Czytaj książkę: «Katzmann und das verschwundene Kind»

Franziska Steinhauer
Katzmann und das
verschwundene Kind
Der erste Fall
Kriminalroman
Jaron Verlag
Franziska Steinhauer, erfolgreiche Cottbuser Krimiautorin, ist bekannt für ihre psychologisch ausgefeilten Kriminalromane. Mit besonderem Geschick verknüpft sie mörderisches Handeln, Lokalkolorit und Kritik an aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Zuletzt erschienen von ihr «Wortlos» (2009), «Mord im Hause des Herrn» (2009), «Gurkensaat» (2010) sowie der Krimi zur Frauen-Fußball-WM «Spielweise» (2011). (www.franziska-steinhauer.de)
Originalausgabe
1. Auflage 2011
© 2011 Jaron Verlag GmbH, Berlin
1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin
ISBN 9783955520502
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Impressum
PROLOG Juni 1918
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
Die Reihe
PROLOG
Juni 1918
ER BEWEGTE SICH überraschend behende. Schob den schweren, unerwartet sperrigen Sack durch Gebüsch und dichtes Gestrüpp. Selbst hier brannte die Sonne heiß auf seinen Rücken, und er fluchte leise. Hätte das nicht noch ein paar Tage warten können, bis es wieder kühler war? Nein, konnte es nicht! Natürlich nicht. Schon jetzt ging ein unangenehmer Gestank von diesem Sack aus, der rasch ungewollte Aufmerksamkeit erregt hätte. Nein, das Ding musste verschwinden. Heute. Die hereinbrechende Dunkelheit würde ihm die Arbeit erleichtern. Doch bis dahin galt es, die Zeit zu nutzen und den besten Platz zu finden.
Er hatte Glück gehabt. Mit dem Sack auf dem Gepäckträger hatte er quer durch die Stadt radeln müssen, um dieses Waldstück zu erreichen. Niemand hatte von ihm und seiner Fracht Notiz genommen, obwohl die Straßen und Gehwege so voller Leute gewesen waren, dass man hätte annehmen können, das in Zeiten von Pest oder Krieg abgesagte Vogelwiesenfest fände in diesem Jahr wieder statt. Dieses ursprünglich als Schützenfest veranstaltete Vergnügen erfreute sich über die Jahre immer größerer Beliebtheit, die Besucher verschuldeten sich gar für den Besuch. Diese glücklichen Zeiten für Pfandleiher waren nun vorbei. Ihm war das gleichgültig. Er fand sein Vergnügen in vollkommen anderen Dingen. Seine Freuden wollte er nicht mit anderen teilen.
Nur einmal war die Situation brenzlig geworden, als ein großer Hund angefangen hatte, sich für sein Gepäck zu interessieren, und nur schwer davon zu überzeugen gewesen war, in dem Sack befänden sich nur ein paar Werkzeuge.
Die Kleine war selbst schuld. Wie die anderen auch.
«Wenn du mir kein Eis kaufen willst, sage ich Mama, wo du mich anfasst. Ich glaube, dann gibt es Ärger», hatte sie gesagt und ihn dabei mit demselben kalten Blick gemustert wie seine Frau. Was danach passiert war, hatte ihn selbst überrascht. Und er gab sich größte Mühe, nicht eine Sekunde davon zu vergessen.
Am liebsten hatte sie laut und hemmungslos gelacht. Ansteckend. Mit ihr war wieder Farbe in sein Leben gekommen. Für einige Zeit war sie zum Wichtigsten in seinem Denken geworden. Nun ging es nur noch darum, ihren Kadaver gut zu verbergen. Er konnte sich problemlos vorstellen, was seine Frau mit ihm anstellen würde, käme sie dahinter. Wie aufs Stichwort begannen die Narben auf seinem Rücken zu brennen und zu jucken.
Je tiefer er in den Wald eindrang, desto ruhiger und kühler wurde es. Schon bald fand er die Stelle, die er am Vortag ausgesucht hatte, zog den versteckten Spaten aus dem aufgeschütteten Reisighaufen und begann zu graben. Nach zwei Stunden sah er sich zufrieden um: Er würde vor dem Winter nicht noch einmal kommen müssen - niemand konnte hier ein Grab erahnen.
Und plötzlich spürte er ein unglaubliches Gefühl von Freiheit. Er breitete die Arme aus, atmete gierig die Waldluft tief in seine Lungen und wusste sofort, was das zu bedeuten hatte: Er war tatsächlich frei. Frei für die Nächste.
EINS
«ABER DAS IST DOCH nicht möglich!» Verzweifelt warf die blonde Frau beide Hände hoch in die Luft und ließ sie dann, als habe sie plötzlich alle Kraft verlassen, wieder in den Schoß fallen.
«Wir geben uns alle erdenkliche Mühe», versicherte Kommissar Fritz Ganter und wiegte seinen schweren Kopf bekümmert von einer Seite zur anderen. «Jeder Polizist draußen auf der Straße weiß inzwischen Bescheid. Alle halten Ausschau nach Trude. Wir haben mit ihren Freundinnen gesprochen, mit der Lehrerin, aber niemand konnte uns weiterhelfen.»
Fritz Ganter, untersetzt und von ausgesprochen unsportlichem Naturell, beobachtete betroffen, wie sich die Augen der Mutter mit Tränen füllten. Natürlich konnte er, selbst Vater einer Tochter, ihren Kummer nachfühlen. Es war nicht leicht zu begreifen, wie ein blonder Engel auf dem Weg zur Schule verschwinden konnte, als sei er vom Erdboden verschluckt worden.
Er verstand es auch nicht.
Sein wie für die Ewigkeit gezogener Scheitel rötete sich leicht, und unter dem mit Pomade fixierten Kurzhaarschnitt bildete sich trotz der Kälte im Bureau ein Film feinster Schweißtröpfchen. Als Frau Winterstein vor wenigen Tagen angab, ihre Tochter sei von der Schule nicht nach Hause gekommen, hatte er sich nicht ausmalen können, wie sich dieser Fall entwickeln würde. Kein Problem, war sein erster Gedanke, bis zum Abend bringen wir die Kleine nach Hause zurück. Doch das Mädchen fand sich nicht wieder ein. Das wirklich Irritierende war aber, dass niemand das Kind gesehen hatte. Weder am Tag seines Verschwindens noch danach. Nicht einmal die neugierige und überaus schwatzhafte Frau Janker, die im Parterre direkt gegenüber der Schule wohnte und wirklich alles mitbekam, was in der Straße vor sich ging.
Es gab nur drei Möglichkeiten. Erstens: Das Kind war tot. Der weiße, zarte Körper lag irgendwo leblos mit einer blutroten Wunde quer über den Hals. Doch daran mochte Fritz Ganter gar nicht denken. Die andere Möglichkeit, so schien ihm, war auch nicht viel besser: Das schmächtige Kind in der Hand eines Wüstlings, der es in irgendeinem Keller gefangenhielt. Auch eine dritte Variante konnte er nicht ausschließen. Entgegen der Darstellung der Mutter war es möglich, dass es sich bei dem Mädchen um eines von der abenteuerlustigen Sorte handelte. Konnte es also sein, dass niemand sie gesehen hatte, weil sie das selbst so wollte? War der Augenstern der Mutter schlicht durchgebrannt?
«Sie können doch hier nicht so untätig rumsitzen, während irgendjemand meinen Liebling verschleppt hat! Von allein wird Trude kaum an Ihren Schreibtisch kommen. Suchen Sie mein Kind! Sie tun doch überhaupt nichts! Am Ende ist sie gestürzt und liegt irgendwo, hilflos!»
Fritz Ganter beschloss, stoische Ruhe zu bewahren. Natürlich hatten sie den Weg zur Schule abgesucht - großräumig. Unter jedem Busch und hinter jedem Baum suchten Polizisten und Freunde der Wintersteins, doch das Kind wurde nicht gefunden.
«Sie wissen, dass wir …» Weiter kam er nicht.
Rüde fiel ihm die Mutter ins Wort: «Dann tun Sie mehr! Trude ist ein wohlerzogenes Mädchen. Sie geht nicht mit Fremden mit. Sie bemühen sich gar nicht, meine Kleine zu finden!»
Ganter hielt für zehn Sekunden den Atem an - eine Methode, die sich bewährt hatte. Was wusste diese elegante Dame schon von Polizeiarbeit? Er musterte ihre verhärmten, sorgenvollen Züge, und plötzlich war sein Zorn verraucht. Sie tat ihm leid. Wenn er ihr erzählte, wo er schon überall nach der Kleinen gesucht hatte - die Augen würden ihr übergehen! Erst gestern eine Razzia im Puff von Madame Antoinette. Im Hinterzimmer hatten sie einige Dresdner Größen beim illegalen Glücksspiel ertappt, von Trude aber keine Spur gefunden.
«Frau Winterstein, ich verstehe Ihre Aufregung. Es ist natürlich schrecklich, wenn die kleine Tochter nicht nach Hause kommt. Sie können mir glauben, wir versuchen alles, um Trude zu finden.» Beinahe hätte er hinzugefügt: Und wenn wir jeden Stein umdrehen müssen. Es gelang ihm allerdings in letzter Sekunde, sich auf die Lippen zu beißen und den Fauxpas zu verhindern. Diese flapsige Redewendung wäre von der hysterischen Mutter womöglich so ausgelegt worden, dass die Polizei gar nicht mehr daran glaube, Trude lebend zu finden. Denn wer unter einem Stein liegt, ist in der Regel tot.
In die Augen der Mutter schlich sich ein bösartiger Ausdruck. Ganter, der ein sorgfältiger Beobachter war, bemerkte es sofort. Er ahnte, was nun unweigerlich kommen musste.
«Wenn die Suche nach meinem Liebling Sie derart überfordert, werde ich mit Ihrem Vorgesetzten reden, damit er Sie von dieser Aufgabe entbindet!», intonierte sie schrill.
Ganter wartete eine geschlagene Minute, bevor er freundlich erklärte: «Das hat Ihr Arbeitgeber bereits getan. Nach diesem Gespräch wurde ich von meinem Vorgesetzten ausdrücklich für meine bisher geleistete Arbeit in dem Fall gelobt. Niemand denkt daran, mich abzuziehen. Frau Winterstein, der Schmerz über das unerklärliche Verschwinden Ihrer Tochter verstellt Ihnen den Blick!»
Falls er erwartet hatte, sie sei nun entsprechend zerknirscht oder gar beschämt, sah er sich enttäuscht. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, aus denen offener Hass sprühte.
«Vor mir werden Sie erst wieder Ruhe haben, wenn Sie meine Trude gesund bei mir abgeliefert haben!», zischte sie bebend Und Ganter befürchtete, dass es genau so sein würde. Doch in dem Augenblick, als Frau Winterstein die Bureautür mit Schwung hinter sich zuknallte, hatte er eine Idee: Konrad! Der würde ihm sicher helfen.
ZWEI
DER UMSCHLAG in der Innentasche seines warmen Mantels knisterte leise bei jeder Bewegung. Immer wieder verirrten sich seine Finger an die Stelle über seinem Herzen, als könnten auch sie es nicht glauben: Konrad Benno Katzmann, Dresdenkorrespondent der Leipziger Volkszeitung. Und das mit 22 Jahren, so kurz nach Abschluss seines Studiums. Unfassbar! Ein eigenes Aufgabengebiet ganz in seiner Verantwortung. Gut, räumte er in Gedanken widerwillig ein, Leistner, der Redakteur, redete noch mit - aber sonst niemand.
Womit sollte er beginnen, vielleicht mit einer Artikelserie? Oder lieber mehrere Artikel über unterschiedliche Themen?
Hinter dem Fenster huschte im Tempo des Zuges die karge Winterlandschaft vorbei. Dürre Äste der Bäume reckten sich dunkel vor einem grauen Himmel. Er wusste, dass es kalt war, auch wenn er es hier im Abteil nicht so deutlich spürte. In Dresden würde ihn die Kälte beim Aussteigen anfallen wie ein wildes Tier.
Natürlich hatte er nicht vor, über das Wetter zu schreiben. Das konnte er getrost anderen überlassen, die nicht müde wurden, Parallelen zwischen dem Grau des Novembers und der politischen Entwicklung zu ziehen. Ihm schwebte etwas anderes vor: Er wollte Leipzigs und Dresdens Bürger gleichermaßen mitreißen und Optimismus verbreiten, die Menschen stärken für eine neue Politik in einer neuen Zeit!
Die Gesellschaft, in der er aufgewachsen war, befand sich im Umbruch. Doch genau das sorgte auch für Angst und Besorgnis unter den Menschen, die im Moment nichts so sehr herbeisehnten wie den Frieden. Zwar sprach die Presse immer wieder davon, dass nun endlich ein friedliches Zeitalter beginne und dass eine neue soziale Gerechtigkeit bald allen Glück und Wohlstand bringe. Doch wenn die Menschen sich umschauten, dann sahen sie nur die große Arbeitslosigkeit und das Chaos nach der Abdankung des Kaisers. Wilde Spekulationen von mehr oder weniger Kundigen machten die Runde, jedes Gerücht sorgte für Unruhe. Demonstrationen waren an der Tagesordnung, und da allen die notwendige Erfahrung mit der neuen Regierungsform «Demokratie» fehlte, schürten sie bei den einen tiefste Sorgen und den anderen zu große Erwartungen. Im Grunde konnten die meisten sich eine Zeit ohne Kaiser und König gar nicht vorstellen.
