Czytaj książkę: «DUNKLE SONNE»
Gerd Frey
DUNKLE SONNE
Fantastische Erzählungen
AndroSF 116
Gerd Frey
DUNKLE SONNE
Fantastische Erzählungen
AndroSF 116
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Oktober 2021
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Lothar Bauer
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 261 4
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 836 4
Innenwelt
Begegnung
Es war kurz nach sieben. Ich hielt mich an einer der abgegriffenen Metallstangen der U-Bahn fest und schaukelte im Rhythmus der Fahrbewegung. Neben der Tür am anderen Ende des Waggons stand ein Wagenpolizist mit dunkelrotem, heruntergeklapptem Visier, hinter dem ein winziges Display flimmerte und ihn mit aktuellen Daten versorgte. Die Bahn schwenkte in eine Kurve und das Quietschen der Räder drang durch die angekippten Oberfenster ungedämpft in den Wagen. Um diese Zeit war es fast unmöglich, einen Sitzplatz zu bekommen. Die Leute standen körpernah beieinander, im Nacken spürte man den Atem des anderen.
Ich rückte meine altmodische Spiegelbrille zurecht, ein Relikt aus den Achtzigern, das gerade wieder in Mode kam, und blickte mich suchend um. Ich wusste nicht, an welcher Station sie die Bahn betreten würde. Vielleicht hatte sie ihre Meinung geändert und würde sich nie wieder bei mir melden. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, mir genau das zu wünschen.
Die U-Bahn hielt, ein neuer Schwall von Fahrgästen drängte sich in den Wagen. Ein schwitzender, fetter Mann in der Uniform eines Straßenwächters stellte sich neben mich. Sein saurer Geruch drang mir in die Nase, ich versuchte, von ihm wegzurücken. Eine vielleicht dreißigjährige Frau, die vor mir auf der schmalen Sitzbank saß, blickte von ihrem teuren, noch auf Papier gedruckten Buch auf und starrte mir sekundenlang in die Augen. Ein kalter, durchdringender Blick.
Die Bahn fuhr hart an, ich musste aufpassen, nicht den Halt zu verlieren. Hinter mir spürte ich eine Bewegung, drehte mich um und schaute in ihr Gesicht. Ich hatte sie noch nie so nah vor mir gehabt. Ihr Anblick jagte mir prickelnde Schauer durch den Kopf. Wenige Millimeter dicke, durchsichtige Schläuche überspannten ihren Nasenrücken, liefen über das Gesicht und verschwanden unter der dunklen, lederartigen Kleidung. Ich konnte deutlich erkennen, wie Blut und andere Flüssigkeiten durch die Schläuche flossen. Leicht nach oben gebogene Schmucknadeln, deren verdickte Enden hell und kalt auffunkelten, ragten in Höhe der Wangenknochen aus ihrer Haut. Die Augen waren reflektierende Kuppen, in denen sich das Rot des Mundes spiegelte.
Ihre schmalen Lippen zitterten. Sie ergriff mein Handgelenk und zog mich zur Tür. Die Lichter der nächsten Station wischten an den schmutzbedeckten Fenstern der Bahn vorbei, die Türen öffneten sich, sie schob mich hinaus. Ich rutschte plötzlich ab, stolperte auf den Bahnsteig und fiel. Sie fing meinen Sturz auf, und als ich sie berührte, fühlte ich das erste Mal ihren wirklichen Körper: Harte Formen, bis auf ein handgroßes Oval in der Bauchgegend, in dessen Vertiefung meine Hand weiche Wärme spürte. Ich zuckte zurück, während der Zug kreischend vorüberjagte, uns mit Papierfetzen und Staubwolken überschüttete und in der Dunkelheit des Tunnels verschwand. Es wurde still. Wir standen völlig allein auf dem Bahnsteig. Ich kannte die Station nicht. Sie lag zwar auf meiner Strecke, war mir aber bisher nicht aufgefallen. Um das ausgebrannte Überwachungshäuschen in der Mitte des Bahnsteigs häuften sich Abfall und Unrat. An einer Wand erkannte ich groß aufgesprayt das Symbol für Radioaktivität.
»Wohnst du hier?«, fragte ich.
»Komm!«, sagte sie und zog mich mit sich. »Wir müssen vom Bahnsteig weg.«
Ich folgte ihr und betrachtete von hinten ihren Körper. Ich wusste genau, wie sie unter der dunklen, leicht abgetragenen Kleidung aussah. Ich hatte wohl hundertmal ihren Körper berührt, meine Lippen auf die ihren gepresst und das Zittern ihres Fleisches gespürt. Nach einer zufälligen Partnervermittlung, bei der man seinen natürlichen Körper als Simulation freigab, hatten wir unsere Codes getauscht. Seitdem nahmen wir jede Woche miteinander Kontakt auf.
Wir verließen die Bahnstation und betraten einen Weg, der eine breite, dichtbefahrene Straße entlangführte. Ein Obdachloser hockte mit Plastikeinkaufstüten voll Lumpen in einem Autowrack am Straßenrand, kaute an einem schwarzen Etwas und kratzte sich die aufgedunsene Nase. Sein Gesicht war rot und mit eitrigen Pusteln bedeckt. Ich glaubte mich an Bilder aus dieser Gegend zu erinnern. Sie gingen damals über alle Kanäle: Der im Straßengraben liegende, aufgerissene und ausgebrannte Laster mit den radioaktiven Abfällen. Eine militante Umweltschutzorganisation feuerte eine Bodenlenkrakete auf ihn ab und wollte damit auf illegale Abfalltransporte aufmerksam machen. Man hatte überraschend schnell die für den Anschlag Verantwortlichen ermitteln können und überführt. Eine sich schnell formierende Bürgerwehr stürmte damals das Gerichtsgebäude und knüpfte die Angeklagten – drei Männer und eine Frau – an der Hochstraße auf. Drei Tage hingen die Leichen über den dahinfahrenden Autos. Diese Bilder waren jedem bekannt.
Ich blickte die dunklen Häuserfassaden hinauf. An einigen Fenstern war Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Ich hörte Kinderstimmen, ein Mädchen begann zu weinen, dann zu schreien. Ich hasste diese Stadtviertel.
An einer umgekippten Kommunikationssäule blieb sie stehen. »Du kannst es dir noch überlegen«, sagte sie. »Es ist illegal – und ich hätte auch nie die Genehmigung dafür erhalten.«
»Bist du strahlengeschädigt?«
Sie lachte lauthals. »Die ganze Stadt ist strahlengeschädigt – vielleicht sogar die ganze Welt. Was glaubst du eigentlich, was hier läuft? Hast du dir schon einmal die Krankenhäuser der Stadt angesehen. – Es sind bessere Krematorien.«
Ich blickte nach unten und schüttelte den Kopf. »Hör auf! Ich will nichts davon hören. Ich will …«
Sie ließ mich stehen und ging weiter. Ein Bettler kam auf mich zu und brabbelte unverständliche Beschimpfungen. Ich wich ihm aus und beeilte mich, sie einzuholen. Der Bettler grunzte und warf eine leere Flasche hinter mir her. Sie schlug neben mir auf den Boden und zersplitterte.
An einer Straßenkreuzung kamen wir an einem überfahrenen Hund vorbei. Große, quiekende Ratten fraßen an ihm. Als ich einen Stein nach ihnen warf, versuchten sie in einem Loch der Kanalisation zu verschwinden.
Nach etwa hundert Metern blieb sie vor einem fünfstöckigen Altbau stehen. Das Gebäude sah gut erhalten aus, alle Wohnungen schienen bezogen zu sein. Die meisten Fenster waren unbeschädigt und der Eingang nicht mit Müllsäcken zugestellt.
»Wir bringen das Zeug selbst zur Halde«, sagte sie auf meinen Blick. »Wir haben es sogar geschafft, die Ratten draußen zu halten.«
Ihre Wohnung lag im zweiten Stock. Sie schloss die Tür auf und wies mich an einzutreten. Die Wohnung war, abgesehen von Tischen, Stühlen und einigen technischen Geräten, fast leer. Große, in kraftvollen Farben gehaltene Zeichnungen bedeckten die Wände.
»Sieht nicht schlecht aus«, stellte sie mehr für sich selbst fest und öffnete Ihre Jacke. Mit einem elektrischen Knistern lösten sich die Kontakte. »Stammt noch vom Vormieter.«
Unter der Jacke war sie nackt, zumindest lag darunter ihr bloßer Leib. Ich erkannte, dass ein Teil ihres Körpers von Kunsthaut bedeckt war. Schwach konnte ich auch die schmalen, weißen Narbenlinien eines Laserskalpells ausmachen. Sie schienen den ganzen Körper zu umlaufen. An ihrer Computersimulation war mir Derartiges nie aufgefallen. Ihre Brüste waren klein und fest, die Brustwarzen aufgerichtet. Sie bemerkte, dass ich sie anstarrte.
»Zieh dich aus und leg dich dort hin«, sagte sie und wies mit der Hand auf eine Liege.
Ich entkleidete mich und ließ die Sachen auf den Boden fallen. Es war unangenehm kalt im Zimmer. Fröstelnd legte ich mich hin.
»Auf den Bauch«, sagte sie und hockte sich neben mich. Ihre zugeschliffenen Nägel kratzten über meinen Rücken. Sie stand auf, verließ das Zimmer und kehrte mit einem schwarzen, quadratischen Metallkasten auf Rollen, der ihr bis zu den Knien reichte, zurück. Sie verband mehrere Anschlüsse mit einem kleinen Monitor, löste ein bleistiftgroßes Gerät aus seiner Halterung und fuhr mir damit über den Rücken. Grüne Zahlenkolonnen erschienen auf dem Monitor, unterbrochen von grafischen Umrissen des menschlichen Körpers. Sie führte die Spitze des Gerätes meine Wirbelsäule entlang und drückte es zwischen die Schulterblätter. Heiß stieß mir ein plötzlicher Schmerz in den Schädel. Durch meine Wirbelsäule flutete geradezu stoffliche Kälte. Ich stöhnte. Ihre Hand glitt beruhigend über meinen Rücken.
»Ich muss erst die Blockade lösen«, sagte sie. »Sonst bekommst du keine Erektion. Das ist etwas anderes als im Cyberspace!«
Ich wollte den Arm hochziehen, doch ich konnte ihn nicht mehr bewegen. Ein dumpfes, taubes Gefühl lähmte mich.
»Gleich vorbei«, sagte sie leise. »Ich habe so etwas noch nie gemacht. Aber es sieht gut aus.«
Sie nahm den Stift von meiner Wirbelsäule und drehte mich auf den Rücken. Ich fühlte mich völlig unbeteiligt, beobachtete jedoch mit wachsender Faszination, was sie als Nächstes tun würde. Langsam wich das Gefühl der Taubheit. Ich rieb meine prickelnden Fingerspitzen.
Sie zog eine Spritze auf und injizierte mir vorsichtig einen Teil der gelblichen Flüssigkeit in den Oberarm. »Es wird deine Seele öffnen. Ich habe lange gebraucht, um den Stoff zu bekommen.« Sie zog die Nadel heraus und injizierte sich die zweite Hälfte.
»Schließ die Augen«, flüsterte sie.
Ich gehorchte, spürte aber ihre tastenden Hände. Meine Haut sog gierig ihre Wärme auf, ihre Berührungen. Als sie mich küsste, waren ihre Lippen trocken und kalt. Sie setzte sich langsam auf mich, und ich fühlte, wie ich in sie drang. Ihr Körper schmiegte sich an mich, ich verspürte die beginnende Wirkung der Droge. Sie begann mit langsamen kreisenden Bewegungen und ich bemerkte, wie sie sich mit den Händen rechts und links von meinem Kopf abstützte. Ich öffnete die Augen. Mein Blickfeld war seltsam eingeengt, verzerrt und wurde nach und nach von anderen Bildern überlagert.
»Ich habe vor zwei Wochen meine Regel erzwungen.« Ihre Stimme überlagerte ein lauter werdendes Rauschen. »Es wird sicher nicht beim ersten Mal klappen. Du darfst es dir auf keinen Fall wünschen …« Ihre Stimme wurde vom Rauschen verschluckt.
