Czytaj książkę: «Seewölfe Paket 3»

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Impressum

© 1976/2015 Pabel-Moewig Verlag KG,

Pabel ebook, Rastatt.

ISBN: 978-3-95439-492-0

Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de

Inhalt

Nr. 41

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 42

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 43

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 44

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 45

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 46

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 47

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 48

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 49

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 50

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 51

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Nr. 52

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 53

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 54

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 55

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Nr. 56

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 57

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 58

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 59

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 60

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10


1.

Man schrieb den 19. Oktober 1579. Die „Isabella V.“ segelte über Backbordbug bei halbem Wind auf Kurs Ost an der Südküste Hispaniolas entlang. Der Wettergott zeigte sich an diesem Tag von seiner allerbesten Seite. Am tiefblauen Himmel stand die Nachmittagssonne und warf ihre wärmenden Strahlen über das Schiff. Die prall stehenden Segel leuchteten in ihrem Licht, und die Männer hatten es sich zum großen Teil an Deck bequem gemacht.

Der Seewolf ließ seine Blicke über das Schiff wandern. Er gönnte seiner Crew diese Verschnaufpause, schließlich hatten es die vergangenen Stunden in sich gehabt. Die Befreiung der elf Männer aus Falmouth aus dem Kerker Santo Domingos war kein Kinderspiel gewesen. Sollte die Crew sich ausruhen – der Seewolf ahnte, daß ihnen dazu ohnehin nicht viel Zeit bleiben würde. Immerhin hatten sie den Hafen von Santo Domingo mit den schweren, siebzehnpfündigen Culverinen der „Isabella“ regelrecht in Klump geschossen und den Dons wieder eine verheerende Niederlage zugefügt. Das konnte nicht ohne Folgen bleiben.

Hasards Gedanken glitten weiter. Er sah das Mädchen vor sich, das sie ganz überraschend ebenfalls bei den Gefangenen im Kerker gefunden hatten – und unwillkürlich schlug sein Herz etwas schneller.

Gwendolyn Bernice O’Flynn! Die Schwester Dans, dessen Vater sie jetzt ebenfalls an Bord hatten, aufgefischt aus einem treibenden Boot, denn dem alten O’Flynn war es als einzigem gelungen, den Spaniern zu entkommen.

Er sah die Szene wieder vor sich – das fassungslose Gesicht Dan O’Flynns, als er in dem bewußtlosen Mann mit dem Holzbein seinen Vater erkannte.

Der Seewolf straffte sich. Es war eine verrückte Geschichte, dreizehn Engländern aus Falmouth, aus seiner Heimat, hier in der Karibik unter solchen Umständen zu begegnen. Verschleppt und fast schon versklavt von den Spaniern, die Falmouth überfallen hatten.

Und wieder wanderten seine Gedanken zu Gwen. Sie waren gerade noch zur rechten Zeit gekommen, denn Gwen war ein verdammt gut gewachsenes und bildhübsches Mädchen, das diesem Schweinehund von Hafenkommandanten schon längst ins Auge gestochen und ganz bestimmte Wünsche in ihm geweckt hatte.

Bei diesem Gedanken verfinsterten sich seine Züge. Der Teufel sollte jeden Kerl holen, der seine dreckigen Pfoten nach Gwen ausstreckte, ohne daß sie es ihm ausdrücklich erlaubte!

Ben Brighton enterte zum Achterkastell auf und unterbrach die Gedanken des Seewolfs, indem er auf ihn zutrat und vor ihm stehenblieb.

Hasard blickte auf.

„Was gibt es, Ben?“ fragte er seinen Bootsmann, der auf der „Isabella V.“ zugleich die Position eines ersten Offiziers innehatte.

Ben Brighton wies mit einer Kopfbewegung zum Hauptdeck hinunter.

„Es wird Zeit, daß du dich um die Neuen kümmerst. Sie müssen auch offiziell in die Crew eingegliedert werden, wenn es später nicht Schwierigkeiten geben soll. Vielleicht hältst du das für eine überflüssige Formalität, aber glaub mir, ich habe in solchen Dingen einige Erfahrungen gesammelt. Sie müssen wissen, daß sie nicht Gäste an Bord der ‚Isabella‘ sind, sondern wie jeder andere zur Crew gehören.“

Der Seewolf grinste.

„Ich glaube, deine Sorge ist unberechtigt, Ben. Die Männer kennen mich – der alte O’Flynn und Big Old Shane sind seebefahrene Leute. Die fünf Fischer wissen ebenfalls, wie es auf einem Schiff zugeht. Blieben die Handwerker, der Stadtschreiber und Gwen.“

„Über das Mädchen brauchen wir nicht zu reden. Daß sie Gast an Bord der ‚Isabella‘ ist, versteht sich doch von selbst.“

Der Seewolf ließ ein leises Lachen hören.

„Na, Ben, wenn du dich da nicht gründlich irrst. Ich kenne Gwen, die ist nicht dazu geschaffen, einfach so an Bord herumzusitzen, die feine Dame zu spielen und sich von uns bedienen zu lassen – o verdammt, da haben wir die Bescherung ja schon!“

Ben Brighton fuhr herum, und mit ihm auch die Köpfe etlicher Männer aus der Crew, denn Gwendolyn Bernice O’Flynn betrat soeben das Hauptdeck, gefolgt von Dan, und das Bürschchen grinste von einem Ohr bis zum andern. Gwen hatte sich ihrer Frauenkleider entledigt und trug jetzt Männerkleidung. Eine Hose, die wie angegossen paßte, und dazu eine Bluse, genauer gesagt ein Hemd, das ihr wegen seiner attraktiven hellgrünen Farbe nicht nur hervorragend stand, sondern ihre Figur erst richtig zur Geltung brachte.

Der Seewolf starrte das Mädchen an, er konnte einfach nicht anders. Das rotblonde, schulterlange Haar Gwens flog im Wind, als sie jetzt langsam mit Dan zum Vorderkastell hinüberging, auf dem es sich der alte O’Flynn mit Big Old Shane und Ed Carberry bequem gemacht hatte.

Auch die drei Männer starrten das Mädchen an, das da in Männerkleidern auf sie zukam. Sogar Ferris Tucker, der hünenhafte Schiffszimmermann, ließ vor Überraschung fast seine riesige Axt fallen.

Und noch ein Mann starrte dem Mädchen nach, aber das bemerkte in der allgemeinen Aufregung niemand. Er hatte sich von allen anderen abgesondert. Ein dürrer Kerl mit einem Geiergesicht und grauen Augen, die sich beim Anblick Gwens unwillkürlich verengt hatten, einem Ziegenbart und schmalen, nahezu blutleeren Lippen. Seine Hände, die wie Krallen wirkten, umklammerten dabei unwillkürlich einen der Belegnägel der Nagelbank, vor der er stand.

Der alte O’Flynn war aufgesprungen. Trotz seines Holzbeins bewegte er sich dabei absolut sicher. Seine Stirn zog sich unheildrohend zusammen, scharfe Falten erschienen über der Nasenwurzel.

„He, Gwen, bist du total verrückt geworden?“ fauchte er seine Tochter an. „Was soll dieser verdammte Mummenschanz? Sofort ziehst du dir wieder Kleider an, so, wie es sich für ein Mädchen in deinem Alter gehört.“

Dan stellte sich vor seine Schwester und hielt sie mit einer Bewegung seiner Rechten zurück.

„Soll sie vielleicht in Lumpen hier herumspazieren, damit ihr jeder bis in die Eingeweide gucken kann?“

„Dan!“ Die Stimme seiner Schwester wies das Bürschchen unmißverständlich zurecht. Aber Dan war nicht zu bremsen.

„Ach was, wir auf der ‚Isabella‘ sind nicht zimperlich. Wir sagen, wie es ist. Außerdem kannst du dich in deinen Mottensegeln hier an Bord bei Schlechtwetter sowieso nicht bewegen, die erste Bö pustet dich in den Großmars. Deshalb habe ich dir die Hose und das Hemd besorgt. Unser Segelmacher wird dir aus Segeltuch noch eine Jacke nähen, und damit basta. Außerdem wird hier an Bord jede Hand gebraucht, mit dir werden wir da auch keine Ausnahme machen.“

Ed Carberry, der anfangs gegrinst hatte, sprang nun ebenfalls auf. Er trat auf Dan zu.

„He, Freundchen, du könntest dein Maulwerk ruhig ein bißchen mehr bremsen, oder ich ziehe dir die Haut in Streifen von deinem Affenar ...“ Erschrocken hielt er inne. „Ich meine, Miß, hä, ich würde Ihrem Bruder ...“

Dan lachte lauthals.

„Damit du weißt, Gwen, was er mit mir vorhat: Er will mir die Haut in Streifen von meinem Affenarsch abziehen, und nun, nun wird da wohl nichts draus, was?“

Dan lachte wieder, während seine Schwester ihn etwas ratlos und verlegen ansah.

Das war der Moment, in dem der Seewolf sich einschaltete. Er hatte zusammen mit Ben Brighton die Szene vom Achterkastell aus beobachtet, und auch für ihn war die Situation absolut neu. Er spürte nur, daß es leicht Ärger geben konnte, wenn sie auf Gwen und das, was sie tat, nicht gehörig aufpaßten. Jedenfalls glaubten sie das, weil niemand Gwen wirklich gut genug kannte.

„Schluß jetzt, Dan“, sagte er nur. „Ich bitte mir aus, daß ihr in Gegenwart Gwens weniger ruppig sprecht. Schließlich haben wir mit ihr eine junge Lady an Bord unseres Schiffes. Natürlich wird sie nicht arbeiten, sie ist Gast auf der ‚Isabella‘. Daß sie Männerkleidung tragen muß, wird sich wohl nicht ändern lassen, denn wir sind hier auf weibliche Garderobe nicht eingerichtet. Aber alles andere ...“

Gwen, die bisher zu allem geschwiegen hatte, blickte den Seewolf jetzt aus ihren grünen Augen an. Es war ein Blick, der sogar diesen harten Mann erstarren ließ.

„Kommt nicht in Frage, Mr. Killigrew“, sagte sie leise, aber doch für jeden verständlich. „Ich werde hier an Bord meine Pflicht tun wie jeder andere. Ich werde hier kein Drohnendasein führen. Wo immer ich mich nützlich machen kann, da werde ich das tun. Sie sind der Kapitän, aber ich glaube nicht, daß Sie diesen, meinen ausdrücklichen Wunsch nicht respektieren werden.“

Ihr Gesicht überzog plötzlich ein schelmisches Lächeln.

„Oder ist der berühmte Seewolf so ein Unhold, daß er eine junge Lady einfach an Bord seines Schiffes einsperrt, damit sie nur ja nicht irgendwo mit Hand anlegen kann? Denn das müßte er schon tun, um sie daran wirklich zu hindern!“

Hasard sah sie an, dann überzog auch seine Züge ein Lächeln.

„Also gut, ich hatte mir das zwar anders vorgestellt, aber versuchen wir es mal auf Ihre Art, Gwen. Ich glaube nicht, daß es unter meinen Männern auch nur einen gibt, der Sie nicht respektiert. Ihn würde im übrigen der Teufel holen, und zwar auf der Stelle.“

Er deutete eine leichte Verneigung an und wandte sich an Carberry.

„Ed, alle neuen Leute auf die Kuhl. Sofort. Ich will ein paar Takte mit ihnen reden!“

Ed Carberry nickte. „Aye, aye, Sir.“ Er drehte sich um, und im nächsten Moment dröhnte seine gewaltige Stimme über das Schiff: „Los, alle Neuen auf die Kuhl, aber ein bißchen Tempo, oder ich mache euch Feuer unter dem Hintern!“

Dan warf seinem Vater einen Blick zu, und er sah, wie der alte O’Flynn in sich hineingrinste. Die Kerls auf der „Isabella“ waren eine Bande nach seinem Geschmack, ho, auf diesem Schiff ließ es sich leben.

Er marschierte nach achtern, und er bewegte sich mit seinem Holzbein erstaunlich schnell. Dan und Gwen begleiteten ihn, aber Ed Carberry fischte sich Dan heraus.

„He, seit wann bist du denn neu auf diesem Schiff? Die Neuen auf die Kuhl habe ich gesagt, ist das klar?“

Aber diesmal geriet er bei Dan gerade an den Richtigen.

„Nun halt doch endlich einmal deine Gorillaschnauze, du narbiger Affe!“ fauchte er den Profos an. „Wenn ich auf die Kuhl will, dann gehe ich auch dahin, ob es dir paßt oder nicht.“

Er riß sich los und ließ den verblüfften Carberry zurück.

„Wie – was? Gorillaschnauze, narbiger Affe? Also das, das ist doch ...“

Ferris Tucker tauchte neben ihm auf und lachte.

„Ed, das Bürschchen mausert sich so langsam. Junge, Junge, bin nur gespannt, wann er mich wieder einen rothaarigen Affen nennt, dann ...“

Ferris warf einen verliebten Blick auf seine Pranken, aber jeder an Bord wußte, daß er niemals imstande gewesen wäre, Dan ernsthaft zu verprügeln, dazu hatte er den Jüngsten der „Isabella“-Crew viel zu sehr ins Herz geschlossen.

Auch Ed Carberry grinste, sein anfänglicher Ärger war verflogen.

„Du hast völlig recht, Ferris. Das Kerlchen hat sich ganz schön herausgemacht. Muß nur hin und wieder eins mit dem Tauende über die Achtergalerie kriegen, sonst wird er uns zu übermütig.“

Ferris blieb plötzlich stehen, und Carberry wohl oder übel auch, denn der rothaarige Hüne hatte ihn am Arm gepackt und hielt ihn fest.

„Paß ein wenig auf mit Tauende und so, Ed. Der Junge hat seine Rolle als Bürschchen endgültig satt. Er will als vollwertiger Mann behandelt werden, und, verdammt noch mal, das ist er ja auch schon längst. Wir werden ein wenig auf ihn aufpassen, aber sonst laß ihn man, oder du wirst noch mal dein blaues Wunder mit Dan erleben! Das ist ein guter Rat, Ed!“

Carberry starrte ihn aus schmalen Augen an.

„Hä? Wie, was?“ fragte er dann. „Was soll das heißen, Ferris? Das Bürschchen halte ich mir vorläufig noch mit dem kleinen Finger vom Leib, wenn ich will. Dem ziehe ich jederzeit noch die Haut in Streifen von seinem Affenarsch, wenn ich das will.“

„Hör auf mich, oder laß es auch bleiben. Ich habe dich gewarnt, Ed, der Junge befindet sich jetzt in einer Phase, in der er in dieser Hinsicht keinen Spaß mehr versteht. Ich habe da neulich so eine Sache erlebt, abends, auf dem Hauptdeck, und sein Vater stand dabei. Und genau das ist es. Dan will seinem Vater zeigen, daß er inzwischen ein Mann geworden ist.“

Sie waren weitergegangen und auf der Kuhl angelangt. Carberry hatte die Stirn gerunzelt, wollte etwas fragen, aber dabei fiel sein Blick auf jenen Mann, der ihm schon ein paarmal unliebsam aufgefallen war. Der Kerl mit dem Geiergesicht und den messerscharfen Lippen hockte immer noch auf der Nagelbank und traf nicht die geringsten Anstalten, sich zur Kuhl hinüber zu bewegen, obwohl sich die anderen und ein Teil der Crew dort längst versammelt hatten.

„He, Ferris!“ Carberry blieb abermals ruckartig stehen. „Was ist denn mit der Type da drüben los? Der Kerl hat wohl Kakerlaken in den Ohren, was?“

Carberry setzte sich in Bewegung und ging zu dem Mann mit dem Geiergesicht hinüber.

„Bist du taub? Der Seewolf hat befohlen, daß sich alle Neuen auf der Kuhl versammeln. Das gilt auch für dich. Und wenn du jetzt nicht blitzartig die Beine bewegst, bringe ich dir eigenhändig bei, wie schnell hier an Bord der ‚Isabella‘ die Befehle des Kapitäns ausgeführt werden. Also, was ist?“

Carberry hatte diesmal nicht gebrüllt, sondern seine Stimme war gefährlich leise gewesen. Das allein schon hätte den Fremden warnen sollen, aber er kannte den einstigen Profos der „Golden Hind“ eben nicht.

Statt der Aufforderung Carberrys so schnell wie möglich Folge zu leisten, verzog er verächtlich die Mundwinkel.

„Hören Sie zu, Mister: Ich hatte nicht die Ehre, Sie kennenzulernen. Und deshalb halte ich es für völlig unangebracht, daß Sie mich duzen. Mehr noch, ich verbitte mir das ein für allemal. Und was die Befehle Ihres Seewolfs angeht, so interessieren sie mich nicht. Er hat mir nichts zu befehlen. Wenn er mir etwas mitzuteilen hat, dann mag er sich zu mir bemühen. Ich hätte nachher sowieso nach ihm geschickt, weil ich ihn sprechen muß.“

Carberry glaubte, nicht recht gehört zu haben. Er war viel zu verblüfft, um sofort aus der Haut zu fahren, wie es eigentlich seine Art war. Statt dessen starrte er den Geiergesichtigen aus schmalen Augen an, aber der ließ ihm keine Zeit zu langen Überlegungen.

„Ich habe mir es soeben anders überlegt. Richten Sie dem Seewolf aus, daß ich ihn sprechen will!“ schnarrte er. „Sofort! Es ist überhaupt eine Ungeheuerlichkeit, daß dieser sogenannte Kapitän es nicht für nötig befunden hat, sich um mich und meine Wünsche zu kümmern, das wird ihm noch eine Menge Ärger einbringen, wenn wir wieder in England sind. So, verschwinden Sie, holen Sie jetzt endlich diesen Seewolf her!“

Carberry schüttelte unwillkürlich den Kopf. Ihm war in diesem Moment zumute, als segele die „Isabella“ bei achterlichem Wind rückwärts.

Langsam drehte er sich um, während sein zernarbtes Gesicht anzuschwellen schien.

„Ferris, hast du das gehört?“ fragte er und zweifelte immer noch an seinem Verstand. „Diesen Armleuchter hier interessiert gar nicht, was der Seewolf befiehlt, er will statt dessen ...“

In Carberry schoß die Wut explosionsartig hoch. Er riß einen Tampen aus der Nagelbank und zog dem Mann mit dem Geiergesicht blitzschnell ein paar über. So gekonnt und so kräftig, daß der senkrecht in die Luft sprang und einen lauten, schrillen Schrei ausstieß, der über alle Decks schallte.

Aber Carberry war jetzt nicht zu bremsen.

„Was?“ brüllte er, und Ferris Tukker hatte das Gefühl, als müsse jeden Augenblick die Großrah vom Mast herabkommen. „Du dreimal geteerter Affenarsch bist immer noch nicht auf der Kuhl? He, warum haben wir dich nicht bei den Spaniern gelassen, die hätten dich am offenen Feuer geröstet! Solche Typen wie dich haben die Dons besonders gern. Mann, wenn du jetzt nicht verschwindest und dich beim Seewolf persönlich meldest, dann ziehe ich dir die Haut in Streifen ab, falls du dann überhaupt noch welche hast!“

Wieder pfiff der Tampen durch die Luft und traf klatschend die Kehrseite des Geiergesichtigen. Er vollführte abermals einen Luftsprung, sauste dann aber wie ein geölter Blitz über das Hauptdeck zwischen den Culverinen hindurch und befand sich Sekunden später schon auf der Kuhl, hinter sich den immer noch brüllenden und tampenschwingenden Carberry.

Der Seewolf flankte über die Schmuckbalustrade. Dann packte er mit der einen Hand den Neuen, mit dem anderen Arm blockte er Carberry ab.

„Was geht hier vor?“ fragte er scharf. „Ed, bist du total verrückt geworden? Warum prügelst du diesen Mann quer über Deck? Antwort, verdammt noch mal!“

Die eisblauen Augen des Seewolfs hatten sich zornig zusammengezogen, er funkelte Carberry an.

Aber der Profos dachte gar nicht daran, sich einschüchtern zu lassen.

„Was hier los ist, fragst du?“ brüllte er. „Dieser Dreckskerl sagt mir doch glatt ins Gesicht, daß ihn die Befehle des sogenannten Seewolfs nichts angingen. Im Gegenteil, wenn er ihm etwas mitzuteilen habe, dann möge er gefälligst zu ihm kommen! Das sagt mir dieser Kerl, als ich ihn aufforderte, deinen Befehl zu befolgen und zur Kuhl hinüberzugehen.“

Carberry holte Luft.

„Damit das klar ist, Hasard, ein für allemal: Solange ich an Bord dieses Schiffes bin, werden deine Befehle befolgt, und zwar blitzartig und ohne jeden Widerspruch. Wer das nicht tut, den holt der Teufel. Was denkst du lausige Kakerlake eigentlich, wer du bist?“ brüllte er den Mann mit dem Geiergesicht in einer Lautstärke an, daß sogar den Männern der „Isabella“-Crew, die sich ebenfalls auf der Kuhl versammelt hatten, das Grinsen augenblicklich verging. Sie alle wandten dem Fremden, den niemand von ihnen bisher kennengelernt hatte, ihre Blicke zu.

Big Old Shane, der riesige Waffenmeister und Schmied von Arwenack, der ebenfalls zu den Befreiten gehörte, sagte mit seiner grollenden, dunklen Baßstimme in die momentan herrschende Stille hinein: „Carberry hat völlig recht, Hasard. Ich würde jetzt auch gern erfahren, was für eine hochgestellte Persönlichkeit wir denn hier vor uns haben, wenn er glaubt, daß er deine Befehle nicht zur Kenntnis zu nehmen braucht! Also, Mister, haben Sie die Güte und stellen Sie sich uns mal vor!“

Der Seewolf ließ Carberry los. In seinen Augen wetterleuchtete es.

„Ich warte“, sagte er eisig. „Ich will jetzt wissen, wer Sie sind.“

Der Geiergesichtige, dessen Züge noch immer schmerzverzerrt wirkten, versuchte, sich hoch aufzurichten.

„Ich bin Baldwyn Keymis, Friedensrichter von Falmouth. Ich bin vom Lordkanzler in dieses Amt eingesetzt worden, und ich verlange von Ihnen, Kapitän, daß Sie diesen Mann hier, der es gewagt hat, gegen mich die Hand zu erheben, sofort in Eisen schließen lassen. Danach werden Sie mir eine Kammer im Achterkastell zuweisen, mir eine meinem Amt entsprechende Sonderverpflegung servieren lassen und die junge Dame da zu meiner persönlichen Bedienung abstellen. Sollten Sie meine Wünsche ignorieren, werden Sie in England erhebliche Schwierigkeiten zu erwarten haben. Außerdem verlange ich, daß Sie auf dem schnellsten Wege nach England segeln.“

Keymis hatte das alles mit seiner arrogant schnarrenden Stimme mehr hervorgestoßen als gesprochen. Der Seewolf hingegen hatte sich nicht gerührt. Kein Muskel in seinem Gesicht zuckte.

„Können Sie sich legitimieren, Mr. Keymis?“ fragte er statt dessen kalt, während die Männer seiner Crew bereits zu murren begannen. Aber mit einer Handbewegung brachte er sie zum Verstummen.

„Legitimieren?“ schnarrte der Friedensrichter aufgebracht. „Sie selbst haben mich und die anderen aus dem Kerker der Spanier geholt und stellen dann solche dummen Fragen. Fragen Sie die Kerls, fragen Sie das Weibsbild da, die können Ihnen bestätigen, daß ich der vom Lordkanzler eingesetzte Friedensrichter von Falmouth bin. Das wird Ihnen dann ja wohl genügen!“

Dan stand plötzlich vor dem Friedensrichter und hielt ihm seine Faust unter die Nase.

„Hast du Schweinekerl eben Weibsbild zu meiner Schwester gesagt?“ fragte er drohend. „Und bedienen soll sie dich?“ fauchte er außer sich vor Wut. „Auf so was wie dich haben wir auf der ‚Isabella‘ gerade noch gewartet. Strecke auch nur den kleinen Finger nach meiner Schwester aus, du lausiger Federfuchser, dann kann dich dein Lordkanzler bei den Fischen suchen, kapiert?“

Um Hasards Mundwinkel zuckte es. Er hatte Dan selten so wütend gesehen, und er selbst verspürte auch heftigen Ärger über diesen aufgeblasenen Kerl, der sich Friedensrichter von Falmouth nannte. Aber andererseits mußte er wirklich einen Teil seiner Wünsche respektieren, alles andere wäre höchst unklug gewesen. Auch wenn seine Crew ihn vielleicht nicht verstehen würde.

Wieder murrten seine Männer, die inzwischen beinahe vollständig auf der Kuhl versammelt waren und die Neuen wie ein Kordon umgaben.

Einer der fünf Fischer trat auf den Friedensrichter zu.

„Es stimmt, du bist Baldwyn Keymis, der Friedensrichter von Falmouth. Aber das hat hier, an Bord der ‚Isabella‘, keine Bedeutung. Ich begreife nicht, warum du deinen Rand so aufreißt. Hast du eigentlich vergessen, daß der Seewolf und seine Männer uns vor dem sicheren Tode unter spanischer Tyrannei bewahrt haben? Wenn ich du wäre, würde ich das Maul halten und alles tun, damit wir sobald wie möglich wieder in England sind.“

Der Mann trat zurück. Er hatte schon weißes Haar, und Hasard wußte, daß er George Garrett hieß. Seinen Worten folgte lautstarke Zustimmung, und Keymis warf giftige Blicke um sich. Aber er dachte gar nicht daran, dem Rat des Fischers zu folgen.

„Also, was ist, erhalte ich nun endlich Antwort?“ schnarrte er. „Und wird dieser Kerl da“, er deutete auf Carberry, „jetzt in Ketten gelegt oder nicht?“

Der Seewolf trat hart an den Friedensrichter heran.

„Schluß jetzt mit dem Theater“, sagte er. Aber der Klang seiner Stimme ließ nicht den geringsten Zweifel daran, daß das Maß endgültig voll war. „Auf meinem Schiff wird kein Mann meiner Besatzung in Eisen gelegt, schon gar nicht, wenn er nichts verbrochen hat, was eine solche Maßnahme rechtfertigen würde.“

„Nichts verbrochen?“ fuhr der Friedensrichter auf den Seewolf los. „Der Kerl da hat es gewagt, gegen mich die Hand zu erheben, er hat mich geschlagen, er hat ...“

„Er hat genau das getan, was ich auch getan hätte, Mr. Keymis!“ donnerte Hasard ihn an, denn jetzt riß ihm endgültig die Geduld. „Ich bin der Kapitän dieses Schiffes, Mr. Keymis, und mein Wort ist hier an Bord Gesetz! Meine Befehle werden befolgt, sofort und ohne Widerrede. Von allen, auch von Ihnen.“

Hasard funkelte ihn an.

„Dennoch werde ich Ihren Rang respektieren. Sie beziehen eine Kammer im Achterschiff und sind vom Dienst an Bord befreit. Extraverpflegung gibt es nicht, Sie werden haargenau das essen, was alle erhalten, mich eingeschlossen.“

Er drehte sich zu Ben Brighton herum.

„Ben, du gibst Keymis deine Kammer. Gwen wird ebenfalls im Achterkastell untergebracht, und zwar in der Gästekammer. Wenn Gwen an Bord etwas tun will, dann soll es mir recht sein, inwieweit und auf welche Weise, das bleibt ihr überlassen.“

Er wandte sich wieder den Männern zu, die auf der Kuhl standen.

„Nun zu euch! Ihr wißt, daß wir nach England noch einen weiten Weg vor uns haben. Seit wir uns diese Galeone kaperten, fahren wir mit einer zu kleinen Besatzung, das hat uns sogar schon mehrfach in Gefahr gebracht. Ich begrüße daher die zahlenmäßige Verstärkung meiner Besatzung sehr. Auf uns warten Piraten, Stürme, wahrscheinlich auch noch spanische Schiffe, die alles daransetzen werden, uns unsere Beute wieder abzujagen. Deshalb verlange ich von jedem, daß er seine Pflicht tut, daß er sich so schnell wie möglich mit der ‚Isabella‘, mit der notwendigen Seemannschaft und mit allem übrigen vertraut macht. Ein Teil von euch wird von Ferris Tucker und Al Conroy an den Geschützen ausgebildet, andere werden der Steuerbord- oder Backbordwache zugeteilt. Ben Brighton, Carberry, Ferris Tucker und Smoky werden sich darum kümmern. Es wird an uns allen selber liegen, ob und wann wir England wieder erreichen!“

Er sah die neuen Männer seiner Besatzung scharf an.

„Das bedeutet aber, daß ihr alle ab sofort unter meinem Kommando steht und die Bordgesetze für euch alle gelten.“

Die Crew brach in wildes Gebrüll aus, in das die neuen Leute mit einstimmten. Nur der Friedensrichter sah hochmütig auf die Männer – und dem Seewolf entging das nicht.

„Ben, schaff mir diesen Kerl jetzt aus den Augen“, sagte er leise. „Ich habe mit der Crew noch zu reden.“

Sein Bootsmann nickte nur, dann wandte er sich an den Friedensrichter.

„Wenn Sie mir jetzt also bitte zu Ihrer Kammer folgen wollen, Mister“, sagte er, nicht ohne Spott in seiner Stimme.

Baldwyn Keymis nickte arrogant. Endlich begannen die Dinge sich so zu entwickeln, wie er sie haben wollte. Aber sie würden sich noch ganz anders entwickeln, darauf konnte dieser verfluchte Seewolf jetzt schon Gift nehmen.

Er sagte jedoch nichts. Nur an das Mädchen dachte er noch und warf ihr einen Blick zu, ehe er Ben Brighton auf das Achterkastell folgte. Es war kein guter Blick.

2.

Als der Friedensrichter verschwunden war, winkte der Seewolf die Männer dichter zu sich heran.

„Los, näher ran mit euch, noch näher“, sagte er. „Was ich euch jetzt zu sagen habe, braucht Mister Keymis nicht zu hören.“

Die Crew, die neuen wie die alten, bildeten einen dichten Kreis um Hasard. Dann sahen sie ihn gespannt an.

„Normalerweise kann jeder Mann an Bord hören, was ich zu sagen habe“, begann er, „aber in diesem Fall ist das anders. Dieser Friedensrichter ist ein Mann, der nicht zu uns paßt. Wer Sonderrechte in Anspruch nimmt, wer sich vor der Arbeit an Bord drückt, wer die verachtet, die ihn wieder nach England bringen und für seine Sicherheit sorgen wollen, der gehört nicht zu uns. Es gibt nur ein Mittel, einen solchen Dreckskerl zu kurieren: Keiner spricht mit ihm, keiner beantwortet ihm eine Frage, gleich, um was es geht. Dieser Kerl ist für euch Luft. Er erhält sein Essen, sein Trinken. Er kann sich an Deck aufhalten oder auch im Großmars hocken, es interessiert uns nicht. Bedient wird er jedenfalls nicht, und du, Gwen, unterstehst dich, auch nur einen Finger für diesen Mann zu rühren. Dich wollte er als Bedienung haben, am liebsten hätte ich ihm für diese Frechheit vorhin ein paar reingehauen.“

Die Männer grinsten, aber irgendwie wirkten ihre Gesichter dabei gar nicht fröhlich. Sie stellten sich vor, was es für einen Mann bedeutete, innerhalb einer so engen Gemeinschaft, wie sie nun einmal an Bord der „Isabella“ herrschte, in Verschiß zu geraten.

Ed Carberry drückte aus, was sie dachten, als er mit grollender Stimme sagte: „Für meinen Geschmack hast du dich mit diesem Halbaffen viel zu lange aufgehalten, Hasard. Dieser Keymis ist ein Arsch. Er soll sich in acht nehmen, daß ich ihm denselben nicht noch bis zu den Schulterblättern aufreiße!“

Damit wandte sich Carberry an die Neuen unter der Crew.

„Und ihr habt auch gehört, was der Seewolf gesagt hat. Ich werde euch schon Feuer unter dem Hintern anzünden. Bis wir in England sind, werdet ihr euch nicht mehr daran erinnern, jemals als Landratten auf die Welt gekommen zu sein!“

Ferris Tucker, Dan, Smoky und noch ein paar andere grinsten hinter ihm her, als er zum Vorderkastell hinüberging, um am Ankergeschirr einiges zu klarieren. Sie kannten Carberry alle, seine rauhe Schale, seinen Lieblingsspruch vom Affenarsch, der sich manchmal schlimm anhörte, aber sie wußten, daß er unter seiner rauhen Schale ein weiches Herz verbarg, daß er jedem half, der Hilfe brauchte, daß er nie zögerte, einem Bordkameraden beizuspringen, und wenn er dabei sein eigenes Leben riskierte.

Sie ahnten nicht, daß sie gerade diesen Mann so zornig und so unnachgiebig erleben sollten, wie ihn noch keiner von ihnen allen jemals kennengelernt hatte.

Nach und nach kehrten die Männer an ihre Arbeit zurück oder ruhten sich aus, sofern sie zur Freiwache gehörten. Der Friedensrichter ließ sich nicht blicken. Gwen, das schlanke, hochgewachsene Mädchen mit den rotblonden Haaren, saß mit Dan und dem alten O’Flynn wieder auf dem Vorderkastell. Manch verstohlener, bewundernder Blick traf sie – und manchmal auch ein hungriger. Die Männer an Bord der „Isabella“ hatten schon lange keinen Kontakt mehr zu Frauen gehabt, und Gwen war bestimmt kein Mädchen, an dem ein Seemann einfach vorbeipeilte. Trotzdem hatte Gwen nicht das geringste zu befürchten, denn keiner der Männer war so verrückt, Gwen für ein Mädchen zu halten, bei dem man auf die schnelle Tour zwischen Topp und Takel landen konnte.

Auf der „Isabella“ hatten sich Gruppen gebildet. Auf dem Vorkastell waren Al Conroy und Smoky damit beschäftigt, die „Neuen“ in verschiedene Bereiche der Bordarbeit einzuweisen. Al Conroy brachte den Fischern hauptsächlich den Umgang mit den Drehbassen bei, eine Sache, die für die „Isabella“ eines Tages über Sieg oder Untergang entscheiden konnte. Und die Fischer erwiesen sich als äußerst gelehrig, außerdem bereitete ihnen die Arbeit Spaß. Smoky hatte sich hingegen mehr mit den Landratten befaßt, in stundenlanger, unermüdlicher Arbeit erklärte er ihnen seemännische Begriffe, die Arbeit an den Brassen und Fallen, die Bedienung des Spills, scheuchte sie schließlich in die Wanten und unterwies sie in der wichtigsten Regel, die es für einen Seemann überhaupt gibt – eine Hand für den Mann, die andere fürs Schiff. Und auch Smoky mußte zu seinem Erstaunen feststellen, wie rasch sie begriffen, wie schnell sie selbst mit schwierigeren Dingen vertraut wurden. Sogar der Stadtschreiber, Robert Rowe, gab sich die erdenklichste Mühe, daß es ihm im Gegensatz zu den anderen an Kondition mangelte, dafür konnte er nichts, und das trug Smoky ihm auch nicht nach.

Hin und wieder griff einer der anderen Männer helfend und unterstützend ein, die Neuen hatten jedenfalls sofort das Gefühl, an Bord keine Fremden, sondern längst in die Crew aufgenommen zu sein.

Batuti und Will Thorne, der Segelmacher, saßen auf dem Hauptdeck und besserten die schweren Schlechtwettersegel aus. Sie wußten, daß es nur noch eine Frage der Zeit sein konnte, bis die „Isabella“ diese Segel wieder brauchen würde. Hin und wieder warfen sie einen Blick zu den Neuen hinüber.

„Gutes Leut!“ radebrechte der riesige Gambianeger in seinem schauderhaften Englisch. „Wollen lernen! Wenn nicht verfluchtes Friedensrichter an Bord, dann alles gut. Geben Ärger, Batuti wissen, spüren hier!“ Batuti schlug sich gegen die Brust.

Der Segelmacher nickte. Er spürte es ebenfalls. Außerdem kannte er den Gambianeger und mochte ihn. Auch schon deshalb, weil Batuti im Lauf der Zeit mehr und mehr Vorliebe für seemännische Handarbeiten entwickelt hatte, weil er spleißen konnte, wie kaum ein zweiter an Bord, und weil er des öfteren geradezu erstaunliche Verbesserungsvorschläge für die Takelage brachte, über die sogar der technisch äußerst versierte Ferris Tucker in Erstaunen und helle Begeisterung geriet.

„Mir wäre auch lieber, Batuti, dieser Kerl wäre uns nie in den Kurs geraten. Aber er ist nun mal an Bord, wir sollten trotzdem ein wachsames Auge auf ihn haben. Es gefällt mir nicht, daß dieser Mensch in seiner Kammer hockt und sich an Deck überhaupt nicht sehen läßt!“

Will Thorne stach mit der Segelnadel zu.

„Der brütet etwas aus, darauf kannst du Gift nehmen, Batuti. Ich kenne diese geiergesichtigen Typen, diese verkniffenen Lippen, diese arroganten. Scheißkerle. Er ist von Carberry und später auch vom Seewolf gedemütigt worden, das vergißt der nie! Ich denke, wir werden in England und unterwegs noch einen Haufen Scherereien mit ihm kriegen!“

Big Old Shane, der Waffenmeister und Schmied von Arwenack, saß nicht weit von den beiden entfernt. Er hatte jedes Wort gehört.

Mit einem Ruck legte er den großen Bogen, an dem er arbeitete und der wegen seiner ungewöhnlichen Konstruktion von Batuti und dem hünenhaften Schiffszimmermann schon bewundert worden war, auf die Decksplanken. Dann schob er sich, ohne aufzustehen, näher an die beiden heran.

Eine Weile sah er den Segelmacher aus seinen grauen Augen an.

„Ich fürchte, du hast recht“, sagte er dann. „Es paßt mir nicht, daß dieser Kerl im Achterkastell wohnt. Schon deswegen nicht, weil Gwen dort auch ihre Kammer hat.“

Batuti und der Segelmacher fuhren hoch.

„Was willst du damit sagen, Shane? Du hältst ihn doch wohl nicht für so verrückt, daß er sich an Gwen ...“

„Ich würde es ihm nicht raten!“ grollte der Schmied und rollte die gewaltigen Arme, die von dicken Muskelsträngen durchzogen waren. „Aber wissen kann man das bei diesen Typen nie. Ich habe in Falmouth solche Herren gekannt“, und er betonte das Wort Herren auf ganz besondere Art, „die pflegten aufgrund ihres Standes jedes Mädchen als Freiwild zu betrachten, und in den allermeisten Fällen wagte auch niemand, sie zur Rechenschaft zu ziehen.“

Der Waffenmeister ballte die Rechte zur Faust.

„Aber er soll sich in acht nehmen! Ich erschlage ihn wie einen tollen Hund und werfe ihn anschließend den Haien zum Fraß vor!“

Er rutschte zurück. Unwillkürlich warf er einen Blick zum Achterkastell hinüber, auf dem sich Ferris Tucker, Carberry und Stenmark befanden. Und genau in diesem Moment geschah es. Baldwyn Keymis, der Friedensrichter aus Falmouth, betrat das Deck.

Einen Moment blieb er bei der dikken Bohlentür, die den Zugang zu den Wohnräumen im Achterkastell bildete, stehen und blinzelte in die Sonne. Dann stieg er langsam die Stufen zum Achterkastell hoch.

An der Schmuck-Balustrade, die das Deck des Achterkastells gegen die Kuhl sicherte, blieb er stehen und blickte die drei Männer an, aber die nahmen keinerlei Notiz von ihm.

Baldwyn Keymis spürte die Welle von Abneigung, die ihm entgegenschlug, und er begann sich zu ärgern. Ruckartig setzte er sich in Bewegung und marschierte auf Stenmark, den langen Schweden zu.

„Welcher Kurs liegt an?“ schnarrte er. „Wo sind wir, und wann werden wir in den Atlantik gelangen?“

Stenmark rührte sich nicht. Es war, als hätte der Friedensrichter mit dem Großmast gesprochen.

Keymis lief rot an.

„Ich habe dich etwas gefragt!“ fuhr er den Schweden an. „Und ich verlange eine Antwort!“

Stenmark schien ihn gar nicht zu hören. Pfeifend schlenderte er zu einer der Drehbassen hinüber und begann sie zu reinigen.

Der Friedensrichter starrte ihm nach wie einer Erscheinung. Er fuhr auf dem Absatz herum und ging auf Ferris Tucker zu. Dort wiederholte er seine Fragen, aber der Schiffszimmermann schien ihn ebenfalls nicht zu hören. Er stand an der Achterreling und blickte angelegentlich ins Wasser. Als Keymis ihn mit der Rechten erbost anstieß, um ihn damit zu zwingen, Notiz von seiner Anwesenheit zu nehmen, wischte der rothaarige Hüne den Friedensrichter zur Seite wie ein lästiges Insekt. Das war aber auch die einzige Reaktion, die Keymis bei Tucker erzielte.

Er starrte Carberry an, aber der schien irgendwo an der gerade noch erkennbaren Küste von Hispaniola etwas Hochinteressantes entdeckt zu haben und reagierte ebenfalls nicht.

Keymis begann zu kochen. Aber noch gelang es ihm, sich zu beherrschen. Mit langen Schritten stelzte er über das Achterkastell. Er spähte auf die Kuhl, während er den Niedergang hinunterstieg. Dort glaubte er, sein nächstes Opfer in Gestalt von Batuti entdeckt zu haben. Dieser Nigger würde es nicht wagen, ihn wie Luft zu behandeln, ihn, den vom Lordkanzel eingesetzten Friedensrichter von Falmouth!

Vor Batuti blieb er stehen. Als der Schwarze sich nicht rührte, stieß er ihn mit der Fußspitze an.

„He, du!“ fuhr er ihn an. „Steh gefälligst auf, wenn ich mit dir rede, oder ich werde dafür sorgen, daß man dir dein schwarzes Fell mit der Neunschwänzigen gerbt! Ich will, daß du mir auf der Stelle einen Becher Wasser holst, außerdem liegt in meiner Kammer ein Bündel dreckiger Wäsche. Bis heute abend wünsche ich die Wäsche wieder sauber in meiner Kammer vorzufinden! Los, hoch mit dir, du dreckiges Niggerschwein!“

Er versetzte Batuti einen kräftigen Tritt, und im selben Moment spürte er, wie zwei gewaltige Fäuste zupackten, ihm die Beine unter dem Körper wegrissen und ihn mit einem Ruck, der Keymis fast die Besinnung raubte, gegen die Steuerbordreling schleuderten.

Keymis spürte nur den schmetternden Schlag, mit dem er gegen das eisenharte Holz und die schweren Beschläge prallte. Er rang verzweifelt nach Luft und konnte nicht begreifen, was da eben mit ihm geschehen war.

Als er seine Lungen wieder voll Luft gepumpt hatte, fuhr er hoch, dabei vergaß er sogar den wilden Schmerz, der seinen hageren Körper durchzuckte.

Er kam auf die Füße, starrte den Schwarzen an, der weiterhin neben Will Thorn, dem Segelmacher, auf dem Deck saß und ihm beim Ausbessern eines schweren Schlechtwettersegels half. Batuti saß da, als wäre nichts geschehen. Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht, auf den Friedensrichter verschwendete er keinen Blick.

Baldwyn Keymis explodierte.

„Holt diesen Killigrew, holt den Kapitän des Schiffes. Ich will ihn sprechen, auf der Stelle! Ich befehle euch, Mr. Killigrew zu holen!“ Seine Stimme überschlug sich vor Zorn, er zitterte vor Wut am ganzen Körper.

Carberry tauchte an der Schmuckbalustrade auf.

„Was gibt es? Wer, zum Donnerwetter, schreit da unten so idiotisch herum?“ Er starrte Keymis an.

„Ich will auf der Stelle Mr. Killigrew sprechen! Dieser dreckige Nigger da hat es gewagt, sich an mir zu vergreifen, ich ...“

„Mr. Killigrew schläft, er wird jetzt nicht gestört. Wegen solcher verrückten Beschuldigungen schon gar nicht. Batuti soll sich an Ihnen vergriffen haben?“ Carberry schüttelte den Kopf. „Glaube ich nicht, er ist einer der friedlichsten Männer an Bord. Außerdem, sehen Sie doch selber – er arbeitet. Seit Stunden schon. Ich vermute, Sie sind ihm irgendwie zu nahe gerückt, vielleicht hat er sich lediglich mal bewegt, das reicht dann schon für so einen wie Sie. Sie müssen wissen, daß Batuti ungeheure Kräfte hat. Wir alle wissen das und gehen entsprechend vorsichtig mit ihm um. Was meinst du, Ferris? Und du, Stenmark? War es so?“

„Ich denke schon“, sagte der Schiffszimmermann grinsend. „Mr. Keymis sollte sich dringend ein wenig mit dem Bordleben der ‚Isabella‘ vertraut machen, ich bin sicher, daß ihm dann so etwas nicht wieder passiert.“

Carberry, Stenmark und Tucker verschwanden wieder auf dem Achterkastell. Und Batuti rührte sich immer noch nicht, ebensowenig wie Will Thorn oder einer der anderen Männer, die an Bord irgendeiner Beschäftigung nachgingen, während die große, schwere Galeone durch die grünblaue See der Karibik pflügte.

Baldwyn Keymis wußte, daß die ganze Sache ein abgekartetes Spiel war. Daß diese Kerle einen Spaß daran hatten, ihn zur lächerlichen Figur zu stempeln. Der Friedensrichter schwor sich, daß sie für alles büßen sollten, jeder einzelne von ihnen. Besonders jedoch dieser verdammte Nigger und dieser Carberry. Hängen lassen würde er die beiden in England, in Ketten legen lassen. Sie sollten sich vor ihm nur in acht nehmen!

Er sah sich um, und noch immer zitterte er vor Wut. Er erblickte die herrlich gewachsene Gwen, die in der Sonne auf dem Vorkastell neben ihrem Vater zu schlafen schien. Seine Blicke wanderten an ihrem jungen Körper entlang, glitten über die Brüste, die sich unter dem hellgrünen Seemannshemd deutlich abzeichneten.

Baldwyn Keymis verzog seine schmalen Lippen zu einem höhnischen Grinsen.

„Gut, diese Kerle schneiden mich, wahrscheinlich auf Anordnung von diesem Seewolf, dem es nicht gepaßt hat, daß ich von Anfang an klargestellt habe, wer ich bin und wer er ist“, murmelte er. „Aber sie trauen sich nicht an mich heran, sie hüten sich, tätlich gegen mich zu werden, und wenn, wie eben dieser Nigger, dann leugnen sie es hinterher. Gut, sie sollen ihr Spiel kriegen, ich werde ihnen zeigen, wer Baldwyn Keymis ist und wie man sich seinem Willen unterzuordnen hat. Vielleicht wird sie das kurieren! Sie sollen toben vor Wut, aber sie können nichts gegen mich unternehmen. Zu viele Zeugen befinden sich an Bord, die später in England aussagen werden.“

Er warf abermals einen Blick zu Gwen hinüber.

„Dieser Nigger wird sich noch wundern, wie bald meine Wäsche gewaschen sein wird und wie bald mich diese kleine Hure da bedienen wird. Gerne bedienen wird, so wie Baldwyn Keymis, der Friedensrichter von Falmouth, es von ihr verlangt!“

Er verließ eilig die Kuhl und verschwand im Innern des Achterkastells. Er würde jetzt erstmal ein paar Gläser Rum zu sich nehmen. Eine Flasche stand in seiner Kammer, wahrscheinlich hatte dieser Bootsmann des Seewolfs sie dort vergessen.

Baldwyn Keymis goß sich ein. Es waren ungute, schlimme Gedanken, die dabei sein Gehirn durchzogen und seine Phantasie beflügelten. Als sich die ersten abendlichen Schatten über die Karibik senkten, stieß er ein böses Lachen aus, denn er hatte noch eine zweite Flasche in der Seekiste Ben Brightons entdeckt.

Er würde sich die „Isabella“ und ihre Ladung mal etwas genauer ansehen. Was er in dieser Beziehung aus Gesprächen der Männer aufgeschnappt hatte, war ja wirklich höchst interessant! Dieser Killigrew unterschätzt mich gründlich, dachte er. Er ahnt nicht einmal, über welche Beziehungen ich in England verfüge, aber er wird es zu spüren kriegen, das schwöre ich.

Baldwyn Keymis rollte sich zur Seite und schlief ein. Er merkte nicht mehr, wie sich die Nacht über die Karibik senkte und die dahinsegelnde Galeone mit ihrer schützenden Dunkelheit umhüllte.

Baldwyn Keymis schlief fast bis Mitternacht, aber dann war er plötzlich hellwach. Gierig griff er zu der zweiten Flasche, nahm einen gewaltigen Schluck und verzichtete diesmal sogar auf das Glas.

Wieder stieg jener Gedanke in ihm hoch, über den er schon vorher nachgegrübelt hatte. Er trank weiter, und je mehr sein Gehirn sich umnebelte, je festere Gestalt nahm sein wahnwitziges Vorhaben an.

Schließlich erhob er sich von seinem Lager.

„Was wollen sie denn schon dagegen tun?“ murmelte er. „Wenn ich, Baldwyn Keymis, der vom Lordkanzler eingesetzte Friedensrichter von Falmouth, es für richtig halte, etwas zu tun, dann haben alle anderen zu kuschen!“

Er bewegte sich auf die Tür seiner Kammer zu, zögerte noch einmal für einen Moment, weil irgendwo in seinem umnebelten Unterbewußtsein so etwas wie eine Warnung auftauchte, das Gefühl, irgend etwas bei seinen Überlegungen übersehen zu haben. Aber dann wischte er seine Bedenken mit einer Handbewegung weg.

„Was wollen sie schon dagegen tun?“ flüsterte er und verließ seine Kammer.

Auf dem Gang, der zu den anderen Wohnräumen im Achterkastell führte, blieb er einen Moment stehen und lauschte. Aber alles war still, auch von Deck drangen keinerlei Geräusche in die Stille. Nur das Rauschen und Gurgeln der Hecksee, die hinter der dahinsegelnden Galeone eine phosphoreszierende Bahn bildete, war deutlich zu hören.

Keymis schlich weiter. Vor der Kammer des Seewolfs lauschte er noch einmal, und wieder huschte ein böses Grinsen um seine dünnen Lippen, als sich auch dort nichts rührte. Er strich sich über seinen Ziegenbart, seine grauen Augen begannen zu funkeln. Dann schlich er weiter.

3.

Gwendolyn Bernice O’Flynn warf sich unruhig auf ihrem Lager hin und her. Sie konnte nicht schlafen. Zu viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Zwischen diesen Gedanken tauchte immer wieder das Gesicht des Seewolfs auf. Das war nicht erst seit diesem Tage so, sondern schon lange. Praktisch seit damals, als sie ihm auf Arwenack begegnet war. Nur war sie sich damals nicht so genau darüber im klaren gewesen, was sie für diesen Mann empfand. Das wußte sie erst seit ihrer Befreiung aus dem spanischen Kerker in Santo Domingo, seit der Seewolf und seine Männer sie aus den Klauen dieses widerlichen Hafenkommandanten Manuel de Buarcos gerissen hatten. Gwen wußte, welche gnadenlosen Prügel Hasard diesem fetten Schwein verabreicht hatte und warum.

Wieder warf sich Gwen im unruhigen Halbschlaf auf die andere Seite. In der Kammer herrschte eine mörderische Hitze, und auch die stetig wehende Brise hatte unter Deck der Galeone keine spürbare Abkühlung gebracht, die Hitze steckte noch in jeder Planke, in jedem Beschlag.

Gwen trug nur ein dünnes Nachthemd aus Leinen, der Seewolf hatte es ihr gegeben, und der Teufel mochte wissen, woher es stammte. Einen Moment hatte Gwen sogar so etwas wie Eifersucht verspürt, als er es ihr lächelnd gab, aber sofort schalt sie sich eine törichte Närrin. Es wäre ja noch schöner gewesen, wenn ausgerechnet ein Mann wie Hasard ein Leben geführt hätte wie ein Mönch.

Gwen verfiel in einen unruhigen Schlummer, in dessen Träumen immer wieder der Seewolf auftauchte und Ungeheuer, die ihm nach dem Leben trachteten.

Sie bemerkte nicht, wie sich Zoll um Zoll ihre Kammertür öffnete und die hagere Gestalt des Friedensrichters sich hereinschob.

Keymis blieb stehen, als er das Mädchen in dem schwachen Licht der nicht sehr dunklen Tropennacht erkannte, das durch das Fenster der Kammer hereindrang. Gierig glitten seine Augen über die eben noch erkennbaren Konturen Gwens.

Das Denken fiel ihm schwer. Der Rum, den er in überreichem Maße zu sich genommen hatte, tat seine Wirkung. Dennoch besaß Keymis noch so viel Verstand, daß er die Tür wieder hinter sich zuzog und sogar den schweren Riegel vorschob.

Bei diesem Geräusch allerdings erwachte Gwen. Sie fuhr hoch, immer noch im Glauben, das alles geträumt zu haben, und erblickte die hagere Gestalt des Friedensrichters, der sich in diesem Moment über sie warf.

Gwen wollte einen Schrei ausstoßen, aber eine Hand verschloß ihr die Lippen. Hände und Brust des Mannes preßten sie auf ihr Lager.

Man unterschätzte den Friedensrichter von seinem Äußeren her nur zu leicht. Dabei war er alles andere als ein Schwächling und außerdem geübt in Attacken dieser Art, Gwen war nicht das erste Mädchen, das er sich mit Gewalt nahm.

Für einen winzigen Moment war Gwen vor Entsetzen wie gelähmt. Dann spürte sie die Hände des Mannes, die gierig nach ihr griffen und ihr mit einem Ruck das dünne Nachthemd vom Körper rissen.

Keymis warf sich auf sie, preßte seine Lippen auf ihren Mund, auf ihre Brüste – und das war der Augenblick, in dem sich in ihr alles dagegen aufbäumte, von diesem widerlichen Kerl vergewaltigt zu werden.

Sie riß die Arme hoch, schlug wie wild um sich, schnellte hoch, trotz des Mannes, der auf ihr lag, und stieß Keymis zur Seite.

Dann schrie sie. Ihr Schrei gellte durch die Kammer, aber Gwen kam nicht mehr dazu, auch noch nach Hasard zu rufen, den sie nur wenige Yards von sich entfernt in seiner Kammer wußte.

Keymis fiel über sie her. Brutal schlug er sie ins Gesicht, warf sie zu Boden und schrie auf, als Gwen ihm mit den Nägeln ihrer Finger durch das Gesicht fuhr und dort blutige Striemen hinterließ.

„Du verdammte Katze!“ keuchte Keymis, vor Gier völlig außer sich. „Mit solchen Huren wie dir bin ich noch immer fertig geworden! Sei vernünftig, tu, was ich von dir verlange, und ich garantiere dir dafür, daß du als einzige von dieser ganzen Piratenbrut in England vor dem Galgen sicher bist! Denn ich bringe sie alle an den Galgen, alle, du wirst sehen! Niemand schlägt mich ungestraft, niemand macht Baldwyn Keymis ungestraft lächerlich! Komm jetzt, du kleines Luder!“

Gwen spürte, wie er sich erneut auf sie warf. Sie war ein kräftiges Mädchen, aber gegen Keymis hatte sie keine Chance. Der Kerl war geübt, er wußte, was er zu tun hatte, und schaudernd spürte sie, wie von Sinnen, wie gierig er war.

Abermals warf sie sich herum. Es gelang ihr, den Friedensrichter abzuschütteln und aufzuspringen. Nackt, wie sie war, warf sie sich gegen die Kammertür, aber die war zu, der schwere Riegel, den Keymis vorgelegt hatte, versperrte ihr den Weg auf den rettenden Gang.

„Hasard – zu Hilfe! So hilf mir doch, ich werde ...“

Ihr Schrei gellte durch die Kammer, aber Keymis war heran. Er riß Gwen zurück, hielt ihr erbarmungslos den Mund zu und schleppte sie zu ihrem Lager zurück.

Gwen trat um sich wie eine Wilde, sie rammte dem Friedensrichter den Kopf unter das Kinn, wehrte sich aus Leibeskräften, aber es half ihr nichts, der Mann war der Stärkere.

Er zwang sie aufs Lager, warf sich abermals auf sie und versuchte, ihren Widerstand zu brechen. Das gab ihr ein letztes Mal Riesenkräfte.

Sie krümmte sich zusammen, ließ sich von ihrer Lagerstatt fallen und rollte sich blitzschnell über den Boden in Richtung Tür. Wie der Blitz war sie auf den Beinen und schob den Riegel zurück. Dabei schrie sie aus Leibeskräften.

Mit einem wilden Fluch sprang Keymis sie an, aber in diesem Moment wurde die Tür aufgestoßen, so heftig, daß sowohl Gwen als auch der Friedensrichter in die Kammer katapultiert wurden.

Der Seewolf hatte bereits den ersten Schrei gehört, den Gwen ausgestoßen hatte. Aber er war sich seiner Sache nicht sicher gewesen. Es kam auch bei ihm in letzter Zeit schon mal vor, daß er träumte und dann aus dem Schlaf hochschreckte.

Dennoch war er mit einem Satz aus dem Bett und streifte sich blitzartig seine Hose über. Im nächsten Moment befand er sich auf dem Gang.

Er hörte zunächst nichts. Aber dann plötzlich tönte ein zweiter Schrei, und zwar aus der Kammer, in der Gwen schlief.

Hasard jagte los. Er riß die Tür der Kammer auf, in der der Friedensrichter schlief, und sofort sah er, daß Keymis sich nicht in seinem Bett befand.

Hasard wollte es nicht glauben. So wahnsinnig konnte doch dieser Mann gar nicht sein!

Aus Gwens Kammer vernahm er jetzt Keuchen und Stöhnen. Irgend etwas polterte zu Boden, dann erklang wieder ein Schrei, der dem Seewolf durch Mark und Bein ging. Er hörte, wie Gwen seinen Namen rief.

Der Seewolf flog durch den Gang. Innerhalb von Sekunden befand er sich vor Gwens Kammer. Aber die Tür war verriegelt.

Er hörte, wie das Mädchen da drinnen kämpfte, aber er wußte auch, daß sich diese massive Bohlentür nicht so ohne weiteres aufbrechen ließ. Die „Isabella V.“ war von einem Meister seines Fachs erschaffen worden, es gab an ihr nichts, was sich so ohne weiteres aufbrechen ließ.

Hasard öffnete schon den Mund, um Gwen zuzurufen, daß er zur Stelle sei, daß er ihr helfen würde, aber dann schwieg er. Keymis, falls es sich um diesen handelte, brauchte das nicht zu wissen. Denn Hasard blieb gar nichts anderes übrig, als Ferris Tucker und seine riesige Axt zu Hilfe zu holen, anders gelangte er in die Kammer nicht hinein.

Wieder drang der Kampfeslärm aus der Kammer hinaus auf den Gang. Dem Seewolf brach der Schweiß aus. Verflucht, er konnte für Gwen nichts tun, nicht im Augenblick, oder doch? Er dachte an das Fenster. Aber war es auf? Nein, Ferris mußte her! Verdammt, hörte denn keiner den Lärm?

In diesem Moment schrie Gwen zum dritten Mal um Hilfe, gleich darauf riß sie den Riegel zurück.

Hasard zögerte keine Sekunde. Er warf sich mit aller Gewalt gegen die Tür. Mit der ganzen Kraft seines Körpers, mit der Wucht seines Anpralls katapultierte er sie nach innen. Er sah, wie Gwen zur Seite geschleudert wurde – und daß sie splitternackt war. Und er erblickte Keymis, den Friedensrichter aus Falmouth.

Hasard sah rot. Mit einem Satz war er heran und riß den Friedensrichter hoch. Dann schlug er zu, wieder und wieder.

Keymis wimmerte, bat um Gnade, schlug plötzlich zurück, trat und biß um sich wie ein Wahnsinniger. Aber es half ihm nichts. Hasard prügelte ihn vor sich her, den Gang entlang, aus dem Achterkastell auf die Kuhl, trieb ihn mit schweren Schlägen quer über das Deck, bis Keymis zusammenbrach, liegenblieb und sich nicht mehr rührte.

„Ben, Ed!“ brüllte der Seewolf, aber das war nicht mehr nötig. Denn eben tauchten die ersten der Wache auf. Allen voran Ed Carberry.

„Hasard – was zum Teufel ...“

Er verstummte, als er den Friedensrichter an Deck liegen sah. Und er wurde blaß, als Hasard den Kerl mit einem Ruck von den Planken hochriß und ihn Carberry in die Arme schleuderte.

„Sperr dieses Schwein in die Vorpiek, Ed. Leg ihm Eisen an, er darf nicht die geringste Chance haben, über Bord zu springen. Und genau das wird er vielleicht versuchen, wenn er wieder bei Besinnung ist. Dieser Dreckskerl ist in Gwens Kammer eingedrungen und hat versucht, sie zu vergewaltigen. Ich hoffe, daß ich noch zur rechten Zeit eingreifen konnte, dieses Schwein hatte den Riegel vorgelegt, ich wollte schon Ferris holen!“

Der Seewolf hatte diese Worte voller Zorn hervorgestoßen. Er wollte zu Gwen, so schnell wie möglich.

„Morgen berufe ich ein Bordgericht ein, Ed. Schafft ihn jetzt weg, ich will ihn nicht mehr sehen!“

Damit verschwand der Seewolf. Carberry hielt Keymis in seinen Armen, aber er ließ ihn jetzt fallen, als habe er sich die Finger an ihm verbrannt. Keymis stürzte schwer auf das Deck.

„Holt Ferris. Sagt ihm, er soll Big Old Shane auch mitbringen. Dieser Bursche hier kriegt ein paar solide Eisen verpaßt, dann ab mit ihm in die Vorpiek. Er wird die ganze Nacht bewacht, ist das klar? Und daß sich niemand an diesem Hurensohn die Finger dreckig macht. Für das, was er getan hat, wird er morgen büßen!“

Es hatte sich inzwischen eine ganze Reihe von Männern aus der „Isabella“-Crew eingefunden. Drohend schloß sich der Kreis der Seeleute immer enger um den Bewußtlosen. Erst Ferris Tucker und Big Old Shane scheuchten sie zur Seite.

Jemand hatte eine Pütz mit Seewasser geholt und goß sie Keymis über den Kopf. Er erwachte und sofort war ihm klar, in welcher Lage er sich befand. Er wollte den Mund schon öffnen, um die Männer der „Isabella“ anzugeifern, aber Dan stopfte ihm mit einem Faustschlag das Maul.

„Du hast hier gar nichts mehr zu reden, klar?“ fauchte er den Friedensrichter an. „Wenn es nach mir ginge, würden wir dich jetzt an der Nock der Großrah aufknüpfen. Aber der Seewolf hat es anders befohlen. Eins merke dir jedoch: Ich gehe jetzt zu meiner Schwester. Wenn du Dreckschwein sie geschändet hast, bringe ich dich um. Jetzt und hier. Und ich will sehen, wer mich daran hindern wird. Von diesen Männern ganz bestimmt keiner!“

Dan griff nach seinem Vater, der trotz seines Holzbeines mit erstaunlichem Tempo vom Vorkastell zur Kuhl geturnt war, als er erfahren hatte, was sich im Achterkastell in der Kammer seiner Tochter abgespielt hatte.

Er blieb noch einmal stehen und sah Keymis an. Dann griff er plötzlich zu und zog den Friedensrichter zu sich heran.

„Ich erschlage dich persönlich mit meinem Holzbein, du Hund, wenn du Gwen auch nur ein Haar gekrümmt hast“, sagte er und schleuderte Keymis von sich. Dann stelzte er mit Dan davon, und sein Gesicht verhieß nichts Gutes.

Kurz vor Sonnenaufgang erhob sich Hasard. Sofort war ihm die Sache mit Keymis wieder gegenwärtig, und er stieß eine Verwünschung aus. Er haßte derartige Zwischenfälle aus tiefster Seele, aber er wußte auch, daß er diesmal hart durchgreifen mußte, wenn er vor seiner Crew nicht das Gesicht verlieren wollte.

Noch vor dem Einschlafen hatte er lange über das nachgegrübelt, was jetzt stattfinden sollte: das Bordgericht. Ihm war die Wahnsinnstat des Friedensrichters völlig unverständlich. Der Mann mußte doch gewußt haben, was er sich dabei einhandelte. Und daß man ihn erwischen würde, das war von Anfang an sicher. Er konnte doch nicht davon ausgegangen sein, daß ausgerechnet Gwen sich mit ihm einlassen würde.

Der Seewolf schüttelte den Kopf, während er seine Kammer verließ, um sich an Deck mit ein paar Pützen Seewasser über den Kopf den Schlaf zu vertreiben. Es blieb eigentlich nur noch die Möglichkeit, daß dieser Dreckskerl sich für unantastbar hielt. Wie schief er damit lag, das würde er schon noch begreifen. Dennoch war sich Hasard darüber im klaren, daß Keymis ihm in England bestimmt erhebliche Schwierigkeiten bereiten würde.

Er betrat die Kuhl, ging zum Hauptdeck hinunter, wo er den Kutscher schon rumoren sah.

„Gib mir das Ding mal her, Kutscher“, sagte er und nahm dem Smutje und Feldscher der „Isabella“ den Holzeimer weg, mit dem der gerade Wasser schöpfen wollte.

Hasard warf den Eimer, der an einem Tau hing, in Lee über Bord, zog ihn herauf, streifte die Hose herunter und warf sie dem Kutscher zu. Dann schüttete er sich das kalte Seewasser über den Körper. Noch dreimal wiederholte er die Prozedur, dann zog er sich wieder an. Seine sonnengebräunte Haut glänzte, wenn er sich bewegte, spielten die Muskelstränge.

„Weck die anderen, Kutscher. Alle Mann an Deck. Sag Ben, er soll die ‚Isabella‘ beidrehen lassen. Dann soll er zu mir in die Kammer kommen und Carberry, Ferris, Big Old Shane und Smoky mitbringen. Los, beeil dich. Sorge dafür, daß Keymis sein Frühstück kriegt, er wird es brauchen.“

Der Kutscher nickte grinsend. Gleich darauf schallte seine Stimme über Deck, und es war erstaunlich, welche Lautstärke sie entwickelte.

„Alle Mann an Deck. Macht schon, schwingt eure Ärsche aus der Miefmulde, oder Carberry wird euch die Haut in Streifen von euren Affenärschen abzie ...“

Eine harte Hand packte den Kutscher im Genick. Der Kutscher ließ vor Schreck die Pütz fallen, denn die Hand begann ihn gehörig zu beuteln.

„Hör mal zu, du halbe Portion. Wenn du nicht gleich deinen Rand hältst, werde ich mich mal eingehend um deinen Affenarsch kümmern, klar? Und hinterher weißt du kalfaterter Klabautermann nicht mehr, wo Luv und Lee ist!“

Ed Carberry ließ den Kutscher los und grinste ihn aus seinem narbenübersäten Gesicht an.

Der Kutscher stieß eine Verwünschung aus, klaubte seinen Eimer auf und senkte ihn über Bord. Dann verschwand er mit der vollen Pütz blitzartig in seiner Kombüse.

„He, wenn du lausige Kakerlake etwa damit unseren Kaffee kochen willst, holt dich der Teufel, mein Junge, und der wird mir verdammt ähnlich sehen!“ grölte Carberry hinter ihm her und schüttelte sich vor Lachen. Andere Männer fielen ein, aber Carberry ließ ihnen keine Zeit.

„An die Brassen, Männer, klar bei Halse. Los, los, oder ich werde euch schon wachpurren! Und vergeßt nicht, euch zu waschen, ihr Hammel, ihr stinkt ja wie eine Herde von Kapaffen!“

Ben trat auf ihn zu.

„Gut, daß du da bist, Ben“, sagte Carberry zu dem Bootsmann. „Übernimm jetzt, ich will mich für den bevorstehenden Staatsakt ein bißchen herrichten. Ich denke, dieses Schwein von Friedensrichter wird seine Freude am Seewolf haben.“

Ben Brighton nickte, aber im Gegensatz zu Carberry wirkte er ernst an diesem Morgen. Er dachte daran, daß sie schon einmal ein Bordgericht abgehalten hatten, und dann war der Kopf Sir Doughtys auf die Planken gerollt. Diese Szene ging ihm auch jetzt noch nach.

Die Männer an den Brassen zogen die Rahen herum, das schwere Schiff luvte an, drehte weiter und weiter und verlor an Fahrt.

Die großen Segel begannen zu killen, lautes Knattern übertönte für einen Moment jedes andere Geräusch an Bord und steigerte sich dann zu donnerndem Knallen. Danach standen die Segel back, die „Isabella“ glitt nur noch langsam durch die blaugrüne See.

Ben Brighton beobachtete die Segel und die Fahrt des Schiffes genau. Dann scheuchte er die Männer in die Takelage.

„Runter mit dem Tuch!“ brüllte er. „Der Teufel soll euch alle holen, wenn ihr nicht fertig seid, ehe das Schiff über das Heck davonsegelt!“

Ein Grinsen überzog sein wettergegerbtes Gesicht, als er sah, wie blitzschnell die Segel aufgegeit und dann mittels der Zurrings an den Rahen festgelascht wurden.

Ben Brighton wußte nicht genau, warum der Seewolf das Beidrehen befohlen hatte. Normalerweise hätte die „Isabella“ auch während des Bordgerichts ruhig weiterlaufen können. Aber Ben ahnte Schlimmes, denn für dieses Vergehen, dessen der Friedensrichter sich schuldig gemacht hatte, gab es nur eine Strafe.

Die „Isabella“ verlor auch den Rest von Fahrt und lag schließlich still im Wasser. Ankern konnten sie nicht, das Wasser war an dieser Stelle viel zu tief. Rund tausend Faden Wasser unter dem Schiff – soviel Ankertrosse hatte keine Galeone der Welt. Daher würde die „Isabella“ langsam vom Wind in Richtung Mona Passage getrieben werden, genau richtig also.

Es war Zeit, daß er mit Smoky, Ed, Ferris und Big Old Shane zur Kammer des Seewolfs marschierte. Er warf einen letzten Blick zu den im Rigg arbeitenden Männern, dann winkte er die Gefährten heran.

„Wir wollen den Seewolf nicht warten lassen“, sagte er.

4.

Hasard wartete bereits in seiner Kammer. Aber er war nicht allein. Gwen saß ihm gegenüber. Sie hatte ihn auf dem Gang abgepaßt und um eine Unterredung gebeten.

Hasard sah das Mädchen an, und er mußte sich an diesem Morgen verdammt zusammennehmen, um seine Gefühle nicht zu verraten.

„Also, Gwen, was gibt es?“ fragte er schließlich, weil er sah, daß dem Mädchen der Anfang offenbar schwer wurde.

Gwen gab sich einen Ruck.

„Ihr wollt ein Bordgericht einberufen, um Keymis zu bestrafen, für das, was er gestern nacht versucht hat ...“

Hasard stand auf und ging langsam um den großen Tisch herum, auf dem neben spanischen Seekarten auch nautische Instrumente lagen.

Hinter Gwen blieb er stehen und legte dem Mädchen die Rechte auf die Schulter.

„Ich wußte, daß du für diesen Kerl bitten würdest, denn das hast du doch vor, oder nicht?“

Gwen nickte.

„Aber es ist wohl zwecklos, wie?“ fragte sie dann.

Der Seewolf schwieg eine Weile, bevor er antwortete.

„Es ist zwecklos, Gwen“, erwiderte er dann. „Ich hasse solche Verhandlungen. Ich habe noch nicht vergessen, wie Sir Thomas Doughty zum Tode verurteilt und an Bord der ‚Pelican‘ Kapitän Drakes zwei Tage später enthauptet wurde. Doughty hatte zu meutern versucht, außerdem wurde er des Verrats für schuldig befunden. Auch in diesem Fall muß ein Urteil gefällt werden. Ich weiß nicht, welches, denn Ben Brighton wird den Vorsitz führen, weil Keymis mich jederzeit wegen Befangenheit ablehnen könnte. Ben ist frei in seinen Entscheidungen, ich kann und will da nicht eingreifen.“

Er schwieg wieder einen Moment, während sich Gwen zu ihm herumdrehte und ihn ansah.

„Ich habe die ‚Isabella‘ stoppen lassen“, fuhr Hasard fort. „Wenn Ben aufmerksam war, und daran zweifle ich nicht, dann wird er erraten haben, was ich ihm mit diesem Manöver signalisieren wollte. Es war alles, was ich für Keymis noch tun konnte. Normalerweise hätte er den Tod verdient.“

Gwen fuhr erschrocken hoch.

„Nein, nein – das nicht. Dieser Kerl ist ein Schwein, aber ihr könnt ihn doch nicht ...“

„Es wird nicht geschehen, Gwen. Ich kenne Ben lange genug. Aber die Strafe wird dennoch hart sein, daran besteht kein Zweifel. Das Leben an Bord, die enge Gemeinschaft, in der wir hier leben, verlangt das. Würde ich auch nur den Versuch unternehmen, diesen Mann zu begnadigen, ich würde vor meinen Männern das Gesicht verlieren. Und vergiß nicht, jeden hier an Bord würde ein hartes Urteil treffen, wenn er sich eines so schweren Vergehens schuldig machte. Aber es freut mich, daß du für ihn bittest, es zeigt mir, daß ich mich in dir nicht getäuscht habe, von Anfang an nicht, Gwen.“

Gwen trat an ihn heran und strich ihm plötzlich mit der Hand durch das lange schwarze Haar.

„Schön, daß du das gesagt hast, gerade du, Hasard!“ Für einen Moment schmiegte sie sich an ihn, dann löste sie sich wieder.

„Ich werde vermutlich als Zeugin auftreten müssen?“ forschte sie.

„Ja, allerdings.“ Der Seewolf zögerte. „Das ist der Punkt, der mir noch Sorgen bereitet, Gwen. Ben muß seine Anklage beweisen, es kann sein, daß er dich auffordert, dich zu ...“

Gwen legte ihm rasch die Hand auf den Mund.

„Ich werde tun, was er von mir verlangt. Ich will nicht, daß an der Rechtmäßigkeit des Urteils auch nur der geringste Zweifel bestehen könnte. Niemand hier an Bord mag diesen Keymis, aber das darf keinen Einfluß darauf haben, was mit ihm geschehen wird. Und ich werde – das ist mein gutes Recht als die Betroffene – für ihn bitten, bevor das Urteil gefällt wird.“

In diesem Moment klopfte es. Nachdem Hasard „Herein“ gerufen hatte, traten Ben, Ferris Tucker, Big Old Shane und Smoky ein.

Hasard forderte sie auf, Platz zu nehmen.

„Ihr wißt, warum ich euch hierhergebeten habe. Gegen Keymis findet eine Verhandlung statt. Du, Ben, wirst die Anklage vertreten. Ich selbst will und kann das nicht, Keymis würde mich zu Recht als befangen ablehnen. Du, Ben, stellst jetzt sofort die Jury zusammen. In deiner Entscheidung bist du völlig frei, wie die Geschworenen auch. Es versteht sich von selbst, daß keiner der beiden O’Flynns als Geschworener in Frage kommt. Also, Ben, vorwärts jetzt, ich möchte diese scheußliche Sache so schnell wie möglich hinter mich bringen.“

Ben Brighton nickte. Er hatte das geahnt, aber der Seewolf handelte absolut richtig.

Ben Brighton sah Big Old Shane an, dann Ferris Tucker, dann Smoky.

„Du, Shane, und du, Ferris, und du auch, Smoky – ihr seid Geschworene. Außerdem ernenne ich Will Thorne, Valdez, Jeff Bowie, Al Conroy, Jean Ribault, Karl von Hutten, Sven Nyberg, Gary Andrews und Stenmark zu Geschworenen. Zwölf schreibt das Gesetz in England vor. Da wir uns auf See befinden und an Bord eines englischen Schiffes, ist jedes Besatzungsmitglied zulässig, sofern nicht verwandt oder verschwägert mit dem Beklagten oder der Klägerin. Die Nationalität spielt keine Rolle, und ich habe absichtlich keine Hitzköpfe ausgewählt. Verständigt jetzt die anderen Geschworenen. Die Verhandlung beginnt in einer Viertelstunde auf der Kuhl.“

Ben Brighton trat auf Gwen zu.

„Gehen Sie jetzt in Ihre Kammer, Gwen, ich werde Sie holen lassen, sobald das notwendig wird. Vielleicht kann ich Ihnen einige Unannehmlichkeiten nicht ersparen, aber dafür bitte ich um Verständnis. Es gilt nicht, Rache gegen Keymis zu üben, sondern ihn für sein Vergehen zu strafen.“

Ben Brighton blickte das Mädchen ernst an.

„Sie wissen, was auf Vergewaltigung nach englischem Recht steht?“

Gwen erblaßte.

„Ich weiß, daß mir als Klägerin das Recht zusteht, für den Beschuldigten zu bitten, Mr. Brighton“, erwiderte sie.

Ben nickte.

„Ja, aber viel wird von Keymis selbst abhängen, Miß O’Flynn. Sein Glück, daß es nur eine versuchte Vergewaltigung geworden ist!“

Ben Brighton verließ die Kammer, Gwen nach einem letzten Blick zum Seewolf ebenfalls.

Die Männer hatten sich auf der Kuhl versammelt. Sie hatten sich an Backbord aufgestellt. Die Geschworenen bildeten an Steuerbord einen Halbkreis, in der Mitte der Kuhl standen zwei Stühle. Einer für Ben, der als Ankläger und Richter zugleich fungierte, der andere für Keymis. Neben Ben hatte sich Ed Carberry aufgebaut, er hatte wieder die Funktion des Profos übernommen.

Die Männer verhielten sich still, Ben Brighton blickte in ernste Gesichter. Jeder an Bord der „Isabella“ wußte, daß dies hier kein Spaß, sondern ganz verdammter Ernst war.

„Profos, holen Sie jetzt den Beklagten“, sagte Ben Brighton in die Stille hinein. „Und Sie, Mr. O’Flynn, rufen jetzt die beiden Zeugen Gwendolyn Bernice O’Flynn und Mr. Killigrew, den Kapitän dieses Schiffes. Außerdem ist der ehemalige Stadtschreiber von Falmouth, Mr. Robert Rowe zu verständigen, daß er bei diesem Bordgericht als Protokollführer fungieren wird. Er ist ebenfalls zu rufen.“

Carberry und der alte O’Flynn setzten sich in Bewegung. Carberry ging nach vorn, wo der Friedensrichter in der Vorpiek in Eisen lag und von Dan O’Flynn bewacht wurde, der alte O’Flynn humpelte auf seinem Holzbein zum Achterkastell hinüber, wo Gwen, Hasard und der Stadtschreiber warteten. Dabei verspürte der alte O’Flynn ein unangenehmes Kribbeln im Nacken. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Er hatte Ben Brighton noch niemals so formell erlebt und so sprechen gehört. Verdammt, da saß ja jedes einzelne Wort wie ein Schlag mit dem Belegnagel! Mann, o Mann! dachte er, während er im Achterkastell verschwand, in der Haut von diesem Keymis möchte ich nicht stecken. Auch der alte O’Flynn vergegenwärtigte sich, was Dan ihm über die Verhandlung gegen Thomas Doughty berichtet hatte.

Er klopfte und betrat die Kammer des Seewolfs.

„Ihr sollt auf der Kuhl erscheinen“, sagte er, als er die fragenden Blicke registrierte.

Über Hasards Nasenwurzel erschienen zwei steile Falten.

„Beide Zeugen?“ fragte er nur, und als der alte O’Flynn nickte, schwieg er. Der Stadtschreiber nahm sein Schreibzeug. Dann verließen die Männer das Achterkastell.

Inzwischen hatte Carberry das Vorderkastell ebenfalls erreicht.

„Öffnen!“ sagte er nur zu Dan. „Schließ den Gefangenen los, aber beeil dich, Dan!“

Dan O’Flynn sah den Profos erschrocken an. Selten hatte er diesen Mann so grimmig und so entschlossen gesehen. Er befolgte seine Anweisung und zog den schweren Riegel der Tür zurück, hinter der die Vorpiek lag.

Baldwyn Keymis richtete sich auf. Aus schmalen Augen blinzelte er Dan entgegen, das Licht der Bordlaterne, die Dan vom Haken genommen hatte, blendete ihn nach all den Stunden, die er in völliger Dunkelheit verbracht hatte.

Als Dan sich über ihn beugte, um die Eisen, die Hand- und Fußgelenke umschlossen, zu öffnen, fauchte er ihn an: „Endlich! Das wird aber auch Zeit! Ich werde euch Piratenpack hängen lassen, einen nach dem andern, sobald wir in England sind! Und diese verlogene Hure, diese Gwendo ...“

Dan richtete sich auf und wollte zuschlagen, aber Carberry war schneller. Er packte Dan und drückte ihn zur Seite. Dann schirmte er den Friedensrichter mit seinem breiten Rücken vor dem tobenden Dan ab.

