist immer ein bißchen streng gewesen, diese Frau Oppegaard. Als sie aber jetzt dasteht und gute Reise wünschen will, hat sie Tränen in den Augen.

Es ist seltsam. Sie weinen. Fredrikstad weint.

Ørnulf und Evelyn veranstalten ein Abschiedsfest für ihre Tochter. Das Fest findet im Gesellschaftsclub Phönix statt, hinter der ehrwürdigen Treppe, auf der das Bild aufgenommen worden ist. Obwohl schon viele abgereist sind, sind immer noch genug übrig, um „Auf Wiedersehen“ zu sagen.

Inger denkt: Das ist mein Fest! Ich kann tanzen, mit wem ich will. Und ich will mit Sigvart Jespersen tanzen. Er ist ein Herzensbrecher. Das Problem ist nur, daß er mein Herz nie brechen wird. Trotz der Katastrophe, die sie in ihrem Herzen trägt, auch auf diesem Abschiedsfest, hofft Inger auf einen Jungen. Sie hat immer auf einen Jungen gehofft. Sie weiß, wenn er kommt, ist die Katastrophe getilgt.

Und sie hat Sigvart im Bassin nicht vergessen. Er hatte gewettet, er würde in den Sperlingsbrunnen auf dem Floraplatz springen, wenn er die Französischprüfung bestünde, und das hat er gemacht. Sie hat auch ein Ereignis auf Grusbanen nicht vergessen. Sie waren gerade in dieselbe Klasse gekommen, und er trug ein weißes Hemd und war aus Trara. Halb Fredrikstad hatte sich auf Grusbanen versammelt, weil ein Fakir mit brennender Flamme in eine Wassertonne springen wollte. Da kam Sigvart auf einem grünen Fahrrad. Er hielt mit quietschenden Bremsen genau vor ihr. „Hast du die Matheaufgaben schon gemacht?“ fragte er.

Warum sie sich daran erinnerte, nach so langer Zeit, fragte sie sich. Aber sie nahm an, daß sie sich mehr von diesen Erlebnissen erhoffen müßte, wenn sie in die Welt ziehen und auf einen Jungen hoffen wollte. Später hatte sie ihn auch bekommen. Sie hatten sich an kalten Herbstabenden in Lykkebergparken hinter der Blauen Grotte umarmt. Er war warm und groß. Sie lagen mit einer ganzen Clique aus St. Croix und Trara auf dem Rasen, die anderen hatten auch gerade in diesem Herbst zueinander gefunden. Und als Sigvart mit einer 2 in Französisch triefnaß aus dem Sperlingsbrunnen gestiegen war und sich bei Frau Olsrud, der obersten Moralwächterin von Flora, hatte entschuldigen müssen, waren die Gefühle wieder aufgeflammt. So gehört sich das, dachte Inger und hoffte auf Sigvart, und da kam er auch schon auf sie zu. „Ein letzter Tanz?“

Sigvart und Inger tanzten. Sie sangen „I could have danced all night“ und sahen einander mit all den gemeinsamen unausgesprochenen Erinnerungen in die Augen. Weißt du noch, wie der Fakir in die Tonne gesprungen ist?

Ørnulf sieht ein ganz anderes Schauspiel. Er sieht Inger in den Armen des Herzensbrechers der Klasse, er sieht ihre muntere Willigkeit, und er wird wahnsinnig. Er stürzt durch den Saal, steif in seinem Suff. „Hört auf damit!“ ruft er.

„Aber Papa! Wir tanzen ja bloß!“ Doch das stimmt nicht ganz. „Komm“ sagt Ørnulf. „Ich will dir etwas zeigen.“

Er geht mit Inger nach draußen. „Da!“ sagt er. Da ist der Mond. Er steht gelb und rund über dem weißen Holzbau der Methodistenkirche. Papa schwankt hin und her. Er ist sturzbetrunken, ein seltener Anblick, denn an sich trinkt er jeden Tag sehr viel. Aber jetzt ist es ihm gelungen, das zu werden, was er „knatschbesoffen“ nennt, und er zeigt Inger den Mond.

Sie stehen da und betrachten den Mond, und Inger weiß, daß er nicht aussprechen kann, was ihm jetzt so zusetzt. Denn er ist eifersüchtig wie ein Ehemann, und Inger weiß, daß Papa dazu nur sagen kann: „Da ist der Mond!“

Er tut ihr leid, wie er so dasteht. Er hat sie lieb, schon seit er sie zum erstenmal in der Klinik in Josefinegaten gesehen hat. Danach ging er mit Frank, seinem besten Freund, in die dunkle Kriegsnacht hinaus, und draußen blieb er stehen und betrachtete Franks Fußspuren im Neuschnee. In diesen Spuren lag Papas Liebe zu Inger, und in diesen Spuren lag auch Ingers Liebe zu Papa. Nie vergaß sie die Spuren und was sie bedeuteten, obwohl sie in der Klinik gelegen hatte und eben erst geboren war. Aber jetzt sagt Papa: „Du mußt eines wissen: An dem Tag, an dem du mir einen Schwiegersohn vorstellst, schlag’ ich ihn zu Brei.“

Das hat er schon oft gesagt, aber jetzt sagt er es dem schönen Mond über der Methodistenkirche. Niemand konnte das Wort „Schwiegersohn“ mit tieferer Verachtung in den „s“ aussprechen als Papa. Und das Kerngehäuse, das er unter dem Bett im Schlafzimmer fand, in dem sie während ihres Sturmfreie-Bude-Festes gelegen hatte, hatte er auch nie vergessen. Sie war da mit Mofa gewesen, aber das wußte Papa doch nicht, und wieso dabei ein Kerngehäuse übrigbleiben konnte, hatte sie nie begriffen. „Sigvart ist kein Schwiegersohn, Papa“, sagt Inger. „Er ist ein Rotzbengel“, antwortet Papa.

Inger wird wütend. Sie kann fast so wütend werden wie Papa, und sie geht sofort wieder hinein und küßt Sigvart. Sie gehört zum Henker nochmal nicht Papa, und er kennt Sigvart nicht, und er hat überhaupt keine Ahnung, ob Sigvart ein Rotzbengel ist oder nicht, und ihr ist das schnurz. Er soll sich bloß nicht einbilden, er könnte hier kommandieren. Nein. Sie finden einen Vorhang. Hinter dem Vorhang küssen sie sich noch einmal. Es ist schön, und Papa geht das nichts an, und dann tanzen sie weiter, und Inger ist weiß Gott auch nicht nüchtern. Niemand ist nüchtern, Ørnulf am wenigsten, und jetzt kommt er angestürzt, packt Sigvart am Arm und stößt ihn mit großem Schwung beiseite. Sigvart rutscht aus, weicht zurück. „Verschwinde, du Rotzbengel!“ ruft Ørnulf.

Sigvart verschwindet. Er geht in die Garderobe und holt seine Jacke, aber Ørnulf rennt hinterher. „Verschwinde, du Rotzbengel!“ wiederholt er und geht mit hinaus auf die Treppe. Dort, auf der obersten Treppenstufe bleibt Sigvart zögernd stehen. „Immer mit der Ruhe“, murmelt er. „Verschwinde, du Rotzbengel!“ ruft Ørnulf noch einmal und stößt ihn die Treppe hinunter.

Das war das Schauspiel, dessen Zeugin die Phönixtreppe drei Monate nach dem historischen Bild werden sollte. Die Grüne Minna kommt. Alle Gäste in ihren dünnen Festkleidern stehen auf der Treppe. Sigvart ist verschwunden. Die Polizisten überqueren die Straße. Ørnulf tritt an den Kantstein und blickt auf sie herab. Er schwankt. „Wir sind gerufen worden“, sagen die Polizisten. „Ich bin Dr. Holm“, erwidert Ørnulf ruhig. „Hier soll eine Schlägerei stattgefunden haben“, sagen die Polizisten. „Hier hat es keine Schlägerei gegeben!“ antwortet Ørnulf.

Die Polizisten blicken zu den Festgästen hoch, hinüber auf Fergestedsveien und schließlich in den Rinnstein. „Na gut“, sagen sie, legen die Hand an die Mütze und verschwinden in ihrer Grünen Minna.

Aber dann passiert etwas Merkwürdiges. Mofa tritt vor. Er ist ziemlich kurzgewachsen, und er stellt sich dicht neben Ørnulf an den Kantstein, ballt die Faust unter Ørnulfs Kinn und zischt: „Jetzt bitten Sie Ihre Tochter um Entschuldigung!“

Das ist gegen sämtliche Regeln. Die Jungen haben den Vätern Platz zu machen. Sie haben sich zu verbeugen und zu grüßen. Wenn sie kommen, sollen sie sich schweigend über Hintertreppen schleichen und im Gebüsch verstecken. Ørnulf blickt auf Mofa herab. Er schwankt. „Holm!“ zischt Mofa wieder, rot im Gesicht. „Jetzt bitten Sie Ihre Tochter um Entschuldigung.“

Ørnulf weicht zurück. Er geht ganz einfach, ohne ein Wort. Die Treppe hinauf und in den anderen Teil des Lokals, zu Evelyn. Sie ist schon vor einiger Zeit rübergegangen und weiß nichts von dem Vorfall. Dorthin torkelt er. Das Abschiedsfest ist vorbei.

Alle haben diesen entsetzlichen Auftritt gesehen. Aber niemand sagt etwas. Jetzt haben alle gesehen, wie Papa ist. In all den Jahren hat sie das verschwiegen. Sein ewiges Trinken und seine Streitsucht in den Nächten und Mamas Weinen über seine Tyrannei. Es war etwas, das nach drinnen gehörte. Ins Innere von allem, von dem alle in Fredrikstad wußten. Und nun war es herausgekommen – auf der Treppe, am Herbstabend, und der Streifenwagen kam und verschwand wieder. Hier gibt es keine Schlägerei.

Und ganz plötzlich geht Inger auf, was es bedeutet, auf dieser Welt Dr. Holm zu sein und nicht Jens Jensen. Jens Jensen säße jetzt nämlich in der Ausnüchterungszelle.

Inger schämt sich, sie schämt sich für Sigvart vor den anderen, und sie schämt sich vor Sigvart. Sie schreibt ihm einen Brief und bittet für ihren Vater um Entschuldigung. Danach schämt sie sich auch deshalb.

Sie begegnen sich zufällig vor der Blauen Grotte und umarmen sich. Jetzt sind wir erwachsen! denkt Inger. Hier stehen wir am hellichten Tage und umarmen uns zum Abschied. Aber sie sprechen nicht von dem, was passiert ist. Und sie schämt sich noch immer. Das einzige, was ihre Scham wegwaschen kann, sind Mofas Worte: „Jetzt bitten Sie Ihre Tochter um Entschuldigung!“

Und das tut Ørnulf.

Sie machen auf Kråkerøy einen langen Ausflug in seinem neuen Austin Cambridge. Er ist eifrig, zeigt ihr den Rückwärtsgang. „Du ziehst zuerst die Gangschaltung gerade heraus und preßt sie dann dicht neben dem Lenkrad nach unten. Versuch’s mal!“ sagt er.

„Ich weiß, daß ich schwierig bin. Aber einen anderen Vater bekommst du nicht“, sagt er.

So entschuldigt er sich bei Inger, die nicht weiß, ob sie diese Entschuldigung annehmen kann. Er hat ihr ein entsetzliches Abschiedsfest bereitet. Zum erstenmal wird die Wahrheit ihrer Kindheit in ihr erschüttert.

„Ich habe ihn nicht mehr lieb, Mama, wenn er sowas macht!“

Evelyn stutzt. „Doch, du hast ihn wohl lieb? Aber Liebe kann zerbrechen!“ sagt sie plötzlich.

Was soll ohne mich aus Mama werden? denkt Inger. Wie soll es mit Mama und Papa im Wohnzimmer werden?

In diesem Moment sieht sie Ellens kleines Overallhinterteil mit einem Köfferchen durch die Tür der Abstellkammer verschwinden. Dahinter sitzt Tone aus dem zweiten Stock, mit der Ellen jeden Nachmittag spielt. Sich von ihrer kleinen Schwester zu verabschieden, ist das Schlimmste von allem. Immer trottete sie hinter Inger her, so wie Inger früher hinter Helga hergetrottet war. Jetzt hört sie drinnen Ellens Stimme. „Auf Wiedersehen, Kleine-Bah! Hüte das Haus, solange ich weg bin.“ – „Auf Wiedersehen, Große-Ba. Kaufst du mir was Geheimes, wenn du weg bist!“ fragt Tone.

Das ist die Welt, die Inger verläßt. In dem Herbst, als die M/S Blenheim sie davonträgt, wird sie neunzehn. Wohin sie unterwegs ist, ahnt sie so wenig wie die Bauern, die übers Meer zogen. Sie weiß, daß sie lernen muß. Und sie weiß, daß sie weg muß. Zu ihren Füßen an der Reling steht eine kleine, hellbraune Schreibmaschine.

Das Paar auf dem Fred. Olsen-Kai wird immer kleiner. Er steht da mit grauen Hosen und braunen Schuhen, einer Jacke in einem anderen Grauton, barhäuptig. Sie trägt eine halblange gelbe Jacke mit großen Taschen, ein großgeblümtes Sommerkleid, hochhackige, weiße Schuhe und einen Kamm in ihrem dunkelbraunen Haar. Dicht beieinander stehen sie, abseits von den anderen Winkenden. Niemand ist so barhäuptig, wenn er keinen Hut aufhat, wie Papa. Sein Schädel ist blank und von einem dunklen Kranz umgeben, und auf dem Schädel liegen drei schwarze Haare.

Inger unterdrückt die aufsteigenden Tränen. Sie wird ganz wirr im Kopf vom Weinen, das gezähmt werden muß. Innen zittert alles. Wie klein sie werden. Wie schrecklich klein.

Ein fremder Passagier mit Schirmmütze und Kniebundhosen steht neben ihr. Er sieht eine winkende junge Frau in blauer Matrosenjacke. Das Paar am Ufer wird immer kleiner, bald ist es nur noch ein gelber Punkt. Inger nimmt ihren großen, bunten Seidenschal und winkt dem Punkt zu. Sie bemerkt den Passagier neben sich. Was weiß der schon, denkt Inger.

Abschied

Beim Abschied brach Evelyn in Tränen aus. Sie war entschlossen gewesen, das nicht zu tun, aber sie schaffte es nicht. Durch die Tränen sah sie Ingers Gesicht, erschrocken und verwirrt – und einen kurzen, klaren Moment sah sie dasselbe Gesicht vor neun Jahren, an einem frühen Herbstmorgen, und Ingers Stimme sagte: „Mama, was ist los? Was ist los?“ Und sie konnte nicht antworten.

Helene hatte damals geantwortet, Ørnulfs Mutter. Hatte ihrer Enkelin die Hände auf die Schultern gelegt und die Worte ausgesprochen, die Evelyn nicht über die Lippen brachte: „Helga ist eingeschlafen.“

Das fiel Evelyn jetzt ein, und eine alte Trauer stieg hoch und vermischte sich mit der neuen. Das Schiff war nun schon so weit entfernt, daß sie die einzelnen Passagiere nicht mehr unterscheiden konnte. Dennoch standen sie da und blickten ihm nach, Ørnulfs Körper dicht an ihrem, seine Gedanken ebenso dicht, fast physisch, auch sie.

Evelyn war immer froh darüber gewesen, daß Inger kein Junge war. Denn dann hätten sie und Ørnulf nicht im selben Haus sein können, und sie wäre viel früher gegangen. Inger hatte sein hitziges Temperament geerbt. Und da war es gut, daß sie nicht auch noch seine Muskelkraft geerbt hatte. Sie spürte sie jetzt, als er sie in den Arm nahm, Geborgenheit. Wenn er sich nur darauf beschränken wollte, seine Kraft so zu verwenden!

Aber er hatte einen merkwürdigen Drang, beweisen zu wollen, daß er souverän war. „Ja, wir wollen hier eigentlich kein Zelt aufschlagen“, sagte er traurig, in einem Versuch, sie aufzumuntern. Sie entdeckten plötzlich, daß außer ihnen niemand mehr an der Landungsbrücke stand. Evelyn lachte, stellte sich auf die Zehen und küßte ihn auf den Mund.

