Czytaj książkę: «Forschen, aber wie? (E-Book)»

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Martin Ludwig, Georges Hartmeier (Hrsg.)

Thomas Clemens, Brigitta Geissmann, Yves Hänggi, Georges Hartmeier, Alexander Käslin, Hansruedi Künsch, Martin Ludwig, Christian Marty, Edith Matt, Konstanze Mez, Helene Mühlestein, Stefan Mundwiler, Peter Neumann, Susanne Portmann, Armin Schmidt, Amadeus Spirig, Klaus Stalder, Annemarie Stoffel, Katharina Weissenbacher

Forschen, aber wie?

Wissenschaftliche Methoden für schriftliche Arbeiten

ISBN Print: 978-3-0355-1214-4

ISBN E-Book: 978-3-0355-1599-2

1. Auflage 2019

Alle Rechte vorbehalten

© 2019 hep verlag ag, Bern

www.hep-verlag.ch

Zusatzmaterialien und -angebote zu diesem Buch: http://mehr.hep-verlag.ch/forschen-aber-wie

Vorwort

Eine eigenständige Arbeit zu verfassen, ist eine kreative, höchst spannende Aufgabe und gehört zum Lernreichsten im Gymnasium, in der Fach- und Berufsmittelschule und später im Studium an einer (Fach-)Hochschule. Besonders gross sind die Herausforderungen, wenn die Arbeit den Anspruch einer wissenschaftlichen Vorgehensweise erfüllen soll, wie dies bei einer schriftlichen Arbeit in der Regel der Fall ist. Die Anforderungen mögen zu Beginn sogar als zu gross und als kaum zu bewältigen erscheinen. Auch erfahrene Forscherinnen und Forscher stehen mit jeder neuen Studie zunächst vor einer Hürde, die es zu überwinden gilt. Wissenschaftliche Tätigkeit ist anstrengende Arbeit, aber sie lohnt sich. Man erwirbt sich dabei eine einzigartige Expertise, die auch über Jahre hinweg erhalten bleibt.

Warum hat eine Maturaarbeit wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen?

Die Matura soll zu einem Hochschulstudium befähigen. Studierfähig zu sein, bedeutet, sich in ein Fachgebiet einarbeiten zu können und Kenntnis zu haben, was wissenschaftliches Arbeiten ausmacht. Die Maturaarbeit bietet die Chance, Erfahrungen mit wissenschaftlichem Vorgehen zu sammeln. Später im Studium lässt sich auf diesen Erfahrungen aufbauen, wenn es darum geht, sich vertiefter mit wissenschaftlichen Theorien und Arbeitsweisen des Studienfaches auseinanderzusetzen.

In einer Lehrveranstaltung an der Universität Zürich zu fächerübergreifendem Unterricht liessen wir jeweils die Studierenden, die aus verschiedensten Studienrichtungen kamen, beschreiben, wie ihr Fach wissenschaftsmethodisch arbeitet. So sollten sie zum Beispiel charakterisieren, mit welchen Methoden ein Sprachwissenschaftler zu wissenschaftlichen Erkenntnissen gelangt oder wodurch sich die wissenschaftliche Arbeitsweise einer Chemikerin auszeichnet. Es fiel den meisten Studierenden zu Beginn schwer, das Besondere ihres Faches, auch in Abgrenzung zu anderen Fächern, herauszuschälen. Wenn dann aber die Präsentationen nebeneinander standen und miteinander verglichen werden konnten, ging jeweils ein erstauntes «Aha» durch die Reihen. Den Studierenden waren die wissenschaftlichen Grundlagen und die methodischen Werkzeuge in ihrem Fach bewusst geworden. Und es entstanden auch angeregte Diskussionen darüber, warum man nicht viel früher, zu Beginn des Studiums und bereits im Gymnasium, wissenschaftliches Arbeiten und wissenschaftstheoretische Fragen kennengelernt habe.

Die Tatsache, dass selbst Hochschulstudierende im fortgeschrittenen Studium Mühe bekunden, die fachwissenschaftliche Arbeit zu charakterisieren, zeigt, dass Lehren über Wissenschaft nicht dasselbe ist wie Lernen durch wissenschaftliches Tun. Erst dann, wenn man sich in allen Phasen des eigenen Forschens Rechenschaft darüber geben muss, warum man auf welche Weise vorgeht, kann man nachvollziehen, was wissenschaftliches Arbeiten bedeutet.

Wissenschaftlich zu arbeiten, heisst zunächst einmal, sich mit einem Untersuchungsfeld vertraut zu machen: sich einzulesen, Gespräche mit Fachleuten zu führen, den Stand des Wissens in Erfahrung zu bringen, aktuelle Fragestellungen kennenzulernen. Es geht also darum, die theoretische Basis zu erarbeiten, um darin das eigene Forschungsinteresse zu verankern und die genaue Fragestellung einzugrenzen. Erst dann folgen Überlegungen, wie die Fragestellung bearbeitet und neues Wissen gewonnen werden kann, mit welchen Methoden Daten gesammelt und ausgewertet werden sollen. Mit Daten sind dabei keineswegs ausschliesslich Messdaten gemeint, auch Interviewtranskripte, Gesprächsprotokolle, Bilder, Texte usw. gehören dazu, sofern sie auf die Fragestellung bezogen systematisch ausgewählt und ausgewertet werden. Und schliesslich geht es darum, die gewonnenen Ergebnisse zu interpretieren und kritisch zu hinterfragen. Die Diskussion von neuen Befunden und der intersubjektive Austausch gehören wesentlich zu den Charakteristika wissenschaftlichen Arbeitens.

Fundiertes, wissenschaftliches Arbeiten ist anspruchsvoll. Genau darum wurde dieses Lehrbuch geschaffen. Es begleitet die Leserinnen und Leser Schritt für Schritt in die Welt des wissenschaftlichen Arbeitens. Auch Lehrpersonen und Studierende an Hochschulen werden das Buch mit Gewinn zur Hand nehmen. Es bietet Grundlagen zum wissenschaftlichen Arbeiten und beschreibt zahlreiche methodische Vorgehensweisen und Auswertungsverfahren anhand von Beispielen. Sie regen an, systematische Überlegungen in einem gewählten Fachgebiet anzustellen und sich allmählich in einem konkreten Projekt vorzutasten.

Wer sich auf das Studium dieses Lehrbuchs einlässt, wird erleben, wie aufregend und inspirierend die wissenschaftliche Tätigkeit ist. Wenn bei der abschliessenden Präsentation der Arbeit in der Öffentlichkeit ein Funken der Begeisterung auf das Publikum überspringt, ist dies der schönste Erfolg.

Regula Kyburz-Graber

Prof. Dr., emeritierte Professorin am Institut für Erziehungswissenschaft, Abteilung Lehrerinnen- und Lehrerbildung Maturitätsschulen, Universität Zürich

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Von der Idee zur Wahl der Methode

1.1 Einleitung

1.2 Von der Idee zur Fragestellung

1.3 Die passende Methode finden

1.3.1 Sich vorbereiten: recherchieren, bewerten und vernetzen

1.3.2 Ortsgebundene Daten erheben – beobachten – experimentieren

1.3.3 Erhobene Daten mittels Statistik auswerten

1.3.4 Unsere Mitmenschen beobachten und befragen

1.3.5 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen befragen

1.3.6 Kulturelle Werke analysieren

1.4 Wissenschaftliches Arbeiten

1.4.1 Wissenschaftliches Argumentieren

1.4.2 Wissenschaftliches Schreiben

1.4.3 Wissenschaftliche Standards erfüllen

1.5 Literatur

2 Fachliteratur und andere Quellen

2.1 Literatur und andere Quellen finden

2.1.1 Wie verschaffe ich mir einen Überblick?

2.1.2 Wo suche ich nach den gewünschten Quellen?

2.1.3 Wie gehe ich bei der Suche vor?

2.1.4 Wie bewerte ich die gefundenen Quellen?

2.1.5 Wie verwalte ich die gefundenen Informationen?

2.2 Die ausgewählten Materialien verarbeiten

2.3 Mit Quellentexten korrekt umgehen

2.3.1 Den wissenschaftlichen Ehrenkodex einhalten

2.3.2 Richtig zitieren und verweisen

2.3.3 Quellenverzeichnis/Literaturverzeichnis erstellen

2.4 Literatur

Lösungen

3 Datenerhebung im Gelände

3.1 Daten mit Raumbezug

3.2 Planen der Geländearbeit

3.3 Ortsbezogene Informationen sammeln – aber wo genau?

3.3.1 Gezielte Auswahl der Standorte

3.3.2 Zufällige Auswahl der Standorte

3.4 Durchführung der Geländearbeit

3.5 Kartieren – Darstellung von Raumdaten

3.6 Interpretation

3.7 Arbeitsschritte im Überblick

Lösungen

4 Verhaltensbiologische Beobachtung

4.1 Einleitung

4.2 Fragestellung und Forschungshypothese

4.3 Planung und Vorbereitung von Beobachtungen

4.3.1 Vermeidung von Störungen bei Tierbeobachtungen

4.3.2 Auswahl und Identifizierung der beobachteten Individuen

4.3.3 Zeitpunkt und Dauer Ihrer Beobachtungen

4.4 Durchführung

4.4.1 Schnappschuss- oder Scan-Beobachtung

4.4.2 Fokusbeobachtung

4.4.3 Nächster-Nachbar-Beobachtung

4.4.4 Sequenz-Beobachtung

4.4.5 Soziometrische Matrix

4.4.6 Erstellen eines Beobachtungsprotokolls

4.5 Zuverlässigkeit von Daten und Datenmenge

4.6 Wissenschaftliche Skepsis

4.7 Darstellung und Auswertung der Daten

4.8 Beispiel aus der Verhaltensbiologie

4.8.1 Vorbemerkungen

4.8.2 Abklärungen rund um die Forschungsfrage

4.8.3 Festlegung der messbaren Indikatoren

4.8.4 Korrelation und Kausalbeziehung

4.8.5 Planung der Beobachtung

4.8.6 Auswertung

4.9 Arbeitsschritte im Überblick

4.10 Literatur

Lösungen

5 Naturwissenschaftliche Experimente

5.1 Einleitung

5.2 Von der Idee zum Experiment

5.3 Hypothesenbasiert oder produktorientiert?

5.4 Das Verfahren bestimmen

5.5 Vorbereitungen für ein Experiment

5.6 Durchführung des Experiments

5.6.1 Versuchsanleitung und Versuchsprotokoll

5.6.2 Reproduzierbarkeit der Resultate, Präzision und Richtigkeit

5.6.3 Kalibrierung und Messgenauigkeit

5.6.4 Blindwert und Blindprobe

5.6.5 Bedeutung und Änderung von Einflussgrössen

5.7 Auswertung hypothesenbasierter Arbeiten

5.8 Auswertung produktorientierter Arbeiten

5.9 Diskussion der Ergebnisse

5.10 Beispiel aus der Physik

5.11 Arbeitsschritte im Überblick

5.12 Literatur

Lösungen

6 Statistische Auswertung von Daten

Vorbemerkung zur Verwendung von Software

6.1 Grundbegriffe

6.2 Beschreibende Statistik

6.2.1 Univariate metrische Daten

6.2.2 Univariate kategoriale Daten

6.2.3 Multivariate metrische Daten

6.2.4 Zusammenhänge zwischen kategorialen Merkmalen

6.2.5 Mehr als zwei Merkmale

6.3 Schliessende Statistik

6.3.1 Genauigkeit von relativen Häufigkeiten

6.3.2 Genauigkeit des arithmetischen Mittels

6.3.3 Zufallsstichproben

6.3.4 Die Grundbegriffe von Hypothesentests

6.3.5 Hypothesentests und Vertrauensintervalle für andere Lagemasse

6.3.6 Schliessende Statistik für zwei Grundgesamtheiten

6.3.7 Schliessende Statistik für Zusammenhangsmasse

6.3.8 Fehlerrechnung

6.3.9 Überlegungen zum Stichprobenumfang

6.4 Fallbeispiele

6.4.1 Atmungshäufigkeit von Goldfischen, Abschnitt 4.7

6.4.2 Auswirkungen der Frühkastration, Abschnitt 4.8

6.4.3 Antibakterielle Wirkung von Nikotin, Abschnitt 5.7

6.4.4 Späterer Schulbeginn, Abschnitt 8.3

6.4.5 Einen Aktivschultag einführen, Abschnitt 8.4

6.5 Das Statistikprogramm R

6.6 Literatur

Lösungen

7 Sozialwissenschaftliche Methoden

7.1 Systematisches Beobachten

7.1.1 Eine Beobachtung planen

7.1.2 Einen Beobachtungsbogen erstellen

7.1.3 Auswertung von Beobachtungsdaten

7.2 Befragung mittels Fragebogen

7.2.1 Einen Fragebogen erstellen

7.2.2 Fragebogenitems formulieren

7.2.3 Besonderheiten der Online-Befragung

7.2.4 Auswertung von Fragebogendaten

7.3 Sozialwissenschaftliches Experiment

7.3.1 Die Planung

7.3.2 Die Umsetzung an einem konkreten Beispiel

7.4 Literatur

Lösungen

8 Methode «Meinungsbefragung»

8.1 Einführung in die Fachbegriffe

8.2 Merkmale beeinflussen unsere Meinung

8.3 Vorbereitung auf eine Meinungsbefragung

8.3.1 Gründlich recherchieren

8.3.2 Grundgesamtheit und Zufallsstichprobe bestimmen

8.3.3 Hypothesen bilden

8.3.4 Fragebogen korrekt aufbauen

8.3.5 Grundlegende Regeln der Fragebogenkonstruktion

8.3.6 Pretest und Auswertung

8.4 Bearbeitung einer komplexen Befragung

8.4.1 Beispiel «Ein Tag pro Woche Aktivschule»

8.4.2 Anzahl Ausprägungen und Hypothesen festlegen

8.4.3 Grundgesamtheit definieren

8.4.4 Stichprobenauswahlen

8.5 Online-Befragung

8.5.1 Empfehlungen

8.5.2 Beispiel einer Online-Meinungsbefragung: Zivildienst light für junge Frauen?

8.5.3 Auswertung des Pretests

8.5.4 Stolpersteine vermeiden – Erfolg haben

8.6 Arbeitsschritte im Überblick

8.7 Literatur

Lösungen

9 Interview

9.1 Einleitung

9.2 Interviewformen

9.3 Geeignete Personen für ein Interview finden

9.4 Inhaltliche Vorbereitung des Interviews

9.5 Durchführung des Interviews

9.6 Auswertung des Interviews

9.7 Literatur

Lösungen

10 Oral History

10.1 Einleitung

10.2 Anforderungen an die Themenauswahl

10.3 Vorbereitung

10.4 Ablauf eines Oral-History-Interviews

10.5 Transkription

10.6 Rekonstruktion von Geschichte

10.7 Die Kunst des Oral-History-Interviews

10.8 Ein gemeinsames Werk

10.9 Literatur

Lösungen

11 Filmanalyse

11.1 Einleitung

11.2 Geschichte im Film – einige Beispiele

11.2.1 Auswahl der Beispielfilme

11.2.2 Vergleich von historischen Spielfilmen und historischer «Wahrheit»

11.3 Filme als historische Quellen

11.3.1 Geschichtlicher Wandel an Originalschauplätzen

11.3.2 Filme sind Ausdruck des Zeitgeists

11.3.3 Filme als Spiegelbilder der Gesellschaft

11.3.4 Filme als Wunsch- und Traumbilder der Gesellschaft

11.3.5 Filme als Zeugnisse vorherrschender Mythen und Ideologien

11.4 Methoden der Filmanalyse

11.4.1 Die filmische Gestaltungsweise

11.4.2 Dramaturgie

11.4.3 Inszenierung

11.4.4 Montage

11.4.5 Kameraeinstellungen

11.4.6 Licht

11.4.7 Ton

11.5 Beispiel einer Filmanalyse

11.5.1 Erzählstruktur/Dramaturgie («Storystruktur» und «Storydesign»)

11.5.2 Die filmische Gestaltung

11.5.3 Das filmische Umfeld

11.5.4 Zusammenfassend

11.6 Literatur

Lösungen

12 Textanalyse

12.1 Ideen zur Arbeit mit Texten

12.2 Text erschliessen

12.3 Fragen an den Text stellen

12.4 Verschiedene methodische Zugänge

12.4.1 Wo? – Topografische Räume und Bedeutungsräume

12.4.2 Was? – Elemente von Texten

12.4.3 Wie? – Zuordnung zu einer Gattung

12.4.4 Wie? – Erzählweise

12.4.5 Wie? – Rhetorische Form

12.4.6 Wie? – Intertextualität

12.4.7 Wie? – Poetische Form

12.4.8 Wie? – Kommunikation

12.4.9 Wann? – Literarische Epoche

12.4.10 Wann? – Historische Epoche

12.5 Nachbardisziplinen

12.6 Methodische Grundsätze

12.6.1 Aktuelle Theorie

12.6.2 Nachvollziehbarkeit

12.6.3 Zitierfähige Primärtexte

12.7 Literatur

Weiterführende Literatur

Lösungen

Anhang

Beispiele von Themen für schriftliche Arbeiten

Autorinnen und Autoren

Dank

Bildnachweis


Von der Idee zur Wahl der Methode1
Thomas Clemens, Georges Hartmeier, Martin Ludwig

Worum geht es?

Sie suchen eine überzeugende Idee für Ihre Projekt- oder Maturaarbeit an der Berufsmaturitätsschule, der Fachmittelschule oder am Gymnasium. Sie formulieren Ihre Idee zuerst als Thema und fokussieren – falls Sie sich eine Untersuchung vornehmen – auf eine sehr enge Fragestellung. Eine mögliche Antwort auf Ihre Fragestellung nehmen Sie schon vorweg, indem Sie bereits zu Anfang eine Behauptung in der Form einer These oder Hypothese aufstellen. Die Hauptaufgabe Ihrer Arbeit besteht darin, diese Ausgangsbehauptung mithilfe der geeigneten Methoden zu untermauern, entweder mit Argumenten oder mit Daten, die Ihnen zur Verfügung stehen oder die Sie aus Experimenten gewinnen. Falls Ihr Ziel eine technische Produktion ist, experimentieren Sie, bevor Sie Essenzen extrahieren oder kostbares Material verbauen.

Mit Ihrer Abschlussarbeit, die wir in diesem Buch Maturaarbeit nennen, bereiten Sie sich auf das wissenschaftliche Arbeiten vor. Sie argumentieren schlüssig und überprüfbar, Sie bedienen sich einer präzisen Sprache, und Sie befolgen bezüglich des methodischen Vorgehens Empfehlungen, die in diesem Kapitel ausgeführt werden. Sie entwickeln eine klare Haltung zur korrekten Quellenangabe und kommentieren Ihre Erkenntnisse kritisch. Das Wort «wissenschaftlich» umschreibt also eine Zielvorstellung, an der sich Ihre Arbeit orientiert. Wie nahe Sie an dieses Ziel herankommen, wird von Ihrem Engagement und Ihrer Zusammenarbeit mit der betreuenden Lehrperson bestimmt.

Inhalt

1.1 Einleitung

1.2 Von der Idee zur Fragestellung

1.3 Die passende Methode finden

1.4 Wissenschaftliches Arbeiten

1.5 Literatur

1.1 Einleitung

Ihre Maturaarbeit ist wahrscheinlich das erste Projekt, an dem Sie mehrere Monate selbstständig arbeiten werden. Das vorliegende Kapitel begleitet Sie von der Ideenfindung hin zur Fragestellung und bis zur Wahl der für Ihr Projekt geeigneten Methode(n). Es beschreibt, was wissenschaftliches Arbeiten heisst, und stellt Ihnen zwei unterschiedliche Vorgehensweisen vor, anhand deren neue Erkenntnisse gewonnen werden können. Vielleicht haben Sie die Entscheidung über den Typus Ihrer Maturaarbeit schon getroffen.[1]

Sie planen eine Untersuchung. Beispielsweise untersuchen Sie mit einem Experiment, ob ein starkes elektromagnetisches Feld das Wachstum bestimmter Pflanzen beeinflusst. Oder Sie untersuchen den Roman «Ruhm» von Daniel Kehlmann, um die Frage zu beantworten: Wie sind die neun Geschichten über ihre Figuren, Motive und Themen verknüpft? Eine Untersuchung gibt Antworten auf eine präzise Fragestellung. Das Ziel Ihrer Untersuchung ist die Erforschung eines bestimmten, sehr eng begrenzten Ausschnitts unserer gesellschaftlichen, kulturellen oder physischen Welt. Wenn Sie dabei die wissenschaftlichen Methoden, die in diesem Buch vorgestellt werden, anwenden und sich bemühen, während des ganzen Prozesses wissenschaftlichen Anforderungen zu genügen, dann werden Sie einen Mosaikstein zum Wissensstand beitragen.

Vielleicht steht Ihnen der Sinn eher nach einem technischen Produkt. Sie wollen etwas erschaffen, eine Substanz aus anderen gewinnen oder etwas konstruieren oder programmieren. Wer beispielsweise einen Duftstoff extrahiert, ein spezielles Papier, eine Schaltung oder ein Messgerät herstellt, macht vorher diverse Studien zur genauen Analyse des Sachverhalts. Am Anfang eines technischen Produkts steht häufig eine Beobachtung (Beispiel: Ich beobachte, dass in zahlreichen Privatgärten Neophyten wachsen, deren Samen die heimische Fauna bedrohen[2] → Ich erstelle eine Beratungswebseite) oder – weit häufiger – ein Experiment, also eine Analyse (Können bei einer gemischten Farbe die einzelnen Farbanteile von einem Programm erkannt werden? → Ich programmiere eine Farbanalysesoftware). Das eigentliche Ziel Ihrer technischen Produktion ist jedoch eine Synthese, das Zusammenfügen Ihrer Erkenntnisse zu einem Produkt.

1.2 Von der Idee zur Fragestellung

Wie kommen Sie zu Ideen? Das ist die grosse Frage. Am besten beginnen Sie bei sich selbst: Was interessiert Sie besonders? Worüber möchten Sie mehr erfahren? Welche Fertigkeiten möchten Sie in die Tat umsetzen?

Verwenden Sie zur Ideensuche Kreativitätstechniken wie Brainstorming, Mindmapping, Clustering, Strukturbaum und Analogierad (vgl. Esselborn-Krumbiegel 2017, S. 37 f.[3]). Nützliche Hinweise bieten auch die Webseite maturaarbeit.net (Corthay et al.[4] 2018) und der Online-Leitfaden von Amnesty International, Greenpeace und Helvetas, der für Berufsfachschulen konzipiert wurde (2018).

Nehmen wir an, mithilfe der einen oder anderen Kreativitätstechnik sei bei Ihnen ein Thema in den Vordergrund gerückt, zum Beispiel das folgende: Auch in der Schweiz gab es früher verbotene Stadtteile, allerdings nicht wie die kaiserliche Residenzstadt in Peking, sondern riesige eingezäunte Industrieanlagen wie in Winterthur, Zürich, Baden und in vielen anderen Städten. Das Areal der Maschinenfabrik Sulzer AG Winterthur war abgeriegelt und nur für Angestellte zugänglich.

