Czytaj książkę: «Das Feuer brennt»

Das Feuer brennt
Olympische Geschichten
F.A.Z.-eBook 60
Frankfurter Allgemeine Archiv
Herausgeber: Frankfurter Allgemeine Archiv / Evi Simeoni
Redaktion und Gestaltung: Birgitta Fella, Hans Peter Trötscher
Projektleitung: Olivera Kipcic
eBook-Produktion: rombach digitale manufaktur, Freiburg
Alle Rechte vorbehalten.
Rechteerwerb und Vermarktung: Content@faz.de © 2020 Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main
Titelbild: vat252/stock.adobe.com
ISBN: 978-3-89843-594-9
Inhalt
Zur Eröffnung: Das Vorwort
Von Tokio bis Tokio
Dabei sein ist alles – Die Reporter
Wo ist meine Story?
Tokio 1964
„Ich muss, muss, muss!“
Mexiko-City 1968
Der schwarze Anti-Rebell
München 1972
Leuchten und Dunkelheit
Montreal 1976
Unter Blitz und Donnergrollen
Moskau 1980
Im harten Griff der Politik
Los Angeles 1984
Im Fegefeuer der Besessenheit
Seoul 1988
Das gestohlene Gold
Barcelona 1992
Gesprungen, gerettet, gefeiert
Atlanta 1996
Die Würde des Verfalls
Sydney 2000
Für immer ein Rätsel
Athen 2004
Ein Bund für immer
Peking 2008
Blitz und Schatten
Am Anschlag
461 Kilo Kummer
London 2012
Die traurige Wahrheit
Eruption der Qual
Rio 2016
Die singenden Männer
Krieg im Pool
Dabei sein ist alles – Die Sportler
Dabei sein ist alles
Die Abschlussfeier: Ein Ausblick
Wir brauchen Olympia
Zur Eröffnung: Das Vorwort
Von Tokio bis Tokio
Von Evi Simeoni
Was wäre eine Sportredaktion ohne Olympische Spiele? Das war sehr lange Zeit nur eine rhetorische Frage. Bis der 24. März 2020 kam, an dem bekannt wurde, dass die Olympischen Spiele in Tokio wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben sind. Plötzlich musste auch die Sportredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung innehalten und sich selbst diese Frage ganz ernsthaft beantworten. Ja, was wäre sie dann? Ohne Olympische Spiele ist sie nur schwer vorstellbar. Vielen Leistungssportlern ginge damit ihr wichtigster Traum verloren, vielen Sportreportern trotz aller Kritik an Funktionären und Fehlentwicklungen ihre wichtigste Inspirationsquelle. Also beschlossen die erfahrenen Olympia-Reporter der Zeitung, zum ursprünglichen Termin ihre eigenen Spiele abzuhalten. Sie gingen in sich und holten Erfahrungen hervor, die teilweise jahrzehntelang in ihrem Gedächtnis geschlummert hatten. Und siehe da: Ein Highlight nach dem anderen erwachte zu neuem Leben, von Tokio 1964 bis zum verschobenen Tokio 2020. Die gröbsten Entzugserscheinungen wurden so gelindert, und, wie sich an der Resonanz zeigte, nicht nur bei den Reportern, sondern auch bei vielen Lesern. Denn das Feuer brennt. Und zwar immer.

Im neuen Nationalstadion in Tokio hätten am 24. Juli 2020 rund 60000 Zuschauer die Eröffnungszeremonie der Sommerspiele der XXXII. Olympiade erleben können. Foto: picture alliance/AP Images
Dabei sein ist alles – Die Reporter
Wo ist meine Story?
Dabei sein ist alles. Improvisieren aber auch. Der klassische Olympia-Reporter ist ein Flaneur, der unermüdlich dazulernt und ständig auf der Suche nach Orientierung ist.
Von Roland Zorn
Die Versatzstücke des großen Sportkinos Olympia sind an jedem Wettkampftag dieselben: Es geht um Siege, Ehre, Medaillenglanz in einer Arena, die aufgeladen ist mit Gefühlen, Pathos, persönlichem plus nationalem Ehrgeiz. Übrig bleiben am Ende der möglichst dramatischen Konkurrenz aber auch die heldenhaften Verlierer, an die sich das Publikum noch Jahre später erinnert. Und natürlich Tausende Athleten, die ihren persönlichen olympischen Moment hatten, der die öffentliche Aufmerksamkeit nicht einmal streifte.
