Czytaj książkę: «Jungfrauengeburt?»
Gerd Lüdemann
Jungfrauengeburt?
Die Geschichte von Maria
und ihrem Sohn Jesus

© 2008 zu Klampen Verlag · Röse 21 · D-31832 Springe
info@zuklampen.de · www.zuklampen.de
Umschlag: Matthias Vogel (paramikron), Hannover
Coverfoto: © Roberto A. Sanchez
Satz: thielenVERLAGSBÜRO, Hannover
(Gesetzt aus der Linotype Life und der Neuen Helvetica)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN 978-3-86674-456-1
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› Jungfrauengeburt? abrufbar.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
KAPITEL 1:
Maria in Dogmatik und Frömmigkeit
Einleitung
Protestantischer Wirrwarr
Die Macht der Liturgie und die Konsequenzen
Die ökumenische Lage
Zum weiteren Vorgehen
Maria bei Martin Luther und in den lutherischen Bekenntnisschriften
Martin Luther
Lutherische Bekenntnisschriften
Maria in der römisch-katholischen Lehre
Göttliche Mutterschaft
Immerwährende Jungfräulichkeit
Unbefleckte Empfängnis
Aufnahme in den Himmel
Maria in der römisch-katholischen Frömmigkeit
Die Marienerscheinungen vor Elisabeth von Schönau
Die Marienerscheinungen vor Anna Katharina Emmerich
Der subjektive Charakter von Marienerscheinungen
Berühmte Marienerscheinungen in neuerer Zeit
Theologische Begründung der Marienerscheinungen
Empirische Gründe für Marienerscheinungen
Gründe für die kirchliche Anerkennung von Marienerscheinungen
Ertrag
Maria in der protestantischen Dogmatik und in Stellungnahmen aus der evangelischen Kirche
Vorbemerkung
Das Thema »Maria« bei Karl Barth
Andere protestantische Stellungnahmen zur Jungfrauengeburt
Ein neuerer protestantischer Beitrag zum Thema »Maria«
Zum weiteren Vorgehen
KAPITEL 2
Maria im Neuen Testament und in anderen frühchristlichen Quellen
Überblick. Zur Vorgehensweise
Paulus
Gal 4,4: Die Geburt des Gottessohnes aus einer Frau
Röm 1,3 – 4: Die fleischliche Abstammung und die Einsetzung des Gottessohnes
Markusevangelium
Mk 3,20 – 21.31 – 35: Jesu wahre Familie
Mk 6,1 – 6a: Die Ablehnung Jesu, des Sohnes der Maria, in seiner Vaterstadt
Matthäusevangelium
Mt 1,1 – 17: Der Stammbaum Jesu
Mt 1,18 – 25: Die Ankündigung der Geburt Jesu
Mt 2,1 – 23: Die Magier aus dem Osten und der Kindermord des Herodes
Mt 12,46 – 50 Die wahren Verwandten Jesu
Mt 13,54 – 58: Die Ablehnung Jesu in seiner Vaterstadt
Lukanisches Doppelwerk
Allgemeines zur Komposition von Lk 1,5 – 2,52
Lk 1,5 – 25: Die Ankündigung der Geburt Johannes des Täufers
Lk 1,57 – 66: Die Geburt Johannes des Täufers
Lk 1,67 – 80: Der Lobgesang des Zacharias (»Benedictus«)
Lk 1,26 – 38: Die Ankündigung der Geburt Jesu
Lk 1,39 – 45: Der Besuch der Maria bei Elisabet
Lk 1,46 – 56: Der Lobgesang der Maria (»Magnificat«)
Lk 2,1 – 21: Die Geburt Jesu und seine Beschneidung
Lk 2,22 – 40: Die Darstellung Jesu im Tempel. Symeon und Hanna
Lk 2,41 – 52: Der zwölfjährige Jesus im Tempel
Lk 3,23 – 38: Der Stammbaum Jesu
Lk 4,16 – 30: Die Predigt Jesu in Nazareth
Lk 8,19 – 21: Die wahren Verwandten Jesu
Lk 11,27 – 28: Eine Seligpreisung der Mutter Jesu
Apg 1,14: Maria in der Urgemeinde
Johannesevangelium
Joh 1,12 – 13: Der Ursprung der Kinder Gottes
Joh 1,45: Jesus, der Sohn des Joseph (I)
Joh 2,1 – 12: Das Weinwunder auf der Hochzeit in Kana
Joh 6,42: Jesus, der Sohn des Joseph (II)
Joh 19,25 – 27: Der Lieblingsjünger und die Mutter Jesu unter dem Kreuz
Thomasevangelium
ThEv 105: Jesus – Sohn einer Hure?
Protevangelium des Jakobus
Protev 19,3 – 20,4: Der Beweis für die Jungfräulichkeit der Maria
Zur Traditionsgeschichte. Der historische Verlauf
Schaubild
KAPITEL 3
Kritische Synthese
Zum Vorgehen
Eine Klarstellung
Die zwei Wurzeln der Jungfrauengeburt
Maria – zur Stummheit verdammt
Das Waffenarsenal der Christologie
Befreiungstheologie und Herrschaft Christi
Funktionalisierung Marias in einem Beispiel aus der Befreiungstheologie
Maria in der feministischen Theologie
Die anthropologische Ebene der Marienerscheinungen
Der historisch sperrige Aspekt von Maria und ihrem Sohn Jesus
Beigabe
Wider die Mariendogmen
Literatur
Autorenregister
Weitere Bücher
Fußnoten
Vorwort
Besingen wir allezeit diese süße Jungfrau, der ihr Sohn nichts abzuschlagen weiß, denn im Himmel tut man alles, was sie will. Die Welt ist nicht allein erlöst durch das Blut Christi, sondern auch gereinigt durch die Milch der Maria, diese erste Nahrung des Gotteskindes auf Erden, die den Himmel ihm zurückrief.
Walther von der Vogelweide
Das vorliegende Buch überprüft die historische Zuverlässigkeit des christlichen Bekenntnisses, dass Jesus von der Jungfrau Maria geboren worden sei, und beleuchtet die verschiedenen theologischen Deutungen dieses Dogmas. Es versucht, den Schleier zu lüften, der sich seit den Anfängen der christlichen Kirche über Maria gelegt hat. Grundlage meiner Arbeit sind Übersetzungen und Analysen sämtlicher Texte aus der ältesten Kirche, die direkt oder indirekt von der Geburt Jesu und von seiner Mutter Maria handeln. Diese Analysen widerlegen die Historizität der Jungfrauengeburt und führen auch zu neuen Erkenntnissen.
Für die zweite Auflage wurde die Originalausgabe, die in englischer Sprache weiter erhältlich ist (Virgin Birth? The Real Story of Mary and Her Son Jesus, London/Harrisburg 1998), durchgehend überarbeitet.
Aus aktuellem Anlass – 2008 ist das hundertfünfzigjährige Jubiläum der Marienerscheinungen von Lourdes – habe ich einen Zeitungsaufsatz »Wider die Mariendogmen« beigegeben, dessen Lektüre sich als Einstieg eignet.
Dr. Frank Schleritt, Walter Höfig und Hans Jürgen Uhl danke ich sehr herzlich für Hilfe und Kritik.
Göttingen, im Juli 2008 Gerd Lüdemann
KAPITEL 1 Maria in Dogmatik und Frömmigkeit
Einleitung
Protestantischer Wirrwarr
Allsonntäglich bekennen Christen, dass Jesus von der Jungfrau Maria geboren worden sei. Indes stellen Protestanten die Historizität der Jungfrauengeburt nicht selten in Abrede und verstehen sie in übertragenem Sinn. Einige Beispiele mögen dies belegen. Wilfried Joest (1914 – 1995) schreibt zur Jungfrauengeburt:
»Die Frage, ob es sich wirklich um die Tatsache eines von Gott gewirkten realen Zeichens oder (was mir … wahrscheinlicher ist) um ein im Glaubensdenken früher Christen erwachsenes symbolisches Zeichen für das Ursprungsgeheimnis Jesu handelt, sollte offen bleiben … Auch wenn es sich nur um ein symbolisches Zeichen handelt, behält es für den Glauben seinen Sinn als Ausdruck der Wahrheit, daß Jesus der ›eingeborene‹ Sohn ist, nicht aus menschlicher Möglichkeit geworden, sondern aus dem Willen und der Tat Gottes zu uns gekommen« (Joest 1989 : 241).
Kritik: Die Unterscheidung von »real« und »symbolisch« wird den biblischen Texten zur Jungfrauengeburt nicht gerecht. So fragt Maria Lk 1,34 zufolge nach der Ankündigung ihrer Schwangerschaft: »Wie wird das sein, da ich von keinem Mann weiß?« Der Engel Gabriel antwortet, dass die normale Zeugung eines Kindes durch einen Mann außer Kraft gesetzt werde: Nicht ein Mann werde mit ihr schlafen und sie befruchten, sondern »heiliger Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten« (Lk 1,35). Das ist real und nicht symbolisch gemeint.
