Czytaj książkę: «Im Dienst der Zuversicht»

Czcionka:

Franz Ferstl

IM DIENST DER ZUVERSICHT

Das Amt des Diakons

Entwicklungen · Erfahrungen · Perspektiven

Mit einem Nachwort von

Franz Weber


Nachhaltige Produktion ist uns ein Anliegen; wir möchten die Belastung unserer Mitwelt so gering wie möglich halten. Über unsere Druckereien garantieren wir ein hohes Maß an Umweltverträglichkeit: Wir lassen ausschließlich auf FSC®-Papieren aus verantwortungsvollen Quellen drucken, verwenden Farben auf Pflanzenölbasis und Klebestoffe ohne Lösungsmittel. Wir produzieren in Österreich und im nahen europäischen Ausland, auf Produktionen in Fernost verzichten wir ganz.

Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“

2019

© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung: Tyrolia-Verlag

unter Verwendung eines Bildes von Leopold Washüttl

Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag

Druck und Bindung: FINIDR, Tschechien

ISBN 978-3-7022-3794-3 (gedrucktes Buch)

ISBN 978-3-7022-3820-9 (E-Book)

E-Mail: buchverlag@tyrolia.at

Internet: www.tyrolia-verlag.at

INHALT

Geleitwort von Kardinal Christoph Schönborn

Grußwort von Referatsbischof Anton Leichtfried

Einleitung

1.Versiegte Quellen freilegen – Diakonat von der Urkirche bis zum Zweiten Vatikanum

1.1Diakonie und Diakone im Neuen Testament

1.2Der Diakonat in der frühen Kirche

1.3Das Verschwinden des Ständigen Diakonats

1.4Lebendige Kirchengeschichte – selige und heilige Diakone

1.5Franz von Assisi – gelebtes Armutsideal

1.6Von Franz von Assisi bis zum Zweiten Vatikanum

1.7Neuentfaltung des Diakonats durch das Zweite Vatikanum

1.8Nach dem Konzil – ausführende Bestimmungen durch päpstliche Schreiben

2.Einführung und Weiterentwicklung des Ständigen Diakonats in der Weltkirche und im deutschsprachigen Raum

2.1Der Ständige Diakonat in der Weltkirche

2.2Wiedereinführung des Ständigen Diakonats in Deutschland

2.3Das Internationale Diakonatszentrum mit Sitz in Rottenburg

3.Der Anfang des Diakonats in Österreich

3.1Einheitliche Vorgangsweise

3.2Österreichweite Regelung der Ausbildung

3.3Einführung des Diakonats in Österreich

3.4Interdiözesane Kommission für den Ständigen Diakonat – erste Rahmenordnung 1988

3.5Neufassung der Österreichischen Rahmenordnung 2010

3.6Wiedereinführung des Ständigen Diakonats in den einzelnen österreichischen Diözesen

3.7Diözese Bozen-Brixen – ein Blick über die Staatsgrenze

4.Der „Sitz im Leben“ – der Ständige Diakon als Ehemann und Vater

4.1Ehesakrament und Weihesakrament

4.2Familie – erster Wirkungsort des Diakons

4.3Familie – Lernort und Rückzugsort

4.4Der verheiratete Diakon in seiner Familie – empirische Studien

4.5Gelebtes Sakrament – persönliche Erfahrungen

5.Der Diakon als Brückenbauer zwischen Kirche und Welt

5.1Diakone in einer Vielfalt von zivilen Berufen

5.2Beruf als pastorales Wirkungsfeld

5.3Erfahrungen von Diakonen im Zivilberuf

6.Berufung, Ausbildung und Weihe des Diakons

6.1Zulassungs- und Ausbildungskriterien

6.2Ausbildung als Vorbereitung auf das Dienstamt

6.3Dimensionen der Ausbildung zum Ständigen Diakon

6.4Zulassung zur Weihe

6.5Weiheliturgie

6.6Predigten (Auszüge)

7.Identität

7.1Geht auch ihr in meinen Weinberg

7.2Das Eigene des Diakons – Ständiger Diakonat, ein überflüssiges Amt?

7.3Der Diakon als Bewährungshelfer im Glauben

7.4Menschen auf dem Weg der Menschwerdung solidarisch beistehen

7.5Verzicht auf geistliche Macht

7.6Diakon – einer, der Anteil nimmt am Gebrochen-Sein des Menschen

8.Der Diakon in der Ausübung der Grunddienste in der Kirche

8.1Diakonie der Verkündigung

8.2Diakonie der Liturgie

8.3Grunddienst Caritas – der Diakon als Anwalt der Armen

9.Auf dem Weg zu einer diakonalen Gestalt der Kirche

9.1Im dreifachen Weiheamt verankert

9.2Kernauftrag des Diakons – Repräsentant des Dienens in der Gemeinde

9.3Diakonische Pastoral ist nachhaltig

9.4Diakonische Spiritualität als Weg zu einer lebendigen Kirche

10. Diakonat – ein altes Amt in einer sich wandelnden Kirche

10.1Ein flexibles und zukunftsfähiges Amt

10.2Zeuge des Wachstums

10.3Unser Ort – mitten unter den Menschen

10.4Ehe und Weihe – Plädoyer für eine doppelte Sakramentalität

10.5Die Zeichen der Zeit erkennen

10.6Diakonische Ausblicke unter Papst Franziskus

Nachwort von Franz Weber

Ein Amt, das in die Zukunft weist

Anhang 1: Interview mit Zeitzeuge Pius Zeßner-Spitzenberg

Anhang 2: Chronik

Statistik

ZUM GELEIT

50 Jahre „Ständiger Diakonat“ in Österreich. Was sind Diakone? Es sind Männer, die ihre – eheliche oder zölibatäre – Berufung in vollem Umfang leben, die jedoch auch in vollem Umfang die Arbeits- und Berufswelt leben. Sie bringen also etwas von der Welt der Familie und von der Arbeitswelt in den Klerus. Sie bringen sowohl die Dimensionen der Schönheit und der Erfahrung mit, aber auch die Mühen und manchmal auch Wunden.

Diakone sind „nicht halbe Priester und halbe Laien“, wie Papst Franziskus betonte (25. März 2017). „Das Diakonat ist eine spezifische Berufung, eine familiäre Berufung, die zum Dienst ruft“, wie der Papst weiter ausführte. „Es ist das Sakrament des Dienstes an Gott und den Brüdern.“ Das Zweite Vatikanische Konzil hatte nach langen Diskussionen über die Wiedereinführung dieses alten Dienstes entschieden und mit dem Motu Propio „Sacrum Diaconatus ordinem“ vom 18. Juni 1967 von Papst Paul VI. verfügt. Seither gehört der Diakonat zu den hoffnungsvollen Bereichen der Kirche auf allen Kontinenten. In Österreich sind derzeit rund 750 Diakone meist ehrenamtlich tätig.

Die Glaubwürdigkeit des Dienstes als Diakon geschieht im Alltag, im täglichen Dienst. Ihr oft stiller Dienst der Nächstenliebe geschieht Tag für Tag in den sozialen Einrichtungen. Das ist die wahre Glaubwürdigkeit. Das wird nicht plakativ öffentlich kundgetan. Es muss auch nicht von allen gesehen werden, was Gutes geschieht. Aber es ist wichtig, dass es geschieht. Und wir müssen uns nicht zuerst darum kümmern, ob die Kirche glaubwürdig ist, sondern ob wir glaubwürdig leben, ob wir glaubwürdig das Evangelium leben.

Diakone sind berufen, in der Person Christi als Diener in der Kirche zu wirken. Sie sollen sich mit all ihren Fähigkeiten, ihrer Lebenserfahrung, ihrer Berufs- und Familienerfahrung einbringen und sich ganz dem Heiligen Geist zur Verfügung stellen, damit er die Menschen berühren kann. Das erfordert zuerst den persönlichen Umgang mit dem Wort Gottes, das von ihm Durchdringen-Lassen, um dann aus der Freude des Wortes Gottes zu schöpfen.

Stephanus, der erste Diakon, war ein Mann mit einem mächtigen Wort, glaubwürdig, überzeugend. Das zeigt uns etwas für die Nachfolge Christi, in die die Diakone in ihrem Dienst gestellt sind. Der karitative Dienst und der Dienst der Verkündigung sind zwei wesentliche Elemente des Diakonats.

Eine Nächstenliebe ohne Verkündigung oder eine Verkündigung ohne Nächstenliebe geht nicht. Die ersten Diakone zeigen uns sehr mächtig und eindrucksvoll, wie sehr von Anfang an die Diakonie, der Dienst an den Notleidenden, den Armen, den Kranken untrennbar verbunden ist mit der Verkündigung des Evangeliums. Der heilige Franziskus hat dieses wunderbare Wort gesagt: Verkündet allen Menschen das Evangelium, wenn notwendig auch mit Worten. Natürlich ist die überzeugendste Verkündigung die des Lebens. Das ist der wahre Dienst der Diakone: zuerst das überzeugende Zeugnis des eigenen Lebens.