Ich versuchte, die fremden Bilder aufzunehmen. Verwaschene rot-gelbe Farben ohne Konturen zuckten in einem langsamen Rhythmus vor meinen Augen. Ich glaubte, die stark vergrößerten Umrisse von Zellformationen zu erkennen. Das Rauschen wurde zu einem dumpfen, gemächlichen Pochen. Im Hintergrund nahm ich ein fast unhörbares Flüstern wahr. Wie ein Seufzen der Luft über dem Wasser einer stillen See, kurz vor dem Sturm. Irgendwie fühlte ich ihre Lippen, meine Lippen, unsere sich berührenden Zungen und konnte beides nicht voneinander trennen. Es war eine Entkrampfung, als ich laut, fast tierisch aufschrie. Ein heißes, prickelndes Stechen quoll in mir auf, wild tanzten die Farben um mich herum. Als wir einander durchdrangen stockte mir der Atem, als hätte ich einen Schlag auf die Brust bekommen. Das Bild zerstob, es wurde dunkel. Ich wusste nicht, ob die Droge Traumsequenzen enthielt, aber ich begann einen sandigen, mit kleinen Steinen übersäten Boden unter mir zu fühlen.
»Ich liebe dich.« Ihre Stimme neben meinem Ohr. »Ich sehe unser Kind. Ein kleines zerknautschtes Etwas mit feuerroter Haut. Ich kann es riechen und fühlen. Es liegt ganz warm in meinen Armen.«
Ihr schwach leuchtendes, weiches Gesicht. Dahinter eine glatte Linie, sie trennte Wasser und Himmel. Es war still.
Einer der drei Polizisten stieß mit einem kräftigen Tritt gegen die Tür. Holz splitterte. Er trat ein zweites Mal dagegen, die Tür schlug auf. Sie betraten mit gezogenen Waffen die Wohnung und fanden die beiden sich umschlingenden Körper im Wohnzimmer. Die Frau bewegte sich, bäumte sich auf. Einer der Polizisten feuerte auf sie. Ein Schuss durchschlug ihre Brust und zerfetzte einen Lungenflügel, der andere traf ihre Schläfe. Sie war auf der Stelle tot.
Die Polizisten trennten die beiden Körper voneinander. Den unter Drogen stehenden Mann zwängten sie in ein Häftlingshemd und verschweißten es auf dem Rücken. Er wurde wegen Verstoßes gegen das Geburtenregelungsgesetz festgenommen. Sie überprüften die restlichen Zimmer, bevor sie die Wohnung verließen und die Tür versiegelten. Zwei schleppten den Mann nach unten, der dritte informierte die Organverwertung, um die Leiche abholen zu lassen.
»Wenigstens auf die Mithilfe der Nachbarschaft kann man sich noch verlassen«, sagte der Fahrer zu den drei in den Wagen steigenden Polizisten und fuhr langsam die Straße hinunter.
Terminiert
Rob ging langsam den Gang entlang. Vor und hinter ihm verschluckte Dunkelheit jegliche Raumkontur. Dennoch schien die alles verschlingende Schwärze lebendig und von noch dunkleren Schatten bevölkert zu sein. Hin und wieder glaubte er, die blassen Windungen gewaltiger Eingeweide zu erkennen, und rechnete jeden Augenblick damit, von etwas Monströsem angesprungen zu werden. Der Gang schien endlos und nur die spärlich verteilten Fackeln an den rußigen Wänden vermittelten ihm den Eindruck, voranzukommen. Es roch plötzlich nach verrottenden Pflanzen und Verwesung, sodass er unwillkürlich seinen Schritt beschleunigte.
Hinter sich glaubte er etwas atmen zu hören. Ein röchelndes Geräusch, so erschreckend nah, dass sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Er drehte sich vorsichtig um und sah einen länglichen Körper von der Decke baumeln. Die bläulich schimmernde Haut war von dickknotigen Adern überspannt, und in dem fast kreisrund klaffenden Maul rotierten blitzende Metallzähne.
Der Körper, der aus einem zackigen Loch herunterhing, zuckte mit schlagenden Bewegungen vor und zurück. Rob fühlte sich bedroht. Wirklich sehr eindrucksvoll! Mark musste monatelang an dem Monster gearbeitet haben. Die Polygone waren dicht gesetzt und die Texturen brillant. Er zog seinen Energiewerfer aus der Halterung und feuerte. Ein blau gleißender Impuls jagte der Kreatur in den Kopf, zerfetzte ihn und ließ einen Hagel blutigen Körpergewebes niedergehen. Rob schüttelte sich. Manchmal ging Mark zu weit.
Rob wollte sich gerade umwenden, als noch ein Monster aus dem Loch schnellte. Er kam kaum dazu, die Waffe erneut zu heben, als ihn das Wesen erreichte. Das Maul mit den rotierenden Zähnen schnappte um die Hand, in der er den Energiewerfer hielt, sodass er gerade noch Zeit hatte, einen Schuss auszulösen. Durch sein minimiertes Schmerzempfinden merkte er kaum, wie ihm die Hand abgebissen wurde. Eine Fontäne grünen Blutes schoss aus seinem ausgefransten Armstumpf, da explodierte vor ihm das zweite Monster.
»Sehr komisch, Mark!«, rief er in die Dunkelheit. Mit der unversehrten Hand zog er die Waffe aus der dampfenden Blutmasse. Weiter den Gang entlang. Er musste den Ausgang finden oder sterben, nur so konnte man den Level verlassen.
Nach einigen Metern veränderte sich die Wandstruktur. Eine klebrige Substanz überzog den massiven Stein. Darunter zeichneten sich organische Strukturen ab. Der niedrige Gang weitete sich. Aus kleinen Öffnungen sickerte trübes Licht in dunstigen Flecken zu Boden. Nebelschwaden trieben durch die Luft.
Er erreichte den Eingang einer riesigen Arena, in deren Mitte er den dunklen Leib eines Raumschiffes erblickte. Es ragte Hunderte von Metern in einen wolkenverhangenen Himmel. Wurde er erwartet? Rob lächelte. Selbst Mark gelang es nicht immer, hundertprozentigen Realismus zu erzeugen. Die Wolkenformationen zogen etwas zu gleichmäßig dahin, als dass sie einen geübten Betrachter täuschen konnten.
Nach einigen tiefen Atemzügen lief er langsam auf das Schiff zu. Es herrschte absolute Stille. Nicht einmal Windgeräusche waren zu vernehmen. Als er die Hälfte der Strecke hinter sich hatte, gab es ein Geräusch wie das Entriegeln eines riesigen Tors. Ein silbern glühender Faden schoss über die Länge der schwarzen Schiffshülle und verbreiterte sich. Es entstand eine gleißende Öffnung, die zuweilen unruhig flackerte. Rob schaltete seinen Schutzschild mit dem Oval des milchigen Energiefeldes ein.
In diesem Augenblick trat ein Schatten in das gleißende Lichtfeld des Raumschiffs. Die Kreatur war riesig und bewegte sich schwerfällig wie ein Urzeitwesen. Der Boden bebte, als ihm die Kreatur entgegenstapfte. Die Umrisse, die er ausmachen konnte, enthüllten gewaltige Hornplatten mit spitzen Dornen, die den Körper des Ungeheuers bedeckten, dazu unzählige stachel- und klauenbewehrte Auswüchse. Er musste sich zwingen, nicht Hals über Kopf davonzurennen. Schließlich war alles nur eine Simulation.
Die Erschütterungen wurden immer heftiger, die Kreatur kam schnell näher. An ihrem flachen, länglichen Kopf leuchteten drei rote Augen. Hier lag höchstwahrscheinlich der Punkt, an dem Mark das Monster verwundbar gelassen hatte. Er würde schon beim ersten Mal genau zielen müssen, oder es würde ein anstrengender Kampf werden. Rob schaltete sein Schutzfeld ab, hob langsam den unverletzten Arm mit der matt leuchtenden Waffe, visierte eines der Augen an und zog den Auslöser durch. Augenblicklich schloss sich das verspiegelte Lid des Auges, der Energieimpuls wurde reflektiert, jagte zu Rob zurück und schlug ihm ein zentimetergroßes, merkwürdig sauberes Loch in die Brust. Seine Gesundheitsanzeige sackte auf vierundzwanzig Prozent. Rob taumelte zurück. Sein virtueller Körper geriet aus dem Gleichgewicht. Er fiel auf den Rücken. Das Monster jagte auf ihn zu.
Rob verschlug es die Sprache. Mark hatte sich diesmal selbst übertroffen. Er hatte das Letzte aus dem Level-Editor herausgeholt – und noch ein ganzes Stück mehr. Das Monster kam über ihm zum Stehen. Es öffnete ein Maul und brüllte mit Marks Stimme ein erschütterndes GAME OVER. Eine Klauenhand hob sich zum letzten Schlag, und Rob rief QUIT.
Die Klauenhand traf ihn. Der augenblicklich einsetzende Schmerz ließ ihn aufbrüllen, bevor die Fratze des Monsters verblasste.
Rob streifte sich die Sensorelektronik vom Kopf und ließ sich in seinem Drehstuhl zurückfallen, während die imaginäre Wunde noch auf seinem Gesicht brannte. Es war eine Art Aberglaube, dass Rob das Spiel jedes Mal vor seinem virtuellen Exitus durch das Sicherheitscodewort beendete. Warum es dieses Mal nicht funktioniert hatte, war ihm ein Rätsel. Er brauchte etwas Zeit, um das Schwindelgefühl zu verlieren, nachdem er die Verbindung mit dem Rechner gekappt hatte. Rob berührte fast liebevoll die antiquierte Tastatur, die seinen Rechner noch zierte. Die alten Dinger waren unverwüstlich, wenn man nicht gerade seine Mahlzeiten hineinkrümeln ließ.
»Kontakt Mark«, rief er und sein Rechner stellte nach dem unvermeidlichen Werbeclip des Netz-Providers mit den 3-D-gerenderten Animationen die Verbindung her.
Er musste warten, bis Mark den Anruf bestätigte, und hatte dann dessen gestochen scharfes Bild auf dem Schirm.
»Hi!«, rief Rob und hob Marks Datendisk in die Höhe. »Ich kann nicht glauben, was du da zusammengezaubert hast. Genial! Ihr Informatiker habt wirklich ein Rad ab.«
Mark grinste mit schiefem Gesicht. »Ich hoffe, du hast nicht die Hosen voll! Bist du durchgekommen?«
»Bei dem Viehzeug, das du auf mich losgelassen hast? Bis zum Raumschiff hab ich’s geschafft, dann war Schluss … Keine schlechten Biester, die du dir da ausgedacht hast.«
Gelassen zuckte Markt mit den Schultern. »Ich hab ein paar Bildbände von Giger durchstöbert. Da bekommt man Inspiration pur. Der Mann hat wirklich Fantasie. Vor ein paar Jahren hatte ich mir mal ein Bild von ihm ins Zimmer gehängt. Nach zwei Wochen konnte ich es nicht mehr sehen. Du bekommst Albträume von dem Zeug.«
Rob begann zu lachen. »Du und Albträume! Deine Splattereffekte waren so widerlich, dass es mir fast den Magen umdrehte. Du solltest vielleicht nicht so ins Detail gehen. Außerdem gab es Probleme mit dem Sicherheitscodewort. Ich hab ‘ne volle Ladung abbekommen, und das bei eingeschaltetem Schmerzempfinden.«
Mark blickte entsetzt. »Das ist unmöglich, ich meine … Rühr’ das Programm bitte nicht an, solange ich keinen Blick darauf geworfen habe. Okay?«
»Ist mir auch lieber so«, erwiderte Rob.
