Czytaj książkę: «OUTPOST»

Czcionka:

Gerd Frey

OUTPOST
Dunkle Sonne 2

Fantastische Erzählungen

AndroSF 120

Gerd Frey

OUTPOST

Dunkle Sonne 2

Fantastische Erzählungen

AndroSF 120

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Juni 2021

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Lothar Bauer

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 245 4

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 852 4

Vorwort

Der vorliegende Erzählungsband »Outpost« ist die Fortführung des Erzählungsbandes »Dunkle Sonne«, der seinerzeit im Jahr 2002 beim Shayol-Verlag erschien und den man 2003 mit dem ersten Platz des Deutschen Phantastik Preises (dpp) für die beste Original-Kurzgeschichten-Sammlung auszeichnete. In Kürze wird »Dunkle Sonne« bei p.machinery neu veröffentlicht und ist dann erstmals auch als E-Book verfügbar.

»Outpost« beinhaltet sämtliche nach »Dunkle Sonne« in verschiedenen Büchern und Magazinen publizierten Kurzgeschichten und zudem die nicht in »Dunkle Sonne« enthaltenen satirischen Kurzerzählungen um den Abfallverkäufer. Diese Geschichten entstammen der Zeit meiner ersten ernsthaften Gehversuche als Autor und wurden von mir inzwischen behutsam überarbeitet, ohne jedoch den eigentlichen noch etwas rohen Charakter der Geschichten zu verändern.

Die letzte Story wiederum habe ich für ein Online-Erotikmagazin geschrieben. Es ist jedoch eher eine Erotikgeschichte mit fantastischen Elementen und könnte auch als softe Horrorgeschichte bezeichnet werden. So ganz mein Genre ist dies jedoch nicht.

Inhaltlich bietet »Qutpost« daher eine durchaus unkonventionelle Mischung aus Science-Fiction, Fantasy-Horror und Erotik.

Viel Spaß beim Eintauchen in fremde Welten –

Gerd Frey

Frühjahr 2021

Saatzeit

»Wenn du zu jedem Frühstück so viel in dich hineinstopfst, brauchst du dich nicht zu wundern, dass du jedes Mal dein dir zugewiesenes Nahrungsmittelkontingent überschreitest und ständig Ärger mit der Verwaltung bekommst«, lästerte Maria. »Außerdem schlingst du das Zeug so gierig runter, dass einem regelrecht übel davon wird.«

»Bei vier Geschwistern musste man schnell sein«, erwiderte Juri zwischen zwei Bissen. »Meine Eltern waren arm und der Tisch nicht immer so reich gedeckt, wie bei euch in Deutschland.«

»Die Zeiten müssen lang her sein«, mischte sich Robert ein. »Astronauten zählen auch in Russland nicht zu den Geringverdienern. Inzwischen wohnen deine Eltern sicher in ihrem eigenen Häuschen am Stadtrand und halten nur noch Kontakt zu Besserverdienenden.«

Juri blickte Robert finster an und ließ schließlich die aufgerissene Packung Käsestifte auf den Teller fallen. »Was weißt du schon über meine Familie … Nichts weißt du und ein Dummkopf bist du!« Er schob den Teller von sich, stand auf und ging.

Juri verließ die Mensa, als der Alarm losschrillte. Sekunden später erschütterte ein Beben die Anlage. Die Gläser in den Regalen klirrten.

»Da muss was Großes runtergegangen sein«, rief Jemand in den aufkommenden Tumult.

Juri beeilte sich, den Kontrollraum zu erreichen. Beim Betreten stolperte er über eine an der Seite abgestellte Werkzeugkiste. Geschickt fing er den Sturz ab. Inzwischen hatte er sich gut an die geringere Marsgravitation gewöhnt.

»Die Sensoren zeigen einen Einschlag an«, hörte er die sich vor Aufregung fast überschlagende Stimme des Wachhabenden. »Knapp drei Kilometer von der Basis entfernt.«

Auf dem Panoramabildschirm war ein Ausschnitt der kargen Marsoberfläche zu erkennen. Für Juri strahlte dieser Planet beständige Hoffnungslosigkeit aus. Ein Gefühl, das seit der Landung nicht von ihm gewichen war. Als Jugendlicher hatte er den Science-Fiction-Klassiker »The Martian Chronicles« von Ray Bradbury geradezu verschlungen und inzwischen bestimmt fünf Mal gelesen. Der wirkliche Mars erwies sich für ihn jedoch als große Enttäuschung. Der Planet strahlte zwar Melancholie aus, dennoch fehlte jene besondere Magie darin. Für ihn war es eine Melancholie voll Trostlosigkeit und Bitternis.

Der Wagen mit seinen überproportionierten Ballonreifen rollte, schwankend wie ein Boot bei starkem Wellengang, über die sanft gewellte sandige Oberfläche des Planeten. Der Boden war von einer Vielzahl flacher grauer Steine bedeckt. Aufgrund der geringeren Gravitation konnten sie nicht mit voller Geschwindigkeit fahren, da der Transporter sonst bei der nächsten höheren Bodenwelle den Halt verloren hätte und umgekippt wäre. Der kleine Sonnenball stand hinter ihnen, sodass das Fahrzeug einen langen Schatten in Fahrtrichtung warf.

»Da vorn ist es«, rief Mark, der den Wagen steuerte. »Ein kleiner Krater, vielleicht vier Meter im Durchmesser.«

»Da hätte ich aber mehr erwartet«, bemerkte Robert enttäuscht. »Bei dem Rumms!«

Das Fahrzeug schwankte an die Einschlagstelle heran und wirbelte dabei kräftig den feinen Sand auf. Kurz vor dem Krater kam das Fahrzeug zum Stehen. Juri wurde auf etwas Dunkles in dessen Mittelpunkt aufmerksam.

»Das ist seltsam«, bemerkte Robert verhalten. »Juri, aktiviere deine Helmkamera! Vielleicht ist hier eine alte Vermessungssonde heruntergekommen. Schauen wir uns die Sache mal näher an.«

In einen klobigen Raumanzug gezwängt, sprang Juri zusammen mit drei anderen Männern aus dem Wagen und landete auf dem nachgiebigen Boden. Auf den meisten Marsaufnahmen, die im Umlauf waren, zeigte der Planet ein viel intensiveres Rot, als es die Wirklichkeit bot. Sogar bei den Fotografien, die in den letzten Jahren ausschließlich von bemannten Teams gemacht wurden. Juri vermutete, dass die NASA dahinter steckte, die alle Projekte, an denen sie beteiligt war, medientauglich aufbereitete. Nach der ersten Euphorie – und nachdem man mit der eigentlichen Forschungsarbeit begonnen hatte – zogen sich die Amerikaner klammheimlich aus dem Projekt zurück. Der Einzige, den sie zurückließen, war ein – immerhin sehr umgänglicher – Wissenschaftsjournalist. Auch finanziell floss kaum noch Geld von amerikanischen Konten. Die größten Zuschüsse kamen derzeit aus China und Europa.

»Schaut euch das an«, rief Robert, der nicht ganz zwei Meter vom Einschlagkrater entfernt stand. »Da bewegt sich etwas!«

Juri trat vorsichtig näher. Von ihm aus betrachtet, machte die Einschlagstelle durchaus einen Ehrfurcht gebietenden Eindruck. Das Zentrum des Kraters war mit vielen schwarzen Kugeln bedeckt. Zwischen und auf den Kugeln bewegten sich Hunderte winzige Körper, fast genauso schwarz wie die Kugeln selbst. Juri erinnerte der Anblick an Ameisenhaufen auf der Erde.

»Das glaube ich einfach nicht«, flüsterte Robert. »Was ist das für ein Zeug? … Vielleicht sollten wir versuchen, eine Probe zu nehmen.«

»Zu gefährlich!«, warf Marc dazwischen. »Stellen wir zuerst eine Beobachterkamera auf. Danach können wir immer noch eine Probenentnahme durchführen.«

»Ich würde ungern so lange warten«, widersprach Robert. »Die Probe können wir uns mit Konstantin holen – das dürfte das Sicherste sein.«

Hinter dem Namen Konstantin verbarg sich ein Georoboter mit einer kleinen Bohreinrichtung. Juri war der Geologe im Team und damit für den Einsatz von Konstantin verantwortlich.

Juri lief um den Transporter herum, öffnete am Heck die Verschlussklappe und zog die mit Kratzspuren überzogene Abrollplatte heraus. Das freie Ende ließ er danach auf den Boden fallen. Mit der Fernbedienung dirigierte er schließlich Konstantin die Neigung hinunter. Wie der Transporter verfügte auch der Roboter über Ballonreifen und bewegte sich damit fast schon anmutig über den unebenen Boden. Juri steuerte Konstantin zügig bis zum Katerrand, ließ ihn einen Greifer entfalten und dann langsam ins Kraterinnere fahren.

Das Display übertrug Konstantins Videosignale und ermöglichte Juri einen Blick auf die schwarzen Kugeln. Sie hatten ihre Form leicht verändert und zarte Verästelungen zwischen sich gebildet. Juri fuhr Konstantin so nah wie möglich an die Kugeln heran. Das, was sich zwischen den Kugelkörpern hin und her bewegte, erinnerte ihn an irdische Spinnen. Über Konstantins Mikrofon war das Rascheln ihrer Beine zu vernehmen.

Mit dem ausgefahrenen Greifer versuchte er, einen der sich schnell bewegenden Körper zu fassen. Nach einigen Fehlversuchen gelang es ihm, eine Spinne an einem ihrer Fortbewegungsorgane festzuhalten. Im selben Moment verflüssigte sich ihr Körper und tropfte wie schwarzes Wachs zu Boden. Mit den anderen Spinnenkörpern geschah kurz darauf dasselbe, sodass der Kraterboden innerhalb weniger Sekunden von einer graublauen Schmierschicht bedeckt war. Der Boden brodelte schwach, als würde man dort Wasser zum Kochen bringen. Kurz darauf quoll dichter Rauch aus der Senke und stieg in den blassroten Marshimmel auf.

»Hol Konstantin da raus«, brüllte Robert plötzlich, »und haltet Abstand zum Krater! Ich möchte nicht, dass hier jemand verletzt wird.«

Der Rauch machte es Juri nahezu unmöglich, auf dem Display der Fernbedienung etwas Nennenswertes auszumachen. Er schaltete auf den Rückwärtsgang und versuchte den Roboter aus der Gefahrenzone zu bringen. Einen Augenblick lang hatte er das Gefühl, dass die Räder durchdrehten und Konstantin weiter ins Kraterinnere rutschte. Kurz danach bemerkte er zu seiner Erleichterung ein silbernes Blitzen am Kraterrand. Sandfontänen aufschleudernd, entfernte sich der kleine Georoboter von der Rauchsäule, als würde er vor einer Horde Feinde flüchten.

»Stellt eine Kamera auf und dann weg von hier«, entschied Robert. »Das ist mir alles eine Spur zu heiß!«

Juri ließ Konstantin auf den Transporter zufahren. Dabei bemerkte er einen Rest schwarzer Materie zwischen dem Haltemechanismus des wieder eingefahrenen Greifers.

»Guter Junge«, freute er sich und tätschelte das gelb-schwarze Gehäuse.