Wien, am 26. Juni 2019 + Christoph Kardinal Schönborn,Erzbischof von Wien

GRUSSWORT

Die Diakonie – also die gelebte Nächstenliebe in verschiedensten Formen und Situationen – ist ein wesentliches Merkmal und grundlegender Auftrag der Kirche. Die Diakone verstärken die Diakonie durch ihr Leben und ihre kirchlichen und liturgisch-sakramentalen Dienste.

Seit 50 Jahren sind mittlerweile Diakone in der Kirche von Österreich im Einsatz. Ihre Zahl ist seither erfreulicherweise auf 750 angewachsen! Zu diesem besonderen Anlass sei ihnen ein großer Dank ausgesprochen für ihre Dienste in vielen verschiedenen kirchlichen Situationen und menschlichen Nöten!

An dieser Stelle sage ich auch einen besonderen Dank an den Autor dieses Buches, Franz Ferstl, für sein großes Engagement als Vorsitzender der ARGE der Diakone Österreichs!

Zum Jubiläum wünsche und erbitte ich allen Diakonen viel Freude und reichen Segen!

+ Anton Leichtfried

Referatsbischof

EINLEITUNG

Die Sozialgestalt der Kirche ist radikalen Veränderungen unterworfen. Ihre Glaubwürdigkeit steht auf dem Prüfstand. Die Aufarbeitung von Missbrauch und schuldhaftem Verhalten nimmt viel Energie in Anspruch. Kirchenaustritte, der Rückgang des sonntäglichen Gottesdienstbesuchs und des Sakramentenempfangs sowie das spürbare Misstrauen in die Kirchenleitung sind Fakten, die sich nicht wegdiskutieren lassen. Andererseits sind in neuerer Zeit viele neue geistliche Bewegungen entstanden, eine noch immer treue Schar ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist zu verzeichnen, eine starke Solidarität in der Aufnahme und Betreuung der vor Kriegen und Terror geflüchteten Menschen, die bei uns eine neue Heimat suchen, gibt Hoffnung. Die Zahl der Ehrenamtlichen hat sich ebenso erhöht wie die Anzahl der Kräfte im Sozialbereich und die Bereitschaft, in der Caritas mitzuwirken. Die Bereitschaft zur Mitverantwortung im organisatorischen Bereich ist ebenfalls stabil. Die Entwicklung der letzten 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanum hat viel Positives und Erfreuliches aufzuweisen. Trotzdem ist es auch ein Zeichen der Zeit, dass die Zahl der Berufungen zum Priester- und Ordensberuf trotz intensiver Gebetsaufrufe weiter im Schrumpfen ist. Auch die sozialen Orden verzeichnen stark zurückgegangene Zahlen, sodass so manche Dienste, wie sie z. B. in den Ordensspitälern geleistet wurden, heute selbstverständlich von Laienkräften erbracht werden. Die Zahl der Berufungen zum Ständigen Diakonat ist hingegen stark gestiegen.

Es ist eine sehr erfreuliche Tatsache, dass sich so viele bewährte Männer zum Diakonat berufen fühlten und ihre Kräfte und Charismen in diesem Dienstamt einbrachten und einbringen. Innerhalb der ersten 50 Jahre ist die Zahl der Berufungen zum Diakonat österreichweit auf über 750 aktive Ständige Diakone angewachsen. Wenn auch derzeit leider nur auf Männer beschränkt, hat sich hier ein ursprünglich aus der Not der Missionsländer neu eingeführtes Dienstamt bei uns entfaltet und ist in den Diözesen zu einem fixen Bestandteil des pastoralen Personals geworden. Umgelegt auf die Anzahl der Pfarren ist – unbemerkt und sehr erfreulich – in jeder vierten Pfarre ein Ständiger Diakon tätig und prägt das Leben der Pfarre diakonal mit. Die Entwicklung des Ständigen Diakonats in Österreich und in der Weltkirche seit der Wiedererweckung dieses Dienstamtes in den letzten 50 Jahren ist Gegenstand der ersten Kapitel dieses Buches.

Ich war persönlich schon sehr früh durch meinen Beruf als Sekretär von Weihbischof Florian Kuntner mit der Entwicklung und Begleitung des neuen Dienstamtes konfrontiert und wurde von ihm vor dreiunddreißig Jahren zum Diakon geweiht. So ist es mir ein Anliegen, die Anfänge des Diakonats in Österreich zu dokumentieren. Von Kardinal Schönborn im Jahr 2003 als Leiter des Diakoneninstituts der Erzdiözese Wien berufen, durfte ich die wachsende Gruppe von Ständigen Diakonen im Auftrag des Bischofs begleiten und die Aus- und Weiterbildung gemeinsam mit meinem Freund und Kollegen, Ausbildungsleiter Mag. Johannes Fichtenbauer, mitgestalten. Meine Aufgabe sah ich darin, der wachsenden Gruppe von Ständigen Diakonen Unterstützung und Begleitung anzubieten, damit diese in den Pfarren und in kategorialen Bereichen ihren diakonalen Dienst gut und mit Freude wahrnehmen konnten. Österreichweit war ich durch Weihbischof Florian Kuntner schon 1988 in die Erstellung und Ausformulierung der ersten Österreichischen Rahmenordnung eingebunden und darf nun schon einige Jahre als Leiter der Arbeitsgemeinschaft der Diakone Österreichs die Kontakte unter den Diözesen koordinieren. So habe ich mit allen von der Bischofskonferenz für den Ständigen Diakonat berufenen Referatsbischöfen zusammengearbeitet und konnte hiermit wie ein Brückenkopf zwischen den Vertretern der Diakone und den zuständigen Bischöfen vermitteln.

Am 22. Dezember 2019 wird das 50. Jahr seit der ersten Weihe eines Ständigen Diakons in Österreich eingeläutet. Aus diesem Anlass möchte ich meine langjährigen Erfahrungen als Diakon und als Sprecher der Ständigen Diakone Österreichs einbringen und sie allen sich in der Ausbildung befindlichen Kandidaten, ihren Familien, den Seelsorgerinnen und Seelsorgern in den Pfarren und in den verschiedenen Bereichen der Gemeinde- und Sozialpastoral zur Verfügung stellen.

So gehe ich in Demut und Dankbarkeit an den Versuch, ein lebendiges Bild von den vielen, oft in Stille und Bescheidenheit wirkenden Mitbrüdern ins Licht zu stellen und aufzuzeigen, welcher Schatz an kreativer Mitwirkung durch den Ständigen Diakonat als Teil des Klerus vom Konzil gehoben wurde. Die im Konzil festgelegte Neuausrichtung der Pastoral und die Präsenz der Kirche in der Gesellschaft wurden durch die Wiedererrichtung des Ständigen Diakonats verstärkt. Die aus dem Volk erwählten und zu Ständigen Diakonen geweihten Männer sind mit ihrem familiären und beruflichen Hintergrund auf der Basis ihrer Erfahrung und Kompetenz dort, wo sie stehen, und in ihren Pfarren Brückenbauer eines gelebten Glaubens. Weiterhin in ihrem Beruf tätig oder in der bereits angetretenen Pension, bringen sie ihre berufliche Kompetenz ein. Als Teil der Familie, als Ehepartner und Väter oder Großväter versuchen sie, durch ihr Zeugnis Kirche in der Lebenswelt der Menschen präsent zu machen. Durch ihre gelebte, „geerdete Spiritualität“ sind Diakone in ihrer lebenslangen Bindung im Zusammenwirken mit dem Bischof und seinem Priesterkollegium ein Weihestand, der viel familiären Geist in die Kirche einbringt und auch manche Fehlentwicklung innerhalb der Kirchengemeinschaft bewusst machen kann.

Im zweiten Teil des Buches soll die Bedeutung der doppelten Sakramentalität von Ehe und Weihe dargelegt werden, wo einerseits Erfahrungen mit dem „verheirateten Klerus“ und andererseits auch die Sicht der durch die Weihe betroffenen Ehefrauen aufgezeigt werden. Die Priester werden von der Kirche besoldet und sind sozial durch die Diözese oder den Orden abgesichert. Hier unterscheiden sich die Ständigen Diakone durch ihre weltlichen Arbeitgeber und die Eigenversorgung durch Gehalt und Pension. Durch den Kirchenbeitrag ist die Bezahlung des hauptamtlichen Personals noch gesichert, aber wie es in Zukunft sein wird – ob es weiterhin genügend Finanzen geben wird, um vor allem auch die Mittel für die notwendigen Laienkräfte sichern zu können –, bleibt offen. Da den Ständigen Diakonen nur in Form einer Aufwandsentschädigung Kosten, die aus der pastoralen Arbeit entstehen, vergütet werden, sind sie willkommene Mitarbeiter in den vielen zu leistenden sozialen und pastoralen Diensten. Die Ständigen Diakone machen durch ihr Ehrenamt der Kirche nicht nur das Geschenk ihrer beruflichen Kompetenz, sie könnten vielleicht auch ein Modell für zukünftige, vielleicht nur mehr teilzeitlich angestellte oder ehrenamtlich angestellte Priester sein.

Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit der derzeitigen Praxis der Auswahl und der Ausbildung der Bewerber zum Ständigen Diakonat. Die Weihe von Frauen zu Ständigen Diakoninnen sollte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die Ordination von Frauen wird inzwischen nicht nur von Theologinnen und Theologen gefordert, sondern auch von einigen Bischöfen für möglich gehalten. Nach meiner Meinung – und der Meinung fast aller Ständigen Diakone – wäre sie zweifelsohne eine Antwort auf die Zeichen der Zeit. Das Kapitel geht im Folgenden der Frage nach, was das Besondere, die Identität des Diakons und seine gelebte Spiritualität ausmacht.

In den folgenden Abschnitten wird – ausgehend von der derzeitigen Struktur von Pfarren und anderen gemeinschaftlichen sozialen Gefügen – aufgezeigt, welchen Stellenwert ein „diakonischer“ Schwerpunkt für die Lebendigkeit und Anziehungskraft der Kirche haben kann. Eigentlich ist es zu wenig, von einer diakonischen Ausrichtung der Kirche zu sprechen – die Kirche selbst ist „Diakonie“, das heißt Zeichen und Sakrament der Liebe Gottes. Als Ausblick auf die weitere Entwicklung des erst 50 Jahre jungen Ständigen Diakonats kommen u. a. Personen zu Wort, die eine Vision für einen Diakonat der Zukunft haben. Dazu gehört wesentlich, was Papst Franziskus der diakonischen Kirche mit auf den Weg gibt.

Als roten Faden für die Dokumentation der Geschichte, die Reflexion der Entwicklung und die Ausgestaltung des Ständigen Diakonats in Österreich und der Weltkirche habe ich das Bild der versickerten Quelle gewählt. Das Verschwinden des Ständigen Diakonats im fünften Jahrhundert und die Neuentdeckung dieser Quelle durch das Zweite Vatikanum ist für mich ein ermutigendes Bild für die Entwicklung des Diakonats in der Kirche heute. Gerade in Zeiten, in denen der Klimawandel neue Wüsten entstehen lässt und die Menschen zur Schöpfungsverantwortung aufgerufen sind, sind wir eingeladen, den geistlichen Quellen nachzugehen, diese für die Gegenwart zusammenfließen zu lassen und fruchtbar zu machen. Das Wiederentdecken dieser Quellen ist wesentlich für eine Kirche, die nicht nur für sich selbst sorgt, sondern ihren Auftrag des Hineinwirkens in die Gesellschaft erfüllt. Dazu braucht es einen klaren Blick auf das, was diese neu entdeckte Quelle fruchtbar machte und wodurch sie neu lebendig werden kann. Das Bild der Quelle bietet sich an, um Gewachsenes zu dokumentieren, Vorhandenes zu reflektieren und Richtung und Wege in die Zukunft aufzuzeigen.

Das Zeugnis für die Lebendigkeit dieser Quelle verdanke ich den vielen Begegnungen mit meinen Mitbrüdern im Diakonat und deren Familien, den Bischöfen und Priestern, die mich auf diesem Weg begleitet haben. Ich danke den Freunden und Familien, denen ich als Diakon auf dem Weg des Glaubens und in der Vorbereitung und Feier der Sakramente die liebende Zuwendung Gottes vermitteln durfte. Ich danke meinen Mitbrüdern aus den Diözesen Österreichs und im deutschsprachigen Raum, mit denen ich im Austausch beschenkt und motiviert wurde, meine Erfahrungen wie Quellwasser zu sammeln und sie Freunden und auch Kritikern des Diakonats in Buchform zur Verfügung zu stellen. Ermutigt erlebe ich mich durch das lebendige Beispiel und das diakonale Wirken von Papst Franziskus, dem es ein Herzensanliegen ist, die innere Not der Menschen in der heutigen Zeit aufzudecken und seine Mitarbeiter im pastoralen Dienst für ein persönliches Verschenken ihrer selbst als Zeugen der selbstlosen Liebe Gottes zu motivieren. Was könnte besser für unseren Dienst werben als sein Beispiel, als er als Papst bei der Fußwaschung an jungen Menschen im Gefängnis die Diakonenstola als „Wahrzeichen“ trug? Dieser Rückenwind durch Papst Franziskus ermutigt mich und viele Diakone, unsere Erfahrungen und Visionen von einer diakonalen Kirche mit anderen zu teilen.

Besonders danke ich meiner Frau Maria für ihre liebevolle und wachsame Unterstützung und wertschätzend-kritische Ermutigung, meinem Freund P. Franz Weber, Pastoraltheologe und Bischöflicher Beauftragter für die Diakone in der Diözese Innsbruck, für seine kompetente Begleitung und Beratung, für die theologische und pastorale Fundierung, die Erfahrungen, Einsichten und visionären Anfragen in seinem Schlusskapitel. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Tyrolia-Verlags danke ich für die professionelle Umsetzung des Projekts.


Wiener Neustadt, Pfingsten 2019 Diakon Franz Ferstl

* Wegen der einheitlichen Schreibweise findet sich in den hier zitierten Textauszügen der Werke und Dokumente, die vor 2006 entstanden sind, die neue Rechtschreibordnung.

1. VERSIEGTE QUELLEN FREILEGEN – DIAKONAT VON DER URKIRCHE BIS ZUM ZWEITEN VATIKANUM

Im Laufe der Kirchengeschichte haben sich viele geistliche Quellen aufgetan, andere wiederum sind versiegt. Aufgrund der Einsicht, dass durch eine steigende Zahl der Gläubigen die Versorgung der Armen nicht gesichert sei, wurden in der Gemeinde in Jerusalem nach Gebet und Wahl Männern nach dem Zeugnis die Hände aufgelegt und sie mit einer Sendung ausgestattet, damit allen die Frohbotschaft verkündet und bezeugt werden konnte.

In späterer Zeit haben die Nachfolger der Apostel Konzilien einberufen, um in wichtigen Glaubensfragen Klarheit zu schaffen und um sich von Irrwegen abzugrenzen. Sie haben Antworten auf die Nöte der Menschen gesucht und sich neu den Herausforderungen der Kirche in der Gesellschaft gestellt. Oft sind die durch Konzilien eingeleiteten Reformen aber durch geschichtliche Entwicklungen nicht zu Ende geführt und die mutig von den verantwortlichen Päpsten begonnenen Reformen nicht umgesetzt worden. Doch Gott schreibt die Geschichte seiner Kirche auch auf krummen Zeilen und er wirkt durch die von ihm Erwählten das Heil aller Menschen. Es zeigt sich, dass es Gott darum geht, ob im Volk Gottes die Not der Menschen gesehen und von den vom Heiligen Geist bestellten Zeugen wahrgenommen und gewendet wird, und nicht in erster Linie um die Erhaltung von Strukturen und Einrichtungen.

Die Entwicklung des frühchristlichen Diakonats ist wesentlich mit der Bildung und Gestaltung der Strukturen der drei kirchlichen Ämter Bischof, Presbyter und Diakon in den ersten fünf Jahrhunderten verbunden. Der Diakonat hatte einen wichtigen Stellenwert in Verbindung mit dem Bischof, wurde später aber auf die Vorstufe zur Priesterweihe reduziert.

Das Augenmerk liegt nicht auf der Selbsterhaltung eines Amtes, sondern auf der Erfüllung des Auftrages der Sendung in die Welt. Gott hört die Schreie der Menschen und sieht, was ihnen zum Heil fehlt. Überall, wo menschliche Macht über andere ausgenützt wird, steht Gott auf der Seite der Schwachen und Ausgegrenzten. Gott beruft Menschen, die die Not der Mitmenschen erkennen und durch ihre Berufung die Not wenden und Heil schenken, wie es das Magnifikat ausdrückt. Er beruft in seiner Kirche Menschen, Heilige und Sünder, um seinen Willen zu erfüllen und die Not der Menschen zu wenden. So ist auch das Auf und Ab des Diakonates sein Weg, um das Dienstamt nicht zur Selbstbestätigung, sondern zum Nutzen und zur Auferbauung des Volkes Gottes zu verstehen. Wie Gott durch Menschen auf die Hilfeschreie anderer Menschen antworten kann, ob das durch erweckte Heilige, die entstehenden Orden oder durch ein mutiges Zweites Vatikanum geschieht – die Wege und Zeiten eines Aufbruches dürfen wir Gott überlassen.