Diese Verunsicherung war nichts Besonderes, die gab es in Dresden wie anderswo. Katzmann seufzte tief. Selbstverständlich wäre ein Artikel über die geplante Versammlung bei Sarrasani Pflicht. Doch fanden solche Kundgebungen so gut wie überall statt, wenn auch meist in Zelten und Hallen und nicht in solch prunkvollem Rahmen, wie ihn das Rundhaus des Zirkus in Dresden bot. Katzmann suchte nach einem außergewöhnlichen Thema für seinen Artikel.
Noch eine halbe Stunde bis Dresden. Katzmann freute sich auf das Gespräch mit seinen Eltern. Endlich konnte er ihnen beweisen, dass man als Reporter Karriere machen konnte. Sein Vater redete schon seit Wochen auf ihn ein, er solle gründlich die Konsequenzen seines Handelns und der getroffenen Entscheidungen bedenken, es sei nicht zu spät, auf die Stimme der Vernunft zu hören. Aber was hieß das schon? Wilhelm Katzmann wetterte beharrlich gegen die Errichtung einer Republik und prophezeite Chaos und Verderben. War das auch die Stimme der Vernunft?
«Wohin soll das alles führen?», war die Phrase, die ohne Ausnahme in einen heftigen Disput zwischen Vater und Sohn mündete. Besonders wetterte der Vater gegen die Kommunisten, aber die Sozialdemokraten blieben auch nicht ungeschoren. Am schlimmsten jedoch war, dass Konrad nun ein Parteibuch hatte, eines der USPD. Daran kam man nicht vorbei, wenn der Arbeitgeber die Leipziger Volkszeitung war. Konrad hatte zunächst gezögert, wollte sich politisch nicht binden lassen, seine freie Meinung nicht aufgeben, sich nicht verbiegen müssen. Solange er nur freier Mitarbeiter war, kein Problem. Doch nun war es entschieden! Darüber kam Wilhelm Katzmann nicht hinweg, hüllte sich nicht selten in trotziges Schweigen, wenn sein Sohn zu Besuch kam.
Heute würde es anders sein! Wieder fingerte er im Mantel nach dem Arbeitsvertrag, lauschte glücklich auf das diskrete Rascheln des Papiers.
Träge rumpelte der Zug weiter. Das gleichförmige Ruckeln hatte eine derart beruhigende Wirkung auf Konrad Katzmann, dass er gegen eine zunehmende Schwere der Lider kaum mehr ankämpfen konnte. Bis morgen sollten die ersten Artikel fertig sein, grübelte er im Rhythmus der Räder.
Langsam nahm eine Idee konkrete Gestalt an. Warum nicht über Dresdens gesellschaftliches Leben in Zeiten der Spanischen Grippe schreiben? Natürlich wütete die Influenza auch anderswo, sie war kein singuläres Dresden-Ereignis. Was aber, wenn es keine Aufführungen mehr in der Semperoper geben konnte, weil die Sänger oder Musiker erkrankt waren? Oder wenn die Besucher ausblieben, aus Angst vor Ansteckung? Das wäre dann schon etwas Besonderes. Die Semperoper war weltweit bekannt!
Fielen die Vorstellungen eventuell auch bereits unter das Verbot von Massenveranstaltungen in geschlossenen Räumen? Gleich auf dem Heimweg könnte er die ersten Nachforschungen anstellen.
Seine Gedanken zogen weiter zu Martina. Sie war vielleicht die schönste Frau, die ihm je im Leben begegnet war. Bedauerlicherweise hatte sie kaum Notiz von ihm genommen, als sie sich nach der Arie tief verbeugt hatte.
Katzmann war darüber fast gekränkt, gelang es ihm doch sonst mühelos, die Aufmerksamkeit des weiblichen Geschlechts nicht nur zu wecken, sondern zu fesseln. Er wusste, dass er gut aussah, seine markanten Züge, die dichten Haare, die er asymmetrisch gescheitelt trug, weil er schon vor Jahren erkannt hatte, dass der Mittelscheitel den meisten Männern nicht stand, sie dumm und dröge wirken ließ. Und dann natürlich seine Augen. Die ungewöhnliche Farbe faszinierte seine Gesprächspartner, egal ob sie nun männlich oder weiblich waren. Eisvogelblau. Wenn das Licht in günstigem Winkel einfiel, funkelten goldene Blitze darin. Aber Martina hatte das alles offensichtlich nicht bemerkt.
Dresden, Bahnhof Neustadt. Endlich! Von nun an musste er, der nicht gern Bahn fuhr, die Strecke Dresden—Leipzig—Dresden zum Glück seltener zurücklegen. Sein Arbeitsschwerpunkt lag nun hier. Da blieb mehr Zeit für seine Artikel.
Hastig raffte Katzmann seine Habseligkeiten zusammen, zerrte den Schal fester um den Hals und stopfte die langen Enden vor der Brust fest. Er setzte den Hut auf, rückte ihn zurecht. Sollte es regnen oder gar schneien, würde der ihn wenigstens vor Nässe schützen. Ein Lob auf den Erfinder in Guben, Carl Gottlob Wilke! Ihm verdankte die Welt den wetterfesten Filzhut. Katzmann fuhr in die Handschuhe, die er sich vor ein paar Tagen geleistet hatte. Wenn er seine Eltern besuchte, würde er sie in die Manteltasche schieben, nach Auffassung seines Vaters brauchten wahre Männer so etwas nicht. Handschuhe seien ein Indiz für den Verfall der Tugenden in der Gesellschaft. Schließlich müsse der Soldat an der Front auch mit kalten Händen die Heimat verteidigen können!
Mit einem Schaudern erinnerte er sich an das Abhärtetraining, das sein Vater in jedem Jahr zu Beginn des Winters mit ihm durchführte. Es grenzte fast an ein Wunder, dass ihm alle Finger, Zehen, Ohren und die Nasenspitze erhalten geblieben waren. Nur eine großflächige Erfrierung an delikater Stelle hatte er davongetragen, als er über mehrere Stunden mit unbekleidetem Unterleib im Schnee sitzen musste.
Wie erwartet empfing ihn ein eisiger Wind, dem es mühelos gelang, die Mäntel, Röcke und Hosenbeine der Passanten zu durchdringen. Ein feiner Schleier aus Wassertröpfchen legte sich über Katzmanns Brillengläser und raubte ihm die Sicht. Murrend klemmte er sein Gepäck zwischen die Beine und fischte ungeschickt sein Reinigungstuch aus der Manteltasche.
Ärgerlich - immer diese jahreszeitlich bedingte Blindheit, die den Brillenträger völlig außer Gefecht setzt! Gründlich wischte er die Feuchtigkeit ab, blies seinen warmen Atem über die Sehhilfe, rieb erneut. Dann schob er die Bügel über die Ohren und drückte seine Mappe enger an den Körper. Er griff nach seinem kleinen Lederkoffer und machte sich auf den Weg.
Zu seiner Überraschung war in den Straßen ein dichtes Gedränge. Männer und Frauen eilten, ohne einen Blick nach links oder rechts zu werfen, den Bürgersteig entlang, andere standen in kleinen Gruppen diskutierend in Hauseingängen zusammen.
Und doch hatte sich seine Stadt stetig verändert. Das Lachen war aus Dresden verschwunden, als stünde es unter Strafe. Längst hatte sich das Novembergrau in den Herzen und im Denken der Menschen eingenistet. Besorgt registrierte er die vielen Kranken, die sich hustend und schniefend unter den anderen bewegten. An den Ecken entdeckte er einige Bettler, einer hockte der Kälte zum Trotz auf dem eisigen Boden, den Blick leer wie die Dose zu seinen Füßen. Katzmann kramte in seiner Manteltasche und fand eine Reichsmark. Scheppernd fiel sie in das Gefäß, und der Mann bedankte sich leise. Doch das hörte der junge Reporter schon nicht mehr.
Er musterte die Menschen. Bildete er sich das ein, oder waren es tatsächlich mehr Soldaten, die hier entlanggingen? Heimkehrer, die ziellos durch die Straßen streunten, weil In-Bewegung-Sein noch immer besser war als still in einer Ecke zu stehen, der gnadenlosen Kälte schutzlos preisgegeben. Katzmann wusste, dass man in einigen Schulen Notunterkünfte eingerichtet hatte, damit die heimgekehrten Kämpfer erst einmal eine Anlaufstelle und ein Dach über dem Kopf fanden.
Graue Gesichter in grauen Mänteln, die in einer grauen Stadt unterwegs waren. Deprimierend.
Ein Zeitungsjunge brüllte über die Straße: «Extrablatt! Extrablatt! Schon wieder Opfer der Grippewelle zu beklagen. Prominenter unter den Toten! Extrablatt! Extrablatt! Maler Egon Schiele an Grippe gestorben! Meuterei der deutschen Seekriegsflotte in Wilhelmshaven! Extrablatt! Extrablatt!»
Kunden bestürmten den Jungen, rissen ihm die dünne Ausgabe förmlich aus den Händen.
Katzmann beschloss, am Alberttheater vorbeizugehen. So konnte er gleich feststellen, ob Vorstellungen wegen der Erkrankungswelle abgesetzt worden waren.
Der Albertplatz war rund angelegt, und sternfömig trafen an dieser Stelle zwölf Straßen zusammen. Das Alberttheater war hier nicht der einzige Prunkbau. Gegenüber lag die Villa Eschebach, die Dresdenbesuchern gern gezeigt wurde. Das auf einem quadratischen Grundriss errichtete Gebäude verfügte über einen eindrucksvollen Segmentbogen, der zwei Putten zeigte, die eine Kartusche mit den Initialen Eschebachs hielten. Konrad gefielen allerdings die Brunnen auf diesem Platz am besten. Ganz besonders die «Stürmischen Wogen». Hier sah man kämpfende Tritonen über dem runden Steinbecken. Ihre durchtrainierten Körper faszinierten ihn. Solche Muskeln bekommt man als Journalist eher nicht, dachte er ein wenig neidisch nach einem letzten Blick die Hauptstraße hinunter und setzte seinen Weg über die Georgenstraße fort.
Schnell hatte er das Haus in der Wolfsgasse erreicht, das sein Großvater ihm vor wenigen Jahren vererbt hatte, stellte sein Gepäck ab und machte auf dem Absatz kehrt. Er würde sofort zu seinen Eltern gehen. Die Melanchthon Straße war schließlich nur ein paar Minuten entfernt. Er schmunzelte amüsiert über sich selbst. Da bemühe ich mich um Unabhängigkeit, doch kaum bekomme ich einen neuen Vertrag, schon habe ich nichts Eiligeres zu tun, als ihn den Eltern zu zeigen! Der Sohn möchte noch immer gelobt werden, es ist doch nicht zu glauben, kicherte er in sich hinein, als er vor der Tür des Elternhauses stand, einem großen, hellen Gebäude mit drei Etagen, das der Vater gekauft hatte, als er nach Großvaters Tod die Leitung der Tabakwarenfabrik übernommen hatte. Es ist wie früher mit dem Zeugnis: Du buhlst noch immer um ihre Anerkennung. Konrad, Konrad, vielleicht solltest du üben, erwachsen zu sein!
«Konrad, herzlichen Glückwunsch!», jubelte die Mutter und schloss ihren Sohn fest in die Arme, während der Vater den Arbeitsvertrag gründlich studierte, um darin verborgene Fallstricke zu entdecken.
«Dresdenkorrespondent - was für ein Wort! Ich bin ja so stolz auf dich!»
«Der Leipziger Volkszeitung », setzte sein Vater bitter hinzu.
«Wenigstens muss ich sie nicht auch noch lesen!»
«Ach Wilhelm, nun gib schon zu, dass du dich freust!» Der Vater schwieg.
«Aber Konrad, nun wirst du doch sicher daran denken, endlich eine Familie zu gründen?», schaffte Frau Katzmann mühelos die Überleitung zu ihrem Lieblingsthema. «Sieh mal, es ist ja nicht so, dass du eine Frau nicht gut ernähren könntest - natürlich mal abgesehen von diesen lästigen Versorgungsengpässen dieser Tage. Das wird nicht ewig so bleiben.»
«Mir ist die Richtige noch nicht begegnet», behauptete der Sohn.
«Es ist nicht gut für einen Mann, wenn er allein lebt! Das entspricht nicht seiner Natur und führt nicht selten dazu, dass sich Krankheiten einstellen», mahnte die Mutter halsstarrig.
«Syphilis?»
«Konrad!», donnerte die Stimme Wilhelms durch den Raum.
«Nicht in meinem Haus, und nicht gegenüber deiner Mutter!»
