Czytaj książkę: «FRANZ»

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Georg von Hammelstein

Franz

Roman

Die in diesem Roman auftretenden Figuren sind, auch wenn ihre Namen möglicherweise mit denen von „real existierenden“ Personen übereinstimmen sollten, frei erfunden.

Behauptungen über diese Personen, deren Handlungen, den Geschehnissen und Örtlichkeiten, sind nicht mehr als die Behauptungen und Schablonen eines literarischen Erzählers.

(Georg von Hammelstein)

„Wer ein WARUM zu leben hat,

Erträgt fast jedes WIE.“

Nietzsche

Ein Raunen

zwischen Ekel und Empörung ging durch den bis auf den letzten Platz belegten Sitzungsaal des Landgerichts für Strafsachen in Wien, im Volksmund auch „Das Landerl“ genannt. Eine amorphe Klangwolke schwebte über allem, aus der sich das Schluchzen der Mutter des Opfers abhob. In der folgenden Stille schien selbst die Luft den Atem anzuhalten. Auffällig, dass die Staatsanwältin bei dem Begriff „Coitus a tergo“ das „a tergo“ in einer Art und Weise betonte, als wäre die Missionarsstellung weniger verwerflich gewesen. Erneut räusperte sie sich und korrigierte den Sitz ihrer runden, randlosen Brille. Ob dem Angeklagten aufgefallen war, dass die Staatsanwältin eine Ähnlichkeit mit dem Opfer besaß? Vornehmlich der Kopf, mit den kurzen, schwarzen, nach hinten gegelten Haaren. Auch die Augenbrauen ungebärdig, aber mit Verve. Diese ausschnitthafte Wiederauferstehung des Opfers von den Toten musste für den Beschuldigten doch unerträglich sein! Ob das der Staatsanwältin bewusst war? Zufall oder prozessualer Schachzug? Als habe eine vorüberziehende Wolke einen Schatten in das Gesicht des Beklagten gemeißelt, saß er auf der hölzernen Anklagebank. Nur mit halbem Ohr vernahm Werner Noske, Prozessbeobachter aus Deutschland und bester Freund des Beschuldigten, die weiteren Ausführungen der Staatsanwältin. Dabei ging es um die Zentimeterlänge und Krümmung einer Salatgurke, die im oberen Drittel abgebrochen war, weiterhin um eine Karotte und ein halbes Pfund Schärdinger Teebutter.

Noske war fassungslos. Sein Freund, Franz Klefisch, ein dem Leben gegenüber aufgeschlossener Fünfundsiebzigjähriger mit rheinischem Charme – ein Leichenschänder? Ein Mann, der vom Fahrrad steigt, um einen verletzten Schmetterling von der Fahrbahn zu klauben, damit er nicht überfahren wird? Der ganze Prozess erschien ihm wie eine Groteske. Die Staatsanwältin in ihrer nasalen Süffisanz, der Vorsitzende Richter, der Verteidiger, die Geschworenen – Schießbudenfiguren – alle auf der höheren Leitersprosse des wienerischen Singsangs, eine Melange aus Bildungs- und Autoritätsnasal, oft froschblütig hingenuschelt, teilnahmslos kühl. Alles hatte etwas Unwirkliches, Operettenhaftes. Eine österreichische Schmonzette. Fehlten nur noch die Philharmoniker mit ihrem Hauswein – dem roten Veltliner.

Während die Staatsanwältin immer noch vortrug, hatte der Angeklagte die Hände vors Gesicht geschlagen. Ein Anblick, der Werner Noske erschütterte und in seinem Magen ein in letzter Zeit immer häufiger auftretendes Sodbrennen auslöste, das er mit der Einnahme einer Talcid-Tablette, die er in seiner Jackettasche vorsichtig aus dem Aluminiumstreifen drückte, zu lindern suchte. Nie und nimmer hätte er sich träumen lassen, seinen Freund Franz Klefisch mit Handfesseln in einem Wiener Gerichtssaal vorzufinden. Zwischenzeitlich dachte er – nicht ohne Grimm –, dass nicht Franz, sondern die Tote auf die Anklagebank gehörte; gleichfalls dachte er aber auch, dass er diesen Gedanken in diesem Saal alleine denke. Die Forderung der Staatsanwältin nach lebenslanger Haft, die vom Publikum mit beifälligem Gemurmel aufgenommen wurde, riss Werner aus seinen Gedanken und ihm fiel der Satz ein, den Franz ihm gegenüber beim ersten Besuch in der Strafanstalt geäußert hatte: „Alles was geschehen ist, ist aus Liebe geschehen!“ Nach diesem Satz war er verstummt.

Fast auf den Tag elf Jahre zuvor,

es war ein Tag wie jeder andere, klingelte im Musikerviertel einer kleinen Stadt am Rhein der Wecker. Es war wie immer 8.08 Uhr, als Franz Klefisch die Weckfunktion abschaltete, aufstand, seine Morgentoilette erledigte, sich ankleidete, während der 8.30-Nachrichten das Frühstück zubereitete, anschließend die Zeitung der nur noch an zwei rostigen Drähten baumelnden Zeitungsbox entnahm, kopfschüttelnd über die zunehmende Verwahrlosung des Hauses wieder seine Wohnung betrat, um sich, wie jeden Morgen, kurz vor Neun, an den Frühstückstisch zu setzen und als erstes die kleine Tablette gegen den Bluthochdruck zu schlucken, die seit dem Abend zuvor wie ein porzellanener Pickel auf dem Untersetzer der Teetasse thronte. Der Himmel war grau wie seit Tagen und laut Wetterbericht eine Veränderung der Großwetterlage nicht in Sicht. Eine mehrere tausend Kilometer breite Kaltfront lag über Westeuropa und den britischen Inseln, und die polaren Luftmassen griffen langsam auf die rheinische Bucht über und sorgten zu dieser Jahreszeit für außerordentlich niedrige Temperaturen. In Remagen hatte es in der vergangenen Nacht nur vier Grad – und das Anfang Mai. Franz dachte an sein Libretto, an dem er seit Wochen schrieb, und las, dass bei einem Anschlag auf eine Moschee in Bagdad siebzig Menschen ums Leben gekommen waren. Da schüttelte er das zweite Mal an diesem Morgen den Kopf. Ob über den Zeitungsbericht oder seine seit Tagen anhaltende Schreibblockade wusste er selbst nicht. In letzter Zeit war ihm aufgefallen, dass er häufiger als sonst den Kopf schüttelte oder unartikulierte Laute des Missfallens ausstieß, was er zunächst als Indiz einer eventuellen Krankheit wahrnahm, die ihm nicht bekannt und deswegen unheimlich war. Eine bislang unbekannte Krebsart zog er ebenso in Betracht wie einen unerforschten, langsam aber stetig fortschreitenden Verlust von Nervenzellen. Auf jeden Fall aber hatte er sich vorgenommen, diese Umstände genauer zu untersuchen. Dazu hatte er sich ein kleines Oktavheft angeschafft, in dem er festhielt in welcher Umgebung, zu welchem Zeitpunkt, bei welchem Geschehnis diese gravierenden Auffälligkeiten auftraten.

Als er mit dem Stuhl näher an die Schreibtischplatte ruckelte, war es wie jeden Morgen 9.30 Uhr. Wie jeden Morgen wickelte er einen sauren Drops aus dem durchsichtigen Papier und steckte ihn in den Mund. Es war ein roter. Himbeere. Als er am gestrigen Abend vor dem Laptop gesessen hatte und kein Buchstabe, kein Wort, kein Satz dass Weiß des Bildschirms zu beleben vermochte, hatte er die von ihm bevorzugten zitronenfarbenen alle weggelutscht. Heute, am Morgen (der Morgen war seine beste Schreibzeit), versuchte er sich erneut zu konzentrieren, aber es gelang ihm nicht. Kopfschüttelnd (das dritte Mal an diesem Morgen), holte er aus der Küchenschublade einen Pinsel, mit dem er sonst die Schokoladenglasur auf den Marmorkuchen auftrug, und befreite die Tastatur des Laptops von einigen Stäubchen, als seien sie die Ursache seiner Schreibhemmung. Der Vormittag zog sich. Franzens Knie schmerzten vom langen Sitzen. Er vermutete Kalkablagerungen, möglicherweise auch Blei. Dass er am Abend dieses Tages eine Entscheidung treffen würde, die sein Leben auf längere Sicht einschneidend verändern sollte, konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht wissen. Monate später beschäftigte ihn jedoch der Gedanke, dass es im Dasein eines Menschen Tage gibt, an diesen Tagen wiederum Stunden, in diesen Stunden wiederum Minuten und darin Sekunden, in denen dieser Mensch eine Entscheidung trifft, die sein weiteres Leben schicksalhaft bestimmen wird. Ein leichthin gesagtes Ja, ein nicht gemeintes Nein, ein Zufrüh oder Zuspät machen diesen Zeitpunkt unwiderruflich, setzen etwas in Gang, das zu ungeahntem Glück oder in die absolute Katastrophe führen kann. Hätte ich damals nur Nein gesagt, ein einfaches, klares Nein – dachte Franz später – dann wäre mein Leben sicherlich anders verlaufen. Aber was heißt schon anders? Anders besser oder anders schlechter? Dabei war die Sache, um die es ging, eigentlich belanglos. Es ging um einen Urlaub. An jenem erwähnten Tag vor fast acht Jahren, der am Morgen vermeintlich noch ein Tag wie jeder andere zu werden schien und durch eine am Abend getroffene Entscheidung Franzens jedoch zu keinem Tag wie jeder andere wurde, sondern zu einem besonderen Tag, einem Dreh- und Angeltag, an dessen Ende innerhalb weniger Sekunden ein Schicksalsfaden gesponnen wurde, der dem Leben des Franz Klefisch eine entscheidende Wende geben sollte.

„… Chong!“

Franz fixierte Werners Faust, die beim Ching, Chang zweimal hastig durch die Luft gestrichen war, ehe er sie beim Chong ungeöffnet stehen ließ. Stein! „Stein machen Schäre kapuut! Fraanzchään, du kommst mit nach Griecheland!“ Natia, die Armenierin, seit einem Jahr Lebensgefährtin Werners, plärrte vor Vergnügen. Franz schaute auf seine rechte Hand. Zeige- und Mittelfinger leicht gespreizt noch in der Luft, der Daumen auf den Knöchel des Ringfinger gepresst, der kleine Finger krampfhaft anliegend. Zögerlich entspannte sich seine Hand. Obwohl er nicht mehr so häufig spielte wie früher, vor allem nicht um Geld, konnte er sich nicht erinnern, in den letzten Jahren je im Ching, Chang, Chong verloren zu haben. Was heißt erinnern!? Da in diesem Moment sein Erinnerungsvermögen durch den Alkohol erheblich eingeschränkt war, konnte er sowieso wenig erinnern. Er starrte auf Werner, der in Siegerlaune genüsslich eine zweite Magnumflasche Spätburgunder Oppenheimer Kreuz, Großes Gewächs öffnete. Die Nase! Schon tausende Male hatte er sie wahrgenommen, Werners Nase. Und immer wieder war ihm aufgefallen, dass Werner eine sehr, sehr kleine Nase hatte. Irgendwann hatte er aber nicht mehr darauf geachtet, übersah sie, wie man Kleinigkeiten oft übersieht, aber am heutigen Tag wollte er sie nicht übersehen. In seiner Wut verloren zu haben, schien sie ihm noch kleiner, also noch kleiner als klein. Im Rausch des Sieges zur kleinsten Nase der Welt geschrumpft, streckte sie sich der Welt triumphierend entgegen. Werner schenkte nach und stieß mit Franz und seiner Freundin auf die gemeinsame Reise nach Griechenland an. Seit Wochen hatte er ihm damit in den Ohren gelegen ohne zu wissen, dass Franz Gründe hatte, alles was mit Griechenland zusammenhing zu meiden, obwohl die Ursache dafür schon vierzig Jahre zurück lag. Aber auch wenn Franz es ihm erklärt hätte, hätte Werner Franzens Argumente als eine Quantité négligeable eingestuft und einfach vom Tisch gewischt. Bestimmten Dingen gegenüber war er genauso blind wie hartnäckig. So auch an diesem Abend, was sicherlich damit zusammenhing, dass er ob Franzens erheblicher Alkoholisierung Morgenluft in Form einer Zusage witterte. Dazu kam sein Sieg im Ching, Chang, Chong, der das Ganze noch einmal besiegelte, was im Grunde genommen eine Lächerlichkeit war, wusste Werner ohnehin, dass man den Franz, auch ohne gegen ihn im Ching-Chang-Chong zu gewinnen, breitschlagen konnte. „Der Franz ist ein schwacher Mensch und das Nein-Sagen war nie seine Stärke!“ schrieb Franz später über sich in seinem Roman und ergänzte, „Franzens Nein fehlt die Härte; wie es dem Franz insgesamt an Härte fehlt!“ Sein letztes Argument, eher gelallt als vorgetragen, dass er klamm sei, er sich einen Urlaub nicht leisten könne und so weiter und so weiter … begegnete Werner mit der Bemerkung, dass er Franz auf den Urlaub einladen wolle und so weiter und so weiter … Auch er lallte schon, und, um seinem Satz zusätzlichen Nachdruck zu verleihen, unterstrich er ihn mit einer abschließenden Handbewegung, wobei er sein Weinglas vom Tisch fegte. Natia, die Armenierin, krähte vor Vergnügen.

Griechenland

Anfang der siebziger Jahre war die damalige Bundesrepublik von griechischen Gastwirten oder solchen, die sich dafür hielten, überschwemmt worden. Die Pizza war auf dem Rückzug, das Moussaka auf dem Vormarsch. Vor allem in einer rheinischen Stadt, die sich mit einem Dom schmückt und an dessen Theater Franz als „jugendlicher Liebhaber“ sein erstes Engagement fand, schossen an allen Ecken und Enden Tavernen aus dem Boden. In der Taverne Apollo kochte Dimitris, zwei Straßen weiter grillte Evángelos, Retsina trank man an der Ecke bei Stávros, Backgammon spielte man bei Mikis und politisch hoch her ging es bei Vassilios, der als griechischer Kommunist Gleichgesinnte suchte, um irgendwelche Operationen gegen die Junta in seinem Heimatland zu starten. Vassilios residierte im „Z“, einer windschiefen Bretterbude Ecke Ehrenstraße/Alte Wallgasse, die auf einem Trümmergrundstück an einer Ruine aus dem zweiten Weltkrieg klebte und dem Schuppen ein Stück steinernes Rückgrat verlieh. Vassilios war ein um die einmetersechzig kleiner Mann, der noch kleiner wirkte, wenn dessen einmeterdreiundneunzig große Ehefrau Ewa neben ihm stand. Ewa, ein Trumm von einem deutschen Weibsbild, hatte Brüste, mit denen sie – wie man hinter vorgehaltener Hand erzählte – durch eine kurze, aber schnelle Drehung ihres Oberkörpers Ohrfeigen austeilen konnte. Aber vielleicht stimmte das auch nicht. Jedenfalls hatte von denen, die Franz davon erzählten, niemand dem Vorgang beigewohnt, geschweige dass jemand der auserwählten Klientel der Geohrfeigten hätte zugerechnet werden können. Aber immer, wenn diese Züchtigung vor Franzens innerem Auge entstand, machte sich ein ziehender Schmerz unterhalb der Gürtellinie bemerkbar. Ewa beherrschte nicht nur die Technik der Brustohrfeige, sondern auch ihren Mann, ihre Gäste, den Ablauf in der Taverne und bald auch Franz.

Obwohl ihm griechisches Essen nicht besonders zusagte, ging Franz häufig zu Vassilios, lag die Bretterbude doch auf der gegenüberliegenden Straßenseite, nur einen Steinwurf von seiner Wohnung entfernt. Das war ihm einerseits bequem, andererseits gehörte er schon in jungen Jahren zu der Spezies Mensch, die in allem eine gewisse Verlässlichkeit suchte. Zudem konnte er auch nicht abstreiten, dass ihm Ewa und insbesondere die Kunst der Brustohrfeige nicht aus dem Kopf ging. Jedes Mal, wenn er die Taverne betrat, streifte sein Blick erst ihre Brüste, ehe er nach einem freien Platz Ausschau hielt. Manchmal war ihm, als bemerke sie seine Blicke und lese aus ihnen „diesen besonderen Hunger“ – wie er es in seinem Tagebuch notierte – einen Hunger, der mit der Gratisbeigabe eines zusätzlichen Lammkoteletts nicht zu stillen war. Als Ewa mitbekam, dass der junge Mann mit den melancholischen Augen und den gelockten langen Haaren, den die Kollegen Fiete riefen, der neu engagierte Jugendliche Liebhaber am Stadttheater war, nahmen die Portionen auf dessen Teller zu. Auch den ein oder anderen Retsina und Ouzo gab es umsonst, bis Franz in Ewas Augen jenen Hunger feststellte der dem seinigen glich, und er schlagartig begriff, dass es auf dieser Welt nichts umsonst gab. Als Gegenleistung fürs Gratisessen, Retsina und Ouzo wollte Ewa Liebe, damals, in den Siebzigern, ein anderes Wort für Geschlechtsverkehr. Nun hatte Franz der körperlichen Liebe (und der Liebe überhaupt) nie ablehnend gegenübergestanden, aber mit einer Frau, die fast zwei Köpfe größer war, vom Umfang her bestimmt das Doppelte maß und das Dreifache wog? Auf die Brüste war er insofern gespannt (Franz liebte Brüste), interessierte ihn doch die Ohrfeigentechnik ungemein, und er hatte versucht sich vorzustellen, was für ein Gefühl sich nach einer solchen „Watschen“ einstellen würde. Überdies war die geschlechtliche Not groß. Seine gutaussehende Schauspielschulen-Liebe, die gleichzeitig mit ihm engagiert worden war, hatte sich dem älteren Bonvivant des Theaters hingegeben, somit war er allein. Allein, dunkeläugig, 22-jährig, strahlte Franz etwas aus, das insbesondere von Frauen, aber auch von einigen Männern, als schutzbedürftig angesehen wurde. Er ging auf den Deal ein: Griechisches Essen gegen schnöden Geschlechtsverkehr.

Es war ein trüber Spätmittag, als Franz die Probebühne verließ. Zuvor hatte er seinen Freund, den Schauspieler Mogendorf, gebeten, ihn bei der nachmittäglichen Versammlung der Kollegen, die über die Erstellung einer erneuten Resolution zum Vietnamkrieg beraten wollten, zu entschuldigen, müsse er doch zum Arzt und habe am Abend Vorstellung. Den Romeo zu geben, war ihm immer ein großer Kraftakt und deshalb war ihm auch das Treffen mit Ewa am Nachmittag nicht ganz so willkommen, jedoch hatte er sich nicht getraut nein zu sagen, befürchtete, seine Absage könnte sie verprellen, gab sie doch vor, nur an diesem Nachmittag Zeit zu haben. Wegen ihres Mannes und des Restaurants, sagte sie, und hing ein „und so“ dran, dass alles und nichts bedeuten konnte. Sie sagte „Restaurant“ zu diesem abgeranzten Schuppen, was in Franzens empfindlichen Ohren genauso anmaßend klang wie das „und so“ mädchenhaft, obwohl sie kein Mädchen mehr war. Die Tür klemmte wie immer und er musste – wie immer – mit dem Fuß nachhelfen. Dabei murmelte er etwas von einer verfickten Scheiße, was sie wohl verstanden haben musste „… denn sie lachte rau und herzlich …“, wie Franz tags darauf in sein Tagebuch schrieb und vierzig Jahre später, als er meinte, ein Buch schreiben zu müssen, formulierte er: „… Kalter Zigarettenrauch mischte sich mit ihrem billigen Parfüm, als ich ihr mit einem bemüht heiteren „Voilà“ den Vortritt in meine Wohnung überließ …“

In Ermangelung ausreichender Schrankkapazität hatte Franz einen großen Teil seiner Klamotten an die Flurgarderobe gehängt, somit war es in dem sowieso schon engen, dunklen Flur noch enger und irgendwie auch noch dunkler geworden. Er knipste das Licht an, weil Ewa, für einen Augenblick wohl orientierungslos, stehen geblieben war. Dann quetschte er sich an ihr vorbei, streifte mit seinem Ellbogen ihre Brüste – versehentlich oder absichtlich wusste er nach vierzig Jahren nicht mehr zu erinnern – brummelte eine Entschuldigung, meinte dabei zu erröten – was sicherlich nur Einbildung war – betrat das Zimmer, nahm den halbvollen Aschenbecher vom Fußboden und entsorgte ihn mit einem „Pardon“ im überquellenden Mülleimer hinter der Küchentheke. Wieso mache ich hier eigentlich einen auf Französisch, dachte er, als er sie schweifenden Blicks vor dem braunen Billy-Regal stehen sah. Sie überragte das Regal auf Grund ihrer Hochsteckfrisur um einige Zentimeter!

Dann standen sie sich schweigend gegenüber. Bestellt und nicht abgeholt – wie man auch sagt. Zwei Königskinder ohne Reich, zwischen ihnen die beiden aufeinander gestapelten Holzpaletten, die Franz großspurig als konstruktivistisches Raumelement bezeichnete, die aber im Grunde genommen nur erbärmlicher Tischersatz waren. Von ihr aus gesehen links das Matratzenlager, eine Wohn- und Schlafinsel. Da Franz viele Tätigkeiten im Liegen erledigte, hatte er in seinen Wohnungen immer darauf geachtet, dass die Bettstatt einen gebührenden Raum erhielt. Eine Spielwiese für das Liebesleben; genügend Platz fürs Frühstück (auch zu dritt oder viert); Abenteuerspielplatz fürs Textlernen und Assoziieren; genügend Fläche, um sich einsam zu fühlen, zu lesen oder einfach nur Gelände, um zwischen den Kissenbergen zu träumen. Da der Tischersatz sehr niedrig war und die gesamte Einzimmerwohnung nur knapp dreißig Quadratmeter maß, schien ihm Ewa noch größer, als er sie aus der Taverne in Erinnerung hatte. Die orangefarbenen Plateauschuhe, ihr hochgestecktes Haar über dem breitflächigen Gesicht, einem blonden Adlerhorst gleich, taten ein Übriges. Eine Walküre mit blutrot geschminktem Mund, bereit zum Ehebruch. Franz war flau. Sein rechtes Knie zitterte, wie damals bei der Zwischenprüfung an der Schauspielschule. Vor ihm tauchte das Gesicht von Vassilios auf und in ihm die immer und immer wieder gestellte Frage, warum der liebe Gott auf seine Einmetersiebzig nicht gut und gerne fünfzehn Zentimeter draufgesattelt habe. Als hätte Ewa diesen Gedanken erraten, lächelte sie. Ein Lächeln, als sei es nur für zwei Köpfe kleinere Männer vorgesehen; ein Speziallächeln, von oben herab, wie ihm schien, und da er diesem Von-Oben-Herab-Blick nichts entgegenzusetzen hatte, wich er ihm aus, heftete seine Augen auf ihre Brüste unter dem wollenen Holzfällerhemd, das sie über dem Bauchnabel zu einem Stoffknoten gebunden hatte und dessen drei oberste Knöpfe offen standen, sodass der durchbrochene Spitzenrand des schwarzen BHs zu sehen war. Verwirrt rutschte sein Blick noch tiefer, an jene Stelle, wo Ewa durch eine scharfe Jeansnaht in zwei deutlich sichtbare Hälften geteilt wurde.

„Und jetzt?“ fragte sie, als wolle sie seinen Blick verscheuchen. Die beiden Worte klangen wie ihr „Darf es sonst noch etwas sein?“ in der Taverne. In der folgenden Stille meinte Franz sein Herz im Kopf schlagen zu hören, was in ihm – wie in letzter Zeit häufiger – die Angst vor einem Gehirnschlag aufkommen ließ und er wünschte sich jetzt, sofort, augenblicklich auf die Bühne, zu der es ihn immer dann hinzog, wenn er sich der Welt, wie sie war, nicht gewachsen fühlte. Ewa löste die Verknotung ihres Hemdes und ihm fiel auf, dass am Nagel ihres Daumes ein Stückchen roter Nagellack abgesprungen war. Das hatte ihn schon vor zwei Tagen in der Taverne gestört, als sie ihm den Teller mit dem Gyros servierte.

