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Czytaj książkę: «Der Waldläufer»

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Vorbemerkung

Gabriel Ferry, mit seinem wirklichen Namen Ferry de Bellamare, wurde im November 1809 in Grenoble geboren. Leider fehlen uns Nachrichten über seine Jugend und seinen Bildungsgang, und wir wissen nur, daß er den größten Teil seines Lebens auf Reisen in Amerika verbrachte. So kam er denn auch beim Brand des Schiffes »Amazone«, das sich auf der Fahrt nach Kalifornien befand, ums Leben. Das Schiff verbrannte am 5. Januar 1852, und Ferry befand sich unter denen, die sich nicht retten konnten.

Ferrys Schriften, die sich durch treffliche Naturmalerei und feine Charakteristik auszeichnen, erschienen in der »Revue des deux Mondes«; sie machen durchwegs den Eindruck des Selbstgesehenen, Selbsterlebten und legen nicht nur beredtes Zeugnis ab für seine dichterische Begabung, sondern auch für hochentwickelten malerischen Sinn. Wir verweisen hierbei nur auf seine Schilderung des »Val d‘Or« im vorliegenden »Waldläufer«. »Le coureur des bois – Der Waldläufer« ist eines seiner geschätztesten Werke – vielleicht sein bestes; die Übersetzung von Dr. G. Füllner, ist vor allen Dingen nicht nur nicht gekürzt, also eine vollständige Wiedergabe des Originals, sondern auch, was treue Anlehnung an letzteres betrifft und auch sprachlich eine der besten.

1. Pepe der Schläfer

Der Hafen von Elanchove an der Küste der Biskaya bietet ein malerisches und imposantes Landschaftsbild. Als ich bei meiner Rückkehr aus Amerika, von einem jener Zufälle geleitet, wie sie in einem abenteuerlichen Leben vorkommen, eines Tages in Elanchove landete, richtete ich jedoch meine Aufmerksamkeit nicht hauptsächlich auf das Landschaftsbild. Ich wandte sie vielmehr einem alten Schloß zu – dem einzigen der Art, das vielleicht in Spanien existiert —, das mit seinem Schieferdach und seinen gotischen Wetterfahnen auf dem Gipfel der höchsten Klippe emporragte. Ich hatte in diesem alten Schloß die Örtlichkeit wiedererkannt, wo eine dramatische Geschichte begonnen hatte, die mir wenige Jahre vor meiner Rückkehr aus Mexiko in den Wäldern des Staates Sonora erzählt worden war.

Der Felsgürtel, auf dem sich dieser Herrensitz erhebt, schließt den kleinen Hafen von Elanchove ein, der von einem aus behauenen Steinen errichteten Damm geschützt wird.

An der Stelle, wo sich dieser nicht sehr hohe Hafendamm mit dem Land verbindet, beginnt man die zu natürlichen Stufen angeordneten Klippen zu ersteigen, auf denen sich die Häuser des Hafenortes amphitheatralisch emporziehen. Eine Straße, die einer riesenhaften Treppe gleicht, macht das ganze Dorf Elanchove aus.

Da die Einwohnerschaft einzig aus Fischern besteht, die am Tag abwesend sind, so erscheint Elanchove zuerst vollständig unbewohnt; aber von den Dächern der schornsteinlosen Häuser steigt der Rauch der Abendmahlzeit auf, die die Hausfrauen bereiten; von Zeit zu Zeit erscheint an der Tür der Hütten in ihren grellfarbigen Röcken und ihren doppelten, bis aufs Knie herabfallenden Haarflechten eine Gattin, die von einer Wolke am Horizont beunruhigt wird, oder eine Mutter, die ihr Kind stillt. Die eine überfliegt mit ängstlichem Blick das unendliche Meer, die andere gewöhnt ihren Sohn an den salzigen Geruch des Meerauswurfs und der Algen und an die Schärfe des Seewindes. Beide horchen sie traurig dem Pfeifen der Brise zu, die, während sie das schlummernde Wasser des Hafens kaum kräuselt, auf diesen kahlen Höhen laut brüllt, die Rauchflocken fortführt und zerstreut und die am Eingang der Hütten unordentlich zum Trocknen aufgehängten buntscheckigen Lumpen wild durcheinanderwirbelt.

Einen solchen Anblick bietet heute das Dorf Elanchove, dessen Stille und Einsamkeit oben im Verein mit dem Getöse der Wellen am Fuß der Klippen, auf die es hingelagert ist, gleichzeitig eine Empfindung von Schreck und Melancholie einflößen.

Im Monat November 1808 machte Elanchove einen noch viel traurigeren Eindruck. Die Nähe der französischen Armee hatte einen Teil der Einwohner in die Flucht gejagt; sie hatten in ihrer Furcht vergessen, daß ihre Armut sie gegen jeden Verlust schützte, und hatten sich in ihren Barken entfernt, um einem von ihnen gefürchteten Überfall zu entgehen.

Die Geschichte des Schlosses von Elanchove ist, wie ich schon gesagt habe, innig verbunden mit der Geschichte des »Waldläufers«. Dieses Schloß gehörte der Familie Mediana und bildete den einen Anteil des großen Majorats, das in diesem alten Haus gegründet war. Seit langer Zeit jedoch hatten die Grafen von Mediana diesen wilden Aufenthaltsort nicht bewohnt, bis zu Anfang des Jahres 1808 das Haupt der Familie, der älteste Sohn des letzten Grafen von Mediana, den Entschluß faßte, seine junge Gemahlin und sein Kind hierherzuschicken. Als höherer Offizier der spanischen Armee hatte nämlich Don Juan de Mediana dieses Schloß zum sicheren Asyl für seine Gemahlin Donna Luisa, die er leidenschaftlich liebte, gewählt. Auch noch ein anderer Beweggrund hatte seine Wahl bestimmt: Der Alkalde von Elanchove nämlich war ein alter Diener des Hauses, und er rechnete auf seine Ergebenheit für eine Familie, die ihn zu dem Rang, den er einnahm, erhoben hatte. Don Ramon Cochecho war der Name dieser obrigkeitlichen Person Elanchoves.

Dieser traurige Aufenthaltsort entsprach aber nicht allein einer bevorstehenden Trennung, die durch militärische Pflichten gefordert wurde; er paßte auch für die ersten Zeiten einer unter traurigen Vorbedeutungen geschlossenen Verbindung. Denn der jüngere Bruder Don Juans, Don Antonio von Mediana, liebte ebenfalls Donna Luisa. Seitdem diese aber geradezu erklärt hatte, wen sie am meisten liebe, hatte er das Land verlassen, und man hatte ihn nicht wiedergesehen. Das Gerücht von seinem Tod hatte sich sogar verbreitet, war aber durch nichts bestätigt worden.

Doch wie dem auch sein mag – Don Juan blieb nur kurze Zeit in Elanchove; höhere Befehle zwangen ihn, seinen Aufenthalt im Schloß seiner Väter abzukürzen. Er reiste ab und überließ seine Gemahlin der besonderen Sorgfalt eines alten Dieners; aber er verließ sein Heim, um nicht wiederzukehren. Eine französische Kugel erreichte ihn in einem der Kämpfe, die der Schlacht bei Burgos vorangingen.

Den getrübten Freuden der ersten Zeit ihrer Ehe folgte nun für Donna Luisa die Trauer eines frühzeitigen Witwenstandes. Um diese Zeit, als das Schloß von Elanchove der düstere Zeuge des Schmerzes der Gräfin von Mediana war, beginnt unsere Erzählung: im Monat November 1808.

Man kann sich wohl denken, daß der Hafen von Elanchove, vereinzelt, wie er an der Küste der Biskaya lag, seine Besatzung von Küstenwächtern hatte. Ihre Lage war jedoch damals traurig. Die spanische Regierung stritt ihnen zwar keineswegs ihren Sold ab, vergaß aber anderseits ständig, ihnen diesen auszuzahlen. Dazu kam noch, daß die Schmuggelei, mit der sie sich durch Beschlagnahme der Güter zuweilen hätten entschädigen können, gänzlich darniederlag. Die Schmuggler hüteten sich wohl, Leuten zu trotzen, deren Not ihre Wachsamkeit verdoppelte. Vom Capitan der Grenzjäger, Don Lucas Despierto, an bis zum geringsten Soldaten entfalteten alle eine unermüdliche Wachsamkeit, woraus denn auch folgte, daß der spanische Fiskus, ohne nur den Beutel zu öffnen, Diener hatte, die ihn wenig kosteten und ihm doch treu waren.

Ein einziger dieser Küstenwächter zeigte in bezug auf die Schmuggler einen gänzlichen Zweifel; er ging sogar so weit, zu leugnen, daß es jemals solche gegeben habe. Er war dadurch bekannt, daß er immer auf seinem Posten einschlief, und seine geheuchelte oder wirkliche Teilnahmslosigkeit hatte ihm den Beinamen »der Schläfer« zugezogen, den er denn auch nach besten Kräften rechtfertigte.

Er genoß dank seines Rufes ein vollkommenes Glück. Das Leben schien für ihn nur ein langer Schlaf zu sein. Ständig in seiner Hängematte ausgestreckt, schlief er zwanzig Stunden des Tages, und zwar mit dem ganzen Bewußtsein seines Glücks; während seines Schlafes träumend, daß er schliefe, und nach seinem Erwachen beim Rauchen seiner Zigarre denkend, daß er bald wieder schlafen würde. Sehr selten stellte man ihn darum auch auf Posten an irgendeinen Ort.

José – oder abgekürzt Pepe – war ein Bursche von fünfundzwanzig Jahren, hoher Figur, mager und nervig. Seine schwarzen, ganz von dicken Augenbrauen überschatteten Augen mußten einst funkelnd gewesen sein. Sein Gesicht trug die Züge derjenigen, die von der Natur Reizbarkeit geerbt haben; aber sei es nun Krankheit, sei es eine andere Ursache – seine Züge schienen aus Marmor zu sein, so sehr hatte die Schlafsucht, die gewöhnlich auf ihnen lag, das Mienenspiel erstarrt. Mit einem Wort: Pepe schien – bei allen äußeren Anzeichen eines tatkräftigen Körpers und einer glühenden Seele – der teilnahmsloseste aller Menschen zu sein.

Seine offenbare Mißstimmung hatte den höchsten Grad erreicht, als an dem Abend, an dem unsere Erzählung beginnt, der Capitan Don Lucas Despierto nach ihm zum Posten schickte und ihn zu sich entbieten ließ. Bei diesem unvorhergesehenen Befehl erhob sich Pepe, streckte sich gewissenhaft, gähnte und ging mit den Worten hinaus: »Welch einen tollen Einfall hat wohl der Capitan, mich holen zu lassen?«

Einmal allein jedoch, machte sich der Küstenwächter viel lebhafter, als dies sonst seine Gewohnheit war, nach der Wohnung seines Oberen auf den Weg. Der Capitan war, als er eintrat, sehr beschäftigt und hörte nicht, daß sich die Tür öffnete.

Während der Soldat unbeweglich auf der Schwelle stand und wartete, bis sein Capitan den Verweis beginnen würde, auf den er rechnete, bemerkte er auf dem Boden ein gefaltetes Papier; Form und Farbe bewiesen, daß es lange in irgendeiner Tasche gewesen war. Pepe war trotz seiner Apathie ein Mann der Ordnung; er dachte, daß es schade wäre, ein Papier herumliegen zu lassen, das von Wert sein mußte, da man es so sorgsam bis jetzt verwahrt hatte, und er entschloß sich zu einer Bewegung, um sich desselben zu bemächtigen. Mit anscheinend doppelter Trägheit machte er wie ein Wankender zwei Schritte vorwärts. Der Capitan hörte ihn und wandte sich um; aber Pepe hatte schon auf das Papier, nach dem er lüstern war, den Fuß gesetzt.

Der Soldat schien zu schlafen, während er eine Zigarre zwischen seinen Fingern hin und her drehte. »Da bin ich, mein Capitan«, sagte er, indem er Don Lucas ehrfurchtsvoll grüßte.

»Gut, mein Junge«, begann der Capitan in gutmütigem Ton. »Die Zeiten sind sehr hart, nicht wahr?«

»Ich habe davon sprechen hören.«

»Ich begreife«, sagte Don Lucas lächelnd; »das Elend der Zeit erreicht dich nur halb; du schläfst immer.«

»Wenn ich schlafe, hungert mich nicht«, erwiderte Pepe, ein Gähnen unterdrückend. »Und dann träume ich auch, daß die Regierung mich bezahlt.«

»Bis dahin bist du nur ihr Gläubiger für vier Stunden des Tages. Aber, mein Junge, darum handelt es sich nicht. Ich will dir vielmehr diesen Abend eine Probe meines Vertrauens geben.«

»Ah!« machte Pepe.

»Und auch eine Probe meiner Zuneigung. Die Regierung hat ein offenes Auge für uns alle; der Ruf der Teilnahmslosigkeit, in dem du stehst, fängt an, sich zu verbreiten, und du könntest leicht als ein unnützes Subjekt entlassen werden. Es wäre gewiß sehr traurig für dich, ohne Anstellung zu sein.«

»Schrecklich, mein Capitan«, erwiderte Pepe mit vollkommener Gutmütigkeit; »denn wenn ich schon bei meiner Anstellung vor Hunger sterbe, so weiß ich wahrlich nicht, was geschehen würde, wenn ich keine mehr hätte!«

»Um dieses Unglück von dir abzuwenden, habe ich mich entschlossen, allen, die deinen Charakter verleumden könnten, einen Beweis meines Vertrauens auf dich zu geben, indem ich dir für diese Nacht den Posten an der Ensenada gebe.«

Pepe öffnete wider seinen Willen die Augen beinahe ganz und gar.

»Überrascht es dich?« fragte Don Lucas.

»Nein«, erwiderte Pepe.

Der Capitan konnte ein leichtes Auffahren nicht verbergen. »Wie? Nein?« sagte er.

»Der Capitan Despierto«, antwortete Pepe mit einschmeichelnder Stimme, »ist durch seine Wachsamkeit und seinen unfehlbaren Blick bekannt genug, um auch seinem geringsten Beamten den wichtigsten Posten ohne Gefahr anvertrauen zu können. Darum bin ich auch gar nicht erstaunt, wenn Ihr mir diesen anvertrauen wollt. Ich erwarte nur die Befehle, die Eure Hoheit mir gefälligst erteilen werden.« Nach diesen Worten bückte sich Pepe, um die Zigarre, die ihm entfallen war, wieder aufzuheben; mit dieser Zigarre aber kam dank der Falten seines Mantels zugleich das Papier in die Hand des Soldaten.

Don Lucas gab ihm seine Befehle in einer so weitschweifigen Art, daß es vielleicht schwierig war, sie alle zu behalten, und verabschiedete ihn mit den Worten: »Vor allen Dingen schlaf nicht ein auf deinem Posten!« Pepe blieb ehrfurchtsvoll stehen, ohne zu antworten.

»Du kannst nun gehen; vergiß aber deine Laterne nicht!« sagte abermals Don Lucas, der das Schweigen seines Beamten für eine stumme Versicherung hielt, seinen Befehlen Folge zu leisten.

Der Soldat jedoch rührte sich nicht.

»Aber verstehst du mich denn nicht?« rief der Capitan, der, betroffen von diesem Schweigen, Pepes Arm tüchtig schüttelte.

Pepe fuhr plötzlich aus seinem Traum auf. »Ja, mein Capitan«, sagte er.

Dieser Bursche ist nicht zu bezahlen; ich hätte beim besten Willen keinen besseren finden können, dachte Don Lucas, als Pepe gegangen war. Und mit zufriedener Miene rieb er sich die Hände.

Die kleine Bucht mit Namen Ensenada, die man eben der Wachsamkeit Pepes des Schläfers anvertraut hatte, war so geheimnisvoll mit Felsen besetzt, daß sie ganz besonders geschaffen schien, um den Schleichhandel zu begünstigen; freilich nicht den, der friedlich an den Schlagbäumen unserer Städte getrieben wird, sondern wie ihn die spanischen Schmuggler so tollkühn betrieben, den Dolch und die Büchse in der Faust. Eben wegen seiner abgesonderten Lage war dieser Posten nicht gefahrlos. Wenn nämlich in einer nebligen Novembernacht die Dünste des Ozeans sich erheben und wie ein Traghimmel die Atmosphäre überspannen, so verliert das Auge seinen Scharfblick, die hilfesuchende Stimme wird gedämpft. Niemand würde Pepe den Schläfer; Pepe, der sich gewöhnlich in tiefem Traum befand, den Mann mit der einfältigen Miene und dem trägen Gang, in dem Soldaten wiedererkannt haben, der mit erhobenem Kopf und elastischem Schritt seinen Posten bezog; seine gewöhnlich verschleierten Augen schienen in der Dunkelheit zu blitzen, als wollten sie auch deren geringstes Geheimnis durchforschen.

Die Nacht war kalt, düster und still wie all die Nächte des Monats, der der Totenfeier geweiht ist. Es mochte etwa zehn Uhr sein. Kein Geräusch ließ sich im Dorf hören; das dumpfe Murren des Ozeans, der zürnend gegen die Felsendämme schlug, wie ein gefangener Tiger sich an den Eisenstäben seines Käfigs reibt, unterbrach allein das Schweigen der Natur. Kein Stern am Himmel; auf dem Land eine tiefe Finsternis; auf dem Meer ein Nebel, der sich zwar zuweilen öffnete, aber in dem argwöhnischen oder abergläubischen Gemüt tausend Erscheinungen hervorrief. Das war das Schauspiel, das sich den Blicken des Wächters darbot, als er auf dem Posten der Ensenada anlangte.

Nachdem der Grenzjäger mit seiner düsteren Laterne sorgsam die Umgebung untersucht und die Beleuchtung ihm gezeigt hatte, daß er sich ganz allein befand, stellte er seine Laterne so auf, daß sie den Hohlweg, der zum Dorf führte, erhellte, und legte sich zehn Schritt weiter in seinen Mantel gehüllt nieder, so daß er zugleich den Weg und die Bucht überwachen konnte.

»Aha, Capitan«, sagte der Soldat zu sich, »Ihr seid ein schlauer Mann; aber Ihr glaubt den Leuten zuviel, die immer schlafen, und Euer Papier, das ich gelesen habe, beweist, daß Ihr sehr besorgt darum seid, mich diesen Abend recht tief schlafen zu lassen. Wer weiß? Doch vielleicht«, fügte er hinzu, indem er sich, so gut er konnte, in seinem Mantel zurechtlegte, »ist es gut, zu … aber nein, es ist unmöglich!«

Während ungefähr einer halben Stunde blieb Pepe allein, seinen Gedanken preisgegeben, und befragte mit seinem Auge bald die Bucht, bald den Hohlweg. Am Ende dieser Zeit hörte er den Sand des Fußpfades knirschen; dann erschien in dem von der Laterne verbreiteten Licht eine schwarze Figur, und bald ließ sich der Capitan der Grenzjäger bestimmt unterscheiden. Er schien einige Minuten zu suchen; endlich aber bemerkte er den Küstenwächter auf der Erde liegend.

»Pepe!« rief er halblaut.

Pepe nahm sich wohl in acht, zu antworten.

»Pepe!« rief der Capitan noch einmal und mit lauterer Stimme.

Der Grenzjäger schwieg immer noch hartnäckig; nun ließ sich Don Lucas‘ Stimme nicht mehr vernehmen, und bald verlor sich das Geräusch seiner Schritte in der Ferne.

»Gut«, sagte Pepe zu sich. »Eben war ich einfältig genug, noch zu zweifeln, aber jetzt zweifle ich nicht mehr. Endlich hat doch ein Schmuggler eine Unternehmung gewagt. Ich müßte wahrhaftig sehr ungeschickt sein, wenn ich nicht einen guten Gewinn daraus zöge; wäre es auch auf Kosten dessen, was es meinem Chef einträgt.« Der Soldat war mit einem Sprung auf seinen Füßen. »Hier bin ich nicht mehr Pepe der Schläfer«, sagte er, seine hohe Gestalt gerade aufrichtend.

Eine weitere halbe Stunde verging noch, in der der Küstenwächter nur die öde Unermeßlichkeit vor sich erblickte. Nichts unterbrach die lange weißliche Linie, die das Meer mit dem Himmel verbindet. Große schwarze Wolken bedeckten und enthüllten nacheinander den Mond, der eben aufgegangen war; und mochte auch der Horizont abwechselnd glänzend sein wie flüssiges Silber oder düster und bleifarbig wie ein Flor – kein Gegenstand auf dem Ozean zeigte das Dasein eines Menschen.

Der Blick des Soldaten war so angestrengt aufs Meer gerichtet, daß Funken vor seinen Augen zu tanzen schienen. Von dieser beständigen Aufmerksamkeit ermüdet, schloß er die Augen und vereinigte alle Kraft seiner Sinne im Gehör. Plötzlich glitt ein schwaches Geräusch über die Oberfläche des Wassers und gelangte bis zu ihm; dann verwehte eine leichte Landbrise den Ton, und er hörte nichts mehr. Da der Soldat nicht wußte, ob er nicht ein Spielball seiner Einbildung gewesen sei, öffnete er von neuem die Augen; aber die tiefe Dunkelheit der Nacht ließ nichts erkennen.

Er machte die Augen wieder zu, um abermals zu lauschen. Diesmal gelangte ein abgemessener Ton, wie ihn die Ruder, die vorsichtig die Oberfläche des Wassers spalten, und das leise Knirschen der Ruderbolzen hervorbringen, zu seinen Ohren. »Endlich sind wir da!« sagte Pepe mit einem Seufzer der Befriedigung.

Ein schwarzer, beinahe unsichtbarer Punkt erschien am Horizont, wurde dann schnell größer, und bald zeigte sich ein Boot, eine leichte Schaumfurche hinter sich lassend.

Pepe hatte sich eiligst der Länge nach auf die Erde geworfen, aus Furcht, daß sein Schatten vom Boot aus bemerkt werden könnte; aber von der hohen Stellung aus, die er einnahm, konnte er es nicht einen einzigen Augenblick aus dem Gesicht verlieren. Bald sah er es anhalten mit unbeweglichen Rudern wie der Seevogel, der in der Luft schwebt, um die Stelle zu wählen, wohin er stürzen will; dann nahm es plötzlich wieder seine Bewegung auf und fuhr zum Ufer der Bucht.

»Macht keine Umstände«, sagte der Soldat; »tut, als ob ihr zu Hause wärt!«

Wirklich schienen die Ruderer vor jeder Störung sicher zu sein, denn einige Sekunden später knirschten die Strandsteine des flachen Ufers unter dem Kiel des Bootes.

»Oh, oh«, sagte der Soldat ganz leise; »nicht ein Warenballen! Sollten das etwa zufällig keine Schmuggler sein?«

Drei Männer befanden sich in dem Boot und trafen dem Anschein nach nur die durchaus nötigen Vorsichtsmaßnahmen, um nicht allzu geräuschvoll das nächtliche Schweigen zu unterbrechen. Ihre Kleidung war nicht die, die die Schmuggler gewöhnlich zu tragen pflegen.

»Wer, zum Henker, können diese Männer sein?« sagte der Soldat.

Büschel gelblichen Krauts, die den Rücken des Abhangs, auf dem sich Pepe befand, bekränzten und über seinen Kopf hinausreichten, ließen ihn durch die Stengel hindurch beobachten, was die drei Unbekannten in ihrem Boot vornahmen. Auf Befehl dessen, der am Steuerruder saß – ein Befehl, dem man mit Achtung gehorchte —, sprangen die beiden anderen an Land, um die Örtlichkeit zu untersuchen, und ließen denjenigen, der ihr Chef zu sein schien, allein zurück.

Pepe war einen Augenblick unentschieden, ob er sie in den Hohlweg hineingehen lassen sollte; aber ein Blick auf das Boot, das dem Schutz eines einzigen Mannes überlassen war, ließ ihn seinen Entschluß ändern. Er blieb demnach unbeweglicher als je und hielt sogar seinen Atem an sich, während die beiden Männer – jeder mit einem katalonischen Messer bewaffnet – einige Fuß unter ihm vorübergingen. Er konnte nun sehen, daß der Matrosenanzug, den sie beide trugen, der damaligen Korsarenkleidung glich und die Mitte hielt zwischen der Uniform der Königlichen und dem regellosen Anzug der Handelsmarine, aber er konnte ihre Züge unter der baskischen Kopfbedeckung nicht unterscheiden.

Plötzlich standen die beiden Matrosen still. Ein Stückchen Erde am Abhang war unter Pepes Knie zerbröckelt und glitt nun mit einem leichten Geräusch längs des abschüssigen Randes hinab.

»Hast du nichts gehört?« sagte der eine von ihnen.

»Nein! Du vielleicht?«

»Es schien mir, als ob irgend etwas von da herabfiele!« sagte der erste und zeigte auf den Ort, über dem der Grenzjäger platt auf der Erde lag.

»Bah! Es wird eine Feldmaus gewesen sein, die in ihre Höhle gelaufen ist.«

»Wenn dieser Abhang nicht so abschüssig wäre, würde ich hinaufsteigen«, erwiderte der erste.

»Ich sage dir, daß nichts zu fürchten ist!« antwortete der zweite. »Die Nacht ist schwarz wie eine Teertonne, und dann hat uns ja auch ›der andere‹ versichert, daß er für den Küstenwächter bürge, der den ganzen Tag schliefe.«

»Ein Grund mehr, daß er nachts kein Auge schließt. Bleib hier; ich will herumgehen und hinaufsteigen. Und wahrhaftig, wenn ich dort unseren Schläfer finden sollte«, fügte er hinzu, indem er sein breites Messer zeigte, dessen Klinge in der Dunkelheit blitzte, »um so schlimmer … oder um so besser für ihn; ich werde ihn ewig schlafen machen.«

Teufel, das ist ein Philosoph, dachte Pepe; aber ich habe jetzt genug geschlafen! Und wie eine Schlange, die sich häutet, schlüpfte er aus seinem Mantel, den er liegen ließ, und kroch so vorsichtig weiter, daß er schon ziemlich weit davon entfernt war, ohne daß irgendein Geräusch seine Bewegung verraten und ohne daß die Erde selbst – wie die Spanier sagen – ihn gehört hätte. Er gelangte so, seine Büchse in der Hand, gerade an den Punkt, unter dem das Boot gelandet war. Hier schöpfte er Atem und suchte mit einem glühenden Blick den Mann, der allein zurückgeblieben war.

Dieser schien in tiefe Träumereien versunken, denn er lag unbeweglich unter seinem weiten Mantel, der seine Gestalt umhüllte und ihn zugleich vor der Feuchtigkeit der Nacht schützte. Da seine Augen auf das offene Meer gerichtet waren, so konnte er auch natürlich nicht die schwarze Gestalt des Grenzjägers bemerken, der sich langsam bis auf die Höhe des steilen Randes erhob und mit dem Auge die Entfernung maß, die ihn vom flachen Ufer trennte.

Der Fremde machte eine Bewegung, um sich nach der Landseite umzuwenden, und in demselben Augenblick ließ Pepe die zerknitterten Zweige eines Staudengewächses los, an das er sich angeklammert hatte, und sprang auf ihn wie der Tiger auf seinen Raub. »Ich bin es«, sagte er. »Rührt Euch nicht, oder Ihr seid ein Kind des Todes!« fügte er hinzu, indem er den Lauf seiner Büchse auf die Brust des verdutzten Fremden setzte.

»Wer bist du?« versetzte dieser, dessen wutfunkelnde Augen sich vor der drohenden Haltung seines Gegners nicht senkten.

»Ei, wahrhaftig, Pepe! Ihr wißt ja: Pepe, der immer schläft!«

»Schlimm für ihn, wenn er mich verraten hat!« sagte der Fremde, als ob er mit sich selbst spräche.

»Wenn Ihr Don Lucas meint«, unterbrach ihn der Grenzjäger, »so kann ich Euch versichern, daß er dessen nicht fähig ist; und daß ich hier bin, davon liegt der Grund darin, daß er zu vorsichtig gewesen ist, Schmuggler.«

»Schmuggler?« sagte der Unbekannte mit einer Gebärde höchster Verachtung.

»Wenn ich Schmuggler sagte«, erwiderte Pepe, zufrieden mit seiner Schlauheit, »so geschah es, um Euch nicht Schlimmeres zu sagen, denn Ihr habt hier nicht eine Unze Kaufmannswaren. Es müßte denn sein«, fuhr er fort, indem er mit dem Fuß auf eine am Boden des Bootes zusammengerollte Strickleiter wies, »daß dies eine Probe sein sollte.«

Stirn gegen Stirn mit dem Unbekannten konnte Pepe diesen nach Gefallen betrachten. Es war ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren. Er hatte die sonnverbrannte Gesichtsfarbe des Seemanns. Dichte und dunkle Augenbrauen zeichneten sich kräftig auf einer knochigen und breiten Stirn ab. Große schwarze Augen, die mit düsterem Feuer tief in ihren Höhlen blitzten, verkündeten unversöhnliche Leidenschaften. Der Mund des Unbekannten war bogenförmig geschnitten und hatte einen geringschätzenden Ausdruck. Die Falten seiner Wangen waren trotz seiner Jugend stark markiert und gaben ihm bei der leichtesten Gemütsbewegung einen Ausdruck kalten Hohns, von Anmaßung und Verachtung. Aus seinen Augen, seinem Antlitz konnte man schließen, daß Ehrgeiz und Rachsucht die herrschenden Eigenschaften dieses Mannes sein mußten. Schwarze und lockige Haare mäßigten allein einigermaßen die Strenge seines Gesichts. Seine Kleidung war die eines Offiziers der spanischen Marine.

Ein Blick, der jeden anderen als den Grenzjäger erschreckt haben würde, verriet die Ungeduld des Fremden, sich so von dem Küstenwächter betrachtet zu sehen.

»Scherz beiseite, du Schelm – was willst du? Rede!« sagte der Fremde.

»Plaudern wir von unseren Angelegenheiten«, sagte Pepe, »ich bin damit zufrieden. Zuerst also: Wenn Eure zwei Mann meinen Mantel und meine Laterne zurückbringen wollen, die zu nehmen sie gerade pfiffig genug sind, so werdet Ihr ihnen Befehl geben, nicht zu nahe zu kommen; auf diese Weise werden wir plaudern können, ohne unterbrochen zu werden; anderenfalls gebe ich mit einem Büchsenschuß, der Euch tot niederstreckt, das Lärmzeichen und stoße ab. Was sagt Ihr dazu? Nichts? Gut; diese Antwort ist so gut wie eine andere. Ich fahre also fort. Ihr habt meinem Capitan vierzig Unzen gegeben?« fragte der Soldat unverschämt genug und auf die Gefahr hin, die Summe tüchtig zu vergrößern.

»Zwanzig!« sagte der Fremde ohne Zögern.

»Ich hätte es lieber gesehen, wären es vierzig gewesen«, erwiderte Pepe; »doch man gibt eine solche Summe nicht für das Vergnügen, eine sentimentale Spazierfahrt auf der Ensenada zu machen. Mein Dazwischenkommen muß Euch belästigen; ich möchte mir wohl mein Fernbleiben bezahlen lassen.«

»Wieviel?« fragte der Unbekannte, den es drängte, ein Ende zu machen.

»Eine Kleinigkeit. Ihr habt vierzig Unzen dem Capitan gegeben …«

»Zwanzig, sage ich dir!«

»Ich hätte lieber gesehen, es wären vierzig gewesen«, wiederholte Pepe; »aber meinetwegen zwanzig. Laßt sehen, ich will nicht unbescheiden sein; ich bin nur Soldat, er ist Capitan; ich werde also nicht unvernünftig sein, wenn ich das Doppelte von dem verlange, was er bekommen hat.«

Der so geprellte Fremde stieß einen Fluch aus, antwortete aber nichts.

»Ich weiß sehr wohl«, fuhr Pepe fort, »warum das wenig ist; denn wenn er eine dreifache Löhnung erhält, so hat er doch dreimal weniger Bedürfnisse als ich, und folglich würde ich ein Recht haben auf das Dreifache; aber – wie er sagt – die Zeiten sind hart, und so will ich denn bei meiner Forderung stehenbleiben.«

Ein heftiger Kampf schien im Herzen des Unbekannten zwischen der Besorgnis und dem Zorn stattzufinden; von seiner Stirn rollten trotz der rauhen Jahreszeit die Schweißtropfen herab. Eine sehr gebieterische Notwendigkeit mußte ihn mit solcher Heimlichkeit an diesen versteckten Ort geführt haben, denn die Notwendigkeit dämpfte seinen Zorn, der unbezähmbar schien. Die Miene spöttischer Unverzagtheit, die bei Pepe offen hervortrat, ließ ihn außerdem das Dringende einer Übereinkunft fühlen, und er zog, die Hand unter dem Mantel, von einem Finger einen kostbaren Ring und reichte ihn dem Soldaten. »Da, nimm, und mach, daß du fortkommst!« sagte er zu ihm.

Pepe nahm, prüfte ihn und zögerte. »Bah, ich will es wagen und ihn für vierzig Unzen annehmen. Jetzt bin ich taub, stumm und blind.«

»Ich rechne darauf!« sagte der Unbekannte kalt.

»Beim Leben meiner Mutter«, antwortete Pepe; »da es sich nicht um Schmuggelei handelt, so will ich Euch gut unterstützen. Denn Ihr seht wohl ein, daß ich in meiner Eigenschaft als Grenzjäger nicht sehen darf, wie man schmuggelt, und selbst schmuggeln – niemals!«

»Laß es gut sein; du kannst dein furchtsames Gewissen darüber ganz beruhigen«, erwiderte der Unbekannte mit einem bitteren Lächeln. »Bewache dieses Boot bis zu unserer Rückkehr; ich folge meinen Leuten. Nur – was sich auch ereignen möge, was du auch sehen magst, wie lange wir auch fortbleiben mögen – sei, wie du sagst, stumm, taub, blind und geduldig.« Während der Fremde diese Worte sprach, sprang er aus dem Boot ans Ufer und verschwand hinter der Biegung des Hohlwegs. Nachdem er sich nun allein befand, betrachtete Pepe im Mondlicht den Diamanten, der in den Ring eingelassen war, den er dem Unbekannten abgenötigt hatte. Wenn dieser Edelstein nicht falsch ist, dachte er, braucht mich die Regierung niemals zu bezahlen, es liegt mir nichts mehr daran; inzwischen aber will ich von morgen ab anfangen, teufelsmäßig nach meinem Gehaltsrückstand zu schreien. Das wird einen guten Effekt machen.

2. Der Alkalde und sein Schreiber

Niemand erfuhr, wie lange Pepe in Erwartung der Rückkehr des Fremden auf seinem Posten geblieben war. Jedenfalls, als der Hahnenschrei sich hören ließ und die Morgendämmerung den Horizont zu lichten begann, war die kleine Bucht der Ensenada vollständig vereinsamt.

Jetzt schien das Leben im Dorf wieder zu erwachen. Undeutliche Schatten zeichneten sich auf den steilen Fußpfaden ab, die zur Mole hinunterführten. Die von den Wellen geschaukelten Schiffe wurden von ihren Seilen losgemacht, und das erste Tageslicht beleuchtete die Abfahrt der Fischer. Kaum waren einige Minuten vergangen, so war die kleine Flotte im Morgennebel verschwunden, und Frauen und Kinder erschienen auf den Türschwellen und verschwanden dann wieder. Das einzige von den armseligen Wohnhäusern des Dorfes, das seine Läden noch nicht dem Licht des Morgens geöffnet hatte, war das des Alkalden von Elanchove, von dem wir schon gesprochen haben.

Es war heller Tag, als ein junger Mann mit einem abgenutzten, schmutzigen Hut, der an verschiedenen Stellen wie lackiertes Leder glänzte, auf dieses Haus zuschritt. Eine Hose, die so kurz war, daß man sie eine Kniehose hätte nennen können; so eng, daß sie wie ein Regenschirmfutteral aussah; und so abgenutzt, daß sie auch in den Hundstagen nicht zu warm gewesen wäre, schützte seine Beine nur mangelhaft vor der scharfen Kälte eines Novembermorgens.

Dieser junge Mann klopfte an die Tür des Alkalden. Sein Gesicht war kaum zu sehen; er trug einen jener kleinen Mäntel von langwollenem, grobem Tuch, die man »Esclavina« nennt, und dieser reichte ihm bis an die Augen. Nach der parteiischen Art und Weise, mit der er bei der ungleichen Teilung, zu der ihn die Winzigkeit dieses Mantels nötigte, seine Beine auf Kosten seines Oberkörpers unbedeckt ließ und den höheren Teil seiner Person bedachte, schien er vollständig mit seiner Hose zufrieden zu sein.

Aber der Schein ist sehr trügerisch. In Wirklichkeit ging der Traum dieses Burschen, dessen falsche Augen, elendes Ansehen und ein gewisser Geruch nach altem Papier den Escribano verrieten, auf den Besitz eines Pantalons, der ganz verschieden war von dem seinigen: nämlich auf eine lange, weite und kernhafte Kleidung. Ein Pantalon, der diese drei Eigenschaften in sich vereinigte, schien ihm gegen die Leiden des Lebens eine undurchdringliche Hülle, gegen das Unglück ein unverletzliches Asyl zu sein. Dieser junge Mensch war die rechte Hand des Alkalden; sein Name war Gregorio Cayatinta.

Bei dem bescheidenen Schlag mit dem hörnernen Schreibzeug, das er kreuzweise übereinandergelegt trug, an die Tür des Alkalden von Elanchove kam eine alte Frau und öffnete.

»Ach, Ihr seid es, Don Gregorio«, sagte die Alte mit jener spanischen Höflichkeit, mit der zwei sich begegnende Schuhputzer sich das »Don« der Granden erster Klasse erteilen.

»Ja, ich bin es, Doña Nicolasa«, erwiderte Gregorio.

»Jesus Maria! Euer Kommen erinnert mich, daß ich sehr saumselig gewesen bin … Und mein Herr wartet auf seine Beinkleider. Nehmt Platz, Don Gregorio, es wird nicht lange dauern.«

Das Zimmer, in das der Escribano geführt wurde, würde unermeßlich erschienen sein, wenn nicht in jeder Ecke Netze von verschiedener Größe, Mastbäume, Segelstangen, Segel in allen Formen – von viereckigen bis zum lateinischen —, Steuer von Booten, Ruder und wollene Hemden in bunter Unordnung aufgehäuft gelegen hätten. Aber dank diesem Chaos blieb kaum Platz genug übrig, um einen oder zwei Stühle um einen großen eichenen Tisch zu stellen, auf dem ein Schreibzeug aus Kork seine drei fest in ihre Löcher geklebten Federn emporstarren ließ, mitten unter einigen schmutzigen Papieren, die nur zur Prahlerei ausgelegt schienen vielleicht auch, um die Beschauer in Schrecken zu setzen. Es war beim Anblick dieses Kapernaums schwer, sich nicht so ziemlich eine Vorstellung zu machen von dem Geschäft, dem sich der Alkalde – abgesehen von seiner öffentlichen Stellung – widmete. Wirklich lieh er auf kurze Zeit gegen hohe Zinsen – bis zu einem Real für den Piaster, was ganz einfach monatlich zwanzig fürs Hundert oder jährlich zweihundertvierzig fürs Hundert beträgt —, und da seine Klienten nur aus Fischern bestanden, so war dies die Quelle jener Sammlung von nautischen Werkzeugen, die den Audienzsaal des Alkalden versperrten.

Cayatinta warf nur einen zerstreuten Blick auf all diesen Trödelkram, unter dem sich kein einziger Pantalon befand; er war darum auch keiner bösen Versuchung ausgesetzt; denn wir müssen es nun gestehen: seine zweifelhafte Rechtschaffenheit würde vielleicht einer so furchtbaren Prüfung nicht widerstanden haben. Der Escribano war nicht von dem Teig, aus dem der rechtschaffene Mann gemacht ist. Die Natur, die immer vom Einfachen zum Zusammengesetzten übergeht, hatte nicht Zeit gehabt, aus ihm noch einen ordentlichen Spitzbuben zu machen; es ist wahr: Er stand in der Blüte seiner Jugend.

Don Ramon ließ nicht auf sich warten; seine lustige und offenherzige Persönlichkeit erschien bald auf der Schwelle seines Schlafzimmers. Er war ein starkgebauter und kräftiger Mann, und man begriff leicht, daß aus einem Paar seiner Beinkleider zwei Pantalons für den mageren und schwächlichen Escribano gemacht werden konnten.

»Hilf Himmel, Herr Alkalde«, sagte dieser, nachdem er eine Menge von Morgenbegrüßungen gegeben und empfangen hatte, »welche prachtvollen Beinkleider habt Ihr da an!«

»Mein Freund Gregorio«, antwortete der Alkalde mit einem Gesicht voll guter Laune, »Ihr werdet langweilig mit Euren Wiederholungen. Zum Henker! Gibt es denn weiter nichts an meiner Person als meine Beinkleider, um die Ihr mich beneidet?«

Cayatinta stieß einen Seufzer aus und antwortete mit der Miene eines gierigen Hundes, der nach einem Knochen lüstern ist: »Es würde ein Wunder nötig sein, um mir Eure persönlichen Vorzüge zu geben; aber Eure Beinkleider – das ist etwas anderes. Zwei Ellen Tuch von Segovia würden alles beseitigen.«

»Geduld, Geduld, Herr Escribano! Ihr wißt, daß ich Euch zur Vergeltung der Dienste, die Ihr mir leisten wollt – ich sage nicht, der Dienste, die Ihr mir geleistet habt —, meine rotfarbigen Beinkleider versprochen habe, wenn sie nur erst ein wenig abgetragen sind. Ich denke daran; denkt Ihr daran, sie zu verdienen!«

»Was muß ich dazu tun?« sagte der Escribano mit einer verzweifelten Miene. »Der Einsatz ist nicht gleich. Ihr wagt so wenig im Vergleich zu mir!«

»Ei, mein Gott, man weiß nicht«, entgegnete der Alkalde; »es können solche Umstände eintreten, die Euch plötzlich das Übergewicht über mich geben.«

»Ja, aber es können auf der anderen Seite auch Umstände eintreten, die mit einem Schlag Euren Beinkleidern den Wert nehmen!«

»Doch wir werden ja sehen. Auf zum Geschäft«, sagte der Alkalde, um die Beschwerden Gregorios kurz abzuschneiden, »wir wollen den Expropriationsakt hinsichtlich des Bootes eines schlechten Zahlers, dieses Vicomte Perez, vornehmen, der nur unter dem Vorwand, sechs Kinder ernähren zu müssen, zur bestimmten Frist die zwanzig Piaster, die ich ihm geliehen habe, nicht wieder bezahlt hat.« Mit diesen Worten nahm Don Ramon einen halbzerrissenen Strohstuhl, um sich an den Tisch zu setzen.

»Nehmt diesen hier«, fiel der Escribano lebhaft ein, indem er ihm einen lederbedeckten Stuhl reichte, den der Gebrauch wie Mahagoni geglättet hatte; »Ihr werdet darauf viel weicher sitzen.«

»Und meine Beinkleider auch«, antwortete der Alkalde mit schlauer Miene.

Cayatinta holte aus seinem Schreibzeug ein aufgerolltes, gestempeltes Blatt Papier. Schon machte er sich ans Werk, als eilige Schläge an der Tür widerhallten, die die beiden Gerichtspersonen, um nicht unterbrochen zu werden, geschlossen hatten.

»Wer, zum Henker, kann denn so anklopfen?« fragte der Alkalde.

»Ave Maria purissima!!« sagte eine Stimme draußen. »Sin pecado concebida«, antworteten zugleich die beiden. Und bei dieser heiligen Formel öffnete Gregorio die Tür.

»Was kann zu dieser Stunde wohl Don Juan de Dios herführen?« rief der Alkalde mit erstaunter Miene beim Anblick des tiefen Kummers, der der glühenden Stirn des Hausmeisters der Gräfin von Mediana aufgeprägt war.

»Ach, Herr Alkalde«, erwiderte der Greis, »welch großes Unglück ist diese Nacht geschehen; ein großes Verbrechen ist begangen worden … Die Gräfin ist verschwunden und der junge Graf mit ihr.«

»Aber seid Ihr dessen gewiß?« schrie der Alkalde.

»Ach, wir brauchen nur auf den Balkon zu steigen, der nach dem Meer hinausgeht – wie wir das schon getan haben, als wir keine Antwort von der gnädigen Frau erhielten —, und zu sehen, in welchem Zustand die Mörder ihr Zimmer gelassen haben.«

»Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! Herr Alkalde, schickt alle Eure Alguazils aus!« rief, noch in einiger Entfernung, eine Frauenstimme. Es war die Kammerfrau der Gräfin, die es für das beste hielt, um so stärker zu schreien, je weniger sie ergriffen war von einem so unbegreiflichen Ereignis, als sie sich in den Audienzsaal des Alkalden stürzte.

»Ta! Ta! Wie Ihr doch sogleich darauf losgeht!« sagte dieser. »Glaubt Ihr denn, daß ich so sehr viele Alguazils habe? Ihr wißt recht gut, daß ich nur zwei habe; und noch dazu sind diese, da sie in diesem tugendhaften Dorf, wenn sie nur ihrem Amt obliegen sollten, vor Hunger sterben würden, heute morgen zum Fischen gefahren.«

»Ach, mein Gott«, schrie schluchzend die Kammerfrau, »meine arme Herrin! Wer soll ihr helfen?«

»Geduld, Frau, Geduld!« sagte Don Ramon. »Zweifelt niemals an der Justiz; vielleicht kommt eine plötzliche Kundgebung von oben herab.«

Die Kammerfrau hielt es nicht für gut, sich durch diese Hoffnung trösten zu lassen, und verdoppelte ihr Geschrei. Bei dem Lärm, den ihr geheuchelter Schmerz machte, während der alte Juan de Dios nur traurig den Kopf senkte und ganz leise einen furchtbaren Richter um Hilfe anrief, hatte sich eine zahlreiche Gruppe von Frauen, Greisen und Kindern auf der Schwelle des Hauses des Alkalden gesammelt und drang nach und nach in das Heiligtum der Justiz ein.

Don Ramon Cochecho näherte sich Cayatinta, der sich unter seiner Esclavina die Hände rieb bei dem Gedanken an alles gestempelte Papier, das man beschreiben würde, und sagte zu ihm: »Aufgepaßt, Freund Gregorio, der Augenblick ist da; und wenn Ihr geschickt seid, so kann das rotfarbige Beinkleid …«

Er sagte nichts weiter; aber Cayatinta begriff, denn er erbleichte vor Freude, und ohne das geringste Zeichen seines Patrons zu übersehen, hielt er sich bereit, die erste Gelegenheit, die sich zeigen würde, augenblicklich zu ergreifen.

Der Alkalde ließ sich abermals auf seinen ledernen Sessel nieder und forderte mit einer Gebärde Schweigen; dann hielt er mit jenem Wortreichtum, der der spanischen Sprache, der hochtrabendsten und reichsten aller lebenden Sprachen, eigen ist, seinem Zuhörerkreis eine ziemlich lange Rede, deren Inhalt etwa folgender war: »Meine Kinder«, sagte er, »wie der ehrenwerte Don Juan de Dios Canelo hier eben versichert hat, ist ein großes Verbrechen diese Nacht begangen worden. Es konnte nicht fehlen, daß die Kenntnis von diesem Verbrechen zu den Ohren der Justiz gelangte – denn nichts entgeht dieser; aber ich danke nichtsdestoweniger dem Don Juan de Dios seine amtliche Mitteilung; ja, meine Kinder, seine amtliche Mitteilung. Dieser ehrenwerte Hausmeister hätte sie nur vollständiger machen müssen, indem er die Namen der Schuldigen aufdeckte …«

»Aber Herr Alkalde«, unterbrach ihn Juan de Dios, »ich weiß sie ja nicht, obgleich meine Mitteilung, wie Ihr sagtet, eine amtliche sein mag; aber ich werde helfen, diese Schuldigen zu finden.«

»Ihr versteht es, meine Kinder: Der würdige Canelo fleht in einer amtlichen Mitteilung die Hilfe der Justiz zur Bestrafung der Schuldigen an. Die Justiz wird nicht taub sein bei seinem Ruf. Es sei mir nun erlaubt, zu euch von meinen kleinen Geschäften zu reden und dann mich dem Schmerz zu überlassen, den mir das Verschwinden der Gräfin und des jungen Grafen von Mediana einflößt.«

Hier machte der Alkalde Cayatinta ein Zeichen, dem alle seine angespannten Geisteskräfte noch nicht enthüllt hatten, durch welchen Dienst er den Gegenstand seines Ehrgeizes wohl gewinnen könnte; dann fuhr er fort: »Ihr kennt nicht, meine Kinder, die doppelten Bande, die mich an die Familie Mediana fesseln. Urteilt also über meinen Schmerz bei der Nachricht von dieser Gewalttat, die um so unbegreiflicher ist, als man weder weiß, warum, noch durch wen sie begangen ist. Ach, meine Kinder, ich verliere eine mächtige Beschützerin, und das Herz des treuen Dieners ist durchbohrt, während das des Geschäftsmanns nicht weniger grausam verwundet ist. Ja, meine Kinder, in der trügerischen Sicherheit, in der ich gestern noch versunken lag, war ich auf dem Schloß Mediana bezüglich meiner Pachtgelder.«

»Um eine Frist zu erbitten!« wollte Cayatinta eben rufen, der in den Geschäften des Alkalden vollständig auf dem laufenden war. Aber dieser ließ ihm keine Zeit, die ungeheuerliche Tat zu begehen, die ihn auf immer der Hoffnung auf den versprochenen Lohn beraubt hätte. »Geduld, mein würdiger Cayatinta«, sagte der Alkalde, indem er sich gegen den Escribano wandte; »zähmt diesen Durst nach Gerechtigkeit, der Euch verzehrt … Ja, meine Kinder, und infolge jener Sicherheit, die ich jetzt beklage, übergab ich den Händen der unglücklichen Gräfin …«, hier schwankte die Stimme Don Ramons, »eine Summe, die dem auf zehn Jahre vorausbezahlten Pachtgeld gleichkommt.«

Bei dieser unerwarteten Erklärung schnellte Cayatinta von seinem Stuhl empor, als ob er von einer Natter gestochen wäre, und sein Blut gerann in seinen Adern, als ein Lichtstrahl ihm die Ausdehnung des Fehlers zeigte, dessen er sich schuldig machen wollte.

»Urteilt also über meinen Schmerz, meine Kinder; diesen Morgen sollte die Gräfin mir die Quittung darüber geben.«

Diese Worte brachten eine tiefe Erregung unter seinen Zuhörern hervor, von denen keiner unter allen, die zugegen waren, an diesen traurigen Querstrich glaubte; niemand jedoch wagte es, seinen Unglauben zu zeigen. »Glücklicherweise«, fuhr der Alkalde fort, »kann der Eid glaubwürdiger Personen dieses Unglück wiedergutmachen.«

Hier sprang Cayatinta wie lange Zeit zusammengepreßtes Wasser, wenn es endlich einen Ausweg findet, empor, streckte den Arm aus und rief, mit einem Mal herausplatzend: »Ich beschwöre es!«

»Er beschwört es«, wiederholte der Alkalde.

»Er beschwört es«, wiederholten die Umstehenden.

»Ja, meine Freunde, ich beschwöre es noch einmal! Ich würde es immer beschwören! Obgleich ein Umstand mein Zartgefühl beunruhigt: Ich erinnere mich nämlich nicht mehr, ob der Alkalde der unglücklichen Gräfin Donna Luisa für zehn oder fünfzehn Jahre vorausbezahlt hat!«

»Nein, mein teurer Freund«, unterbrach ihn Don Ramon mit einer Mäßigung, für die man ihm dankbar sein mußte, da er im besten Zug war, »es waren nur zehnjährige Pachtzinsen, die ich nun durch Euer kostbares Zeugnis nicht mehr verliere; Ihr könnt auch auf meine Dankbarkeit zählen.«

Ich glaube es wohl, dachte der Escribano; zwei Jahre im Rückstand und zehn Jahre voraus macht rund genommen zwölf Jahre. Ganz entschieden habe ich auf die rotfarbigen Beinkleider unverjährbare Rechte! —

Wir wollen den Leser nicht weiter mit der Erzählung dessen ermüden, was sich in dieser Sitzung zutrug, in der die Justiz geübt wurde, wie es noch sehr lange Zeit vor Gil Blas gebräuchlich war und wie es noch sehr lange in Spanien gebräuchlich sein wird; wir wollen ihn nur zu der Untersuchung mitnehmen, die der Alkalde und sein Gehilfe an Ort und Stelle selbst anstellten, in Begleitung der durch das Gesetz geforderten Zeugen. Man fing damit an, die Tür des Schlafzimmers, das von innen verriegelt geblieben war, aufzubrechen. Leere und halbleere Schubfächer lagen auf dem Boden. Nichts von allem aber zeugte bestimmte Spuren von Gewalt; eine freiwillige, aber übereilte Abreise konnte zu einer gleichen Unordnung in einem Zimmer Veranlassung geben.

Das Bett der Gräfin, noch unberührt, bewies, daß sie sich nicht niedergelegt hatte, und enthüllte so den im voraus gefaßten Entschluß, den Augenblick der Abreise außerhalb des Bettes zu erwarten.

Die Möbel waren an ihrem gewöhnlichen Platz, die Vorhänge der Fenster und des Alkovens waren nicht zerknittert; keine Spur eines Kampfes ließ sich auf dem Fußboden des Zimmers erblicken, der doch von zierlichen Steinchen verfertigt war, so daß die geringste ungewöhnliche Berührung ihn hätte verletzen oder Risse machen müssen.

Der widerliche Geruch einer Lampe, die aus Mangel an Öl langsam erlischt, herrschte trotz der Luft, die hineindrang, noch in dem Zimmer; es war klar, daß man sie bis zum Morgen hatte brennen lassen – Verbrecher hätten sie ausgelöscht, um sich furchtlos ihrem traurigen Geschäft hingeben zu können —; tausend Kleinigkeiten endlich, die die Habgier hätten reizen können, waren in den Schubfächern geblieben. Zu all diesen trügerischen Anzeichen schüttelte der alte Juan de Dios mit einer Miene des Zweifels den Kopf. Er fand etwas in all diesen Dingen, was seinen Verstand verwirrte und seine Auffassungskraft – die übrigens niemals die beste gewesen war – überschritt; aber sein gesunder Verstand wehrte sich gegen den Gedanken, daß seine Herrin hätte fliehen können, und zwar auf eine außergewöhnliche Weise. In seinen Augen war offenbar ein Verbrechen begangen worden – aber wie sollte man es erklären? Der Mörder hatte keine Spuren zurückgelassen. Der alte, ehrenwerte Diener betrachtete mit trostlosem Auge dieses öde Zimmer, die auf dem Fußboden zerstreut liegenden Kleider seiner Gebieterin und die eingedrückte Wiege, die noch die Spur des jungen Grafen an sich trug und in der er den Tag vorher unter der Obhut seiner Mutter rosig und lächelnd schlief.

Wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, ging Juan de Dios auf einen eisernen Balkon, der sich nur wenig über den Boden erhob. Seine Augen befragten das sandige Ufer, das sich unter dem Balkon ausdehnte; aber kein Abdruck war auf einer harten und kalkigen Fläche zurückgeblieben. Die Strandsteine rollten tosend auf das Ufer, ohne mehr von menschlichen Spuren zu verraten, als die Oberfläche eines Sees den Schatten der Vögel bewahrt, die darüber hinfliegen. Der Wind pfiff, der Ozean murrte wie immer, und unter diesen Stimmen der Natur erhob sich keine, um den Schuldigen zu entdecken. Nur am Horizont zeichneten sich noch die weißen Segel eines Schiffes, das das Weite suchte, auf dem fernen Azur des Meeres ab.

Während der alte Diener schweigend betete und mit einem träumerischen Blick das Schiff, das enteilte, verfolgte, hörten alle Umstehenden – mit Ausnahme des Alkalden und des Escribano – traurig den düsteren Tönen des Windes zu, der sich in den Felsen verfing und auf diesen Höhen bei Tag und Nacht abwechselnd zu weinen, zu seufzen oder zu brüllen scheint.

Der Alkalde und sein Schreiber teilten wohl stillschweigend die Ansicht Juans de Dios. Alle beide glaubten an ein Verbrechen; aber bei der Unmöglichkeit, das geringste sichtbare Zeichen zu finden, die Hand auf das geringste Individuum zu legen, das fähig war, die Kosten des Prozesses zu bestreiten, fanden sich der Escribano und der Alkalde, wie es die ruhmvolle Gewohnheit Spaniens ist, ganz befriedigt; der eine mit der so sehr ersehnten Belohnung, die er schon zu halten glaubte, der andere mit den zwölf Pachtjahren, die er sicher zu erhalten dachte.

»Wahrhaftig, meine Herren«, sagte der Alkade, indem er sich gegen die Zeugen umwandte, »ich kann mir nicht erklären, welchen Einfall die Frau Gräfin von Mediana gehabt haben mag, um ihr Zimmer durch das Fenster zu verlassen, denn der Riegel der Ausgangstür, der von innen vorgeschoben ist, läßt keinen Zweifel an der Sache zu. Das ist Fraueneigensinn, und die Justiz hat nicht nötig, ihn zu erklären.«

»Es ist vielleicht darum geschehen, um dem Herrn Alkalden keine Quittung zu geben«, sagte ganz leise einer der Zeugen zu seinem Nachbarn.

»Doch noch eins!« sagte Cochecho, sich an Juan de Dios wendend. »Wie habt Ihr das Verschwinden der Gräfin bemerken können, da man doch nicht bei ihr eintreten konnte?«

»Das ist sehr einfach«, antwortete der Greis. »Die Kammerfrau hat zu der Stunde, wo sie sich gewöhnlich bei der gnädigen Frau einfindet, geklopft, und niemand hat geantwortet; sie hat stärker geklopft, und da sie noch keine Antwort erhalten hat, ist sie unruhig geworden und hat mich benachrichtigt. Ich habe geklopft, ich habe auch gerufen; und da ich nichts hörte, bin ich nach der Leiter im Garten gelaufen und habe durch dieses offene Fenster das Zimmer, so wie Ihr es selbst erblickt, gesehen.«

Als der Hausmeister seine Erklärung abgegeben hatte, sagte Cayatinta einige Worte zum Alkalden – leise genug, daß es niemand hörte. Aber dieser begnügte sich, die Schultern mit einer verächtlichen Miene zu zucken.

»Wer weiß«, erwiderte der Escribano bei dieser stummen Gebärde.

»Vielleicht«, antwortete der Alkalde; »wir wollen sehen!« Dann, nach einem Augenblick des Schweigens, sagte er: »Ich bestehe auf dem Glauben, meine Herren, daß, so sonderbar es auch scheinen mag, die Frau Gräfin die Freiheit hat, fortzugehen, wie es ihr gefällt; selbst durchs Fenster.«

Die Zeugen lächelten beifällig zu diesem Witz der Justiz.

»Aber Herr Alkalde«, rief der alte Juan de Dios, den der Witz des Alkalden Cochecho empörte, »diese zerbrochene Fensterscheibe, von der die Stücke hier auf der Erde liegen, beweist doch, daß ein gewaltsamer Einbruch der Schuldigen ins Zimmer stattgefunden hat.«

»Dieser alte Canelo will mich nicht frühstücken lassen«, brummte der Alkalde, der gern ein Ende gemacht hätte, seitdem er keinen Vorteil mehr aus dieser geheimnisvollen Sache zu ziehen erhoffte; »gewiß wird meine Mahlzeit kalt und Nikolasa ungeduldig. – Was beweisen denn diese Glasstücke?« antwortete er ganz laut. »Denkt Ihr denn, daß bei der Seebrise, die diese Nacht so heftig geweht hat, nicht in einem offenen Fenster, das heftig wieder zugeworfen wird, zwei oder drei Scheiben zerbrochen werden könnten?«

»Warum aber«, entgegnete Juan de Dios, »ist es gerade die Scheibe, die sich an der Seite des Drehriegels befindet? Man wird sie zerbrochen haben, um das Fenster zu öffnen!«

»Ach was da! Herr Don Juan de Dios«, schrie der ungeduldige Alkalde, der vor Wut in sein Rohr mit goldenem Knopf – das Zeichen seiner Würde – hineinbiß, »seid Ihr es, oder bin ich es, der hier das Recht hat, Fragen zu stellen? Wahrhaftig – es scheint fast, als ob Ihr mich eine lächerliche Rolle spielen laßt.«

Hier trat Cayatinta mit bescheidener Miene dazwischen. »Ich würde«, sagte er, »unserem Freund Canelo erwidern, daß, wenn diese Glasscheibe zu dem Zweck, den er andeutet, zerbrochen wäre, dies nur von außen hätte geschehen können; die Stücke würden also nach innen gefallen sein; und doch liegen sie hier auf dem Balkon! Es ist also der Wind, der es getan hat, wie der Herr Alkalde Grund gehabt hat, zu glauben. Es sei denn«, fügte er mit seinem falschen Lächeln hinzu, »daß es ein Bündel gewesen ist, das man unvorsichtig durch das Fenster geworfen hat, denn die Gräfin muß ihre Luftfahrt – nach der Zahl der Effekten zu urteilen, die sie mitgenommen hat – verlängern wollen, wie solches auch diese leeren Schubfächer beweisen.«

Der alte Hausmeister hatte seinen Kopf vor dem Beweis, der seine Behauptung umstieß, gesenkt und hörte die letzte Bemerkung Cayatintas nicht. Was diesen letzteren anlangte, so fragte er sich heimlich, ob er nicht vom Alkalden ein wenig mehr als die versprochene Belohnung als Preis dieses neuen Dienstes verlangen sollte.

Während der alte Diener der Mediana in schmerzliche Gedanken, die seine heiße Stirn verfinsterten, versunken war, näherte sich ihm leise der Alkalde. »Ich bin ein wenig aufgeregt gegen Euch gewesen«, sagte er zu ihm; »ich habe nicht genug auf den Schmerz, den ein redlicher Diener wie Ihr bei einem so unvorhergesehenen Schlag empfinden muß, Rücksicht genommen. Aber sagt mir: Ganz abgesehen von dem Kummer, den Ihr fühlen müßt – beunruhigt Euch nicht die Furcht vor der Zukunft? Ihr seid alt, folglich schwach und ohne Hilfsquellen.«

»Eben deshalb, weil ich alt bin, Herr Alkalde, und weil meine Zukunft, was mich betrifft, eng begrenzt ist, beunruhigt sie mich wenig. Aber mein Schmerz«, fügte der Diener mit einer Art Stolz hinzu, »ist rein von jeder Beimischung; die edle Freigebigkeit der gnädigen Herren von Mediana hat mich sogar in den Stand gesetzt, die wenigen Tage, die mir noch zu leben übrigbleiben, ruhig zuzubringen. Aber ich würde glücklich sein, die Gemahlin meines alten Herrn rächen zu können.«

»Ich billige Eure Gefühle«, erwiderte der Alkalde mit tiefgerührter Miene. »Ihr seid ein Mann, doppelt achtbar durch Euren Kummer … und durch Eure Sparsamkeit, Herr de Canelo.« Dann änderte er plötzlich den Ton und sagte: »Schreiber, bringt zu Protokoll, daß der hier gegenwärtige Don Juan de Dios de Canelo sich zum peinlichen Kläger aufwirft gegen die Räuber seiner Herrin; denn es läßt sich nicht mehr zweifeln, meine Herren, ein Verbrechen ist begangen worden, und wir schulden uns selbst – wir schulden diesem ehrenwerten Greis die Genugtuung, dessen Urheber zu finden und zu bestrafen.«

»Aber Herr Alkalde«, rief der bestürzte Hausmeister, »es ist mir niemals eingefallen, mich als peinlichen Kläger zu stellen!«

»Nehmt Euch in acht, alter Mann!« sprach Don Ramon mit feierlicher Stimme. »Wenn Ihr verleugnet, was Ihr mir soeben anvertraut habt, so würden erschwerende Beweise auf Euch lasten. Wie mir nämlich vor kurzem unser Freund Cayatinta bemerklich gemacht hat, würde diese Leiter, die Euch zur Ersteigung des Zimmers Eurer Herrin gedient hat, böswillige Absichten beweisen! Aber ich glaube, Ihr seid deren unfähig; bleibt also Ankläger, anstatt Angeklagter zu werden! Vorwärts, meine Herren, unsere Pflicht ruft uns hinaus; vielleicht finden wir unter diesen Fenstern Spuren, die zur Entdeckung leiten.«

Der arme Juan de Dios, der sich so unversehens zwischen den beiden Spitzen dieses Dilemmas befand, dessen doppeltes Resultat dasselbe sein mußte – nämlich die Plünderung des kleinen Vermögens, das sein Greisenalter erleichtern sollte —, senkte sein Haupt und nahm mit erhabener Ergebung die Stimme des Unrechts für die Gottes, indem er sich mit dem Gedanken tröstete, daß dieses letzte Opfer vielleicht noch seinen Herrschaften nützlich sein würde.

Keine Spur war am Fuß des Balkons – wie wir schon oben erwähnt haben – im Boden zurückgeblieben.

Man glaubte einen Augenblick, einen wichtigen Fang zu tun in der Person eines Mannes, der unter einer Felsenkrümmung eingeschlafen war. Es war Pepe der Schläfer. Plötzlich aufgeweckt und befragt, ob er nichts gesehen habe, bediente sich Pepe, der zum erstenmal seit langer Zeit seine Tasche nicht leer wußte, um alle Gefahr abzuwenden, eines Mittels, das von Anfang an einem so gierigen Menschen wie dem Alkalden gegenüber ganz außerordentlich erscheinen wird; er bat ihn nämlich, ihm einen Real zu leihen, um Brot zu kaufen.

Was war mit einem solchen Tollkopf zu tun? Der Alkalde richtete auch keine weiteren Fragen an ihn und ließ ihn sich nach Gefallen ermuntern. Man mußte also bis auf weiteren Befehl auf jede Nachforschung Verzicht leisten; man hatte ja auch genug getan, um die Kosten des Prozesses bis zur Summe der Ersparnisse des klagenden Teils zu erhöhen.

Als jedoch nach diesem in den Annalen Elanchoves unerhörten Morgen die Dämmerung dem Tag gefolgt war, irrten zwei Männer noch traurig an der Küste umher, waren aber eifrig bemüht, einander nicht zu begegnen. Der eine war der arme Juan de Dios, der einen Seufzer seinen ersparten Geldern nachschickte, die nahe daran waren, sich in den verzehrenden Abgrund der Justiz zu stürzen, und hartnäckig die Spuren seiner Herrin suchte, für sie und seinen jungen Herrn betete und Gott anflehte, ihr Leben zu schützen.

Der andere war der traurige Cayatinta. Der Alkalde nämlich hatte das Vertrauen des Escribano, der ihm seinen Eid, ehe noch die versprochene Belohnung erteilt war, geleistet hatte, so benutzt, daß er geradezu seine Hosen verweigerte und an ihrer Stelle einen ziemlich alten Hut anbot, den Gregorio mit Unwillen zurückgewiesen hatte. Cayatinta beweinte also seine verschwundenen Träume, sein blindes Vertrauen und die Unsittlichkeit der falschen Eide … wenn sie nicht bezahlt werden, und dachte über einen günstigen Augenblick nach, um den alten Hut statt seiner ach so wohl verdienten Beinkleider zu erhalten.

3 . Wie Pepe der Schläfer seine Pflichtverletzung wiedergutmacht

Als Pepe der Schläfer dem Capitan Despierto sein Geheimnis abgelockt hatte – ein Geheimnis, von dem er seinen Vorteil gezogen hatte —, wußte er nicht, daß Don Lucas ihm noch ein anderes verbarg. Der Soldat jedoch, der infolge einiger Gewissensbisse eifrig wünschte, seine Pflicht vielleicht zum erstenmal in seinem Leben zu erfüllen, bat an dem Tag nach der Nacht, in der er auf Posten gestanden hatte, seinen Capitan um die Gunst, seinen Wachtdienst an demselben Abend wiederaufnehmen zu dürfen. Man errät, daß er ohne Mühe die Erlaubnis erhielt; aber während Don Lucas ihn seiner Gewohnheit nach eingeschlafen glaubte, wachte Pepe wie in der vorhergehenden Nacht.

Wir wollen ihn unterdessen auf seinem Posten lassen, um zu erzählen, was sich an der Küste Elanchoves, nicht weit von der Bucht Ensenada, ereignete.

Die Nacht war ebenso neblig wie die vorhergehende, als gegen zehn Uhr abends ein rascher und segeltüchtiger Kutter in die geheimen Zugänge eines Felsenlabyrinths einbog. Die Haltung des Kutters, sein Takelwerk, seine Segelstellung bezeichneten ihn als ein Kriegsschiff oder wenigstens als ein bewaffnetes Schiff auf der Fahrt. Die Kühnheit, mit der er mitten durch die Dunkelheit steuerte, bewies ebenfalls, daß sein Lotse seit langer Zeit diese gefährliche Küste befahren haben mußte und daß der Kommandant des Schiffes geheime Verbindungen auf dem Festland hatte. Das Meer brach sich wütend links und rechts von dem engen Labyrinth, an dessen Felsen das Fahrzeug unter gerefften Segeln hinglitt, nur wenig von ihnen entfernt. Als diese enge Durchfahrt erst hinter ihm lag, öffnete sich eine weite Bucht vor dem Kutter, in der das viel ruhigere Meer ein ebenes und sandreiches Ufer bespülte.

Das Schiff drehte jetzt nach einer Wendung, die der wachhabende Offizier auf französisch befahl, mit einer Schnelligkeit bei, die eine zahlreiche Mannschaft voraussetzen ließ. Zwei kleine Fahrzeuge wurden nach und nach bewaffnet und ins Meer gelassen, und ihre Bemannung steuerte nach dem höchsten Punkt der Bucht, über der sich einige auf dem flachen Ufer verstreut liegende Häuser durch ihre weiße Farbe unterscheiden ließen.

Wir wollen es gleich hier sagen, um nicht noch länger ein Geheimnis daraus zu machen, daß das kleine Fahrzeug ein französisches war – halb Korsar, halb Schmuggler —, das in der doppelten Absicht kam, eine Anzahl Kaufmannsgüter an ihren Bestimmungsort zu bringen und Mundvorräte, an denen es zu fehlen begann, wieder einzunehmen.

Der Kapitän hatte es, geführt durch einen Fischer von Elanchove, den der Capitan Despierto gestellt hatte, für gut gehalten, in diesen Engpaß einzulaufen, um sich während des Augenblicks sicherzustellen, wo er, einer bestimmten Zahl seiner Matrosen beraubt, ein gefährliches Zusammentreffen auf offener See hätte haben können.

Der wachhabende Offizier schritt schweigend auf dem Verdeck auf und ab, lauschte auf das Anschlagen des Meeres längs der Seiten des Schiffes, prüfte sorgfältig den Wind, dessen Hauch die nach der entgegengesetzten Seite gerichteten Segel anschwellte, und neigte sich von Zeit zu Zeit gegen das Licht des Kompaßhäuschens.

Eine Stunde verging auf diese Weise, als plötzlich ein lebhaftes Gewehrfeuer von allen Punkten der Küste prasselte; andere Schüsse antworteten, und kurze Zeit nachher legten die beiden Boote am Kutter bei.

Pepe war es, der zum großen Mißfallen seines Capitans die Küstenwächter alarmiert hatte; zu spät jedoch, denn die Barken kamen mit Hammelfleisch und Lebensmitteln jeder Art beladen zurück. Der letzte Mann, der auf das Verdeck stieg, ehe man die Fahrzeuge wieder hinaufhißte, war ein Matrose von gigantischer Gestalt. Er trug ein kleines Kind regungslos auf seinen Armen, das man für tot gehalten haben würde, wenn nicht einige leichte Schauer des Körpers einen Rest von Leben in ihm offenbart hätten.

»Was, zum Henker, bringst du da, Bois-Rosé?« fragte ihn der Offizier.

»Mit Eurer Erlaubnis, Herr Lieutenant, es ist ein kleines Kind, das ich halbtot vor Hunger und Kälte in einem mit dem Wind treibenden Boot gefunden habe. Eine tote, in ihrem Blut gebadete Frau hielt es noch in ihren Armen, und ich hatte die größte Mühe der Welt, es aus dem Fahrzeug zu nehmen, in dem es sich befand und das diese Hunde von Spaniern, da sie es für eines der unsrigen hielten, über die Maßen aufs Korn nahmen. Besonders war da ein großer Schlingel von Soldat (der Leser mag wissen, daß es Pepe der Schläfer war), der während des Überladens mit ebenso großer Hartnäckigkeit als Ungeschicklichkeit auf mich schoß. Übrigens hätte ich ihn für immer zum Schweigen bringen können, wäre ich nicht durch die Sorgfalt, die ich auf dieses schwache Geschöpf verwenden mußte, daran gehindert worden … Aber wenn ich ihn jemals wieder treffe … Genug davon!«

»Und was denkst du mit dem Kind anzufangen?« fragte der von Mitleid bewegte Offizier.

»Es bei mir behalten – wahrhaftig! —, bis zu dem Augenblick, wo mir der Friede erlauben wird, hierher zurückzukehren und die nötigen Erkundigungen darüber einzuziehen.«

Unglücklicherweise waren die einzigen Auskünfte, die man von diesem Kind, das drei Jahre alt erschien, erhalten konnte, die, daß es Fabian heiße und daß die ermordete Frau seine Mutter wäre. —

Zwei Jahre verflossen, ohne daß das französische Schiff in Spanien landen konnte. Die zärtliche Liebe des Matrosen, der den jungen Fabian von Mediana aufgenommen hatte, verleugnete sich keinen Augenblick und wuchs immer mehr. Dieser Mann von kolossaler Gestalt und herkulischer Kraft war ein Kanadier und hieß, wie wir schon gesehen haben, Bois-Rosé. Es war ein sonderbares und rührendes Schauspiel, welche fast mütterliche Sorgfalt der Riese auf dieses kleine Kind verwendete, welche List er anwendete, um sich täglich eine Zulage zu seiner Ration für seinen angenommenen Sohn zu verschaffen. Der Matrose war so weit gekommen, daß er nach seiner Art auf dieses hinfällige Leben tausend Träume des Glücks baute, die seine Prisenanteile ihm eines Tages verwirklichen sollten.

Unglücklicherweise übersah der ehrliche Matrose bei seinen Rechnungen die gefährlichen Zufälle des Seelebens.

Eines Morgens wurde der französische Kreuzer gezwungen, vor einer englischen Brigg, die doppelt so stark war als er, das Weite zu suchen. Ein so guter Segler er nun auch war, so konnte er doch die Verfolger nicht täuschen und dem Kampf nicht ausweichen.

Die beiden Schiffe beschossen sich mit Erbitterung seit mehreren Stunden, als der Matrose, ganz schwarz von Pulver, in den untersten Schiffsraum hinabstieg, wohin er seinen Sohn in Sicherheit gebracht hatte. Nachdem er ihn zärtlich umarmt hatte, trug er ihn in seinen Armen auf das Verdeck. Hier, während des heftigsten Kampfes; inmitten des Lärms, des Blutes, das überall floß, des Geschreies der Kämpfenden; mitten unter stürzenden Masten wollte er für jeden Fall seinem Gedächtnis die Umstände einer Trennung eingraben, die er fürchtete.

In einem solchen Augenblick, der selbst einem Kind eine Erinnerung zurücklassen muß, die niemals erlischt, sagte er zu ihm, indem er ihn mit seinem gewaltigen Leib deckte: »Knie nieder, mein Sohn!«

Das Kind kniete zitternd nieder.

»Du siehst, was vorgeht?« fuhr der Kanadier mit feierlicher Stimme fort.

»Ich fürchte mich«, murmelte Fabian, »vor dem Blut, das ich sehe, vor dem Lärm, den ich höre.« Und er barg sich in den Armen des Riesen.

»Gut«, begann der Matrose abermals. »Auf! Vergiß niemals, daß dich in diesem Augenblick ein Matrose – ein Mann, der dich liebte wie sein Leben – hat niederknien lassen, um dir zu sagen: ›Knie nieder, mein Kind, und bete für deine Mutter …‹«

Er beendete den Satz nicht; eine Kugel hatte ihn getroffen, und sein Blut spritzte über Fabian hin, der ein herzzerreißendes Geschrei ausstieß. Der Kanadier hatte nur noch Zeit, ihn mit einer verzweifelten Umarmung an sein Herz zu pressen und den Satz zu beenden, aber so leise, daß der Knabe nur mit Mühe die Worte vernahm, die er angefangen hatte: »… die ich sterbend bei dir gefunden habe.« Dann verlor er das Bewußtsein.

Als er wieder zu sich kam, war dies mitten in einem verpesteten Schiffsraum. Ein brennender Durst verzehrte ihn. Er rief den mit schwacher Stimme, der ihm jeden Morgen beim Erwachen zulächelte, aber niemand antwortete; Fabian war nicht mehr da. Der Matrose war ein Gefangener, und auf einem Ponton konnte er nun den Verlust seiner Freiheit und seines Adoptivsohnes, den ihm die Vorsehung gesandt hatte, beweinen. —

Was war aus Fabian geworden? Darüber soll uns die Geschichte des Waldläufers Aufschluß geben. Jedenfalls aber müssen wir noch, ehe wir vom Prolog zum Drama und von Europa nach Amerika übergehen, die Geschichte der Ereignisse in Elanchove vervollständigen.

Es war nur einige Tage nach dem Verschwinden der Gräfin, als Fischer am flachen Ufer ihren Körper fanden und das verlassene Boot, in dem er leblos lag.

Der alte Juan de Dios umwand die Fahnen des Schlosses mit schwarzem Flor und errichtete mit eigenen Händen ein hölzernes Kreuz an der Stelle, wo seine Gebieterin wiedergefunden worden war. Aber wie alles sich abnützt in der Welt, und zwar bald sich abnutzt, so hatte auch der Seewind den schwarzen Flor noch nicht gebleicht, die Flut hatte noch nicht das hölzerne Kreuz grün gefärbt, als man schon – trotz der durch das tragische Ereignis im Dorf entstandenen Bewegung – seit langer Zeit nicht mehr davon sprach.

4. Zwei ehrliche Leute

Im Jahre 1830 konnte die Provinz Sonora, eine der reichsten des mexikanischen Staatenbundes, mit gutem Recht für eine der am wenigsten erforschten Gegenden dieses Teiles von Amerika angesehen werden. Und doch hat die Natur sie verschwenderisch ausgestattet. Der vom Pflug kaum gestreifte Boden bedeckt sich dort mit zwei Ernten jährlich, und an vielen Stellen kann man unter freiem Himmel das verschwenderisch hingestreute Gold auf diesem fruchtbaren Boden sammeln, der von diesem Gesichtspunkt aus mit dem heutigentags so gerühmten Kalifornien wetteifert.

Freilich werden diese Vorzüge durch einige Nachteile fast aufgehoben. Ungeheure Steppen, die hier und da die bebauten Teile Sonoras durchschneiden, machen das Reisen darin schwierig und gefährlich. Kriegerische Indianerstämme sind dort noch im Besitz der ungeheuren Ebenen, wo, wie man sagt, das Gold sich ebenso reichlich findet als der Sand.

Wir könnten viele Fälle anführen, wo beträchtliche Reichtümer durch die Auffindung von irgendeinem Stück reinen Goldes begründet sind, wie auch andere, wo dem Vermögen die auf diesem fruchtbaren Boden gesammelten reichen Ernten zugrunde liegen.

Männer, deren ganze Wissenschaft nur auf eine praktische Kenntnis der Erzbildung hinausgeht, begeben sich von Zeit zu Zeit in die Steppen. Dort leben sie unter Entbehrungen, sind tausend Gefahren ausgesetzt und beuten in der Eile irgendeine bloßliegende Silbermine aus oder beschäftigen sich mit dem Waschen des goldführenden Sandes; dann werden sie umzingelt, gefangengenommen oder vertrieben von den Apachen, kehren endlich in die Städte zurück und erzählen tausend wunderbare Geschichten von halb gesehenen, aber unnahbaren Schätzen, von verschwenderisch ausgestatteten Minen oder von unerschöpflichen Goldlagern an der Oberfläche des Bodens.

Diese Gambusinos, wie man sie nennt, sind für die Minenindustrie gerade das, was die amerikanischen Hinterwäldler für den Ackerbau oder den Handel sind – sie unterhalten nämlich durch ihre Erzählungen, an denen die Übertreibung immer größeren Anteil hat als die Wirklichkeit, das Verlangen nach Eroberungen und den Durst nach Gold. Was die Indianer betrifft, so läßt sie nur ihr Haß gegen die weiße Farbe – nicht das Verlangen, Schätze zu behalten, deren Wert sie nicht kennen – die fortschreitenden Einfälle wütend zurückweisen.

Die durch die Erzählungen der Gambusinos oder auch oft durch den Anblick eines glücklichen und reichen in der Steppe gemachten Fundes angestachelte Leidenschaft entflammt sich auf den Ruf irgendeines tollkühnen Abenteurers, der zu einer Unternehmung auffordert. Andere Abenteurer – ruinierte Söhne von guter Familie, Männer, die sich mit der Justiz überworfen haben – schließen sich ihm an; es bildet sich eine Expedition. Aber sie scheitert, weil sie leichtsinnig unternommen oder unbesonnen geführt ist, und kaum kehren einige von denen, die sie bildeten, zurück, um die Unfälle zu erzählen, durch die die anderen zugrunde gingen. —

Zu dem Zeitpunkt, wo die Erzählung, die ich übertrage, wieder beginnt – im Jahre 1830, das heißt zweiundzwanzig Jahre nach den in der Vorrede erwähnten Ereignissen —, war von einer ähnlichen Expedition in Arizpe, der Hauptstadt der Provinz Sonora, die Rede. Der sie unternahm war ein Fremder, ein Spanier, der vor kaum zwei Monaten angekommen war und den man nur unter dem Namen Don Estévan de Arechiza kannte.

Dieser Mann schien früher in der Gegend gelebt zu haben, ohne daß sich jedoch jemand erinnerte, ihn gesehen zu haben. Er mußte von Europa mit einem schon im voraus gefaßten Plan angekommen sein; örtliche Kenntnisse von unbestreitbarer Richtigkeit, ganz bestimmte Urteile über Personen und Sachen bewiesen klar, daß Sonora ihm nicht fremd und sein Plan schon lange vorher überdacht war. Er verfügte ohne Zweifel auch über mächtige und geheimnisvolle Hilfsquellen, denn er hatte ein ungeheures Gefolge bei sich, hielt offene Tafel, spielte hoch, lieh Geld her, ohne jemals zu denken, es wiederzufordern, und niemand konnte sagen, an welcher verborgenen Quelle er schöpfte, um dieses Leben eines großen Herrn führen zu können.