Daraus könnte zum Beispiel das Thema «Der Wandel von der umzäunten Industrieanlage zum trendigen Stadtquartier» gewählt werden, falls Sie diese Entwicklung interessiert. Dieses Thema ist aber sehr weitläufig, und deshalb muss es eingegrenzt werden.


Abbildung 1.1: Sulzer-Areal aus 100 Meter Höhe, 1934, Foto Walter Mittelholzer (1894–1937)

Alle betreuenden Lehrpersonen verlangen eine Eingrenzung des Themas. Von Ihnen wird das vielleicht eher als schmerzlicher Prozess erlebt. Die Notwendigkeit zur Konzentration auf eine eng begrenzte Fragestellung hat zum einen damit zu tun, dass Sie limitierte Ressourcen haben – zeitlich und finanziell.[5] Und zum andern möchte die Lehrperson Sie in eine echte Forschungssituation hineinführen. Denn wenn es Ihnen gelingt, auf eine spezifische Fragestellung zu fokussieren, dann ist die Chance gross, dass Sie erstens einen Prozess durchmachen, wie er sich in der «echten» Forschung ergibt, und dass Sie zweitens einen Mosaikstein zum Wissen und Verstehen innerhalb des gewählten Themas beitragen können.

Eine gute Zwischenstation bei der Themenfindung ist die Beantwortung von einigen «W-Fragen»: Was genau möchte ich machen? Wo möchte ich in die Tiefe gehen, wo möchte ich etwas ausloten? Warum tue ich es genau so und nicht anders? Je nach Forschungsgegenstand helfen weitere W-Fragen, das Thema einzugrenzen: Wann? (untersuchter historischer Zeitraum); Wie? (Methode, fachliches Verfahren) (vgl. ebenda[6], S. 63).

Die Fragen nach dem «Was?» und dem «Wann?» drängen im Beispiel «neues Stadtquartier» zur Entscheidung, ob der Niedergang der Maschinenindustrie oder die ersten Schritte zum Aufbau eines neuen Stadtteils im Zentrum stehen.

Mit der Antwort auf die Frage nach dem «Wo?» bestimmen Sie, ob zum Beispiel Sulzer in Winterthur, Escher-Wyss in Zürich oder Brown, Boveri & Cie. in Baden zum Gegenstand der Untersuchung gemacht werden soll. Wenn Ihr Wohnsitz in einer dieser Städte liegt oder in einer Stadt, die ähnliche Grossindustrieanlagen hatte, dann wird die Entscheidung leichter, denn je näher Sie sich an den Wissensquellen zu Ihrer Fragestellung befinden, desto einfacher kommen Sie an Informationen heran (Untersuchungsgegenstand, Archive, Personen und so weiter).

Das Thema in die Nähe rücken

Ihre Chancen, zu nützlichen Informationen zu kommen, sind grösser, wenn Sie lokale oder personelle Bezüge knüpfen können. Klären Sie ab, ob Ressourcen wie Archive, Laborräumlichkeiten oder Expertinnen und Experten zugänglich sind.

Im Bereich der Naturwissenschaften gibt es manchmal noch eine weitere Möglichkeit, ein komplexes Thema zu erarbeiten.

In vielen Entwicklungsländern wird den Menschen empfohlen, das mikrobakteriell verschmutzte Wasser, das ihnen häufig als einziges Trinkwasser zur Verfügung steht, in PET-Flaschen abzufüllen und diese Flaschen auf einem heissen Wellblechdach einige Stunden an die pralle Sonne zu legen (vgl. Wikipedia, Stichwort «SODIS»).[7] In diesem Zusammenhang könnte es für Sie vielleicht interessant sein, die antibakterielle Wirkung der UV-Bestrahlung auf einen bestimmten Krankheitserreger zu untersuchen.

Das Thema «Wasserreinigung durch UV-Bestrahlung» durchläuft anschliessend den gleichen Prozess der thematischen Fokussierung durch die «W-Fragen». Bei der Frage nach dem «Wie?» liegt es auf der Hand, dass Sie als Erstes mit Ihrer Biologielehrperson in Erfahrung bringen, ob ein derartiges Untersuchungsvorhaben mit den Mitteln, die Ihnen in der Schule zur Verfügung stehen, überhaupt durchführbar ist. Weiter gilt es abzuklären, ob Sie eine Chance haben, von einem speziellen Forschungsinstitut unterstützt zu werden, beispielsweise von der eawag aquatic research.[8]

Betreuende Lehrperson und Forschungsinstitute anfragen

Gemeinsam mit der betreuenden Lehrperson finden Sie die passende Kombination der anzuwendenden Verfahren, und vielleicht kann sie Ihnen − falls gewisse Untersuchungen nicht im Schullabor durchgeführt werden können − den Weg zu einem Forschungsinstitut ebnen.

Noch bevor Sie die genaue Fragestellung formulieren oder das Ziel festlegen, das Sie mit Ihrer technischen Produktion erreichen möchten, empfiehlt es sich, den Blick nochmals zu weiten. Das wird anhand des folgenden Beispiels erklärt.

Die Sängerin Joan Baez setzt sich in ihren Liedern und in ihren politischen Aktivitäten pointiert gegen die Rassendiskriminierung und für den Pazifismus ein (vgl. ihre Webseite: www.joanbaez.com und die Anleitung im Literaturverzeichnis unter Baez, Joan).

Falls Sie nun als Maturaarbeit einige ihrer Lieder auf pazifistische Aussagen hin analysieren wollen, dann müssten Sie sich die Frage stellen, ob Sie die Haltung von Joan Baez zuerst breit zu erfassen versuchen, damit Ihnen kein wichtiger Aspekt entgeht, oder ob Sie schon gezielt auf einige Songs eingehen wollen. Eine anfängliche Breite und eine Fokussierung erst im zweiten Schritt ist in den meisten Fällen vorzuziehen.


Abbildung 1.2: Joan Baez 2018

Sie gehen vom Kern Ihrer Idee aus und fragen sich, welche Bereiche Sie unbedingt einbeziehen müssen und welche Sie vorerst weglassen können. Dieses sorgfältige Abwägen des Untersuchungsbereichs bewahrt Sie einerseits davor, etwas zu vergessen, das unabdingbar zu Ihrer Idee gehört, und andererseits davor, sich in Nebenthemen zu verlieren.

Nach dieser Ausweitung und der anschliessenden Eingrenzung kommt nun eine zweite Fokussierung, in der Sie die Fragestellung formulieren. Die Fragestellung ist Ihr Kompass während der ganzen Arbeit. So wie Sie sich auf einer Trekkingtour nur mit Kompass oder GPS ausgerüstet in ein grosses Waldgebiet hineinwagen, brauchen Sie auch für Ihre Forschungsarbeit eine zentrale Fragestellung, damit Sie nie vom Weg abkommen und das Ziel sicher erreichen (vgl. Alagöz-Bakan, Knorr & Krüsemann 2015, S. 74).

Arbeiten des Typs «Untersuchung» haben immer eine Fragestellung. Bei Arbeiten des Typs «technische Produktion» übernimmt ein Anforderungskatalog diese Funktion.

Nun geht es darum, die Fragestellung in einer These oder Hypothese zu konkretisieren. In den Wissenschaften, in denen Erfahrungen der Menschen und ihre Werke im Zentrum stehen, beispielsweise in der Geschichts-, Literatur- und Kunstwissenschaft, spricht man von einer These im Sinn einer Ausgangsbehauptung, die im Verlauf der Forschungsarbeit untermauert wird. In den Sozialwissenschaften wie Psychologie, Soziologie und Pädagogik wird – je nach Ansatz – der Begriff «These» oder auch «Hypothese» verwendet, in den Naturwissenschaften spricht man durchwegs von einer Hypothese.

Nach dem Abschluss dieses Konkretisierungsschritts unterziehen Sie Ihr bisheriges Gerüst einer SMART-Analyse. Die Abkürzung umfasst die fünf folgenden Ansprüche (vgl. Umbach 2014, S. 8, und Wikipedia, Stichwort «SMART»).


SpezifischSind Ihre Fragestellung und Ihre (Hypo-)These (Maturaarbeitstyp «Untersuchung») oder Ihr Ziel (Maturaarbeitstyp «Technische Produktion») präzise und eindeutig formuliert?
MessbarKönnen Sie am Schluss eindeutig feststellen, ob Ihre Fragestellung beantwortet ist, ob Ihre (Hypo-)These zutrifft oder verworfen werden muss oder ob Sie mit Ihrem Produkt das Ziel erreicht haben?
Akzeptiert/AnsprechendWird Ihr Konzept von der betreuenden Lehrperson akzeptiert? Halten Sie das Thema für wissenschaftlich interessant, und liegt es Ihnen wirklich am Herzen? Erreichen Sie das Bestmögliche, indem Sie die Anforderungen der Schule, Ihr persönliches Interesse und Ihre Leistungsbereitschaft miteinander kombinieren?
RealistischSind Sie realistisch, und haben Sie Ihre Zielsetzung Ihren Fähigkeiten, Ihrer Ausrüstung und Ihrem Zeitrahmen entsprechend gewählt?
TerminiertHaben Sie den Erstellungsprozess der ganzen Arbeit vom Abgabetermin her rückwärts geplant und sich Meilensteine (Zwischenziele) gesetzt?

1.3 Die passende Methode finden

Sie haben sich Vorwissen zu Ihrem Thema verschafft, es eingegrenzt, eine Fragestellung entwickelt und sie in einer (Hypo-)These konkretisiert beziehungsweise einen Anforderungskatalog definiert. Mit der SMART-Analyse haben Sie überprüft, ob Sie die von der Schule geforderten Rahmenbedingungen einhalten und ob sie mit Ihren eigenen Zielen in Einklang zu bringen sind. Nun geht es darum, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen und dann die geeignete Methode für Ihr Vorhaben zu finden.

1.3.1 Sich vorbereiten: recherchieren, bewerten und vernetzen

Durch Ihre Vorträge, Projekt- und Semesterarbeiten sind Sie im Recherchieren und im Umgang mit Quellen schon geübt. Kapitel 2 gibt Ihnen weitere Inputs. Es werden Fragen besprochen wie «Wo suchen?» (im Metabibliothekskatalog, in Datenbanken, in Zeitschriften); «Wie suchen?» (mit Platzhaltern, mit Operatoren); «Wie bewerten?» (Glaubwürdigkeit und Aktualität von Internetseiten); «Wie erstelle ich ein Rechercheprotokoll?» und «Soll ich ein Literaturverwaltungsprogramm einsetzen?».

Weiter sollten Sie sich vergewissern, ob Sie den Umgang mit Quellen korrekt und dem wissenschaftlichen Standard entsprechend handhaben: Sie betten Ihre Arbeit in den wissenschaftlichen Kontext ein und sorgen durch Quellenverweise für Nachvollziehbarkeit und Transparenz. Sie beachten den wissenschaftlichen Ehrenkodex, Sie kennen den Unterschied zwischen direktem und indirektem Zitieren, und Sie können ein Literaturverzeichnis erstellen.

Sorgen Sie durch das Durcharbeiten von Kapitel 2 dafür, dass Sie im Suchen von Informationen, in deren Bewertung und deren Integration in Ihren Text auf dem neuesten Stand sind und den Kopf frei haben für die Bearbeitung Ihres Themas. Durch die Vernetzung mit der Welt der Wissenschaften schaffen Sie die Voraussetzungen, damit Sie in Ihrem Projekt etwas Neues herausfinden und dadurch Ihre Fähigkeiten in Bezug auf wissenschaftliches Arbeiten unter Beweis stellen können.

1.3.2 Ortsgebundene Daten erheben – beobachten – experimentieren

Die drei Methoden «Datenerhebung im Gelände», «verhaltensbiologische Beobachtung» und «naturwissenschaftliche Experimente» lassen sich anhand des Beispiels der Rothirsche erklären. Alle drei Methoden legen eine statistische Auswertung nahe.

Das Rotwild verursacht durch den sogenannten Wildverbiss enorme Schäden im Wald. Bevorzugte Bäume werden durch die Rothirsche auf der Höhe ihres Geweihs fast komplett geschält (vgl. Amt für Landschaft und Natur 2017). Wenn Sie solche Schäden fotografieren wollen, dann sollten Sie auch die Koordinaten festhalten, denn jeder Schaden tritt an einem bestimmten Ort auf.


Abbildung 1.3: Schälschäden durch Rotwild im Białowieża-Nationalpark, Polen

Ortsgebundene Daten werden nicht nur in ihrer Anzahl oder in ihrem Ausmass festgehalten, sondern häufig auch auf einer Karte eingezeichnet. Diese Darstellung erlaubt es Ihnen, räumliche Muster zu erkennen. In einer Langzeitstudie mit den kartografisch festgehaltenen Schäden wäre es möglich, die Veränderung der Flora durch den Wildverbiss zu erforschen – wegen des ausgedehnten Zeitraums allerdings kein Maturaarbeitsthema. Mit der Methode der Datenerhebung im Gelände können Sie noch vielerlei andere Zusammenhänge kartografisch und – statistisch ausgewertet – in Diagrammen darstellen und so sichtbar machen.

Im Herbst ist das Röhren der Hirschstiere von Weitem zu hören, was es möglich macht, sich gute Beobachtungsposten für die Untersuchung des Brunftverhaltens der Rothirsche auszusuchen. Die einzelnen Elemente des Brunftverhaltens – das Schieben, Vorrücken, seitliche Abdrängen und so weiter – gehen allerdings manchmal so schnell, dass es ratsam ist, zuerst ein Beobachtungsprotokoll anhand eines Films über das Brunftverhalten zu erstellen und die brunftspezifischen Bewegungen mit Buchstaben zu codieren.[9]


Abbildung 1.4: Kämpfe der Hirschstiere in der Brunftzeit

Dann kann man vor Ort mit dem Feldstecher das Geschehen beobachten und die Codes mit Zeitangabe auf dem Beobachtungsprotokoll notieren. Es ist ratsam, nur so nahe heranzugehen, wie die Stiere die beobachtende Person weder riechen noch sehen können, denn sonst wird das Geschehen auf unvorhersehbare Weise beeinflusst, was bei einer Beobachtung nach Möglichkeit zu vermeiden ist.

In manchen Wäldern sind die Rothirsche so zahlreich, dass der Wildverbiss zu grossen Waldschäden führt. Die betroffenen Gemeinden müssen Strategien entwickeln, um ihren Jungwald zu schützen. Hirschsichere Zäune müssen allerdings zwei Meter hoch sein, und sie sind entsprechend teuer (vgl. Nemestothy 2016). In Zusammenarbeit mit dem Forstbetrieb einer betroffenen Gemeinde könnten Sie ein Experiment durchführen: Eines der Jungwaldgehege wird in den Winterwochen, in denen die Hirsche wegen einer dichten Schneedecke wenig Futter finden und die Einzäunung des Jungwalds zu wenig hoch aus der Schneedecke herausragt, mit geeigneten Massnahmen (Erhöhung der Zäune, Bewegungsmelder mit Pfeiftönen oder anderes) geschützt, das andere nicht. Durch diese Einflussnahme wird Ihre Beobachtung mittels Fotofallen zu einem Experiment, denn Sie greifen ins Geschehen ein und verändern eine Bedingung. Mit solchen Experimenten, bei denen jeweils nur ein einziger Faktor verändert wird, kann man Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge erforschen.

1.3.3 Erhobene Daten mittels Statistik auswerten

Bei den meisten Projekten, die einen Sachverhalt quantitativ untersuchen, werden die erhobenen Daten statistisch ausgewertet. Mit den Mitteln der beschreibenden Statistik verschaffen Sie sich Einsicht in die Struktur der Daten (Welche Werte kommen am häufigsten vor? Wie gross sind die Abweichungen vom Mittelwert? und so weiter) und stellen sie in Diagrammen zusammenfassend dar. Die schliessende Statistik verhilft Ihnen dazu, die Unsicherheit bei einem Schluss von einer kleinen Stichprobe auf eine grosse Menge von Merkmalsträgern mittels der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu beziffern, sodass Sie Ihre Hypothese mit einer berechenbaren Sicherheit verwerfen oder bestätigen können.

In den Kapiteln 4, 5 und 8, in denen Methoden zur Erhebung von statistisch auswertbaren Daten erklärt werden, verweisen wir auf die entsprechenden Abschnitte des Statistik-Kapitels 6. Die eigentliche Auswertung der Beispiele aus den genannten Kapiteln, meist in der Form von Hypothesentests, sind im Statistik-Kapitel unter «Fallbeispiele» angefügt. Und das Besondere ist, dass Sie die komplexen Berechnungen nicht selbst durchführen müssen, denn Sie lernen, mit einem Statistikprogramm umzugehen.

1.3.4 Unsere Mitmenschen beobachten und befragen

Das Verhalten und Erleben von Menschen zu erforschen, erfordert eigene Methoden und hat mit besonderer Umsicht zu geschehen. Kapitel 7 zeigt Ihnen drei mögliche methodische Zugänge auf: Sie können Menschen beobachten, Sie können sie befragen, oder Sie können sie – in eine Kontrollgruppe und eine Experimentalgruppe eingeteilt – dazu anregen, einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zu erforschen.

Sie spielen zum Beispiel in einer Volleyballmannschaft mit und interessieren sich dafür, wie die Mannschaft als Ganzes oder einzelne Teammitglieder Niederlagen verarbeiten. Mittels einer systematischen Beobachtung, am besten gleich nach dem verlorenen Spiel, erfassen Sie, welche Verarbeitungsmechanismen von der Mannschaft angewandt werden. Wenn Sie hingegen in Erfahrung bringen wollen, welche Verhaltensweisen die einzelnen Spielerinnen oder Spieler als förderlich respektive hinderlich für den weiteren Erfolg der Mannschaft einschätzen, dann führen Sie eine Befragung mit einem Fragebogen durch.

Eine dritte Möglichkeit ist ein sozialwissenschaftliches Experiment: Sie überzeugen eine Mannschaft davon, anerkannte sportpsychologische Elemente im Sinn eines Mentaltrainings anzuwenden, die helfen, eine Niederlage wegzustecken. Eine zweite Mannschaft, die sogenannte Kontrollgruppe, erhält diese Informationen nicht. Der Vergleich der beiden Mannschaften erlaubt gewisse Rückschlüsse auf die Wirksamkeit des angewandten Mentaltrainings.

Das Experimentieren mit Menschen ist an hohe ethische Standards geknüpft. Wenn Sie die einhalten, haben Sie die Voraussetzungen für ein interessantes und ethisch korrektes Experiment geschaffen. Allerdings haben die Versuchspersonen ein Anrecht darauf zu wissen, was Sie machen und warum Sie das machen. Manchmal können Sie es ihnen jedoch erst im Nachhinein sagen, um die Situation nicht zu verfälschen.

Bei einer Meinungsbefragung wird eine relativ kleine Stichprobe von Personen mittels Fragebogen zu verschiedenen Themen befragt – online oder in persönlichen Interviews. Anhand der ausgewerteten Resultate der Stichprobe kann auf die ganze Personengruppe geschlossen werden, dies aber nur unter bestimmten Bedingungen. Eine Befragung, zum Beispiel zum Thema «Wie müsste der Informatikunterricht an den Mittelschulen ausgebaut werden?», ergibt nur dann brauchbare Resultate, wenn die Stichprobe aus Personen mit den gleichen Merkmalen besteht, wie sie in der Gesamtgruppe vorkommen. Wenn Sie diese Gesetzmässigkeit beachten, können Sie von der Meinung von beispielsweise 60 befragten Mittelschülerinnen und -schülern auf die Meinung aller 800 Schülerinnen und Schüler Ihres Schulhauses schliessen, und dies mit einer erstaunlich tiefen Fehlerquote.

Sie fragen sich beispielsweise, welche Auswirkungen die Einführung von künstlicher Intelligenz auf Bankangestellte haben wird. Allerdings finden Sie dazu kaum Fachliteratur. Sie führen deshalb mit einer Person aus dem höheren Kader ein sogenanntes Experteninterview durch. Damit kommen Sie zu Hintergrundwissen und erhalten eine Einschätzung der derzeitigen Situation. Eine andere Zielsetzung verfolgen Sie, wenn Sie zu dieser Fragestellung Interviews mit den Betroffenen, den Bankangestellten, durchführen. Es geht dann vielleicht vor allem um deren Zukunftsängste. Entsprechend führen Sie die Interviews auf eine ganz andere Art durch.

1.3.5 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen befragen

Eine andere Interviewtechnik wenden Sie an, wenn Sie Zeitzeuginnen und -zeugen befragen. Bei dieser Technik geht es − im Gegensatz zur herkömmlichen Interviewtechnik − nicht darum, die Zügel fest in der Hand zu halten, sondern vor allem darum, aufmerksam und einfühlsam zuzuhören. Sie probieren, Ihr Gegenüber in einen Erzählfluss zu bringen. Die Erlebnisse, für die Sie sich interessieren, liegen oft Jahrzehnte zurück. Durch geschickte Erzählanstösse versuchen Sie, einen Erinnerungsprozess in Gang zu bringen. Das kann durch Fotos geschehen oder indem Sie gemeinsam die Orte der Erinnerung besuchen.

1.3.6 Kulturelle Werke analysieren

Dokumentar- und Spielfilme können als Kunstwerke betrachtet und nach ästhetisch-formalen Gesichtspunkten analysiert werden. Sie können aber auch als zeitgeschichtliche Quellen interpretiert werden. Beispielsweise fällt bei einem Vergleich verschiedener Verfilmungen des «Heidi»-Romans von Johanna Spyri auf, dass jede Verfilmung den Zeitgeist ihres Entstehungsjahrs spiegelt. Dass Heidi im späteren Leben noch Schriftstellerin wird, wäre bei der ersten deutschsprachigen Verfilmung in den Fünfzigerjahren mit dem damaligen Frauenbild undenkbar gewesen.

Als «Text» wird heute in der Literaturwissenschaft sehr vieles bezeichnet, von der kurzen Werbebotschaft bis zum langen Roman. Entsprechend vielfältig sind auch die Fragestellungen und die Methoden, mit denen Texte untersucht werden können. Zum Beispiel erinnern Werbetexte manchmal an Texte der konkreten Poesie aus den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Untersuchen liesse sich, welche poetischen Verfahren übernommen, wie sie weiterentwickelt und welche Wirkungen damit erzielt werden. Denn Textanalyse ist offen für alle Aspekte des Mediums Text: von seiner Struktur bis zu seiner Funktion in verschiedenen kommunikativen Situationen.

Sie haben nun elf Methoden kennengelernt, die bei Maturaarbeiten üblicherweise vorkommen. Häufig verlangt ein bestimmter Untersuchungsgegenstand die Anwendung einer zweiten Methode oder die Abwandlung einer der genannten Methoden. Wenn Sie Ihren Bildungsweg an einer Hochschule fortsetzen, werden Sie die gleichen Forschungsmethoden wieder antreffen.