Franz heftete seinen Blick auf den vom Hemd befreiten, transparenten schwarzen Balkonett-BH mit den Blumenstickereien, unter denen zwei Brustspitzen aus außerordentlich großen, dunkelbraunen Warzenvorhöfen hervorstachen. „Bei diesen Brustwarzen an Traktorventile zu denken, ist erlaubt“, schrieb er in sein Tagebuch. Als Ewa die Haken ihres BH-Verschlusses löste, brachen die Brüste aus der Spitze hervor wie zwei Wasserfälle aus einer Felswand. Oder zwei Teigbatzen, Quarktaschen oder Germknödel – die aber nicht aus einer Felswand. Da Franz sich auf keins der Bilder festlegen konnte, notierte er später in sein Tagebuch: „Ewas Brüste sind der Hammer, und bei den Ohrfeigen hatte ich das Gefühl wie bei einer Petersburger Schlittenfahrt während einer Sonnenfinsternis.“ Und: „Als es nach diesem Vorspiel zum Eigentlichen kam, konnte ich es kaum glauben. So etwas hatte ich mit meinen zweiundzwanzig Jahren noch nie gesehen, geschweige denn für möglich gehalten: Ein Scheunentor war ein Mauseloch gegen dass, in was ich eindrang. Wiewohl, was schreib ich, von Eindringen konnte nun wahrlich nicht die Rede sein. Ich hätte mein Ding genauso gut aus dem Fenster hängen können – aber wer hängt sein Ding schon aus dem Fenster?“ – dachte und schrieb Franz. Dabei war Franz bestens ausgestattet. Französische Länge, munkelte man hinter seinem Rücken. Eine Maßeinheit aus der Mode: also bis zum Knie. – Der Rock. Obwohl die Länge für Frauen nicht unbedingt entscheidend ist, scheint sie Männern wichtig zu sein. Franz hielt sich bei solchen Gesprächen zurück, wusste er doch um das, was er hatte. Nach der Begegnung mit Ewa kam ihm die Idee, Mösen zu fotografieren. Er hatte schon immer gern fotografiert und rechnete er sich eine kontinuierlich wachsende Sammlung aus, mit der man sicherlich eine Ausstellung in der Galerie seines Freundes würde bestücken können. Mit Ewas Möse wollte er beginnen. Um die ins rechte Licht zu rücken, hatte er sich aus dem Theater einen kleinen Niedervoltscheinwerfer, einen sogenannten „Babyspot“ entliehen, der dimmbar und mit seinem 50-Watt-Brenner sowie dem hinten angebrachten Rändelrad leichtgängig und fokussierbar war. Seine Kamera, eine Contax FB hatte er mit einem 25mm Topogon bestückt, um dieses Monstrum von Ewas Möse wie einen riesigen Riss in der Welt erscheinen zu lassen. „Fissure“ wollte er das Foto nennen, hatte aber auch „Marianengraben II“ in Erwägung gezogen.

Ewa war von Franzens Vorhaben zunächst nicht begeistert und obwohl sie beim Vögeln und dem Vor und Danach keinerlei Hemmungen zeigte, schämte sie sich beim Fotografieren. Sie bestand darauf, sich das samtene, schwarz gepunktete Maikäferkissen aufs Gesicht zu legen, wenn sie mit gespreizten oder angewinkelten Beinen auf dem Matratzenlager posierte. Das ergab einen gewissen surrealen Effekt, wenn im Vordergrund der Marianengraben II zu sehen war, dann der Blick des Betrachters über den Venushügel in den schon unscharfen Bereich der auseinandergefallenen Brüste glitt und schließlich auf einem Maikäfer landete, der aber als solcher kaum noch zu erkennen war, den Schauenden jedoch zu einem in solchen Fällen oft gedachten „Was soll das?“ zwang oder zu der Frage „Sollen das Maikäfer sein?“ Kurzfristig hatte Franz erwogen, dieses Foto „Maikäfer flieg“ zu nennen – aber aus Gründen, die ihm dann entfallen waren, hatte er darauf verzichtet.

War Ewa anfänglich noch misstrauisch und gehemmt, fing sie doch beim Betrachten der fertigen Fotos Feuer. Als Franz ihr erklärte, dass er vorhabe, einen künstlerischen Coup zu landen und als Ziel die Documenta in Kassel vorgab, mit ihrer Möse als Nummer Eins in der Sammlung, war sie stolz und gab ihm einen Kuss. Da aber eine Sammlung aus mehreren Exponaten besteht, kam Franz nicht umhin nach weiteren Objekten Ausschau zu halten. Da gab es dann schon die ein oder andere Verstimmung, wenn er vor oder nach einer Fotosession mit einer neuen Möse in der Taverne saß und Ewa ihm den Teller Gyros mit unverhohlener Wut hinknallte, sodass der Krautsalat in erdbebenhafte Bewegung geriet und die ein oder andere Fritte über den Tellerrand hinausschoss. Nebenbei stellte er fest, dass die Portionen sichtbar an Umfang abgenommen hatten.

Mösenfotograf

raunte es irgendwann hinter seinem Rücken, in der Kantine des Theaters, in den Gängen, hinter den Kulissen, in den Kneipen, was ihn nicht weiter störte, im Gegenteil, eher amüsierte, ihm einen leicht verruchten Glanz verlieh, einen Zuckerguss, der ihn einerseits in seiner Funktion als jugendlicher Liebhaber adelte, andererseits ihm aber auch die Neugierde von Frauen außerhalb des Theaters bescherte. Was ihn ärgerte, war die abfällige Bezeichnung „Mösenknipser“. Diejenigen, die ihn als Fotograf bezeichneten, hatten zumindest schon mal das Wort Möse in den Mund oder zumindest eine Kamera in die Hand genommen – meinte er. Die, die ihn jedoch der Knipserei ziehen, hatten höchstwahrscheinlich noch nie eine gesehen, geschweige sie geknipst und hatten mit Sicherheit auch keine Ehrfurcht, kein künstlerisches Verständnis für die Öffnung, die man doch gemeinhin auch als „das Tor zur Welt“ bezeichnete – „L’Origine du monde“, wie Gustave Courbet titelte – ähnlich den „Brettern, die die Welt bedeuten“.

Bei dem Begriff „Mösenknipser“ fiel ihm immer der Besuch der Oma väterlicherseits ein. Als er diese ihm fremde, in den späten Fünfzigern aus der DDR in die BRD einreisende, stark aus dem Mund riechende Frau mit seinen Eltern vom Bahnhof abholte, musste man noch zehn Pfennige für eine Bahnsteigkarte lösen; ein kleines braunes Kärtchen in Männer-Daumenlänge, nur etwas breiter und dünner. Damals durfte er, der kleine Franz (von seiner Mutter überwiegend Fränzeken gerufen), seine Bahnsteigkarte mit einer Knipszange, die ihm der Bahnsteigkartenknipser wohlwollend aus seinem Bahnsteigkartenknipserhäuschen reichte, selber knipsen. Das machte ihn stolz. Der große Franz jedoch dachte mit Grauen an die Verbindung zwischen Knipszange und Möse, die sich bei dem verächtlichen Begriff „Mösenknipser“ unwillkürlich einstellte. – Wie dem auch sei. Dank der Mundpropaganda war die Auftragslage gut. Es blieb nicht immer beim Fotografieren, was Franz jedoch billigend in Kauf nahm und der überwiegenden Klientel damit Freude bereitete. Er vermied es jedoch, die Frauen vor oder nach den Shootings (wie man heute sagt), in die Taverne Z einzuladen.

Bevor die umfangreiche Sammlung ihren Bestimmungsort, die Kasseler Documenta, erreichen konnte, hatten Feministinnen davon Wind bekommen und den LKW, in dem die Bilder auf ihren Abtransport warteten, angezündet. Ehe jedoch dieser feministische Akt von Gewalt gegen ihr eigenes, von Franz Klefisch künstlerisch veredeltes Geschlechtsorgan den Schlusspunkt unter seinen Ausflug in die bildende Kunst setzte, war es Vassilios, Ewas Mann, der ihm in dieser Angelegenheit an den Kragen wollte.

Franz war schlecht gelaunt, als er nach einer beschissenen Probe auf die Straße trat. Ihm war nach Ewas Brüsten zumute und er beschloss, nach längerer Zeit mal wieder Vassilios Taverne aufzusuchen. Kaum hatte er das Lokal betreten und Vassilios, der sich gerade am Gyrosspieß zu schaffen machte, ein schlecht gelauntes „Kalimera“ entboten, als dieser, ihn gewahr werdend, einen Urschrei ausstieß, bei dem selbst der große Stadttheater-Tragöde Walter Stickan vor Neid erblasst wäre. Der Spieß, den er mit bloßen Händen aus der Halterung riss, kam in dem Moment geflogen, als Franz sich nach dem Fünfzigpfennigstück bückte, das vor ihm auf dem Fußboden lag. Dadurch krachte das Fleischgeschoss hinter ihm in die Stühle und verfehlte ihn um Haaresbreite. In null Komma nichts, ahnend was hier abging, floh Franz panisch aus der Taverne. Vassilios rannte ihm wutentbrannt noch ein Stück hinterher, brüllte und schnaubte wie ein verwundeter Kampfstier, sodass die Passanten auf der belebten Straße erschrocken zur Seite sprangen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Franz Todesangst. „Ein Wort, das sich leicht ausspricht; ein Gefühl jedoch, dass sich kaum in Worte fassen lässt“ – schrieb er in sein Tagebuch. Ein paar Straßen weiter, wieder einigermaßen bei Atem, schwor er, sich nie wieder auf eine verheiratete Frau einzulassen. Zumindest nicht auf eine, die mit einem Griechen verheiratet war. Nun ja. Gute vierzig Jahre später sollte es im Leben von Franz Klefisch eine Situation geben, in der er sich wünschte, dass ihn der Fleischspieß damals getroffen hätte.

Von Heidrun, Ewas Freundin, erfuhr Franz ein paar Tage später, dass Vassilios die Mösenportraits seiner Frau gefunden und sie ihm nach einer Tracht Prügel alles gestanden habe. Als Franz Heidrun die Geschichte mit dem fliegenden Gyrosspieß erzählte, tat er ihr so leid, dass sie ihn zu sich nach Hause mitnahm. Ihr Mann war gerade auf Montage.

Vier Jahrzehnte später,

mit Werner und Natia in Griechenland, auf dem südwestlichen Peleponnes, in der Mani, erzählte Toni, ein seit dreißig Jahren dort ansässiger deutscher Arzt, bei einem Glas Wein, dass die Bewohner der Mani ein eigenartiges Völkchen seien. In Deutschland vergleichbar mit den Bayern oder Ostfriesen. Er schilderte, wie sich im Jahr 2012 die Einbrüche durch Albaner in und um Agios Dimitrios häuften, die Polizei machtlos war, somit die Bewohner gezwungen waren, diese Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Wissend, dass die Wander- und Gelegenheitsarbeiter aus Albanien in einer Höhle des Taygetosgebirges unweit der Ortschaft Pigi lebten, explodierte dort eines Nachts eine Sprengladung. Ergebnis: Drei Tote und zwei Schwerverletzte, aber im Folgenden keine Einbrüche mehr. Das gefiel dem Onkel (wie Franz zum Zeitpunkt dieser Geschichte schon genannt wurde), aber ihm lief immer noch ein Schauer über den Rücken, wenn er an Vassilios und den Gyrosspieß dachte; denn Vassilios kam aus Proastio, war also auch ein Bewohner der Mani. Dass er, der 160 Zentimeter messende Mann auf Grund eines Mösenfotos seiner Frau dieses Einsdreiundneunzig-Trumm von deutscher Ewa krankenhausreif geschlagen hatte, spricht für eine unkonventionelle Konfliktlösung der Bevölkerung in der Mani. „Auch ich bin in einer tiefen Kammer meines Herzens Anhänger unkonventioneller Lösungen“, wird Franz später in seinem Buch schreiben. Vassilios und Ewa hat er nie wiedergesehen und seitdem auch nie wieder ein griechisches Restaurant betreten.

Unter Fernweh

hatte Franz nie gelitten. Immer nur unter Heimweh. Wenn er gefragt wurde, warum er nicht oder nur wenig reise, antwortete er jedes Mal, dass ihm die Ferne nichts bedeute. Wenn er gut drauf war, fügte er noch hinzu: Ich reise halt im Kopf! Das befremdete einige Leute. Auch wenn deren Kopfschütteln nicht sichtbar war, spürte Franz Unverständnis, das ihm auf Grund der Tatsache entgegenschlug, dass er nicht aus seiner Welt heraustrat. Aber die Vagabunden wundern sich eben immer über die Sesshaften und die Sesshaften über die Vagabunden – dachte Franz –, und warum einer da lebt, wo er gerade lebt, kann er einem anderen sowieso nicht begreiflich machen. Er dachte manchmal auch, dass der verborgene Sinn des Reisens darin liege, Heimweh zu haben, und das Weh griff schon nach Franzens Herzen, kaum dass Werners Jaguar-Limousine sich in Bewegung gesetzt hatte, nach wenigen Metern die kleine Stichstraße verließ, links in eine andere Straße bog, die schon etwas größer und weiterführend war, um aus dieser schließlich in eine Hauptstraße einzufädeln, die geradewegs auf den Verteilerkreis zur Autobahn führte. Und obwohl ihm diese Straßen seit jeher vertraut waren, schien es Franz, als kennten sie ihn nicht, oder nicht mehr, als seien sie empört und zugleich beleidigt über die Tatsache, dass er wegfuhr, ohne sie gefragt zu haben. Wie der Vater, trotz regelmäßiger Aufforderung ab 21 Uhr das Lesen einzustellen und das Licht zu löschen, empört und zugleich beleidigt reagierte, wenn er den Zehnjährigen dabei erwischte, wie er sein Plumeau zum Vorderteil eines Faltbootes aufgeplustert hatte, das Kopfkissen als Rückenlehne benutzte, und luftpaddelnd, eine Taschenlampe im Mund, den Atlantik zu überqueren gedachte. Eingekapselt suchte Fränzeken die Weite. Als sein Vater, gründlich wie er in vielen Dingen war, die Bettdecke anhob, Karl Mays „Im Land der Skipetaren“, Bahlsen-Kekse als Proviant für die Überquerung des Atlantiks sowie die Taschenlampe konfiszierte, für die Zukunft härtere Maßnahmen androhte, dabei die Tür vernehmlich schloss, war außer Dunkelheit auch Einsamkeit in Fränzeken. Ab diesem Zeitpunkt begann er verstärkt im Kopf zu reisen. Seinem Vater, dem das ständige Lesen des Sohnes ein Dorn im Auge war, entwickelte außer den nächtlichen Kontrollen noch perfidere Methoden, um diese seiner Meinung nach sinn- und nutzlose Leserei einzuschränken. Zum Beispiel während dieser verhassten Sonntagsspaziergänge mit Vater, Mutter und deren mannloser Schwester. Fränzeken, schon der Schwelle zum Franz, suchte diesen Ausflügen dadurch einen Sinn abzugewinnen, dass er im Auto und bei den Spaziergängen in einem Reclam-Heftchen las. Denkwürdig ein Spaziergang an einem Sonntag, als sich der Vater in einer Strafstoßentfernung vor den Sohn hinhockte und der beim Satz „Soll ich vielleicht in tausend Büchern lesen, dass überall die Menschen sich gequält, dass hie und da ein Glücklicher …“ über seinen Vater fiel. Der lachte laut auf, jedoch, wie sich Franz aus ferner Erinnerung heute noch glaubend machte, auch ein wenig verschämt. Die besorgte Äußerung der Mutter, ob er sich verletzt habe, überhörte der Junge, weil ihm das Blut in den Ohren rauschte und er feststellen musste, dass das Reclam-Heft Schaden genommen hatte. Den Ratsch am Knie, als Dreizehnjähriger trug er damals noch kurze Hosen, erduldete er mit wütender Würde. Die aufkommenden Tränen weinte er nach innen. Seitdem war Franz ein Nach-Innen-Weiner. Jetzt, kaum weg von Zuhause, fühlte er sich fern. Fern wie auf diesen Sonntagsspaziergängen. Diesmal jedoch von einem unbekannten Magneten angezogen, aus dessen Kraftfeld es kein Entrinnen geben sollte.

Über den Wolken

wähnte sich Franz für Momente leicht und luzid. Er spürte eine Art Entrücktheit, die sicherlich auch dem Champagner geschuldet war, den die Armenierin noch während der Anfahrt zum Flughafen mit großem Getöse geöffnet und der unter Gelächter und Prosit-Gelärm auf den gemeinsamen Urlaub etwas zu hastig getrunken wurde.

Über den Alkohol hinaus waren es aber auch die gutaussehenden Stewardessen der Aegean Airlines, die Franzens Wohlbefinden steigerten. Sein Nullkommasechs-Promille-Weichzeichner verlieh den ohnehin schönen Frauen einen zusätzlichen champagnerhaften Schmelz. „Der Appetit unserer Augen nach Schönheit ist ja im Grunde das Verlangen nach Trost“, ein Satz aus Bodo Kirchhoffs Roman „Wo das Meer beginnt“, war Franz unvergessen geblieben. Und Trost war ihm ein willkommener Gast, nachdem ihn seine Frau nach drei Jahrzehnten verlassen hatte. In seinem Buch schrieb er: „Dreißig Jahre hatte ich diese Frau auf meine Art und Weise geliebt, aber kurz bevor es in das einunddreißigste ging, stellte sie fest, dass meine Art und Weise ihr nicht mehr genügte und eines Tages, mir nichts dir nichts, verschwand sie aus meinem Leben.“

Schon beim Betreten des Flugzeuges war Franz die Purserette aufgefallen. Ihr guttural hin gehauchtes „Kalimera“ im unteren Hertz-Bereich begleitete ihn bis zu seinem Sitzplatz, durchrieselte seinen Körper wie Sand eine Eieruhr. Als er Platz nahm, zog ihr dunkelblaues Kleid seine Aufmerksamkeit auf sich. Auffallend der fast zwei Zentimeter breite, vertikale, gold-rote Streifen, der auf dem Träger der linken Schulter ansetzte und am Saum, knapp eine Bauarbeiterhandbreite über ihrem Knie endete. Vom Saum ausgerechnet, fünf gespreizte Finger darüber, fielen Franz drei Querfalten auf, fast beiläufig an jener Stelle, die man im Großen und Ganzen als Schoß bezeichnet. Eher zu ahnen, denn sichtbar, die ebenmäßig hervorstehenden Schlüsselbeine, die sich unter dem lose um den Hals geschlungenen Tuch mit den schwarz-weiß-roten Streifen und dem Emblem der Fluglinie (zwei stilisierten Möwenschwingen, perspektivisch angeordnet vor einem runden Kreis), abzeichneten. Franz, der vor drei Stunden noch reiseunwillig in der Stichstraße mit Wendehammer auf seinem Koffer saß, sah sich jetzt hohen Wangenknochen gegenüber, die an poliertes Wurzelholz erinnerten. Er konnte sich von den mandelförmigen, ägyptisch anmutenden Augen nicht losreißen, die, durch Schminke zum Schläfenbereich hin vergrößert, cinemaskopische Breite suggerierten, und hätte vor Freude in die Luft springen mögen. Es blieb jedoch bei einem Nießen und vorsorglich schloss er die Düse mit der Frischluftzufuhr. Als er die Purserette erneut betrachtete, fiel ihm ein wehmütiger Schleier hinter ihren Augen auf, dessen Ursache er in einem möglichen Trauerfall mutmaßte. Jedoch zog er den Gedanken vor, dass ihr Kummer eventuell auch mit ihrem rasant in den Bankrott taumelnden Heimatland zusammenhängen könnte, dem Land, das einst als Wiege der europäischen Kultur galt, in das man in wenigen Augenblicken starte, was sie mit kehliger Stimme über die Bordlautsprecher mitteilte. Vielleicht entsprach diese Traurigkeit aber auch ihrem Naturell, dachte Franz. Was immer diesen wehmütigen Schleier in ihre Augen gezaubert haben mochte, er überzog ihr Gesicht wie ein später Morgentau, machte sie zur Herrscherin des Kabinenpersonals. Da Werner um die klaustrophobischen Anwandlungen seines Freundes wusste, hatte er ihm einen Platz am Gang reserviert. Der optischen wie auch der akustischen Aufforderung sich anzuschnallen, kam Franz erst nach, als Werner ihn mit einem freundschaftlich gemeinten Ellbogencheck darauf hinwies und damit aus dessen Pursetten-Wach-Traum riss. Und Franz schrieb in sein Tagebuch: „War es der Ärger über Werners Ellbogen oder meine kurzfristige Verwirrtheit, die die Purserette in mir ausgelöst hatte? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls gelang es mir nicht, den Anschnallgurt zu schließen. Einmal war er zu kurz, einmal zu lang, dann wieder verdreht … das machte mich nervös und ich begann vor mich hin zu fluchen, was wiederum Werner nervös machte, sodass er sich genötigt fühlte, mir behilflich zu sein. „Zu blöd sich anzuschnallen!“ moserte er, woraufhin ich grob zurückkeilte und somit die Aufmerksamkeit der um mich herum Sitzenden auf mich zog, aber auch, bewusst oder unbewusst, dass erinnere ich nicht mehr, die der Purserette, saß ich doch nur einen Drei-Reihen-Blick von ihr entfernt. Sie schien meinen Unmut bemerkt zu haben, kam auch sofort, aber ohne Eile, lächelte, wie mir schien ein leicht maliziöses Lächeln, als seien ihr diese Anschnallkapriolen älterer Herren täglich Brot. Während sie, knapp auf Tuchfühlung mit mir, den verstellbaren Teil des Gurtes ergriff und ihn verlängerte, sah ich, dass nicht nur ihre Finger langgliedrig waren. Mit meinem Kopf in Sichthöhe ihres Schoßes fielen mir wieder die drei Falten auf. Eine Dreifaltigkeit, wenn auch keine heilige, und als ich mir vorstellte, was sich dahinter verbarg, musste ich meinen Bauch einziehen, weil sie gerade das längere in das kürzere Teil des Gurtes einschnappen ließ. Während sie sich aufrichtete, streifte ich versehentlich ihren Oberschenkel.“ (Dazu sei angemerkt, dass Franz es liebte, Absichten im See des Versehentlichen untergehen zu lassen). Efcharisto (Danke) stotterte er, wollte aber eigentlich Signomi (Entschuldigung) sagen, sich für die versehentliche Berührung entschuldigen, erntete aber nur einen irritierten Blick. „Als ich mit dem festen Fleisch ihres Oberschenkels kurz in Berührung kam,“ notierte Franz am Abend in sein Tagebuch, „löste dieser unbeabsichtigte Körperkontakt einen elektrischen Impuls in mir aus, so wie ich ihn aus meiner Kindheit kannte, wenn ich die zwei verschieden langen Kontaktzungen der 4.5 Volt Flachbatterie an meine Zunge hielt, einfach so, oder um zu überprüfen, ob sie noch genügend Spannung hatten. Ich verspürte dann ein Prickeln ähnlich dem eines Knister-Knall-Brause-Bonbons, wenn es mit der Zunge in Berührung kommt, von dort in den Magen fährt und dort nicht Halt macht. Nein, sie hatte im Gegensatz zu mir keinen Knister-Knall-Brause-Bonbon-Effekt verspürt und stöckelte ungerührt zu ihrem angestammten Platz, klappte ein noch offenstehendes Bordgepäckfach zu, wie mir schien etwas zu heftig, und hinterließ eine Wolke aus Mandelöl, Veilchen und Anklängen von Bergamotte. Ich ertappte mich dabei, wie ich der Purserette einen ganz und gar nicht klammheimlichen Blick hinterherwarf, eher einen lüsternen, einen in fremdem Terrain wildernden, und an der Reaktion des neben mir sitzenden Werner stellte ich fest, dass ich nicht nur mich selbst ertappt hatte.“

Werner war nicht ohne Bewunderung für Franzens Fähigkeiten im Umgang mit Frauen. Er beneide ihn um „diesen feinen Draht“, wie er einmal sagte. Für ihn selbst waren Frauen, zumindest die der Freunde, ein notwendiges Übel. Er hätte gut auf sie verzichten können. Sie interessierten ihn nicht. Die Männer dieser Frauen waren ihm wichtiger. Werners Sohn bezeichnete das Verhältnis seines Vaters zu Frauen einmal Franz gegenüber als etwas gestört. Sekunden später stellte er fest, dass er auf das „etwas“ auch hätte verzichten können. Franz war der Meinung, dass sein Freund Frauen entweder nur bewundern und zu ihnen aufschauen oder sie verachten und auf sie herabschauen konnte. Eine von Werners Ex-Freundinnen äußerte Franz gegenüber einmal, dass für Werner in Wirklichkeit nur zwei Frauen existieren: seine Mutter und seine Tochter. Und in diese Konkurrenz wolle sie sich nicht begeben, hatte sie noch hinzugefügt. Das klang erkenntnisbitter. Seitdem Werner mit Natia, der Armenierin, zusammen ist, hat sich sein Blickwinkel auf Frauen verändert, wenn auch nur geringfügig. Die in der Vor-Natia-Zeit stark männlich fokussierten Äußerungen über das weibliche Geschlecht, hatten Franz immer wieder zusammenzucken lassen. Obwohl er Werners zum Teil verachtende Haltung gegenüber Frauen nie zu seiner eigenen gemacht hatte, fand er mittlerweile, nach dem ein oder anderen Glas Wein, Gefallen daran, auch mal „die blöden Weiber“, zu sagen, statt „Frauen sind anders“, was ja eh jeder weiß. Franz hatte mit der Zeit immer öfter das Bedürfnis aus seinem ihm nachgesagten Frauenversteher-Dasein auszubrechen und sich eine Männerstammtischeinschätzung über das weibliche Geschlecht zuzulegen. Schlampen, Votzen, Weiber oder dergleichen. Das war neu, und deshalb wollte er sich weder seine Blicke auf die Purserette, noch die lüsternen Vorstellungen die damit verbunden waren, verkneifen. Schließlich – ließ er Werner wissen – könne er ja nichts dafür, wenn seine Augen hinter seinem Rücken Heimlichkeiten begingen und überdies seien schöne Frauen dazu da, dass man sie anschaut!