»Ich werde aber in nächster Zeit kaum dazu kommen. Bin gerade einem verteufelt intelligenten Virus auf der Spur. Alte Programmiererehre, diese Dinger zu knacken! Als ich gestern meinen Rechner runterfuhr und kurz vom Netz löste, entdeckte ich ihn durch Zufall. Ich hab nämlich ein kleines Sicherheitsprogramm entwickelt, das den Zeitraum überprüft, den der Rechner benötigt, um alle Anwendungen zu beenden. Bei mir dauerte der Vorgang etwa zwölf Sekunden länger als vom Programm berechnet. Der Toleranzbereich liegt bei plus minus zwei Sekunden. Bleiben also noch immer zehn Sekunden, in denen Dinge passieren, die eigentlich nicht passieren sollten. Bisher konnte ich noch keine weiteren Veränderungen feststellen, aber ich nehme an, dass sich der Virus früher oder später bemerkbar machen wird. Meine aktuellen Virenscanner haben jedenfalls versagt. Vielleicht sehe ich auch nur Gespenster, und mein Rechner hat viel handfestere Probleme.«
»Klingt jedenfalls seltsam«, sagte Rob. »Für mich ist es zumindest beruhigend, dass auch ein Profi wie du an Grenzen stößt. Treffen wir uns heute Abend im Soul Reaver?«
»Punkt neun!«, bestätigte Mark. »Lass dir nicht wieder so viel Zeit wie beim letzten Mal.«
Das Soul Reaver war ein kleines Internetcafé, gleich bei Rob um die Ecke. Man konnte eine Kleinigkeit essen und trinken und danach an einem der freien Rechner ins Netz tauchen. Das Essen, überwiegend aus der Kühltruhe, war nicht besonders, aber Rob kam wegen der Leute hierher. Mark saß an einem Tisch in der Ecke und rauchte eine der neuen Designerzigaretten. Er konnte es an dem blauen Ring um den Filter erkennen. Die Dinger waren vollgepackt mit leichten Drogen und ließen jeden nach spätestens drei Minuten wie blöde grinsen.
»Schon was gegessen?«, fragte Rob.
»Nein, lass uns bestellen.« Mark schaute ihn an, als hätte er etwas Ungeheuerliches mitzuteilen.
»Mit dir stimmt doch was nicht«, sagte Rob. »Willst du es wieder mit Jana versuchen? Du weißt, wie ich darüber denke. Die Frau …«
»Hier, lies!« Mark schob ihm mehrere Blätter in Programmiersprache vor die Nase. »Erinnerst du dich an unser Gespräch von heute Nachmittag? Das Ding ist kein Virus, wie ich dachte.«
»Sondern?«
»Ein fremdes Programm. Äußerst raffiniert.«
Rob betrachtete die Blätter, zuckte mit den Schultern und schob sie zu Mark zurück. »Du weißt, davon verstehe ich keinen Deut. Versuch es mir zu erklären!«
Mark senkte die Stimme: »Ich habe den ganzen Nachmittag daran gesessen. Erst als ich anfing, Dateigrößenvergleiche anzustellen, bemerkte ich, dass bestimme Dateien größer waren als üblich. Betroffen waren besonders erweiterte systeminterne Konfigurationsdateien, die ohnehin ständigen Größenschwankungen unterliegen und in die der Anwender normalerweise nicht eingreift. Diesen Dateien waren Daten angehängt, die dort nicht hingehörten. Insgesamt, so meine Schätzungen, sind rund vierzig Megabyte meines Speichers durch solche Dateianhängsel belegt – eine Menge, die man bei den heutigen Gigabytesystemen ohnehin nicht mehr registriert. Als nächstes habe ich festgestellt, dass diese Daten Programmfragmenten ähneln und miteinander verzahnt sind. Sie kommunizieren sogar miteinander. Bemerkenswert sind jedoch zwei ganz andere Dinge. Diese Programmstrukturen funktionieren wie ein sich selbst fortpflanzender Organismus, oder genauer gesagt, wie genetisches Material. Man kann einen Teil der befallenen Dateien löschen, erreicht damit aber nur, dass nach kurzer Zeit andere Dateien beschrieben werden. Ähnlich wie in einem genetischen System: Zellen sterben ab, Zellen werden erneuert. Interessanterweise sind die neu erzeugten Programmstrukturen nur zum Teil identisch.«
»Wofür soll das gut sein?«, fragte Rob, als Mark eine kurze Pause einlegte.
»Kann ich noch nicht sagen. Ich werde es spätestens dann merken, wenn das Ding anfängt, im Rechner was kaputt zu machen.«
»Willst du das Programm nicht entfernen?«
Mark zündete sich eine neue blauberingte Zigarette an, blies eine süßliche Qualmwolke in die Luft und lächelte. »Das sind genau solche Herausforderungen, an denen ich nicht vorbeikomme. Aber vielleicht entpuppt sich dieser Virus als eine harmlose Sache.«
»Dafür scheint das Ding zu intelligent gebaut. Meinst du nicht?«, erwiderte Rob.
Rob gruppierte sämtliche Objekte, gab den Polygonbegrenzungen eine einheitliche Linienstärke und speicherte ab. Er hatte leichte Kopfschmerzen von der ständigen Arbeit am Bildschirm. Zwar hätte er auch mit den Virtual Glasses arbeiten können, doch die damit verbundenen Steuerungsvorgänge behagten ihm nicht. Ein Blick auf die Uhr – schon wieder weit nach achtzehn Uhr. Eigentlich ging seine Arbeitszeit bis sechzehn Uhr. Dennoch kam er selten früher hier weg. Dabei durfte er sich als einer der wenigen fest angestellten Grafiker in der Agentur noch glücklich schätzen. Die meisten mussten sich als sogenannte Freie auf dem immer dünner werdenden Arbeitsmarkt durchschlagen.
Rob wollte seinen Rechner gerade in den Stand-By-Modus schalten, als ein Anruf einging. Marks stoppelbärtiges Gesicht erschien auf der Bildplatte. Seine Augen blickten verstört.
»Hallo, Rob«, sagte er. »Ich muss mit dir reden. Kommst du zu mir?«
»Ich habe eigentlich schon etwas vor.« Rob lehnte sich leicht zurück. »Es müsste schon etwas sehr Wichtiges sein …«
»Es ist verdammt wichtig«, erwiderte Mark schnell, und sagte dann beinahe flehend: »Bitte!«
»Okay, ich kann aber nicht lange bleiben. Auf diese Verabredung habe ich lange hingearbeitet.«
»Ich warte auf dich.« Mark lächelte gequält. »Danke!«
Mark wohnte in einem der Altbauviertel. Es stank nach Hundekot, an den Straßenrändern lagen Müllsäcke. Die Stadtreinigung hatte sich hier schon seit Monaten nicht mehr sehen lassen. Drei etwa zehnjährige Kinder standen am Ende der Straße und hielten einen großen Hund an der Leine. Der Köter kläffte ihn an. Die Kinder lachten und riefen Schimpfwörter. Rob ignorierte sie.
Mark hatte seine Wohnung im dritten Geschoss eines noch halbwegs intakt aussehenden Gebäudes. Die massive Wohnungstür war mit hellgrüner, schon abblätternder Farbe gestrichen. Dort, wo der Klingelknopf sein sollte, ragten zwei kurze Kabelenden aus der Wand. Mark hatte sich nie Mühe gegeben, aus dieser Wohngegend herauszukommen. Rob hätte es hier nicht ausgehalten. Er klopfte.
Mark öffnete die Tür und ließ ihn ein. Obwohl Rob das letzte Mal vor rund zwei Jahren hier gewesen war, hatte sich an der Einrichtung nicht viel geändert. Zentrum der Wohnung war das Wohnzimmer, in dem mehrere Rechner mit offenem Gehäuse ihren Platz hatten. Ein Tisch, drei alte Stühle und zwei Schränke waren lieblos im Zimmer aufgestellt.
Mark verschwand in der Küche und kam mit zwei riesigen Tassen Kaffee zurück. Seine Hände zitterten.
»Ich bin heute gekündigt worden«, sagte er plötzlich. »Fristlos! Laut Personalsoftware gelte ich als Risikofaktor für die Betriebssicherheit. Keine Ahnung, wieso. Entscheidungen der Personalsoftware stellt man nicht infrage. Das Mistprogramm wurde angeschafft, um die Korruption beim Personalmanagement einzuschränken. Jede größere Firma lasst ihre Personalentscheidungen über diese Software laufen. Sie berücksichtigt psychologische und physiologische Gutachten und das aktuelle Verhaltensmuster der betreffenden Person.«
»Du hast vier Jahre in dem Scheißladen gearbeitet!«, rief Rob. »Hast du keine Möglichkeit, die Entscheidung anzufechten?«
»Ich könnte einen Widerspruchsantrag einreichen. Doch bei solch einer Anschuldigung … Ich sehe kaum Chancen.«
»Warum? Man kann doch nicht einfach etwas behaupten, ohne dir eine Möglichkeit zur Richtigstellung zu geben.«
»Das Programm sorgt für ein Höchstmaß an Sicherheit. Ein Verdacht reicht aus, um deinen Job zu gefährden. Industriespionage zählt zu den häufigsten wirtschaftlichen Vergehen mit verheerenden Auswirkungen. Darauf reagiert eine Firma besonders empfindlich.
Ich habe zumindest einen Verdacht: Die Software wurde manipuliert! Ich habe dir doch von diesem merkwürdigen Virus erzählt. Hinter dem Ding steckt mehr, als ich dachte.«
Mark nahm einen Schluck Kaffee.
»Seitdem in Onlinesystemen dank der Einbindung von Werbeträgern keine Gebühren mehr anfallen, stehen die meisten Rechner in einem ständigen Kontakt mit dem Weltnetz. Der Virus nutzt diesen Zustand und kommuniziert über diese Verbindungen mit anderen befallenen Systemen. Das eigentliche Programm hinter dem Virus ist also viel größer, als ich dachte. Es ist vielleicht so gewaltig, dass es Intelligenz besitzen könnte!«
Rob starrte Mark fassungslos an. »Du spinnst!«
Mark schüttelte den Kopf. »Ich habe solche Programmstrukturen noch nie gesehen. Selbstregenerierend und in ein höheres System eingebettet. Einfach genial …«
»Aber welchen Zweck soll die Sache haben? Ein Spaß durchgeknallter Informatikstudenten?«
Mark schüttelte langsam den Kopf. »Es könnte vieles sein. Ein direkter Eingriff in unsere Privatsphäre, ein aus den Bahnen geratenes wissenschaftliches Experiment oder ein Megavirus mit eigener Intelligenz.« Mark lächelte traurig. »Such selbst heraus, was am wahrscheinlichsten ist.
Vielleicht ist einigen Leuten unangenehm, dass ich auf ihre Schliche gekommen bin. Das würde zumindest einiges erklären …«
Rob befand sich in einem völlig abgedunkelten Raum. Langsam streckte er seine Hände aus, in der Hoffnung, irgendwann auf ein Hindernis zu stoßen, um sich zu orientieren. Doch da war nur Leere. Vorsichtig begann er, Schritt um Schritt nach vorn zu gehen. Die Hände nach vorn haltend spürte er, wie ihm der Schweiß ausbrach. Eine merkwürdige Stille, die wie Samt in seinen Ohren lag, verstärkte sein Gefühl der Unsicherheit.
Plötzlich hatte er den Eindruck, durch feine Spinnennetze zu gehen. Ein unkontrollierbares Schütteln zuckte durch seinen Körper, und er wischte sich hektisch über sein Gesicht, um die klebrigen Fäden abzustreifen. Das Gefühl erinnerte ihn an seine Kindheit, als er mit den Eltern jeden Herbst Pilze suchen war. Die Spinnweben zwischen den Bäumen hatten ihm den Spaß verdorben, sodass er später nur noch widerwillig mitkam.
Ein seltsamer, aber vertrauter Geruch geriet ihm in die Nase. Er machte noch einige Schritte nach vorn und spürte einen leichten Luftstrom auf seinem Gesicht. Jetzt konnte er auch den Geruch bestimmen. Es war der intensive Gestank nach frischem Blut. Sein Herz begann zu rasen.
Plötzlich brach den Boden unter seinen Füßen weg. Kopfüber, mit den Händen ins Nichts greifend, fiel er in die Dunkelheit.