„Aufstehen!“ herrschte er Keymis an. Dabei spannte er den Hahn seiner Pistole. Als der Friedensrichter das Knacken hörte, fuhr er herum und starrte die Waffe in der Hand des Profos an. Er wurde blaß bis zur Kinnspitze.

„Was – was bedeutet das? Sind Sie wahnsinnig, mich, den vom Lordkanzler eingesetzten Friedensrichter von Falmouth mit der Waffe in der Hand zu bedrohen?“

„Aufstehen!“ wiederholte Carberry, und in seiner Stimme war etwas, was Keymis augenblicklich gehorchen ließ.

„Ich werde Sie jetzt vor die Geschworenen führen. Es findet gegen Sie eine Verhandlung an Bord dieses Schiffes statt. Beim geringsten Versuch Ihrerseits, sich dieser Verhandlung durch Flucht oder auf andere Weise zu entziehen, schieße ich Sie nieder. Vorwärts, marsch!“

Dan starrte Carberry aus offenem Mund an. So hatte er diesen sonst so lauten und derben Mann noch nie sprechen gehört.

„Waas? Sie wollen – ich soll ...“

„Vorwärts!“ wiederholte Carberry eisig. „Wenn Sie mir Schwierigkeiten bereiten, wende ich Gewalt an!“

Keymis taumelte hoch, wankte die Stufen, die von der Vorpiek ins Vorkastell führten, hoch und erschien Sekunden später von Carberry gefolgt an Deck. Er war grau im Gesicht, denn er hatte den Ernst seiner Lage begriffen. Diese Kerle waren hart wie Granit! Er spürte, daß ihn hier kein Lordkanzler der Erde schützen konnte.

Ohne ein einziges weiteres Wort schlurfte er über das Hauptdeck, an den sorgfältig mit Segeltuch abgedeckten Culverinen vorbei zur Kuhl. Beim Anblick der zwölf Geschworenen und Ben Brightons, der das Anklägerwie das Richteramt versah, verschlug es ihm glatt den Atem. Er sah den leeren Stuhl, erblickte den Seewolf und Gwen, die in einem provisorisch errichteten Zeugenstand neben dem Stadtschreiber saßen, dem man zum Protokollieren einen Tisch und einen Stuhl auf die Kuhl geschafft hatte.

Der scharfe Verstand Baldwyn Keymis’ erkannte in diesem Moment die Chance, die er hatte, um dieses Gericht anzufechten. Und er zögerte keine Sekunde.

Er schritt würdevoll auf die Kuhl – er zwang sich dazu mit aller Selbstbeherrschung, über die er verfügte.

Noch bevor Ben Brighton überhaupt etwas sagen konnte, fuhr er ihn und die Geschworenen an: „Ich lehne dieses Gericht als nicht zuständig ab. Ich genieße in meiner Eigenschaft als vom Lordkanzler eingesetzter Friedensrichter Immunität und bin nicht verklagbar. Außerdem besteht dieses Gericht aus Laien, die ich als unkundig und befangen ablehne. Beweis: Zwei Zeugen im Zeugenstand, wobei doch jedes Kind weiß, daß Zeugen nicht während einer Verhandlung vor ihrer Aussage zusammengeführt werden dürfen. „Alles, was diese beiden gegen mich vorzubringen gedenken, erkläre ich hiermit vorsorglich für null und nichtig. Selbst wenn dieses Gericht seine Zuständigkeit glaubhaft nachweisen könnte – wo ist der vom Gesetz vorgeschriebene Rechtsbeistand, auf den jeder Beklagte ein Recht hat?“

Keymis hatte das alles würdevoll, ohne Hast und mit näselnder, arroganter Stimme vorgebracht. Er blickte sich triumphierend um, aber er hatte seine Rechnung ohne Ben Brighton gemacht.

Ben Brighton gab Carberry ein Zeichen, und der Profos dirigierte Keymis zu dem leeren Stuhl. Als der Friedensrichter sich setzen wollte, hinderte Carberry ihn daran.

„Solange das Gericht Ihnen nicht erlaubt, sich zu setzen, bleiben Sie stehen, verstanden?“

Keymis Züge verzerrten sich vor Wut, aber Ben Brighton ließ ihm keine Zeit, seinem Zorn freien Lauf zu geben.

„Ich bin Ihnen als Vorsitzender, Ankläger und Richter zwar keine Erklärung schuldig, Angeklagter“, sagte Ben Brighton kühl. „Aber damit hier kein falscher Eindruck entstehen kann, werde ich Sie belehren, und mich wundert, daß ich das muß, denn Sie sollten eigentlich besser Bescheid wissen als ich.“

Bei den Männern entstand Unruhe, die Ben Brighton aber sofort mit einer Handbewegung stoppte.

„Dies hier ist ein Bordgericht, Angeklagter. Die oberste Gerichtsbarkeit auf einem Schiff verkörpert grundsätzlich der Kapitän, solange es sich auf hoher See befindet. Da der Kapitän in diesem Fall als Zeuge fungiert, hat er mich, seinen ersten Offizier, an seine Stelle gesetzt, und damit hat er seine Befugnisse für die Dauer dieser Verhandlung auf mich übertragen. Das Gericht ist also zuständig, denn das Verbrechen, das hier verhandelt werden soll, wurde an Bord der ‚Isabella V.‘ begangen. Zu Punkt zwei Ihrer Einwände: Die beiden Zeugen werden von mir vor der Verhandlung in Gegenwart des Angeklagten belehrt. Ihre Aussagen werden sie einzeln zu Protokoll geben, und zwar so, daß keiner die Aussage des anderen verwerten kann. Damit sind sie als Zeugen zugelassen. An die beiden Zeugen richte ich hiermit die Aufforderung, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Mr. O’Flynn, führen Sie Mr. Killigrew jetzt wieder in seine Kammer. Ich werde ihn als Zeugen rufen lassen, sobald seine Aussage benötigt wird. Die Verhandlung ist eröffnet!“

Baldwyn Keymis wurde blaß vor Wut. Aber Carberry drückte ihn einfach in den Stuhl, und gegen die Bärenkräfte dieses Mannes hatte Keymis nicht die geringste Chance.

„Ich lasse euch hängen, alle, einen nach dem andern, sobald wir in England sind!“ schrie der Friedensrichter, der seine mühsam aufgebaute Beherrschung in diesem Moment wieder verlor.

Das war Dan O’Flynn zuviel.

„Du elendes Schwein!“ fauchte er und wollte sich auf den Friedensrichter stürzen. „Erst versuchst du, meine Schwester zu vergewaltigen, und dann willst du uns hängen lassen, drohst uns hier an Bord ...“

Carberry hatte sich Dan geschnappt.

„Gib jetzt Ruhe, Dan!“ dröhnte seine Stimme durch den ausbrechenden Tumult. Denn auch die anderen Männer der Besatzung hatten eine drohende Haltung angenommen. „Ihr alle gebt Ruhe!“ donnerte er. „Wir haben keine Zeit, hier bis zum nächsten Jahr herumzuliegen, die Verhandlung wird jetzt und hier durchgeführt und das Urteil, das verkündet wird, vollstreckt. Und damit Schluß. Zum letzten Mal: Ruhe an Bord, oder euch alle holt der Teufel!“

Das Schiff schien unter der Stimme Carberrys zu erzittern, und Ben Brighton kämpfte gegen das Grinsen an, das sich auf seine Züge stehlen wollte.

Aber der Profos schaffte es mit seiner Donnerstimme tatsächlich, die Ordnung wiederherzustellen.

Ben nutzte seine Chance sofort.

„Miß O’Flynn, treten Sie bitte in den Zeugenstand und machen Sie Ihre Aussage.“

Gwen trat vor, blaß, aber ihre Haltung drückte Energie und Entschlossenheit aus.

„Welchen Vergehens klagen Sie diesen Mann dort an?“ fragte Ben Brighton. Auch er wollte die Verhandlung nunmehr so schnell hinter sich bringen, wie das nur eben möglich war. Aus diesem Grund verzichtete er auch auf alle zeitraubenden Formalitäten wie Feststellung der Personalien des Beklagten und der Zeugen, sie waren an Bord der „Isabella“ hinreichend und jedem einzelnen bekannt, genau wie der Beklagte.

„Dieser Mann hat versucht, mich in meiner Kammer zu vergewaltigen. Es ist bei dem Versuch geblieben, aber nur aufgrund des Eingreifens von Mr. Killigrew, der mir in allerletzter Sekunde zu Hilfe eilte, Ich hätte diesen Mann, der weitaus schwächer aussieht, als er ist, nicht mehr abwehren können, zumal er mich würgte und mit Faustschlägen traktierte.“

Keymis wollte aufbrausen, er fuhr von seinem Stuhl hoch, aber Carberrys Pranke drückte ihn wieder zurück.

Ben Brighton nickte.

„Was haben Sie dazu zu sagen, Angeklagter?“ wandte er sich an den Friedensrichter.

Keymis fuhr hoch wie von der Natter gebissen.

„Was ich dazu zu sagen habe?“ zischte er. „Diese elende kleine Hure hatte es darauf angelegt, mich zu verführen, sie hatte ...“

Der alte O’Flynn durchbrach den Kordon der Zuschauer. Wie ein Wiesel sprang er trotz seines Holzbeins auf Keymis zu.

„Was?“ brüllte er, und sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. „Du Lump, du dreckige Ratte wagst es, meine Tochter eine Hure zu nennen?“ Er riß an den Riemen seines Holzbeins, aber er brachte es nicht rasch genug los. Auch die Männer der Crew sprangen auf, und selbst die Geschworenen waren von ihren Stühlen gefahren.

Carberry schnappte sich den rasenden O’Flynn und beförderte ihn ziemlich unsanft wieder zwischen die anderen Zuhörer.

Der alte O’Flynn schrie auf, aber Pete Ballie hielt ihn fest.

„Nimm endlich Vernunft an, und wenn es zehnmal deine Tochter ist, verflucht noch mal. Carberry hat recht, halt jetzt endlich die Schnauze,, kapiert?“

Ben Brighton veranlaßte die Geschworenen auf ihrer aus Bohlen provisorisch hergerichteten Bank, wobei man die Bohle einfach über ein paar leere Fässer gelegt hatte, wieder Platz zu nehmen.

„Also, die Klägerin wollte sie verführen?“ setzte Ben Brighton sein Verhör fort. „Wie erklären sie sich dann die Verletzungen, die sie bei ihren Verführungsversuchen immerhin recht sichtbar davongetragen hat?“ fragte Ben Brighton, und diesmal war der Hohn in seiner Stimme unüberhörbar.

Keymis starrte ihn an, er begriff mit der ihm eigenen Schläue, daß er sich selbst mit seiner aberwitzigen Behauptung eine verhängnisvolle Falle gestellt hatte.

„Die Verletzungen, häm – die hat sie natürlich, ich meine, die sind natürlich schon dagewesen, weil ...“ begann er zu stottern und konnte nicht verhindern, daß ihm der Schweiß ausbrach.

„Miß O’Flynn, ich muß Sie leider bitten, den Geschworenen Ihre Verletzungen zu zeigen, damit Ihre Aussage die nötige Beweiskraft erhält!“

Gwen wurde erst blaß, dann aber errötete sie. Hier vor allen Männern sollte sie sich entblößen?

Hilfesuchend sah sie sich um, aber Carberry lächelte ihr zu.

„Nicht alle Verletzungen, aber wenigstens einige, Gwen“, sagte er leise und spürte, wie sie aufatmete.

„Wo trugen Sie Verletzungen davon, Miß O’Flynn?“ hörte sie Ben Brighton fragen.

Sie gab sich einen Ruck.

„Am Hals, hier!“ Sie knöpfte das Hemd auf und legte den Hals frei. Dort waren deutlich sichtbar blaue Würgemale. „An den Oberarmen“, fuhr sie fort und streifte die Ärmel hoch. „Auf den Rippen“, und sie zog das grüne Hemd so geschickt hoch, daß ihr Busen dabei bedeckt blieb. „An den Oberschenkeln“, sie streifte eines der Hosenbeine der Seemannshose hoch. „Am ...“

„Danke, Miß O’Flynn, das genügt“, stoppte sie Ben Brighton, dem mittlerweile ob solcher, Entschlossenheit der Schweiß ausbrach. „Ich denke, den Geschworenen genügt das auch, oder etwa nicht?“ fügte er hinzu, aber Ferris Tucker nickte.

„Vollständig, euer Ehren!“ sagte er, und einige Männer der Crew grinsten verhalten, was ihnen sofort einen bösen Blick Carberrys eintrug.

„Verdammt, ihr lausigen Decksaffen, das hier ist kein Spaß!“ sagte er drohend.

Ben Brighton drängte jetzt auf raschen Fortgang der Verhandlung.

„Bitte, Miß O’Flynn, berichten Sie den Geschworenen nunmehr möglichst genau, was sich in ihrer Kammer zugetragen hat, und zwar von Anfang an.“

Gwen tat es. Während sie sprach, verfinsterten sich die Gesichter der Männer, die ihr zuhörten, mehr und mehr. Ebenso finstere Blicke trafen den Friedensrichter, dem mittlerweile vor Angst speiübel war. Er hing leichenblaß in seinem Stuhl, seine anfängliche Arroganz war wie weggewischt.

Nachdem Gwen ihren Bericht beendet hatte, herrschte sekundenlanges Schweigen. Ben Brighton unterbrach es.

„Den Zeugen Mr. Killigrew!“ sagte er.

Der alte O’Flynn, beiläufig zum Gerichtsdiener ernannt, holte ihn.

Auch der Seewolf sagte aus, und zwar Punkt für Punkt. Er ließ nichts weg und fügte nichts hinzu.

Auch nach seinem Bericht herrschte wieder Schweigen. Die Blicke, die zuvor noch zornig oder finster gewesen waren, hatten sich in Blicke voller Abscheu gewandelt, gepaart mit Eiseskälte. Keymis spürte das, und das Blut begann in seinen Ohren zu rauschen. Nur wie von ferne vernahm er noch die Stimme Ben Brightons.

„Damit ist die Beweisaufnahme abgeschlossen. Angeklagter, haben Sie dazu noch etwas zu sagen?“

Keymis erhob sich taumelnd.

„Lüge, nichts als infame Verleugnung“, gurgelte er, aber Ben Brighton unterbrach ihn eiskalt.

„Also, nichts!“ stellte er fest. „Sie, meine Herren Geschworenen, werden jetzt entscheiden. Ist der Angeklagte des ihm zur Last gelegten Verbrechens schuldig oder nicht schuldig. Ich werde Sie jetzt fragen, und Sie heben bitte den rechten Arm bei meinen Fragen. Die einfache Mehrheit entscheidet. Schuldig?“

Alle Arme erhoben sich ruckartig. Keymis sank auf seinen Stuhl.

„Gegenprobe. Nicht schuldig?“

Alle Arme blieben unten.

Ben Brighton sah den Friedensrichter an.

„Angeklagter erheben Sie sich.“

Carberry zog den zitternden Keymis mit einem Ruck vom Stuhl hoch.

„Die Geschworenen haben Sie der versuchten Vergewaltigung, begangen an Miß Gwendolyn Bernice O’Flynn für schuldig befunden. Ich verurteile Sie daher ...“

„Halt – einen Augenblick!“ Es war Gwen, die Ben Brighton unterbrach.

Ben fuhr herum, auch Hasard und die anderen Männer starrten das Mädchen an.

Ben Brighton runzelte ärgerlich über die Unterbrechung die Stirn, aber er beherrschte sich.

„Ja, Miß O’Flynn?“ fragte er. „Was haben Sie noch zu sagen?“

„Ich bitte um Milde für den Angeklagten. Er hat wie wir alle eine Menge durchgemacht in der letzten Zeit. Vielleicht hat er dabei einen seelischen Schaden erlitten, und vielleicht ist er für seine Handlungen nicht in vollem Maße verantwortlich. Mr. Brighton, ich bitte um Milde für Mr. Keymis, schließlich ist mir ja nichts geschehen!“

Unter den Männern erhob sich Gemurre.

Ben Brighton starrte Gwen mit einem eigentümlichen Blick an. Mit allem hatte er gerechnet, damit nicht. Und was ihn noch mehr verwirrte, war, daß um die Lippen des Seewolfs ein Lächeln spielte, ein Lächeln, das er im Moment nicht zu deuten wußte.

Ben Brighton holte tief Luft, und er registrierte, wie Carberry ihn anstarrte, mit einem beschwörenden Blick, den er in diesem Moment ebenfalls nicht begriff. War Carberry etwa Gwens Meinung, oder beschwor er ihn, ein hartes Urteil zu fällen?

„Miß Gwen“, sagte Ben Brighton schließlich, und er wurde sich nicht einmal der Tatsache bewußt, daß er das Mädchen beim Vornamen genannt hatte. „Sie wissen, welch ein schweres Verbrechen dieser Mann dort begehen wollte und teilweise begangen hat, denn auch der Versuch einer Vergewaltigung wiegt schwer. Sie wissen, daß dafür in England, unserer Heimat, unerbittlich die Todesstrafe verhängt wird, auch wenn es sich um einen bloßen, aber nachgewiesenen Versuch handelt? Sie wissen, welche Gesetze an Bord eines Schiffes wie der ‚Isabella‘ herrschen?“

Atemloses Schweigen. Keymis mußte sich unwillkürlich auf Carberry stützen, so zitterten ihm die Knie. Hatte er den Ernst seiner Lage zuvor noch nicht voll begriffen, so wurde er ihm nunmehr schlagartig klar.

„Aufhängen den Kerl!“ schrie einer der Männer.

„Jawohl, an die Rah mit dem Schwein!“ fielen andere ein.

Keymis wankte, aber Carberry hielt ihn fest.

Ben Brighton straffte sich, er wollte dem Ganzen ein Ende bereiten.

„Baldwyn Keymis, obwohl gerade Sie in Anbetracht der Tatsache, daß Sie ein vom Lordkanzler eingesetzter und bestallter Friedensrichter sind, die volle Härte des Gesetzes treffen müßte, also Aufhängen am Halse, bis daß der Tod eintritt, verschließe ich mich nicht den Argumenten der Klägerin. Baldwyn Keymis, ich verurteile Sie hiermit rechtskräftig und unwiderruflich. Sie werden kielgeholt, das Urteil wird sofort vollstreckt! Profos, walten Sie Ihres Amtes. Die Verhandlung ist geschlossen.“

Durch die Crew ging ein Raunen, während der Friedensrichter alle Farbe verlor.

„Nein!“ schrie er. „Nein, das überlebe ich nicht, das überlebt keiner. Hier gibt es Haie, sie lauern in der Tiefe, ich – ah ...“

Baldwyn Keymis verdrehte die Augen und brach zusammen. Regungslos blieb er auf dem Deck liegen, ein verkrümmtes Häufchen Elend, weiter nichts.

Carberry beugte sich zu ihm hinunter.

„Ein paar Pützen Wasser, schnell!“ sagte er. „Den Kerl werden wir schon wieder auf die Beine bringen. So haben wir nicht gewettet, Mister, du sollst erleben, wie das ist! Glaube nur nicht, daß ich dich in diesem Zustand unterm Schiff durchziehe!“

Der Kutscher brachte eine Pütz voll Seewasser, und Carberry goß sie dem Friedensrichter ins Gesicht. Dann noch eine zweite und eine dritte.

Bei der dritten erwachte Keymis aus seiner Bewußtlosigkeit.

„Los, hoch mit dir, du Ratte“, sagte Carberry, der breitbeinig vor ihm stand. „Du kannst noch von Glück sagen, daß die junge Lady für dich gesprochen hat, sonst müßtest du jetzt baumeln, Freundchen. So hast du wenigstens noch eine Chance! Also, hoch mit dir!“

Carberry riß ihn hoch und winkte Smoky heran.

„Hände fesseln! Aber gründlich. Klamotten runter bis auf die Hose. Besorge einen Tampen, und zieh inzwischen eine Leine unter dem Bug durch, damit wir den Tampen an Steuerbord hochholen. Der Mann wird von Backbord nach Steuerbord durchgeholt. Von der Nock der Großrah geht er in den Bach, an Steuerbord ziehe ich ihn wieder hoch. Und ein bißchen dalli, klar?“

Smoky nickte und sauste los.

Carberry winkte Dan heran und flüsterte ihm zu: „Peil mal die Lage, ob du Haie entdecken kannst. Der Kerl hier soll seine Chance haben. Ich will nicht, daß er in den Zähnen von diesen Biestern sein Leben aushaucht. Natürlich, garantieren kann ich’s nicht. Was unter dem Schiff herumschwimmt, kann ich nicht sehen.“

Dan sauste los.

Die Vorbereitungen waren bald erledigt. Carberry holte das Tau, an das Keymis gebunden werden sollte, eigenhändig zur Backbordnock der Großrah hoch. Er prüfte es, dann winkte er zum Deck hinunter.

Er sah Keymis, der an den Händen gefesselt zwischen Ferris Tucker und Big Old Shane stand, zitternd am ganzen Leib.

„Rauf mit dem Kerl, es ist alles fertig, oder glaubt ihr lausigen Affen, ich will hier anwachsen?“

Ferris Tucker gab dem Friedensrichter einen derben Stoß in den Rücken.

„Vorwärts, Freundchen“, knurrte er, „jetzt geht’s los. Und wenn du einen Rat hören willst, dann vergeude deinen Atem nicht damit, daß du schreist, während du von der Rahnock ins Wasser fliegst. Du brauchst deine Puste da unten dringend, wenn du lebend wieder auftauchen willst!“

Keymis quollen die Augen aus den Höhlen, je mehr sie sich den Wanten näherten, die zum Großmars hochführten.

Unmittelbar vor dem Want riß er sich plötzlich los und raste wie von Sinnen über Deck. Dabei schrie er aus vollem Hals. Luke Morgan, der kleine, stämmige Engländer, packte ihn und schleifte ihn zurück.

„Laß nur, Ferris“, keuchte er und zog den sich wie wahnsinnig Gebärdenden hinter sich her. „Den liefere ich schon richtig da oben ab! Aber wenn er so weiterbrüllt, dann wird ihm unter dem Schiff die Luft ausgehen – na, nicht schade um das Schwein!“

Er bugsierte Keymis zum Want. Dann packte er ihn plötzlich und warf ihn sich über die Schulter.

„Bind ihm die Beine zusammen, schnell!“ rief er dem Schiffszimmermann zu. Ferris Tucker tat es, und zwar gründlich. Dann enterte Luke Morgan bis zur Großrah auf, rutschte auf der Großrah entlang und wurde von Carberry in Empfang genommen.

Carberrys Narbengesicht wirkte düster und verschlossen. Er haßte Bestrafungen dieser Art. Schnell und sachlich verrichtete er die letzten Handgriffe und verknotete die Leine, an der er Keymis kielholen wollte, sorgfältig an der Brust und unter den Armen.

Dann packte seine Pranke das Gesicht des Verurteilten und zwang den Friedensrichter, ihn anzusehen.

„Hör mir jetzt gut zu, du Dreckskerl. Der jungen Lady zuliebe werde ich dich schnell unter der ‚Isabella‘ durchziehen. Aber spar dir deine Puste. Wenn ich das Zeichen gebe und Luke dich von der Rah stößt, dann hol tief Luft, oder du bist versoffen, noch bevor ich dich unterm Kiel durchgeholt habe. Es liegt jetzt an dir. Klar?“

Carberry sah das schwache Nicken des Verurteilten.

„Na, jedenfalls zugehört hast du mir, und jetzt benimm dich gefälligst wie ein Mann!“

„Aber die Haie, Mister, die Haie, wenn sie ...“

Carberry nickte düster.

„Wir haben nachgesehen und keinen entdeckt. Aber das will nicht viel bedeuten. Du brauchst schon ein wenig Glück, Freundchen. Kielholen war noch nie ein Spaß, aber du hattest sowieso nur die Wahl zwischen der Rahnock und dem Kiel. Sei der jungen Lady dankbar, daß sie dir wenigstens noch eine Chance herausgeschunden hat!“

Carberry drehte sich herum, turnte die Großrah entlang und enterte dann ab. An Deck hatten sich die Männer an Backbord versammelt, nur Gwen fehlte. Und das war auch gut so, denn Keymis würde nicht mehr gut aussehen, wenn er wieder an Deck gezogen wurde. Dafür würde schon der scharfkantige Muschelbewuchs auf dem Unterwasserschiff sorgen.

Carberry betrat das Deck. Er ging sofort nach Steuerbord hinüber und packte das Tau, das unter dem Kiel der „Isabella“ hindurchlief.

Dann sah er zu Luke hinüber, der Keymis inzwischen aufgerichtet hatte und ihn auf der Rah an ihrem äußersten Ende festhielt.

„Los!“ kommandierte Carberry.

Luke Morgan gab dem Gefesselten einen Stoß, und der Friedensrichter stürzte von der Großrah. Sekunden später verschwand er im aufspritzenden Wasser.

Er hatte nicht geschrien, keinen einzigen Laut hatte er von sich gegeben. Carberry wußte, daß sich damit seine Chancen, wieder lebend an Deck zu gelangen, außerordentlich verbessert hatten.

Er packte das Tau und begann zu ziehen.

5.

Baldwyn Keymis erlebte alles wie in Trance. Auch Carberrys Stimme, seinen Rat, tief Luft zu holen, war nur wie aus weiter Ferne in sein Bewußtsein gedrungen. Irgendwo tief im Innern des Friedensrichters flakkerte noch der Wille, zu überleben, das Kielholen zu überstehen, irgendwie.

Auch das Kommando, dem der Stoß Luke Morgans und sein Sturz von der Rahnock folgte, war nur an die Oberfläche seines Bewußtseins gelangt. Erst als sich das kühle, grünblaue Wasser der See über Baldwyn Keymis schloß, erst als das starke Tau ihn unerbittlich in die Tiefe zog, war er plötzlich wieder hellwach.

Er öffnete die Augen, obwohl das Seewasser darin brannte, hielt er sie offen.

Baldwyn Keymis hatte wenig Angst davor, zu ertrinken. Er war sogar ein leidlich guter Schwimmer, schon seit seiner Kindheit. Aber das hatte er wohlweislich verschwiegen, geholfen hatte ihm dabei der Schock, das Entsetzen, das ihn gepackt hatte, als er sein Urteil erfuhr. Nein, das alles traute er sich zu, durchzuhalten, bis man ihn auf der anderen Seite der „Isabella“ wieder an Deck zog. Wahnsinnige Angst hingegen hatte er vor den Haien.

Als Kind war sein Vater vor den Küsten Cornwalls von einem Blauhai angefallen und zerrissen worden. Er, Baldwyn Keymis, hatte hilflos zusehen müssen. Dann hatten ihn die herbeieilenden Fischer aus dem Wasser gezogen, gerade noch rechtzeitig, bevor die anderen Haie auftauchten und sich auf die Überreste seines Vaters stürzten, ja, sogar noch das Boot in ihrer Gier angriffen, in dem er sich befand. Deutlich sah Baldwyn Keymis den aufgerissenen Rachen, die Reihen spitzer Zähne vor sich, die knirschend und krachend ein Stück des Dollbords zermalmten.

Ein reicher Onkel hatte ihn später zu sich genommen, auf eine Schule geschickt, ihm den Zugang zur englischen Gesellschaft geöffnet. So war er schließlich Friedensrichter geworden. Ein Mann, der seinen Knacks weg hatte, der den Schock, den er in der Kindheit erlitten hatte, nie abzuschütteln vermochte.

Keymis sah die dunkle Masse der Bordwand auf sich zurasen. Er spürte, wie sein Körper gegen die Beplankung schlug und an ihr entlanggerissen wurde. Er wollte um sich schlagen, aber er konnte nicht, denn Arme und Beine waren gefesselt. Ein wilder Schmerz durchzuckte seinen Körper, als das dicke Tau ihn tiefer und tiefer und über den messerscharfen Muschelbewuchs zerrte. Erst zerschnitten die Muscheln seinen Rücken – Baldwyn Keymis warf sich voller Panik herum. Da zerschnitten sie ihm die Brust, zerfetzten die Hose, die Haut an den Oberschenkeln. Er sah die roten Blutschleier in der blaugrünen Dämmerung, die sein geschundener Körper hinter sich herzog. In allerletzter Sekunde gelang es ihm, sein Gesicht vor den scharfen Muscheln in Sicherheit zu bringen, indem er sich abermals herumwarf.

Aber dann blieb ihm vor Schreck fast das Herz stehen.

Er sah den grauen, großen Schatten, der sich ihm näherte. Undeutlich noch, aber mit jeder Sekunde deutlicher zu erkennen.

Ein Hai! Und er folgte beharrlich der Blutspur, die Keymis hinter sich her durchs Wasser zog. Keymis sah die tückischen Augen, die starr auf ihn gerichtet blieben, je näher der große Fisch auf ihn zuschwamm.

Keymis warf sich verzweifelt hin und her, und damit verschlimmerte er seine Lage.

Der Hai schoß heran, durch sein wildes Gezappel erst richtig aufmerksam geworden. Seine spitze Schnauze stieß den Friedensrichter an, als wolle der Hai seine Beute erst prüfen, bevor er sie zerriß.

Keymis registrierte, wie der Hai an ihm vorbeischoß, für einen Moment in der Tiefe verschwand, und er wurde fast wahnsinnig vor Angst und Panik, denn er wußte genau: Der Hai würde zurückkehren. Einer der Fischer aus Cornwall hatte ihm einmal von diesem merkwürdigen Verhalten der Haie erzählt, bevor sie zum tödlichen Angriff zurückkehren und ihre Beute zerreißen.

Keymis Sinne umnebelten sich, stechend spürte er den Luftmangel in seinen Lungen. Wieder schrammte sein Körper über die scharfen Muscheln, die sich am Unterwasserschiff der „Isabella“ festgesetzt hatten. Wieder riß der scharfe Bewuchs ihm neue Wunden, und eine Wolke aus Blut zog ihre Spur hinter ihm her durch das blaugrüne Wasser der Karibik.

Da sah er den Hai. Er stieß von schräg unten auf ihn zu. Rasend schnell diesmal, entschlossen, sich diese Beute nicht entwischen zu lassen.

Hinter ihm jagten andere graue Schatten heran. Dann löschte ein gewaltiger Ruck an dem Tau, an dem er durchs Wasser gezogen wurde, fast sein Bewußtsein aus. Keymis spürte, wie eine ungeheure Kraft ihn packte, ihn über den Kiel zerrte und an der anderen Seite der „Isabella“ hochriß.

Seine Sinne umnebelten sich, irgendwo sah er noch einmal den Hai, der pfeilschnell durchs Wasser schoß, aber die schon sicher geglaubte Beute verloren zu haben schien. Dann wurde es dunkel um Baldwyn Keymis.

Zu diesem Zeitpunkt zogen Carberry, Ferris Tucker und Big Old Shane mit aller Gewalt an dem Tau.

„Haie! Achteraus, an Steuerbord, sie rasen von allen Seiten heran!“ Es war Dan, der das in höchster Erregung über Deck schrie. „Beeilt euch, wenn ihr von diesem Schurken auch nur noch einen einzigen Knochen nach oben holen wollt!“

Keymis durchbrach die Oberfläche an Backbord der Galeone. Die drei Männer rissen ihn mit einem gewaltigen Schwung aus dem Wasser. Unmittelbar hinter dem Friedensrichter schnellte sich ein kleinerer Hai, ein etwa drei Yards langes Tier, aus der See. Er verfehlte die Beine des Friedensrichter nur um einen knappen Yard. Mit weit aufgerissenem Maul fiel er klatschend in die See zurück.

Es war derselbe, der Keymis schon einmal wie prüfend mit seiner spitzen Schnauze angestoßen, ihn dann aber durch die ungeheure Schnelligkeit, mit der die Männer Keymis hochzogen, für einen Moment verloren hatte. Und das rettete Keymis das Leben.

Als er auf die Planken des Hauptdecks prallte, erwachte er aus seiner Bewußtlosigkeit. Sofort krümmte sich sein hagerer Körper zusammen, Hustenkrämpfe schüttelten ihn, und er spie das Meerwasser aus, das er während seiner Bewußtlosigkeit geschluckt hatte.

Dann erinnerte er sich. An die Haie, an die blaugrüne Dämmerung, die ihn wie ein gigantischer Sarg umgeben hatte, in dem es von Ungeheuern nur so wimmelte. Er erinnerte sich an die huschenden, grauen Schatten, die auf ihn zujagten, um ihn bei lebendigem Leib zu zerreißen.

Keymis begann plötzlich zu toben. Er entwickelte zwischen seinen Hustenanfällen so enorme Kräfte, daß es weder Carberry noch dem bärenstarken Ferris Tucker oder Old Big Shane gelang, ihn zu bändigen.

Erst ein Schlag mit dem Belegnagel, den Luke Morgan dem Tobenden verpaßte, ließ ihn verstummen.

„Kutscher!“ brüllte Carberry und blickte schaudernd auf die Wunden, die die Muscheln dem Friedensrichter geschnitten und die seinen Körper in eine einzige blutüberströmte Masse verwandelt hatten. Das sah schlimmer aus, als es war, denn keine der Wunden war wirklich tief oder gar lebensgefährlich – abgesehen von den Haien, die das Blut sofort angelockt und in Raserei versetzt hatte. Trotzdem mußte der Kutscher sofort etwas unternehmen.

Er war bereits zur Stelle, noch bevor Carberry ein zweites Mal zu brüllen brauchte.

Wortlos begann er seine Arbeit. Er wusch den Friedensrichter sorgfältig mit Seewasser, verband ihn überall dort, wo die Muscheln ihn am schlimmsten verletzt hatten und flößte ihm schließlich eine gehörige Portion Rum ein.

Der Seewolf sah wortlos zu. Breitbeinig stand er da. Seine eisblauen Augen blickten kalt auf den Bewußtlosen hinunter, der sich eben wieder zu regen begann.

„Wenn er wieder auf den Beinen ist, arbeitet er wie jeder andere an Bord. Al Conroy und Ferris beaufsichtigen ihn. Er soll nicht geschunden werden, aber ihm wird auch nichts mehr geschenkt. Alle Extratouren sind vorbei.“

Der Seewolf verließ das Hauptdeck.

„Ben!“

Ben Brighton war schon da und sah ihn fragend an.

„Laß die Segel setzen. Kurs Mona Passage. Wir haben bereits genug Zeit verloren. Es wird Zeit, daß wir endlich den Atlantik erreichen. Im übrigen“, er legte dem langjährigen Gefährten in vielen Kämpfen und Unternehmungen die Rechte auf die Schulter, „du hast deine Sache hervorragend gemacht. Niemand an Bord hätte die Verhandlung gegen diesen Strolch besser führen können als du.“

Er nickte ihm zu und verschwand in Richtung Achterkastell.

„Ho, Männer! In die Wanten, setzt Segel! Rudergänger, Kurs Südost! Ho, beeilt euch, oder ich werde euch aufschwänzen!“ Ben Brightons Stimme dröhnte über das Deck.

Die Männer enterten wie der Blitz auf. Schon bald begannen sich die ersten Segel in der frischen Brise zu blähen. Langsam schwang die „Isabella“ herum und nahm wieder Fahrt auf.

6.

Der gute Wind hielt an. Die „Isabella“ segelte Tag um Tag auf die Mona Passage zu. An Bord verlief das Leben in ruhiger Routine. Lediglich Big Old Shane, Ferris Tucker und Al Conroy exerzierten mit den neuen Männern immer wieder an den Culverinen und Drehbassen. Tatsächlich saß inzwischen fast jeder Handgriff wie im Schlaf. Will Thorne und Batuti kümmerten sich um die Schlechtwettersegel, außerdem wachte der Segelmacher darüber, daß immer genügend fertige Segeltuchkartuschen in den Magazinen lagerten. Das hatte sich bei vergangenen Gefechten schon wiederholt als entscheidend erwiesen.

Baldwyn Keymis erholte sich nur langsam. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst. Immer wieder verfiel er in wildes Nervenfieber. Dann hielt meist Gwen bei ihm Krankenwache, und selbst Hasard vermochte in diesem Punkt nichts gegen ihre Starrköpfigkeit auszurichten.

Als er sie einmal darauf angesprochen hatte, hatte Gwen nur gelächelt.

„Du brauchst um mich keine Sorgen zu haben. Keymis hat seine Strafe weg, ich kann und will ihm diese Sache nicht länger nachtragen. Ihr alle schneidet diesen Mann, aber er braucht jetzt Hilfe. Wenn er überleben soll, dann muß sich jemand um ihn kümmern, ich kann es nicht mit ansehen, daß er hier zugrunde geht.“

Hasard hatte sich gefügt. Er kannte Gwen gut genug, um zu wissen, daß es unmöglich war, sie von einem einmal gefaßten Entschluß wieder abzubringen.

Am vierten Tag nach dem Bordgericht ging er selber zu Keymis und sah nach ihm. Er erwischte einen Moment, in dem der Friedensrichter wieder von einem heftigen Nervenfieber geschüttelt wurde. Manchmal schrie er auf, dann wieder murmelte er unverständliche Sätze und kämpfte mit unsichtbaren Ungeheuern.

Gwen sah Hasard an.

„Es gibt in seinem Leben etwas, das diesen Mann verfolgt. Irgendein Alptraum, der ihn ständig quält, aber ich kriege nicht heraus, was es ist.“

Gwen zögerte, und der Seewolf bemerkte es. Mit einem Schritt war er bei ihr.

„Gwen, du verschweigst mir etwas“, sagte er und zog das Mädchen an sich. „Warum? Hast du kein Vertrauen zu mir?“

Gwen barg für einen Moment ihren Kopf an seiner Schulter.

„Doch, ich habe. Vertrauen zu dir, viel mehr als das“, sagte sie leise. „Ich habe Angst, um dich, um die anderen. Dieser Mann da plant etwas. Immer wieder wird das in seinen Fieberphantasien deutlich, und es muß mit der Ladung der ‚Isabella‘ zusammenhängen. Er ist jetzt dein erbittertster Feind, Hasard. Nimm dich vor ihm in acht. Verstehst du jetzt, warum ich mich um ihn kümmere? Ich will wissen, was er gegen dich im Schilde führt, denn man kann nur einer Gefahr begegnen, die man kennt!“

Der Seewolf zog sie an sich.

„Vielleicht ist es richtig, daß du bei ihm wachst, wenn er phantasiert. Vielleicht erfährst du wirklich etwas, was uns hilft. Nein, ich werde mich hüten, Keymis zu unterschätzen. Der Mann ist gefährlich.“

Er strich Gwen über das rotblonde Haar, und sie ließ es geschehen. Unmerklich hatte sich zwischen den beiden etwas angebahnt, aber noch hatte keiner von ihnen den Mut, sich dem anderen zu offenbaren.

Hasard verließ die Kammer, in der sie den Friedensrichter untergebracht hatten, ganz entgegen allen anderen Anweisungen. Sie lag zwar nicht im Achterkastell, sondern im Vorschiff und war von Ben Brighton extra zu diesem Zweck hergerichtet worden, aber Keymis in seinem gegenwärtigen Zustand im Vordeck verkommen zu lassen, war unmöglich und wäre auch unmenschlich gewesen. Der Seewolf jedenfalls war nicht der Mann, der so etwas duldete. Allerdings – von diesem Tage an trat bei Keymis eine Besserung ein. Seine Anfälle wurden seltener. Aber er war und blieb nur noch ein Schatten seiner selbst. Als er eines Tages wieder an Deck erschien, erschraken sogar die hartgesottenen Männer der Crew. Keymis hockte immer irgendwo, wie ein Gespenst wirkte er auf die Mannschaft, aber ihm entging nichts. Ob er arbeitete oder döste, so lädiert sein Körper auch war, er hatte einen scharfen Verstand, vorzügliche Augen und war trotz seiner zur Schau getragenen Apathie in Wirklichkeit hellwach.

Doch zunächst hatte die „Isabella“ mit ganz anderen, wesentlich bedrohlicheren Problemen fertigzuwerden.

Am Nachmittag des vierten Tages trat ein, was der Seewolf schon lange befürchtet hatte.

„Wahrschau – Mastspitzen voraus!“ schallte Dan O’Flynns Stimme über Deck.

Hasard und Ben Brighton fuhren herum.

„Verdammter Mist!“ stieß der Seewolf hervor, und sein Bootsmann wußte ganz genau, was er damit sagen wollte.

Sie näherten sich nunmehr der Mona Passage. Jener Passage, die zwischen Hispaniola und Puerto Rico in den Atlantik führt. Ben Brighton war sich völlig im klaren darüber, daß sie diese Passage durchsegeln mußten, koste es, was es wolle. Wichen sie noch weiter nach Osten aus, bis zur Anegada Passage etwa, wurde dadurch nichts mehr besser, im Gegenteil. Denn dort erwarteten die „Isabella“ unzählige kleinere und größere Inseln, auf denen es von Seeräubernestern nur so wimmelte. Außerdem mußten sie damit rechnen, dort auch auf spanische Schiffe zu stoßen. Und zum dritten hatten sie bereits genug Zeit verloren. Wollten sie die schweren Winterstürme im Atlantik vermeiden, dann mußten sie sich höllisch beeilen. Ben Brighton wußte nur zu gut, wie weit diese Stürme, die manchmal wochenlang mit unverminderter Stärke tobten, ein Schiff vom Kurs abdrängen konnten, wenn es sie überhaupt überstand.

Das alles ging ihm blitzartig durch den Kopf, als er jetzt zum Großmars hochpeilte, in dem Dan hockte.

„He, Dan, kannst du die Schiffe erkennen?“ rief der Seewolf gerade hinauf.

„Nein, noch nicht. Ich sehe nur ein Teil der Takelage. Es sind drei Schiffe, zwei kleinere und ein größeres. Könnte eine Karavelle sein. Wenn wir unseren Kurs beibehalten, werden wir uns ihnen rasch nähern.“

Hasard nickte grimmig. Er würde den Kurs beibehalten, und zwar bis zur Isla Mona, die fast in der Mitte zwischen Hispaniola und Puerto Rico lag, hinter der die Mona Passage begann. Dort würde er dann raumschots Kurs Nordost segeln, falls der günstige Wind weiterhin anhielt. Aber es sah ganz danach aus, mehr noch, schon seit einigen Stunden hatte es aufgebrist.

Hasard warf einen Blick nach Steuerbord. Irgendwann; seiner Schätzung nach in knapp zwei Stunden, mußte dort die Silhouette der Isla Saona auftauchen. Sie war der Südspitze Hispaniolas vorgelagert.

Der Seewolf entschloß sich rasch.

„Klar Schiff zum Gefecht!“

Seine Stimme scheuchte auch die letzten Schläfer hoch. Die Männer hasteten über die Decks und entfernten in fieberhafter Eile die Persennings von den schweren Siebzehnpfündern.

„Ben, geh runter. Sag den Männern, daß es noch dauern wird, bis wir vielleicht Feindberührung kriegen. Aber sag ihnen auch, daß sie von jetzt an jederzeit bereit sein sollen. Wenn mich nicht alles täuscht, werden wir auf einen alten Bekannten stoßen, der auch hier noch mal sein Glück gegen uns versuchen will.“

Ben blieb ruckartig stehen.

„Du denkst an Caligu?“ fragte er, und gleichzeitig erschien vor seiner Erinnerung das Bild dieses großen, braunhäutigen Piraten, der ihnen schon verdammt zugesetzt hatte, der wie wild hinter den Schätzen herwar, die tief im bauchigen Rumpf der „Isabella“ steckten.

Ben Brighton dachte in diesem Moment an die erbarmungslose Schlacht in der Windward Passage, wo sie ihrem Untergang nur noch gerade entronnen waren, weil sich ein Freund für sie geopfert hatte.

Ein unangenehmes Prickeln überzog seinen Nacken, aber er ließ sich nichts anmerken.

Er sah, wie der Seewolf nickte.

„Ja, Ben. Caligu. Dieser Hund will es wieder versuchen, und ganz bestimmt hat er uns aufgelauert. Er ist mit seiner Karavelle schneller als unsere schwere ‚Isabella‘. Wir werden uns vor ihm in acht nehmen müssen. Denn wenn er es diesmal nicht schafft und wir ihm wieder entwischen, dann ist ihm die Beute für immer verloren.“

Ben wollte schon den Niedergang zum Hauptdeck hinunterturnen, als der Seewolf ihn abermals zurückhielt.

„Ich habe neulich gesehen, wie Big Old Shane an einem gewaltigen Bogen bastelte. Ich weiß, was für ein guter Bogenschütze er ist. Frag ihn, ob er damit fertig geworden ist. Wenn ja, dann sollen er und Batuti die Marse besetzen und unseren Gegnern von dort aus mit ihren Brandpfeilen gehörig einheizen. Ich habe Big Old Shane auf Arwenack mit seinem Bogen schießen sehen, ich weiß, wie weit solche Waffen tragen und auf wie große Entfernungen er damit absolut sicher zu treffen weiß! Batuti noch dazu, also, kümmere dich um die beiden! Ich werde inzwischen zu Dan aufentern. Mal sehen, ob mir mein Spektiv etwas zeigt!“

Ben Brighton marschierte zum Hauptdeck, während Hasard an ihm vorbei zum Steuerbordwant des Großmastes ging. Die Wache auf dem Achterkastell übernahm Ed Carberry, dazu bedurfte es nicht besonderer Anweisungen.

Ben erspähte Big Old Shane bei den Geschützen. Der einstige Waffenmeister von Arwenack beschäftigte sich gern und viel mit den Culverinen oder Drehbassen. Und zusammen mit Ferris Tucker und Al Conroy hatte er bereits fast Wunder vollbracht. Alle Geschütze, Stückpforten, Brooktaue und Lafetten befanden sich in einem so gepflegten Zustand, wie die Galeone es in ihren allerbesten Tagen nicht erlebt hatte.

Der Waffenmeister sah Ben entgegen. Auf seinem kantigen Gesicht breitete sich ein freundliches Grinsen aus.

„He, Ben, was treibt dich denn vom Achterkastell in unsere pulverdampfgeschwängerten Niederungen?“ flachste er den Bootsmann an.

Ben Brighton erwiderte das Grinsen.

„Nichts Besonderes, mein Freund“, erwiderte er. „Aber Hasard rechnet damit, daß ein alter Freund von uns die Mona Passage zu blockieren gedenkt. Deshalb möchte er gern wissen, ob du deinen neuen Bogen schon fertig hast?“

Der Waffenmeister, der bisher neben einem der Geschütze gekniet hatte, um die Verankerung eines Brooktaus zu überprüfen, richtete sich auf. Seine Augen zogen sich zusammen, bis sie nur noch Schlitze waren.

„Also daher weht der Wind! Na, da habe ich gute Nachrichten für den Seewolf. Der Bogen ist fertig, und er funktioniert. Frag mal Batuti, der hat ihn ausprobiert. Der wollte ihn gar nicht wieder hergeben, und du weißt, daß sein eigener Bogen auch nicht ohne ist. Jedenfalls mußte ich ihm versprechen, ihm ebenfalls einen Bogen meiner Konstruktion anzufertigen. Aber es gehört Kraft dazu, ihn zu spannen, Ben. Das ist kein Ding für Kinder!“

Ben nickte.

„Wie sieht es denn mit den Pfeilen aus, Shane? Ich hörte, du brauchst für dieses Zauberding eine ganz besondere Sorte von Pfeilen?“

Der Hüne nickte.

„Da liegt das Problem. Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir genügend von den Dingern anzufertigen.“

Ben war mit einem Schritt bei ihm.

„Ich kenne Hasard jetzt lange genug. Ich ahne, was er vorhat, wenn wir wirklich auf diesen dreimal verfluchten Caligu treffen sollten, wenn er es wieder ist, der uns die Mona Passage sperren will. Nimm dir, wenn du willst, Ferris, aber sorge dafür, daß du genügend Brandpfeile zur Verfügung hast. Ihr habt aller Wahrscheinlichkeit nach noch ein paar Stunden Zeit.“

Der Waffenmeister von Arwenack starrte Ben Brighton an.

„Gut, das soll ein Wort sein. In ein paar Stunden regelt Big Old Shane so manches. Besonders mit einem Mann wie Ferris Tucker!“

Er verlor keine Zeit mehr, sondern ging sofort zu Ferris hinüber, der die Culverinen der Backbordseite überprüfte, während Al Conroy den Neuen letzte Instruktionen an der Steuerbordseite erteilte.

Ferris Tucker nickte nur ein paarmal, dann verschwanden die beiden unter Deck, wo der Schiffszimmermann seine Werkstatt hatte.

Unterdessen stand der Seewolf längst im Mars des Großmastes. Er hatte das Spektiv angesetzt und beobachtete seit einer geraumen Weile die drei Schiffe, denen die Galeone sich rasch näherte. Dan, auf dessen Schulter der Schimpanse Arwenack hockte und hin und wieder die Zähne fletschte, als ahne er schon, daß wieder eines dieser ihm zutiefst verhaßten, lärmenden Seegefechte bevorstand, beobachtete den Seewolf. Am plötzlichen Zucken seiner Lippen erkannte er, daß der Seewolf entdeckt hatte, wonach er suchte.

„Hölle und Teufel!“ stieß er hervor. „Es ist tatsächlich dieser verfluchte Caligu mit unserer alten ‚Isabella V.‘! Ich könnte mich in den Hintern beißen, daß ich das Schiff damals in der Bucht von Grand Cayman nicht versenkt habe! Was wäre uns alles erspart geblieben, wenn ich da besser aufgepaßt und einmal mehr nachgedacht hätte!“

Er reichte Dan das Glas.

„Sieh mal durch, und dann sage mir, ob auch du unsere alte ‚Isabella‘ erkennst! Ich meine, sie segelt den anderen voraus. Eins der Schiffe drehte eben ab, wahrscheinlich, um sich als Fühlungshalter hinter uns zu setzen. Genau wie damals in der Windward Passage!“

Der Seewolf stieß diese Worte fast heiser vor Wut hervor. Das Grinsen Dans verbesserte seine Laune keineswegs.

„Nur daß es damals ein paar Schiffe mehr waren“, sagte Dan in seine Überlegungen hinein. „Wenn die Kerle damals schon nicht den Mumm hatten, sich in die Reichweite unserer Geschütze zu wagen, diesmal müssen sie sich erst recht vorsehen. Denn soweit ich sehe, handelt es sich um unsere alte ‚Isabella‘, sie ist der einzige wirklich gefährliche Gegner. Aber da wir dieses Schiff kennen, besser kennen als der verdammte Caligu, wissen wir auch, was sie kann und was sie nicht kann. Die anderen beiden sind Schaluppen, schnell ihrer Takelung nach, aber nur schwach armiert. Seit wann kann denn eine Krähe den Seeadler beunruhigen?“

Der Seewolf starrte Dan an, als sei er eine Erscheinung. Was war eigentlich in der letzten Zeit aus dem einst so vorlauten Bürschchen geworden? Der Junge führte neuerdings Reden, die verdammt Hand und Fuß hatten!

Hasard beschloß, Dan auf die Probe zu stellen.

„Was schlägst du vor? Wenn du an meiner Stelle wärst, was würdest du tun?“

„Ich würde Caligu entgegensegeln. Ihn verwirren. Er würde sich außerhalb der Reichweite unserer Culverinen halten, aber unsere beiden Bogenschützen könnten seine Segel mit ihren Brandpfeilen erwischen. Ich glaube nicht, daß Caligu das einkalkuliert, denn er wird sich auf die Wendigkeit und Schnelligkeit seines Schiffes verlassen.“

Hasard bedachte den Jungen mit einem merkwürdigen Blick. Aber Dan redete schon weiter.

„Big Old Shane hat sich einen neuen Bogen gebaut. Einen Langbogen, der aber von der Konstruktion her Besonderheiten hat und auch besondere Pfeile verwendet. Ich glaube, er hat sich schon lange damit beschäftigt, auf Arwenack schon. Dieser Bogen soll eine viel größere Reichweite und Durchschlagskraft haben als der von Batuti. Big Old Shane müßte Caligu die Hölle ganz schön heiß machen können!“

Dans Wangen glühten vor Kampfeslust, und seine Augen blitzten. Der Seewolf, der das Bürschchen schon immer tief in sein Herz geschlossen und ganz besondere Pläne mit ihm hatte, nutzte die Gelegenheit. Denn sobald würde sie sich nicht wieder in dieser Form ergeben.

Er sah den Jungen fest an, und in diesem Augenblick mußte er sich eingestehen, daß Dan sich längst von jenem vorlauten Bürschchen zum Mann gemausert hatte.

„Dan, ich finde deinen Plan hervorragend. Du sollst ihn selber in die Tat umsetzen. Ich übertrage dir hiermit das Kommando über die ‚Isabella V.‘, bis wir Caligu geschlagen haben. Jeder Mann an Bord wird deine Befehle für die nächsten Stunden so ausführen, als hätte ich sie gegeben. Ich werde allenfalls als dein Berater zur Verfügung stehen, und das auch nur, wenn du mich fragst.“

Dan starrte den Seewolf aus großen Augen an.

„Heißt das, ich kann – ich soll – ich meine, ich kann alles bestimmen, was wir, was die ‚Isabella‘ in den nächsten Stunden tut? Welche Besegelung, welchen Kurs, welche ...“

„Genau das, Dan. Du hast das Kommando, als ob ich es wäre. Und jetzt runter mit dir aufs Achterkastell, da ist dein Platz!“

Dan wischte den Schimpansen von der Schulter, was Arwenack mit einem empörten Keckern beantwortete und blitzartig im Rigg verschwand.

Dan hingegen sauste wie ein geölter Blitz die Wanten hinunter und dann zum Achterkastell.

Der Seewolf folgte ihm, etwas langsamer. Er war gespannt, wie Dan der Mannschaft diese Neuigkeit beibringen würde, aber er wollte zur Stelle sein, falls es Schwierigkeiten geben sollte.

Er sah, wie Dan mit Ben Brighton redete und der Bootsmann einen zweifelnden Blick zu Hasard hinüberwarf, dann jedoch begriff, daß Dan es ernst meinte und sich eine solche Order wohl doch nicht aus den Fingern gesogen haben konnte.

Der Seewolf mußte grinsen. Dan war wirklich ein helles Bürschchen. Er schob Ben einfach den Schwarzen Peter zu, indem er ihn als seinen ersten Offizier damit beauftragte, die Mannschaft von seiner Kommandoübernahme in Kenntnis zu setzen.

Hasard lehnte sich gegen den Hauptmast. Absichtlich blieb er dort stehen, er wollte wissen, wie die Männer reagierten.

Ben Brighton zögerte, überdeutlich spürte der Seewolf, wie merkwürdig sich Ben in seiner Rolle als Herold vorkam. Dann fand auch dieser Hundesohn wahrhaftig einen Ausweg. Der Seewolf beobachtete, wie er sich Edwin Carberry griff, den Mann, der mit seiner Stimme die Masten der ‚Isabella‘ zum Schwanken bringen konnte.

Carberry schnappte nach Luft, aber als er in Dans funkelnde Augen blickte und den Seewolf grinsend am Hauptmast lehnen sah, stieß er entschlossen sein Rammkinn vor.

„Alle Mann an Deck!“ brüllte er. „Alle Mann herhören!“

Er wartete eine Weile, bis auch der letzte an Deck gestürzt war. Seine Blicke wischten noch mal zu Dan herüber und dann zum Seewolf, aber der nickte ihm zu.

Carberry ergab sich ins Unvermeidliche und holte tief Luft. Befehl war Befehl, da gab es nichts.

„Hört her, ihr lausigen Decksaffen. Auf Anordnung des Kapitäns übernimmt ab sofort bis auf Widerruf Dan O’Flynn das Kommando über die ‚Isabella‘. Der Kapitän erwartet von euch, daß ihr seine Befehle so schnell und so genau ausführt, als kämen sie von ihm selbst.“

Ein Raunen ging durch die Männer, einige rissen Mund und Augen auf, Buck Buchanan sprang auf die Kuhl.

„Was? Seid ihr denn alle verrückt geworden?“ schrie er. „Wir segeln klar Schiff zum Gefecht, und dann soll so ein Hänfling, so ein Hosenscheißer das Kommando über eine Crew von ausgewachsenen Männern übernehmen?“

Lachen brandete auf, und Carberry wollte schon wie eine gereizte Bulldogge dazwischenfahren, aber Dan hielt ihn zurück. Irgend etwas in dem Blick des Jungen – des jungen Mannes, wie Carberry sich augenblicklich verbesserte – gefiel dem Profos ganz und gar nicht. Aber Buchanan bemerkte von alledem nichts.

Er bog sich auf der Kuhl vor Lachen.

„He, Dan, Junge“, grölte er, „weißt du, was du mich kannst? Nein, weißt du nicht? Na, dann zeig ich’s dir mal!“

Er drehte sich um und ließ mit einem Ruck seine Hose ’runter. Dann bückte er sich und drehte Dan den nackten Hintern zu.

Die Crew brach in brüllendes Gelächter aus, das aber sofort erstarb, als Dan mit einem Satz über die Schmuckbalustrade flankte und unmittelbar hinter Buck Buchanan auf den Decksplanken landete.

Schneller als die meisten Männer es registrieren konnten, verpaßte er Buchanan einen so derben Tritt in den dargebotenen Hintern, daß Buck Buchanan über die Kuhl schoß und eine unsanfte Bauchlandung vollführte.

Er wollte hoch, aber die herabgelassene Hose behinderte ihn. Und noch ehe er seine Blöße wieder bedecken konnte, war Dan heran.

Ein weiterer Tritt traf Buchanan ins verlängerte Rückgrat, und er stürzte abermals auf die Planken.

Dan fackelte nicht. Er war sofort wieder bei ihm, riß ihn hoch und deckte den völlig Verblüfften mit einem Hagel glasharter Hiebe ein, und er war nicht zimperlich dabei.

Buck Buchanans Hose rutschte, schließlich verlor er sie, in dem verzweifelten Bemühen, seine Füße freizukriegen, ganz. Mit einem gewaltigen Schwinger streckte Dan ihn auf die Bretter und versetzte ihm abermals einen Tritt in den Achtersteven, der Buchanan durchschüttelte.

Ächzend blieb er liegen.

Dan schnappte ebenfalls nach Luft, aber nach einigen Sekunden hatte er schon wieder genügend Puste. Er baute sich breitbeinig vor Buchanan auf.

„Hattest du das gemeint, Buck, als du mich fragtest, ob ich wüßte, was ich dich könnte? Oder hattest du dir das anders vorgestellt? Los, hoch mit dir, oder ich poliere dir deine Arschbacken, daß du dich hinterher für den großen Weltarsch hältst, der alles zuscheißen soll ...“

Brüllendes Gelächter der gesamten Crew war die Antwort. Nur Gwen, die unfreiwillig Zeugin dieser Auseinandersetzung geworden war, starrte ihren Bruder entgeistert an.

„Dan!“ entfuhr es ihr, und Dan wirbelte herum. Ein Grinsen überzog seine Züge, dann aber verneigte er sich artig vor seiner Schwester.

„Es tut mir leid, junge Lady, daß du die Entblößung und Bestrafung eines männlichen Achterstevens mitansehen mußtest ...“

Der Rest ging in dem dröhnenden Gelächter Ed Carberrys unter, der verzweifelt nach Luft schnappte und sich gar nicht beruhigen konnte. Aber auch allen anderen ging es so, selbst Hasard konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Er ging lachend zu Gwen hinüber und zog sie mit sich fort in Richtung Achterkastell.

Buck Buchanan erhob sich. Wie benommen schüttelte er den Kopf, als er seine Hose von den Planken aufklaubte und hineinstieg. Unmittelbar vor Dan blieb er stehen, und nun überzog auch sein vierschrötiges Gesicht ein freundliches Grinsen.

„Aye, aye, Sir, du hast gewonnen“, sagte er laut und vernehmlich. Damit war der Bann endgültig gebrochen. Dan knuffte ihn kameradschaftlich in die Rippen und marschierte zum Achterkastell zurück.

Es war höchste Zeit. Denn die Karavelle Caligus wuchs bereits bedrohlich über den Horizont hoch. Das Schiff segelte schneller als die Galeone, und diesen Vorteil spielte der Pirat eiskalt aus.

Zwei Stunden vergingen, Caligu peilte die Lage. Er hütete sich, auf Schußweite an die Galeone heranzusegeln. Das verschaffte Ferris Tucker und Big Old Shane die nötige Zeit, genügend Pfeile für den Bogen des Waffenmeisters herzustellen.

Die beiden Schaluppen segelten inzwischen fast im Kielwasser der „Isabella“ – wie Haie, die ihrer Beute folgen. Unermüdlich, Stunde für Stunde.

Kühl und gelassen gab Dan seine Befehle, und der alte O’Flynn warf ihm mehr als einmal einen anerkennenden Blick zu.

Sie passierten die Isla Saona, und als die Dämmerung ihre ersten Fäden über den Westhorizont zog, kam die Isla Mona in Sicht.

Der Wind hatte weiterhin aufgebrist, die blaugrüne See der Karibik hatte sich verdunkelt, von Süden rollten schäumende Wogen heran, deren Gischtkronen weithin leuchteten.

Für die Galeone war es ein nahezu ideales Wetter, denn ihr schwerer Rumpf und ihre starke Besegelung wurden mit dem Wetter spielend fertig. Anders die beiden Schaluppen. Sie hatten bereits jetzt mit der See zu kämpfen, und auch die Karavelle Caligus verschwand immer wieder hinter den glasgrünen, drohenden Bergen der See, die unablässig heranrollte und die „Isabella“ zum Schlingern brachte.

„An die Brassen!“

Dans helle Stimme durchschnitt das Heulen des Windes.

„Kurs Nordost! Alle Mann auf Stationen!“

Der Seewolf warf Dan einen anerkennenden Blick zu. Dan hätte keinen geeigneteren Moment erwischen können, um den Kurs zu ändern.

„In die Wanten, Männer, setzt jetzt jeden Fetzen, den die Masten tragen! Zeigt es ihnen, zeigt den verdammten Ratten, wie der Seewolf und seine Crew die ‚Isabella‘ segeln!“

Dans Wangen glühten. Mit Argusaugen verfolgte er die Arbeiten der Männer, die die Wanten hinaufturnten und jeden Fetzen Segel setzten, der an den Rahen noch unterzubringen war.

Dan warf einen Blick zu Caligu zurück, der mit seiner Karavelle etwas abgefallen war.

„Wenn er heute noch angreifen will, dann wird er es jetzt tun, Hasard! Er muß merken, daß unsere ‚Isabella‘ gar nicht so langsam und schwerfällig ist, wie er sich das wohl gedacht hat. Daß sie die schwere See viel besser nimmt als seine beiden Schaluppen! Er muß damit rechnen, daß wir ihm während der Nacht, falls sich das Wetter weiterhin verschlechtert, glatt davonlaufen!“

Der Seewolf nickte. Dan hatte die Lage völlig richtig beurteilt.

Die beiden Schaluppen schlossen auf. Auch die Karavelle Caligus änderte ihren Kurs und glitt näher an die „Isabella“ heran, hielt sich aber sorgfältig außerhalb der Reichweite der schweren Geschütze.

„Caligu wartet auf die beiden anderen!“ stieß Dan hervor. „Er will uns in die Zange nehmen! Na warte, du braunhäutiger Bastard, du sollst dein blaues Wunder erleben!“

Er gab Big Old Shane und Batuti ein Zeichen. Die beiden enterten sofort auf. Batuti in den Vormars, Big Old Shane in den Hauptmars. Jeder hatte seinen schweren Bogen und einen Köcher voller Brandpfeile bei sich.

„Luke, Blacky!“

Die beiden spritzten heran.

„Rauf mit den Kohlebecken. Der Tanz geht los! Da, jetzt wollen sie es wirklich wissen!“

7.

Caligu ließ die „Isabella V.“ nicht aus den Augen. Er war weit davon entfernt, den Seewolf, dessen Gefährlichkeit und Entschlossenheit er bereits wiederholt kennengelernt hatte, als Gegner zu unterschätzen. Auch dann nicht, wenn er drei Schiffe hatte und die Galeone von mehreren Seiten zugleich in die Zange nehmen konnte.

Maria Juanita, die spanische Hure, die längst seine ständige Geliebte geworden war, stand neben ihm. Caligu störte die brandrote Narbe nicht, die das Gesicht Juanitas durchzog und die ihr Valdez an Bord der „Isabella“ während eines harten Kampfes zugefügt hatte. Nein, das störte den braunhäutigen, geschmeidigen Piraten überhaupt nicht, denn Juanita hatte einen scharfen Verstand. Sehr oft hatte es sich als gut erwiesen, auf ihre Ratschläge zu hören.

Außerdem war sie eine Frau, die zu ihm paßte. Sie liebte ebenso leidenschaftlich und hemmungslos, wie sie haßte. Und Juanita haßte den Seewolf und seine Männer, wie keinen Menschen jemals zuvor in ihrem Leben, denn der Seewolf hatte ihr alles genommen, was sie und die anderen Huren sich in all den Jahren bei den Spaniern in der Neuen Welt verdient hatten.

Caligu beobachtete, wie auf der „Isabella“ jeder Fetzen Tuch gesetzt wurde, den sie tragen konnte. Er stieß ein wütendes Knurren aus. Denn die See war von Stunde zu Stunde ruppiger geworden. Seine kleine Karavelle und die beiden Schaluppen, die sie begleiteten, spürten sie weit mehr als die große, dickbäuchige Galeone, die zudem noch durch eine viele Tonnen schwere Ladung tief unten im Rumpf stabilisiert wurde. Eine Ladung, auf die Caligu scharf war, koste es, was es wolle. Denn sie bestand aus für ihn geradezu unvorstellbaren Mengen an Gold und Edelsteinen, Perlen und Diamanten.

Caligu warf einen Blick in den Himmel. Langsam wanderten seine Augen zum westlichen Horizont, und er sah, daß sich der Tag seinem Ende zuneigte. Die ersten Vorboten der herannahenden Nacht zeichneten sich über der Kimm bereits ab. Eine Stunde noch, dann war es stockdunkel. Außerdem würde sich das Wetter weiterhin verschlechtern und damit ein Angriff auf die Galeone immer schwieriger. Er mußte handeln – jetzt!

Juanita sah den Piraten an. Sie erkannte seine Absicht.

„Ich würde es nicht tun, nicht jetzt, Caligu! Du erwischst diese Galeone immer wieder, sie kann dir nicht entgehen.“

„Wenn dieser Hund den Atlantik erreicht, dann ist er weg! Oder glaubst du, er wird so närrisch sein und den Kurs segeln, den wir vermuten, wenn er weiß, daß wir immer noch in seinem Kielwasser sind? Dieser Kerl ist gerissen, Juanita. Nicht nur das, er hat auch Glück! Das haben wir ja in der Windward Passage erlebt. Ich habe herumgehört, wer dieser verrückte Fremde mit der Galeone war, der alle unsere Pläne zum Scheitern brachte, auch wenn er und seine gesamte Mannschaft dabei selbst zum Teufel gingen. Er war ein Freund dieses verdammten Seewolfs, wahrscheinlich wollten sie zusammen nach England zurück. Aber jetzt ist dieser Hundesohn allein, und jetzt hole ich ihn mir, ihn und seine Schätze. Du wirst sehen, wie lange ein Mensch zu sterben vermag, wenn Caligu es will! Schreien sollen sie, um ihr Leben winseln, alle, aber es wird ihnen nichts helfen!“

Caligu gab einem Mann, der in seiner Nähe auf dem Achterkastell stand, das Zeichen, die Schaluppen zu verständigen.

„Wir greifen an! Die Bogenschützen in die Takelage, Brandpfeile bereithalten, alle Geschütze und Drehbassen bemannen. Ich werde diesem Hund das Ruder zerschießen, die beiden Schaluppen greifen gleichzeitig an, aber sie sollen ihn erst überholen und dann auf Gegenkurs gehen. Von vorn kann er seine schweren Geschütze nicht einsetzen, er kann nur die Drehbassen benutzen. Alle Schiffe klar bei Enterkommandos!“

Maria Juanita sagte nichts, sie sah Caligu nur an. Ich hätte das nicht getan! dachte sie nur, aber sie wußte, daß sie sich in diesem Moment gegen Caligu nicht durchsetzen konnte.

Caligu brüllte Kommandos über das Deck der Karavelle. Seine Männer sprangen in die Wanten oder stemmten sich in die Brassen.

Das Schiff luvte an, und wieder einmal zeigte es, was an Schnelligkeit in ihm steckte.

Caligus Plan war gut. Trotz und auch gerade wegen der hochgehenden See. Die Wogen, hinter denen der Rumpf seines Schiffes immer wieder verschwand, boten ihm gute Dekkung. Wenn er von achtern an die Galeone heranlief, hatte er tatsächlich ihren wundesten Punkt erwischt, denn die „Isabella V.“ hatte auf dem Achterkastell lediglich Drehbassen, mit denen sie einen von achtern heranlaufenden Gegner unter Beschuß nehmen konnte. Die schweren Culverinen ließen sich nicht einsetzen, solange der Feind sich außerhalb ihres Richtwinkels hielt. Schnell genug zu manövrieren, das war die schwere Galeone auch nicht, da war ihr die schnittige, leichtere Karavelle überlegen.

Caligus Schiff lief bei nahezu achterlichem Wind durch die See, daß es eine Freude war.

Caligu beobachtete, wie ein paar Männer auf der „Isabella“ über das Deck liefen, wie sie heftig gestikulierten, auf die heranbrausende Karavelle deuteten und sich gleich darauf den beiden Schaluppen zuwandten, die an Backbord und Steuerbord heraufstaffelten, aber noch außerhalb der Schußweite blieben – ja, die „Isabella“ offenbar überholen wollten.

Caligus Augen leuchteten triumphierend auf.

„Ja, du Bastard!“ schrie er. „Diesmal mußt du allein kämpfen, und diesmal wirst du zur Hölle fahren! Niemand kann dir helfen, niemand!“

Er begann dröhnend zu lachen, als er sah, daß die Aufregung an Bord der Galeone des verhaßten Seewolfs immer größer wurde. Wahrscheinlich hatten sie dort jetzt begriffen, was auf sie zukam und in welche Zange sie geraten waren.

Caligu gab ein paar Ruderkommandos. Die Karavelle schwang herum und lief jetzt von schräg achtern auf den Gegner zu.

„Backbordgeschütze klar zum Feuern!“ brüllte der Pirat. Jetzt erfaßte auch ihn die Aufregung.

„Ihr da unten, klar bei Brassen! Ho, wenn wir schnell genug herumkommen, dann verpassen wir diesem Hund gleich noch eine Breitseite, und dann ist er hinüber, dann haben wir ihn! Zielt auf das Ruder, ihr müßt es zerschmettern, dann ist er wehrlos, dieser Hurensohn!“

Caligu feuerte seine Männer an, und die Piraten hatte das Jagdfieber ergriffen, zumal auch die beiden Schaluppen unaufhaltsam der verabredeten Position entgegensegelten. Es konnte diesmal gar nichts mehr schiefgehen.

Caligu konnte nicht ahnen, daß Dan die Hektik an Bord der „Isabella“ eiskalt befohlen hatte. Einen Trupp von sechs Mann hatte er dazu abgestellt, der vor Caligus Augen die ganze Schau abzog, und der Pirat war auch prompt darauf hereingefallen.

Dan grinste sich eins, und auch um die Lippen des Seewolfs zuckte es verdächtig.

Das Kerlchen macht seine Sache phantastisch! dachte er. Wenn das nicht mal ein hervorragender Kapitän wird, dann fresse ich einen Wal mit Haut und Flossen!

Dan ließ die heranbrausende Karavelle nicht aus den Augen, ebensowenig wie Big Old Shane und Batuti, die in den beiden Marsen hockten, Bogen und Brandpfeile schußbereit in den Händen. Die starke Brise aus Süd würde die Flammen entfachen, bei solchem Wetter brannten Segel wie Zunder. Der verdammte Caligu sollte sich wundern!

Der riesige Gambianeger spannte seine Muskeln und rollte seine Schultern, während Big Old Shane gelassen, aber wachsam in jeder Sekunde, die verstrich, das feindliche Schiff im Blick behielt.

Noch ein paar Minuten! dachte er. Zu weit durften sie Caligu nicht heranlassen, denn daß der Kerl ihnen das Ruder zerschießen wollte, war Big Old Shane von Anfang an klar.

Big Old Shane griff nach dem Bogen. Wie prüfend spannte er ihn, mit seinen gewaltigen Kräften schaffte er das spielend. Dann wog er einen der Pfeile in der Hand – auch eine Spezialkonstruktion von ihm. Denn der hohle Schaft war mit Pulver aufgefüllt, das sich entzündete, sobald die brennende Spitze weit genug heruntergebrannt war. Das aber hatte der hünenhafte Waffenmeister schon auf Arwenack immer wieder probiert. Er wußte, daß keiner seiner Pfeile versagen würde. So eine Ladung Pulver erzielte eine ganz andere Wirkung als ein normaler Brandpfeil.

Die Pfeile waren schwer im Vergleich zu anderen, klar. Das konnte nicht anders sein, aber deswegen hatte er für sie ja auch extra einen Bogen gebaut, der mit ihrem Gewicht spielend fertig wurde.

Big Old Shane grinste. Er war gespannt, wie sich die ganze Sache bewähren würde, das hier war der erste Einsatz seiner neuen Waffe.

Dann war es soweit, aber noch bevor er seinen ersten Pfeil auflegen konnte, ließen ihn laute Rufe herumfahren.

Er starrte nach vorn und sah, wie die beiden Schaluppen gerade zu einer Halse ansetzten. Ihre Absicht war klar und der Plan dieses Piraten teuflisch. Denn die „Isabella“ würde es nie schaffen, sie schnell genug auszumanövrieren!

„Jetzt müßt du zeigen, Dan, was du beim Seewolf gelernt hast“, murmelte er. „Ich werde dieser Piratenbrut erst mal ein bißchen Feuer über ihren Schädeln anzünden!“

Er nahm den Bogen hoch, brannte die Pfeilspitze im bereitstehenden Kuhlbecken an, legte den Pfeil auf die Sehne – und schon zischte er los.

Big Old Shane wartete nicht, bis er in die Segel der Karavelle schlug, sondern schickte sofort einen zweiten hinterher, aber an eine andere Stelle.

Auch Batuti hatte das Feuer eröffnet, die beiden schossen um die Wette. Pfeil um Pfeil jagten sie hinaus.

Und dann passierte es. Drüben, in den Segeln der Karavelle Caligus, zuckten blauweiße Stichflammen hoch. Sie waren so heiß und so groß, daß die Segel sofort Feuer fingen.

Der steife Wind aus Süd tat ein übriges, Flammen züngelten empor, leckten an den Segeln hoch und erfaßten mehr und mehr von dem Tuch.

Voller Panik flohen Männer aus der Takelage, andere schossen ebenfalls Brandpfeile auf die Galeone ab, aber die Pfeile erreichten ihr Ziel nicht, sondern zischten ins Wasser.

Big Old Shane und Batuti feuerten weiter. Schon wenige Minuten später brannte die Besegelung des Fockmastes der Karavelle lichterloh, das Schiff lief aus dem Ruder und fiel zurück.

Batuti und Big Old Shane sahen, daß Caligu sich an Deck wie ein Rasender gebärdete, aber es half ihm nichts, gegen die teuflischen Pulverpfeile des Waffenmeisters gab es keine Rettung. Und auch jede Löschaktion erfolgte zu spät, die Karavelle brannte, und der heftige Wind, der durch das Rigg brauste, entfachte die Flammen immer mehr.

„Jetzt die Schaluppen, Batuti!“ brüllte Big Old Shane.

Der Gambianeger nickte ihm zu, tanzte vor Vergnügen in seinem Mastkorb hin und her und schwang drohend seinen Bogen.

„Du Batuti versprochen, Bogen wie du, Pfeile mit Pulver! Du machen, Big Old Shane, oder Batuti dich schlachten, so!“

Er zog sein breites Entermesser und vollführte damit eine Bewegung, als wolle er sich die Kehle durchschneiden. Dabei grinste er aber über das ganze Gesicht!

Doch dann verschwand er wieder hinter der Wand des Mastkorbes.

Dan tat das einzig Richtige, er hielt stur auf die Schaluppen zu. Bei dem Wind lief die schwere Galeone eine Mordsfahrt. Sie schob eine gewaltige Bugwelle vor sich her.

Dan brauchte den Männern nicht zu sagen, daß sie sich zu einem blitzschnellen Manöver bereithalten mußten.

Auf dem Geschützdeck glühten die Lunten. Ferris Tucker und Al Conroy führten dort das Kommando, während Smoky und Ben Brighton sich um die Steuerbord- und Backbordwache kümmerten.

Auch die Drehbassen auf dem Vorkastell waren bemannt, es war das erste Mal, daß die „Isabella V.“ unter Hasards Kommando über eine ausreichend starke Besatzung verfügte und damit auch ihre schwere Armierung hervorragend ins Treffen bringen konnte.

Auf der Schaluppe, die der „Isabella“ am nächsten war, reagierte man bereits nervös. Die heranbrausende Galeone, die offenbar keinerlei Anstalten traf, auch nur einen Strich vom Kurs abzuweichen, mußte von dem viel kleineren Schiff aus verdammt bedrohlich wirken.

Big Old Shane dachte gar nicht daran, seine kostbaren Pfeile zu vergeuden. Er wartete eiskalt seine Zeit ab, dann aber jagte er Schuß auf Schuß hinaus, und wieder taten seine furchtbaren Pfeile ihre Wirkung.

Es geschah jedoch noch etwas, womit an Bord der „Isabella“ niemand gerechnet hatte.

Die Segel der vorderen Schaluppe brannten, und auch sie lief, wie zuvor schon Caligus Karavelle. aus dem Ruder. Dabei schor sie der anderen vor den Bug, die inzwischen herangesegelt war. Es war unmöglich für sie, ihren Kurs noch rasch genug zu korrigieren. Sie krachte voll in die brennende hinein.

Der Fockmast brach, stürzte auf die brennende Schaluppe und fing selber Feuer. Unter der Wucht des Aufpralls zersplitterte die Bordwand des einen Schiffes – und dann war die „Isabella“ heran.

Durch ein blitzschnelles Manöver war sie dem drohenden Zusammenstoß ausgewichen. In einer Entfernung von knapp fünfzig Yards passierte sie die beiden havarierten Schiffe an Backbord.

Al Conroy und Ferris Tucker warteten eiskalt, längst hatten sie die Stückpforten öffnen lassen, drohend ragten die Rohre der siebzehnpfündigen Culverinen aus den Luken.

„Feuer!“

Al Conroy brüllte das Kommando durch den allgemeinen Aufruhr, durch das Siegesgeschrei der „Isabella“-Crew.

Die Culverinen entluden sich donnernd. Pulverdampf wölkte auf, grelle Mündungsfeuer stachen auf die beiden Schaluppen zu – und dann schlugen die schweren Kugeln ein.

Die Wirkung war verheerend. Die der „Isabella“ am nächsten gelegene Schaluppe zerbarst förmlich unter dem Hagel der einschlagenden Geschosse. Splitter flogen umher, die Drehbassen an Deck der „Isabella“ wummerten los und überschütteten die Decks der feindlichen Schiffe mit gehacktem Blei und Eisen.

Die von der Breitseite getroffene Schaluppe sackte so schnell und lautlos weg, wie es die Männer der „Isabella“ noch nie erlebt hatten.

Sie sahen, wie einige der Piraten über Bord sprangen, schwach drang ihr Geschrei herüber, dann war die „Isabella“ vorbei und ließ zwei brennende und ein gesunkenes Schiff hinter sich zurück.

Noch eine Weile sahen sie die Flammen, dann, irgendwann, erloschen sie. Der Weg in den Atlantik war für die „Isabella“ endgültig frei.

8.

An Bord der „Isabella“ herrschte Hochstimmung. Die Männer feierten den Sieg über Caligu, und sie feierten Dan, Big Old Shane und Batuti, die Helden dieser Schlacht. Buck Buchanan brachte Dan persönlich einen Becher Rum. Er blieb vor ihm stehen und sah ihn aus seinen kleinen Augen an.

„Aus dir wird einmal was, Dan“, sagte er. „Du bist ein ganz verfluchter Sauhund, aber ich habe Respekt vor dir, Mann. Wenn du mal ein eigenes Schiff hast, dann kannst du den alten Buck anheuern, trotz der Tritte in den Hintern. So, das wollte ich man bloß gesagt haben, Prost!“

Er hob den Becher, trank ihn mit einem Ruck aus und klopfte Dan noch einmal auf die Schulter.

Der alte O’Flynn, der mit Hasard und Gwen ebenfalls auf dem Hauptdeck zwischen den Culverinen saß, schüttelte den Kopf, denn ihm war die Szene nicht entgangen, die sich eben keine zehn Yards von ihm entfernt abgespielt hatte.

„Ich habe gar nicht gewußt, daß in dem Bengel soviel steckt“, sagte er und warf Gwen einen sorgenvollen Blick zu. „Hoffentlich schnappt uns das Bürschchen nicht total über.“

Hasard schaltete sich ein.