Doch wie dem auch sein mochte – die großartige Lebensweise des Spaniers, sein Edelmut und seine Freigebigkeit hatten ihm bald in Arizpe einen raschen und mächtigen Einfluß verschafft. Er benützte ihn, um eine ferne Expedition nach einem Ort hin zu bilden, wohin sozusagen noch kein Weißer bis jetzt gedrungen war.

Da Don Estévan fast immer im Spiel verlor; da er ständig vergaß, wie wir schon gesagt haben, das Geld, das er ausgeliehen hatte, wieder einzufordern, und da man folglich nicht annehmen konnte, daß er vom Spiel oder vom Borgen lebte, so argwöhnte man, daß er nicht weit von Arizpe irgendein reiches Goldlager besäße und daß er noch reichere tief im Lande der Apachen wüßte.

Die von Zeit zu Zeit eintretenden Reisen von Señor Arechiza bestätigten diese erstere Annahme. Was die zweite anlangt, so sollte der Zufall nicht lange ausbleiben, um daraus eine Wahrheit zu machen. Wir werden weiter unten sagen, auf welche Weise.

Don Estévan hatte also weniger Mühe als jeder andere, dank dem Einfluß, den er ausübte, abenteuernde Gefährten zu finden. Schon begaben sich, sagte man, achtzig entschlossene Männer von verschiedenen Punkten Sonoras aus zum Presidio von Tubac an der indianischen Grenze, das Arechiza ihnen als Sammelplatz der Expedition bezeichnet hatte, und nach dem allgemeinen Gerücht war der Tag nahe, wo Don Estévan selbst von Arizpe abreisen sollte, um sich an ihre Spitze zu setzen. Dieses zuerst unbestimmte Gerücht wurde bald zur Gewißheit, als der Spanier bei einer der Mahlzeiten, die er gab, seinen Tischgenossen ankündigte, daß er sich innerhalb dreier Tage zum Presidio von Tubac auf den Weg machen würde. Während dieses Mahles wurde auch ein Bote in den Speisesaal geführt, und dieser übergab Don Estévan einen Brief, auf den er, wie er sagte, eine Antwort erwarte.

Der Spanier bat seine Gäste um Entschuldigung und brach das Siegel des Briefes.

Da alles im Verfahren des Fremden einen geheimnisvollen Charakter annahm, so schwiegen seine Gäste einen Augenblick, um seine Haltung und sein Mienenspiel zu prüfen. Aber die unempfindliche Gestalt Don Estévans, der sich allgemein beobachtet sah, verriet keinen seiner Gedanken; es ist wahr, er wußte vollkommen seine Empfindungen zu verbergen, und vielleicht hatte er an diesem Tag seine ganze Selbstbeherrschung nötig. »Es ist gut«, sagte er ruhig zum Boten. »Bringt dem, der Euch sendet, die Antwort, daß ich nach genau drei Tagen, von heute an gerechnet, am bestimmten Ort sein werde.«

Er verabschiedete ihn, indem er sich abermals bei seinen Gästen wegen der Unhöflichkeit entschuldigte, zu der er genötigt gewesen war. Dann nahm die unterbrochene Mahlzeit wieder ihren Verlauf, doch schien der Spanier nachdenklicher als gewöhnlich, und als seine Gäste sich entfernten, zweifelten sie nicht, daß er irgendeine Nachricht von großem Interesse für ihn empfangen hätte.

Wir wollen die Bewohner Arizpes ihren Vermutungen überlassen und Don Estévan zu jener geheimnisvollen Zusammenkunft begleiten, zu der er eben an einem Ort eingeladen war, der gerade auf dem Weg zum Presidio von Tubac lag.

Wenn man Arizpe verlassen hat, trifft man auf dem Marsch nach dem erwähnten Presidio nur von Zeit zu Zeit verfallene, zuweilen zusammenliegende Wohnungen; öfter noch liegen sie ganz vereinzelt. Diese Wohnungen sind etwa durch eine Entfernung voneinander getrennt, die ein Pferd zwischen Sonnenaufgang und Untergang zurücklegen kann. Daraus folgt, daß sie ebenso viele Haltepunkte für die Reisenden sind, die sich zur Grenze begeben. Aber die Reisenden sind nicht zahlreich, und die Bewohner jener Hütten bringen einen Teil ihres Lebens in tiefer Einsamkeit zu. Ein Maisfeld, das sie bebauen; einige Stück Rindvieh, die sie auf jenen duftreichen Triften mästen, die dem Fleisch eine ausgesuchte Schmackhaftigkeit verleihen; ein immer heiterer Himmel und besonders eine wunderbare Mäßigkeit lassen diese Steppenwirte wenn nicht im Wohlstand, doch fern von aller Sorge leben. Welche Wünsche könnte auch wohl der Mensch haben, dessen Decke der blaue Himmel ist und der im Rauch einer Zigarre ein untrügliches Schutzmittel gegen die Angriffe des Hungers findet?

An einem Morgen des Jahres 1830 saß – oder lag vielmehr – halb an der Tür einer Hütte, etwa drei Tagereisen von Arizpe, ein Mann auf einer der wollenen, sorgfältig gearbeiteten Decken, die man Zarapas nennt. Einige hier und da in einem vollkommenen Zustand der Verlassenheit verstreut liegende Hütten kündigten eines jener Dörfer an, die nur während der Regenzeit und während eines Teils der trockenen Monate von einer nomadischen Bevölkerung bewohnt sind. Sobald die Zisternen, die von den Wassern des Himmels gespeist werden, anfangen auszutrocknen, bleiben diese Dörfer öde und sehen ihre Bewohner erst wieder, wenn die Wasserbehälter sich von neuem füllen. Zwei kaum gebahnte Wege, die mitten durch den dichten Wald führten, der die ganze Umgegend bedeckte, kreuzten sich nahe bei der Stelle, wo der Reisende sich gelagert hatte, der keineswegs erschrocken schien über die tiefe Einsamkeit, in der er sich befand.

Einige Raben, die krächzend von Baum zu Baum flatterten, und der Schrei der Chachalacas,dunkelfarbige Elsternart, die von ihrem Geschrei den Namen erhalten hat die den heraufziehenden Tag begrüßten, unterbrachen allein das tiefe Schweigen des Waldes. Sobald die Sonne erst einige Wärme ausstrahlte, begann der dicke Nebel, der sich unter diesem Himmelsstrich des Nachts wie ein Schleier ausbreitet, sich zu zerstreuen und ließ nur große, an den Gipfeln der Eisenholzbäume und der Mesquiten hängende Flocken zurück. Die Reste eines großen Feuers, das ohne Zweifel angezündet worden war, um die nächtliche Kälte abzuhalten, diente jetzt dazu, um die Mahlzeit des einzigen Bewohners dieses Dorfes zu bereiten.

Kleine Fladen von Mehl, Käse und einige Stücke in der Sonne getrockneten Fleisches drehten sich eingeschrumpft über den Kohlen, ohne daß der Mann, dem dieses ärmliche Mahl bestimmt war, sich über die allzu raschen Fortschritte des Bratens sehr zu beunruhigen schien.

Nicht weit davon weidete ein Pferd mit einer Genügsamkeit, die nur mit der seines Herrn verglichen werden konnte, das seltene und welke Gras, das am Saum des Waldes wuchs und das der Morgenwind schauern machte. Wider alle Gewohnheit war das Pferd durch keine Fessel festgebunden.

Der Anzug des Reiters bestand in einer Weste ohne Knöpfe, die man wie ein Hemd über den Kopf streift, und in einem weiten Beinkleid; alles von gegerbtem, ziegelfarbigem Leder. Das Beinkleid, das vom Knie bis zu den Fersen offenstand, ließ die von gegerbtem und bemaltem Ziegenleder umgebenen Füße sehen. Diese unförmigen Stiefel waren mit scharlachfarbigem Knieriemen zugebunden, und in einem stak ein langes Messer in der Scheide, so daß, mochte man nun zu Pferd sitzen oder nicht, dessen Griff immer im Bereich der Hand war. Ein roter Gürtel aus chinesischem Flor, ein breiter Filzhut, der mit einer Schnur oder »Toquilla« von venezianischen Perlen umgeben war, vervollständigten einen malerischen Anzug, dessen Farben zu denen der Zarapa, auf der der Mann lag, recht wohl paßten.

Der Anzug zeigte einen der Männer, die gewohnt sind, mitten durch die dornigen Gebüsche der amerikanischen Savannen zu galoppieren, und die auf ihren Expeditionen – mögen diese nun den Zweck einer Treibjagd oder irgendeine andere Ursache haben – gleichgültig unter einem Dach oder unter freiem Himmel schlafen, in der Ebene oder im Wald. Im ganzen straften seine Adlernase, seine dicken Augenbrauen, seine schwarzen Augen, die nicht selten in unheilbringendem Feuer glänzten, den zuweilen lächelnden Ausdruck seines Mundes zu sehr Lügen, um nicht beim ersten Anblick einen lebhaften, mit Schrecken verbundenen Widerwillen einzuflößen.

Ungeachtet der anscheinend großen Kraft seiner hohen Gestalt und des schrecklichen Ausdrucks seiner Züge ließen doch seine beinahe zart gebauten Hände und Füße und sein etwas verschleierter Blick das immer unvollständige Wesen des amerikanischen Kreolen erkennen.

Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß Gott nur dem Europäer, dem ewigen Eroberer der drei anderen Welten, das gegeben hat, was er dem Amerikaner des Südens, dem Afrikaner und dem Asiaten verweigerte, nämlich den Forschergeist, der sichtet und scheidet; die Einsicht, die begreift; das Genie, das schafft; die Kraft, die ausführt – mit einem Wort eine vollständige Organisation, eine Seele von Stahl in einem Körper von Eisen.

Eine kurze Büchse, die neben dem Reiter lag, vollendete nebst dem langen Messer in seinem Stiefel seine Ausrüstung und machte ein Zusammentreffen mit ihm in diesen Einöden zu einem gefährlichen Ereignis.

Es war bei seiner nachlässigen Stellung offenbar, daß er jemand erwartete; aber da in der Steppe alles größere Verhältnisse annimmt, so schien auch der Bandit (denn alles an ihm schien ihn als einen Menschen außerhalb des Gesetzes zu bezeichnen), nachdem er vielleicht drei Tagesmärsche gemacht hatte, um an den Ort zu gelangen, wo er sich befand, die fieberhafte Spannung nicht zu empfinden, die so oft inmitten einer volkreichen Stadt den zuerst am Bestimmungsort Angekommenen ergreift. In der Steppe kann derjenige, der hundert Meilen zurückgelegt hat, hundert Stunden warten, während dagegen in den großen Städten, wo das Leben wie ein Sturzbach zwischen zwei eingeengten Ufern dahinströmt, eine Stunde Wegs nur eine Viertelstunde ruhigen Wartens gestattet, denn der Weg wird hier eine Reise, die Viertelstunde ein Jahrhundert.

Auch begnügte sich der Unbekannte, als das Geräusch der Schritte eines Pferdes mitten durch die hallenden Tiefen des Waldes an sein Ohr schlug, ruhig seine Stellung zu ändern, während sein Pferd freudig wieherte und den Kopf hob. Er lauschte. Die Schritte wurden langsamer, als ob der Reiter zweifelte: endlich an dem Punkt, wo die beiden Wege sich kreuzten, ein neuer Ankömmling. Es war ein Mann von hohem Wuchs, mit dickem, schwarzem Bart, in Leder gekleidet wie der erste; er saß auf einem Pferd, das ebenso dauerhaft als schnellfüßig schien. Diese beiden Männer machten, als sie einander erblickten, dieselbe durch ihre gleich verdächtige Miene gerechtfertigte Bemerkung.

»Caramba!« murmelte der neue Ankömmling. »Wenn mir nicht im voraus gesagt worden wäre, daß dies der Reiter ist, an den ich gesandt bin, so würde ich glauben, ein schlechtes Zusammentreffen gefunden zu haben!«

Der Mann auf der Erde sagte leise zu sich: »Wenn diese verdammte Sieben in Bastos mir noch einige Piaster in der Tasche gelassen hätte, so würde ich sie, bei Gott, in großer Gefahr glauben!«

Indessen schien der Reiter nicht mehr ungewiß zu sein; er spornte sein Pferd an, das sich bei den Feuerbränden des Herdes aufbäumte, nahm höflich den Hut in die Hand und sagte: »Ohne Zweifel habe ich die Ehre, mit Don Pedro Cuchillo zu sprechen?«

»Mit ihm selbst, mein Herr!« sagte der Mann, der mit Cuchillo angeredet war, und erhob sich mit nicht geringerer Höflichkeit.

»Ich bin der Abgesandte von Don Arechiza, dem ich nur um einige Stunden voraus bin«, sagte der zuletzt Angekommene. »Mein Name ist Manuel Baraja, Euch zu dienen.«

»Gut; Eure Herrlichkeit steige gefälligst ab«, sagte Cuchillo.

Der neue Ankömmling ließ sich diese Einladung nicht zweimal sagen; darauf schnallte er von seinen Fersen ungeheuer große Sporen, sattelte hurtig sein Pferd ab, wand ihm einen langen Riemen um den Hals und ließ es mit einem kräftigen Schlag seiner flachen Hand auf die Hüfte ohne Umstände laufen, um die magere Kost seines Gefährten zu teilen.

In diesem Augenblick begann das Fleisch, das über den Kohlen röstete, einen Geruch zu verbreiten, der mit dem einer verlöschenden Lampe verglichen werden konnte. Baraja warf einen lüsternen Blick darauf. »Es scheint mir, Señor Cuchillo«, sagte er, »daß Ihr Euch nichts versagt. Caramba! Tortillas aus Käse und trockenem Fleisch! Das ist ein fürstliches Mahl!«

»O ja«, erwiderte Cuchillo mit einer gewissen Geziertheit, »ich pflege mich ziemlich gut. Übrigens«, setzte er hinzu, »freut es mich, daß dieses Gericht nach Eurem Geschmack ist, denn es steht Euch ganz zu Diensten.«

»Ihr seid allzu gütig, und ich nehme ohne weitere Umstände an; die Morgenluft hat mir Appetit gemacht. – Darf ich Euch alles Gute sagen, Señor Cuchillo, was ich von Euch beim ersten Anblick gedacht habe?« sagte Baraja, indem er mit der Spitze seines langen Messers eines der trockenen Fleischstücke mitten aus den Kohlen herausholte.

»Ihr würdet meine Bescheidenheit erschrecken!« erwiderte Cuchillo. »Ich möchte Euch lieber sagen, wie sehr mich der erste Blick zu Euren Gunsten eingenommen hat.«

Die beiden neuen Freunde wechselten eine freundliche Verbeugung miteinander und machten sich wieder an ihre Mahlzeit.

Cuchillo nahm das Wort: »Ist es gefällig, Señor Baraja, ein wenig über unsere Geschäfte zu reden!«

»Sehr gern!«

»Don Estévan Arechiza hat doch die Nachricht empfangen, die ich ihm habe zukommen lassen?«

»Er hat sie empfangen«, erwiderte Baraja. »Aber was sagt diese Nachricht? Nur Ihr und er wißt es.«

»Ich glaube es wohl«, murmelte Cuchillo.

»Herr Arechiza«, fuhr der Abgesandte fort, »wollte nach Tubac aufbrechen, als er Euren Brief erhielt. Ich sollte ihn begleiten, aber er ließ mich mit den Worten vorausreiten: ›In dem kleinen Dorf Huerfano werdet Ihr einen Mann namens Cuchillo finden; Ihr werdet ihm sagen, daß das Geschäft, das er mir vorschlägt, eine ernste Besprechung verdient; und da der Ort, an dem er mich erwartet, auf dem Weg nach Tubac liegt, so werde ich ihn bei meiner Durchreise sehen.‹ Das ereignete sich«, fuhr der Bote fort, »am Tag vor der Abreise Don Estévans; ich bin schneller geritten als er, um seine Befehle auszuführen, und bin, wie ich Euch schon gesagt habe, ihm nur einige Stunden voraus.«

»Gut!« antwortete Cuchillo. »Wohlan denn, Señor Baraja; wenn – wie ich nicht daran zweifle – mein Geschäft abgeschlossen wird, so werde ich ebenso wie Ihr einer der Teilnehmer dieser Unternehmung sein; das Gerücht davon, das mir zu Ohren kam, ist eben die Ursache des Vorschlags gewesen, den ich demjenigen gemacht habe, der deren Führer ist. Aber Ihr müßt«, fuhr der Bandit fort, »Euch ohne Zweifel wundern über den sonderbaren Ort, den ich dazu gewählt habe, um Don Arechiza zu erwarten.«

»Keineswegs«, antwortete Baraja; »ich habe mir gedacht, daß Ihr Gründe hättet, die Einsamkeit zu lieben. Wer sehnt sich nicht zuweilen nach ihr?«

Das verbindliche Lächeln in den Mienen Cuchillos bewies, daß sein Freund richtig geraten hatte. »Ganz recht … Das schlechte Betragen eines Freundes gegen mich und der lästige Haß des Alkalden von Arizpe haben mich in diese unruhige Zurückgezogenheit fliehen lassen. Das ist der Grund, warum ich mein Hauptquartier mitten in diesem verlassenen Dorf, wo niemand an mich denkt, aufgeschlagen habe.«

»Ich habe eine zu gute Meinung von Eurer Herrlichkeit«, sagte Baraja, indem er ein Stück gebratenen Fleisches verschlang, »um nicht überzeugt zu sein, daß das Unrecht ganz und gar auf Seiten des Alkalden und besonders auf seiten Eures Freundes ist.«

»Ich danke Euch für Eure gute Meinung«, antwortete Cuchillo, indem er seinerseits mit vollkommenem Gleichmut einen auf der einen Seite noch rohen, auf der anderen verkohlten Fladen zu sich nahm; »Ihr werdet darüber urteilen.«

»Ich höre«, sagte Baraja, indem er sich in eine horizontale Stellung brachte; »nach einer guten Mahlzeit liebe ich nichts so sehr als eine gute Geschichte.« Und nun schien der Gefährte Cuchillos ganz glückselig, das Gesicht gegen den Himmel gekehrt, sich darin zu gefallen, den blendenden Azur zu bewundern.

»Die Geschichte ist weder lang noch interessant, und was mir begegnet ist, kann jedermann begegnen. Ich hatte mit meinem Freund ein Spiel angefangen. Mein Freund behauptete, ich hätte ihn betrogen. Darüber gerieten wir in Wortwechsel.« Der Erzähler machte eine Pause, um einen Wasserschlauch an seinen Mund zu setzen; darauf fuhr er fort: »Mein Freund war so unzart, davon zu sterben!«

»Was? Von Eurem Wortwechsel?«

»Nein, von einem Messerstoß, der darauf folgte«, erwiderte Cuchillo mit vollem Mund.

»Ich wußte wohl, daß das Unrecht auf seiten Eures Freundes war.«

»Der Alkalde war nicht der Meinung; er quälte und hetzte mich auf lächerliche Weise; und doch hätte ich ihm die Bitterkeit in unserem Verkehr miteinander verziehen, wenn ich nicht selbst ärgerlich gewesen wäre über das schlechte Betragen eines Freundes, den ich bis jetzt geachtet hatte.«

»Man hat sich immer über Freunde zu beklagen«, sagte Baraja poesievoll, indem er den Rauch seiner Zigarre aus Maisstroh gegen das Gewölbe des Himmels blies.

»Wie dem auch sein mag«, antwortete Cuchillo; »ich habe das Gelübde getan, nicht mehr zu spielen, denn das Spiel ist, wie Ihr seht, die Ursache dieser letzten Geschichte gewesen.«

»Das ist ein weiser Entschluß«, erwiderte Baraja, »ich habe mir auch das Versprechen abgenommen, die Karten nicht mehr anzurühren, seitdem mich das Spiel ganz und gar zugrunde gerichtet hat …«

»Zugrunde gerichtet? Ihr seid also reich gewesen?«

»Ach, ich hatte eine Hacienda und zahlreiche Herden; aber ich hatte auch einen Aufseher. Ich habe nur einmal mit ihm gerechnet«, seufzte Baraja, »und da war es zu spät; die Hälfte meines Gutes gehörte ihm schon.«

»Und was tatet Ihr dann?«

»Das einzige, was mir zu tun übrigblieb«, sagte Baraja mit herrischer Miene: »Ich schlug ihm vor, um seine Hälfte gegen die meinige zu spielen: er nahm es nach einigen Umständen an.«

»Umstände?« unterbrach Cuchillo. »Sehe doch einer den Schelm!«

»Ich bin sehr furchtsam, wenn ich vor Leuten spiele«, nahm Baraja wieder das Wort; »außerdem liebe ich die freie Luft. Ich hatte also meinem Aufseher den Vorschlag gemacht, unsere Partie an einem sehr einsamen Ort zu machen, wo mich meine gewöhnliche Schüchternheit mehr verlassen haben würde. Nicht wahr, Ihr begreift? Wenn ich diesen letzten Teil meines Gutes verloren hätte, welche Veränderung … ich wollte sagen, welcher Trost für meinen Schmerz die reine Luft des Waldes … das Schweigen … die gänzliche Einsamkeit gewesen wäre. Aber mein Aufseher teilte meine Vorliebe für die freie Luft und die Einsamkeit nicht und stellte zur Bedingung für die Partie, die er annehmen wolle, daß wir vor Zeugen spielten.«

»Und Ihr wart gezwungen, einzuwilligen?«

»Zu meinem großen Bedauern«, fuhr Baraja fort.

»Und Ihr verlort, weil Ihr vor den Leuten so schüchtern wart?« begann Cuchillo wieder mit unerschütterlichem Ernst.

»Ich verlor diese zweite Hälfte wie die erste. Von meinem ganzen früheren Vermögen ist mir nur dieses Pferd übriggeblieben, obgleich mein früherer Aufseher behauptete, daß das Pferd mit in die Partie einbegriffen gewesen sei. Heute habe ich nur noch Hoffnung, mein Glück bei der Expedition nach Tubac zu machen, an der ich mich beteiligt habe, und als letzte Hilfsquelle, mich in den Dienst meines Spitzbuben zu begeben und meinerseits meine Angelegenheiten wieder zu ordnen. Seit dieser Zeit habe ich geschworen, nicht mehr zu spielen, und – caramba! – ich habe meinen Eid gehalten.«

»Wieviel Zeit ist es her, daß Euch solches begegnet ist?«

»Fünf Tage«, antwortete Baraja.

»Teufel! Eure Eidestreue ist nicht ohne Verdienst.«

Nachdem die beiden Abenteurer sich diese vertraulichen Mitteilungen gemacht hatten, fingen sie an, sich von der Hoffnung zu unterhalten, die man auf die bevorstehende Expedition setzte; von den Wundern, die sie über das Land hatten erzählen hören, das sie erforschen sollten; von den Gefahren, die ihnen mitten in unbekannten Steppen drohten.

»Aber gewiß ist es besser«, sagte Baraja, »zu sterben, als mit Löchern in den Ellbogen zu leben.«

»Je nach den Umständen«, antwortete Cuchillo. »Ich bin einer von denen, die die Leute mit Löchern in den Ellbogen viel lieber haben als die mit Geld in der Tasche.«

Unterdessen fing die Landschaft an, sich vom Feuer der Sonne zu erhitzen. Ein glühender Wind schüttelte die Wipfel der Bäume und streifte das vertrocknete Gras. Die Pferde der beiden Abenteurer wieherten kläglich, gequält von Durst, während ihre Herren den geringen Schatten der kärglich belaubten Gummibäume aufsuchten.

Baraja nahm das Wort. »Ihr werdet wahrscheinlich über mich lachen, Señor Cuchillo«, sagte er, indem er sich mit seinem breiten Filzhut Kühlung zufächelte; »aber die Zeit erscheint mir sehr lang, seitdem ich nicht mehr spiele.«

»Mir auch«, erwiderte Cuchillo gähnend.

»Ihr würdet es dann vielleicht annehmen, ein wenig um das Gold zu spielen, das wir einsammeln wollen?«

»Ich wagte es nicht, Euch den Vorschlag zu machen, Herr Baraja, und nehme es an.«

Es traf sich, daß diese Männer, die alle beide auf das Spiel verzichtet hatten, jeder mit einem Spiel Karten versehen waren, und die Partie sollte eben beginnen, als sich das Wiehern von Pferden, der Klang einer Glocke, Schritte und Stimmen hören ließen und die wahrscheinliche Ankunft der einflußreichen Person verkündigten, die Cuchillo erwartete.

5. Der Vertrag

Die beiden Spieler verschoben einstweilen die Partie, die eben beginnen sollte, und wandten den Kopf nach der Stelle, wo der Lärm sich hören ließ. Am Vereinigungspunkt der beiden Wege zeigte eine sich plötzlich erhebende Staubwolke die Ankunft einer zahlreichen Schar von Pferden an, die einflußreiche oder sehr wohlhabende Personen der Provinz Sonora auf der Reise vor sich her zu schicken pflegen.

Diese Pferde von einer an die Freiheit auf unermeßlichen Weiden gewöhnten Rasse sind gerade noch ebenso kräftig, wenn sie zwanzig Meilen, ohne geritten zu werden, zurückgelegt haben, als ob sie eben aus dem Stall kämen. Man sattelte sie abwechselnd der Reihe nach während der längsten Reisen, die man auf diese Weise mit einer Schnelligkeit zurücklegt, die der Geschwindigkeit europäischer Posten, wo jeder Haltepunkt frische Pferde liefert, gleichkommt. Wie es gewöhnlich der Fall ist, ging eine Stute, mit einem Glöckchen versehen, als Führerin dem Zug voraus, der aus ungefähr dreißig Pferden bestand.

Ein Reiter aus dem Gefolge der Reisenden, die sich so pomphaft ankündigten, kam im Galopp heran. Er sprengte bei den Pferden vorbei und hielt die Stute an, wodurch die ganze Schar zum Stehen kam. Mitten im Staub, den der Wind überallhin zerstreute, begann sich ein berittener Zug zu zeigen. Er bestand aus fünf Reitern. Zwei von ihnen schienen die Herren der drei anderen zu sein, die ihnen ziemlich nahe folgten.

Der erste der beiden, die an der Spitze ritten, war ein Mann von mehr als mittlerer Größe. Er schien die Vierzig überschritten zu haben. Ein grauer niedriger Filzhut mit breiten Rändern schützte ihn vor den glühenden Strahlen der Sonne. Er war mit einem Dolman aus dunkelblauem Tuch, der reich mit seidenen Schnüren besetzt war, bekleidet, den ein weiß besticktes Taschentuch von himmelblauer Seide, das man »Pano de Sol« nennt, fast ganz umhüllte. Unter einer glühenden Atmosphäre dient die weiße Farbe dieser Art Schärpe wie der Burnus der Araber dazu, die Sonnenstrahlen zurückzuwerfen. An seinen mit Korduanleder von gelblicher Farbe bekleideten Füßen waren stählerne Sporen an einem breiten, silber bestickten Riemen befestigt. Das Klirren ihrer Räder mit fünf Spitzen und ihrer Kettchen verband sich mit dem silberhellen Klingeln, nach dem die mexikanischen Reiter wie einst die Ritter des Mittelalters den Schritt ihrer Pferde abzumessen lieben. Sein Reitmantel war reich mit Gold besetzt und hing an beiden Seiten des Sattelbogens herunter; er bedeckte mit seinen Falten ein weites Beinkleid, das der ganzen Länge der Füße nach mit Knöpfen aus Silberdraht verziert war. Sein Sattel endlich, bestickt wie die Riemen seiner Sporen, vervollständigte einen Anzug, dessen Gesamteindruck bei einem Europäer Erinnerungen aus einem früheren Jahrhundert hervorrufen mußte.

Einige weiße Haare begannen sich unter die schwarzen zu mischen, die sich kräftig an den Schläfen kräuselten. Seine Züge, sonnverbrannt wie bei den Männern, die lange Zeit in tropischem Klima gelebt haben, schienen von einer Beweglichkeit zu sein, die stürmische Leidenschaften ahnen ließ. Seine leicht gekrümmte Nase überragte einen Schnurrbart, der seinen Mund beschattete. Seine schwarzen und lebhaften Augen blitzten unter einer knochigen, breiten und von frühzeitigen Falten durchfurchten Stirn.

Übrigens bedurfte der Reiter des reichen Anzugs nicht, den er trug, um seine stolze Haltung zu erhöhen, die die Gewohnheit zu befehlen und den Umgang mit der vornehmen Welt auf den ersten Blick erkennen ließ.

Sein Begleiter war viel jünger als er und viel auffallender gekleidet; aber seine unbedeutende Figur und seine Haltung – obwohl nicht ohne eine gewisse Eleganz – kamen lange nicht dem aristokratischen Aussehen des Reiters mit dem gestickten Tuch gleich.

Die drei folgenden Diener gaben mit ihren von der Sonne fast geschwärzten Zügen, ihrer fast verwilderten Figur, ihren langen Lanzen mit scharlachfarbigen Fähnchen und mit dem Lasso, das an ihrem Sattelknopf hing, dem sich nähernden Reitertrupp ein seltsames, den amerikanischen Gewohnheiten eigenes Ansehen. Zwei Maulesel, mit enormen Reisetaschen beladen, in denen sich die für die Haltepunkte nötigen Matratzen und andere Taschen mit tragbaren Flaschenfutteralen befanden, folgten den drei Dienern.

Beim Anblick Cuchillos und Barajas machte der erste der beiden Reiter halt, und die ganze Truppe folgte seinem Beispiel.

»Das ist Don Estévan«, sagte Baraja halblaut. »Hier ist der erwartete Mann«, nahm er das Wort, indem er den Banditen dem Reiter mit dem »Pano de Sol« vorstellte.

Don Estévan – denn er war es – warf auf Cuchillo einen durchbohrenden Blick, der bis auf den Grund seiner Seele zu dringen schien, und ließ ein Zeichen der Überraschung entschlüpfen.

»Ich habe die Ehre, Eurer Herrlichkeit die Hände zu küssen«, sagte Cuchillo; »ich bin es wirklich, der …« Aber trotz seiner gewöhnlichen Unverschämtheit hielt der Bandit schauernd ein in dem Maße, als unbestimmte Erinnerungen in seinem Gedächtnis bestimmter hervortraten; denn diese beiden Männer hatten seit langen Jahren nicht mehr Angesicht gegen Angesicht einander gegenübergestanden.

»Ei, wenn ich mich nicht irre«, sagte der Spanier mit ironischer Miene, »so sind Herr Cuchillo und ich alte Bekannte; obgleich er damals nicht diesen Namen trug …«

»Ebenso wie Eure Herrlichkeit, die sich damals nannte …«

Arechiza zog die Augenbrauen zusammen, und sein schwarzer Schnurrbart sträubte sich auf seiner Oberlippe.

Cuchillo beendete seinen Satz nicht; er hatte vielmehr begriffen, daß er das, was er wissen konnte, verschweigen mußte, und diese Art von Mitschuld gab ihm seine natürliche Sicherheit wieder. »Ein Name ist in meinen Augen wie ein Schlachtpferd«, sagte er unverschämt; »man wechselt, sobald es unter einem getötet ist.«

Cuchillo gehörte wirklich zu jenen Leuten, die den unglückbringenden Vorzug haben, den Namen, die sie tragen, eine schnelle und traurige Berühmtheit zu geben; und Cuchillo wechselte oft damit.

»Herr Senator«, sagte Arechiza, indem er sich an seinen Reisegefährten wandte, »scheint Euch diese Stelle nicht günstig, um hier haltzumachen und Siesta zu halten, bis die größte Hitze des Tages vorüber ist?«

»Señor Tragaduros y Despilfarro wird Schatten in einer Hütte finden, die er nur zu wählen braucht, um dort Mittagsruhe zu halten«, sagte Cuchillo, der den Senator von Arizpe schon kannte. Er wußte, daß dieser sich dem Glück Don Estévans aus dem verzweifelten Grund angeschlossen hatte, um durch einen neuen Glückswurf sein Vermögen wiederherzustellen, das er schon längst durchgebracht hatte. Trotz des schlechten Zustands seiner Finanzen hatte doch der Senator nichtsdestoweniger im Kongreß der Provinz Sonora einen bedeutenden Einfluß, den Don Estévan schon genützt hatte.

»Ich stimme von ganzem Herzen Euren Wünschen bei«, antwortete Tragaduros; »um so mehr, als wir schon den Ritt von fünf Stunden Wegs in den Beinen fühlen.«

Zwei Diener stiegen ab, um die Zügel der Pferde ihrer Herren in Empfang zu nehmen; die beiden anderen luden die Maultiere ab. Darauf bereiteten sie in denjenigen Hütten des Dorfes, die die reinlichsten schienen, ein Lager für den Senator und eines für Don Estévan.

Wir wollen den Senator, der sich ganz angekleidet auf seine Matratze geworfen hatte, dem tiefen Schlaf überlassen, den nur die Gerechten und Reisenden besitzen, um Arechiza in die Hütte zu begleiten, die er in einiger Entfernung von der Tragaduros gewählt hatte.

Cuchillo trat auf eine Einladung Don Estévans gleich nach ihm ein und verschloß sorgfältig ein Flechtwerk von Bambus, das die Stelle der Tür vertrat, als ob er das geringste Geräusch, das nach draußen dringen könnte, gefürchtet hätte; dann wartete er, bis der Spanier das Wort an ihn richtete.

Dieser setzte sich auf das eiserne Feldbett, das man eben aufgeschlagen hatte; Cuchillo nahm Platz auf einem Ochsenschädel, der sich dort statt eines Fußschemels fand, ganz nach der Sitte dieser Landstriche, wo der Luxus der Stühle – wenigstens für die armen Klassen – beinahe bei dieser Erfindung stehengeblieben ist.

»Ich setze voraus«, sagte Arechiza, indem er das Schweigen unterbrach, »daß Ihr tausend Ursachen habt, um zu wünschen, ich möchte Euch nur unter Eurem jetzigen Namen Cuchillo kennen. Ich selbst – ohne Zweifel aus anderen Beweggründen als Ihr – will hier nur Don Estévan Arechiza sein und nichts weiter. Wohlan denn, Señor Cuchillo«, fuhr er mit einer gewissen spöttischen Geziertheit fort, »laßt Ihr uns nun dieses wichtige Geheimnis wissen, das Euer und mein Glück gründen soll?«

»Einen Augenblick Geduld noch, und Ihr sollt es erfahren, Don Estévan de Arechiza«, antwortete Cuchillo fast in demselben Ton.

»Ich höre Euch – aber vor allem keinen Rückfall, keine Treulosigkeiten; wir sind hier in einem Land, wo es nicht an Bäumen fehlt!« sagte der Spanier ernst. »Und Ihr wißt, wie ich die Verräter bestrafe.«

Bei dieser Anspielung auf eine Vergangenheit, die sich ohne Zweifel wieder an irgendeine geheimnisvolle Erinnerung knüpfte, bedeckte sich das Antlitz des Banditen mit einer bleiernen Farbe. »Ja, ich erinnere mich«, sagte er, »daß es nicht Euer Fehler ist, wenn ich nicht an einen Baum gehängt bin. Vielleicht würde es viel klüger sein, mich nicht an eine alte Beleidigung denken zu lassen und Euch zu erinnern, daß Ihr nicht mehr in einem eroberten Land seid und daß, wie Ihr sagtet, wir von Wäldern, aber von düsteren … und besonders von stummen Wäldern umgeben sind.«

In dieser Antwort Cuchillos, verbunden mit seinem Anblick und seiner unheilschwangeren Vergangenheit, lag ein so drohender Ton, daß es einer gewissen Festigkeit des Herzens bedurfte, um nicht zu bedauern, eine Erinnerung solcher Art hervorgerufen zu haben.

Don Estévan hatte nur ein kaltes Lächeln für den Banditen. »Ich würde diesmal auch niemand mit der Hinrichtung eines Verräters beauftragen«, sagte er und schleuderte Cuchillo einen Blick zu, der dessen Auge sich zu Boden senken ließ. »Was Eure Drohungen betrifft, so spart sie für Leute Eurer Art, und vergeßt nicht, daß zwischen meiner Brust und Eurem Dolch immer ein unüberschreitbarer Raum bleiben wird!«

»Wer weiß?« murmelte Cuchillo, indem er jedoch den Zorn, der sich in ihm regte, unterdrückte. Darauf nahm er wieder in besänftigtem Ton das Wort. »Aber ich bin kein Verräter, Don Estévan, und was ich Euch vorschlagen will, ist durchaus ehrlich.«

»Sehen wir denn!«

»Ihr wißt«, begann Cuchillo, »daß ich schon vor einigen Jahren das Gewerbe eines Gambusino betrieben habe; ich habe darum auch viele Landstriche zwischen den vier Hauptpunkten durchlaufen, und ich habe gesehen, gnädiger Herr, was vielleicht noch kein menschliches Auge von einem Goldlager gesehen hat.«

»Ihr habt gesehen und nichts mitgenommen?« fragte der Spanier mit spöttischer Miene.

»Spottet nicht, Don Estévan«, erwiderte feierlich Cuchillo; »ich habe eine Goldader gesehen, reich genug, um ihren Besitzer über alle Zufälle des Glücks zu heben, reich genug, um den unersättlichsten Ehrgeiz zu befriedigen, endlich reich genug, um ein ganzes Königreich zu kaufen.«

Don Estévan konnte bei diesen Worten, die vielleicht irgendeinem Wunsch entsprachen, den er tief in seinem Herzen verbergen mußte, eine gewisse Bewegung nicht unterdrücken.

»So reich«, fuhr der Bandit mit aufgeregter Miene fort, »daß ich keinen Anstand genommen hätte, meine Seele dafür dem Teufel zu verschreiben …«

»Der Teufel wird nicht so dumm sein, eine Seele so hoch anzuschlagen, die er immer umsonst bekommen wird; aber wie habt Ihr diese Goldstelle entdeckt?«

»Es gab einen in der ganzen Provinz Sonora berühmten Gambusino. Er nannte sich bei seinen Lebzeiten Marcos Arellanos. Er hatte diese Bonanza mit noch einem anderen Gambusino wie er zusammen entdeckt. Aber in dem Augenblick, wo sie diese ausbeuten wollten – einem Teil nach wenigstens —, griffen die Indianer sie an; der Gefährte Arellanos wurde getötet, Marcos entkam unter tausend Gefahren. Er kehrte gerade wieder von seiner Heimat zurück, als der Zufall uns Bekanntschaft in Tubac machen ließ. Dort schlug er mir eine zweite Unternehmung vor; ich nahm an, und wir brachen auf. Wir kamen zum Val d‘Or, wie er es nannte. Hilf Himmel!« schrie Cuchillo plötzlich. »Man mußte diese Goldblöcke in der Sonne funkeln sehen und sich tausend glänzende Gestalten vor das Auge zaubern lassen! Unglücklicherweise konnten wir nur unsere Augen sättigen; wir mußten ebenfalls fliehen; ich kam allein zurück … Armer Arellanos, ich habe ihn … sehr bedauert! Wohlan – dieses Geheimnis des Val d‘Or will ich Euch verkaufen.«

»Mir wollt Ihr es verkaufen? Und wer bürgt mir für Eure Treue?«

»Mein eigener Vorteil. Ich verkaufe Euch das Geheimnis, aber ich veräußere meine Rechte auf diese Goldgrube nicht. Ich habe vergeblich versucht, eine Expedition wie die Eure zustande zu bringen – es ist mir nicht gelungen; aber Eure achtzig Mann – und das ist der Grund, warum ich mich an Euch allein gewandt habe – sichern Euch den Erfolg. Wenn wir Euren Anteil, das Fünftel, das Euch von Rechts wegen als Chef zukommt, abziehen, so wird ein Teil des Schatzes dazu nötig sein; wenn wir aber den Anteil berechnen, den die Überlebenden von denen, die wir verlieren werden, erben, so wird für jeden von uns noch genug übrigbleiben, um den Rest seiner Tage im Überfluß zuzubringen. Ich verlange also außer dem Preis für mein Geheimnis zu meinem Anteil als Führer der Expedition den zehnten Teil der Beute, denn ich werde für Euch zugleich Führer und Bürge sein.«

»So verstehe ich es auch. Und wie hoch stellt Ihr den Preis Eurer Entdeckung?«

»Eine Kleinigkeit. Das Zehntel, das Ihr mir bewilligen wollt, soll mir genug sein, da ich mich einmal nicht allein dieser unnahbaren Schätze bemächtigen kann. Eure Herrlichkeit wird mich außerdem, sobald meine Tätigkeit beginnt, freihalten, was ich auf etwa fünfhundert Piaster anschlage.«

»Ihr seid vernünftiger, als ich dachte, Cuchillo«, antwortete Arechiza. »Es gilt: fünfhundert Piaster und der zehnte Teil der Beute.«

»So groß er auch sein mag?«

»So groß er auch sei. Jetzt habt Ihr mein Wort, und nun bleibt mir nur noch übrig, einige Fragen an Euch zu richten. Befindet sich dieses Val d‘Or auf dem Weg, den – wie ich gerechnet habe – die Expedition einschlagen soll?«

»Die Goldgrube ist jenseits des Presidio von Tubac, und da die Expedition von diesem letzteren Ort aus aufbricht, so werdet Ihr an Eurem Marschplan nichts zu ändern haben.«

»Gut. Und Ihr habt das Val d‘Or mit eigenen Augen gesehen, sagt Ihr?«

»Ich habe es gesehen, ohne es anrühren zu können; ich habe es gesehen und mit den Zähnen geknirscht wie der Verdammte, der mitten durch die Flammen der Hölle eine Landschaft des Paradieses erblickt«, sagte Cuchillo, dessen ganze Haltung unzweifelhaft den Schmerz der getäuschten Habgier verriet.

Arechiza konnte zu gut auf dem menschlichen Antlitz die geheimen Gefühle des Herzens lesen, um länger an der Wahrhaftigkeit Cuchillos zu zweifeln; dann waren auch fünfhundert Piaster für ihn nur eine unbedeutende Summe. Und ist nicht überdies der Ehrgeizige gezwungen, etwas dem Zufall zu opfern? Er erhob sich, nahm aus einer elfenbeinernen Schatulle von geringem Umfang, die aber sehr schwer und am Kopfende seines Lagers niedergesetzt war, einen Beutel aus Damhirschfell, der sich darin befand, und holte eine Handvoll Quadrupel heraus. Er zählte zweiunddreißig davon Cuchillo hin, der sie selbst sorgsam wiederzählte, ehe er sie in seine Tasche steckte.

Der Bandit hatte etwas mehr empfangen, als ihm zukam, aber er beklagte sich deshalb nicht, kreuzte nach spanischer Sitte den Daumen mit dem Zeigefinger der rechten Hand und sagte: »Ich schwöre aufs Kreuz, daß ich die Wahrheit sagen will – nichts als die Wahrheit. Nach zehn Tagesmärschen jenseits Tubac, nordwestlich, werden wir an den Fuß einer Bergkette gelangen. Sie ist leicht wiederzuerkennen, denn ein dicker Nebel umhüllt sie Tag und Nacht. Ein kleiner Bach fließt längs dieser aufeinanderfolgenden Hügel; man muß ihn aufwärts verfolgen bis zum Zusammenfluß mit einem anderen Bach. An dem Punkt, wo die beiden Flüsse sich vereinigen und eine Landzunge bilden, erhebt sich ein abschüssiger Hügel, auf dessen Gipfel sich das Grabmal eines Apachenhäuptlings erhebt. Wenn ich nicht mehr dabeisein sollte, so werdet Ihr ihn leicht an den sonderbaren Verzierungen erkennen, wodurch er sich von allen anderen unterscheidet. Am Fuß des Hügels breitet sich ein See aus, zur Seite ein enges Tal. Das ist das Val d‘Or; da ist es, wo das Regenwasser unermeßliche Schätze hingespült hat.«

»Die Marschroute ist leicht zu begreifen«, sagte Arechiza.

»Aber schwer zu verfolgen«, antwortete Cuchillo. »Dürre Steppen, durch die wir reiten müssen, sind nicht das kleinste Hindernis; Indianerhorden durchstreifen zu jeder Zeit diese Steppen. Das Grab eines ihrer Häuptlinge, das sie mit abergläubischer Verehrung bewachen, ist das ständige Ziel ihrer Streifzüge, und eben auf einer solchen Wallfahrt haben sie Arellanos und mich überrascht.«

»Und hat dieser Arellanos«, nahm der Spanier das Wort, »sein Geheimnis niemand sonst als Euch allein entdeckt?«

»Ihr wißt«, antwortete Cuchillo, »daß die Gambusinos, ehe sie eine Expedition unternehmen, sich durch einen Eid auf das Evangelium verbindlich machen, die Bonanzas, die sie etwa finden würden, nur mit Zustimmung ihres Gefährten zu entdecken. Arellanos hatte diesen Eid geleistet, und der Tod hat ihn verhindert, ihn zu brechen.«

»Habt Ihr mir nicht gesagt, daß er nach seiner ersten Expedition nach Hause zurückgekehrt ist und daß Ihr in Tubac zufällig Bekanntschaft gemacht habt? Hatte er keine Frau, der er seine wunderbare Entdeckung hätte anvertrauen können? Das Gegenteil wäre nicht sehr wahrscheinlich!«

»Gestern kam ein Vaquero hier durch, der mir gesagt hat, daß die Frau Arellanos‘ eben gestorben sei; und wäre sie auch im Besitz dieses Geheimnisses, hätte sie es selbst ihrem Sohn offenbart …«

»Arellanos hat einen Sohn hinterlassen?«

»Einen Adoptivsohn«, erwiderte Cuchillo, »denn der junge Mann kennt weder seinen Vater noch seine Mutter.«

Don Estévan machte, ohne es zu wollen, eine sogleich unterdrückte Gebärde der Überraschung. »Der junge Mann wird ohne Zweifel der Sohn irgendeines armen Teufels in dieser Provinz sein«, sagte er nachlässig.

»Keineswegs; er ist in Europa geboren und wahrscheinlich in Spanien«, murmelte Cuchillo; er schien in eine flüchtige Träumerei zu verfallen. Sein Haupt neigte sich auf seine Brust wie das eines Mannes, der in seinem Geist zerstreute Data miteinander in Verbindung zu bringen sucht. »So hat wenigstens«, fuhr der dann fort, »der Kommandant einer englischen Kriegsbrigg, die im Jahre 1811 nach Guaymas kam, gesagt. Dieses Kind, das französisch und spanisch zugleich sprach, war nach einem blutigen Kampf gegen einen französischen Kutter gefangengenommen worden. Ein Matrose – sein Vater ohne Zweifel —, den das Kind stets beweinte, war getötet oder gefangengenommen worden. Der Kommandant wußte nicht, was er mit dem Knaben anfangen sollte, als Arellanos ihn zu sich nahm, ihn Tiburcio nannte und daraus einen Mann machte, bei Gott! So jung er auch noch ist, so hat er doch schon den Ruf eines untrüglichen Rastreadors und eines unerschrockenen Pferdebändigers.«

Der Spanier schien auf Cuchillo nicht mehr zu hören, und doch verlor er nicht ein Wort von dem, was er eben gesagt hatte; aber vielleicht hatte er genug davon gehört, oder der Gegenstand der Unterhaltung war ihm peinlich, denn er unterbrach plötzlich den Banditen. »Und Ihr glaubt, daß, wenn dieser untrügliche Rastreador, dieser unerschrockene Pferdebändiger das Geheimnis seines Adoptivvaters weiß, er für Euch nicht ein gefährlicher Mitbewerber werden könnte?«

Cuchillo richtete sich stolz empor. »Ich kenne einen Mann«, sagte er, »der in keiner Beziehung Tiburcio Arellanos nachsteht, eine Spur zu verfolgen und ein wildes Pferd zu bändigen; und ist dessenungeachtet dieses Geheimnis in seinen Händen nicht fast unnütz, da er es Euch eben für ein Zehntel des Wertes verkauft hat?«

Dieser letzte Beweis Cuchillos war genug, um Don Estévan von einer unbestreitbaren Wahrheit zu überzeugen, nämlich daß das Val d‘Or von indianischen Stämmen, wie es der mexikanische Bandit beschrieben hatte, umschwärmt werde und nur für eine ziemlich beträchtliche Streitkraft zugänglich sei und daß er allein nur über eine Anzahl von Männern verfügte, die zu dieser Besitznahme durchaus notwendig war.

Der Spanier träumte und schwieg; die Entdeckungen Cuchillos in betreff des Sohnes Marcos Arellanos‘ hatten seinem Geist eine Gedankenreihe eröffnet, in die alle übrigen sich verloren. Wir wollen nur sogleich sagen, daß er aus Gründen, deren Erklärung noch nicht hierher gehört, zu erraten suchte, ob nicht etwa Tiburcio Arellanos der junge Fabian de Mediana sei.

Cuchillo dachte seinerseits an gewisse Umstände in der Vergangenheit, die den Gambusino Arellanos und seinen Adoptivsohn betrafen und die er aus wichtigen Gründen nicht erwähnte. Damit wir aber diese Erzählung von Anfang an soviel wie möglich ungehindert verfolgen können, ohne auf die Vergangenheit zurückweisen zu müssen, so wollen wir diese früheren Ereignisse hier erwähnen.

Wie wir schon gesagt haben, änderte Cuchillo oft seinen Namen. Unter einem dieser angenommenen Namen, die er so schnell verbrauchte, befand sich der Bandit gerade in Tubac, als er den unglücklichen Arellanos kennengelernt und sich mit ihm verbunden hatte. Als der erstere vor dem Beginn eines neuen und gefährlichen Streifzugs vom Presidio zurückgekehrt war, um seine Frau und den jungen Mann, den er wie einen Sohn liebte, wiederzusehen, vertraute er seiner Frau allein den Zweck seiner Unternehmung an und ließ ihr sogar eine genaue Beschreibung des Weges zurück, den man verfolgen mußte.

Cuchillo wußte übrigens diesen besonderen Umstand nicht. Aber eine Tat, die er sorgfältig verschwieg, war, daß er selbst, nachdem er das Val d‘Or nur flüchtig gesehen, Arellanos ermordet hatte, um sich allein die Schätze anzueignen, die es enthielt. Wir haben gesehen, wie er seinerseits gezwungen war zu fliehen, ohne jedoch die Frucht seines Verbrechens zu verlieren, da er allein Vorteil aus dem Verkauf seines Geheimnisses zog. Wir wollen nun den Banditen selbst eine kleine Lücke ausfüllen lassen durch die Erklärung, wie er Bekanntschaft mit dem Sohn Arellanos‘ gemacht hatte.

»Nichtsdestoweniger«, sagte Cuchillo, das Schweigen unterbrechend, »habe ich mein Herz von jeder Besorgnis befreien wollen. Als ich nach Arizpe zurückgekehrt war, erkundigte ich mich nach der Wohnung Arellanos‘ und fand seine Witwe, um sie vom Tod des armen Marcos zu benachrichtigen. Doch den Schmerz ausgenommen, mit dem meine Botschaft aufgenommen wurde, habe ich nichts gesehen und nichts geargwöhnt, was mich hätte glauben lassen, ich sei nicht der alleinige Besitzer des Geheimnisses, das ich Euch eben entdeckt habe.«

»Man glaubt leicht, was man hofft«, sagte Arechiza.

»Hört, Don Estévan«, erwiderte er, »es gibt zwei Dinge, worauf ich mir etwas einbilde: nämlich auf ein Gewissen, das leicht zu beunruhigen, und auf einen Scharfblick, der schwer zu täuschen ist.«

Der Spanier machte keine Einwürfe mehr – er war überzeugt; ohne Zweifel nicht vom Gewissen, sondern vom Scharfblick des Banditen.

Was Tiburcio Arellanos selbst betrifft, so halten wir es für überflüssig zu sagen, was der Leser schon begriffen hat: nämlich, daß dieser junge Mann kein anderer war als Fabian, der letzte Sprößling der Grafen von Mediana. Cuchillo hat eben erklärt, wie die englische Brigg, die den französischen Kutter genommen hatte, ihn nach der Gefangennahme des kanadischen Matrosen in ein fremdes Land brachte. Dort besaß er von nun an – ohne Führer, um seine Familie wiederzufinden, der Güter seines Hauses beraubt, verwaist zurückgelassen von denen, die seine Kindheit und seine Jugend beschützt hatten – nichts weiter, als was der Ärmste in diesem Land besitzt: ein Pferd und eine Bambushütte.

6. Der letzte Mediana

Als Cuchillo nach dem Schluß der Unterredung, von der wir eben berichtet haben, die Hütte verließ, wo sie stattgefunden hatte, stand die Sonne schon nicht mehr senkrecht am Himmel und fing an, sich gegen den Horizont zu neigen. Die von der Hitze des Tages ausgedörrte Erde sandte aus ihrem Schoß die glühenden Ausdünstungen zurück. Diese durch den Wind, der schon viel frischer wehte, verdichteten Dünste gaben durch die Luftspiegelung den trockenen Ebenen, die den Wald begrenzten, das Aussehen eines klaren Sees, als ob die Natur, die nur die vollkommenste Harmonie liebt, dem Auge eine Entschädigung der traurigen Nacktheit dieser Landschaft hätte bieten wollen.

Dumpfes Krachen ließ sich noch im Wald hören, ähnlich dem Krachen des Holzes, das sich bei der Berührung des Feuers krümmt und windet. Aber die Bäume richteten nach und nach ihr Laubdach unter dem Südwind wieder auf und schienen ungeduldig die Stunde zu erwarten, wo die Nebeldecke, die sie während der Nacht umhüllt hatte, ihre Wipfel wieder erfrischen würde.

Cuchillo pfiff, und auf diesen wohlbekannten Ton lief ein Pferd im Galopp herbei. Das Auge des armen Tieres war erloschen vor Durst. Sein Herr goß mitleidig ein wenig Wasser aus seinem Schlauch in eine Schale, und obgleich dies für das Tier nur ein Tropfen war, so belebte sich sein trübes Auge doch. Cuchillo zäumte, sattelte sein Pferd und schnallte die Sporen an seine Füße. Darauf rief er einen der Diener Don Estévans und gab ihm den Befehl, die Maultiere und die Pferde anzuschirren und vorauszureiten, um das Nachtlager instand zu setzen, das einige Stunden weiter an einem Ort, den man la Poza nennt, aufgeschlagen werden sollte, wo die Reisenden die Nacht zubringen mußten.

Der Diener warf ein, daß dies nicht der geradeste Weg nach Tubac sei, wohl aber der nach der Hacienda del Venado. Doch auf die entschiedene Antwort Cuchillos, daß es die Absicht seines Herrn sei, einige Tage auf der Hacienda zu verweilen, begann der Diener pflichtgemäß die Befehle auszuführen, die ihm übermittelt worden waren.

Der Eigentümer dieses weitläufigen Landguts – des einzigen von dieser Größe und Bedeutung zwischen Arizpe und der Grenze – war in der ganzen Gegend, die zwischen diesen beiden Punkten liegt, berühmt durch seine Freigebigkeit zu seinen Gästen. Ohne Murren also hörten die Leute aus dem Gefolge der beiden Reisenden, daß sie durch Verlängerung ihres Marsches wenigstens einige Tage Ruhe in dieser gastlichen Wohnung finden würden.

Der Diener, der mit den von Cuchillo überbrachten Befehlen beauftragt war, sattelte sein Pferd und nahm im Galopp die Richtung nach dem Saum des nahen Waldes, an dessen Eingang er die Caponera oder Capitanastute angebunden hatte. Um sie herum hatten sich die frischen Pferde gesammelt und diejenigen, die schon auf der Reise bis zu dem verlassenen Dorf Huerfano geritten worden waren.

Beim Anblick des Reiters, der mit dem Lasso in der Hand herankam, verbreitete sich Schrecken unter dieser Truppe noch halbwilder Tiere. In dem Augenblick, als der Diener seine Schlinge um den Kopf schwirren ließ, sprang der wilde Haufe zurückprallend auf; aber es war schon zu spät, und die gleitende Schleife fiel zweien von ihnen über den Hals. Diese Tiere hatten schon zu oft die Gewalt des Lassos kennengelernt, um Widerstand zu leisten, und folgten mit gesenktem Haupt gelehrig dem Diener, während die übrigen Pferde zurückkehrten und sich um die Glocke der Capitana sammelten.

Als die Pferde gesattelt und gezäumt waren, entfesselte der Diener die Stute und ritt voran, indem die hin und her prallende Herde folgte oder vorauslief und sich bald in einer Wolke von Staub verlor.

Bis zur Poza, wo man haltmachen sollte, waren nur wenige Stunden Weges, und da nichts drängte, noch vor der Nacht dort anzukommen, so mußten zwei frische Pferde für Don Estévan und den Senator ausreichen. Letzterer ließ auch nicht auf sich warten; er erschien unter der Tür der Hütte, wo er gewissenhaft eine Mittagsruhe gehalten hatte, zu der diese glühenden Klimate mit gebieterischer Notwendigkeit zwingen. Don Estévan kam zu derselben Zeit aus der seinigen. Obgleich die Luft immer noch zum Ersticken war, so konnte man sie doch schon leichter atmen als am Morgen.

»Caramba«, rief der Senator, »das ist Feuer, was man atmet, aber keine Luft; und wenn diese Hütten nicht ein Nest für Skorpione und Schlangen wären, so würde ich hier gern bis in die Nacht bleiben – viel lieber, als mich abermals in diesen Glutofen zu werfen!« Nach diesen klagenden Worten stieg der Senator mühsam aufs Pferd und ritt mit Don Estévan voraus. In einiger Entfernung von ihnen folgten Cuchillo und Baraja, und endlich schlossen die Diener und die Maultiere den Zug.

Indessen ließ die Frische des Waldes, den der Zug durchschnitt, die erste Stunde des Marsches erträglich finden; aber bald gelangten sie beim Ausgang des Waldes mitten auf weite Ebenen hinaus, die unbegrenzt schienen.

Es gibt nichts Traurigeres als diese nackten, weißen Landstriche, auf denen alles Wachstum aus Mangel an Saft dahinstirbt. Von Strecke zu Strecke erhoben sich lange Stangen, um eine Zisterne zu bezeichnen; aber die Ledereimer, die an ihnen hingen, waren zusammengeschrumpft und von der Sonne zerrissen und sagten zugleich, daß die Zisternen ausgetrocknet seien. Schrecklich geht es dem, den sein Unstern in diesen öden Ebenen irreführt. Wenn sein Schlauch nicht gut gefüllt ist; wenn er ungewiß ist über den Weg, den er einschlagen muß, so wird seine Geschichte bald die Legende von den Reisenden vergrößern, die in diesen Einöden zwischen einem Himmel und einer Erde, die gleich unerbittlich sind, vor Durst umgekommen sind.

»Es ist also wahr, was man behauptet«, sagte der Senator zu Don Estévan, indem er sich den Schweiß abtrocknete, der von seinem Gesicht strömte, »daß Ihr schon einmal in diesem Land wart?«

»Wahrhaftig«, antwortete lächelnd Arechiza; »eben weil ich schon hier gewesen bin, habe ich das Verlangen gefühlt, noch einmal zu kommen. Aber welcher Umstand mich zurückgeführt hat, was der Zweck meiner Rückkehr ist, das ist das Geheimnis, das ich Euch später enthüllen werde; aber dieses Geheimnis ist eines von denen, die schwindlig machen, wenn derjenige, der es hört, nicht ein kühner Mann mit starkem Herzen ist. Würdet Ihr ein solcher sein, Herr Senator?« fügte der Spanier hinzu, indem er auf die Augen seines Reisegefährten einen ruhigen Blick heftete, dem aber die Kraft und die Kühnheit, die er von anderen zu fordern schien, eingeprägt waren.

Der Senator konnte einen leichten Schauder nicht unterdrücken. Die beiden Reiter ritten einige Minuten schweigend nebeneinander.

Die Verwirrung des Senators war dem Spanier nicht entgangen, der also wieder begann: »Unterdessen – bis ich Euch alles sagen kann, seid Ihr denn entschlossen, meinen Ratschlägen zu folgen und Euer Vermögen durch irgendeine reiche Heirat, die ich für Euch zustande bringen werde – wie ich versprochen habe —, wiederherzustellen?«

»Ohne Zweifel«, sagte der Mexikaner; »obgleich ich noch nicht das Interesse begreife, das Ihr dafür haben könnt.«

»Das geht nur mich an und ist noch mein Geheimnis. Ich bin keiner von denen, die die Haut des Bären verkaufen, wenn er noch lebt. Sobald ich Euch werde sagen können: ›Don Vicente Tragaduros y Despilfarro, ich habe hunderttausend Piaster Mitgift auf ein Wort von Euch zu Eurer Verfügung!‹, dann erst werde ich Euch meine Bedingungen diktieren, und Ihr werdet sie unterschreiben.«

»Ich sage nicht nein«, rief der Senator, »aber ich gestehe, daß ich vergebens in meinem Gedächtnis eine solche Erbin suche, wie Ihr sie zu finden hofft.«

»Kennt Ihr die Tochter des reichen Eigentümers der Hacienda del Venado, Don Agustin Peña, bei dem wir morgen abend übernachten werden?«

»Oh«, rief der Senator, »die muß wenigstens eine Mitgift von einer Million haben, wie man sagt; aber es wäre Torheit, darauf zu rechnen …«

»Nun, nun«, erwiderte Don Estévan, »es ist eine Festung, die, gut belagert, ebenso wie eine andere kapitulieren würde.«

»Das Gerücht nennt die Tochter Peñas hübsch.«

»Ausgezeichnet!«

»Ihr kennt sie?«

»Vor kaum vierzehn Tagen erst habe ich die Ehre gehabt, ihre schöne weiße Hand zu küssen.«

Der Senator sah den Spanier mit erstaunter Miene an. »Ist vielleicht die Hacienda del Venado das Ziel Eurer periodischen und geheimnisvollen Reisen gewesen, von denen man in Arizpe sprach?«

»Ganz richtig.«

»Ach, jetzt begreife ich«, erwiderte der Senator mit schlauer Miene; »die schönen Augen der Tochter zogen Euch zum Vater!«

»Ihr seid auf falschem Weg; der Vater war ganz einfach nur der Bankier, aus dessen Kasse ich meine Vorräte an Quadrupeln wieder erneuerte, sobald sie erschöpft waren.«

»Ist das heute auch der Grund des Umwegs, den wir machen, um uns nach Tubac zu begeben?«

»Zum Teil!« erwiderte der Spanier. »Aber ich habe noch einen anderen Zweck, der sich auf den Gegenstand bezieht, von dem ich Euch später einmal unterhalten werde.«

»Ihr seid ein Geheimnis für mich vom Kopf bis zu den Füßen«, antwortete der Senator; »aber ich vertraue blindlings Eurem Stern.«

»Und Ihr tut gut daran; es wird vielleicht nur an Euch liegen, wenn nicht der Eure, einen Augenblick verdunkelt, seinen vollen Glanz wiedererhält.«

Die Sonne war ihrem Untergang nahe; die Reisenden waren nur noch zwei Meilen von der Poza entfernt, als sie die öden Ebenen, die wir beschrieben haben, hinter sich ließen. Einige Gummibäume zeigten sich mitten im Sand, der jetzt dem kalkigen Boden folgte; die Gegenstände fingen an, in dem Schatten, den die Abenddämmerung nach und nach über die Landschaft ausbreitete, weniger sichtbar zu werden.

Plötzlich hielt das Pferd Don Estévans an und spitzte die Ohren, wie es diese Tiere beim Anblick eines Gegenstands tun, der ihnen Schrecken einflößt. Das Pferd des Senators machte es ebenso, aber weder der Spanier noch der Senator sahen etwas.

»Es ist der Leichnam irgendeines toten Maultieres«, sagte der Mexikaner.

Die Reiter gaben ihren Tieren die Sporen und ließen sie trotz ihres Widerwillens vorgehen. Da bemerkten sie hinter einem Haufen Aloe den Körper eines Pferdes auf dem Sand liegen. Eine ähnliche Begegnung ist nicht ungewöhnlich in einem dürren Land, wo das Wasser sich während der trockenen Jahreszeit nur in weiten Entfernungen voneinander findet, und die Reisenden hätten dem keine Aufmerksamkeit geschenkt, wäre das Pferd nicht gesattelt und gezäumt gewesen. Dieser Umstand bewies sogleich irgendein außergewöhnliches Ereignis.

Cuchillo hatte die beiden Reisenden, die vor dem toten Pferd hielten, wieder eingeholt. »Ei«, sagte er, indem er es aufmerksam betrachtete, »der arme Teufel, der es ritt, hat sich in einer doppelten Verlegenheit befinden müssen, da er zugleich sein Pferd und seinen Wasserschlauch verloren hat.«

Wirklich hatte das Pferd so plötzlich fallen müssen – ohne Zweifel vom Durst wie vom Blitz getroffen —, daß sein Reiter nicht Zeit gehabt hatte, es aufzurichten. Dies war nach einem Schlauch zu urteilen, der noch am Sattelbug befestigt war und bei den Zuckungen des Pferdes zerrissen war. Das unter der Sonne schon zusammengeschrumpfte Leder ließ noch die Öffnung erkennen, durch die sich das Wasser, das darin war, bis auf den letzten Tropfen im Sand verloren hatte.

»Es wird vielleicht nicht lange dauern, und wir begegnen dem Reiter, der ebenso krank wie sein Pferd sein wird«, sagte Cuchillo, nachdem er den Leichnam des Tieres untersucht hatte. »Dabei erinnere ich mich, daß ich einen wütenden Durst habe«, fuhr er fort. Und er verschluckte mit philosophischem Gleichmut einen Mundvoll Wasser, das er bei sich hatte.

Die Spuren eines Mannes, auf dem Sand eingedrückt, bewiesen, daß der Reisende seinen Marsch zu Fuß fortgesetzt hatte; aber auch, daß die Kräfte ihm schon zu fehlen schienen, denn außer der ungleichen Entfernung zwischen jedem Schritt hatten auch die Eindrücke nicht die bestimmten, glatten Umrisse wie bei einem Reisenden, der gut zu Fuß ist.

Diese Anzeichen entgingen Cuchillo nicht, der zu den Leuten gehörte, in deren Augen gewisse stumme Zeichen untrügliche Offenbarungen sind. »Der Reisende kann ganz entschieden nicht weit sein«, sagte er. Er verschluckte noch einen Mundvoll Wasser.

Wirklich brachten einige Minuten Weges die Reisenden zu einem Mann, der unbeweglich am Rand der Straße lag. Ein breiter Strohhut bedeckte sein Antlitz ganz und gar, als ob er es den Augen der Vorübergehenden hätte verbergen wollen. Die Kleidung des unglücklichen Reisenden verriet seine Armut. Sein Anzug bestand außer dem Hut, der seine Züge verhüllte und vor Alter das Stroh sehen ließ, aus einer Indienneweste, deren Farben die Sonne ausgesogen hatte, und aus Calzoneras aus Nankin mit Drahtknöpfen, die in keinem besseren Zustand schienen als die Weste. Das war alles, was man in der Dunkelheit von ihm sehen konnte.

»Benito«, sagte der Spanier zu einem seiner Diener, »entfernt mit der Spitze Eurer Lanze den Hut, der das Gesicht dieses Mannes bedeckt; vielleicht ist er nur eingeschlafen.«

Der Diener vollbrachte den Befehl seines Herrn und nahm den Hut weg, ohne einen Fuß auf die Erde zu setzen; aber der Mann auf der Erde machte keine Bewegung. Was sein Gesicht betraf, so war es unmöglich, es zu unterscheiden – die Dunkelheit nahm schnell zu, wie gewöhnlich in tropischen Gegenden.

Don Estévan wandte sich darauf an Cuchillo und sagte: »Es ist zwar nicht Eure Lieblingsneigung, aber wenn Ihr eine Handlung der Menschlichkeit tun und versuchen wollt, diesen armen Teufel ins Leben zurückzurufen, so wird für Euch eine halbe Unze Gold bereit sein in dem Fall, daß Ihr ihn rettet.«

»Caspita! Don Estévan, Ihr täuscht Euch über meinen Charakter; ich bin der wohlwollendste Mensch, wenn – ich mein Interesse habe, es zu sein. Vorwärts! Ich müßte viel Unglück haben, wenn ich Euch nicht heute abend diesen Schelm da zu unserem Nachtlager an der Poza bringe.« Mit diesen Worten sprang Cuchillo vom Pferd, legte ihm die Hand auf den Hals und sagte: »Sachte, Tordillo; warte hier und rühre dich nicht!«

Das Pferd scharrte mit dem Huf den Boden, nagte am Gebiß, gehorchte aber der Stimme seines Herrn.

»Müssen wir einen unserer Leute bei Euch lassen?« fragte der Senator.

Cuchillo hatte nicht Lust, einen Gehilfen anzunehmen, der einen Teil der versprochenen Belohnung hätte beanspruchen können, und der Trupp entfernte sich. Cuchillo blieb allein. Nun näherte er sich dem Mann auf der Erde und neigte sich über ihn, um seine Züge zu mustern und zu sehen, ob noch einige Hoffnung sei, ihn zu retten.

Beim Anblick der Gesichtszüge des Sterbenden bebte der Bandit. »Ach«, rief er, »Tiburcio Arellanos!«

Es war wirklich der Adoptivsohn des Gambusinos, der als Cuchillos Opfer gefallen war, oder – um es genauer zu sagen – es war Fabian de Mediana, den er vor sich hatte.

»Ich irre nicht. Er ist es wahrhaftig! Wenn er nicht schon tot ist, so ist er wenigstens nicht viel besser dran«, sagte der Abenteurer leise, betroffen von der tödlichen Blässe, die das Antlitz des jungen Mannes bedeckte.

Ein teuflischer Gedanke fuhr durch seine Seele. Derjenige, der vielleicht mit ihm ein Geheimnis teilte, das er durch ein Verbrechen erkauft hatte, befand sich in seinen Händen, tief in einer Einöde, wo niemand ihn sehen konnte. Cuchillo brauchte ihm nur den Rest zu geben, wenn er noch nicht tot war, und zu sagen, daß er ihn nicht habe retten können. Wer wollte das Gegenteil beweisen? Sollte er jetzt nicht sein Geheimnis auf alle möglichen Fälle sichern? Alle natürliche Wildheit des Elenden war erwacht; Cuchillo zog sein Messer und legte mechanisch die Hand auf das Herz Tiburcios. Eine schwache Bewegung zeugte noch von Leben. Der Bandit hob den Arm – aber hielt inne.

Geradeso, dachte er, habe ich den getroffen, den dieser junge Mann Vater nannte. Ich habe ihn erwürgt in dem Augenblick, als er neben mir ohne Furcht, ohne Mißtrauen ruhte. Ich sehe ihn noch, wie er mir den Rest eines schon halb erloschen Lebens streitig machte. Ich fühle noch auf meinen Schultern das Gewicht seines Leichnams, als ich ihn in den Fluß warf. Und der Bandit blickte in der Dunkelheit und dem feierlichen Schweigen der Steppe fast furchtsam um sich.

Die Erinnerung an Arellanos rettete das Leben Tiburcios. Cuchillo setzte sich schweigend neben dem jungen, noch immer unbeweglichen Mann nieder, und seine Hand steckte mechanisch den Dolch wieder in die Scheide. Dann erhob sich eine Stimme in seinem Inneren und sprach viel lauter als sein Gewissen – es war die Stimme des Eigennutzes.

Da er die seltenen Eigenschaften Tiburcios – seine Geschicklichkeit als Rastreador und seinen zuweilen tollkühnen Mut – kannte, so glaubte Cuchillo, die finsteren Entschlüsse, die er gefaßt hatte, aufschieben zu müssen, und er beschloß – doch mit dem Vorsatz, ihn aufmerksam zu überwachen —, den jungen Mann unter die Befehle Don Estévans als einen Parteigänger zu stellen, dessen Wert man kennt. Wohlan, dachte er, wenn mein Vorteil mir später befiehlt, ihm dieses Leben wieder zu nehmen, das mir jetzt nützlich sein kann und das ich ihm schenke, dann wird er mir nichts mehr schuldig sein … Nein, wahrhaftig – wir sind dann quitt!

Cuchillo rühmte, wie man sieht, nicht vergeblich die Empfindlichkeit seines Gewissens, und dank der Kraft dieses Beweises beschloß er, den nicht sterben zu lassen, den seine Vermittlung retten konnte und dessen Leben ihm außerdem bezahlt war.

Wie gut habe ich doch daran getan, Wasser in meinem Schlauch zu behalten! dachte Cuchillo. Er machte den Mund des Sterbenden halb auf und goß vorsichtig einige Tropfen hinein.

Diese Hilfe schien Tiburcio wiederzubeleben, der die Augen öffnete, aber sie fast sogleich wieder schloß.

»Das heißt, er will noch ein wenig«, sagte der mitleidige Cuchillo. Er wiederholte noch zweimal dieselbe Operation und verdoppelte jedesmal die Dosis.

Tiburcio stieß einen Seufzer aus.

Cuchillo neigte sich über den jungen Mann, der nun das Leben wiederzuerlangen schien, und betrachtete ihn, scheinbar in tiefes Nachdenken versunken.

Endlich hatte sich Tiburcio, nachdem kaum eine halbe Stunde verflossen war, wieder erholt und war imstande, die Fragen dessen zu beantworten, der sich mit Nachdruck seinen Retter nannte. Tiburcio war noch sehr jung, aber das einsame Leben, das er geführt hatte, reift und entwickelt das Urteil sehr schnell. Mit kluger Zurückhaltung nur erzählte er den Tod seiner Pflegemutter, von dem Cuchillo schon wußte. »Seit vierundzwanzig Stunden«, fügte er hinzu, »die ich an ihrem Totenbett zugebracht habe, hatte ich mein Pferd gänzlich vergessen. Ich verschloß die Hütte, in die ich nicht wieder zurückkehren wollte, und machte mich auf den Weg mit den ersten Anfällen des Fiebers und ohne das arme Tier zu tränken. Seine Kräfte verließen es also auch beim zweiten Tagesmarsch; es stürzte tot nieder, zog mich mit zur Erde und zerriß den Schlauch, der in meinem Sattel hing. Erschöpft durch mehrere schlaflose Nächte, fiel ich wie das Pferd und hatte nur noch Kraft, mich aus dem Weg zu schleppen, um im Frieden zu sterben, ohne das Leben zu bedauern.«

Tiburcio hätte auch sagen können, daß seine Pflegemutter ihm ein königliches und schreckliches Vermächtnis hinterlassen hatte: die Rache an dem unbekannten Mörder Arellanos‘ und das Geheimnis des Val d‘Or; aber er hätte auch hinzufügen müssen, daß die Witwe des Gambusino ihm sterbend nur unter der Bedingung das Geheimnis hinterlassen hatte, diesen Mörder sein ganzes Leben hindurch zu suchen. Er half dem Nachdenken Cuchillos nicht auf die Spur. Man kann sich denken, wie sehr ihm seine Zurückhaltung bei dieser Gelegenheit zustatten kam.

So wußte nun Tiburcio wie Cuchillo und wie Don Estévan das Dasein und die Örtlichkeit des Val d‘Or ganz genau; das Geheimnis war also, wie man später sehen wird, von Arellanos nicht bewahrt worden. Aber war denn ein Mann ohne Stütze, ohne Hilfsquellen, dem nicht einmal ein Pferd blieb, um ihn zu tragen, ein gefährlicher Mitbewerber?

»So haben Euch denn«, sagte Cuchillo, der, die Knie bis zum Kinn heraufgezogen, auf dem Rand des Weges saß und mit dem Messer spielte, das im Knieband seines Stiefels steckte, »außer einer Bambushütte, die Ihr verlassen habt, einem Pferd, das zwischen Euren Schenkeln zusammengestürzt ist, und der Kleidung, die Ihr tragt, Arellanos und seine Witwe keine andere Erbschaft hinterlassen? … Nichts als das Andenken an ihre Wohltaten und die Verehrung für ihren Namen? – Armer Arellanos; ich habe ihn sehr bedauert«, äußerte unklugerweise Cuchillo, den seine Heuchelei zur unrechten Zeit nicht hatte achtgeben lassen.

»Ihr habt ihn also gekannt?« rief Tiburcio. »Er hat niemals von Euch zu mir gesprochen.«

Cuchillo fühlte, daß er eben auf einen Abweg geraten sei; er beeilte sich zu antworten: »Ich habe viel von ihm reden hören als von einem sehr würdigen Mann und einem berühmten Gambusino … und das ist wohl hinreichend, um ihn zu bedauern, denke ich. Bin ich es nicht außerdem, der Euch von seinem Tod unterrichtet hat, den ich zufällig erfahren hatte?«

Trotz des natürlichen Tons, mit dem Cuchillo diese Antwort gab, hatte er doch ein so verdächtiges Gesicht, und so viel Argwohn lastete auf seinem Haupt, daß Tiburcio einen mißtrauischen Blick auf ihn warf. Aber nach und nach schienen die Gedanken des jungen Mannes eine andere Richtung zu nehmen. Er saß einige Augenblicke in tiefe Gedanken versunken, die nur aus seiner zufälligen Schwäche entstanden waren, deren Ursprung Cuchillo aber – dessen Geist stets dem Verdacht zugänglich war – ganz anders ableitete.

»Ich weiß nicht, ob es nur eine Täuschung des Fiebers ist«, sagte Tiburcio, das Wort wieder ergreifend, »aber es schien mir in meiner Ohnmacht, während ich keine anderen Empfindungen hatte als die eines verzehrenden Feuers, in dem ich langsam verging, als ob ein süßes Antlitz sich über mich geneigt hätte; eine Stimme hat einige harmonische Worte in mein Ohr geflüstert; dann fühlte ich, daß eine wonnigliche Frische auf das Fieber folgte, das mich verbrannte, und seit diesem Augenblick empfand ich keine Schmerzen mehr. Ihr habt keine lebendige Kreatur in diesen Einöden bemerkt?« fragte zögernd der junge Mann, der noch fortzuträumen schien.

»Bah! Ist es weiter nichts?« fragte Cuchillo kühl.

»Ihr habt sie also gesehen?« rief Tiburcio lebhaft.

»Wen? Eine Frau? Ei, mein Gott, nein! Ihr habt sie eben nur zu sehen geglaubt! Was Ihr empfunden habt, ist nichts als der letzte Paroxismus des Todes vor Durst. Den Menschen, der so stirbt, überkommt im Delirium ein Gefühl, als ob er mit vollen Zügen trinke.«

Tiburcio schien nur mit Bedauern auf eine poetische Erklärung seiner Erscheinung zu verzichten, die sich fast immer in einem ähnlichen Fall wiederholt.

In diesem Augenblick begann das Pferd Cuchillos offenbare Zeichen des Schreckens von sich zu geben. Sein Haar sträubte sich, und es näherte sich seinem Herrn, als ob es bei ihm Schutz suchen wollte. Die Stunde nahte, wo die düstere Steppe sich mit nächtlicher Majestät kleidet. Schon heulten die Schakale von fern, als plötzlich ein rauher, rucksender Ton ihnen Stillschweigen gebot: die Stimme des amerikanischen Löwen.

»Horcht!« sagte Cuchillo.

Ein durchdringenderes Geheul erscholl von der anderen Seite.

»Es sind ein Puma und ein Jaguar, die sich den Leichnam Eures Pferdes streitig machen, Freund Tiburcio; und der Besiegte könnte wohl den Versuch machen, sich durch einen von uns zu entschädigen. Ich habe nur meine Büchse, und Ihr habt keine Waffen!«

»Ich habe meinen Dolch!«

»Das ist nicht genug. Steigt hinter mir auf mein Pferd, und machen wir, daß wir fortkommen.«

Tiburcio folgte dem Rat und verschob seinen Verdacht vor der gemeinsamen Gefahr; trotz der doppelten Last lief das Pferd Cuchillos blitzschnell davon, während das Knurren der beiden falben Bewohner der Steppe immer lauter und länger wurde.

7. Das Nachtlager im Wald

Noch lange trug das Echo das furchtbare Gebrüll, gemischt mit dem klagenden Geheul der Schakale, zu den Ohren der beiden Reiter. Diese gefräßigen Tiere verließen nur mit Bedauern den Raub, den sich die beiden Könige der Wälder Amerikas streitig machten. Plötzlich aber bewies ein Lärm anderer Art das Dazwischenkommen des Menschen in dieser Steppenszene. Wirklich hörte das Geheul plötzlich auf.

»Das war ein Büchsenschuß!« sagte Tiburcio. »Wer mag wohl Vergnügen daran finden, in diesen Einöden zu jagen?«

»Ohne Zweifel irgendeiner dieser amerikanischen Jäger, die wir von Zeit zu Zeit nach Arizpe kommen sehen, um ihre Vorräte an Otter- und Biberfellen zu verkaufen, und denen ein Jaguar oder ein Puma ebenso wie ein Schakal willkommene Beute ist.«

Nichts störte jetzt noch die feierliche Ruhe der Nacht. Die Sterne glänzten am Himmel, und kaum ließ ein frischerer Windhauch ein leichtes Murmeln im Eisenbaumgehölz vernehmen.

»Wohin bringt Ihr mich denn?« fragte Tiburcio nach einem ziemlich langen Schweigen.

»Nach der Poza, wo einige Freunde mich erwarten und wo wir die Nacht über bleiben werden; von da, wenn es Euch recht ist, weiter nach der Hacienda del Venado.«

»Nach der Hacienda del Venado?« erwiderte Tiburcio. »Ich gehe auch dorthin.«

Wäre es Tag gewesen, so hätte Cuchillo den jungen Mann bei diesen Worten erröten sehen können, denn eine Herzenssache zog ihn gegen seinen Willen zu der Tochter Don Agustins hin.

»Kann ich wissen«, fragte Cuchillo seinen jungen Begleiter, »welcher Beweggrund Euch nach der Hacienda führt?«

Tiburcio war verlegen bei dieser so einfachen Frage; aber man hat wohl schon bemerken können, daß Cuchillo nicht der Vertraute war, den er gewählt hätte. »Ich bin ohne Hilfsmittel«, antwortete er zögernd, »und will Don Agustin Peña bitten, mich unter die Zahl seiner Vaqueros aufzunehmen.«

»Das ist ein trauriges Geschäft, das Ihr da ergreifen wollt, mein Lieber. Sein Leben täglich für ein mäßiges Gehalt aufs Spiel zu setzen, die Nacht zu wachen, des Tages im Dickicht oder in den Ebenen herumzustreifen in glühender Sonnenhitze, in der Kühle der Nacht: das ist das Los eines Vaqueros.«

»Was soll ich anfangen?« fragte Tiburcio. »Ist es nicht das Leben, an das ich gewöhnt bin? Habe ich nicht immer in der Einsamkeit und unter Entbehrungen gelebt? Diese abgenutzten Calzoneras und diese zerrissene Weste – sind sie nicht meine einzige Habe? Ich habe nicht einmal mehr ein eigenes Pferd. Ist es nicht besser, Vaquero als Bettler zu sein?«

Er weiß nichts, dachte Cuchillo; würde er sonst wohl eine Stelle dieser Art annehmen? Dann sagte er laut: »Wohlan, ich habe Euch etwas Besseres vorzuschlagen. Ihr seid wirklich ein verlorener Sohn; mich ausgenommen, würde Euch niemand beweinen, wenn Ihr sterben würdet. Ihr habt wahrscheinlich in Eurer tiefen Abgeschlossenheit nichts von einer Expedition gehört, die sich eben in Arizpe gebildet hat?«

»Nein!«

»Seid einer der Unseren. Für eine solche Expedition muß ein entschlossener Junge, wie Ihr einer seid, ein kostbarer Erwerb sein; und was Euch betrifft, so kann ein erfahrener Gambusino – und als solchen kenne ich Euch, da Ihr in einer guten Schule gewesen seid – sein Glück mit einem Schlag machen.« Wenn er den Hieb pariert, den ich ihm beigebracht habe, sagte der Bandit bei sich, so wird das ein offenbares Zeichen sein, daß er nichts weiß!