Danach fuhren sie nach Vinderen, zu ihrer Familie. Das Haus war voll, eben war Evelyns Kusine Paula aus Deutschland gekommen.

Aber Evelyn konnte das alles jetzt nicht ertragen. Sie suchte Zuflucht bei ihrer Schwester Lisa.

Lisa stand in der Küche und bereitete eine riesengroße Platte mit Butterbroten, Krebsen und Räucherlachs und „allem, was dazu gehört“, ein kleines Kunstwerk in frischen Farben. Evelyn schlang die Arme um sie. So standen sie da und weinten.

Lisa drückte ihre kleine Schwester an sich. Fuhr ihr mit der Hand durchs Haar, sie waren sich sehr ähnlich, die beiden, mit ihren dunkelbraunen, runden Köpfen, nur war Lisa kleiner und molliger. „Kleine Evelyn, kleine Evelyn“, sagte Lisa. „Sie kommt doch zurück.“

„Ich weiß“, weinte Evelyn.

„Und denk daran, was du für schöne Briefe bekommen wirst! Sie schreibt herrliche Briefe, Evelyn.“

Inger hatte in all den Jahren eine lebhafte Korrespondenz mit Lisa geführt und ihr all die komischen Dinge erzählt, die in Fredrikstad passierten, und auch einzelne geheime Episoden im Herbst im Park – und Evelyn hoffte, Inger würde in ihren Briefen vertraulicher werden, als sie es im wirklichen Leben gewesen war, und sie fand Trost in Lisas Worten. Sie löste sich aus der Umarmung und trocknete ihre Tränen.

„Ich bin ja wie ein Kind!“ sagte sie und versuchte zu lächeln.

„Du bist mein Kind“, meinte Lisa.

„Aber ich habe solche Angst davor, nach Hause zu fahren!“ rief Evelyn, sie setzte sich an den Küchentisch und steckte sich eine Zigarette an.

Und Lisa weiß Bescheid. Sie weiß, was im Kopf ihrer kleinen Schwester vor sich geht und wie der Abschied alles hochwirbelt. Sie hat Evelyns ganzes Leben miterlebt – von dem Moment an, als sie im April 1918 in dem Haus geboren wurde, in dem sie jetzt standen. Und sie hatte sie immer geliebt, und nie hatte sie ein eigenes Kind bekommen. Wegen einer Dummheit, begangen in einer Seitenstraße in Paris, mit achtzehn Jahren. „Mein Kind“, sagte Lisa, wenn sie ein paar Gläser getrunken hatte, „mein Kind liegt im Rinnstein in Paris.“

Aber hier sitzt Evelyn mit nassen Augen, und Inger ist abgefahren, und in all den Jahren haben sie die Liebe bekommen, die dem Kind im Rinnstein zugedacht gewesen war. „Sie kommt zurück, Evelyn!“ – „Aber Lisa, ich habe Angst“, flüstert Evelyn. „Ich habe Angst davor, mit ihm allein zu sein.“

Das weiß Lisa, aber was soll sie darauf antworten? „Ich komme dich bald besuchen“, sagt sie. „Bestimmt?“ – „Ja, das verspreche ich. Bald.“ – „Aber kannst du ihn denn ertragen?“ – „Mich anzufassen, traut er sich nicht“, sagt Lisa.

Immer, wenn sie im Gjarmhaus sind, will Emilie, daß Evelyn zu ihr kommt, nur sie allein. Evelyn sitzt am Küchentisch und weiß, daß ihre Mutter wartet. Und sie graust sich. „Gehst du noch vor dem Essen ein bißchen zu ihr!“ fragt Lisa. „Ja“, sagt Evelyn gehorsam und geht.

Emilie Gjarm verbrachte ihren Lebensabend hauptsächlich in einem Sessel im ersten Stock ihrer Villa in Vinderen, wo sie Aussicht über den Bunnefjord hatte. Von hier aus verfolgte sie, was auf der Welt vor sich ging, las alle Zeitungen und führte eine ausgedehnte Korrespondenz. Sie hatte ein reiches Leben gelebt. Aber schmerzlos war es nicht gewesen, und der schlimmste Schmerz war, zu erleben, wie ihre beiden Vaterländer Krieg gegeneinander geführt hatten. „Landesverräterin“ hatten sie sie genannt. Landesverräterin! Sie, die diesem Land ihr Blut gegeben hatte. Sechs Kinder hatte sie ihm geboren! Sie hatte darüber einen Gedichtzyklus geschrieben, den sie „Zwischen zwei Ländern“ nannte und in einer Schublade versteckte.

Sie war zwar Mitglied der NSDAP gewesen. Aber war das denn verboten? Plötzlich war es verboten. Es hatte sie einen wesentlichen Teil ihres Vermögens gekostet, obwohl sie nichts anderes getan hatte, als in der Partei zu bleiben, als ihre Leute Norwegen besetzten. Sie hatte den Landesverrat mit einem ihrer Munch-Gemälde bezahlt, mit „Melancholie“ – ironischerweise. Hans Rudolf hatte es um die Jahrhundertwende aus Paris mitgebracht, als Munch ihm zweihundert Kronen schuldete. Zurückbezahlen konnte er nicht. Deshalb sagte Munch, als Hans Rudolf abreisen mußte: „Aber ich habe ein Bild.“

Hans Rudolf war ein großmütiger Mann, wenn es ihm in den Kram paßte, und nahm das Bild. Als ihr Bußgeldbescheid nach dem Landesverratsprozeß kam, sagten alle: „Warte! Bezahl jetzt nicht! Nach einer Weile werden sie nachgeben. Nur jetzt, in ihrem Siegesrausch, verhängen sie so hohe Strafen.“ Aber sie wollte bezahlen und die Sache hinter sich bringen. Deshalb lieferte sie das Bild ab und wartete auf den Abtransport nach Bjørnøya. Sie war ganz sicher, daß sie dorthin gebracht werden würde. Das hatten sie ja schließlich selber gesagt. Alle Landesverräter sollten nach Bjørnøya.

Niemand kam, um sie abzuholen. Deshalb suchte sie Zuflucht auf einem Bauernhof in Valdres. Und seither hatte nur der Glaube an den Herrn ihr geholfen.

Sie wartete jetzt auf Evelyn, ihr liebstes Kind. Sie hatte sie schon vor langer Zeit kommen hören. Aber Ørnulf hielt sie wohl auf, wie immer. Vierundzwanzig Stunden am Tag hatte er sie bei sich, und wenn sie endlich in Oslo war, wollte er sie immer noch bei sich haben.

Alles hatte sie versucht, um die Ehe zu verhindern. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie die kleine Evelyn immer bei sich behalten. Aber wenn eine neue kleine Zukunft unterwegs ist, was macht man dann! Emilie hatte immer gewußt, daß es ein Unglück war – von dem Moment an, als sie den jungen Studenten in ihr Haus kommen sah, groß, dunkel und eigensinnig. Hatte er im Laufe der Zeit nicht Hand an ihr Kind gelegt? In entsetzlichen Streitereien zwischen halb zwei und halb vier Uhr nachts war das passiert. Wenn die Leute es nur schaffen würden, ins Bett zu gehen, sähe die Welt anders aus. Und er, ihr jüngster Schwiegersohn, müßte als erster schlafengehen. Ein Teufel war er, wenn er trank.

Als das Entsetzliche geschah, hatte sie – mitten in ihrem Schmerz über den Verlust ihrer Enkelin – gehofft, die Trauer würde Ørnulf und Evelyn einander näher bringen, Helgas Verlust würde sein Gemüt sanfter machen, ihn veredeln, ja, ihm eine gewisse Ruhe schenken. So war es ihr ergangen. Warum also nicht auch ihm?

Aber so war es nicht gekommen. Statt dessen hatte er sich der Flasche zugewandt. Nie hatte er soviel getrunken wie damals. Und Evelyn saß allein da mit ihrer Last und trug eine neue Zukunft unter dem Herzen. Emilie hatte noch einmal gehofft. Durch das neue kleine Leben würde er doch wohl mild werden? Und eine Zeitlang hatte es auch so ausgesehen. Manchmal wirkten sie wie eine ziemlich glückliche kleine Familie, wenn sie kamen, und jetzt waren sie wieder zu viert. Und als Emilie zum erstenmal in Klein-Ellens schöne blaue Augen schaute, wußte sie, daß das Kind vom Herrn kam. Im Glanz ihrer Augen sah sie, daß Ellen geradewegs aus Seiner Hand kam.

Inger war aus anderem Stoff. In ihren Augen hatte immer Trotz gelegen. Emilie griff zu ihrem Opernglas und richtete es auf den fernen, blauen Teich dort hinten, den Oslofjord. Sie wußte, daß kaum Hoffnung bestand, die Blenheim aus dieser Entfernung zu sehen, aber schließlich kommt es doch auf den Gedanken an, dachte sie, stellte das Opernglas schärfer ein und musterte den Teil des Fjordes, den das Schiff ganz bestimmt nicht passierte.

„Lieber Gott, mach, daß Evelyn mit diesem Abschied fertig wird. Und laß Ørnulf ihr Leben nicht zerstören. Segne Ingers Aufenthalt in Schottland und laß sie als neues und liebevolles Enkelkind nach Hause kommen. Und, lieber Gott, laß mich so lange leben, daß ich deine große Gnade erlebe, erhört worden zu sein.“

Daran, daß Inger als Studentin zurückkehren, sich in Oslo niederlassen und eine hervorragende akademische Karriere machen würde, zweifelte sie nicht einen Augenblick. Deshalb brauchte sie dafür auch nicht zu beten.

Nun klopfte endlich Evelyn an die Tür. „Evelyn, mein geliebtes Kind!“ rief Emilie und breitete beide Arme so aus, daß sie wie ein sitzendes T aussah. „Ich habe das Schiff gesehen!“ Evelyn stürzte zum Fenster, weil sie es auch sehen wollte. Gleichzeitig kniete sie halb in den Armen ihrer Mutter.

„Es ist gerade verschwunden“, erklärte Emilie. „Aber nicht ohne Segen. So, mein Kind, jetzt setz dich zu mir.“

Genau davor fürchtet sich Evelyn. Jetzt werden sie hier sitzen und „sich haben“, wie der familieneigene Ausdruck lautet, und das kann sie nicht, Unruhe steigt in ihr auf, denn in Lisas Wohnzimmer läuft Ørnulf hin und her und wartet.

„Wie behandelt er dich jetzt?“ fragt Emilie.

„Er ist lieb“, antwortet Evelyn. „Er war ja... er liebt Inger genauso sehr wie ich, das heißt, er hat ja immer behauptet, er liebe sie mehr als ich, und ich liebte Helga mehr als Inger. Aber ich finde, so eine Behauptung hat keinen Sinn.“

Doch während sie das sagt, weiß Evelyn, daß diese Behauptung für Emilie nicht sinnlos ist. Sie hat immer Unterschiede zwischen ihren Kindern gemacht. Und das Kind, das sie am innigsten liebt, sitzt jetzt bei ihr.

„Hat er... hat er aufgehört zu trinken?“

„Nein. Aber wir haben darüber gesprochen, eine neue alkoholfreie Periode zu probieren...“

Evelyn spürt, wie die Wörter ihre Kraft verlieren, als sie sie ausspricht. Denn sie glaubt nicht dran. Seine Antwort auf Sehnsucht ist nicht Nüchternheit.

„Aber ist er lieb zu dir?“ beharrt Emilie.

„Ja, Mami, er ist lieb! Du hast nie begriffen, daß er auch lieb sein kann. Er ist der liebevollste Vater auf der Welt, und wir haben es gut zusammen, wirklich.“

Evelyn schämt sich über diesen Ausdruck, als ob sie ihre Mutter verletzte, wenn sie behauptet, daß Ørnulf auch gut sein kann. Sie glaubt nicht, daß Emilie je gewußt hat, wie es ist, es mit einem Mann zusammen gut zu haben. Bei Hans Rudolf hatte sie das jedenfalls nicht. Und andere hatte sie doch nicht gehabt? Obwohl ihre Brüder in dieser Hinsicht ja allerlei zusammenfaselten.

„Evelyn“, sagte Emile. „Ich möchte gern mit dir zusammen beten.“

„Aber ich glaube doch nicht an Gott.“

„Nein, aber ich kann für uns beide beten.“

Emilie faltet ihre dürren, runzligen Hände vor ihrer Stirn. Sie betet, flüsternd, doch hörbar, auf deutsch. Sie wiederholt ihre Bitte, daß Inger es in Schottland gut haben soll, und sie will noch weiterbeten, aber mitten im Gebet wird an die Tür geklopft. „Evelyn! Wollt ihr noch bis ins nächste Jahrhundert da sitzen bleiben?“

Alle versammeln sich um die Butterbrotplatte in Lisas Wohnzimmer. Sie sitzen auf ihrer überdachten Veranda mit den großen Fenstern, die auf Stadt und Fjord blicken, blau, blau, weit hinten, wo das Schiff nicht mehr ist. In der Verandaöffnung steht Paula. Evelyn stößt ein leises Geheul aus. Sie fallen einander um den Hals. Zuletzt haben sie sich gesehen, als sie vierzehn waren und einander in Paulas strengem Vaterhaus in Magdeburg unter der Bettdecke Geheimnisse anvertrauten. Aber sie haben korrespondiert, durch Krieg und Not, sie haben nie den Kontakt verloren, und jetzt stürzt alles aus dem Gesicht der anderen über jede herein.

Auch Frank ist gekommen, Ørnulfs alter Freund aus Trondheim. Er kommt direkt aus der Karibik, sein Schiff liegt im Hafen, ein schwedischer Tanker der Barcon-Reederei. „Was für ein unglaublicher Glückstreffer. Alter Junge!“ sagt er und schlägt Ørnulf auf die Schulter.

„Mein alter Freund Frank“, stellt Ørnulf vor, höchst angeregt, weil er endlich wieder deutsch sprechen kann. „Er ist wahnsinnig. Er ist der einzige Person...“ Er unterbricht sich und starrt Evelyn plötzlich unsicher an. „Die Person“, sagt Evelyn. „Ja, also“, sagt Ørnulf mit Nachdruck. „Er ist die einzige Person, die von Schweden nach Norwegen während des Krieges geflüchtet hat.“ Alle lachen. „Ach ja?“ fragt Paula, sehr interessiert. „That is a long story“, erklärt Frank. „Laßt uns lieber lustigere Geschichten erzählen.“ – „Ja, laßt uns lieber herausfinden, wer die längste Geschichte ohne Pointe erzählen kann“, sagt Evelyn. Wieder lachen alle, und sie essen Lisas Brote, und am Ende lachen alle über alles, und niemand will aufbrechen. Eine seltsame Euphorie hat sie alle überkommen.

Paula lauscht interessiert den uralten Familienanekdoten, sie ist zum erstenmal in Norwegen. Aber Ørnulf will nach Hause. Wenn er noch fahren muß, gibt’s keinen Schnaps. Er erhebt sich, stellt sich vor Paula hin und fragt: „Kommst du mit?“ Und innerhalb von fünf Minuten beschließt Paula, ihren eben erst ausgepackten Koffer wieder zu packen und mit Ørnulf und Evelyn nach Fredrikstad zu fahren.

6, Aberdeen Road

In der Bar der Blenheim sitzt eine charmante dänische Dame von mindestens dreißig Jahren. Sie hat blonde natürliche Locken, eine Zigarettenspitze und lange schlanke Beine mit Seidenstrümpfen, das eine auf dem Barhocker flott über das andere geschlagen. Es ist überhaupt Pech, daß sie nicht in Hollywood gelandet ist, sondern statt dessen eine gescheiterte Ehe hinter sich hat; sie erzählt einem jungen Mädchen auf dem Nachbarhocker ihre ganze Lebensgeschichte. Ihre Nachbarin erzählt ihrerseits aus dem Leben gegriffene Episoden, offensichtlich hat sie bisher ein sorgloses Leben geführt. Die Jüngere wundert sich darüber, daß die Ältere einem wildfremden Menschen so einfach die entsetzlichsten Details erzählen kann, aber sie hat das Gefühl, in kurzer Zeit mitten im Weltabenteuer gelandet zu sein. Der Barmann schenkt ein, und die Dame spendiert. Alles ist spannend. Aber nun haben sie Horten passiert. Bereits hier legt das Schiff sich langsam auf die Seite, mal auf die eine, mal auf die andere, und deshalb bekommt die junge Frau nicht mehr mit, wie der verflossene Ehemann der Dänin am Heiligen Abend den Tisch umgeworfen hat – mit Schweinebraten und allem Drum und Dran, die Einzelheiten des Menüs kann sie nicht registrieren. „Trink einen Whisky, Süße! Das hilft gegen die Wellen!“ sagt die Dame, und die Junge kippt Whisky und prostet der Dame zu, die inzwischen bei einem Würgeversuch an der Nordsee angelangt ist, und als sie den Leuchtturm von Færder passieren, gibt es auf der ganzen Welt nur noch eine einzige Möglichkeit: die Toilettenschüssel!