Die Zielsetzung einer wissenschaftlichen Tätigkeit in der Forschung ist das Gewinnen von neuen Erkenntnissen. Das streben Sie auch bei Ihrer Maturaarbeit an. Wahrscheinlich sind von den Erkenntnissen, die Sie mit Ihrer Maturaarbeit gewinnen, nur kleine Ausschnitte neu. Das Prinzip bleibt jedoch dasselbe: Sie arbeiten nach einer wissenschaftlichen Methode, Sie stellen eine Behauptung an den Anfang (These/Hypothese), Sie sammeln Argumente und untermauern sie mit Fakten, Sie dokumentieren in präziser Sprache und sind sich der erwarteten Qualitätsstandards immer bewusst, kurz: Sie arbeiten wissenschaftlich.

1.4 Wissenschaftliches Arbeiten

Am Anfang des wissenschaftlichen Denkens steht die Neugier: Man möchte wissen, was die Welt – so lässt es Goethe 1808 seinen Wissenschaftler Faust sagen – «[i]m Innersten zusammenhält» (Goethe 1986, Vers 383).

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler formulieren ganz konkrete Fragen oder einen Anforderungskatalog. Um Antworten und Ergebnisse zu finden, verwenden sie eine oder mehrere Vorgehensweisen, die unter dem Begriff «wissenschaftliche Methoden» zusammengefasst werden. Und wenn sie eine These respektive Hypothese begründen wollen, nutzen sie eine Struktur, die man am besten mit dem Begriff der Argumentation beschreiben kann.

1.4.1 Wissenschaftliches Argumentieren

Typische Begrifflichkeiten, die in den Wissenschaften verwendet werden, sind die Begriffe «Aussage», «Definition», «These», «Hypothese», «Argument» und «Schlussfolgerung».

Eine Aussage drückt einen Sachverhalt aus. Ein Aussagesatz kann – anders als ein Ausrufe- oder ein Fragesatz – wahr oder falsch sein. Aussagen über Sachverhalte unserer Erfahrungswelt (die uns umgebende Natur und Kultur) sollen immer auch zeitlich und örtlich definiert werden. Aussagen über Sachverhalte, die aufgrund von Beobachtungen, Experimenten und Befragungen gewonnen wurden, können verifiziert (für wahr erklärt) oder falsifiziert (für falsch erklärt) werden (vgl. Wörterbuch der Philosophie, Stichwort «Aussage», und Prechtl & Burkhard 1999, S. 53).[10]

Eine Definition ist der Form nach eine Aussage. Definitionen erklären einen Begriff (Ausdruck, Terminus) mit einer Kombination von bereits bekannten Begriffen (vgl. Sandberg 2017, S. 22). Definitionen sind beim wissenschaftlichen Arbeiten sehr wichtig, denn oft muss ein Terminus in einen Kontext gestellt werden, damit allen klar wird, was damit gemeint ist. Der Begriff «Freiheit» zum Beispiel kann – situiert in einer bestimmten geschichtlichen Situation – als «Unabhängigkeit von Zwang oder Bevormundung» definiert werden (Wahrig-Burfeind 2005, S. 498). Aber man kann unter Freiheit auch ein «Privileg» verstehen (ebd.), was dann einem deutlich anderen Verständnis entspräche. Es empfiehlt sich deshalb, Schlüsselbegriffe in einer wissenschaftlichen Arbeit zu definieren und diese Definitionen als solche kenntlich zu machen (vgl. Sandberg 2017, S. 23).

Eine These ist eine Behauptung, deren Wahrheitsgehalt es zu beweisen gilt. Der Form nach ist eine These eine Aussage, aber eine spezielle, denn sie bildet den Ausgangspunkt für eine strittige Argumentation (vgl. ebd.). Beispielsweise stellt Andreas Pfister in seiner Dissertation die These auf, dass der Roman «Das Parfum» von Patrick Süskind ein Künstlerroman sei (vgl. Pfister 2005). Pfister begründet diese These, indem er am Text zeigt, dass der Roman zentral zum Konzept des Künstlers als Genie Stellung bezieht (siehe Abschnitt 12.4.3).

Eine Hypothese (wörtlich «Unterstellung») ist der Funktion nach sehr ähnlich wie eine These. Hypothesen sind Annahmen über einen Sachverhalt, den sie zu klären versuchen. Sie beschreiben nicht nur einen Einzelfall, sondern sind generalisierbar. Da sich die meisten Hypothesen auf eine Vermutung über einen irgendwie gearteten Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen oder Zuständen beziehen, werden sie in der Form eines Bedingungssatzes formuliert: «Wenn …, dann …» (vgl. Voss 2017, S. 36 f.).

Die meisten Forschungsvorhaben im Bereich der Naturwissenschaften, die sich den zu untersuchenden Phänomenen messend oder zählend annähern, also quantitativ arbeiten, sind sehr aufwendig. Um den Aufwand in Grenzen zu halten, untersucht man eine überschaubare Stichprobe. Beispielsweise stellen Sie folgende Hypothese zu einer Untersuchung über Schmetterlinge auf: «Wenn eine Wiese gemäss einer Definition aus der Literatur als Magerwiese gilt, dann halten sich in ihr deutlich mehr Schmetterlinge auf als in einer Fettwiese.» Nun wählen Sie zwei Stichproben aus, das heisst, je eine Fläche von 16 Quadratmetern Magerwiese respektive Fettwiese, die Sie markieren. Sie setzen sich auf eine Bockleiter ausserhalb des Quadrats und machen während einer definierten Beobachtungszeit in regelmässigen Zeitabständen Fotos. Die auf den Fotos ausgezählten Schmetterlinge bestätigen oder widerlegen Ihre Hypothese.

Auch in jenen Wissenschaften, die mehrheitlich nicht mit Zählen und Messen arbeiten, können Hypothesen gute Dienste leisten (vgl. Voss 2017, S. 37). So könnte beispielsweise die Hypothese: «Je weiter Grenouille, die Hauptfigur im Roman ‹Das Parfum› von Patrick Süskind, von der menschlichen Zivilisation entfernt ist, desto wohler fühlt er sich», mit zahlreichen Textstellen aus dem Roman belegt werden (siehe Abschnitt 12.4.1).

Thesen und Hypothesen müssen in einer wissenschaftlichen Arbeit aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und breit diskutiert werden. Die meisten Forschenden setzen sich zum Ziel, die Gültigkeit ihrer Behauptungen, in welcher Form sie auch immer formuliert seien, unter Beweis zu stellen. Das heisst, sie versuchen in einem sehr eng begrenzten Bereich etwas herauszufinden, was wahr ist.

In der Disziplin der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie wird seit Jahrhunderten diskutiert, ob die Wissenschaft überhaupt «die Wahrheit» finden kann (vgl. Voss 2017, S. 30). Spätestens seit den Ausführungen des Philosophen Karl Popper (1902–1994) hat sich in der Wissenschaftswelt die Vorstellung durchgesetzt, man könne nicht davon ausgehen, dass wissenschaftliche Theorien wahr seien, das heisst, dass sie die Welt so beschreiben würden, wie sie wirklich sei.

Im Bestreben, einen Prüfstein für die Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen und nicht wissenschaftlichen Theorien zu finden, stellte Karl Popper die Forderung auf, eine Theorie sei nur dann wissenschaftlich, wenn sie Voraussagen mache, die empirisch überprüft werden könnten. Wenn ein Fall auftrete, welcher der Theorie widerspreche, dann verliere die Theorie ihre Gültigkeit. Eine solche Widerlegung einer Theorie durch ein Gegenbeispiel nennt man «Falsifikation» (vgl. Prechtl & Burkard 1999, S. 175). Die Falsifizierbarkeit ist laut Popper das wesentliche Kriterium dafür, ob eine Theorie wissenschaftlich ist. Oder in seinen eigenen Worten: «Ein empirisch-wissenschaftliches System muss an der Erfahrung scheitern können» (Popper 2005, S. 17). Dieses Scheiternkönnen ist überhaupt nicht negativ zu verstehen, denn das Scheitern ermöglicht gerade das, was in der Wissenschaft so eminent wichtig ist: den Fortschritt.

Eine Theorie ist also dann wissenschaftlich, wenn folgende Frage beantwortet werden kann: Was muss eintreten, damit die Theorie verworfen wird? Diese Frage kann beispielsweise eine astrologische Theorie nicht beantworten.

Die beiden folgenden Beispiele berichten von zwei Theorien, die zum Zeitpunkt ihrer Ausformulierung zwar nicht überprüft werden konnten, bei denen aber angegeben werden konnte, unter welchen Umständen sie scheitern würden.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts formulierte Galileo Galilei (1564–1642) mit seinen Fallgesetzen eine neue Theorie der Schwerkraft. Sie ersetzte die bis dahin gültige Theorie von Aristoteles (viertes Jahrhundert vor Christus), dass schwere Objekte schneller zu Boden fallen als leichte. Gemäss Galileis neuer Theorie würden im luftleeren Raum alle Objekte den Boden gleich schnell erreichen. Da zur Zeit von Galilei noch keine luftleeren Glasröhren herstellbar waren, konnte er dieses Experiment zwar nicht durchführen, er hatte damit aber eine Möglichkeit der Falsifikation angegeben. Das Experiment konnte erst nach seinem Tod durchgeführt und die Theorie damit verifiziert werden (vgl. Stillwaggon 2015, S. 347 f.).

Albert Einstein beschrieb in seiner Allgemeinen Relativitätstheorie, die er im November 1915 veröffentlichte, dass das Gravitationsfeld der Sonne das Licht von weit entfernten Sternen ablenkt. Dieses abgelenkte Licht konnte allerdings nicht beobachtet werden, weil es vom Sonnenlicht «überstrahlt» wird. Einstein hatte aber so eine Möglichkeit angegeben, seine Theorie zu falsifizieren. Die Theorie kam im Jahr 1919 auf den Prüfstand, als eine totale Sonnenfinsternis die Beobachtung ermöglichte: Licht wird tatsächlich von der Sonne abgelenkt, und zwar genau in dem Ausmass, wie es Einstein berechnet hatte (vgl. ebd., S. 340 f.).

Die Theorien von Galilei und Einstein waren beide auf ihre Gültigkeit überprüfbar und entsprachen somit der Forderung Poppers nach der Falsifikationsmöglichkeit.

Auch eine Maturaarbeit kann einen Mosaikstein zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen, besonders dann, wenn die Fragestellung sehr eng gefasst ist. Mit welcher Methode auch immer Sie arbeiten und ob Sie Ihrer Untersuchung mit einer These oder einer Hypothese die Richtung vorgeben, das zentrale Moment des wissenschaftlichen Arbeitens ist das Argument.

Ein Argument ist eine Aussage, die eine Behauptung (These oder Hypothese) begründet oder widerlegt. Ein Argument besteht aus einer oder mehreren Prämissen (Voraussetzungen, Annahmen) und aus einer Schlussfolgerung (Konklusion) (vgl. Prechtl & Burkard 1999, S. 92). Wenn die Prämissen wahr sind und ein gültiges Schlussverfahren verwendet wird, dann ist auch die Konklusion wahr. Eine Verknüpfung von mehreren Argumenten nennt man eine Argumentation (vgl. ebd., S. 43).

Wie gut es Ihnen gelingt, die Leserinnen und Leser von einem Argument zum nächsten zu führen und so eine Argumentationskette aufzubauen, hängt nicht nur von der Hieb- und Stichfestigkeit Ihrer Aussagen ab, sondern auch von ihrer formalen Verknüpfung.

1.4.2 Wissenschaftliches Schreiben

Betrachten Sie das Niederschreiben der Forschungsresultate als Prozess und räumen Sie ihm entsprechend Zeit ein. Das fortwährende Niederschreiben der gewonnenen Erkenntnisse bewirkt, dass Sie Ihre Gedanken präzise erfassen, prüfen und miteinander in Beziehung bringen. Erst zu Papier gebrachte Gedanken können überblickt, neu geordnet und mit Brücken von einem Gedanken zum anderen versehen werden (vgl. Kruse 2015, S. 59).

Die Maturaarbeiten richten sich nicht an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einer universitären Disziplin, sondern der Adressat ist ein Publikum mit guter Allgemeinbildung. Beim Schreiben dürfen Sie den Stand des Allgemeinwissens voraussetzen, den Ihre Klassenkameradinnen und -kameraden im Lauf der Schulzeit erlangt haben. Fachbegriffe und Konzepte, die über dieses Wissen hinausgehen, sollten erklärt werden.

Das Überarbeiten der Texte ist ein zentrales Merkmal des wissenschaftlichen Schreibens. Falls Sie – wie empfohlen – Ihre Gedanken fortwährend festhalten, ergibt sich das mehrmalige Überarbeiten von selbst, denn Sie wissen ja im Lauf Ihres Forschungsprozesses immer mehr und immer Genaueres (vgl. ebd., S. 60). Zusätzlich sollten Sie Ihre Textteile während des Entstehungsprozesses von anderen Personen (Mitschülerinnen, Betreuern) gegenlesen lassen. Nutzen Sie die Feedbacks dazu, den Text klarer, verständlicher und übersichtlicher zu machen.

In wissenschaftlichen Publikationen liest man anstatt «ich, mein, mir» folgende oder ähnliche Wendungen: «Die Analyse ergibt»; «Das Ergebnis unterstreicht»; «Man kann vermuten»; «Es lässt sich zeigen» und Passivkonstruktionen wie «Es wurde weiter oben dargelegt» (vgl. ebd., S. 143). Damit stellen die Schreibenden die Sache ins Zentrum und nicht sich selbst. Sie vermeiden es, ins Persönliche abzugleiten. Entscheidend ist aber nicht, ob Sie in Ihrem Text das Pronomen «Ich» verwenden, sondern wie Sie es verwenden. Sie dürfen die Leserin oder den Leser im eigenen Namen auf etwas hinweisen wie «Im nächsten Kapitel werde ich auf diese Ergebnisse eingehen» oder eine methodische Anmerkung machen wie «Daher wählte ich dieses Vorgehen». Es darf im Text aber nie um Ihre persönlichen Erfahrungen und Gefühle gehen, beispielsweise «Nach langem Kopfzerbrechen und einigen Gesprächen mit meiner Betreuerin fühlte ich mich mit dieser Methode am wohlsten».

Wenn Sie wissenschaftlich schreiben, nehmen Sie auch Bezug auf andere Texte. Sie bemühen sich, die gewählte Quelle möglichst genau zu verstehen, Sie geben deren Aussage korrekt wieder, und Sie legen ihre Bedeutung für die eigene Arbeit dar. Wie Sie Fachliteratur und andere Quellen ausweisen und korrekt in Ihren Text einbauen, erfahren Sie in Abschnitt 2.3.

1.4.3 Wissenschaftliche Standards erfüllen

Nun haben Sie gelernt, was wissenschaftliches Argumentieren heisst, Sie haben die Grundzüge von Forschung als Wahrheitssuche und Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium für wissenschaftliche Theorien kennengelernt, und Sie haben Tipps erhalten, wie Sie Ihre Gedanken in einer angemessenen Sprache ausdrücken.

Eines bleibt noch zu klären: An der Kick-off-Veranstaltung für Maturaarbeiten wurde höchstwahrscheinlich erwähnt, dass Sie eine eng gefasste Fragestellung einreichen sollen, denn je stärker Sie Ihre Untersuchung fokussieren, desto eher sei es möglich, nach wissenschaftlichen Prinzipien vorzugehen und dabei etwas Neues herauszufinden oder etwas Ungewöhnliches zu konstruieren.

Die Maturaarbeit ist eine Übung auf ansprechendem Niveau, die auf das wissenschaftliche Arbeiten vorbereitet. Es ist dabei erwünscht, dass Sie sich innerhalb der Leitlinien der Wissenschaftlichkeit bewegen. Die folgenden Ausführungen zeigen, dass dies durchaus machbar ist.

Objektivität: Die forschende Person nimmt eine kritische, analysierende Position zum Forschungsgegenstand ein. Sie macht durch sprachliche Mittel klar, welches ihre eigenen Forschungsresultate sind, welche Aussagen sie von anderen Forschenden referiert und welche Schlüsse sie daraus zieht. Subjektive und persönliche Urteile sollen klar als solche erkennbar sein (vgl. Voss 2017, S. 33). Übertragen auf meine Maturaarbeit: Ich stehe meinem Untersuchungsgegenstand kritisch gegenüber (SMART-Analyse, hier), mache, wenn ich fremde Gedanken übernehme, konsequent einen Quellenverweis und trenne klar zwischen den erarbeiteten Fakten und meiner Meinung.

Intersubjektivität: Forschungsresultate sind für die anderen Forschenden erfassbar, sie sind wiederholbar, und die Schlussfolgerungen, die aus dem Sachverhalt abgeleitet werden, sind nachvollziehbar (vgl. Sandberg 2017, S. 15). Die von mir erhobenen Daten, Berechnungen, Argumentationsketten oder technischen Konstruktionen sind für die Leserinnen und Leser verständlich. Ich führe ein Arbeitsjournal und gegebenenfalls ein Versuchs- oder Beobachtungsprotokoll und dokumentiere alle Vorfälle sorgfältig, auch die Misserfolge.

Methodisch begründetes Vorgehen: Die Methode, mit der die Erkenntnisse gewonnen wurden, ist detailliert beschrieben. Es soll klar werden, warum die Methode gewählt und wie sie angewendet wurde (vgl. Kruse 2010, S. 58). Ich erläutere die von mir angewendeten Methoden detailliert und begründe, warum ich welches Verfahren gewählt habe.

Systematik: Jede Wissenschaftsdisziplin hat ihre eigene Systematik. Die eigene Forschung muss an die Wissenssystematik des Fachs angebunden und im Kontext des vorhandenen Wissens dargestellt und eingeordnet werden (vgl. ebd.). Nach einer ausgedehnten Literaturrecherche lese ich mich ins Thema ein. Die Fachwörter, die ich bei der Lektüre antreffe, verwende ich auch in meiner Arbeit, allerdings nicht, ohne sie zu erklären und gegebenenfalls zu definieren.

Die Forderung nach einer klaren Grundhaltung, welche die Forschenden einnehmen sollten, fasste der amerikanische Soziologe Robert K. Merton in einem Fünf-Punkte-Kriterienkatalog für Wissenschaftsethik zusammen. Diese Forderungen seien an den Schluss des Kapitels gestellt – im Wissen, dass sie im heutigen Forschungsbetrieb häufig nicht eingehalten werden.

Merton stellte in den Dreissigerjahren mit einiger Beunruhigung fest, dass viele deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bereit waren, sich in den Dienst des nationalsozialistischen Regimes zu stellen. Deshalb entwickelte er grundlegende Normen wissenschaftlicher Forschung, die – nach ihren Anfangsbuchstaben benannt – als CUDOS-Kriterien berühmt wurden und die Diskussion in der Wissenschaftsethik bis heute prägen (vgl. Sandberg 2017, S. 16).

Communitarism (hier etwa mit Gemeinschaftssinn zu übersetzen): Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse gehören allen. Sie sollen mit der Gemeinschaft der Forschenden und der Öffentlichkeit geteilt werden.

Universalism (Universalität): Forschungsergebnisse müssen unabhängig von der Person, ihrem Geschlecht, ihrer Volkszugehörigkeit, ihrer Nationalität oder ihrer Religion geprüft und bewertet werden.

Desinterestedness (Uneigennützigkeit): Antriebsfeder für das Forschen soll nicht eigennütziges Interesse sein, sondern die Leidenschaft für die Wahrheitssuche.

Originality (Originalität): Wissenschaft soll einen Erkenntnisgewinn bringen, indem etwa ein neuer methodischer Zugang erarbeitet oder eine neue Theorie entwickelt wird.

Scepticism (Skeptizismus): Alle Erkenntnisse und ihre dazugehörigen Beweise sind einer kritischen Prüfung zu unterziehen, bevor sie anerkannt werden.

Eine weitere unabdingbare Vorbereitung auf Ihre erste wissenschaftliche Arbeit ist die Informationsrecherche. Wir empfehlen Ihnen dringend, Kapitel 2 zu lesen, bevor Sie sich in die Arbeit stürzen.

1.5 Literatur

Alagöz-Bakan, Özlem; Knorr, Dagmar; Krüsemann, Kerstin (Hrsg.): Akademisches Schreiben, Sprache zum Schreiben – zum Denken – zum Beraten. Universitätskolleg-Schriften, Bd. 14. Hamburg: Universität Hamburg 2015.

Amnesty International, Greenpeace, Helvetas (Hrsg.): Learning for the Planet. Online: http://learning-for-the-planet.org/ [Abrufdatum: 14.08.2018].

Amt für Landschaft und Natur: Rotwildkonzept Kanton Zürich (2017). Online: https://aln.zh.ch/internet/baudirektion/aln/de/aktuell/mitteilungen/2017/rotwildkonzept-kanton-zuerich/_jcr_content/contentPar/downloadlist/downloaditems/746_1513760484284.spooler.download.1513752504493.pdf/ALN_Fischerei%26Jagd_Rotwildkonzept_def.pdf [Abrufdatum: 14.08.2018].

Baez, Joan: Ihre persönliche Webseite: www.joan.baez.com. Dort weiter zu «Discography», dann «Joan Baez Lyrics», oder direkt: www.joanbaez.com/discography/ [Abrufdatum: 14.08.2018]. Bemerkung: Der Link reagiert sehr langsam, und der ganze Text der Songs wird erst durch das Hinunterschieben eines gelben Scrollbalkens sichtbar, der erscheint, wenn der Text angeklickt wird.

Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft; Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft; Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft; Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (Hrsg.): waldwissen.net. Information für die Forstpraxis. Online: www.waldwissen.net [Abrufdatum: 22.08.2018].

Bonati, Peter; Hadorn, Rudolf: Matura- und andere selbständige Arbeiten betreuen. Bern: hep 2009.

Corthay, Thérèse; Felchlin, Irene; Glötzner, Fabian; Wechsler, Josua: maturaarbeit. Online: www.maturaarbeit.net/0-home/home_d.htm [Abrufdatum: 14.08.2018].

Esselborn-Krumbiegel, Helga: Von der Idee zum Text. Eine Anleitung zum wissenschaftlichen Schreiben. Paderborn: Schöningh, 5., aktualisierte Auflage 2017.

Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Der Tragödie Erster Teil. Stuttgart: Reclam 1986.

Kruse, Otto: Lesen und Schreiben. Der richtige Umgang mit Texten im Studium. Konstanz: UVK, 2., überarbeitete Auflage 2015.

Nemestothy, Nikolaus: Der Bau von Wildzäunen muss gelernt sein (2016). Online: www.waldwissen.net/wald/wild/management/bfw_wildzaeune_bau/index_DE und ebenda, www.waldwissen.net/waldwirtschaft/fuehrung/rechnung/fva_hb6_kostenrechnung/index_DE [Abrufdatum: 14.08.2018].

Pfister, Andreas: Der Autor in der Postmoderne. Mit einer Fallstudie zu Patrick Süskind. rérodoc. Digitale Bibliothek (2005). Online: https://doc.rero.ch/record/5329/files/1_PfisterA.pdf [Abrufdatum: 10.03.2018).