Wolfhart Pannenberg (geb. 1928) führt aus: »… der heutige Christ (kann) sehr wohl die Intention bejahen …, aus der die Geschichte der jungfräulichen Geburt Jesu entstanden ist, wenn auch diese Intention über den Ausdruck, den sie in der Geburtslegende gefunden hat, hinausgewachsen ist zum Gedanken der Präexistenz der Sohnschaft Jesu im ewigen Wesen Gottes. Der heutige Christ kann ferner auch die Intentionen teilen, deretwegen diese Formel in das Bekenntnis aufgenommen worden ist. In erster Linie ging es dabei darum, daß der Sohn Gottes wirklich identisch ist mit dem geschichtlichen Menschen Jesus von Nazareth … Dazu gehört zweitens, daß Jesus nicht erst von irgendeinem Zeitpunkt seiner Geschichte an zum Sohne Gottes wurde, sondern in seiner Person von Anfang an dieser eine Sohn Gottes, der Mittler der Herrschaft Gottes für die Menschheit gewesen ist und ist. So gesehen bringt die Formel von der Jungfrauengeburt die Endgültigkeit der Offenbarung Gottes in Jesus, der Verbindung Gottes mit diesem Menschen und durch ihn mit der Menschheit zum Ausdruck« (Pannenberg 1990 : 84).
Man kann es nur als inkonsequent bezeichnen, wenn Pannenberg es befürwortet, die auch von ihm als unhistorisch bezeichnete Jungfrauengeburt weiterhin zu bekennen. Er selbst ist sich dieser Inkonsequenz bewusst: »Die Alternative wäre ja nicht eine Änderung nur dieser Formulierung, sondern damit des ganzen Bekenntnisses überhaupt, das nur in seiner klassisch gewordenen Form das Zeichen der Einheit der Christenheit durch die Geschichte hin ist« (Pannenberg 1990 : 85).
Die Dinge auf den Kopf stellt Wilfried Härle (geb. 1941). Ihm zufolge kann die Lehre von der Jungfrauengeburt zum einen dazu führen, dass Jesus Christus als eine Art Halbgott erscheine, der weder wahrhaft Mensch noch wahrhaft Gott sei (Härle 1995 : 349). Zum anderen könnte sie in der Weise missverstanden werden, dass »die menschliche Sexualität ausgeschlossen werden müsse, um den göttlichen (und damit sündlosen) Ursprung Jesu Christi beschreiben zu können. Damit würde aber … die menschliche Sexualität in einem solch gefährlichen Maß in die Nähe der Sünde gerückt, daß ihre Kreatürlichkeit und damit gegebene Natürlichkeit kaum noch unbefangen wahrgenommen werden kann« (Härle 1995 : 350). Diese theologischen – »und nicht etwa die ebenfalls zu bedenkenden naturwissenschaftlich-medizinischen Einwände« – seien »die Hauptgründe, warum die Lehre von der Jungfrauengeburt als problematisch, ja als gefährlich zu beurteilen ist« (Härle 1995 : 350). Härle fährt fort:
»Aber trotz dieser Gefährlichkeit scheint es mir nicht richtig, die Bekenntnisformulierung: ›empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria‹ für ›erledigt‹ zu erklären. Sie weist nämlich auf ein theologisch zu bedenkendes Problem hin und enthält zur Lösung dieses Problems einen bedenkenswerten Hinweis. Das gilt freilich nur dann, wenn man die Rede von der Jungfrauengeburt, wie alle anderen Aussagen, die die Wirklichkeit und das Wesen Gottes betreffen, als metaphorische Rede erkennt und anerkennt … In der Jungfrauengeburt ist die menschliche Beteiligung nicht ausgeschaltet oder ausgeschlossen, aber auf das Einwilligen und Empfangen beschränkt … Die spezifisch männliche Art der Beteiligung (die freilich keineswegs auf Männer beschränkt ist) wird also durch die Rede von der Jungfrauengeburt als für das Geheimnis des göttlichen Ursprungs Jesu Christi ungeeignet ausgeschlossen, womit keineswegs die menschliche Beteiligung überhaupt ausgeschlossen ist« (Härle 1995 : 350 – 351).
Zu der in allen diesen Voten betriebenen Umdeutung der Jungfrauengeburt bemerkt Christoph Türcke treffend:
»Die Methode ist jedesmal gleich: Unterteilung der dogmatischen Aussagen in diejenigen, die man noch für bare Münze nehmen kann, und diejenigen, die man besser metaphorisch nimmt. Das Kriterium dabei ist aber gerade nicht die innere Logik, die einst den Zusammenhang der Dogmen zu einem geistigen Gebilde ersten Ranges machte, sondern die Frage, womit moderne Menschen sich noch identifizieren mögen und womit nicht mehr. So kommen etwa das Heilshandeln Gottes und der Erlösungstod Christi ins Töpfchen der Fakten, die Jungfrauengeburt und der Teufel ins Kröpfchen der Metaphern« (Türcke 1992 : 67).
Die Macht der Liturgie und die Konsequenzen
Zieht man demgegenüber die offiziellen Äußerungen der Evangelischen Kirche in Deutschland heran, so stellt sich der Befund etwas anders dar. In den Ausführungen zu Maria ist die fehlende Historizität der Jungfrauengeburt niemals Thema. Dies ist auch verständlich, denn Liturgie und Lieder heben nicht nur zum Weihnachtsfest unmissverständlich die Jungfräulichkeit der Maria hervor. Mag man im Religions- oder im Konfirmandenunterricht auch noch so viele Argumente dagegen vernehmen, so werden diese in den Ritualen und Liturgien des Gottesdienstes doch sofort wieder eingeschränkt, wenn nicht aufgehoben. Welche Bedeutung die Jungfräulichkeit der Maria in Kirchenliedern – zu verschiedenen Zeiten und Anlässen des Kirchenjahres – hat, soll an einigen Beispiele aus dem Evangelischen Gesangbuch (= EG, 1994) illustriert werden.
Advent:
EG 4,1:
Nun komm, der Heiden Heiland,
der Jungfrauen Kind erkannt,
daß sich wunder alle Welt,
Gott solch Geburt ihm bestellt.
EG 12,3:
Zions Hilf und Abrams Lohn,
Jakobs Heil, der Jungfrau Sohn,
der wohl zweigestammte Held
hat sich treulich eingestellt.
Weihnachten:
EG 23,1:
Gelobet seist du, Jesu Christ,
daß du Mensch geboren bist
von einer Jungfrau, das ist wahr;
des freuet sich der Engel Schar.
Kyrieleis.
EG 24,2:
Euch ist ein Kindlein heut geborn
von einer Jungfrau auserkorn,
ein Kindelein so zart und fein,
das soll eu’r Freud und Wonne sein.
EG, Nordelbischer Liederteil 541,1 – 3:
1. Der Tag, der ist so freudenreich
aller Kreature;
denn Gottes Sohn vom Himmelreich
über die Nature
von einer Jungfrau ist geborn.
Maria, du bist auserkorn,
daß du Mutter wärest.
Was geschah so wundergleich?
Gottes Sohn vom Himmelreich,
der ist Mensch geboren.
2. Ein Kindelein so löbelich
ist uns geboren heute
von einer Jungfrau säuberlich,
zu Trost uns armen Leuten.
Wär uns das Kindlein nicht geborn,
so wärn wir all zumal verlorn;
das Heil ist unser aller.
Ei du süßer Jesu Christ,
daß du Mensch geboren bist!
Behüt uns vor der Hölle.
3. Groß Wunderding sich bald begab,
wie uns die Schrift tut melden:
ein Engel kam vom Himmel herab
zu’n Hirten auf das Felde.
Ein großes Licht sie da umfing,
der Engel Gottes zu ihn’ ging,
verkündt ihn’ neue Märe,
daß zu Bethlehem in der Stadt
ein zart Jungfrau geboren hat
den Heiland aller Welte.
Passion:
EG 76,1:
O Mensch, bewein dein Sünde groß,
darum Christus seins Vaters Schoß
äußert und kam auf Erden;
von einer Jungfrau rein und zart
für uns er hier geboren ward,
er wollt der Mittler werden.
Den Toten er das Leben gab
und tat dabei all Krankheit ab,
bis sich die Zeit herdrange,
daß er für uns geopfert würd,
trüg unsrer Sünden schwere Bürd
wohl an dem Kreuze lange.
Liturgische Gesänge:
Aus EG 191:
Du König der Ehren, Jesu Christ,
Gott Vaters ewger Sohn du bist;
der Jungfrau Leib nicht hast verschmäht,
zu erlösen das menschlich Geschlecht.
Taufe und Konfirmation:
EG 203,1:
Ach lieber Herre Jesu Christ,
der du ein Kindlein worden bist,
von einer Jungfrau rein geborn,
dass wir nicht möchten sein verlorn …
Rechtfertigung und Zuversicht:
EG 341,6:
Der Sohn dem Vater g’horsam ward,
er kam zu mir auf Erden
von einer Jungfrau rein und zart;
er sollt mein Bruder werden.
Gar heimlich führt er sein Gewalt,
er ging in meiner armen G’stalt,
den Teufel wollt er fangen.
Die ökumenische Lage
Zusätzlich ist die ökumenische Situation im Auge zu behalten. Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche zum Beispiel fassen sich an den Kopf, wenn sie in den westlichen Kirchen die historische Bibelkritik mit den sich daraus ergebenden Folgen zur Kenntnis nehmen. Insbesondere kann weder die Ordination von Frauen noch eine positive Bewertung der Homosexualität von russisch-orthodoxer Seite akzeptiert werden. Daher ist ein großer Teil der russisch-orthodoxen Bischöfe ökumenefeindlich eingestellt. Und für die orthodoxe Kirche besteht kein Zweifel daran, dass Maria selbstverständlich immerfort Jungfrau geblieben sei.
