Czytaj książkę: «Am Pier»

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Gerd Mjø­en Branten­berg

Erster Schultag

Schon seit vielen Jahren gingen die Jugendlichen durch die Stadt. Mit großen Schultaschen, die sie in der Hand trugen oder sich über die Schulter warfen, gingen sie in Gruppen, mit Fahrrädern, mit denen sie nicht fuhren, durch Fergestedsveien und durch Nygaardsgata, in einem großen Strom, um zwei Uhr. Jeden Tag. Sie redeten und gingen. Und wenn einige von ihnen doch fuhren, fuhren sie im Gehtempo neben denen her, mit denen sie redeten. Einige von ihnen waren fast schon Damen. Und am Ende machten sie das Abitur.

So war es schon seit vielen Jahren. Die Jugendlichen bekamen es nie über, auf die immer gleiche Weise um zwei Uhr durch die Straßen zu gehen oder langsam zu radeln und die Stadt zu füllen. Jetzt würden sie auch so sein. Jetzt würden auch die Kleinen aus der Volksschule ihre Ranzen an den Nagel hängen und sich in langsamen Gruppen auf den Straßen unterhalten.

Sie gehen durch das hohe gewölbte Tor in die Gebäude, in die die Jugendlichen gehören, das alte gelbe Haus mit Treppengiebel gegenüber dem Pier und das neue graue langweilige Gebäude nebenan. Es ist warm, die Sonne scheint auf den Asphalt, an allen ersten Schultagen sind fünfundzwanzig Grad im Schatten. Wieder sind sie die Kleinsten.

Von den dreiundzwanzig Mädchen, die vor den Sommerferien die Schule von St. Croix verlassen hatten, begegnen sich nun elf wieder. Sie drängen sich zusammen und warten. Alle anderen verschwinden in Türen und auf Treppen des gelben Gebäudes und des Neubaus und wissen, wohin sie gehören. Sie selber bleiben stehen und warten ab. Alle aus Trara auf einem Haufen, alle aus Gamlebyen, Seiersten, von überallher und sogar vom Land stehen und warten; sie wagen nicht, einander anzusehen, sehen nur hin, wenn die anderen das nicht merken, damit sich ihre Blicke nicht begegnen müssen. Die Jungs aus Trara sind so groß!

Der Rektor erscheint mit milder, ernster Miene auf der Treppe. Er wird ihre Namen verlesen. Und sie in sechs Klassen von A bis F einteilen. Er hält ein Blatt Papier in der Hand und blickt über sie hinweg. Zögernd wenden sie sich ihm zu. Neben ihm stehen sechs Lehrer, sechs Studienräte, und halten in der Luft nach nichts Ausschau. Jetzt braucht niemand mehr „pst“ zu sagen. Es ist still in der heißen Sonne auf dem Hof, wo alle nur auf ihren Namen warten.

„Alle, die in die A-Klasse kommen, kommen hier herüber, wenn ich sie aufgerufen habe“, sagt der Rektor und nickt leicht zu einer unbestimmten Ecke bei der Treppe hinüber. Er ruft auf, einen Namen nach dem anderen, und bei jedem Namen verläßt jemand die dichtgedrängte Menge und geht zur Ecke bei der Treppe, wo die Gruppe wächst und wächst, bis sie zum Schluß die gesamte A-Klasse bildet. Die, die das Glück haben, schon jemanden aus dieser neuen Klasse zu kennen, lachen sich an, und einige fangen eifrig an zu reden. „Pst!“ Die ursprünglichen Gruppen werden erbarmungslos getrennt. Drei bis vier aus jeder der großen Schulen kommen in eine Klasse. Jetzt verschwinden Lillian Oppegaard und Jorunn Johansen zusammen mit einem Schwall aus Seiersten, Lahellemoen, in einer der Türen des Neubaus, und Gott weiß, ob nicht auch welche aus Tørp in Børje dabei sind, angeführt von einem Studienrat mit unvorstellbar weit auseinanderzeigenden Füßen, Aktentasche und düsterem Gesicht.

Die B-Klasse wird aufgerufen. Das Ganze wiederholt sich. Was war hier los? Waren die Gerüchte ihnen vorausgeeilt? Hatte der Oberlehrer aus St. Croix irgendwann im Laufe des Sommers den Rektor angerufen und gesagt: „Ja, hallo? Also hör mal zu. Dieses Jahr haben wir hier in St. Croix eine Mädchenklasse, die wirklich alle Rekorde in schlechtem Benehmen schlägt. Sorg dafür, daß so wenige wie möglich von denen in dieselbe Klasse kommen.“

Inger Holm wird zusammen mit einigen großen Jungen aus Trara aufgerufen. Nur Sølvi Andersen landet in derselben Klasse, und mit der hat Inger nie viel geredet. Sølvi ist vom lieben und ängstlichen Typ. Ansonsten kennt sie niemanden aus der neuen Klasse und weiß nicht, was sie sagen soll. Sie ist es gewöhnt, drauflos zu quatschen und zu lachen. Aber jetzt geht sie einfach nur mit der B-Klasse über den Schulhof und sagt kein Wort und tut so, als wäre überhaupt nichts los. Die Jungen sagen auch nichts, aber plötzlich rufen sie einander etwas zu und lachen. Inger versteht nicht, worüber. Hier gibt es nichts zu lachen.

Jetzt wird die C-Klasse aufgerufen, und darin landen nur zwei aus St. Croix. Schweigend ziehen sie davon. Kurz darauf stößt jemand ein Heulen aus. Nina Bøhmer und Liv Mo sind in dieselbe Klasse gekommen, sie umarmen sich und prusten sofort los, gehen Arm in Arm an der Spitze der D-Klasse neben einem flaschenförmigen Studienrat mit roten Haaren und unsichtbaren Augenbrauen, den sie in Englisch haben werden.

Derweil entsteht in der Ecke langsam die E-Klasse. Astrid Evensen, Marthe Rud und Vivi Strøm-Hanche landen darin. Am Ende sind neunundzwanzig übrig und bilden die F-Klasse.

Als die B-Klasse ihr Klassenzimmer im Erdgeschoß des Neubaus erreicht, stürmen die Trara-Jungen hinein und belegen die Tische am Fenster. Wer nicht rechtzeitig dort angekommen ist, läßt sich in der Nachbarreihe nieder, die Mädchen nehmen die restlichen Plätze. Siebenundzwanzig gehen in diese Klasse, zwölf Mädchen und fünfzehn Jungen.

Es ist seltsam, mit Jungen in einer Klasse zu sein. Inger ist nicht sicher, ob sie das so richtig findet. Sie geht seit sieben Jahren zur Schule. Aber sie war nie zusammen mit Jungen in einem Klassenzimmer. In St. Croix gab es getrennte Klassen. Inger sieht sie an. Sie können nicht still sitzen. Einige zuckten unaufhörlich mit den Beinen. Warum machen sie das? Inger glotzt die Beine von einem namens Sigvart Jespersen in der ersten Reihe an. Seltsam. Einige von den Jungen sind so klein, daß sie genausogut in die dritte Volksschulklasse hätten gehen können. Einer von ihnen heißt Yngve und hat eine Igelfrisur und eine rötliche Haut.

Inger sieht die Mädchen an. Ob die wohl lachen können? Ob sie mit ihnen so herumjuxen kann wie mit Astrid Evensen und Marthe Rud? Sie sehen allesamt aus wie die reinen Tugendengel. Die mit dem ärgsten Engelblick heißt Beate Halvorsen. Das wird entsetzlich werden.

Was soll sie machen? Aber sie kann nichts machen. Sie muß hierbleiben. Inger sieht ihren Klassenlehrer an und fragt sich, was sie von ihm halten soll. Er ist ein kleiner sanfter Langweiler und soll ihnen Deutsch beibringen. Er hat seinen Namen gemurmelt, aber es war nicht möglich, den zu verstehen. Hat er Ulrik gesagt? Aber so kann man doch wohl nicht mit Nachnamen heißen? Sie freut sich auf Deutsch. Sie werden eine ganz neue Sprache lernen!

Der Klassenlehrer hat eine seltsame Stellung eingenommen, er verschränkt hinter dem Kopf die Hände, als ob er dort etwas festhalten müßte. Aber dort ist nichts zu sehen, abgesehen von ein paar mit Pomade eingeschmierten Haarsträhnen, die nach oben wollen. Kein Lehrer in St. Croix hat sich je so hingestellt. Ab und zu geben seine Knie nach. Er diktiert in einem südnorwegischen Akzent den Stundenplan und teilt die Bücherlisten aus. Jetzt sollen sie einfach ruhig sitzenbleiben, dann kommen auch die anderen Lehrerinnen und Lehrer und erzählen ihnen, welche Bücher sie sich kaufen sollen, sagt er.

Und sie kommen, einer nach dem anderen. Mathematik, Englisch, Erdkunde. Ein Lehrer pro Fach! Kommen herein und stellen sich vor und reden erwachsen. Hat sich bisher jemals ein Erwachsener die Mühe gemacht, sich ihnen vorzustellen? Kommen herein und sind ihr Fach. Niemand hier kann alles. Denn das, was sie können, ist so schwierig, daß keiner mehr als ein Fach beherrscht. Rasch informieren sie über die Bücher. Søgaard und Lyche – Mathematik, Norwegisches Lesebuch für Höhere Schulen, Band I, Deutsche Grammatik, Statistische Tabellen, Skard und Midgaard – Weltgeschichte, Cappelens Schulatlas, Fjellbu – Entstehung des Christentums. Ankreuzen. Auf Wiedersehen. Manche kommen herein und öffnen die Tür nur einen Spalt breit, sehen sich um und lassen scheinbar zufällig ihren Blick durch die Klasse wandern. Ist hier die 1 B? Ja. Ach, ich dachte schon, ich hätte mich verirrt. Ich heiße Davidsen. Sich verirrt! Hat sich vielleicht irgendein Lehrer von St. Croix je verirrt? Das kann ja heiter werden.

Als sie die Klasse verlassen, fragt Inger so halb in die von Lärm erfüllte Luft hinein: „Wie heißt unser Klassenlehrer eigentlich? Ulrik?“ „Muldvig“, antwortet ein lockiger Trara-Junge, Leif heißt er wohl. „Ole Muldvig“, sagt er und blickt auf sie herab und ist fast genauso groß wie ihr Vater. Hinter ihnen kommt ein Junge mit hängenden Schultern und Brille. Offenbar will er etwas sagen, starrt aber nur in die Luft. Komischer Typ. Inger weiß nicht, wie er heißt.

Sie quetschen sich durch das große Tor und schwärmen durch Skolegata und um die Ecke zu Fergestedsveien, vorbei am weißen Holzgebäude der Seemannsschule. Sie finden einander und lachen und reden über all die Typen von Lehrern, die sie bekommen haben. Sie gehen in Gruppen und reden ununterbrochen, und plötzlich sind sie an einem warmen Sommertag die Jugendlichen geworden, die durch die Stadt wandern.

Als sie zu Hause angekommen waren, blieben Inger und Lillian vor den Schwingtüren des Restaurants Bjørnen stehen und redeten über all die seltsamen Leute, die sie jetzt unterrichten sollten. „Du hättest mal den sehen sollen, den wir in Mathe kriegen“, sagte Lillian. „Den, der die ganze Zeit aussieht, als ob er bergab geht?“ – „Ja, genau der. Waschfaß wird er genannt. Und dann die, die wir in Deutsch kriegen! Hast du die gesehen? Die ist total verrückt. Sie kam herein und hat sich als allererstes die Nase zugehalten, ist an die Fenster gestürzt, hat sie weit aufgerissen und gesagt: ‚Schtinkts, schtinkts!‘ Und als sie wieder weg war, hatte niemand kapiert, welches Buch wir kaufen sollen.“

Sie bemerkten, daß die Kellnerinnen vom Bjørnen sich hinter den hohen Fenstern drängten und sie ansahen.

„Ne, ne, jetzt stehnse wieder da und quasseln über uns, Mönsch!“ sagte Inger mit übertriebenem Fredrikstad-Tonfall. „Da stehen die Tochter von Doktor Holm und die Tochter von Zahnarzt Oppegård, und jetzt gehnse wieder zur Schule, sagense.“

„Ganz schön neugierig sindse ja, nich?“

Inger hielt sich die Hand an die Stirn und starrte zu den Kellnerinnen hinein. Die starrten mit strammen Mienen zurück und wichen nicht eine Sekunde. Inger und Lillian lachten sie an und winkten ihnen begeistert zu, erlitten dann aber einen so heißen Lachanfall, daß sie sich krümmten. „Wir sehn uns nachher“, sagte Inger. „Ja, um fünf, falls es kein Erdbeben gibt“, antwortete Lillian.

„Die sind ja vielleicht groß geworden“, sagte im Restaurant Iversen zu Ringstad.

„Ja, da sagste was Wahres“, antwortete Ringstad.

„Aber se sind noch genauso frech wie früher.“

„Da sagste auch was Wahres.“

„Ja, genau“, meinte Hauge. „Und die sollen nu aus besseren Kreisen kommen, meine Güte!“

„Ach“, erwiderte Iversen. „Man ist bloß einmal jung.“

„Ja, da sagste was Wahres“, wiederholte Ringstad. „Ein wahres Wort.“

„Aber als wir klein waren, sind wir doch nicht so rumgerannt und haben Faxen gemacht, oder?“

„Nein, ist noch gar nicht so lang her, daß sie uns einen Schneeball durchs Küchenfenster geschmissen haben. Und der ist im Suppentopf gelandet.“

Das war die Köchin, die sich zu ihnen gesellt hatte. Als Iversen das hörte, lachte sie laut und herzlich. Wie ein junges Mädchen lachte sie, und die hohen Fenster klirrten dazu.

„Iversen! Und wenn jetzt der Chef kommt?!“

„Ja, ich sag’s ja“, das war Hauges Schlußfolgerung, „die Kinder von besseren Leuten sind die Schlimmsten.“

„Warten wir’s ab, Hauge. Aus denen kann auch noch was werden“, sagte Iversen.

Mit diesem Urteil kehrten sie zu den Tischen zurück. Denn, ganz richtig, der Chef war im Anmarsch.

„Na, wie war’s denn in der Schule?“ fragte Mama.

„Ich hab’ keine Bekannten von St. Croix in meiner Klasse. Nur Sølvi Andersen. Bestimmt, weil wir auf der Volksschule so frech waren. Jetzt bin ich in einer schrecklichen Klasse mit lauter Engelchen.“

„Vielleicht wird das besser, wenn du sie näher kennengelernt hast?“ fragte Evelyn.

„Und die Lehrer erst mal! Die sind das Ärgste, was ich in meinem Leben gesehen habe. Die waren alle total verwirrt. Und dann kriegen wir für jedes Fach einen Lehrer, stell dir das vor. Und wir sollen ‚Sie‘ zu ihnen sagen. Ich freu mich auf Deutsch. Aber der Deutschlehrer sieht total vertrocknet aus.“

In diesem Moment läutete das Telefon. Inger nahm ab.

„Bei Dr. Holm, ja bitte?“

Am anderen Ende hörte sie Astrid Evensens Stimme.

„Ach, ist das schrecklich! Ich bin in einer total öden Klasse mit lauter Bauern gelandet! Nur Typen von Lahellemoen und Torp in Børje und Selbak und ein Haufen Leute aus Onsøy.“ Sie weinte fast am Telefon.

„Himmel, wie scheußlich! Bist du denn nicht mit Marthe und Vivi zusammen?“

„Doch, aber die wissen auch nicht, was sie machen sollen.“

„Weißt du was? Ich glaube, die haben uns aus purer Bosheit getrennt.“

„Wie ist denn deine Klasse?“

„Ach, da gibt’s fast nur Trara-Menschen. Ich hab’ noch nicht mit ihnen geredet. Aber vielleicht wird das besser, wenn wir sie näher kennenlernen?“

„Ja-a.“ Astrid hörte sich nicht sehr überzeugt an. „Wie heißen die denn?“

„Einer heißt Leif Bang Monradsen und einer Sigvart Jespersen und – nein, ich weiß auch nicht, wie die anderen heißen.“

„Ich frage mich, ob ich nicht versuchen soll, in deine Klasse versetzt zu werden. Bei dir ist noch eine, die ich von früher her kenne.“

„Ja, mach das.“

Prokurist Evensen aus Cicignon sprach mit dem Rektor, und am nächsten Tag war auch Astrid in der B-Klasse. Gott sei Dank dafür, wenigstens.

Seit vier Jahren stand ein kleiner dunkelbrauner Koffer mit blanken Ecken im Kabuff. Seit Helgas Tod hatte niemand ihn geöffnet. Aber Inger hatte ihn oft betrachtet und nachgedacht. Kein Tag verging, an dem sie nicht an ihre große Schwester dachte. Jetzt ging sie mit der Liste, die sie in der Schule bekommen hatte, wieder zu Evelyn in die Küche. Ob sie vielleicht den Koffer öffnen sollten? Evelyn trocknete sich die Hände ab und nickte.

Zusammen holten sie den Koffer hinter Stiefeln und Pappkartons hervor und trugen ihn ins Kämmerchen. Inger öffnete ihn. Darin lagen die Bücher, eingeschlagen in glattes, gelbes Umschlagpapier, Helga hatte sie mit dunkelblauer Tinte in Schönschrift beschriftet. Englisches Lesebuch von Helga Gjarm Holm. Deutsche Grammatik von Helga Gjarm Holm.

Ach, wie neidisch war sie auf diese Bücher gewesen! Inger spürte, wie es zu ihren Augen aufstieg, das Gefühl, das sie gehabt hatte, als sie die Bücher zum erstenmal sah. Damals waren sie auf Helgas Schreibtisch und Bett verstreut gewesen. Jetzt wurde Helga erwachsen. Ob Helga jetzt wohl keine Zeit mehr haben würde, mit ihr zu spielen?

Nun stand sie hier, am Rand der Welt, in die Helga nur kurz einen Fuß gesetzt hatte. Sie holte tief Atem und faltete die Buchliste mit den angekreuzten Büchern auseinander.

„Wollen wir mal nachsehen?“ fragte sie Mama.

Evelyn dachte an alle Briefe, die sie damals bekommen hatten. Sie waren so erfüllt von echtem Mitgefühl gewesen. Und alle hatten versucht, einen Trost zu finden. Einige sagten, vielleicht sei Helga viel erspart geblieben, im Leben gibt es soviel Grausames, es ist gut, jung zu sterben. Andere schrieben: „Wen der Herr liebt, nimmt er früh zu sich.“

War Helga ein Liebling Gottes? Aber was war dann mit allen anderen Kindern, die er nicht zu sich nahm?

Dennoch hatte sie in der Religion ihren größten Trost gefunden. Eine entfernte Freundin hatte ihr geschrieben, sie müßte ihr glauben, es hätte einen Sinn, wir wüßten ihn bloß nicht. Gott wüßte ihn, und zu guter Letzt war Sein Weg der einzige, den man gehen konnte.

Sie hatte es versucht. Und manchmal glaubte sie, einen Sinn zu sehen. Nein, keinen Sinn, sondern einen größeren Zusammenhang. Eine Glut, eine Hoffnung. Obwohl doch damals, vor vier Jahren, gerade die Hoffnung zerbrochen war.

„Mama?“ fragte Inger, als sie in die Küche kam. „Weißt du, was ich mir so überlege?“

„Nein.“

Inger redete nicht sofort weiter. Sie ging zum Küchenfenster, setzte sich auf den Rand des Spülsteins, stellte die Füße auf die Heizung, wie das so ihre Gewohnheit war, und blickte hinaus auf die halbfertige Kråkerøybrücke.

„Ich habe mir überlegt, daß ich jetzt genauso alt bin wie Helga.“

„Ja“, meinte Mama. „Das habe ich mir auch überlegt.“

Sie schwiegen eine Weile.

„Ich frage mich oft, wie es wohl wäre, wenn Helga noch lebte“, sagte Inger.

„Das tue ich auch. Aber die Vorstellung, daß sie vielleicht in einem Rollstuhl sitzen müßte, nein... das wäre fast noch schlimmer gewesen.“

„Aber Mama, das finde ich überhaupt nicht. Sie hätte eine weltberühmte Malerin werden können! Ich hätte sie überallhin geschoben.“

Mama weiß nicht, daß Inger seit vier Jahren neben Helga im Rollstuhl lebt. Manchmal war sie auch ganz normal und ohne Rollstuhl. Aber manchmal saß sie im Rollstuhl, und das war überhaupt nicht so grausam, wie man denken könnte. Manchmal weinte Helga und war böse, aber sie konnte ja nicht ununterbrochen traurig sein. Und sie hatte doch Inger. Und wenn sie etwas brauchte, brauchte sie bloß Inger danach zu schicken. Nach der Palette und den Pinseln und der Staffelei und den Ölfarben, die sie kurz vor ihrem Tod bekommen hatte, nach dem Holzkasten mit den schönen Pastellkreiden. Und wenn sie die ganze Malerei satt hatte, dann konnte sie Inger bitten, für sie das Filmjournal und Motion Picture zu kaufen. Niemals würde sie sie vergeblich um etwas bitten müssen.

