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Funny van Dannen
Die weitreichenden Folgen des Fleischkonsums
FUEGO
- Über dieses Buch -
Der Songschreiber, Musiker und Maler führt uns in einen ganz eigenen, wunderlichen Kosmos, der von müden Steinen, die gerne einmal einschlafen würden, von Uhren, die nicht immer nur an die Zeit denken wollen, von sprechenden Insekten, melancholischen Tieren und anderen höchst merkwürdigen Wesen bevölkert wird, die sich gegenseitig ihr Leid klagen oder sich bei den Menschen über die Zustände beschweren, denen sie ausgesetzt sind, wie ein Kerzendocht, der von Doreen darüber aufgeklärt werden muss, dass er kein Neger ist, wie die Glühbirne behauptet hat, sondern einfach nur schwarz. Dabei sind die Menschen keineswegs die vernunftbegabten Wesen, sondern mindestens genauso verschroben und verrückt wie alle anderen Figuren auch, was Funny van Dannen in wunderbar schrägen Dialogen zwischen der Lehrerin und ihren Schülern beschreibt, die, wenn sie richtig viel Geld hätten, es in die Mukoviszidose-Forschung stecken, aber auch Killer anheuern würden, um Trump zu liqudieren. Und plötzlich stellt man fest, die phantastische Welt ist nur ein Teil der normalen, wie alle sie kennen.
»Wie immer bei Funny – sind die Geschichten bei weitem nicht nur lustig oder gar ‘witzig’, nein, es wohnt ihnen eine tiefe Sehnsucht nach Erkennen, nach weltumspannender Liebe und sogar etwas Sentimentalität inne.« (Karsten Zimalla, Westzeit)
Die Unzufriedene
Ich will gar kein Mensch mehr sein, sagt Emily zu ihrer Tante Rosa. Wenn ich sehe, was Menschen Menschen und sogar sich selbst antun und den Tieren und den Pflanzen und den Dingen, möchte ich lieber etwas anderes sein, vielleicht ein Pferd.
Da muss die Tante lachen. Und dann bist du ein Pferd und sie dressieren dich. Sie setzen sich einen Zylinder auf und du musst im Viereck parieren. Da wirst du aber fluchen!
Hast du schon mal ein fluchendes Pferd gesehen, Tante?, fragt Emily. Da lacht die Tante schon wieder. Du lachst zu oft, Tante!, sagt Emily. Ich finde das Leben nicht so lustig, als dass man ständig lachen müsste. Komm du mal in mein Alter!, ruft die Tante. Dann lachst du vielleicht nur noch.
Emily sieht sie fragend an. Ach, Kind!, sagt Rosa, wenn ich nur über lustige Sachen lachen würde, hätte ich es längst verlernt. Aber Sachen lustig finden, die es gar nicht sind, geht auch nicht, sagt die Nichte. Wirklichkeit ist Wirklichkeit. Wenn 200 Wale stranden und 189 sterben, ist das zum Lachen?
Nein!, ruft Rosa. Das würde ich nie tun. Aber wenn gefährliche, lächerliche Männer an die Macht kommen und man kann nichts dagegen tun, ist lachen besser als verzweifeln. Ich meine, jetzt, als erste Reaktion.
Mag sein, sagt Emily. Aber mir wäre es lieber, dem Ernst der Lage mit Ernst zu begegnen. Und am schönsten wäre es selbstverständlich, jemand würde diese Typen sofort abknallen. Was?!, ruft die Tante entsetzt. Aber Emily!? Wie kannst du denn den Tod eines Menschen schön finden? Alleine schon diese Ausdrucksweise! Mir bleibt die Spucke weg!
Krieg dich ein, Tante, sagt Emily. Es gibt 7 Mrd. Menschen auf der Erde, darunter viele gute Leute. Wer braucht diese aggressiven Idioten? Wer würde sie vermissen?
Die Tante lächelt. Kind! Diese Idioten werden von vielen anderen, fast hätte ich Idioten gesagt, von vielen anderen Menschen gewählt. Und die würden ihre Lichtgestalten oder Führer, nenn sie wie du willst, sehr wohl vermissen. Es würde eine Welle der Gewalt geben, das hätte unabsehbare Folgen. Einer bösen Schlange schlägt man den Kopf ab und fertig, sagt Emily. Wenn man Hitler frühzeitig erledigt hätte, wäre der Welt viel Unheil erspart geblieben.
Ich halte diese ewigen Nazivergleiche für unangebracht, sagt die Tante. So schlimm wie Hitler kann niemand sein. Sag das den Folteropfern, Tante, ruft Emily, sag das den Toten! Also ich würde die sofort abknallen, wenn ich könnte.
Gut, sagt die Tante, wenn du das wirklich willst, musst du es tun. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ich habe alte Freunde aus dem Rockermilieu, die könnten dir Waffen besorgen. Emily staunt. Du hast was? Die Tante lacht. Siehst du? Jetzt hast du es mit der Angst gekriegt, was? Ich bin doch keine Killerin!, ruft Emily. Ich könnte sowas nicht. Aber auf andere warten, das kannst du, sagt die Tante. Du kleine feige Ratte. Aber Tante!, ruft Emily, das meinst du jetzt nicht ernst oder? Die Tante lacht.
Und Emily versucht es auch.
Die Fliege und der Hund
Eine Fliege liegt auf dem Bürgersteig und schläft. Ein Hund beschnuppert sie und legt sich zu ihr. Geh weiter!, ruft die Fliege. Ich möchte nicht mit einem Hund schlafen. Oh, entschuldige, sagt der Hund, ich wollte dich nicht wecken.
Du hast mich intensiv beschnuppert, sagt die Fliege. Davon wacht jeder auf.
Und was machen wir jetzt?, fragt der Hund. Du läufst in irgendeine Richtung, sagt die Fliege, und ich schlafe weiter. Aber es ist gefährlich hier zu schlafen, sagt der Hund. Hast du keine Angst?