„Nein, bestimmt nicht“, sagte er. „Ich kenne Dan fast besser als mich selbst. Aus dem wird ein hervorragender Kapitän, dafür werde ich sorgen. Mir scheint, ihr O’Flynns seid ein guter Schlag, was?“

Er blinzelte Gwen zu, die ihre Verlegenheit nur mit Mühe überspielte. Und gerade deswegen rettete sie sich in die Offensive.

„Stimmt genau, wir brauchen uns nicht zu verstecken, wir ...“

Sie brach plötzlich ab, als sie das Grinsen des Seewolfs bemerkte, der sie mit einem eigentümlichen Blick musterte, so, als sähe er sie zum ersten Mal.

„Nein, Gwen, ihr braucht euch wirklich nicht zu verstecken“, sagte er dann leise, als er sah, daß der alte O’Flynn gerade von Matt Davies und Jeff Bowie, den beiden Männern mit den Hakenprothesen am Unterarm, mit Beschlag belegt wurde. „Du bist dafür das allerbeste Beispiel, und das denke ich schon verdammt lange, hast du das nicht gewußt?“

Gwen blickte zu Boden, um die Röte zu verbergen, die ihr Gesicht plötzlich übergoß. Aber das spärliche Licht der Deckslaterne war immer noch nicht spärlich genug, als daß ihr das gelingen konnte.

„Du brauchst gar nicht rot zu werden, Gwen“, sagte Hasard leise und zog sie von dem leeren Faß, auf dem sie saß, hoch. „Komm, Gwen, es ist Zeit, daß wir miteinander reden. Ich lade dich zu einem Glas Wein in meiner Kammer ein, oder ist dir das nicht recht? Ein Schiff wie dieses bietet nicht viele Möglichkeiten, aber dort könnten wir wirklich einmal ungestört und in Ruhe miteinander reden. Ich hatte mir das vorgenommen, seit wir dich in Santo Domingo ...“

„Komm“, sagte Gwen nur und streckte ihre Hand aus. Ihre anfängliche Verlegenheit war wie weggewischt. Sie liebte diesen Mann schon lange, und sie würde es ihm auch sagen, wenn er das wollte. Gwen war kein Mädchen, das lange Umwege liebte.

Hand in Hand gingen Hasard und Gwen zur Kuhl hinüber. Ed Carberry und Ferris Tucker, denen Big Old Shane gerade Rum einschenkte, blickten den beiden unwillkürlich nach. Ferris ließ seinen Becher wieder sinken.

„He, Ed“, brummte er, „das sieht verdammt nach Segeln im Verband aus. Fragt sich nur, wer von den beiden das Admiralsschiff ist!“

Carberry hatte sich ebenfalls aus seiner liegenden Haltung aufgerichtet. Ein Grinsen lief über sein Narbengesicht.

„Also, von wegen Admiralsschiff, das mußt du schon unseren alten Shane fragen, der kennt Gwen besser als wir. Also, was sagst du dazu?“

Big Old Shane schien die Worte Carberrys gar nicht zu hören. Versonnen, tiefe Falten auf der Stirn, blickte er Hasard und Gwen nach, als sie im Achterkastell verschwanden.

Dann goß er sich ruckartig den Becher voll und stürzte ihn hinunter.

„Freunde, ich glaube, heute wird sich der alte Shane erst mal Mut ansaufen. Da sind ein paar mächtige Klippen in meinem Kurs, und ich habe verdammt das Gefühl, daß ich gehörig aufbrummen werde!“

Carberry und Tucker starrten ihn verständnislos an, aber dann gossen sie sich ebenfalls einen hinter die Kiemen, und der Profos richtete sich auf eine lange Nacht ein.

Der Wind heulte in den Wanten und Pardunen, der mächtige Bug der Galeone stieß immer wieder in die nachtschwarzen Wogen, daß der Gischt vom Vorderkastell bis auf das Hauptdeck sprühte, aber das störte die Crew nicht. Sie hatte einen Sieg zu feiern, bei dem es keinen Toten, keinen Verwundeten, ja nicht einmal den geringsten Schaden an Bord ihres Schiffes gegeben hatte. Außerdem hatten sie endlich den Durchbruch in den Atlantik geschafft. Nicht mehr lange, und sie würden Englands Küsten wiedersehen.

Hasard und Gwen hatten die Kammer des Seewolfs erreicht. Gwen lächelte, während sie sich umblickte. Die Ordnung, die in der Kammer herrschte, gefiel ihr, ebenso die Sauberkeit.

Der Seewolf drückte die Tür zu, dann ging er auf Gwen zu.

„Gwen, ich ...“

Das Mädchen lächelte ihn an und legte ihm eine Hand auf den Mund.

„Ich weiß, über was du mit mir reden wolltest, Hasard“, sagte sie leise. Sie legte ihm die Arme um den Nakken und küßte ihn. Lange, immer wieder.

Hasard preßte sie an sich und hielt sie fest, als wolle er sie nie wieder loslassen.

Schließlich lehnte sich Gwen erschöpft an ihn.

„Siehst du, wir brauchen gar nichts zu reden“, sagte sie. „Ich wußte es schon lange, länger vielleicht als du. Aber ich hätte nie geglaubt, daß ich es dir einmal sagen würde, daß es hier sein würde, an einem Tag, an dem ihr, du und deine Männer, euch den Zugang zum Atlantik freigekämpft habt.“

Sie sah ihn an, ihre grünen Augen leuchteten.

„Und nun sag es mir doch, was du sagen wolltest. Ich möchte es hören, damit ich es glaube, damit ich es in diesem Leben nie wieder vergesse!“

Der Seewolf zog sie an sich.

„Ich liebe dich, Gwen“, sagte er. „Ich will, daß du meine Frau wirst. Gleich, an Bord dieses Schiffes!“

Gwen verschloß ihm abermals mit einem langen Kuß die Lippen.

„Ja, Hasard“, flüsterte sie dann. „Ja, ich will deine Frau werden, nur der Tod wird mich wieder von dir trennen!“

Sie schmiegte sich an den Seewolf, und er spürte ihren jungen, biegsamen Körper in seinen Armen, spürte ihre Küsse, ihre streichelnden Hände, und dann vergaßen die beiden alles – die „Isabella“, den um das Schiff heulenden Wind, das Klatschen der Wogen, das Ächzen und Knarren der Takelage ...

Der alte O’Flynn fiel am nächsten Morgen glatt aus den Schuhen, als Hasard und Gwen ihm die Neuigkeit unterbreiteten.

Er warf dem Seewolf einen schiefen Blick zu, dann einen gleichen auf Gwen.

„Also du willst diese Gans da heiraten? Junge, hast du dir das auch gut überlegt? Nichts gegen mein eigen Fleisch und Blut, aber sie ist manchmal ein verdammt harter Brocken. Das kannst du einem in Ehren ergrauten Vater schon glauben.“

Der Seewolf grinste.

„Keine Angst, auf harte Brocken bin ich spezialisiert, daran soll es nicht liegen. Aber wenn ich ehrlich bin, es gab da eigentlich eine ganze Menge Stellen, die mir gar nicht so hart erschienen, im Gegenteil.“

Der alte O’Flynn grinste ebenfalls.

„Also, du müßtest doch nicht der Seewolf sein, wenn du nicht vollendete Tatsachen geschaffen hättest. Aber da meine Tochter auch mit von der Partie war, brauche ich dich nicht erst mit meinem Holzbein für diese Hinterlist durchzubleuen. Also schön, meinen Segen habt ihr und nun seht zu, wie ihr miteinander zurecht kommt. Bin gespannt, was Dan zu seinem neuen Schwager sagen wird. Und die Crew wirst du ja wohl auch einweihen, was? Mann, das gibt ein Fest!“

Er drückte den beiden die Hand, und das wollte beim alten O’Flynn schon etwas heißen. Gwen konnte sich jedenfalls nicht erinnern, jemals von ihrem Vater einen Händedruck erhalten zu haben, statt dessen aber hin und wieder ein paar mit dem Holzbein.

Der Seewolf machte kurzen Prozeß. Er schnappte sich Gwen und stürmte mit ihr aufs Achterkastell. Dort rannte er beinahe Ben Brighton über den Haufen, und der konnte sich nur noch durch einen Satz zur Seite retten.

„He, welcher Orkan ist euch denn in die Beine gefahren?“ fragte er.

Carberry, der sich ebenfalls auf dem Achterkastell befand, war das nicht entgangen. Er stieß sein Rammkinn vor und baute sich vor dem Seewolf auf. Dabei streifte sein Blick das junge Paar, dann Ben.

„Hast du keine Augen im Kopf, Ben, daß du fragst, warum die beiden so stürmisch sind? Ich weiß ein paar Leute, die das gestern nacht schon bemerkt haben. Und ich weiß auch ein paar Leute, die dafür gesorgt haben, daß heute nacht Ruhe im Schiff war, trotz der Sauferei. So, und jetzt versammle ich wohl am besten die Mannschaft, denn ihr beide habt sicher etwas mitzuteilen, oder nicht?“

„Du bist ein ganz verdammtes Schlitzohr, Ed!“ sagte der Seewolf. „Aber recht hast du, Los, her mit der Crew. Ich will sie in einer Minute auf der Kuhl versammelt sehen, klar?“

„Aye, aye, Sir!“ Carberry salutierte, wie er es früher bei Drake oft getan hatte. Dann dröhnte seine Stimme über Deck, daß die Planken bebten.

In Rekordzeit hatte sich die Mannschaft auf der Kuhl versammelt. Auch Baldwyn Keymis befand sich unter ihnen. Es war der erste Morgen, an dem er wieder an Deck erschienen war. Nur noch ein Schatten seiner selbst, hockte er mit eingefallenen Wangen und tief in den Höhlen liegenden Augen auf dem Backbordschanzkleid. Sein einst grauer Ziegenbart war weiß geworden, ebenso sein Haupthaar. Unter gesenkten Lidern starrte er zum Achterkastell hinauf, auf dem nun Gwen, der Seewolf, der alte O’Flynn, Dan, Ben Brighton und Carberry standen. Aber es war kein guter Blick, den er diesen Männern zuwarf.

Als der Seewolf seine Neuigkeit verkündete, wurde er grün vor Wut. Er ballte die Hände, und ganz tief unten in seinen Augen funkelte abgrundtiefer Haß. Es kümmerte Baldwyn Keymis nicht, daß Gwen ihn in aufopfernder Weise gepflegt hatte, im Gegenteil. So sehr er der Pflege bedurft hatte, jedesmal wenn Gwen seine winzige Kammer im Vorschiff betrat, kostete es ihn übermenschliche Beherrschung, sie nicht anzufallen, zu erwürgen oder zu erstechen. Denn sie war der Grund seiner ganzen Demütigungen, sie war die Ursache, daß er, Baldwyn Keymis, der vom Lordkanzler eingesetzte Friedensrichter von Falmouth, jetzt auf diesem Schiff und mit dieser Bande von Piraten niedrigste Arbeit verrichten mußte und dabei nach wie vor von den Männern geschnitten wurde. So jedenfalls sah er das.

Während die Männer vor Begeisterung brüllten und ihrem Kapitän und seiner jungen Frau, Dan und den alten O’Flynn eingeschlossen, gratulierten und ihnen vor Händeschütteln fast die Arme aus den Gelenken rissen, schwor Baldwyn Keymis Rache. Er nahm sich vor, von nun an wieder an Deck zu bleiben. Er mußte seine Augen und Ohren offenhalten, er mußte Material sammeln gegen diesen Seewolf und seine Freibeuter. Die Kerle sollten sich noch wundern, sie würden schon noch begreifen, was es hieß, sich an Baldwyn Keymis vergriffen zu haben.

Unbemerkt von allen stahl er sich davon, und niemand vermißte ihn.

Als sich der Trubel endlich gelegt hatte und die Männer an ihre Arbeit zurückgekehrt waren, stieg Big Old Shane die Stufen zum Achterdeck hoch. Der Gang fiel ihm nicht leicht, aber so sehr er auch hin und her überlegt hatte, es mußte sein. Und es mußte jetzt sein, an diesem Morgen.

Vor dem Seewolf blieb er stehen, Gwen befand sich unter Deck.

„Ich muß mit dir reden, mein Junge“, sagte er. „Es wird gut sein, wenn du ein paar Minuten Zeit für mich hast.“

Der Seewolf sah den Waffenmeister von Arwenack aufmerksam an.

„Natürlich. Hier, oder wollen wir in meine Kammer gehen?“

„Gehen wir unter Deck, dort redet es sich besser. Es ist eine etwas schwierige Sache, na, du wirst sehen.“

Hasard ging Big Old Shane voraus. Auf dem Weg dorthin begegnete ihnen Gwen. Sie lachte ihnen zu.

„Ich habe an Deck zu tun, Hasard. Vorbereitungen für das Fest – das kann ich unseren Gästen schließlich nicht allein überlassen. Heute abend geht’s los!“

Sie hauchte Hasard einen Kuß auf die Lippen, dann lief sie weiter.

Big Old Shane sah ihr nach.

„Du hast eine gute Wahl getroffen, Hasard. Eine bessere Frau hättest du in ganz England nicht finden können!“

Sie betraten die Kammer des Seewolfs. Hasard holte eine Flasche Rum aus einem Schapp und stellte sie auf den Tisch.

„Trocken redet es sich schlecht“, sagte er. „Die Kehle kratzt dann so!“ Er goß ein, und der Waffenmeister nahm einen langen Schluck aus seinem Becher.

„Du erinnerst dich an meine Worte, die ich dir bei deinem letzten Besuch auf Arwenack im Dezember 1576 gesagt habe?“ begann Big Old Shane unvermittelt.

Hasard starrte ihn an. Blitzartig überfiel ihn die Erinnerung an dieses Gespräch. Er runzelte die Stirn.

„Ja, ich erinnere mich. Du wolltest mir sagen, wer ich bin. Aber wir kamen nicht mehr dazu ...“

Der alte Shane nickte.

„Ja, stimmt genau. Die Sache hat jedoch einen Haken. Wer du bist, das weiß auch ich nicht genau. Ich weiß nur, daß du kein Killigrew bist. Dem Namen nach ja, aber nicht dem Blut nach.“

Einen Moment herrschte in der Kammer Schweigen. Der Seewolf starrte den Waffenmeister aus großen Augen an. Er erinnerte sich an einige Szenen in Spanien, bei denen er diesen Verdacht auch schon mal gehabt hatte. Und er erinnerte sich daran, wie anders geartet die Sippschaft der Killigrews war als er.

Unwillkürlich stand er auf, seine eisblauen Augen richteten sich auf den alten Shane.

„Sage, was du weißt!“ forderte er ihn auf.

Der Waffenmeister nickte und nahm noch einen Schluck aus seinem Becher.

„In einer Sturmnacht im November 1556 lief eine vom Sturm schwer angeschlagene Kogge der Hanse in den Hafen von Falmouth ein. Sie suchte dort Schutz. Wahrscheinlich wollten die Männer auch die Sturmschäden ausbessern. Das Unglück der Kogge war, daß einer ihrer Seeleute zu geschwätzig war. Er erzählte in einer Kneipe, daß die Kogge Wein geladen habe. Jene Sorte, für die Sir John immer eine besondere Vorliebe hatte – du kennst ihn ja.“

Wieder nahm der Waffenmeister einen Schluck.

„Sir John befand sich zu dieser Zeit nicht in Falmouth, sondern in der Irischen See. Und weil das so war, ergriff Lady Killigrew die Initiative. Gegen Mitternacht wurde die Kogge unter ihrer Führung überfallen, die gesamte Besatzung erschlagen und in den Ebbstrom geworfen. Im Laderaum aber, zwischen den Weinfässern, aufgehängt in einer Hängematte, fand man dich. Dein Glück war, daß Lady Killigrew sich sofort in diesen kleinen, hübschen Burschen vernarrte. So nahm sie dich an Sohnes Statt an, zusätzlich zu deinen drei mißratenen Stiefbrüdern.“

Hasard stand wie versteinert. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf.

„Wie war der Name der Kogge?“ fragte er schließlich, und sein Atem ging schwer.

„ ‚Wappen von Wismar‘ “, erwiderte der Waffenmeister. „Sir John hat das Schiff später nach Irland verkauft. Mehr weiß ich nicht, aber ich hatte mich verpflichten müssen, Stillschweigen gegen jedermann zu bewahren. Nur jetzt, da du Gwen zur Frau genommen hast, solltest du es erfahren. Es ist dein gutes Recht, mein Junge. Vielleicht findest du mehr heraus!“

Der alte Shane erhob sich.

„Ich wünsche euch beiden viel Glück. Und wenn ihr für euren ersten Sohn einen Paten sucht, dann vergeßt Big Old Shane nicht.“

Gleich darauf verließ er die Kammer. Unter der Tür blieb er noch einmal stehen und sah den Seewolf an.

„Ich werde auch weiterhin über alles Schweigen bewahren – wie in den vergangenen Jahrzehnten. Wem du es sagst, das mußt du selbst entscheiden, Hasard!“

Hasard schenkte sich nach, dann trank er den Becher aus.

Eine Bindung an Arwenack bestand für ihn nur zu Lady Killigrew und zu Big Old Shane. Die ganze andere Brut konnte ihm den Buckel hinunterrutschen. Aber wer war er wirklich? Wer waren seine Eltern, und wie gelangte er auf die Kogge, in eine Hängematte im Frachtraum zwischen Weinfässern?

„Ich werde es herausfinden“, murmelte er. „Und wenn ich dafür bis ans Ende der Welt segeln müßte!“

9.

Das große Fest stieg am Abend dieses ereignisreichen Tages. Der Kutscher hatte wahre Wunder vollbracht, der Teufel mochte wissen, wo er alle die guten Dinge gehortet hatte, die jetzt plötzlich appetitlich hergerichtet an Deck erschienen. Und weiß der Himmel, die ganze Bande ließ es sich schmecken. Ben, Carberry, Ferris Tucker und der Seewolf hatten Mühe, überhaupt noch ein paar der Männer halbwegs aktionsfähig zu erhalten. Dan, der alte O’Flynn, Jean Ribault und Karl von Hutten führten gegen Mitternacht die wildesten Tänze auf, die der Seewolf und seine junge Frau bis dahin jemals gesehen hatten. Und der alte O’Flynn entwickelte eine geradezu erstaunliche Beweglichkeit, trotz seines Holzbeins.

Als der Morgen graute, lag der größte Teil der Crew irgendwo in irgendeinem Winkel an Deck, unfähig auch nur ein Glied zu rühren.

Carberry, selbst keineswegs mehr nüchtern, sah das und runzelte die Stirn.

„Man sollte ihnen allen die Haut in Streifen von ihren ...“

Weiter gelangte er nicht, denn da kippte er ebenfalls um und rührte sich nicht mehr.

Dennoch lief die „Isabella“ gute Fahrt. Der Wind blieb ihr treu, die gefürchteten Stürme bei den Azoren blieben aus.

Am 20. Januar 1580 lief sie an Kap Vincente vorbei und steuerte den Golf von Cadiz an. Der Seewolf hatte ein Versprechen gegeben, und jetzt war die Zeit, es einzulösen. Er hatte Valdez, dem alten spanischen Landsknecht, den er auf Gran Cayman in seine Besatzung aufgenommen hatte, versprochen, ihn an der spanischen Küste abzusetzen.

In einer kleinen Bucht an der Mündung des Guadiana in der Nähe von Ayamonte warf die „Isabella“ Anker.

Der Seewolf winkte den Spanier zu sich heran.

„Es ist soweit, Valdez“, sagte er. „Und als Mitglied meiner Besatzung sollst du nicht mit leeren Händen von Bord meines Schiffes gehen. Hier, nimm das! Du hast dich hervorragend geschlagen. Ich werde dich jetzt selbst an Land bringen – nein, kein Wort mehr, das bin ich dir schuldig!“

Er überreichte ihm einen Lederbeutel mit Perlen.

Valdez, über den Wert der Perlen genau orientiert, starrte den Seewolf an. Er wußte, daß er mit diesem Beutel ein Vermögen in Händen hielt.

„Sir, das – Sie können doch nicht – ich ...“

Die Tränen schossen ihm in die Augen. Hasard klopfte ihm auf die Schulter.

„Du hast dir deinen Anteil redlich verdient, Valdez. Perlen kannst du in deinem Land am unauffälligsten verkaufen. Ich will nicht, daß du irgendwann Not leiden mußt. Lieber hätte ich dich bei meiner Crew behalten, aber ich respektiere deinen Wunsch, in deine Heimat zurückzukehren. Komm jetzt! Zu lange kann ich hier nicht ankern, oder die Dons erwischen mich doch noch zu guter Letzt!“

Keiner der beiden Männer bemerkte den Friedensrichter, der sich ganz in ihrer Nähe, aber in guter Deckung aufgehalten hatte.

Ein hämisches Grinsen überzog sein eingefallenes Gesicht. So war das also, dieser Killigrew verteilte das Eigentum der Krone an Feinde Ihrer Majestät. Der Kerl war vielleicht sogar ein Sympathisant der Spanier! Wer konnte überhaupt wissen, ob dieser Valdez nicht ein Spion war? Zumindest ließ er sich mit etwas Geschick dazu abstempeln!

Das hämische Grinsen von Keymis verstärkte sich. Jetzt endlich hatte er den Seewolf da, wo er ihn haben wollte. Er sollte nur nach England segeln, dort mußte er ihn, den Friedensrichter wieder laufenlassen, dort war die Herrschaft des Seewolfs zu Ende und seine, die von Baldwyn Keymis, begann wieder.

Keymis zog sich unauffällig zurück. Es war nicht nötig, daß irgend jemand erfuhr, daß er Zeuge dieser Szene geworden war. Und es war gut, daß niemand die Gedanken erraten konnte, die er hinter seiner Stirn verbarg.

Baldwyn Keymis blieb vor einer der Nagelbänke stehen und begann, die herabhängenden Tauenden zu ordnen – zum ersten Mal in seinem Leben, daß er freiwillig ein Tau auf diesem Schiff anfaßte.

An Land gab es noch eine herzzerbrechende Abschiedsszene von, Valdez. Dann pullte der Seewolf zur „Isabella“ zurück. Er ahnte nicht, daß er Valdez wiedersehen und dann auf diese alte Freundschaft angewiesen sein sollte.

Eine Stunde später lichtete die „Isabella“ wieder den Anker. Die Crew war halb verrückt vor Freude – auf Heimatkurs nach all der langen und entbehrungsreichen Zeit, nach all den Stürmen und Gefahren, die sie durchgestanden hatten!

An Bord herrschte eine tolle Stimmung, und mit jeder Meile, die die „Isabella“ zurücklegte, wurde sie noch besser. Sogar Carberry dämpfte seine Stimme, und niemand wußte zu sagen, ob das nun seiner guten Laune oder der Tatsache zuzuschreiben war, daß sich Gwen, die junge Frau ihres Kapitäns, fast immer tagsüber an Deck zeigte.

Am dritten Tag dieser letzten Etappe, nach einer langen und zärtlichen Nacht, die Gwen mit dem Seewolf verbracht hatte, hielt sie ihn morgens, als er gerade aufstehen wollte, fest.

Der Seewolf sah sie an und wußte den Ausdruck in ihren Augen nicht zu deuten.

Aber Gwen spannte ihn nicht auf die Folter, sie legte ihm die Arme um den Hals.

„Hasard, wir werden bald nicht mehr alleinsein – ein kleiner Seewolf hat sich angemeldet ...“

Hasard erstarrte mitten in der Bewegung.

Dann drückte er sie an sich, daß ihr fast die Luft ausging. Und im nächsten Moment jagte er an Deck.

Als die Männer nun auch noch diese Neuigkeit erfuhren, war tatsächlich der Teufel los an Bord. Die Männer feierten ein Fest, daß sich die Spanten bogen. Selbst Pete Ballie, der Rudergänger, war voll wie eine Haubitze. Zum ersten Mal in seinem Leben steuerte er Girlanden.

Ein ganzes Schiff spielte verrückt ...


1.

Trotzig stemmte sich die „Isabella V.“ gegen die See. Sie überquerte Wogenkämme, stieß durch Wellentäler, pflügte die Fluten des Atlantiks vor der Küste von Portugal. Es lag etwas Majestätisches in dem Gesamtbild ihrer Erscheinung, nichts konnte ihrem mächtigen, vorwärtsdrängenden Rumpf Einhalt gebieten. Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, hatte ja immer gewußt, was für ein zuverlässiges Schiff sie war und welche Qualitäten in ihr steckten. Nicht umsonst hatte er alles darangesetzt, sie dem fetten Generalkapitän Don Francisco Rodriguez unter den O-Beinen wegzuziehen.

Gischt sprühte vom Bug hoch, prallte gegen Galion und Bugspriet, stieg darüber hinaus und trieb über das Vorkastelle und den vorderen Bereich der Kuhl. Gischt schäumte auch von der Backbordseite über das Schanzkleid, wenn der Westwind seine Brecher gegen den Rumpf drückte. Wo keine Gischt war, da durchnäßten Regenböen die Kleidung der Männer auf Deck. Die Sicht war miserabel. Die Kälte ließ die Crew die Zähne zusammenbeißen. Milchiggrün und häßlich tanzten die Fluten, und es war, als wollte die See sagen: Haut ab, verschwindet, ich will euch nicht!

Man schrieb den 26. Januar 1580. Die „Isabella V.“ stand an diesem Vormittag einige Meilen querab von Cap da Rocca. Der Wind blies beständig aus westlicher Richtung, und die Galeone segelte mit Kurs Nordnordost über Steuerbordbug. Der Seewolf hatte die Segel so dicht wie möglich holen lassen. Aber dennoch mußte er regelrecht jonglieren. Seine „Isabella“ war eine behäbige Galeone, als Rahsegler mehr für raume Winde gebaut, also kein so guter Am-Wind-Segler wie beispielsweise die Zweimast-Karavelle, die sie seinerzeit als „Isabella IV.“ durch die Karibik gesteuert und dann in der Mona-Passage beim Kampf gegen Caligu in Brand geschossen hatten.

Das bedeutete also: Mal mußte Rudergänger Pete Ballie abfallen, um den Wind mehr ausnutzen zu können und fast mit ihm mitzulaufen, mal wurde wieder angeluvt, weil der auflandige Wind sie zu sehr nach Legerwall zu drücken drohte.

Ed Carberrys Stimme dröhnte über Deck. Doch weder seine barschen Befehle, die die Männer immer wieder an Brassen und Schoten purrten, noch das scheußliche Wetter konnten die allgemeine Stimmung an Bord dämpfen. Alle außer dem Friedensrichter Baldwin Keymis waren vergnügt. Die gute Laune grenzte schon fast an Euphorie.

Gewiß, die Karibik mit ihrem tropisch warmen, einladenden Klima lag weit im Westen und damit in unerreichbare Ferne gerückt. Mancher Mann aus der Crew sehnte sich nach dorthin zurück und träumte von den Abenteuern, der Schönheit der Inseln und dem exotischen Zauber, der sie trotz aller Strapazen und Entbehrungen gefangengenommen hatte.

Aber da war andererseits die Aussicht, nun endlich England zu erreichen! Die Engländer an Bord verspürten Heimweh. Je näher die Muttererde rückte, desto mehr wuchs auch das Verlangen, wieder den Fuß daraufzusetzen. Die anderen aus der Mannschaft, die beiden Holländer und die beiden Dänen beispielsweise, der Franzose Jean Ribault, Karl von Hutten oder Batuti, der riesige Gambia-Neger – auch ihre Empfindungen lagen gewissermaßen auf der gleichen Linie. Erstens waren sie Weltenbürger geworden, ihre Herzen schlugen nicht mehr im Takt der großen Vaterlandsgefühle. Warum nicht auch endlich England, das Zuhause ihres verehrten Seewolfes, schätzen lernen? Zweitens: Sie brannten darauf, zu erleben, wie Hasard drei Viertel des immensen Schatzes aus dem Schiffsbauch der „Isabella“ an Elisabeth I. ablieferte. Die königliche Lissy würde hocherfreut sein, zumal England nicht reich war und es bitter nötig hatte. Spanien hatte ein Weltreich errichtet, Spanien triumphierte, die Bedrohung durch die eitlen, überheblichen Dons wuchs ständig!

Drei Viertel für die Lissy, so hatte Hasard es bestimmt. Und das verbleibende Viertel der großen Beute? Nun, das würde er gerecht unter seinen Männern aufteilen.

Valdez, dieser tapfere alte Haudegen, hatte bereits seinen Anteil erhalten. Hasard hatte ihn selbst an Land gerudert. Valdez, der sich für ihre Sache geschlagen hatte, war in seine spanische Heimat zurückgekehrt. Hasard hatte ihn für seine Taten mit einem großen Lederbeutel voll Perlen belohnt. Und dann, beim Abschied, waren dem alten Kämpfer tatsächlich die Tränen gekommen.

Während der Atlantiküberquerung hatte Hasard seine Liebe zu Gwendolyn Bernice O’Flynn durch eine zünftige Trauung besiegelt. Robert Rowe, der Stadtschreiber von Falmouth, hatte das Zeremoniell vollzogen. Und jetzt, nach Cadiz und dem Abschied von Valdez, hatte Gwen ihrem Seewolf etwas offenbart.

Ein Kind war unterwegs. Es würde im September 1580 geboren werden. Ein kleiner Seewolf! Wenn das kein Grund zur Freude war! Es hatte auf Hasards Anordnung hin ein feierliches Besäufnis gegeben. Der Jubel der Männer hatte die ehrwürdige „Isabella V.“ bis in die Spanten erbeben lassen.

„He“, sagte Matt Davies, als er gemeinsam mit Karl von Hutten ein Fall klarierte. „Was ist nun, wenn’s kein kleiner Seewolf, sondern eine Wölfin wird?“

„Gar nichts. Sag bloß, du denkst, Hasard würde sich über ein Mädchen nicht genauso freuen.“

„Ich denke nichts, ich meine nur ...“

„Er denkt nie“, sagte der pfiffige Sam Roskill. Er hatte zufällig mitgehört, was die beiden sprachen. „Das überläßt er Maultieren, wie wir sie bei unserem Landgang in Südamerika benutzt haben. Die haben nämlich die größere Rübe.“

Karl lachte, Matt fuchtelte mit seiner Eisenhakenprothese und rief: „Komm mir bloß nicht zu nahe, du Himmelhund. Du willst wohl, daß ich dir dein Spundloch verdüble, was? Sticht dich der Hafer?“

Carberry blieb neben Karl von Hutten stehen und kratzte sich verwundert am Kinn. Ein Brecher schlug gegen die Bordwand. Carberry hielt sich mit einer Hand an der Nagelbank fest. „Hölle und Teufel, was ist bloß in Matt gefahren, daß er sich plötzlich so geziert ausdrückt? Spundloch, Hafer – ist ihm nicht gut?“

Karl wies nach achtern. Gwendolyn Bernice O’Flynn war auf dem Quarterdeck erschienen. Trotz einer Warnung Ferris Tuckers stieg sie den Niedergang zum Achterdeck hoch. Hasard, der bisher an der Schmuckbalustrade gestanden hatte, erblickte sie, eilte auf sie zu – und verhinderte im letzten Augenblick, daß sie aus der Balance geriet und hinschlug.

Karl sagte: „Matt hat Angst, daß Gwen ihn fluchen hört. Er würde sich schämen, wenn sie ’rauskriegt, was für eine schlechte Kinderstube er hat.“

„Fängst du auch noch an zu stänkern?“ Matt wandte sich um und blickte ihn drohend an. Eine Regenbö fegte über die Kuhl. Sie duckten sich und prusteten, dann rief Matt Davies: „Legt euch bloß nicht mit mir an! Und was Hasards und Gwens Kind betrifft, habe ich die Lösung gefunden. Wenn es eine Seewölfin wird, machen sie eben noch eins und noch eins und noch eins – bis auch ein Junge dabei ’rausspringt.“

„Recht hat er“, erwiderte Carberry zu Karl von Hutten. „Die Sippe muß unbedingt einen Stammhalter finden.“

„Ihr beiden braucht jetzt nur noch Hasard und Gwen zu fragen, ob sie mit eurer Planung einverstanden sind“, sagte Karl grinsend.

Unterdessen hatte der Seewolf seine Frau besorgt auf das Quarterdeck zurückgebracht. Schützend legte er ihr den Arm um die Schultern. „Du darfst dich nicht überanstrengen oder aufregen, Gwen. Denk daran, daß du jetzt nicht mehr allein bist.“

„Aber natürlich. Ich wollte nur an deiner Seite sein, weil ich es unter Deck einfach nicht mehr ausgehalten habe.“ Ihre grünen Augen richteten sich auf sein Gesicht. „Kannst du das nicht verstehen? Außerdem, ich bin doch nicht aus Zucker.“

Hasard lächelte. „Der Kutscher sagt, schwangere Frauen werden leicht eigensinnig und wunderlich, und er muß es ja wissen. Geh bitte wieder in deine Kammer, bevor dich eine Bö oder ein Brecher von Deck fegt. Lieber zanke ich mich mit dir, als daß ich riskiere, dich aus der See fischen zu müssen.“

Gwen schmollte ein bißchen. Aber den ersten Ehekrach wollte sie auch nicht vom Zaun brechen. Sie zog sich zum Steuerbordschott des Achterkastells zurück. Sie hatte den Niedergang erreicht, als ein grollender Laut auf die „Isabella V.“ zuwehte. Gleich darauf erfolgte ein zweites, ähnliches Geräusch, unterschwellig, drohend, unheimlich.

Gwen verharrte und drehte sich um. Sie sah Hasard, wie er am Großmast stehenblieb und etwas zu Dan hinaufschrie. Gwens jüngerer Bruder hockte auf seinem schwankenden Posten und hielt die Augen offen, aber er konnte nur zurückrufen: „Nichts zu sehen, Sir! Zu starke Regenböen!“

„Aus welcher Richtung kommen die Geräusche?“ wollte der Seewolf wissen.

„Nordosten!“

Hasard wandte sich an Ben Brighton und Ferris Tucker. „Das ist eindeutig Kanonendonner. Da, jetzt hat es wieder gekracht! Wir haben zwei Möglichkeiten.“

„Wir können auf Westkurs gehen, gegen den Wind kreuzen und uns verholen, ohne, uns den Teufel um das Gefecht zu kümmern“, entgegnete Ferris. „Was schert uns die Sache eigentlich?“

Hasard musterte ihn, und es tanzten wieder einmal tausend Teufel in seinen eisblauen Augen. „Vielleicht mehr, als du ahnst. Die Welt ist voller Überraschungen. Wer sagt uns, daß wir nicht doch noch so ganz nebenbei bei den Spaniern abstauben können? Ben, wir nehmen Kurs nach Nordost und laufen direkt auf den Kampflärm zu.“

„Aye, aye, Sir.“

Philip Hasard Killigrew konnte nicht wissen, wie unglückselig die Folgen ausfallen würden, die sich aus diesem Befehl ergaben. Hätte er auch nur ansatzweise etwas von dem Verhängnis gewittert, hätte er sich – bei allem Draufgängertum – doch lieber heimlich und leise verzogen.

Eine halbe Stunde später war es soweit. Die „Isabella“ rauschte unter Vollzeug nach Nordosten. Hasard holte jetzt aus ihr heraus, was in ihr steckte. Dan O’Flynns adlerscharfe Augen ließen ihn auch diesmal nicht im Stich.

Bevor die Männer auf Deck durch den Sprühnebel etwas erkennen konnten, beugte sich der Junge über die Segeltuchverkleidung des Hauptmarses und rief: „Deck! Sechs Schiffe voraus! Es sind zwei Karavellen und drei Galeeren im Gefecht mit einer Galeone!“

„Profos!“ Hasards Stimme donnerte über Deck.

„Sir?“

„Schiff klar zum Gefecht!“

„Aye, aye, Sir.“ Carberry brüllte los, und die Männer zeigten, was in ihnen steckte. Der ewige Drill, die unerbittliche Disziplin und das oft geübte Rollenexerzieren trugen wieder einmal ihre Früchte. Jeder wußte auch so, was er zu tun hatte. Sogar die „Neuen“, die sie aus dem Kerker von Santo Domingo befreit hatten, hatten sich in unverzüglicher Weise in die Mannschaft integriert und leisteten ihr Teil.

Während ein Drittel der Crew weiterhin mit den Segelmanövern beschäftigt war, raste das Gros auf die Gefechtsstationen und besetzte sie. Füße trommelten ihren Rhythmus auf den Decksplanken. Jemand fluchte, jemand rutschte aus und fiel hin. Die Stückpforten wurden geöffnet. Das einsetzende Rumpeln der Kanonen, die, nachdem die Laschungen gelöst worden waren, auf ihren Hartholzrädern ausgefahren wurden, war Musik in den Ohren der Männer.

Der Kutscher hatte die Holzkohlefeuer in der Kombüse mit Wasser gelöscht. Jetzt flitzte auch er über Deck, das heißt, es war mehr ein Schlittern, denn die „Isabella“ rollte und stampfte in der aufgewühlten See. Das erschwerte sämtliche Vorbereitungen, selbst das Ausstreuen von Sand auf den Decks und das Hochholen von Seewasser in Holzkübeln. Als der Kutscher die Kübel endlich gefüllt hatte und zum Befeuchten der Wischer bereitstellte, kippten sie wieder um.

„Hol’s der Henker“, schimpfte er.

„Hört euch das an!“ rief Al Conroy. „Der Kutscher flucht.“

„Ich kann auch noch ganz anders“, sagte der Kutscher.

Al Conroy war für einen Augenblick unachtsam gewesen. Das hatte jetzt seine Folgen. Seal Kildare, einer der Männer aus Falmouth, assistierte Al an einem der 17-Pfünder der Backbordseite. Dieser Seal war Handwerker von Beruf und ganz gewiß ein zuverlässiger Mann. Er drückte sich nicht, wo es zuzupacken galt, pfiff auf die mannigfachen Gefahren, die das Leben an Bord eines Schiffes mit sich brachte, und im übrigen wuchsen ihm allmählich „Seebeine“. Aber es gehörte mehr Erfahrung dazu, einen bockigen 17-Pfünder im Zaum zu halten.

Die Zugtalje hielt die Kanone noch bis zum Ende des Ladevorganges. Aber jetzt holte die „Isabella“ nach Steuerbord über. Seal Kildare hatte die Taljen, mit denen das Geschütz in Feuerstellung gebracht wurde, noch nicht befestigt. Das Rohr zuckte aus dem Lukensüll zurück – die Kanone rollte auf Seal zu!

„Verdammt“, brüllte Gary Andrews am Nachbargeschütz.

Al Conroy fuhr herum. Und dann hatte er alle Hände voll zu tun, die Kanone zusammen mit Seal im Zaum zu halten. Sie wollte sich selbständig machen, um jeden Preis. Al und Seal stemmten sich dagegen. Sie keuchten und schwitzten, boten ihre gesamte Kraft auf und schafften es tatsächlich, das schwere Ding aufzuhalten.

Die Kanone wäre sonst wie ein Geschoß quer über die Kuhl gerast. Sie hätte zweifellos die Zugtalje aus der Halterung gefetzt, wäre dann nach Steuerbord gerumpelt und durch das Schanzkleid gebrochen. Al, Gary, der Kutscher und all die anderen, die von Anfang an mit dem Seewolf gefahren waren, hatten ähnliche Szenen schon auf anderen Schiffen beobachtet: Kanonen hatten Männer überrollt und zermalmt und heilloses Durcheinander an Deck gestiftet. Mit Kanonen war nicht zu spaßen. Man hatte auch schon erlebt, daß sie an den Schildzapfen aus ihren Lafetten brachen. Al dachte an all das, und die Angst stand plötzlich in seinem Gesicht.

Gary, der Kutscher und Buck Buchanan sprangen heran und unterstützten die beiden in Bedrängnis geratenen Männer. Noch bevor die „Isabella“ wieder zur anderen Seite krängte, schoben sie den 17-Pfünder soweit in die Luke zurück, daß die vorderen Taljen ebenfalls befestigt werden konnten.

Das Schiff holte nach Backbord über. Gemächlich rumpelte die Kanone wieder nach vorn und steckte ihr Rohr durch die Stückpforte nach draußen.

„Verfluchtes Aas“, wetterte Al Conroy. „Und das muß ausgerechnet mir passieren!“

Der Profos stand breitbeinig hinter ihm. Er gleich geschickt die schlingernden Schiffsbewegungen aus und stemmte die Fäuste in die Seiten. „Ja, dir als Waffenexperten hätte so was wirklich nicht unterlaufen dürfen. Himmel, Arsch, bist du denn von allen guten Geistern verlassen, was, wie? Du Rübenschwein, muß ich dir so kurz vor England noch die Haut vom Hintern ziehen?“

Al ließ das Donnerwetter ohne Widerworte über sich ergehen. Seal Kildare wollte einen Einwand erheben, weil er doch eigentlich die Schuld an dem Ganzen trug. Aber Al winkte ab. Er sah ja ein, daß er besser aufpassen hätte müssen. Außerdem, wer Ed Carberry kannte, der ließ ihn toben.

Vierundzwanzig Culverinen, also 17-Pfünder, hatte die „Isabella V.“ zwölf auf der Backbord-, zwölf auf der Steuerbordseite der Kuhl. Dazu kamen vier Drehbassen auf der Back und sechs, Drehbassen auf dem Achterkastell, insgesamt also vierunddreißig Stück.

Während die Ladearbeiten an allen Geschützen abgeschlossen wurden, glitt die „Isabella“ auf die sechs fremden Schiffe zu. Immer lauter drang das Dröhnen der Kanonen herüber. Bald war der Pulverrauch wahrzunehmen. Er lag über den Decks der Schiffe, dehnte sich nach allen Seiten aus und schwebte dicht über dem Wasser auf die Galeone des Seewolfes zu.

Baldwin erhielt eine Ladung davon in die Nase. Der Rauch war beißend. Er ließ seine Augen tränen und reizte seine Atemwege derart, daß er zu husten begann.

Keymis, der Friedensrichter von Falmouth, stand neben Smoky auf der Back und richtete eine der Drehbassen.

„Siehst du“, sagte Smoky ungerührt. „Jetzt hast du einen Vorgeschmack auf das, was noch kommt, du Hund. Los, los, keine Müdigkeit vorschützen. Ich hab dir gezeigt, wie man fachgerecht das Geschoß in seine Lage bringt. Jetzt lernst du, wie man das Zündloch mit Pulver füllt. Willig, Mann, oder soll ich dir in den Hintern treten?“

„Deck!“ Mit diesem Ruf meldete sich Dan O’Flynn wieder aus dem Hauptmars. „Im Großtopp der Galeone flattert die Flagge mit dem Georgskreuz!“

„Ein Engländer“, sagte der Seewolf. „Da habt ihr’s, Männer. Wir helfen also einem Landsmann.“ Er verließ das Achterdeck, lief nach vorn und erklomm die Back. Wenig später konnte auch er durch das Spektiv die Flagge der Galeone erkennen. Und er sah noch mehr.

„Sie ist schwer angeschlagen“, sagte er zu Smoky und den anderen Männern auf der Back. „Ihr Fockmast ist außenbords gegangen. Die zwei Karavellen und drei Galeeren haben sie umzingelt. Lange steht sie das nicht mehr durch. Profos!“

„Schiff klar zum Gefecht, Sir!“

„Klar bei Kartuschen, wir greifen den am nächsten liegenden Gegner mit einer Backbordbreitseite an.“

„Aye, aye, Sir!“

Hasard eilte aufs Achterkastell zurück und gab Pete Pallie seine Anweisungen. Dann wandte er sich an Ben Brighton und Ferris Tucker. „Die fünf Gegnerschiffe haben Holzkreuze unter den Galions baumeln. Dreimal dürft ihr raten, welches ihre Herkunft ist.“

„Spanien“, sagte Ben. „Wer anders als die Dons führt ein so typisches Erkennungszeichen?“

Die „Isabella“ segelte auf die am weitesten südlich plazierte der drei Galeeren zu. Hasard ließ sein Schiff abfallen und auf Ostkurs gehen. Es lief nun voll vor dem Wind und hielt auf die portugiesische Küste zu. Dabei präsentierte es den Dons die Backbordbreitseite, wie der Seewolf es befohlen hatte.

2.

Die Spanier drehten sich voll Überraschung zu der imposanten Dreimast-Galeone um, die da wie eine Geistererscheinung aus dem Regendunst heransegelte. Allmählich wurden ihre Konturen für die Besatzungen der Galeeren scharf und konkret, aber zu spät begriffen die Spanier, daß sie es mit einem Gegner zu tun hatten. Sie glaubten wohl auch nicht daran, daß ein Feind die Dreistigkeit besitzen würde, sich bei dem Stand der Dinge an eine solche Übermacht heranzuwagen. Und genau das war ihr Fehler.

Die 17-Pfünder der „Isabella“ wummerten los. Über dem Backbordschanzkleid puffte weißer Qualm hoch. Die Kanonen spuckten ihre Ladungen gegen den Feind aus, rollten vom Rückstoß getrieben zurück und wurden durch die Taljen gestoppt. Al Conroy, Gary Andrews, Matt Davies sowie alle anderen Geschützführer der Backbordseite und ihre Helfer lugten gespannt über das Schanzkleid.

Ein Heulen war zu vernehmen, dann riß eine der Kugeln der nächstliegenden Galeere das Heck auf. Gleichzeitig fegten mehrere Geschosse dicht über ihr Mittelheck. Ein Beiboot wirbelte plötzlich in Trümmern durch die Luft. Das Schreien von Männern war zu hören. Die 17-Pfünder-Kugeln räumten unter der spanischen Mannschaft auf. Panik brach aus.

„Hurra!“ rief Matt Davies. „Das hätten sie nicht erwartet, diese Bastarde. Dabei haben wir erst unseren Einstand gegeben. Na wartet!“

Die Reaktion des Gegners erfolgte viel zu spät. Er wollte manövrieren, seine Geschütze auf die „Isabella“ richten und das Feuer erwidern, aber sie war bereits vorbei.

Hasard bediente eine der Drehbassen auf dem Achterkastell. Er hatte sie sorgfältig justiert, wartete jetzt seinen Moment ab und zündete die Ladung, als die „Isabella“ sich aus den Fluten hob und die Galeere gerade einen Wogenhang hinüberglitt. Die „Isabella“ sackte wieder etwas tiefer, die Galeere stieß aus dem Wellental hoch – die Drehbasse brüllte auf und entließ fauchend ihre Ladung.

Die Eisenkugel rasierte der Galeere an der Steuerbordseite glatt die Hälfte ihrer Riemen ab.

„Holla!“ rief Ferris Tucker. „Das war ein sauberer Schuß; Hasard! Jetzt ist er vollends flügellahm, der Don!“

„Anluven“, ordnete der Seewolf an. „Jetzt geben wir dem nächsten Zunder.“

Die „Isabella“ ging auf Nordkurs und segelte mit halbem Wind. Der zweite Gegner, ebenfalls eine Galeere, befand sich in Lee des getroffenen Spaniers. Seine Mannschaft stand bereits klar zum Entern der in Bedrängnis geratenen englischen Galeone. Aber jetzt brüllte der Kapitän wütende Befehle, und die Männer stürzten an die Geschütze. Hastig wurden die Segel gesetzt, damit das Schiff mehr Fahrt erhielt und manövrierfähiger wurde.

Die „Isabella“ glitt so nahe an die Galeere heran, daß Hasard und seine Crew die Rufe der Sklavenaufseher auf dem Unterdeck vernehmen konnten. Die trieben die armen Teufel an, die dort festgekettet saßen. An Steuerbord wurde angerudert, an Backbord gestrichen, die Galeere drehte sich, um der „Isabella“ die Steuerbordbreitseite zu präsentieren. Hasard blickte durch das Spektiv und sah den Kapitän, der wie der Leibhaftige auf dem Achterdeck tobte.

„Heilloser Aufruhr“, sagte er grimmig. „Aber das führt zu nichts. Je mehr Zustand herrscht, desto besser stehen die Dinge für uns. Der Capitan hat Vollzeug setzen lassen, aber damit schneidet er sich ins eigene Fleisch. He, Shane und Batuti, Feuer!“

Der Gambia-Neger hockte bei Dan O’Flynn im Großmars. Big Old Shane, der Schmied und Waffenmeister von Arwenack, war in den Fockmars aufgeentert. Schon einmal hatte er bewiesen, was er als Bogenschütze wert war. Das war beim Kampf in der Mona-Passage gewesen, als sie Caligu, dem Piraten, das Fürchten beigebracht hatten. Batuti hatte sich herausgefordert gefühlt. Und so war es auch jetzt. Die beiden Riesen veranstalteten ein Wettzielschießen auf die zweite Galeere.

Zuerst fing das Großsegel der Galeere Feuer, dann die Fock, und schließlich loderte es aus der gesamten Takelage himmelan, daß die Männer der „Isabella“ vor Begeisterung johlten.

Der Seewolf ließ die Spanier auf dem Oberdeck der Galeere nicht aus den Augen. Als einige von ihnen trotz des allgemeinen Durcheinanders noch die Steuerbordgeschütze zu zünden versuchten, gab er seinen Männern auf dem Achterkastell einen Wink und rief wieder: „Feuer!“

Die restlichen fünf Drehbassen krachten. Ferris Tucker verzeichnete einen Volltreffer im Schanzkleid der Galeere. Splitter wirbelten, Spanier sackten getroffen zusammen. Zwei kippten samt ihrer Kanone durch eine Lücke im Schanzkleid außenbords. Ben Brighton hatte dem Gegner eine Kugel unter die Wasserlinie gesetzt. Die Galeere lief völlig aus dem Ruder. Dann, als die „Isabella“ vorüber war, schlug sie quer. Auch die erste Galeere sank.

Der Jubel von Hasards Männern kannte kaum noch Grenzen. Zwei Schiffe hatten sie abserviert, ohne daß der Gegner Zeit für Gegenmaßnahmen gefunden hatte.

„Jetzt verputzen wir den nächsten!“ rief Carberry. „Und diesmal setzen wir unsere Steuerbordbreitseite ein!“

Während auf der Backbordseite der Kuhl und auf dem Achterkastell in fliegender Eile die Geschütze nachgeladen wurden, segelte Hasard an der englischen Galeone und den beiden Karavellen vorbei. Die Galeone war wirklich übel dran. Außer dem verlorengegangenen Fockmast hatte sie offenbar noch mehr Treffer zu verzeichnen. Kaum noch manövrierfähig, krängte sie immer mehr nach Backbord, nahm Wasser über und drohte vollends querzuschlagen.

Hasard hob den Kieker ans Auge. Aber noch konnte er den Kapitän nicht erkennen. Durch den Regendunst waren nur die Gestalten der Mannschaft zu sehen. Wie Schemenwesen huschten sie über Deck.

Unterdessen schickte sich die dritte Galeere an, das Entervorhaben zu vollenden. Sie rückte von Westen auf die englische Galeone zu. Die beiden Karavellen verhielten nördlich. Beide richteten ihre Steuerbordbreitseiten auf die Galeone. Die weiter östlich stehende hätte beidrehen und eine Salve auf die „Isabella“ abgeben können. Aber ihr Kapitän war augenscheinlich ein besonnener Mann. Er wartete auf eine bessere Gelegenheit und schien davon überzeugt zu sein, daß sich ihm diese Chance bieten würde. Dieser Spanier war also nicht zu unterschätzen.

Hasard hatte ein waches Auge auf ihn und auf die andere Karavelle. Unterdessen steuerte die „Isabella“ in einer weiten Schleife nach Westen und geriet damit in den Wind, so daß die Segel zu killen begannen. Sie knatterten so heftig, daß die Männer die Köpfe einzogen. Baldwin Keymis sank auf der Back zu Boden. Er rang die Hände und wimmerte.

„Waschlappen“, sagte Smoky verächtlich. „Und so was schleppen wir nun mit. Wir hätten dich auf Hispaniola lassen sollen.“

Die „Isabella“ ging über Stag und vollendete ihre 180-Grad-Schleife. Sie segelte nun bei Westwind über Backbordbug und hielt mit südlichem Kurs direkt auf die englische Galeone zu. Jetzt wurde es ernsthaft gefährlich für den Seewolf und seine Männer. Die Spanier, die den ersten Angriff unversehrt überstanden hatten, hatten ihren Schreck überwunden und genügend Zeit gehabt, sich auf die nächste Attacke vorzubereiten.

Hasard beobachtete durch das Spektiv. Die beiden Karavellen luvten nun auch an und zeigten ihm ihre Hecks. Sie waren bereit, ihn in die Zange zu nehmen. Wenn er nicht den Kurs änderte, würde er zwischen beiden Gegnern hindurchsegeln – durch eine Art Korridor. Nur einer konnte so verrückt sein, die Herausforderung zu akzeptieren und sich freiwillig zum Spießrutenlaufen zu begeben: er, Philip Hasard Killigrew.

„Ben“, sagte er. „Natürlich irritieren wir diese Burschen. Erst fallen wir ab und tun so, als wollten wir wieder auf die Küste zuhalten. Sie werden entsprechend manövrieren. Danach luven wir wieder an und segeln zwischen ihnen hindurch.“

Es wurde kein leichtes Unterfangen. Hasard verlangte seinen Männern alles ab, was an seemännischem Können in ihnen steckte. Schließlich war die „Isabella“ kein sehr wendiges Schiff. Es kostete allerhand, die Kapitäne von zwei Karavellen an der Nase herumzuführen und dann doch zwischen ihnen hindurchzulavieren. Aber Hasard schaffte es.

Er sprang zum Quarterdeck hinunter und wollte von dort aus durch die Kuhl zum Vorkastell. Aber vorher vergewisserte er sich, daß Gwen auch wirklich nicht mehr die Nase aus dem Achterkastell steckte. Für eine Frau zeigte sie geradezu eine unerhörte Portion Mut, doch er hätte es sich nie verziehen, wenn sie im Gefecht auf Deck verletzt worden wäre. Dort unten, in der Kammer des Achterkastells, befand sich seine ganze Zuversicht: Gwen, seine große Liebe, seine Ehefrau – und das Kind, das aus ihrer Leidenschaft erwuchs. Sicher, ein Kritiker hätte ihm vorwerfen können, daß es verantwortungslos war, mit Gwendolyn an Bord zusätzlich eine Seeschlacht zu entfesseln. Was war denn jetzt vorrangig, sein Triumph über die Spanier oder die Sicherheit des größten Schatzes, den er auf Erden besaß?

Natürlich war Gwen wichtiger. Aber Hasard konnte andererseits auch nicht seine Prinzipien ablegen. Er hatte der englischen Krone Treue und den Dons Tod und Verderben geschworen. Davon ging er nicht ab. Es wäre ein Verrat an sich selbst gewesen.

Hasard lief auf die Back und sagte zu Smoky: „Als erste seid ihr mit euren vier Drehbassen an der Reihe. Das Feuer wird die Dons in Atem halten. Gleich darauf werden Shane und Batuti ihre Brandpfeile auf die Reise schicken. Dies ist der Auftakt zu dem Höllenkonzert, das ihnen unsere beiden Breitseiten bieten werden.“

Kurz darauf dröhnten die Drehbassen auf dem Vorkastell los. Eisenkugeln und gehacktes Blei rasten gut verteilt zu den Karavellen hinüber, zwei Ladungen zu der östlich, zwei zu der westlich postierten. Es war ein eher lächerlicher Auftakt. Was konnten vier Drehbassen schon groß ausrichten? Aber den Spaniern verging das Lachen. Die Eisenkugeln und das gehackte Blei rissen Treffer in die Bordwände und Schanzkleider der Karavellen und verletzten Männer.

Smoky, Stenmark, Sam Roskill und Jean Ribault, die vier Geschützführer, lachten und rieben sich die Hände.

„Nein, das haben sie nicht erwartet!“ rief der Franzose. „Daß wir auf diese Entfernung und bei der See treffsicher zielen!“

Brandpfeile verließen die Bogensehnen von Batuti und Big Old Shane. Zischend stießen sie durch die Luft. Regen drohte sie auszulöschen, doch die Glut ließ sich nicht erstikken, bis sie auf die Takelage der Gegner traf. Hoch züngelten die Flammen von den Segeln der Karavellen auf.

Die Spanier verfügten über keine Bogenschützen. Sie waren auf Distanz blessiert worden und konnten sich vorerst nicht zur Wehr setzen. Zwar stoben über ihren Bordwänden Rauchwolken hoch – sie setzten Drehbassen und Serpentinen ein – doch so gutes Zielwasser wie Hasards Männer hatten sie nicht getrunken. Die Geschosse rissen entweder vor der „Isabella“ Wasserfontänen hoch oder strichen über das Schiff weg, weil sie viel zu hoch gezielt waren.

Dann erfolgte die direkte Konfrontation.

Die „Isabella“ segelte zwischen den Karavellen hindurch. Hasard schrie „Feuer“, und der Geschützdonner beider Breitseiten ließ das Schiff bis in die Verspannungen erbeben. Auch die Spanier zündeten ihre Kanonen. Die Luft war von Orgeln, Heulen und Brausen erfüllt. Hasard und seine Männer warfen sich flach neben den Geschützen auf die Planken. Das Inferno hatte eingesetzt und raste über sie weg. Es dauerte ein paar Sekunden, dann waren sie der Hölle entwichen. Sie durften sich im beißenden Pulverqualm aufsetzen und nach achtern blicken.

Der Qualm lichtete sich. Hasard sah die Karavellen. Die in Westen liegende hatte einen Knick im Großmast davongetragen, die andere hatte es schwer mittschiffs erwischt. Auf der Kuhl herrschte unglaublicher Aufstand. Für einen Augenblick versetzte sich der Seewolf in die Lage der Kapitäne, die dort drüben wieder Ordnung herzustellen hatten. Er mochte nicht in ihrer Haut stecken.

Hasard stand ganz auf. Er hielt Bilanz. Sie fiel nicht schlecht aus. Auf der „Isabella“ hatte es kaum Beschädigungen gegeben. Die Dons waren wirklich miserable Schützen. Bob Grey und Henry Flood, einer der fünf Fischer von Falmouth, hatten leichte Verwundungen erlitten. Der Kutscher hockte schon bei ihnen und legte ihnen Verbände an.

„Deck!“ brüllte Big Old Shane plötzlich aus dem Vormars. „Die dritte Galeere will es mit uns aufnehmen!“

Hasard wandte sich um. Tatsächlich, die Galeere, das einzige noch unbeschädigte Schiff, pirschte sich aus Luv an, um ihnen in die Steuerbordseite zu fallen. Natürlich verfuhr ihr Kapitän nach einem einfachen Kalkül. Er setzte voraus, daß die „Isabella“ sämtliche Geschütze abgefeuert hätte.

„Ben, Ferris!“ rief Hasard zum Achterkastell. „Heizt ihnen mit den Drehbassen ein.“ Wohlweislich hatte er die Stücke auf der Poop noch aufgespart. Jetzt war ihm dies von unschätzbarem Vorteil. Während die Geschützführer auf der Back und in der Kuhl an ihren Culverinen und Bassen hantierten, ließ Hasard abfallen. Die „Isabella“ zeigte der Galeere das Heck, die Drehbassen belferten los.

Die Galeere führte plötzlich keinen Bugspriet und keine Galion mehr. Eine Kugel hatte sie zudem unterhalb der Wasserlinie in der Backbordwand erwischt. Und jetzt fingen auch Batuti und Big Old Shane wieder an, mit Brandpfeilen zu schießen.

Die „Isabella V.“ glitt auf die beiden ersten Galeeren zu. Die eine hatte sich ganz quergelegt. Ein paar Überlebende pullten mit Beibooten von ihr fort und trachteten verzweifelt danach, die letzte Galeere zu erreichen. Die zweite brannte lichterloh. Der Regen hatte die gleiche Wirkung wie die Spucke eines Mannes bei dem albernen Versuch, ein Lagerfeuer zu löschen.

Hasard blickte wie gebannt auf die englische Galeone. Sie rückte nun sehr nahe in Lee der „Isabella“. Hasard inspizierte ihre Decks durch den Kieker. Plötzlich, mitten im Jubelschrei seiner Crew, zuckte er wie unter einem Peitschenhieb zusammen.

Er hatte erkannt, wem sie da zu Hilfe gekommen waren.

Hasard bemerkte erst jetzt, daß Carberry neben ihn getreten war. Der Profos spähte ebenfalls durch ein Spektiv. „Ja, ist denn das zu fassen? Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt. Der Bursche mit der Knollennase drüben auf dem Achterdeck, den kenne ich doch!“

„Und ob“, sagte Hasard.

„Das ist Sir John!“ schrie Dan O’Flynn aus dem Großmars.

Donegal Daniel O’Flynn senior, der nicht weit von Hasard und Edwin Carberry stand, wandte den Kopf. Er kniff die Augen zusammen. Da bedurfte es keines Kiekers mehr. Sie waren jetzt dicht genug an der englischen Galeone, um alle mit bloßem Auge zu sehen, was sie sich eingebrockt hatten.

„Sir John Killigrew“, sagte der alte O’Flynn. „Du vertrackter, holzköpfiger Bulle. Du gottverdammter Leuteschinder. Daß ich dich hier treffe, hätte ich wirklich nicht gedacht.“

Sir John lehnte sich drüben über das Schanzkleid und linste angestrengt zu ihnen herüber. Die Seewolf-Crew wurde ihrer letzten Zweifel an der Identität dieses Mannes enthoben, als jemand neben ihm auftauchte – ein zweiter Bulle von Mann, verschwitzt, mit rotem Gesicht, roten Haaren und aufgeworfenen Lippen.

Hasard ächzte. „John Malcolm Killigrew, mein verehrter Bruder. Das haut doch wirklich dem Faß den Boden aus.“

„Dieses Ferkelgesicht“, stieß Carberry hervor. „Was, wie, ausgerechnet diesen beiden Scheißkerlen mußten wir unter die Arme greifen?“

„O verdammt!“ brüllte Big Old Shane aus dem Vormars. „Ich würde mir am liebsten in den Hintern beißen.“

„Ich auch“, sagte der alte O’Flynn erbittert.

„Hört bloß auf“, versetzte der Seewolf. „Mir ist zum Kotzen zumute.“

„Wir hauen einfach ab und überlassen diese Schweinepriester ihrem Schicksal“, schlug der Profos vor.

Hasard wies nach Nordwesten, und Carberry begriff die Absurdität seiner Forderung. Die beiden Karavellen hatten südöstlichen Kurs genommen, segelten dicht hintereinander gestaffelt und schickten sich an, ihnen den Weg abzuschneiden. Die Spanier gingen aufs Ganze. Die dritte Galeere zog ebenfalls mit. Es waren drei ramponierte, aber durchaus noch aktionsfähige Gegner.

„Ich wäre ein Lump, wenn ich jetzt kneifen würde“, sagte Hasard.

Drüben auf der anderen Galeone reckte Sir John jetzt den Hals. Er hob beide Hände und winkte. Und dann bogen er und sein mißratener Sproß John Malcolm sich vor Lachen, denn sie hatten ebenfalls begriffen, mit wem sie es zu tun hatten.

Die „Isabella V.“ segelte an der Killigrew-Galeone vorüber. Bei steifem Backstagswind nahm sie schnell Fahrt auf. Hasard ließ erst die beiden zerstörten Galeeren vorbei, dann gab er den Befehl zum Anluven. Die Geschütze waren wieder geladen. Er erteilte ein Zeichen. Die Steuerbordbreitseite donnerte. Ein zwölffacher Gluthauch huschte auf die Verfolger-Galeere zu. Es genügte, um sie auszuschalten.

Hasard wartete auf die Karavellen. Den Besatzungen war es gelungen, das Feuer in den Takelagen teilweise zu löschen. Sie rüsteten zum Duell, und Hasard ließ sie ruhig heran. Er hatte keine Hast. Der größte Fehler war es, vorzeitig den Feuerbefehl zu geben.

Der Kapitän der ersten Karavelle beging diesen Fehler. Er hatte offensichtlich die Nerven verloren. In einer erbitterten Attacke wollte er den tolldreisten Gegner abwimmeln, doch seiner Steuerbordbreitseite mangelte es wieder an der nötigen Präzision. Hasard ließ den Geschützböller verebben und den Pulverqualm verfliegen, dann schickte er ihm die halbe Backbordbreitseite hinüber. Auf der Karavelle ging der Großmast in Höhe der Großrah in die Brüche, zur selben Zeit war ein Treffer in der Bordwand knapp oberhalb der Wasserlinie zu verzeichnen.

„Sieg!“ schrie Al Conroy. „Wir haben ihm ein Ding verbraten, von dem er sich nicht wieder erholt. Seht doch!“

In der Tat, das Schicksal der Karavelle war besiegelt. Krachend schlug der obere Teil des Großmastes auf Deck nieder. Das Gewirr aus Spieren, Segeltuch, Fallen, Wanten, Schoten, Brassen und Stengen begrub einen Teil der Mannschaft, rutschte nach Steuerbord und hing schließlich über. Die Karavelle krängte gefährlich, Wasser trat in das Loch in der Bordwand.

„Schlagen wir uns zum letztenmal in die Schanze!“ rief Hasard. „Laßt den fünften Don aufrücken, dann zeigen wir ihm die Krallen. Matt, was für ein Geschoß hast du in deinem 17-Pfünder?“

„Stabkugel“, meldete Matt lakonisch.

„Setze sie ihm mittschiffs in die Laderäume, dann haben wir ihn ein für allemal vom Hals.“

„Aye, aye, Sir.“

Etwas mehr als eine Minute verstrich. Der letzte Gegner steckte nicht auf. Er bewies Mut und Geschick. Sein Kapitän war derjenige, den Hasard von Anfang an am meisten im Auge behalten hatte – ein Mann, der seine Ehre zu verteidigen hatte. Wieder bewies er Besonnenheit. Trotz der heiklen Lage auf seinem Schiff ließ er sich zu keiner voreiligen Aktion hinreißen. Er segelte so weit wie möglich auf die „Isabella“ zu. Dann erfolgten die Geschützdonner beider Schiffe fast gleichzeitig.

Einige Geschosse des Gegners waren gut gezielt. Eine Kugel riß eine Bresche ins Backbordschanzkleid der „Isabella“ und heulte dann quer über die Kuhl. Nur der Geistesgegenwart der Männer war es zu verdanken, daß es zu keinem Blutbad kam. Flach wie die Flundern preßten sie sich auf die Planken. Die Kanonenkugel fegte über sie weg. Manch einer schickte in diesem Augenblick ein stilles Stoßgebet zum Himmel. Geflucht wurde erst anschließend, als das Geschoß über die Steuerbordreling hinaus war und sich in der Ferne verlor. Die Männer hatten den Schreck überwunden und sahen zu, was sich auf der spanischen Karavelle zutrug.

Die letzte halbe Breitseite der „Isabella“ traf das Gegnerschiff voll. Auch die Drehbassen auf der Back von Hasards Galeone spuckten nun Eisen, Feuer und Verderben. Batuti und Shane schossen ihre Pfeile in das Chaos aus Feuer und Rauch. Aber dann duckten sie sich, auf der Kuhl und den anderen Decks suchten die Männer Deckung.

Matt Davies’ Stabkugel hatte ihr Ziel gefunden.

Der Stab war mit brennendem Material gefüllt. Der geringste Funke beim Aufprall genügte, um diesen Zunder in Brand zu setzen. Und Matt mußte aus purem Zufall die Pulverkammer der Karavelle erwischt haben. Die Wirkung war verheerend.

Eine Stichflamme stob aus der Karavelle hoch, dann wirbelten die Trümmer durch die Luft, und unter heftiger Rauchentwicklung jagte die Druckwelle auf die „Isabella V.“ zu. Beide Schiffe lagen zu diesem Zeitpunkt nur noch etwas mehr als eine Kabellänge voneinander entfernt. Hasard und seine Männer hatten den Eindruck, die Karavelle würde von einer Gigantenfaust aus der See gehoben und dann zerrissen. Der Luftdruck erreichte die „Isabella“ und rüttelte an ihr.

Der Seewolf kauerte hinter dem Backbordschanzkleid des Quarterdecks. Er wartete den ersten Schub heißer Luft ab, dann hob der den Kieker, um zur Karavelle hinüberzuspähen. Ben Brighton und Ferris Tucker befanden sich oberhalb des Niederganges auf dem Achterdeck, Karl von Hutten, der Profos und der alte O’Flynn auf dem Quarterdeck, als es geschah. Auch Pete Ballie wurde Zeuge des Vorfalls.

Eine halbe Rah, wahrscheinlich vom Großmast der Karavelle, segelte in rasender Geschwindigkeit heran. Sie sauste schräg von oben herab auf den Seewolf zu. Ben Brighton und Karl von Hutten stießen noch Warnrufe aus, aber es war zu spät.

Die schwere Spiere schlug Hasard gegen den Kopf.

Er kippte hintenüber. Der Kieker entglitt seinen Händen. Alle sahen, wie er fiel und reglos liegenblieb. Die Rah rollte von seinem Körper ab und polterte auf Deck. Ein einziger Aufschrei der Männer stieg in den Himmel.

3.

Der Explosionslärm war verklungen. Die letzten Trümmerstücke der auseinandergefetzten Karavelle waren auf den Wogen gelandet, die Kanonen schwiegen, allmählich lichteten sich die dicken Rauchschwaden. Kein Mann an Bord der „Isabella V.“ hatte noch Augen für die letzten überlebenden Spanier. Die Spanier pullten in Beibooten nach Osten. Die Seewolf-Crew ließ sie im Regendunst untertauchen.

Keiner verspürte das Bedürfnis, seine Rachsucht an den Überlebenden des Massakers auszutoben. Sie ließen die Spanier ziehen. Es gab Wichtigeres zu tun.

Philip Hasard Killigrew lag bewußtlos neben der Rah, die ihn getroffen hatte. Eine Blutlache bildete sich unter seinem Hinterkopf.

„Eine Tücke des Schicksals“, sagte Ben Brighton mit erstickter Stimme. „Mein Gott.“

Totenstille trat ein. Carberry räusperte sich. „Verdammt noch mal, ihr glaubt doch wohl nicht, daß der Seewolf sich von so einer dämlichen Rah kleinkriegen läßt, was, wie? Da müssen schon andere Sachen kommen. Teufel, erinnert ihr euch nicht daran, wie wir dem fetten Rodriguez mit seinem Konvoi nachstellten und dem Geleitzug Piratenschaluppen vom Leib hielten? Da hatten wir’s doch schon mal, daß Hasard was gegen den Schädel flog. Was steht ihr ’rum und glotzt blöd? Los, packt mal mit an. Wir stellen ihn schon wieder auf die Beine. Ich wette, er tut gleich wieder die Augen auf und lacht sich eins über unsere verdatterten Mienen.“

Er traf Anstalten, Hasard an den Schultern zu packen und hochzuziehen, aber jetzt war der Kutscher heran.

„Nicht.“ Er hob die Hand. „Eine unbedachte Bewegung, und du machst alles bloß noch schlimmer.“

„Wieso denn?“ Der Profos schnappte nach Luft. „Wer sagt denn das? Willst du dich aufspielen, du Kombüsenhengst?“

Ferris Tucker legte ihm die Hand auf die Schulter. „Laß, Ed. Du weißt doch auch, daß die Dinge diesmal nicht so einfach liegen.“

Der Kutscher ließ sich neben dem besinnungslosen Seewolf auf den Knien nieder und untersuchte vorsichtig die Wunden. Plötzlich gab er ein eigenartiges, trockenes Geräusch von sich. Es klang wie eine Mischung aus Schlucken und Würgen.

„Mensch, Mann“, sagte Profos Carberry ungewohnt leise. „Nun mal halblang. Was sind denn das für komische Laute, Kutscher?“

Der Kutscher blickte auf. Seine Stirn lag in Kummerfalten. Sein Gesicht war dreckverschmiert, aber es waren nicht die Spuren des Gefechtes, die seine Kameraden erschütterten. Plötzlich sah der Kutscher wirklich um Jahre gealtert aus.

„Sag schon was“, drängte Pete Ballie.

„Ich – ich wollte, es wäre mir passiert“, erwiderte der Kutscher. Seine Stimme zitterte. Wirklich, ihm war zum Heulen zumute. „Soweit ich feststellen kann, hat er eine schwere Kopfbeschädigung davongetragen.“

Carberry wollte etwas antworten, doch jetzt erschien Gwendolyn Bernice O’Flynn auf Deck. Sie hatte das Ende der Schlacht abgewartet, hatte voll Freude ihrem Seewolf in die Arme sinken wollen, witterte jetzt jedoch, daß etwas Unheilvolles in der Luft lag. Sie blieb stehen und schaute von einem zum anderen. Dann sah sie Hasard liegen.

Mit einem Aufschrei stürzte sie zu ihm.

Der alte O’Flynn fluchte. So schnell ihn seine Krücken trugen, humpelte er zu seiner Tochter. „Gwen, reiß dich zusammen. Du darfst dich nicht aufregen. Hör mal, Hasard ist ganz andere Sachen gewohnt. Bilde dir bloß nicht ein, es sei das erste Mal, daß er eine Blessur abkriegt.“

Gwens Körper wurde von heftigem Schluchzen geschüttelt. Ferris Tucker und Karl von Hutten zogen sie sanft von Hasard weg.

Sie wehrte sich, aber der alte O’Flynn fuhr sie an: „Keinen Zwergenaufstand, Gwen! Wir bringen ihn ja ins Achterkastell. Wenn du deinem Mann was Gutes tun willst, dann richtest du die Koje in der Kapitänskammer her, verstanden?“

„Ja.“ Sie bezwang sich und ließ sich von Ferris und Karl durchs offene Schott ins Achterkastell führen. Donegal Daniel O’Flynn lauschte ihren verklingenden Schritten, dann drehte er sich zum Kutscher um.

„Nun mal ehrlich, Kutscher, wie stehen die Chancen für den Seewolf?“

„Schlecht. Ziemlich schlecht.“

„Himmel, Arsch und Zwirn“, sagte Carberry. „Den Bären bindest du mir nicht auf, Kutscher. Du übertreibst. Wie üblich. Na schön, das gehört zu deiner Aufgabe als Feldscher hier an Bord der ‚Isabella‘, und Knochenflikker und Scharlatane machen ja sowieso stets aus einer Fliege einen Ochsen. Aber, Schädel kaputt, was heißt das denn schon?“

Der Kutscher musterte ihn ernst. „Ich verstehe ja, daß du die Tatsachen nicht hinnehmen willst, Profos. Ich kann es begreifen, wirklich. Aber ich übertreibe nicht. Eher ist das Gegenteil der Fall. Hasard hat gleich an mehreren Stellen des Kopfes schwere Verletzungen. Ich wage nicht einmal, da anzufassen.“

Er stand auf. „Es handelt sich um ein enorm kompliziertes Spezialgebiet, aber vielleicht kann ich es euch so verdeutlichen.“ Er hob die Hände, formte sie zu halbkugelähnlichen Gebilden und führte sie dann gegeneinander. „Das Gehirn des Menschen ist von mehreren Knochen umgeben, die schon in der frühen Kindheit ganz zusammenwachsen und eine Art knöcherne Schale bilden. Bei schwerem Aufprall kann die Schale brechen – wie jeder andere Knochen. Das ist bei Hasard der Fall.“

Carberry schnaubte wie ein Stier. „Na schön. Aber statt Vorträge zu halten, solltest du lieber mit der Wundbehandlung anfangen. Na los, wo bleibt dein Latein?“

Der Kutscher schüttelte den Kopf. „Ich bin machtlos.“

„Sag das nicht.“ Ben Brighton war aschfahl im Gesicht. Er sah aus, als würde er jeden Augenblick zusammenbrechen. „Machtlos – das kann doch nicht dein Ernst sein. Du willst doch nicht behaupten, daß – daß ...“

„Daß er stirbt? So schnell nicht.“

„Wenn er nicht stirbt kommt er wieder auf die Beine“, schlußfolgerte Edwin Carberry in seiner unnachahmlichen Art. Er war ein Rauhbein zur See, ein einfacher, manchmal fast unbedarfter Mann, vor allen Dingen, was die Feinheiten im menschlichen Leben betraf. Hilflos stand er jetzt dem Unglück gegenüber und suchte sich durch betont forsches Reden innerlich aufrechtzuhalten.

Der Kutscher schüttelte wieder den Kopf. „Es wird ein langer Kampf für unseren Kapitän. Ich kann ihm Verbände anlegen, aber ich darf keinen Eingriff vornehmen, weil ich dadurch alles zerstören könnte. Nur einer könnte hier helfen: Sir Freemont, der Arzt von Plymouth, in dessen Diensten ich stand.“

Der alte O’Flynn stapfte mit seinem Holzbein auf. „Aber Sir Freemouth wohnt in Plymouth, und Plymouth ist im Augenblick weiter von uns entfernt als – als der Mond.“

Ben Brighton stand mit geballten Händen da. „Das spielt keine Rolle. Es ist ein Lichtblick. Kutscher, du sorgst dafür, daß ein paar Männer den Seewolf so vorsichtig wie möglich in die Kapitänskammer tragen. Ich übernehme die ‚Isabella‘ als Kapitän, bis Philip. Hasard Killigrews Gesundheit wiederhergestellt ist – wie es unser Bordrecht will.“

Er drehte sich achteraus. Grau und schwarz hoben sich die Konturen der Killigrew-Galeone aus dem Dunst über der See ab. Das Schiff hatte jetzt noch weiter übergeholt und drohte ganz querzuschlagen.

„Kein Zweifel, die Galeone sinkt“, sagte Ben. „Smoky!“

„Sir?“

„Du bemannst ein Beiboot, dann pullt ihr hinüber und holt Sir John, John Malcolm und die anderen Männer ab.“

„Ungern, Ben.“

„Ich bin auch nicht begeistert von solcher Art Fahrgäste“, erwiderte Brighton. „Aber es ist unsere Pflicht, so zu handeln. Beeilt euch mit dem Beiboot. Mit der ‚Isabella‘ wage ich mich nicht zu nahe an das sinkende Schiff heran.“

Während die Männer ihre Vorbereitungen trafen, enterten Big Old Shane, Batuti, der junge O’Flynn und der Schimpansenjunge Arwenack aus den Masten ab. Arwenack verharrte neben Hasard. Er gab einen klagenden Laut von sich. Instinktiv spürte auch das Tier etwas von dem Ernst der Lage, und vielleicht war auch ihm der Tod ein Begriff, der bereits eine Klaue nach dem Seewolf ausgestreckt hatte.

„Zur Hölle“, sagte Big Old Shane erschüttert. Er fuhr sich mit der Hand durch sein Bartgestrüpp. Seine Miene war nicht minder verzweifelt und hilflos als die von Carberry. „Und das, weil wir die Knochen für Sir John und seine Mannschaft riskiert haben. Dabei kann Hasard den Alten auf den Tod nicht riechen.“

„Kannst du ihn riechen?“ fragte Dan.

„Immer weniger, mein Junge.“

Unter der Anleitung des Kutschers hoben Blacky, Stenmark, Al Conroy und Gary Andrews den Seewolf auf. Gary Andrews hielt seine Tränen nicht zurück. Nie hatte er vergessen, wie sich Hasard für ihn eingesetzt hatte. Er hatte ihm das Leben gerettet, damals, auf der „Santa Barbara“. Und jetzt, da er, Gary, oder irgend jemand anders aus der Crew sich hätte revanchieren können – jetzt waren ihnen die Hände gebunden. Sie fühlten sich alle hundselend.

Shane, Dan, Batuti und einige andere folgten dem Zug ins Achterkastell. Der alte O’Flynn trat zu Ben Brighton aufs Achterdeck. Er blickte nach Nordosten und sah das Beiboot der „Isabella“, das zusammen mit einem Boot der Killigrew-Galeone zurückkehrte.

„Da kommen sie“, sagte der alte O’Flynn erbittert. „Mir soll alles recht sein. Ich will auch wegen der Sache damals in Falmouth keinen Streit vom Zaun brechen, um die Borddisziplin nicht zu stören. Ich verlange nur eins: daß der Seewolf wieder gesund wird.“

„Das hoffen wir alle“, sagte Ben.

Sie begaben sich auf die Kuhl, um bei der Übernahme der Schiffbrüchigen anwesend zu sein. Da enterten sie über die Jakobsleiter auf: Sir John Killigrew, John Malcolm Killigrew sowie weitere zweiundzwanzig mehr oder weniger blessierte Männer der Crew Sir Johns.

Sir John baute sich breitbeinig vor Ben und dem alten O’Flynn auf; ein bulliger Mann mit roten Haaren, jähzornig, tyrannisch, ein gerissenes Urviech, das nur auf den eigenen Vorteil bedacht war.

„Hallo“, sagte der alte O’Flynn lahm.