Denn es gab etwas, das Inger bereute, mehr als alles andere, was sie auf dieser Welt falsch gemacht hatte. Es war der letzte Tag, an dem sie und Helga zusammengewesen waren, und Inger hatte sich um sie kümmern müssen, weil Mama und Papa zu einem Fußballspiel wollten. Und dann hatte Helga im Bett gesessen und gesagt, daß sie genau 1,50 für ein Motion Picture hätte, gerade war eine neue Nummer erschienen, und sie hatte gefragt, ob Inger nicht eben zum Kiosk laufen und sie ihr kaufen könnte.

Inger hatte abgelehnt. Ohne besonderen Grund. Sie hatte einfach keine Lust, sie wollte lieber am Schreibtisch sitzen und sich langweilen und sauer sein und darauf warten, daß Mama und Papa von ihrem blöden Fußballspiel zurückkämen, damit sie zum Spielen nach draußen könnte.

Seither war sie immer total außer sich, wenn sie daran dachte. Sie wollte nicht daran denken. Aber es kam ihr immer wieder in den Kopf. Sie dachte, daß es ja nur eine kleine Nebensächlichkeit gewesen war und gar nicht wichtig, und Helga hatte ja auch nicht weiter herumgequengelt. Aber es half nichts. Sie konnte nicht vergessen, daß sie damals nicht zum Kiosk gelaufen war. Denn sie konnte es nie, nie, nie mehr wieder gutmachen.

„Mama?“ fragt Inger tief aus ihren Gedanken heraus. „Weißt du noch, der letzte Sonntag, an dem Helga gelebt hat? Als ihr zum Fußballspiel gegangen seid... ?“ Sie will von der Motion Picture-Zeitschrift erzählen, aber als sie dazu ansetzt, kann sie es doch nicht.

„Ja“, antwortet Mama, „ich habe mir nie verzeihen können, daß wir zu diesem Fußballspiel gegangen sind.“

„Aber ihr seid doch zurückgekommen.“

Wieder möchte Inger Mama von der Zeitschrift erzählen, aber noch immer schafft sie das nicht.

Ja, wir dachten doch, es wäre einfach eine Sommergrippe oder sowas. Das hattet ihr doch so oft. Aber es hilft nichts.“ Mama schluckt. „Weißt du, in ihrer letzten Nacht zu Hause hat sie soviel Seltsames gesagt, sie phantasierte, und ich habe eine Weile bei ihr gewacht. Und da dachte ich, das werde ich ihr erzählen, wenn sie wieder gesund ist...“

„Aber am nächsten Tag mußte sie ins Krankenhaus.“

„Ja, und am Nachmittag wurde sie in den Respirator gelegt.“

„Und wir sind alle drei ins Wohnzimmer gekommen, nachdem das Krankenhaus angerufen hatte, und im selben Moment sind wir in Tränen ausgebrochen. Weißt du, was ich da gedacht habe, Mama? Jetzt sind wir drei, habe ich gedacht.“

„Das hast du gedacht?“ Mama wischte sich mit dem Fingerknöchel die Augen. „Du hast sicher viel gedacht, was wir nicht begriffen haben.“

Wieder verstummt Inger. Mama hat schon recht. Vor allem erinnert sie sich an das Gefühl, daß die anderen sie für ein Kind hielten. Daß das, was passierte, so grausam war, daß sie von einem Tag zum anderen erwachsen werden mußte. Aber das tat sie nicht. Sie war weiterhin kindlich wie ein Kind, hatte weiterhin Kinderfreuden und Kindergedanken und Kinderstimme und Kinderbewegungen. Deshalb glaubten sie, sie dächte überhaupt nicht. Sie glaubten, sie hätte nichts begriffen. Helga war fort. Was gab es da zu begreifen? Aber sie wußte, daß sie gedacht hatte: Für mich ist es am schlimmsten.

Eigentlich wußte sie nicht, wie sie diesen Gedanken gemeint hatte. Sie wußte nur, daß sie ihn für sich behielt, weil niemand ihn verstanden hätte. Sie war allein. Sie hatte ihre Gefährtin verloren. Alle Spiele verschwanden, die sie gespielt hatten. Sie versanken mit Helga. Inger hatte die Ulme draußen auf dem Hof angesehen und gespürt, wie sie versank.

Oder vielleicht hatte sie das gedacht, weil es Helga war, die ihr die Welt gezeigt hatte? Helga hatte ihr als erste beigebracht, wie alles hieß. Deshalb erinnerte seither alles an sie.

Später hatte sie gedacht: Für Mama ist es am schlimmsten. Ein Kind zu verlieren, ist das Schrecklichste, was passieren kann. Mama hatte Helga doch schon, als sie noch winzig klein war, hatte sie wachsen sehen, um dann zu erleben, wie sie damit aufhörte. Mama hatte ihr ganzes Leben ihren Kindern gegeben. Helga zu verlieren war wie das Leben selber zu verlieren.

Aber vielleicht durfte man nicht so denken, überlegte sich Inger. Für wen es am schlimmsten war. Denn es ist für jeden am schlimmsten.

Sie gehen ins Wohnzimmer. Keine kann an etwas anderes denken. Sie setzen sich und sprechen über die letzte Woche in Helgas Leben, sie gehen Tag für Tag durch, wie eine Geschichte, auch wenn beide wissen, was passieren wird, und auch wenn sie schon so oft darüber gesprochen haben. Jedesmal scheint Helga zu ihnen zurückzukehren, nur ein wenig.

„Mama? Es ist so schrecklich seltsam, daran zu denken, daß es nur vier Tage waren.“

„Ja, das ist schrecklich seltsam.“

Auch das haben sie schon früher gesagt. Trotzdem müssen sie es wiederholen. Denn noch nie haben sie erlebt, daß sich die Zeit so ausdehnen und kein Ende nehmen, daß sie wie eine eigene Epoche wirken kann, ein eigenes verzweifeltes Leben. Und jedesmal muß Inger hören, daß es für Mama ganz genau dasselbe war.

Sie hören Papa aus der Praxis. Er kommt zur Küchentür herein und dreht die Wasserhähne auf, läßt das Wasser lange fließen. Dann wäscht er sich die Hände, fährt sich mit Wasser durchs Gesicht, wäscht sich wieder die Hände. Sie kennen seine Geräusche. Wissen, was er macht, ehe er in seinem weißen Arztkittel ins Wohnzimmer kommt. Er geht zu Evelyn und senkt den Kopf, damit sie ihn auf die Wange küssen kann. „Na, sitzt ihr hier herum und faulenzt?“

„Nein, wir denken an Helga.“

Papa richtet sich auf. Wird ernst. „Ja“, sagt er, „ich habe heute auch so sehr an sie gedacht.“

Inger holt Klein-Ellen mit dem Fahrrad aus dem Kindergarten ab. Sie fahren durch St. Croixgaten, vorbei an der Schule, über St. Croix plass und in den Park. In diesem Herbst gibt es unglaublich viele Eichhörnchen. Sie tauchen überall auf und rennen zu einem Baum, jagen den Stamm hoch und verschwinden im Nichts. Dann tauchen sie wieder auf und pressen ihre Schwänze an sich. Es gibt kein anderes Tier, das solche Ähnlichkeit mit einem Zeichentrickfilm über sich selber hat.

„Eicho!“ ruft Ellen. „Eicho, Eicho!“ Sie will sie aufhalten, damit sie eines streicheln kann. Aber wenn sie stehenbleiben und ein Eichhörnchen dicht an sie herankommt – sie sind so frech in diesem Jahr –, bekommt sie doch einen Schrecken und ruft: „Nein, Eicho! Nein, nein, nein.“ Es sind die ersten Tiere, mit denen sie gesprochen hat.

Beate aus Lahellemoen

Den Kindern aus St. Croix hat immer schon die Stadt gehört. Sie kommen aus den feinen grauen Villen von Cicignon oder aus den modernen weißen Steinhäusern der Nygaardsgata und erobern die Kinoschlangen vor der Blauen Grotte und der Roten Mühle, erobern alle Spielplätze und Karussells in der Stadt, nehmen sonntags Hatthütte und Skihütte ein, und im Winter kommen sie mit ihren schwarzweiß-gestreiften Hockeyschlägern und ihren rot und blau gestrickten Pullovern und Mützen und besetzen die Wiesenbahn und den St. Croix plass. Und als dann dunkelblaue Mützen in Mode kamen, hatten sie die auch. Sie spannten die Schlittschuhe stramm, probierten es ein paarmal kurz auf den Zehenspitzen, ehe sie übers Eis jagten, riefen einander zu, klopften einander dreimal auf die Schultern und machten im Handumdrehen die ganze Bahn zu einem Spielplatz für ihr Bockspringen, ihr Räuber und Gendarm, mit dem Gefängnis in der hintersten Ecke, Richtung Bydalen. Die anderen mußten sich mit den übrigen Ecken und dem Rand begnügen, wo sie auf ihren Klammerschlittschuhen in einer braunen Jacke mit Gummizug in der Taille, die sie von ihrer Kusine geerbt hatten, dahinstapften. Mit lautem Rufen und ohne etwas wahrzunehmen außer sich selber und die, die dazugehörten, glitten die Jungen und Mädchen aus St. Croix übers Eis, beugten sich vor und zurück, und immer hatten sie genügend Geld für eine Wurst und eine Cola, mit denen sie zu den Klängen des Schneewalzers und anderer Wiesenbahnschlager aus den knackenden Lautsprechern übers Eis tanzten. „Schneyschney schneyschneywalllzer!“ sangen die Kinder von St. Croix und schwangen sich und wogten hierhin und dorthin, und plötzlich kam eins von ihnen angefegt und warf einen fast um, und im nächsten Moment stand man ohne Mütze da. Und dann durfte man sich nichts anmerken lassen. Der Versuch, in einer solchen Situation die Mütze zurückzuerlangen, war das Blödeste, worauf ein Kind aus Lahellemoen oder Lislebyveien verfallen konnte. Bald kamen sie dann wieder angefegt, mit ihren Vor- und Zurücktricks, bremsten ganz scharf und hielten einem die Mütze hin. „Willst du deine Mütze wiederhaben?“ fragten sie. Dann galt es, die Hand nicht auszustrecken. Und wenn man sich gleichzeitig noch umdrehen und ein Stück weggleiten konnte, als ob man Wichtigeres zu tun hätte als sich die Ohren abzufrieren, war die Schlacht gewonnen. Bald darauf würde die Mütze mit ihrem kleinen grauweißen Bommel einsam auf einer Schneewehe liegen.

Mit diesen Menschen sollte Beate Halvorsen aus Lahellemoen jetzt in die Schule gehen – in diese Schule, die unten im feinsten Stadtviertel lag, gleich bei Cicignon, und die manche immer noch „Mittelschule“ nannten, obwohl sie doch schon lange nicht mehr so hieß. Nur zwei aus Lahellemoen waren in diesem Jahr dorthin übergewechselt. Hartvig Gravdahl, der ganz oben in Bydalen bei der Brauerei wohnte, und Beate, die auf Kapellfjellet wohnte, durch den sich jetzt die Baumaschinen hindurchfraßen, um Fredrikstad die Fredrikstadbrücke zu bauen. Gravdahl. Eigentlich konnte Hartvig Gravdahl ihr gestohlen bleiben. Er war immer so arrogant, und er hatte selten mit ihr gesprochen, hatte nur gerufen, und auch das war jetzt schon lange her. Aber Beate war nur froh, wenn er die Ruferei auch weiterhin nicht wieder aufnahm. Am besten wäre überhaupt niemand aus Lahellemoen dabeigewesen.

Beate schleppte sich mit ihrer Tasche voller Bücher Kapellveien hoch. Nur gut, daß sie unten alte Bücher verkauft hatten, sonst hätte ihre Mutter einen Schock erlitten. 163 Kronen und 25 Öre kosteten die Bücher insgesamt, wenn sie alles neu kaufen mußte. Viele von den alten Büchern, die die großen Schüler verkauft hatten, waren so zerfleddert, daß sie kaum noch zusammenhingen, aber zum Glück hatte sie auch zwei erwischen können, die noch einigermaßen gut aussahen. Die deutsche Grammatik, schwarz und gelb, und dieses Christenheitsbuch von Fjellbu oder so hatte sie nicht bekommen, es kostete 4,70. Das norwegische Lesebuch kostete neu 17,50. Sie hatte es für fünf bekommen. Sie freute sich darauf, ihrer Mutter das zu erzählen. Das Erdkundebuch hatte sie nicht, auch das war schrecklich teuer, 8,85 stand auf der Liste. Aber sie würde Tone fragen, die letztes Jahr Abi gemacht hatte.

Beate nahm die Schultasche in die andere Hand und hoffte, daß Tone dieses Erdkundebuch nicht hatte. Ein neues Buch wäre auch schön. Nur eines. Sie konnte doch an ihre Sparbüchse gehen. Aber dann würde es noch länger dauern, bis sie sich ein Fahrrad kaufen konnte, und jetzt hätte sie gut eins brauchen können. Wenn sie sich jeden Tag so abschleppen mußte, wäre ihre Schulter bald ausgerenkt.

Beate näherte sich ihrem Haus. Es war ein langes flaches hufeisenförmiges Haus, ungefähr auf halber Höhe des Hangs, weiß, wie so viele Häuser hier oben. Hier wohnte sie mit ihrer Mutter in zwei Zimmern und Küche in der Hälfte des einen Flügels. Sie ging auf den Hof, blieb bei der Pumpe stehen und trank einen Schluck, es war so schwül, es würde sicher ein Gewitter geben. Sie blickte hoch zu den blauschwarzen Wolken über dem Dach, dann stieg sie die beiden Treppenstufen hoch und erreichte den schmalen Flur. Hinter dem Fenster sah sie das kleine zerfurchte Gesicht ihrer Mutter.

„Schon wieder da? Ich habe noch nicht mit dem Mittagessen angefangen, aber jetzt dauert’s nicht mehr lange.“ Wie üblich redete ihre Mutter mit dem Mund voller Stecknadeln.

„Laß dir ruhig Zeit. Ich hab’ sowieso noch keinen Hunger.“

Sie ging ins Wohnzimmer. Überall lagen Teile des dunkelblauen Gabardinestoffs für Frau Direktor Bøhmers neues Kostüm herum, das zum Empfang fertig sein sollte, den der Herr Direktor Ende des Monats geben wollte. Frau Bøhmer mit ihren weißen Haaren sah so elegant aus in schwarz oder blau.

„Nina hat heute auch in der Schule angefangen“, sagte Beate und wanderte durch das Wohnzimmer ins andere Zimmer. Tone hatte ihr erzählt, ab jetzt würde sie ununterbrochen Hausaufgaben machen und dicke Bücher lesen müssen, die kein Ende nahmen, von dem Moment an, wo sie nach Hause kam, bis zur Schlafenszeit am Abend. Aber das machte Beate keine Angst. Sie freute sich darauf, die Welt der Bücher zu betreten, nahm sie aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Die Mutter schaute herein. „Jetzt wirst du wohl klug?“

„Ach, ich weiß nicht. Du hättest mal die Lehrer sehen sollen. Die sahen allesamt so aus, als ob sie nicht alle Tassen im Schrank hätten.“

Fräulein Halvorsen dachte ein Weilchen darüber nach. Sie beendete den Saum der Jacke und ging in die Küche. „Kennst du welche von den Kindern, mit denen du jetzt zur Schule gehst, Mädi?“ rief sie Beate zu.

„Wir sind keine Kinder mehr, Mensch, falls du dir das eingebildet hast“, kam die Antwort aus dem Schlafzimmer. „Aber ich kenne sie nicht. Nur Nina, natürlich, und die anderen aus St. Croix. Aber die wissen nicht, wer ich bin.“

„Hast du denn mit irgendwem gesprochen?“

„Nein, ich hab’ zu niemandem ein Wort gesagt. Was hätte ich denn auch sagen sollen?“

„Aber Nina kennt dich doch wohl?“

„Ja, aber ich glaub’ nicht, daß sie mich gesehen hat, und außerdem ist sie sowieso in der D-Klasse gelandet. Ich bin in der B-Klasse. Dies Jahr gibt es nämlich sechs erste Klassen.“

„Du bist also nicht in derselben Klasse wie Hartvig?“

„Doch. Aber ich könnte gut ohne ihn auskommen.“

„Und mit wem bist du sonst noch zusammen?“

„Ach, mit der Hälfte von allen Bonzenkindern aus der Stadt. Mit der Tochter vom Oberingenieur Hauger – Gudrun heißt sie, sie ist schrecklich dick, und mit der Tochter von Inspektor Martinsen aus Trara, die heißt Sandra und ist schrecklich sportlich, und mit der Tochter von Dr. Holm unten in der Stadt, die hat sich getraut, etwas zum Klassenlehrer zu sagen. Und dann ist da noch einer, der heißt Rolf Magnor, Sohn von Granit-Magnor, und einer heißt Sigvart Jespersen, Sohn von der Kartonfabrik, und Kjell Grunder, Sohn von der Glommen-Kreditbank, und eine heißt Liv Abrahamsen. Die ist auch aus Trara. Und dann ist da noch ein ganz langer, der Leif Bang Monradsen heißt.“ Hiermit beendete Beate ihre Aufzählung.

„Ach? Wer ist das denn?“

„Der? Ach, einfach so ein Junge, natürlich.“

Wieder dachte Fräulein Halvorsen eine Weile nach. Seit vielen Jahren hatte alles dem Ziel gedient, ihre Tochter in die Gelbe Anstalt zu bringen. Nichts durfte dabei schiefgehen. Aber gleichzeitig wußte sie, daß sie jetzt nicht mehr von früh bis spät auf sie aufpassen konnte. Das mußte sie jetzt selber schaffen. Das tat weh.

„Heute gibt’s Erbsensuppe, Mädi.“

„Schön“, rief Beate. „Aber Mama, kannst du nicht anfangen, mich Beate zu nennen?“

Im kleinen Zimmer neben dem Wohnzimmer hatten sie ans Fenster neben dem Bett ein Tischchen gestellt. Hier konnte Beate hinter den Blumentöpfen sitzen und auf Kapellveien hinausblicken. Das Fenster war ziemlich niedrig, wenn Leute dicht vorbeigingen, konnte sie sie ungefähr von der Taille aufwärts sehen. Waren sie weiter entfernt, sah sie sie ganz. Es war schön, hinter dem kleinen Dschungel aus Topfblumen zu sitzen und einfach nur zu schauen. Auf dem Tisch lag ein großer neuer grüner Bogen Löschpapier als Unterlage, darauf Hefte und Kladden und ein kleiner hellgrüner Behälter für Bleistifte, Radiergummi und Bleistiftspitzer. Endlich hatte sie einen Ort für sich allein.

Beate fragte, ob sie keinen Vorhang haben könnte. „Wozu soll das denn gut sein?“ fragte Mama, und darauf hatte Beate nicht sofort eine Antwort. „Einfach so“, sagte sie.

„Ist denn das, was du jetzt machst, so schrecklich geheim?“ hakte Mama nach. „Ach, Mama, du könntest doch gut so einen Vorhang nähen. Das macht doch wohl nichts.“ – „Aber wozu soll das gut sein, frage ich?“ fragte Mama noch einmal. „Naja, nur so, nur so... es wäre schrecklich gemütlich, finde ich.“ – „Schrecklich gemütlich? Ich glaube nicht, daß sich das Zimmer gut machen würde mit einem Vorhang in der Mitte, Mädi. Dazu ist es nicht geschaffen.“ – „Macht es sich jetzt vielleicht gut?“ fragte Beate. Aber sie gab nach. Denn eigentlich hatte sie nicht daran gedacht, wie sich das Zimmerchen vom Zimmer aus machen, sondern wie es drin sein würde. Aber das schien Mama nicht zu begreifen.

In diesen Zimmern hatten sie und ihre Mutter immer gewohnt. Nichts hatte sie bisher getrennt. Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Die Mutter tat alles für sie. Sie hatte nur sie, hatte sonst keinen Menschen. Und daß sie nie einen Vater für Beate gehabt hatte, trug sie jeden Tag mit ihrem Namen mit sich herum.

Beate war Fräulein Halvorsens uneheliches Kind, das wußten alle, was aus dem Vater geworden war, das wußte niemand. Auch Beate wußte es nicht. Sie hatte sich oft den Kopf darüber zerbrochen, hatte wissen wollen, was eigentlich los war. Wann immer sie das Thema anschnitt, winkte ihre Mutter ab. „Dazu gibt es nichts zu sagen“, erklärte sie. „Aber warst du mit ihm zusammen? Hast du ihn gekannt?“ fragte Beate. „Darüber reden wir nicht, habe ich gesagt. Wir müssen ihn vergessen, Mädi, das ist das Beste.“

Aber Beate konnte ihren Vater nicht vergessen, auch wenn er nur ein Schatten war. Er war ein Samenkorn gewesen, im Leib ihrer Mutter war er zu Beate geworden, und im letzten halben Jahr oder so hatte sie sich mehr den Kopf darüber zerbrochen als je zuvor. Sie träumte von ihm und hoffte, daß er zurückkommen würde. Er kam mit Geschenken aus Amerika. Ein andermal war er tot. Vielleicht war er im Duell gefallen. Oder er war ertrunken. Manchmal segelte er zwischen den Inseln des Stillen Ozeans, und auf den Inseln tanzte er mit Hula-Hula-Mädchen und trug einen Blumenkranz in den Haaren. Sie mußte einfach an ihren Vater denken; las sie „Die drei Musketiere“, war er einer von ihnen, las sie „Der Graf von Monte Christo“, war er das; er fand sich in allen Büchern Jack Londons, er umsegelte Kap Horn oder unterwarf sich König Alkohol, in den Flickabüchern ritt er über Wyomings Prärien, überall war er, denn Beate las ungeheuere Mengen von Büchern, und niemals hatte sie genug.