Dieser Meinung war auch der Vater von Franzens zweitem Schwiegervater. Durch einen Satz und eine Begebenheit auf dem Sterbebett, ist der kleine Steuerberater aus Königsberg für Sohn, Enkel und Urenkel unsterblich geworden. 1933, bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten, sagte er zu seinem damals elfjährigen Sohn, „Königsberg werden wir wohl räumen müssen!“ und zog wenige Monate später mit Sack und Pack in den Westen Deutschlands, in die Nähe seines Bruders, der am Niederrhein eine Ziegelei betrieb. Auf dem Sterbebett schließlich – so wird erzählt – lebte er auf, wenn Krankenschwestern das Zimmer betraten und er mit ihnen schäkern konnte. Kurz bevor er sein Leben aushauchte, soll er den Sohn beiseite gescheucht haben, weil der ihm den Blick auf einen ‚weißen Engel‘ verstellte, der gerade im Begriff war sich zu bücken, um eine Mullbinde aufzuheben. „Zerstör mir meine Aussicht nicht!“ erinnerte sich der Sohn der vorletzten Worte seines Vaters. Dessen letzte, „Ach, Frauen!“ Ein Singular stand dem kleinen Steuerberater diesbezüglich wohl nie zur Verfügung, wobei das „Ach“ einen nicht zu erwartenden romantischen Schmelz verströmte, ein sozusagen zwischen erlittenem Schmerz und erstrittener Lust lang ausgehauchtes „Aaach“, ein letzter Atemzug, wie der Sohn später erzählte. Franz hat sich vorgenommen, dass dies auch seine beiden letzten Worte sein sollen. Der Bordlautsprecher knackte. Die Stimme der Purserette wies die Passagiere daraufhin sich anzuschnallen, da man die Reiseflughöhe verlassen habe, und sich im Landeanflug auf Kalamata befände.

Asteria & Ilios

Asteria, eine der Töchter des Giganten Alkyoneos, stürzte sich, als sie vom Tod ihres Vaters erfuhr, ins Meer. Franz war ziemlich sicher, dass das nur hier gewesen sein konnte. Hier in der Wohnanlage Asteria & Ilios, bestehend aus zwei Häusern mit sieben Wohnungen und einem spektakulären Zugang zum Meer. Über mehrere Felsterrassen, etwa zwanzig Höhenmeter über dem Meeresspiegel, ging‘s runter zum Wasser. Da gab es einige Stellen, von wo es sich hätte gut springen lassen. Asteria hieß das einstöckige Haus aus Marmor und Stein, das sich, nach traditioneller Architektur der Mani erbaut, mit seinen erdfarbenen Tönen nahtlos in die Landschaft einfügte. Die drei Deutschen logierten im ersten Stock in Zimmern mit zwei Balkonen und Panoramablick aufs Meer. Das Domizil für die nächsten zehn Tage. Werner hatte immer ein feines Näschen, wenn es darum ging Hotels, Restaurants, Urlaubsplätze zu finden.

Obwohl schon später Nachmittag, war es heiß und vor allen Dingen laut. Das Zirpen von Zikaden kannte Franz nur aus Filmen und aus kleinen, mit irgendwelchen Blumen verzierten Schachteln. Beim Öffnen einer solchen Schachtel fiel der Blick auf ein goldglänzendes, wackelndes Käfertier, das einen exotischen Ton von sich gab, der nur deshalb erträglich war, weil man ihn durch das Zuklappen des Deckels wieder abstellen konnte. Aber das, was Franz hier, in Asteria & Ilios, hörte, war schon eine andere Nummer. Man sah die Viecher nicht, vernahm nur ihren infernalischen Lärm, womit auch klar war, dass es sich nicht nur um drei oder vier Exemplare handeln konnte. Das war eine Armee. So viele Deckel zum Zuklappen gäbe es auf der ganzen Welt nicht. „Und däär gaanze Kraach alles nur wäägen Säx!“ So Natia, die Werner beschwor, den Besitzer der Anlage aufzufordern „… mit, mit ... wie heißt, Fraanzchään?“ Ein gedehnter Zischlaut entwich ihren Lippen und mit eingeknickten Knien und Hohlkreuz beschrieben ihre Arme, eine imaginäre Kalaschnikow haltend, einen zickzackenden Halbkreis in Richtung des Baumes, in dem sie die Krachmacher vermutete. „Flammenwerfer“, antwortete Franz. „Gänaau! Mit, mit eine Flammewäärfer soll er Tierchään wegbränne! Puff!“ Werner und Franz schauten sich amüsiert an, aber Natia war not amused – sie meinte es ernst.

In der Einfahrt zum Asteria stand, vom Staub grau, ein Jeep Cherokee mit Wiener Kennzeichen. Asozial geparkt, hingeworfen, wie ein zu schnell vom Leib gerissenes Hemd. Das Fahrzeug strahlte etwas Heimtückisches, Bedrohliches aus, ähnlich dem tarnfarbenen 56er Peterbilt Conventional 281 Tanklast-Truck, aus Spielbergs Film „Duell“, der sich eine tödlich endende Verfolgungsjagd mit einem roten PKW lieferte. Beim Anblick des Wagens überfiel Franz das dunkle Vorgefühl einer sich anbahnenden Katastrophe, dessen Ursprung er sich nicht zu erklären vermochte und das auch durch nichts zu begründen war, aber die Befürchtung, dass es Wirklichkeit und ihm zum Verhängnis werden könnte, schreckte ihn.

Es war am dritten Abend

Werner war noch unter der Dusche, Natia irgendwo in der Wohnung und damit beschäftigt, mit einem Anti-Insektenspray unter Betten, hinter Vorhängen und in allen nur möglichen Ecken und Nischen nach Stäch-Tierchäärn und anderen niederen Lebewesen Ausschau zu halten. Franz saß auf dem Balkon. Langsam versank die Sonne hinter einer Bergsilhouette des Golfes von Messenien. Wahrscheinlich ein Scheißdreck dagegen der vielbesungene Sonnenuntergang bei Capri, obwohl es sich ja im Grunde genommen um ein und denselben Stern handelt, der hier wie dort untergeht – dachte Franz. (Viele Menschen in Franzens Umgebung denken, dass Franz dazu neigt, Wirklichkeiten als eine subjektive Wahrnehmung zu konstruieren, ohne die er nicht unabhängig denken kann.)

Musik erklang. Verdis „La Traviata“. Noch während des Vorspiels zum Trinklied trat ein kleiner, braungebrannter Mann auf den etwa sechs Meter Luftlinie entfernten Balkon der Nachbarwohnung, in der einen Hand ein Tablet, in der anderen ein Weinglas. Laut, und mit lusttrunkenem Timbre stelzte er eine Balkonbreite der untergehenden Sonne entgegen, so, als wandele er auf einem roten Teppich, die letzten Strahlen des Sonnenscheinwerfers für seinen Auftritt nutzend. „Libiamo, libiamo ne‘lieti calici …“. Dann wusste er nicht mehr weiter, stolzierte mit dadaistischen Textfüllseln über den Balkon, verlor dabei das um die Hüften geschlungene Handtuch und lachte, als er Franz gewahr wurde, eine unglaubliche Lache, die dieser bis dato noch nie vernommen hatte. Und Franz hatte viele Lachen gehört, sich gemerkt und als Regisseur von seinen Schauspielern auch eingefordert. Laute, leise, verhaltene, verliebte, verzweifelte, verrückte, wahnsinnige …, aber eine solche Lache war ihm bislang noch nicht untergekommen. Das war kein Lachen nah am Herzen, das war ein Lachen weit weg in einer Wüste. Eine Ödnis, durch die ein wüster Lachsturm fegte. Eine Lache, als wären alle Lachen der Welt in einen großen Topf geworfen worden, und der Teufel persönlich hätte sie zu einer einzigartigen dämonischen Lache destilliert. Eine nahezu mörderische Lache, eine, wie Franz zu hören meinte, grund- und sinnlose Lache, ein nicht enden wollendes Schallgespenst, bei dem Tempelvorhänge zerreißen, Flugzeuge vom Himmel fallen, Schwangere Frühgeburten erleiden und Dreisternrestaurants sich in Dönerbuden verwandeln.

Während es auf dem Nebenbalkon noch lachte, lief in Franzens Kopf ein Film ab, der ihn an eine Lache mit Todesfolge erinnerte. Das war schon Jahrzehnte her und er meinte es längst vergessen zu haben. In den Herbstferien, irgendwann Ende der Fünfziger – Franz wurde noch Fränzeken gerufen – hatte ihn seine katholische Tante aus Oldenburg zu einem Erntedankfest bei einem Großbauern in der Nähe von Jade mitgenommen. Die große Scheune war bis auf einen Leiterwagen leergeräumt und der u-förmige Aufbau von Tischen und Stühlen, an denen Bauern aus der nahen und ferneren Nachbarschaft mit ihren Familienangehörigen, Freunden, Landarbeitern und Mägden saßen, erinnerte den späteren Franz an Filme von Fellini. Der Leiterwagen war mit Garben von Kornähren, violettem Heidekraut, Herbstastern und anderen Blumengebinden geschmückt und auf der mit Stroh zu einer Art Pyramide aufgepolsterten Ladefläche hatte man unzählige rotbäckige Äpfel, grüne, gelbe und rostfarben gesprenkelte Birnen aufgehäufelt, die sich wie Wurfgeschosse für eine Schneeballschlacht im Herbst anboten. Darüber wachend, Regimenter von Blumenkohl- und Wirsingköpfen, daneben riesige Kürbisse, Generälen gleich, aus deren Bäuchen Sellerieknollen als Offiziere aufmarschierten, dazu stramm stehende Pulks von Lauchstangen als Fußvolk; hängende Maiskolben und in ihrem grünen Kraut zu Sträußen gebundene Möhren stachen ihre orangefarbenen Wurzeln wie gespreizte Bajonette in die Luft. Dazu Kartoffeln, Bohnen, frische Zwiebeln zu unordentlichen Bergen aufgehäufelt und, und, und … und das Fränzeken war aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. So viel Obst und Gemüse auf einem Haufen hatte er selbst auf dem heimischen Wochenmarkt noch nicht gesehen! In der Scheune wurde gefuttert und getrunken was die Küche her gab, und zu späterer Stunde lockerten sich die Zungen, wurden dröge Ostfriesen mit einem Mal redselig, ja, man hätte fast meinen können, sie entdeckten zum ersten Mal eine Lust am Sprechen, das über den gewöhnlichen Gebrauch von Worten beim Handel mit Kühen und Weizen hinausging. In der Lautstärke schon beim „Fortissimo Possibile“ angelangt, im Tempo eher im unteren Bereich eines schleppenden „Largo“, stieg irgendwann einer der betrunkenen Gäste auf den Tisch (es war der Totengräber, wie die Tante ihrem kleinen Neffen ins Ohr geflüstert hatte) und erzählte Witze, die das Fränzeken nicht verstand, wurden sie doch im friesischen Platt vorgetragen. Dem Lachen zufolge konnte es sich zudem nur um schmutzige Witze handeln, denn das Lachen der Männer stob, mehr ein- als zweideutig, grob über die Frauen hinweg, die sich verstohlen anschauten, die Augen senkten und als einzige kaum wahrnehmbare Gemeinsamkeit verschworen in sich hinein glucksten. Bei einem der Witze lachte der dem Fränzeken gegenübersitzende Bauer besonders laut. So laut und so außer sich, dass er keine Luft mehr bekam, aufstehen musste, dabei puterrot anlief, blau wurde, krampfhaft zuckte wie ein Huhn, dem man gerade den Kopf abgeschlagen hatte, schließlich röchelnd auf den Tisch fiel und einen gedachten Atemzug später mit dem schweren Oberkörper tot im Essen lag. Am energischen Händedruck der katholischen Tante hatte Fränzeken gemerkt, dass da etwas geschehen war, was nicht für seine Augen bestimmt war. Sie hatte den Jungen vom Tisch weggezogen, wie auch viele andere Kinder vom Tisch hinweg gezogen wurden. Manchen hatten Mütterhände die Augen verdeckt. Wie man später erzählte, hatte der Bauer seine Zunge verschluckt und war daran erstickt. Noch später erzählte man (dabei hinter vorgehaltener Hand den Witz noch einmal zum Besten gebend), der Hinnerk habe sich vor Lachen nicht mehr eingekriegt. Der hat sich einfach totgelacht, noch dazu über den Witz eines Totengräbers.

In der hereinbrechenden griechischen Dämmerung verschwammen die Konturen des Rumpelstilzchens immer mehr und seine Lache verstummte. Unscharf nahm Franz wahr, wie der Nachbar mit seiner Hand propellerartige Bewegungen vor seinem Unterkörper vollführte. Erneut ein infernalischer Lachtrompetenstoß. Natia war auf den Balkon getreten. Hatte der da drüben sie gesehen? „Fraanzchään. Was maachen Maann?“ (Pause). „Dräht seine Schwaanz oder waas?“ Pause. In solchen oder ähnlichen Situationen war sie in ihrer Direktheit unschlagbar. „Muss sein sehr laange Schwaanz.“ Pause. Ja, ja, französische Länge, dachte Franz. Da war doch mal was!? „Das ist schon etwas länger her“, antwortete es süffisant in ihm. „It is väry, väry hot in Greese! There you need väntilation!“ – Trompetenlacher – „Isn’t it so?“ wandte er sich an die hinzugetretene Frau; ebenfalls klein und braungebrannt, in der Dämmerung fast schwarz. Wieder ein Trompetenlacher, dazu weiterhin dieses propellerartige Drehen, diesmal Richtung Frau. Die Dämmerung verwischte deren Abwehrbewegung ins Vage. Eine Bewegung – wie es Franz schien – matten Überdrusses, gespielt empört, so, als sei diese Nummer mit und ohne Publikum schon tausend Mal durchkonjugiert worden, so, als habe sie es satt, immer wieder gespielt empört zu sein. Ein Feinwebschatten unterwürfiger Duldung ging von der Frau aus, den die hereinbrechende Dunkelheit umhüllte, schien die doch um die empfindlichen Laufmaschen in Frauenseelen zu wissen, zu wissen um diese mit Gewalt unterdrückten Schmerzen, die ab und zu aufbrechen, ein immer wieder sichtbarer Riss, manchmal mit Fingernägeln scharf vergrößert. Ein stummer Schrei, den sie nicht teilen wollte, schon gar nicht mit den Fremden auf dem gegenüberliegenden Balkon. Etwas Geheimnisvolles, nicht Ergründbares, etwas Gewaltsames ging von den beiden Menschen aus. Franz verspürte ein ähnlich unbestimmtes Gefühl wie vor drei Tagen beim Anblick des Jeeps mit dem Wiener Kennzeichen.

„Hau do you do?“, kam es vom Nachbarbalkon und riss Franz aus seinen Betrachtungen. „Good“, antwortete er. „Das heißt fine“, flüsterte Natia. „Fine“, sagte Franz. Sicherheitshalber schob er noch ein „formidable“ hinterher, was aber nicht nötig gewesen wäre. Der Mann drüben konnte wahrscheinlich genau so wenig französisch wie Franz. „Will you come over on a drink?“ Da Franz keine Lust auf irgendwelche Urlaubsbekanntschaften hatte, überließ er Natia die Antwort. „We’ll meet a friend in half an hour, but wait a minute, I will ask.” Natia verschwand in der Wohnung und kam mit Werner wieder, der ein lockeres „Hello“ auf den Nachbarbalkon würfelte und in perfektem Englisch die Situation erklärte, woraufhin ein Wörter-Sturzbach zurückkam, der Werner erschauern ließ. „Was spricht der denn für ein Englisch?“ Entweder schien der Nachbar Werners Satz gehört zu haben, oder er schoss den seinen einfach ins Blaue. „Seid’s Deitsche?“ Und ohne die Antwort abzuwarten, schob er ein „Kummt’s rüber!“ hinterher, lachte infernalisch, küsste die Frau irgendwie, irgendwo und verschwand in der Wohnung. Mit einer hingewischten So-isser-halt-Geste, wobei sich ihre Schultern leicht hoben und wieder fielen, stand die Frau auf und folgte dem Mann schweigend.

Zehn Minuten später wurden die drei Urlauber aus Deutschland am Fuße der Steintreppe zur Nachbarterrasse vom vernehmlichen Bellen eines größeren Hundes gestoppt. Wie Franz sah, handelte es sich um ein ausnehmend schönes Exemplar eines Weimaraner Jagdhundes, mit rehgraubraunem Fell und, eher ungewöhnlich für diese Rasse, graublauen Augen. „Aus!“, bellte der Hundebesitzer, „Franz! Kummst sofort her!“ Franz war irritiert, und der Hund gehorchte. „Vor dem müsst keine Angst hab’n, der tut nix, will nur spül‘n!“ Standardsatz eines jeden Hundebesitzers, wie man hört, auch in Wien, dachte Franz, denn der Dialekt ließ keinen Zweifel an der Herkunft des Herrchens aufkommen. Herrchen hatte sich Shorts angezogen, darüber ein weites Hawaii-Hemd und grinste, als er Franzens verstohlenen Blick auf seinen Unterleib wahrnahm. „Naa, naa keine französische Länge, nur ein Stück Gartenschlauch!“ Er lachte eine Koloratur, drehte sich tanzend auf einem Bein und vollzog dabei erneut besagte Bewegung, jetzt im Duktus: Reingefallen. Ätsch! – Franz schaute auf den Mann, der ihm im Laternenlicht der Terrasse wie ein Privatdetektiv aus einem amerikanischen B-Movie vorkam. Mittelgroß, eher klein zu nennen, kleiner noch als er ihn auf dem Balkon wahrgenommen hatte. Schildkrötig der Kopf, eine fliehende Stirn, fettige, zurückgekämmte Haare kringelten sich auf dem Hemdkragen, dunkle, weit aufgerissene, koksig glühende Augen, in der überbissigen oberen Zahnreihe mittig eine Lücke, sardonisches Grinsen und immer wieder das krachend kranke Lachen. Die ganze Person strahlt etwas Wahnwitziges, Zügelloses aus. „Ein übersteigertes, fieberhaftes ICH reckt sich in einsamem Größenwahn der Welt entgegen.“, dachte und schrieb Franz in sein Tagebuch.

Im Nu waren Gläser geholt und gefüllt. „Kummt, setzt euch! – I bin der Kosta!“ Die Frau trat auf die Terrasse. „Und das ist meine Katharina!“ Im Folgenden bezeichnete er sie überwiegend als Frau Doktor, als seine Lebensgefährtin und rechte Hand in der Firma, eine studierte Hand, summa cum laude, wie er feixend betonte, kommt es doch im Gebrauchtwagenhandel, wie er leichthin bemerkte, immer wieder mal zu Unstimmigkeiten mit der Kundschaft, dabei bewegte er orakelnd seine Handflächen, und da ist eine Frau Doktor nicht mit Gold aufzuwiegen. „Stimmt’s Schatzi?“ Er gab ihr einen überfallartigen Kuss, lachte derb und prostete den Deutschen zu. „Und wer seid‘s ihr?“ Werner räusperte sich. „Jaaa, das ist mein Onkel Franz und das meine … Nichte Natia.“ Eine kakophonische Lachsalve, vermischt mit jeder Menge Speicheltröpfchen, spritzte aus dem Mund des Gebrauchtwagenhändlers. Der Namensvetter Franzens bellte. Das Herrchen bellte zurück. Der Hund verstummte. Franz betrachtete die Frau. Sie schaute ihn an. Wie Franz meinte, mit Wohlwollen. Aber vielleicht bildete sich das der alte Mann in ihm auch nur ein. Sie lächelte. Spöttisch, wie ihm schien. Ein Lächeln wie ein nachträglich eingefügtes, verlustig gegangenes Wort in einem Liebesbrief. Notwendige Ergänzung. Der Klarheit wegen. Bei Lichte besehen passte die Frau Doktor nicht in sein Beuteschema. Aber es war ja so gut wie dunkel. Alles an ihr war braun. Arme, Beine, der ganze Körper. Olivbraun mit Grünstich. Ein unwirkliches Braun, ein Braun, so einzigartig wie das Blau des Yves Klein, ein Braun, als hätte ein Maler es aufgesprüht und mit einem geheimnisvollen Öl lasiert; ein Braun, das sich mit der hereinbrechenden Dunkelheit verband und in wenigen Minuten zum Komplizen der Nacht werden würde. Die obere Reihe ihrer Zähne wie etwas nachträglich Eingezogenes. Fest aneinandergereiht, neu, eine helle, waagrechte Linie vor nächtlichem Hintergrund. Obwohl die Nachbarin ein weißes, weites Kleid mit großen gauguin‘schen Blumenmotiven trug, worunter Franz schwere Brüste vermutete, ging ein Hauch Männlichkeit von ihr aus. Vornehmlich der Kopf, mit den kurzen, schwarzen, nach hinten gegelten Haaren. Augen wie schwarze Laternen. Darüber Brauen, ungebärdig, aber mit Verve; sanft die kleine Nase, der kleine Mund, die Gesichtshälfte unter den hohen Wangenknochen etwas schwer. Sie hatte etwas Unbestimmtes und Unbestimmbares in ihrem Ausdruck, etwas, das sich Franz beim ersten Anblick nicht erschloss, ihn aber faszinierte. „Eine Nachttaube, im Schatten ihres Mannes“, schrieb er am Abend in sein Tagebuch.

Krachend fuhr die Hand des Gebrauchtwagenhändlers auf Franzens Schulter, riss ihn aus seiner Frauenbetrachtung. „Du bist also der Onkel!“ dröhnte es, und er boxte ihn mit generöser Jovialität auf den Oberarm, wobei ihm der Schweiß von der Stirn spritzte. „Mal den Neffen und die Nichte nach Griechenland einladen – hä!?“ Erneuter, vertraulicher Schlag. Mit meckernder Lache an Werner und Natia gewandt: „Mal auf Kosten des Onkels so richtig die, die … Sau …“ Seine Faust stieß in die Luft wie die von Boris Becker beim Matchball. Grandioses, gönnerhaftes Lachen. „Und die Spendierhosen sind so schwer, dass der Onkel sogar Hosenträger braucht!“ Infernalisches Lachen. Er schlug sich auf die Schenkel, dann Franz auf die Schulter und zog ihn an sich heran. Aus Zentimeternähe schoss eine veritable Alkoholfahne in Franzens Nase. Das nennt man in die Aura scheißen, dachte Franz. Er war fasziniert und angewidert zugleich. Aber die Faszination für diesen Verrückten überwog. Die Unvernünftigen sterben aus und die Verrückten mit ihnen, dachte und bedauerte er. In Natias Gesicht machte sich angeekeltes Staunen breit. Sie war verstummt. Werner schaute auf die Uhr und mahnte zum Aufbruch, schließlich sei man mit Toni bei Lambros verabredet. Der Wiener Gebrauchtwagenhändler strahlte umtriebige Unzufriedenheit aus. Werner sog den Atem tief ein, was er immer tat, wenn er eine Entscheidung zu treffen hatte – also eher selten –, warf einen kurzen, sich versichernden Blick auf Franz und Natia und schlug den Nachbarn vor, mitzukommen. Der Hund bellte, Herrchen und Frauchen waren’s einverstanden, Natia verdrehte die Augen und Franz, der frisch gebackene Onkel, schwieg, nicht ohne einen kleinen Hintergedanken. Obwohl Franz so gar nichts Onkelhaftes ausstrahlte, klebte seit diesem Abend der „Onkel“ an ihm, wie ein Kaugummi an einem Schuh.