1.1 Diakonie und Diakone im Neuen Testament

Diakonia ist ein Wesensmerkmal und Kennzeichen aller Jünger Jesu. „Für die frühen christlichen Gemeinden war die gegenseitige Dienstbeziehung ein Kriterium der Christlichkeit. Jedes Mitglied der Gemeinde war für die diakonale Praxis der Kirche verantwortlich. (…) Der Begriff Diakonia wurde auf jeglichen Dienst angewandt, dessen Ziel das Heil ist.“1

Im Griechischen ist ein Diakon in der allgemeinen Wortbedeutung jemand, der in Person einen Dienst leistet. So ist das Dienen ein Wesensmerkmal christlichen Lebens und mit dem verbunden, was christliches Leben im Kern ausmacht, denn es gründet in Jesus Christus selbst. „Er, der Kyrios aller, ist zugleich der Diakonos aller. Christus wurde den Menschen gleich, er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod am Kreuz (vgl. Phil 2,7f). Die machtvolle Tat der Erlösung ist nicht eingekleidet in die imperiale Selbstherrlichkeit, sondern findet in der dienenden Selbsthingabe des Sohnes an den Vater ihre Erfüllung. (…) So wie Jesus Christus selbst an seinen Jüngern den Sklavendienst verrichtet, so begegnen wir Christen darin unserer eigenen Wesensbestimmung: Christliche Existenz ist Anteilnahme an der Diakonia, die Gott selbst in Jesus Christus an den Menschen geleistet hat, und damit der Verweis auf das, was Erfüllung und Vollendung des Menschen bedeutet.“2 Für die Gemeinde in Jerusalem bezeugt der Verfasser der Apostelgeschichte:

„In diesen Tagen, als die Zahl der Jünger zunahm, begehrten die Hellenisten gegen die Hebräer auf, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden. Da riefen die Zwölf die ganze Schar der Jünger zusammen und erklärten: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und uns dem Dienst an den Tischen widmen. Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit; ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben. Der Vorschlag fand den Beifall der ganzen Gemeinde und sie wählten Stephanus, einen Mann, erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist, ferner Philippus und Prochorus, Nikanor und Timon, Parmenus und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochia. Sie ließen sie vor die Apostel hintreten, und diese beteten und legten ihnen die Hände auf.“ (Apg 6,1–6)

Das Charisma der Sieben entsprach den jeweiligen Bedürfnissen der Gemeinde. Ihre Geistesgabe der Armenpflege brauchte keine besondere Beauftragung. Sie waren schon in der christlichen Gemeinde tätig, bevor „die faktische Existenz des charismatischen Diakonats“ von den Aposteln „durch Handauflegung bestätigt“ wurde.3

1.2 Der Diakonat in der frühen Kirche

In der Hippolyt von Rom († 235) zugeschriebenen Kirchenordnung „Traditio Apostolica“ sind die Regeln der Weihe des Bischofs, des Presbyters und des Diakons festgelegt. Bei der Weihe des Diakons legt der Bischof den Kandidaten die Hände auf, „weil er (der Diakon) nicht zum Priestertum geweiht wird, sondern zum Dienst für den Bischof, um das zu tun, was dieser ihm aufträgt.“4

Die darin festgelegte Bindung an den Bischof ermöglicht diesem, die Verantwortung für die Bedürftigen wahrzunehmen. So „soll sich (jeder Diakon) ständig an den Bischof halten. Er benachrichtige auch den Bischof, wenn irgendwelche Personen krank sind, damit der Bischof, wenn es ihm beliebt, die Kranken besuche.“ Die „Didascalia Apostolorum“, eine kirchenrechtlich-liturgische Sammlung aus der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts, spricht vom hohen Ansehen der Diakone, da diese mit Christus selbst verglichen werden, die Presbyter jedoch „nur“ mit den Aposteln.5

Erstmals werden als Träger eines Gemeindeamtes „Diakone“ in der Grußanrede des Philipperbriefes, um das Jahr 55 geschrieben, genannt: „an alle Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind, mit ihren Bischöfen (Episkopen) und Diakonen“ (Phil 1,1). Als Mahnschreiben der römischen Gemeinde an die Korinther gilt der um das Jahr 96 verfasste erste Clemensbrief, in dem auf dem Hintergrund der Absetzung von Amtsträgern begründet wird, „deren Einsetzung sei Ausdruck gottgewollter Ordnung und nicht menschlicher Verfügung“ und sie „nach Prüfung im Geiste“ (1 Clem 42,1–5) zu Episkopen und Diakonen berufen wurden.6

In den Pastoralbriefen (1 Tim und Tit) werden die Leitungsstrukturen der Kirche mit den Ämtern des Bischofs, des Presbyters und des Diakons genannt. Im dritten Kapitel des ersten Briefes an Timotheus werden sowohl ein Aufgabenkatalog für einen Kandidaten für das Bischofsamt als auch ein Anforderungsprofil für die Diakone angeführt:

„Ebenso müssen Diakone sein: achtbar, nicht doppelzüngig, nicht dem Wein ergeben und nicht gewinnsüchtig; sie sollen mit reinem Gewissen am Geheimnis des Glaubens festhalten. Auch sie soll man vorher prüfen, und nur, wenn sie unbescholten sind, sollen sie ihren Dienst ausüben. Ebenso müssen Frauen ehrbar sein, nicht verleumderisch, sondern nüchtern und in allem zuverlässig. Diakone sollen Männer einer einzigen Frau sein und ihren Kindern und ihrem eigenen Haus gut vorstehen. Denn wer seinen Dienst gut versieht, erlangt einen hohen Rang und große Zuversicht im Glauben an Christus Jesus.“ (1 Tim 3,8–13)

Aus der Didache, jener frühesten Kirchenordnung, die noch vor 130 in Syrien verfasst wurde, ist von der Wahl der Episkopen, nicht aber der Presbyter die Rede. Die zu Amtsträgern Erwählten sollen „wahrheitsliebend und erprobt sein, denn sie sind es, die euch den Dienst der Lehrer und Propheten versehen“ (Did 15,1f). Ignatius von Antiochien († um 110) schreibt an die Gemeinde von Smyrna:

„Folgt dem Bischof wie Jesus Christus dem Vater und dem Presbyterium wie den Aposteln; die Diakone aber achtet wie Gottes Gebot! Keiner soll ohne den Bischof etwas, was die Kirche betrifft, tun. Jede Eucharistiefeier gelte als zuverlässig, die unter dem Bischof oder einem von ihm Beauftragten stattfindet. Wo der Bischof erscheint, dort soll die Gemeinde sein, wie da, wo Christus Jesus ist. Ohne Bischof soll man weder taufen noch das Liebesmahl halten; was aber jener als gut findet, das ist auch Gott wohlgefällig.“7

1.3 Das Verschwinden des Ständigen Diakonats

Bis zum Ende des 4. Jahrhunderts erlebte der Diakonat als kirchliches Amt einen ständigen Aufschwung und seine Blütezeit. Ab dem fünften Jahrhundert veränderte sich jedoch das kirchliche Leben insofern, dass der Dienst der Priester an Bedeutung gewann und viele Tätigkeitsfelder der Diakone nun von Priestern übernommen wurden. Der Diakonat wurde benachteiligt und allmählich auf eine Übergangsstufe zum Presbyterat reduziert.8

War es die eigene Überheblichkeit des Diakonenstandes, die sich darin zeigte, dass die eigentlichen Kernaufgaben und Dienste des Diakons nicht mehr wahrgenommen oder anderen übertragen wurden? War es der Neid anderer Kleriker, die sich von den Diakonen entmachtet fühlten, weil diese an der Seite der Bischöfe großen Einfluss hatten? War es die Titelsucht und die Machtausübung durch Kardinalsdiakone, die die Verantwortlichen für ganze Stadtteile waren? Der laufende Niedergang des Diakonats ab dem siebten Jahrhundert wird von Kirchenhistorikern auch oft damit begründet. Sie nennen als einen der Gründe für den Niedergang des Diakonats, dass die Diakone an der Seite der Bischöfe zu mächtig und so innerhalb des Ordo im gemeinsamen Wirken mit den Presbytern zurückgedrängt wurden. Sie hatten oft die Güter der Bischöfe zu verwalten und so kam ihre eigene Bestimmung als Helfer der Armen zu kurz. Daher sei, so die Annahme, diese Quelle versiegt und war bis zur Wiedererweckung durch das Zweite Vatikanische Konzil verschwunden.9 Bei genauerem Hinsehen und Erforschen der Geschichte des Diakonates muss aber auch auf die vielen Diakone hingewiesen werden, die trotz dieser Versuchung zu Macht und Einfluss ihr Amt bis zur Hingabe ihres Lebens in Treue ausgeübt haben.