Was ist das?, fragt die Fliege. Der Hund denkt nach. Er will nichts Falsches sagen. Also, Angst ist ein ungutes Gefühl. Man hat es vor Bedrohungen, zum Beispiel Gewalt. Wenn dich jemand totschlagen will. Aber warum sollte mich hier auf dem Bürgersteig jemand totschlagen wollen?, fragt die Fliege. Es könnte jemand auf dich treten, sagt der Hund. Aus Versehen oder Absicht, das kommt aufs Gleiche raus. Den meisten Menschen ist es egal, ob sie kleine Insekten tottreten. Mir auch, sagt die Fliege. Wenn es vorbei ist, ist es eben vorbei. Soll ich mir mein Leben mit sowas wie Angst versauen? Soll ich die ganze Zeit wie du an irgendetwas denken, das passieren könnte und dann doch nicht passiert?
Du bist so dumm, sagt der Hund. Es wundert mich nicht, dass ihr Fliegen es zu gar nichts bringt und Scheißhaufen interessanter findet als Knochen. Mit deiner Einstellung gibt es keine Evolution. Und es wird sich auch niemand finden, der euch durch Züchtung veredelt. Mir egal, sagt die Fliege und bewegt die Flügel. Ihr werdet immer nur Bakterien transportieren, ruft der Hund. Krankmachende Keime sind eure einzigen Freunde. Alle anderen finden euch nur lästig.
Hey, sagt die Fliege, was ist denn mit dir los? Ich liege hier ganz friedlich in der Sonne und du weckst mich, um mich zu beleidigen? Hast du Probleme? Ich bin weggelaufen, sagt der Hund, ich habe das Liebsein nicht mehr ausgehalten. Ich werde emotional ausgebeutet. Bist du kastriert?, fragt die Fliege. Der Hund nickt.
Geh nach Hause, sagt die Fliege. Oder wirst du zu Sex gezwungen? Nein, sagt der Hund. Sie sind eigentlich ganz nett. Na also, sagt die Fliege. Geh zurück. Auf der Straße machen sie dich fertig und deine Leute freuen sich, wenn du wieder da bist. Ja, sagt der Hund, das mach ich. Und du? Schläfst du jetzt weiter? Nein, sagt die Fliege, jetzt bin ich viel zu munter. Mal sehen, was es zu fressen gibt. Tote Schnecke wäre nicht schlecht. Schon schwirrt sie ab. Ob das Leben mehr Facetten hat, wenn man Facettenaugen hat?, fragt sich der Hund und setzt sich in Bewegung.
Vögel
Heute haben wir in der Schule für Große über Vögel gesprochen. Frau Federmann – dass die aber auch gerade so heißt – fragte uns zuerst: Wer kann denn Vögel nicht ausstehen? Mandy meldete sich. Als sie es begründen sollte, konnte sie es nicht. Hast du mit Vögeln schlechte Erfahrungen gemacht?, fragte Frau Federmann. Da lachten alle. Klar. Also bitte, sagte Frau Federmann, ihr seid doch kein pubertärer Scheißhaufen, oder? Prompt stellten sich natürlich viele pubertäre Scheißhaufen vor, mit Akne und wenig Schambehaarung.
Als wieder Ruhe eingekehrt war, hatten wir verpasst, was Mandy geantwortet hatte. Frau Federmann meinte, sie fände es ganz vorbildlich, dass Mandy den schwerverletzten Vogel auf dem Schulweg mit dem Atlas getötet hätte, um ihm weiteres Leid zu ersparen. Aber sie könne nicht verstehen, warum sie nun alle Vögel hasst. Wenn man einen Atlas auf einen Vogel legt und dann auf das Buch springt, sagte Frau Federmann, bleibt es nicht sauber. Da kann der Vogel auch nichts dafür. Mandy sagte nur: Na ja, dann hasse ich eben tote Vögel, die an Büchern kleben bleiben. Ja, sagte Frau Federmann, das ist ein Spezialgebiet. Lasst uns allgemeiner bleiben. Habt ihr Lieblingsvögel?
Arschgeier, rief Ronny. Aasgeier, sagte Frau Federmann, die heißen Aasgeier, weil sie Aas essen, also Kadaver, tote Tiere. Was findest du denn gut an denen? Dass sie die Umwelt sauber halten, sagte Ronny, obwohl sie Scheiße aussehen. Wie meinst du das denn?, fragte Lars. Glaubst du, wenn man Scheiße aussieht, ist einem alles egal? Ja, sagte Ronny, könnte so sein. Ich weiß nicht immer, was ich meine, aber so könnte es sein. Ich finde Geier gut, sagte Lars. Vor allem die Köpfe und den Ausdruck im Gesicht, ich mag den tiefen Ernst und ich finde, sie benehmen sich so, als hätten sie eine Aufgabe zu erfüllen. Ja, ja, ja, rief Hillary. Man kann alles überinterpretieren! Die sind gierig und Gierige sind immer ernst.
Was sind denn deine Lieblingsvögel?, fragte Frau Federmann. Blaumeisen, sagte Hillary. Ich mag diese Farbkombination, gelb und blau. Und dieses Blau mag ich ganz besonders. Sie sind so lebhaft und bescheiden, das genaue Gegenteil von mir. Sie lachte. Und du Romy?, fragte Frau Federmann. Ich mag die Plastikkrähen, die sich manche in die Blumenkästen stecken oder aufs Fensterbrett schrauben. Ich mag auch die Vogelsilhouetten auf den Fenstern, diese Warnvögel. Ich mag bewegungslose Vögel. Seltsam, nicht?
Vielleicht hast du als Kind den Film »Die Vögel« von Adolf Hitchcock gesehen, sagte Frau Federmann. Alfred!, rief Horst. Er hieß Alfred! Richtig, rief die Lehrerin. Gut aufgepasst, Horst. Das war ein kleiner Geschichtstest und du hast ihn bestanden, du ganz allein! Horst freute sich und wir alle freuten uns mit ihm. Das ist ein Horrorfilm, sagte Frau Federmann, in dem Vögel Menschen attackieren. Vielleicht sind dir seitdem bewegungslose Vögel lieber, kann das sein? Kann sein, sagte Romy und jeder merkte, dass sie jetzt ausgepowert war und nichts mehr sagen konnte.