Bei Lambros

Richtung Asteria & Ilios liegt linksseitig am Ausgang von Agios Dimitrios das Xenios, das Restaurant von Lambros. Rechts, durch die Straße getrennt, eine aus Holz gezimmerte Terrasse, zwei Steinwürfe weiter der Meeressaum, dazwischen Fels, Unkraut, Bauschutt – ein Kackgelände für Hunde, streunende Katzen und fliegende Fische, wenn es letztere dort gäbe.

Man war mit Toni bei Lambros verabredet, der unweit des Hafens von Agios Dimitrios ein kleines Restaurant betrieb. Toni ist ein 72jähriger deutscher Arzt, mittelgroß, schlank, braungebrannt, asketisch in der Erscheinung, vom Alter unwesentlich gebeugt. Seit fast 40 Jahren lebt er auf der Mani. Außer seiner Tätigkeit als Arzt für die dortige Bevölkerung (umsonst!) und Psychotherapeut für in Griechenland gestrandete Deutsche (nicht umsonst!) handelt er in größerem Stil mit Olivenöl, Feta und anderen Produkten der Mani, die er in Deutschland an die gehobene Gastronomie verkauft. Er lebt in einem selbstgebauten Haus in den Bergen, ungefähr 800 Meter über Agios Dimitrios, dort, wo die Vegetation noch üppig ist und die Temperaturen drei bis vier Grad niedriger. Toni kennt Hinz und Kunz, jeden Baum, jeden Strauch, auch jede Kurve auf der serpentinenreichen Strecke, die nach Pigi, seinem Wohnort, und von dort weiter in Richtung Areopoli führt. Und alle kennen Toni. Der Hinz, der Kunz, jeder Baum, jeder Strauch und auch die Serpentinen kennen ihn, wenn der 72jährige im grauen Muscle-Shirt, zerrissenen Jeans und ohne Helm mit seinem Motorrad in die Kurven geht, mit einem Tempo, das seinem Alter nicht unbedingt angemessen ist, noch dazu mit dem ein oder anderen Glas griechischen Weines im Blut.

Toni freute sich, Werner, Natia und Franz zu sehen, war aber irritiert als ihn der Wiener Gebrauchtwagenhändler mit einem Als-kenne-man-sich-seit-Jahren-Wortschwall überfiel, der in der flapsigen Frage gipfelte, ob er, Toni, der Urgroßvater der drei Deitschen sei, und ihm, dem dreißig Jahre älteren zu dessen grenzenloser Verblüffung einen anbiedernden Schlag gegen den Oberarm verpasste, in die kurz auftretende Stille einen trompetenhaften Lachstoß setzte, der diese Taktlosigkeit ungeschehen machen sollte und übergangslos „… Schaatzi, sei so gut, Du neben den Onkel …“ die Sitzordnung bestimmte. „… Der Urgroßvater, Nebbich, neben Frau Doktor …“, er fegte sich den Schweiß von der Stirn, atmete kurz durch, „… und die Nichte neben den Neffen und der Neffe neben mich.“ Und alle gehorchten dem Wiener Gebrauchtwagenhändler, setzten sich auf ihre zugewiesenen Plätze. Aus seinen Augenwinkeln sah Franz die mahlenden Kiefer eines sichtlich verärgerten Toni, der an der verbalen Entgleisung des Wieners zu kauen hatte und außerdem, sitztechnisch, ins Abseits manövriert worden war. Mit Natia, ihm gegenüber, hatte er sich nach einem Frühstück vor drei Tagen, bei dem er sie auf ihre exzentrische Reaktion hinsichtlich umherschwirrender Insekten (eine Fliege war in das Milchkännchen gestürzt) als neurotisch und behandlungsbedürftig bezeichnet hatte, nicht viel zu erzählen; mit Franz, just auch noch zum „Onkel“ avanciert, war ein Gespräch eher unwahrscheinlich, saß doch zwischen ihm und dem „Onkel“ die bislang eher schweigsame Lebensgefährtin des Gebrauchtwagenhändlers und mit dem war nach dem „Urgroßvater“ das Ding gelaufen und nicht zuletzt musste Toni relativ schnell erkennen, dass er, der sonst im Allgemeinen das Wort führte, in dem Wortakrobaten aus Wien seinen Meister gefunden hatte. Am nächsten Tag schwor Toni, dass er mit diesem Psychopathen nie mehr an einem Tisch sitzen werde.

Heimlichen Auges schaute Franz auf seine Nachbarin. Der ohnehin dürftige Wortwechsel zwischen ihr und Toni war beim Servieren des Essens endgültig zum Erliegen gekommen, und Franzens Versuche witzig zu sein, sie zwischenzeitlich aus der Reserve zu locken, scheiterten kläglich, hatte er doch immer das Gefühl, als lache sie ihn hinter ihren Augen aus. Vielleicht verliert man im Umgang mit dem anderen Geschlecht die Leichtigkeit, wenn man schlechterdings den Umgang mit dem anderen Geschlecht verliert – dachte Franz – und dachte weiter, dass er seit zweieinhalb Jahren keinen Umgang mit dem anderen Geschlecht gehabt hatte und dass er älter geworden war, aber diese junge Frau neben ihm … Er dachte einen frivolen Gedanken, der ihn schmunzeln ließ. Die Vorstellung war ihm appetitanregend. „Warum lächeln Sie so vor sich hin?“, fragte sie ihn, und in Ermangelung einer Antwort stellte er die Gegenfrage „So vor mich hin?“ – „Ja. Sie lächelten eben vor sich hin. Warum?“ Als habe er auf ihre Frage eine bedeutsame Antwort, tat er so, als handele es sich um einen höchst komplizierten und komplexen Gedanken, sog dramatisch Luft in seine Lungen, sozusagen als Auftakt für etwas ganz und gar Ungewöhnliches und antwortete kurz und bündig „Ich weiß es, sag es Ihnen aber nicht!“ Sie lachte herzlich auf, zuckte schnippisch mit den Schultern, sagte „Na dann!“ und Franz bemühte sich eiligst hinzuzufügen „Vielleicht erzähle ich es Ihnen später einmal.“ Sie sah ihn an, schob wie nebenbei eine Peperoni in ihren Mund, biss die Hälfte davon ab – es spritzten ein paar Tropfen –, ließ das übrig geblieben Teil zwischen Daumen und Zeigefinger am kleinen Blütenstängel rotieren – wie Franz schien, gedankenverloren –, dabei den rechten kleinen Finger abspreizend. Von der funzeligen Lichterkette ins rechte Licht gerückt, bildete diese hellgrüne Schote in der tiefbraunen Hand mit dem Diamantensplitter besetzten Fingerring ein aufeinander abgestimmtes, fast erotisch zu nennendes Ensemble, das Franz faszinierte. Als der Rest der Peperoni in ihrem Mund verschwand, konnte Franz sich eines schaurig-schönen Gedankens nicht erwehren, vermutete sogar, dass sie ihn mit ihm teilte, seinen Gedanken aus ihm herausgelesen haben könnte (alle Frauen sind Gedankenleserinnen) und bei diesem Gedanken kam ihm der Gedanke, dass sie durch die ganz spezielle Art und Weise, wie sie die Speisen zu sich nahm, seinen Gedanken Vorschub leistete, ihnen Nahrung gab, ja, diese Gedanken bewusst in ihm provozierte. „In solchen Momenten denken Männer meist das Falsche!“, ließ sich Franzens innere Stimme vernehmen, die er aber nicht beachtete. Mit Blick auf seine Nachbarin dachte er ‚Dieses Luder‘, wendete seinen Blick von ihr ab und schaute zu Natia hinüber, die teilnahmslos am Tisch saß und auf ihren griechischen Bauernsalat starrte, in dem sie ab und zu lustlos herumstocherte. Ja, Veganer haben es schwer, dachte Franz mitleidslos, spießte ein Stück Kaninchen auf seine Gabel und winkte ihr damit zu. Sie schnitt eine Grimasse und fuhr den Stinkefinger aus.

Derweil erzählte der Gebrauchtwagenhändler Geschichten aus seinem Gebrauchtwagenhändlerleben. Von seiner damischen Klientel, die ihn immer wieder versuche aufs Kreuz zu legen, woraufhin Franz einwarf, dass er, der Gebrauchtwagenhändler, sicherlich viel von seiner Kundschaft gelernt habe, worauf sein Gegenüber aber nicht einging und von einem Autoankauf erzählte, bei dem er über den Tisch gezogen worden war, was selten vorkommen und ihn deshalb maßlos geärgert habe, aber Tage später, beim Austausch des Fensterhebers, habe er unter der Verkleidung ein Tütchen mit weißem Pulver gefunden, es an sich genommen und direkt gewusst, um was es sich dabei handelte. Er habe es probiert und festgestellt, dass es gut kam. „Stimmt‘s Frau Doktor?“, versicherte er sich noch bei seiner Lebensgefährtin, die nur nickte, und als er die Fundsache auf die Briefwaage gelegte habe, erzählte er weiter, habe diese sechzig Gramm angezeigt, was damals einem Marktwert von ungefähr 6000 Euro entsprochen habe. Er rieb sich die Hände und trank sein Glas aus. „Prost!“ Auf Werners Frage, ob er in der Sache die Polizei eingeschaltet habe, wieherte er ein „Bist deppert?“, goss dem Fragenden Wein nach und wollte, da er sich nun einmal erhoben hatte, seine Lebensgefährtin über den Tisch hinweg küssen, stieß dabei ein Glas um, nicht ohne ihr eine Mitschuld an dem Missgeschick zu geben. „Was musst‘ auch neben dem Onkel sitzen! Das ist doch Werners Onkel!“ Und als er unvermittelt damit begann, Auspuffgeräusche verschiedener Autotypen zu imitieren, provozierte er Lachsalven, denen auch Franz sich nicht entziehen konnte und die, ob des mittlerweile reichlich genossenen Alkohols, eine Rekordlautstärke erreichten. Nur Toni blieb stumm und Franz wunderte sich, dass der nicht schon längst gegangen war. Natia lachte im Keller – wie man manchmal sagt – und Franzens Nachbarin zeigte ihre schneeweißen Zähne, die er, ebenfalls angetrunken, gern mit seinen Fingerspitzen berührt hätte. Ein grandioser Schauspieler, dieser Wiener Gebrauchtwagenhändler, dachte Franz. Wieder exorbitantes Lachen. Franz hatte nicht mitbekommen, um was es ging, aber das schien inzwischen völlig egal zu sein. Man lachte einfach drauflos, ohne Sinn und Verstand, aber wozu benötigt man beim Lachen Sinn und Verstand, dachte Franz. Werner hatte auch eine Lache, die durchaus gewöhnungsbedürftig war. Nach „Gutsherrenart“, wie Franz sie bezeichnete. Auf Franzens heimischen Balkon hatte sie schon dazu geführt, dass ein Nachbar diese Lache imitiert hatte, was jedoch nicht gelungen war, er damit jedoch, in der vergeblichen Hoffnung diese Lärmquelle auszuschalten, wie er dachte, in witziger Form sein Missfallen kundgetan zu haben meinte.

Schon nach kurzer Zeit stellte Franz fest, dass sich da zwei Lachen gefunden hatten. Eine Lachverwandtschaft. Und es lärmte in die griechische Nacht, als gäbe es kein Heute und kein Morgen. Und wenn alle Leuchtfeuer an der Küste des Peloponnes auf einen Schlag erloschen wären, so hätten navigationsunfähige Schiffsbesatzungen mit Gewissheit per Gehör, nur dem schallschwangeren Wind und den Lachböen folgend, den sicheren Hafen gefunden. Selbst Odysseus wäre nicht zehn Jahre auf dem Meer herumgeirrt, wenn ihm damals diese Lachkakophonie zu Ohren gekommen wäre. Franz fiel auf, dass seine Nachbarin kaum zu Wort kam, obwohl sie immer wieder versuchte, sich in den Dialog der beiden Männer einzuschalten. Jedes Mal grätschte ihr Partner dazwischen und sicherte sich die Pointe und den Lacher. Es war wie im Märchen „Der Hase und der Igel“. Er war schon da, und sie hatte das Nachsehen. Sätze schoben sich ineinander, übereinander, wie Wolken am Sommerhimmel. Man sah ihr an, dass sie kein Mittel besaß, diesem gewaltigen Wort-Tornado ihres Lebensgefährten etwas entgegenzusetzen. Aber vielleicht wollte sie auch nicht. Und wenn es ihr einmal gelang, in eine Gesprächslücke hineinzustoßen, sprach sie leise, undeutlich, ohne Selbstbewusstsein. „Das war nichts Halbes und nichts Ganzes“, schrieb Franz später und fuhr fort, „Vielleicht aber hat die Frau Doktor auch nicht mehr als ein Halbes zum Sagen, wobei es passieren kann, dass das vorhandene Halbe irgendwann keine Lust mehr hat, sich Gehör zu verschaffen, sich im Mund versteckt oder gar im Hals stecken bleibt, im schlimmsten Fall unausgesprochen runtergeschluckt wird, dann ist das Halbe, einszweidrei hastenichgesehen auf Nimmerwiedersehen verschwunden, vom Ganzen ganz zu schweigen. So verstummen manche Frauen schneller, als sie denken können.“

Frau Doktor – bekennende Kettenraucherin, wie sie Franz stolz wissen ließ – war durch den genossenen Alkohol lockerer geworden, klappte den Deckel der Schachtel mit den Karelias auf, entnahm eine Tschick und bot ihm ebenfalls eine an. Franz lehnte ab. Indessen krakeelte ihr Lebensgefährte mit Lambros, dem Wirt. Der war mindestens so klein wie sein Gegenüber und nicht minder echauffiert, jedoch etwas vornehmer, gezügelter, wie es notgedrungen einem Wirt in einem Land ansteht, das kurz vor der Pleite steht und auf jeden Touristen angewiesen ist. Worum es zwischen den beiden ging, konnte am Tisch nur Toni verstehen, stritten die beiden doch auf Griechisch. Wohl wissend, was ihr Nachbar gerade dachte (Gedankenleserin!), erklärte sie ihm, dass ihr Lebensgefährte (sie sagte „Lebensgefährte“ – nicht Mann) in Kalamata geboren und seine Mutter Griechin sei. Wie Toni am nächsten Tag nicht ohne eine gewisse, ihm aber nicht zustehende Häme Werner gegenüber bemerkte, spräche der Wiener mit den griechischen Wurzeln ein entsetzliches griechisch. Franz konnte das nicht beurteilen, aber von seinem Gefühl her war er sicher, dass Toni danebenlag. Er hatte wahrscheinlich den „Urgroßvater“ noch nicht verschmerzt.

Als Franz am nächsten Morgen beim Frühstück Lambros näher in Augenschein nahm, erschien ihm dieser noch kleiner und trauriger als am Abend zuvor. Im Licht der griechischen Morgensonne wirkte er geradezu trostlos. Ein Trauerkloß, jedoch mit edlem Profil. Er hätte statt Wirt auch Dirigent sein können. Ein trauriger, kleiner Karajan mit Kortner-Nase. Es schien Franz, als umspiele eine ewige Gekränktheit dessen Gesicht. Vielleicht ein über zwei Jahrtausende in die Gesichter gefrästes, nicht Aufhören wollendes, bitteres Abschiednehmen von einer einstigen Hochkultur. Von der Wiege Europas in den Hinterhof. Nun gab es für Lambros auch aktuelle, handfeste Gründe, traurig zu sein. Nachdem er zwei Jahre zuvor viel Geld in seine Taverne investiert, sie mit ein paar angebauten Appartements aufgewertet hatte, kam die Finanzkrise und die Gäste blieben aus. Er saß auf einem riesigen Schuldenberg, den er auch mit den Erlösen der vom Sohn geleiteten Dependance in Berlin nicht entscheidend abbauen konnte.

Der späte Aufbruch glich einem Desaster. Werner, den Franz noch nie so betrunken erlebt hatte, stritt sich mit Kosta um die Zeche. Der eine schwenkte fächerförmig ein paar Hunderter in Richtung Taverne, der andere winkte mit seinem krokodilledernen Portemonnaie. Der hinzugetretene Wirt: ratlos. Ein griechisch-deutsches Sprachgezerr entbrannte. Der Gebrauchtwagenhändler ließ es sich nicht nehmen zu zahlen, verkündete, dass man jetzt noch feiern ginge, schob die Frau Doktor am Ellbogen zum Auto, stieg völlig betrunken ein, ließ die Seitenscheibe hinunter, krähte noch ein „Servas“, das nahtlos in eine satanische Lachsalve überging und verschwand mit durchdrehenden Reifen wiehernd in die Nacht. Gestank von verbranntem Gummi senkte sich samt einer Staubfahne über die Zurückgebliebenen.

Es gibt diese Fleckchen Erde,

die auf den Betrachter wirken, als seien dort alle Schrecken dieser Welt ausgesperrt. Abgeschirmt von einer unsichtbaren, schützenden Membran, als könne das Böse allenfalls, ohne Schaden anzurichten, via Fernseher Einzug halten. Nach vier Tagen Aufenthalt dachte Franz, dass Asteria & Ilios so ein Fleckchen sein könnte. Als eingefleischter Atlantikfan und Liebhaber der Bretagne hatte er das Mittelmeer immer wieder gern als Ententeich abgetan. Jetzt aber, von einer Klippe aus Meer schauend, in diesen unendlich großen, türkis- bis tintenblauen Spiegel, strahlend gewölbt bis zu dem scharfen Strich, wo das salzige Nass den Himmel berührte, beschlich ihn das Gefühl, an einem Ort angekommen zu sein, der zu seinem Lebens-End-Ort werden könnte. Ein Ort des Friedens. Er schloss die Augen und ihm war, als ob er unterginge im Meer, in dessen immer schwärzer werdenden Blau versänke.

„Sobald wir anfangen zu leben“, schreibt Jean Paul, „drückt oben das Schicksal den Pfeil des Todes aus der Ewigkeit ab – er fliegt so lange, als wir atmen, und wenn er ankommt, so hören wir auf.“ Schon seit einiger Zeit meinte Franz das immer lauter werdende Sirren des Pfeiles zu vernehmen, akzeptierte auch dessen Mission, wollte aber nicht hinterrücks überrascht werden. Er wollte ihm entgegengehen.

Außer seinen Kindern,

Enkeln und den paar Frauen, die sein Leben zeitweilig begleitet hatten, waren noch einige Freunde ins Asteria & Ilios gekommen. Man hatte ausgiebig gegessen, dem Anlass entsprechend viel getrunken, und als die Nacht ihr schwärzestes Kleid angezogen hatte, auf dem nur noch ein paar diamantene Lichtpunkte funkelten, Sterne, wie auch Positionslaternen einiger sich entfernender Fischerboote, gab Franz das Zeichen für den Aufbruch. Er erhob sich schwankend, musste gestützt werden. Das lange nicht geschnittene weiße Haar stockte auf dem Kragen des schlackernden Anzugs aus olivgrüner Seide, die Hosenträger hielten das Beinkleid ein letztes Mal. Zwischen dem eingefallenen Bauch und dem Hosenbund ein Loch, handtellerbreit, ähnlich groß wie der geschrumpfte Kopf auf dem faltigen Hals. Die Augen hatten sich in den entferntesten Winkel ihrer Höhlen zurückgezogen, mit letzter Leuchtkraft glimmend, einem letzten Willen folgend. Im Licht von zwei Theater-Scheinwerfer bewegte sich ein Menschenwurm über den steinigen Pfad dem Meer entgegen. Aus einem Radiorecorder, den Franzens Freund, der erfolgloseste Galerist aller Zeiten, unter den Arm geklemmt hatte, tönte auf Franzens Wunsch die „Ballade von den Seeräubern“, gesungen von Ernst Busch. Vom Branntwein und den Finsternissen des Lebens gezeichnet, an der felsigen Abrisskante des Meeres angelangt, betrat Franz – nach den vielen Jahren, die es ihn immer wieder an diesen Ort gezogen hatte – zum ersten Mal die Badeleiter im Vorwärts-Gang, wollte er doch der Welt gepflegt den Rücken kehren, aber auch der Versuchung widerstehen, bei einem Blick zurück doch noch schwach zu werden. Er winkte noch einmal, so wie man winkt, wenn man alles im Griff zu haben scheint, lässig, cool – wie er sich immer vorgestellt hatte, in den frisch erworbenen Jaguar F zu steigen und ohne sich umzudrehen, mit quietschenden Reifen und sattem Auspuffgeräusch von der Frau wegzufahren, die ihn verlassen hatte. Dann war er im Wasser und schwamm, auch Sterben ist Arbeit, Richtung Kreta. Nacht und Meer hatten ihn bald verschluckt.

Franz öffnete die Augen;

war er eingeschlafen? Frau Doktor stieg gerade über die Badeleiter ins Meer. Sie verweilte einen Moment, mit den Unterschenkeln schon im Wasser, und lächelte ihn an. Ein Lächeln ohne Beteiligung der Lippen, wie es Franz vorkam. Fast ein Straflächeln. So, als wisse sie um seine selbstgefälligen Ich-Betrachtungen, so, wie man einen Erwachsenen für etwas auslächelt, das man ihm als Adoleszenten noch verziehen hätte. Für einen Moment erschrak er, befürchtete, dass sie etwas mitbekommen, er vielleicht im Sonnengedöse gesprochen haben könnte, so wie er in letzter Zeit häufig wach wurde, wenn er im Schlaf sprach, was ihn jedoch nicht hinderte, in diesem gerade eben Halbgedachten oder auch Halbgeträumten eine faszinierende Facette des Freitodes zu sehen, dabei gleichzeitig ER selbst und ein ANDERER zu sein. Subjekt und Objekt, Opfer und Täter – etwas, das getötet wird und das tötet. Die Möglichkeit einer Kommunion, einer Gleichschaltung mit sich selbst. Jedenfalls fand Franz diese Todesart überlegenswert, wenn er einmal genötigt sein sollte, eine Selbsttötung in Erwägung zu ziehen, wohl wissend, dass die Phasen des Ertrinkens dem des Erstickens ähneln: Atemnot, Panik, Krämpfe … aber darüber würde er sich noch genauer mit seinem Freund und Hausarzt, dem Michel, beraten.

Sie schwammen umeinander,

als wüssten sie nicht, zu wem sie gehörten. Belanglose Sätze streiften den Wasserspiegel, Blasen aus Fischmäulern gleich. Blubb. Blubb. Meereskonversation. Zurück ins „Tages-Sie“ nach einem vielleicht zu forschen „Vorabend-Du“. Dazwischen Nichtwörter, ausgespannt zwischen Wort und Wort. In den Wortpausen schon beredtes Schweigen? Oder doch nur nichts zum Sagen?

Auf der Badeleiter sah er ihren Hintern. Als sie auf der letzten Sprosse stehen blieb und in den Himmel schaute, troff Wasser zwischen ihren Beinen zurück ins Meer. In diesem Moment der Bewegungslosigkeit dachte Franz, sie wolle ihn glauben machen, dass er sie lieben dürfe. Und dann dieser Griff!! Ernüchternd in seiner Selbstverständlichkeit. Dieser Griff zweier Frauenfinger zwischen Po-Fleisch und Gummibündchen des Badeanzuges. Dann dieses kurze Anheben des Stoffes, gefolgt von einer unwesentlichen Korrektur nach unten, begleitet von einem leisen Flitschton. Sie drehte sich herum, lächelte. „Bis vielleicht später – Onkel Franz!“ Der Satz elektrisierte ihn wie das Arpeggio auf einer Harfe. Diese winzige Atempause nach dem hin gekegelten „Bis vielleicht später“ verlieh seinen Gedanken ihnen nicht wirklich zustehende, vor allem durch nichts zu rechtfertigende Höhenflüge. Sie stieg, das Handtuch um Brüste und Hüften geschwungen, über die Felsterrassen zur Wohnanlage empor. Da sie um ihn wusste, drehte sie sich nicht noch einmal um.

Man war unterwegs

zum Strand von Kardamyli. „„El Loco““, wie Lambros den griechischen Wiener in der gestrigen Nacht getitelt hatte, kannte dort den Besitzer eines Restaurants, das direkt am Meer lag. Er fuhr wie er lachte; laut, schnell, unorthodox. Franz, seit einem Tag „Onkel“, saß im Fond zwischen den beiden Frauen und in einer scharfen, viel zu schnell genommenen Linkskurve katapultierte die Schwerkraft seinen Körper in den Schoß der Frau Doktor. „Ich dachte, ich falle in den Himmel“, schrieb Franz später und fuhr fort, dass er sich des Gedankens nicht habe erwehren können, „„El Loco““ sei dieses Manöver mit Absicht gefahren und habe somit seinen Umfaller billigend, wenn nicht gar vorsätzlich in Kauf genommen. Während der Kerl hinterm Steuer feixend wieherte, dem „Onkel“ ein schlechtes Standvermögen attestierte, ertrank Franz in den Laternenaugen der Frau Doktor, wusste zwischen peinlichem Schreck und wohliger Verlockung nicht zu entscheiden, wünschte aber die Zukunft bis ans Ende der Welt in ihrem Schoß zu verbringen – liegend – mehr noch, in ihn hineinzukriechen, zurück in ein warmes Dunkel, wie alle Männer eigentlich nur ins warme Dunkel zurückwollen, weil sie das Licht des ewigen Vorwärts nicht mehr ertragen können. Kein anmaßender Wunsch, wie er sich am Abend beruhigte, „… liegt doch meine Berührung eines Frauenkörpers lange Zeit zurück und deshalb sind solche Gedanken legitim!“, dachte und schrieb Franz in sein Tagebuch.