»Eine außergewöhnliche Probe.« Gregs Stimme klang seltsam angespannt. »Du hast beobachtet, wie sich das Material vor deinen Augen verflüssigte?«

»So erschien es mir jedenfalls«, erwiderte Juri vorsichtig. »Alle vorher spinnenähnlichen Objekte verloren ihre feste Struktur und fielen als schwarzer Schleim in die Senke des Kraters.«

»Das Material verhält sich recht seltsam«, gestand Greg. »Mir ist es bisher nicht gelungen, es in irgendeiner Art und Weise zu manipulieren. Es ließ sich nicht verformen, zerbrechen, verbrennen oder verätzen. Es erwärmt sich nur bis maximal vierundsechzig Komma zwei Grad Celsius, das war es dann auch schon …«

»Und das bedeutet?«, bohrte Juri weiter.

»Ich kann nur spekulieren«, erwiderte Greg. Er machte eine kurze Pause, bevor er mit einem wie aufgesetzt wirkenden, ernsten Gesicht weitersprach. »Alles weist darauf hin, dass die Probe künstlichen Ursprungs ist … eine Art Hightechkunststoff. Wenn man darüber hinaus noch berücksichtigt, dass das Bruchstück von einer spinnenähnlichen Kreatur – vielleicht einem Miniaturroboter – stammt, die sich bei Gefahr verflüssigt …«

»Ich weiß nicht, ob das, was wir dort gesehen haben, spinnenähnliche Roboter waren«, unterbrach ihn Juri. »In jedem Fall ist es etwas Künstliches, vielleicht sogar ein Produkt außerirdischer Technologie.«

»Das halte ich durchaus für möglich«, stimmte Greg zu. »Wir sollten jetzt so schnell wie möglich herausfinden, was im Zentrum des Kraters vor sich geht. Möglicherweise wurden wir Zeuge einer Havarie und die seltsamen Dinge, die ihr im Einschlagzentrum vorfandet, sind die Überreste eines Raumschiffes von Außerirdischen.« Er lächelte verschmitzt. »Vielleicht ist es aber auch nur eine außerirdische Spionageeinheit, die gerade eine Invasion vorbereitet … es könnte alles Mögliche sein …«

»Was hältst du von der Anweisung, bei unseren Übertragungen zur Erde nichts von den aktuellen Ereignissen verlauten zu lassen?«, wechselte Juri das Thema. »Die versuchen hier vielleicht, etwas zu vertuschen!«

»Das ist nichts weiter als eine Standardprozedur, um Gerüchten vorzubeugen und Kontrolle über den Inhalt und die Verbreitung von Informationen zu haben. Mich würde es wirklich wundern, wenn die mehr über das Teil wüssten, das hier heruntergekommen ist, als wir selbst. Doch auszuschließen ist selbst das nicht.

Ich werde die Probe noch einmal abschließend untersuchen. Weiter reichende Tests sind jedoch nur mit aufwendigerer Technik möglich. Dafür muss die Probe zur Erde geschickt werden.«

Juri schaute aus dem Kabinenfenster. Die von dem Einschlagkrater in die dünne Marsluft aufsteigende Rauchsäule schien dichter zu werden. Etwas Unbekanntes ging dort vor sich und er hatte das Gefühl, als würde dort etwas Bedrohliches heranwachsen.

Er hob grüßend die Hand und war gerade dabei, Gregs Labor zu verlassen, als ein erneutes Beben die Station erschütterte. Juri stützte sich an der nächstliegenden Wand ab. Das auf dem Tisch stehende Glas und eine Handvoll Speichermodule sprangen regelrecht von der Platte und fielen zu Boden. Greg klammerte sich an seinen Arbeitstisch und schaute mit so unbewegter Miene, als würde dieser Ausbruch tektonischer Gewalt zu seinem normalen Tagesablauf gehören.

Juri blickte, einer Eingebung folgend, erneut aus dem Fenster. Die vorher schmale Rauchsäule hatte sich zu einem breiten dunklen Band vergrößert. Wenige Sekunden später schrillte der Alarm los.

»Das sind die letzten Minuten vor der Zerstörung der mobilen Sendeanlage«, erklärte Robert.

Auf dem Monitor lief die Übertragung. Dichter Qualm stieg aus dem Kraterinneren. Juri erkannte schwache gelbliche Lichtimpulse innerhalb der Rauchschwaden. Die Szene blieb einige Sekunden ohne Veränderung, dann wurden die Rauchpartikel von einem Augenblick zum anderen dunkler. Das Bild der Kamera erzitterte. Staunend beobachtete er, wie sich der Rand des Kraters veränderte. Er wurde rot glühend, als stünde er unter der Einwirkung von starker Hitze und verlor dann schließlich jede Farbe. Der nun wie ausgebrannt wirkende tiefschwarze Rand bekam feine Risse, die sich, einem dichter werdenden Wurzelgeflecht ähnlich, um die Einschlagstelle erweiterten. Das Zentrum des Kraters senkte sich langsam ab.

Plötzlich flammte gleißendes Licht in dessen Mitte auf. Für Juri sah es so aus, als würde sich die schwarze Materie, in die der Krater seine Umgebung konvertierte, kurzfristig in jene spinnenähnlichen Kreaturen verwandeln, die den Marsboden wie eine millionenstarke Armee aus Insekten fluteten. Doch die Auflösung der Kamera reichte nicht aus, um dessen wirklich sicher zu sein. Schließlich wurde die Kamera von einem heftigen Schlag zur Seite gestoßen. Weißes Rauschen füllte den Monitor.

»Ich weiß zwar nicht, was hier vor sich geht«, unterbrach Robert die Stille. »Ich halte jedoch eine Gefährdung des Außenpostens für möglich. Wir sollten die stationären Gebäude evakuieren und in ausreichender Entfernung ein Notlager errichten. Ein anderer Umstand bereitet mir aber noch stärkere Kopfschmerzen. Die von uns in den letzten Stunden empfangenen Aufnahmen verschiedener Beobachtungssatelliten weisen auf fünf weitere Vorkommnisse dieser Art hin. Die Einschläge sind gleichmäßig über den gesamten Planeten verteilt. Wir müssen uns also mit einem globalen Problem auseinandersetzen.«

»Kannst du uns die Aufnahmen zeigen?«, fragte Juri.

»Natürlich.« Robert betätigte das flache Tastenfeld des Computers.

Auf dem Monitor erschienen eine ganze Reihe von Höhenaufnahmen. Auf jedem der Bilder konnte man einen anderen Einschlagkrater erkennen und eine davon ausgehende schwarze Rauchsäule.

»Der Ablauf scheint überall gleich zu sein«, erläuterte Robert. »Einschlagstellen, die sich weiter und weiter ausdehnen und in Unmengen ausgestoßener Rauch. Wenn das so weiter geht, erwartet uns hier eine ökologische Katastrophe!«

»Gibt es Daten über die chemische Zusammensetzung der Emissionen?«, fragte Greg.

»Das ist tatsächlich außergewöhnlich«, antwortete Robert. »Trotz der unterschiedlichen Bodenbeschaffenheit an den Orten der Einschläge besteht der Rauch aus nahezu identischen chemischen Bestandteilen. Ein recht giftiger Cocktail – aber mit einem hohen Sauerstoffanteil von nahezu acht Prozent. Vielleicht findet dort ein kontrollierter chemischer Prozess statt und die dabei entstehenden Abfallprodukte sind daher ebenfalls identisch. Die bisher festgestellten Einschläge entwickeln sich jedenfalls zu recht unerfreulichen Dreckschleudern.«

Vom Mars aus ein Gespräch mit seinen Angehörigen auf der Erde zu führen, war eine gewöhnungsbedürftige Prozedur. Man musste sich an fest vereinbarte Termine halten und führte dann eine Unterhaltung, als würde man mit einem Anrufbeantworter reden. Dabei sprach man relativ monoton seine vorher zurechtgelegten Sätze in ein winziges silbernes Mikrofon und wartete danach über zwölf Minuten auf die eintreffende Antwort. Währenddessen beobachtete man die, durch die extreme Datenkomprimierung leicht ins Unscharfe decodierte Videoübertragung und konnte seiner Verwandtschaft beim Warten zusehen. Viele zeigten in dieser Zeit Bilder der Familie: Babys, Großeltern, Eltern und Geschwister, oder alte Erinnerungsfotos gemeinsam verbrachter Zeiten.

Juris Gesprächseinheit begann in fünfzehn Minuten, die er geduldig im Vorraum absaß.

Vor acht Monaten hatte er die Erde verlassen. Damals war die Beziehung zwischen ihm und Susanne fast zerbrochen. Kurz vor dem Start hatte er wegen ihr beinahe den Flug abgesagt, nur um ihr zu beweisen, wie sehr er sie liebte. Inzwischen hatte sich die Situation geändert und der regelmäßige Videokontakt mit ihr war ihm wichtiger, als alle anderen Botschaften von der Erde.

Trotz seiner Vorfreude, Susanne wiederzusehen, gingen ihm die seltsamen Vorkommnisse der letzten Stunden nicht aus dem Kopf. Auf dem Stützpunkt glaubten inzwischen die meisten Stationsmitglieder an das Wirken von außerirdischer Technologie. Juri wurde jedoch nicht so richtig warm mit dieser Vorstellung. Warum sollte eine Alienzivilisation Flugkörper konstruieren, die sie dann auf einem fremden Planeten zum Absturz brachte? Wurde in den Einschlagpunkten eine Armee von mechanischen Spinnen herangezüchtet, oder würden sich irgendwann mächtige Fabriken und Gebäude aus den Tiefen der Krater erheben, voll von bizarrer und fremdartiger Technologie? Juri hielt eigentlich nichts dergleichen für wahrscheinlich. Er glaubte vielmehr, dass die Einschlagkrater einem völlig anderen Zweck dienten.

Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke. Erschreckend klar und simpel in seiner Logik. Die von den Einschlagstellen abgegebenen Emissionen waren der Schlüssel zu allem. Das, was die Menschheit auf dem Mars mühsam und über viele Jahrzehnte lang mit kümmerlichen Algenkulturen zu erreichen versuchte, wurde hier viel effizienter umgesetzt: eine außerirdische Planeten-Umgestaltungs-Technologie, die um den jeweiligen Himmelskörper eine Atmosphäre entstehen ließ, und die sicher auch Temperaturveränderungen herbeiführte. Berücksichtigte man die momentanen Emissionswerte, würde die entstehende Atmosphäre für menschliche Bedürfnisse denkbar ungeeignet sein. Je länger er darüber nachdachte, um so plausibler erschien ihm seine Hypothese. Juri musste seine Überlegungen so schnell wie möglich Greg mitteilen. Die daraus folgenden Konsequenzen waren ungeheuerlich.

Die Tür zum Kommunikationsraum öffnete sich und Max trat heraus. »Sie wartet schon auf dich«, sagte er mit einem breitem Lächeln auf dem Gesicht.

Juri zwängte sich in den beengten Raum. Der Monitor zeigte Susannes Gesicht. Sie wirkte seltsam aufgewühlt. Juri begrüßte sie herzlich und sprach dann über eher belanglose Ereignisse der letzten Tage. Es war ihm untersagt, über die Einschläge und die geplante Evakuierung in sieben Stunden zu reden.

Nachdem er seine Nachricht abgeschlossen hatte, wartete er und beobachtete Susanne dabei, wie sie unruhig auf ihrem Stuhl hin- und her rutschte. Sie strich sich dabei gedankenverloren ihre tiefschwarzen Haare aus dem Gesicht. Dann konnte er sehen, wie seine Botschaft Susanne erreichte. Glücklicherweise lagen Erde und Mars zurzeit recht nah beieinander, sonst wären die Abstände zwischen den Übertragungen noch wesentlich größer.