Sir John lachte. „Ich habe immer gewußt, daß Unkraut nicht vergeht, Donegal. Und wie du siehst, habe ich recht behalten. He, was schneidet ihr denn für belämmerte Gesichter?“ Er hieb dem Alten auf die Schulter. „Feiern wir unseren Sieg, und schönen Dank auch für die Unterstützung. Natürlich werde ich euch das nie vergessen.“

„Ohne uns wäret ihr verloren gewesen“, stellte der alte O’Flynn fest. „Will euch das in die Rüben, ihr Himmelhunde?“

„Langsam, langsam“, sagte John Malcolm schnaufend. Wie üblich schwitzte er aus allen Poren. „Fünfzehn Mann Verlust haben wir zu verzeichnen, das ist auch nicht ganz ohne, oder? Wir haben uns wacker geschlagen und hätten noch länger die Stellung gehalten ...“

„Besonders du“, sagte der alte O’Flynn sauer.

„Halten wir keine Volksreden“, fuhr Ben Brighton dazwischen. Er winkte Carberry und der Crew zu und rief: „Ho, wir nehmen Kurs auf Plymouth und segeln mit allem, was die ‚Isabella‘ zu tragen vermag.“ Er kehrte aufs Achterdeck zurück und überließ die Killigrew-Clique sich selbst. Die Verteilung der Leute auf die Kammern des Achterkastells und die Räume des Vorschiffes übernahm die Crew, sonst gab es nichts mehr zu bereden.

Vielmehr beriet sich Ben wenig später mit Ferris Tucker, Edwin Carberry, Big Old Shane und dem alten O’Flynn. Sie sprachen den genauen Kurs ab, und wie die einzelnen Deckswachen einzuteilen waren.

„Ed“, sagte Ben. „Ab sofort Werden die Frachträume überwacht, in denen unsere Beute lagert. Du kommandierst die Posten dazu ab.“

„Geht in Ordnung.“

„Ich kann das nur begrüßen“, sagte der alte O’Flynn. „Sir John ist ein gottverdammtes Schlitzohr.“

„Wie geht es dem Seewolf?“ erkundigte sich Ben, obwohl er es schon mindestens fünfmal gefragt hatte.

Big Old Shane hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. „Er ist nach wie vor bewußtlos. Sehr viel Blut verliert er nicht. Der Kutscher läßt ihn kaum aus den Augen, und natürlich wacht Gwen an der Koje in der Kapitänskammer.“

„Verdammt, dies ist wirklich ein schwarzer Tag“, sagte Ferris Tucker. „Der allerschwärzeste Tag, wenn ihr mich fragt.“

Sir John Killigrew blickte sich in der ihm und John Malcolm zugewiesenen Kammer um. „Ein feines Schiff ist das. Wirklich hervorragend. Dieses Holz, diese Verzierungen. Also wirklich, unser Bastard hat sich gemausert.“

John Malcolm hockte auf dem Kojenrand. „Wirklich? Er hat sie doch nur den Spaniern abgenommen, die Galeone.“

„Hättest du das nicht getan?“

„Ja, aber was ist denn schon dabei?“

Sir John grinste. „Nicht so dick auftragen, Söhnchen. Nicht mir gegenüber. Du weißt, wo deine Grenzen sind, und vor mir brauchst du nichts zu verheimlichen. Wer kennt dich besser als dein Vater? Nein, Qualitäten kann man ihm nicht absprechen, dem Bastard. Aber wo steckt er überhaupt? Los, wir unternehmen einen Erkundungsgang durch das Schiff.“

Sie streiften durch das Achterkastell und gelangten an die Tür der Kapitänskammer. Sie wurde von zwei Männern flankiert: Batuti und Blacky.

„Jetzt hört doch alles auf“, stieß John Malcolm hervor. „Dieser schwarze Hund, dieses Schwein von einem Nigger – ich kenne ihn. Dad, das ist doch der Kerl, der mich auf Arwenack niedergeschlagen hat, damals, im Kerker, weißt du noch! Der – der schwarze, grinsende Dämon ...“

„Langsam“, sagte Blacky drohend.

„Halt die Luft an, weißer Hurensohn“, sagte Batuti.

Sir John stand mit leicht abgewinkelten Beinen und holte tief Luft. „Augenblick mal, ihr Figuren. Wie könnt ihr euch erdreisten, einen solchen Ton anzuschlagen? Laßt uns zu Hasard vor. Er ist mein Sohn. Ich will ihn sprechen. Ich sorge dafür, daß er euch verdonnert.“

Blacky und Batuti schüttelten die Köpfe.

„Zutritt verboten“, sagte Blacky. „Und jetzt verschwindet, ihr Hampelmänner, ehe es uns zu bunt wird.“

„Hasard!“ rief Sir John. „He, Hasard! Was ist los, versteckst du dich vor uns?“

Schritte näherten sich von innen der Tür, dann ertönte eine Frauenstimme. „Blacky, Batuti, was ist denn das für ein Lärm? Hasard braucht Ruhe.“

Batuti hob die Fäuste. Seine gewaltigen Muskeln spannten sich, es war ein bedrohlicher Anblick, der zu denken gab.

„Batuti stellt Lärm ab“, sagte er.

Sir John zog John Malcolm mit sich fort. Sie traten kurze Zeit später auf das Quarterdeck, marschierten dann über die Kuhl und hielten auf das Vordeck zu.

„Eins steht fest“, sagte John Malcolm. „Das war die liebliche Stimme unserer süßen kleinen Gwen. Sie hat die Entführung durch die Spanier also auch überstanden.“

„Nicht so laut“, sagte sein Vater. „Sieh dich doch um, sie sind überall, die Leute von Falmouth. Tim Foster und vier andere Fischer, Abel Love und zwei seiner Handwerkerkollegen, Dick Stable, der Stallknecht, Robert Rowe, der Stadtschreiber. Kann mir nicht vorstellen, daß die gut auf uns zu sprechen sind.“

„Diesem Nigger breche ich noch die Knochen.“

„Spar dir das für später auf. Im Moment müssen wir mit den Wölfen heulen.“

„Na schön, aber ich kann mich kaum beherrschen.“

Smoky, der Decksälteste, musterte sie von der Back aus. Sir John lächelte scheinheilig, dann fragte er: „Dürfen wir mal ’runter und nachsehen, wie unsere Mannschaft untergebracht ist?“

„Glaubt ihr, wir haben den Kerlen die Hälse umgedreht?“

„Ich will nur nicht, daß sie euch behindern“, erwiderte Sir John.

Smoky grinste. „Ach so. Dann kriecht meinetwegen durchs Vorschiff, bis ihr müde seid. Aber stoßt euch nirgends. Ihr seht so zerbrechlich aus.“

„Der hat Lust auf eine Tracht Prügel“, zischte John Malcolm.

„Humor muß der Mensch haben.“ Sir John lachte, dann dirigierte er seinen Sproß vor sich her durchs Schott. Sie hatten ein paar Mannschaftsunterkünfte inspiziert und ein paar ihrer erschöpften Mitstreiter auf den Kojen ausgestreckt liegen sehen, als sie plötzlich ein langgezogenes Wimmern vernahmen. Sofort gingen sie dem Laut nach.

Sie trafen auf einen großen Raum. Nur ein Mann hielt sich hier auf. Er lag rücklings in einer Koje und preßte beide Hände auf den Bauch. Sir John ging auf ihn zu. John Malcolm folgte dichtauf. Der Mann jammerte mit geschlossenen Augen vor sich hin.

Sie hatten ihn fast erreicht, da ließ John Malcolm einen leisen Pfiff vernehmen. „Moment mal, das ist ja Baldwin Keymis, der Friedensrichter von Falmouth.“

„Der alte Halunke. Was tut er hier im Vorschiff?“

Sie weckten Keymis, und er blinzelte sie aus weit aufgerissenen Augen an. Sein Gesicht war schmerzverzerrt.

„Ich bin verletzt“, sagte er gequält. „Keiner kümmert sich um mich. Ich kann verrecken, das wäre diesen Bestien nur recht.“

„Laß mal sehen.“ Sir John untersuchte ihn flüchtig, dann gab er seinen Befund ab. „Also, frische Wunden hast du nicht, aber eine Menge Narben auf dem Leib. Du kannst mit dem Wimmern aufhören, Baldwin. Hol dreimal tief Luft und erzähle mir, wieso du keine Kammer im Achterdeck hast. Die steht dir doch als Friedensrichter zu.“

Keymis schnitt wieder eine Grimasse, diesmal aber nicht aus eingebildetem Schmerz, sondern vor Haß. „Der Seewolf ist an allem schuld. Er hat mich dazu verdonnert, bei diesem Pöbel im Vorschiff zu schlafen und gemeinen Decksdienst zu leisten. O mein Gott, wie tief bin ich gesunken.“ Er legte Sir John eine Hand auf die Schulter. „Daß ihr mich so sehen müßt! Aber ich bin froh, endlich wieder vertraute Gesichter vor mir zu haben – Menschen, auf die ich mich verlassen kann. Bundesgenossen im Kampf gegen Niedertracht und Hinterhältigkeit.“

„Mir kommen gleich die Tränen“, sagte John Malcolm.

Sir John Killigrew legte den Kopf schief und maß den Friedensrichter mit einem Blick aus schmalen Augen. „Du brauchst uns keinen Honig um den Bart zu schmieren. Was willst du?“

„Ich brauche Hilfe.“

„Kannst du dir nicht selbst helfen – bei deinem Amt?“ Sir Johns Miene war mißtrauisch. „Ich bin überzeugt, daß man dir auf jedem englischen Schiff den nötigen Respekt entgegenbringen würde, es sei denn, du läßt dir Unbotmäßigkeiten zuschulden kommen.“

Baldwin Keymis leckte sich die spröden Lippen. Er war ein dürrer Mann und zeichnete sich durch eine ausgeprägte Geierphysiognomie aus. Seine Lippen waren schmal, seine Augen grau. Der Ziegenbart, den er am Kinn trug, verlieh ihm alles andere als Schönheit. Seine Stimme klang näselnd, er gab sich alle erdenkliche Mühe, trotz der widrigen Umstände vornehm zu wirken. Aber, nein, er wirkte nicht überzeugend.

Sir John Killigrew wäre nicht das berüchtigte Schlitzohr gewesen, von dem man in ganz Cornwall sprach, wenn er diese Farce nicht durchschaut hätte. Und außerdem kannte er den Charakter von Hasard ganz genau. Bei aller Wut und allem Neid – er war aufrichtig und wahrheitsliebend, dieser Bastard! Ohne Grund hatte er Keymis bestimmt nicht so herabgewürdigt.

Gleichzeitig beschloß Sir John aber, auf Keymis’ Schau einzugehen. Wer wußte, wozu das noch gut war!

„Unbotmäßigkeiten?“ wiederholte der Friedensrichter. „Nichts läge mir ferner. Ich bin durch und durch ein korrekter Mann, wie ihr wißt. Aber dieser Philip Hasard Killigrew! Er mag ja tausendmal dein Sohn sein, doch hat er den Namen Killigrew beschmutzt und ist es nicht wert, ihn zu tragen. Diese Schande! Er ist zu einem Verbrecher geworden, zu einem primitiven und blutrünstigen Piraten. Ich habe das sofort begriffen, als ich hier an Bord kam – und deshalb bin ich so erniedrigt worden.“

„Aha“, sagte Sir John ohne Überzeugung.

„Hasard ist ein Bastard“, bemerkte John Malcolm haßerfüllt.

Sir John nickte bestätigend. „Ja, und es stört uns wirklich nicht, wenn du über seine Schandtaten berichtest, Baldwin. Es versteht sich doch wohl, daß Ehrenmänner wie wir zusammenhalten.“

Keymis, durch diese Worte gleichsam beflügelt, setzte sich auf und, streckte die Hand aus. Sir John ergriff sie ohne großen Enthusiasmus und schüttelte sie. Um so aufgeregter war der Friedensrichter. Er zog jetzt richtig vom Leder.

„Ihr müßtet mal sehen, was sich in den Frachträumen dieser Galeone häuft, Freunde. Ein Vermögen hat der Seewolf da zusammengerafft. Wer weiß, wie viele unschuldige Menschen ihr Leben lassen mußten, als er seine blutigen Beutezüge durch die Karibik unternahm.“

„Um die Spanier ist es nicht schade“, sagte Sir John. Doch er war jetzt hellhörig. Sein Interesse war geweckt, und wie! Was bargen die Frachträume?

Keymis rückte dichter auf sie zu und senkte die Stimme. „Wie können wir sicher sein, daß alle Überfallenen Spanier waren? Der Seewolf hat sich von Drake getrennt, von Drake fehlt jede Spur. Wer sagt denn, daß der Seewolf nicht eine Meuterei angezettelt hat, daß ein Teil seines unrechtmäßig erworbenen Vermögens nicht in Wirklichkeit Francis Drake gehört?“

Sir John zog die Augenbrauen hoch und kräuselte die Lippen. „Ach so. Allmählich geht mir ein Licht auf, Baldwin. Himmel, wie schwer man doch oft auf die naheliegendsten Dinge kommt.“

„Nicht wahr?“

„Nun laß dir nicht alle Würmer einzeln aus der Nase ziehen.“ Sir Johns blaue Augen waren starr und durchdringend auf das Gesicht des Friedensrichters gerichtet. „Was befindet sich in den Frachträumen?“

„Gold und Silber, habe ich vernommen. Der Großteil sollen Barren sein, und zwar eine kaum vorstellbare Menge. Schatzkisten mit Perlen, Edelsteinen und Schmuck. Irgendwo an Bord habe ich mal aufgeschnappt, daß der Schatz des Vizekönigs von Lima darunter sei – und, damit nicht genug, in einigen Truhen soll ein direkt für Philipp II. von Spanien bestimmter Schatz ruhen. Außerdem ist unter der Galion dieses Schiffes ein goldener Anker festgezurrt.“

„Ein goldener Anker?“ echote John Malcolm. „Den hätten wir doch sehen müssen.“

Sir John warf ihm einen Seitenblick zu. Er wußte ja zur Genüge, daß Malcolms geistigen Fähigkeiten ein Limit gesetzt war. Der Bursche gehörte nicht zu den Schnellmerkern. Aber manchmal konnte er einem mit seinen dummen Fragen doch erheblich auf die Nerven gehen.

„Hasard wird so schlau gewesen sein, den Anker zu tarnen“, sagte Sir John gepreßt.

Keymis nickte. „Richtig. Das Ding hat einen Bleiüberzug.“

„Du weißt ja erstaunlich gut Bescheid. Warst du dabei, als Hasard den Anker und andere Teile seiner Beute ergatterte?“

„Nein. Den Anker soll er selbst vom Grund eines Korallenriffs heraufgeholt haben, nachdem er einen spanischen Schiffskonvoi auflaufen ließ. Ein spanischer Kapitän wollte den Anker heimlich nach Hause schmuggeln und für sich behalten, heißt es.“

„Wer’s glaubt, wird selig“, sagte John Malcolm.

Keymis schilderte, wie der Seewolf ihn und die anderen Gefangenen der Spanier aus dem Kerker von Santo Domingo befreit hatte. Aber auch hierbei ließ er kein gutes Haar an Hasard.

„Ich bin überzeugt, daß er auch damit einen Zweck verfolgt“, erklärte der Friedensrichter. „Wahrscheinlich fordert er für unsere Auslieferung ein Lösegeld, wenn wir in Falmouth sind.“ Er blickte John Malcolm, dann wieder dessen Vater an. „Na, im Augenblick sieht es allerdings so aus, als könnte dieser Teufel etwas Derartiges nicht mehr verwirklichen. Er ist im Gefecht mit den drei spanischen Galeeren und den beiden Karavellen schwer verletzt worden.“

Sir John hob wieder die Augenbrauen. „Ach?“

„Geschieht ihm recht“, sagte John Malcolm.

„Der Kerl ist von einer Rah am Kopf getroffen worden“, fuhr Keymis fort. „Alles ist um ihn besorgt. Aber um mich, den Friedensrichter von Falmouth, kümmert sich niemand. Dabei bin ich verwundet. Ein über Deck fliegendes Stück Holz von der explodierten Karavelle hat mich hierhin getroffen – gegen den Bauch.“ Er legte wieder die Hände auf die imaginäre Verletzung und verzog vollends das Gesicht.

„Ich hab dir doch bereits gesagt, du blutest nicht“, erklärte Sir John widerwillig.

„Und wenn ich nun eine innere Verletzung habe?“

„Unsinn.“

Keymis lüftete sein Wams, öffnete das Hemd und wies noch einmal seine Narben vor. „Und das? Ist das auch Einbildung? Oh, ich bin schandbar behandelt worden. Gefoltert haben sie mich, kielgeholt, wobei ich durch den Muschelbewuchs am Schiffsrumpf Schnittwunden am ganzen Körper davongetragen habe.“

„Warum?“ fragte Sir John. „Man verurteilt einen Mann nicht grundlos zum Kielholen.“

Blanker Haß schwang in Baldwin Keymis’ Stimme mit. „Diese Gwendolyn Bernice O’Flynn – diese Hure! Sie wollte der Besatzung weismachen, ich hätte sie vergewaltigen wollen. Und die Kerle haben ihr geglaubt, dabei ist alles erstunken und erlogen.“

John Malcolm grinste, aber Keymis ignorierte es wohlweislich. „Und dann“, sagte er, „dann hat dieses Flittchen den Seewolf umgarnt. Sie hat es geschafft, ihn total einzuwikkeln. Robert Rowe, der Stadtschreiber von Falmouth, spielte sich als Standesbeamter und Priester in einer Person auf und erklärte die Hure und den Seewolf als verheiratet.“

„Was?“ Sir John lief dunkelrot an. „Das geht zu weit. Ohne meine Einwilligung hätte Hasard das niemals tun dürfen! Ein Mädchen wie die O’Flynn ist nicht standesgemäß, zum Teufel!“

John Malcolm lieferte diesmal keinen Kommentar. Es war besser zu kuschen. Ihm war ja hinlänglich bekannt, was für ein Tyrann der Alte war.

„Damit nicht genug“, sagte Keymis beflissen. „Das Flittchen erwartet, wie ich aus sicherer Quelle weiß, auch noch ein Kind von dem Kerl.“

Sir John trat vor Wut mit dem Fuß gegen eine Koje, daß es krachte. „Verflucht soll er sein! Erst nimmt er sich eine Frau, ohne mich zu fragen, und dann wagt er es auch noch, den Killigrews einen Wechselbalg unterzuschieben. Aber so haben wir nicht gewettet. John Malcolm!“

„Dad?“

„Los, wir knöpfen uns diesen Bootsmann Brighton vor. Wollen doch mal sehen, ob wir dem nicht die Flötentöne beibringen, von wegen, wer hier das Sagen hat. Baldwin Keymis, du bleibst am besten vorerst hier im Vorschiff. Die Mannschaft ist sowieso nicht gut auf dich zu sprechen. Bei eventuellen Widrigkeiten könnte es knüppeldicken Verdruß für dich geben. Überlaß alles uns, wir verschaffen uns schon den nötigen Respekt.“

„Ja. Ich danke euch.“ Der Friedensrichter ließ sich auf die Koje zurücksinken. Er war froh, jemanden gefunden zu haben, der sich für ihn schlug. Das Leben konnte so bequem sein.

4.

Sir John Killigrew hatte stets Prioritäten gesetzt. Seine Gedankenwelt wurde dabei von einem Bild beherrscht, in dessen Mittelpunkt er, immer nur er stand. Nach ihm folgten – mit erheblichem Abstand – John Malcolm, Simon Llewellyn und Thomas Lionel, seine drei Söhne, dann eine Weile gar nichts mehr, danach vielleicht Lady Anne Killigrew, seine Frau.

Sir John verfuhr nach dem Prinzip, daß gut war, was Arwenack diente und erhielt. Schlecht war alles, was die Stammfeste in irgendeiner Weise gefährdete. Dies galt vor allem in materieller Hinsicht. Damals, beim Angriff der Spanier auf Falmouth, hatte Sir John Arwenack gehalten und sich den Teufel um die O’Flynns und alle anderen Sippen des Ortes gekümmert. Sie waren fortgeschleppt worden. Sir John hatte keinen Finger für sie gerührt, um sich nicht selbst zu gefährden.

So lautete sein Grundsatz: Eigennutz ist besser als Gemeinnutz. Er dachte an das, was im Bauch der Galeone lagerte. Ihm wurde richtig kribbelig zumute. John Malcolm ging es nicht anders. Dies war die Priorität, hatte Vorrang vor allem: die Beute des Seewolfes.

Die Sache mit Gwendolyn Bernice O’Flynn stellte Sir John vorerst hintenan.

Sie schritten über Deck und steuerten auf das Achterkastell zu. Sir John nickte mal Smoky, mal Matt Davies, mal jemand anderem aus der Crew zu. Aber keiner erwiderte den Gruß. Überall war Ablehnung, auch bei den Männern aus Falmouth, die – außer Baldwin Keymis natürlich – allesamt auf der Seite des Seewolfes zu stehen schienen.

Ich kriege euch schon klein, verdammte Bande, dachte Sir John.

Er stieg über den Steuerbordniedergang zum Quarterdeck, dann zum Achterdeck hoch. John Malcolm blieb wie sein Schatten dicht hinter ihm. Ben Brighton stand ganz achtern an der Hecklaterne des Schiffes. Dunkelheit senkte sich über die See. Ben Brighton blickte mißmutig nach Süden.

Sir John entdeckte an der Backbordseite des Achterdecks eine hünenhafte Gestalt. Big Old Shane. Der Schmied von Arwenack hielt ihnen den Rücken zugekehrt. Hatte er sie nicht bemerkt? Immerhin, Sir John war einigermaßen froh, daß Shane und nicht etwa der alte O’Flynn zugegen war. Mit dem alten O’Flynn gab es früher oder später wegen der Vorfälle in Falmouth noch Streit. Aber dann, so nahm sich John Killigrew vor, würde er ihm auch die Meinung wegen Gwendolyn geigen.

Er trat hinter den Bootsmann. Ben fuhr herum.

Sir John lächelte, drehte sich halb und schaute zum Besanmast hoch. „Ein wunderschönes Schiff mit einer guten Mannschaft. Alles tipptopp in Ordnung, es gibt nichts zu bemängeln. Ein schönes Schiff mit vielverheißender Ladung. Ein Schiff, das Zukunft hat, Mister Brighton – für Leute, die das Glück zu nutzen wissen.“

„Was wollen Sie?“ fragte Ben. Es klang barsch. Er sah nicht ein, warum er sich beherrschen sollte. Über Sir John wußte er so einiges, außerdem hatte er ihn ja damals beim Irland-Unternehmen zur Genüge kennengelernt.

„Sie sind jetzt der Kapitän auf diesem Schiff“, stellte Sir John nachdrücklich fest. „Ich schätze Ihre Qualitäten. Sie sind ein Mann, der seine Macht verdient. Zwei große Namen, Kapitän – Ben Brighton und John Killigrew, Generalkapitän von Cornwall. Uns steht es zu, die Zukunft zu bestimmen. Haben wir denn eigentlich jemals etwas gegeneinander gehabt? Nein ...

Ben drängte sich an ihm vorbei, ließ auch John Malcolm stehen und stapfte wütend nach vorn. „Lassen Sie mich in Ruhe.“ Er trat an die Five-Rail, den Querabschluß des Achterdecks zum Quarterdeck. Hart spannten sich seine Finger um die Handleiste.

Sir John gab nicht auf. Er ging ihm nach. Ein Blick zu Big Old Shane: Shane hatte sich umgedreht. John Malcolm schlich mit gesenktem Kopf, kampfbereit wie ein Stier. Wahrscheinlich hätte er Ben Brighton am liebsten die Fäuste gezeigt. Aber das ließ Sir John nicht zu.

Sir John baute auf seine bewährte Verhandlungstaktik. Er lehnte sich neben Ben Brighton mit dem Rücken gegen die Five-Rail und lächelte. „Nun aber Schluß mit dem Theater, mein lieber Freund. Es hat keinen Sinn, daß wir uns gegenseitig foppen. Reden wir Klartext. Es kommt Ihnen gut gelegen, daß Hasard schwer verletzt ist. Schließlich wollen Sie nicht Ihr Leben lang Anwärter auf den Posten des Kapitäns bleiben, oder? Nun, nach meinem Dafürhalten sind Sie unmittelbar vor Ihrem Ziel, Mister Brighton. Es tut mir leid für meinen Sohn, aber nach allem, was ich gehört habe, wird er wohl bald das Segeltuchkleid anziehen müssen.“

Ben Brighton drehte sich langsam zu ihm um.

Sir John fuhr fort: „Verheimlichen Sie mir nicht, was in den Frachträumen der ‚Isabella‘ liegt. Ich weiß es bereits. Mein Bester, wir sollten diese Beute teilen. Schließlich steht den Killigrews, aus deren Schoß Philip Hasard stammt, ein stattlicher Happen von der großen Torte zu. Ich bin der rechtmäßige Erbe meines Sohnes Hasard, wenn Sie so wollen. Wirklich, diese Fahrt übersteht mein Sohn nicht. Was bleibt? Wir teilen sofort, um klare Verhältnisse zu schaffen.“

„Haben Sie ausgeredet?“ fragte Ben leise.

„Nein. Im übrigen, so finde ich, segeln wir am besten gleich direkt nach Falmouth, statt Plymouth anzulaufen. Was wollen wir denn noch dort? Hasard kann ja doch keiner mehr helfen.“

„Wenn es an Bord der ‚Isabella‘ jemals einen Dreckskerl gegeben hat, dann sind Sie es“, erwiderte Ben Brighton.

„Wie bitte?“

„Was erdreistet sich dieser Hund?“ zischte John Malcolm.

„Verschwindet“, sagte Ben kalt. „Alle beide. Ich rate euch, die Hacken zu zeigen, bevor ich mich vergesse.“

Sir Johns Stirn umwölkte sich, seine Augen erhielten einen stechenden Glanz. Kalter Haß funkelte plötzlich in ihnen. „Nehmen Sie die Ehrenkränkungen zurück, die Sie da eben ausgestoßen haben.“

„Einen feuchten Kehricht werde ich tun.“

„Das bereust du“, sagte Sir John. „Wir sind noch nicht miteinander fertig, du Mistfresser. Ich werde dir beibringen, was es heißt, einen Killigrew zu beleidigen.“

„Dad, ich bringe ihn um!“ rief John Malcolm. Er ließ die Hand auf den Degengriff fallen.

Big Old Shane war plötzlich neben ihm. „Stop. Laß das. Ich wollte mich hier nicht einmischen, aber ihr habt laut genug gesprochen, daß ich alles verstehen konnte. Jetzt kann ich mich nicht mehr zurückhalten.“

„Recht so!“ rief Sir John. „Wenigstens einer auf diesem gottverfluchten Kahn, mit dem man noch vernünftig reden kann. Shane, ich habe immer gewußt, daß niemand einen Keil zwischen uns treiben kann.“

Shane schüttelte den Kopf. Er war ein Klotz von einem Mann, wild, verwegen, mit nackter Brust unter seinem Lederhemd, wirrem Grauhaar und einem Dickicht von Bart. Das Gewölk hatte sich gelichtet. Mondlicht fiel auf Shanes zerfurchtes Gesicht. Sein Ausdruck war von tiefem Ernst.

„Jetzt irren Sie sich, Sir John.“ Seine Stimme klang dumpf und grollend. „Lange Zeit habe ich mich innerlich dagegen geweigert, das Schweigen um das Geheimnis von Hasards Herkunft zu brechen. Aber nun kann ich nicht mehr anders. Denn Ihre Behauptung, Sir, Hasard stamme aus dem Schoß der Killigrews, ist glattweg gelogen.“

„Was?“ brüllte Sir John. „Du auch, Shane? Ja, hat sich denn hier alles gegen mich verschworen? Das hat Folgen für euch, ihr verdammten Meuterer!“

Shane hob eine Hand. „Bleiben Sie ruhig, Sir. Ich habe nur die Wahrheit gesprochen. Sie wissen, daß es nichts als die Wahrheit ist.“

„Unterstellungen!“ schrie John Killigrew. „Du bist des Teufels, Mann, daß du gegen deinen Herrn Partei ergreifst. Bist du von allen guten Geistern verlassen. diesen Bastard zu verteidigen? Was zahlt er dir, damit du dich auf seine Seite schlägst?“

„Nichts“, erwiderte Shane ruhig. „Und den Bastard lassen Sie das nächste Mal besser weg.“

John Malcolm wollte nun doch den Degen zücken. Aber Shane packte seine Arme. John Malcolm fühlte sich wie in Eisenklammern festgespannt. Er stieß einen schwachen Laut des Entsetzens aus.

Dann kriegte Sir John einen regelrechten Wutkoller.

Er tobte herum, schlug mit beiden Fäusten auf die Five-Rail, trampelte mit den Füßen. Sein Jähzorn gelangte zum Überschäumen. Er konnte sich nicht mehr bezwingen. Als er sich genügend ausgelassen hatte, wirbelte er herum und deutete mit bebendem Finger auf Ben und Shane.

„Brighton! Shane! Ihr habt hier nichts mehr zu melden. Die ‚Isabella‘ wird mir unterstellt, Vergeßt nicht, daß ihr es mit Sir John Killigrew, dem Generalkapitän von Cornwall, zu tun habt. Brighton, Pöbel wie du und deinesgleichen haben vor meiner Autorität zu kuschen.“ Wieder hieb er auf die Handleiste der Five-Rail. „Das Kommando übernehme ich, verstanden? Sofort!“

Plötzlich zog er seine Pistole. „Shane, bleib, wo du bist! Brighton, leiste ja keinen Widerstand.“ Es knackte. Er hatte den Hahn der Waffe gespannt. „Von euch Schmutzfinken lasse ich mich doch nicht unterkriegen. Brighton, wenn du auch nur eine falsche Bewegung tust, knalle ich dich über den Haufen!“

Gestalten bewegten sich auf Kuhl und Quarterdeck. Sie hasteten nach achtern und drängten sich schließlich unterhalb der Five-Rail und auf den beiden Niedergängen, die zum Achterdeck hinaufführten. Die gesamte Crew versammelte sich. Das Gebrüll der streitenden Männer hatte sie angelockt.

Sir John stand links von Ben Brighton und sah die Männer der Crew vom Steuerbordniedergang aus näher rücken. Einige Gesichter hatte er sich schon gut eingeprägt. Da war Smoky, der Decksälteste, da war Matt Davies, der Mann mit der eisernen Hakenprothese anstelle der rechten Hand. Da war auch ein drahtiger Blonder. Sir John konnte sich seines Namens nicht entsinnen, er registrierte nur, daß dieser Mann etwas von den anderen abrückte und vor den Steuerbordwanten des Besanmastes verharrte.

Sir John hob die Radschloßpistole in seiner Rechten noch etwas an.

Die Männer der Crew sahen die Waffe matt im Mondlicht schimmern. Sie verhielten ihren Schritt. Sir John wußte, daß er auch Männer in seinem Rücken hatte, er hatte deren Schrittgeräusche vernommen, doch auch die waren jetzt verstummt.

Eine Pistole vermittelte nun einmal eine deutliche Sprache.

Unten, so stellte John Killigrew durch einen raschen Blick fest, hatten sich nun auch Mitglieder seiner Mannschaft von der gesunkenen Galeone versammelt. Er nickte beruhigt. Das war wenigstens ein Lichtblick.

„Herhören“, sagte er in die lähmende Stille. „Auf der ‚Isabella‘ findet ein Kommandowechsel statt. Ab sofort übernehme ich die Führung. Jeder Mann der Besatzung hat mich gefälligst mit ‚Kapitän‘ und ‚Sir‘ anzureden. Wer nicht kapiert, kriegt die Neunschwänzige zu spüren, wird in die Vorpiek gesperrt oder an der Rahnock zum Zappeln aufgehängt.“

„Mann, Sie spinnen wohl?“ sagte Smoky.

Sir John grinste verächtlich. „Sonst noch jemand, der eine Lektion nötig hat? Ich merke mir jeden. Nachher wird mit den Meuterern unter euch abgerechnet.“

„Nimm mich mit auf in die Liste“, brüllte Carberry.

„Mich auch“, sagte Jean Ribault.

Ferris Tucker, der Kutscher, Pete Ballie, Gary Andrews, Stenmark, Al Conroy und die anderen von der Stammcrew der „Isabella“ bekundeten durch Zurufe, daß sie auf derselben Seite standen – auf der Seite des Seewolfes. Ben Brighton begann zu grinsen, und Sir John wurde bleich, als sich nun auch die ehemaligen Karibik-Piraten zu Wort meldeten.

„Weg mit dir, du Rabenaas!“ rief Jeff Bowie. Er stand an der Backbordseite. Sir John fuhr herum und blickte ihn an. Jeff hatte eine Hakenprothese wie Matt Davies, mit dem Unterschied, daß er die linke Hand eingebüßt hatte. Piranhas hatten sie ihm abgefressen, als sie in Kolumbien den Rio Atrato hinuntergefahren waren.

„Keine Chance für John Killigrew!“ schrie Will Thorne.

„Hau ab!“ rief Luke Morgan vom Quarterdeck.

„Schmeißt ihn doch ins Wasser“, sagte Buck Buchanan nicht besonders laut, aber dumpf und drohend. Er krempelte die Ärmel auf. Er war ein Bulle von einem Mann, vielleicht nicht besonders helle, aber bedingungslos dem Kommando des Seewolfes und dessen Vertreter ergeben.

Daran gab es nichts zu rütteln: Kein Mann der Crew wollte Sir John als Kommandanten der „Isabella V.“ annehmen. Unberechenbare Burschen wie Gordon Watts oder Patrick O’Driscoll gab es nicht mehr an Bord, sie hatten sich von selbst abgesondert – wer geblieben war, hatte sich nur einem Kapitän verschrieben.

„Philip Hasard Killigrew“, sagte Tim Foster, einer der Fischer aus Falmouth. „Er ist der einzige Killigrew, der hier Befehle geben darf.“

„Es lebe der Seewolf!“ rief der Stallknecht Dick Stable, und die seinerzeit aus Falmouth entführten Männer bezeugten ihren Beifall. Sir John sah seine Felle davonschwimmen. Er blickte wieder zu seinen Männern, diesem kleinen Häufchen Unverletzter, die von der Galeone entkommen waren. Aber die fühlten sich entweder eingeschüchtert, oder sie grinsten sich eins, was in der Dunkelheit nicht zu erkennen war.

„Meuterei also“, sagte er. „Damit kommt ihr nicht durch. Obacht, Brighton, meine Warnung gilt immer noch. Ich drücke ab, wenn du Tricks versuchst. Ich bin bereit, ein Exempel zu statuieren.“

„Davon rate ich ab“, erwiderte Ben. „Sie haben nur den einen Schuß. Na schön, schießen Sie mich nieder. Glauben Sie, ich habe Angst? Für Hasard opfere ich mich gern.“

„Ich auch“, sagte Gary Andrews. Er schritt an Ferris Tucker vorüber. Die anderen folgten ihm. Der Ring um Sir John Killigrew, Ben Brighton, Big Old Shane und John Malcolm Killigrew schloß sich langsam.

„Stehenbleiben!“ brüllte Sir John.

„Schießen Sie doch, auf was warten Sie noch – Sir“, sagte Ben spöttisch. „Ich sterbe, aber die Männer knüpfen Sie garantiert an der nächsten Rah auf.“

Sir John drängte sich mit dem Rücken gegen die Five-Rail. Sein Blick zuckte hin und her. Die Männer hatten Pistolen und Musketen, Messer, Schiffshauer, Degen. Und sie waren zu allem entschlossen. Wirklich, sie würden nicht zögern, ihn und John Malcolm in Stücke zu hauen. Und was nutzte ihm, Sir John Killigrew, der schönste Nachruf daheim in Falmouth, was nutzten die nachträglichen Grabreden, alles Geheuchel und das Bestreben der Hinterbliebenen, für eine Bestrafung der Schuldigen durch die Gerichte zu sorgen?

Prioritäten setzen!

Etwas Blitzendes surrte flach über das Achterdeck auf ihn zu. Es ging von dem drahtigen Blonden an den Besanwanten aus. Ein hohler Laut, dann steckte es zitternd in der Five-Rail. Ein Messer.

„Meine Name ist Bob Grey“, sagte der Blonde. „Ich gelte als Meister im Umgang mit dem Messer. Das nächste Mal ziele ich auf Ihre Brust, dessen können Sie gewiß sein – Siirrr!“

„Sir John!“ rief nun auch Big Old Shane. „Sie können Ben Brighton umbringen. Aber wenn Sie’s tun, ist das Leben von John Malcolm auch keinen Pfifferling mehr wert, das schwöre ich Ihnen.“ Er hatte den Burschen mit dem Ferkelgesicht immer noch fest im Griff und hielt ihn als eine Art Schutzschild vor sich.

„Das ist ungeheuerlich“, sagte Sir John.

Jean Ribault lächelte, wie nur er das in einer Situation wie dieser vermochte. „Monsieur, Sie müssen einsehen, daß die Dinge nicht gerade zu Ihren Gunsten stehen. Dies ist ein verschworener Haufen von eisernen Kerlen, die das Schicksal fest zusammengeschmiedet hat und die sich nur einem beugen.“

„Der Seewolf soll leben!“ klang es wieder über Deck, diesmal wie eine Kampfansage.

Sir John konnte nicht verhindern, daß ihm dabei ein Schauer über den Rücken lief. Noch nie hatte er es erlebt, daß eine Crew mit solch unbedingter Treue und Zuverlässigkeit hinter ihrem Kapitän stand. Und er sah es ja an seinen eigenen Männern. Sie ließen sich für ihn nicht niedermetzeln, sondern steckten gleich von Anfang an zurück. Eine ähnliche Kampfmoral hatte Sir John letztlich auch von Hasards Männern erwartet, sein Plan hatte darauf basiert. Jetzt prallte er von einer Barriere ab.

„Gut“, sagte er zornig. „Töten werde ich dich nicht. Aber ich kann dir wenigstens eins über den Schädel ziehen. Als Andenken.“ Er drehte die Radschloßpistole um. Sie hatte einen am Ende verdickten Kolben, der extra dafür gebaut war, dem Gegner auf den Kopf geknallt zu werden. Sir John wollte sich auf Ben stürzen – doch plötzlich verlor er den Boden unter den Füßen.

Hilflos hing er an zwei Haken, die ihn hochstemmten und zappeln ließen. Matt Davies und Jeff Bowie hatten zugepackt. Die Spitzen ihrer Prothesen bohrten sich in Sir Johns Montur, ohne ihn dabei zu verletzen. Der Kolben der Radschloßpistole sauste ins Leere. Ben Brighton brauchte sich seiner Haut nicht zu wehren. Er brauchte, und das im wahrsten Sinne des Wortes, nicht einmal einen Finger zu krümmen.

Sir John war machtlos. Er stieß einen Laut aus, in dem alle Schande und Erniedrigung lagen, die er in diesem Augenblick verspürte.

Shane stieß John Malcolm von sich. Der stolperte mit rudernden Armen bis zum Backbordniedergang, verlor dort das Gleichgewicht und fiel Batuti in die Hände. Batuti und Blacky waren als Wachtposten vor der Kapitänskammer abgelöst worden und an Deck gestiegen, weil sie den Lärm gehört hatten.

„Allmächtiger!“ kreischte John Malcolm. „Der schwarze Dämon. Hau ab, du Vieh, ich kann deinen Gestank nicht ertra ...“

Der Rest blieb ihm im Mund stekcen, denn der Gambia-Neger riß ihn hoch, stieß einen unwilligen Laut aus und sagte: „Batuti stellt Geschrei von kleines Schweinegesicht ab.“ Dann rammte er ihm die Faust unters Kinn.

Wie damals war das, weiland im Kerker von Arwenack, als Hasard gefangen gewesen war und der junge Dan O’Flynn und Batuti erschienen waren, um ihren Seewolf zu befreien. Da hatte Batuti dem Widerling John Malcolm auf die Schulter getippt, mit den Augen gerollt und ihm sein weißes Raubtiergebiß gezeigt, bevor er ihn niedergeschlagen hatte. John Malcolm hatte das Bild des „grinsenden, schwarzen Dämons“ in sich aufgenommen und nie wieder vergessen.

John Malcolm kippte hintenüber, schlug auf die Planken und versank im Reich der Träume. Erlösende Finsternis senkte sich über alles. Für den mißratenen Sprößling war vorläufig alles ausgestanden – für Sir John nicht.

Ben Brighton nahm ihm die Radschloßpistole ab. Er entlud sie, dann sagte er zu Matt und Jeff: „Absetzen.“

Sir John kriegte wieder Boden unter die Füße. Apathisch sah er zu, wie Ben ihm die Pistole in den Gurt zurückstopfte.

Ben trat einen Schritt zurück, dann sagte er: „Und jetzt hören Sie mal gut zu, Sir. Ich will Ihnen erklären, was ich von Leuten halte, die sich einbilden, in ihren Adern fließe blaues Blut, und allein das sei eine Rechtfertigung für alles, was sie tun, und von vornherein ein Beweis für Mut und Ehrlichkeit. O nein, werter Sir, es ist kein Garantiesiegel und kein Freibrief, denn ein Blaublütiger kann genauso ein Arschloch sein wie der letzte Aufklarer oder Plankenschrubber an Bord eines Schiffes.“

War Sir John zuvor schon bleich gewesen, jetzt verlor er das letzte bißchen Farbe aus dem Gesicht. Er schnappte nach Luft. Ihm fehlten die Worte.

Ferris Tucker sah Smoky an. „Ben wächst über sich selbst hinaus, und das alte Schlitzohr würde am liebsten in Grund und Boden versinken. Die Standpauke war mal nötig.“

„Die hochmütigen Herren von der Feste Arwenack“, sagte Ben Brighton. „Wie die Tyrannen spielen sie sich auf, aber sehen wir doch mal, was dahintersteckt. Nichts seid ihr! Nullen, Waschlappen, Weichlinge und Memmen und dazu noch Versager wie das Ferkel John Malcolm.“

„Das brauche ich mir nicht anzuhören“, sagte Sir John schwerfällig. Was war los? War er betrunken? Gaukelte ihm die Einbildung etwas vor? Noch nie hatte es jemand gewagt, so mit ihm umzuspringen – außer Hasard natürlich.

Als Hasard sechs Jahre alt gewesen war, da hatte ihn der Alte mitgenommen auf See und ihn vorn bei der Galion festgebunden und sich zehn Stunden lang halb totgelacht, als sich der Junge die Seele aus dem Leib gespuckt und die Seefahrt verflucht hatte – bei einem handfesten Sturm wohlgemerkt, den Sir Johns Karacke nur beigedreht überstanden hatte. Die Galle war das letzte gewesen, das Hasard in die kochende See gespuckt hatte – trotzig und voll berstender Wut auf Sir John, das salzgewässerte Rauhbein. Als er aber losgebunden wurde, hatte er dem Alten kräftig ins Handgelenk gebissen – worauf dieser ihm eine scheuerte. Später, auf der Feste Arwenack, war der Tag gekommen, an dem Hasard sich offen aufgelehnt hatte. Er hatte nur darauf gewartet, groß und stark genug zu sein. Er hatte seine drei sauberen Brüder vermöbelt, dann hatte er sich Sir John gegriffen und ihn in das Hirschgeweih gehängt, das seit hundert Jahren den Kamin in der Halle der Stammfeste zierte. Damals hatte sich Sir John geschworen, daß er sich niemals wieder so herunterputzen lassen würde. Aber jetzt war er diesem wutschnaubenden Ben Brighton ausgeliefert und mußte sich anhören, was der vom Stapel ließ.

„Spitzen Sie die Ohren, ich bin noch nicht fertig“, sagte Ben. „Es mußte erst ein Seewolf kommen, um die Leute von Falmouth aus den Klauen der Spanier zu befreien. Andernfalls wären sie im Kerker von Santo Domingo eines langsamen, grausamen Todes gestorben oder wären als Zwangsarbeiter auf den Plantagen der Insel Hispaniola dahingesiecht. Ist das Ihr Verantwortungsgefühl, Sir, Ihr großer Mut? Oder wollen Sie behaupten, es sei Ihnen ganz einfach scheißegal, was aus Ihren Mitbürgern geworden wäre?“

„Nein!“ Sir John brüllte es, daß ihm das Blut in den Kopf stieg und in den Ohren brauste. „Nein und nochmals nein! Ich war mit meiner Galeone aufgebrochen, um die Falmouther Gefangenen zu befreien, du neunmalkluger Hund! Erst jetzt hatte ich verlauten hören, daß die armen Teufel nach Spanien verschleppt worden waren, und nur darum bin ich mit den drei Galeeren und den beiden Karavellen ins Gefecht geraten.“

„Da lachen ja die Hühner!“ schrie der alte O’Flynn vom Quarterdeck. Er schickte sich an, aufs Achterdeck zu humpeln. Aber Big Old Shane kam ihm praktisch zuvor. Er baute sich vor Sir John auf, und wieder konterte er.

„Tut mir wirklich leid, Sir, aber Ihren Schneid hätten Sie ja damals zeigen können, als die verdammten Dons Falmouth überfielen. Aber da verschanzten sich die Killigrews auf Arwenack, drehten Däumchen und schauten zu, wie die Spanier Falmouth fast ganz zerstörten und in aller Seelenruhe ihre Gefangenen aussuchten.“

„Du Hund“, flüsterte Sir John. „O du elender Sohn einer räudigen Hafenhure, ich werde mich für deine Heimtücke noch revanchieren. Darauf kannst du dich verlassen.“

Big Old Shane lachte grimmig. „Mir jagen Sie keine Angst ein. Ich hätte weiterhin geschwiegen, wenn Sie nicht die ungeheure Dreistigkeit besessen hätten, die ‚Isabella‘ an sich reißen zu wollen.“

„Ich nicht!“ Der alte Donegal Daniel O’Flynn stapfte mit dem Holzbein auf, daß es nur so krachte. „John und ich, wir haben noch eine Rechnung zu begleichen, so ganz unter Freunden. Nicht wahr, John?“

„Du kannst mich“, erwiderte Killigrew.

„Ich habe immer auf deiner Seite gestanden, vergiß das nicht. Aber du hättest mich und meine Tochter nicht den Spaniern ausliefern dürfen. Du hast den Bogen überspannt. Und jetzt, nach anderthalb Jahren seit dem Überfall, behaupten zu wollen, ihr wärt auf dem Weg gewesen, die Gefangenen zu befreien – nein, das ist eine zu haarsträubende Lüge.“

„Fahr zur Hölle!“ schrie Sir John.

„Ja, aber nach dir. Gib doch zu, daß du dich auf einem deiner Beutezüge befunden hast. Sag doch die Wahrheit. Du wolltest den Spaniern ein Schnippchen schlagen und bist dabei wie üblich in die Klemme geraten. Statt deinem Sohn Hasard jetzt dankbar zu sein, versuchst du, ihm das Schiff zu stehlen. Pfui Teufel. Ohne die Hilfe der ‚Isabella‘ würdest du als Wasserleiche im Atlantik schwabbern – und das wäre wohl auch besser so gewesen, du mieser Stinkstiefel!“

Sir John sah jetzt deutlich, wie die Männer seiner Restcrew verstohlen grinsten. Er verdammte sie ins Fegefeuer, aber er konnte nichts unternehmen. Keiner außer John Malcolm und Baldwin Keymis stand hinter ihm. John Malcolm war bewußtlos. Und Keymis? Was konnte der schon gegen diese Übermacht ausrichten, abgesehen davon, daß er es sowieso nicht wagte, den Kopf aus dem Schott des Vorkastells zu stecken.

So mußte er, Sir John Killigrew, es sich gefallen lassen, beleidigt und erniedrigt zu werden. Er ballte die Hände. Er erstickte fast an seiner Wut. Aber er konnte nichts ausrichten. Und im stillen mußte er natürlich zugeben, daß Big Shane und der alte O’Flynn den Nagel auf den Kopf getroffen hatten. Ja, er war auf einem Beutezug gewesen. Aber nie würde er das offen zugeben.

5.

Caligu und seine Piraten – sie ritten auf Flammenpferden und furchtbaren Ungeheuern über die See. Don Franciso Rodriguez, Panfilo de Retortilla und viele andere Spanier aus der Neuen Welt waren unter der Meute, die jetzt mit Heulen und Brüllen das Schanzkleid der „Isabella“ erklomm und über Deck jagte. Hasard sah sie auf sich zurasen.

„Nein!“ Er hob die Arme, streckte sie weit von sich, spreizte die Finger. „Caligu – nein – nie-der – Ro-dri-guez – das Schiff – es ist mein, mein ...“

Gwen stöhnte entsetzt auf. Sie beugte sich über die Koje der Kapitänskammer, legte ihrem Mann die Hand auf die Brust und versuchte alles, um ihn zu beruhigen. „Hasard, Hasard. Du phantasierst ja. Was ist denn nur?“

„Mein Schiff, mein – der Schatz ...“

Er formte die Hände zu Fäusten. Plötzlich schlug er um sich. Gwen entging mit knapper Not einem Hieb. Sie stolperte, fiel neben der Koje hin und begann hemmungslos zu weinen. Philip Hasard Killigrew wälzte sich auf seinem zerwühlten Lager. Er stammelte Zusammenhangloses und fügte sich durch die Bewegungen selbst Schmerz zu. Er schrie und schlug immer wilder um sich.

Gwen erhob sich. Schluchzend stürzte sie zur Tür. „Blacky! Batuti! Himmel, wo steckt ihr?“

Sie riß die Tür auf. Schwarz gähnte ihr die Öffnung entgegen. Der Gang war leer. Hinter ihr gebärdete sich der Seewolf wie ein Verrückter auf der Koje und drohte, zu Boden zu kippen. Gwen wurde von Panik erfaßt. Keuchend hetzte sie den Gang entlang.

„Blacky! Batuti!“

Plötzlich wuchs eine Gestalt vor ihr aus dem Dunkel. Karl von Hutten packte sie an den Armen und schüttelte sie. „Gwendolyn, um Himmels willen, was ist denn nur?“

„Hasard – er fiebert ...“

„Mein Gott, und ich stand mit Piet Straaten vorn am Schott, um die Diskussion auf Deck zu verfolgen. Wir haben Blacky und Batuti vor wenigen Minuten abgelöst. Warte. Piet, he, Piet!“

„Hier“, ertönte die Stimme des Holländers.

„Ruf den Kutscher, aber schnell. Der Seewolf ist aus seiner Ohnmacht erwacht.“

Kurz darauf verließ der Kutscher die Versammlung auf Deck, hetzte wie wahnsinnig ins Achterkastell und stürmte den Gang zur Kapitänskammer entlang, als säßen ihm sämtliche Hunde der Hölle im Nakken. Er stieß sich fast den Kopf an der Türfassung, dann stand er in der Kammer. Karl, Piet und Gwen knieten neben der Koje des Seewolfes.

Hasard phantasierte immer noch. Von dem, was er ausstieß, waren manchmal nur Namen wie „Caligu“ oder „Rodriguez“ oder „Isabella“ zu verstehen.

„Da kann man nicht viel tun“, sagte der Kutscher. „Ihr müßt nur verhindern, daß er aus der Koje fällt. Festbinden hat keinen Zweck. Dadurch würden wir seinen Zustand nur verschlimmern.“

Gwen rang die Hände. „Aber es muß doch wenigstens ein Mittel geben, das ihn schlafen läßt. Mein Gott, müssen wir denn nur dastehen und ihn leiden sehen?“

Hasard sank plötzlich in sich zusammen. Gwen stockte der Atem. Der Kutscher beugte sich hastig über seinen schwerkranken Kapitän und lauschte an seiner Brust. Endlich nickte er. „Der Herzschlag normalisiert sich, der Atem geht auch regelmäßiger. Er ist wieder in Bewußtlosigkeit versunken. Tut mir leid, Gwen, aber das wird sich während der Reise nach England sicherlich noch öfter ereignen.“

Gwen biß die Zähne zusammen.

John Malcolm schlug die Augen auf. „Was – wo – verdammt, mein Kopf!“ Er rieb sich den lädierten Schädel und vor allen Dingen das Kinn, wo ihn Batutis eisenharte Faust getroffen hatte. Noch jetzt hatte John Malcolm das Gefühl, ein Bulle habe ihn getreten.

Er schaute sich um und sah seinen Vater, der gekrümmt auf dem Rand der Koje hockte. So stocksteif kauerte der Alte dort, daß es Malcolm himmelangst wurde.

„Vater!“

„Was willst du?“ sagte Sir John, ohne den Kopf zu wenden.

„Ich dachte schon, du wärest ...“

„So schnell kriegen die mich nicht klein, diese Hunde.“

„Wo sind wir?“

„Wieder in unserer Kammer im Achterkastell. Es ist übrigens die Kammer, in der vorher der Friedensrichter untergebracht war, bevor sie ihn ins Vorschiff jagten.“

„Was macht Keymis?“

„Was macht Keymis“, äffte Sir John seinen Sohn nach. „Der schert sich einen Dreck um die Ereignisse und horcht an seiner Koje. Eine Stütze ist der nicht für uns, das kann ich dir sagen.“

„Diese Schweine“, sagte John Malcolm. Er wollte sich aufrichten, ließ sich aber gleich wieder mit einem matten Laut auf das Lager sinken. „O mein Gott, wie mein Kopf weh tut. Ich glaube, es stecken Nägel drin. Wir haben endgültig verspielt, Dad.“

„Das sieht dir ähnlich, die Flinte gleich ins Korn zu werfen.“ Sir John erhob sich, trat zu ihm und schaute verächtlich auf ihn hinunter. „Sonst hast du eine große Klappe, aber es braucht bloß so ein dämlicher Nigger draufzuhauen, und du ziehst den Schwanz ein wie ein Hund. Verspielt – etwas Blöderes fällt dir wohl nicht ein, wie?“

„Ich bin kein Weichling“, begehrte John Malcolm auf. „Das kannst du mir nicht anhängen. Ich wollte dich retten. Ich hatte meinen Degen schon fast gezückt und ich hätte dich ’rausgehauen, wenn Old Shane nicht gewesen wäre, Dad.“

„Old Shane.“ Sir Johns Augen waren zu Schlitzen geworden. „Allein der Name bringt mich zur Weißglut. Aber laß nur, mein Sohn, unsere Stunde kommt noch. Vielleicht haben wir den richtigen Augenblick verfehlt. Das heißt aber nicht, daß ich zurückstecke.“

„Was hast du vor?“

„Sei mal still.“ Der Alte reckte den Hals und drehte sein Gesicht zur Tür. „Hörst du das, mein Junge?“

„Da sind Stimmen. Die Hure Gwen weint, wenn mich nicht alles täuscht.“

„Gut. Das bedeutet, dem Bastard geht es schlechter.“

„Meinst du wirklich?“

„Würde das Weib sonst heulen?“

„Wohl nicht.“ John Malcolm massierte sich das ramponierte Kinn. „Also, ich habe nur den einen Wunsch: daß der Kerl bald ins Gras beißt.“

Sir John begann in der Kammer auf und ab zu. wandern. Plötzlich konnte er schon wieder grinsen. „Hör mal, ich habe da einen prächtigen Plan. Wieso helfen wir dem Schicksal nicht ein bißchen nach, damit sich unsere Wünsche erfüllen?“

„Du meinst ...“

„Sag bloß, du liebst deinen verdammten Stiefbruder!“

„Ich?“ John Malcolm wurde richtig empört. „Da hört aber alles auf. Du weißt doch, was für eine Stinkwut ich auf ihn habe.“

„Wut allein, das reicht nicht.“

„Ich hasse ihn.“

„Wie weit?“

„Auf was willst du hinaus?“

„Antworte auf meine Frage.“

„Also“, sagte John Malcolm, und in seinen Augen flackerte es, „ich könnte ihm den Hals umdrehen, diesem Hund.“

Sir John nickte befriedigt. „Das wollte ich nur hören. Du wirst zum Zug kommen, das schwöre ich dir. Bald knöpfen wir uns Hasard vor. Wir brauchen ja nur in seine Kammer zu schleichen, dem liederlichen Frauenzimmer O’Flynn eins über den Schädel zu ziehen und ihm, dem großen Seewolf, die Gurgel zuzudrücken. So einfach ist das.“

John Malcolm richtete sich in der Koje auf. In diesem Moment störte es ihn nicht, daß sein Kopf schmerzte. Aus geweiteten Augen blickte er seinen Erzeuger an. „Augenblick mal. Du vergißt die Wachen. Der schwarze Teufel und sein weißer Kumpan waren vor der Tür der Kapitänskammer postiert, erinnerst du dich nicht?“

„Ich bin doch kein Tattergreis, mein Sohn.“

„Ich schätze, die Wache ist inzwischen abgelöst worden. Wie spät ist es?“

„Nach Mitternacht. Nun, du kannst natürlich recht haben, ausnahmsweise mal.“

John Malcolm verzog den Mund. „Siehst du, Dad. Wir sind kaltgestellt. Und wir können noch froh sein, daß dieser Brighton, Old Shane und all die anderen Verbrecher uns nicht einfach zu den Haien geschickt haben.“

„Hör doch auf mit dem Gefasel. Sie wissen genau, was sie damit riskieren würden. Sie können es einfach nicht tun, Junge, oder glaubst du, diese Schweine haben uns nur aus reiner Menschlichkeit verschont? O nein, die wissen ihren Verstand schon zu gebrauchen. Mal angenommen, sie würden uns umbringen: In Falmouth würde man nach uns fragen. Früher oder später würde bekannt werden, daß sie uns abserviert haben. Und, mein lieber Mann, dann gäbe es ganz schön Rabatz. Zwei Killigrews können nicht so mir nichts, dir nichts verschwinden. Ich bin der Generalkapitän von Cornwall. Man würde hartnäckige Nachforschungen anstellen, die den Seewolf und seine Halunken ans Messer liefern.“

John Malcolm grinste breit und zufrieden. „Mit anderen Worten, wir haben gar nichts zu befürchten.“

„Im Grund nicht. Die wagen es nicht, uns abzumurksen. Sonst hätten sie es schon längst getan.“

„Aber wenn wir Hasard töten, werden wir uns in Falmouth vor einem Gericht verantworten müssen.“

Sir John lachte leise. „Du spinnst wohl. Erstens haben wir nicht nur Baldwin Keymis, sondern auch noch eine Menge anderer Leute auf unserer Seite. Zweitens helfen wir nur dem Schicksal nach. Hasard liegt ohnehin im Sterben. Drittens: Ihm weint doch keiner eine Träne nach. Die Leute von Cornwall werden sogar froh sein, eine Mißgeburt wie ihn endlich los zu sein. Sie haben nämlich Angst vor ihm.“

„Ganz bestimmt.“

Sir John wandte sich zur Tür. „Stell dich hier neben die Tür, blicke durch den Spalt und paß auf, daß mir keiner nachschnüffelt. Ich schleiche mich durchs Achterkastell und sehe nach, wie es sich mit der Wache an der Kapitänskammer verhält.“ Damit schlüpfte er aus dem Raum.

Wenig später war er zurück und erklärte: „Verdammt, da wird tatsächlich scharf aufgepaßt. Zur Zeit schieben dieser Karl von Hutten und einer der Holländer vor der Tür Wache. Ich habe Glück gehabt, daß sie mich nicht entdeckt haben.“ Er ließ sich auf seiner Koje nieder. „Na schön, im Moment ist da also nichts zu machen, John Malcolm. Dann warten wir eben, bis die Wogen sich wieder geglättet haben. Ein paar Nächte Ruhe, und jeder wird denken, wir kuschen endgültig.“

„Ja“, erwiderte John Malcolm grinsend. „Und dann schlagen wir zu.“

In den folgenden Tagen verließen die beiden Killigrews selten ihre Kammer, höchstens, um zum Essenfassen zu gehen. Bedient wurden sie nicht. Jeder Mann an Bord vermied es auch, sich mit ihnen zu unterhalten. Sie wurden geschnitten – wie seinerzeit und auch jetzt noch Baldwin Keymis, der Intrigant.

Seinerseits vermied auch Sir John jeglichen Kontakt mit Keymis. Er hielt es für taktisch klüger. Er beschränkte sich darauf, mit John Malcolm zu sprechen, spielte im übrigen den reumütigen Bösewicht und gab sich alle Mühe, den Wunsch nach Versöhnung zum Ausdruck zu bringen.

Es wurde Februar, und die „Isabella V.“ erreichte die Biskaya. Die See war – nach einigen Tagen Ruhe – wieder ruppig und rauh geworden, die Windstärke pendelte zwischen sechs bis acht. In den Nächten waren der Wind, der durch Wanten und Pardunen pfiff, und das unablässige Knarren der Rahen, Blöcke und Taljen die Begleitmusik, die den Schlaf der Männer an Bord untermalte. Die „Isabella“ rollte und stampfte bei schäumender Bugsee. Trotz aller Risiken hielt Ben Brighton sie unter Vollzeug. Er war wie besessen von dem drängenden Verlangen, so schnell wie möglich Plymouth zu erreichen.

„Es ist soweit“, sagte Sir John eines Nachts zu seinem Sohn. „Du weißt, ich hatte herausgefunden, daß Brighton jeweils eine vierstündige Doppelwache seiner Crew vor Hasards Kammer gehen ließ. Jetzt scheint es damit vorbei zu sein.“

„Sie fühlen sich sicher, die Hunde“, sagte John Malcolm.

„Heute nacht erledigen wir es.“

„Ich kann es kaum erwarten.“

Etwas später, es ging auf Mitternacht zu, verließen sie ihre Kammer und glitten durch das Dunkel der Schiffsgänge auf den Raum des Kapitäns zu. Sir John hatte seine Radschloßpistole gezückt. Ben Brighton hatte sie entladen, und Sir John besaß auch keine Munition mehr. Aber die Waffe taugte immer noch dazu, sie jemandem auf den Schädel zu schlagen.

John Malcolm hatte seinen Degen noch im Wehrgehänge stecken. Doch er wollte ihn nicht anwenden, um Hasard zu töten. Er wollte sich nur seiner Hände bedienen, damit ihm später kein Mensch den Mord nachweisen konnte.

Sie gelangten an die Tür zur Kapitänskammer. Hier verharrten sie eine Weile und sahen sich nach allen Seiten um. Sir John grinste seinen Sproß triumphierend an. Es war, wie er gesagt hatte: keine Wachen. Niemand ließ sich blicken. Die Luft war rein.

Sir John legte die Hand auf die Türklinke. Sanft drückte er sie herunter, so langsam, daß sie keinen Laut verursachte. Danach probierte er, ob die Tür etwa von innen verriegelt war. Das war nicht der Fall. Die Tür ließ sich aufschieben. Und sie bewegte sich in gut geölten Angeln! Kein Knarren verriet die beiden Eindringlinge.

Sir John spähte in die Kammer.

Neben der Koje des Seewolfes brannte ein Talglicht. Seine blakende Flamme verbreitete ausreichend Helligkeit. Einfacher ging es nicht. Da war die Koje mit dem schwerkranken Seewolf. Er lag in tiefer Bewußtlosigkeit. Gwen saß auf einem Stuhl, ihnen halb zugewandt, und war eingenickt. Das Licht wies den Killigrews den Weg, sie brauchten nur ein paar Schritte zu tun und konnten ihren Mordplan in die Tat umsetzen.

Sir John zögerte nicht.

Er pirschte voran. John Malcolm folgte ihm auf den Fersen. Sie hatten die halbe Distanz zwischen Tür und Lager des Seewolfes zurückgelegt, da fiel die Tür mit einem knappen Geräusch ins Schloß.

John Malcolm fuhr herum.

Sir John war zusammengezuckt und stand geduckt, die Radschloßpistole umgedreht in der Rechten.

„Himmel, du Narr“, zischte er. „Kannst du nicht aufpassen? Bei der See muß die Tür ja zuklappen.“

John Malcolm sah die beiden hühnenhaften Gestalten, die neben der Tür an der Innenwand der Kammer emporwuchsen. In der einen erkannte er Big Old Shane, den Schmied und Waffenmeister von Arwenack, die andere entpuppte sich als der riesige Gambia-Neger.

„Dad“, röchelte John Malcolm. „Das ist eine Falle.“

Sir John drehte sich nun auch um. „Jesus, was sind wir doch für Hornochsen gewesen.“

Shane trat langsam auf sie zu. Die Planken knarrten ein wenig unter seinen Schritten. Er blieb stehen, ein Koloß von einem Mann, groß, stark, unerschütterlich und unbeirrbar. „Ich habe es geahnt. Ich kenne Sie genau, Sir John, und wußte, daß diese leidige Angelegenheit noch nicht ausgestanden ist, vor allem, wenn ich an die Schatzbeute im Leib dieses Schiffes denke. Ich habe Ben Brighton gewarnt. Und es war meine Idee, die Kapitänswache schließlich vom Gang in die Kammer zu verlegen.“

„Du Hund“, stieß Sir John aus. „So hintergehst du mich also zum zweiten Mal. Aber dir werde ich es zeigen. Du wirst noch um meine Gnade betteln.“

„Alter Mann nimmt den Mund zu voll“, versetzte Batuti grollend. „Aber jetzt Schluß.“ Er schlug mit der einen Faust in die offene Fläche der anderen Hand. Das Geräusch weckte Gwendolyn Bernice O’Flynn.

Sie erfaßte die Situation mit einem Blick. „O mein Gott.“ Sie klammerte sich mit beiden Händen an der Sitzflächenkante ihres Stuhles fest. „Was wollen Sie hier, Sir John? Gehen Sie. Ist es nicht genug, daß Hasard so entsetzlich leidet?“

„Nein“, sagte John Malcolm. „Wir setzen jetzt alles auf eine Karte, du Hure. Dad, gib’s ihr doch!“ Er zückte seinen Degen und richtete die Spitze auf Big Old Shane. „Noch einen Schritt weiter, und ich durchbohre dich als ersten, du Verräter!“

Sir John stürzte sich auf Gwen. Aber er hatte nicht mit der Geistesgegenwart der jungen Frau gerechnet. Sie glitt vom Stuhl und ließ sich zu Boden sinken. Sir John hieb den Pistolenkolben auf die Sitzfläche, dann stolperte er über das Sitzmöbel, schlitterte damit ein Stück nach Backbord und prallte gegen die Wand am Fußende von Hasards Koje. Fluchend fuhr er herum.

Gwen drängte sich mit einem Aufschrei gegen die Koje.

Shane riß ein Entermesser aus dem Gurt. Gerade noch rechtzeitig, denn John Malcolm unternahm einen Ausfall, sprang auf ihn zu und wollte ihm den Degen in den Unterleib rammen. Shane führte eine glänzende Parade. Die Klinge des Entermessers krachte gegen den Degen. John Malcolm wurde durch die Wucht des Schlages zur Seite gestoßen.

Batuti war mit einem Satz, der jedem Panther Ehre bereitet hätte, an Shane und John Malcolm vorbei. Er stellte sich zwischen Gwendolyn und den zornbebenden Sir John.

„Gib’s auf“, sagte Big Old Shane zu John Malcolm. „Vergiß nicht, was ich einst auf Arwenack geschworen habe, als ihr Hasard schon einmal ermorden wolltet.“ Schweren Schrittes hielt er auf den ferkelgesichtigen Sproß zu.

„Ja“, sagte John Malcolm. „Du wolltest mich umbringen. Aber das schaffst du nicht. Du hast ja nur Angst, gib’s doch zu.“ Er hob den Degen.

Sir John hatte sich aufgerappelt und näherte sich Batuti. „Weg dort, Nigger. Mach Platz, oder du kriegst ein Ding verpaßt, wie du es noch nicht erlebt hast.“

Batuti lachte wieder. Das reizte Sir John bis zum Überkochen. Er hechtete auf den Gegner zu und wollte den Pistolenkolben auf dessen Stirn donnern. Batuti packte seine Arme. Er drehte sie ein wenig um, und Sir John ließ die Waffe mit einem Wehlaut los. Sie polterte zu Boden.

„Batuti böse“, hörte Sir John dicht vor sich Batutis Stimme. „Du ganz hundsmiserabler Kerl.“

Dann krachte ihm eine Faust unters Kinn, und Sir John glaubte, durch die Decke nach oben und außenbords der „Isabella“ katapultiert zu werden. Er hatte den Eindruck, ein Vorschlaghammer habe ihn getroffen. Mit solcher Wucht hatte Batuti zugeschlagen, daß Sir John meinte, sein Kopf müsse in tausend Stücke zerplatzen. Er streckte sich schlaff neben der Koje aus und regte sich nicht mehr.

Shane wehrte die nächste Attacke von John Malcolm ab. Diesmal drehte er das Entermesser in einer heftigen Rundbewegung. Klinge rieb sich an Klinge, es gab einen scharrenden Laut – und dann flog John Malcolms Degen in die Ecke der Kammer. John Malcolm schlenkerte die schmerzende Hand.

Shane hieb das Entermesser mit der Spitze in den Boden. Zitternd blieb es stecken. „So, du Würstchen. Und jetzt sag mir, ob du noch eine anständige Tracht Prügel willst.“

Mit gellendem Schrei stürzte John Malcolm auf den Gegner zu. Er raste vor Wut und kannte nur noch den einen Wunsch: sie an irgend jemandem auszutoben, um sich für den Hinterhalt zu rächen. Er wußte die Umstände nicht mehr abzuwägen, vergaß sich, handelte blindlings.

Big Old Shane empfing ihn mit einem schmetternden Fausthieb. John Malcolm stoppte, krümmte. sich. Shane packte ihn, drehte ihn und trat ihm mit aller Macht in den Hintern. Da raste John Malcolm gegen die Tür, als hätte ihm jemand eine Pulverladung in den Hintern gesteckt und sie dann angezündet. Er prallte mit unverminderter Wucht dagegen und sackte zu Boden. Die Tür krachte aus ihrem Rahmen und begrub ihn unter sich. John Malcolm wimmerte.

Shane ging zu ihm. „Wehr dich doch, du Meuchelmörder. Wo bleibt deine große Schnauze? Es wurde mal Zeit, daß dich jemand zurechtstutzt und nachholt, was dein Alter versäumt hat, du Ratte!“

John Malcolm kroch unter der Tür hervor, erhob sich, schwankte, schlug mit der Schulter gegen den Rahmen. Er keuchte, dann taumelte er in den Gang hinaus. Shane setzte ihm nach.

„Shane, nicht!“ rief Gwen.

Aber der Schmied hörte nicht auf sie, und auch Batuti regte sich nicht vom Fleck, um den Riesen aufzuhalten. Sie sahen die Gestalten der beiden Männer im Gang nicht mehr, aber sie vernahmen die Geräusche: das Klatschen, mit dem Shanes Schläge an John Malcolms Körper landeten, das Keuchen, Stöhnen und Jammern des Killigrew-Sprosses. Etwas polterte, etwas fiel um, jemand fluchte, und dann trat Stille ein.

Sie dauerte nicht lange.

Schritte polterten über Deck, Männer sprangen den Niedergang hinunter. Sie hatten den Lärm vernommen. Zuerst erschienen Ben Brighton, Ferris Tucker, Carberry, Ribault und Karl von Hutten, gleich darauf auch Blacky, Smoky und schließlich der alte O’Flynn an der Seite seines Sohnes. Ben Brighton blieb erschüttert unter der Füllung der zerstörten Tür stehen und betrachtete den alten Killigrew.

„Batuti hat ihm ein Ding verpaßt, daß er sich gleich zu Hasard legen könnte“, sagte Gwen. „Sie wollten Hasard umbringen.“

„Wie geht es dir?“ erkundigte sich Ben tonlos.

„Gut, und Hasard ist auch nichts passiert, als der Kampf tobte.“

„Ruft den Kutscher“, befahl Ben.

Kurz darauf kehrte er mit einem Talglicht in den Gang zurück und beugte sich über John Malcolm Killigrew. Der Bursche sah übel aus: sein Gesicht war blutverschmiert und verquollen, seine Kleidung zerrissen. Big Old Shane lehnte an der Wand des Ganges. Seine Brust hob und senkte sich unter regelmäßigen Atemzügen.

Ben erstarrte. John Malcolms Brust bewegte sich nicht mehr. Er beugte sich über ihn und lauschte nach den Herzschlägen – vergebens.

Der Kutscher erschien.

„Da kannst du nichts mehr ausrichten“, sagte Ben leise. „Dieser Mann ist tot.“ Er blickte zu Shane auf. Das Talglicht flackerte und warf gespenstischen Schein auf das verwitterte Gesicht des Schmiedes.

„Es überrascht mich nicht“, sagte Shane. „Und ihr könnt mich auch nicht verurteilen, weil ich es ihm besorgt habe. Damals, auf Arwenack, als sie Hasard in den Kerker geworfen hatten, bin ich um ein paar Minuten zu spät gekommen, sonst hätte ich ihn schon da erschlagen. Heute nacht konnte ich nicht mehr anders. Es mußte geschehen. Ja, über die Folgen bin ich mir im klaren. Ich habe John Malcolm auf dem Gewissen, den Erstgeborenen der feinen Killigrew-Sippe. Aber ich bereue nichts. Wenn es sein muß, werde ich mit dem Leben dafür büßen.“

„Hör doch auf“, sagte der alte O’Flynn wütend. „Der da“, er wies mit seinem Holzbein auf den Toten, „war ein erbärmlicher Lump. Es ist nicht schade um ihn. Hört zu, Männer, schicken wir auch Sir John zu den Fischen. Er hat’s genauso verdient wie John Malcolm, außerdem sorgt er garantiert für Schwierigkeiten, wenn er Falmouth lebend erreicht.“

„Vorsätzlicher Mord?“ Ben Brighton erhob sich. „Nein, das kann und werde ich nicht zulassen. Schlagt euch das aus dem Kopf, Männer.“

„Schon gut“, erwiderte Shane. „Keiner tut etwas gegen deinen Befehl. Ich bin bereit, alle Folgen zu tragen, die sich aus diesem Zwischenfall ergeben. Einiges kann ich mir schon lebhaft ausmalen. Sir John lebt, und außerdem ist da noch Baldwin Keymis, der nur darauf wartet, einem von uns den Strick zu drehen. Sir John und er werden Komplicen, und dann geben sie gemeinsam keine Ruhe, bis der Tod von John Malcolm gesühnt ist. Immerhin, ich habe mich an einem Adelssproß vergriffen.“

„Verdammt!“ rief der junge O’Flynn. „Dieses Prachtexemplar von einem Sproß wollte meine Schwester niederknüppeln, den Kapitän ermorden und dann auch noch über Batuti und dich herfallen, zusammen mit Sir John, meine ich natürlich. Wenn das nicht schwer genug wiegt!“

Shane schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Junge, aber ich stehe den Dingen skeptischer gegenüber als du. Sir John wird alles abstreiten. Wer kann seine Aussage widerlegen?“

„Wir alle“, sagte Dan O’Flynn erregt.

„Das zählt nicht. Vergiß nicht, daß wir hergelaufene Strolche sind. Du brauchst mich nicht so verblüfft anzustarren, ich sage nur, wie es ist. Nicht einmal Hasard zählt etwas bei den hohen Herren, die in Cornwall die Geschicke der Menschen leiten. Für sie ist er nicht der verdiente Kapitän Killigrew, sondern ein Nichts, ein Emporkömmling. Und angesichts der Tatsache, daß John Malcolm Killigrew tot ist, wird man sich zusammen mit Sir John und Baldwin Keymis sehr schnell über die Schuldfrage einig werden. Wer glaubt unsereins schon? Wer ergreift für einen Mann wie mich Partei?“

„Wenn das so ist“, sagte Carberry, „warum hast du dieses Schwein dann totgeprügelt?“

Big Old Shane blickte die Männer der Reihe nach an. Immer mehr drängten nach, es wurde eng im Gang.

„Blut ist nur mit Blut zu sühnen“, sagte Shane. „Ich habe keine Angst vor den Folgen meiner Tat. Und ihr haltet euch gefälligst zurück, wenn man mich daheim in England in Haft nimmt und in den Kerker wirft. Ich bin innerlich auf alles vorbereitet. Blut ist nur mit Blut zu sühnen, deswegen mußte John Malcolm, der eine Bluttat begehen wollte, sterben. Blut ist nur mit Blut zu vergelten, deswegen werde ich den Kopf hinhalten und nicht mit der Wimper zucken, wenn sie mich für mein Handeln zur Rechenschaft ziehen. Innerlich bin ich auf alles vorbereitet. Ich habe es schließlich nicht im Jähzorn getan. Ich habe getötet, Carberry, um den Seewolf ein für allemal vor einem seiner gemeinsten Widersacher in Sicherheit zu wissen. Und ich habe es auch für Gwen getan, und für das Kind, das sie unter dem Herzen trägt.“

Gwen hatte zugehört und blickte den Riesen erschüttert an.

Die Männer starrten auf Old Shane, und es lag weder Tadel noch Zweifel in ihren Mienen. Vielmehr bewunderten sie diesen bärenstarken Mann, weil er sich so beispielhaft verhalten hatte. Für Shane gab es keinen Kompromiß, er ging bis zur letzten Konsequenz, und es lag nicht nur etwas Archaisches, Altüberliefertes, sondern auch etwas beinahe Selbstzerstörerisches in seinem Verhalten. Er hatte gewählt und sich für Hasard entschieden.

In der furchtbaren Situation war er für die Crew etwas wie ein Fels, der mahnend und wegweisend zugleich aufragte. Selbst der harte Carberry verspürte für Shane etwas von der großen Ehrfurcht, die er auch dem Seewolf gegenüber empfand.

6.

Sir John Killigrew erwachte aus seiner tiefen Ohnmacht und glaubte, es habe ihn geradewegs in die Hölle verschlagen. Zwei Gesichter schoben sich verschwommen, dann allmählich klarer, in sein Sichtfeld. Das eine war alt und verkniffen und von einem schlohweißen Haarschopf gekrönt, das andere war das eines pechschwarzen Dämons der Finsternis.

„Gerechter Himmel“, sagte Sir John undeutlich.

„Er kommt zu sich“, sagte der Alte. „Los, Batuti, hol Ben Brighton.“

Diese Stimme – die kannte Sir John doch!

Das schwarze Gesicht verschwand, dann war Sir John allein mit dem Alten. Er blinzelte ein paarmal, dann hob sich das Gesicht des Alten scharf genug über ihm ab. „Donegal Daniel O’Flynn. Zum Teufel mit dir! Wo ist mein Sohn? Und was hat der Nigger hier verloren? Wo bin ich?“

Der alte O’Flynn verzog keine Miene, als er antwortete: „Du könntest ruhig ein wenig freundlicher sein, altes Aas. Gehen wir hübsch der Reihe nach. Batuti und ich, wir haben die erste Wache an deiner Lagerstatt übernommen. Ist das nicht rührend?“

„Es bringt mich glatt um.“

„Du befindest dich in deiner Kammer im Achterkastell.“

„Wo ist John Malcolm?“ Sir John richtete sich ein wenig auf und wollte sich umschauen, aber heftiger Schmerz durchzuckte ihn. So heftig, daß er sich sofort wieder zurückfallen ließ. „Ich — ich bin schwer verletzt, Donegal. Du kannst mich hier nicht verrecken lassen. Das darfst du nicht.“

„Darf ich nicht? Wer hat mich denn an die Spanier ausgeliefert?“

„Das ist doch vergessen und gehört der Vergangenheit an.“

„Könnte dir so passen. Für mich ist es noch nicht vergessen, mein Freund.“ Donegal O’Flynn verzog die Lippen zu einem herablassenden Lächeln. „Der Kutscher hat dich von vorn bis hinten und von oben bis unten untersucht. Du hast keine ernsthafte Blessur. Batuti hat zwar kräftig hingelangt, als du dich auf Gwen und Hasard stürzen wolltest, aber leider ist dein Schädel heilgeblieben.“

„Leider?“

„Ja. Ich hätte lieber, du wärst in die Hölle abgeschrammt.“

„Das kann nicht dein Ernst sein, Donegal.“

„Denk, was du willst, der Glaube macht selig. Hör zu, John. Ich habe eine geladene Pistole im Gurt stekken, und ich werde sie rücksichtslos einsetzen, wenn du versuchst, aus dieser Kammer auszukneifen.“

„Wo steckt John Malcolm?“

„Wo er hingehört.“

Der alte O’Flynn wurde durch Ben Brighton und Batuti unterbrochen, die die Kammer betraten. Ben nahm am Fußende der Koje Aufstellung und musterte Sir John Killigrew ernst.

„Sir John“, sagte er. „Sie stehen unter Kammerarrest. Sie werden keine Gelegenheit haben, neue Schandtaten durchzuführen. Selbstverständlich ziehen sich die Wachen auf den Gang zurück. So weit, daß Sie nicht einmal mehr Herr Ihres engsten Persönlichkeitsbereiches sind, beschneide ich Ihre Freiheiten nicht.“

„Ihre Großzügigkeit wirft mich um“, sagte Sir John höhnisch.

„Ich an Ihrer Stelle würde mich nicht aufs hohe Roß setzen“, sagte Ben. „Sie haben sich des Mordversuches schuldig gemacht.“

„Wer sagt das?“

„Gwendolyn Bernice O’Flynn, Shane und Batuti.“

„Lüge ...“

Sir John brüllte es, aber dann duckte er sich unwillkürlich und schnitt eine Grimasse. Der Schmerz brandete in Wogen durch seinen Körper. In seinem Kopf tobt es, als gingen Hammerschläge darauf nieder und trachteten danach, ihn auseinanderzutreiben. Er stöhnte.

„Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht aufmucken“, sagte der alte O’Flynn schadenfroh. „Jetzt hast du dein Fett. Geschieht dir recht.“

„Wo – wo ist John Malcolm, mein Sohn?“

„Hört, hört, es spricht der treusorgende Vater“, spottete der alte O’Flynn.

Ben Brighton hob die Hand und blickte den alten Mann mit dem Holzbein nur einmal kurz an. Durch diese Gebärde bedeutete er ihm, es nicht noch weiterzutreiben. Der Alte schwieg.

„Sir“, sagte Ben frostig. „Ihr Sohn hat Shane mit dem Degen angegriffen. Shane hat ihm die Waffe aus der Hand geschlagen, aber John Malcolm wollte immer noch nicht aufgeben. Shane wehrte sich seiner Haut, und John Malcolm zog dabei den kürzeren. Er ist tot.“

„Tot?“ Sir John öffnete den Mund. Seine Augen schienen aus den Höhlen zu quellen.

„Die an Bord eines Segelschiffes gültigen Gesetze verlangen, daß jedem Toten ein ordnungsgemäßes Begräbnis zusteht“, fuhr Ben Brighton fort. „Für uns bedeutet das, daß John Malcolm Killigrew am Morgen der See übergeben wird.“

„Nein!“ schrie Sir John. Er bäumte sich in seiner Koje auf. Ihm war, als rutsche er von dem schmalen Grat ab, der das Normalsein vom Wahnsinn trennt, und stürze in rasendem Fall in die schwarzen Tiefen des Irrsinns – nicht aus Trauer um das Ende seines Sohnes, sondern wegen der großen Schmerzen. „Ihr Mörder! Ihr elenden Hunde! Ihr Teufel und Bastarde, das zahle ich euch heim! Mein allesgeliebter Sohn, mein John Malcolm ...“

„Widerlich“, sagte der alte O’Flynn verächtlich. „Ich weiß genau, daß er sich einen Dreck um seine Söhne schert. Ihre Zukunft war ihm immer völlig egal, warum dann jetzt ein solches Theater?“

„Kommt.“ Ben Brighton wandte sich zur Tür. „Wir brauchen uns nicht anzuhören, was er da von sich gibt. Ihr haltet vereinbarungsgemäß im Gang Wache, bis ihr abgelöst werdet. Ich kehre aufs Achterdeck zurück. Bald graut der Tag. Es dauert nicht mehr lange, und wir trennen uns endgültig von John Malcolm.“

Sir John Killigrew war zur Bestattung seines Sohnes auf den Beinen. Sein Gesicht war verzerrt, und niemand zweifelte daran, daß er tatsächlich noch unter erheblichem Schädelbrummen litt. Sein grenzenloser Haß trieb ihn an Deck, hielt ihn aufrecht und nährte ihn. Er stand am Steuerbordschanzkleid, in Lee der „Isabella“. Als er die Männer erblickte, die John Malcolm brachten, preßte er die Lippen zusammen, bis sie einen einzigen, blutleeren Strich bildeten.

Will Thorne hatte den Toten in Segeltuch eingenäht. Blacky, Stenmark und Buck Buchanan trugen das unerfreuliche Bündel. Die Beisetzung verlief ohne jegliches Zeremoniell. Alle Männer waren an Deck, sogar Baldwin Keymis. Er stand mittschiffs unweit der Kuhlgräting und verfolgte, wie Ben Brighton den drei Männern ein Zeichen gab, wie sie das Bündel anhoben und über das Schanzkleid schoben.

Keine Grabrede für John Malcolm Killigrew, keine Trommeln, kein Priester – zum letztenmal begab er sich auf eine Art Reise, flog außenbords an den Berghölzern vorüber, passierte dann die düstere Bordwand der Galeone und klatschte in die kabbelige See.

Sir John Killigrew beugte sich etwas über und sah, wie das Naß über dem Segeltuchpacken zusammenschlug. John Malcolm sank dem Meeresgrund entgegen. Die Räuber unter Wasser würden dafür sorgen, daß bald nicht mehr viel von ihm übrig war.

Sir John drehte sich um und richtete die Augen auf Ben Brighton, dann auf Blacky, Batuti – Shane.

„Mörder“, sagte er gepreßt. „Elende Mörder.“

„Apropos Mörder.“ Ben war tiefernst, ließ sich aber von Sir Johns Worten nicht beeindrucken. „Robert Rowe, wir brauchen dich wieder einmal.“

Rowe, der Stadtschreiber von Falmouth, trat vor.

Ben sagte: „Ich will, daß du ein Protokoll über den Vorgang des Überfalls auf Philip Hasard Killigrew anfertigst. Bist du dazu in der Lage?“

„Sicher, Sir.“

„Gut, dann beginnen wir. Shane und Batuti, stellt euch hier vor den Großmast. Ich will euch sehen, wenn ich euch verhöre. Kutscher, du rufst Gwen Killigrew und bleibst, während sie hier oben ihre Aussage zu Protokoll gibt, unten beim Seewolf. Und die Wache vor der Kapitänskammer rührt sich nicht vom Fleck, verstanden?“

„Aye, aye.“ Der Kutscher wandte sich ab.

Sir John ballte die Hände, daß das Weiße an den Knöcheln hervortrat. Er hätte sich gern auf Shane gestürzt. Aber er wurde immer noch von zwei Männern bewacht, von Nils Larsen und Sven Nyberg, den beiden Dänen. Ben Brighton hatte ihm nur für die Zeit der Bestattung und der Vernehmung erlaubt, die Kammer im Achterkastell zu verlassen. Die Posten behielten ihn jedoch unausgesetzt im Auge.

Sir John tat nur eins. Er wechselte einen Blick mit Baldwin Keymis. Keymis nickte ihm unmerklich zu. Es war ein Zeichen des stillen Einverständnisses. Was würde Keymis jedoch tun?

Gwen erschien. Sie war blaß und verwirrt. Der Morgenwind über der Biskaya zerzauste ihr rotblondes Haar. Ben Brighton stellte ihr rasch ein paar Fragen, und sie antwortete leise, jedoch mit größter Exaktheit. Sie durfte wieder gehen. Dann schilderte Big Old Shane, was sich im einzelnen zugetragen hatte. Unverblümt berichtete er über seine Auseinandersetzung mit John Malcolm.

„Batuti“, sagte Ben. „Bestätigst du Shanes Aussage?“

„Ja.“

„Hast du etwas daran auszusetzen, etwas hinzuzufügen?“

„Nein.“

„Robert Rowe“, sagte Ben. „Ich als stellvertretender Kapitän der ‚Isabella‘ werde das Protokoll unterzeichnen und bestätigen, daß es die Wahrheit und nichts als die Wahrheit enthält!“

„Nein!“

Der Schrei gellte über Deck. Baldwin Keymis war auf die Kuhlgräting gesprungen. Er stand breitbeinig und reckte empört die Faust. „Lüge, nichts als Lüge! Ich protestiere gegen diese Art der Manipulation! Brighton, Sie haben kein Recht, eine derartige Farce in Szene zu setzen und Ihr Amt zu mißbrauchen.“

„Schweig, du Laus“, brüllte der Profos.

„Nein!“ Keymis tänzelte auf der Stelle. „Ich werde es nicht tun, denn alle hier an Bord sollen wissen, was sich wirklich zugetragen hat. Männer, warum laßt ihr euch verblenden? Warum schenkt ihr nicht endlich den Leuten Glauben, die die Ordnung und Aufrichtigkeit in vorbildlicher Weise verkörpern? Es kann nicht angehen, daß ihr Heuchlern vertraut. Gebt mir wenigstens Gelegenheit, den wahren Sachverhalt darzustellen.“

„Ich reiß dir den Kopf ab“, sagte Matt Davies drohend. Er hob seine Eisenhakenprothese.

„Das Schwein will uns was vorgaukeln!“ rief Gary Andres. „Er hat keine Ahnung, wie sich die Dinge abgespielt haben. Er kann es nicht wissen, denn er hat seinen Platz im Vorschiff, und ich bringe ihn eigenhändig um, wenn er ihn verläßt.“

„Er will uns aufwiegeln“, sagte Mac Brian, einer der Handwerker aus Falmouth. „Das ist seine Taktik. Bringen wir ihn zum Schweigen.“

Keymis fuchtelte wild mit beiden Händen. „Das dürft ihr nicht. Ich bin ein Ehrenmann, ich werde es euch beweisen. Schön, ich habe nicht mit eigenen Augen verfolgt, wie das Unheil im Achterkastell letzte Nacht seinen Lauf nahm. Aber ich kenne die Hintergründe, über die bisher nicht gesprochen worden ist. Und ich appeliere an alle, die noch nicht zu tief im Pfuhl des Verbrechens stekken: Kehrt um! Schließt euch mir und Sir John an, ehe es zu spät ist!“

Sir John beobachtete, ohne eine Miene zu verziehen. Er war sich selber noch nicht im klaren, ob Baldwin Keymis’ Auftritt den geringsten Erfolg zeigen würde. Warum sollte denn der Friedensrichter etwas ausrichten, wenn nicht einmal seine, John Killigrews, Redekünste auf offene Ohren gestoßen waren, als er das Kommando an sich hatte reißen wollen?

„Lüge!“ rief Keymis noch einmal. „John Malcolm wurde hinterrücks ermordet! Es gab Erbschaftsstreitigkeiten in der Killigrew-Sippe, denn der Seewolf neidete dem älteren Bruder die Erstrechte.“

Matt Davies angelte mit seinem Eisenhaken nach Keymis’ Fußknöchel. Doch der Friedensrichter bemerkte es und balancierte auf der Gräting weiter, bevor es zu spät war. „Ben Brighton und seine engsten Vertrauten sind die Vollzugsorgane des Bastards Philip Hasard Killigrew!“ Seine Stimme war hoch und schrill und überschlug sich fast. „Er ist zwar zur Zeit bewußtlos, aber vor dem Gefecht mit den fünf spanischen Schiffen hat er die Crew aufgefordert, bei Gelegenheit John Malcolm umzubringen. Ist es nicht so, Sir John Killigrew?“

„Ja“, erwiderte Sir John. Die beiden Dänen rückten auf ihn zu und nahmen drohende Posen ein, so daß er augenblicklich wieder verstummte.

Gary Andrews hatte sich mit zwei Belegnägeln bewaffnet. Er schleuderte den ersten und verfehlte Baldwin Keymis. Doch das zweite Geschoß traf den Kerl an der Schulter. Keymis schrie, schwankte und kämpfte um sein Gleichgewicht. Mit dem linken Fuß geriet er in eine Lükke des Gitterwerkes. Plötzlich steckte er tief in der Holzgräting und konnte nicht mehr vom Fleck. Die Männer kesselten ihn ein und hieben mit den Fäusten nach ihm.

„Aufhören!“ Ben Brighton verließ seinen Platz, sprang über Deck und teilte die wimmelnde Menschentraube mit den Händen. „Seid ihr verrückt geworden?“

„Schlagt ihm die Birne weich!“ schrie Gary Andrews.

„Über Bord mit ihm!“ rief Al Conroy.

„Reißt ihm den Arsch auf!“ brüllte Matt Davies.

Und Edwin Carberry übertönte alle: „Knüpfen wir das Rübenschwein an der Rahnock auf, mal sehen, wie hübsch es baumelt!“

Ben Brighton war neben ihm, legte ihm die Hand auf den Unterarm. „Ed, das ist unverantwortlich. Wir sind keine Gesetzlosen. Willst du dich auf die Ebene eines Caligu hinabbegeben?“

„Es ist besser, den Dreckskerl in die Pfanne zu hauen.“

„Nein.“

„Du begehst einen Fehler, Ben ...“

Ben Brighton drängelte sich durch, sprang auf die Kuhlgräting und feuerte seine Pistole in die Luft ab. Der Schuß brachte die Männer zur Räson. Sie schreckten zurück und ließen Keymis los.

„Aufhören!“ rief Ben Brighton. „Solange ich dieses Schiff führe, wird keine Selbstjustiz geübt, ist das klar?“

„Aye, aye“, sagte Gary Andrews wütend. „Aber wir werden es noch bereuen, diesen Hund verschont zu haben.“

„Was er gesagt hat, ist totaler Unfug“, erklärte Karl von Hutten. „Aber er weiß sehr genau, daß die Behauptungen, einmal in die Welt gesetzt, immer und irgendwann ihre Früchte tragen werden. Ich kenne Kerle wie ihn zur Genüge. Er steckt voller Haß und wird nicht eher ruhen, bis er uns durch Hinterhältigkeiten und Ränke zu Fall gebracht hat. Er ist ein Meister der Intrige, Ben. Eben hat er die Mannschaft zur Meuterei aufwiegeln wollen. Das allein wäre Grund genug, Bordgericht über ihn zu halten.“

„Von Hutten!“ Bens Gesicht war plötzlich wie gemeißelt. „Soll das heißen, daß du dich gegen meine Befehle auflehnen willst?“

„Natürlich nicht ...“

„Dann halt den Mund. Ich dulde keine Widerworte mehr. Es ist genug Blut geflossen, genug Haß geschürt worden – Schluß damit!“ Ben beugte sich zu Keymis und half ihm aus der Gräting. „Das gilt auch für dich, Freundchen. Bilde dir nicht ein, weil ich dir aus der Patsche geholfen habe, hättest du jetzt einen Stein bei mir im Brett. Ich habe dich einmal vor dem Aufknüpfen bewahrt, aber das nächste Mal siehst du zu, wie du allein klarkommst, verstanden?“

„Ja.“

„Und jetzt ab mit dir ins Vorschiff!“ fuhr Ben ihn an.

Baldwin Keymis rutschte von der Kuhlgräting, stolperte auf die Back zu, erreichte das Schott an der Steuerbordseite und verschwand dahinter so flink und geräuschlos wie eine Ratte.

7.

Am Vormittag des 10. Februars 1580 gellte Dan O’Flynns Ruf aus dem Hauptmars: „Ho, Männer, Land in Sicht – Plymouth liegt vor uns!“

Er tanzte auf seinem luftigen Posten und führte sich so wild auf, daß sogar Arwenack, dem Schimpansenjungen, das kalte Grausen kam. Immerhin, ein triftiger Grund lag vor: Endlich war die Heimat erreicht, Anlaß genug für einen Freudentaumel. Und die Aussicht, den Seewolf von Expertenhänden pflegen zu lassen, war nahegerückt — doppelter Grund für Dans akrobatische Verrenkungen.

Der Kutscher verließ die Kombüse und kletterte zu einigen seiner Kameraden auf die Back. Der Himmel, der sich über Plymouth und dem Plymouth Sound wölbte, war wolkenverhangen. Der Wind blies mäßig aus Südost. Er fiel also raumschots ein und ließ die „Isabella V.“ über Backbordbug genauf auf die Hafenbollwerke und Piers der Stadt zusegeln. Ohne große Begeisterung musterte der Kutscher den flachen schwarzen Streifen, der die Küste darstellte, und die Häuseransammlung, die bald mit bloßem Auge zu erkennen war.

„Oktober 1576“, sagte er. „Nahezu dreieinhalb Jahre ist es nun her, daß wir von der Preßgang der ‚Marygold‘ mitgeschleift wurden. Ich bedaure nichts von dem, was ich in dieser Zeit erlebt habe. Ich weine dem eintönigen Landleben wirklich keine Träne nach. Aber ich bin betrübt, daß wir unter diesen Voraussetzungen nach Plymouth zurückkehren. Ich hätte es vorgezogen, noch ein paar Jahre auf den Meeren herumzustreifen und einen kerngesunden Seewolf vor Augen zu haben.“

„Hört euch die Landratte an!“ rief Carberry. „Kann immer noch nicht schwimmen, spuckt aber große Töne. Himmel, Arsch, Kutscher, ich bin wirklich heilfroh, endlich mal wieder englische Luft zu schnuppern. Vor allen Dingen, wenn sie mit dem Duft von Braten und Bier angereichert ist. Wir alle leiden unter dem Zeug, das du in deiner Eigenschaft als Kombüsenhengst und Kübelschwenker zusammenbraust. Endlich kann man mal wieder richtig essen und trinken.“

„Undankbare Bande“, sagte der Kutscher.

„Undankbar? Du kannst froh sein, daß wir noch leben – bei dem Fraß, den du uns vorsetzt“, erwiderte Matt Davies. „Man muß kein Genießer wie Jean Ribault sein, damit einem so was gründlich zum Hals ’raushängt – Suppe mit Kakerlakeneinlage, gebratene Rattenkeule und Schimmelkuchen mit Maden drin, pfui Teufel.“

„Ihr könnt mich alle mal“, sagte der Kutscher. Damit marschierte er ab zum Achterdeck. Arwenack war abgeentert und beobachtete ihn von den Luvhauptwanten aus. „Du Affe“, sagte der Kutscher. „Paß bloß auf, daß ich dich nicht in die Finger kriege, sonst setze ich dich diesen Ignoranten eingepökelt vor.“

„He, was ist denn mit dem los?“ fragte Smoky.

„Laus über die Leber gekrochen“, erwiderte Sam Roskill grinsend. Er wies zur Back, wo sich Carberry und die anderen vor Lachen bogen.

Die Stimmung war zum ersten Mal, seit Hasard die halbe Rah gegen den Kopf geflogen war, wieder etwas angehoben. Ben Brighton setzte ihr keinen Dämpfer auf und bremste die Männer nicht. Der Lärm konnte den Seewolf kaum stören, und im übrigen hatte die Crew es bitter nötig, endlich einmal wieder aus der dumpfen Bordmonotonie gerissen zu werden.

Zu still war es in den vergangenen zwei Wochen auf der „Isabella V.“ geworden, zu tief war der allgemeine Gemütszustand abgesunken. Ben Brighton wußte, welche Gefahren dieses Verfallen in finsteres Brüten und Apathie mit sich brachte. Die Männer wurden launisch und ungenießbar, ein nichtiger Anlaß genügte, um das Pulverfaß zur Explosion zu bringen.

Andererseits war auch der Unmut der Männer über die Anwesenheit von Sir John und Baldwin Keymis immer mehr gewachsen. Auch die zweiundzwanzig Besatzungsmitglieder von Sir Johns Galeone wollten sie nicht mehr an Bord der „Isabella“ haben. Wirklich, Ben Brighton war in jeder Hinsicht froh, England endlich erreicht zu haben.

Er winkte den Kutscher zu sich herauf. „Wie geht es dem Seewolf?“

„Er ist nach wie vor bewußtlos. Vorletzte Nacht ist er zum zweitenmal während unserer Fahrt kurz aus seiner Ohnmacht aufgeschreckt, aber das habe ich dir wohl schon erzählt. Er phantasierte wieder und schlug um sich, aber seitdem hat sich nichts Nennenswertes mehr ereignet.“

„Und die Kopfwunden? Sie haben sich doch entzündet, oder?“

Der Kutscher schnitt eine traurige Miene. „Die Entzündung ist nicht abgeklungen. Wirklich, ich habe die Verbände sooft wie möglich gewechselt und auch immer die Verletzungen ausgewaschen, so gut es ging. Aber ich habe nicht verhindern können, daß sich da Eiterherde bilden.“

„Du brauchst dich mir gegenüber nicht zu rechtfertigen“, sagte Ben. „Du hast wirklich getan, was in deinen Kräften steht. Außerdem wissen wir ja, daß du als Feldscher etwas auf dem Kasten und manchem von uns das Leben gerettet hast.“

„Und als Koch?“

„Als Koch was?“

„Ich meine, ist das Essen an Bord wirklich so schlecht?“

Ben warf einen kurzen Blick zu Smoky und den anderen auf der Kuhl, dann zur Back. Ihm wurde klar, daß die Männer den Kutscher mal wieder auf die Schippe genommen hatten. Besonders wenn es um seine Kochkünste ging, war er rasch beleidigt.

„Hör mal, Mann“, sagte Ben. „Hast du jemals darüber nachgedacht, warum Dan O’Flynn sich öfter mal eine Extraration aus der Kombüse stiebitzt?“

„Na, weil er immer Hunger hat, oder?“

„Ja. Aber es ist doch auch ein Zeichen, daß es ihm schmeckt. Sonst würde er garantiert nicht klauen.“

Der Kutscher lächelte plötzlich. „Also ehrlich, das ist mir noch nie so recht bewußt geworden. Danke, Ben.“

„Nicht der Rede wert. Etwas anderes. Meinst du, wir treffen Sir Freemont auch zu Hause an?“

„Bestimmt, wenn er nicht gerade auf Patientenbesuch ist. Mit deiner Frage meinst du wohl, ob es sein könnte, daß er Plymouth verlassen hat – nein, das glaube ich nicht. Es wäre gegen seine Gewohnheiten. Ich war doch Kutscher bei ihm, ich muß es wissen.“

„Gut.“ Ben griff in die Hosentasche und zog einen Lederbeutel hervor. „Ich habe – Hasards Einverständnis voraussetzend – einer der Schatztruhen im Frachtraum Perlen und Diamanten entnommen. Die sind für Sir Freemont. Hier, nimm. Du händigst sie ihm aus, als Vorschuß auf die Bezahlung der Wundbehandlung.“

Der Kutscher nahm den Beutel entgegen und wog ihn prüfend in der Hand. „Himmel, Ben, das reicht ja aus, um ganz London aufzukaufen. Ich glaube nicht, daß Sir Anthony Abraham Freemont das annimmt.“

„Er muß es. Der Seewolf muß alle Kuren erhalten, die ihn zu heilen vermögen, koste es, was es, wolle. Und Sir Freemont soll ruhig wissen, daß wir uns das erlauben können, verstehst du? Er soll nicht glauben, wir wären arme Schlucker. Wer reich ist, wird stets besser und zuvorkommender gepflegt, das ist überall so.“

„Nicht bei Sir Freemont, aber du kennst ihn ja nicht.“ Der Kutscher stopfte sich den Lederbeutel in die Tasche. „Also gut, ich passe auf, daß ich heil zu ihm gelange. Und ich werde dafür sorgen, daß alles nach Wunsch verläuft, darauf kannst du dich verlassen.“

Ben Brighton richtete seinen Kieker auf die Mill Bay und die Hafenbollwerke. Er entdeckte eine langgestreckte Pier, die quer in den Hafen ragte. An ihr war noch Platz für die „Isabella“. Ben ließ seinen Blick über das gesamte Hafengelände wandern und befand, daß es nichts gab, was gegen ein reibungsloses Anlegemanöver sprach.

„Kutscher, bereite alles für den Abtransport vor. Ich will, daß Hasard schon auf Deck geholt wird. Sobald wir festliegen, besorgen wir uns eine Kutsche, und du bringst unseren Kapitän zusammen mit einigen Männern direkt zu Sir Freemont. Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren, keine Minute, verstehst du?“

„Und ob.“

Ben wandte sich wieder nach vorn. „Stenmark, Matt Davies, Al Conroy, Gary Andrews und Dan O’Flynn — ihr begleitet Hasard zusammen mit Gwen und dem Kutscher an Land.“

„Aye, aye, Sir“, rief Stenmark für alle fünf zurück.

Der Kutscher verließ das Achterdeck und tauchte im schummrigen Halbdunkel des Achterkastells unter. Ben blieb an der Holzbalustrade des Achterdecks stehen und erteilte die Befehle für das Anlegemanöver.

„Ferris, laß Vor- und Achterleinen klarlegen. Wir gehen mit der Backbordseite an die Außenkante der langgestreckten Pier, so daß wir sofort wieder auslaufen können, falls das notwendig ist. Wenn wir längsseits der Pier liegen, fahren wir die Gangway aus, klar?“

„Aye, aye.“

Ferris flitzte los. Carberry wandte den Kopf nach oben, wo ein Dutzend Männer der Crew bereits wie die Affen in den Webeleinen der Wanten turnte. „Segel aufgeien, ihr Affenärsche, wird’s bald? Oder habt ihr vergessen, wie man das macht? Muß ich euch die Hammelbeine langziehen, was, wie?“

Ben hob wieder das Spektiv ans Auge. Durch die Optik sah er, wie ein paar Menschen auf den Kais zusammenliefen. Einige Männer hatten das Manöver der „Isabella“ im Ansatz erkannt und rannten nun über die Pier.

„Ferris, die Leute wollen die Leinen wahrnehmen. Laß ihnen die Wurfleinen zuwerfen.“

„In Ordnung!“

Die beiden Wurfleinen wurden an die Festmachertrossen angesteckt. Dann stand vorn auf der Back Blakky klar zum Wurf. Achtern versah Sam Roskill diese Aufgabe. Ben Brighton korrigierte den Kurs und gab noch einen kurzen Ruderbefehl an Pete Ballie. Die „Isabella V.“ glitt im sanften Auslauf entlang der Pier.

Ferris stieß einen Ruf aus. Blacky und Sam schleuderten die beiden Wurfleinen. Sie flogen hinüber, wurden von den Männern auf der Pier aufgefangen und Hand über Hand durchgeholt. Die an die Leinen angesteckten Trossen klatschten ins Wasser, wurden herangezogen und um wuchtige Holzpoller gelegt. Wenig später lag die stolze Dreimast-Galeone im Hafen von Plymouth fest.

Ben Brightons Blick richtete sich auf das Quarterdeck. Der Kutscher hatte den Seewolf auf eine von Ferris Tucker gezimmerte Trage legen und aus dem Achterkastell transportieren lassen. Stenmark und Gary Andrews waren die Träger. Auch Al Conroy und Matt Davies standen bereit, und Dan O’Flynn enterte soeben aus dem Hauptmars ab, um sich auch zu ihnen zu gesellen.

Der Kutscher lief zum Backbordschanzkleid, jumpte auf die gerade ausgelegte Gangway und hastete auf die Pier hinüber. Nur kurz palaverte er mit zwei Männern, dann eilte einer dieser beiden in Richtung Kai.

Der Kutscher legte beide Hände wie einen Schalltrichter an den Mund und rief Ben Brighton zu: „Die Kutsche wird geholt. Bringt Hasard herüber!“

Ben nahm den Niedergang zum Quarterdeck. Er trat neben die Treppe und betrachtete das Gesicht des Seewolfes: Unter seiner Sonnenbräune war der Seewolf fahl wie ein Leinentuch. Er sah erbärmlich aus. Ben Brighton holte tief Luft. Ihm war elend zumute, denn er wußte, daß kein Grund zu großen Hoffnungen bestand. Hasard war mehr tot als lebendig, das mußte auch der größte Optimist eingestehen. Überhaupt, es war ein Wunder, daß er noch lebte.

Und Gwendolyn Bernice O’Flynn? Bens Blick wanderte zu ihr. Sie hatte Schatten unter den Augen, ihre Hautfarbe war erschreckend blaß, ihre Lippen blutleer. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst.

„Geht“, sagte Ben. „Die Zeit drängt. Gary, Matt, Al, Stenmark und Dan, ihr haftet mit eurem Leben für die Sicherheit des Seewolfes, was immer auch geschieht. Wenn ihr bei Sir Freemont angekommen seid, genügt es, daß Gwen und Dan die Krankenwache übernehmen.“

„Aye, aye, Sir“, erwiderten die Männer.

Ben beugte sich über Hasard. Er lag nach wie vor in tiefer Bewußtlosigkeit und konnte ihn nicht verstehen. Trotzdem sagte Ben: „Mach’s gut, Kapitän. Unsere Gedanken begleiten dich. Wir beten, daß du wieder gesund wirst. Es muß einen Weg geben – es muß.“

Wo war das harte Lächeln, wo der kühle Blick der eisblauen Augen des Seewolfes? Wann würde er wieder mitten zwischen ihnen stehen, um sie zu lenken, ein paarmal kräftig gegen den Wind zu spucken und dem Teufel ein Ohr abzusegeln? Philip Hasard Killigrew lag todkrank mit halb geöffnetem Mund, und nur die Narbe, die sich von seiner rechten oberen Stirnhälfte schräg über die linke Augenbraue und die linke Wange zog, hatte noch ein wenige Farbe. Die eitrigen Wunden, die den Kopf verband näßten, waren drohende Male der bitteren Realität, Zeichen, die der Zuversicht keinen Platz ließen.

Ben trat zurück und erteilte durch einen Wink den Befehl, den Seewolf von Bord zu bringen. Gary und Stenmark hoben vorsichtig die Trage an. Sie gingen zum Laufsteg und begaben sich so behutsam wie möglich mit ihrer Last an Land. Dan, Gwen, Al und Matt folgten ihnen in stummer Prozession.

Der Kutscher erwartete sie auf der Pier. Er drängte eine kleine Menschenmenge, die sich inzwischen versammelt hatte, beiseite und schuf Platz. Ohne Aufenthalt marschierten die Männer und das Mädchen in Richtung Kaimauer davon.

Die Crew der „Isabella V.“ schaute ihnen betreten nach. Keiner sprach es aus, aber es war, als ginge der Seewolf für immer von Bord.

Die Kutsche wartete am Ende der langgestreckten Pier auf sie. Sie war ein geräumiger Zweispänner und verfügte über eine kleine Ladefläche, auf die die Männer die Trage schieben konnten. Sie zurrten sie ein wenig fest, dann stiegen Dan und Gwen ebenfalls auf die Ladefläche, um direkt neben dem Seewolf zu bleiben.

Al, Gary, Matt und Stenmark nahmen die mittleren Sitzplätze ein, während der Kutscher – wie sollte es anders sein – zu dem Eigner auf den Kutschbock kletterte.

„Nimm die Western Road und fahre an der St.-Andrews-Kirche vorbei zum Norden der Stadt“, sagte der Kutscher zu dem Mann.

„In Ordnung. Du kennst dich aber gut aus.“

„Ich bin hier zu Hause.“

„Komisch, daß mir dein Gesicht nicht bekannt ist.“

Der Kutscher zog die Augenbrauen zusammen. „Fahr zu, Mann, reden können wir unterwegs.“ Das Gefährt zog an, und er drehte sich zu den anderen um. „Liegt Hasard auch bequem? Ich habe Bedenken wegen der Erschütterungen.“

Al Conry wandte sich an Gwen und Dan, um die Frage zu wiederholen, aber der Junge hatte bereits verstanden. Er schaute auf und antwortete: „Alles in bester Ordnung. Die Kutsche ist gut gefedert, außerdem fängt auch die Trage noch einiges an Stößen ab.“

„So ein Segen.“

Der Besitzer der Kutsche trieb die Pferde an. Er schnalzte mit der Zunge, ließ die Peitsche knallen und rief: „Ihr müden Böcke, wollt ihr wohl laufen? Wartet, ich bringe euch schon auf Trab, ihr verdammten Klepper!“ Der Zweispänner ratterte schneller über die Katzenköpfe der Western Road, und er grinste den Kutscher von der Seite an.

„Ich heiße Bill“, sagte er. „Eigentlich kenne ich jeden hier in Plymouth, aber du mußt wohl schon länger weggewesen sein, daher bist du ein Fremder für mich. Ich bin vor zwei Jahren zugezogen und lebe davon, Leute mit meiner Kutsche zu befördern.“

„Dann sind wir Kollegen. Ich war Kutscher bei Sir Freemont.“

„Bei dem Arzt? Donnerwetter, und so einen guten Posten hast du aufgegeben?“

„Auf See ist mehr los, mein Freund.“

„Ja, aber man trägt auch seine Haut zu Markte.“ Bill grinste immer noch. Er schien eine ausgesprochene Frohnatur zu sein. „Sag mal, wie heißt du denn?“

„Alle nennen mich den Kutscher.“

„Meinetwegen, Kutscher. Ist es wahr, daß der schwarzhaarige Mann dort auf der Ladefläche der Seewolf genannt wird und ein Sproß der Killigrews aus Falmouth ist?“

Der Kutscher musterte ihn abschätzend. „Kannst du schweigen?“

„Wie ein Grab.“

„Dann behalte es gefälligst für dich. Es stimmt, er heißt Philip Hasard Killigrew und ist der großartigste Kapitän, den du dir vorstellen kannst. Aber wenn du es ausposaunst und damit hausieren gehst, daß er hier in Plymouth ist, werden wir Feinde, mein Freund. Es hat keinen Sinn, daß alle Welt davon erfährt. Der Seewolf braucht Pflege und viel, viel Ruhe. Aufregung würde ihm schaden.“

Bill nickte. „Ich hab’s kapiert. Ja, es werden wirklich die sagenhaftesten Geschichten über diesen Mann erzählt. Er ist eine Legende geworden, seitdem er Cornwall verlassen und sich auf Kaperfahrt begeben hat.“ Er warf einen Blick über die Schulter zurück. „Wer hat ihn denn so übel zugerichtet?“

„Das erzähle ich dir später mal. Weißt du genau, wo Sir Freemont wohnt?“

Bill lachte auf. „Der Teufel soll mich holen, wenn ich Plymoth nicht wie meine Hosentasche kenne! Also, das Haus von Sir Freemont befindet sich in der North Road am Hafenarm Stonehouse Mill Pond, ganz genau an der Ecke North Road – Stoke Hill.“ Er deutete mit dem Kopf nach hinten. „Sind das deine Freunde? Fahren die auch alle unter dem Seewolf?“

Matt Davies beugte sich vor. Er grinste freundlich wie ein hungriger Hai und zeigte Bill seinen Eisenhaken. „Freundchen, du bist mir zu neugierig. So was kann verflucht ungesund sein, weißt du das?“

Bill erbleichte. Er drehte die Nase nach vorn, peitschte seine Pferde voran und war fortan wortkarg. Sie fuhren durch Plymouth, stießen auf wenige Menschen und gelangten ohne Zwischenfälle in die North Road. Der Kutscher sprang ab, während die Kutsche noch ausrollte, und eilte durch einen schmucken kleinen Garten auf das Haus zu, das er so gut kannte und mit dem sich angenehme Erinnerungen verbanden. Er betätigte den Türklopfer.

Schritte näherten sich von innen. Ein Riegel wurde zurückgeschoben, die Tür öffnete sich – und dann atmete der Kutscher auf, denn er stand wahrhaftig Sir Anthony Abraham Freemont gegenüber. Der Arzt war sprachlos vor Überraschung.

„Kutscher! Ja, ist denn das die Möglichkeit?“

„Guten Tag, Sir, wie geht es Ihnen?“

„Mir ausgezeichnet.“ Sir Freemont wies an sich herab. „Wie du siehst, habe ich mich in den Jahren deiner Abwesenheit kaum verändert.“

„Es stimmt, Sie sind so schlank und kräftig wie früher und scheinen überhaupt nicht gealtert zu sein.“

Sir Freemont lachte. Er hatte ein hageres, wissendes Gesicht mit klugen, grauen Augen. Über seinen schmalen Lippen hob sich eine gerade Nase ab, und seine Stirn wurde an ihrem oberen Ansatz durch graue, volle Haare geziert.

„Na, nun übertreibe mal nicht“, sagte er. „Ich wäre froh, wenn die Medizin schon so weit wäre, daß sie den allmählichen Verfall des Organismus’ aufhalten könnte. Aber nun zu dir, Kutscher. Was ist der Grund für deinen plötzlichen Besuch? Möchtest du wieder in meine Dienste treten? Du bist herzlich willkommen. Ich stelle dich sofort wieder ein.“

Der Kutscher trat mit einem Male verlegen von einem Fuß auf den anderen. „Das ist es nicht, Sir. Ich – wir haben einen Schwerkranken, der nur durch Ihre Hilfe genesen kann.“

Sir Freemont nahm erst jetzt die Kutsche genauer in Augenschein und entdeckte auch die Trage mit dem Seewolf. „Ja, Himmel, Kutscher, und da zögerst du noch? Nimm die Beine in die Hand, lauf zu deinen Freunden und sorge dafür, daß der Patient sofort in meine Behandlungsräume gebracht wird. Du kennst dich aus, es ist alles noch so wie früher. Warte, ich öffne dir die Tür ganz, damit ihr besser durchkommt.“

Wenig später versammelten sich die Männer im Sprechzimmer um den bewußtlosen Seewolf. Vorsichtig hatten sie ihn von der Kutsche gehievt, ebenso behutsam hatten sie ihn ins Haus geschafft. Bill wartete draußen. Der Kutscher wollte ihn noch nicht fortschicken. Er war sicher, daß der Mann noch gebraucht wurde.

Sir Freemont begrüßte Gwen, wie es sich für einen Mann seiner Klasse gehörte, dann schüttelte er auch den anderen die Hände. Der Kutscher nannte ihre Namen.

„Gut“, sagte Sir Freemont. „Sehen wir uns jetzt den Patienten an.“ Er hatte sich die Hände gewaschen. Langsam begann er, Hasards Kopfverband zu lösen. Der Kutscher assistierte ihm, und auch Gwen leistete Unterstützung.

„Fachgerecht angelegt“, sagte der Arzt. „Wer hat das getan?“

„Der Kutscher“, sagte Gary Andrews.

Sir Freemont warf seinem ehemaligen Bediensteten einen anerkennenden Blick zu. „Donnerwetter, mein Bester. Du hast damals gut aufgepaßt, wenn wir zusammen unterwegs waren. Besser hätte ein Arzt diesen Verband auch nicht anbringen können.“

Der Kutscher wurde vor Stolz tatsächlich rot.

Sir Freemont legte Hasards Kopf frei, sorgte für ausreichend Licht und betrachtete die Verletzungen dann sehr lange.

„Wer ist dieser Mann?“ fragte er.

„Mein Mann“, erwiderte Gwen. „Sein Name ist Philip Hasard Killigrew.“

„Killigrew? Jetzt verstehe ich. Der Seewolf. Der Mann, der im Oktober 1576 zusammen mit dir, Kutscher, und anderen Männern vor der ‚Bloody Mary‘ des Nathaniel Plymson von Drakes Preßgang überfallen wurde. Ich kann mir so einiges zusammenreimen. Wenn mich nicht alles täuscht, hat der Seewolf einen schweren, länglichen Gegenstand, wahrscheinlich einen Pfahl oder etwas Ähnliches, an den Schädel gekriegt.“

„Eine halbe Rah“, sagte Matt Davies sachlich.

„Aha. Während eines Sturmes?“

„Bei einem Gefecht mit den Spaniern“, erwiderte Dan O’Flynn.

„Verstehe“, sagte Sir Freemont. „Vielleicht fragen Sie sich jetzt, warum denn wohl diese Details so wichtig sind, meine junge Lady und meine Herren. Nun, sie sind von Bedeutung. Denn wenn Mister Killigrew beispielsweise ein metallenes Objekt, womöglich noch angerostet, gegen den Kopf geflogen wäre, hätte ich wegen der Art der Infektion größere Bedenken gehabt. So aber besteht Hoffnung.“

„Hoffnung?“ Gwens Augen begannen zu leuchten. Das Wort hatte gleichsam Zauberwirkung auf sie. Sie klammerte sich daran wie ein Ertrinkender an eine in der See treibende Planke.

„Durchaus“, erwiderte Sir Freemont. „Ich glaube schon jetzt mit Sicherheit sagen zu können, daß ich die schlimmste, todbringende Form des Wundstarrkrampfes von ihm fernhalten kann. Oder anders ausgedrückt: Da Mister Killigrew bis jetzt den Attacken des Wundfiebers standgehalten hat, wird er auch allen weiteren trotzen. Es klingt brutal, ich weiß. Aber es entspricht den Tatsachen. Dieser Mann verfügt über eine außerordentlich robuste Natur. Je stärker die körperliche Verfassung eines Menschen, desto größer auch seine Widerstandskraft, das ist die Regel. Was nun das Grundübel betrifft: Wir haben es mit einer komplizierten Schädelfraktur zu tun. Das heißt aber nicht, daß wir verzweifeln müssen.“

„Ich versteh kein Wort“, sagte Matt Davies. „Ich habe nur mitbekommen, daß Hasard ein Klotz von Kerl ist, und daß ihn so schnell nichts völlig aus den Stiefeln holt.“

Dan grinste verstohlen. „Schädelfraktur ist doch das gleiche wie Schädelbruch, nicht?“

„Ja“, erwiderte der Arzt. „Die Schädelknochen sind an mehreren Stellen gebrochen, wie sicherlich auch schon der Kutscher festgestellt hat. Zu einer genauen Diagnose werde ich erst innerhalb der nächsten Stunden kommen. Doch eines ist gewiß, hier handelt es sich um einen hochinteressanten Fall. Gerade auf dem Gebiet der Schädelchirurgie und Behandlung von Hirnkrankheiten habe ich meine Studien in letzter Zeit sehr vorangetrieben und bin überzeugt, die geeignete Therapie für Mister Killigrew – für den Seewolf zu finden.“

„Hat sich sein Kriegsname also auch schon bis zu Ihnen herumgesprochen“, sagte der Kutscher.

Sir Freemont nickte. „Ja, und ich bin erfreut, daß Sie, Mrs. Killigrew, den Weg zu mir gefunden haben und mir Ihren Gatten anvertrauen.“

„Zu wem hätten wir denn sonst gehen sollen?“ erwiderte Gwen. „Wir haben doch sonst niemanden, und im übrigen war es die Idee des Kutschers, Sie aufzusuchen.“

„Madam“, sagte Sir Freemont. „Sie dürfen mich nicht mißverstehen, aber ich bin gleichermaßen hochentzückt, einen Patienten wie Ihren Mann zu haben. Ich werde alles daransetzen, ihn wieder auf die Beine zu bringen, und das Ergebnis wird hoffentlich zufriedenstellend für alle Beteiligten sein. Ein wirklich hochinteressanter Fall. Bemerkenswert auch der Umstand, daß Sie von der Küste Portugals bis hierher gesegelt sind, um mich aufzusuchen. Ich habe dich da doch richtig verstanden, Kutscher, oder?“

„Ja.“ Der Kutscher erzählte nun die ganze Geschichte – wie sie Sir John Killigrew aus der Patsche geholfen hatten, wie die letzte spanische Karavelle explodiert war und es den Seewolf am Kopf getroffen hatte, was es mit den Männern an Bord der „Isabella V.“ auf sich hatte und daß das Schiff für Ihre Majestät Elizabeth I. von ungeheurer Bedeutung sei.

Zum Schluß reichte er Sir Freemont den Lederbeutel mit den Perlen und Diamanten. „Ben Brighton läßt einen schönen Gruß ausrichten, und hier ist ein Vorschuß auf das, was wir Ihnen für Ihre Bemühungen schulden werden.“

Der Arzt zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Er nahm den Beutel, zog mit spitzen Fingern einen Edelstein heraus, drehte ihn vor dem Licht einer Lampe. Dann ließ er ihn wieder in den Lederbeutel fallen und gab diesen dem Kutscher zurück. „Sehr schön. Ich bedanke mich für das Anerbieten, aber vergeßt bitte nicht, daß ich in erster Linie Arzt aus Leidenschaft und Berufung bin. Die Tatsache, daß Sie mich belohnen wollen, Gentlemen, ehrt mich selbstverständlich. Doch ich bin der Überzeugung, daß die Perlen und Edelsteine bei Ihnen besser aufgehoben sind.“

„Na bitte, ich hab’s ja gesagt!“ Der Kutscher strahlte. „Ich habe Ben gleich klarmachen wollen, daß Sie nicht geldgierig sind, Sir.“

Sir Freemont wusch sich wieder die Hände, dann nahm er eine Pinzette und ein blütenweißes Tuch und zog Hasard sehr, sehr vorsichtig einen Holzsplitter nach dem anderen aus der Kopfwunde. Der Kutscher und Gwen gingen ihm wieder zur Hand. Zweimal unterbrach Sir Freemont seine Arbeit und pinselte dem Seewolf behutsam einen wundstillenden und schmerzlindernden Balsam auf. Am Ende wies er den Männern der Isabella-Crew die Splitter vor.

„Ein halbes Dutzend“, sagte Al Conroy.

„O verdammt“, sagte Matt Davies.

Hasard stöhnte leise. Sir Freemont betrachtete ihn und reichte das Tuch mit den Splittern an den Kutscher weiter, der es forttrug.

Sir Freemont sah zu Gwen, die Hasards Hand ergriffen hat. „Beunruhigen Sie sich nicht, Madam. Was Ihr Gatte vor allen Dingen benötigt, ist Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe. Ich verordne also als Basis aller Therapie, daß er ein Krankenzimmer in meinem Haus bezieht und dort um keinen Preis gestört wird.“

„Ja“, sagte Gwen. „Ich bin Ihnen so dankbar.“

Sir Freemont lächelte. „Gentlemen, greifen Sie bitte mit zu, wir bringen Mister Killigrew sofort in das Zimmer. Ich weise Ihnen den Weg.“

Das Zimmer war sauber und geräumig. Sir Freemont zog die Fensterläden halb zu, Gwen richtete das Bett her. Hasard wurde von der Trage aufs Bett gelegt, dann ließ Sir Freemont die Trage von Al Conroy in ein Nebengelaß bringen und aufrecht hinstellen.

Er wartete, bis Al zurückkehrte, dann sagte er streng: „So, und jetzt ab mit Ihnen auf Ihr Schiff, Gentlemen. Kutscher, das gilt auch für dich. Ich brauche keine Hilfe mehr. Mrs. Killigrew bleibt selbstverständlich an der Seite ihres Gatten, aber sonst dulde ich keinen im Krankenzimmer. Er würde dem Seewolf durch seine Anwesenheit doch mehr schaden als nutzen.“

„Moment“, sagte Dan aufgeregt. „Bitte, Sir, lassen Sie mich bleiben. Gwen ist meine Schwester, Hasard demzufolge mein Schwager. Ich verspreche, auch mucksmäuschenstill zu sein.“

Nach einigem Zögern willigte der Arzt ein. Die Männer verabschiedeten sich von den beiden O’Flynns.

„Wird dir Arwenack auch fehlen?“ erkundigte sich Matt Davies bei Dan.

„Ach was, der ist doch quietschvergnügt und braucht mich nicht. Hauptsache, ihr gebt ihm genügend zu fressen.“

Der Arzt geleitete die fünf Männer zur Tür. Als Gwen und Dan es nicht mehr hören konnten, fragte der Kutscher noch einmal: „Wirklich, sind Sie so zuversichtlich, was Hasards Heilung betrifft, Sir?“

Sir Freemont wurde sehr ernst. „Das ist kein leichtes Stück Arbeit, Freunde. Aber ich tue, was in meinen Kräften steht. Natürlich besteht noch Gefahr für das Leben des Seewolfes, aber es ging mir in erster Linie auch darum, seine Frau zu besänftigen. Das arme Kind ist ja völlig verstört. Wenn sie nicht ein bißchen seelisches Gleichgewicht findet, kann sie sich bald zu ihrem Mann legen.“

„Verstehe“, sagte Stenmark. „Danke, Doc. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder.“

Dem Kutscher fiel es ziemlich schwer, sich von seinem früheren Brötchengeber zu trennen. Aber er gab sich Mühe, das zu verbergen. Nachdem sie zu Bill und dessen Kutsche zurückgekehrt waren, kletterte er wieder auf den Bock und sagte: „Willig, Bill. Wir werden an Bord unseres Schiffes erwartet.“

„Darf man fragen, was ihr dann so lange getrieben habt?“ fragte Bill.

Matt Davies beugte sich vor. „Fängst du wieder an?“ sagte er drohend. Er brauchte den Eisenhaken diesmal nicht vorzuzeigen – die Kutsche ruckte an und ratterte unter dem „Hü“ und „Ho“ und den Flüchen ihres Eigentümers in die Stadt zurück. Matt drehte sich zu seinen Kameraden um. „So richtig hab ich immer noch nicht kapiert, was im Kopf dieses Docs vorgeht. Aber ich habe das untrügliche Gefühl, daß er schwer was auf dem Kasten hat und Hasard sich wirklich bei ihm in den besten Händen befindet – ja, das glaube ich.“

„Na dann“, sagte Al Conroy mit gelindem Spott. „Wenn du das glaubst, kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen.“

8.

Ben Brighton warf einen besorgten Blick zur Pier. Immer mehr Schaulustige hatten sich dort versammelt. Es wurde laut palavert, gestikuliert, zur „Isabella“ gewiesen. Das Wachsen der Menschenmenge behagte Ben ganz und gar nicht, aber er konnte nichts dagegen unternehmen.

Er wandte sich wieder Robert Rowe zu, der sich an der Spitze der anderen Engländer von Falmouth, die sie aus dem Kerker von Santo Domingo befreit hatten, zu ihm in die Kuhl begeben hatten.

„Also, Robert Rowe“, sagte er zu dem Stadtschreiber. „Ich habe euch rufen lassen, weil ich aus unserem Schiff natürlich kein Gefängnis machen kann.“

„Wir haben uns nie wie in einem Gefängnis gefühlt“, sagte Dick Stable, der Stallknecht.

„Eine Ausnahme bildet nur der hier“, sagte der Fischer Tom Foster und wies voll Widerwillen auf Baldwin Keymis, der gleich neben ihm stand. „Aber der zählt ja nicht. Auch wir sind froh, wenn wir ihn nicht mehr am Halse haben.“

Ben atmete tief durch. „Na gut, es freut mich, daß ihr euch eingelebt habt. Auch ich muß sagen, daß wir euch gern bei uns gehabt haben – von Keymis abgesehen.“

Der Friedensrichter schwieg verbissen.

Ben fuhr fort: „Andererseits kann ich aber auch verstehen, daß ihr euch nach euren Familien zurücksehnt. Ich halte euch nicht, Männer. Kehrt nach Hause zurück, bevor eure Frauen und Kinder es von anderen erfahren, daß ihr mit heiler Haut den Spaniern entwichen seid. Erzählt ihnen, was sich zugetragen hat, und daß sie dem Seewolf zu verdanken haben, daß ihr lebt.“

Robert Rowe trat vor und schüttelte ihm die Hand. „Ich weiß mit dem Federkiel umzugehen, aber ein guter Sprecher bin ich nicht. Auf Wiedersehen, Ben Brighton.“ Er wandte sich zu der Crew der „Isabella“ um und winkte ihr zu.

Die Männer grüßten zurück und stießen Rufe aus. Es gab ein paar kameradschaftliche Abschiedsszenen. Carberry hieb einigen Falmouthern auf die Schulter, daß sie in die Knie gingen. Nacheinander schritten sie über den Laufsteg, der von der Backbordseite der Kuhl nach oben zur Pier führte, davon. Alle drehten sich auf der Pier noch einmal zur „Isabella“ um, und manchen standen die Tränen in den Augen. Zu lange hatten sie an dem beispiellosen Leben dieser Crew teilgehabt, um jetzt ohnedem fortgehen zu können. Nur Baldwin Keymis wich dem Blick Ben Brightons aus, drängte sich an ihm vorüber, war dann schnell auf der Pier und in der Menschenmenge verschwunden, ohne auch nur kurz zurückzuschauen.

„Der ist froh, daß er abhauen darf“, sagte Ferris Tucker. „Hoffentlich bereitet er uns keine Scherereien.“

Ben winkte den alten O’Flynn und Big Old Shane heran. „He, was ist denn mit euch? Schließt ihr euch der Gruppe nicht an? Ihr habt uns gegenüber keinerlei Verpflichtungen.“

Shane lächelte. „Das nicht, aber es zieht uns auch nichts an Land. Wir haben uns offen gegen Sir John Killigrew gestellt. Das bedeutet, wir können und wollen nicht mehr nach Falmouth zurück. Kurzum, wir würden gern bei euch bleiben.“

„Falls ihr uns haben wollt“, fügte der alte O’Flynn hinzu.

„Hm.“ Ben musterte den Alten, und der kriegte plötzlich große Augen. „Also, Donegal, wenn du dein Holzbein nicht abschnallst und damit jemanden verprügelst, bist du genauso willkommen bei uns wie Shane.“

Sie lachten. Ben versammelte die Crew auf der Kuhl, dann erklärte er ihnen: „Die „Isabella“ wird die neue Heimat von Big Old Shane und Donegal Daniel O’Flynn senior. Falls jemand Einwände hat, dann soll er sie jetzt vorbringen, später hat er keine Gelegenheit mehr dazu.“

„Keine Einwände!“ rief Edwin Carberry.

Smoky, der den Schimpansenjungen Arwenack auf seiner Schulter sitzen hatte, meldete sich zu Wort. „Was wird aus Sir John Killigrew und seinen zweiundzwanzig Mann Besatzung?“

„Die Zweiundzwanzig können sofort gehen“, erwiderte Ben. „Wegen Sir John beraten wir noch.“ Er zog sich mit Ferris Tucker, Ed Carberry, Shane und dem alten O’Flynn in die Kapitänskammer zurück. Eine Zeitlang wägten sie das Für und Wider der Freilassung von John Killigrew ab.

„Eins steht fest“, sagte Ben zum Schluß. „Wir haben im Grund kein Recht und keine eigentliche Handhabe, ihn weiter unter Kammerarrest zu halten – trotz des Mordversuches an Hasard.“

„Sir John ist der von der Krone ernannte Generalkapitän von Cornwall“, sagte Shane. „Vergessen wir nicht, daß ihm sein Titel eine gewisse Unantastbarkeit verleiht.“

„Immunität nennt man das“, sagte Ben.

Der alte O’Flynn schlug mit der Faust auf den Tisch. „Verdammt und zugenäht, wir hätten den Hund doch gleich auf See erledigen sollen. Ja, ich bin mir der Folgen bewußt, aber es wird sie auch so geben, das schwöre ich euch, so wahr ich O’Flynn heiße.“

Ben zuckte mit den Schultern. „Was soll’s! Jetzt, nachdem unsere ‚Isabella‘ nicht mehr auf See ist, sondern im Hafen liegt, muß Sir Johns Namen und Titel respektiert werden. Keiner von uns ist ein Jurist und weiß darum auch nicht, wie die rechtliche Lage genau zu beurteilen ist.“

Carberry rieb sich das Rammkinn. „Aber eins ist sicher: Unsere Gesamtlage ist total verdreht und beschissen. Der Seewolf fehlt. Ein gottverfluchter Killigrew mußte über die Klinge springen. Baldwin Keymis, dieses Rübenschwein und Rabenaas, ist weg und steckt voller Zündstoff – der Henker mag wissen, was er noch unternimmt. Und dann ist da der Schatz. Wir stehen ’rum wie die Ölgötzen und wissen nicht, wem die Beute zugeteilt werden soll. O Mann, so blöde wie heute habe ich mich noch nie gefühlt.“

Ben ließ die Wachen rufen, die die Kammer von Sir John Killigrew im Auge behielten. Wenig später wurde Sir John an Deck geführt. Es waren Will Thorne und Jean Ribault, die ihn bis auf die Kuhl brachten. Jean deutete eine Verbeugung an.

„Monsieur, Sie sind ein freier Mann und können gehen, wohin Sie wollen. Ich hoffe, Sie werden dies entsprechend zu würdigen wissen. Haben Sie Verständnis dafür, wenn die Schiffsführung sich nicht von Ihnen verabschiedet. Nach allem, was geschehen ist, besteht wohl kein Anlaß dazu.“

Sir John hob den Kopf und sah sie auf dem Achterdeck stehen: Ben Brighton, Ferris Tucker, Edwin Carberry sowie Shane und den alten O’Flynn.

„Ihr Hunde“, flüsterte er. „Wir sprechen uns noch.“ Er wandte sich Jean zu. „Spar dir dein Gewäsch, Franzose. Ich habe deinesgleichen noch nie leiden können. Du bist ein gottverdammter Bastard von einem Hugenotten und kannst mich mal.“

„Danke für das Kompliment“, sagte Jean Ribault lächelnd. Er verbeugte sich noch einmal.

Sir John rauschte wutentbrannt ab. Er lief über die Gangway auf die Pier und setzte sich dort an die Spitze seiner Restbesatzung. Die hatte wohlweislich auf ihn gewartet. An Bord der „Isabella V.“ hatten sie es vermieden, sich mit der Seewolf-Crew anzulegen, aber jetzt wollten sie sich nicht der Pflichtvernachlässigung und Desertion schuldig machen. So, wie Sir John in Wut war, konnte er ihnen ja mutwillig etwas am Zeuge flicken.

Ben Brighton blickte Sir John und seinem Gefolge nach, wie sie sich durch das dichter werdende Menschenknäuel zwängten und dann zum Kai hin absetzten.

„Ich habe auch über den Schatz nachgedacht, Ed“, sagte er versonnen. „Er ist jetzt so etwas wie ein Pulverfaß für uns, und die Lunte dazu brennt. Wir wissen, daß dreiviertel unserer Beute für die königliche Lissy bestimmt sind, das verbleibende Viertel soll unter der Crew aufgeteilt werden. Aber der Seewolf fehlt, um das zu regeln.“

„Da hat man sich nun wie verrückt geschlagen“, sagte Ferris Tucker. „Himmel, Ben, was haben wir in unseren Gefechten an der Küste von Südamerika und in der Karibik alles riskiert. Um Kopf und Kragen ging es, und kaum hatten wir uns von einer Schlacht halb erholt, ging es in die nächste. Höllische Gefahren haben wir durchgestanden. Wir hätten alle mehr als einmal draufgehen können – wenn die Spanier oder die Piraten uns nicht kleingekriegt hätten, so waren immer noch die Haie da, um uns den Garaus zu bereiten.“

„Ja“, pflichtete Ed Carberry ihm bei. „Keiner von uns fürchtet Tod und Teufel, aber jetzt haben wir’s endlich geschafft, unsere Beute nach England zu bringen und stehen wie die Blöden da. Ehrlich, wir wissen doch weder vor noch zurück.“

„Zum Kotzen ist das“, sagte der alte O’Flynn.

Big Old Shane ließ den Blick schweifen. Mißbilligend musterte er die vielen Menschen auf der Pier. Die wurden immer lauter, rotteten sich förmlich zusammen und drängelten, daß der eine oder andere glatt ins Wasser zu fallen drohte.

„Geheimhalten läßt es sich ja nicht“, sagte Shane grimmig. „Nachdem die Männer aus Falmouth und Sir John mit seinen Mannen an Land gegangen sind, spricht es sich schnell herum, was es mit unserer ‚Isabella‘ auf sich hat.“

„Der sagenhafte Schatz aus der Neuen Welt.“ Ferris Tucker lachte freudlos auf. „Das muß doch wie ein Lauffeuer umgehen.“

Unten auf der Kuhl kratzte sich Buck Buchanan am Kopf. „Also, es will mir nicht in den Kopf, wieso dieses dämliche Gesindel unsere Galeone so anglotzt. Haben die noch nie ein Segelschiff gesehen?“

Jean Ribault warf ihm einen Seitenblick zu, dann konzentrierte er sich wieder auf das, was die Menge da auf der Pier tat. „Buck, die ‚Isabella‘ ist kein schmucker Frachtsegler, der ungefährdet zwischen England, Irland und Schottland kreuzt oder beispielsweise ein Kriegsschiff der englischen Flotte, das gerade im Dock aufpoliert worden ist. Sieh sie dir mal von außen an, unsere ‚Isabella‘! Da stößt man doch mit der Nase auf die Narben, die sie aus den Kämpfen davongetragen hat, nicht wahr? Sie ist ein sturm- und kampferprobtes Schlachtroß, und ich kann den Leuten nicht einmal verübeln, daß sie herübergaffen. Nur habe ich die Befürchtung, daß es allein beim Gaffen nicht bleiben wird.“

„Hölle und Teufel“, murmelte Buck Buchanan. „Ist das ein Scheißhafen.“

Und damit brachte er auf seine Art zum Ausdruck, was sich offen in den Mienen der Männer spiegelte. Sie sehnten sich plötzlich weit fort, zurück in die Karibik mit all ihren Härten, ihren Haien, die in den Tiefen der See lauerten, ihren Dons und Piraten, sie sehnten sich nach dem exotischen Zauber, der ohne Verfremdungen war und ihnen vor allem eines garantierte: die absolute Freiheit.

Denn hier, das begannen sie zu ahnen, würden sie bald nicht mehr frei sein. Das Gebaren der Menschen an Land setzte ihnen zu und drohte sie zu erdrücken. Da waren sie, die Geier, die Wölfe und die Haie, aber im Gegensatz zur Karibik, wo das Gesetz des Stärkeren regierte und dennoch einen natürlichen Ausgleich zwischen den widerstreitenden Parteien existierte. Im Gegensatz zu dort war die offene Gier der Menschen von alles vernichtender Macht. Davor waren sie dereinst geflohen, als sie aufgebrochen waren, um Freibeuter zu werden. Nichts haßten sie mehr als die niederen Empfindungen und Wünsche dieser Leute – und doch waren sie zurückgekehrt.

„Ich glaube, wir haben uns Illusionen hingegeben“, sagte Jean Ribault.

„Ganz gewiß“, sagte Karl von Hutten. „Der Pöbel hat fette Beute gewittert. In der Masse sind sie stark, diese Burschen. Man muß sich gegen sie schützen.“ Unwillkürlich legte er die Hand auf den Kolben seiner Steinschloßpistole.

Im selben Moment wandte sich auch Ben Brighton an Ed Carberry. „Die Entwicklung hier gefällt mir nicht. Profos, sofort die Drehbassen auf Back und Achterdeck besetzen lassen und ein waches Auge auf diese Leute halten.“

„Aye, aye, Sir.“

Dann wurde die Menge Zeuge, wie Carberry in seiner unnachahmlichen Art die Crew aufscheuchte und durcheinanderhetzte. Seine Flüche hallten über Deck, manche davon konnten sogar eine hartgesottene Hafenhure zum Erröten bringen. Die Menge auf der Pier schrie, grölte und pfiff. Der Lärm schwoll immer mehr an.

Ben Brighton schritt auf dem Achterdeck auf und ab. Wie ein gereizter Tiger strich er an der Holzbalustrade entlang. Er verfolgte die Vorbereitungen seiner Männer an den zehn Drehbassen. Im stillen schickte er ein Stoßgebet zum Himmel, der Kutscher und die anderen Männer mögen bald zurückkehren und ihm die Nachricht bringen, wie es dem Seewolf ginge. Gab Sir Anthony Abraham Freemont ihm überhaupt noch eine Chance?

Kurz nach Mitternacht hatte der Umfang der Menschenmenge das Maß des Erträglichen bei weitem überschritten. Das war eine wabernde Masse, in der es brodelte und gärte, und ein winziger Funke genügte, um sie zum Explodieren zu bringen. Die Crew der „Isabella“ war nervös geworden. Ihre Unruhe färbte auch immer mehr auf Ben Brighton ab. Er fühlte sich dieser verzwickten Situation bald nicht mehr gewachsen.

„Ich begreife nicht, wo der Kutscher, Gary, Al, Matt und Stenmark solange bleiben“, sagte er zu Ferris Tucker. „Es wird ihnen doch wohl nichts zugestoßen sein?“

„Ich schlage vor, ein paar von uns setzen sich in Marsch und sehen mal nach.“

„Warte noch.“

„Du denkst an die Gaffer? Vor denen habe ich doch keine Angst.“ Ferris lachte, aber so richtig überzeugt klang es nicht. Was war, wenn diese Leute einen Trupp der „Isabella“ einkeilten und zerquetschten? Brach dann nicht die Hölle los? Konnten sie das gebrauchen? Panik vor dem Schiff, und dazu noch eine zerstreute Crew, das war das allerletzte, was Ben Brighton sich wünschte.

Plötzlich stieß Smoky vorn auf der Back einen Ruf aus.

Ben sah es auch: am Ende der Menschenmasse, zum Kai hin, war unvermittelt Aufruhr eingetreten. Ben nahm den Kieker und blickte hindurch. Er erspähte Uniformierte. Sie waren von irgendwoher, wahrscheinlich aus der Western Road, aufgetaucht und verschafften sich nun mit rüden Methoden Platz.

Wie ein Keil stießen sie durch die Menge.

„Das ist die Stadtgarde“, sagte der alte O’Flynn. „Da haben wir den Salat. Es gibt Verdruß.“

„Ruhig bleiben“, mahnte Big Old Shane. „Ganz hübsch ruhig bleiben, sonst sind wir die Dummen. Hören wir doch mal, was die Knaben wollen.“

Die Soldaten der Garde schlugen nach links und rechts. Einige Schaulustige wurden aufsässig. Tumult entstand. Jemand schrie, dann fiel ein Schuß, und ein Mann gab einen heulenden Laut von sich.

„Es gibt Verletzte“, sagte Ben, der immer noch den Kieker hielt.

„Aber die Menge weicht!“ rief Ferris Tucker.

„Lieber die Menge als die Stadtgarde“, sagte Donegal Daniel O’Flynn.

Sie waren Zuschauer, und sie hatten sogar Tribünenplätze. Nach und nach verlor sich ein Teil der Menschenmassen in Richtung auf die Stadt. Die Uniformierten hatten nun keine Schwierigkeiten mehr, sich durchzusetzen. Sie schoben sich an den letzten Bürgern vorüber, besetzten die Pier und riegelten die „Isabella V.“ gewissermaßen ab.

Dann trat ein fetter, widerlicher Mensch vor.

„Da wird der Hund in der Pfanne verrückt“, ächzte Ferris Tucker. „Die Ratte Samuel Taylor Burton!“

„Der Bruder von Isaac Henry Burton“, sagte Ben und nickte.

Er betrachtete den Mann durch den Kieker. Burton war schätzungsweise Anfang der Dreißig, braunäugig und trug eine Perücke. Sein Gang war wie der einer watschelnden Ente. Die Heimtücke stand ihm im Gesicht geschrieben. Ben Brighton kannte den verschlagenen Isaac Henry Burton zur Genüge von ihrem Irland-Unternehmen her. Sein Bruder hier war kein Stück besser.

Shane gab ein verächtliches Schnaufen von sich. „Der feine Burton, Friedensrichter in Plymouth. Seit Urzeiten liegt seine Sippe mit den Killigrews in Fehde, weil die Burtons den Killigrews die Vorrangstellung in Cornwall neiden.“

„He“, sagte der alte O’Flynn. „Seht doch mal, wer da hinter Burton hermarschiert. Habe ich’s nicht gesagt, daß Keymis uns noch ganz gewaltig an die Karre fährt?“

Ja, er befand sich in Burtons Gefolge: Baldwin Keymis, glatt und hinterhältig wie nie, erfüllt von seinem elementaren Haß auf die Männer der „Isabella“. Statt die Dinge auf sich beruhen zu lassen, fuhr er nun schweres Geschütz auf. Die Soldaten standen wie eine Mauer und hielten ihre Musketen in Bei-Fuß-Stellung.

„Herhören!“ rief Samuel Taylor Burton. Seine Stimme klang ziemlich hoch und schrill und schraubte sich nach und nach immer höher in den Diskant. „Kraft meiner richterlichen Funktion verkünde ich: Die gesamte Besatzung der ‚Isabella V.‘, vormals ‚San Josefe‘, steht unter Arrest.“

Der alte O’Flynn knurrte vor Wut. „Was will dieser Hänfling?“

Ben Brighton trat ans Backbordschanzkleid des Achterdecks.

„Sir!“ rief er laut. „Welches Recht haben Sie dazu, uns unter Arrest zu stellen?“

„Mordverdacht!“ schrie Baldwin Keymis – und handelte sich einen zurechtweisenden Blick seines Amtskollegen ein.

„Jawohl, Mordverdacht“, sagte Burton. „Jeder Mann der Besatzung wird des Mordes beschuldigt. Außerdem besteht der Verdacht der Fahnenflucht. Ihr seid von Kapitän Francis Drakes Flotte desertiert! Dies sind die Hauptmotive der Anklage, die sich gegen euch richten wird. Im übrigen erkläre ich die Galeone als beschlagnahmt.“

„Das habe ich mir gedacht“, sagte Shane. „Einfacher könnte er und Keymis, dieses Schwein, es ja nicht haben, um sich den Schatz unter den Nagel zu reißen.“

Keymis flüsterte Burton etwas zu. Es war Ben Brightons Name, wie sich herausstellte, denn Samuel Taylor Burton schrie nun: „Mister Brighton, ich fordere Sie auf, mit Ihren Männern das Schiff zu verlassen. Wir bringen euch ins Stadtgefängnis. Die Waffen werden von jedem Mann an Bord zurückgelassen und später von uns konfisziert.“

„Ich glaube, ich träume“, sagte Ben Brighton.

Burton kreischte: „Jeder Widerstand ist zwecklos und wird mit Waffengewalt gebrochen!“

Ben wandte sich langsam nach Süden und sagte: „Eins hat dieses fette Ekel vergessen: den Hafenausgang abzuriegeln. Ich bin zu allem entschlossen. Nur eins lasse ich über meine Leiche zu.“

„Daß die ‚Isabella‘ in die Hände dieser Hundesöhne fällt“, vervollständigte der alte O’Flynn.

Er stand plötzlich zusammen mit Ferris Tucker und Shane ganz vorn an der Schmuckgalerie des Achterkastells. Die Crew blickte sie an, sah auch auf Ben Brighton, erfaßte die Situation und begriff Bens Absichten. Da bedurfte es keiner Worte. Jetzt zeigte die Crew, was sie wert war, jetzt bewies sie, was für ein verschworener Haufen sie in all den harten Jahren des Kampfes und der Entbehrungen geworden war. Sie handelte, als wüßte sie Ben Brightons Befehle im voraus.

Es knisterte auf der Back und auf dem Achterdeck.

Die Lunten zu den Drehbassen brannten.

„Ja“, flüsterte Ed Carberry voller Haß. „Nehmt sie aufs Korn, diese Bastarde. Zielt auf Baldwin Keymis und Burton, diese Hurensöhne, und auf die Stadtgarde, und dann wollen wir doch mal sehen, wer hier den Ton angibt.“ Er kauerte plötzlich hinter dem Backbordschanzkleid der Kuhl. Es klang gefährlich, wenn er brüllte, doch wirklich ruppig und unausstehlich wurde er, wenn er flüsterte.

Alle Männer der „Isabella“ brachten sich in Deckung.

„Burton! Keymis!“ rief Ben. „Sobald einer der Soldaten auch nur die Muskete hebt und Anstalten trifft, den Finger zu krümmen, gebe ich den Feuerbefehl.“

„Das ist gegen das Gesetz!“ Burtons Stimme kippte über, so wütend war er.

„Das Gesetz an Bord eines Schiffes wird durch seinen Kapitän verkörpert – und der bin zur Zeit ich. Burton, ich warne Sie! Sie sind der erste, der in die Luft geblasen wird, wenn Sie auch nur eine falsche Bewegung ausführen!“

„Ich habe ihn vor dem Lauf“, sagte Pete Ballie, der eine Drehbasse auf dem Achterdeck bediente.

„Ferris“, sagte Ben.

Ferris Tucker kappte den achteren Festmacher. Carberry sah es, glitt nach vorn und kappte auch die andere Trosse. „Die „Isabella“ trieb von der Pier weg. Plötzlich war Bewegung in der Kuhl. Gewandt enterten Männer in den Wanten auf und setzten die Segel. Es waren Manöver, die tausendfach geübt waren und in Sekundenschnelle durchgeführt wurden. Immer mehr Abstand legte sich zwischen die Galeone und die Pier.

Ben Brighton blickte zu Samuel Taylor Burton hinüber. Der Mann war weiß vor Wut, und Baldwin Keymis ballte in ohnmächtigem Zorn die Hände. Sie waren zu feige, es darauf ankommen zu lassen.

Die „Isabella V.“ verließ den Hafen von Plymouth. Mit prallen Segeln glitt sie bei Nordwestwind an der Mole vorbei und nahm Kurs nach Süden. Ben Brighton stand immer noch achtern und schaute durch den Kieker zur Pier. Dort bewegten sich Burton und Keymis endlich wieder. Burton schrie seine Garde zusammen.

„Es ist noch nicht vorbei“, sagte Ben. „Wo Hasard sich aufhält, hat Burton höchstwahrscheinlich erfahren. Keymis wird ihm ja berichtet haben, daß wir Hasard von Bord brachten. Vielleicht will er ihn jetzt für alles büßen lassen. Vielleicht wird er versuchen, ihn zu erpressen und so an unser Schiff heranzukommen. Er wird mit allen Mitteln danach trachten, sich zumindest einen Teil des Schatzes unter den Nagel zu reißen.

„Der Teufel soll ihn holen“, sagte der alte O’Flynn, aber er wußte auch nicht, ob dieser fromme Wunsch in Erfüllung gehen würde.

Nur eines wußten sie: Plymouth hatte sie wieder ausgespien, als hätten sie die Pest an Bord. Sie waren wie Verdammte, für die es kein Zurück und keine Bindungen mehr gab ...


1.

Bootsmann Sullivan war ein gewissenhafter Mann. Er nahm seine Aufgaben – und das waren zur Zeit nicht wenige – höllisch ernst. Es gab nichts, das ihn von der kompromißlosen Erfüllung seiner Pflicht abhalten konnte. Gut eine Stunde hatte er darauf verwendet, zunächst das Unterdeck und dann das Vorschiff der Kriegskaravelle „War Song“ zu inspizieren. Und er hatte einiges zu beanstanden gefunden!

Einige Kojen in den Mannschaftsräumen waren nicht ordnungsgemäß gerichtet, die Logis bot ein Bild, das ihn schauderhaft fluchen ließ. In der Kombüse hatte er an den Wänden Fettflecke und auf den Vorratsschapps fingerdicken Staub entdeckt.

Sullivan trat durch das Backbordschott des Vordecks auf die Kuhl. Er stemmte die Fäuste in die Seiten und ließ den Blick wandern. Er war ein stämmiger Mann mit breiten Schultern. Seine blauen Augen hatten Tiefe und Ausdruck und vermittelten etwas von der Härte und Unnachgiebigkeit, aber auch von der Vertrauenswürdigkeit seines Charakters. Seine rotblonden Haare wurden von dem handigen Nordwestwind zerzaust, der an diesem Nachmittag des 10. Februar 1580 über die Mill Bay vor Plymouth blies.

„Harris! Jenkins!“ rief Sullivan.

„Sir?“

„Ab ins Vorschiff mit euch zum Aufklaren! Was ist denn das nur für ein verdammter Saustall?“

Harris und Jenkins, zwei Kerle, so groß wie Schränke, lösten sich vom Backbordschanzkleid und drehten sich zu ihm um. Zuerst sahen sie ihn etwas verdattert an, aber dann setzten sie sich schleunigst in Bewegung. Sie flitzten an ihm vorbei.

„Räumt die Mannschaftsräume auf und schrubbt die Kombüse, bis die Schwarte kracht!“ rief Sullivan ihnen nach. „Ich will alles glänzen sehen. Ich dulde keine Schweinerei und keinen Schlendrian an Bord. So was wollen wir gar nicht erst einreißen lassen.“

Er wandte sich wieder der Kuhl zu. Sie war nicht sehr groß. Gleich hinter dem Großmast begann das höhergelegene Quarterdeck und ganz achtern ragte das Achterdeck mit dem Besanmast auf. Bootsmann Sullivan erfaßte die Situation mit einem Blick. An der Backbordseite der Kuhl, wo auch das Beiboot in seinen Laschings ruhte, drängten sich sämtliche Männer der Deckswache und scherten sich einen Dreck um die Borddisziplin.

Sullivan schritt zu ihnen. Er baute sich mit verschränkten Armen hinter ihnen auf, aber sie schienen ihn nicht zu bemerken. Wie gebannt blickten sie voraus, nach Nordwesten in die Mill Bay.

Sullivan war ein aufrechter, im Grunde seines Herzens ausgesprochen gutmütiger Mensch. Aber, wie gesagt, er duldete keine Trödelei an Bord eines Schiffes, schon gar nicht auf einer Kriegskaravelle vom Format der „War Song“.

Er sprach nicht besonders laut. Dennoch zuckten einige Männer jetzt zusammen.

„Ihr Himmelhunde! Ja, seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen? Ihr glaubt wohl, weil der Kapitän nicht an Bord ist, könnt ihr wie die Mäuse auf dem Tisch tanzen, wie? Aber da habt ihr euch verrechnet.“

„Aye, aye, Sir“, antworteten einige Männer. Dennoch hielten sie den Blick unverwandt auf die am nördlichen Ende der Mill Bay gelegenen Hafenanlagen und Piers gerichtet.

Sullivan trat ganz dicht hinter sie. „Was, zum Teufel, gibt es da zu gaffen? Habt ihr Rindviecher etwa einen Weiberrock entdeckt? Ich werde ...“

Einer, der ein Spektiv vor dem Auge hielt, entgegnete: „Nein, Sir, keine Weiber. Wir beobachten nur, was sich da am Ende der langen Pier abspielt.“

Sullivan spähte nun selbst Backbord voraus und sah die große Dreimast-Galeone, die am äußersten Ende der Pier vertäut war. Zwischen ihr und der „War Song“, die an der Pontoon Pier ganz am östlichen Eingang der Mill Bay lag, erstreckte sich etwa eine Viertelmeile Distanz, doch Sullivan sah ohne Schwierigkeiten die Menschenmenge, die sich dort drüben auf der Pier bewegte. Die Galeone hatte er bereits am Vormittag gesehen, als sie unter dem wolkenverhangenen Himmel in den Hafen von Plymouth eingelaufen war.

„Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt“, sagte Sullivan. „Habt ihr Narren noch nie eine Galeone gesehen? Ich streiche euch den Landurlaub, wenn ihr weiter verrückt spielt.“

Der Mann mit dem Spektiv, ein gewisser Feeney, erwiderte: „Sir, das ist keine gewöhnliche Galeone. Ich erkenne an der Bauart, daß es sich um ein spanisches Schiff handelt.“

„Das sieht doch ein Blinder mit dem Krückstock.“ Sullivan zeigte eine wegwerfende Geste. „Die Dons haben zwar die geklinkerte Bauweise von uns übernommen, aber zwischen ihren und unseren Schiffen gibt es doch erhebliche Unterschiede. Seht euch bloß mal die Heckgalerie mit den Verzierungen an!“

„Ein schmuckes Schiff“, sagte Feeney.

„Edel“, sagte ein anderer.

Sullivan grinste. „Und die Besatzung besteht aus Engländern. Der Leibhaftige soll mich holen, wenn es nicht so ist. Unsere Leute haben die Galeone irgendwo vor der spanischen Küste, in der Biskaya, vor Frankreich oder sogar vor Irland aufgespürt, gekapert und als Prise mitgebracht. Ich habe heute früh, als sie vorüberzog, die Kampfspuren gesehen, die sie trägt. Da ist kräftig hingelangt worden, kann ich euch sagen. Ich kann mir vorstellen, wie erbittert der Kampf um das Schiff verlief. Wer weiß, was es in seinen Frachträumen birgt.“

„Coleman weiß es“, sagte Feeney. „Coleman war heute morgen an Land.“

Coleman, ein vierschrötiger, etwas einfältiger Seemann und Soldat Ihrer königlichen Majestät Elizabeth I., nickte. „So ist es. Die Galeone hieß früher ‚San Josefe‘, wurde aber in ‚Isabella V.‘ umgetauft – und sie gehört keinem anderen als Philip Hasard Killigrew, dem Seewolf, wie die Leute ihn nennen.“

Sullivan zog die Augenbrauen hoch. „Donnerwetter. Und das erfahre ich erst jetzt, Coleman?“

„Sie – Sie haben mich ja nicht danach gefragt, Sir.“

„Dummkopf. Feeney, gibt mir mal den Kieker.“

Bootsmann Sullivan blickte angestrengt durch das Spektiv. Die Optik fing die Pier ein und brachte sie ihm nahe. Der Pöbel von Plymouth drängte sich dicht vor der Bordwand des großen Schiffes. Da wurden Fäuste gereckt, Rufe ausgestoßen. Die Masse wogte hin und her. Jemand wurde beinahe ins Wasser gedrückt.

Sullivan wußte, was das zu bedeuten hatte.

„Dieser Seewolf“, sagte er. „Er soll ein tollkühner Kerl sein, der weder Tod noch Teufel fürchtet. Ich habe schon die haarsträubendsten Geschichten über ihn vernommen. Wenn die alle wahr sind ...“

Er ließ den Blick über die Decks der „Isabella V.“ wandern. Er sah einen breitschultrigen Mann mit dunkelblondem Haar, einen weißhaarigen Alten, der auf Krücken lief, einen rothaarigen Riesen und einen Koloß von Mann mit grauem Haupthaar und wirrem grauem Bartgestrüpp. Sie schritten ziemlich aufgeregt auf dem Achterdeck auf und ab.