„Die Suppe ist fertig!“ rief ihre Mutter aus der Küche. Beate las schnell noch einen Abschnitt in „Segen der Erde“, ihrer derzeitigen Lektüre. Gerade hatte Inger Sellanraa ihr Kind umgebracht. Es hatte wie sie eine Hasenscharte. Beate weint innerlich, legt das Lesezeichen ins Buch und geht in die Küche. Sie füllt ihren Teller bis zum Rand mit Erbsensuppe. Erbsensuppe ist ihr Lieblingsessen. Es war klar, daß es das heute geben würde. Ihre Mutter sitzt an der anderen Seite des Küchentischs und bläst auf ihren Löffel. Auf dem leeren Hocker zwischen ihnen sitzt Beates Vater mit dichter schwarzer Mähne und lobt das Essen.

Die Stunden

Die Mädchen aus Trara hatten immer etwas zu lachen. Vor allem eine Else, die am vorletzten Tisch an der Tür saß und sich mit Lippenstift bemalte. Dann kicherte sie zusammen mit den anderen Mädchen in ihrer Ecke. Sie hatte in ihrem Mäppchen einen Spiegel. Darin betrachtete sie ihren Lippenstift und ihren Mund, wenn der Lehrer das nicht sehen konnte, und danach prustete sie los. Manchmal warf sie sich vor Lachen über den Tisch, und wenn sie sich wieder eingekriegt hatte und sich umdrehte, um der mit der Zahnklammer am letzten Tisch etwas zuzuflüstern, war das, was sie sagen wollte, so komisch, daß sie es einfach nicht herausbrachte. Einmal lachte sie so sehr, daß sie vor die Tür gestellt werden mußte. Das war im Norwegischunterricht, sie nahmen gerade einen Roman von Gabriel Scott durch.

„Gabriel Scott, du meine Güte!“ sagten die Mädchen aus Trara, und dann gackerten sie los und wollten einfach nicht aufhören. Ob das denn wirklich so komisch sei, fragte Davidsen vom Pult herab. Aber das war es eben. Und deshalb mußte die mit dem Lippenstift vor die Tür gesetzt werden, sie war nämlich die Schlimmste. Sie kicherte den ganzen Weg vorbei an den Tischen und bis zur Tür, ihr Gesicht war rot vor Heiterkeit. Sie hieß Liv.

Inger mochte sie nicht, aber sie mußte doch immer wieder an sie denken. Auf dem Heimweg sagte sie zu Lillian: „Eine in meiner Klasse kann ich einfach nicht ausstehen.“ „Ach?“ fragte Lillian. „Ja, diese Liv Abrahamsen. Die ist so albern, daß die Hälfte wirklich reichen würde.“

Aber in jedem norwegischen Aufsatz bekam Liv ein Sehr gut. Wie war es möglich, sich mit Lippenstift zu bemalen und trotzdem Sehr gut im norwegischen Aufsatz zu bekommen?

Sie sollten beschreibende Aufsätze schreiben, erklärte Davidsen. Das war etwas anderes als in der Volksschule, sie waren schließlich älter. In der Volksschule hatten sie nur erzählende Aufsätze geschrieben, erklärte er. „Ein unvergeßlicher Ausflug“ und so. Jetzt sollten sie folgenden Aufsatz schreiben: „Eine Straße bei Regenwetter.“

Eine Straße bei Regenwetter, dachte Inger. Das war wie ein Bild. Sie dachte an Nygaardsgata, der Ecke Solheimhjørnet, wenn es regnete, und blickte zum Kirkepark hinüber.

„Es braucht keine bestimmte Straße zu sein“, sagte Davidsen. Und auch kein bestimmter Zeitpunkt. Es sollte zeitloser sein. Wie sieht eine Straße bei Regenwetter gewöhnlich aus?

Na gut, dachte die 1 B und schrieb das Thema in ihr Aufgabenheft. Zeitloser Regen. In vierzehn Tagen abzugeben.

In den beiden letzten Stunden am Montag hatten sie Zeichnen oben im Zeichensaal im Neubau, bei einem Mann namens Konsul Saxeby. Der war ein zackiger glatzköpfiger Herr mit spöttischem Blick und Goldzahn. Wovon er Konsul war, wußte niemand. Jedenfalls war er kein Studienrat, aber das war auch nicht nötig, schließlich sollte er der heranwachsenden Generation Form und Schatten beibringen.

Schon in der ersten Stunde schockierte er alle, als er einen Blumentopf vor ihnen aufpflanzte. „Den sollt ihr zeichnen!“

Einen Blumentopf zeichnen, meine Güte! Sowas von öde. In der Volksschule hatten sie Aufgaben gehabt wie „Der Nationalfeiertag“ oder „Die Zugvögel kommen zurück“ oder „Kinderspiele im Frühling“, wo sie das schwachsinnige Leben in Fredrikstad frei und in all seiner Farbenpracht zeichnen konnten. Aber einen Blumentopf!

„Ich lach’ mich kringelig!“ sagte Kjell Grunder. Das hätte er nicht sagen sollen. „Raus auf den Flur, Junge!“ sagte der Konsul und zeigte mit seinem vergoldeten Drehbleistift auf die Tür. Hier herrschte vom ersten Moment an Disziplin.

Die Klasse 1 B minus Grunder senkte die Köpfe und zeichnete den Blumentopf. Inger war unglücklich. Sie konnte ohnehin nicht zeichnen, und wenn nun auch noch das Motiv blöd war? Sie strichelte und strichelte und sah bald, daß ihre Bemühungen einen schiefen und ziemlich unannehmbaren Blumentopf ergaben. Zu allem Überfluß mußte sie auch noch neben dieser Beate aus Lahellemoen sitzen, die nichts anderes tat als den Lehrern engelhafte Blicke zuzuwerfen, ohne ein Wort zu sagen.

Sie waren nämlich immer zwei und zwei auf große Zeichentische mit Schienen und Ständern verteilt worden, und hatten absolut nicht selber entscheiden dürfen, wo sie sitzen wollten. Das hatte Saxeby übernommen. Inger spürte, wie Beate Halvorsen ihren Engelsblick auf den Blumentopf konzentrierte und neben ihr lange, gehorsame Striche zeichnete. Am Ende mußte sie einfach hinsehen. Ein prächtiger, naturgetreuer Topf erschien auf dem weißen Bogen – mit Schatten. „Du kannst das ja toll“, sagte sie. „Ach was, kann ich gar nicht, ich zeichne bloß, was ich sehe.“ – „Was du siehst?“ Inger war nicht einen Augenblick auf die Idee gekommen, einen Blick auf den blöden Topf zu werfen, sie hatte einfach ihren inneren Topf in ihrem Kopf gezeichnet. Beate sah Ingers Topf an und lächelte. „Du mußt genauer hinsehen“, sagte sie.

Nun musterte Inger den Blumentopf. Sie betrachtete ihn aufmerksam mehrere Minuten lang. Er war rund. Sie kann also doch sprechen, dachte sie in den Topf hinein.

Wenn sie einen ganzen Satz zustande brachte, konnte sie vielleicht auch noch mehr sagen? Inger machte noch ein paar Striche, genauso unbeholfen wie die anderen. Dann hielt sie die Zeichnung hoch und sagte: „Das hier ist ein expressionistischer Topf.“ Den Expressionismus hatten sie gerade im Norwegischunterricht gehabt. „Der soll gar nicht aussehen wie ein echter Topf. Das Problem ist bloß, daß ich kein Talent habe.“ Beate lachte. Ach? dachte Inger. Lachen kann sie auch?

„Jetzt kommt eine Besprechung“, sagte Konsul Saxeby und rief sie zu einem erhöhten Podium, einer Art Rednerpult mitten im langen, schmalen Raum. Sie wimmelten um ihn herum, und er streckte seinen vergoldeten Drehbleistift aus. „Ihr haltet den Bleistift so“, sagte Saxeby und zeigte ihnen, wie sie beim Zeichnen den Bleistift benutzen sollten. Es war eine über alle Maßen gähnfördernde Vorstellung. Saxeby maß und wog, und es wollte und wollte einfach nicht schellen. Als das dann endlich seltsamerweise doch geschah, war die Befreiung ohrenbetäubender als nach jeder anderen Stunde.

Später ging Inger auf, daß sie sich auf den nächsten Montag freute. Dann würden sie einen Klotz zeichnen.

Markmo hielt einen riesigen Zirkel mit Kreide in der Spitze in der Hand und spähte über die 1 B hinweg. „Was machen wir jetzt?“ fragte er, suchte sich aber nicht sofort sein Opfer aus. Er hielt die Kniegelenke steif und spreizte die etwas zu kurzen Beine und sah dabei selber aus wie ein Zirkel. Manchmal versuchte er auch auszusehen wie ein Dreieck. Oder wie das Parallelogramm ABCD. „Sølvi Andersen“, sagte Markmo, der Name detonierte über ihren Köpfen. „Ja?“ fragte Sølvi, und Hitze überflutete ihr Gesicht. „Wir können die Zirkelspitze auf Null setzen.“ – „Wir können auch einen Ausflug zur Skihütte machen“, antwortete Markmo und erntete den Applaus, den er für diese schlagfertige Antwort verdient hatte.

Anfangs stand Markmo mit rechtwinkligen Beinen und viereckigem Gesicht da und erklärte den ersten Quadratsatz. Wenn er erklärte, war das immer zu verstehen, denn er erklärte deutlich und logisch, und man begriff, daß er einfach recht hatte. Und außerdem konnte man ganz still am Tisch sitzen und einfach zuhören. Aber wenn man anwenden sollte, was man verstanden hatte, dann klappte das nicht. Das Ergebnis stimmte absolut nicht mit der richtigen Lösung überein. Die richtigen Ergebnisse waren immer rund und vor allem ganz.

Auf der Volksschule war mehr Ordnung in der Angelegenheit gewesen. Dort waren Buchstaben Buchstaben und Zahlen Zahlen. Aber jetzt führte Markmo ein, daß eine Zahl eine Zahl war, sobald jemand sie dazu ernannte, und daß a eine Zahl sein konnte, wenn jemand behauptete, es sei eine Zahl, und, schlimmer noch, a konnte jede beliebige Zahl sein. Damit nicht genug. Auf der Volksschule war die kleinste Zahl immer 1 gewesen. Vielleicht auch 0. In diesem Punkt hatte ein wenig Unsicherheit bestanden. War 0 eine Zahl oder einfach nur 0? Jedenfalls war die kleinste Zahl entweder 1 oder 0 gewesen. Und was könnte auch kleiner sein?

Aber jetzt sagte Markmo, daß die Zahlen hinter 0 in einer unendlichen Reihe weitergingen, genau wie die steigenden Zahlen über 0, man brauchte nur ein Minuszeichen davorzusetzen. 0 war eine Art Mittelpunkt für alles, nichts nahm je ein Ende.

Der reine Zirkus. Hokuspokus und Akrobatik. Aber es hieß Algebra.

Algebra war ja gut und schön, aber wozu sollten sie es verwenden, abgesehen davon, sich damit zu amüsieren, jedenfalls die, die das lustig fanden? Und die zu quälen, die das nicht schafften? Mathematik war eine feinere Form der Folter.

Die Mädchen büffelten. Nichts von allem, was jetzt in sie hineingestopft wurde, büffelten sie so wie Mathematik. Und bei den Quadratsätzen erreichte die Büffelmanie ihren vorläufigen Höhepunkt. Alles Dickgedruckte sollte auswendig gelernt werden. Die Mädchen standen auf dem Schulhof und sagten laut zu sich und den anderen: „Wenn wir die Summe zweier Zahlen quadrieren wollen, erhalten wir das Quadrat der ersten Zahl plus dem doppelten Produkt der beiden Zahlen plus dem Quadrat der letzten.“ Sie büffelten und sahen einander an. Aber in ihren Köpfen gab es nur Markmo.

Das Seltsame bei diesem fieberhaften Auswendiglernen war nämlich, daß eine nach der anderen erklärte, daß sie nicht das geringste begriff. Warum also lernen? Eine absolut überflüssige Frage. Die Quadratsätze mußten alle aus dem Ärmel schütteln können, und falls sie abgehört würden und es nicht schafften, würde das Schulgebäude über ihren Köpfen einstürzen. Die Glomma würde nicht mehr ins Meer fließen, es würde Erdbeben geben, Heulen und Zähneklappern, Pastor Spåvangs Armageddon würde über sie hereinbrechen, Fredrikstad würde zu Kleinholz zerschlagen werden. Das wußten alle.

Und Markmo, den Kopf gefüllt mit Buchstaben und Potenzen, das Jüngste Gericht in seinen tiefen Taschen, hielt, was er versprochen hatte. „Liv Abrahamsen. Schreib den ersten Quadratsatz an die Tafel.“ Liv sprang auf, blutrot im Gesicht, und schrieb mit prachtvoller Schönschrift, die sie aus der Trara-Schule mitgebracht hatte, wo alles noch verständlich gewesen war: (a+b)2 = a2 + 2ab + b2. „Prächtig“, sagte Markmo. Er sagte immer „prächtig“, aber es stand nicht fest, ob er den Inhalt oder die Ausführung meinte oder das Gegenteil, immer ließ er sie in dieser Unsicherheit. Liv errötete, falls möglich, noch stärker.

„Kannst du erklären, was hier passiert ist?“

„Ja“, antwortete Liv. Dann sagte sie nichts mehr, und Markmo grinste und meinte: „Ja und nein?“ – „Nein, nein“, sagte Liv, und nun lachte die Klasse. Liv errötete noch mehr. „Na?“ fragte Markmo. „Der erste Quadratsatz?“ Jetzt hatten sich mehrere Hände erhoben, langsame Jungenpulloverärmel, wache Augen richteten sich auf Markmo. „Wenn wir kadavrieren... nein, kadavieren... nein...“ – „Jetzt mußt du aber wirklich in Gang kommen, ehe ich zum Kadaver werde.“ Der eine oder andere Bengel brüllte los, in der Hoffnung, Markmo werde gerade sein Lachen hören und begreifen, daß er den Quadratsatz beherrschte. „Wenn wir quadrieren“, sagte Liv endlich und war so erleichtert darüber, daß sie das Wort geschafft hatte, daß sie eine kleine Pause einlegte. „Wollen wir das überhaupt?“ fragte Markmo. „Oder wollen wir zum Ball gehen?“

Doch, es war wirklich eine Vorstellung, wenn Markmo abhörte. Selten wurde man enttäuscht. Liv räusperte sich und fing noch einmal an. „Wenn wir die Summe zweier Zahlen quadrieren“, sagte sie, „erhalten wir das Quadrat der ersten Zahl plus dem doppelten Produkt der beiden Zahlen plus dem Quadrat der letzten.“ – „Prächtig“, sagte Markmo. „Richtig prächtig. Und kannst du diese Verwandlung auch erklären?“ – „Das ist einfach so“, antwortete Liv. Sie wußte es nicht. Im Buch hatte das ja auch nicht gestanden. „Das weiß ich nicht“, sagte sie. „Das ist eben so.“

„Aber Liv“, sagte Markmo, „wenn du eine weiße Soße kochst, sagst du auch nicht, ‚das ist einfach so‘. Du weißt, welche Zutaten du dafür benötigst. Und die nennen wir in der Mathematik Faktoren.“ – „Aber bei weißer Soße braucht man kein unbekanntes Mehl in zweiter Potenz“, warf Astrid Evensen ein. „Und auch keine unbekannte Menge.“ Jetzt kicherten die Mädchen hörbar.

Markmo schüttelte den Kopf. Er hatte es ja immer schon gewußt. Es hatte keinen Sinn, Mädchen Mathematik beizubringen. Aber wenn sie schon einmal da saßen, mußte man sein Bestes tun, um sie ihnen in den Schädel zu hämmern. „Rolf Magnor, bitte“, sagte er. Und Rolf, der während der ganzen Szene mit Liv abwechselnd die linke und die rechte Hand hochgestreckt hatte, sprang jetzt voller Selbstsicherheit auf und bewies, daß es genauso sein mußte, wie es im Mathematikbuch stand. Denn (a+b)2 war ja dasselbe wie (a+b) (a+b), und wenn man das miteinander multiplizierte, dann kam a2 + ab + ab + b2 heraus, eine Verkürzung von dem, was an der Tafel stand. „Da sehen wir’s, da sehen wir’s“, sagte Markmo, er hatte sich ganz hinten in die Klasse gestellt, um diesen Rechenvorgang richtig genießen zu können.

Inger hatte das Gefühl, daß das alles unverständlich war. Durch Rolf Magnors hinzugefügten Beweis wurde es auch nicht verständlicher. Sie glaubte auch nicht, daß die Jungen das verstanden. Sie lernten es einfach auswendig und gaben es weiter. Ohne rotzuwerden. Jeder konnte (a+b)2 und was dabei herauskam auswendig lernen. Das war nicht schwieriger als das Alphabet. Und auch das Alphabet hatte nicht die geringste Bedeutung. A, b, c. Was bedeutete das? Man mußte es verwenden können, das war alles. Und es war nicht schwer zu begreifen, warum das nützlich war. Man konnte schreiben statt zu reden. Es war unendlich nützlich. Aber wozu brauchte man (a+b)2? Selbst wenn man das ausrechnen konnte? Ja, daß die Verwendung so unklar war, schien daran schuld zu sein, daß es unverständlich wurde. Aber den Jungen schien das nichts auszumachen. Oder wenn es ihnen etwas ausmachte, dann versteckten sie es jedenfalls und sprangen über die Buchstabenzahlen, als ob das ihre besten Freunde wären. Und Markmo wurde nie spöttisch, wenn sie steckenblieben.

Was sonst war die Erklärung dafür, daß Jungen wie dieser Sigvart Jespersen, der den Unterschied zwischen erzählendem und betrachtendem Stil nicht begriff, der sich nie die Regel merken konnte, wann im Englischen das y am Ende des Wortes zu i wurde, und der nie das Wort beautiful zu buchstabieren lernte, eine Eins in Mathematik bekam? Gehörte vielleicht ganz einfach eine gewisse Portion Dummheit dazu, mit Mathematik fertigzuwerden?

„Ich begreife nichts“, sagte Inger zu Papa.

„Das ist ja nichts Neues. Wieviel ist 2/3 mal 3/4?“

„Himmel, jetzt fang doch nicht wieder damit an!“

„Aber wieviel ist 2/3 mal 3/4?“

„Hör auf, hab’ ich gesagt. Ich will darauf jetzt nicht antworten. Was soll das alles? Das will ich wissen. Was sollen diese ganzen Quadratsätze?“

„Mathematik läßt sich für vieles verwenden“, sagte Papa.

Papa erklärte. Höhere Mathematik könnte beim Brückenbauen helfen. Er sprach voller Wärme. Davon hatte Markmo nichts gesagt. Brücken waren nützlich. Hier sahen sie zwei Brücken, die sich wie ein in die Zukunft weisender Triumph über die Landschaft erhoben. Kein Zweifel, daß das über die Maßen nützlich war. Es war fast unmöglich, sich etwas Nützlicheres vorzustellen als eine Brücke. Und die Brücke entstand durch höhere Mathematik. Aber wie?

Ja, sagte Papa. Man brauche die Mathematik, um zu berechnen, wie man mit der Brücke gleichzeitig an zwei Seiten anfangen könne. Man fing ganz einfach bis zum I-Tüpfelchen richtig im selben Moment auf der Ostseite und auf der Westseite an und baute Monate und Jahre, und die beiden Halbbögen kamen sich immer näher, und schließlich erreichten sie einander über dem Fluß in der feierlichsten Umarmung der modernen Zeit, und schwupp! – die Schraube paßte perfekt ins Loch! Stahl von Westen und Stahl von Osten glitten auf ein hundertstel Millimeter genau ineinander. Es war phantastisch. Niemand konnte behaupten, daß die nutzlose Mathematik nicht fast schon himmelstrebende Ergebnisse erzielt hatte. Da stimmte Inger zu. Aber wie?

„Mit Hilfe der Mathematik können sie messen, wo sie zu stehen haben“, sagte Papa.

„Aber wie?“ fragte Inger noch einmal. „Wieso wissen sie, wo sie sich beim Messen hinstellen müssen?“ Sie stellte sich vor, wie sie an West- und Ostufer standen, Ingenieure von der technischen Hochschule und ausländische Experten, mit komplizierten Meßgeräten und allen Quadratsätzen und Kongruenzsätzen und Gleichungen zweiten Grades im Kopf. Woher wußten sie, wo sie sich hinstellen sollten?