So glomm in ihm etwas auf, was sich eigentlich verbot und sein vorauseilender, in diesem Augenblick auch schon stürmischer Gedanke, dass der Tatsache eines Glimmens zwangsläufig auch eine Flamme und daraus wiederum ein Lodern folgen müsse, war, wenn überhaupt, Musik – Zukunftsmusik. Einen Wimpernschlag lang dachte er daran, in ihrem Schoß zu weinen. Zu weinen ohne Spott zu fürchten. Weinen und sicher sein getröstet zu werden von dieser Frau über den Verlust der anderen. „Ich brauche Trost, was schließlich keine Schande ist“, schrieb er später.

Der Wiener Gebrauchtwagenhändler mit seinen griechischen Wurzeln wurde im schattigen Garten des Restaurants empfangen wie ein aus dem Exil zurückgekehrter König aller Strizzis, Vorstadtganoven und Winkeladvokaten. Laut, lärmig lachend, mit viel Umarmung, Schulterklopfen, männererotischen Knüffen und Püffen. Ein aus Personal und irgendwelchen geifernden Anhängseln bestehender Tross begleitete ihn und seine Entourage an einen reservierten Tisch mit Blick aufs Meer. Ein Augenspalier aus geneideter Hochachtung der anwesenden Gäste stand stramm vor diesem Chaoten von Gottes Gnaden. Er adelte seine Umgebung, vorausgesetzt, dass sie dem Adel der Exzentriker angehören wollte, und das wollten viele. Franz wie auch Werner waren in dieser Hinsicht auch nicht unempfänglich.

Frau Doktor genoss die Avancen, die ihrem Partner entgegengebracht wurden, sichtlich. Sie sonnte sich in seinem Schatten, warf dem „Onkel“ einen selbstgefälligen Alles-in-Ordnung-Blick zu, eine, Sie-irren-sich-ich-bin-nicht-so-unglücklich-wie-Sie-vielleicht-denken-Botschaft, dabei in ihrem Blick ein kurzes Flackern zwischen Hingabe und Reserviertheit. Eine Koketterie, hinter der sich eine kleine, dünnhäutige Frau versteckte, die in dieser Schmonzette mitspielte, damit ihr die Wirklichkeit nicht die Seele ausweidete, und dachte, dass diese Frau sich weigerte die Banalität des Lebens zur Kenntnis zu nehmen, indem sie es stetig durch die Brille des Erhabenen betrachtete.

Um seine Wirkung wissend, nutzte „El Loco“ seinen Auftritt mit charmanter Schamlosigkeit. Vor seinen Blicken blieben keine Brüste und kein Arsch verschont – und die griechische Bedienung bestand überwiegend aus unverbrauchten Brüsten und jungfräulichen Ärschen. Franz konnte einen gewissen Neid auf „El Loco“ nicht verleugnen und fragte sich, was die Frau Doktor wohl denke, empfinde, wenn sie das sah. Sie schien es nicht zu stören – sie rauchte. Man aß, trank reichlich und gut.

„Der Onkel kommt auf jeden Fall mit!“

250 PS schraubten den Jeep Cherokee vom Meeresspiegel die Serpentinen hoch Richtung Thalames, das in etwa 1000 Meter Höhe südöstlich von Agios Nikolaos lag. „El Loco“ hatte darauf bestanden, dass der „Onkel“ mitkomme, um das bestellte Lamm abzuholen, das er am Abend zu grillen gedachte. Auf diese Zwangseinladung hin hatte Franz 200 Euro eingesteckt, nahm er doch an, dass diese Mitfahraufforderung möglicherweise mit der finanziellen Beteiligung am Lamm zu tun haben könnte, was aber, wie sich später herausstellte, nicht der Fall war. „„El Loco““, mit Großzügigkeit und den ihr nahen Schwestern Leichtsinn und Verschwendungssucht reichlich gesegnet, oder auch verflucht – wie man es sehen will –, bezahlte. Franzens Angebot einer Beteiligung wurde mit einem „Bist deppert?“ kategorisch abgelehnt.

Frau Doktor saß hinten, Franz, der Hund, auf der Ladefläche und Franz, der Onkel, auf dem Beifahrersitz. „El Loco“, vom Vorabend noch angesoffen, hatte sich zum Frühstück bei Lambros mit zwei Tsipouro versorgt, sozusagen als Nachbrenner oder auch als Starter für den anstehenden Tag. Die Stereoanlage bis zum Anschlag aufgedreht, steuerte er im Rhythmus der Ouvertüre von Rossinis „Diebischer Elster“ den Wagen immer wieder haarscharf an Felswänden und Abgründen vorbei. Ein Höllenterzett zwischen Gaspedal, Bremse und Lenkrad. Er überholte, trotz durchgezogener Mittellinie, in unübersichtlichen Kurven hupend, obwohl jeden Augenblick ein Fahrzeug auf der Gegenspur hätte auftauchen können. Dabei sang, lachte und grölte er, als sei ihm der Verstand abhandengekommen. Der Hund auf der Ladefläche jaulte bei jeder Kurve, in der er gegen die Fahrzeugverkleidung knallte, und bei einer mittelheftigen Schleuderbewegung seines Kopfes sah Franz im Rückspiegel die Augen der Frau Doktor, die bei jeder tollkühnen Lenkbewegung ihres Lebensgefährten einen fieberhaften Glanz bekamen, eine metaphysische Gier, als verzehre sie sich an der Vorstellung, offenen Auges in den Tod zu rasen. Ein Trio Infernal, ein Selbstmordkommando. Und während Franz versuchte, so gleichgültig wie möglich dreinzuschauen, als seien solche Fahrten sein täglich Brot, fielen ihm Kamikazeflieger ein (Kamikaze – der göttliche Wind), über die er im Fernsehen einen Bericht gesehen hatte. Dort war ein Pilot vor seinem letzten Flug (es waren ja immer letzte Flüge) interviewt worden und Franz waren die starren Augen aufgefallen, als stünde der Pilot unter Drogen, was auch, wie im Laufe dieser Dokumentation bestätigt wurde, häufig der Fall war. Als wisse er um Franzens Gedanken, schaute „El Loco“ ihn an und streckte ihm die Zunge heraus. Die Pupillen seiner Augen waren winzig.

Noch eine letzte von ungezählten Haarnadelkurven und sie hatten das Ziel erreicht, eine kleine Taverne am Straßenrand. Franz hatte weiche Knie, als er aus dem Wagen stieg. Auf einer Mauer vor dem Haus saßen drei alte Griechen, einer verwitterter als der andere. Drei Baumrinden, kurz vor dem Stadium des Zerbröselns. Wie alle Griechen rauchten auch sie. Franz stellte sich vor, dass sie zusammen höchstens noch sieben Zähne besaßen. Jedenfalls hatte einer von ihnen, der rechts außen, nur noch einen, der ob seiner Vereinzelung gigantisch, unheimlich und gefährlich wirkte. Eine tabakgelbe Lanze, allzeit bereit. Mit dem Hauer hätte er durchaus ein veritables Loch in eine Libby‘s Dosenmilch stanzen können. Der Grieche im Wiener Gebrauchtwagenhändler begrüßte die Männer wie alte Freunde, obwohl er keinen von ihnen kannte. Seine Lache und seine Schwadronade fanden bei den Alten eine glückselige Vervielfältigung und in den weit aufgerissenen lachenden Mündern zählte Franz auf die Schnelle tatsächlich – Bingo! – insgesamt sieben Zähne. Wie in einem französischen Schwarzweißfilm lehnte die Frau Doktor in engen, schwarzen Shorts und weißer Bluse am Auto, rauchte und hielt den muskulösen Körper des Weimaraner an kurzer Leine. Unter dem Blusenstoff deuteten ihre Brustwarzen den Temperaturunterschied bei eintausend Höhenmetern an. Den einheimischen Männern gefiel das. Franz auch.

Drinnen in einer Art Waschküche drei Frauen – drei Generationen. Einen riesigen, frisch geernteten, dunkelgrünen Berg von Horta vor sich, befreiten sie jede einzelne Pflanze von gelben Blättern und legten sie in neben sich gestapelte Holzstiegen. Die jüngste warf mit leichter Hand, die mittlere ließ fallen, die alte sortierte, als habe sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Drei Stiegen, drei Temperamente, drei verschieden hohe Füllungen. Bei der Alten optimal gestapelt, bei der Mittleren pflichtgemäß gefüllt, bei der Jungen viel Luft und Unlust zwischen den Pflanzen. Die Jüngste recht ansehnlich, die Mittlere im Ansatz matronenhaft, wahrscheinlich die Mutter. Die Älteste, mager, in schwarze Tücher gehüllt, mit zerzaustem, schlohweißem Haar unterm losen Kopftuch, hatte einen Verwitterungsgrad erreicht, wie Franz ihn bei einem Menschen noch nie gesehen hatte. In den hunderttausend ledernen Gesichtsfalten dämonische Augen, hell und durchdringend, aus denen die Farbe ausgelaufen schien. So stellte er sich Nornen vor, beim Spinnen von Schicksalsfäden. Einen von dem Wiener Griechen an sie gerichteten Frage, ob sie ihn heute Abend heiraten wolle, quittierte sie mit einem Gelächter, das Franz an knatternde Holzratschen gepaart mit dem Geräusch eines quietschenden Windrades in einem Italo-Western erinnerte. Eine dankbare Unterbrechung bei der öden Beschäftigung. Das tote Lamm kam in den Kofferraum und der auf Grund dieser Tatsache quicklebendig gewordene Weimaraner musste zu Frauchen auf die Rückbank. Vor der Abfahrt noch einmal Wortkaskaden, die in wieherndem Gelächter endeten. Franz fragte sich, wie man nur so schnell reden konnte. Wo blieb das Denken? Aber das war eine deutsche Frage. Nicht in allen Sprachen der Welt werden Gedanken allmählich beim Reden verfertigt, oder sogar noch vorher – dachte Franz. Auf seine Frage, was denn den Heiterkeitsausbruch bei den alten Herren ausgelöst habe, erwiderte „El Loco“, er habe auf die Forderung der Herren nach mehr Frischfleisch beim nächsten Besuch geantwortet, dass das so wenig wahrscheinlich sei, wie die Aussicht, dass ihnen wieder Zähne wüchsen.

„… Sie müssen sich einfach vorstellen,

dass der Tristan-Akkord die Subdominante ‚gis-h-is‘ mit der Sixte ajoutée ‚eis‘ – also einer hinzugefügten Sexte – ist … können Sie mir folgen? … eine hinzugefügte Sexte, woraus sich eine Entwicklung des ‚gis‘ zum ‚a‘ ergibt, was dann eine hart verminderte Doppeldominante wäre und das …“ Aufgeregt tauchte sie ihren Finger ins Weinglas und versuchte auf der dunklen Platte des Holztisches ein paar Striche mit Noten hinzuklecksen, was aber nicht gelang. „… das Faszinierende aber ist…“, fuhr sie fort, „… dass man den Tristan-Akkord nicht hört. Für sich allein genommen hat er auch keine Richtung der Auflösung. Deswegen ist er mehrdeutig, und deswegen ist die Dominante, in die er mündet, auch nicht mehr als Dissonanz mit unbedingt geforderter Auflösung zu hören, sondern eher als aufzulösender Akkord. Arnold Schönberg nannte das später ‚Die Emanzipation der Dissonanz‘. Alles klar?“ Den Handballen am oberen Hinterkopf fuhren die fünf Finger Franzens rechter Hand gegen den Uhrzeigersinn mehrmals kreisförmig durch seine Haarstoppeln, eine Verlegenheits-Bewegung, die er sich über die Jahre angewöhnt hatte, ein Rühren auf dem Kopf, das ihn beruhigen sollte, dem Gegenüber aber eher enervierte Ratlosigkeit signalisierte. Eine gescheitelte Unruhe. „Alles klar?“ ließ sich Frau Doktor mit freundlich zurückhaltender Besorgnis in der Stimme vernehmen und tat einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. „Doch, doch“, beeilte sich Franz zu erwidern und gestand ihr, dass er im Augenblick etwas verwirrt sei, nicht wisse, was er mehr bewundern solle, ihre dezidierte Vorgehensweise wie sie, die offenbar in der Musik Zuhause, den Tristan-Akkord fast mathematisch analysiert habe, oder die Metamorphose einer Frau, die durch die Erklärung eines Akkordes mit jeder Faser ihres Körpers selbst Musik geworden sei. Das war dick aufgetragen. Sie merkte es sofort, lächelte ihr spöttisches Lächeln und Franz schämte sich ein wenig und kam sich bei diesem verblasenen Kompliment sehr alt vor. Jedoch faszinierte ihn, dass er diese bislang im Schlepptau ihres Lebensgefährten leicht zu übersehende Frau innerhalb der letzten beiden Tage noch nie so offensiv, so temperamentvoll, so frei erlebt hatte wie gerade eben. Während der Gebrauchtwagenhändler, in Sicht- aber nicht Hörweite, im Steinofen ein heftiges Feuer entfachte, saß Franz schon seit fast einer Stunde mit dessen Begleiterin auf deren beider Terrasse, wobei er gewahr wurde, dass sich auch in ihm ein kleines Feuer entzündet hatte, konnte er doch ein sich steigerndes Interesse an der Frau Doktor nicht leugnen. Ihre Empathie für die Oper, insbesondere für Wagners Musik (wie sich später herausstellte, hatte sie die Partitur des gesamten „Rings“ im Kopf und konnte alle Texte auswendig), faszinierte ihn. Franz verstand nicht viel von Musik, dafür liebte er sie umso mehr, wollte noch vieles lernen, hatte er sich doch vorgenommen, in seinem Rest-Leben noch eine große Oper zu inszenieren (bis zu einer Operette hatte er es schließlich schon gebracht) und einen Roman zu schreiben. Bei ersterem wäre ein musikalischer Flankenschutz seitens der Frau Doktor sicherlich von Vorteil, dachte er, aber im Augenblick war ihm eher nach ihrem Flankenfleisch.

„El Loco“ schien unzufrieden. Schweißüberströmt vom Feuermachen betrat er die Terrasse, küsste die Frau, die zu spät zurückzuckte und sich mit dem Handrücken seine Feuchtigkeit von der Wange strich, nahm einen gewaltigen Schluck aus der Weinflasche, beklagte, dass er sich von Gott und der Welt allein gelassen fühle, kein Mensch ihm helfe, mit ihm rede, geschweige ihm zuhöre. Aus seinen kleinen wieselflinken Augen, die unruhig an Franz nagten, schaute er diesen an, als wittere er Ungemach. Irgendwie passte es ihm nicht, dass der „Onkel“ von nebenan mit der Frau Doktor Wein trinkend auf seiner Terrasse saß, während er Feuer machte und die beiden, wie es ihm aus der Entfernung geschienen haben mochte, angeregte Gespräche führten. Zwischen zwei weiteren tiefen Schlucken aus der Flasche drohte er scherzhaft mit dem Finger, warnte vor den vielen bösen Onkels, die auf der Welt herumliefen, besonders den deitschen Onkels, die es nur darauf anlegten, aus einem österreichischem Rotkäppchen ein gefallenes Mädchen zu machen. Nach einer gut getimten Pause setzte er hinzu, „Aber Frau Doktor is jo scho lang kein Rotkäppchen mehr!“ Sich und seine Sottise mit einem peitschenden Lacher belohnend, hüpfte er wie ein Rumpelstilz wieder zum Steinofen, um noch einmal einen Arm voller Holzscheite in die Flammen zu geben. Derweil war Franz gedanklich im Mittelalter angelangt und von dort zog es ihn weiter in die Steinzeit. Dazumal zogen die richtigen Männer in den Kampf oder gingen auf Jagd, derweil die falschen bei den Frauen hockten, um ihnen Geschichten zu erzählen. Meist Lügengeschichten. Und wenn die richtigen Männer dann mit einem erlegten Bären nach Hause kamen, hatte Franz der Falsche, ein Großmeister unter den Lügengeschichtenerzählern, den Frauen schon so manchen Bären aufgebunden, von Fall zu Fall auch den ein oder anderen „Bären“ beglückt.

Konnte sich Franz den Gebrauchtwagenhändler kaum als seriösen Verkäufer in Anzug mit Krawatte vorstellen, so im Moment doch gut als Heizer auf einem der Dampfschiffe, die im letzten Jahrhundert den Atlantik querten. Schweißbäche, vermischt mit Öl und Rußpartikeln troffen ihm von der blau geaderten Stirn, rannen über den Körper und wurden vom Bund der schwarzen Shorts aufgesogen. Aus den verschiedensten Kräutern hatte er einen nahezu Palmwedel großen Strauß zusammengebunden, den er immer wieder in die Blechschüssel mit der selbst angerichteten Marinade tunkte, um dann mit heftigen Hieben, wobei Öltröpfchen und Kräuterblättchen durch die Luft spritzten, auf den Lammrücken einzudreschen, als handele es sich um den blanken Arsch einer Nonne in den Memoiren Casanovas. Dabei schrie er immer wieder, „Du Sau, du Sau, du Huren-Sau“.

Die Kräuterpeitschenschläge hatten dem Fleisch gutgetan und die 600 Grad Celsius im Steinofen taten ein Übriges. Nach zwei Stunden hatte sich um das Fleisch eine Kruste gebildet, deren würziger Duft die Nasen der Gäste in hellste Aufregung versetzte, den Speichelfluss deutlich anregte und die Geschmacksknospen aufblühen ließ. Wenig später kauten zehn Urlauber in tiefer Andacht ihren Lammbraten, nur ab und an unterbrochen von dem Knacken der vom Hund zerbissenen Knochen und der zwischen den Zähnen der Esser zerspringenden Fleischkruste. In diesen Augenblicken schien Franz alles einfach und deswegen heilig – denn alles Einfache ist heilig. Fleisch, Feuer, Brot, Wein, Wind – hinter dem Wind das Meer, vor dem Wind eine junge Frau. Im Augenblick war sie zwar nur ein Nachtschattengewächs seiner Fantasie, ihre Hand jedoch, eine Unterarmlänge von der seinigen entfernt, durchaus berührbar. Er sah sie an. „Hinter ihren Augen sah ich wieder dieses gerüttelte Maß an Ironie, diesen Spott, der ihrem Blick etwas von seiner Tiefe nahm, die ich zu diesem Zeitpunkt noch mit tieferer Bedeutung zu verwechseln schien“, schrieb er später in seinem Roman.

In Sachen Alkohol selbst kein Kostverächter, staunte Franz jedoch, welche Mengen Wein das Wiener Paar in sich hineinschütten konnte. Als Zeuge vor Gericht hätte er beschwören können, dass der Gebrauchtwagenhändler tierisch betrunken war, als er mit dem eisernen Schürhaken auf ihn zustürzte und ihm eine Schädelspaltung androhte, falls er die Frau Doktor noch einmal mit lüsternem Blick belästige. Weiterhin hätte er auch ohne weiteres beschworen, dass er den Gebrauchtwagenhändler in den paar Tagen, in denen man miteinander verkehrte, kein einziges Mal nüchtern erlebt habe. Gedankenspiele beim Lammbraten.

War es beim Essen noch andächtig still gewesen, stieg kurz darauf wieder der Lärmpegel. Die Lachen von „El Loco“ und Werner mischten sich erneut zu einer Kakofonie, die das Zirpen der Zikaden in den Schatten stellte, und Franz wusste nicht, welche Lache es ins Guinness-Buch der Rekorde schaffen würde.

Es war spät

Werner und Natia hatten sich schon seit geraumer Zeit zurückgezogen, da saß der frisch gebackene, schwer angetrunkene „Onkel“ immer noch mit den zwei K’s aus der ehemaligen K&K-Monarchie auf deren Terrasse. Franz, der Hund, döste vor sich hin und gab zwischenzeitlich einen satten Schnaufer von sich. Ab und zu zuckten seine Flanken, als träume er von einer läufigen Hündin. Frauchen trank weiterhin Wein, rauchte Kette und Herrchen servierte weißes Pulver, streichholzlang, auf der DVD-Hülle von ‚Jules & Jim‘. Dass es sich bei den Gastgebern nicht um sporadische Konsumenten dieses weißen Pulvers handelte, hatte Franz zwar vermutet, es wurde ihm aber aufs Schönste bestätigt, als er das filigrane, durch regen Gebrauch leicht abgegriffene, antike Silberröhrchen zwischen den Fingern hielt, es mit Wohlgefallen betrachtete, ehe er sich über das Cover beugte und von Jeanne Moreaus Lippen das Pulver in seine Nase zog.

Franz war siebzehn, als er das erste Mal Kokain schnupfte. Es geschah auf der Karnevalsparty einer Wohngemeinschaft, zu der ihn ein Freund mitgenommen hatte. Franz hatte eigentlich keine Lust gehabt, ließ sich dann aber doch überreden, sogar dazu, sich eine Augenklappe umzubinden, einen Dreispitz aufzusetzen, ein geringeltes T-Shirt überzustreifen und einen Piraten abzugeben, der er eigentlich nicht hatte sein wollen. Da war er dann gestanden, der Pirat Franz, mit dem dritten Gin-Tonic in der Hand, allein, wie ein Männlein im Walde, still und stumm, inmitten ausgelassen feiernder Menschen, bis sich ein als schwarzer Schwan verkleidetes Mädchen ihm genähert hatte, ihn bei der Hand genommen, zum Lachen aufgefordert und ihn durch trubelnde Körper mit sich gezogen hatte in ein Zimmer, wie Franz annahm wohl das ihrige. Sie hatte die Tür hinter sich abgeschlossen und ihn lachend aufs Bett geschubst, wobei ein Schluck Gin-Tonic aus dem Glas schwappte, worüber sie, ob seines unglücklichen Dreinschauens erneut hatte lachen müssen. Während sie aus einer Schublade mit Unterwäsche ein kleines Briefchen hervorzog, den weißen, pudrigen Inhalt vorsichtig auf einen Handspiegel rinnen ließ, mit einer Visitenkarte zwei Linien zusammenschob, hatte sie ihm gesagt, dass er ihr gefiele und sie ihn etwas lockerer machen wollte. Sie hatte einen Zwanzigmarkschein zusammengerollt, Franz gefragt, ob er oder sie als erste, seine Unentschiedenheit bemerkt, ihm einen kalten Schlag im Schnick-Schnack-Schnuck angeboten, den er mit seiner Schere gegen ihren Stein verlor ebenso wie wenig später, nachdem das Kokain sich zeitlupenhaft in ihn hineingeschlichen hatte, auch seine Unschuld.

Erst dreißig Jahre später machte er seine zweite Erfahrung, die zu gesteigertem Kokskonsum führte, den er sich, da er ein gutes Geld verdiente, auch leisten konnte. Bis irgendwann in Kombination mit Alkohol nichts mehr ging, er kapitulierte und für ein dreiviertel Jahr in eine Klinik musste. Auch wenn er danach auf Kokain verzichtete, so saß doch dessen Wirkung tief in ihm und er mied die Erinnerung und den Gedanken an diese Droge.