Popper, Karl R.: Logik der Forschung. Serie: Gesammelte Werke in deutscher Sprache / Karl Popper, Bd. 3, hrsg. von Herbert Keuth. Tübingen: Mohr Siebeck, 11. Auflage 2005.

Prechtl, Peter; Burkard, Franz-Peter (Hrsg.): Metzler-Philosophie-Lexikon. Begriffe und Definitionen. Stuttgart/Weimar: J. B. Metzler 1999.

Sandberg, Berit: Wissenschaftliches Arbeiten von Abbildung bis Zitat. Berlin/Boston: de Gruyter, 3., durchgesehene und erweiterte Auflage 2017.

Stillwaggon Swan, Liz: Galileo Galileis Argument der fallenden Körper. Und Stillwaggon Swan, Liz: Karl Poppers Abgrenzungsproblem. Beide in: Bruce, Michael; Barbone, Steven: Die 100 wichtigsten philosophischen Argumente. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2015.

Umbach, Günter: Erfolgreich als Medical Advisor und Medical Science Liaison Manager. Wie Sie effektiv wissenschaftliche Daten kommunizieren und mit Experten kooperieren. Wiesbaden: Springer Gabler 2014.

Voss, Rödiger: Wissenschaftliches Arbeiten … leicht verständlich. Konstanz: UVK, 5. Auflage 2017.

Wahrig-Burfeind, Renate (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Gütersloh: Bertelsmann Lexikon Verlag, 7., neu bearbeitete Auflage 2005.

Wörterbuch der Philosophie. Online-Version des Handwörterbuchs Philosophie. Ein Kooperationsprojekt des Verlags Vandenhoeck & Ruprecht und der utb GmbH. Online: www.philosophie-woerterbuch.de/ [Abrufdatum: 01.03.2018]. Information: Am 09.04.2018 wurde diese Online-Version vom Netz genommen, die Printversion ist ebenfalls vergriffen.


Fachliteratur und andere Quellen2
Edith Matt, Susanne Portmann, Annemarie Stoffel

Worum geht es?

Am Anfang jeder grösseren Arbeit verschaffen Sie sich eine Übersicht: Wie ist der aktuelle Wissens- und Forschungsstand zu Ihrem Thema, welchen Platz hat Ihre Fragestellung darin, und bei welchem Unterthema setzt sie an?

Um diese Fragen zu beantworten, suchen Sie geeignete Quellen. Darunter versteht man Texte, Filme, allgemein Dokumente, aus denen Sie Informationen für Ihre Arbeit entnehmen können. Sie bearbeiten diese Quellen und fassen mit dem Blick auf Ihre Fragestellung die wichtigsten Fakten zusammen. Damit schaffen Sie die Grundlage für Ihre eigenen Untersuchungen.

In diesem Kapitel erfahren Sie:

• wo und wie Sie die Informationen finden, die Sie zur Bearbeitung Ihrer Fragestellung benötigen,

• wie Sie Ihre Suche effizient gestalten,

• wie Sie am besten mit komplexen Sachtexten umgehen,

• wie Sie Zitate in Ihren eigenen Text einbauen können,

• wie Sie korrekt auf Ihre Quellen hinweisen,

• wie Sie ein Quellen- oder Literaturverzeichnis erstellen.

Inhalt

2.1 Literatur und andere Quellen finden

2.2 Die ausgewählten Materialien verarbeiten

2.3 Mit Quellentexten korrekt umgehen

2.4 Literatur

Lösungen

2.1 Literatur und andere Quellen finden

Beim Erstellen einer Literatur- oder Quellenübersicht stellen sich Ihnen die folgenden Fragen:

• Wie verschaffe ich mir einen Überblick?

• Wo suche ich nach den gewünschten Quellen?

• Wie gehe ich bei der Suche vor?

• Wie bewerte ich die gefundenen Quellen?

• Wie verwalte ich die gefundenen Informationen?

2.1.1 Wie verschaffe ich mir einen Überblick?

Bevor Sie mit der eigentlichen Quellen- und Literatursuche beginnen, ist es wichtig, dass Sie sich mit den verschiedenen Aspekten des von Ihnen gewählten Themas auseinandersetzen. Als Einstieg für eine genauere Beschäftigung mit dem Thema eignen sich das Internet sowie Sachbücher, Fachwörterbücher oder Lehrmittel, die in Bibliotheken konsultiert werden können. Ergänzende Informationen finden Sie im Internet über Online-Lexika wie beispielsweise «Spektrum der Wissenschaft», «Wissen digital» oder «Wikipedia». Studieren Sie in Büchern immer zuerst das Inhaltsverzeichnis, klären Sie Fachbegriffe, die Sie nicht verstehen, und prüfen Sie das Schlagwortverzeichnis, die Fussnoten und das Literaturverzeichnis sowie weiterführende Links. Überlegen Sie sich, welche Aspekte zum Gegenstand Ihrer Recherche gehören.

2.1.2 Wo suche ich nach den gewünschten Quellen?

Je nachdem, welche Art von Quellen (Texte, Bilder, Filme) Sie benötigen, stehen Ihnen für Ihre Suche verschiedene Orte zur Verfügung:

• In Bibliothekskatalogen und Metabibliothekskatalogen[1] wie «Swissbib» oder «Karlsruher Virtueller Katalog» suchen Sie hauptsächlich nach Fachbüchern[2]. Beachten Sie dabei, dass die einzelnen Artikel der Fachzeitschriften in der Regel nicht im Online-Katalog aufgeführt sind.

• In Ihrer Schulbibliothek und in öffentlichen Bibliotheken erhalten Sie professionelle Unterstützung bei der Recherche.

• Bei kommerziellen Medienanbietern (zum Beispiel Buchhandelskataloge wie «buch.ch») können Sie Bücher kaufen, die Sie während der ganzen Arbeit brauchen und bearbeiten wollen.

• Die Suchmaschinen im Internet geben Ihnen einen ersten Überblick.

• Von den gängigen Datenbanken und Fachportalen stehen Ihnen für detaillierte Recherchen einige über «www.digithek.ch» zur Verfügung, andere konsultieren Sie in den öffentlichen Bibliotheken.

• In Zeitungs- und Zeitschriftenarchiven suchen Sie nach Artikeln zum Thema.

• Verlassen Sie sich bei der Suche nach Filmmaterial nicht nur auf YouTube, sondern suchen Sie auch in Online-Lexika und in Filmarchiven.

• Für spezielle Informationen können Sie sich auch an Stadtarchive, amtliche Stellen, Museen, Vereine, Berufsvereinigungen, Fachorganisationen oder Fachpersonen wenden.

2.1.3 Wie gehe ich bei der Suche vor?

Suchbegriffe sammeln: Gewisse Stichwörter zum Thema eignen sich als Suchbegriffe, andere müssen einer gezielten Suche angepasst werden. Formulieren Sie, ausgehend von Stichwörtern, die Sie zu Ihrem Thema zusammengestellt haben, eine Liste von Suchbegriffen. Verwenden Sie die Wörter im Singular und kombinieren Sie geeignete Begriffe. Denken Sie daran, dass lediglich orthografisch ähnliche Begriffe, nicht aber sinnverwandte Bezeichnungen beim Suchlauf berücksichtigt werden. Oft lässt sich die Suche durch Synonyme und Unterbegriffe präzisieren (zum Beispiel Völkermord – Genozid).


StichwortSuchbegriffe
TerritorialTerritorialkonflikt, Bosnien, Grenze
Religiöse WurzelnReligion, muslimisch, katholisch, orthodox
StaatsformVielvölkerstaat, Kommunismus, Demokratie
InnerstaatlichEthnie
RassismusRassismus, Diskriminierung

Falls Sie das Gewünschte nicht finden, modulieren Sie die verwendeten Stichwörter. Hier ein Beispiel zum Vorgehen für den ursprünglichen Suchbegriff muslimisch:

Synonyme: mohammedanisch

Oberbegriff: Islam

Unterbegriff: schiitisch, sunnitisch

Tipps zur Verwendung von Suchbegriffen

• Listen Sie nur aussagekräftige Begriffe auf.

• Listen Sie nicht alle denkbaren Synonyme auf, das könnte Ihre Recherche aufblähen.

• Lösen Sie Abkürzungen auf.

• Bedenken Sie alternative Schreibweisen, vermeiden Sie Suchbegriffe mit mehrdeutiger Orthografie (Umlaute, Eszett) oder verwenden Sie Platzhalter (* oder % oder ?).

• Suchen Sie standardmässig im Singular. Pluralformen können Sie durch Platzhalter (* oder % oder ?) am Wortende einbeziehen.

Tipps zur Suche mit Suchmaschinen

Suchbegriffe können miteinander kombiniert werden. Dazu setzen Sie einen der Operatoren UND, ODER, NICHT (AND, OR, NOT) zwischen die gewählten Suchbegriffe.

• UND zeigt Treffer an, die beide Begriffe enthalten.

• ODER zeigt Treffer an mit einem oder beiden Suchbegriffen.

• NICHT verhindert die Anzeige von Seiten mit dem betreffenden Begriff.

• Anführungszeichen am Anfang und Ende einer Wortfolge zeigen Treffer mit genau dieser Wortfolge an.

Ohne weitere Angaben wird in den meisten Suchmaschinen zwischen mehreren Suchbegriffen eine UND-Verknüpfung hergestellt.

In der Regel erhalten Sie nicht zu wenige, sondern zu viele Treffer, die Sie nach weiteren Kriterien (Zeitraum, Land, Sprache, Quelle) filtern können.


Aufgabe 1 Einsatz von Operatoren

Sie möchten möglichst viele Treffer zu den Suchbegriffen Bienensterben, Krankheitserreger, Pflege, Medikamente, Zucht.

• Formulieren Sie die Suchanfrage mithilfe der Operatoren.

• In einem nächsten Schritt möchten Sie, dass alle Treffer zu diesen Suchbegriffen auch wirklich mit Bienen zu tun haben. Wie formulieren Sie die Suchanfrage nun?

• Zuletzt möchten Sie, dass die Informationen die Schweiz betreffen und nicht älter als sechs Monate sind. Wie gehen Sie vor?

2.1.4 Wie bewerte ich die gefundenen Quellen?

Die folgenden drei Kriterien müssen die gefundenen Materialien auf jeden Fall erfüllen:

• Glaubwürdigkeit und Gültigkeit: Die Suchresultate sind aktuell und glaubwürdig.

• Relevanz: Die gefundenen Informationen sind von Interesse und praktischem Nutzen für die Arbeit.

• Verständlichkeit: Die Informationen sind für Sie verständlich und nachvollziehbar.

Kürzlich erschienene wissenschaftliche Publikationen erfüllen das Kriterium der Glaubwürdigkeit am besten. Am schwierigsten sind Quellen im Internet einzuschätzen.

Glaubwürdigkeit und Aktualität von Internetquellen prüfen

Bei der Suche im Web genügen wenige Klicks, um eine Riesenauswahl an Treffern zu erhalten. Allerdings ist es aufwendig zu prüfen, ob die gefundenen Quellen vertrauenswürdig sind. Folgende Kriterien können hierzu erste Anhaltspunkte bieten (vgl. Sandberg 2017, S. 73−79):


Ist der Autor oder die Autorin der Quelle bekannt?Finden sich zum Beispiel im Impressum oder in der Rubrik «Über uns» Kontaktangaben (Adresse, Telefon, E-Mail)? Funktionieren entsprechende Links?Handelt es sich um Expertinnen und/oder Experten aus dem akademischen Umfeld oder um Laienbeiträge? Sind andere Werke dieser Autorinnen und Autoren zum gleichen Thema veröffentlicht worden?
Wer betreibt die Webseite?Die URL kann verraten, wer eine Webseite verantwortet. Handelt es sich um eine Universität (zum Beispiel «unibe.ch»), um ein öffentliches Amt, um eine Regierungsseite (zum Beispiel «admin.ch», «gouv.fr») oder um eine private Seite?
Welches sind die Absichten der Autorin oder des Autors?Will sie oder er informieren, unterhalten, die persönliche Meinung kundtun, Werbung machen, politisch beeinflussen oder helfen ohne kommerzielles Interesse dahinter? Äussert sie oder er sich nicht explizit dazu, hilft die Art der Webseite weiter: Ist es zum Beispiel eine Firma, die etwas verkaufen will, oder ein Politiker, dessen Angaben in den Kontext seiner politischen Ansichten gestellt werden müssen? Oder handelt es sich um eine Umweltschutzorganisation?Beispiele zum Begriff «Wolf»: Stammen die Auskünfte über dieses Tier von einem bekannten Naturforscher, von einer Zoodirektorin, von einem Umweltaktivisten, von einer Wirtschaftspolitikerin, von einem Schafzüchter oder aus esoterischen Kreisen?
Gibt die Autorin oder der Autor Quellen an?Legt die Seite ihre Informationsquellen über weiterführende Links offen, oder sind die Angaben anderweitig überprüfbar (zum Beispiel über Bücher)? Handelt es sich um glaubhafte Quellen? Wird umgekehrt auch von anderen Webseiten auf diejenige der Autorin oder des Autors verlinkt? Wie ist die Qualität dieser Seiten? Gibt es ernst zu nehmende Kommentare oder Bewertungen von Benutzenden?
Wie aktuell ist die Seite?Sind Erstellungs- und/oder Aktualisierungsdatum ersichtlich? Funktionieren die aufgeführten Links?

Ohne Abgleich mit anderen Quellen ist «Wikipedia» nicht in jedem Fall zuverlässig (vgl. Landeszentrale für Medien und Kommunikation [LMK] Rheinland-Pfalz 2016). Da jede und jeder dort Beiträge verfassen kann, wissen wir nicht, wer einen Artikel verfasst hat. Auch können Artikel aus politischen oder persönlichen Gründen geändert oder «geschönt» sein. Es empfiehlt sich, eine zweite Quelle beizuziehen, zum Beispiel die «Encyclopedia Britannica».

Weitere Hinweise zu Internetrecherche und Beurteilung von Internetseiten finden Sie in den Broschüren und Netzbeiträgen der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (vgl. Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen 2016), insbesondere in den Broschüren «Suchen, finden, weitergeben» (vgl. Machill et al. 2014) oder «Der Info-Kompass: Orientierung für den kompetenten Umgang mit Informationen» (vgl. Machill et al. 2012).

Relevanz prüfen

Um herauszufinden, ob die gefundenen Materialien fürs Beantworten Ihrer Fragestellung interessant und nützlich sind, suchen Sie die Inhalts- und Stichwortverzeichnisse ab. Auch in Dokumenten, die eine andere Fragestellung verfolgen, können Sie wichtige Informationen finden.


Aufgabe 2 Auswählen von Dokumenten

Sie verfolgen in einem Unterkapitel Ihrer Arbeit folgende Fragestellung: Sieht das Pariser Übereinkommen von 2015 in Sachen Reduktion des Treibhausgasausstosses für Schwellen- und Entwicklungsländer das Gleiche vor wie für die Industriestaaten? Sie haben in einem Zeitungsarchiv und mit Google bereits einige Dokumente gefunden, die zu dieser Fragestellung Abschnitte und Kapitel enthalten könnten. Lesen Sie die folgende Titelliste. Entscheiden Sie, welche der Dokumente Sie genauer anschauen wollen.

a) Nur noch kurz die Welt retten. Beim Klimagipfel in Paris steht viel auf dem Spiel. Wie gross ist die Bereitschaft für Kompromisse? Online: http://news.rtl2.de/weltweit/un-klimagipfel-in-paris-weltweit/ [Abrufdatum: 25.03.2018].

Lead: Die Mission ist klar, allein die Umsetzung gestaltet sich schwierig. 150 Staats- und Regierungschefs ringen von nun an in Paris um ein neues Klimaabkommen.

b) Manchen Korallen hilft der Klimawandel. In: Tages-Anzeiger, 18.08.2016. Der Klimawandel schadet Korallenriffen, so die allgemeine Annahme. Zumindest an einigen Korallenriffen könnte der mit dem Klimawandel einhergehende Meeresspiegelanstieg die Lebensbedingungen jedoch deutlich verbessern.

c) Hofmann, Markus: Alle Länder beim Klima gefordert. In: Neue Zürcher Zeitung, 14.12.2015.

Lead: Das Pariser Abkommen legt die Grundlage für eine klimaneutrale Wirtschaft. Der erste Vertrag, der alle Staaten zu Klimaschutzmassnahmen verpflichtet, ist das Ergebnis vieler Kompromisse. Das Pariser Abkommen ermöglicht es, die Anstrengungen aller Länder mit der Zeit zu erhöhen.

d) Armut durch Klimawandel. In: Neue Zürcher Zeitung, 19.06.2013.

Lead: Die ärmsten Regionen Afrikas und Asiens sind vom globalen Klimawandel in besonderem Mass betroffen. Eine Studie der Weltbank prognostiziert unter gleichbleibenden Bedingungen eine Zuspitzung der Armut und Unterernährung. Online: www.nzz.ch/armut-durch-klimawandel-1.18101924 [Abrufdatum: 14.08.2018].

e) Klimawandel: Auch Schwellenländer verantwortlich. Online: www.blick.ch/news/klimawandel-auch-schwellenlaender-verantwortlich-id1461952.html 04.12.2007 [Abrufdatum: 03.03.2017].

Lead: Auch Schwellenländer verantwortlich. WASHINGTON − Die Gefahren des Klimawandels können gemäss einer Studie nicht von …

f) Neue Partnerschaft für Klimaschutz: Entwicklungsländer stärker unterstützen. Online: www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2016/07/2016-07-04-petersberger-klimadialog.html [Abrufdatum: 24.03.2018].

Lead: Die Bundesregierung will Entwicklungsländern dabei helfen, die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen. Zum Auftakt des Petersberger Klimadialogs stellten Entwicklungsminister Müller und Bundesumweltministerin Hendricks dazu Pläne für eine Partnerschaft vor.

g) Massnahmen gegen den Klimawandel in Afrika. Online: www.gesichter-afrikas.de/klima/klimawandel/massnahmen.html [Abrufdatum: 24.03.2018].

2.1.5 Wie verwalte ich die gefundenen Informationen?
Rechercheprotokoll

Um auch zu einem späteren Zeitpunkt nachvollziehen zu können, wonach Sie bereits gesucht haben, ist es gut, wenn Sie Ihre Suchbegriffe notieren und Ihren Rechercheweg protokollieren. Dafür eignet sich eine tabellarische Darstellung. In den ersten beiden Spalten führen Sie die Quelle sowie die verwendeten Suchbegriffe an, in der dritten die URL der Treffer. Unabdingbar ist auch das Datum des Abrufs. Und mit der Bewertung des Ergebnisses (Spalte 4) ersparen Sie sich Wiederholungen.


QuelleSuchbegriffeErgebnisse (Treffer)EinschätzungDatum
GoogleBosnien Territorialkonflikthttps://de.wikipedia.org/wiki/BosnienkriegBrauchbarer Überblick15.03.18
Schweizerisches Zeitungsarchiv «swissdox.ch»Bosnien VielvölkerstaatBosniens steiniger Weg aus der Sackgasse. NZZ, 20. Nov. 2015.Aktuelle politische Einordnung15.03.18
Katalog Schweizer Hochschulbibliotheken «swissbib.ch»Bosnien RassismusDorin, A. 2010: Srebrenica – Geschichte eines salonfähigen Rassismus. Kai Homilius Verlag.Tief greifende Analyse15.03.18

Der Aufwand für die Erstellung eines Rechercheprotokolls erscheint vielleicht gross, aber nicht selten möchte man beim Schreiben auf einen Artikel oder eine Textstelle hinweisen, von denen man nicht mehr weiss, wo man sie gefunden hat. Ohne Dokumentation der ursprünglichen Vorgehensweise ist der Rechercheweg meist nicht mehr nachvollziehbar, das heisst, die Suche beginnt von vorne – ein ärgerlicher Zeitverlust. Es lohnt sich, auch Quellen mit der Einschätzung «unbrauchbar» aufzulisten. So vermeiden Sie, sich wiederholt mit unnützen Quellen zu beschäftigen.

Literaturverwaltungsprogramme

Aktualisieren Sie während des Sammelns von Informationen laufend Ihr Literaturverzeichnis. Das ist in vielen Textverarbeitungsprogrammen möglich (zum Beispiel Word: «Verweise» – «Quellen verwalten» – «Literaturverzeichnis»). Es lohnt sich aber auch zu prüfen, ob Sie nicht die Möglichkeiten nutzen wollen, die ein Literaturverwaltungsprogramm bietet.

Citavi ist ein Literaturverwaltungsprogramm für Microsoft Windows. Das Programm integriert die Verwaltung von Literaturangaben und Dokumenten. Die Nutzung des Programms ist kostenlos, sofern die einzelnen Projektordner nicht mehr als hundert Einträge umfassen. Nachweise verschiedener Dokumenttypen (Bücher, Artikel, Vorträge, Ton- und Filmdokumente und so weiter) können gesammelt, verwaltet, gespeichert und inhaltlich erschlossen werden. Citavi unterstützt auch Literaturrecherchen, indem es Online-Zugriffe auf wissenschaftliche Literaturdatenbanken sowie Buchhandels- und Bibliothekskataloge ermöglicht (vgl. Wikipedia.org 2018a: Stichwort «Citavi»).

Zotero ist ein kostenloses Literaturverwaltungsprogramm für Microsoft Windows und Mac zum Sammeln, Verwalten und Zitieren unterschiedlicher Online- und Offline-Quellen (vgl. Wikipedia.org 2018c: Stichwort «Zotero»).

2.2 Die ausgewählten Materialien verarbeiten

Nun haben Sie Texte gesichtet, ausgewählt und gespeichert. Im nächsten Schritt wollen Sie die Textstellen innerhalb der Dokumente finden, die Informationen zu Ihrer Fragestellung enthalten; das sind meist Abschnitte oder Unterkapitel. Verschaffen Sie sich einen Überblick mittels Überschriften, Inhaltsverzeichnis und so weiter: Worum geht es im Text? Wo steht das, was für meine Arbeit interessant ist? Vergegenwärtigen Sie sich die Fragestellung Ihrer Arbeit und wählen Sie die wichtigen Abschnitte des Dokuments aus. Lesen Sie diese ausgewählten Abschnitte und Kapitel genau, das heisst Satz für Satz. Manchmal müssen Sie vielleicht Wörter nachschlagen, manchmal einen komplexen Satz mehrmals lesen, manchmal auch ganze Abschnitte. Filtern Sie nach jedem grösseren Abschnitt die Informationen heraus, die für Ihre Fragestellung wichtig sind. Das können Zahlen, Fachbegriffe, Zusammenhänge, Fakten oder Schlüsselbegriffe sein. Auch einige wichtige Sätze sollten Sie herausschreiben, die sich als Zitate eignen. Notieren Sie diese Zitate (und wo Sie sie gefunden haben) auf ein separates Blatt. Legen Sie nun alle Texte, Dokumente, Videos und so weiter, die Sie durchgearbeitet haben, weg. Ordnen Sie die gewonnenen Stichwörter neu, nach Ihrer eigenen Logik und in Bezug auf Ihre Fragestellung. Vielleicht müssen Sie die Stichwörter in eine neue Reihenfolge bringen, vielleicht gehören gewisse Stichwörter unter einen anderen Oberbegriff. Schreiben Sie auf der Grundlage der neu strukturierten Stichwörtersammlung in einem nächsten Schritt einen Text. Schreiben Sie so, als ob Sie den Sachverhalt jemandem erklären würden, der von Ihrem Thema noch nichts weiss.

