Czytaj książkę: «Zwingli»

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INHALT

Vorwort

Zwinglis Tod

Der Säntis-Galöri

Wildhaus

Zürichs geringe Wirtschaftskraft

Schmerzhafter Aderlass

Ausbildung

Bern

Wien

Universität Basel

Neuer und alter Weg

Europäische Perspektiven

Pfarrei in Glarus

Der Patriot

Marignano

Die Wende 1516

Erasmus von Rotterdam

Abschied von Glarus

Einsiedeln

Grossmünster in Zürich

Begegnung mit Luthers Schriften

Die Pest 1519

Das Pestlied

Beginn in Zürich

Allgemeines Drunter und Drüber

Der moralische Zerfall

Wurstessen

Kampf mit dem Mönchswesen

Die erste Disputation

Der Prediger

Zustimmung und Feindschaft

Umgestaltung des Kults

Die zweite Disputation

Die kleine Disputation

«Zwingli wybet»

Pfingsten 1524

Aufhebung der Klöster

Abschaffung der Messe

Die Prophezei

Der Ittingersturm

Die reformierte Theologie

Das Ehe- und Sittengericht

Ausbau und Frucht der Prophezei

Oppositionen

Die Badener Disputation

Die Täufer

Die Räte

Zwinglis Persönlichkeit

Die Bauern

Gaismair und Zwingli

Über Zürich erhebe ich meine Stimme

Zwinglis Stellung zur Kunst

Vom Sinn der Arbeit

Wirtschaft, Geld und Reichtum

Zwingli und die Freudenhäuser

Vier «Kampfplätze» für Zwingli

Durchbruch in Bern

Bildersturm in Basel

Trennung von Erasmus

Vor dem Waffengang

Landgraf Philipp von Hessen

Marburger Gespräche

Was unterscheidet Zwingli von Luther?

Die Synode

Uneinig mit Bern

Ringen um Bündnisse

Verlorene Schlacht in Kappel

Langer Frieden

Das Zwingli-Porträt

Das Denkmal

Zeittafel

Literatur

VORWORT

Dreissig Jahre habe ich meinen Wunsch mit mir herumgetragen, eine Zwingli-Biografie zu schreiben. Mein Arbeitszimmer hatte eine Archivecke mit mehreren Ordnern und 64 Schubladen, fein säuberlich nach Themen beschriftet. Im Sommer 2014 begann ich die Zwingli-Biografie zu schreiben, machte mich systematisch an die Materialien. Eine Schublade nach der anderen wurde verlebendigt.

Über Zwingli zu schreiben, entspringt meinem Anliegen, das seit 30 Jahren in der breiteren Öffentlichkeit immer wieder heraufbeschworene sogenannte Zwinglianismus-Syndrom zu korrigieren. Ich beabsichtige mit dem vorliegenden Buch, die Ungerechtigkeiten, mit der diese grosse geschichtliche Figur in der breiteren Öffentlichkeit abgetan wurde, als eine im damaligen Zeitgeist verankerte Modeerscheinung zu entlarven.

Ursprung meiner Geschichte mit dem Reformator Zwingli war das Zwingli-Porträt von Hans Asper und das Zwingli-Denkmal von Heinrich Natter. Gegen beide hatte sich mein Geist, meine Fantasie und meine Ästhetik immer und von Anfang an gewehrt. Was haben diese Herrschaften mit dem Reformator angestellt? Da beide – Porträt sowie Denkmal – meine Beschäftigung mit Zwingli stets befördert haben, konnte ich auch 30 Jahre auf meine Stunde warten.

An Zwingli interessiert mich vor allem das politische Individuum: der Humanist, seine bäuerliche Herkunft, seine Bildung, seine gewaltige Leistung, seine Philosophie, seine soziale Theologie, seine Bedeutung in der Zeit, seine Visionen, seine grundsätzliche Fortschrittlichkeit. Das religiöse Argumentarium bleibt mir eher fremd.

Bei Zwingli sind, wie bei keinem anderen Religionsführer, Politik und Religion, Humanismus und Christentum eng verbunden. Darin liegt meine Faszination für diesen Mann, der meine Stadt in etwa zwölf Jahren umgepflügt und verändert hat, der einen Geist geschaffen hat, der weit über seine eigene Zeit hinausreicht und der unser Leben bis heute prägt.

Ich lege das Schwergewicht des Buches auf seine Reformpolitik. Ich erzähle die äusseren Vorgänge und gebe einen Einblick in seine Sozialpolitik. Ich will die geschichtlichen Prozesse so plastisch wie möglich, so nachvollziehbar und so präzise wie es geht, schildern.

Über Zwingli gibt es fast ausschliesslich Bücher von Theologen und meist religiös ausgerichteten Historikern. Es sind jeweils mit ungezählten Fussnoten und grossen Textfeldern in Latein und in alter deutscher Sprache besetzte Bücher. Die vierbändige Biografie von Oskar Farner zum Beispiel (1943, 1946, 1954 und 1960 erschienen) ist über weite Strecken mühsam zu lesen, aber fruchtbar, wenn man sich darauf einlässt. Ich schreibe keine wissenschaftliche Publikation, vielmehr ein modernes Lesebuch, für alle verständlich. Zwingli und die Reformation verdienen, von der Allgemeinheit neu wahrgenommen zu werden.

Meiner Meinung nach ist Zwingli einer der bedeutendsten Schweizer unserer Geschichte. Ein überragender Kopf und ein grosser Theologe. Ein grosser Praktiker und ein ebenso grosser Theoretiker. Ein Kenner der griechischen und lateinischen, klassischen Literatur. Er war der erste gründliche Bibelkenner, während Geistliche der damaligen Zeit das Alte und das Neue Testament teilweise kaum kannten. Es ist lohnend, einen überragenden Menschen in seinem Wirken darzustellen, in seinem Reifeprozess im 16. Jahrhundert, im damaligen Gesellschaftsgefüge einer mit Hochspannung geladenen Zeit, die Verflechtung von subjektivem Wollen und objektivem Wirken klar verständlich zu machen.

Seit 30 Jahren ist kein Buch mehr erschienen, das Ulrich Zwinglis Leben in den Mittelpunkt stellt. Ich bin der Überzeugung, dass es dringend an der Zeit ist, Zwingli aus dem Kontext von Kulturfeindlichkeit und asketischer Rigorosität zu befreien.

ZWINGLIS TOD

Sein Tod war sinnlos. Er ist in der Schlacht gefallen, in einer der blödsinnigsten Schlachten aller blödsinnigen Schlachten. Aber wir wissen nicht, ob er gekämpft hat; es sind alles nur Vermutungen. Es ist nicht anzunehmen, dass er mit der Waffe in der Hand gekämpft hat. Doch er ist auf dem Schlachtfeld zu Tode gekommen, das ist unbestritten. Ihn heute deswegen als Kriegsgurgel zu diffamieren, wie das oft getan wird, ist demagogisch, und ihn im Denkmal als finsteren Mann mit Schwert darzustellen, wie das in Zürich im 19. Jahrhundert durch einen katholischen Tiroler Bildhauer geschah, abgesegnet und prämiert von den reformierten Stellen der Zürcher Kirche und ihres Staates, wird weder der Geschichte noch Zwingli als Menschen und seinen Leistungen sowie seiner Bedeutung gerecht. Er ist als teilnehmender Feldprediger in der Schlacht gefallen. Der Gipfel dieses Unsinns, nämlich gesund und stark, geistig leistungsfähig im Alter von 47 Jahren auf dem Schlachtfeld, und zwar nach dem Kampf, abgestochen oder erschlagen zu werden, wurde dadurch erreicht, dass er selbst wohl einiges dazu beigetragen hat, dass es überhaupt zu diesem überflüssigen Kampf mit Schwertern und Hellebarden gekommen ist. Dass er aufgerufen hat zum unausweichlichen Waffengang gegen die feindlichen und feindseligen und schlachtbereiten Katholiken der Innerschweiz. Das war wohl seine Untat schlechthin, das hat ihn sein bewundernswürdiges, fruchtbares Leben gekostet. Und es ist einer der Gründe für seinen unberechtigt fragwürdigen Ruf in der oberflächlichen populären Wahrnehmung.

Altgläubige Schlachtteilnehmer haben den Säntis-Galöri, wie er in der Innerschweiz seit Jahren genannt wurde, gefunden.

Sie haben ihn erkannt, sie werden sich mit triumphalem Geschrei auf ihn gestürzt haben: Er war damals der bekannteste Mann im Land, und in dem altgläubigen Teil der verhassteste. Er lag wahrscheinlich bereits verwundet auf der Erde, stöhnte und röchelte, vielleicht lag er sogar schon tot unter einem Baum, wir wissen es nicht. Sie schlugen, aufgehetzt vom Hass, auf seinen Schädel ein. Die Schlachtopfer lagen kreuz und quer und nach ihrer konfessionellen Zugehörigkeit gemischt auf dem Feld herum. Er war als evangelischer Prediger irgendwie gekennzeichnet. Mit Geheul haben sie ihn gevierteilt, verbrannten wahrscheinlich seinen Leib und verstreuten seine Asche in einem Wäldchen in Kappel. Vielleicht haben sie ihn auch einfach verscharrt, wie gesagt, es ist nicht belegt, was genau geschah. Aber es war am 11. Oktober 1531 und es war die zweite Schlacht bei Kappel.

Zwingli wurde als Toter noch einmal hingerichtet. Und seither wurde er noch ungezählte Male hingerichtet. Das Ende des Landesverräters und Ketzers wurde unheimlich laut gefeiert. Die Eidgenossenschaft war zu der Zeit in einem ungeahnten Mass gespalten, in städtische und ländliche Gebiete. Die zwei Lager standen einander in einer Art bisher nie gekannter Todfeindschaft gegenüber, dass es rückblickend sogar fast wie ein kleines Wunder wirkt, dass das Land, genauer das Bündnisgeflecht, damals an diesem Gegensatz und am Hass nicht auseinandergebrochen ist. Die Reformation hat in der Schweiz, wie in Europa, einen ungeheuren geistigen Aufbruch initiiert, aber gleichzeitig mit der religiösen Spaltung ganz neuartige explosive Gegensätze und Feindschaften hervorgebracht. In allen Ländern Europas gingen die Konfessionen in den kommenden Jahrzehnten aufeinander los, die Starken verfolgten die Schwachen, die Schwachen ergriffen die Flucht, um ihr nacktes Leben zu retten.

Zwinglis frühes Ende wurde von den Gegnern als Beweis für die Falschheit seiner Lehre genommen, als hätte Gott Regie geführt. Doch seine Lehre ist noch heute gültig. Verbreitet und geglaubt wurde die Behauptung mit Schadenfreude, Gott selbst habe ihn gerächt. Selbst Martin Luther triumphierte, da die beiden Reformatoren sich in einigen theologischen Anschauungen diametral und grundsätzlich gegenüberstanden, vor allem was den Abendmahlsstreit anbelangt. Zwinglis Lehre war in allen Teilen radikaler als diejenige Luthers. Darum: Zwinglis Fall sei Gottes Urteil, posaunte Luther.

Was ist an Dummheiten darüber geredet und geschrieben worden, vor allem über Zwinglis Tod. Fünfhundert Jahre wurde dieses die Geschichte entstellende Gerede durch die Zeiten gejagt. Es sind viele Geschichten erfunden worden.

Bleiben wir vorerst kurz beim Ende, welches später zusammen mit dem Kriegsverlauf noch genauer beschrieben werden soll. Darüber gab es langes und breites Spekulieren und Behaupten. Als sie sich auf ihn stürzten, müssen sie ihm zyklopenhaft, wie von den Bergen heruntergestürzt, mit Felsbrocken und gewaltigen Waffen in ihren Armen und Händen erschienen sein, da er bereits dem Ende entgegendämmerte. Sie werden ihm in die Augen geschaut haben, er schaute müde, schmerzverzerrt zurück, einer stiess ihm mit einer riesenhaften Gabel ins eine Auge, während ihm der andere mit einer Hellebarde auf den Kopf schlug und seinen Schädel zertrümmerte. Es ist nicht belegt, ob er Helm trug oder baren Hauptes war. Im Landesmuseum wird ein gespaltener Helm museal aufbewahrt und gezeigt. Aber es ist nicht gesichert, ob der Säntis-Galöri noch lebte oder bereits tot war und ob er überhaupt einen Helm getragen hat. Ein Mann, der wie Zwingli im Fadenkreuz der Feindschaften gestanden hat, der löste zu allen Zeiten ungeahnte widersprüchliche Geschichten aus.

Zwei Jahre zuvor, als die Schlacht vor Beginn gestoppt worden war, wie die Chronisten nachträglich schrieben, und die Parteien sich mit ihrem Kriegsgerät auf dem Feld operettenhaft in die Wiese hockten und die Milchsuppe der Innerschweizer, darin das Brot der Zürcher, ausgelöffelt hatten, war selbst das nicht so lustig, wie es von Genremalern über die Jahrhunderte dargestellt worden war. Historienmalerei nannte man das. Mit der Historie war diese Malerei geistig kaum in Berührung gekommen. Ihr Naturalismus ist lächerlich, ohne geschichtsphilosophischen Anspruch. Die Wahrscheinlichkeit des gepinselten Geschehens war astronomisch weit weg von den tatsächlichen Ereignissen. Die Künstler versuchten eine Art antiquarische Genauigkeit, sie malten museale Schlitz-Wämschen, Blech-Rüstungen, Helmchen, bunte Federbüsche auf den Köpfen, sie zeichneten grosse Bärte und auffallende Schnurrbärte und verwegene Blicke. Sie inszenierten ein folkloristisches Milch-Suppen-Picknick von fröhlich herausgeputzten, hübsch kostümierten Kriegsknechten, die zu den Löffeln greifen. Auf diesen Bildern sieht alles so adrett und unschuldig aus wie auf den Bühnen der Tellspiele in den innerschweizerischen Ortschaften. Der kriegerische Feldzug ist hier nicht spürbar, obwohl wir doch mitten in der Zeit der Söldnerei lebten und ungezählte Innerschweizer jahrelang Reisläuferei betrieben. Bedrohung, Hass zwischen den Konfessionen, verbreiteter Schrecken oder Angst, nichts von all dem lässt sich auf den Bildern ahnen. Hier befindet man sich auf einem Ausflug einiger theatralischer Waffenbrüder, die sich im Feld romantisch gestimmt bei der Vesper treffen. Damals gab es noch keinen Cervelat und keine Feuerstellen für die Schweizer Familie, sonst hätten die Mannen Würste gebraten.

DER SÄNTISGALÖRI

Dieser Säntis-Galöri, wie er von katholischen Innerschweizern genannt wurde, mit echtem Namen Ulrich Zwingli, war im Schatten des Säntis aufgewachsen. Auf der linken Schulter des imposanten Bergs, der damals von keinem Menschen jemals bestiegen worden war, den heute aber Millionen befliegen, ohne an den Säntis-Galöri zu denken, ja nicht einmal der lustige Übername ist ihnen bekannt. Doch das Kind gedieh ebenda in einem warmen Familiennest, in der Luft der Leidenschaft für die Freiheit, wie Zwingli es nannte, mit mehreren Brüdern und auch Schwestern, es waren also acht Söhne und drei Töchter, von den Mädchen sind nicht einmal die Namen bekannt. Fünf der Zwingli-Brüder wurden Bauern und blieben Bauern im Tal. Es wurde gerodet, um Weideland zu schaffen. In der Talsohle wurde Sumpfgebiet einer Urbanisierung unterzogen. Davon künden noch die Ortsnamen Moos, Riethalde und Lisighaus. Es war vor Ulrichs Zeit eine weltabgeschiedene Gegend gewesen.

Erst der Strassenbau hat das Tal über die Passhöhe mit der Rheintaler Seite verbunden. Nun konnten die Bergbauern mit ihren Produkten hinunter ins Tal ziehen und Handel treiben, denn bis weit ins 15. Jahrhundert hinein waren die Bauern hier Selbstversorger gewesen.

Drei der Zwingli-Brüder ergriffen ein akademisches Studium. Jakob studierte nach seinem Mönchsgelübde in Wien bei dem später berühmten St. Galler Humanisten Joachim von Watt, genannt Vadian, wie auch später Ulrich Zwingli. Vadian wurde dann einer der engsten Freunde des späteren Reformators. Jakob starb früh, schon 1517 in Wien, an der Pest. Auch der Jüngste, Andreas, begann seine Studien, fiel ebenfalls noch als Jüngling 1520 in Zürich der Pest zum Opfer, nachdem er an Ulrichs Griechisch-Kränzchen teilgenommen und seinem Bruder zu grossen Hoffnungen Anlass gegeben hatte. Der Verlust seiner zwei begabten Brüder muss für Ulrich Zwingli, der 1519 ebenfalls an der Pest erkrankte, sie aber überwand, schlimm gewesen sein.