Nun ist der deutsche Protestantismus der ökumenischen Idee, dem Streben nach der Einheit aller Christen, verpflichtet. Die Dachorganisation der deutschen Protestanten, die Evangelische Kirche in Deutschland, finanzierte noch vor zehn Jahren fast die Hälfte des Haushaltes des Ökumenischen Rats der Kirchen, doppelt so viel wie zum Beispiel ihre evangelischen Partnerkirchen in den USA (vgl. die Zahlen bei Besier 1997 : 61). Indes versteht die Mehrheit der Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rats der Kirchen – getreu der Bibel und der christlichen Tradition – die Jungfrauengeburt wörtlich. Daher überrascht es nicht, dass führende Vertreter der Evangelische Kirche in Deutschland trotz eindeutiger historischer Fakten und trotz besserer eigener Einsicht die Ungeschichtlichkeit der jungfräulichen Geburt Jesu aus Maria nicht thematisieren.
Zum weiteren Vorgehen
Angesichts des oben dargestellten protestantischen Wirrwarrs und der heiklen ökumenischen Lage ist es nicht verwunderlich, dass meist unbekannt ist, was die Kirchen bezüglich der Jungfrauengeburt wirklich lehren und was die Christen glauben (sollen).
Um an diesem Punkte Klarheit anzubahnen, will ich zunächst darstellen, wie Martin Luther und die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche (= BSLK) Maria verstanden haben. Danach wende ich mich der römisch-katholischen Lehre zu.
✶
Maria bei Martin Luther und in den lutherischen Bekenntnisschriften
Martin Luther
Nach Luthers Kommentar zu Psalm 22,10 (»Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen«) aus den Jahren 1513 bis 1515 wurde Jesus Christus aus dem Schoß der Maria gezogen und in den des Vaters aufgenommen. Dies alles geschah ohne Verletzung der Natur und offenbarte gleichzeitig Marias Ohnmacht, einen solchen Sohn hervorzubringen (vgl. WA 3 : 136).
Besonderes Gewicht legte Luther bei der Auslegung von Jes 7,14 (»Siehe, die almah ist schwanger und wird einen Sohn gebären; den wird sie nennen Immanuel«) auf die Deutung des hebräischen Wortes almah im Sinne von bethulah (= Jungfrau; vgl. WA 11 : 322 – 323). Er verteidigte daher die Jungfräulichkeit der Maria und wollte einhundert Gulden dem zahlen, der den Nachweis führen könnte, almah bedeute nicht »Jungfrau«, sondern »junge Frau« (vgl. WA 53 : 634). Dieser Nachweis ist inzwischen erbracht; Luther müsste den Betrag bezahlen (vgl. Luz 2002 : 152). Vgl. dazu weiter unten, S. 70 – 73.
In seiner Auslegung des Magnificat (= Lk 1,46 – 55) aus dem Jahr 1521 hält Luther daran fest, die heilige Jungfrau Maria sei »übernatürlich, (in) unversehrter Jungfrauschaft, eine Mutter geworden« (WA 7 : 549). Die »zarte Gottesmutter« möge man als leuchtendes Vorbild eines christlichen Lebens betrachten, das ganz aus Glaube und Gottes Gnade bestehe.
Luthers Kleiner Katechismus (1529) erwähnt die Jungfrauengeburt im Glaubensartikel von der Erlösung (ebenso der Große Katechismus aus demselben Jahr). Die nachfolgende Auslegung geht freilich nicht darauf ein. Der Grund hierfür lag darin, dass die Jungfrauengeburt keiner Erläuterung bedurfte. Sie war selbstverständlich.
In Luthers Schmalkaldischen Artikeln (1537) wird so formuliert: »Daß der Sohn sei also Mensch geworden, daß er vom heiligen Geist ohne männliches Zutun empfangen und von der reinen, heiligen Jungfrau Maria geboren sei« (BSLK: 414).
Luther hat auch den Ausdruck »Gottesgebärerin« des Konzils von Ephesus aus dem Jahre 431 n. Chr. bejaht. Das Konzil hat nach Luther nichts Neues im Glauben festgestellt, sondern nur den alten Glauben verteidigt. Denn dieser Artikel sei von Anfang an in der Kirche vorhanden gewesen (vgl. WA 50 : 590 – 591). (Vgl. zu Luther den Überblick bei Grass 1991 : 44 – 57.)
Lutherische Bekenntnisschriften
Die soeben genannten Schriften Luthers, der Kleine und der Große Katechismus sowie die Schmalkaldischen Artikel, sind Teil der Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Wir wenden uns nun drei weiteren Stücken aus ihnen zu, dem Augsburger Bekenntnis samt seiner Apologie und der Konkordienformel.
Das von Philipp Melanchthon verfasste Augsburger Bekenntnis (1530) übernimmt selbstverständlich die Lehre von der Jungfrau Maria und von der jungfräulichen Geburt Christi dort, wo man sich auf das altkirchliche Bekenntnis beruft. In Artikel III wird gelehrt, »daß Gott der Sohn sei Mensch geworden, geboren aus der reinen Jungfrau Maria« (BSLK: 54).
Die ebenfalls aus der Feder Philipp Melanchthons stammende Apologie des Augsburger Bekenntnisses aus dem Jahr 1531 enthält keine Ausführungen zur Jungfrauengeburt. Dagegen findet sich in Artikel XXI (»Von der Anrufung der Heiligen«) eine Kritik am Marienkult.
Mit Bezug auf eine damals gängige Absolutionsformel (»Das Leiden unseres Herrn Jesu Christi, die Verdienste der allerseligsten Jungfrau Maria und aller Heiligen sollen dir zur Vergebung der Sünden sein«) und auf ein Gebet (»Mutter der Gnaden, behüte uns vor dem Feind, nimm uns auf in der Todesstunde!«) schreibt Melanchthon:
Wie sehr wir auch zugestehen, daß die selige Maria für die Kirche betet – nimmt sie (etwa) selbst die Seelen im Tode auf, besiegt sie den Tod, macht sie lebendig? Was tut Christus, wenn das die selige Maria tut? Wenn sie auch der höchsten Ehren Würdigste ist, will sie doch nicht Christus gleichgestellt werden, sondern sie will vielmehr, dass wir ihre beispielhaften Taten im Auge haben und umfassen. Aber die Erfahrung selbst bestätigt, dass nach der öffentlichen Meinung die selige Jungfrau ganz und gar an die Stelle Christi getreten ist. Die Menschen riefen sie an, vertrauten auf ihre Barmherzigkeit, wollten durch sie Christus versöhnen, als wenn jener nicht der Versöhner, sondern nur der schreckliche Richter und Rächer wäre … Wir (aber) wissen, dass allein Christi Verdienste für uns die Versöhnung sind … Man darf also nicht darauf vertrauen, dass wir für gerecht gehalten werden durch die Verdienste der seligen Jungfrau oder der anderen Heiligen (BSLK: 322 – 323; Übersetzung des lateinischen Textes).
Die Konkordienformel aus dem Jahre 1577 macht folgende Aussage zur Jungfrau Maria:
Um dieser persönlichen Vereinigung und Gemeinschaft willen der Naturen (= der göttlichen und der menschlichen Natur Jesu Christi) hat Maria, die hochgelobte Jungfrau, nicht einen pur lauteren Menschen, sondern einen solchen Menschen, der wahrhaft der Sohn Gottes des Allerhöchsten ist, geboren, wie der Engel (be)zeuget; welcher seine göttliche Majestät auch im Mutterleibe erzeiget, daß er von einer Jungfrau unverletzt ihrer Jungfrauschaft geboren; darum sie wahrhaftig Gottes Mutter und gleichwohl eine Jungfrau geblieben ist (BSLK: 1024).
Mit anderen Worten: Diese Bekenntnisschrift lehrt nicht nur die Jungfrauengeburt, sondern ebenso wie Martin Luther die Unverletztheit des Jungfernhäutchens der Maria während Zeugung und Geburt.
✶
Maria in der römisch-katholischen Lehre
Es gibt vier auf Maria bezogene Dogmen, die für Katholiken bindend sind:
die göttliche Mutterschaft,
die immerwährende Jungfräulichkeit,
die unbefleckte Empfängnis,
die Aufnahme in den Himmel.
Diese Punkte gehe ich der Reihe nach durch und zitiere jeweils, was der im Jahre 1993 publizierte »Katechismus der Katholischen Kirche« zu den einzelnen Fragen ausführt. Zum Vergleich erfolgt im Anschluss an die einzelnen Textauszüge jeweils ein kurzer Blick auf die reformatorische Lehre des 16. Jahrhunderts und auf die der griechisch-orthodoxen Kirche der Gegenwart. Dies geschieht, um die Gemeinsamkeiten der drei großen Kirchen auszuloten.
Göttliche Mutterschaft
Katechismus der Katholischen Kirche
§ 466: … Die menschliche Natur Christi hat kein anderes Subjekt als die göttliche Person des Sohnes Gottes, die sie angenommen und schon bei der Empfängnis sich zu eigen gemacht hat. Deswegen hat das gleiche Konzil (sc. von Ephesus) verkündet, dass Maria dadurch, dass sie den Sohn Gottes in ihrem Schoß empfing, wirklich »Gottesgebärerin« geworden ist, »nicht etwa weil die Natur des Wortes beziehungsweise seine Gottheit den Anfang des Seins aus der heiligen Jungfrau genommen hätte, sondern weil der vernünftig beseelte heilige Leib aus ihr geboren wurde; mit ihm hat sich das Wort der Hypostase [Person] nach geeint, und deshalb wird von ihm gesagt, es sei dem Fleische nach geboren worden« (DS 251) (DS = Denzinger/Schönmetzer 1976).