»Hallo, Juri«, sagte sie nach Beendigung der Übertragung. »Du wirst kaum glauben, was die Nachrichtensender vor knapp einer Stunde berichteten. Sechs außerirdische Artefakte sind auf verschiedenen Stellen der Erde niedergegangen. Bei den gezeigten Aufzeichnungen waren kleine schwarze Kugeln zu erkennen, die im Mittelpunkt des jeweiligen Einschlagkraters lagen.

Von offizieller Seite gibt es noch keine Stellungnahme. Einige Wissenschaftler sprechen aber schon vom ersten Kontakt mit Außerirdischen.

Ich bin so aufgeregt, Juri. Du müsstest das gesehen haben … Ich liebe dich … ich liebe dich …«

Handlungsreisende

Das Raumschiff besaß die Form einer Gurke und flog sich auch so. Als Martin den Fisch auf den Labortisch knallte, strahlte das blaue Licht des kosmischen Nebels, den er gerade durchquerte, durchs Bullauge. Er schnitt den Fisch mit einem schartigen Küchenmesser der Länge nach auf. Ein Skalpell wäre ihm lieber gewesen – das hätte einfach professioneller ausgesehen. Chirurgenbesteck zählte jedoch nicht zur Grundausstattung von Kleinraumschiffen.

Im Innern des Fisches, der leider schon über der Zeit war und zu stinken anfing, befand sich eine Art verzierte Akupunkturnadel – die üblichen Datenspeicher auf Ross249. Die Übergabe des Fischs war auf einem zwielichtigen Hyperraummarkt über die Bühne gegangen. Er hatte die in altes Zeitungspapier eingewickelte Sendung von einem grünlippigen Alien erhalten, der wegen seines transparenten Körpers kaum auszumachen war. Obwohl das Papier stark vom Öl durchtränkt war, konnte man den Text noch gut entziffern. Statt die Nachrichten vom Display abzulesen, informierten sich die meisten Menschen (und inzwischen auch ein größer werdender Anteil Außerirdischer) noch immer auf diese altmodische Art.

Martin hielt einen Augenblick inne und stach sich schließlich die Nadel in die Oberlippe. Sofort strömten unzählige Informationen durch seine aufnahmebereiten Synapsen. Geistige Verschnaufpausen boten allein gelegentlich eingestreute Werbeblocks. Für ihn als alten Hasen im Geschäft stellte es normalerweise keine Herausforderung dar, die zu übermittelnde Botschaft vom unnützen Datenmüll zu trennen. Er benötigte dennoch fast eine halbe Stunde, um herauszufinden, dass sich hinter den Mengenangaben eines speziellen Kochrezepts (er hatte diese Informationen zuerst als Werbung abgetan) der Dechiffrierungscode für die eigentliche Hauptnachricht auf dem Einwickelpapier versteckte.

Verzweifelt blickte Martin aus dem Bullauge. Zwischen den Tausenden Lichtpunkten der Sterne glaubte er, gerade noch den winzigen Reflexionspunkt eines trudelnden Papierbällchens auszumachen. Er hatte die penetrant nach Fisch stinkenden Zeitungsreste vor zehn Minuten mit der Abfallschleuder entsorgt.

Die Apparatur stammte noch aus den Anfängen der interstellaren Raumfahrt. Müll, den man einfach so ins Weltall kippte, trieb für die Zeit des Flugs, und das waren oft mehrere Monate, einfach neben dem Schiff her. Ein bisweilen recht unappetitlicher Anblick! Um dieser Problematik zu entgehen, installierte man irgendwann in allen Raumschiffen die Abfallschleuder. Unglücklicherweise beging man bei ihrem ersten Einsatz den Fehler, den anfallenden Müll direkt hinter dem Schiff hinauszuschießen. Als das Schiff einige Tage später abbremste, war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten. Kurz vor Erreichen des Zielsystems brach die Funkverbindung ab. Ein tragischer Unfall, über den die BBC einen spektakulären Tatsachenbericht ausstrahlte.

Da sich Martin mit seinem Raumanzug nicht allzu weit vom Schiff entfernen konnte (mal davon abgesehen, dass ihm schon von der Vorstellung, das Schiff zu verlassen, ganz anders wurde), gab es nur noch eine Möglichkeit, wieder an das verlorene Zeitungspapier zu gelangen.

Kurz entschlossen schlüpfte er in den neuesten Schrei ingenieurtechnischer Hightechentwicklung, den er sich vor wenigen Terzines geleistet hatte: einen nagelneuen, chromblitzenden Zeitreiseanzug, der dennoch irgendwie an einen altmodischen Taucheranzug erinnerte. Eine nur auf den Randwelten erhältliche Kostbarkeit – Benutzung auf eigene Gefahr. Er drehte an ein paar Rädchen und stellte die gewünschte Zielzeit ein. Mit einem Erfrischungstuch tupfte er sich den Angstschweiß von der Stirn (gar nicht so einfach innerhalb des Anzugs) und drückte schließlich auf die grüne Auslöseplatte.

Weißes Licht … Augenblicke stillen Verharrens … schließlich ungebremstes Fallen, in eine nicht auslotbare Tiefe. Dieses Gefühl entsprach exakt Martins Horrorvorstellung, in einem abstürzenden Fahrstuhl gefangen zu sein. Augenblicke später packte etwas seinen Körper und riss ihn aus dem weißen Licht.

Er stand wieder in der Kommandozentrale seines kleinen Raumschiffs … jedoch um eine ganze Stunde in die Vergangenheit versetzt. Seltsam ernüchtert zuckte er mit den Schultern. Er hatte sich den Vorgang irgendwie … spektakulärer vorgestellt.

Martin schaute sich prüfend um. Eine Stunde zuvor hatte er für längere Zeit im beengten Vakuumsanitärmodul gesessen (ohne den hochleistungsfähigen Luftabsauger unmöglich) und Toilettenpapierlyrik gelesen. Er würde sich daher nicht selbst über den Weg laufen. Er löste die Schrauben vom Schutzblech der Abfallschleuder und versuchte, die Sicherung herauszuziehen. Das Ding klemmte, und er musste erst mit einem Schraubendreher nachhelfen, um den kleinen Zylinder zu lockern und aus der Halterung zu hebeln. Die Prozedur dauerte länger als geplant und drohte, seinen Zeitplan durcheinanderzubringen. Hektisch klappte er das Abdeckblech zurück und wollte gerade wieder in seine Gegenwart zurückkehren, als sich die Tür der Sanitäreinheit öffnete. Einige Sekunden später stand er sich selbst gegenüber.

Ganz automatisch – und ohne sich dagegen wehren zu können, als stünde er unter fremder Kontrolle – zog er seinen Reparaturlaser aus dem Halfter, stellte ihn auf maximalen Energieausstoß und richtete ihn auf sein altes Ich.

Um ein Paradoxon zu verhindern, musste er ein Paradoxon begehen. Ziemlich paradox.

Er erschoss sich und beobachtete ungerührt, wie sein Körper längs nach hinten stürzte. Ein dumpfer und wuchtiger Aufschlag. Seltsamerweise gab es kein Blut an seiner Leiche. Wie in Trance machte er die Abfallschleuder wieder scharf, lud seinen leblosen Körper hinein und entsorgte sich selbst ins Weltall. Sogar für einen abgebrühten Agenten wie ihn eine mehr als bizarre Situation. Danach entfernte er zum zweiten Mal die Sicherung. Seine Finger huschten schnell über die kaum spürbaren Sensorflächen und aktivierten die Rückkehrfunktion im Zeitreiseanzug.

Sekundenbruchteile später befand er sich wieder in seiner eigenen Gegenwart. Irritiert blickte er aus dem Bullauge. Er entdeckte seine langsam vom Schiff wegtrudelnde Leiche – ein immer kleiner werdender weißer Fleck – und nur wenige Meter von seinem Ausblick entfernt zwei Bällchen aus zusammengeknülltem Zeitungspapier. Irgendetwas missfiel ihm an diesem Bild, und er hatte das Gefühl, als wäre hier etwas wirklich schiefgelaufen.

Mit dem Greifarm des Schiffs fischte er eines der Papierbällchen aus der Kälte des Weltraums und begann sofort mit der Dechiffrierung der verschlüsselten Nachricht. Die Botschaft stammte von Zzreccczibrizzi, einem Doppeldoppelagenten. Zzreccczibrizzi verführte – in der jeweiligen Gestalt der auszuspionierenden Aliens – die Partner(innen) hochrangiger Regierungsrepräsentanten und gelangte so an hochbrisante Informationen, die er gewinnbringend an den Meistbietenden verkaufte. Oft war dies sogar jene Partei, von der die Informationen ursprünglich stammten. Zzreccczibrizzi war ein Ehrenmann – zumeist jedenfalls.

Als Martin die Dechiffrierung abgeschlossen hatte, überflog er den Text. Laut Zzreccczibrizzis Informationen planten die Regellaner, die Menschheit auf neuronaler Ebene auszubeuten. Seit mehr als siebzig Jahren war über die Hälfte der Menschheit der Abhängigkeit von Videospielen verfallen. Die andere Hälfte saß währenddessen vor ihren riesigen Wanddisplays und schlug die Zeit bis zur nächsten Mahlzeit mit dem Anschauen von Quizsendungen, Realityshows und Unterhaltungsserien tot. Diese seltsamen und unproduktiven Angewohnheiten der Erdenbewohner versuchten die Regellaner zu nutzen, um die Menschheit in eine riesige Bio-Supercomputer-Einheit (BSE) zu transformieren. Hunderte Handelsreisende waren schon unterwegs, um preisgünstige Virtual-3-D-Bottiche an ahnungslose Videospielefans zu verkaufen. Während des Spielens wurden in den Bottichen die ungenutzten Bereiche des menschlichen Gehirns (die in den letzten Jahren wieder größer wurden) zur Datenverarbeitung genutzt.

Martin warf den Ausdruck mit dem entschlüsselten Text und das Zeitungspapier in den Aktenvernichter. Irritiert beobachtete er eine kleine Metallmaus dabei, wie sie die Papierschnipsel verschlang und sich dann mit einem kühnen Sprung in einen offenstehenden Reparaturschacht davonmachte.

»Dave … ähhh … Martin«, hauchte die einschmeichelnde Stimme der Schiffs-KI. »Ich registrierte gerade einen unerwarteten Masseverlust.«

»Schön!«, erwiderte Martin und beobachtete durch das Bullauge, wie sich mit wachsender Geschwindigkeit ein Miniaturraumschiff in Richtung des nächstliegenden Wurmlochs entfernte.

Martin hörte es hinter sich rascheln. Er drehte sich um. Ein Klumpen grauer Materie fiel von der Decke und verwandelte sich in die monochrome Karikatur eines Menschen.

»Ich bin ein Wächter«, zischelte der Außerirdische durch seinen verkniffenen Mund. »Wir hätten euch nie die Technologie des Zeitreisens überlassen sollen. Durch dein unbedachtes Vorgehen hast du das Gleichgewicht der Dimensionen in Schwingungen versetzt, die sich nun partiell zu überlagern beginnen.«

»Ihr habt uns nie die Technologie des Zeitreisens überlassen«, stellte Martin richtig. »Zzreccczibrizzi hat sie uns für die vollständigen Rechte an der Nachnutzung der Erde – falls sich die Menschheit einmal selbst auslöschen sollte – veräußert.«

»Unwichtig!«, entgegnete der Wächter und hatte dabei sichtbare Schwierigkeiten, seine menschliche Gestalt aufrechtzuerhalten. »Und ziemlich dumm! Wir behalten dich im Auge.«

Ein kurzes Flirren der Luft und der Wächter verschwand mit einem lauten Knall.