Cuchillo verfolgte so einen doppelten Zweck – den der Ausforschung und den des persönlichen Vorteils —, indem er Tiburcio ausfragte und den Versuch machte, ihn durch die Hoffnung auf Gewinn an sich zu fesseln.

Aber so schlau der Bandit auch war – er hatte einen tüchtigen Gegner. »Das ist also eine Expedition von Goldsuchern?« sagte der junge Mann kalt.

»Ganz recht; ich gehe mit einigen Freunden nach der Hacienda del Venado, und von da aus vereinigen wir uns im Presidio von Tubac, um die Apacheria zu durchforschen, die, wie man sagt, sehr große Schätze enthalten soll. Wir werden beinahe hundert Mann stark sein!«

Tiburcio schwieg.

»Obgleich ich, unter uns gesagt«, fuhr Cuchillo fort, »niemals über Tubac hinausgekommen bin, so werde ich doch einer der Führer dieser Expedition sein. Nun, was sagt Ihr dazu?«

»Ich habe viele Gründe, um mich nicht ohne reifliches Nachdenken zu verpflichten«, antwortete Tiburcio. »Ich fordere also vierundzwanzig Stunden zur Überlegung.« Diese Expedition, von der er so plötzlich hörte, konnte wirklich Tiburcios Pläne vernichten oder fördern, und daher kam seine Ungewißheit unter diesem klugen Vorbehalt.

Er beunruhigt sich nicht! Dieser junge Mann ist dazu bestimmt, mein Schuldner zu bleiben. Das waren die Gedanken Cuchillos, der sich von nun an, frei von Besorgnis von dieser Seite her, damit beschäftigte, zu pfeifen und sein Pferd anzutreiben.

Die beste Eintracht schien demnach zwischen zwei Männern zu herrschen, die beide füreinander – freilich noch unbewußt – Grund zu tödlichem Haß in sich trugen, als plötzlich das Pferd, das mit dem linken Vorderfuß strauchelte, beinahe gestürzt wäre.

Tiburcio sprang mit flammendem Auge zu Boden und rief mit drohender Stimme: »Ihr seid niemals über Tubac hinausgekommen, sagt Ihr? Seit wann habt Ihr denn dieses Pferd, Cuchillo?«

»Was liegt Euch daran?« fragte der Abenteurer, erstaunt über eine Frage, der sein Gewissen eine beunruhigende Bedeutung gab. »Und was kann mein Pferd mit der Frage zu tun haben, die Ihr so unhöflicherweise an mich richtet?«

»Bei der Seele Arellanos, ich will es wissen; wenn nicht …«

Cuchillo gab seinem Pferd die Sporen, das zur Seite sprang, und in dem Augenblick, wo er die Hand nach dem Riemen seiner Büchse ausstreckte, näherte sich ihm Tiburcio schleunigst, preßte kraftvoll seine Hand und wiederholte seine Frage: »Seit wann habt Ihr das Pferd?«

»Haha! Welche Neugierde!« antwortete Cuchillo mit gezwungenem Lächeln. »Nun weil Ihr denn so sehr darauf haltet, es zu wissen – ich habe es gekauft … vor sechs Wochen. Habt Ihr es etwa schon zufällig gesehen?«

Es war wirklich das erstemal, daß Tiburcio Cuchillo auf diesem Pferd sah, das trotz des Fehlers, zuweilen zu stolpern, voll ausgezeichneter Eigenschaften war und das sein Herr auch nur bei wichtigen Gelegenheiten bestieg.

Die Lüge des Reiters zerstreute ohne Zweifel irgendwelchen Verdacht in der Seele Tiburcios in betreff des Pferdes, denn der junge Mann hörte auf, die Hand des Banditen zu pressen. »Verzeiht«, sagte er, »diese Heftigkeit; aber erlaubt mir noch eine Frage.«

» Sprecht«, rief Cuchillo, »solange wir hier sind. Was tut unter Freunden eine Frage mehr oder weniger?«

»Wer hat Euch das Pferd vor sechs Wochen verkauft?«

»Sein Herr, wahrhaftig!« sagte der Abenteurer, um Zeit zu gewinnen. »Ein … Unbekannter … der von einer weiten Reise zurückkehrte.«

»Ein Unbekannter?« wiederholte Tiburcio. »Verzeiht noch einmal.«

»Hätte man es Euch etwa zufällig gestohlen?« nahm Cuchillo wieder mit ironischem Ton das Wort.

»Nein! Aber denkt nicht mehr an meine Torheiten.«

»Ich verzeihe sie Euch«, sagte Cuchillo mit großmütiger Miene. Ebenso wahr ist es aber auch, fügte er innerlich hinzu, daß du nicht mehr weit gehen wirst, du Hundesohn!

Tiburcio war nicht mehr auf seiner Hut, und der Bandit benützte die Dunkelheit, um heimlich die Riemen seiner Büchse zu lösen.

Er war ohne Zweifel im Begriff, seine Rache auszuführen, als ein Reiter, der ein gesatteltes und gezäumtes Pferd nach sich zog, im Galopp von der entgegengesetzten Seite des Weges ankam. »Seid Ihr es, Cuchillo?« schrie der Reiter.

Geh zum Teufel …, dachte Cuchillo. »Ach, Ihr seid es, Benito?«

»Ja! Nun, habt Ihr den Mann gerettet? Don Estévan schickt mich auf jeden Fall mit einer Kürbisflasche frischen Wassers und einem Pferd für ihn.«

»Da ist er«, antwortete Cuchillo. »Dank meiner Bemühung ist er heil und gesund – so lange, bis ich ihm Auge in Auge gegenüberstehen werde«, fügte er ganz leise hinzu.

»Auf denn, zum Nachtlager!« sagte der Diener.

Tiburcio setzte sich auf, und alle drei sprengten schweigend nach dem Ort, wo der Zug haltgemacht hatte – der Diener, ohne an etwas anderes zu denken, als so schnell wie möglich anzukommen, wie ein Mann, den ein beschwerlicher Tag ermüdet hat; Cuchillo, indem er den Lästigen verwünschte, durch dessen Gegenwart seine Rache aufgeschoben wurde; Tiburcio, indem er vergebliche Anstrengungen machte, um den Verdacht, den ein sonderbares Zusammentreffen in seiner Seele gegen den Banditen weckte, wieder loszuwerden. In solcher Gemütsstimmung sahen die drei Reiter, als sie ungefähr eine Viertelstunde rasch geritten waren, die Feuer glänzen, die den Haltepunkt der Karawane bezeichneten, und gelangten endlich an die Poza.

Die Stelle, die man so nannte – der einzige Ort zehn Meilen im Umkreis, wo zu jeder Jahreszeit Wasser zu finden war – war eine Zisterne, die ohne Zweifel von einer verborgenen Quelle gespeist wurde; ihre Öffnung war viel breiter als die der anderen Zisternen. Sie war im Grund eines kleinen, überall zehn Fuß breiten Tals gegraben, dessen abschüssige Wände das Regenwasser in diesen kostbaren Behälter führten. Dieses kleine Tal war überdeckt von Bäumen, deren dichtes Laubdach, vom feuchten Boden genährt, die Zisterne gegen die Strahlen der Sonne schützte. Der Rasen, mit dem die Ränder bedeckt waren, und die Frische, die die verschlungenen Wipfel der Bäume verbreiteten, machten aus der Poza mitten in dieser Einöde eine köstliche Oase.

Ebenso wie die Reisenden, für die dieser Ort ein gewöhnlicher Haltepunkt war, kommen auch die Jäger hierher, um sich in seiner Nähe auf den Anstand zu stellen; entweder, um Damwild und Hirsche zu schießen, oder um hier dem Jaguar und dem Rotwild aufzulauern, die der Durst von allen Seiten hierher treibt.

Eine jener Brunnenstangen, wie sie über das ganze Land verbreitet sind und die denen in Algier gleichen, diente dazu, das Wasser mit Hilfe eines ledernen Eimers, der an dem einen Ende befestigt war, aus dem Behälter zu schöpfen, um es in trogförmig ausgehöhlte Baumstämme zu gießen und dann die Pferde der Reisenden daraus zu tränken.

Einige Schritte davon bildete ein dichter Wald, durch den sich der Weg nach der Hacienda del Vanedo hinschlängelte, grünen und frischen Schatten. In dem Raum zwischen den Zugängen zur Poza und dem Saum des Waldes hatte man ein großes Feuer angezündet; zunächst, um die eisige Kühle der Nacht nach glühendem Tag zu mildern und dann, um die Jaguare und die Pumas vom Wasser fernzuhalten, die in Versuchung kommen konnten, hier ihren Durst zu löschen.

Nicht weit von diesem Feuer, das mit den abgestorbenen Bäumen des Waldes genährt wurde, hatten die Diener die Feldbetten des Senators und des Spaniers aufgeschlagen; die Hälfte eines Hammels drehte sich am Bratspieß vor dem Feuer, um für sie und ihr Gefolge ein Abendessen abzugeben, und ein Schlauch mit Wein wurde an seinen breiten Seiten in einem der Tränketröge abgekühlt.

Nach einem mühevollen Tagesmarsch war diese Nachtruhe am Rand der Poza ein sehr anziehendes Schauspiel, als Tiburcio und seine beiden Begleiter dort anlangten.

»Hier ist unser Nachtlager, mein teurer Tiburcio«, sagte Cuchillo in liebreichem Ton, mit dem er glaubte, seinen Groll und seine finsteren Pläne verhüllen zu müssen; »steigt ab, während ich den Chef von Eurer Ankunft in Kenntnis setze. Jener dort ist Don Estévan de Arechiza, unter dessen Befehl Ihr Euch stellen werdet, wenn Ihr Lust dazu habt – unter uns gesagt: Es ist das beste, was Ihr tun könnt!«

Cuchillo wollte sich sein Opfer nicht entschlüpfen lassen und war mehr als je darauf aus, daß der junge Mann sich ihnen anschlösse. Er zeigte mit dem Finger auf den Senator und Don Estévan, die auf ihrem Feldbett saßen und von den Flammen hell beleuchtet wurden, während Tiburcio noch unsichtbar für sie war. »Ich wünschte wohl«, sagte er zu dem Spanier, »Euch mit Erlaubnis des Herrn Senators ein paar Worte allein zu sagen.«

Don Estévan gab Cuchillo ein Zeichen, ihn in den düsteren Baumgang zu begleiten, der den Weg mitten durch den Wald bezeichnete.

»Ihr möchtet wohl nicht raten, Don Estévan«, sagte der letztere, »wer der Mann ist, den Euer Edelmut gerettet hat; denn ich bringe ihn gesund und wohlauf zurück, wie Ihr seht.«

Der Spanier steckte die Hand in die Tasche und gab ihm das versprochene Goldstück.

»Es ist der junge Tiburcio Arellanos, den Eure Menschlichkeit eben gerettet hat. Was mich betrifft, so habe ich nur auf mein gutes Herz gehört; aber vielleicht haben wir beide einen dummen Streich gemacht.«

»Warum das?« sagte Don Estévan. »Dieser junge Mann wird um so leichter zu überwachen sein, als er uns viel näher sein wird; denn ich denke, er hat sich entschieden, einer der Unseren zu sein.«

»Er hat vierundzwanzig Stunden zum Überlegen gefordert.«

»Glaubt Ihr, daß er etwas weiß?«

»Ich fürchte es«, sagte Cuchillo mit kläglicher Miene, denn eine Lüge, um denjenigen dem Spanier zu verdächtigen, dem er den Tod geschworen hatte, kostete ihn nichts. »Jedenfalls wäre es nur eine Quittung für ein Darlehen.«

»Was soll das heißen?«

»Daß mein Gewissen mir versichert, es würde vollkommen ruhig sein, wenn … Ei, wahrhaftig«, fügte er rauh hinzu, »wenn ich nun diesen jungen Mann in die andere Welt schickte, um seine Verwandten aufzusuchen?«

»Um Gottes willen nicht!« rief Don Estévan lebhaft aus. »Übrigens – angenommen, daß er etwas weiß, so befehlige ich immerhin hundert Mann, und er ist allein«, fügte er hinzu, um Cuchillo zu entwaffnen, dessen Habgier er allein das Verlangen zuschrieb, sich Tiburcios zu entledigen. »Seid seinethalben unbesorgt; ich halte mich für befriedigt, und Ihr müßt es machen wie ich.«

»Befriedigt … befriedigt«, murrte Cuchillo wie eine Dogge, die die Stimme ihres Herrn zwingt, sich mit Knurren zu begnügen, anstatt zu zerreißen; »ich bin es nicht … aber später …«

»Ich will diesen jungen Mann sehen«, unterbrach ihn der Spanier, der wieder den Weg nach dem Biwak einschlug, von dem er sich entfernt hatte.

Cuchillo folgte ihm, indem er leise mit besorgtem Ton sagte: »Warum, zum Teufel, hat er mich gefragt, wie lange ich schon mein Pferd habe? … Laßt sehen – das Tier ist gestrauchelt, und gerade in diesem Augenblick hat er mich befragt und mir gedroht … Ich begreife nichts davon, aber ich mißtraue darum, weil ich nicht begreife.«

Als Arechiza und Cuchillo das Lager wieder erreichten, herrschte dort eine gewisse Unruhe. Die hier und da verstreuten Pferde hatten sich nicht weit vom Lager rings um die Capitanastute gesammelt, und die Flamme des Feuers beschien mit fahlem Glanz ihre blitzenden Augen; den Hals gegen ihre Wärter ausgestreckt, schienen sie sich unter den Schutz des Menschen zu begeben. Zuweilen ließ sich ein Wiehern des Schreckens mitten aus dieser Gruppe erschreckter Tiere vernehmen. Es war klar, daß der Instinkt sie eine noch ferne Gefahr fürchten ließ.

»Es ist irgendein Jaguar, der hier herumstreicht«, sagte einer der Diener, »und unsere Tiere haben Wind davon.« »Bah!« sagte ein anderer. »Der Jaguar greift nur Füllen an; er würde es nicht wagen, ein kräftiges Pferd anzugreifen.«

»Glaubt Ihr das wirklich?« erwiderte der erste. »Wohlan, fragt doch hier Benito, wie es an irgendeinem Ort einem schönen und starken Pferd ging, das er sehr lieb hatte.«

Benito ging auf die beiden Sprecher zu. »Eines Tages«, sagte er, »oder vielmehr in einer Nacht wie dieser hier, hatte ich mich sehr weit von der Hacienda del Venado, wo ich damals diente, entfernt und hatte beschlossen, die Nacht bei der Quelle Ojo de Agua zuzubringen. Ich hatte mein Pferd ziemlich weit von mir an einer Stelle angebunden, wo das Gras dichter stand, und schlief, wie man schläft, wenn man einen Marsch von zwanzig Meilen gemacht hat, als ich durch ein fürchterliches Brüllen und Wiehern aufgeweckt wurde. Der Mond schien so hell, daß man wie bei Tag sehen konnte. Erschreckt durch den höllischen Lärm, den ich hörte, wollte ich mein Feuer wieder anzünden; aber es war erloschen, und ich hatte gut blasen – ich konnte keinen einzigen Funken herausbringen. Plötzlich sah ich mein Pferd an mir vorbeigaloppieren, das auf die Gefahr hin, sich zu erdrosseln, die Reata zerrissen hatte, die ich um seinen Hals geschlungen hatte. ›Gut‹, sagte ich zu mir, ›anstatt eines Pferdes, das dir fehlte, wirst du nun deren zwei zu suchen haben.‹ Ich hatte kaum diese Bemerkung gemacht, als ich beim Mondlicht einen gewaltigen Jaguar erkannte, der meinem Pferd in voller Verfolgung nachsetzte. Er schien kaum die Erde zu berühren, denn jeder seiner Sprünge brachte ihn zwanzig Fuß vorwärts. Ich begriff, daß mein Pferd verloren war. Ängstlich lauschte ich, aber ich hörte nichts mehr. Erst nach Verlauf einer Viertelstunde, die mir sehr lang vorkam, trug mir der Wind ein furchtbares Brüllen zu …«

Er unterbrach sich mit einem Ausruf des Schreckens: »Heilige Jungfrau«, rief er, »geradeso wie jetzt!«

Ein fürchterliches Brüllen erscholl wirklich nicht weit von der Poza und schnitt Benito das Wort ab. Ein tiefes Schweigen folgte, währenddessen ein Hauch des Schreckens über den Häuptern der Menschen und Tiere die Luft zu beschweren schien.

8. Benito läßt Parteilichkeit für die Jaguare durchblicken

Der alte Hirt hätte seine Erzählung wiederaufnehmen können, ohne daß ihn jemand unterbrochen hätte, aber auch sicherlich, ohne gehört zu werden. Die drohende Nähe einer Gefahr, die eben noch so entfernt schien, sowie die Nachbarschaft des wilden Tieres erstarrten das Herz der Zuhörer des Vaqueros zu Eis und nahm diesem die Sprache. Er schwieg übrigens wie die anderen und schien darüber nachzudenken, was die schreckliche Lage fordere, als der Spanier das tiefe Schweigen, das im Biwak herrschte, unterbrach.

»Zu den Waffen!« rief Don Estévan.

»Das ist unnütz, Señor«, erwiderte der Erzähler, dem seine Bekanntschaft mit der Gefahr schon sein kaltes Blut wiedergegeben hatte. »Das beste, was wir tun können ist, das Feuer nicht erlöschen zu lassen.« Ein Bündel trockener Zweige, das er mit diesen Worten hineinwarf, verbreitete ringsherum eine glänzende Flamme, deren Strahl alle Anwesenden mit einem Lichtnetz umhüllte. »Sofern er nicht vor Durst verschmachtet, wird der Dämon der Finsternis diesen Feuerkreis nicht zu überschreiten wagen. Indes muß ich hinzufügen, daß er oft vor Durst verschmachtet, und dann …«

»Und dann?« unterbrach ihn jemand mit ängstlichem Ton.

»Dann«, fuhr der Vaquero fort, »kennt er weder Feuer noch Flamme. Auch ist es – sofern man nämlich entschieden sein sollte, ihm den Zugang zum Wasser zu verwehren – das klügste, ihm aus dem Weg zu gehen. Diese Tiere haben immer mehr Durst als Hunger.«

»Und wenn sie getrunken haben?« fragte seinerseits Baraja, bei dem die Flamme eine wenig sichere Haltung sehen ließ.

»Dann suchen sie ihren Hunger zu stillen. Diese Jaguare sind sehr sinnlich. Übrigens ist das ganz natürlich, wie mir scheint.«

Ein zweites Brüllen, das aber offenbar entfernter zu sein schien, bewies den durch die Vorlesung über die Jaguare sehr erschreckten Zuhörern Benitos, daß dieser wenigstens noch nicht den äußersten Grad des Durstes empfand. Jedermann bewahrte ein Schweigen, das nur durch das Knistern der Zweige, die Baraja eifrig in die Glut warf, unterbrochen wurde.

»Sachte, zum Henker! Wenn Ihr unseren Holzvorrat so verschwendet, wollt Ihr es etwa auf Euch nehmen, neuen im Wald zu sammeln?«

»Dann seht zu, daß wir ausreichen, um uns nicht in der Dunkelheit dem Jaguar preiszugeben, dessen Durst nach zwei Stunden der Entsagung doppelt so groß sein wird.«

Wenn Benito sich vorgenommen hätte, seinen Zuhörern Schrecken einzujagen, er hätte gewiß vollkommen seinen Zweck erreicht, denn alle warfen einen ängstlichen Blick auf das wenige trockene Holz, das im Bereich ihrer Hand aufgeschichtet war; aber trotz seiner spöttischen Antworten war doch in der Stimme des alten Vaqueros etwas Feierliches, das eine tiefe Beweiskraft in sich trug. Man hatte kaum Holz genug, um noch eine Stunde lang die schützende Flamme der Feuerstelle zu unterhalten.

Man begreift, daß Don Estévan es auf eine günstigere Gelegenheit verschoben hatte, Fragen an Tiburcio zu richten. Dieser hätte indessen nicht länger gezögert, dem Spanier zu danken, aber er wußte nicht, daß dieser den Befehl an Cuchillo gegeben hatte. Nichtsdestoweniger warf Don Estévan mitten in diesen schrecklichen Augenblicken verstohlen mehr als einmal einen prüfenden Blick auf Tiburcio, aber durch Zufall blieb das Gesicht des jungen Mannes ständig im Schatten und unsichtbar für ihn. Tiburcio seinerseits fühlte ebenfalls, daß der Augenblick schlecht gewählt gewesen wäre, Höflichkeitsbezeugungen mit dem Chef des Biwaks zu wechseln.

Tiefe Stille herrschte auch fernerhin. Don Estévan und der Senator hatten ihre Feldbetten wieder aufgesucht, auf denen sie mit dem Gewehr in der Hand saßen, und niemand blieb um Benito als seine Kameraden Baraja, Cuchillo und Tiburcio. Die Pferde hörten dessenungeachtet nicht auf, sich so nahe wie möglich um das Feuer zu gruppieren, und ihr Ausharren an der Seite der Menschen, der glühende Atem ihrer Nüstern – alles bewies, daß die Gefahr wohl entfernter, aber noch nicht vorüber sei.

Einige Minuten verflossen so, ohne daß der Ton einer menschlichen Stimme die düstere Ruhe des Waldes störte.

Inmitten der größten Gefahr liegt in der Stimme des Menschen immer ein ermutigender Wohlklang, der den Schrecken zu mindern scheint; drum bat auch einer der Diener den Vaquero, in seiner Erzählung fortzufahren.

»Ich sagte euch also«, begann Benito wieder, »daß der Jaguar auf der Verfolgung hinter meinem Pferd hersetzte und daß ich nicht wie heute abend ein helles Feuer hatte, um ihn fernzuhalten. Plötzlich sah ich noch einmal beim Schein des Mondes das Pferd selbst zu mir hergaloppieren, aber nach dem schrecklichen Reiter zu urteilen, den es trug, war es der letzte Lauf, den es machen sollte. Der Jaguar hatte sich auf seinem Rücken eingekrallt; sein Kopf lag dicht auf dem Hals des armen Tieres, und so ließ er sich von ihm dahintragen. Kaum einige Schritte von mir ließ sich plötzlich ein schauerliches Krachen zerbrochener Knochen hören; das Pferd stürzte wie vom Blitz getroffen – der Jaguar hatte ihm den letzten Rückenwirbel dicht am Kopf zerbrochen. Jaguar und Pferd rollten, sich einer über den anderen wälzend, zu Boden, und am folgenden Morgen waren nur noch zerrissene Fetzen von dem Renner da, der mich so lange getragen hatte. Nun, glaubt ihr immer noch, daß der Jaguar nur Füllen angreift?« fragte der alte Hirt.

Unter dem Eindruck der Erzählung des alten Hirten und der unzweifelhaften Gegenwart eines dieser schrecklichen nächtlichen Herumstreifer der amerikanischen Wälder dauerte das Schweigen der Reisenden noch lange Zeit fort.

Tiburcio war der erste, der es unterbrach. Ebenso wie der Vaquero an ein Leben in der Einöde gewöhnt, war er weniger betroffen als seine Gefährten.

»Indes«, bemerkte er, »wenn Ihr kein Pferd gehabt hättet, so würde Euch der Jaguar an dessen Stelle verspeist haben; Euer Pferd hat Euch also gerettet und ist für Euch gestorben; und hier haben wir zwanzig Pferde für einen Jaguar!«

»Dieser junge Mann spricht nach meiner Meinung sehr gut«, rief Baraja, der durch diese Bemerkung wieder Haltung bekommen hatte.

»Zwanzig Pferde, ja«, erwiderte Benito. »Sie werden in unserer Nähe bleiben, bis die Furcht ihren Sinn verwirrt hat, und bei der unmittelbaren Nähe der Gefahr werden sie in tollem Schrecken die Flucht ergreifen. Der Jaguar, der hier herumschweift, wird sie nicht verfolgen, weil der Instinkt die Pferde nach der dem Wasser, von dem er sich nicht entfernen will, entgegengesetzten Seite treiben wird, und … vielleicht …«

»Vielleicht?« fragten mehrere Stimmen auf einmal.

»Vielleicht«, fuhr Benito feierlich fort, »vielleicht hat er schon Menschenfleisch gekostet; und da diese Tiere, wie ich euch eben sagte, sehr sinnlich sein sollen, so wird er das Fleisch eines Pferdes verschmähen, wenn er denn eines von uns bekommen kann; und wenn man alles bedenkt, so hat man nicht allzuviel Recht, ihn darum zu tadeln.«

»Das ist ermutigend!« unterbrach Cuchillo.

»Gewiß, denn er wird sich mit einem begnügen, sofern nämlich …«

Benito schien der Mann zu sein, etwas Schreckliches absichtlich zu verschweigen; auch wagte niemand mehr, ihn während einer Minute zu fragen. Dann aber rief Cuchillo, ungeduldig, ihn immer noch schweigen zu sehen: »Zum Teufel, so redet doch!«

»Ich wollte nur sagen«, antwortete der alte Vaquero, »sofern er nicht sein Weibchen bei sich hat, in welchem Fall …«

Ein dumpfes Knurren – freilich weniger nahe als das erste, das sie gehört hatten, aber weniger entfernt auch als das zweite – bestätigte die Versicherung des alten Vaqueros.

»Da ist der Beweis«, sagte er, »daß der Durst lebhafter wird, denn die Nachtluft macht ihn nur zorniger, da sie ihm die frischen Ausdünstungen der Zisterne zuführt.«

Unterdessen verbreitete die nach und nach aufgezehrte Glut weniger helles Licht umher, und der Holzvorrat näherte sich seinem Ende. Eine erschreckende Gleichmäßigkeit zeigte sich zwischen dem Fortschritt des Durstes beim Jaguar und der Verminderung des Holzes an der Feuerstelle. Der Glanz des Feuers war das unübersteigliche Hindernis, das der Verzweiflung des Raubtieres entgegengesetzt werden konnte.

Ein Brüllen wie der Ton einer Trompete erscholl plötzlich von der der letzten entgegengesetzten Richtung und schnitt ihm das Wort vom Mund ab.

»Ave Maria! Der Jaguar ist beweibt?« rief Baraja ängstlich.

»Dieser Mann spricht die Wahrheit«, bestätigte Benito, »denn wir haben hier zwei, und noch niemals haben zwei männliche Jaguare gemeinschaftlich gejagt. Was Ihr auch dazu sagen mögt, Señor Cuchillo, wir haben nun schon zwei Chancen weniger. Der Durst nimmt zu, und der Jaguar hat sich verdoppelt. Also eins verhält sich zu vier wie zwei zu acht; das heißt …«

Bei einem Brüllen, das aus der unbestimmten Grenze der nächtlichen Finsternis und des Lichtgürtels, der die Poza erhellte, hervorzudringen schien, lösten sich die Pferde, die sich bis jetzt dicht beim Feuer gruppiert hatten, von tollem Schrecken ergriffen, in wilde Flucht auf. Die Erde zitterte unter ihren Hufen, die Büsche krachten mit schrecklichem Lärm, und alle verloren sich bald unter den Schatten des Waldes, den die Strahlen des Mondes mit einem durch das Laubdach gebrochenen Licht erhellten. Das war ein Zeichen, daß die Gefahr sich vergrößerte und die Tiere, die Begleiter des Menschen, alles Vertrauen in seinen Schutz verloren und nur noch Rettung von der Flüchtigkeit ihrer Hufe, verzehnfacht durch einen grenzenlosen Schrecken, erwarteten.

In dem Augenblick, als die letzte Hilfe, auf die die Reisenden hätten zählen können, verschwand, erhob sich Benito, durchschritt den Raum, der zwischen der Gruppe, zu der er gehörte, und Don Estévan und dem Senator lag, die abseits saßen, und näherte sich ihnen:

»Die Klugheit fordert, daß ihr nicht mehr so fern von uns bleibt; man weiß nicht, was sich ereignen kann. Ihr habt es gehört, die Gefahr umgibt uns rechts und links; kommt in unsere Mitte, und wir werden für euch einen Wall mit unseren Leibern bilden.«

Die erschrockene Haltung des Senators bot einen seltsamen Gegensatz zu der ruhigen und kalten Haltung des spanischen Granden.

»Die Pflicht eines Führers ist, seine Leute zu beschützen, und nicht, sich von ihnen beschützen zu lassen«, erwiderte Arechiza stolz, »und das wollen wir tun. Wenn die Gefahr von dieser Seite kommt, da wir rechts und links dieses Gebrüll gehört haben, so bleibe ich hier mit dem Gewehr in der Hand, um den Feind zu erwarten und unseren Rücken zu decken. Mit einem sicheren Auge, einem festen Herzen und zwei Kugeln in jedem Lauf braucht man einen Jaguar nicht zu fürchten. Ihr, Herr Senator, tut beim Vortrupp, was ich beim Nachtrupp tue, und wenn Eure – Klugheit es erfordert, Euch auf unsere Leute zu stützen, so überlasse ich das ganze Eurer Entscheidung.«

Diese Übereinkunft, die den Schein rettete, war zu sehr nach dem Geschmack des Senators, um nicht von ihm angenommen zu werden.

Diese Vorkehrungen waren kaum getroffen, als sich ein fürchterliches Wechselgebrüll zwischen dem hungrigen und durstigen Jaguarpaar zu entwickeln schien. Ersticktes Knurren, tiefes Brüllen oder scharfe Töne wechselten die beiden Tiere miteinander von den verschiedenen Punkten aus. – Diese schreckliche Musik weckte im Wald dumpfen oder klingenden Widerhall, der die Steppe ringsum mit einem Dutzend dieser schrecklichen Gäste zu bevölkern schien. Jedes Gebrüll fand sein Echo in der Brust der Reisenden.

Das Gewehr des Senators zitterte in seinen Händen wie das Rohr, das der Wind hin oder her weht; Baraja empfahl sich allen Heiligen der spanischen Legende; Cuchillo umschloß seine Büchse, als ob er sie zerbrechen wollte; Benito erwartete mit dem Fatalismus der Araber kalt die Entwicklung dieses Dramas, von dem die beiden falben Darsteller schon den Prolog brüllten.

9. Die Jaguartöter

Beim Licht des Feuers, das Benito sparsam unterhielt, konnte man bemerken, wie Don Estévan mit den Bewegungen seines Körpers der Richtung folgte, in der das Brüllen sich links hören ließ. Er hatte die ruhige Miene eines Jägers, der auf die Erscheinung eines Rehbocks lauert.

Tiburcio fühlte beim Anblick des spanischen Führers jene Aufregung in sich, die die Gefahr in gewissen energischen Charakteren hervorbringt. Aber sein Dolch war die einzige Waffe, die er besaß. Er warf einen raschen Blick auf das Doppelgewehr des Senators, von dem dieser einen Gebrauch machen sollte, der verderblicher für seine Gefährten als für die Jaguare ausfallen konnte. Nach dem krampfhaften Zittern seiner Hand zu urteilen, mußte sein Auge verdunkelt genug sein, um das Ziel zu verfehlen.

Der Senator wieder warf seinerseits einen neidischen Blick auf die Stellung, die Tiburcio nun mitten in der Gruppe einnahm, die von den beiden Gefährten Benitos, dem alten Vaquero selbst, Baraja und Cuchillo gebildet wurde.

Tiburcio bemerkte einen solchen Blick. »Herr Senator«, sagte er zu ihm, »es schickt sich wohl nicht, daß Ihr ein so kostbares Leben wie das Eure so aufs Spiel setzt. Ihr habt Verwandte, eine edle Familie; ich habe niemand, der mich beweinen wird.«

»Die Wahrheit ist«, erwiderte der Senator, »daß, wenn die anderen auf mein Leben nur halb soviel Wert legen, als ich es tue, mein Tod ihnen einen schrecklichen Kummer verursachen wird.«

»Nun, dann wollen wir die Plätze wechseln; gebt mir dieses Gewehr, und ich werde mit meinem Leib ein Wall für Euch sein gegen die Tatze und den Zahn des Jaguars.«

Dieser Versuch Tiburcios geschah in dem Augenblick, als die hohlen Stimmen des wilden Paares noch abwechselnd ertönten. Aber plötzlich vereinten sich beide zu einem Brüllduett, das den Widerhall zerriß und die Luft über den Gipfeln der Bäume durchzitterte. Unter dem Eindruck dieses furchtbaren Stückes wurde der von Tiburcio vorgeschlagene Tausch angenommen. Der Senator nahm seinen Platz ein, während jener mit funkelnden Augen und zusammengepreßten Lippen einige Schritte vor die Gruppe trat und, das Gewehr im Anschlag, den unvermeidlichen Angriff eines der beiden Jaguare erwartete.

Don Estévan und er schienen unbeweglich und unerschütterlich wie zwei Statuen. Der ungleiche Widerschein erleuchtete diese so seltsam vom Zufall zusammengeführten Männer, von denen keiner dem anderen – weder an Stolz noch an Mut – nachstand.

Der Augenblick wurde immer entscheidender. Die beiden Jaguare befanden sich nun ihren würdigen Gegnern gegenüber. Die Glut der Feuerstelle warf kaum noch einen bleichen Widerschein umher. Indes sollte ein neues Ereignis bald die Lage der Dinge verändern. Um dieses begreiflich zu machen, ist es nötig, genau die Stellung der Männer und die örtlichen Verhältnisse anzugeben.

Wir haben schon erwähnt, daß das Lager in einem Raum aufgeschlagen war, der sich zwischen der Baumeinfassung des kleinen Tals, wo die Poza gegraben war, und dem Saum eines Waldes befand, der von dem Weg, der zur Hacienda del Venado führte, durchschnitten wurde. Gerade den Mittelpunkt dieses Raumes hatte man zum Lagerplatz gewählt, doch näher der Zisterne als dem Wald. Ziemlich hohe Eisenholzgebüsche umgaben diese Lichtung an den beiden anderen Seiten. In der Richtung diesseits der Poza einerseits und jenseits des Waldsaums andererseits ließ sich das Brüllen vernehmen. An der ersten Seite befand sich Tiburcio, an der anderen Don Estévan; die Männergruppe war mitten zwischen beiden.

In einem der Augenblicke fürchterlichen Schweigens, das alle Schrecken des Unbekannten birgt, ließ sich das klagende Geheul eines Schakals in einiger Entfernung jenseits der Hecke von Eisenholz hören; aber so traurig auch diese Art von Geschrei war, so erschien es doch wie eine sanfte Melodie im Vergleich mit dem Brüllen der Jaguare.

»Ein Schakal wagt es, so nahe bei einem Jaguar zu kläffen? Das scheint mir sonderbar«, sagte der alte Vaquero leise.

»Aber ich habe sagen hören, daß, wenn der Jaguar jagt, der Schakal ihm heulend folgt«, antwortete Tiburcio in demselben Ton.

»Es ist etwas Wahres dran«, antwortete Benito; »aber der Schakal wagt nur, dicht beim Jaguar zu kläffen, wenn der letztere seine Beute zerreißt; es ist eine demütige Bitte, ihm seinen Teil davon übrigzulassen. Aber wenn der Jaguar auf der Jagd ist, so hütet er sich wohl, sich hören zu lassen, aus Furcht, selbst seine Beute zu werden. Es ist wirklich seltsam«, sagte noch einmal der alte Hirt, als ob er laut dächte; »aber, bei Gott, da ist ein zweiter Schakal auf dieser Seite!«

Wirklich stieg derselbe klagende Ton, genauso abgemessen als der erste, langsam inmitten des Schweigens empor, und zwar in der entgegengesetzten Richtung. »Ich wiederhole«, nahm Benito das Wort: »Schakale würden nicht so keck sein, sich so zu verraten; das müssen zwei Wesen anderer Art sein, die sich nicht vor den Jaguaren fürchten.«

»Welche meint Ihr?« fragte Tiburcio erstaunt.

»Zwei menschliche Wesen; zwei kühne amerikanische Jäger; ich wette darauf.«

»Zwei Jäger aus dem Norden, meint Ihr?«

»Ja, sie allein sind mutig genug, auf diese gefährlichen Tiere des Nachts Jagd zu machen. Sie haben sich ohne Zweifel getrennt und gebrauchen ein besonderes Zeichen, um sich wieder zu vereinigen.«

Indes mußten die beiden Jäger – wenn es wirklich solche waren – mit großer Vorsicht herankommen, denn man hörte nicht den geringsten Zweig brechen, nicht das kleinste Blättchen rauschen.

»He, da am Feuer!« schrie plötzlich eine Stimme, ähnlich der der Matrosen, die sich in der Nacht anrufen: »Nos acostons; fürchtet euch nicht, und gebt nicht Feuer.« Die Stimme hatte einen fremdartigen Akzent, der teilweise die Voraussetzung des alten Vaqueros bestätigte; aber das sonderbare Aussehen des Mannes, der sich nun zeigte, machte endlich eine Gewißheit daraus.

Es ist hier nicht der rechte Ort, die herkulische Gestalt und den bizarren Anzug des Ankommenden zu beschreiben; er wird eine zu hervorragende Rolle in dieser Erzählung spielen, als daß wir nicht später Gelegenheit haben sollten, sein Porträt zu entwerfen. Es wird hinreichen zu sagen, daß es eine Art Riese war, bewaffnet mit einer langen, schweren Büchse mit einem dicken sechseckigen Lauf.

Das lebhafte Auge des amerikanischen Jägers hatte bald die ganze Gruppe überflogen und ruhte mit einigem Wohlgefallen auf Tiburcio. »Der Teufel hole euer Feuer!« sagte er in rauhem Ton, der aber nicht ohne Gutmütigkeit war. »Ihr macht uns seit zwei Stunden die beiden schönsten gefleckten Panther scheu, die jemals in diesen weiten Einöden gebrüllt haben.«

»Scheu machen?« unterbrach Baraja. »Caramba, sie vergelten es uns wahrhaftig!«

»Ihr werdet doch das da auslöschen, hoffe ich«, erwiderte der Jäger.

»Unsere Feuer? Unseren einzigen Schutz?« schrie der Senator. »Denkt Ihr das wirklich?«

»Euren einzigen Schutz?« wiederholte erstaunt der Amerikaner. Und er zählte mit dem Finger den ganzen Kreis. »Was?« nahm er wieder das Wort. »Acht Menschen haben nur ein Feuer zum Schutz gegen zwei armselige Jaguare? Ihr wollt Euch wohl über mich lustig machen!«

»Wer seid Ihr denn?« fragte Don Estévan gebieterisch.

»Ein Jäger, wie Ihr seht.«

»Ein Jäger von was?«

»Mein Gefährte und ich, wir jagen Ottern, Biber, Wölfe, Jaguare und Indianer – wie es sich eben trifft.«

»Der Himmel schickt euch zu unserer Befreiung!« rief Cuchillo.

»Keineswegs«, antwortete der Jäger, dem das Aussehen Cuchillos ohne Zweifel mißfiel; »mein Kamerad und ich, wir haben ungefähr zwei Meilen von hier einen Puma und ein Paar Jaguare gefunden, die sich den Körper eines toten Pferdes streitig machten.«

»Des meinigen«, unterbrach Tiburcio.

»Des Eurigen? Armer junger Mann!« erwiderte der Jäger im Ton rauher Herzlichkeit. »Nun, ich freue mich, Euch hier zu sehen; ich glaubte nicht, daß der Herr des Pferdes noch unter den Lebenden sein würde. Also«, fuhr er fort, »wir haben den Puma getötet und bis hierher die Spur der beiden Jaguare verfolgt, die ihr gehindert habt, an der Poza ihren Durst zu löschen. Wenn ihr also wollt, daß wir euch davon befreien, so müßt ihr das Feuer auslöschen – und zwar sogleich – und uns unseren Willen lassen.«

»Und wo ist Euer Begleiter?« fragte Don Estévan, bei dem sich der Wunsch regte, zwei Männer solchen Schlages für seine Expedition zu gewinnen.

»Er wird sogleich kommen. Also ans Werk, sonst überlassen wir es euch selbst, euch so gut ihr könnt aus der Verlegenheit zu ziehen.«

Es war so viel Autorität, so viel Überzeugung in dem Ton des Jägers und unerschütterliche Gewißheit in seinen Behauptungen, als er vortrat, um das Feuer auszulöschen, daß Don Estévan seinem Wunsch nachgeben mußte. Die Glut wurde auseinandergeworfen. Dann ließ der Amerikaner einen zweiten Schakalruf hören, und noch war keine Minute verflossen, als der Gefährte des Jägers seinerseits bei dem Amerikaner stand.

Obgleich der zuletzt Gekommene von ziemlich hohem Wuchs war, so schien er doch nur ein Zwerg im Vergleich mit dem ersten. Er war nicht weniger sonderbar gekleidet als jener, allein die Dunkelheit ließ seine Züge und seine Kleidung nicht genug hervortreten. Es wird auch von ihm später noch die Rede sein. »Endlich ist euer höllisches Feuer aus«, sagte er; »aus Mangel an Holz ohne Zweifel, das keiner von euch noch hat sammeln wollen.«

»Nein«, sagte der erste Amerikaner, »diese Herren sind dahin gekommen, sich gern auf uns zu verlassen, um sie von den beiden Tieren zu befreien, denen sie menschenfreundlich verwehren, ihren Durst zu löschen.«

»Hm«, brummte der Senator, »ich weiß nicht, ob wir klug daran getan haben. Wenn ihr sie nun fehlt?«

»Sie fehlen? Wie soll das zugehen?« fragte der zuletzt Gekommene. »Wahrhaftig, wenn ich nicht gefürchtet hätte, den anderen Jaguar zu verjagen, wenn ich den einen tötete … Ich habe ihn mehrere Male vor dem Lauf meiner Büchse gehabt und wollte eben der Versuchung nachgeben, als das mit meinem Gefährten verabredete Zeichen – das Kläffen eines Schakals – mich hierherführte.«

»Ich hoffe, diese Reisenden endlich zu überzeugen, und habe Euch darum zu mir gerufen«, sagte der große Jäger.

»Ihr wußtet also schon, daß wir da waren?« fragte Baraja.

»Ganz gewiß; seit zwei Stunden belauschen wir euch, ohne es zu wollen. Ach, ich kenne Länder, wo Reisende, die nicht mehr Vorkehrungsmaßnahmen träfen als ihr, sehr bald skalpiert sein würden. Doch vorwärts, Dormilon; ans Werk!«

»Und wenn die Jaguare über uns herstürzen?« sagte der Senator.

»Sie werden sich wohl hüten. Ihre erste Sorge ist jetzt, ihren Durst zu löschen. Ihr werdet sie sogleich vor Freude darüber heulen hören, daß sie ihre Tränke nicht mehr von der Flamme gerötet sehen, die sie mehr erschreckt als die Gegenwart des Menschen. Sie werden zuerst nur ans Trinken denken.«

»Diese Tiere sind sehr aufgeregt, fürchte ich«, sagte Baraja. »Aber was wollt ihr denn tun?«

»Was wir tun wollen?« erwiderte der Jäger mit Namen Dormilon. »Etwas sehr Einfaches. Wir werden uns dicht bei der Zisterne aufstellen; die beiden Jaguare werden kommen; mein Gefährte hier wird den einen nehmen, ich den anderen, und ich bürge Euch dafür, daß sie keinen Hunger noch Durst mehr haben werden, sobald wir sie nur beim Schein des Mondes aufs Korn genommen haben.«

»Ach, das scheint Euch einfach?« rief Cuchillo, wirklich verwundert über die Einfachheit dieses Planes.

»Einfach wie ›guten Tag‹«, sagte der Schläfer. »Aber halt – was habe ich euch gesagt?«

Ein zweifaches gleiches Brüllen, das diesmal von einem Punkt ausging, erscholl zugleich in kreischenden Tönen, die den volltönendsten Blasinstrumenten entlockt zu sein schienen. Das wilde Paar begrüßte die Rückkehr der Finsternis mit einem Freudenruf. Die Zuhörer dieses nächtlichen Konzerts konnten mit diesem schrecklichen Klang vermischt das Schnauben der Nüstern hören, die mit Wonne den frischen Duft der Quelle einatmeten.

Die Reisenden warfen einen ängstlichen Blick um sich, aber während die Hohlwege des Waldes und der Ebene noch das Brüllen der Jaguare wiedergaben, hatten sich die beiden Jäger entfernt, und sie bemerkten nur noch zwei Gestalten, die längs der Bäume der Poza hinkrochen. Die Läufe der amerikanischen Büchsen blitzten noch unter den Strahlen des Mondes; dann verschwand alles in der Tiefe des engen Tals.

Ein Stiergefecht ist ohne Zweifel ein schönes Schauspiel – namentlich wenn eines dieser Tiere unter dem Feuer der Bandilleras im Zirkus umherspringt oder wenn es mit dem Fuß die Erde aufwühlt und mit vorgestreckten Hörnern und funkelnden Augen in dem Moment brüllt, wo es sich auf den Matador stürzt —, aber wenn die Zuschauer von dem wütenden Tier nur durch eine einfache Schranke getrennt wären, so würde das Schauspiel für sie zweifellos allen Reiz verlieren.

Ein Kampf zwischen Tigern und Menschen mußte für die römischen Zuschauer ein noch viel anziehenderes Schauspiel sein als ein Stiergefecht in unseren Tagen. Aber jedenfalls wäre der Zirkus weniger voll gewesen, hätten nicht eiserne Schranken und hohe Einfassungen die Umstehenden vor den Wechselfällen des tödlichen Kampfes zwischen Mensch und Tier gesichert.

Nur ein enger Raum – kaum ein Drittel so groß wie der Sprung eines Jaguars – und die Baumeinfassung allein trennte hier die Reisenden vom Schauplatz des Kampfes, der zwischen den beiden Reisenden und dem wilden Paar bevorstand. Einer der menschlichen Darsteller brauchte nur aus der Rolle zu fallen, und die Zuschauer waren genötigt, seinen Platz einzunehmen. Das ist eine ausnahmsweise Lage, reich an Aufregungen, wovon wir aus Erfahrung sprechen könnten, hätten wir es nicht schon anderswo getan.

In dem Augenblick, als die Jäger in dem kleinen Tal, in dessen Mitte sich die Tränke befand, verschwanden, hörte das freudige Gebrüll auf – ein Zeichen, daß die beiden durstigen Tiere die Lichtung umkreisten, um die Zisterne zu erreichen. Die Reisenden hielten den Atem an, und das tiefste Schweigen herrschte im Wald, den der Mond mit seinem ruhigen Licht beschien. Sie konnten sogar in der Ferne das geringste Rauschen der Zweige hören, die die beiden wilden Tiere auf ihrem Weg nach dem Tal zerknitterten; denn wenn auch das Feuer ausgelöscht war, so belehrte sie nichtsdestoweniger ihr Instinkt von der Gegenwart des Menschen. Der amerikanische Jäger hatte sich nicht getäuscht, wenn er sagte, daß für den Augenblick die Befriedigung eines verzehrenden Durstes die Sorge für beide sein würde, die sich zuerst geltend macht.

Man weiß, bis zu welcher Höhe die kleinen Speicheldrüsen den Durst beim Katzengeschlecht steigern; aber eine vorsichtige Klugheit ist auch der unterscheidende Zug dieser Rasse, und die beiden Jaguare – wenn auch von der Gier zu trinken verzehrt – schienen doch einen Kampf vermeiden zu wollen, um ihn vorteilhafter dann aufzunehmen, wenn sie einmal das Feuer, das ihre Kehle verbrannte, gelöscht hätten. Daß sie nachher auch einen Versuch machen würden, ihren Hunger zu befriedigen, dieser Punkt ließ wirklich keinen Zweifel zu; und ungeachtet der unerschütterlichen Zuversicht, mit der einer der fremden Jäger versichert hatte, daß die beiden Tiere keinen Hunger und keinen Durst mehr haben würden, war es doch eine furchtbare Probe, auf die die Reisenden gestellt wurden.

Trotz dieser für die Zuschauer kritischen Lage müssen wir doch einen Augenblick aufhören, uns mit ihnen zu beschäftigen, um unsere Aufmerksamkeit den beiden Jägern zuzuwenden, die viel mehr als sie der Gefahr ausgesetzt waren und folglich auch der Teilnahme würdiger sind.

Der Mond stand noch nicht hoch genug am Himmel, um seine Strahlen bis auf den Grund des kleinen Tals zu werfen, in das sie hinabgestiegen waren, und im Vergleich mit dem lebhaften Licht, das ringsum glänzte, schien dieser dunkle Grund noch schwärzer zu sein. Kaum hätte das menschliche Auge die beiden Jäger unterscheiden können, die, die Büchse in der Hand, das Messer zwischen den Zähnen und ein Knie am Boden, die Rücken aneinandergelehnt hatten. Diese Stellung machte die Grundfläche des menschlichen Körpers breiter und gab ihnen mehr Halt, um nötigenfalls den ungestümen Angriff eines ihrer Gegner auffangen zu können, obgleich einer der Jäger – um die Wahrheit zu sagen – von einer Stärke schien, aufrecht, ohne zu wanken, den Anprall eines Löwen des Atlas zu ertragen. Dazu konnten sie auch Rücken an Rücken mit den Augen den ganzen Raum umspannen, den die Jaguare durchschreiten mußten, und somit eine beiderseitige Überraschung vermeiden.

Nach einigen Minuten konnte die keuchende Gruppe der Zuschauer durch die Bäume zwei fahle Körper mit flammenden Augensternen bald springend, bald kriechend schlüpfen sehen; ihr Anblick – wenn man sich nicht schon daran gewöhnt hatte – war derart, daß das Herz des mutigsten Mannes zu Eis erstarrte. Geschmeidig wie Lianen, zeigten die beiden herankommenden Tiere vier strahlende Punkte; vier stets bewegte Feuerkugeln, ähnlich den Flocken, die die Waldluft auf die Blätter der Bäume Amerikas streut.

Die im Tal verborgenen Jäger konnten noch nichts sehen; das einzige Zeichen der Annäherung ihrer Feinde war ein dumpfes, zorniges Knurren, das diesen Tieren beim Anblick und der Witterung der Menschen entschlüpft, und ein wonniger Schauer, den ihnen die Nähe der klaren Quelle der Poza erregte. Trotz der herankommenden Gefahr machte doch keiner der Jäger eine Bewegung, und eine bronzene Feldschlange auf ihrer Lafette konnte nicht fester liegen, als der Lauf ihrer Büchse in ihrer Hand erschien.

Indessen hatten sie auch einen durchaus erprobten Mut oder ein blindes Vertrauen auf ihre Geschicklichkeit nötig, um so, ohne zu zittern, im Grund eines engen, von abschüssigen Rändern eingeschlossenen Tals, einen Kampf Leib gegen Leib – ohne Hoffnung auf Flucht – mit zwei Gegnern anzunehmen, die der Durst rasend machte und deren Wut durch eine Wunde, wenn sie nicht tödlich war, verzehnfacht werden mußte. Auf dem Grund dieses Tales mußten sie siegen oder sterben.

10. Zwei Belastungszeugen

Die Zuschauer des schrecklichen Kampfes, der beginnen sollte, sahen bald die Jaguare plötzlich anhalten wie Spürhunde, die stehen. Ein Brüllen getäuschter Hoffnung entwand sich ihrer Brust. Sie hatten eben zwei neue Feinde gewittert, die sie vorher noch nicht wahrgenommen hatten. Das wilde Paar war nur noch einige Schritte von der Zisterne entfernt. Einen Augenblick standen Männchen und Weibchen wie auf Verabredung still, streckten sich ihrer ganzen Länge nach aus, schlugen die Weichen mit dem Schweif und taten einen furchtbaren Satz, währenddessen sie förmlich über dem Erdboden zu schweben schienen.

Ein Schuß, gefolgt von einem schrecklichen Brüllen, ließ sich im selben Augenblick hören. Einer der Jaguare, durch die Büchse eines der Jäger gleichsam im Flug getötet, überschlug sich in der Luft und fiel leblos auf den Grund des Tals. Der andere sprang hinein voll Wut und Kraft.

Da gab es nun einen verwirrten Lärm von menschlichen Stimmen und von Gebrüll, als ob die beiden Jäger sich Leib gegen Leib mit ihren Gegnern auf dem Boden wälzten; dann folgte eine zweite Entladung, und ein letztes Brüllen – anfänglich hell und scharf, aber stufenweise abnehmend – beendete die kurze Szene, deren Zusammenhang die erschreckten Zuhörer nur erraten konnten.

Dann erst, als der größere Jäger seine hohe Gestalt am Rand des Tals zeigte, liefen alle eifrig hinzu. »Seht«, sagte er zu ihnen, »was zwei Kentuckybüchsen und ein gutes Messer in den Händen vermögen, die an ihre Führung gewöhnt sind!«

Aber die Dunkelheit hinderte sie anfangs, genau zu sehen, und erst nach einigen Minuten konnten sie die Leichname der beiden Jaguare auf der Erde ausgestreckt und den Jäger mit Namen Dormilon beschäftigt erblicken, einen langen Riß, der hinter dem Ohr begann, über die Schulter in einer breiten Furche weglief und oberhalb der Brust endete, mit kaltem Wasser zu baden.

»Das tut nichts«, sagte Dormilon; »ein Messer ist besser als die schärfsten Krallen. Bitte – urteilt darüber, und schaut die tödliche Wunde!«

Wirklich hatte die Schmarre, die er bekommen hatte, obgleich sie tief war, doch nur das Fleisch zerrissen, während einer der neben ihm liegenden Jaguare seine Eingeweide durch eine ungeheure, mehr als einen Fuß lange Wunde verlor. Das war der Gnadenstoß für das arme Tier gewesen, das durch eine Kugel nicht hatte getötet werden können. Was den anderen betrifft, so hatte das Blei des Jägers ihn so dicht am Gehirn getroffen, daß der Tod augenblicklich eingetreten war.

»Gibt es nicht«, fragte Dormilon, »eine Hacienda nicht weit von hier, wo man zwei schöne Jaguarhäute und eine dritte von einem Puma verkaufen könnte?«

»Gewiß«, antwortete Benito; »wir gehen selbst nach der Hacienda del Venado, die nur einige Meilen von hier liegt und wo ihr außer fünf Piastern, die man euch für jede Haut bezahlen wird, noch eine Belohnung von zehn anderen Piastern erhalten werdet.«

»Was sagt ihr dazu, Kanadier? Wollen wir bis dahin?«

»Ja, gewiß, fünfundvierzig Piaster lohnen die Mühe, und wenn wir einen Augenblick geschlafen haben, wollen wir uns auf den Weg nach der Hacienda machen. Aber ich meine, wir werden dort viel schneller ankommen als ihr, wenn ihr eure Pferde nicht wiederzubekommen sucht, von denen kein einziges zu eurer Verfügung steht.«

»Seid unbesorgt um uns«, antwortete der alte Hirt; »es ist nicht das erstemal, daß ich Haufen von Pferden gesehen habe, wie sie, von einem tollen Schrecken ergriffen, sich so in die Wälder zerstreuten; aber ich habe mein erstes Handwerk nicht vergessen! Morgen, wenn die Sonne aufgeht, denke ich sie zurückgebracht zu haben, und mit Erlaubnis Don Estévans will ich meine zwei Gefährten nehmen und sogleich aufbrechen, sie wieder zu suchen.«

Nichts hinderte jetzt mehr, daß man das Feuer für den Rest der Nacht wieder anzündete, denn die Sterne zeigten, daß es noch nicht einmal elf Uhr war. Man nahm also die letzten Vorbereitungen zum unterbrochenen Abendessen wieder auf. Die wieder angezündeten Kohlen verbreiteten aufs neue eine freundliche Helle; der Hammel entsandte einen appetitlichen Duft, als der Spanier und der Senator die beiden unerschrockenen Jäger, die ihnen einen Dienst erwiesen hatten, den man nicht wieder vergißt, zu sich einluden.

»Kommt her«, sagte der Senator zu ihnen, »ihr braven Jäger, deren unverhoffte Hilfe und erprobte Unerschrockenheit wir so wohl zu würdigen wissen! Ein Stück Braten und ein Schluck katalonischer Wein werden nicht zuviel sein nach dem rauhen Werk, das ihr eben beendet habt.«

»Oh«, sagte der älteste Jäger, indem er sich mit seiner athletischen Gestalt neben das Feuer stellte, »es ist keine große Sache, zwei armselige Tiere getötet zu haben. Wenn wir aus einem Kampf kämen mit einem Dutzend Indianern – Komantschen, Pawnees oder Sioux —, das möchte noch eher der Mühe wert sein, davon zu reden. In jedem Fall aber ist vor wie nach dem Kampf ein Stück Braten immer willkommen. Auf, Dormilon, komm auch herbei!« sagte er zuletzt zu seinem Kameraden.

»Und Ihr auch, junger Mann!« sagte seinerseits der Spanier, indem er Tiburcio, der sich abseits hielt, ein Zeichen gab. »Wollt Ihr nicht die Gastfreundschaft teilen, die wir Euch wie diesen braven Jägern anbieten können?«

Der junge Mann gehorchte der Einladung des Führers, und zum erstenmal erschien seine Gestalt in der strahlenden Helle des Feuers. Einen Augenblick schienen die Augen Don Estévans ihn mit ihrem Blick verschlingen zu wollen.

Wirklich war auch das Gesicht Tiburcio Arellanos bemerkenswert. Obgleich es jetzt nur den Ausdruck einer ruhigen Melancholie zeigte, so waren doch die Adlernase mit den unruhigen Flügeln, schwarze, nicht sehr tief unter dicken Augenbrauen liegende Augen, ein olivenfarbiger Teint – den jedoch der schwarze Bart matt bleichte – und dazu die äußerst zusammengezogene Oberlippe Beweise von feurigen Leidenschaften.

Ein Haar, mehr dunkel kastanienbraun als schwarz, beschattete seine Stirn. Er war groß und schlank, aber seine breiten Schultern, seine enge und geschweifte Taille, seine weißen kräftigen Hände zeugten von einer europäischen Kraft, die nötigenfalls die unter dem heißen Himmel des weichlichen spanischen Amerika entwickelten Leidenschaften unterstützen mußte. Die Traurigkeit, die seine edlen Züge ausdrückten, mäßigte in diesem Augenblick die fast wilde Energie seiner Augen. Das war gewiß der Sohn eines großen Geschlechts, in ein kaum halb zivilisiertes Land verpflanzt.

»Das sind die Figur und die Haltung Juans de Mediana«, sagte Don Estévan de Arechiza leise zu sich. Aber da es für ihn ohne Zweifel von Wichtigkeit war, das Geheimnis, das er eben entdeckt hatte, nicht zu verraten, so verbarg er unter einem kalten Äußeren Gedanken, die niemand argwöhnen sollte.

Es war noch ein anderer Mann da, der beim Anblick des lebhaft von der Flamme beleuchteten Tiburcio aufschrak und die Augen schloß, als ob ihn der Blitz geblendet hätte. Er wollte auf ihn zugehen, als ein zweiter Blick ihn ohne Zweifel enttäuschte, denn er setzte sich wieder mit einem Lächeln über seinen Irrtum. Dieser Mann war der älteste und stärkste der beiden Jäger. An den Blicken indes, die er kaum von ihm wandte, konnte man leicht sehen, daß das erste Gefühl von Zuneigung, das er für Tiburcio empfunden hatte, sich nicht verlor. – Dann gingen seine Augen von einem zum anderen der um die Feuerstelle gruppierten Tischgenossen; bald mit kalter, beobachtender Ruhe, bald mit einer Lebhaftigkeit, die einen Mann in ihm erkennen ließ, der durch seine Lebensart gewohnt war, Menschen und Gegenstände, von denen er umgeben war, sorgfältig zu studieren.

»Aber so komm doch, Dormilon! Man sollte meinen, du scheutest dich, herzukommen«, sagte der Jäger zu seinem Gefährten. »Beweise doch, daß du Lebensart besitzt.«

Der zweite Jäger kam herbei, indem er Worte ohne Zusammenhang vor sich hinmurmelte, von denen man nur folgende verstand: »Ganz gewiß … aber das ist… Teufel … die Gestalten …« Und während er sich näherte, zog er eine Mütze aus Pelzwerk, die er trug, so über seine Stirn, daß seine Augen nicht zu sehen waren; und aus einem karierten, beinahe zerfetzten Taschentuch, mit dem er die Wunde an seinem Hals verbunden hatte, machte er sich eine Maske, die von seinem Gesicht nur einen Mund voll solcher Zähne sehen ließ, daß er ein tüchtiger Tischgenosse zu sein versprach. Dann nahm er, als ob diese Vorsichtsmaßnahmen noch nicht hinreichten – ebenso wie Odysseus bei seiner Heimkehr zu Penelope —, einen solchen Platz an der Feuerstelle ein, daß er im Schatten verborgen blieb.

»Gibt es in Eurem Land viele Männer von Eurer Kraft und von Eurem Wuchs?« fragte der Senator den kräftigen Jäger, der aß und trank wie zwei gewöhnliche Männer.

»In Kanada«, antwortete dieser, »würde ich niemandem auffallen; fragt nur meinen Kameraden Dormilon.«

»Ganz gewiß; es ist wahr!« murmelte sein Gefährte.

»Aber ihr seid also nicht aus demselben Land?« nahm der Senator wieder das Wort.

»Dormilon ist gebürtig aus Sp…«

»Aus dem Staat New York!« unterbrach eilig der Jäger, während der Kanadier ihn mit erstaunter Miene anblickte, ohne ihn jedoch Lügen zu strafen.

»Und welches Handwerk treibt ihr?«

»Wir sind ›Coureurs des bois‹«, antwortete der Kanadier.

»Was?« sagte der Senator, der diese drei französischen Worte nicht verstand.

»›Rangers of the woods‹«, erwiderte der Kanadier englisch. Und da der Senator dies ebensowenig verstand, fügte er hinzu: »Das heißt, unser Leben geht damit hin, die Wälder zu durchstreifen, ohne einen anderen Zweck als den, dem beengten und abgeschlossenen Leben in den Städten zu entgehen. Aber das ist eine Beschäftigung, die immer seltener wird, und wenn wir beide nicht mehr sein werden, so wird das Geschlecht der Waldläufer in Amerika erlöschen. Weder Dormilon noch ich haben einen Sohn, der die Beschäftigung des Vaters fortsetzen könnte.«

In den letzten Worten des Kanadiers lag ein Anflug von Melancholie, der mit seiner sonst rauhen Lebensweise in völligem Widerspruch stand.

Don Estévan mischte sich hier in die Unterhaltung. »Das ist eine traurige Beschäftigung«, sagte er, »und wenn ihr die Unseren bei einer Expedition sein wollt, die wir zu unternehmen im Begriff stehen, so könnte ich euch wohl als euern Anteil die Mützen mit Goldstaub füllen. Sagt, willigt ihr ein?«

»Nein«, antwortete geradezu der Gefährte des Kanadiers.

»Ein jeder bleibe bei seinem Geschäft«, erwiderte der letztere; »wir sind keine Goldsucher. Und dann gehen wir auch gern, wohin es uns gefällt, ohne Führer, ohne Überwachung – mit einem Wort: Wir wollen frei sein wie die Sonne oder der Wind auf den Savannen.«

Diese Antwort wurde in einem so entschiedenen Ton gegeben, daß der Spanier darauf verzichten mußte, einen Entschluß wankend zu machen, der unerschütterlich schien, und jedermann dachte nur noch daran, so bequem wie möglich die Nacht hinzubringen.

Alle außer Tiburcio schliefen auch bald ein. Tiburcio aber war noch sehr jung, hatte vor kaum vierundzwanzig Stunden eine Frau verloren, die er wie seine Mutter liebte – und Tiburcio war verliebt! Drei Gründe, um nicht zu schlafen, sondern zu träumen. Anfangs bemächtigte sich eine tiefe Traurigkeit seiner Seele. Er befand sich in einer Lage, wo die Vergangenheit ebenso geheimnisvoll, seinen Augen ebenso undurchdringlich war wie die Zukunft.

»Ach, meine Mutter«, sagte er bei sich, denn immer bestand in seinem Herzen dieser Muttername; »ach, meine Mutter! Wer wird mir nun sagen, wer ich bin?«

Und er schien zu lauschen, als ob die Seufzer des Windes in den Blättern sich zur Stimme hätten gestalten können, um ihm Antwort zu geben. Tiburcio war weit entfernt, zu ahnen, daß es unter diesen Männern, die im Schein des Mondes oder dicht an der Feuerstelle lagerten, einen gab, der ihm den Namen sagen konnte, den er hätte tragen sollen.

Aber sterbend hatte ihm die Witwe Arellanos wenigstens ein Geheimnis enthüllt, das vielleicht interessanter war als das seiner Geburt. Die Entdeckung eines verborgenen Schatzes öffnete plötzlich den Augen Tiburcios eine glänzende Aussicht in die Welt seiner Träume; ein Traum selbst, glänzend wie der Stern, der aus der Nebelhülle hervortritt, strahlte vor seinen Augen. Eine Erscheinung, die er in seiner ersten Lage nur als ein Trugbild zu liebkosen wagte, trat plötzlich in die Wirklichkeit ein. Eine unüberschreitbare Entfernung schien sich auszufüllen, als ob durch Feenhand eine Brücke über einen Abgrund geworfen worden wäre.

Das Gold tut täglich diese Wunder. Hatte er nicht den Besitz einer reichen Goldmine in Aussicht? Er wagte es also, einen gestörten Traum wiederaufzunehmen, sich an das zu erinnern, was er von seiner Vergangenheit wußte, und sich die Zukunft auszumalen. Er begann, wieder vom Anfang an zu träumen. Zwei Jahre versetzte er sich zurück, und die Schranken des Zweifels und der Entmutigung fielen vor ihm wie ein düsterer Vorhang vor dem Zeichen des Maschinisten oder vor dem Stab eines Zauberers. Gerade wie diese Nacht hier, in der er jetzt träumte, öffnete ein weiter Wald vor seinen Augen seine durch die Dämmerung verdunkelten Bogengänge:

Ein Mann, ein junges Mädchen und Diener zu Pferd stellten sich ihm dar, unruhig und verstrickt in ein unentwirrbares Labyrinth von Lianen und Gesträuchen, und begrüßten ihn als ihren Schutzengel, der sie ihrem vorgesteckten Ziel zuführen sollte. Der Mann und die Diener erschienen ihm nur noch undeutlich; aber die bleichen Wangen, die schwarzen Augen, die wie Ebenholz dunklen Haare des jungen Mädchens strahlten noch in all dem wunderbaren Glanz, der damals so großen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Wie zwei Jahre vorher beruhigte sie Tiburcio, brachte sie auf den verlorenen Weg und begleitete den Zug zwei Tage, die nur zu schnell verflossen.

Der Wald nahm dann auf dieser kurzen Reise einen neuen Anblick für ihn an; die Pflanzen atmeten einen ganz anderen Duft aus; er dachte an die purpurfarbigen Glockenblümchen, die er pflückte und mit denen das junge Mädchen, das seine Fröhlichkeit wiedergewonnen hatte, sein schwarzes Haar schmückte und die sie ihm mit bezaubernder Nachlässigkeit zurückgab, wenn die Glut ihrer Stirn den Kelch geschlossen hatte. Er dachte an einen Haltepunkt im Wald während einer Nacht der Wonne und der Angst. Alle schliefen – die Männer auf dem Moos, das junge Mädchen auf einem Pantherfell —, er allein wachte. Ein verbrannter Eichenstamm verbreitete nur einen hinsterbenden Glanz. Die Natur war schweigsam, aber nicht stumm. Er atmete inmitten des Schweigens den Duft der Jungfräulichkeit ein, der sanft mit dem durch die Nacht wiederbelebten Wohlgeruch der Moose, Blätter und des Sassafras gen Himmel zu steigen schien. Er hörte das kaum vernehmliche Geräusch des jungfräulichen Atems, das sich mit der Harmonie der Wälder vereinigte – ein ewiges Konzert, das jede Nacht die Erde der wunderbaren Welt singt.

Dann verschwand dies alles vor den Augen Tiburcios; das junge Mädchen kehrte nach Hause zurück. In ebendiesem Haus brachte er eine ganze Woche zu, trunken vor Liebe, aber ohne es zu wagen, seine Wünsche bis zu der, die er liebte, zu erheben. Bei den Festen der ihrer Wohnung nahe liegenden Dörfer hatte er sie hundertmal wiedergesehen, ohne mutiger zu sein, denn er war ja so arm! Aber jetzt … Tiburcio sah sich mächtig und reich und hoffte; dann fingen seine Augenlider an, schwer zu werden, und er schlief ein mitten in holden, schönen Träumen. – Ist es nötig, zu sagen, daß das junge Mädchen, das seine Erinnerung ihm wieder vorführte, die Tochter Don Agustin Peñas war und das fragliche Haus die Hacienda del Venado? —

Bei Anbruch des Tages wurden alle Schläfer aufgeweckt durch den Ton eines Glöckchens und den Widerhall der Hufe einer Cavalcada. Es war Benito, der die erschreckte Schar der Pferde seinem Versprechen gemäß zurückbrachte. Alle Reisenden waren sogleich auf den Füßen; aber vergeblich suchten sie die beiden Jäger; sie waren nicht mehr da und hatten sich, ohne daß jemand sie gehört hätte, entfernt.

Nachdem die Pferde gesattelt, die Maultiere beladen waren, setzte der Zug seinen Weg nach der Hacienda fort. Der Senator und Don Estévan ritten voran, während Tiburcio, der sich genötigt fand, hinter Cuchillo aufzusitzen, da diesmal kein Sattel für ihn leer war, ihnen mit Baraja folgte; dann kamen endlich die drei Diener. Die beiden Reiter waren also abermals zusammen auf demselben Weg. Der eine dachte daran, wie er die Entdeckung des Val d‘Or nur gegen das feierliche Versprechen, Arellanos zu rächen, erkauft hatte; der andere sann auf Mittel, sich Tiburcios bei erster Gelegenheit zu entledigen.

Der Tag wich eben der Nacht, als sich nach einem langen Marsch die Gebäude der Hacienda del Venado in der Ferne abzeichneten, schon verdunkelt durch die Abenddämmerung. Einige Zeit hindurch folgte der Zug noch einem durch die Wälder sich hinziehenden Weg.

In dem Augenblick, als der Zug den Wald verließ, um in die Ebene einzulenken, in deren Mitte sich die Hacienda erhob, traten zwei Männer aus dem Dickicht heraus, die Büchse in der Hand. Es waren die beiden Jäger, die am Morgen so plötzlich Abschied genommen hatten.

»Du hast dich durch irgendeine Ähnlichkeit verführen lassen«, sagte der ältere der beiden Jäger – das heißt der Kanadier – zu Dormilon.

»Ich bin meiner Sache gewiß, sage ich dir; er ist es! Fünfzehn Jahre haben nichts in seinem Aussehen und seiner Haltung geändert. Der Ton seiner Stimme ist der gleiche geblieben als zu der Zeit, da ich noch der Küstenwächter Pepe der Schläfer war. Aber seit fünfzehn Jahren haben ebensowenig meine Ohren noch meine Augen etwas vergessen. Also, Bois-Rosé, du kannst sicher glauben, was ich dir beteuere.«

»Übrigens«, sagte Bois-Rosé, »hat man vielleicht diesen Namen nicht vergessen; man begegnet öfter dem Feind, dem man entflieht, als dem Freund, den man sucht.« Nach diesen Worten stützte der kanadische Jäger sich mit melancholischer und nachdenklicher Miene auf den langen Lauf seiner Büchse und verfolgte wieder mit dem Auge die Reisenden, die bald hinter den Mauern der Hacienda verschwanden.

Die untergehende Sonne hüllte den Abend in purpurnen Nebel. Die einen Augenblick erleuchteten Hügel versanken in die gleichmäßige Farbe der Dämmerung, und die beiden Jäger, die ihre waldige Wohnung wieder betreten hatten, verschwanden ihrerseits in deren nächtlich dunklem Schatten.

11. Die Hacienda del Venado

Die Hacienda del Venado war – wie alle Wohnungen dieser Art an der indianischen Grenze, die den Einfällen umherschweifender Horden in diesen Steppen ausgesetzt sind – ebensowohl eine Art Festung als ein Landhaus. Aus Backsteinen und Werkstücken erbaut, von einer mit Schießscharten versehenen Terrasse umgeben, durch massive Tore verschlossen, konnte sie eine Belagerung durch Feinde aushalten, die erfahrener in der Kriegskunst waren als die benachbarten Stämme der Apachen.

An einer Ecke erhob sich ein ebenfalls aus Werkstücken erbauter Turm, über drei Stockwerke hoch, der die an die Hacienda stoßende Kapelle überragte. Dieser Turm konnte noch, falls der Hauptteil der Wohnung erobert war, ein fast uneinnehmbarer Zufluchtsort sein.

Endlich umgab noch starkes Pfahlwerk aus Palmenholz das Gebäude ganz und gar ebenso wie die Gesindewohnungen, die für die Leute und die Diener der Hacienda, für die Vaqueros und die gewöhnlichen Gäste bestimmt waren, die auf ihrer Vorbeireise von Zeit zu Zeit kamen und um gastliche Aufnahme baten. Außerhalb dieser bevorzugten Umwallung bildeten etwa dreißig Hütten eine Art kleines Dorf, bewohnt durch die Peones und ihre der Hacienda einverleibten Familien, die in Tagen der Gefahr Schutz und Zuflucht in der Festung suchen konnten und dann zugleich die gewöhnliche Besatzung verstärkten.

Das war die Hacienda, in die wir vor den Reisenden, die wir auf dem Weg gelassen haben, eintreten wollen.

Der Eigentümer, Don Agustin Peña, war ein reicher Mann. Außer einer reichen Goldmine, die er gar nicht weit von hier ausbeutete, besaß er noch zahllose Herden großen und kleinen Viehs, Pferde, Maultiere und Stiere, die frei umherliefen, sprangen und brüllten mitten in den ungeheuren Savannen oder den tiefen Wäldern, die die zwanzig Quadratmeilen Land, die zur Hacienda gehörten, bedeckten. Eine gleich ausgedehnte ländliche Besitzung ist nicht selten in einem Land, wo viele Besitzungen so groß sind wie ein Departement in Frankreich.

Indes sprach man von Guaymas bis an diese Grenzen nur vom Reichtum Don Agustins und von der unermeßlichen Mitgift, die seine Tochter Doña Rosaria, die liebliche Rosarita, demjenigen zubringen würde, den sie zum Gatten wählte. Das junge Mädchen war auch das Ziel gar manchen Ehrgeizes. Übrigens hätte schon seine Schönheit – auch ohne das Vermögen, das es nach dem Tod des Vaters bekommen mußte – vollkommen genügt, um all diese Ansprüche zu rechtfertigen.

In diesen entfernten Provinzen hat sich gewöhnlich der andalusische Typus schwächer ausgeprägt; aber er hatte bei Rosarita nichts von seiner Charakteristik verloren, und durch einen glücklichen Gegensatz vereinigte sich die Reinheit der Züge mit der Frische der Mädchen des Nordens. Die rosigen Wangen der Tochter Don Agustins gaben ihren schwarzen Augen und dem Kranz schwarzer Haare, der ihr Haupt schmückte, nur noch mehr Glanz; die glühende Sonne hatte ihren weißen Teint nicht berührt. Mit einem Wort, ihre Hände, ihre Füße, ihre Taille und jene Haltung, die, nach dem andalusischen Ausdruck »Derrama sal y perdona vidas«,Eine wörtlich nicht zu übersetzende Redeweise: »Streut Salz aus und spart das Leben.« Es kommt vom Wort »Salero«, das dazu dient, die stolze Haltung der Andalusierinnen beim Gehen auszudrücken. »Salz und Leben ausstreut«, verbanden sich bei ihr mit den Vorzügen des europäischen Blutes. Nach solcher Lobrede würde jede Beschreibung überflüssig sein. Sie war also inmitten dieser Einöden wie die Kaktusblume, die nach einer Sage aufblüht und stirbt von elf Uhr bis Mitternacht, unter den Augen Gottes allein, ohne daß es irgendeinem menschlichen Auge gegeben wäre, ihre Farbenpracht zu bewundern, ohne daß jemand an ihrem Duft sich hätte ergötzen können.

Die unermeßliche Ebene, in deren Mitte die Hacienda del Venado lag, bot einen doppelten Anblick dar: Derjenige Teil, der an der Vorderseite des Gebäudes lag, zeigte allein Spuren einer hohen Kultur. Unübersehbare Maisfelder und weitläufige Olivenpflanzungen offenbarten die Gegenwart und die Arbeiten des Menschen. Hinter der Hacienda, aber nur einige hundert Schritt von der Ringmauer, hörte der urbar gemachte Boden auf, und noch jungfräuliche Wälder dehnten sich von da in ihrer düsteren und ursprünglichen Majestät aus. Der angebaute Teil war bewässert durch einen ziemlich breiten Bach. Während der trockenen Jahreszeit floß er langsam dahin und schäumte gegen die runden Steine, die sein Bett verstopften. Aber in der Regenzeit verwandelte sich dieser kleine Bach in einen ungestümen Waldstrom, der diese ungeheuren Steine vor sich herrollte, wie die Sturzsee die Strandsteine auf das flache Ufer rollt, auch zuweilen die Ebene überschwemmte und jedes Jahr die steilen Ufer erweiterte, die ihn einengten.

In dem Augenblick, als der Zug, der sich auf dem Weg nach der Hacienda befand, noch eine ziemliche Strecke davon entfernt war – das heißt, eine Stunde vor Sonnenuntergang —, bot die Ebene in ihren Umgebungen ein prächtiges Schauspiel, besonders für das Auge des Reisenden, der es müde ist, dürre Einöden zu durchziehen.

Ein Lichtglanz, goldig wie derjenige, der die Wellen des Ozeans liebkost, wenn die Sonne in seine Fluten taucht, spielte auf den wellenförmigen Bewegungen, in die der Abendwind die grünen, biegsamen Halme der Maisfelder versetzte. Die weißen Blüten der Olivenbäume, sanft von diesem erfrischenden Windhauch geschüttelt, fielen wie Schneeflocken auf den Rasen, der sich gleich einem Teppich unter ihnen ausbreitete. Die Arbeiter suchten nach einem mühevollen Tagewerk ihre Hütten; die einen mit den Werkzeugen des Ackerbaus beladen, andere mit einem langen, spitzen Stab bewaffnet, um damit die lässigen Ochsen anzutreiben.

An den Rand des Baches, der sanft die langen Halme der Pflanzen umrieselte, die von seinem klaren Wasser Nahrung empfingen, kamen Tausende von Tieren, um nacheinander ihren Durst zu löschen. Bald waren es lange Reihen von Stieren und Färsen, die beim Anblick ihrer Tränke brüllten. Bald waren es lange Züge frei umherlaufender Pferde, die wiehernd in großen Sätzen nach dem Fluß liefen oder auf der Ebene einander verfolgten. Der Boden zitterte unter dem Galopp dieser edlen Tiere, die, wenn auch schon vertraut mit dem Anblick des Menschen, doch noch den scheuen Stolz und die prächtige Haltung der wilden Pferde bewahrten und eine Flut von Köpfen mit blitzenden Augen, weit geöffneten Nüstern und flatterndem Mähnenhaar zeigten. Je nachdem ihr Durst befriedigt war, eilten unzählbare Züge mit der Schnelligkeit des Blitzes hinweg, wie toll hinter sich ausschlagend, schüttelten stolz den stattlichen Busch ihres Schweifes und verloren sich bald inmitten des Staubes, der unter ihren Hufen emporwirbelte.

Der mächtigste arabische Chef, der reichste Patriarch der alten Zeit zählte niemals herrlichere und zahlreichere Herden als Don Agustin Peña auf seinen unermeßlichen Weideplätzen.

Zur Stunde, von der wir sprechen, durchzogen zwei Männer die Ebene nach der Hacienda hin; der eine auf einem Pferd, der andere auf einer Mauleselin. Pferd und Maulesel gehörten gewiß, jedes in seiner Art, zu den schönsten Exemplaren ihrer Rasse. Das erstere mit seiner stolzen Haltung, seiner breiten Brust und seinem Schwanenhals war kaum schöner als der Maulesel, der an seiner Seite mit den feingebauten Füßen, den runden Weichen und dem glänzenden Rücken dahinschritt.

Der erste Reiter war der Herr der Hacienda; sein Anzug bestand in einem Guayaquilstrohhut, einem feinen und weißen Batisthemd ohne Weste und einem samtenen Beinkleid mit goldenen Knöpfen, das an den Hüften zusammengeschnürt war. Der andere auf der Mauleselin war der Kaplan der Hacienda, ein verehrungswürdiger Franziskanermönch in blauer Kutte, mit einem Gürtel von seidenen Schnüren; sein Oberkleid war kavaliersmäßig oberhalb der langen Reiterstiefel, die mit langen klirrenden Sporen bewaffnet waren, zurückgeschlagen. Ein breiter grüner Filzhut, der ziemlich keck auf einer Seite saß, gab dem Franziskaner ein mehr kriegerisches als mönchisches Aussehen.

Der Hacendero, der Herr der Hacienda, schien einen stolzen Blick auf die unermeßlichen Reichtümer zu werfen, die ihn umgaben und die nach seiner eigenen Meinung – die wir übrigens vollständig teilen – viel höher anzuschlagen waren als in der Geldkiste angehäufte Goldbarren.

Was den Mönch anlangt, so schien er durch einen zu mächtigen Gedankengang in Anspruch genommen, um auf das Schauspiel großartigen Reichtums zu achten, das sich in der Ebene vor ihm ausbreitete.