§ 495: In den Evangelien wird Maria »die Mutter Jesu« genannt (Joh 2,1; 19,25). Weil der Heilige Geist dazu anregt, wird sie schon vor der Geburt ihres Sohnes als »die Mutter meines Herrn« bejubelt (Lk 1,43). Der, den sie durch den Heiligen Geist als Menschen empfangen hat und der dem Fleische nach wirklich ihr Sohn geworden ist, ist ja kein anderer als der ewige Sohn des Vaters, die zweite Person der heiligsten Dreifaltigkeit. Die Kirche bekennt, dass Maria wirklich Mutter Gottes … ist.
Das heißt also, Jesus Christus war wirklicher Gott und wirklicher Mensch. Da seine Geburt als die Geburt des menschgewordenen Gottes zu betrachten sei, müsse die Mutter Jesu folgerichtig Mutter Gottes – Gottesgebärerin – genannt werden.
Diesen Beschluss des Konzils von Ephesus haben die Reformatoren nie in Frage gestellt (vgl. oben, S. 18). Er wird bis in die Gegenwart ausdrücklich auch von der griechisch-orthodoxen Kirche bekräftigt.
Der römisch-katholischen Mariologie der Gegenwart zufolge spielte Maria bei der Geburt Jesu eine aktive Rolle. Eine unwillige Empfängnis wäre eine unvollkommene Empfängnis, und diese würde eine unvollkommene Mutterschaft nach sich ziehen. Die Antwort Marias an den Engel: »Mir geschehe nach deinem Wort« (Lk 1,38), sei Ausdruck ihrer Empfängnisbereitschaft in seelischer wie auch physischer Hinsicht: Maria habe ihren Sohn Jesus zuerst mit ihrer Seele durch Glauben empfangen, bevor die Empfängnis in ihrem Mutterleib stattfand. Dies ist zweifellos eine folgerichtige Auffassung, wenn man den gerade zitierten Text Lk 1,38 wörtlich versteht. Der Engel Gabriel hatte Maria angekündigt: »Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben« (Lk 1,31). Auf die Frage der Maria, wie das angesichts ihres fehlenden sexuellen Verkehrs zugehen könne, antwortet der Engel: »Heiliger Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten …« (Lk 1,35). Darauf ist Maria als »Sklavin des Herrn« (Lk 1,38) zur Empfängnis bereit, und die Geschichte nimmt ihren bekannten Verlauf.
Immerwährende Jungfräulichkeit
Katechismus der Katholischen Kirche
§ 499: Ein vertieftes Verständnis ihres Glaubens an die jungfräuliche Mutterschaft Marias führte die Kirche zum Bekenntnis, dass Maria stets wirklich Jungfrau geblieben ist, auch bei der Geburt des menschgewordenen Gottessohnes. Durch seine Geburt hat ihr Sohn »ihre jungfräuliche Unversehrtheit nicht gemindert, sondern geheiligt« (LG 57). Die Liturgie der Kirche preist Maria als die »allzeit Jungfräuliche« [Aeiparthenos] (LG = Dogmatische Konstitution über die Kirche »Lumen gentium« vom 21. Nov. 1964).
§ 500: Man wendet manchmal dagegen ein, in der Schrift sei von Brüdern und Schwestern die Rede. Die Kirche hat diese Stellen immer in dem Sinn verstanden, dass sie nicht weitere Kinder der Jungfrau Maria betreffen.
§ 501: Jesus ist der einzige Sohn Marias. Die geistige Mutterschaft Marias aber erstreckt sich auf alle Menschen, die zu retten Jesus gekommen ist: »Sie gebar einen Sohn, den Gott zum ›Erstgeborenen unter vielen Brüdern‹ (Röm 8,29) gesetzt hat, den Gläubigen nämlich, bei deren Geburt und Erziehung sie in mütterlicher Liebe mitwirkt« (LG 63).
Diese Ausführungen setzen voraus:
a) Maria war eine Jungfrau vor der Empfängnis Jesu, und die Empfängnis geschah ohne männliche Befruchtung und daher ohne die Beschädigung des Jungfernhäutchens der Maria vor der Geburt.
b) Maria blieb jungfräulich während der Geburt Jesu: In dem Prozess der Geburt, als das Kind durch die natürlichen Kanäle des Leibes Marias hindurchging und auf die Welt kam, blieb ihr Jungfernhäutchen unbeschädigt. Die Verfasser des Katechismus bestreiten in § 499 ausdrücklich, dass durch die Geburt Jesu die Jungfräulichkeit Marias gemindert worden sei. Sie machen folglich auch eine biologische Aussage.
Dies entspricht einem breiten Konsens innerhalb der heutigen römisch-katholischen Theologie. So heißt es in einem kürzlich erschienen Beitrag:
Die kirchliche Lehre definiert nicht die Art und Weise des Geburtsvorganges, bestimmt aber mit hinreichender Deutlichkeit die Unversehrtheit der physischen Integrität. Eingeschlossen ist dabei mit der Lehrentscheidung der Lateransynode (sc. aus dem Jahr 649 n. Chr.) der wunderbare Charakter des Vorganges. Andernfalls würde die Rede von der Jungfräulichkeit in der Geburt zu einer Leerformel, die keinen Inhalt mehr angibt und bei der nächsten Revision des Katechismus zu entsorgen wäre (Hauke 2007 : 130)
Diese Ausführungen richten sich offenbar gegen den berühmten römisch-katholischen Theologen Karl Rahner, demzufolge das kirchliche Dogma nicht die Unverletztheit von Marias Hymen zum Inhalt habe, sondern auf das subjektive Erleben ziele: Die »subjektive erlebnishafte Seite der Geburt war bei Maria anders als bei den anderen Menschen« (Rahner 1962 : 202). Rahner findet mit seiner Position unter den heutigen Lehrstuhlinhabern an römisch-katholischen Fakultäten nur noch wenig Unterstützung.
c) Maria hatte keine anderen Kinder außer Jesus; und obwohl sie mit Joseph verheiratet war, hatte sie keinen geschlechtlichen Verkehr mit ihm.
Die Reformatoren stimmten dem Dogma von der immerwährenden Jungfräulichkeit zu (vgl. oben, S. 17 – 19). Ebenso die griechischorthodoxe Kirche. Für sie ist der Mutterleib der Gottesgebärerin ein heiliger Tempel.
Unbefleckte Empfängnis
Die Lehre von der unbefleckten Empfängnis bezieht sich nicht auf die Geburt Jesu, wie fälschlicherweise oft angenommen wird, sondern auf die Geburt Marias durch ihre Mutter »Anna«. Maria, die den Gottessohn zur Welt bringen soll, muss bereits ohne Sünde empfangen worden sein – so die innere Logik dieses Lehrsatzes, der erst seit dem 14. Jahrhundert allmählich anerkannt wurde.
Katechismus der Katholischen Kirche
§ 491: Im Laufe der Jahrhunderte wurde sich die Kirche bewusst, dass Maria, von Gott »mit Gnade erfüllt« (Lk 1,28), schon bei ihrer Empfängnis erlöst worden ist. Das bekennt das Dogma von der unbefleckten Empfängnis, das 1854 von Papst Pius IX. verkündigt wurde: »… dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch die einzigartige Gnade und Bevorzugung des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von jeglichem Makel der Urschuld unversehrt bewahrt wurde« (DS 2803).
§ 492: Dass sie »vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an im Glanz einer einzigartigen Heiligkeit« erstrahlt (LG 56), kommt ihr nur Christi wegen zu: Sie wurde im »Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabenere Weise erlöst« (LG 53). Mehr als jede andere erschaffene Person hat der Vater sie »mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch [die] Gemeinschaft mit Christus im Himmel« (Eph 1,3). Er hat sie erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit sie in Liebe heilig und untadelig vor ihm lebe.
§ 493: Die ostkirchlichen Väter nennen die Gottesmutter »die Ganzheilige« [Panhagia]; sie preisen sie als »von jedem Sündenmakel frei, gewissermaßen vom Heiligen Geist gebildet und zu einer neuen Kreatur gemacht« (LG 56). Durch die Gnade Gottes ist Maria während ihres ganzen Lebens frei von jeder persönlichen Sünde geblieben.
Die Reformatoren zeigten sich der Lehre der unbefleckten Empfängnis gegenüber spröde, da es nicht in der Schrift enthalten sei. Auch Maria fiel nach ihrer Auffassung unter die Erbsünde.
Die griechisch-orthodoxe Kirche kennt zwar das Fest der Empfängnis der Anna (9. Dezember); jedoch liegt bei ihr die Betonung nicht auf der »unbefleckten Empfängnis«, sondern darauf, dass die Eltern der Maria, »Joachim« und »Anna«, trotz ihres hohen Alters Leben hervorbringen konnten. Zudem sieht die griechisch-orthodoxe Kirche Maria auch ganz auf der Seite der Menschen, die sterben müssen, weil sie gesündigt haben.
Aufnahme in den Himmel
Katechismus der Katholischen Kirche
§ 966: »Schließlich wurde die unbefleckte Jungfrau, von jedem Makel der Erbsünde unversehrt bewahrt, nach Vollendung des irdischen Lebenslaufs mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen und als Königin des Alls vom Herrn erhöht, um vollkommener ihrem Sohn gleichgestaltet zu sein, dem Herrn der Herren und dem Sieger über Sünde und Tod« (LG 59). Die Aufnahme der heiligen Jungfrau ist eine einzigartige Teilhabe an der Auferstehung ihres Sohnes und eine Vorwegnahme der Auferstehung der anderen Christen.