„Jemand hat mir mal erzählt, wie der Seewolf aussieht“, sagte Sullivan. „Er soll ein großer, ziemlich junger Mann mit schwarzen Haaren und blauen Augen sein. Ich kann ihn aber auf der Galeone nicht erkennen.“

Coleman meldete sich wieder zu Wort. „Er wurde noch am Vormittag von Bord gebracht. Er ist verletzt. Ziemlich schwer soll’s ihn erwischt haben, am Kopf, glaube ich. Die Leute von Plymouth munkeln, man habe ihn zu Sir Freemont transportiert.“

„Sir Anthony Abraham Freemont? Kann schon sein“, sagte Sullivan. „Aber die Leute schwätzen viel, wenn der Tag lang ist. Eins steht jedoch fest. Da drüben braut sich was zusammen. Das Volk sieht mir verdammt gierig und angriffslustig aus, und die Männer an Bord der Galeone scheinen auch ziemlich gereizt zu sein.“

„Der weißhaarige Alte“, sagte Feeney. „Ich muß mich schon schwer täuschen, wenn das nicht Donegal Daniel O’Flynn aus Falmouth ist. Ich habe Verwandte in Falmouth und bin oft dortgewesen. Der Seewolf selbst stammt ja auch aus Falmouth, wie alle Killigrews. Der grauhaarige Riese dort, das ist Shane, der Schmied von Arwenack, der Stammfeste der Killigrews. Big Old Shane wird er genannt. Mit dem Seewolf soll er sich immer gut verstanden haben, genau wie Lady Anne Killigrew. Aber Sir John Killigrew und seine anderen drei Söhne, die sind auf den Seewolf nicht gut zu sprechen. Ach, übrigens, wenn ich mich nicht irre, hat Sir John vor kurzem mit einem ganzen Trupp von Männern die ‚Isabella‘ verlassen.“

„Du weißt ja gut Bescheid“, entgegnete der Bootsmann. „Weiß der Henker, was sich so alles um diese Galeone rankt und welches Geheimnis sie birgt. Wenn ich mir die Leute auf der Pier so ansehe, muß schon allerlei hinter der ganzen Sache stekken.“

Coleman sagte: „Der Seewolf soll in der Karibik einen gewaltigen Schatz erbeutet haben. Und der befindet sich im Bauch der ‚Isabella‘, Gold, Silber, Perlen, Juwelen – sagen die Leute.“

„Das würde einiges erklären“, sagte Sullivan. „He, seht mal, was jetzt passiert!“ Er verfolgte durch den Kieker, wie ein Keil von Männern von der Western Road aus bis auf die Pier vordrang und die Menge auseinandertrieb. Plötzlich fielen ein paar Schüsse. Jemand brach zusammen, jemand schrie. Sullivan stieß einen Fluch aus. „Jetzt wird’s spannend. Die Stadtgarde ist erschienen.“

Feeney hatte ein anderes Spektiv zur Hand genommen und es ans Auge gehoben. „Sie baut sich direkt vor der ‚Isabella‘ auf und drängt die Zivilisten ganz fort. Jetzt treten zwei Männer vor. Holla, der fette Kerl mit der Perücke dort, das ist ja Samuel Taylor Burton, der Friedensrichter von Plymouth. Und der Hagere mit dem Ziegenbart neben ihm kann nur Baldwin Keymis sein, der Friedensrichter von Falmouth – ein wahres Schlitzohr!“

„Langsam“, sagte Sullivan. „Mehr Respekt vor der Obrigkeit, wenn ich bitten darf.“ Sein Glaube an die Untadeligkeit aller Autoritätspersonen schien durch nichts zu erschüttern zu sein.

Coleman sagte plötzlich: „Bootsmann Sullivan – Sir, drehen Sie sich malum.“

Sullivan tat dies zögernd, weil auch er durch das Geschehen bei der „Isabella V.“ gefesselt war. Als er jedoch den Kopf wandte und zur Steuerbordseite seines Schiffes blickte, fuhr er unwillkürlich zusammen. Gute zwei Dutzend Männer hatten sich dort auf der Pontoon Pier versammelt. An ihrer Spitze befand sich ein bulliger, grobschlächtig wirkender Mann mit roten Haaren, rötlich gefärbter Gesichtshaut und roter Knollennase. Seine hellblauen Augen glitzerten. Sein Mund war ein dünner Strich.

„Himmel, Arsch“, sagte Bootsmann Sullivan. „Wer in aller Welt sind die Kerle? Was wollen sie, und wer ist der Stier, der sie anführt?“

„Das“, raunte Feeney ihm zu, „ist kein anderer als Sir John Killigrew höchstpersönlich.“

Sir John schritt über die Gangway auf die Kuhl der „War Song“ hinunter, als gehöre das Schiff bereits ihm. Hinter ihm schlossen seine zweiundzwanzig Männer auf. Der hölzerne Laufsteg wippte unter ihren Schritten, ihre Stiefel polterten über das Deck.

Sir John fixierte den Mann, den er an seiner äußeren Aufmachung als den Bootsmann der Dreimast-Karavelle erkannte. Im Augenblick war er der ranghöchste Mann, den er entdecken konnte – an ihn würde er sich also halten.

Sir John spürte Triumphgefühl in sich aufsteigen. Er fühlte sich wieder in seinem Element. Schmähliche Niederlagen hatte er hinnehmen müssen, doch jetzt schien die Pechsträhne ein Ende zu haben. Nachdem ihn Ben Brighton, dieser Bastard von einem Bootsmann, endlich von Bord der „Isabella V.“ gelassen hatte, hatte er, John Killigrew, natürlich bereits einen Plan im Kopf gehabt.

Hätte er etwa Baldwin Keymis, dem Friedensrichter von Falmouth, nacheilen sollen? Schön, Keymis hatte sich an Bord der „Isabella“ gewissermaßen mit ihm gegen den Seewolf und dessen Mannschaft verbündet. Keymis hatte ihm Treue und alles mögliche andere geschworen. Sonst hatte er aber nicht viel ausgerichtet, sondern eher nur Torheiten begangen.

John Malcom Killigrew hatte sein Leben gelassen, als er zusammen mit seinem Vater dem schwerverletzten Seewolf den Rest hatte geben wollen. Oh, wie hatten sie sich verkalkuliert! Sie hatten geglaubt, nur Gwendolyn Bernice Killigrew, geborene O’Flynn, in der Kapitänskammer der „Isabella“ vorzufinden: Sir John, der die junge Frau als Schwiegertochter nicht wollte, hatte sie und den Bastard Hasard umbringen wollen.

Aber da waren Big Old Shane und der Neger Batuti auf der Bildfläche erschienen. Und Shane hatte wahrgemacht, was er schon seinerzeit auf Arwenack geschworen hatte. Er hatte John Malcolm getötet.

Keymis hatte dann während der Bestattung von John Malcolm zur Meuterei aufrufen wollen. Doch die Mannschaft des Seewolfes hätte ihn deswegen beinahe gelyncht. Nur Ben Brighton war es zu verdanken, daß Keymis nicht an der nächsten Rahnock aufgeknüpft worden war. Bei allem Haß mußte Sir John doch zumindest dies Brighton zugestehen.

Fazit: Die Crew der „Isabella“ stand hinter dem Seewolf, diesem Teufel, und es gab nichts, das sie beeinflussen konnte. Sir John hatte, solange er sich an Bord des Schiffes befand, jeden Gedanken aufstecken müssen, den Schatz in den Frachträumen an sich zu reißen.

Doch sie befanden sich jetzt in Plymouth.

Hier dominierte nicht mehr die unendliche Weite der See, dies war keine Umgebung wie die Karibik, in der der Seewolf und alle anderen Korsaren und Piraten nach eigenen Gesetzen lebten. Hier war Cornwall, der unumschränkte Machtbereich von Sir John Killigrew. Oh, er würde es ihnen schon zeigen, diesen tolldreisten Hunden!

Aber Keymis – war er ihm schon von vornherein nicht gerade sympathisch, so hatte Sir John jetzt jede Partnerschaft mit diesem durchtriebenen Burschen abgelehnt. Wohlweislich, denn er hatte sich ja ausrechnen können, daß Baldwin Keymis nichts Eiligeres zu tun haben würde, als zu seinem Amtskollegen Burton zu rennen. Die Tatsachen gaben ihm nun recht. Sir John hatte auch beobachtet, was sich auf der Pier neben der „Isabella“ abspielte.

Seit jeher waren die Killigrews mit der Burton-Sippe verfeindet. Die Fehde ließ keine Art von Übereinkommen zu, nicht einmal vorübergehende Bündnisse – eine Art Burgfrieden, wie er sich doch in diesem Fall bei einem gemeinsamen Ziel angeboten hätte. Schließlich wollten Keymis, Burton und er alle drei das gleiche: den Schatz der „Isabella“!

Aber nein, es gab nur den einen Weg. Sir John mußte sich auf seine Eigeninitiative verlassen. Rasch hatte er gleich nach dem Verlassen der „Isabella“ seine zweiundzwanzig Männer zusammengetrommelt. Auch sie waren von Ben Brighton fortgeschickt worden. Sie stellten den Rest jener Crew dar, mit der Sir John an Bord einer Galeone nach Spanien aufgebrochen war. Wieder einmal hatte er einen seiner Beutezüge geführt – und war gescheitert. Vor der Küste von Portugal hatten die Spanier ihn gestellt und in die Zange genommen. Mit drei Galeeren und zwei Karavellen waren sie ihm auf den Leib gerückt. Seine Galeone hatte bereits mehrere Lecks gehabt und jede Menge Wasser übergenommen, und zweifellos hätten die gottverfluchten Dons ihn und seine Crew endgültig zu den Fischen geschickt, wenn nicht plötzlich ein weiteres Schiff wie ein Gespenst aus dem Regendunst aufgetaucht wäre – die „Isabella“. In einem beispiellosen Gefecht hatte sie die Galeeren und Karavellen versenkt. Die letzte Karavelle war explodiert. Eine durch die Luft wirbelnde halbe Rah hatte den Seewolf am Kopf getroffen und bedenklich verletzt. Dann, nach dem Verklingen des Kanonendonners und Explosionslärms, hatte die „Isabella“ Sir John und seine Männer übernommen.

Gewiß, der Seewolf hatte ihm das Leben gerettet. Doch das zählte bereits nicht mehr für Sir John. In seinen Augen war Hasard nur der Bastard, der ihm wie ein Dorn ins Auge stach. Und Shane hatte nun allem die Krone aufgesetzt, indem er John Malcolm umgebracht hatte. Sir Johns Haß kannte keine Grenzen mehr.

Am Vormittag, beim Einlaufen der „Isabella“ in die Mill Bay, hatte er von seinem Kammerfenster aus die Kriegskaravelle an der Pontoon Pier gesichtet. Sofort hatte er sein Vorhaben entsprechend aufgebaut. Was nun Baldwin Keymis und Samuel Taylor Burton betraf, so hatte er sich wirklich nicht verrechnet. Und Ben Brighton, der sich nicht nur Bootsmann, sondern auch Erster Offizier des Seewolfes nannte? Was würde der tun?

Sir John glaubte es zu wissen.

„Herhören“, sagte er. „Bootsmann, wie heißen Sie?“

Sullivan zog den Kopf ein wenig ein und sah sehr verblüfft aus. Noch konnte er es nicht fassen, wahrhaftig Sir John Killigrew gegenüberzustehen, und glaubte an einen Scherz von Feeney. Noch verschloß sich sein Geist den Tatsachen und wollte den barschen Kommandoton dieses rotgesichtigen, rothaarigen Bullen nicht annehmen.

Aber dann siegte doch die Disziplin in ihm. „Sullivan, Sir.“

„Also schön, Sullivan. Ich bin John Killigrew, der General-Kapitän von Cornwall. Ich verlange, den Kommandanten dieses Schiffes zu sprechen, und zwar ein bißchen dalli.“

„Der – der Kapitän ist in Urlaub, Sir.“

„So?“ In Sir John drohte das Siegesgefühl überzuschäumen. Besser hätte er es nicht treffen können! Er hatte praktisch freie Hand. Diesen Hampelmann von einem Bootsmann stecke ich in die Tasche, dachte er.

Hinter Sir John standen die zweiundzwanzig Männer seiner versenkten Galeone, vor ihm umringte die Crew der Dreimast-Karavelle ihren verdutzten Bootsmann. Sir John warf einen Blick zur „Isabella“ hinüber – noch lag sie an der Pier.

„Ich erkläre die ‚War Song‘ für beschlagnahmt“, sagte er scharf. Er stand mit leicht abgewinkelten Beinen, die Hände auf die Seiten gestützt, ganz Herr seiner Sache. „Sie wird für einen Geheimauftrag benötigt. Das bedeutet, daß ich ab sofort euer Kapitän bin, verstanden?“

Sullivan ging in diesem Moment vor Ehrfurcht fast in die Knie.

„Jawohl!“ brüllte er und straffte sich.

Sullivan hatte Sir John noch nie in seinem Leben gesehen, aber er hatte von dessen Taten als Freibeuter in der Irischen See und dem Nordatlantik vernommen. Sir John war ihm also kein Unbekannter. Er war ein Mann, der alles überrollte und keine Widerworte duldete.

Sir John maß die Crew der Karavelle mit einem geringschätzigen Blick. Ein Mann seines Titels zusammen mit gewöhnlichen Decksleuten und Seesoldaten auf der Kuhl – das ging nicht an.

„Sullivan, folgen Sie mir aufs Achterdeck. Und ihr“, Sir John drehte sich zu seinen Begleitern um, „ordnet euch der Crew zu und paßt mir auf, daß es keinen Zank und keine Unbotmäßigkeiten gibt. Wer gegen die Borddisziplin verstößt, der lernt mich von meiner übelsten Seite kennen, verstanden?“

„Aye, aye, Sir!“

Sir John kletterte vor Sullivan auf das zum Heck hin spitz zulaufende, über der Galerie jedoch abgestumpfte Achterkastell. Er wandte sich um, verschränkte die Arme und ließ seinen Blick über die Takelage wandern. Frechheit siegt! Er hatte wieder ein Schiff. „War Song“, „Schlachtgesang“ – dieser Name erschien ihm beinahe wie ein Omen. Denn er hätte jetzt vor Freude schon ein wüstes Lied schmettern mögen.

„Lateinersegel, Bootsmann Sullivan.“ Er nickte zufrieden. „Das lob ich mir. Mit den langen Rahruten, die weit dichtgeholt werden können, ist das Schiff ein vortrefflicher Am-Wind-Segler und schlägt jede Galeone.“

„So ist es, Sir.“

„Wie ist es um die Armierung bestellt?“ Sir John taxierte mit einem huschenden Blick, was da vor den geschlossenen Stückpforten mit Brooktauen festgezurrt war. „Zehn Stücke auf jeder Schiffsseite.“ Er drehte sich um. Auf dem Schanzkleid des Achterdecks waren zwei in Gabellafetten drehbare Geschütze montiert, desgleichen auf der Back, wie er vorher schon gesehen hatte. „Vier Drehbassen – brauchbare Hinterlader. Ausgezeichnet, Sullivan, wirklich, ganz ausgezeichnet.“

Während Bootsmann Sullivan noch vor Stolz errötete, konzentrierte Sir John Killigrew sich bereits wieder auf die „Isabella“. Plötzlich kniff er die Augen zusammen. Täuschte er sich oder bewegte sich das Schiff von der Pier fort?

Dann sah er es ganz deutlich. Die Entwicklung gab ihm recht. Ben Brighton ließ sich auf Verhandlungen mit Keymis und Burton nicht ein. Er ließ die Festmacher kappen und trieb von der Pier weg. Im Handumdrehen wurden die Segel gesetzt. Wirklich, das mußte auch Sir John anerkennend feststellen: Die Crew verstand ihr Handwerk.

Und Burton und Keymis?

Die wagten nicht, sich zu rühren. Sir John ließ sich von Sullivan einen Kieker reichen, blickte hindurch und konnte nun ganz genau verfolgen, was sich abspielte. Er lachte auf. Burton stand wie eine Salzsäule da, Keymis ballte die Hände und preßte die Lippen zusammen. Natürlich gaben sie keinen Schießbefehl – die Geschütze der „Isabella“ waren auf sie gerichtet. Wahrscheinlich hatte Ben Brighton sie schon lange vorher laden lassen. Jetzt brauchten die Friedensrichter nur eine unbedachte Bewegung zu tun, und sie würden als erste zusammengeschossen werden. Danach kam die Stadtgarde dran.

Es blieb ruhig.

Die „Isabella V.“ rauschte mit praller Bugsee aus der Mill Bay und nahm Kurs auf den Atlantik. Sir John sah Brighton, den alten O’Flynn, Ferris Tucker, den rothaarigen Riesen, und Shane auf dem Achterdeck stehen.

Shane! Er unterdrückte einen Fluch. „Sullivan!“

„Sir?“

„Sofort die Leinen los, Segel setzen und die Verfolgung der Galeone aufnehmen.“

„Ist das der Geheimauftrag, Sir?“

Sir John lief eine Nuance dunkler an. Er ließ das Spektiv sinken und fuhr den Bootsmann an: „Was fragst du so blöd, du Hornochse? Soll ich dich auf der Gräting auspeitschen lassen, oder nimmst du jetzt die Beine in die Hand und bringst deine Männer auf Trab?“

Sullivan hastete aufs Quarterdeck hinunter. Seine Kommandos hallten über Deck. Die Gangway wurde eingeholt, die Festmachertrossen gelöst. Der Rudergänger eilte auf seinen Posten hinter dem Kolderstock. Männer enterten wie die Affen in den Wanten auf. Als die Vorsegel gesetzt waren, wurde das Vorschiff von der Pontoon Pier weggedrückt. Es lag kurz im Wind, die anderen Segel wurden gesetzt, die „War Song“ fiel ab und nahm vor dem Nordwestwind Fahrt auf. Sie segelte über Backbordbug und glitt in den Plymouth Sound hinaus.

Sir John trat an die Balustrade, die das Achterdeck zum Quarterdeck hin abschloß. Daß Burton und Keymis sich hinter seinem Rücken im Hafen von Plymouth wie die Wahnsinnigen aufführten und ihre. Wut nun an der Stadtgarde ausließen, interessierte ihn nicht im geringsten. Er hatte nur noch sein Ziel vor Augen: sich den Schatz der „Isabella“ zu holen.

Die See war frei.

Was sich dort abspielte, ging niemanden etwas an. Er brauchte keinem Menschen darüber Rechenschaft abzulegen. Auch der Königin nicht, für die ja, wenn man dem Bastard Hasard und dessen Kerlen Glauben schenken durfte, drei Viertel der Beute bestimmt waren. Doch diese Tatsache ließ John Killigrew völlig ungerührt.

Noch etwas drängte ihn, die „Isabella“ einzuholen und ihre Besatzung das Fürchten zu lehren. Big Old Shane befand sich an Bord. Er hatte John Malcom ins Jenseits befördert, und Sir John war weit davon entfernt, Recht und Unrecht abzuwägen. Welche Bedeutung hatte es noch, daß er und John Malcolm den Seewolf hatten töten wollen, daß Shane im Affekt – oder wie immer man es nennen wollte – gehandelt hatte?

Für ihn war Shane der Mörder seines Erstgeborenen. Allein das zählte. Es gab nur ein Mittel, die Schandtat zu sühnen und den Haß zu bezwingen, der in ihm gärte: Rache.

2.

Bill, der Pferdewagenbesitzer, stoppte am Ausgang der Western Road. Er stemmte die Füße gegen das Bodenbrett des Bocks, zerrte an den Zügeln und rief sein „Brrr“. Dann wandte er sich zu seinen fünf Fahrgästen um. Er grinste. Seine schadhaften Zähne wurden wieder sichtbar.

„Also, ich habe euch zu Sir Freemont und wieder zurück transportiert. Wie ist es mit meiner Bezahlung?“

Der Kutscher blickte nervös auf die dichte Menschenmenge, die sich am Anfang der langgestreckten Pier bewegte. Es schien in ihr zu brodeln. Einige Fuhrwerke hatten sich dicht hintereinandergeschoben und sorgten für einen Stau am Rand der Masse. Auf ihren Sitz- und Ladeflächen standen Männer und Frauen. Sie schüttelten die Fäuste und stießen Flüche aus.

Der Blick zur „Isabella“ war versperrt, doch konnten der Kutscher und seine Begleiter wohl die drei Maststengen und die Flögel erkennen. Der Kutscher drückte Bill rasch einen kirschkerngroßen Edelstein in die Hand.

„Das ist als Bezahlung reichlich“, sagte der Kutscher, dann war er auf dem Straßenpflaster und hastete los. Stenmark, Matt Davies, Al Conroy und Gary Andrews verließen ebenfalls die Kutsche. Bill blickte auf den glitzernden Edelstein, kratzte sich am Hinterkopf und sperrte vor Überraschung den Mund auf. Dann ließ er den Juwel schnell in seiner Tasche verschwinden, schaute den Männern nach und murmelte: „Danke schön.“

Der Kutscher erreichte die Menschenmenge als erster. Er schob die Leiber mit den Händen auseinander und bahnte sich einen Weg. Er mußte Boxhiebe und Ellenbogenknüffe einstecken. Männer fluchten. Ein etwa zwölfjähriger Junge trat ihm auf den Fuß. Jemand stellte ihm schließlich ein Bein, und er kam mitten zwischen den aufgebrachten Menschen zu Fall. Sofort beugten sich zwei, drei Kerle über ihn, um ihn zu treten und zu schlagen.

„Unverschämtheit, sich einfach so durchzudrängeln!“

„Was will dieser Hund?“

„Gebt es ihm!“

Die Männer staunten nicht schlecht, als sich ein blinkender Eisenhaken in ihr Blickfeld schob. Matt Davies wies seine Prothese vor. „Das Ding ist scharfgeschliffen, ihr Stinker, und ich kann damit Holz hacken, Spundlöcher verdübeln, mir in der Nase bohren oder euch die Schädel eindellen.“

Stenmark, Al und Gary bauten sich neben ihm auf. Und plötzlich, als habe es sie nie gegeben, waren die Kerle verschwunden, die den Kutscher hatten traktieren wollen. Gary Andrews griff sich einen der in der Nähe Stehenden. Der Mann blutete aus einer Wunde am linken Unterarm.

„Du tust mir weh!“ stöhnte er.

„Was ist hier los, was ist vorgefallen?“

„Die Stadtgarde ist erschienen, wißt ihr das nicht? Friedensrichter Burton führt sie an. Das Schwein hat auf alle schießen lassen, die sich nicht gleich verdrückt haben“, stieß der Mann erbittert hervor.

Gary ließ ihn frei, dann eilten sie weiter. Sie hatten sich durch die dikke Menschentraube gekämpft und dachten, ihr Schiff nun im Endspurt erreichen zu können – da blieben sie wie vom Schlag getroffen stehen.

Die „Isabella V.“ hatte ihnen das Heck zugewandt. Sie konnten gerade noch verfolgen, wie sie unter Vollzeug aus der Mill Bay glitt und in den Plymouth Sound lief. Der Kutscher und seine Freunde sahen auch den tobenden Baldwin Keymis und den fetten Kerl neben ihm, der sich noch wilder gebärdete.

„Hölle und Teufel“, sagte Al Conroy. „Der Fettsack da, das ist der Friedensrichter Burton. Wie er seinem Bruder ähnlich sieht, dieser Bastard! Ich kann mir vorstellen, was sich abgespielt hat. Ich brauche nur Keymis’ Visage zu sehen.“

Matt Davies spuckte aus. „Verdammt, jetzt haben wir den Salat. Wir hätten Keymis in die See schmeißen sollen, bevor wir hier einliefen.“

„Kaufen wir ihn uns“, sagte Gary Andrews.

Stenmark fügte hinzu: „Burton nehmen wir auch gleich mit in die Mangel.“

„Seid ihr verrückt?“ Der Kutscher blickte sie an. „Das wäre glatter Irrsinn. Die Stadtwache ist in der Übermacht. Ich sehe auch keinen Zweck darin, den beiden Schurken ausgerechnet jetzt einzuheizen. Dadurch machen wir alles nur noch schlimmer.“

„Zur Seite“, sagte Gary Andrews. „Die Hunde rücken ab. Wenn wir schon nichts unternehmen, halten wir uns am besten ganz im Hintergrund.“

Sie tauchten in der Menge unter und sahen Keymis, Burton und die Männer der Stadtgarde sehr nach an sich vorbeiziehen.

„Dreckskerle“, flüsterte Al Conroy. „Die wollten sich den Schatz schnell und ohne viel Aufhebens unter den Nagel reißen. Aber sie haben sich geirrt. Niemals hätte Ben es zugelassen, daß jemand die Hand auf unsere Beute legt. Eher hätte er ganz Plymouth in Schutt und Asche geschossen.“

Sie blickten der Garde nach. Und dann war es Gary Andrews, der am schnellsten schaltete. „Moment mal, die marschieren doch nicht ostwärts zur Guildhall – die wenden sich nach Norden.“

„Burton und Keymis steigen in eine Kutsche“, sagte Stenmark. Er reckte den Hals, so hoch er konnte. „Und die Kutsche rollt jetzt den Soldaten der Garde voran.“

Der Kutscher erbleichte. „Mir geht ein Licht auf, Freunde. Mein Gott.“

Gary fluchte. „O Mann, diese Verbrecher wollen sich auf unseren Seewolf stürzen. Natürlich hat Keymis mitgekriegt, daß wir Hasard von Bord gebracht haben. Zu dem Zeitpunkt befand er sich ja noch auf der ‚Isabella‘. Zwar steckte er im Vorschiff, aber wie üblich hatte er seine Augen und Ohren überall, die Ratte. Und natürlich kennt er Plymouth und weiß, daß es hier nur den einen Arzt gibt, zu dem wir Hasard geschafft haben könnten – Sir Freemont.“

„Sir Freemont muß gewarnt werden“, sagte der Kutscher.

„Also“, drängte Gary „nichts wie hin. Auf was warten wir noch?“

Al Conroy stieß plötzlich einen Ruf aus. Er wies mit der ausgestreckten Hand nach Süden. „He, seht doch mal quer über die Mill Bay!“

Die anderen wandten sich um. Sie hielten mit angespannten Mienen Ausschau und erkannten nun auch über die etwa 400 Yards lange Bucht hinweg die Kriegskaravelle, die an der Pontoon Pier lag und soeben seeklar gemacht wurde.

„Zum Henker!“ Der Kutscher riß die Augen weit auf. „Die Gestalt auf dem Achterdeck der Karavelle, dieser Bulle von einem Kerl ...“

„... ist kein anderer als Sir John Killigrew“, vervollständigte Al Conroy. „Verfluchter Mist. Hier gibt es aber auch Verdruß von allen Seiten. Der Teufel soll Plymouth holen! Mir schwant was ganz Böses, Freunde.“

„Da gibt es nur eins“, sagte Stenmark. „Wir müssen uns sofort trennen. Jemand muß sofort Sir Freemont alarmieren, und jemand muß auch dem verdammten Sir John nach. Der will sich unsere ‚Isabella‘ schnappen.“

Matt Davies nickte erregt. „Klar, wir dürfen Ben und die anderen auf keinen Fall im Stich lassen.“

Gary sagte: „Nur einer von uns braucht in die North Road zu laufen und Sir Freemont zu warnen. Kutscher, ich schlage vor, du erledigst das.“

„Geht in Ordnung. Und ihr?“

„Wir besorgen uns ein Schiff.“

„Wie wollt ihr das denn schaffen?“

„Laß das unsere Sorge sein“, erwiderte Gary grimmig. „Was Sir John kann, das bringen wir auch fertig. Los, Kutscher, steh hier nicht länger herum. Du hast keine Sekunde mehr zu verlieren.“

Der Kutscher griff in die Tasche und beförderte den prall gefüllten Lederbeutel zutage. Er reichte ihn Al Conroy. „Hier, nimm ihn in Verwahrung. Ich benötige an Land keine Perlen und Juwelen, aber ihr könntet sie gebrauchen. Wo treffen wir uns später?“

„Bei Sir Freemont – falls überhaupt jemals“, entgegnete Gary.

„Das walte Gott.“ Der Kutscher hob noch einmal die Hand zum Gruß, dann drehte er sich um und war in der Menschenmenge verschwunden.

Gary, Al, Matt und Stenmark versuchten noch, seine Gestalt zu erkennen, aber das war unmöglich. Die Menge bewegte sich jetzt auf die Western Road und die anderen Straßen und Gassen des Hafenviertels zu und war im Begriff, sich zu zerstreuen. Wie eine große Woge trieb sie fort und spülte den Kutscher mit weg.

„Hoffentlich trifft er noch rechtzeitig bei Sir Freemont ein“, sagte Stenmark.

„Der Kutscher ist kein Holzkopf“, sagte Matt. „Los, sehen wir uns nach einem Schiff um, sonst verlieren wir noch den Anschluß.“

Al Conroy war es wieder, der die Hand nach Süden hob. „Da liegt noch was an der Pontoon Pier, eine Schaluppe.“

Sie blickten sich an und grinsten plötzlich.

Der Kutscher geriet fast wieder mit den Bürgern von Plymouth in Konflikt. Am Beginn der Western Road prallte er gegen einen Mann. Mit einer Entschuldigung stahl er sich aus dessen Nähe fort, rannte weiter, stieß dann aber um ein Haar mit einer dicken Frau zusammen, die ein kleines Kind auf dem Arm trug. Die Frau fing an zu zetern. Jemand fluchte.

Und von irgendwoher rief eine Männerstimme: „Da ist der Kerl ja schon wieder!“

Der Kutscher tauchte schleunigst im Dunkel einer Seitengasse unter. Er kannte Plymouth wie seine Wamstasche. Schließlich hatte er hier lange genug gelebt und gewirkt, und als ehemaliger Kutscher war ihm noch jede Abkürzung ein Begriff.

Aber er mußte Burton, Keymis und die Stadtgarde überholen. Die Friedensrichter hatten eine Kutsche. Die Soldaten marschierten stramm, außerdem hatten sie bereits einen beachtlichen Vorsprung. Der Kutscher hätte jetzt einiges für ein Gefährt gegeben. Aber am Hafen war kein Wagen mehr aufzutreiben gewesen, nicht einmal ein schäbiger Lastkarren. Alle waren in die Stadt unterwegs, um die Schaulustigen zurück zu ihren Häusern zu bringen oder sich möglicherweise auch zu irgendwelchen Treffpunkten zu begeben, an denen die Ereignisse auf der Pier noch einmal von vorn bis hinten durchgekaut werden würden. Sicherlich würde auch Nathaniel Plymson, der Wirt der berüchtigten Kneipe „Bloody Mary“, Hochbetrieb haben.

Der Kutscher verließ die Gasse und wollte eine schmale, kopfsteingepflasterte Straße überqueren. Dabei lief er in seiner Hast beinahe gegen ein Pferd. Das Pferd gehörte zu einem Zweiergespann. Beide Tiere erschraken, bäumten sich auf und wieherten. Der Kutscher begann, in allen Tonlagen zu fluchen.

Aber dann hörte er seinen Namen rufen. „Kutscher, Kutscher!“

Überrascht blieb er stehen. Er wandte den Kopf und erkannte das Fahrzeug hinter dem Gespann. Es war Bills Kutsche.

Und Bill, dieser Teufelsbraten, lud soeben eine Fuhre Leute aus und rief ihnen zu: „Los, aussteigen, die Reise ist zu Ende. Ich habe was Wichtigeres zu tun, als euch Taugenichts kostenlos durch die Gegend zu befördern. Lauft ein bißchen, das ist gut für die Hühneraugen.“ Er lachte. „He, Kutscher, zu mir auf den Bock! Ich sehe ja, daß du es eilig hast.“

Kurz darauf jagte die Kutsche dem Nordende der Stadt zu. Bill ließ die Peitsche knallen und trieb seine Pferde zum Höchsttempo an. Sie galoppierten. Es war eine wilde, waghalsige Fahrt, aber Bill hatte keine Bedenken, das Risiko eines Unfalls einzugehen.

„Von dem Edelstein kann ich mir glatt eine neue Kutsche kaufen!“ rief er. Der Kutscher hatte ihm hastig auseinandergesetzt, um was es ging. „Außerdem glaube ich, daß ihr prima Kerle seid, euer Seewolf und ihr. Der Bursche mit der Hakenhand hat mir zwar gedroht, aber ich schätze, er hat es nicht so gemeint.“

„Du bist ein wahrer Freund, Bill“, antwortete der Kutscher. „Den Gefallen vergesse ich dir nicht.“

Den beiden Pferden stand flockiger Schaum vor Mäulern und Nüstern, als sie vor Sir Freemonts Haus an der Ecke North Road und Stoke Hill angelangt waren. Ihre Leiber waren schweißbedeckt.

„Ruhig“, sagte Bill. „Ganz ruhig, ihr verflixten Klepper, das Rennen ist ja gelaufen. Kutscher, mach’s gut.“

„Du haust am besten gleich wieder ab. Burton, Keymis und die Stadtgarde können jeden Augenblick eintreffen.“

„Ha, wie wir die überholt haben, was?“

„Ja. Danke.“

„Hör doch endlich auf.“

Der Kutscher sprang vom Bock und lief über die Straße in den Vorgarten des Freemontschen Hauses. Bill fuhr mit seiner Kutsche weg, das Rattern der Räder und Klappern der Hufe verlor sich.

Der Kutscher wollte mit beiden Fäusten gegen die Tür des Hauses hämmern. Aber er besann sich. Damit würde er Gwen erschrecken. Sie hatte entsetzlich viel durchgemacht und war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Außerdem erwartete sie ein Kind. Hasard brauchte Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe, aber auch seine junge Ehefrau hatte Schonung bitter nötig.

Also betätigte der Kutscher den Türklopfer. Er zwang sich zur Ruhe. War da nicht schon das Trappeln von Schritten aus Richtung Stonehouse Mill Pond zu vernehmen, das Knirschen von Kutschenrädern? Wenn Burton und Keymis den Seewolf fanden und abholten, dann war alles aus.

Die Tür wurde spaltbreit geöffnet.

Ein keckes Gesicht schob sich ihm entgegen, ein blonder Junge mit Sommersprossen und Stupsnase.

„Dan“, sagte der Kutscher. „Laß mich sofort ein, oder der Teufel soll dich holen.“

Dan war überrascht, aber er reagierte sofort.

„Was ist denn passiert?“ fragte er, als der Kutscher an ihm vorüberschlüpfte.

Inzwischen war auch Sir Anthony Abraham Freemont in den Flur getreten. Er war ein schlanker Mann mit hagerem, wissenden Gesicht, das von klugen, grauen Augen beherrscht und von grauen, vollen Haaren gekrönt wurde. Etwas von der Verstimmung über die Störung war noch in seiner Miene zu lesen, doch als er den Kutscher erkannte, glätteten sich seine Züge.

Bevor er eine Frage stellen konnte, sagte der Kutscher mit gedämpfter Stimme: „Friedensrichter Burton und Friedensrichter Keymis aus Falmouth haben vergebens versucht, die ‚Isabella‘ zu beschlagnahmen. Jetzt sind sie hierher unterwegs. Mit der Stadtgarde.“

Sir Freemont legte die Stirn in Falten.

„Aha“, sagte er, und dann: „Burton. Ein schöner Friedensrichter ist mir das. Ich kenn seine miesen Praktiken und weiß, daß er ständig in die eigene Tasche wirtschaftet. Der Mann ist der Inbegriff von Korruption und Vetternwirtschaft. Aber mit solchen Methoden hat er bei mir nichts zu melden.“

Gwen trat aus dem Halbdunkel des Flurendes. „Es ist nett von dir, Kutscher, mich nicht erschrecken zu wollen. Aber ich habe trotzdem alles verstanden. Was tun wir jetzt?“

Sir Freemont wandte sich zu ihr um. „Nicht verzagen, mein Kind, solange ich den Seewolf unter meinen Fittichen habe, spielt sich hier gar nichts ab. Kutscher, Dan, helft ihr mir? Wir bugsieren unseren Patienten sehr, sehr vorsichtig in ein anderes Zimmer.“

„Du wirst schon sehen“, sagte Dan zuversichtlich zum Kutscher. „Wir schlagen diesem fetten Schwein Burton ein Schnippchen.“

„Er wird das Haus durchsuchen.“

„Abwarten“, sagte Sir Freemont. Er stieg vor ihnen die Holztreppe ins Obergeschoß hinaus. „Weißt du, Kutscher, es gibt Dinge in diesem Gebäude, die selbst dir während deiner Dienstjahre bei mir nicht offenbar geworden sind.“

„Ich – das verstehe ich nicht.“

„Ich hoffe, ihr könnt schweigen.“

„Aye, aye, Sir“, sagte Dan O’Flynn.

Sie betraten das Krankenzimmer. Philip Hasard Killigrew lag noch so da, wie der Kutscher ihn zusammen mit Matt, Al, Gary und Stenmark verlassen hatte. Er befand sich in tiefer Bewußtlosigkeit. Sein Gesicht war aschfahl, nur die Narbe, die er in der Neuen Welt empfangen hatte, hob sich etwas ab. Sonst war von der Sonnenbräune seiner wettergegerbten Haut nichts mehr zu sehen. Das Fieber hatte ihn ausgelaugt. Die eiternde Kopfverletzung ließ ihn unsägliche Qualen leiden.

Zweimal während der Fahrt von Portugal nach Plymouth war er zu sich gekommen, hatte phantasiert und um sich geschlagen. Er wandelte auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod und hatte es nur seiner ausgezeichneten körperlichen Verfassung und Stärke zu verdanken, daß er noch am Leben war.

„Die Trage“, sagte Sir Freemont.

Der Kutscher holte sie aus dem Nebengelaß, in dem sie sie vorher untergebracht hatten. Es war die Trage, die Ferris Tucker auf der „Isabella V.“ gezimmert hatte und mit der sie den Seewolf transportiert hatten. Sie hoben Hasard mit vereinten Kräften vom Bett auf die Trage. Den Kutscher überfiel ein scheußliches Gefühl, als er seinen Kapitän anfaßte. Der Seewolf war schlaff und reglos. Nur die Körperwärme verriet, daß er überhaupt noch am Leben war.

Sie brachten ihn in ein anderes Zimmer, dessen eine Wand durch einen riesigen Eichenholzschrank fast ganz ausgefüllt wurde.

„Absetzen“, sagte Sir Freemont. „Wir richten es unserem Patienten in einem Nebenraum gemütlich ein. Dort ist es etwas enger, aber er ist dort absolut sicher.“

„Nebenraum?“ wiederholte der Kutscher verwundert. „Wo in aller Welt gibt es denn hier einen Nebenraum?“

Sir Freemont lächelte und öffnete die Schranktür. Zum großen Erstaunen des Kutschers stieg er hinein und drückte mit den Fingern gegen die Rückwand. Es knarrte leise. Eine Geheimtür tat sich auf, der Zugang zum Nebenraum war frei.

Der Kutscher strahlte. „Himmel, und in all den Jahren, die ich bei Ihnen war, habe ich davon nichts geahnt, Sir!“

„Ich habe es niemandem verraten. Niemandem! Nur ich wußte von dem versteckten Zimmer.“

„Richtig“, sagte Dan. „Wenn man ein Geheimnis hat, darf man es nicht mal seiner taubstummen Urgroßmutter anvertrauen.“

„Sir“, versetzte der Kutscher bewegt. „Ich habe ja gewußt, daß Sie diesem Burton nicht klein beigeben.“

„Dem? Niemals.“

Gwen zuckte zusammen. Unten wurde gegen die Haustür geklopft, und zwar hart und verlangend.

Sir Freemont lächelte immer noch. Jetzt bewies er, daß nicht nur der Arzt aus Berufung und Leidenschaft, sondern auch ein ganzer Mann in ihm steckte. „Männer, packt bitte an, und dann nichts wie hinein mit dem Seewolf in unser verborgenes Zimmer. Bleibt bei ihm, rührt euch nicht vom Fleck und redet um Gottes willen nicht. Mrs. Killigrew, bitte seien Sie ganz unbesorgt.“ Er legte Gwen väterlich die Hand auf die Schulter. „Wir meistern die Lage schon.“

„Danke, Sir.“

Sir Freemont ließ sie durch den Schrank in den Nebenraum. Er schloß die Geheimtür, trat aus dem Schrank und drückte auch dessen Tür zu. Dann begab er sich ohne Hast ins Erdgeschoß. Inzwischen wurde gegen die Haustür gewummert, daß die Tür aus ihrem Rahmen zu brechen drohte.

Sir Freemont schloß auf und öffnete. Friedensrichter Burton stolperte ihm fast in die Arme. Gerade hatte er wieder gegen die Tür trommeln wollen und verlor jetzt beinahe das Gleichgewicht. Er war ein übergewichtiger Mensch mit immensem Bauch und Hängewangen, die im Gleichklang wackelten. Obwohl erst Anfang der Dreißig, sah er bereits verlebt aus, und die Perücke verjüngte ihn auch nicht gerade. Er schwitzte, sein kurzer Atem ging pfeifend. Mit flackerndem Blick richteten sich seine braunen Augen auf den Arzt.

Sir Freemont zog die Augenbrauen hoch. „Nun, meine Herren? Was verschafft mir die Ehre? Richter Burton, ist das vielleicht eine Art, an die Haustür eines Arztes zu klopfen?“

Burton wies mit einer ausladenden Geste auf die Männer, die sich hinter ihm drängten. Seine Arme waren kurz, seine Figur glich einem riesigen Kürbis. Er wirkte schon sehr grotesk, wie er da vor Sir Freemont herumfuchtelte. Der hagere Mann mit dem Ziegenbart und dem listigen Blick gleich hinter ihm, so vermutete der Arzt, konnte nur Baldwin Keymis sein.

„Sir“, sagte Burton schnaufend. „Reden wir von Anfang an Klartext, und spielen wir mit offenen Karten.“

„Sie benötigen meine Hilfe?“

„Nein.“

„Warum dann dieser Truppenaufmarsch?“

„Sir! In Ihrem Haus hält sich ein Verbrecher versteckt.“

„Ein Verbrecher? Das soll wohl ein Witz sein?“

Keymis trat vor. Er war genauso wütend wie Burton, nur äußerte sich dies auf weniger aberwitzige Art als bei dem Dicken. Keymis war rot im Gesicht. Er stand stocksteif, seine Stimme klang gepreßt.

„Kein Schattenboxen, Sir. Leugnen Sie nicht, wir wissen ganz genau, daß Philip Hasard Killigrew zu Ihnen gebracht wurde. Wer anders als Sie sollte wohl seine schwere Schädelverletzung kurieren?“

Sir Freemont blieb kalt. „Sie scherzen wirklich, Gentlemen. Ich wohne und arbeite seit langem in Plymouth, aber so etwas ist mir noch nicht passiert. Haben Sie nichts anderes zu tun, als unbescholtenen Bürgern zur Last zu fallen, Friedensrichter Burton?“

Burton zitterte. „Das hat Folgen für Sie, Mann. Sie beherbergen einen Verbrecher. Einen Mörder. Sie gewähren hier widerrechtlich einem von der Obrigkeit verfolgten Schurken Asyl und streiten auch noch alles ab. Aber damit kommen Sie nicht durch. Bei mir nicht! Sie gefährden Ihre Karriere als Arzt, Sir!“

„Wie, sagten Sie, heißt dieser Mann?“

„Killigrew!“ brüllte Burton.

„Killigrew, der Name kommt mir bekannt vor“, erwiderte Sir Freemont. „Aber bitte nicht so schreien. Ich bin nicht schwerhörig. Des weiteren erteile ich Ihnen einen guten Rat, mein lieber Burton. Ändern Sie Ihren Lebenswandel. Essen Sie weniger fett, trinken Sie weniger, frönen Sie keinem Laster und fahren Sie nicht bei jeder Kleinigkeit gleich aus der Haut. Sie haben ärztliche Behandlung wirklich nötig.“

„Der will uns auf den Arm nehmen“, sagte Keymis.

Sir Freemont musterte ihn kalt. „Wer ist dieser Mann, Mister Burton?“

„Baldwin Keymis, der Friedensrichter von Falmouth.“

Sir Freemont sagte zu Keymis: „Was maßen Sie sich an, Mister Keymis? Bisher hat sich noch niemand erdreistet, mich der Lüge zu bezichtigen. Hüten Sie Ihre Zunge, oder ich zeige Sie wegen Verleumdung an.“

„Antworten Sie jetzt“, sagte Burton mühsam beherrscht. „Wo ist Killigrew – der Seewolf?“

„Killigrew, Killigrew – hier ist kein Killigrew.“

„Sie streiten das also ab?“

„Richtig, nur streite ich nichts ab, sondern stelle richtig.“

„Ich bestehe darauf, das Haus, zu durchsuchen!“ schrie Burton.

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können.“

„Wache!“ kreischte Burton. „Den Bau bis in den letzten Winkel durchstöbern. Ihr kriegt Extradienst aufgebrummt, wenn ihr diesmal nicht pariert. Findet den Seewolf und schleppt ihn aus seinem Versteck. Ich will ihn zu meinen Füßen sehen, diesen Hund!“

Die Soldaten traten mit finsteren Mienen vor und drangen an Sir Freemont vorbei ins Haus ein. Für die nächsten Minuten waren beide Stockwerke von dem Gepolter ihrer Stiefel erfüllt. Burton und Keymis nahmen sich das Behandlungszimmer des Arztes vor. Sir Freemont verharrte unterdessen in eisigem Schweigen bei ihnen.

Der Sergeant, der die Garde anführte, kehrte zur Berichterstattung zu Burton zurück. „Nichts entdeckt, Sir. Und wenn Sie uns hundertmal zu Extradienst verdonnern, es wohnt außer Sir Freemont kein Mensch im Haus.“

„Spuren?“

„Keine, Sir.“

Samuel Taylor Burton gab einen eigenartigen, keuchenden Laut von sich. Sir Freemont betrachtete ihn ungeniert von oben bis unten. Das steigerte Burtons Wut noch.

Er japste, dann fuhr er seinen Amtskollegen und Komplicen mit schriller Stimme an: „Und das mir, Baldwin! Du elender Stümper, wie konntest du so etwas behaupten, wenn du deiner Sache nicht hundertprozentig sicher warst? Ein schöner Reinfall ist das hier. Ich könnte dich erwürgen, zum Teufel noch mal.“

Keymis schaute den Sergeant an. „Haben Sie auch gewissenhaft genug gesucht, Mann?“

„Jawohl, Sir. Wir haben alles auf den Kopf gestellt. Aber Sie können sich ja selbst davon überzeugen.“

Keymis winkte ab. „Nein. Ich glaube Ihnen natürlich.“

„Das nächste Mal treffe ich meine Entscheidungen allein!“ schrie Samuel Taylor Burton.

Keymis’ Blick richtete sich auf Sir Freemont. „Und doch – ich weiß es genau. Killigrew ist hierhergebracht worden. Vielleicht haben Sie ihn inzwischen wieder wegschaffen lassen. Möglicherweise haben Sie sich auch einen anderen Trick einfallen lassen. Sergeant, gibt es keine Keller- oder Bodenräume?“

„Ja, aber die haben wir auch von vorn bis hinten gefilzt.“

„Und doch bin ich sicher“, sagte Keymis beharrlich.

„Sicher, sicher“, äffte Burton ihn nach. „Hat sich der Seewolf etwa in Luft aufgelöst?“ Seine Stimme klang im höchsten Diskant und kippte über. Er sah aus, als würde er jeden Augenblick einen Anfall erleiden. „Sollen wir ein Gespenst suchen?“

„Meine Herren“, sagte Sir Freemont jetzt. Er sprach nicht besonders laut, aber sein Tonfall war scharf und ätzend. „Ich habe Sie schon darauf hingewiesen, aber jetzt wiederhole ich es. Ich lege Beschwerde ein. Bei Hof. Ich protestiere gegen diese Form von Belästigung und fordere Sie auf, unverzüglich mein Haus zu verlassen. Es gibt keine Handhabe gegen mich. Ich habe nichts verbrochen. Aber Ihr Auftreten ist ungesetzlich, zumal Sie ohne Durchsuchungsbefehl bei mir eingedrungen sind, Friedensrichter Burton. Sie werden Gelegenheit haben, sich deswegen vor höchster Instanz zu rechtfertigen.“

„Ich ...“

„Hinaus bitte.“ Sir Freemont wies unmißverständlich zur Tür.

„Wir sprechen uns noch.“ Keymis, puterrot im Gesicht, drehte sich auf dem Stiefelabsatz um und marschierte nach draußen. Burton folgte dichtauf. Der Sergeant und die Soldaten der Stadtgarde rückten in ihrem Kielwasser ab, und der ganze Trupp durchquerte mit gesenkten Häuptern den Vorgarten. Sir Freemont schloß die Tür. Er hörte noch, wie Burton und Keymis draußen wieder zu streiten begannen.

Er lachte verhalten. Ziemlich vergnügt kehrte er ins Obergeschoß zurück. Die Soldaten hatten sich wie die Barbaren benommen und sämtliche Zimmer in Unordnung gebracht. Betten waren umgekippt, Schränke durchwühlt worden, der Inhalt lag auf dem Fußboden verstreut. Eine fußgroße Statuette aus echtem Carrara-Marmor lag zerschmettert neben ihrem Sockel. Sir Freemont blieb einen Moment stehen und schaute auf die traurigen Überreste. Die Statuette hatte den griechischen Gott der Heilkunde, Äskulap, dargestellt. Ein Patient, der Italien bereist hatte, hatte sie ihm vor Jahren mitgebracht.

Sir Freemont seufzte, zuckte mit den Schultern und ging weiter. In dem Raum mit dem riesigen Eichenholzschrank blickte er zunächst aus dem Fenster und vergewisserte sich, ob Burton, Keymis und die Soldaten auch wirklich abgezogen waren. Dann öffnete er den Schrank und klopfte gegen die Geheimtür. Sie wurde von innen aufgedrückt.

Gwen, Dan und der Kutscher traten ihm strahlend entgegen.

„Ich bin ja so froh, daß unser Versteck nicht entdeckt worden ist“, sagte der Arzt.

„Ja“, erwiderte der Kutscher. „Und Burton und Keymis werden sich vor Wut gegenseitig die Haare ausreißen.“

„Ins Gesicht springen werden sie sich“, sagte Gwen. „Diese schlechten Menschen. Diese durchtriebenen Schurken! Oh, wie habe ich mich gefürchtet, als die Soldaten erschienen und hier im Zimmer vor dem Schrank auf- und abschritten.“

Dan nickte. „Ja, wir haben wirklich Glück gehabt. Der Kelch ist sozusagen an uns vorübergegangen. Sir Freemont, wir müssen Ihnen ein ganz großes Kompliment aussprechen.“

„Mir?“

„Ja. Wie wacker Sie sich geschlagen haben. Unser Seewolf hätte das kaum besser vermocht. Wir haben Ihre Worte genau verstanden. ‚Mein lieber Burton, ändern Sie Ihren Lebenswandel. Essen Sie weniger fett, trinken Sie weniger, frönen Sie keinem Laster, und fahren Sie nicht bei jeder Kleinigkeit gleich aus der Haut. Sie haben ärztliche Behandlung wirklich nötig.‘ “ Dan lachte und hieb sich mit der Hand auf den Oberschenkel. „Also wirklich, das war herrlich! Wie schade, daß ich Burtons dummes Gesicht nicht sehen konnte!“

Sir Freemont legte den Zeigefinger an die Lippen. Er trat durch den Schrank in den Nebenraum und blickte auf den Seewolf. Der lag nach wie vor in tiefer Besinnungslosigkeit. Sir Freemont kontrollierte den Kopfverband und schaute nach den Wunden.

„Heute abend pinsele ich noch einmal Wundbalsam auf und wechsle den Verband“, sagte er. „Wenn der Seewolf in totaler Ruhe gelassen wird, hat er eine gute Überlebenschance.“ Er richtete sich auf, blickte Dan und dessen Schwester und dann den Kutscher an. „Und das eine schwöre ich euch: Ich garantiere für seine Sicherheit. Nur über meine Leiche kommt man an ihn heran.“

Gwen schaute zu ihm auf. Ein zaghaftes Lächeln erschien auf ihren Zügen. Sie hatte unsagbares Vertrauen zu diesem untadeligen, geradlinigen Mann gefaßt. Sir Freemont taugte nicht nur als Arzt, sondern auch als Mensch sehr, sehr viel. Er stand auf seiten des Rechtes und der Humanität und haßte Kerle wie Burton und Keymis wie die Pest. Gwen hatte ihm bereits einiges über die Vergangenheit und den legendären Kaperzug sowie die Abenteuer des Seewolfes erzählt. Aber Sir Anthony Abraham Freemont hatte auch ohne diese Schilderungen von Anfang an gewußt, was für ein Mann sein Patient war. Seine unfehlbare Menschenkenntnis sagte ihm, daß beispielswiese ein Mann wie der Kutscher sich niemals für einen hirnlosen Rohling geschlagen hätte. Nein, dieser Philip Hasard Killigrew war alles andere als das. Er war ein Mensch, den zu retten eine Ehre war. Und Sir Freemont war froh, daß solche Männer für England kämpften.

3.

Gary Andrews, Al Conroy, Matt Davies und Stenmark hatten sich auf die Pontoon Pier begeben, sich an die von Al gesichtete Schaluppe herangepirscht und sie dann genau beäugt. Auf der Schaluppe lümmelte sich ein Kerl an der Reling. Er hatte einen etwas wäßrigen Blick, trug eine spekkige Mütze, hatte einen tagealten Bart und kaute unausgesetzt auf etwas Undefinierbarem herum.

Ein Blick zur südlichen Kimm jenseits der Mill Bay und des Plymouth Sound: Die Karavelle, mit der Sir John Killigrew abgesegelt war, war noch nicht ganz verschwunden.

„Jetzt oder nie“, sagte Gary. „Rükken wir dem Burschen da auf den Leib.“

„Soll ich ihn ins Land der Träume schicken?“ fragte Matt.

Stenmark sagte: „Bist du wahnsinnig?“

„Wir müssen es diplomatisch anfangen“, meinte Al.

Gary trat als erster zu dem Mann mit der speckigen Mütze. Der blickte zu ihm auf, kräuselte ein wenig die Lippen und spuckte gelangweilt aus. Es ließ sich weder feststellen, was er da ausgespuckt hatte, noch, auf was er weiterhin herumkaute.

„Also schön“, sagte er. „Was wollt ihr?“

„Wir?“ erwiderte Gary. „Woher weißt du, daß wir was wollen?“

„Ihr glotzt wie die Hornochsen.“

„Eine schöne Schaluppe ist das“, sagte Gary.

„Ein Scheißkahn. Der Teufel soll ihn holen.“

Al Conroy grinste. Sein Blick wanderte an einem der beiden Masten hoch, wieder daran herab und blieb auf dem unfreundlichen Mann haften. „Hör mal, was hältst du davon, wenn wir den Scheißkahn kaufen? Ich glaube, du wärest froh, was?“

Jetzt riß der Bursche auf der Schaluppe seine rötlich-verwässerten Augen auf und setzte sogar für einen Augenblick mit dem Kauen aus. „Du willst mich wohl verschaukeln, wie? Aber da bist du an den Falschen geraten.“

Al schüttelte den Kopf. „Keineswegs. Es ist mein voller Ernst.“

„Ihr seid besoffen.“

„Stocknüchtern“, versicherte Stenmark.

Der Blick des Burschen wurde argwöhnisch. „So wie ihr ausseht, habt ihr keinen müden Penny mehr als ich in der Tasche. Was meine Finanzen betrifft, so reichen sie gerade aus, um heute abend in die ‚Bloody Mary‘ zu gehen und mir noch einen hinter die Binde zu kippen.“

Al grinste breit. Er zückte den Lederbeutel, den der Kutscher ihm ausgehändigt hatte. Ben Brighton hatte ihn, bevor sie die „Isabella“ verlassen hatten, eigenhändig im Frachtraum gefüllt.

Den Blick des Mannes auf der Schaluppe saugte sich daran fest.

Al hielt den Beutel mit spitzen Fingern und ließ ihn ein wenig hin und her pendeln. „Hier ist was drin, das läßt dir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Damit könntest zu glatt die ‚Bloody Mary‘ erwerben, den Widerling Plymson auf die Straße setzen, dir herrliche Perücken kaufen sowie jede Menge Weiber und Wein und noch einiges mehr leisten.“

„Du spinnst“, sagte der Bursche.

Al versenkte zwei Finger in dem mit Perlen und Diamanten gefüllten Beutel. Er brachte einen funkelnden Diamanten zum Vorschein, beugte sich ganz weit vor und drehte das glitzernde Ding vor den gierigen Augen des Mannes. „Na, wie findest du diesen Klunker?“

Vor Schreck spuckte der Bursche wieder aus. Es war ein ansehnlicher Klumpen, der da im Hafenwasser landete. Matt sah ihm nach, wie er in der Tiefe versank. Er kratzte sich mit dem Eisenhaken und fragte sich, was zum Teufel das wohl für ein Zeug gewesen sein mochte.

Der Kerl von der Schaluppe war mit einem Mal gar nicht mehr träge und unfreundlich. Er kicherte und grapschte nach dem Edelstein, doch Al zog ihn blitzschnell wieder zurück.

„Nicht so hastig, Partner. Wie steht es mit unserem Geschäft?“

„Halt die Luft an“, sagte der Bursche. „Verrate mir erst mal, woher der Klunker stammt. Ist er geklaut? Damit könnte ich in Teufels Küche geraten.“

„Er kommt direkt aus der Neuen Welt“, sagte Gary geduldig.

Matt warf einen besorgten Blick zur Kimm. „Verdammt, beeilt euch, sonst sind wir wieder die Dummen und schaffen es nicht mehr.“

Der stoppelbärtige Kerl auf der Schaluppe drehte sich auch nach Süden. Plötzlich grinste er schief. „Ach, so ist das. Ihr wollt der Karavelle ‚War Song‘ nach, was? Und die Karavelle ist hinter der Dreimast-Galeone her, die ein- und wieder ausgelaufen ist. Mir dämmert’s.“

„Ach wirklich?“ Matt konnte so freundlich dreinblicken wie ein hungriger Hai. Stenmark hielt ihn aber am Arm zurück, bevor er dem Schaluppenmann die Sachlage auf drastische Weise auseinandersetzen konnte.

„Ihr vier“, sagte der Kerl, „ihr gehört zu der Crew der Galeone, nicht wahr? Mann, über den Kahn und seinen Kapitän werden ja die tollsten Geschichten erzählt. Stimmt es, daß der Kapitän der Seewolf ist? Stimmt es, daß ihr zuerst mit Drake gefahren seid und euch dann mit ihm verkracht habt?“

„Das geht dich wohl nichts an“, erwiderte Al. Es klang fast sanft. „Also, wie ist es jetzt, verkaufst du uns die Schaluppe?“

„Die Schaluppe gehört dem Hafenkapitän“, sagte der Kerl.

„Was, und das fällt dir erst jetzt ein?“ sagte Stenmark.

Der Stoppelbärtige begehrte auf: „Seh ich vielleicht aus wie ein stolzer Schiffseigner? O Mann, ein bißchen Scharfsinn darf man euch Kaperfahrern wohl auch zutrauen.“ Er kratzte sich am Kinn. Es klang, als marschiere eine Kolonie Kombüsenschaben über ein Blatt Pergament. „Tja, wenn ich mir das alles so überlege – also, ich würde wohl vergessen, daß dieser Scheißkahn dem Hafenkapitän gehört, wenn ihr bereit wäret, noch was draufzulegen.“

„Aha“, sagte Gary. „Daher weht also der Wind.“ Er sah zu den Aufbauten der Schaluppe. „Aber du bist sicher auch nicht allein an Bord.“

Der Kerl lachte auf. „Falls wir handelseinig werden, überrede ich meine drei Hands hier an Bord ganz schnell, daß wir in den Diensten des Hafenkapitäns nicht fett werden. Und die drei anderen Besatzungsmitglieder halten sich gerade an Land auf. Mag der Himmel wissen, wo sie stecken Kurzum, die werden überhaupt nicht gefragt.“

Gary wechselte einen Blick mit Al. Hasards Stückmeister und Waffenexperte griff noch einmal in den Lederbeutel und opferte eine Perle, so groß wie eine Eichel. Diamant und Perle wechselten den Besitzer, dann eilte der Stoppelbärtige zur Kajüte und wahrschaute seine drei Hands.

Die drei erschienen auf Deck. Sie sahen auch nicht gepflegter aus als der Stoppelbärtige, und wo bei letzterem Gerissenheit und Schläue ihren Platz hatten, mußte bei ihnen Stroh stecken. Sie sahen ihn blöde an, stellten einige dumme Fragen und nickten schließlich. Die Perle, die er ihnen fröhlich grinsend unter die Nasen hielt, räumte ihre letzten Zweifel aus. Den Diamanten enthielt er ihnen wohlweislich vor. Gary, Al, Matt und Stenmark hüteten sich, davon etwas verlauten zu lassen. Es war seine Sache, wie er sich mit seinen Kameraden zusammenraufte.

Die vier gingen von Bord.

Gary rief dem Stoppelbärtigen noch nach: „Grüßt Nathaniel Plymson von uns. Zieht ihm die Schlitzohren lang und rückt ihm seine verdammte Perücke zurecht!“

„Sollen wir auch einen auf euer Wohl trinken?“ fragte der Bursche.

„Ja!“

„Diese Hurensöhne“, sagte Matt Davies, während er sich an Bord der Schaluppe begab. „Der Teufel soll sie holen und in heißen Fett schmoren lassen. Die wissen ja nicht, wie sehr wir nach einem vernünftigen Umtrunk lechzen.“ Er drehte sich zu Al Conroy um. „Aber, das muß euch der Neid lassen, ihr habt die Sache mit der Schaluppe gut geschaukelt.“

Die Karavelle war jetzt hinter der Kimm verschwunden. Doch das Gefühl, wieder Planken unter den Füßen zu haben, vermittelte ihnen wenigstens ein bißchen Zuversicht. Rasch inspizierten sie die Schaluppe. Im Bug und achtern hatte sie je eine Drehbasse. Außerdem gab es Handwaffen, Munition, Lebensmittel und Trinkwasser an Bord.

„Donnerwetter“, sagte Stenmark. „Da mangelt es uns wirklich an nichts. Ich hätte diesen vier Burschen gar nicht zugetraut, daß sie das Schiff derart auf Vordermann halten.“

„Vergiß nicht den Hafenkapitän“, entgegnete Gary. „He, Al und Matt, werft ihr die Leinen los?“

„Geht in Ordnung!“ rief Al Conroy.

Hier zeigte sich wieder einmal, was die Männer des Seewolfes wert waren. Es gab keine Verständigungsschwierigkeiten oder Streitigkeiten, jeder wußte sofort, wo sein Platz war. Wenige Handgriffe, und die Schaluppe löste sich von der Pontoon Pier. Mit raumen Wind aus Nordwesten verließen sie den Hafen. Sie war schlank und rank, die Schaluppe des Hafenkapitäns von Plymouth, aber mit ihren zwei Masten durchaus seetüchtig. Außerdem befand sie sich in einem ausgezeichneten Zustand.

„Ein Schiffchen zum Verlieben“, meinte Stenmark.

„Und zum Kämpfen“, sagte Al Conroy. „Die beiden Drehbassen sind gut in Schuß. Ich wette mein letztes Hemd, daß die Besatzung an sich selbst nie soviel herumgewienert hat wie an den beiden Stücken.“

„Großartig“, sagte Gary Andrews. „Jetzt brauchen wir nur noch kräftig aufzuholen. Wir halten stur nach Süden, denn ich schätze, eine Weile wird Sir John noch diesen Kurs beibehalten. Es kommt ganz darauf an, wohin sich die ‚Isabella‘ wendet.“

„Fein wäre es, wenn man Bens Gedanken lesen könnte“, sagte Matt Davies. „Himmel, wenn wir nur eine Minute eher am Hafen gewesen wären, wäre die ‚Isabella‘ nicht ohne uns ausgelaufen.“

Gary hielt das Steuerruder. Sie segelten an der äußersten Hafenmole vorbei und glitten in den Plymouth Sound. Der Himmel wölbte sich dunkelgrau über dem Atlantik, es ging auf Spätnachmittag zu. Es war ein ereignisreicher 10. Februar 1580 gewesen. Und Gary Andrews hatte das untrügliche Gefühl, daß die Geschehnisse noch nicht ihren Abschluß gefunden hatten.

„Ich glaube, es ist gar nicht so schlecht, wenn wir Sir John folgen“, sagte er zu Matt. „Vielleicht kriegen wir ihn ja zwischen der ‚Isabella‘ und unsrer Schaluppe in eine Art Zange.“

Matt grinste. „Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Drücken wir die Daumen, daß es uns gelingt.“ Er hielt seine Hakenprothese hoch, und seine Freunde lachten.

Nachdem sie den Plymouth Sound verlassen hatten und in den Atlantik vorgedrungen waren, färbte sich der Himmel über ihnen dunkel. Im Westen tunkte eine glühendrote Sonne in die See, verschwand und ließ für eine Weile noch graurotes Licht zurück. Zu diesem Zeitpunkt stieß Al, der als Ausguck fungierte, einen Ruf aus.

„He, Männer! Ich sehe die Karavelle!“

„Hol’s der Teufel!“ sagte Matt Davies.

„Sie hat angeluvt und geht auf westlichen Kurs!“

„Na bitte, dann tun wir das gleiche“, sagte Gary lachend. „Wir segeln noch näher an sie heran. Wir halten Fühlung. Die Nacht bietet uns Schutz – wie ein Verbündeter.“

„Ja“, meinte Stenmark. „Wenn wir es geschickt genug anstellen, bemerkt uns Sir John überhaupt nicht.“

Matt Davies nickte. „Er darf uns nicht sichten. Von jetzt an kleben wir an ihm wie die Zecke am Hintern einer Kuh. Erinnert ihr euch an den Konvoi von sechsunddreißig Galeonen aus Cartagena, den wir als ‚Geleitschutz‘ begleiteten? Ho, ich habe jetzt noch vor Augen, wie sich nachts die hundsgemeinen Piraten mit ihren verteufelten Schaluppen anpirschten. Was mich betrifft, ich habe von diesen Bastarden gelernt. Wir werden es wie sie machen.“

„Worauf du Gift nehmen kannst“, sagte Gary Andrews.

„Nein, danke. Aber ein bißchen Proviant würde ich mir jetzt doch ganz gern zwischen die Kiemen schieben“, sagte Matt. „Vor allen Dingen flüssigen. Ich hab vielleicht einen Kohldampf.“

Keiner hatte etwas einzuwenden. Matt stieg in die Kajüte und kehrte wenig später mit Brot, Käse, Schinken und einem Krug voll Bier zurück. Der Hafenkapitän hatte nicht schlecht für sich gesorgt. Sie wußten das zu würdigen. Geradezu andächtig nahmen sie ihr Mahl zu sich. Gleichzeitig paßten sie natürlich wie die Luchse auf und hüteten sich, die Dreimast-Karavelle aus den Augen zu verlieren.

Die Dunkelheit nahm zu. Der graurote Schimmer im Westen löste sich in den Schatten der Nacht auf, und ein gigantischer schwarzer Mantel schien sich über die See zu legen. Somit entzog sich nun auch die Karavelle ihren Blicken.

Sir John Killigrew ließ selbstverständlich keine Laternen setzen. Er wollte sich ja nicht vor der „Isabella V.“ verraten. Die Nacht hatte ihn geschluckt. Einer Landratte wäre es schier unmöglich erschienen, sich weiter hinter ihm herzuschleichen.

Aber die vier Männer waren Meister ihrer Zunft. Sie waren bei dem Seewolf in die Lehre gegangen. Ein Wolf verfolgt seine Beute über Hunderte von Meilen, ohne sie jemals zu sehen – er wittert sie. Sie hielten den westlichen Kurs und wußten, daß die „War Song“ Backbord voraus segelte und die Richtung nicht änderte. Sie hatten das im Gespür.

Orientierung? O ja, sie hatten auch das von Hasard abgeschaut. Küstennahe Lotsenkunst und ozeanische Navigation waren zwei unterschiedliche Dinge. Es gab Hilfsmittel, mit denen man draußen, fern jeglichen Fleckchens Erde, die Himmelskörper beobachten konnte: Astrolab, Quadrant und Jakobsstab. Aber was tat man, wenn so wie jetzt, weder die Sterne noch der Mond zu sehen waren? Dichtes Gewölk bedeckte nach wie vor den Himmel.

Da hielt man eben die Nase in den Wind und segelte „nach Gefühl und mit Gott“. Auch das war eine Kunst. Und sie beherrschten sie vollkommen. Eine Verfolgung wie diese war ja nichts im Gegensatz zu dem, was sie drüben in der Neuen Welt erlebt hatten.

Sie hatten zum Beispiel die Magellanstraße passiert und die Hölle von ihrer schlimmsten Seite kennengelernt. Es war so eine Art Wunder, daß sie sämtliche Stürme und Verwirrungen leidlich überstanden und sich überhaupt wieder zurechtgefunden hatten. Dort unten, zwischen Patagonien und Feuerland, hatte die Welt kopfgestanden. Nur Francis Drakes „Golden Hind“ hatte das Desaster überdauert. Die anderen Schiffe des Verbandes waren verschwunden gewesen. Der Seewolf und Drake waren weiter nach Norden gesegelt, dem sagenumwobenen Goldland entgegen. Ihre Crew hatte bewiesen, daß sie die zäheste und härteste der Besatzungen der fünf Schiffe war, die im Dezember 1577 aus Plymouth zur großen Fahrt ausgelaufen waren.

Wer also solches durchgemacht hatte, wer, wie Profos Carberry immer sagte, dem Teufel ein Ohr abgesegelt hatte, für den war eine Fahrt wie diese der reinste Ausflug.

Sie ließen sich nicht abhängen. Wie der von Matt Davies zitierte Blutsauger blieben sie dicht hinter der Karavelle. Einmal, als die Wolkendecke etwas aufriß und fahles Mondlicht bis auf die Wasseroberfläche drang, sahen sie die Umrisse der Karavelle vor sich. Da lachten sie leise und stießen sich mit den Ellbogen an.

Zum erstenmal, seit sie Plymouth erreicht hatten, wich die Beklemmung von ihnen. Sie waren wieder in ihrem Element. Vergessen waren mit einem Schlag die Widrigkeiten, die sich ihnen gestellt hatten. Auf See gab es keine Ränkeschmiede und miesen Tricks, hier gab es nur einen Weg, Auseinandersetzungen auszutragen: den offenen Kampf. Hier mußte sich jeder jedem stellen, ob er wollte oder nicht. Hier gab es nur ganze Kerle und keine verachtungswürdigen Feiglinge, die sich, wie Keymis oder Burton, hinter juristischen Spitzfindigkeiten verschanzten.

Nach unglaublichen Entbehrungen und Kämpfen hatten sie ihre „Isabella“ sicher nach England gesteuert. Und erst hier hatte sich eine Situation gezeigt, wie sie vertrackter nicht sein konnte. Endlich war die ungeheure Beute daheim – aber längst nicht in Sicherheit. Hier standen sie plötzlich vor einem Gegner, der heimtückischer als jeder Hekkenschütze auftrat.

Daß Dreiviertel ihres Schatzes der Königin zustand, interessierte Burton, Keymis und Sir John einen Dreck. Sie wollten ihre eigene Suppe kochen. Daß Sir John und Baldwin Keymis von der Seewolf-Crew gerettet worden und an Bord der „Isabella“ immer wieder verschont worden waren, stand nicht mehr zur Debatte. Oh, was für Narren waren sie doch gewesen, diese beiden Kerle laufenzulassen! Aber andererseits, was hätten sie sonst tun sollen? Sie kaltblütig über die Klinge springen lassen? Nein. Sie waren Freibeuter, aber keine vorsätzlichen Mörder.

Und bei alledem war der Mahn, der Beute und Mannschaft sicher durch alle Fährnisse gebracht hatte, auch noch außer Gefecht. Die Crew bangte um den Seewolf. Zorn, Erbitterung und Hoffnungslosigkeit hatten sich auf der „Isabella“ ausgebreitet. Gier, Gewalt und Intrige bestimmten das Handeln des Gegners.

Deshalb fühlten sich Gary, Al, Matt und Stenmark wesentlich wohler. Auf See wußten sie jeden Nackenhieb zu nehmen. Sie würden es schon schaffen, Sir John an seinem Vorhaben zu hindern – daß er über die „Isabella“ herfiel und sie womöglich erbeutete.

4.

Ben Brighton wich nicht vom Achterdeck der „Isabella“. Mal blickte er nach achtern, mal trat er an die Holzgalerie zum Quarterdeck und gab Pete Ballie eine leichte Kurskorrektur an. Sie segelten nach Westen, an der Küste Cornwalls entlang, mit leichtem Drall nach Südwesten. Es war kein leichter Törn, denn bei dem aus Nordwest einfallenden Wind galt es, möglichst wenig Luv zu verschenken. Aber in Luv war die Küste, und an die durften sie wiederum nicht zu dicht heran. Backstagswind war das Ideale für die Galeone, aber den konnte keiner herbeizaubern.

Die See war jedoch ruhig. Die „Isabella“ brauchte nicht gegen Brecher zu kämpfen wie vor der Küste Spaniens oder in der Biskaya. Sie kam trotz allem gut voran. Ben hatte vor, sich eventuell um Landsend herum zu verholen – an den berüchtigten Scilly-Inseln vorbei bis an die Nordwestküste Cornwalls.

„Ich kenne die Ecke ganz genau“, hatte der alte O’Flynn gesagt. „Wir können die ‚Isabella‘ da in einer abgelegenen Bucht verstecken, und zwar so lange, bis wir sichere Nachrichten über Hasards Gesundheitszustand haben.“

Big Old Shane hatte hinzugefügt: „Die Nordwestküste ist zwischen Port Isaac Bay und der Bude Bay, ja, sogar bis hinauf nach Hartland Point so gut wie unbesiedelt. Von dort aus sind es über Land bis nach Plymouth etwa dreißig Meilen.“

„Die kann man zu Fuß bewältigen“, hatte Ben erwidert. „Aber wir könnten uns auch Pferde kaufen. An Zahlungsmitteln mangelt es uns ja nicht.“

Zur Zeit waren sie wohl die reichsten Männer von England. Sie hatten genug Gold, Silber, Perlen und Juwelen, um ein Königreich zu kaufen. Aber dieser Umstand stimmte den nicht gerade froh.

Gerade waren sie drohendem Unheil entwichen. Burton und Keymis hatten klein beigeben müssen. Aber jetzt zog eine neue Gefahr auf. Natürlich war weder Ben noch den anderen Männern an Bord der „Isabella“ die dreimastige Karavelle entgangen, die ihnen beharrlich folgte. Jetzt war es Nacht, aber Ben war fest überzeugt, daß sie immer noch hinter ihnen segelte.

Bens Blick glitt über Deck. Kein Mann nutzte die Gelegenheit zu einer Mütze voll Schlaf. Alle waren beschäftigt. Die letzten Handgriffe an den Kanonen wurden getätigt. Ben hielt das Schiff gefechtsbereit – für alle Fälle.

Ferris Tucker hatte vorn bei den Drehbassen der Back Aufstellung genommen. Shane und der alte O’Flynn kehrten soeben von einem Inspektionsgang durch die Frachträume und die Pulverkammer zurück. Sie wechselten ein paar Worte mit dem bulligen Edwin Carberry, dann stiegen sie von der Kuhl aufs Achterdeck und gesellten sich zu Ben Brighton.

„Ich wette, die Karavelle ist uns immer noch auf den Fersen“, sagte der alte O’Flynn.

„Ich will nicht mehr Shane heißen, wenn sich nicht Sir John auf dem Schiff befindet“, meinte Shane. „Er ist mit den Burtons verfeindet, deswegen hat er sich von den Friedensrichtern und der Stadtgarde ferngehalten. Aber das mindert seinen Rachedurst und die Gier auf unseren Schatz keineswegs. Wie ich ihn kenne, hat er sich dreist die Karavelle unter den Nagel gerissen.“

„Sie heißt ‚War Song‘, wenn mich nicht alles täuscht.“ Der alte O’Flynn stapfte mit seinem Holzbein auf. „Heut früh, als wir in Plymouth einliefen, habe ich den Namenszug am Bug gelesen. Das ist eine Kriegskaravelle, Freunde, genau das Richtige für Sir John. Ich kann mir schon vorstellen, wie er sie mit seinem Haufen Männer besetzt hat. Er ist der General-Kapitän von Cornwall. Er kann sich aufspielen, wie er will. Die meisten Leute kuschen vor ihm.“

Ben lächelte ihm zu. „Ja. Aber an uns hat er sich schon ein paar Zähne ausgebissen. Und er verliert sämtliche Beißer, wenn er sich einbildet, uns jetzt schnappen zu können.“

„Soll er doch angreifen“, sagte O’Flynn grimmig. „Diesmal halte ich mich nicht zurück. Diesmal schnalle ich mir die Prothese ab und knalle sie ihm auf den Schädel.“

Shanes Lachen klang dunkel und grollend. „Willst du die Karavelle entern?“

„Glaubst du, ich gehöre schon zum alten Eisen?“

„Um Himmels willen.“ Shane hob abwehrend die Hände. Sie waren groß wie Ankerklüsen. Er konnte damit einem Gegner mühelos die Knochen brechen. „Ich bin doch nicht lebensmüde. Mit dir lege ich mich nicht an.“

„Willst du mich verschaukeln?“

„Nein. Es ist mein Ernst.“

„Dein Glück.“

Ben lauschte ihrem vergnüglichen Dialog, blickte dabei aber zur Kuhl. Carberry stand breitbeinig und mit verschränkten Armen da und glich die Schiffsbewegungen mit den Beinen aus. Wer von der Mannschaft nicht an Schoten und Brassen beschäftigt war, kauerte hinter den Geschützen. Es war ein kleiner Haufen geworden – eine kleine, aber fest zusammengeschmiedete Crew, die ihre Beute bis zum letzten verteidigen würde.

Eine kleine Crew, ein großes Schiff! Da waren zur Zeit von der alten Stammbesatzung nur übriggeblieben: Ferris Tucker, Smoky, Blakky, Batuti, der riesige Gambia-Neger, und Pete Ballie, der Rudergänger. Weiter befanden sich an Bord Karl von Hutten, den sie mit der „Isabella III.“ sozusagen übernommen hatten, als sie diese gekapert hatten, sowie die ehemaligen Karibik-Piraten, die es unter dem Kommando von Einohr Mac Dundee damals nicht mehr ausgehalten hatten. Patrick O’Driscoll und Gordon Watts lebten nicht mehr. Was ihnen zugestoßen war, hatten sie sich selbst zuzuschreiben. Es war, als sondere die einmalige Art von Kameradschaft, die die Seewolf-Crew verband, solche Typen aus. Jeff Bowie, Sam Roskill, Bob Grey, Buck Buchanan, Luke Morgan und Will Thorne indes hatten Hasard die Treue gehalten. Als sie Drake zum vorletztenmal bei der Kaperung der „Nuestra Senora de la Concepcion“, des Feuerspeiers, gesehen hatten, hatte Hasard ihm diese und die anderen ehemaligen Piraten vorgestellt. Jean Ribault, der Franzose, gehörte ebenso zu diesem Haufen wie die beiden Dänen Nils Larsen und Sven Nyberg und die Holländer Jan Ranse und Piet Straaten. Das waren insgesamt einundzwanzig Mann, Ben, Ed Carberry, Shane und O’Flynn mitgerechnet.

Hinzu kam noch ein Besatzungsmitglied besonderer Art: der Schimpansenjunge Arwenack. Zur Zeit hielt er sich in seinem geliebten Großmars auf, wo er sonst immer dem jungen Dan O’Flynn Gesellschaft leistete. Jean Ribault hatte Dans Platz eingenommen. Er besaß ähnlich scharfe Augen wie Dan und war deswegen als Ausguck vorzüglich geeignet – auch bei Nacht. Arwenack hatte den Wechsel ohne großes Gezeter akzeptiert. Er hatte auch keinen Grund zum Meckern, denn Jean fütterte ihn mit Rosinen, die er in einem der Vorratsschapps der Kombüse aufgestöbert hatte.

Jean blickte fast unaufhörlich nach achtern. Sein Instinkt sagte ihm, daß sich bald etwas tun würde. Es war noch nicht lange dunkel, aber wenn die Karavelle feindliche Absichten hatte, dann würde sie nicht mehr lange zögern. Jean stellte sich die ganze Zeit über vor, wie er sich wohl verhalten würde, wenn er eine Galeone angreifen wollte.

„Die Karavelle ist ein wendiges und schnelles Schiff, mon ami“, sagte er zu Arwenack. „Sie wird keine Schwierigkeiten haben, uns zu überholen. Hast du die schönen Lateinersegel gesehen, die sie trägt?“

Arwenack schluckte ein paar Rosinen unzerkaut herunter und grunzte.

Jean lächelte. „Bist ein kluges Bürschchen. Was tun wir, wenn die Karavelle uns die Krallen zeigt?“

Arwenack duckte sich, legte die Hände über den Kopf und schaute Jean zwischen den Fingern hindurch an.

„Nein, kleine Brötchen backen wir nicht“, sagte Jean erbost.

Arwenack straffte sich. Er zog die Hände schnell vom Kopf, fletschte die Zähne, knurrte und zerrte etwas hinter sich hervor. Es war eine halbe Kokosnußschale.

Jean lachte auf. „Jetzt verstehen wir uns, mon ami. Natürlich werden wir ihnen Zunder geben. Aber wenn du deine berühmten Wurfgeschosse schleuderst, paß bloß auf, daß keiner von uns so ein Ding auf den Schädel kriegt.“

Der Schimpanse nickte eifrig. In diesem Moment sah es wirklich so aus, als verstünde er die menschliche Sprache.