Inger sah ihre Mitreisenden aus der zweitbilligsten ersten Klasse erst wieder, als sie verwirrt und frierend anderthalb Tage später in einer riesigen grauen Halle auf dem Tyne Commission Quay stand.

Das neue Land war flach und grau, mit einer Unendlichkeit von Eisenbahnschienen, Schornsteinen, winzigen Grasflächen und Wäscheleinen und darüber einem finsteren tiefhängenden Himmel. „Berwick!“ rief der Schaffner mit rollendem r, es hörte sich ganz anders an als alles Englisch, das sie bisher gehört hatte, und so ging es ihr bei allen, die etwas sagten. Sie schienen die Sprache im Mund zu haben. Deutliche Aussprache war nicht gefragt. The industrial revolution.

Sie geht hinter dem Gitarrenhals zur Sperre in Waverley Station. Ihr restliches Gepäck hat sie aufgegeben. Siebzehn Gepäckstücke insgesamt. Warum hat sie bloß die Gitarre mitgenommen? Die wirkt völlig fehl am Platz. Eine Gitarre ist immer fehl am Platz, bis sie auf einem Fest auf deinem Schoß landet. Hier weist nichts auf ein Fest hin.

„Are you Inger?“

Eine wildfremde Dame mit grauem Haar, Tweedkostüm und großen nervösen Augen bringt sie mit dieser Frage plötzlich zum Stehenbleiben. Inger möchte am liebsten „nein“ sagen und sofort wieder nach Hause fahren. Sie hat noch nie in ihrem Leben wildfremde Menschen gesehen. In Fredrikstad gibt es keine wildfremden Menschen. Selbst die, die man nicht kennt, hat man schon einmal gesehen. Inger starrt die Dame erschrokken und feindselig an. Mit dieser Frau habe ich nichts zu schaffen. „Yes“, sagt sie tiefunglücklich.

„Ist das dein ganzes Gepäck?“ fragt die Dame auf Englisch. Aber im Gegensatz zu allen anderen, die Inger gehört hat, redet sie deutlich. „No, it... ist-auf-ge-geben... it, it, it... comes, I mean... it...“

Wo ist ihr Englisch?

„Will-it-be-sent-separately?“ fragt die Dame. „Yes.“ Inger nickt so heftig, daß sie sich fast den Kopf ausrenkt, um ihr Englisch zu ersetzen, das sie sieben Jahre lang gelernt, für das sie immer geglüht und für das sie immer „sehr gut“ bekommen hat. Mrs. Mayfield nimmt ihre Reisetasche und marschiert auf schnellen halbhohen Absätzen drei Schritte vor Inger her zum Taxenstand.

Das Taxi fährt einen Hang hinauf und aus dem Bahnhof heraus und befindet sich sofort mitten in der Stadt. Eine in Nebel gehüllte Burg ragt vor ihnen auf. Sie biegen nach rechts und fahren durch ein Gewimmel von burgunderroten Bussen, alle auf der falschen Straßenseite. „Das ist Princes Street!“ Mrs. Mayfield sagt das, als handle es sich um die berühmteste Straße der Welt. „Das ist The Scott Monument.“ Mrs. Mayfield zeigt auf eine Art düsteren Eiffelturm, der vor ihnen emporragt. „Hattest du eine gute Überfahrt?“

„No“, antwortet Inger. „I was... I was...“

„Were you sea-sick?“

Es ist entsetzlich. Der Mund will nicht. Und die Arbeiter in den Bergwerken während the industrial revolution im Anglo-American Reader I, II und III waren nie seekrank gewesen. Die waren the Iron Law of Wages unterworfen. That wages tend to fall to the lowest level which the most desperate man will accept. Ob sie das sagen sollte?

Sie fahren hangauf und hangab durch schnurgerade Straßen, die Häuser werden immer kleiner, sie liegen in endlosen Reihen da, paarweise, und alle Türen stehen offen. Sie sind grün. Und darüber befindet sich eine Zahl. Sie halten vor einem Haus mit der Zahl „6“. Mrs. Mayfield nimmt ihre Tasche und marschiert voraus über den kleinen Gartenweg. Inger hat noch nie ein tristeres Haus gesehen.

Ein kühler, leicht süßlicher Geruch schlägt ihr entgegen, als sie das Haus betritt. Sie blickt durch einen langen Flur auf eine Treppe. Mrs. Mayfield bleibt am Ende des Flurs stehen. Inger folgt ihr. „Inger. This is your room.“ Und sie steht da und starrt in ein Kabuff.

Hier gibt es eine schmale, dunkelbraune Kommode, zwei Holzstühle, ein Bett mit graugrüner Überdecke und eine Margarinekiste als Nachttisch. Durch das Fenster sieht sie auf eine Mauer, vor der zwei graue Tonnen stehen. Das Land der Träume, das Edinburgh der Phantasie verschwindet in der Tiefe ihrer Seele. Ein Jahr! denkt sie.

Sie wird hinter einen Berg Kartoffelpüree gesetzt. Jetzt wird „Lunch“ gegessen. Mit kurzem a. Lansch. Mitten in einem Geruch, den sie noch nie in der Nase gehabt hat. Die Familie sitzt rund um den Küchentisch. Sheila sitzt ihr gegenüber und macht große Augen wie die Hunde im Märchen vom „Feuerzeug“. Sie gestikuliert mit der Gabel und schnattert mit ihrer Mutter. „Bt wht kn ju du?“ fragt sie. Da hat Inger in all den Jahren gelernt, daß „but“ „batt“ ausgesprochen wird und nicht „böt“, und jetzt heißt es einfach nur „bt“.

Von all dem Seltsamen, das sie in der letzten Zeit gesehen hat, ist Sheila das Seltsamste. Sie hat einen vorstehenden roten Mund, kleine Sommersprossen auf einer an der Wurzel etwas flachen Nase, und sie sieht absolut nicht aus wie irgendeine von denen, die auf der Phönixtreppe gestanden haben.

Adam ist klein und stochert in seinem Essen herum, und Sheila macht sich über ihn lustig. Glen ist groß und mager, trägt ein militärfarbenes Hemd und ißt wortlos. Der Geruch kommt von ihm. „Iß auf, Adam!“ ruft Mrs. Mayfield. „Warte nur, wenn dein Vater kommt!“ Der Vater und der, der Duncan heißt, sind nämlich nicht anwesend. Sie sind im Büro bzw. in der Schule. Mrs. Mayfield redet zu ihrem kleinen Sohn nur in Drohungen. Was mit ihm passieren wird, wenn sein Vater nach Hause kommt, ist offensichtlich entsetzlich. Trotzdem stochert er weiter. „Mummy?“ sagt er. „This meat is rotten.“ Sein kleiner Mund steckt offenbar voller Phantasie. Mrs. Mayfield explodiert. „Adam!“ brüllt sie. „Was soll Inger denn von dir denken?“

„Die ißt doch selber nicht“, antwortet Adam. Ingers Kartoffelpüree zieht nun die Aufmerksamkeit aller auf sich. Vernichtet starrt sie in die Püreelandschaft. Die Nordsee durchwogt sie jetzt, obwohl sie, zum erstenmal seit zwei Tagen, nicht in Bewegung ist. Seit Rakel Jonassens Blutpudding in der siebten Klasse hat sie sich nicht mehr so verloren gefühlt.

Eine Schande. Da kommt sie in ein fremdes Haus und ist achtzehn Jahre alt. Und als erstes ißt sie ihr Kartoffelpüree nicht auf. Aber als Alternative müßte sie ihre neue Familie bespukken. Mrs. Mayfield entfernt das Püree mit einer Mißfallensäußerung. „H!“ ist deutlich zu vernehmen. Glen legt mit Stakkatobewegungen Fahrradklemmen an. „Cheerio!“ ruft er, als er das Haus verläßt. Das ist das erste, was er gesagt hat. Sheila setzt sich einen Sturzhelm auf. Dann verschwindet sie mit demselben merkwürdigen Abschiedsgruß auf ihrem Moped. Zur Edinburgh University. Sie wirft Inger einen raschen Blick zu, ehe sie verschwindet. Vielleicht kann sie mich nicht ausstehen, denkt Inger plötzlich. Sowas kann ja vorkommen. Du siehst ein Gesicht eine halbe Sekunde lang, und schon weißt du, daß du es nicht ausstehen kannst.

Als erstes brennt Inger bei ihrer neuen Arbeit als Hausgehilfin ein Loch in ein Paar Gummihandschuhe. Die muß sie nämlich sofort anziehen, um einen glühendheißen Rost aus dem Küchenherd zu entfernen, damit alte Glut herausgeschaufelt und Koks nachgefüllt werden kann. Das soll mit dem Poker gemacht werden, nicht mit den Händen. Aber wer hat denn je von The Poker gehört? Inger weiß nicht einmal, wie das auf Norwegisch heißt, und es interessiert sie auch nicht. Aber es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß es sich beim Poker um einen Schürhaken handelt. Jedenfalls brennt sie dieses Loch, und ihr Zeigefinger tut zum Jaulen weh. Mrs. Mayfield starrt auf die Bescherung. „Die waren noch ganz neu!“ ruft sie. Die Brandwunde interessiert sie nicht. „Weißt du was?“ fährt sie triumphierend fort. „Wir haben acht Mädchen hier im Haus gehabt, und keine davon hat im Laufe eines Jahres mehr als drei Gegenstände kaputtgemacht. Wie soll das denn bei dir gehen, wenn du schon am ersten Tag damit anfängst? Wenn du mehr als drei Dinge kaputtmachst, mußt du selber bezahlen.“

Kaputtmachen heißt break. Was Salbe heißt, weiß sie nicht. Ihr Finger tut einfach weiter weh.

Abends um sechs soll Supper im Wohnzimmer eingenommen werden. Das liegt zur Straße, und durch die Fenster sind all die anderen grauen Häuser zu sehen, paarweise seitenverkehrt, genau wie dieses hier. Die Leute, die Wand an Wand wohnen, kann Mrs. Mayfield nicht ausstehen. Die haben Hunde.

Der Abendbrottisch ist gedeckt, groß, dunkelbraun und spiegelblank – und daneben stehen kleingeblümte Tassen und Untertassen auf einem Teewagen. The trolley. „Inger, komm her!“ Mrs. Mayfield zeigt ihr, wie sie anderthalb Teelöffel Zucker in die Teetassen auf the trolley, in Daddys Tasse jedoch drei geben soll. Daddys Tasse ist doppelt so groß wie die anderen und runder. Inger blickt sie mit dem Neid und der Gereiztheit an, die sie verdient. „Wieviel ißt du abends?“ fragt Mrs. Mayfield. Ich esse, bis ich satt bin. Fünf Knäckebrote mit Käse bitte. Und jeden Käse eß ich auch nicht. Und eine Cola. „Äh... I... mäh... what?“ antwortet sie. „Well. Sheila und ich essen drei halbe Scheiben Toast zum Abendbrot und zwei halbe Scheiben zum Frühstück.“ Für Inger hört sich das nach viel zuwenig an. „I will... eat... yes... that... thank you, yes, too“, sagt sie. „Und du darfst nur auf ein Stück Butter streichen und Margarine auf die anderen, und wenn du Marmelade ißt, darfst du darunter keine Butter nehmen“, erklärt Mrs. Mayfield. „Aha“, sagt Inger. „Aha ist hierzulande ein sehr schlechter Ausdruck, Inger.“ – „Aha?... I mean... is it that?“ – „It certainly is.“ – „But, but.“ – „Aber du willst doch sicher ordentlich sprechen lernen?“ – „Yes“, antwortet Inger und vermißt „doch“. Es entsteht gewissermaßen ein „Doch-Loch“. Jetzt muß sie lernen, durch dieses Loch hindurch „yes“ zu sagen.

Mrs. Mayfield verteilt an ihrem Tischende gebratene Wurstzipfel und Speck und läßt die Teller weiterreichen. Daddy verhört seine Familie der Reihe nach. Was haben sie den ganzen Tag gemacht? Sie sagen nur etwas, wenn er sich direkt an sie wendet.

„Well“, sagt Mrs. Mayfield zu Inger, nachdem sie abgeräumt und gespült haben. „Du bist hier im Haus wie eine Tochter. Das heißt, für dich gelten dieselben Regeln wie für Sheila, und ich kann sie dir genausogut jetzt schon sagen. Du hast in der Woche spätestens um halb elf und sonntags spätestens um zehn zu Hause zu sein. Du mußt deine Wäsche einmal in der Woche waschen, und du darfst nicht in The International Club gehen und dich nicht mit Negern treffen.“

Das wollen wir erst mal sehen, denkt Inger. Die hat ja keine Ahnung, wen sie sich da ins Haus geholt hat.

Die Frau und die Sprache

Hätte Inger im voraus gewußt, wie grausam es ist, ins Ausland zu kommen, dann wäre sie nie gefahren. Aber nun war sie hier. Im Ausland mußte in drei Stockwerken staubgesaugt werden – mit the sweeper und the Hoover, je nachdem. The sweeper war ein gelbes Ding mit Rollen. The Hoover war ein Staubsauger, an dessen Stange eine braune Tüte hing. Ich fahr’ wieder, dachte Inger. Sie bekam auch the mopper. The mopper war ein langer Stiel, der unten einen Wuschelkopf hatte, und sowas hatte sie bisher nur im Kino gesehen. Deshalb hatte sie in dem Irrtum gelebt, dieses Ding sei bloß ein Witz. Marilyn Monroe wischt Staub von ihrem rosa Telefon.

Überhaupt erwies sich vieles, was sie bisher für einen Witz gehalten hatte, als bitterer Ernst. Sie stand im drawing-room upstairs und wurde beim Gedanken an das bevorstehende Jahr von schwindelnder Langeweile erfüllt. Was ihr half, waren die Augen von Fredrikstad. Sie waren an der Decke und in den Wänden und überall und folgten ihr mit ungläubigem Blick. Und dann lachten sie sich vom Fleck weg kaputt.

„Hast du keine apron?“ fragte Mrs. Mayfield. Die Fredrikstad-Augen sahen gespannt zu. „An apron!“ wiederholte Mrs. Mayfield lauter, als ob allein dadurch die Bedeutung klarer würde. Die haarsträubende Tatsache ging Inger und der Bevölkerung von ganz Fredrikstad gleichzeitig auf: Sie war ohne Schürze in die Welt gezogen!

„Dust the house every day“, sagte Mrs. Mayfield. Dust, dust, dust. Der Staub! Wenn sie den doch bloß entdecken könnte! Überall sah sie nur glänzende braune Flächen. Sie mußte montags den Hoover upstairs und den sweeper downstairs benutzen, dienstags den sweeper upstairs und den Hoover downstairs, the Hoover upstairs, dann the sweeper downstairs, the Hoover upstairs, and the sweeper und the Hoover and the Hoover and the sweeper. In the attic, einem von einer Schranktür versteckten Zimmer ein Stock höher, konnte sie nur the sweeper benutzen, die Schnur von the Hoover war nicht lang genug.

Vom einen Tag zum anderen wurde sie zu einer Null reduziert. Es wäre für alle Beteiligten besser gewesen, wenn sie darin etwas mehr Übung gehabt hätte. Aber sie hatte keine Erfahrungen als Null. Da stand sie nun mit ihrem Abitur. Sie wußte, daß Hargreaves seine Spinning-Jenny im Jahre 1764 erfunden hatte, sie wußte, was eine turn-pike road war und daß England und Schottland 1707 durch den Act of Union vereint worden waren. Aber was Wäscheklammer heißt, wußte sie nicht. Oder Wasserhahn. Oder Mülltonne. Und das war wirklich das einzige, was sie hätte wissen müssen.