Rob spürte einen schmerzhaften Aufschlag und erwachte neben seinem Bett. Ein lautes Summen zeigte einen dringenden Anruf an, der in der Warteschleife lag. Er stand auf, rieb sich die schmerzende Schulter und bestätigte den Anruf. Das Gesicht einer hageren, etwa vierzigjährigen Frau mit halblangen, schwarzen Haaren und einem dünnlippigen Mund erschien auf dem Schirm. Er schaute auf den Link der Statuszeile. Polizeidistrikt 8 war dort zu lesen. Da Rob von seiner Seite den Bildkanal deaktiviert hatte, streckte er ihr die Zunge heraus.
»Was gibt’s?«, fragte er.
»Sind Sie Rob Halberg, derzeit bei ComSatz beschäftigt?«
»Worum geht es?«
»Kennen Sie Mark Kalik?« Ihr Gesicht zeigte keine Regung.
»Wir sind befreundet. Ist was passiert?«
»Mark Kalik wurde heute Morgen tot in seiner Wohnung aufgefunden. Ein Nachbar hörte laute Schreie und informierte die Polizei.« Sie schaute plötzlich in die Kamera, als würde sie ihn tatsächlich sehen. »Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt mit Herrn Kalik?«
Rob schlug es heiß ins Gesicht, sein Magen krampfte sich zusammen. »Gestern Nachmittag«, sagte er einen Augenblick später. »Er wollte mir …« Rob stockte. »Wie ist es passiert?«
»Hirntod«, antwortete die Frau. »Wir fanden ihn an einen Rechner gekoppelt. Reizüberflutung.« Sie lächelte kurz. »Wir benötigen Ihre Aussage. Fünfzehn Uhr, Polizeidistrikt acht. Möglicher Verdienstausfall wird Ihnen erstattet.«
Die Verbindung endete abrupt und machte einem Werbespot über Speichermedien Platz.
Rob lehnte sich zurück und schloss die Augen. Seine Gedanken überschlugen sich. Er konnte es nicht glauben. Mark tot – einfach so, von heute auf morgen? Ihn überkam Übelkeit. Er lief ins Bad, konnte sich jedoch nicht übergeben. Heftig atmend hockte er vor dem Toilettenbecken. Er musste etwas unternehmen.
Einige Sekunden lauschte er an Marks Tür. Von drinnen war kein Geräusch zu vernehmen. Er zog den Schlüssel, den er von Mark für Notfälle bekommen hatte, aus der Manteltasche und schloss leise die Tür auf. Die Wohnung machte, von einem süßlichen Geruch abgesehen, einen unveränderten Eindruck. Rob lief ins Wohnzimmer. Ein Rechner war umgekippt und der spinnenartige Sensorhelm lag auf dem Boden. Daneben waren die Umrisse von Marks Körper angezeichnet. Ein Bildschirm lief noch und zeigte fliegende Toaster.
Im Laufwerk des umgekippten Rechners entdeckte er den gleichen Datenträger, den Mark ihm ausgeliehen hatte und auf dem sich die 3-D-Simulation befand. Rob suchte den Raum nach schriftlichen Aufzeichnungen ab, konnte jedoch nichts finden. Vermutlich hatte die Polizei alles Wesentliche mitgenommen.
Er stellte den umgekippten Rechner wieder auf und schaltete ihn ein. Der Speicher wurde hochgezählt und das Betriebssystem geladen. Rob setzte sich, befestigte den Sensorhelm am Kopf und startete die Simulation. Es konnte kein Zufall sein, dass sich gerade dieser Datenträger im Laufwerk befand. Als das Programm in sein Nervensystem griff, hatte er einen Augenblick das Gefühl, schwerelos zu sein. Sein Blickfeld wurde weich überblendet, er vernahm leichtes Rauschen.
Wie aus diffusem Nebel entstand eine Landschaft um ihn. Er fand sich in einem Wald mit gewaltigen, moosbewachsenen Bäumen wieder. In der Ferne war das Gekreisch von Vögeln zu vernehmen. Hin und wieder brach die Sonne durchs Blätterdach und warf fächerartige Lichtsäulen auf den Boden. Rob fühlte den feuchten Boden unter seinen Füßen und das Gekrabbel von Insekten. Er war nackt. Mit zögernden Schritten begann er sich durch Büsche mit großen fleischigen Blättern zu kämpfen. Die mächtigen Bäume standen weit auseinander und waren am Fuß von Schlingpflanzen umwuchert. Rob spürte, wie ihm etwas auf den Rücken spritzte. Er fasste nach hinten und berührte eine klebrige Substanz. Als er die Hand nach vorn nahm, klebte an seinen Fingern schmieriger violetter Schleim.
Er lief eine lichtdurchflutete Schneise entlang. Diese Simulation sollte sich Mark ausgedacht haben? Sie war unglaublich detailliert, fast schon real. War das der seltsame Virus, mit dem sich Mark in den letzten Tagen beschäftigt hatte? Eine künstliche Intelligenz? Hatte etwa der Virus Mark umgebracht, oder waren es die Leute, die hinter dem Programm standen? Absurd!
Rob hielt inne. Vor sich erblickte er eine Lichtung. Gleißendes Sonnenlicht fiel auf eine pyramidenähnliche Konstruktion. Hellbraune verwitterte Steine waren zu einem etwa vier Meter hohen Bauwerk aufgeschichtet. Ein enger Eingang führte in unergründliche Dunkelheit. Direkt vor dem von schmalen Steinplatten umrahmten Eingang entdeckte er eine bewegliche Bodenplatte und am Rande der Pyramide einen schweren Stein. Mühsam schleppte er ihn vor den Eingang und ließ ihn, während er gleichzeitig zurücksprang, auf die Platte fallen. Es gab ein Geräusch wie von austretendem Gas. Einige Sekunden verharrte Rob regungslos, dann bemerkte er, dass das Innere der Pyramide jetzt erleuchtet war.
Gebückt betrat er den Eingang. Verwesungsgeruch schlug ihm entgegen. Rob ging Schritt für Schritt in das Gebäude hinein. Der Gang wurde nach hinten breiter und höher. An den Wänden brannten von Gas versorgte Fackeln. An seinem Ende weitete sich der Korridor zu einem größeren Raum. Behutsam betrat er das kuppelförmige Zimmer. Vom Zentrum der Decke hing eine milchige Kugel, aus der warmes Licht strömte. Die nach innen gewölbten Wände waren mit großflächigen farbigen Zeichnungen verziert, zumeist in Rot und Schwarz gehalten. Rob fuhr zusammen.
Die Bilder zeigten sterbende Menschen. Obwohl nur angedeutet, sah man den Gesichtern Schmerz und Entsetzen an. Von allen Seiten stürzten sich haarige Riesenspinnen auf die Menschenopfer. In Rob keimte ein entsetzlicher Verdacht. So schnell wie möglich musste er von hier verschwinden. Da gab der Boden unter seinen Füßen nach. Beinah gemächlich schwangen sechs spitz zulaufende Segmente nach unten und gaben den Blick auf eine dunkle Grube frei. Es raschelte leise.
Er brüllte auf, als er den Halt verlor, der Länge nach auf den harten Stein fiel und langsam von der Steinplatte rutschte. Rob stürzte zwei Meter tief und fiel auf Hunderte haariger Körper, eine Matte aus handgroßen Spinnen. Er versuchte aufzustehen, doch die Tiere krabbelten über seinen Körper, zwängten sich mit ihren hornigen Beinen zwischen seine Lippen und drangen ihm tiefer in Mund und Hals.
Rob spürte, wie er seine Kraft verlor. Seine Arme, mit denen er sich hochzustemmen suchte, zitterten. Mit letzter Energie brüllte er QUIT.
Rob sackte in sich zusammen, als sich sein Gehirn vom System löste. Er riss sich den Sensorhelm vom Kopf und warf ihn beiseite. Noch immer zitterte er am ganzen Körper, kalter Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Plötzlich überlief es ihn heiß. Sein Blick fiel auf sein heimisches Arbeitszimmer. Auf dem Monitor stand GAME OVER.
Rob öffnete seine Adressdatenbank und klickte auf Marks Videoverbindung.
»Der Teilnehmer ist zurzeit nicht verfügbar. Versuchen Sie es später noch einmal«, meldete eine synthetische Frauenstimme nach wenigen Augenblicken. »Danke, dass Sie Videotec Vision als Übertragungssoftware benutzt haben.«
Rob stand auf, zog sich seinen Mantel über und ging auf die Straße. Kalter Wind peitschte gelbbraune Herbstblätter über den Fußweg. Die Straße war seltsamerweise fast menschenleer, nur ein Motorradfahrer fuhr langsam am Straßenrand entlang. Rob trafen einige Regentropfen. Er blickte nach oben und sah aufgewühlte dunkle Wolken über den Himmel ziehen. Er blieb schlagartig stehen. Diese Wolkenbewegungen kannte er. Zu exakt, um real zu sein. Um ihn begann sich alles zu drehen, seine Beine rutschten unter ihm weg. Erneut rief er QUIT.
Als die Überblendung sein Blickfeld freigab, sah er Hunderte von Spinnen sich in sein Fleisch graben. Zuckende Wölbungen bewegten sich langsam unter seiner Haut vorwärts und fraßen. Dumpf spürte er einen sich ausbreitenden Schmerz im ganzen Körper.
Er schloss die Augen und ließ sich zurückfallen. Eine schwere Müdigkeit erfasste ihn und drängte alle anderen Empfindungen zurück. Er wollte sich nur ausruhen, alles von sich abstreifen.
Rob versank in einer warmen, weichen Dunkelheit.
Welt Gottes
Als ich auf dem Raumhafen eintraf, ahnte ich nicht, was mich erwartete. Eine milde Herbstsonne lag über der Ebene. Das Schiff war bereits gelandet. Es stand in der äußersten Ecke des Landefeldes, so mit Ruß überzogen, dass es schwerfiel, die Kennnummer zu entziffern. Gerade kam der Bus, der die von WELT GOTTES zurückkehrenden Reisenden von der Raumfähre zum Terminal brachte.
Er wurde von den Pilgern, die durch ihre auf unterschiedliche Konfessionen hinweisende Kleidung gekennzeichnet waren, begeistert empfangen. Die meisten knieten nieder, als die Rückkehrer den Bus verließen. Ihre Gewänder leuchteten in der Sonne.
»Seid gegrüßt, Pilger Gottes«, dröhnte eine lautsprecherverstärkte Stimme über den Platz. »Kniet nieder, empfangt den Segen des unermesslichen Geistes! Wer fest im Glauben ist, den nimmt Gott auf und verzeiht ihm seine Sünden …«
Ein Ankömmling, der gestikulierte, wurde von Pilgern umringt. Manche knieten nieder, einige warfen sich zu Boden. »Ich bringe euch die Gnade, deren ich teilhaftig geworden bin.«
Die Rückkehrer mussten etwas Überwältigendes erlebt haben. Mein Auftrag schien interessant zu werden.
»Schau nur, Michael, diese Verrückten.« Bernard Pelot, als Ressortchef mein direkter Vorgesetzter, zog seinen unförmigen Hut noch tiefer ins Gesicht. »Eine heiße Sache, dein erster Auftrag. So etwas hätte ich mir damals für mich gewünscht – anstatt einer Reportage über die Bewältigung der Todesangst bei Hellsehern. Aber das hier! Religiöse Fanatiker und ein ungelöstes kosmisches Rätsel. Delvon muss einen Narren an dir gefressen haben.« Er lächelte mich an, seine gelbfleckigen Zähne wurden sichtbar. »Ein Tipp, Michael. Halte Augen und Ohren offen, frage sie aus bis aufs Hemd, aber lass dich auf keine Streitgespräche ein. Die sind dazu fähig, deinen Körper der kosmischen Kälte zu opfern.«
Er gab mir einen kräftigen Schlag auf den Rücken. »Komm mir gesund wieder!«
Die Pilger wiesen jeden Versuch ab, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Sie widmeten sich ausschließlich ihren Gebetsriten und versenkten sich in Meditation. Ich musste, wenn ich mich unterhalten wollte, mit zwei Geschäftsreisenden vorlieb nehmen oder konnte mir von einem Serviceroboter die technischen Details des Schiffes erklären lassen.