Der Vater war angesehener Bauer und Ammann, also ein geachteter Mann der Talschaft und der Kommunalpolitik, eine Führungsfigur und ein bescheiden wohlhabender Bauer, für diese Berglandschaft eigentlich ein Grossbauer. Er war auch an den nicht zu unterschätzenden Einnahmen des Passverkehrs beteiligt. Mutter Margareta, geborene Bruggmann, liess kaum etwas über sich zurück, ebenso wenig wie ihre Töchter, was im historischen Kontext nicht verwunderlich ist. Zwei der Töchter gingen ins Kloster, was für die Zeit nicht untypisch war, dann aber wurden sie später von ihrem Bruder Ulrich ermuntert, schliesslich evangelisch zu heiraten.

Heinrich Zwingli, Ammann zum Wilden Huss, dem toggenburgischen Wildhaus, Vorsteher des Thurtales, Grossvater des späteren Reformators Ulrich Zwingli, prozessierte 1477 im Veltlin wegen einer bereits bezahlten Weinlieferung, wie einem alten Schriftstück im Staatsarchiv Mailand zu entnehmen ist. Es sei nun schon etwa das zehnte Jahr, dass er von einem Veltliner Weinhändler eine grosse Menge Wein gekauft habe, für 250 Rheingulden. Diesen Wein habe er voll und ganz bezahlt und ausser zurückgelassenen elf Fudern damals heimgeschafft. Nun wollte er die elf zurückgelassenen Fuder abholen. Doch der Verkäufer verweigerte ihm die Herausgabe seines Weins, weil Heinrich Zwingli nicht zum verabredeten Zeitpunkt erschienen sei, damit der Weinhändler die Fässer leeren konnte, wie dieser behauptete. Heinrich Zwingli hat sofort Einspruch erhoben, es sei überhaupt kein Termin vereinbart worden damals. Doch das Gericht im Veltlin hat für den ansässigen Händler entschieden. Ihm sei kein Tröpflein Wein herausgegeben worden. Die Reiter, die er für den Transport von Getreide nach dem Veltlin und für jenen des Weins zurück ins Toggenburg angeheuert habe, habe er mit dem Getreide entlöhnen müssen, und so habe er gewaltige Verluste von über 200 Rheintaler erlitten. So klagte er in der Beschwerde an die Herzoginwitwe Bona von Savoyen in Mailand, unter deren Oberhoheit das Veltlin stand. Die Herzogin entschied für Grossvater Zwingli und sprach ihm volle Genugtuung zu.

Solche Export-Import-Geschäfte verlangten eine gewisse Kühnheit, denn sie waren nicht ohne Risiko. Die oberitalienischen Behörden und Gerichte hatten sich mit vielen Beschwerden und Klagen herumzuschlagen. Beweise waren oft schwer beizubringen. So waren der Willkür Tür und Tor geöffnet. Die eidgenössischen Kaufleute brachten Käse, Ziger, Schlachtvieh und Pferde auf die oberitalienischen Märkte; sie verwendeten den Erlös mit Vorliebe zum Kauf von Tuch, Reis, Kastanien und Wein, auch Früchten. Für die 250 Rheinischen Gulden bekam Heinrich Zwingli gut 350 Hektoliter Wein, das reichte für das ganze Thurtal. Er hatte also eine Art Monopolstellung im Tal. Er musste ein besonders unternehmungslustiger, geschäftstüchtiger Mann gewesen sein, denn er war nicht in erster Linie Kaufmann, sondern Grossbauer, natürlich gross im Massstab des schweizerischen Bergtals. Tatsächlich waren die Zwinglis begüterte Bauern, die auch einen gewissen Ehrgeiz entwickelten. Schon ein Sohn Heinrichs hatte Theologie studiert, eben Ulrichs Onkel in Weesen, und der besass weit mehr als normalerweise ein Landpriester hatte.

Ulrich Zwingli nannte sich im Laufe seines Lebens Huldrich. Das war eine humanistisch-volksethymologische Spielerei, die ihm gefiel. Der Name Zwingli leitete sich ab von Twing, was umfriedetes Bauerngut bedeutete. Luther nannte Zwingli fast immer Zwingel, da er die Heilige Schrift in seinem Sinne zwinge.

WILDHAUS

Seitwärts vom Berg Säntis, hoch oben, fast auf der Passhöhe, wo in uralten Zeiten mal ein «wildes Haus» gestanden haben soll, eine gewaltige quadratische Ritterburg über den einfachen Siedlungen, dort befindet sich der Ort Wildhaus. Hier hausten die Vögte, danach nicht bestimmte Edle und Grafen und zeitweilig Gesandte des Klosters von Einsiedeln und des Stifts von St. Gallen. Alles andere als Wilde also. Es gibt gar Theorien, die Burg sei im Hochmittelalter ein produktives Zentrum für die Pflege von Dichtung gewesen.

Am Neujahrstag 1484 kam in diesem Wildhaus Ueli auf die Welt. Und am 6. Januar, dem Dreikönigs- oder Epiphanias-Tag, am Tag der Erscheinung des Herrn, wurde er getauft, sechs Tage nach der Geburt deshalb, weil die Taufe in der Kirche in Gams unten im Rheintal durchgeführt wurde. Im Winter war der Weg dorthin ziemlich beschwerlich. Dieser Gang musste vorbereitet werden.

Wildhaus, auf 1100 Meter über Meer gelegen, war noch kaum ein Dorf, die Talschaft mit verstreuten Einzelhöfen besiedelt. Im 14. Jahrhundert wurde durch Rodungen Weideland gewonnen und im 15. Jahrhundert bauten die Väter die Strasse vom Rheintal über den Pass hinüber ins Toggenburg. Das war die entscheidende grosse Leistung, damit überwand das Tal seine Abgeschlossenheit und band sich auf den zwei Seiten ans Geschäftsleben an.

Jetzt fuhren und wanderten die Alpbauern auf die Märkte ins Rheintal und an die untere Thur und boten ihre Produkte an und brachten Obst und Früchte mit nach Hause. Das Tal florierte, natürlich in einem bescheidenen Masse. So blieben auch die Bewohner bescheiden. Unserem Zwingli war die genügsame Lebensweise in Fleisch und Blut übergegangen. Man hatte es hartnäckig sogar mit Ackerbau versucht, aber ausser Gerste wuchs hier kein Getreide. Es scheint aber jedenfalls gesichert, dass die Zwinglis nie Mangel hatten, alles Nötige war da, mochten die Lebensverhältnisse auch schlicht sein, die Kästen und Truhen waren meistens voll.

Uelis Weg innnerhalb dieser Bergbauernfamilie ist ein Unikum. Die drei Jüngsten gingen den Bildungsweg. Die fünf Älteren blieben Bauern. Ueli wurde schon als sechsjähriger Knabe an einen Onkel in die Schule nach Weesen am Walensee zur offensichtlich frühen systematischen Ausbildung gegeben. Bedenken wir, dass wir uns mitten in der Realität des alten Glaubens befinden, dass das kirchliche Oberhaupt der Toggenburger Landschaft der Bischof von Konstanz war, dass der kleine Ueli wahrscheinlich noch Messdiener war, mindestens in Weesen, vielleicht dort sogar in der Messe unter der Leitung seines Onkels Bartholomäus, der ihm zeigte, wer der Herr im Hause ist.

Man hatte etwas vor mit Ueli, er wird besonders aufgeweckt gewesen sein. Der Onkel Bartholomäus Zwingli war in Weesen Pfarrer und Dekan. Wie er da gelebt hat, wissen wir nicht. Mit zehn Jahren war der Junge jedenfalls so sattelfest im Lesen und Schreiben, dass er über die Weesener Schule hinausgewachsen war, sodass Onkel Barthli ihn an den aus Weesen stammenden Lehrer Gregorius Bünzli in Basel gab. Man profitierte auch zu der Zeit von Beziehungen und schöpfte sie aus.

Ulrich war also in der Familie der Auserkorene. Zwar gingen auch die zwei jüngeren Brüder den Weg des akademischen Studiums, denn man muss bedenken, dass nicht für alle jungen Männer Platz war im Bauernstand. Doch man entschied sich in Ulrichs Fall sehr früh und begann ihn bereits sechsjährig auf diesen Weg der Bildung zu schicken. Das sieht nach Planung für den Jungen aus, auch nach Familienehrgeiz. Und offenbar hatte der Toggenburger Bauernsohn Begabung und Spass am Lernen und wurde den familiären Ausrichtungen und Plänen ganz natürlich gerecht. Wie ein musikalisch Begabter im Biotop der Musikersippe früh die Grundlagen des musikalischen Handwerks erlernt und seine Begabung ganz natürlich im Familienverband gefördert wird, so lernte der kleine Ulrich als Kind den selbstverständlichen Umgang mit dem geistigen Rüstzeug von seinem Onkel, wenn auch nicht direkt in der Familie selbst, aber es führte dazu, dass er kaum über 20-jährig bereits ein frühreifer intellektueller Kopf war.

ZÜRICHS GERINGE WIRTSCHAFTSKRAFT

Die Jahrzehnte vor der Reformation im ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhundert waren gekennzeichnet durch ein überwiegendes politisch-kriegerisches Interesse dieser urtümlich heldenhaften Eidgenossen. Die wirtschaftliche Kraft der einzelnen Orte des Bundes ging wegen der steten Kriege fast überall zurück. Die Dominanz der Kriegsmentalität, der Kriegsschrecken und die Kriegsopfer von mehreren Generationen vor der Reformation können nicht genug betont werden. In der publizistisch-populären Zwingli-Literatur liest sich die Schlacht bei Kappel im Jahre 1531 vielerorts so, als habe hier Zwingli in einer Zeit grosser und langanhaltender Ruhe im friedlichsten Land einen Krieg angezettelt, dem er dann selbst zum Opfer gefallen sei.

Während die St. Galler Leinwandindustrie ihre Stellung zu behaupten vermochte und in viele europäische Länder exportierte, hatte in der Limmatstadt Zürich das Gewerbe um 1500 nur noch lokale Bedeutung, das heisst, man exportierte kaum noch Güter. Die einst blühende Seidenindustrie war nun fast ganz verschwunden. Es blieb die gute Verkehrslage der Stadt zwischen den Alpenpässen zum Süden und den Städten im Reich. Die wirtschaftliche Situation war, trotz Vieh-, Getreide- und Salzhandel, so schlecht, dass fast alle gesellschaftlichen Gruppen Stagnation und sogar Rückgang wahrnahmen. Und das machte sie hellhörig und empfindlich.

Die Bauern klagten über die Abgaben und die Handelsbeschränkungen für ihre Produkte. Die Handwerker jammerten über steigende Lebenshaltungskosten, steigende Löhne der angestellten Gesellen und über höhere Materialpreise. Die reichen Pfründner bemerkten einen Vermögensrückgang und die Kaufleute wetterten über die Gebühren, Zölle und Steuern. Alle produktiv Tätigen waren unzufrieden. Nur die Soldherren, die «Pensionenritter», die dem Papst, dem Kaiser und den diversen Königen und Fürsten Schweizer Soldaten und Waffen verkauften, diese Pensionäre strichen fortwährend dicke Gewinne ein, liessen sich schmieren und bestechen, Hauptsache, der Gulden rollte.

Die Gesellenorganisationen in allen Berufen strebten danach, ihre Freizeit im Kreise ihrer Alters- und Berufsgenossen in eigenen Trinkstuben und Gesellenherbergen zu verbringen, sich von der Kontrolle ihrer Meister zu lösen und selbstständige Sicherungen für Krankheit, Tod und Begräbnis zu schaffen. Sie machten lediglich 10 bis 12 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Die Gesellen wurden aber immer stärker von Meister, Zunft und Stadt unter Kontrolle gestellt.

Die jungen Männer in der freien Schweiz waren so frei, das Interesse für eintönige Handels- und Gewerbetätigkeit oder die Feldarbeit zu verlieren und von sich zu weisen, sie fanden keinen Gefallen mehr an den bescheidenen, engen Verhältnissen in den Bergtälern der Innerschweiz, am langweiligen Handwerk oder an der Scholle hinter dem Wald. Unter diesen Bedingungen spross ein zynisches Verhältnis zum Vaterland, zur gebremsten und fehlgeleiteten Entwicklung des eigenen Landes, besonders bei denen, die gross mit dem Vaterland prahlten. Diese Entwicklung spürte der Student Zwingli und später noch verschärft der junge Priester auf dem Land schmerzlich. Man kam und ging, wie es gerade passte, man warf mit dem Geld um sich, das man mit dem Kriegshandwerk in fremden Diensten verdient hatte, man haute die geplünderte Beute auf den Kopf, egal, ob man ein körperlicher oder seelischer Krüppel war. So wurde der Reislauf (der Eintritt in fremden Dienst als Söldner) zum Hauptübel der Gesellschaft, und er beschleunigte die wirtschaftliche, soziale, politische wie moralischsittliche Verluderung. Dies ist nicht nur die Deutung Zwinglis und seiner Mitstreiter. Mehrmals, bereits einige Jahre vor Zwingli, wurden die sogenannten Blutsverkäufer bekämpft, die Reisläuferei wurde verboten und strengere Sittenmandate erlassen; die Verbote wurden nach kurzer Zeit wieder fallen gelassen. Das war überhaupt ein wichtiges Kennzeichen der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Vor-Zwingli-Zeit: Sittenmandate wurden immer und immer wieder erlassen, aber sie wurden kaum befolgt. Die Obrigkeit konnte sich nicht durchsetzen, was sich übel auswirkte auf das Gemeinwesen und somit auf die Gesellschaft der damaligen Zeit. Die sittliche Lage war katastrophal.

Ganze Stadt- und Staatshaushalte, vor allem in den inneren Orten, waren von den fremden Pensionen abhängig. Der französische König zahlte weitgehend die «Betriebskosten» dieser Gemeinwesen. Rom zahlte den Priestern bescheidene Unterstützungsgelder, um sie an das Papsttum zu binden. Von den unermesslichen Reichtümern, welche überall aus dem Volk herausgepresst und nach Rom abtransportiert wurden, verteilte man ein paar Gulden an die kirchlichen Statthalter, die dafür zu sorgen hatten, dass die römische Kirche im Dorf blieb.

Soldverträge und Reislaufen kamen der Allgemeinheit wirtschaftlich kurzfristig zugute, mochten die Schäden sonst noch so bedenklich ins Gewicht fallen. Die Gesellschaft war im gefährlichen Würgegriff «konformer Korruption» auf sämtlichen Gebieten. Die kirchlichen und behördlichen Missstände waren den ohnmächtigen Räten längst entglitten. Die Obrigkeit begann, kirchliche Befugnisse an sich zu reissen.

Man wollte zwar keinen Bruch mit dem Alten, man wollte behutsame Änderungen, unter eigener Regie. Die erwachte Zürcher Bürgerschaft wollte aus der Auslandsabhängigkeit herauskommen. Das ging nur, wenn es gelang, das eigene wirtschaftliche Potenzial zu entwickeln und zu stärken. Man wollte nicht mehr die eigene Haut oder das eigene Blut, dafür mehr eigene handwerkliche Artikel auf die internationalen Märkte tragen. Gegner dieses politökonomischen Willens der Handwerkermeister und Kaufleute in der Zünfterstadt Zürich waren die inländischen Kriegsdienstherren, und zwar, und das ist wichtig, lange vor der Reformation und vor Prediger Zwingli. Es fehlten Arbeitskräfte, weil die jungen Männer scharenweise auszogen auf die Schlachtfelder Europas. Die Lohnforderungen zu Hause stiegen, da die Männer im Waffendienst besser entlöhnt und zudem korrumpiert wurden durch die Möglichkeit, sich an brutalen Beutezügen zu beteiligen. Das Gemeinwesen zu Hause verrottete. Der Gegensatz zum Klerus und zum Adel wurde schärfer, zu gerne hätte man beide abgeschüttelt. Das Selbstbewusstsein der Gewerbetreibenden stieg. So wurden die Zürcher Zunftherren, die im Grossen Rat sassen, durch ihre wirtschaftspolitischen Interessen zu Gegnern des Solddienstes. Und ihr zentrales Bestreben war die Emanzipation von Papst, König und Kaiser, vor allem die Eindämmung der Macht und des Einflusses der römischen Kurie.