»Beim heiligen Julian, dem Schutzpatron der Reisenden«, sagte Don Agustin, »in den vierundzwanzig Stunden, da Ihr abwesend wart, fürchtete ich, ehrwürdiger Vater, daß ein Jaguar Euch zerrissen oder irgendein Sumpf Euch samt Eurem Maultier verschlungen hätte.«

»Der Mensch denkt und Gott lenkt«, antwortete der Mönch. »Es ist wahr – ich war auf einige Stunden abgereist, um dem armen Joaquin, dem ein Stier den Leib aufgerissen hatte, ein christliches Begräbnis zu geben, und hatte eben die Erde, wo er eingescharrt werden sollte, gesegnet, als ein junger Mann zu Pferd schnell wie der Blitz mit bestürzter Haltung und aufgeregtem Gesicht erschien, um mich zu bitten, nach seiner Wohnung zu kommen und die Beichte seiner sterbenden Mutter zu hören; ich mußte zehn Meilen wieder zurücklegen. Ich mochte dringende Geschäfte vorschützen, soviel ich wollte, um den jungen Mann loszuwerden – ich mußte doch endlich seinen inständigen Bitten weichen. Wißt Ihr, wer es war?«

»Wie sollte ich?« antwortete der Hacendero.

»Tiburcio, der Adoptivsohn des Gambusinos Marcos Arellanos, war es.«

»Wie? Seine Mutter ist tot? Das tut mir sehr leid; er ist ein braver junger Mann. Ich habe nicht vergessen, daß wir ohne ihn vielleicht vor Durst gestorben wären, meine Tochter, meine Leute und ich. Habt Ihr ihm auch gesagt, daß, wenn er ohne Hilfsquellen wäre, er willkommen sei auf der Hacienda del Venado?«

»Nein, denn dieser Bursche hegt eine unsinnige Leidenschaft für Eure Tochter, wenn man es Euch sagen darf!«

»Und was liegt daran, wenn meine Tochter ihn nicht wieder liebt?« antwortete Agustin. »Hätte sie ihn aber geliebt, so hätte ich mich für reich genug gehalten, um bei dem Mann, den sie ausgezeichnet hätte, nur die moralischen und physischen Eigenschaften zu suchen, die Tiburcio besitzt. Ich hatte mir zum Schwiegersohn nur einen Mann geträumt, schön, einsichtig und brav genug, um diese Grenzen gegen die indianischen Horden zu verteidigen, und ich würde alles bei ihm gefunden haben. Aber jetzt habe ich für Rosarita höhere Aussichten.«

»Und vielleicht würdet Ihr nicht unrecht gehabt haben«, erwiderte der Mönch ernst. »Was ich erraten … was ich erfahren … habe, könnte aus Tiburcio einen noch viel begehrenswerteren Schwiegersohn machen, als Ihr ahnt.«

»Es ist zu spät!« sagte der Hacendero. »Mein Wort ist gegeben, und ich werde es nicht wieder zurücknehmen.«

»Dennoch habe ich gerade von ihm mit Euch zu sprechen«, erwiderte der Mönch. »Und wie dem auch sein mag, vielleicht wird es Euch nicht leid tun, mich anzuhören.«

Die beiden Reiter waren gerade, nachdem sie durch den Palisadengürtel geritten waren, an den Fuß einer Treppe gelangt, die auf eine weite Halle und von da in den Salon der Hacienda führte. Es war dies ein weiter Saal, der durch eine Luftströmung, wie es in den heißen Ländern gewöhnlich ist, ständig kühl erhalten wurde. Feine chinesische, ausgezeichnet gearbeitete Matten bedeckten den Fußboden, der aus großen Werksteinen bestand, und andere, noch reicher gezeichnete Matten dienten als Vorhänge an den Fenstern. Die mit Kalk geweißten Mauern hoben sich durch einige seltene ausgemalte Kupferstiche in goldenen Rahmen ab; lederne Putacas, kleine Gesimse in den Ecken – auf denen in silbernen Braseros für die Raucher Kohlen, mit weißer Asche bedeckt, bereitlagen —, Sessel und ein Pfühl aus Palmrinde von englisch-amerikanischem Gepräge bildeten das ganze Hausgerät.

Auf einem Tisch aus geglättetem Balsaholz ließen poröse Krüge das frische Wasser durchschimmern, das sich in ihnen befand. Breite Melonenschnitten boten auf einer großen silbernen Platte ihr rötliches Fleisch dar, das ein schmackhafter Saft mit rosigen Tröpfchen überstreute; Pitallas zeigten den dunklen Purpur ihrer Kerne neben Melonen und halbgeöffneten Granatäpfeln. Endlich waren auch noch Orangen, Grenadillen und süße Limonen da, und alle Früchte der heißen Klimate, die den Durst reizen beziehungsweise löschen, zeugten von den gastfreundlichen Absichten Don Agustins.

»Erwartet Ihr denn Gäste?« fragte der Mönch beim Anblick dieser Vorbereitungen.

»Don Estévan de Arechiza hat mich von seiner Ankunft heute abend mit einem ziemlich zahlreichen Gefolge in Kenntnis gesetzt, und ich treffe meine Maßnahmen, um einen so ausgezeichneten Gast würdig zu empfangen. Doch laßt hören, Fray José-Maria, was Ihr mir zu sagen habt!«

Jeder setzte sich in einen Schaukelstuhl, von denen wir oben gesprochen haben, und während der Hacendero sich nachlässig, die Zigarre im Mund, darin wiegte, begann der Mönch zu erzählen.

»Ich fand die alte Frau auf einer Steinbank ruhend an der Tür ihrer Hütte; denn sie hatte sich bis dahin schleppen können, um meine Ankunft zu erwarten.

›Seid gesegnet, mein Vater!‹ sprach sie zu mir. ›Ihr kommt noch zur rechten Zeit, um meine letzte Beichte zu empfangen. Mit Eurer Erlaubnis aber sollt Ihr, während Ihr Euch ein wenig ausruht, das mit anhören, was ich jetzt demjenigen sagen will, den ich immer als meinen Sohn angesehen habe und dem ich eine Rache zu hinterlassen habe, wenn ich nicht mehr sein werde.‹«

»Wie denn, mein Vater?« unterbrach Don Agustin. »Ihr habt diesen Bruch des göttlichen Gesetzes erlaubt, das sagt: Die Rache ist mein, spricht der Herr!«

»Warum nicht?« fragte der Mönch. »Darf nicht in diesen Einöden, in denen wir keine Tribunale haben, ein jeder an deren Stelle treten?« Nach dieser kurzen Rechtfertigung fuhr der Mönch fort: »Ich setzte mich also und hörte.

›Dein Vater ist nicht als ein Opfer der Indianer gefallen, wie wir es geglaubt haben‹, sagte die Kranke, sich an Tiburcio wendend; ›sein Begleiter hat ihn vielmehr erwürgt, um sich eines Geheimnisses zu bemächtigen, das ich dir sogleich sagen werde – aber nur dir allein!‹

›Gott allein, meine Mutter‹, erwiderte Tiburcio, ›könnte uns auch nur diesen Mann wiederfinden lassen, der uns unbekannt ist.‹

›Gott allein?‹ rief die Witwe mit verächtlicher Miene. ›Ist das die Sprache eines Mannes? Wenn die Indianer kommen, das Vieh des Vaqueros zu stehlen, sagt er dann: ›Gott allein kann mir zeigen, was daraus geworden ist?‹ Nein, er sucht, und sein Auge weiß die Spur zu finden. Von heute an, wenn ich deiner nicht mehr bedarf, wirst du es machen wie der Vaquero, und du wirst den Mörder wiederfinden. Das ist der letzte Wunsch der Frau, die deine Kindheit behütete, und du wirst ihn erfüllen!‹

›Ich werde gehorchen, Mutter‹, erwiderte der junge Mann.

›Höre, was ich dir noch zu sagen habe!‹ fuhr sie fort. ›Die Ermordung Arellanos‘ ist keine Vermutung – sie ist eine Wirklichkeit! Folgendes hat mir ein Vaquero gesagt, der aus der Gegend jenseits von Lubac zurückkehrte. Einige Tage zuvor war er zwei Reisenden begegnet; der eine war dein Vater, der andere war ihm nicht bekannt. Der Vaquero, der denselben Weg als sie zu verfolgen hatte, war durch Untersuchung ihrer Spuren zu der Überzeugung gekommen, die er mir mitteilte: Dicht an der Stelle, wo die beiden Reisenden übernachtet hatten, bewies das niedergetretene und mit Blut überschwemmte Gras, daß hier der Schauplatz eines schrecklichen Kampfes gewesen war. Die blutigen Spuren führten bis zu einem Fluß, in den wahrscheinlich das Opfer hineingestürzt war. Dieses Opfer war Marcos; denn weiterhin hatte der Vaquero die Richtung, die der Mörder eingeschlagen hatte, an der in den Sand gedrückten Hufspur seines Pferdes wiedererkannt; das Pferd nämlich, das dieser Mann ritt, strauchelte zuweilen auf dem linken Vorderfuß. Außerdem mußte in dem Kampf der Mörder am Fuß verwundet worden sein, denn der Eindruck des einen Fußes war viel tiefer als der des anderen und bewies offenbar, daß er seit kurzer Zeit hinke.‹«

Der Hacendero hörte aufmerksam auf diese Probe des Scharfsinns seiner Landsleute, von dem sich zu überzeugen er täglich so viele Gelegenheiten hatte.

Der Mönch fuhr in seiner Erzählung fort. »›Höre mich!‹ nahm die Sterbende wieder das Wort. ›Schwöre, Arellanos zu rächen, und du sollst reich genug sein, daß deine Wünsche selbst von dem stolzesten und reichsten Mädchen – wäre es auch von der Tochter Don Agustin Peñas, für die deine Neigung mir nicht entgangen ist – günstig aufgenommen werden würden. Heute kannst du ohne Torheit daran denken, denn du kannst ebenso reich sein als ihr Vater. Sage mir, ob du schwörst, überall den Mörder Arellanos‘ zu verfolgen.‹

›Ich schwöre es!‹ antwortete Tiburcio.

Hierauf«, schloß der Franziskaner, »händigte die alte Frau ihrem Sohn ein Papier ein, auf dem Arellanos bei seiner Abreise die Marschroute verzeichnet hatte, die er selbst zu verfolgen gedachte. ›Mit den Schätzen, die dieses Papier dich wird finden lassen‹, fuhr die Sterbende fort, ›kannst du, wenn du willst, die Tochter eines Vizekönigs bestechen. Jetzt, mein Kind, da ich deinen Eid habe, laß mich diesem heiligen Mann beichten; ein Sohn darf niemals die Beichte der Mutter hören!‹«

Der Mönch erzählte nun mit wenigen Worten den Tod der Witwe Arellanos‘; darauf schloß er mit den Worten: »Seht, Don Agustin, das nahm mich ganz in Anspruch und bewog mich zu dem Wort, daß Tiburcio Arellanos, obwohl von unbekanntem Herkommen, nichtsdestoweniger ein sehr annehmbarer Vorschlag für die schöne Doña Rosarita sei.«

»Ich stimme bei«, sagte Don Agustin; »aber ich habe Euch schon gesagt, mein Wort ist an Don Estévan de Arechiza verpfändet!«

»Wie? Dieser Spanier«, fragte der Mönch, »sollte Euer Schwiegersohn werden?«

Der Hacendero lächelte mit geheimnisvoller Miene. »Er? Nein«, sagte er, »aber ein anderer! Don Estévan würde diese Verbindung nicht eingehen.«

»Pest!« rief der Mönch. »Er ist schwer zu befriedigen!«

»Vielleicht hat er ein Recht dazu«, erwiderte Don Agustin, mit derselben Miene lächelnd.

»Aber wer ist denn dieser Mann?« fragte der erstaunte Mönch abermals.

In dem Augenblick, als Don Agustin antworten wollte, kam ein Diener in das Zimmer, in dem diese Unterredung stattfand. »Don Agustin«, sagte er, »es sind zwei Reisende an der Eingangspforte, die Eure Gastfreundschaft für diese Nacht in Anspruch nehmen. Der eine von ihnen behauptet, mit Euch bekannt zu sein.«

»Sie sind willkommen«, sagte der Hacendero; »laßt sie eintreten! Zwei Gäste mehr – bekannt oder unbekannt – werden hier nicht zuviel sein.«

Einige Sekunden später kamen zwei Reiter an die Treppe, an deren oberem Ende sie der Besitzer der Hacienda erwartete. Der eine war ein Mann von etwa dreißig Jahren, dessen offenes Gesicht und hohe Stirn von ebensoviel Kühnheit als Verstand zeugten. Er war gewandt, schön gewachsen und mit Eleganz, wenn auch einfach, gekleidet.

»Ach, Ihr seid es, Pedro Diaz!« rief Don Agustin. »Gibt es etwa einige Indianer nicht weit von hier zu töten, daß Ihr Euch in unseren Einöden befindet?«

Pedro Diaz war in der Tat bekannt durch seinen Haß gegen die Indianer, durch seine Kühnheit im Kampf mit ihnen und durch seine Geschicklichkeit, sich aus der schlimmsten Lage zu ziehen. »Bevor ich Euch antworte«, sagte er, »erlaubt mir, Euch den König der Gambusinos und den Prinz der Musiker vorzustellen: Don Diego Oroche, der das Gold wittert wie ein Hund das Wild und die Mandoline spielt wie nur er allein.«

Die unter dem Namen Oroche vorgestellte Person grüßte den Hacendero ernst.

Es war indes wahrscheinlich schon lange her, daß das feine Gefühl, von dem Pedro Diaz sprach, Gelegenheit gehabt hatte, sich zu üben, oder die Karten waren dem Señor Oroche sehr ungünstig gefallen, denn sein Äußeres war nichts weniger als einnehmend. Um mit der Hand an seinen Hut zu fassen, brauchte er nicht die Falten seines Mantels in Unordnung zu bringen, in den er sich kunstvoll gehüllt hatte. Es war hinreichend, unter den Löchern dieses Mantels eines zu wählen, um nach Belieben seine mit harten und spitzen Nägeln bewaffnete Hand auszustrecken, deren wunderbare Länge ihn als einen Mandolinenspieler ankündigte. Wirklich trug er eine solche quer über dem Rücken. Während er sich höflich vor dem reichen Besitzer verneigte, fielen lange Büsche ungekämmten Haares auf sein Gesicht, straff und starr wie das Schilf, mit dem die Mythologie den Kopf der Flußgötter bekränzt.

Als sie im Saal Platz genommen hatten, begann Diaz: »Wir haben davon gehört, daß in Arizpe eine Expedition nach dem Innern der Apacheria ausgerüstet würde, und dieser Kavalier und ich, wir haben uns unmittelbar auf den Weg gemacht, um daran teilzunehmen. Unser Weg hat uns nach Eurer Hacienda geführt, Don Agustin, und wir bitten Euch nun um Gastfreundschaft bis morgen. Mit Tagesanbruch werden wir uns auf den Weg nach Arizpe begeben.«

»Ihr braucht nicht so weit zu gehen«, antwortete der Hacendero; »die Expedition ist in der Nähe, und ich erwarte ihren Führer hier noch heute abend. Er wird Eure Dienste gern annehmen, dafür bürge ich, und Euch somit einige Tagereisen ersparen.«

»Das ist prächtig«, erwiderte Diaz, »und ich danke Gott für dieses glückliche Zusammentreffen.«

»Hat Euch denn der Durst nach Gold auch ergriffen?« fragte Don Agustin Pedro Diaz.

»Nimmermehr, Gott sei Dank; ich überlasse die Sorge, Gold zu suchen, einem so erfahrenen Gambusino wie Señor Oroche. Ich für mein Teil habe, wie Ihr wißt, keine andere Sorge, als Vergeltungsrecht an den Indianern zu üben für alles Unheil, das sie mir zugefügt haben, und darum habe ich auch mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, Feuer und Schwert, die sie so oft unter uns gehandhabt haben, einmal auch tief in ihr Land zu tragen.«

»Das ist recht«, erwiderte der Hacendero, der, wie alle den Einfällen dieser unversöhnlichen Feinde der weißen Rasse ausgesetzten Grenzbewohner, in seinem Herzen einen gleichen Haß nährte wie Pedro Diaz. »Ich billige solche Gesinnung, und wenn Ihr erlaubt, so biete ich Euch als Pfand der meinigen eines meiner besten gesattelten Pferde an; der Indianer, den Ihr auf diesem edlen Tier verfolgt, muß auf den Flügeln des Windes reiten, um nicht von Euch erreicht zu werden, welchen Vorsprung er auch vor Euch haben mag.«

»Das soll mein Schlachtpferd sein«, erwiderte Diaz mit vor Freude leuchtenden Augen, »und ich will seine Mähne mit indianischen Skalplocken zieren zum Andenken an den, der es mir gegeben hat.«

Die Unterhaltung betraf nun Expeditionen von der Art derjenigen, die Don Estévan befehligte, sowie mehrere andere Gegenstände, die gewöhnlich die Unterhaltung der mexikanischen Pächter bilden; und da es schon finster wurde und der erwartete Gast noch nicht kam, gab Don Agustin zwei Dienern den Befehl, sich mit Fackeln zu versehen und ihm entgegenzureiten.

»Ich weiß nicht, welches Ereignis den Marsch Don Estévans verzögert haben kann«, sagte der Hacendero, als seine Befehle ausgeführt waren. »Wenn er, wie es doch wahrscheinlich ist, an der Poza übernachtet hat, so müßte er schon seit fast zwei Stunden hier sein.«

Man weiß, wie die beim Wiedereinfangen der flüchtigen Pferde verlorene Zeit den Aufbruch des Zugs verzögert hatte.

Don Agustin hatte eben gesprochen, als plötzlich eine anmutige Erscheinung den Saal betrat: es war die Tochter des Hacenderos, die schöne Rosarita. Als ob der Reiterzug nur ihr Erscheinen abgewartet hätte, so kündigten sogleich ein Lärm von Pferden innerhalb der Ringmauer der Hacienda und der Glanz von Fackeln, die in der Dunkelheit leuchteten, die Ankunft der Gäste an, die Don Agustin Peña erwartete.

12. Doña Rosarita

Während des ganzen Rittes von der Poza bis zur Hacienda del Venado war das Schweigen nur selten von den beiden Reitern unterbrochen worden, die zusammen auf einem Pferd saßen. Obwohl Cuchillo keineswegs auf seine Rachepläne gegen Tiburcio verzichtet hatte, so waren doch seine Absichten unter einer anscheinenden Gutmütigkeit, die er nach Bedürfnis anzunehmen wußte, verborgen. Er hatte mehrmals versucht, auf dem Grund der Seele seines Begleiters zu lesen; allein dieser verhielt sich ganz defensiv und suchte seinerseits Cuchillo auszuforschen, denn er vergaß nicht, daß der Mörder Arellanos, seines Adoptivvaters, in seinem letzten Kampf am Fuße verwundet worden war. Cuchillo hatte sich aber jedenfalls mit mehr Gewandtheit verteidigt, als er beim Angriff gezeigt hatte, und so war zuletzt ihre mit Unterbrechungen geführte Unterhaltung nur ein geschicktes Lanzenbrechen gewesen, in dem keiner der beiden Kämpfer gesiegt hatte oder besiegt wurde.

Die Folge davon war jedoch, daß ein instinktmäßiges Mißtrauen der beiden Reisegefährten gegeneinander Wurzeln gefaßt und jeder eine Ahnung davon hatte, daß der andere sein Todfeind sei. Cuchillo war mehr als je entschlossen, sich seiner, auch ohne seiner Sache gewiß zu sein, zu entledigen; der besser gesinnte Tiburcio erinnerte sich des Eides, den er seiner Adoptivmutter geschworen hatte, verschob aber dessen Erfüllung, bis er eine vollkommene Kenntnis des Falls erlangt haben würde. Wir brauchen nicht hinzuzufügen, daß in diesem letzteren Fall der Rächer Marcos Arellanos‘ die Erfüllung seines Gelübdes nur in einem Kampf auf Leben und Tod sah, aber mit offenem Visier.

Andere Ideen nahmen auch noch die Gedanken Tiburcios in Anspruch: Jeder Schritt brachte ihn derjenigen näher, in der sich seine zärtlichsten Neigungen vereinigten, und wie es dem Herzen des Mannes eigentümlich ist, das zu hoffen, was er nur halb wünscht, so muß er auch immer unübersteigbare Hindernisse sich gegen ihn und gegen den Besitz der Gegenstände auftürmen sehen, nach denen er am eifrigsten begehrt. Darin liegt das Geheimnis der heroischen Entschlüsse.

Während des Rittes war die Aufregung Tiburcios nach und nach gefallen, und er sah nun Unmöglichkeiten, die seine Träume im Nachtlager an der Poza ihn nicht hatten bemerken lassen. Er faßte also den verzweifelten Entschluß, noch diesen Abend zu erfahren, woran er sich zu halten habe.

Als Tiburcio durch die Gunst des Zufalls Doña Rosarita tief im Wald getroffen hatte, verirrt samt ihrem Vater und den Dienern, die sie begleiteten; als er, überglücklich, sie zwei Tage begleiten zu können, der Schönheit des jungen Mädchens jene Huldigung dargebracht hatte, die bei einem jungen Mann eine rasche und tiefe Liebe ist, hatte er sich mit sehr süßen Träumen eingewiegt bis zu dem Augenblick, in dem er erfuhr, daß sie die Tochter des reichen Don Agustin Peña sei, und die ganze Torheit seiner Hoffnungen einsah, indem er die Entfernung maß, die ihn von ihr trennte.

Wenn er also mit so großem Eifer die Hoffnung festhielt, die die Offenbarung des Geheimnisses, das er besaß, in ihm erregt hatte; wenn die ängstliche Gier nach Reichtum ihn quälte, so geschah dies nicht um des Reichtums willen. Er hatte dabei einen noch edleren Zweck, der seinem mehr poetischen als der Wirklichkeit sich hingebenden Charakter viel angemessener war, nämlich den, sich eine goldene Brücke zu bauen, um bis zur Tochter Don Agustin Peñas zu gelangen. Unglücklicherweise konnte er es sich nicht mehr verhehlen, daß er nicht allein das Dasein und die Lage der geheimnisvollen Goldmine wußte. Mit einem Mal leuchtete ihm ein, daß die Expedition, mit der er sich unfreiwillig vereinigt sah, keinen anderen Zweck haben könne als die Eroberung dieses Schatzes, und der Mann, der das Geheimnis mit ihm teilte, mußte sich unter denen befinden, die unter den Befehlen desjenigen standen, den er hatte Don Estévan nennen hören. Die zweideutigen Fragen Cuchillos, sein Aussehen, dieses Pferd, das wie das des Begleiters und Mörders seines Adoptivvaters strauchelte, hatten plötzlich ein aufhellendes Licht in die Dunkelheit seiner Gedanken geworfen – aber das war nicht genug! Wie sollte er sich vollständige Gewißheit verschaffen?

Eine andere, noch viel schmerzlichere Ungewißheit ließ sein Herz höher schlagen: Welche Aufnahme bereitete ihm Doña Rosarita – ihm, dem armen Landmann ohne Hilfsmittel, ohne Familie, ohne Namen, der sich an einer wechselvollen Expedition beteiligt und sich unter den Schwarm der heimatlosen Abenteurer geworfen hatte, die die Habgier mitten in diese Einöden trieb? Traurige Vorgefühle jeder Art stiegen in seiner Seele auf, als der Zug, an dem er so bescheiden teilnahm, die Palisaden der Hacienda erreichte.

Die Schranken waren offen, um sie zu empfangen, und Don Agustin selbst kam seinen Gästen, die er erwartete, entgegen. Er war noch in kräftigem Alter, und sein sonnverbranntes Gesicht trug ganz die ländliche Ungezwungenheit und jenes entschlossene Aussehen, das einem Mann eigentümlich ist, der mitten in Gefahren lebt. Er hatte eine Weste von ungebleichtem chinesischen Batist angezogen, und sein gesticktes Hemd, das sich über einer breiten Brust faltete, ließ in seiner Durchsichtigkeit auf eine rauhe Haut von fast ebenso gebräunter Farbe als sein Gesicht schließen. Mit der seinen Landsleuten eigentümlichen gefälligen Haltung empfing er ehrerbietig Don Estevan und den Senator, und der herzliche Empfang, der Tiburcio zuteil wurde, schien diesem von glücklicher Vorbedeutung.

Die Reisenden waren alle vom Pferd gestiegen; Cuchillo, der aus Ehrerbietung für seinen Chef und um sein Pferd zu besorgen, draußen geblieben war, ließ sich das Zimmer der beiden Abenteurer zeigen, die vorausgeritten waren, und suchte dann die Ställe auf.

Was Tiburcio anlangt, der nicht dieselben Gründe hatte, ähnlich zu handeln, so ging er mit dem Senator Tragaduros und Don Estévan in den gemeinschaftlichen Saal, obwohl mit bleicher Stirn und klopfendem Herzen. Der Saal, in den er durch seinen Gastfreund geführt wurde, war der große Salon, mit dem der Leser schon bekannt ist.

Aber alles verschwamm vor den Augen Tiburcios. Es befand sich dort ein Wesen, dessen Lippen das Rot der Granatäpfel erbleichen ließ, die verschwenderisch auf dem Tisch lagen, und dessen Wangen die rosige Farbe der »Sandias« widerstrahlten: das war Doña Rosarita selbst. Ihr über den Kopf geworfener seidener Schleier ließ dazwischen hindurch die glänzenden Flechten ihres Haares sehen und umgab mit seinen Falten das bezaubernde Oval ihres Gesichts. Der schmale Schleier verhüllte ihre Schultern, fiel aber nicht bis zur Taille hinab, deren Umrisse durch einen scharlachenen Gürtel gehoben wurden, und unter den schillernden Falten des Schleiers verliehen strahlendweiße Arme dem himmelblauen Rebozo einen neuen Glanz.

So anmutig auch das Lächeln war, das sie Tiburcio entgegensandte, so war doch etwas Hochfahrendes in dem Willkommensgruß, mit dem sie den glücklichen Zufall erwähnte, der ihn zu ihrem Vater führte, der für seine guten Dienste ebenso dankbar wie sie sei.

Tiburcio seufzte bei dem Gedanken, daß dieser Zufall durch den Tod seiner Adoptivmutter eingetreten sei und daß diese kalte Höflichkeit weit entfernt sei von der Hingebung, die sie bei ihrem ersten Zusammentreffen gezeigt hatte. Dann richtete er seine Blicke auf seine zerrissenen Kleider, die in seinen Augen einen peinlichen Kontrast zu dem eleganten Anzug der beiden anderen Reisenden bildeten. Während Don Estévan seinen Gastgeber mit jenem feinen Anstand unterhielt, der ihn auszeichnete, verschlang der Senator mit den Augen die Tochter Don Agustins und verfehlte nicht, seine hochtrabenden Komplimente mit den geschmackvollen Artigkeiten zu verbinden, die Señor Arechiza wie ein Mann an sie richtete, der die Welt besser kennt.

Wohl war das Lächeln, mit dem die junge Doña diesen Wetteifer an Artigkeiten aufnahm, sehr verschieden von demjenigen, das sie Tiburcio gewährt hatte. Auch beobachtete dieser ängstlich die gefällige und überlegene Haltung derjenigen, die er schon als Gegner ansah, und vorzüglich die lebhaften Farben der Wangen Rosaritas, das Blitzen ihrer Augen und die unregelmäßigen Bewegungen ihres Busens, der ihren Rebozo sich heben ließ. Sie schien alle naive Freude einer ländlichen Kokette bei den Artigkeiten eines großen Herrn zu empfinden, sobald eine innere Stimme ihr sagt, daß sie verdient sind.

Seinerseits las Don Estévan in den ausdrucksvollen Zügen Tiburcios die Gefühle seines Herzens, und mehr als einmal verglich er wider Willen dessen männliche Schönheit mit der gewöhnlichen Gestalt des Senators; und als ob er gefürchtet hätte, seine geheimen Pläne durchkreuzt zu sehen, runzelte er mehrmals zornig die Augenbrauen, und seine Augen blitzten in düsterem Feuer. Nach und nach hörte er auf, sich an der Unterhaltung zu beteiligen, und schien in tiefe Gedanken versunken. Unmerklich zeigte sich auch ein Zug von Melancholie auf dem Antlitz Rosaritas.

Was den Senator und Don Agustin betraf, so schienen sie beide eine unstörbare Zufriedenheit zu genießen.

In diesem Augenblick kam Cuchillo, von Baraja begleitet, herein, um ebenfalls dem Herrn der Hacienda seine Aufwartung zu machen. Sein Eintreten brachte eine etwas verwirrte Bewegung hervor.

Tiburcio schien jetzt einen verzweifelten Entschluß zu fassen, und den Augenblick der Verwirrung nützend, näherte er sich Rosarita: »Ich würde mein Leben dafür geben«, sagte er zu ihr mit leiser, bittender Stimme, »mit Euch – und wäre es auch nur einen Augenblick – über Dinge von der höchsten Wichtigkeit sprechen zu können.«

Rosarita sah ihn mit erstaunter Miene an, obgleich vielleicht alte Bekanntschaft und die Ungezwungenheit mexikanischer Sitten eine solche Forderung hätten entschuldigen können. Sie machte eine verächtliche Bewegung mit den Lippen und schien zu überlegen; Tiburcio warf einen bittenden Blick auf sie. Da alles bei ihr Sache der augenblicklichen Eingebung zu sein schien, so dauerte die Überlegung nicht lange; sie antwortete kurz: »Heute abend um zehn Uhr werde ich hinter dem Gitter meines Fensters sein.«

Während noch der herrliche Klang ihrer Stimme wonnig in den Ohren Tiburcios widertönte, kündigte man an, daß das Abendessen bereit sei. Man ging in einen anderen Saal.

Eine glänzend servierte Tafel nahm dessen Mitte ein, und das Licht zahlreicher Kerzen, die die kühle Nachtluft in ihren kristallenen Leuchtern erzittern ließ, beleuchtete das alte und massive Silberzeug, das überall funkelte. Obgleich, der Sitte gemäß, der ganze Speisenreichtum, mit dem der Tisch beladen war, für einen europäischen Palast nur eine närrische Parodie aller Regeln der Kochkunst gewesen wäre, so schien er doch allen Gästen, mit Ausnahme Don Estévans, als das Nonplusultra von Luxus und Wohlgeschmack.

Das obere Ende der Tafel war von Don Agustin, seiner Tochter, Don Estévan, dem Senator und dem Kaplan der Hacienda eingenommen. Tiburcio, Cuchillo, Pedro Diaz und Oroche waren an das andere Ende verwiesen worden.

Der Beichtvater sprach das Benedicite. Obgleich er nicht mehr so ganz ohne Umstände stotterte wie damals, als er die Totengebete in der Hütte Tiburcios hersagte, sondern in salbungsvollem Ton ein der Feierlichkeit angemessenes Gebet sprach, erweckte doch seine Stimme im Herzen des verwaisten jungen Mannes die traurigen Erinnerungen, die neuere Eindrücke auf Augenblicke verwischt hatten.

Fröhlichkeit begann bald unter den Tischgenossen zu herrschen. Man sprach von der Expedition, man tat Gelübde auf ihr Gelingen; dann brachte man ungeheure Wasserkrüge wie in alter Zeit, und diese gingen nach und nach aus den Händen eines jeden Tischgenossen zu seinem Mund.

»Ehe ihr euch zurückzieht, meine Herren«, rief der Wirt, »habe ich die Ehre, euch morgen zu einer Jagd auf wilde Pferde einzuladen, die beim Anbruch des Tages stattfinden wird.«

Alle Gäste nahmen die Einladung mit der Nachlässigkeit von Leuten auf, die gut gespeist haben und folglich glauben, daß der folgende Tag ihnen gehört.

»Caramba!« rief Cuchillo. »Ich würde auf die Expedition verzichten, könnte ich täglich eine solche Mahlzeit halten.«

»Das wäre der Teufel«, sagte Tragaduros, der Senator, Don Estévan ins Ohr, »wenn ein Mann, der seine Gäste so aufnimmt, sich weigern sollte, mir tausend Piaster zu leihen.«

Tiburcio sagte nichts; die Eifersucht quälte ihn. Er hatte die Speisen kaum berührt, die man ihm vorgelegt hatte. Er warf nach der Seite Don Estévans, der selbst nicht aufgehört hatte, ihn während des Abendessens mit einem gewissen Mißtrauen zu beobachten, einen Blick des Hasses um aller Aufmerksamkeiten willen, mit denen er Rosarita überhäuft hatte, und tat nur in einem Punkt wie die übrige Tischgesellschaft: er suchte nämlich sein Zimmer auf, das man ihm bezeichnet hatte.

Bald erstarb nach und nach das letzte Geräusch – auch die Diener gingen auf die Gesindezimmer —, und dieses weitläufige Gebäude, noch eben so voll von Lärm, wurde still, als ob alle, die es bewohnten, tief im Schlaf begraben lägen.

Dennoch schlief nicht alles.

13. Wie Tragaduros, obgleich er seine Rechnung mit dem Wirt macht, doch in Gefahr ist, zweimal zu rechnen

Tiburcio erwartete auf seinem Zimmer ungeduldig die Stunde der Zusammenkunft, die ihm Rosarita gewährt hatte. Er warf einen Blick von seinem Fenster auf die schlafende Landschaft. Der Mond schien hell und erleuchtete wie ein langer Faden den Weg, den er verfolgt hatte und der sich durch die Ebene hinschlängelte und sich mitten im umliegenden Wald verlor. Der Wald selbst war in tiefes Schweigen eingehüllt, und der Windhauch bewegte die silberglänzenden Wipfel. Die Quellen in seinem Schutz waren den Bewohnern der Wälder preisgegeben, und von Zeit zu Zeit zeugte ein dumpfes Brüllen von der Angst eines Stiers, der den scharfen Geruch von nächtlichen Raubtieren witterte. Diese Töne, vereint mit den Akkorden einer Mandoline, die im Innern der Hacienda erschollen, störten allein das melancholische Schweigen der Nacht.

Die Stunde war ebenso günstig verliebten wie ernsten Gedanken, und die einen und die anderen überwogten den Geist Tiburcios. Wie alle, die in der Einsamkeit gelebt haben, besaß sein Herz einen Schatz träumerischer Poesie, die sich bei ihm mit der tatkräftigen Energie des Mannes verband, für den diese Einöde mit Gefahren angefüllt ist. Seine gegenwärtige Lage stand somit in Wechselwirkung mit dieser zwiefachen Fähigkeit. Seine Liebe war bedroht – die Kälte Dona Rosaritas sagte es ihm klar genug —, und ein Vorgefühl ließ ihn auch erkennen, daß er von Feinden umgeben sei. Mitten in der Traurigkeit seiner Seele zog ein wirkliches Ereignis seine Aufmerksamkeit auf sich. Ein Lichtglanz blitzte fern unter dem Laubdach des Waldes. Dieser Lichtglanz, ein wenig durch die Klarheit des Mondes verdunkelt, zitterte geheimnisvoll durch die schwankenden Zweige, blieb aber wirklich auf einem Punkt. Er bewies also, daß Reisende dort übernachteten. »So nahe bei der Hacienda?« sagte er sich, indem er bei diesem Anblick seinem Nachdenken ein Ende machte. »Was soll das heißen? Warum kommt man nicht hierher und bittet um gastliche Aufnahme? Die Reisenden haben also einen Grund, sich fernzuhalten? Sind es Feinde, die ich zu den meinigen hinzuzählen muß? Gehören sie vielleicht zu jenen unbekannten Freunden, die der Himmel zuweilen denen schickt, die ihrer bedürfen? Cuchillo, Don Estévan, dieser anmaßende Senator sind ebenso viele Feinde für mich! Alle haben Schutz gefunden unter diesem Dach; warum sollten diese Menschen nicht Freunde sein?«

Unterdes verging die Zeit; Tiburcio nahm seinen Zarapa und hüllte sich hinein, steckte sein Messer in den Gürtel – es war die einzige Waffe, die er besaß – und machte sich bereit, ohne Geräusch hinauszugehen, mit pochendem Herzen wie ein Mann, über dessen Glück wenige Minuten entscheiden sollen. Ehe er sein Zimmer verließ, warf er noch einen Blick auf den hellen Punkt, der immer an derselben Stelle glänzte. Während Tiburcio mit lauerndem Auge, vorsichtigem Fuß und wachsamem Ohr leise den schweigenden Hof durchschritt und am Hauptgebäude, hinter dem sich das Zimmer Dona Rosaritas befand, entlangging, fanden auch noch andere Ereignisse statt, die notwendig hier erwähnt werden müssen.

Seit seiner Ankunft in der Hacienda del Venado hatte Don Estevan in Gegenwart aller Gäste kaum Zeit gehabt, in einer kurzen Unterhaltung mit dem Hacendero diesem oberflächlich den Erfolg seiner Verhandlung mit Cuchillo mitzuteilen. Bei dem Wort »Goldmine« hatte Don Agustin eine Gebärde enttäuschter Erwartung gemacht; aber bei der Unmöglichkeit, mehr darüber zu sagen, hatte er den Spanier gebeten, noch am selben Abend die Fortsetzung ihrer vertraulichen Eröffnung wiederaufzunehmen.

Arechiza hatte also gewartet, bis jeder nach Beendigung des Abendessens auf das für ihn bestimmte Zimmer gegangen war, dann führte er den Senator in die Vertiefung eines Fensters, und indem er ihm das von Sternen blitzende Gewölbe des Himmels zeigte, sprach er: »Ihr seht dort den ›Wagen‹, der schon im Morgen steht. An der Seite dieses strahlenden Sternenbildes bemerkt Ihr jenen Stern, der, in nebliger Ferne, kaum einen Schein herwirft. Das ist das Bild Eures Sterns, der, jetzt noch bleich, morgen vielleicht strahlender aufgehen wird als irgendeiner von denen, die das glänzende Gefolge des Wagens bilden.«

»Was muß ich also tun, Señor Arechiza?«

»Ich will es Euch heute abend sagen, und vielleicht ist der Augenblick weniger fern, als Ihr glaubt, in dem Ihr durch die Heirat mit dem prächtigen Mädchen, das deren Erbin ist, der zukünftige Herr dieser Hacienda sein werdet. Erwartet mich in meinem Zimmer; meine bevorstehende Unterhaltung mit Don Agustin wird entscheidend sein, und ich werde Euch so bald wie möglich von deren Ergebnis in Kenntnis setzen.« Mit diesen Worten verabschiedete der Spanier den Senator, dessen Herz zugleich vor Hoffnung und Furcht heftig schlug. Dann ging er zu dem Hacendero, der ihn erwartete.

Der Eigentümer der Hacienda del Venado hatte, wie wir schon gesagt haben, dem Spanier die ausgezeichnetste Aufnahme zuteil werden lassen, doch war in seinem Empfang vor Zeugen immer noch weniger Ehrfurcht zu bemerken, als die Haltung des Hacenderos zeigte, wenn er sich dem Spanier allein gegenübersah. Don Estévan schien seinerseits die Huldigungen Don Agustins zu empfangen wie etwas, das ihm zukam. Es lag in der artigen Herablassung Señor Arechizas gegen den reichen Eigentümer und in dessen vollständiger, ehrerbietiger Unterwürfigkeit eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Verhältnis eines hochgestellten, mächtigen Oberherrn zu einem edlen Vasallen.

Nur auf die wiederholten Bitten – wir müßten fast sagen, auf den dringenden Wunsch – des Spaniers willigte Don Agustin ein, sich zu setzen, während der erstere sich in einen mit Leder ausgeschlagenen Lehnsessel mit einer Nachlässigkeit geworfen hatte, die mit der vornehmen Haltung seiner Persönlichkeit ganz übereinstimmte.

Der Hacendero wartete schweigend, bis Don Estévan das Wort nehmen würde.

»Nun, wie gefällt Euch Euer zukünftiger Schwiegersohn?« fragte der Spanier. »Ihr habt ihn, denke ich, noch niemals gesehen?«

»Niemals!« antwortete Don Agustin. »Aber wäre er auch von der Natur weniger begünstigt, als er es ist, so wißt Ihr, daß dies unter uns kein Hindernis für unsere Pläne gewesen wäre.«

»Ich weiß es; denn man muß es anerkennen, es liegt in jedem rohen Klotz der Stoff zu einem Edelmann; um wieviel mehr erst in der Person eines Senators des ruhmvollen Kongresses von Arizpe!« fügte der Spanier mit einem leichten Anflug von Verachtung hinzu. »Aber das Hindernis liegt nicht darin; entscheidend ist, daß Eure Tochter ihren Bewerber nach ihrem Geschmack findet.«

»Meine Tochter wird nur nach meinem Willen handeln«, sagte der Hacendero.

»Selbst in dem Fall, daß ihr Herz nicht mehr frei sein sollte?«

»Das Herz Rosaritas ist frei, Don Estévan!« erwiderte Don Agustin. »Wie sollte es auch anders sein? Ihre Kindheit und ihre Jugend sind in unseren Einöden verflossen.«

»Und dieser junge zerlumpte Mann, dieser Tiburcio Arellanos, den Ihr schon zu kennen scheint?« fragte Don Estévan. »Er liebt Eure Tochter!«

»Ich weiß es seit heute morgen.«

»Wenn Ihr erst seit einigen Stunden das Geheimnis seiner Liebe wißt, könnte Euch das Geheimnis Doña Rosaritas nicht entgangen sein?«

»Freilich«, antwortete Don Agustin lächelnd, »verstehe ich mich besser darauf, der Spur eines Indianers zu folgen und auf seinem schlauen Gesicht seine geheimsten Gedanken zu lesen, als den Grund des Herzens eines jungen Mädchens zu erforschen; aber ich wiederhole: Ich habe Grund, zu glauben, daß das Herz Rosaritas frei ist von jeder früheren Liebe. Es obwaltet aber ein ernstlicheres Hindernis, Don Estévan – ich meine nicht gegen die zwischen uns verabredete Verbindung, sondern gegen die Expedition, die Ihr tief in die Steppen hinein unternehmen wollt.«

Der Hacendero teilte nun Don Estévan die Einzelheiten mit, die ihm von dem Franziskanermönch in betreff des Tiburcio hinterlassenen Geheimnisses von einer unermeßlichen Goldmine anvertraut waren.

Wir schweigen jedoch vorerst über den Eindruck, den diese vertrauliche Mitteilung auf den Spanier machte. Die Unterhaltung zwischen dem Hacendero und ihm dauerte noch lange. Was hatten sie sich zu sagen? Wir werden es später erfahren. Unterdessen ist es nötig, den Senator wieder aufzusuchen, der voll Angst die Minuten zählte bis zur Rückkehr Don Estévans in das für ihn bereitete Gemach.

Das Don Estévan de Arechiza angewiesene Zimmer war ohne Widerspruch das reichste der Hacienda, und doch hat der Luxus im Hausgerät noch so geringe Fortschritte in der Provinz Sonora gemacht, daß dieser Reichtum an Nacktheit grenzte. Kein Vorhang verhüllte die Eisenstäbe, die das im ersten Stockwerk gelegene Fenster schützten. Die Mauern waren einfach mit Kalk geweißt, einige Sessel, wie Pfühle mit Schilf geflochten, Koffer aus dem Holz des Kampferbaumes, die als Schränke dienten – das war das Gerät, das das Zimmer schmückte. Das einzige Stück von einiger Auszeichnung darin war eine mit Ölfarbe angestrichene Bettstelle, lackiert und mit goldenen Arabesken geschmückt. Über die breite Steppdecke von Indianerzeug, die das Oberbett vertrat, breiteten sich lange Besätze von Musselin und Spitzen in wallenden Falten. Das Kopfende des Bettes war mit drei flachen, viereckigen Kopfkissen versehen, die an beiden Enden und durch den luftigen Batist ihres Überzugs die purpurrote Seide hindurchschimmern ließen, mit der sie darunter wieder überzogen waren. Sie waren mit ähnlichen Behängen von Spitzen und Musselin verschwenderisch ausgeschmückt.

Hier finden wir den Spanier und Tragaduros wieder. Auf dem schilfgeflochtenen Sofa sitzend, folgte Don Estévan mit den Augen dem Senator, der in lebhaftester Erregung in der Stube auf und ab ging.

»Nun was haltet Ihr von der Tochter unseres Wirtes, Don Vicente?« fragte Arechiza, der mit der Unruhe Don Vicentes sein Spiel zu treiben schien. »Habe ich Rosaritas Schönheit übertrieben geschildert?«

»Oh, mein Gönner«, rief der Senator mit den lebhaftesten Gebärden des Südens, »die Wirklichkeit hat die Erwartungen übertroffen – sie ist ein Engel! In unserem durch die Schönheit seiner Frauen so berühmten Land ist Doña Rosarita gewiß die schönste.«

»Und die reichste«, meinte der Spanier lächelnd.

»Wer hätte vermuten können, daß sich mitten in dieser Einöde eine so vollkommene Schönheit verberge? So viel Frische, Reiz und Jugend sind dazu geschaffen, auf dem edelsten Schauplatz zu glänzen.«

»Am Hof eines Königs zum Beispiel«, sagte Arechiza nachlässig.

»Oh, Don Estévan«, rief der Senator, »laßt mich nicht so lange in Ungewißheit; soll die göttliche, die reiche Doña Rosarita mein Weib werden?«

»Ein Wort von mir, ein Versprechen von Euch, und sie wird es! Ich habe das Wort des Vaters. Nach vierzehn Tagen werdet Ihr der Gatte seiner Tochter sein.«

»Das ist ebenso süß als leicht.«

»Später werdet Ihr reich sein.«

»Das verdirbt nichts.«

»Dann werdet Ihr ein großer Herr werden!«

»Oh, das ist prächtig; wahrhaftig, Señor de Arechiza! Das ist eine Kaskade von glücklichen Ereignissen; man könnte nicht lieblicher anfangen, um besser zu enden. Es ist ein Traum, es ist ein Traum!« rief der Senator, indem er abermals die Stube mit großen Schritten durchmaß.

»Beeilt Euch doch, eine Wirklichkeit daraus zu machen!« erwiderte Don Estévan.

»Ist es denn so eilig?« fragte der Senator, indem er plötzlich still stand.

»Warum diese Frage? Kann man sich etwa zu sehr beeilen, glücklich zu sein?«

Der Senator war nachdenklich geworden. Ein Anfall von Mißtrauen schien plötzlich die Quelle seiner Trunkenheit zu vertrocknen, und mit besorgter und bestürzter Miene erwiderte er: »Ich hatte mich darein ergeben – ich gestehe es —, eine Erbin zu heiraten, deren Häßlichkeit, wie es gewöhnlich so ist, ihren Reichtum aufhöbe, und nun seht Ihr mich verwirrt von deren Schönheit.«

»Wäre Euch das zufällig unangenehm?«

»Nein, aber dieses Glück erschreckt mich. Es scheint mir, daß irgendein Grund, den ich nicht erraten kann – wie soll ich sagen? —, irgendeine traurige Enttäuschung sich unter dieser verführerischen Aussicht verbirgt.«

»So ist das Herz der Menschen«, sprach Don Estévan. »Ich würde auf diesen Einwurf von Seiten eines jeden anderen gefaßt gewesen sein, aber ich hätte nicht gedacht, daß Ihr über die Vergangenheit unruhig sein könntet, wenn man Euch die Gegenwart und die Zukunft so schön zubereitet hat. Ach, ach, über den armen Despilfarro«, fuhr der Spanier lachend fort; »ich hätte ihn, bei meiner Ehre, für stärker gehalten!«

»In der Tat«, erwiderte der Senator, indem er einen hohen Beweis diplomatischer Fassungskraft zu geben meinte. »Warum – unter uns gesagt – an andere diesen Schatz von Schönheiten zu verschwenden, ohne von den Reichtümern zu reden, über die dieses verführerische Wesen zu verfügen hat, wenn Ihr selbst …«

»Wenn ich sie selbst heiraten könnte, nicht wahr? Was wollt Ihr? Ich habe keinen Geschmack am Heiraten. Ich habe den Trieb dazu gehabt – früher – wie jedermann. Meine Geschichte ist die vieler Männer gewesen: Meine Herrin hat einen anderen geheiratet. Freilich habe ich mich darüber sehr … freilich habe ich mich darüber sehr bald getröstet«, sagte Arechiza, sich verbessernd. »Aber was glaubt Ihr denn, wer ich bin?«

»Wer Ihr seid? Nun, wahrhaftig, Ihr seid Don Estévan de Arechiza.«

»Nun, das macht Eurem Scharfsinn Ehre! Wohlan – da ich einmal die Hand Doña Rosaritas für den edlen Senator Tragaduros y Despilfarro gefordert habe, so kann ich jetzt seine Stelle nicht mehr einnehmen.«

»Aber warum habt Ihr denn«, erwiderte der Senator, »diese Forderung nicht für Euch getan?«

»Warum? Weil Doña Rosarita – wäre sie auch noch dreimal schöner und dreimal reicher – doch weder schön noch reich genug für mich wäre.«

Despilfarro fuhr erstaunt zurück. »Aber wer seid Ihr denn, so frage ich Euch nun meinerseits«, rief er, »um eine solche Verbindung verächtlich auszuschlagen?«

»Nun, wie Ihr sagtet: Don Estévan de Arechiza«, antwortete der Spanier einfach.

Der Senator ging dreimal in der Stube auf und ab, ehe er seine Gedanken sammeln konnte; aber treu dem System des Mißtrauens, das plötzlich in ihm wach geworden war, erwiderte er: »Es ist in alledem etwas, was ich mir nicht erklären kann; und wenn ich mir die Dinge nicht erklären kann, so begreife ich sie nicht!«

»Das ist sehr folgerichtig«, antwortete Don Estévan mit spöttischem Ton. »Aber sollte ich mich in Euch getäuscht haben, mein lieber Senator? Ich tat Euch die Ehre an, Euch über gewisse Vorurteile erhaben zu glauben; und wenn in der Vergangenheit der schönen Rosarita – wie soll ich sagen? – irgendein … Vorurteil unter die Füße zu treten wäre, heißt das, daß eine Million als Mitgift und drei Millionen in Zukunft in Euren Augen von keinem Gewicht sein würden?« fuhr er fort, als ob er die moralische Kraft eines Mannes ergründen wollte oder vielmehr die Stärke und die Tragweite eines Werkzeugs, dessen er sich bedienen mußte.

Despilfarro antwortete nichts.

»Laßt hören! Ich erwarte eine Antwort!« sagte Don Estévan, der an der Verwirrung des Senators Vergnügen zu finden schien.

»Ihr seid wirklich grausam, Don Estévan«, nahm Despilfarro das Wort, »die Leute so in Verlegenheit zu setzen; ich … ich … Caramba – das ist sehr ärgerlich …«

Don Estévan unterbrach ihn. Dieser Zweifel sagte ihm, was er wissen wollte; ein ironisches Lächeln umschwebte seinen Mund, dann ließ er ab vom spöttischen Ton und sagte ernsthaft: »Hört, Tragaduros, es wäre eines Edelmanns unwürdig, noch längere Zeit einen Scherz fortzusetzen, wenn es auf Kosten der Ehre einer Frau geschieht. Die Vergangenheit Doña Rosaritas ist rein wie ihre Stirn.«

Der Senator atmete wieder auf.

»Übrigens«, fuhr Don Estévan fort, »ist es nötig, daß Ihr ein unbegrenztes Vertrauen zu mir habt. Ich werde Euch also zuerst das Beispiel einer rückhaltlosen Offenherzigkeit geben; der Erfolg der edlen Sache, die ich unternommen habe, hängt davon ab. Wisset also zuerst, wer ich bin. Arechiza«, fuhr er lächelnd fort, »ist nur mein angenommener Name; was den Namen betrifft, den ich wirklich trage und den ich Euch sogleich sagen will, so habe ich seit meiner Jugend einen Eid geleistet, daß keine Frau – wäre sie auch schöner und reicher als Doña Rosarita – ihn jemals mit mir teilen soll. Soll ich jetzt, da meine Schläfen anfangen, weiß zu werden, einen Eid brechen, den alles mir zu halten befiehlt? Denn wenn auch zuweilen eine Frau wie diejenige, die ich Euch vorschlage, ein Fußschemel zum Ehrgeiz sein kann, so ist sie doch noch viel öfter ein Hindernis.« So sprechend, schritt Don Estévan seinerseits mit aufgeregter Miene auf und ab, während sich noch ein Rest von Mißtrauen auf dem Gesicht seines Begleiters lesen ließ. Dann nahm er wieder das Wort: »Ihr wolltet genauere Erklärungen – Ihr sollt sie haben!«

Don Estévan schloß das Fenster, damit nichts von dem, was er zu sagen im Begriff stand, in der Stille der Nacht gehört werden könnte. Er lud den Senator ein, sich zu setzen, und blieb aufrecht vor ihm stehen. Tragaduros sah ihn mit lebhafter Neugierde an; aber er senkte bald die Augen vor den Feuerblicken des Spaniers. Es schien, als ob die Gestalt Don Estévans eine andere wurde und sich plötzlich vergrößerte. »Ich habe zu Euch von Geheimnissen gesprochen, deren Kenntnis denjenigen schwindlig macht, der sie anhört«, sagte er. Der Senator erbebte.

»Als der Versucher den Menschensohn auf den Gipfel eines Berges führte und ihn alle Reiche der Welt sehen ließ und sie ihm versprach, wenn er ihn anbeten wolle«, fuhr der Spanier fort, »da bot er dem Herrn der Welt kaum mehr an, als ich dem Senator von Arizpe anbieten will. Wie der Versucher will ich zu Euren Füßen die Ehre, die Macht und den Reichtum legen, wenn Ihr Euch vor meinen Bedingungen beugen wollt. Hört mich also an, ohne daß Euer Herz erzittert, ohne daß der Schwindel Eure Augen blendet!«

14. Tragaduros gerät wirklich außer sich

Dieser feierliche Eingang, die ehrfurchtgebietende Haltung Don Estévans, die plötzlich auf den spöttischen Ton folgte, den der Spanier bis jetzt beibehalten hatte, machten auf den Senator einen peinlichen Eindruck. Einen Augenblick bedauerte er sogar, sich so weit eingelassen zu haben, und selbst die Million als Mitgift, die rosigen Lippen und die schwarzen Augen Doña Rosaritas verloren etwas von dem blendenden Glanz, mit dem sie ihn bezaubert hatten.

»Vor etwa zwanzig Jahren«, fuhr der Spanier fort, »hatte ich mich einen Augenblick über meinen Beruf in dieser Welt getäuscht; ich glaubte mich geschaffen für ein häusliches Leben, für diese lächerlichen Schäferspiele, von denen gewisse junge Herzen träumen. Eine Enttäuschung … ein … Ereignis ließ mich einsehen, daß ich über mich selbst ganz im Irrtum gewesen war; ich war nur ehrgeizig, weiter nichts. Ich habe darum in einer ehrenvollen Laufbahn die Befriedigung meiner Wünsche gesucht, und die Auszeichnungen sind mir zugeflossen. Ich habe das Recht erworben, vor dem König von Spanien das Haupt zu bedecken. Als Ritter des Ordens des heiligen Jakob vom Schwert, habe ich bei den Feierlichkeiten am Hof den weißen Mantel und den roten Ordensdegen getragen, und für mich war das Gelübde der Keuschheit kein betrüglicher Eid. Als Ritter Karls III. teile ich mit den Prinzen der königlichen Familie den Titel des Großkreuzes, dann nach und nach die Ordensbänder des heiligen Ferdinand, der heiligen Hermenegilde, des Goldenen Vlieses und von Calatrava – beneidete Auszeichnungen, die indes für mich nur ein trauriger Trost waren.«

Diese prunklose Aufzählung blendete den Senator, der auf den Redner einen Blick ehrfurchtsvollen Staunens warf.

Don Estévan fuhr fort: »Die Reichtümer folgten bald den Ehrenbezeigungen. Die reichen Jahresgehälter, verbunden mit dem Vermögen meiner Vorfahren, ließen die Zeit weit hinter mir, wo ich, noch ein einfacher jüngerer Sohn der Familie, nur alles wünschen durfte, und – soll ich es Euch gestehen? – ich war nicht zufrieden. Und doch hatten mich, obgleich nur einfacher Edelmann durch den Zufall meiner Geburt, meine Anstrengungen zum Grafen von Villamares, Marquis von Casareal und Herzog von Armada gemacht.«

»Oh, Señor Herzog«, sagte Despiléarro demütig, »erlaubt … aber … ich …«

»Ich bin noch nicht zu Ende!« sagte der spanische Senator ruhig. »Sobald ich alles gesagt haben werde, habt Ihr hoffentlich keine Zweifel mehr. – Ohne das beleidigende Mißtrauen, das Ihr mir bewiesen habt, würde ich immer für Euch nur der heimliche Agent eines Fürsten geblieben sein, der seinen ganzen Ruhm aus dem Vertrauen geschöpft hätte, mit dem er geehrt ist; ich wäre auch ferner nur für Euch ein einfacher Edelmann Don Estévan de Arechiza geblieben und nichts weiter. Es ist aber dringend notwendig, daß die Rückkehr dieses Mißtrauens sich niemals wieder zeige; darum sollt Ihr auch den Zweck, den ich verfolge, kennenlernen; Ihr sollt meine geheimsten Gedanken lesen.«

Der spanische Señor machte eine Pause, und der Senator bereitete sich vor, ihn mit dem ehrfurchtsvollsten Schweigen anzuhören.

»Ich habe Euch eben gesagt, daß ich seit zwanzig Jahren die Freuden des Ehrgeizes statt des Ehrgeizes selbst gesucht habe; ich habe da die Unwahrheit gesagt. Ich habe zwanzig Jahre meines Lebens verbraucht, um eine Erinnerung zu töten und zu gleicher Zeit meinen Ehrgeiz zu befriedigen«, fuhr der Herzog von Armada fort, den wir auch ferner Don Estévan nennen wollen.

»Einen Augenblick habe ich gehofft, daß diese Erinnerung mitten in den Erschütterungen eines stürmischen Lebens geschwächt würde. Fast gegen meinen Willen also haben während dieser unaufhörlichen Versuche die Reichtümer und Ehrenstellen mich aufgesucht. Ich verfolgte demnach einen doppelten Zweck: den Ehrgeiz zu sättigen und einen Tag meines Lebens zu vergessen.

Als der Liebling eines Fürsten, den ein altersschwacher König und ein schwächliches Kind allein von einem der ersten Throne der Christenheit trennen; überhäuft mit Ehren und Reichtümern; hoch genug gestellt, um tausend Feinde zu haben; zu mächtig, um auch nur einen unter ihnen zu fürchten, habe ich einen Augenblick zu triumphieren gemeint; ich habe geglaubt, zwischen meine Erinnerungen und mich eine unermeßliche Entfernung gelegt zu haben – vergebliche Hoffnung! Wie bei jenen südlichen Horizonten die Durchsichtigkeit der Luft uns die abgebrochenen Umrisse eines Gegenstands trotz der Entfernung erraten läßt, so tauchten die kleinsten Ereignisse einer verabscheuten Vergangenheit ebenso klar vor meinen Augen empor wie vor der Zeit meiner Größe.

Nichts tötet das Gewissen«, fügte der spanische Grande mit düsterer Stimme hinzu, »denn ach, das blutige Schwert des heiligen Jakob war kein leeres Symbol in meiner Hand gewesen. Wenn das Gewissen nicht tötet, so gibt es doch dem Ehrgeiz eine erschreckende Regsamkeit; es ist die Stimme, die ruft: ›Vorwärts, immer vorwärts!‹«

Don Estévan schwieg, während ihn der Senator mit fast furchtsamen Blicken betrachtete, soviel finstere und ehrfurchtgebietende Würde lag in dem Gesichtsausdruck des Spaniers.

»Aber wohin vorwärts?« fuhr der edle Spanier fort. »Welches Ziel noch verfolgen? Durch welche Mündung diesen Strom von Tatkraft wälzen, der in mir brauste?

Endlich bot ein Ereignis mir noch einmal das Ringen und den Kampf; ich schüttelte die Erstarrung ab, die mich entnervte, und hoffte; denn für mich sind Kämpfen und Ringen soviel als Vergessen.

Unsere politischen Erschütterungen gelangten nicht bis zu euch, Don Vicente. Europa kann auf seinen Grundpfeilern wanken, ohne daß ihr in diesem entfernten Winkel Amerikas etwas von unseren Erdstößen merktet. Ihr habt also auch nichts davon erfahren, was ich Euch jetzt erzählen will.

Vor beinahe zwei Jahren entriß der König von Spanien – der Bruder des Fürsten, dem ich ergeben war, Don Carlos von Bourbon – durch eine Verletzung des im Königreich seiner Vorfahren gültigen salischen Gesetzes ihm diese Krone, auf die er wartete, und schuf so den Herd eines Bürgerkrieges, den Ihr später werdet ausbrechen sehen. Die Infantin Isabella wurde zur voraussichtlichen Erbin des Thrones Ferdinands VII. erklärt, mit Ausschließung seines Bruders. Ich versuchte den tödlichen Schmerz meines hohen Beschützers zu stillen – aber vergeblich. Unter den Tröstungen, die ich an ihm versuchte, unter den Plänen, die ich ihm vorlegte, stellte sich plötzlich eine gigantische Unternehmung meiner Einbildungskraft dar; diese Unternehmung öffnete mir eine weite Aussicht, Gefahren Trotz zu bieten, fast unübersteigliche Schwierigkeiten zu überwinden – das gerade machte sie mir annehmbar.

Ich träumte davon, für meinen Herrn ein ebenso schönes, ein ebenso großes Königreich zu erobern als dasjenige, das er verlor; ich träumte, ihm eine der schönsten Blumen der überseeischen Krone wiederzugeben, die seine Vorfahren so ruhmvoll getragen hatten. Ich wollte einen Thron erobern, und diesen Thron, einmal erobert, wollte ich – vor zwanzig Jahren noch ein unbekannter Edelmann, jetzt aber gesättigt von Ehren und Reichtümern – zu einem Almosen machen für den der spanischen Monarchie verlustig gegangenen Erben! Werdet Ihr nun glauben«, fügte er mit einem von ruhigem Stolz strahlenden Lächeln hinzu, »daß Estévan de Arechiza an andere die Schätze der Schönheit und die beneideten Reichtümer der Tochter eines mexikanischen Hacenderos ohne Bedauern verschwenden kann?«

Der mexikanische Senator mit dem engen Horizont, den egoistischen Plänen blieb vernichtet, zerschmettert sowohl vor dieser kühnen Sprache des unbeugsamen Europäers als vor diesem gigantischen Plan und konnte nur rufen, indem er mit Ehrfurcht die Hand drückte, die ihm der edle Spanier entgegenstreckte: »O Don Estévan – mit Eurer Erlaubnis werde ich auch ferner Euch diesen bescheidenen Titel geben —, ich erröte über meinen Argwohn, und für das Glück, das Ihr mir bietet, für die Aussicht, die Ihr mir zu eröffnen geruht, gehört Euch mein Leben und mein Herz; aber …«

»Noch ein Argwohn?« fragte Don Estévan lächelnd.

»Nein, aber eine Besorgnis. Habt Ihr den jungen Mann beobachtet, dem der Zufall uns hat begegnen lassen? Ein heimliches Vorgefühl sagt mir, daß Doña Rosarita vielleicht in ihn verliebt ist; er ist jung, schön, und sie scheinen sich seit langer Zeit zu kennen.«

»Was?« unterbrach ihn Don Estévan. »Dieser junge, zerlumpte Bauer erregt Euren Verdacht?«

»Ich gestehe«, sagte der Senator, »daß ich mich nicht habe überwinden können, die Augen Doña Rosaritas zu überraschen, die zuweilen mit sonderbarem Ausdruck auf ihn gerichtet waren.«

»Faßt wieder Mut; ich weiß durch Don Agustin ganz bestimmt, daß das Herz seiner Tochter von jeder Liebe frei ist und daß ihre Eitelkeit sich in dem Gedanken gefällt, eines der einflußreichsten Mitglieder des Senats von Arizpe zum Gemahl zu nehmen. Was diesen jungen Taugenichts anlangt, der ganz den Stolz eines spanischen Bettlers zu haben scheint, so soll er überwacht werden, und es wäre nur ein geringes Hindernis aus dem Weg zu räumen, wenn er etwa die Anmaßung gehabt haben sollte, sich sein Ziel so hoch zu stecken.«

Bei diesen Worten schien das Gesicht Don Estévans einen Augenblick sorgenvoll, und er konnte sich nicht enthalten, hinzuzufügen: »Ich habe ihn ebenfalls beobachtet. Eine merkwürdige Ähnlichkeit hat bei mir abermals die Quelle vieler Schmerzen geöffnet … Aber denken wir nicht mehr an eingebildete Besorgnisse, und laßt mich Euch genauer, als ich es bis jetzt getan habe, das Ziel bezeichnen, nach dem ich strebte; unsere Mittel zum Handeln; was ich von Euch erwarte auf der Bahn, die Ihr nun einschlagt, und die Gunstbezeigungen, die eine erhabene und mächtige Hand, indem sie sich öffnet, über Euch ausstreuen will. Nicht wahr, Señor Tragaduros, Ihr seht bis jetzt weder die Hilfsmittel, auf die ich rechnen kann, noch das Königreich, das ich erobern will?«

»Ich gestehe es«, antwortete Tragaduros.

»Die Provinz, die ich zu einem Königreich für meinen Gebieter und Euren künftigen Souverän umbilden will, ist Sonora.«

»Was? Unseren republikanischen Staat wollt Ihr in eine Monarchie umwandeln?« rief der Senator. »Aber einen solchen Schritt versuchen, das heißt sein Leben aufs Spiel setzen!«

»Ich weiß es; doch habt Ihr mir nicht eben gesagt: ›Mein Leben, mein Herz gehört Euch?‹ Und gerade den Preis dieses Einsatzes will ich Euch durch die Heirat mit der Tochter Don Agustins und mit dem Vermögen, das Euch zuteil werden wird, bezahlen. Als ich Euch eben sagte, daß es nur an Euch liegen würde, Eurem erblaßten Stern mehr Glanz zu geben, als er jemals gehabt hat, wähntet Ihr da etwa, daß die einzige Anstrengung, die Ihr zu machen hättet, die wäre, eine junge und schöne Frau mit einer ungeheuren Mitgift zu nehmen und unberechenbare Hoffnungen zu nähren?«

»Nein, ohne Zweifel«, erwiderte Tragaduros schwankend; »indes …«

»Ich habe Euch gesagt, ich suche einen tatkräftigen Mann, der einen schnellen und vielleicht ruhmvollen Tod mit der Aussicht auf Ehren und Reichtümer dem langsamen Todeskampf in einem Leben ohne Reichtum und Ehre vorzieht. Also nur unter der Bedingung, daß ich auf Euren Mut und Eure Anstrengungen, unser Ziel zu erreichen, zählen kann, will ich aus Euch den reichsten Eigentümer des neuen Königreichs machen. Wenn ich mich getäuscht habe; wenn Ihr nicht der Mann seid, den ich suche; wenn die Gefahr Euch schreckt, so finde ich vielleicht jemand an Eurer Stelle, der über eine Gefahr lacht, die ihm ein ungeheures Vermögen einbringen soll.«

»So laßt uns denn sehen«, erwiderte der Senator, nachdem er einige Schritte im Zimmer getan hatte, um seine Aufregung zu beschwichtigen, »was Ihr von mir erwartet und auf welche Hilfsquellen Ihr rechnen könnt.«

»Vor etwa zehn Jahren habe ich gegen die Unabhängigkeit Eures Landes in diesen Provinzen gekämpft. Ich kenne ihre Hilfsquellen, ihren unberechenbaren Reichtum, und als ich sie verließ, sagte mir ein geheimes Vorgefühl, daß ich noch einmal hierher zurückkehren würde.

Zufällig habe ich Don Agustin kennengelernt, der damals noch im Begriff war, sich den großartigen Reichtum zu erwerben, den er jetzt genießt. Ich hatte Gelegenheit, ihm einen ausgezeichneten Dienst dadurch zu erweisen, daß ich sein Haus vor Plünderung bewahrte, ihm sogar das Leben rettete, denn er hatte seine geheime Hinneigung zur spanischen Sache nicht genug verborgen gehalten. Ich unterhielt mit ihm geheime Verbindungen. Ich wußte, daß das unzufriedene Sonora ebenfalls das Joch der Bundesrepublik abzuschütteln suchte. Ich brachte es dahin, daß der enterbte Fürst an meinem kühnen Plan Geschmack fand, und kam hierher. Don Agustin war einer der ersten, gegen die ich mich offen erklärte. Sein Ehrgeiz war geschmeichelt von den Versprechungen, die ich ihm im Namen meines Gebieters reichlich machen konnte, und er stellte sich ganz und gar zu meiner Verfügung.

Trotz der großen Geldmittel, über die ich verfügen kann, suchte ich diese doch noch zu vermehren. Der Zufall begünstigte mich. Ich hatte zur Zeit, da ich in diesem Staat Krieg führte, einen jungen Taugenichts kennengelernt, der die Spanier und die Insurgenten einen nach dem anderen verriet; dieser junge Mann nennt sich jetzt Cuchillo.

Mein Verhältnis zu ihm war anderer Art. – Ich bemerkte nämlich, daß er das Regiment, das ich befehligte, in einen Hinterhalt der Insurgenten führte; ich befahl daher, ihn an den ersten Baum zu hängen, bei dem wir vorbeikämen. Es traf sich glücklich für ihn, daß man meine Befehle zu buchstäblich genommen hatte; wir befanden uns mitten in ungeheuren Savannen, ohne Bäume irgendeiner Art, und der Befehl war nicht leicht auszuführen. Bei den Märschen und Gegenmärschen, die ich zu machen genötigt war, konnte also der Befehl zu seiner Hinrichtung nicht sogleich vollzogen werden; Cuchillo entkam und hat jetzt keinen Groll mehr gegen mich im Herzen. Ihr habt im Dorf Huerfano gesehen, daß ich wieder Bekanntschaft mit ihm angeknüpft habe, um ihm mit gutem, klingendem Gold das Geheimnis einer unermeßlichen Goldmine abzukaufen, nach der ich jetzt die Expedition, die sich unter meinen Befehlen gebildet hat, richten will.

Cuchillo allein, ich und Ihr, Don Vicente« – der Spanier verschwieg den Namen Tiburcios —, »kennen bis jetzt den geheimen Beweggrund zu dieser Unternehmung, deren scheinbarer Zweck nur eine Expedition mehr ist, wie solche schon öfter unternommen worden sind. Ihr, Herr Senator, werdet hier mit der sehr süßen Aufgabe zurückbleiben, bei der schönen Rosarita Erhörung zu finden; ich dagegen nehme die zahllosen Gefahren der unbekannten Länder, in die ich eindringen will, für mich in Anspruch. Was Cuchillo anlangt, so verspreche ich ihm, wenn er mich verrät, diesmal von meiner eigenen Hand eine ebensosehr wie das erstemal verdiente, aber schnellere Strafe; denn ich weiß nicht, was mir sagt, daß der Verräter seinen Charakter nicht geändert hat!

Der Gewinn aus dieser Expedition, deren reichster Anteil mir als dem Chef gebührt, wird noch den Hilfsquellen, über die ich verfügen kann, hinzugefügt werden. Die Leute unter meinen Befehlen könnten sich selbst nötigenfalls – und das ist nicht der geringste Beweggrund in meinen Augen – in ergebene Parteigänger verwandeln in dem wahrscheinlichen Fall, daß es zum Handgemenge kommen sollte. Außerdem sind mir noch Hilfstruppen aus Spanien versprochen, denn Europa leidet an einer Übervölkerung, und die überzählige Masse sucht alle Ausgänge auf, um sich anderswohin zu ergießen. Die Abenteurer werden haufenweise kommen, um sich unter unsere Fahne zu reihen und das neue Königreich zu erobern, dessen Krone Europa noch einmal auf das Haupt eines seiner Söhne setzen wird.«

Der Spanier ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, von einer so feurigen Begeisterung ergriffen, als ob er schon das Szepter und den königlichen Mantel, die sein Stolz für seinen Gebieter zu erringen träumte, in seiner Hand gehabt hätte. Ein kriegerisches Feuer blitzte in seinen Augen; er schien die Gegenwart des Senators vergessen zu haben. Erst nach einiger Zeit erinnerte er sich, daß bei einem Plan, wie der seinige war, die Intrige der Vorläufer und die Unterstützung der Gewalt und Kühnheit sein müsse, und mit einem leichten Anflug von Geringschätzung wandte er sich an denjenigen, der in diesen verborgenen Wirkungskreisen, wo die Männer von seinem Schlag jede persönliche Beteiligung zurückweisen, tätig sein sollte.

»Nun«, sagte er, »Eure Aufgabe muß eine friedlichere sein. Für uns der offene Kampf – für Euch die geheimen Wege der Dunkelheit. Durch die reiche Heirat, die Ihr durch meine Vermittlung machen werdet, wird Euer Vermögen sich wieder heben; Ihr werdet den Einfluß, den Ihr verloren habt, wiedergewinnen. Von den zweihunderttausend Piastern, die die Mitgift Eurer Frau bilden, werdet Ihr hunderttausend dazu gebrauchen, Euch Anhänger im Senat und bei denen zu verschaffen, die Ihr Eure Armee nennt. Diese Summe wird Euch mit Zinsen wiederbezahlt werden; und solltet Ihr sie auch verlieren, so werdet Ihr doch immer noch ein ausgezeichnetes Geschäft machen! Aber davon kann hier gar keine Rede sein. Der offenbare Zweck, den Ihr vor Augen haben sollt, wird der sein, den Staat Sonora von der Föderalrepublik loszureißen – an Gründen dazu ist kein Mangel: Sonora hat kaum mehr Gerechtsame als ein gewöhnlicher Landstrich. Eure Interessen sind nicht dieselben wie die der Zentrumsstaaten. Täglich werden Gesetze, die einen lokalen Nutzen für diese Staaten haben, für euch tyrannische Gesetze. Ein Präsident, der in einer Entfernung von siebenhundert Meilen eure Finanzen, eure Zollverhältnisse leiten soll, ist eine Lächerlichkeit. Die Fahne der Unabhängigkeit wird von den untätigen Soldaten, die die Regierung nicht besolden kann, erhoben werden, wenn zur rechten Zeit Geld unter sie verteilt wird. Ehe nur die Nachricht vom ›Grito‹ bis zum Sitz der Exekutivgewalt gelangt ist; ehe nur diese Regierung über eine hinreichende Anzahl Soldaten verfügt, um gegen uns zu marschieren; ehe diese Truppen, die die Desertion wie immer bis zur Hälfte vermindern wird, noch bis auf einige hundert Meilen Entfernung gekommen sind, wird die Empörung schon Wurzeln gefaßt haben.

Der Senat, den Ihr lenken werdet, muß Gesetze erlassen; Gesetze, die euren Sitten, euren Bräuchen angepaßt sind, und diese werden dann schon diejenigen in Vergessenheit gebracht haben, die euch jetzt regieren. Ferner werden die Offiziere und die Soldaten, die kommen, euch zu unterwerfen, schon durch das Gold erkauft sein, über das ich verfügen kann. Die Insurrektion ist vollendet, Sonora ein freier Staat. Der erste, der entscheidende Schritt ist getan, und die Bestechung wird die zweite Umbildung bewirken. Der Senat, die Armee werden zur Regierung einen europäischen Fürsten berufen, der dieselbe Sprache mit ihnen spricht, der sich zu derselben Religion bekennt.

Hört mich jetzt, Don Vicente. Es gab vor meiner Rückkehr in diese Provinz einen Senator, der aus einem reichen Mann, der er war, ein armer Mann geworden ist und der keine andere Aussicht hatte als die, in der Dürftigkeit zu leben, gequält von dem vergeblichen Schmerz über seinen dahingeschwundenen Reichtum. Ich gebe dem Senator diesen Reichtum zurück; ich gebe ihm eine Frau, deren Schönheit der Stolz eines Fürsten sein würde. Der Senator Despilfarro wird zum Grafen, zum Granden von Spanien erhoben werden, ein einträgliches Amt wird an die Person des neuen Königs seinen erprobten Senator fesseln, und er wird steigen, steigen bis zu dem Augenblick, wo seine ehrgeizigsten Wünsche erfüllt sein werden. Hatte ich unrecht, als ich sagte, daß der Versucher dem Herrn der Welt, dem alles gehört, nicht mehr anbot als das, was Euer zukünftiger Souverän, König Karl I., durch meinen Mund Euch, der Ihr nichts mehr besitzt, verspricht?«

Nach diesen Worten schwieg der Spanier, und der Senator, geblendet durch die verführerischen Ehren und Reichtümer, drückte die Hand des kühnen Parteigängers und rief mit Begeisterung: »Es lebe König Karl I.!«

Der Spanier unterrichtete ihn noch von den Maßnahmen, die man unterdes zu nehmen habe, zeigte ihm die Leichtigkeit der Ausführung seines Plans und die Aussichten auf dessen Gelingen und schloß: »Ihr seht, König Don Carlos zählt schon einen Anhänger in diesem Land. Aber es ist spät, Don Vicente, und ich muß noch, ehe der Abend vorüber ist, zu wichtige Sachen überdenken, als daß ich sie auf morgen aufschieben könnte; Ihr werdet also entschuldigen, daß ich hiermit von Euch Abschied nehme.«

Der Senator ging aus dem Zimmer auf das seinige, den Kopf voll goldener Träume von seinem künftigen Reichtum und seiner Größe.

15. Der Hinterhalt

Im entlegensten Teil der Gesindewohnungen befand sich das Zimmer, das Don Agustin den vier Abenteurern Pedro Diaz, Oroche, Cuchillo und Baraja gegeben hatte. Die Bekanntschaft zwischen ihnen war schnell bei Tisch gemacht und wurde in dem Augenblick, wo wir sie wiederfinden, fortgesetzt. Beim zweifelhaften Schein eines langen, dünnen Lichtes, das düster auf seinem eisernen Leuchter brannte, saßen Cuchillo und Baraja auf einer eichenen Bank an einem breiten Tisch und waren, ohne an ihren Schwur zu denken, damit beschäftigt, die am Morgen des vorigen Tages angefangene Partie wiederaufzunehmen.

Pedro Diaz schien auf das Spiel nur mechanisch achtzugeben, während Oroche, der an der Ecke des massiven Tisches saß, den rechten Fuß über den linken geschlagen, den Ellbogen auf sein Knie gestützt hatte und in dieser Lieblingsstellung der Vihuela-Spieler sich auf seinem Instrument mit dem Gesang der Boleros und Fandangos begleitete, die gerade unter der Küstenbevölkerung die beliebtesten waren. Das waren die Gitarrenklänge, die Tiburcio gehört hatte. Oroche schien – wie immer sorgfältig in seinen durchlöcherten Mantel gehüllt – als ein wahrer Künstler sich auf den Flügeln der Musik über die gewöhnlichen Rücksichten auf Kleidung und Bequemlichkeit zu erheben.

Eine halbleere Flasche Mescal vervollständigte für die beiden Spieler die Annehmlichkeit des Abendessens, dem sie reichliche Ehre angetan hatten. Trotz der vollen Gläser, die er getrunken hatte, schien Cuchillo doch ein Raub der heftigsten Leidenschaften zu sein, und seine zusammengezogenen Augenbrauen gaben seinem Gesicht ein noch drohenderes Aussehen als gewöhnlich. Er hob in diesem Augenblick die Karten mit ganz besonderer Sorgfalt ab. Er spielte nicht glücklich gegen seinen Freund Baraja, denn ein Teil des Goldes, das er von Don Estévan empfangen hatte, war schon zu seinem Gegner hinübergewandert, und der Bandit hoffte, daß eine aufmerksame Behandlung der Karten seinem unglücklichen Spiel Einhalt tun sollte.

Plötzlich warf Cuchillo beim Umwenden der Karte, die die von ihm gesetzte Summe dahinraffte, das ganze Spiel heftig auf den Tisch. »Der Teufel hole Eure Musik«, rief er in wütendem Ton; »und mich dazu, weil ich mich wie ein Dummkopf dazu verstanden habe, auf Kredit zu gewinnen und bares Geld zu verlieren!«

»Ihr beleidigt mich!« erwiderte Baraja mit Würde. »Mein Wort hat immer für bares Geld gegolten.«

»Vorzüglich, wenn Ihr nicht verloren habt …«

»Was Ihr da sagt, ist nicht artig«, fiel Baraja ein, indem er die Karten zusammenraffte. »Pfui! Señor Cuchillo, Ihr ärgert Euch über eine so geringfügige Sache! Ich habe die eine Hälfte einer Hacienda verloren, nachdem ich gesehen habe, daß man mir die andere gestohlen hatte, und habe nichts gesagt.«

»Nun gut! Ich aber sage, was mir beliebt, Señor Baraja; und ich sage es laut!« erwiderte Cuchillo, indem er die Hand ans Messer legte.

»Ja, Ihr sagt Worte, die Eure Freunde töten. Aber diese Worte tun nichts in der Entfernung«, antwortete Baraja ernst, »und ich habe eine ebenso scharfe Zunge wie Ihr.« Und er zog ein Messer aus seinem Gürtel; Cuchillo machte es ebenso.

Oroche nahm ruhig sein Instrument wieder auf, das er bei der Unterbrechung Cuchillos einen Augenblick weggelegt hatte, und wie ein Barde der Vorzeit machte er sich bereit, den Kampf zu besingen, von dem er Zeuge war, als Diaz sich plötzlich zwischen die beiden Kämpfer warf. »Schämt euch, ihr Herren Kavaliere!« sagte er. »Leute, die geschaffen sind, sich gegenseitig zu achten!«

Cuchillo und Baraja behielten ihre drohende Haltung und waren bereit, sich um einiger Quadrupel willen am Vorabend des Tages zu ermorden, an dem sie aufbrechen wollten, um zehnmal mehr zu erobern.

»Habe ich nicht sagen hören, Señor Cuchillo, daß Ihr der Führer unserer Expedition sein sollt? Ihr gehört Euch also nicht mehr selbst und habt nicht das Recht, Euer Leben in einem persönlichen Streit aufs Spiel zu setzen. Und Ihr, Señor Baraja, habt ebensowenig ein Recht, das Leben unseres Führers zu bedrohen. Also steckt eure Messer in die Scheide und laßt die Sache ruhen.«

Cuchillo, zum Bewußtsein gebracht, bedachte, daß er mehr als irgend jemand am Erfolg dieser Expedition beteiligt sei und daß er bei einem Kampf auf Leben und Tod – denn das sind meistenteils die Kämpfe mit dem Messer – zuviel aufs Spiel setze.

Seinerseits dachte auch Baraja, daß die Quadrupel in seiner Tasche besser angewandt werden könnten als im unglücklichen Fall zu den Kosten seines Begräbnisses.