Martin wurde auf drei kurze Klopfgeräusche hinter sich aufmerksam. Er drehte sich um und sah, wie eine Briefsendung aus dem Schlitz seines Postfachs in das Auffanggitter fiel. Er fischte das kleine Paket aus dem Gitter und drehte es in seinen Händen. Auf der Vorderseite stand sein Name und daneben prangte der leicht verschmierte Abdruck eines roten Warnstempels.

VORSICHT: KANN BEIM ÖFFNEN ZU UNERWÜNSCHTEN NEBENEFFEKTEN FÜHREN!

Darunter – sehr klein gedruckt: Bitte nur im Freien benutzen.

Ohne mit der Wimper zu zucken, entfernte er die Sicherheitsbanderole und riss das Päckchen auf. Er entnahm einen sehr dicken Brief. Während des Auseinanderfaltens (der Brief war nach einem komplizierten und verwirrenden Muster gefalzt) konnte er spüren, wie sich die Raumstruktur um ihn herum veränderte. Der Brief öffnete sich zu einem riesigen Verkaufsraum voll seltsamer Geräte, die allesamt wie Inkubatoreinheiten aussahen. Im Hintergrund bewegte sich etwas, und kurz darauf stand ein kleiner Verkaufsroboter, nicht ganz so groß wie ein ausgewachsener Schäferhund, vor ihm. Der Roboter bestand aus einer graugrünen halbtransparenten Kugel, die sich irgendwie auf vier mehrgelenkigen dünnen Füßen vorwärtsbewegte.

»Die regellanische Handelsabteilung heißt Sie herzlich willkommen«, knarzte es eine Spur zu laut aus einem unsichtbaren Lautsprecher. »Möchten Sie eines unserer Geräte ausprobieren? Mit BrainStorm XL, unserer High-End-3-D-Virtual-Machine für gefühlsechte Effekte und dem neusten Videospielhit Dumm 3000 erleben Sie nie gesehene Dimensionen in einer perfekt inszenierten virtuellen Spielumgebung. Außerdem eignet sich unsere BrainStorm XL als Massagegerät und Entspannungseinheit.«

Martins jahrelanges Training an Videospielautomaten hatte seine Reflexe geschärft. Er zog seine Laserpistole aus dem Halfter und beobachtete verwundert, wie sich diese in einen überdimensionalen Raketenwerfer verwandelte. Das Ding war so schwer, dass er beinah vornüber fiel. Der Verkaufsroboter begann panisch davonzutrippeln und stolperte dabei mit auffälliger Beharrlichkeit über seine Metallfüße. Martin feuerte die Waffe ab und beobachtete mit fast schon dümmlichem Staunen, wie die Rakete in Zeitlupe an dem Roboter vorbeizog, mit der dahinterliegenden Wand kollidierte und ein metergroßes Loch in die Raumstruktur stanzte. In dem Loch loderte gleißendes Licht.

Martin feuerte den Raketenwerfer nun im Sekundentakt ab, während sich der Roboter mit eleganten Sprüngen aus der Schusslinie brachte. Nach einiger Zeit hatte Martin so viele Löcher in die Umgebung gesprengt, dass der Roboter irgendwann in eines hineinfiel und mit einem dünnen Winseln verschwand.

Martin spürte, wie sich der Raum erneut veränderte. Es knirschte bedrohlich, und größere Brocken Putz und Staub lösten sich von der Decke. Die Umgebung begann, in große Artefakte zu zerfallen, die, dunstige Schlieren ziehend, davontrieben. Grelles Licht überblendete alles, dann nahm die Umgebung wieder feste Konturen an. Es dauerte einige Sekunden, bevor er begriff, dass er sich nun im Tank einer BrainStorm-XL-Maschine befand. Sein Kopf steckte in einem Sensorhelm, der im Innern mit einer weichen Polsterschicht bespannt war. Ein wenig irritierte ihn die Tatsache, dass er völlig nackt in der Kabine lag.

Ein kurzes Klacken und der milchige Sichtschutz klappte zur Seite weg. Martin verließ das Gerät. Seine nackten Füße berührten kalten Boden. In dem kleinen Raum, in dem er sich jetzt befand, standen nur die BrainStorm-XL-Maschine und ein Verkaufsroboter. Martin misstraute der Situation, da er nirgendwo eine Tür entdecken konnte, die aus dem Zimmer hinausführte.

»Ich hoffe, die Demonstration unserer revolutionären Real-Virtual-3-D-Technik fand Ihren Gefallen«, schnarrte der Roboter mit einprogrammierter Freundlichkeit.

»Ich weiß, was ihr vorhabt«, brüllte Martin seine Wut hinaus. »Ihr wollt die Menschheit in eine riesige Bio-Supercomputer-Einheit verwandeln!«

»Ich sehe da kein Problem«, entgegnete der Roboter mit fröhlich durch die Luft wirbelnden Greifarmen. »Die menschliche Zivilisation bekommt das, wonach sie sich am meisten sehnt – perfekte, auf jeden Geschmack zugeschnittene Unterhaltung –, und als nützlicher Nebeneffekt wird eure Existenz mit Sinnhaftigkeit erfüllt.«

»… mit Sinnhaftigkeit erfüllt …«, äffte Martin den Roboter nach, als er begriff, dass er ihm sonst nichts entgegenzusetzen hatte.

Der Roboter erstarrte inmitten seiner Bewegung. Stille durchdrang den Raum. Die Martin gegenüberliegende Wand verblasste und öffnete den Blick auf eine weite Ebene. Erneut trat ihm ein Wächter entgegen.

»Deine Existenz muss beendet werden.« Staubgraue Worte. Kalt. »Dein Verhalten gefährdet das Gleichgewicht des Universums. Es manifestieren sich zurzeit pro Tartus mehre hundert Parallelwelten, um dein unbedachtes Handeln auszugleichen. Würde diese Entwicklung nicht gestoppt, entstünde völliges Chaos … vielleicht der Auslösemoment eines ›Black-in-Black-Hole‹, eines in ein schwarzes Loch gekapselten schwarzen Lochs. Wir können eine solche Gefährdungssituation nicht zulassen. Davon abgesehen scheinst du aus deinem Fehlverhalten nichts gelernt zu haben. Nach unseren Berechnungen bist du der alleinige Auslöser und das Zentrum dieser Veränderungen.«

Der Wächter zog einen schwarzen Gegenstand aus seinem dunkelgrauen und faltenreichen Umhang … dann drückte er ab. Ein greller Blitz und eine ohrenbetäubende Explosion. Martins Körper zerfiel in seine chemischen Bestandteile. Jedes sammelte sich in einer Blase, die, wie aufgereihte Planeten, ungefähr einen Meter über dem Boden schwebten. Über allem thronte Martins Bewusstsein.

In diesem Augenblick manifestierten sich weitere Wächter und begannen, den zuvor erschienen Wächter mit langen Papierbahnen zu umwickeln. Obwohl der Wächter sich gegen die ersten Attacken noch gut zur Wehr setzen konnte, war er den anderen hoffnungslos unterlegen.

Martin bot sich ein groteskes Bild, das ihn an moderne Tanzaufführungen erinnerte. Wind kam auf und ließ die losen Papierenden wild flattern. Von dem Wächter war unter den dichten Schichten Zellstoff nach kurzer Zeit nichts mehr auszumachen. Einen Augenblick erschien die Szene wie erstarrt, dann ergriff der Wind den unbeweglichen Körper und trieb ihn in die Tiefen der Ebene.

Stille …

Die anderen Wächter kamen auf Martin zu.

»Ein bedauerlicher Fehler«, sagten sie absolut synchron. »Eine Erklärung würde dein Begriffsvermögen sprengen.«

In beeindruckender Gleichzeitigkeit zog jeder der Wächter einen schwarzen Gegenstand aus seinem Umhang und zielte damit auf Martins Brust. Ein kaum hörbares, synchrones Klacken.

–

Weißes Licht.

–

Martin hatte seinen Körper wieder.

–

Er stand nackt auf einer weiten Ebene.

–

Zu seinen Füßen erstreckte sich ein strukturloser weißer Boden. Unangenehme Kälte strahlte von ihm aus.

–

Über ihm ein diffuses, milchiges Grau.

–

Im Hintergrund das Flüstern einer Vielzahl von Stimmen.

–

Martin ging einige Schritte nach vorn. Ein nicht zu unterdrückendes Frösteln durchlief seinen Körper. Seine Nacktheit ließ ihn sich schutzlos und ausgeliefert fühlen.

»Hallo«, rief er. Seine Stimme klang dünn und ohne jede Kraft. Er machte noch einige Schritte und blieb dann unentschlossen stehen. Das Frösteln kehrte zurück. Er zitterte so stark, dass ihm die Zähne aufeinander schlugen. Wenn er nicht bald hier weg kam, würde er an Unterkühlung sterben.

»Hallo!«, rief er, so laut es ihm möglich war. »Ist da jemand? Hilfe!«

–

Zu seinen Füßen begannen sich gleichmäßige Linienmuster abzuzeichnen. An den Verläufen riss langsam der Boden auf und rollte sich zu unzähligen uhrfederartigen Gebilden zusammen.

Ein Telefon klingelte.

Martin schaute in die Richtung, aus der das Geräusch kam, und sah einen Ball auf sich zuspringen.

Aus irgendeinem Grund wusste er, dass es sich um einen Telefonball handelte. Rot und von innen heraus pulsierend.

Er griff danach, schälte den Hörer wie eine Bananenschale ab und hielt ihn ans Ohr.

»Das Spiel ist aus!«, rief eine sich vor Freude fast überschlagende Stimme. »Danke, dass Sie sich für …

–

Martin unterbrach die Verbindung.

Teufelssaat

Kolvar streckte die Hände von sich, konzentrierte seine letzten Energien und heftete den Blick auf Marwaks schmächtige Gestalt. Marwaks ehemals prächtiges Zaubergewand war schmutzig und der edle Stoff an vielen Stellen aufgerissen. Die sich sonst auf dem dunklen samtenen Stoff bewegenden Sterne waren ihrer Leuchtkraft beraubt und gaben lediglich ein trübes Glimmen von sich. Marwak hatte seine Kräfte längst aufgebraucht und Kolvar musste ihm nur noch den Todesstoß versetzen. Einem Wirbelsturm gleich, kreisten Wolken über Marwak und das tosende Brausen eines mächtigen Orkans überdeckte alle anderen Geräusche. Der Zauberer schien nichts davon wahrzunehmen. Er versuchte vielmehr, davonzulaufen. Lächerlich! Erbärmlich!

Kolvar hob die Hände, als wolle er einen unsichtbaren Gegner abwehren, der über ihm schwebte. Er formulierte in kurz und hart hervorgestoßenen Worten einen Zauberspruch und entfesselte damit die angesammelten magischen Energien. Eine weiße, von Blitzen umrankte Lichtsäule zuckte wie ein gleißender Hammer des Himmels auf den flüchtenden Magier nieder und stanzte ein breites und tiefes Loch in den Boden. Verflüssigtes Gestein spritzte empor und stürzte qualmend auf die umliegende Erde hinab.

Dichter Rauch und Schwefelgestank breiteten sich aus.