1.4 Lebendige Kirchengeschichte – selige und heilige Diakone

Die Geschichte der Wiederbelebung des Ständigen Diakonats durch das Zweite Vatikanische Konzil gleicht der Wiederentdeckung versiegter Quellen. Die langjährige Tradition des Weihestandes der Diakone in der frühen Kirche versiegte im fünften Jahrhundert. Eigentlich dürfte es bei kirchlichen Diensten nicht um die Personen und nicht um den Bestand oder Nichtbestand einer Klerikergruppe gehen, sondern darum, ob der Dienst am Volk Gottes und an den Menschen wahrgenommen wird, die, weil sie arm oder ausgegrenzt sind, zu den bevorzugten Freunden Gottes zählen. Kardinal Schönborn formuliert in Bezug auf die derzeit entstehenden neuen kirchlichen Gemeinschaften: „Gott gibt durch seine Berufungen für jede Zeit eine Antwort auf die Not der Zeit.“ So stellt sich die Frage, wie im Volk Gottes die Not der Menschen wahrgenommen wird und warum das Zweite Vatikanum als Zeichen der Zeit die Wiedereinführung des Ständigen Diakones beschlossen hat.

Günter M. Lux, ein Mitbruder, der den Quellen des Ständigen Diakonats nachgegangen ist, dokumentiert in seinem Buch „Selige und heilige Diakone“, dass viele Diakone ein beispielhaftes Leben führten, das für manche den Weg des Martyriums zur Folge hatte. Er ist vielen Viten und Legenden, Gedenktagen und Patronaten von als Selige und Heilige verehrten Diakonen nachgegangen und versucht, den Schatz ihres Wirkens in zweitausend Jahren Kirchengeschichte zu heben.10 Beispielhaft für die verschiedensten Glaubenszeugnisse von Diakonen, die das konkrete Leben und so auch die Kirchengeschichte ihrer Zeit mitgeprägt haben, sollen einige Vertreter von heiligen und seligen Diakonen hier zu Wort kommen. So war es nicht nur Stephanus, der als Glaubenszeuge erster Märtyrer der frühen Kirche wurde. In der Zeit der Christenverfolgung im 4. Jahrhundert wurden viele Diakone wegen ihres Einsatzes für den Glauben und für die Armen verfolgt und ermordet. Die heiligen und seligen Diakone, die von den Zeiten der Urkirche an bis heute gelebt haben, sind uns Diakonen durch ihr Leben und ihre Hingabe lebendige Vorbilder. Ihre Bewährung in den verschiedensten Lebensrealitäten und ihre Herkunft aus den unterschiedlichsten Ländern können unseren Blick für die vielfältigen Ausprägungen des diakonalen Dienstes liefern.

Diakone – Männer des Glaubens

Im Vorwort zu „Selige und heilige Diakone“ schreibt Kardinal Schönborn: „Wie wir aus der Apostelgeschichte wissen, waren die Diakone, so wie die Apostel, Männer des Glaubens, die vom Heiligen Geist erfüllt und mit einer außergewöhnlichen Kraft für die Verkündigung erfüllt waren. Zahlreiche Wundertaten und erstaunliche Bekehrungen bezeugten ihr machtvolles Wirken im Dienste des Wortes Gottes, wie uns das Beispiel des heiligen Stephanus eindrucksvoll belegt. (…) Wie wir wissen, ist der Diakon ‚der zum Dienst Gerufene‘. Dienst aber ist in erster Linie die Verkündigung des Evangeliums, die Frohbotschaft Jesu Christi allen zu verkündigen. ‚Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt‘ (1 Petrus 3,15). Christus ist ihr Zentrum und ihr Mittelpunkt, nach dem sie ihren Kompass ausrichten. Durch die Verkündigung des Wortes Gottes wird allen Menschen eine befreiende Hoffnung geschenkt, die die Diakone ganz in den Dienst der Nachfolge Jesu stellt. (…) Lassen wir uns daher durch das Beispiel der heiligen und seligen Diakone wieder ergreifen. Ihr vorbildhaftes Leben für den Dienst in der Nachfolge Jesu Christi soll uns Mut machen für die Bedrängnisse im eigenen Leben. (…) Erinnern wir uns … an das machtvolle Wirken dieser außergewöhnlichen Männer des Glaubens, die Instrumente und Zuträger göttlichen Lebens sind.“11

Augurius, Eulogius und Cyriakus

Ein Beispiel, wie eng die Verbindung zwischen den Bischöfen und den Diakonen bis hinein in den Tod war, zeigt der Bericht aus dem Jahr 259 über die Heiligen Augurius und Eulogius. Beide waren Diakone des heiligen Bischofs Fructosus von Tarragona in Spanien. „Ein christlich überarbeiteter Bericht über Einzelheiten ihres Prozesses und Martyriums geht auf Protokolle aus dem prokonsularischen Archiv zurück, sodass man ihm eine gewisse Authentizität zubilligen kann. Nachdem sie sich weigerten, das vom Kaiser Valerian vorgeschriebene Opfer an die Götter zu vollziehen, wurden sie gemeinsam mit ihrem Bischof am 21. Januar 259 im Amphitheater von Tarragona verbrannt. Bald nach ihrem Tod setzte die Verehrung ein, die auch durch den heiligen Augustinus bezeugt ist, der an ihrem Festtag über sie predigte und dabei Stellen aus ihren Märtyrerakten zitierte.“12 Aus dem Protokoll das Zeugnis des Diakons Augurius: „Dann wandte er (der Statthalter) sich an Augurius: ‚Achte nicht auf die Worte (des Bischofs) Fructosus.‘ Der Diakon Augurius aber sprach: ‚Ich verehre den allmächtigen Gott.‘ Dann verkündete der Statthalter das Urteil: Alle drei sollten lebendig verbrannt werden. Nachdem er die Brüder getröstet hatte, gingen er (Bischof Fructosus) und seine Diakone ‚hinein in das Heil‘, das heißt, die Flammen ergriffen sie. Als die Stricke verbrannt waren, mit denen man sie gebunden hatte, knieten sie freudig nieder und sprachen ihre gewohnten Gebete. Der Auferstehung gewiss, beteten sie im Zeichen des Kreuzes (mit ausgebreiteten Armen) zum Herrn bis zum letzten Atemzug.“13

Ein weiterer Glaubenszeuge unter den Diakonen dieser Verfolgungszeit um 300 ist der heilige Cyriakus, der auch als Märtyrer-Nothelfer verehrt wurde. Cyriakus soll Archediakon des Papstes Marcellinus (296–304) gewesen sein und hat wahrscheinlich um 304 in der Verfolgung unter Kaiser Diokletian in Rom das Martyrium erlitten. Er wird in der „Depositio Martyrium“ des Chronographen vom Jahre 354 erwähnt.14 Als zu einem der vierzehn Nothelfer wird folgendes Gebet überliefert: „Heiliger Cyriakus, öffne unsere Augen für die leiblichen und geistlichen Nöte unserer Mitmenschen. Gib uns die Bereitschaft, auch die Kleinen mit ihren großen Sorgen anzuhören und ihnen in ihrer Not beizustehen. Hilf, dass unser Herz nicht in Egoismus und Hilflosigkeit erstarrt.“15

Ephräm der Syrer

Ein Diakon, der nicht durch ein Martyrium umkam, sondern in einer Höhle, in die er sich zurückgezogen hatte und 373 dort verstorben ist, ist Ephräm der Syrer. Er wurde von Papst Benedikt XV. 1920 zum Kirchenlehrer ernannt. Geboren wurde Ephräm im Jahr 306 in Nisibis in der heutigen Türkei, an der Grenze zu Syrien. Seine Eltern dürften beide Christen gewesen sein. Der Diakon Ephräm stand Bischof Bares von Edessa als Freund und Berater zur Seite. „Ephräm beeindruckte auch durch sein soziales Wirken. Noch kurz vor seinem Tod vermittelte er während einer Hungersnot in Edessa zwischen den Reichen, die Kornvorräte besaßen, und der notleidenden Bevölkerung. (…) In der gegenwärtigen Wissenschaft wird Ephräm im Allgemeinen höchste Wertschätzung entgegengebracht. Er gilt als einer der größten christlichen bzw. religiösen Dichter der syrischen Kirche. Seine Schriften spiegeln seinen Mut, seine Aufrichtigkeit, seinen unerschütterlichen Eifer für den Glauben und seine Sympathie für die Armen wider.“16