Elvira!, rief Frau Federmann, sag du uns deinen Lieblingsvogel. Der Schildkrötenvogel, sagte Elvira. Kenn ich gar nicht, meinte Frau Federmann. Niemand kannte ihn. Ist superschwer, sagte Elvira, fliegt superlangsam und wird superalt. Und wo lebt er?, fragte Frau Federmann. Ex-Australien, sagte Elvira. Ach, ausgestorben? Elvira nickte. Alles was ich mag, ist ausgestorben oder kurz davor. Sie sagte es sehr sachlich und ohne Bitterkeit. Elvira, sagte Frau Federmann streng, du lebst in einer Traumwelt, wach bitte auf. Früher war nicht alles besser. Wenn du vor tausend Jahren gelebt hättest, wärst du in deinem Alter nach zwanzig Geburten ausgezehrt und potthässlich gestorben. Kein Prinz mit glänzender Schamkapsel würde um deine Hand anhalten, komm zurück in die Realität. Schildkrötenvögel, was für ein Blödsinn! Entschuldige bitte, wir Lehrer sind auch nur Menschen, wir müssen uns nicht jeden Müll auftischen lassen. So, das musste mal raus.
Und Sie?, fragte Lukas. Welchen Vogel mögen sie? Gans, sagte Frau Federmann. Aber nur einmal im Jahr.
Die Uhren
Ich möchte nicht immer an die Zeit denken, sagt eine Uhr zur anderen. Dann lass es, sagt die andere. Ich denke fast nie an die Zeit. Du denkst fast nie an die Zeit?, ruft die eine Uhr erstaunt. Es ist eine Armbanduhr. Wie machst du das?
Keine Ahnung, sagt die andere, eine Wanduhr. Ich muss mir keine Mühe geben. Ich denke einfach an etwas anderes, an den Wind, die Menschen, Holz, an irgendwas. Ich kann die Zeit anzeigen, ohne an sie zu denken, kein Problem!
Ich nicht, sagt die Armbanduhr, da ticke ich ganz anders. Ich kann ja auch den Pulsschlag spüren, ich denke immer an die Zeit und es macht mich verrückt. Warum bist du dann Armbanduhr geworden?, fragt die Wanduhr. Man braucht sehr gute Nerven. Und man muss die Zeit natürlich über alles lieben, sonst macht es einen verrückt, die ganze Zeit an sie zu denken. Ich liebe die Zeit, aber ich denke nicht immer an sie. Was ist? Warum schweigst du? Hallo?
Ich weiß nicht, sagt die Armbanduhr, ob ich noch weiter mit dir sprechen möchte. Wir sind sehr unterschiedlich. Du bist ja auch viel lauter und größer als ich, ihr Wanduhren habt von Natur aus dieses Grobe, das trennt uns, glaube ich.
Wenn du das Trennende sehen willst, bitte, sagt die Wanduhr. Aber eine kleine Wanduhr will niemand. Wir müssen eine gewisse Größe und Sichtbarkeit haben, das kannst du mir nicht vorwerfen. Und ehrlich gesagt: Ich beneide dich. Du hast so etwas Wertvolles. An einem Körper getragen zu werden, ist schon etwas Besonderes. Das haben wir Wanduhren nicht. Und einen Puls zu spüren, finde ich, das ist das Größte überhaupt, noch größer als die Zeit, denn es bedeutet Leben.
Ich finde, wer einen Puls spürt, lebt auch selbst, ein bisschen jedenfalls. Da würde es mir auch nichts ausmachen, ständig an die Zeit zu denken.
Spürst du die Wand denn nicht?, fragt die Armbanduhr. Ja, schon!, ruft die Wanduhr. Aber was ist denn eine Wand gegen den Pulsschlag?!
Ich finde Wände toll, sagt die Armbanduhr. Sie haben diese fantastische Schwere und Stabilität.
Wer feste Häuser baut, der macht auch Krieg, sagt die Wanduhr. Ist ein altes Nomadensprichwort. Und was war mit Dschingis Khan?, ruft die Armbanduhr. Komm mir nicht mit schlauen Sprüchen, gib mir lieber einen guten Rat.
Ich kann nur ticken, sagt die Wanduhr. Und zuverlässig sein, soweit die Batterien reichen. Tut mir leid, ich kann dir gar nichts raten. Wie spät ist es bei dir? Fünf vor Zwölf!, ruft die Armbanduhr. Die Lieblingszeit der Menschen, sie erwähnen sie so oft. Und bei dir? Ich bin vor zwei Tagen stehen geblieben, sagt die Wanduhr. Die Batterie ist leer und niemand wechselt sie. Der Puls ist schon seit Wochen weg, sagt die Armbanduhr, ich weiß nicht, wo er ist und ob er nochmal wiederkommt.
Vielleicht macht er Urlaub, sagt die Wanduhr, das gibt es bei den Menschen.
Ja, sagt die Armbanduhr. Urlaub. Das wird’s sein.
Der letzte Flug
Ich werde jetzt hinausgehen und eine Weile im Sonnenschein tanzen, sagt Marion Geschke zu ihrem Mann. Ja, tu das!, ruft Ansgar, wer weiß, wann sich der Himmel wieder zuzieht, das Wetter ist so unbeständig! Ansgar!, tadelt ihn Marion. Du schon wieder! Hatten wir nicht ausgemacht, das Wetter nicht mehr zu kritisieren? Entschuldige, Liebling, bittet Ansgar, das ist die Macht der Gewohnheit. Schon gut!, ruft Marion und hüpft barfuß auf den Rasen. Ein Schrei!
Ansgar legt das Buch zur Seite und stürzt aus dem Haus. Ich bin auf eine tote Amsel getreten, sagt Marion. Sie war schon tot. Ja, Liebling, seufzt Ansgar erleichtert und nimmt seine Frau in den Arm. Gewiss war sie schon tot. Sie ist ja schon steif. Er kickt den toten Vogel ins Gebüsch. Da haut ihm Marion eine runter. Das ist ja wohl das Letzte! Eine tote Amsel ins Gebüsch zu kicken, als wär sie eine Cola-Dose! Was ist bloß mit dir los? Hast du keine Achtung vor der Kreatur, du Grobian?
Sie ist to-hot!, ruft Ansgar. Tohohot! Die Kreatur ist tot. Sie spürt nichts mehr und niemanden kümmert es, was weiter mit ihr geschieht, die anderen Vögel nicht, die Bäume nicht, niemanden. Nur du regst dich auf! So ist sie wenigstens noch einmal geflogen! War ein guter Schuss fand ich. Genau in die Thuja.