„Nein, das“, sagte Papa. „Das kann ich dir nicht erklären. Das verstehst du nämlich nicht.“

Und als er das sagte, wurde er nicht rot.

Torsrud war ein finsterer Typ mit weißer Mähne und trägem Teufelsblick, aber seine Augenbrauen waren immer noch schwarz und sträubten sich beunruhigend auf seiner Stirn. Es hieß, er sei während des Krieges so geworden. Jetzt kam er mit langsamen Schritten ins Klassenzimmer, nachdem er den Einmarsch der Klasse überwacht hatte, griff nach dem Zeigestock und skandierte von Reihe zu Reihe. „Ruhe“, sagte Torsrud.

Sie nahmen das Kongobecken durch. „Das Kongobecken“, sagte Torsrud und blickte sie bedrohlich an. „Kannst du etwas darüber erzählen, Evensen?“ Astrid richtete ihren Filmstarblick auf die schwarzen Augenbrauen über dem Arbeitskittel. „Ich hab’ mich nicht vorbereitet.“ – „Hm“, meinte Torsrud, wieder durchforsteten seine Augenbrauen die Tischreihen. „Holm“, sagte er. „Was?“ Torsrud setzte sich hinter das Pult und rieb sich müde das Gesicht. „Was ist los?“ flüsterte Inger in die Runde. Beate drehte sich um und legte den Kopf auf den Tisch. „Du sollst was übers Kongobecken erzählen“, flüsterte sie, und gleichzeitig lief sie im Gesicht knallrot an und prustete in einem Lachen los, das sie zu unterdrücken versuchte. Inger spürte das Lachen in ihrem Hals. Es durfte nicht heraufkommen.

„Das Kongobecken“, sagte eine innere Stimme, und jetzt hatte das Lachen schon ihren Mund erreicht. Sie blickte auf ihr Mäppchen hinunter. An etwas Ernstes denken. Beerdigung.

„Ja“, sagte sie und sah Torsrud an. „Es liegt mitten in Afrika, im Westen, meine ich, und mittendurch fließt der Kongo. Der Fluß Kongo, meine ich. Das ist der wasserreichste in Afrika – oder ist das vielleicht der Nil?“

„Nicht du stellst hier die Fragen, sondern ich.“

„Ja, sicher.“ Einige lachten. „Vielleicht also der Nil. Aber jedenfalls wächst daran Urwald, bloß nicht die ganze Strecke. Ganz unten gibt’s Savanne.“ Hier unterbrach sie sich und sah Torsrud an. „Was ist Savanne?“ fragte Torsrud. „Das ist eine große Ebene. Wie eine Prärie, aber in Afrika nennen sie das Savanne. Eine Savanne ist ein Zwischending zwischen Urwald und Wüste. Und hier laufen Löwen und Elefanten herum.“

Einige von den Jungen lachten. Was war denn daran bloß so komisch? „Ja, stimmt das denn nicht?“ – „Doch, das machen sie. Kannst du mir etwas über ihre Wirtschaftsformen erzählen?“ – „Sie betreiben Hackbau“, antwortete Inger. Sie hatte keine Ahnung, was Hackbau war, und jetzt war es zu spät.

„Wen meinst du mit sie?“ fragte Torsrud.

„Pygmäen und Bantus. Das heißt, die Pygmäen wohnen tief im Urwald.“ Sie stellte sie sich tief im Urwald vor, wo sie die ganze Zeit hinter den Büschen standen und klein waren. Die Bantus waren groß und fesch. Sie konnte nicht an die Wirtschaftsformen denken. Erdkunde wäre das lustigste Fach von allen gewesen, wenn es diese Wirtschaftsformen nicht gegeben hätte. Sie begriff sie nicht. Immer produzierten sie etwas, von dem sie keine Ahnung hatte. Kopra und Jute und Mangan. Was spielte es denn für eine Rolle, wo Sachen herkamen? Und während sie Kopra und Jute und Mangan produzierten und dabei 90% der Weltproduktion lieferten, führten sie große Mengen von ebenso unverständlichen Waren ein. Wozu mußten sie das wissen? Es war klar, daß ein Land ausführte, was es hatte, und einführte, was ihm fehlte. Dazu gab’s nicht mehr zu sagen. Flüsse und Menschen waren etwas anderes. Torsrud hatte etwas gesagt. Seine Augenbrauen musterten sie. „Was?“ fragte sie. „Du mußt aufpassen“, sagte Torsrud. „Ich hör’ dich gerade ab.“ – „Ach, ich dachte, wir wären schon fertig.“ Jetzt lachten sie wieder. So hatte sie das nicht gemeint. Sie hatte wirklich gedacht, sie wären fertig. „Du hast den Hackbau erwähnt“, erklärte Torsrud geduldig. „Ist das die einzige Wirtschaftsform?“

„Nein, natürlich nicht“, antwortete Inger. „Sie haben viele Wirtschaftszweige. In einem Gebiet im Kongo namens Katanga haben sie große Kupferadern.“ Sie wußte eigentlich auch nicht, was eine Kupferader war. Warum konnte da nicht einfach Kupfer stehen? Das wurde jedenfalls für Kirchtürme verwendet. „Ja, und dann gibt es dort Diamanten“, sagte sie. „Außerdem bauen sie Kaffee und Baumwolle und so auf den großen Plantagen an, und...“

„Und so?“ wiederholte Torsrud. „Alle Schüler sagen ‚und so‘. Was bedeutet das?“ Das sagte er jedesmal, aber Inger hatte es vergessen, sie wußte auch keine weiteren Waren mehr.

Torsrud blickte sichum. Rolf Magnor meldete sich.

„Ja, Magnor?“ – „Öl“, sagte Magnor. Mist, dachte Inger. Ich wußte doch, daß ich etwas vergessen hatte. „Von Ölpalmen, meine ich“, fügte Rolf hinzu, und danach sah er Inger an und lächelte leicht. Sie erwiderte sauer seinen Blick. „Ja, Magnor. Kannst du uns über Verkehr und Entdeckungen erzählen?“ fragte Torsrud, während er eine zutiefst geheime Note in das riesige Klassenbuch eintrug.

„Der Kongo gehört Belgien. Die Hauptstadt heißt Leopoldville, nach dem belgischen König. Außerdem liegt dort das Prinzessin Astrid-Institut für Tropenforschung. Große Teile des Kongoflusses sind schiffbar, ansonsten wird die Eisenbahn verwendet. Im letzten Jahrhundert reiste Henry Stanley...“

Inger mochte nicht mehr zuhören. Sie nahm einen Zettel und schrieb: „Liebe Frau Pflaumensülz! Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Ist es nicht hinreißend, Rolf Magnor seine Hausaufgaben herunterleiern zu hören? Bald werden Torsruds Augenbrauen aus purer Freude durch die Klasse fliegen. Wollen wir dann seine wunderschönen, betörenden, himmelstürmenden Augenbrauen nicht im Flug einfangen und sie für ewige Zeit als Lesezeichen verwenden? Im Erdkundebuch natürlich. Ihr immer ergebener Freund Herr Apfelsaft.“ Sie faltete den Zettel zusammen und piekste Astrid, die vor ihr saß, in den Rücken. Astrid drehte sich halb um, sah den Zettel, hielt sich die Hand auf den Rücken und blickte mit dämlichem Blick nach vorn zum Lehrer. „Für Beate“, flüsterte Inger. Astrid nahm den Zettel, und während Torsrud bei Magnors flüssigem Bericht über Stanleys afrikanische Expedition einen Blick aus dem Fenster warf, warf sie den Zettel hinüber zu Beate. Inger sah zu, wie Beate unter dem Tisch den Zettel auseinanderfaltete, wie sie ebenfalls zu Zettel und Bleistift griff und sich zum Schreiben darüber beugte. Als sie fertig war, faltete sie ihn zusammen und warf ihn gleich zu Inger hinüber, wo er auf dem Mäppchen landete. „Hochwohlgeborener und sagenumsauster Herr Apfelsaft! Wie bebt doch mein Herz, weil ich nach all diesen Jahren von Ihnen höre! Wo sind Sie gewesen? Ich für meinen Teil habe in einem finsteren Keller auf Kapellfjellet gestanden und mein grausames Los beklagt. Magnors lebhafte Stimme ist in meinen mißmutigen, hängenden und immer gleich einsamen Ohren wie das klangvollste und hochtrabendste Glockenspiel. Hochachtungsvoll, Frau Pflaumensülz.“

Inger riß ein neues Blatt aus ihrer Kladde. „‚Dr. Livingstone, I presume‘, sagte Stanley“, sagte Magnor und blickte bei dieser verdichteten Klimax über die Klasse und klappte den Mund zu. Torsrud notierte ein zutiefst geheimes „Sehr gut“ im Klassenbuch und machte sich an eine Schilderung des ostafrikanischen Hochlandes. „Geliebte Pflaumensülz! Ich ahnte schon, daß Sie warteten, obwohl ich in all diesen Jahren nichts von Ihrer Existenz gewußt habe. Aber ich bitte Sie zu verstehen, daß ich ein vielverschlungenes Leben mit vielen gefahrvollen und abenteuerlichen Reisen hin und her im Kongobecken und unter meinen Lieblingselefanten in der Savanne führe. Wie stark würde mein Herz doch brausen, wenn Sie sich einmal von Ihren tiefen, stinkenden Kellerverschlägen auf Kapellfjellet losreißen könnten, um mit mir in die Welt zu ziehen! Falls Ihnen dabei der weitläufige und gorillahafte Torsrud zu sehr fehlen sollte, könnten wir ihn gut als Führer anstellen. In ohrenbetäubendem Herzenssausen warte ich auf Ihre liebenswerte herzförmige Antwort. Vielfältige Grüße von Apfelsaft.“

„Auf Seite 99 seht ihr ein Bild von einem Kaffernkraal im Betschuanaland. Seht euch die vielen Neger auf dem Platz an.“

„Wem gehört Betschuanaland?“

„Betschuanaland ist ein britisches Protektorat.“

„Hochgeachteter Herr Apfelsaft! Ich finde, Sie bringen der Bevölkerung von Kappelfjellet wenig Respekt entgegen. Vergessen Sie nicht, daß sie doch trotz allem Menschen sind, wie wir anderen auch. Abgesehen von Magnor natürlich. Den möchte ich nicht mit weiteren Kommentaren aus meinem Goldstift berühren. Leider muß ich wohl sagen, daß mein Schicksal ist und bleibt, in einem verstaubten Regal in einem Kellerverschlag des bereits erwähnten Chapel Rock zu stehen. Sie können mich besuchen. In der Dunkelheit und Verschwiegenheit der Nacht, natürlich. Am liebsten bei Mondschein. (Es gibt ein kleines Kellerfenster.) Spärliche, aber tränenerfüllte Grüße, für immer die Ihre, Pflaumensülz.“

„Auf Seite 100 seht ihr den berühmten Tafelberg in Kapstadt.“

„Meine unwiderstehliche Pflaumensülz! Darf ich meinen Lieblingselefanten mitbringen? Ihr trauriger Apfelsaft.“

„He, da hinten! Was ist das?“ Die Augenbrauen ruhen auf dem Zettel auf Beates Tisch. Torsrud nähert sich. „Das Kapland!“ sagt plötzlich Liv Abrahamsen und will sich ausschütten vor Lachen. Die Mädchen um sie herum lachen. Beate hält die Hand über den Zettel. „Nichts“, sagt sie und blickt zu ihm hoch. „Weg mit der Hand! Wollen wir uns doch mal nichts ansehen.“ Beate rührt sich nicht. „Also los. Mach schon. Wir können im Erdkundeunterricht solche Zettelwirtschaft nicht dulden!“

„Vielleicht sollten wir sie lieber im Norwegischuntericht betreiben!“ platzt es aus Liv heraus. Hier ist die Grenze. Torsrud dreht sich zu Liv um und zeigt auf die Tür. „Raus!“ Liv geht und füllt ihr Taschentuch mit Lachen. Beate hat immer noch die Hand über dem Zettel. Torsrud packt sie am Handgelenk und zwingt die Hand beiseite. Aber darunter gibt es keinen Zettel. Torsrud glotzt die Luft über der Tischplatte an. Eine Weile steht er da. Dann zuckt er die Schultern. „Ihr müßt aufhören mit diesem Unfug“, sagt er und kehrt ins Kapland zurück.

Nach dieser Stunde gingen Inger und Beate nebeneinander die Treppe hinunter. Eigentlich hatten sie bisher noch nicht viel miteinander geredet, abgesehen vom Zeichenunterricht. „Du bist verrückt“, sagt Beate. „Stimmt. Aber ich wußte nicht, daß du auch verrückt bist.“ Plötzlich kennen sie einander.

„Und ich hab’ gedacht, in Lahellemoen gäb’s bloß doofe Leute, weißt du“, sagt Inger zu Lillian. „Aber jetzt kenne ich da eine, die nicht doof ist.“

„Ach? Wen denn?“

„Beate Halvorsen. Sie hat vor Torsruds Augen einen Zettel weggezaubert.“

„Wie hat sie das denn geschafft?“

„Ach, ich hab’ vergessen, sie zu fragen.“

Hinter ihnen kommt Svend Akselsen aus Trara angefahren und läßt seine Handbremse laut aufquietschen. Er geht in die A-Klasse. Lillian läuft knallrot an und starrt geradeaus. „Kommst du um acht mit in die Wochenschau?“ ruft er, er selber ist auch nicht weniger rot. „Ja“, antwortet Lillian und tut so, als hätte sie ihn gerade erst entdeckt. Kaum hat sie geantwortet, tritt Svend hektisch in die Pedale und saust Fergestedsveien hinunter, ohne mit den Händen den Lenker zu berühren.

„In Trara wohnen auch nicht bloß doofe Leute“, sagt Lillian.

Dann schweigen beide, tief ergriffen von dieser Erkenntnis.

„Ich schwöre bei Gott...“

Die Jungen standen auf dem Schulhof, hielten die rechte Hand schräg vor sich und sagten: „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid...“ und kannten den ganzen Hitlereid auswendig. Kjell Grunder an der Spitze mit seinem dicken großen Kopf und seinem Jokergesicht. Stramme Rücken, feierliche Mienen. Die Mädchen, Gravdahl und Rolf Magnor sahen zu. „Hört mit dem Quatsch auf! Mehrere von den Lehrern hier haben im Konzentrationslager gesessen!“ Vesia Jørgensen, die Gymnastiklehrerin der Mädchen, stand plötzlich vor ihnen. Ihre Stimme bebte. Die Jungen sahen sie an, ließen die Arme sinken, liefen davon. Als sie außer Hörweite gekommen waren, lachten sie. Und als Vesla Jørgensen mit ihrem geschmeidigen Rücken und ihren Turnschuhen im Altbau verschwunden war, legten sie den Eid noch einmal ab. Heil, Heil!

Muldvig trat in der nächsten Deutschstunde neben sein Pult und stemmte dabei die Hände in die Seiten. Er rümpfte die Nase. „Nein“, sagte er mit leiser Stimme. „Das da... das da... müßt ihr... an den Nagel hängen.“ Alle waren still. „Viele von den Lehrern hier sind... nach Deutschland geschickt worden. Ihr müßt damit aufhören.“

Die Klasse sah Muldvig an. Sie warteten. Niemand sagte jemals etwas darüber, was die von den Deutschen festgenommenen Lehrer erlebt hatten. Es wurde nur geflüstert. Alle flüsterten über Torsrud. Und über Konsul Saxeby. Und Sundt, bei dem sie Zoologie und Botanik hatten, war der nicht in Grini gewesen? Einige behaupteten, er sei von der Gestapo gefoltert worden. Deshalb sei seine Schulter schief. Aber die, die selber im KZ gesessen hatten, sagten niemals auch nur ein Wort. Weder über sich noch über die Deutschen. Und die anderen Lehrer sprachen nur darüber, wie die Deutschen an der Nase herumgeführt worden waren. Sie erzählten witzige Geschichten, daß die Deutschen Moelv wie „Mölf“ ausgesprochen und wie die Deutsche-Dirnen „Alf Vidersen“ als Kindsvater angegeben hatten, und wie ein Deutscher einmal einer Mutter mit ihrem Kind in der Straßenbahn seinen Platz angeboten hatte, worauf das Kind mit lauter Stimme zu seiner Mutter sagte: „Das war aber ein lieber Schweinehund, Mama.“ Im Krieg hatten sie viel zu lachen gehabt – insgeheim –, und das erzählten sie jetzt.

„Ich bin nicht selber im KZ gewesen“, sagte Muldvig mit noch tieferer Stimme als vorher. „Ich habe damals studiert. Zufällig ist mir das erspart geblieben. Die Reihe wurde fünf Studenten vor mir geteilt. Mehrere Bekannte von mir sind nicht zurückgekommen.“ Er schluckte. Änderte seine Stellung, schob das andere Bein schräg nach vorn. Er war ein ziemlich kleiner Mann. Er trug immer einen etwas zu weiten Anzug. Kleine Augen. „Aber die, die zurückgekommen sind“, fuhr er fort, „die wollen nicht darüber reden. Was sie erlebt haben, ist grausamer, als wir uns das vorstellen können.“

Zum erstenmal hatte ein Lehrer auch nur soviel zu ihnen gesagt. Nicht mehr, als sie ohnehin schon gewußt hatten. Aber in seiner Stimme hatte Bewegung gelegen.

Was hatten sie damals erfahren, als sie noch klein waren und mit einem norwegischen Papierfähnchen, das die Erwachsenen ihnen in die Hand gedrückt hatten, auf die Straße gerannt waren? Norwegen hatte den Krieg gewonnen! Yippieyeh, yippieh, yiippieh-yeh! hatten sie gesungen.

Drei, vier Jahre alt, waren sie mit den großen Kindern losgezogen. Hatten V auf das Kopfsteinpflaster geschrieben. Das war der erste Buchstabe, den sie lernten. Er bedeutete „vant“, gewonnen. Den Krieg gewonnen! Für sie hatte es bis dahin nichts anderes gegeben als „Krieg“. Was war der Krieg? Nun war er weg. Und Norwegen hatte ihn gewonnen. Hurra!

Aber jetzt – jetzt sind sie zehn Jahre älter. Jetzt sitzen sie hier vor ihrem Lehrer und wollen wissen, was damals eigentlich passiert ist. Norwegen hat gewonnen. Ja. Aber was hat es gekostet? Junge Männer hatten graue Haare bekommen. Die Schüler der 1 B senken die Köpfe über ihre Tische. Aber Muldvig sagt nicht mehr.

Zwei Tage später stand morgens, als sie zur Schule kamen, mit weißer Kreide am Tor: „Es gibt nur einen Führer!“ Da sahen sie Torsrud wie einen Schatten, er sprang vom Fahrrad, hüpfte hoch, denn es stand ziemlich weit oben, hüpfte noch einmal hoch und versuchte die Schrift mit der Hand wegzuwischen. Er war wie wild. Und er bekam es auch nicht richtig weg. Sie hatten einen Lehrer noch nie so wild gesehen.

Jetzt griff der Konrektor ein. Einzelne Jungen, aus der 1 B und anderen Klassen, wurden zum Rektor befohlen.

„Sie wissen nicht, was das bedeutet“, sagte Liv Abrahamsen. „Sie glauben, das wäre ein Spiel.“ Ihr Vater hatte in Sachsenhausen gesessen, er war Pastor und hatte sich nicht beugen wollen. „Aber er redet auch nie darüber“, fügte Liv hinzu.

„Muß man das denn so schrecklich ernst nehmen? Die machen sich doch bloß einen Jux“, sagte Rolf Magnor.

„Das haben sie damals auch gesagt. Sie haben über Hitler gelacht und ihn als Emporkömmling bezeichnet“, sagte Inger.

„Willst du etwa Kjell Grunder mit Hitler vergleichen?“ Alle sahen Inger an. Inger wußte nicht, was sie darauf antworten sollte.

„Es geht doch um Respekt vor anderen Menschen“, erklärte Liv. „Die, die das ans Tor geschrieben haben, haben keinen Respekt vor den Lehrern, die im KZ waren.“

Als die Jungen vom Rektor zurückkamen, einer nach dem anderen, sagten sie nichts. „Was hat er denn gesagt?“ fragte die Klasse in der Pause.

„Ist doch egal.“

„Ich schwöre bei Gott...“

„Ach, halt die Fresse!“

„Die knebeln uns, wie sie selber geknebelt worden sind.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Ist es wohl. So, wie sie uns tyrannisieren, sollte man nicht glauben, daß sie je tyrannisiert worden sind.“

Die Klasse stritt sich. Wer hatte recht? Wen konnten sie fragen? Davidsen. Der war nicht so alt. Im Krieg war er noch ein Schuljunge gewesen. Er hatte nicht vergessen, wie es ist, jung zu sein.