«Also wirklich! Müsst ihr denn immerzu in diesem Ton miteinander umgehen? Ich glaube, das Beste wird sein, ich sorge für eine gute Tasse echten Kaffee und ein bisschen Gebäck.» Damit erhob sich die ungewöhnlich große Frau, ordnete ihren seidigschimmernden Rock und stolzierte erhobenen Hauptes zur Tür hinaus.
Wilhelm Katzmann hievte seinen schweren Körper aus dem Plüsch des Sessels und trat hinter seinen Sohn.
«Deine Mutter macht sich ernsthaft Sorgen um dich. Es ist nicht richtig, ihre Ängste ins Lächerliche zu ziehen! Du weißt sehr genau, dass sie es gern ordentlich hat. Und bei dir sieht sie das Fehlen einer weiblichen Hand. Schau dir nur deine Schuhe an! Lotte würde ihren Johannes niemals mit so verschmutzten Schuhen aus dem Haus gehen lassen. Auch die Kinder, immer akkurat. Deine Hose ist ungebügelt, die Schuhe und dein Sakko schmutzig - und die Krawatte passt nicht zum Hemd!»
Konrad schluckte lange an seinem Ärger. Er legte großen Wert darauf, modisch gekleidet zu sein, wusste genau, dass seine Kombinationen exklusiv waren, aber eben nicht dem konservativen Geschmack des Vaters entsprachen. Der war eher von Lottes Mann begeistert, einem Streber, Langweiler, Besserwisser und Petzer, den Konrad schon zu Schulzeiten nicht hatte ausstehen können. Was seine Schwester an ihm fand, war ihm unbegreiflich.
Unerwartet spürte er die Hand seines Vaters, der kein Freund körperlicher Nähe war, auf seiner Schulter. «Komm mit!», forderte Wilhelm Katzmann flüsternd.
Sanfter Druck schob den frischgebackenen Dresdenkorrespondenten aus dem Sessel, die Treppe hinunter und zur Haustür hinaus. Schweigend überquerten sie den Hof, erreichten die Garage. «Mach mal das Tor auf!»
Dort, in der Mitte des Raumes, stand ein seltsam buckliges Ding, verborgen unter einer großen grauen Plane. Überall schien es Beulen zu haben, größere und kleine. An der höchsten Stelle, etwa siebzig Zentimeter vom Boden, zeichneten sich Hörner ab.
«Na, möchtest du nicht nachsehen?», fragte der Vater ungeduldig.
In respektvollem Abstand umschlich der junge Mann das suspekte Objekt, betastete die Plane.
«Deine Mutter und ich haben ehrlich gesagt schon länger mit deinem beruflichen Fortkommen gerechnet. Eigentlich hatte ich gehofft, man würde dir bei einer seriösen Zeitung einen Posten als verantwortlicher Redakteur anbieten, vielleicht für Politik. Aber nun ist es eben, wie es ist. Ausgerechnet bei diesem linken Revolverblatt - daran ist wohl im Moment nichts zu ändern, aber es ist und bleibt enttäuschend. Nun, von alldem einmal abgesehen, dachten wir, es könne nicht schaden, deine Mobilität zu verbessern. Man hat mir versichert, es sei zuverlässig und nützlich.»
Konrad hörte die verletzenden Worte seines Vaters kaum. Nur bei dem Wort «nützlich» zuckte er kurz zusammen. Unter der Plane war demnach nichts zu erwarten, was ihm Freude machte, sondern ihm von Nutzen war. Typisch! So war sein Vater schon immer gewesen.
«Gerade nach den schweren Zugunglücken in letzter Zeit ist deine Mutter stets in großer Sorge um deine Gesundheit. Vor sechs Wochen erst, direkt in Neustadt, gab es wieder einen schrecklichen Unfall. Der D 13 Leipzig—Dresden war auch darin verwickelt. Wie entsetzlich, von 18 Toten und 118 Verletzten lesen zu müssen! Da ist es nur ein geringer Trost, dass man die Verantwortlichen sicher zur Rechenschaft ziehen wird. Eine Farbuntüchtigkeit! Unglaublich, dass das niemandem aufgefallen war! Deine Mutter behauptet, man habe die Erschütterung bis hierher spüren können, wie ein Erdbeben. Und erst der Lärm! Letzte Nacht gab es schon wieder ein Unglück, in Briesen. Ein Auffahrunfall mit 19 Toten und etwa 50 Verletzten! Deine Mutter ist davon überzeugt, dass Zugfahren sehr gefährlich für ihren einzigen Sohn ist.»
Das war ein ungewöhnlich langer Bericht. Wilhelm Katzmann empfand eine heimliche Faszination für die Eisenbahn. Unglücke trafen ihn daher besonders.
Konrad hörte nur mit einem Ohr zu. War es möglich? Dieser Geruch nach Öl und Gummi nährte die irrsinnige Hoffnung, unter dieser Abdeckung könne sich die Erfüllung seines Traumes verbergen.
Mit einem Mal rumpelte sein Herz aufgeregt gegen die Rippen. Das konnte nicht sein! Oder doch?
Konrad ging in die Hocke und hob langsam die Plane an. Reifen! Ihm stockte der Atem. Langsam zog er die Abdeckung herunter.
«Eine NSU 1000!», keuchte er dann. «Mit Beiwagen! Selbst zusammengeschweißt - da hat jemand viel Arbeit und Zeit investiert.»
Auf den ersten Blick verliebt, strich er sanft mit dem Zeigefinger über die Lampe. «Mein Gott, Vater! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.»
«Ein einfaches Danke würde sicher genügen. Und vielleicht richtest du es an deine Mutter. Es war ihre Idee.»
«Danke!»
«Sie ist gebraucht, wie du siehst. Es gibt im Moment nicht viele Menschen, die privat solch ein Ding besitzen. Aber man versicherte uns, mit ein bisschen Geschick sei die Reparatur kein Problem.»
Konrad Katzmanns Augen wanderten prüfend über das Wunder. Sicher, ein paar Lackschäden hier und da, aber nicht eine kleine Beule.
«Diese Maschine hat etwas mit dir gemein: Auch sie konnte sich erfolgreich vor dem Dienst an der Front drücken. Asthma hat sie zwar keines, aber der Besitzer hatte sie bei Freunden in der Scheune versteckt.»
Konrad tat so, als habe er diesen boshaften Kommentar nicht gehört. «Ich habe zwar auch ein bisschen Ahnung, aber es ist besser, wenn Klaus sich den Motor ansieht. Der kennt sich mit so was aus», sagte er und versuchte, das Motorrad zu starten. Husten, Qualm, sonst nichts.
Nach dem Kaffee verabschiedete er sich eilig. Er würde noch heute bei Klaus vorbeigehen und ihn fragen, ob er sich die NSU ansehen könne. Beschwingt lief er mit raumgreifenden Schritten in Richtung Elbufer.
Die Augustusbrücke lag am günstigsten. Klaus, der seine Eltern früh verloren hatte, wohnte mit seinen Großeltern in der Adlergasse am Wettiner Bahnhof. Rührend kümmerte er sich um die beiden alten Leute, die ihn damals ohne Zögern aufgenommen, ihn erzogen und für eine gute Ausbildung gesorgt hatten. Ohne sie, das war dem jungen Mechaniker sehr bewusst, hätte er im Leben nicht Fuß fassen können. Klaus liebte Motoren, konnte beinahe alles reparieren. Seine kleine Werkstatt in Übigau war ein echter Geheimtipp.
Ein klebriger dunkler Nebel kroch schon die Auen hoch, Katzmann konnte die anderen Passanten nur noch schemenhaft erkennen. Nicht einmal mehr das Relief am Altstädter Landpfeiler, das angeblich den Baumeister der ersten steinernen Elbbrücke in Dresden, Mathaeus Focius, abbildete, war zu sehen. Es zeigte einen Mann in seltsam verkrampfter Haltung, und böse Zungen behaupteten hartnäckig, es sei entstanden, um daran zu erinnern, wie sehr der Baumeister vom Durchfall geplagt wurde, als er erkannte, er habe die Eisbrecher stromabwärts statt stromaufwärts angebracht. Aber das war natürlich nur ein Gerücht. Doch lustvoll wurde es von einer Generation zur nächsten weitergegeben.
Plötzlich hörte Katzmann ein lautes Platschen. Erschrocken fuhr der junge Mann herum. Mit zu Schlitzen verengten Augen starrte er in die Finsternis, doch sosehr er sich auch anstrengte, er konnte nicht mehr als einen unförmigen Schatten erkennen, der sich hastig entfernte. Was mochte der Kerl da über die Brüstung geschleudert haben?
Katzmann beschloss, das herauszufinden, und lief eilig in Richtung Ufer. Vielleicht konnte er versuchen, es aus dem Wasser der Elbe zu ziehen. In Gedanken formte sich schon eine Geschichte über Verbrechen zu Kriegszeiten, Verstrickungen mit skrupellosen Schieberbanden.
Noch nicht einmal am Ende der Brücke angekommen, vernahm er leise Hilfeschreie, die aus dem Bereich unter der Brücke zu kommen schienen. Die Stimme einer Frau, direkt aus dem Fluss …
Er war Zeuge eines Mordversuchs geworden! Und er würde nicht einmal den Täter beschreiben können! Im Rennen schlüpfte er schon aus Mantel und Schal, warf beide zusammen mit dem Hut ans Ufer, riss sich die Schuhe von den Füßen. «Halten Sie durch! Ich bin gleich bei Ihnen!»
Wie lange konnte ein Mensch in diesem eisigen Wasser überleben?
«Hier», hörte er schwach. «Hier bin ich!»
«Noch sehe ich Sie nicht!» Entschlossen warf Katzmann sich ins Wasser, schob seinen Körper, der mit heftigem Schmerz gegen diese Zumutung protestierte, tiefer hinein.
«Ich kann nicht schwimmen!», wehte eine neue erschreckende Information zu ihm hinüber.
«Strampeln Sie kräftig! Nicht nachlassen!»
Endlich machte er eine Bewegung vor sich aus, hielt energisch darauf zu. «Ich kann Sie sehen! Sofort bin ich da!»
Die Kälte nahm ihm fast den Atem. Der Puls raste, seine Füße und Hände spürte er kaum noch. «Sehen Sie mich?»
«Ja», antwortete die Stimme unsicher. Ein Kind!
Katzmanns Zorn beflügelte seine Bemühungen. Dieser Mörder hatte ein Kind in der Elbe ertränken wollen! Wahrscheinlich einen «nutzlosen Esser», ein «lästiges Übel»! Na, der würde sich wundern: Ab morgen suchte mit Sicherheit ganz Dresden nach ihm!
Seine Kleidung, die er wegen der Kälte in mehreren Schichten übereinander trug, sog sich zunehmend voll Wasser und behinderte das Vorankommen. Arme und Beine trotzen dem Kälteangriff kaum noch. Seine Lungen brannten. Katzmann keuchte.
«Streck deine Hand in meine Richtung aus!», stieß er mühsam hervor. Und tatsächlich - eine leichte Berührung. Er hatte es geschafft. Eisern umschloss er die Finger des Kindes und zog es zu sich heran.
«Hör zu, du musst ein bisschen mithelfen, ja? Dann schaffen wir es auch wieder zurück», erklärte er rau und bemerkte im selben Augenblick, dass die Kleine mit dem anderen Arm etwas aus dem Wasser stemmte.
«Was ist das?»
«Keine Ahnung. Das hat … der Mann … ins Wasser geworfen. Als es fiel, weinte es.» Das Mädchen zitterte am ganzen Körper, sprach abgehackt.
«Ich rette also eine Retterin.»
«Vielleicht ist es ein Baby», flüsterte die Kleine, und Katzmann mobilisierte alle Reserven. Mit einem letzten Schwung schob er das Kind, den Sack und sich ans Ufer.
Erschöpft rang er nach Luft, hustete, versuchte einzuatmen, hustete wieder. Er spürte die Hand des Mädchens, die in seiner bebte. «Zieh meinen Mantel über!», röchelte er und hörte von Ferne, dass sie ihm etwas erklärte.
«Meine Tante hat das auch. Sie kennt einen Trick. Leg dich auf den Rücken.»
Katzmann rollte sich herum.
«Augen zu! Versuche, nicht mehr zu husten, das macht es nur schlimmer. So, nun musst du durch die Nase atmen! Ganz ruhig und gleichmäßig. Bei jedem Mal den Atem für ein paar Sekunden anhalten, dann von vorn.»
Aus dem Sack war leises Fiepen zu hören.
Katzmann spürte tatsächlich, wie wieder Luft in seine Lungen strömte. Eine Erlösung!
«Weiter!», forderte das Mädchen, das sich inzwischen in Konrads Mantel gehüllt hatte und sich nun mit steifen Fingern darum bemühte, den Sack zu öffnen.
Katzmann atmete tief. Er drehte sich auf die Seite, rappelte sich auf und half ihr, den Knoten zu lösen. Dabei wurde er noch immer von Hustenattacken geschüttelt. Beherzt griff er in das Jutebündel und zerrte einen mutig strampelnden Welpen heraus.
«Meine Güte! Nun wird alles gut, mein Kleiner», versprach die Retterin und versuchte, den Winzling unter den Mantel zu schieben, womit der allerdings nicht einverstanden war.