»Es sei«, sagte Cuchillo; »ich opfere meinen Groll dem allgemeinen Wohl.«

»Was mich betrifft«, sagte Baraja, »ich bin aufrichtig genug, ein so edles Beispiel nachzuahmen, und lege die Waffen nieder … Aber ich spiele auch nicht mehr.«

Die langen Messer kehrten in die Scheide zurück, und die beiden Gegner reichten einander die Hand. Darauf fragte Diaz, um jede Anspielung auf den beigelegten Streit zu vermeiden: »Wer ist der junge Mann, den Ihr mit auf Euer Pferd genommen habt, Señor Cuchillo? Wenn ich nicht irre, so habe ich trotz der scheinbaren Freundschaft feindselige und mißtrauische Blicke bemerkt, die ihr miteinander gewechselt habt.«

Cuchillo erzählte, wie sie Tiburcio halbtot auf der Straße gefunden hätten, und nannte seinen Namen und alles, was der Leser schon von ihm weiß. Aber diese Frage hatte abermals das Gesicht des Banditen verfinstert, da er sich erinnerte, daß seine Schlauheit an der Vorsichtigkeit des jungen Mannes, den er – anmaßend genug – hatte ausforschen wollen, gescheitert war und daß dieser nämliche junge Mann ihn unter seinem Blick hatte erzittern lassen. Er kehrte also zu seinen tödlichen Plänen gegen den Urheber dieser Widerwärtigkeiten zurück – zu den finsteren Plänen, die einen Augenblick in den Hintergrund getreten waren – und beschloß, Teilnehmer an seiner Rache zu werben. »Ist es euch wohl zuweilen begegnet«, fragte er Diaz und Oroche, »eure Leidenschaften, wie ich es eben getan habe, dem allgemeinen Wohl zu opfern?«

»Ohne Zweifel!« erwiderte Diaz. »Was mich betrifft«, rief der langhaarige Gambusino mit einer für seinen Charakter ehrenvollen Freimütigkeit, »so hat mein Unstern es immer nötig gemacht, das Gegenteil zu tun.« »Man ist entweder ein rechtschaffener Mann, oder man ist es nicht«, fuhr der Redner fort; »und wenn man sich mit Leib und Seele irgendeiner Sache hingegeben hat, so muß man auch seinen Leidenschaften, seinen Interessen, selbst allen Gewissenszweifeln, die sich in einem empfindsamen Gemüt erheben könnten, Schweigen gebieten.«

»Das weiß jedermann«, sagte Baraja.

»Nun, ihr Herren, dieses zarte Gewissen beunruhigt sich leicht bei mir, und ich bedarf eurer Meinung darüber, um es wieder zu beruhigen.«

Die beiden Taugenichtse, an die er sich wandte, bewahrten auch diesmal eine unerschütterliche Ernsthaftigkeit.

»Nehmen wir an«, fuhr der Bandit fort, »daß es in der Welt einen Mann gäbe, den ihr zärtlich liebtet, dessen Leben jedoch den Erfolg unserer Expedition zweifelhaft machen könnte; wie hat man da gegen ihn zu verfahren?«

»Bei Gott«, rief Oroche, »ich würde glücklich sein, endlich eine passende Gelegenheit zu finden, um das Privatinteresse dem glücklichen Erfolg für alle zu opfern!«

»Aber wer ist dieser Mensch?« fragte Diaz. »Das ist eine Geschichte«, erwiderte Cuchillo, »deren Einzelheiten nur mich allein angehen; aber das Faktum ist da und der Mann auch.«

»Caramba! Das Faktum ist schon zuviel!« sagte Oroche. »Und folglich auch der Mann!«

»Ist das euer aller Ansicht?« fragte Cuchillo.

»Ganz gewiß!« sagten zugleich Oroche und Baraja.

Diaz schwieg und verhielt sich sozusagen unparteiisch; bald darauf ging er unter dem Vorwand, freie Luft zu schöpfen, hinaus.

»Wohlan, ihr Herren«, nahm Cuchillo, der mit seinen beiden Kameraden allein geblieben war, wieder das Wort, »da ihr eure Meinung ausgesprochen habt, so will ich euch denn sagen, daß dieser Mann mein Freund Tiburcio ist.«

»Tiburcio?« riefen die beiden künftigen Mitschuldigen Cuchillos.

»Er selbst! Und obwohl mir das Herz darüber schrecklich blutet, so erkläre ich doch, daß sein Leben alle unsere Pläne scheitern lassen kann.«

»Aber morgen«, sagte Baraja, »bei dieser Jagd auf wilde Pferde, gibt es tausend Gelegenheiten für eine, sich seiner anständig zu entledigen.«

»Das ist wahr!« sagte Cuchillo mit finsterer Miene. »Er darf niemals davon zurückkehren. Kann ich auf euch rechnen?«

»Blindlings!« erwiderten die beiden Abenteurer.

Das Ungewitter grollte, wie man sieht, über dem Haupt Tiburcios; aber es sollte noch größer werden. Ein Klopfen an der Tür unterbrach die finstere Beratung.

Cuchillo öffnete und führte einen Mann ins Zimmer, in dem sie einen Diener Don Estévans erkannten. Er wollte Cuchillo benachrichtigen, daß sein Herr ihn im Garten erwarte. Durch diesen Zwischenfall wurde die Beratung über die Mittel zur Vollziehung, die alle drei gegen einen einzigen Mann zu ergreifen gedachten, bis zur Rückkehr Cuchillos aufgeschoben. Cuchillo erhob sich und begleitete den Diener Don Estévans.

Dieser führte ihn in eine Allee von Granatbäumen, in der ein Mann, in seinen Mantel gehüllt, auf und ab ging. Beim Schein des Mondes, der durch die Blätter drang, schien das Antlitz des Spaniers die Maske stolzer Unempfindlichkeit, die gewöhnlich seine feurigen Gedanken verbarg, wieder angenommen zu haben. Bei dem Geräusch der Schritte, das Cuchillo verursachte, der sich mit wildem Ausdruck in seinen Mienen und mit einem Auge, das rachsüchtig blitzte, näherte, unterbrach Don Estévan sein Nachdenken.

Wenn Cuchillo nicht so sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt gewesen wäre, so würde er bei seiner Ankunft einen spöttischen Ausdruck im Gesicht des Spaniers bemerkt haben. »Ihr habt mich rufen lassen?« sagte er zu Don Estévan.

»Ich glaube«, begann dieser, »Ihr könnt Euch bis jetzt nur zu meinem Schweigen Glück wünschen. Ich habe Euch nämlich hinreichend Zeit gelassen, diesen jungen Mann … den Sohn Marcos … auszuforschen; Ihr wißt, was ich sagen will. Nun, Ihr habt ihn ohne Zweifel vom Kopf bis zu den Füßen ausgekundschaftet? Ihr habt ihn bis zur kleinsten Falte seines Herzens durchsucht, Ihr, dessen Scharfsinn so schwer zu täuschen, dessen Gewissen nicht leicht zu beunruhigen ist? …«

Cuchillo fühlte bei den herben Worten des Spaniers, die seine verwundete Eigenliebe nur noch mehr erbitterten, daß er übler Laune wurde. Wir haben schon gesehen, daß er den Argwohn de Arechizas gegen Tiburcio dadurch zu wecken versucht hatte, daß er ihn fürchten ließ, er könne irgendwelche Entdeckungen am Totenbett seiner Adoptivmutter gemacht haben; damals konnte er nur auf sich selbst rechnen, um sich seiner zu entledigen, und seine Schlauheit ließ ihn einen Verbündeten suchen; jetzt aber, da er auf die Teilnahme zweier Banditen seines Schlages – oder doch nur wenig anders – zählen konnte, hielt er es seiner Würde angemessen, die entgegengesetzte Sache zu vertreten und den Spanier glauben zu lassen, daß er sich vor dem jungen Mann nicht in acht zu nehmen brauche.

»Nun, was habt Ihr denn erfahren?« fuhr Don Estévan fort.

»Nichts«, erwiderte Cuchillo.

»Nichts?« wiederholte der Spanier.

»Das heißt, der junge Mann konnte mir nichts sagen, da er selbst nichts wußte. Sein Herz hat für mich keine Geheimnisse mehr.«

»Was? Er ahnt nicht das Dasein des Val d‘Or?«

»Nicht mehr als die Stelle, wo das irdische Paradies liegt«, antwortete Cuchillo unverschämt.

»Und was will er auf der Hacienda machen? Er befand sich auf dem Weg hierher und hatte doch ohne Zweifel irgendeinen Zweck im Auge, als er sich hierher wandte.«

»Er will Don Agustin um einen Dienst bitten; um den allerkleinsten: eine Stelle als Hirt.«

»Man sieht wirklich, daß Ihr sehr mit ihm vertraut geworden seid.«

»Ich schmeichle mir. Mein Scharfsinn …«

»… steht mit Eurem Gewissen auf derselben Stufe«, sagte der Spanier ernsthaft.

Cuchillo verbeugte sich auf jeden Fall.

»Auf einem so langen Weg«, fuhr Arechiza fort, »wie der ist, den ihr zusammen zurückgelegt habt, plaudert man von tausend gleichgültigen oder ernsten Dingen, wenn man nämlich soviel Vertrauen einflößt, wie dieser junge Mann so ganz … unaufgefordert Euch bewiesen hat; von Herzensangelegenheiten zum Beispiel … Nun, hat er Euch denn nicht andere Absichten mitgeteilt? Vielleicht irgendeine Jugendliebe?«

»Und in wen, zum Teufel, sollte er sich in diesen Steppen verliebt haben? Dieser arme Tiburcio setzt ein mittelmäßiges Pferd weit über das schönste Weib!«

»Ach so!« sagte der Spanier, der nicht länger ein spöttisches Lächeln, das Cuchillo schaudern ließ, zurückhalten konnte. »Nun, Eure Jugend versprach mehr, Freund Cuchillo.«

»Sollte ich etwa zufällig weniger leisten?« fragte der von diesem Vorwurf verwirrt gemachte Bandit.

»Ich fürchte ja; und wenn – wovor Gott Euch behüten möge – Euer Gewissen ebenso dickhäutig als Euer Scharfsinn handfest ist, so wird Euch eine kleine Sünde nicht im Schlaf stören.«

»Wie meint Ihr das?« fragte Cuchillo, obgleich er fühlte, daß er offenbar die Rolle eines Dummkopfs spielte.

»Ich meine, daß bei der einzigen guten Handlung, die Ihr getan habt, Eure Hand sehr unglücklich war.«

»Eine gute Handlung?« wiederholte Cuchillo, der sich ganz verlegen zu erinnern suchte, bis zu welchem Abschnitt seines Lebens er zurückgehen müßte, um eine zu finden.

»Ja, durch die Rettung des jungen Mannes!«

»Aber Ihr habt ja diese gute Handlung begangen; denn für mich war sie ja nur gewinnbringend.«

»Sei es! Ich wollte sie Euch leihen trotz des Sprichwortes, das sagt, daß man nur dem Reichen leihen soll. Doch hört, was ich erfahren habe; ich, der ich mir weder soviel Gewissenhaftigkeit noch soviel Scharfsinn anmaße als Ihr! Dieser junge Mann hat in seiner Tasche die Marschroute zu dem fraglichen Val d‘Or und alle prachtvollen Pferde des Vaters seiner Geliebten zu seiner Verfügung; er kommt zu dieser Hacienda, um sich zu ihrem künftigen Eigentümer zu machen!«

»Tod und Blut!« rief Cuchillo zurückprallend. Dann, ruhiger geworden durch den spöttischen Blick des Spaniers, sagte er: »Das kann nicht möglich sein! Ich hätte mich von einem Kind nicht so bei der Nase herumführen lassen …«

»Dieses Kind ist ein Riese gegen Euch, Cuchillo«, sagte der Spanier kalt.

»Es ist unmöglich!« erwiderte Cuchillo aufgeregt.

»Wollt Ihr Beweise?«

»Gewiß! Ich muß sie haben!« antwortete der Bandit, seine Wut verbeißend.

»Ihr wollt sie haben, Cuchillo?« fuhr der Spanier sehr ernsthaft fort. »Bedenkt, daß sie von der Art sind, Euch von der Fußsohle bis zum Scheitel mit Schauder zu bedecken!«

»Ich will sie haben, wie sie auch sein mögen!« sagte Cuchillo mit erstickter Stimme.

»Merkt wohl – ich rede nicht von Eurem Gewissen; das bekommt niemals Schauder. Ich will nur von dem Schauder körperlicher Angst reden, wie ihn etwa der Anblick des Jaguars beim Menschen hervorruft; Ihr wißt …« Don Estévan hielt inne; es war in seinem eigenen Interesse sehr leicht, durch seine Überlegenheit einen Mann zu erdrücken, dessen Treue ihm aus tausend Gründen verdächtig war. Er fuhr fort: »Tiburcio stammt aus einem Geschlecht – scheint von einem Geschlecht zu stammen, wollt‘ ich sagen —, dessen Feinde nicht lange leben; von einem Geschlecht, das Verstand und Kraft als Erbteil empfangen hat – und Ihr seid sein Todfeind! Fangt Ihr an, zu begreifen?«

»Nein«, sagte Cuchillo.

»Wohlan! Ihr werdet es jetzt durch einige sehr einfache Fragen begreifen lernen. Hier ist die erste: Habt Ihr auf Eurer Expedition mit Arellanos nicht ein Pferd geritten, das mit dem linken Fuß strauchelte?«

»Ach!« machte Cuchillo erbleichend.

»Sind es wohl die Indianer, die Euren Gefährten erwürgt haben?«

»Ich soll es vielleicht sein?« wiederholte der Bandit mit häßlichem Lächeln.

»Habt Ihr nicht in einem tödlichen Kampf eine Wunde am Fuß erhalten? Habt Ihr nicht auf Euren Schultern den Leichnam Arellanos‘ getragen?«

»Ja, um ihn den Beschimpfungen der Indianer zu entziehen!«

»Und aus diesem Grund stürztet Ihr in einen nahen Fluß einen Leichnam, der – vielleicht noch gar kein Leichnam war?«

Der helle Mondschein warf durch das Blätterdach der Granatbäume ein bleiches Licht auf die Gestalt des Banditen, der mit verstörten Blicken diese Beweise eines Mordes anhörte, ohne begreifen zu können, woher sie kamen; eines Mordes, den er für immer in der Steppe begraben wähnte.

Man kann sich leicht denken, daß Cuchillo beim Verkauf seines wertvollen Geheimnisses an Don Estévan sich nicht mit großer Selbstliebe wegen der Art und Weise gerühmt hatte, wie er in dessen Besitz gekommen war. Er war leicht über seine erste Expedition nach dem Val d‘Or – wenigstens was seine Gefährten betraf – hinweggegangen, um einzig und allein die Einzelheiten hervorzuheben, die am meisten geeignet waren, den Señor aus Spanien von der Wichtigkeit der Entdeckung zu überzeugen. Man kann sich nun einen Begriff von seinem Entsetzen machen, als er sah, daß die Steppe geredet hatte.

»Weiß Tiburcio das?« fragte Cuchillo mit schlecht verhehlter Ängstlichkeit.

»Nein; aber er weiß, daß der Mörder seines Vaters ein Pferd hatte wie das Eure; daß er am Fuß verwundet war; daß er den Leichnam seines Vaters ins Wasser geworfen hat; er weiß nur den Namen des Mörders nicht. Doch damit ich auf Eure Ehrlichkeit bauen kann … Ich meinesteils werde bei dem geringsten Argwohn dieses Geheimnis jenem jungen Mann übergeben, der Euch wie einen Skorpion zertreten wird … Echtes Blut kann sich nicht verleugnen. Also, ich wiederhole es Euch: Kein Verrat, Cuchillo, keine Treulosigkeit, oder Euer Leben wird mir dafür bürgen.«

Solange ich es noch habe, sollst du dieses Geheimnis bezahlen, dachte Cuchillo bei sich. Was Tiburcio anlangt, so kann man es morgen um diese Zeit seinen Ohren anvertrauen – sie werden es nicht mehr hören. »Wie dem auch sein mag«, sagte er unverschämt; »Eure Herrlichkeit hat mir nicht bewiesen, daß dieser junge Mann Doña Rosarita liebt, und bis auf weiteres muß ich daran zweifeln, daß mein Scharfsinn …«

»Still!« sagte der Spanier. »Ich glaube hier ganz nahe Stimmen zu hören, die einander antworten.«

Sie verhielten sich ruhig. Durch den Garten gehend waren sie nicht weit von einem Pavillon angekommen, den die Tochter des Hacenderos bewohnte; und so groß war die Stille der Nacht, daß in ziemlich großer Entfernung die Stimmen – sogar die einzelnen Worte vernehmbar waren.

16. Die Liebe hinter dem Gitter

In dem Augenblick, wo alles Geräusch des Tages nahe und fern verstummt war; wo die Nachtluft, kühl und duftend, kaum in dem weiten Garten der Hacienda leise rauschte, war keine Täuschung möglich über die Stimmen, die man hörte. So groß war die Ruhe in der Luft, daß weit von da im Wald hinter der Wohnung Don Agustins der widerhallende Ruf des wilden »Cuitlacoche«, der sich nachts auf den Schlingpflanzen über den Wasserfällen hin und her schaukelt, bis zu den Ohren der nächtlichen Spaziergänger gelangte.

»Das ist die Stimme Tiburcios und Doña Rosaritas!« sagte der Bandit.

»Halt, Cuchillo, da haben wir schon, wie mir scheint, einen Anfang des Beweises.« Ein Gedanke kam dem Spanier plötzlich wie ein Blitzstrahl. Wenn dieses junge Mädchen ihn zufällig liebte, sagte er bei sich, so müßte man also auf eine Heirat verzichten, die ich zum Eckstein eines großen politischen Gebäudes gemacht habe! Obgleich der Spanier der einzige war, der den wirklichen Stand und den Namen Tiburcios wohl wußte, und in seinen Augen der letzte Mediana der Tochter des Hacendero keineswegs unwürdig war, so hatte er doch keinen einzigen Augenblick voraussetzen können, daß Doña Rosarita die Liebe eines jungen Mannes erwidern würde, der in seinen eigenen Augen – wie in den Augen anderer – nur ein Kind ohne Namen und ohne Familie war. Der Gedanke, daß nichtsdestoweniger die Tochter Don Agustins die Kühnheit dieses jungen, zerlumpten Bauern, wie er ihn nannte, nicht mit allzu ungünstigem Auge betrachten könnte, war ihm plötzlich in den Sinn gekommen, als er in der Nacht, ohne einen anderen Zeugen als die Sterne des Himmels, Tiburcio und Rosarita im Gespräch miteinander hörte. Ein solches Zusammentreffen unter dem Auge Gottes allein – war das nicht schon eine besondere Vergünstigung? Das Herz des Spaniers schwoll vor Zorn bei diesem Gedanken, und sein Ehrgeiz erhob sich für die Pläne, die dieser ihm eingeflüstert hatte. Hier war ein Hindernis, an das er keinen Augenblick gedacht hatte.

Die Stirn des Herzogs von Armada wurde sorgenvoll. Er fand sich unvermutet einer jener dringenden Forderungen gegenüber, vor denen die Politik nicht zurückweichen darf und die, wie man sagt, von den Staatsgründen gerechtfertigt werden. Der Spanier hatte hinter sich einen Arm, bereit, das Opfer zu treffen, das er ihm bezeichnen würde; aber schon lasteten zwanzig Jahre der Buße auf seinem Haupt, ohne ihn von einem Mord, dessen er sich angeklagt hatte, reinzuwaschen. Sollte er sich nun in dem Augenblick, wo er schon die Hälfte seines Lebens überschritten hatte, der Gefahr aussetzen, die Zeit, die ihm noch zu leben übrigblieb, abermals zu vergiften?

Don Estévan ging mit sorgenvoller Miene auf und ab; er stand unter dem Einfluß eines heftigen Kampfes, in den sein Gewissen mit seinem Ehrgeiz geraten war. Sollte er, so nahe dem Ziel, das er verfolgt hatte, zurückweichen müssen oder sich entscheiden, weiterzugehen? So wälzen die Ehrgeizigen unaufhörlich den schweren Felsblock des Sisyphus.

Die Vorsehung, sagte der Spanier zu sich – und bei dem Wort Vorsehung flog ein bitteres Lächeln über seine Lippen —, bot mir die Gelegenheit dar, dem jungen Mann den Namen, die Ehre und die Güter, die er verloren hat, wiederzugeben. Diese gute Handlung meines reifen Alters hätte vielleicht das Verbrechen meiner Jugend gesühnt. Ich habe es verschmäht; ich verschmähe jetzt noch diese Gelegenheit; ist es nicht schon genug der Opfer für die Sache, der ich diene?

Der Spanier kehrte zu Cuchillo zurück, der ihn aufmerksam beobachtete; aber der Schatten der Granatbäume hatte Don Estévans Gesicht dem lauernden Blick des Banditen entzogen. »Die Stunde ist da«, nahm er halblaut das Wort, indem er sich an Cuchillo wandte, »wo sich unsere Zweifel vielleicht lösen werden; aber erinnert Euch, daß, wenn ich mich herablasse, einen Mann in dem Augenblick zu belauern, wo sein Herz keine Geheimnisse haben darf, es nur geschieht, weil höhere Interessen mich zwingen, es zu tun; es geschieht aber keineswegs, um Euch von einer Tatsache zu überzeugen, deren Wirklichkeit Ihr nicht leugnen könnt. Erinnert Euch aber auch daran, daß Eure rachsüchtigen Pläne meinem Willen untergeordnet bleiben müssen!«

Nach diesen letzten Worten, die nicht mehr mit jenem Spott gesprochen waren, der Cuchillo so sehr außer Fassung brachte, ging Don Estévan voran, und jener folgte ihm, indem er vor sich hinmurmelte: »Mein Freund Baraja soll niemals gehängt werden, wenn hier nicht genügend Grund vorliegt, daß jemand den Geschmack an guten Handlungen verliert, der zu solchen Albernheiten einen viel entschiedeneren Beruf hat als ich!«

Man wird sich gewiß erinnern, daß Don Agustin in seiner Unterhaltung mit Don Estévan diesem letzteren alle vertraulichen Nachrichten Fray José Marias, Tiburcio Arellanos betreffend, mitgeteilt hatte. Der Spanier brauchte nur die auf Marcos‘ Mörder bezüglichen Punkte mit der Entdeckung, die Cuchillo sich hatte bezahlen lassen, in Verbindung zu bringen, um den Mörder im früheren Gefährten des Gambusinos zu entdecken. Das war einerseits ein glücklicher Umstand, da er den Banditen noch mehr in seine Gewalt brachte; andererseits aber war es kein Hindernis, daß nicht die Liebe Tiburcios zu Doña Rosarita den Plänen des edlen Spaniers ernstlich hemmend in den Weg trat.

Der Sturm, der Tiburcio bedrohte, wurde also immer furchtbarer. Allem Anschein nach war er kurz vor dem Ausbruch, denn zu der gedemütigten Eigenliebe und der aufgeschreckten Rachsucht Cuchillos, deren Stimmen in seiner Brust grollten, kam auch noch – je nach dem Resultat seines Zusammentreffens mit Rosarita – der getäuschte Ehrgeiz des Herzogs von Armada.

Tiburcio hatte sein Zimmer mit so viel Vorsicht verlassen, daß er sich schmeicheln konnte, jeder Beobachtung entgangen zu sein – besonders in dem Augenblick, wo alle Gäste der Hacienda sich auf ihre Zimmer zurückgezogen hatten —, aber der Zufall hatte ihn, wie wir eben gesehen haben, verraten.

Obwohl die Nacht nicht so dunkel war, als Cuchillo und Don Estévan gewünscht hätten, um sich ungesehen zu nähern, so konnten sie doch ohne Geräusch an der Ringmauer entlangschlüpfen. Ein kleines, ziemlich dichtes Orangen- und Zitronenwäldchen, das einen süßen Duft ausströmte, den die Nachtluft in sich aufnahm, war der Ort, den man erreichen mußte. Glücklicherweise warf der Mond seine Schatten nach der Seite der Mauer hin, und jene konnten somit das Gebüsch unbemerkt gewinnen. Hier angelangt, hörten sie schon das bald unbestimmte, bald deutliche Murmeln der Fragen und Antworten. Als sie mit noch mehr Vorsicht mitten in das dichtbelaubte Holz geschlüpft waren, wurde es ihnen leicht, dank der Ruhe in der Luft, die von keinem Lärm unterbrochen wurde, auch die leisesten Worte zu verstehen.

»Was Ihr auch hören mögt«, sagte Don Estévan Cuchillo leise ins Ohr; »bleibt ruhig wie ich.«

Gut, dachte Cuchillo, ich allein bin jetzt beteiligt; eine Beleidigung gegen mich und nicht gegen dich habe ich zu rächen, und bei allen Teufeln, ich bin neugierig, zu erfahren, ob ich denn wirklich nichts weiter mehr bin als ein Dummkopf.

Alle beide machten Anstalten zu hören und zu sehen. Ein Raum, den ein gewandter Mann mit zwei Sprüngen durchmessen konnte, ein schwacher Zaun von kleinen Zweigen und Blättern trennte sie allein von demjenigen, den sie belauschen wollten und der weit davon entfernt war, die Gefahr, in der er schwebte, zu ahnen.

Wenn die spanischen Sitten heutzutage in Spanien nicht mehr ganz so sind wie vor zwei Jahrhunderten, so hat doch Mexiko sie in ihrer ganzen traditionellen Reinheit bewahrt. Der Fremde, der in die großen Mittelpunkte mexikanischer Bevölkerung kommt, kann sich leicht einbilden, plötzlich mitten in eine Stadt des Mittelalters versetzt zu sein. Es ist fast, als ob er plötzlich eine aus der Erde wiedererstandene Gesellschaft vor sich sähe mit den fremdartigen Sitten, dem malerischen Anzug und den barbarischen Bräuchen der Zeit vor dreihundert Jahren. Der Reisende in Mexiko wird ohne Zweifel an der Oberfläche einen schwachen Abglanz europäischer Gesittung finden; im Grunde aber hat das seltsame, fremdartige Wesen sich noch gar nicht verloren. In den fernen Gegenden, wo die Ereignisse dieser Geschichte sich zutragen, in jenen abgelegenen Provinzen, an deren Grenzen indianische Wildheit tobt, findet man nicht einmal mehr diese oberflächliche Ähnlichkeit mit Europa, und der Schriftsteller, der hier die Sitten schildern will, muß sich darauf gefaßt machen, wider seinen Willen zu jenen Episoden zurückgehen zu müssen, die aus den Zeiten Guzmáns von Alfarache, Don Juans de Maraña und aller jener Helden mit Mantel und Schwert aus der spanischen Überlieferung entlehnt zu sein scheinen.

Anfänglich, eine Zeit hindurch – und die Zeit schien den beiden Lauschern sehr lang —, hörten sie nur jene gewöhnlichen Redensarten eines Liebenden, der sich in zärtlichen Klagen und Vorwürfen ergießt, die er für wohlverdient hält; der sich in Beweisen erschöpft, die ihm unumstößlich scheinen, während die Frau sie spielend mit jener freien, bestimmten und fest geschlossenen Logik widerlegt, die sie mit so großem Erfolg gegen den Mann anwendet, den sie nicht liebt. War Tiburcio wirklich ganz in dem Fall, wo das Ohr der Frau taub ist, weil ihr Herz stumm bleibt? Das Folgende wird es uns lehren; fassen wir zunächst den Anblick der Szene auf, wie sie sich unter den Augen Don Estévans de Arechiza und Cuchillos gestaltete.

Ein schwacher Lichtglanz, der sich aus dem offenen Fenster Doña Rosaritas hervorstahl, verlor sich auf dem Sand des Gartens. Hinter starken Eisenstäben stand aufrecht das junge Mädchen, weiß gekleidet, in einer Stellung voll Anmut und Ungezwungenheit, und trat aus der erleuchteten Fensternische wie eine geheimnisvolle, strahlende Erscheinung hervor. In einer solch milden, balsamischen Nacht war sie womöglich noch verführerischer als im Salon der Hacienda; denn gerade durch das Gitter ihres Balkons hindurch scheinen die Frauen spanischen Ursprungs den mächtigsten Zauber auszuüben. Der seidene Schleier umhüllte ihr Haupt, und dessen zarte Falten wogten bei jeder unwillkürlichen Bewegung wie die Federn der Taube über Hals und Schultern. Man konnte am Fenster, das zur ebenen Erde war, durch das Gitter hindurch ihre elegante Taille bemerken und bis zum kleinen Schuh hinblickten, den sie trug.

Tiburcio hatte die Stirn gegen die Stäbe gestützt und schien sich zu beugen unter einem harten, unwiderruflichen Ausspruch oder einer verzweifelten Überzeugung. »Ach«, sagte er, »ich habe nicht wie Ihr, Rosarita, den Tag vergessen, an dem ich Euch das erstemal im Wald sah. Bei der düsteren Abenddämmerung konnte ich von Eurer Gestalt nur einen Schatten unterscheiden; aber einen Schatten, verführerisch wie der des Geistes dieser Wälder. Schon in Eurer Stimme schien mir eine solche Anmut zu liegen, wie sie die Stimmen, die ich bis dahin gehört hatte, nicht besaßen.«

»Ich habe den Dienst, den Ihr uns geleistet habt, nicht vergessen, Tiburcio«, sagte das junge Mädchen; »aber wozu nützt es, eine Zeit zurückzurufen, die nicht mehr ist?«

»Eine Zeit, die nicht mehr ist? Nennt ihr so den Zeitpunkt, wo mir mein Leben erst anzufangen scheint? Aber diese Zeit ist nicht vergangen für mich; mir ist, als ob es gestern gewesen wäre. Denn«, fuhr Tiburcio fort, der melancholisch alle Blätter seiner Erinnerung zerpflückte, wie man einen Strauß, den eine treulos gewordene Hand uns gereicht hat, nach und nach entblättert und dabei doch jede Blume bedauert, »so strahlend auch die Schönheit war, die mir erschien, als die Flamme der Feuerstätte nach und nach Eure Gestalt beleuchtete – ich hatte sie doch schon am Klang Eurer Stimme erraten, an dem Empfinden, in das sie mich versetzte.«

Wenn Tiburcio, anstatt seine Augen beim Sprechen niederzuschlagen, sie auf Doña Rosarita gerichtet hätte, so hätte er in ihrem Blick, auf ihrer Stirn jene Aufregung bemerkt, von der das Herz vielleicht nicht erreicht wird, die aber bei einer Frau durch eine aufgeregte, leidenschaftliche Stimme, die einen Hymnus auf ihre Schönheit singt, hervorgebracht wird.

Tiburcio war ganz in süßen und bitteren Erinnerungen versunken, die er nur allein zurückzurufen schien, ganz wie ein Mensch, der in dem getrübten Spiegel eines Baches die anmutigen Bilder, die einst sein klares Wasser widerstrahlte, noch einmal zusammenzusetzen sucht. Er fuhr mit sanfterer und bewegterer Stimme fort. »Ich habe ebensowenig die Lianenblüten vergessen, die ich für Euch pflückte und die mir frischer und wohlriechender vorkamen, wenn sie vom Duft Eures Haares erfüllt waren! Dieser süße Duft war also nur ein feines Gift, das eine unheilbare Liebe in meine Adern ergoß? Narr, der ich war! Diese Glockenblümchen sagten mir: ›Berausche dich, aber hoffe!‹ Und ich? Ich berauschte mich mit Hoffnung! Ist es möglich, Rosarita, daß Ihr die Erinnerungen vergessen hättet, die mir bis jetzt das Leben erhalten haben?«

Es gibt gewisse rücksichtslose Data, an die die Frauen nicht immer sich zu erinnern geruhen, so genau man sie auch erwähnen mag. Doña Rosarita schwieg einen Augenblick, als ob ihr rebellisches Gedächtnis die Einzelheiten, die Tiburcio anführte, vergessen hätte. »Nein«, sagte sie endlich mit leiser Stimme, um nicht etwa ein leichtes Zittern zu verraten; »aber wir waren damals noch zwei Kinder! Jetzt …«

»Jetzt ist das alles vergessen, weil ein artiger Herr aus Arizpe gekommen ist und die Gnade gehabt hat, Euch in seine ehrgeizigen Pläne mit einzuschließen!«

»Mich in seine ehrgeizigen Pläne mit einzuschließen? Und wer sagt Euch, daß nicht vielmehr im Gegenteil ich es bin, die es für angemessen hält, ihn in die meinigen mit einzuschließen?«

»Das ist sonderbar«, antwortete Tiburcio; »dieser Don Estévan, den ich noch mehr als jenen Senator verabscheue, hat Euch – sagt Ihr – von den Vergnügungen in Madrid und von jenen märchenhaften Ländern, die es jenseits des Meeres geben soll, erzählt, und Ihr wünscht, es mit eigenen Augen zu sehen?«

So weit war Tiburcio in seinen Vorwürfen gekommen, die jeder Mann mit Recht glaubt an die Frau richten zu dürfen, deren Liebe er nicht hat erwerben können, als hinter dem dichten Orangengebüsch, das Don Estévan und Cuchillo verbarg, sich ein fast unhörbares Rauschen der Blätter hören ließ.

»Still!« rief das junge Mädchen. »Habe ich nicht ein Geräusch gehört?«

Tiburcio wandte sich rasch um und hätte gern den dumpfen Zorn, der in ihm grollte, an irgend jemand ausgelassen; aber die Strahlen des Mondes beleuchteten nur die Blätter der Orangenbäume; alles war ruhig. Er nahm darum bald wieder seine finstere, tiefsinnige Haltung an. Der Schmerz hatte sogleich wieder von seiner Seele Besitz genommen, die der Zorn nur wie ein einziger Blitz einen dunklen Himmel durchzuckt hatte. »Es ist vielleicht der Geist irgendeines armen Liebenden, der vor Verzweiflung gestorben ist und in diesen Bäumen seufzt«, sagte er melancholisch.

»Jesus, Ihr erschreckt mich!« rief das junge Mädchen und zog unter seinem Schleier den bloßen Arm hervor, um sich hastig zu bekreuzigen. »Glaubt Ihr denn, daß man davon sterben kann?« fragte es naiv.

Ein trauriges Lächeln spielte auf den Lippen Tiburcios. »Hört, Rosarita, Ihr seid ehrgeizig, sagt Ihr. Wohlan, wenn ich nun alles, was Euch versprochen ist, Euch ebenfalls geben könnte? Hört«, sagte er, »ich habe bis jetzt nur die Sache des armen und verwaisten Tiburcio geführt; ich will jetzt für den Tiburcio Arellanos sprechen, der reich und mächtig zu werden im Begriff steht; ich werde angesehen werden, denn ich will Euch einen berühmten Namen anbieten.«

Bei diesen Worten hob Tiburcio eine vertrauensvolle Stirn gen Himmel, auf der der Stolz eines alten Geschlechts wieder aufzuleben schien. Zum erstenmal seit dem Anfang dieser Unterredung hatte er aufgehört, unverständig zu sprechen; Rosarita lieh ihm auch aufmerksam ihr Ohr.

17. Mangel an Verständnis

Die beiden Lauscher hatten nicht ein Wort von der ganzen Unterhaltung und kaum eine Gebärde aus dem Schauspiel verloren, das sich unter ihren Augen zutrug. Bei den letzten Tiburcio entschlüpften Worten und während er sich einen Augenblick sammelte, wechselten Don Estévan und Cuchillo einen raschen Blick. Wut und Verwirrung kämpften auf dem Gesicht des Banditen, der grimmig seine eigene Bestürzung sah und fühlte, wie er von Tiburcio getäuscht war – und das nach der unverschämten Art, mit der er sich gegen Don Estévan gerühmt hatte, er habe ihn ganz ergründet und auch seine geheimsten Gedanken gelesen.

Was den edlen Spanier betrifft, so hatten sich seine Augen mit einem Ausdruck schonungslosen Spottes auf ihn gerichtet. Vielleicht ließ er auch absichtlich Cuchillo den Stachel dieses Hohns fühlen. »Wirklich«, sagte er kalt, »dieser junge Mann setzt ein mittelmäßiges Pferd weit über das schönste Mädchen dieser Gegend.«

Der Bandit verbiß schweigend seine Wut.

»Wir werden nun erfahren«, fügte der Spanier hinzu, »ob er die Stelle, wo das Val d‘Or liegt, ebensowenig ahnt als die, wo sich das irdische Paradies befindet.«

Bei diesen Worten, die den Banditen an seine lügenhaften Behauptungen erinnerten, zuckte dieser zusammen wie der Stier, wenn er fühlt, daß die scharfen Spitzen der Bandilleras in sein Fleisch dringen.

Unterdessen hielt es Arechiza, der zufrieden war, die bösen Leidenschaften des Banditen geschürt zu haben, für klug, sie bis zu dem Augenblick im Zaum zu halten, wo es im Interesse seiner Politik läge, ihren Ausbruch nicht mehr zu hemmen. Ein unter seinen Augen begangenes Verbrechen, ohne daß sein Mund es befohlen oder nur dazu geraten hätte, mußte sein Gewissen sichern und ließ ihm gegenüber Cuchillo das ganze Ansehen, die ganze Gewalt, die ihm durch eine Mitschuld geraubt worden wäre. Er faßte also kräftig den Arm Cuchillos und sagte zu ihm: »Bei Eurer Seele Seligkeit – erinnert Euch daran, daß das Leben dieses jungen Mannes geheiligt ist!«

Ein Lächeln von böser Vorbedeutung verfinsterte noch das Gesicht des Banditen, der eben antworten wollte.

»Still!« sagte Arechiza. »Hören wir!« Und seine Hand blieb auf dem Arm Cuchillos liegen, während seine Blicke sich von ihm abwandten. —

Dies alles war das Werk einer Minute gewesen; die Stimme Tiburcios ließ sich nach kurzem Schweigen abermals vernehmen. »Wohlan, warum soll ich es Euch noch länger verbergen?« rief Tiburcio, von der aufmerksamen Miene Rosaritas angefeuert. »Ehren, Reichtümer, Macht – alles kann ich zu Euren Füßen legen, und nur Ihr, Ihr allein hättet dieses Wunder getan!«

So ungläubig die Frauen auch in mancherlei Punkten sind, so gern glauben sie doch wieder an die Wunder, die sie verrichten. Rosarita heftete ihre Augen fragend auf Tiburcio.

»Ich hätte es Euch vielleicht schon früher mitteilen müssen«, sagte er und schlug die Augen unter einem Vorwurf seines Gewissens nieder, »daß meine Adoptivmutter zu dem gegangen ist, der die Stelle meines Vaters vertreten hat; aber bei meiner Ankunft hier habe ich nur an eine gedacht …«

»Ich weiß es«, unterbrach ihn das junge Mädchen; »Ihr seid jetzt allein in der Welt; ich habe es heute abend aus dem Mund meines Vaters erfahren.«

Die Stimme Rosaritas war bei diesen Worten sanft wie ein Lufthauch, der in den Orangenbäumen seufzte, und Tiburcio fühlte einen sanften Druck. Bei diesem Anblick hörte die Hand Don Estévans nach und nach auf, den Arm Cuchillos zu halten.

»Meine Mutter ist arm gestorben«, fuhr Tiburcio fort; »und doch hat sie mir eine unschätzbare Erbschaft nebst einem Rachevermächtnis hinterlassen. Ich meinesteils habe in ihren letzten Worten freilich nur ein gefährliches Geheimnis gesehen, denn es tötet diejenigen, die in seinem Besitz sind; aber dieses Geheimnis soll mir wenigstens das Mittel liefern, mich bis zu Eurem Reichtum zu erheben. Die Rache soll später kommen; später will ich den Mörder Arellanos‘ suchen.«

Bei diesen Worten erbleichte Cuchillo und knirschte mit den Zähnen. Sein Arm war frei geworden; Don Estévan hielt ihn nicht mehr fest. Rosaritas Hand war in der Tiburcios geblieben.

»Hört mich also«, fuhr dieser fort. »Sechzig Meilen von hier, an einem Ort, den Marcos Arellanos gesehen hat – aber mitten unter den indianischen Stämmen —, gibt es eine Goldmine von unberechenbarem Reichtum. Ich weiß, wo sie ist; sie kann mein sein, wenn Ihr mich liebt, Rosarita; denn was soll mir ohne Eure Liebe soviel Reichtum nützen? Sprecht ein Wort, und ich kann mit einigen mutigen Männern, die ich werde zu finden wissen, diesen Schatz erobern und als meinen Anteil noch so viel behalten, daß ich die Tochter eines Vizekönigs damit blenden könnte. Dieses Gold will ich zu Euren Füßen legen, oder ich werde, wenn ich nicht wieder von dort zurückkomme, zu den Toten zu zählen sein.«

Tiburcio wartete auf die Antwort Rosaritas; diese Antwort erschütterte seine Sinne wie ein Totengeläut. »Ich will gern glauben, daß dies Eurerseits eine List ist, um mich auf die Probe zu stellen«, sagte das junge Mädchen mit einem Lächeln, dem das nächtliche Halbdunkel noch einen Reiz mehr verlieh, das aber das Herz des armen Tiburcio zerriß; »denn es würde zu gehässig sein, zu denken, daß Verrat Euch zum Herrn des Geheimnisses eines anderen gemacht hat.«

»Des Geheimnisses eines anderen?« rief der junge Mann mit rauher Stimme, indem er vor Erstaunen zurückwich.

»Eines Geheimnisses, das nur Don Estévan gehört!« erwiderte Rosarita. »Ich habe es gekannt!«

»Aber von diesem Geheimnis«, rief Tiburcio, »soll ich nur allein wissen, hat man mir gesagt. Ach, Don Estévan besitzt es auch? … So wird Don Estévan mir auch sagen können, wer der Mörder meines Vater ist! Ich haßte ihn schon so sehr … O mein Gott«, rief er, mit dem Fuß stampfend, »laß ihn es selbst sein!«

»Bitte vielmehr Gott, daß er dich begnadige!« rief eine Stimme, deren Klang Rosarita einen Schreckensruf auspreßte, während eine dunkle Gestalt wie ein Pfeil den Raum durchflog, der Tiburcio von den beiden Lauschern trennte.

Ehe er sich in den Verteidigungszustand setzen konnte, erhielt Tiburcio einen heftigen Stoß, verlor das Gleichgewicht und fiel; sein Gegner warf sich auf ihn. Einige Minuten hindurch wälzten sich die beiden Gegner auf dem Sand, ohne daß einer von ihnen ein Wort ausgestoßen hätte. Man hörte nur das dumpfe Geräusch schwerer Atemzüge. Das der Hand Cuchillos entschlüpfte Messer blitzte am Boden mit unheilbringendem Glanz, ohne daß einer sich dessen hätte bemächtigen können.

»Cuchillo, wir sind quitt!« rief Tiburcio, der sich mit einer äußersten Anstrengung erhob und seine Knie auf die Brust des Banditen setzte, während er seinen Dolch aus dem Gürtel zu ziehen suchte.

Eine Bewegung der Unentschiedenheit – obgleich schnell wie der Gedanke – ließ Don Estévan zögern, ob er für oder gegen Tiburcio Partei ergreifen solle.

»Halt!« rief Rosarita, indem sie ein herzzerreißendes Geschrei ausstieß. »Halt! Bei der Liebe der Heiligen Jungfrau und aller Heiligen, dieser junge Mann ist der Gast meines Vaters; sein Leben ist geheiligt unter unserem Dach!«

Don Estévan hielt den Arm fest, der Cuchillo treffen sollte, und während Tiburcio sich umwandte, um zu sehen, wer sich zwischen seine Rache und ihn stellte, erhob sich Cuchillo wieder. Seinerseits sprang Tiburcio rückwärts, wickelte seinen Mantel um den Arm, erhob ihn wie einen Schild, und mit vorgebeugtem Körper, ausgestrecktem Fuß, den Arm in gleicher Höhe mit dem Auge, schien er in der Stellung des antiken Fechters sich einen Gegner zum Angriff auszuwählen.

»Du nennst das quitt sein?« rief Cuchillo, noch keuchend unter dem Druck des Knies, das so schwer auf ihm gelastet hatte. »Dein Leben gehört mir; ich habe es dir nur geliehen und werde es dir wieder nehmen!«

»Heran doch, du Hund!« schrie Tiburcio zu ihm, dessen Aufregung durch den Anblick seiner beiden Gegner noch eine Stufe höher gestiegen war. »Kommt auch Ihr heran, Don Estévan! Feiger Mörder! Ihr bezahlt für den Mord an verteidigungslosen Leuten.«

Eine tiefe Blässe verbreitete sich bei dieser blutigen Beschimpfung, bei dieser unerwarteten Anklage über das Gesicht des Spaniers; er zog seinerseits seinen Dolch. »Drauf, Cuchillo, drauf!« schrie er in wütendem Ton. Und er selbst warf sich auf den jungen Mann. Vielleicht wäre Tiburcio dem Angriff seiner beiden Feinde erlegen, wenn nicht plötzlich ein helleres Licht durch das Gitter am Fenster Rosaritas gefallen wäre und den Schauplatz mit rötlichem Schein erleuchtet hätte.

Wir haben gesehen, daß Tiburcio bei dem jungen Mädchen alles ohne Erfolg versucht hatte: Klagen, Vorwürfe, Versprechungen waren nutzlos gewesen. Aber diese unvorhergesehene Entwicklung mußte viel beredter zu seinen Gunsten sprechen. Es gibt romantische Zustände, von denen auch die Frau mit dem ruhigsten Urteil getäuscht wird und sich immer fangen läßt. Eine Fackel in der Hand, hatte sich Doña Rosarita auf den Schauplatz dieser so rasch aufeinander gefolgten Ereignisse gestürzt. Beim Anblick Tiburcios, der furchtlos seine verteidigende Stellung beibehielt, während das Blut von seinem mit dem Messer bewaffneten Arm auf die Erde tropfte, bebte ihr Herz voll Mitgefühl und Bewunderung. Ihr erster Antrieb war, sich in die Arme dieses unerschrockenen und schönen jungen Mannes zu werfen, dessen Leben bedroht war, dessen Blut floß. Aber sie gehörte zu den Frauen, die den Schrei des Herzens unter einer keuschen Zurückhaltung zu ersticken wissen; sollten sie auch darüber sterben! Tiburcio war der einzige, mit dem sie sich nicht zu beschäftigen schien.

»O mein Gott«, rief sie, »Don Estévan, seid Ihr verwundet? Señor Cuchillo, Señor Arechiza – um der Liebe der Heiligen Jungfrau willen, zieht euch zurück! Niemand möge erfahren, daß ein Verbrechen in unserem Haus begangen worden ist!«

Diese Vermittlung des jungen Mädchens, dessen Busen sich unter dem feinen Hemd hob und senkte; das mit aufgelösten Flechten und auf den Nacken zurückgeworfenem Schleier in seiner stolzen und wilden Schönheit ehrfurchtgebietend dastand, war allmächtig. Die Messer kehrten in ihre Scheiden zurück. Cuchillo murrte wie eine Dogge, der man einen Maulkorb angelegt hat, Don Estévan beharrte in düsterem Schweigen; beide entzogen sich dem Lichtkreis, kehrten in den Schatten zurück und verschwanden.

Nur Tiburcio blieb mit trotziger Stirn, funkelndem Auge und einem lebhaft durch den Glanz der Fackel erleuchteten Antlitz allein auf dem Kampfplatz zurück. Allmählich jedoch nahm diese stolze Haltung des Mannes, der sich größer fühlt mitten in der Gefahr, beim Anblick Rosaritas einen melancholischen Ausdruck an.

Auch Rosarita erbleichte unter der Rückwirkung ihrer Gemütsbewegungen und verhüllte züchtig und ganz verwirrt durch das neue Gefühl, das in ihr erwacht war, ihren entblößten Busen und ihre Schultern mit den Falten ihres Rebozos.

»Rosarita«, sagte Tiburcio sanft, »ich hätte vielleicht – so ausdauernd ist die Hoffnung! – an Euren Worten gezweifelt, aber Eure Handlungen haben deutlicher gesprochen. Gerade zu meinen Feinden seid Ihr zuerst geeilt, und doch floß mein Blut! Seht, es fließt immer noch!«

»Gott weiß, ob ich diesen Vorwurf verdient habe!« sagte das junge Mädchen mit einer Gebärde des Schreckens beim Anblick der Blutflecken im Sand; es näherte sich, um sich selbst von der Gefährlichkeit der Wunde zu überzeugen.

Tiburcio wich zurück. »Es ist zu spät!« sagte er mit einem das Herz zerreißenden Lächeln. »Das Unglück ist geschehen! Lebt wohl! Ich bin zu lange Euer Gast gewesen; die Gastlichkeit Eures Daches war unheilbringend für mich. Mein Leben ist hier bedroht, meine teuersten Hoffnungen sind hier vernichtet.«

Mit diesen Worten näherte er sich einer Öffnung in der Ringmauer. Hundert Schritt davon erhoben sich düster und schwarz die ersten Bäume des Waldes; das geheimnisvolle Licht, das Tiburcio schon im Laufe des Abends aufgefallen war, warf schwache Strahlen wie die eines Sterns durch die Zwischenräume der Baumstämme.

»Was wollt Ihr tun, Tiburcio?« sagte Rosarita, die Hände faltend, während infolge der verschiedenen Gefühle, die auf sie einstürmten, ihre Augen gegen ihren Willen von Tränen naß wurden. »Das Dach meines Vaters wird Euch schützen!«

Tiburcio schüttelte verneinend das Haupt.

Rosarita fuhr fort, indem sie die Hand gegen den Wald ausstreckte: »Aber dort, allein und ohne Verteidigung, erwartet Euch der Tod!« Dann gab sie ihrer Stimme jene überzeugende Sanftheit, die den Entschluß eines Mannes in Unschlüssigkeit verwandelt. »An welchem Ort würdet Ihr Euch auch besser befinden als in meiner Nähe?« sagte sie traurig.

Die Energie Tiburcios wankte bei diesem Klang der geliebten Stimme. Er stand still. »Wohlan! Rosarita, sagt ein Wort; sagt, daß Ihr meinen Gegner haßt, wie ich ihn hasse, und ich bleibe!«

Ein heftiger Kampf schien in der Seele Rosaritas vor sich zu gehen; ihr Busen wogte rasch auf und nieder, sie umhüllte Tiburcio mit einem langen, zärtlichen, vorwurfsvollen Blick – aber sie blieb stumm.

»So lebt denn wohl!« rief Tiburcio. »Ich habe aufgehört, Euer Gast zu sein.« Und er sprang über die Mauer, ehe nur das junge Mädchen sich dieser Tat hätte widersetzen können.

Betäubt von diesem nicht vorhergesehenen Ausgang stieg sie auf den Schutt, der am Fuß der Mauer aufgehäuft lag, beugte sich über die Ringmauer hinaus und rief: »Tiburcio! Tiburcio!« Aber ihre Stimme verlor sich in der Nacht, ohne daß der sie einer Antwort würdigte, an den sie sich gewandt hatte – er entfernte sich raschen Schrittes.

Sie hörte noch einige Augenblicke den Klang seiner Schritte; aber dieses Geräusch erreichte bald nicht mehr das Ohr des jungen Mädchens, das niederkniete und betete: »O mein Gott, laß nicht durch diesen jungen Unbesonnenen, der fortgeht, ohne mich zu hören, deinen Fluch auf unser Haus kommen! O mein Gott, beschütze ihn vor den Gefahren, die ihn bedrohen! Wache über ihm, denn ach, er nimmt mein Herz mit sich fort!«

Dann vergaß Rosarita in ihrem Schmerz ihre Pläne künftiger Größe, den Willen ihres Vaters, die gegebenen Versprechungen und alle jene trügerischen Täuschungen, die den lauten Schrei einer Liebe zum Schweigen gebracht hatten, von der sie bis jetzt noch keine Ahnung gehabt hatte; sie erhob sich rasch, stieg abermals auf die Trümmer und rief mit herzzerreißender Stimme: »Tiburcio! Komm zurück! Ich liebe nur dich allein!«

Aber ihre Stimme weckte kein Echo. Sie hüllte sich in ihren Rebozo und weinte. Ehe sie wieder in ihr Zimmer zurückkehrte, warf sie noch einen letzten Blick nach der Richtung hin, die Tiburcio eingeschlagen hatte, um den vielleicht noch einmal zu sehen, auf dessen Rückkehr sie immer noch hoffte – aber alles blieb still und finster.

Am äußersten Ende der Ebene, auf der der helle Glanz der Sterne die phantastische Form einiger Gesträuche erkennen ließ, erhob sich der Wald wie ein schwarzer Gürtel; Nebel umkränzten seine Wipfel und begruben ihn in dichte Finsternis. Das ferne Licht blitzte noch immer wie ein Leuchtfeuer mitten aus dem Laubvorhang heraus. Plötzlich kam es den Augen des jungen Mädchens vor, als ob die Flamme höher emporschlage und einen lebhafteren Schein verbreite; gleichsam, um eine gute Aufnahme dem zu gewähren, der keine Zufluchtsstätte mehr hatte.

18. Der Aufbruch in der Nacht

Als Don Estévan und Cuchillo sich von dem Pavillon, den Doña Rosarita bewohnte, entfernt hatten und sie allein mit Tiburcio ließen, blieb der erstere schweigsam, ohne – wie es schien – die Gegenwart seines Gefährten zu bemerken, der ihn jedoch nicht verlassen hatte. Sie befanden sich wieder in der Allee von Granatbäumen, und der Spanier hatte es noch nicht für angemessen gehalten, ihm auch nur einen Vorwurf zu machen, obgleich es nicht in seiner ungestümen Natur lag, sich lange zu mäßigen; aber er war in tiefes Nachdenken versunken.

Besser mit den Geheimnissen des weiblichen Herzens bekannt als Tiburcio, hatte er am Schluß des verliebten Zwiegesprächs, das er gehört hatte, erraten, daß ein zärtliches Gefühl für diesen jungen Mann im Herzen Doña Rosaritas keimte, wenn sie sich auch dessen noch nicht bewußt war. Der veränderte Ton in der Stimme des Mädchens, seine Gebärden – alles hatte seinen Augen, die hellsehender waren als die von Tiburcio, da die Leidenschaft sie nicht blind machte und die Geheimnisse des weiblichen Herzens für ihn kein verschlossener Brief waren, die Beweise für eine Liebe verraten, die von sich selbst noch nichts wußte.

Er hatte bis jetzt die Tiburcio gemachte Entdeckung hinsichtlich des Val d‘Or als eine Sache von untergeordneter Wichtigkeit mit Verachtung behandelt; aber der von Doña Rosarita geliebte Tiburcio war für seinen Ehrgeiz ein unüberwindliches Hindernis. Die Heirat des Senators; die halbe Million, die dieser von der Mitgift seiner Frau für das Gelingen seiner Pläne opfern sollte; die Vorteile, die ihm Tragaduros‘ Einfluß im Senat von Arizpe – der durch seine Freigebigkeit noch vergrößert wurde – in Aussicht stellte – alles verschwand vor diesem neuen Hindernis. Man mußte es also durchbrechen, es um jeden Preis aus dem Weg räumen und sich Tiburcios lebend oder tot bemächtigen. Der Ehrgeiz stellt solch schreckliche Forderungen, denen der Ehrsüchtige alles opfern muß.

Es blieb nur noch die Ausführung dieses Plans übrig. Als der Spanier ihn einmal in seinem Geist beschlossen hatte, brach er zum erstenmal das Stillschweigen. »Ungeschickter Dummkopf!« murmelte er laut genug, daß Cuchillo es hören konnte.

»Beliebt Eure Herrlichkeit, von mir zu sprechen?« fragte der Bandit in einem Ton, in dem die augenblickliche Demütigung mit seiner gewöhnlichen Unverschämtheit stritt.

»Und von wem sollte ich wohl sonst sprechen – wenn Ihr nichts dagegen habt – als von dem Mann, der seinen Gegner weder durch List auszuforschen noch sich seiner durch Gewalt zu entledigen versteht? Ein Weib hätte getan, was Ihr nicht habt tun können. Ich hatte es Euch ja gesagt, dieses Kind ist ein Riese gegen Euch, und ohne mich …«

»Ich leugne nicht, daß Eure Vermittlung mir von Nutzen gewesen ist«, unterbrach Cuchillo; »aber ohne Eure Dazwischenkunft auf dem Weg nach der Poza wäre auch Tiburcio für uns kein Gegner mehr, den wir zu fürchten hätten.«

»Wieso?« fragte Don Estévan.

»Gestern abend, als ich ihn hinter mir auf dem Rücken meines Pferdes nach Eurem Nachtlager hinbrachte, hatte der junge Mann mir gedroht, mich in meiner Ehre beleidigt, und ich wollte eben unseren Streit durch einen guten Büchsenschuß beenden, als ein Abgesandter von Euch – Benito, der Jaguarbewunderer – uns entgegenkam und ein Pferd und Wasser überbrachte; ich mußte auf meinen Plan verzichten. Hier war das Rechte, wie Ihr seht, Don Estévan; die Tugend bringt uns Unglück! Das kommt von unserer Wohltätigkeit.«

»Sprecht von Euch, Schelm!« sagte der Spanier, dessen Stolz sich bei dem Vergleich empörte, den der Bandit zwischen ihnen aufzustellen suchte. »Und wenn man die Abwesenden angreifen darf – was hat denn dieser junge Mann Eurer Ehre zuleide getan ?«

»Was? Weiß ich es? Es war wegen meines Pferdes, das …« Cuchillo hielt inne wie ein Mann, dessen Zunge ein unbesonnenes Wort gesprochen hat.

»Das mit dem linken Fuß stolpert«, fügte Don Estévan hinzu. »Die alte Geschichte vom Pferd Arellanos‘.«

»Ich habe ihn nicht getötet!« rief der Bandit. »Ich habe ihm vielleicht einiges Unrecht vorzuwerfen gehabt, aber … ich habe es ihm von Herzen vergeben.«

»Ihr seid so großmütig! Aber Scherz beiseite; Ihr seht, dieser junge Mann darf uns nicht mehr im Weg stehen. Ich weiß nicht, welch ein Interesse ich an ihm nahm … gegen meinen Willen. In Wahrheit: Was kümmert es mich, ob er – allein, wie er dasteht – ein Geheimnis mit uns teilt? Heute bin ich anderer Meinung. Ich habe Euch eine halbe Unze gegeben, um ihn vom Tod zu retten; freilich ohne zu wissen, wer er war; jetzt will ich Euch zwanzig geben, auf daß er nicht mehr ist.«

»Das lass‘ ich mir gefallen – wir werden wieder Freunde! Seid nicht böse darüber, Don Estévan; morgen aber müßten wir viel Pech haben, wenn bei dieser Jagd auf wilde Pferde das seinige ihn nicht in eine Schlucht stürzte oder ihm nicht den Kopf an einem Felsen oder Baumstamm zerschmetterte oder ihn nicht wenigstens an einen Ort brächte, von dem er nicht wieder zurückkehren wird. Freilich werde ich ein wenig mit Oroche und Baraja teilen müssen; aber ich werde schon dahin sehen, daß es so wenig wie möglich ist.«

»Morgen!« wiederholte ungeduldig Don Estévan.

»Und wer sagt Euch, daß das ›Morgen‹ Euch gehört? Ach was! Ist die Nacht nicht lang, sind diese Gärten nicht weit genug? Seid Ihr nicht drei gegen einen? Wer gibt Euch die Gewißheit, daß ich morgen nicht anderer Ansicht geworden bin?«

Diese Drohung erschreckte Cuchillo. »Caramba!« sagte er. »Eure Herrlichkeit verschiebt nicht gern auf den folgenden Tag, was heute geschehen kann! Wohlan – ich werde mein Möglichstes tun. In der Tat – alles ist so ruhig hier, als ob nichts vorgefallen wäre, obgleich ich, um die Wahrheit zu sagen, erstaunt bin, daß das Geschrei des Mädchens nicht gehört worden ist.«

Wirklich hatte der Kampf zwischen Tiburcio und seinen Angreifern dank der späten nächtlichen Stunde keinen anderen Zeugen gehabt als die Tochter des Eigentümers dieser weitläufigen Hacienda, in der, wie wir schon sagten, alles schlief, mit Ausnahme der Gäste, in deren Interesse es lag, die Freveltat, die eben begangen worden war, zu verbergen.

Während sich Cuchillo nach dem Teil der Gesindewohnungen wandte, wo sich seine Gefährten befanden, schlug Don Estévan den Weg nach seinem Zimmer ein. Der Mond strahlte am Himmel, die Sterne funkelten, und die Luft war erfüllt vom Wohlgeruch der Orangenbäume, ganz als ob das Verbrechen nicht wach gewesen wäre mitten in dieser strahlenden Nacht. Don Estévan ging lange in seinem Zimmer auf und ab.

Der Senator schlief in dem seinigen mit der Ruhe eines Mannes, der sich in schwierigen Verhältnissen auf andere verläßt; süße Träume umschwebten sein Lager.

Don Agustin seinerseits ahnte in seinem Schlummer ebensowenig als der glückliche Tragaduros, daß ein zärtlicher Blick Doña Rosaritas, eine Träne in ihrem schönen Auge, ein Wort von ihren roten Lippen alle Pläne hätten scheitern lassen können.

Don Estévan allein ging in seinem Zimmer mit großen Schritten auf und ab wie der Ehrgeizige, der gewohnt ist, zu wachen, wenn die anderen schlafen, als Cuchillo zweimal an seine Tür klopfte. Beim Anblick seiner bestürzten Züge bebte der Spanier; er fürchtete und wünschte zugleich die Vollziehung seiner Befehle.

»Meine zwanzig Unzen sind futsch!« sagte Cuchillo. »Der junge Mann ist nicht mehr in der Hacienda.« »Er ist fort!« rief Don Estévan. »Und Ihr habt ihn entkommen lassen!«

»Wie war es zu verhindern? Dieses Tier Baraja war ebenso wie Oroche trunken vom Mescal; Diaz hat sich geradezu geweigert, mit mir gemeinsame Sache zu machen; und ehe ich den beiden Trunkenbolden begreiflich machen konnte, worum es sich handelte, hatte der junge Mann das Weite gesucht und die Mauer überstiegen. So wenigstens haben wir vermutet.«

»Weshalb?« fragte der Spanier.

»Als wir anlangten, hatte sich Doña Rosarita, mit dem Gesicht nach dem Wald, der sich hinter der Hacienda erhebt, über die Mauer gelehnt, und wenn der junge Mann, der offenbar diese Richtung eingeschlagen hat, nicht schon sehr weit entfernt gewesen wäre, so ist es mehr als gewiß, daß die Liebesworte, die ihr Mund ihm nachsandte, ihn hätten umkehren lassen.«

»Also liebt sie ihn doch!« rief Don Estévan.

»Leidenschaftlich! Dafür bürge ich – oder ihre Worte und ihre Stimme waren sehr trügerisch.« Und Cuchillo wiederholte Don Estévan den leidenschaftlichen, aber erfolglosen Ruf, den das junge Mädchen Tiburcio nachgeschickt hatte.

»Man muß zu Pferd steigen und ihm nachsetzen; der Erfolg unserer Expedition hängt vom Leben dieses jungen Mannes ab. Sattelt schnell unsere Pferde, Ihr und Eure Freunde; weckt Benito, die Diener, so daß wir spätestens in einer Stunde alle im Sattel sitzen. Während dieser Zeit will ich noch zuvor Don Agustin und den Senator benachrichtigen.«

Geradeso habe ich ihn vor zwanzig Jahren gekannt: immer feurig und voller Verachtung aller Schwierigkeiten, sagte Cuchillo für sich, als Arechiza weggegangen war. Wenn er mit solchem Charakter kein Glück in seinem Vaterland gemacht hat, so weiß ich nicht mehr, wozu Ausdauer und Energie gut wären. Unter diesen Betrachtungen beeilte sich Cuchillo, die Befehle seines Chefs auszuführen.

Dieser zog sogleich seine Reisekleider wieder an und ging nach dem Zimmer des Senators. Die Tür stand offen wie meist in diesen Ländern, wo man fast das ganze Leben außer Haus zubringt. Der Mond schien in vollen Strahlen durch die Fenster des Senators und erleuchtete hinreichend das Zimmer, in dem er schlief.

»Was gibt es denn, Señor Estévan? Señor? Herzog wollt‘ ich sagen« (vielleicht träumte Tragaduros vom Hof des Königs von Spanien), rief der Senator, indem er, erwacht, sich aufrichtete.

»Ich will Abschied von Euch nehmen, Don Vicente, und Euch meine letzten Verhaltensbefehle geben.«

»Wie denn?« sagte der Senator. »Wieviel Uhr ist es denn? Oder habe ich etwa drei Tage geschlafen?«

»Nein«, erwiderte der Spanier, »aber eine große Gefahr bedroht Eure und meine Pläne: Dieser junge zerlumpte Bauer kennt ebenso wie ich das Dasein des Val d‘Or; und – was noch schlimmer ist – er liebt Doña Rosarita, und diese liebt ihn!«

Tragaduros aber, anstatt wie Don Estévan zurückzuprallen, drückte sich nach dieser Nachricht in sein Kopfkissen und rief: »Dann adieu Mitgift von einer Million, mit der ich schon liebäugelte; adieu schöne Felder mit springenden Herden, die ich schon als die meinigen betrachtete; adieu Ehre und Auszeichnungen am Hof König Karls I.!«

»Noch ist nicht alles verloren!« erwiderte Don Estévan. »Das Unglück kann wiedergutgemacht werden, aber wir müssen uns beeilen. Dieser junge Mann hat heute abend die Hacienda verlassen – wir müssen ihm zuvorkommen; wir müssen wissen, nach welcher Seite er seine Schritte gewandt hat, und ihm den Weg abschneiden. Um so schlimmer für ihn, daß ihn sein böses Geschick in unseren Weg geworfen hat.«

Der Spanier sagte weiter nichts über Tiburcio. Was den Senator betrifft, dem ohne Zweifel wenig daran lag, auf welche Weise man einen so furchtbaren Mitbewerber um den Geldkasten Don Agustins fernhielt, so bekam er den Mut wieder, den er kurz verloren hatte.

»Wie es auch ablaufen mag«, fügte Don Estévan hinzu; »dieser junge Mann wird nicht wieder in der Hacienda aufgenommen werden. Ich benachrichtige jetzt noch Señor Peña davon; Ihr seid also Herr der Festung, und an Euch ist es, so zu handeln, daß niemand in diese eindringt. Macht Euch liebenswürdig; es ist eine Kleinigkeit für Euch, da Ihr es nur mit einem Abwesenden und vielleicht mit einem – Toten zu tun habt. Diese Steppen sind so gefährlich, und Ihr kennt das Sprichwort über diejenigen, die nicht da sind.«

»Ich werde unwiderstehlich sein!« rief Tragaduros. »Denn seit gestern stehe ich in Flammen für das göttliche Mädchen, das vom Himmel herabgestiegen zu sein scheint. Es ist so weit gekommen, daß, wenn man mir die Mitgift ohne das Mädchen geben wollte, ich glaube, ich würde sie annehmen … das heißt, ich meine das Gegenteil!« verbesserte sich der Senator.

»Niemals hat ein Mann ein wünschenswerteres Ziel im Auge gehabt als diese unermeßliche Mitgift und diese schöne Blume der Steppe; laßt also kein Mittel unversucht, um Euren Zweck zu erreichen!«

»Ich will spinnen für sie, wenn es nötig ist, wie Herkules zu den Füßen der Omphale.«

»Wenn Herkules als Spinner in Omphales Augen einigen Verdienst hatte, so geschah es, weil er Herkules war, was Ihr, soviel ich weiß, nicht seid. Macht es besser: Morgen, bei jener Jagd auf wilde Pferde, zeichnet Euch durch irgendeine kühne Tat aus; besteigt zu Ehren der schönen Augen Doña Rosaritas ein ungebändigtes Pferd und bringt es keuchend und gezähmt zu ihren Füßen zurück!«

»Ich sage nicht nein … ich sage nicht nein«, erwiderte der Senator, etwas weniger von diesem zweiten Mittel, sich liebenswürdig zu machen, begeistert als von demjenigen, das die Erinnerung an eine klassische Zeit in ihm zurückgerufen hatte; »aber mir fehlen die nötigen Mittel, um den Platz eng einzuschließen; mir fehlt dieser goldene Schlüssel zum Geldkasten, der nach dem Wort eines Philosophen auch der zum Herzen ist.«

»Ich werde Sorge dafür tragen«, antwortete der Spanier. »Ich werde Euch einen bedeutenden Kredit bei Peña eröffnen; dieses verführerische Mittel darf Euch nicht fehlen. Aber Ihr denkt doch auch an unser Übereinkommen im Fall des Gelingens?«

»Fünfhunderttausend Franken durch Freigebigkeit aller Art für politische Zwecke verbraucht! Ach, wenn es mir doch ebenso leicht würde, die Mitgift zu gewinnen, als es mir sein wird, sie zu verzehren!«

Der Senator stieß einen Seufzer aus; dann gab Don Estévan ihm noch Ratschläge und Verhaltensbefehle, erinnerte ihn noch einmal an das Ziel, das sie verfolgten, indem er alle Saiten des Ehrgeizes, der Liebe und der Habsucht bei ihm erklingen ließ, drückte ihm die Hand und begab sich zum Hacendero.

Das Klirren der Sporen Don Estévans weckte Don Agustin, der beim Anblick der Reitkleider seines nächtlichen Besuches ausrief: »Ist es denn schon Zeit, zur Jagd aufzubrechen?«

»Nein, aber für mich hat die Stunde zu einer ernsteren Jagd als die auf wilde Pferde geschlagen!« antwortete der Spanier. »Es geht darum, dem Feind der Größe Eures Hauses den Vorsprung abzugewinnen – dem Mann, der die Gastfreundschaft, die Ihr ihm bewiesen habt, mißbrauchte, um eine Verschwörung um uns anzuzetteln, in der alles vernichtet werden konnte: Eure Pläne, die meinigen und die Tragaduros!«

Man sieht, daß Don Estévan Tiburcios Sache dem Hacendero in einem viel düsteren Licht darstellte als dem Senator. Wirklich mußte der letztere ganz natürlich seinen Gegner überall und immer hassen, während – alles in allem betrachtet – der reiche Eigentümer wegen seiner zärtlichen Liebe für seine Tochter die Dinge in einem viel günstigeren oder doch weniger traurigen Licht betrachten konnte.

»Die Größe meines Hauses, die Gastfreundschaft, die man mißbraucht?« rief der Hacendero ganz erstaunt, indem er mit einer Hand nach einer langen, breiten Toledoklinge griff, die am Kopfende des Bettes hing – ganz wie ein Mann, der immer bereit ist, sein gutes Recht beim Schwert zu suchen. »Wer bedroht die Größe meines Hauses? Wer mißbraucht meine Gastfreundschaft?«

»Beruhigt Euch!« erwiderte Don Estévan, innerlich lächelnd über den Gegensatz zwischen dem jugendlichen Feuer dieses schon gereiften, aber an ein gefahrvolles Leben gewöhnten Mannes und der Zaghaftigkeit des Senators. »Der Feind ist nicht mehr hier; er ist entflohen und hat damit selbst sein Urteil gesprochen.«

»Aber wer ist denn dieser Feind?« fragte Peña.

»Tiburcio Arellanos!«

»Er ein Feind?« erwiderte der Hacendero. »Das ist unmöglich! Rechtlichkeit und Mut sind auf sein Gesicht gezeichnet; die Schilderung, die Ihr da von ihm entwerft, ist die eines Verräters und Feiglings!«

»Er weiß, wo das Val d‘Or liegt! Er liebt Eure Tochter!«

»Ist es weiter nichts als das? Ich habe es Euch ja selbst gesagt!«

»Ja; aber Eure Tochter liebt ihn wieder, und das wißt Ihr nicht.« Und er erzählte dem Hacendero die Ereignisse dieses Abends, ohne ihm etwas zu verschweigen.

»Um so schlimmer für den Senator«, meinte Peña.

»Denkt an Euer Wort, das Ihr nicht nur mir oder Tragaduros allein gegeben habt, sondern einem Prinzen aus dem königlichen Blut Spaniens, dessen teuerste Interessen ich vertrete und dem dieses Ereignis – so einfach es auch ist —, dieser Eigensinn eines kleinen Mädchens die Krone vom Haupt reißen kann! Denkt an Euer Land, das seine Wiedererhebung, seinen Ruhm, seine künftige Macht von dem Bündnis erwartet, wozu Ihr Euer Wort verpfändet …«

»Was hat denn mein Wort mit solchen Betrachtungen zu tun? Habt Ihr nicht mein Wort? Ich nehme es niemals zurück; aber nur dem Herzog von Armada habe ich es gegeben, nur Ihr allein könnt mich davon entbinden. Seid Ihr zufrieden mit dieser Versicherung?«

»Warum sollte ich es nicht sein?« rief der edle Spanier und reichte dem Hacendero die Hand. »Sei es so: Ich habe Euer Wort und nehme alles übrige auf mich. Aber dieser junge Mann kann Helfershelfer finden und früher als wir zur Eroberung des Val d‘Or aufbrechen; ich muß also nach Tubac und ihm zuvorkommen – das ist der Grund, warum ich Euch so plötzlich verlasse.«

»Wie sich auch alles gestalten mag – Rosarita wird die Frau des Senators. Lebt denn wohl, und möchtet Ihr bald zurückkehren!«

Der Spanier hatte, wie man sieht, viel sorgfältiger vor dem ehrlichen Don Agustin als vor dem Senator gegen seine geheimen Absichten gegen Tiburcio verborgen gehalten. Da er nun sicher auf das bestimmte Wort Don Agustins bauen konnte, so nahm er Abschied von ihm, vergaß jedoch nicht sein Versprechen, dem Senator einen bedeutenden Kredit zu eröffnen. Peña wollte aufstehen und ihn bis zum Tor der Hacienda begleiten, aber der Spanier nahm es nicht an.

Alles war fertig zum Aufbruch, als Don Estévan, nachdem er alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen hatte, in den Hof hinabstieg. Cuchillo, Baraja, Oroche und Diaz waren im Sattel; der letztere auf einem prachtvollen, feurigen Rappen, den der Hacendero seinem Versprechen getreu dem Abenteurer im Laufe des Abends geschenkt hatte.

Die Maultiere waren gesattelt und beladen; zwei Diener, von denen Benito einer war, standen in Erwartung Don Estévans in ehrerbietiger Haltung. Nur gab es keine frischen Pferde für den Zug, wie wir sie im Dorf Huerfano gesehen haben. Ungeachtet seiner scheinbaren Ungeduld wußte der Spanier sehr wohl, daß er immer noch vor Tiburcio in Tubac ankommen würde, sollte dieser auch wirklich durch ein Wunder das Presidio von Tubac erreichen.

19. Baraja zählt einen Helfershelfer zuviel

Mit Ausnahme der Diener wußten alle Reiter, die der edle Spanier vor sich sah, ganz sicher, was dieser plötzliche Aufbruch zu bedeuten habe. Zwei von ihnen hatten indes von den Gegenständen, die sie umgaben, und von dem Ziel, das sie verfolgten, keinen sehr klaren Begriff. Das waren Oroche und Baraja. Noch betäubt vom Duft des Mescal, von dem sie gar manches volle Glas getrunken hatten, machten sie gewaltige Anstrengungen, um nicht im Sattel zu schwanken.

Als Don Estévan seine Blicke auf den marschbereiten Zug lenkte, sah er dank ihrer Anstrengungen nichts Ungewöhnliches in der Haltung der beiden Schelme. Cuchillo allein sah unruhig zu ihnen hin. Indes flößte ihm ihre ernste Haltung wieder Mut ein.

Als Don Estévan seinen Fuß in den Steigbügel setzte, ritt Cuchillo dicht an seine Seite, zeigte mit einer Miene geheimen Einverständnisses auf Oroche und Baraja und sagte: »Wenn Eure Herrlichkeit mir in meiner Eigenschaft als Führer erlaubt, die Marschordnung zu bestimmen, so bin ich bereit, mein Amt sogleich anzutreten.«

»Tut es!« antwortete der Spanier mit lauter Stimme, indem er sich ebenfalls in den Sattel schwang.

»Wohlan!« sagte Cuchillo. »Die beiden Diener reiten voraus und erwarten uns an der Brücke des Salto de Agua, an der anderen Seite des Waldstromes.«

Die beiden Diener gehorchten schweigend und waren schon fern, als der Zug aus der Umpfählung der Hacienda ritt.

Cuchillo blieb an der Seite Don Estévans. »Wir haben die Spur des jungen Mannes gefunden«, sagte er; »er hat sich nach dem Wald dort unten gewandt.« Als sie darauf hinter der Ringmauer, durch deren Öffnung Tiburcio die Hacienda verlassen hatte, um diese herumgeritten waren, sagte abermals der Bandit: »Ihr seht doch dieses Feuer, dessen Schein durch die Bäume zu uns dringt; ohne Zweifel hat er dort in der Nähe eine Zuflucht gesucht.«

Das geheimnisvolle Licht glänzte wirklich immer noch ebenso wie damals, als es Tiburcio im Laufe der Nacht bemerkt hatte.

»Wir werden Jagd auf ein wildes Füllen machen«, fuhr Cuchillo mit einem gehässigen Lächeln fort; »das wird gewiß ebensoviel wert sein wie die Jagd, die uns Don Agustin versprochen hatte; und wir sind hier drei Jäger!« Cuchillo deutete mit seiner Reitpeitsche zuerst auf sich, dann auf Oroche und Baraja. »Sie haben unsere Sache zur ihrigen gemacht«, sagte er weiter.

»Ohne etwas zu wissen?« fragte Don Estévan.

»Wie Spürhunde – ihrem Instinkt folgend – die Partei des Jägers gegen den Hirsch nehmen; und diese haben furchtbare Zähne!«

Der Mond schien auf die Büchse, die am Sattel eines jeden der beiden besagten Reiter hing.

»Aber diese Kerle sind betrunken!« rief Don Estévan, der diesmal die Reiter im Sattel schwanken gesehen hatte. »Sind das die Hilfstruppen, über die Ihr verfügt?« Und er warf einen zornigen Blick auf Cuchillo.

»Nur unser Eifer reißt uns fort«, stammelte Baraja.

Der klügere Oroche richtete sich stolz empor und sagte kein Wort.

»Diese Leute sind nicht gerade nüchtern«, erwiderte Cuchillo; »aber ich kenne ein wirksames Mittel gegen die Trunkenheit. Wenn ich mich nicht irre, so hat der Wald, in den uns die Spur führt, der wir folgen, einen Überfluß an ›Jocuistle‹, und Ihr sollt sogleich sehen, daß Baraja und Oroche ebensogut zu Pferd sitzen wie Ihr und ich.«

Don Estévan verbiß schweigend seinen Zorn. Dies war nicht der Augenblick zu vergeblichen Vorwürfen. Vor allen Dingen mußte man genau wissen, welche Richtung Tiburcio eingeschlagen hatte.

Einige Minuten reichten hin für den Reiterzug, um längs der Ringmauer zur Öffnung zu kommen. Cuchillo stieg vom Pferd und zeigte Feuer anschlagend beim Schein der Funken auf die frisch unter den Füßen Tiburcios herabgestürzten Steine und auf einige Tropfen Blut, die sie rot färbten.

»Ihr seht, daß der junge Mann verwundet und hier herausgekommen ist. Ach, wenn ich ihn doch zwei Zoll tiefer getroffen hätte!« sagte Cuchillo seufzend. Übrigens, dachte er, werde ich wenigstens zwanzig Unzen bekommen, und die will ich heute abend noch verdienen! Er hatte sich wohl gehütet, seinen Mitschuldigen von dem versprochenen Blutlohn etwas zu sagen. »Nun«, nahm er wieder das Wort, »wohin sollte er gegangen sein, wenn nicht in die Nähe jenes Feuers, das ein Nachtlager von Reisenden anzeigt?«

Etwas weiter waren – wie um Cuchillos Ansicht zu bestätigen – noch andere Blutflecken auf dem kalkigen Boden, der die Mauer der Hacienda vom Waldsaum trennte, ebenfalls beim Schein des Mondes oder bei den Funken des Feuerstahls sichtbar.

»Eure Herrlichkeit wird in Diaz‘ Begleitung dem Fluß folgen, den Ihr linker Hand wiederfinden werdet«, sagte der Bandit zu Don Estévan. » Sein Lauf wird Euch nach vielen Krümmungen zu der Brücke aus Baumstämmen bringen, die zum anderen Ufer führt. Doch ehe Ihr zu dieser Brücke kommt, haltet unter der Baumgruppe still, um mit uns wieder zusammenzutreffen, sobald wir unsererseits unser Vorhaben ausgeführt haben, um dann alle mit den Dienern uns zu vereinigen, die dort schon vor uns eingetroffen sein werden. Diese Menschen dürfen nichts von unseren Handlungen oder Plänen ahnen; das ist auch der Grund, warum ich sie entfernt habe.«

Cuchillo hatte kaum als geschickter Kapitän – oder, um es besser auszudrücken, als vollendeter Bösewicht – die Auseinandersetzung seines Plans beendigt, als er auch mit seinen beiden Freunden den Weg in der Richtung nach dem Feuer, das man immer in der Ferne vor Augen hatte, weiter verfolgte. Don Estévan und Pedro Diaz wandten sich links, um den Lauf des Flusses, dem sie folgen sollten, wiederzufinden.

»Dieses Feuer bezeichnet ohne Zweifel einen Ort, wo Reisende haltgemacht haben«, sagte Pedro Diaz, als Cuchillo sich entfernt hatte. »Aber wer können diese Reisenden sein? Ich kann es nicht erraten.«

»Reisende, wie es deren so viele gibt«, sagte Don Estévan mit zerstreuter Miene.

»Nein, das ist nicht möglich! Don Agustin Peña ist zehn Meilen in der Runde durch seine edle Gastfreundschaft bekannt, die er so gern übt. Es ist nicht vorauszusetzen, daß diese Leute so nahe bei der Hacienda nichts von ihrem Dasein wissen sollten. Es können also nur Fremde sein; oder wenn es Leute aus dieser Gegend sind, so kann dieses vorsichtige Alleinsein nur schlechte Absichten verhüllen.«

Pedro Diaz kam beinahe zu demselben Schluß wie Tiburcio beim Anblick des entfernten Lichtes, das ihm aufgefallen war.

Cuchillo näherte sich mit seinen beiden Gefährten Oroche und Baraja immer mehr dem Saum des Waldes; er hatte es für nutzlos gehalten, sie wegen ihrer Unmäßigkeit zu schelten. »Erwartet mich hier«, sagte er zu ihnen; »ich will etwas in diesem Wald pflücken, wovon eure Betäubung vergehen wird.«

Cuchillo stieg ab und kam bald mit einer länglichen Frucht in der Hand zurück, gelb wie eine reife Banane: es war die Frucht des Jocuistle, von der er gesprochen hatte. Er gab sie den beiden Reitern, die nach seiner Anweisung den scharfen, aber schmackhaften Saft davon tranken – ein untrügliches Mittel gegen die Trunkenheit. Wirklich verschwanden nach einigen Minuten die Dünste aus dem Gehirn der beiden Trunkenen wie durch Zauberei.

»Jetzt an unser Werk!« sagte Cuchillo, ohne Zeit damit zu verlieren, die Entschuldigungen seiner beiden Gefährten anzuhören.