„Davidsen, warum mußten die Jungen deshalb zum Rektor?“ Rolf Magnor fragte. Er war dafür geeignet. Klang immer aufrichtig. Davidsen schluckte.

„Darüber macht man keine Witze.“

„Aber das macht ihr doch selber auch.“ Das war Inger.

„Ihr erzählt nur Heldengschichten. Sabotage, und wie die Leute nach Schweden geflohen sind. Nie erzählt uns jemand, wie es wirklich war.“

„Aber die Heldengeschichten sind auch ein Teil der Wirklichkeit.“

„Nicht alle waren Helden.“

Nicht alle waren Helden? Die, die keine Helden waren, waren Landesverräter. Was hatte sie jetzt sagen wollen?

„Nein, einige standen auf der falschen Seite“, erwiderte Davidsen. Inger schwieg. Liv meldete sich. „Ich finde es richtig, daß eingegriffen worden ist“, sagte sie. „Wir jungen Menschen von heute begreifen nicht, wie es im Krieg war.“

„Ich glaube, da hast du recht, Liv. Aber ihr könnt lesen.“

Was sie lesen sollten, sagte er nicht. Wieder verstummten sie. Was Liv sagte, hatten sie immer schon gehört. Im Krieg waren sie noch so klein gewesen, daß sie nichts verstanden hatten. Das schien ihr Fehler zu sein. Daß sie es sich einfach erlaubten, heranzuwachsen, ohne den Krieg erlebt zu haben. Es schien fast, als ob die Erwachsenen deshalb sauer auf sie wären. Aber was sollten sie dagegen tun? Sie waren nun mal 1941 und 42 geboren. Sie waren nun mal in die schlimmsten Jahreszahlen der ganzen Weltgeschichte hineingeboren worden. Sie waren nun mal geboren worden, während die Generation ihrer Eltern und ihrer Lehrer gefoltert und ermordet und inhaftiert und geschlagen worden war. Dagegen konnten sie nichts machen.

„Davidsen?“ fragte Astrid mit ihrer heiseren und ein bißchen frechen Stimme. „Stimmt es, daß Torsrud im KZ gesessen hat?“

Die ganze Klasse war erleichtert, weil endlich jemand diese Frage gestellt hatte. Aber Davidsen war sichtlich entrüstet. Er hatte ihren Tonfall falsch verstanden und sagte nur: „Ich glaube, wir gehen jetzt zum Unterricht über. Ich kann doch hier nicht über meine Kollegen sprechen.“

Und damit mußten sie Seite 5 im Lesebuch aufschlagen, wo sie in der letzten Stunde aufgehört hatten. „Die Mähmaschine kommt ins Dorf“ aus „Segen der Erde“ von Knut Hamsun. Die neue Zeit hat Sellanraa erreicht. Es sei eines der schönsten Bücher der neueren norwegischen Literatur, hatte Davidsen gesagt. Es hatte den Nobelpreis erhalten. Und als Hamsun bei der Schwedischen Akademie den Scheck in Empfang genommen hatte, war er ihm gleich wieder aus der Tasche gefallen. Zum Glück hatte das jemand gesehen und den Scheck aufgehoben. „Vielen Dank“, hatte Hamsun gesagt.

Beate hatte das ganze Buch gelesen. Jetzt las Inger es auch. Es war das beste Buch, das sie seit „Vom Winde verweht“ gelesen hatte. Vorher hatte sie nur Kinderbücher gekannt. Die Geschichten von Annik Saxegard über Tiere, die reden und denken konnten, und Pippi Langstrumpf, die ihr Pferd hochstemmen konnte, die die Großmutter liebte und immer wieder laut vorlas. Mit dreizehn hatte Inger angefangen, Erwachsenenbücher zu lesen. Da trat Scarlett O’Hara in Ingers Leben.

Erwachsenenbücher waren Bücher, in denen Erwachsene Dinge taten, über die sie niemals sprachen. Deshalb waren sie so spannend. In den letzten Sommerferien hatte sie Abend für Abend in ihrem Zimmer auf Tjøme gelegen und „Vom Winde verweht“ gelesen. Am Ende der 890 Seiten war sie total verzweifelt darüber, daß Schluß war. Das Buch strömte durch sie hindurch, wie noch niemals ein Buch geströmt war. Wie ging es weiter? Sie lebte doch. Es hörte nicht dort auf – auf der letzten Seite des Buches. Sie dichtete weiter daran, wollte nicht, daß Schluß war. Aber ihre Worte waren zu kindlich. Schlimmer als in einer Illustrierten. All das, was sie empfand, konnte sie nicht in den Sätzen über Scarlett O’Hara unterbringen, die in ihr weiterlebte.

Immer, wenn sie diese Bücher las, wünschte sie, dabeizusein und helfen zu können. Wenn sie weinten und verzweifelt und ganz einsam auf dieser Welt waren, hatte sie solche Lust, ins Buch hineinzugehen und zu sagen: „Aber ich bin doch bei dir!“ Sie las „Anna Karenina“. Das war noch schöner als „Vom Winde verweht“. Anna verliebte sich bei einem Besuch in Moskau in Fürst Wronski, und als ihr Mann sie bei ihrer Rückkehr auf dem Bahnhof abholte, fand sie seine Ohren so schrecklich groß. Das war das Treffendste, was Inger je gelesen hatte. Als sie am Ende des Buches ankam, war sie ganz außer sich, weil sie nicht dasein konnte, als die Lokomotive kam.

Bis zu diesem ersten Herbst in der neuen Schule war Inger mit all dem ganz allein gewesen. Die anderen hatten die Liebesgeschichten der Illustrierten über Erwachsene gelesen. Auch Inger machte das eine Zeitlang. Aber eines Tages entdeckte sie, daß immer wieder die gleiche Geschichte erzählt wurde. Sie hörte auf damit, und damit war sie allein.

Aber dann kam Beate. Es stellte sich heraus, daß die stille, blasse, engelhafte Beate die allergeheimsten Dinge über Erwachsene gelesen hatte. Sie erzählte, daß die Ausgabe von „Segen der Erde“, die sie in der Schule verwendeten, nicht das ganze Buch war. Die Schulbehörden hatten Stellen gestrichen, die nicht für junge Augen geeignet waren. Im ungekürzten Buch stand: „Nachts war er gierig nach ihr, und dann bekam er sie.“

Inger und Beate dachten an Inger mit der Hasenscharte, die Isak bekam. Sie gingen auf dem Schulhof hin und her und sprachen über das Leben der Erwachsenen. Es war seltsam, das mit jemandem teilen zu können. Inger glaubte, niemals einem Menschen begegnet zu sein, der genauso wie sie über die Dinge dachte, an die man nicht denken durfte. Die Liebe. Um die es doch im Leben ging. Sie lag allem anderen zugrunde.

„Einen Fehler haben die Erwachsenenbücher“, sagte Inger. „Die Personen darin haben immer ein Geheimnis, das sie bewahren oder über das sie nicht zu sprechen wagen, und deshalb werden sie von den anderen Personen im Buch mißverstanden. Warum sagen sie nicht einfach Bescheid? Dann würde nicht soviel Leid geschehen.“

„Aber dann gäbe es vielleicht auch kein Buch?“ meinte Beate.

Bücher über den Krieg lasen sie nicht. In denen liebte sich ja niemand. Nicht in denen jedenfalls, von denen sie gehört hatten. Darin bekamen die Leute nur Kinder. Sonst könnten sie sich ja hier und heute nicht den Kopf zerbrechen. Nein, im letzten Jahrhundert hatten sie noch geliebt! Wer doch im letzten Jahrhundert leben könnte! Auf einer Neusiedlerstelle weit weg von den Menschen, mit grünen Hügeln und harter Arbeit. „Warum sind Isak und Inger so glücklich?“ hatte Davidsen gefragt. Als niemand eine Antwort geben konnte, erklärte Davidsen, daß es daran lag, daß sie sich langsam hocharbeiteten – Schritt für Schritt, durch viele Jahre hindurch. So war das Glück. Es war nichts, das einfach so kam.

Aber Mama sagte, das Glück sei kein Zustand. Glück bestand aus Momenten, die kamen, oft, wenn man nicht wußte, daß man glücklich war. Erst später konnte man vielleicht sagen: Damals war ich glücklich. Das Glück war fast eine Form von Unwissenheit. „Dann sind wir vielleicht die Glücklichsten von allen?“ fragte Inger. „Wir, die im Krieg geboren sind und von nichts eine Ahnung hatten?“ – „Ja, vielleicht seid ihr das“, antwortete Mama.

Mama hatte oft gesagt, daß der Krieg das Schlimmste sei, was je passiert war. Er rief das Schlimmste und das Beste in den Menschen hervor. Für die meisten Menschen in Norwegen war Krieg nur ein Zustand. Ein ewiges Warten. Also beschäftigte man sich damit, Gerüchte über die Leute zu verbreiten, die „auf der falschen Seite standen“, Geschichten, die sich die anderen oft einfach aus den Fingern gesogen hatten. Oder darüber, wie die Deutschen norwegischen Frauen die Brüste abgeschnitten und sie im Schloßpark hatten liegen lassen. Das alles stimmte nicht. Die, die aus Deutschland zurückkamen, die wirklich die Schrekken des Krieges erlebt hatten, erzählten nichts dergleichen und beteiligten sich nicht an Hohn und Spott. Die, die nichts erlebt hatten, waren die Schlimmsten, sagte Mama.

Das hatte Inger ihr Leben lang gehört, aber sie konnte es niemandem weitersagen. Wenn sie das versuchte, bekam sie nur zu hören, daß alle Deutschen und alle NS-Mitglieder Schweine gewesen seien. Jetzt sagte sie zu Mama: „Aber die, die in die NS eingetreten sind, die waren doch auf der falschen Seite?“ – „Ja. Aber es gab so viele Gründe, warum sie in die NS eingetreten sind. Und nachher läßt sich leicht sagen, sie hätten klüger sein sollen. Die Menschen lesen die Geschichte von hinten und verurteilen dann. Damals wußten wir vieles nicht, was wir seitdem erfahren haben. Wir waren verwirrt.“

„Damals wußten sie vieles nicht, was sie seitdem erfahren haben“, sagte Inger am nächsten Tag auf dem Schulhof zu Beate. „Man liest die Geschichte von hinten. Und dann läßt sich leicht behaupten, man hätte vorher klüger sein sollen.“

„Aber alle wußten doch wohl, daß die Deutschen uns überfallen hatten?“ fragte Beate.

„Ja, aber was sollten sie denn dagegen tun? Sie waren verwirrt.“

„Haakon VII. nicht“, antwortete Beate.

„Ja, aber der war schließlich auch König.“

„Nicht alle Könige treffen die richtige Entscheidung. Denk an alle die verrückten Könige, über die wir im Geschichtsbuch lesen. Aber Haakon VII. hat ‚nein‘ gesagt.“

Ja, das wußte Inger. „Das ‚Nein‘ des Königs wurde ein ‚Ja‘ zum Leben.“ Dieses Zitat hatte Papa oftmals bitter vor sich hingeflüstert. Es war unmöglich, mit Papa über den König zu sprechen. Aber das wollte sie Beate nicht erzählen.

„Meine Eltern waren Mitläufer“, sagte sie. Es war das erstemal, daß sie so etwas erwähnte.

„Mitläufer?“

„Ja. Sie haben weder ja noch nein gesagt.“

Beate hatte noch nie etwas von Mitläufern gehört. Sie hatte überhaupt nur wenig über den Krieg gehört. Im Krieg war ihr Vater verschwunden. Das hatte sie jetzt im Herbst ihre Tante sagen hören. Und am letzten Sonntag hatte sie zufällig gehört, wie ihre Mutter und ihre Tante über ihn sprachen, ohne zu wissen, daß Beate im Haus war. Sie hatte gehört, wie ihre Tante sagte, das mit Ola im Krieg sei furchtbar gewesen und traurig für Beate. Als sie hörten, wie Beate sich im kleinen Zimmer bewegte, hatten sie ihr Gespräch jäh abgebrochen. Danach hatten sich Beates Gedanken über ihren Vater geändert. Jetzt war sie sicher, daß die Deutschen ihn erschossen hatten. Das war die ganze Erklärung, und es tat so weh, daß ihre Mutter nicht darüber reden wollte. Aber als sie später in der Woche ihre Tante gefragt hatte, hatte die nur dasselbe gesagt wie schon einmal. Der Ola war einfach verschwunden.

„Ich weiß nicht, was meine Eltern während des Krieges waren“, sagte Beate. „Jedenfalls waren sie gute Norweger. Meine Mutter zumindest. Mein Vater ist einfach verschwunden.“

„Verschwunden?“

„Ja.“

„Aber warum?“

„Ich glaube, die Deutschen haben ihn erschossen“, antwortete Beate.

„Aber weißt du das denn nicht sicher?“

„Nein. Er ist 1943 verschwunden.“

„Weiß deine Mutter das denn nicht?“

„Die kann ich nicht danach fragen. Sie waren nicht verheiratet, weißt du. Und sie saß da mit der ganzen Schande. Das war ich, verstehst du.“

Inger wußte nicht, was sie dazu sagen sollte. Sie wußte, daß Beate keinen Vater hatte. Aber sie konnte sich nicht vorstellen, daß es Mütter gab, die ihren Kindern nicht die Wahrheit sagen wollten. Zu Hause erfuhr sie immer, was früher passiert war, so schlimm es auch sein mochte. In ihrer Familie waren beide Seiten vertreten gewesen, Widerständler und Landesverräter, es hatte Scheidungen und Tragödien gegeben. Aber Mama versuchte nie etwas zu verheimlichen.

Inger ahnte auch nicht, was es für ein Gefühl war, ein Kind zu sein, das eine Schande darstellte. Sie begriff ohnhin nicht, was dieses Wort „Schande“ eigentlich bedeutete. Irgendwer hatte einfach erfunden, daß es eine Bedeutung hatte.

„Schande ist nichts“, sagte Inger. „Sie ist bloß Luft. Nur etwas, das irgendwer erfunden hat. Es gibt keine Schande. Es gibt bloß echt und unecht.“

„Aber ein uneheliches Kind ohne echte Familie ist auch irgendwie nicht echt.“

„Nein“, widersprach Inger. „Stimmt nicht. Unehelich ist bloß ein blödes Wort. Du bist genauso Mensch wie ich!“

Da nahm Beate ihre Hand. Sie gingen weiter. Machten am Ende des Schulhofes kehrt, so wie alle anderen. Alle gingen hin und her, hin und her. In jeder Pause fand eine richtige Völkerwanderung statt. Niemand hier rannte. „Inger?“ fragte Beate. „Das, was ich dir erzählt habe, weißt du? Das darfst du keiner Menschenseele weitersagen.“

Hartvig

Hartvig stand am Rande der Jungengruppe und lachte über etwas, das Rolf Magnor gesagt hatte. Irgendeine Frechheit über Spåvang, den Religonslehrer. Dann lachte er über etwas, das Kjell Grunder sagte. Dann lachte er über das, was Rolf Magnor darauf erwiderte. Nun sagte Leif Monradsen etwas, und das wollte er kommentieren, aber statt dessen sagte Kjell Grunder etwas. Und deshalb lachte er darüber.

Sie standen da und boxten sich gegenseitig beim Reden. Eigentlich war es gar kein richtiges Gespräch. Nur Ausrufe, über die man lachen oder die man mit „verflixt!“ kommentieren konnte. Nur selten gab es ein Thema. Hartvig hatte keine Lust, alles mögliche mit „verflixt“ zu kommentieren, und zum Boxen hatte er auch keine Lust. Also blieb ihm nur das Lachen.

Er war ganz versessen darauf, von Leif gemocht zu werden. Er lachte immer am lautesten, wenn Leif etwas sagte. Gleich darauf konnte er dann zu Leif sagen: „Ganz schön platt, Monradsen“, dann lachte Leif, und damit hatten sie eine Art Gespräch laufen. Aber er lernte ihn trotzdem nicht kennen. Er lernte niemals jemanden kennen, obwohl er sich Mühe gab. So war es immer schon gewesen. Am liebsten hätte er Konrad Storås und Nils Berg aus der 2. kennengelernt und mit ihnen über Philosophie diskutiert. Oder den, der Kaspar Olesen hieß und Anthroposoph war. Sie gingen in blauen Arbeitskitteln auf dem Schulhof hin und her und nickten einander ernst zu. Wie erwachsene Männer. So wollte Hartvig auch werden.

Mit den Mädchen war es etwas leichter. Aber Mädchen waren nicht für ernste Gespräche geschaffen. Sie waren für etwas anderes geschaffen, und Hartvig war ganz beklommen zumute, wenn er daran dachte. Aber wie er es angehen sollte, um mit einem Mädchen bekannt zu werden, wußte er auch nicht. Die anderen redeten von einem Dachboden, den sie abends aufsuchten. Mittwochs abends gingen sie in die Wochenschau und saßen auf der Galerie. So mußte man es wohl machen. Aber Hartvig bekam kein Mädchen ab, obwohl er in die Wochenschau ging. Nie sah ihn eine an, weder vor noch nach der Vorstellung, und während der Vorstellung konzentrierten sie sich wohl darauf.

Was sollte er auch mit Mädchen? Die hatten doch bloß Filmstars im Kopf. Im Oktober war die Nachricht von James Deans Tod gekommen. „Vor einigen Tagen“, hatte es in den Zeitungen geheißen. Die Mädchen seufzten und stöhnten. Sie redeten von James Deans hellbraunen Haaren, seinem weichen, geschwungenen Mund und seinen wehmütigen Sternenaugen. „Die Augen!“ sagten die Mädchen, tagelang sagten sie nichts anderes. Sie hörten, daß sich Mädchen drüben in Amerika bei Paso Robles, wo er tödlich verunglückt war, auf die Straße legten und nicht glauben wollten, daß er tot war. Sie wollten die Straße erst wieder freimachen, wenn ihnen jemand versicherte, daß er noch lebte. Da niemand ihnen das erzählen konnte, hatten mehrere Selbstmord begangen.

So waren Mädchen. Hartvig tadelte seine Klassenkameradinnen im „Radiergummi“, der Klassenzeitung, die sie in den Norwegischstunden herstellten. Was für eine Vorstellung, um einen Typen am Ende der Welt zu weinen und zu wehklagen, den sie nicht einmal gekannt hatten, schrieb er. Das war total idiotisch, einfach ein schwachsinniger Tick, und sie sollten sofort damit aufhören. Außerdem hättet ihr ihn ja doch nicht heiraten können, schrieb Hartvig. „Woher weißt du das?“ fragte Astrid ihn nachher auf dem Schulhof. Sie war zutiefst verletzt. Die Mädchen trauerten unbeirrt weiter.

Jetzt gingen dahinten Liv Abrahamsen und Stina Weidel mit der Zahnklammer und diskutierten über die Auferstehung. Was wußten die denn darüber? Sie sprachen so laut, daß der ganze Schulhof sie hören konnte. Stina war nämlich gerade frisch bekehrt. Eingesperrt in die Einfalt des Kleinbürgertums, genau wie seine Eltern. Land, Land, Land, lausche den Worten des Herrn. Aber wenn irgendwelche Mädchen zu ihm herüberkamen, diskutierten sie niemals solche Fragen. Sie juxten bloß. „Was liest du denn jetzt schon wieder, Gravdahl?“ fragten sie. Schon die Frage war ein Witz. Das war ihm klar. Anfangs hatte er nämlich ernsthafte Antworten gegeben. Aber warum sollte er mit ihnen über Goethe reden? Das einzig Geistige, das sie interessierte, waren die Top Twenty von Radio Luxemburg. Wenn man diese tierischen Geräusche überhaupt als Geist bezeichnen konnte. „You are my special angel“, jaulten die Mädchen auf dem Schulhof.

Beate war ziemlich nett. Sie redete nicht soviel. Er hatte sie immer schon gekannt, trotzdem kannte er sie nicht. Jetzt ging sie Hand in Hand mit Inger. Mädchen machten so viele seltsame Dinge. Vor Inger fürchtete er sich ein bißchen. Man wußte nie, was sie als nächstes sagen würde. Und in allen Diskussionen glaubte sie, das Pulver erfunden zu haben. Aber als er seine Ansichten zum Thema James Dean geschrieben hatte, war sie zu ihm gekommen und hatte gesagt: „Dein Kommentar hat mir wirklich aus der Seele gesprochen.“

Das machte ihn stolz. Ach, es brauchte so wenig, um ihn stolz zu machen. Außerdem hatte er das Gefühl, daß zum erstenmal eine wirklich mit ihm gesprochen hatte.

In der E-Klasse gab es ein Mädchen namens Gyda Gulldahl. Sie hatte langes volles Haar wie die Loreley und wohnte auf Kråkerøy. In jeder Pause ging sie mit einer aus der 2, die die Verrückte Maja genannt wurde und Locken und ein spitzes Gesicht hatte, über den Schulhof. Sie hieß nicht wirklich Verrückte Maja, aber er hatte nie gehört, daß sie anders genannt worden wäre. Die schrecklich dicke Gudrun Hauger aus seiner Klasse ging auch mit ihnen zusammen. Gyda Gulldahl hatte einen geraden Rücken und einen schmalen Körper. Er konnte sich an ihr einfach nicht sattsehen. Warum machte er das? Er kannte sie ja nicht einmal.