Du hast sie getreten!, schreit Marion. Die Amsel, das Leben, den Tod – alles trittst du mit Füßen! Ich werde mich von dir trennen, du Arschloch!
Heyhey!, ruft Ansgar. Was sagst du da? Hast du sie noch alle? Wegen einer toten Amsel so ein Fass aufzumachen, krieg dich mal wieder ein! Nein, nein!, ruft Marion. Es ist dein Innerstes, das da zum Vorschein kommt, und es ist widerlich. Es ist so widerlich! Ich halte es keine Sekunde länger mit dir aus.
Super, sagt Ansgar. Das war toll. Sie küssen sich. Krise spielen ist echt toll, sagt Marion. Ansgar nickt und blickt verliebt in ihre Augen. Du hast aber auch die besten
Ideen! Und dein Schrei war so furchtbar, so echt, ein echter Gänsehautmoment. Sie lächeln sich an. So, jetzt muss ich aber, sagt Marion bestimmt und sieht zum Himmel hoch. Da ist schon die erste Wolke. Ja, ja, nur zu, sagt Ansgar. Sie küssen sich und Marion fängt an zu tanzen. Ansgar schaut ihr noch ein Weilchen verträumt zu und geht ins Haus zurück.
Es ist immer wieder aufregend, unsere totale Harmonie so aufzupeppen, denkt er und will weiterlesen. Aber er ist jetzt sexuell zu aufgeladen. Da kommt auch Marion schon wieder. Auch sie ist so erotisiert, dass sie nicht weitertanzen konnte.
Wir wenden uns jetzt ab, weil dieser Text hier endet.
In der Hölle
Wir waren aus Übermut in irgendeinen Zug gestiegen und direkt in der Hölle gelandet, wir waren dermaßen fertig. Der Teufel stand uns gegenüber und grinste. Na, ihr kleinen Arschlöcher? Das habt ihr euch nicht träumen lassen, was? Dass man mit so einem stinknormalen Zug in der Hölle landen kann, und zwar einfach so: Kein Unfall, kein Überfall, keine Katastrophe. Der Zug hält an. Alle aussteigen bitte, voila, die Hölle. Er lacht, und wir können seinen Mageninhalt sehen. Es sind – nein, nein, es ist zu schrecklich. Wir hatten uns geschworen: Wenn wir jemals aus dieser Hölle herauskommen, erzählen wir keine grausigen Details. Wir sagen einfach: Es war schrecklich – und fertig. Natürlich haben uns viele gebeten, unsere Erfahrungen aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Aber wir wollen damit kein Geld verdienen. Nicht einmal für einen guten Zweck. Das einzige, das wir berichten wollen, ist, wie wir aus der Hölle herausgekommen sind. Es war reine Glückssache. Der Teufel ist ein großer Quizfan und er liebt den Rock’n’ Roll. Wenn ihr mir eine Frage richtig beantwortet, dürft ihr raus.
Schieß los, rief Johnny, der vor Angst schon doof geworden war, das wusste ich aber noch nicht. Ok, sagte der Teufel. Wie ist der zweite Vorname von Elvis? Von Elvis Presley?, fragte ich zur Sicherheit. Denn es hatte auch eine Kinderserie im Fernsehen gegeben, in der ein Elvis vorkam. Ich wollte sofort Aaron sagen, aber ich flüsterte es vorsichtshalber zuerst Johnny ins Ohr. Er war selbst ein Rock’n’Roller und ich war mir sicher, dass er meine Antwort bestätigen würde. Doch er verzog nur das Gesicht und flüsterte: Nein, nein, ich glaube nicht. Überleg mal: Aaron! Das ist ein jüdischer Name, war Elvis Jude? Ich schüttelte den Kopf. Elvis muss katholisch gewesen sein. So tanzen Protestanten nicht. Johnny nickte. Aber wie hieß er dann?, fragte ich ihn. Hartmann, sagte Johnny. Ja, ich bin mir jetzt ganz sicher. Elvis hieß Hartmann.
Johnny, flüsterte ich entsetzt, bist du doof geworden? Hartmann ist ein urdeutscher Name, was hatte Elvis denn mit Deutschland am Hut? Er hat seine Militärzeit hier verbracht, in Bayern, im Land seiner Vorfahren. Ich staunte. Elvis Vorfahren kamen aus Bayern? Ja, mir ist so, sagte Johnny. Ich glaube, sie sind von Preußen aus in die Schweiz gezogen und dann nach Bayern ausgewandert. Sie hießen damals Preußly. Elvis Preußly?, fragte ich. Elvis Hartmann Preußly, sagte Johnny. Klingt total plausibel. Der Teufel freute sich schon. Also Hartmann?, fragte er. Ich war verzweifelt und schrie: Nein! Das war nur Spaß. Elvis zweiter Vorname war Aaron. Das wissen wir genau. Johnny sah mich böse an, konnte aber vor lauter Angst nichts sagen.
Geht bitte, schrie der Teufel, geht! Ihr langweilt mich. Wir gingen durch den heißen, dichten, roten Nebel ins Freie und atmeten tief durch. Wir winkten einem Taxi und ließen uns in einen ruhigen Park fahren, wo wir den Enten am Teich zusahen. Was sind das für Vögel?, fragte ich. Und Johnny sagte: Schmerzadler. Er war noch immer nicht in Ordnung, aber nach zwei Tagen wurde es besser.
Jetzt ist er wieder ganz der Alte, nur wenn er Höhle meint, sagt er Hölle. Er kann nicht mehr Höhle sagen. Er sagt auch Höllenmalerei und Höllenforscher, Nasennebenhölle, Stirnhölle, Achselhölle und so weiter. Ihn nervt das, klar. Ich sage aber immer: Hey Johnny, wenns sonst nichts ist…
Audienz
Ich habe nichts vom Leben
verstanden, klagt der Prophet.
Ich habe es so sehr versucht,
und jetzt ist es leider zu spät.
Verstehe, sagt der König,
das kann einen deprimieren.
Ich muss mein Land nicht verstehen,
ich muss es nur regieren.
Verständnisloses Regieren,
wie soll das denn gehen?
Ruft der Prophet. Das geht nicht gut,
und das kann jeder sehen.
Nicht jeder, sagt der König,
und lächelt süffisant.
Du hast wirklich nichts verstanden,
gar nichts von Leuten und Land.
Du gehst mit deiner Klugheit um,
und das ist gut und schön.
Für mich ist es viel wichtiger,
mit Dummheit umzugehen.
Verstehe, sagt der Prophet,
das kann einen deprimieren.
Es sei denn, sagt der König,
man hat Freude am Regieren.
Also, mach’s gut mein Lieber!
Adieu, sagt der Prophet.
Der nächste wird hereingerufen.
Der König fragt: Wie geht’s?
Das alte Paar
Oi, oi, oi, ruft Edgar. Jetzt schickt der Trump einen Flugzeugträger nach Nordkorea. Komm essen, sagt Belinda, seine Frau und macht den Teller voll. Edgar setzt sich an den Tisch. Sind ja richtig große Fettaugen drauf! Ja, sagt Belinda. War ein super Suppenhuhn von Neuland, die gibt’s bei Rewe nicht. Sehr lecker, sagt Edgar. So eine altmodische Hühnersuppe mit Eierstich ist das Beste was es gibt. Hör auf, sagt Belinda. Das ist Gotteslästerung!
Sie schlürfen die heiße Suppe und sehen sich in die Augen. Es gibt nichts Besseres, denkt Edgar, als diese geile Hühnersuppe zu schlürfen und dabei seiner Frau in die Augen zu schauen, in unserem Alter gibt es nichts Besseres. Er sagt es aber nicht.
Was war da mit dem Trump, fragt Belinda, hat er wieder was getwittert? Edgar schluckt die Suppe runter. Er hat einen Flugzeugträger nach Nordkorea geschickt. Er hat die Faxen dicke. Was für Faxen?, fragt Belinda. Na, von diesem Kim-Jong-weißdergeier. Der macht schon wieder mit seinen Atombomben rum. So ein Arschloch, sagt Belinda. Der sieht aber lustig aus, findest du nicht? Viele Arschlöcher sehen lustig aus, sagt Edgar. Was du dir immer denkst.
Muss ich doch!, ruft Belinda. Wenn ich Nachrichten sehe, will ich auch was Positives sehen, sonst werde ich verrückt. Edgar fällt zum ersten Mal in seinem Leben auf, dass Reiskörner wie kleine weiße Bomben aussehen. Er sagt es aber nicht. Ich finde Flugzeugträger toll, sagt Belinda. Diese Dimensionen! Und dass auf denen Flugzeuge starten und landen können, ist doch der Wahnsinn, findest du nicht? Und gibt es nicht auch dieses Lied, Flugzeugträger im Bauch? Das heißt anders, sagt Edgar. Aber ich weiß nicht wie. Gut, dass wir uns nicht für Musik interessieren, sonst wären unsere Nerven noch angespannter. Die Teller sind leer.
Ich war genau so schnell wie du!, ruft Belinda. Das ist selten. Edgar nickt und Belinda füllt noch ein paar Kellen nach. Flugzeugträger sind unglaublich, sagt Edgar. Aber ich kann mich für Kriegsgerät nicht begeistern. Ach, Kriegsgerät!, ruft Belinda. Wie sich das schon anhört. So ein Flugzeugträger ist für viele Soldaten eine Heimat, glaubst du nicht? Eine Heimat? Edgar lässt den Löffel sinken. Also Belinda, manchmal weiß ich gar nicht mehr, wann du etwas ironisch meinst. Sie lachen.
Ach, sagt Belinda, warum lassen die Amerikaner diesen Kim nicht einfach machen? Sie haben schließlich auch unzählige Atomwaffentests gemacht. Und andere Länder auch. Ich finde diese Einmischungen in die Angelegenheiten anderer Länder generell verkehrt. Fändest du es nicht auch unmöglich, wenn jetzt jemand zur Tür hereinkäme und uns sagen würde, was wir tun und lassen sollen? Wir sind doch kein Land!, ruft Edgar. Das kann man nicht vergleichen. Länder müssen sich manchmal um andere Länder kümmern. Sonst passieren Katastrophen. Nein, nein, sagt Belinda, umgekehrt. Die Katastrophen passieren wegen dieser Einmischungen. Alle Länder sollten andere in Ruhe lassen. Raus aus Afghanistan, raus aus der Ukraine, raus aus Afrika.
Und dann die armen Leute ihrem Elend überlassen?!, fragt Edgar. Was meinst du, was in Afrika los wäre, wenn dort nur Afrikaner das Sagen hätten? Aber in Europa haben auch hauptsächlich Europäer das Sagen und es ist relativ friedlich, meint Belinda. Stell dir vor, eine afrikanische Großmacht, sagen wir die Vereinigten Staaten von Afrika, würden sich in den Vereinigten Staaten von Amerika einmischen und sich für bessere Lebensbedingungen für Schwarze einsetzen, also mit Waffen und so.
Belinda, ruft Edgar. Du bist so weltfremd! Vereinigte Staaten von Afrika! So etwas wird es nie geben. Die wollen alle nach Europa. Nicht alle, sagt Belinda. Nein, nicht alle, sagt Edgar. Alle ist übertrieben. Ist ja auch schön in Afrika. Wer will schon aus der Heimat weg, wenn’s schön ist? Die Soldaten auf den Flugzeugträgern, sagt Belinda. Die sehnen sich nach ihren Familien. Ach, du mit deiner Romantik, ruft Edgar. Die Soldaten auf den Flugzeugträgern sind alle homosexuell, das ist wie in den Klöstern. Wie?, fragt Belinda. Sind alle Mönche und Nonnen homosexuell? Ja, sicher, ruft Edgar. Wie könnte das denn anders funktionieren? Hast du das nicht gewusst? Nein, sagt Belinda. Ich wusste nicht, dass Flugzeugträger und Klöster sich so ähnlich sind.
Sie schauen in die leeren tiefen Teller. Ich bin satt, sagt Edgar. Ich auch, sagt Belinda. Ich spiel noch ein paar Runden Quizduell und dann lese ich noch etwas in der Bibel. Ja toll, ruft Edgar. Ich seh dir dabei zu.
Das Spiel
Eine kleine Butterkerze war ausgegangen und wollte nicht wieder angehen. Was hat sie denn?, fragte die Hundebetreuerin Doreen Haschke. Ihr Mann Jorge, ein chilenischer Turbineningenieur, sah von seiner Gitarre hoch. Vielleicht ist was mit ihrem Docht. Doreen sah nach. Tatsächlich, der Docht hatte sich komplett zurückgezogen. Die junge Frau holte eine Pinzette und zog den Docht aus der Tiefe zurück ans Tageslicht. Was ist?, fragte Doreen. Warum hast du dich verzogen?
Ich bin ein Neger, schluchzte der Docht. Doreen musste lachen. Hast du das gehört, Jorge?, fragte sie ihren Mann. Nein, sagte der, ich stimme die Gitarre. Dann stimm sie, rief Doreen und wandte sich wieder dem Docht zu. Du bist schwarz, sagte sie, das stimmt. Aber du bist kein Neger. Das ist kein gutes Wort. Es hat eine abwertende Bedeutung. Du warst mal weiß. Aber wenn eine Kerze brennen soll, muss der Docht schwarz werden. Aber wenn ich ein Neger wäre, würdet ihr mich dann auch anzünden? Es gibt keine Neger!, rief Doreen. Es gibt Schwarze und Weiße und Rote und Gelbe und Braune, aber keine Neger! Verdammt, was hast du nur?
Die Glühbirne hat mich Neger genannt, sagte der Docht. Doreen machte das Licht an und fragte die Glühbirne. Hast du den Docht Neger genannt?
Doreen, rief Jorge, nun ist aber gut! Deine Kommunikationsspielchen gehen mir langsam auf die Nerven. Alles hat seine Grenzen. Irgendwann drehst du noch durch.
Nur noch kurz, sagte Doreen. Also, hast du den Docht Neger genannt? Nein, sagte die Glühbirne. Der Docht redet immer so hirnverbranntes Zeug. Er will nicht sterben, er ist verzweifelt. Still, sagte Doreen. Bitte!, rief Jorge.
Doreen?, fragte der Docht, bin ich ein guter Docht, obwohl ich Flammen hasse? Das wird mir jetzt zu viel, sagte Doreen. Sie legte die Butterkerze ins Candlelight-Etui und knipste das Licht aus. Jorge lächelte. Die Dinge werden immer verrückter, sagte Doreen. Ja, ja, sagte Jorge. Halt du dich da mal lieber eine ganze Weile raus.
Der Alptraum
Ein Frosch war mitten in der Nacht aufgewacht, weil er etwas Schreckliches geträumt hatte. Er zitterte so stark, dass auch seine Frau von den Vibrationen aus dem Schlaf gerissen wurde. Was hast du denn geträumt?, fragte sie ihn. Nein, sagte er, das kann ich dir nicht sagen, es war zu schlimm. Nun sag schon, rief die Frau, jetzt bin ich neugierig geworden. Na gut, sagte der Frosch. Aber beschwer dich nachher nicht! Mach hinne, rief die Frau. Also, sagte der Frosch, es war schrecklich. Menschen hatten mich gefangen und mir die Schenkel abgeschnitten. Die haben sie gegessen! Und was hast du gemacht?, fragte die Frau. Handstand, sagte der Frosch. Die Menschen haben applaudiert und mich gesund gepflegt. Und dann musste ich jahrelang in einem Amphibientheater auftreten, als Clown. Sie haben mich mit Glitzercreme eingeschmiert, ich musste Glamour quaken. Immer nur Glamour, Glamour. Die ganze Zeit im Handstand. Wie öde, sagte die Frau. Und dann? Kam einer, den sie Kermit nannten. Der hat mich gekitzelt. Und dann? Kam einer, den sie Messi nannten. Er hat uns mit einer Essigpistole in die Augen gespritzt. Dir und Kermit? Ja, uns beiden. Wir haben uns die Augen ausgeweint und dann war der Traum vorbei, weil ich nichts mehr sehen konnte. Logisch, sagte die Frau. Und das war alles? Ja, sagte der Frosch. Schrecklich, oder? Ja, sagte die Frau, der absolute Wahnsinn! Was ein Gehirn so ausbrütet, ich meine, Amphibientheater, Schenkel, wie kommst du bloß darauf? Jetzt hast du sicher Angst vor Menschen, oder? Nein, sagte der Frosch. Menschen sind nett. Mir hat noch niemand was getan. Die freuen sich, wenn sie uns sehen. Was können sie dafür, dass mein Gehirn verrückt spielt. Gut so, sagte die Frau, lass dir bloß von diesen Träumen nicht das Leben versauen. Komm, lass uns weiterschlafen. Morgen ist schon wieder ein superschöner Tag.
Die Antwort lautet Ja
Auf der anderen Straßenseite
Steht ein schwarzes Auto
Für seine Größe hat es
Einen viel zu großen Heckspoiler
Ich finde es sieht so aus
Als wäre es nur auf der Welt
Um diesen Heckspoiler zu transportieren
Es wirkt lustig und doof
Ich kann mich nicht entscheiden
Ich muss es ja auch nicht
Wurde dieses Auto entworfen und gebaut
Um doof und lustig zu sein?
Mit Sicherheit nicht
Und würde ich so etwas denken
Wenn ich wüsste
Wie kurz das Leben ist?
Lebenskunde Nr. 903
Als unsere Lebenskundelehrerin Frau Renzi in den Schwangerschaftsurlaub ging, waren wir alle total traurig. Wir mochten sie, sie mochte uns, sie mochte Kinder. Die kommt nicht wieder, dachten wir. Wenn die erst eins hat, kommt auch noch eins, sagte Tibia. Und noch eins. Das dachten alle. Die kriegt bestimmt 14 Kinder, meinte Georg. Die hat ja einen netten Mann. Du musst nicht gleich den Teufel an die Wand malen, sagte Raffaela. Vierzehn Kinder bekommen heutzutage nur noch religiöse Extremisten. Und dann kam als Vertretung erstmal Frau Hass.
Sie wollte gleich mit uns über die Liebe sprechen. Das ist mir zu privat!, rief ich gleich. Das geht doch keinen etwas an. Manche haben mit der Liebe noch keine Erfahrungen gemacht, entgegnete Frau Hass. Das ist doch voll ok, wenn die nichts sagen und nur zuhören. Auch so kann man etwas lernen. Für mich ist auch Schweigen eine Form der mündlichen Beteiligung. Ich wollte etwas erwidern, aber Jeremy rief: Frau Hass! Wenn sie Frau Liebe hießen, würde wir dann jetzt über den Hass sprechen? Sie lachte. I wo! Ich finde es besser in unserer ersten gemeinsamen Stunde über etwas so Schönes wie die Liebe zu sprechen, das erleichtert den Beginn.
Ramona, was meinst du? Woher wissen sie meinen Namen? Geraten, sagte Frau Hass. Ich kann Namen raten, sagte Frau Hass, das ist ein Phänomen. Ich sehe einen Menschen an und weiß sofort, wie er heißt. Wir glaubten ihr kein Wort.
Ich finde die Liebe gar nicht so gut, meinte Ramona. Ich finde sie bringt viel Kummer. Ich will mich nicht noch mal verlieben, auf gar keinen Fall. Sie steht auf Idioten!, ruft Jeremy. Sie lässt sich sogar schlagen. Jeremy, bitte!, sagt Frau Hass. Ich denke: Wow, schon wieder richtig. Sie kennt tatsächlich unsere Namen. Lass Ramona bitte aussprechen. Wer kann sich das denn aussuchen, fragt Ramona, in wen man sich verliebt? Das sind doch chemische Substanzen und Prozesse, oder? Da kann man gar nichts machen. Ich war noch nie verliebt, sagt Phil. Ich weiß nicht, was das sein soll, Liebe. Stell dich nicht doofer als du bist, sagt Georg. Was Liebe ist, weiß jeder. Was denn?, fragt Phil.
Georg sieht ihn verständnislos an. Na, dieses Gefühl von Zuneigung und Wärme, das kennst du doch, du spielst doch Fußball, du liebst es, Fußball zu spielen, auch das ist Liebe. Ach so, ruft Phil. Ja, so gesehen hast du Recht. Ich mag auch meine Muskeln. Du liebst dich selbst, sagt Tibia.
Vielleicht bist du ja in dich selbst verliebt, das nennt man Narzissmus. Das klingt wie eine Krankheit, findet Maria. Ja, Narzissmus hat ein schlechtes Image, sagt Frau Hass. Und übertriebene Selbstliebe ist auch nicht liebenswert, das darf man ruhig sagen. Aber sich selbst gut finden, ist völlig in Ordnung.
Ich weiß nicht, sagt Rocky. Sehr viele Arschlöcher finden sich selbst so toll, ich hasse das. Bitte nicht hassen!, sagt Frau Hass. Und so einen Pauschalbegriff, ich meine einen Pauschalbegriff wie, ich möchte äh… das jetzt nicht wiederholen. Finde ich nicht hilfreich. Aber ich denke, wir wissen, was du meinst. Frau Hass! Kennen Sie einen besseren Begriff als Arschloch für diese Menschen?
Naja. Frau Hass überlegt. Ich würde sagen: Problematische Persönlichkeit. Alle lachen. Voll daneben!, ruft Jeremy. Es gibt so viele problematische Persönlichkeiten, die keine Arschlöcher sind. Wir sollten beim Thema bleiben, sagt Frau Hass. Die Arschlochdefinition heben wir uns für später auf. Sie blickt zu Boden. Tut mir leid, jetzt habe ich es auch getan. Glaub mir, ich bin ein guter Mensch, aber ich stamme aus der Unterschicht und manche Dinge wird man einfach nicht los. Ich sage gerne Arschloch und noch lieber Scheiße, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie oft ich privat Scheiße sage.
Doch!, sagt Jeremy. Ich stamme zwar aus der Mittelschicht, aber mir geht es auch so. Es hängt mit dem Zustand der Welt zusammen. Mit dem des Menschen, präzisiert Frau Hass. Sie sieht auf Jeremys Hände. Sie denkt: Er ist intelligent, aber er hat Wurstfinger. Als ob das ein Gegensatz wäre. Die Liebe, fragt sie schnell, gibt sie euch Kraft? Wir nicken. Also, wenn man frisch verliebt ist, sagt Maria, ist die Liebe wie ein Atomkraftwerk, das ist so eine ungeheure Energie, man strahlt die ganze Zeit, alleine dafür hat sich mein Leben schon gelohnt. Warst du schon oft so schwer verliebt?, fragt Frau Hass.
Maria nickt. Achtzehn mal. Wir applaudieren. Nur Raffaela nicht. Das gibt es gar nicht, sagt sie kühl. Achtzehn mal verliebt! Das hat ja sowas Nuttiges! Maria zuckt zusammen. Nimm das sofort zurück, du Single-Fotze! Stopp!, ruft Frau Hass. So nicht!
Ich nehm’s zurück, sagt Raffaela. Aber wenn man sich so oft verliebt, kann’s nichts Echtes sein. Ich habe mich in meinen Mann verliebt und in sonst keinen. Wir sind jetzt über zehn Jahre zusammen. Leider will er keine Kinder, er hat Angst vor Ähnlichkeit. Er ist in Therapie. Aber ich könnte mir nicht vorstellen, mich noch einmal zu verlieben, sowas ist doch Schicksal. Der Eine so, der Andere so, sagt Rocky, wo ist das Problem? In der Oberflächlichkeit, sagt Raffaela. Du verliebst dich in einen, und zwei Wochen später in einen anderen. So können doch keine tiefen Gefühle entstehen. Doch, ruft Maria, meine Gefühle sind sehr tief! Tief unten, meinst du wohl, ruft Raffaela. Bitte!, sagt Frau Hass. Reißt euch zusammen. Habt Respekt vor der Anderen. Es bringt doch nichts, sich zu beleidigen. Mir schon, sagt Raffaela ungerührt.
Vielleicht sollten wir jetzt über Hass reden, schlägt Jeremy vor. Nein, sagt Frau Hass. Ihr sagt mir jetzt einfach mal, was ihr an irgendeinem aus der Klasse toll findet. Das hat doch nichts mit Liebe zu tun!, meint Phil. Vielleicht doch, sagt Frau Hass. Na los.
Also, ich mag Georgs Haare, sagt Maria. Solche schwarzen Locken hätte ich auch gerne. Und ich mag Georgs Hund!, ruft Jeremy. Ich mag Raffaelas Ehrlichkeit, sagt Rocky. Dann schweigen alle. Also, Leute, ruft Frau Hass, war das schon alles? Haare, Hund, Ehrlichkeit? Sie sieht mich an. Ich mag Ramonas kleine Brüste, sage ich leise. Hast du sie schon mal angefasst?, fragt Jeremy.
Nein, nur gesehen, sage ich. Sie hat sie mir gezeigt. Für 20 Euro. Lügner!, ruft Ramona. Ich würde nie für Geld meine Brüste zeigen. Du warst so pleite, sage ich. Nun tu nicht so.
Du hast ihre Notlage ausgenutzt, sagt Frau Hass, das ist nicht gut. Das ist widerwärtig. Liebst du Ramona? Nur ihre Brüste, sage ich. Frau Hass schiebt ihre Zunge zwischen Oberlippe und oberer Zahnreihe und bewegt sie hin und her. Es sieht nicht schön aus. Dann drückt sie die Zunge von hinten gegen die untere Zahnreihe und sagt: Ihr seid eine interessante Klasse. Könnt ihr bitte für die nächste Stunde Namensschildchen anfertigen und vor euch auf die Tische stellen?
Aber sie kennen doch unsere Namen, meint Georg. Nein, sagt Frau Hass. Das Namenraten klappt nur bei Unbekannten. Aber danach vergesse ich die Namen wieder. Also bitte, tut mir den Gefallen. Wir nicken. Ich will ihr noch sagen, dass ich sie auch interessant finde. Aber ich lasse es. Nachher kommt sie noch auf falsche Gedanken.
Die Erbsen
Zwei Erbsen haben sich ineinander verliebt. Sie liegen mit vielen, vielen anderen Erbsen tiefgekühlt in einer Plastiktüte und träumen davon eines Tages ein aufgetautes, freies Leben zu führen.
Das wird sensationell!, sagt die eine Erbse, sie hieß Pia. Wir werden nach Paris rollen und es da richtig krachen lassen. Ich freue mich schon so! Ich mich auch, ruft die andere Erbse. Sie hieß Peter. Diese ganze Coolness habe ich so über, ich möchte endlich die Sonne wiedersehen.
Ihr liebt euch also?, fragt eine dritte Erbse. Die beiden nickten. Wir finden uns unwiderstehlich, wir wollen für immer zusammenbleiben. Die dritte Erbse lacht. Und was findet ihr an euch so besonders? Alles, sagt Pia. Die Farbe, die Form, die ganze Ausstrahlung, wir sind füreinander gemacht. Sie ist perfekt, sagt Peter. So grün, so rund, sie ist so traumhaft schön. Und wir werden Kinder in allen Farben haben. Wie bitte?, fragt die dritte Erbse. In allen Farben? Wir sind doch keine Smarties! Pah!, ruft Peter. Unsere Kinder werden die smartesten Erbsen aller Zeiten. Du wirst schon sehen. Gar nichts werde ich sehen, sagt die dritte Erbse, wir werden alle aufgefressen, die Menschen fressen alles auf. Wir sind nur Nahrung.
Ach, die Menschen, ruft Pia. Bis jetzt haben sie uns noch nichts getan. Noch nichts getan?, ruft die dritte Erbse. Du hast wohl einen Knall! Wir sind eiskalt und knallhart, fühlt ihr euch überhaupt? Das geht vorbei, sagt Peter, das ist nur halb so schlimm. Du regst dich gerne auf, oder? Die dritte Erbse schweigt. Was hast du?, fragt Pia. Ist dir schlecht? Schweigen. Ach lass sie, sagt Peter, sie ist so negativ. Sie kann mit unserer Liebe nichts anfangen, wahrscheinlich ist sie neidisch.
Ich hatte noch nie Glück, sagt die dritte Erbse, das ist alles. Es geht mir so am Arsch vorbei, dass ihr verliebt seid, das könnt ihr mir glauben. Und es ist mir auch egal, ob ihr Illusionen habt. Ihr werdet schon sehen. Aber Glück hätte ich auch mal gern. Ohne Liebe, kein Glück!, ruft Pia. Warum verliebst du dich nicht? Hier sind so viele perfekte Erbsen, such dir eine aus. Oder hast du keine Liebe in dir? Wie wärs mit der da?
Sie zeigt auf eine fette Erbse in der Nähe. Das ist eine richtig geile Sau, glaub mir. Ja, bin ich, ruft die fette Erbse. Wollen wir uns verlieben? Ich kann nicht, sagt Pia, ich bin schon in eine andere verliebt, aber die da sucht jemanden. Sie zeigt auf die dritte Erbse. Wie heißt du? Pipi, sagt die dritte Erbse, und du? Pinocchio, ruft die fette Erbse. Also Pipi und Pinocchio sind jetzt ein Paar, ruft Peter. Tut euch zusammen! Die beiden bewegen sich aufeinander zu und als sie sich berühren, spüren sie die Elektrizität. Wow, ruft die fette Erbse. Das hat ja richtig gefunkt. Ja, sagt die dritte Erbse. Und wie wird das erst, wenn wir auftauen? Nun fangen auch all die anderen Erbsen an, sich umzusehen, und alle verlieben sich. Nur eine bleibt übrig.
Es ist eine polnische Erbse, sie heißt Piwo. Sie weint. Ich habe keinen! Pia fragt Peter, ob er was dagegen hätte, wenn sie auch noch Piwo lieben würde und er sie. Peter sieht sie ungläubig an. Kannst du dich einfach so in eine x-beliebige Erbse verlieben? Pia nickt. Piwo ist genauso grün und rund und perfekt wie wir beiden. Wieso sollte ich mich nicht auch noch in ihn verlieben? Weil er eine andere Erbse ist, ruft Peter. Das bin ich auch, sagt Pia.
Peter ist total enttäuscht und beschließt, für den Rest des Lebens alleine zu bleiben. Als die Tüte aus dem Tiefkühlfach genommen und aufgerissen wird, purzeln all die Erbsenpaare und eine Single-Erbse in das kochende Wasser. Der Mensch hat von solchen Konstellationen natürlich keine Ahnung, er möchte, dass die Erbsen lecker sind, und schmecken tun sie alle gleich, auch Peter.
Darmowy fragment się skończył.