Ich sehnte das Ende des Fluges herbei. Auch nach drei Wochen hatte ich mich nicht an das Dröhnen der Generatoren gewöhnt, das bis in die Schlafkabinen drang und mir Albträume bescherte. Drei Wochen? Einer Vorahnung folgend, befragte ich meinen Kommunikator – und erschrak. Bis zum Austritt aus dem Überraum waren es vierzig Sekunden … Ich hatte gerade noch Zeit, mich anzuschnallen, als grelles Übergangslicht meine Augen blendete. Der Pilot hatte vergessen, das Warnsignal auszulösen.
Nach dreißig Sekunden hatten wir den Überraumsprung hinter uns. Ich erhob mich, stellte einen heruntergefallenen Blumentopf mit künstlichem Venustau auf den Tisch zurück und betrat den Hauptgang. Es herrschte ein vollkommenes Durcheinander. Die Hälfte der Leuchtkugeln war erloschen und der Boden von Ölflecken bedeckt. Reinigungsroboter konnte ich nirgends entdecken. Die Pilger liefen einander um und drängten sich vor dem Zentralmonitor, um einen Blick auf WELT GOTTES zu werfen. Der Planet glich einem blassen, milchigen Ball, in den man eine weißglühende Nadel gestochen hatte: ein Energiestrahl von mehr als zwanzig Kilometern Durchmesser, der sich weit in die Tiefen des Weltraums erstreckte. Obwohl schon etliche Raumschiffe über Jahre hinweg seinem Lauf gefolgt waren, hatten sie seinen Ausgangspunkt nicht erreicht.
Schmerzhaft hin und her gestoßen und von den emsig umherlaufenden Pilgern vom Zentralmonitor weggedrängt, kam ich mir inmitten dieser geballten Ansammlung von Frömmigkeit ziemlich überflüssig vor. Ich quetschte mich durch die Menschenmenge und lief zum Speisesaal.
Als die Fähre landete, wurde es gerade dunkel. Der Himmel war wolkenverhangen und schien uns jeden Augenblick mit Regen überschütten zu wollen. Obwohl heftiger Wind blies, war die Luft heiß und schwül.
Wegen des Sandsturms war der Hafentransporter, der uns zum Abfertigungsgebäude bringen sollte, kaum zu erkennen. Hinter trüben Fensteröffnungen bewegten sich dunkle Gestalten. Die Pilger begannen, eine mit Schmutz verkrustete Metalltreppe hochzuklettern. Ich folgte als Letzter und bekam bei jedem Schritt meines Vordermannes eine Ladung Dreck ins Gesicht. Oben warteten Serviceroboter und führten uns zu abgewetzten Sitzen. Einer der Roboter trat zu mir.
»Mr. Lorenz? Michael Lorenz?«
Ich nickte. »Richtig!«
»Ich bin be-beauftragt, Sie als Be-berater und Führer auf WELT GOTTES zu be-begleiten.«
Ich blickte an seinem Gehäuse hinunter und bemerkte Rostflecken und kleinere Löcher. An einer Hand fehlten zwei Finger.
»Was soll das?«, fragte ich verärgert. »Warum wird mir kein menschlicher Begleiter gestellt?«
Ein klägliches Knacken erklang aus der Lautsprecheröffnung, bevor er antwortete: »Schon während des Au-aufbaus der Station kam man zur Einsicht, dass es keinem menschlichen Wesen zuzumuten ist, längere Zeit auf diesem Himmelskörper zuzubringen.« In seinem Inneren rasselte etwas. »Übersinnliche Er-erscheinungen haben unvorhersehbare Reaktionen bei den Stationsmitarbeitern au-ausgelöst. Deshalb …«
»Das ist die dümmste Ausrede, die ich je gehört habe«, gab ich zurück. »Bei ausreichender Motivation finden sich für jeden Job die richtigen Leute. Es zieht doch genügend Pilger hierher!«
»Es ist …« In seinen elektronischen Eingeweiden rumorte es, Zahnräder knackten, er verstummte. Aus seiner Ohrimitation stieg eine kleine Qualmwolke. Als er sich nach einer halben Minute immer noch nicht rührte, lehnte ich mich zurück.
Zwei Stunden später hielt der Transporter vor einem Gebäudekomplex, der aus dunklen Gesteinsplatten zusammengesetzt war. Die Roboter drängten uns von den Plätzen und folgten beim Aussteigen. Wir betraten eine notdürftig ausgebesserte Straße. Die ehemals glatte Oberfläche war aufgebrochen und zum Teil zugeweht. In der Station schaltete jemand die Außenscheinwerfer ein, um uns die Orientierung zu erleichtern. Der Eingang, eine große ovale Tür, öffnete sich einen Spaltbreit. Für einen Augenblick legte sich der Wind, und wir kamen schnell ins Innere. Ein Androide neuester Bauart empfing uns mit warmer, weicher Stimme.
»Willkommen auf WELT GOTTES. Diese schon zweihundert Jahre alte Station ist für die nächsten Stunden Ihr Quartier. Sie können sich in dieser Nacht noch einmal auf sich selbst besinnen, bevor Sie morgen der Manifestation Gottes gegenübertreten. Der Marsch nimmt, je nach körperlicher Verfassung, vier bis fünf Stunden in Anspruch. Sollten Sie während des Aufenthaltes in dieser Station zu der Überzeugung gelangen, vom Pilgermarsch zurücktreten zu wollen, ist es möglich, die Zeit bis zur Rückreise hier zu verbringen.«
Fünf Stunden Fußmarsch! Warum hatte mir Bernard Pelot kein Wort davon gesagt? So schlecht waren die Vorrecherchen doch sicherlich nicht, dass er nichts davon gewusst haben sollte. Ich war nahe daran, mir zu wünschen, man hätte diesen Auftrag einem anderen vermacht.
Ich rief den mir zugeteilten Roboter und ließ mich zu meinem Zimmer führen. Ein großes Fenster ermöglichte den Blick auf den windumtosten Transporter, der verlassen vor der Station stand. O Gott, das Wetter schien noch schlechter zu werden.
Ich legte mich hin und versuchte, zu schlafen. Das ständige Flüstern von Bibelzitaten aus dem Bibelspender ließ mich keine Ruhe finden. Es würde erst dann verstummen, wenn man für einen deftigen Preis eine der schlechtgedruckten Bibeln gekauft hatte. Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere, und nach einer Weile taten mir sämtliche Knochen weh. Der Roboter stand in einer Ecke und funkelte mit seinen Kontrolllampen.
»Eine Partie Schach?«, fragte ich und schaltete das Licht wieder ein.
Am nächsten Tag erwachte ich samt Spielbrett und Schachfiguren im Bett. Der Roboter befand sich nicht mehr im Zimmer. Nach dem Waschen meldete sich mein Magen, und ich machte mich auf den Weg zum Speisesaal. Bei meiner Suche lief mir einer der Pilger über den Weg. Bisher war er mir wie die anderen aus dem Wege gegangen, jetzt warf er mir einen seelsorgerischen Blick zu und trat näher. »Sie scheinen allein angereist zu sein.« Seine Stimme klang rau. »Kommen Sie doch zu uns und schließen sich der Gruppe an.«
»Das würde ich gern.« Ich versuchte mit einem verunglückten Lächeln, ein wenig von seiner Liebenswürdigkeit zurückzugeben, und reichte ihm die Hand. Wirklich, es wurde höchste Zeit, etwas für meinen Artikel zu tun. »Ich bin Michael Lorenz.«
»Harlan«, sagte er und erwiderte meinen Händedruck.
Ich aktivierte unauffällig mein Multifunktionsaufnahmegerät und folgte ihm durch die schlecht beleuchteten Gänge. Im Speiseraum herrschte reger Betrieb. Hier entdeckte ich auch meinen Roboter wieder. Er war mit Küchenarbeiten beschäftigt und bemerkte mich nicht. Harlan lief zu einem großen Tisch, an dem etliche Pilger ihr Frühstück verzehrten, und stellte mich vor. Ich zog mir einen Stuhl vom Nachbartisch heran und setzte mich.
»Ich bin von der Vereinigung VERKÜNDER DER GROSSEN WIEDERKEHR«, flüsterte mir jemand ins Ohr. »Ich hoffe, hier Antwort auf all unsere Fragen zu finden.«
»Ich kann das gut verstehen«, antwortete ich. »Das ganze Leben an eine Sache zu glauben, ist sicher zu wenig. Irgendwann braucht man ein Zeichen, eine Bestätigung.«
»Sie haben mich falsch verstanden«, erwiderte er. »Zweifel kennen wir nicht. Es geht uns um eine Bewusstseinserweiterung. Warum sollten wir sie ausschlagen, da sie doch möglich erscheint? Ein Zeichen brauchen wir nicht. Wir sind auch ohne ein solches in der Lage, zu glauben.«
»Natürlich«, stimmte ich ihm zu, während ich nach Marmelade für meine fast schwarze Toastscheibe suchte. »Das habe ich nie bezweifelt.«
Er klappte den Deckel seines Aktenkoffers nach oben, der sich als Laptop entpuppte. Aus der Seitentasche seines schwarzen Umhangs zog er ein abgegriffenes Modul und klemmte es zwischen die Kontaktleisten. Darauf füllte sich der Bildschirm mit unverständlichen Zeichen.
»Dies sind sämtliche nachprüfbaren Beweise für die Richtigkeit unserer Theorien. Sie wurden im Laufe von siebenhundert Jahren gesammelt und auf ihre Echtheit untersucht. Die entsprechenden Gutachten sind am Ende einer jeden Beweisführung aufgelistet.«
»Äußerst bemerkenswert«, erklärte ich. »Damit würde ich mich gern intensiver beschäftigen. Könnten wir vielleicht nach …«
»Absoluter Unfug«, unterbrach mich ein weißhaariger Kayriede mit einer roten, spitz zulaufenden Schädelwulst, dem Zeichen für eine starke Potenz. »Unsere Erkenntnisse lassen auf eine völlig andersartige Entstehungsgeschichte des Universums schließen. Zuerst gab es das UR-WESEN, das Paradoxon, das sich aus sich selbst erschuf. Ein Zeitwirbel, ausgelöst vom NULLDANACH. Eine Ursache-Wirkungs-Verschiebung, die nur vor der Existenz des Universums möglich war und durch die dessen Entstehung erst bedingt wurde. Das auslösende Moment sozusagen.«
»Wenn ich Sie recht verstehe, sehen Sie das Universum aus einem Perpetuum mobile hervorgegangen?«, warf ich leicht benommen ein.
»Gewiss.« Der Kayriede blickte mir tief in die Augen. »Nicht nur das Universum. Hier ist wohl unser überzeugendster Beweis!« Er holte aus seinem Koffer einen schwarzen Kasten, an dessen Seite sich ein unscheinbares Rädchen drehte. Oben waren die beiden Symbole E. S. eingeprägt. Er tippte darauf. »Nichts als Zahnräder!«
»Eine Ihrer billigen Imitationen!«, rief mein erster Gesprächspartner empört. »Wo haben Sie diesmal den Motor versteckt?«
»Eine Frage, Herr Lorenz!«, unterbrach Harlan die Auseinandersetzung. Er saß an der anderen Seite des Tisches und schaute amüsiert drein. »Was hat Sie eigentlich in diese Gegend verschlagen?«
»Ich schreibe Auftragsarbeiten für eine große Fachzeitschrift, die sich mit Grenzwissenschaften beschäftigt«, antwortete ich frei heraus.
Ich bemerkte, wie sich Harlans Gesichtsausdruck einen Augenblick lang veränderte. Der Kayriede rückte ein wenig von mir weg, es entstand eine angespannte Pause, in der niemand etwas sagte. Betont langsam trank ich einen Schluck Kaffee.