Im Klassenzimmer war er in Sicherheit. Hartvig saß am zweiten Tisch in der zweiten Reihe. Wenn sich Stille über die Klasse senkte und sie sich in ihre Bücher vertiefen sollten, erfüllte ihn ein Friede wie immer, seit er sich zum erstenmal durch ein Wort hindurchbuchstabiert hatte. Die meisten Lehrer verstanden nicht viel. Aber Davidsen war toll, wenn er über die großen Schriftsteller sprach. Auch Hartvig hatte vor, ein großer Schriftsteller zu werden. Besonders schön war es, über Dostojewski zu hören. Wenn Davidsen über die großen Russen erzählte, spürte Hartvig, daß er trotz allem an einer Art Gemeinschaft teilhatte. Da saßen alle anderen genauso allein wie er an ihren Tischen, dann zählte es nicht, daß er in der Wochenschau nie ein Mädchen fand.

Hartvig hatte nicht immer in Fredrikstad gewohnt. Er war mit zehn Jahren hergekommen, aus einem Waisenhaus in Baerum. Wie oder wann er dorthin gekommen war, wußte er nicht. Er dachte aber oft darüber nach. Er hatte einige klare Erinnerungen, die er nicht einordnen und die ihm niemand bestätigen konnte. Er sah ein Tor vor sich. Nachdem sie das Tor passiert hatten, gingen sie über ein von der Sonne beschienenes Feld. Dann kam der Wald. Zuerst war er dunkel, mit einem schmalen Grasweg. Nach und nach stieg er etwas an und wurde hell. Hier gingen sie, zuerst die Frau im geblümten Sommerkleid, die ihn an der Hand hielt, hinter ihnen der Mann.

Hartvig blickte in sich hinein. In seinem Kopf sah er einen mit Gras bewachsenen Abhang voller Stiefmütterchen, und er saß darauf, zusammen mit einer Frau im dunklen Mantel, und pflückte Blumen und fragte die Frau, wie die Blumen hießen, und er wußte noch, daß er gedacht hatte: Sicher heißen sie so, weil sie meine Mutter ist. Das Wort „Stiefmutter“ kannte er damals noch nicht.

Vielleicht bildete er sich das alles nur ein? Und weil er es sich so oft eingebildet hatte, hielt er es am Ende für die Wahrheit? So etwas kam vor, davon hatte er gehört. Ein Mensch konnte sich selber täuschen und darüber verrückt werden.

Werde ich jetzt verrückt? dachte er. Ist diese Blumenwiese nur der Anfang einer schleichenden Schizophrenie, wie bei Nietzsche? Dann würde er vielleicht auch eines Tages große Gedankenbauwerke errichten können. Aber Irrsinn war natürlich keine Garantie für Größe.

Und dann ging Hartvig zu Hause über die Wiese und spürte einen bestimmten Blumenduft. Vielleicht auch den Geruch neuen Grases. Oder der Erde? Unmöglich zu sagen. Aber es war ein ganz bestimmter Geruch. Der Geruch kam leicht wie ein Schmetterlingsatem auf ihn zu, scharf, klar, plötzlich, und brachte Tor und Waldweg zurück. Sie gingen weiter aufwärts. Der Weg wurde heller. Schließlich war es so hell, daß sich der Wald zu einer kleinen Lichtung mit Gras öffnete. Hier ließen sie sich nieder. Und neben der Lichtung floß ein Bach.

Welcher Bach? Welcher Wald? Es mußte doch irgendwo gewesen sein – irgendwo auf der Karte von Norwegen. Wenn er nur wüßte, wer ihm sagen könnte, daß Tor und Weg wirklich waren und wo sie lagen. Er verspürte ein unbeschreibliches Verlangen gerade danach.

Manchmal ging er nach Bingedammen in der Hoffnung, die Stelle zu finden. Nicht, weil er glaubte, daß sie dort lag – sie war weit von Fredrikstad entfernt, ja, er war sicher, daß sie überhaupt nicht in Østfold lag –, sondern weil er hier manchmal denselben Geruch verspürte.

Zu anderen Zeiten wies er das alles von sich. Es gab anderes auf der Welt, worüber er spekulieren konnte, als die Frage, wo er als Dreijähriger gewesen war. Manchmal vergaß er Waldweg und Blumenwiese. Er war mit den Dutzenden von Büchern beschäftigt, die er immer gerade zwischen den Fingern hatte. Aber mitten in seiner Vertiefung in die halbseitenlangen Sätze in Goethes „Dichtung und Wahrheit“ konnte die Frage in seinem Kopf landen wie eine unerwartete Flugmaschine. Hatten sich Weg und Blumenwiese am selben Ort befunden?

Seit vielen Jahren wußte Hartvig schon, daß er nicht der war, für den seine Eltern ihn ausgaben. Seine frühesten sicheren Kindheitserinnerungen stammten aus dem Waisenhaus. Dort war es entsetzlich gewesen. Alle Jungen hatten gebrüllt und sich geprügelt, und die meisten von ihnen konnten keine Wörter, sie konnten nur kreischen. Und kreischend waren sie gekommen und hatten ihn zu Boden geworfen, wenn ihnen das gerade Spaß machte. Die Schwestern im Waisenhaus waren gelbgrau im Gesicht gewesen.

Hartvig wollte das Waisenhaus vergessen. Aber voller Freude erinnerte er sich an seinen Schulbeginn, denn damals hatten sie Bücher bekommen, und er war der einzige aus dem Waisenhaus, der das Alphabet lernte. Mit Hilfe des Alphabets versank er in allen Büchern, die er finden konnte. Bald benutzte er das Alphabet auch, um selber zu schreiben. Lange Gedankenfolgen, in denen er das vertiefte, was er gelesen hatte, und in denen er die Bücher rezensierte. Sein Schreibheft hatte gar nicht genug Platz dafür. Und er wurde ausgeschimpft. Im Schreibheft sollte er Schönschrift üben.

Trotzdem war es etwas Großes, denn nachdem das Alphabet in Hartvigs Leben getreten war, war es nicht mehr ganz so einfach, ihn zu Boden zu werfen. Er konnte ein Zitat dagegenhalten. Und die Jungen rissen die Augen auf und fragten sich, was er da sagte, denn für sie war es vollkommen unverständlich, obwohl es doch Wörter waren. Manchmal hatte er Glück, und sie fanden es witzig und wollten noch mehr hören. Dann zitierte er weiter. Und am Ende konnte er in einer Schar von Jungen stehen, die ihn baten, zu „predigen“.

Auf diese Weise wuchs Hartvigs Seele, äußerlich auf dem Schulhof und innerlich in den Büchern.

Und dann kam eines Tages eine große fremde Frau ins Waisenhaus und sagte, er sollte mit ihr kommen, denn jetzt ginge es nach Hause. Manchmal, wenn er daran dachte, tauchte der Waldweg wieder auf. Hatte er damals gedacht, das bedeutete, er würde mit der Fremden dorthin gehen? Aber sie mußten doch in einem Haus gewohnt haben? Sie hatten doch nicht draußen im Wald gewohnt, sie und er und der Mann?

Die Frau, die da mit dem Koffer mit seinen Kleidern stand, war jedenfalls nicht die Frau, an die er sich erinnerte, und er begriff nicht, was sie damit meinte, daß er nach Hause sollte. Aber er ging mit. Es hätte auch nichts gebracht, sich zu weigern, und außerdem wollte er sich gar nicht weigern, denn nichts konnte schlimmer sein als das Waisenhaus. Sie nahm ihn an der Hand und ging. Sie nahmen Bus und Zug, und am Ende kamen sie zu einem gelben Bahnhofsgebäude mit der Aufschrift Fredrikstad, neben dem Ortsnamenschild hing ein großes Plakat mit dem Bild eines Jungen, der eine Tafel Freia-Schokolade unter dem Arm hielt. Inzwischen waren sie schon mindestens den halben Tag unterwegs gewesen.

Als Hartvig in das Haus des Glasermeisters Gravdahl oben in Bydalen kam, war er groß genug, um zu wissen, in welchem Waisenhaus er gewesen war, er kannte den Namen der Leiterin und einiger Schwestern. Von den Jungen wußte er meistens nur die Spitznamen. Der dünnste hieß Strauß, der dickste hieß Specksack, der frechste Jesus. Er selber war Prophet genannt worden. Das Dasein hatte ansonsten vor allem daraus bestanden, auf dem Topf zu sitzen. Er war Bettnässer. Nein, er wollte die Erinnerungen an das Waisenhaus nicht am Leben erhalten, aber nachdem die neue Wirklichkeit im Haus des Glasermeisters und der Schule von Lahellemoen ihn aufgenommen hatte, sanken sie zum Glück immer tiefer in ihm und verschwanden schließlich.

So hoffte er, daß mit der Zeit auch die Spekulationen über sein erstes Leben verschwinden würden. Das Gegenteil trat ein. Niemals hatte seine unklare Vergangenheit ihn mehr beschäftigt als jetzt, wo ihm der Übergang zu Mittelstufe und Gymnasium bevorstand. Seine Mutter wollte ihm keine Antwort geben. Sie sagte, sie hätten ihn geholt, weil sie ihn haben wollten, und daß er nun zu ihrer Familie gehörte. Er war in ein gutes und gottesfürchtiges Heim gekommen. Er hatte Onkel und Tanten, eine große Familie, die schon seit grauer Vorzeit in der Temperenzlerbewegung der Stadt engagiert war. „Hier“, sagten sie. „Das ist deine Familie.“ Das Beste für ihn wäre, nicht darüber zu grübeln, was früher war, meinte seine Mutter. Aber was war an seiner Vergangenheit so unaussprechlich?

Jedes Jahr bekam Familie Gravdahl Besuch von einer Person namens Esther Eliassen. Sie saß eine Weile im Wohnzimmer und bekam Kaffee und Waffeln, erkundigte sich danach, wie es in der Schule ging und ob er mit dem Bettnässen aufgehört hätte. Dann streichelte sie seinen Kopf und ging. In letzter Zeit kreisten Hartvigs Gedanken immer mehr um diesen Menschen. Ihm war nicht klar, wer Fräulein Eliassen schickte. Gehörte sie zu irgendeiner Jugendfürsorge, oder kam sie aus eigenem guten Willen und christlicher Besorgtheit? Hartvig schauderte beim Gedanken an die zweite Möglichkeit, und lange war er ausgewichen, vor allem, weil er nichts über seine Gesundheit hören wollte. Er hatte immer schon eine schwache Gesundheit gehabt. Er bekam oft hohes Fieber, aber das wollte er nicht zugeben. Immer sprachen seine Mutter und Fräulein Eliassen darüber. Deshalb versteckte er sich, wenn sie im Anmarsch war, und mußte erst hervorgezerrt werden.

Aber eines Tages, nachdem er wieder über die Wiese gegangen und den starken Duft früheren Lebens verspürt hatte, beschloß er: Nächstes Mal werde ich mich nicht verstecken. Nächstes Mal werde ich sie fragen, wer ich bin.

Hoffen und Bangen

Inger fand es witzig, in Jeans und Cowboyhut herumzulaufen. Aber in der Schule mußte sie immer Röcke tragen.

Eines Tages sagte Astrid Evensen zu ihr: „Du traust dich bestimmt nicht, mit dem Rad durch Nygaardsgata zu fahren, wenn die Vorstellung aus ist, mit deinem Cowboyhut, und ‚Yippieh!‘ zu rufen, das wette ich.“

„Um wieviel wettest du?“

„Eine Krone.“

Also fuhr Inger mit Cowboyhut und Revolver an der Blauen Grotte vorbei und rief „Yippieh!“, eines Samstagsabends, als alle aus der Sieben-Uhr-Vorstellung kamen. Die anderen Mädchen fuhren in gebührendem Abstand hinterher. „Du bist verrückt“, sagten sie.

An einem anderen Abend kam sie mit Duschhaube in die Stadt. Wenn irgendwer sie anglotzte oder sich umdrehte, schnitt sie Grimassen. Das machte sie übrigens auch oft, wenn sie keine Duschhaube trug.

„Grimassenschneiden ist viel besser, wenn die Leute glotzen“, erklärte sie Lillian. „Dann glotzen sie nicht umsonst. Außerdem fühlen sie sich dann selber normal. Also tue ich eigentlich eine gute Tat.“ Lillian und sie hatten gehört, daß die Pfadfinder jeden Tag eine gute Tat tun mußten.

Eine Dame zu werden, war öde. Damen mußten Seidenstrümpfe und Hüfthalter tragen und durften nur tun, was sich gehörte. Und alles, was witzig war, gehörte sich nicht. Außerdem verrutschte immer die Strumpfnaht.

In der Blauen Grotte fand die Uraufführung von „Besser als ihr Ruf“ statt, eines Films über Abiturienten, der in Fredrikstad gedreht worden war. Einige Minuten jedenfalls. Zum erstenmal fand in ihrer Stadt eine Uraufführung statt. Mit Blumen und Edith Carlmar und allen Schauspielerinnen und Schauspielern. Da stand Vigdis Røising mit ihren langen, gewellten dunkelbraunen Haaren und hochgeschlagenem Kragen an ihrem weißen Kleid und war das Schönste, was sie im Leben je gesehen hatten. Die Bühne in der Blauen Grotte war geschmückt mit Herbstblumen, es wurden Reden gehalten, denn die Zugbrücke in der Altstadt durfte im Film auftreten. Einige der Abiturienten dieses Jahres hatten auch mitmachen dürfen. Einer hatte sogar etwas gesagt! Ach, es dauerte noch so entsetzlich, entsetzlich lange bis zu ihrem Abitur! Vigdis Røising spielte in der Abitursrevue im Film einen Vamp und sang: „Tu viens, tu viens, tu viens, mon chéri? Das haisssst: Kommste mit nach Haus?“, und für den Rest des Herbstes spielten alle Mädchen Vigdis Røising als Vamp.

Jeden Samstagabend gingen sie Nygaardsgata auf und ab und hofften, daß irgend etwas passierte. Die Kinoplakate berichteten von fernen Romanzen und Abenteuern, „Gefährliche Küste“ in Neuseeland und „Alt-Heidelberg“ mit Ann Blyth und Edmund Purdon, über die Kellnerin, die zu Mario Lanzas Gesang den Prinzen bekam, und jeden Tag gab es ein Bild aus einem Film, auf dem ein Mann eine Frau oder eine Frau einen Mann küßte oder gerade dazu ansetzte. Sie hielten sich in den Armen und sangen sich ins Glück hinein. Aber in Nygaardsgata ging man einfach nur auf und ab, zur Ecke Glade Hjørne, zum Lykkebergparken und wieder zurück, und niemand blieb irgendwo stehen, um sich ins Glück hineinzusingen. Wer das getan hätte, wäre wohl für verrückt gehalten worden.

Die Mädchenclique aus St. Croix ging in einer langen Reihe und lachte. Sie lachten über alles. Sie lachten beim Gedanken an Muldvigs große Füße und über den Hintern eines Polizisten, sie lachten über Hespa, der in der Deutschstunde an die ganze Klasse Lakritzscheiben verteilt hatte, und über diesen Gravdahl, der vor der Konditorei Krabseth stand und wie eine Giraffe aussah. „Hallöchen, Gravdahl“, sagten sie. „Was liest du denn gerade, Gravdahl?“ – „Was ich lese, ist nicht für die Wiedergabe an kleine Spatzenhirne geeignet“, sagte Gravdahl. Und dann lachten sie darüber. Sie lachten so sehr, daß sie in der Tiefe der Konditorei Zuflucht suchen mußten. Da standen sie Schlange und lachten darüber, daß sie jetzt Schlange standen, weil sie so gelacht hatten, und dann lachten sie darüber. Als sie wieder nach draußen kamen und Arm in Arm weitergingen, entdeckten sie plötzlich eine Gruppe von Mädchen, die ihnen Arm in Arm lachend entgegenkamen. Das war die Mädchenclique aus Trara. Sie stießen zusammen, starrten den Mädchen aus der anderen Schule ins Gesicht und lachten. „Wo wollt ihr denn hin?“ fragte St. Croix. „Zum Lykkebergparken und da kehrtmachen“, antwortete Trara. „Und wo wollt ihr hin?“ – „Wir wollen bis Glade Hjørne und dann kehrtmachen.“ Und nachdem das gesagt war, lachten sie noch mehr, kringelten sich vor Lachen, und dann mußte die Clique aus Trara in der Tiefe von Krabseths Konditorei verschwinden.

Alle in der Klasse hofften auf jemanden. Lillian hoffte auf Svend Akselsen aus ihrer Klasse. Er war süß. Nina hoffte auf Konrad Olesen aus der 2. Er war intellektuell. Astrid hoffte auf Leif. Astrid kriegte immer den, auf den sie hoffte. Sie konnte einfach draußen auf dem Schulhof stehen, und plötzlich hatte sie den, auf den sie gehofft hatte, selbst wenn sie vorher noch nie mit ihm ein Wort geredet hatte. Inger begriff nicht, wie sie das machte. Astrid hoffte jetzt auf Leif und kriegte ihn sofort. Liv hoffte auf einen, dessen Namen sie nicht verraten wollte. „Er ist jedenfalls nicht hier“, sagte Liv. Und Inger, auf wen hoffte sie? „Nach wem bist du verrückt, Inger?“ fragten die Mädchen. Also beschloß sie, auf Sigvart Jespersen aus ihrer Klasse zu hoffen. Der hatte sie einmal gegrüßt.

Das geschah, als ein Fakir in die Stadt gekommen war, der von einer langen Stange, an der er mit einem Seil um das eine Bein festhing, in eine brennende Wassertonne springen wollte. Ganz Fredrikstad versammelte sich in einem großen Kreis, um ihn in der Tonne verschwinden zu sehen. Da kam Sigvart mit seinem grünen Fahrrad und seinem weißen Hemd und hielt vor ihr an. Er war dunkel und hübsch, und sein Hemd stand am Hals offen. „Morning!“ sagte er. „Hast du schon die Rechenaufgaben gemacht?“

Das konnte Inger nicht vergessen. Danach ließ der Fakir sich in die Tonne fallen, so daß das Wasser nach allen Seiten spritzte und die Flammen erloschen. Und er brach sich dabei nicht das Genick, verbrannte nicht und ertrank auch nicht, sondern kam triefnaß wieder zum Vorschein. „Nur Tricks“, sagte Sigvart. Dann fuhr er weiter. Am Ende konnte Astrid aus Inger herauslocken, auf wen sie hoffte.

Eines Abends waren Astrids Eltern ausgegangen. Jetzt kam es darauf an. Astrid warf ihre Mähne zurück und griff zum Telefonhörer. „Ich ruf’ ihn an“, sagte sie. Inger stand neben ihr. „Nein, laß das! Du spinnst doch!“

Aber das war für Astrid kein Hinderungsgrund. Sie suchte die Nummer im Telefonbuch, tippte mit ihrem langnagligen Zeigefinger auf J und fand die Nummer 1215. Sie wählte. Inger hörte es klingeln, hörte jemanden abheben, hörte seine Stimme. „Bei Direktor Jespersen“, sagte seine Stimme. O nein, o nein! „Hallo!“ sagte Astrid. „Hier ist Astrid.“ Einen Augenblick schwieg er. Dann sagte er: „Astrid aus unserer Klasse?“ – „Ja. Ich hab’ nur kurz eine Frage. Bist du verrückt nach Inger?“ – „Nach was für einer Inger?“ – „Inger Holm natürlich.“

Stille folgte. Dann hörten sie sein Jungenlachen. Das war’s.

Ach, war das blöd. Inger bereute. Natürlich war er nicht verrückt nach ihr. Sie hätte es niemals zulassen dürfen. Astrid fragte: „Kommst du Samstagabend in die Stadt?“

„Wann denn?“

„Gegen sechs, im Kirkepark“, antwortete Astrid und legte auf, ehe er etwas sagen konnte. „Die Sache ist im Kasten“, sagte sie, warf ihre Mähne zurück und verdrehte die Augen. „Jetzt ist er verkauft.“

Oben in Fergestedsveien, an der Ecke, wo das neue Zentralkrankenhaus gebaut wurde, lag ein gelbes, altes, langes, schmales Holzhaus mit spitzen Giebeln und weißen Gesimsen. Es war das seltsamste Haus von Fredrikstad. Es lag in einem großen verwilderten Garten mit hohen Laubbäumen und Stachelbeerbüschen und Wiesenkerbel. Das Haus sollte abgerissen werden. Es gab kein schöneres Versteck. Hierher kamen sie gefahren und fanden den Weg zum Dachboden. Dort war es ganz dunkel, oder wenigstens fast, und bald waren sie ein einziges Gewirr von Armen und Beinen und Brettern und Pullovern und Spinngewebe und heißen Wangen, die sich im Staub aneinanderpreßten.