Brütende Hitze schlug Kolvar entgegen. Er näherte sich langsam dem kraterähnlichen Loch. An den Rändern tanzten fluoreszierende Lichter. Schmale Rauchfahnen schlängelten sich wie Geisterscheinungen zum Himmel. Die Szenerie erinnerte an alte Gemälde, auf denen die Künstler ihren Visionen einer Vorhölle Form gegeben hatten. Über ihn zogen dunkle Wolkenfetzen hinweg, zwischen denen hin und wieder eine altersschwache und fleckengesprenkelte Sonne hervorlugte, welche die zerrissene Landschaft in großflächigen Abschnitten in blutrotes Licht tauchte. Rechts erhob sich als schwarzer Schattenriss Marwaks prächtiges Anwesen. Ein düsteres Bauwerk, mit vielen hoch aufragenden Türmen. Welche Verschwendung! Marwak bewohnte nur einen winzigen Teil des schon Jahrtausende existierenden Schlosses und hatte den Rest verkommen lassen.

Kolvar näherte sich dem Krater so weit, dass er in dessen Mitte blicken konnte. Eine leuchtende, halbtransparente Kugel schwebte dort. In ihrem Zentrum bewegten sich beunruhigende Formen. Es handelte sich um Marwaks eingekapselte Seele! Kolvar war vor ein paar Wochen mehr durch Zufall auf diesen mächtigen Zauberspruch gestoßen, mit dem man die Seelen soeben Verstorbener in der materiellen Welt binden konnte. Er begann vorsichtig in den Krater hinabzusteigen, um die gebundene Seele in sich aufzunehmen und damit Marwaks Fähigkeiten den seinen beizufügen.

Der Boden erzitterte plötzlich. Grollen, Brüllen und Schmerzensgeschrei drang aus den Tiefen der Erde, sodass er entsetzt zurückwich. Etwas schien sich unter ihm durch den Boden zu graben. Genau im Zentrum des Kraters riss die Erde auf und eine gewaltige klauenbewehrte Hand schnappte nach Marwaks Seele. Die Hand gehörte zu einem schwarzen Ungeheuer, das sich laut brüllend aus dem Loch zwängte und dann mit seinem schuppigen Schwanz nach Kolvar schlug. Der Angriff traf ihn hart und schleuderte ihn quer durch die Luft. Er landete wie eine weggeworfene Puppe am Rand des Kraters. Die riesige Hand des Monsters umfasste die blau schimmernde Seele. Tastete sie prüfend ab. Dann schloss sich die Hand um die Kugel und die Kreatur grub sich wieder im Boden ein.

Kolvar lag zusammengekrümmt auf der ausgedörrten Erde. Lange gelang es ihm nicht, das heftige Zittern seines geschwächten Körpers zu unterdrücken.

Den Zugang zum Geheimgang aufzuspüren, erwies sich schwieriger als gedacht. Kolvar hatte von dessen Existenz nur durch Zufall erfahren. Er hatte genau am Tag der Sommersonnenwende einen Dieb auf seinem Anwesen gestellt. Die Dreistigkeit des Ganoven imponierte ihm, sodass er dem Dieb gestattete, sich durch die Preisgabe einiger Geheimnisse freizukaufen. Eine kleine Strafe musste dennoch sein, weshalb sich der Halsabschneider jetzt nur noch in einer alten, seit Jahrhunderten vergessenen Sprache artikulieren konnte. Kolvar war jedoch sicher, dass der Bursche gerissen genug war, um auch dies zu seinem Vorteil zu nutzen.

Obwohl er von dem Geheimgang hinter dem mittleren Bücherregal des Arbeitszimmers wusste, benötigte er länger als erwartet, um den winzigen, in einer der Zierleisten versteckten Schalter zu finden.

Mit einem trockenen Ächzen des Holzes öffnete sich das Bücherregal wie eine Tür von ihm weg und gab den Blick auf eine dunkle, nach unten führende Treppe frei. Kolvar würde die Bücher nachher genauer in Augenschein nehmen. Da verbarg sich sicher manch wertvoller Schatz.

Die massiven Steinstufen der alten Treppe waren mit einer dicken Schicht Staub bedeckt. Er lief langsam hinab, darauf bedacht, dabei nicht zu viel Staub aufzuwirbeln. Der gläserne Löwenkopf seines Zauberstabes spendete genügend Licht, um die nähere Umgebung zu erhellen. Marwak schien den Gang nicht allzu oft benutzt zu haben.

Kolvar konnte es noch immer nicht begreifen. Wie hatte es Marwak nur wagen können, ihm eine so offensichtliche Falle zu stellen. Eine derartige Arroganz und Selbstüberschätzung sah ihm gar nicht ähnlich.

Kolvar runzelte die Stirn. Vielleicht hatte Marwak unter einem mächtigen Bann gestanden und war nicht mehr Herr seiner selbst gewesen. Dies würde immerhin auch das Auftauchen dieser entsetzlichen Bestie erklären. Kolvar wollte gar nicht darüber nachgrübeln, was die Kreatur mit der erbeuteten Seele alles anzustellen vermochte. Marwak würde mit Sicherheit keinen Spaß daran haben.

Am Ende der Treppe öffnete sich der Gang zu einem kuppelförmigen Raum. Im Raum selbst befanden sich zwei Tische, ein schmaler Schrank, der ihm bis zur Stirn reichte, ein Bücherregal und eine mit Edelsteinen verzierte Truhe, die genau in der Mitte des Zimmers auf einem runden Podest stand. Der Tisch war mit einer Vielzahl an Phiolen, verschieden großen Glasbehältern und Reagenzien zugestellt, der andere diente als Sekretär. Auf dem Sekretär befand sich ein unverschlossenes Tintenfass neben einem zur Hälfte beschriebenen Pergament. In der Ablage lehnte eine Schreibfeder, an deren Spitze Reste von Tinte getrocknet waren. Kolvar hob das Blatt an. Unbekannte Schriftzeichen! Alles machte den Eindruck, als wäre Marwak bei etwas unterbrochen wurden und hätte den Raum in großer Eile verlassen.

Kolvar schaute sich das Bücherregal genauer an. Darin befanden sich hauptsächlich Folianten, die sich mit Alchemie, Giften, magischen Tränken und Ähnlichem beschäftigten. Nichts wirklich Außergewöhnliches. An der Wand zwischen den beiden Tischen hing ein schwerer blauer Gobelin. Ein wertvolles, mit aufwendigen Stickereien versehenes Stück. Kolvar befühlte den Stoff. Der Gobelin war weich und ohne sichtbare Alterserscheinungen, als hätte man ihn erst vor Kurzem angefertigt. Diesen Schatz würde er sich nicht entgehen lassen.

Das wertvollste Objekt schien sich jedoch innerhalb der Truhe zu befinden. Überraschenderweise war sie unverschlossen. Kolvar hob die Abdeckung. Innen war die Truhe mit rotem Samt bespannt. In zwei separaten Aussparungen befanden sich ein kleines Buch und eine silberne Kapsel. Kolvar verstaute beides in seinem Gewand.

Eine seltsame Unruhe erfasste ihn plötzlich. Sein Körper erspürte instinktiv, dass eine Veränderung eingetreten war. Nicht sofort fassbar, berührte sie dennoch die Ebenen des Unbewussten. Er besaß ein untrügliches Gespür für Gefahr und hatte jetzt das drängende Bedürfnis, so schnell wie möglich von hier wegzukommen.

Er hatte sich kaum umgewandt, als der Boden erzitterte. Staub und kleine Steine rieselten von der Decke. Kolvar tippte auf die grauenhafte Kreatur, die sich Marwaks Seele bemächtigt hatte und in ihm wohl neue Beute witterte. Er lief, so schnell es ihm möglich war, wieder die Treppe hinauf. Mit wem oder was hatte sich der alte Zauberer da nur eingelassen?

Kolvar sondierte mit schnellen Blicken die Umgebung. Er konnte es sich nicht leisten, in dem riesigen Schloss die Orientierung zu verlieren.

Ohrenbetäubendes Krachen hinter ihm. Steine polterten zu Boden. Der Gang, durch den er gerade lief, schien kein Ende zu nehmen: eine von Marwaks lächerlichen Fallen, die ihm im Augenblick jedoch zum Verhängnis zu werden drohte. Silbern fächerte Mondlicht durch die schmalen Fenster links von ihm. Kolvar schüttelte verwirrt den Kopf, schließlich war es mitten am Tag. Endlich erreichte er die schwere massive Tür am Ende des Ganges. Er stieß sie auf und betrat die mit prachtvollen Gemälden und Wandverzierungen geschmückte Eingangshalle. Rechts und links von ihm führten breite Treppenfluchten zur nächsten Etage.

Die Präsenz eines mächtigen Wesens erstickte jegliche magische Energie im Raum. Die Kreatur suchte ihn, während ihm nur noch ein Ausweg blieb. Kolvar lief auf das massive Eingangsportal zu. Die Türen waren mit eindrucksvollen Schnitzereien versehen. Teufelsköpfe, in deren Augenhöhlen rote Edelsteine blitzten. Höhnisch starrten sie ihm entgegen. Kaum näherte er sich den beiden Türhälften, wanden sich schmale Äste aus dem alten Holz. Sie wuchsen in rasender Geschwindigkeit und schlangen sich dabei so dicht umeinander, dass sich die Tür nicht mehr öffnen ließ.

Kolvar hob den Stab. Seine Hände zitterten, während er den Zauber des Einfachen Verkümmerns sprach. Seine magischen Kräfte waren jedoch noch vom Kampf gegen Marwak geschwächt. Kurzzeitig schrumpften die Äste um eine Winzigkeit, nur um sich daraufhin umso machtvoller zu entfalten. Kolvar war gefangen. Obwohl er nicht genau wusste, was da auf ihn lauerte, war er sicher, dass es sein Ende bedeuten würde.

Der Boden bebte. Dumpfe, machtvolle Schläge. Die Erschütterungen waren so stark, dass Kolvar den Halt verlor und schmerzhaft gegen das Treppengeländer torkelte. Ihm blieb keine Wahl. Er zog eine winzige blaue Perle aus seinem Umhang und schleuderte sie so heftig auf den Boden, dass diese zerplatzte. Ein greller Lichtblitz erhellte die Eingangshalle und ein schimmerndes Portal entfaltete sich direkt vor ihm. Kolvar besaß nur diese eine Perle und es ärgerte ihn furchtbar, dass er das seltene Artefakt einer Portalmagie bei so einer unergiebigen Gelegenheit verschwenden musste.

Das wabernde Oval zeigte einen Ausschnitt sonnenbeschienen Waldes, auf den Kolvar mit wehendem Mantel zulief. Als hinter ihm der Boden aufbrach und wütendes Brüllen alle anderen Geräusche hinweg fegte, trat er schon in das weiche Gras einer weit entfernten Lichtung.

Die Aussicht aus dem Kristallglasfenster seines Arbeitszimmers erlaubte Kolvar einen umfassenden Blick auf den weitläufigen Garten seines Anwesens. Die altersschwache Sonne spendete mehr Licht und Wärme als üblich und hüllte die kunstvoll beschnittenen Bäume in sanftes rötliches Licht. Der Gärtner, den Kolvar seit einiger Zeit beschäftigte, vollbrachte wahre Wunder. Die aus aller Welt stammende Flora gedieh prächtig. Der wolkenlose Himmel überspannte die Landschaft mit der Illusion von Frieden und Unschuld.

Kolvar ging mit gemächlichen Schritten zurück an seinen Arbeitstisch. Dort lag, in der Mitte aufgeschlagen, Marwaks Buch. Daneben ruhte die silbern glänzende Kapsel. Es war ein grausiges Mitbringsel, das ihm da in die Hände gefallen war. Kein Wunder, dass Marwak es in diesem unterirdischen Versteck verborgen hatte. Kolvar musste das Buch erst mühsam übersetzen, da wichtige Teile in der geheimen Sprache der Schwarzmagier verfasst waren. Durch das Buch erfuhr er, dass sich im Innern der Kapsel ein Samen befand, der als »die Saat des Bösen« bezeichnet wurde.