Sie wischte von upstairs nach downstairs auf den elf Geländerpfosten Staub, und vor allem in diesen Pfosten lag die Unendlichkeit. Von nun ab besteht mein Wert in meiner Fähigkeit, Staub zu entfernen. What a waste. What a waste of me!

Sie schaute verwundert auf. Sie hatte ihren ersten englischen Gedanken gedacht.

Rosenkohl hieß Brussels Sprouts. Wer hätte das gedacht? Cauliflower war auch witzig. Erst der Kohl, dann die Blume. Sie war hergekommen, um die Sprache zu lernen. Und bereits nach drei Wochen hatte sie sehr viele neue Wörter und Ausdrücke gelernt. Sie weiß jetzt, daß Wäscheklammer a peg heißt, eine Mülltonne heißt a pig pail, und ein Spülbecken heißt a sink – und jeden Freitag werden die Tonnen mit der Asche auf den Bürgersteig gestellt und geleert, und das heißt to put the bucket out (nicht: to put out the bucket), und ein Wasserhahn heißt a tap, der Herd heißt the cooker, rote Beete heißt beetroot, and the Hoover and the sweeper, and the sweeper and the Hoover, do the drawing-room, do the fireplace, do the potatoes, do, do, do, put, put, put, put the garbage out, put it there, the silver goes in the dining room, thank you, Inger, aber mehr als das alles und darüber hinaus und vom ersten Moment an in diesem neuen Land hat sie einen Ausdruck gehört, und dieser Ausdruck lautet: It’s not suitable.

It’s not suitable. Sie weiß, das bedeutet: „Das gehört sich nicht.“ Nicht, daß dieser Ausdruck nicht auch in Fredrikstad verwendet würde, aber nichts konnte sich mit dem tadelnden „It’s not suitable“ messen. Inger lernt. Sie lernt Englisch, daß die Schwarte kracht. Bis es ihr kalt den Rücken hinunterläuft.

Glen sitzt da und ißt. Der Geruch stammt doch nicht von ihm. Sondern vom Gas. Das weiß sie jetzt. Sie verbindet den Geruch bloß mit ihm. Er ruft seine Wünsche über den Tisch: „Bread, please! Tea, please!“, mit flackerndem Blick, und Wellen der Röte jagen über sein Gesicht. Dieser Junge ist nicht wie andere Jungen. Er blickt seinem Vater nie in die Augen. Abends näht er an einer riesigen Handarbeit. „Was wird das denn?“ fragt Inger. „A rug!“ ruft er verzweifelt dem fireplace zu. Dann verstummt er. Inger begreift rasch, daß er zurückgeblieben ist. So heißt es zu Hause, wenn man sich in Nygaardsgata so aufführt. „Er ist nervös“, sagt Mrs. Mayfield einfach. Darüber spricht man nicht. It’s not suitable.

Sheila kommt hereingestürzt. „I’m fed up with this house. Hell’s bloody teeth.“ Wunderbare Ausdrücke strömen aus ihrem Mund. Blutige Höllenzähne. Inger lacht begeistert. „Stop it, Sheila. It’s not suitable!“ sagt Mrs. Mayfield. Aber Inger findet es unheimlich suitable. Sofort hat sie das Bedürfnis, daß Sheila sie ausstehen kann. Es hilft nicht, daß sie gleich von Anfang an beschlossen hat, Sheila kein bißchen lieber zu mögen, als Sheila sie mag. Sie mag sie. Sie sieht sie. Sheila steckt den Kopf mit dem Sturzhelm und dem etwas vorstehenden Mund zur Tür herein. Sie trägt lange grüne Stretchhosen oder dunkelkarierte Röcke und einen bunten gestreiften Schal der Edinburgh University, der hinter ihr herweht. Die Farben zeigen die Fakultät an. Sie wirft den Sturzhelm mit voller Wucht auf den Tisch.

„Oh bloody hell! I’ll freeze to death on that bike one of these days. Look at these legs! They’re all purple!“ Inger will antworten: „Kein Wunder, daß du lila Beine kriegst, wenn du in Seidenstrümpfen auf diesem Moped durch die Gegend fährst!“ Aber der Satz bricht schon bei „kein Wunder“ ab. Kein Wunder, daß sie „kein Wunder“ sagen möchte. Vom ersten Tag an ist ihr klar, daß es egal ist, wie viele englische Wörter sie in ihrem Mund aufstapelt. Sie werden immer so unbeholfen sein und so lange brauchen, daß der Witz daran kaputtgeht. Sie muß einsehen: Sie kann Sheila nicht zum Lachen bringen.

Die Mädchen an der Sonnenwand der Gelben Anstalt zum Lachen zu bringen, während die Jungen brüllend über den Tischen hingen – das war die größte und selbstverständlichste Freude des Lebens gewesen, eines Lebens, in dem sie ansonsten zu dick war und kein Glück bei den Jungen hatte. Und hier stand sie nun – und „kein Wunder“ steckte wie klitschiges Kartoffelpüree in ihrem Hals.

Aber Sheila läßt sich davon nicht stören. Sie ist fast immer gut gelaunt, und sie gehört zu den Menschen, die endlos weiterreden können und eine Menge Fragen stellen, die sie selber beantworten, andere Beiträge sind gar nicht nötig. Sheila ist groß und hat rötliche Locken, die sie jeden Abend auf curlers dreht, sie hat diese großen, munteren, gelbbraunen Feuerzeugaugen, die Inger voll ansehen, und sie sagt: „Ach, Inger! Du hast es gut! Du kriegst jeden Tag Post. Ich kriege nie welche.“ Und Inger erwidert: „That’s because I write them.“

Ihre erste richtige, schlagfertige Antwort. Sie ist stolz und glücklich. Sheila sagt: „Well, then. No wonder you get them.“

No wonder! Kein Wunder! No wonder! Kein Satz braucht je wieder bei „kein Wunder“ hängenzubleiben. No wonder.

This is a wonder.

Sheilas Worte gehen ihr immer wieder durch den Kopf. Wenn sie nicht da ist, hört sie sie trotzdem. Das ist ein seltsames Phänomen, und sie freut sich – darauf, daß die Tochter des Hauses heimkehrt. Es dauert eine Weile, bis sie das begreift. Wenn die Tochter des Hauses endlich heimkehrt, ist sie seltsamerweise ganz einfach glücklich.

Eines Nachmittags konnte Sheila ihre Handschuhe nicht finden. Inger sah sie auf der Kommode und gab Sheila ein Zeichen, daß sie sie ihr zuwerfen wollte, und weil ihr kein passendes Werfwort auf Englisch einfiel, rief sie einfach: „Fakk!“

Da wurde Sheila so rot wie beim Überreichen der sanitary towels eine Woche zuvor. „Das darfst du NIE sagen, wenn Mummy zuhört, Inger! It’s not suitable.“ – „Aber wieso denn?“ – „Dieses Wort!“ – „Fakk?“ – „Oh, stop it!“ – „Aber das ist doch Norwegisch! Es bedeutet... auffangen.“ – „Aber auf Englisch hat es eine ganz andere Bedeutung.“ – „Und was für eine?“ – „Es bedeutet, mit jemandem schlafen“, erklärte Sheila.

Endlich begriff Inger, daß das, was sie da gerufen hatte, nichts geringeres bedeutete als ficken. „Fick!“ hatte sie ohne Hemmungen ins Zimmer gerufen. „Aber wie heißt es denn?“ fragte sie. „Catch!“ „Ach“, sagte Inger, „wenn du wüßtest, was das Imperfekt dieses Verbs auf Norwegisch heißt.“ – „Caught?“ fragte Sheila. „Ja“, lachte Inger. „Aber was heißt es? Was? Was? Nun mach dich nicht lustig über mich.“ – „Es heißt... hm... hm... hm...“ sagte Inger. Was heißt kåt denn anderes als geil. „Es bedeutet... mit jemandem schlafen wollen“, antwortete Inger.

Jetzt lachten beide. Sheila warf ihre Jacke beiseite. „Meine Güte, ich hab’ heute keine Lust auf die Uni. Let’s have some dirty words! Wie heißt fuck auf Norwegisch?“ Inger sagte es, und Sheila wiederholte es. Es hörte sich komisch an in einem schottischen Mund. „Auf Englisch ist das ein Schimpfwort. Fuck off.“ – „Auf Norwegisch nicht. Man fickt nur los, wenn man wirklich losfickt.“ – „Was heißt bloody?“ – „Blutig. Aber das ist bei uns auch kein Schimpfwort.“ – „Gibt es denn keine Schimpfwörter auf Norwegisch?“ – „Doch. Faen i helvete.“ – „Faen i helvete“, wiederholte Sheila. „Was bedeutet das?“ – „The devil in hell.“

Nun kamen die Geschlechtsorgane an die Reihe. Aber als sie beim weiblichen angekommen waren, verstummten sie. Sheila wollte es nicht auf Englisch sagen und Inger nicht auf Norwegisch. Fitte, dachte Inger. Cunt, dachte Sheila. Schweigen.

Dies – der schönste aller Körperteile, wo alles Leben entsteht, war auf beiden Seiten der Nordsee das schlimmste und unaussprechlichste Wort von allen. Hier gab es keinen Unterschied. Egal, wie groß und lächerlich die Unterschiede zwischen den beiden Sprachen sonst auch sein mochten. Hier trafen sie sich – in einer einzigen gigantischen sprachlichen Schande. Cunt und Fitte.

Die beiden Mädchen sahen einander an. Sie senkten den Blick. Dann flüsterten sie ihre Wörter. Sheila und Inger flüsterten die Namen ihrer Geschlechtsteile. Und es gefiel ihnen nicht. Denn das war das Schlimmste, was man sagen konnte, und es war ein Wunder, daß es dafür überhaupt Wörter gab. Aber die gab es. Cunt und Fitte. Und das Seltsame war, daß jede das Wort, das nicht aus ihrem Land stammte, ohne Skrupel und ohne sich zu schämen laut sagen konnte.

Die Schlacht von El Alamein

Inger beschloß bald, die Hausordnung überall da zu brechen, wo es ihr paßte.

Am ersten Sonntag besuchte sie die skandinavische Seemannskirche in Leith und stellte fest, daß sie nicht das einzige Au-pair-Mädchen in Edinburgh war, das um zehn Uhr zu Hause sein mußte. Sie sangen nach dem Gesangbuch der Seemannsmission Nr. 377: „Sing mich heimwärts.“

„Wenn die Fjorde funkeln in der Sonne,

und die Gletscher glitzern voller Wonne.“

Und sie hatten Tränen in den Augen und einen Kloß im Hals. So etwas war noch nie passiert – nicht aus solchen Gründen. Eine Sekunde lang stieg wieder ihre ganze Würde in ihrem Körper hoch. Denn dort saß Ella Granli aus Bergen mit aufgestecktem Haar und lachte. Inger lachte mit Ella und kam zwanzig Minuten zu spät nach Hause. Im dunklen Flur wartete Mrs. Mayfield auf sie. Sie blickte Inger wütend an: „Inger! I think we’ve got different moral standards.“

Mrs. Mayfield erklärte ihr, daß zehn Uhr zehn Uhr bedeute und nichts anderes als zehn Uhr.

Moralischer Standard! Sie kam in ein fremdes Haus, und gleich warfen sie ihr einen Haufen Regeln an den Kopf. Eine Abmachung ist eine Abmachung, das habe ich auch gelernt, Mrs. Mayfield. Aber das hier ist verdammt nochmal keine Abmachung. Wofür hältst du dich eigentlich?

Sie landete auf einem Fest, wo alle Mädchen aus Skandinavien und alle Jungen aus Jamaica kamen. Zum erstenmal sah sie einen Schwarzen. Den, der 1956 durch Nygaardsgata gegangen war, hatte sie ja verpaßt. Sie hatte es absolut idiotisch gefunden, nun endlich im Ausland zu sein und sich dann nicht mit fremden Nationen zusammenzutun. Sie kam nach Hause und erzählte Mrs. Mayfield, daß nur Neger auf dem Fest gewesen waren.

„Only Negroes, Inger?“

Ihre Stimme bebte vor Entsetzen und Abscheu. „Aber warum mögen Sie sie nicht?“ fragte Inger. „Ich kenne zum Glück keine“, antwortete Mrs. Mayfield. Seltsamerweise hatte das seine Wirkung. Als wäre sie ein Mensch zweiter Klasse, unfähig, etwas Besseres zu unternehmen.

Mrs. Mayfield mochte auch keine Zigeuner. Einen kannte sie sogar. Er kam jeden Mittwoch an die Tür und versuchte, Zwiebeln zu verkaufen, und Mrs. Mayfield jagte ihn schnaubend davon. Sie würde ihren Jungen doch nichts vorsetzen, was er in der Hand gehabt hatte. „Warum nicht?“ – „Er ist Zigeuner!“ erklärte Mrs. Mayfield. Inger ging mit ihm am East Breakwater spazieren. Dort sahen sie den Sonnenuntergang hinter der Forth Bridge, und er machte ihr einen Heiratsantrag. Aber das erzählte sie Mrs. Mayfield nicht.

Jeden Dienstag und Donnerstag bügelte Inger Hemden von Edinburgh Academy. Sie bügelte in der Küche, während Melodien von „Housewives’ choice“ aus dem Radio in der Ecke strömten und Mrs. Mayfield in the scullery Essen macht.

Während sie damit beschäftig waren und Elvis Presley Mrs. Mayfields Lieblingslied „Wooden heart“ sang, redeten sie über alles mögliche, und es stellte sich heraus, daß Mrs. Mayfield auch Deutsche nicht leiden konnte. Von denen kannte sie vier, nämlich ihre früheren Au-pair-Mädchen Hannelore, Heidi, Gisela und Jutta (ausgesprochen „Dschatta“). Die Deutschen hatten zwei Weltkriege angefangen, das lag in ihrer Natur. Alle Deutschen waren im tiefsten Herzen kleine Diktatoren. Inger sagte: „Meine Großmutter ist Deutsche.“

In the scullery war es still. Jetzt geht ihr auf, daß sie dem Diktatorenblut nicht entrinnen kann, auch wenn sie sich eine Norwegerin hat kommen lassen, dachte Inger. „Muß i denn, muß i denn“, sang Elvis. „Ich meine doch nicht, daß deine arme Großmutter den Zweiten Weltkrieg angefangen hat, Inger.“ My poor grandmother, dachte Inger. Sie sollte bloß wissen, wie Emilie damals in der Oper in Berlin Blumen in die Loge von Adolf Hitler geschickt hatte. Hitler nahm die Blumen entgegen und sah sich die Karte an. Und in der Pause wurde ausgerufen: „Der Führer bittet Frau Emilie Gjarm zu sich!“ Leider war Emilie gerade auf dem Klo und kam erst zurück, als der Vorhang aufging, deshalb wurde sie dem Führer nicht vorgestellt. Inger erschien es besser, diese tragische Episode für sich zu behalten. Zum Ausgleich hatte Hans Rudolf einmal Mussolini begrüßt, aber auch das behielt sie für sich.

„Ich meine nur, daß die Deutschen die Weltkriege angefangen haben, und beim nächsten wird das auch so sein. Wart’s nur ab!“ sagte Mrs. Mayfield.

Eines Vormittags ging Mrs. Mayfield mit ihr auf das Klo neben the scullery. Es gab nämlich zwei Klos im Haus, eins upstairs und eins downstairs. „Inger“, sagte sie. „Du nimmst zuviel Toilettenpapier.“

Sie nahm eine Rolle und hielt sie Inger vor die Nase. „Wir waren immer sieben Personen hier im Haus, und wir haben pro Woche nie mehr als zwei Rollen verbraucht. Und nun, im Laufe der letzten beiden Wochen, waren es drei!“

Inger starrte die Rolle an. Das Klopapier war dünn und durchsichtig und total steif, und große Mengen waren nötig, um ihre Ansprüche in dieser Hinsicht zu befriedigen. Mrs. Mayfield riß zwei Blatt ab und zeigte sie ihr. „Hier“, sagte sie. „This is all you need.“

„Aha“, sagte Inger. „I mean... ee-oh?“ korrigierte sie sich, als ihr einfiel, daß „aha“ unsuitable war. Sie beschloß, von nun an ihr eigenes Klopapier zu kaufen. Aber das war sicher auch against the moral standard.