Das waren die Voraussetzungen dafür, dass dieser humanistisch gebildete Toggenburger Leutpriester, der in Einsiedeln durch seine evangelischen und antipapistischen Predigten von sich reden gemacht hatte, von den Zünftern und Räten nach Zürich geholt wurde. Er sollte die Emanzipationsbewegung der republikanischen Stadtgemeinschaft aus der bischöflichen Oberhoheit religiös und ideologisch untermauern und befördern. Der Mann ging mit einem solchen Schwung und mit solcher Radikalität zu Werke, dass die Bürger gezwungen waren, mitzuziehen.

SCHMERZHAFTER ADERLASS

Zwingli wird schon als Kind auch in seinem Tal die Beobachtung und die Erfahrung gemacht haben, dass junge Männer auf die Kriegsschauplätze zogen. Er wuchs damit auf, dass manche nie mehr nach Hause kamen. In seiner Familie wurde dieser für das Tal oft schlimme Aderlass wahrscheinlich besprochen. Seine Familie machte in diesem Geschäft mit eigenem Blut vorerst nicht mit. Aber die Landwirte unter seinen Brüdern liebäugelten immer wieder mit dieser Möglichkeit. Ulrich wuchs aber auch mit der sittlichen Verluderung in der Gesellschaft auf, er sah, wie die Mönche und Priester ganz selbstverständlich gegen alle sittlichen Regeln lebten, sich Mätressen hielten, in eheähnlichen Verhältnissen durch den Alltag gingen. Man kann natürlich sagen, dass dieser junge Mann von den gesellschaftlichen Zuständen geformt wurde. Und dieser Vorgang hielt an, radikalisierte sich, verfeinerte sich wiederum, aber blieb bei Zwingli eine Basis, die ihn nicht mehr losliess.

Es gibt von Ulrich Zwingli später eine Äusserung, dass seine Brüder nicht immer gefeit waren gegen die Verlockungen des fremden Solddienstes. Der Vater Zwingli wird in Wildhaus und im Thurtal den Kampf gegen den Solddienst geführt haben. Die Profiteure dieser Blutsverkäufe an die ausländischen Mächte argumentierten heuchlerisch mit dem europäischen Ruf nach den begehrten Schweizer Kämpfern durch die berühmten erfolgreichen Freiheitskriege des Bauernvolkes, übrigens auch jener des Toggenburgs gegen die Ansprüche des Abtes von St. Gallen. Aber diese Herleitung und Begründung eines miesen Geschäftes konnte man nicht gelten lassen. Der Solddienst war ja nicht allein moralisch verwerflich, er war auch wirtschaftlich schädlich, denn die jungen Männer verkauften sich an die fremden Herren und schlugen deren Schlachten, während sie zu Hause auf dem Arbeitsmarkt fehlten. Natürlich gab es auch Söldner, über deren Abwesenheit im Land viele froh waren. Denn nicht für alle gab es einen Platz und vor allem für viele keine Arbeit. Der Solddienst war also auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Der kleine Junge Ueli wuchs in einer Gemeinschaft auf, in welcher die politische Aktivität fast naturgegeben war, in der Bischof, Kaiser, König weit weg waren, wo man keinem direkten Oberhaupt zu gehorchen hatte, in der es kaum ein Reichsbewusstsein gab, obwohl die eidgenössischen Orte nominell zum Heiligen Römischen Reich gehörten. Ueli hat als Jugendlicher aus der Entfernung den Schwabenkrieg erlebt. Aber vordergründig und bewusstseinsgestaltend war für ihn die Zugehörigkeit zur freien Eidgenossenschaft und zu einer freien Talschaft. Das war prägend für den jungen Zwingli, und das wurde tragend und bestimmend im republikanischen Politiker Zwingli. Politische Betätigung wurde quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Wer sich an den alltagspolitischen Prozessen nicht beteiligte, der wurde überfahren, die ehrenamtliche Verantwortung und Betätigung für das Gemeinwesen wurde früh geübt und führte ganz natürlich zu einem republikanischen Geist.

Der allererste Biograf, der Zeitgenosse und enge Mitarbeiter Zwinglis, der Humanist Myconius, der ihn überlebte, erwähnt übrigens den Einfluss der Bergwelt auf den späteren Reformator, ihre Schönheit und Gewalt und Kraft und «Erhabenheit». Dies habe ihn dem Himmel nähergebracht, vermutet Myconius idealisierend. Von Zwingli selbst gibt es nirgends eine Äusserung zur Bergnatur in seiner Jugend, wohl aber mehrere stolze Erwähnungen der Tatsache, dass er aus dem Bauernstand gewachsen ist. Noch ist im 16. Jahrhundert die freundlich-romantische Anschauung des Gebirges fremd, wohl wurde der Säntis weniger als Freund, schon gar nicht als zu eroberndes, zu besteigendes Massiv, sondern eher als Bedrohung und Gefahr erlebt. Die Äusserung von Myconius ist also erstaunlich erfinderisch.

Einige Male erwähnt Zwingli allerdings Naturkatastrophen, Verheerungen, meist als Metapher für politische Äusserungen und Verhaltensweisen in der Auseinandersetzung mit Gegnern. Er hat Wildwasserstürze erlebt, Berg- und Bachstürze, die auf den Alpweiden Verwüstungen anrichteten, Steine und Schutt mitführten und Weiden zerstörten. Oder er schilderte die gefürchtete Schneeblende oder Schneeblindheit, um die Verführung zu falschen Lehren symbolisch zu benennen und bildlich darzustellen. Der Junge hat grosses Getöse gehört, Steinklötze gesehen, wie sie mit den Bergrüfen mitgeschleppt wurden und Verwüstungen angerichtet haben, er hat mit angesehen, wie der sich stauende Strom die künstlichen Dämme durchbrach.

AUSBILDUNG

Schliesslich wurde der bald fünfjährige Knabe im Verlaufe des Jahres 1489 nach Weesen an den Walensee zum Onkel Bartholomäus Zwingli, einem Bruder des Vaters, gebracht. Ob es da tatsächlich eine Gemeindeschule gab oder ob der kleine Ulrich von seinem Onkel persönlich unterrichtet wurde, ist nicht bekannt. Ein Erlebnis wurde für den Jungen sicher der Walensee. Der Knabe wurde vor den Gefahren des Sees mehrmals ernsthaft gewarnt, offenbar ertranken immer wieder Kinder in dem nicht ganz zahmen See, was wir auch heute noch nachvollziehen können. Da wir so gar nichts wissen von Ulrichs Weesener Zeit, aber seinen weiteren Lebensweg kennen, darf man vermuten, dass es für den Jungen eine stille, sehr auf das Lernen konzentrierte Zeit gewesen sein muss.

Und 1494 wurde der zehnjährige Schüler nach Basel in die Rheinstadt gebracht, wo der mit der Familie Zwingli befreundete, noch sehr junge Gregor Bünzli, ein Sohn aus Weesen und mit Ulrichs Onkel gut bekannt, Lehrer war. Latein wurde gebüffelt, es wurde auf Teufel komm raus auswendig gelernt. Schüler durften oder mussten mit den Lehrern und untereinander ausschliesslich lateinisch reden. Hier wurde Ulrich in die lateinische klassische Literatur eingeführt, die ihm zeitlebens so wichtig und lieb war. In Basel lernte Ueli auch die Trivialfächer, also die Grundlagen des Triviums, die sogenannt unteren Fächer, nämlich Grammatik, Dialektik, Rhetorik.

Aber hier in Basel widmete sich der junge Zwingli ebenfalls intensiv und mit Leidenschaft dem musikalischen Handwerk. Basel war ein führender Platz in der humanistischen Harmonie- und Kompositionslehre. Die Dominikaner bemühten sich, den jungen Ulrich Zwingli ganz für die Musikpraktik im Kloster zu gewinnen. Sie unternahmen Anstrengungen, den musizierenden Scholaren zum Eintritt ins Kloster zu bewegen, wogegen Vater und Onkel Zwingli ihr Veto einlegten. Bei dieser Gelegenheit stellt sich die Frage, ob denn die Familie überhaupt klare Vorstellungen hatte, welchen Weg der Junge gehen sollte, ob sie einen Plan hatten, oder ob sie in erster Linie daran dachten, ihm die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen. Wohl wollten sie einen so hoffnungsvollen Filius nicht an ein Kloster verlieren, obgleich sie sicher nicht klosterfeindlich gesinnt waren. Die Ausübung der Musik jedenfalls, die in der humanistischen Bildung einen wichtigen Platz einnahm, hat denn von da an im ganzen Leben des Theologen und Reformators Zwingli immer eine zentrale und aktive Rolle gespielt. Da er der Musik mit theologischer Begründung in der Kirche, genauer im Gottesdienst, keinen Platz einräumte, hat das unzählige Zeitgenossen fast aller Zeiten dazu verleitet, aus Zwingli einen Musik-, ja einen Kunsthasser zu machen. Wir werden immer wieder einen Blick auf den Musiker Zwingli werfen dürfen oder müssen, denn er beherrschte mehrere Instrumente. Es gibt Biografen, die behaupten, Zwingli habe bis zu zehn Instrumente gespielt. Myconius, der Zwingli gut kannte, wohl auch mit ihm musiziert hatte, schrieb: «In der Musik zeichnete er sich weit über sein Alter aus, wie dies bei Kunstfertigen die Regel ist.» Und Johannes Stumpf, ein ebenfalls früher Biograf, hält fest, Zwingli sei auf allen Instrumenten unterrichtet gewesen: auf der Harfe, der Laute, der Geige, der Flöte, dem Waldhorn, dem Zink, den Pfeifen und dem Hackbrett. Jedenfalls war er fähig zu komponieren. Er wäre wohl sogar in der Lage gewesen, einen Kantorenposten zu übernehmen und auszufüllen; Kantoren mussten ja zu einem Teil auch Theologen sein.

BERN

Nun kam der inzwischen zwölfjährige Scholar nach Bern, und zwar dort zu dem bereits bekannten, wenn nicht sogar berühmten Humanisten Heinrich Wölfflin, mit lateinischem Namen Lupulus. Ziel war die Reife für die Universität. Man las die Poesie der alten Klassiker, eine Lieblingsbeschäftigung des jungen Zwingli. Und wiederum warfen auch hier die Dominikaner und der bekannte Komponist und Münsterkantor Bartholomäus Frank einen begehrlichen Blick auf den Schüler mit den musikalischen Fähigkeiten und der auffallend schönen Singstimme. Und wieder mussten Vater und Onkel eingreifen, um ihn vor dem Eintritt in das Novizenzentum des Ordens zu bewahren.

Interessant ist, dass der junge Zwingli in Bern wahrscheinlich mit dem späteren Maler, Künstler und Ratsherrn Niklaus Manuel Deutsch die Schulbank drückte. Die beiden werden sich später ganz sicher im Rahmen des reformatorischen Prozesses öfters begegnet sein, kamen sich aber nie wirklich nahe. Niklaus Manuel wurde zwar ein Anhänger der Zwinglischen Reformation, ein bedeutender Künstler, er schuf gewichtige Werke, besonders den Berner Totentanz, jenes Riesenwerk von 80 Meter Länge, oder 24 Tafeln, jenen gewaltigen Zyklus, der einen bedeutenden Platz in der Kunstgeschichte einnimmt.

Von Bedeutung ist ausserdem, dass der Künstler Niklaus Manuel Deutsch in Bern fünf Jahre Landvogt und zwei Jahre Ratsherr war. Er war ein Führer der reformatorischen Partei, vertrat eine eidgenössische Friedenspolitik, am Ende aber als eigentlicher Gegenspieler Zwinglis, vor allem, da er ein Befürworter der Pensionen war. Darüber hinaus wissen wir über die Berner Zeit des jungen Zwingli fast nichts.

WIEN

Nach nur zwei Jahren in Bern erlangte der junge Zwingli erstaunlicherweise bereits die Reife für die Universität. Noch im Herbst 1498 hat er sich an der Universität Wien immatrikuliert; die Einschreibung liegt vor, sein gewollter Eintritt ins Studium ist belegt. Er war noch nicht ganz 15-jährig, ein Rätsel im Rahmen unserer heutigen Bildungsvorstellungen. Sicher ist er zu Fuss nach Wien marschiert oder gewandert, mindestens zwei bis drei Wochen wird er unterwegs gewesen sein, vermutlich in Begleitung von anderen jungen zukünftigen Akademikern, denn die Wiener Universität wurde von mehreren Schweizern aufgesucht. Was heute ein unvorstellbarer Gewaltsmarsch wäre, galt in jener Zeit als nicht aussergewöhnlich.

In Wien gab es anscheinend an der Universität Probleme, denn Zwinglis Eintragung «Udalricus Zwingly de Glaris» ist durchgestrichen, daneben steht mit fremder Handschrift «exclusus». Dieser Umstand hat in der Geschichtsschreibung grossen Rumor ausgelöst und einige Autoren zu feindseligen Spekulationen verleitet. Es ist nie bekannt geworden, was vorgefallen war, was der Grund war für den Ausschluss, ob wirklich ein solcher stattgefunden hat. Es gibt die Vermutung, diese Eintragung sei ein paar Jahrzehnte später, wohl am ehesten in der Zeit der Gegenreformation, von einem Fanatiker neben den Namen des Ketzers gesetzt worden. Auch Zwingli hat sich später nie dazu geäussert, konnte wohl gar nicht, sollte diese Eintragung neueren Datums gewesen sein. Oder war ihm die Episode zu unbedeutend, war sie ihm vielleicht unangenehm? Es wird vermutet, der junge Schweizer sei in eine studentische Rauferei verwickelt gewesen, denn es ist zu bedenken, dass es die Zeit des Schwabenkriegs war.

Vielleicht sind deutsche und schweizerische Studenten aufeinandergeprallt. Vermutlich ist er zu Fuss ebenso selbstverständlich wieder zurückgewandert in die Schweiz. Aber auch darüber wissen wir nichts Genaues. Anderthalb Jahre später, im Sommersemester 1500, findet sich die zweite Immatrikulation, diesmal folgendermassen: «Udalricus Zwingling de Lichtensteig im Toggenburg». Der Grund für den Ausschluss im Herbst 1498 konnte also nicht allzu gravierend gewesen sein. Seltsamerweise kommt kaum ein Kommentator auf diese Konklusion zu sprechen. Und zudem fällt auf, wie Oskar Farner sagt, dass der Vermerk und die in solchem Falle übliche Notiz «reincorporatus» oder «reinclusus» für wieder Aufgenommene in den Hochschulverband fehlt. Farner stellt auch fest, dass kein einziger Zeitgenosse von dem Vorfall Kenntnis hatte. Zwingli war hochprominent, als «Ketzer» einer der bestgehassten Existenzen der Zeit, es wäre doch höchst verwunderlich, wenn seine Feinde, wäre denn hier ein ernstzunehmendes Fehlverhalten Zwinglis nachzuweisen, davon niemals Gebrauch gemacht hätten. Der Erste, der diese «Exclusus»-Geschichte entdeckt und in Umlauf gebracht hatte, war der Abt von Einsiedeln in der Zeit der Gegenreformation ein halbes Jahrhundert nach Zwinglis Tod. Von da an wurde sie unermüdlich nacherzählt, aber nie nachgeprüft.

Aber eine andere Frage bleibt: Wo war der junge Zwingli in den anderthalb Jahren dazwischen? In den Vermutungen taucht Paris auf, dann auch Tübingen. Belege für beide Annahmen gibt es keine. Wir wissen es also nicht. Und er hat nie dazu Stellung genommen. Ob er nun in Paris an der Universität der Scholastik oder in Tübingen seine Studien fortgesetzt hat, man braucht sich heute für keine der beiden Varianten zu entscheiden, von Bedeutung ist, dass er die Zeit genutzt hat, und das dürfen wir wohl annehmen. Zwingli war inzwischen ein Kenner der Lehren des Thomas von Aquin, und er war in jungen Jahren ein ausgezeichneter Aristoteliker, er wurde von seinen Freunden sogar «der Aristoteliker» genannt, was dafür sprechen könnte, dass er in Paris gewesen ist.

In Wien, an der Hochburg des damaligen europäischen Humanismus, betrieb er zwei Jahre lang seine Studien. Wie er dort gelebt hat, wissen wir aber nicht. Er wird in einer der Bursen oder einer Coderie gewohnt haben, einer Art Studentenpension in der Umgebung des Hochschulgebäudes, unter mehr oder weniger strenger Aufsicht der Universitätsbehörden, mit vorgeschriebener Kopfbedeckung, einem bestimmten Gürtel, nur so waren die Studierenden berechtigt, an den Privilegien teilzunehmen. Da es immer wieder zu Schlägereien und kleinen Strassenschlachten zwischen Gruppen und Nationalgrüppchen gekommen war, hat die Universität das Tragen von Waffen, Säbeln und Degen verboten. Der junge Zwingli war dort in Gesellschaft von einigen Studenten aus dem Toggenburg, aus Glarus, aus Chur, aus Schaffhausen und aus Zürich. 1501 kam der St. Galler Joachim von Watt, latinisiert Vadian, ein Mediziner und später vom Kaiser gekrönten Dichter, nach Wien, wo er es bis zum Rektor brachte.