»Wir haben also einen Journalisten hier«, beendete Harlan etwas hilflos das Schweigen. »Wer weiß, was Herr Lorenz nachher über uns schreibt?«
»Nein, nein«, versuchte ich einzulenken. »Ich schreibe kleinere Reportagen, und das auch erst seit einem Jahr.«
»Das muss doch ungeheuer interessant sein«, sagte jemand. »Sie müssen weit herumkommen.«
»Um ehrlich zu sein«, sagte ich leise, »dies ist mein erster großer Auftrag. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich dabei unterstützten. Es wäre mir eine große Hilfe, wenn Sie mir nach Ihrer Begegnung mit GOTT schilderten, was Sie erlebt haben, wie die geheimnisvollen Erscheinungen auf Sie gewirkt haben.«
»Sie würden wirklich darüber berichten? Das wäre großartig. Ich melde mich bei Ihnen!«
»Ich auch!«
»Aber das ist doch selbstverständlich!«
»Gehen Sie mit – oder bleiben Sie hier?«, fragte Harlan. Es klang misstrauisch.
»Wenn Sie einverstanden sind«, sagte ich, »schließe ich mich Ihnen an. Ich will es selber kennenlernen.«
Er nickte. »Also gemeinsam.«
Wir standen auf der sturmgepeitschten Oberfläche des Planeten und versuchten, durch den aufgewirbelten Sand und Staub wenigstens die nähere Umgebung auszumachen. Die Schutzanzüge waren schwer und unbequem. Der meine hatte einen Fehler im Luftfilter, sodass mir ständig Sandkörner zwischen die Zähne gerieten.
Jemand klopfte mir auf den Rücken. Ich blickte mich um und erkannte Harlan durch die Sichtscheibe des fremden Helms.
»Wo ist Ihr Roboter?«, hörte ich seine Stimme. »Ich hoffe, Sie wollen nicht ohne ihn losziehen.«
»Er ist gerade dabei, mein Aufnahmegerät zu verpacken, damit es vom Sand verschont bleibt. Dagegen sind die Dinger empfindlich.« Ich wies zur Seite, wo sich im Sandgestöber ein kaum auszumachender schwarzer Fleck auf uns zu bewegte. »Das wird er wohl sein.«
Mein Roboter tapste schwerfällig durch den Sand und hielt im linken Greifer den in Folie gewickelten Apparat.
»Ihr Aufnahmegerät!«, schnarrte er und hielt mir das Bündel entgegen.
»Ich brauche es noch nicht«, antwortete ich ihm. »Trag es solange.«
Er zog seinen Greifer zurück und wartete.
»Wir müssen los«, drängte Harlan. »Die anderen sind uns schon voraus.«
»Welche Richtung?«, fragte ich.
»Folgen Sie mir«, meldete sich der Roboter und stakste an uns vorbei. Wir liefen hinter ihm her und hatten Schwierigkeiten, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Die Sicht schien noch schlechter zu werden.
»Warum nehmen wir kein Fahrzeug?«, fragte ich. »Ist es nicht unsinnig, die Sache so zu erschweren?«
»Glauben Sie, wir laufen absichtlich zu Fuß?« Harlan lachte dumpf. »Ich habe mich informiert. Gäbe es eine andere Möglichkeit, diese Strecke zu überwinden, würde man sie nutzen. Leider bleibt jeder Motor innerhalb des Energiefeldes stehen. Keiner weiß, warum – es ist eben so. Auch mit Tragtieren hat man es versucht. Sie scheuen vor der Erscheinung.«
Ich hatte mit den Sandkörnern im Mund zu kämpfen, meine Augen begannen zu tränen. Hatte ich anfangs die Sache noch für amüsant gehalten, so entwickelte ich angesichts der vor uns liegenden Strapazen regelrechten Widerwillen gegen meinen Auftrag. Wofür das alles? Um unerklärliche, pseudomystische Lichterscheinungen zu beobachten!
Harlan lief wie gebannt hinter meinem Roboter her. Irgendwie schaffte er es, den Sandsturm zu vergessen und sich auf das ferne Ziel zu konzentrieren. Ich hatte große Lust, auf der Stelle umzukehren und die Pilger zu interviewen. Doch dazu hätte ich allein zurückgehen müssen – und das wollte ich auch wieder nicht.
Als mir das Fehlen von Harlans elektronischem Begleiter auffiel, schaute ich zurück. Außer gelblichgrauen Schlieren war nichts zu erkennen. Harlan war allein unterwegs.
»Wo haben Sie Ihren Roboter?«, fragte ich. »Hat er einen Defekt, oder weshalb gehen Sie allein?«
»Ich kann die Dinger nicht ausstehen.« Seine Stimme war kaum zu verstehen. »Durch sie entfremdet man sich von Gott.«
»Und dennoch folgen Sie meinem Roboter?«
Harlan schwieg und starrte vor sich hin. Ich wollte noch eine Frage stellen, die mir jedoch im Halse stecken blieb. Unbewusst hatte ich mich seiner Kleidung erinnert und ahnte nun, was in ihm vorgehen musste: Vor zwei Jahren machte ein religiöser Skandal von sich reden. Man hatte entdeckt, dass der damalige, scheinbar unsterbliche Führer jener Sekte, der Harlan zugehörte, ein Simulacron war. Ich hatte die Ereignisse mit großem Interesse verfolgt und jeden Artikel für eine Arbeit gesammelt. Die Sekte zerfiel innerhalb weniger Wochen, nur eine kleine Gruppe überzeugter Fanatiker blieb erhalten. Ich mochte nicht darüber nachdenken, was Harlan mit seinem Roboter angestellt hatte. Sicherlich fehlten dem jetzt mehr als zwei Finger.
»Schauen Sie! Da vorn!«
Ich folgte Harlans ausgestreckter Hand und versuchte, den Staub zu durchdringen. Ein blaues Leuchten war zu erkennen, aber möglicherweise täuschte mich auch eine Spiegelung in meinem Sichtfenster.
»Der Roboter läuft darauf zu!«, rief ich. »Das kann doch nicht schon das Energiefeld sein?«
»Was sonst?«, sagte Harlan und legte einen Schritt zu.
Je näher wir kamen, umso intensiver wurde das Leuchten. Lichtblitze durchschnitten das Licht und entluden sich leise grollend.
»Hey! Roboter!«, rief ich in den Sturm. »Was ist das hier? Sind wir schon da?«
»Das ist die äußere Grenze des Energiefeldes«, hörte ich schwach seine Antwort. »Wir müssen da hindurch. Es wird Ihnen nichts passieren.«
»Dann los«, ließ sich Harlan vernehmen, und eigenartig fröhlich sagte er noch: »Vielleicht ist dahinter das Wetter besser. Außer unserem Leben haben wir nichts zu verlieren.«
Er begann zu laufen und schleuderte mit seinen Schuhen kleine Sandfontänen auf. Es war jedoch noch ein ganzes Stück Weg, und nach einer Weile begann er, wieder langsamer zu werden. Je näher wir dem Energiefeld kamen, umso mehr veränderte sich auch unsere Umgebung. Große Felsbrocken bedeckten die Ebene, und immer öfter wurde der nackte Felsboden sichtbar. Mein Roboter stürmte voran, keinen Augenblick daran zweifelnd, dass wir ihm folgen würden.
Da bemerkte ich etwas Seltsames. Während die Umgebung in blaues Licht getaucht wurde und der Wind abflaute, stiegen farbige Dämpfe aus dem Boden und formten sich zu seltsamen Gestalten. Manche dieser Nebelwesen trugen Gesichter, die mich an Freunde und Verwandte erinnerten. Mit dunstigen Händen griffen sie nach uns, spannen Farblinien um unsere Körper.
Eisiges Prickeln lief mir über die Haut, die Luft schien dünner zu werden.
Ich ging schneller, um ihnen zu entkommen. Obwohl ich meinen Wahrnehmungen kaum noch traute, fühlte ich mich gejagt, verfolgt. Harlan und meinen Roboter hatte ich vergessen.
Plötzlich stand ich davor: eine tiefblaue, von Blitzen durchfurchte Fläche. Ich erfasste auf mir unerklärliche Weise gewaltige Energien dahinter. Bis in die Fingerspitzen spürte ich ihr Pulsieren und konnte mich kaum auf den Beinen halten.
Meinen Roboter fand ich nicht weit von mir. Er trat in die Wand ein und leuchtete in einem weichen goldenen Licht. Noch ein Schritt, und er war verschwunden. Harlan umfasste mein Handgelenk und zog mich hinter sich her.
Wir drangen ein.
Farben explodierten, trieben über uns hinweg und durchdrangen unsere Körper.
»Ich höre den Sturm nicht mehr«, rief ich Harlan zu. »Es ist so still!«
»Ja«, antwortete er. »Wir sind jetzt in IHM.«
Die Farben beruhigten sich wieder, die Landschaft war in vielfarbiges Licht getaucht. Am Horizont stand eine hell strahlende Säule, die den Himmel durchbrach. Wir erreichten den Roboter, der regungslos im Sand stand.
»Hier müssen Sie alleine weiter«, tönte seine Stimme. »Jede Technik versagt ab diesem Punkt. Ich warte solange auf Ihre Rückkehr.«
Ich dachte an mein nun überflüssiges Aufnahmegerät und fluchte in mich hinein. Aber warum nicht auch das! Ich suchte nach Harlan und bemerkte, dass er schon vorausgeeilt war.
»Bis dann«, rief ich dem Roboter überflüssigerweise zu und beeilte mich, Harlan einzuholen.
Der Himmel war mit dunklen Wolken bedeckt, in denen gleißende Entladungen zuckten. Unruhe erfasste mich und lenkte meinen Blick auf die in der Ferne stehende Säule, in der langsam ein glühender Ball gleich einer Sonne aufzusteigen schien. Als wenn er sich für eine Farbe zu entscheiden suchte, flackerte er in den unterschiedlichsten Lichtmustern. Plötzlich verharrte er zwischen Himmel und Erde. Bannte meinen Blick.
Mich überfiel unbändige Angst. Mein Herz begann zu rasen, Schweiß brach mir aus, mein Atem drang laut durch den Luftfilter.
In einer geräuschlosen Entladung sprengte die scheinbare Sonne eine flammende Lichthülle ab. Ich hielt die Hände vor die Augen, aber es nutzte mir nichts. Das Licht jagte auf mich zu, durchdrang meine Hände, meinen Körper und begann mein Selbst aus seiner harten Schale zu lösen. Ich schrie auf und wollte mir den Helm vom Kopf reißen, aber eine innere Stimme warnte mich. Meine Augen erblindeten, die Welt wurde schwarz.
Ich verlor Harlan und war von Lautlosigkeit umgeben. Etwas suchte in meinem Gehirn, berührte die Nervenenden und tastete sich nach innen. Längst vergessene Erinnerungen stiegen in mir auf, eine unaufhaltsame Bilderflut. Einander widersprechende Gefühle durchzuckten mich in einer Geschwindigkeit, die ein genaues Empfinden unmöglich machte. Dann brach etwas in mir, mein körperloses Wesen strömte aus mir heraus.
»Ich kann nicht«, dachte ich Worte in die Stille. »Nein, ich will nicht!«
Hitze durchflutete mich, mein Körperempfinden kehrte zurück. Vergeblich versuchte ich, ein aufkommendes Zittern zu unterdrücken. Mit großer Überwindung öffnete ich die Augen. Vor mir stand die Säule, blaues Licht pulsierte in ihr und stieg in die Höhe. Verzerrte Gestalten waren erkennbar. Etwas, riesigen Augen gleich, tat sich auf und blickte auf mich hernieder.
»Öffne dich! Offenbare dich!«, flüsterte es in mir. Ich spürte, wie mein Fleisch von den Knochen schmolz, empfand aber keinen Schmerz. Die Knochen lösten sich auf, mein Geist wurde körperlos. Wie von einer Strömung angezogen, näherte ich mich der Säule. Flammenzungen liebkosten mich und zauberten farbige Muster in meine Gedanken. Die Hüllen meines Selbst zerfielen und lösten sich auf. Das Zentrum meines Empfindens wurde freigelegt. Die tiefste auslotbare Stelle.