Der Haushalt war altmodisch. Hier wurde an allem gespart. Mrs. Mayfield hatte erklärt, daß sie sich die ganzen modernen Geräte nicht leisten konnten, da sie die Jungen auf die Edinburgh Academy schicken mußten, die beste Schule der Stadt.

Das Haus war durch und durch kalt. In allen Schlafzimmern gab es einen fireplace mit Gasanschluß, nur in Sheilas stand ein Elektroofen. Morgens um halb acht wurde der Kamin im Wohnzimmer zum Anzünden bereitgemacht. Aber er wurde erst angezündet, wenn Mr. Mayfield nach Hause kam. Im Mädchenzimmer neben der Küche gab es keine Heizmöglichkeit.

Inger fror ununterbrochen. Sie fror ein Jahr lang. Edinburgh ist eine kalte Stadt. Von September bis Februar liegt der kalte Nebel vom Firth of Forth über der Stadt, der Wind pfeift um die alten Schornsteine und dringt durch alle Ritzen.

Inger hatte geglaubt, aus einem kalten Land zu kommen. Aber hier bläst der Wind durch alles, was sie hat. Sie hat Schmerzen in den Ohren, vor allem im rechten. Jeden Abend nehmen alle Familienmitglieder eine Wärmflasche mit ins Bett. Inger wird keine zugeteilt, und sie würde nie auf die Idee kommen, um eine zu bitten. Sie behält nachts unter der Decke ihre Kleider an, sonst würde sie es morgens nicht aushalten können, sie anziehen zu müssen. Und vormittags, wenn die Hausarbeit erledigt ist, schließt sie sich in ihrem Zimmer ein. Sie sitzt mit Handschuhen da und schreibt, abwechselnd mit der einen und der anderen Hand. Plötzlich wird die Tür aufgerissen, und Mrs. Mayfield kommt herein und knipst mit wütender Handbewegung das Deckenlicht aus. „Inger! Habe ich dir nicht gesagt, daß Strom bei uns teuer ist? Du hast deine Haare nicht gewaschen und auch deine Wäsche nicht. Du solltest dich im Haus nützlich machen, statt hier zu sitzen. Und dein Zimmer sieht entsetzlich aus. Machst du das alles, um mich zu ärgern?“

„Nein“, antwortet Inger. In diesem Moment knallt ihr Trommelfell, und sie holt Luft. Ihr Ohr sticht. Es hilft, wenn sie Luft holt.

„Don’t snarl at me like that!“ sagt Mrs. Mayfield. Und Inger bricht in Tränen aus. Sie, die schon als Kind nicht mehr geweint hatte, wenn jemand zusah, weint vor dieser blöden und ungerechten Mrs. Mayfield. Snarl? denkt sie. Schnarren? Sie weiß nicht einmal sicher, wie sich das anhört, wenn jemand schnarrt.

Mrs. Mayfield setzt sich ihr gegenüber, beugt sich vor und stützt die Ellbogen auf die Knie. „Are you homesick, Inger?“ Und jetzt hört sie sich ganz anders an.

Sie bekommt keine Antwort. Nur neue Tränenströme.

„Du bist ein liebes Mädchen, Inger. Da bin ich ganz sicher“, sagt Mrs. Mayfield.

Diese rührende und unerwartete Szene führt dazu, daß Inger wochenlang keine Regeln mehr verletzt, sie wäscht Haare und Wäsche und beschließt, gut zu sein.

Sie betet, ganz einfach, zu dem Gott, an den sie vielleicht nicht mehr glaubt, der für Gebete aber noch immer da ist. „Laß mich aushalten! Lieber Gott, hilf mir, bei den Mayfields zu bleiben! Hilf mir, mich mit den Dingen hier abzufinden! Laß mich nicht so böse werden, lieber Gott! Ich habe nur zwei Wünsche für dieses Leben. Daß ich gesund bleibe und keine Ohrenschmerzen mehr habe, und daß mir die erwiderte Liebe begegnet.“

Wo ist die erwiderte Liebe? Inger ist sicher, daß sie sich in Edinburgh befindet. Sie muß sich hier befinden, sonst ist alles umsonst.

Jeden Abend bekommt Sheila rote Flecken am Hals. Sobald ihr Vater nach dem Moped fragt. Jeden Montag hat das Moped eine Panne. Jeden Sonntag leiht Daddy sich nämlich das Moped und fährt damit zum Golfspielen. Er ist zu schwer für das Moped und schaltet falsch. Mrs. Mayfield verbietet ihr, ihm das zu sagen. Das Moped wird zum Anlaß endloser Streitereien zwischen Mutter und Tochter. Und Inger wird immer klarer, daß sie allen hier im Haus einen großen und unschätzbaren Dienst erweist, wenn sie es nur einmal wagt, Mr. Mayfield zu widersprechen.

Denn obwohl sie beschlossen hat, sich mit den Dingen abzufinden, kann sie Mr. Mayfields Regime nicht billigen. Außerdem hat sie sich in Sheila verliebt. Aber das weiß sie nicht. Sie spürt es nur. Es gibt kein Wort dafür, weder auf Englisch noch auf Norwegisch.

Mr. Mayfield ist ein ganz normaler netter Mann. Doch alle haben eine Heidenangst vor ihm. Für Mrs. Mayfield ist er ein Gott. Sie hat ihn 1938 auf der Edinburgh University getroffen, wo sie Medizin studierte und er Chartered Account werden wollte, eine Art Rechnungsprüfer. Sie hängte ihr Medizinstudium an den Nagel und ging auf die Haushaltsschule. Sie heirateten, und sofort wurde sie schwanger. In dieser Reihenfolge. Dann kam Glen, und dann kam der Krieg. Mr. Mayfield wurde in Palästina stationiert und kam nur einmal auf Urlaub nach Hause. Damals machten sie Sheila. Als er zurückkam, war er ein Fremder. Sheila erzählt Inger das alles. „Als ich ihn sah, habe ich mich hinter meiner Mutter versteckt und gefragt: ‚Was will der Mann hier?‘“

Und seither hatten sie ihn auch nicht kennengelernt.

„Ich rede nie mit meinem Vater über irgendwas“, sagte Sheila.

Das alles verwundert Inger, und sie möchte ihnen so gerne helfen, das Eis zu brechen. Er kann sich doch wohl nicht im Ernst für fehlerlos halten! Aber dafür gibt Mrs. Mayfield ihn aus. Inger merkt zu ihrer Überraschung, daß auch sie anfängt, sich vor ihm zu fürchten. Sie ist es nicht gewohnt, sich vor irgendwem zu fürchten. Schon gar nicht vor Papa. Der einzige, vor dem sie sich je ein wenig gefürchtet hatte, war Lehrer Markmo auf der Realschule gewesen. Er hatte es geschafft, mit seinen Quadratsätzen den meisten Mädchenköpfen Dummheit einzutrichtern. Sie hatte nicht gewagt, mit ihm zu reden.

Und nun wagte sie nicht, mit Mr. Mayfield zu reden. Er sprach im Grunde auch nicht mit ihr. Er fragte Mrs. Mayfield: „Wie macht sie sich?“ – „Gut, glaube ich.“ – „Und wie geht es in der Schule?“ – „I think, she is a clever girl. Aren’t you, Inger?“ fragte Mrs. Mayfield. So verliefen ihre Gespräche mit Mr. Mayfield.

In diesem Herbst kämpften in den USA Nixon und Kennedy um die Macht. Als das Wahlergebnis verkündet werden sollte, geschah etwas Ungewöhnliches. Das Radio im Eßzimmer wurde eingeschaltet. „Ich hoffe bloß, daß dieser Kennedy nicht gewinnt!“ sagte Mrs. Mayfield aufgeregt. Inger ihrerseits hoffte auf seinen Sieg. Er sah doch einwandfrei besser aus. „Warum mögen Sie ihn nicht?“ fragte sie. „Er ist Katholik!“

Das Wort wurde ausgespuckt. „Roman Catholic.“ Vor allem „Roman“. Daß es möglich war, Neger und Zigeuner und Deutsche auszuspucken, wußte sie ja schon. Aber sie lernte immer noch dazu. Unter diesen Umständen war das Wahlergebnis ja heiter. Und als Mrs. Mayfield ihre Enttäuschung zum Ausdruck gebracht hatte, fragte Adam: „Mummy, sind die USA eine Kolonie?“ – „Nein, mein Lieber“, antwortete Mrs. Mayfield. „Jetzt nicht mehr.“ Das klang so, als ob die USA sich erst am Vortag losgerissen hätten. „Aber was ist mit Kanada? Ist Kanada eine Kolonie?“

„Eine Art Kolonie“, antwortete sie. „Kanada ist ein Dominion.“

„Was ist ein Dominion? Gehört uns das nicht?“ fragte er.

„Naja“, meinte Mrs. Mayfield und sah ihren Mann an. „Was ist eigentlich ein Dominion, Charles?“

Charles trank einen Schluck Tee: „Ein Dominion regiert sich selbst.“ – „Aber wie kann es sich selber regieren, wenn es uns gehört?“ fragte Adam. „Das verstehst du noch nicht, Adam. Hör auf zu quengeln. Don’t be a nuisance!“ sagte Mrs. Mayfield. „Aber ist die Königin nicht auch Königin von Kanada?“ Er ließ nicht locker.

„The dominions are autonomous communities within the British Empire, equal in status, in no way subordinate one to another in any aspect of their domestic or external affairs, though united by a common allegiance to the Crown and freely associated as members of the British Commonwealth of Nations“, sagte Inger.

Alle starrten sie verblüfft an. „Das war sehr beeindruckend, Inger“, sagte Mrs. Mayfield. Inger sonnte sich in diesem Lob. „Wo hast du das gelernt?“ – „In der Schule.“

„Lernt ihr sowas in der Schule?“ – „Ja, genau das lernen wir“, wollte sie sagen, aber sie hatte nicht gelernt, daß es auf Englisch heißt „that’s what we do learn“, und wieder stotterte sie eine Antwort hervor, die steckenblieb. Aber Adam lachte. „Kannst du das nicht noch einmal sagen?“

„Das ist The Statute of Westminster“, erklärte Mr. Mayfield. „Es ist 1930 beschlossen worden.“ Er nickte anerkennend.

„1931“, korrigierte Inger.

Tiefes Schweigen folgte. Wenn sie es doch dabei belassen hätte! Diese unwiderlegbare kleine Jahreszahl! Aber nein. Das tat sie nicht.

Gerade zu diesem Zeitpunkt wurde ihr Selbstvertrauen in einem ganz anderen Zusammenhang gestärkt. Sie machte ihre ersten Examen in Englisch für Ausländer und bestand alle. Das war in der Geschichte des Hauses noch nicht vorgekommen. Hannelore war im Lower Cambridge durchgefallen und hatte London Stage I und II geschafft, die norwegische Bjørg hatte es genau umgekehrt gemacht, Heidi hatte allesamt verbaut, und bald wußte Inger genau, welche Examen die anderen acht Mädchen im Haus geschafft hatten oder nicht, und der Abendkessel pfiff seinen klagenden Ruf durch das Haus, und Daddy kam nach Hause. Natürlich galten die Regeln für Butter und Margarine mit oder ohne Marmelade für ihn nicht. Er beschmierte immer alle Brotscheiben dick mit Butter und Marmelade. Als er an diesem Tag Toast mit Butter und Marmelade verzehren wollte, hielt seine Hand mitten über der spiegelglatten Tischplatte inne.

Sie hatten jetzt die Erdbeermarmeladenwoche erreicht. Aber in der Schale schwamm nur ein trauriger Rest Saftmasse mit charakteristischen schwarzen Erdbeerspuren, Beeren gab es nicht. Mr. Mayfield sah seine Frau an: „Willst du wirklich behaupten, Inger sei schon zwei Monat hier und wisse immer noch nicht, wie sie die Marmeladenschale zu füllen hat.“

Mrs. Mayfield keuchte leise auf, tiefe Panik verbreitete sich, umfaßte alles, was auf dem Tisch stand, Duncan sprang auf, stürzte hinaus und kam mit dem großen Marmeladenglas zurück, das er vor seinen Vater stellte – was in der langen Geschichte dieses Einweckglases noch nie vorgekommen war. Inger aber war wütend.

Es war zehn vor sechs. Das bedeutete, daß sie frühzeitig vom Tisch aufstehen und in die Schule gehen durfte. Sie stand auf und ging in ihr Zimmer. Sie suchte Schulsachen, Mantel und Handschuhe zusammen. Jetzt reicht es. Jetzt ist aber wirklich Schluß. Sie zitterte vor Wut. To commit a crime. Jam dish. Jam dish! Pfui Spinne. Sie wiederholte den Satz im Kopf. Sie hatte ihn jetzt klar vor Augen. Jedes Wort. Kein Zögern. Ein korrekter englischer Satz. Den sollte Daddy an den Kopf kriegen. Sie marschierte durch den Flur, riß die Eßzimmertür auf und schrie: „You don’t have to treat me as if I have committed a crime, just because I haven’t filled up the Jam-dish!“ Dann knallte sie die Tür zu und stürzte aus dem Haus.

Am nächsten Morgen redete niemand mit ihr. Als alle gegangen waren, holte Inger den Hoover aus dem Kabuff. Der große, braune Sack hing an der Stange. Jetzt sind alle gegen mich, dachte sie. Jetzt habe ich nur noch den Hoover. Nicht einmal Sheila hat meine Rebellion gutgefunden.

Mrs. Mayfields Schritt war auf der Treppe zu hören. Sie war schon mehrmals vorbeigekommen. Sie wollte heute zur Friseuse, und Inger freute sich darauf, daß sie ging. „Inger, komm her!“

Mrs. Mayfield stand dicht hinter ihr. Sie führte sie in Daddys Zimmer. Mrs. Mayfield schaltete das Deckenlicht ein und stellte sich mitten ins Zimmer. Inger blieb auch stehen und sah sie an. Mrs. Mayfield zitterte vor Wut. „Daddy ist es nicht gewöhnt, daß man so mit ihm spricht. Er ist ein wichtiger Geschäftsmann. Er ist Chartered Accountant. Er war schon zweimal in Amerika. Er hat mit vielen Menschen gesprochen. Er ist Oberstleutnant. Er hat im Krieg gekämpft. Er hat zusammen mit Monty gekämpft. Er hat die Schlacht von El Alamein gewonnen.“

Inger hatte nie von der Schlacht von El Alamein gehört. Sie starrte den Teppich an. Das Muster prägte sich ihrem Auge ein. Langsam hob sie den Kopf und sah Mrs. Mayfield voll in die Augen. „Das alles bedeutet nicht, daß er immer recht hat.“

Mrs. Mayfield stieß einen kurzen, vernehmlichen Seufzer aus, und verwirrt rutschte es ihr heraus: „Fast immer, Inger!“ Dann änderte sie ihre Haltung, schlug mit einem Handschuh auf den anderen und sagte: „Du bist noch nicht mündig. Wir haben hier für dich die Verantwortung. Und wenn du dich nicht nach unseren Anordnungen richten kannst, müssen wir dich nach Hause schicken.“

Moral, Reihnähte und Kartoffeln

Evelyn saß am Eßtisch, bewaffnet mit Gyldendals Wörterbuch. Sie schlug das Wort „rude“ nach. Unhöflich, unverschämt, brutal, ungehobelt, unfein. Evelyn bezweifelte das keineswegs.

Sie hoffte, daß Paula bald nach Hause käme. Paula hatte immer kluge Kommentare zu Ingers neuem Dasein, und Evelyn übersetzte ihr alle Briefe.

Paulas unerwartetes Eintreffen war wie ein Segen gewesen. Nach fünf Minuten Bedenkzeit war sie mitgekommen, und jetzt – über zwei Monate später – war sie noch immer hier. Der Rest der Familie war verärgert. Sie hatte doch alle besuchen wollen, und statt dessen saß sie in Bjørnegården und lachte. Ørnulf war in seinem Element. Denn Paula war, wie er sagte, etwas sehr Seltenes: eine intelligente Zuhörerin. Sie verstand seine phantastischen Pointen. Deshalb hatte Evelyn sie lieber für sich.