Inger spürte Jungenarme um sich und einen nassen Mund. Ob das Sigvart war? Jetzt wurde geseufzt, und um sie herum wurde es sehr still. Ein einzelnes Brett meldete sich aus einer Ecke. „Ne, verflixt! Mach jetzt kein’ Scheiß!“ hörte sie irgendwo unter dem Dachfensterchen. Vereinzeltes Kichern. Dann war es wieder still. Doch, es war Sigvart. Er war groß und warm, atmete schwer, als er seine Wange an ihre preßte, seine Jacke war kalt, wo sollte sie ihn anfassen? Inger legte die Arme um seinen Nacken, spürte den heißen Atem in der kühlen Dachbodenluft, preßte ihre Wange ganz still an seine. Ob er mich jetzt liebt?

So fand der jüngste Jahrgang der Gelben Anstalt Auslauf für seine Sehnsüchte. Später suchten sie sich Büsche und Sträucher, Wiesen und Luftschutzräume, sie gingen in Keller und Verschläge, Scheunen und Bretterlager, in den Kohlenschuppen im Hafen, hinter den Bretterzaun bei der Tankstelle und sogar ans Flußufer, wo niemand sie sehen konnte, solange die Kapitäne der Schlepper Per und Thor nicht losfuhren und sich zum Land umsahen. In der ganzen Stadt gab es keinen Winkel, den sie nicht kannten. Wie wilde Katzenjunge suchten sie Wärme an allen kalten, zugigen Stellen, die es gab.

Sie kamen aus neugebauten Einfamilienhäusern auf Karivoll und alten Villen in Bjørnedalsveien, aus großen modernen Wohnungen unten in der Stadt und vornehmen Häusern in Cicignon. Sie hatten ein eigenes Zimmer, Wohnzimmer, Keller und Dachboden. Aber jetzt standen sie auf dem Dachboden in Fergestedsveien 8 und erwiesen auf ihre ganz besondere Weise dem seltsamen alten abbruchreifen Haus die letzte Ehre.

„Jetzt bin ich verliebt“, schrieb Inger in ihr Tagebuch, mit großen, ernsten roten Kugelschreiberbuchstaben. „Zum erstenmal in meinem jungen Leben.“ Sie träumte sich in die Tagebuchseiten hinein. Dort sah sie eine Zukunft mit Sigvart. Sie würden in der Sonne am Strand liegen und über ihre Hochzeitsreise und ihr Glück diskutieren. Abends würden sie dort im Mondschein auf den Felsen sitzen und sich umarmen und zueinander „ich liebe dich“ sagen. Und wenn es ein Junge würde, dann sollte er Klein-Sigvart heißen.

Auf dem Schulhof redeten sie nie miteinander. Auch beim Knutschen sprachen sie im Grunde nicht miteinander. In den Pausen gab es keinen Kontakt zwischen Jungen und Mädchen. Die Klassen 1 und 2 durften den Schulhof nur verlassen, wenn sie eine Freistunde hatten oder zur Gymnastik zum Tolbodplassen hinübermußten. Nach der Gymnastik trödelten sie im Sjømannspark herum. Dort gab es ein kleines Becken mit einer Amorfigur in der Mitte. Die Jungen standen neben dem Becken und betrachteten die Figur. Sie hatten sie genau da mit einem herbstgelben Ahornblatt dekoriert. Wenn die Mädchen vorbeikamen, sangen sie: „Sie trug ja nur ein Feigenblatt.“ Das war die Traraversion von „Cherry pink and apple blossom white“. Sigvart blinzelte zu Inger herüber und lachte. Das war ihr Gespräch.

Sigvart war hübsch und einer der sportlichsten Jungen in der Klasse. Seltsam, daß er gerade mit ihr knutschen wollte. Astrid fragte ihn danach. Astrid traute sich alles mögliche. Und jetzt fragte sie, warum er Inger mochte. „Sie ist nicht so blöd in der Birne“, antwortete Sigvart. Ihm gefiel, was sie im „Radiergummi“ schrieb. Kleine Glossen, in denen sie alles und alle durch den Kakao zog. Das fand Sigvart witzig. „Ach, das hat er gesagt?“ fragte Inger. Dann war er ja vielleicht auch nicht so blöd in der Birne.

Weihnachten rückt näher. Inger und Lillian wenden ihre Gesichter dem hellen Winterhimmel zu und schmecken die Luft und hoffen. Wird es Eis geben? Es kribbelt in ihren Beinen, in Knien und Füßen, sogar im Stahl der Schlittschuhe, die sie anziehen wollen, scheint es zu kribbeln. Nichts auf der ganzen Welt kribbelt so wie der Gedanke, zum erstenmal die Schlittschuhe zuzubinden, die langen Schnürsenkel strammzuziehen, kannst du mal eben festhalten? und dann die ersten Schritte über das Eis auf dem St. Croix plass zu machen.

Lillian ist verrückt nach Svend. Sie sagt, wenn sie ihn sieht, kribbelt es in ihrem Kopf so wie beim Schlittschuhlaufen in ihren Beinen. Er hat blonde Locken und verkauft nachmittags in einem Tiergeschäft in Asylgaten Fische und Wellensittiche. Jeden Tag geht Lillian in den Laden und kauft für ihre Wellensittiche einen Hirsekolben. Wenn in der A-Klasse in den Erdkundestunden Hirsekörner erwähnt werden, sehen Lillian und Svend einander an und werden rot. Svend hat sich im Wald auf Karivoll eine kleine Bretterhütte gebaut, da wohnt er. Dort sitzen er und Lillian in diesem Winter und umarmen sich. Ab und zu kommt auch Inger mit. Sie haben auf einem Kasten eine kleine Kerze stehen. Und irgendwer rumort draußen herum. Das ist Sigvart, er kommt und nimmt Inger in den Arm. Aber bei ihm kribbelt es nicht im Kopf.

Lillian und Svend sitzen und knutschen und reden. Sigvart und Inger knutschen nur. Niemand fragt, ob es in Sigvarts Kopf kribbelt. So etwas kann man auch nicht fragen. Vielleicht weiß Sigvart nicht, was Kribbeln ist? Oder vielleicht ist er damals gekommen, weil er von Astrid kribbelt?

Zwei Wochen später machen sie Schluß.

Manchmal kommt auch Beate auf die Schlittschuhbahn. Sie läuft nicht besonders gut. „Ich war sehr oft hier“, sagt Beate. „Schon auf der Volksschule.“ Das findet Inger komisch, sie hat Beate nie gesehen. „Aber ich euch“, sagt Beate.

Es ist ein seltsamer Gedanke, daß Beate in all diesen Jahren irgendwo in der Stadt gewesen ist, ohne daß sie sich gekannt haben. Daß sie sogar hier gewesen ist, auf dem St. Croix plass, daß sie einander vielleicht im Laufen gestreift haben und daß sie nicht gewußt hat, daß es Beate war.

Aber Beate kommt nie mit auf den Dachboden oder in Svends Bretterhütte, sie muß immer früh nach Hause. „Meine Mutter hat solche Angst, mit mir könnte es so enden wie mit ihr“, erklärt Beate.

Inger und Lillian laufen Schlittschuh wie früher. Sie laufen jeden Tag, egal, ob die anderen kommen oder nicht. Nirgendwo gehören ihnen die Welt und ihre Träume so sehr, wie wenn sie übers Eis sausen. Wenn sie müde werden, legen sie sich auf den Rücken in die Schneewälle um den Platz. Lillian sagt, wenn man liegt, ehe es dunkel wird, dann kann man den ersten Stern sehen. Inger und Lillian legen sich in den neuen Schnee und sehen und sehen. Und dort, ganz recht, sehen sie den Stern auftauchen, winzig klein, gelb und fern, hoch über dem Dach der aus Holz gebauten St. Croix-Schule. Er strahlt auf sie herab, einsam und klar.

Die Entdeckung

Schon als Inger noch klein war, gab es immer einen ganz besonderen Menschen. Inger fiel dann die Jacke dieses Menschen auf, oder so. Plötzlich hielt sie immer nach der Jacke Ausschau. Sie wußte, wo auf dem Schulhof sie war, denn dieser Mensch trug sie ja. Es konnte sogar ein Mensch sein, den Inger nicht einmal kannte.

Zum erstenmal sah Inger so einen Menschen bei Fliegeralarm in Collettsgate. Dann versammelten sich alle aus dem Haus unten in einem Fahrradschuppen, den sie als Luftschutzraum benutzten, und warteten auf Entwarnung. In einer Ecke saßen ein paar große Mädchen von vielleicht acht Jahren und lachten. Eine davon hieß Ulla Jespersen. Die war es.

Inger erinnerte sich noch, wie sie einem solchen Menschen zum erstenmal im Freien begegnet war. Sie kam von St. Hanshaugen und ging Ullevålsveien hinunter. Sie und Helga waren unterwegs in die Stadt, als eine Pfadfinderin auf dem Weg aufwärts auftauchte. Sie war in Helgas Alter, und als sie aneinander vorbeikamen, legten beide zum Gruß zwei Finger an die Stirn. Das war der Pfadfindergruß, erklärte Helga. Inger war tief beeindruckt. Seither hoffte sie immer, der Pfadfinderin wieder zu begegnen, um sie mit dem Pfadfindergruß zu grüßen. Aber das geschah nie.

Danach zogen sie nach Fredrikstad um, auch dort gab es solche Menschen. Sie waren immer größer als Inger, und sie konnte sie nur ansehen.

Inger konnte einen solchen Menschen sehr lange haben. Aber dann verschwand er plötzlich eines Tages. Eines Tages konnte sie auf den Schulhof kommen und den Menschen sehen, aber dessen Jacke war ganz normal geworden. Sie war genau wie alle anderen blöden Jacken, und Inger hörte den Menschen Blödheiten sagen wie alle anderen blöden Menschen. Der Mensch war nichts Besonderes mehr.

Aber bald darauf gab es einen anderen Menschen, der etwas Besonderes war. Vielleicht war sie, dieser Mensch, schon lange etwas Besonderes, aber eines Tages bemerkte Inger das. Und dann wurde sie der Mensch. Wenn Inger sie nicht sah, dachte sie an das Haus, in dem sie wohnte. Sie dachte an die Straßen, durch die dieser Mensch auf dem Schulweg gehen mußte, daran, wie sie an der Ecke abbog.

Inger konnte ganz allein durch den Park gehen und denken: Ach, käme mir der Mensch doch jetzt entgegen.

Einmal kam so ein Mensch im Park zu ihr herüber und redete mit ihr. Das war Kari Anne Ludvigsen aus der 6. Klasse. Inger ging damals in die vierte und hatte Kari Anne schon lange. Zuerst hatte sie ihre Klassenkameradin Laila Pettersen gehabt. Aber dann war alles irgendwie auf Kari Anne Ludvigsen übergegangen. Und zwar, als Kari Anne zu Weihnachten bei der Heilsarmee, wo die Sonntagsschule ihre Weihnachtsfeier abhielt, „O Tannenbaum“ gesungen hatte. Sie sang ganz allein, sang alle Strophen auswendig, es war eine unheimlich schöne Melodie, und danach wurde sie ein solcher Mensch. Sie sprach nie mit ihr.

Aber dann war sie im Park. Es geschah am Trinkwasserbrunnen im Kirkepark, und Kari Anne trank. Sie hütete ein Kind in einer Kinderkarre. Inger ging hin und trank auch.

Sie sahen sich an, irgendwie.

Sie hatte Lust, etwas zu ihr zu sagen. Ob sie wüßte, daß die gesamte Weltbevölkerung auf dem See Mjøsa Platz hätte? Wenn sie dicht aneinandergedrängt dastünden natürlich. Und wenn der See zugefroren wäre.

In diesem Winter begann Inger, an Beate zu denken, egal, woran sie dachte. Sie fragte sich, was in aller Welt das zu bedeuten hatte. Waren andere Menschen genauso wirr im Kopf? Warum mußte sie sich auf den Spülstein setzen und aus dem Fenster sehen, um festzustellen, ob Beate auftauchte, obwohl sie das fast nie tat, weil sie in eine andere Richtung mußte, und obwohl sie sie erst vor einer Stunde im Klassenzimmer gesehen hatte und sie auch morgen wiedersehen würde? Warum waren ihr grauer Mantel und ihr rotkarierter Schal anders als alle anderen Mäntel und Schals? Und auch ihre Handschuhe. Sie hatte graue Fausthandschuhe. Einmal hatte sie sie gehalten. Weil Beate sich ordentlich in ihren Schal wickeln wollte, und Inger stand daneben und hielt die Handschuhe und wurde richtig wirr und froh im Kopf, nur weil sie die Handschuhe hielt. Sie wünschte, daß Beate noch bis in alle Ewigkeit mit diesem Schal beschäftigt sein würde. Und als sie ihre Hand in dem Handschuh spürte, in dem Beates Hand gewesen war, war sie so froh, daß es schon seltsam war. Vor allem im Daumen. „Du kannst meine ausprobieren“, sagte sie, und da zog Beate Ingers Handschuhe an, und während der ganzen Pause trug eine die Handschuhe der anderen.

Inger verstand das alles nicht. Aber jeden Tag freute sie sich darauf, Beate zu sehen. Der Zeichenunterricht machte Spaß. Jetzt zeichneten sie einen Kegel.

„Wohnst du dahinten?“ fragte Kari Anne und nickte zum Bjørnegården hinüber.

„Ja“, sagte Inger.

„Dann hast du’s nicht weit zur Schule.“

„Nein. Aber ich geh’ immer im Zickzack.“

„Im Zickzack, meine Güte. Was ist denn das?“

„Zickzack eben.“ Inger ging kreuz und quer über den Weg. Kari Anne lachte. „Alle können im Zickzack gehen, wenn sie nur wollen“, sagte Inger und kam zurück.

Sie setzten sich auf die Bank. Kari Anne ließ die Kinderkarre wippen, daß die Stange nur so knackte.

„Muß jeden Nachmittag auf den hier aufpassen.“

„Wer ist das denn?“

Ein Nachbarjunge. Ich krieg’ zwei Kronen dafür.“

So saßen sie lange und quatschten über alles mögliche, bis Kari Anne gehen mußte. Zum erstenmal hatte Inger wirklich mit einem solchen Menschen gesprochen.

Als Kari Anne später ihre Freundinnen traf, sagte sie: „Da ist Inger, die kann im Zickzack gehen.“ Und dann lachten sie. Inger glaubte nicht, daß Kari Anne begriff, was es hieß, im Zickzack zu gehen. Bald war auch sie ganz normal geworden.

Eines Tages Ende Februar, an einem Montag, als sie gerade Punkt zwanzig nach zwölf zur Mathematikstunde hineingehen wollten, ging Inger dicht hinter Beate ins Klassenzimmer und sah die Falten im hellbraunen Rücken ihrer Strickjacke an. Und Beate wurde ein solcher Mensch.

Ansonsten war alles wie früher. Alle nahmen ihre Plätze ein, lärmten und verstummten und hörten Markmo zu, der jetzt beim Satz des Euklid angekommen war, und niemand wußte, daß alles sich geändert hatte.

Markmo servierte die aufsehenerregende Neuigkeit, daß eine gerade Linie die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten darstellte. Das hatte einst in der Kindheit des Denkens ein Grieche namens Euklid gesagt, und es war zur Grundlage aller Mathematik geworden. Inger warf Beate einen Zettel hinüber. „Haben sie denn vorher etwas anderes geglaubt?“ So war es mit allem in der Mathematik. Es war so einfach, daß man gar nicht erst darüber nachzudenken brauchte. Zu Anfang. Aber ehe man sich’s versah, hatte der Verstand den Faden verloren, und alles war unbegreiflich. Der Satz des Eukid hatte sicher auch seinen Haken, man konnte sich niemals sicher fühlen. Jetzt reichte Beate ihr ihr Lineal. Es war ein elastisches Lineal, unter dem ein Gummiriemen befestigt war. Zwischen Riemen und Lineal steckte ein Zettel. Das war das neue Postsystem. „Ja, vorher dachten sie, es ginge im Zickzack.“ Ein Bild von zwei Punkten, verbunden durch eine Zickzack-Linie. Abb. 1. BHs Lehrsatz.

Plötzlich begriff Inger, was ein solcher Mensch war. Das war es, worüber sie gelesen hatte! Jetzt wußte sie, daß all die brennenden Gefühle, über die sie früher in den Illustriertengeschichten und in den Evi Bøgemas-Büchern gelesen hatte, die brennende Liebe, die Scarlett O’Hara für Rhett Butler empfunden und Anna Kareninas überwältigende Sehnsucht nach Wronski, daß das die gleichen Gefühle waren, die sie jetzt für Beate hatte.

Aber dann dürfte es doch kein Mädchen sein, dachte Inger. Dann müßte es ein Junge sein. Oder ich müßte ein Junge sein. Wie kann ich sie lieben, wenn ich kein Junge bin?

Aber das tat sie. Sie schrieb es in ihr Tagebuch. Und danach verbrannte sie die Seiten, auf die sie das geschrieben hatte.

Beate und ihre Mutter hatten es sich am Küchentisch gemütlich gemacht und tranken Kaffee. Heute gab es Wecken dazu. Beate hatte Geburtstag. Später würde wohl auch die Tante mit Geschenken kommen, und sie hatten auch Tone gebeten, vorbeizuschauen. Sie arbeitete unten bei der Versicherung.

„Hat dir denn heute jemand gratuliert, Mädi?“

„Nein, es wußte auch niemand, daß ich Geburtstag habe.“

Es hatte doch ein bißchen wehgetan. Nun wurde sie schon vierzehn, und niemand wußte etwas davon. Sie konnte das doch auch nicht einfach erzählen. Inger vielleicht. Aber irgendwie ging es nicht.

Sie mußte ihre Aufgaben machen, ehe die anderen kamen. Als sie ins Nebenzimmer ging, hing ein dicker dunkelbrauner Vorhang vor ihrem Schreibtisch!

„Hast du so einen gemeint?“

„Ach, tausend Dank, Mama! Ja, genau so einen.“

„Ich hab’ einen billigen Stoff entdeckt, weiß du, und da hab’ ich gedacht, na, soll sie halt ihren Willen haben.“

„Es ist fast so, als ob ich ein eigenes Zimmer hätte.“ Beate umarmte ihre Mutter. Das passierte sonst fast nie zwischen ihnen. Aber heute war sie so froh. Einfach so ins Blaue!

Dann setzte sie sich vor ihr Englischbuch. Es war ein Stück über „Dick Whittington and his cat“. Er kam einsam nach London und hörte die Glocken läuten. In den Büchern waren alle einsam. Aber irgendwie waren sie trotzdem nicht einsam. Sie waren im Buch. Beate vergaß das Lesen. Es war schön, so zu sitzen, auf einer Seite den Vorhang, auf der anderen das Bett, und zwischen den grünen Zimmerpflanzen hinauszusehen und zu wissen, daß niemand sie sehen konnte, weder von draußen noch von drinnen, während sie nach draußen und nach drinnen sehen konnte. Heute sah sie nach drinnen, wenn sie nach draußen sah.

Er hätte heute hier sein müssen, ihr Vater. Hätte seine Tochter sehen müssen, die fast erwachsen war. In den letzten Tagen waren ihr Zweifel daran gekommen, daß die Deutschen ihn ermordet hatten. Denn wenn das passiert war, warum durfte sie es nicht erfahren? Dann wäre er ja ein Held. Nein, er war sicher nicht vor den Deutschen geflohen, das hatte ihre Mutter wohl nur geträumt.

Mit großen Buchstaben schreibt sie „Beate Halvorsen“ auf ihre Kladde und malt die Buchstaben bunt an. Beate Halvorsen, Fredrikstad. Daraus wird BH. „Das hättest du dir auch überlegen können“, hatte sie eines Tages zu ihrer Mutter gesagt. „Was für blöde Anfangsbuchstaben!“ – „Ja, aber zu meiner Zeit hieß das noch nicht BH“, sagte ihre Mutter. „Du hättest trotzdem daran denken können. Du hättest ein bißchen weitblickender sein können.“ Die Mutter schwieg eine Weile. „Ich hab’ dir den schönsten Namen gegeben, den ich wußte“, sagte sie dann.

Das Seltsame war, daß Inger ihr das heute auch gesagt hatte. „Beate. Das ist der schönste Name, den ich kenne.“

Wer war sie eigentlich, fragte sich Beate, dieses Mädchen, das plötzlich immer wußte, wo sie war? Das ihr in der Stunde alberne Zettelchen schrieb und in der Pause mit ihr gehen wollte? Ab und zu hatte sie ein bißchen Angst, denn sie wollte nicht, daß die Lehrer glaubten, daß sie in der Stunde Zettelchen schrieb. Aber sie antwortete genauso albern wie die Zettel, die sie bekam, und schnippte sie in einem unbeobachteten Augenblick hinüber. Es wurde besser, als sie feststellten, daß das Lineal zur Postvermittlung verwendet werden konnte. Nein, sie war doch nicht so schlimm, diese Tochter von Dr. Holm. Sie machte einen Höllenlärm und kannte den halben Schulhof, aber in den Pausen, wenn sie beide allein hin und her gingen, hatte sie sehr viel Ernstes zu sagen.