Als Kurztext heißt es
§ 974: Nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes wurde die heiligste Jungfrau Maria mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen, wo sie schon an der Auferstehungsherrlichkeit ihres Sohnes teilhat und so die Auferstehung aller Glieder seines Leibes vorwegnimmt.
Das Dogma der Aufnahme Marias in den Himmel wurde am 1. November 1950 von Papst Pius XII. verkündet. Am Ende seiner Bulle heißt es:
… wir verkündigen, erklären und definieren, dass es ein göttlich offenbartes Dogma sei, dass die unbefleckte Gottesgebärerin, die immerwährende Jungfrau Maria, nachdem sie ihr irdisches Leben beendet hat, mit Körper und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde (DS 3903).
Der Leib Marias ist demnach sofort nach Abschluss ihres Lebens in den Himmel versetzt worden. Auf welche Weise das geschehen sein soll, wird nicht ausgeführt. Selbst der Tod Marias bleibt unerwähnt.
Gemäß dem Wortlaut der Bulle erfolgt die Aufnahme in den Himmel einfach nach der Beendigung des Erdenlebens. Auf dieser Grundlage schließen manche Theologen, Maria sei überhaupt nicht gestorben. Andere meinen, sie sei zwar gestorben, ihr Leichnam aber nicht verwest und nach der Auferweckung vom Tode sofort wieder mit der Seele vereinigt worden (vgl. Børresen 1988 : 79 – 80).
Dieses Dogma findet keine Zustimmung in der griechisch-orthodoxen Kirche, die am 15. August das Fest »Entschlafen der Gottgebärerin« begeht. Die Reformatoren hatten gegenüber der Lehre von der Aufnahme Marias in den Himmel ebenfalls Vorbehalte (vgl. Scheffczyk 2002 : 800).
✶
Maria in der römisch-katholischen Frömmigkeit
Die Steigerung der Würde von Jesu Mutter innerhalb der römischkatholischen Kirche ist besser zu verstehen, wenn man die Marienfrömmigkeit stärker berücksichtigt. An Gewicht kaum zu überschätzen sind die vielfachen »Erscheinungen« der Maria, von denen es aber keine wissenschaftlichen Dokumentationen gibt (vgl. dazu allgemein Rahner 1958). Wir befinden uns hier von vornherein auf schwankendem Boden.
Im Folgenden zitiere ich relativ ausführlich aus den Schilderungen zweier Frauen, Elisabeth von Schönau und Anna Katharina Emmerich. Ihre Beschreibungen von Erscheinungen Marias sind nämlich genauer als die zumeist nur kurzen Berichte anderer Zeuginnen.
Die Marienerscheinungen vor Elisabeth von Schönau
Elisabeth von Schönau (1129 – 1164) empfing nicht nur viele Christuserscheinungen, sie hatte auch zahlreiche Marienvisionen. Sie trat im Alter von zwölf Jahren in das Benediktinerkloster Schönau ein. Elisabeth war oft krank, und ihre Ekstasen wurden häufig von schmerzhaften Anfällen begleitet. Ihr Bruder, Ekbert von Schönau, hat ihre Aufzeichnungen zusammengestellt und dabei, wie sich an einigen Stellen zeigt, auch eigene Gedanken einfließen lassen.
In einer ihrer Visionen sah Elisabeth die Auferstehung Marias aus dem Grab und ihre Aufnahme in den Himmel:
In dem Jahr, in dem mir vom Engel des Herrn das Buch der Gotteswege verkündigt wurde, an dem Tag, an dem die Kirche die Oktav der Aufnahme unserer Herrin feiert, war ich zur Stunde des Gottesdienstes in der Entrückung des Geistes, und es erschien mir nach ihrer Art jene, meine Trösterin, die Himmelsherrin.
Da fragte ich sie, wie ich von einem unserer Älteren vorher ermahnt worden war, und sagte: »Meine Herrin, möge es deiner Wohlwollenheit gefallen, uns zu würdigen, darüber Auskunft zu geben, ob du nur im Geiste in den Himmel aufgenommen wurdest oder auch im Fleische.«
Dies aber sagte ich deshalb, weil, wie man spricht, sich darüber in den Büchern der Väter nur mit Zweifel Geschriebenes findet.
Und sie sagte mir: »Was du fragst, kannst du noch nicht wissen. Es wird aber so sein, dass durch dich dies geoffenbart werden wird.«
Daher wagte ich während des ganzen Zeitraumes dieses Jahres nicht, darüber entweder von dem Engel, der mir vertraut ist, noch von ihr, wenn sie sich mir zeigte, etwas weiteres zu erfragen. Es legte mir aber jener Bruder (= Ekbert), der mich zu dieser Nachforschung drängte, einige Gebete auf, mit denen ich von ihr die Offenbarung erlangen sollte, die sie mir versprochen hatte. Und als nach Ablauf eines Jahres das Fest ihrer Himmelfahrt wiedergekommen war, war ich durch eine vieltägige Krankheit schwach, und wie ich zur Zeit des Gottesdienstes im Bett lag, kam ich mit heftiger Anstrengung in eine Entraffung des Geistes. Und ich schaute an einem weit entfernten Ort ein mit viel Licht umflossenes Grab und etwas wie eine Frauengestalt darin, und herum stand eine große Menge von Engeln. Und nach einem Augenblick wurde sie aus dem Grab aufgerichtet, und zugleich mit jener Menge der Dabeistehenden wurde sie in die Höhe erhoben. Und als ich aufblickte, siehe, da kam ihr von der Himmelshöhe ein über alle Vorstellungen verklärter Mann entgegen, der in der Rechten ein Kreuzzeichen trug, an dem auch eine Fahne erschien. Ich erkannte, dass er der Herr und Heiland selbst war und eine unendliche Menge von Engeln mit ihm. Und sie so froh empfangend, brachten sie sie mit großem Chorgesang in die Himmelshöhe hinweg. Und nachdem ich dies so erblickt hatte, schritt meine Herrin nach kurzer Zeit zur Lichtpforte, in der ich sie üblicherweise sehe, blieb stehen und zeigte mir ihre Verklärung.
In derselben Stunde war der Engel des Herrn bei mir, … und ich sagte zu ihm: »Mein Herr, was bedeutet diese große Vision, die ich schaute?«
Und er sagte: »Gezeigt wurde dir in dieser Vision, wie sowohl im Fleisch als auch im Geist unsere Herrin in den Himmel aufgenommen wurde« (Übersetzung nach Dinzelbacher 1989 : 101 – 103).
Später berichtet Elisabeth, Maria habe ihr gesagt, alle Apostel des Herrn seien bei ihrem Begräbnis dabei gewesen: »Alle waren da und übergaben mit großer Ehrerbietung meinen Leib der Erde« (Dinzelbacher 1989 : 105).
Die Marienerscheinungen vor Anna Katharina Emmerich
Die Erscheinungen Marias vor der seit Dezember 1812 stigmatisierten Augustinernonne Anna Katharina Emmerich (1774 – 1824) erlangten durch die literarische Bearbeitung von Clemens Brentano (1778 – 1842) Berühmtheit und wirken bis heute. Anna Katharina Emmerich erzählt, wie sie die junge Maria und ihre Mutter »Anna« geschaut habe:
Als ich gestern abend zu Nacht gebetet hatte und kaum eingeschlafen war, trat eine Person an mein Bett, und ich erkannte in ihr eine Jungfrau, die ich schon früher oft gesehen hatte. Sie sprach ganz kurz zu mir: Du hast heute viel von mir gesprochen, nun sollst du mich auch sehen, damit du dich nicht in mir irrest. – Ich fragte sie aber: »Habe ich auch wohl zuviel geredet?«
Da erwiderte sie kurzweg: »Nein!« und verschwand. – Sie war noch im jungfräulichen Stande, war schlank und anmutig; sie hatte den Kopf mit einer weißen Kappe bedeckt, welche im Nacken, zusammengezogen mit einem Zipfel endigend, niederging, als seien ihre Haare darin verschlossen. Ihr langes, sie ganz bedeckendes Kleid war von weißlicher Wolle, die anschließenden Ärmel erschienen nur um die Ellbogen etwas kraus gebauscht. Hierüber trug sie einen langen Mantel von bräunlicher Wolle wie von Kamelhaaren.
Kaum hatte ich mich mit Rührung über diese Erscheinung gefreut, als plötzlich in ähnlicher Kleidung eine bejahrte Frau mit etwas gebeugterem Haupte und sehr eingefallenen Wangen vor mein Lager trat, sie war wie eine schöne, hagere, etwa 50 Jahre alte Jüdin. – Ich dachte schon: »Ei, was will denn die alte Judenfrau bei mir?« Da sprach sie zu mir: »Du brauchst nicht zu erschrecken, ich will mich dir nur zeigen, wie ich gewesen bin, da ich die Mutter des Herrn geboren, damit du dich nicht irrst.« Ich fragte sogleich: »Ei, wo ist denn das liebe Kindlein Maria?« Und sie erwiderte: »Ich habe sie jetzt nicht bei mir.« – Da fragte ich weiter: »Wie alt ist sie denn jetzt?« Und sie antwortete: »Vier Jahre«; und ich fragte abermals: »Habe ich dann auch recht geredet?« Und sie sprach kurz: »Ja!« Ich aber bat sie: »Oh, mache doch, dass ich nicht zuviel sage!« Sie antwortete nichts und verschwand.