Als sie die ersten Bäume des Waldes erreicht hatten, begann der Bandit abermals: »Ihr werdet hier absteigen und eure Pferde am Zügel führen, bis ihr im Schein der Feuerstelle unterscheiden könnt, welche Menschen sich dort gelagert haben; sobald ich meinen Büchsenschuß abgegeben habe, werde ich mich zu euch zurückziehen.«

»Das versteht sich«, antwortete Oroche; »Baraja und ich sind bereit, wie wir es versprochen haben, das persönliche Interesse dem allgemeinen zu opfern.«

Cuchillo tat geradeso, wie er es seinen Genossen eingeschärft hatte. Er band sein Pferd an einen Sumachstamm und näherte sich kriechend wie ein Jaguar der Feuerstelle. Er lauschte – das ruckweise Brüllen der wilden Tiere, die in der nahen Steppe umherschweiften, der schrille Ruf des Hahns, das traurige Geschrei einer nicht weit davon sitzenden Eule und das klagende Geheul des Schakals mischten sich in das ferne Murmeln des Salto de Agua. Der Mond erleuchtete die Gipfel der Bäume, der Lichtkreis unter dem Laubdach wurde immer größer vor seinen Augen. Cuchillo näherte sich, immer kriechend; unter den verwirrten, bogenförmig gestalteten Wurzeln eines Baumes machte er halt, schaute sich um, lauschte abermals; dann flog ein wildes Lächeln über seine Lippen beim Anblick dreier Männer, von denen zwei saßen und der dritte am Feuer lag.

20. Der Waldläufer

Derjenige Teil der Ebene, der sich hinter der Hacienda ausdehnte, war noch ebenso, wie die ersten Ankömmlinge ihn gefunden hatten – das heißt unbebaut und wild. Einen Büchsenschuß etwa von der hinteren Ringmauer erhoben sich, wie wir schon erwähnt haben, die ersten Bäume; sie bildeten den Saum eines ungeheuren Waldes. Er dehnte sich nördlich bis zur Grenze der Steppen aus, an die sich wiederum das Presidio von Tubac anschließt.

Der kaum gebahnte Weg, der sich in dieser Richtung durch diesen windet – und er ist die einzige gangbare Straße zum Presidio —, war von einem wilden Fluß durchschnitten, zwischen dessen abschüssigen, hohen Ufern das Wasser rauschend dahinströmte. Es war dies jener Bach, der an der Hacienda vorbeifloß und in seinem weiteren Lauf noch durch andere Nebenflüßchen größer wurde. Eine Art kunstlos gebauter Brücke, aus zwei Baumstämmen bestehend, die nebeneinander lagen, verband die beiden steilen Ufer, so daß der Reisende dadurch einen langen Umweg vermied, den er hätte machen müssen, um mittels einer Furt über den Waldstrom zu setzen.

Dicht an diesem Weg nun, ungefähr gleich weit entfernt von der über den Gießbach führenden Brücke und der Hacienda, finden wir an einem in einer kleinen Lichtung angezündeten Feuer zwei Personen wieder, die nur einen Augenblick aufgetreten sind – nämlich die beiden unerschrockenen Jäger, die wir seit dem Kampf mit den Jaguaren nur wiedersahen, als Don Estévan und sein Gefolge eben die Hacienda del Venado erreichten.

Zu der Stunde, wo Tiburcio die Hacienda verließ, war der Wald in tiefes Schweigen gehüllt, kaum unterbrochen von dem dumpfen Rauschen des Waldstromes, der in seinem steinigen Bett dahinflutete. Der Mond warf ein bleiches Licht auf den Wald. Seine Strahlen breiteten über das düstere, grüne Laubdach, das sich endlos ausdehnte, eine leuchtende Decke, auf und nieder wogend wie die Wellen des Meeres, und fielen hier und dort durch die leeren Räume zwischen den Stämmen. Sie färbten die graue Rinde der Wurzelträger und der Sumachs mit bläulichem Schein, beleuchteten den rauhen Stamm der Korkbäume und das bleiche Laub des Eisenholzes. Tausendmal durch das Netz der Zweige gebrochen, fiel das Licht geheimnisvoll in die dichtesten Gebüsche. Die grünen und gelben Moose funkelten in Samtglanz unter den breiten Blättern des Arum, dessen Blüten sich wie silberne Schalen darstellten. In einem Feuer von rötlichem Glanz sahen im Gegensatz zu dem bleichen Licht des Mondes die herabhängenden Lianen wie Eisendraht aus, der eben aus der Glut herausgezogen wird. Diesen durch die Flammen erleuchteten Stellen gegenüber war der Anblick der entfernten Waldgründe noch finsterer und drohender.

Dicht bei dieser Feuerstelle, die sich wie gewöhnlich an dem Ort befand, wo die Bäume spärlicher standen, lagerten die beiden Männer, die wir hier wiederfinden, wie Leute, die nach einem ermüdenden Marsch der Ruhe pflegen.

In einer Gegend, in der es einige Meilen in der Runde keine Wohnungen gibt, würde ein so gewöhnliches Ereignis wie ein Nachtlager mitten im Wald bedeutungslos gewesen sein; so nahe jedoch bei einer reichen Hacienda, deren Besitzer durch seine große Gastlichkeit bekannt war, wurde diese Tatsache, wie Pedro Diaz gesagt hatte, viel bedeutungsvoller. Wirklich konnten die beiden Jäger, wenn sie die Hacienda kannten, nur aus besonderen Gründen so allein bleiben.

Ein bedeutender Haufe trockener Zweige erhob sich einige Schritte vor ihnen und bewies, daß es ihre Absicht war, an dieser Stelle den Rest der Nacht zuzubringen. Der Schein der Glut fiel auf zwei Gesichter, die vielleicht am Tag nichts Bemerkenswertes gehabt hätten, denen aber der Glanz des Feuers einen ganz besonderen, phantastischen Ausdruck gab. Es ist hier der Ort, ein Bild der beiden Jäger zu entwerfen, dessen Zeichnung wir bisher aufschieben mußten.

Der erste von beiden trug einen Anzug, der zugleich an den Indianer und an den Weißen erinnerte. Sein Kopf war mit einer Mütze aus Fuchspelz in Form eines abgestumpften Kegels bedeckt. Ein baumwollenes, blaugestreiftes Hemd bedeckte seine Schultern; neben ihm auf der Erde lag eine Art Überrock, aus einer wollenen Decke verfertigt. Seine Beine waren nach Indianerweise durch lederne Gamaschen geschützt. Statt der Mokassins jedoch trug er eisenbeschlagene Schuhe von einer Stärke, daß sie zwei Jahre hindurch aushalten konnten.

Ein sorgfältig glattgeschabtes Büffelhorn hing quer über seinen Schultern und enthielt sein Pulver, während in einem ledernen Beutel, der an der anderen Seite hing, ein reichlicher Vorrat bleierner Kugeln war. Endlich wurde sein Jagdgerät noch durch eine neben ihm liegende Büchse mit langem Lauf und durch ein Jagdmesser, das in einem Wehrgehänge oder vielmehr in einem wollenen, vielfarbigen Gürtel stak, vervollständigt.

An dem sonderbaren Anzug wie auch an dem gigantischen Wuchs konnte man in ihm einen von den kühnen Jägern, den Abkömmlingen der ersten Normannen in Kanada, erkennen, denen man von Tag zu Tag seltener an den Grenzen begegnet und die am Anfang dieser Erzählung erwähnt wurden. Seine Haare fingen an, sehr grau zu werden, und würden kaum gegen seine Mütze abgestochen haben, wenn nicht eine breite, kreisförmige Narbe, die von einer Schläfe zur anderen ging, die Grenze zwischen beiden bezeichnet hätte. Diese Narbe bewies, daß, wenn er auch sein Haupthaar noch besaß, er doch große Gefahr gelaufen hatte, es gewaltsam zu verlieren.

Seine sonnverbrannten Züge schienen aus Bronze gegossen zu sein, soviel helles Licht und scharf dagegen abstechende Schatten verliehen ihnen der Glanz des Feuers und die Dunkelheit der Nacht. Übrigens lag in seinem Gesicht ein Ausdruck von Gutmütigkeit, der ganz zu der herkulischen Kraft seiner Glieder paßte, denn die Natur hat vorsorglich solchen Kolossen ebensoviel Sanftmut als Kraft verliehen.

Obgleich sein Gefährte von ziemlich hohem Wuchs war, so erschien er doch ihm gegenüber wie ein Pygmäe; dem Anschein nach war er fünfundvierzig Jahre alt – das heißt fünf oder sechs Jahre jünger als der Kanadier —, aber sein Gesicht ließ bei weitem nicht auf eine solche Seelenruhe schließen, wie diejenige ist, deren Ursache in einer unwiderstehlichen Kraft liegt. Seine schwarzen Augen hatten einen kühnen, fast trotzig unverschämten Ausdruck; seine stets beweglichen Züge zeugten von heftigen Leidenschaften, die, einmal aufgeregt, sich bis zur Grausamkeit steigern konnten. Alles an ihm ließ einen Mann von einer anderen Rasse in ihm erkennen; einen Mann, in dessen Adern südliches Blut floß.

Obwohl er einen Anzug trug, der dem seines Gefährten beinahe gleichkam, und auch ebenso bewaffnet war, so ließ seine ganze Kleidung doch eher einen Reiter als einen Fußgänger in ihm vermuten. Indes bezeugten seine zerrissenen Schuhe, daß er mit ihnen mehr als einen langen Marsch hatte zurücklegen müssen.

Der Kanadier hatte sich seiner ganzen Länge nach auf das Moos gestreckt und schien mit besonderer Aufmerksamkeit eine Hammelkeule zu überwachen, die an ein Eisenholzstäbchen, das auf zwei kleinen Gabeln von demselben Holz ruhte, gespießt war und über glühenden Kohlen röstete, während deren schmackhafter Saft niedertropfte und zischend ins Feuer fiel. Er entwickelte bei diesem Geschäft so viel gastronomischen Eifer, daß er nur unvollkommen hörte, was ihm sein Kamerad sagte.

»Ich versichere dir«, sagte dieser, der auf einen Einwurf zu antworten schien, »daß, wenn man einem Feind auf der Spur ist – sei er Apache oder Christ – man sich auf gutem Weg befindet.«

»Aber«, antwortete der Kanadier, »du vergißt, daß wir nur gerade Zeit haben, nach Arizpe zu gehen, um den Preis zweijähriger Anstrengungen zu holen, und daß du mich schon zwingst, unsere beiden Jaguarhäute und die des Pumas zu opfern.«

»Ich vergesse niemals meinen eigenen Vorteil; ebensowenig aber vergesse ich auch die Gelübde, die ich getan habe; zum Beweis dafür dient, daß ich schon vor fünfzehn Jahren das getan habe, was ich nun nächstens zu erfüllen hoffe. Ich rechne darauf, noch lange genug zu leben, um jedes Ding zu seiner Zeit zu tun – nur fange ich immer beim Notwendigsten an. Ich werde immer noch die Summen vorfinden, die man uns in Arizpe schuldet; wir werden überall diese drei Häute verkaufen können, die dir am Herzen liegen – aber der Zufall, der mich mitten in diesen Einöden dem Mann begegnen läßt, dem ich soviel Haß angelobt habe, wird mir keine solche Gelegenheit wieder bieten, wenn ich sie entschlüpfen lasse.«

»Bah!« sagte der Kanadier. »Die Rache ist eine Frucht wie viele andere: sie ist süß, ehe man sie gepflückt, sie ist bitter, wenn man sie gekostet hat.«

Einen Augenblick schwiegen beide Jäger, dann begann Pepe wieder: »Es will mir indes vorkommen, Señor Bois-Rosé, daß du in bezug auf die Apachen, die Sioux, die Crow und andere innige – Feinde von dir nicht dieser Ansicht bist, denn deine Büchse hat ihnen ich weiß nicht wie viele Schädel zerschmettert, ohne die Krieger zu rechnen, denen dein Messer den Leib aufgeschlitzt hat.«

»Oh, das ist was ganz anderes, Pepe; die einen haben mir meine Häute gestohlen, die anderen haben mich halb skalpiert, alle haben mich schreckliche Augenblicke erleben lassen; und dann ist es auch eine gerechte Strafe, die Wälder und die Ebenen von solcher Brut zu befreien! Aber obgleich ich mich fast ebensosehr über die Engländer zu beklagen habe, so wird doch niemals meine Büchse einen von ihnen töten, den der Zufall vor die Mündung ihres Laufes führen könnte – ich müßte denn dazu gezwungen sein —, und das um so mehr, wenn es statt eines Engländers ein Landsmann wäre.«

»Ein Landsmann, sagst du, Bois-Rosé? Das ist ein Grund mehr! Man haßt immer nur diejenigen recht von Herzen, die man aus Pflichtgefühl oder seiner Stellung halber lieben sollte, wenn man dennoch besondere Gründe hat, sie zu hassen. Diejenigen, die dieser Mann mir gegeben hat, sind der Art, daß sie nicht so bald vergessen werden könnten, denn vor fünfzehn Jahren habe ich geschworen, ihrethalben Rache zu nehmen. Um dir die Wahrheit zu sagen, so trennte uns ein solcher Abstand, daß ich nicht wußte, wann ich meinen Eid würde erfüllen können, und ich kann es mir noch immer nicht erklären, wie zwei Menschen, die sich in Spanien gekannt haben, in diesen Wäldern einander wieder treffen. Aber dieser Tag ist gekommen, und ich wiederhole es dir: Ich will mir diese Gelegenheit nicht entschlüpfen lassen!«

Pepe schien so hartnäckig seinen Entschluß gefaßt zu haben, daß sein Gefährte wohl einsah, wie es verlorene Mühe sein würde, ihm eine andere Ansicht beizubringen, und da er einen nachgiebigen Charakter hatte und die Tat mehr liebte als den Wortstreit, so begann er nach einigem Nachdenken: »Alles in allem habe ich zu lange unter den Indianern gelebt, um deine Anschauungsweise zu mißbilligen, und wenn ich die Gründe kennte, die dich leiten, so würde ich dir vielleicht ganz beistimmen.«

»Das kann ich dir mit zwei Worten sagen«, antwortete der Jäger, den der Kanadier Pepe nannte. »Vor zwanzig Jahren war ich, wie ich dir schon gesagt habe, Grenzsoldat im Dienste Seiner katholischen Majestät. Ich wäre mit meinem Schicksal ziemlich zufrieden gewesen, denn unser Sold war gut; unglücklicherweise zahlte man ihn uns aber niemals aus. Wir hätten wohl, da wir zugleich Küstenwächter waren, auf einen guten Fang der Konterbande, der uns früher oder später entschädigt hätte, hoffen können; aber die Schmuggelei war dabei ebenso selten als die Auszahlung unseres Soldes.

Welche Hoffnung blieb auch wohl den Schmugglern übrig, zweihundert kühnen Burschen gegenüber, die immer auf der Lauer lagen? Wenn ein hungriger Magen, wie man zu sagen pflegt, keine Ohren hat, so hatte in diesem Fall der unsrige Luchsaugen, und vom Capitan bis zum letzten Soldaten fand sich ein erschreckender Eifer in Wachsamkeit und Dienstpflicht.

Unter solchen Umständen betrachtete ich die Sache aus folgendem Gesichtspunkt: Es ist klar, sagte ich zu mir, daß ein Schmuggler, wenn er sich trotz dieser Lage der Dinge an unsere Küste wagt, dies nur unternehmen wird, nachdem er sich mit dem Capitan verständigt hat. Der Capitan würde, wie du wohl denken kannst, eine solche Verständigung nicht zurückweisen und müßte in solchem Fall den Beistand desjenigen unter seinen Grenzjägern in Anspruch nehmen, der ihm das meiste Vertrauen einflößte.

Um zu diesem Ziel zu gelangen, machte ich einen Umweg: Ich tat, als ob ich immer schliefe. Ich hatte dabei einen doppelten Vorteil, denn wer schläft, ißt nicht, und von einem Tag zum anderen hoffte ich den Gewinn mit dem Capitan zu teilen, der mich vor allen wählen würde, in der festen Überzeugung, daß ich auf meinem Posten schliefe.«

In diesem Augenblick holte der Kanadier die Hammelkeule aus dem Feuer, die einen köstlichen Duft durch die kühle Nachtluft verbreitete. »Heran«, sagte er, Pepe unterbrechend, »wenn du Appetit hast; du kannst deine Geschichte beim Essen vollenden.«

»Ob ich Appetit habe?« antwortete Pepe. »Caramba! Die Erinnerung an meine Enthaltsamkeit im Dienst des Königs von Spanien macht mir immer fürchterliche Magenschmerzen.«

Die beiden Männer setzten sich einander gegenüber und bildeten mit ihren Füßen einen länglichen Kreis, dessen Mittelpunkt der Braten bildete; ein gewaltiges Geräusch der Kinnbacken unterbrach während einiger Augenblicke allein die Stille der Wälder.

»Ich sagte dir also«, nahm Pepe wieder das Wort, »daß ich immer schlief; ich tat gar nichts anderes und war wirklich nicht allzu unglücklich dabei. Eines Abends ließ der Capitan mich rufen.

Gut, sagte ich zu mir, da steckt etwas dahinter, denn der Capitan wird mir einen Posten anvertrauen. Wirklich schickte er mich zum Schlafen – so hoffte er wenigstens – an das Ufer des Meeres, und zwar sehr weit entfernt. Aber ich schlief nicht, wie du dir wohl denken kannst.

Ich fasse mich nun kürzer, denn ich spreche nicht gern beim Essen; man verliert zuviel Zeit. Kurz und gut – ein Nachen landete; der Mann, der sich darin befand, mußte Lösegeld bezahlen, dann ließ ich ihn seinen Geschäften nachgehen. – Später erfuhr ich, daß diese Geschäfte durchaus nichts mit dem Handel zu tun hatten. Es wurde Blut vergossen, das mir seit dieser Zeit einige Gewissensbisse macht … Aber warum bezahlte mich auch der König von Spanien nicht? Ich bekam Geld dafür, daß ich schwieg – ich wollte mehr haben; wir entzweiten uns, jener Mann und ich; darauf zeigte ich ihn, um auch meine Schuld zu sühnen, bei den Gerichten an; der Prozeß begann, und da die Justiz in Spanien die Überraschungen liebt, so war das Resultat dieses Prozesses, in dem ich alleiniger Belastungszeuge war, daß ich schuldig befunden und nach der Präsidentschaft Ceuta geschickt wurde, unter dem Vorwand, der Staat bedürfe meiner dort, um Thunfische zu angeln.

Heilige Jungfrau!« fuhr Pepe fort. »Ein solches Ende setzte mich in Erstaunen und war mir durchaus nicht lieb, denn ich verlor eine prächtige Stelle und hatte gar keine Lust zur Fischerei. Deshalb machte ich mich davon und kam nach tausend Abenteuern, deren Erzählung zu lang ausfallen würde, nach Amerika – und da bin ich nun.«

»Es war also ein reicher und mächtiger Mann, den ihr angegriffen habt?« fragte Bois-Rosé.

»Ei freilich! Es war ein großer Herr; ich war der irdene Topf, der am eisernen zerbricht. Doch in der Steppe gilt kein Rangunterschied mehr, und ich hoffe es ihm morgen früh oder später zu beweisen. Ach, wenn ich doch hier ebenso sicher einen gewissen Alkalden Don Ramon Cochecho und den ihm mit Leib und Seele ergebenen Señor Cayatinta hätte, ich würde sie alle drei eine schlimme Viertelstunde erleben lassen!«

»Wohlan – ich gebe dir recht«, sagte Bois-Rosé, indem er ein Stück Hammelbraten zu sich nahm, das zwei Männer hätte sättigen können; »wir wollen demnach unsere Reise nach Arizpe aufschieben.«

»Es ist, wie du siehst, eine alte Geschichte«, sagte Pepe zum Schluß, »und wenn ich seit zehn Jahren mein Schicksal mit dem deinigen verbunden habe und nach deiner Anleitung Waldläufer geworden bin, nachdem ich Grenzjäger Seiner katholischen Majestät gewesen bin, so verdanke ich es jenem Mann, den wir den Reitertrupp haben befehligen sehen, der die Richtung nach dieser Hacienda einschlug.« Und Pepe zeigte mit dem Finger in der Richtung der Hacienda del Venado.

»Ja, ja«, sagte der Kanadier lachend, »ich erinnere mich noch der Zeit, wo du einen ›Cibolo‹ auf fünfzehn Schritt gefehlt haben würdest, und ich glaube jetzt aus dir einen ziemlich guten Schützen gemacht zu haben, obgleich du noch zuweilen das Auge einer Fischotter mit ihrem Ohr verwechselst, was den Preis ihres Felles immer geringer macht. Aber du brauchst dich nicht darüber zu beklagen, das Garnisonsleben mit dem Waldleben vertauscht zu haben. Ich bin auch nicht immer Otternjäger gewesen. Ich war Matrose, wie du weißt; nun gut, ich finde, daß die Steppe dem Meer gleicht – diejenigen, die darin gelebt haben, können sie nicht wieder verlassen.« Dann nahm er nach einem Augenblick wieder das Wort: »Ich würde indes auf das Meer nicht ohne ein trauriges Ereignis verzichtet haben … Doch warum von dem sprechen, das nicht mehr ist? Vergangen ist vergangen!«

»Das Leben in den Wäldern hat seinen Reiz, ich gebe es zu«, sagte Pepe; »aber ich habe es nicht gern, daß ein Beruf mir aufgenötigt wird! Nicht darum jedoch zürne ich ihm, sondern der Umstände halber, die dem abenteuerlichen Leben, das ich nun seit fünfzehn Jahren führe, vorangingen und mich dazu bestimmt haben.«

»Still!« unterbrach ihn der Kanadier, indem er seinen Finger an die Lippen legte. »Ich glaube das dürre Gestrüpp brechen zu hören; andere Ohren als die meinigen könnten deine vertrauliche Mitteilungen mit anhören. Das ist übrigens kein Mann, der unbemerkt zu bleiben sucht«, fügte er hinzu, indem er seine Büchse nachlässig zur Hand nahm; »der Mond läßt ja im Dickicht den geringsten trockenen Halm erkennen, und er hätte die Zweige sehen können, die er auf seinem Weg zertrat.«

Pepe warf einen raschen Blick nach der Richtung, aus der der Lärm kam. Das Auge des spanischen Jägers hatte bald einen Schatten bemerkt, der sich auf dem grünen Teppich einer Lichtung, ungefähr dreißig Schritt von ihm, immer mehr verlängerte. Unter allen anderen Umständen würde er über diese Erscheinung nicht unruhig geworden sein – besonders nach den Erklärungen, die der Kanadier abgegeben hatte —, aber der Herankommende näherte sich von der Seite der Hacienda her, und allein aus diesem Grund war er ihm verdächtig.

»Wer geht da?« rief er mit einer Stimme, deren Klang durch die schweigende Nacht erscholl.

»Ein Mann, der einen Zufluchtsort bei Eurem Feuer sucht«, antwortete eine andere Stimme, nicht in dem hellen Ton, den diejenige Pepes hatte.

»Soll ich ihn herankommen lassen oder soll ich ihn ersuchen, seinen Weg fortzusetzen?« fragte dieser den Kanadier.

»Wolle Gott nicht, daß wir ihn zurückwiesen«, antwortete der. »Vielleicht hat man ihm dort unten die Gastfreundschaft verweigert; er ist allein, und seine Stimme, die ich, wie mir scheint, nicht zum erstenmal höre, beweist, daß er ermüdet oder vielleicht krank ist.«

»Wohlan, Ihr seid willkommen am Feuer und beim Essen.«

Gleichzeitig erschien Tiburcios Gesicht, noch bleich von der Aufregung der letzten Ereignisse und auch vom Blutverlust, den er erlitten hatte.

Obgleich seine Züge schon beiden Jägern bekannt waren, so schien doch Pepe davon betroffen zu sein, so daß er eine kaum bemerkbare Gebärde des Erstaunens machte, während das Gesicht des Kanadiers nur jenes natürliche Wohlwollen des Alters für die Jugend ausdrückte.

»Seid Ihr weit von den Reitern verirrt, bei denen Ihr Euch befandet?« fragte Pepe Tiburcio, der sich mehr auf den Rasen fallen ließ, als daß er sich setzte. »Und wißt Ihr nicht, daß Ihr eine Viertelstunde von hier eine bessere Gastfreundschaft als die unsere hättet finden können? Ich kenne den Besitzer des Hauses da unten nicht, aber ich denke nicht, daß er sie Euch verweigert hat. Oder kommt Ihr vielmehr nicht von der Hacienda selbst her?«

»Ich komme von ihr«, antwortete Tiburcio. »Ich kann Don Agustin nicht den Vorwurf machen, mir die Gastfreundschaft verweigert zu haben; aber sein Dach beherbergt Gäste, mit denen ich meiner Sicherheit halber nicht weiter zusammenwohnen kann.«

»Wie denn?« erwiderte Pepe mit mißtrauischer Miene, denn diese Ähnlichkeit mit seinen eigenen Gedanken schien ihm zu offenbar, um nicht einen Hinterhalt zu verdecken. »Ist etwa da unten etwas Außerordentliches vorgefallen?«

Tiburcio schlug seinen Zarapa auseinander und zeigte seinen rechten Arm, dessen Ärmel von Cuchillos Messer zerrissen und mit Blut befleckt war. Dieser Anblick zerstreute Pepes Argwohn vollständig.

»Hier ist meine Hand«, sagte er mit mehr Hingabe, als er zu zeigen glaubte; »wenn mein Verdacht betreffend die Behandlung, die Ihr in der Hacienda erduldet habt, begründet ist, so könnten wir uns, glaube ich, noch verständigen.« Bei diesen Worten warf er einen Blick des Einverständnisses auf Bois-Rosé und streckte Tiburcio die Hand hin, der ihm seine linke Hand reichte.

Der Kanadier setzte seine gastronomischen Verrichtungen aus, um die Wunde seines neuen Gastes zu untersuchen, und tat dies mit einer seltenen Geschicklichkeit und ungeachtet seiner rauhen Gesichtszüge mit einer fast zärtlichen Teilnahme. Teufel«, sagte er, »Ihr habt es mit einem Schelm zu tun gehabt, der eine feste Hand hatte! Einige Zoll seitwärts hätten Eure Abenteuer beendet. Doch es wird nichts zu bedeuten haben, mein Junge, beruhigt Euch!« fügte er hinzu, indem er die auf die Wunde geklebten Kleidungsstücke abnahm, nachdem er sie mit Wasser angefeuchtet hatte. »Ein Verband von gequetschten Kräutern darauf, und man wird keine Spur davon sehen. Pepe, sieh doch zu, ob du dir nicht eine Handvoll Oregano verschaffen kannst; quetsche es zwischen zwei Steinen, und bring es mir her.«

Pepe kam bald mit einem Bündel jenes Krauts zurück, dessen Heilkräfte im ganzen Land so bekannt sind, und befolgte sorgsam die Befehle Bois-Rosés. Dieser legte diese Art von Pflaster auf die Wunde und verband sie mit Tiburcios Gürtel aus chinesischem Flor. »Ihr müßt Euch schon leichter fühlen«, sagte er. »Es gibt nichts Besseres als den Oregano, um Wunden vor Entzündung zu bewahren, und Ihr werdet auch nicht den kleinsten Fieberanfall spüren. Nun, mein Junge, wenn Ihr Appetit habt, so stehen Euch ein Stück Hammelbraten und ein Schluck Branntwein zu Diensten; danach werdet Ihr guttun, Euch beim Feuer niederzulegen und zu schlafen, denn die Müdigkeit scheint Euch zu überwältigen.«

»Ich habe wirklich seit achtundvierzig Stunden so viele Ereignisse Schlag auf Schlag erlebt«, antwortete Tiburcio, »daß es mir vorkommt, als ob ich ein Jahrhundert gelebt hätte; und in diesem Augenblick scheint sich alles im Kreis um mich herum zu drehen. Was das Essen anbetrifft, so danke ich Euch; der Schlaf wird mir die Kräfte wiedergeben, die ich in der kritischen Lage, in der ich mich befinde, nötig habe. Ich bitte Euch nur noch um einen Dienst – nämlich den, mich nicht zu lange schlafen zu lassen.«

»Gut, gut!« sagte Pepe seinerseits. »Ich frage Euch nicht, warum; aber wenn Ihr vorhabt, die Hacienda in Belagerungszustand zu erklären, so bin ich da, und ich habe gute Augen, die Euch zu Diensten stehen! Also schlaft ruhig ein!«

Tiburcio streckte sich lang auf dem Gras nieder, und nachdem er abermals seine beiden Gastfreunde gebeten hatte, ihn kurz vor Tagesanbruch zu wecken, versenkten ihn die Müdigkeit und die aufregenden Gefühle, die er empfunden hatte, sehr bald in einen fast lethargischen Schlaf.

Der Kanadier betrachtete ihn schweigend einige Augenblicke, wandte sich dann an Pepe und sagte: »Wenn die Gesichtszüge nicht trügerisch sind, so glaube ich nicht, daß wir es bereuen werden, diesen armen Burschen aufgenommen zu haben.«

»Ich hatte schon Mißtrauen in ihn gesetzt«, antwortete Pepe; »aber das Zeugnis an seinem Arm beweist mir, daß er keine Freunde unter dem Dach, das er verläßt, gefunden hat, und es wird nur an ihm liegen, ob ich der Seinige werden soll.«

»Wie alt mag er wohl sein?« fragte Bois-Rosé, dessen Gesicht die ganze Teilnahme verriet, die er bei seiner Frage empfand.

»Er ist nicht älter als 24 Jahre, dafür stehe ich!« antwortete der gewesene Grenzsoldat. »Das meinte ich auch«, sagte der Kanadier, der mehr mit sich als mit seinem Freund zu reden schien, während ein wehmütiger Ausdruck seine rauhen Gesichtszüge sanfter erscheinen ließ; »das ist das Alter, das er haben muß, wenn er noch lebt.« Und ein Seufzer entwand sich gegen seinen Willen seiner breiten Brust.

»Wer denn? Wen meinst du?« unterbrach ihn rasch der Spanier, in dessen Seele diese Worte zufällig ein Echo zu finden schienen. »Solltest du jemand kennen …?«

»Das Vergangene ist vergangen, sage ich dir«, erwiderte Bois-Rosé; »und wenn etwas nicht mehr da ist, dessen Dasein man gern wünschte, so ist es das beste, es zu vergessen. Doch still – lassen wir diese traurigen Erinnerungen! Es würde mir den Appetit rauben, wollte ich mich noch länger dem überlassen, was nicht mehr ist, oder noch länger auf das hoffen, was nicht sein kann. Ich habe einsam in den Wäldern gelebt und muß einsam sterben, wie ich gelebt habe.«

Der ehemalige Soldat, dem die Vergangenheit – obgleich aus einem ganz anderen Grund – ebensowenig freudvoll zu sein schien, sagte nichts mehr über diesen Gegenstand. Beide wechselten plötzlich die Unterhaltung und machten sich, so gut es anging, daran, die Gegenwart zu feiern, deren Symbol für sie die Hammelkeule war – oder vielmehr der Rücken, der allein noch übrigblieb. Daraus folgte denn, daß trotz des guten Willens der beiden Tischgenossen, die Mahlzeit zu verlängern, diese doch endlich ein Ende nehmen mußte.

»Wenn ich das Vergnügen hätte, diesen Don Agustin, der der Besitzer der benachbarten Hacienda zu sein scheint, persönlich zu kennen, so würde ich ihm ein Kompliment über seine ganz besonders wohlschmeckenden Hammel machen«, sagte Pepe, einen tiefen Seufzer leiblichen Wohlbehagens ausstoßend; »besonders wenn man sie in eine dicke Lage Oregano einwickelt, um ihr Fleisch duftig zu machen. Und wenn nur seine Pferde von gleicher Güte zum Reiten sind, so werde ich sehr glücklich sein, eins von ihnen entleihen zu können.«

»Was?« fragte Bois-Rosé. »Bist du nicht mehr mit dem deinen zufrieden?«

»Nein, gewiß nicht! Du weißt wohl, da wir unsere Verfolgung in eine Belagerung verwandelt haben, so muß ich wenigstens mit einem guten Pferd auf jeden Fall versehen sein; ich habe hier meinen Sattel, und somit werden wir wie jede wohl organisierte Streitkraft Infanterie und Kavallerie haben. Ein Pferd weniger wird keine größere Lücke in den Scharen, die diese Wälder durchfliegen, zurücklassen als ein Hammel in den Herden – und mir wird es von großem Nutzen sein.«

»Gut«, sagte der Kanadier. »Ich denke nicht, daß du dem Eigentümer ein großes Unrecht tust, und wünsche dir guten Erfolg. Was mich betrifft, so will ich diesem braven Jungen Gesellschaft leisten; er schläft, als ob er es seit vierzehn Nächten nicht getan hätte!«

»Niemand wird sich wahrscheinlich diese Nacht in der Hacienda rühren; aber trotzdem schlafe nur mit einem Auge, während ich nicht da bin; und sollte es etwas Neues geben, so wird ein dreimaliges Bellen in gleichen Abständen mich benachrichtigen, auf meiner Hut zu sein.«

Mit diesen Worten nahm Pepe den Lasso, der an seinem Sattel befestigt war, und wandte sich nach der Gegend, wo er glaubte ein Pferd anzutreffen. Bois-Rosé blieb allein. Er betrachtete abermals den jungen, neben der Feuerstelle schlafenden Mann, warf trockene Zweige ins Feuer, die einen lebhaften Glanz verbreiteten; dann legte er sich an seiner Seite nieder und war bald ebenfalls eingeschlafen.

Der Abendwind bewegte rauschend die Wipfel, unter denen diese Männer, die einander auf so wunderbare Weise wieder begegnet waren, ruhten und nicht ahnten, daß sie zwanzig Jahre früher lange Zeit Seite an Seite geschlafen hatten – damals eingewiegt vom Brausen des Ozeans wie diesen Abend vom Rauschen der Bäume des Waldes.

21. Fabian und Bois-Rosé

Wenn es der göttlichen Gerechtigkeit gefällt, endlich ihre feierlichen Sitzungen zu eröffnen, nachdem sie den Zeitraum, den ihr Wille festgesetzt hat, verfließen ließ, so sieht man nicht bloß von einem Ende eines Landes zum anderen die Schuldigen und die Zeugen nach dem von den Richtern bezeichneten Ort eilen – nein, von entgegengesetzten Punkten der Erdkugel, aus den entlegensten Gegenden kommen Richter, Zeugen, Ankläger und Schuldige, gehorsam der unsichtbaren Hand, die sie vorwärts treibt, und begegnen einander auf gemeinschaftlichem Boden.

Die Gerechtigkeit Gottes kennt für das Verbrechen keine Verjährung. Zwanzig Jahre, die seit der Ermordung der Gräfin von Mediana verflossen waren, hatten sie nicht entwaffnet – die Zeit war nur noch nicht gekommen, wo ihr Urteilsspruch in Kraft treten sollte; jetzt nahte sie heran. Schon längst zerrissene Fäden begannen sich wieder anzuknüpfen, längst getrennte Persönlichkeiten begegneten einander endlich.

Fabian von Mediana und der kanadische Matrose, die vor zwanzig Jahren dreitausend Meilen von diesem Ort plötzlich auseinandergerissen worden waren, schliefen wieder neben derselben Feuerstelle. Ein zufällig entschlüpftes Wort konnte den Jäger das Kind, um das er täglich trauerte, konnte Fabian von Mediana den Mann wiederfinden lassen, der den Leichnam seiner Mutter gefunden und seine eigene Kindheit zwei Jahre hindurch beschützt hatte; denjenigen, dessen Name seinem Gedächtnis entfallen war, an dessen Dasein aber die Frau Arellanos‘ ihn bei ihren letzten Enthüllungen dunkel erinnert hatte.

Wir dürfen es nicht in Vergessenheit kommen lassen, daß dies beinahe zu derselben Zeit stattfand, in der Don Estévan den Senator und den Hacendero weckte, um so plötzlich Abschied von ihnen zu nehmen.

Unterdessen rückte die Nacht vor; die Sternbilder, die für die Reisenden in diesen Einöden die Stunden angeben, hatten den Teil des Himmels verlassen, der sich über die Lichtung ausspannte, und neigten sich augenscheinlich nach Westen. Der Kanadier, der nach der Warnung Pepes »nur mit einem Auge« schlief, hatte öfter seinen Schlaf unterbrochen, um einen Blick ringsumher zu werfen; aber das Licht der Flamme beschien nur den immer noch schlafenden Tiburcio. Pepe war noch nicht wieder erschienen.

Unruhe und Argwohn sind nicht mit einem athletischen Körperbau wie dem Bois-Rosés vereinbar; er hatte also auch ebensooft seinen unterbrochenen Schlaf von neuem begonnen.

Zwei Stunden vergingen noch, als ein leichtes Krachen der Zweige, ein Geräusch von Schritten, die durch den Moosteppich gedämpft waren, und besonders das Schnauben der Nüstern eines Pferdes ihn abermals aufweckten. Bald darauf zeigte sich auch Pepe. Er zog am Halfter ein Pferd nach sich, das beim Anblick des Feuers und der beiden auf dem Boden liegenden Männer vor Schrecken ängstlich schnob. »Ich bin fertig«, sagte der Spanier mit leiser Stimme, »und bringe den schönsten Renner mit, der jemals diese Wälder durchflogen hat. Ich fürchte nur, daß er sich noch ein wenig unbändig gegen den Reiter benehmen wird; aber die Hauptsache ist, daß ich ihn habe, obgleich es nicht ohne Mühe so weit gekommen ist.«

Pepe trocknete seine von Schweiß triefende Stirn mit den Überresten eines Taschentuchs und zog gewaltsam ein prächtiges Tier ans Feuer, dem der Schrecken ein noch herrlicheres Aussehen verlieh, denn mit Ausnahme des Menschen, der von Natur König der Schöpfung ist und den die Furcht erniedrigt und herabwürdigt, verleiht sie fast allen Tieren noch eine Schönheit mehr. Dieses hier stemmte sich auf seine feinen Füße, die wie gespannte Saiten zu zittern schienen; der Hals war weit vorgestreckt, die Ohren gespitzt und nach vorn gerichtet; zwischen ihnen fiel ein Bündel Haare auf ein wildes Auge herab; der ganze Leib zitterte, die Nüstern dehnten sich und zogen sich wieder zusammen – kurz, es war der vollkommenste Typ jener mexikanischen Rasse, die mit der arabischen wetteifert – ein Tier, um einem Pascha Lust zu machen.

»Ich habe eine glückliche Hand gehabt, nicht wahr?« sagte Pepe mit zufriedener Miene, während er den Renner fest an den Stamm einer Eiche band.

»Sofern dein Vorhaben dir ebensogut gelingt, wird alles ausgezeichnet gehen«, antwortete Bois-Rosé, der trotz seiner Geringschätzung des Pferdes im allgemeinen doch nicht umhin konnte, dieses hier zu bewundern; »aber ich zweifle daran. Bis dahin leg dich schlafen; ich meinesteils habe es schon genug getan und will für dich wachen.«

»Ich habe es wohl verdient«, erwiderte Pepe, »und werde deinen Rat befolgen.« Mit diesen Worten streckte er sich aufs Gras, und bald hatte sich seiner ebenfalls der Schlaf bemächtigt; dieser ist ein Gast, der in den Wäldern nicht auf sich warten läßt, in welcher Lage man sich auch dort befinden mag.

Obgleich unter den gegenwärtigen Verhältnissen nichts diese Vorsichtsmaßnahmen rechtfertigte, so war die Macht der Gewohnheit in einem Leben voll Gefahren doch so groß, daß auch im Freundesland der eine wachte, während der andere schlief. Der Kanadier erhob sich also von seinem Mooslager, streckte seine gewaltigen Glieder, ging einige Minuten auf und ab, um den letzten Rest von Schlaf abzuschütteln, und setzte sich dann dicht bei der Feuerstelle, mit dem Rücken an den Stamm eines Korkbaums gelehnt, nieder. Der Glanz des Feuers beleuchtete vollständig sein Gesicht, auf dem tiefe Furchen mehr von den Anstrengungen als vom Alter eingegraben waren; seine beiden schlafenden Gefährten lagen tief im Schatten. Mitten in dem tiefen Schweigen der Natur, in einem jener feierlichen Augenblicke des Nachdenkens, wo das ganze Leben in der Erinnerung noch einmal durchlebt wird, hätte man leichter in seinen ruhigen Zügen eine Vergangenheit ohne Vorwurf und ohne Gewissensbisse lesen können. Unbeweglich wie eine Statue schien er das schönste Ebenbild der wachsamen Kraft.

Wenn es aber auch in der Kraft des Menschen liegt, sein Leben so zu gestalten, daß er ohne Bedauern zu jeder Stunde und an allen Orten in den Schacht seines Herzens hinabsteigen kann, so verfügt doch eine höhere Macht als sein Wille frei über Ereignisse, die noch nach vielen Jahren traurige Erinnerungen im Herzen erwecken können. Beim Anblick des schlafenden Tiburcio flog dann und wann ein wehmütiger Zug wie eine Wolke über die Stirn des Kanadiers; sein Anblick schien eine schlecht geschlossene Wunde wieder zu öffnen.

Bois-Rosé erhob sich vorsichtig, näherte sich dem jungen Mann und neigte sich über ihn, um ihn aufmerksamer zu betrachten. Nachdem er ihn lange Zeit genau angesehen hatte, ging er schweigend zurück.

»So alt müßte er wohl sein, wenn er noch lebt«, sagte er mit leiser Stimme vor sich hin; »aber wie in dieser Haltung, in diesen Zügen eines jungen Mannes, in seiner ganzen Kraft diejenigen eines Kindes wiedererkennen, das kaum vier Jahre alt war, als es mir entrissen wurde?« Ein Lächeln des Zweifels flog um seinen Mund, als ob er gezwungen wäre, die Torheit seiner Gedanken selbst anzuerkennen. »Und doch«, fuhr er fort; »ich bin der Spielball von zu vielen Ereignissen gewesen; ich habe zu lange mitten in der Natur gelebt, um an der Allmacht der Vorsehung zu zweifeln. Warum sollte sie kein Wunder tun? War es nicht ein solches, das mich auf dem Ozean ein Kind hat finden lassen, das auf dem Schoß seiner ermordeten Mutter dem Hungertod nahe war? Warum sollte ich es nicht wiederfinden in der ganzen Kraft der Jugend? Warum sollte es nicht abermals zu mir gewiesen sein, um von mir Hilfe und Schutz zu verlangen? Wer weiß? Sind die Wege Gottes nicht unerforschlich?«

Als ob diese Gedanken eine gewisse Überzeugung in seiner Seele hervorgerufen hätten, erhob sich Bois-Rosé abermals, um aus den Zügen Tiburcios das Bild des jungen Knaben wieder herauszufinden, den ihm seine Erinnerung stets mit rosigen Wangen und blonden Haaren vor die Seele führte; aber der Schein des Feuers zeigte seinen Augen ein schwarzes Haar, das eine bleiche Stirn lockig umgab und abgemagerte Wangen beschattete.

»Wie oft«, sagte er zu sich selbst, als er seinen Irrtum einsah, »habe ich nicht so meinen kleinen schlafenden Fabian betrachtet! Aber wer du auch sein magst, junger Unbekannter, du hast in mir die Hoffnung wachgerufen! Schlafe ruhig; du hast dich nicht an meinem Feuer niedergelegt, ohne hier einen Freund zu finden! Möge Gott meinem armen Fabian vergelten, was ich für dich zu tun bereit bin!«

Der Kanadier kehrte noch einmal auf seinen Platz, einige Schritte von Fabian entfernt, zurück, und hier, in dem erhabenen Schweigen des amerikanischen Waldes, erwachten seine Erinnerungen durch die Gegenwart eines jungen Mannes von gleichem Alter, als der Sohn der Gräfin von Mediana sein mußte, und gefielen sich darin, die Ereignisse im Golf von Biskaya noch einmal seinen Augen vorzuführen.

Diese Nacht erinnerte ihn an jene, in der er unter dem Feuer desselben Pepe des Schläfers, der heute sein Waffenbruder war, das ihm später entrissene Kind in einem Nachen aufgerafft hatte, wo der Leichnam seiner Mutter lag. In seinem Gedächtnis konnte er fast Tag für Tag die Spur aller Ereignisse verfolgen, durch die die glücklichsten zwei Jahre seines Lebens sich ausgezeichnet hatten, und zwar viel treuer, als es bis dahin der Fall gewesen war.

Der Kanadier wußte noch nicht, daß Pepe der Schläfer derselbe Soldat war, an dessen Ungeschicklichkeit in bezug auf seine Person er immer noch dachte. Man sieht, daß der Spanier bei seinen vertraulichen Mitteilungen Elanchove in keiner Weise erwähnt hatte, denn Pepe hätte gern aus seinem Leben die Nacht gestrichen, wo er auf Posten an der Ensenada gestanden hatte. Wenn Bois-Rosé in Pepe jenen Soldaten wiedererkannt hätte, der ihn in jener Nacht ebenso hartnäckig als ungeschickt, wie er sich ausdrückte, bombardierte, so hätte er gewiß nach diesem merkwürdigen Zusammentreffen noch viel lebhafter auf einen zweiten, nicht weniger wunderbaren Zufall gehofft. Aber Bois-Rosé wußte es nicht und blieb dabei, ohne es zu wollen, über einen Gedanken zu lächeln, der den jungen, unter seinen Augen schlafenden Mexikaner in jenen Fabian verwandelte, den er so innig betrauerte.

Schon begann die Kühle der Nacht, die man bereits einige Stunden vor dem Aufgang der Sonne fühlt, wie ein eiskalter Mantel niederzufallen. Der Nebel um die Wipfel der Bäume wurde immer dichter und senkte sich als kalter Tau herab; doch war trotz der vorgerückten Stunde noch alles still um ihn her.

Plötzlich schnaubte das angebundene Pferd heftig und suchte das Halfter zu zerreißen, indem es im Galopp einen weiten Halbkreis beschrieb; die vom Halfter zerbrochenen Zweige krachten laut. Offenbar hatte irgendein – wenn auch unsichtbarer – Gegenstand es erschreckt.

Bois-Rosé, so plötzlich aus seinen Träumereien gerissen, ging leise vor mit lauschendem Ohr und spähendem Auge; da er aber nichts bemerkte als den Mond, der immer noch mit schräg herabfallenden Strahlen die Baumstämme mit einem Silberglanz umgab und seinen Lichtschimmer verstohlen ins Dickicht sandte, so setzte er sich wieder auf den Platz, den er vorher eingenommen hatte. Er fand Tiburcio eben vom Schlaf erwacht. Obgleich seine Augen offenstanden, war es doch klar, daß sein Gast noch im Land der Träume weilte, denn er schien diese Feuerstelle, neben der er lag, den schlafenden Mann an seiner Seite und den Riesen, der schweigend auf seinen Posten zurückkehrte, mit erstaunter Miene zu betrachten. Doch dauerte diese Ungewißheit über seine außerordentliche Lage nur einige Sekunden, denn das wohlwollende Lächeln des Kanadiers erwiderte er mit der Frage, was der Lärm bedeutete, der ihn aufgeweckt habe.

»Es ist nichts«, antwortete Bois-Rosé, obgleich der leise Ton, mit dem er sprach, bis auf einen gewissen Punkt seine Worte Lügen strafte. »Das Pferd wird in Schrecken geraten sein durch die Witterung irgendeines Jaguars, der gewiß nicht weit von der Stelle herumstreift, wo wir die Felle seiner Gefährten und das eines Hammels gelassen haben, von dem wir ein Stück verzehrt haben. Dabei erinnere ich mich, daß Ihr vielleicht gern noch ein wenig von dem annehmt, was ich Euch aufbewahrt habe.«

Der Kanadier bot hierauf Tiburcio zwei kalte Bratenschnitten an, die er zurückgelegt und in Oregano gewickelt hatte. Diesmal tat Tiburcio dem Mahl Ehre an, und als er nach dem Rat seines Wirtes einen Schluck Wasser zu sich genommen hatte, das, wie er sagte, das beste Mittel zur Erwärmung des Magens sei, fühlte er, daß er ein ganz anderer Mensch geworden sei. Das leibliche Wohlsein, das er dank dieser Mahlzeit empfand, und die Wärme, die ihm nach dem kühlen Trunk durchströmte, gaben der Zukunft eine hellere Färbung und milderten den Schmerz der Vergangenheit. Beim Anblick des kanadischen Jägers, der seine Wunden mit so großer Sorgfalt verbunden hatte – dessen Sorge sich sogar bis auf sein Mahl erstreckte —, fühlte er sich nicht mehr so allein, so verlassen; ein geheimes Gefühl sagte ihm, daß er einen mächtigen und durch seine herkulische Stärke, seine Unerschrockenheit und seine Geschicklichkeit furchtbaren Freund gefunden habe; Bois-Rosé seinerseits sah vergnügt lächelnd zu, wie er aß, und wurde sich immer klarer bewußt, daß sein Herz dem jungen Mann entgegenschlug.

»Nun, mein Junge«, sagte der Jäger, »die Indianer haben die Sitte, ihre Gäste, die sie bei sich empfangen, erst dann nach Namen und Stand zu fragen, wenn sie unter ihrem Dach gegessen haben. Ihr befindet Euch hier bei mir, Ihr habt von meinem Mahl gegessen – darf ich Euch jetzt wohl fragen, wer Ihr seid und was auf der Hacienda vorgefallen ist, daß man Euch dort einen solchen Empfang bereitet hat?«

»Recht gern«, antwortete Tiburcio. »Aus Gründen, deren Kenntnis Euch nicht interessieren dürfte, hatte ich meine Hütte verlassen, um mich nach der Hacienda del Venado zu begeben. Mein Pferd stürzte mitten auf der Straße vor Durst und Mattigkeit unter mir zusammen, und der Leichnam des armen Tieres war es, der den Puma und die beiden Jaguare herbeigezogen hatte, die Ihr und Euer Gefährte so kühn und geschickt getötet habt.«

»Hm«, sagte lächelnd der Kanadier, »das ist ein ziemlich erbärmliches Geschäft; doch fahrt fort. Welche Beweggründe kann man haben, einen jungen Mann zu hassen, der kaum aus dem Jünglingsalter herausgetreten ist? Denn ich wette, Ihr seid noch nicht älter als zwanzig Jahre.«

»Vierundzwanzig«, antwortete Tiburcio; »doch ich fahre in meiner Erzählung fort. Ich selbst hätte beinahe das Schicksal meines Pferdes geteilt, und als ihr beide während des Nachtlagers an der Poza zu uns kamt, hatte der Reiterzug, bei dem ich damals war, kaum einige Stunden früher mich sterbend vor Fieber und Durst auf offener Straße gefunden, und ich kann nicht recht klar darüber werden, warum diese Leute mich damals nur gerettet haben, um später einen Mordversuch an mir zu begehen.«

»Aus Eifersucht vielleicht«, sagte lächelnd der Kanadier; »das ist immer die Geschichte der ersten Jugend.« »Ich gestehe es ein«, antwortete Tiburcio etwas verwirrt; »aber es gibt noch einen anderen Grund: das ist nämlich ein Geheimnis von außerordentlicher Wichtigkeit, das ich mit ihnen teile und dessen ausschließlichen Besitz sie sich allein sichern wollen. Es ist Tatsache, daß es drei Menschen gibt, denen mein Leben im Wege steht; aber unter ihnen gibt es auch einen, an dem Rache zu nehmen ich habe schwören müssen; und obgleich einer gegen drei, muß ich doch den Eid erfüllen, den ich auf dem Totenbett einer Person geschworen habe, die mir sehr teuer war!« (Tiburcio schrieb immer Don Estévan den Mord Arellanos‘ zu.)

Das Auge des Kanadiers folgte mit Teilnahme dem bewegten Antlitz Tiburcios und gab heimlich diesem jugendlichen Feuer seinen Beifall, das ihn die Gefahr gar nicht ermessen ließ. »Aber Ihr habt mir Euren Namen nicht genannt«, sagte Bois-Rosé zögernd.

»Mein Name ist Tiburcio Arellanos.«

Der Kanadier konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, als er diesen Namen hörte, der ihn aus seinen Träumereien in die Wirklichkeit zurückführte.

»Ruft dieser Name Euch irgendeine Erinnerung zurück?« rief Tiburcio. »Mein Ad…« – Tiburcio wollte sagen: Mein Adoptivvater, aber er hielt inne und fuhr fort: »Arellanos ist oft durch Steppen gereist, wo Ihr ihm hättet begegnen können; er war der berühmteste Gambusino in einer Gegend, die eine große Anzahl berühmter aufzuweisen hat.«

»Ich höre diesen Namen zum erstenmal«, antwortete Bois-Rosé; »Euer Aussehen allein … ruft mir … Ereignisse zurück, die schon längst vergangen sind …« Der Jäger beendete seine Rede nicht und schwieg. Tiburcio seinerseits, der sich noch lebhafter an alles erinnerte, was sich in der Hacienda zugetragen hatte, schwieg ebenfalls und hielt es für eine Gunst des Himmels, mit den beiden Jägern zusammengetroffen zu sein; das Geheimnis des Val d‘Or, das einem einzelnen Mann wie ihm unnütz war, wurde mit diesen beiden mächtigen Bundesgenossen eine kostbare Hilfsquelle und ein Pfand für den Erfolg seiner Liebe in den Augen Don Agustins; er beschloß also dem Kanadier unmittelbar Eröffnungen darüber zu machen.

Dennoch zögerte er noch einen Augenblick. Um den Preis des Goldes das Herz Rosaritas sozusagen erkaufen, das er einem zärtlicheren Gefühl für unzugänglich hielt, widerstrebte der uneigennützigen Liebe, die er selbst ihr gelobt hatte; aber trotz des Eides, den er sich schwor, sie nicht wiederzusehen, siegte doch ein Rest von Hoffnung, die niemals ganz in einem recht verliebten Herzen stirbt, über seinen Widerstand. Wird es nicht immer so mit den Schwüren Verliebter sein?

»Ihr seid Eurem Gewerbe nach ein Jäger, habt Ihr gesagt, wenn ich mich nicht täusche«, begann Tiburcio, das Schweigen unterbrechend; »das ist kein gewinnbringendes und ein sehr gefährliches Handwerk.«

»Es ist kein Handwerk«, antwortete der Kanadier; »es ist für alle ein edler Stand – für Pepe zum Beispiel. Für mich ist es der Beruf meines Lebens. Meine Vorfahren haben gejagt, und ich habe – nach einer kurzen Unterbrechung – den Stand, den meine Vorfahren auf mich vererbt haben, wieder ergriffen … Unglücklicherweise habe ich keinen Sohn, der mein Nachfolger sein könnte; ein edles und starkes Geschlecht – ich kann es ohne Hochmut sagen – wird mit mir zugrunde gehen.«

»Und ich bin wie mein Vater Goldsucher«, erwiderte Tiburcio.

»Ja, Ihr seid von einem Geschlecht, das Gott ebenso hat entstehen lassen, damit das Gold, das er geschaffen hat, nicht für die Welt verloren wäre.«

»Mein Vater hat mir die Kenntnis eines nicht weit von hier entfernten und so goldreichen Ortes hinterlassen, daß ich, wenn zwei Jäger wie Ihr und Euer Gefährte sich mir anschließen wollten, sie reicher machen würde, als sie jemals haben träumen können.« Tiburcio wartete auf die Antwort des Kanadiers und glaubte fast seiner Beistimmung gewiß zu sein, trotz der Weigerung, die er in seiner Gegenwart schon gegen Don Estévan ausgesprochen hatte.

Der ehrliche Kanadier hatte Tiburcio das Vergnügen nicht zu verbergen gesucht, mit dem er ihm zuhörte. Dieser hatte das Feuer in den Augen des Jägers und das Lächeln, das sich über seine offenherzigen Gesichtszüge verbreitete, der Habgier zugeschrieben und täuschte sich. Bois-Rosé hörte im Gegenteil von den so verführerischen Vorschlägen Tiburcios nur den Ton einer Stimme, die auf dem Grund seines Herzens widerhallte wie eine längst vergessene Melodie oder wie einer jener Gesänge des Vaterlands, die plötzlich das Ohr eines Verbannten mit Freude erfüllen.

Das Erstaunen des jungen Mannes war darum nicht gering, als der Kanadier verneinend den Kopf schüttelte und antwortete: »Der Vorschlag, den Ihr mir da macht, würde ohne Zweifel einen Mann verführen, der sein Herz in irgendeiner Stadt zurückgelassen hat. Was mich anlangt, so habe ich kein Vaterland mehr. Die Wälder und die Steppen sind jetzt meine Heimat geworden, und ich will keine andere mehr; wozu sollte mir also das Gold, von dem Ihr sprecht, nützen? Es gab eine Zeit, wo ich es zu besitzen gewünscht hätte, um es einst zu vererben oder es selbst noch bei meinem Lebzeiten wegzugeben – heute habe ich niemand mehr, dem dieses Gold Nutzen schaffen könnte. Nein, nein, mein Junge, ich danke Euch, aber ich will nichts damit zu tun haben«, fügte er hinzu, indem er mit seinen breiten Händen sein Gesicht bedeckte, als wollte er seinen Augen das verführerische Gemälde entziehen, das Tiburcio vor ihm aufgerollt hatte.

»Das ist gewiß nicht Euer letztes Wort«, erwiderte Tiburcio, nachdem er sein Erstaunen überwunden hatte; »ein Mann weist nicht auf solche Art Schätze zurück, wenn er sich nur zu bücken braucht, um sie aufzuraffen!«

»Dennoch ist es ein unwiderruflicher Entschluß. Ich gehöre mit Leib und Seele einem Unternehmen an, bei dem ich meinem Gefährten, der es zehn Jahre lang gewesen ist, beistehen muß.«

Bois-Rosé dachte nicht daran, daß sein strenges Festhalten an dem einmal gegebenen Wort an jene edlen Ritter der alten Zeit erinnerte, wo keiner von ihnen seine Lanze zur Eroberung der Schätze Indiens erhoben hätte, wenn Lanze und Ehre in einer anderen Sache verpfändet gewesen wären.

»Ich fühle wohl, mein Junge, daß ich Euch durch diese Weigerung schmerzlich berühre«, fügte der Kanadier hinzu, als er die Traurigkeit sah, die plötzlich wie eine Wolke die Stirn Tiburcios umschleierte.

»Hört mich an, mein braver Jäger«, erwiderte der junge Mann. »Ich kann es Euch nicht verheimlichen, daß Eure Weigerung alle meine Hoffnungen zu Boden wirft; aber glaubt mir, nicht meinetwegen bedaure ich die Schätze, die wir anderen überlassen wollen …«

»Ich glaube es Euch«, antwortete Bois-Rosé; »die Habgier hat gewöhnlich ihren Sitz nicht auf einer Stirn wie der Eurigen. Aber ich verweigere es auch nicht geradezu, Euch nützlich zu werden. Ich habe einige Gründe, zu glauben, daß Pepe hier sich auch über einen von jenen drei Männern zu beklagen hat und daß wir gemeinschaftliche Sache mit Euch – sei es in Eurer Liebe oder in Eurem Haß – werden machen können.« Während dieser Unterredung schienen die oft ausgesprochenen Worte »Schätze« und »Reichtümer« ihren zauberischen Einfluß auf Pepe statt auf Bois-Rosé auszuüben, denn er drehte sich oft herum, als ob er gegen die Entscheidung seines Freundes protestieren wollte. »Dieser Don Estévan, von dem ich habe reden hören«, nahm der Kanadier wieder das Wort, »ist ein Mann von ziemlich hohem Wuchs, nicht wahr? Es ist der Chef des Reitertrupps, bei dem Ihr gestern noch wart?«

»Er selbst«, antwortete Tiburcio.

»Das ist also der Name, den er hier angenommen hat?« unterbrach sie plötzlich die Stimme Pepes, der sich in die Höhe richtete, um an der Unterhaltung teilzunehmen.

»Solltet Ihr ihn etwa zufällig kennen?« fragte der junge Mann.

»Jawohl«, erwiderte Pepe; »er ist ein alter Bekannter von mir, mit dem ich noch eine rückständige Rechnung ins reine zu bringen habe, und gerade deshalb habt Ihr mich auch unter diesem Himmelsstrich gefunden. Wenn Ihr mehr von ihm zu wissen wünscht und er etwa zufällig dem Messerstoß, den Ihr empfangen habt, nicht fremd geblieben wäre, so will ich es Euch später erzählen und werde Euch auch gut zur Hand gehen können. Doch jedes Ding hat seine Zeit, und das wichtigste ist jetzt, zu schlafen, um auf jedes Ereignis vorbereitet zu sein.«

»Noch einen Augenblick, Pepe, noch einen Augenblick!« sagte der Kanadier in guter Laune. »Es sieht fast aus, als ob du im Sinn hast, deinen Beinamen ›der Schläfer‹ zu rechtfertigen. Höre mich einen Augenblick! Dieser junge Mann hat uns vorgeschlagen, ihn nach einer so reichen Goldmine zu begleiten, daß man sich nur zu bücken braucht, um das Gold aufzunehmen.«

»Demonio!« rief Pepe. »Du hast es doch angenommen, denke ich?«

»Im Gegenteil – ich habe es ausgeschlagen.«

»Und du hast unrecht daran getan, Bois-Rosé; die Sache verdient Überlegung! Aber wir wollen später davon sprechen; für den Augenblick nehme ich wie gewöhnlich das Nötigste zuerst vor.«

Nach diesen Worten legte sich Pepe alsbald nieder, und das Geräusch seines Atemholens bewies bald, daß er wieder eingeschlafen war.

22. Das Wiedererkennen

Tiburcio wünschte sich Glück, daß er sich in der Hoffnung, die das zufällige Zusammentreffen mit den beiden Jägern ihm eingeflößt hatte, nicht gänzlich getäuscht sah.

Bois-Rosé nahm das Wort. »Wie Ihr seht«, sagte er, »werdet Ihr in meinem Freund Pepe einen Mann finden, der bereit ist, sich mit Euch gegen diesen Don Estévan zu verbinden; was so viel bedeuten will, daß ich Euch auch nicht mehr fehlen werde, denn seine Feinde sind auch die meinigen. Ich habe also das Glück, da die Dinge so stehen, Euch die Hilfe einer guten Büchse, die ihr Ziel nicht verfehlt, anbieten zu können; aus ganz besonderen Gründen habe ich niemals einen jungen Mann Eures Alters von Gefahren bedroht zu sehen vermocht, wie es bei Euch der Fall gewesen ist und noch ferner sein wird, ohne ein lebhaftes Bedauern zu empfinden, mich nicht auf seine Seite schlagen zu können. Ihr könnt also doppelt auf mich rechnen und werdet sehen, daß der Himmel Euch einen Freund gesandt hat, der wohl ebensogut ist als ein anderer.«

Während er so sprach, schien der kanadische Jäger aufmerksam den Kolben seiner langen Büchse zu betrachten, und zum erstenmal bemerkte Tiburcio, daß er mit einer Menge rätselhafter Zeichen, die mit der Spitze eines Messers eingraviert waren, bedeckt war.

»Ach«, sagte Bois-Rosé, der den Blick des jungen Mannes, den dieser auf die verschiedenförmigen Kerben richtete, bemerkte, »Ihr zählt ohne Zweifel meine Skalpe?«

»Eure Skalpe?« wiederholte mit erstaunter Miene Tiburcio, der die Sitten der sonderbaren Klasse von Menschen, zu der der Jäger gehörte, nicht kannte.

»Sehr richtig!« erwiderte der Kanadier. »Die Indianer, die Heiden sind, zählen die Menge ihrer Schlachtopfer nach der Anzahl der Skalpe, die sie genommen haben; aber wir anderen Waldläufer, wir zählen unsere Siegestrophäen, wie es sich für Christen geziemt. Diese Kreuze bedeuten die Feinde, die ich im ehrlichen Kampf auf dem Kriegspfad, wie die Indianer sagen, getötet habe.«

»Aber ich sehe wenigstens zwanzig solcher Kreuze!« rief Tiburcio.

»Nähmt Ihr das Doppelte, so würdet Ihr Euch doch noch um einige verrechnen«, erwiderte lächelnd der Jäger. »Seht, diese Kreuze mit einem Querstrich bezeichnen die Apachen, und Ihr werdet ihrer etwa zehn zählen. Diese doppelten Kreuze – und es sind ihrer sieben – wollen sagen, daß ebenso viele Sioux-Indianer ihren Todesschrei ausgestoßen haben. Diese Kreuze mit doppeltem Querstrich sind Pawnees, die ich in das Land der Geister gesandt habe; laßt sehen – es sind acht. Diese Sterne – vier an der Zahl – sind Crows, die jetzt in der Ewigkeit jagen. Ach«, fuhr der Kanadier fort, indem er neun parallele Striche zählte, »hier sind gerade so viele Flachköpfe, die dank meiner Bemühung niemand mehr bestehlen werden; endlich diese kreisförmigen Zeichen, die ich nicht zähle, sind Schwarzfüße, die für immer den Jagdgründen der Prärien lebewohl gesagt haben. Nun frage ich Euch, was ich wohl mit all diesen Skalpen hätte machen sollen? Ich überlasse solche Trophäen der indianischen Eitelkeit«, schloß der Waldläufer sehr naiv.

Tiburcio hörte diesen Triumphgesang des ehrlichen Kanadiers mit ebenso großem Erstaunen an, als einst der Schreiber dieser Zeilen empfand, als einer dieser schrecklichen Indianertöter ihn auf dem Schaft seiner Büchse zweiundfünfzig Gedenkstriche zählen ließ, die er während seiner Reisen und Kämpfe an den Grenzen Nordamerikas und Mexikos eingeschnitten hatte.

»Wohlan«, nahm der Kanadier wieder das Wort, »hatte ich unrecht, Euch zu sagen, daß Ihr auf einen Freund zählen könnt, der wohl soviel wert ist als ein anderer?« Und die Tat mit dem Wort verbindend, reichte der Kanadier Tiburcio seine breite Hand mit einem Ausdruck von Freimütigkeit und Ehrlichkeit, die beredter für ihn sprach als sein Mund; und dieser letztere dankte ihm in der verzweifelten Lage, in der er sich befand, mit überströmenden Gefühlen.

»Eine geheime Stimme«, fügte er hinzu, »sagte mir, daß dieses Licht, das ich oben von der Hacienda her im Wald blitzen sah, ein freundliches für mich sein mußte.«

»Ihr habt Euch nicht getäuscht«, erwiderte Bois-Rosé. »Aber verzeiht bitte einem alten Mann Fragen, die Euch vielleicht indiskret erscheinen: Habt Ihr, so jung, schon keinen Vater mehr, bei dem Ihr Zuflucht suchen könntet?«

Eine lebhafte Röte bedeckte bei dieser Frage die Wangen Tiburcios, der einen Augenblick schwieg und kurz darauf erwiderte: »Warum sollte ich Euch nicht – überall von Feinden umgeben, von einem Mädchen verschmäht, das ich noch liebe – gestehen, daß ich allein auf der Welt stehe, daß ich weder Vater noch Mutter habe?«

»Sie sind tot?« sagte Bois-Rosé mit teilnehmender Miene.

»Ich habe sie niemals gekannt!« antwortete der junge Mann mit leiser Stimme.

»Ihr habt sie niemals gekannt, sagt Ihr?« rief der Kanadier, sprang plötzlich auf, ergriff einen noch flammenden Feuerbrand und beleuchtete damit das Antlitz Tiburcios.

Dieser Feuerbrand, so leicht er auch war, schien doch zentnerschwer in der Hand des Riesen zu wiegen, so sehr schwankte seine Hand von krampfhaftem Zittern, als er nach und nach mit der Flamme alle Teile seines Gesichts beleuchtet und ihn mit einer Stimme, die die Aufregung ebenfalls zittern ließ, fragte: »Aber Ihr wißt wenigstens, in welchem Land Ihr geboren seid?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Tiburcio. »Aber warum all diese Fragen? Welches Interesse könnt Ihr an Ereignissen nehmen, denen Ihr doch fremd sein müßt, da Ihr ein Fremder in diesem Land seid?«

»Fabian! Fabian!« sagte Bois-Rosé, der, ohne es zu wollen, den Ausdruck seiner rauhen Stimme milderte, als ob er zu einem kleinen Kind spräche. »Was ist aus dir geworden?«

»Fabian? Ich kenne diesen Namen nicht… Fabian!« wiederholte Tiburcio, dessen Erstaunen sich bei dieser Anrede verdoppelte, während der Kanadier forschende Blicke auf ihn warf und mit der Hand den Nebel entfernen zu wollen schien, der seine Augen verdunkelte.

»O mein Gott!« sagte traurig Bois-Rosé für sich. »Da dieser Name ihn an nichts erinnert, so ist er es nicht. Warum habe ich diese törichte Hoffnung gefaßt? Und doch sind diese Züge so, wie das Alter sie hätte ändern müssen. Doch verzeiht, mein junger Freund – ich bin ein Narr, ein Wahnsinniger!« Und der Kanadier warf den Brand ins Feuer zurück, setzte sich wieder an den Fuß des Baumes, den er verlassen hatte, mit dem Rücken gegen das Licht, so daß er ganz und gar in dem dichten Schatten verborgen war, den der buschige Wipfel des Korkbaumes verbreitete, gegen den er sich lehnte.

Ein bläuliches Licht erhellte schon die höchsten Wipfel des Waldes; der Tag mußte bald erscheinen; doch unter dem Laubdach war alles noch dunkel, obgleich der Hahn schon auf der benachbarten Hacienda krähte.

Wie jene Samenkörner, die der Wind der Erde anvertraut und die trotz der Winterstürme gedeihen, so hatte auch – trotz der stürmischen Ereignisse, von denen Tiburcio fortgerissen war – die Erzählung seiner Adoptivmutter vor ihrem Tod über seine Ankunft in Amerika in seinem Gedächtnis gekeimt; er strengte sich an, in die Vergangenheit zurückzublicken, und schwieg, um in seinem Innern zu lesen, um die Kette seiner Erinnerungen, die durch einen Zeitraum von achtzehn Jahren zerrissen war, wieder zusammenzufügen. Ohne sich dessen deutlich bewußt zu sein, erinnerte ihn doch dieser Jäger, der vor ihm saß, unbestimmt an den Riesen, den die Frau Arellanos‘ erwähnt hatte. Doch wie sollte er auf den Gedanken kommen, daß der Matrose sich in einen Otternjäger verwandelt hatte? Deshalb sah er in den Fragen des Kanadiers nur eine wohlwollende, aber teilnahmslose Neugier; wirklich hatte auch der Waldläufer ihm noch nicht gesagt, daß er einen Sohn suche. Dieses einzige Wort hätte alles aufgeklärt – aber Bois-Rosé hatte es nicht ausgesprochen.

»Vielleicht«, sagte Tiburcio, das Schweigen unterbrechend, »gibt es unter meinen Erinnerungen aus meiner früheren Zeit manche, die man wieder ins Leben rufen könnte; aber ach, Gott allein nur könnte es tun! Welcher Mensch wird diesen unbestimmten Erinnerungen eine bestimmte Gestalt geben? Denn ich weiß nichts mehr genau.«

»Nichts!« wiederholte der Kanadier mit leiser Stimme, indem er traurig den Kopf auf die Brust herabsinken ließ.

»Und doch«, fuhr Tiburcio fort; »in dem Schweigen einer Nacht wie dieser, während ich beim Leichnam derjenigen wachte, die ich für meine Mutter gehalten hatte, ist ein zweifelhaftes Licht in diese Dunkelheit gefallen, und ich glaube mich an sehr traurige Szenen erinnern zu können! Aber das sind ohne Zweifel Träume – wenn auch schreckliche Träume!«

Während Tiburcio sprach, schöpfte der Kanadier wieder Hoffnung und hob langsam das Haupt wie eine Eiche, die ein Windstoß niedergebeugt hat.

Tiburcio fuhr fort, indem er mit der Hand ein Zeichen machte, den noch schlecht wieder zusammengeknüpften Faden seiner Erinnerungen nicht zu zerreißen, und langsam sprach wie jemand, der mühsam eine durch die Jahrhunderte verwischte Inschrift wieder entziffert: »Es ist mir, als ob ich mich in einem weiten Zimmer befände, das ein Windzug – kälter, als ich ihn jemals gefühlt habe – noch kühler machte; es ist mir, als ob ich das Schluchzen einer Frau hörte, eine rauhe, drohende Stimme – und weiter nichts!«

Diese Worte täuschten immer noch die Erwartung des Kanadiers, denn man erinnert sich, daß er nur die Entwicklung des Dramas von Elanchove gesehen hatte. »Das sind wahrscheinlich Träume«, sagte er traurig; »aber weiter, weiter! Erinnert Ihr Euch an weiter nichts mehr? Erinnert Ihr Euch nicht an das Brausen des Meeres? Das ist ein Schauspiel, das man nicht vergißt, so jung man es auch gesehen haben mag!«

»Ich habe das Meer zum erstenmal vor vier Jahren in Guaymas gesehen«, erwiderte Tiburcio; »und doch, wenn ich gewissen Zeichen glaube, die man mir gegeben hat, so muß ich es zum erstenmal in meiner zartesten Kindheit gesehen haben.«

»Nun«, fuhr der Kanadier fort, noch einmal in seiner Hoffnung getäuscht, den wiederzufinden, den er seit langen Jahren beweint hatte, »ruft Euch diese Erinnerung nichts weiter zurück?«

»Nichts!«

»Nichts?«

»Nichts Bestimmtes wenigstens; aber wie Ihr sagtet, und wie ich glaube: Es sind Träume, die ich vielleicht für Wirklichkeit nehme.«

»Ganz ohne Zweifel ist es so«, erwiderte Bois-Rosé etwas verstimmt. »Welches Kind erinnert sich noch genau?«

»Und unter diesen Träumereien«, sagte Tiburcio, »sehe ich jetzt eine sonnverbrannte, rauhe Gestalt, aber gutmütig bei aller Rauheit.«

»Welche Gestalt?« fragte Bois-Rosé, indem er abermals sein Antlitz dem Licht zukehrte, auf dem das Feuer die angespannten Muskeln beleuchtete, während seine Brust sich wie ein Berg hob und senkte.

»Diese Gestalt«, fuhr Tiburcio fort, »ist die eines Mannes, der mich sehr liebte, denn«, fügte er lebhaft hinzu, »ich erinnere mich jetzt an diesen Mann!«

»Aber Ihr«, erwiderte Bois-Rosé, während Angst sich auf seinen Zügen malte; »liebtet Ihr ihn auch sehr?«

»Er war ja so gut zu mir!«

Eine Träne floß langsam auf die bronzene Wange Bois-Rosés, der aus Scham über seine Schwäche sich wegwandte, um sie zu verbergen; er kehrte wieder in den Schatten zurück und murmelte: »Ach! Er hat mich auch zärtlich geliebt!«

Dann, in dem Augenblick, wo er eine trostlose Überzeugung gewinnen oder das Kind, das er beweinte, wiederfinden mußte, bebte dieser rauhe Jäger unfreiwillig vor einer letzten Frage zurück, die die Hoffnung, von der seine Seele bewegt wurde, bestätigen oder sie für immer vernichten mußte. Endlich wagte er mit stockender Stimme diese entscheidende Frage, nicht ohne daß sein Herz sich in seiner Brust krampfhaft zusammenzog: »Erinnert Ihr Euch nicht vor allem eines Umstands, in dessen Folge dieser Mann von Euch getrennt wurde mitten in …« Der Mut, weiterzusprechen, verließ ihn, und das Haupt auf seine Knie gestützt, erwartete der Koloß zitternd die Antwort auf seine Frage.

Sei es, daß Tiburcio sich dieses Umstands nicht erinnerte, oder war es im Gegenteil der Lichtstrahl, der in tiefe Nacht hineinfällt und Zweifel und Ungewißheit zerstreut – ein feierliches Schweigen folgte dieser Frage; ein Schweigen, während dessen der knisternde Laut brechender Zweige im Wald vor den keuchenden Atemzügen des Kanadiers nicht gehört wurde.

»Hört!« rief Tiburcio. »Ihr, der Ihr der Leuchtturm zu sein scheint, der mich führt, hört, woran ich mich jetzt erinnere.

Eines Tages war Blut überall, der Boden zitterte unter meinen Füßen; der Donner – oder vielleicht waren es Kanonen – grollte mit schrecklicher Gewalt; ich fürchtete mich in meinem dunklen Zimmer, wo ich eingeschlossen war. Jener Mann – der, der mich liebte – kam zu mir …«

Tiburcio hielt einen Augenblick inne, als ob er die formlosen Gestalten, die sich vor ihm aufrichteten, wieder zu ordnen suchte; als ob er der unbestimmten Klänge, die nach so vielen Jahren noch an sein Ohr schlugen, sich erinnern wollte.

»Wartet!« fuhr er fort. »Dieser Mann sagte zu mir: ›Knie nieder, mein Kind, und bete für deine Mutter …‹ Aber weiter weiß ich nichts …«

Während dieser Zeit schien der Kanadier, der ganz im Schatten saß, das Haupt auf seine Knie gebeugt, von krampfhaften Zuckungen ergriffen zu werden; ein Schluchzen ließ sich vernehmen, und Tiburcio bebte beim Klang der gebrochenen Stimme Bois-Rosés, der rief: »Und bete für deine Mutter, die ich sterbend bei dir gefunden habe!«

»Ja, ja!« rief Tiburcio, der sich mit einem Sprung erhob. »Geradeso heißt es! Aber Ihr – wer seid Ihr, daß Ihr wissen könnt, was sich in diesem schrecklichen Augenblick ereignet hat?«

Der Kanadier erhob sich, ohne zu antworten, und niederkniend zeigte er noch einmal sein männliches, rauhes Gesicht, von Tränen überströmt, und rief trunken vor Gemütsaufregung: »O mein Gott! Ich wußte wohl, daß, wenn er noch eines Vaters bedurfte, du ihn zu mir gesandt haben würdest! Fabian! Fabian! Ich bin es … ich bin dieser Mann …«

Ein Blitz erhellte das Gesträuch; ein Schuß folgte und schnitt ihm das Wort vom Mund ab; eine Kugel schlug pfeifend dicht bei Tiburcio in die Erde. Pepe erwachte und sprang rasch auf die Füße.

23. Noch immer gilt der Satz: Wo die Macht ist, ist auch das Recht

Es ist nötig, daß wir hier auf die Vergangenheit zurückkommen, um eine Lücke in den vertraulichen Mitteilungen, die der gewesene Soldat und Küstenwächter wegen seiner früheren Verbindungen mit Don Estévan dem Kanadier gemacht hatte, zu vervollständigen. Pepe hätte sagen können, daß der Unbekannte, den er in jener Nacht an der Küste Elanchoves hatte landen lassen, niemand anderer gewesen war als Don Antonio de Mediana, der jüngere Bruder von Fabians Vater.

Er war von einem langen Kreuzzug auf den südlichen Meeren zurückgekehrt, hatte, wie er es dem Senator gesagt hatte, gegen die Unabhängigkeit Mexikos gekämpft und erfuhr nun von der Heirat Dona Luisas mit seinem älteren Bruder. Diese Heirat war doppelt verderblich für ihn. Erstens hatte er Dona Luisa mit der ganzen Leidenschaft der Jugend geliebt; dann hatte infolge einer fast väterlichen Zärtlichkeit sein ältester Bruder, der Graf von Mediana, seiner Mutter versprochen, sich niemals zu verheiraten und Don Antonio die Würden und das Vermögen der Familie zu hinterlassen. Aber das Gerücht seines Todes hatte durch seine lange Abwesenheit Glauben gefunden, und sein ältester Bruder hatte, von seinem Gelübde entbunden, ein altes Geschlecht mit seiner Person nicht aussterben lassen wollen. Er hatte geglaubt, dem Andenken seines Bruders eine feierliche Huldigung darzubringen, wenn er diejenige zu seiner Gemahlin machte, die jener selbst hatte heiraten sollen. Ein Sohn war aus dieser Heirat entsprossen.

Don Antonio erfuhr auf einmal die Vernichtung seiner ehrgeizigen Pläne und den Verlust all seiner Hoffnungen. Im Herzen der Ehrgeizigen ist für die Liebe nur wenig Platz; er hatte darum auch nur das Majorat von Mediana, das er verlor, bedauert; der Wunsch, das Kind verschwinden zu lassen, das ihn sein ganzes Leben hindurch dazu verdammte, nichts als der jüngere Sohn der Familie zu sein, verzehrte jedes andere Rachegefühl.

Da ihm das Kommando einer im südlichen Meer gemachten Prise übertragen war, so hatte er von dem eroberten Schiff nur mit einer geringen Mannschaft Besitz genommen, die ihm vom Befehlshaber der Korvette, auf der er diente, übergeben war. Er hatte keinen Anstand genommen, diese Mannschaft an verschiedenen Landungsorten durch etwa dreißig spanische Abenteurer – verbrecherische Menschen, die er überall angeworben hatte – zu vermehren, und an der Spitze dieser wenig gewissenhaften Menschen war er nach Spanien zurückgekehrt.

Es würde zu weit führen, hier zu erzählen, wie er sich Verbindungen in Elanchove verschafft hatte. Wir nehmen die Erzählung der früheren Ereignisse in dem Augenblick auf, wo er, ganz sicher über das Schweigen Pepes des Schläfers, sich von der Küste entfernte und die Sorge für seinen Nachen den Grenzjägern überließ.

Seitdem sie Witwe war, führte die Gräfin ein noch zurückgezogeneres Leben als früher. Immer mit ihrem Kind eingeschlossen, rief sie ihre dienenden Frauen so selten wie möglich; etwa zur Zeit der Mahlzeiten, die sie auf ihrem Zimmer einnahm.

Zu derselben Stunde, als sich die Szene zwischen Pepe dem Schläfer und dem Unbekannten zutrug – das heißt gegen elf Uhr abends —, war die Gräfin von Mediana wie gewöhnlich in ihrem Schlafzimmer. Dies war ein großes Gemach, in dem die Möbel wie überall im Schloß seit fast einem Jahrhundert nicht erneuert waren und das jenen ernsten Anblick gewährte, der den damaligen Sitten und dem ernsten Charakter der Spanier eigentümlich ist. Eine Lampe, die auf einem Tisch in einer Mauernische brannte, beleuchtete hell nur einen Teil des Zimmers. Das übrige lag im Schatten, und in diesem Halbdunkel konnte man kaum die großen Familienporträts unterscheiden, die von den glühenden Kohlen eines »Brasero« einen tiefen rötlichen Glanz erhielten.

Zwei bis auf den Boden herabreichende Fenster führten auf einen großen Balkon hinaus, der sich nur etwa zwanzig Fuß über der Erde befand. Durch die Fensterscheiben sah man einen dunklen Himmel und die weiße Linie, die Meer und Himmel bei ihrer Vereinigung bildeten.

Die Augen der Gräfin flogen über diese traurige Aussicht mit einem Ausdruck des Nachdenkens und des Gebets, dann richteten sie sich wieder auf die Wiege, in der ihr schlafendes Kind ruhte.