Katzmann nahm ihr das Tier ab. «Schlüpf richtig rein!» Er stopfte sich den Hund, der nasser nicht mehr werden konnte, unter das Hemd, und der Kleine schien den Hautkontakt als beruhigend zu empfinden. Er hörte auf sich zu sträuben.
«Wie heißt du eigentlich?», fragte Katzmann dann.
«Katja. Und du?»
«Konrad. Das war ganz schön mutig von dir: Springst ins Wasser, obwohl du nicht schwimmen kannst, weil der Sack gelebt hat. Ehrlich gesagt, das imponiert mir.»
«Mein Vater sieht das sicher anders. Er wird sagen, es war dumm und leichtsinnig», räumte das Mädchen kleinlaut ein. Wahrscheinlich malte Katja sich schon die Schimpftirade aus, die sie zu Hause erwartete. «Aber du warst auch unglaublich mutig. Wir hätten alle drei in dem kalten Fluss sterben können.»
Schweigend erklommen sie das Ufer.
Katzmann schlüpfte ohne Socken in seine Schuhe und erklärte entschieden: «Ich bringe dich nach Hause. Ich habe auch einen Vater, der die Dinge grundsätzlich anders sieht als ich.» Dabei gab er sich Mühe, sein Schlottern zu verbergen. Retter und andere Helden froren nicht!
«Och, ich habe es gar nicht weit.» Sie machte Anstalten, sich aus dem Mantel zu schälen, der so lang war, dass sie ihn beim Gehen raffen musste. «Ich kann gut allein gehen.»
«Lass den Mantel noch an. Ich begleite dich, keine Widerrede!»
«Mein Vater mag nicht, wenn ich Fremde mitbringe», versuchte sie einen neuen Vorstoß.
«Ich bin doch nicht fremd!», protestierte der junge Reporter.
«Also, ich habe den Mann nicht erkennen können. Wie hast du denn in der Dunkelheit gesehen, dass der einen Sack übers Brückengeländer wirft?», bibberte Konrads Stimme.
«Du hast mich da rausgezogen, ich schätze, du verdienst eine Antwort», seufzte Katja und zog frierend die Schultern hoch. «Ich bin dem Mann schon eine Weile gefolgt. Wollte sehen, wohin er den Sack bringt. Erst dachte ich, da ist ein Schatz drin und er sucht ein Versteck. Dann fing es an, in dem Sack zu strampeln.» Sie warf dem gutaussehenden blonden Mann einen argwöhnischen Blick zu. «Sind wir Freunde?»
«Klar!», antwortete Konrad mit klappernden Zähnen.
«Ich wollte sehen, wo er wohnt. Ich dachte, er ist vielleicht reich», vertraute sie ihm an.
«Weißt du was, ich glaube, wir sollten an Tempo zulegen. Wenn wir nicht schnell ins Warme kommen, werden wir beide wohl gewaltig krank. Und wer kann schon eine dicke Erkältung brauchen?»
Sie beschleunigten ihre Schritte in Richtung Dresdner Heide.
«Was macht der Hund?»
Konrad zog am Kragen seines Pullovers und warf einen indiskreten Blick auf das Fellbündel.
«Sieht so aus, als habe er beschlossen einzuziehen», lachte der Reporter dann, als er erkannte, dass der Kleine eingeschlafen war.
Wie aus dem Nichts bauten sich plötzlich zwei Frauen vor ihnen auf.
Katja wich erschrocken zurück und rief: «Meine Tanten!»
«Sehr richtig! Wir suchen dich!», zeterte die eine von ihnen und wandte sich drohend zu Katzmann um. «Was haben Sie mit der Kleinen angestellt? Das Kind ist ja völlig durchnässt!»
«Er hat nichts getan. Er hat mich aus der Elbe gefischt.»
Die Frauen zerrten Katja den Mantel vom Leib, warfen ihn achtlos zu Boden, hüllten das Mädchen in ihre Wolltücher und zogen es mit sich fort.
«Hört zu!», forderte das Kind und blieb wie angewurzelt stehen. «Das ist Konrad. Er hat mir das Leben gerettet!»
Die beiden drehten sich kurz um, murmelten ein knappes Danke und waren um die nächste Ecke verschwunden, ehe der Journalist noch ein Wort sagen konnte.
«Na, dann werden wir am besten auch nach Hause gehen, wie?», flüsterte er dem Hund zu und versuchte ungelenk, in den Mantel zu schlüpfen, ohne den Winzling fallen zu lassen. «Was frisst einer wie du denn so?»
Der Besuch bei Klaus musste warten. Jetzt brauchte er erst einmal trockene Kleidung und einen Platz am Ofen.
DREI
Drahtmitteilung unseres Dresdenkorrespondenten Konrad Katzmann vom 1. November 1918, exklusiv für die Leipziger Volkszeitung:
Grünes Gewölbe wird geschlossen
Sie möchten das Grüne Gewölbe besuchen? Es den Kindern zeigen? Dann bleibt für einen Besuch in der Schatzkammer Sachsens nicht mehr viel Zeit. Das Grüne Gewölbe schließt ab 9. November 1918 seine Türen. Wegen des chronischen Kohlemangels sei es nicht mehr möglich, die Räumlichkeiten ausreichend zu beheizen. Daher sehe man sich gezwungen, diese drastische Maßnahme zu ergreifen. Der Kurator wies darauf hin, die Schließung sei auch eine Reaktion auf eine Reihe von versuchten Diebstählen durch Besucher. Um den einmaligen Schatz nicht zu gefährden, sei es sinnvoll, der Öffentlichkeit bis auf weiteres den Zutritt nicht mehr zu gestatten. Wie lange diese Regelung gelten wird, ist noch nicht endgültig entschieden.
NACH KURZEM, ABER HEFTIGEM KAMPF mit Schlüssel und Schloss gelang es Katzmann, mit zitternder Hand die Tür zu öffnen, in der anderen hielt er den noch immer schlafenden Hund.
Die Wohnung war kalt. Sein Atem bildete kleine Kondenswölkchen. Rasch schob er Kohle in den Ofen und heizte ein. Er pellte den Hund aus den verschiedenen Bekleidungsschichten hervor und setzte den Kleinen auf einer Decke ab, bevor er sich eilig der nassen Sachen entledigte.
«Weißt du was, ich werde dich Harry nennen - das passt ausgezeichnet zu deiner struppigen Frisur. Einem so strubbligen Hund bin ich überhaupt noch nie begegnet», lachte er leise und strich mit dem Zeigefinger über die Nase des Kleinen.
Seine Gedanken kehrten zu dem seltsamen Mädchen zurück. Alle Achtung, die Kleine hatte sich ohne Rücksicht auf Gesundheit und Leben ins kalte Wasser gestürzt! Mächtig mutig! Er zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass sie herausfinden würde, wo er wohnte. Fast bedauerte er die Tanten, die mit der Aufsicht sicher vollkommen überfordert waren.
«Abenteuerlust pur! Dein Glück, dass Katja bemerkt hatte, wie du in dem Sack gestrampelt hast.»
Wenig später war Katzmann umgezogen, der Ofen strahlte behagliche Wärme ab, und der Hund lag satt in die Decke gekuschelt auf dem Sofa und beobachtete genau, wie dieser Mensch die Kleidungsstücke über Stuhllehnen hängte und Papier in die Schuhe stopfte.
Die beiden waren so mit sich selbst beschäftigt, dass sie heftig zusammenfuhren, als es an der Tür klopfte.
Katzmann knurrte unwillig über die Störung, warf einen prüfenden Blick auf seinen neuen Mitbewohner, der die Augen jetzt fest geschlossen hielt, als könne man dafür einen Preis gewinnen, und schlurfte zur Tür. «Wer ist da?»
«Fritz!»
«Nanu, ist was passiert?», fragte Katzmann und öffnete die Tür.
«Nein, nein. Deine Mieterin hat mich reingelassen, sie wollte gerade gehen. Und ich weiß ja von den beiden Kindern, also bin ich die Treppe leise raufgeschlichen», erklärte Ganter etwas atemlos und schob sich in die Wohnung. «Ich bin so halb dienstlich hier.»
«Willst du mich verhaften, weil ich der Familie Ludwig die Wohnung zu billig vermietet habe?», flachste Konrad und nahm dem Freund den schweren Mantel ab. «Mein Vater meint, es sollte da unbedingt eine gesetzliche Regelung geben, die einen festen Mietpreis verbindlich vorschreibt.»
«Ja, das kann ich mir vorstellen. Das ärgert ihn sicher sehr: Der Sohn lässt im Haus des Großvaters einen Kriegsheimkehrer für ein symbolisches Entgelt wohnen. Weißt du, Konrad, er hat es nicht leicht mit dir!», lachte Ganter.
«Kriegsversehrt ist, glaube ich, das richtige Wort. Frau Ludwig putzt das Treppenhaus und fegt die Straße. Das ist mir Miete genug. Diese Familie hat nichts zu verschenken.»
«Bekommt er denn keine finanzielle Unterstützung?»
«Das ist noch nicht entschieden. Er verhält sich mitunter eigenartig, die Ärzte versuchen noch herauszufinden, woran das liegt», antwortete Katzmann ernst. «Einige denken ja, die Blindheit sei vorgetäuscht und seine Anfälle nur großes Theater. Die halten ihn für einen Simulanten. Die müssten mal sehen, was passiert, wenn er wieder einen Anfall hat! Er sieht ja nicht einmal, wer mit ihm spricht. Die Frau hat es richtig schwer.»
Ganter schnupperte mit hoch in die Luft gereckter Nase. «Bei dir riecht es eigentümlich. Nach feuchten Klamotten und nassem Hund.»
«Dir kann so schnell keiner was vormachen, wie?» Konrad führte den Besucher in sein Wohnzimmer. «Ich war heute mit einem Mädchen und einem Hund in der Elbe baden.»
«Aha. Muss ich mir jetzt Sorgen um deine geistige Gesundheit machen? Weder ist das die richtige Jahreszeit, noch hast du elementare Grundregeln beachtet: Die Kleidung behält man beim Baden nicht an!»
«Ich fürchte, du hast recht, aber ich hatte keine Badebekleidung zur Hand. Wie wäre es mit einem Glas Wein?»
«Aus Großvaters Weinkeller? Gern!», freute sich Ganter. Nachdem Flasche, Gläser und Kekse aus der Küche geholt und auf dem Tisch verteilt waren, schenkte Konrad ein und prostete dem unerwarteten Besucher freundlich zu.
«Mensch Konrad, wir sollten mal wieder in die Bierschenke gehen! Gemütlich ist es dort, nicht so trist wie sonst in der Stadt. Vielleicht gibt es in diesem Jahr auch Elefantengulasch.» Fritz leckte sich die Lippen bei der Erinnerung. «Das wäre doch eine großartige Sache!»
«Unwahrscheinlich», konterte Konrad. «Zum Glück muss Sarrasani nicht in jedem Jahr einen seiner Elefanten töten. Sonst wäre der Zirkus sicher schon längst Geschichte.»
«Mag sein. Löwensteak? Giraffengulasch? Ich wäre da nicht wählerisch. Im Augenblick bekommen ohnehin alle lächerlich wenig Fleisch. Aber das war schon exotisch, so etwas wie Elefantenbraten mit Soße an Kartoffeln auf einer Dresdner Speisekarte zu finden», schwärmte Ganter weiter mit leuchtenden Augen. «Und lecker war es außerdem!» Er sah sich um. «Hast du inzwischen alle Bände deines Lieblingsautors?»
Katzmann lachte leise. «Nein. Aber lang dauert es nicht mehr. Es ist nur noch wenig Platz in meinem Karl-May-Regal frei, wie du siehst. Den füllen die beiden fehlenden Bände dann aus.»
Der Freund registrierte eine Bewegung unter der Decke auf dem Sofa. «Was hast du denn da?»
«Nichts, was man essen wollte! Das ist der nasse Hund, der zu den nassen Kleidern passt. Weißt du, es gibt Tage, an denen passieren einfach unglaubliche Dinge. Und das war ein echtes Abenteuer - auf Leben und Tod!»
Ganter schmunzelte amüsiert über die dramatische Pose, die der Freund eingenommen hatte. So war Konrad immer schon gewesen: leichtsinnig und in irgendwelche Abenteuer verstrickt. Zu Schulzeiten war er dadurch oft in Schwierigkeiten geraten. «Wenn man mit Hund und ohne Schirm in einen heftigen Regen gerät, ist das für mich nichts, was ich als Abenteuer bezeichnen würde!»
«Aber Fritz! Heute hat es gar nicht geregnet! Bei den Temperaturen wäre das auch nur schwer möglich. Es hätte geschneit», widersprach Katzmann gut gelaunt.
«Na los, erzähle!»
«Es hat schon gestimmt: Ich war mit einem Mädchen und diesem Hund in der Elbe baden. Natürlich nicht aus Spaß. Jemand hat einen Sack übers Geländer der Augustusbrücke geworfen, ich wollte nachsehen, was es war. Plötzlich hörte ich Hilfeschreie aus dem Wasser. Na, du kennst mich ja …»
«Also bist du voller Angst weggelaufen», neckte der Freund.