Ein Beispiel der von Ephräm verfassten Hymnen und Lieder ist der Hymnus über die Geburt Jesu aus Maria: „Der Herr trat in sie ein, um Knecht zu werden. Das Wort trat in sie ein, um in ihrem Schoß zu verstummen. Der Donner trat in sie ein, um sein Lärmen zum Schweigen zu bringen. Der Hirt trat in sie ein, und siehe, das geborene Lamm, das leise weint. Denn der Schoß Mariens kehrte die Rollen um. Er, der alle Dinge geschaffen hat, nahm ihn in Besitz, aber als Armer. Der Allerhöchste kam in sie (Maria), aber er trat ein in Niedrigkeit. Die Herrlichkeit kam in sie, gekleidet aber in ärmlichen Tüchern. Er, der alle Dinge spendet, lernt den Hunger kennen. Er, der allen zu trinken gibt, lernt den Durst kennen. Nackt und unbekleidet trat er aus ihr hervor, er, der alle Dinge (mit Schönheit) kleidet.“17

Laurentius

Diakone werden oft im Zusammenhang mit der Verwaltung von Kirchenvermögen und der Sorge um die Armen genannt. Dies spiegelt sich auch in der Legende des römischen Diakons Laurentius wider. Hintergrund dazu sind die Christenverfolgungen des Kaisers Valerian im Jahr 257. Die Verfolgung richtet sich in erster Linie gegen die kirchlichen Vorsteher, so auch gegen Papst Sixtus II., der bei einer Feier des Gottesdienstes in einer Katakombe ermordet wurde. Sein Diakon Laurentius wurde aufgefordert, den Kirchenschatz herauszugeben. Als er sich weigerte und bezeugte, er habe alle Schätze an die Armen verteilt, wurde er gefoltert und getötet.

Vinzenz von Saragossa

Ein weiterer Diakon, der sich im Einsatz für die Verwaltung der Güter zugunsten der Armen einsetzte und um 304 in Spanien, nördlich von Saragossa, lebte, ist der heilige Vinzenz von Saragossa. Sein Vater stammte aus einer Konsulsfamilie. Vinzenz ist seit dem 4. Jahrhundert einer der meistverehrten Märtyrer Spaniens. Er war Schüler des Bischofs von Saragossa, des heiligen Valerus. Da Valerus nicht redegewandt war, überließ er Diakon Vinzenz das Predigen. Als Archediakon zeichnete sich Vinzenz durch die gute Verwaltung der kirchlichen Güter für die Armen aus. In der Verfolgung unter Kaiser Diokletian ließ der Statthalter Datianus Bischof Valerus und seinen Diakon Vinzenz festnehmen und nach Valencia bringen, wo sie längere Zeit miteinander im Kerker verbrachten. Beim gerichtlichen Prozess, bei dem Vinzenz eine brillante Verteidigungsrede gehalten hatte, wurden beide verurteilt und zu Tode gemartert. In der Legende über den Bischof Valerus und seinen Diakon Vinzenz im Gefängnis gibt der Diakon ein mächtiges Zeugnis für den lebendigen Gott. Das Gedächtnis von Diakon Vinzenz von Saragossa wird am 22. Januar gefeiert, er wird auch als Patron der Holzfäller und der Winzer verehrt.18

Stephan II. und Paul I.

Zwei Diakone aus dem frühen Mittelalter sind eher durch ihr Wirken als Päpste bekannt. „Einer der bedeutendsten Päpste, der als Diakon in das höchste Kirchenamt gewählt wurde, war Stephan II. (752–757). Wie sein Bruder und Nachfolger Paul I. (757–767) stammte er aus einer stadtrömischen Adelsfamilie. Beide wurden früh Waisen, daher im Lateran erzogen und erhielten die Diakonenweihe von Papst Zacharias (741–752). Das Pontifikat Stephans II. erlangte weltgeschichtliche Bedeutung infolge des päpstlichen Hilferufes an den fränkischen König Pippin III. gegen die Langobarden: In der ‚Pippinischen Schenkung‘ wurden Rom und weitere Gebiete dem hl. Petrus übertragen, was letztlich die Grundlage für den Kirchenstaat bildete.“19

1.5 Franz von Assisi – gelebtes Armutsideal

Auf Franziskus als Diakon finden sich Hinweise in künstlerischen Darstellungen. So wird Franziskus in der Sakristei von Sant’Angelo, einer der franziskanischen Klosterkirchen in Mailand, in einem in der Zeit des Barock geschaffenen Deckenfresko bereits mit Albe, Zingulum und Diakonenstola gewandet dargestellt, ein Engel überreicht ihm eine Dalmatik.

Franziskus lebte bewusst ein Armutsideal. Es ging ihm nicht um ein Amt, er war in seinem Herzen Diakon. Die Priesterweihe, für die er sich nicht würdig hielt, lehnte er ab, um sich so auf besondere Weise mit Christus, dem dienenden Gottesknecht, zu vereinen. „Er hatte eine tiefe Reflexion des Diakonats, die ihn dazu führte, eben diesen Weihegrad – und keinen anderen – anzustreben und in ihm zu bleiben.“ Den Diakonat verstand er nicht bloß als liturgischen Dienst, sondern umfassender: Er wollte als Diakon Gottes und der Menschen sakramentaler Repräsentant des dienenden Herrn sein.20 „Gerade weil Franziskus in seinen Briefen und Regeln immer wieder das Dienen betont, die Karriere nach unten statt nach oben, das Verweilen bei den Armen und Bettlern am Weg, steht bei ihm nicht das Amt im Vordergrund, sondern der Dienst, nicht das Diakonat, sondern die Diakonie. Sein ganzes Leben ist ein Beispiel ‚pro Diakonia Christi‘.“21 Das Leben und Wirken des Diakons Franziskus zeigt, wie in der Berufung zur Nachfolge und zur liebenden Sorge um die Armen eine versiegte Quelle wieder neu fruchtbar werden kann.

1.6 Von Franz von Assisi bis zum Zweiten Vatikanum

In der Zeit zwischen dem frühen 13. Jahrhundert und der Mitte des 20. Jahrhunderts, zwischen der herausragenden diakonischen Gestalt des Franz von Assisi und der Wiederentdeckung und Neuentfaltung des Diakonats durch das Zweite Vatikanum, scheint der Diakonat zu einer Vorstufe zum Priestertum verkümmert zu sein. Fast hat die Kirche einen jahrhundertelangen Weg ohne ein eigenes Diakonenamt zurückgelegt. Jedoch hat die Diakonie der Kirche niemals zu existieren aufgehört. In der Zeit des Niederganges des Diakonats traten immer wieder neue Gruppen von Hilfsbedürftigen und auch neue Formen der Diakonie auf. So wurden die Dienste an den Armen von Laien, Priestern und den entstehenden Ordensgemeinschaften wahrgenommen. Die neuen Orden und Klöster nahmen die Armen in ihre Gemeinschaft auf und gaben so eine Antwort auf die Not der Zeit. Für die Zeit bis zum 20. Jahrhundert kann festgestellt werden: Schon das Konzil von Trient im 16. Jahrhundert unternahm einen ersten Versuch, den Diakonat zu erneuern und ihm seine ursprüngliche Gestalt zurückzugeben, aber leider blieb es bei diesem Versuch. Die angedachte Reform konnte in den politischen und kirchlichen Auseinandersetzungen der Reformationszeit nicht verwirklicht werden. „Noch einmal 300 Jahre mussten überbrückt werden, bis die Wiedererweckung des frühkirchlichen Amtes des Diakons als eigene Stufe im 19. Jahrhundert wieder aufkeimte.“22

1.7 Neuentfaltung des Diakonats durch das Zweite Vatikanum

Einer der Gründe für die Einführung des Ständigen Diakonats als sakramentales Amt war sicher die Tatsache, dass Diakonie in der Kirche faktisch schon immer präsent war, wenn sie auch ohne Weihe durch Laien ausgeübt wurde. Karl Rahner und Herbert Vorgrimler betonen diesbezüglich: „Es soll also nicht ein nicht bestehendes Amt eingeführt werden, sondern es soll die sakramentale Amtsverleihung dieses im Grunde schon anonym bestehenden Amtes erneuert werden.“23

Die beim Konzil versammelte Gemeinschaft der Bischöfe erkannte ihren Auftrag, als Kirche in die Welt zu gehen und dort die Heilstaten Gottes neu zu verkünden. Die Sicherheit der „Festung Kirche“ sollte zugunsten der Sendung zu den Menschen hintangestellt werden. Die Menschen sollten in ihrer Lebenswelt aufgesucht und mit der Botschaft von der Liebe Gottes neu konfrontiert werden. Nicht mehr einzelne Missionare sollten in „Heidenländer“ aufbrechen und sie missionieren, jeder Christ sollte seine Sendung ernst nehmen und zu einem Gesandten Gottes werden. Als „Welt-Kirche“ im doppelten Sinn – einerseits, weil die Botschaft bereits bis an die Enden der Welt verkündet wurde, und andererseits als Kirche, die bewusst in der Welt ihren Dienst sieht – erkannte sie ihre Sendung neu. Getrieben durch den Heiligen Geist sollte die Herausforderung der Zeit aufgegriffen werden. Die Kirche wollte sich als Heilszeichen der Erlösung in der Gegenwart, mitten in der Welt, verstehen.