Gönnen Sie sich danach eine Pause, vergegenwärtigen Sie sich Ihre Fragestellung erneut und lesen Sie Ihren eigenen Text durch. Wird die Fragestellung Ihrer Arbeit darin beantwortet, und zwar auf eine gut nachvollziehbare Art und Weise? Ist Ihr Text genügend explizit formuliert, aber ohne Wiederholungen? Enthält Ihre Zusammenfassung die nötigen Fakten, Zahlen, Proportionen und so weiter? Enthält sie die nötigen Fachbegriffe aus dem Sachgebiet? Werden diese aus dem Zusammenhang klar, oder werden sie erklärt? Gibt es in Ihrer Zusammenfassung Schnittstellen zu den nächsten Kapiteln Ihrer Abschlussarbeit, beispielsweise zur quantitativen Befragung oder zum Experiment? In diesem Arbeitsschritt können Sie Ihre Quellentexte wieder konsultieren und beispielsweise Fachbegriffe ergänzen.

Wenn Sie alle Dokumente auf diese Weise gelesen, analysiert, strukturiert und Ihre Notizen daraus zu Ihrem neuen eigenen Text verarbeitet haben, ist eine grosse gedankliche Arbeit geleistet. Sie können nun Quellenverweise und Zitate einfügen und das Literaturverzeichnis für den Schluss der Arbeit erstellen (falls Sie es nicht während des Schreibens und Lesens bereits angelegt und laufend ergänzt haben). Wie Sie das machen, wird im folgenden Abschnitt erklärt.

2.3 Mit Quellentexten korrekt umgehen

Es geht darum, dass Sie für Leserinnen und Leser erkennbar machen, aus welchen Dokumenten (Quellentexten) Sie welche Informationen gewonnen haben. Das hat drei Gründe:

• Sie betten Ihre Arbeit in den Forschungskontext ein. Die Leserinnen und Leser erfahren durch Ihre Quellenangaben, wie aktuell Ihre Arbeit ist, ob Sie sich anhand wissenschaftlicher Literatur informieren und ob Sie journalistische Quellen heranziehen.

• Sie ermöglichen interessierten Leserinnen und Lesern, dem Thema weiter nachzugehen. Mit den genauen Angaben, wo und wie die Quellen des Textes zu finden sind, helfen Sie ihnen dabei.

• Es geht um Redlichkeit. Wenn Sie keine Quellenangaben in Ihre Arbeit einfügen, beanspruchen Sie die Autorschaft aller Gedanken, die darin enthalten sind. An den meisten Schulen wird eine Arbeit abgelehnt, wenn die Quellenverweise ungenügend sind, das heisst, wenn die ganze Arbeit oder Ausschnitte als sogenannte Plagiate eingestuft werden.

2.3.1 Den wissenschaftlichen Ehrenkodex einhalten

Beginnen wir mit der Transparenz, die so wichtig geworden ist, weil wir heute zu fast unendlich vielen Informationen Zugang haben. Um grundlegenden wissenschaftlichen Standards zu genügen, müssen Sie alle bedeutsamen Aussagen Ihrer Arbeit mit überprüfbaren Quellen begründen und belegen (siehe Abschnitt 1.4.3). Die klare Kennzeichnung der Zitate, aber auch der zugrunde liegenden Informationsbasis ist ein wichtiger Bestandteil Ihrer Arbeit (Franke et al. 2014, S. 96). Wenn Sie sich an diese einleuchtende Grundregel halten, laufen Sie auch nicht Gefahr, ein Plagiat zu verfassen. Zudem zeigen Sie, dass Sie sich seriös informiert haben und das Forschungsumfeld kennen.

Gemäss Brockhaus ist ein Plagiat «geistiger Diebstahl, also vollständige oder teilweise Übernahme eines fremden literarischen, musikalischen, bildnerischen oder wissenschaftlichen Werkes in unveränderter oder nur unwesentlich geänderter Fassung unter Vorgabe eigener Urheberschaft» (vgl. Brockhaus.de 2018: Stichwort «Plagiat»). Immer wenn Sie einen Gedanken von jemand anderem übernehmen, selbst wenn Sie ihn in eigenen Worten formulieren, ist die Quellenangabe unerlässlich.

Es kann auch vorkommen, dass Sie unbeabsichtigt, vielleicht sogar unbewusst ein Plagiat verfassen. Wie ist das möglich? Sie werden kaum ohne Absicht ganze Texte kopieren (Vollplagiat). Hingegen können Sie unsorgfältig mit Ihren Quellennachweisen umgehen und sich einem Plagiatsvorwurf aussetzen, wenn Sie zwar die Quelle für ein wörtliches Zitat angeben, aber die Anführungszeichen vergessen. Denken Sie also immer daran, beim Recherchieren und der Arbeit mit Literatur genau zu notieren, woher Sie einen Text übernommen haben und ob es sich um ein wörtliches Zitat handelt, am besten mit einem Rechercheprotokoll (siehe 2.1.5).

2.3.2 Richtig zitieren und verweisen

Sie weisen die Herkunft Ihrer Informationen doppelt nach: jeweils verkürzt an der Stelle, wo Sie die Informationen im Hauptteil wiedergeben, und das zweite Mal ausführlich am Ende Ihrer Arbeit im sogenannten Quellenverzeichnis – mit allen bibliografischen Angaben wie Herausgeber, Erscheinungsjahr, Auflage und so weiter. Für das Quellenverzeichnis lesen Sie bitte unter 2.3.3, «Quellenverzeichnis erstellen».

Zitate und Abbildungen zeigen, dass Sie sich vertieft mit anderen Werken zu Ihrem Thema befasst haben und dass Sie in der Lage sind, Ihre Fragestellung mit dieser Literatur in Beziehung zu setzen. Zitate und Abbildungen sollen also inhaltlich genau in Ihre Argumentation passen, ausdrücklich angekündigt und auch kommentiert werden. Sie können auf zwei verschiedene Arten zitieren: direkt (wörtlich) oder indirekt (sinngemäss).

Direktes (wörtliches) Zitat

Für ein direktes Zitat übernehmen Sie eine Textpassage wortgetreu in Ihre Arbeit. Sie setzen sie in Anführungs- und Schlusszeichen und geben danach die Quelle in einem sogenannten Kurzbeleg an (Nachname Autor, Jahr und Seitenzahl); je nach Richtlinien an Ihrer Schule gilt etwas anderes. Zentral ist dabei Folgendes: Ihre Kurzbelege sind einheitlich und so ausführlich, dass Ihre Leserinnen und Leser im Quellenverzeichnis problemlos die Quellentexte finden, zum Beispiel: (Sandberg 2017, S. 132). Bei Zitaten aus Internettexten geben Sie die Institution oder die Autoren und Autorinnen an, die für die Webseite verantwortlich sind.

Ist die Passage relativ kurz, können Sie sie direkt in einen Ihrer selbst geschriebenen Sätze einbauen. Beachten Sie dabei, dass die Syntax stimmen muss. Bei längeren Passagen ist es üblich, sie als eigenen Absatz zu kennzeichnen, zum Beispiel eingerückt, mit kursiver Schrift und einzeiligem Abstand. Fragen Sie zu Details Ihre betreuende Lehrperson, denn es gibt keine einheitliche Regelung.

Bei einem direkten Zitat dürfen Sie am Quellentext nichts ändern, das heisst, Sie übernehmen ihn buchstabengetreu, selbst wenn er Fehler oder eine veraltete Sprache enthält. Sie können allenfalls durch ein «[sic!]» nach dem Fehler anzeigen, dass das entsprechende Wort im Original tatsächlich so geschrieben steht. Achten Sie darauf, das wörtliche Zitat genau abzuschreiben. Das Verbot für Änderungen gilt auch für den Inhalt: Die Aussage des Zitats muss mit den Absichten der Autorin oder des Autors übereinstimmen und darf nicht aus dem Zusammenhang gerissen sein.

Ist Ihnen ein Zitat zu lang, können Sie es kürzen, indem Sie die weggelassene Stelle durch drei Auslassungspunkte in eckigen Klammern ersetzen: […]. Die Kürzung darf aber den Sinn des Originaltexts nicht verändern. Direkte Zitate sollten Sie sparsam einsetzen. Sie verweisen darin auf besonders wichtige Aussagen. Schlagen Sie zu Einzelheiten der Zitierweise im Leitfaden Ihrer Schule nach, denn es gibt verschiedene Möglichkeiten beim Zitieren.

Indirektes (sinngemässes) Zitat

Wenn Sie indirekt zitieren, übernehmen Sie nicht wörtliche Formulierungen, sondern die Ideen, Gedanken oder Thesen Dritter, drücken diese Inhalte aber in Ihren eigenen Worten aus. Durch ein «vgl.» (= vergleiche) vor dem Quellenbeleg kennzeichnen Sie solche Textpassagen als indirektes Zitat. Dieser Quellenbeleg kann beim sinngemässen Zitieren auch erst nach mehreren Sätzen erfolgen, muss aber deutlich ausweisen, worauf er sich bezieht. Mithilfe indirekter Zitate können Sie die Forschungsergebnisse mehrerer Werke oder einen langen, komplexen Gedankengang zusammenfassen. Und die eigenen Formulierungen zeigen, dass Sie die Inhalte verstanden haben.

Die sinngemässe Wiedergabe Ihrer Quellen birgt aber auch Risiken: Durch eine unachtsame Kürzung können Sie ungewollt den Sinn des Originals entstellen oder die Hypothese einer Autorin oder eines Autors zu einer Behauptung machen. Durch Verallgemeinerungen können die Aussagen des Quellentexts ebenfalls falsch wiedergeben werden. Für Lesende ist unter Umständen nicht klar, wann die Quelle spricht und wann Sie sprechen. Dies vermeiden Sie durch Ankündigungssätze oder durch redeeinleitende Verben (gemäss XY, wie XY darlegt, XY weist darauf hin, dass …).

Zitate aus zweiter Hand

Als Zitat aus zweiter Hand wird eine Textstelle bezeichnet, die bereits in der von Ihnen benutzten Quelle als Zitat aufgeführt wird. Sie greifen also nicht auf den Originaltext zurück. Dies sollte allerdings nur in gut begründeten Ausnahmefällen geschehen, denn Sie können nicht wissen, ob die Autorin oder der Autor Ihrer Quelle korrekt zitiert (wortgetreu, nicht aus dem Zusammenhang gerissen, nicht aus zweiter oder gar dritter Hand und so weiter). Ist für Sie ein solches Zitat aus zweiter Hand unumgänglich, so müssen Sie angeben, dass der Beleg nicht aus dem Original stammt, sondern aus einer anderen Quelle, indem Sie hinzufügen «zitiert nach».

Beispiel: «Nicht meine Gedanken erzwingen meine Bilder, meine Bilder erzwingen meine Gedanken» (Dürrenmatt 1961, S. 12, zitiert nach von Matt 2004, S. 245). Im Quellenverzeichnis stehen Dürrenmatts «Die Panne» (Dürrenmatt, Friedrich: Die Panne. Zürich 1961) und das Buch von Peter von Matt (Matt, Peter von: Die tintenblauen Eidgenossen. Über die literarische und politische Schweiz. München: dtv 2004).

Zitieren oder Verweisen bei Bildern, Tabellen und Zeichnungen

Die gewählten Bilder oder Tabellen sollen in engem Zusammenhang mit dem geschriebenen Text stehen und ihn in sinnvoller Weise ergänzen. Beim Einfügen von Abbildungen und Tabellen gelten folgende Regeln:

• Sie stehen direkt beim Fliesstext, zu dem sie gehören.

• Sie werden durchnummeriert, jeweils nach der Kennzeichnung «Abbildung» oder «Tabelle», damit Sie in Ihrem Text problemlos darauf verweisen können, zum Beispiel: «wie in Tabelle 9 dargestellt» oder «vergleiche Abbildung 4» (vgl. Niederhauser 2015, S. 51).

• Sie tragen einen aussagekräftigen Titel (Bildlegende), der bei Tabellen manchmal oberhalb platziert wird, bei Abbildungen eher unterhalb.

Enthält Ihre Arbeit zahlreiche Abbildungen und Tabellen, können Sie ein Tabellen- oder Abbildungsverzeichnis erstellen. Da es für solche Verzeichnisse keine einheitlichen Regeln gibt, wenden Sie sich dafür am besten an Ihre betreuende Lehrperson.

Haben Sie die Abbildungen und Tabellen eigenständig erstellt, braucht es keinen Quellenverweis. Bei Bildern von Dritten hingegen müssen Sie nach der Bildlegende eine Quellenangabe hinzufügen. Ansonsten würde das Bild als Ihr eigenes verstanden, was wiederum ein Plagiat wäre. Korrekterweise zitieren Sie beim Verwenden fremder Bilder genauso, wie Sie es bei der Übernahme von Ideen oder Texten in Ihrer Arbeit machen: Nachname Autor, Jahr und Seitenzahl oder Internetadresse (URL) und Abrufdatum (siehe 2.3.3).

Haben Sie geringfügige Änderungen an der Originalabbildung vorgenommen (zum Beispiel Beschriftungen angepasst), kennzeichnen Sie es wie bei einem indirekten Zitat («vgl.»). Bei wesentlichen Änderungen hingegen setzen Sie vor den Quellenbeleg «in Anlehnung an» oder «modifiziert nach».

2.3.3 Quellenverzeichnis/Literaturverzeichnis erstellen

Zwischen den Bezeichnungen «Quellenverzeichnis» und «Literaturverzeichnis» wird oft nicht unterschieden. Einige Autoren differenzieren jedoch:

«Ein Literaturverzeichnis enthält nur Monografien (Bücher) und Aufsätze, die in Sammelwerken oder Zeitschriften erschienen sind. Wenn darüber hinaus Internetquellen oder andere Quellen zitiert werden, wird das Literaturverzeichnis zum Quellenverzeichnis» (Sandberg 2017, S. 279).

Verfahren Sie nach dem Namen-Datum-System, werden im Quellenverzeichnis alle verwendeten Dokumente alphabetisch aufgelistet. Wenn eine Leserin oder ein Leser Ihr Quellenverzeichnis am Schluss der Arbeit anschaut, dann weiss sie oder er nicht, welches Dokument Sie wo in Ihrer Arbeit verwendet haben. Es braucht also noch den Kurzbeleg in Ihrer Arbeit dazu (siehe 2.3.2). Wenn Sie das Nummern-System verwenden, werden die Quellen in der Reihenfolge des Vorkommens angegeben, und die Lesenden können die entsprechenden Stellen unter der aufgeführten Nummer im Fliesstext suchen.

Im Folgenden sind die wichtigsten Regeln für das Erstellen eins Quellenverzeichnisses aufgeführt. Diese Regeln sind je nach Verfasser, Forschungsgebiet und Institution unterschiedlich, auch hier gibt es keine einheitliche und allgemeingültige Regel. Es empfiehlt sich daher, sich nach dem Leitfaden Ihrer eigenen Institution zu richten, der in der Regel weitere Details enthält.

Bücher

Der vollständige Quellennachweis eines Buchs am Schluss Ihrer Arbeit im Quellen- oder Literaturverzeichnis wird folgendermassen gemacht: Nachname Autor/in, Vorname: Titel. Verlagsort: Verlag Publikationsjahr. Zum Beispiel: Bauer, Joachim: Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. München: Heyne, 3. Auflage 2013 (siehe weitere Beispiele im Literaturverzeichnis, hier).

Artikel im Internet

Nachname Autor/in, Vorname: Titel des Artikels (Jahr). Online: www. … [Abrufdatum].

Beispiel: Hippler, Jochen: Globale Werte, Völkerrecht und zwischenstaatliche Gewalt – Auf dem Weg zu einer politischen Weltkultur? Online: www.jochenhippler.de/html/globale_werte-_volkerrecht-_gewalt.html [Abrufdatum: 26.08.2018].

Falls die Autorin oder der Autor unbekannt ist, gibt man die Institution oder einen zentralen Begriff der Website an. Beispiel: Deutsches Historisches Museum: hdg.de/lemo/bestand/medien/video-truemmer-alltag.html [Abrufdatum: 18.08.2016].

Artikel in einem Buch

Artikel in einem Buch werden so aufgeführt: Nachname Autor/in, Vorname: Titel des Artikels. In: Nachname Herausgeberschaft, Vorname Herausgeberschaft (Hrsg.): Titel des Buches. Verlagsort: Verlag Jahr, Seitenzahlen.

Beispiel: Wilke, Manfred: Wieslers Umkehr. In: Henckel von Donnersmark, Florian (Hrsg.): Das Leben der anderen. Filmbuch. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007, S. 201−213.

Artikel in einer Zeitschrift

Nachname Autor/in, Vorname: Titel des Artikels. In: Titel der Zeitschrift, Bandnummer, Jahr, Seitenzahlen.

Beispiel: Klein, Stefan: Ist weniger wirklich mehr? Die Wissenschaft untersucht, wie Besitz und Glück zusammenhängen. In: NZZ-Folio, Nr. 10, 2016, S. 24−33.

Artikel in einer Zeitung

Nachname Autor/in, Vorname: Titel des Artikels. In: Name der Zeitung. Datum, Seitenzahlen.

Beispiel: Laukenmann, Joachim: Jetzt tut sich Entscheidendes. In: Tages-Anzeiger. 30. September 2016, S. 42.


Aufgabe 3 Quellenverzeichnis

Ordnen Sie die folgenden Quellennachweise in der Reihenfolge, wie sie im Quellenverzeichnis aufgeführt werden, und korrigieren Sie sie. Jede einzelne Quellenangabe enthält mindestens einen formalen Fehler.

a) Kulturverhalten in der Schweiz 2014. Filme, Kinos und Filmfestivals. Online: bfs.admin.ch. Stichwort: Themen, Kultur, Film/Kino, Typ: PDF.

b) Koch, Sebastian: Warum ich erst jetzt eine Kinohauptrolle in Deutschland spiele. In: Henckel von Donnersmarck, Florian: Das Leben der Anderen. Filmbuch. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007.

c) Wenger, Brigitte: Orthorexie: Gesund, gesünder, verbissen. In: srf.ch. Veröffentlicht am 17.02.2016 [Abrufdatum: 18.08.2016].

d) Samuel, Misteli: Hochzeit mit neunzehn. Geschieden, alleinerziehend, selbständig: Florije Rahimi ist eine moderne Muslimin. In: NZZ-Folio, August 2016, S. 39–40.

e) Kast, Bas: Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft. Die Kraft der Intuition. Fischer.

2.4 Literatur

Empfohlene und verwendete Literatur

Beck, Barbara; Lübeck, Anja: Wissenschaftliches Arbeiten am Beispiel der Facharbeit in der gymnasialen Oberstufe. Eine Handreichung für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler. Münster: Waxmann 2016.

Brockhaus.de: Plagiat. Online: https://brockhaus.de/ecs/enzy/article/plagiat [Abrufdatum: 14.08.2018].

Franke, Fabian; Kempe, Hannah; Klein, Annette; Rumpf, Louise; Schüller-Zwierlein, André: Schlüsselkompetenzen: Literatur recherchieren in Bibliotheken und Internet. Stuttgart: Metzler, 2., aktualisierte und erweiterte Auflage 2014.

Haarkötter, Hektor: Die Kunst der Recherche. Konstanz: UVK 2015.

Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz: klicksafe.de − Suchmaschinen. Die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz (2018). Online: www.klicksafe.de/suchmaschinen [Abrufdatum: 16.03.2018].

Machill, Marcel; Beiler, Markus; Gerstner, Johannes R.: Der Info-Kompass. Orientierung für den kompetenten Umgang mit Informationen. Düsseldorf: LfM 2012.

Machill, Marcel; Beiler, Markus; Gerstner, Johannes R.: Suchen, finden, weitergeben − Workshop zur Informationskompetenz im Netz. Handreichung für Dozentinnen und Dozenten. Düsseldorf: LfM 2014.

Niederhauser, Jürg: Die schriftliche Arbeit kompakt: von der Ideenfindung bis zur fertigen Arbeit: für Schule, Hochschule und Universität. Mannheim: Bibliographisches Institut, Dudenredaktion 2015.

Sandberg, Berit: Wissenschaftliches Arbeiten von Abbildung bis Zitat. Lehr- und Übungsbuch für Bachelor, Master und Promotion. Berlin: de Gruyter, 3. Auflage 2017.

Wikipedia.org: Citavi (2018a). Online: https://de.wikipedia.org/w/index.php?oldid=158122287 [Abrufdatum: 16.03.2018].

Wikipedia.org: SQ3R-Methode (2018b). Online: https://de.wikipedia.org/wiki/SQ3R-Methode [Abrufdatum: 16.03.2018].

Wikipedia.org: Zotero (2018c). Online: https://de.wikipedia.org/w/index.php?oldid=157710186 [Abrufdatum: 16.03.2018].

Wytrzens, Georg; Schauppenlehner-Kloyber, Elisabeth; Gratzer, Hans Karl; Sieghardt, Monika: Wissenschaftliches Arbeiten. Eine Einführung. Wien: facultas Universitätsverlag, 5. Auflage 2017.

Lösungen

Aufgabe 1 Einsatz von Operatoren

• Bienensterben oder Krankheitserreger oder Pflege oder Medikamente oder Zucht

• Bienensterben oder Krankheitserreger oder Pflege oder Medikamente oder Zucht und Biene

• Bei allen Suchmaschinen gibt es die Möglichkeit, das Land und die Suchperiode einzugeben. Bei Google finden Sie diese Möglichkeit der Einschränkung unter den Tools oder in der erweiterten Suche.

Aufgabe 2 Auswählen von Dokumenten

• Folgende Titel muss man sich anschauen: c) und f).

• Folgende Titel sind vermutlich nicht Erfolg versprechend:

a) ist vor der Klimakonferenz erschienen und befasst sich nicht mit Entwicklungsländern.

b) ist auf ein enges Thema fokussiert und hat keine politische Dimension.

d) legt nur die Folgen des Klimawandels dar.

e) Der Titel klingt interessant, der Artikel ist mit dem Erscheinungsjahr 2007 aber zu alt und die Zeitung «Blick» als Informationsquelle für Ihre Abschlussarbeit weniger geeignet, da sie ein sehr breites Publikum ansprechen muss.

In g) werden zwar die Folgen des Klimawandels in Schwellen- oder Entwicklungsländern angesprochen, aber die Seite wurde seit 2012 nicht mehr aktualisiert.