«Ich rein ins eisige Wasser. Und was finde ich da?»
«Einen sprechenden Hund. Toll! Mit dem kannst du ab sofort im Zirkus auftreten. Vielleicht fällt dann ab und zu mal einen Löwensteak für dich ab. Das teilst du dann hoffentlich mit deinem besten Freund.»
«Quatsch. Ein Mädchen hatte die Aktion mit dem Sack auch beobachtet und wollte ihn aus dem Wasser ziehen. Am Ende musste ich beide aus der Elbe retten, Mädchen und Beutel. Der Hund hier war drin. War gar nicht so einfach. Ich hatte die Temperatur über- und die Strömung an der Stelle unterschätzt.»
«Konrad, du Held!» Fritz hob sein Glas, blinzelte dem Reporter zu und nahm einen kräftigen Schluck. «Es ist wie früher, nicht wahr? Du bringst dich noch immer in brenzlige Situationen. Weißt du noch, wie du von der Gruppe um Jürgen verschleppt worden bist? Weil du den kleinen Anton vor ihnen beschützt hattest, als er Klassenkeile beziehen sollte?»
Katzmann grinste. «Aber diesmal warst du nicht zur Stelle. Der Sohn eines Polizisten, der den Katzmann sonst immer gerettet hat. Wie damals, als du mich aus dem Verlies geholt hast. ‹Mein Vater wird euch alle verhaften!›, hast du gerufen. Das war sehr, sehr beeindruckend, Fritz!»
«Es hat gewirkt! Obwohl ich klein und dick war, haben sie mir ihren Gefangenen übergeben», erinnerte sich Ganter grinsend und fragte dann: «Wie hieß denn nun die holde Maid, die du aus dem Wasser gezogen hast?»
«Katja. Mehr weiß ich nicht. Urplötzlich tauchten ein paar Tanten von ihr auf und nahmen sie mit nach Hause. Offensichtlich hatten sie schon länger nach ihr gesucht. Ich weiß nicht einmal, wo sie wohnt. Eigentlich gehört Harry ihr.»
«Wie sah deine Katja denn aus?», fragte Fritz mit erwachtem beruflichem Interesse.
«Fritz! Es war dunkel. Immerhin konnte ich auf der Straße erkennen, dass sie lange dunkle Haare hat und sehr große dunkle Augen.»
«Dann ist es nicht die, die ich suche. Das Mädchen ist blond.» Der Kommissar lehnte sich wieder ins Polster zurück. «Ehrlich, der Wein deines Großvaters ist sehr wohlschmeckend. Aber mir steht eher der Sinn nach einem Bier. Lass uns irgendwo hingehen, ins Waldschlösschen zum Beispiel. Ich möchte dir eine Geschichte erzählen.»
«Du hast es wieder getan, nicht wahr?», zischte ihre Stimme schneidend durch die Küche, und ihre knochigen Finger schlugen hart gegen seine Wange.
Eine Verkehrte reinhauen, so nannte sie das, und es bedeutete, dass sie mit der Rückseite der Hand zuschlug. Ihr Ring riss eine hässliche Wunde. Der Schmerz brannte sich bis zu den Zähnen vor, und er konnte Blut riechen. Sein Blut. Er spürte, wie es durch die Barstoppeln rann.
«Ich hatte es dir verboten! Ausdrücklich!» Wieder zog der Ring eine Verletzung. Diesmal knapp neben dem Auge.
Er wimmerte. Das tat er in Situationen wie dieser immer. Manchmal half es, manchmal nicht.
«Du Memme!», schleuderte sie ihm in Gesicht.
Sie griff nach dem Schrubber in der Ecke neben dem dreckverkrusteten Herd und drehte das borstige Ende nach oben. «Hast du dir je überlegt, wovon wir leben sollen, wenn ich diese Anstellung verliere? Wie sollen wir die Preise auf dem Schleichmarkt bezahlen? Nein, darüber hast du nicht nachgedacht, natürlich nicht! Dazu ist dein Spatzenhirn nicht ausreichend, das beschäftigt sich mit ganz anderen Fragen!»
Unerwartet heftig sauste die stinkende Bürste auf ihn nieder. Er hörte das Knacken, als sein Nasenbein brach.
«Warum habe ich nicht auf meine Mutter gehört? Die hat mir gleich gesagt, dass einer wie du nichts taugt!»
Er schluchzte, bekam keine Luft mehr, röchelte, schmeckte Blut, roch Blut. Panik erfüllte ihn. Er wollte nicht sterben. Schützend barg er sein Gesicht in der Armbeuge.
«Aber nein, ich musste ja ausgerechnet einen Spinner wie dich heiraten! Nicht einmal für die Hausarbeit taugst du!»
Wieder holte sie zu einem mächtigen Schlag aus, diesmal gegen seine Lende, so dass er im Reflex die Arme herunterriss und ächzend die Seite umklammerte.
«Du kannst nicht nur deine Frau nicht ernähren, wie es deine Pflicht wäre - nein, schlimmer noch, du bist von dem Geld abhängig, das sie verdient! Und dann fällt dir nichts Besseres ein, als ihre Arbeit zu gefährden. Wie kann man nur so entsetzlich dämlich sein?» Erneut nahm sie Schwung.
Waidwund sah er auf die zierliche Gestalt hinunter und dachte darüber nach, was wohl geschehen würde, wenn er sie oder den Stiel einfach packte. Seine Pranken, riesig und muskulös, konnten das Leben aus ihr herausquetschen wie das Mark aus einer reifen Banane. Für einen fast seligen Moment genoss er die Vorstellung, wie sie schreiend in seinen Armen zappelte, um Gnade bettelte, die er ihr nicht gewähren würde.
Doch das würde er sich natürlich nie trauen.
In der Kneipe war es überraschend leer. Der Geruch von gebratenen Zwiebeln hing in der Luft und vermischte sich mit den graublauen Rauchschwaden über dem Tresen. Bratkartoffeln mit Zwiebeln war das einzige Gericht, das noch auf der Karte stand. Die anderen hatte der Wirt mit einem schwarzen Stift durchgestrichen.
«Hm!» Fritz nahm einen tiefen Zug und starrte verzückt auf sein Glas, an dem das Kondenswasser tausende Perlen bildete.
«Wunderbar! Konrad, ich habe vielleicht eine Geschichte für dich.»
«Für die Zeitung?»
«Möglich. Ich sage das nicht gern, doch im Moment sieht es nicht so aus, als käme die Polizei allein weiter. Und ich weiß ja, dass du Rätsel magst.»
«Dann raus mit der Sprache. Immerhin bin ich jetzt Dresdenkorrespondent der Leipziger Volkszeitung!»
«Oh! Gratuliere, mein Freund! Dann bist du also genau die richtige Adresse für mich.» Er nahm sein Glas vom Tresen und zog sich mit Konrad in eine ruhige Ecke zurück. «Also: Vor etwas mehr als einer Woche kam eine völlig aufgelöste Mutter zu mir ins Bureau. Es war kurz vor Dienstschluss, und sie berichtete mir, ihre Tochter Trude sei nach der Schule nicht nach Hause gekommen. Das Mädchen ist zehn Jahre alt, zart, blond mit grauen Augen. Bei der besten Freundin hatte die Mutter schon nachgefragt und dabei erfahren, Trude sei den ganzen Tag nicht in der Schule gewesen.»
«Am Morgen hatte sie keinen kranken Eindruck gemacht?»
«Nein.» Fritz nahm einen kleineren Schluck. «Im Gegenteil, sie war fröhlich und freute sich auf den Unterricht. Die Mutter hatte keinen Anlass zu vermuten, Trude habe vor, der Schule fernzubleiben. Nach ihrem Verschwinden befragten wir natürlich die Nachbarn. Die hatten das Mädchen beim Verlassen des Hauses gesehen, mit dem Ranzen auf dem Rücken und zur üblichen Zeit.»
«In der Schule ist sie nie angekommen? Dafür mag es viele Gründe geben. Einen Anfall von Abenteuerlust zum Beispiel. Oder sie hatte Streit mit der Mutter, will sie nun bestrafen und ist in einen Zug gestiegen und einfach losgefahren», zählte Konrad auf. «Natürlich könnte ihr auch etwas Schreckliches zugestoßen sein.»
«Wir haben den ganzen Schulweg abgesucht, vom Vogesenweg bis zum Tor der St.-Magdalenen-Schule in der Lortzingstraße. Hinter jeden Busch haben wir geguckt, viele Keller durchsucht, auf Hinterhöfen rumgestöbert. Keine Spur. Niemand hat sie gesehen, weder allein noch in Begleitung», seufzte Ganter, der an die Szene dachte, die ihm die Mutter am Nachmittag gemacht hatte.
«Und in der Nähe der Schule hat sie auch keiner gesehen?»
«Da haben wir großes Glück gehabt. Es gibt eine Zeugin, die gegenüber der Schule wohnt und jeden Morgen die Ankunft der Kinder beobachtet. Und diese alte Dame, Frau Janker, hat versichert, an diesem Morgen die kleine Trude nicht gesehen zu haben.»
«Hm. Was sagte die Mutter bei der Befragung? Es gab keinen Streit?»
«Nein. Trude ist ein besonders braves Mädchen. Auch die Nachbarn berichten von wenig Auseinandersetzungen.» Fritz warf Konrad einen Blick zu, in dem Katzmann die leise Verzweiflung erkennen konnte, die den anderen erfasst hatte. «Wir wissen, dass hinter einer anständigen, bürgerlichen Fassade das blanke Grauen herrschen kann. Ich bin Kommissar! Du glaubst nicht, was ich schon alles gesehen habe! Aber bei diesen Leuten scheint es sich tatsächlich um eine nette Familie zu handeln.» Er verstummte, holte tief Luft und erklärte: «Es kommt gar nicht so selten vor, dass Kinder weglaufen. In den Kriegsjahren ist die Situation in manchen Familien unerträglich geworden. Es gibt wenig zu essen, der Vater ist an der Front, die Mutter von Sorgen zerfressen, da bleibt das Kind manchmal auf der Strecke. Meist sind es Jungs, selten Mädchen. Und es handelt sich oft um ausgesprochen schwierige, trotzige und widerspenstige Kinder. Aber hier liegt der Fall anders.»
«Gibt es auch einen Vater?», fragte Konrad unbeirrt weiter. Er war Reporter und wusste um die geschickt getarnten Grausamkeiten, die in netten Familien mitunter üblich waren. Er zog einen kleinen Notizblock aus der Gesäßtasche und grinste. «Immer noch feucht! Dabei steckte der im Mantel.»
«Der Vater arbeitete in Berlin. Ich weiß nicht, woran er getüftelt hat, aber es muss bei irgendeiner Versuchsreihe zu einer heftigen Explosion gekommen sein. Er verlor einen Arm, ein Auge und zieht das linke Bein nach. Seine Frau hat eine Stelle als Schreibkraft angenommen, damit die Familie finanziell über die Runden kommt.»
«Dann war die Kleine nicht viel allein. Der Vater konnte ja sicher bei den Hausaufgaben helfen, und vielleicht spielten sie den Rest des Nachmittags ‹Mensch ärgere dich nicht› oder Canasta. Ein behütetes Leben demnach.»
Ganter begann rumzudrucksen. «So ganz stimmt das nicht. Der Vater ist natürlich nicht den Nachmittag über zu Hause. Er versucht, bei seiner alten Firma bleiben zu können, vielleicht als Berater oder Entwickler. Selbst mitarbeiten kann er nicht mehr, die Behinderungen schränken ihn zu stark ein.»
«Er ist demnach in der Rüstungsindustrie beschäftigt. Fritz, mach nicht immer solch ein Geheimnis aus deinen Informationen! Wenn ich dir helfen soll, musst du mir schon vertrauen», beschwerte sich Konrad. «Wie heißt die Familie eigentlich?»
«Muss ich dir das sagen?»
«Aber ja!»
«Bisher haben wir den Namen nur im direkten Umfeld der Familie mitgeteilt, die wussten ja ohnehin von Trudes Verschwinden. Wenn du den Namen in der Zeitung nennst, machst du nur allerhand Gesindel auf den Fall aufmerksam. Stell dir nur vor, einer von denen findet die Kleine und verschleppt sie tatsächlich, um Lösegeld von der Familie zu erpressen!» Fritz’ Gesicht schien plötzlich nur noch aus Sorgenfalten zu bestehen.
«Fritz!»
«Ist ja schon gut! Die Familie heißt Winterstein, und im Moment geht es ihr finanziell nicht gerade rosig. Frau Winterstein möchte nicht, dass alle Welt erfährt, dass sie nun arbeiten muss, um das Einkommen zu sichern. Wenn jetzt eine Forderung käme, könnten sie sie nicht bedienen.»
«Es geht also auch darum, das Ansehen nicht zu beschädigen. Ich verstehe schon.»
«Auch», räumte Ganter zerknirscht ein. «Aber stell dir nur vor, wie entsetzlich das wäre, das eigene Kind nicht auslösen zu können, weil das Geld nicht reicht!»