Auch diesmal schlich sich das Alkaloid wieder zeitlupenhaft in seinen Körper, beschleunigte dort spürbar von Sekunde zu Sekunde, um schließlich, bei einem Gedanken, den er längst tot und begraben wähnte, einen fast nicht enden wollenden Lachanfall in ihm auszulösen. Für Momente überlappten sich die Gesichter des ihm gegenübersitzenden Paares, während sein Lebensrad sich in einer affenartigen Geschwindigkeit rückwärts drehte und ruckartig dort stehen blieb, wo er vor 45 Jahren, zwanzigjährig, unter dem Einfluss von LSD die Küche seiner Freundin in der Müllerstraße 95a ausgeräumt hatte. Und der frisch gebackene Onkel, auf verkoksten Flügeln schwebend als habe er nie aufgehört zu koksen, begann von Fiete, wie sie ihn damals nannten, zu erzählen, diesem scheuen, jungen Schauspielschüler mit den melancholischen Augen und den gelockten, schulterlangen Haaren, diesem Sonderling, der keinen Anschluss gefunden hatte und oft wie ein einsamer Wolf durch die Bundesallee, von dort in die Künstlerkneipe ‚Kleine Philharmonie‘ in der Schapernstraße oder über die Joachimsthaler Straße hin zum U-Bahnhof Kurfürstendamm geschlichen war, um da wie dort, Auslöschung im Sinn, abzutauchen gedachte. Jetzt, jungen Herzens, schwatzte Onkel Franz von dem Tag, als der Fiete wieder mal in der ‚Kleinen Philharmonie‘ gesessen und die Besitzerin Wanda (auch Mutter Courage des Zapfhahnes genannt) kapituliert hatte, da sie ihn weder mit einer Gratis-Gulaschsuppe noch mit tröstenden Worten und auch nicht mit einer Nackenmassage den Liebeskummer zu vertreiben vermochte, und ihren Platz Jens, Fietes Kommilitonen, überließ, der dem Mitstudenten unterm Tisch etwas zusteckte, das seine Zustände lindern würde, wie er ihm zuraunte und ihm nach einem spendierten Bier riet, beim ersten Mal nur die Hälfte der Pille zu nehmen. Fiete hatte die ganze genommen. „Braaav!“, lachte „El Loco“ und schenkte Franz Wein nach. Frau Doktor bedachte den ihr gegenübersitzenden Franz mit einem neugierigen Blick – der Hund mit einem nach Lamm stinkenden Furz.

„Mutter, der Mann mit dem Koks ist da!“, grölte Franz den beiden entgegen und „El Loco“ grölte zurück, „Jo Fiete, jo, dös woaß i a, Du hoast ka Gööd und i hoab ka Gööd …“, und beide schütteten sich aus vor Lachen und grölten gemeinsam: „… Wer hoat denn den Mann mit dem Koooks bestellt?“ Eine erneute Lachsalve, die aber schnell verebbte. „Und Frau Doktor blickte stumm …“ „El Loco“ wusste nicht weiter, verstummte. „Boah! Boah! Bin ich gut drauf … Wow!“ schrie Franz und „El Loco“ lallte, „Völker der Welt, schaut auf diesen Onkel!!“ „… Und ich sag euch: der Fiete! Der war vielleicht drauf!!!“, bölkte Franz weiter. „Alles, was nicht niet- und nagelfest war, hatte der zunächst durchs geschlossene Fenster geschmissen und als er gemerkt hat, da geht noch mehr, obwohl er sich die Hände am splitternden Glas aufgeschnitten hatte, dieser Vollpfosten …“ „El Loco“ musste laut über den ‚Vollpfosten‘ lachen „… riss der Vollpfosten die Fensterflügel auf und warf den Rest durch das offene Loch!“ Jetzt lachte „El Loco“ noch lauter, nein, er wieherte, schüttete sich aus; das offene Loch gefiel ihm, das offene Loch. Immer wieder wieherte er, offenes Loch, offenes Loch … und als Franz von dem Tisch erzählte, der nach mehreren vergeblichen Versuchen immer noch nicht durch den Fensterahmen wollte und dass er dachte, dass es sich um einen hölzernen Vierbeiner gehandelt habe, den er zwischenzeitlich für einen unartigen Hund gehalten und mit dem er über den Sinn und Unsinn des Lebens hatte diskutieren wollen, anstatt einfach, wie er es sich vorgenommen, mit ihm durch das offene Fensterloch im zweiten Stock auf die Straße zu treten und Gassi zu gehen, brüllte „El Loco“ auf vor Lachen, er, der schon die ganze Zeit kaum an sich halten konnte, schwadronierte von offenen Löchern, die er über alles liebe. „Offene Löcher der Welt, vereinigt euch! Stimmt‘s Schaatzi!?“ Er beugte sich zur Frau Doktor hinüber, die die offenen Löcher sehr dünnlippig beschmunzelte, während der betrunkene Onkel Franz für einen Moment über das Loch der Frau Doktor nachdachte, plötzlich völlig unvermittelt und unmotiviert „… und so weiter, und so weiter …“ in die Nacht schrie, um dann weiter zu fabulieren, wie Fiete den Hund bat, mit ihm aus dem zweiten Stockwerk hinauszutreten „… Geiiiil!!!“ schrie „El Loco“, „Geiiil!!!“ und schlug sich auf die Schenkel … und Franz weiter „… worauf sich jedoch der Tischhund unvermittelt und drohend auf mich zubewegte …“ und fast flüsternd fuhr er fort, dass die unregelmäßige Maserung des Furniers aufmüpfig Sprechblasen geworfen habe, die der Fiete nicht habe entziffern können, die er aber für Beschimpfungen übelster Art hielt, woraufhin er Tisch und Hund als Verräter an der Sache bezeichnet hatte, sie als zwei miese, räudige Köter beschimpfte, die man zum Fenster hinauswerfen müsse. Der Onkel war aufgestanden und malte riesige Blasen in die Luft, wobei ihm schwindlig wurde, möglicherweise weil er schwindelte, und er fiel wie ein Sack Zement auf den Stuhl zurück. „El Loco“ schob dem Onkel die Weinflasche hin, „Sauf!!“ lallte er, und der Onkel soff und fuhr fort „… und als der Fiete versuchte, das schwere Trumm von Tisch zum wiederholten Male aus dem Fenster zu expedieren, splitterte die Wohnungstür und maskierte Polizisten – ihr müsst bedenken, das war 1972!..“, sprach der Onkel mit aufklärerischem Ernst, „… die bleierne Zeit!!“ „… Jo, jo, die bleierne Zeit!!“, johlte „El Loco“, „Hätt i foast vergessen, die bleierne Zeit!“, worauf zwei Lachen gleichzeitig explodierten und keiner wusste warum und Franz weiter „… die maskierten Polizisten sind dann in die Wohnung gestürmt …“ „El Loco“ schrie vor Vergnügen. „… Stürmten in die Wohnung und ham dem Onkel Franz geholfen, den Rest auch noch zsamm zu schlagen …“ „Jo! Jo! Jo!“ schrie Franz „… auch noch zsamm g’schlagen … und aus lauter Wut hat sich der Fiete dann mit einer der herumliegenden Glasscherben die Pulsadern oder was er dafür hielt …“ Franz trank, prustete in einem erneuten Lachanfall den Wein in die Nacht und zeigte an seinen Handgelenken die nach fünfundvierzig Jahren noch sichtbaren, damals falsch angesetzten Schnitte, nahm aus der von Frau Doktor hingehaltenen Zigarette eine Zug und fuhr hustend fort, dass ihn die zwei verfickten Scheißbullen (Franz war in seinem damaligen Jargon angekommen) zu Boden geworfen, ihm ein Knie in den Rücken gerammt und Handschellen anlegt hatten. Für einen Augenblick war es still geworden. Man hörte das Meer träge gegen die Felskante schwappen, die Zikaden zickten müde, nur Nachtfalter und anderes Gefleuchs unternahmen unentwegt selbstmörderischen Anflüge auf das herzförmige Leuchtelement über dem Wohnungseingang. „El Loco“ bedauerte, dass ihm die Nasenkoteletts ausgegangen seien, aber er werde morgen in der Stadt für Nachschub sorgen. Mit einem Hunderter sei Franz dabei. Franz nickte – er wollte dabei sein. „Und? Wie ging‘s mit dem Fiete weiter?“, ließ sich die Frau Doktor nach einer Pause träge vernehmen und zündete ihre wer-weiß-wievielte Zigarette an. Im Licht der Flamme glitzerten ihre anthrazitfarbenen Augen wie schwarzes Gold. Franz schwieg, suchte den Zustand des Fiete mit seinem jetzigen zu vergleichen und erschrak über das nahe Beieinander, obwohl über vierzig Jahre dazwischen lagen. „Und?“ fragte die Doktorin spöttisch, „Iss er müd, will er schlafen gehen oder möcht er noch weitererzählen?“ Dass die Doktorin ihn in der dritten Person ansprach sollte Franz später in weitaus prekäreren Situationen noch zu hören und vor allem auch zu spüren bekommen – im Moment klang es, eingebettet ins Wienerische, eher neckisch. Und Franz erzählte weiter von dem jungen Fiete, der nach einer Woche Aufenthalt in der Psychiatrie, von den Mitstudenten neugierig beäugt, den Schauspiel-Unterricht wieder aufnahm, die Handgelenke mit Mull verbunden, auf die er mit rotem Filzstift Hammer und Sichel gemalt hatte. Einen Tag später überkam ihn, ohne jede Vorwarnung, ein Flashback. Aus dem dramatischen Unterricht kommend, die Rede des Saint Just aus Dantons Tod lautstark auf den Lippen, querte Fiete mehrere Fahrbahnen und hörte sich mitten auf der Kreuzung Joachimsthaler Straße/Kurfürstendamm aus Mao Tse-tungs „Erklärung gegen die Aggression in Südvietnam und die Niedermetzlung seiner Bevölkerung durch die USA-Dinh-Diem-Clique“ vom 29. August 1963 zitieren. Ein infernalisches Hupkonzert war die Folge, und Fiete wurde erneut von der Polizei festgenommen. „Na Bravo! Auch noch Kommunist!“ Sehr trocken kam der Satz aus dem Mund von „El Loco“. Dann fiel er wieder in den Lachmodus, trank, rülpste und wiederholte ständig, „Ein Kommunist, ein Kommunist! Ein Kommunist bei uns am Tisch! Frau Doktor, der Onkel Franz ist ein Kommunist, ein Roter …“ und er lachte, zeigte dabei mit dem Finger auf Franz und forderte ihn auf, weiterzuerzählen. „Kumm, erzähl! Erzähl!“ Einen halben Gedanken lang wunderte sich Franz, dass „El Loco“ überhaupt so lange hatte zuhören können, nahm einen weiteren Schluck Wein und plauderte drauflos. Er verplauderte sein Leben – eine Plaudertasche von Graf Koksens Gnaden –, schüttete den ganzen alten Müll auf den Tisch, erzählte von dem Vorspiel zu dieser Küchenausräumung, diesem Abendessen mit mehreren Schauspielschülern und- schülerinnen bei dem Professor für Jazztanz, der auf Fietes gut aussehende Freundin scharf gewesen war und diese neben sich platziert hatte. Dem Platzmangel geschuldet, hatte man zusätzlichen einen kleinen runden Tisch – einen ‚Katzentisch‘ – ans Ende der Tafel gerückt und dort Fiete mit der sechszehnjährigen Tochter des Hausherrn hingesetzt, somit den Fiete ins Abseits geschoben und damit auch an den Rand der Welt – wie er damals gedacht hatte. „Das sich der Fiete dös gfallen lassen hat!“, bemerkte die Frau Doktor, nicht ohne einen Schuss Sarkasmus in der Stimme. „Der Fiete war damals, mit einundzwanzig, ein scheuer Mensch mit wenig Selbstbewusstsein, dazu hoch sensibel!“, entgegnete Franz in trunkenem Zorn. „Sensibel, sensibel! Sensibel san mir alle!“, krähte „El Loco“, „Hochsensibel!“ Er zündete sich eine Zigarette an. Franz erzählte weiter, dass der Lambrusco aus der Zweiliterflasche dem Fiete in den Kopf gestiegen war und sich damit auch die Wut auf den professoralen Jazz-Wichser gesteigert habe. „… Und jetzt hört‘s zu!“ Franz beugte sich über den Tisch zu den beiden ihm gegenüber Sitzenden und fuhr geheimnisvoll fort, „Der Fiete hatte schon den eisernen Feuerhaken im Visier, der in einer Halterung neben dem blau-weißen Berliner Kachelofen hing, und wie ich mich an den damaligen Fiete erinnere, war der kurz davor gewesen, den Feuerhaken zu nehmen und damit dem Jazz-Wichser eins überzubraten, aber ehe es so weit hätte kommen können, hatte ihn unterm Tisch jemand gegens Bein getreten. Also getreten ist nicht der richtige Ausdruck …“, korrigierte Franz und lehnte sich bei der Feststellung „… es war eher eine vorsichtig schubbernde Berührung gewesen…“ wieder im Stuhl zurück. „Und ratet mal von wem?“ – „Von dem Flitscherl, dem Professor sei Tochter“, grunzte „El Loco“. – „Genau, von dem sechzehnjährigen Jazzlehrer … nee …“ Franz lachte. „Von dem Jazz-Lehrer seine sechzehnjährige Tochter, die mit ihrem Fuß unterm Tisch an meinem Bein rummachte. Ich hab dann das Mädchen von der Seite angepliert, die aber hat keine Miene verzogen und die langen Maccheroni in einer provozierenden Langsamkeit durch ihre Lippen in den Mund gezogen, als hätte sie alle Zeit der Welt. Und das waren Lippen, sag ich euch! Lippen! Lippen wie Fahrradschläuche! Aber nix Botox oder so! Ein Lolita-Mund! Natur. Aber ich glaub‘, die hatte ihre Lippen für mich noch zusätzlich nach vorn geschoben, als sie meinen Blick gespürt hat. Genau genommen war es eigentlich der Mund eines Mädchens, eines Kindes noch … kindlich … ja kindlich …“ Franz nahm einen Schluck Wein „Also in diesem Fall vielleicht nicht ganz so kindlich, eher kindisch, … da war so eine Spur von Trotz in den Mundwinkeln.“ – „A saubres Früchtchen!“, amüsierte sich „El Loco“. „Also ein Kind war sie auch nicht mehr gewesen, schon auch ein Stückchen Frau, mit Brüsten, die für ihr Alter schon überdurchschnittlich …“, fuhr Franz fort. „Und dann noch das Geräusch! Kennt ihr das Geräusch, wenn man eine Nudel in den Mund saugt?“ „El Loco“ explodierte vor Lachen. „Und ob wir das Geräusch kennen! Stimmt‘s Schatzi!?“ Er tätschelte der Doktorin den Oberarm, den sie ihm aber entzog. „An scheens Geräusch! An guts Geräusch! An geils Geräusch!“, lachte er und schlug mit der flachen Hand mehrfach auf die geschlossene Faust. Die Frau Doktor schaute indigniert. Franz fuhr dazwischen. „Jetzt hörst zu!“, unterbrach er „El Loco“ in einem Versuch zu wienern. Und einmal im Erzählrausch fuhr er fort: „Im Laufe des Essens intensivierte meine Nachbarin den Einsatz ihres Fußes und ich hab mich auch nicht lumpen lassen …“, Franz lachte grob, „… und ihr die entsprechende Antwort gegeben. Ne Zeit lang hatten wir rumgefüßelt, uns nicht angeschaut, kein Wort gesprochen und Nudeln gegessen. Meine Freundin hat sich derweil mit dem Jazz-Tanz-Lehrer amüsiert, was mich überm Tisch wütend machte, aber unterm Tisch lief ja ein ganz anderes Programm.“ Franz trank, atmete tief ein und fuhr fort, „Und dann ging eine Grapscherei los, … ich sage Euch!!! Ich hatte einen wahnsinnigen Ständer, war stinksauer auf den Jazzwichser und auf meine Freundin, hatte aber schon meinen Finger in ihrer Möse!! Stinksauer und geil! – Wahnsinn …“ „El Loco“ schmatzte ein lüsternes Schmatzen. „… und irgendwann, später, von den Anderen unbemerkt, hatte ich mich mit dem Mädchen in die begehbare Garderobe verdrückt. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was da abgegangen ist!!“ Franz machte eine Pause und erbat sich von der Frau Doktor eine Zigarette. Sie gab ihm Feuer. Dabei fasste er ihre Hand und zog die Flamme an sich heran. Er sog den Rauch tief ein, musste husten und fuhr kurz darauf fort: „Als ich zwei Tage später, es war ein Montag, die Tochter des Jazzlehrers im Friseursalon ihrer Tante gevögelt habe, ahnte ich nicht, dass der Salon zu Wochenbeginn zwar für Personal und Kunden ein Frei-, für die Putzfrau jedoch ein Arbeitstag gewesen war. Da hat das Unglück dann seinen Lauf genommen. Wir sind im Frisierstuhl erwischt worden, als ich der Nichte der Friseuse bei 150 Grad nach hinten gekippter Rückenlehne die Petersburger Schlittenfahrt beibringen wollte. Die Putzfrau, stoisch, wie ein altes Stück Brot, hatte dann der Tante Bescheid gegeben, die wiederum ihrem Bruder … ja, und schon war das Abenteuer für den Fiete gelaufen. Das Mädchen ist dann auf ein Internat gekommen und ich habe eine Abmahnung vom Dekan erhalten. Prost!“

Franz trank sein Glas aus und fühlte sich wie ausgewrungen. Nach einer kurzen Stille, in der man nur das Meer müde an die Felskante klatschen hörte, ließ sich Frau Doktor mit trunkener Anzüglichkeit vernehmen: „Oho! Ein Schwerenöter, unser Onkel Franz!“, und schob, während des erneuten Anzündens einer Zigarette, etwas von Verführung Minderjähriger und irgendwelchen Paragraphen hinterher, wovon Franz aber nur die Hälfte verstand oder noch weniger. „Und danach hat er dann die Kuchen ausgeräumt“, ergänzte ihr Lebensgefährte. – „Franz! Du Sau, du Sau, du dreckerte Sau, du!“, brüllte „El Loco“ nach einer kurzen Stille unvermittelt los. Franz und die Frau Doktor erschraken. Franz noch heftiger als sie, dachte er doch, „El Loco“ bezöge diese herausgeschleuderte „Sau-Suada“ auf ihn und die Geschichte mit dem Mädchen. Aber „El Loco“ hatte nur den Hund angeschnauzt, der sich, als wisse er, um was es sich handele, davontrollte. „Die Sau hat vielleicht einen Schaas glassen – riecht ihr des net?“ Dann, dröhnend an seine Lebensgefährtin gewandt, „Kann ja heut mal der zweibeinige Franz neben der Frau Doktor schlafen … un net der Vierbeiner! Iss dann net so fad.“ Er schlug sich bei diesem Vorschlag mehrfach auf die nackten Schenkel, als bereite ihm diese Vorstellung allergrößtes Vergnügen und fügte, den Zeigefinger drohend erhoben, hinzu: „Aber net unsere Kuchen ausräumen, Franz!“ Noch ein trompetenhaftes Lachen, dann Stille. Eine dröhnende Stille. Franz suchte in den Augen der Doktorin eine Reaktion auf den Satz ihres Lebensgefährten zu entdecken, aber er fand keine. Wahrscheinlich war er zu betrunken. Auf ihren Lippen glaubte er zwar ein stummes Einverständnis zu erkennen, zumindest wünschte er sich das, aber mit Sicherheit war es nur eine Koks-Halluzination, ähnlich den Kipp- und Wackelbildern, die er als Kind in Wundertüten vorgefunden hatte, eine optische Täuschung, bei der durch minimales Kippeln des Bildchens aus einer Hexe eine Prinzessin geworden war, bei ihm aber meist umgekehrt. „Wenn ich nicht so zugedröhnt gewesen wäre, hätte ich diesem Vorschlag sicher etwas abgewinnen können, sogar wollen“, schrieb er einige Tage später in sein Tagebuch. „Und wenn der Wiener Gebrauchtwagenhändler nicht so zugedröhnt gewesen wäre, hätte er den Vorschlag sicherlich nicht gemacht. Aber wer weiß? Der Kerl ist unberechenbar!“ Franz wankte seinem Apartment entgegen, im Glauben, dass ihn die Frau Doktor zum Abschied gern geküsst hätte, einen warm-züngelnden Gutenachtkuss, nach dem ihm hungerte, aber das war, wie so oft, ein über das Ziel hinausschießendes Wünschen, wollte er doch immer Alles, Ganz und Sofort.

Am nächsten Morgen

erwachte Franz mit einer Kreislaufentzündung und ausgekugeltem Gehirn. In ihm tanzten Vergangenheit und Gegenwart Tango. Und er schrieb in sein Tagebuch: „Etwas weit Zurückliegendes und wie ich dachte längst Erledigtes war unter Koks und Alkohol explodiert wie die Samenkapseln vom Springkraut, im Volksmund auch Rühr-mich-nicht-an genannt, und ohne Not habe ich zwei unrühmliche Ereignisse aus meiner Vergangenheit zum Besten gegeben, stolz wie Oskar, wiewohl es fast fünfundvierzig Jahre danach keinen Grund gibt, stolz wie Oskar zu sein, außer man will beim Gegenüber Eindruck schinden.“

Und das wollte Franz. Er wollte dem Gebrauchtwagenhändler und vor allem dessen Lebensgefährtin vor Augen führen, was für ein toller Hecht er gewesen war, und dass trotz fortgeschrittenen Alters mit ihm durchaus noch zu rechnen sei. Aber schon als er die Stufen zu seinem Apartment mehr hochstolperte als hoch ging, knackten die Kniegelenke; und in dem Stückchen Restnacht, das ihm noch zur Verfügung stand, quälten ihn Angst, Herzklopfen, Schweißausbrüche und Atemnot.

Werner und Natia empfingen Franz am Morgen mit maliziösem Lächeln und ein paar anzüglichen Fragen, die er mit schlaffer Hand hinwegwischte. Die Alka-Seltzer-Tablette sprudelte im Glas, vor seinen Augen schwirrten kleine schwarze Fliegen. Ihm war, als hätte die Sonne an diesem Morgen, speziell für ihn, noch ein paar Lumen draufgelegt.

Frau Doktor saß auf ihrer Terrasse, rauchte, trank Kaffee und begrüßte ihn mit einem süffisanten „Wie geht’s, wie steht’s?“, wobei sie einen spöttischen Zug um ihre sich kräuselnde Lippen nicht verbergen konnte. Franz fühlte sich sterbenselend, aber wiederum nicht so elend, dass er nicht bemerkt hätte, wie die hinter ihrem Rücken stehende Sonne ein Gegenlicht zauberte, das den Stoff des Oberteils der im Halbprofil Sitzenden durchsichtig werden ließ und ihm einen Blick auf die Umrisse ihrer sich deutlich abzeichnenden Brüste gestattete. Wie er bei der ersten Begegnung schon vermutet hatte, und diese Vermutung bei ihrem Ausstieg aus dem Meer zu einer vorläufigen Gewissheit geworden war, bestätigte das Sonnenlicht seine Vorstellung von ihren Brüsten aufs Schönste. „Die Sonne bringt es an den Tag“, orakelte seine Mutter immer, wenn sie im tief stehenden Abendlicht das schlecht geputzte Fenster in des Sohnes Zimmer sah. Wie recht sie doch hatte.

Die Brüste der Frau Doktor wogen sichtbar schwer, hingen schon ein wenig, trägen Glocken gleich, aber sie als Hängetitten zu bezeichnen, wäre des Bösen zu viel gewesen. Sie entsprachen genau Franzens Geschmack; zwei Bauernrosen, deren große und feste Köpfe immer ein wenig hängen. Franz liebte Bauernrosen, zeigten sie doch schon beim Aufblühen Ansätze von Vergänglichkeit. Sie hatte seinen Blick bemerkt, korrigierte ihre Sitzhaltung und versicherte auf seine Nachfrage, dass er sich nicht danebenbenommen habe und bot ihm eine Zigarette an, die er nach kurzem Zögern annahm, etwas ungeschickt anzündete und noch ungeschickter rauchte. Die folgende Stille war gefüllt vom Sirren der Zikaden, dem Rauschen des Meeres und Franzens unterdrücktem Husten. Franz schaute auf die Frau und seit langem war ihm wieder leicht ums Herz.

Drei Männer, zwei Frauen, ein Hund und ein Boot.

Nach dieser Wahnsinnsnacht gab es kein Verschnaufen. „El Loco“ kündigte noch für den Mittag eine Bootsfahrt an, und diesem Wunsch war Folge zu leisten. Innerhalb von vier Tagen standen die drei Deitschen voll unter seiner Kuratel. In kürzester Zeit hatte er sich ein Marionettentheater erschaffen und zog an den Strippen, wie es ihm gerade in den Sinn kam. Durch ein Sonnensegel nur unzureichend geschützt, fuhr man in glühender Mittagshitze mit einem Motorboot hinaus aufs Meer. An Bord drei Männer, zwei Frauen, ein Hund und zwei Eimer voller gestoßenem Eis, Bier- und Weinflaschen. Frau Doktor vorn im Bug, Natia und Werner steuerbords, Franz backbords, Franz, der Hund, hechelnd in der Mitte. „El Loco“ mit nacktem Oberkörper hinterm Steuerrad. Sein Bauch hing überm Hosenbund. Das ließ seine Beine noch kürzer erscheinen und mit den zerzausten Haaren auf dem spitz zulaufenden Schädel sah er aus wie eine frisch aus der Erde gezogene Zwiebel. Er gerierte sich als Kapitän und erster Steuermann zugleich, schwadronierte über seine Kenntnisse als Segler und Motorbootführer, behauptete, über die mütterliche Linie von den Argonauten abzustammen, entfernte in den kurzen Sprechpausen mit den Zähnen die Kronkorken von den Bierflaschen und warf letztere mit einem martialischen „Hepp“ quer durchs Boot denjenigen zu, deren Namen er kurz zuvor bellte. Die Franz zugedachte Flasche traf den Hund in die Flanke. Da ihm dies Procedere wahrscheinlich nicht unbekannt war, jaulte er nur kurz auf und tat sich am auslaufenden Bier gütlich. Der Käpt‘n warf ihm zum Trost noch ein paar Eiswürfel zu. Schuld war natürlich Onkel Franz, der zu bleed war, eine Flasche zu fangen.