Aufgabe 3 Quellenverzeichnis

Sie sehen im Folgenden am Fettdruck, welche Angaben fehlten oder fehlerhaft waren. Ausserdem sind die Quellen alphabetisch zu ordnen: e – b – a – d – c

a) Kulturverhalten in der Schweiz 2014. Filme, Kinos und Filmfestivals. Online: bfs.admin.ch. Stichwort: Themen, Kultur, Film/Kino, publiziert am 19.07.2016 [Abrufdatum: 24.03.2018]. Typ: PDF.

b) Koch, Sebastian: Warum ich erst jetzt eine Kinohauptrolle in Deutschland spiele. In: Henckel von Donnersmarck, Florian: Das Leben der Anderen. Filmbuch. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007, S. 171–181.

c) Wenger, Brigitte: Orthorexie: Gesund, gesünder, verbissen. Online: srf.ch/sendungen/puls. Veröffentlicht am 17.2.2016 [Abrufdatum: 24.03.2018]. Damit man den Artikel findet, braucht es genauere Angaben als srf.ch.

d) Misteli, Samuel (nach amerikanischer Zitierweise folgt der Vorname nach dem Nachnamen): Hochzeit mit neunzehn. Geschieden, alleinerziehend, selbständig: Florije Rahimi ist eine moderne Muslimin. In: NZZ-Folio, August 2016, S. 39–40.

e) Kast, Bas: Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft. Die Kraft der Intuition. Frankfurt am Main: Fischer 2009.


Datenerhebung im Gelände3
Klaus Stalder

Worum geht es?

Zahlreiche örtliche oder räumliche Gegebenheiten, die unseren Alltag betreffen, beispielsweise der Weg vom Wohnort zur nächsten ÖV-Haltestelle oder die Verbreitung der Filialen von McDonald’s in der Schweiz, erfassen wir mit Daten, die einen räumlichen Bezug haben. Es wäre sicher möglich, diese Daten in Tabellen darzustellen. Viel aufschlussreicher ist es, solche Daten auf geografischen Karten oder Plänen festzuhalten. Das Kartografieren der Daten zeigt uns Zusammenhänge auf, die als Grundlage für Entscheidungen in vielerlei Hinsicht dienen, beispielsweise für die Verkehrsplanung, die Standortsuche für neue Schulhäuser oder die Massnahmen zur Verbesserung der Artenvielfalt und vieles mehr.

Dieses Kapitel strebt folgende Lernziele an:

• Sie kennen die spezifischen Voraussetzungen und Merkmale der Arbeit mit raumbezogenen Daten.

• Sie sind in der Lage, die Datenerhebung im Gelände sorgfältig zu planen und alle notwendigen Vorbereitungsarbeiten vorzunehmen.

• Sie kennen – abhängig von der Fragestellung – verschiedene Möglichkeiten, räumliche Stichproben zu definieren.

• Sie können Feldarbeit präzise durchführen, die Daten auswerten, mit geeigneten Symbolen, Signaturen und Farben darstellen (GIS) und dokumentieren.

Inhalt

3.1 Daten mit Raumbezug

3.2 Planen der Geländearbeit

3.3 Ortsbezogene Informationen sammeln − aber wo genau?

3.4 Durchführung der Geländearbeit

3.5 Kartieren − Darstellung von Raumdaten

3.6 Interpretation

3.7 Arbeitsschritte im Überblick

Lösungen

3.1 Daten mit Raumbezug

Die kartografische Aufzeichnung von raumbezogenen Daten hat durch die Digitalisierung einen enormen Aufschwung erfahren. Informationen zu verschiedenen Lebensbereichen, von der Anzahl von Singlehaushalten in den verschiedenen Regionen der Schweiz über die Verteilung der (Fach-)Hochschulen bis zur regionalen Verteilung der Wohnungspreise, werden heute auf interaktiven Karten festgehalten. Das Verkehrsaufkommen oder auch die aktuellen Flugbewegungen weltweit können sogar in Echtzeit dynamisch mitverfolgt werden.

Es ist für uns zu einer Selbstverständlichkeit geworden, Karten auf dem Smartphone zu haben, mit denen man Fotos, Öffnungszeiten, Adressen, Telefonnummern oder auch die Qualität von Restaurants einer beliebigen europäischen Region einsehen kann. Im Gegensatz zu einer Restaurantliste hat die Karte den Vorteil, dass die Informationen sofort räumlich zugeordnet werden können.

Eine Maturaarbeit, die mit raumbezogenen Daten arbeitet, könnte sehr reizvoll sein. Es könnte beispielsweise die Frage nach den beliebtesten Treffpunkten der Jugendlichen Ihres Alters in Ihrer Wohnstadt gestellt werden und so den Kern Ihrer Arbeit bilden. Die Daten aus der Zählung von Jugendlichen an einschlägigen Orten wie Quartiertreffpunkten, Stadtpärken und Pubs haben einen klaren Raumbezug. Sie sind mit einem bestimmten Ort auf der Erdoberfläche verknüpft, und sie lassen sich demnach auf einer Karte einzeichnen.

Die kartografische Darstellung dieser Informationen hat allerdings nur einen beschreibenden Charakter. Die Interpretation der Darstellung, also die Frage, warum die räumliche Verteilung des untersuchten Merkmals «bevorzugter Treffpunkt für junge Menschen in meiner Wohnstadt» genau so aussieht, wie das die Karte zum Ausdruck bringt, liefert die Karte nicht. Die Frage nach dem «Warum» klären Sie mithilfe von weiteren Informationsquellen, beispielsweise mit einer kurzen Befragung der Jugendlichen.


Aufgabe 1 Raumbezug erkennen

Welche der folgenden Daten weisen einen klaren Raumbezug auf?

• Benzinpreis an verschiedenen Tankstellen im Grossraum Bern an einem bestimmten Stichtag

• Notendurchschnitt im Fach Mathematik in den Klassen in Ihrem Schulhaus

• Anbauprodukte auf den verschiedenen Parzellen eines Bauernbetriebs

• Lohnstruktur bei den SBB

• Herkunft der Gemüseverkäuferinnen und -verkäufer auf dem Wochenmarkt

• Schüttmengen (Wasseraustritt in Litern pro Minute) und Wasserqualität natürlicher Quellen im Kanton Glarus

• Beschlagnahmtes Kokain am Flughafen Zürich

• Verkehrsaufkommen in der Länggasse (Berner Stadtquartier)

Viele Fragestellungen, die sich aus den sozial-, wirtschafts- oder naturwissenschaftlichen Themen von Maturaarbeiten ergeben, führen zu ortsgebundenen Daten, lassen sich also kartografisch darstellen. Warum also nicht selbst eine Karte anfertigen, um die gesammelten Informationen in ihrer räumlichen Verbreitung festzuhalten, darzustellen und auszuwerten?

Man unterscheidet Karten und Pläne, die auf Sekundärdaten (zum Beispiel aus Publikationen, von Amtsstellen oder aus dem Internet) basieren, und Karten, auf denen Daten festgehalten werden, die aus eigenen Erhebungen (Zählungen, Beobachtungen, Befragungen, Messungen) stammen, also aus Primärdaten.

Wenn Sie Sekundärdaten auswerten, müssen Sie die zu untersuchenden Grössen (zum Beispiel Höhe der Wohnungsmieten, Steuerbelastung, Niederschlagsmengen, Mass der eingestrahlten Sonnenenergie oder Ähnliches) einzelnen Raumpunkten zuordnen und auf einer Karte oder einem Plan darstellen. Für diese Arbeit ist es nicht nötig, diese Orte im Raum aufzusuchen. Allerdings müssen die Daten so erfasst worden sein, dass eine räumliche Zuordnung möglich ist (zum Beispiel Hausnummern oder GPS-Koordinaten).

Das Sammeln von Primärdaten hingegen setzt oft Recherchen vor Ort, das heisst direkt beim zu untersuchenden Objekt, voraus. Die Arbeit vor Ort ist anspruchsvoll, unterscheidet sich aber wohltuend vom Unterricht im Klassenzimmer, indem Sie sich einmal mit dem «wirklichen Leben» auseinandersetzen können anstatt nur mit Informationen aus Lehrbüchern, Statistiken oder Filmen.


Aufgabe 2 Recherchen vor Ort

Bei welchen der folgenden möglichen Arbeitsthemen sind Recherchen vor Ort sinnvoll oder sogar notwendig? Die Lösungsvorschläge ergeben viele Hinweise auf die Rahmenbedingungen der diskutierten Themen.

• Die Regulierung des Hirschbestands im Schweizerischen Nationalpark

• Nutzung der öffentlichen Plätze in der Stadt Basel

• Die Herrschaft von Louis XIV

• Berglandwirtschaft in Grindelwald. Krisen und Chancen

• Das Autobahnkreuz Härkingen/Egerkingen als Lebens- und Wirtschaftsraum

• Schulstress. Wie gehe ich mit Prüfungsangst um?

• Einkaufsmöglichkeiten und Einkaufsverhalten in Beinwil am See

• Ölmalerei und Aquarellieren – Zwei Maltechniken im Vergleich

Recherchieren vor Ort, Daten erheben im Gelände und die kartografische Darstellung der Ergebnisse gehen oft Hand in Hand. Im nächsten Abschnitt lernen Sie einerseits, was alles zur Planung, Vorbereitung und Durchführung einer Messkampagne im Feld gehört, andererseits, worauf Sie bei der Wahl der Untersuchungsstandorte und bei der kartografischen Darstellung der Ergebnisse achten müssen.

3.2 Planen der Geländearbeit

Geländearbeit ist erfahrungsgemäss mit einem hohen Arbeitsaufwand verbunden. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Sie sorgfältige und umfassende Vorbereitungen treffen. Sie müssen sich gut überlegen, welche Daten Sie zu welchem Zweck im Gelände erfassen wollen. Die zu erhebenden Daten sind selbstverständlich von Ihrer Fragestellung abhängig. Die folgenden beiden Beispiele sollen Ihnen zeigen, welche Überlegungen Sie vor der Erhebung der Daten im Gelände machen müssen.

Sie möchten herausfinden, wie sich ein Quartier in Ihrer Stadt in den letzten Jahren oder Jahrzehnten verändert hat. Interessiert Sie vor allem die bauliche Entwicklung (alter Baubestand, Zustand der Häuser, Renovationen, Neubauten)? Oder möchten Sie herausfinden, wie die Gebäude früher und heute genutzt wurden (Wohnen, Restaurant, Gewerbe, Einkaufen)? Vielleicht interessieren Sie sich eher für die Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers (Familiengrössen, Altersstruktur, soziale Schicht, Zufriedenheit mit dem Wohnumfeld und der Infrastruktur)? Oder sogar für alle diese Aspekte?


Abbildung 3.1: Wer wohnt in diesen Häusern in der Lorraine? Wann sind die Häuser gebaut worden, welche Veränderungen haben sie seither erfahren (siehe Abbildung 3.11)?

Aus den abgeleiteten Fragestellungen und Arbeitshypothesen ergeben sich einerseits die Merkmale (Variablen) und deren Ausprägungen (siehe Abschnitt 6.1), die Sie vor Ort erfassen müssen, andererseits die Methoden, mit deren Hilfe Sie die Informationen gewinnen wollen. Machen Sie Beobachtungen, Umfragen oder Zählungen auf der Strasse oder vielleicht Messungen (zum Beispiel zum Lärmpegel)? In jedem Fall lassen sich die erhobenen Daten auf einer Karte oder einem Plan darstellen, und die räumliche Verteilung der Merkmale lässt sich so veranschaulichen.

Ein anderer Untersuchungsraum findet sich im Hochgebirge: Die Gletscher schmelzen und geben ein Gebiet frei, das unter Umständen während mehrerer Jahrhunderte bis Jahrtausende von Eis bedeckt war. Nun möchten Sie herausfinden, wie sich die Vegetation in diesem Gletschervorfeld entwickelt hat. Sie könnten zum Beispiel den Bedeckungsgrad (Prozentanteil des Bodens, der von Vegetation bedeckt ist) abschätzen. Oder Sie könnten versuchen, auf einer bestimmten Fläche die Pflanzen zu zählen und deren Arten zu bestimmen. Oder Sie machen am besten beides. Aus diesen Beobachtungen und Zählungen könnten Sie dann Rückschlüsse auf die Wiederbesiedlung des Gletschervorfelds mit Vegetation – die sogenannte Sukzession – ziehen.


Abbildung 3.2: Das Abschmelzen des Steingletschers legt Moränenwälle und das Gletschervorfeld frei. Wie entwickelt sich die Vegetation auf diesen Flächen?

Wie Sie sicher beim Lesen der Beispiele schon festgestellt haben, braucht es – unabhängig von der genauen Fragestellung und vom konkreten Untersuchungsraum – gute Kenntnisse über die Gegebenheiten im Gelände. Ein wichtiger Schritt bei der Planung einer Datenerhebung im Gelände ist daher immer eine Ortsbegehung. Suchen Sie Ihren geplanten Untersuchungsraum auf, machen Sie sich ein Bild der Verhältnisse vor Ort, überprüfen Sie die Zugänglichkeit: Ist der Innenhof auch für Nicht-Hausbewohnerinnen und Nicht-Hausbewohner offen? Kann ich den Fluss im Gletschervorfeld ohne grossen Umweg überqueren? Halten Sie Ausschau nach günstigen Standorten für Befragungen, Beobachtungen oder Messungen. Tools wie zum Beispiel «Google Street View» sind zwar gute Planungshilfen, ersetzen aber den persönlichen Besuch im Untersuchungsraum nicht.

Das weitere Vorgehen lässt sich in folgende Schritte gliedern:

• Beschaffen einer Grundlagenkarte: Da Sie sich ja im Gelände zurechtfinden und bestimmte Stellen für die Datenerhebung aufsuchen müssen, brauchen Sie eine Karte oder einen Plan Ihres Untersuchungsraums.

Beispiel Stadtquartier: Am besten eignet sich ein Plan mit einem grossen Massstab (zum Beispiel 1: 2000). Darauf müssen alle Strassen, Plätze und sogar die einzelnen Häuser klar erkennbar sein, damit Sie die erhobenen Daten zum Beispiel einer einzelnen Hausnummer zuordnen können. Achten Sie darauf, dass der Plan möglichst aktuell ist.

Beispiel Gletschervorfeld: Hier ist eine topografische Karte (zum Beispiel 1: 25 000) am besten geeignet, da das Untersuchungsgebiet weitläufiger ist.

In beiden Fällen müssen Sie unter Umständen die Karten- und Planausschnitte für die Arbeit vor Ort noch digital vergrössern, wenn Sie eine kleinräumige und differenzierte Kartierung machen wollen.

• Abgrenzung des Untersuchungsraums: Das Gebiet, in dem Sie Daten erheben wollen, müssen Sie genau abgrenzen. Selbstverständlich können Sie die Abgrenzung aufgrund Ihres Untersuchungskonzepts und Ihrer Fragestellung begründen.

Beispiel Stadtquartier: Welche Häuser, Strassen und Plätze gehören in Ihr Untersuchungsgebiet? Wo verläuft die Grenze zu den umgebenden Quartieren, die Sie nicht untersuchen? Warum verlaufen die Grenzen Ihres Untersuchungsgebiets genau dort?

Beispiel Gletschervorfeld: In welchem Perimeter (von einer Grenze eingefasstes Gebiet) führen Sie Ihre Untersuchungen und Beobachtungen durch? Gehört die Moräne von 1850 noch dazu, oder verläuft die Abgrenzung näher bei der Gletscherzunge?


Abbildung 3.3: Lorraine-Quartier in Bern,Abbildung 3.4: Vorfeld des Steingletschers

• Vorbereiten eines Protokollblatts: Um die Daten systematisch erfassen zu können, brauchen Sie ein zweckmässiges Formular. Darauf halten Sie Beobachtungsstandort, Beobachtungszeitpunkt sowie alle erfassten Daten fest. Das Erfassen der Daten erfolgt gemäss den ausgewählten Merkmalen (Variablen) und deren Ausprägungen. So können Sie auch später jede Beobachtung oder Messung punktgenau im Gelände verorten.


Abbildung 3.5: Protokollblatt für eine Vegetationsaufnahme in einem Gletschervorfeld


Abbildung 3.6: Protokollblatt für eine Nutzungskartierung im Quartier

• Beschaffen und Bereitstellen von Material und Messapparaturen: Eventuell brauchen Sie Geräte oder weiteres Material, um die Untersuchungen vor Ort durchzuführen.

Beispiel Stadtquartier: Für Interviews mit den Bewohnerinnen und Bewohnern leistet ein Aufnahmegerät (zum Beispiel ein Smartphone) gute Dienste. Sie können sich während des Interviews aufs Gespräch konzentrieren und das aufgenommene Interview später in aller Ruhe auswerten.

Beispiel Gletschervorfeld: Um einen genau definierten Standort aufzusuchen, müssen Sie Ihre Position präzise bestimmen können. Sie nehmen also ein GPS-Gerät mit (oder laden sich eine entsprechende App auf Ihr Smartphone). Wertvolle Dienste kann auch eine Kamera leisten, welche die einzelnen Fotos georeferenziert, das heisst jedem Bild den genauen Aufnahmestandort zuordnet. Sie können später jeden Aufnahmestandort – und folglich jedes Bildmotiv – exakt auf einer Karte oder zum Beispiel in «Google Earth» eintragen. Falls Sie an Ihren Untersuchungsstandorten Bodenproben nehmen wollen, brauchen Sie mehrere Behälter für den Transport. Zudem brauchen Sie einen wasserfesten Stift oder vorbereitete Klebeetiketten, um die Behälter mit den Bodenproben sofort zu beschriften. Vielleicht haben Sie vor, einfache Untersuchungen direkt vor Ort vorzunehmen: Vergessen Sie die notwendigen Chemikalien nicht.


Aufgabe 3 Verkehrszählung vorbereiten

Sie planen eine Verkehrszählung an einer stark befahrenen Strasse in Köniz, einer Vorortsgemeinde von Bern. Sie wollen herausfinden, wie gross das Verkehrsaufkommen ist und mit welchen Verkehrsmitteln die Leute unterwegs sind. Als Vorbereitung Ihrer Messkampagne überlegen Sie sich folgende Fragen:

(1) Welche Kartengrundlagen brauche ich dazu?

(2) Wie grenze ich mein Untersuchungsgebiet ab?

(3) Welche Merkmale mit welchen Ausprägungen sind zu protokollieren?

(4) Brauche ich zusätzliches Material?

a) Versuchen Sie, obige Fragen stichwortartig zu beantworten.

b) Welche weiteren Aspekte müssen Sie beachten, um die Zählungen möglichst ohne Zwischenfälle durchführen zu können und aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen?

3.3 Ortsbezogene Informationen sammeln – aber wo genau?

Sie sind in der Zwischenzeit gut auf Ihre Datenerhebung «im Feld» vorbereitet: Die Fragestellungen und die Hypothesen sind schriftlich festgehalten, der Untersuchungsraum ist definiert und auf einer Karte oder einem Plan eingetragen, die (noch leeren) Protokollblätter sind kopiert oder auf dem Laptop oder dem Tablet abgespeichert, und das zusätzlich notwendige Arbeitsmaterial steht bereit. Aber wo genau machen Sie jetzt Ihre Messungen, Zählungen, Beobachtungen oder Befragungen? Welche Standorte innerhalb Ihres Untersuchungsraums eignen sich am besten? Wählen Sie diese Standorte bewusst aus, oder überlassen Sie die Wahl der Mess- oder Beobachtungsstellen dem Zufall?

Für die Bestimmung der Standorte beziehungsweise der zu untersuchenden Objekte stehen Ihnen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Grundsätzlich gibt es zwei Arten, die Standorte festzulegen: eine gezielte und eine zufällige. Einige häufig angewandte Methoden zur Festlegung Ihres Standortes beziehungsweise Ihrer Standorte werden in der Folge kurz dargestellt.

3.3.1 Gezielte Auswahl der Standorte

Bei einigen Fragestellungen müssen die Beobachtungs-, Zähl- oder Messstandorte an «strategisch» wichtigen Stellen liegen, das heisst an Gewässern, Kreuzungen, bei Zugängen oder auf Strassenabschnitten, Plätzen, Bahnhöfen, Geländeprofilen und so weiter. Diese Standorte müssen gestützt auf die Fragestellung gezielt und sinnvoll gewählt werden.

a) Punktstandorte (zum Beispiel Verkehrszählung an einer Kreuzung): Wenn die Kreuzung «kompliziert» ist, das heisst, wenn aus vielen verschiedenen Richtungen Strassen auf diese Kreuzung zuführen oder das Verkehrsaufkommen sehr hoch ist, müssen unter Umständen mehrere Personen von verschiedenen Standorten aus gleichzeitig Zählungen durchführen.


Abbildung 3.7: Wie viele Fahrzeuge passieren den Verkehrsknotenpunkt Burgernziel in Bern in welcher Richtung? Die Erhebung erfolgt gleichzeitig von drei Standorten aus.

b) Transekt (linear oder streifenförmig; zum Beispiel Veränderung der Pflanzengesellschaften vom Waldrand ins Waldesinnere)


Abbildung 3.8: Vegetationsaufnahme entlang eines Transekts im Heimehuswald bei Bern

c) Flächenstandorte (zum Beispiel die Nutzung eines öffentlichen Platzes durch die Bevölkerung)


Abbildung 3.9: Beobachtung der Passantinnen und Passanten auf dem Bundesplatz in Bern: Auf welchen Routen wird der Platz überquert? Wo bleiben die Menschen stehen? Wo bilden sich Gruppen?

3.3.2 Zufällige Auswahl der Standorte

Selbstverständlich können Sie nicht alle Häuser im Quartier oder nicht die ganze Fläche des Gletschervorfelds untersuchen, Sie müssen daher eine zufällige Auswahl von Standorten in Ihrem Untersuchungsgebiet vornehmen. Sie bestimmen dazu eine sogenannte Stichprobe von Objekten oder Flächenstücken. Die zufällige Bestimmung der Standorte geschieht mittels eines Gitternetzes, das Sie über den Kartenausschnitt Ihres Untersuchungsgebiets legen. Dabei kommen je nach Zielsetzung sowohl die Quadrate (Flächen) als auch die Schnittpunkte (Punkte) als Standorte infrage.

Aus den so erfassten Informationen einiger Geländepunkte in Ihrem Untersuchungsgebiet können Sie Aussagen über das ganze Untersuchungsgebiet machen – aber eben nur, wenn die Stichprobe zufällig erfolgt ist. Die Statistikerinnen und Statistiker sprechen dann von einer wirklichen Zufallsauswahl, wenn jeder Geländepunkt oder jede Fläche die gleiche Chance hat, in die Stichprobe aufgenommen zu werden. Eine solchermassen ausgewählte Stichprobe gilt als repräsentativ (siehe Abschnitt 6.3.3) für die Gesamtheit.

d) Flächenraster (zum Beispiel Vegetationsbedeckung im Gletschervorfeld) Sie legen ein systematisches Muster von Quadraten im Gitternetz fest und untersuchen nur diejenigen Flächenstücke, die von den bestimmten Quadraten abgedeckt werden. Selbstverständlich kommen die Flächenstücke nur dann in Ihre Stichprobe, wenn sie nicht im See liegen.