Katzmann verstand das sehr gut. Fände man dann die Leiche des Kindes, würde die Familie in eine tiefe Krise stürzen, sie könnte sich das nie verzeihen. Doch der Reporter in ihm rebellierte. «Und was erwartest du jetzt konkret von mir?», fragte er ruppiger als geplant. «Einen Artikel ohne Namen? Das lehnt Leistner, mein Redakteur in Leipzig, glatt ab. Sowas schadet meinem Ruf!»
«Ich dachte eher an einen allgemeinen Artikel über ein verschwundenes Mädchen», flüsterte Fritz, der einem Neuankömmling forschende Blicke zuwarf. «Ich dachte an einen einmaligen Artikel zu der Angelegenheit, vielleicht melden sich dann Leute bei uns, die das Mädchen gesehen haben. Aber im Wesentlichen ging es mir um deine investigativen Fähigkeiten», schmeichelte er dem Freund.
«Hört, hört!», rief Konrad.
«Mir sind die Hände in manchen Bereichen gebunden - es gibt Menschen, die sich mit der Polizei nicht gern unterhalten, weil sie vielleicht etwas zu verbergen haben.»
«Ach! Und jetzt denkst du, bei einem Reporter hätten sie weniger Berührungsängste? Wo sie davon ausgehen müssen, dass ich die Information sofort unter Nennung des Namens in die Zeitung setze?» Katzmann war noch immer verärgert.
«Genau!», lachte Fritz und triumphierte in Gedanken. Er spürte längst, dass er Konrad am Haken hatte.
Schweigend starrten sie auf ihre Gläser.
Fritz wusste, dass er jetzt kein Wort mehr sagen durfte, sonst würde der Freund einfach aufstehen und gehen. Er hatte oft genug erlebt, wie abweisend Konrad sein konnte, wenn er sich gedrängt fühlte. Das lag vielleicht an seinem Vater, der immer nur forderte und so gut wie nie ein gutes Wort übrig hatte. Fritz wusste aber auch, dass diese Phase des Schweigens nicht zu lange dauern durfte, sonst würde es beiden schwerfallen, das erste Wort zu sagen.
«Ich brauche den Namen und die Adresse der Familie und der Zeugen, die ihr befragt habt», unterbrach Konrad die Stille.
Ja, dachte Fritz, ich habe es doch gewusst! Laut versicherte er: «Geht in Ordnung.»
Als alles in dem Notizbuch aufgeschrieben war, schob Konrad das Büchlein in die Tasche zurück und bestellte für Fritz noch ein Bier. «Morgen muss ich nach Katja suchen. Wie gesagt, der kleine Hund gehört eigentlich ihr. Sie hat sich mutig ins Wasser gestürzt, um ihn zu retten. Außerdem muss ich ihm etwas zu essen besorgen. Die letzten Reste meiner Wurst habe ich ihm schon gefüttert, und der Kleine wird Hunger haben.»
«Ich koche für unseren Thomas das Futter selbst. Beim Schlachthof kann man manchmal Reste kaufen. Aber so ein Schäferhund frisst natürlich ganz andere Mengen als dein Zwerg.»
«Guter Tipp. Aber falls er heute noch etwas fressen möchte, muss er nehmen, was noch da ist - wie ich auch», lachte Katzmann.
«Versuch es doch mit Rührei, falls du Eier hast. Ohne Salz für Harry, mit Gewürzen für dich. Du solltest ihm auch ein bisschen Wasser hinstellen.»
Als sie eine halbe Stunde später aus der Kneipe traten, wurden sie von einem unerbittlichen Wind gepackt und förmlich auf die dunkle Straße gerissen. Die Kälte biss und zwickte sie in Gesicht und Hände. Katzmann, dessen Mantel noch zu Hause trocknete, zog die Jacke vor der Brust enger zusammen und schimpfte leise vor sich hin.
«Ich komm noch ein Stück mit», entschied Ganter. Er spähte in die Nebengasse. «Hast du das auch gehört?»
«Was?»
«So ein seltsames Gurgeln. Mir war auch, als hätte ich jemanden um die Ecke flitzen sehen.»
«Oh! Deshalb bekomme ich Polizeischutz?», feixte Konrad.
«Wenn du es so sehen willst. Ansonsten ist die Begleitung ein Freundschaftsdienst.»
Auch Konrad spähte jetzt in die finstere Gasse. Doch es war nichts mehr zu hören. «Glaubst du, es könnte etwas mit Politik zu tun haben?», fragte er dann.
«Ja. Für mich sah es aus wie eine Gruppe Spartakisten.»
«Ich meine das Verschwinden des Kindes, Fritz! Wollte sich jemand rächen? Immerhin arbeitete der Vater in der Rüstungsindustrie, war also bei den Kriegsbefürwortern - und es gibt mehr als genug, die schon lange Frieden fordern.»
Perplex starrte Fritz Ganter seinen Freund an. «Mann! Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen!»
VIER
Drahtmitteilung von unserem Dresdenkorrespondenten Konrad Katzmann vom 2. November 1918, exklusiv für die Leipziger Volkszeitung:
Misstrauen gefährdet Zusammenleben
Wenige Tage vor der geplanten Versammlung im Zirkus Sarrasani scheint in Dresden jeder jedem zu misstrauen. Vielleicht traut sich der eine oder andere selbst nicht mehr über den Weg. Die wichtigste Frage dieser Tage ist nicht länger die nach Gesundheit, Familie oder - besonders da, wo der Ernährer fehlt - nach der Überlebensstrategie. Offensichtlich ist die politische Zugehörigkeit das, was zählt. Für manch einen abendlich herumstreunenden Familienvater führt die Antwort nicht selten direkt ins Krankenhaus. Doch eines sollten sich alle merken, egal ob Kommunisten, Sozialisten, Kaisertreue, Liberale: Politische Überzeugungen ändert man nur durch gute Argumente und niemals durch Prügel. Unter der Knute wird nur scheinheilig gekuscht, Schläger erreichen nichts als Heuchelei und Verlogenheit.
HARRY war ausgeschlafen. Das späte Abendessen hatte sich in ein kleines stinkendes Häufchen in der Ecke des Wohnzimmers verwandelt, und nun rührte sich erneut der Hunger. Und er war bereit für ein Abenteuer! Harry beschloss, seinen Gastgeber zu wecken.
Das Problem bestand einzig und allein in der Tatsache, dass eine reibungslose Kommunikation mit seinem neuen Menschen nicht möglich schien. Leises Fiepen, zaghaftes Jaulen, beherztes Ziehen an der Bettdecke - nichts von alldem hatte bisher zum Erfolg geführt. Harry begann mutig zu knurren.
Unerwartet fiel ein Arm aus der Bettdecke. Geduckt pirschte sich der Welpe an. Stupste mit der feuchten Nase dagegen, nahm den dicksten Finger vorsichtig zwischen die Zähne - und versuchte durch einen gewagten Spurt mit der Beute unters Bett zu sausen.
Der Erfolg dieser Aktion war im wahrsten Sinne des Wortes umwerfend: Fluchend stürzte Konrad aus dem Bett.
Vom Turm der Frauenkirche schlug es sechs.
«Spinnst du?», fuhr er den Hund an, der es nicht ganz bis unters Bett geschafft hatte. Sorgfältig untersuchte er seinen linken Daumen. Nur ein paar harmlose Kratzer. «Da habe ich ja noch mal Glück gehabt. Mit deinen Milchzähnen konntest du noch keinen großen Schaden anrichten.» Konrad ließ sich schwer auf die Matratze zurückfallen.
Dreißig Sekunden später sprang er wieder auf.
«Was stinkt hier so?» Die Frage hatte einen eindeutig drohenden Unterton, und Harry wollte unsichtbar werden.
«Sieht so aus, als sollte ich Katja schnell suchen. Das mit uns beiden klappt nicht», schimpfte Konrad wütend, während er die Bescherung beseitigte.
Wenig später saß er frisch gewaschen und angezogen am Tisch und frühstückte. Genussvoll bestrich er sein Brot mit Marmelade, Harry bekam ein Rührei.
«Friss das mit Verstand! Eier sind verdammt teuer. Nun gut, dann fängt der Tag heute eben früher an, Harry. Aber das muss nicht zur Regel werden, hörst du?» Der Bohnenkaffee duftete, und Konrad ließ sich Zeit für die erste Tasse. Seine Mutter hatte ihm bei seinem letzten Besuch zwei Dosen zugesteckt, wohl als Trost gegen die bösen Worte des Vaters. Er würde etwas davon abfüllen und Frau Ludwig vor die Tür stellen. Für die Kinder konnte er sicher irgendwo Schokolade auftreiben.
Was sollte er mit Harry machen? Allein in der Wohnung konnte der Hund nicht bleiben, das stand fest. Wer wusste schon, was für einen Blödsinn er anstellen würde, wenn ihn die Abenteuerlust packte! Halsband, Brustgurt und Leine konnte er selbst basteln, aber wahrscheinlich war der Kleine noch kein geübter Fußgänger. «Für dich brauchen wir ein mobiles Sofa», erklärte er dem aufmerksam zuhörenden Hund.
Wo hatte er nur diesen Rucksack gelassen, den ihm ein Freund geschenkt hatte? Im Schrank? Nein, da war er nicht.
Harry half aufgeregt bei der Suche. Steckte seine Nase bald hier, bald dort hinein und wedelte dabei unablässig mit seinem kurzen Schwanz.
«Da ist er ja. Sieh mal! Denkst du, das könnte dir gefallen?» Katzmann erlaubte dem Hund, ausgiebig am Stoff zu schnuppern, öffnete dann den Tunnelzug und beobachtete belustigt, wie der Welpe vorsichtig hineinkroch.
«Na, du schnupperst ja mit dem ganzen Körper!», lachte Katzmann amüsiert und überlegte fieberhaft, wie er Katja finden konnte, um ihr den Hund zurückzugeben. Vielleicht wäre es am besten, zur Brücke zurückzugehen und dann dieselbe Richtung einzuschlagen, die Katjas Tanten gestern gewählt hatten, als sie ihn zurückließen.
«So machen wir das», teilte er dem überraschten Harry mit und legte ihm ein provisorisches Halsband an.
Gegen acht Uhr waren die beiden schon unterwegs. Der Hund war offensichtlich froh, sich die Beine vertreten zu können, und jagte neben Konrad her, wickelte ihm die Leine um die Beine und blieb ständig stehen, um ausgewählte Stellen intensiv zu beschnuppern. Katzmann wartete darauf, dass Harry müde wurde und bereitwillig in den Rucksack kriechen würde.
«Um diese Zeit sind Linda und Lili bestimmt noch unterwegs. Mit ein bisschen Glück treffen wir eine der beiden, dann können wir gleich mit den Ermittlungen für Fritz beginnen. Und meine eigene kleine Frage klären - wegen Martina», gestand er dem Vierbeiner in verschwörerischem Ton. «Ich kenne weder ihren Nachnamen noch die Adresse, unter der ich sie erreichen kann. Dresden ist ziemlich groß. Womöglich treffe ich sie nie wieder.»
Als der Hund nicht mehr toben wollte, setzte Katzmann ihn in den Rucksack und ließ die Überschlaglasche offen, so konnte der Welpe rausgucken, falls er später Lust dazu bekäme.
Drei Ecken weiter entdeckte er eine bekannte Silhouette vor sich. Sie schwankte beim Gehen deutlich hin und her, wie bei starkem Seegang, was bestimmt nicht nur an den hohen Absätzen lag. Wohlgefällig ruhten Katzmanns Augen auf ihrem schwingenden Becken. Da hatte Anton wirklich einen guten Fang gemacht, dachte er anerkennend.
«Linda!»
Die große, wohlgeformte Frau blieb stehen. Sie drehte sich aber nicht um, als habe sie Angst vor dem, was sie dort sehen könnte.
«Linda, ich bin’s, Konrad! Wie schön, dich zu treffen.»
Mit einem Seufzer der Erleichterung drehte die blonde Frau sich um, und nun erkannte er den Grund für ihr vorheriges Zögern.
«Alle Achtung! Das nenn ich mal ein Veilchen!», entfuhr es dem Reporter, und Linda zuckte zusammen, als habe er sie geschlagen.
«Anton», entgegnete sie nur, als sei das Erklärung genug.
«Dachte ich mir. Kann ich dich ein Stück begleiten?»
«Klar. Du kennst das Risiko. Wie leicht man zusammengeschlagen werden kann, weißt du selbst. Kunden behandelt Anton natürlich wesentlich zuvorkommender.»
Bis zur übernächsten Querstraße dauerte es, bis Linda ihre Veilchengeschichte erzählt hatte.
«Und bei dir? Gibt’s was Neues?», erkundigte sie sich endlich.
«So weit, so gut. Ich bin jetzt Dresdenkorrespondent. Das bedeutet, ich wurde befördert.»
«Gratuliere, mein Freund!»
«Danke. Du, Linda, ich habe da neulich eine Frau getroffen …», begann er umständlich.
«Aha.»