Er wurde ein enger Mitarbeiter und Freund des Reformators Zwingli und setzte in St. Gallen als Stadtarzt und Bürgermeister die Reformation durch. Zwingli belegte in Wien Kurse in der Kunst des Briefeschreibens. Kein Wunder, dass er später zu einem grossen und reichhaltig bewegenden Briefschreiber wurde, der mit Gelehrten ganz Europas Briefwechsel führte. Die Studenten übten mit Professoren Komödien und Tragödien des klassischen Altertums ein, auch das eine Disziplin, die der Reformator in den 1520er-Jahren mit seinen Studenten und Schülern in der Zürcher Prophezei immer wieder mit Genuss durchspielte.

Es gab im Studentenleben Zwinglis ein starkes literarisches Erlebnis des ganz jungen Ulrich. Er unterstrich und glossierte Sätze von Pico della Mirandola (1463–1494), dem Florentiner Philosophen, wonach es dem Menschen oft missrate, wenn er nicht die nötige Wortgewandtheit aufbringe, um seine Absicht durchzubringen. Daneben schrieb der junge Scholar, dies sei ihm auch passiert, als er eine Nachricht nach Hause geschickt habe, die dem Vater seinen Lebenswandel, sein Studium hätte empfehlen sollen. Er habe seine Musik, die Instrumente mitsamt den Geselligkeiten aufgezählt. Der Vater aber habe nur geantwortet, ihm wäre ein Philosoph lieber als ein sogenannter Komödient. Es ist die einzige und zudem gewichtige Äusserung des Vaters über seinen Sohn.

Die Beschäftigung mit dem jugendlichen Philosophen Pico della Mirandola hat sich dann über Jahre hinweg weitergezogen. Zwingli nennt ihn einen Mann von grossem Scharfsinn, aus welchem, wenn Gott ihn hätte zur Reife kommen lassen, etwas Göttliches geworden wäre. Mirandolas Rede über die Würde des Menschen ist berühmt geworden, ausserdem schrieb er über die Willensfreiheit, die er ein charakteristisches Merkmal des Menschen nannte. Er formulierte 900 Thesen zu theologischen und philosophischen Fragen. Der Papst verurteilte diese Thesen, der Autor geriet in Rom unter Häresie-Verdacht. Doch er stand unter dem Schutz des Fürsten von Florenz, Lorenzo der Prächtige. Mirandola starb an einem Fieber, er war erst 31-jährig.

Zwingli hat sich intensiv mit dem jugendlichen Philosophen beschäftigt. Er las seine Schriften, kommentierte sie, strich wichtige Sätze an. Er war geradezu ein Bewunderer dieses Pico della Mirandola.

UNIVERSITÄT BASEL

Von 1500 bis 1502 in Wien, von 1502 bis 1506 an der Universität Basel. Interessant ist, dass Zwingli seine Studien in Wien abgebrochen hat und in Basel sofort fortsetzte, wo er gleichzeitig neben dem Studium eine Lehrerstelle übernahm, er erbte den Posten von Gregor Bünzli, der seinerseits vor ein paar Jahren den zehnjährigen Ueli unterrichtet hatte. Zwingli war nun 18-jährig, bekleidete bereits ein Lehreramt, wohl um etwas zu den Studienkosten beitragen zu können. Ob Vater und Onkel ihn dazu berufen haben, ist anzunehmen, sicher ist es nicht.

1502 stieg er, 18-jährig, in Basel ein, 1506 schloss er dort mit dem Magister der Künste ab. Er war nun 22-jährig. Basel war seit einigen Jahren im Aufstieg zur Drucker- und Gelehrtenstadt. Johann Froben war dort der grosse Buchdrucker. Hier lebten die geistig Arbeitenden, mit denen Zwingli später regen Briefkontakt pflegte: Heinrich Loriti aus Glarus, Glarean genannt, Konrad Pellikan aus Rufach im Elsass, Wolfgang Capito aus Hagenau, und Leo Jud, der Elsässer, schliesslich mit dem Berner Nikolaus von Wattenwyl, der später im reformatorischen Prozess in Bern eine führende Rolle spielen sollte. Vor allem mit von Wattenwyl pflegte der junge Zwingli wohl lebhaften Austausch.

Offenbar hat Zwingli sich erst in den letzten zwei Jahren auf die Theologie konzentriert, obwohl er zunächst sowohl akademisch-theoretisch als auch didaktisch-praktisch tätig war. Er hat sich demnach tatsächlich als etwa 20-Jähriger für das Pfarramt entschieden. Umso überraschender ist, wie wichtig ihm stets die Philosophie und die Philologie geblieben sind. Das ganze aristotelisch-christliche Gebäude samt dessen scholastischen Kommentaren kannte Zwingli bis ins Detail. Berichte, Zeugnisse, Geschichten und Anekdoten gibt es über den Studenten Zwingli keine. Vermutungen über Konzerte, in denen Ulrich eine aktive, führende Rolle übernommen hatte, gab es einige, mehr aber nicht. Es wurde in der Biografik angestrengt lange Zeit nach Studienkollegen gesucht, die sich zu bedeutenden Zeitgenossen oder zu Freunden des Toggenburgers entwickelt hätten. Die Funde waren dürftig. Die wichtigsten Bekanntschaften waren jene mit dem Elsässer Leo Jud, der später in Zürich als Pfarrer am St. Peter ein bedeutender Mitstreiter wurde sowie mit dem Luzerner Myconius, seinem ersten Biografen.

Das geistige Klima in Basel war heiter, keineswegs nur lammfromm, was aus Myconius’ Berichten und Annahmen aufgrund des musikalischen Könnens des jungen Zwingli zu erfahren ist. Er hat sich im Münster eine grosse mahnende Synodalpredigt des Bischofs Christoph von Utenheim anhören müssen, der als Freund der Gelehrten ihnen ins Gewissen redete. Der junge Ulrich befasste sich vornehmlich mit den Schriften des Thomas von Aquin. Der Vertreter der Scholastik in Basel war Thomas Wyttenbach.

Die vier Fakultäten waren hierarchisch aufgebaut: zuunterst die philosophische, damals die artistische genannt, die zweite Etage bildeten die medizinische und auf gleicher Ebene die juristische Fakultät, und darüber thronte die theologische. Durch das ganze Mittelalter stand die Theologie, also das Lehrgebäude der grossen Theologen und Kirchenväter, zuoberst, die Theologie bekämpfte und beeinträchtigte die Philosophie, die sich erst langsam zu behaupten begann. Zwingli soll sich kritisch über den Schul- und Lehrbetrieb geäussert haben, er habe viel Ballast mitschleppen müssen, der ihm später nichts genützt habe, erzählt Myconius. Er war immerhin Zeitgenosse, so konnte er behaupten, es sei im Studium alles durcheinander gelaufen: Weltweisheit, Gott, Philosophie mit eitlem Geschwätz, Unwissenheit und Ruhmsucht, eine gesunde Lehre habe dort niemand bekommen. Und das alles habe der junge Zwingli erkannt und kritisch hinterfragt, um seinen Verstand für künftige Auseinandersetzungen zu schärfen. Uns stehen leider keine Belege zur Verfügung für eine solche Annahme. Den frühesten Biografen ist nicht in jedem Falle zu vertrauen, schon gar nicht blind zu glauben, eine altbekannte Erfahrung, denn in der Regel standen diese ersten Berichte der dargestellten Figur so nahe, dass Glorifizierung oder aber Unkenntnis oft nicht weit weg waren. Vielleicht hat Zwingli irgendwann bei Gelegenheit mal eine solche Bemerkung gemacht, und Myconius, der sie aufgeschnappt hat, versetzte sie flugs in die Studentenzeit, wo sie ein ganz anderes Gewicht bekommen hat.

Zwinglis Lehrer wie Wölfflin in Bern oder Wyttenbach in Basel waren Vertreter des «alten Weges». Gleichwohl hat Zwingli schon 1508 das Priesterzölibat, die Messe und den Ablass in die Kritik genommen. Zwingli lebte in der Zeit, in welcher die Gegensätze langsam aufgehoben wurden. Trotzdem, die Diskrepanzen waren damit nicht aus der Welt geschafft. Aber es war möglich, beide theologischen Richtungen – den alten scholastischen Weg, die «via antiqua», und den neuen Weg, die «via moderna» – ins Studium aufzunehmen. Der alte basierte auf Thomas von Aquin, der neue auf Wilhelm von Ockham. Zwingli jedenfalls besetzte beide Schulrichtungen und bereicherte so sein Wissen, öffnete seinen Horizont und verabschiedete sich vom Dogmatismus. Denn Zwingli war ein Eklektiker, und das ein Leben lang. Seine Devise «Prüfet alles und behaltet das Gute» hat ihn sein ganzes Leben begleitet.

NEUER UND ALTER WEG

Die Frage, zu welchem Zeitpunkt sich der reformatorische Geist in Zwinglis Bewusstsein zu regen begonnen UND ALTER hat, ist gewiss ziemlich bedeutend. Myconius macht WEG den Versuch, diesen Beginn mitten in das studentische Leben zu versetzen, was nicht nur reichlich übertrieben, sondern eigentlich erfunden ist. Als der junge Theologe 22-jährig die Universität verliess und in Glarus seine erste Priesterstelle antrat, war sogar seine theologische Bildung, wie Oskar Farner festhält, noch ein Torso. Dass er jedoch so intensiv und mit Liebe die antiken Philosophen und Dichter studierte, machte ihn gewiss zu einem aussergewöhnlichen Anwärter auf eine Pfarrei. Aber das Hauptgewicht im Studium lag gleichwohl auf der Scholastik, nicht, wie in mancher Biografie vorschnell behauptet wird, auf dem Humanismus. Eine Art Erasmianer wurde Zwingli erst im Laufe seiner Glarner Zeit durch intensive Lektüre römischer und griechischer Philososophie und vor allem durch Erasmus’ Herausgabe des Neuen Testaments.

Die Studentenzeit durchlebte er im Spannungsfeld von «via moderna» und «via antiqua», zwischen «neuem» und «altem» Weg, und er wird in beiden Richtungen unterrichtet worden sein, denn die beiden Lehren standen mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander. Der «alte Weg» postulierte die Einheit von philosophischer und theologischer Weltanschauung. Der «neue Weg» hingegen trennte Glauben und Wissen und behauptete die Unbeweisbarkeit der theologischen Wahrheiten. Zentrum des «alten Weges» war Paris, seine Anhänger waren vor allem die Universitäten in den südlichen Gebieten des Reichs. An erster Stelle stand da Tübingen. Von so enormer Wichtigkeit war dieser Richtungsstreit für den jungen Zwingli nicht, denn seine Entwicklung bewegte sich in den ersten Jahren seiner seelsorgerischen Tätigkeit in Glarus entschieden dem Humanismus eines Erasmus entgegen.

Der Drang vieler Biografen, den jungen Zwingli geistig zurechtzustutzen und ihn einer Schule zuzuordnen, ist zum Scheitern verurteilt, zu eigenständig war der Toggenburger Bauernsohn, intellektuell zu neugierig. Ein paar Jahre später liess er einen Blick in seine Haltung tun: «Nie habe ich mich im Laufe meiner Studien einem Lehrer und einer Lehre so angeschlossen, dass ich mich deswegen von den andern abgewandt und das zurückgewiesen hätte, was diese an Wert und Klarheit jenen voraus hatten. Ich habe die Gesamtheit aller Weisen und Formen, die jemals gelebt haben, als ein Gastmahl angesehen, zu welchem jeder seinen Beitrag zu liefern das Recht und die Pflicht hat.» Zwingli hätte auch sagen können: Nie war ich Dogmatiker.

Er äusserte sich auch folgendermassen: «Nie hat bei mir Platos Glanz und Erhabenheit so viel gegolten, dass ich darüber Aristoteles mit seiner Schärfe, seiner Klarheit und seinem Wissen gering geschätzt hätte. Vielmehr habe ich das eine Mal diesem, das andere Mal jenem den Vorzug gegeben, und zwar aus keiner andern Ursache, als weil keiner alles weiss, und weil, was jeder weiss, überall dem allgemeinen Besten dienen soll.»

Und an einer anderen Stelle sagte er: «Die Wahrheit ist für mich, was die Sonne für die Welt. Wie wir diese überall, wo sie aufgeht, freudig annehmen und durch sie zur Arbeit uns ermuntern lassen, so sehnt sich auch der Geist nach dem Lichte der Wahrheit und freut sich, wenn es ihm irgend entgegen strahlt.»

An anderer Stelle sagte er, er habe «von Kind auf die Sophisterei verachtet». Es ist denn tatsächlich früh sichtbar, wie dieser Bergler eine Weite seines Geistes beweist, und dazu eine Reichhaltigkeit des Wissens und eine Ungebundenheit und Offenheit, sodass er in mancher Charakterisierung als Eklektiker bezeichnet wurde. Zwingli war kein Mann, dessen Horizont an der nächsten Felswand seine Grenze fand.

Thomas Wyttenbach aus Biel, der vielleicht wichtigste Lehrer Zwinglis in Basel, war wohl der Erste, der frühe Ideen, die zum reformatorischen Denken führten, in den Geist des Studenten einpflanzte. In der Auseinandersetzung mit Luther erwähnt Zwingli viel später den Gelehrten Wyttenbach und dessen Polemik gegen den päpstlichen Ablass, welcher nicht aus der Heiligen Schrift zu begründen sei, woraus nun nicht zu schliessen ist, dass Zwingli schon als Student sich über diese Frage im Klaren gewesen war. Es sagt mehr über Wyttenbach aus, der schon zwölf Jahre vor Luther auf diesen zentralen Punkt der Kritik an der alten Kirche hingewiesen hat. Es war auch Wyttenbach, der seine Studenten zum Erlernen der griechischen Sprache ermuntert hat, um das Evangelium in den Urtexten lesen zu können. Der junge Zwingli plagt sich denn jahrelang mit dem Studium des Griechischen herum, in Glarus, dann in Einsiedeln, und auch noch in Zürich.

Schon als Student, aber auch als junger Theologe war er ein grosser Leser. Er hatte Zeit seines Lebens ein Netz von Freunden, Informanten und Anregern, die ihn mit Neuerscheinungen versorgten oder auf sie aufmerksam machten. Was an wichtigen Werken Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts erschienen war, das fand sich nach dem Tod des Reformators in seiner Bibliothek, sodass man annehmen kann, dass er einiges davon schon als Student in Basel besorgt hatte. Da waren vor allem die Werke von Homer, Demokrit, Plutarch, Cicero, Caesar, Livius, Seneca, Plinius, Tacitus, des Satirikers Lukian, natürlich Aristoteles, Demosthenes, Horaz, Josephus, Duns Scotus. Und dann vor allem einer seiner Lieblingsautoren, der Florentiner Pico della Mirandola, den er in seinen Schriften oft erwähnte, den er auch verehrte.

Solche Vorläufer der Reformation gab es in Europa Dutzende, in mehreren Ländern und Kulturen, selbstverständlich, denn die Reformation fiel ja nicht plötzlich 1517 oder 1519 vom Himmel auf Deutschland und die Eidgenossenschaft nieder. Da gab es ein breites, grosses Feld von mannigfaltigen Früchten, da gab es Dutzende Gelehrte, die an den Missständen kratzten und immer wieder Irrwege aufzeigten und fruchtbare Vorarbeiten leisteten. Ulrich Zwingli aber war ganz gewiss weit und breit derjenige, der diese frühen Früchte der Entwicklung am begierigsten und am aufmerksamsten beobachtete. Pico della Mirandola und Marsilio Ficino, dessen Lehrer, waren ganz wichtige Adressen, ihre Schriften nahmen in Zwinglis Studierstube zu allen Zeiten wichtige Plätze ein. Die Verehrung Mirandolas durch den jungen Geistlichen Zwingli ging in Glarus fast nahtlos in jene des Erasmus von Rotterdam über.

EUROPÄISCHE PERSPEKTIVEN

Bevor wir uns Zwinglis Zeit als Pfarrer in Glarus zuwenden, wollen wir einen Blick auf das politische und religiöse Umfeld in Europa werfen, in dem er seine reformatorischen Ideen entwickelte.