Mrs. Mayfields Brief war mit viereckiger, deutlicher, penibler Schrift verfaßt worden. Durch Ingers zahllose Briefe hatte Evelyn sich schon längst ein Bild von ihr gemacht. Mrs. Mayfield erschien ihr als die Inkarnation von Schrecken, Grausen und Topfblumen. Evelyn hatte Hausarbeit noch nie leiden können, und diese Abscheu hatte sie mit großer Leidenschaft an Inger weitergereicht. Zu Hause hatten sie immer feste Haushaltshilfen gehabt. Evelyn war mit einigen von ihnen dick befreundet gewesen, und als sie heiratete, konnte sie nicht einmal Makkaroni kochen.

Evelyn hörte nicht zum erstenmal Klagen über Inger. Im Laufe der Jahre hatte in den Zeugnissen in der Rubrik „Betragen“ allerlei gestanden. Einmal hatte sie einen Tadel mit nach Hause gebracht, weil sie die Armlöcher der Bluse, die sie im Handarbeitsunterricht nähen sollte, zusammengenäht hatte. „Ich hab bei der Bluse einfach nicht kapiert, wo oben und unten war, Mama!“ erklärte Inger. Und Evelyn glaubte ihr. Fräulein Grytum jedoch glaubte, Inger habe die Klasse zum Lachen bringen wollen. Und das war ihr gelungen, die ganze Klasse hatte gelacht, und verzweifelt hatte Fräulein Grytum gerufen: „Du bist nonchalant und arrogant! Geh an deinen Tisch und trenn die Reihnaht wieder auf!“ – „Und dann?“ hatte Evelyn gefragt. „Ich habe sie gefragt, was diese Wörter bedeuten“, sagte Inger. „Das kannst du zu Hause nachschlagen“, antwortete die Lehrerin. Und Inger bekam eine schlechte Note in Handarbeit und einen Tadel mit nach Hause. Aber sie hatte zwei neue Fremdwörter gelernt.

Evelyn hatte über solche Tadel nur lachen können. Vielleicht war das ein Fehler. Aber sie hatte immer gedacht: Ihr könnt über Inger sagen, was ihr wollt, aber ehrlich ist sie jedenfalls! Das war das wichtigste von allem. Aber jetzt lachte sie nicht. Inger war unglücklich, und darüber war Evelyn unglücklich. Sie fror mit Inger und knallte mit ihr die Tür. Alle Moral schien in der Reihnaht zu sitzen, in der Marmeladenschale zu hausen. Ganz Fredrikstad war von dieser Moral durchsäuert. Die Klage der Nachbarn, die Evelyn nach den ersten drei Wochen in Bjørnegården übermittelt worden war, hatte sie nie vergessen. Familie Holm war von unbekannter Seite darauf aufmerksam gemacht worden, daß noch immer keine Topfblumen in den Fenstern standen.

Nun war Inger an so einen Ort gekommen. Evelyn griff zu Papier und Kugelschreiber. Den letzten Brief auf Englisch hatte sie mit sechzehn Jahren geschrieben. Ihre Gedanken wurden ganz kindlich. Ob Mrs. Mayfield daran dachte? Wie reduziert man in einer fremden Sprache wird? Neun Au-pair-Mädchen hatten sie gehabt. Evelyn kannte all ihre Namen. Hatte Mrs. Mayfield nichts gelernt?

Evelyn versuchte, sich Mrs. Mayfields Leben vorzustellen. Während des Krieges war sie mit zwei Kindern allein gewesen, eines davon war zurückgeblieben. Und vielleicht hatte Mr. Mayfield davon nichts gewußt. Hatte sie sich in all den Jahren vor dem Moment gefürchtet, in dem er es erfahren würde? Hatte es in Edinburgh Fliegeralarm gegeben? Kartoffelschlagen? Hatte sie in einem Keller gesessen, ihren Ältesten an sich gedrückt, und sich vor dem Tag gegraust, an dem sie ihn würde vorzeigen müssen? Einem Mann, den sie fast nicht kannte? Wie war Mrs. Mayfields Leben? Hatte sie vielleicht gar kein Herz?

Während sie die ersten, unüberlegten Worte schrieb, wußte Evelyn, daß Mrs. Mayfield irgendwo ein Herz hatte, und diesem Herzen wollte sie jetzt schreiben.

Ørnulf kam zur Küchentür herein. Er blieb mitten im Zimmer stehen. „Wo ist Paula?“ – „In der Stadt“, antwortete Evelyn und blickte nicht gleich auf. Sie war tief beeindruckt, denn gerade war ihr eingefallen, daß es: „Yours sincerely, Evelyn Holm“ hieß. „Ørnulf, schau her!“ Ørnulf las über Evelyns Schulter hinweg Mrs. Mayfields Brief. „Was zum Teufel!“ sagte er. Dann lief er wortlos im Zimmer auf und ab. Schließlich blieb er vor Evelyn stehen und sah sie an: „Meinst du, ich sollte rüberfahren?“

Am nächsten Tag kam ein langer Brief von Inger, der ausführlich beschrieb, wie die Erdbeermarmelade aussah, wie das Einweckglas beschaffen war und wie die Tür zugeknallt wurde. Abends saßen sie alle drei in tiefen Zweifeln da. „Inger ist wirklich in einem strengen Haushalt gelandet“, sagte Paula. „Wie früher bei mir zu Hause. Findest du es keine gute Idee, daß Ørnulf rüberfährt und sich Respekt verschafft?“

„Aber er kann doch kein Englisch!“ sagte Evelyn.

„Yes, I can talk English“, sagte Ørnulf mit leicht affektiertem Trønder-Akzent. „Or I can talk German“, fügte er hinzu.

„Willst du deutsch mit dem Mann sprechen, der die Schlacht von El Alamein gewonnen hat?“ fragte Paula.

„I can talk to him with this!“ sagte Ørnulf und zeigte seine großen Hände. „With these“, korrigierte Paula. Sie war Englischlehrerin. „With these“, wiederholte Ørnulf, wie ein braver Schulbub.

Aber Evelyn hatte Bedenken. Im Geiste sah sie Ørnulf schon auf der Aberdeen Road, um Mr. Mayfield zu Brei zu schlagen. „Du wärest besser in der Zeit der Blutrache geboren, da hättest du dich viel wohler gefühlt“, sagte sie. Paula lachte.

„Mr. Mayfield ist sicher ein sehr großer Mann“, fügte sie hinzu.

„Jam-dish!“ sagte Ørnulf. „Ich werde ihm seine verdammte Jam-dish sonstwohin stecken!“

Evelyn und Paula wechselten einen raschen Blick, mit der seltsamen Mischung von Beunruhigung und Lachlust, wie so oft bei seinen Bemerkungen. „Ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist, Ørnulf“, sagte Evelyn. „Die Schlacht von El Alamein!“ schnaubte Ørnulf. „Der kriegt soviel Marmelade von mir, daß er erst im nächsten Jahrtausend wieder eine Beere ansehen wird.“

„Endlich wird Rommel gerächt“, sagte Paula. Ørnulf sah sie belustigt an und fühlte sich wohl, auch wenn die Zeit der Blutrache vorbei war. „Kommst du mit?“ fragte er.

„Was? Nach Edinburgh?“ Paula lachte.

„Ja“, sagte er. „Du bist doch eine Frau von schnellen Entschlüssen.“ Er legte den Kopf schräg. Er sah wirklich gut aus.

„Nicht ohne Evelyn“, antwortete Paula.

„Ørnulf, wollen wir sie bitten, nach Hause zu kommen?“

Nun schwiegen alle drei. Ørnulfs und Evelyns Augen begegneten einander. „Wir rufen an.“

Das sagten sie im Chor, wortwörtlich. Jetzt verlangte es die Regel, daß sie die kleinen Finger ineinander hakten, die Hände dreimal hoben und senkten und dann einen Dichternamen sagten. Nach einer stillschweigenden Übereinkunft in der Familie Gjarm waren das immer Bjørnson oder Ibsen. Ørnulf und Evelyn verschränkten die Finger, eins, zwei, drei, in stummem Takt. Dann riefen beide: „Bjørnson!“

Jetzt durften sie sich etwas wünschen. Evelyn wünschte, daß Inger nicht so unglücklich sein sollte. Ørnulf wünschte sich einen Schnaps. Etwas anderes fiel ihm so schnell nicht ein. Im Moment fühlte er sich so seltsam wohl.

Inzwischen beschloß Inger, Edinburgh zu verlassen. Die Familie strafte sie mit Schweigen. Eine verblüffende Waffe. Alle, außer Glen, der mit ihr redete, wenn niemand es hörte. Nicht einmal Sheila, die hinter dem Rücken ihres Vaters jeden Tag fluchte und schimpfte, sagte etwas. Sie würde sicher so werden wie ihre Mutter. Hier konnte Inger nicht bleiben. Jetzt mußte sie sich sputen, soviel wie möglich von der Stadt zu sehen, ehe es zu spät war. Sie kannte noch nicht einmal das Zimmer, in dem David Rizzio ermordet worden war. Denkmäler für Morde gab es hier genug, aber sie hatte nur the sweeper and the Hoover gesehen. Und the mopper natürlich.

Drei Tage später stand sie wieder in Daddys Zimmer. Diesmal mit Daddy himself. „Inger“, sagte Daddy, er stand vor ihr, die Daumen in die Weste gehakt, das eine Bein vorgeschoben, und sein Gewicht ruhte auf der Ferse. „Ich bin davon überzeugt, daß du ein intelligentes Mädchen bist.“ – Aber? dachte Inger. „Ich glaube auch, daß du viele Möglichkeiten hast“, fuhr er fort. Aber? dachte Inger. „Aber“, sagte Daddy Mayfield und legte eine kleine Kunstpause ein. „Du mußt lernen, dich zu beherrschen.“ Er blickte sie aufmerksam an und hob dabei die leicht spitzen Augenbrauen. „Inger“, sagte er, änderte seine Haltung ein bißchen und rieb sich unter dem Kinn. „Du sollst wissen, daß ich gern möchte, daß du bleibst.“ – Ach? dachte Inger. „Wir haben heute einen Brief von deiner Mutter bekommen, und sie schreibt – was ich für richtig halte –, daß du im Grunde selber entscheiden mußt, ob du bleiben willst oder nicht“, erklärte Mr. Mayfield. Wieso bildet der sich ein, er könnte meiner Mutter irgendwo recht geben? dachte Inger. „Und ich glaube, wenn du dich entschließt, in meinem Haus zu bleiben, wirst du feststellen – wenn dieses Jahr vorbei ist –, daß du...“ Er grübelte ein Weilchen nach einem passenden Ausdruck, „ein besseres Mädchen geworden bist.“

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft hatte Mr. Mayfield direkt mit seinem Au-pair-Mädchen gesprochen.

„Yes“, sagte sie. Mehr fiel ihr nicht ein. Sie hoffte innig, Mr. Mayfield möge recht haben. Sie wollte doch nichts lieber, als ein besserer Mensch zu werden. Sie war schließlich ins Ausland gefahren, um verwandelt zu werden. Und sie hatte bisher noch nicht viel von einer Verwandlung bemerkt. Sie war noch immer dieselbe alte Inger, auf zwei Beinen, und kein bißchen dünner. Jedesmal, wenn sie sich im Spiegel ansah, war sie dieselbe. Und sie war noch genauso trotzig wie früher und dachte nicht einen Moment an das Wohl und Wehe der Familie. Sie versank in Selbstvorwürfen. Eigentlich hatten sie ja ziemliches Pech, daß sie ausgerechnet sie ins Haus bekommen hatten. Sie hatte Heimweh. Hier war es schrecklich. Aber das tat ihr gut. Sie brauchte es, daß es ihr schlecht ging. Und wie würde sich ihr Aufenthalt in Edinburgh im Rückblick ausnehmen, wenn sie jetzt abbrach? Mama rief an. Ingers ganzer Kopf war von Weinen erfüllt. Und da war auch Ellens leichter Atem im Hörer. Weit, weit weg. „Sie hat sicher einen Schrecken bekommen.“ – „Was hast du im Brief geschrieben?“ – „Daß du nicht so schrecklich bist, wie sie meint“, antwortete Mama.

Am Samstag morgen brachte Mrs. Mayfield die allwöchentliche Pfundnote. Das machte sie jeden Samstag, immer zur gleichen Zeit und auf die gleiche Weise. Der Geldschein sah frischgewaschen und frischgebügelt aus und stand senkrecht auf ihrer Hand. „Here is your pound, Inger.“ Als diese feierliche Übergabe zum erstenmal stattgefunden hatte, war Inger so verdutzt gewesen, daß sie sagte: „Den habe ich doch nicht verdient.“ Diesmal fügte Mrs. Mayfield hinzu: „Und ich wollte dir noch sagen, daß ich in dieser Woche mit dir sehr zufrieden gewesen bin.“

Zufrieden? Satisfied. Mrs. Mayfield war satisfied. Diese Worte machten einen so tiefen Eindruck auf Inger, daß sie beschloß, in Schottland zu bleiben. Sofort ging sie in die Küche und schälte Kartoffeln. She did the potatoes. Die Kartoffeln wurden mit einer Kartoffelschälmaschine geschält. Das war ein gelber Topf mit Deckel. Innen am Deckel waren einige Metallfinger und außen eine Kurbel befestigt. 45 Umdrehungen der Kurbel waren nötig, und die Kartoffeln kamen total deformiert wieder heraus, immer noch mit der Hälfte der Schale. Der Erfinder dieser Kartoffelschälmaschine mußte geglaubt haben, alle Kartoffeln seien rund wie Tennisbälle und ebenso groß. Deshalb mußte Inger danach noch zum Potatopeeler greifen. The potatopeeler war ein gewöhnlicher Kartoffelschäler, nur etwas flacher als der durchschnittliche norwegische Kartoffelschäler. Inger kurbelte und zählte. Eins, zwei, drei, vier. Hier mußte sie ihre Kräfte anwenden. Kurbel, kurbel, kurbel. Neun, zehn, elf, zwölf, zählte sie. Denn obwohl sich ihr Kopf inzwischen mit allerlei englischen Wörtern gefüllt hatte, so sind doch die heimischen Zahlen das letzte, was verschwindet.

Überall wird der Kopf von englischen Wörtern infiltriert, nur die Zahlen bleiben. An Standhaftigkeit werden sie nur noch von Flüchen übertroffen. Flüche sind die treuesten Vokabeln überhaupt. Au! Igitt! Pfui! Mist! Hier stand sie nun. Sechzehn, siebzehn, achtzehn, neunzehn. Die Kartoffeln kämpften gegen ihr Schicksal. Wie viele Zahlen werde ich gezählt haben, ehe ich meinen Fuß wieder auf norwegischen Boden setzen kann? Vierundzwanzig, fünfundzwanzig, sechsundzwanzig, siebenundzwanzig. Wenn ich jeden Tag kurbele und zähle? Das Jahr hat 365 Tage. Zweiunddreißig, dreiunddreißig, vierunddreißig, fünfunddreißig. Muß ich wirklich so lange hierbleiben? Wie soll ich das aushalten? Vierzig, einundvierzig, zweiundvierzig, dreiundvierzig. Ich kann es aushalten, wenn ich zähle. Wenn ich zähle, vergeht die Zeit schneller, sie läuft davon, vierundvierzig, fünfundvierzig, sechsundvierzig, aus purem Trotz, eine Extraumdrehung mit der Kurbel. Dann ging sie in ihr Zimmer, nahm einen kleinen Block und schrieb: 365 × 45 = 16 425.

Nach 16 425 Kartoffelschälumdrehungen wäre dieses Leben vorbei. Nach 16 425 Kartoffelschälumdrehungen wäre sie endlich ein neuer und besserer Mensch geworden. Dann marschierte sie in the scullery und informierte Mrs. Mayfield über das Resultat ihrer Berechnung.

Und Mrs. Mayfield lachte.

Pantomime

In Leith steht ein Stein aus Telemark. Er kam mit dem Motorschiff Vim aus Bergen hierher, als Ballast. Aber als das Schiff auf Grund lief und hier ins Dock kam, warfen ein paar helle Köpfe ihren Blick auf diesen Stein. Dann brachten sie ihn an Land und stellten ihn vor der norwegischen Seemannskirche auf. Hier konnten sich alle hinsetzen, die aus Norwegen waren und Heimweh hatten. Es ist ein ganz normaler Prellstein. Grau und ursprünglich liegt er hier und schaut von seiner kleinen Rasenfläche vor The Scandinavian Church hoch. Die Kirche selbst ist grau und klein zwischen Edinburghs hohen Gebäuden.