Nun erwachte ich und überdachte alles, was ich von der Mutter Anna und der Kindheit der heiligen Jungfrau gesehen, und alles ward mir klar, und ich fühlte mich ganz glückselig. Am Morgen wieder entschlummert, sah ich ein neues, sehr schönes und zusammenhängendes Bild. Ich glaubte es nicht vergessen zu können, aber der kommende Tag fiel mit so vielen Störungen und Leiden über mich, dass ich nichts mehr davon übrig habe (Emmerich 1992 : 72 – 73).
Die Vorgänge im Himmel nach der Geburt der Maria hat Anna Katharina Emmerich folgendermaßen »gesehen«:
Im Augenblicke, als das neugeborene Kind Maria auf den Armen der heiligen Mutter Anna ruhte, sah ich es zugleich im Himmel vor dem Angesichte der allerheiligsten Dreifaltigkeit dargestellt und von unbeschreiblicher Freude aller himmlischen Heerscharen begrüßt. – Da erkannte ich, dass ihr alle ihre Seligkeiten, Schmerzen und Geschicke auf eine übernatürliche Weise bekannt gemacht wurden. Maria ward von unendlichen Geheimnissen unterrichtet, und doch war und blieb sie ein Kind. Dieses ihr Wissen können wir nicht verstehen, weil unser Wissen auf dem Baume der Erkenntnis gewachsen ist. Sie wusste alles dieses, wie ein Kind die Brust seiner Mutter weiß, und dass es an ihr trinken soll. Als mir die Anschauung verschwand, wie das Kind Maria so durch die Gnade zum Himmel unterrichtet ward, hörte ich es zum ersten Male weinen (Emmerich 1992 : 92).
Die Vision von der Geburt Jesu:
Ich sah den Glanz um die heilige Jungfrau immer größer werden, das Licht der Lampe, welches Joseph angezündet hatte, war nicht mehr sichtbar. Sie kniete in einem weiten, gürtellos um sie her ausgebreiteten Gewande, das Angesicht gegen Morgen gewendet, auf ihrem Ruheteppich.
In der zwölften Stunde der Nacht ward sie im Gebete entzückt. Ich sah sie von der Erde emporgehoben, so dass ich den Boden unter ihr sah. Sie hatte die Hände auf der Brust gekreuzt. Der Glanz um sie her mehrte sich, alles, selbst das Leblose, war in freudiger innerer Bewegung, das Gestein der Decke, der Wände, des Bodens der Höhle ward wie lebendig in dem Lichte. – Nun aber sah ich die Decke des Gewölbes nicht mehr, eine Bahn von Licht öffnete sich über Maria bis in den höchsten Himmel mit steigendem Glanze.
In dieser Lichtbahn war eine wunderbare Bewegung von Glorien, die sich durchdringend und nähernd deutlicher in der Form himmlischer Geisterchöre erschienen. – Die heilige Jungfrau aber, in Entzückung emporgetragen, betete nun zur Erde niederschauend ihren Gott an, dessen Mutter sie geworden war, der als ihr neugeborenes hilfloses Kind vor ihr an der Erde lag.
Ich sah unseren Erlöser als ein leuchtendes, ganz kleines Kind, das mit seinem Lichte allen umgebenden Glanz überstrahlte, auf dem Teppich vor den Knien der heiligen Jungfrau liegen. Es war mir, als sei es ganz klein und werde vor meinen Augen größer. Alles dieses aber war nur eine Bewegung von so großem Glanze, dass ich nicht bestimmt sagen kann, wie ich es gesehen.
Die heilige Jungfrau war noch eine Zeitlang so entzückt, und ich sah, wie sie ein Tuch über das Kind legte, aber sie fasste es noch nicht an und nahm es noch nicht auf. Nach einer geraumen Zeit sah ich das Jesuskind sich regen und hörte es weinen, da war es, als komme Maria zu sich, und sie nahm das Kindlein, welches sie mit dem darübergedeckten Tuche einhüllte, von dem Teppich auf und hielt es in den Armen auf ihre Brust. Sie saß nun und verhüllte sich ganz mit dem Kinde in ihrem Schleier, und ich glaube, Maria säugte den Erlöser. Da sah ich um sie her ganz menschlich gestaltete Engel vor dem Kinde anbetend auf dem Angesicht liegen.
Es mochte wohl eine Stunde nach der Geburt sein, als Maria den heiligen Joseph rief, der noch im Gebete lag (Emmerich 2002 : 226 – 27).
Der subjektive Charakter von Marienerscheinungen
Diese Visionen sind Erzeugnisse der sprudelnden Phantasie hochsensibler Frauen und ganz auf der Grundlage der römisch-katholischen Marientraditionen (Verehrung der Mutter Marias, Auferstehung und Himmelfahrt Marias) gewonnen. Sie belegen, wie eine (imaginäre) Bilderwelt auf Menschen einstürmen kann, wenn erstens bestimmte äußere Bedingungen wie Schlafentzug und Krankheit gegeben sind und zweitens die religiöse Bilderwelt durch intensive Beschäftigung mit ihr und durch einen institutionellen Rahmen gegenwärtig ist. All das begründet die Annahme, dass diese Erscheinungen subjektiv sind und mit einer externen Wirklichkeit nichts zu tun haben: Die Maria, die Elisabeth von Schönau und Anna Katharina Emmerich geschaut haben, gibt es außerhalb der Phantasie der beiden Frauen nicht.
Berühmte Marienerscheinungen in neuerer Zeit
Zu den berühmtesten Marienerscheinungen in neuerer Zeit (vgl. dazu die Auflistungen bei Ziegenaus 1995) gehören die Erscheinungen von Lourdes (1858), Fatima in Portugal (1917) und Medjugorje (seit 1981), einem Dorf in Bosnien-Herzegowina. Doch stellen sie nur einen kleinen Ausschnitt aus einer Fülle ähnlicher Erscheinungen dar.
Von Jahrhundert zu Jahrhundert steigt die Zahl der Erscheinungen: Zeigte sich Maria im 18. Jahrhundert nur dreißigmal, so im 19. Jahrhundert schon knapp 200mal und im 20. Jahrhundert gut 450mal. Zwischen 1930 und 1950 untersuchten kirchliche Behörden allein in Westeuropa nicht weniger als etwa 300 Marienerscheinungen, die zum größten Teil einfachen Dorfkindern zuteil geworden sein sollen. Maria hatte ihnen meistens ans Herz gelegt, zu Gebet, Buße und Rosenkranzgebet aufzurufen.
Theologische Begründung der Marienerscheinungen
Warum zeigt sich Maria immer öfter? Kirchlich-theologische Kreise verweisen gelegentlich auf die gegenwärtige »Endzeitsituation«. Das erste Kommen Jesu sei in Niedrigkeit geschehen; daher blieb auch Maria im Verborgenen. Das zweite Kommen Jesu aber werde in Herrlichkeit erfolgen, und seine Mutter habe hier eine vorbereitende Aufgabe. Dies sei durch ihre vielfachen Erscheinungen bewiesen worden (so Bischof Rudolf Graber im Jahr 1984; vgl. Hanauer 1997 : 86). Ein solches Verständnis ist indes nicht plausibler als der Glaube zahlreicher Sekten der Gegenwart, welche – oft im Widerspruch zueinander – die Bibel als Fahrplan für die letzten Dinge vor der Wiederkunft Christi lesen.
Empirische Gründe für Marienerscheinungen
Der Statistik zufolge werden Marienerscheinungen immer häufiger, und zwar sowohl in Westeuropa als auch in Nordamerika. Dafür gibt es verschiedene Erklärungsmöglichkeiten:
a) Die zunehmende Technisierung der Welt wie auch Modernisierungstendenzen innerhalb des Katholizismus verstärken die Sehnsucht von Gläubigen nach einer persönlichen Begegnung mit dem Göttlichen.
b) Maria lässt sich als »Göttin« auffassen. »Göttin Mutter« zusammen mit »Gott Vater« und »Gottes Sohn« können so als das himmlische Urbild der irdischen Familie gesehen werden. Die nämlich gilt es zu bewahren. Erst so ist die Welt in Ordnung.
c) Maria wird zur Projektion weiblicher Idealvorstellungen von Gott. Als Inbegriff der liebevollen und barmherzigen Mutter entspricht sie zudem der allgemeinmenschlichen Sehnsucht nach Geborgenheit und tritt an die Seite des »gerechten« und strengen Vatergottes.
d) Als von Gott erwählte, gehorsame Jungfrau dient sie dazu, Frauen zur Entsexualisierung ihres Körpers und zur Demut anzuhalten. Jedenfalls lädt die Gipsfigur in der Grotte von Lourdes zu dieser Deutung geradezu ein. Dort sieht man eine Maria mit niedergeschlagenen Augen und mit einem bis zur Unerkennbarkeit eingehüllten Körper.
e) Auch Männer finden Gefallen an einer solchen desexualisierten, reinen Heiligen. Um der eigenen sexuellen Probleme Herr zu werden, stilisieren sie Maria zur reinen Jungfrau.