Der Papst war im frühen 16. Jahrhundert nicht nur Oberhaupt der Kirche, sondern auch Machtpolitiker, der eigene und familiäre Interessen verfolgte. Julius II. (1503–1513) war im Kriegswesen sehr bewandert. Leo X. (1513–1521), ein Sohn des Hauses Medici in Florenz, war ein Förderer der Künste und der Wissenschaften, aber als wirklicher Vorsteher der Christenheit galt er nicht. Er liebte das Spiel und die Jagd.

1506 begann Donato Bramante mit dem Neubau des Petersdoms, der damit finanziert wurde, dass vor allem im Reich überall dem Volk das Geld aus den Taschen gezogen wurde.

Der Papst beanspruchte für sich, den Kaiser krönen zu dürfen. Dies wurde vom Kaiser und von den Kurfürsten aber zunehmend kritisiert. Der Kaiser stand, obwohl nach der Tradition eher Primus inter Pares als wirkliches Oberhaupt, über den anderen Königen und Fürsten und gab sich als Beschützer des christlichen Glaubens.

Auf dem Kaiserthron hatten sich die Habsburger installiert. Auf Maximilian I. folgte dessen Enkel Karl V. Seine Wahl zum König des Heiligen Römischen Reiches war nicht ohne Nebengeräusche verlaufen. Am 28. Juni 1519 kamen die deutschen Kurfürsten in Frankfurt zusammen. Es wurde lange verhandelt. Der französische König hatte für sich werben lassen. Das Haus Habsburg unternahm gewaltige finanzielle Anstrengungen, um die Krone an den jungen Karl zu bringen. Die Kurfürsten wurden mehrfach bestochen. Der Stimmenkauf kostete die Habsburger gegen eine Million Gulden, die aber brachte zum grössten Teil die Firma Fugger auf. Nur Friedrich der Weise von Sachsen liess sich nicht bestechen. Schliesslich wurde Karl I. als Karl V. einstimmig zum deutschen König gewählt. Er zählte bei seiner Wahl 19 Jahre. Geboren war er in Gent in den Niederlanden, dort galt er als Spanier, in Spanien als Deutscher. Seine Muttersprache aber war französisch, des Deutschen war er nicht kundig.

Die Rivalitäten zwischen dem Kaiser, den stärksten Fürsten im Reich und dem französischen König hatten sich schon unter den Vorgängern von Franz I. und Karl V. verschärft. In den oberitalienischen Kriegen waren die beiden Mächte aufeinandergeprallt. Wie der Kaiser sah sich auch der König von Frankreich als führender Beschützer des Christentums. Er nannte sich Allerchristlicher König. Der englische Herrscher galt als Verteidiger des Glaubens. Der spanische Monarch gab sich den Titel Allerkatholischste Majestät.

Um seinem Anspruch als westliches Oberhaupt des Christentums gerecht zu werden, kämpfte Karl V. erbittert gegen die Osmanen, litt aber dauernd unter Geldknappheit und war beim Bankhaus Fugger gewaltig verschuldet. Zudem versuchte er immer wieder die Reichsverwaltung zu reformieren. Das gelang schon deswegen nicht, weil das Reich keine eigenen Behörden besass.

Die Reichsfürsten sowie die grossen europäischen Länder protestierten wiederholt und sehr heftig gegen die ständigen Geldsammlungen Roms. Der englische Monarch Heinrich VIII. bekam ein Viertel der in England gesammelten Summe. Der französische König Franz I. erhielt ebenfalls seinen eher bescheidenen Anteil. Kaiser Karl V. bezog ein Darlehen vom Papst. Aber alle Länder waren jahrelang ausgepresst worden und wütend. Nur das Reich war strukturell zu schwach, hoffnungslos zersplittert, darum wurden die deutschen Länder erbarmungslos ausgesaugt. Daran hatte das Augsburger Bankhaus Fugger – als Geldeintreiber – starken Anteil.

Der Bettelmönch Johann Tetzel, der sich seit dem Jahr 1500 ausschliesslich dem Ablasshandel gewidmet hatte und dadurch in den deutschen Ländern sehr berühmt geworden war, wurde jeweils an den Stadttoren von frommen Bürgern mit Musik und Fahnen und Kerzen empfangen, die Ablassbulle lag bei der Prozession auf einem Goldkissen. Tetzel erzählte, der Papst habe mehr Macht als alle Apostel, alle Engel und alle Heiligen zusammen, der Papst sei gleich Christus.

Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, war kein Ablassgegner, er hatte in der Wittenberger Schlosskirche 19 000 Heiligenreliquien zusammengetragen. Die in Sachsen gesammelten Ablassgelder für einen Kreuzzug gegen die Türken verwendete Friedrich schliesslich für den Ausbau der Universität Wittenberg. Und Tetzel hielt eine Brandrede gegen Luther.

Am 31. Oktober 1517 um die Mittagszeit hatte Martin Luther, zu der Zeit durchaus noch ein guter Katholik, seine 95 Thesen am Portal der Wittenberger Schlosskirche gegen den Ablass angeschlagen.

Am Pranger stand seit Jahren die verschwenderische Hofhaltung der Kirchenfürsten, die Korruption in der Kurie, die Sittenlosigkeit Papst Alexanders VI., die Heftigkeit Julius II., und die Sorglosigkeit Leos X. Die Kirchenreform scheiterte zum x-ten Mal. Das alles geschah etwa zur gleichen Zeit mit der Entdeckung Amerikas, der Wiederentdeckung der Antike, der Erfindung des Buchdrucks, der Ausbreitung der Bildung und der Übersetzung der Bibel ins Deutsche. Die Reformation wäre ohne diese neue Technik, den Buchdruck, die Verbreitung geistiger Erkenntnisse, gar nicht möglich gewesen. Luther und Zwingli gehörten zu den Ersten, welche die neue Erfindung zur vollen Wirkung brachten.

In der Welt der Gelehrten dominierte der Humanismus. Der grösste damalige deutsche Theologe – Martin Luther – war vom humanistischen Gedankengut aber kaum beeinflusst. Zwar führte Luther mit Erasmus von Rotterdam ein Streitgespräch in schriftlicher Form über den freien Willen. Aber er hatte mit der Haltung des Erasmus wenig gemein.

Die Humanisten getrauten sich, scheinbar unverrückbare Wahrheiten infrage zu stellen. Konrad Celtes fragte provokant: «Lebt die Seele nach dem Tod weiter?» Und: «Gibt es wirklich einen Gott?» Eoban Hesse, ebenfalls ein Humanist, schrieb Liebesbriefe von Magdalena an Jesus. Mutianus Rufus gab seinen Schülern zu bedenken, «die Satzungen der Philosophen höher als die der Priester zu schätzen». Seelenmessen hielt er für wertlos, das Fasten für ausgesprochen unangenehm, die Ohrenbeichte für deprimierend. Die anständigen Griechen und Römer seien Christen gewesen, ohne es zu wissen.

Wohl der sanfteste Gelehrte der Zeit war Johannes Reuchlin. Er war der grosse Hebräist der humanistischen Epoche, 1491 wurde er Professor der hebräischen Sprache an der Universität Heidelberg. Und ausgerechnet diesem Mann wurde sehr übel mitgespielt. Aber er wurde, ohne es zu wollen, zum Helden der deutschen Renaissance und des Humanismus. 1508 veröffentlichte der ehemalige Jude Johannes Pfefferkorn, inzwischen zum Katholizismus konvertiert, den Judenspiegel, der die Juden aufforderte, Christen zu werden. Pfefferkorn verlangte die Unterdrückung aller hebräischen Schriften. Das Verbot und die Verbrennung der hebräischen Bücher wurden allgemein gutgeheissen. Reuchlin war allein auf weiter Flur. Er nannte Pfefferkorn einen Esel ohne Verständnis für diese Literatur.

Pfefferkorn gab nun einen Handspiegel mit der Behauptung heraus, Reuchlin sei von den Juden gekauft worden. Papst Leo X. liess mehrere Gutachten über diesen Sachverhalt erstellen. Inzwischen wurde von Pfefferkorn bei der Inquisition ein Verfahren eingeleitet. Das bischöfliche Gericht in Speyer plädierte jedoch unerwartet für Reuchlin auf Freispruch. Andererseits liessen mehrere Universitäten Reuchlinsche Schriften verbrennen. Die ganze Prominenz des Humanismus setzte sich für den Gelehrten ein: Erasmus, Pirckheimer, Peutinger, Oekolampad, Hutten, Mutianus, Eoban Hesse, sogar Luther und Melanchthon. Ganze 53 Städte veröffentlichten proreuchlinsche Erklärungen.

1515, im Jahr der Schlacht von Marignano, gaben drei Humanisten ein sensationelles Buch heraus: Die Dunkelmännerbriefe. Sie gingen in die Literaturgeschichte der Satire ein, ein brillantes Briefwerk. Die Gelehrten Europas lachten sich fast tot, als sie diese fingierten Briefe lasen. Das Buch war eine Art Bestseller. Briefe, die Eoban Hesse, Crotus Rubeanus und Ulrich von Hutten an die reaktionären Theologen in Köln geschrieben haben, in denen die Argumentation zum Schreien war, in einem leicht verblödeten Latein, in geschraubter Scholastik, in dämlichem Stil, inhaltlich die Hauptthemen der Reformation betreffend: Reliquien, der Papst, der Ablasshandel. Nun verbot Leo X. dieses Buch, verurteilte Reuchlin, 65-jährig, zum Tragen der gesamten Kosten. Er verschwand aus der Öffentlichkeit.

Es gab noch eine weitere sehr wichtige Veränderung: die Rolle der Ritter in der Gesellschaft. In der neuen Welt war kein Platz mehr für sie, diese Schicht wurde aus der Gesellschaft herausgespült, und zwar sang- und klanglos. Der grosse und mächtige Ritter Franz von Sickingen und der jüngere Ulrich von Hutten waren eigentlich lebendige Anachronismen. Die Ritterschaft war untergegangen, aufgrund von wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen. Der Boden hatte aufgehört, der entscheidende Besitz zu sein. An seine Stelle trat der bewegliche Besitz: das Geld.

PFARREI IN GLARUS

In diesem europäischen Umfeld also bewegte sich der junge Zwingli. Er war noch keine 22 Jahre alt, da bewarb sich die Gemeinde Glarus, deren Pfarrer gestorben war, um seine Dienste. Man kann annehmen, dass die Empfehlung von Weesen ausgegangen war, dass Onkel Bartholomäus und der frühere Basler Lehrer Gregor Bünzli den jungen Theologen vorgeschlagen hatten. Zwingli hielt in Rapperswil seine Probepredigt, die zur Zufriedenheit ausfiel, er wanderte – oder ritt – im Sommer 1506 nach Konstanz und liess sich dort vom Bischof zum Priester weihen. So kam der Toggenburger also zu seiner ersten Pfarrstelle. Und da sollte er denn zehn Jahre bleiben. Er musste bei den Glarnern Geld aufnehmen, um die Pfründen des üblen Schmarotzers und Römergünstlings Heinrich Göldli abzugelten. Die Summe war so horrend, dass er die ganzen zehn Glarner Jahre brauchte, um die Schuld abzutragen. Er schrieb an Balthasar Stapfer in Schwyz, ohne Datum, doch es muss sich um die Zeit handeln, als er von Glarus nach Einsiedeln wechselte: «Ich habe so friedlich und freundlich bei meinen Herren in Glarus geweilt, dass ich mit ihnen nie einen Streit hatte, und ich stand drum bei meinem Wegzug in solcher Gunst bei ihnen, dass sie mir die Pfrund noch zwei Jahre lang weiter überliessen, indem sie hofften, ich werde wieder zu ihnen zurückkehren, was ich auch gern getan hätte, wenn ich dann nicht nach Zürich gekommen wäre; und als ich dann die Stelle aufgab, haben sie mir die 20 Gulden geschenkt, die ich wegen der Pfrund noch schuldig war, sie hatte mich nämlich viel über 100 Gulden gekostet. In Einsiedeln bin ich noch heute dem Herrn Verwalter und der Bevölkerung lieb und wert, und das alles beweist doch, dass ich nicht ein hässiger Mensch bin.»

Der Pfründenreiter aus Zürich machte dem jungen Toggenburger das Leben schwer, denn der liess sich von Zwingli die Stelle für viel Geld abkaufen. Er war zwar von Rom, aber weder von der Gemeinde und noch vom Bischof dafür bestellt. Zwingli zahlte die ganzen zehn Jahre an diesen Heinrich Göldli seinen Obolus. Auch das gehörte zum schmerzhaften Anschauungsunterricht über die Kirchenverhältnisse unseres jungen Geistlichen.

Das gab ihm aber auch Einsicht in die kommerzialisierten Strukturen der Organisation sämtlicher Kirchenämter. Der junge Zwingli hat am eigenen Leib erfahren, wie ein Günstling der Kurie die gesamte Kirchenorganisation ausser Kraft setzen konnte. Die Glarner wollten ihn, der zuständige Bischof hatte ihn geweiht, doch Rom und die Kurie kümmerten sich nicht einen Deut darum. Die Verkündigung von Gottes Wort war ein Geschäft.

Die Glarner erwiesen sich allerdings als grosszügig, nicht ganz so entgegenkommend waren sie mit dem Pfarrhaus, denn ihnen waren die Mängel des Hauses wohlbekannt. Doch als Zwingli 1516 seine Entlassung beantragte, boten sie ihm an, ein neues Pfarrhaus zu bauen, damit er bleibe. Der junge Seelsorger hatte zeitweise drei bis vier Kapläne, die ihn entlasteten. Die beiden Kirchen St. Fridolin und St. Hilarien wurden von ihm abwechslungsweise mit Predigten versorgt. Zwingli war darin begabt, eine Volksnähe zu praktizieren, obwohl er zeit seines Lebens ein Studiosus und ein intellektuell vielseitig interessierter Gelehrter war, dazu künstlerisch begabt in der Musikausübung auf verschiedenen Instrumenten.

Die Glarner Pfarrei umfasste mehrere Ortschaften, neben Glarus waren das Riedern, Netstal, Ennenda und Mitlödi. Der Hauptort Glarus umfasste rund 1300 Bewohner. Wir wissen sehr wenig über Zwinglis Tätigkeit. Es ist bei ihm kaum Kritik an der Kirche erkennbar. Noch immer las er die Messe und erteilte die Absolution. Von grösster Bedeutung ist aber die Tatsache, dass der junge Zwingli an den Italien-Feldzügen der Glarner für den Papst gegen die Franzosen in der Lombardei teilnahm.

Im Laufe der Zeit lernte er wohl seine Kirchenmitglieder kennen. Er übernahm geistliche Patenschaften für mehrere Kinder. In den zehn Jahren, die er in Glarus verbracht hat, diesem schmalen, voralpinen Tal, das durch die Produktion von Ziger von sich reden machte, bildete sich der junge Theologe intensiv weiter. Mit grossem Eifer studierte er die antiken Klassiker sowie die Kirchenväter. Da begegnete er zum Beispiel dem grossen Römer Seneca, dem Lehrer von Nero, einem reichen Mann und genialen Schreiber. Er las diese wunderlichen Sätze in der Schrift Die Kürze des Lebens von Seneca: «Jeder überstürzt sein Leben und leidet an der Sehnsucht nach dem Kommenden. Der hingegen, der jeden Augenblick zu seinem Nutzen verwendet, der jeden Tag so einteilt, als wäre er sein Leben, sehnt sich nicht nach dem folgenden Tag und fürchtet sich nicht davor. Alles ist bekannt, alles bis zur Sättigung genossen. Über das andere mag das Glück nach Belieben verfügen. Das Leben ist schon in Sicherheit. Diesem Menschen kann man noch etwas dazu geben, wegnehmen nichts.» Welch wunderbare stoische Haltung!

1513 begann Zwingli Griechisch zu lernen, konnte dann bald den Urtext des Neuen Testaments lesen, den Erasmus von Rotterdam im Jahre 1516 herausbrachte. Durch Erasmus lernte der Lernbegierige einen neuen Sinn in den biblischen Texten zu finden. Das eröffnete ihm einen neuen befreienden Zugang zur Bibel. Denn trotz der Stille des Glarner Bergtals korrespondierte Zwingli mit den gelehrten Häuptern seiner Zeit, er war bestens unterrichtet über das Erscheinen neuer Bücher. Am Ende seiner Glarner Jahre besass er als intellektueller Kopf die erstaunliche Zahl von weit über 100 Büchern. Und in seinem Nachlass umfasste seine Bibliothek 210 theologische und etwa 100 philosophische Werke.