»Nein«, schrie ich auf. »Lass mich! Du hast kein Recht, mich zu zerstören.« Mein Widerstand wuchs. »Und auch nicht die Macht dazu!«
Es gelang mir, mich der fremden Gewalt entgegenzustemmen. Nie hätte ich gedacht, dass es solche Kräfte gab, dass solch eine Erniedrigung möglich war. Was wäre mit mir geschehen, hätte ich nachgegeben?
Da löste sich die Kraft von mir. Ich erhielt meinen Körper zurück und fiel aufs Gesicht. Die Hände im Sand verkrampft, blieb ich liegen. Meine Wärme versickerte im Boden, Übelkeit überfiel mich. Hatte ich es überstanden?
Stoßweise Atemzüge ließen mich den Kopf heben. Nicht weit von mir entdeckte ich Harlan. Er lag mit offenen Augen auf dem Rücken, den Helm neben sich auf dem Boden, und starrte ins Nichts. Von seinem Körper ging ein Leuchten aus, welches mit einem Mal von gleißendem Licht überstrahlt wurde. Einem Stern gleich löste sich das Licht von ihm, beschrieb einen weiten Bogen, raste auf die Energiesäule zu und wurde von ihr verschluckt. Dort, wo Harlans Körper gelegen hatte, befand sich nur noch seine geschwärzte Kleidung. Aus einem ausgeglühten Schädel starrten mir schwarze Augenhöhlen entgegen.
Mir wurde wieder übel. Taumelnd erhob ich mich und wankte den Weg zurück. Ich fühlte mich leer und ausgebrannt. Als ich den wartenden Roboter erblickte, begann ich zu laufen.
Ein Tag körperlicher Erholung lag hinter uns. Der Hafentransporter brachte uns zum Raumschiff, während eine schmutzige Staubfahne hinter ihm zurückblieb. Die Pilger hockten eng beisammen und schwiegen. Der Transporter hielt, und die Roboter forderten uns zum Aussteigen auf. Wir erblickten das Raumschiff, das uns hergebracht hatte – ungepflegt und schmutzig wie zuvor.
Ohne Bedauern verließ ich die windig-schwüle Atmosphäre des Planeten. Das Abenteuer hatte ich überstanden, jetzt ging es um die Auswertung, um meinen Artikel. Ich durchstreifte das Raumschiff, doch wohin ich auch kam, die Pilger hielten sich von mir fern. Im Speiseraum traf ich auf den Pilger mit dem Laptop. Er saß allein an einem Tisch und schien auf jemanden zu warten. Sein Gesicht wirkte ruhig und entspannt.
»Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt«, sprach ich ihn an, »sind Ihre Theorien bestätigt worden?«
»Mehr als das«, erwiderte er. »Meine Speicher wurden zwar alle gelöscht, doch sie wurden mit neuen Informationen gefüllt. Völlig neue Formeln, geradezu überwältigend. Ich muss die fremden Daten nur noch entschlüsseln.«
Ich war überrascht. »Hat Ihr Gerät denn innerhalb des Energiefeldes gearbeitet?«
»Ich hielt mich an seiner Grenze auf, aus guten Gründen«, sagte er. »Von dort hatte ich auch einen besseren Überblick, als wenn ich mich in die riskante Nähe der Lichterscheinung begeben hätte.« Er wies auf einige Pilger, die sich in die Ecken verzogen hatten. »Sehen Sie sich doch um. Jämmerliche Gestalten! Sie trauen sich nicht, einem in die Augen zu sehen.«
»Sie machen einen deprimierten Eindruck«, bestätigte ich. »Haben sie denn nicht die Erfüllung ihres Glaubens gefunden?«
»Glauben?« Er lachte leise. »Sie haben gezweifelt, haben gedacht, sie könnten mit Gott plaudern wie mit dem Nachbarn. Gott hat sie zurückgestoßen, erniedrigt, ihnen ihre Nichtigkeit vor Augen geführt.«
»Sie sehen so aus, als hätten sie etwas Entsetzliches durchgemacht.«
Der Kayriede trat heran. Seine Schädelwulst war blass und eingefallen. »Sie Feigling«, beschimpfte er aufgebracht mein Gegenüber. »Sie waren nicht dabei, sonst würden Sie verstehen. Gott hat tiefer in meine Seele geblickt, als es mir selbst möglich ist, und als er nicht fand, was er suchte, stieß er mich zurück – unwürdig! Unwürdig, der ich mein Leben allein Gott geweiht habe!« Er stockte. »Wie soll ich jetzt vor die gläubigen Seelen treten? Gott …«
»Wer Gottes Größe verkennt«, erwiderte der andere, »der begreift ihn nicht. Ihm mangelt es am Glauben.«
Einige der Pilger, die das Gespräch mitverfolgten, traten näher heran. Keiner von ihnen sagte ein Wort, sie lauschten mit unbewegter Miene.
»Sie sind offensichtlich überzeugt, Gott begegnet zu sein«, wandte ich mich an meinen ersten Gesprächspartner. »Was bringt Sie zu der Überzeugung?«
Er blickte mich verständnislos an und spielte am Verschluss seines Laptops.
»Ihre Speicher wurden gelöscht«, sagte ich, »und mit unverständlichen Formeln gefüllt. Die Pilger, die sich gottesfürchtig der Erscheinung genähert haben, wurden innerlich zutiefst verletzt. Warum machen Sie gerade Gott dafür verantwortlich?«
Er starrte mich an.
»Es gibt für Gott eine negative Entsprechung«, sagte ich. »Nennen Sie es Beelzebub, Scheitan, Diabolus …«
Die Pilger stießen ein Ächzen aus.
Er atmete schwer. »Sie meinen … Sollte etwa …« Ein Aufschrei.
»Luzifer!« Er klappte seinen Koffer auf, fremde Symbole zuckten über den Bildschirm. »Nein!«, rief er. »Das ist nicht Gottes Handschrift. Hebe dich hinweg, Satanas!«, brüllte er, stand auf und schmetterte sein Gerät auf den Boden.
Der Kayriede wandte sich den Pilgern zu. »Fasset Mut, Brüder im Geiste …«
»Ich sage euch, wir haben Satan widerstanden!«, rief der andere und stieß mit dem Fuß seinen zerstörten Laptop zur Seite. »Unser Glaube war so stark, dass kein Teufel uns etwas anhaben konnte. Wir haben Luzifers Höllengestalt durchschaut, mit Gottes Beistand haben wir die Prüfung bestanden und Luzifer zurückgeschlagen!«
»Gott war bei uns, Gott ist in uns, Gott wird bei uns sein, heute und immerdar!«, rief der Kayriede. »Sein Name sei gelobt. Lasset uns beten.«
Die Pilger fielen auf die Knie.
Als das Raumschiff gelandet war, dröhnte eine lautsprecherverstärkte Stimme über das Feld. »Seid gegrüßt, Pilger Gottes. Kniet nieder, empfangt den Segen des unermesslichen Geistes! Wer fest im Glauben ist, den nimmt Gott auf und verzeiht ihm seine Sünden. Ich bringe euch die Gnade, deren ich teilhaftig geworden bin.«
Bernard Pelot entblößte seine gelbfleckigen Zähne und drückte mir die Hand. »Schön, dass du gesund zurück bist. Hast du genügend Material zusammenbekommen? Wir haben kaum Zeit, dein Artikel ist der Aufmacher der nächsten Ausgabe.«
Man erwartete eine gute Story von mir. Außerdem wollte ich weiterkommen. Ich brauchte nur die Wahrheit zu schreiben. Doch schon während des Rückfluges waren mir Zweifel gekommen. An WELT GOTTES verdienten mächtige Banken und Firmen. Wie leicht konnte ein Unbequemer Opfer eines Unfalls werden. Andererseits empfand ich die Vorkommnisse als dermaßen irrsinnig, dass es mich geradezu drängte, mit der Wahrheit herauszurücken. Denn in einem war ich jetzt sicher: Sollte es jemandem gelingen, Gott – oder was immer sich dort befand – gegenüberzutreten, er würde nicht zurückkehren.
Ich wusste es.
Dunkle Sonne
1
Es war dunkel. Nur eine an die Hauslichtanlage angeschlossene Lampe erhellte das Zimmer. Daran gewöhnte man sich. Viel störender war die Tatsache, dass wegen der draußen angebrachten Werbefläche das Fenster nicht mehr zu öffnen war. Leider war Georg auf diese Einnahmequelle angewiesen. Er hätte sonst seine zwanzig Quadratmeter Wohnraum aufgeben müssen.
Zu diesem Zeitpunkt gab es jedoch keinen Grund mehr, sich darüber Gedanken zu machen. Er hätte die Werbeplatte aus ihrer Verankerung stoßen können, niemand hätte sich daran gestört.
Georg verließ die Wohnung und stieg neun Etagen zu Fuß hinab. Den Lift zu benutzen vermied er wegen der in letzter Zeit häufig auftretenden Stromausfälle. Bunt bedruckte Müllsäcke lehnten, teilweise übereinandergestapelt, am Geländer. Unten öffnete seine Kreditkarte die Tür. Er lief in die Nacht.
Sein Blick wanderte zum Himmel. Er sah ihn sofort: einen gleißenden Stern, der den Dunst der Stadt durchdrang. Ein Licht, das ihm durch die Augen heiß in den Schädel sprang. Seinem Gefühl nach hätte er losschreien, seinen Schmerz hinausbrüllen wollen. Doch Georg stand nur da und starrte in die sternenfunkelnde Finsternis.
Noch zwei Tage, möglicherweise auch drei, und alles würde vorbei sein. Ein gigantischer, durchs All treibender Gesteinsbrocken, durch pures kosmisches Desinteresse geleitet, würde auf die Erde treffen und alles Leben von ihrer Oberfläche tilgen. Die Menschheit war hilflos, ihre Hochtechnologie ein ergebnisloses Schulterzucken.
Das war nicht das Schlimmste. Nicht für Georg. Es gab eine Sache, die ihn viel mehr quälte. Die ihn dazu brachte, nach draußen zu gehen und die Straßen zu durchstreifen.
2
Sabine suchte in ihrer Tasche nach der Kreditkarte, fand sie in dem Täschchen für Kosmetika und führte sie in den Abtastschlitz. Summend öffnete sich die Tür der Wohneinheit.
Ihr Blick fiel auf einen schwarzen Koffer neben dem Flurschrank. Ihr fiel auch der an den Spiegel geheftete Zettel auf. Mit Großbuchstaben stand dort geschrieben:
LIEBE SABINE,
VERZEIH MIR. ICH MÖCHTE DIESE LETZTEN UNS VERBLEIBENDEN TAGE MIT DIR VERBRINGEN.
DEIN ROBERT
Sabine zerknüllte den Zettel und ging ins Wohnzimmer. Was kam Robert in den Sinn, hier aufzutauchen und unerlaubt ihre Wohnung zu betreten?
Sie hatte Robert vor einem halben Jahr vor die Tür gesetzt und bisher nicht daran gedacht, ihn auch nur anzurufen. Es war ihr unangenehm, nur an ihn zu denken.
Sie ging zum Kühlschrank, füllte ein Glas mit Milch, trank es auf einen Zug leer. Auf dem Flur vernahm sie plötzlich Geräusche, der Summer ertönte. Sie lief zur Tür, verharrte einen Augenblick und öffnete.
»Hallo«, sagte Robert leise.
3
Er musste an Vater denken. Schon mit dreizehn war Georg einen Zentimeter größer als er. Wie hatte er sich damals, als stolzes Kind, über diese zehn Millimeter gefreut. Für Vater musste es furchtbar gewesen sein. Dabei war er mehr als froh, dass sein Sohn nicht unter derselben Krankheit litt wie er.