Jeden Sonntag kommen Dutzende junger Leute hierher. Einige haben vielleicht keine Beziehung zu Gott, für den diese Kirche errichtet worden ist, andere kommen gerade seinetwegen. Aber alle suchen die Kirche auf und sehen den Stein. Das Wort, das sie suchen, ist nicht leicht gesagt, aber der Stein sagt es in einer Sprache, die niemandem fremd ist. Er sagt gerade hier, in dieser unbekannten Hafenstadtgegend, was er nicht sagen könnte, wenn er noch immer auf seiner Felskuppe in Telemark läge.

Das war der Ort, an dem die norwegischen Au-pair-Mädchen in Edinburgh, die Mother’s help-Mädchen, die angehenden Ingenieure, die Zahnmedizin- und Medizinstudenten und sogar die Bierbrauereistudenten ihre Würde wiederfanden. Denn auf der Rückseite dieser Kirche mit dem Stein lag ein Zimmer mit einer Reihe von Regalen, und dort lagen Adresseavisa, Bergens Tidende, Fædrelandsvennen und Fredrikstad Blad, Nachrichten aus genau dem Ort, aus dem sie welche hören wollten; eine mollige Dame saß am Klavier und spielte aus dem Gesangbuch der Seemannsmission „Sing mich heim“; es gab glasierte Kuchen, Pastor Tønnesen segnete sie, und ab und zu tauchte ein Seemann auf.

Inger kam an allen Sonn- und Feiertagen her. Am Heiligen Abend kam auch Sheila mit. Während sie nebeneinander saßen und sich Pastor Tønnesens Predigt anhörten, preßte Sheilas Arm sich plötzlich gegen Ingers. Durch den Mantelstoff. Inger blieb sitzen und spürte den Druck. Es war gut. Wie konnte so wenig so gut tun? Wieso kann ich durch so einen kleinen Druck so glücklich werden? Sie hörte die Weihnachtsbotschaft und dachte: Ich muß ganz ruhig sitzenbleiben. Wenn ich mich auch nur einen Millimeter bewege, kann der Arm verschwinden. Ich kann einfach so sitzen bleiben. Schließlich hat Sheila ihren Arm bewegt. Ich bin nicht verpflichtet, wegzurücken. Ich sitze ja genauso hier wie vorher. Und wenn sie lieber so sitzen will wie vorher, kann sie sich ja wieder anders hinsetzen.

Aber Sheila bewegte ihren Arm nicht. Weißt du, daß dein Arm gegen meinen drückt? Oder ist das der reine Zufall und „Weihnachtsglück“, denn das wurde jetzt gesungen? Da saß Inger und freute sich das ganze Lied hindurch. Das hätten sie wissen sollen, die versammelte Gemeinde.

Inger blieb den ganzen Gottesdienst so sitzen.

Ich bin verliebt in sie, dachte Inger und war entsetzt und verängstigt. Sie saß in ihrem Kabuff und versuchte, sich aus der Verliebtheit herauszudenken. Sie wußte, daß sie die einzige Frau auf der Welt war, die sich in andere Frauen verliebte. Sie wußte, daß es irgendwo solche Frauen gab, aber die waren weit weg wie die Tatsache, daß Nofretete mit dem langen Hals einst gelebt hatte, solche Frauen gab es nicht in ihrer Welt, heute nicht und nie.

Während der nächsten Tage, während aller Weihnachtstage, bei gefülltem Truthahn, Christmas cake mit sixpence und allen Geschenken schämte Inger sich. Sie hätte den Druck nicht spüren dürfen.

Das ist nicht normal, dachte sie. Es trennt mich im allerwesentlichsten Punkt von allen anderen Menschen. Und sie machte sich daran, ihre Freude zu bekämpfen.

Sie bekämpfte ihren Kopf, sie bekämpfte ihren Körper, sie bekämpfte ihre Haut, die spürte, daß Sheila plötzlich die Treppe hinunterkam. Sie sweepte und hoovte und bekämpfte ihre Ohren, die immerzu auf Sheilas Stimme horchten. Sie bekämpfte ihre Augen, die Sheilas begegneten.

Die ganze Familie ging in The Pantomime. Das war Tradition, und sowie sie sich gesetzt hatten, vergaß Inger zu bekämpfen, daß sie die ganze Zeit daran dachte, daß Sheila neben ihr saß. Sie legte ihren Arm auf ihre Hälfte der Armlehne und hoffte, Sheila würde ihren auf die andere Hälfte legen. Im Saal wurde es dunkel. Sheila verschwand. Inger versuchte, sie in der Dunkelheit zu erkennen. Sie spürte, daß Sheila sich leicht bewegte und sie mit dem Knie anstupste. Das jagte ihr einen plötzlichen Freudeschauer durch den Leib. Warum bin ich bloß so blöd? dachte sie. Sie spürte eine Hand, die sich auf ihr Bein legte, gleich über dem Knie. Die Hand drückte sie leicht. Dann blieb sie liegen.

Inger saß da und rührte sich nicht. Ein handförmiges Feld der Freude jagte Welle auf Welle aus reinem Glück durch sie. Und sie wußte, daß sie auf dieser Welt nur einen Wunsch hatte, nämlich, daß Sheilas Hand in alle Ewigkeit auf ihrem Knie bliebe.

Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Nach dem ersten Akt nahm Sheila ihre Hand von Ingers Knie, um damit zu applaudieren. Da erst ging Inger auf, daß sie während des ganzen Aktes vergessen hatte, dagegen anzukämpfen, daß Sheila dort saß. Sie hatte es vergessen! Sie bewegte ihr Bein. Sie versuchte jetzt aus Leibeskräften, nicht zu hoffen, daß die Hand zurückkäme. Aber beim zweiten Akt war die Hand wieder da, und Inger wußte, daß sie auf dieser Welt nur einen einzigen Wunsch hatte, nämlich, daß Sheilas Hand in alle Ewigkeit käme und ginge, käme und ginge, käme und ginge auf ihrem Bein.

Dieser Wunsch ging in Erfüllung – wenn auch nicht in alle Ewigkeit, so doch während der ganzen Vorstellung, und die schien ewig zu dauern.

Inger sitzt mit Sheila in einer ewigen Vorstellung. Vorher hatte sie gedacht: Pantomime? Wie langweilig. Soll ich vielleicht den ganzen Abend dasitzen, nur um mir ein paar Bewegungen anzusehen? Aber da hatte sie sich geirrt. Die Pantomime kommt mit Sang und Klang und einem Prinzen in roter Jacke und Prinz-Eisenherz-Frisur, der von einer Frau gespielt wird. Nun legt sie den Arm um ihre auserwählte Prinzessin, und alle applaudieren. „Eine Frau?“ fragt Inger. „Ja“, nickt Mrs. Mayfield, „das ist immer so. Der Prinz muß von einer Frau gespielt werden.“ Und ganz Edinburgh applaudiert, denn so gehört es sich, it’s most suitable, und am Ende haben sie sich endlich. Ein schönes Paar.

Doch, Weihnachten steckt voller Überraschungen, und Inger ist glücklich. Auf der anderen Seite der Nordsee packt Evelyn einen großen Pappkarton. Sie füllt ihn mit Weihnachtscomics, Strümpfen, Marzipanschweinen, einem Jahresrückblick für 1961, mit allem, was sie hineinbekommt, und mit zehn Rollen Klopapier. „Hier, mein Kind. Jetzt kannst du Klopapier benutzen auf Teufel komm raus! Wünsch allen frohe Weihnachten von Mrs. Holm. Und ein ganz besonderer Gruß an Sheila. Ich bin froh, daß du sie hast. Sylvester werden wir um Mitternacht an dich denken. Dann kannst du vors Haus gehen, dort in der Aberdeen Road Nr. 6, und zu den Sternen hochblicken. Und dann weißt du, daß wir in Bjørnegården auf dem Balkon stehen und zum selben Himmel hochschauen.“

Die Welt und die Frauen

Inger dachte an Mamas Worte. Ich bin froh, daß du Sheila hast. Sie sehnte sich danach, Mama zu sagen, wie recht sie hatte. Aber nie im Leben würde sie es schaffen, ihr das zu erzählen.

Inger war in der Hoffnung in die Welt gezogen, die Frauen würden verschwinden. Aber die Welt war voller Frauen. Dicke, dünne, breitschultrige und schmächtige, Frauen mit genau der richtigen modischen Figur, Frauen mit hochgestecktem Haar und Frauen mit wilden Locken, die unbedingt geschüttelt werden wollten. Manche waren so schön, daß Inger sie nicht ansehen konnte. Deshalb machte sie es, immer wieder, und wurde geblendet. Viele riefen und zogen sich zurück, und andere waren ganz grau und taten so, als wären sie gar nicht vorhanden, und wenn sie sich so einer Frau näherte und etwas Lustiges sagte, dann konnte auch so eine Frau plötzlich aufleuchten und schön werden. Die meisten hatten Fehler. Etwas zu breite Schultern, etwas zu breites Lächeln oder etwas zu kaninchenhaftes Lächeln oder ein Nase, die eigentlich eher ein Kloß war, und einige hatten das Pech, daß ihre Beine wie Säulen aussahen, aber es gab keine, die nicht schön werden konnte, wenn sie mit ihr sprach. Fast keine zumindest. Es gab ja auch ganz hoffnungslose, die niemals schön wurden, was sie ihnen auch sagte, aber das waren meistens solche, die ohnehin schon schön waren. Sie hielten sich für Filmstars. Sie lachten immer nur ihr Filmstarlachen, und was eigentlich in ihnen steckte, durfte nicht heraus. Denn etwas wohnte in allen Frauen, tief in ihnen allen wohnte ein schallendes und übermütiges Lachen, das nur darauf wartete, zu seinem Recht zu kommen.

Überall sah Inger Frauen. Sie wußte, daß das nicht richtig, war, aber trotzdem sah sie sie. Sie konnte im Bus sitzen und eine Frau sehen. Sie konnte sehen, wie diese Frau aufstand und daß sie schmale Hände und einen roten Pullover hatte. Die Frau konnte aus dem Bus aussteigen, und sie sah sie nie wieder. Trotzdem brannten sich Pullover und Hände fest, und sie wußte noch Monate – ja, Jahre – später, daß sie diese Frau gesehen hatte.

So konnte das nicht weitergehen. Aber auch in Edinburgh war die Welt voller Frauen. Hier gab es Ella Granli aus Bergen mit Lachen und Lippenstift, Birgitte aus Nakskov mit Erdbeermund und hohen Wangenknochen, Ricarda aus Wuppertal, groß und musikalisch, und Inger konnte sie sich nicht aus dem Kopf schlagen. Immer kam eine Frau, die sie sich nicht aus dem Kopf schlagen konnte, so war das Leben. Die Welt war immer voll von Frauen gewesen, und nun war sie voll von Sheila F. Mayfield (das F stand für Fiona, aber das war ein tiefes Geheimnis).

Sie stritten sich ziemlich oft. So ein Streit konnte aus nichts entstehen. Immer wieder heimste Sheila den letzten Stich ein. Nur selten behielt Inger das letzte Wort, weil sie auf Englisch daherhumpeln mußte. Sie mochte Sheila so gern, weil die immer den letzten Stich einheimste. War das etwa eine Grundlage, jemanden zu mögen? Es machte sie wütend und glücklich zugleich. Das war doch keine Stimmung, auf die sie sich verlassen konnte.

Warum besteht mein Leben aus dem Warten darauf, daß sie kommt? Das einzige, was eine Rolle spielt, ist, daß sie lieb zu mir ist. Wenn sie morgens, ehe sie geht, lieb zu mir ist, geht es mir den ganzen Tag gut, und ich schwebe mit the Hoover durchs Haus. Ist sie abweisend, dann ist alles ruiniert, und während sie in der Universität ihr Leben lebt und mich vergißt, wandere ich nur herum und hebe kleine Gegenstände in ihrem Zimmer hoch und wische den Staub von ihren Haarbürsten und hoffe, daß sie mit mir redet, wenn sie nach Hause kommt.

Inger machte aus Trotz Sheilas Zimmer nur schlampig sauber. Es war ihr schrecklich peinlich, daß sie ausgerechnet hier staubwischen mußte. Das schlimmste war, wenn Sheila manchmal zum Lernen zu Hause blieb. Dann sah sie Inger mit the Hoover.

Sie sangen zusammen. Und manchmal fielen sie plötzlich übereinander her und prügelten sich auf dem Boden. Dazu bin ich zu groß, dachte Inger. Aber sie genoß es.

Am nächsten Tag stritten sie sich wieder. Es reichte, daß Sheila, wenn Inger auf dem Weg aus dem Kohlenkeller mit Eimer und Schaufel an ihr vorbeikam, sagte: „Inger, bist du heute schlecht gelaunt?“ Dann wurde sie schlecht gelaunt, auch wenn sie das vielleicht vorher nicht gewesen war. „Nein!“ brüllte sie. „Das höre ich“, erwiderte Sheila.

Warum kann ich nicht darauf pfeifen, ob sie mich mag? Aber die Hand in der Finsternis der Pantomime, die hätte sie doch nicht dorthin gelegt, wenn sie mich nicht leiden könnte? Der Druck durch den Mantelstoff am Heiligen Abend war etwas anderes. Der hatte vielleicht daran gelegen, daß sie zu eng saßen. Aber es bestand nicht die geringste Möglichkeit, daß sie von der Hand in der Finsternis der Pantomime nichts gemerkt haben könnte. Ich habe nicht die geringste Macht über Sheilas Hand, dachte Inger, und es ist nicht mein Fehler.

Aber daß es so schön war, die Hand dort zu haben, das ist mein Fehler. Und daß es so gut war, auf dem Küchenboden zu liegen und um ein Kerngehäuse zu kämpfen, das ist mein Fehler, mein Fehler und nur mein Fehler. Sheila lacht. Ich auch. Aber wenn sie wüßte, warum ich gelacht habe, würde sie sofort aufhören zu lachen.

Wie oft soll das geschehen, während ich so tue, als ob nichts geschähe? Wie oft soll ich glücklich sein, weil ich mit einer anderen zusammen bin, und so tun, als ob ich nur lachte? Wie oft soll ich an eine andere denken, denken und hoffen, wenn ich genau weiß, daß ich nichts zu erhoffen habe? Soll ich so durchs Leben gehen? Soll ich durchs Leben gehen und so tun, als ob das Allerwichtigste nicht passierte?

Jetzt ist Schluß! dachte sie. Ich werde die Namen aller Frauen in meinem ganzen Leben aufschreiben, seit damals, als ich noch in Colletts gate wohnte und erst drei war, denn damals hat es angefangen, das weiß ich genau! – es hat mit Ulla Jespersen angefangen, in der Ecke, beim Fliegeralarm. Da saß sie zusammen mit ihren Freundinnen im Fahrradschuppen und lachte, zusammen mit den übrigen Hausbewohnern. Ich habe das nicht vergessen, und auch nicht, wie sehr ich mich darüber gefreut habe, daß sie da saß.

Sie nahm ihr Tagebuch und führte ihren Vorsatz aus. Es wurde eine lange Reihe Namen von Mädchen, die sie auf dieser Welt froh gemacht hatten. Sie endete mit: Sheila F. Mayfield, 6, Aberdeen Road, Edinburgh 5. I love you.

Inger starrte die Worte an. Das war pervers. Trotzdem hatte sie das geschrieben. Hier stand endlich das, was alle zum Kotzen gebracht hätte. Sie sehnte sich nach etwas, nach dem sich zu sehnen absolut verwerflich war. Sie wußte, daß sie kriminell wäre, wenn sie ihre Sehnsucht in die Tat umsetzte. Es gab Gesetze dagegen, das wußte sie. Aber um was es sich dabei genau handelte, wußte sie nicht. Sie sehnte sich nur danach, noch einmal um ein Kerngehäuse zu kämpfen. Inger starrte ihre verbotenen Worte an. Sie hatte schon einmal so etwas gemacht. Das war lange her. Sie hatte Gott erzählt, daß sie Beate liebte. Dann hatte sie die Blätter aus dem Buch gerissen und verbrannt. Jetzt versprach sie sich, diese hier niemals zu verbrennen. Nur wenn sie der Wahrheit ins Auge sah, konnte sie sie bekämpfen.