Eines ist wohl sicher: Zwingli war stets bestrebt, sein Wissen weiterzugeben. Auf seine Initiative hin stimmte die Landsgemeinde im Jahr 1510 der Gründung einer Lateinschule zu. Man stelle sich das vor: im Jahre 1510 eine Lateinschule in Glarus! Zwingli wurde Lateinlehrer. So kam es, dass der spätere bedeutende Chronist der Eidgenossenschaft, Aegidius Tschudi, Zwinglis Schüler wurde. Wir wissen ungefähr, was Zwingli in seinen zehn Glarner Jahren gelesen und was er etwa mit seinen Schülern durchgenommen hat, es reicht von Titus Livius zu Plutarch, von Sueton zu Herodian, von Plinius zu Caesar. Und wir ahnen, dass Zwingli ein Prediger war, der aus den römischen Klassikern schöpfte für seine Predigten, obwohl wir sonst über diese Predigten herzlich wenig wissen.

Der Toggenburger war noch nicht 20-jährig, als er sich schon didaktisch und pädagogisch betätigt hatte. Später sind mehrere Briefe von Schülern an Zwingli oder über Zwingli an uns gekommen. Es sind samt und sonders bewundernde, begeisterte und dankbare Zeugnisse von späteren Studenten. Zwingli war zwischen 22 und 32 Jahre alt, da wird ihm «väterliches Wohlwollen» bescheinigt, «weise und gütig» sei er ihnen «mit Rat und Tat zur Seite gestanden», habe auch «bei ihren Eltern als verständnisvoller Mittelsmann ihre Anliegen vertreten». Aus dem Jahr 1515 finden wir am Rand eines Erasmus-Buches folgende schöne Handnotiz von Zwingli: «Lass die Bursten, das heftige Dreinfahren! Damit bringt man die Kinder bloss zum Heulen». Immer wieder kommt uns das Bild des gütigen Lehrmeisters entgegen in den ungezählten Briefen von späteren Studenten. Was für Liebesbezeugungen! «Nie habe ich etwas so hoch geschätzt, als die Freundschaft eines solch gelehrten und gütigen Mannes geniessen zu dürfen.» Oder: «Du bist der teuerste der Lehrer und der Liebenswerteste unter den Teuersten.» Oder: «Mein ganzes Glück und all mein Wissen verdanke ich dir, und mein Schicksal hängt völlig von dir ab.» Und im Kreise seiner humanistischen Freunde galt er als führende Gestalt unter den Schweizer Humanisten, seine Brieffreunde sprachen ihn an als Humanisten, als Philosophen oder aber als Philosophen und Theologen.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde in der eidgenössischen Politik darüber gestritten, ob die Zusammenarbeit des Papstes mit dem Kaiser oder mit den Franzosen gesucht werden sollte. In wessen Dienste sollen die Glarner Söldner sich stellen? Zwingli votierte für den Papst, worauf sich dieser mit einer stattlichen Pension von 50 Gulden bedankte.

Zwingli hatte sehr viel zu tun mit Witwen und Waisen und Eltern und Geschwistern. Da kam von 1600 Teilnehmern an italienischen Feldzügen ein Viertel gar nicht mehr nach Hause, und etliche kamen als Krüppel zurück, von seelischer Verwahrlosung gar nicht zu reden.

Doch im Oktober 1515, unmittelbar nach der Schlacht von Marignano, war es aus mit der schweizerischen Grossmachtpolitik, vor allem durch die vernichtende Niederlage gegen die Franzosen. Zwingli votierte gegen den französischen Friedensschluss und für den Papst in Rom. Die Stimmung in der Eidgenossenschaft und auch in Glarus schlug zugunsten der Franzosen um. Zwinglis politische Haltung wurde unhaltbar. Er hatte zwar grossen Rückhalt in der Bevölkerung, war jedoch politisch isoliert.

Er hatte in seiner Glarner Zeit die einheimischen Söldner zweimal als Feldprediger nach Oberitalien begleitet, wo der deutsche Kaiser, der französische König und der Papst mit militärischen Mitteln um Einfluss und Macht rangen. Mal standen Schweizer auf der einen, dann auf der anderen und manchmal gar auf beiden Seiten einander feindlich gegenüber.

Das wurde für Zwingli zu seiner paradigmatischen Erfahrung und führte zu seiner ersten grundsätzlichen Einmischung in die Politik. Gerade diese Erfahrung formte den jungen Priester, Prediger und Lehrer zum eidgenössischen Patrioten.

Ja, die kriegerischen Erfolge der Schweizer waren ihre sicht- und spürbare Stärke, aber gleichzeitig auch ihre Schwäche, da halb Europa ihre Söldner begehrte. Man gewann zwar das Tessin und das Veltlin. In den südlichen Gebieten des Heiligen Römischen Reichs wurden die Schweizer für ihre Freiheit beneidet. Dort hatten die «Freiheitskriege» enorme Wirkung. Andererseits hatte der Schweizer den Ruf des unbezähmbaren, anarchischen Kriegers. Die Wehrpflicht wurde zum Vorbild, doch die Reisläuferei war vornehmlich von Abenteuerlust und Habgier geprägt. Vor allem führten die zahlreichen Soldbündnisse und Soldverträge, die den Schweizer Räten fette Geldzuflüsse bescherten, schliesslich zur faktischen Abhängigkeit von ausländischen Mächten, vor allem vom französischen König und vom Papst. Die Eidgenossenschaft war weit offen für Korruption. Die Tagsatzung erliess 1503 ein Verbot für Einzelpersonen, fremdes Geld wie auch fremde Kriegsdienste anzunehmen. Sie versuchte so, das ausufernde Pensionen- und Solddienstwesen unter obrigkeitliche Kontrolle zu bringen. Durchgesetzt hat sich der Versuch nicht. Erst die Zwinglische Reformation hat für Zürich und die reformierten Stände die dringlichen Massnahmen durchgesetzt.

Für diese Entwicklung haben wir ein Zeugnis von ungeahnter Strahlkraft aus dem Jahr 1510, eine starke poetische Leistung: «Uolrich Zwingli, Priesters fabelisch Gedicht von eim Ochsen und etlichen Tieren, ietz louffender Dinge begrifflich» (was heissen soll, sich mit gegenwärtigen Vorkommnissen befassend). Also eine hochaktuelle Dichtung zu grundsätzlichen Fragen der Zeit und der Eidgenossenschaft. Natürlich praktizierte der junge Geistliche hier eine Fähigkeit, die er in der Ausbildung sowohl in Wien als auch in Bern bei Lupulus gelernt hatte.

DER PATRIOT

Das Fabelgedicht von 184 Zeilen in Deutsch kursierte auch in lateinischer Fassung, in 99 Zeilen. Der Autor schickte das Gedicht seinem Freund Glarean nach Köln zur Begutachtung. Der erwiderte mit vielen Komplimenten über die «Eleganz deines feinen Lateins» und fügte hinzu: «Auch andere gelehrte Männer haben deine Schrift zu sehen bekommen und ihr mit mir Beifall gezollt.» Es ist zu vermuten, dass Zwingli an einen Druck des Gedichtes dachte, denn er wollte vor allem sein Volk vor der lauernden Gefahr warnen mit seinem Kassandraruf. Der Autor schien sich dann vor einer Veröffentlichung zu scheuen, er wurde vorsichtig, denn die Tendenz des Werkes war klar, ja sie war in einigen Passagen scharf. Vermutlich haben ihn einige Bekannte gewarnt, als Pfarrer in Glarus mit einem solchen Pamphlet an die Öffentlichkeit zu gehen, es könnte Missfallen und Ablehnung auslösen.

Er beschränkte sich also darauf, seine Fabel ausschliesslich in geschlossenen Kreisen vorzulesen und sonst in Abschriften unter Freunden zirkulieren zu lassen. Damit aber verzichtete er auf eine breite Wirkung, er nahm dem Kassandraruf gleich selbst die ganze Kraft und Wucht und Schärfe. Sein Thema war: Die Eidgenossenschaft gehört den Eidgenossen. Jene Herren, die das Land in Kriege anderer Länder hineinziehen, die junge Männer gegen fette Pensionen an fremde Mächte verkaufen, die schaden dem Vaterland. Darum Hände weg vom Blutgeld der Pensionen! Die Reisläuferei junger Schweizer, vor allem Innerschweizer, trieb dem Höhepunkt entgegen. Die Schweizer Krieger galten seit einigen Jahrzehnten als unbesiegbar, sie wurden vom Papst, vom französischen König und vom deutschen Kaiser schmeichelnd umworben. Im Jahr 1510 machte der Papst mit der eidgenössischen Tagsatzung sogar eine Art Freundschaftspakt.

Im August 1510 zogen 6000 junge Schweizer über den Gotthard in die Lombardei, dabei waren auch 458 Glarner, sie alle waren aufgebrochen, um dem Pontifex zu Hilfe zu eilen. Doch kaum waren sie südlich der Alpen, brachten sie in Erfahrung, dass es nicht um den Schutz des Heiligen Vaters ging, sondern darum, die französischen Truppen aus Norditalien zu vertreiben. Also ein äusserst schwieriger Krieg. Denn die Schweizer Herrenklasse kassierte von den Franzosen in allen Landesteilen grosszügige Pensionen, die französischen Gulden flossen reichlich in die Alpentäler zu den geldgierigen Herren. Das war ein widersprüchliches und schmerzhaftes Kriegstreiben. Weder mit dem Papst noch mit dem französischen König durfte man es sich verderben! Die Schweizer waren in der Klemme. Zogen sie sich zurück, war das ein Vertragsbruch gegenüber dem Papst, befolgten sie den Wunsch des Heiligen Vaters, verdarben sie es sich mit ihren französischen Geldgebern.

Zwingli befasste sich mit dem Hauptübel, der verbreiteten Korruption. Durch sie waren die Schweizer Landesherren auf Gedeih und Verderb an die Franzosen gebunden. In seiner Fabel ist der Löwe der Kaiser, mit dem Leoparden meint er Frankreich, das Füchslein ist Venedig und der prächtige Muni steht für die kraftstrotzende Schweiz. Da gibt es aber noch die schweizerischen Anhänger der Franzosenpartei, die Geldbezüger, dargestellt als schlaue Katzen. Der Papst ist in seiner Fabel der Hirte. Sich selbst, den wachsamen Prediger, sieht er als Hofhund, der über das Wohl des Volkes wacht. Mit dem Hüter meint er die Tagsatzung und mit dem Geissbock schliesslich die Bürger im Lande, die wahren Patrioten, die sich weigern, von fremden Herren Pensionen anzunehmen, denn Pensionengelder untergraben die Freiheit.

Ende 1499 schmiedete die Tagsatzung mit dem französischen König ein Soldbündnis. Schweizer Söldner marschierten in die Lombardei ein und unterstützten Ludwig XII. bei der Einnahme von Mailand. Als Lohn bekam die Eidgenossenschaft die Herrschaft Bellinzona. Doch weit gewichtiger als dieser Lohn war der Verlust an Menschen; Tausende lagen auf den Schlachtfeldern, nach Hause kamen Krüppel, Seuchen und sittliche Verwahrlosung überzogen das Land. Die Tagsatzung verbat plötzlich die Teilnahme an Soldkriegen. Doch für wie lange? So zeichnete Zwingli in seinem Fabelgedicht die gesamte europäische Politik:

Garten des Friedens, du Alphof, von dir will ich singen und sagen.

Wache dir halten hier stotzige Berge, dort rauschende Bäche.

Und in dem Grünklee stapft grasend der braunrote Jungstier, breit das Gehörn, kraushaarig die Stirn und vom Kinn und vom Halse niederhangend zur prallen Brust die fettschweren Wammen – Bild der wonnig genugsamen Kraft!

Und wenn Durst ihn dann ankam, schlürfte schnaubend das Tier vom eiskalten Rinnsal.

Doch heimlich bittere Galle ins Süsse zu mengen gefiel dem Vergönner, welcher beargwöhnt jedweden und hasst, der vom Glücke geliebt ist.

Und so gibt er ihm bei gar pfiffigen Hütern, die sollten anreisen helfen und fertig es bringen, was jener erlistet.

Schritt auf Schritt aber folgte dem Stier der wachsame Hofhund, wittert den Anschlag der Feinde und kündet ihn ihm, seinem Freunde:

«Siehst du den Zugriff der wendigen Bestien kommen?

So stampfen sie wuchtig zusammen!

Wir dürfen des Beistandes derer gewiss sein, welche als schützende Geister um unsere Heimat sich sorgen.

Ihnen soll man aufs Neue sich weihen mit gläubigem Herzen.»

Brüllend, dass man erzittert, so brechen ins Twing nun die Leuen, ihrer gleich mehr als nur einer ihr Glück zu versuchen verlangt sie.

Aber blutige Köpfe sie tragen nach Hause, und also unüberwindlich erhebt sich der sieghafte Stier über alle.

Da sie denn weder mit Wort noch mit Anhieb etwas erzwecken, legt man sich jetzt auf heimliche Kniffe und ködert den Meuder.

Fetteste Braten versprechen sie ihm, schau, Fisch und Geflügel!

Locken damit den Stier, den steinigen Hof zu verlassen:

«Komm doch auf fremdes Erdreich und hol’dir dort grössere Ehre!»

Schleicht nun zuerst mit viel Schmeicheln der scheckige Parder zur Stelle, ködernd die Katzen alsbald mit Miet und Gaben gar reichlich.

Dawider bellet der Hund und kanns doch mit allen nicht wehren.

Sind schon die Katzen im Garn, so umgarnt das Geld auch den Jungstier.

Und mit schädlicher List wird jetzt und mit heimlichem Raunen, wie und wohin der Schlächter ihn will, der Muni gezogen.

Diesem war voll der Bauch von der ungewohnten Speise kackte er dann den gewaltigen Mist, so liess man ihn liegen.

«Lasst doch, ihr Katzen, vom hochfeinen Frass!

Wer mag denn ertragen euer Geschiss, das widerlich stinkt wie gewendeter Rosskot!»

Nein, sie mögens nicht lassen, der Gier verfallen, und listig narrt dann den Stier, dass er schweige, der pfiffige Wächter, wirft im geheimen den Mist in die Grube, und weg der Gestank ist. Schimpft nur über den Frass – wenn der Stier bloss nachher wie vorher ziehn und verführen sich lässt in sein Elend, mitten in Schlachten!

Schwerter verschluckt er und duldet sämtliche Proben, damit er hundertfach schlau den Panther kann rühmen, die Schlange kann nähren.

Nachdem der Kaiser und der Franzose sich überworfen haben, rüstet Maximilian ein Heer auf, um gegen Ludwig XII. vorzugehen. Er versucht, die Eidgenossen von dem Bündnis mit Frankreich zu trennen, hat jedoch zu wenig Finanzmittel, den Schweizern materiellen Ersatz zu bieten.

Sieht das der Leu und mag dem Betörer den Zuzug nicht gönnen, zieht jetzt den Schwanz ein und glättet die Mähne und schleicht zu dem Stiere, flehend ihn an, mit ihm ins heilige Bündnis zu treten.

Aber der Meuder sich sträubt, auf dieses Werben zu hören, mag nicht verlieren die Gaben des Panthers, so schüttelt den Kopf er:

«Nein doch! Gefährlich es würde, dem Mägerling Glauben zu schenken!

Ist er auch König und oberster Kaiser wie kann er uns stillen Hunger und Gier, wenn er selber nichts hat und uns nur wird verheeren?»

Zeigt sich gefügig der Stier solchem Warnen, verschmäht denn also Werben und Freundschaft des Leuen, und leer trollt sich dieser von hinnen, wütet im heimlichen Busen:

«Wart, falscher Bursche, dir will ich!»

Die Ereignisse folgen sich fast stündlich. Maximilian und Ludwig sehen sich wieder in einem Boot. Venedig mischt sich machtlüstern ein, kriecht dann aber vor dem Papst zu Kreuze. Der Papst, im Gedicht als Hirte, sichert sich nun den Beistand der Eidgenossen, denn das Bündnis mit Frankreich war vertraglich am Ende.

Und gleich rennt nun der Leu zur Höhle des Panthers, von welchem eben noch hundertfach Unrecht, Verachtung und Schändung er hatte.

Grosses Bedauern und Klagen und Feilschen um kräftige Hilfe!

Und es gelingt, dass der Leu und der scheckige Panther nun schliessen stahlharten Bund zum Entsetzen und Zittern für alle die Stolzen.

Ohne Verzug berennen sie jetzt das ängstliche Füchslein, beissen es, setzen ihm zu und wollen zur Grube es stürzen.

In der Verzweiflung indes und übel zerrissen dann kriecht es auf dreien Beinen zum Nachbarn, dem Hirten, und zeigt ihm die Wunden, zeigt ihm den blutigen Kopf und erbittet listig die Hilfe.

Alsbald, verspricht es beteuernd, soll rückerstattet nun werden, was es an Hühnern jemals geraubt. Das jammert den Hirten.