Vater sprach häufig von Mutter. Sie fehlte ihm. Georg hatte nur ein verschwommenes Bild von ihr, nichts, was er sich vor Augen führen konnte. Nur ein Gefühl. Zwei Tage nach seinem vierten Geburtstag war sie gestorben. Sie hatte tot im Bett gelegen, und den Ärzten war es nicht gelungen, eine Todesursache auszumachen. Entgegen ihrem Willen ließ Vater sie einäschern. Es fehlte das Geld für eine richtige Beerdigung. »Sie hatte sich über ihren Tod oft Gedanken gemacht«, pflegte er hin und wieder zu sagen. »Es war vielleicht eine Art Vorahnung. Sie wollte immer richtig begraben werden.«
Ob Vater noch immer allein in der Wohnung lebte, wusste Georg nicht. Die letzte Weihnachtskarte hatte er vor drei Jahren erhalten, die letzte Geburtstagskarte lag noch weiter zurück. Daran war er selber schuld. Er hatte nichts mehr von sich hören lassen.
Ohne Eile ging er den Fußweg entlang. Die Luft war warm und die Stadt für diese Zeit ungewöhnlich ruhig. Vor dem U-Bahn-Eingang am Ende der Straße versammelten sich Leute, die im letzten Augenblick noch irgendwohin wollten. Sie warteten vergeblich. Das städtische Verkehrsnetz lag seit Stunden still.
Georg machte einen Bogen um die Menge und verschwand in einer Seitengasse. Laute Musik tönte über ihm. Sie kam aus einem der wenigen werbefreien Fenster, das weit geöffnet war und hinter dessen Scheiben helles Licht brannte.
Durch die laute Musik drang Geschrei. Eine männliche aggressive Stimme und die erregte Antwort einer Frau.
Da hatte jeder Mensch nur noch wenig mehr als zwei Tage zu leben, und diese Leute wussten nichts Besseres zu tun, als sich anzubrüllen. Aber vielleicht löste dieser besondere Zustand angestaute Aggressionen. Das nie Ausgesprochene, ständig Verdrängte entlud sich in den letzten möglichen Augenblicken.
Georg ging weiter. Der Streit schien beendet, nur das Rumoren der Musik drang noch an sein Ohr. Aus den Augenwinkeln bemerkte er das Aufflammen der Treppenbeleuchtung. Wenige Sekunden später verließ eine mit einem dunklen Mantel bekleidete Frau den Hauseingang. Ihr blondes, halblanges Haar war ein unsteter Lichtfleck in der Finsternis. Georg folgte ihr.
Ein quälender Druck stieg in ihm auf. Ein verzweifeltes Gefühl, das seinen Weg nach oben suchte. Es pochte als heißes Blut in den Schläfen und fand sich als kalter Schweiß auf seinen Handflächen.
Georg näherte sich der Frau, die schnell vor ihm herlief. Ein schwacher Duft erreichte ihn. Ihr Parfum! Drei hastige Schritte, und er packte sie von hinten. Georg fühlte einen warmen, weichen Körper, während sich die Frau heftig wehrte und mit den Ellenbogen nach hinten stieß. Als sie anfing, um Hilfe zu rufen, verschloss er ihr mit einer Hand den Mund. Mühsam zwang er sie auf den Boden und rollte sie herum. Seine Hand wanderte zwischen ihre Beine, riss die Kleidung beiseite. Dann wälzte er sich auf sie, presste seinen Körper auf ihren zitternden Leib, der sich in hilfloser Gegenwehr aufbäumte. Dabei blickte er in ihre weit aufgerissenen Augen, in denen sich winzige Lichtpunkte spiegelten.
Georg spürte ihre Haut auf der seinen und vermochte dennoch nichts zu empfinden. Sein Drängen war ein gefühlloses Aneinanderreiben von Fleisch. Es gab nichts Warmes an dieser Bewegung. Sosehr er sich auch mühte, es ging nicht. Er ließ von ihr ab, fiel zur Seite. Die Frau kroch sofort zur Hauswand und zog die Knie an. Ihr Gesicht zeigte blasse rote Flecken.
4
Die Erstarrung überfiel Sabine in dem Augenblick, als sie die Beine hochzog. Ihr Körper verlor jegliches Gefühl, der Schmerz verwandelte sich in dumpfes Unbehagen. Was hatte ihr der Selbstverteidigungskurs vor einem halben Jahr eingebracht? Ganz automatisch hätten die Reaktionen ablaufen müssen. Eintrainierte Bewegungen. Alles Unsinn! Das funktionierte vielleicht bei anderen.
Doch was war in diesem Augenblick noch wichtig? Auch Robert, dem sie vorhin entflohen war, hatte versucht, sie gegen ihren Willen zu nehmen.
In ihren Gedanken tauchte mit einem Mal Eileen auf. Sie war der wichtigste Halt für sie in den letzten drei Jahren. Wichtiger noch als ihre Eltern oder einer der Männer, die sie kannte. Doch der Kontakt zu Eileen war schon vor Monaten abgebrochen. Ein unsinniger Streit, etwas Belangloses. Der Gedanke schmerzte, dass sie sie nie wiedersehen würde. Doch irgendwie war sie sicher, dass auch Eileen in diesem Augenblick an sie dachte. Dass sie trotz der fehlenden Versöhnung ein Gefühl der Wärme verband.
Sie blickte auf und starrte den Mann an. Fast regungslos hockte er da und rieb seine Finger. Der Anblick ließ seltsame Gefühle in ihr aufkommen.
5
Er hörte, wie sie Beschimpfungen murmelte. Leise und monoton, als wäre sie sich dessen nicht bewusst. Als sie merkte, dass er ihren Blick erwiderte, wich sie ihm aus und zog die Knie noch ein Stück höher.
»Ich wollte das nicht …«, flüsterte er und hatte das Gefühl, nur unverständlich zu stammeln.
»Scheißkerl!«, Ihre Stimme war heiser. »Scheißkerl!«
Georg musterte ihr Gesicht. Trotz des Überfalls strahlte es eine ungewöhnliche Weichheit aus. Es verwirrte ihn.
»Machst du so etwas öfter?«, fragte sie mit gefassterer Stimme.
Georg schüttelte den Kopf.
»Du hast noch nie mit einer Frau geschlafen«, sagte sie so sicher, als wäre es auf seine Stirn geschrieben.
Georg sog die warme Nachtluft durch die fast geschlossenen Lippen. Was konnte ihm das Geständnis angesichts des bevorstehenden Endes noch ausmachen? Sein Nicken war eine kaum merkliche Bewegung.
Er beugte sich nach vorn, um den aufkommenden Schmerz zu dämpfen. Ein Schmerz, der, von den Augen ausgehend, sich über den ganzen Kopf ausbreitete. Wellen quälender Hitze.
»Was hast du?«, hörte er ihre Stimme. Georg blickte auf und sah, wie sie ihm die Hand entgegenstreckte. Als sie ihn berührte, war er erstaunt über die Rauheit ihrer Finger.
6
Lautes Gebrüll war auf einmal zu hören. Georg blickte sich um und sah eine Gruppe Jugendlicher von der Kreuzung her kommen. Sie schlugen mit Eisenstangen auf abgestellte Fahrzeuge ein und warfen Steine gegen Fenster.
»Komm!«, rief er und stand auf. Seit letztem Monat warnte man vor den sich überall bildenden Jugendbanden. Sie durchstreiften ganze Stadtbezirke, verprügelten Passanten oder schossen auf sie und plünderten Geschäfte.
Georg beugte sich zu ihr hinunter. Bewegungslos hockte sie am Boden.
»Wir müssen hier weg«, drängte er. »Die schlagen uns sonst zu Tode.«
»Geh, hau ab!«, erwiderte sie.
Er fasste ihre Hand und versuchte sie hochzuziehen. Als sie sich losreißen wollte, traf ein kleiner Stein ihre Stirn. Sie zuckte zusammen. Er packte ihren widerstrebenden Körper und zog sie empor. Ein Stein traf ihn schmerzhaft auf den Rücken, die Schreie kamen näher. Da begannen sie, zu laufen. Steine und Feuerwerkskörper sausten an ihnen vorbei oder trafen auf die Häuserwände.
Georg war ausdauerndes Laufen nicht gewohnt. Es dauerte nicht lange, und seine Beine wurden langsamer und das Atmen zur quälenden Herausforderung. Die Stelle, an der ihn der Stein getroffen hatte, begann stärker zu schmerzen. Sie hatte mehr Energie in sich, ihr Atem klang ruhig und gleichmäßig.
Als er bemerkte, dass die Schreie leiser wurden, drehte er sich um und sah, wie der Mob in eine andere Straße einbog, einem lohnenderen Ziel entgegen. Er trat zu der Frau, die in einiger Entfernung wartete. Eine Weile liefen sie schweigend nebeneinander. Der Gestank nach Verbranntem lag in der Luft. Plötzlich erlosch die Straßenbeleuchtung.
»Fassen Sie mich an«, sagte sie.
Er tastete nach ihr und traf ihre ausgestreckte Hand. Langsam gingen sie im Dunkeln weiter. Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die Finsternis, schwach traten die Umrisse der Umgebung hervor. Sie passierten eine Kreuzung und kamen auf einen breiten Fußweg. Rechts von sich hörten sie zwei Männer miteinander reden. Ohne einen Laut schlichen sie an ihnen vorbei und hatten nach etwa hundert Metern die düstere Silhouette einer Parkanlage vor sich.
»Bleiben wir hier!«, sagte sie. »Wir können im Park übernachten. Die Temperatur ist völlig ausreichend.«
7
Wärmende Sonnenstrahlen auf dem Gesicht, erwachten sie mückenzerstochen am nächsten Morgen. Aus einem der ausgeplünderten Läden um das Parkgelände besorgte Georg etwas zum Essen. An mehreren Stellen der Stadt stiegen tiefschwarze Rauchfahnen zum Himmel. Es herrschte eine merkwürdige Stille. Wie ein zum Zerreißen gespanntes Band, das jeden Augenblick die Grenze der Belastbarkeit überschreiten konnte, schwebte sie über der Stadt.
Der Tag verging, während sie den großflächigen Park erkundeten, mit anderen Personen ins Gespräch kamen, sich von einem heftigen Regenschauer durchnässen und von der Sonne wieder trocknen ließen.
Georg hatte schon lange nicht mehr so viel Zeit für sich gehabt. Es gelang ihm sogar, nicht ständig an den die Erde bedrohenden Asteroiden zu denken.
Als es Nacht wurde, durchkämmte eine der Jugendbanden das Gelände. Georg verharrte mit Sabine in dichtem Gebüsch und wartete.
Später, als der letzte Schein der Sonne vom Horizont verschwunden war und der wolkenfreie Himmel eine unendliche Tiefe gewonnen hatte, in der schwach die Sterne funkelten, saß Georg mit ihr auf einem Flecken Gras, umgeben von Büschen und Bäumen. Die Zeit hatte aufgehört zu existieren. Nur schwach vermochte er die Umrisse ihres Gesichts auszumachen.
»Mir wird kalt«, sagte sie, umfasste seine Hand und zog ihn zu sich. Er näherte sich langsam ihrem Gesicht, ohne zu begreifen was geschah. »Du verdammter Idiot«, flüsterte sie, bevor sich ihre Lippen vorsichtig berührten. Er spürte Wärme und Weichheit, ertastete zärtlich ihren Körper. In der Nähe fielen plötzlich Schüsse, Leuchtkugeln tauchten die Umgebung in rot-grünes Licht. Irgendwo riefen Leute.
8
Sie schwieg, streichelte sein Gesicht und verwischte die Tränen. Er spürte die Bewegungen ihrer Finger auf seinem Rücken, wie sie seine Haut liebkosten. Seine Hand, die auf ihrem Bauch lag, fühlte die Bewegungen ihres Körpers, sein Auf- und Abschwingen bei jedem Atemzug. Ein Gefühl, das ihn beruhigte und nach einer Weile ganz und gar erfüllte.
Er betrachtete ihr Gesicht. Mit geschlossenen Augen lag sie da, die Arme von sich gestreckt. Nur ihr ruhiger werdender Atem war noch zu hören.
Ringsum herrschte absolute Stille.
Er blickte auf.
Zwischen zwei Bäumen sah er den Stern den Horizont berühren.
Darmowy fragment się skończył.