Abbildung 3.10: Zufälliges Flächenraster im Gletschervorfeld des Steingletschers (Berner Oberland)

e) Punktraster (zum Beispiel Beurteilung des Gebäudezustands im Quartier)

Sie legen ein systematisches Muster von Punkten im Gitternetz fest und erfassen den Zustand derjenigen Gebäude, die jeweils am nächsten bei einem markierten Gitterpunkt liegen.


Abbildung 3.11: Zufälliges Punktraster im Lorraine-Quartier, Bern (siehe Abbildung 3.1, hier)


Aufgabe 4 Standorte festlegen

Welche der vorgestellten Verfahren zur Auswahl der Standorte eignen sich, um die jeweiligen Fragestellungen zu untersuchen? Überlegen Sie auch, ob sich mehrere Verfahren einsetzen lassen oder ob sich keines der Verfahren eignet. Auch diese Übung enthält mehrere Ideen für mögliche Maturaarbeiten.


Gezielte AuswahlZufällige Auswahl
a) Punktb) Transektc) Fläched) Flächenrastere) Punktraster
Wie gut ist die Bodenqualität der Ackerparzellen der Bauernfamilie Etter?
Welche Merkmale weisen typische Matchbesucher eines Eishockeyspiels auf?
Welchen Naturgefahren ist das Bergdorf Alpina ausgesetzt? Welche Gegenmassnahmen werden ergriffen?
Welche Geschäfte gibt es an der Bahnhofstrasse in Zürich?
Wie gross ist das Potenzial für Solaranlagen in unserer Gemeinde?
Wie gut ist das Freizeitangebot in der Kleinstadt Waldwyl ausgebaut?
Welche Auswirkungen hat die Pistenbeschneiung auf die Vegetation?

3.4 Durchführung der Geländearbeit

Nach den umfangreichen Vorbereitungsarbeiten ist für Sie endlich der Zeitpunkt gekommen, die geplanten Datenerhebungen im Gelände durchzuführen. Bei längeren Messkampagnen lohnt es sich, ein Forschungstagebuch zu führen. Darin halten Sie den Fortschritt Ihrer Geländearbeit fest. Notieren Sie aber auch allfällige Probleme, die bei der Datenerhebung auftreten. Vielleicht müssen Sie einen geplanten Standort etwas verschieben, weil der Ort zum Beispiel aufgrund eines kürzlich aufgetretenen Erdrutschs nicht zugänglich ist. Oder Sie weichen von Ihrem Zeitplan ab, weil das Wetter zum geplanten Zeitpunkt keine Messung zulässt oder weil die Befragung der Hausbewohnerinnen und -bewohner doch länger dauert als geplant.

Für das Dokumentieren Ihrer Arbeit und für die Illustration Ihres Schlussberichts ist es auch zweckmässig, Fotos von den bearbeiteten Geländeausschnitten oder den Hausfassaden zu machen. Auch ein Foto Ihrer Messinstallation im Feld gehört in Ihre Dokumentation, damit Sie später bei der Präsentation nicht nur Ihre Ergebnisse erklären, sondern auch Ihr Vorgehen aufzeigen können.

3.5 Kartieren – Darstellung von Raumdaten

Nachdem Sie die Datenerhebung im Gelände abgeschlossen haben, können Sie die erfassten Sachverhalte auf einer Kartengrundlage oder einem Plan festhalten. Man nennt dieses Vorgehen «Kartieren». Sie verorten also die Daten aus Ihren Protokollblättern auf einer Karte und können so die räumliche Verteilung der untersuchten Grössen veranschaulichen. Die Ergebnisse aller in diesem Kapitel erwähnten Untersuchungsbeispiele können grundsätzlich kartografisch dargestellt werden. In einigen Fällen müssen die Rohdaten, die Sie auf Ihren Protokollblättern festgehalten haben, noch verarbeitet werden. Vielleicht müssen Sie mehrere Merkmalsausprägungen zu einer Kategorie zusammenfassen oder die Zahlenwerte durch Diagramme veranschaulichen (siehe Abschnitt 6.2.2).


Abbildung 3.12: Nutzungskartierung an der Länggassstrasse in Bern. Kartiert sind die verschiedenen Nutzungsarten der Erdgeschosse (Schülerarbeit, Gymnasium Neufeld 2013).

Der Aufwand, den Sie in Ihrer Feldarbeit betrieben haben, zahlt sich nur dann wirklich aus, wenn Sie die kartografische Darstellung als Produkt Ihrer Arbeit für die Leserinnen und Leser «gut lesbar» gestalten. Achten Sie daher darauf, dass Sie die Karte nicht mit Informationen überladen und die Farben, Symbole und Signaturen sinnvoll wählen. In einer Abbildungslegende erklären Sie den Leserinnen und Lesern die Bedeutung der dargestellten Zeichnungselemente. Abbildung 3.12 zeigt auf, wie eine solche Kartierung aussehen könnte.

Sie als versierte Computerbenutzerinnen und -benutzer können eine solche Karte sicher mit frei zugänglichen Programmen gestalten. Es gibt aber auch geografische Informationssysteme (GIS), die eine professionellere Darstellung von raumbezogenen Daten erlauben. Bei GIS handelt es sich um Softwareapplikationen für die Herstellung digitaler Karten. Die Einarbeitung in GIS ist allerdings aufwendig und lohnt sich wohl für eine einzelne Karte nicht.

Die Karte in Abbildung 3.13 zeigt, dass die drei Zählstellen so gewählt sind, dass innerhalb des Gassensystems der Berner Altstadt die Hauptgasse (Zählstelle 1, Marktgasse), eine wichtige Querverbindung (Zählstelle 2, Kornhausplatz) und eine Nebengasse (Zählstelle 3, Zeughausgasse) vertreten sind. Die Grösse eines Kreisdiagramms gibt das gesamte Verkehrsaufkommen an der Zählstelle wieder (zum Beispiel Anzahl Personen pro Stunde), die einzelnen Farbsektoren geben den prozentualen Anteil der verschiedenen Verkehrsmittel an. Die Hauptgasse weist das grösste Verkehrsaufkommen auf. Die meisten Linien des öffentlichen Verkehrs (Trams, Busse) verkehren auf dieser Achse. Gleichzeitig stellt die Hauptgasse die Einkaufsmeile Berns dar. Es ist daher nicht überraschend, dass der Langsamverkehr (vor allem Fussgängerinnen und Fussgänger) und der öffentliche Verkehr (ÖV) dominieren. Die Marktgasse ist für den Privatverkehr gesperrt. Allerdings gibt es trotzdem Taxis und Zubringerverkehr, was den geringen Anteil an motorisiertem Individualverkehr (MIV) erklärt.


Abbildung 3.13: Der Modalsplit (Verteilung des Verkehrsaufkommens auf die verschiedenen Verkehrsmittel) in der Berner Innenstadt. MIV: Motorisierter Individualverkehr; ÖV: Öffentlicher Verkehr; LV: Langsamverkehr (Fussgängerinnen und Fussgänger, Velos), Abbildung 3.14: Fussgänger, Busse und Trams dominieren den Verkehr auf dem Kornhausplatz (Standort 2).

Mit Kenntnissen der lokalen Situation lassen sich die Ergebnisse an den beiden anderen Zählstellen ebenfalls erklären. Durch die Zeughausgasse (Zählstelle 3) führen keine Linien des öffentlichen Verkehrs, aber die Gäste der beiden an dieser Gasse liegenden Hotels werden mit Cars hin- und weggefahren, darum gibt es trotzdem einen kleinen Anteil an ÖV.

Sie haben sicher festgestellt, dass die vorangehenden Ausführungen Erklärungen zu den auf der Karte dargestellten Informationen sind. Das Lesen und Deuten der kartografisch aufbereiteten Daten stellt den letzten Schritt der Datenerhebung im Gelände dar: die Interpretation.

3.6 Interpretation

Die Karte ist endlich fertig. Sie zeigt die räumliche Verteilung der von Ihnen im Gelände erfassten Daten. Die eigenständig erstellte Karte mit den zu erkennenden Mustern und Strukturen dient Ihnen jetzt dazu, Ihre Fragestellungen zu klären und die Arbeitshypothesen zu überprüfen.

Angenommen, Sie würden sich im Rahmen Ihrer Arbeit mit dem Berner Wochenmarkt auseinandersetzen. Ihr Interesse gilt sowohl den Anbietenden als auch den Kundinnen und Kunden der Gemüse- und Früchtestände. Sie planen Interviews mit Standbetreibern und mit Gelegenheits- oder Stammkundinnen, die sich auf dem Markt mit frischen Produkten eindecken. Zudem möchten Sie bei den Stadtbehörden in Erfahrung bringen, wie die Standplätze bewirtschaftet werden und welche Bedingungen eine Standbetreiberin oder ein Standbetreiber erfüllen muss, um einen Standplatz zu erhalten.

Eine Ihrer Fragestellungen bezieht sich auf die Herkunft der Standbetreibenden beziehungsweise der an den Marktständen angebotenen Produkte. Ihre zugehörige Arbeitshypothese lautet: Früher war der Berner Wochenmarkt ein echter «Bärner Märit» mit ausschliesslich lokal produzierten Produkten. Mit der Globalisierung des Nahrungsmittelmarkts werden auf dem Berner Wochenmarkt heute aber immer mehr Produkte angeboten, die nicht aus lokaler Produktion stammen. Um Ihre Hypothese zu überprüfen, spazieren Sie über den Markt. An jedem Stand ist auf einem kleinen Schild Name und Herkunft der Standbetreiberin oder des Standbetreibers zu erkennen. Sie halten diese Informationen auf einem Protokollblatt fest und stellen später die Herkunftsorte der Personen auf einer Karte dar (Abbildung 3.15).


Aufgabe 5 Kartendaten

Welche Schlüsse können Sie aus der Karte in Abbildung 3.15 in Bezug auf Ihre Hypothese ziehen? Welche Antworten auf Ihre Fragestellung finden Sie nicht auf der Karte?


Abbildung 3.15: Herkunft der Standbetreiberinnen und -betreiber am Berner Wochenmarkt auf dem Bundesplatz (eigene Erhebung, 4.7.2017), Abbildung 3.16: Produktevielfalt auf dem Berner Wochenmarkt («Märit»). Woher kommen die Standbetreiber, woher deren Produkte?


Aufgabe 6 Daten interpretieren

Betrachten Sie die Nutzungskartierung für die Länggassstrasse (Abbildung 3.12) genauer.

Welche der folgenden Aussagen lassen sich mit der Karte belegen?

• Die Länggasse ist das Universitätsquartier von Bern.

• Angebote des kurzfristigen Bedarfs dominieren vorhandene Nutzungen.

• Die Länggasse ist ein sehr multikulturelles Quartier.

• An der Länggassstrasse befindet sich das Zentrum der Länggasse.

• In der Länggassstrasse hat es nur wenige Wohnungen.

3.7 Arbeitsschritte im Überblick

Geländearbeit kann sehr spannend sein. Damit sie erfolgreich wird, muss die Planung und Vorbereitung umsichtig sein. Auch mögliche Probleme oder Pannen müssen vorausschauend in die Überlegungen miteinbezogen werden. Geländearbeit ist immer mit einem relativ hohen Aufwand verbunden, der meist dadurch entsteht, dass Sie mit mehreren verschiedenen Verfahren arbeiten und häufig Apparate oder Messinstrumente einsetzen. Die Durchführung ist gerade deshalb meist abwechslungsreich, und die Auswertung bietet interessante Erkenntnisse. Kurz gesagt: eine attraktive Methode für eine schriftliche Arbeit.

Zusammenfassend verläuft eine Datenerhebung im Gelände typischerweise in den folgenden Schritten:


Schritt 1Formulierung der Fragestellung(en) und Arbeitshypothese(n)• Schriftliches Festhalten von Fragestellung und Arbeitshypothese• Notwendigkeit der Geländearbeit begründen• Wahl des Untersuchungsgebiets begründen
Schritt 2Karten oder Pläne des Untersuchungsgebiets beschaffen• zweckmässige Grundlagenkarte beschaffen (Amtsstellen, Geo-Portale im Internet)• auf Detailtreue (Massstab), Beschriftung und Aktualität achten
Schritt 3Ortsbegehung• Aufsuchen des geplanten Untersuchungsgebiets• Dokumentieren der Situation vor Ort (Fotos, Skizzen)
Schritt 4Abgrenzen des Untersuchungsraums• genaues Festlegen des Geländeausschnitts (mit Begründung)• Eintragen auf Karte oder Plan
Schritt 5Merkmale (Variablen) und deren Merkmalsausprägungen festlegen• zu erfassende Daten definieren• Beobachtungs- und/oder Messkategorien festlegen
Schritt 6Protokollblatt erstellen• Standort, Zeitpunkt, Person• Auflisten der Variablen und deren Merkmalsausprägungen• Platz für Notizen zu nicht quantifizierbaren Daten
Schritt 7Standorte im Gelände festlegen• gezielte Auswahl oder Zufallsauswahl• Auswahlmethode festlegen und begründen• Standorte auf Karte oder Plan eintragen
Schritt 8Durchführen der Datenerhebung• Daten im Gelände erfassen• Protokollblätter ausfüllen• Forschungstagebuch führen
Schritt 9Kartieren• gesammeltes Datenmaterial aufarbeiten, Diagramme erstellen• Farben, Signaturen, Symbole festlegen• Ergebnisse auf einer Karte oder einem Plan eintragen• Legende verfassen
Schritt 10Interpretation• Arbeitshypothesen mit erhobenen Daten und kartografischer Darstellung überprüfen• Forschungsfrage beantworten

Lösungen

Aufgabe 1 Raumbezug erkennen

Nicht jeder Raumbezug ist offensichtlich. In einigen Fällen braucht es die richtigen Fragestellungen und Zusatzinformationen.

Raumbezug. Der Benzinpreis ist einerseits vom Hersteller (Raffinerie) und vom Betreiber der Tankstelle abhängig, andererseits von der geografischen Region, also der räumlichen Lage der Tankstelle. So ist zum Beispiel Benzin im westlichen Seeland bis zu 10 Rappen pro Liter günstiger als im Raum Bern. Zudem sind an den Tankstellen der Autobahnraststätten die Preise rund 10 Rappen pro Liter höher als entlang der Hauptstrassen.

kein Raumbezug.

Raumbezug. Die einzelnen Parzellen eines Bauernbetriebes unterscheiden sich in Bodenqualität und klimatischen Bedingungen, was sich auf die Wahl der Anbauprodukte auswirken kann. Eventuell spielt auch die Distanz zum Bauernhof eine Rolle.

kein Raumbezug. Die Löhne der SBB sind hauptsächlich durch den Ausbildungsgrad und die Funktion der Personen bestimmt.

Raumbezug. Woher kommen die Gemüseverkäufer: aus der Region oder von weit her? Kommen alle aus derselben Grossregion (in Bern zum Beispiel aus dem Seeland) oder aus verschiedenen Regionen?

Raumbezug. Die Quellen an der Erdoberfläche sind vor allem durch die geologische Beschaffenheit im Untergrund (Gesteine, Struktur der Gesteinsschichten) bestimmt. Im Kanton Glarus ist die Geologie aus verschiedenen Gesteinsgruppen aufgebaut, was die räumliche Verteilung der Quellen und deren «Funktionsweise» beeinflusst.

Raumbezug. Die Herkunft der Flugzeuge, in denen Kokain gefunden wird, sowie die entdeckten Mengen können einen Aufschluss über die wichtigsten Anbaugebiete und Schmuggelrouten geben.

Raumbezug. Zwei Autobahnanschlüsse sowie die Nähe zum Hauptbahnhof prägen das Verkehrsaufkommen in der Länggasse. Es gibt zudem grosse Unterschiede zwischen der Hauptachse und den Quartiersträsschen.

Aufgabe 2 Recherchen vor Ort

Es ist nicht möglich, den aktuellen Hirschbestand kartografisch zu erfassen. Hingegen können Gespräche mit Vertreter/-innen des Nationalparks, Wildbiolog/-innen oder der Jägerschaft zu einem vertieften Verständnis der Massnahmen zur Regulierung des Hirschbestandes führen.

Hier ist eine Untersuchung vor Ort zwingend notwendig. Die Plätze sind durch stadtplanerische Massnahmen bewusst gestaltet worden. Verhalten sich die Personen wie vorgesehen? Ist der Platz Aufenthalts- oder nur Durchgangsort? Welche Personengruppen nutzen den Platz für welche Zwecke? Gibt es Konflikte zwischen einzelnen Gruppen? Solche und ähnliche Fragen lassen sich nur durch Beobachtungen vor Ort beantworten.

Es gibt zwar noch Gebäude aus dieser Epoche, zum Erörtern der Herrschaftsstrukturen oder des gesellschaftlichen Lebens zur Zeit von Louis XIV können diese Gebäude jedoch wenig beitragen. Fast alle historischen Themen entziehen sich der direkten Beobachtung. Hier steht die Arbeit mit historischen Quellen im Vordergrund.

Arbeiten vor Ort unverzichtbar. Gespräche mit Bergbauern (Arbeitszeiten, Einkommen, Erwerbskombinationen, Einflüsse des Tourismus) sowie Beobachtungen im Gelände (Welche Gebiete werden nicht mehr bewirtschaftet? Welche Gebiete verganden?) helfen, die Forschungsfragen zu klären. Zusammen mit Angaben aus der amtlichen Statistik (Betriebsgrösse, Viehbestand usw.) ergibt sich ein Gesamtbild.

Arbeiten vor Ort unverzichtbar. Welche Betriebe haben sich an diesem Autobahnkreuz angesiedelt? Weisen sie gemeinsame Merkmale auf? Welche Eingriffe in die Landschaft wurden vorgenommen? Wie haben sich die Lebensbedingungen in diesen Gemeinden in den letzten fünfzig Jahren verändert? Diese und ähnliche Fragen lassen sich nur vor Ort klären. In Interviews mit Betriebsleiter/-innen oder Einwohner/-innen können Sie die nötigen Informationen erfragen. Auf einer Karte können Sie zum Beispiel auch die Betriebe an ihren Standorten eintragen.

Schulstress ist ein pädagogisch-psychologisches Thema, das keinen Raumbezug aufweist. Es gibt aber psychologische Themen mit klarem Raumbezug, zum Beispiel wenn es um das Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum (Bahnhof, Parkhaus) geht.

Hier können Sie nur mit einer Ortsbegehung und mit Beobachtungen vor Ort fundierte Aussagen machen. Welche Läden gibt es in Beinwil? Woher kommt die Kundschaft? Gibt es Unterschiede zwischen den Läden im Ortszentrum und denjenigen ausserhalb? Wie viele Parkplätze weisen die Läden auf? Zählungen und Beobachtungen vor Ort helfen, dies zu klären.

Vielleicht müssen Sie ein Kunstmuseum aufsuchen, um berühmte Bilder zu begutachten. Aber es ist für die Fragestellung unwesentlich, wo die Bilder genau hängen.

Aufgabe 3 Verkehrszählung vorbereiten

(1) Da sich die Zählung auf ein eher kleines Gebiet bezieht, ist ein genauer Plan von Vorteil, auf dem neben der Hauptstrasse auch die einmündenden Seitenstrassen und alle Kreuzungen ersichtlich sind. Zudem sollte jedes einzelne Gebäude erkennbar sein, damit der Zählstandort (oder mehrere Zählstandorte) genau festgelegt werden kann.

(2) Mein Untersuchungsgebiet muss ein längeres Stück der grossen Strasse umfassen. Dann kann ich entlang der Strasse Zählstellen festlegen und Unterschiede im Verkehrsaufkommen erfassen. Neben der Strasse selbst sollte mein Untersuchungsgebiet auch die Zufahrtsstrassen umfassen, damit ersichtlich wird, wie sich die Verkehrsströme verteilen.

(3) Merkmale? Art des Verkehrsmittels: Autos, Motorräder (MIV); Busse, Postautos (ÖV); zu Fuss, Fahrräder (LV)

Anzahl Fahrzeuge: pro Minute oder pro Zeitintervall von 10 Minuten

Anzahl Passagiere: Belegung von Bussen lässt sich wohl nur abschätzen.

(4) a) Eventuell einen mechanischen Zähler: um vorbeifahrende Autos oder vorbeilaufende Personen zu zählen (anstelle Strichliste). Eventuell eine Kamera, um typische Verkehrssituationen zu dokumentieren.

b) Wann sollen die Zählungen stattfinden? Es gibt beträchtliche Unterschiede zwischen Werktagen und dem Wochenende, aber auch zwischen verschiedenen Tageszeiten (Verkehrsspitzen am Morgen, am Mittag und am Abend). Da ich nicht stundenlang zählen kann, muss ich Stichzeiten definieren, zu denen gezählt wird (z. B. zu jeder vollen Stunde zehn Minuten).

Vielleicht braucht es mehrere Zählpersonen an verschiedenen Stellen. Ich kann die Zählung also nur mit Hilfspersonal durchführen. Dieses muss ich genau instruieren.

Aufgabe 4, siehe nächste Seite

Aufgabe 5 Kartendaten

Die Standbetreiber kommen alle aus dem Umkreis von Bern, maximal 35 Kilometer entfernt. Produkte aus dem Seeland, dem Emmental oder dem Freiburgerland können in diesem Kontext durchaus als «lokale Produkte» bezeichnet werden. Die Globalisierung im Gemüsemarkt hat also bisher nicht dazu geführt, dass der Berner Wochenmarkt seinen lokalen Bezug verloren hat.

Allerdings verkaufen Standbetreiber auch Früchte oder Gemüse aus dem Zwischenhandel, diese Produkte stammen kaum aus lokaler Produktion. Genauere Informationen liessen sich zum Beispiel durch Interviews mit den Standbetreibern in Erfahrung bringen.

Aufgabe 6 Daten interpretieren

Ob die grossen Gebäude der Kategorie «Öffentliche Büros und Dienstleistungen» Universitätsgebäude sind, ist aufgrund der Nutzungskategorien nicht sicher. Mit Ortskenntnissen ist klar, dass nur die Gebäude mit den Nummern 49 und 51 Universitätsgebäude sind. In den restlichen Gebäuden dieser Kategorie sind die Post und Büros der Bundesverwaltung untergebracht.

Gewerbliche Dienstleistungen und Ladenlokale sind zwar am häufigsten vertreten, dominieren aber nicht.

Dieser Sachverhalt kann nicht aufgrund dieser Kartierung bestätigt werden. Es wäre möglich, die Multikulturalität der Länggasse mit einer gezielten Kartierung, zum Beispiel der Anzahl ausländischer Namen an den Hauseingängen oder mit einer detaillierten Erfassung der Restaurants und Geschäfte kartografisch festzuhalten.