Mag übertölpelt der Fuchs ihn auch haben, er wills jetzt vergessen, leistet ihm Beistand und – macht nun den Stier zum dritten im Bunde.

In der Eidgenossenschaft übernimmt der Walliser Kardinal Schiner die leidenschaftliche und listige Vertretung der politischen Interessen der Kurie. Der Papst sei in Gefahr, so argumentiert Schiner an der Tagsatzung. In Wirklichkeit richtet sich das Bemühen des Papstes einzig und allein gegen den französischen König Ludwig XII., den er aus Italien vertreiben will. Die Eidgenossenschaft ist hinters Licht geführt.

«Wohlbekannt dürfte dir sein», so sprach der Hirt zum Stiere, «wie viel biedere Treue mir deine Väter erwiesen.

Denke an sie, sei gewarnt, dass ich dich entartet nicht finde!

Weisst du doch, hast es erfahren, wie greulich der Leu und der Panther mir meine Herde zerfetzen, die Schafe mir plündern und kläglich schlachten, zerreissen und heimlich mir rauben.

Ein argloses Lamm nur wollen sie scheinen. Wohlan, solcher Tücke mich zu erwehren, will ich die fletschenden Zähne, wenn du willst mittun, erstumpfen!», schmeichelt den kläffenden Schmeichlern der Hofhund und rät voller Freude:

«Nimmermehr lasse den Stier seinen Freund, den Hirten, im Stiche!

Führt nur er das Gespann, so haben die Feinde das Murren.»

Die Schweizer Söldner sind inzwischen in Chiasso angelangt. Die Franzosen verbauen im Verbund mit den kaiserlichen Kräften den Schweizern den Weiterzug und drohen mit Krieg. Es wird endlich klar, um was es geht.

Aber den Katzen ist solches im Grund und Herzen zuwider; rückwärts sie lauern zum Schläuling, dem Panther, und sinnen nach Ausflucht.

Stutzt jetzt der Stier und schielt auf die Seite, doch nur eine Weile, schreitet dann weiter, vom Stachel des Hirten getrieben.

Sehens der Panther und Löwe, die heiteren Brüder, und alsbald stürmen sie mächtig heran und drohen mit knirschenden Zähnen:

Schreckhafter Krieg sei dem Stiere gewiss, wenn er bleibe im Bündnis und er vom Hirten nicht lasse.

So steht es mit dem Stier jetzt – was machen?

Die Moral von der Geschichte: Man mische sich nicht in fremde Händel! Der Stier beziehungsweise Muni gehört auf seine Weide, er gehört weder dem französischen König noch dem Deutschen Kaiser, auch nicht dem Papst. Also bleibe im Lande und nähre dich redlich!

Da war ein Geissbock zur Stelle, der sprach zu sich selber die Worte:

«Wunder nimmt es mich nur, ob jetzt der Stier nicht – O Jammer! – Prügel bekommt.

Oder wird der Stab des Hirten ihn schirmen? Werden der Leu und der Panther die Treue sich halten gar lange? Wird der Gefleckte uns wieder beschenken? Dann hast du vom Hirten Zorn und Verachtung. Wohin du nur siehst, gespannt sind die Netze bloss noch die Waffe blutigen Krieges wird sie durchhauen.

Lasst mich in Frieden!

Ich grase den Grünklee, verschmähe die Gaben. Nehmt nur Geschenke – ihr werdet erfahren: das Leben verwahrlost!»

Der junge Zwingli hat nicht nur ein fundiertes Wissen über die Zusammenhänge der politischen Mächte, wie sie funktionieren, was ihre Interessen sind, und wie sie sich zur Schweiz verhalten. Er durchschaut die Hintergründe, die Winkelzüge, die «Bestechungen» durch Pensionen sowie die verborgenen politischen Lügen der grossen Herren, denen die Schweizer nicht nur einmal zum Opfer fielen. Er muss als Leutpriester in Glarus jede Möglichkeit ausgenutzt haben, zu Informationen sowie zu Geschichten zu kommen, sei es durch reisende Kaufleute, durch heimkehrende Reisläufer oder vor allem durch Teilnehmer an den Tagsatzungen. Es gab ja keine Bulletins, keine Zeitungen, keine Agenturen. Wer sich mit den Vorgängen und Problemen der Zeit auseinandersetzen wollte, der musste alles ausschöpfen, was ihm an mündlichen Berichten zur Verfügung stand.

Verblüffend ist ebenso, wie früh und engagiert Ulrich Zwingli sich mit dem Zustand seines Vaterlandes befasste, wie klar seine Haltung und Position zu den haarsträubenden Problemen des Landes sich geformt haben, obwohl er noch immer ein Anhänger des Papstes war und sich seine Katholizität noch in keiner Weise aufgeweicht hat. Die Tagsatzung hat mehrmals über die Jahre den Solddienst verboten, davon war der Papst aber immer ausgenommen, ohne dass sich Zwingli daran gestört hätte. Er gibt dem Hofhund in seinem vaterländischen Gedicht eine äusserst wichtige Rolle, der Hund nimmt die Rolle des Geistlichen ein, der wachsam ist, der bellt, wenn Gefahr in Sicht ist. Er hat also schon da, 26-jährig, vom Amt des Geistlichen eine Auffassung und Haltung, die es ihm verbietet, zu schweigen, sich zu ducken, sich zu verdrücken, wenn Verführer sich im Land ausbreiten. Dieser Mann ist schon ganz früh nicht nur ein äusserst kritischer Geist mit fundierter Bildung, er ist ein politischer Zeitgenosse, ein politischer Kopf, und es drängt ihn, die Vorgänge zu analysieren und seine Analyse seiner Umwelt mitzuteilen. Wir können davon ausgehen, dass er die Haltungen und Ansichten auch in seine Kanzelreden eingeflochten hat. Auffallend ist vor allem auch, dass in dem grossen Fabelgedicht nicht der geringste konfessionelle Ton oder Gedanke angeschlagen wird. Selbst in der Moral von der Geschichte am Ende kommt nichts Derartiges auf.

Doch Zwingli befasst sich zwei Jahre später, in einem grösseren Feldzugsbericht 1512, wieder mit der Reisläuferei der Eidgenossen in die Lombardei. Es ist nicht klar, ob das Dokument ein Erlebnisbericht ist, das heisst, die Zwingli-Forschung streitet, ob der Autor dabei war als Feldprediger oder ob er wiedergibt, was ihm erzählt wurde. Allerdings ist die Reportage so detailliert, so anschaulich und teilnehmend geschildert, dass kaum daran zu zweifeln ist, so kann nur ein Zeuge berichten.

Jedenfalls, der Papst hatte sich inzwischen mit Spanien und Venedig in der Heiligen Liga zusammengeschlossen, um nach wie vor die Franzosen aus Italien zu vertreiben. Der Bericht von Zwingli ist farbig, teils geradezu lustig. Eine grundlegende kritische Haltung im Geiste seiner Fabel ist hier kaum vorhanden, wohl weil der Verfasser die Taten seiner Eidgenossen im Interesse des Papstes begriff. Der Wortführer für die Sache Roms ist der Walliser Kardinal Schiner, der den Dienst am Christentum gegen den französischen König ins Zentrum rückte. Nach Schiner ging es um die Angelegenheiten der Kirche und um die Ordnung in Italien. Das war natürlich eine Verschleierung der politischen Realität.

Von Schiners umsichtigem politischen Interesse im Lande erzählt der Autor Emanuel Stickelberger: wie Kardinal Schiner Zwingli in Glarus besuchte, wie er vorher in der Wirtschaft die Bauern und Handwerker mit Bewunderung von Zwingli sprechen hörte, wie er ihn aufsuchte, im Garten bei einer Musikprobe aufstöberte, wie er dann ein abendliches intensives Gespräch unter Humanisten mit dem Landpfarrer führte, über die Kirche, über Gott und die Welt, über den Papst, die Franzosen und die Kronenfresser, die Glarner Pensionäre, über die griechischen und lateinischen Dichter und Philosophen. Der Papstfreund Schiner warb um den aussergewöhnlichen Geistlichen, wollte ihn für die päpstlichen Interessen gewinnen, als Werkzeug für die Pläne des Heiligen Stuhles in Rom.

Seit mehr als 100 Jahren waren die Eidgenossen auf der ganzen Linie siegreich, wo sie an einem Krieg teilnahmen. Sie galten in Europa als Musterkrieger. Der Zwingli-Biograf Oskar Farner spricht in diesem Fall von «Kriegs-Theologie in fragwürdigem Sinne». Denn der Glarner Kirchherr sei «völlig hineingerissen in das Kraftgefühl der Grossmachtpolitik, wie sie die Eidgenossen nunmehr eingeschlagen haben». Vergessen schienen das grosse kritische Gedicht über die Mächte in Europa und sein Aufruf nach Bescheidenheit der Eidgenossenschaft.

Natürlich, der Kurie war die Parteinahme des Glarner Kirchherrn hoch willkommen, sie belohnte den jungen Geistlichen mit einer päpstlichen Pension. Der Hauptmann des Glarner Haufens bot ihm in Pavia ein Landgut an, in welches er sich ein Jahr oder länger hätte zurückziehen können. Zwingli dachte aber nicht daran, sein Hirtenamt zu verlassen. Auch die Franzosen boten ihm ein Jahrgeld an, doch hat er es ausgeschlagen. Die päpstliche Pension schlug Zwingli erst 1520 definitiv aus, als er bereits in Zürich war.

Nun, Geschenke des Kaisers und des Papstes waren nach allgemeiner Sitte erlaubte ehrenvolle Auszeichnungen. Darum betrafen die Verbote von Pensionsgeldern nur solche von Fürsten. Zwingli selbst sagte darum 1526, er sei sein Leben lang von Pensionsgeldern unbefleckt geblieben, ausser von päpstlichen. Deswegen fühlte er sich nicht zur Entschuldigung ermahnt.

MARIGNANO

Eigenartig ist, dass nach dieser Vorgeschichte von Zwinglis Beschäftigung mit der eidgenössischen Politik ein so gewaltiges Ereignis wie die Schlacht von Marignano in seinem Leben kaum Erwähnung fand. War er nun als Feldprediger in Marignano dabei? Hat er seine Glarner Kämpfer tatsächlich begleitet? Es gibt von ihm keine persönliche Erwähnung dieses so wichtigen, ja schwerwiegenden Falles, es gibt keine Briefzeile darüber, jedenfalls ist keine erhalten. Nie geht Zwingli auf diese gigantische, schmählich verlorene Schlacht ein. Man muss doch annehmen, dass sie einem Teilnehmer, und sei er nur Beobachter gewesen, als traumatisches Erlebnis stets in Erinnerung geblieben ist. Oder war er gar nicht Beobachter der Schlacht?

Der französische König wollte Mailand zurückerobern, mit Schweizer Söldnern, und der Papst wollte es wieder befreien, auch mit Schweizer Söldnern. Mailand war eine Stadt, die 100 000 Einwohner zählte. Die einwohnerstärkste Stadt auf Schweizer Boden war damals Basel mit 10 000 Bewohnern.

Am 6. September 1515 kamen die Schweizer Truppen in Lonza an. Zwei Tage später predigte Zwingli seinen Glarner Landsleuten auf dem Marktplatz in Lonza kurz vor der vernichtenden Niederlage, ermahnte sie zur Einigkeit und zur Treue zum päpstlichen Bündnis. Es gibt einige Zeugen für Zwinglis Anwesenheit in Marignano. Doch von ihm selbst ist kein Wort aufzufinden.

Da die Tagsatzung, die damalige Zusammenkunft der führenden Männer der eidgenössichen Orte, das Söldnerproblem nie in den Griff bekam, war es möglich, dass im französischen Heer eine stattliche Zahl Schweizer Söldner gegen die eigenen Landsleute kämpfte. Dem jungen König Frankreichs mit Namen Franz gelang es, das eidgenössische Heer zu spalten. Er bot den Schweizern 700 000 Kronen, wenn sie ihm das Herzogtum Mailand überliessen. Daraufhin zogen rund 10 000 Mann aus Bern, Solothurn, Freiburg und dem Wallis ab und kehrten nach Hause zurück, was durchaus ein Verrat an der Eidgenössischen Tagsatzung war. Doch diese reagierte nicht.

Nun waren die Franzosen zahlenmässig in noch weit stärkerer Übermacht. Die Gegner hatten viel mehr Artillerie, also Kanonen, und weit mehr Krieger. Die Eidgenossen verloren in der folgenden Schlacht mehrere Tausend Mann. Die eidgenössischen Krieger setzten auf die falschen Kriegsmittel, sie waren mit ihren Hellebarden waffentechnisch unterlegen und wurden zudem taktisch übertölpelt. Aber sie hatten auch keine Einigkeit, keine Moral, keine Disziplin, noch konnten sie sich auf ihre übliche Schlagkraft verlassen. Das föderalistische System der Eidgenossenschaft, das muss man so sagen, war Nährboden für Gespaltenheit. Die Gier nach Eroberungen und nach Beute der Krieger lockte sie zu militärischen Ausschweifungen nach Oberitalien. Sie wurden grossmachtsüchtig und sie rannten fast blind ins Verderben. Unter den Schweizer Söldnern drohte sogar ein Bruderkrieg.

Zwingli hatte wohl gegen die Spaltung des eidgenössischen Heeres gepredigt, wie der Zuger Ammann Werner Steiner als Chronist festhielt. Hätte man auf Zwingli gehört, wäre diese Katastrophe nicht über die Schweizer hereingebrochen, meinte der Chronist.

1516 unterzeichneten die Eidgenossenschaft und Frankreich in Freiburg einen Friedensschluss. Franz I. warb weiterhin Schweizer Söldner an. Nur der Stand Zürich machte bei dem Bündnis mit Frankreich nicht mit. Zwar war die Expansionspolitik der Tagsatzung mit der Niederlage in Marignano zu Ende. Aber die Soldbündnisse, die Söldnerei, die Reisläuferei nahmen ihren Fortgang vor allem für die französischen Könige. Einheitliche Positionen waren allein schon durch die Reformation in der Eidgenossenschaft nicht mehr möglich, denn es gab fortan eine katholische und eine reformierte Schweiz und weit und breit keine Einheit.

Die Erfahrungen in der furchtbaren Schlacht bei Marignano als den Beginn der Neutralitätspolitik der Eidgenossenschaft zu sehen, ist eine heuchlerische, unschöne Mär. Die Soldbündnisse mit dem französischen Staat hielten an, die Reisläuferei junger Schweizer Männer ging noch lange weiter, die Abhängigkeit von der Kurie in Rom wie von Frankreich reichte bis zu Napoleons Zeiten. Da ist nirgends ein Hauch von Neutralität. Eigentlich sind Zwingli und dann durch ihn der Stand Zürich die ersten und lange die Einzigen, die diesem Geschwür der fremden Dienste und der fremden Gelder konsequent den Kampf ansagten. Zwingli sah den Blutzoll, das Elend und die Verrohung seiner Landsleute. Es dauerte noch mindestens bis zum Jahr 1648, dem Westfälischen Frieden nach dem Dreissigjährigen Krieg im Heiligen Römischen Reich, bis die Vision einer Neutralität in der Schweiz Form anzunehmen begann. Und erst 1815 durch die Resultate des Wiener Kongresses wurde sie vollends konkret.

Vor der Schlacht in Marignano tauchte im Lager der Schweizer der Walliser Kardinal Schiner auf, der zur allgemeinen Verunsicherung unter seinen Landsleuten gehörig beitrug. Zwingli hatte ja bereits jahrelange Erfahrung mit dem fremden Solddienst, er beobachtete und kommentierte schon lange die Grossmachtpolitik der Schweizer und ihre Dienste bei fremden Mächten. Er wird auch hier in dieser Predigt, unmittelbar vor der Schlächterei, nicht mit klaren Worten gespart haben. Und hinterher, nach dem grossen Gemetzel, verabscheute er für immer den Solddienst, gegen den er jahrelang einen Kampf geführt hat. Er sprach von «Kriegsgurgeln, von Blutkrämern, von schandbarem Schacher […] die den Schweizer mit jungem Blut treiben liessen, für den schnöden Mammon». Für Ludwig XII. seien 5000 Schweizer in Neapel umgekommen. In Novara seien 1500 gefallen. In Marignano seien über 6000 liegen geblieben. Die Schweizer seien in ihren eigenen kriegerischen Auseinandersetzungen immer siegreich geblieben, in fremden Diensten aber oft sieglos. Die Vorfahren hätten sich für Freiheit geschlagen. Bei den fremden Herren gehe es nur um Geld. Unter dem Eindruck der Katastrophe von Marignano hat Zwingli 1516 begonnen, das Evangelium zu predigen. Schon Jahre vorher hat er eingesehen, dass «Kriegführen im Sold fremder Herren unmenschlich, schamlos und sündhaft sei».