Der Samen besaß tatsächlich teuflische Eigenschaften. Benetzte man ihn mit dem Blut eines Menschen und vergrub ihn, während man die in der Zeremonie vorgeschriebenen Beschwörungsformeln sprach, entwickelte sich der Samen innerhalb weniger Tage zu einer riesigen Frucht. Innerhalb der Frucht wuchs jedoch eine groteske Kreatur heran: Es war ein Doppelgänger jenes Menschen, von dem das Blutopfer stammte. Der Doppelgänger würde sich – sobald der Reifeprozess abgeschlossen war – aus der Frucht befreien, sein Ebenbild aufsuchen, es erschlagen und dessen Platz einnehmen. Dabei war der Doppelgänger jedoch jener Person untertan, welche die Zeremonie durchgeführt hatte. Kolvar war hier ein Schatz in die Hände gefallen, der den Verlust seiner Fluchtportalperle mehr als ausglich.

Kolvar setzte sich auf seinen hochlehnigen Arbeitsstuhl und blätterte nachdenklich in der Anleitung, die die Aussaat des Samens beschrieb. Er hatte lange auf eine Gelegenheit wie diese gewartet. Wie oft hatte ihn Ikondrar verspottet und ihn in der Akademie der Magier vor aller Augen gedemütigt. Eines musste sich Kolvar jedoch zähneknirschend eingestehen: Ikondrar war ein begabterer Magier als er. Doch das gab ihm nicht das Recht, ihn derart herablassend zu behandeln.

Kolvars ernstes Gesicht entspannte sich langsam, bis sich schließlich sein Mund zu einem dünnen Lächeln verzog. Seine Zeit würde kommen und Ikondrar würde für seine Anmaßungen büßen.

Die alles in Dunkelheit hüllenden schweren Regenwolken zogen davon und entblößten die blasse Silberscheibe des zerborstenen Mondes, dessen schroffe Buchkante im Moment im Schattenbereich lag. Dahinter leuchteten Tausende abgesprengter Gesteinsbrocken im Sonnenlicht. Ein dunkler und abgründiger Himmel, in dem nur wenige Sterne funkelten. Wenn man zu lange in die unendliche Leere blickte, konnte man den Verstand verlieren.

Kolvar wartete seit Einbruch der Nacht neben einem kleinen Gasthaus, aus dessen Schornstein eine klägliche Rauchfahne sickerte. Das kurze Unwetter hatte so heftig gewütet, dass selbst die Bettler an trockeneren Orten Unterschlupf gesucht hatten.

Es drang nur wenig Licht aus den schmutzverkrusteten Fenstern der Gastwirtschaft. Die strohgedeckte Hütte lag am Rande der Stadt, direkt neben einem eingefallenen Rest der ehemaligen Stadtmauer. Schäbige und ungepflegte Häuser, wohin er auch blickte. Die Armut war allgegenwärtig.

Kolvar fand es befremdlich, dass ein vermögender Arzt wie Baldrug in einem solchem – seinem Stand eigentlich unangemessenen – Gasthof einkehrte.

Es sollte noch einige Zeit dauern, bevor sich die Tür öffnete und der Arzt hinaustrat. Leicht angetrunken torkelte er über die Straße. Trotz der Kälte trug er seinen Mantel offen. Für Diebe und Totschläger wäre er so ein leichtes Opfer gewesen.

Kolvar trat aus dem Schatten.

»Einen schönen Abend, Herr Baldrug«, rief er ihn an. »So spät noch unterwegs? Plagt Euch der Kummer oder betrauert Ihr noch immer den tragischen Tod Eures Weibes?«

Baldrug hielt inne. Ein volles, jedoch von Traurigkeit gezeichnetes Gesicht, aus dem er Kolvar mit kleinen feuchten Augen anblickte. Kolvar konnte keine besondere Regung darin ausmachen. Er starrte Baldrug mit unverhohlener Abscheu in die Augen.

»Was … wollt Ihr … und woher wisst Ihr über den Tod meiner … Frau?«, fragte Baldrug mit schwerer Stimme, während er leicht vor und zurück schwankte.

»Ich weiß inzwischen Vieles über Euch«, flüsterte Kolvar. »Und das trotz der Tatsache, dass sich mein Interesse nur indirekt auf Eure Person bezieht.« Er umfasste Baldrugs Arm und zog ihn vom Eingang fort. »Machen wir einen kleinen Spaziergang, dann verrate ich Euch mehr.«

Baldrug verharrte unschlüssig, folgte ihm dann aber doch die mit groben Steinen gepflasterte Straße entlang. An deren Rändern häuften sich Küchenabfälle und Fäkalien, die selbst der starke Regen nicht mehr wegzuwaschen in der Lage war. Sie passierten einen Wachmann, der zusammengesunken und mit ausgestreckten Beinen schnarchend auf dem nassen Boden saß. Der Geruch von billigem Wein und Erbrochenem stach Kolvar in die Nase.

Sie verließen die trügerische Sicherheit der Stadt und erreichten einige Zeit später einen Landstrich, dem die Menschen der Gegend die Bezeichnung Nebeltal gegeben hatten. Das Licht des Mondes erhellte dürftig die Umgebung. Den schmaler werdenden Pfad säumten kahle Bäume, deren feuchte, glatte Rinde das Mondlicht reflektierte. Sie erreichten schließlich eine Lichtung, von der weitere Wege abgingen.

Baldrug hielt inne: »Nun sagt schon. Was wisst Ihr … und vor allem: Was wollt Ihr von mir?«

Kolvar zog seinen löwenkopfgeschmückten Zauberstab aus dem Umhang und schlug ihn hart auf den Boden. Leise murmelte er einen Zauberspruch. Direkt vor ihm fauchte plötzlich eine große, hell leuchtende Kugel silbern flackernde Funken aus der Dunkelheit. Innerhalb der Erscheinung zeichneten sich dunkle Schatten ab. Lichter, Farben und Formen wogten hin und her, flossen zusammen und lösten sich wieder voneinander. Schließlich bildeten sich deutlichere Konturen. Die schlanke Silhouette einer Frau wurde sichtbar. Baldrug wich einen Schritt zurück, als er erkannte, was sich dort abzeichnete.

»Meine Tochter!«, stöhnte er. »Was habt Ihr meinem Kind angetan?«

Kolvar bemerkte die Anspannung, die Baldrug erfasste. Er sah aus, als würde er ihn jeden Augenblick anspringen wollen. Doch der Quacksalber beherrschte sich.

»Eurem Kind geht es gut! Sie ist unversehrt und sie wird es auch bleiben, soweit Ihr bereit seid, mir einen kleinen Gefallen zu gewähren.«

Kolvar trat näher an Baldrug heran, der noch immer wie in Trance auf das von hellen Lichtern umtanzte Antlitz seiner Tochter starrte. »Solltet Ihr Euch jedoch widersetzen, wird sie verloren sein. Ihr habt zehn Tage Zeit, um mir meinen Wunsch zu erfüllen. Schafft Ihr es nicht, bin ich gezwungen, Eure Tochter für Euer Versagen büßen zu lassen.«

Baldrug schwieg, während er mit unerwartetem Aufbegehren Kolvars Blick erwiderte. Er schien jetzt völlig nüchtern zu sein.

»Sagt schon«, stieß er hervor. »Was soll ich für Euch tun?«

Kolvar griff in eine Tasche seines Umhangs und zog ein kleines Glasfläschchen hervor. »Bringt mir etwas von Ikondrars Blut. Ihr seid sein Leibarzt und dürftet keine Schwierigkeiten haben, an das Gewünschte zu gelangen.«

Baldrugs wankte einen Schritt zurück, als hätte ihn ein harter Schlag getroffen. »Wisst Ihr, was Ihr da von mir verlangt?« Sein Gesicht schimmerte blass. »Ikondrar ist höchst misstrauisch. Man munkelt sogar, er könne Gedanken lesen.«

»Weibergeschwätz!«, unterbrach ihn Kolvar barsch. »Denkt an Eure Tochter. Es ist Eure Entscheidung!«

Kolvar erwachte in seinem riesigen Bett, dass, von uralter Magie gehalten, etwas mehr als eine Handbreit über dem Boden schwebte. Ein quälender Schmerz pochte hinter seiner Stirn. Langsam richtete er sich auf, während sein Blick auf den makellosen Körper einer wunderschönen Frau fiel. Mit dem Rücken zu ihm und leicht in sich gekrümmt, ruhte sie völlig entspannt auf dem weißen Laken. Noch während er sie betrachtete, kehrten die Ereignisse des gestrigen Tages in sein Gedächtnis zurück.

Es war später Nachmittag gewesen. Die ersten aus Silberhof angereisten Händler hatten schon begonnen, ihre Waren zurück in die Wagen zu laden. Wie immer hatte Kolvar auf dem Markt mehr Geld als geplant ausgegeben und war schließlich in einer Gastwirtschaft eingekehrt. Kaum war er nach üppigem Mal und etwas zu viel Wein wieder ins Freie getreten, sprang ihn jemand von der Seite an.

Übler Mundgeruch stieß ihm entgegen, und er blickte auf ein hageres ungepflegtes Gesicht unter der löchrigen Kapuze. Der Angreifer war ihm schon in der Gastwirtschaft aufgefallen. Kolvar hatte sich während des Essens beobachtet gefühlt. Eine mit dunkler Kutte bekleidete Gestalt hatte ständig in seine Richtung geblickt, aber den Gasthof schließlich verlassen. Kolvar vermutete, dass er draußen, versteckt hinter der Pferdetränke, auf ihn gewartet hatte.

Der Überfall geschah innerhalb weniger Augenblicke. Der Bandit zwängte sich wie ein bösartiges Raubtier hinter ihn und zog mit erstaunlicher Kraft seine Arme nach hinten. Als er gerade dabei war, sein Messer über Kolvars Kehle zu ziehen, trat eine Frau aus dem Schatten. In ihren Händen ruhte eine scharfgemachte Armbrust. Der Bandit verharrte in seiner Bewegung und Kolvar spürte, wie das scharfe Messer leicht seinen Hals ritzte.

»Lasst ihn frei!«, rief sie. »Oder ich jage Euch einen Bolzen in den Kopf.«

Der Dieb lockerte seinen Griff ein wenig, sodass Kolvar wagte, wieder ein wenig Luft zu holen.

»Törichtes Weib«, erwiderte der Dieb fassungslos. »Warum stört Ihr mein Tun? Ist Euch das Opfer bekannt?«

»Ich bin nur nicht gewillt, mit anzusehen, wie rechtschaffene Bürger auf offener Straße von Euresgleichen aufgeschlitzt und ausgeraubt werden.«

Der Dieb lachte dumpf. »Rechtschaffene Bürger. Der feine Herr hier hat sicher mehr Blut an seinen Händen, als ich es jemals haben werde.«

»Geht!«, rief die Frau. »Bevor mir die Hand zu sehr zu zittern anfängt, und behaltet das Geschwätz für Euch!«

Der Dieb stieß Kolvar auf den durchweichten, matschigen Boden und wurde Teil der Dunkelheit.

Kolvar durchströmte eisige Kälte, als er begriff, wie knapp er am gestrigen Abend dem Tode entronnen war. Purer Zynismus: Da konnte er mächtige magische Energien entfesseln, um selbst gewaltige Ungeheuer zu Fall zu bringen, doch gegen das scharfe Messer eines Diebes, der sich in der Finsternis der Nacht anschlich, war er machtlos.