Dann lag sie zwischen ihren kalten blankets und sheets und bekämpfte die Wahrheit. Aber bald fand ihre Hand den Weg zu der Stelle zwischen ihren Beinen, und danach benahm sie sich wie ein Tier, mit ihrem Kopf konnte etwas nicht in Ordnung sein, so, wie sie sich aufführte. Sie beschloß jedesmal, daß nun aber das letztemal wäre, doch es passierte wieder, es passierte einfach, und sie mußte sich aufführen, als ob sie total wirr im Kopf wäre, und dann kam Sheila und legte mitten in der Finsternis der Pantomime die Hand auf ihr Knie, und sie explodierte vor Wonne.

Warum bin ich kein Mann? dachte sie. Wäre ich ein Mann, wäre das mit den Frauen völlig in Ordnung. Ich denke und fühle wie ein Mann, und hier stehe ich mit hochgesteckten Haaren mit fünfundzwanzig anderen Frauen vor einer Wand im Cavendish Ball Room und versuche, auf einen Mann zu hoffen, daß die Schwarte kracht. Da kommt sogar einer. Er sieht mich. Ich sehe, daß er mich sieht, und ich versuche, auszusehen, als ob ich ihn sehe, indem ich in die andere Richtung blicke, und vielleicht findet er mich hübsch, oder jedenfalls hübsch genug, um mit mir zu tanzen. Aber ich bin ein Wolf im Schafspelz.

Der Mann kam. Er war hübsch und dunkel und munter und hieß Ian MacNeal, und Inger versuchte, ihn zu sehen. Ihr Körper wollte tanzen und seinen Körper berühren. Ein Körper ist besser als kein Körper, und sie sollte Männerkörper berühren, wenn sie ihn nur oft genug berührte, würden all die Frauen vielleicht verschwinden.

Er brachte sie nach Hause und küßte sie an der Ecke. Inger peilte Edinburghs Männerwelt an. Sie peilte Ola Yngvarsen an, einen norwegischen Zahnmedizinstudenten, den sie hinter Fredrikstad Blad kennengelernt hatte. „Bist du aus Fredrikstad?“ – „Nein, aus Halden“, antwortete Ola. Dann peilte er Birgitte aus Nakskov an. Einen Erdbeermund hätte Inger haben sollen! Wie sollte sie einen Jungen anpeilen? Sie war zu dick, das war ganz deutlich, etwas Deutlicheres als zu dick zu sein gibt es nicht. Aber Ella aus Bergen war auch dick. Und die peilte Tore aus Haugesund an. Wie sollte Inger einen Jungen anpeilen? „Mit den Augen!“ hatte Unni Tøgersen gesagt. Aber sie hatte keine Augen, die durch den Saal flammen konnten, während der Fjord glitzerte.

Inger sehnte sich nach einem Mann. Wo war er? Sie dachte: Mein Körper braucht einen Mann, meine Seele braucht eine Frau. Nur die Seele ist verliebt. Durch die Augen. Aber mein Körper wartet auf den Mann. Sie sehnte sich danach, umarmt zu werden. Von starken Armen, die direkt aus einem Buch kamen. Direkt aus „Jane Eyre“, das sie gerade las, und das noch besser war als „Bauern ziehen übers Meer“. Aber wo waren die Arme?

Thornfield Hall, dachte sie. Daher kam Mr. Rochester. In Büchern war alles viel klarer. Wer den Geliebten nicht bekam, starb einfach. Die Heldin sank auf der Heide um oder warf sich vor einen Zug. Im wirklichen Leben lebte sie immer weiter, auch wenn sie sich eigentlich vor einen Zug geworfen hatte.

„Du liest Jane Eyre?“ fragte Mrs. Mayfield. „Ja“, antwortete Inger.

„Das ist gut, findest du nicht?“

Ingers Traumwelt zerfiel augenblicklich zu Schutt und Asche. Mrs. Mayfield hatte „Jane Eyre“ gelesen! Wie war es möglich, Jane Eyre gelesen zu haben und immer noch auszusehen wie Mrs. Mayfield? „Doch“, antwortete sie. „Ah! Mr. Rochester!“ rief Mrs. Mayfield. Das war das Leidenschaftlichste, was Inger jemals von ihr hören sollte.

Inger stand allein über the trolley gebeugt im Eßzimmer, das Wort „Teewagen“ war längst aus ihrer Erinnerung getilgt, und gab Zucker in die Tassen und dachte an Mrs. Mayfield und Mr. Rochester. Vielleicht sollte das ihr neuer Roman werden? Mrs. Mayfield könnte im Wäldchen stehen und Mr. Rochester vom Pferd fallen sehen, und dann könnte sie sagen: „I think we’ve got different moral standards!“ Und Mr. Rochester könnte sie um ihren ausgeprägt tiefhängenden Hintern packen und rufen: „Who the Deuce do you think you are?“ Und dann könnte er sie so wild und innig küssen, daß sie sofort beschloß, sich vor einen Zug zu werfen, wenn sie ihn nicht bekäme.

Dies war einer ihrer vielen Romananfänge. Das Buch soll „Bauern ziehen übers Land“ heißen, und im Gegensatz zu normalen Büchern soll der Titel nichts mit dem Inhalt zu tun haben. Es soll ein ganz und gar unnormales Buch werden.

Sie stand über the trolley gebeugt und dachte an ihr Buch. Da spürte sie plötzlich, daß hinter ihr jemand dicht an sie herantrat. Sie fuhr zusammen. Es war Sheila. Inger hatte sie nicht kommen hören, nun lehnte sie sich an sie, und Inger spürte einen Moment lang Sheilas Körper an ihrem Rücken. Sie beugte den Kopf zu Ingers, berührte ihr Ohr mit einer Hand und zog sie mit der anderen an sich, einen Augenblick stand sie da in dieser plötzlichen Umarmung, dann flüsterte Sheila: „Zweieinhalb.“

Schon brachte Mrs. Mayfield die Teekanne, und Sheila ging um den Tisch herum und setzte sich mit verschränkten Armen und harmloser Miene an ihren Platz. Aber ihre Botschaft war deutlich genug. Inger zweifelte keine Sekunde, was sie bedeutete. Sheila wollte zweieinhalb Teelöffel Zucker in ihren Tee!

Aufgewühlt stand Inger neben dem Teewagen. Eins war ganz klar: Dieser zusätzliche Löffel würde in die Tasse geschmuggelt werden, und wenn es sie ihre Ehre und ihre Stellung kosten sollte und man sie mit dem ersten Schiff nach Hause schicken würde.

Ratlos stand sie am Zuckertopf, ihr Herz hämmerte. Denn nun kamen auch die anderen. Sheila zog die Aufmerksamkeit auf sich, indem sie ihre Mutter auf einen Fussel hinten an ihrem Rock aufmerksam machte. Mrs. Mayfield drehte sich um sich selber, um den Fussel zu finden, und im ganzen Aufruhr gab Inger blitzschnell einen Extralöffel Zucker in Sheilas Teetasse.

Dann setzte sie sich auf ihren Platz. Sie saß zwischen Sheila und Adam an der einen Längsseite. Mr. Mayfield kam nach Hause. Es war Freitag, und es gab gebratenen Schellfisch. Daddy verhörte seine Familie. Alles war wie immer. Abgesehen von dem einen Extralöffel Zucker in Sheilas Teetasse. Eine tiefe Allianz. Schließlich fragte Mrs. Mayfield: „Und was hast du heute gemacht, Charles?“

„Fiddling“, sagte er. Das antwortete er jedesmal, und mehr erfuhr seine Familie nie über seine Arbeit. (Aber er war Börsenspekulant.) Da kam die Hand.

Sheilas Hand lag auf Ingers Bein. Sie mag mich, dachte Inger. Warum würde sie das sonst machen? Die Hand lag da, ziemlich schwer und unglaublich spürbar. Inger trank ihren Tee und ließ sich nichts anmerken. Aber von einer Stelle unter Familie Mayfields dunkler, glänzender Tischplatte mit Geschirr und Toastgestell und Stachelbeermarmelade verbreitete sich eine süße, starke und ganz unbegreifliche Wollust in allen Teilen ihres Körpers.

An diesem Abend saßen Inger und Sheila bis halb zwölf in der Küche und quatschten. Der Herd gab noch ein bißchen Wärme, auch wenn er schon für den nächsten Tag bereitgemacht worden war. Inger saß im Sessel in der Ecke und Sheila auf dem Küchentisch, die Beine auf einem Stuhl. Sie führten ein tiefes Gespräch. Tiefe Gespräche handelten immer von Männern. Was sie auch von Männern halten mochten, mit anderen Frauen war immer gut über sie zu reden. Jetzt bin ich verkauft.

Der letzte Satz plumpste einfach so in ihren Kopf. Wer aus Fredrikstad war, dachte eben so. Und im nächsten Augenblick war Inger besessen von dem Wunsch, Sheila zu sagen, daß sie sie liebte.

Sie geriet in Panik. Ziemlich ruhig saß sie voller Panik im Sessel.

„Have you done it?“ fragte Sheila.

Einiges an der englischen Sprache war wirklich überraschend. „Es tun“ hieß also „done it“.

„Nein“, antwortete Inger. „Und du?“

„Nein.“

Sheila erzählte von all ihren Männern. In der Geschichtsvorlesung war einer, der sie immer anstarrte, er hieß David. Dann gab es einen Iraner, mit dem sie einmal Kaffee getrunken hatte. Don’t tell Mum! Jetzt war sie mit einem norwegischen Medizinstudenten namens Truls zusammen. Er kam aus Skjåk und wollte es schrecklich gern tun. Ein bißchen erlaubte sie, wenn sie auf seiner Bude waren, aber nur auf dem Boden. „I feel beds are naughty“, sagte Sheila. Sie liebte nur Peter. Sie trug sein Bild in einem kleinen Medaillon um den Hals. Aber eigentlich wußte sie, daß sie Mr. Alexander heiraten würde, den Sunday School Teacher. Er blickte sie jeden Sonntag über die Köpfe der kleinen Jungen, die er unterrichten sollte, hinweg an, während sie die kleinen Mädchen unterrichtete.

Inger hörte alles über Sheilas Männer und hatte dabei Sheilas Beine auf dem Schoß. Sheila hatte sie nämlich dorthin gestellt, sie waren kalt, sie waren immer kalt, und Inger wärmte sie. „This is not the land of purple heather, it’s the land of purple legs“, sagte Inger. Sie konnte inzwischen ziemlich witzig sein. Sheila lachte. „Bist du nicht verliebt?“ fragte sie.

„Doch“, antwortete Inger.

„In wen?“

In dich natürlich. In dich, du Dussel! Wieder wurde sie von Panik erfaßt. Wo ist Ingers Angebeteter? Sie muß doch schließlich ein Liebesleben haben. Eine Frau von neunzehn Jahren ohne Liebesleben ist unmöglich. Wer kein Liebesleben hat, in dem sie herumschweben kann, in Form eines Jungen, mit dem sie tanzen geht, mit dem sie fast auf einem Fußboden schläft oder dessen Bild sie in einem Medaillon hat, hat doch zumindest ein inneres Liebesleben – in Form eines Jungen, mit dem sie das alles nie erreicht.

Das war die Lösung. Sie konnte die Welt mit existierenden und nicht existierenden Jungen bevölkern, die entweder nichts von ihr wissen wollten oder von denen sie nichts wissen wollte.

Sie erfindet einen Jungen. Sie erfindet, daß sie in Ola Yngvarsen verliebt ist, denn von dem weiß sie mit hundertprozentiger Sicherheit, daß sie ihn nicht haben kann; er hat schließlich Birgitta aus Nakskov angepeilt. Pastor Tønnesen organisiert eine Busfahrt zum Loch Lomond. Inger erfindet, daß sie die heiße Hoffnung hegt, im Bus neben Ola Yngvarsen zu sitzen, sie weiß nämlich, daß Birgitta aus Nakskov nicht mit zum Loch Lomond kommen wird. Aber was passiert? Ola Yngvarsen setzt sich neben Reidun aus Åndalsnes. Da sitzt er und redet mit ihr die ganzen Highlands hindurch, vorbei am kleinen zottigen Highland Cattle, den ganzen Weg bis Glencoe, und als sie dort stehen und in der Talsenke das Massaker von 1697 riechen, steht Ola Yngvarsen neben Reidun aus Åndalsnes, sogar hier, und Inger erfindet, daß das ihr ganzes Erlebnis der sagenumwobenen Erinnerungen an Clans und Massaker und alles, was sie sonst gern gehört hätte, ruiniert. Was noch? Ach! Reidun aus Åndalsnes! Sie erfindet, daß sie Reidun umbringen könnte! Und was soll man auf dieser Welt denn überhaupt machen, als sich umzubringen? fragt sie Sheila.

Und Sheila ist ganz ihrer Ansicht. „Du mußt dich besser zurechtmachen“, sagt sie. „Ich mach’ dir ein home perm.“ – „Mich will ja doch keiner“, meint Inger. „Natürlich gibt es welche, die dich wollen!“ ruft Sheila empört. Inger sonnt sich in dieser Empörung. Sheila verpaßt Ingers Kopf Locken. Inger tut so, als fürchte sie, die Locken könnten mißlingen. Aber das stimmt gar nicht. Ganz im Gegenteil. Sie hofft, daß die Locken mißlingen. Denn dann wird Sheila mit absoluter Sicherheit wieder mit ihren Händen kommen und noch ein home perm legen.

Leider fällt das home perm schon beim ersten Versuch ganz hervorragend aus. Sheila bewundert ihr Werk, und Inger macht sich auf in den Cavendish Ball Room, wo sie in einer langen Reihe mit anderen Mädchen an der Wand steht und auf einen Jungen zu hoffen versucht.

So war das Leben. Sie log sich hindurch. Das ist die Wahrheit. Was für eine Rolle spielte es, daß sie ganz phantastisch und fließend Englisch lernte, schlagfertige Geschichten über das Leben schrieb, die alle zum Lachen brachten, wenn sie nie jemanden lieben konnte? Sie würde sich durch das Leben schwindeln müssen. Die Frauen, in die sie sich verliebte, würden davon nie erfahren dürfen, und dann war es doch genauso, als ob sie sie durch ihre bloße Anwesenheit schon betrog. Sie wußten ja nicht, wie sie sich darüber freute, und deshalb schien sie diese Freude zu stehlen. Würde sie ihr ganzes Leben als Diebin und Lügnerin leben müssen?

Wo war der Mann, der sie davor retten konnte?

Inger wartete auf ein Gefühl, das sie nie gehabt hatte. Sie wartete auf einen Mann, der kommen würde, und wenn er sie berührte, würde sich das ganze Leben verändern. Sie wartete auf das Glück. Fast wie auf ein Haus – mit Farben, wie sie noch nie jemand gesehen hatte, und einem Himmel, der ein anderes Blau zeigte. Warum wohnte das Glück nur in Büchern? Warum konnte es nicht herauskommen? Obwohl ja die Menschen in den Büchern auch nur unglücklich waren? Aber sie waren auf glückliche Weise unglücklich. Das war der Sinn eines Buches.

Ein Jahr lang lebte Inger in einem Haus im Norden von Edinburgh. Es war ein graues Doppelhaus mit zwei Etagen, wie es sie überall auf den Britischen Inseln gibt. In einer Arbeitswoche von 53 Stunden wischte sie hier täglich Staub für 1 £ pro Woche, und nie hatte sie einen freien Tag. Und jeden Tag sehnte sie sich nach dem Tag, an dem sie nach Hause fahren würde.

Das Haus, in das sie gekommen war, und ihr Leben darin hatten so wenig Ähnlichkeit mit dem Glück, das sie sich vorgestellt hatte, als sie auf der Blenheim stand und winkte. Und in diesem Haus fand sie das Glück. Sie wußte es, und sie kehrte ihm den Rücken. Und sie wußte, wenn sie ihr Glück auf diese Weise leben müßte, würde sie für den Rest ihres Lebens unglücklich sein.

Darmowy fragment się skończył.

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390 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711454985
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