DIE WENDE 1516

Es erstaunt immer wieder bei der Lektüre von Zwinglis Texten, wie es dieser fertigbrachte, unreligiös zu schreiben, vor allem in seinen geschichtswissenschaftlichen Studien. Es gibt kaum Sätze, die auf einen Prediger hinweisen würden. In seiner Glarner Zeit bedient sich Zwingli fast ausschliesslich einer Sprache, die einem umfassend gebildeten humanistischen Gelehrten entsprach. Genau das entzückte den Glarner Humanisten Glarean, der gerade in Köln seinen Magister machte und im Sommer 1510 dem Pfarrherrn nach Glarus folgenden begeisterten Brief sandte: «Welch willkommenes Geschenk sind mir die Briefe von dir, du fein gebildeter humanissime Mann! Nichts sehe ich lieber, nichts ersehne ich mehr; sprudeln und strömen und überfliessen sie doch so unendlich reich allüberall von jeder Zier, jeglicher Anmut und Würze. Lese ich sie, so könnte ich in Verzückung geraten und in Traumbildern schwelgen. Denn hier leuchtet so viel gewichtiger Inhalt auf, hier bricht so viel rednerischer Schmuck hervor und streichelt einem dann wieder derartige Klangschönheit das Ohr, dass man wirklich nicht weiss, wem von ihnen die Palme zu reichen ist.»

Und am 18. April 1511 schrieb Glarean aus Köln, er wolle zur Glarner Kirchweih in seine Heimat kommen. Den lateinisch geschriebenen Brief beendete er deutsch mit den Worten: «Wenn ich kum, so wollen wir guter Dinge syn.» Der Besuch fand wirklich statt, denn noch im gleichen Jahr schwärmte Glarean von den herrlichen Stunden, die er mit und bei Zwingli verbracht habe. Sie hatten so vieles gemeinsam: ihre Herkunft, ihre Liebe zur Musik und zu den antiken Autoren.

Und zudem war dieser Kirchherr in Glarus ein stattlicher Mann, wie ihn Zeitgenossen beschrieben, «sein Angesicht freundlich und rotfarben». Er hatte eine melodische Stimme, nicht allzu kräftig, aber fesselnd für die Gemeinde. Im Nu waren die Zuhörer in seinem Bann.

Der Lesehunger Zwinglis war trotz starker Inanspruchnahme durch sein Amt beinahe unersättlich. Vadian, der St. Galler Gelehrte und Freund, nannte ihn einen «eifrigen Liebhaber der guten Literatur». Mehrere der gelehrten Männer der Zeit, mit denen Zwingli in Briefverkehr stand, rühmen ihn für seine Briefe. Er stand mit den Offizinen von Froben in Basel, Lachner und Furter, in ständiger geschäftlicher Verbindung, denn er lebte ja etwas abseits der gelehrten Zentren Basel, Zürich, Köln und Frankfurt.

Er entwickelte eine Schau vom Heil erwählter Heiden, die Schilderung vom himmlischen Gastmahl, an dem alle Heiligen, Weisen, Gläubigen, Standhaften, Tapferen, Tüchtigen teilnehmen, die es seit Erschaffung der Welt gab: das heisst neben den Patriarchen, Aposteln und Heiligen des alten und neuen Bundes auch Herkules, Theseus, Sokrates, Aristides, Antigonus, Numa, Camillus, die Catonen, die Scipionen oder die französischen Könige. Diese Vision hatte schon das Entsetzen Luthers ausgelöst. Theologisch ist sie jedoch nicht «ein Einbruch in die Ausschliesslichkeit christlichen Heilsbewusstseins, den Menschen wertend, ein Stück Wiederbelebung des klassischen Altertums».

Nun bewegte sich Zwingli langsam von seiner festgefügten Katholizität weg. Er begann immer stärker an der katholischen Heilslehre zu zweifeln.

Er kam auch noch Jahre später mehrmals auf seine Entwicklung zu sprechen, bei diesen Bekenntnissen bezeichnete er das Jahr 1516 als den entscheidenden Auslöser zu seiner religiösen Wende, also noch ein Jahr vor Luthers Thesenanschlag. In einer Schrift geht er dann auch später darauf ein und hält fest, er habe die Lehre Christi aus ihrem eigenen Ursprung zur Kenntnis genommen und verinnerlicht, und zwar zu einer Zeit, als ihm Luther noch gar nicht bekannt gewesen sei. Das ist eine wichtige Äusserung zu seiner religiös-reformatorischen Eigenständigkeit. Und ein andermal schreibt er: «Ich habe angefangen das Evangelium zu predigen im Jahr 1516.» Also hat er noch in Glarus diese Wende geschaffen, die neue Art zu predigen hatte wohl hineingepasst in seinen bevorstehenden Wechsel nach Einsiedeln. Und bereits im Frühjahr 1516 erkundigte er sich in Basel nach dem dort erschienenen griechischen Neuen Testament des Erasmus. Nach seinem eigenen Verständnis war Zwingli also im Jahr 1516 wie neu geboren. Sein Erlebnis des Evangeliums muss gewaltig gewesen sein. Ihm öffnete sich eine ganz neue innere Welt: das Neue Testament. Von nun an war das für ihn das Zentrum. Es gab nichts Vergleichbares für ihn. Er trieb Politik, er machte Musik, er befasste sich mit den Griechen und Römern. Aber was das Evangelium ihm bedeutete, das war für ihn von einer Kraft und Ausstrahlung, dass er nicht anders konnte, als alles für diese Entdeckung zu verlangen, was er überhaupt nur verlangen und geben konnte. Er war ausserstande zu begreifen, dass die Innerschweizer Orte sich weigerten, sich dem Evangelium anzuschliessen. Darin ist Zwinglis Mission für die ganze Eidgenossenschaft zu begründen. Das ist der Kern für Zwinglis Bereitschaft zu dem Satz: «Denn schlägt er nicht, so wird er geschlagen.» Zwingli konnte gar nicht anders, als loszuschlagen für das Evangelium. Doch es ging noch ein paar Jahre, er musste sich noch gedulden.

Zwingli war schon nach Einsiedeln übergesiedelt, da bittet ihn der bereits erwähnte Aegidius Tschudi, ob er von Basel aus wieder zu ihm zurückkehren dürfe, da er bei ihm lieber sein würde als an der Universität Basel, das wieder zu verlernen in Gefahr stehe, was er bei ihm gelernt habe. Und dessen Vetter Valentin Tschudi bezeugt ihm, dass er unter seinen späteren Universitätslehrern keinen gefunden habe, der ihm an Gelehrsamkeit und an Verständnis der alten Schriftsteller ebenbürtig wäre. Andere Schüler schildern ihm die Erbärmlichkeiten der in Paris gelehrten bestialischen Sophistereien.

In Glarus, als junger Priester, hatte er auch ein sexuelles Liebesverhältnis mit einer jungen Frau, vollkommen geheim, nicht so unverschämt offen und fast selbstverständlich, wie die meisten Geistlichen es betrieben. «Bei diesen Dingen», sagte er später einmal, «hielt mich das Schamgefühl stets in Schranken, sodass ich, als ich in Glarus war und mich in dieser Hinsicht verging, es aber so im Geheimen tat, dass selbst meine Nächsten kaum etwas davon merkten». Er habe sich immer gehütet, ehrbaren Frauen zu nahe zu treten. Sein Grundsatz sei immer gewesen, keine Ehe zu verletzen, keine Jungfrau zu schänden und keine Nonne zu entweihen. Jedenfalls, das priesterliche Keuschheitsgelübde machte ihm arg zu schaffen, diesem lebensprallen, sinnlichen Mann. Wer weiss, wie stark der Anteil dieser erotischen Seite Zwinglis an der Entwicklung des reformatorischen Prozesses war?

ERASMUS VON ROTTERDAM

Das Jahr 1516 scheint also der Zeitpunkt der grossen Wende in der Entwicklung Zwinglis zu sein, obwohl er sich bereits ein paar Jahre vorher ans Griechische gemacht und die Bücher von Erasmus gelesen hatte. Die humanistische Bildung und das literarische Programm der griechischen und römischen Antike haben ihn schon ein paar Jahre zuvor total besetzt, eigentlich seit der Studentenzeit. Das Erasmus-Erlebnis jetzt erschütterte ihn, gab ihm die Grundrichtung. Seine neue Kirchenlehre in Gestalt der Evangelien-Lesung nahm langsam Form an.

Wir sind uns einig: Es gab noch keine Epoche, in der ein Gelehrter so überragend, so turmhoch in der Landschaft stand wie Erasmus im 16. Jahrhundert. Alle anderen Geistesarbeiter nahmen ihn so wahr. Es gab niemanden, der diese Grösse in Zweifel zog. Erasmus schrieb rund 150 umfassendere und kleinere Bücher, er korrespondierte mit den Grössen der Zeit, war von der Elite in Europa hoch geachtet. Das hat wohl auch dazu beigetragen, dass er sich für keine neue Richtung des Christentums entscheiden konnte und der katholischen Kirche für immer treu blieb.

In einem Brief von Glarean aus Köln an seinen Freund Zwingli heisst es: «Was Erasmus geschrieben hat, ist in den Händen aller. Er ist schon hoch betagt [er war tatsächlich 54] und möchte seine Ruhe haben, aber jede Partei möchte ihn auf ihre Seite ziehen. Er will sich aber auf keinen Fall in die Parteibildungen einmischen. Er sieht klar, wen er zu meiden hat, aber nicht in gleichem Masse, an wen er sich halten soll. Alles, was er geschrieben hat, atmet christlichen Geist, und es ist wahrscheinlicher, dass Luther durch die Arbeiten des Erasmus unterstützt wurde als etwa Erasmus durch Luthers Arbeiten. In seiner zurückhaltenden Art ist er furchtsam. Man hört von ihm nie etwas, das unchristlich wäre. Als Mensch hat er durchaus feste Meinungen.» Das war eine dezidierte Meinung über den grossen Mann.

Im Frühjahr 1516 reiste Zwingli nach Basel. Er hatte das Bedürfnis, seine ehemaligen Studienkollegen und aktuellen Brieffreunde zu treffen, mit ihnen über die drängenden Fragen der Eidgenossenschaft und über aktuelle Probleme der Religion oder Entwicklungen in der Religionsphilosophie zu diskutieren. Er hatte kurz zuvor eine Schrift herausgebracht, in welcher er zum «Kern und Stern des Evangeliums» seinen Wissensstand festhielt, auf den er sich oft zu stützen und zu erinnern versuchte; diese Schrift ist aber leider verschollen. Beim Besuch in Basel ging es ihm insbesondere darum, den grossen «Humanistenfürsten» zu treffen, damit dieser grösste Lehrer der Zeit seine, Zwinglis Arbeit, die doch an die des Erasmus anknüpfte, einem Urteil unterziehen konnte.

Die Zusammenkunft war vom gemeinsamen Freund Glarean arrangiert worden. Wie verschwiegen diese Herrschaften des europäischen Humanismus waren, müssen wir nun mit Bedauern zur Kenntnis nehmen: Es ist eine schlichte Tatsache, dass von keiner einzigen Feder der Teilnehmer des Treffens ein Wort festgehalten worden ist. Immerhin trafen sich Zwingli und Erasmus jetzt persönlich. Unsere Neugier ist heute noch immens, des Fürsten Urteil zu hören über seinen geistigen Nachfahren. Heute bleibt uns ein nachkommender Brief Zwinglis von Glarus nach Basel an den Fürsten, dem wir wenigstens entnehmen können, dass das persönliche und das geistige Erlebnis für den Glarner Kilchherrn beglückend gewesen sein muss. Denn Zwingli schwärmte geradezu von dieser Begegnung. Erasmus muss sich lobend über seine Schrift und seine Geisteshaltung geäussert haben. Zwingli sendet also Erasmus einen schwelgerischen Brief. Er spricht darin von «deiner überaus liebenswürdigen Freundlichkeit, die du mir erzeigtest […] Ja, nun glaube ich mir etwas darauf einbilden und mich dessen rühmen zu dürfen, dass ich den Erasmus gesehen habe, den um die Literatur und die Geheimnisse der Heiligen Schrift verdientesten Mann, den Mann, der so brennende Liebe zu Gott und den Menschen hat, dass er, was man für die literarische Bildung leistet, wie eine ihm persönlich erwiesene Leistung ansieht, und für den alle ernstlich beten sollen, dass ihn der höchste und beste Gott gesund erhalte, damit die ihn aus der Barbarei und Sophistik erlöste heilige Literatur erstarke und sich vervollkommne und nicht in ihrem Aufkeimen eines solchen Vaters beraubt werde und dann wieder einer unfreundlichen und harten Pflege anheimfalle.» Und Zwingli fügt hinzu: «Dass ich mich sonst nie jemandem gegeben habe noch einem andern geben werde.»

Natürlich, der Brief ist überschwänglich in der Einschätzung des Empfängers sowie in der Verehrung, und zwar dermassen, dass der Briefschreiber sogar verschweigt, welcher Art die geistig-literarische Verpflichtung und Verbindung ist, was er dem hochgelehrten Erasmus an Einsichten und Entdeckungen zu verdanken hat. Es scheint, Zwingli konzentrierte sich voll und ganz auf die erhaltene Ehre, von Erasmus eine Audienz erhalten zu haben. Natürlich präsentierte er sich nicht als Erasmianer, dazu war er einerseits zu bescheiden und andererseits zu eigenständig. Möglich, dass der Fürst des Humanismus im Rahmen des Treffens eine Schrift von Zwingli lobte. Dass Zwingli dann in seinem Brief dieses Erasmus-Lob nicht erwähnte, selbst seine Arbeit keines Wortes würdigte und sich gänzlich auf die Person des Humanistenfürsten beschränkte, war seinem Erlebnis der Begegnung angemessen.

Dennoch ist zu beachten, dass der Glarner Kirchherr all die Jahre stets jede Zeile von Erasmus hellwach und kritisch gelesen hat, von Anfang an. An manchen Stellen schreibt er kurze, scharfe Kommentare an den Seitenrand, beispielsweise zu einer vorschnellen Lobeshymne für Papst Leo X., «welcher der Welt den Frieden geschenkt hat», wie Erasmus schreibt. Einmal notiert Ulrich Zwingli sogar: «Hast Du nicht gemerkt, dass Du das hättest sagen müssen, gelehrtester Erasmus? […] Dass nämlich nicht der Papst der Welt den Frieden geschenkt hat, sondern die Gemeinde dafür verantwortlich war.»

Nein, Zwingli war nie im Schlepptau des Erasmus. Er war zu selbstständig, zu autonom. Er hatte die Gabe, auf dem Papier Gelerntes, Gelesenes in die praktische Umsetzung zu treiben. Das nannte er selbst «einen frohen Eifer». Er nahm von ihm, was ihm einleuchtete, was er brauchen konnte – das war ziemlich viel und trieb dann die theoretischen Grundlagen weiter. Erasmus lieferte die Grundgedanken, die den jungen Zwingli in seiner Glarner Studierstube elektrisiert haben, aber daraus machte dieser eine handhabbare Praxis. Erasmus ist in der Entwicklung Zwinglis eine verehrungswürdige Persönlichkeit. Geistige Erlebnisse und Einsichten haben Zwingli den Weg aufgezeigt.

Was Luther angeht, so war Zwingli diesem gegenüber noch unabhängiger, er hatte von Luther noch nichts gehört, da hat er bereits das Neue Testament in Griechisch und Latein gelesen.

Der St. Galler Reformator, Stadtarzt und Bürgermeister Vadian schreibt: «Bis auf das Jahr 1518 hat Gott durch drei Männer, nämlich Doktor Erasmus von Rotterdam, Doktor Martin Luther in Sachsen und Huldrich Zwingli in der Eidgenossenschaft die Kraft seines Wortes an den Tag kommen lassen.»

Es gibt einige Briefe von Erasmus an Zwingli, adressiert «an den vorzüglichen Herrn Huldrych Zwingli, den hervorragend gebildeten Philosophen und Theologen, den Freund, den ich wie einen Bruder liebe, in Glarus.» Aber dennoch, die zwei, die sich geistig so nah gekommen sind, wurden nie Freunde. Zwingli gehörte nicht zu Erasmus’ Kreis in Basel. Ihr Briefwechsel blieb dürftig. Ein einziger Brief von Zwingli blieb erhalten. Und auch der ist voller Hochachtung, voll Freundlichkeit, aber darüber hinaus geht er nicht. «Dass meine Nachtarbeiten Deinen, eines so bewährten Mannes Beifall finden, freut mich mächtig», äusserte Erasmus.

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9783039199181
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