Im Konzil wurde das Kirchen- und Amtsverständnis erneuert, der „alten Institution des Diakonats Inhalt und Leben zurückgegeben“. Es ging also um eine schöpferische Neukonzeption des Diakonats der Zukunft, die mehr war als eine Wiederherstellung des alten Diakonats.24

Eine von Papst Johannes XXIII. am 5. Juni 1960 einberufene Vorbereitungskommission über die Verwaltung der Sakramente erarbeitete Vorschläge zur Erneuerung des Ständigen Diakonates. Eine Zentralkommission unter der Leitung des Papstes sollte dann über die endgültige Vorlage an das Konzil entscheiden.

In der dritten Sitzungsperiode im Herbst 1964 wurde die grundsätzliche Erneuerung des Diakonats angenommen. Stärkere Differenzen zeigten sich noch in der anschließenden Diskussion über die Frage der Zuständigkeit für die Erneuerung des Diakonates und über die Frage, ob man den Diakonat nur verheirateten Männern „reiferen Alters“ anvertrauen dürfte. Als Zugeständnis an die Konzilspartei, die um den Priesterzölibat fürchtete, wurde für Männer, die Diakone werden wollen, das „reifere Alter“ als Aufnahmebedingung festgelegt.

Die Erneuerung des Dienstes des Ständigen Diakonats wurde somit als Artikel 29 im Rahmen der Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ in der Plenarsitzung des Konzils am 21. November 1964 beschlossen und vom Papst promulgiert. In der Folgezeit kam es dank der Förderung durch Papst Paul VI. zur Bildung einer kleinen Kommission, die allgemeine Normen als Rahmengesetz für den Ständigen Diakonat entwerfen sollte.

In der Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ und im Dekret „Ad gentes“ wird der Diakonat als Dienst beschrieben, der dem inneren Aufbau des Volkes Gottes dient.

„In der Hierarchie eine Stufe tiefer stehen die Diakone, welche die Handauflegung ‚nicht zum Priestertum, sondern zur Dienstleistung empfangen‘. Mit sakramentaler Gnade gestärkt, dienen sie dem Volke Gottes in der Diakonie der Liturgie, des Wortes und der Liebestätigkeit in Gemeinschaft mit dem Bischof und seinem Presbyterium. Sache des Diakons ist es, je nach Weisung der zuständigen Autorität, feierlich die Taufe zu spenden, die Eucharistie zu verwahren und auszuteilen, der Eheschließung im Namen der Kirche zu assistieren und sie zu segnen, die Wegzehrung den Sterbenden zu überbringen, vor den Gläubigen die Heilige Schrift zu lesen, das Volk zu lehren und zu ermahnen, dem Gottesdienst und dem Gebet der Gläubigen vorzustehen, Sakramentalien zu spenden und den Beerdigungsritus zu leiten. (…) Weil diese für die Kirche in höchstem Maße lebensnotwendigen Ämter bei der gegenwärtig geltenden Disziplin der lateinischen Kirche in zahlreichen Gebieten nur schwer ausgeübt werden können, kann in Zukunft der Diakonat als eigene und beständige hierarchische Stufe wiederhergestellt werden. Den zuständigen verschiedenartigen territorialen Bischofskonferenzen kommt mit Billigung des Papstes die Entscheidung zu, ob und wo es für die Seelsorge angebracht ist, derartige Diakone zu bestellen. Mit Zustimmung des Bischofs von Rom wird dieser Diakonat auch verheirateten Männern reiferen Alters erteilt werden können, ferner geeigneten jungen Männern, für die jedoch das Gesetz des Zölibats in Kraft bleiben muss.“25

Hiermit werden die spezifischen Aufgaben des Diakons in Abgrenzung zum Priester festgelegt. Die Entscheidung über die Zulassung liegt beim Ortsbischof. Der Diakonat wird für „verheiratete Männer reiferen Alters“ geöffnet, für die „geeigneten jungen Männer“ gilt jedoch weiterhin die Zölibatsverpflichtung.

„Wo die Bischofskonferenzen es für gut halten, soll der Diakonat als fester Lebensstand wieder eingeführt werden, entsprechend den Normen der Konstitution über die Kirche; denn es ist angebracht, dass Männer, die tatsächlich einen diakonalen Dienst ausüben, sei es als Katechisten in der Verkündigung des Gotteswortes, sei es in der Leitung abgelegener christlicher Gemeinden im Namen des Pfarrers und des Bischofs, sei es in der Ausübung sozialer oder caritativer Werke, durch die von den Aposteln her überlieferte Handauflegung gestärkt und dem Altare enger verbunden werden, damit sie ihren Dienst mit Hilfe der sakramentalen Diakonatsgnade wirksamer erfüllen können.“26

Wer also bereits als Katechist im Dienst der Verkündigung, als Leiter einer christlichen Gemeinde oder in sozialen oder karitativen Werken tätig ist, also einen tatsächlich diakonalen Dienst ausübt, soll durch die Weihegnade gestärkt werden und seinen Dienst in enger Verbindung mit dem Altar wirksamer ausüben können.

Der Anstoß zur Wiedereinführung des Ständigen Diakonats kam vor und während des Konzils aus ganz verschiedenen Richtungen: Zahlreiche Bischöfe aus den Missionsgebieten erblickten darin eine Chance, dem Priestermangel in ihren Ortskirchen durch die Weihe bewährter verheirateter Katechisten zu begegnen und diesen – und auch darüber wurde schon vor und während des Konzils häufig diskutiert – später den Weg zur Priesterweihe zu ebnen. Auch in Europa hatte sich in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ein starker Priestermangel bemerkbar gemacht. In der französischen Kirche wollte man der Säkularisierung und Entfremdung weiter Kreise der Bevölkerung durch die Einführung eines Amtes, dessen Träger näher bei den Menschen waren, begegnen und manchen Bischöfen war der Aufbau einer Kirche der Armen ein Herzensanliegen. Manche Theologen vermissten in der Kirche schon damals eine stärkere Betonung der Diakonie, die durch ein eigenes Amt wieder neu zur Geltung gebracht werden sollte.27

Unter den Streitfragen, die in der zweiten Sitzungsperiode den Konzilsvätern zur Klärung vorgelegt wurden, war auch die Einrichtung des „Diakonats als eigenen und ständigen Grad des heiligen Dienstes“. In der Abstimmung sprachen sich erstaunlicherweise 1588 Bischöfe dafür, aber immerhin auch 525 dagegen aus. Der Text über den Diakonat, den das Konzil schließlich approbierte, weist gegenüber der vorangehenden Fassung eine deutliche Verlagerung in Richtung auf eine stärkere diakonale Ausrichtung dieses Amtes auf. Während der Diakon zunächst noch primär von seiner Assistenz am Altar und bei der Eucharistie gesehen wurde, wird im Konzilstext festgehalten, dass die Diakone die Handauflegung „nicht zum Priestertum, sondern zur Dienstleistung empfangen. Mit sakramentaler Gnade gestärkt dienen sie dem Volk Gottes in der Diakonie der Liturgie, des Wortes und der Liebestätigkeit.“ (LG 29)

Mit der Wiedereinführung des Diakonats verbanden die Konzilsväter damals je nach Region sehr verschiedene Erwartungen und Hoffnungen, die sich im Missionsdekret noch erkennen lassen. Den Bischöfen ging es wohl auch um ein differenziertes und auf die Zukunft offenes Verständnis des Diakonats, das sich deutlich vom Amt des Priesters unterscheidet. Manche Konzilsväter hielten es vor allem für angemessen und notwendig, „dass jene, die faktisch diakonale Dienste ausüben, wie die Katechisten in der Verkündigung und in der Leitung kleiner Gemeinden bzw. in der Leitung karitativer und sozialer Institutionen, auch die kirchliche Handauflegung zu diesem Dienst erlangen.“28 Im Missionsdekret wurde als Antwort auf den Wunsch der Missionsbischöfe die Möglichkeit eröffnet, verheiratete Katechisten als Verkünder des Wortes Gottes zu Diakonen zu weihen, eine Chance, die leider in vielen Kirchen des Südens zu wenig wahrgenommen wurde. Es war wohl die Angst vor einer sich daraus ergebenden Infragestellung des Zölibats oder die Befürchtung, den Katechisten durch die Diakonatsweihe zu viel Macht zu geben und sie zu Konkurrenten der Priester zu machen, was dazu führte, dass eine große pastorale Chance über Jahrzehnte nicht genutzt wurde.29 Wo aber nationale oder regionale Bischofskonferenzen den Raum dafür eröffneten, wurde dieses wiederentdeckte Amt zum Segen für die Ortskirchen und ihre Sozial- und Gemeindepastoral.