Jean sah plötzlich achtern etwas wie ein riesiges Schemenwesen aus der Nacht wachsen. Sofort war er alarmiert. Er richtete sich hinter der Segeltuchverkleidung des Hauptmarses auf, beugte sich vor, spähte angestrengt und erkannte die schwachen Konturen der Karavelle. Sie war ein steil aufragender, bedrohlicher Schatten, der ihnen nun bedenklich nahe kam.

„Deck!“ rief Jean. „Die Karavelle rückt von achtern auf und luvt an!“

„Schockschwerenot“, sagte unten auf dem Achterdeck Big Old Shane. „Die Hunde wollen sich also zwischen uns und das Land schieben?“

„Sehr richtig“, entgegnete Ben. „Und somit ist klar, was sie vorhat. Wir haben ablandigen Wind. Der Gegner will die Luvposition übernehmen und einen Vorteil herausschinden. Da er schneller als wir ist, gehört nicht viel dazu, es zu schaffen.“

„Hölle und Teufel!“ Der alte O’Flynn bewegte wieder sein Holzbein, daß es auf die Planken krachte. „Das dürfen wir nicht zulassen.“

„Wir können es nicht ändern“, sagte Ben. „Profos!“

„Sir?“

„Schiff klar zum Gefecht!“

„Klar zum Gefecht, Sir!“

Jean Ribault stellte mit grimmiger Genugtuung fest, daß die Wolkendecke sich öffnete. Nur für eine Weile zeigte sich der blasse Erdtrabant, aber diese Weile genügte dem Franzosen vollauf. Er hob den Kieker ans Auge und fixierte aufmerksam die Karavelle. Sie war nah genug heran, um Einzelheiten erkennen zu lassen.

„Verdammt“, murmelte er. „Die Armierung des Burschen ist nicht von schlechten Eltern.“ Er zählte die Stückpforten auf der Backbordseite. Es waren zehn.

„Zwanzig Kanonen!“ rief er auf Deck. „Und sie sind ausgefahren. Auf der Back und auf dem Achterkastell hat er auch noch ein paar Drehbassen.“

Er richtete das Spektiv auf das Achterdeck der Kriegskaravelle. Er wollte die Drehbassen auch noch zählen, aber dann entdeckte er etwas weitaus Interessanteres. Eine bullige Gestalt zeigte sich in der Optik. Sie bewegte einen Arm und schien irgend jemandem einen Befehl zu erteilen.

„Hol’s der Teufel“, sagte Jean, dann brüllte er: „Zur Hölle, die Karavelle wird von Sir John Killigrew kommandiert!“

„Damit ist alles klar“, sagte unten Edwin Carberry. „Himmel, Arsch, auf was warten wir noch? Verbraten wir diesem Rübenschwein ein Ding, das er so schnell nicht wieder vergißt. Munition haben wir genug, um ein wirkungsvolles Feuerwerk zu veranstalten. Wäre doch gelacht, wenn wir den Affenarsch Sir John nicht zum Teufel jagen könnten, was, wie?“

Jean beobachtete durch den Kieker. Als er sah, daß drüben auf der Karavelle die Lunten aufflammten, sträubten sich ihm die Nackenhaare. „He, Ben, Ferris, Ed – der Hurensohn feuert!“ Seine Stimme dröhnte über Deck, und Ben Brighton reagierte sofort.

„Pete, abfallen und auf Südkurs gehen!“

„Aye, aye, auf Südkurs gehen.“ Pete Ballie setzte den Kolderstock in Bewegung und legte Ruder. Die „Isabella V.“ drehte nach Backbord, schwang ihren Bug südwärts und ging platt vor den handigen Nordwest. Sie drehte ihr verziertes Heck dem Gegner zu.

Genau im richtigen Augenblick!

Mündungsblitze zuckten in der Backbordwand der Karavelle auf. Das zehnfache Donnern der Kanonen klang wie ein einziger, gewaltiger Schlag. Pulverqualm und Feuerrauch stiegen auf, und die tödlichen Kugelladungen heulten zur „Isabella“ herüber.

Ferris Tucker hatte seinen Posten auf der Back verlassen. Wie ein Irrer stürmte er über die Kuhl, raste zum Quarterdeck und dann zum Achterdeck hinauf. Er stoppte hinter einer der sechs Drehbassen, duckte sich und lugte scharf übers Schanzkleid hinweg zum Gegner hinüber. Ben, Shane und O’Flynn hatten ebenfalls die Köpfe eingezogen.

„Verpassen wir ihm eins!“ brüllte Shane.

„Laßt mich das machen!“ rief Ferris zurück. Er zündete die Lunte seiner Drehbasse, zielte kaltblütig und stellte die Basse in ihrer Lafette fest. Der Funke fraß sich bis aufs Zündkraut durch, dann gab es ein ohrenbetäubendes Krachen, und die Basse zuckte unter dem Rückstoß. Ferris hörte Jean Ribault im Großmars lachen. Er sah die Wasserfontänen wie Türme hinter der „Isabella“ aufsteigen und grölte nun ebenfalls wie verrückt.

„He, Sir John hat sich verrechnet!“ schrie Ferris. „Seine ganze Backbordbreitseite ist wirkungslos ins Wasser gezischt!“

Ben schlug Shane auf die Schulter, daß es krachte. Der alte O’Flynn kicherte vor Vergnügen, und die Crew johlte. Dann steigerte sich ihre Begeisterung noch, denn Ferris’ Drehbassenladung hatte ihr Ziel erreicht. Er hatte auf den achteren Mast der Karavelle gezielt und getroffen.

Der Jubel der „Isabella“-Crew kannte keine Grenzen mehr, als die Gaffel am Besanmast der Karavelle zersplitterte.

Bootsmann Sullivan sprang zur Seite. Er schaute hoch und schrie auf, als er das Rauschen über sich hörte und feststellte, daß die Männer der Galeone mit ihrem einzigen Schuß die Fallen der Gaffelrute am Besanmast zerschossen hatten.

Die schwere Spiere taumelte. Die Rohnock verfing sich für einen Moment in den Webeleinen der Wanten, dann riß sie sich los, und die mächtige Gaffelrute krachte mit ohrenbetäubendem Donnern aufs Deck. Sir John Killigrew brüllte die wüstesten Flüche. Er tanzte vor Wut, aber das nutzte ihm auch nichts.

Sir John vollführte im letzten Augenblick einen Hechtsprung. Er landete bäuchlings auf den Stufen des Backbordniederganges und schlitterte aufs Quarterdeck. Bootsmann Sullivan hatte sich ebenfalls nach vorn geworfen. Er jumpte einen Sekundenbruchteil, bevor das Rundholz auf Deck prallte, über die Five-Rail weg. Sein kühner Satz beförderte ihn aufs Quarterdeck. Er setzte haarscharf vor der an der Gräting befindlichen Nagelbank auf. Fast hätte er sich an den Belegnägeln den Kopf gestoßen. Aber das wäre ihm immer noch lieber gewesen als das Schicksal, das ihn auf dem Achterdeck getroffen hätte, wenn er dort geblieben wäre.

Sullivan blickte zurück.

Er wurde Zeuge, wie es Harris und Jenkins erwischte – die beiden Besatzungsmitglieder, die am Nachmittag auf seinen Befehl hin das Vorschiff aufgeklart hatten. Das Splittern des Holzes mischte sich mit ihren Schreien. Sie hatten an den beiden Drehbassen des Achterdecks gestanden, jetzt wurden sie von dem schweren Rundholz regelrecht erschlagen. Das Lateinersegel deckte sie zu und färbte sich von ihrem Blut.

Die Gaffelrute hatte auch die Five-Rail in ihrer Mitte zerschlagen. Ihr Holz war zersplittert und hatte einen dritten Mann aufgespießt. Es war ein gräßlicher Anblick. Sullivan war ein alter Haudegen, ein erfahrener Soldat zur See, doch etwas Derartiges hatte selbst er selten miterlebt. Er stöhnte auf.

Der Schwerverletzte brüllte, daß es den Männern in den Ohren gellte. Sir John hatte sich aufgerappelt und schrie einen Geschützführer der Backbordseite an. Zwei, drei Männer, darunter auch Feeney, hasteten an Sullivan vorbei. Sullivan löste sich jetzt auch aus seiner Erstarrung und schloß sich ihnen an, um den Unglücklichen aus seiner furchtbaren Lage zu befreien.

Sie zerrten ihn von dem zersplitterten Ende der Gaffelrute, doch dann sank er in ihren Armen zusammen. Sullivan stellte seinen Tod fest. Der Mann hatte sehr viel Blut verloren. Sein Unterleib sah grauenvoll aus. Sie betteten ihn auf dem Lateinersegel und richteten sich erschüttert auf.

Bootsmann Sullivan suchte nach Harris und Jenkins, und als er sie fand, wünschte er sich, diesen Tag niemals erlebt zu haben und ihn für alle Zeiten aus seinem Gedächtnis streichen zu können. Doch die Erinnerung würde bleiben. Sie würde sich in seinem Geist festbrennen und ihm schlaflose Nächte bereiten, sie würde ihn für den weiteren Verlauf seines Lebens zeichnen.

„He!“ Sir John war den Backbordniedergang wieder halb hoch geklettert und blickte auf das verwüstete Achterdeck. „Was steht ihr da herum, ihr Hornochsen? Los, schmeißt die Toten in die See. Oder bildet ihr euch ein, sie würden auferstehen? Bootsmann Sullivan, haben Sie was auf den Kopf gekriegt oder ist Ihnen sonst was passiert?“

„Nein, Sir.“

„Dann über Bord mit den Leichen und an die Arbeit. Wir müssen dem Gegner nach und ihn stellen. So eine Schlappe darf uns nicht wieder unterlaufen. Sonst lasse ich Sie und diese Bande von Narren unter Arrest stellen, wenn wir wieder in Plymouth sind.“

„Sir – die Toten haben ein Recht darauf, mit seemännischen Ehren bestattet zu werden.“ Sullivan hätte sich, kaum daß er es ausgesprochen hatte, am liebsten auf die Zunge gebissen. Aber er konnte es nicht mehr rückgängig machen.

Sir John brüllte: „Sullivan, Sie erdreisten sich, mir zu widersprechen?“

„Nein, Sir.“

„Ich stelle Sie vor ein Bordgericht, wenn Sie nicht augenblicklich parieren. Ich lasse Sie hinrichten, Mann. Kommen Sie her.“

In Sullivan hatte sich mit einem Schlag etwas geändert. Sein Weltbild war verrückt. Auch Autoritätspersonen konnten Fehler begehen und sogar Niederträchtigkeit beweisen. War er ein hirnverbrannter Idiot? Warum war ihm das noch nicht früher aufgefallen? Wie denn – ein Sir John Killigrew, General-Kapitän von Cornwall, verlangte von ihm, er solle drei Männer seiner Crew einfach außenbords werfen, weil es sie im Kampf erwischt hatte? Wo blieb da die Hochachtung vor dem Mut, den sie bewiesen hatten, vor der Tatsache, daß sie bis zuletzt unerschütterlich ihren Mann gestenden hatten? Und, nicht zuletzt: Er, Sullivan, war jahrelang mit Harris, Jenkins und dem dritten Toten gefahren und fühlte sich mit ihnen verbunden. Einem heruntergekommenen Piratenführer konnte man derartige Methoden zubilligen, nicht aber einem General-Kapitän Ihrer Majestät, Königing Elizabeth I. von England.

Sullivan ging zu Sir John.

„Sie“, sagte Sir John mühsam beherrscht. „Ihnen haben wir diese riesengroße Schweinerei zu verdanken, verdammt noch mal.“

„Wie bitte, Sir?“

„Ja!“ schrie Sir John. „Hätten Sie diesen Sauhaufen von Mannschaft besser gedrillt und auf Disziplin gehalten und diesen Kerlen vor allen Dingen beigebracht, wie man mit Geschützen umgeht, hätten wir keine solche Schlappe erlitten. Die Breitseite hätte die ‚Isabella‘ auf jeden Fall noch ins Heck treffen müssen. Die Hunde haben uns einen Treffer verpaßt. Wie stellen Sie sich dazu, Bootsmann Sullivan?“

Sullivan spürte, wie etwas in ihm aufstieg und sich gärend in ihm ausbreitete. Das war ein verflixt merkwürdiges Gefühl. Zunächst wurde er sich noch nicht richtig bewußt, was es war, aber später begriff er, daß es Haß war.

„Sir“, sagte er. „Sie haben das Kommando an Bord, und Sie haben den Feuerbefahl erteilt.“ Was war nur in ihn gefahren? Niemals, niemals hätte er seinem Kapitän, der zur Zeit Urlaub hatte, auch nur ansatzweise eine derartige Antwort gegeben.

Sir John traf Anstalten, ihn zu pakken, doch er hielt sich im letzten Augenblick zurück. „So, also immer noch Widerworte, Sullivan. Nun, darüber unterhalten wir uns bei nächster Gelegenheit noch ausführlich.“

„Sir, ich sage nur, wie es ist.“

„Ja“, erwiderte Sir John gedehnt. „Schon gut, Mann. Sorgen Sie jetzt endlich dafür, daß Ordnung in dieses Durcheinander kommt. Die Männer sollen die Schoten und Brassen des Segels kappen und den ganzen Salat über Bord schmeißen, verstanden?“

„Aye, aye, Sir.“

Sir John legte den Kopf in den Nacken. „Ausguck!“

„Sir?“

„Kannst du die Galeone noch sehen, du Bastard?“

„Ja, Sir. Sie halst und geht auf Steuerbordburg.“

Sir John ballte die Hände. „Ben Brighton, dieser Satan. Er will mit raumem Wind nach Osten abhauen, aber das schafft er nicht. Ich werde ihn vorher schnappen, ich habe das schnellere Schiff.“ Er begann wieder zu brüllen. „Los, ihr Hurensöhne, wir fallen ab und jagen dem Gegner nach! Wollt ihr euch wohl beeilen? Muß ich euch Beine machen? Ich merke mir jeden, der hier nicht pariert, und wenn dieses Gefecht vorüber ist, dann gnade euch Gott. Die Faulen und Drückeberger, die Weichen und die Memmen, ich lasse sie der Reihe nach auspeitschen und kielholen.“

Er ahnte nicht, daß im Dunkel der Nacht ein weiterer Gegner lauerte.

5.

„Auf was wartest du? Verpaß ihm das Ding“, zischte Matt Davies.

Al Conroy schüttelte den Kopf und raunte: „Noch nicht.“

Er hockte im Bug der Schaluppe hinter der vorderen Drehbasse. Die Kriegskaravelle „War Song“ war keine Geistererscheinung mehr, die sie nach Gefühl durch die Nacht verfolgten. Das Schattenspiel war vorüber. Sie hatten sie groß und deutlich vor sich und rückten lautlos und unaufhaltsam auf sie zu. Sie hob und senkte sich auf den seichten Wogen des Atlantiks, und immer, wenn die Schaluppe mit dem Bug hochstieß, geriet die Bordwand der Karavalle genau vor die Mündung der vorderen Drehbasse.

Al Conroy hatte sie mit Akribie geladen und justiert. So eine Drehbasse war im gewissen Sinne Gold wert, denn sie hatte gegenüber den schweren Geschützen, die man auf großen Schiffen führte, unschätzbare Vorteile. Die Falkons und Minions, die Demi-Culverinen und Culverinen, sie alle waren relativ schwerfällig, umständlich zu handhaben und schossen nur in der einen festgelegten Richtung. Eine Drehbasse hingegen war kein Vorder-, sondern ein Hinterlader. Es bedurfte bei weitem keines so großen Zeitaufwandes, Pulver ins Bodenstück zu füllen und die Kugel samt Wergpfropfen in ihre Lage zu bringen, wie bei einer größeren Kanone. Außerdem ließ die Basse sich in ihrer Lafette, die auf dem Schanzkleid befestigt war, beliebig nach links und nach rechts drehen. Auch in der Höhe war sie verstellbar.

Gary, Al, Matt und Stenmark hatten das Aufschließen der Karavelle an die „Isabella V.“ rechtzeitig bemerkt. Natürlich hatten sie ebenfalls angeluvt und sich ihrerseits zwischen die Karavelle und das Land geschoben. Die wahre Luvposition hatten also sie, aber das wußten weder Sir John noch Ben Brighton und die anderen an Bord zur „Isabella“. Der erste Schußwechsel hatte stattgefunden. Al und seine Kameraden hatten zu ihrer Genugtuung festgestellt, was für einen Treffer die „War Song“ erhalten hatte.

Immer dichter schob sich die Schaluppe an die Karavelle heran.

Jetzt genügte es, daß ein Mann von der „War Song“ rein zufällig den Kopf wandte. Er mußte sie entdecken. Al hielt die Luft an. Matt beobachtete mit offenem Mund, kauerte hinter dem Schanzkleid und hielt eine schußfertige Muskete. Stenmarks Gesicht war von der gleichen inneren Anspannung gezeichnet wie die Mienen der Kameraden. Gary hielt es kaum noch achtern am Steuerruder aus. Aber sie alle zwangen sich, wirklich den allerletzten, günstigsten Moment abzupassen.

Und er kam.

Während die Schaluppe an die Karavelle heranlief, verfolgte Al, wie der Gegner abfiel. Sie hatten auch gesehen, wie die „Isabella“ Sir John und seiner Mannschaft den Allerwertesten gezeigt hatte – der Rest ließ sich mühelos zusammenreimen. Sir John nahm die Hetzjagd auf.

Gut, dachte Al, sehr, sehr gut.

Die „War Song“ zog ihr Vorschiff vom Nordwestwind weg. Al sah die Heckgalerie, sie schob sich immer mehr in sein Blickfeld. Schlichte, solide englische Schiffszimmermannsarbeit, nicht so viele Schnörkel wie bei den spanischen Schiffen. Die Hennegatsöffnung war ein schwarzer Fleck im Schiffsleib. Unter ihr verlief in vertikaler Richtung das Steuerruder. Al konnte es nicht genau erkennen, doch er nahm die Hennegatsöffnung als Zielpunkt.

Al wußte, daß dies seine einmalige Chance war. Ein zweites Mal bot sie sich bestimmt nicht. Es kam auf ihn an, auf seine Fähigkeit als Geschützführer. Jenseits des Atlantiks, an der Westküste der Neuen Welt, hatte er der „Nuestra Senora de la Concepcion“ den Bugspriet abgeschossen, nachdem Hasard mit ein paar Männern aufgeentert war und den spanischen Kapitän überwältigt hatte. Oh, er hatte noch andere Kunststücke fertiggebracht, nicht nur, was das fachgerechte Zielen, sondern auch, was das richtige Abmessen der Ladung und andere Kleinigkeiten betraf. Auf dieser Erfahrung basierte jetzt sein Unternehmen.

Er setzte die Lunte in Brand.

Knisternd fraß sich der Funke durch die Zündschnur. Al wartete nur noch ab, bis sich der Bug der Schaluppe in einem kleinen Wellental nach unten neigte – da senkte er die Lunte auf die Basse. Der Funke eilte durch den Zündkanal, erreichte das Zündkraut, und in diesem Augenblick hob die Schaluppe wieder ihren Bug an. Al zog den Kopf ein. Alle vier Männer hielten den Atem an.

Das Krachen der Drehbasse wurde von einem Ruck begleitet, der durch die Schaluppe lief. Rötlich-gelbes Feuer stob aus dem Geschützlauf und preßte die Ladung vor sich her. Beißender Rauch breitete sich über dem schmalen Deck der Schaluppe aus. Matt Davies kriegte eine Ladung davon in die Lungen, weil er den Mund immer noch geöffnet hielt.

Die Eisenkugel raste in das Heck der „War Song“. Sie hörten Holz splittern und Männer schreien, dann sahen sie, wie das Ruderblatt wegknickte. Matt hustete und lachte. Al Conroy hatte das Ruder der Karavelle zerschmettert, wie es keiner besser vermocht hätte! Trümmer landeten klatschend im Wasser. Jemand schrie Zeter und Mordio, es war Sir John Killigrew.

„Arwenack!“ rief Al Conroy.

„Ar-we-nack!“ brüllten seine drei Kameraden im Chor.

Die Schaluppe nahm sich im Verhältnis zu der Karavelle winzig aus. Und ihre Armierung war geradezu lächerlich. Aber sie hatten dem Gegner einen Nadelstich verpaßt, und zwar einen ganz empfindlichen. Wie sollte die „War Song“ ohne Ruder manövrieren?

Gary Andrews drehte ab. Abstand legte sich zwischen die Karavelle und die Schaluppe. Ehe drüben auf dem Achterdeck überhaupt eins der Geschütze besetzt und auf sie gerichtet war, befanden sie sich außer Schußweite. Deutlich sahen sie aber unter einem fahlen Streifen Mondlicht die Männer der Karavelle, wie sie die Fäuste gegen sie schüttelten.

„Ar-we-nack!“ riefen Al, Gary, Matt und Stenmark noch einmal.

„Feuer!“ brüllte Sir John. „So schießt doch, ihr verdammten Hunde! Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?“

Coleman, der vierschrötige Seemann, hatte die Lunte einer Drehbasse gezündet. Er senkte sie auf das Bodenstück, dann belferte das Geschütz los und spie seine Ladung in die Nacht. Im aufzuckenden Mündungsblitz sahen Sir John, Sullivan, Coleman, Feeney und einige andere für einen Augenblick die zweimastige Schaluppe. Danach verfolgten sie nur noch, wie das Geschoß wirkungslos ins Meer klatschte und eine gischtende Fontäne hochriß. „Feuer!“ schrie Sir John.

„Es hat keinen Zweck mehr“, sagte Bootsmann Sullivan. „Die sind bereits zu weit weg. Wenn mich nicht alles täuscht, segeln sie die Schaluppe, die in Plymouth an der Pontoon Pier vertäut lag. Sie gehört dem Hafenkapitän.“

„Aber der Hafenkapitän ist nicht an Bord“, sagte Feeney.

„Bestimmt nicht“, meinte Sullivan. „Der würde doch nicht auf uns schießen. Ich glaube eher, daß die Kerle dort zur Crew des Seewolfes gehören.“

„Die können verteufelt gut zielen“, sagte Coleman.

Sir John war plötzlich bei ihm und packte ihn an den Aufschlägen. „Oh, wie schlau ihr doch seid. Ihr seid der Inbegriff von Intelligenz und Einsatzbereitschaft. Warum hast du sie nicht getroffen, du Hund? Bist du besoffen? Seid ihr alle total beschränkt, daß ihr euch so fertigmachen laßt?“

„Ich kann nichts dafür“, stammelte Coleman.

Sir John hieb ihm die Faust unters Kinn. Coleman gab noch einen erstickten Laut von sich, dann kippte er hintenüber und blieb rücklings neben dem toten Harris liegen.

Feeney hatte seine Hand bereits um die Pistole geschlossen, die in seinem Gurt steckte. Er wollte auf Sir John los, doch Sullivan hielt ihn zurück, ehe Sir John etwas bemerkte. Die Mienen der Männer waren finster. Keiner konnte diesen selbsternannten Kapitän leiden. Es roch nach Unrat und Meuterei, alle Zeichen standen auf Sturm. Aber noch hielt Sullivan und die Crew die tief in ihnen sitzende Disziplin zurück. Man hatte sie ihnen ja heftig genug eingetrimmt. Sie war ein Teil ihrer selbst, von dem sie sich so schnell nicht zu lösen vermochten.

Sir John stieg, so schnell er konnte, über die Trümmer der Gaffelrute und wandte sich dem Quarterdeck zu. Er stolperte fast über das zerfetzte, blutverschmierte Segeltuch.

„Klart hier endlich auf!“ brüllte er. „Wird’s bald? Weg mit diesem Dreck, weg mit den Leichen!“

Er benutzte den Backbordniedergang und lief zum Rudergänger.

„Die Toten bleiben an Bord“, sagte Bootsmann Sullivan zu Feeney und den anderen. Sein Gesicht war plötzlich wie aus Stein gehauen. „Sie sollen beigesetzt werden, wie es ihnen gebührt. Ich bin bereit, notfalls mit meinem Leben dafür einzustehen.“

Er schritt an die Five-Rail und wurde Zeuge, wie Sir John den Rudergänger zusammenstauchte.

„Was, das Ruder gehorcht nicht mehr? Verdammt noch mal, es kann doch nicht total in die Brüche gegangen sein. Unmöglich! Du bist ein Versager, Mann!“

Der Rudergänger, ein sonst sehr besonnener Mann, versetzte dem Kolderstock einen Stoß. Das Ding pendelte hin und her. „Bitte sehr, Sir. Wie Sie sehen, spielt sich da nichts mehr ab. Oder wollen Sie sich selbst überzeugen?“

Sir John packte ihn an der Kleidung, wie er sich Coleman gegriffen hatte. „Totschlagen sollte man dich. Ihr seid verlauste Hurensöhne, du und deine Kumpane. Als Fischfutter wäret ihr gerade gut genug.“

„Sir“, sagte Sullivan. „Wollen Sie diesen Mann auch niederschlagen?“

Sir John riß dem Rudergänger die Pistole aus dem Gürtel, dann stieß er ihn von sich. Der Mann stolperte und fiel hin. Sir John spannte den Hahn der Waffe. Es war eine Steinschloßpistole, fix und fertig geladen, gut geölt und griffig, bereit zum Töten. Der Hahn knackte. Sir John legte auf Bootsmann Sullivan an. Nur, wer ihn ganz genau beobachtete, konnte sehen, daß seine Hand etwas zitterte.

„Sullivan! Noch so eine Bemerkung, und ich schieße Sie nieder.“

Sullivan war bleich geworden. „Jawohl, Sir.“

„Haben wir ein Notruder an Bord? Antworten Sie!“

„Nein, Sir.“

„Wie lange dauert es, bis ein neues gezimmert ist?“

„Ich – mindestens eine Stunde, Sir.“

„Schon eine halbe Stunde wäre zu lange.“ Killigrew senkte die Pistole. Sein Blick richtete sich auf die See, dorthin, wo die Schaluppe in der Nacht verschwunden war. Arwenack. Er hatte den Namen deutlich ausrufen hören. Arwenack war die Stammfeste der Killigrews über dem Hafen von Falmouth, aber Arwenack war auch der Schlachtruf des Seewolfes und seiner Getreuen geworden. Arwenack! Es klang wie triefender Hohn in Sir Johns Ohren. Vor Schimpf und Schande wäre er am liebsten vergangen. Die Karavelle trieb steuerlos im Atlantik, war weitgehend manövrierunfähig – und dem Gegner ausgeliefert.

„Arwenack?“

Ben Brighton glaubte, etwas spiele ihm einen Streich. Aber nein, er hatte es doch laut und deutlich vernommen. „Ferris, Shane, Old O’Flynnhabt ihr das auch gehört?“

„Ja“, gab Ferris grinsend zurück. „Da hat jemand Sir Johns Karavelle eine Kugel in den Hintern gesetzt und unseren Kampfruf gebrüllt.“

„Das kann doch nicht wahr sein!“

„Ist es aber“, erwiderte der alte O’Flynn. Er grinste so amüsiert wie sein etwas vorlauter Sproß Dan. „Vielleicht bin ich, was die Ohren betrifft, nicht mehr ganz so hellhörig wie ihr jungen Schnösel. Aber ich hab’s auch gehört. Und der Teufel soll mich auf der Stelle hier vom Achterdeck reißen, wenn es etwa Sir John war, der das gerufen hat.“

„Anluven!“ rief Ben. „Wir gehen durch den Wind und segeln wieder nach Westen. Wollen doch mal sehen, wer uns da so unverhofft zu Hilfe gekommen ist.“

„Das fragst du dich noch?“ sagte Ferris erstaunt.

Ben grinste nun auch.

„Anluven!“ brüllte Carberry auf der Kuhl. „Bewegt euch, ihr müden Kakerlaken!“

„Wir haben einen Verbündeten, den uns der Himmel schickt“, sagte Shane. „Wer hätte das gedacht?“

„Ich“, erwiderte der alte O’Flynn. „Nachdem wir aus dem Hafen von Plymouth abgehauen sind, ohne weiter auf den Kutscher und die anderen zu warten, lag es doch auf der Hand, daß sie uns folgen würden, oder?“

„Na ja“, entgegnete Ferris. „Immerhin mußten sie sich wohl erst mal ein Schiff suchen, oder? Und danach konnten sie uns hundertmal aus den Augen verlieren, oder?“

„Ich glaube, ihr unterschätzt manchmal eure eigenen Kameraden“, sagte der Alte.

„He!“ rief Jean Ribault jetzt aus dem Großmars. „Der Karavelle hat es glatt das Ruder weggehauen, wenn mich nicht alles täuscht. Jedenfalls benimmt sie sich wie eine flügellahme Ente. Sie schafft es einfach nicht, abzufallen und sich uns auf die Fersen zu heften.

„Hurra!“ schrie der alte O’Flynn. Seine weißen Haare flatterten im Nachtwind. Sir Johns Aufenthalt auf der „Isabella“ hatte seiner Laune einen erheblichen Dämpfer aufgesetzt, aber jetzt fühlte er sich wieder ganz er selbst. Er war schwer gehandikapt, hatte eine hölzerne Beinprothese und mußte auf zwei Krücken laufen – aber für einen O’Flynn waren solche Dinge Nebensächlichkeiten. Die O’Flynns waren Dickschädel und Querköpfe, aber auch unerschütterliche Draufgänger.

„Jetzt hauen wir dem alten Killigrew die Hucke voll!“ schrie er. „John, wir kommen. Halt dich an der Reling fest, damit du nicht ins Wasser fällst!“

„Schaluppe Steuerbord voraus“, meldete Jean.

Die Männer der „Isabella“ stürzten ans Steuerbordschanzkleid. Sie hielten angestrengt Ausschau. Und dann schälten sich die Umrisse der zweimastigen Schaluppe aus der Nacht.

Jean Ribault brüllte: „He, ho, diese Satansbraten, diese verteufelten Kanalratten! Das sind Gary, Al, Matt und Stenmark!“

Die Crew der Galeone brach in Begeisterungsrufe aus. Mützen wurden hochgeworfen, Pfiffe ausgestoßen. Buck Buchanan feuerte sogar seine Pistole in die Luft ab.

Die Schaluppe lief ihnen entgegen. Ben Brighton beugte sich weit über, legte die Hände wie einen Schalltrichter an den Mund und rief: „Wahrschau, Männer. Wo steckt der Kutscher?“

Gary antwortete: „Er ist zu Gwen und Dan zurück, die im Haus von Sir Freemont bei Hasard Wache halten. Burton und Keymis haben die Stadtgarde dorthin geführt, nachdem ihr sie am Hafen habt abblitzen lassen.“

„Verdammt und zugenäht!“ rief Ferris Tucker.

„Keine Angst“, schrie Al Conroy zurück. „Der Kutscher hat Sir Freemont bestimmt rechtzeitig gewarnt. Und Sir Freemont steht auf unserer Seite. Der versteckt Hasard garantiert so gut, daß Burton und Keymis ihn nicht entdecken.“

„Na, hoffen wir’s!“ rief Ben Brighton. „Wie geht es dem Seewolf?“

Sekundenlang breitete sich Schweigen von Bord zu Bord aus. Nur das Knarren der Blöcke und Rahen in der Takelage der „Isabella“ und der Schaluppe und das Plätschern des Seewassers an den Bordwänden waren zu vernehmen.

Endlich erwiderte Gary: „Er lebt noch. Und Sir Freemont gibt ihm eine Chance.“

„Eine wie große Chance?“ wollte Ben wissen.

„Er meint, Hasard habe es seiner unverwüstlichen Natur zu verdanken, daß er noch nicht ins Gras gebissen hätte. Wenn ich richtig verstanden habe, kann das Fieber ihn so leicht nicht umhauen. Bleibt noch der Schädelbruch. Der ist nicht von schlechten Eltern.“

„Aber Sir Freemont versteht was von seinem Fach!“ rief Matt Davies. „Er flickt Hasard zurecht und päppelt ihn wieder hoch. Ganz bestimmt. Wenn ich euch das sage, könnt ihr’s glauben.“

Einige Männer grinsten. Aber alle atmeten erleichtert auf. Die Sorge um ihren Kapitän blieb zwar, doch die Gewißheit, Philip Hasard Killigrew in fachkundigen Händen zu wissen, bedeutete ihnen schon sehr viel.

„Was tun wir jetzt mit Sir John und seiner verdammten Karavelle?“ erkundigte sich Stenmark. „Ihr wollt ihn doch wohl nicht abhauen lassen, was?“

„Nein.“ Bens Züge verhärteten sich. „Er hat eine gründliche Lektion verdient. Um die Männer, die er befehligt, tut es mir in gewisser Weise leid. Sie sind in die Sache gegen ihren Willen hineingerissen worden. Was hätten sie anders tun sollen, als Sir John zu gehorchen?“

„Schön und gut“, meinte der alte O’Flynn. „Das heißt aber noch lange nicht, den Halunken John deswegen zu schonen.“

„Keineswegs. Wir geben der Karavelle Zunder. Aber ganz versenken werden wir sie nicht.“ Ben wandte sich der Kuhl zu. „Ed, hast du das verstanden?“

„Aye, aye, Sir.“

„Kurs auf die Karavelle also!“ rief Ben.

Gary, Al, Matt und Stenmark winkten ihnen zu. Dann drehte sie Schaluppe, ging an den Wind und lief wieder auf die „War Song“ zu. Gary steuerte das Schiff so, daß es in die alte Luvposition zwischen Karavelle und Küste zurückkehrte.

„He, Al!“ rief Blacky ihnen noch nach.

Al Conroy wandte sich um.

„Ein feiner Schuß ist das gewesen!“ rief Blacky. „Du hast ihn doch abgegeben, oder?“

„Ja.“

„Zielwasser getrunken?“

„Ja!“ schrie Al Conroy. „Englisches Bier.“

Die Konturen der Schaluppe wurden fast völlig von der Nacht geschluckt. Ben manövrierte die „Isabella“ auf die „War Song“ zu, und zwar in die Leeposition. An Bord der Karavelle herrschte nach wie vor heilloser Zustand. Natürlich trachteten die Männer danach, auch ohne das Ruder auf neuen Kurs zu gelangen. Aber das war ein recht schwieriges Unterfangen. Noch segelte die Karavelle vor dem Wind, und nur ganz allmählich nahm sie den Bug ein wenig in östliche Richtung. Doch ohne Ruder ließ sich die Halse unmöglich fahren. So wendig die Karavelle gewesen war, so plump wirkte sie jetzt.

Die „Isabella V.“ hingegen war eine Festung zur See. Mit vollen Segeln rauschte sie auf die Dreimast-Karavelle zu. Ben Brighton ließ Pete jedoch rechtzeitig wieder abfallen und präsentierte dem Gegner die Steuerbordbreitseite der Galeone.

Die Männer kauerten auf den Gefechtsstationen. Ben Brighton erteilte Carberry durch eine Gebärde den Befehl, und Carberry brüllte: „Feuer!“

Zwölf Culverinen, also 17-Pfünder, führte die Galeone auf jeder Seite der Kuhl. Hinzu kamen vier Drehbassen auf der Back und sechs auf dem Achterkastell. Die zwölf Geschütze der Steuerbordseite donnerten jetzt los, ruckten zurück und wurden im Rückstoß von ihren Tauen aufgehalten. Feuerblitze stachen in die Nacht, heulend flogen die Eisen- und Bleikugeln zur „War Song“ hinüber. Eine Kettenkugel erwischte die Fock und riß sie in Stücke. Das Schanzkleid der Karavelle zersplitterte an mehreren Stellen. Dann belferten auch die beiden Drehbassen der Schaluppe los, und die Mündungsblitze verrieten, wie nah Gary und seine drei Kameraden sich wieder an die Karavelle herangewagt hatten.

Natürlich feuerten die Männer der „War Song“ erbost zurück. Doch die „Isabella“ überholte sie, drehte hoch und segelte dann frech und gottesfürchtig vor ihrem Bug vorbei. Die neuerliche Backbordbreitseite der „War Song“ verpuffte ohne Treffer in der Nacht. Auch ihre Drehbassen wurden jetzt eingesetzt, doch wieder zog sie den kürzeren.

Ferris, Ben, Shane, Blacky und Bob Grey bedienten fünf Bassen der „Isabella“ und beschädigten der „War Song“ die Galion und den Bugspriet. Die Geschosse des Gegners pfiffen heran, und die Männer legten sich platt auf die Planken. Eine Kugel trieb das Steuerbordschanzkleid der „Isabella“ auf, die anderen jagten über die Decks weg.

Ben Brighton richtete sich auf. Der Schaden am Schanzkleid war unerheblich.

„Jemand verletzt?“ rief er.

„Keiner!“ rief Carberry aus der Kuhl zurück. „Hol’s der Teufel!“ „Anluven, Pete“, befahl Ben. „Wir wenden und fahren dann noch einen Angriff.“

„Aye, aye, Sir.“

„Jean, kannst du noch erkennen, wo die Schaluppe steckt?“

„Ja. Sie drückt sich am Heck der Karavelle vorbei und verholt sich zum Nachladen nach Nordwesten.“

„Ist sie getroffen?“

„Glaube ich nicht.“

Ben säuberte seine Drehbasse, füllte neues Pulver ein und brachte die nächste Kugel mitsamt dem Kabelgarn in ihre Lage.

„Na, hoffentlich behältst du recht“, murmelte er. „Wir bringen Sir John das Fürchten bei, aber es würde mir leid tun, wenn Gary, Al, Matt und Stenmark dabei das Nachsehen hätten.“

Wenig später rollte der Geschützdonner von neuem über die See. Der Wind trug ihn weit aufs Meer hinaus. Die gleißenden Mündungsblitze der Kanonen waren Fanale in der Nacht. Schwaden von Pulverqualm dehnten sich zwischen den Schiffen aus. Trotz aller Bemühungen gelang es den Männern der „War Song“ nicht, dem Gegner Paroli zu bieten. Sie vergeudeten nur ihre Munition. Die Crew der „Isabella“ jedoch und die vier Männer von der Schaluppe erzielten Treffer um Treffer. Das achtere Segel und die Fock der Karavelle waren zerstört, das Großsegel war nur noch ein durchlöcherter Fetzen. In den Bordwänden klafften Lecks. Die Schreie von Verwundeten wehten zur „Isabella“ und zur Schaluppe.

„Genug“, sagte Ben Brighton schließlich. Er drehte sich zur Kuhl. „Ed, das Feuer einstellen.“

„Aye, aye.“

„Jean, wo ist die Schaluppe?“

„Sie läuft direkt auf uns zu!“

„Ferris“, sagte Ben. „Wir müssen Gary und den anderen ein Zeichen geben, daß sie ebenfalls das Feuer einstellen.“

„Batuti könnte einen Brandpfeil in die Luft schicken.“

„Gut. Batuti!“

„Hier, Sir.“ Der Gambia-Neger meldete sich mit dröhnender Stimme aus dem Vormars. Ben teilte ihm mit, was er zu tun hatte, und einen Augenblick später stieg eine lodernde Fackel in die Nacht auf. Sie schien sich in den schwarzen Himmel fressen zu wollen, bis nur noch ein winziger Punkt von ihr übrigblieb. Aber dann hatte sie den Höhepunkt ihrer Bahn erreicht, knickte ab und sackte nach unten fort. Der Pfeil tauchte in die See.

„Wahrschau!“ rief Gary Andrews von der zweimastigen Schaluppe. „Was ist los, Männer?“

„Feuer einstellen“, antwortete Blacky von der Back der „Isabella“.

„In Ordnung!“

„Schön und gut“, sagte der alte O’Flynn, der neben Ben, Shane und Ferris auf dem Achterdeck stand. „Aber was machen wir jetzt mit der Karavelle?“

Big Old Shane lächelte grimmig. „Wenn keiner was dagegen hat, leiste ich jetzt meinen Teil und erkläre den Besatzungsmitgliedern der ‚War Song‘ ein paar Kleinigkeiten. Es war klug, Ben, das Schiff nicht mit Mann und Maus zu den Fischen zu schikken. Also los, gehen wir dichter heran.“ Er blickte die anderen der Reihe nach an. „Ihr braucht mich nicht so verdattert anzustarren. Es ist mein voller Ernst.“

6.

Es geschah. Selbst auf die Gefahr hin, daß sich die Karavelle-Mannschaft unter Sir John zu einer letzten, verzweifelten Gegenwehr aufraffte, glitt die „Isabella“ auf Rufweite an den Gegner heran.

Big Old Shane stand mit verschränkten Armen am Steuerbordschanzkleid des Achterdecks. Der Wind zerzauste seine grauen Haare, fuhr in sein graues Bartgestrüpp und strich über sein runenzerfurchtes Gesicht. Seine Augen glitzerten. Er hatte in diesem Moment etwas mit einem jener furchteinflößenden Rachegötter gemein, wie sie in den alten Mythen vorkamen. Seine grollende Stimme tönte von Schiff zu Schiff.

„Herhören, ihr Männer! Hier spricht Shane, der Schmied und Waffenmeister von Arwenack, einstmals ergebener Vasall seines Herrn Sir John Killigrew. Einige von euch kennen mich vielleicht.“

„Ja!“ rief jemand zurück. Shane kniff die Augen zusammen, um ihn zu erkennen. Er sah den Mann auf dem Quarterdeck der Karavelle stehen, doch er wußte dessen Namen nicht. Später sollte sich herausstellen, daß es Feeney war.

„Was willst du, Shane?“ schrie Feeney. „Wollt ihr uns jetzt den Rest geben? Ihr habt schon genug angerichtet. Aber glaubt nur nicht, daß wir uns widerstandslos abschlachten lassen.“

„Unsinn“, erwiderte Shane unbeirrt. „Wir sind keine Schweinehunde wie bestimmte Leute, die an ihrer Gier nach Gold noch ersticken werden. Aber hör genau zu, Mann, und sag auch deinen Kameraden, sie sollen die Ohren spitzen! Wir hier an Bord achten sehr wohl die Tatsache, daß die ‚War Song‘ ein Kriegsfahrzeug Ihrer Majestät, der Königin von England, ist. Deswegen haben wir sie auch nicht versenkt – und wenn der verdammte Sir John sie sich tausendmal unter den Nagel gerissen hat.“

„Verräter!“ Das war Sir John. Voll Haß schüttelte er die Fäuste gegen Shane – aber den Dialog zwischen Shane und Feeney konnte er nicht unterbrechen.

„Shane!“ schrie Feeney. „Was, zum Teufel, wollt ihr?“

„Wir kämpfen gegen Sir John, aber nicht gegen die Königin.“

„Einige von uns haben das Leben gelassen“, erwiderte Feeney bitter. „Drei, als die Gaffelrute in die Brüche ging und das achtere Segel herunterkam, zwei bei euren beiden Breitseiten.“

Shane rief: „Das habt ihr Sir John zu verdanken, nicht uns. Gehören denn alle fünf Toten zu der Stammcrew der Karavelle?“

„Die beiden letzten nicht. Es sind Sir Johns Männer.“

„Wißt ihr überhaupt, was Sir John will?“ Shanes Stimme klang ruhig, er sprach ohne Hast. „Ich wette, er hat euch irgend etwas vorgeschwindelt. Ihm geht es nicht darum, uns unseren Beuteschatz abzujagen und für die Königin sicherzustellen. Nein, er will den Schatz für sich. Er hat schon ein paarmal versucht, ihn mit allen erdenklichen Tricks zu ergaunern – der feine Herr! Ein untadeliger General-Kapitän, nicht wahr? Es würde ihm gleichgültig sein, euch alle zu verheizen, wenn er nur die Beute in die Finger kriegt. Und um die Belange der Königin schert er sich einen Dreck.“

Shanes Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Auf der Karavelle war Bootsmann Sullivan neben Feeney getreten. Zunächst hatte er die Unterhaltung von Bord zu Bord unterbinden wollen, doch jetzt stand er sprachlos und zutiefst betroffen. Feeney wollte antworten, doch Sullivan griff nach seinem Arm.

„Shane!“ rief Sullivan nun selbst. „Hier spricht der Bootsmann der ‚War Song‘. Würdest du beschwören, was du da eben behauptet hast?“

„Bei allem, was mir heilig ist“, gab Shane zurück.

Sullivan wandte sich ab, ging vom Steuerbordschanzkleid der „War Song“ über die Kuhl und dann zum Quarterdeck hinauf. Seine Crew stand hinter ihm wie ein einziger Mann, das spürte er. Und auch von den zwanzig Männern Sir Johns, die den Kampf überlebt hatten, befand sich so mancher auf seiner Seite. Wer zu Sir John hielt, der muckte jetzt jedoch nicht auf, weil er wußte, daß es so gut wie Selbstmord gewesen wäre.

Sullivan trat Sir John gegenüber. Seine blauen Augen fixierten den Mann in stummer Verachtung.

„Sullivan“, sagte Sir John. „Sie werden doch wohl nicht glauben, was dieser Hurensohn da erzählt! Er hat meinen Sohn umgebracht. Das hat er Ihnen verschwiegen, nicht wahr? Er dreht die Dinge eben so, wie sie ihm gerade in den Kram passen.“

Sullivan war unbeeindruckt. „Sir, Sie haben dieses Schiff für Ihre privaten Zwecke mißbraucht. Ein Geheimauftrag, so sagten Sie doch, oder? Nun, man hat ja schon von Ihren Beutezügen gehört, aber daß Sie ein solcher Schurke sind, hätte ich niemals gedacht.“

„Unterstehen Sie sich ...“

„Schluß!“ brüllte Sullivan. „Aus und vorbei. Denken Sie an Harris und Jenkins und den dritten Mann und auch an die beiden armen Teufel aus Ihrer Crew, die wegen Ihrer Gier sterben mußten. Ins Meer wollten Sie sie werfen – wie Abfall. Ein wirklich sauberer General-Kapitän sind Sie, das muß ich schon sagen.“

Sir John schrie einen Fluch und riß die Pistole aus dem Gurt, die er dem Rudergänger abgenommen hatte. Da platzte Sullivan der Kragen. Er tat, was er noch nie getan hatte. Mit einem Satz war er bei Sir John und hieb mit der Faust auf die Pistole. Sir John gelang es nicht mehr, den Hahn zu spannen. Die Waffe polterte auf Deck.

Sullivan steckte einen Fausthieb Sir Johns ein. Dann ließ er selbst seine Fäuste sprechen. Er traf Sir John vor die Brust, daß dieser zurücktaumelte. Sullivan setzte ihm nach, schlug noch einmal zu und dann noch einmal und erwischte ihn beim letzten Hieb am Kinn.

Sir John sank auf die Planken.

Sullivan drehte sich um. Feeney, Coleman und fast alle anderen, darunter auch einige Killigrew-Männer, standen hinter ihm. In ihren Mienen stand Entschlossenheit zu lesen.

„Danke“, sagte Bootsmann Sullivan. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sein Gesicht war gerötet und von Rußspuren verschmutzt, wie sie das Schwarzpulver der Geschütze bei jedem Seegefecht hinterließ. Sullivan betrachtete die Männer, die ihm und nicht Sir John vertrauten. Und plötzlich brachte er ein flüchtiges Grinsen zustande. „Ich danke euch für eure Hilfe, aber ich brauche sie nicht. Ich habe den Kerl bewußtlos geschlagen. Vorläufig steht er nicht wieder auf.“

„Aufhängen sollte man ihn“, sagte Feeney erbost. „An der Gaffelrute des Großsegels. Los, auf was warten wir noch?“

Sullivan schüttelte den Kopf. „Soweit gehen wir nicht. Wir müssen beweisen, daß wir im Gegensatz zu ihm keine Schurken sind. Will dir das in den Kopf, Feeney?“

„Ja.“

„Ab sofort übernehme ich wieder das Kommando der ‚War Song‘. Hebt Killigrew auf und tragt ihn ins Vorschiff. Sperrt ihn in die Vorpiek. Zwei Mann bleiben vor dem Schott der Vorpiek als Wache zurück – du, Coleman, und ein anderer, den du dir aussuchen kannst.“

„Aye, aye, Sir“, sagte Coleman.

„Ihr haftet dafür, daß der Mann nicht entkommt. Aber daß ihr es ja nicht wagt, Hand an ihn zu legen, solange es sich irgend vermeiden läßt. Habe ich mich klar ausgedrückt, Coleman?“

„Jawohl, Sir.“

Feeney hatte sich umgedreht und rief plötzlich überrascht: „Holla, die Galeone segelt heran! Sie will längsseits gehen: Himmel, dürfen wir das denn zulassen?“

Sullivan hob die rechte Hand. „Laßt sie. Shane und seine Freunde haben jetzt keine feindlichen Absichten mehr. Sie haben ja bestimmt verfolgt, welche Wende die Dinge hier genommen haben. Ich mag ein großer Narr sein, aber ich habe das untrügliche Gefühl, daß dieser Shane ein aufrichtiger Kerl ist und es gut mit uns meint.“

Feeney hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. „Tja, was so in Falmouth über Shane erzählt wird, hört sich allerdings gut an. Die Leute sagen, er sei ein eisenharter Mann, aber einer von der anständigen Sorte.“

„Coleman“, sagte Sullivan. „Schaff Sir John weg. Na los, steh nicht ’rum und glotz Löcher in die Luft.“

Coleman winkte einem seiner Kameraden zu, und sie hoben den ohnmächtigen Sir John auf. Sie legten sich seine Arme um die Schultern und hielten sie fest, einer an jeder Seite, dann transportierten sie ihn ab. Seine Stiefel schleiften mit schurrendem Geräusch nach. Ab ging es über die Kuhl zur Back der Karavelle, und Sir Johns Gestalt verschwand hinter dem Steuerbordschott.

„Feeney, du und ein paar andere, ihr legt die Gangway klar“, sagte Sullivan. „Wenn die ‚Isabella‘ anlegt, verbinden wir Schiff mit Schiff, so daß jeder mühelos herübermarschieren kann.“ Er wandte sich den Männern von Sir Johns Crew zu. „Herhören! Falls jemand mit meinen Entscheidungen nicht einverstanden ist, soll er gleich Bescheid sagen. Er wird dann zu Sir John in die Piek gesperrt. Wer hinterher noch Stunk macht, hat mit der Neunschwänzigen zu rechnen. Also?“

Die Männer erhoben keinen Einwand. Einige blickten betreten zu Boden, einige taten durch Murmeln ihre Zustimmung kund. Keiner protestierte. Sie waren, das hatte sich ja auch schon gezeigt, als sie auf der „Isabella“ nach England zurückgekehrt waren, nicht zu Helden geworden. Schon gar nicht, um sich für Sir John zu opfern! Seine Lebensweisheit hatte auch auf sie abgefärbt: Jeder war sich selbst der Nächste.

Fender, aus Tauwerk geflochtene Kissen, hielten die „Isabella V.“ von der „War Song“ ab und verhinderten, daß Bordwand an Bordwand stieß. Die Gangway wurde als Brücke zwischen den Schiffen ausgelegt, wie Sullivan es angeordnet hatte. Ben Brighton betrat sie als erster und wechselte zur „War Song“ über. Er trat zu Sullivan, nannte seinen Namen und streckte die Hand zum Gruß aus.

„Ich heiße Sullivan“, sagte der rotblonde Mann. Er griff nach der dargebotenen Hand. „Wir sind also gewissermaßen Kollegen. Tut mir leid, daß wir uns raufen mußten. Es wäre auch ohne dem abgegangen, aber an den Tatsachen läßt sich ja nun nichts mehr ändern.“

Ben nickte. „Es wurde Zeit, Sir John eine Lektion zu erteilen. Das brauchte das alte Schlitzohr dringend. Ich möchte dir jetzt unsere Hilfe anbieten.“

„Die nehme ich gern an.“

„Wir haben einen hervorragenden Schiffszimmermann. Er heißt Ferris Tucker. Und unser Segelmacher Will Thorne wird euch auch bereitwillig helfen. Mit vereinten Kräften können wir die Karavelle so weit herrichten, daß ihr sicher zurück nach Plymouth gelangt.“

„Das ist viel wert. Wir haben nämlich außer den Toten auch ein paar Verwundete, die an Land versorgt werden müssen.“

„Unser Feldscher ist zur Zeit leider nicht bei uns, sonst hätte er die ersten Verbände anlegen können“, entgegnete Ben. „Aber das Notdürftige können wohl auch wir für die Verletzten tun.“ Er drehte sich um. „Ferris, he, Ferris!“

Der rothaarige Riese erschien am Schanzkleid der „Isabella“ und kletterte auf die Gangway. Er führte Werkzeug bei sich. „Ich komme ja schon. Wie ich die Dinge einschätze, haben wir bis Mitternacht zu tun.“

Das stimmte. Ferris war für die nächsten Stunden nicht zu sprechen. Er suchte nach geeignetem Material, dann begann er, ein Notruder für die Karavelle zu basteln, eines, das solide genug war, um das Schiff zumindest zurück nach Plymouth zu steuern. Ferris war bekanntlich Spezialist für schwierige und ausgefallene Aufgaben. Einmal hatte er zwei riesige Flöße ganz nach eigenen Plänen konstruiert, und sie hatten darauf ihre Schatzbeute vom Stillen Ozean zur Karibik befördert, weil es einfach keinen anderen Weg gegeben hatte. Das war in Kolumbien gewesen. Sie hatten den Rio Atrato bis zum Golf von Darien befahren. Jeff Bowie hatte seine linke Hand durch Piranhas verloren, und später hatten er, Ferris, und Will Thorne ihm eine großartige Hakenprothese gebastelt, die fast noch besser als die von Matt Davies war.

Als Ferris das Notruder fertiggestellt hatte, fierte er es mit Hilfe von Taljen am Heck der Karavelle ab, ließ sich dann selbst in einer Tauschlinge hinunter und paßte das Ding in die Hennegatsöffnung ein. Er schraubte es fest, kehrte an Bord zurück und verband das Notruder im Inneren des Achterkastells mit dem Steuermechanismus des Kolderstocks.

Danach begann er, die vielen Lecks der „War Song“ auszubessern. Will Thorne hatte unterdessen alle Hände voll damit zu tun, die Lateinersegel auszubessern. Alle Männer, sowohl die Stammcrew der „War Song“ als auch Sir Johns Mannschaft und die Crew der „Isabella“, packten nach Kräften mit zu.

Die Toten wurden in Segeltuchbahnen genäht. Sullivan wollte sie aber unbedingt mit nach Plymouth nehmen, bevor er wieder auslief und sie auf See bestattete. Er wollte, daß man zur Kenntnis nahm, was sich abgespielt hatte und wer dafür verantwortlich war: Sir John, der die Männer der „War Song“ verantwortungslos in diese Auseinandersetzung geführt hatte.

Es war tatsächlich Mitternacht geworden.

„So“, sagte Ferris zu Sullivan. „Ihr könnt euch zurück nach Plymouth schleichen. Morgen liegt ihr wieder an der Pontoon Pier.“

Sullivan erwiderte: „Ja, und ich werde mir noch schwer überlegen, ob ich Sir John so einfach laufenlasse. So oder so wird er sich für die Geschehnisse zu verantworten haben.“

„Das ist mal sicher“, sagte Big Old Shane. „Aber hütet euch vor diesem Schlitzohr. Ihr habt ja jetzt gemerkt, was für ein rabenschwarzes Aas er ist.“

„Er sagte, du hättest seinen Sohn auf dem Gewissen.“

„John Malcolm?“ Shane nickte. „Ja, ich leugne es nicht. Schon damals, als Hasard nach Arwenack zurückkehrte und sie ihn in den Kerker sperrten, schwor ich, John Malcolm eines Tages den Hals umzudrehen. Er schlug diese Warnung in den Wind. Er wollte zusammen mit seinem Alten den Seewolf töten – einen Wehrlosen. Da fuhr ich aus der Haut. Ich weiß, daß meine Tat noch einiges nach sich zieht, aber ich bin bereit, alle Folgen zu tragen. Alle.“

„Auch ein Todesurteil?“ fragte Feeney.

„Auch das.“

„Du bist ein ganzer Kerl“, sagte Feeney. „Man trifft viele Spitzbuben und Halunken, selten aber einen aufrechten Mann.“

Big Old Shane lächelte nur grimmig. Was hätte er auch darauf erwidern sollen? Ein Mann stand für seine Taten ein, oder er taugte nichts.

„Wohin segelt ihr?“ wollte Sullivan wissen.

„Wir runden Cornwall und suchen uns zwischen Port Isaac und Hartland Point einen Schlupfwinkel, in dem wir uns verbergen können“, antwortete Ben Brighton.

„Könnt ihr nicht mit uns nach Plymouth zurückkehren?“ Sullivan blickte ihn an. „Wir würden euch helfen, daß ihr nicht belästigt werdet. Zusammen sind wir stärker.“

Ben lächelte. „Ich danke dir für das Angebot. Aber es gibt Dinge, denen wir ziemlich machtlos gegenüberstehen. Nimm das Intrigenspiel eines Burton, eines Keymis oder eines Sir John Killigrew – was willst du dagegen ausrichten? Einmal haben wir uns unter Androhung des offenen Kampfes vor den Friedensrichtern und der Stadtgarde zurückziehen können. Ob das ein zweites Mal klappen würde, weiß ich nicht.“

„Unsere Wege trennen sich also?“

„Ja, Sullivan.“

„Vielleicht sehen wir uns einmal wieder.“

„Vielleicht.“ Ben drückte ihm die Hand. „Alles Gute, Sullivan.“ Dann kehrte er über die Gangway auf sein Schiff zurück. Ferris Tucker, Will Thorne und all die anderen von der Seewolf-Crew gingen ebenfalls.

Feeney blickte ihnen nach. „Ehrlich gesagt: Jetzt, nachdem ich sie kennengelernt habe, tut es mir leid, daß sie abrücken. Das ist wirklich ein außergewöhnlicher Haufen. Weißt du, was mir klargeworden ist, Sullivan? Nur eine solche Crew konnte um die halbe Welt reisen, einen sagenhaften Schatz erbeuten und auch heil damit nach England zurückkehren. Schade, daß ihr ein so mieser Empfang bereitet wurde. Wirklich schade. Sie haben’s nicht verdient.“

7.

Sullivan ließ drüben auf der „War Song“ die Gangway einholen. Die Festmacher zwischen den beiden Schiffen wurden losgeworfen, dann löste sich die Karavelle von der Isabella V.“ und setzte die Segel. Bei immer noch aus Nordwesten einfallendem Wind segelte sie nach Ostnordost davon.

Die Schaluppe war längsseits der Backbordseite der „Isabella“ gegangen. Gary Andrews, Al Conroy, Matt Davies und Stenmark waren aufgeentert und hatten mittlerweile auch ausführlich erzählt, was sich seit ihrem Fortgang von der „Isabella“ im Hafen von Plymouth zugetragen hatte.

„Gut“, sagte Ben Brighton jetzt. „Wir können die Schaluppe nicht an Bord nehmen, dazu ist sie zu groß. Ich will sie aber auch nicht aufgeben.“

„Sie könnte uns noch von Nutzen sein“, sagte Gary.

„Eben. Natürlich könnt ihr während der ganzen Fahrt nicht nur zu viert an Bord der Schaluppe bleiben. Wir bemannen sie stärker.“

„Aber es mangelt dir auf der ‚Isabella‘ doch schon an Leuten“, wandte Matt Davies ein.

„Sie ist so und so zahlenmäßig unterbesetzt. Was ändert es schon, wenn ich ein paar Mann mehr oder weniger habe? Ed!“

Carberry, der auf der Kuhl und dem Quarterdeck das große Aufklaren nach dem Kampf leitete, wandte den Kopf.

„Ed, du übernimmst ab sofort die Führung der Schaluppe. Suche dir noch drei Männer aus, die du außer Al, Gary, Matt und Stenmark mit hinüberwechseln läßt.“

„Aye, aye. Jeff Bowie und die beiden Holländer“, entschied der Profos schnell.

Wenig später enterten sie auf die Schaluppe ab. Dann trennten sich beide Schiffe voneinander, und sowohl die Schaluppe als auch die Galeone setzten ihre Segel, gingen auf Westkurs und liefen über Backbordbug ihrem unbestimmten Ziel entgegen.

Die Stunden verstrichen rasch. Am Morgen wechselte der Wind auf West, und die beiden Schiffe mußten kreuzen. Es war eine beschwerliche Art zu segeln: zwei Schritt vor, einen zurück. In der folgenden Nacht sprang der Wind glücklicherweise wieder um und wehte aus nördlichen Richtungen. Am nächsten Tag fiel er immer noch aus Norden ein. Die „Isabella V.“ und die zweimastige Schaluppe hatten bis zum Abend wieder ein ansehnliches Stück Strekke zurückgelegt.

Sie standen südlich von Falmouth vor Lizard Head, dem südlichsten Zipfel Englands.

In der Nacht enterte Jean Ribault wieder in den Hauptmars auf. Er hatte sich einen kleinen Beutel voll Rosinen in die Tasche gesteckt. Arwenack mußte es geahnt oder gerochen haben – jedenfalls hockte auch er bald wieder bei dem Franzosen im Großmars. Er saß ganz ruhig, nahm nicht den Blick von Jean und bohrte sich angelegentlich in der Nase.

„Mon ami“, sagte Jean seufzend. „Du hast die Erziehung nicht gerade mit Löffeln zu dir genommen. Oder anders gesagt, du hast ein saumäßiges Benehmen.“

Arwenack ließ ein beunruhigtes Grunzen vernehmen.

Jean hob mahnend den Zeigefinger. „Siehst du, ich bin ein adliger Hugenotte, falls dir das noch niemand verraten hat. Nach der Bartholomäusnacht verließ ich Frankreich und wurde Abenteurer. Deswegen habe ich aber nicht meine Herkunft abgelegt, und es liegt mir fern, sie zu leugnen.“

Der Schimpansenjunge legte den Kopf schief. Er vergaß, in der Nase zu bohren. Er legte die Stirn in Falten und gab sich alle Mühe, etwas von Jeans Vortrag zu verstehen.

„Brav“, sagte Jean. „Sehr brav. Es mangelt dir also nicht an Intelligenz, mon ami. Weißt du, in gewisser Weise bist du sogar weniger schwer von Begriff als der Kutscher. Wirklich. Ich bin ein Gourmet – ein Feinschmecker. Aber der Kutscher, allmächtiger Gott im Himmel, hat es bis heute nicht fertiggebracht, meinen Anforderungen gerecht zu werden. Wie findest du das?“

Arwenack schnaufte. Wie gern hätte er die Menschen verstanden. Seine Menschen auf seinem Schiff. Er betrachtete die „Isabella“ als sein Eigentum, und wer sie kriegerisch betrat, der kriegte eine Kokosnußschale auf den Kopf gepfeffert – oder einen Belegnagel. Ansonsten, seine Menschen konnte er wirklich gut leiden, und sie leisteten ihm so nett Gesellschaft. Aber sie waren zu kompliziert. Sicher, irgendwie schienen sie verwandt mit ihm zu sein, aber die Laute, die sie von sich gaben, waren für einen Affen das allerschlimmste Kauderwelsch.

„Ich danke dir, daß du mit dem Nasebohren aufgehört hast“, sagte Jean. „Dan wird es nicht glauben, daß wir uns so gut verstehen.“

Arwenack grunzte besorgt.

Jean lächelte und griff in die Tasche. Arwenack hatte keine Sprache, aber er wußte sich zu verständigen. Als Jean ihm jetzt Rosine um Rosine in die aufgehaltenen Affenhände schüttete, nahm sein Gesicht einen zufriedenen Ausdruck an.

„Du bist kein Gourmet“, sagte Jean. „Du hast es leicht.“

Er stand auf und hielt Rundblick. Mit dem Spektiv ließ sich in der Nacht kaum etwas anfangen, es sei denn, der Mond schickte sein Licht aus oder irgendwo gab es eine andere Helligkeitsquelle, die man anvisieren konnte.

Wolken verdeckten den Mond, aber sie waren nicht mehr so dicht wie in der Nacht, als sie gegen die „War Song“ gekämpft hatten. Jean wußte, daß sie, wenn sie noch ein Stückchen weiter nach Süden gezogen waren, die blasse Scheibe des Mondes freigeben würden.

Was brachte die Nacht? Würde sie so ruhig wie die vergangenen bleiben? Vor Überraschungen war man nie sicher. Ständig mußte man auf der Hut sein. Ein Ausguck war ein miserabler Ausguck, wenn er nicht wie ein Luchs aufpaßte. Wie oft hatte der Seewolf spanische Galeonen überfallen, deren Ausguck schlief. Die Folgen waren für die Spanier immer fatal gewesen. Und: Hatten Hasard und seine Männer nicht schließlich selbst böse Erfahrungen mit einem schlechten Ausguck gemacht?

Patrick O’Driscoll hatte auf Cayman Grae Landwache geschoben, während sie mit der „Isabella V.“ vor dem Inselchen südlich von Kuba geankert hatten. Dann hatte sich Caligu, der Pirat, mit seiner Karavelle vorbeigeschlichen. O’Driscoll hatte auf seinem Posten gepennt, und Caligu war ungesehen vorbeigezogen. Hätte sie dann Valdez, der tapfere spanische Soldat, nicht in der Nacht gewarnt, wäre Caligu mit seinen Schurken über sie hergefallen und hätte sie niedergemetzelt.

O’Driscoll war zu den Piraten übergelaufen und später im Kampf gefallen. Jean dachte an dies und anderes und hielt die Augen offen. Man mußte im Leben Lehrgeld bezahlen. Erfahrungen waren dazu da, daß man sie sinnreich anwendete.

Arwenack zupfte ihn am Stiefel, weil er mehr Rosinen haben wollte, aber Jean Ribault stand plötzlich stocksteif. Da, im Süden, war da nicht etwas? Er glaubte einen Funken gesehen zu haben. Rasch hob er doch das Spektiv ans Auge. Durch die Optik erkannte er, daß es sich bei dem Funken um die Laterne eines Schiffes handelte.

Die Wolken gaben den Mond frei. Jean hatte mehr Licht und das Schiff segelte näher heran. Dann schluckte der Franzose ein paarmal heftig. Im Kieker gewahrte er ein zweites Licht, dann ein weiteres, und allmählich ließen sich die Konturen mehrerer Schiffe erkennen.

„Deck!“ rief er. „He, pennt ihr denn alle?“

„Du träumst wohl“, gab Blacky von der Kuhl zurück. „Was ist los? Hast du Wanzen im Großmars?“

„Schlamassel, Blacky. Von Süden ziehen Schiffe heran.“

„Himmel – wie viele?“

„Warte. Sie segeln in Kiellinie. Ich sehe zwei dicke Galeonen und zwei, nein, drei Karavellen.“

„Engländer?“

„Das weiß der Teufel.“

Ben Brighton und Ferris Tucker waren auf den Beinen, ebenso Big Old Shane und der alte O’Flynn. Sie hatten mitgehört, was Jean und Blacky sich zugerufen hatten. Ben begab sich aufs Achterdeck, zog das Spektiv auseinander und blickte hindurch. Nur ganz schwach vermochte er an der südlichen Kimm zunächst einen grauschwarzen Schatten und dann ein Licht zu erkennen.

„Die Schiffe kreuzen gegen den Nordwind“, sagte er. „Bald sind sie näher heran und entdecken uns, wie wir sie entdeckt haben. Ferris, lösche bitte die vordere Laterne, ich kümmre mich um das Hecklicht. Es ist in jedem Fall klüger, wenn wir unsichtbar werden.“

„Aber wie kriegen wir ’raus, ob das Freund oder Feind ist?“ fragte der alte O’Flynn mit einem besorgten Blick nach Süden.

„Wir wahrschauen die Schaluppe und schicken sie vor“, sagte Ben Brighton. „Sie ist klein genug, um nicht gleich gesehen zu werden. Außerdem ist sie schnell und wendig und kann sich gleich wieder verholen, wenn sie die Herkunft der fremden Schiffe erforscht hat.“

Shane trat ans Steuerbordschanzkleid des Achterdecks. Er steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus. Drüben auf der zweimastigen Schaluppe regte sich etwas. Profos Carberry hob die Hand zum Zeichen, daß er verstanden hatte.

Die Schaluppe segelte in Luv der „Isabella“, und zwar rund eine Kabellänge von ihr entfernt. Carberry ließ jetzt abfallen und näherte sich der Galeone.

„Ed“, rief Ben. „Jean hat fünf Schiffe gesichtet, die von Süden heransegeln. Ihr habt mit der Schaluppe die besseren Möglichkeiten, euch anzupirschen und wieder zu verdrükken. Seht nach, um was für Landsleute es sich da handelt.“

„Wird erledigt“, gab Carberry zurück.

„He“, sagte Ed Carberry. „Seid ihr wach, ihr alten Rübenschweine?“

„Hellwach“, erwiderte Gary Andrews.

Matt Davies erschien in der Luke des Kajütenniederganges und sagte: „Was ist denn los?“

„Nimm dir die Petersilie aus den Ohren“, schnappte Carberry. „Kannst du mich hören?“

„Nicht, wenn du so flüsterst“, sagte Matt grinsend.

„Wir gehen platt wie eine Flunder vor den Wind“, brüllte der Profos, daß es bis zur „Isabella“ hinüber zu vernehmen war. „Und daß ihr gesengten Säue mir bloß keinen Lärm macht. Wir spüren nämlich einen Schiffsverband auf, falls ihr das noch nicht kapiert habt.“

„Hier lärmt bloß einer“, nörgelte Matt Davies, aber er hütete sich, zu laut zu sprechen. Solange Carberry schrie, war er gesund, aber er konnte auch verdammt grantig werden, wenn ihm jemand Kontra gab.

Die kleine Schaluppen-Crew ließ die „Isabella“ an sich vorüberrauschen, dann fiel sie ab und klüste vor dem frisch bis handig blasenden Nordwind nach Süden. Natürlich brannte kein Licht an Bord, und bald wurde auch kein Ruf mehr ausgestoßen, denn sie waren dem Verband binnen kurzem so nahe, daß sie sich leicht hätten verraten können. Sogar Carberry schaffte es, sein Organ zu dämpfen.

„Zwei dicke Galeonen und drei Karavellen“, raunte er Al Conroy und Gary Andrews zu. „Der Henker mag wissen, wer sie sind und was sie wollen, doch eins steht fest: Sir John ist es nicht. Schließlich kann der nicht zaubern – nach Plymouth zurückkehren, in aller Eile einen kleinen Konvoi zusammenstellen und uns dann nachjagen.“

„Unmöglich“, pflichtete Gary ihm bei. „Aber auch Burton konnte es nicht schaffen, uns zu folgen und den Weg abzuschneiden. Nein, das Zusammentreffen hier erfolgt ganz zufällig.“

„Na schön“, flüsterte Matt. „Aber wer sind die Burschen?“

Carberry hantierte mit dem Kieker, aber durch die Optik ließ sich wenig erkennen. Die beiden breiten, behäbigen Galeonen führten den Verband an. Sie wirkten klotzig und fast ein bißchen unheimlich. Carberry sah auch die drei Karavellen in ihrem Kielwasser, denn gerade segelte der Verband einen Kreuzschlag nach Nordwesten, über Backbordbug also. Eine halbe Meile, so schätzte der Profos, trennte sie noch von den Schiffen.

„Matt, du Schlaumeier“, brummte Carberry. „Woran erkennt man ein spanisches Schiff?“

„Du meinst ...“

„Gar nichts meine ich. Antworte auf meine Frage.“

„Also, es gibt da Unterschiede in der Bauweise.“

„Bei Nacht sind alle Katzen grau.“

„Und die Dons, diese eingebildeten Kastanienfresser, führen an jedem Schiff ein Holzkreuz, das unter der Galion baumelt – weil sie doch so gläubig sind.“

Carberry fluchte. „Glaubst du, man kann bei Nacht Holzkreuze baumeln sehen? Dann hättest du ja gleich vorschlagen können, nach den Flaggen der Kähne zu äugen, du Aal.“

„Darf ich mal?“ fragte Gary.

Carberry händigte ihm bereitwillig den Kieker aus. Gary beobachtete eine Weile. Seine sieben Kameraden schwiegen und blickten Steuerbord voraus zu dem schemenhaft dahinziehenden Verband. Gary peilte eine Positionslaterne auf der Führergaleone an, und dann, ganz unversehens, entdeckte er gleich neben dem Licht etwas matt Blinkendes.

„Da haben wir’s“, stieß er hervor. „Ein spanischer Helm. Da, noch einer! Jetzt haben sich die Philipps verraten. Auf den Galeonen fahren spanische Soldaten, verdammt noch mal.“

„Hab ich’s doch gewußt“, sagte Matt Davies – und handelte sich einen Seitenblick von Carberry ein. Der Profos schnitt eine Grimasse, als wolle er den guten Matt mit Haut und Haaren fressen.

„Was haben die vor, diese miesen Hunde?“ fragte Piet Straaten.

Carberry schnaufte erbost. „Könnte sein, daß sie nach Irland segeln. Wäre ja nicht das erste Mal. Oder sie planen ein Landeunternehmen, womöglich wieder auf Falmouth. Wir werden ja sehen, wohin sie sich wenden, diese miesen Kakerlaken, Rübenschweine und Kanalratten.“

Die Männer blickten sich an.

Was der Profos da ausgesprochen hatte, war wirklich keine reine Utopie. Im November 1578 hatten die Spanier Falmouth überfallen und den halben Hafen zerstört. Sie hatten Gefangene abgeführt, und Sir John hatte seelenruhig dabei zugesehen. Er hatte sich damals auf Arwenack eingeigelt und nicht im entferntesten daran gedacht, für die anderen einen Finger zu krümmen.

So waren die Gefangenen zunächst nach Spanien und dann über den Atlantik in die Neue Welt gebracht worden. Die Gruppe von Unglücklichen hatte aus dem alten O’Flynn, Shane, Baldwin Keymis sowie fünf Fischern, drei Handwerkern, Stallknecht Dick Stable und Stadtschreiber Robert Rowe bestanden. Und ein Mädchen war dabeigewesen: Gwendolyn Bernice O’Flynn, die heute Killigrew hieß und eine junge Frau geworden war.

Dem alten O’Flynn war die Flucht mit einem Beiboot gelungen, bevor die Reise im Kerker von Santo Domingo, Hispaniola, endete. Von dort aus sollten die Gefangenen später zur Zwangsarbeit ins Inselinnere verfrachtet werden. O’Flynn aber war durch puren Zufall auf die „Isabella“ gestoßen, mehr tot als lebendig. Ferris Tucker hatte ihm neue Krücken gezimmert, der Kutscher hatte ihn wieder hochgepäppelt, und dann hatten sie alle Mann den Kerker von Santo Domingo gestürmt und die Landsleute befreit. Im Nachhinein bereute die Crew der „Isabella“ nur eins – daß. sie Baldwin Keymis, dieses falsche Aas, nicht auf Hispaniola zurückgelassen hatten. Ein bißchen Zwangsarbeit hätte ihm gutgetan.

Bahnte sich jetzt etwas Ähnliches an wie im November 1578?

Jan Ranse hatte den Kieker zur Hand genommen. Er kauerte im Bug der Schaluppe und hielt nach dem Verband Ausschau.

„Zappenduster“, sagte er plötzlich. „Die Dons haben die Lichter gelöscht.“

„Was soll das denn?“ sagte Jeff Bowie.

„Sie gehen über Stag und kreuzen nach Nordosten“, sagte der Holländer.

„Wenn die nach Irland wollten, hätten sie längst ganz nach Westen geschwenkt“, erklärte Gary Andrews. „Somit wird wahrscheinlich, was Ed gemeint hat.“

„Was tun wir?“ fragte Al. „Kehren wir zur ‚Isabella‘ zurück und warnen Ben?“

„Nein“, erwiderte Carberry. „Ben weiß schon selbst, was er zu tun hat. Er wird seinen Kurs weiter nach Osten verlegen und vor tintenschwarzer Nacht auf Parallelkurs mit dem Verband laufen, ohne daß die Philipps ihn entdecken. Wir bleiben so dicht wie möglich an den Spaniern und sehen, was sie unternehmen.“

„Wie die Zecke am Hintern einer Kuh“, sagte Matt Davies.

„Verflucht, du wiederholst dich“, sagte Stenmark.

Die Fahrt verlief fortan schweigend, alles konzentrierte sich auf die Verfolgung des spanischen Schiffsverbandes. Und wie die Schaluppe von Sir John auf der „War Song“ nicht gesichtet worden war, so bemerkten jetzt auch die Dons nicht, daß ihnen jemand auf den Fersen saß.

Etwa eine Stunde verging, dann sagte Carberry: „Also, Lizard Head liegt längst Backbord achteraus. He, Jan, du holländischer Dickschädel, kannst du schon Land sehen?“

„Nein, Sir.“

„Und doch“, sagte Carberry düster. „Die Gegend hier kommt mir so bekannt vor.“

„Gegend?“ wiederholte Jeff Bowie verwundert. „Wie kannst du von Gegend sprechen? Rundum ist nur verdammtes, schwarzes, salziges Seewasser, und man sieht kaum die Hand vor Augen, wenn der Mond weg ist.“

„Du bist eben nicht in Cornwall zu Hause“, meinte Gary.

„Na dann“, erwiderte Jeff ziemlich verdrossen. „Dann verrate mir doch mal, wo wir uns befinden.“

„Ich will nicht mehr auf die ‚Isabella‘ zurückkehren, wenn wir nicht bald in Falmouth sind“, sagte Gary Andrews.

Etwas später meldete Jan Ranse: „Der Verband wird langsamer und zieht eine Schleife nach Nordwesten, Holla, jetzt geien die Dons die Segel auf, wenn mich nicht alles täuscht.“

„Gary“, sagte Carberry. „Noch dichter ’ran an die Halunken.“

„Land“, verkündete der Holländer wenige Augenblicke darauf. „Und ich sehe auch eine Burg.“

Carberry nickte. Seine Miene war grimmig. „Na bitte, Jeff, du alter Stinkstiefel. Da haben wir’s. Die Burg heißt Pendennis Castle, und sie wurde von dem alten Hurenbock Heinrich VIII., Elizabeths Vater, errichtet, falls dich jemand fragt. Sie steht auf einer zipfeligen Spitze, die in die Falmouth Bay ragt. Dahinter verläuft in Ost-West-Richtung die schlauchartige Mündungsbucht des Fal.“

„Somit liegt der Fall klar“, sagte Al Conroy. „Die Dons überfallen wieder Falmouth, und diesmal gelingt es ihnen vielleicht auch, die Feste Arwenack zu stürmen.“

„Geschieht Sir John ganz recht“, meinte Matt Davies.

„Stimmt“, sagte Carberry, „aber deswegen können wir noch lange nicht zulassen, daß die Spanier in aller Seelenruhe an Land gehen, Häuser niederbrennen, Menschen töten und plündern.“

Der Mond zeigte sich in einem Wolkenloch. Gespannt blickten die Männer über das Backbordschanzkleid der Schaluppe und gewahrten, wie der Verband allmählich stoppte. Kurz darauf konnten sie nicht nur sehen, sondern auch hören, wie Bug- und Heckanker der Schiffe an ihren schweren Trossen ausrauschten und ins Wasser klatschten.

Carberry ließ sich den Kieker geben. So wurde er Zeuge, wie die Spanier Beiboote abfierten. Sie belegten Jakobsleitern an den Oberkanten der Schanzkleider, dann enterten reihenweise Soldaten ab und besetzten die Boote. Carberry sah noch etwas anderes und kriegte mit einem Mal beinahe Stielaugen.

„Jetzt hört aber alles auf!“ stöhnte er. „Die mannen Fässer in die Boote – Pulverfässer. Himmel, Arsch und Zwirn, die wollen Pendennis Castle in die Luft sprengen. Gary, dreh nach Steuerbord! Wir setzen Vollzeug und rauschen mit achterlichem Wind zur ‚Isabella‘ zurück. Ich will doch hier nicht hocken und Daumen drehen, während der Feind England besetzt.“

8.

„Deck!“ rief Jean Ribault aus dem Hauptmars der „Isabella“. „Die Schaluppe läuft von Backbord voraus auf uns zu.“

Ben Brighton trat gespannt ans Schanzkleid des Achterdecks. Er sichtete die Schaluppe. Sie wirkte wie ein Schwan, der die Fluten teilt. Rechtzeitig vor der Galeone luvte sie an und ging dann fast ganz in den Wind, um Fahrt zu verlieren. Sie glitt auf Rufweite heran. Edwin Carberry stand am Schanzkleid bereit.

„Hölle und Teufel!“ rief er. „Die fünf Schiffe sind Spanier, und sie haben vor Pendennis Castle geankert, um es mit Pulver in die Luft zu jagen.“

„Verdammt“, sagte Shane. „Die Dons werden immer rotznäsiger.“

„Haben die denn keinen Respekt?“ Der alte O’Flynn spuckte aus. „Teufel, das ist ja gerade so, als wären wir Leute von Cornwall eine Hammelherde, in die man nur einzufallen braucht und reißen kann, was man will.“

„Nur der Oberhammel läßt sich nie erwischen“, sagte Shane düster.