Die Schönheit in seinem Bett rekelte sich, drehte sich zu ihm und schaute ihn aus blau leuchtenden Augen an.

»Habt Ihr gut geschlafen?«, fragte Kolvar und legte sein strahlendstes Lächeln auf.

»Ausgezeichnet«, antwortete sie, zog die Beine an und lächelte zurück.

»Ich weiß immer noch nicht genau, wie ich Euch in ausreichendem Maße danken kann?«, schmeichelte er ihr. »Ihr habt völlig ohne Eigennutz Mut bewiesen und dabei Euer Leben riskiert. Das ist außergewöhnlich!«

»Ihr habt mich schon dadurch beschenkt, mir Einlass in Euer Anwesen gewährt zu haben«, erwiderte sie. »Das ist ein großer Vertrauensbeweis!«

»Gebt Euch nicht so bescheiden«, sagte Kolvar. »Ihr habt Euch Anerkennung und eine angemessene Entlohnung verdient. Ich hoffe, Ihr habt einen gesunden Appetit. Ich habe uns ein Frühstück anrichten lassen.«

Kolvar saß schon weit über die vereinbarte Zeit an einem Tisch der Gastwirtschaft »Zur gelben Kröte« und leerte das dritte Glas Wein. Er gab der Wirtin ein Zeichen, dass er seine Zeche zu begleichen wünsche, als Baldrug doch noch im Eingang der Schenke erschien. Seine Bewegungen waren schwerfällig und sein blasses, dickliches Gesicht wirkte wie die Haut eines Toten. Baldrug sah aus, als wäre er dem Teufel persönlich begegnet.

»Wo wart Ihr so lange?«, rief Kolvar verärgert. »Ist Euch das Leben Eurer Tochter nichts wert? Ihr enttäuscht mich …«

»Beruhigt Euch!«, flüsterte Baldrug erschöpft. »Ich habe das von Euch Gewünschte bei mir. Das Vorhaben erwies sich jedoch schwieriger als …«

»Erspart mir die Einzelheiten!«, unterbrach ihn Kolvar. »Gebt mir die Phiole!«

Baldrug griff in die Innentasche seines Mantels, dessen teurer Stoff matt schimmerte, und reichte Kolvar das in blaues Tuch eingeschlagene Fläschchen.

Kolvar nahm die Phiole mit der kostbaren Flüssigkeit an sich und verstaute diese in seinem Gewand. Dann ließ er einen kleinen Lederbeutel mit Silbermünzen auf den Tisch fallen. »Das ist für Euch, schließlich bin ich kein Geizhals. Eure Tochter darf jedoch noch so lange meine Gastfreundschaft genießen, bis ich Gewissheit habe, dass Ihr mir nicht das Blut eines Taugenichts oder gar eines Hundes vermacht habt.«

Baldrug erhob sich wutentbrannt und stieß dabei den schweren Tisch zurück. »Ihr habt mich betrogen! Ich will meine Tochter zurück.«

Kolvar blieb ungerührt sitzen: »Habt Ihr mir das Gewünschte gebracht, ist Eure Tochter in wenigen Tagen wieder bei Euch, ohne dass ihr ein Leid geschieht. Habt Ihr mich dagegen betrogen, geht sie in meinen Besitz über und Euch werde ich töten.«

Baldrug erwiderte Kolvars herausfordernden Blick und stieß den Beutel mit den Münzen von sich. »Gebt mir meine Tochter unversehrt zurück, mehr verlange ich nicht.«

Der Tag zog sich warm und sonnig dahin. Die greise Sonne übergoss die sanft geschwungene Landschaft mit mildem, rötlichem Licht. Die Luft war so klar wie schon lange nicht mehr, sodass Kolvar bis zu den weißen schmalen Türmen der Stadt blicken konnte.

Kolvar spazierte durch seinen geliebten Garten, in den er sich gern zurückzog, wenn er schweren Gedanken nachhing, oder einfach nur Entspannung suchte. Diesmal war er jedoch nicht hier, um Zerstreuung zu finden. Zielgerichtet lief er auf die kleine Anhöhe am Rand eines kleinen Kräuterbeetes zu. Der Gärtner hatte dort ein Loch ausgehoben und die Erde reichlich mit Wasser getränkt. Kolvar schien es so, dass außer dem Geruch von feuchter Erde auch noch ein Hauch Verwesung in der Luft lag.

Er entnahm den Samen der Kapsel und hielt ihn über das Loch. Das Samenkorn schien sich zwischen seinen Fingern zu winden. Angewidert ließ er es fallen. Kolvar zog hastig das Fläschchen mit Ikondrars Blut aus seinem Umhang, entfernte den Pfropfen und träufelte es über den unscheinbaren Keimling. Seine Lippen murmelten unterdessen die auswendig gelernten Beschwörungen. Nach Abschluss der Prozedur bedeckte er den Samen mit der ausgehobenen Erde. Mit einem kleinen Spaten drückte er schließlich den aufgelockerten Boden wieder fest. Kaum hatte er dies erledigt, durchströmte ihn ein Gefühl intensiver Erleichterung. Schnell kehrte er in sein Anwesen zurück.

Die magischen Energien, die in dem Samen gebunden waren, spürte er selbst dann noch, als er im Schaukelstuhl seiner Bibliothek seinen Nachmittagstee zu sich nahm.

Kolvar saß in seinem kleinen Arbeitszimmer im Nordturm und untersuchte ein archäologisches Artefakt, das ihm ein reisender Händler vor ein paar Wochen auf dem Markt angeboten hatte. Den Angaben des Händlers zufolge stammte das seltene Stück aus den Blutwüsten weit im Süden des Landes. Ein rundes bronzenes Objekt, ähnlich einem Amulett. Es war an einer langen dünnen Kette befestigt, die man sich um den Hals hängen konnte. Auf seiner Oberfläche befand sich eine Vielzahl unterschiedlich großer Erhebungen, die – sobald man sie mit dem Finger berührte – schwach zu leuchten begannen. Dabei gab das Artefakt ein tiefes Brummen von sich. Kolvar schätzte den Wert des Objektes recht hoch, kam bei seinen Untersuchungen jedoch kaum einen Schritt weiter.

Völlig außer Atem, stürzte plötzlich Kolvars Gärtner ins Arbeitszimmer. Mit ernstem und starrem Gesicht hatte er Kolvar in den letzten Tagen detailliert darüber Bericht erstattet, dass sämtliche Vegetation in der Nähe des neu gepflanzten Samens verkümmert war. Sogar das widerstandsfähige Trompetengras verdorrte zu unansehnlichen schwarzen Strünken. Dafür gedieh die Frucht des Samens prächtig und blähte sich wie ein riesiges Kürbisgewächs auf.

»Entschuldigt mein Eindringen, Herr, aber in der Frucht regt sich etwas ganz und gar Unheimliches. Als mich dieses Etwas aus dem Inneren der Pflanze heraus anknurrte, packte mich die Angst. Verzeiht mir, Herr … ich konnte nur noch davonlaufen …«

Kolvars Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Es geschieht alles so, wie es vorgesehen ist. Keine Furcht, du bist geschützt und in Sicherheit.«

Er erhob sich langsam von seinem Stuhl: »Vielleicht ist es ja schon so weit. Ich sollte selbst einmal nachsehen.«

Vielfarbige Schmetterlinge tanzten in der Luft, als Kolvar aus der schmalen Tür trat, die eigentlich für die Dienstboten vorgesehen war. Diese besonderen Schmetterlinge gehörten nicht zur Gattung der Insekten, sondern waren Teil einer Pflanze, die sich auf diese Art fortpflanzte. Die falschen Schmetterlinge konnten deshalb auch nur in unmittelbarer Nähe der Pflanze überleben. Kolvar lief dicht begrünte Wege entlang. Prächtige Blüten hatten sich der Sonne geöffnet und wiegten sich im sanften Wind.

Je näher Kolvar dem gepflanzten Samen kam, umso weniger Blüten gab es zu bewundern. Viele Blätter waren verdorrt oder begannen gelb und braun zu werden. Manche Pflanzen dagegen waren dicht mit weißem Schimmel überzogen. Ein stärker werdender Geruch nach Verwesung drang ihm in die Nase. Schließlich erreichte er die Stelle, an der er den Samen gepflanzt hatte.

Die Größe der Frucht übertraf Kolvars Erwartungen. Ihre Hülle erinnerte ihn an dunkle ledrige Haut, unter deren grünlich schimmernder Oberfläche sich ein dicht verästeltes Adergeflecht ausbreitete. Die monströse Frucht schien wie im Rhythmus eines Herzschlages zu pulsieren.

Eine Stimme krächzte. Es klang, als versuchte ein Tier, sich in menschlicher Sprache zu artikulieren. Kolvar trat näher an den bizarren Fruchtkörper heran. Vorsichtig berührte er mit seinen Fingerspitzen dessen feucht glänzende Oberfläche. Diese fühlte sich wie sprödes Pergament an.

Kolvar zuckte zurück, als eine rötlich schimmernde Hand die Fruchthülle durchstieß. Stinkende, gelbliche Flüssigkeit quoll aus der Öffnung und ein grausiges Gebrüll, wie nur Irrsinnige es hervorzubringen vermochten, drückte sämtliche anderen Geräusche nieder. Eine zweite Hand drängte sich durch die entstandene Öffnung und beide Hände drückten die Bruchstelle auseinander. Ein Riss öffnete sich. Mehr und mehr Flüssigkeit sprudelte hervor und benetzte den Boden. Ein unangenehm reißendes Geräusch ertönte plötzlich. Die Öffnung vergrößerte sich schlagartig. Mit einem gewaltigen Schwall wurde die eingeschlossene Kreatur hinaus auf die Erde gespült. Die Frucht fiel mit feuchtem Schmatzen in sich zusammen.

Das schleimüberzogene Wesen lag einige Augenblicke völlig regungslos inmitten der dampfenden Brühe. Dann kam Leben in den bleichen Leib. Langsam erhob sich die unheimliche Gestalt. Kolvar wich zurück, als er in das Gesicht der Kreatur blickte. Schleimfäden hingen ihm von Nase, Lippen und Stirn. Es bestand kein Zweifel, es war sein eigenes Gesicht, in das er da blickte.

»Das kann nicht sein«, stammelte Kolvar.

Hinter ihm ertönte das Lachen des Gärtners: »Es geschieht alles so, wie es vorgesehen ist.«

Kolvar drehte sich um und sah gerade noch die Gestalt des Gärtners verschwimmen und sich seltsam verzerren. Das Gesicht gerann kurzzeitig zu einer grotesken Fratze und einen Augenblick später stand der spöttisch lächelnde und makellos gekleidete Ikondrar vor ihm. Ein simpler Verwandlungszauber …

»Baldrug hat mir alles gestanden«, sagte Ikondrar, dessen unbeschwerter Blick Kolvar schmerzhafte Stiche versetzte. »Ich habe daraufhin einen Überfall arrangiert, um Euch mit der bezaubernden Leena bekannt zu machen. Sie besorgte mir etwas von Eurem wertvollen Blut. Ihr habt nicht einmal bemerkt, dass sie Euch ein Schlafmittel in den Wein mischte. Ihr könnt Euch sicherlich denken, wofür ich das Blut benötigte …«

Kolvar traf ein harter Schlag auf den Hinterkopf, sodass er nach vorn taumelte und beinahe zu Boden stürzte.