Die Gräfin von Mediana schien kaum dreiundzwanzig Jahre alt zu sein. Von Natur bleich, wie es die Andalusierinnen gewöhnlich sind – sie war in Granada geboren —, erschien sie noch bleicher in dem strengen Trauerkleid der Witwe, das sie trug. Eine leichte senkrechte Falte, die sich zwischen ihren Augenbrauen zu bilden begann, zeugte von einem bedachtsamen Charakter, während ihr anmutsvoll gekräuselter Mund das süßeste Lächeln versprach. Ihre schwarzen, samtfarbigen Augen bestätigten, was der Mund verhieß; nichtsdestoweniger war es leicht, auf ihrer stark gewölbten Stirn und in den Linien ihrer leicht gekrümmten Adlernase die Unbeugsamkeit des Willens und die Gewalt der Leidenschaft zu lesen.

Das war ein unterscheidender Zug, den Tiburcio – oder vielmehr Fabian – von seiner Mutter hatte.

Die wie Ebenholz schwarzen Haare Doña Luisas rahmten in zwei glänzenden Flechten ein Gesicht ein, das verführerisch während der Ruhe war, das bezaubernd in der Aufregung und von einer schrecklichen Schönheit im Zorn sein mußte. Ihre Hände endlich waren von blendender Weiße und der Form nach vollkommen; ihre Füße klein und zart, ihre Taille elegant; alles an der Gräfin rechtfertigte die Leidenschaft, die zwei Brüder für sie hatten ergreifen können, denn wir müssen es gestehen, daß der Wunsch, seine Familie nicht aussterben zu lassen, nicht der einzige Grund zur Heirat Don Juans de Mediana mit Doña Luisa gewesen war.

Nach einigen Minuten tiefen Nachsinnens nahm die Gräfin eine Lampe, die sie auf einen Leuchterstuhl setzte, daß ihr Schein die Züge ihres in der Wiege schlafenden Sohnes beleuchtete. Dieser schlief jenen tiefen Schlaf der Kindheit, der zu sehr dem Tod gleichen würde, wenn man nicht sozusagen Leben und Blut unter dem leichten Gewebe, das sie umgibt, ihren Kreislauf vollenden sähe. Sie betrachtete lange Zeit dieses kindliche Gesicht, das halb unter einer Flut von Haaren von jenem hellen Kastanienbraun verborgen war, das später ein schönes schwarzes Haar zu werden verspricht; aber ihre Blicke schienen auf seinen rosigen Wangen und seinen roten Lippen mit ebensoviel Neugier wie Zärtlichkeit zu ruhen. Man hätte sagen können, daß sie in den Zügen ihres Kindes die Zukunft zu lesen versuchte.

Die Gräfin machte es nun wie alle Mütter im gleichen Fall: Sie drückte einen leidenschaftlichen Kuß auf seine Wangen, gleichsam, um ihren Sohn mit einem schützenden Zauber zu umgeben oder ihn zu versichern, daß wenigstens die Mutterliebe ihm nie im Leben fehlen solle.

Über der Wiege hing eines der großen Gemälde, die sich an den Wänden des Zimmers befanden. Die Strahlen der Lampe beleuchteten es jetzt vollständig. Die Personen, die es darstellte, waren ein Knabe von fünfzehn oder sechzehn Jahren mit stolzem Blick und ausgezeichneter Haltung, der den Ellbogen auf die Lehne eines großen Sessels gestützt hatte, in dem ein kleines Kind schlief; sein stolzes, auf seinen Bruder gerichtetes Auge – denn die Familienähnlichkeit war auffallend – war nicht ohne Ausdruck einer lebhaften Zärtlichkeit. Diese Gruppe schien das Sinnbild, die lebendige Erklärung des Wappens zu sein, das man an einer oberen Ecke des Gemäldes bemerkte, mit der Unterschrift: »Ich werde wachen.«

Durch ein sonderbares Zusammentreffen hatte das schlafende Kind in der Wiege eine auffallende Ähnlichkeit mit demjenigen, das seit dreißig Jahren in seinem gotischen Lehnsessel schlief.

Als die Gräfin – nachdem sie ihren Sohn auf den sie sich niederbeugte, geküßt hatte – ihre Augen erhob, schien sie diese Ähnlichkeit zum erstenmal zu bemerken, denn sie bebte zurück, und eine düstere Wolke überflog ihr Antlitz. »Armes Kind«, sagte sie halblaut, »möge Gott dich vor einem ähnlichen Schicksal wie dem seinigen bewahren!« Sie nahm die Lampe weg, deren Schein die brüderliche Gruppe beleuchtete, und das Gemälde trat wieder in den Schatten zurück wie eine verschwindende Erscheinung.

In der Stille der Nacht gibt es Augenblicke, wo alles eine doppelte Stärke und Wichtigkeit erhält. Das leichteste Geräusch draußen wird vernehmbar; das Krachen eines Möbels wird erschreckend. Ebenso ist es mit den Stimmen im Innern: Diejenigen, die am Tag schweigen, lassen sich des Nachts hören; diejenigen, die am Tag nur leise murmeln, schallen des Nachts wie eine Trompete – man ist gezwungen, sie zu hören. Hatte die Einsamkeit, die Stille oder etwa der Anblick jenes Gemäldes bei der Gräfin eine dieser schlafenden Stimmen geweckt? War es das Gewissen? War es eine Ahnung? Immerhin ist es gewiß, daß sie in diesem Augenblick noch viel bleicher war als sonst.

Indessen nahm ihr Gesicht, als ob das Nachdenken leere Schreckbilder aus ihrer Phantasie verjagt hätte, bald wieder den stolzen Ausdruck an, den es gewöhnlich zeigte. Sie setzte sich wieder auf ihren Platz an einem Fenster des Zimmers, dessen Ruhe nur gestört wurde durch die Stöße des Seewinds, der unaufhörlich auf dem Gipfel der hohen Felsenabhänge Elanchoves braust.

Plötzlich mischten sich schrillere Töne in die Seufzer der Brise, und der Klang einer Trompete schlug an das Ohr Doña Luisas. Dies ist ein zwischen Schiffen gewechseltes Signal, die nachts an gefährlichen Küsten hinsegeln; aber die Gräfin wußte es nicht. Für sie lag etwas so Ungewöhnliches, so Außerordentliches in dem Ton, der von der Seeseite her erklang, daß er ihr wie ein Echo aus einer unsichtbaren Welt vorkam.

Die Gräfin erhob sich halb aus ihrem Sessel mit einer solchen Ängstlichkeit, als ob sie irgendeine schreckliche Erscheinung erwartete. Ihre erste Bewegung war, nach einer Glocke zu laufen, die sich auf einem Tisch in ihrer Nähe befand; aber bald bekam ihr Stolz die Oberhand; sie errötete darüber, vor einem ihrer Diener eine Schwäche blicken zu lassen, und kniete bei der Wiege ihres Sohnes nieder. Das Kind schlief immer noch seinen tiefen, ruhigen Schlaf und träumte ohne Zweifel von den Liebkosungen seiner Mutter.

»O mein Gott«, rief sie abermals, »wie schwer zu tragen kommt mir der Name Mediana vor, nach dem ich so ehrgeizig gestrebt habe! Weil denn doch von dem einen oder dem anderen der beiden Brüder dieses Kind abstammen mußte, um diesen Namen fortzupflanzen. So laß wenigstens, o Gott, deinen Zorn nur mich allein treffen!«

Ihre Stimme verlor sich nun in ein stummes Gebet; dann ließ sie sich noch einmal mit jener Langsamkeit vernehmen, die von einer träumerischen Zerstreutheit und dem Vergessen der äußeren Gegenstände Zeugnis ablegt, während die Seele sich im Reich der Ahnungen und Erinnerungen verloren hat.

Die Gräfin hatte sich so in ihre Träumereien vertieft, daß sie ein dumpfes Geräusch außerhalb nicht hörte, das dann und wann die klagenden Töne des Nachtwinds unterbrach, der an den Fensterscheiben rauschte. Dann schien dieses anfänglich gedämpfte Geräusch sich bis auf den Balkon zu erheben; das Fenster wurde heftig aufgerissen, ein Windstoß fuhr durch das Zimmer, machte das Licht der Lampe in einer langen Flamme emporflackern, und in dieser unsicheren Beleuchtung ging ein Mann auf die Gräfin zu, die vor Schreck wie versteinert war. —

Ehe ich weitergehe, glaube ich hier daran erinnern zu müssen, daß ich nur erzähle und nicht erfinde. Man hat Gott sei Dank solche Entwicklungen wie diese hier ziemlich abgenutzt, so daß ich mir ein Gewissen daraus gemacht hätte, noch einmal öfter einen jener nächtlichen Helden einzuführen, die vorgeben, sich lieber auf einer Strickleiter als auf einer gewöhnlichen Treppe da einzuführen, wo man sie am wenigsten erwartet hat.

Gewiß, wenn ich diese Erzählung aus dem Mund irgendeines anderen Mannes als dem des Waldläufers, der sie mir geliefert hat, vernommen hätte, so hätte ich ihn im Verdacht gehabt, die Traditionen der Phantasiestücke seiner Jugend mit seinen wirklichen Erinnerungen zu vermischen; aber der brave Kanadier war in der Steppe geboren und hatte nur in ihr gelebt. Er war nur selten Zuschauer und viel öfter Darsteller in jenen Dramen gewesen, die in den Wäldern oder in den Steppen aufgeführt werden und deren Entwicklung schnell ist wie der Pfeil oder der Tomahawk des Indianers oder die auch – wie deutsche Dramen – ganze Tage währen und von denen die Überlebenden allein die Einzelheiten erzählen können. —

Wenn der Blitz vor den Füßen der Gräfin eingeschlagen hätte, so hätte ihre Betäubung nicht größer sein können als diejenige, die in ihrer Seele auf die erste Bewegung des Schreckens folgte. Als ob ihre Erinnerungen die Kraft eines Zaubers gehabt hätten, ein Gespenst herbeizurufen, so sah sie vor sich Don Antonio de Mediana selbst in aufrechter, drohender Haltung. Beim Anblick eines Mannes, der nächtlich ihren Balkon erstieg, hatte die Gräfin – wie gesagt – einen lebhaften Schrecken empfunden; dann wurde ihr Erstaunen noch lebhafter, als sie mit einem zweiten Blick den Mann dieses sonderbaren Besuchs erkannt hatte; ihre Furcht jedoch verschwand.

Mit Recht oder Unrecht schreiben die Frauen der Liebe, die sie einflößen, einen außerordentlichen Einfluß zu. Wenn wirklich – nach einer poetischen Darstellung – eine unschuldige Jungfrau einen Löwen zahm machen kann, so sieht eine erfahrene Frau es immer für eine leichte Aufgabe an, den Mann zu besänftigen, der sie geliebt hat.

Es ist wahr: bei den meisten Männern ist dieser Einfluß ansteckend; aber dieser hier gehörte unglücklicherweise für Dona Luisa zu denen, die auf die Liebe einer Frau, wenn sie nicht mehr von gewissen Verhältnissen getragen wird, nur geringes Gewicht legen. Ich meine, daß Don Antonio de Mediana ausnahmsweise eine solche Gesinnung hatte. Obgleich das bleiche Antlitz Don Antonios zwei entgegengesetzte Gefühle – einen dumpfen Zorn und eine offenbare Verachtung – ausdrückte, so wurde doch die Gräfin nicht dadurch enttäuscht. Sie erblickte in ihm immer noch den Mann, der sie geliebt hatte und noch liebte.

»Keine Bewegung«, sagte Don Antonio; »kein Laut, um Hilfe zu rufen, wenn Ihr dies Kind liebt!« Er zeigte mit dem Finger auf Fabians Wiege.

Diese Gebärde trug so sehr den Ausdruck von Macht und Autorität, daß die bestürzte Gräfin mit verstörtem Blick und vorgebeugtem Körper stumm und unbeweglich blieb und zitternd ihren sonderbaren Besuch betrachtete. Sie hatte begriffen, daß die Vergangenheit in den Augen dieses Mannes nichts mehr war. Dona Luisa fühlte, daß sie selbst verloren, aber auch, daß ihr Kind in Gefahr sei. Sie rief also all ihre mütterliche Zärtlichkeit, die Energie ihres Willens und ihres Stolzes zu Hilfe, um dem Finger zu folgen, der auf die Wiege ihres Sohnes zeigte, als ob das Leben dieses Kindes nicht hundertmal kostbarer gewesen wäre als ihr eigenes.

Gewiß bedurfte es einer unerhörten, mutvollen Anstrengung, um so weit zu kommen; denn das Gesicht Don Antonios hatte plötzlich den Ausdruck gewechselt. Seine Lippen, die ein nervöses Zucken, das sein Wille nicht zu unterdrücken vermochte, in ein krampfhaftes Zittern versetzte, ließen zuweilen seine fest zusammengebissenen Zähne bloß; seine funkelnden, auf die Gräfin gehefteten Augen ließen einen tödlichen Schauer über ihre Glieder laufen. Sie hatte klar darin gelesen, daß sie kein Mitleid, keine Schonung zu erwarten hätte. Dennoch schüttelte sie endlich ihren Schrecken von sich ab und rief wieder mit fester Stimme: »Wer seid Ihr, der Ihr heimlich hier hereinkommt wie ein Dieb in der Nacht? Soll ein Sohn so in die Wohnung seiner Väter zurückkehren? Ist Don Antonio de Mediana nichts weiter als ein Verbrecher, der das Licht scheut?«

»Geduld!« antwortete Don Antonio spöttisch. »Die Zeit wird kommen – und sie ist nicht fern —, wo ich in dieses Schloß einziehen werde, wie es sich geziemt: am hellen Tag, durch die geöffneten Gitter, mitten unter dem Zuruf, mit dem meine Rückkehr gefeiert werden wird. Aber heute abend paßt es für meine Pläne, nur – wir Ihr sagtet – ein Dieb in der Nacht zu sein.«

»Was wollt Ihr denn?« rief die Gräfin ängstlich.

»Wie? Begreift Ihr denn nicht«, erwiderte Don Antonio mit derselben Ruhe, die trotz des Zuckens seiner Muskeln von einem schrecklichen Entschluß zeugte, »daß ich herkomme, um mich zum Grafen von Mediana zu machen?«

Hiermit gewann die Frage in den Augen der Gräfin plötzlich eine schreckliche Bedeutung. Hier war von keinem betrogenen Liebhaber mehr die Rede, den sie beschwichtigen mußte, wie sie es einen Augenblick geglaubt hatte – sie mußte ihren Sohn retten!

24. Die Weissagung

Bei diesen Worten, die die Gräfin über die Absichten Don Antonios nicht mehr zweifeln ließen, war ihre erste Bewegung, sich auf die Wiege ihres Sohnes zu stürzen, um mit ihrem Leib einen Wall für ihn zu bilden. Aber Don Antonio kam ihr zuvor, nahm seine Stellung zwischen ihr und der Wiege und richtete einen kalten und teilnahmslosen Blick auf sie, den er seit dem Anfang dieser Zusammenkunft angenommen hatte. Sein Gemüt mußte tief erbittert, sein Herz sehr abgestumpft sein, daß sein entsetzlicher Entschluß der Gräfin gegenüber nicht wankend wurde. Ihre Nasenflügel hatten sich erweitert, der Busen wogte, ihre langen Haarflechten hingen auf die Schultern herab; die Angst malte sich in ihren Zügen, und sie richtete ihre Augen bald mit bittendem, bald mit erschrecktem Ausdruck auf ihn; sie war bezaubernd in der ganzen wilden Schönheit, die ihr stolzes Antlitz versprach, während die mütterliche Sorge ihren Blicken einen unsagbaren Zauber verlieh. »Gnade für ihn!« sagte sie endlich, als sie wieder Worte fand. »Ihr könnt mich töten; aber er, er, was hat er Euch getan, Don Antonio?«

»Was er mir getan hat?« erwiderte Don Antonio. »Ist er es nicht, der jetzt Graf von Mediana ist? Ist er nicht der gesetzliche Besitzer eines Titels und eines Vermögens, die ich nach dem Eid, den sein Vater unserer sterbenden Mutter geschworen hatte, erhalten sollte? Ist er nicht der Sohn derjenigen, die mir versprochen hatte, nur mich zu lieben, und die doch nicht eher Ruhe gehabt hat, als bis sie, mit Verletzung ihrer Eidschwüre, durch ihre verführerische Schönheit es so weit gebracht hat, daß auch mein Bruder seinen Eid brach?«

Die Gräfin verbarg ihr Gesicht in ihre Hände. »Hat man Euch nicht seit langer Zeit tot geglaubt?« sagte sie mit erstickter Stimme. »Ich habe den allgemeinen Irrtum geteilt!«

»Denkt Ihr, mich durch solche Lügen zu täuschen? Weiß ich nicht, daß bei dem ersten Gerücht von meinem Tod, der durch nichts bestätigt wurde, die zarte Sorgfalt erwachte, die Ihr dem Grafen von Mediana und dem reichen Majorat, das ihm gehört, geweiht hattet; daß der Zweck aller Eurer Intrigen nur der gewesen ist, den Ältesten in den Netzen zu fangen, die Ihr für den zweiten nur aufgestellt hattet, weil Ihr das formelle Versprechen seines Bruders kanntet?«

Die Gräfin antwortete nichts. Geschah dies vielleicht darum, weil die Anklagen des unerbittlichen Richters, in dessen Hände sie so plötzlich gefallen war, nicht so laut sprachen als ihr Gewissen? Oder verschmähte sie es, auf diese Anklage einer maßlosen Habgier zu antworten?

Don Antonio fuhr fort: »Lassen wir diese Anschuldigungen aus der Vergangenheit; ich bin nicht hierher gekommen, um Euch die zärtlichen Vorwürfe eines verratenen Liebhabers hören zu lassen – ich habe einen ernsten Zweck.«

Er tat einen Schritt nach der Wiege.

»Aber Ihr seht doch ein«, rief die Gräfin, »daß mein Sohn Euch nichts getan hat?«

In diesem Schrei lag so viel mütterliche Angst, so viel Heftigkeit, so viel Jammer, daß sich in der Seele Don Antonios ein Umschwung vorzubereiten schien, ohne daß jedoch seine Züge etwas von jener kalten Strenge verloren, in der er sein Gesicht verbarg; er antwortete mit einer etwas weniger drohenden Stimme: »Wer hat Euch gesagt, daß ich der Mörder eines Kindes sein wollte?«

»Ach, Dank Euch für Eure Barmherzigkeit, Don Antonio!« rief die Gräfin mit gefalteten Händen.

Don Antonio fuhr fort: »Hört zuerst die Bestimmung, die ich über ihn getroffen habe, und dann werdet Ihr sehen, ob Ursache dazu da ist, meine Barmherzigkeit zu segnen. Der Knabe hat nur die Schuld auf sich, daß ein Verrat, dessen Frucht er ist, ihn zwischen mich und ein Vermögen gestellt hat, das ich meiner Erziehung nach als das meinige betrachten mußte. Er weiß noch nicht, welchen Rang ihm Gott verliehen hat, und in der unbekannten Welt, in die ich ihn versetzen werde …«

»Oh, ich segne Euch immer noch, Don Antonio!« rief sie.

»… wird er es niemals erfahren; denn Ihr werdet nicht mehr da sein, um ihn daran zu erinnern!« fuhr der unerbittliche Richter fort.

»Was ?« rief die Gräfin mit einer Stimme, die von Überraschung, Erstaunen und Schreck beim ersten Laut erstickt wurde. »Was? Ihr wollt mich trennen von ihm? O nein, Ihr werdet es nicht tun!« fuhr sie, aufs Knie fallend, mit ausgestreckten Armen und bittendem Blick fort.

Don Antonio verharrte in düsterem Schweigen. Die Gräfin glaubte in seinem Herzen eine weniger unempfindliche Saite angeschlagen zu haben, und alles, was nur die Beredsamkeit einer Mutter an Überredungskraft aufbieten kann; alles, was ihr Flehen nur Rührendes hatte: die innigsten Bitten, die diesen unabänderlichen Entschluß mildern konnten, die Anrufung menschlicher und göttlicher Gerechtigkeit – alles wurde von ihr in Tätigkeit gesetzt, um es dahin zu bringen, daß man sie nicht von ihrem Sohn trenne. Aber Tränen, Bitten, Versprechungen, Eide – alles war umsonst.

Ein kaltes Lächeln antwortete ihren Bitten. »Wie? Glaubt denn etwa die Gräfin von Mediana, daß ich nur darum tausend Gefahren getrotzt habe, um bis zu ihr zu gelangen; daß ich nur darum ein den Augen der menschlichen Gerechtigkeit unsichtbares Netz, in dem

ihr Ruf ungehört verhallen soll, gewebt habe, um in dem Augenblick auf meine Rache zu verzichten, wo ich diese endlich in meiner Gewalt habe? Nein, nein; mein Plan soll so ausgeführt werden, wie ich ihn entworfen habe, sofern nicht etwa«, fügte Don Antonio hinzu, indem er einen Dolch aus der Scheide zog und mit der Spitze auf die Wiege des kleinen Fabian zeigte, »ein Schrei oder ein unnützer Widerstand mich zwingen, diesen Plan zu ändern … Und in diesem Fall möge mir mein Bruder verzeihen, wenn ich sein Blut vergieße: Ihr habt es dann gewollt!«

»O mein Gott!« rief die Gräfin. »Wirst du mir keinen Retter senden? Wirst du ein solches Verbrechen zulassen?«

Laßt diese Rechnung mich mit Gott abschließen, Madame; was die Menschen anlangt, so werde ich, wie gesagt, keine Spur hinter mir zurücklassen. Glaubt mir also: Rechnet ja nur wenig auf die Gerechtigkeit Gottes, wenn sie schläft; auf die der Menschen, wenn sie blind ist.«

Die Gräfin wollte noch einen letzten Versuch machen, dem Mann, der allen Bitten unzugänglich gewesen war, Schrecken einzuflößen, und mit bleicher Stirn, mit Augen, die von prophetischer Begeisterung glühten, trat sie auf ihn zu: »Hütet Euch!« sagte sie. »Die menschliche Gerechtigkeit, die Ihr verlacht, ist nicht da; aber jene Gerechtigkeit dort oben, die Ihr verspottet, wird am äußersten Ende der Welt, in den entlegensten Einöden, wo der Fußtritt des Menschen vielleicht noch niemals eine Spur zurückgelassen hat, Euch einen Ankläger, einen Richter und einen Henker erwecken.«

»Die Zeit der Wunder ist vorüber«, sagte Don Antonio kalt; »und ich bin gewiß, sie wird niemals zurückkehren!« Dann fügte er mit ungeduldigem Ton hinzu: »Doch machen wir der Sache ein Ende; dies Kind hat zum letztenmal unter dem Dach seiner Väter geschlafen.«

»O Gott, laß es nicht so sein!« rief Dona Luisa, indem sie an Gott das heißeste Gebet richtete, das je einem Mutterherzen entquollen ist. Dann sank sie aufs Knie vor demjenigen, den sie geliebt hatte, und rief: »Antonio, ich habe Euch so großherzig, so edel, so ehrenhaft gekannt; wollt Ihr Euch wirklich mit einem Verbrechen besudeln? O nein – es ist nur, um mich zu erschrecken, nicht wahr?«

»Euch erschrecken?« antwortete Antonio mit sardonischem Lächeln. »Nein, wahrhaftig! Denn wenn ich alles, was Ihr sagt, wirklich gewesen bin, so ist das bei Gott ein ziemlich hübscher Vorrat von Tugenden, den ich ein wenig vermindern kann, ohne ihn zu erschöpfen. Aber die Zeit drängt«, fügte er hinzu, »und meine Leute werden ungeduldig.«

Auf diesen kalten, grausamen Spott fand Doña Luisa keine Antwort mehr. Der Mann, der mit dem Verbrechen seinen Scherz trieb, mußte ein Herz haben, bei dem jeder Versuch, es zu rühren, fernerhin unnütz war. Seit diesem Augenblick – und nur erst von diesem Augenblick an – begriff die Gräfin von Mediana, daß alles vorbei sei. Eine unaussprechliche Betäubung bemächtigte sich ihres Geistes; ihr Körper verlor alle Spannkraft; sie dachte, sie handelte nicht mehr, sie hatte keine Idee mehr, und mit gänzlicher Ergebung erwartete sie schweigend ihr Urteil.

In diesem weiten, ungleich erleuchteten Zimmer, wo die Windstöße mit düsterem Rauschen die langen Vorhänge erzittern ließen, sah diese Frau mit dem in Ergebung gebeugten Haupt dem Mann gegenüber, der bald kalt, bald spöttisch, bald zornig war, ganz wie ein armes Geschöpf aus, dessen Vertrag mit dem Bösen abgelaufen und das nun ganz seiner Willkür preisgegeben war. Wie dieses hatte auch die Gräfin – aber vergeblich – um Gnade oder nur um eine Frist von einem einzigen Augenblick gebeten; aber der Augenblick war da, ihre Seele gehörte ihr nicht mehr.

Sie ging darum auch, als sie den Befehl von Don Antonio empfing, das Kind aufzuwecken und anzukleiden, auf die Wiege zu, als ob sie gar nicht mehr gewußt hätte, daß sie noch am Leben sei. Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, einen Schrei um Hilfe auszustoßen; aber mehr der Instinkt als die Überlegung hielt sie zurück; der Tiger, in dessen Klauen sie sich befand, hielt auch das Kind fest, und sein breites Messer blitzte vor ihren Augen mit blutigem Glanz. Sie sah es in ihrer Einbildung mit dem Blut dessen befleckt, den sie mehr als ihr Leben liebte, und mit diesem schrecklichen Gedanken, der sich ihrer bemächtigte, näherte sie sich ihrem Sohn mit umschleiertem Blick, mit gebeugtem Haupt und mit einem Herzen, das nicht mehr schlug.

Sie begann also mit mütterlicher Sorgfalt mit ihren zitternden Händen über das Antlitz ihres Sohnes zu streichen, um die Locken zu entfernen, von denen es eingehüllt war. Das Kind fühlte die sanfte Berührung der Hände seiner Mutter, öffnete die Augen, und als es im Halbdunkel die Mutter bemerkte, die es jeden Abend an seinem Bettchen erblickte, lächelte es mit seinem süßesten Lächeln und schlief wieder ein. Die Gräfin warf auf ihren Henker einen verzweifelnden Blick; der Mut verließ sie, und ihre Arme fielen schlaff an ihrem Körper nieder.

Don Antonio machte eine drohende Gebärde; die Gräfin schauderte, neigte sich abermals über ihr Kind und drückte auf seine Lippen einen Kuß mit derselben fieberhaften Glut, die ihre Lippen versengte. Bei dieser Berührung wachte es auf, blickte mit erstaunter Miene um sich her, und seine schlaftrunkenen Augenlider schlossen sich nochmals, als ein heftiger Stoß Don Antonios es wieder aufweckte und seiner Betäubung ein Ende machte. Das Kind schauderte inmitten der eisigen Luft, die durch das offene Fenster in das Zimmer drang, und beim Anblick eines Unbekannten, beim Anblick seiner bleichen und zitternden Mutter, deren Gesicht in Tränen schwamm, fing es an, vor Schrecken zu zittern, und barg sich weinend an ihrem Busen.

Don Antonio – nachdem er mit gebieterischer Miene Eile befohlen hatte – zog sich ans Fenster zurück, aber ohne seine Augen von Doña Luisa abzuwenden. Die unglückliche Mutter unterbrach sich unendlich oft in einem gewöhnlich so süßen, jetzt aber so herzzerreißenden Geschäft, drückte zärtlich jedes Kleidungsstück ihres geliebten Sohnes und bedeckte mit glühenden Küssen jeden Teil seines Körpers, den ihr Mund erreichen konnte. Sie tat es, um einige kostbare Augenblicke zu gewinnen; um den schrecklichen Moment zu verzögern, wo ihr Sohn angekleidet vor ihr stand und aufhören mußte, ihr zu gehören. Bis dahin war sie ja noch immer seine Mutter; sie konnte ihn immer noch umarmen. Nur einen Augenblick mehr gewonnen, dachte sie, und vielleicht schickt Gott in seiner Barmherzigkeit einen Retter! Und wenn auch Gott die wahrscheinliche Vollendung dieses abscheulichen Verbrechens zugeben sollte – war der Gewinn einer Minute nicht soviel wie hundert Küsse, die sie ihm noch geben konnte?

In der Freude wie im Schmerz gibt es Grenzen, die die menschliche Schwäche nicht überschreiten kann – jenseits dieser Grenzen würden die Bande des Lebens zerreißen. Gott hat es so eingerichtet, damit nicht das durch ihn hergestellte Gleichgewicht aufgehoben werde. Dies geschah auch im letzten Augenblick der Trennung der Mutter von ihrem so heißgeliebten Kind: Alles war beendet, der Retter war nicht erschienen; aber beim letzten Kuß, bei der letzten Umarmung bedeckten die Augen Doña Luisas sich mit einem Schleier; die Empfindungslosigkeit ihres Körpers ließ den Seelenschmerz aufhören; sie stieß einen schwachen Schrei aus und fiel in eine tiefe Ohnmacht.

Don Antonio hatte diese Entwicklung wahrscheinlich vorhergesehen, und sie durchkreuzte seine ferneren Pläne nicht; kurz, er beleuchtete kaltblütig mit der Lampe das bleiche, leblose Antlitz der Gräfin, um sich zu überzeugen, ob sie noch atme, und ohne sich um das stille Weinen des Knaben zu kümmern, der vor Schreck nicht schreien konnte, schob er den Riegel vor die Eingangstür. Dann öffnete er einen Schrank von schwarz poliertem Eichenholz, der der Gräfin als Schreibtisch diente, raffte die Schmucksachen und das Gold, das er darin fand, zusammen und legte es in die einzelnen Fächer – steckte auch in der Eile einige Papiere in seine Tasche —, dann packte er alle Frauenwäsche zusammen und legte sie in andere Möbelstücke.

Während dieser Zeit schluchzte der Knabe immer noch, während er seine Mutter umfaßt hielt, deren kalte Empfindungslosigkeit für ihn eine Quelle geheimnisvollen Schreckens war.

Das Zimmer bot bald den Anblick der Unordnung dar, die einer großen Reise vorauszugehen pflegt. Die geleerten Schubfächer lagen hier und dort verstreut auf dem Fußboden, die Flügel des Schranks standen halb offen – mit einem Wort: alles bezeugte die Vorbereitungen zu einer schleunigen Abreise.

Nachdem Don Antonio seine Durchsuchung beendet hatte, setzte er sich, seine Stirn trocknend, auf den Lehnsessel, den die Gräfin einige Zeit vorher eingenommen hatte, und blickte aufmerksam um sich her. Als dieser Blick auf den Körper der Gräfin fiel, die immer noch leblos dalag, und auf ihr Kind, das ihre Hand gefaßt hatte, schien sich seiner ein schrecklicher Gedanke zu bemächtigen. Er stand schon halb auf – dann setzte er sich wieder, als ob ein Kampf in seinem Herzen zwischen zwei entgegengesetzten Ideen sich entsponnen hätte. »Nein!« rief er endlich. »Ein Opfer ist genug! Aber er … er … er ist sein Blut, und ich will es nicht vergießen.« Und um den Gang seiner Gedanken zu ändern und einer unwiderstehlichen Versuchung zu entrinnen, ging er rasch ans Fenster, ließ ein leises Pfeifen ertönen, und einige Sekunden später erschien ein Kopf über dem Balkon, und einer von den Männern, die Pepe schon gesehen hatte, stieg herüber und trat in das Zimmer.

Der Matrose sah kaltblütig auf die Szene, die sich seinen Augen darbot, und wartete auf die Befehle, die er empfangen würde.

»Wirf diese Bündel durchs Fenster! Juan soll sie in Empfang nehmen.«

»Welche?« fragte der Matrose mit rohem Lachen, indem er auf den Körper der Gräfin zeigte.

»Diese da«, sagte Antonio.

»Mit Eurer Erlaubnis, Kapitän«, sagte John, indem er einen kleinen silbernen Brasero, der am Fuß der Lampe stand, einsteckte.

»Gut, mein Junge; aber vor allen Dingen beeile dich!«

Niemals wurde ein Befehl pünktlicher ausgeführt, denn in einem Augenblick verschwanden tausend kleine Gegenstände der Damentoilette in den Taschen seiner Jacke, während die von Antonio gemachten Bündel zu seinem Gefährten hinabwanderten, der folgende Worte zu ihm hinaufrief: »John, wir teilen beide!«

»Schnell nun«, sagte Don Antonio. »Hier ist das Schwerste noch wegzutragen; fühlst du dich stark genug dazu?«

»Wie denn? Das ist ja zum Lachen, Kapitän!« Und er hob die Gräfin auf, als ob es der Körper eines Kindes gewesen wäre, nahm sie unter den Arm und ging zum Balkon. »He, Juan«, rief er, »zieh die Strickleiter straff; ich bringe dir Beute!« Und er verschwand langsam unter dem Balkon.

Don Antonio folgte ihm, nahm den Knaben mit sich, der vor Schreck stumm war, und verließ seinerseits das Zimmer.

Einige Minuten später warf die Lampe noch einmal einen lebhaften Schein auf die verstreuten Kleidungsstücke, auf die leere Wiege, auf die geöffneten Schränke – und erlosch. Dann trug inmitten des fernen Grollens des Ozeans gegen seine riesenhaften Eindämmungen ein pfeifender Windstoß einen Ton herbei, der wie ein Schluchzen, wie der letzte Schrei von Verzweiflung und Angst klang. Pepe der Schläfer, der es hörte, glaubte, es sei nur das klagende, traurige Rauschen des Windes in den Felsabhängen.

Beenden wir diese traurige Erzählung. Die unglückliche, immer noch leblose Mutter wurde durch ihren Räuber in einen Nachen gelegt, der ihn hergeführt hatte. Bei seinem unversöhnlichen Ehrgeiz hatte Don Antonio Doña Luisas Urteil gesprochen; ein Vorwurf seines Gewissens hielt ihn allein ab, auch den jungen Fabian zu ermorden, den er jedoch der Willkür des Meeres in dem Nachen überließ, in dem einer seiner Matrosen die Gräfin erdolchte. Don Antonio hoffte wahrscheinlich, daß Hunger, Kälte und Sturm die Sorge auf sich nehmen würden, den Sohn seines Bruders verschwinden zu lassen.

Was Mediana und seine beiden Mitschuldigen betrifft, so hatten sie sich schwimmend ins Meer geworfen und an Bord durch die Erfindung eines erlittenen Unfalls das Verlassen des Nachens erklärt, in dem sich nur noch eine tote Frau und ein armes Kind, das die Kälte einer Winternacht wahrscheinlich töten mußte, befanden.

Don Antonio kam in die Wohnung seiner Väter zurück; man kennt sein Leben bis zu dem Abend, an dem Cuchillo in seiner Gegenwart beinahe den jungen Mann erdolcht hätte, den Gott auf seinen Weg geführt hatte. Wir haben auch gesehen, was dem neuen Mordversuch vorangegangen war, dessen Opfer Tiburcio in dem dicht bei der Hacienda liegenden Wald fast geworden wäre.

25. Die Brücke über den Waldstrom

Während Cuchillo mitten im Dickicht, in dem er zusammengekauert lag, auf den günstigen Augenblick lauerte, um seine Büchse auf den Feind, dessen Blut ihm der Señor aus Spanien bezahlte, abzudrücken, verfolgte dieser letztere unempfindlich und tätig – wie der Ehrgeizige ist, der den Wert der Zeit kennt, ohne sich mit dem Drama im voraus zu beschäftigen, das fast unter seinen Augen zu Ende gespielt werden sollte und dessen Entwicklung er als gewiß ansah – unabänderlich die Ausführung seiner Pläne.

Das Wenige, was Cuchillo ihm über Diaz gesagt hatte – sein zurückhaltendes Betragen bei der Zusammenkunft mit den beiden anderen abenteuernden Gefährten des Banditen —, war für Don Estévan, der den Menschen schnell zu beurteilen verstand, genug gewesen, um sich über ihn eine ziemlich günstige Meinung zu bilden. Einige Worte, die Diaz entfielen; Worte, die von einem ehrlichen Herzen – wenn auch mit einem etwas leichtfertigen Gewissen – Zeugnis ablegten, hatten diese gute Meinung im Innern des Spaniers bestätigt.

Arechiza oder – wenn man lieber will – der Herzog von Armada verheimlichte es sich nicht, daß die Abenteurer, die ihn im Verlauf seiner Expedition umgeben sollten, einem großen Teil nach von derselben Moralität wie Cuchillo und seine beiden Freunde sein würden. Für ihn war also ein beinahe rechtlicher Mann ein kostbarer Fund; was seinen entschlossenen Mut betraf, so ließ das weitverbreitete Gerücht davon ihn nicht bezweifeln. Don Estévan beschloß demnach, Diaz für seine Absichten zu gewinnen und ihn zu diesem Zweck an sich zu fesseln. Man darf nicht vergessen, daß der Spanier bei seinen politischen Plänen die Eroberung des Val d‘Or nur als ein Mittel betrachtete, das höchste Ziel, das er vor Augen hatte, zu erreichen.

Während sie langsam der Straße folgten, die Cuchillo ihm vorgezeichnet hatte, hatte Don Estévan einen Versuch gemacht, die Gesinnungen seines Neuangeworbenen zu sondieren, dessen Entschlossenheit und Gewandtheit der Hacendero ihm schon gerühmt hatte. Aber diese zwei Eigenschaften genügten Don Estévan noch nicht, um aus Diaz einen Unterbefehlshaber und einen Vertrauten zugleich zu machen. Er lenkte die Unterhaltung auf eine ganz natürliche Weise auf die Gründe des Mißvergnügens über das Mutterland, wovon er die ersten Spuren während seines Aufenthalts im Staat Sonora bemerkt hatte. Bei den ersten Worten, die Pedro Diaz antwortete, sah Don Estévan, daß er der Mann sei, den er zu finden wünschte; aber der Augenblick war noch nicht da, sich ihm ganz zu eröffnen. Er hielt nur in seinem Geist den Gedanken fest, daß Diaz unter seinen Händen zugleich ein mächtiges Werkzeug und ein kostbarer Gehilfe sein würde, und begnügte sich damit, ihn halb und halb sehen zu lassen, daß die Expedition nach Tubac, wenn sie mit Erfolg gekrönt sei, leicht eine Trennung der Provinz Sonora vom souveränen Kongreß Mexikos herbeiführen könne.

Cuchillos Büchsenschuß unterbrach Don Estévan. Wenn die Habgier des Banditen ihm gestattet hätte seine beiden Gefährten Oroche und Baraja, die ihre Kaltblütigkeit wiedergewonnen hatten, an der Belohnung, die er von Don Estévan erwartete, teilnehmen zu lassen, so würde Tiburcio gewiß von einer der drei zugleich auf ihn abgefeuerten Büchsen getroffen worden sein. Aber Cuchillo hatte allein die zwanzig ihm von Don Estévan versprochenen Unzen Gold gewinnen wollen, und die plötzliche Bewegung, die Tiburcio bei der Entdeckung Bois-Rosés gemacht hatte, war der Grund, daß er der einzelnen Kugel des Mörders entging.

Als Cuchillo seinen Schuß abgegeben hatte, nahm er sich nicht die Zeit, zu untersuchen, ob er getroffen hätte, sondern beeilte sich, wie er es zuvor gesagt hatte, sich zu seinen beiden Gefährten zurückzuziehen. Doch war sein Auge etwas von Furcht getrübt; denn hatte er auch den getroffen, nach dem er gezielt hatte so zweifelte er doch nicht, daß zwei Jäger dessen Tod rächen würden, deren Geschicklichkeit und Unerschrockenheit er erst am Tag vorher schätzen gelernt hatte. Cuchillo erkannte also auch beim ersten Anlauf den Ort nicht, wo er sein Pferd angebunden hatte. Obgleich seine Ungewißheit nur kurze Zeit dauerte, so wäre sie ihm doch verderblich geworden, wenn nicht Bois-Rosé und seine beiden Freunde durch diesen plötzlichen Angriff ebenfalls ein wenig außer Fassung gekommen wären. Der unvorhergesehene Schuß, der sich in dem Augenblick entlud, wo Tiburcio und der Kanadier noch unter dem Eindruck der lebhaftesten Aufregung waren, betäubte sie gleichsam.

»Caramba!« rief Pepe. »Ich wäre neugierig, zu wissen, wem diese Kugel zugesandt werden sollte – mir oder Euch, junger Mann; denn ich habe Eure Unterhaltung mit angehört, und ich, der ich dieser Geschichte von Elanchove nicht fremd bin …«

»Von Elanchove?« sagte der Kanadier. » —Wie? Du solltest wissen …?«

»Aber dies ist nicht der Augenblick, gefühlvoll zu sein«, antwortete Pepe rasch. »Wir wollen später darüber sprechen, denn es ist ein Geheimnis, das du ohne mich nicht entwirren könntest. Du bist es, der, wie es scheint, den jungen Grafen wiedergefunden hat; das ist für jetzt genug. Nun vorwärts, Bois-Rosé! Geh rechts, wo die Entladung herkam; dieser junge Mann und ich, wir wollen uns auf der anderen Seite in den Hinterhalt legen, denn der Schelm, der den Schuß getan hat, ist vielleicht jetzt gerade im Begriff, unser Nachtlager zu umgehen, und dann wird er in unseren Hinterhalt fallen.«

Nach diesen Worten warf sich Pepe, die Büchse in der Hand und von Tiburcio, der sein Messer gezogen hatte, gefolgt, nach der einen Seite, während der Kanadier seine hohe Gestalt mit außerordentlicher Geschwindigkeit krümmte und in der Richtung, die Pepe ihm angedeutet hatte, unter den dichtesten Zweigen mit ebensoviel Schnelligkeit als Geräuschlosigkeit hinschlüpfte. Das Nachtlager war also für den Augenblick der Bewachung des Pferdes überlassen, das der frühere Grenzjäger eingefangen hatte und das, erschreckt durch den Knall der Feuerwaffe, seine Anstrengungen verdoppelte, um – selbst mit Gefahr, sich zu erdrosseln – den Lasso, mit dem es angebunden war, zu zerreißen.

Indessen fielen die ersten Strahlen des Tages in die lichtvollen Öffnungen zwischen den einzelnen Bäumen; der Glanz des Feuers verschwand nach und nach vor dem der Sonne, der die Gegenstände allmählich deutlicher erkennen ließ. Die Natur erwachte in der ganzen Pracht der Wälder in den Tropengegenden. Der Huaco, der auf den weißblumigen Lianen saß, ließ die beiden Silben hören, die ihm den Namen gegeben haben und bei deren Klang die Schlangen sich zitternd verbergen; der Choyero schwebte an den Wipfeln der Bäume hin und her und belauerte die im Dickicht schlafenden Reptilien. Der Morgenwind trug von der Ebene her das ferne Wiehern der Pferde, das dumpfe Gebrüll der Stiere, die die aufgehende Sonne begrüßten, deren Strahlen bald in den Wald hineindrangen. Die Winden mit weißen und roten glockenförmigen Blüten, die Blätter von der verschiedenartigsten grünen Färbung funkelten unter dem Tau, mit dem die Nacht sie bedeckt hatte; die rauhen Baumstämme vergoldeten sich mit strahlendem Licht und zeigten hier und da in einem verborgenen Winkel ihrer Zweige leere Häute, die von Schlangen abgestreift worden waren. Die gleiche Sonne enthüllte auf einmal die Schrecken und die Pracht der wilden Natur.

»Hier wollen wir haltmachen«, sagte Pepe zu Tiburcio – den wir von nun an Fabian nennen werden —, als sie nach einem raschen Lauf ein ziemlich dichtes Gebüsch erreicht hatten, in dem sie sich verbergen konnten, ohne doch selbst den schmalen Fußpfad, der nach der Brücke über den Salto de Agua führte, aus den Augen zu verlieren; »ich bin sicher, daß der Schelm, der so schlecht zielt, sogleich hier durchkommen wird, und ich hoffe, ihm bemerklich zu machen, daß, seitdem ich den Dienst des Königs von Spanien verlassen und bei dem Kanadier in der Schule gewesen bin, ich einige Fortschritte in der Handhabung der Büchse gemacht habe.«

Fabian und Pepe machten hinter einem kleinen Sumachgebüsch halt. Der junge Graf, dessen Geist noch von den Aufschlüssen, die er vernommen hatte, in Aufregung war, wurde nicht böse über die augenblickliche Ruhe; er hoffte nämlich, der gewesene Grenzjäger werde sie benützen, um seine verwirrt gegebenen Aufschlüsse zu vervollständigen, da er ja doch behauptete, einem Ereignis nicht fremd geblieben zu sein, von dem Fabian bis jetzt nur einen dunklen Begriff hatte.

Aber der spanische Jäger schwieg. Der Anblick desjenigen, der durch sein Zutun verwaist und seiner Güter und seines Namens beraubt worden war, weckte Gewissensbisse auf, die zwanzig Jahre nicht hatten töten können. Pepe betrachtete beim Licht des anbrechenden Tages schweigend das Kind, das er einst an den sandigen Küsten Elanchoves hatte spielen sehen. Der Stolz, der rücksichtslose Blick seiner Mutter lebte in den Augen des Sohnes; seine Haltung, sein ausdrucksvolles, männliches Gesicht erinnerten an seinen Vater Don Juan de Mediana; aber eine rauhe, an Anstrengungen reiche Jugendzeit hatte einen Mann aus Fabian gemacht, der körperlich viel kräftiger war als derjenige, von dem er das Leben empfangen hatte.

Pepe entschloß sich endlich, das Schweigen, das bittere Erinnerungen ihn bewahren ließen, zu brechen. »Blickt immer so wie ich scharf auf den Fußpfad, der sich unter diesen Bäumen verliert«, sagte er, »und wendet den Kopf nicht ab. Bois-Rosé und ich, wir sprechen immer so miteinander in gefährlichen Augenblicken; hört aufmerksam auf meine Worte!«

»Ich höre«, antwortete Fabian, indem er den Anordnungen Pepes Folge leistete.

»Habt Ihr aus Eurer Kindheit nicht noch genauere Erinnerungen als diejenigen, die Ihr dem Kanadier mitgeteilt habt?« begann der alte Grenzjäger.

»Ich habe vergeblich mein Gedächtnis befragt, seit ich wußte, daß Marcos Arellanos nicht mein Vater war; und obgleich dies schon lange her ist, so erinnerte ich mich doch nicht einmal dessen, der meine erste Kindheit gepflegt hat.«

»Und der weiß nicht mehr als Ihr«, fuhr Pepe fort. »Ich kann Euch sagen, was Ihr nicht wißt.«

»So sprecht doch, um Gottes willen!« rief Fabian. »Still! Nicht so laut! Diese Wälder, so einsam sie auch sind, umschließen doch ohne Zweifel die Feinde Eures Geschlechts; es sei denn, daß man es auf mich allein abgesehen hat. Da ich übrigens Euch nicht sogleich erkannt habe, so ist es möglich, daß er Euch ebensowenig erkannt hat.«

»Wer? Von wem sprecht Ihr?« fragte Fabian lebhaft. »Vom Mörder Eurer Mutter; von dem, der Euch Eure Titel, Eure Würden, Eure Reichtümer und Euren Namen gestohlen hat.«

»Ich bin also edel geboren und reich?« fragte Fabian, dessen erster Gedanke sich auf Doña Rosarita richtete, gleichsam, um ihr mit einem Adel und einem Reichtum, die er nur deshalb schätzte, weil er sie ihr anbieten konnte, seine Huldigung darzubringen. »Ach, warum habe ich es nicht früher gewußt – nur gestern schon!« Fabian dachte erst nachher an seine Mutter.

»Edel geboren? Ihr seid es noch!« erwiderte Pepe, indem er den Lauf seiner Büchse mit seiner Hand umschloß und sie rasch an die Schulter brachte, denn er glaubte die Goldtresse eines Hutes unter den Bäumen am Weg funkeln zu sehen. Es war aber nur ein Sonnenstrahl, und der Jäger legte seine Waffe wieder aufs Knie. »Man hat Euch das Blut nicht nehmen können, das in Euren Adern fließt; aber reich seid Ihr nicht mehr!«

»Was liegt mir daran!« antwortete Fabian traurig. »Heute wäre es zu spät.«

»Oh, es liegt viel daran. Ich kenne zwei Männer, die das, was Ihr verloren habt, Euch wieder verschaffen oder bei dem Versuch ihr Leben verlieren werden.«

»Und meine Mutter?« fuhr Fabian fort.

»Ach, die Erinnerung an Eure Mutter und an Euch, Don Fabian, hat sehr oft einen Mann im Schlaf beunruhigt, von dem ich zu Euch rede. Sehr oft hat er mitten in der Stille der Nächte, mitten in den Wäldern den Angstschrei wiederzuerkennen geglaubt, den er eines Abends hörte und den er für das Murmeln der Brise an den Felsen abhängen hielt … Es war der Todesschrei Eurer unglücklichen Mutter!«

»Welchen Mann meint Ihr denn?« fragte Fabian.

»Einen Mann, der – freilich, ohne es zu wissen – dem Mörder Eurer Mutter behilflich gewesen ist. Ach, Don Fabian«, fuhr der Jäger lebhaft fort, gleichsam, um eine Gebärde des Abscheus von seiten des jungen Grafen von Mediana zu beantworten, »flucht ihm nicht; sein Gewissen hat mehr gesagt, als Ihr ihm würdet sagen können; und heute ist er bereit, jeden Blutstropfen für Euch zu vergießen.«

Die stürmischen Leidenschaften, die sich erst vor einigen Stunden im Herzen Fabians beruhigt hatten, erwachten wiederum wie jene hoch aufflammenden Gluten, die zuweilen eine scheinbar schon erloschene Brandstätte emporsteigen läßt. Er hatte schon den Tod Arellanos‘ zu rächen, seinen Mörder zu verfolgen, ihn vor allen Dingen kennenzulernen, und jetzt erfuhr er plötzlich, daß auch das Blut seiner Mutter – derjenigen, die ihn unter ihrem Herzen getragen hatte – noch um Rache schrie. Das süße Antlitz Rosaritas verschwand inmitten der blutigen Bilder, die sein heißes Blut vor ihm erstehen ließ, wie vor den roten Streiflichtern eines Brandes in der Nacht die rosigen Farben der Morgenröte, die das Auge mit Vergnügen am fernen Horizont im Frühnebel sich abzeichnen sah, erbleichen und sich verwischen.

»Und der Mörder meiner Mutter – kennt Ihr ihn?« fragte Fabian mit funkelndem Auge.

»Ihr kennt ihn auch; Ihr habt mit ihm am selben Tisch beim Hacendero gegessen, dessen Haus Ihr eben verlassen habt.« —

Doch wir wollen Pepe Fabian die traurige Geschichte erzählen lassen, die der Leser schon kennt, und wenden uns wieder zu dem kanadischen Jäger.

Bois-Rosé war ganz mit der Gefahr beschäftigt, die das Kind laufen konnte, das ein zweites Wunder ihm wiedergegeben hatte, und er lief darum rasch vorwärts; aber vergeblich senkte sich sein Auge in die verriegelten Öffnungen dieses unentwirrbaren Labyrinths von dicht nebeneinanderstehenden Stämmen, verwirrten Lianen und buschigen Zweigen – kein Feind ließ sich erblicken. Vergebens lauschte er angestrengt, um jedes Geräusch zu vernehmen, das sich in den Wäldern nur hören läßt; außer dem, von dem wir schon gesprochen haben, ließ sich nichts weiter hören als das Knacken der Zweige, die er auf seinem Marsch niedergetreten hatte und die sich hinter ihm wieder aufrichteten. Er ging noch einige Minuten lang weiter, dann warf er sich auf die Erde, drückte sein Ohr auf den Boden und schloß die Augen, um besser alle Kraft seiner Sinne zusammennehmen zu können. Nach einigen Sekunden hörte er ein dumpfes Geräusch, wie wenn ein Pferd nach der entgegengesetzten Richtung hingaloppierte.

»Pepe hat sich nicht getäuscht«, murmelte er aufstehend und eilte, ohne sich noch zu besinnen, auf demselben Weg zurück. »Der Taugenichts hat den Vorteil, ein Pferd zu haben, vor mir voraus und reitet um unser Lager herum; aber ich habe vor ihm den Vorteil, eine gute amerikanische Büchse zu besitzen, und Pepe hat eine ähnliche zur Verfügung.«

Die Bäume flogen bei der Schnelligkeit seines Laufes rechts und links an ihm vorüber; da er einer vollkommen geraden Linie folgte und sein Feind nach der richtigen Voraussetzung seines Kameraden einen Halbkreis beschrieb, so bemerkte er einen Augenblick – freilich in einer ungeheuren Entfernung – die gelbliche Farbe einer ledernen Weste, die sich in einer Öffnung des Gebüsches gerade in der Höhe eines Mannes zu Pferd zeigte. Dieses fast unsichtbare Ziel war genug, und plötzlich stillstehend schoß er seine Büchse ab. Die lederne Weste verschwand; aber da für Männer seiner Art zielen treffen ist, so zweifelte der Kanadier keinen Augenblick, daß sein Feind tot oder wenigstens verwundet auf der Erde liege.

Der weißliche Rauch des Schusses wirbelte noch in gleicher Höhe mit den niedrigsten Blättern der Bäume, als Bois-Rosé sich schon weit von dem Ort entfernt hatte, wo er stehengeblieben war, um zu zielen. Er dachte wohl einen Augenblick daran, seine Büchse wieder zu laden, aber bei dem heißen Rachedurst, der ihn vorwärts trieb, fürchtete er, hierdurch nur Zeit zu verlieren, und im Fall, daß der Mörder gegen alle Wahrscheinlichkeit nicht allein sei, verließ er sich auf seine Leibesstärke, um das Verhältnis auszugleichen.

Diesmal vernachlässigte er jegliche Vorsicht, da seine Büchse seine Gegenwart bezeugt hatte. Wie ein Jäger vielleicht jetzt gerade im Begriff, unser Nachtlager zu umgehen, und dann wird er in unseren Hinterhalt fallen.«

Nach diesen Worten warf sich Pepe, die Büchse in der Hand und von Tiburcio, der sein Messer gezogen hatte, gefolgt, nach der einen Seite, während der Kanadier seine hohe Gestalt mit außerordentlicher Geschwindigkeit krümmte und in der Richtung, die Pepe ihm angedeutet hatte, unter den dichtesten Zweigen mit ebensoviel Schnelligkeit als Geräuschlosigkeit hinschlüpfte. Das Nachtlager war also für den Augenblick der Bewachung des Pferdes überlassen, das der frühere Grenzjäger eingefangen hatte und das, erschreckt durch den Knall der Feuerwaffe, seine Anstrengungen verdoppelte, um – selbst mit Gefahr, sich zu erdrosseln – den Lasso, mit dem es angebunden war, zu zerreißen.

Indessen fielen die ersten Strahlen des Tages in die lichtvollen Öffnungen zwischen den einzelnen Bäumen; der Glanz des Feuers verschwand nach und nach vor dem der Sonne, der die Gegenstände allmählich deutlicher erkennen ließ. Die Natur erwachte in der ganzen Pracht der Wälder in den Tropengegenden. Der Huaco, der auf den weißblumigen Lianen saß, ließ die beiden Silben hören, die ihm den Namen gegeben haben und bei deren Klang die Schlangen sich zitternd verbergen; der Choyero schwebte an den Wipfeln der Bäume hin und her und belauerte die im Dickicht schlafenden Reptilien. Der Morgenwind trug von der Ebene her das ferne Wiehern der Pferde, das dumpfe Gebrüll der Stiere, die die aufgehende Sonne begrüßten, deren Strahlen bald in den Wald hineindrangen. Die Winden mit weißen und roten glockenförmigen Blüten, die Blätter von der verschiedenartigsten grünen Färbung funkelten unter dem Tau, mit dem die Nacht sie bedeckt hatte; die rauhen Baumstämme vergoldeten sich mit strahlendem Licht und zeigten hier und da in einem verborgenen Winkel ihrer Zweige leere Häute, die von Schlangen abgestreift worden waren. Die gleiche Sonne enthüllte auf einmal die Schrecken und die Pracht der wilden Natur.

»Hier wollen wir haltmachen«, sagte Pepe zu Tiburcio – den wir von nun an Fabian nennen werden —, als sie nach einem raschen Lauf ein ziemlich dichtes Gebüsch erreicht hatten, in dem sie sich verbergen konnten, ohne doch selbst den schmalen Fußpfad, der nach der Brücke über den Salto de Agua führte, aus den Augen zu verlieren; »ich bin sicher, daß der Schelm, der so schlecht zielt, sogleich hier durchkommen wird, und ich hoffe, ihm bemerklich zu machen, daß, seitdem ich den Dienst des Königs von Spanien verlassen und bei dem Kanadier in der Schule gewesen bin, ich einige Fortschritte in der Handhabung der Büchse gemacht habe.«

Fabian und Pepe machten hinter einem kleinen Sumachgebüsch halt. Der junge Graf, dessen Geist noch von den Aufschlüssen, die er vernommen hatte, in Aufregung war, wurde nicht böse über die augenblickliche Ruhe; er hoffte nämlich, der gewesene Grenzjäger werde sie benützen, um seine verwirrt gegebenen Aufschlüsse zu vervollständigen, da er ja doch behauptete, einem Ereignis nicht fremd geblieben zu sein, von dem Fabian bis jetzt nur einen dunklen Begriff hatte.

Aber der spanische Jäger schwieg. Der Anblick desjenigen, der durch sein Zutun verwaist und seiner Güter und seines Namens beraubt worden war, weckte Gewissensbisse auf, die zwanzig Jahre nicht hatten töten können. Pepe betrachtete beim Licht des anbrechenden Tages schweigend das Kind, das er einst an den sandigen Küsten Elanchoves hatte spielen sehen. Der Stolz, der rücksichtslose Blick seiner Mutter lebte in den Augen des Sohnes; seine Haltung, sein ausdrucksvolles, männliches Gesicht erinnerten an seinen Vater Don Juan de Mediana; aber eine rauhe, an Anstrengungen reiche Jugendzeit hatte einen Mann aus Fabian gemacht, der körperlich viel kräftiger war als derjenige, von dem er das Leben empfangen hatte.

Pepe entschloß sich endlich, das Schweigen, das bittere Erinnerungen ihn bewahren ließen, zu brechen. »Blickt immer so wie ich scharf auf den Fußpfad, der sich unter diesen Bäumen verliert«, sagte er, »und wendet den Kopf nicht ab. Bois-Rosé und ich, wir sprechen immer so miteinander in gefährlichen Augenblicken; hört aufmerksam auf meine Worte!«

»Ich höre«, antwortete Fabian, indem er den Anordnungen Pepes Folge leistete.

»Habt Ihr aus Eurer Kindheit nicht noch genauere Erinnerungen als diejenigen, die Ihr dem Kanadier mitgeteilt habt?« begann der alte Grenzjäger.

»Ich habe vergeblich mein Gedächtnis befragt, seit ich wußte, daß Marcos Arellanos nicht mein Vater war; und obgleich dies schon lange her ist, so erinnerte ich mich doch nicht einmal dessen, der meine erste Kindheit gepflegt hat.«

»Und der weiß nicht mehr als Ihr«, fuhr Pepe fort. »Ich kann Euch sagen, was Ihr nicht wißt.«

»So sprecht doch, um Gottes willen!« rief Fabian.

»Still! Nicht so laut! Diese Wälder, so einsam sie auch sind, umschließen doch ohne Zweifel die Feinde Eures Geschlechts; es sei denn, daß man es auf mich allein abgesehen hat. Da ich übrigens Euch nicht sogleich erkannt habe, so ist es möglich, daß er Euch ebensowenig erkannt hat.«

»Wer? Von wem sprecht Ihr?« fragte Fabian lebhaft.

»Vom Mörder Eurer Mutter; von dem, der Euch Eure Titel, Eure Würden, Eure Reichtümer und Euren Namen gestohlen hat.«

»Ich bin also edel geboren und reich?« fragte Fabian, dessen erster Gedanke sich auf Doña Rosarita richtete, gleichsam, um ihr mit einem Adel und einem Reichtum, die er nur deshalb schätzte, weil er sie ihr anbieten geschossen, ohne ihn zu treffen. Es waren aber noch vier andere Reiter bei ihm, und in dem einen habe ich den erkannt, der sich hier Don Estévan nennen läßt und der niemand anderer ist als …«

»Ich habe lediglich den Mann mit der Lederweste gesehen«, unterbrach ihn Bois-Rosé, »und habe die Büchse bei mir, die er bei seinem Sturz hat fallen lassen. Aber bist du nicht verwundet?« wandte er sich lebhaft an Fabian.

»Nein, nein, mein Freund – mein Vater!« erwiderte Fabian und warf sich in die ausgebreiteten Arme des Kanadiers, der ihn mit nassen Augen an sein Herz drückte und ausrief, als ob er ihn zum erstenmal sähe: »Ach, wie groß er ist! Wie schön ist jetzt der kleine Fabian!«

Dann aber fielen ihm seine Blässe und seine feierliche Haltung auf, und er befragte sorgenvoll das Kind, das er eben wiedergefunden hatte.

»Pepe hat mir alles gesagt!« antwortete Fabian. »Ich weiß, daß sich unter jenen Männern der Mörder meiner Mutter befindet!«

»Ja«, sagte Pepe, »der Mann mit der Thunfischerei! Aber – bei der Heiligen Jungfrau von Atocha! – wollen wir ihn etwa entschlüpfen lassen?«

»Das wolle Gott nicht!« rief Fabian.

Schnell berieten sich die drei Freunde und faßten den Entschluß, so schnell wie möglich die hölzerne Brücke zu erreichen, die wir schon erwähnt haben, da dies der einzige Weg war, der nach Tubac führte.

26. Das Blut der Mediana

Nachdem Oroche und Baraja mehrmals ihre Büchsen erfolglos abgeschossen hatten, da die Entfernung zu groß war, als daß die Kugeln hätten gefährlich werden können, so beeilten sie sich, mit Cuchillo wieder zusammenzutreffen.

Der Bandit war bleich wie der Tod. Die Kugel, die ihm der Kanadier aufs Geratewohl hin nachschickte, hatte Cuchillos Schädel so nahe gestreift, daß sie ihn aus dem Sattel warf. Nun hätte ihn Bois-Rosé ohne Zweifel wie ein giftiges Gewürm mit dem Fuß zertreten, wenn sein Pferd nicht so wunderbar dressiert gewesen wäre. Als das edle Tier nämlich sah, daß sein Herr sich nicht bis zu ihm erheben konnte, bückte es sich vor Cuchillo nieder, der nun die Mähne ergriff und sich in den Sattel schwang. Als das Pferd fühlte, daß er fest in die Bügel gestiegen war, galoppierte es schnell genug vorwärts, um seinen Reiter dem Messer Bois-Rosés, der in großen Sätzen herbeikam, zu entreißen.

Das war aber nicht die einzige Gefahr, in der der Bandit schwebte. Als er mit seinen beiden Mitschuldigen Oroche und Baraja zusammengetroffen war und alle drei sich mit Don Estévan und Diaz, die sie am bezeichneten Ort erwarteten, wieder vereinigt hatten, brauchte der Spanier Cuchillo nicht zu fragen, um zu erfahren, daß Fabian noch einmal seinem Haß entgangen war. An der niedergeschlagenen Miene der beiden Taugenichtse, an der Blässe des Banditen, der noch betäubt im Sattel wankte, hatte Don Estévan alles erraten.

In seiner Erwartung betrogen, fühlte der Spanier in seinem Herzen zuerst eine dumpfe Wut kochen, die aber bald zum Ausbruch kam. Er spornte sein Pferd gegen Cuchillo und schrie mit donnernder Stimme: »Feiger, ungeschickter Hund!« Und in seiner blinden Wut bedachte er gar nicht, daß Cuchillo allein die geheimnisvolle Lage des Val d‘Or kannte, und zog eine Pistole aus den Halftern.

Glücklicherweise für den Banditen warf sich Pedro Diaz rasch zwischen ihn und Don Estévan, dessen Wut sich nach und nach besänftigte.

»Was sind es für Männer, die bei ihm sind? Wer sind sie?« fragte der Spanier.

»Die beiden Jaguartöter«, antwortete Baraja.

Eine kurze Beratung fand in einiger Entfernung und mit leiser Stimme zwischen Don Estévan und Pedro Diaz statt; sie endete mit folgenden Worten, die alle vernehmen konnten: »Wir wollen die Brücke über den Salto de Agua zerstören«, sagte der letztere; »und es müßte nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn sie uns vor Tubac einholten!«

Die Reiter galoppierten vorwärts.

Fabian hatte tags vorher Don Estévan zu Cuchillo sagen hören, daß er nur einige Stunden vor seiner Abreise nach dem Presidio in der Hacienda verweilen würde. Die letzten Ereignisse, die am vorigen Abend bei Don Agustin stattgefunden hatten, mußten diese Abreise noch beschleunigt haben. Es war also keine Zeit zu verlieren. Pepes Pferd wurde jetzt ein kostbares Hilfsmittel, um darauf den Flüchtigen zu folgen und ihnen nötigenfalls den Weg abzuschneiden; es blieb nur noch übrig zu bestimmen, wer es besteigen sollte, um ein so gefährliches Unternehmen zu wagen, wie das war, sich allein der Flucht von fünf bewaffneten Reitern zu widersetzen.

»Das bin ich!« sagte Fabian. Mit diesen Worten sprang er auf das Pferd los, das erschrocken zurückfuhr; er ergriff den Halfter, mit dem es festgebunden war, und warf ihm sein Taschentuch über die Augen. An allen Gliedern zitternd, blieb das Pferd unbeweglich stehen. Fabian holte Pepes Sattel, schnallte ihn wie ein Mann fest, der an solche Arbeit gewohnt ist, schlang dann den Lasso so fest um die Nase, daß er zugleich Zügel und Kappzaum bildete, und wollte eben, ohne das Taschentuch, das wie eine Kappe über den Augen lag, wegzunehmen, in den Sattel springen, als Pepe auf ein Zeichen Bois-Rosés sich rasch ins Mittel legte.

»Sachte, sachte! Wenn irgend jemand das Recht hat, dieses Pferd zu besteigen, so bin ich es; mir gehört es nach dem Recht der Eroberung!«

»Aber seht Ihr denn nicht«, erwiderte Fabian ungeduldig, »daß diesem Pferd das Zeichen des Eigentümers noch nicht aufgebrannt ist? Das heißt, es ist noch niemals geritten worden; und wenn Ihr etwas auf Eure gesunden Gliedmaßen haltet, so werdet Ihr es nicht versuchen!«

»Das muß meiner Entscheidung überlassen bleiben«, antwortete Pepe, der nun vorwärts trat, um den Fuß in den Steigbügel zu setzen.

Aber das Pferd hatte kaum, obgleich die Augen verhüllt waren, gespürt, daß eine Hand sich fest auf den Sattelknopf stützte und ein Fuß fest in den Bügel trat, als ein wütender Seitensprung und einige plötzliche Sätze vorwärts den gewesenen Grenzjäger ganz betäubt zehn Schritt weit wegschleuderten.

Pepe hatte seinen zornigen Lieblingsschwur noch nicht ganz ausgesprochen, als Fabian, ehe nur Bois-Rosé seinerseits sich seinem Vorhaben widersetzen konnte, in den Sattel sprang, ohne die Steigbügel zu berühren.

»Halt, Fabian, halt!« schrie Bois-Rosé mit angstvoller Stimme. »Willst du dich allein der Gefahr aussetzen, in ihre Hände zu fallen?«

Doch schon hatte Fabian das Taschentuch von den Augen des Pferdes gerissen, das, plötzlich wieder sehend geworden, mit den Nüstern vor Zorn schnaubte und hintereinander drei ungeheure Sätze machte, um die Last abzuschütteln, die zum erstenmal auf ihm ruhte; dann blieb es unbeweglich zitternd stehen, als ob es sich über seine Bändigung schämte.

Bois-Rosé benützte diesen Augenblick der Ungewißheit, um den Riemen zu ergreifen, der als Zügel diente; aber es war zu spät: Trotz seiner Kraft zwang ihn ein zweiter Sprung des Pferdes, diesen fahren zu lassen, und das erschreckte Tier flog mit blindem Ungestüm, den menschliche Kraft nicht mehr bändigen – höchstens noch lenken – konnte, dahin. Einige Augenblicke konnte der Kanadier mit bangem Blick dem unerschrockenen Reiter noch folgen, der mit seinem wütenden Tier kämpfte und sich auf den Sattel niederbeugte, um den Schlag der Zweige zu vermeiden; aber bald sah ihn Bois-Rosé nicht mehr. »Sie werden ihn töten!« rief er schmerzlich bewegt. »Fünf gegen einen! Das ist kein ehrlicher Kampf! Laß uns so nahe wie möglich folgen, Pepe, um noch einmal dieses Kind zu beschützen, das mir erst seit so kurzer Zeit wiedergegeben ist!«

Bois-Rosé hatte schon seine Büchse über die Schulter geworfen, und ohne die Antwort seines Freundes abzuwarten, war er schon mit einigen gigantischen Schritten außerhalb der Tragweite seiner Stimme in der Richtung, die Fabian eingeschlagen hatte.

»Dieses Pferd ist nicht leicht zu regieren!« schrie Pepe ihm nach. »Ich weiß gewiß, daß es nicht in gerader Linie fortstürmen wird! Sei nicht bange; wir kommen vielleicht ebenso rasch hin wie er! Ach, Don Estévan, Euer böser Stern hat Euch unter diese Banditen geführt!«

Unterdessen sprengte Fabian wie jene abenteuerlichen Reiter in den Legenden, die kein Hindernis aufhält, mit einer erschreckenden Geschwindigkeit über den ungleichen Boden, über Bäche, Baumstämme, die vor Alter umgestürzt waren. Seine Aufregung schien mit der seines Tieres zu wetteifern. Pepe hatte sich nicht getäuscht; kein Zweifel – er hätte trotz des Vorsprungs, den sie vor ihm hatten, schnell diejenigen, die er verfolgte, erreicht, wenn er den ungestümen Anlauf seines Pferdes nach seinem Willen hätte lenken können. Unglücklicherweise oder vielleicht glücklicherweise für ihn zwang sein noch ungezähmtes Pferd ihn zuweilen, von der geraden Linie auf der Verfolgung abzuweichen, und nur nach ungeheuren Anstrengungen konnte er es auf den engen Fußpfad zurückbringen, der sich durch den Wald schlängelte und auf dem die Spur der fünf Flüchtigen sichtbar war. Oft fand er sich plötzlich diesseits des Weges wieder, den er schon zurückgelegt hatte, und er verlor somit alles, was er an Raum beim vorhergehenden Ritt gewonnen hatte.

Nach einer Stunde eines solchen regellosen Rennens und furchtbaren Kampfes jedoch fing das Pferd an zu fühlen, daß es seinen Meister gefunden hatte, seine Kraft begann nachzulassen; der heftig von der kräftigen Hand des Reiters angezogene Kappzaum preßte seine Nüstern, die nur noch einen pfeifenden Atem ausstießen; seine Schnelligkeit nahm nach und nach ab, seine Sprünge geschahen weniger rückwärts; endlich gehorchte es dem Druck, den es fühlte. Wie auf eine getroffene Verabredung hielten Mann und Pferd an, um Atem zu schöpfen; der Schweiß rieselte beiden vom Leib herab, und von den Flanken des Pferdes stieg der Dampf wirbelnd empor.

Fabian benützte diesen Waffenstillstand, um sich zu orientieren; der Nebel, der seinen Blick verschleierte, begann sich zu zerstreuen, und das heftige Klopfen seines Herzens betäubte nicht mehr seine Ohren – er konnte hören und sehen.

Zertretene Blätter, kleine frische, zerbrochene Zweige, die Spur mehrerer Pferdehufe auf dem Gras oder im Sand zeigten dem geübten Auge Fabians unzweifelhaft den Weg, den diejenigen eingeschlagen hatten, die vor ihm flohen. Plötzlich schlug das ferne Geräusch eines Wasserfalls an sein Ohr. Einen Augenblick noch, und die Flüchtigen gewannen vor ihm die unförmige Brücke, die über das breite und tiefe Bett führte, in dem der Waldstrom dahinstürmte; mit vereinten Kräften konnten sie die Brücke zerstören. Dann wurde jede Verfolgung unnütz, denn Don Estévan konnte, während er nach einer Furt suchte, mitten in die weiten Ebenen entrinnen, die sich bis nach Tubac hin ausdehnen.

Diese Gedanken weckten abermals Fabians Leidenschaften; er preßte die Flanken seines Pferdes und sprengte im Galopp den Fußpfad entlang, dessen Windungen ihm noch die Feinde, die er verfolgte, verbargen. Diesmal hatte sein Tier eine höhere Macht anerkannt, und der Weg, den es gelehrig verfolgte, verschwand unter seinen Tritten.

Das Brausen des Sturzbaches war schon lauter als der widerhallende Galopp des Pferdes, und obgleich es zu fliegen schien, so trieb es Fabian doch immer noch an. Bald mischten sich menschliche Stimmen in das Grollen der Gewässer. Diese Stimmen machten auf ihn einen so mächtigen Eindruck, daß seine Stöße in die Flanken des Tieres sich verdoppelten; noch einige Augenblicke mußten ihn mitten unter den Feind bringen, den zu erreichen er vor Begierde brannte.

Die ungestümen Sprünge eines Pferdes treiben die menschlichen Leidenschaften auf den höchsten Gipfel der Aufregung; Pferd und Reiter stehen in Wechselwirkung miteinander; das Herz des Mannes verfügt über die stählernen Hacken, und das unvernünftige Tier erhebt sich zu einem Verständnis der Gefühle seines Reiters. Trunken vom wilden Ritt, trunken von einer nahen Befriedigung seiner Rache verschwand die Ungleichheit an Zahl vor Fabians Augen. Auch versetzte ihn der Anblick, der sich ihm bald darbot, in einen Schwindel getäuschter Erwartung.

Wie schon erwähnt, verband eine Brücke von grob behauenen, viereckigen Baumstämmen die beiden steilen Ufer zwischen denen unten der Salto de Agua brauste. Die beiden äußersten Enden dieser Balken, die zusammen gerade so breit waren, daß ein Pferd hinübergehen konnte, ruhten auf dem bloßen Felsen und waren in keiner Weise befestigt. Die Kraft einiger Männer konnte also die Brücke, die zur Verbindung diente, auseinanderreißen oder hinabwerfen und somit an dieser Stelle, wo die beiden Ufer sehr entfernt voneinander waren, den Übergang unmöglich machen.

Gerade in dem Augenblick, als Fabian die Brücke erreichte, zogen vier von ihren Reitern angespornte Pferde mit aller Kraft ihrer Hacken an den Lassos, die mit dem einen Ende am Sattelknopf befestigt, mit dem anderen an die Balken gebunden waren, die, dieser Anstrengung weichend, sich bewegten, auseinandergingen und dann in den Gießbach stürzten, wo der Schaum garbenweise aufbrauste, während die rasch vom Sattelknopf gelösten Riemen pfeifend dem Zug der beiden ungeheuren Massen folgten.

Fabian stieß einen Schrei der Wut aus. Bei diesem Ausruf wandte sich ein Mann um; es war Don Estévan! Aber Don Estévan – durch eine unübersteigbare Schlucht von ihm getrennt —, der nun, geschützt vor aller Verfolgung, mit spöttischer Miene Fabian betrachtete, der mit Kleidern, die vom Dickicht zerrissen waren, mit blutendem Gesicht, mit wutentstellten Zügen ungestüm heransprengte, um über den Wasserfall zu setzen. Doch am Rand des Abgrunds angelangt, bäumte sich das erschreckte Tier heftig auf und sprang zurück.

»Gebt Feuer auf ihn!« rief Don Estévan. »Gebt Feuer, oder dieser Wütende wird uns alle unsere Pläne durchkreuzen! Feuer, sage ich euch!«

Drei Büchsen richteten sich schon auf Fabian, als sich in einiger Entfernung hinter ihm eine donnernde Stimme hören ließ und im selben Augenblick zwei Männer aus dem Gebüsch hervorbrachen: es waren der Kanadier und Pepe, die dank dem Umweg, den Fabian zu machen genötigt war, rechtzeitig hatten anlangen können.

Beim Anblick der beiden furchtbaren Büchsen zögerten die Banditen. Fabian nahm einen neuen Anlauf; aber das erschrockene Tier bäumte sich abermals auf und wand sich, einem unbesiegbaren Schrecken nachgebend, heftig unter seinem Reiter hin und her.

»Feuer! Feuer!« brüllte Don Estévan.

»Wehe euch!« schrie der Kanadier angsterfüllt. »Wehe dem, der schießen wird! Und du, Fabian, komm zurück im Namen Gottes!«

»Fabian?« wiederholte Don Estévan wie ein Echo beim Anblick des jungen Mannes, der, taub für die Bitten Bois-Rosés, noch immer sein Pferd anspornte, um über den Gießbach zu setzen; es sprang rechts und links, die Flanken waren mit Schaum bedeckt und pochten vor Schrecken.

»Ja, Fabian!« rief er mit einer Stimme, die den Donner des Katarakts und den Ruf der beiden Jäger übertönte. »Fabian, der von Euch, Don Antonio de Mediana, Rechenschaft fordert für das Blut seiner Mutter!«

Während diese Stimme, die sich mit dem Brausen des Sturzbaches vermischte, in den Ohren Medianas wie eine schreckliche Vorbedeutung klang; während ihn – vielleicht zum erstenmal in seinem Leben – der Schrecken auf seinen Platz bannte, zog der ungestüme junge Mann sein Messer, und indem er sein Pferd dessen Spitze fühlen ließ, trieb er es mit einem neuen, wütenden Anlauf vorwärts. Diesmal sprang das Tier wie ein Blitz über den Abgrund und fiel auf das entgegengesetzte Ufer.

Aber ein Hinterfuß glitt auf dem feuchten Abhang aus. Einen Augenblick – einen einzigen Augenblick – kämpfte das Pferd, das Gleichgewicht wiederzugewinnen; der Fels knirschte unter seinen Hufen; aber eine unüberwindliche Macht brach die Kraft seiner Sprunggelenke, sein Auge wurde dunkel, ein ängstliches Wiehern ließ sich vernehmen, und seinen Reiter mit hinabreißend, verschwand es mit ihm.

Beim Rauschen des Wassers, das bis auf das Ufer wallte, entfuhr ein herzzerreißender Schrei der breiten Brust des Kanadiers; ein Schrei des Triumphes erscholl vom entgegengesetzten Ufer; aber beide wurden bald übertönt von der grollenden Stimme des Waldstromes, der sich über seiner zweifachen Beute schloß.

27. Die Steppe aus der Vogelperspektive

Ungefähr vierzehn Tage nach dem letzten von uns erzählten Ereignis – das heißt, nach dem Sturz und dem Verschwinden Tiburcio Arellanos‘ oder vielmehr Fabians von Mediana im Salto de Agua – fanden andere Szenen in einer Gegend der Steppen statt, die sich vom Präsidio von Tubac bis an die mexikanische Grenze ausdehnen. Bevor wir jedoch die handelnden Personen wieder aufsuchen, wollen wir den Schauplatz beschreiben, auf dem sie uns wieder begegnen werden.

Die weiten Ebenen, die Mexiko von den Vereinigten Staaten trennen, sind nur durch die ziemlich schwankenden Berichte der Jäger und der Goldsucher in einem Teil des Landes bekannt, der durch den Rio Gila und seine Nebenflüsse gerade am wenigsten bewässert ist. Dieser Fluß, dessen Quelle in den fernen nördlichen Bergen liegt, ist der einzige, der unter verschiedenen Namen einen unermeßlich ausgedehnten, sandigen und baumlosen Landstrich durchströmt, dessen dürre Einförmigkeit nur durch die von den Regenwassern ausgehöhlten Schluchten unterbrochen wird; aber diese Gewässer verwüsten, ohne zu befruchten.

Der steinige Boden zeigt dem Reisenden nur die abschüssigen Schluchten – das Bett ausgetrockneter Gießbäche —, die seinen Marsch hemmen, ohne irgendeine Nahrung für ihn oder sein Pferd zu bieten. Der Damhirsch und der Büffel fliehen diese Einöden, wo höchstens ein spärliches Gras zu wachsen scheint, das schon vertrocknet, ehe es nur ausgewachsen ist. Selbst die Indianer durchstreifen sie nur, wenn der sengende Wind, der einen Teil des Jahres in diesen Steppen weht, vorüber ist.

Wir führen den Leser an einen Ort, der etwa sechzig Meilen vom Presidio von Tubac und etwa hundert Meilen von der Grenze der Vereinigten Staaten entfernt ist. Die Sonne neigt sich nach Westen und sendet schon schrägere Strahlen herab. Das ist die Stunde, wo der Wind, obgleich er immer noch durch die Ausstrahlungen des glühenden Sandes erhitzt ist, doch nicht mehr aus der Öffnung eines Schmelzofens herauszuwehen scheint. Es mochte etwa vier Uhr nachmittags sein. Leichte, weiße Wolken, die anfingen, eine rosige Färbung zu bekommen, bewiesen, daß die Sonne zwei Drittel ihres Laufes vollendet hatte.

Mitten am unermeßlichen Himmel, dessen dunkler Azur hier und da hinter Wolkengruppen verschwand, schwebte ein Adler bewegungslos über der Steppe. Er war hier der einzige Bewohner dieses Luftmeeres. Von dem erhabenen Punkt aus, wo der König der Vögel sich majestätisch wiegte, konnte sein durchdringendes Auge menschliche Geschöpfe auf den Ebenen der Erde zerstreut erblicken; die einen bildeten eine Truppe, die anderen waren ziemlich weit davon entfernt, so daß sie nur ihm allein sichtbar waren und einander nicht sehen konnten.

Gerade unter ihm dehnte sich ein unregelmäßiger Kreis aus, der durch eine natürliche Hecke von großen Kakteen mit scharfen Spitzen und stachligen indianischen Feigenbäumen gebildet wurde. Einige wenige Eisenholzgebüsche mischten ihr bleiches Laub unter die Feigenbäume und die Kakteen. An dem einen Ende dieses Kreises erhob sich ein Hügel mit flachem Gipfel einige Fuß hoch und beherrschte diese Umzäunung nach allen Seiten hin. Rings um diese Verschanzung, bei deren Errichtung die Hand des Menschen sich nicht beteiligt hatte, lagen kalkige Strecken, sandige Heide oder eine Anzahl nacheinander folgender kleiner Hügel, die wie versteinerte Wellen in diesem Sandozean aussahen.