Alles kam daher, daß sie beim Zeichnen nebeneinander saßen. So hatte es angefangen. Danach hatte sie auf dem Schulhof ihre Hand genommen, nur weil sie dazu Lust hatte. Und Inger hatte sie festgehalten. War mitgekommen und hatte erzählt, von den letzten Büchern, die sie gelesen hatte.

Eins handelte von einer Seidenhändlerstochter aus Marseille während der französischen Revolution, die einen von Napoleons Generälen heiratete, der dann später König von Schweden wurde. Und auch von Norwegen. Sie hieß Désirée und hatte ein Tagebuch geschrieben, in dem die Monate revolutionäre Namen trugen: Brumaire und Fructidor und was nicht alles, und die wollte Inger nun in Fredrikstad einführen. „Sie haben sich geliebt, verstehst du. Und deshalb ist sie mit ihm in ein fremdes Land gegangen. Das war das Wichtigste“, sagte Inger. „Ja“, sagte Beate, denn sie wußte nicht, was sie sonst noch sagen sollte. Und danach sagten sie für den Rest der Pause überhaupt nichts mehr. Sie hielten sich einfach nur an den Händen, bis es schellte.

Zum erstenmal im Leben fühlt Beate, daß sie eine hat, mit der sie reden kann. Das ist seltsam. Es ist fast so, als ob sie einen Vater hätte. Jedenfalls so, wie sie sich einen Vater vorgestellt hat. Einer, dem sie immer ihre Gedanken anvertrauen kann. Jemand jenseits des Horizonts. Der Unterschied war nur, daß sie diesmal Antwort bekam.

„Issas nich die Tochter von Fräulein Halvorsen, zusammen mit der Holm?“ fragte Hauge und schaute durch die Fenstertür schräg hinüber zur Vestsiden-Kirche. Ringstad warf einen raschen Blick in dieselbe Richtung und nickte.

„Stimmt.“

„Die quasseln aber arg lang. Ham die jungen Leute denn sonst nix zu tun? Jetzt seh’ ich die schon fast ’ne Woche jeden Tag da rumstehen.“

„Ach“, meinte Ringstad. „Die ham auch ihre Probleme.“

„Wußte gar nich, daß Fräulein Halvorsen ihre Tochter zur Schule schickt?“

„Aber sicher. Macht sie.“ Mehr sagte Ringstad nicht, obwohl sie aus Lahellemoen kam und Übersicht über den Fall haben mußte. Sie war heute so mürrisch und wortkarg wie immer. Der Ringstad war wohl letzte Nacht wieder in der Ausnüchterungszelle gelandet?

„Und wie geht’s sonst so, Ringstad?“

„Ach, mi’m Nähen geht’s wohl gut, soviel ich weiß.“

„Mi’m Nä...“ Hauge unterbrach sich, da sie begriff, daß Ringstad immer noch von Fräulein Halvorsen sprach.

„Ach ja?“

„O ja“, antwortete Ringstad warm. „Da in dem Haus gibt’s keine Not, nein.“

Was für eine enttäuschende Mitteilung. So wie Fräulein Halvorsen sich auf dieser Welt aufgeführt hatte, wäre das doch wohl das mindeste gewesen. Statt dessen schickte sie ihre Tochter in die Schule.

„Ja, so isses. Schlimm...“, seufzte sie.

„In der Beate steckt viel Gutes drin, das kann ich dir sagen.“

„Meinst du wirklich? Wo die das wohl her hat.“

„Ich glaub’ nich, daß das so schwer zu begreifen ist.“

Aber Hauges Blick wanderte zurück zum Brunnen vor der Kirche, wo die beiden jungen Mädchen immer noch saßen. „Der ist abgehauen, dieser Seemann, das weiß ich.“

In diesem Moment kehrte Iversen mit einem Tablett voller leerer Tassen und Gläser von einer Runde durch das Restaurant zurück. Sie warf einen Blick in die Richtung, in die Ringstad und Hauge schauten, und stellte ihr Tablett ab. Sie konnte nichts anderes sehen als Dr. Holms Tochter, die dort mit einem anderen Mädchen saß. „Gibt’s da eine Hochzeit?“

„Nein, ich seh’ keine Hochzeit“, lachte Hauge.

„Eher im Gegenteil.“ Iversen verstummte, weil ihr nicht einfiel, was das Gegenteil von einer Hochzeit sein könnte. Das Gegenteil von einer Hochzeit ist natürlich keine Hochzeit, langsam dämmerte es Iversen.

„Das ist die Tochter von Fräulein Halvorsen“, sagte Hauge, als erklärte das alles. „Der ist einfach abgehauen, der Kindsvater. Nach Amerika, heißt es. Und seitdem hat ihn niemand mehr zu sehen gekriegt.“

„Schlimme Sache. Aus solchen wird nie was Anständiges.“

Jetzt räusperte Ringstad sich laut. „Jedenfalls wird nix aus denen, wenn ihr weiter so über die redet“, sagte sie und ging mit entschiedener Miene zum Tresen. Nein, es gab keinen Zweifel. Der Ringstad war letzte Nacht bestimmt wieder eingebuchtet worden. Ringstad hatte ihre Sorgen, das wußten alle, und sie sagte nie ein Wort darüber. Zwei Söhne mußte sie durchfüttern, und ihr Alter taugte zu nichts. Er war auch hier schon angetorkelt gekommen, aber sie hatte ihn weggeschickt.

In den Geschäften näherte sich der Ladenschluß, die Gäste strömten herein. Hauge, Iversen und Ringstad waren voll beschäftigt. Zwischendurch warfen sie ab und zu einen Blick aus dem Fenster. Und dann sahen sie die Tochter von Fräulein Halvorsen mit der Holm am Restaurant vorbeikommen.

„Warum in aller Welt sitzen die denn da erst zwei Stunden, wenn sie doch bloß die Holm besuchen wollen?“ wunderte sich Hauge. Zufällig hörte niemand ihre scharfsinnige Frage.

Pastor Spåvang und die Schöpfung

Eines Tages kurz nach Ostern kam Liv auf dem Schulhof zu Inger und sagte: „Ich habe mich bekehrt.“ Inger blickte in ihr rotes, aufgeregtes Gesicht. Da stand sie ohne Lippenstift. Ansonsten war sie fast so wie früher. Was war geschehen?

„Das ist in Fjellvangen passiert, wo ich über Ostern war“, sagte Liv. „Findest du das schrecklich?“

„Nein, schrecklich...“ Sie war nicht ganz sicher. Im Grunde war es schrecklich, Liv ohne Lippenstift und bekehrt zu sehen.

„Wenn du nur so bist wie früher“, sagte sie. Denn inzwischen mochte sie Liv ziemlich gern.

„Aber ich bin nicht wie früher. Es ist etwas anderes. Alles ist anders, jetzt, wo ich Jesus angenommen habe.“

„Ich weiß nicht, was das bedeutet“, meinte Inger. Mehr sagte sie nicht, sie begriff überhaupt nichts von der Bekehrerei, mit der die Leute in Fredrikstad so beschäftigt waren. Mußte man sich denn bekehren, um an Gott zu glauben? Konnte sie nicht einfach glauben, ganz direkt? Glaubte sie selber denn nicht, bloß, weil sie nicht bekehrt war? Inger wußte nicht, was sie noch sagen sollte, obwohl Liv immer noch dastand und sie ansah. Als Beate vorbeikam, drehte sich Inger deshalb rasch zu ihr hin und rief: „Mit neuem Schal protzen, was!“

„Der ist nicht neu. Hab’ ich doch zu Weihnachten gekriegt.“ Aber das wußte Inger ja. „Worüber redet ihr denn?“

„Über diesen Jesus von Nazareth“, antwortete Inger. Und dann bereute sie das sofort.

Später hörten sie, daß einer nach dem anderen bekehrt worden war. Die Råbergjungen hatten bei einer Erweckungsveranstaltung in der Bibliothek weinend auf dem Boden gelegen, und Harry aus Stranda, der Schrecken von Nygaardsgata, hatte eine Andacht auf Fjellhøy mit Engelsblick und Heiligenschein verlassen. Auch Sigvart Jespersen war bekehrt worden. Aber das glaubte niemand. „Stimmt es wirklich, daß du dich bekehrt hast, Sigvart?“ fragten sie. „Ja“, antwortete er und blickte ernst auf sie herab. Aber bis Pfingsten war ihm das vergangen.

Einige dagegen waren immer schon fromm gewesen, sie waren wohl von Geburt an bekehrt. Wer christlich war, trat in den christlichen Schülerbund ein. Als sie noch zur Volksschule gingen, war das nicht so gewesen. Alle Kinder gehörten Jesus, stand in der Bibel. Es war etwas anderes, wenn man Teenager und frech wurde. In der Bibel stand nichts darüber, daß Jesus Teenager, die auf den Straßen herumlärmten, hatte zu sich kommen lassen.

Ich glaube auch an Gott, aber ich würde doch nie auf die Idee verfallen, das auf dem Schulhof zu verkünden, überlegte Inger sich. „Bekennen ist wichtig“, sagte Liv. „Für uns selber und für andere.“

Damit war sie einsortiert. Sie gehörte zu den Unbekehrten. Zu den Verrückten und Sündigen. Alle Schülerinnen und Schüler an Fredrikstads höherer Schule mußten wählen. Lebst du mit Jesus, oder lebst du in Sünde? Bist du verrückt oder bist du bekehrt? Die meisten wollten lieber verrückt sein.

Die Religionslehrer trugen auch nicht gerade zur Aufklärung bei, jedenfalls nicht die, die sich in der 1 B zeigten. Immer wieder tauchten neue auf – die Religionslehrer hatten eine ganz eigene Tendenz dazu, Vertretungslehrer zu sein; Pastoren oder Pröbste oder Vorsteher irgendeiner unklaren Sorte, auf eine Weise standen sie über und neben dem Pensum, und nie war ganz klar, ob man gute Noten bekam, weil man glaubte oder weil man seine Aufgaben gemacht hatte.

Der, den sie zuletzt gehabt hatten, brach alle Rekorde. Er hieß Spåvang und hatte eine kleine ausgefranste Schmalzlocke in der Stirn, die war so ungefähr alles, was von seinen Haaren noch übrig war. Er war ziemlich breit und füllig, hatte aber einen überraschend kleinen Hintern. Um diesen Körper trug er immer ein weißes Hemd, eine offene Jacke und eine graue Hose mit Hosenträgern, die er ununterbrochen leicht hochzog, wenn er den Text durchging. Die 1 B glotzte ihn und seine spitze Nase und seine fahle Haut in stummer Verachtung an und machte ihn verantwortlich für die gesamte Biblische Geschichte.

„Jaaaaaahve war der Gott der Israeliiiiiiten“, psalmodierte Spåvang, er gab sich unglaubliche Mühe, langsam zu reden.

Es war interessant, daß diese himmlische Gestalt, von der sie auf der Volksschule sieben Jahre lang gehört hatten, nun endlich einen Namen hatte.

„Derselbe Naaaaame, den wir auch in deeeeen Zeugen Jehoooovas finden“, sagte Spåvang. Ei der Daus. Unglaublich, wie alles anfing, zusammenzuhängen. Spåvang zog an seinen Hosenträgern, denn egal wie dick man auch ist, man kann immer zu weite Hosen tragen. Er erzählte vom Propheten Amos und dessen Zorn über das israelitische Volk. Er warnte vor dem Wohlleben und der Faulheit der Menschen. Er kam aus einfachen Verhältnissen, er war Hirte und daran gewohnt, Jahves Gesetze zu beherzigen. Jetzt reagierte er stark auf die allzu üppigen Feste und die Gottesdienste in der Stadt. „Sie verloren durch die äußerliche Praaaaacht viel von ihrem Inhalt“, sagte Spåvang. „In vieler Hinsicht war Aaaaaamos ein Aufrüüüüüüührer.“

Die Propheten wurden plötzlich zu Menschen. Vorher waren sie nur Stimmen gewesen. Jetzt wurden sie eher wie historische Persönlichkeiten, die wirklich gelebt hatten.

Es war unmöglich, Spåvang Fragen zu stellen. Es gab nie Zeit zu anderem als zum Abhören der Hausaufgaben und zum Durchgehen der neuen. Niemals wurde ihnen auch nur ein Millimeter außerhalb des Buches gestattet. Wie Spåvang die Noten verteilte, war ein Mysterium. Denn er wußte nicht den Namen eines einziges Schülers, das war ein Prinzip. Und sie sahen auch nie, daß er sich Notizen gemacht hätte.

Eines Tages, eine Weile nach Ostern, kam er frischen Schrittes ins Klassenzimmer marschiert. „Jetzt kommt die groooooooooße Boooooombe“, sagte er. „Schreibt die Hausaufgaaaaaben auf!“

„Ach du Scheibenkleister!“ rief Leif Monradsen. Spåvang tat so, als ob er das nicht gehört hätte, und verteilte ungerührt leere Blätter zwischen den Tischreihen. „Ich hab’ das Buch nicht einmal aufgemacht“, flüsterte Inger. „Na“, sagte Sølvi. „Ich kann mich an nichts erinnern.“

„Ruuuuuhe!“ sagte Spåvang. „Wer jetzt noch ein Wort sagt, bekommt ungenüüüüügend.“ – „Aber welchen Propheten nehmen wir gerade durch? Onan?“ flüsterte Astrid. In der Mädchenecke wurde gekichert. „Hallooooooo dahinten!“ sagte Spåvang. „Wie heißt du?“ Er sah Astrid mit blitzenden Augen an. Auch seine Langmut hatte ein Ende.

„Else Hansen“, sagte Astrid. Jetzt konnten viele nicht mehr an sich halten. Es kochte nur so von unterdrückten erschrockenen Glucksern. Spåvang notierte den Namen in sein kleines gelbes Notizbuch. „Das gibt ein Miiiinus“, sagte er.

Sie beugten sich über ihre Blätter. Aber wer war gerade an der Reihe? „Hosea“, schrieb Inger, denn sie wußte, daß der gerade durchgenommen wurde. Ansonsten wußte sie nichts über ihn. Sie zog einen dicken Strich unter die Überschrift und tat so, als ob sie schriebe. Spåvang machte endlich einen kleinen Spaziergang zum Fenster und blickte hinaus ins Frühlingswetter. Da landete plötzllich ein zusammengefalteter Zettel auf ihrem Schoß. Sie blickte auf. Der Zettel kam von Liv. „Hosea sagte, daß Gott die Menschen so liebt, wie ein Mann eine treulose Frau lieben kann. Das hatte er selber erlebt und sie in Gnaden wieder aufgenommen. ‚Denn ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer und an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer‘ (6,6), hat er gesagt. Schreib darüber.“ Inger starrte den Zettel an. Las ihn noch einmal. Las ihn ein drittesmal. Je mehr sie nachdachte, um so mehr Stoff zum Schreiben hatte sie. Es wurde die gewinnbringendste Religionsstunde, die sie je gehabt hatte. Sie piekste Astrid in den Rücken und gab ihr den Zettel. Liv ist toll, dachte sie. Sie mag ja bekehrt sein, aber sie ist verflixt noch mal in Ordnung.

Samstags haben sie in der vorletzten Stunde Biologie bei Sundt. Er hat gesagt, wenn sie etwas wissen möchten, sich aber nicht zu fragen trauen, können sie ihre Frage auf einen Zettel schreiben und den aufs Pult legen. Sie brauchen nicht mit ihrem Namen zu unterschreiben. Also fragen sie. Sie fragen, ob Amöben eine Seele haben und wie die Wanderungen der Aale verlaufen, ob sich auch heute Affen zu Menschen entwickeln können oder ob das nur zu Darwins Zeiten möglich war, was eigentlich der Unterschied zwischen einer Pflanze und einem Tier ist und ob das Leben wirklich im Meer entstanden ist. Aber eines Tages kommt folgende Frage, Sundt liest sie vom Zettel ab: „Im Religionsunterricht lernen wir, daß Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat. Im Biologieunterricht lernen wir, daß das Millionen von Jahren gedauert hat. Was stimmt denn nun?“

Alle sehen Sundts nachdenklich gerunzelte Stirn und seine freundlichen Biologenaugen an, die über dem Zettel brüten, ohne aufzublicken. So. Jetzt wird endlich die Bibel entlarvt.

Sundt räusperte sich, blickte aufs Pult hinunter, sah auch jetzt nicht auf, schaute wieder den Zettel an, strich sich übers Kinn. Im Grunde hatte er ein bißchen Ähnlichkeit mit Darwin, wie er so dasaß, nur in verkleinerter Ausgabe. „Mnja-a“, sagte er endlich. „Ich sehe das so: Wenn wir in der Bibel lesen, daß Gott die verschiedenen Teile der Welt geschaffen hat, daß er das Licht von der Finsternis trennte, das Meer vom Land, daß er Blüten über Felder und Bäume verteilte, Fische ins Wasser setzte, Vögel in die Luft und schließlich Tiere in die großen Wälder – und am Ende noch die Menschen selber, Adam und Eva... dann sehe ich das als eine symbolische Darstellung, als ein Bild dessen, was in Wirklichkeit während einer langen, langen Entwicklungszeit geschehen ist. Was die Verfasser der Bibel einen Tag nennen, ist vielleicht eine Million Jahre, und die sechs Tage zusammen sind viele Millionen von Jahren.“

Die 1 B saß still da. Das hatte sie nicht erwartet. Sie hatte gehofft, daß Sundt sagen würde, ja, jetzt ist Gott entlarvt. Das Paradies hat nie existiert, und Gott hat die Welt nicht erschaffen. Sie hatten gehofft, er würde sagen, daß die Wissenschaft Gott als schnöde Erfindung entlarvt habe. Waren denn nicht all seine Biologiestunden darauf hinausgelaufen?

Und jetzt saß er da und murmelte so etwas. Adam und Eva gab es immer noch, zusammen mit seinen Amöben.

Jetzt, wo endlich ein bißchen System in die Dinge gekommen war, mit Darwin und allem, jetzt ergab es sich, daß alles noch genauso unerklärlich war wie früher. Denn selbst wenn er gesagt hätte: „Nein, so, wie das in der Bibel dargestellt wird, ist es in Wirklichkeit natürlich nicht abgelaufen“, bliebe ja immer noch die Frage übrig, wie die Amöbe entstanden war. Und wenn die Amöbe auch nicht so schön anzusehen war wie Adam und Eva im Paradies, so war sie doch auch ein Wunder.

„Ich finde, diese Erklärung war ziemlicher Pfusch“, sagte Inger zu Liv, als sie das Klassenzimmer verließen.

„Nein, ich fand sie toll“, erwiderte Liv. „Ich muß schon sagen, Sundt ist in meiner Achtung gestiegen.“

Liv und Beate und Inger gingen auf dem Schulhof hin und her und diskutierten über die Schöpfung. Was bedeutete „schöpfen“? „Leben einhauchen“, sagte Liv. „Formen“, meinte Inger. „Nein, Leben einhauchen“, beharrte Liv. „Das hab’ ich auf einem Bild gesehen.“ – „Davon, daß du das auf einem Bild gesehen hast, wird es ja wohl nicht wahrer.“ – „Nein, aber trotzdem heißt Schöpfen Leben einhauchen.“ – „Ja, aber wie macht man das?“ – „Nein, dazu muß man Gott sein.“ – „Und wer hat ihm Leben eingehaucht?“ – „Er ist schon immer dagewesen.“ – „Wie kann irgendwer immer irgendwo sein?“ – „Das ist Er eben. Das brauchst du nicht zu verstehen. Das brauchst du nur zu glauben.“ – „Was heißt glauben?“ – „Glauben... glauben heißt, sein Herz für Jesus zu öffnen.“ – „Ja, aber wir reden jetzt über Gott.“ – „Das ist dasselbe.“ – „Aber was bedeutet es, sein Herz für Jesus zu öffnen?“ – „Zu glauben.“ – „Jetzt sagst du, A ist B, weil B A ist.“ – „Ja. Aber so erleben wir das. Du mußt das Erlebnis annehmen und an das glauben, was mit dir geschieht. Verstehst du?“ – „Mit mir geschieht aber nichts“, sagte Beate. „Dann kann man es suchen.“ – „Wie kann man es suchen?“ fragte Inger. „Durch Beten.“ – „Ich habe gebetet. Es hat nicht geholfen.“ – „Worum hast du gebetet?“

In diesem Moment schellte es zur letzten Stunde.

Noch in vielen weiteren Pausen gingen Liv und Inger auf dem Schulhof hin und her und diskutierten über die Mysterien der Bibel. Es war ein ziemlich langer Schulhof. Inger rechnete im „Radiergummi“ aus, daß der Durchschnittsschüler an Fredrikstads höherer Schule beim Abitur auf diesem Schulhof etwa 1836 Kilometer zurückgelegt hätte. Wenn das stimmte, dann diskutierten Liv und Inger mindestens hundert Kilometer lang über Jesus und seine Bedeutung für den Sinn des Lebens. Sie diskutierten wild und voller Eifer, sie wurden sich niemals einig und diskutierten aufs neue. Als die Schulglocke vier Jahre später ihre letzte Diskussion unterbrach, waren sie immer noch nicht fertig.

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