1.8 Nach dem Konzil – ausführende Bestimmungen durch päpstliche Schreiben

Das Konzil hatte den Weg zur Einführung des Ständigen Diakonats geöffnet, aber erst in der Folge wurden kirchenrechtliche Ausführungsbestimmungen zur Verwirklichung der Konzilsbeschlüsse erlassen. Papst Paul VI. veröffentlichte am 18. Juni 1967 das Apostolische Schreiben „Sacrum Diaconatus ordinem“, in dem der rechtliche Rahmen zur Weiterentwicklung des Diakonats in der Weltkirche abgesteckt wird.30 Am 15. August 1972 wurden zwei weitere Erlässe von Paul VI. veröffentlicht: das Motu Proprio „Ministeria quaedam“ sowie das Motu Proprio „Ad pascendum“31, die die kirchenrechtlichen Bestimmungen bezüglich der Weihestufe des Diakonats ergänzen. Diese sind ebenso wie die vorhergehenden Dokumente in die am 22. Februar 1998 veröffentlichten Grundnormen für die Ausbildung der Ständigen Diakone und das Direktorium für den Dienst und das Leben der Ständigen Diakone eingeflossen.32

1Algirdas Jurevičius, Zur Theologie des Diakonats. Der Ständige Diakonat auf der Suche nach eigenem Profil (= Schriften zur Praktischen Theologie, Bd. 3), Hamburg 2004, 20

2Gerhard Ludwig Müller, zitiert bei Wolfgang Allhorn, Der Diakonat in der frühen Kirche. In: Günter Riße et. al., Boten einer neuen Zeit. 50 Jahre Ständige Diakone im Erzbistum Köln, Paderborn 2018, 75

3Jurevičius, Zur Theologie des Diakonats, 27

4Hippolyt, Traditio Apostolica 8, zitiert bei Riße, Boten einer neuen Zeit, 81–82

5Riße, Boten einer neuen Zeit, 82

6Vgl. ebd., 78–79

7Ebd., 79–81

8Vgl. dazu: Georg Predel, Veränderte soziale Wirklichkeit – verändertes Amt. Zum Niedergang des Diakonates als eigenständigem Amt am Beispiel der Kirche Galliens im 4.–7. Jahrhundert. In: Klemens Armbruster, Matthias Mühl (Hg.), Bereit wozu? Geweiht für was? Zur Diskussion um den Ständigen Diakonat, Freiburg 2009, 63–94

9Vgl. Stefan Sander, Das Amt des Diakons. Eine Handreichung, Freiburg 2013, 81–87

10Günter M. Lux, Selige und heilige Diakone, Wien 2008

11Christoph Schönborn, Geleitwort. In: Lux, Selige und heilige Diakone, 5–6

12Lux, Selige und heilige Diakone, 29

13Ebd., 31

14Ebd.,

15Gebet zum hl. Cyriakus. Basilika Vierzehnheiligen. In: Riße, Boten einer neuen Zeit, 74

16Ebd., 44–45

17Hymnus De Nativitate 11,6–8. Zitiert nach: Riße, Boten einer neuen Zeit, 84

18Vgl. ebd., 119–121

19Joachim Oepen, Der Diakonat vom Frühmittelalter bis zum 18. Jahrhundert. In: Riße, Boten einer neuen Zeit, 93

20Vgl. Jurevičius, Zur Theologie des Diakonats, 61–62

21Vgl. Leonhard Lehmann, Franziskus – ein Aussteiger seiner Zeit. In: Diaconia Christi 51/ 2016, 100

22Riße, Boten einer neuen Zeit, 168

23Karl Rahner, Herbert Vorgrimler, Diaconia in Christo. Über die Erneuerung des Diakonats (Questiones disputatae, Band 15/16), Freiburg 1962, 299

24Vgl. Jurevičius, Zur Theologie des Diakonats, 86

25Zweites Vatikanisches Konzil, Lumen gentium. Dogmatische Konstitution über die Kirche, Kapitel III, Nr. 29

26Zweites Vatikanisches Konzil, Ad gentes. Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche, Kapitel II, Nr. 16. Vgl. Peter Hünermann, Hans-Joachim Sander, Guido Bausenhart, Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Bände 1 u. 2, Freiburg 2004

27Vgl. Bernd Lunglmayr, Der Diakonat. Kirchliches Amt zweiter Klasse?, Innsbruck-Wien 2002, 16–17

28Peter Hünermann, Theologischer Kommentar zum Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes. In: Herders Theologischer Kommentar, Bd. 4, Freiburg-Basel-Wien 2005, 286

29Vgl. Lunglmayr, Der Diakonat, 18

30Papst Paul VI., Sacrum Diaconatus ordinem. Allgemeine Normen für die Einrichtung des Ständigen Diakonats in der Lateinischen Kirche, Apostolisches Schreiben, gegeben als Motu Proprio, 18. Juni 1967. Vgl. Jurevičius, Zur Theologie des Diakonats, 88–90

31Papst Paul VI., Ministeria quaedam / Ad pascendum, Apostolische Schreiben, gegeben als Motu Proprio, 15. August 1972

32Vgl. Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Kongregation für den Klerus, Grundnormen für die Ausbildung der Ständigen Diakone. Direktorium für den Dienst und das Leben der Ständigen Diakone, Rom 1998

2. EINFÜHRUNG UND WEITERENTWICKLUNG DES STÄNDIGEN DIAKONATS IN DER WELTKIRCHE UND IM DEUTSCHSPRACHIGEN RAUM
2.1 Der Ständige Diakonat in der Weltkirche

Nach der von der Agenzia Fides zum Sonntag der Weltkirche 2018 veröffentlichte Statistik hat sich die Zahl der Ständigen Diakone weltweit um 1057 auf insgesamt 46.312 erhöht. In Europa hat ihre Zahl innerhalb eines Jahres um 145 zugenommen, während die Zahl der Priester im selben Jahr in Europa um 2583 zurückgegangen ist. Die meisten neuen Diakone gab es in Amerika (+ 842).33 Die ersten Ständigen Diakone sind nicht in Europa geweiht worden. Die Kirche hat hier eine weltweite Entwicklung angestoßen. Diese Entwicklung einer weltkirchlichen Berufung ist ein erfreuliches Zeichen der Zeit.

Anfang des letzten Jahrhunderts wuchsen die Missionsorden, die ihre Sendung als Botschafter des Glaubens in die Welt hinaustrugen. In seinem Beitrag in Diaconia Christi, der Zeitschrift des Internationalen Diakonatszentrums (IDZ), stellt Klaus Kießling – viele Jahre der Präsident des IDZ – die Frage, welche Aufgabe die Diakone als Botschafter in der Weltkirche heute haben:

„Als Diakon verstehe ich mich als Botschafter unseres menschgewordenen Gottes, der Solidarität zeigt bis in den Tod und darüber hinaus. Ich glaube, dass mit Gottes Menschwerdung unsere Menschwerdung einsetzt. Als Botschafter Jesu Christi sind wir dazu berufen, anderen Menschen auf ihrem Weg der Menschwerdung solidarisch beizustehen, den Nächsten in der alltäglichen Seelsorge, den Fernsten überall auf der Welt. Wenn einer des Anderen Last trägt (Gal 6,2), so kann es auch geschehen, dass die wenigen Versammelten für die vielen beten, die derzeit nicht da sind. Und umgekehrt mögen die in der Welt Aktiven auch diejenigen vertreten, die kontemplativ leben. Auch Gemeinden sind miteinander verbunden, Ortskirchen und weltkirchliche Gemeinschaften – in gegenseitiger Stellvertretung. Und mir selbst bedeutet es viel zu spüren, dass irgendwo auf der Welt ein Mensch für mich betet – und ich für ihn. Eine Mission, die über den eigenen Kirchturm hinausreicht, eine weltkirchliche Mission erweist sich so nicht als zusätzliche Last, sondern als Ressource, als spirituelle und inspirierende Ressource“.34

Schon vor den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils wird von der Vorbereitung von möglichen Weihekandidaten in den verschiedensten Ländern der Weltkirche berichtet. Schon im Jahr 1966 berichten auf einer internationalen Tagung in Rottenburg Teilnehmer aus 35 Ländern über den Stand und die Entwicklung des Diakonates in ihrem Bereich. Während sich der deutsche und der französische Episkopat zuerst nur für die Einführung des Diakonates ausgesprochen haben, war man in anderen Ländern schon weiter.35

Die ersten Schritte zur Einführung des Ständigen Diakonats nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in verschiedenen Ländern der Weltkirche lassen sich anhand kirchlicher Medienberichte exemplarisch dokumentieren:

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9783702238209
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