Viele Einrichtungen weisen eine Zentrumsfunktion auf: Ladenlokale, Gewerbe, Gastronomie und öffentliche Gebäude. Das lässt den Schluss zu, dass die Länggassstrasse innerhalb des Quartiers bezüglich der Nutzung ein Zentrum darstellt.

Tatsächlich sind nur drei Gebäude mit Wohnnutzung kartiert. Es wurde jedoch nur die Nutzung der Erdgeschosse erfasst. Häufig werden die oberen Stockwerke als Wohnungen genutzt. Auch ist zu erwarten, dass abseits der Länggassstrasse vermehrt Wohnungen auftreten. Darüber gibt allerdings die Karte keinen Aufschluss.

Aufgabe 4 Standorte festlegen



Verhaltensbiologische Beobachtung4
Konstanze Mez, Amadeus Spirig

Worum geht es?

Beobachten heisst mit unseren Sinnen einen sehr eng begrenzten Ausschnitt unserer Umwelt erfassen. Häufig reichen unsere Sinne nicht aus, sodass wir Apparate, Messinstrumente und chemische Analysen als Hilfsmittel einsetzen.

Um das Wesentliche einer Beobachtung herauszuarbeiten, konzentrieren wir uns im vorliegenden Kapitel auf die Beschreibung der Vorbereitung, Durchführung und Auswertung von Beobachtungen an Tieren. Das Verhalten von Tieren zu studieren und in Beobachtungsbogen festzuhalten, ist attraktiv, und es ist in der für eine Maturaarbeit zur Verfügung stehenden Zeit durchführbar. Bei der Auswahl der Beispiele beachten wir die Zugänglichkeit zu den Tieren, die für eine verhaltensbiologische Beobachtung infrage kommen: Das Verhalten von Nutztieren und Haustieren ist mit den Mitteln, die für eine Maturaarbeit zur Verfügung stehen, zu bewältigen, während das Beobachten von Wildtieren deutlich schwieriger ist. In jedem Fall ist die Zusammenarbeit mit den Besitzerinnen und Besitzern der Nutz- und Haustiere oder mit Wildbiologinnen und Jägern von grossem Vorteil.

Entscheidend ist bei jeder Art von Beobachtung, dass die beobachtende Person weder ins Geschehen eingreift (die Veränderungen von Bedingungen sind dem Experiment vorbehalten) noch durch ihre Anwesenheit das Verhalten der Beobachtungsobjekte beeinflusst.

Inhalt

4.1 Einleitung

4.2 Fragestellung und Forschungshypothese

4.3 Planung und Vorbereitung von Beobachtungen

4.4 Durchführung

4.5 Zuverlässigkeit von Daten und Datenmenge

4.6 Wissenschaftliche Skepsis

4.7 Darstellung und Auswertung der Daten

4.8 Beispiel aus der Verhaltensbiologie

4.9 Arbeitsschritte im Überblick

4.10 Literatur

Lösungen

4.1 Einleitung

Wildschweine können in waldnahen Ackerflächen enorme Schäden anrichten. Die Wildschweine durchpflügen mit ihrem keilförmigen Kopf den Ackerboden. Sie bei ihrer Nahrungssuche zu beobachten, ist allerdings anspruchsvoll.

Wenn Sie auf einem vom Wind abgewandten Hochsitz einige Stunden in der Dämmerung ausharren und, mit Feldstecher und Beobachtungsbogen ausgerüstet, versuchen zu protokollieren, was sich da abspielt, dann tun Sie genau das, was eine Beobachtung ausmacht: Sie beeinflussen das Geschehen so wenig wie möglich. Sie benützen ein Beobachtungsinstrument, und Sie greifen aus der Fülle dessen, was auf dem nahen Acker abläuft, ein möglichst präzise abgegrenztes Segment heraus.

Das lernen Sie in diesem Kapitel:

• Sie kennen den Unterschied zwischen einem Experiment und einer Beobachtung.

• Sie lernen sechs Verfahren der Verhaltensbeobachtung und ihre dazugehörigen Beobachtungsprotokolle kennen.

• Sie wissen, warum in den Naturwissenschaften mit Nullhypothese und Alternativhypothese gearbeitet wird.

• Sie verfolgen den Prozess einer Verhaltensbeobachtung von der Planung bis zur Auswertung.

Bevor Sie sich in die vertiefte Lektüre hineinbegeben, fragen Sie sich nochmals, ob Sie das richtige Kapitel ausgewählt haben. Planen Sie eine Beobachtung oder ein Experiment?

Bei einer Beobachtung greifen Sie nicht ins Geschehen ein, sondern Sie protokollieren es.

Anders verhält es sich bei einem Experiment, wo Sie die Situation bewusst nach einem bestimmten Plan in Einzelschritten verändern. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Sie machen mit dem Besitzer des waldnahen Kartoffelackers aus, dass er ihn für Ihre erste Untersuchungsperiode ungeschützt lässt, für die zweite einen Elektrozaun auf mittlerer Höhe anbringt und für die dritte zwei Drähte verwendet, damit auch die Jungtiere abgehalten werden. Ihr Ziel ist es, einen kausalen Zusammenhang zwischen den veränderten Bedingungen (kein Schutz, mittlerer Schutz, starker Schutz) und dem Verhalten der Wildschweine herauszufinden. (Das Experimentieren wird in Kapitel 5 beschrieben.)

Eine andere Herangehensweise an das Problem der Schwarzwildschäden ist die kartografische Datenerhebung im Gelände: Dabei halten Sie den genauen Ort und das Ausmass der Schäden in verschiedenen Äckern auf einer Karte fest. Sie untersuchen also Phänomene, die einen Ortsbezug haben. Zweck dieser Datenerhebung könnte beispielsweise sein, den Zusammenhang zwischen der Art der Feldfrüchte, der Distanz des Felds zum Wald und dem Ausmass der Schäden zu erfassen. (Das kartografische Festhalten von ortsbezogenen Daten wird in Kapitel 3 erläutert.)

Unter «Beobachtung» stellt man sich gemeinhin vor, dass jemand etwas beobachtet, das sich bewegt oder rasch verändert, beispielsweise das Verhalten von Damhirschen in einem Gehege oder die Lautstärke des Quakens von Fröschen. Denken Sie daran, dass auch das Verfolgen der Bahnen von Planeten, das Messen des pH-Wertes eines Schwimmteichs im Tagesverlauf oder die Bestimmung des Gehalts an Omega-3-Fettsäuren in der Milch von Kühen in verschiedenen Jahreszeiten Beobachtungen sind.


Aufgabe 1 Experiment oder Beobachtung?

Entscheiden Sie bei den folgenden Beispielen, ob es sich um ein Experiment oder eine Beobachtung handelt.

a) Sie untersuchen die Elemente des Rangordnungsverhaltens von Hühnern in einem Hühnerhof.

b) Sie setzen ein fremdes Huhn in eine Hühnergruppe und untersuchen, wie sich dadurch die Rangordnung im Hühnerhof ändert.

c) Sie untersuchen das Rangordnungsverhalten in einem Hühnerhof. Während Ihrer Arbeit stirbt ein Huhn.

Nebenbei gesagt und nicht unwichtig: Das Schweizer Tierschutzgesetz verlangt eine Bewilligung bei Experimenten mit Wirbeltieren. Informieren Sie sich frühzeitig über die entsprechenden Bedingungen.

4.2 Fragestellung und Forschungshypothese

Wenn Sie im Sommer übers Land fahren, stellen Sie fest, dass die meisten Kühe (Gattungsname «Rinder»), die auf der Weide grasen, keine Hörner haben. Ab und zu sehen Sie auch noch Herden mit horntragenden Kühen. Es interessiert Sie die Frage, ob man Nutztiere aus wirtschaftlichen Gründen so verändern darf, dass man ihnen einen wesentlichen Teil ihres Körpers entfernt.[1] Sie beschliessen, diese Frage aus dem Blickwinkel einer Verhaltensbeobachtung anzugehen.

Sie steuern also auf eine Untersuchung hin, im Laufe deren Sie eine Hypothese testen. Wie das genau geht und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, erfahren Sie in den folgenden Abschnitten.

Den ersten Schritt zu einer möglichen Fragestellung haben Sie schon gemacht, indem Sie sich entscheiden, dass Sie sich auf die Beantwortung der Frage aus verhaltensbiologischer Sicht beschränken. Nun legen Sie den Fokus auf das, was beobachtbar ist, zum Beispiel auf den Einsatz der Hörner und des Schwanzes, um stechende Insekten abzuwehren, und den Erfolg dieses Abwehrkampfs, festgestellt an der Anzahl Bremsenstiche.


Abbildung 4.1: Rind ohne Hörner und Rind mit Hörnern

Rinder[2] werden in den Monaten April bis August hauptsächlich von zwei Arten von Bremsen (Tabanidae) geplagt, der Regenbremse (8–12 Millimeter gross) und der Pferdebremse (19–25 Millimeter gross). Ihre Fragestellung ist: Haben horntragende Rinder die besseren Chancen, die Bremsen abzuwehren, als enthornte Rinder?

Wie alle Forscherinnen und Forscher möchten auch Sie nach Möglichkeit allgemeingültige Aussagen über interessante Zusammenhänge machen. Da Ihre Zeit beschränkt ist, überlegen Sie, wie Sie mit möglichst wenig Beobachtungsstunden zu Daten kommen, die eine Verallgemeinerung der Ergebnisse gemäss wissenschaftlichen Standards zulassen. Das heisst, Sie legen die Beobachtung so an, dass ein Schluss von den wenigen Rindern, die Sie beobachten können, auf eine grössere Anzahl mit vertretbarer Zuverlässigkeit möglich ist.


Abbildung 4.2: Pferdebremse (Tabanus sudeticus)

Die Rinder, die Sie beobachten werden, bilden die sogenannte Stichprobe. Bei der Auswahl der Rinder, die in Ihre Stichprobe aufgenommen werden, müssen Sie nach einem Zufallswahlverfahren vorgehen, das wissenschaftlichen Anforderungen genügt. Ein typisches Zufallswahlverfahren, wie es bei vielen Beobachtungen vorkommt, wird in der Fussnote für den vorliegenden Fall beschrieben.[3]

Auch bei der gewünschten Verallgemeinerung Ihrer Ergebnisse, also beim Schluss von Ihren Stichproben auf eine grössere Anzahl von Herden mit behornten und enthornten Rindern, müssen Sie geplant vorgehen. Als «grössere Gruppe» (man nennt sie Grundgesamtheit) würden die meisten von uns am liebsten «alle behornten und enthornten Rinder» nehmen. Wissenschaftliches Denken und Handeln startet jedoch immer bei der Frage: Welche verallgemeinernden Aussagen sind aufgrund meines Datenmaterials zulässig? Nehmen Sie diesbezüglich eine vorsichtige und skeptische Haltung ein und bestimmen Sie als Grundgesamtheit nur «alle horntragenden und enthornten Rinder des Einzugsgebiets meiner ausgewählten Käserei». (Zur Empfehlung einer skeptischen Haltung siehe Abschnitt 1.4.3, hier.)

Eine Forschungshypothese ist eine vorläufige Annahme oder Vermutung, wie ein Sachverhalt erklärt werden könnte. Diese vorläufige Erklärung muss erstens in sich logisch, glaubhaft, widerspruchsfrei und begründbar sein. Und zum zweiten muss die Annahme in einer Weise konkretisiert werden können, die ein Testen erlaubt (vgl. Nordell & Valone 2015, S. 8). Wenn Sie als Forschungshypothese beispielsweise die Aussage «Horntragende Rinder fühlen sich wohler als enthornte» wählen würden, dann hätten Sie zwar eine glaubhafte und einigermassen überzeugende Annahme getroffen, aber die zweite Bedingung wäre nicht erfüllt: Diese Annahme wäre nicht testbar. «Sich wohlfühlen» ist schon bei Menschen sehr schwer testbar, geschweige denn bei Rindern.

Ihre Forschungshypothese lautet also: «Horntragende Rinder werden weniger von Bremsen gestochen als enthornte Rinder, weil Erstere die Bremsen nicht nur mit ihrem Schwanz, sondern auch mit ihren Hörnern verscheuchen können.» Diese Aussage macht einen logischen, glaubhaften, widerspruchsfreien und begründbaren Eindruck, und man kann sie testen.

An eine Forschungshypothese werden noch zwei weitere Anforderung gestellt:

• Sie muss vor dem Start der Untersuchungsphase formuliert worden sein und darf nicht mehr geändert werden.

• Sie beinhaltet eine genaue Definition der Verhaltensweisen, die Sie beobachten möchten.

Sie wählen mit dem Zufallsgenerator wieder je vier Rinder aus jeder Herde aus, markieren sie mit dem Einverständnis des Bauern und beobachten und filmen sie an einem Sommertag. Sie können nur die Kopf- und Schwanzbewegung der Rinder direkt wahrnehmen. Die Bremsenstiche – von denen fast alle anhand eines Blutflecks gut sichtbar sind − zählen Sie anschliessend im Stall aus.


Aufgabe 2 Auswahl der Forschungshypothese

Sie haben die Gelegenheit, in Nordfinnland Bären und Wölfe zu beobachten. Nach kurzer Zeit haben Sie den Eindruck, dass die Wölfe den Bären an einem Futterplatz überlegen sind. Wählen Sie eine geeignete Forschungshypothese:

a) Der Wolf ist stärker als der Bär.

b) Der Bär hat Angst vor dem Wolf.

c) Der Wolf vertreibt den Bären und frisst als Erster.

d) Bären und Wölfe mögen einander nicht.

4.3 Planung und Vorbereitung von Beobachtungen

Sie sind also von einer Idee ausgegangen, vielleicht von einer zufälligen Beobachtung, und haben daraus eine Fragestellung formuliert. In Zusammenarbeit mit der betreuenden Lehrperson haben Sie eine Forschungshypothese entwickelt. Wenn Sie sich bereits bei der Planung Ihrer Beobachtung mit den Möglichkeiten der statistischen Auswertung vertraut machen (siehe Kapitel 6), fällt Ihnen diese später leichter. Die Vorbereitung Ihrer Beobachtung umfasst sehr verschiedenartige Faktoren, für die Sie die folgende Übung sensibilisieren soll.


Aufgabe 3 Vorbereitung

Im Zoo erfreuen Sie sich an der Aktivität einer Gruppe von Meerschweinchen. Dabei fällt Ihnen auf, dass ein bestimmtes Tier manche seiner Artgenossen in seiner Nähe duldet, andere wiederum vertreibt. Das weckt Ihr Interesse, und Sie beschliessen, der Sache auf den Grund zu gehen und die Beziehungen in dieser Herde zu untersuchen.

Die folgenden Elemente können bei der Durchführung Ihres Vorhabens Schwierigkeiten bereiten. Ordnen Sie den Aufgaben die Schwierigkeitsgrade «einfach», «mittel» oder «schwierig» zu.

a) Bewilligung zur Beobachtung besorgen

b) Literatur zum Thema finden und verarbeiten

c) Erkennen der Individuen an ihren spezifischen Merkmalen

d) Beobachtungsmethode festlegen

e) Formular zur Dokumentation der Beobachtungen entwickeln

f) Beobachtungen oft genug und lange genug durchführen

g) Darstellung und statistische Auswertung der Daten

Auch bei allerbester Vorbereitung werden Ihre Resultate den wissenschaftlichen Standards vielleicht nicht genügen, weil Sie alleine statt im Team, mit wenig finanziellen Mitteln anstatt mit einem Forschungskredit und als Einstiegsforscherin oder -forscher arbeiten. Bedenken Sie bei der Planung Ihrer Beobachtungen aber: Ihr Vorgehen muss zwingend wissenschaftlichen Standards genügen.

4.3.1 Vermeidung von Störungen bei Tierbeobachtungen

Kommen wir nochmals auf die in der Einleitung erwähnte Beobachtung der Wildschweine beim Durchwühlen eines Ackers in der Nähe eines Waldrands zurück. Wenn Sie sich zur Beobachtung auf dem windabgewandten Hochsitz eingerichtet haben und der Wind plötzlich zu Ihren Ungunsten dreht, dann werden sich die Wildschweine sehr vorsichtig verhalten oder sogar wieder im Wald verschwinden.

Die Forderung, durch unsere Anwesenheit das Verhalten der Beobachteten möglichst wenig zu beeinflussen, ist manchmal schwierig einzuhalten. Oft ist es aber durch die geschickte Wahl geeigneter technischer Hilfsmittel möglich, Störungen zu minimieren: Mithilfe eines Feldstechers oder eines Fernrohrs können Sie die Wildschweine aus grösserer Distanz studieren, und Ihre Anwesenheit hat somit weniger Einfluss auf die Tiere.

Bei anderen Beobachtungsaufgaben ist eine Filmaufnahme des Geschehens unabdingbar. Sie ermöglicht Ihnen, Details schneller Verhaltensweisen zu studieren und Szenen in Zeitlupe oder Zeitraffer anzuschauen.

Ein Ethogramm ist eine Beschreibung aller wesentlichen Verhaltensweisen eines Tieres. Die Verhaltensweisen werden möglichst genau erfasst und in einem Protokoll festgehalten. Es versteht sich von selbst, dass dazu Filmaufnahmen – nach Möglichkeit auch in der unbeobachteten Zeit – notwendig sind. Wegen der aufwendigen Apparatur ist das Erstellen eines Ethogramms im Rahmen einer Maturaarbeit nicht wirklich empfehlenswert.

Neben der direkten Wirkung der Beobachtung auf das Geschehen gibt es zahlreiche andere Faktoren, die einen Einfluss haben: die Anwesenheit von anderen Organismen, der Pflanzenwuchs der Umgebung, das Wetter, die Tages- und Jahreszeit, der aktuelle hormonelle Zustand der beobachteten Tiere und vieles mehr.

4.3.2 Auswahl und Identifizierung der beobachteten Individuen

Etwas beobachten heisst auch immer, eine Auswahl zu treffen, was beobachtet werden soll. An die Auswahl sind gewisse Forderungen zu stellen, damit die Beobachtung wissenschaftlichen Standards entspricht:

1. Die Auswahl der Tiere, die Sie beobachten möchten, darf keinen Einfluss auf Ihre Beobachtung haben.

2. Die ausgewählten Tiere (Ihre Stichprobe) muss repräsentativ für alle Tiere (Grundgesamtheit) sein.

Wenn Sie beispielsweise die Beziehungen zwischen Mutterkühen und ihren Kälbern untersuchen möchten, dann wählen Sie für Ihre Beobachtung natürlich Mutterkühe mit Kälbern aus. Falls Sie jedoch den Bezug zwischen einzelnen Tieren einer Herde ganz allgemein untersuchen wollen, würde die alleinige Wahl von Mutterkühen zu einer Verfälschung Ihrer Aussagen führen. In diesem Fall müssten Sie die Tiere zufällig auswählen; Sie machen eine randomisierte Datenaufnahme. Mit einer zufälligen Auswahl können Sie den Einfluss der in 4.3.1 genannten Störfaktoren gering halten.

Sie wollen eine Herde Damhirsche in einer grossen Umzäunung beobachten. Noch bevor Sie zum Gehege kommen, beschliessen Sie, nur die Tiere zu beobachten, deren Kopf zurzeit nach links oder auf Sie ausgerichtet ist.

Für zahlreiche Beobachtungen müssen die Individuen in einer Gruppe identifiziert werden können. Das schränkt die möglichen Beobachtungsvorhaben je nachdem deutlich ein, denn es dürfte sehr anspruchsvoll sein, die eben ausgewählten Damhirsche wieder zu erkennen. Sie können auch weder Vögel beringen noch Zootiere mit Farbe markieren. Es gehört zur Vorbereitung von Tierbeobachtungen, dass Sie sich mit Fellmustern oder anderen körperlichen Merkmalen vertraut machen, um die beobachteten Tiere zu identifizieren.


Abbildung 4.3: Identifizierung anhand der Hornformen oder mittels farbiger Kleber an den Halsbändern

4.3.3 Zeitpunkt und Dauer Ihrer Beobachtungen

Zu Ihren Vorbereitungen gehört auch ein Zeitplan. Viele Beobachtungen sind saisonal gebunden: Die Daten zum Thema der Revierverteidigung bei Vögeln können nur im Frühling und zur Brunft der Rothirsche nur im Herbst erhoben werden. Das Fressverhalten kann bei vielen Tierarten nur abends oder gar nur nachts beobachtet werden. Machen Sie sich des Weiteren Gedanken zur Ihnen gesamthaft zur Verfügung stehenden Zeit respektive zu den Zeitspannen, die Sie pro Beobachtungstermin aufwenden müssen, um verlässliche Daten zu erhalten.


Abbildung 4.4: Röhrender Rothirsch

4.4 Durchführung

Um das Verhalten von Tieren nach wissenschaftlichen Grundsätzen beobachten zu können, geht man nach bestimmten Methoden oder Verfahren vor. Es hängt von der jeweiligen Fragestellung ab, welche Verfahren ausgewählt werden.

4.4.1 Schnappschuss- oder Scan-Beobachtung

Mit dem Schnappschuss- oder Scan-Verfahren halten Sie einen momentanen Zustand fest. Sie beobachten zum Beispiel eine Gruppe Kühe und erfassen, wie viele Individuen gerade jetzt das Gleiche machen (zum Beispiel grasen, wiederkäuen, sich an einem Baum reiben). Einen solchen «Schnappschuss» oder «Scan» wiederholen Sie nach einer gewissen Zeit. Wie gross das Zeitintervall ist, hängt vom beobachteten Verhalten ab.


Tabelle 4.1: Datentabelle für einen Scan zum Verhalten von Mutterkühen in einer Mutterkuhherde

4.4.2 Fokusbeobachtung

Hier beobachten Sie einzelne Individuen, sogenannte Fokustiere, die Sie zufällig auswählen. Nach einer gewissen Zeit wechseln Sie dann zu anderen Fokustieren. Dieses Verfahren eignet sich besonders gut, wenn es um sehr aktive Tiere geht, zum Beispiel um die Meerschweinchen im Zoo. Es ist ebenfalls angebracht, wenn Sie Details eines Verhaltens untersuchen, beispielsweise das Saugverhalten von Kälbern in einer Mutterkuhherde: Saugt das Kalb nur an einer Zitze? Wenn ja, an welcher? Immer an derselben?

Für die Untersuchung der Atemfrequenz (Ventilation) bei Goldfischen, die eine Maturandin vornimmt, stehen ihr in der Zootierhandlung ihrer Eltern zwei unterschiedlich warme Aquarien zur Verfügung.[4] Für die Bestimmung der Atemfrequenz beobachtet sie einzelne Tiere während einer bestimmten Zeit und notiert sich die Anzahl Ventilationen (Ein- und Ausatmen) pro Minute. Damit sie sich beim Zählen nicht auf das Notieren konzentrieren muss, sondern die ganze Aufmerksamkeit der Beobachtung widmen kann, verwendet sie dafür am besten einen Klickzähler, wie er auch bei der Türkontrolle einer Disco eingesetzt wird.


Abbildung 4.5: Goldfisch (Carassius gibelio auratus var. Butterfly)

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
574 str. 208 ilustracji
ISBN:
9783035515992
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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