«Getroffen ist vielleicht ein zu großes Wort dafür. Gesehen und gehört, das trifft es viel besser: Sie ist Sopranistin. Vor ein paar Tagen ging sie zufällig die Straße vor mir entlang. Rassig, dunkle Haare, Hochsteckfrisur, dunkle Augen, olivfarbener Teint. Sie hat mit dir gesprochen.» Erwartungsvoll sah er Linda an.
«Und nun soll ich dir verraten, wer das war?»
«Ja, das wäre wirklich nett von dir. Ich habe den Nachnamen nicht mitbekommen.»
«Ach, Konrad. Das hieße doch, ihre Seele an einen Seelenfresser zu verkaufen!», stöhnte Linda theatralisch auf.
«Linda, wie kannst du so etwas über mich sagen? Niemand hat Grund sich zu beschweren!»
«Ernst meinst du es doch mit keiner!», gab sie patzig zurück. In dem verschwollenen violetten Auge glaubte Katzmann für einen Augenblick, etwas Weißes aufblitzen zu sehen. Er schauderte.
«Du wickelst sie nur um den Finger!» Konrad lachte. Warm und sympathisch.
«Hör auf damit», herrschte sie ihn an. «Du siehst so verdammt gut aus - und wenn du lachst, kann dir keine mehr widerstehen!»
«Ich liebe die Frauen! Nur dieser Brauch, sich für eine entscheiden und sie heiraten zu müssen, behagt mir nicht. Außerdem will keine Frau mit einem unsteten Reporter verheiratet sein.»
«Das genau ist dein Trick, Konrad, nicht wahr? Weil dir keine böse sein kann, jedenfalls nicht länger als 24 Stunden, hast du leichtes Spiel mit unseren Herzen.» Linda strich ihm wehmütig mit eiskalten Fingern über die Wange.
Er registrierte erschrocken die dünnen Strumpfhosen und die aufreizende Kleidung, die nicht zum Warmhalten gedacht war. Jetzt bemerkte er auch, wie stark sie zitterte. Konnte sie auf so kurzer Strecke derart ausgekühlt sein?
«Sind euch die Kohlen ausgegangen, oder gibt es andere Gründe dafür, dass Anton euch nicht anständig einheizt?», erkundigte er sich besorgt.
«Lass gut sein, Konrad. Das muss ich ganz allein mit Anton klären.» Sie setzte sich wieder in Bewegung. Schwankte womöglich noch deutlicher als zuvor.
«Warte mal, Linda!» Katzmann zerrte sein Notizbuch hervor und notierte ein paar Worte, riss dann die Seite heraus und drückte sie Linda in die Hand. «Hier, das ist die Adresse von Felix Grump. Der Mann ist in Ordnung, er spricht nicht viel, das ist so seine Art. Er wird dir Kohlen geben. Beruf dich auf mich - Konni. Sag ihm, Konni kommt in den nächsten Tagen vorbei.»
Zögern schob Linda den Zettel in ihre Handtasche.
«Du brauchst keine Sorge zu haben, Felix mag keine Frauen. Der interessiert sich nur für seine Haustiere.»
«Martina Leewenkron. So heißt sie. Aber ich warne dich, sie ist vergeben. Verlobt mit Heinz Kleinmann. Die Kleinmanns haben ein Gut in Richtung Radebeul. Handle dir bloß keinen Ärger ein!»
«Danke. Ich werde vorsichtig sein.» Katzmann nickte ihr zu und fragte dann, während er in Gedanken schon ein nächstes zufälliges Zusammentreffen mit Martina plante: «Sag mal Linda, ist dir was darüber zu Ohren gekommen, dass Anton und seine Freunde kleine Mädchen für spezielle Kunden anbieten?»
Linda kam aus dem staksigen Rhythmus, knickte mit dem linken Knöchel um und geriet ins Straucheln.
«Wie jung?» Das klang giftig.
Konrad war überrascht über diese Reaktion. Linda war keine von denen, die sich leicht aus der Ruhe bringen ließen.
«Etwa zehn Jahre alt.»
Linda atmete hörbar auf. «Ich befürchtete schon, Anton dächte daran, sich neues, jüngeres Personal zuzulegen. Frischeres Blut. So ganz knackig bin ich auch nicht mehr.» Ihr unversehrtes Auge forschte nervös in seinem Gesicht.
«Keine Sorge», wiegelte Katzmann ab. «Ich frage nicht, weil ich so etwas gehört hätte, sondern weil ich ein zehnjähriges Mädchen suche.»
«Konni! Erst willst du von mir den Namen der Leewenkron, und nun stellt sich raus, du bist auf der Jagd nach etwas ganz anderem. Nach zehnjährigen Mädchen! Also wirklich, das hätte ich von dir nicht gedacht!» Damit drehte sie sich um und stöckelte los, so schnell das in ihrer Verfassung möglich war.
«Du verstehst das völlig falsch!», rief er ihr nach, als sie schon um die nächste Ecke klapperte, Empörung in jedem Schritt. Das Missverständnis musste er schleunigst ausräumen, bevor es sich als Gerücht über ganz Dresden verbreitete. «Warte! He, warte! Nun bleib doch stehen!»
Widerstrebend tat Linda ihm den Gefallen. Ihre angespannte Rückenpartie signalisierte höchste Abscheu.
«Nun dreh dich schon zu mir um. Du hast mich nicht ausreden lassen. Eine Familie vermisst ihre Tochter. Ich versuche nur, die Leute zu befragen, die der Polizei nie eine Antwort geben. Wie du zum Beispiel», versicherte Katzmann etwas atemlos.
«Ist das so?», fragte Linda spitz, drehte sich aber zu ihm um.
«Sieh mich ruhig an. Du weißt doch ganz genau, dass ich nicht pervers veranlagt bin!»
«Bei Männern kann man sich da nie sicher sein!» Ihr nicht geschwollenes Lid flackerte heftig.
«Eine Mutter sucht verzweifelt nach ihrer Tochter. Das einzige, was mich interessiert, ist: Muss ich das Mädchen bei Anton und seinen Freunden suchen?»
«Konni! Bei Anton gibt es so was nicht! Prostitution ist ein anstrengendes Gewerbe. Anton weiß das, er beschäftigt nur belastbare Frauen. Mag aber sein, dass es schwarze Schafe in der Branche gibt, wie in jedem Beruf. Kleine Mädchen!» Sie schüttelte sich angewidert. Dann senkte sie die Stimme und griff wie haltsuchend nach Katzmanns Arm. «Ganz ehrlich, Konrad. Wenn die Kleine da reingeraten ist, lebt sie jetzt in der Hölle! Diese Kerle sind skrupellos. Und dabei geht es um sehr, sehr viel Geld. Man munkelt, es gibt mehr und mehr Kunden für so was.»
«Das ist doch sicher nur was für Reiche?»
«Ganz bestimmt. Und es ist geheimer als geheim.»
Katzmann nickte bedächtig. Das bedeutete, auch Linda würde ihm nicht mehr darüber verraten. Es war schon leichtsinnig genug von ihr, so viel gesagt zu haben. Die Regeln in ihrem Gewerbe waren hart. Sie wollte sicher nichts riskieren.
«Komm doch gelegentlich mal wieder ins ‹Pauls›», lud Linda ihn beim Abschied ein. «Da trifft man in letzter Zeit auch immer mehr Kunden mit Sonderwünschen.»
Hatte sie damit recht? Wurden es mehr? Oder trauten sie sich öfter, darüber zu sprechen? Dieses Thema konnte er vielleicht in einem seiner nächsten Artikel aufgreifen.
Schmunzelnd erinnerte er sich an ein Gespräch, dass er vor einigen Wochen in einem Kaffeehaus belauscht hatte: Zwei gesetzte Herren in feinstem Zwirn hatten sich gegenübergesessen und waren in einen heftigen Disput geraten. Der eine hatte pausenlos auf den anderen eingeredet, bemüht, ihm die Tragweite seiner Thesen begreiflich zu machen, während der dickere der beiden immer nur beschwichtigend «Aber nicht doch, mein lieber Dr. Freud!» oder «Aber ich bitte Sie, lieber Freund!» ausgerufen hatte. Interessant war das Thema dieses Gesprächs gewesen. Die beiden hatten darüber gesprochen, ob von den unzähligen Kriegsheimkehrern eine ernsthafte Gefahr für die Bewohner größerer Städte ausgehen könne. Diese Soldaten hatten in den letzten Jahren Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung kennengelernt und teilweise erfolgreich praktiziert. War deshalb davon auszugehen, dass sie zu diesem Mittel auch in ihrem privaten Umfeld greifen würden? Und sie hatten über die Schäden geredet, die der Krieg und all die Entbehrungen in den Hirnen der Soldaten hinterlassen hatten: eine Dystrophie. Konnte man das Zittern und Schütteln, von dem viele Heimkehrer betroffen waren, als Kriegsleiden anerkennen oder nicht? Musste eine Dystrophie nachweisbar sein?
Mit ein bisschen Geschick konnte er die beiden Themen zu einem Artikel verbinden, dachte Katzmann und setzte den Rucksack ab. «Na, ich denke, du läufst ein paar Schritte. Meinst du, das Mädchen ist noch am Leben?»
Die Antwort auf diese Frage schien Harry nicht zu interessieren. Er biss in die Leine und rollte sich über die Bürgersteigkante bis auf die Straße.
«Wir sollten das Motorrad holen und zu Klaus bringen. Je eher es dort ist, desto schneller ist es repariert. Danach versuchen wir, deine Retterin ausfindig zu machen.»
Es stellte sich nach wenigen Versuchen heraus, dass Harry nicht nur keinerlei Erfahrungen damit hatte, an der Leine zu gehen, sondern auch nicht auf eines der gängigen Hundekommandos hörte.
«Mein lieber Freund! Da ist noch einiges an Arbeit bei dir zu leisten!», lachte Katzmann und machte sich daran, Hund und Leine zu entwirren.
Als ihn eine schnarrende Stimme von hinten ansprach, fuhr er erschrocken hoch.
«Sie will dich sehen!», wiederholte die Frau zischend wie eine gereizte Schlange.
«Wer?», fragte Katzmann begriffsstutzig.
«Katja!»
Neugierig musterte der Reporter die sonderbare Frau. Das blasse Gesicht war zwischen Schals und Tüchern weitgehend verschwunden, nur zwei Augen, die so dunkel wie Kohlestücke waren, brannten sich in seine.
«Wie haben Sie mich gefunden?»
«Wir kennen uns aus», lautete die kryptische Erwiderung, und er beschloss, nicht weiter zu fragen.
«Warum ist Katja nicht selbst gekommen?»
«Sie ist krank.»
Katzmann erschrak. «Das tut mir leid. Ist es schlimm?», erkundigte er sich besorgt.
«Sie will dich sehen!»
Ohne weiteres Zögern folgte er der Unbekannten. Harry muckste nicht ein einziges Mal. Vielleicht war er auch im Rucksack einfach eingeschlafen.
Der Wagen, der von Ferne wie eine grob gezimmerte Holzkiste mit Dach aussah, stand auf einer Lichtung, von wenigen Büschen gegen den eisigen Wind geschützt. Aus einem Ofenrohr quoll zäher dunkler Rauch.
«Der Hund bleibt draußen!», forderte die Fremde.
«Das geht nicht. Es ist Katjas Hund, und außerdem ist es viel zu kalt hier draußen für so ein kleines Tier», protestierte Katzmann.
Die Frau zuckte mit den Schultern, doch der Blick, der ihn nun traf, war voller Zorn. Offensichtlich widersetzte man sich sonst nicht ihren Anweisungen. Unendlich lang schienen sich ihre Augen in sein Gesicht zu bohren, dann sagte sie schroff: «Nur kurz!» Sie war keine Freundin vieler Worte.
Mit der behandschuhten Faust klopfte sie einen Rhythmus gegen die Tür. Sofort öffnete sie sich einen Spaltbreit.
«Geh rein!»
Katzmann gehorchte. Das Innere des Wagens war größer, als der Anblick von außen vermuten ließ.
Feuchte, stickige Luft schlug dem jungen Mann entgegen, die winzigen Fenster waren beschlagen, und trotz des angeheizten Ofens war es nicht richtig warm.
Eine Frau drückte ihm fest beide Hände zur Begrüßung.
«Mein Name ist Nonoka Adonay. Meine Schwägerin Sizma hat Sie hierher begleitet. Katja hat mir erzählt, was Sie getan haben. Wir können Ihnen gar nicht genug danken! Ohne Ihren Mut wäre meine Tochter nun nicht mehr am Leben.»
Der Besucher spürte, wie eine Hitzewelle unangenehm über sein Gesicht schwappte. «Aber das hätte jeder andere auch getan!»
«Nein, sicher nicht.»
«Wo ist Katja denn? Ich habe ihr den Hund mitgebracht.»
Die Mutter zeigte auf ein großes Bett am Ende des Wagens.
«Sie ist krank.»
Betroffen erkannte Katzmann zwischen all den bunten Decken den schmalen Körper des Mädchens. Regungslos.
Er setzte den Rucksack ab und ging in die Hocke. «Katja!» Langsam, so als lägen Zentnergewichte darauf, öffnete sie die Lider und sah ihn mit verschleiertem Blick an. «Konrad!», flüsterte das Mädchen. «Gut, dass du gekommen bist!»