Ein Trupp von ungefähr sechzig Reitern war in dieser Umzäunung von Kakteen und Gebüsch abgestiegen. Die Flanken der Pferde dampften wie nach einem angestrengten Marsch. Es war ein verworrener Lärm von Rufen, Wiehern der Pferde und Klappern von Waffen aller Art, denn dieser Reitertrupp schien kein gewöhnlicher zu sein. Lanzen mit roten fliegenden Fähnchen, Musketen, Büchsen, Doppelgewehre hingen noch am Sattelbogen. Von den Reitern putzten die einen ihre Pferde; andere lagen auf dem Sand im spärlichen Schatten der Kakteen und dachten nur daran, sich vor allem nach einem ermüdenden Tagesmarsch auszuruhen, auf dem die glühende Sonne die Glieder ebenso erstarrt wie die Kälte in der nördlichen Zone.

Etwas weiter zurück kamen die beladenen Maultiere zu der für das Nachtlager gewählten Stelle, und noch weiter zurück, hinter diesen, fuhren schwer beladene Wagen – zwanzig an der Zahl – in einer krummen Linie; die vorgespannten Maultiere zogen sie in langsamstem Schritt heran.

Endlich entdeckte das Auge des Adlers in der Richtung, der die Reisenden hatten folgen müssen, noch ohne Mühe, was das Auge keines Reiters oder Wagenleiters mehr sehen konnte: nämlich Leichname von Menschen und Tieren, die auf diesen dürren Flächen verstreut lagen und die den blutigen Weg bezeichneten, den diese Expedition von Abenteurern mitten unter stets erneuerten Kämpfen und unter den Gluten eines feurigen Himmels hatte machen müssen. Man hat gewiß schon die Schar Goldsucher unter den Befehlen Don Estévans wiedererkannt.

Als die Maultiere und die Wagen das Nachtlager erreicht hatten, gab es zwar einige Verwirrung, aber sie dauerte nur wenige Augenblicke. Die Wagen waren bald abgeladen, die Maultiere ausgespannt, die Pferde abgesattelt. Die Wagen wurden nun Deichsel an Deichsel mit eisernen Ketten zusammengebunden, und die Packsättel der Maultiere füllten mit den übereinandergelegten Sätteln der Pferde, mit den Kakteen und den Feigen die Zwischenräume zwischen den Rädern, so daß augenblicklich eine furchtbare Barrikade daraus entstand.

Im Innern des Lagers wurden die Tiere an die Wagen gebunden, Küchengeräte mit dazugehörigen Reisbündeln wurden in die Wagen hineingelegt. Eine tragbare Schmiede wurde aufgerichtet, und diese Kolonie, die wie durch ein Wunder aus der Erde emporgewachsen zu sein schien, war bald in voller Tätigkeit. Der Amboß ertönte von den Schlägen des Hammers, mit denen man die Hufeisen oder die Beschläge der Wagenräder in die gehörige Form brachte.

Ein reichgekleideter Reiter, dessen Anzug jedoch von Staub und Sonne verblaßt war, saß auf einem schönen Schweißfuchs und war allein inmitten des Lagers, das sein Auge in allen seinen Einzelheiten sorgfältig prüfte, im Sattel geblieben. Der Herzog von Armada, der Chef der Truppe, war leicht in diesem Reiter wiederzuerkennen.

Unterdessen waren drei Männer beschäftigt, auf dem Gipfel des kleinen Hügels die Pflöcke eines leinenen Zeltes in die Erde zu schlagen. Als das Zelt aufgerichtet und mit Stricken befestigt war; als auf dessen Spitze ein entfaltetes Banner mit sechs goldenen Sternen im azurenen Feld und der Umschrift »Ich werde wachen« im Wind flatterte, stieg der Reiter ebenfalls ab; er schien einem seiner Leute einen Befehl zum Überbringen zu geben, denn dieser stieg wieder auf und ritt aus dem Lager. Darauf ging der Herzog mit nachdenklicher Miene in das Zelt.

Alle diese Vorbereitungen hatten kaum die Zeit von einer halben Stunde in Anspruch genommen, so sehr schien die Gewohnheit alles vereinfacht zu haben. Zur Rechten des Lagers – in östlicher Richtung, aber noch weit hinter den wellenförmigen Hügelreihen – erhob sich aus dem Sandmeer ein breites, dichtes Gehölz von Gummibäumen und Eisenholz, den einzigen Bäumen, die in diesen verlassenen Ebenen wuchsen.

Eine zweite Reitertruppe hatte im Schatten dieses dichten Waldes haltgemacht. Hier gab es weder Wagen noch beladene Maultiere und keinen Verhau irgendwelcher Art. Aber das war nicht die einzige Verschiedenheit, den die letztere Truppe mit der ersteren darbot. Sie schien mehr als doppelt so stark zu sein. An dem bronzefarbigen Teint der Reiter, von denen die einen fast nackt, die anderen mit einem weiten, flatternden Lederanzug bekleidet waren; am Kopfputz, auf dem die Adlerfeder schwankte; an der gelben Ockerfarbe, mit der ihre Gesichter bemalt waren; am wilden Zierat ihrer Pferde konnte man leicht eine Abteilung Indianer auf einem Kriegszug erkennen.

Zehn von ihnen – ohne Zweifel die Anführer – saßen in ernster Haltung rund um ein Feuer, das mehr rauchte als brannte, und ließen das Kalumet oder die lange Beratungspfeife von Hand zu Hand gehen. Die vollständige Rüstung eines jeden Häuptlings – das heißt, ein lederner Schild, mit dicken Fransen aus ähnlichen Federn besetzt, wie sie sich an ihrem beweglichen Kopfputz fanden, eine lange Lanze, eine Streitaxt und ein Messer – lag an der Seite eines jeden auf dem Sand.

In einiger Entfernung vom indianischen Beratungsfeuer – weit genug, um die Worte der Ratsversammlung nicht hören zu können – hielten fünf Krieger je zwei sonderbar aufgeschirrte Pferde am Zügel; ihre hölzernen Sättel waren mit rohem Leder überzogen, und Fuchspelze schmückten ihr Hinterstück. Es waren die Pferde der zehn Häuptlinge; die fünf Krieger schienen nur mit großer Mühe die feurigen Tiere zu bändigen. Während das Kalumet seinem Nachbarn gereicht wurde, zeigte einer der Häuptlinge den anderen mit dem Finger einen Punkt am Horizont. Die Augen eines Europäers hätten an dem azurenen Himmel nur eine kleine graue Wolke mehr gesehen; aber das Auge des Indianers unterschied dort eine leichte Rauchsäule, die sich wirbelnd aus dem rings eingeschlossenen Lager der Weißen erhob.

In diesem Augenblick brachte ein indianischer Bote ohne Zweifel irgendeine wichtige Nachricht, denn alle Reiter gruppierten sich um ihn.

Jetzt entdeckte das Auge des Adlers zwischen dem Lager der Indianer und dem Verhau der Weißen noch einen Reiter; aber allein und ohne daß er von den Weißen und den Indianern gesehen werden konnte. Es war dies offenbar der Reiter, zu dessen Suche, wie wir gesehen haben, einer aus dem Lager der Goldsucher abgesandt war. Er ritt einen grauen Apfelschimmel und hielt jetzt an, und sein Pferd schien mit ausgestrecktem Hals und offenen Nüstern ebenso wie sein Reiter eine noch unsichtbare Spur zu suchen. Der Reiter trug den Lederanzug der Weißen, und seine – wenn auch sonnverbrannte – Gesichtsfarbe bewies hinlänglich, daß er der weißen Rasse angehörte.

Der Mann zu Pferd war Cuchillo; er schlug plötzlich die Richtung mitten durch die Steppe ein und ließ dann sein Pferd den Gipfel einer Anhöhe in der Ebene ersteigen. Hier angelangt, fuhr er vor einem zweifachen Anblick zurück, denn seine Augen richteten sich abwechselnd auf die Rauchsäule, die sich aus dem Lager der Abenteurer erhob, und auf das Biwak der Indianer.

Die Indianer bemerkten ihn aber ebenfalls, denn ein langes Gebrüll wie von hundert Panthern erhob sich zum Himmel, und der durch den Aufruhr erschreckte König der Vögel verlor sich bald wie ein schwarzer Punkt mitten in den Wolken.

Der Bandit entfloh mit verhängten Zügeln nach der Rauchsäule hin, als er die Indianer wie hungrige Wölfe auf einer Hirschjagd zu seiner Verfolgung aufbrechen sah. Endlich unterschied sich noch weiter am Horizont – doch kaum dem Adler selbst sichtbar – eine andere Männergruppe ziemlich undeutlich inmitten eines leichten Nebels. Ihre Stellung war so, daß sie ein Dreieck mit den beiden Lagern – dem der Rothäute und dem der Weißen – bildete. Jener Nebel war durch die Ausdünstungen eines ziemlich breiten Flusses erzeugt, dessen Ufer von Bäumen beschattet waren und der in seinem Lauf eine kleine, dicht bewachsene Insel bespülte. Mitten auf diesem Eiland befanden sich augenblicklich die zuletzt angeführten Personen. Waren es aber zwei oder drei oder vier – das konnte man vor Nebel nicht unterscheiden. Doch überstieg ihre Zahl wohl nicht die zuletzt genannte.

Dieser Teil der Steppe, dessen verschiedene Bewohner wir kennengelernt haben, endete an dem obenerwähnten Fluß. Er strömte von Osten nach Westen, teilte sich eine Meile westlich von der Insel in zwei Arme und bildete ein weites Delta, das von einer Bergkette begrenzt wurde; aber ein dichter Nebel bedeckte diese Anhöhen, und das Auge Gottes allein hätte diesen Dunstschleier durchdringen können, der – je nachdem die Sonne sich ihrem Untergang zuneigte – auch lebhaftere violette und azurfarbige Schattierungen darbot.

In diesem Delta, das mehr als eine Quadratmeile groß ist, beinahe in gleicher Entfernung von der Hügelkette und dem Anfang der vom Fluß gebildeten gabelförmigen Landzunge, lag das Val d‘Or.

Um die Erwartung des Lesers nicht länger zu ermüden und seinen Augen nicht bloß schweigende Schatten vorzuführen, wollen wir diesen Schatten zuerst Gedanken, dann Worte und endlich gleichzeitig Handlungen verleihen. Diese verstreuten Gruppen streben nach demselben Ziel; zwei von ihnen aus entgegengesetzten Interessen, die anderen als ihre Nebenbuhler. Einzeln oder vereint werden sie bald zusammenstoßen, wie die von entgegengesetzten Winden gepeitschten Sturmfluten aufeinandertreffen und im unermeßlichen Ozean eine an der anderen zerschellen.

Infolge geschickter, von Pedro Diaz geleiteter Bewegungen hatte die Expedition am Tag vor ihrer Ankunft im Val d‘Or die Richtung, die sie eingeschlagen hatte, vor den Indianern seit zwei Tagen verheimlichen können. Aber sechzig Gefährten, mit denen Cuchillo teilen mußte – darauf hatte der Bandit nicht gerechnet. Er mußte diese Zahl vermindern, und unter dem Vorwand, den Weg auszukundschaften, hatte er sich seit zwei Tagen von seinen Kameraden getrennt. Voll Vertrauen auf die Schnelligkeit seines Pferdes und auf die genaue Kenntnis dieser Steppen wollte Cuchillo abermals die Indianer auf die rechte Fährte bringen.

Um ihn seinen Weg finden zu lassen, falls sich etwas ereignete, das war der Grund, warum im Lager ein Feuer angezündet war, dessen Rauch ihm als Führer dienen sollte, und warum Don Antonio de Mediana einem seiner Leute, der sich auch – wie man gesehen hat – aus dem Verhau entfernte, den Auftrag gegeben hatte, das Feld zu durchstreifen, um den Führer der Expedition wiederzufinden. Ein kühnerer Gedanke keimte noch im Herzen Cuchillos; aber die Ausführung dieses Planes sollte ihn nur zu einer schrecklichen Strafe führen, die er so wohl verdiente. Doch hier ist noch nicht der Ort, davon zu reden.

Wir hatten gesagt, daß ein Läufer mit anscheinend wichtigen Nachrichten im Lager der Indianer angekommen war. Dieser Läufer war beim Suchen der Weißen, die er verfolgte, bis an die Ufer des Flusses vorgedrungen; unter den dortigen Weiden versteckt, hatte er auf einer kleinen Insel drei von ihren weißen Feinden bemerkt. Diese drei Männer konnten nach der Beschreibung des Indianers nur der Kanadier Bois-Rosé, der Spanier Pepe und Fabian de Mediana sein, der nun ihre Abenteuer mit ihnen teilte. Es waren wirklich die drei Freunde, die man vielleicht nicht ohne einige Befriedigung wiederfinden wird.

Wir haben Bois-Rosé und Pepe den Schläfer vierzehn Tage vor diesem Augenblick am Rand der Schlucht verlassen, in der der junge Spanier in dem blinden Ungestüm seines Alters und noch besonders aufgeregt durch die Erzählung des gewesenen Grenzjägers von der Ermordung seiner Mutter beinahe sein Grab gefunden hätte. Glücklicherweise war der Sturz nur für das Pferd tödlich gewesen; der Reiter war wie durch ein Wunder gerettet und dem Schicksal entgangen, das ihn auf dem Grund des Salto de Agua erwartet hätte.

Die drei Freunde nahmen also die Verfolgung, die der Sturz Fabians gewaltsam unterbrochen hatte, wieder auf; da sie jedoch gezwungen waren, zu Fuß denselben Weg zu verfolgen, den ihre Feinde zu Pferd zurücklegten, so waren Fabian und die beiden Jäger erst an dem Tag in Tubac angekommen, an dem die Expedition es verließ; das heißt, nachdem sie durch den Sturz Fabians einen Tag verloren, hatten sie nur fünf gebraucht, um zu Fuß ungefähr sechzig Meilen zurückzulegen.

Nun wurde es leichter, der auf ihrem Marsch durch die schwerbeladenen Wagen aufgehaltenen Kolonne von Abenteurern zu folgen; zehn Tagereisen hatten somit die drei unerschrockenen Freunde ebensoweit geführt als die Expedition. Obgleich sie durch die Sorge für ihre Sicherheit genötigt waren, einen Weg einzuschlagen, der von dem, den die Expedition genommen hatte, verschieden war, so hatten sie doch nur selten die Feuer ihrer Lagerplätze seit dem Abmarsch aus dem Presidio aus dem Gesicht verloren. Von einem solchen Gefolge umgeben wie hier, war Don Antonio keineswegs eine leichte Beute.

Als der indianische Läufer, von dem wir vorhin gesprochen haben, seinen Bericht beendet hatte, berieten sich die Apachenkrieger, die zum Rat gehörten, abermals über den Entschluß, der gefaßt werden mußte. Bis hierher gab es unter den Feinden, mit denen sie auf diesem letzten Kriegszug gekämpft hatten, keine zwei Männer, auf die man die Schilderung hätte anwenden können, die der Kundschafter von Bois-Rosé und Pepe dem Schläfer entworfen hatte.

Der jüngste unter den zehn Häuptlingen, der aufgefordert wurde, zuerst seine Meinung auszusprechen, zog langsam den Rauch aus seiner langen Pfeife und sagte: »Die Weißen haben bald die Füße des Hirsches, bald den Mut des Pumas oder die List des Schakals. Sie haben ihre Spuren seit zwei Tagen vor Augen zu verbergen gewußt, die die des Adlers in der Luft ausfindig machen könnten; es ist abermals eine List ihrerseits, ihre Krieger auf der weiten Steppe zu zerstreuen; nach der Insel des Flusses Gila hin also muß man sie suchen. Ich habe gesprochen.«

Nach einem kurzen Schweigen nahm ein anderer Häuptling das Wort: »Die Weißen verfügen offenbar über tausend Kriegslisten; aber haben sie auch die, ihren Wuchs größer zu machen? Nein. Wenn sie im Gegenteil sich so klein machen könnten, daß die Augen des Indianers sie nicht sähen, so würden sie es tun. Unsere Feinde kommen aus dem Süden; diejenigen, die man eben gefunden hat, kommen aus dem Norden; wir dürfen also nicht zur Insel hin aufbrechen.«

Als diese beiden entgegengesetzten Ansichten ausgesprochen waren, brach plötzlich das Geheul der Indianer los beim Anblick Cuchillos. Die Apachenhäuptlinge hoben ihre Beratung bis zu dem Augenblick auf, wo die Krieger, die ihn verfolgt hatten, mit der Nachricht zurückkamen, daß sie die Spur zum Lager der Weißen wiedergefunden hätten.

Darauf nahm der zweite Häuptling, der gesprochen hatte, wieder das Wort; er war ein Mann von hohem Wuchs und einer viel dunkleren Gesichtsfarbe als die meisten seiner Gefährten, weshalb man ihm auch den Namen der »Schwarze Falke« gegeben hatte. »Ich habe gesagt, daß die Männer, die aus dem Norden kommen, nicht zu denen aus dem Süden gehören. Ich habe immer gesehen, daß der Norden und der Süden einander feindlich sind wie der Wind, der aus jeder der beiden Richtungen weht. Laßt uns einen Boten zu den drei Kriegern auf der Insel schicken, damit sie sich mit uns gegen die Krieger mit den Wagen verbinden, und der Indianer wird sich freuen über den Tod der Weißen durch die Weißen.«

Aber dieses Bündnis, das Klugheit und Menschenkenntnis geboten hatte, fand im Rat keine Unterstützung. Alleinstehend mit seiner Ansicht, mußte der Schwarze Falke sie fallenlassen, und es wurde beschlossen, daß der Haupttrupp gegen das Lager marschieren, während zugleich eine Abteilung zur Insel aufbrechen sollte.

Eine Viertelstunde später bewegten sich hundert Krieger in der Richtung nach dem Lager hin, während zwanzig andere erprobte Krieger sich zur Insel wandten, dürstend nach dem Blut der drei Männer, die sich augenblicklich noch in deren Schutz befanden.

28. Das Lager der Goldsucher

Wir verlassen auf einen Augenblick Fabian und seine beiden Gefährten auf dem Eiland, wo sie eine Zuflucht gesucht haben, um ein Wort über den Trupp der Abenteurer und über ihren Führer zu sagen.

Wir finden sie gegen das Ende ihres zehnten Tagemarsches wieder, nachdem vierzig der Ihrigen auf dem Weg den Indianern oder den Gefahren der Steppe zum Opfer gefallen waren. Obgleich aber diese Verminderung ihrer Anzahl sie geschwächt hatte, so war doch der Ausgang des Kampfes zwischen diesen Abenteurern und den Indianern, die stets bereit waren, den Einfall in ihr Gebiet zurückzuweisen, noch gar nicht vorauszusehen. Die Schlauheit beider Teile war gleich groß; dieselbe Gewohnheit, fast unsichtbaren Spuren zu folgen, fand sich auf beiden Seiten. Die Habgier der einen hielt der Wildheit der anderen das Gleichgewicht.

Nichtsdestoweniger war aber der Enthusiasmus nicht mehr so glühend als an dem Tag, wo sie unter freiem Himmel im Presidio von Tubac die Messe für den glücklichen Erfolg ihrer Expedition gehört hatten. Damals waren die Abenteurer mit triumphierendem Hurra aufgebrochen, unter dem Donner des Geschützes und unter dem Zuruf der Einwohner und der Garnison des Presidio.

Doch hatte Don Estévan, der die Gabe, alles vorauszusehen, empfangen zu haben schien, keine Vorsichtsmaßnahme unterlassen. Bis jetzt handelte auf solchen Expeditionen jeder Mann sozusagen für sich allein, indem er sich zu seiner Verteidigung nur auf seine Waffen und auf sein Pferd verließ. Der Spanier hatte diese Abenteurer diszipliniert und sie zum Gehorsam gegen ihn gezwungen; die Wagen, die er gekauft hatte, dienten als Transport- und Verteidigungsmittel. Geradeso marschierten einst die alten Völker des Nordens auf ihren räuberischen Einfällen in das mittägliche Europa. Don Estévan hatte diese Taktik aus den Vereinigten Staaten mitgebracht, wo die Bewohner dazu bestimmt zu sein scheinen, die Steppen des amerikanischen Festlands zu durchziehen, um sie zu bevölkern. Auch war unter der geschickten und kräftigen Leitung eines solchen Führers diese letzte Expedition weiter in die Steppe vorgedrungen als irgendeine vorher unternommene.

Die Verantwortlichkeit, die auf Don Estévan ruhte, den wir eben mit nachdenklicher Miene in das für ihn errichtete Zelt haben treten sehen, hätte allein schon hingereicht, seine Stirn mit Wolken zu bedecken; aber vielleicht dachte Don Estévan mehr an die Vergangenheit als an Gegenwart und Zukunft. Der Spanier hatte die Energie Fabians mit der Kleinmütigkeit des Senators Tragaduros vergleichen können; fortgerissen vom Lauf der Ereignisse, hatte er immer nur daran gedacht, seinen Neffen von seinem Weg fernzuhalten. Als er in dem Strudel verschwunden war, nachdem er eine schmähliche Drohung gegen den Bruder seines Vaters ausgestoßen hatte, hatte dieser plötzlich eine unermeßliche Leere in sich gefühlt.

Eine schlecht geheilte Wunde seines Herzens war wieder aufgebrochen. Er stand auf dem Gipfel weltlicher Größe, und doch fehlte ihm etwas. Was er auch getan hatte, um es sich zu verheimlichen – der Stolz des Geschlechts lebte in ihm wieder auf. Als sein Neffe tot war, hatte sich seiner ein lebhaftes Mitgefühl für den jungen Mann bemächtigt, der in seiner Glut und Unzähmbarkeit, geliebt von Doña Rosarita, vielleicht den Senator in der Ausführung seines kühnen Plans ersetzen konnte. Er bedauerte es, sich von den Ereignissen beherrschen zu lassen haben, und in dem Augenblick, als der letzte Mediana nach ihm vor seinen Augen verschwunden war, bedauerte sein Stolz den Erben seines Namens, den er so würdig gefunden hatte, ihn zu tragen. Nach ihm sollte niemand sein Andenken mit in die Zukunft nehmen. An dem Tag vor der Eroberung des Val d‘Or, in dessen nächster Nähe er sich wußte und wodurch er eine Sprosse höher stieg, machte sich dieses Bedauern noch lebhafter geltend. So vermag der Ehrgeiz im Herzen nur eine weite Leere hervorzubringen, um eine andere auszufüllen.

Indes war dies nicht die einzige Sorge, die Antonio de Mediana beschäftigte. Die Abwesenheit Cuchillos war ebenfalls ein Gegenstand der Unruhe für ihn. Ein treuloser Gedanke, den er dem Scharfblick Don Antonios verheimlicht hatte, den aber dieser zu ahnen begann und der ihn ebenfalls nachdenklich machte, hatte den Banditen aus dem Lager geführt.

Cuchillo hatte einen beträchtlichen Vorsprung vor den Indianern gehabt. Solange er gesehen hatte, daß er weit vom Lager Don Antonios de Mediana entfernt war, hatte er alle Kräfte seines Pferdes in Anspruch genommen; aber sobald er durch die Kaktushecke und die Eisenholzgebüsche die Verschanzung seiner Gefährten erblickte, mäßigte er seinen Ritt, um nicht die Verfolgung, deren Gegenstand er war, zu entmutigen.

Die Entfernung vom Lager war noch groß genug, daß er von keiner Schildwache, die ringsumher aufgestellt waren, bemerkt werden konnte. Als er die Indianer, die ihm nachjagten, beim Anblick der Rauchsäule – eines sicheren Zeichens für die Gegenwart weißer Krieger ebenfalls ihre Pferde zurückhalten sah, hielt er ganz an. Es lag in seinem Plan, so spät wie möglich zu den Seinen zurückzukehren, um erst im letzten Augenblick Lärm zu machen. Er kannte die indianischen Bräuche hinreichend, um kaltblütig ein so gefährliches Spiel zu wagen. Er wußte, daß sie fast niemals angreifen, außer wenn sie an Zahl überlegen sind; daß, ehe sie sich zu einem Sturm des Lagers entschieden hätten, noch einige Stunden vergehen würden, und daß endlich die Indianer, die ihn verfolgten – zufrieden damit, die Spur ihrer Feinde wiedergefunden zu haben —, umkehren würden, um diese Nachricht ihren Gefährten zu überbringen.

Er hatte sich nicht getäuscht. Die roten Männer nahmen bald ihren Weg nach dem Dickicht zurück, in dem ihre Truppe lagerte.

Ganz bezaubert von dem Erfolg seiner List, legte sich der Bandit, nachdem er die Feinde hatte verschwinden sehen, hinter einer Erhöhung nieder und lauschte aufmerksam, stets bereit, seine Flucht fortzusetzen, sobald seine geübten Sinne ihm die Rückkehr der Gefahr anzeigen würden. Wenn er sein Lager nur wenige Minuten vor dem Kampf wieder erreichte, so hoffte er auch mitten in der Aufregung, die dem Kampf vorangehen mußte, den Fragen Don Antonios zu entgehen, dessen Scharfsinn er fürchtete.

Wir würden morgen unser sechzig sein zur Teilung dieser Schätze, dachte er bei sich, wenn ich nicht dafür gesorgt hätte, daß beim Anbruch des Tages die Zahl um ein gutes Viertel vermindert sein wird. Dann, wenn diese roten und die weißen Dummköpfe miteinander kämpfen, werde ich …

Ein ferner Schall wie der einer abgeschossenen Büchse unterbrach plötzlich die Gedankenreihe Cuchillos. Dieser durch die Ferne gedämpfte Lärm schien aus nördlicher Richtung zu kommen. Wirklich kam er auch vom Fluß her, in dessen Mitte sich das Eiland befand, das Bois-Rosé und seine beiden Gefährten in Besitz genommen hatten.

Es ist doch sonderbar, daß ein solcher Ton von da unten herkommt, dachte Cuchillo bei sich, indem er nach Norden blickte, denn das Lager der Weißen ist im Osten und das der roten Krieger im Westen!

Ein zweiter Schuß ließ sich hören, dann, nach einem ziemlich langen Zwischenraum ein dritter, worauf endlich ein gut unterhaltenes Gewehrfeuer folgte. Einen Augenblick wurde Cuchillos Herz ganz kalt; er stellte sich vor, daß eine zweite zahlreiche Partie Weißer unabhängig von der Expedition, die er führte – sich der Schätze bemächtigen könnte, die der alleinige Gegenstand seiner Begierde waren. Dann fürchtete er auch, daß Don Antonio vielleicht eine Abteilung seiner eigenen Truppe vorausgesandt hatte, um das Val d‘Or zu besetzen und sich darin zu befestigen. Aber ein kurzes Nachdenken zeigte ihm sehr bald die geringe Wahrscheinlichkeit seiner Befürchtungen. Eine Abteilung Weißer würde Spuren zurückgelassen haben, die er während der zwei Tage, an denen er die Ebene durchstreifte, hätte erblicken müssen; und außerdem war es nicht wahrscheinlich, daß Don Antonio es gewagt haben würde, seine Truppe durch Teilung zu schwächen. Cuchillo faßte darum wieder Mut, blieb hinter der Bodenerhöhung, die ihn und sein Pferd unsichtbar machte, und kam endlich zu dem Schluß, daß die Schüsse von einer Abteilung amerikanischer Jäger herrühren mußten, die die Grenze ihres Landes überschritten hätten und auf mexikanischem Gebiet mit den Apachen handgemein geworden wären. —

Wir wollen Cuchillo seinem Nachdenken überlassen, um – wie versprochen – in das Lager Don Antonios zurückzukehren, und der Ordnung folgen, die wir aufgestellt haben, indem wir den Anblick der Steppe und die Stellung der verschiedenen Personen, die sie belebten, aus der Vogelperspektive beschreiben.

Das Gewehrfeuer hatte sich den ganzen Nachmittag hindurch verlängert, und man hatte es im Lager gehört, wo es zu einer Menge von Vermutungen Veranlassung gegeben hatte. Der Abend war gekommen. Rote Wolken bezeichneten im Westen noch die Flammenspur der Sonne. Die Erde fing an, sich von der Frische der Nacht abzukühlen, und in dem Maße, als die letzten Streiflichter der untergehenden Sonne erbleichten, stieg der Mond immer glänzender empor, bis zu dem Augenblick, wo die Dämmerung verschwunden war und der helle Schein des Mondes plötzlich das Licht der Sonne ersetzte.

Das Lager bot im Mondschein einen malerischen Anblick dar. Auf dem Hügel, der das ganze Lager beherrschte, erhob sich, wie wir schon erwähnt haben, das Zelt des Führers der Expedition mit seinem azurenen Banner und seinen goldenen Sternen gleich dem Himmel über ihm. Ein schwaches Licht schimmerte durch die Leinwand des Zeltes und bewies, daß der Führer für alle wachte. Einige Feuer, deren Herd sich in Vertiefungen befand oder mit Steinen umgeben war, um den Schein der Glut, deren Glanz die Lagerstelle hätte verraten können, zu verdecken, verbreiteten auf der ebenen Erde einen rötlichen Widerschein.

Für den Fall eines nächtlichen Angriffs erhoben sich Haufen von Reisbündeln in gewissen Entfernungen, die sofort in Brand gesetzt werden konnten und Licht genug verbreiteten, um den Tag zu ersetzen. Von den Abenteurern lagen Gruppen auf dem Boden, andere waren mit der Bereitung des Abendessens beschäftigt; dazwischen standen Pferde und Lasttiere, die ihre Ration Mais aus leinen Krippen fraßen. Sorglosigkeit und Entschlossenheit las man im Mondlicht auf dem bronzenen Antlitz der Männer, was hinreichend bewies, daß sie sich in bezug auf die Sorge für ihre Verteidigung ganz auf die Wachsamkeit des Führers verließen, den sie gewählt hatten.

Am Fuß des Zeltes lag sorglos ein Mann auf der Erde wie eine Dogge, die bei ihrem Herrn wacht. An den langen Haaren, an der Gitarre, die neben der Büchse lag, an den Mantelresten, mit denen er sich umhüllte, konnte man leicht den Gambusino Oroche wiedererkennen. Seine Zeit schien durch die Betrachtung eines von Sternen funkelnden Himmels und durch die Unterhaltung eines am Fuß des Hügels brennenden und mit grünen Zweigen genährten Feuers in Anspruch genommen zu sein, von dem sich der Rauch in einer perpendikularen Säule erhob, die im Mondschein silbern glänzte.

Jenseits der Befestigung bleichten ebenfalls die Strahlen des Mondes die Ebene, wo die Kakteen und die Napals große Schatten warfen. Er ließ im Regenbogenglanz den Nebel erscheinen, der westlich vom Berg die Spitzen einer Bergkette am Horizont bedeckte. Endlich beleuchtete er auch hinter den Wagen die Schildwachen, die, die Büchse im Arm, mit spähenden Augen auf und ab gingen.

Unter den Männergruppen, die sich sehr nahe den Wagen gelagert hatten, finden wir Benito, den Diener Don Estévans, Baraja und Pedro Diaz wieder. Alle drei unterhielten sich leise.

»Don Benito«, fragte Baraja den alten Diener, »Ihr seid so geschickt, jedes Geräusch in der Steppe oder im Wald zu erklären; könntet Ihr uns wohl sagen, was die Flintenschüsse bedeuten, die wir den ganzen Nachmittag gehört haben?«

»Ich kenne die Sitten der Indianer nur wenig, indes …«

»Laßt hören!« sagte Baraja. »Nur nichts Schreckenerregendes so absichtlich verschweigen, wie Ihr es in jener berüchtigten Nacht mit den Jaguaren so gut verstanden habt.«

»Indes«, fuhr der Diener fort, »bin ich in meiner Jugend ihr Gefangener gewesen, und wenn sie nicht etwa bei irgendeinem unglücklichen Gefangenen die Marter anwenden, die ich erduldet habe, so ahne ich nicht, was die Ursache dieses Gewehrfeuers, das wir gehört haben, sein könnte.«

»Glaubt Ihr denn, daß sie irgend jemand in diesen Steppen gefangengenommen haben?«

»Warum nicht?« antwortete der alte Hirt auf diese neue Frage Barajas. »Seit zwei Tagen ist unser Freund Cuchillo nicht zurückgekommen, und ich fürchte fast, daß diese Dämonen auf seine Kosten ihre Belustigungen vornehmen. Wenn es dieselbe Behandlung ist, die ich erduldet habe, so wolle Gott seine Seele annehmen!

» Aber von welcher Behandlung sprecht Ihr denn? Diese Marter muß doch nicht so schrecklich sein, da Ihr mit dem Leben davongekommen seid.«

»Glaubt Ihr? Gut; ich erkläre Euch, daß das Skalpieren, das Zerreißen des Körpers in Stücke, das Braten bei langsamem Feuer – daß alle Qualen, die sie erfinden, mit einem Wort nichts sind im Vergleich damit.«

»Demonio!« erwiderte Baraja. »Ich denke doch, daß die Indianer nur in der Aufregung ein Vergnügen daran finden, jemand so zu martern?«

»Das tun sie, wenn sie bei guter Laune sind; denn es ist sehr selten, daß sie nicht zufrieden wären, wenn sie einige Gefangene gemacht haben. Also – sollte das Unglück es wollen, daß Ihr in ihre Hände fielet, Freund Baraja, so bittet Gott, daß die Apachen an diesem Tag bei lustiger Laune sind, und Ihr werdet eine grausame Todesstrafe erdulden, aber doch wenigstens eine sehr kurze.«

»Fünf oder sechs Minuten, meine ich?«

»Fünf oder sechs Stunden – zuweilen auch länger —, aber …«

Benito wurde durch die Ankunft Oroches unterbrochen.

»Senor Diaz«, sagte der letztere, »Don Estévan hält es für nötig, einen Augenblick mit Euch zu sprechen, und bittet Euch, zu ihm ins Zelt zu kommen.«

Diaz erhob sich, folgte Oroche und ließ Baraja und Benito in ihrer Unterhaltung fortfahren.

»Ich habe die besorgte Miene Don Estévans bemerkt«, sagte Benito. »Obgleich er niemals recht fröhlich gewesen ist seit der Abreise von der Hacienda – und besonders seit dem Augenblick, wo dieser junge Mann durch sein Pferd mit in den Waldstrom hinabgerissen wurde —, so ist er mir doch heute düsterer als gewöhnlich vorgekommen.« Baraja empfand bei dieser Gelegenheit einige Gewissensbisse, denn wenn man sich noch erinnert, was Pepe der Schläfer dem Kanadier erzählte, so war der Abenteurer einer von denen gewesen, die ihrerseits Feuer auf den Spanier und Fabian gegeben hatten. Er ließ also die Unterhaltung fallen, um sie an dem Punkt wiederaufzunehmen, wo sie unterbrochen war. Ihr sagtet also«, wiederholte er, »daß eine solche Marter fünf oder sechs Stunden dauere, zuweilen länger, aber …«

»Aber niemals kürzer. Ihr werdet übrigens nach meiner Erzählung urteilen, daß eine sechsstündige Marter zuweilen besser ist als eine vierundzwanzigstündige, denn unter allen Todesarten ist die grausamste die, vor Furcht zu sterben.«

»Zum Teufel mit Euren Geschichten!« rief Baraja. »Ich weiß nicht, warum ich so wahnwitzig bin, Euch so zu befragen.«

»Es ist schrecklich, aber belehrend; und da Ihr jeden Augenblick den Indianern in die Hände fallen könnt, so ist es doch gut, zu wissen, welches Schicksal Euch in einem solchen Fall bevorstehen kann; es ist doch immer ein Trost in Ermangelung eines besseren.«

»So macht doch ein Ende!« sagte Baraja seufzend. »Ich sehe wohl, daß alles in allem das Gewerbe eines Goldsuchers ein verwünschtes Geschäft ist.«

»Ich habe immer«, fuhr der Erzähler fort, »mit Recht oder Unrecht gedacht, daß sich immer nur das ereignet, was sich ereignen muß, und daß man folglich über nichts in Schrecken zu geraten braucht. So sagte ich denn auch zu mir, als ich den Indianern in die Hände fiel, daß sie tun könnten, was ihnen beliebte; wenn ich nicht sterben sollte, so würde ich doch nicht sterben. Nun, die Indianer waren an diesem Tag in sehr mürrischer Laune, weil wir in einem Scharmützel nicht wenige Krieger getötet hatten. Sie beratschlagten anfangs – ich merkte es sehr gut an ihren Gebärden —, ob ich skalpiert, bei lebendigem Leibe erdrosselt oder in Stücke gehauen werden sollte. Endlich brachte ein Führer, dessen Aufregung außerordentlich war, seine Krieger dahin, daß man mich an einen Pfahl band, um ihnen als Zielpunkt in der Handhabung der Büchse zu dienen.

Sie hatten einen langen Tag vor sich, und ich sollte die Kosten ihres Vergnügens für einen ganzen Tag bezahlen. Ich hatte einige Worte aus ihrer Unterhaltung verstanden und dachte, weil ich gegen alle Gewohnheit weder skalpiert noch lebendig gebraten werden sollte, so könnte ich vielleicht allem anderen noch entgehen. Wirklich war ich vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne ein Zielpunkt für ihre Büchsen. Jeder Krieger trat vor, wenn die Reihe an ihn kam, zielte nach meinem Kopf und gab Feuer. Ich hielt so 284 Schüsse aus, nicht mehr und nicht weniger; ich zählte der Zerstreuung halber, denn die Zeit schien mir sehr lang.«

»Ich glaube es«, sagte Baraja im Ton der Überzeugung. »Aber Señor Benito, Ihr bindet uns etwas auf mit Euren 284 Büchsenschüssen!«

»Ich kann nicht einen einzigen ablassen. Ich habe Euch ja gesagt, daß die Indianer sehr aufgeregt waren, und um sich zu trösten, machten sie den Versuch, mich vor Furcht sterben zu lassen. Die schlechtesten Schützen, die mich sofort hätten töten können, schössen nur mit Pulver nach mir. Öfter als zweihundertmal fühlte ich, wie das pfeifende Blei meine Haarbüschel bewegte. Dann aber, als sie sahen, daß diese fürchterliche Angst mich nicht getötet hatte, banden sie mich los. Ich hatte zwölf Stunden am Pfahl gestanden und kann sagen, daß ich 284mal erschossen wurde. Glaubt Ihr noch«, schloß der Erzähler, »daß dies keine grausamere Behandlung gewesen ist als der wirkliche Tod und daß, wenn die Annäherung des einfachen Todes zuweilen eine solche Entmutigung und Angst bei dem Kühnsten hervorbringt, es nicht eine Höllenqual ist, seine Seele zwanzigmal in der Stunde Gott zu empfehlen? Das heißt, alle drei Minuten einmal, denn in jedem Augenblick glaubte ich, daß dieses barbarische Spiel zu Ende, jeder Schuß der letzte sein würde.« Die beiden Sprecher waren eine kurze Zeit schweigsam: Benito dachte an die Erinnerungen aus seiner Jugend und war in Nachdenken versunken; Baraja belauschte angestrengt sozusagen das Schweigen der Steppe, in der so fürchterliche Dramen aufgeführt wurden. Der Gedanke an eine schreckliche Todesmarter, die fünf bis sechs Stunden – zuweilen länger, niemals jedoch kürzer – dauern konnte; diese 284 Büchsenschüsse, von denen der alte Hirt auch nicht einen ablassen wollte – all dies verdüsterte die Gedanken Barajas. Und doch trieb ihn eine unbesiegbare Neugierde, gegen seinen Willen den Greis noch weiter zu befragen. »Ihr glaubt also«, sagte Baraja, das Wort wieder aufnehmend, »daß vielleicht einer der Unseren den Indianern zur Belustigung gedient hat?«

Cuchillo oder Gayferos, der Mann, den man zu seiner Suche ausgesandt hat; der eine oder der andere oder vielleicht alle beide!« antwortete Benito. »Und Gott gebe, daß sie die Kraft gehabt haben, unser Dasein an dieser Stelle nicht zu verraten!«

»Fürchtet Ihr das?« sagte Baraja.

»Diese Indianer sind teufelsmäßig neugierig, und sie haben Mittel, Euch Eure Geheimnisse zu entreißen, im Vergleich mit denen die der heiligen Inquisition nur Kinderspiele waren. Und obwohl sie dank der Geschicklichkeit Pedro Diaz‘ unsere Spur verloren haben, so kann doch ein unvorsichtiges Wort eines Gefangenen sie nach unserem Lager führen.«

»Was Ihr da sagt, ist fürchterlich!« murmelte Baraja. »Aber belehrend, wiederhole ich Euch. Ihr denkt doch noch an die Nacht mit den Jaguaren?«

»Wollte Gott, ich wäre noch da! Wir hatten es doch höchstens mit zwei Tieren zu tun; und hier mit wie vielen roten Dämonen? Man wagt gar nicht, es zu berechnen.«

»Kaum hundert«, erwiderte der alte Hirt phlegmatisch; »selten sind sie in größerer Zahl auf dem Marsch. Wohlan, um auf die Nacht an der Poza zurückzukommen; der Schrecken unserer Pferde machte Euch selbst Furcht, aber er belehrte Euch wenigstens über die Gefahr. Die Furcht abgerechnet, die ich nicht kenne, spiele ich für Euch die Rolle der Pferde, deren Instinkt …« Der alte Vaquero unterbrach sich, um den Kopf rechts und links zu wenden. »… deren Instinkt sie niemals täuscht«, fuhr er fort. »Ei, seht doch, die Maultiere hören auf, ihren Mais zu fressen, und scheinen zu horchen.«

Baraja erbebte sichtlich.

»Seht dort das edle Schlachtroß von Pedro Diaz, wie es den Hals lang macht, als ob es die Gefahr wittere, wonach sein Herr und es selbst so begierig zu sein scheinen.«

»Nun, was beweist das?«

»Noch nichts; aber wenn diese Tiere, anstatt nur mit dem Fressen aufzuhören – oder wie jenes dort, anstatt die Nüstern zu öffnen und den Hals auszustrecken —, schaudern und dumpf schnauben, so will das sagen, daß die Indianer nicht fern sind. Die Pferde erkennen den Herrn in ihnen an! Denn es läßt sich nicht leugnen: Diese Dämonen allein haben den wilden und majestätischen Anblick der Könige der Schöpfung beibehalten.«

»Caramba!« sagte Baraja. »Wollt Ihr Loblieder auf die Indianer anstimmen, wie Ihr es bei den Jaguaren getan habt?«

»Warum nicht? Ich lasse meinen Feinden da Gerechtigkeit widerfahren, wo es nötig ist. Aber beruhigt Euch; die Maultiere fangen wieder an zu fressen, und Diaz‘ Pferd scheint falschen Lärm gemacht zu haben. Werfen wir einen Blick rings um das Lager!«

Mit diesen Worten erhob sich Benito, von Baraja gefolgt, den seine Erzählungen zugleich erschreckten und bezauberten; er schlüpfte unter die Wagen, um die schweigende Unermeßlichkeit, die sie umgab, zu befragen. Aber nichts ließ die Nähe einer Gefahr ahnen. Einer der auf Wache stehenden Reiter ging vorüber, die Büchse im Arm.

»Habt Ihr nichts gesehen, nichts gehört?« fragte der gewesene Hacendero.

»Ich habe nichts gesehen«, antwortete die Wache. »Nur habe ich das Wiehern eines Pferdes zu hören geglaubt; es kam aus einem jener kleinen Täler, die Ihr dort unten seht; aber ich werde mich ohne Zweifel getäuscht haben. Trotz alledem aber bin ich doch erstaunt, daß weder Cuchillo noch Gayferos zurückkehrt.«

Nach diesen Worten ging der Reiter wieder auf und ab, und die beiden Sprecher setzten sich wieder an den Platz, den sie eingenommen hatten.

»Es ist unklug«, fuhr Benito fort, »daß mitten unter allen Vorsichtsmaßnahmen, die Don Estévan de Arechiza stets beachtet hat, er diese Rauchsäule den ganzen Nachmittag hat unterhalten lassen. An einem heiteren Himmel wie diesem hier ist es ein Zeichen, das weithin sichtbar ist.«

»Ich gebe es zu«, erwiderte Baraja; »aber Ihr wißt, daß unser Führer Cuchillo notwendig ein Zeichen haben mußte, um sich zurechtfinden zu können. Die Menschlichkeit einerseits und unser persönlicher Vorteil andererseits geboten unserem Chef diese Vorkehrung, so gefährlich sie auch sein mag.«

»Die Menschlichkeit – ich sage nicht nein; aber unser persönlicher Vorteil! Was trifft den Reisenden, der des Nachts den Irrlichtern in die Sümpfe folgt? Er fällt in lockeren Schlamm und versinkt. Wohlan, unter uns gesagt, Cuchillo scheint mir seinem Gesicht nach einer jener Führer zu sein, der statt zu Goldminen nur in Sümpfe leitet.«

»Habt Ihr nichts von dem Gerücht gehört, das sich unter den Leuten unserer Expedition gebildet hat?«

»Welches? Daß diese Expedition nicht so aufs Geratewohl hin wie die frühere unternommen ist und daß Don Estévan in diesen Einöden das Dasein eines unermeßlichen Goldlagers kennt?«

»Ohne Zweifel kennt er dessen Dasein, denn ich will darauf wetten, daß dieses Gerücht begründet ist; aber er kennt die Lage nicht, und ich habe gute Gründe, zu glauben, daß Cuchillo in dieser Beziehung viel mehr weiß, als er sagen will, und daß sein Tod für uns ein unersetzlicher Verlust sein würde.«

»Das bezweifle ich«, erwiderte der alte Diener, den Kopf schüttelnd. »Das Gesicht Cuchillos ist eines von denen, in denen ein geübtes Auge sich nicht täuscht. Übrigens wünsche ich sehr, mich zu täuschen.«

»Bah! Ihr seht alles schwarz.«

»Ich muß Euch in der Tat vorkommen wie jene Vögel von böser Vorbedeutung, die nur traurige Kunde geben. Niemand fürchtet die Gefahr weniger als ich; und doch scheint es mir, als ob Gott mir einen geübteren Sinn, sie vorher zu ahnen, verliehen hätte. Ich weiß nicht, welche innere Stimme mir heute abend zuruft, mein Leben zu hüten; und warum, wenn wir es recht betrachten? Wer kann das hindern, was kommen soll? Ach, seht doch, diese Tiere hören abermals auf zu fressen, um zu horchen!«

»Wenn sie nur nicht noch anfangen zu schaudern«, sagte Baraja.

»Was ist dabei zu tun?« erwiderte der alte Hirt. »Was mich betrifft, so werde ich, wenn Ihr nichts dagegen habt, mich auf meinen Mantel legen und schlafen.« Und indem er die Tat den Worten folgen ließ, wickelte sich Benito in seine wollene Decke – ebenso, wie er sich in seinen Fatalismus einhüllte – und streckte sich lang aus, mit dem Kopf an einen Packsattel gelehnt, wie diese am Fuß der Einfriedung aufgehäuft lagen.

Aber Baraja war weit davon entfernt, ein Anhänger derselben Lehre wie der alte Hirt zu sein. Seine Einbildungskraft zeigte ihm tausend schreckliche Erscheinungen, die vor ihm aus der stets so feierlichen Dunkelheit der Steppe auftauchten. Er glaubte jeden Augenblick das Geheul der Indianer hören zu müssen, das die tiefe Stille unterbrach, in der sich Gefahren verbargen, von denen die kleinste das Haar auf dem Kopf sich sträuben ließ. Besonders in der Nacht hat auch der mutigste Mann solch schwache Augenblicke, und der ruinierte Hacendero war, ohne gerade einen für alle Fälle erprobten Mut zu haben, doch weit davon entfernt, ein Feigling zu sein. Er versuchte vergeblich, sich wie sein Gefährte in alles zu ergeben und ebenfalls einzuschlafen; aber er war noch zu sehr Neuling in dieser an Gefahren und Abenteuern reichen Laufbahn, um die philosophische Sorglosigkeit Benitos zu besitzen. Weit davon entfernt, wie dieser zu glauben, daß man einer unvermeidlichen Gefahr gegenüber nichts weiter tun könne, als den Kopf zu beugen, war der gewesene Hacendero vielmehr der Ansicht, das beste Mittel, sie zu vermeiden, sei das, ihr zu entfliehen.

Allein in diesen Einöden, die das Mondlicht wie einen See erstrahlen ließ, wo der Tod überall lauern konnte, wäre es ebenso gefährlich gewesen, aus dem Lager zu fliehen, als ein Schiff in der Gefahr zu verlassen, um sich in die unbekannten Tiefen des Ozeans, die der gierige Hai durchstreift, hineinzustürzen.

Nach einem langen Tagesmarsch schliefen alle Abenteurer lang ausgestreckt auf dem Sand; die Posten allein waren wach und ließen den Kies unter ihren Füßen erknirschen. Dieses von keinem anderen Geräusch unterbrochene Schweigen beruhigte endlich Baraja, als der Abendwind ihm noch den Schall einiger jener fernen Schüsse zutrug, die man während des Tages gehört hatte. Dieser Umstand widersprach den Behauptungen des alten Vaqueros in bezug auf die Marter von Gefangenen.

Baraja stieß den alten Diener mit dem Ellbogen. »Man schießt noch dort unten!« sagte er.

Der Vaquero lauschte. »Das ist richtig. Wenn dies jedoch kein Zeichen ist, daß Cuchillo oder Gayferos zum Zielpunkt indianischer Büchsen dienen, so freue ich mich darüber und wünsche Euch eine gute Nacht. Schlaft ebenfalls, Freund Baraja; in den Steppen ist die Zeit zum Schlafen sehr kostbar, obgleich man jede Minute in die Lage kommen kann, auf ewig einzuschlafen.« Nach diesem erschreckenden Ausspruch hatte der alte Vaquero seinen wollenen Mantel wieder über seine Augen gebreitet, um sie vor den lästigen Strahlen des Mondes zu schützen, als das dumpfe Schnauben der Lasttiere ihn abermals den Kopf heben ließ. »Ach«, sagte er, » die roten Teufel schweifen nicht weit von hier umher!«

Ein Wiehern, das aus der Tiefe der Ebene herüberscholl, ließ sich, begleitet von einem Alarmruf, aus der Ferne vernehmen; zu gleicher Zeit, als ein Reiter mit verhängten Zügeln herbeisprengte. Und wie als letztes Anzeichen der Gefahr ließ der Instinkt die Tiere schweigen; ihrem dumpfen Schnauben folgte ein Schaudern vor Schrecken, das ihnen der Abendwind aus westlicher Richtung zuzutragen schien.

»Das ist Cuchillo!« schrie der Vaquero beim Anblick des Reiters, der im Galopp herbeikam. Dann fügte er ganz leise hinzu, so daß nur Baraja ihn hörte: »Möge der Reisende sich in acht nehmen, wenn der Irrwisch in der Ebene tanzt!«

29. Die Bekehrung eines Republikaners

An diesem Abend wachte Don Estévan wie gewöhnlich in seinem Zelt, während seine Leute der Ruhe pflegten. Beim Schein eines düster brennenden Talglichts schien der Spanier unter seinem staubbesudelten Anzug, trotz des bescheidenen Aussehens seiner Wohnung aus Leinwand, doch nichts von seiner würdigen Haltung und seiner ausgezeichneten Persönlichkeit verloren zu haben. Seine Gesichtsfarbe, die sonnverbrannter war als in dem Augenblick, wo wir ihn zum erstenmal gesehen haben, gab seinen Zügen einen noch energischeren Charakter.

Er schien noch ebenso nachdenklich als zur Zeit, wo er vom Pferd gestiegen und in das für ihn errichtete Zelt getreten war; aber sein Nachdenken hatte nicht mehr denselben sorgenvollen Ausdruck. Am Vorabend des Tages, wo nach tausend Gefahren seine weiten Pläne sich zu verwirklichen begannen, hatte Don Antonio de Mediana endlich wenigstens für den Augenblick die Niedergeschlagenheit von sich abgeschüttelt, die durch die früheren Ereignisse bis heute auf ihm gelastet hatte. Seine Seele war wieder hart geworden in der Hoffnung eines nunmehr unzweifelhaften Erfolgs.

Er hatte die Leinwand aufgehoben, die den Türvorhang seines Zelts bildete, um einen raschen Blick auf die Männer, die unter seinem Schutz ruhten, und auf den nebligen Horizont zu werfen, der die »Nebelberge« bedeckte; er schien seine Mittel zum Handeln mit dem Zweck vergleichen zu wollen, den er verfolgte.

Der Anblick dieser sechzig Männer jedoch, die seiner Autorität gehorchten, brachte ihn auf eine andere Gedankenreihe. »Geradeso«, sagte der Spanier zu sich, »war es vor zwanzig Jahren; ich befehligte eine fast gleiche Anzahl von ebenso entschlossenen Seeleuten, als diese Abenteurer sind, die hier lagern. Ich war zu jener Zeit nur ein unbekannter jüngerer Sohn einer Familie, und sie waren es, die mir geholfen haben, meine Erbschaft wiederzuerobern … ja, es war gewiß die meinige. Aber damals stand ich in der Blüte des Alters; ich hatte ein Ziel vor mir zu verfolgen, ich habe es erreicht … ich bin selbst darüber hinausgegangen; und doch finde ich mich heute, da ich nichts mehr zu wünschen habe, in reifem Alter wieder, daß ich die Steppen durchstreife, gerade wie ich die Meere durchfurchte und mein Banner auf ihnen entfaltete! Warum …?«

Die innere Stimme Medianas rief ihm zu, daß es geschah, um einen Tag seines Lebens zu vergessen; aber in diesem Augenblick wollte Don Antonio sie nicht hören.

Der Mond schien auf die im Lager pyramidenförmig geordneten Büchsen; er beleuchtete sechzig an Kampf und Gefahr gewöhnte Männer, die, nüchtern und unermüdlich, über Durst und Sonnenbrand lachten. In der Ferne spielte ein glänzender Duft wie bleiches Gold im Nebel der Berge, neben denen sich das Val d‘Or ausbreitete.

»Warum?« wiederholte Don Antonio. Und er antwortete selbst auf seine eigene Frage: »Weil mir noch ein unermeßlicher Schatz und ein großes Königreich zu erobern bleiben.«

Die Augen Medianas funkelten vor Stolz; doch bald erlosch dieser Blitz, und er heftete einen melancholischen Blick auf den Horizont.

»Indessen«, fuhr er fort, »was werde ich von diesem Schatz für mich behalten? Nichts. Diese Krone – ich werde sie auf das Haupt eines anderen setzen. Und ich werde nicht einmal zum Lohn einen Sohn haben, einen Nachkommen, der den Namen Mediana trägt und sich eines Tages vor meinem Bildnis beugt, während er bei dessen Anblick die Worte spricht: ›Dieser hier konnte weder durch einen Schatz noch durch einen Thron in Versuchung geführt werden …‹ Man wird es nur, solange ich lebe, sagen … Doch alles in allem ist auch das ein schönes Los.«

Pedro Diaz, der, wie man gesehen hat, zu Don Estévan beschieden war, hob den Zeltvorhang in dem Augenblick auf, als dieser ihn fallen ließ. Der Chef hatte seine feste, entschiedene Haltung wieder angenommen.

»Ihr habt mich herbeschieden, Don Estévan, und da bin ich«, sagte der Abenteurer, indem er seinen betreßten Filzhut abnahm.

»Ich habe mit Euch über wichtige Dinge zu reden, die ich Euch gestern nicht sagen konnte und Euch heute sagen muß«, erwiderte Arechiza; »denn ich habe auch einige Fragen an Euch zu richten, und obwohl es jetzt die Stunde der Ruhe ist, so können wir sie doch noch lange Zeit aussetzen. Wenn ich mich nicht täusche, Diaz, so gehört Ihr zu jenem Schlag von Männern, die nur ausruhen, wenn sie nichts Besseres zu tun haben. Die Ehrgeizigen sind einmal so«, fügte Don Estévan lächelnd hinzu.

»Ich bin nicht ehrgeizig, Señor de Arechiza«, erwiderte ruhig der Abenteurer.

»Ihr seid es, ohne es zu wissen, Diaz, und ich werde es Euch sogleich beweisen. Doch zuvor sagt mir, was denkt Ihr von diesem fernen Gewehrfeuer?«

»Die Menschen treffen einander auf dem Meer, dessen Oberfläche ohne Vergleich viel umfangreicher ist als die unserer Steppen; es ist darum nicht sonderbar, daß sie einander hier begegnen. Reisende und Indianer haben sich plötzlich einander gegenüber gefunden und schlagen sich.«

»Das war auch mein Gedanke«, sagte der Chef. »Noch eine andere Frage …, dann werden wir auf den Gegenstand der Unterhaltung zurückkommen, der mir am Herzen liegt. Ist Cuchillo wieder eingetroffen?« fragte der Spanier.

»Nein, Señor, und alles läßt mich befürchten, daß wir den Führer, der uns bis heute geführt hat, verloren haben.«

»Und welcher Ursache schreibt Ihr dieses sonderbare Ausbleiben zu?« erwiderte Don Estévan mit einer besorgteren Miene, als er vielleicht selbst zu zeigen dachte.

»Es ist wahrscheinlich, daß er die Spur der Apachen zu weit verfolgt hat und durch einige dieser Räuber erwischt worden ist. In diesem Fall möchte seine Abwesenheit wohl ewig dauern, trotz der Feuer, die wir seit zwei Tagen anzünden, damit die Rauchsäule, die sich erhebt, ihm unseren Lagerplatz anzeige.«

»Sind das Eure geheimsten Gedanken, obgleich – um die Wahrheit zu sagen – Cuchillo zu den Leuten gehört, die man selten mit Unrecht einer Treulosigkeit anklagt? Aber noch ahne ich nicht, zu welchem Zweck er uns verraten haben könnte.« Don Estévan hob eine Seite seines Zelts empor und zeigte Pedro Diaz mit dem Finger den Nebelschleier, der den Gipfel der Berge am Horizont umhüllte. »Die Nähe dieser Berge«, sagte er mit nachdenklichem Ton, »könnte uns vielleicht die Abwesenheit Cuchillos erklären.« Dann sagte er mit plötzlich verändertem Ausdruck: »Und ist der Geist unserer Leute immer noch derselbe?«

»Immer noch, Señor«, erwiderte Diaz. »Mehr als jemals vertrauen sie ihrem Chef, der für sie wacht, wenn sie schlafen, und der nichtsdestoweniger wie der Letzte unter ihnen kämpft.«

»Ich habe mich ein wenig auf allen Punkten der Erdkugel geschlagen«, sagte Arechiza, der für ein Lob empfänglich war, dessen Aufrichtigkeit ihm nicht verdächtig schien, »und habe selten entschlossenere Männer als diese hier kommandiert. Wollte Gott, es wären fünfhundert, statt sechzig, dann wären nach der Rückkehr von der Expedition meine Pläne leicht zu verwirklichen.«

»Ich weiß nicht, welches die Pläne sind, von denen Eure Herrlichkeit zum erstenmal zu mir spricht«, erwiderte Diaz mit zurückhaltendem Ton; »aber vielleicht hält mich Señor Arechiza nur darum für ehrgeizig, weil er mir die Ehre erweist, mich nach sich selbst zu beurteilen.«

»Das ist möglich, Freund Diaz«, antwortete der Herzog von Armada lächelnd. »Das erstemal, als ich Euch sah, habe ich geglaubt, daß ein Herz von Eurem Schlag mit dem meinigen übereinstimmen müsse. Wir sind gemacht, um uns zu verstehen, und ich bin überzeugt, daß es der Fall sein wird.«

Der Mexikaner besaß ganz den lebhaften Verstand seiner Landsleute. Er hatte sich ein Urteil über Arechiza gebildet, aber er wartete, daß dieser zuerst den Anfang mache; er verbeugte sich höflich und schwieg.

Der Spanier schob zum zweitenmal den Vorhang seines Zelts beiseite und zeigte mit dem Finger auf den Horizont. »Noch einen Tagesmarsch«, sagte er, »und morgen werden wir am Fuß dieser Berge dort hinten lagern.«

»Gewiß«, sagte Diaz, »wir sind kaum sechs Meilen davon entfernt.«

»Das ist es nicht, was ich damit sagen wollte«, fügte Don Estévan hinzu; »aber jene Nebeldecke, die ihren Gipfel umkränzt, während an ihrem Fuß der Mond die Ebene mit bleichem Licht erleuchtet – wißt Ihr, was sie verbirgt?«

»Nein«, sagte der Mexikaner.

Der Herzog von Armada warf einen Blick auf Diaz, der bis auf den Grund seiner Seele dringen zu wollen schien. In dem Augenblick, wo er im Begriff stand, dem Abenteurer das Geheimnis zu enthüllen, das er bisher sorgfältig verborgen gehalten hatte, wollte der spanische Señor sich versichern, ob derjenige, den er zu seinem Vertrauten machte, dieses Zeichen von Vertrauen auch wohl wert sei. Das redliche Gesicht Diaz‘, auf dem man keine der gierigen Leidenschaften lesen konnte, die bei seinen Gefährten die Triebfeder des Handelns waren, beruhigte ihn.

Der Spanier fuhr sogleich fort: »Wohlan! Nach diesen Bergen marschieren wir von Tubac an. Ich werde Euch sagen, warum ich die Expedition nach diesem Ziel geführt habe, wie der Steuermann das Schiff nach einem Punkt im Ozean steuert, den nur er allein kennt. Heute abend sollt Ihr in meinen Gedanken lesen wie ich selbst. Wir sind gemacht, uns zu verstehen, sagte ich Euch. Jene Nebeldecke, die die Sonne morgens bei ihrem Aufgang nicht zerstreuen wird, verhüllt Schätze, die Gott vielleicht seit dem Anfang der Welt dort aufgehäuft hat. Seit Jahrhunderten führt das Regenwasser sie in die Ebene hinab; die Weißen haben sie niemals anders als nur halb gesehen, und die Indianer haben sie nicht angerührt. Morgen werden diese Schätze unser sein. Das ist der Zweck, den ich verfolge. Nun, Diaz, Ihr fallt nicht aufs Knie, um dem Himmel zu danken, daß Ihr zu denen gehört, die berufen sind, sie einzusammeln?«

»Nein«, sagte der Abenteurer einfach; »die Habgier hätte mich nicht dahin gebracht, den Gefahren Trotz zu bieten, die die Rachsucht mich hat suchen lassen. Ich hätte durch die Arbeit meiner Hände das erlangt, was so viele andere auf leichteren, aber weniger sicheren Wegen zu erreichen suchen. Die Indianer haben meine Felder verwüstet, meine Herden geraubt, meinen Vater und meine Brüder ermordet; ich allein nur habe ihrer Wut entrinnen können. Seit dieser Zeit habe ich die Staatsordnung verflucht, die unsere reichen Provinzen nicht zu schützen versteht. Ich habe den Indianern einen erbitterten Krieg erklärt; ich habe die dreifache Anzahl ihrer Schlachtopfer getötet; ich habe die Söhne dieser Hunde zu Dutzenden verkauft – immer ist es noch die Hoffnung auf Rache, die mich hierher geführt hat; nicht der Ehrgeiz, nicht die Habgier. Aber ich liebe mein Vaterland, und ich möchte von diesen Schätzen nur darum besitzen, um noch den letzten Versuch zu machen, an diesem fernen Kongreß Wiedervergeltung zu üben, der uns tyrannisiert und es nicht versteht, uns zu schützen!«

»Gut, Freund Diaz, gut!« sagte der Spanier, indem er dem Abenteurer die Hand reichte.

Dieser fuhr heftig fort: »Stark durch die Hilfe, die das Gold mir gewährt, würde ich es dahin bringen, daß diese sechzig Männer, die da unter Euren Augen schlafen, meine Beschwerden mit mir teilten. Bei unserer Rückkehr müßte das der Gießbach werden, der in seinem Lauf immer mehr anschwillt, und wir würden das Joch einer Hauptstadt abschütteln, die nichts versteht, als nur in jedem Augenblick Personen und Prinzipien zu wechseln.«

Don Estévan hatte schon in früheren Unterhaltungen mit Diaz einen dumpfen Haß gegen das Föderalsystem durchschimmern gesehen; aber noch niemals bis jetzt hatte sich sein Groll so klar erkennen lassen. Er wollte wissen, ob er sich nur auf persönliche Beweggründe stützte, ähnlich denjenigen, die er eben auseinandergesetzt hatte. »Der Kongreß ist sehr weit von Euch«, sagte er mit verstellter Gutmütigkeit; »der Regierung von Mexiko fehlt es an den notwendigen Truppen und Geldmitteln, um so entfernte Provinzen, als die euren sind, zu beschützen. Das ist ohne Zweifel der schwerste Vorwurf, den Ihr dieser macht?«

»Der einzige Vorwurf? Wollte Gott, es wäre so! Es gibt aber noch andere. Die Unabhängigkeit ist für uns nur ein leeres, inhaltsloses Wort, und wir haben nur die Lasten von diesem fernen Mittelpunkt. Kaum überläßt man uns noch die Wahl unserer Alkalden. Unsere Zölle, unsere Finanzen, unsere Soldaten sind ein Weideplatz für ehrgeizige Wühler geworden, die heute in der Hauptstadt ein Prinzip an die Spitze stellen, das andere siegreiche Ruhestörer morgen mit Füßen treten. So werden diejenigen, die tags vorher auf den Schild erhoben wurden, am folgenden Tag schon geächtet! Menschen und Prinzipien – alles ist abgenutzt. Die so oft gewechselten Fahnen vereinen niemand mehr unter sich; wir wollen weder von den einen noch von den anderen etwas wissen. Unsere Frauen sind schöner, unsere Felder fruchtbarer, unsere Minen ebenso reich und unsere Männer tapferer als die ihrigen; was haben wir also von den Staaten des Zentrums zu erwarten?«

Arechiza betrachtete mit stolzer Freude den Abenteurer, dessen Enthusiasmus so gut seine ehrgeizigen Absichten unterstützte. »Fügt hinzu«, unterbrach er ihn, »daß Gesetze, von einem Kongreß ausgehend, den man zu lenken wüßte, die Fremden in euer Land rufen würden, anstatt sie zurückzuhalten, wie man es bis jetzt getan hat. Die europäischen Schiffe würden sich in eure Häfen drängen, eine edle Bevölkerung würde nach eurem fruchtbaren Boden hinströmen, und aus einem Staat zweiten Ranges, aus einem zerstückelten Bundesstaat würde bald ein reiches und mächtiges Land erstehen!«

Arechiza schwieg und forschte mit aufmerksamem Blick nach der Wirkung, die seine Worte auf den hochherzigen Sinn des Abenteurers hervorbrachten. Deren Eindruck wäre auch jedem anderen weniger scharfsichtigen Auge, als das des Spaniers war, sichtbar gewesen. Die Aussicht, zur Erhebung seines Landes beizutragen, verband sich mit der Hoffnung, das Joch eines Bundes abzuschütteln, der ihm hassenswert erschien, und verlieh dem Gesicht Diaz‘ einen Ausdruck von Enthusiasmus, den der Herzog zu benützen beschloß.

»Und durch welchen Zufall«, fragte der erstaunte Mexikaner, »befinden sich Eure Gedanken hierin auf gleichem Weg mit den meinigen?«

»Ich habe oft über die glänzende Zukunft nachgedacht, die sich der Staat Sonora durch seine Trennung von den Zentrumsstaaten bereiten könnte«, antwortete Arechiza gleichgültig.

»Und Ihr glaubt also wie ich, daß die Lage Sonoras, seine Fruchtbarkeit, seine Reichtümer ihm eine glänzende Zukunft sichern?«

»Aber«, fuhr der Spanier fort, »um aus Sonora einen an Kraft und Macht den europäischen Nationen gleichen Staat zu machen, muß er die Anfänge seines Glücks an derselben Quelle schöpfen. Ist er erst einmal seiner freien Tatkraft wiedergegeben, so wird ihm nur noch eine einzige Bedingung fehlen, um Großes zu vollbringen: ein Mann, dessen verständige und feste Hand die nach allen Seiten hin zerstreuten Keime der Kraft sammeln kann. Unter solchen Bedingungen würde ich, den Ihr nur unter dem Namen Arechiza kennt, die Schätze zu Eurer Verfügung stellen, Señor Diaz!«

»Einen Chef, meint Ihr, Don Estévan?«

»Mehr als einen Chef – einen König!«

Bei diesem Wort fuhr der Abenteurer zusammen wie ein wildes Pferd, das den Sporn zum erstenmal fühlt.

»Einen König!« fuhr der Spanier fort, als ob er auf einmal ein republikanisches Ohr an diesen fremdartig klingenden Namen gewöhnen wollte. »Europa verdankt es nur seinen Königen, den ganzen Erdkreis zuerst unterworfen und dann aufgeklärt zu haben.«

»Einen König?« wiederholte langsam der Abenteurer. »Aber ein König ist die Geißel eines Volkes!«

»Irrtum!« sagte der Spanier feierlich. »Als gegen das Ende des letzten Jahrhunderts der Geist des Schwindels durch das alte Europa, dessen Verfall schon begonnen hat, gegangen war, verleugneten einige Völker, die es bewohnen, ähnlich dem Wahnsinnigen, der in seinen Eingeweiden mit eigenen Händen wühlt, ihre Vergangenheit und sprachen wie Ihr: ›Die Könige sind die Geißeln der Völker.‹ Sie erkannten ihre Geschichte nicht mehr an und verzichteten auf die glorreichen Erinnerungen, die auf ihren Seiten verzeichnet stehen. Unfähig nun, irgend etwas aufzubauen, wollten sie alles niederreißen. Also sprachen sie zu den Söhnen derer, die durch ihren Namen an Tugend, Mut und Ruhm erinnerten: ›Ihr sollt die eitlen Titel, die euch eure Väter hinterlassen haben, nicht mehr tragen; die Ehren, von denen ihr umgeben wart; die Vorrechte, die ihr genossen habt, verschwinden künftig vor dem großen Prinzip, das alle Menschen gleich macht.‹ Du Armer sollst sie nicht mehr führen, diese Titel, ohne doch deiner Familie eine andere Erbschaft hinterlassen zu können; diese Auszeichnung verdunkelt diejenigen, deren Väter sich ausruhten im Schatten ihres Kramladens oder unter den Buchen auf ihrem Feld, während der Vater des Mannes, den sie beraubten, auf den Schlachtfeldern sein Blut vergoß, um den Kramladen oder die Furche der Väter der Räuber zu schützen. Wie, Diaz? Wenn Ihr Euer Vaterland wieder neu erstehen laßt; wenn Ihr es einer Knechtschaft, unter der es seufzt, entreißt, soll da Euer Sohn kaum das Recht haben, Euren Namen zu tragen?« Diaz hörte dem Spanier aufmerksam zu, der fortfuhr: »Wißt Ihr, was ein König ist? Er ist der Felsendamm, die steile Küste, die Gott dem Ozean als Grenze setzt. Wie die Fluten des Ozeans am Gestade, so bricht sich der umwälzende Ehrgeiz, dem die Völker stets als Opfer fallen, am König. Diese Völkerflut, die unaufhörlich in der Hauptstadt Eurer Republik grollt und die in ihrem Lauf weder Damm noch Gestade trifft, wodurch sie aufgehalten werden könnte, überströmt rauschend Euer Land bis zur Grenze und hat die Verwüstung und den Umsturz in ihrem Gefolge. Wißt Ihr, was ein König ist? Das ist ferner die mächtige Hand, die die Elemente der Kraft einer großen Nation zusammenhält und vereinigt, die die Gerechtigkeit und den Schutz für die entferntesten Provinzen wie für diejenigen, die der Hauptstadt am nächsten liegen, im Schatten ihrer Autorität zur Geltung bringt; es ist der Vater, der den Unterschied zwischen den einzelnen Provinzen vertilgt; der aus Kindern derselben Religion und desselben Vaterlandes einige Brüder macht, deren Kraft eben in der Einigkeit liegt. Ein König ist die große Pulsader, die das Blut in dem sozialen Körper kreisen läßt; er ist Einheit, Kraft, Glück!«

»Und wer seid Ihr denn, der Ihr in Amerika als Vorkämpfer für die Könige auftretet, die Europa nicht mehr haben will?«

»Ein Mann, der die Könige sehr nahe gesehen hat«, antwortete der Herzog von Armada; »ein Mann, der selbst es verschmähen würde, die Krone auf sein Haupt zu setzen, der aber Europa dem demokratischen Geist, der es tötet, überläßt, weil in den Beschlüssen Gottes jedes Ding seine Zeit haben muß und weil nunmehr die Reihe an Amerika ist, die Alte Welt zu beherrschen, wenn es für sich selbst das Prinzip aufnimmt, das Europa zurückzustoßen scheint.«

»Das demokratische Prinzip tötet, sagt Ihr?« rief Diaz. »Wahrlich, Ihr sprecht da sonderbare Dinge zu mir. Europa ist alt, ich gebe es zu; aber ist es nicht unter seinen Königen alt geworden? Wenn die Stunde der Auflösung eines Tages für Europa schlägt, wird es nicht in der Demokratie wieder fest werden und sich mit Hilfe dieses großen Prinzips, das alles um uns her belebt, wieder verjüngen können? Wenn diese Demokratie, wie Ihr es glaubt, ein Gift ist für eine altersschwache Nation, werdet Ihr denn leugnen, daß sie ein Lebenselement für ein junges, erst seit kurzem frei gewordenes Volk ist, in dessen Adern ein reiches und edles Blut strömt? Seht das nördliche Amerika – es blüht im Schatten dieses zeugungskräftigen Prinzips!«

»Das ist wahr«, erwiderte der Spanier, »aber eure Sitten selbst sind dem Königtum angepaßt. Mögen immerhin eure Nachbarn im Norden unter einer Regierungsform groß werden, die in sich den Keim der Vernichtung trägt und die sie später töten wird – ihr habt nicht denselben Geist wie sie; ihr habt nur ein vorzeitiges Greisenalter als Ziel vor euch, wenn ihr ihren Wegen folgen wollt. Die Zertrümmerung ereilt euch, weil ihr nicht einig seid; ihr seid alt in Mexiko, ohne jung gewesen zu sein; und wir müssen Sonora verjüngen! Das ist euer Vaterland! Was geht euch das andere an? Geben wir den Bundesstaaten ein Beispiel, dem sie früher oder später folgen werden! Ja«, fuhr Don Estévan fort, indem er den Republikaner bei der Liebe zu seinem Vaterland faßte, »die anderen Provinzen werden sich unserem königlichen Banner anschließen; sie werden ihren lächerlichen krallenlosen Adler vor dem Löwen senken, den wir aufpflanzen werden, und aus einem Staat zweiten Ranges wird Sonora der Hauptteil eines Königreichs werden, das mit jedem Tag an Größe zunimmt!«

Der Mexikaner schüttelte den Kopf mit zweifelnder Miene. »Nein«, sagte er, »unser ganzes Land hat die Vergleiche zwischen dem republikanischen und dem monarchischen System anstellen können. Dreihundert Jahre der Knechtschaft erinnern nur zu sehr an die Fehler des letzteren; die Republik allein hat ihm die Unabhängigkeit gegeben. Eine Trennung vom Mutterstaat ist aber leicht für uns; die Gründung eines Königreichs ist unmöglich. Ein König in Eurem Sinn ist der Verwahrer der Kräfte einer Nation; aber der Mann, der in seinen Händen all die zerstreuten Elemente der Macht einer Nation vereinigt, ist immer nur zu sehr geneigt, sie seines Vorteils halber unwirksam zu machen. Darum wollen auch die Völker in dem Maße, als sie zur Reife gelangen, keine Könige mehr. Ihr sagt, wir hätten keine Jugend gehabt, und gerade darum hätten wir sie vertrieben. Ein Volk ist reif am ersten Tag einer Republik; im Interesse der Könige allein liegt es, die Kindheit der Nationen zu verlängern.«

»Aber wir zählen Monarchien, die zwölf Jahrhunderte bestanden haben, und Ihr habt keine Republik, die heute auch nur ein einziges Jahrhundert alt wäre. Glaubt Ihr noch nicht, daß eine Staatsform, die zwölf Jahrhunderte überdauern kann, allein die Keime für die Lebensfähigkeit und die Macht der Nation enthält?«

»Der eifersüchtige Geist der Könige hat immer die Republiken erstickt«, erwiderte der Mexikaner. »Das Problem der Monarchie hat nur allein gelöst werden können; die Erfahrung wird es für immer der Verurteilung preisgeben; das Problem der Republiken ist aber noch zu lösen. Und was steht nicht zu erwarten von der Vervollkommnung einer Staatsform, von der die älteste noch kein Jahrhundert zählt, deren Erfolge aber den Stempel der Größe in solchem Maße an sich tragen?«

In einem Streit über Prinzipien, über die der Spanier lange Zeit reiflich nachgedacht hatte, mußte dieser dem Mexikaner weit überlegen sein, der plötzlich auf ein Terrain geführt war, das er vorher nicht hatte sondieren können. Der Herzog von Armada machte übrigens die Umwandlung des neuen Staates in eine Monarchie zur Bedingung, wenn er diesen Staat mit seinen Reichtümern, seiner Erfahrung und mit den Hilfsmitteln, die er von Europa erwartete, unterstützen sollte. Diaz wünschte vor allem die Selbständigkeit seines Vaterlands; er hörte darum auf, Einwürfe zu machen.

Nun nahm der Spanier die Übelstände einen nach dem anderen wieder auf, über die der Abenteurer sich mit so großer Bitterkeit beklagt hatte. Er wußte seinen Zuhörer so sehr für den Erfolg der Sache, die er als die Sache seines Landes hinstellte, zu interessieren; er enthüllte ihm so geschickt seine Sendung, seinen Namen, seine Titel; er entwickelte die Überlegenheit des monarchischen Prinzips im Vergleich zu Mexiko mit einer solchen Kraft und Autorität der Rede, daß er die mißtrauischen Zweifel des Republikaners einen nach dem anderen erstickte oder doch zu ersticken schien. Er ließ ebenso, wie er es mit dem Senator gemacht hatte – aber mit mehr Behutsamkeit, da er einen edleren Charakter gewinnen mußte – unter die allgemeinen Gesichtspunkte auch Schlaglichter persönlichen Ehrgeizes fallen, und noch war keine halbe Stunde vergangen, als er auch schon in Diaz` Seele, wenn nicht eine vollständige Überzeugung, doch wenigstens eine gänzliche Zustimmung bewirkt hatte.

Indem er nun von den Prinzipien auf die Personen überging, nannte er den König Don Carlos als denjenigen, dessen Vorläufer der Abenteurer und seine Freunde sein sollten.

»Also ein König – der König Karl I.; gut!« sagte Diaz. »Aber wir werden viele Schwierigkeiten zu überwinden haben.«

»Weniger als Ihr denkt«, antwortete der Spanier. »Jedenfalls wird Gold diese Schwierigkeiten heben, Freund Diaz. Morgen werden wir es mit vollen Händen sammeln; wir bauen dem neuen Königtum eine goldene Brücke, kaufen und bezahlen freigebig die Gründer, die Stützen eines Throns, der nur noch auf einen König zu warten braucht.«

So legte der kühne Parteigänger, wie er es seinem Herrn versprochen hatte, selbst in der Mitte der Steppe den Grund zu einer künftigen Dynastie. Was der aristokratische Einfluß des Senators im Kongreß von Arizpe bewirken konnte und sollte, denselben Eindruck mußte der Einfluß eines zwar untergeordneten, aber durch seine kühnen Taten berühmten Mannes auf Standesgenossen ausüben. Mit dem Gipfelpunkt und der Grundlage hatte der Spanier alles gewonnen. Der hochstehende Señor war von nun an sicher, sein Ziel zu erreichen, und setzte stolz seinen Fuß auf die Hindernisse, die noch dazwischen lagen.

Diaz hatte sich aus dem Zelt Don Estévans, der ihn begleitete, entfernt und wollte den Ort im Lager wieder aufsuchen, wo er schlafen mußte, um sich von einem langen Marsch auszuruhen und sich auf die Anstrengungen des folgenden Tages vorzubereiten. In demselben Augenblick, als Benito und Baraja sich auf den Boden gestreckt hatten, um ebenfalls zu schlafen, überschauten der Spanier und der Mexikaner von der Höhe des Hügels, auf dem sie sich befanden, die ganze, weite Ebene. Die »Nebelberge« erhoben sich in der Ferne, von ihrem geheimnisvollen Schleier ewigen Nebels umhüllt. In diesen dichten Dunstkreis, der soviel Gold in sich barg, schien der Mond lange Silberstrahlen zu werfen.

So nahe dem Ziel seiner Expedition, so nahe den Nebelbergen, daß er sozusagen die Hand von seinem Zelt aus nach ihnen ausstrecken und sie berühren konnte, warf Don Antonio von Mediana einen Blick ruhigen Stolzes auf den Horizont. Alle Schwierigkeiten waren überwunden. Die unablässige Wachsamkeit der Indianer war dank desselben Diaz, des energischen Werkzeugs des Herzogs von Armada, der sich seinem Willen gebeugt hatte, getäuscht worden. Ein unermeßlicher Schatz in jungfräulicher Reinheit, noch unberührt seit dem Anfang der Welt, wartete nur auf die Hände, die ihn begierig aufwühlen sollten.

»Seht«, sagte der Spanier zu Pedro Diaz, »aus jenem Nebel dort unten werden die Anfänge eines neuen Königreichs entstehen, und unser Name gehört nun der Geschichte an. Jetzt habe ich nur noch eine Furcht: nämlich die vor irgendeinem Verrat Cuchillos; und Ihr werdet sie mit mir teilen, wenn Ihr wißt, daß er es ist, der mir das Geheimnis, das jene Berge verhüllen, verkauft hat.«

Diaz blickte mit nachdenklicher Miene auf die unermeßliche Ebene, die sich vor ihren Füßen ausdehnte. Er

121 schien einen noch unerkennbaren Punkt in der Ferne zu betrachten. »Ach«, machte er, »ich sehe einen Reiter, der im Galopp herbeikommt; es ist Gayferos oder Cuchillo.«

»Wollte Gott, es wäre der letztere«, sagte Arechiza, indem er mit dem Auge dem sich nähernden Reiter folgte. »Er ist ein Schelm, den ich lieber im Bereich meiner Hand als fern aus meinen Augen habe.«

»Ich glaube seinen Schimmel zu erkennen«, antwortete der Mexikaner.

Nach Verlauf einer Minute erkannten sie wirklich beim Mondschein in dem Reiter, der mit verhängten Zügeln heransprengte, Cuchillo.

»Zu den Waffen! Zu den Waffen!« schrie Cuchillo. »Die Indianer sind da!« Und noch während er dieses Alarmzeichen gab, stürzte er mit seinem Pferd durch die Öffnung, die von den Schildwachen eben in die Verschanzung gemacht worden war.

»Cuchillo – die Indianer! Zwei Namen von böser Vorbedeutung«, sagte der Herzog von Armada.

Ograniczenie wiekowe:
12+
Data wydania na Litres:
30 sierpnia 2016
Objętość:
1180 str. 1 ilustracja
Właściciel praw:
Public Domain

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