Das Meer war platt. Ein tintenblauer Spiegel, auf dem nur Spuren von Unterströmungen die Oberfläche kräuselten und das schäumende Kielwasser einiger weniger Boote weiße Wasserfurchen zog. Die Sonne brannte mit einer stumpfgelben Beharrlichkeit, aber in der Ferne, dort, wo der Himmel an die Wasserkante stieß, sah man schon Wolkentürme, die nichts Gutes versprachen. Franz, von der Nacht zuvor noch angeschlagen und nach zwei Flaschen Bier fast schon wieder betrunken, filmte die Bootsbesatzung und das in der Ferne heraufziehende Unwetter und versuchte, den ebenfalls angetrunkenen Kapitän zu einem Wiener Seemannslied vor laufender Kamera zu animieren. Sein klammheimlicher Schwenk auf die Frau Doktor wurde von ihr bemerkt und sie verbat sich mit einer Abwehrgeste jegliche Filmaufnahmen wie auch Fotos. Dann wollte sie unbedingt ins Wasser, was ihr aber der Kapitän, Steuermann und Lebensgefährte in Personalunion verbot. Dennoch prusselte sie unter dem weiten Badeschal trotzig das Bikinioberteil über ihre Brüste (Frauen sind bei dieser Beschäftigung immer Prusseliesen), was der Onkel zum Anlass nahm, beim Bildschwenk das linke, normalerweise geschlossene Augenlid kurz zu öffnen, um in Richtung der prusselnden Doktorin zu plieren. Wie ein Adoleszent hoffte er einen kurzen Blick auf ihre Brüste zu erhaschen. Diese zunehmenden, kaum mehr verstohlen zu nennenden, eher schon unverhüllt kühnen, aber, wie er heute noch meint, immer genügend gut getarnten Blicke auf Brüste, waren ihm fast schon eine Selbstverständlichkeit geworden. Bei den ihrigen schon eine Art von Du zu Du, unter Gleichgesinnten. „Na, ihr beiden! Wie geht’s euch denn? Ist euch auch so heiß? Woll‘n wir mal ein Eis lutschen gehen?“ Von diesen heimlichen Dialogen wusste die Besitzerin der Brüste natürlich nichts, ahnte aber womöglich, dass sich zwischen den beiden und dem Deitschen etwas anbahnte, bei dem sie nicht nur zuwarten konnte, sondern irgendwann Stellung beziehen musste.

Über den Himmel schob sich mittlerweile ein leichter Flor von Grau. Wind kam auf. Zunächst noch flüsternd, dann mit einem tiefen, schwingenden Ton. Das Sonnensegel gab ein paar vorsichtig knatternde Laute von sich. Frau Doktor wurde aufmüpfig, zeigte einige Variationen ihres Schmollmundregisters die der „Onkel“ noch nicht, ihr Partner aber zur Genüge kannte. „Hörst auf, mit deinem beleidigten Zuckergoschengsicht“, wies er sie zurecht und auf ihren Protest und die erneute Bitte, ins Wasser springen zu dürfen, folgte ein genervtes „Nein, nein und abermals nein!“ Aber die Doktorin ließ nicht locker. Sie quengelte weiter. Die beiden begannen zu streiten. Franz verstand nichts, entdeckte aber in sich eine klammheimliche Freude. Vielleicht ist da einiges nicht im Lot, mutmaßte er, schalt sich aber sofort einer Anmaßung ob dieser Mutmaßung. Ihre abermals vorgetragene Forderung nach einem Sprung ins kühle Nass quittierte „El Loco“ mit einem dezidierten „Nein“. Da sprach der Mann, der Gebrauchtwagenhändler, ihr Chef. Seines Satzes „Ich bin hier der Kapitän und ich bestimme!“ hätte es nicht mehr bedurft. Sie kuschte wie ein Kettenhund, dessen Wille zwar durch die lebenslange Fesselung an Hof und Hütte schon längst gebrochen war, der aber im Gegensatz zur Frau Doktor seine Wut heiser und unmissverständlich in die Welt hinaus bellt und alles und jedes anfällt, was ihm zu nahe kommt – außer seinen Peiniger, dem Herrchen, bei dem er kuscht, den er unterwürfig, schwanzwedelnd und speichelleckerisch begrüßt. Der Gebrauchtwagenhändler triumphierte. Obwohl Franz Kostas Kapitänsgehabe reichlich albern fand, musste er doch zugeben, dass dessen wahrer Grund, ein Badeverbot auszusprechen, die fehlende Badeleiter war, ohne die es höchst fahrlässig gewesen wäre über Bord zu springen, noch dazu alkoholisiert und angesichts eines sich immer rascher nähernden Unwetters.

„El Loco“ hatte das Boot gewendet und hielt auf den Hafen zu. Die Stimmung an Bord war umgeschlagen. Werner und Natia, anfänglich von dem Ausflug noch angetan, waren immer schweigsamer geworden, schließlich verstummt, hatten offensichtlich zu spät bemerkt, dass ein Bootsausflug nicht ihr Ding war. Beide sahen seekrank aus und hielten sich verkrampft am Bootsrumpf fest, was bei den schnellen engen Kurven, die „El Loco“ unter großem Geschrei fuhr, auch notwendig war. Aufgebrist zerrte der Wind an den Rändern und Schnüren des Sonnensegels und zog eine immer dunkler werdende Wolkenwand hinter sich her. Am Horizont die ersten Blitze, gefolgt von einem schon deutlich vernehmbaren Murren des Donners. Franz zählte die Sekunden zwischen Blitz und Donner, multiplizierte sie mit 343,2 – der Schallgeschwindigkeit in Metern pro Sekunde –, um die Entfernung des Gewitters zu bestimmen, so, wie er es als Fränzeken vom Vater gelernt hatte. Er kam auf vier Kilometer.

Das Ufer war nicht mehr fern, aber auch nicht nahe und das Wasser nicht flach genug, dass man trotz fehlender Badeleiter und aufziehenden Gewitters einen kurzen Badeaufenthalt hätte in Erwägung ziehen können, und nachdem Franz das Steuer übernommen hatte, startete Frau Doktor einen erneuten Versuch schwimmen zu gehen, was ihr Partner mit einem lauten „Bist deppert?“ beschied. „Du hast mir nix mehr zum Sagen, Onkel Franz ist jetzt Kapitän!“, retournierte sie listig. Dem Onkel war die Situation eher unangenehm, der Franz in ihm aber frohlockte. Sie zeigte Kante. Eine kleine. Wie sich am Himmel etwas zuspitzte, spitzte sich auch im Boot etwas zu. Da fand ein Machtspielchen statt, aber Franz wollte kein Brandbeschleuniger sein. Er erinnerte sich an seine Tante aus Oldenburg. Die hatte ihm zwei Sätze hinterlassen. Erstens: „Der Tod beginnt im Mund“, als sie, damals um die Fünfzig, im Briefkasten ein Schreiben für eine Zahnzusatzversicherung vorfand. Zweitens: (da war sie schon im Altersheim) „Niemand tritt aus der allgemeinen Lebensregel heraus, ohne dass er oder jemand anderes Schaden dadurch nimmt.“ Und doch wusste sie – spätestens als sie sich im Altersheim in den 92-jährigen ehemaligen Lufthansapiloten Herrn Anders verliebte, dass man in jedem Lebensalter an der Liebe sterben kann. Die Liebe kennt kein Verfallsdatum.

Franz hatte in seinem Leben schon häufig Lebens- und Liebesregeln verletzt. So hatte er einmal, Regieassistent noch, eine Schweizer Schauspielerin von deren Freund weggelotst, ihr eine Ehe versprochen und dann beim Besuch ihrer verheirateten Schwester diese auf dem Dach eines alten Patrizierhauses gevögelt, wobei beide von der aus dem Theater zurückkehrenden Schwester überrascht worden waren, woraufhin diese, ohne irgendein wahrnehmbares Zeichen innerer Erregung, ihre Zigarette auf Franzens Brust ausgedrückt hatte, noch in der Nacht mit ihrem Auto nach Paris gefahren war, dort den Mann ihrer Schwester verführt und sich anschließend vor die Metro geworfen hatte.

Als Franz von diesem Geschehnis erfuhr, schlug der Satz der Tante aus Oldenburg blitzartig in ihn hinein. „Ja, ja Tante!“, schrie er vom Dach des alten Patrizierhauses, „Ja! Ja! – Ich bin aus der allgemeinen Lebensregel herausgetreten!“ Dann setzte er sich auf eine der beiden vergammelten Plastikliegen, verfluchte die Tante aus Oldenburg und weinte. Der Arzt in der Psychiatrie sprach von einem Intermezzo – er sagte Intermezzo zu der Vögelei mit der Schwester - und dass das Intermezzo als alleiniger Grund für den Suizid seiner Freundin eher unwahrscheinlich sei. Allein schon durch die Fahrt nach Paris und die Verführung des Schwagers, der somit in Erfüllung gegangenen Rache an der Schwester, seien so viele Aggressionen abgebaut worden, dass er einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Seitensprung von Franz und dem Suizid von dessen Freundin als wenig wahrscheinlich einschätze. „Es muss tiefere Gründe gegeben haben, dass sie ihr Weiterleben ungewünschter angesehen hat als den Tod“, ergänzte er noch.

Als ihm diese Affäre mit den Schweizer Schwestern nach fünfundvierzig Jahren beim Schreiben seines Buches wieder in den Sinn kam, konstatierte er auf Grund seiner Erfahrungen, unabhängig davon was der Psychologe damals gesagt hatte, dass man aus Liebe sterben kann. Und dieser Gedanke sollte ihm in den kommenden Monaten noch einmal zur schmerzlichen Gewissheit werden.

Wie der eiserne Vorhang eines Theaters senkte sich die schwarze Wolkenwand dem mittlerweile graufarbenen, aufgewühlten Wasser entgegen. Die Wellen warfen weißes Schaumkraut, der Wind blies von achtern, und immer öfter fauchten silberblau aufflammende Blitze aus der Gewitterwand und fuhren ins Meer, gefolgt vom Gerumpel der schweren, vom schwarzen Regen gefüllten, aneinander stoßenden Wolkensäcke.

Franz hielt Kurs. Dabei war ihm das kurze, vom Wind gezauste schwarze Haar der Frau Doktor Kimme, ein Antennenmast am Ufer das Korn. So wie er hinter dem Steuer stand, mit dem Bug des Bootes die Wellen schnitt, sich einen kantigen Gesichtsausdruck verpasste, kam er sich großartig vor. Er wollte ein imposanter „Onkel“ sein. Dabei kam ihm der Gedanke, sozusagen ein Blitzgedanke, ob diese Frau nicht ausborgbar sei, so wie ein Buch aus der Leihbücherei in seiner Jugendzeit, damals 20 Pfennige für vierzehn Tage. Franz hatte alle Bücher, ob die eigenen oder die geliehenen immer sehr sorgsam und liebevoll behandelt; das wollte er mit der Frau Doktor auch so halten, sie liebevoll und sorgsam behandeln.

Das Boot schwankte, Natia kotzte, Werner war weiß wie die Schaumkronen der Wellen. Ein Blitz riss eine silberne Naht in den schwarzen Himmel, zackte über das dunkel schäumende Meer, und Franz sah die Augen der Frau Doktor auf sich gerichtet. Ein Härchen der Augenbraue, vom Wind herausgezupft, querte seinen Augapfel, ließ sein Augenlid irrlichternd zucken, doppelte den Blick auf sie. Nur noch dreiviertel zweiäugig sah Franz einen gewaltigen Blitz ins Meer fahren, gefolgt von einem noch gewaltigeren Donner. Sekunden später knirschte der Rumpf des Bootes im Kies. Während der Bootsverleiher das Boot sicherte, sprangen drei Männer, zwei Frauen und ein Hund heraus und rannten auf eine Taverne zu, unter deren Vordach sie Schutz fanden.

Um einen Tag Leihwagenmiete zu sparen,

hatte Werner beschlossen, das Auto früher abzugeben. Dadurch verblieben noch drei Stunden bis zum Abflug der Aegean-Airlines von Kalamata nach München. Jetzt stand man auf einem Flughafen, der seinen Namen nicht verdiente, hatte Geld gespart und viel Zeit zur Verfügung, mit der man nichts anzufangen wusste. „Waas wir jetzt maachen?“, fragte Natia, als man in der spärlich frequentierten Abflughalle stand, die gleichzeitig auch Ankunftshalle war. Franz zuckte mit den Schultern und Werner überhörte die Frage, wie er Fragen, die ihn nicht interessieren, einfach überhört. Wie fast immer war er mit seinem Tablet beschäftigt. Wie eine verzögerte Antwort auf Natias Frage dröhnte ein Lachen, dessen Lautstärke es mit jedem startenden Urlaubsjet hätte aufnehmen können, unvermittelt durch die Halle. Franz traute seinen Ohren und Augen nicht. Da stand er. „El Loco“. Inmitten der Flughafenhalle, hineingekracht wie ein 30-Tonner in einen Schrebergarten. Zunächst glaubte Franz einer Halluzination aufzusitzen, wähnte er „El Loco“ doch dort, wo man sich vor anderthalb Stunden verabschiedet hatte, im Asteria & Ilios. Aber er war es wirklich, unübersehbar und vor allem unüberhörbar. Eine Welle überbordender Freude gepaart mit einer fiebrigen Aufgeregtheit durchströmte Franzens Körper. „Herz, mein Herz, sei nicht beklommen, Und ertrage dein Geschick, Neuer Frühling gibt zurück, Was der Winter dir genommen.“ Er rannte auf „El Loco“ zu und die beiden Männer fielen sich in die Arme. „Alles, alles darfst du lieben!“ Franzens Herz war weiter als sein Kopf. Später notierte er: „Und wir schlugen uns mit flachen Männerhänden heftig und ausgiebig die Rücken, als handele es sich um eine spezielle Disziplin des Schnitzel-Klopfens, und gaben, zur Verwunderung wie auch zum Befremden der wenigen in der Flughafenhalle wartenden Passagiere, Laute von uns, die paarungsbereiten Hirschen in nichts nachstanden.“

Franzens Freude, „El Loco“ zu sehen, wich schnell der bangen Frage, ob er alleine gekommen war oder seine Lebensgefährtin mitgebracht hatte. Sekunden später, man prügelte sich immer noch die Rücken, erlebte Franz einen gefühlten Herzstillstand, als Frau Doktor durch die automatische Schiebetür auftrat, den bellenden Hund kurz an der Leine. Das war Großes Kino. Als Franz, an seinem Roman arbeitend, sich die Situation noch einmal vergegenwärtigte, wie er die Frau Doktor über „El Loco“‘s Schulter hinweg angestarrt hatte, sich in diesem Augenblick gewünscht hatte ihr Hund zu sein, „El Loco“ die Veränderung von Franzens Körperhaltung wahrgenommen und süffisant bemerkt hatte, „Sie wollt unbedingt mit, um den Onkel noch mal zu sehen“, war Franz sich nicht mehr ganz sicher, ob sie auf ihn oder er auf sie zugegangen war, was in diesem Moment auch keine Rolle spielte; jedenfalls waren sie wie an einer Schnur gezogen aufeinander zugegangen oder auch geschwebt, hatten sich umarmt, zum ersten Mal und, wie der spätere Schriftsteller Klefisch sich erinnerte, mehr als nur flüchtig.

Dröhnend hatte „El Loco“ seinen Auftritt damit erklärt, dass man die Deitschen nicht drei Stunden auf ihren Abflug habe warten lassen wollen, da ihnen, depressiv wie sie nun mal alle seien, durchaus ein Massenselbstmord zuzutrauen wäre. Er lachte wieder sein krachend-krankes Lachen. „Jetzt machen wir einen Ausflug nach Kalamata!“, hatte er geschrien und sich unter den irritierten Blicken aller Beteiligten zwei Koffer geschnappt, „Die deitschen Koffer in den Kofferraum!“, und alle zum Ausgang dirigiert, wo der Cherokee stand. Die drei Deitschen hatte er hinten, die Frau Doktor samt Hund vorn platziert. Mit einem sogenannten Kavalierstart war der Wagen aus der Parkbucht geschossen und mit wohliger Wehmut hatte sich Franz an eine Haarnadellinkskurve und eine Kopflandung in einem Schoß erinnert.

Kosta hatte der Urlaubsbekanntschaft sein Geburtshaus in Kalamata gezeigt und sie in eine Taverne eingeladen, in der, wie er erzählte, schon sein Großvater gesessen habe, während Franzens ganz und gar nicht mehr heimliches Auge immer wieder den Blick der Frau Doktor suchte, die vornehmlich mit dem Hund beschäftigt war oder, wie er insgeheim hoffte, es nur vorgab zu sein. Franz hatte auch gemeint, das ein oder andere Zublinzeln wahrzunehmen, hatte aber gleichzeitig gedacht, dass nur sein Wunsch Vater dieser Wahrnehmung sein konnte, glauben doch alle Männer bereitwillig, was sie wollen. (Cäsar, „Gallischer Krieg“ 3,18: „Libenter homines id, quod volunt, credunt“ – Es ist für Männer einfacher, das zu glauben, was sie wollen).

Der endgültige Aufbruch nahte. Wieder in der Abflughalle hatte man sich zum zweiten Mal verabschiedet und tauschte Adressen und Handynummern aus. Frau Doktor schrieb ihre Adresse und Telefonnummern in den Deckel einer Zigarettenschachtel, während die beiden Männer geschäftsmäßig ihre Handynummern austauschten. „Jo, jo, der Onkel kriegt wieder mal ‘ne Sonderbehandlung!“ krähte Kosta in Anspielung auf die handbeschriebene Zigarettenschachtel, in der sich noch fünf Tschicks befanden, die Franz in den folgenden Tagen erinnerungsselig aufrauchte.

Als Franz seinen Arm um sie gelegt hatte, sie zum Abschied an sich zog, spürte er für Millisekunden ihre Brust. „Eine Umarmung, zu kurz um verfänglich zu sein, aber zu lang um zufällig zu sein.“ stand in seinem Tagebuch. Zwei Lippenpaare verfehlten einen beiderseitig gewünschten Kuss, was er sich nicht nur eingebildet hatte. Sie würde es ihm später bestätigen. „Man traue keinem erhabenen Motiv für eine Handlung, wenn sich auch ein niedriges finden lässt.“ Katharinas erhabenes Motiv nach Kalamata zu fahren, war die Absicht, einen Transportkäfig für den Hund zu erstehen, da die beiden vorhatten, mit dem Flugzeug nach Wien zurückzufliegen, den Jeep in Griechenland stehenzulassen, um ihn vier Wochen später, nach einem weiteren Kurzurlaub, abzuholen. Das niedere Motiv war jedoch ihr Wunsch, den Onkel Franz noch einmal zu sehen. Wie sie ihm zwei Wochen später schrieb, begehrte sie ihn zu diesem Zeitpunkt schon sehr. Von der Kontrolle unbemerkt, nahm Franz als zweites Handgepäck einen nicht geküssten Kuss mit an Bord und war seit langer Zeit wieder einmal glücklich.

Captains Voice

verhieß nichts Gutes für München. Dreizehn Grad und Nieselregen. Na Bravo! Aber man wollte ja weiter, durch Österreich nach Italien, zum Gardasee. Dort würde das Wetter mit Sicherheit besser sein. Werners Fahrer übergab am Flughafen den Jaguar und man fuhr Richtung Kufstein, wo in einem Berghotel zwei Zimmer angemietet worden waren, um dort gemeinsam in Franzens 65. Geburtstag hinein zu feiern.

Der noch Vierundsechzigjährige saß im Fond, hielt die Augen geschlossen, suchte nach ihrem Bild. Aber sein visuelles Gedächtnis versagte ihm den Dienst. Die Frau, die zu diesem Zeitpunkt sicherlich wieder am Saum des Meeres saß oder in ihm schwamm, wollte nicht erscheinen. Franz rief Haarfarbe, Hautfarbe, Augenfarbe ab, aber es entstand nur ein unvollkommener Steckbrief, eine Schimäre – unmöglich ihrer habhaft zu werden. Aus seiner Jackettasche holte er die Zigarettenschachtel hervor. Außer der Vorstellung, die Frau besitzen zu wollen, die Frau, deren Bild partout nicht in ihm entstehen wollte, sich verweigerte, war die Zigarettenschachtel die einzige Verbindung zu ihr. Er klappte den Deckel mit einer Ehrfurcht auf, als handele es sich um eine Reliquie und betrachtete ihre Handschrift. Ungelenk. Krakelig. Telefonnummer und E-Mail-Adresse mit aufgeregter Hand hingekritzelt, wie in die Luft geschrieben. Eine Luftnummer? Teilweise fehlender Kulistrich, dafür Vertiefungen, farblose Minen-Schluchten. Franz versuchte ihre Schrift zu deuten, suchte im Schriftbild ihre Gefühle zu erlesen, die sie während des Schreibens gehabt haben könnte. Wie ein pubertierender Schüler ließ er die Schachtel an seiner Nase vorübergleiten, hoffte einen Restgeruch ihrer Hand zu erschnuppern, roch aber nur Tabak. SIE blieb verschwunden. Dann schlief er ein und träumte, dass er nackt am Bug eines Bootes stand, dass auf eine Felsenküste zusteuerte. Er hatte eine gewaltige Erektion und sein Glied ragte weit über den Bugspriet hinaus und die Angst wuchs, dass es an den Felsen stoßen und abbrechen könnte. Aber kurz bevor das Boot den Saum der Küste erreichte, trat Frau Doktor auf einen Felsvorsprung, ließ ihr Kleid fallen und mit weit gespreizten Beinen legte sie sich dem Meer entgegen. Franzens Schwanz fuhr in ihre Möse und beide schrieen vor Lust. Als er ihn jedoch wieder herauszog, hatte sich sein Schwanz in einen Eiszapfen verwandelt. Im selben Moment fuhr das Boot rückwärts und als Frau Doktor ihm hinterherwinkte, brach der Eiszapfen ab und fiel ins Meer. Franz erwachte mit einem Stöhnen. Natia fragte besorgt nach seinem Befinden, aber verschlafen murmelte er nur etwas von einer Eiszeit, die auf ihn zukommen werde, drehte sich auf die Seite und versuchte, in einem schöneren Traum Unterschlupf zu finden.

„Das Berghotel ist so, wie ich es nicht ausgesucht hätte. Weder zu meinem Geburtstag noch zu meiner Beerdigung!“, schrieb Franz tags darauf in sein Tagebuch. „Mit seinen vier Sternen gehört es zu jener Kategorie von Übernachtungsstätten, vor denen meine Mutter in gemeinsamen Urlauben mit leuchtenden Augen stehen geblieben, für die aus pekuniären Gründen aber ein Betreten, geschweige denn eine Übernachtung, nie in Frage gekommen wäre. Die Ausstattung war geschmacklos zu nennen. Im hellen, sterilen Holz gehalten, sozusagen keimfrei, Stühle, Eckbänke in der Regel mit grüngolden gemustertem Stoff bezogen, getrocknete Alpenblumen zu Strohskulpturen dekoriert und in Tongefäßen auf handschmalen Webteppichen platziert. Die Wände selbstverständlich zu jeder Saison frisch getüncht. Weiß. Davor nachgebaute Kommoden, Bauernschränke, in Österreich Kästen genannt, und hie und da ein paar falsche Heilige am oft grob geputzten Mauerwerk.“

Werner und Natia schmeckte die Vorspeise, eine Kartoffelsuppe mit frischen Gartenkräutern, ausgezeichnet. Nach dem zweiten Gang, einem passablen Rehrückenfilet, entschuldigte sich Franz auf die Toilette und setzte dort mit vor Aufregung zitternden Fingern – das Gift der Liebe hatte sich bereits in ihm ausgebreitet – eine SMS an die Telefonnummer ab, die in der Zigarettenschachtel ihrer Verwendung harrte.

Liebe, sehr verehrte Frau Doktor von O. – Sie glauben gar nicht, wie sehr ich (wir) Sie und Ihr Lebensabschnittsgespons, den überaus liebenswerten, äußerst großzügigen und herzensguten Kosta vermissen! Bei Zithermusik, Grünem Veltliner und der Vorstellung, wie wir zu fünft dieses Restaurant aufmischen würden, versuche ich (wir) Ihr Fehlen zu kompensieren. Ich wünsche Ihnen beiden einen schönen Abend, hoffe, dass ich Ihnen, Frau Doktor, ein wenig fehle, herzlichst, Ihr Onkel K.

Zum Reinfeiern, wie ursprünglich angedacht, waren Werner und Natia zu müde. Sie verabschiedeten sich auf ihr Zimmer und Franz war froh, mit seinen Gedanken und Gefühlen allein zu sein. „Es hat dich erwischt!“, stellte er halblaut fest. Ein wirres Staunen in ihm. Das waren keine Raupen, auch keine Puppen mehr in seinem Magen, da hatte schon die Metamorphose zu Schmetterlingen eingesetzt, zu jungen Schmetterlingen, die beschlossen hatten, in Franzens altem Bauch ein Tänzchen zu wagen, ein Schmetterlingstänzchen und, obwohl völlig übermüdet, war er hellwach, sodass an Schlaf nicht im Entferntesten zu denken war. Er wechselte vom Speisesaal in den Eingangsbereich des Hotels und bestellte bei der etwas schläfrig wirkenden Jungkellnerin, die zuvor auch schon das Abendessen serviert hatte, eine Flasche Rotwein. Als sie den ‚Cuvée Pannobile 2008‘ einschenkte, fiel Franz erneut das kleine silberne Medaillon auf, das sie verdreht um den Hals trug. Für einen Moment überlegte er, ob er sie darauf ansprechen solle und gleichzeitig, was denn wäre, wenn er aufstünde und das Kettchen mit der Edelweiß-Vignette so drehte, dass es richtig herumhing. Aber das wäre mit seinen zittrigen Alkoholhändchen, wie seine jüngste Tochter das Tremolo seiner Finger zu bezeichnen pflegte, schlechterdings ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, hatte er zum Abendessen doch erst zwei Gläser Grünen Veltliner getrunken – da konnte von einer ruhigen Hand noch nicht die Rede sein. Als hätte die Kellnerin seine Gedanken erraten, war sie auch schon verschwunden. Nach dem dritten Glas stellte er sich eine Was-wäre-wenn-Frage. „Was wäre, wenn ich mir das schläfrige Mädchen zum Geburtstag schenkte?“ Aber wie sollte die Übergabe des Geschenks vonstattengehen, dachte er, und wie, wann, wo mit dem Auspacken beginnen?

Drei Jahre später, am Tag seines 68. Geburtstages, notierte er über sein Verhältnis zu Geburtstagen und Jahreswechseln: „Meine Geburtstage waren mir immer ein Graus. Es gibt zwei Tage im Jahr, die ich fürchte: den Abend vor meinem Geburtstag und den Silvesterabend. An diesen Tagen verdichtet sich Gewesenes und Kommendes in allerkürzester Zeit. Ein für mich schmerzhafter, kaum auszuhaltender Moment. An jedem der beiden Tage überlege ich mir immer wieder, wann das alte Lebens- oder Kalenderjahr aufhört und das neue beginnt. Gibt es dazwischen eine Zeit? Und wenn ja, wie lang und wie kurz ist sie? Oder gibt es kein Ende und keinen Anfang? Sozusagen ein nahtloser Übergang, wo Neues und Altes sich kurz begegnen, eine Rutschpartie, weshalb man sich auch einen „Guten Rutsch“ wünscht. Das Neue überlappt ruckzuck das Alte. Das Gewesene wird vom Kommenden ausradiert. Ich weiß um meine Ansammlung von Gewesenem und habe überhaupt keine Neugier auf das Kommende, weiß ich doch aus Erfahrung, dass das Neue sehr schnell zum Alten wird. An diesen beiden Tagen, die ohne einen Rückblick beziehungsweise ohne einen Blick nach vorn undenkbar sind, wünsche ich mir immer, nie geboren worden zu sein oder mit einem großen Knall in den Boden zu versinken. In meines Lebens fünftem Akt angekommen, habe ich immer mehr das Bedürfnis, an diesen Tagen allein zu sein. Das entspricht einerseits meinem allmählich zur Neige gehenden Dasein, aber auch einer gewissen Alterssentimentalität, um die ich zwar weiß, sie in der Öffentlichkeit auch mehr oder weniger zu tarnen verstehe, die mir aber andererseits dergestalt zu schaffen macht, dass ich bei dem Gedanken, diese beiden Tage alleine verbringen zu müssen, in kräftiges Selbstmitleid versinke.“

Ungefähr in der Mitte des 30. Lebensjahres war bei Franz der Punkt erreicht, wo er dachte, den nächsten Geburtstag sowieso nicht mehr zu erleben, geschweige denn das Rentenalter. Immer wieder beschäftigte ihn der Gedanke eines frühen Todes. Und dann näherte sich sein fünfzigster Geburtstag. Franz sah ihn mit Grauen auf sich zukommen. Ein halbes Jahrhundert! Ein Lebensabschnitt, wie behauptet wird. Ein Tag des Zurückschauens. Mit Stolz oder auch ohne. Ein Tag der Zwischenbilanz. Aber Franz wollte nicht zurückschauen, weder mit Stolz noch ohne. Er wollte auch nicht bilanzieren. Es gab in seinem bisherigen Leben nichts zu bilanzieren. So hatte er damals gedacht. Er wollte den Geburtstag alleine begehen, allerhöchstens noch mit seiner Frau, die seinen Wunsch dahingehend unterstützte, dass sie ihn am Vormittag mit der Bemerkung in den Wald geschickt hatte, dass er dort, im Wald, seinem Wunsch nach Alleinsein nachkommen könne und am Abend werde man dann sehen – je nachdem wie er aus dem Wald zurückkehre, könne man vielleicht zu zweit essen gehen oder fernsehen oder was auch immer. Als Franz am Abend aus dem Wald zurückkehrte, traute er seinen Augen nicht. Im Garten hatten seine damalige Frau und seine Tochter liebevoll Biertische und Bänke aufgebaut. Die weißen Papiertischdecken waren mit bunten Blumen und Luftschlangen geschmückt, Lampions und Lichterketten in Sträuchern und Bäumen drapiert worden. Zwei Bierfässer wurden gerade angeliefert und Franzens Freund Bommes, der Fischverleiher und Weinhändler, war dabei einen Grill aufzubauen, neben dem ein nacktes Spanferkel seine vier Beine in den Himmel streckte. Alles war mit sehr viel Liebe arrangiert worden, und als Franz seine Frau ansah, die ihn mit einem Blick bedachte, in dem Ängstlichkeit und Stolz (ob der Überrumpelung ihres Mannes) miteinander rangen (sie wusste, dass dieser Mann Überraschungen nicht mochte), schlich sich eine Träne in sein Auge und er hatte sie, nicht ohne die ihm eigene Sentimentalität, in den Arm genommen. Der Geburtstag, der mit viel Liebe arrangiert worden war, war am späteren Abend noch heftig aus dem Ruder gelaufen. Erst hatte sich ein schlechter Schauspieler mit einem guten Kabarettisten prügeln wollen, was zunächst verhindert werden konnte, dann hatte der schlechte Schauspieler, der zu dem Zeitpunkt der Freund einer guten Schauspielerin gewesen war, ins Ehebett gekotzt, derweil Franzens ältester Freund, der wohl erfolgloseste Galerist aller Zeiten, mit der guten Schauspielerin im strömenden Regen auf einer Bierbank gesessen hatte und irgendwann, wie von einer Axt gefällt, rückwärts ins Gebüsch gekippt war, was die gute Schauspielerin jedoch nicht bemerkt und einfach weiter geredet hatte. (Das Weiterreden bestreitet die gute Schauspielerin heute noch. Allein deswegen kann man davon ausgehen, dass sie immer noch eine gute Schauspielerin ist!) Später war es noch zu einer Schlägerei gekommen, die trotz oder gerade wegen des ausgezeichneten Rotweins nicht verhindert werden konnte. Am nächsten Tag hatte Franz gemeinsam mit seiner damaligen Frau beschlossen, keinen seiner Geburtstage mehr zu feiern.

Weit nach Mitternacht saß Franz noch immer in der Eingangshalle des Hotels; mittlerweile bei der zweiten Flasche ‚Pannobile‘. Durch den Alkoholnebel in seinem Hirn geisterte die Frau Doktor und immer wieder griff er zum Handy in Erwartung einer Antwort auf seine SMS. Aber der Nokia-Knochen blieb stumm. Franz befand sich in einem Verliebt-Seins-Rausch. Ihm kamen Taucher in den Sinn, die ab einer gewissen Tiefe immer weiter tauchen, hinein in das Schwarz, das ihren Tod bedeutet. In letzter Zeit hatte er auch das Gefühl, dass etwas Schwarzes in ihm Oberhand gewann. Eine gewisse Lebensmüdigkeit oder eher ein Lebensüberdruss hatte sich in ihm eingenistet. Nicht in dem Maße, dass er sich hätte suizidieren wollen, aber Abneigung, Unlust und der Widerwille gegen das Tagesgeschäft namens Leben verstärkten sich. Wie sollte es weiter gehen? Wann würde das Ganze in eine solche Schieflage geraten, dass er aus dem Leben rutschte? Die Jungkellnerin unterbrach seine Gedanken durch einen Hustenanfall. Sie hing mehr hinter der Bar, als sie stand. Sicherlich ist diese Arbeit in der Hotelgastronomie, noch dazu in einem Seitental der Tiroler Alpen, kein Zuckerschlecken – dachte Franz – korrigierte aber seinen Gedanken sofort, da ihm klar war, dass das Wort ‚Zuckerschlecken‘ nicht annähernd die Bürde dieser Arbeit auszudrücken vermochte und der Begriff ‚hart verdientes Brot‘ eher zuträfe. Da war es wieder, dieses Kreißen im Kopf, diese ständige Suche nach dem richtigen Wort, was ihn immer wieder verzweifeln ließ, besonders in der Nacht, wenn alle falschen Worte wach wurden, sich am Fußende seines Bettes versammelten und im Gleichschritt auf ihn zu marschierten. Viele Worte verschwinden auch. Einfach so. Werden nicht mehr gebraucht. Schaffen sich selbst ab – wie Fräulein vom Amt, Tropfenfänger, Wählscheibe, Henkelmann, Bandsalat oder Matrizendrucker - oder werden abgeschafft, wie das 63 Buchstaben lange Wort:

Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz.

Franzens Blick glitt wieder auf die Bedienung. Er stellte sich vor, sie, so müde wie sie war, einzupacken und mitzunehmen, wenn er in ein paar Stunden nach Torri del Benaco führe. Dorthin hatte er Werner und Natia auf zwei Nächte und ein Abendessen ins ‚Gardesana‘ eingeladen, ein Hotel, in das André Gide (wie es die Anekdote will) krank einzog, um dort zu sterben. Beim Anblick des Sees aber, vom einzigen Balkon des Hotels, erwachten seine Lebensgeister aufs Neue und er beschloss ein weiteres Buch zu schreiben. Dieses ‚André Gide Zimmer‘ hatte Franz für Werner und Natia reservieren lassen, obwohl die nicht ans Sterben dachten und auch keine Schriftsteller waren. Für ihn und die Jungkellnerin stünde im Zimmer mit Seeblick ohne Balkon sicherlich ein großes Doppelbett bereit. Was brauchte es da noch einen Balkon, dachte er, trank und hatte für einen Moment gegenüber der Frau Doktor ein schlechtes Gewissen.

Zwei Jahr zuvor, einen Tag nach seinem 63. Geburtstag, hatte ihm seine damalige Frau mitgeteilt, dass sie ihn nach dreißig Jahren des Zusammenlebens verlassen werde, was sie ein knappes halbes Jahr später auch tat. Sie wollte ihr Geld und seinen Alkohol-Konsum nicht weiter mit ihm teilen. Als sie ihm das mitgeteilt hatte, im Garten, die Sonne schien aus einem juniblauen Himmel, hatte sich Franz zum ersten Mal im Leben aus Schwäche hinsetzen müssen. Er hatte immer wieder mal von „weichen Knien“ gehört, diese aber ins Reich der Redensarten verortet. In diesem Moment jedoch, im sommerlichen Garten, hatte er erlebt, wie Worte eine physische Reaktion auslösen können, wie ein nicht erwarteter Aufwärtshaken. Und als er so saß auf der Gartenbank, dachte er daran, dass man doch so sitzen wollte, irgendwann, nebeneinander auf einer Bank in Irland mit Blick übers Meer bis nach Amerika. „Du bist doch meine Lebensliebe“, hatte er laut gesagt, da war aber die Frau schon aus dem Garten verschwunden und aus dem Wort ‚Lebensliebe‘ entstand in seinem Kopf ‚Lebenslüge‘. Lange Zeit wütete der Schmerz so in ihm, dass er ihn immer wieder auskotzen musste. Das geschah oft ohne große Vorankündigung. Dann musste er auf die Bremse treten, an den Seitenstreifen fahren, und oft schaffte er es gerade noch, die Tür zu öffnen. Das zog sich fast über ein ganzes Jahr hin. Er versuchte so gut es ging mit dem Schmerz zu leben und wenn er im Morgengrauen unter der Bettdecke nach dem kleinen Fuß mit der schrundigen Ferse suchte, war ihm so traurig zumute, dass er nicht wieder hatte einschlafen können. Aber auch das war vorübergegangen.

Franz schaute auf die Uhr, und, wie er sich selbst das Versprechen abnahm, zum allerallerletzten Mal aufs Handy. Es war halb zwei, das Handy war stumm geblieben, die Jungkellnerin gähnte und sah von Minute zu Minute älter aus. Franz winkte sie heran und hielt ihr einen Fünfzigeuroschein hin. Sie schaute irritiert. „Ein Geschenk, weil ich seit anderthalb Stunden Geburtstag habe!“, sagte er mit schon schwerer Zunge. Darauf war sie nicht vorbereitet. Kam in der Berufsschule nicht vor. Wahrscheinlich in ihrem bisherigen Berufsleben auch nicht. Sie zögerte. „Warum?“ – „Einfach so!“, murmelte er. Der Schein zitterte in seiner Hand. Zu gering sein Wert, um die Geste misszuverstehen, zu generös hinsichtlich der kurzen Dienstleistung des Weinentkorkens und Einschenkens. Sie nahm ihn schließlich dankend an, nicht ohne ihm zu gratulieren. Ihre Hand war so schlaff wie ihre Gesichtszüge müde. Er stand auf, korrigierte ohne großen Aufwand das verdrehte Medaillon oberhalb ihrer Brust, wünschte eine gute Nacht und sah, im Weggehen sich noch einmal umblickend, wie das Medaillon wieder in die alte Position zurückhüpfte.

Der Nokia-Knochen gab Laut.

Schlaf- und rotweintrunken tastete Franzens Hand neben dem Bett nach dem linken Pantoffel, in dem er über Nacht immer sein Handy deponierte. Da war aber weder ein Handy noch ein Pantoffel. Mit einer Verzögerung stellte er fest, dass er nicht in seinem, sondern in einem Hotelbett lag. Dann fiel ihm ein, dass er sein Handy vorm Zubettgehen, das man eher als ein Zubettfallen hätte bezeichnen können, noch ans Ladegerät angeschlossen hatte. Jetzt fehlte ihm aber die Brille, um das Handy zu suchen. Daheim lag sie immer im rechten Pantoffel, da es aber in diesem Hotel nur weiße Badelatschen gab, erinnerte er sich, die Brille auf die verwaiste Doppelbetthälfte gelegt zu haben, wo er sie nach einigem nervösen Tasten auch vorfand. Er war fürchterlich aufgeregt und konnte es kaum erwarten, bis das Handy vom Einschalten über die Pin-Eingabe endlich in den Betriebsmodus wechselte. Sein Herz tat einen Hüpfer, als er den Absender der SMS las.

Betrifft: Ich hoffe und wünsche, dass ich Ihnen ein wenig fehle! – „Ein wenig fehlen“ ist wohl die Übertreibung schlechthin ... Wird ein seltsam reduziertes Frühstück heute. „It is always painful to part from people whom one has known for a very brief space of time. The absence of old friends one can endure with equanimity. But even a momentary separation from anyone to whom one has just been introduced is almost unbearable“*. Und wie sehr erst, wenn derjenige nicht bloß anyone ist ... Hoffe, das „momentary“ zieht sich nicht zu lange und es gibt bald eine Fortsetzung des Esprit der letzten Tage. K.v.O.

*(„Es ist immer schmerzhaft sich von Leuten zu trennen, die man für sehr kurze Zeit gekannt hat. Die Abwesenheit alter Freunde kann man mit Gleichmut ertragen. Aber die vorübergehende Trennung von jemandem, dem man gerade vorgestellt wurde, ist fast unerträglich.“) 2. Akt, Cecily, von Oscar Wilde

Wenn es stimmt, dass man vor Glück manchmal einen Luftsprung tut, dann stimmte es an diesem Morgen für Franz. Sein altes Herz sprang in ihm wie ein junger Grashüpfer auf einer Sommerwiese. Vier Minuten später schrieb er:

Betrifft: „Ich hoffe und wünsche, dass ich Ihnen ein wenig fehle!“

Sehr verehrte Frau Doktor, liebsten Dank für Ihre SMS! Sie hat mich berührt! Trinken Sie beide auf mein Wohl, zahlen tu ich später, herzlichst, Ihr Onkel aus Dingsda

Torri del Benaco

Man saß im Schatten des steinernen Säulengewölbes, das sich über die ganze Front des Hotels hinzog. Es war heiß. Die Bedienung, eine kleine, runde weibliche Person mit starken Augengläsern, kurzen Beinen und schief gelaufenen Absätzen brachte Wein. Mit einer kleinen Wehmut dachte er an die Jungkellnerin von gestern Abend. Aber man kann nicht alles haben, dachte Franz und ließ seinen Blick über den See gleiten, auf dessen anderer Seite sich im blauen Dunst ein riesiges Bergmassiv erhob. Der zweite Wein kam – die Gläser waren beschlagen.

Genauso hatte sich Franz das ‚Gardesana‘ vorgestellt. Vor seinem inneren Auge sah er Vila und Renz (die beiden Hauptfiguren aus Bodo Kirchhoffs Roman „Die Liebe in groben Zügen“) und eine ganze Truppe geschlechtlich und ungeschlechtlich Verzahnter seinen Geburtstag feiern. Er jedoch abwesend, im ‚André-Gide-Zimmer‘ mit der Frau Doktor beschäftigt, deren Lebensgefährte gerade dabei war, der Gratulanten-Runde seine Lache anzudienen.

„Ich dachte, diese Viecher gehen nur auf altes Obst!“, grummelte Franz vor sich hin und verscheuchte mit fahrigen Handbewegungen Fruchtfliegen, die ihn umtanzten und auf seiner schweißnassen Haut zu landen versuchten. Werner lachte. Drei von den Viechern hatte Franz schon aus seinem Weinglas entfernt, wobei Natia bereits bei dem ersten aufschrie und Franz aufforderte, das Glas auszuschütten, da die Tierchään in den Wein hineinschaiisen. „Ich den Wein wegschütten, weil Du ‘nen Knall hast?“, dachte Franz und nahm provozierend einen neuen Schluck. „Wenn Du Wein mit Schaiise trinken willst, bittaschöön!“ Wenn sie ihrem Knall mit den ‚Viechäärn‘ frönte oder zum hunderttausendsten Male behauptete, sie sei zu ‚dieek‘, hörte Franz ihr einfach nicht mehr zu. Das hatte er sich von Werner abgeschaut.

Außer den ‚Viechäärn‘ im Weinglas war Natia auch nicht entgangen, dass Franz immer wieder verstohlen auf sein Handy guckte. Ein unübersehbar Wartender. Sie kniepte ihm verschwörerisch zu, so, als hätte man ein gemeinsames Geheimnis. Hatte man aber nicht. Zum wiederholten Mal schaute Franz auf sein Handy. Da ihm das mittlerweile unangenehm war, zog er es unterhalb der Tischkante nur noch halb aus der Hosentasche, um einen Blick darauf zu werfen. Und dann: Bingo! Sein Herz blieb kurz stehen und fiel dann in einen gestreckten Galopp. Eine SMS von ihr. Unübersehbar: Katharina v. O. Franz schob das Handy schnell in die Hosentasche zurück, erhob sich demonstrativ gleichmütig, gab an, sich ein wenig die Beine vertreten zu müssen und ging, den Blick auf die dunstverschleierten Berge auf der anderen Seite des Sees gerichtet, betont lässig Richtung Wasser, um dort, außerhalb des Gesichtskreises von Werner und Natia, den Nokia-Knochen schon in der Hand, sich auf eine Bank zu setzen, eher fallen zu lassen. Ein gewaltiges Herzbeben begleitete seine zittrigen Finger beim Öffnen der Nachricht.

Da ich heute früh ob der fortgeschrittenen Stunde nicht annehmen durfte, der erste in der langen Reihe der Gratulanten zu sein, wollte ich wenigstens der letzte sein, und die 34. Wiederholung des freudigen Ereignisses mit den einfachen Worten eines Wiener Kindes beschließen. Und da es noch nicht 23.57 Uhr ist, gibt es auch keine Geburtstagswünsche. Noch nicht. Egal, wie ungeduldig der Vater des Vetters aus Dingsda schon wieder ist. Aber das ist ja nichts Neues.

So ganz verstand Franz den Inhalt der SMS nicht, besonders das mit der 34. Wiederholung und dem Wiener Kind und dem Vater des Vetters aus Dingsda, aber das war ihm egal. Verliebten kann man ja jeden Schrott anbieten, dachte er. Erst recht wenn sie fünfundsechzig geworden sind, Franz heißen, denken, dass ihnen, wegen einer frischen Liebesböe, die Welt wieder offen stünde und das Leben von vorn begänne. Wenn auch nicht ganz von vorn, so jedoch zu einem Zeitpunkt, an dem Franz sich wider besseres Wissen noch für jung und aufbruchsfähig hielt. Aber mit besserem Wissen ist kein Liebesfeuer zu löschen. Wie eine quadratische Zahlenfolge sollte in naher Zukunft Franzens Verstand abnehmen und durch einen sich kontinuierlich steigernden Liebeswahn ersetzt werden. Im Moment war er einfach nur glücklich, dass sie an ihn gedacht, ihm geschrieben hatte, egal, ob und was er verstand.

Er wollte gerade antworten, da schlenderten Werner und Natia auf ihn zu. Zum ersten Mal sah er sie händchenhaltend. Holzpflock und Stacheldraht. Aber wer war Pflock und wer Draht? Die beiden schienen glücklich, wollten vor dem Abendessen noch einen Spaziergang unternehmen und Franz mitnehmen. Obwohl ihm nicht danach war, sagte er zu. Dabei hasste er Spaziergänge. Schon allein das Wort! Ein sinnloses Wort für eine sinnlose Tätigkeit. Um es zu diskriminieren, sprach er es gern mit einem harten ‚t‘, hart mahlenden Wangenmuskeln und einer völlig überzogenen Artikulation aus: ‚Spatziiergang‘; ‚Spatziieren gehen‘. Da war nur noch Wut und Verachtung gegenüber einer Verrichtung, die Franz bis an sein Lebensende als etwas Kleinbürgerliches und Spießiges ansah. Flanieren ja – Spazieren nein. Und da war es wieder, sein Lebensproblem: Er ging Spazieren, obwohl er nicht wollte. ‚Neinsagen‘ war für ihn immer und immer wieder ein Gewaltakt. Und vor Gewaltakten scheute er zurück, obwohl er wusste, dass sie manchmal überlebensnotwendig waren.

Franz strebte danach, ein kompromissloser Mensch zu werden, aber der Abstand zwischen dem Franz, der er war, und dem, der er sein wollte, war immer noch zu groß. In dem Raum zwischen dem Ist und dem Soll hatten sich die Tragödien seines Lebens abgespielt, zum Teil voraussehbar, offenen Auges rein in die Scheiße, zum Teil, wie man so sagt, von hinten durch die Brust ins Auge geschossen. Und immer wieder waren Frauen mit im Spiel. Für seine Schwäche, sich nicht genügend abgrenzen zu können, hatte er in seinem Leben schon viel zahlen müssen, und er würde – was er zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht wusste – in dieser Hinsicht und in absehbarer Zukunft noch einmal heftig zur Kasse gebeten werden.

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ISBN:
9783752908473
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Bookwire
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