«Nun bist du doch krank geworden. Darf ich mal meine Hand auf deine Stirn legen?» Ohne eine Antwort abzuwarten, tastete er nach ihren Ohren, legte seine Finger auf ihre Stirn. Heiß! «Ich habe dir Harry mitgebracht. Er könnte bei dir kuscheln, und dann geht es dir schnell wieder gut!»
Entgeistert richtete das Mädchen den Oberkörper auf und krallte seine Finger fest in Konrads Mantel. Die Augen waren weit aufgerissen und sahen ihn flehentlich an. «Nein!», rief sie voller Verzweiflung. «Mein Vater hat Tiere im Wagen verboten! Er hat gedroht, den Hund erfrieren zu lassen, unnütze Fresser könnten wir uns nicht leisten. Bitte, bitte, Konrad! Kann er nicht erst mal bei dir bleiben? Wenigstens bis ich gesund bin? Bitte!»
Erschrocken sah er sie an. «Sicher. Wir sind ja schon so was wie Freunde geworden. Er bleibt bei mir, und du kommst ihn besuchen, wenn es dir bessergeht», versprach er eilig.
Die Finger lösten sich, und Katja fiel mit geschlossenen Augen zurück zwischen die Decken.
«Mach dir keine Sorgen!», murmelte der junge Mann und streichelte ihr über die schweißnassen Haare. Nach wenigen Minuten schlief sie wieder.
«Wir müssen bald weiterfahren, aber bei dieser Kälte ist es schwierig. Wissen Sie, wir sind nicht gern gesehen. In Zeiten wie diesen erst recht nicht. Niemand hat genug, darum möchte keiner was abgegeben. Das verstehen wir, doch von irgendetwas müssen wir auch leben. Alles ist schwierig», erklärte die Mutter.
Katzmann nickte wortlos. «Sind Sie hier ganz allein?»
«Nein, nein. Es sind insgesamt zwei Wagen. Aber der andere ist eher ein Lazarett. Unsere Männer haben die Grippe, eine meiner Schwestern auch. Und jetzt ist auch noch Katja krank.»
«Vielleicht ist es nicht die Grippe», meinte Katzmann tröstend.
«Vielleicht», antwortete die Frau mutlos. «Versuchen Sie, meinen Mann zu verstehen. Er ist kein böser Mensch. Aber er muss die Familie versorgen - der Hund kann nicht bleiben. Katja muss lernen, das zu begreifen.»
Katzmann griff nach dem Rucksack und verabschiedete sich. Draußen stand die Fremde, offensichtlich hatte sie auf ihn gewartet. «Komm!»
«Nein, danke. Ich finde allein zurück!», knurrte er sie missmutig an, schulterte den Rucksack und stapfte los.
Fritz Ganter erwartete ihn bereits in seinem Bureau. «Ich nehme dich jetzt mit zur Mutter. Natürlich ist sie verzweifelt, das kannst du dir sicher vorstellen. Trude ist ihr einziges Kind.»
«Und wo ist der Vater?»
«Er ist im Moment im Hospital. Das hat mir die Nachbarin erzählt.»
«Warum?»
«Um eine finanzielle Unterstützung zu bekommen, will er sich als Kriegsversehrter einstufen lassen, weil er sich seine Verletzungen bei einer Testexplosion zu Kriegszwecken zugezogen hat. Dabei wird er nun auch psychiatrisch begutachtet. Er ist also praktisch nur zu Beobachtung dort.»
«Dann nichts wie los. Wir müssen unterwegs nur noch schnell was für Harry einkaufen!» Konrad sprühte nur so vor Tatendrang.
«Harry?»
«Na, du weißt schon, der Hund. Und auf dem Weg zu Frau Winterstein kannst du mir ein paar Geheimnisse über das Zusammenleben von Mensch und Hund verraten. Harry und ich haben da noch ein paar Probleme.»
«Spinner!», grinste Ganter und boxte freundschaftlich gegen Katzmanns Oberarm.
Die renommierte Kanzlei Goldmann und Partner, wo Frau Winterstein als Schreibkraft arbeitete, lag direkt gegenüber der Frauenkirche am Neumarkt.
«Noble Adresse», murmelte der Reporter und klopfte an der untersten Stufe notdürftig den Schmutz von seinen Schuhen. «Hätte ich gewusst, dass wir uns in diesen Kreisen bewegen, wäre ich noch mal schnell nach Hause gegangen, um die Schuhe zu wechseln.»
«Deine Mutter würde jetzt sagen …»
«Schon gut, Fritz. Gnade!»
Die Teppiche waren weich und so tief, dass Katzmann fast bis zum Knöchel darin versank. An den Decken zogen sich Friese aus Stuck entlang, und große Kristalllüster leuchteten die Räume aus.
«Sehr, sehr edel hier», flüsterte er Ganter zu.
«Du bist hier auch nicht in irgendeiner Kanzlei!», zischte der leise zurück. «Hier trifft sich die Crème de la Crème.»
Katzmann überlegte sofort, ob einige der Kunden von Goldmann und Partner wohl zu den Perversen gehörten, von denen Linda vor wenigen Stunden gesprochen hatte.
Frau Winterstein warf Katzmann einen misstrauischen Blick zu. «Ein so junger Mann! Auch noch von der Zeitung. Und der soll nun meine Tochter finden?»
«Aber ja! Wenn jemand das Kind aufspüren kann, dann er», behauptete Fritz Ganter nachdrücklich. «In manchen Kreisen ist man der Polizei gegenüber nicht besonders freigiebig mit Informationen. Herr Katzmann wird da eher Erfolg haben.»
Bei der Formulierung «in manchen Kreisen» waren die Augenbrauen von Frau Winterstein hochgeschnellt, sie äußerte aber keinen Kommentar. Katzmann vermutete, sie wolle so genau gar nicht wissen, was Ganter damit gemeint haben könnte.
«Ich arbeite für die Leipziger Volkszeitung. Vielleicht gelingt es mir, einen Suchaufruf in der Zeitung zu platzieren. Irgendjemand in Dresden muss Ihre Tochter gesehen haben - kleine Mädchen verschwinden nicht plötzlich, ohne dass jemand etwas bemerkt», erklärte Katzmann ruhig und zückte Notizblock und Bleistift. «Erzählen Sie mir doch noch einmal ganz genau, was an jenem Morgen passiert ist.»
Eine Stunde später saßen Katzmann und Ganter schon bei einer Tasse Kaffee im weit über Dresden hinaus bekannten Kreutzkamm am Altmarkt, der besten Konditorei der Stadt, wie Ganter gern schwärmte, und formulierten einen Aufruf, den der Reporter an die Zeitung kabeln wollte. Harry erholte sich derweil von den Anstrengungen des Tages und schlief quer über den Füßen seines Menschen.
«Ich habe sogar beim Zirkus nachgefragt», erzählte Ganter.
«Ich dachte, viele Mädchen träumen von einer Karriere unter der Zirkuskuppel, und manch eines wird wohl auch dort sein Glück versuchen. Weißt du, es gibt da ein Alter, da sind sie empfänglich für so was. Aber Fehlanzeige. Im Winter, hat man mir versichert, kämen kaum Interessenten vorbei, um sich der Truppe anzuschließen. Im Sommer sei das was anderes. Beim Zirkus glaubt man, es liege daran, dass im Sommer von Ort zu Ort gezogen wird und viele der jungen Artisten gern weg von zu Hause möchten. Im Winter bleibt der Zirkus an einem Ort, das ist nicht attraktiv. Man hat mir dort Verträge gezeigt. Wenn ein Kind anheuern will, müssen in jedem Fall die Eltern den Vertrag mitunterschreiben. Alles andere führe ja doch nur zu Scherereien mit der Polizei.»
«Klingt, als hätten sie dort schon mal schlechte Erfahrungen gemacht.»
«Ja, das vermute ich auch. Bei der Roma-Familie vor der Stadt war ich auch. Sie haben die deutsche Staatsangehörigkeit, dürfen also erst mal bleiben. Die können auch gar nicht weiterfahren, sind voll und ganz mit der Grippe beschäftigt. Dort ist die Kleine auch nicht.» Ganter schnitt eine Grimasse.
«Apropos Grippe: Wie geht’s denn deiner Schwester?»
«Nicht so gut. Mein Schwager sitzt jede freie Minute an Gelis Bett. Das Fieber will einfach nicht zurückgehen.»
«Das tut mir leid. Und die Kinder?»
Fritz’ Miene verdüsterte sich noch mehr. «Jürgen und Liese geht es gut. Aber da ist die Sache mit dem Baby. Weißt du, Geli war schwanger, als bei ihr die Grippe ausbrach. Die Ärzte konnten das Kind nicht retten. Noch ist ihr Fieber so hoch, dass sie von der Fehlgeburt wohl nichts bemerkt hat. Aber wenn sie wieder klar wird … O Konrad, ich mag gar nicht daran denken!»
«Ich verstehe. Das Kind war so etwas wie ein Versprechen auf die Zukunft. Es sollte mit ihm alles besser werden.»
«Nicht nur das. Es sollte auch die Eheleute einander wieder näherbringen. Mein Schwager ist seit seiner Rückkehr von der Front irgendwie verändert.»
«Verändert?»
«Nun, zum Beispiel lacht er überhaupt nicht mehr. Er träumt und schreit im Schlaf. Irgendwie ist er uns allen fremd geworden. Früher war er ein durch und durch fröhlicher Kerl, seine Familie bedeutete ihm alles auf der Welt. Er war so stolz auf seine Kinder. Sie haben getobt und Spaß gehabt. Nun ist von alldem nichts mehr zu spüren. Er ist ernst, lacht nie, selbst das Lächeln ist verloren. Er sitzt stundenlang neben mir, ohne ein Wort zu sagen, dann steht er auf und geht zur Arbeit.»
«Geli wollte ihn mit dem Baby ins Leben zurückholen», mutmaßte Katzmann.
«So etwas in der Art, ja.» Ganter seufzte schwer und gab der Kellnerin im Kreutzkamm ein Zeichen. «Ich muss los, Konrad. Was wirst du nun unternehmen?»
«Erst mal das Kabel wegschicken. Vielleicht ist die Kleine mit jemandem getürmt. Wenn der nun von der Verzweiflung der Eltern liest, bekommt er möglicherweise ein schlechtes Gewissen und bringt das Mädchen zurück. Und ansonsten werde ich mich mal umhören», sagte er vage. «Und im Renner muss ich unbedingt nach einem Geburtstagsgeschenk für meine Mutter stöbern. Es ist den Angehörigen gegenüber nicht besonders rücksichtsvoll, so kurz vor Weihnachten noch Geburtstag zu haben!», schloss er feixend.
«Im Renner ist die Auswahl auch schmal geworden. Die Lage ist schlecht, selbst für ein so berühmtes und alteingesessenes Kaufhaus. Vielleicht hast du bei einer Putzmacherin mehr Glück. Du gibst mir Bescheid, wenn du was rausgefunden hast?» Fritz erhob sich schwerfällig und zahlte. «Ich melde mich auch bei dir, wenn sich bei mir was tut», versprach er noch und verschwand.
Katzmann überarbeitete die viel zu biederen Formulierungsvorschläge von Fritz. So würde sich wohl kaum jemand für das Verschwinden des Mädchens interessieren. Die Leser wollten deutlich mehr Herz und ein bisschen mehr über den Schmerz der Familie erfahren. Ein Hinweis, dass es sich vielleicht um ein Verbrechen handelte, konnte auch nützlich sein. Immerhin war es nicht ausgeschlossen, dass das Kind getötet worden war.
Katzmann zog die Photographie aus der Tasche und studierte sie intensiv. Lange blonde Haare, die von zwei Schleifchen gehalten wurden, die Augen «geheimnisvoll wie tiefe Seen», hatte Frau Winterstein geschwärmt. Auf dem Bild wirkten sie nur dunkel, und selbst das machte einen unpassend artigen Eindruck. In Trudes Gesicht war noch keine Spur jugendlicher Aufmüpfigkeit zu erkennen, und die Lippen schienen nicht zu wissen, wie man lügt.
Konrad dachte an Lotte, seine Schwester. In deren Gesicht war schon im Alter von zehn Jahren zu sehen, dass sie eine eigene Auffassung hatte, die sich nicht unbedingt mit der ihrer Mutter deckte - bockig nannten das die Eltern.
«Hat dir jemand ein unwiderstehliches Angebot gemacht?», murmelte er dem Gesicht zu. Aber was war für ein Mädchen in diesem Alter so spannend, dass es all die Ermahnungen der Mutter vergaß und nicht zur Schule ging? «Vielleicht bist du auch mit jemandem mitgegangen, weil du einsam warst? Weißt du, ich glaube, du bist nicht mehr am Leben. Und Kommissar Ganter denkt das auch, er will es nur nicht zugeben.»
Plötzlich schlug ihm eine Hand kräftig auf den Rücken.
«Na, Konrad! Mir sind Selbstgespräche auch am liebsten - da hat man wenigsten einen, der interessiert zuhört, was?», lachte eine raue Stimme laut.
Darmowy fragment się skończył.