»Verzeiht mir, dass ich nicht zusehen kann, wie Euch Euer Ebenbild von Eurer jämmerlichen Existenz befreit«, rief Ikondrar. »Ich muss noch Baldrugs Tochter aus Eurem simplen magischen Gefängnis befreien. Dafür habt Ihr doch sicher Verständnis.«

Kolvar traf ein weiterer heftiger Schlag auf den Rücken. Es gelang ihm, sich umzuwenden, bevor die nächste Attacke auf ihn niederprasselte.

In dem so vertrauten Gesicht seines Doppelgängers zeichnete sich nicht die geringste menschliche Regung ab.

Time Erase

Paul nannte den Mars auch gern den Planeten der gescheiterten Beziehungen. Kein normaler Mensch würde freiwillig seine Zeit hier verbringen. Früher gingen die Menschen ins Kloster, um sich eine Auszeit von der Welt zu nehmen. Heute flogen sie zum Mars.

Der Blick aus dem zerkratzten Cockpitfenster des kleinen Rovers wirkte trostlos und unspektakulär. Er hätte sich ebenso gut zwischen den endlosen Dünenflächen einer irdischen Wüste befinden können. Der Sand besaß vielleicht eine etwas rötlichere Tönung, doch dies konnte auch auf Einbildung zurückzuführen sein. Zumindest die Sonne brannte hier kleiner und stechender vom Himmel herab, als auf der Erde.

Die Werbefilme der EMP vermarkteten den Mars als großes Abenteuer für wagemutige Frauen und Männer. In Wirklichkeit bestand der größte Teil der hier verbrachten Zeit aus monotonen Reparatureinsätzen und dem Warten auf die nächste Havarie. Hinzu kam ein täglich zu absolvierendes Muskelaufbautraining von mehreren Stunden. Ohne dieses Training würde der Muskelapparat – der geringeren Schwerkraft wegen – innerhalb weniger Wochen spürbar an Masse verlieren. Spannend war dies allenfalls für Fitnessfanatiker.

Durch die dünne Atmosphäre konnte Paul schon von Weitem den Turm der automatischen Abbauanlage erkennen. Die sich vor dem helleren Hintergrund abzeichnende Silhouette erinnerte ihn ein wenig an den vor zwölf Jahren bei einem terroristischen Anschlag gesprengten Eiffelturm.

Seit zwei Stunden war er jetzt auf den Beinen. Das automatische Störungsposting hatte ihn nach nur vier Stunden Schlaf aus den Träumen gerissen. Ein Teil des Kühlsystems war ausgefallen und die Anlage arbeitete nur noch mit halber Leistung. Seinen Auftraggeber, die LMC, kosteten solche Ausfälle ein Vermögen. Die Unterhaltung eines marsianischen Außenpostens zählte noch immer zu den teuersten unternehmerischen Projekten weltweit. Regierungen allein konnten solch kapitalintensive Vorhaben schon lange nicht mehr stemmen. Fast alle demokratischen Länder der Erde waren inzwischen stark verschuldet und besaßen kaum noch wirtschaftlichen Einfluss. Die immer weiter erodierenden Staatengebilde verwalteten allenfalls die wachsende Armut und koordinierten regionale Ressourcenkriege, die von privat verwalteten Armeen geführt wurden. Die Privatwirtschaft war daher bei der Eroberung des Sonnensystems federführend.

Eine Erschütterungswelle durchlief den Boden. Im selben Augenblick schnellte eine silbern schimmernde Nadel aus der flachen Kuppel der Abbauanlage. Der winzige Punkt verlor sich im dunklen Marshimmel.

Die abgebauten und aufbereiteten Metalle wurden mittels einer Induktionsschleuder in Richtung Erde geschossen. Ein riesiges Projektil aus massivem Metall. Um Kurskorrekturen vornehmen zu können, verbaute man winzige Seitentriebwerke an dem Zylinder. Ein Fallschirm sorgte dann für eine weiche Landung auf der Erde.

Ohne einmal vom Kurs abzuweichen, setzte der Autopilot des Rovers die Fahrt fort. Etwa zwanzig Minuten von der Abbauanlage entfernt, stach plötzlich spitzes Pfeifen in seine Ohren. Dunkel huschte etwas durch sein Blickfeld. Kurz darauf eine rot leuchtende Explosion. Der Rover schlingerte, während Paul kräftig durchgeschüttelt wurde. Die Gurte schnitten schmerzhaft in seine Haut und die Sitzaufhängung ächzte unter der Belastung. Sekunden später kam das Fahrzeug zum Stehen. Stille. Eine rot blinkende Anzeige informierte über einen leichten Druckabfall. Erst jetzt spürte Paul, dass seine Hände verkrampft die Armlehnen umklammerten. Er lockerte den Griff. Lehnte sich zurück. In seinem Kopf drehte sich alles. Eine leichte Benommenheit, als hätte er in kurzer Zeit eine halbe Flasche Wein geleert.

Draußen lichtete sich langsam der hochgewirbelte Staub und die Konturen der Landschaft traten wieder hervor. Durch das Cockpitfenster erblickte er einen kleinen Krater, den es zuvor hier nicht gegeben hatte. Obwohl Meteoritenabstürze auf dem Mars nur unwesentlich häufiger als auf der Erde vorkamen, hatte er beinahe das Glück gehabt, von einem dieser kosmischen Vagabunden pulverisiert zu werden.

Sein Blick wanderte über die Bereitschaftsanzeigen. Bis auf den minimalen Druckabfall befand sich alles im grünen Bereich. Paul war gerade dabei, den Autopiloten neu zu starten, als er auf ein helles Flimmern aus dem Krater aufmerksam wurde.

Das Fauchen verstummte. Druckausgleich erfolgreich. Die Ausstiegsluke entriegelte sich mit einem deutlich vernehmbaren Klicken und öffnete sich automatisch. Er trat in dem silbern schimmernden Raumanzug ins Freie. Einen Augenblick lang fühlte er sich wie einer jener legendären Marspioniere, die damals ohne Rückfahrkarte auf dem Planeten gelandet waren. Drei Monate später verursachte eine schwere Havarie einen Ausfall der lebenserhaltenden Systeme. Nach einer von den Medien bis zur Schmerzgrenze zelebrierten Trauerzeit waren die Menschen, die hier ihr Leben gelassen hatten, schnell vergessen.

Paul stapfte langsam auf den Krater zu. Durch die geringere Gravitation spürte er die Schwere des Raumanzugs kaum. Der Boden war recht fest und von unzähligen Steinbrocken übersät. Die Sonne stand in seinem Rücken und Paul warf einen meterlangen, scharf umrissenen Schatten, der bis an die Einschlagstelle des Meteoriten heranreichte. Der Krater hatte einen Durchmesser von ungefähr zehn bis fünfzehn Metern. Er näherte sich dem spitz aufgeworfenen Randbereich. Schaute hinein.

Sein Blick fiel auf eine weiß schimmernde Membrane, die den unteren Bereich der Kratersenke verschloss. Paul schwankte zurück. Er hatte viele Science-Fiction-Filme gesehen und bisher geglaubt, durch nichts so schnell aus der Bahn geworfen werden zu können. Doch es war etwas anderes, selbst dem Unbekannten gegenüberzustehen, ohne auch nur die geringste Ahnung davon zu haben, was als Nächstes geschehen würde.

Seine wachsende Unsicherheit wegdrückend, tat Paul einen weiteren Schritt nach vorn. Im selben Augenblick glitt ihm der Boden unter den Füßen weg. Sand floss in schmalen Strömen in die Tiefe. Er verlor den Halt. Stürzte mit den Füßen voran nach unten. Mit den Händen versuchte er, seine Abwärtsbewegung zu stoppen. Doch er setzte nur noch mehr Sand in Bewegung. Sand, der ihn wie Wasser umfloss und mit ihm in die Tiefe rutschte. Alles in ihm begann sich zu verhärten, während sich seine Füße der Membrane näherten. Einen Augenblick lang fühlte er sich schwerelos. Seine Gedanken wirbelten.

Schließlich durchbrachen seine Füße die unruhig flackernde Fläche. Drangen nach und nach tiefer. Paul spürte nichts davon. Er hatte mit intensiven Empfindungen gerechnet. Einem Kribbeln oder einer Art Taubheitsgefühl. Doch er spürte nicht das Geringste. Die Membrane veränderte langsam die Farbe. Das flackernde Weiß begann aufzuwallen. Begann sich zu färben. Es wurde zu einem kräftigen Rot, welches langsam den Raumanzug hinaufkroch.

Plötzlich Schmerz. Glutrotes Brennen, das sich rasend schnell in seinem Körper ausbreitete. Schmerz, der ihn vollständig ausfüllte.

Paul schrie.

Dunkelheit.

Leises Rauschen.

Lichter schälten sich langsam aus der Schwärze.

Paul sah diese Lichter nicht wirklich. Er nahm sie wahr. Ohne das eingeschränkte Blickfeld seiner Augen. Er war nicht nur Mittelpunkt. Er war überall.

Die Lichter wuchsen. Die Lichtquellen waren in immer gleichen Abständen angeordnet. Ein riesiges dreidimensionales Raster.

Die Stille brach. Sein Name. Eine Stimme, die aus allen Richtungen zu kommen schien. Er versuchte, sie zu lokalisieren. Ergebnislos.

Eine der Lichtquellen veränderte sich. Sie pulsierte, wuchs an. In ihrem Inneren erkannte er unzählige Lichtfäden, in denen Ströme aus Energie flossen. Plötzlich begriff er so vieles.

Etwas zog ihn an.

Der Raum und die in endloser Wiederholung angeordneten Lichter … alles krümmte sich … verbog sich.

Er im Zentrum.

Licht, Energie, Geräusche, Palises, Korasus …

Alles strömte auf ihn zu.

Wissen. Begreifen. Evolution.

Stille. Absolut.

Zurückschrecken.

Gefühle. Unfühlbar.

Wissen. Unfassbar.

Er spürte, wie ihm alles genommen wird.

Verlöschen. Ablehnung. Zurückstoßen.

Dann … Dunkelheit.

Sterben.

Sterben …

… Paul stapfte langsam auf den Krater zu. Durch die geringere Gravitation spürte er die Schwere des Raumanzugs kaum. Der Boden war recht fest und von unzähligen Steinbrocken übersät. Die Sonne stand in seinem Rücken und Paul warf einen meterlangen, scharf umrissenen Schatten, der bis an die Einschlagstelle des Meteoriten heranreichte. Der Krater hatte einen Durchmesser von ungefähr zehn bis fünfzehn Metern. Er näherte sich dem spitz aufgeworfenen Randbereich. Schaute hinein. Der Mittelpunkt des Kraters lag im Dunkeln. Er schaltete den Helmscheinwerfer ein und ließ den Lichtkegel über den staubigen Boden wandern. Paul hatte mit etwas Metallischem gerechnet. Ein vergessenes Wrackteil vielleicht, das am Rand des Kraters das Sonnenlicht reflektiert hatte. Doch da war nichts. Hier gab es nur einen von vielen langweiligen Kratern, wie sie den Mars zu Tausenden bedeckten.

Paul schaltete den Helmscheinwerfer aus und machte sich auf den Rückweg zum Rover. Wie ein riesiger Urzeitkäfer, durch das Gegenlicht nur als Schattenriss erkennbar, stand das Gefährt in der Landschaft.

Paul drehte sich noch einmal um. Ihn beschlich das eigenartige Gefühl, etwas vergessen zu haben. Eine Ahnung, von etwas Wichtigem. Doch da war nichts.

Leise ein Lied summend, setzte er seinen Weg fort.

Darmowy fragment się skończył.

17,69 zł

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
220 str.
ISBN:
9783957658524
Wydawca:
Artysta:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki