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Czcionka:

Frederick Marryat
Seekadett Jack Freimut

Roman

Für die Jugend bearbeitet

August Hermann

Saga

Erstes Kapitel.
Jugendzeit.

Nikodemus Freimut war ein vornehmer Mann, der in Hampshire in recht guten Verhältnissen lebte. Er würde auch überall beliebt gewesen sein, wenn er nicht immer seinen Kopf hätte durchsetzen und seinen Ansichten bis aufs Tüpfelchen über dem i Geltung verschaffen wollen. Dadurch kam er oft mit anderen Leuten, die nicht mit ihm übereinstimmten, in Streit. Am meisten lag er mit anderen deshalb in Fehde, weil er seine Meinung von den Menschenrechten und von der Gleichheit derselben mit Heftigkeit verfocht. Da die Männer, welche Herrn Freimut besuchten, durch Fleiss zu Vermögen gekommen waren und das Erworbene nicht mit denen teilen wollten, die durch eigene Schuld und Unfähigkeit arm blieben, so hielten sie es mehr mit dem guten Portwein des Herrn Freimut, als mit seinen Beweisgründen. Sie dachten aber wie viele andere: man muss das Leben eben nehmen, wie es ist, nicht, wie es sein könnte.

Leider übertrug Vater Freimut seine mitunter recht bedenklichen Ansichten auch auf seinen einzigen Sohn Jack. Und das war für den Knaben, der die Folgen noch nicht beurteilen konnte, schädlich, weil der durch seine Mutter verzogene Sohn die Worte des Vaters falsch auslegte und dadurch seinen Eltern und anderen Leuten viel Ärger bereitete. Das erkannte auch Dr. Middleton, ein feinfühlender Mann, der die Familie Freimut öfters besuchte. Deshalb richtete Dr. Middleton eines Tages an Herrn Freimut die Frage:

„Haben Sie nicht die Absicht, den Jungen in die Schule zu schicken?“

Herr Freimut schlug seine Beine übereinander und faltete die Hände auf den Knieen, wie er das immer that, wenn er einen Gegenstand zu verhandeln, oder „einen Punkt zu beleuchten“ begann; dann sagte er:

„Ich will ihn alles selbst lehren!“

„Ich zweifle keineswegs an Ihrer Fähigkeit, Mr. Freimut“, antwortete Dr. Middleton, „aber unglücklicherweise werden Sie dabei auf Schwierigkeiten stossen, die Sie nimmermehr beseitigen können. Entschuldigen Sie, ich weiss, was Sie zu leisten im stande sind, und der Junge würde in der That mit einem solchen Lehrmeister gute Fortschritte machen, aber um offen zu reden, Sie müssen ebensowohl als ich bedenken, dass die mütterliche Zärtlichkeit stets ein Hindernis für Ihre Pläne wird. Jack ist jetzt schon so verzogen durch sie, dass er nicht mehr gehorchen mag; ohne Gehorsam können Sie ihm aber nichts einprägen!“

„Ich gebe zu, mein lieber Sir, dass allerdings in diesem Punkte eine Schwierigkeit liegt; aber dann muss eben väterlicher Ernst über mütterliche Schwäche den Sieg davontragen.“

„Dürfte ich fragen, wie? Mr. Freimut; denn das scheint mir unmöglich.“

„Unmöglich? Warum?“ fragte Mr. Freimut.

„Dass Sie ein Mittel finden würden, durch welches Sie die nötige Gewalt über den Knaben erlangen könnten, bezweifle ich nicht, aber“ — so fuhr Dr. Middleton fort — „was kann die Folge davon sein? Der Junge wird seine Mutter als seine Beschützerin und Sie als seinen Tyrannen betrachten; er wird eine Abneigung gegen Sie hegen und bei dieser Abneigung weder Achtung noch Aufmerksamkeit für Ihre Lehren an den Tag legen, wenn er einmal in das Alter kommt, dieselben zu verstehen.“

„Mir scheint“, antwortete Mr. Freimut nach einer kurzen Pause, „was Sie sagen, verdiente alle Beachtung. Ich gebe zu, dass infolge der unverständigen Nachgiebigkeit der Mutter Jack widerspenstig ist und mir jetzt schon nicht gehorchen will.“

Die Folge dieser Unterredung war, dass Jack einem Freunde Middletons, dem Schulmann Bonnycastle, zur Ausbildung übergeben wurde. Herr Bonnycastle war zwar ein strenger, aber auch ein sehr einsichtsvoller Mann. Er erkannte alsbald die Fähigkeiten seiner Zöglinge und strengte sie danach an; nur der Faulenzer, der „singen konnt’ und wollt’ nicht singen“, fand keine Gnade. So kam es, dass er wohl von seinen Schülern gefürchtet wurde, solange sie unter seiner Zucht standen, dass sie ihn aber auch unwandelbar liebten und später fortwährend seine Freunde blieben. Herr Bonnycastle bemerkte mit einem Blicke, dass es nutzlos sein würde, unserem Helden gute Worte zu geben, und dass Furcht das einzige Mittel sei, ihn im Zaume zu halten. Hier konnte nur Strenge und Entschiedenheit zum Ziel führen!

Herr Bonnycastle sah, dass er den widerspenstigen Jack durch eine einzige Stunde wohlangebrachter Strenge gebändigt hatte; er übergab ihn deshalb den Unterlehrern der Schule, und da diese gleichfalls die Macht hatten, den nötigen Sporn anzuwenden, so wurde unser Hänschen bald ein ganz folgsamer Junge. Er machte grosse Fortschritte, wobei ihm seine guten, natürlichen Anlagen zu statten kamen. Herr Freimut rieb sich allemal die Hände, wenn er den Doktor sah, und freute sich über den Jungen. Jede Ferienzeit benutzte der Vater dazu, seinem Sohne die Lehre von der Gleichheit der Menschenrechte einzuprägen. Hänschen schien zwar den Vorträgen seines Vaters wenig Aufmerksamkeit zu schenken, aber er bewies augenscheinlich, dass sie bei ihm nicht gerade weggeworfen waren.

So wurde unser Jack erzogen, bis er sechzehn Jahre alt war, um welche Zeit er als ein starker, gut aussehender Bursche mit einem tüchtigen Mundwerke auftrat; in der That, wenn es ihm gerade behagte und seinen Absichten entsprach, so konnte er seinen Vater, wie man so sagt, zum Zimmer hinausschwatzen. Und wenn es dazu kam, einen „Punkt zu beleuchten“, so konnte er es mit jedermann aufnehmen. Mit seinem „Punktbeleuchten“ fand er gar kein Ende, obgleich seine Beweisgründe selten Stich hielten. Er machte oft die Erfahrung, dass die Anwendung seiner Gleichheitsgrundsätze im praktischen Leben ihm Nachteile brachten, deshalb sagte er eines Tages zu seinem Vater:

„Bei Befolgung Ihrer Philosophie durch Wort und Beispiel bin ich während des kurzen Zeitraumes von zwei Tagen der Fische, die ich fing, meiner Angelrute und der Schnur beraubt, in einen Fischteich hineingestürzt, durch einen Bulldogg vor Schrecken ganz ausser mir gebracht, von einem Stier beinahe durchbohrt, von den Bienen bis zum Tode gestochen worden und zweimal in einen Brunnen gestürzt. Wenn sich nun dieses alles in zwei Tagen ereignete, welche Leiden habe ich von einem ganzen Jahre zu erwarten? Es kommt mir deshalb sehr unklug vor, fernere Versuche zur Belehrung zu machen, da die Leute vom Lande durchaus entschlossen zu sein scheinen, keinerlei Vernunft- und Beweisgründe anzuhören. Dagegen ist mir eingefallen, dass, wenn auch die ganze Erde unter wenige verteilt wurde, doch wenigstens das Wasser das Gemeingut aller ist. Ich habe demnach nur auf dem Ozean einige Aussicht, jene Grundsätze von Gleichheit und Menschenrechten zu finden, und habe deshalb den Entschluss gefasst, zur See zu gehen und so viel als möglich unsere Ansichten zu verbreiten.“

Der Vater wollte zwar nichts davon wissen; endlich gab er aber doch seine Zustimmung und sagte: „Jack, du sollst, wenn du es wünschest, zur See gehen.“

„Ganz natürlich, und so ist’s in Ordnung, Vater“, entgegnete Jack mit der Miene eines Siegers; „es ist aber die Frage: mit wem? Dabei fällt mir nun ein, dass Kapitän Wilson jetzt ein Schiff erhalten hat, ich wünsche sehr, mit ihm zu segeln.“

„Ich will ihm schreiben“, sagte Freimut tiefbetrübt.

Damit war die Sache abgemacht.

Die Antwort des Kapitäns Wilson lautete zustimmend; er versprach Jack wie seinen eigenen Sohn zu behandeln.

Unser Held bestieg seines Vaters Pferd und ritt zu Herrn Bonnycastle.

„Ich will zur See gehen, Herr Bonnycastle.“

„Das ist das Rechte für Sie“, erwiderte dieser.

Unser Held begab sich zu Dr. Middleton.

„Ich will zur See gehen, Doktor Middleton.“

„Das ist das Rechte für Sie“, sagte auch dieser.

Mutter Freimut wollte zwar nicht ihre Zustimmung geben. Nachdem es ihr aber überzeugend dargelegt war, dass es für ihren Sohn wirklich das Rechte sei, zur See zu gehen, fügte sie sich dem Unabänderlichen: Jack ging zur See!

Zweites Kapitel.
Eintritt als Seekadett.

Da keine Zeit zu verlieren war, sagte Jack der Schule und seinem väterlichen Hause bald lebewohl und begab sich nach Portsmouth, dorthin war er von Kapitän Wilson beschieden. Jack hatte Geld genug und grosse Freude daran, sich als sein eigener Herr zu sehen, deshalb beeilte er sich nicht sehr, auf das Schiff zu gehen. Fünf oder sechs nicht gerade sehr achtbare Gesellen, von denen er aufgefischt worden war, rieten ihm, das Leben erst auf dem Lande zu geniessen und den Eintritt auf das Schiff bis zum allerletzten Augenblicke zu verschieben. Da dieser Rat zufälligerweise mit Jacks Absicht übereinstimmte, befand sich unser Held drei Wochen in Portsmouth, ehe nur jemand etwas von seiner Ankunft daselbst wusste; mittlerweile erhielt jedoch Kapitän Wilson von Herrn Freimut ein Schreiben, aus dem er ersah, dass Jack zu der erwähnten Zeit von Hause abgegangen sei: der Kapitän beauftragte daher seinen ersten Leutnant, Nachforschungen anzustellen, denn er befürchtete, es möchte dem jungen, unerfahrenen Jack ein Unfall zugestossen sein. Da Herr Sawbridge, der erste Leutnant, gerade am Abend vor dem Tage der Abfahrt des Schiffes noch einmal ans Land ging, begab er sich nach dem Gasthofe „Georg“, in die „blauen Pfosten“, sowie in den „Springbrunnen“, um nachzufragen, ob nicht ein solches Individuum, wie Master Freimut, dort eingetroffen sei.

„O ja“, erwiderte der Kellner im ‚Springbrunnen‘, „Herr Freimut wohnt schon seit drei Wochen hier.“

„Den Teufel noch einmal“, rief Herr Sawbridge mit der ganzen Entrüstung eines ersten Leutnants, der drei Wochen lang um die Erziehung eines jungen Seekadetten betrogen wurde, „wo ist er? Im Gastzimmer?“

„O nicht doch, Sir“, antwortete der Kellner, „Herr Freimut hat im ersten Stock die Zimmer vorn heraus.“

„Nun, so führt mich hinauf.“

„Dürfte ich Sie um Ihren werten Namen bitten?“

„Ein erster Leutnant lässt sich bei einem Kadetten nicht melden; er soll bald erfahren, wer ich bin.“

Der Kellner stieg, gefolgt von Herrn Sawbridge, die Treppe hinauf und öffnete die Thür zu Herrn Freimuts Zimmer.

„Ein vornehmer Herr wünscht Sie zu sprechen, Sir“, meldete er.

„Lasst ihn hereinkommen“, sagte Jack, „und merkt’s Euch, Bursche, dass der Punsch diesmal besser sein muss, als gestern. Ich habe noch zwei Herren zum Essen eingeladen.“

Unterdessen war Herr Cambridge, der keine Uniform trug, hereingetreten; er fand Jack allein im Zimmer, aber einen für acht Personen elegant gedeckten Mittagstisch, als sei die Tafel eher für einen Oberbefehlshaber, als für den Kadetten einer Korvette ausgerüstet.

„Darf ich mir erlauben, Sie zu fragen“, fing Jack an, der stets äusserst höflich und artig in seinen Anreden war, „womit ich Ihnen dienen kann?“

„Ja, das können Sie, junger Mann, dadurch, dass Sie augenblicklich auf Ihr Schiff gehen. Und dürfte ich meinerseits mir erlauben, Sie zu fragen, weshalb Sie drei Wochen am Land bleiben, ohne auf Ihr Schiff zu kommen?“

Jack, dem der entschiedene Ton des Herrn Sawbridge nicht sehr behagte, nahm einen Stuhl, kreuzte seine Beine, spielte mit der goldenen Kette, an welcher seine Uhr befestigt war, und fragte nach einer kleinen Pause ganz kaltblütig:

„Und darf ich fragen, wer Sie sind?“

„Wer ich bin, Sir?“ entgegnete Sawbridge, von seinem Stuhle aufspringend, „mein Name ist Sawbridge, Sir, und ich bin der erste Leutnant auf der ‚Harpy‘.“

Sawbridge, der sich einbildete, der Name des ersten Leutnants würde einem strafbaren Kadetten Schrecken einjagen, warf sich wieder auf einen Stuhl und nahm eine wichtige Miene an.

„In der That, Sir“, erwiderte Jack, „meine Unkenntnis des Dienstes lässt mich durchaus nicht erraten, was Ihre Stellung an Bord sein mag, aber aus Ihrem Benehmen darf ich wohl den Schluss ziehen, dass Sie keine geringe Meinung von sich selbst haben.“

„Hören Sie mich wohl an, mein junger Mann; Sie mögen allerdings nicht wissen, was ein erster Leutnant ist, und nach Ihrem Benehmen zu urteilen, will ich das auch gern glauben; aber verlassen Sie sich darauf, Sie sollen es sehr bald erfahren. Einstweilen bestehe ich übrigens darauf, Sir, dass Sie sofort an Bord gehen.“

„Ich bedaure sehr, dass ich Ihrem äusserst bescheidenen Verlangen nicht entsprechen kann“, erwiderte Jack kaltblütig. „Ich werde an Bord gehen, wann es mir beliebt, und bitte Sie, in betreff meiner sich durchaus nicht weiter zu bemühen.“

Jack zog die Klingel; der Kellner, der aussen gehorcht hatte, erschien sogleich, und ehe noch Herr Sawbridge zu einer Antwort Zeit fand, antwortete Jack:

„Kellner zeigt diesem Herrn den Weg die Treppe hinunter.“

„Beim Gott des Krieges!“ rief der erste Leutnant, „warten Sie nur, ich will Ihnen bald den Weg zum Boot hinunter zeigen, Sie junger Bengel. Wenn ich Sie nur einmal an Bord habe, will ich Sie schon den Unterschied zwischen einem Kadetten und einem ersten Leutnant kennen lehren.“

„Ich kann bloss Gleichheit gelten lassen, Sir“, entgegnete Jack; „wir sind alle gleich geboren, das werden Sie hoffentlich zugeben.“

„Gleichheit! Man sollte fast meinen, Sie übernehmen den Befehl des Schiffes. Übrigens, Sir, wird Ihre Unwissenheit nach und nach verschwinden. Ich werde mich jetzt auf die Korvette begeben und Ihr Benehmen dem Kapitän Wilson melden; und das sage ich Ihnen, wenn Sie bis heute abend nicht an Bord sind, so werde ich morgen in aller Frühe einen Sergeanten nebst einigen Marinesoldaten schicken, um Sie zu holen.“

„Verlassen Sie sich darauf, Sir“, antwortete Jack, „auch ich meinerseits werde nicht ermangeln, dem Kapitän Wilson zu sagen, dass ich Sie für einen höchst streitsüchtigen impertinenten Gesellen halte, und ihm deshalb dringend anempfehlen, Sie ja nicht länger an Bord zu lassen.“

„Er muss verrückt sein — ganz verrückt“, rief Sawbridge, bei dem die Verwunderung über den Zorn Meister wurde. „Toll, wie ein Märzhase!“ —

„Nicht doch, Sir“, entgegnete Jack, „ich bin nicht toll, aber ein Philosoph.“

„Ein — was?“ schrie Sawbridge, „und was noch mehr? Gut, mein Spassmacher, um so besser für Sie, ich werde Ihre Philosophie auf die Probe stellen.“

„Gerade aus diesem Grunde, Sir“, antwortete Jack, „habe ich den Entschluss gefasst, zur See zu gehen; und wenn Sie an Bord bleiben, so hoffe ich, Ihnen den Punkt zu beleuchten und Sie zur wahren Lehre der Gleichheit und Menschenrechte zu bekehren.“

„Beim Gott, der uns beide erschaffen hat, ich will Sie bald zu den sechsunddreissig Kriegsartikeln bekehren — das heisst, wenn Sie an Bord bleiben. Jetzt will ich übrigens zum Kapitän gehen und Ihr Benehmen melden, Sie selbst aber dem Essen überlassen, zu dem Sie Appetit, soviel Sie nur wollen, haben mögen.“

„Ich bin Ihnen unendlich verbunden, Sir. Wegen meines Appetites brauchen Sie jedoch keine Sorge zu haben: ich bedaure nur, dass ich Sie, obwohl Sie zu demselben Schiffe gehören, aus schuldiger Rücksicht gegen die gebildeten jungen Leute, die ich erwarte, nicht wohl einladen kann mitzuspeisen.“

„Er ist toll; offenbar ganz toll“, mit diesen Worten stürzte der erste Leutnant zum Zimmer hinaus.

Jack war selbst ein wenig verwundert. Wäre Herr Sawbridge in Uniform erschienen, so würde es vielleicht anders gegangen sein; aber dass ein schlicht aussehender Mann mit schwarzem Backenbart, einem alten blauen Frack und einer gelben Kasimirweste es wagen sollte, ihn so anzureden, war ihm ganz unerklärlich. Er nennt mich toll, dachte Jack, aber ich will dem Kapitän Wilson meine Meinung über seinen Leutnant sagen.

Unterdessen hatte sich Sawbridge nach des Kapitäns Wohnung begeben und diesem einen getreuen Bericht über das Vorgefallene erstattet, den er in grosser Wut mit dem Verlangen schloss, unseren Helden Jack entweder sofort zu entlassen oder aber vor ein Kriegsgericht zu stellen.

„Warten Sie einmal“, erwiderte Kapitän Wilson, „setzen Sie sich; wie Herr Freimut sagt, müssen wir diesen Punkt beleuchten. Was das Stellen vor ein Kriegsgericht anbelangt, so wird das nicht wohl gehen, denn erstens war Herr Freimut noch nicht auf dem Schiffe eingetroffen, und zweitens konnte man, da Sie nicht in Uniform kamen, nicht voraussetzen, dass er in Ihnen den ersten Leutnant oder überhaupt einen Offizier erkannte.“

„Ganz richtig, Sir“, entgegnete Sawbridge, „das habe ich ganz vergessen.“

„Was sodann seine Entlassung, oder vielmehr die Versagung des Eintritts betrifft, so bitte ich Sie, zu beachten, dass Herr Freimut auf dem Lande auferzogen wurde und vielleicht in seinem Leben vom Wasser nie mehr gesehen hat, als einen Fischteich. Was ferner den Dienst und dessen Wesen anbelangt, so glaube ich, dass er davon so wenig weiss, als ein Kind von einem Jahre — ich zweifle sogar, ob er nur den Rang eines Leutnants kennt.“

„Das meine ich auch“, antwortete Sawbridge trocken.

„Ich bin deshalb nicht der Ansicht, dass eine aus Unwissenheit hervorgegangene That so streng bestraft werden soll. — Herr Sawbridge, ich wende mich an Ihr eigenes Urteil.“

„Nun ja, Sir, Sie haben vielleicht recht — aber er sagte doch zu mir, er sei ein Philosoph, und sprach von Gleichheit und Menschenrechten. Er sagte mir ferner, er könne bloss Gleichheit zwischen uns gelten lassen, und verlangte, diesen Punkt mit mir zu beleuchten. Wenn nun ein Kadett jedesmal, so oft ihm ein Befehl erteilt wird, den Punkt beleuchten will, so wird es mit dem Dienste schlecht vorwärts gehen.“

„Das ist ganz wahr, Sawbridge, und jetzt erinnern Sie mich an etwas, das mir damals nicht einfiel, als ich versprach, Herrn Freimut in mein Schiff aufzunehmen. Ich entsinne mich, dass sein Vater, der ein entfernter Verwandter von mir ist, einige unsinnige Gedanken im Kopfe trägt, wie die, welche sein Sohn beim Zusammentreffen mit Ihnen ausgesprochen hat.

„Ich habe bisweilen bei ihm gespeist, und Herr Freimut stellte fortwährend die Grundsätze über natürliche Gleichheit und Menschenrechte auf, zum grossen Vergnügen seiner Gäste, und wie ich gestehen muss, auch zu dem meinigen. Ich erinnere mich noch, wie ich ihm eines Tages sagte, ich glaube nicht, dass er je in dem Dienste, zu dem ich gehöre, seine Ansichten einzuführen vermöchte, denn sonst würde es bald mit aller Manneszucht ein Ende haben. Damals dachte ich nicht daran, dass sein einziger Sohn je mit mir segeln und diese Grundsätze auf ein Schiff mitbringen würde, über welches ich den Oberbefehl führe. Es ist schade, jammerschade.“

„Er hätte nie seine Säue auf einen schlechteren Markt bringen können“, bemerkte Sawbridge. „Vielleicht haben diese Ideen bei dem jungen Manne tiefe Wurzel gefasst, und wir werden sie nicht leicht ausrotten können?“

„Das glaube ich gerade nicht; bedenken Sie aber, dass sie ihm vielleicht von der frühesten Kindheit an eingeprägt worden sind, und zwar aus einem Munde, aus dem sie mit dem grössten Vertrauen vernommen werden mussten — vom Vater dem Sohne, und dass sich dieser Sohn bis jetzt noch nicht genug in der Welt umgesehen hat, um sich von der Unrichtigkeit solcher Grundsätze zu überzeugen.“

„Ganz schön, Sir“, entgegnete Sawbridge, „würde es aber für den jungen Mann und für den Dienst nicht besser sein, wenn er wieder nach Hause geschickt würde? Als Offizier wird er sich selbst wenig Freude bereiten, wohl aber anderen viel schaden.“

„Lieber Sawbridge“, erwiderte Kapitän Wilson, nachdem er zweimal im Zimmer auf und ab gegangen war, „wir traten miteinander in den Dienst, waren jahrelang Tischgenossen, und Sie müssen also wissen, dass es nicht bloss alte Freundschaft, sondern aufrichtige Anerkennung Ihrer Verdienste ist, die mich bestimmte, Sie zu bitten, als erster Leutnant mit mir zu segeln. Nun will ich Ihnen eine Frage vorlegen, und Sie sollen entscheiden; ja noch mehr, ich will nach Ihrer Entscheidung handeln.

„Angenommen, Sie wären Befehlshaber eines Schiffes, wie ich, mit Frau und sieben Kindern, und sähen sich, nachdem Sie sich jahrelang abgequält, Ihre Familie zu ernähren, allmählich trotz der grössten Sparsamkeit in Schulden gestürzt; Sie wären nach langen und vielfachen Bemühungen so glücklich, durch Ernennung auf eine schöne Korvette eine Anstellung zu erhalten, die Ihnen durch das Prisengeld und den erhöhten Sold alle Aussicht böte, von Ihrer misslichen Lage sich zu erholen und vielleicht noch für die Ihrigen ein hinlängliches Vermögen zu erwerben — angenommen dann, alle diese Aussichten und Hoffnungen wären sozusagen in den Grund gebohrt dadurch, dass Sie kein Geld besässen, um sich aufzutakeln, keinen Kredit, keine Mittel, die Schulden zu bezahlen, und es wäre Ihnen nicht möglich, genügende Summen zum Unterhalte Ihrer Familie während Ihrer Abwesenheit zurückzulassen — angenommen, ferner, Sie würden in dieser hilflosen Lage als letzten Ausweg einen Mann ansprechen, mit dem Sie nur entfernt verwandt, nur oberflächlich bekannt wären — Sie hätten diesem Manne Ihre Bitte um ein Anlehen von zwei- oder dreihundert Pfund vorgetragen, im entschiedenen Vorgefühle einer abschlägigen Antwort — angenommen endlich, dieser grossmütige Mann würde Ihnen zu Ihrem Erstaunen eine Anweisung auf seinen Bankier im Betrage von tausend Pfund überreichen, ohne Zinsen, ohne eine gerichtliche Sicherheit zu verlangen, und sogar mit der Aufforderung, diese Schuld nach Bequemlichkeit wieder heimzuzahlen — welche Gefühle, Sawbridge, frage ich, würden Sie gegen einen solchen Mann hegen?“

„Ich würde für ihn in den Tod gehen“, antwortete Sawbridge mit Rührung.

„Und angenommen, der Sohn dieses Mannes würde durch blossen Zufall oder durch eine Laune des Augenblickes unter Ihren Schutz gestellt?“

„Ich würde Vaterstelle an ihm vertreten.“

„Aber wir müssen noch ein wenig weitergehen. Angenommen, Sie fänden, der Bursche wäre nicht ganz so, wie Sie es wünschten — er hätte falsche Lehren eingesogen, die wahrscheinlich, wenn sie nicht ausgerottet würden, von üblen Folgen für sein Wohl und Glück sein könnten — würden Sie ihm da Ihre Unterstützung entziehen und ihn der Gnade anderer überlassen, die nicht durch die Bande der Dankbarkeit verpflichtet wären, ihn auf den rechten Pfad zu führen?“

„Ganz gewiss nicht, Sir; ich würde diesen Sohn im Gegenteil nicht von meiner Seite lassen, bis ich ihn durch Lehren und Mittel jeder Art gebessert sähe und so die Schuld meiner Dankbarkeit gegen den grossmütigen Vater so weit wie möglich abgetragen hätte.“

„Nach dem Vorgefallenen habe ich wohl kaum nötig, Ihnen zu sagen, Sawbridge, dass der junge Mensch, von dem Sie eben herkommen, dieser Sohn, und Herr Freimut in Forest-Hill der Vater ist.“

„Dann, Sir, kann ich Ihnen nur sagen, dass ich nicht bloss Ihnen zu Gefallen, sondern auch aus Achtung für einen Mann, der eine solche freundliche Bereitwilligkeit gegen einen unserer Flottenoffiziere an den Tag legte, alles, was zwischen mir und dem jungen Manne vorgekommen ist, sowie alles, was sich wahrscheinlich noch zutragen wird, ehe wir das aus ihm gemacht haben, was er werden soll, von Herzen gern vergebe.“

„Vielen Dank, Sawbridge, das erwartete ich allerdings und habe mich auch in meiner Meinung von Ihnen nicht getäuscht.“

„Und was soll nun geschehen, Kapitän Wilson?“

„Wir müssen ihn an Bord bekommen, aber nicht durch eine Abteilung Marinesoldaten; das würde mehr schaden, als nützen. Ich will ihm ein Billet schreiben und ihn einladen, mit mir zu frühstücken; dann will ich ihm schon das Geeignete bemerken. Ich habe nicht im Sinne, ihn abzuschrecken, denn er würde ohne Bedenken nach Forest-Hill zurückeilen, während ich ihn doch zu behalten wünsche, wenn ich irgend kann.“

„Sie haben vollkommen recht; Sir. Ich will somit für jetzt von dem Vorgefallenen keine Notiz nehmen und die ganze Sache lediglich Ihnen überlassen.“

„Thun Sie das, Sawbridge. Sie haben mich durch Ihre freundliche Güte in dieser Angelegenheit unendlich verpflichtet.“

Sawbridge entfernte sich, und Kapitän Wilson sandte ein Schreiben an unseren Helden ab, worin er sich das Vergnügen seiner Gesellschaft zum Frühstück auf morgen früh um neun Uhr erbat. Jack sagte zu.

Drittes Kapitel.
An Bord der „Harpy“.

Am anderen Morgen würde Jack Freimut die ganze Einladung des Kapitäns vergessen haben, wenn ihn nicht der Kellner erinnert hätte; dieser glaubte, nach dem Empfang, den unser Held dem ersten Leutnant geschenkt hatte, würde es jedenfalls geraten sein, wenn er sich gegen den Kapitän nicht unehrerbietig bezeige. Jack hatte bis jetzt seine Uniform nicht angelegt; er hielt dies somit für eine passende Gelegenheit in derselben zu erscheinen. Jack war gar nicht erfreut über seinen Kleiderwechsel. Es kam ihm vor, als ob er jetzt seine Unabhängigkeit aufopfere; übrigens gab er dem Entschlusse des ersten Augenblickes, sie wieder abzulegen, keine Folge, sondern er nahm seinen Hut, den der Kellner gebürstet hatte und ihm überreichte, und begab sich nach des Kapitäns Wohnung.

Kapitän Wilson empfing ihn, als ob er von der Verzögerung in seinem Eintritt auf das Schiff und von der Unterredung mit dem ersten Leutnant gar nichts wüsste; aber noch ehe das Frühstück vorüber war, hatte Jack die Geschichte in wenigen Worten erzählt.

Nun ging Kapitän Wilson im einzelnen auf die Pflichten und den Rang eines jeden an Bord des Schiffes Dienenden über, wobei er Jack bedeutete, es sei da, wo Manneszucht erfordert werde, unmöglich, dass mehr als einer befehle, wenn der Dienst vorwärts gehen solle; dieser eine sei der Kapitän, der in seiner Person den König und damit das Land vertrete. Da die Befehle vom Kapitän durch den Leutnant gingen und vom Leutnant an die Kadetten, die sie dann ihrerseits der ganzen Schiffsmannschaft eröffneten, so sei es eigentlich der Kapitän allein, der Befehle erteile, und jeder ohne Ausnahme sei gleichmässig verpflichtet, zu gehorchen. Da übrigens der Kapitän ebenfalls den Befehlen seiner Vorgesetzten, des Admirals und der hohen Admiralitätsbeamten, Folge zu leisten habe, so könne man wohl sagen, dass alle an Bord zu gleichmässigem Gehorsam verpflichtet seien. Kapitän Wilson legte einen starken Nachdruck auf das Wort gleichmässig, während er nämlich Jack auseinandersetzte, dass er jetzt in einen Dienst trete, in welchem Gleichheit selbst nicht für einen Augenblick bestehen könne, wenn der Dienst bestehen solle, bemühte er sich, zu zeigen, wie gewissermassen alle Rangunterschiede dadurch aufgehoben wären, dass alle gleichmässig verbunden seien, ihren Pflichten gegen das Land nachzukommen, und wie somit in der That ein Seemann, ob er nun seinen Befehlen, oder denen seines vorgesetzten Offiziers gehorche, eigentlich nur den Befehlen des Landes folge, welche durch diese Verbindungswege erteilt würden.

Jack war im ganzen genommen mit dieser Beleuchtung des Gegenstandes nicht unzufrieden, und der Kapitän hütete sich, zu lange dabei zu verweilen. Er ging jetzt zu den Einzelheiten über, von denen er wusste, dass sie Jack noch besser gefallen würden. Er setzte ihm auseinander, die Kriegsartikel seien die Regel, nach denen der Dienst gehandhabt werden müsse, und jeder, vom Kapitän bis zum untersten Schiffsjungen, habe sich gleichmässig danach zu richten — jedem Manne an Bord sei eine bestimmte Ration an Speisen und Getränken bewilligt, und diese Ration sei für alle die gleiche — für den Kapitän wie für den Schiffsjungen die gleiche in Quantität und Qualität, und jeder gleichmässig zu dieser Portion berechtigt; es seien ferner, obschon es notwendigerweise Abstusungen im Dienste geben und jeder Befehl des Kapitäns von allen beachtet und befolgt werden müsse, alle Offiziere, welches auch immer ihr Rang sein möge, gleichmässig als Gentlemen zu betrachten. Kurz und gut, Kapitän Wilson, der die Wahrheit sagte, und nur die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit, machte unseren Jack in der That glauben, er habe endlich die Gleichheit gefunden, die er am Lande vergebens gesucht. Unser Held erinnerte sich der Ausdrücke, deren sich Herr Sawbridge abends zuvor gegen ihn bedient hatte, und fragte den Kapitän, warum sich dieser Mensch so benommen habe. Da nun die Sprache des Herrn Sawbridge gar nicht wie angewandte Gleichheit gelautet hatte, geriet Kapitän Wilson in einige Verlegenheit. Indessen stellte er Jack erstens vor, der erste Leutnant sei damals, als der älteste Offizier an Bord, an des Kapitäns Stelle gewesen, wie das auch bei Jack der Fall sein würde, wenn er einmal der älteste Offizier an Bord wäre, und der Kapitän oder älteste Offizier vertrete, wie schon gesagt, das Land. Ferner mache sich nach den Kriegsartikeln jeder, der sich von seinem Schiffe entferne, eines Vergehens oder Verbrechens gegen diese Artikel schuldig, und wenn ein solches Vergehen oder Verbrechen von einem der zur Schiffsmannschaft gehörenden Leute begangen werde und der älteste Offizier keine Notiz davon nehme, so begehe dieser selbst ein Verbrechen gegen die Artikel und setze sich der Strafe aus, wenn er nicht beweisen könne, dass er wirklich Notiz davon genommen habe, Herr Sawbridge sei somit um seiner selbst willen verpflichtet gewesen, dieses Vergehen zu rügen, und wenn er sich dabei scharfer Ausdrücke bedient habe, so zeuge dies nur von seinem Eifer für sein Land.

„Wenn das so ist“, erwiderte Jack, „kann auf Ehre kein Zweifel über seinen Eifer obwalten; denn wäre das Wohl des ganzen Landes bedroht gewesen, so hätte er nicht in heftigere Aufregung geraten können.“

„Somit that er seine Schuldigkeit; aber seien Sie überzeugt, es machte ihm keine Freude, und ich stehe dafür, wenn Sie ihn an Bord treffen, wird er so freundlich gegen Sie sein, als ob nichts vorgefallen wäre.“

„Er sagte, er wollte mich bald lehren, was ein erster Leutnant sei: was wollte er denn damit sagen?“ fragte Jack.

„Purer Eifer.“

„Schön; aber er sagte auch, sobald er mich an Bord habe, wolle er mir den Unterschied zwischen einem ersten Leutnant und einem Kadetten zeigen.“

„Purer Eifer.“

„Er sagte ferner, meine Unwissenheit werde nach und nach schon vergehen.“

„Purer Eifer.“

„Und er wolle einen Sergeanten und Marinesoldaten schicken, um mich zu holen.“

„Purer Eifer.“

„Er wolle meine Philosophie auf die Probe stellen.“

„Purer Eifer, Mr. Freimut. Eifer wird sich stets so aussprechen, und wir dürfen im Dienste nichts ohne diesen thun. Merken Sie sich’s, dass ich darauf rechne und hoffe, auch in Ihnen eines Tages einen eifrigen Offizier zu sehen.“

Hier stellte Jack ernstliche Betrachtungen an und gab keine Antwort.

„Ich bin gewiss“, fuhr Kapitän Wilson fort, „Sie werden in Herrn Sawbridge einen Ihrer besten Freunde finden.“

„Ist möglich“, antwortete Jack; „ich bin übrigens von unserem ersten Zusammentreffen nicht sehr erbaut.“

„Es wird Ihnen vielleicht später zur nicht ganz angenehmen Pflicht werden, ebenso viele Fehler an sich selbst zu finden; wir müssen alle den Obliegenheiten gegen unser Vaterland gleichmässig nachkommen. Übrigens habe ich Sie kommen lassen, Herr Freimut, um Ihnen zu sagen, dass wir morgen unter Segel gehen, und da ich meine Effekten heute abend noch an Bord schicke, so werden Sie gut daran thun, die Ihrigen auch zu senden. Um acht Uhr werde ich an Bord gehen, und wir können beide in demselben Boote hinfahren.“

Hiergegen machte Jack keinerlei Einwendung; er bezahlte seine Rechnung im „Springbrunnen“, schickte seinen Koffer durch einige Leute von der Bootsmannschaft an Bord und erwartete nun den Befehl des Kapitäns zur Einschiffung. Um neun Uhr abends befand sich unser Held ganz wohlbehalten an Bord von Sr. Majestät Korvette „Harpy“.

Als Jack eintraf, war es dunkel, und er wusste nicht, was er mit sich anfangen sollte. Der Kapitän wurde von den Offizieren auf dem Deck empfangen; sie lüfteten ihre Hüte, ihn zu begrüssen. Er erwiderte den Gruss, und auch Jack that dies ganz höflich; hierauf liess sich der Kapitän in ein Gespräch mit dem ersten Leutnant ein, und nun blieb Jack für einige Zeit sich selbst überlassen. Es war zu dunkel, um die Gesichter zu unterscheiden, und für einen, der noch nie an Bord eines Schiffes gewesen war, zu dunkel, um heruntergehen zu können. Jack stand übrigens nicht lange, als das Offizierboot an den hinteren Jütten eingehängt wurde und der Hochbootsmann rief:

„Zieht straff an, meine Jungen.“

Ein schrilles Pfeifen, und der Ruf „Weg damit“ liess sich hören. Die Leute mit den Tauen trieben und drängten sich nun eilends vorwärts; sie warfen unseren guten, im Dunkeln stehenden Jack zu Boden, und ein halbes Dutzend Marinesodaten fielen auf ihn. Die Leute, welche nicht daran dachten, dass sich unter den Gestürzten ein Offizier befinde, machten sich über den Spass lustig und hüpften auf denen, welche da lagen, so lange herum, bis diese aus dem Wege rollten. Jack, der gar nicht wusste, was das sein sollte, kam schlecht dabei weg; erst als die Pfeife zum Belegen rief, konnte er wieder auf seinen Beinen stehen. Er schwankte einer Karronadeschleife zu, als ihn die Offiziere, welche so gut wie die Schiffsmannschaft über den Spass gelacht hatten, sahen; unter ihnen befand sich Sawbridge, der erste Leutnant, welcher freundlich fragte:

„Sind Sie beschädigt, Herr Freimut?“

„Ein wenig“, erwiderte Jack, schwer Atem holend.

„Es wurde Ihnen ein rauher Empfang zu teil“, antwortete der erste Leutenant, „aber zu gewissen Zeiten heisst es an Bord eines Schiffes: ‚Jeder für sich, Gott für alle‘ — Harpur“, fuhr er zum Doktor gewendet fort, „bringen Sie Mr. Freimut in die Konstabelkammer, wo ich mich sobald als möglich auch einfinden werde. Wo ist Mr. Jolliffe?“

„Hier, Sir“, erwiderte Jolliffe, ein Steuermannsgehilfe, der von der Spiere her nach hinten kam.

„Da ist ein junger Mann, der mit dem Kapitän an Bord eintraf. Befehlen Sie einem von den Schiemännern, eine Hängematte aufzuschlingen.“

Unterdessen war Jack in die Konstabelkammer hinab gekommen, wo er sich durch den Genuss von einem Glase Wein wieder etwas erholte. Er blieb da übrigens nicht lange und wagte auch nicht viel zu sprechen. Sobald seine Hängematte bereit war, freute er sich, zu Bett gehen zu können, und da er starke Quetschungen empfangen hatte, so wurde er am anderen Morgen erst nach neun Uhr gestört. Nun zog er sich an und kam aufs Verdeck, wo er sah, dass die Korvette eben an den Nadeln vorüberfuhr; da er aber ein ganz sonderbares Gefühl empfand und schliesslich die Wirkungen der Seekrankheit verspürte, so wurde er von einem Marinesoldaten hinuntergebracht und wieder in seine Hängematte gelegt. Hier verblieb er während eines dreitägigen starken Windes, wobei es ihn nicht wenig verwirrte und in Verlegenheit brachte, dass er seinen Kopf jeden Augenblick gegen das Gebälke stiess.

„Das heisst also zur See gehen“, dachte Jack; „kein Wunder, dass hier keiner sich um den anderen bekümmert oder von Übertretung auf seinen Boden spricht. Das ist gewiss, jeder kann meinen Anteil am Ozean mit Vergnügen haben, und komme ich nur wieder ans Land, meinetwegen der Teufel, wenn er ihn will.“

Kapitän Wilson und Herr Sawbridge hatten unserem Jack während seiner Krankheit grössere Vergünstigungen eingeräumt, als dies sonst geschah. Zur Zeit, da der Sturm vorüber war, befand sich die Korvette auf der Höhe von Finisterre. Am anderen Morgen ging die See ziemlich niedrig, und nur noch eine leichte Brise flog über die Wellen hin. Die verhältnismässige Ruhe der vorigen Nacht hatte unseren Helden wieder ganz hergestellt; als zum Emporwinden der Hängematten gepfiffen wurde, trat Jolliffe, der Steuermannsgehilfe, zu ihm und fragte, „ob er aufstehen und anbeissen, oder aber ob er zwischen seinen Decken stecken bleiben wolle bis nach Gibraltar.“

Jack, der sich wie neugeboren fühlte, verliess seine Hängematte und kleidete sich an. Ein Marinesoldat, der auf des Kapitäns Befehl unserem Helden während seiner Krankheit aufgewartet hatte, ging ihm beim Anziehen an die Hand; er öffnete seinen Koffer und brachte ihm alles, was er bedurfte, denn sonst würde er, wie man sagt, nicht rechts und nicht links gewusst haben.

Hierauf fragte Jack, wohin er gehen müsse; denn obgleich schon fünf Tage an Bord, war er doch noch nie in der Kadettenkajütte gewesen. Der Marinesoldat zeigte ihm diese, und Jack, der grossen Hunger verspürte, kletterte über Kisten und Koffer hin, bis er glücklich in eine Höhle gelangte, die unendlich ärmlicher war, als die Hundeställe auf dem Besitztum seines Vaters.

„Nicht nur den Ozean“, dachte Jack, „und meinen Teil daran, sondern auch meinen Anteil an der „Harpy“ überlasse ich gern jedem anderen, der ihn nur irgend will. Da herrscht freilich Gleichheit genug, denn jeder scheint gleich elend daran zu sein.“

Während er sich diesen Gedanken hingab, sah er, dass sich noch jemand in der Kajütte befand — Herr Jolliffe, der Steuermannsgehilfe, der sein Auge auf Jack gerichtet hatte, und dessen Gruss nun Jack erwiderte. Das erste, was Jack bemerkte, war, dass Herr Jolliffe ein sehr blatternarbiges Gesicht und nur ein Auge, aber ein durchbohrendes hatte; es glich einem kleinen Feuerballe, und in der That entströmte diesem einsamen Leuchtpunkte mehr Licht, als die Kerze gab.

„Dein Blick behagt mir nicht“, dachte Jack, „wir werden nie gute Freunde werden“, verfiel übrigens hierbei, wie sich später zeigen wird, in den gewöhnlichen Irrtum, nach dem Scheine zu urteilen.

„Freut mich sehr, Sie wieder auf zu sehen, junger Herr“, frag Jolliffe wieder an. „Sie sind länger als gewöhnlich auf dem Schragen gelegen, aber freilich, die Stärksten packt es am heftigsten — Sie haben sich spät entschlossen, zur See zu gehen; vielleicht nach dem Sprichwort: ‚Besser zu spät, als gar nicht.‘“

„Ich fühle mich sehr geneigt, die Wahrheit dieses Satzes zu beleuchten“, erwiderte Jack, „aber es ist jetzt nutzlos. Ich bin entsetzlich hungrig — wann werde ich ein Frühstück bekommen?“

„Morgen früh um halb neun Uhr“, war Jolliffes Antwort, „für heute ist das Frühstück schon seit zwei Stunden vorbei.“

„Aber soll ich denn gar nichts erhalten?“

„O nein, das sag’ ich nicht, denn bei Ihrer Krankheit müssen wir einige Vergünstigungen eintreten lassen; aber kein Frühstück wird es sein.“

„Nennen Sie es, wie Sie mögen“, entgegnete Jack, „befehlen Sie nur gefälligst dem Aufwärter, mir etwas zu essen zu geben. Mürbe Kuchen oder Plattsemmel — nur irgend etwas, doch würde ich Kaffee vorziehen.“

„Sie vergessen, dass Sie auf der Höhe von Finisterre sind und in einer Kadetten-Kajütte. — Kaffee haben wir nicht — Plattsemmeln sehen wir mit keinem Auge — mürbe Kuchen können wir nicht machen, da wir keinen Teig haben; aber eine Tasse Thee mit Schiffszwieback und Butter kann ich Ihnen durch den Steward sogleich kommen lassen.“

„Thun Sie das“, antwortete Jack, „ich werde Ihnen sehr viel Dank dafür wissen.“

„Seesoldat“ — rief Jolliffe, „lassen Sie Mesty kommen.“

„Mesty soll kommen“, schrie der Seesoldat — und so gingen die zwei Silben von Mund zu Mund, bis sie endlich auf das Vorderteil des Fahrzeuges gelangten.

Mesty, ein merkwürdig sonderbarer schwarzer Mann, der als Sklave nach Amerika gebracht und dort verkauft worden war, erschien sehr schlank und schmächtig gebaut, aber er hatte eine muskulöse Gestalt und ein bei seinem Völkerstamme keineswegs gewöhnliches Gesicht, einen langen und mageren Kopf, hohe Backenknochen, von denen sich das Gesicht bis zum Kinn fast haarscharf zuspitzte; eine sehr kleine, aber ziemlich gerade und fast römische Nase; auch sein Mund war ungewöhnlich klein und die Lippen für einen Afrikaner durchaus nicht dick; er hatte blendend weisse, scharf zugespitzte Zähne. Er machte Anspruch auf fürstliche Abkunft in seinem Baterlande; ob dies jedoch richtig war, konnte nicht ermittelt werden. Sein Herr hatte sich in New York niedergelassen. Alle eingewanderten Arbeiter in New York sind Irländer, und von diesen hatte Mesty den stark gebrochenen und eigentümlichen Dialekt der Schwester-Insel, vermischt mit ein wenig Yankismus, gelernt.

Nachdem er gehört, dass man in England keine Sklaven halte, verbarg er sich an Bord eines englischen Kauffahrteischiffes und entfloh auf diese Weise seinem Herrn. Bei seiner Ankunft in England begab er sich an Bord eines Kriegsschiffes. Da er keinen Namen hatte, so war es nötig, ihn zu taufen, um ihn in die Schiffsbücher eintragen zu können, man nannte ihn Mephistopheles Faust, was dann zu Mesty verstümmelt wurde. Dieser Mesty besass einen excentrischen Charakter; wenn er sich seiner Abkunft erinnerte, war er stolz bis zum Übermass, in der anderen Minute aber wieder ernst und fast mürrisch — aber wenn ihm im Lauf der täglichen Geschäfte nichts Unangenehmes begegnete oder nichts Widriges in den Sinn kam, zeigte er jenes drollige Benehmen, mit dem Beigeschmack irischen Humors, das wir bei seinem Volke so häufig finden.

Mesty erschien bald, aber fast in der Gestalt eines Frosches, denn er kroch unter dem Gebälke durch und machte mit seinen nackten Füssen grosse Schritte.

„Bei der Allmacht, Mafia Jolliffe, es ist nicht an der Zeit, just jetzt nach mir zu schicken: seht doch, dass die Kartoffel im Kessel und so viele Spitzbuben bereit sind, ein anderes Netz hineinzuthun und sich zu nutze zu machen das Versehen — hol’ sie der Teufel!“

„Mesty, du weisst, dass ich dich nie rufe und durch andere nie rufen lasse, wenn es nicht notwendig ist“, erwiderte Jolliffe, „aber dieser arme junge Mann hat nichts gegessen, seit er an Bord ist und ist nun recht hungrig — du muss ihm ein wenig Thee bringen.“

„Was meinen Sie, Sir? Um Thee zu machen, muss ich zuerst Wasser haben und zunächst muss haben Raum in der Küche, den Kessel ans Feuer zu stellen. — Aber wenn Sie nur die Spitze Ihres kleinen Fingers hineinstecken wollten, fänden Sie jetzt in der Küche keinen Platz dazu.“

„Aber er muss doch irgend etwas haben, Mesty.“

„Lassen wir also den Thee beiseite“, bemerkte hier Jack; „ich will etwas Milch trinken.“

„Meinen Massa Milch, und ist das Milchweib an der anderen Seite der Bucht?“

„Wir haben keine Milch, Mr. Freimut. Sie vergessen, dass wir auf den blauen Wogen sind“, entgegnete Jolliffe. „Es thut mir in der That leid; aber Sie müssen bis zur Mittagsessenszeit warten. Mesty sagt die volle Wahrheit.“

„Sagen Ihnen was, Massa Jolliffe, eben sieben Glockenzüge und, wenn der junge Herr statt Thee etwas aus dem Kessel nehmen wollte, so möcht’s ihm gut bekommen. ’s ist nur ein kleiner Unterschied zwischen Theebrühe und Erbsensuppe. Eine Schüssel davon, mit einigen Nüssen und etwas Pfeffer, wird ihm jedenfalls gut thun.“

„Das Beste vielleicht, was er kriegen kann, Mesty, hol’ es so schnell als möglich herbei.“

Nach einigen Minuten brachte der Schwarze eine Schüssel mit Suppe, in der ganze Erbsen herumschwammen, und stellte vor unseren Helden eine zinnerne Frühstücksschüssel voll kleiner Zwiebackstücke, Kadettennüsse genannt, sowie die Pfefferdose. Jacks Traumgebilde von Thee, Kaffee, Plattsemmeln, mürbem Kuchen und Milch verschwanden, als er diese Suppe sah; aber er war sehr hungrig und fand sie somit über alles Erwarten gut; auch war es ihm, nachdem er sie verschlungen hatte, viel wohler, und als die sieben Glockenzüge ertönten, ging er mit Herrn Jolliffe aufs Verdeck.

Viertes Kapitel.
Jacks erster Erfolg.

Als Jack auf das Verdeck kam, sah er, wie die Sonne heiter schien, ein leichtes Lüftchen vom Lande her wehte und das ganze Takelwerk und jede sonstige geeignete Stelle des Schiffes mit Matrosenkleidern und Weisszeug behangen war, das der Sturm durchnässt hatte und nun getrocknet werden sollte. Auch sämtliche nassen Segel waren an den Masten ausgebreitet oder an der Takelung aufgeholt, und das Schiff strich langsam durch das blaue Wasser. Der Kapitän und der erste Leutnant standen im Gespräch miteinander auf der Laufplanke, während die meisten der Offiziere um Mittagszeit mit ihren Quadranten und Sextanten die Breite aufnahmen. Die Verdecke waren soeben sauber und rein gemacht worden und die Leute damit beschäftigt, die Taue herunterzuringeln. Es war eine Scene voll Leben, Thätigkeit und Ordnung, welche unseres Helden Herz, nach viertägigem Unwohlsein und Bettliegen in dumpfer Luft, der er nun soeben entronnen war, höchlich erfreute.

Der Kapitän, der ihn sah, winkte ihn zu sich und fragte ihn liebreich nach seinem Befinden; auch der erste Leutnant lächelte ihm zu, und viele der Offiziere sowie seine sämtlichen Tischgenossen wünschten ihm Glück zu seiner Wiedergenesung.

Später trat des Kapitäns Steward zu ihm, lüftete seinen Hut und bat um das Vergnügen seiner Gesellschaft bei dem Mittagsessen in der Kajütte. Jack, welcher die Höflichkeit selbst war, lüftete seinen Hut und nahm die Einladung an. Er stand auf einem Tau, das ein Matrose herabringelte; der Matrose lüftete seinen Hut und bat ihn, er möchte so gefällig sein, den Fuss in die Höhe zu ziehen. Jack seinerseits zog gleichfalls den Hut ab und den Fuss vom Taue weg. Der Steuermann lüpfte seinen Hut und meldete dem ersten Leutnant „zwölf Uhr“ — der erste Leutnant that das gleiche und meldete dem Kapitän „zwölf Uhr“ — der Kapitän erwiderte das Kompliment und sagte dem ersten Leutnant, es sei recht. Der Offizier langte an seinen Hut und fragte den Kapitän, ob zum Mittagsessen gepfiffen werden solle — der Kapitän lüftete seinen Hut und sagte: „Wenn’s Ihnen gefällig ist.“

Der Kadett empfing seine Befehle und lüftete den Hut, teilte sie hierauf dem Hochbootsmannsgehilfen mit, der ebenfalls den Hut lüftete, und nun schrillte die Pfeife munter.

Nun ja, dachte Jack, Höflichkeit scheint hier an der Tagesordnung und jeder vor dem anderen gleichen Respekt zu haben. Er stand auf dem Verdeck, guckte durch die offenstehenden Luken in das tiefblaue Wasser hinab, richtete seine Augen in die Höhe hinauf und beobachtete, wie die hohen Spieren mit ihren Spitzen, den Bewegungen des Schiffes folgend, hin und her schwankten, als ob sie selbst in den klaren Horizont hineinreichten; er sah vorwärts auf die Karronadenreihe hin, welche an den Seiten des Deckes aufgestellt war, kletterte sodann auf eines der Geschütze und lehnte sich über die Hängematten, um nach dem fernen Lande hinauszulngen.

„Sie, junger Herr, fort da von den Hängematten“, rief der Steuermann, der wachthabender Offizier war, in mürrischem Tone.

Jack blickte sich um.

„Hören Sie nicht, Sir? Ich spreche mit Ihnen“, sagte der Steuermann von neuem.

Jack fühlte sich hierüber sehr entrüstet und dachte, Höflichkeit müsse doch nicht so allgemein sein, als er geglaubt habe.

Zufällig war Kapitän Wilson auf dem Verdeck.

„Kommen Sie zu mir, Mr. Freimut“, sagte er; „es ist Regel im Dienste, dass niemand sich auf die Hängematten begibt, wosern es nicht die dringendste Notwendigkeit erheischt. — Ich thue das nie — ebenso wenig der erste Leutnant oder irgend einer von den Offizieren oder der Mannschaft — also dürfen auch Sie nach dem Grundsatze der Gleichheit es nicht wieder thun.“

„Gewiss nicht, Sir“, erwiderte Jack; „aber dabei sehe ich doch nicht ein, warum dieser Offizier mit dem glänzenden Hut so mürrisch und nicht in einem freundlichen Tone mit mir spricht, als ob ich ihm gleich wäre.“

„Das habe ich Ihnen schon auseinandergesetzt, Herr Freimut.“

„Ach ja, jetzt erinnere ich mich, es ist Eifer; aber dieser Eifer scheint mir das einzig unbehagliche im Dienste zu sein. Es ist schade, dass der Dienst, wie Sie sagen, nicht ohne denselben bestehen kann.“

Kapitän Wilson lachte und ging weg; als er jedoch hernach mit dem Steuermann auf dem Verdeck hin und her lief, bedeutete er diesem, er solle nicht so hart mit einem jungen Mann reden, der aus Unkenntnis ein so unbedeutendes Versehen begangen habe. Daraufhin beschloss Smallsole, der unfreundliche Steuermann, bei der ersten passenden Gelegenheit es unserem Jack zu vergelten.

Jack speiste in der Kajütte und war sehr erfreut, zu sehen, dass jedermann mit ihm Wein trank und dass alles an des Kapitäns Tische sich im Zustande der Gleichheit zu befinden schien.

Der heutige Tag konnte als der erste für das Erscheinen Jacks an Bord betrachtet werden, an dem er auch zum erstenmal an des Kapitäns Tisch seine besonderen Ansichten auskramte. Wenn die Mittagsgesellschaft, welche aus dem zweiten Leutnant, dem Zahlmeister, Herrn Jolliffe und einem der Kadetten bestand, darüber erstaunt war, dass solche ganz ordonnanzwidrigen Ansichten im Beisein des Kapitäns ausgesprochen wurden, so war sie im gleichen Masse verwundert über das kaltblütige, gutgelaunte Gelächter, mit welchem Kapitän Wilson den ganzen Vortrag anhörte. Im allgemeinen lebte die Schiffsmannschaft der Ansicht, unser Held werde nach der Ankunst in der Bucht von Gibraltar entweder dem Dienste lebewohl sagen, wo nicht durch ein Kriegsgericht zum Tode verurteilt oder kassiert und schmählich ans Land geschickt werden. Andere freilich, welche mehr Schlangenklugheit besassen und von Herrn Sawbridge wussten, dass unser Held eines Tages ein grosses Vermögen erben würde, machten ganz andere Schlüsse und dachten, Kapitän Wilson werde sehr gute Gründe haben, warum er so milde sei — und unter diesen befand sich der zweite Leutnant, Asper. Es waren überhaupt nur vier Personen an Bord, welche freundliche Gesinnungen für Jack hegten — nämlich der Kapitän, der erste Leutnant, Herr Jolliffe, der einäugige Steuermannsgehilfe, und Mephistopheles, der Schwarze, der unseren Helden von ganzem Herzen liebte.

Wir haben von dem zweiten Leutnant, Herrn Asper, gesprochen. Dieser junge Mann hatte eine sehr hohe Meinung vom Stammbaume und besonders vom Gelde, von dem er nur sehr wenig besass. Er war der Sohn eines bedeutenden Kaufmannes, der ihm während seiner Kadettenzeit mehr Geld zu seinen Ausgaben bewilligte, als nötig oder nützlich war; und während seiner Laufbahn hatte er gefunden, dass ihm seine volle Tasche natürlicherweise nicht bloss unter seinen Tischgenossen, sondern auch bei manchen Offizieren der Schiffe, auf welchen er segelte, Ansehen verschaffte. Aber gerade, als Herr Asper seine Ernennung und Anstellung erhielt, machte sein Vater Bankrott, und die Quelle, aus welcher er so reichliche Zuschüsse erhalten hatte, war nun verstopft. Er besass nicht mehr die Mittel, das bisherige Leben fortzuführen. Da er nicht länger eigene Hilfsquellen besass, so war er immer sehr erfreut, jemand aufzufischen, auf dessen Kosten er feinem ausserordentlichen Hange zum Wohlleben nachkommen konnte Nun wusste Herr Asper, dass unser Held sehr reichlich mit Geld versehen war, und er wartete deshalb auf dem Verdeck, bis Jack herauf kam, um desfen treuester und vertrautester Freund zu werden. Asper wünschte, dass Jack des Beistandes bedürfen und dafür dankbar sein werde; er hatte deshalb auch eine Gelegenheit ergriffen, Herrn Sawbridge den Vorschlag zu machen, er wolle Jack in seine Wache nehmen. Sawbridge war damit einverstanden, und Jack wurde, als er nun den Dienst antrat, befehligt, Wache unter Leutnant Asper zu halten.

Dies war jedoch nicht nur der erste Tag, an dem Jack im Dienste erschien, sondern zugleich der erste, an welchem er die Kadettenkajütte betrat und mit seinen Kameraden bekannt gemacht wurde.

Wir haben bereits Herrn Jolliffe, den Steuermanusgehilfen, genannt, müssen aber denselben noch näher vorfuhren.

Jolliffe hatte sehr durch die Pocken gelitten, infolge deren seine Gesichtszüge zusammengeschrumpft waren; sein Antlitz war dadurch schrecklich entstellt. Er war ein langer, hagerer Mann, der selten lächelte, und wenn er’s that, wurde sein Gesicht dadurch noch mehr verzerrt. Entbehrungen, Betrachtungen über seine niedere Abkunft und Spötteleien über sein Äusseres hatten ihm viele Leiden bereitet. Still und zurückhaltend, sprach er selten in der Kajütte, ausser wenn es sein Amt als Proviantmeister erforderte. Gleichzeitig erkannte übrigens jedermann sein in allen Richtungen vorwurfsfreies Benehmen, seinen Gerechtigkeitssinn, seine Nachsicht und sein richtiges Gefühl an. Sein Leben glich in der That einer Pilgerfahrt, und er legte dieselbe in christlicher Liebe, in christlichem Eifer zurück.

Wo viele Leute beisammen sind, wird man leicht einem Raufbold begegnen, und auch in der Regel einem, der mehr oder weniger der Gehänselte ist. Man wird das selbst bei rein zufälligen Zusammenkünften, wie bei einem Mittagsessen, kennen lernen.

Noch ehe das Tischtuch abgenommen ist, wird sich der Raufbold durch sein befehlshaberisches Wesen bemerklich gemacht und bereits einen ausersehen haben, mit dem er am besten umspringen zu können glaubt. In einer Kadettenkajütte ist dieser Umstand beinahe sprichwörtlich geworden, obgleich er vielleicht jetzt nicht mehr von jenem widerwärtigen Despotismus begleitet sein mag, der damals, als unser Held in den Dienst trat, geübt wurde.

Der Raufbold in der Kadettenkajütte von Seiner Majestät Korvette „Harpy“ war ein junger Mann von siebzehn Jahren mit hellblondem Lockenhaare und blühendem Aussehen, der Sohn eines Schreibers im Dock zu Plymouth, mit Namen Vigors.

Der Gehänselte war ein Bursche von fünfzehn Jahren mit einem puddingförmigen, tatarenartigen Gesichte, dessen geistige Fähigkeiten bei einiger Pflege, wenn auch nicht ausgezeichnet, doch jedenfalls annehmbar geworden wären, hätte er nicht durch die beständigen Neckereien alles Selbstvertrauen verloren. Er lernte langsam, behielt aber, was er einmal erlernt, unauslöschlich im Kopfe. Dieser Bursche also, dessen Vater ein wohlhabender Grundbesitzer zu Lynn in Norfolk war, hiess Gosset. Um diese Zeit befanden sich nun noch drei weitere Kadetten auf dem Schiffe. Diese jungen Leute waren O’Connor, Mills und Gascoigne.

Nachdem Jack in der Kajütte gespeist hatte, folgte er seinen Tischgenossen Jolliffe und Gascoigne in die Kadettenkammer hinab.

„Ich sag’ Ihnen, Freimut“, fing Gascoigne an, „Sie sind ein verteufelt freier Kamerad, dass Sie dem Kapitän sagten, Sie hielten sich für einen so bedeutenden Mann, als er ist.“

„Ich bitte um Verzeihung“, erwiderte Jack, „ich behauptete dies nicht vom persönlichen, sondern vom allgemeinen Standpunkte aus, nach den Grundsätzen der Menschenrechte.“

„Nun ja“, entgegnete Gascoigne, „das ist das erste Mal, dass ich von einem Kadetten eine solch kühne Sprache hörte; nehmen Sie sich nur mit Ihren Menschenrechten in acht, dass Sie nicht an den Unrechten kommen — an Bord eines Kriegsschiffes thut das Punktbeleuchten nicht gut. Der Kapitän nahm es erstaunlich leicht auf — aber Sie werden besser daran thun, den Gegenstand nicht gar zu oft zur Sprache zu bringen.“

„Gascoigne gibt Ihnen da sehr guten Rat, Mr. Freimut“, bemerkte Jolliffe; „angenommen auch, Ihre Ideen wären richtig, was sie mir jedoch keineswegs zu sein scheinen, da sie jedenfalls unausführbar sind, so gibt es doch so ’n Ding, das man Klugheit heisst; und wie vielfach und bequem diese Frage am Lande erörtert werden mag, so ist dies doch in Seiner Majestät Dienst nicht bloss an und für sich gefährlich, sondern wird Ihnen auch selbst grossen Nachteil bringen.“

„Der Mensch ist ein freies Wesen“, antwortete Jack.

„Ich will mich erschiessen lassen, wenn er das ist“, entgegnete Gascoigne lachend, „und das werden Sie auch bald finden.“

„Und doch hat mich gerade nur die Erwartung, Gleichheit hier zu finden, bestimmt, zur See zu gehen.“

„Am ersten April vermutlich“, war Gascoignes Antwort. „Oder reden Sie wirklich im Ernste?“

Hierauf liess sich Jack in eine lange Betrachtung ein, welcher Jolliffe und Gascoigne ohne irgend eine Unterbrechung, Mesty aber mit Bewunderung zuhörte — am Schlusse lachte Gascoigne herzlich, Jolliffe aber seufzte.

„Von wem haben Sie all dies gelernt?“ fragte Jolliffe.

„Von meinem Vater, der ein grosser Philosoph ist und stets diese Ansichten verteidigte.“

„Und wünschte Ihr Vater, dass Sie zur See gehen möchten?“

„Nein, er war dagegen“, antwortete Jack.

„Als Freund bitte ich Sie, Mr. Freimut“, erwiderte Jolliffe, „Ihre Ansichten so viel als möglich, für sich zu behalten; ich werde schon Gelegenheit finden, mit Ihnen darüber zu sprechen, und Ihnen meine, Gründe dann auseinander setzen.“

Kaum war Herr Jolliffe mit seinen Worten zu Ende, als Vigors und O’Connor, welche die Nachricht von Jacks Ketzerei vernommen hatten, herunterkamen.

Jack, der die Höflichkeit selbst war, stand auf und verbeugte sich; die Eintretenden aber setzten sich nieder, ohne den Gruss zu erwidern. Vigors glaubte nach allem, was er von Jack gehört und gesehen hatte, einen vor sich zu haben, mit dem er sein Spiel treiben könne, und begann nun ohne Umstände.

„So, mein Bursche, Sie sind an Bord gekommen, um mit Ihrer Gleichheit eine Meuterei anzustiften? In des Kapitäns Kajütte kamen Sie schussfrei weg, aber so gut wird es Ihnen in der Kadettenkajütte nicht gehen. Einige müssen niedergeknüppelt werden, und von denen sind Sie einer.“

„Wenn Sie glauben, Sir“, entgegnete Jack, „dass ich mich niederknüppeln lasse, so kann ich Ihnen versichern, dass Sie im Irrtum sind. Nach demselben Grundsatze, wonach ich nie den Tyrannen derer spielen würde, welche schwächer sind als ich, werde ich jede Unterdrückung, wo sie versucht würde, züchtigen.“

„Na, mein Junge, da werden wir bald Ihr Metall auf die Probe stellen.“

„Soll ich daraus den Schluss ziehen, dass ich wich nicht im Zustande der Gleichheit mit meinen Tischgenossen befinde?“ fragte Jack, Herrn Jolliffe anblickend. Dieser gab keine Antwort, dagegen fiel Vigors ein:

„Allerdings, Sie sind im Zustande der Gleichheit, insofern nämlich, dass Sie das gleiche Recht auf die Schlafstätte haben, wenn Sie nicht hinausgeworfen werden wegen Ihrer Unverschämtheit gegen Ihre Herren. Sie haben ferner einen gleichen Anteil an allem, was für den Tisch erforderlich ist, zu bezahlen und ein gleiches Recht, Ihre Portion davon zu bekommen, wenn Sie sie nämlich kriegen können; auch haben Sie ein gleiches Recht mitzusprechen, vorausgesetzt, dass man Sie nicht das Maul halten heisst. Kurz und gut, Sie haben ein gleiches Recht, wie jeder andere, zu thun, was Sie können, vorausgesetzt, dass Sie können, denn hier muss der Schwächste in ein Mauseloch schlüpfen, und das ist unsere Gleichheit. Verstehen Sie nun das alles, oder brauchen Sie eine angewandte Beleuchtung?“

„Ich muss hieraus schliessen, dass die Gleichheit hier ebenso sehr vernichtet ist, als nur irgend unter den Wilden, wo der Starke den Schwachen unterjocht und die Keule das einzige Gesetz spricht.“

„Da sind Sie, glaube ich, auf einmal recht daran.“

Die Mannschaft wurde durch den Ruf „Segel gekürzt“ auf das Deck beschieden und somit dem Streite für den Augenblick ein Ende gesetzt.

Da unser Held keinen Befehl erhalten hatte, Dienst zu thun, so blieb er mit Mesty unten.

Sobald die Wache aufgerufen war, kamen Vigors, O’Connor, Gosset und Gascoigne wieder herab. Vigors, der mit Ausnahme Jolliffes der stärkste war, hatte hierdurch nach und nach eine anerkannte Herrschaft erlangt, sich auf dem Verdeck über die Frechheit Freimuts geäussert und die Absicht ausgesprochen, ihn zur Vernunft zu bringen. Deshalb kamen die anderen herunter, um den Spass mitanzusehen.

„Nun ja, Mr. Freimut“, sagte Vigors bei seinem Eintritte. „Sie nehmen es jedenfalls mit Ihrer Pflicht leichtherzig; ich glaube, Sie haben im Sinne, des Königs Rationen zu verzehren und nichts zu thun.“

Jacks Blut geriet schon in Wallung.

„Sie werden mich verbinden, wenn Sie an Ihre eigenen Geschäfte denken“, erwiderte Jack.

„Sie unverschämter Mensch, wenn Sie noch eine Silbe sagen, werd’ ich Ihnen einen tüchtigen Tritt geben und Ihre Gleichheitsgedanken ein wenig hinausknüppeln.“

„Nun gut“, antwortete Jack, „wir wollen’s probieren.“

Hierauf zog Jack ganz kaltblütig seinen Oberrock, die Halsbinde und das Hemd aus, zum grossen Erstaunen des Herrn Vigors, den dieser Beweis von Entschiedenheit und Selbstvertrauen nicht sehr erbaute, und noch mehr zur hohen Freude der anderen Kadetten, welche gern eine Wochenration darum gegeben hätten, Vigors tüchtig durchgewalkt zu sehen. Dieser sah übrigens wohl ein, dass er zu weit gegangen war, um zurücktreten zu können; er machte sich also auch schlagfertig.

Vigors hatte seine angemasste Autorität mehr durch spöttisches Hänseln, als durch Boxen erlangt, und andere fügten sich ihm, ohne einen gehörigen Versuch zum Widerstande gemacht zu haben. Jack hingegen hatte sich seinen Weg in der Schule nur durch harte Gefechte gebahnt. Nach weniger als einer Viertelstunde erklärte sich Vigors, der wie tot am Boden lag, für überwunden, während Jack, mit Ausnahme einiger unbedeutenden Schrammen, nachdem er sich gewaschen hatte, wieder so frisch aussah, als je.

Die Nachricht von diesem Siege verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch das Schiff, und noch ehe Jack seine Kleider wieder angezogen hatte, wurde der Vorfall von Sawbridge dem Kapitän im Vertrauen mitgeteilt.

„So früh schon?“ rief Wilson lachend; „ich erwartete allerdings, dass eine Kadettenkajütte Wunder thun würde, aber nicht, dass es so schnell kommen könnte. Dieser Sieg ist der erste Schlag für Herrn Freimuts Gleichheitslehre und wird mehr Wirkung thun, als zwanzig Niederlagen. Lassen Sie ihn nun seinen Dienst versehen; er wird bald seine Richtschnur finden.“

Der Kampf, den Jack mit Vigors bestanden, hatte ihm grosse Achtung und, mit Ausnahme seines Gegners und Herrn Smallsoles, allseitige Teilnahme erweckt. Anstatt von seinen Tischgenossen ausgelacht zu werden, liessen sie sich in freundlichscherzhafte Gespräche mit ihm ein; Jolliffe lächelte zu Jacks sonderbaren Ansichten und suchte ihm dieselben auszureden, die anderen aber liebten Jack um seiner selbst und seiner Freimütigkeit willen, und überdies, weil sie zu ihm, als einem Beschützer gegen Vigors, ihren Verfolger, hinaufblickten. Jack hatte nämlich erklärt, da Macht in der Kajütte für Recht gelte, so wolle er insofern Gleichheit herstellen, dass er, wenn er auch die Stärkeren nicht niederhalten könne, doch jedenfalls die Schwächeren beschütze, wer auch in die Kajütte kommen möge, müsse zuerst über ihn Herr werden, ehe er einen Schwächeren misshandeln könne.

Auf diese Weise machte Jack von seiner Stärke den besten Gebrauch und wurde so der Vorkämpe und die Zuflucht derer, welche, obgleich länger zur See und erfahrener als er, sich freuten, ein Obdach unter seinem Mut und seiner Gewandtheit zu finden.

Fünftes Kapitel.
Die Kriegsartikel.

Das Schiff hatte ohne besonders erwähnenswerte Ereignisse oder Gefahren Gibraltar erreicht. Da der folgende Tag ein Sonntag war, so wurde die Mannschaft in Abteilungen hinaufbeschieden, und weil ungünstiges Wetter eintrat, statt des Dienstes die Verlesung der Kriegsartikel vorgenommen. Dieser Handlung erwiesen Kapitän, Offiziere und Mannschaft gleichmässig die schuldige Achtung, indem sie trotz des Spritzregens mit abgenommenen Hüten dastanden. Jack, dem der Kapitän gesagt hatte, diese Kriegsartikel seien die Bestimmungen und Regeln des Dienstes, denen Kapitän, Offiziere und Mannschaft gleichmässig gehorchen müssten, hörte mit der grössten Aufmerksamkeit zu, während der Schreiber vorlas. Jack wusste freilich nicht, dass diesen Kriegsartikeln noch ungefähr hundert Befehle der Admiralität angehängt waren, welche, wie die zahllosen Nachträge bei manchen Testamenten, eigentlich das Wesentlichste enthalten und gewissermassen den Haupttext selbst aufheben.

Jack hörte, wie gesagt, sehr gespannt zu. Nachdem jeder Artikel vorgetragen war, drang sich ihm die Ansicht auf, er werde nicht wohl gegen einen dieser Punkte fehlen; doch befremdet es ihn, eine strenge Bestimmung gegen das Fluchen zu finden, die auf dem Schiffe als nicht existierend betrachtet wurde; indes glaubte er, im ganzen seinen Weg nun sehr genau zu kennen. Um sich dessen zu vergewissern, bat er den Schreiber, sobald die Mannschaft hinabgepfiffen wurde, ihm eine Abschrift dieser Kriegsartikel zu geben. Dies geschah auch.

„Jetzt weiss ich“, sagte Jack, „was ich zu thun und was ich zu erwarten habe, und will nun diese Kriegsartikel in meiner Tasche tragen, solange ich im Dienste bin, dass heisst nämlich, wenn sie solange halten.

Als Jack in den unteren Raum hinabging, traf er den kleinen Kadetten Gosset weinend an.

„Was haben Sie denn, mein lieber Mr. Gosset?“ fragte Jack.

„Vigors hat mich mit einem Tauende geprügelt“, antwortete Gosset, Arme und Schultern reibend.

„Weshalb?“ fragte Jack weiter.

„Weil er sagt, der Dienst gehe zum Teufel; alle Unterordnung sei jetzt vernichtet, Glückspilze kämen aufs Schiff, die, weil sie eine Fünfpfundnote in der Tasche hätten, thun dürften, was sie nur wollten. Er sagte ferner, er sei entschlossen, den Dienst aufrecht zu erhalten, dann warf er mich zu Boden, zog einen Strick heraus, prügelte mich und bemerkte, er werde dafür sorgen, dass es künftighin keinen Gleichheits-Jack mehr geben solle.

„Schon gut“, antwortete Jack.

„Bei der Seele meines Vaters, sagte Mesty, ich denk’“, „Vigors haben ein sehr schlecht Gedächtnis — brauchen noch ein wenig mehr von Gleichheits-Jack.“

„Und das soll er auch haben“, erwiderte Jack. „Hören Sie, Mr. Gosset, haben Sie Mut?“

„Ja“, erwiderte der Befragte.

„Wollen Sie das nächste Mal thun, was ich Ihnen sage, und sich auf meinen Schutz verlassen?“

„Es ist mir gleich, was ich thue, wenn Sie mich nur gegen den niederträchtigen Tyrannen decken.“

„Meinen Sie mich damit?“ rief Vigors, der eben in die Kajütte eingetreten war.

„Sagen Sie ja“, flüsterte Jack Gosset zu.

„Ja wohl, ich meine Sie“, rief Gosset.

„Ah so, das thatest du — nun gut, mein Bürschchen, so muss ich dir noch mehr von diesem geben“, und damit zog er sein Tau wieder heraus.

„Ich denke, Sie werden besser daran thun, es zu unterlassen, Mr. Vigors“, bemerkte Jack.

„Bekümmern Sie sich gefälligst um Ihre Sachen“, erwiderte Vigors, dem die Einmischung nicht sehr behagte. „Ich habe meine Ansprache nicht an Sie gerichtet. Ich glaube denn doch wohl ein Recht zu haben, meine Bekanntschaft selbst auszusuchen, und verlassen Sie sich darauf — auf einen Gleichheitsmann wird meine Wahl nie fallen.“

„Ganz nach Ihrem Belieben“, antwortete Jack. „Sie haben ein Recht, Ihre Bekannten auszuwählen, aber ich habe auch ein Recht, meine Freunde zu wählen und gegen schlechte Behandlung zu schützen. Gosset ist mein Freund.“

„Dann werde ich mir also“, entgegnen Vigors, „die Freiheit nehmen, Ihren Freund durchzuwalken.“ Mit diesen Worten schlug er auf Gosset los.

„Und ich werde mir die Freiheit nehmen, meinen Freund zu verteidigen“, erwiderte Jack. „Da Sie mich einen Gleichheitsmann nennen, so will ich versuchen, ob ich den Namen nicht verdienen kann.“ Hiermit brachte Jack Herrn Vigors einen Hieb so ausgezeichnet bei, dass letzterer aufs Verdeck hinfiel und sich nicht mehr verteidigen konnte. „Und nun, mein Junge“, sagte er zu Gosset, den Strick aus Vigors’ Hand windend, thun Sie, was ich Ihnen heisse — geben Sie ihm ein paar tüchtige Hiebe — wenn Sie’s nicht thun, werd’ ich Sie durchwalken.“

Bei Gosset bedurfte es keiner zweiten Drohung. Das Vergnügen, feinen Feind, wenn auch nur ein einziges Mal durchzuledern, war Anreizung genug für ihn — und er that es auch gehörig. So hatte Jack wiederum einen Sieg erfochten und sich neue Freunde gewonnen.

Als Jolliffe, der von dem Vorgefallenen hörte, unseren Helden allein traf, sagte er ihm: „Nehmen Sie meinen Rat an, wein lieber junger Mann, und fechten Sie in Zukunft die Händel anderer nicht aus; Sie werden bald finden, dass Sie mit den Ihrigen genug zu thun haben.“

Nun beleuchtete Jack den Punkt eine halbe Stunde lang, und dann trennten sie sich. Aber Herr Jolliffe hatte recht. Jack kam aus den Zwistigkeiten nicht heraus, so dass der Kapitän und der erste Leutnant, welche ihm zwar ihren Schutz nicht entzogen, es doch für die höchste Zeit hielten, dass Jack einsehen sollte, wie an Bord eines Kriegsschiffes alles seinen bestimmten Kreis, jede Person ihre bestimmte Richtschnur haben müsse.

Am Tage vor Abfahrt des Schiffes speisten der Kapitän und Herr Asper bei dem Gouverneur, und da nicht mehr viel zu thun war, so ging auch Herr Sawbridge, der das Schiff seit dem Einlaufen in den Hafen noch nicht verlassen hatte, ans Land, indem er Herrn Smallsole, dem Steuermann, den Befehl übertrug. Dieser war, wie schon bemerkt, Jacks eingefleischter Feind. Herr Smallsole war sehr erfreut, den Oberbefehl zu erhalten, da er schon eine Gelegenheit zu finden hoffte, um unseren Jack zu züchtigen.

Wie viele, welche selten zum Befehlen kommen, zeigte sich der Steuermann sehr tyrannisch und unartig — er fluchte die Leute an, liess sie ein und dasselbe Geschäft zwei- oder dreimal thun unter dem Vorwande, dass sie es nicht recht gemacht, und fand überhaupt an jedem Offizier, der an Bord geblieben war, Fehler.

Da das Schiff segelfertig war und es nichts mehr zu arbeiten gab, stand Jack mit Mesty am Bollwerke des Vorderkastells. Beide unterhielten sich miteinander. Als dies Steuermann Schmallsole sah, kam er nach vorn und sagte: „Was machen Sie hier?“

„Ganz und gar nichts, Sir“, erwiderte Jack.

„Gut, so will ich Ihnen etwas zu thun geben, Sir. Gehen Sie auf die Mastspitze hinauf und warten Sie da, bis ich Sie herabrufe. Jetzt hinauf, nach dem Hauptbramstengenkopf; setzen Sie sich auf die Kreuzhölzer — hinauf mit Ihnen.“

„Weshalb soll ich denn da hinaufgehen, Sir?“ fragte Jack.

„Zur Strafe, Herr“, antwortete der Steuermann.

„Was habe ich denn gethan, Sir?“

„Keinen Widerspruch — hinauf mit Ihnen.“

„Mit Ihrer Erlaubnis, Sir“, entgegnete Jack, „wünschte ich den Punkt ein wenig zu beleuchten.“

„Den Punkt beleuchten?“ schrie Herr Smallsole. „Beim Zeus, ich will Sie lehren, Punkte zu beleuchten — hinauf mit Ihnen, Sir.“

„Mit Ihrer Erlaubnis“, fuhr Jack fort, „der Kapitän sagte mir, die Kriegsartikel seien die Regeln und Bestimmungen, nach denen sich ein jeder im Dienste zu benehmen habe. Nun habe ich dieselben durchgelesen, Sir, bis ich sie auswendig konnte, und da steht auch nicht ein Wort von Mastspitzen darin.“ Damit zog Jack die Kriegsartikel aus seiner Tasche und durchblätterte sie.

„Wollen Sie auf die Mastspitze gehen, Herr, oder nicht?“ fragte Herr Smallsole.

„Wollen Sie mir das Mastkorben in diesen Kriegsartikeln zeigen, Sir?“ erwiderte Jack; „hier sind sie.“

„Ich sage Ihnen, Sir, dass Sie auf die Mastspitze gehen; wo nicht, so lasse ich Sie in einem Brotsack hinaufhissen.“

„Da steht wieder nichts vom Brotsack in den Kriegsartikeln“, entgegnete Jack, „aber ich will Ihnen sagen, was darin steht, Sir“, und damit begann Jack laut zu lesen:

„Alle Flaggenoffiziere und sonstige Personen, welche sich auf einem der Schiffe Seiner Majestät befinden, die sich sündhafte Flüche, Verwünschungen, Trunkenheit, Unflätigkeit oder andere verabscheuungswürdige Handlungen zur Verminderung der Ehre Gottes und zum Verderbnis der guten Sitten zu schulden kommen lassen, sollen folgendermassen bestraft werden —“

„Verdammung“, schrie der Steuermann, der vor Wut ganz toll wurde, als er hörte, wie die gesamte Schiffsmannschaft lachte.

„Nicht doch, Sir, nicht mit Verdammung“, antwortete Jack; „das kommt erst bei dem Richter da oben.“

„Wollen Sie auf die Mastspitze hinaufgehen, oder nicht?“

„Mit Ihrer Erlaubnis, das will ich lieber nicht.“

„Gut, so betrachten Sie sich als unter Arrest — ich werde dafür sorgen, dass Sie vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Gehen Sie hinunter, Herr.“

„Mit dem grössten Vergnügen, Herr“, erwiderte Jack; „das ist ganz recht und den Kriegsartikeln gemäss, welche uns in allem leiten sollen.“ Damit legte er seine Kriegsartikel zusammen, steckte sie in die Tasche und ging in die Kajütte.

Sobald Jack hinuntergegangen war, folgte ihm Jolliffe, der den ganzen Streit mitangehört hatte, und sagte: „Mein lieber junger Mann, ich bedauere diesen ganzen Vorfall; Sie hätten auf die Mastspitze gehen sollen.“

„Ich möchte diesen Punkt ein wenig beleuchten“, antwortete Jack.

„Ja, das möchte wohl mitunter ein jeder; aber, wenn das erlaubt wäre, so müsste der Dienst in Stillstand geraten — das geht nicht an — Sie müssen einem Befehle gehorchen und können sich nachher erst beklagen, wenn er ungerecht ist. Überdies merken Sie sich, dass im Dienste das Herkommen so viel gilt, als das Gesetz.“

„Das lässt eine kleine Beleuchtung zu“, antwortete Jack.

„Aber der Dienst lässt keine zu, mein lieber junger Mann. Bedenken Sie doch, dass wir selbst am Lande zweierlei Gesetze haben, das eine das geschriebene und das andere das Herkommen. So haben wir’s auch im Dienste; in den Kriegsartikeln kann nicht alles vorgesehen sein.“

„Aber es wird doch für alles ein Kriegsgericht bestimmt“, erwiderte Jack.

„Allerdings, das entweder die Todesstrafe oder die Entlassung aus dem Dienste ausspricht, und keines von beiden könnte sehr angenehm sein. Sie haben sich in eine böse Klemme gebracht, und obgleich der Kapitän augenscheinlich Ihr Freund ist, so kann er Ihnen diesmal doch nicht durch die Finger sehen. Glücklicherweise betrifft es den Steuermann, bei dem es weniger zu sagen hat, als bei den anderen Offizieren; doch werden Sie jedenfalls eine Strafe erdulden müssen, denn ganz vertuschen kann es der Kapitän nicht.“

„Das stände im Widerspruch mit allen Regeln der Gerechtigkeit.“

„Aber in Übereinstimmung mit allen Regeln des Dienstes.“

„Ich glaube, dass ich ein grosser Narr bin“, sagte Jack nach einigem Bedenken. „Was glauben Sie wohl, was mich bestimmte, zur See zu gehen, Jolliffe?“

„Einzig der Umstand, dass Sie nicht wussten, wie gut Sie es hatten“, antwortete der Gefragte trocken.

„Das ist allerdings ganz richtig, aber mein Grund war der, dass ich hier jene Gleichheit zu finden glaubte, die ich am Lande nicht treffen konnte.“

Jolliffe machte grosse Augen.

„Mein lieber junger Mann, ich hörte Sie sagen, Sie hätten diese Ansichten von Ihrem Vater empfangen; ich habe nun keineswegs im Sinn, Ihren Herrn Vater herabzusetzen, aber er muss närrisch sein, wenn er in seinem langen Leben noch nicht gefunden hat, dass so etwas in der Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist.“

„Ich fange an, dasselbe zu glauben“, entgegnete Jack; „aber das beweist noch nicht, dass es so sein sollte.“

„Ich bitte um Verzeihung, gerade das Nichtvorhandensein der allgemeinen Gleichheit beweist, dass dieselbe nicht möglich ist. Sie könnten ebenso gut erwarten, völlige Glückseligkeit oder Vollkommenheit bei einem Menschen zu treffen.“

„Dann wäre es doch wohl das beste, dass ich wieder nach Hause ginge?“

„Nicht doch, mein lieber Mr. Freimut; das beste, was Sie thun können, ist, im Dienste zu bleiben, denn er wird bald allen solchen Ideen ein Ende setzen und Sie zu einem einsichtsvollen, brauchbaren Menschen machen. Der Dienst ist eine rauhe, aber gute Schule, wo jeder seine gehörige Stellung erhält — nicht die der Gleichheit, sondern die Stellung, auf welche ihn seine natürlichen Fähigkeiten und Kenntnisse steigen oder fallen lassen. Es ist ein edler Dienst, wenn er gleich, wie dies bei allem in der Welt der Fall sein muss, seine Unvollkommenheit hat. Was mich selbst anbelangt, so habe ich wenig Ursache, zu seinen gunsten zu sprechen, denn er hat mir ein hartes Brot geboten, aber es schmeckte doch, zumal ich das Gefühl habe, dass ich jederzeit gewissenhaft meine Pflicht erfüllte. Denken Sie nicht daran, den Dienst zu verlassen, bis Sie ihn gehörig geprüft haben. Ich weiss zwar wohl, Ihr Vater ist ein reicher Mann, Sie sind sein einziger Sohn und somit nach der gewöhnlichen Redeweise der Welt unabhängig; aber glauben Sie mir, kein Mensch, wie reich er auch sein mag, ist unabhängig, wenn er nicht einen Beruf hat, und Sie werden keinen besseren finden, als diesen ungeachtet —“

„Was?“

„Sie morgen unfehlbar auf die Mastspitze geschickt werden.“

„Diesen Punkt wollen wir noch beleuchten“, antwortete Jack; „auf jeden Fall will ich aber erst die Nacht ausschlafen.“

Sechstes Kapitel.
Ein Kreuzzug und seine Folgen.

Welcher Art auch die Gedanken Jacks gewesen sein mögen, so raubten sie ihm doch jedenfalls seine Ruhe nicht. Jolliffes Beweisgründe, so vernünftig sie auch waren, machten nur sehr wenig Eindruck auf ihn. „Nun ja“, dachte Jack, „wenn ich auf die Mastspitze gehen muss, so muss ich eben, das ist alles; aber es beweist noch nicht, dass meine Beweisgründe nicht richtig sind, sondern nur, dass man sie nicht hören will.“ Und damit schloss er seine Augen und fiel in wenigen Minuten in tiefen Schlaf.

Der Steuermann meldete dem ersten Leutnant und der erste Leutnant dem Kapitän, als dieser am anderen Morgen an Bord kam, das Benehmen des Herrn Freimut, der hierauf in die Kajütte gerufen wurde, um zu hören, ob er irgend etwas zur Entschuldigung seines Vergehens vorzubringen habe. Jack hielt eine Rede, die wenigstens eine halbe Stunde währte und in der er alle Beweisgründe vollständig ausführte. Hierauf wurde Jolliffe verhört und auch Herr Smallsole befragt: dann blieben der Kapitän und der erste Leutnant allein bei einander.

„Sawbridge“, sagte Kapitän Wilson, „wie wahr ist es doch, dass auch die kleinste Abweichung vom Rechte uns unfehlbar in Verlegenheiten bringt. Ich habe unrecht gethan, weil ich wünschte, den jungen Mann seines Vaters Händen zu entziehen, und weil ich befürchtete, er möchte sonst nicht aufs Schiff kommen; auch hielt ich ihn durchaus nicht für den schlauen Burschen, der er in der That ist, und stellte ihm deshalb den Dienst in viel günstigerem Lichte vor, als ich hätte thun sollen. Alles, was er von mir gehört zu haben vorgibt, habe ich ihm gesagt, und ich bin es also, der den jungen Mann in Irrtum versetzt hat. Herr Smallsole handelte tyrannisch und ungerecht; er strafte den Jungen, ohne dass dieser ein Verbrechen begangen hatte, so dass ich nun, was den Steuermann und mich betrifft, in peinlicher Verlegenheit bin. Wenn ich den Jungen strafe, so geschieht es mit dem Gefühle, dass ich ihn mehr für meine eigenen Fehler und für die Fehler anderer strafe, als für die seinigen. Wenn ich ihn aber nicht strafe, so lasse ich eine offenbare und unbestrittene Verletzung der Manneszucht ungerügt hingehen, was für den Dienst höchst nachteilig sein würde.“

„Er muss gestraft werden, Sir“, antwortete Sawbridge.

„Lassen Sie ihn rufen“, sagte der Kapitän.

Jack erschien mit einer sehr höflichen Verbeugung.

„Mr. Freimut, da Sie voraussetzten, die Kriegsartikel enthalten alle Regeln und Bestimmungen des Dienstes, so will ich annehmen, dass Sie aus Unwissenheit entsprungen ist, aber bedenken Sie, dass, wenn auch Ihr Fehler aus Unwissenheit entsprungen ist, eine solche Verletzung der Manneszucht, wenn sie ungestraft gelassen würde, eine höchst nachteilige Wirkung auf die Mannschaft üben müsste, der durch das Beispiel, welches die Offiziere geben, der Gehorsam eingeschärft werden muss. Ich fühle mich so lebhaft überzeugt von Ihrem Eifer, dass ich wohl glauben darf, Sie werden darin nur meine Gerechtigkeit erkennen, wenn ich den Leuten durch Ihre Bestrafung beweise, wie nötig die Manneszucht ist. Ich werde Sie deshalb anfs Hinterdeck berufen und Sie da im Beisein der ganzen Schiffsmannschaft auf die Mastspitze hinaufschicken, da Sie ja auch in deren Beisein die Weigerung sich zu Schulden kommen liessen.“

„Mit dem grössten Vergnügen, Kapitän Wilson“, erwiderte Jack.

„Und für die Zukunft, Mr. Freimut, merken Sie sich’s, dass, wenn irgend ein Offizier Sie straft und Sie ungerecht behandelt zu sein glauben, Sie Ihre Strafe zuvörderst zu erdulden haben und hernach erst Ihre Beschwerde bei mir anbringen können.“

„Gewiss will ich das, Sir, da ich nun Ihre Wünsche kenne.“

„Sie werden mich verbinden, Mr. Freimut, wenn Sie auf das Hinterdeck sich begeben und dort warten, bis ich hinaufkomme.“

„Der alte Jolliffe sagte mir, ich müsse mastkorben“, sprach Jack zu sich selbst, „und er hatte in so weit recht; aber ich will mich hängen lassen, wenn ich nicht die besten Beweisgründe hatte, und das ist’s auch nur, was mich dabei interessiert.“

Kapitän Wilson liess den Steuermann rufen, tadelte ihn wegen seiner Gewalttätigkeit, da augenblicklich kein Grund zur Bestrafung vorhanden gewesen sei, und verbot ihm, künftighin einen Kadetten zu mastkorben, indem er das Benehmen eines solchen dem ersten Leutnant oder ihm selbst, dem Kapitän, zu melden habe. Dann ging er aufs Hinterdeck, liess Mr. Freimut rufen und erteilte ihm einen recht ernstlichen Verweis. Jack hörte ganz ruhig zu, denn der Kapitän erteilte ihn ja aus purem Eifer, und er nahm ihn ja seinerseits aus purem Eifer hin. Hernach wurde unser Held auf die Mastkorbspitze beordert.

Jack lüftete seinen Hut, lief in Vollziehung des Befehles drei oder vier Schritte vorwärts — dann kehrte er um, verbeugte sich und fragte, ob er auf die Fock- oder Mittelmastspitze hinauf solle.

„Auf den Mittelmast, Mr. Freimut“, erwiderte der Kapitän, sich auf die Lippen beissend.

Jack stieg drei Treppen der Leiter hinauf, als er von neuem anhielt und seinen Hut lüftete.

„Ich bitt’ um Verzeihung, Kapitän Wilson — Sie haben mir nicht gesagt, ob Sie wünschen, dass ich auf die Stenge oder auf die Bramkreuzhölzer gehen solle?“

„Auf die Bramkreuzhölzer, Mr. Freimut“, rief ihm der Kapitän zu.

Jack, der es ganz leicht nahm, stieg hinauf; am Hauptmars hielt er, um Atem zu holen, an dem Ende der Stenge, um sich umzusehen, und endlich, als er zu der ihm angewiesenen Stelle kam, setzte er sich, nahm die Kriegsartikel aus der Tasche und las dieselben von neuem durch, um sich Gewissheit darüber zu verschaffen, ob er seine Beweisgründe nicht verstärken könne. Er war übrigens noch nicht über den siebenten Artikel hinausgekommen, als alle Mannschaft aufs Verdeck beschieden wurde. „Anker los“, hiess es, und „alle Burschen herunter“, rief Herr Sawbridge. Jack benutzte den Wink, machte sein Dokument wieder zu und kam so gemächlich herunter, als er hinaufgegangen war.

Die „Harpy“ ging bald unter Segel und steuerte, so schnell sie nur konnte, nach dem Kap de Gata, wo Kapitän Wilson auf seiner Fahrt nach Toulon einige spanische Fahrzeuge abzufangen hoffte. In Toulon sollte er Befehle vom Admiral empfangen.

Eine abwechselnde Reihenfolge von leichten Brisen und Windstillen machte die Fahrt sehr langweilig. Die Boote waren beständig ausgesetzt, um längs der Küste auf die Spanier Jagd zu machen, und Jack bat gewöhnlich, dabei verwendet zu werden: er war auch in der That, obgleich er erst kurze Zeit auf der Flotte stand, durch sein Alter und seine Stärke einer der tüchtigsten Seekadetten; übrigens hatte Jack stets unter Kommando gedient und sich dabei immer ganz gut betragen.

Während die „Harpy“ sich auf der Höhe von Tarragona befand, waren gerade mehrere Erkrankungsfälle auf dem Schiffe eingetreten, und Mr. Asper sowie Mr. Jolliffe gehörten unter die Patienten. Dies verminderte natürlich die Zahl der Offiziere.

Kapitän Wilson hielt sich ziemlich entfernt vom Ufer, bis der Wind umschlug, und als er glaubte, es sei nun an der Zeit, dass die Fahrzeuge zwischen Tarragona und Rosas herunterkämen, steuerte er auch bei Nacht, um sie aufzufangen Aber es trat wieder Windstille ein, und die Boote wurden deshalb ausgesetzt mit der Weisung, längs der Küste hinzufahren, von der man die Spanier in nicht allzugrosser Entfernung vermutete. Herr Sawbridge führte den Oberbefehl über die Expedition in der Pinasse; der erste Kutter wurde dem Geschützmeister, Herrn Minus, übertragen, und da die anderen Offiziere krank waren, so verlieh Herr Sawbridge, der unseren Jack von Tag zu Tag lieber gewann, diesem auf sein besonderes Ansuchen den Befehl über den zweiten Kutter. Sobald dies Mesty hörte, erklärte er unserem Helden, dass er ihn begleiten wolle, was jedoch ohne vorherige Erlaubnis nicht anging. Jack wirkte aus, dass Mesty an Stelle eines Marinesoldaten mitgehen durfte.

Um acht Uhr des Abends gingen die Boote vom Schiffe weg, und da es wohl möglich war, dass sie am anderen Tage erst spät zurückkehrten, so nahm jedes die Zwieback- und Rumrationen für einen Tag an Bord, damit die Leute nicht durch Erschöpfung Not leiden sollten. Die Boote fuhren dem Lande zu und ruderten drei Stunden an der Küste hin, ohne etwas zu sehen; die Nacht war schön, aber der Mond schien nicht. Es blieb fortwährend windstill, so dass die Leute schon anfingen, ermüdet zu werden; da sahen sie in Entfernung von ungefähr einer Meile bei einer leichten Brise Handelsschiffe mit gebrassten Segeln an der Landspitze vorbei herunterfahren.

Herr Sawbridge befahl augenblicklich den Booten, mit Rudern innezuhalten, die Annäherung der spanischen Fahrzeuge abzuwarten und sich zum Angriff zu rüsten.

Jetzt konnte man die weissen, dreieckigen Segel des Kanonenbootes, das an der Spitze war, von den übrigen, in dessen Kielwasser nachlässig durcheinander fahrenden Schiffen wohl unterscheiden. Herr Sawbridge stellte feine Fahrzeuge so, dass nur eines gesehen werden konnte, und drehte die Schnäbel der Boote nach derselben Richtung hin, um mit einigen Ruderschlägen an Bord gelangen zu können. So günstig war für ihn der Lauf des Kanonenbootes, dass dieses gerade zwischen das Hauptboot auf dem einen und zwischen die zwei Kutter auf dem anderen Bug zu stehen kam, man sah auch unsere Engländer nicht eher, bis sie förmlich längs des Bootes lagen; der Widerstand war unbedeutend, aber einige Gewehr- und Pistolenschüsse wurden gewechselt und Alarmzeichen gegeben. Herr Sawbridge nahm mit der Mannschaft der Pinasse Besitz von dem Boot und brachte es vor den Wind. Da er aber sah, dass das Alarmzeichen von sämtlichen Schiffen erwidert wurde, sandte er die Kutter ab, um die grössten Fahrzeuge zu entern und soviel als möglich davon in Sicherheit zu bringen, während er mit dem Hauptboot das Gleiche thun wollte; aber das andere Kanonenboot, das noch nicht gesehen und ganz vergessen worden war, erschien nun auch und zog daher, um den Kameraden zu helfen.

Herr Sawbridge warf die Hälfte seiner Mannschaft in das Hauptboot, weil dieses schwereres Geschütz führte, und schickte sie den Kuttern zu Hilfe, welche sich gerade zum Angriffe des Kanonenbootes aufstellten. Nun wurde ein lebhaftes Gross- und Kleingewehrfeuer von den Booten, welche fortwährend auf das Kanonenboot losfuhren, eröffnet: aber der befehlende Offizier des letzteren fuhr, als er sah, dass er keinen Beistand von dem anderen Kanonenboot erhielt und darum auf dessen Wegnahme schloss, wieder in die hohe See hinaus. Unser Held eilte ihm, obgleich er die anderen Boote nicht sehen konnte, nach; die Brise hatte jedoch aufgefrischt, und alle Verfolgung war nutzlos. Er richtete deshalb seinen Lauf auf die Handelsschiffe, und es gelang ihm nach einem harten Kampfe, an Bord einer einmastigen Schebecke von etwa fünfzig Tonnen zu kommen. Mesty, der wahre Falkenaugen hatte, sah, wie mehrere Schiffe, als das Alarmzeichen gegeben wurde, nicht um die Landspitze herumfuhren, und schlug deshalb Jack vor, da das Fahrzeug sehr leicht war, auf kurze Gänge anzulegen und die Landspitze zu umluffen, als ob er auf der Flucht wäre, indem es ihm so möglich werden würde, einige derselben wegzunehmen. Jack fand diesen Rat gut. Es war nutzlos, den Feind zu verfolgen, und der von Mesty vorgeschlagene Ausweg der einzig mögliche. Jack fuhr deshalb in die Brise hinaus, wendete nach einer halben Stunde feinen Lauf nach der Küste und schlug die Richtung windwärts nach der Landspitze hinein; da er aber keine Fahrzeuge fand, so fuhr er wieder hinaus. Dies hatte er drei- oder viermal gethan und vielleicht sechs oder sieben Meilen zurückgelegt, als er das Signal zur Rückkehr vernahm, das mit Kanonenschüssen verstärkt wurde.

„Herr Sawbridge heisst uns zurückkommen, Mesty.“

„Herr Sawbridge nur denken an seine eigenen Geschäfte“, erwiderte Mesty, „wir nicht geben uns so viel Mühe, windwärts zu steuern für nichts.“

„Aber, Mesty, den Befehlen müssen wir gehorchen.“

„Ja, Sir, wenn sie haben ihren Daumen auf unserem Aug’; aber jetzt müssen wir thun, was wir halten für best. Bei der Allmacht, er mich fangen erst, ehe ich zurückkehre.“

„Aber wir verlieren so das Schiff aus dem Gesicht.“

„Es wieder finden gelegentlich, Massa Freimut.“

„Aber sie werden glauben, wir seien verloren gegangen.“

„Um so besser, sie nimmer sehen nach uns, Massa Freimut, ich vermut’, wir haben auf irgend eine Art ein schönes Kreuzen. Morgen wir nehmen grosse Fahrzeuge — setzen Segel bei, nehmen mehr, dann wir gehen nach Toulon.“

„Aber ich kenne den Weg nach Toulon nicht; ich weiss wohl, dass er in dieser Richtung liegt, das ist aber auch alles.“

„Das genug, was Sie brauchen mehr? Massa Freimut, setzen Fall, Sie nicht finden die Flotte — Flotte bald finden Sie.

Jack war sehr für Mestys Ansicht; „denn“, schloss er, „wenn ich jetzt zurückkehre, so bringe ich nur ein kleines Fahrzeug halb voll mit Bohnen und muss mich schämen, mich sehen zu lassen. Wir müssen etwas Besseres kapern. Was ist’s denn auch? Sie werden jetzt glauben, wir seien verloren; aber wenn sie dann entdecken, dass wir nicht verloren gegangen sind, werden sie sich um so mehr freuen, uns wieder zu finden, hauptsächlich, wenn wir einige Prisen bringen. Es kommt nicht oft vor, dass ein Seekadett, der erst zwei Monate zur See ist, ein Kommando erhält, und baumeln will ich, wenn ich dasselbe, da ich’s nun einmal habe, nicht behalte. Herr Smallsole mag jetzt mastkorben, wen er will. Um den guten Gosset thut es mir nur leid; Vigors wird, wenn er mich tot glaubt, den armen kleinen Kerl zu Tode prügeln — übrigens es kommt alles dem Dienste zu statten, und ich will’s ihm heimgeben, wenn ich zurückkehre. Ja, ich will mich hängen lassen, wenn ich nicht ’n Kreuzen unternehme.“

Kurze Zeit, nachdem unser Held jene Entscheidung getroffen hatte, brach der Tag an; Jack schaute zuerst leewärts und sah, wie das Kanonenboot und die Handelsschiffe in der Entfernung von etwa zehn Meilen dem Lande zusteuerten, und wie die „Harpy“ ihnen mit allen Segeln folgte. Auch bemerkte er, dass das genommene Kanonenboot, um sein Entweichen zu verhindern, am Ufer angebunden lag.

„‚Harpy‘ sie alle haben, bei Gott!“ schrie Mesty, „ich mir denk’, sie bald mit ihnen fertig sein.“

Unsere Freunde waren so sehr damit beschäftigt, nach der „Harpy“ und den Handelsschiffen zu sehen, dass sie für einige Zeit ganz vergassen, windwärts zu schauen.

Um zu verhüten, dass sich die feindlichen Fahrzeuge einander zu sehr näherten, und um sie zugleich im Glauben zu lassen, dass sie hierbei ihr bestes thäten, wurde ein Segel über Bord unter die Buge getaut, und nun beschränkten sich Jack und seine Leute darauf, die Bewegungen der „Harpy“ zu bewachen.

Die Entfernung war zu gross, um sehr genau unterscheiden zu können, aber Mesty kletterte auf den Mast des Fahrzeuges und meldete den Verlauf mit folgenden Worten:

„Bei Jesus, wagt eine Kanone gegen zwei — geht drauf los, ‚Harpy‘. Werden sie nicht haben, ganz gewiss. Jetzt Kanonenboot feuern — das unser Kanonenboot, nein, doch nicht unser. Jetzt unser Kanonenboot feuern — dass schön — feuern weg. Ah, jetzt die ‚Harpy‘ kommen herauf. Alle sie untereinander. Puff, paff, puff — Kartätschenfeuer bei Gott. Ich schon merken, die Spanier sind jetzt gerade so oder so in ganz arg’ Verlegenheit. ‚Harpy‘ sie nehmen all’. — Da, auch Kanonenboot sich ergeben, seine Flagge streichen. Jetzt, ihr Burschen, ist alles vorbei, und“ suhr Mesty am Mast heruntergleitend fort, „ich glauben ist besser, Euch nicht zu viel sehen lassen; nur zwei Mann auf dem Deck bleiben und die Jacken ausziehen.“

Die Mannschaft auf dem Kutter wusste sehr wohl, dass Jack den Befehlen des Kapitäns entgegen handelte, aber es bot sich somit eine Abwechselung in dem langweiligen Einerlei eines Kriegsschiffes dar, und sie waren deshalb alle ebenso wie Mesty damit zufrieden.

Sie mussten übrigens nun bald an die Arbeit gehen, denn sie besassen nur für einen Tag Brot- und Grogrationen und fanden in dem weggenommenen Fahrzeuge nichts als ein wenig Knoblauch und Bohnen, denn die Spanier hatten ihre Lebensmittel beim Herunterfahren an der Küste verkauft. Es befanden sich nur drei Gefangene an Bord, und diese wurden im Raum unten bei den Bohnensäcken eingeschlossen; einen der letzteren hatte man auf das Verdeck heraufgebracht.

Sobald es dunkel war, liess Jack seine Leute herauf kommen und hielt eine lange Rede an sie. Er setzte ihnen auseinander, dass ihn lediglich sein Eifer bestimmt habe, nicht zu der „Harpy“ zurückzukehren, ehe er irgend eine wertvolle Prise gemacht hätte; dass sie während des ganzen Tages nur Bohnen zu essen gehabt hätten, und dass es deshalb für sie unumgänglich notwendig sei, ihre Lage zu verbessern; dass sich keine vier Meilen von ihnen entfernt ein grosses Schiff befinde, welches er zu nehmen gedenke; dass er, sobald dies geschehen, noch einige weitere zu kapern beabsichtige. Er betonte, dass er darauf rechne, bei diesem Unternehmen durch ihren Eifer unterstützt zu werden, und dass er hoffe, während seines Kreuzens grosse Thaten zu verrichten. Er bedeutete ihnen ferner, dass sie sich als an Bord eines Kriegsschiffes befindlich betrachten und von den Kriegsartikeln sich leiten lassen müssten, welche für sie alle geschrieben seien, und dass er, im Falle sie dieselben nicht mehr wüssten, eine Abschrift davon in der Tasche habe, die er ihnen morgen früh, sobald sie sich behaglich an Bord des Schiffes aufgepflanzt hätten, vorlesen wolle. Hierauf ernannte er Mesty zum ersten Leutnant, den Marinesoldaten zum Sergeanten, den Beischiffsführer zum Hochbootsmann, zwei Matrosen zu Hochbootsmanngehilfen und zwei weitere zu Steuermännern. Zwei mussten sich in die Backbord- und Steuerbordwache teilen. Die Leute waren sehr zufrieden mit Jacks Rede, sowie mit dem Beförderungserlasse, und gingen nun zu einem wichtigeren Gegenstande über, zur Frage nämlich, wie die Wegnahme des Schiffes bewerkstelligt werden sollte. Nach kurzer Beratung wurde Mestys Vorschlag angenommen. Dieser lautete dahin, nicht weit von dem Schiffe entfernt zu ankern und da bis zwei Uhr morgens zu warten, wo sie dann in aller Stille im Kutter auf dasselbe zurudern und sich seiner bemächtigen wollten.

Gegen neun Uhr abends warfen sie besprochenermassen die Anker aus. Jack verwunderte sich nicht wenig, zu finden, dass das Schiff viel grösser war, als er sich gedacht hatte; es besass beinahe denselben Tonnengehalt wie die „Harpy“. Die spanischen Gefangenen wurden nun zuerst an Händen und Füssen gebunden und auf die Bohnensäcke gelegt, um ihr Lärmmachen zu verhüten; dann wurden die Segel aufgerollt, und alles verhielt sich ruhig.

An Bord des feindlichen Schiffes herrschte Lust und Munterkeit; um halb Elf etwa sah man ein Boot von demselben dem Lande zurudern, dann verstummte das Geschrei allmählich, ein Licht nach dem anderen erlosch, und dann ward alles still.

„Was meinst du, Mesty“, sagte Jack, „glaubst du, wir sollen das Schiff nehmen?“

„Es nehmen; ganz gewiss, wir es nehmen, halten ein wenig — warten, bis sie alle tief schlaf.“

Gegen Mitternacht trat ein heftiger Spritzregen ein, der für unseres Helden Absichten äusserst gelegen kam. Da es jedoch den Anschein hatte, als ob sich’s bald wieder aufklären wolle, so verschob er auf Mestys Rat das Unternehmen nicht länger. Er schlich sich mit seinen Leuten leise in das Boot, sie nahmen zwei Ruder zum Steuern, fuhren unter den Bug des Fahrzeuges, kletterten an den Vorderketten hinauf und fanden das Verdeck leer. „Obacht geben, nicht Pistole abseuern“, sagte Mesty zu seinen Leuten, als sie heraufkamen, indem er ihnen den Finger auf die Lippen legte, um ihnen die Notwendigkeit des Stillschweigens einzuprägen. Sobald alle Mannschaft auf dem Verdeck und der Kutter angebunden war, gingen Jack und Mesty voraus. Die Hauptluke wurde besetzt, die Gitter an den hinteren Lukengängen angelegt und dann ging’s wieder nach hinten zum Kompasshäuschen, wo noch ein Licht brannte. Mesty beorderte zwei Mann, vorwärts zu gehen, die Luken zu besetzen und da als Wache stehen zu bleiben.

„Bei der Allmacht, wir hab’ das Schiff“, sagte Mesty, „aber wir noch genug müssen thun. Ich glaube, da liegen so ein verdammter kleiner Spitzbub im Schlaf zwischen den Kanonen. Ein kleine Weile es nicht regnen, und dann wir sehen besser. Jetzt bleiben alle ruhig.“

„Dieses Schiff muss eine zahlreiche Mannschaft haben“, erwiderte unser Held, „es ist sehr gross und führt zwölf oder vierzehn Kanonen — wie sollen wir es anfangen, uns ihrer zu versichern?“

„Ganz recht“, antwortete Mesty, „machen alles das nach und nach. Nicht bekümmern, wie bald Tag anbricht.“

„Es hat schon aufgehört zu regnen“, bemerkte hier Jack, „im Kompasshäuschen steht ein Licht; ich denke, wir wollen dasselbe anzünden und uns auf dem Verdeck umsehen.“

„Ja“, antwortete Mesty, „ein Mann Schildwache über der Kajüttenluke und ein anderer über die hintere Luke. Sodann wir Licht anzünden. Merken sich, sie lassen alle ihre Pistole an der Gangspille.“

„Was sollen wir nun thun, Mesty?“ fragte Jack.

„Jetzt, Sir“, sagte Mesty, „öffnen die Hinterluke und wachen — wenn kommen Mann herauf, wir sie nehmen fest — gesetzt, kommen nicht mehr, wir warten, bis Tag anbricht — und sehen, was weiter zu thun ist.“

Hierauf ging Mesty nach vorn, um zu sehen, ob die Leute auf dem Vorderkastell wachten; nachdem er alles in Ordnung gefunden hatte, blies er das Licht aus und stellte sich mit den anderen an der Hinterluke auf.

Es war gerade um die Zeit des Tagesanbruches, als die Spanier, welche die Morgenwache zu beziehen hatten, erwachten, sich ankleideten und aufs Verdeck kamen; sie blickten sich um und suchten in der Dunkelheit auszuspähen, wo ihre Kameraden seien. Jack liess das Gitter wieder hinunterklappen, und ehe die guten Spanier nur das Auge recht aufmachen konnten, waren sie festgenommen und in Sicherheit gebracht.

Während dies geschah und bis man die geknebelten Leute zwischen die Kanonen hinlegte, war der Tag angebrochen, und nun sah Jack mit den Seinigen, welch ein schönes Fahrzeug sie glücklich in ihre Gewalt bekommen hatten — aber noch vieles musste geschehen. Es war eine starke Besatzung auf demselben, und überdies befanden sie sich nur eine Meile von einer Zehnkanonenbatterie entfernt. Mesty, der in allem der vorderste war, liess vier Mann hinten und ging mit Jack und den übrigen Leuten an die Kajüttenluke.

„Nun, Massa Freimut, das grosse Ding wird sein, Kapitän in Gewalt kriegen; wir müssen bringen ihn auf Verdeck. Öffnen Kajüttenluke nun und halten die Hinterluke fest. Bleiben zwei Mann hier, die anderen kommen alle nach hinten.“

„Allerdings“, erwiderte Jack, „wird es ein wichtiger Punkt sein, sich des Kapitäns zu bemächtigen — aber wie kriegen wir ihn herauf?“

„Sie nicht wissen, wie Kapitän kriegen herauf? Bei den Heiligen, ich sehr wohl wissen.“

Und damit nahm Mesty die aufgerollten Taue vom Mittelmaste weg, schleppte sie aufs Verdeck, eines nach dem anderen, und machte damit den grösstmöglichen Lärm. In kurzer Zeit liess sich ein heftiges Klingeln an der Glocke in der Kapitänskajütte hören, und eine Minute später kam ein Mann im blossen Hemde zur Kajüttenluke herauf, den man sogleich festnahm.

„Dies des Kapitäns Diener“, sagte Mesty, „er kommen und sagt, nicht machen solch verfluchten Lärmen. Warten ein wenig — Kapitän wütend werden und kommen selbst herauf.“

Mit diesen Worten fing Mesty von neuem an, gerade über der Kapitänskajütte mit den Tauen herumzupoltern. Mesty hatte recht: nach wenigen Minuten kam der Kapitän selbst, schäumend vor Wut. Sobald sie die Kajüttenthür aufgehen hörten, verbargen sich die Matrosen hinter der Mannschaftsluke, die sehr hoch war, und liessen so den Kapitän ruhig aufs Verdeck kommen. Dieser war ein äusserst kräftiger Mann und konnte somit nur mit Mühe überwältigt werden.

„Nun alles recht“, sagte Mesty, „und wir bald hab’ das Schiff; aber ich müssen ihn einschüchtern.“

Der Kapitän wurde aufs Verdeck gegen eine der Kanonen gesetzt, und Mesty, der dämonisch aussah, streckte seinen langen nervigen Arm mit dem geschwungenen scharfen Messer über ihn hin, als ob er jeden Augenblick bereit wäre, es ihm ins Herz zu stossen. Der spanische Kapitän fühlte sich in seiner Lage ganz und gar nicht behaglich. Er wurde nun über die Zahl seiner Schiffsmannschaft, seiner Offiziere und so weiter befragt, worauf er ganz offen antwortete, denn sein Auge war auf die entschiedene Haltung und den unbarmherzigen Blick Mestys gerichtet.

„Jetzt denk’, alles in Ordnung nun“, sagte Mesty. „Mr. Freimut, wir jetzt hinabgehen und alle Mannschaft im Raum schlagen.“

Unser Held billigte diesen Rat. Sie nahmen ihre Pistolen von der Gangspill und stürzten mit diesen, sowie mit Handdegen versehen hinunter, indem sie zwei Mann als Wache vor der Kajüttenthür zurückliessen; sie wurden bald handgemein mit den Spaniern, die alle noch nackt in ihren Hängematten lagen und deren Widerstand also, obgleich sie an Zahl doppelt so stark als die Engländer waren, nicht bedeutend sein konnte. In wenigen Minuten wurden sie sämtlich nach dem Unterraum des Fahrzeuges gebracht und die Luken über ihnen verschlossen. Nun waren die Engländer Herren des ganzen Schiffes mit Ausnahme der Kajütte, auf die sie jetzt losgingen. Unser Held versuchte, die Thür zu öffnen, fand sie aber geschlossen; Jacks Leute schlugen also dieselbe ein und wurden von einer Seite der Kajütte mit lautem Wehklagen, von der anderen mit zwei Pistolenschüssen, die glücklicherweise keinen Schaden anrichteten, begrüsst. Die zwei Personen, welche die Pistolen abgefeuert hatten, waren ein ältlicher Herr und ein junger Bursche, etwa im Alter unseres Helden. Sie wurden niedergeworfen und festgenommen. Man durchstöberte nun die Kajütte, fand aber niemand darin, als drei Damen, eine alte und zwei junge. Jack lüftete seinen Hut und machte ihnen mit seiner gewöhnlichen Höflichkeit eine sehr tiefe Verbeugung, während sie sich, da sie nur halb angekleidet waren, in eine Ecke flüchteten. Er sagte ihnen auf englisch, dass sie nichts zu fürchten hätten, und bat sie, ihre Toilette zu vollenden. Die Damen gaben keine Antwort, weil sie nicht verstanden, was Jack sagte, denn sie konnten nicht englisch sprechen.

Mesty unterbrach unseren Jack in seinen Betrachtungen, indem er ihm auseinandersetzte, dass sie nun alle aufs Verdeck gehen müssten. Jack lüftete daher wieder seinen Hut, verbeugte sich und folgte seinen Leuten, welche die zwei in der Kajütte aufgegriffenen Gefangenen vorführten. Es war jetzt fünf Uhr morgens, und nun wurde es lebhaft an Bord der anderen Fahrzeuge, die nicht fern von dem Schiffe lagen.

„Nun ja“, fragte Jack, „was wollen wir mit den Gefangenen machen? Könnten wir nicht das Boot abschicken, unser eigenes Fahrzeug an die Seite herbringen und sie alle, gebunden, wie sie sind, hineinwerfen? So würden wir sie doch los.“

„Massa Freimut, Sie ein sehr tüchtiger Offizier werden eines Tages. Das verdammt guter Gedanke; — aber, angenommen, wir schicken unser eigen Boot, was denken die an Bord der anderen Fahrzeuge? Lieber hinunterlassen klein’ Boot am Stern — vier Mann hinein, und Fahrzeug seitlängs herbringen — so ist’s.“

Dies geschah; der Kutter befand sich auf der Seewärtsseite des Schiffes, und da dieses am weitesten von den übrigen herauslag, so konnte er sowohl von der Mannschaft der anderen spanischen Fahrzeuge, als von der Batterie am Lande aus nicht gesehen werden. Sobald die Schebecke an der Seite war, wurden die bereits auf dem Verdeck geknebelten Spanier, sieben an der Zahl, hinübergebracht und auf die Bohnensäcke im Raum niedergelegt; somit alle, mit Ausnahme des Kapitäns der Kajüttengefangenen und des Kapitäns Bedienten. Dann gingen Jack und seine Leute wieder hinunter, öffneten eine der Luken und hiessen die Spanier aus dem Kielraum heraufkommen. Sobald diese das Verdeck betraten, wurden sie festgenommen und auf dieselbe Weise behandelt. Mesty begab sich mit der Mannschaft hinab, um zu untersuchen, ob nicht vielleicht noch irgend jemand verborgen sei; da sie aber fanden, dass niemand mehr da war, kehrten sie auf das Verdeck zurück. Jack befand sich nun im Besitz eines stattlichen Schiffes mit vierzehn Kanonen und dreissig männlichen und drei weiblichen Gefangenen.

Nachdem man die gefangenen Spanier mit Beobachtung der gehörigen Vorsicht auf der Schebecke untergebracht hatte und Jacks Leute wieder auf das Schiff zurückkehrten, legten sie nach dem Rate Mestys die Jacken und Mützen der spanischen Seeleute an, von denen sich eine hinreichende Menge vorfand.

„Was soll jetzt geschehen, Mesty?“ fragte Jack.

„Jetzt, Sir, wir schicken ein paar Mann hinauf, Segel ganz bereit zu machen, und während sie dies thun, ich schneiden des Kapitäns Bedienten los und zwingen ihn ein Frühstück zu machen, denn er wissen, wo Sach zu finden.“

„’n Kapitalgedanke von dir, Mesty, denn die Bohnensuppe ist mir schon längst zuwider; ich will hinuntergehen und den Damen meine Aufwartung machen.“

„Ja, aber schnell, Massa — verdammt, die Weiber, sie wehen mit ihren Schnupftüchern in der Luft gegen die Mannschaft in der Batterie — schnell Massa Freimut.“

Mesty hatte recht; die spanischen Mädchen schwenkten ihre Schnupftücher, um Hilfe herbeizuwinken; dies war freilich alles, was die armen Geschöpfe thun konnten. Jack eilte in die Kajütte hinab, fasste die beiden Dämchen am Arm, führte sie ganz artig auf die Hintergalerie heraus und bat sie, sich nicht so viel Mühe zu geben. Die jungen Damen sahen ganz verwirrt aus, und da sie ihre Schnupftücher nicht mehr länger schwenken konnten, hielten sie dieselben vor ihre Augen und fingen an zu weinen, während die ältliche Dame auf ihre Kniee sank und mit aufgehobenen Händen um Gnade flehte. Jack richtete sie auf und führte sie höflich zu einem der Koffer in der Kajütte.

Unterdessen hatte Mesty mit seinem funkelnden Messer und bedeutungsvollem Blicke bei des Kapitäns Diener Wunder ausgerichtet; ein Frühstück aus Schokolade, Salzfleisch, Schinken, Würsten, Weissbrot und rotem Wein bestehend, wurde auf dem Hinterdeck aufgetragen. Die Leute waren schon von oben herabgekommen, und Jack wurde nun aufs Verdeck berufen. Er reichte den zwei jungen Damen die Hand und lud die ältliche ein, ihm zu folgen. Diese mochte es nicht für ratsam halten, sein höfliches Benehmen zurückzuweisen, und ging deshalb mit ihm hinauf.

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320 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711447666
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Bookwire
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