„Sir John?“ O’Flynn lachte auf. „Ho, dem würde ich es natürlich gönnen, wenn die Spanier ein bißchen an seinem Besitz rupften.“

Ben Brighton erwiderte: „Eines Tages werden die Spanier versuchen, England ganz zu besetzen und zu vereinnahmen, auf London zu marschieren und die Königin zu unterwerfen.“

„Mann, mal bloß nicht den Teufel an die Wand“, sagte Ferris Tucker.

„Sie brauchen dringend eine Lektion“, sagte Ben. „Wir greifen sie an!“

Die Männer auf der Kuhl stießen Beifallsrufe aus, und auch drüben auf der Schaluppe wurde gejohlt. Ben hatte seine Bedenken, was die Kampfbereitschaft und Manövrierfähigkeit der „Isabella“ betraf – immerhin war die Mannschaft nun noch weiter zusammengeschrumpft und stellte nur noch ein Häufchen dar: siebzehn Mann auf einer Galeone dieser Größe! Dennoch, es gab nichts, das ihn zurückhielt.

„Wir kaufen uns die Spanier“, sagte er. „Unser Einsatz wird in jedem Fall etwas nutzen, ganz gleich, wie er verläuft. Wir warnen durch unser Feuer ja die Burgbesatzung von Pendennis Castle.“

Shane rieb sich die riesigen Hände. „Ja, wir werden für Aufstand sorgen. Batuti, bist du bereit zum großen Wettschießen?“

Und Batuti, der schwarze Herkules, gab von der Kuhl zurück: „Ja. O Mann, Batuti kaum erwarten kann, daß Dons die Jacke vollkriegen.“

„Ferris“, sagte Ben. „Du nimmst Carberrys Platz ein. Aber die Männer wissen ja auch so, was sie an den Geschützen zu tun haben.“

Ferris grinste. „Nun, ich werde ihnen was vorbrüllen, sonst fehlt ihnen die übliche Begleitmusik.“

Er verließ mit Big Old Shane das Achterdeck, und auch O’Flynn schloß sich ihnen an. Ben blieb allein auf dem Achterdeck zurück. Er beugte sich über die Holzbalustrade, die den Querabschluß zum Quarterdeck bildete. „Pete, wir nehmen Kurs nach Westen auf die Falmouth Bay zu!“

„Aye, aye, Kurs nach Westen“, wiederholte Pete Ballie.

Wenig später segelten die beiden so unterschiedlichen Schiffe bei halbem Wind westwärts. Die Schaluppe hielt wieder die Luvposition. Die „Isabella V.“ pflügte die See und schob eine breite Bugwelle vor sich her. Während ein Drittel der Crew, also sechs Mann, mit den Segeln beschäftigt war, bewegte sich der Rest in aller Eile über Deck und suchte die Gefechtsstationen auf.

„Schiff klar zum Gefecht!“ brüllte Ferris Tucker. „Wollt ihr wohl laufen, ihr Rübenschweine und Affenärsche? Braucht ihr vielleicht eine Sondereinladung? Los, los, der Kutscher ist nicht an Bord. Karl, du streust Sand aus und füllst die Holzkübel für die Wischer mit Seewasser. Löst doch die verdammten Brooktaue und zieht die verfluchten Stückpforten hoch.“ Er wandte den Kopf. „He, Batuti, willst du wohl die Großschot dichter holen oder sollen wir deinetwegen langsamer laufen? Nils Larsen, ich zeige dir gleich, wie man fachgerecht ein Fall klariert, du eingepökelter Hering!“

Smoky, der Decksälteste, grinste amüsiert.

Sam Roskill war neben ihm und sagte: „He, findest du nicht, daß er ein bißchen übertreibt mit dem Gewetter?“

„Er glaubt, wir sehnen uns nach Carberrys lieblicher Stimme“, sagte Smoky.

Ben Brighton kontrollierte den Stand der Segel und gab Pete eine geringe Kurskorrektur an. Carberry und die anderen auf der Schaluppe kannten die Richtung, die sie nehmen mußten, aber Ben benötigte keine Führung, er kannte sich auch so aus und wußte, wo ihre Position war und wo genau Pendennis Castle lag.

Und gegenüber den Spaniern hatte er zwei Vorteile. Erstens ankerten sie und waren also manövrierunfähig. Die „Isabella“ und die Schaluppe hingegen konnten zwischen dem Verband hindurchsteuern, wie sie wollten. Zweitens würde der Angriff überraschend erfolgen, denn die Dons ahnten ja nichts von dem Feind im Dunkel. Beides waren unschätzbare Vorteile, die Ben ausnutzen mußte.

Er wollte gleich zu Beginn die beiden dicken Galeonen angreifen und die Breitseiten der „Isabella“ einsetzen.

Und die Drehbassen? Die Crew hatte vollauf mit den zwei Dutzend Culverinen zu tun. Es gab ja nicht einmal genügend Männer auf der Kuhl, auf jeden Kopf kamen zwei 17-Pfünder. Niemand von ihnen konnte sich um die zehn drehbaren Geschütze auf der Back und dem Achterkastell kümmern.

Ben Brighton begann, die Drehbassen eine nach der anderen zu laden.

Blacky schuftete wie ein Besessener. Er hatte die zwei Culverinen an der Backbordseite der Kuhl, für die er nun zuständig war, in Ladestellung gebracht. Ihre Rohre schoben sich durch die geöffneten Stückpforten und schauten drohend in die Nacht. Sie lehnten mit den Vorderkanten ihrer Eichenholzlafetten direkt an der Innenseite des Schanzkleides. Die Zugtaljen, die sie hinten festhielten, bis der Ladevorgang beendet war und verhinderten, daß sie nach vorn ausbrechen konnten, und die anderen Taljen, die sie am Zurückrollen hinderten, waren ordnungsgemäß angebracht. Jetzt lud Blacky.

Es war eine vertrackte Arbeit.

„Vier Hände müßte man haben!“ rief er. „Oder die Ladenummer müßte sich in zwei Stücke teilen können, zum Teufel. Ist das eine Klotzerei!“

„Mecker doch nicht“, gab Ferris zurück. Er hatte sich die beiden Geschütze links neben Blacky vorgenommen und arbeitete ebenfalls im Schweiße seines Angesichts. „Wenigstens kriegen wir keine Langeweile.“

„Ja. Aber wir müßten dringend mal ein paar Kerlen an Land auflauern und sie für unser Schiff pressen. Wie hat es denn Drake gemacht, als es ihm seinerzeit an Besatzungsmitgliedern für seine ‚Marygold‘ mangelte? Geschnappt hat er uns und nicht lange gefragt, ob wir einverstanden wären. Im Handumdrehen wurden wir auf die ‚Marygold‘ geschleppt und ...“

„Blacky“, fuhr Smoky dazwischen. „Hast du Strolch etwa meine Ladekelle geklaut?“

„Quatsch, ich brauche doch deine dämliche Scheißkelle nicht.“

Smoky holte mit dem Borstenschwamm aus, der zum Reinigen der Geschützrohre diente. Er stand rechts von Blacky und bediente auch zwei 17-Pfünder. Als er den Schwamm niedersausen ließ, ging der Hieb ins Leere, denn Blacky hatte sich durch einen Sprung bereits zur Seite hin in Sicherheit gebracht.

„Ihr Himmelhunde!“ rief Ferris. „Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen? Was fällt euch ein? Wir spielen hier doch nicht im Sandkasten. Smoky, ich habe zwei Kellen.“

Smoky holte sich die eine Kelle und murmelte dabei etwas, das wie „Hölle, Tod und Teufel“ klang.

Sie füllten Pulver in die Bodenstücke der Kanonen, legten die Kellen mit ihren zylindrisch geformten Kupferlöffeln weg und preßten mit den Ansetzern Wergpfropfen auf das Pulver. Die Pfropfen dienten zur Verdämmung. Das Pulver entwikkelte, je mehr es eingeengt wurde, bei der Explosion größere Kraft.

Auf das Pulver kamen die Kugeln. Sie wurden mit weiteren Knäueln Kabelgarn in ihren Lagen festgehalten. Anschließend füllten die Männer die Zündlöcher mit Pulver und legten die Lunten bereit.

„Fertig“, sagte Smoky. „Aber die Drehbassen auf der Back – kümmert sich denn keiner um die?“ Er schaute nach rechts zum Vorkastell hinauf. Dort stand kein Mann.

Ferris schlug vor: „Blacky und ich könnten deine 17-Pfünder mit übernehmen, und du steigst unterdessen auf die Back.“

„Ist gut.“

„Vergiß die Kelle nicht!“ rief Blakky – und entging gerade noch rechtzeitig einem neuen Schwammhieb.

Smoky rückte ab, hetzte den Niedergang zur Back hinauf und nahm sich die vier Drehbassen vor. Blacky rückte nach rechts, so daß er Ferris’ beide Culverinen und eine der von ihm selbst geladenen unter Kontrolle hatte. Ferris tat auch ein paar Schritte nach rechts und wachte nun – außer über seine beiden vorherigen Kanonen – auch über eine von Blakkys 17-Pfündern.

Jean Ribault war auf Ben Brightons Befehl hin aus dem Hauptmars abgeentert. Shane besetzte den vorderen Ausguckposten und legte seinen Bogen und den Köcher mit Pfeilen bereit. Arwenack schnappte sich seine leeren Kokosnußschalen und turnte mit beispielslosem Geschick zum Fockmast hinüber.

Shane blickte angestrengt voraus. Als sich eine dichte Wolkenbank nach Süden verzog und den Mond freisetzte, erkannte er dort, wo man bei Nacht sonst die Kimm nur vermuten konnte, einen horizontalen Strich, schwarz inmitten des bleiernen Blauschwarz der Nacht.

„Land“, verkündete er den Männern. „Wir haben Pendennis Castle vor uns. Und, mich laust der Affe, da sind ja auch die beiden Galeonen und die drei Karavellen der Spanier!“

Ben Brighton hatte seine Tätigkeit an den Drehbassen des Achterdecks vorläufig abgeschlossen. Er kehrte kurz an die Five-Rail zurück und rief: „Batuti! Sofort ab in den Hauptmars!“

„Aye, aye, Sir.“

Der Gambia-Neger setzte sich in Trab, sprang auf das Steuerbordschanzkleid der Kuhl, turnte über die Rüsten der Hauptwanten und enterte dann gewandt wie ein schwarzer Panther auf. Den großen Bogen hatte er sich über die Schulter geschoben. Der Köcher schlug gegen seinen Oberschenkel.

„Ferris!“ rief Ben.

„Alles klar. Das Schiff ist feuerbereit.“

„Und die Drehbassen auf der Back?“

„Auch klar“, entgegnete Smoky.

„Donegal!“

„Was gibt’s, Sir?“ rief der alte O’Flynn von unten.

„Kommst du zurecht?“ fragte Ben.

Der Alte trat mit seinem Holzbein gegen das Schanzkleid, daß es krachte. „Hör mal, ich bin doch kein Tattergreis. Na schön, Karl hat mir beim Laden dieser verdammten, bockigen 17-Pfünder geholfen, aber zünden kann ich die Ladungen selbst. Was ist, geht es jetzt endlich rund?“

„Ja“, sagte Ben.

So rauschten die „Isabella V.“ und die Schaluppe aus dem dunklen Horizont unter allen Segeln und gefechtsbereit auf die ankernden Schiffe der Spanier zu. An den Galeonen und Karavellen herrschte nach wie vor geschäftiges Treiben: Boote wurden bemannt und beladen. Ben sah es mit bloßen Augen, als sie mit der „Isabella“ auf gut eine Kabellänge an den Feind heran waren.

„Na wartet“, sagte er leise.

Die beiden fetten spanischen Galeonen lagen mit den Hecks zum Land und zeigten der „Isabella“ also ihre Vorsteven. Ben kalkulierte eiskalt. Reichte der Abstand zwischen den Schiffen aus, um seine Galeone durchzulassen? Er genügte ...

„Pete, zwei Strich Steuerbord.“

„Zwei Strich Steuerbord, Sir.“

„Donegal, auf keinen Fall zu früh schießen. Wartet den richtigen Zeitpunkt ab. Wir schlagen zu, wenn wir mitten zwischen ihnen sind. Gib das weiter!“

Der alte O’Flynn raunte es Karl von Hutten zu, und von Hutten gab es an seinen Nebenmann weiter. Die Meldung lief bis nach vorn zu Smoky und wieder an der Backbordseite zurück. Kein Ruf wurde jetzt mehr ausgestoßen, kein Fluch, kein Pfiff wurde laut. In der Totenstille, die sich unter der Crew ausbreitete, nahmen sich die Schiffsgeräusche überlaut aus: da war das Rauschen der Bugsee und das Plätschern der Wellen an den Bordwänden der „Isabella“, da waren das Knarren der Blöcke und Rahen und das verhaltene Summen des Windes.

Dann stieß die „Isabella“ mitten zwischen die beiden spanischen Galeonen. Die Hölle brach los.

Alarmrufe ertönten bei den Spaniern. Drüben trappelten Schritte über Deck, Ben und seine Männer konnten es ganz deutlich vernehmen. All das Geschrei und Gepolter nutzte den Dons aber nichts mehr. Sie reagierten zu spät und schafften es nicht mehr, rechtzeitig auf die Gefechtsstationen zu gelangen und die Geschütze auszufahren.

Die beiden spanischen Galeonen waren zwei gigantische Schattenrisse links und rechts der „Isabella“. Smoky stand ganz vorn auf der Back und fieberte, den Spaniern einen Treffer zu verpassen. Er kauerte sich hinter eine der Drehbassen, es war die vorderste der Backbordseite. Die Heckgalerie der in Backbord der „Isabella“ liegenden Galeone zog an ihm vorbei, dann das Achterdeck, das Quarterdeck, die Kuhl ...

Da waren auch die Beiboote zu sehen, die unterhalb der baumelnden Jakobsleitern schwabberten und wie Kletten an der Bordwand klebten. Es waren viele Soldaten, die sich von den Duchten aufrichteten, schrien und mit den Fingern auf die „Isabella“ wiesen. Es waren viele Musketen, die da hochgehoben, angelegt und schußbereit gemacht wurden.

Jetzt, dachte Smoky, warum nicht jetzt?

Hinter dem Schanzkleid der spanischen Galeone hantierten Männer an den Kanonen. Stückpforten fielen. Smoky sah die Back des Schiffes ins Blickfeld rücken und biß die Zähne zusammen. Warten, schön und gut, aber jetzt überspannte Ben Brighton den Bogen.

Da gellte Bens Stimme über Deck.

„Feuer!“

Blacky, Ferris Tucker und die anderen auf der Backbordseite senkten die glimmenden Luntenenden auf die Zündlöcher ihrer Kanonen. Die Glut fraß sich durchs Zündkraut, dann brüllten die Geschütze wie urweltliche Tiere und ruckten zurück. Brooktaue hielten ihren enormen Rückstoß auf. Ihre Mündungen waren Drachenmäuler, feuerspeiende Schlünde, die den Gluthauch des Todes ausspuckten. Die „Isabella“ krängte ein wenig nach Steuerbord, richtete sich aber sofort wieder auf.

Und dann schrie Ben Brighton wieder: „Feuer!“

Die Steuerbordbreitseite krachte. Ein doppelter Donnerschlag war zu vernehmen, denn die Männer zündeten zunächst ihre ersten, dann die zweiten Geschütze. Durch den ohrenbetäubenden Lärm hindurch waren das schrille Lachen des alten O’Flynn und – von hoch oben aus dem Fockmars – das Keckern und Kreischen von Arwenack zu vernehmen.

Smoky sah Feuer und Rauch, und mittendrin wirbelten Menschen, Körperteile und Trümmer wie die Fliegen durch die Luft. Er feuerte die erste Drehbasse ab und traf das Vordeck der Backbord liegenden Galeone. Männer schrien hüben wie drüben, es war die Hölle, das Unheil nahm seinen rasenden Lauf und gewährte den Gegnern keine Sekunde zum Atemholen, zur Erholung von dem heillosen Schreck, zur Besinnung. Smoky lief zur nächsten Drehbasse und zündete auch diese.

Er schoß der Galeone den Bugspriet weg und sah zu, wie das Ding mitsamt der Blinde vor der Galionsfigur nach unten absackte und in den Fluten verschwand. Er sprang nach Steuerbord, feuerte die dritte Drehbasse ab und erwischte auch noch die Back der anderen Galeone. Dann war die „Isabella“ an dem Feind vorbei und segelte auf die Küste zu – aber für die Spanier war es noch nicht ausgestanden.

Big Old Shane und Batuti waren in Aktion getreten. Sie schossen ihre Brandpfeile in wahnwitzigem Tempo ab. Wieder lieferten sie eines der Wettschießen, die an Bord der „Isabella“ berühmt geworden waren, seit Shane zu der Crew gestoßen war. Schon Caligu, dem Karibik-Piraten, hatten die beiden ein derartiges Gefecht geliefert. Und Caligu hatte das kalte Grausen gepackt!

Dann, querab von Cap da Roca in Portugal, als sie Sir John aus der Klemme geholfen hatten, hatten sie die Bogensehnen auch wieder surren lassen. Sie ergänzten und vollendeten das Werk der Kanonen. Die beiden spanischen Galeonen waren lahmgeschlagen. Sie hatten hohe Menschenverluste zu verzeichnen, und nun gingen auch noch ihre aufgegeiten Segel in Flammen auf.

Ben Brighton war der einzige Mann der „Isabella“, der im Kampf bisher nicht aktiv geworden war. Er setzte die sechs Drehbassen des Achterdecks nicht ein. Er wußte, daß er sie noch im weiteren Verlauf des Gefechts gut gebrauchen konnte.

Die „Isabella“ fiel ab, ging mit südlichem Kurs vor den Wind und passierte das Heck der durch ihre Backbordbreitseite beschädigten Galeone. Sie hielt jetzt auf zwei der Karavellen zu. Die dritte befand sich weiter nördlich, zwischen Galeonen und Küste.

9.

Al Conroy kauerte wieder im Bug der Schaluppe hinter der vorderen Drehbasse. Carberry hatte sich mit der Schaluppe wohlweislich etwas zurückgehalten, als sie auf den Feind gestoßen waren. Jetzt eröffnete die „Isabella“ das Feuer auf die beiden Galeonen. Ben Drighton steuerte mit großem Geschick und verwegen wie der Teufel zwischen ihnen hindurch. Es krachte, daß die Trommelfelle dröhnten, und die Fetzen flogen den Spaniern nur so um die Ohren.

Die Segel der Spanier begannen zu brennen, weil Ben Brandpfeile hatte abfeuern lassen.

Auf der dritten Karavelle, die nördlich versetzt mit dem Heck zum Land und dem Bug zur See ankerte, hastete sofort alles an die Steuerbordseite. Carberry, einem bewährten Rezept folgend, schlich sich von der Backbordseite an. Warum sollte hier nicht funktionieren, was auch schon die „War Song“ in Teufels Küche gebracht hatte?

Carberry hockte gleich hinter Al.

„Noch nicht, Al“, zischte er.

„Bin ich des Teufels?“

Sie glitten auf die dunkle Bordwand der Karavelle zu. Sie waren keine zehn Yards mehr entfernt, da ereignete sich ein Zwischenfall. Ein Spanier, mochte der Himmel wissen, warum, steckte seine Nase über das Backbordschanzkleid. Er riß Mund und Augen auf, so weit er konnte, fuchtelte mit den Armen und begann zu schreien.

„Schöne Scheiße“, sagte Carberry. „Putz ihn weg, Al.“

Al senkte die Lunte auf das Zündloch der Basse. Die Ladung fuhr donnernd aus dem Lauf, raste auf den Mann zu und riß ihn von den Beinen. Sie hieb eine klaffende Bresche in das Backbordschanzkleid der Karavelle, fegte dann über die Kuhl und nahm, wie an den Schreien der Besatzung zu hören war, noch den einen oder anderen mit. Im Nu herrschte fürchterlicher Zustand auf dem Schiff.

„Gary!“ rief Profos Carberry. Das genügte.

Gary Andrews betätigte das Ruder der Schaluppe. Sie strichen hart in Lee der Karavelle in Richtung Land und sahen die Stückpforten der Karavelle drohend neben sich. Der Schweiß brach ihnen aus – aber spät, viel zu spät waren auch hier die Spanier an ihren Geschützen.

Die Schaluppe glitt hinter dem Heck der Karavelle hervor, der Nordwind fuhr in ihre Segel und brachte sie zum Killen. Carberry fluchte, Gary bearbeitete das Ruder, wie die Wahnsinnigen zerrten die anderen sechs an Brassen und Schoten. Die Schaluppe ging auf halben Wind und segelte nach Westen.

Dann war Al Conroy, der am besten von allen zielen konnte, am achteren Geschütz. Er zielte und preßte die Lippen zu einem Strich zusammen. Auf der Karavelle veranstalteten die Soldaten und Seeleute ein Heidenspektakel. Für die Kanonen befand sich die Schaluppe im toten Winkel, aber es wurden Musketen abgefeuert. Al, Gary, Carberry und die anderen zogen die Köpfe ein. Plötzlich hagelte es gehacktes Blei, Eisen und kleine Kugeln.

„Bastarde, Affenärsche, Söhne verlauster Hafenhuren!“ brüllte der Profos. „Wartet, wenn wir euch erwischen!“

Al blieb trotz allem eiskalt. Er nahm den Kopf wieder hoch, sobald es die Lage erlaubte – und zündete die Basse. Die Stichflamme leckte aus der Mündung und stieß die Ladung vor sich her. Sie fuhr ins Heck der Karavelle und erwischte das Ruder. Al lachte, als er es zersplittern sah.

„Ab durch die Mitte und nachladen“, ordnete Carberry an. „Wir haben die Hunde nicht versenkt, aber wenigstens können sie nicht mehr manövrieren.“

Sie folgten dem Verlauf der Küste und sahen die „Isabella“, die nun zum Angriff auf die beiden anderen Karavellen des Verbandes ansetzte.

Big Old Shane sichtete das Boot mit bloßen Augen. Es wurde von der einen Karavelle wie verrückt fortgepullt. Kein Zweifel, die Spanier dort versuchten, dem Inferno zu entgehen und das Land zu erreichen.

Shane sagte: „Halt dich fest, Arwenack, jetzt gibt es wieder Zunder.“

Er richtete sich hinter der Segeltuchverkleidung des Vormarses auf, legte den schon glimmenden Pfeil auf die linke geballte Hand, die den Bogen hielt. Den Schaft führte er auf die Sehne zu, dann klemmte er die Sehne und das Pfeilende zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Die Flamme an der Pfeilspitze loderte auf.

Shane zielte mit grimmiger Miene. Er rechnete das Absinken des Pfeiles in der Flugbahn mit, das bei einer derartigen Entfernung gegeben war. Er fluchte im stillen, dann ließ er den Pfeil von der Sehne schnellen.

Die lodernde Flamme zuckte in die Luft empor und zeichnete eine Linie in die Nacht. Sie sackte ab, fiel dem Boot entgegen und beleuchtete für eine Sekunde die Gestalten der Männer auf den Duchten. Sie pullten immer noch wie die Irren, aber sie entgingen Big Old Shanes Pfeil dennoch nicht.

Die Flamme stieß mitten in das Boot. Sie traf keinen Mann, aber die Besatzung brüllte dennoch los. Und das mit gutem Grund! Was Shane erhofft hatte, trat ein. Er hatte sich ausgerechnet, daß die Spanier wahrscheinlich in dem Boot Pulverfässer an Land beförderten. Er hatte sich nicht geirrt.

Eine feurige Lohe stieg urplötzlich aus dem Boot himmelan. Der gewaltige Donnerschlag erfolgte gleichzeitig, dann hob es das Boot hoch, trieb es auseinander, wirbelte seine Trümmerstücke durch die Gegend. Shane sah auch, was mit der Bootsbesatzung geschah. Er verzog keine Miene. Warum hatte er kein Mitleid? Nun, er hatte die Spanier zur Genüge kennengelernt. Sie hatten ihn in der Gefangenschaft nicht gerade verwöhnt. Sie konnten unvorstellbar grausam sein. Aber es ging ihm nicht darum, Grausamkeit mit Grausamkeit zu vergelten, sondern nur um das eine: Sie mußten es lernen, diese hochnäsigen, überheblichen Dons, daß sie nicht die ganze Welt beherrschen konnten. Es gab Grenzen, die auch sie berücksichtigen mußten. Gut, der Stärkere hatte immer recht, aber irgendwo fand auch er seinen Meister.

In diesem Sinne handelte auch Hasard. Die Spanier hatten beschlossen, daß die Neue Welt mit ihren Gold- und Silberschätzen ihnen gehörte, aber warum sollte man es ihnen so leicht machen? England war, im Vergleich mit Spanien gesehen, ein armseliger Tropf und Habenichts, da war es mehr als legal, wenn er dem großen Philipp II. von Spanien etwas von seinem immensen Reichtum abzwickte und ihm beibrachte, daß auch Engländer etwas von der Seefahrt verstanden.

Und ob die „Isabella“-Crew etwas davon verstand! Die Wiegen der meisten Männer hatten im Gleichklang mit den Wogen der See geschaukelt, die Seefahrt war ihnen von Kind auf gleichsam in den Schoß gelegt worden. Und es mangelte ihnen auch nicht an Kampfgeist und Erfahrung – nicht, seit sie unter dem Seewolf fuhren!

Die Reste des explodierten Beibootes verteilten sich auf das Wasser. Die „Isabella V.“ segelte mitten über die Stelle hinweg, an der es von Shanes Brandpfeil getroffen worden war. Die Culverinen und Drehbassen waren in aller Eile nachgeladen worden, aber natürlich hatten die wenigen Männer es nicht schaffen können, alle Geschütze mit Pulver und Kugeln zu füllen. Sechs Kanonen standen an jeder Seite der Kuhl feuerbereit, zwei beziehungsweise immer noch sechs Drehbassen waren es auf Back und Achterdeck.

Die „Isabella“ schob sich zwischen Land und einer der Karavellen. Ehe der Gegner richtig begriff, daß es ihm an den Kragen ging, erteilte Ben Brighton den Feuerbefehl. Röhrend entließen die 17-Pfünder der Backbordseite ihre Ladungen. Das Resultat war verheerend. Das Steuerbordschanzkleid der Karavelle wurde aufgerissen, einige Kugeln trafen auch tiefer in die Bordwand, ein paar Lecks entstanden unterhalb der Wasserlinie.

„Volltreffer!“ jubelte der alte O’Flynn.

Shane grinste und ließ in rasender Folge die brennenden Pfeile von der Sehne surren. Batuti war auch wieder im Einsatz. Ein dichter Regen von Pfeilen ging auf die Karavelle nieder, und binnen weniger Sekunden stand ihre gesamte Takelage in hellen Flammen. Das Geschrei auf allen Schiffen wurde immer lauter. Das totale Chaos bahnte sich an.

Die „Isabella“ entging dem gegnerischen Feuer. Sie stieß nach Südwesten, ließ die spanischen Schiffe und Pendennis Castle achteraus liegen, fuhr dann eine Halse und steuerte über Steuerbordbug auf die dritte Karavelle zu, die in Lee der zweiten ankerte. Die Kugeln aus den Steuerbordgeschützen der zweiten spanischen Karavelle rasten heulend auf Land zu, richteten aber nichts an. Sie rissen nur ein paar Wasserfontänen hoch.

Die zweimastige Schaluppe mit Carberry und seinen sieben Getreuen hatte nun ebenfalls die schwer angeschlagene Karavelle erreicht und gab ihr den Rest. Die „Isabella“ war die eherne, uneinnehmbare Festung, die sich breit und drohend zwischen den Gegnern bewegte und durch Überlegenheit in der Armierung glänzte. Die Schaluppe war ein flinker Schatten, der einfach nicht zu fassen war, ihre Stärke lag in der List und Manövrierkunst ihrer kleinen Crew.

Die „Isabella“ rauschte hart am Wind an der dritten Karavelle vorbei und begrüßte sie mit ihrer halben Steuerbordbreitseite. Wieder flogen die Brandpfeile. Die Spanier eröffneten trotzdem das Feuer. Sie hatten am längsten Zeit gehabt, sich auf die Auseinandersetzung vorzubereiten. Die Schrecksekunden waren verflogen, jetzt antworten sie voll Erbitterung und Haß. Ben Brightons Männer lagen jählings flach auf den Bäuchen. Kugeln jaulten über sie weg. Ben Brighton kauerte auf dem Achterdeck, wartete seinen Augenblick ab und ließ dann seine Drehbassen sprechen. In einem Moment, in dem die Spanier nicht mehr damit rechneten, sandte er sechs gut gezielte Geschosse zu ihnen hinüber und richtete fast mehr damit an als die Kugeln der 17-Pfünder.

Ben wandte sich von den leergeschossenen Bassen ab und lief nach vorn an die Five-Rail. Er sah jetzt, daß es die zuerst angegriffene Galeone schwer erwischt hatte. Ihr Bauch füllte sich gurgelnd mit Wasser. Sie ging auf Tiefe. Zwölf gestanzte Kugellöcher der ersten Backbordbreitseite prangten in ihrer Backbordwand. Ben hatte gesehen, daß keine Kugel ihr Ziel verfehlt hatte. Die Galeone sank. Ihre Takelage brannte lichterloh, doch das bald über Deck sprudelnde Seewasser löschte den Brand von unten her.

Die andere Galeone hing tief mit dem Heck im Wasser und legte sich langsam auf die Seite. Ben drehte den Kopf und stellte zu seiner Genugtuung fest, daß sich auf den beiden Karavellen der Brand ausbreitete. Wer auf den vier erledigten Schiffen noch überleben wollte, der sprang kopfüber ins Wasser, tauchte weg und schwamm auf das Land zu. Diese Männer ließen sowohl die Crew der „Isabella“ als auch die Besatzung der Schaluppe in Frieden.

Die dritte Karavelle befand sich auch außer Gefecht. Ihr Kapitän hatte die Ankertrosse kappen lassen. Da aber das Ruder zerstört war, trieb das Schiff zunächst bedrohlich nahe an den Hecks der Galeonen vorbei und dann allmählich auf das Ufer zu. Sicherlich hatte der Kapitän gehofft, vom Nordwind auf die offene See gedrückt zu werden. Doch er hätte entsprechend manövrieren müssen. Da er es nicht mehr konnte, wurde seine Karavelle glatt auf eine nach Osten weisende Landzunge gesetzt.

Und erst jetzt brüllten die Kanonen von Pendennis Castle auf. Ben Brighton und seine Männer sahen die Mündungsblitze zucken und hörten den Geschützdonner. Ein Kugelregen ging auf den kläglichen Rest von Soldaten nieder, die sich unter dem Kommando der spanischen Kapitäne an Land und in den letzten Beibooten versammelt hatten.

„Sie kriegen ihr Fett, aber gründlich“, sagte der alte O’Flynn zufrieden.

„Wir haben hier nichts mehr zu tun“, sagte Ben, „und können Pendennis Castle den Rücken kehren.“

„Na dann“, sagte der Alte. „Arwenack!“

„Arwenack!“ riefen die Männer der „Isabella“, und die achtköpfige Crew der Schaluppe fiel mit ein.

„Kehren wir jetzt auf die ‚Isabella‘ zurück und lassen die Schaluppe hier zurück?“ erkundigte sich Matt Davies an Bord des Zweimasters.

„Bist du krank?“ wetterte Carberry. „Natürlich nehmen wir die Schaluppe mit. Erstens ist sie ein schmukkes Schiff, und zweitens habt ihr Kakerlaken sie doch bezahlt, was, wie?“

Die „Isabella V.“ und die Schaluppe verschwanden wie Geisterschiffe in der Nacht. Hinter ihnen loderte als weithin sichtbares Fanal das Feuer der spanischen Schiffe. Die Kanonen von Pendennis Castle donnerten unaufhörlich weiter. Sie rüttelten die letzten Bürger von Falmouth, die unerschütterlichen Tiefschläfer, wach, lockten sie aus ihren Häusern und läuteten den Tod der letzten kämpfenden Spanier ein. In Falmouth war alles auf den Beinen. Und einige von denen, die neugierig an die Küste geflohen waren, nahmen noch die Umrisse der fortsegelnden Retter in der Not wahr.

Die Männer des Seewolfes hatten unter Einsatz ihres Lebens das Leben Hunderter von Menschen gerettet. Und sie hatten den Besitz ihres wüstesten Feindes verteidigt und beschützt, den Besitz von Sir John Killigrew.

Sie wollten keinen Dank. Sie wollten die Unendlichkeit der See und die Sicherheit und Geborgenheit, die ihnen dieses großartige, unberechenbare und doch so geliebte Element bot.


1.

Auf dem Achterdeck der „Isabella V.“ stand Ben Brighton und starrte mißmutig in das bleigraue Wasser, dessen schwache Dünung monoton gegen den Schiffsrumpf klatschte.

Der Bootsmann, der die „Isabella“ befehligte, seit der Seewolf mit schweren Kopfverletzungen bei Sir Freemont in Plymouth lag, haderte mit sich und der ganzen Welt.

Seine neue Aufgabe stellte ihn vor Probleme, denen er sich zeitweilig einfach nicht gewachsen fühlte, die ihn überforderten und mit immer schwierigeren Situationen konfrontierten. Er war nicht der Mann, der grübelte, der mit sich haderte, aber heute hatte es ihn richtig gepackt. Er sorgte sich um ihr weiteres Schicksal, das nicht gerade rosig aussah.

Vom Himmel rieselte dünner, kalter Regen. Die Wolken sahen aus wie dicker, grauer Haferbrei, und aus Nordwest blies ein unangenehmer kühler Wind, der ihn frösteln ließ.

An diesem 13. Februar des Jahres 1580 lagen die „Isabella“ und die Schaluppe, die von Edwin Carberry geführt wurde, eine Kabellänge voneinander entfernt in der Mount’s Bay. Sie hatten Treibanker geworfen und dümpelten schwerfällig.

Als Ben Brighton sich umdrehte, sah er Smoky, der in der lauernden Haltung eines Verfolgten auf ihn zuschlich. Sein Gesicht war ernst und verschlossen. Er druckste eine Weile herum, wobei er sich bemühte, Brighton nicht direkt anzusehen.

„Was, zum Teufel, schleichst du hier so mißmutig ’rum wie ein altes, krankes Weib!“ fuhr Brighton ihn an.

Smoky zuckte zusammen. Da war er ja gerade in Ben Brightons beste Laune hineingeraten. Er gab sich einen Ruck.

„Seit Hasard diese verdammte Rah an den Schädel geflogen ist, herrscht bei uns nur noch miese Laune“, knurrte er. „Weißt du, wie ich mich fühle, Ben? Ich fühle mich von der Welt gehaßt und von Gott verachtet. Dazu kommt noch ...“

„Verdammt, Smoky! Rück endlich mit der Sprache ’raus. Was ist los? Du willst doch etwas ganz anderes. Also red nicht lange herum. Spuck deinen Kummer aus.“

Smoky blickte unbehaglich zu der Schaluppe hinüber. Undeutlich erkannte er an Deck eine breitschultrige Gestalt. Wahrscheinlich war es Carberry, aber durch den diesigen Regen ließ sich das nicht so genau erkennen.

„Na, wird’s bald?“ fauchte Brighton.

„Bei uns sieht’s beschissen aus“, sagte Smoky. „Ich habe gerade unsere Vorräte überprüft. Wir haben noch zwei Fässer Wasser an Bord, der Proviant reicht bestenfalls noch ein paar Tage.“

Ben Brighton preßte die Lippen zusammen, bis sie nur noch einen dünnen Strich bildeten.

„Und das fällt dir erst jetzt ein?“

Smoky blickte sorgenvoll zum Land hinüber. Hinter der Dunstschicht war es nur als nebelgrauer Streifen zu erkennen.

„Vergiß nicht, daß es ein langer Törn aus der Karibischen See bis hierher war, Ben“, erinnerte er. „Wir hatten noch keine Gelegenheit, unsere Vorräte zu ergänzen.“

„Ich mache dir ja auch keinen Vorwurf, Smoky.“ Ben Brightons dröhnendes Organ mäßigte sich etwas. „Schließlich ist der Kutscher für unsere Vorräte zuständig, aber der ist ja nicht an Bord.“

„Ja, der Kutscher“, murmelte Smoky. „Ich möchte wissen, wie es dem Seewolf geht.“

„Er ist in guten Händen. Sir Freemont ist ein guter Mann, der für den Seewolf alles tun wird. Aber jetzt sollten wir uns etwas einfallen lassen, wie wir unsere Vorräte ergänzen können.“

Für Ben Brighton war es eine üble Nachricht, die er da erhielt. Es war einer der Tiefschläge, von denen sie in letzter Zeit so unglaublich viele hatten einstecken müssen. Jetzt hatten sie auch noch die Sorge mit dem Wasser und Proviant am Hals.

„Zum Kotzen ist das“, sagte Ben Brighton. „Dabei hatte ich vor, an der Nordwestküste von Cornwall eine stille Bucht zu suchen, wo wir unentdeckt und in aller Ruhe abwarten können, bis Hasard sich von seinen Verletzungen erholt hat. Jetzt müssen wir umdisponieren.“

Er dachte an die Schätze im Bauch der „Isabella“, die es zu hüten und zu bewahren galt. Schätze und Reichtümer, mit denen man ganz England kaufen konnte. Perlen, Edelsteine, Diamanten, Gold- und Silberbarren und kostbarer indianischer Schmuck, der schon allein ein unermeßliches Vermögen darstellte. Auch dafür trug er die Verantwortung, und er konnte weiß Gott nicht sagen, daß er sich dabei besonders wohl fühlte. Gut, die Mannschaft hielt zu ihm auf Biegen oder Brechen, sie respektierte und achtete ihn in seiner Rolle als Vertreter des Seewolfes.

Aber er war eben nicht der Seewolf, und das war – zumindest für ihn selbst – der springende Punkt.

Smoky sagte kein Wort. Er kannte Brightons Gedanken und wußte, wie es in ihm aussah. Solange der Seewolf nicht da war, fehlte das Salz in der Suppe. Alles kam ihm leicht abgestanden und fade vor.

Auf Steuerbord waren jetzt mehrere Männer an Deck der Schaluppe dabei, den Treibanker einzuholen. Ein Segel wurde gesetzt. Die Schaluppe nahm langsam Fahrt auf und kam näher. Etwas später ging sie bei der „Isabella“ längsseits. Jetzt lagen beide Schiffe wieder nebeneinander. Die Bordwände ächzten und knarrten, wenn sie sich aneinander rieben. Ab und zu wurden die Fender wie Pfannkuchen platt gequetscht, nahmen dann aber wieder ihre vorherige Form an.

Die alten Kämpen, Tucker, Carberry, der riesige Old Shane, Donegal Daniel O’Flynn, Dans Vater mit dem verdammten Holzbein, waren wieder beisammen.

Brighton gab die Hiobsbotschaft weiter. Zuerst sah er in betreten wirkende Gesichter, in denen sich Unglaube spiegelte. Dann begriff jeder nach und nach, was es bedeutete, hier Proviant und Wasser übernehmen zu müssen.

Der riesenhafte Old Shane, früherer Waffenmeister und Schmied von Arwenack, lehnte sich schwer gegen die Reling. Seit er John Malcolm umgebracht hatte, der drauf und dran gewesen war, den hilflos daliegenden, schwerverletzten Seewolf zu ermorden, hatten sich um seinen Mund zwei scharfe Falten gegraben. Er kannte sich hier an der Küste Cornwalls aus wie kein zweiter, er war hier aufgewachsen, groß geworden, kannte jede Bucht, jede versteckte kleine Einmündung. Es gab nichts, was Old Shane nicht kannte.

Zu den Männern auf dem Achterdeck gesellte sich noch ein weiterer. Donegal Daniel O’Flynn. Er war ein alter, verwitterter Bursche mit silbergrauen Haaren, ein drahtiger, kantiger Kerl aus Granit, der nicht lange fackelte. Rechts trug er eine hölzerne Beinprothese, die er früher abzunehmen pflegte, um damit seinen Sohn Dan, an Bord der „Isabella“ früher allgemein das Bürschchen genannt, kräftig zu vertrimmen.

Er nickte den Männern zu, sagte aber kein Wort. Vor ein paar Monaten hatten sie ihn, in einem Beiboot treibend, aus der Karibik gefischt und an Bord genommen.

„Wir könnten Penzance anlaufen und dort Trinkwasser sowie Proviant übernehmen“, schlug Old Shane vor. Er sprach ruhig und bedächtig und überlegte sich jedes Wort. „Das liegt in der westlichen Mount’s Bay. Niemand wird sich dort um uns kümmern, wenn wir die Lebensmittel bezahlen.“

„Ein guter Vorschlag“, sagte Ben Brighton. „Wir werden tun, was Old Shane vorgeschlagen hat, aber ...“ Er blickte die umstehenden Männer ziemlich ratlos an. „Womit sollen wir bezahlen? Keiner von uns hat auch nur eine Handvoll englischer Münzen.“

„Wir sind doch stinkreich“, sagte der Franzose Jean Ribault. „Wir haben von allem etwas. Wir könnten mit Perlen bezahlen, mit Silber- oder Goldbarren. Aber wie viele englische Pfund erhält man für einen Goldbarren? Weiß das jemand?“

Niemand wußte es. Die Ratlosigkeit wurde größer. Es war zum Aus-der-Haut-Fahren. Hier saßen sie auf unermeßlichen Reichtümern, auf Kostbarkeiten aus aller Welt und konnten sie nicht einsetzen.

Ben Brighton ergriff wieder das Wort. Er suchte nach einem Ausweg.

Ribault drehte sich um und starrte grübelnd ins Wasser. Auch er suchte krampfhaft nach einer Idee.

„Wenn wir mit Edelsteinen, Perlen oder Gold bezahlen, dann fallen wir überall auf. Man wird auf unsere Beute aufmerksam werden, man wird sich fragen, ob wir nicht noch mehr davon haben. Wir locken nur die Halsab-schneider an, die über uns herfallen würden wie die Aasgeier. Jeder wird uns übers Ohr zu hauen versuchen. Sie werden uns nach Strich und Faden bescheißen, uns ausnehmen wie Mastgänse, denn wir haben keine Ahnung von dem Wert der einzelnen Stücke. Was, zum Beispiel, können wir für eine taubeneigroße Perle verlangen?“

Ben Brighton sah die Männer an. Die meisten zuckten mit den Schultern. Sie wußten es nicht. Sie waren weder Kaufleute, weder Händler noch Goldschmiede. Den echten Gegenwert kannten sie nicht.

Brighton merkte zum wiederholten Male an diesem verdammten Tag, daß der Seewolf an allen Ecken und Enden fehlte. Er, der schwarzhaarige Teufel, hätte in dieser Situation vielleicht nur gelacht und das Problem mit dem kleinen Finger erledigt.

Da tippte ihm plötzlich der rothaarige Ferris Tucker mit dem Zeigefinger auf die Schulter. Der Schiffszimmermann mit dem Kreuz, das so breit war wie ein Rahsegel, strahlte übers ganze Gesicht.

„Was ist mit unserer Tabakbeute, Ben? Wir haben doch die Ballen aus Panama. Die schleppen wir schon monatelang mit uns herum.“

„Mann, Ferris! Du bringst mich da auf einen wunderbaren Gedanken. Klar, die Tabakballen können wir verscheuern. In England ist Tabak knapp und schwer zu kriegen. In Hofkreisen wird das stinkende Kraut geraucht. Manche Kaufleute bezahlen jeden Preis dafür.“

„Verscheuern wir den Tabak!“ brüllten ein paar Männer laut.

„Tabak gegen Wasser und Proviant!“

Der Regen lief ihnen über die Gesichter. Die Haare hingen ihnen klatschnaß in die Stirn, die beiden Schiffe hoben und senkten sich träge in dem Wasser.

Niemand achtete darauf. Ferris Tucker hatte eine Idee gehabt, und die wollten sie jetzt in die Tat umsetzen.

„Einen Becher Wein für jeden!“ rief Brighton. „Und zwei für unseren Schiffszimmermann!“

Ferris Tucker strahlte. Sein Grinsen erlosch nicht mehr.

Dann brachte jemand von der Crew den Wein und alle hoben die Becher. Neidlos sah jeder zu, wie sich Tucker auch noch den zweiten Becher hinter die Binde goß. Er hatte ihn redlich verdient.

„Falls der Verkauf des Tabaks nicht klappen sollte,“ sagte Ben Brighton und dämpfte die überschäumende Freude, „dann versuchen wir eben, ein paar Silberbarren gegen Pfund einzutauschen. Und jetzt wollen wir keine Zeit mehr verlieren, Männer. Anker auf, wir segeln nach Penzance!“

Wieder tippte ihm jemand auf die Schulter, als er sich gerade umwandte. Es war Jean Ribault. Der Franzose grinste genauso wie Ferris Tucker übers ganze Gesicht.

„Ich habe auch noch eine wunderbare Idee, Ben“, sagte er. Und dann begann er, Ben Brighton seinen Plan auseinanderzusetzen.

Der Vertreter des Seewolfes hörte sprachlos zu. Ein paarmal schüttelte er den Kopf, dann sah er Ribault an und lachte ebenfalls.

Auf der „Isabella V.“ lag die Freude buchstäblich in der Luft. Es gab niemanden mehr, der schlechte Laune hatte.

2.

Am Mittag desselben Tages lief die „Isabella“ in den Hafen von Penzance ein, wo nur ein kleiner Kauffahrer lag, der seine Ladung bereits gelöscht hatte.

Die Schaluppe hatten sie zurückgelassen. Später, auf dem Rückweg, würde sie wieder im Kielwasser der „Isabella“ folgen.

Nur ein paar Menschen waren zu sehen, Stauer, die Fässer und Kisten in die hölzernen Schuppen trugen. Zwei von ihnen liefen herüber und nahmen die Trossen an, als das Schiff an die Pier ging.

Jean Ribault winkte den beiden Männern hoheitsvoll zu, die an der Holzpier standen und ihn fassungslos anstarrten. So einen wie den hatten sie noch nie gesehen.

Ribault trug die Kleidung französischer Höflinge. Schwarze Schnallenschuhe, weiße Strümpfe, enge Hosen, die bis ans Knie reichten und darüber eine goldgrünschillernde Jacke, hauteng geschneidert. Aus den Jackenärmeln lugten weiße Spitzen heraus. Ebenso aus dem ausgelegten Hemdkragen. Dort prangten Rüschen und Spitzen, die den beiden Stauern nicht geheuer erschienen. Ribault hatte die alten Klamotten in einer Kiste an Bord entdeckt. Und genau darauf hatte er seinen Plan aufgebaut.

Das Ungetüm, das neben ihm an Deck erschien, fühlte sich in seiner neuen Rolle alles andere als wohl. Es war Edwin Carberry, der Profos der „Isabella“. Ein Kerl wie ein Bulle, mit einem ungeheuren Rammkinn, mächtigen Schultern und einem Gesicht voller Narben. Grollend, und nur nach brüllendem Zureden Brightons, hatte er sich fluchend mit seiner Rolle abgefunden.

Sein mächtiger Körper steckte in der Uniform der französischen Lakaien, wie sie bei Hofe herumliefen. Sein Nußknackerkinn war angriffslustig vorgeschoben. Und wer den Profos kannte, der wußte daß er vor Wut heimlich platzte. Aber er mußte mitspielen, zum Wohle aller, und damit sie nicht auffielen.

Ribault betupfte seine Stirn mit einem Spitzentüchlein und wandte sich indigniert an Carberry.

„Parbleu“, sagte er anklagend und wies auf die beiden Stauer, deren weitaufgerissene Augen jede seiner Bewegung verfolgten. „Was starrt mich der Pöbel so herausfordernd an! Sag diesen Bauernlümmeln, daß sie den Hafenkapitän holen mögen, Pierre!“

Der mit Pierre Angesprochene zuckte zusammen, als hätte ihm jemand einen Belegnagel auf den Schädel geschlagen. Sein Rammkinn ähnelte jetzt einem Amboß, auf dem der Schmied von Arwenack Eisen hätte schlagen können.

Der Profos beugte sich über die Reling. Die verdammten Rüschen schnürten ihm fast den Hals zu, als seine Ader anschwoll.

„Mäßige dich, Pierre!“ hörte er Ribaults näselnde Stimme.

Das gab ihm fast den Rest. Sein Gesicht lief knallrot an. Wenn er gesehen hätte, wie die Männer sich über ihn amüsierten, wäre er explodiert. Aber die hatten sich auf dem Schiff gut verteilt und taten so, als sei alles ganz normal. Old Shane und den alten Donegal O’Flynn hatten sie ohnehin unter Deck verborgen, denn die kannte an Cornwalls Küsten jeder Hafenkapitän.

Der Profos beugte sich noch weiter vor.

„Holt den Hafenkapitän, ihr verdammten Rübenschwei ...“

Ein Tritt des Grandseigneurs Ribault an sein Schienbein ließ ihn den Rest der Worte verschlucken. Er kaute förmlich darauf herum. Als die Donnerstimme verstummte, rannten die beiden los, als säße ihnen der Leibhaftige im Nacken.

Jean Ribault verbiß sich nur mühsam das Grinsen.

„Warte nur, bis wir wieder draußen sind“, grollte „Pierre“. „Dann lasse ich dir Haut von deinem Affenarsch abziehen und zu Schuhriemen verarbeiten.“

„Du spielst deine Rolle gefälligst weiter, Carberry“, peitschte hinter ihm die Stimme Ben Brightons auf. „Hast du das ganz klar verstanden, Mann?“

„Aye, aye“, knurrte der Profos und gab sich innerlich einen Ruck. Seit der Seewolf nicht mehr an Bord war, stand er ebenso unverbrüchlich zu Ben Brighton und nahm jeden seiner Befehle bedingungslos und ohne zu murren an.

Fünf Minuten später bogen drei Männer um die Ecke des letzten Schuppens. Die beiden Stauer redeten und palaverten aufgeregt auf den dritten Mann ein, der sich gelassen näherte. Sie hatten ihn in der Mitte und überhäuften ihn pausenlos mit Neuigkeiten.

„Ah, Monsieur Capitaine!“ Ribault strahlte, als der Hafenkapitän vor dem Schiff stand. „Parlez-vous francais, mon Capitaine?“

„Ha?“ Der Hafenkapitän schob sich die Mütze in den Nacken und kratzte verlegen seinen Schädel. „Äh, nur ein wenig, kaum Sen ... äh – Monsieur.“

„Ribault“, stellte sich Jean vor. Dazu vollführte er eine kleine, einladende Verbeugung, nicht übertrieben, aber so, daß es wirklich echt aussah.

„Kommen Sie bitte an Bord, Monsieur!“

Dieser Aufforderung hätte es kein zweites Mal bedurft. Der Mann, ein bieder aussehender Seemann, der seinen Dienst im Hafen von Penzance versah, warf sich stolzgeschwellt in die Brust.

„John Stubbs, Sir – äh – Monsieur“, sagte er. Sein vorsichtiger Blick streifte Carberry, der mit steifem Genick sogar so etwas wie eine Verbeugung fertig kriegte.

Ein französischer Kauffahrer in seinem Hafen! Ausgerechnet bei ihm. Wenn das keine Ehre war!

Ribault sah belustigt, wie der Hafenkapitän alles unauffällig musterte. Zum Schluß blieb sein Blick an fünf gelbgrünen Ballen hängen, die ausgebreitet auf einer Persenning an Deck lagen. Lange Zeit starrte er das Zeug an, ohne zu wissen, was es war.

„Tabak, mon Capitaine. Was Sie da sehen, ist edler, bester Tabak aus der Neuen Welt. Man reißt sich um das edle Kraut. Mon Dieu, Sie sollten diese herrliche Würze einatmen, Monsieur. Köstlich, sage ich Ihnen, ein Genuß!“

„Tabak“, wiederholte der Kapitän andächtig. „Ja, davon habe ich schon gehört. Tabak aus der Neuen Welt.“

„Ein hochwohllöbliches Kraut“, pries Ribault die Ballen an. Dann wandte er sich an Carberry, der verstört von einem zum anderen sah.

„Was stehst du hier herum, Lümmel!“ herrschte er ihn an. „Hol die Kiste mit den Pfeifchen, vite-vite, rapide!“

Dem Profos stiegen fast die Tränen in die Augen.

„Merde“, sagte er voller Inbrunst. „Merde!“ Das war das einzige französische Wort, das er kannte.

„Merde“, wiederholte auch der Hafenkapitän ehrfürchtig. Wahrscheinlich hielt er das für eine Höflichkeitsfloskel.

Jean Ribaults Gesicht erstarrte zu einer Maske, damit der Hafenkapitän das dahinter verborgene Grinsen nicht sah. Auf dem Achterdeck wanden sich zwei Männer in Krämpfen. Ben Brightons Gesicht lief knallrot an. Ribault zog hier eine Schau ab, die es in sich hatte. Dieser Bursche setzte allem die Krone auf, mit seinem eitlen, stutzerhaften Benehmen, dem Tüchlein, das er ab und zu leicht an die Augen führte, und seinen Rüschen, die ihn wie eine weiße Wolke umgaben.

Während sich der Profos, innerlich total zermürbt, racheschnaubend nach achtern begab, um die Tonpfeifen zu holen, näherte sich der Hafenkapitän den gepreßten Tabakblättern, beugte sich hinunter und beschnüffelte sie mit verklärtem Gesicht.

Tabak aus der Neuen Welt! Und der wurde ausgerechnet in seinem Hafen gehandelt, denn daß der Franzose damit handeln wollte, war ihm klar. Das Kraut mußte sündhaft teuer sein.

„Ich würde gern den Bürgermeister holen, wenn Sie gestatten, Monsieur Ribault“, sagte er. „Hier in Penzance hat noch niemand Tabak gesehen.“

„Naturellement, Capitaine. Holen Sie ihn nur.“

Stubbs lief von der Kuhl zur Backbordseite, wo immer noch die beiden Stauer standen und glotzten, und rief ihnen etwas zu. Wie der Blitz waren sie gleich darauf verschwunden.

Inzwischen kehrte der Profos mit. den indianischen Tonpfeifen zurück. Seinem Gesicht war deutlich anzusehen, daß er Ribault die kleine Kiste mit den Pfeifen am liebsten auf dem Schädel zerschlagen hätte. Aber er beherrschte sich und reichte Ribault die Kiste mit einem Krächzlaut auf den Lippen.

„Stell dich nicht so an“, flüsterte Ribault. „Was kann ich denn dafür, daß keinem anderen die Lakaien-Klamotten passen!“

Er nahm zwei der Tonpfeifen heraus, legte sie vorsichtig auf die Tabakballen und zupfte an den Blättern. Er machte eine regelrechte Zeremonie daraus, die Pfeifen zu stopfen. Eine reichte er dem Hafenkapitän, der sie ehrfürchtig entgegennahm, wieder daran schnupperte und die Augen verdrehte.

„Tabak“, flüsterte er. „Merde!“

Ribault zuckte zusammen. Der Profos gab ihnen Feuer an einem Fidibus, bis der Tabak glimmte.

Genießerisch begann der Franzose an der Pfeife zu paffen, entlockte ihr weißgraue Wölkchen und fächelte sich den Duft des brennenden Krautes um die Nase. Auch der Hafenkapitän machte ein paar Züge, kriegte versehentlich Rauch in die Lunge und lief im Gesicht grün an. Aber er qualmte tapfer weiter.

Inzwischen war der Bürgermeister auf der Bildfläche erschienen. Er begrüßte Ribault als Kapitän des Schiffes und hieß ihn und seine Mannschaft in Penzance willkommen. Er zerfloß fast vor Ehrerbietung und schielte neugierig auf die qualmenden Pfeifen, denen der Hafenkapitän immer wieder neue Wölkchen entlockte.

„Das ist Tabak, Garret“, sagte er. „Als Mann von Welt muß man das ganz einfach kennen. Ein himmlisches Kraut, so mild, so würzig, so aromatisch. Man raucht es bei Hofe.“

„Beabsichtigen Sie, die Ballen zu verkaufen?“ erkundigte sich Garret, der für seinen Ort gleich ein Geschäft witterte.

„Aber gewiß, Monsieur. Dieser Tabak ist so kostbar, daß Ihnen nicht so schnell wieder die Chance geboten wird. Wann kommt schon ein Schiff mit Tabak aus der Neuen Welt hierher?“

„Niemals“, erwiderte der Bürgermeister bestimmt. „Vielleicht in einigen Jahren. Ist das edle Kraut teuer, Monsieur?“

„Oui, oui, maitre! Sehr teuer. Aber ich lasse mit mir reden.“

„Dann sollten wir Mister Mitchell holen“, sagte Garret. „Das ist der reichste Kaufmann hier am Ort.“

Jetzt qualmte auch der Bürgermeister mit. Er hockte auf der Kuhl, neben den duftenden Tabakballen und gab sich dem neuartigen Genuß des Rauchens hin. Es war ein friedliches Bild, fand Brighton, und er hoffte nur, daß aus dem Geschäft etwas werden würde. Für Reklame hatte Jean Ribault ja nun genug gesorgt.

Der dicke Henry Mitchell wurde unvermittelt aus seinen Träumen gerissen. Er hatte sich den Bauch mit einer gefüllten Gans vollgeschlagen, danach einen halben Liter Rotwein getrunken und döste jetzt vor sich hin. Er glich einem fetten Mastochsen, wie er so dahockte, das eine seiner Doppelkinne voller Fett und Weinspritzer.

Ab und zu rülpste er, wobei sich sein fetter Wanst aufgeregt hüpfend bewegte.

„Mister Mitchell, Sir!“ Ein kleiner Bengel schreckte ihn aus seinen Träumen. „Der Bürgermeister und der Hafenkapitän schicken mich. Im Hafen liegt ein französischer Kauffahrer. Er will hier Geschäfte tätigen. Mister Garret fragt, wann Sie kommen, Sir!“

Die kleinen Schweinsäuglein wurden sofort hellwach. Ein listiger, verschlagener Zug erschien in ihnen.

„Französischer Kauffahrer?“ fragte er. „Lauf zum Hafen und sag ihnen, daß ich sofort komme.“

Mitchell witterte ein Geschäft. Er rieb erregt seine Knollennase. Kauffahrer! An dem letzten Kauffahrer hatte er sich gesundgestoßen. Die Kerle waren leicht übers Ohr zu hauen.

Er war gespannt, was dieser Kauffahrer anzubieten hatte. Franzosen, hm, überlegte er. Hoffentlich konnten sie sich verständigen, denn er sprach kein Wort Französisch. Ach was, sie würden schon handelseinig werden.

Zwei seiner Knechte fuhren den Pferdewagen vor, eine Art Kutsche, die gleichzeitig der Personen- und Warenbeförderung diente. Mitchell zog sich in aller Eile um. Dann fuhren sie los.

Als sie auf dem holperigen Pflaster entlangrollten, sah Mitchell den Kauffahrer. Ein schönes, stolzes Schiff, eine wunderbare Galeone. Und wunderbare Galeonen hatten meist auch wunderbare Sachen geladen. Seide, edle Hölzer, Gewürze, Schätze vielleicht.

Je näher sie kamen, desto größer wurden Mitchells Augen. Auf der Galeone ging es recht lustig zu.

„Nun sieh dir das an“, sagte er zu seinem Knecht und deutete in die Wanten der „Isabella“. „So einen flinken Schiffsjungen habe ich noch nie in meinem Leben gesehen.“

Sprachlos starrte er voraus. Dort flitzte ein kleiner Kerl die Wanten rauf und runter, als wollte er einen neuen Rekord aufstellen. Er trug eine Segeltuchhose und eine helle Jacke. Wie ein Blitz bewegte er sich auf den Rahen, sprang an den Mast und von dort aus wieder in die Wanten. Wenn er nicht höllisch acht gab, konnte er sich jeden Augenblick den Hals brechen.

„Der führt nur dem Bürgermeister und dem Kapitän seine Künste vor“, sagte sein einfältiger Kutscher. „Schiffsjungen müssen sich schnell bewegen können.“

Sprachlos sah Mitchell, wie der Schiffsjunge jetzt ganz oben auf dem Mast hockte, sich den Schädel kratzte und dann ruhig sitzen blieb. Mehrere Männer schauten zu und feuerten ihn durch Rufe an. Aber er rührte sich nicht. Die wahnsinnige Kletterei schien ihn erschöpft zu haben. Kein Wunder, dachte Mitchell, der Junge mußte ja ganz außer Atem sein.

Vor der „Isabella“ sprang Mitchell vom Bock, verbeugte sich und lächelte erwartungsfroh.

Ribault empfing ihn, ein blasierter Typ, der ewig mit einem kleinen kostbaren Tüchlein herumwedelte. Sogar die Nase hatte sich der Kerl gepudert.

Mitchells Schweinsäuglein schossen Blitze nach allen Seiten, als er auf die Kuhl geführt wurde. Der leichte Nieselregen hatte wieder aufgehört. Es war auch nicht mehr so kühl. Und ihm selbst wurde direkt warm ums Herz, als er die Männer rauchen sah. Der feine würzige Tabakduft kitzelte seine Knollennase, die rastlos nach allen Seiten schnüffelte. Er nahm seinen Hut ab, behielt ihn in der Hand und fuhr über seine Glatze, auf der sich vor Aufregung feine Schweißperlen gebildet hatten.

Tabak! Es war nicht zu fassen! Dieser Franzose hatte Tabak mitgebracht, das geheimnisvolle Kraut aus der Neuen Welt, das bei den Snobs und Reichen immer beliebter wurde.

Wenn er dem Franzosen das Kraut abkaufte, konnte er das größte Geschäft seines Lebens machen.

Er lächelte Ribault liebenswürdigverschlagen zu.

„Mon Dieu!“ rief der Franzose, „Sie sind ja ganz außer Atem, Monsieur. Ich lasse Ihnen sofort eine Erfrischung bringen.“

Herablassend wedelte er mit seinem parfümgetränkten Taschentuch dem fetten Kaufmann vor der Nase herum.

„Pardon, Monsieur, oder darf ich Ihnen ein Pfeifchen anbieten?“

„Nur zu“, sagte Mitchell, dem die französischen Wörter ein ungelöstes Rätsel blieben. Er hatte mit Franzosen erst einmal in seinem Leben zu tun gehabt. Die verirrten sich selten an diese Küste. Sie brachten ihre Waren lieber ins eigene Land. Und jetzt dieser Glückstreffer!

Na warte, dachte Mitchell, als Ribault, den er ebenfalls für den Kapitän des Schiffes hielt, ihm eine Tabakpfeife stopfte und für Feuer sorgte. Dich werde ich ausnehmen wie eine Gans.

Er rauchte, hustete und blickte Ribault wohlwollend an. Aber an dem Tabak zeigte er sich nur mäßig interessiert, obwohl alles in ihm danach brannte, das Zeug in die Hände zu kriegen. Aber das konnte er ja schlecht nach außen hin zeigen, denn Interesse trieb immer den Preis in die Höhe. Er kannte seine Methoden, mit denen die Kauffahrer klein zu kriegen waren.

Er deutete fast abfällig auf die fünf Tabakballen und streifte sie mit einem flüchtigen Blick.

„Nicht schlecht, das Kraut“, meinte er. „Aber auch nichts Besonderes. Es erzeugt Hustenreiz. Wollen Sie es verkaufen?“

„Oui, Monsieur, verkaufen. Unsere, wie sagt man, Beziehungen, bei Hofe sind nicht bon, wir haben non protection.“

Mitchell klopfte Ribault leutselig auf die Schulter.

„Ich werden Ihnen den Krempel abnehmen, Sir, obwohl ich nicht weiß, ob ich ihn jemals verkaufen kann. Mein gutes Herz begeht bestimmt wieder einen Fehler, es ist meine Dummheit, verstehen Sie?“

„Dummheit, oui. Ich begreife. Wieviel wollen Sie bezahlen?“

„Fünfzig Pfund“, sagte der Dicke großzügig.

Ribault tastete nach der Reling. Sein Spitzentuch betupfte die Augen.

„Mon Dieu!“ rief er klagend aus. „Pierre, mein Riechfläschchen! Ich bin echauffiert, rapide, Pierre!“

Carberry eilte heran, um dem Ohnmachtsanfall seines Herrn zuvorzukommen. Langsam gefiel ihm die Rolle. Seine mächtige Pranke schoß vor, fing den taumelnden Ribault auf und hielt ihm ein kleines Fläschchen mit Riechsalz unter die Nase.

Ribault schlug die Augen auf und sah sich entsetzt um.

„Monsieur“, sagte er vorwurfsvoll. „Das sollte wohl ein Scherz sein. Fünfzig Pfund! Ich habe mich wohl verhört?“

„Natürlich, natürlich, Sir. Ich habe mich versprochen, oder Sie haben mich falsch verstanden. Hundertfünfzig Pfund, sagte ich!“

„Zweihundertfünfzig Pfund?“ fragte Ribault ungläubig. „Monsieur! Treiben Sie keine Scherze mit mir. Mein Herz ...“

In gespielter Trauer schlug er seine Hand auf die Brust. Die anderen Männer hielen entsetzt den Atem an. Sogar Ben Brighton kriegte kaum noch Luft. Was dieser Ribault sich da leistete, war schon ein starkes Stück. Und wie Edwin Carberry auf einmal mitspielte! Er, der anfänglich so ergrimmt war, schien sich jetzt an diesem Spiel zu ergötzen, obwohl er in seinen Klamotten so aussah wie Arwenack in einem langen Nachthemd.

Dem dicken Mastschweinchen Mitchell wurde es immer heißer. Aufgeregt erklärte er dem Franzosen, daß dieser Preis weit über dem Durchschnitt läge. Dieser geschniegelte Bursche mußte doch klein zu kriegen sein! Oder hatte er selbst für den Tabak soviel bezahlt?

Jedesmal, wenn er einen Preis nannte, dann verlangte dieser Laffe sein Riechfläschchen und mußte gestützt werden.

Seine Stimme war heiser vor Aufregung. Er mußte den Tabak haben, und wenn er den ganzen Tag weiterfeilschte. Dieses Geschäft wollte er sich nicht durch die Lappen gehen lassen. Der Tabak war ihm die Gewähr für weitere gute Geschäfte mit dem Hofe, von denen er sich einiges versprach, denn Tabak war kaum zu kriegen, und wer weiß, wann der nächste mit einer Ladung eintraf.

„Also gut, Sir“, röchelte er. „Ich biete Ihnen dreihundert Pfund. Bei dem Geschäft lege ich drauf! Vielleicht bin ich für mein ganzes Leben ruiniert. Wer wird mir schon das stinkende Kraut abkaufen? Also, dreihundert Pfund!“

„Non, non, Monsieur. Grand Malheur. Sie mißverstehen mich! Ich kann dreihundert Pfund nicht akzeptieren – pro Ballen. Soviel hat es mich selbst gekostet! Und noch etwas mehr!“

Das war nun doch die Höhe, fand Brighton. War dieser Kerl denn total verrückt? Pro Ballen? Zumal Mitchell doch dauernd von den gesammten fünf Ballen sprach? Jetzt würde der Dicke natürlich aus dem Geschäft aussteigen. Wenn das der Fall war, konnte Ribault sich später aber auf etwas gefaßt machen, bei seinen unverschämten Forderungen! Das ging entschieden zu weit.

Der Dicke ging schnaufend in die Höhe. Seine Schweinsäuglein verdrehten sich nach oben. Seine beiden Kinne zitterten.

„Mir wird schlecht“, japste er.

Carberry war schon heran. Er hielt dem Dicken das Riechsalz unter die Knollennase, bis der wieder klar denken konnte.

„Pro Ballen?“ jammerte er. „Soviel kann dieser verdammte Tabak doch niemals kosten.“

„Monsieur Mitchell“, sagte Ribault besänftigend. „Wenn in den nächsten Jahren wieder ein Kauffahrer mit Tabak erscheint, werden Sie viel, viel mehr bezahlen müssen, verstehen Sie? Sehr viel mehr, das Doppelte!“

„Das ist mir zu teuer!“

„Sehr, sehr schade. Ich werde den Tabak in Frankreich verkaufen.“

„Nein, warten Sie!“ Mitchell wedelte schwach mit der Hand. Diesem eitlen Stutzer wollte er es schon zeigen. Wenn der Tabak bald das Doppelte wert war oder vielleicht das Dreifache, dann schnitt er immer noch gut dabei ab und hatte den Franzosen übertölpelt. Der war zwar auch gerissen, aber Mitchell fühlte sich ihm dennoch überlegen. Er mußte den Tabak haben!

„Was verlangen Sie?“ fragte er zitternd und total ausgelaugt.

„Zweitausend Pfund, Monsieur. Ich habe viele Unkosten. Das Schiff, die Mannschaft, die lange Route.“

„Sie ziehen mir die Hosen aus, Sir“, flüsterte der Dicke. „Das ist ein ungeheuerlicher Preis.“

„Ein Extrapreis für Sie, Monsieur. Sie werden bei diesem Geschäft das Dreifache verdienen.“

Jetzt war zum erstenmal der Profos an der Reihe, ohnmächtig zu werden. Seine Nase schnüffelte an dem Fläschchen, und er verzog angewidert das Gesicht, als er das Salz roch.

„Merde“, sagte er wieder. Er schickte Ribault einen drohenden Blick hinüber, der eindeutig besagte, daß er es bloß nicht auf die Spitze treiben solle. So verrückt war dieser dicke, verfressene Geschäftsmann nun auch wieder nicht. Der Profos selbst, der von Geschäften überhaupt nichts verstand, hätte gleich beim ersten Zuschlag des Dicken angebissen und den Tabak verhökert. Fünfzig englische Pfund waren eine ungeheure Summe – für Carberry.

Der Dicke fingerte aufgeregt an seiner Weste herum. Schweißperlen standen auf seiner Stirn, seine Augen schielten, er schien die Luft anzuhalten. Er hörte sein verfettetes Herz übermächtig laut in der Brust schlagen.

Sein sechster Sinn für Geschäfte sagte ihm jedoch, daß hier immer noch eine ganze Menge zu holen war.

„Zweitausend?“ wiederholte er ungläubig. Sein gekränkter Blick blieb vorwurfsvoll auf Ribault gerichtet.

„Zweitausend“, bestätigte Jean.

„Für alle fünf Ballen?“

„Für die fünf Ballen, Monsieur.“

Jetzt hatte er den fetten Ochsen soweit. Mitchell wedelte schwach mit der Hand durch die Luft.

„Gut dann“, sagte er weinerlich. „Es sei.“

„Ah, Sie sind ein Grandseigneur, Monsieur Mitchell“, lobte Ribault den Dicken.

„Merde“, erwiderte Mitchell traurig. Wieder legte er das Wort falsch aus. Er gab Ribault eine schlaffe Hand, und dem erschien es, als hielte er für einen Augenblick einen toten kalten Fisch zwischen den Fingern.

Damit war das Geschäft besiegelt. Ribault spürte, wie alles um ihn herum hörbar aufatmete. Der Profos blickte ihn an, als sei er soeben vom Himmel gefallen. Ben Brightons Gesicht zeigte eine ungeheure Erleichterung, und die Augen der anderen begannen sich sanft zu verklären. Sie hatten einen unwahrscheinlichen Sieg errungen, einen Sieg, der List und Ausgekochtheit erforderte.

Jetzt erst befühlte Mitchell ausgiebig die Ballen, drückte sie, fingerte daran herum und mäkelte über dies und jenes.

Aber der Preis stand fest und war nicht mehr zu drücken.

Ben Brighton schlenderte über die Kuhl und blickte Ribault an.

„Du bist der ausgekochteste Hund, den ich kenne“, flüsterte er. „Bei dir kann der Dicke noch in die Lehre gehen.“

Ribault grinste genauso verschlagen wie der Kaufmann.

„Der Dicke wird sich noch wundern“, sagte er. „Mit den zweitausend ist er noch nicht aus dem Schneider.“

„Bist du wahnsinnig?“ zischte Brighton. „Was willst du denn jetzt noch von ihm?“

„Oh, ich kriege ihn schon dahin, wo ich ihn haben will. Der hat Wasser geschwitzt, nachher wird er Blut schwitzen.“

Ben Brighton bohrte ihm den Zeigefinger in den Bauch.

„Übertreibe es nicht“, warnte er. „Der Preis war vereinbart. Du kannst jetzt nicht noch mehr Geld verlangen!“

„Wer spricht denn von Geld?“ erwiderte Ribault leichthin. „Laß mich nur machen, es wird schon klappen.“

Als Ben Brighton zu einer Erwiderung ansetzen wollte, watschelte Mitchell heran. Seine Schweinsäuglein blitzten wieder, und im stillen dachte er, daß er den Franzosen bei diesem Geschäft doch noch kräftig übers Ohr gehauen hatte.

Allerdings dachte Ribault genauso. Er jedenfalls und die Crew, sie hatten ein hervorragendes Geschäft getätigt.

„Ich lasse die Ballen abholen, mein Lieber“, sagte der Dicke. „Jetzt gleich, wenn es Ihnen recht ist. Dürfen meine beiden Gehilfen an Bord?“

„Oui, Monsieur, bitte sehr.“

„Merde“, sagte Mitchell wieder.

Er hielt dieses Wort wohl für etwas Ähnliches wie „Danke“, registrierte aber verwundert, daß jedesmal die Gesichter so merkwürdig starr wurden. Vielleicht war das ebenfalls eine Höflichkeitsform dieser merkwürdigen Franzosen.

Zwei dümmlich glotzende Burschen stiegen an Deck und sahen sich staunend um. Ihre Blicke folgten Arwenack, der durch die Wanten turnte, über die Rahen lief und sich an die festgezurrten Segel hängte.

Stubbs, der Hafenkapitän, wollte sich gerade noch etwas von dem edlen Kraut in seine Pfeife stopfen, als Mitchell es bemerkte.

„Bist du wahnsinnig, Stubbs!“ fauchte er. „Leg sofort das Zeug wieder hin. Weißt du, was es mich gekostet hat?“

Stubbs nickte betrübt. Sein Vorhaben, noch eine Pfeife zu rauchen, gab er wieder auf.

„Los, tragt die Ballen von Bord!“ befahl Mitchell seinen beiden Gehilfen, die nicht wußten, was sie zuerst anglotzen sollten. Die eindrucksvollen Culverinen, von denen die „Isabella“ vierundzwanzig hatte, den herumturnenden Affen in seiner merkwürdigen Kleidung oder den Franzosen, der so ganz anders gekleidet war als alles, was sie jemals gesehen hatten.

„Ah, Monsieur, eine Kleinigkeit, bitte“, ertönte plötzlich Ribaults näselnde Stimme über das Deck. Er führte sein Tüchlein zum Mund und betupfte sich geckenhaft die Lippen. „Es ist üblich bei uns, zum Handelspreis zuzüglich zu liefern, die, – äh – Naturalien für die Mannschaft, verstehen Sie, mon ami?“

„Ich – ich verstehe kein Wort“, ächzte der Dicke, fassungslos vor dieser bodenlosen Unverschämtheit.

Ribault schob ihm in liebenswerter Bescheidenheit eine völlig unlogische Argumentation unter die Knollennase. Dabei bemühte er sich, möglichst Englisch zu sprechen, damit der Dicke ihn ja auch verstand und es keine Mißverständnisse gab.

„Sehen Sie, Monsieur. Auf unserer langen Route sind naturallement alle – äh – Vorräte weg. Aufgegessen. Jetzt benötigen wir neuen Proviant.“

Mitchell wich langsam zurück.

„Ich lasse Ihnen sofort das Geld bringen, Sir“, stieß er hervor. „Damit können Sie soviel Vorräte kaufen, wie Sie wollen.“

„Ah, non, mon ami. Sie werden sich doch nicht selbst beschämen vor Capitaine du Port, oder vor Maitre Garret. Was sollen diese Leute denken, wenn Sie sind so kleinlich, Monsieur. Dabei haben Sie ein einmaliges Geschäft getätigt.“

Mitchells Kinne reichten jetzt bis fast zur Brust. Sein tonnenförmiger Wanst vollführte einen Hüpfer und aus seinem Mund drangen glucksende Geräusche, die Arwenack im Großmast keckernd kopierte.

Blamieren konnte er sich schlecht. Ribault hatte ihn da schon an der richtigen Stelle gepackt. Lieferte er jetzt nicht noch ein paar Naturalien oder Viktualien, wie immer dieser verdammte Franzose es nannte, hinzu, dann würden sie ihn im Ort auslachen, und jeder würde mit dem Finger auf ihn zeigen. Also mußte er wohl oder übel in diese verdammte, faule Frucht beißen.

Gequält nickte er schließlich, wobei er vor Selbstmitleid fast zerfloß. Dieser Hund, dachte er immer wieder, dieser ausgekochte, dreimal verfluchte Franzose! Jetzt stand der affektierte Kerl auch noch wie zufällig mit dem Fuß auf seinen Tabakballen, so daß die beiden Gehilfen sich nicht trauten, auch nur einen der Ballen zu berühren. Dümmlich, in gebückter Haltung, standen sie da und warteten auf weitere Anweisungen ihres feisten Herrn.

„Gut“, sagte Mitchell und schluckte seine Wut hinunter. „Wenn Sie meinen, Sir! Ich werde Ihnen ein paar Kleinigkeiten dazugeben. Was benötigen Sie? Sicher Wasser, wie?“

„Oui, mon ami. Wasser ganz zum Schluß. Ich werde Ihnen aufschreiben, was wir benötigen.“

Mitchell winkte hastig ab.

„Nicht nötig, Sir, das kann ich auch so behalten.“

„Oh, Irrtum, Irrtum, mein Guter, die Liste ist ziemlich lang. Wir sind viele Leute.“

Er lächelte den Dicken blasiert an, dann krümmte er den Zeigefinger und winkte den Herkules mit dem Kinn, das wie der Achtersteven des Schiffes wirkte, zu sich heran.

„Pierre, bringe mir was zum Schreiben. Du hast gehört, wie großzügig Monsieur Mitchell zu uns ist.“

„Qui, Grandseigneur!“ brüllte Carberry so laut, daß sich die Umstehenden unwillkürlich duckten.

Carberry flitzte los, um das Gewünschte zu holen. Er nahm ein kleines Pergament, dazu Tinte und eine Feder. Ein winziges Fläschchen mit Sand zum Ablöschen steckte er auch noch ein.

In der Kapitänskammer stand Ben Brighton mit tränenden Augen. „So was Köstliches habe ich schon lange nicht mehr erlebt, Ed“, sagte er. „Hättest du das dem verdammten Piraten Ribault zugetraut?“

„Nie im Leben“, versicherte Ed Carberry und sah mißbilligend an seiner Kleidung hinunter. „Wie der mich behandelt hat! Ich wollte ihn zuerst anständig ver ...“

„Sei froh, daß wir ihn haben. Du hast doch auch deinen Spaß, oder?“ „Klar“, versicherte Carberry. „Jetzt schon.“

„Dann hau ab und verschwinde. Ich kann nicht an Deck erscheinen, sonst lach ich micht tot.“

„Aye, aye“, sagte der Profos grinsend. „Merde, Capitaine!“

„Verschwinde!“

Oben an Deck, in der Kuhl, breitete Ribault die Sachen aus. Dann nahm er die Feder in den Mund und dachte nach.

„Ah, ich werde Ihnen diktieren, Monsieur“, sagte er großzügig zu Mitchell und gab ihm Pergament und Feder. „Ich transpiriere. Schreiben strengt mich zu sehr an.“

Mitchells Hände zitterten heftig. Hoffentlich stellte dieser Franzose keine allzu großen Ansprüche, sonst blieb von dem Geschäft nicht mehr viel übrig.

„Bon. Wir brauchen drei Fässer Branntwein, Monsieur.“

„Äh – Branntwein habe ich leider nicht“, sagte Mitchell hastig.

„Dann nicht. Wir nehmen als Ersatz drei Fässer Whisky, zwanzig Schinken, abgehangen bitte, und zehn Dauerwürste.“

Mitchell schrieb mit klammen Fingern. Sein Gesicht zog sich in die Länge. Als er alles aufgeschrieben hatte, atmete er erleichtert auf, aber leider zu früh.

„Ein Faß Zucker, zwei Fässer Mehl und ein Faß Salz“, fuhr Ribault ungerührt fort. „Haben Sie? Ah, c’est bon.“

Mitchell zog einen Strich darunter. Dann wollte er aufstehen.

„Aber Monsieur“, sagte Ribault vorwurfsvoll und drückte den Dikken lächelnd und sanft wieder zurück. „Meine Leute können nicht leben von Mehl und Zucker. Es geht noch weiter. Une bagatelle, mein Guter, nicht viel. Denken Sie an das Geschäft.“

Mitchell starrte aus glasigen Augen auf das Pergament in seiner Hand. Entsagungsvoll nickte er. Dieser aristokratische Stutzer war nicht nur unverschämt. Er war ein ausgesprochener Nepper, der nichts anderes im Sinn hatte, als die Leute zu barbieren.

Darmowy fragment się skończył.