Gründe für die kirchliche Anerkennung von Marienerscheinungen
In manchen Fällen ist der Grund für die kirchliche Anerkennung von Marienerscheinungen überdeutlich. Sie erfolgt dann, wenn die Vision kirchliche Dogmen stützt. So schaute am 11. Februar 1858 die fast vierzehnjährige Bernadette Soubirous in einer Grotte bei Lourdes eine »junge, wunderschöne Dame, ganz vom Licht umflossen«. Sie war »bestürzt«, berichtete Bernadette später und glaubte an eine »Täuschung«. Doch es war keine. Nach der Vernehmung durch den örtlichen Bischof befahl dieser der Seherin, die »wunderschöne Dame« nach ihrem Namen zu fragen. Nach dreimaliger Bitte stellte sich die Dame vor als »die unbefleckte Empfängnis«. Zweifellos stärkte dies die damals vier Jahre alte päpstliche Definition dieses Dogmas und förderte damit zugleich die offizielle kirchliche Anerkennung der Marienerscheinung von Lourdes. Bernadette sagte später folgerichtig, die Dame sei ihr erschienen, um die Worte des Papstes zu bestätigen. So bekam dieses Dogma »himmlische Rückendeckung«.
Eine Episode aus der Gegenwart belegt, dass katholische Würdenträger die Marienerscheinungen für ein reales Geschehen in Raum und Zeit halten (zum Folgenden vgl. Hanauer 1997 : 133 – 134). In einer Predigt in Fatima im Jahr 1990 sagte der Kölner Kardinal Joachim Meisner, Portugal habe der Maria Raum und Heimat gegeben. Von Fatima aus habe sie Christus wieder nach Europa getragen, um den bedrängten Jüngern ihres Sohnes in den gottlosen kommunistischen Staaten Osteuropas zu helfen. Meisner wörtlich: »Ich bin gekommen, um den Portugiesen zu danken, dass sie Maria für dieses Bekehrungswerk in Fatima Aufnahme gewährt haben.«
Dazu bemerkt Josef Hanauer: »Phrasen, nichts als Phrasen. Kardinal Meisner behauptet, Maria habe von Fatima aus Christus wieder nach Europa getragen. Wo war denn Christus vorher?« (1997 : 134). Gewiss verdient die Kritik Hanauers Gehör. Doch Tatsache bleibt: Millionen von katholischen Gläubigen nehmen die Worte des Kardinals ernst.
Ertrag
Die angeführten Beispiele betreffen nur einen Bruchteil einer Fülle von Marienerscheinungen. Kirchliche Untersuchungskommissionen haben viel Zeit und Energie darauf verwandt, ihre Authentizität zu prüfen. Beispielsweise muss eine bestimmte Anzahl von unerklärbaren Heilungen am betreffenden Ort nachgewiesen werden, damit die kirchliche Anerkennung folgen kann. So sind in Lourdes von der katholischen Kirche ungefähr 65 Fälle als wunderbare Heilungen anerkannt worden, während die Ärzte etwa 1300 als unerklärbar bezeichnet haben. Das internationale Ärztekomitee von Lourdes, dem 25 Mediziner aus dem Raum der Europäischen Union angehören, tritt regelmäßig einmal im Jahr zusammen, um Unterlagen über dortige Heilungen wissenschaftlich zu prüfen. Mit anderen Worten, die Kirche verhält sich gegenüber den sogenannten Wunderheilungen ausgesprochen zurückhaltend.
Diese Vorsicht ist zu begrüßen, doch wird damit das eigentliche Problem nicht berührt. Entscheidend geht es vielmehr um die Beantwortung der Frage: Hat das durch Visionen gedeutete Leben Marias an dieser selbst einen Anhalt? Stimmt der Inhalt der Lehre der verschiedenen Kirchen über Maria mit dem Bild überein, das die ältesten christlichen Texte von Maria zeichnen? Entspricht die verkündigte Maria der christlichen Kirchen dem, was sich über die historische Maria bei kritischer Untersuchung der Quellen erkennen lässt?
✶
Maria in der protestantischen Dogmatik und in Stellungnahmen aus der evangelischen Kirche
Vorbemerkung
Am Anfang dieses Kapitels habe ich dargelegt, in welcher Weise führende evangelische Dogmatiker mit der historischen Problematik der Jungfrauengeburt umgehen. Es stellte sich heraus: Der Versuch, einerseits die Historizität der Jungfrauengeburt zu bestreiten und andererseits die theologische Intention der Aussage als glaubensverbindlich zu bewahren, ist unmöglich.
Zur Vertiefung des Themas sei an dieser Stelle ein weiterer Blick auf Stellungnahmen evangelischer Theologen zu Maria geworfen. Im Folgenden geht es um die Beiträge Karl Barths sowie einiger anderer Dogmatiker und anschließend um die Handreichung eines Arbeitskreises aus der evangelischen Kirche.
Das Thema »Maria« bei Karl Barth
Seltsamerweise setzte sich Karl Barth (1886 – 1968), der einflussreichste protestantische Theologe des 20. Jahrhunderts, entschieden für die Historizität der Jungfrauengeburt ein. Er tat dies trotz der Kontroverse um die Geltung des Apostolikums im Jahr 1892. Ein kurzer Rückblick auf die genannte Auseinandersetzung, die am Ende des 19. Jahrhunderts die Gemüter erhitzte, soll dies beleuchten (zum Folgenden vgl. Lüdemann 1996 : 297 – 298).
Der Apostolikumsstreit wurde ausgelöst durch die Dienstentlassung des württembergischen Pfarrers Christoph Schrempf (1860 – 1944). Unter Berufung auf sein Gewissen hatte er sich geweigert, bei der Taufe das Apostolische Glaubensbekenntnis mit seinen als ungeschichtlich erwiesenen Bestandteilen (vor allem der Jungfrauengeburt) zu sprechen, und setzte an dessen Stelle eine von ihm selbst verfasste zeitgemäße Tauffrage (vgl. Müller 2004 : 1003).
Adolf Harnack (1852 – 1930), der bedeutendste protestantische Theologe vor dem Ersten Weltkrieg, wurde von Studenten in Berlin nach seiner Meinung zu dem Fall Schrempf befragt und gab Ende des Sommersemesters 1892 eine öffentliche Antwort, die die Ungeschichtlichkeit der Jungfrauengeburt bekräftigte, aber eine sofortige Abschaffung des Apostolikums ablehnte. Diese Stellungnahme zog einen Sturm von Protesten und Solidaritätserklärungen nach sich, die aber schließlich alle im Sande verliefen – ebenso wie das Votum Harnacks selbst.
Der Streit um das Apostolikum zementierte faktisch das unverbundene Nebeneinander zwischen akademischer Theologie und praktischer Arbeit. Ging es bei dieser Kontroverse ursprünglich um die Ehrlichkeit des Pfarrers im Amt, befasste sich die akademische Diskussion mit der Bedeutung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. Darüber konnte man akademisch endlos diskutieren, ohne dass es für das Problem der intellektuellen Redlichkeit des Pfarrers im Amt etwas ausgetragen hätte.
Karl Barth erschien wie ein Retter in der Not, die Kluft zwischen Pfarramt und theologischer Wissenschaft zu überwinden – allerdings nur mit einem Machtwort. Obwohl er als Student bei Adolf Harnack gelernt hatte, dass die Jungfrauengeburt kein historisches Ereignis war, setzte er sich umso hartnäckiger für deren Geschichtlichkeit ein und wies die Geistlichen an, das Apostolische Glaubensbekenntnis zu sprechen.
In der Christliche(n) Dogmatik im Entwurf aus dem Jahr 1927 setzt Barth die Jungfrauengeburt in eine enge Beziehung zur Auferstehung Jesu:
Daß Christus aufersteht von den Toten, das ist darin begründet, darum unvermeidlich zu lehren, weil er der wunderbar Empfangene und Geborene ist. Daß er der wunderbar Empfangene und Geborene ist, das enthüllt sich, das zeigt sich, das gibt sich zu erkennen in seiner Auferstehung. Nur das Wunder begründet das Wunder, und nur durch das Wunder gibt sich das Wunder zu erkennen. Damit es kein Entrinnen, kein Mißverstehen, keine Zweideutigkeit gebe über das »Deus dixit« [Gott hat geredet], um das es sich hier handelt (Barth 1927 : 275).
Der Person der Jungfrau Maria könne allerdings kein selbständiges dogmatisches Interesse zukommen. Denn zur Gottesgebärerin werde sie einzig und allein von Gott gemacht: »Nicht ihre Jungfräulichkeit ist das Wunder der Offenbarung und Versöhnung, sondern Gottes Tat an ihr, der Jungfrau, und das ist zweierlei« (Barth 1927 : 281).
Die Kirchliche Dogmatik führt diese Gedanken weiter aus, bringt aber a) in Bezug auf die Historizität der Jungfrauengeburt und b) hinsichtlich der Rolle der Maria nichts wesentlich Neues.
Zu a): Das »geboren von der Jungfrau Maria« wird nun nicht mehr als Grund der Auferstehung an sich, sondern als Entsprechung zum leeren Grab bezeichnet (Barth 1938 : 199). Sowohl die Jungfrauengeburt als auch das leere Grab stellten zwar keine Bedingungen, sondern Zeichen für den in Jesus Christus geschehenen Neuanfang bzw. für seine Auferstehung dar. Aber die Sache sei für uns doch nicht ohne das Zeichen zu haben: Niemand könne sagen, dass das leere Grab an sich die Macht hatte, »den Jüngern Jesu das verhüllte ›Gott war in Christus‹ zu enthüllen. Aber hat es sich ihnen anders als durch das Zeichen dieser äußeren Tatsache enthüllt?« (Barth 1938 : 195). Das gleiche gelte von der Jungfrauengeburt: »Hört nicht vielleicht doch bloß der das Zeugnis von dieser Sache, der sich an das Zeichen hält, mit dem das Zeugnis diese Sache nun einmal bezeichnet hat?« (Barth 1938 : 196).
Von daher verwundert es nicht, dass Barth auf die »populär-theologische Frage: ob ›man‹ denn, um wirklich christlich zu glauben, durchaus an die Jungfrauengeburt glauben müsse«, antwortet: Zwar sei es nicht ausgeschlossen, dass jemand auch ohne die Bejahung dieser Lehre »das Geheimnis der Person Jesus Christus erkennen und also wirklich christlich glauben« könne – denn es stehe »in Gottes Rat und Willen, dies möglich zu machen«. »Aber damit ist nicht gesagt, daß die Kirche die Freiheit habe, die Lehre von der Jungfrauengeburt zu einem Fakultativum für besonders starke oder auch für besonders schwache Gemüter zu machen.« Falls unter den Dienern der Kirche solche sein sollten, die an der Jungfrauengeburt zweifeln, so ist von ihnen zu verlangen, »daß sie ihren Privatweg als Privatweg behandeln und also nicht etwa ihrerseits zum Gegenstand von Verkündigung machen, daß sie das Dogma, wenn sie es persönlich nicht bejahen können und also (leider!) auch ihren Gemeinden vorenthalten müssen, wenigstens durch Schweigen respektieren« (Barth 1938 : 198, Hervorhebung GL).
Diese Ausführungen Barths leiten (leider!) zur Heuchelei an; in ihnen wird die – historisch widerlegte – Jungfrauengeburt gewissermaßen zum Stempel einer höheren Wahrheit.
Zu b): Die Bedeutung der Jungfrau Maria erschöpft sich in dem durch sie repräsentierten allein aus Gnade. Als »Gestalt des nicht wollenden, nicht vollbringenden, nicht schöpferischen, nicht souveränen Menschen …, der bloß empfangen, der bloß bereit sein, der bloß etwas an und mit sich geschehen lassen kann«, hat sie dem handelnden Gott nichts Eigenes entgegenzubringen (Barth 1938 : 209 – 210). Ihre Jungfräulichkeit bildet nicht etwa den Anknüpfungspunkt für die göttliche Gnade. Maria ist keine Werkgenossin Gottes, keine Mitverfügende (Barth 1938 : 210). An dieser Stelle tut sich keine Pforte auf, die zur Mariologie führen könnte (Barth 1938 : 214).
Dem widerspricht nach Barth die Bezeichnung der Maria als »Mutter Gottes« nicht:
Es bedeutet gewissermaßen eine Probe des richtigen Verständnisses der Lehre von der Fleischwerdung des Wortes, daß man auch als evangelischer Christ und Theologe die Bezeichnung der M a r i a als »M u t t e r G o t t e s« nicht etwa ablehnt, sondern trotz ihrer Belastung durch die sog. Mariologie der römisch-katholischen Kirche als legitimen Ausdruck der christologischen Wahrheit b e j a h t und g u t h e i ß t. Die Abwehr des Mißbrauchs, der mit der in dieser Bezeichnung ausgesprochenen Erkenntnis getrieben worden ist, wird nicht fehlen dürfen. Aber jene Erkenntnis und darum doch auch diese Bezeichnung selbst darf deswegen doch nicht unterdrückt werden (Barth 1938 : 151 – 152).
In der Dogmatik im Grundriß aus dem Jahre 1947 (71987) fasst Barth seine Auffassung zur Historizität der Jungfrauengeburt folgendermaßen zusammen:
Es ist das Wunder der Weihnacht die f a k t i s c h e F o r m des Geheimnisses der persönlichen Vereinigung von Gott und Mensch … Die christliche Kirche und Theologie hat immer wieder festgestellt, man könne nicht postulieren, dass die Wirklichkeit der Inkarnation, das Geheimnis der Weihnacht mit absoluter Notwendigkeit gerade diese Form dieses Wunders haben m u s s t e. Die wahre Gottheit und die wahre Menschheit Jesu Christi in ihrer Einheit hängen nicht daran, dass Christus vom Heiligen Geist empfangen und von der Jungfrau Maria geboren ist. Sondern man wird nur dies sagen können, dass es Gott gefallen hat, das Geheimnis in dieser Form und Gestalt wirklich sein und offenbar werden zu lassen. Wiederum kann das aber nicht bedeuten, dass wir dieser faktischen Form des Wunders gegenüber sozusagen frei sind, sie zu bejahen oder auch nicht zu bejahen, so dass wir etwa an dieser Stelle eine Subtraktion vornehmen und sagen könnten: Wir haben gehört, behalten uns aber vor, dass diese Sache auch in einer anderen Gestalt für uns zu haben sein könnte. Man versteht das Verhältnis von Sache und Form, das hier vorliegt, vielleicht am besten mit einem Blick auf die … Geschichte von der Heilung des Gichtbrüchigen (Mark. 2): »Auf dass ihr w i s s e t, dass des Menschen Sohn Macht hat Sünden zu vergeben: Steh auf, nimm dein Bett und wandle.« »Auf dass ihr wisset …« so ist auch das Wunder der Jungfrauengeburt zu verstehen (Barth 1987 : 117).
Ergebnis: So sehr Barths Ablehnung jeder Art von Mariologie der römisch-katholischen Lehre zuwiderläuft, so sehr dürfte sein unerbittliches Festhalten an der Historizität der Jungfrauengeburt ihr entgegenkommen. Wer derart steil »von oben« herab dekretiert und die Zweifel ernsthaft suchender Menschen meint abwürgen zu können, indem er sie zum Schweigen verurteilt, der weiß schon – bevor er sich dem Problem, um das es eigentlich geht, gestellt hat –, dass es sich bei der Jungfrauengeburt um ein historisches Ereignis handelt, und argumentiert theologisch so, dass »bewiesen« wird, was das Dogma lehrt. Der Eindruck drängt sich auf: Barth hat erkannt, dass ein Nachgeben an diesem Punkt seine gesamte Dogmatik gefährden würde.
Der Einwand, den Wolf Krötke (geb. 1938) gegenüber Barths Auffassung zur Jungfrauengeburt erhebt, geht übrigens an der Sache vorbei. Denn wenn er bezweifelt, dass »den späten Zeugnissen von der Jungfrauengeburt die gleiche Bedeutung zukommt, wie den Grabesgeschichten im Zusammenhang mit dem Auferstehungszeugnis« (Krötke 1996 : 14), ist er sich offenbar nicht bewusst, dass es wenig sinnvoll ist, die Bedeutung zweier gleichermaßen fiktiver Texte gegeneinander abzuwägen. (Zur Grabesgeschichte als Fiktion vgl. Lüdemann 2002 : 69 – 73.)
Andere protestantische Stellungnahmen zur Jungfrauengeburt
Wolfgang Trillhaas (1903 – 1995) räumt zwar ein, dass man hinsichtlich der Jungfrauengeburt »weder von einer ›historischen Tatsache‹ noch von einer ›Heilstatsache‹ unbedenklich sprechen« könne. Aber was der Satz von der Jungfrauengeburt meine, das sei »ein unverzichtbares Anliegen des christlichen Glaubens an Jesus Christus. Jesus ist ein geborener, kein gewordener Heiland. Jesus steht nicht im alten Zusammenhang mit menschlicher Sünde und Schuld, sondern er ist ein neuer Mensch, ein Neubeginn. Das Ereignis Jesus Christus ist nicht von Menschen, sondern es ist aus Gott« (Trillhaas 1972 : 265). Das Wunder der Menschschwerdung Jesu Christi sei nicht an die körperliche Jungfräulichkeit der Maria gebunden, denn Gott könne »seine Wunder auch in der Verborgenheit des natürlichen Zusammenhanges vollbringen« (Trillhaas 1972 : 265).
Jürgen Moltmann (geb. 1926) konstatiert, dass es sachlich ganz abwegig sei, »die Jungfrauengeburt ›historisch‹ oder gar ›biologisch‹ zu nennen« (Moltmann 1989 : 102). Er fährt fort: »Mit solchen modernen, positivistischen Charakterisierungen bewahrt man gerade nicht ihre Intention und Wahrheit, sondern zerstört sie. Die Absicht der Erzähler ist es nicht, ein gynäkologisches Wunder zu berichten, sondern Jesus als den messianischen Sohn Gottes zu bekennen und im Anfang seines Lebens auf den göttlichen Ursprung seiner Person hinzuweisen« (Moltmann 1989 : 102).
Die »Ökumenische Dogmatik« von Edmund Schlink (1903 – 1984) stellt wiederum die Ähnlichkeit zwischen Auferstehung und Jungfrauengeburt heraus – der »Vorgang der Zeugung durch den Heiligen Geist bleibt in ähnlicher Weise verborgen wie die Auferstehung« (Schlink 1983 : 284) – und hält an der Geschichtlichkeit der Jungfrauengeburt fest. Ihre Historizität könne man ebenso wie die der Auferstehung Jesu nur dort ablehnen, wo das Analogieprinzip, d. h. das Prinzip der grundsätzlichen Gleichartigkeit geschichtlicher Abläufe, wie ein absolutes Gesetz »dogmatistisch« verwendet werde (vgl. Schlink 1983 : 285).
Kritik: Trillhaas und Moltmann mogeln sich an den Aussagen der biblischen Texte zur Tatsache der Jungfrauengeburt vorbei, während Schlink die historische Kritik außen vor lässt.
Darmowy fragment się skończył.