Mittendrin in dem Tag für Tag ähnlichen Unterhaltungsprogramm zwischen den Stars, die ihre goldenen Momente bis zur Neige auskosten, und den Komparsen, die zur Gesamtkomposition Olympischer Spiele als Farbtupfer des großen Ganzen gehören, suchen schreibende Reporter nach ihrer Geschichte zwischen der Unmittelbarkeit des Erlebten und dem Stoff, der jenseits der global transportierten Fernsehbilderflut zur individuellen Nachverwertung taugt. Für sie geht es darum, aus evidenten Dramen Geschichten zu machen, welche günstigenfalls den Tag überdauern, und aus peripheren Begegnungen Skizzen, die den Geist dieser ganz besonderen Sommer- und Winterfeste spiegeln.
Sie sind, mal beschreibend, mal erklärend, mal einordnend, mal kommentierend, Mittler zwischen den Schauplätzen, an denen sich das Spektakel unmittelbar, mal laut, mal leise, programmatisch verdichtet, und den weit entfernten Orten, an denen Leser die olympischen Showacts nacherleben wollen. Für manchen olympischen Begleiter aber, für den das Dabeisein bei den Spielen alles ist, empfiehlt es sich trotzdem, möglichst behutsam und nicht über die Maßen kennerhaft mit den Erlebnissen umzugehen, die jeder der fünfzehn Wettkampftage in Hülle und Fülle bietet. Das Gros der für eine solche panathletische Show akkreditierten Autoren ist mit der Fülle der olympischen Sportarten nicht allzu vertraut. Das kann auch Momente hervorrufen, die einem zunächst peinlich sind, wenig später aber ziemlich komisch vorkommen.
So erging es mir bei den Olympischen Winterspielen 1992 in Albertville. Da gewann zu seiner eigenen Überraschung der Berliner Eisschnellläufer Olaf Zinke die Goldmedaille im 1000-Meter-Rennen. Pech und Glück zugleich für mich, dass ich an jenem 18. Februar als einziger F.A.Z.-Reporter im nahen Pressezentrum war und, perplex wie Zinke selbst, dessen Sieg am Bildschirm erlebte. Olaf Zinke? Wie sieht der bloß aus, dachte ich auf dem Weg zur Eisschnelllauf-Arena über einen Olympiasieger nach, den ich nicht auf dem Schirm hatte. Auf den Sprinter Uwe-Jens Mey, der drei Tage vorher den 500-Meter-Lauf erwartungsgemäß gewonnen hatte, war ich vorbereitet. Er war schon zu DDR-Zeiten ein Star seiner Szene wie auch die über 3000 und 5000 Meter fast unschlagbare Erfurterin Gunda Niemann, die sich in Albertville ihren Weg zum Doppelgold bahnte. Seit Jahren vertraut mit der internationalen Eiskunstlauf-Elite, hatte ich mich vor der Reise in die Savoyer Alpen mit der Vita dieser nun für ganz Deutschland startenden Koryphäen ihres Sports beschäftigt. Über das Leben und die Laufbahn des Olaf Zinke aber wusste ich nichts.
Und das bekam ich auf Anhieb zu spüren, als ich kurz nach dessen goldenem Moment an der Freiluftarena L’Anneau de Vitesse ankam. Flugs sah ich auch einen Athleten im deutschen Trikot, der aber mit meinem Eingangssatz „Herr Zinke, herzlichen Glückwunsch zur Goldmedaille“ nicht viel anfangen konnte. Warum auch? Ich hatte den Falschen angesprochen: Peter Adeberg, der in Albertville Rang fünf belegte. Eher mürrisch wies der andere Berliner auf die Verwechslung hin: „Ich bin nicht Herr Zinke, Herr Zinke steht dort drüben!“ Aha. Also begann die Annäherung an einen Olympiasieger, der als Außenseiter in das Departement Savoyen gereist war und dort seinen schönsten Tag auf der Eisbahn erlebte, mit einem Ausrutscher. „Herr Zinke“ bekam davon nichts mit und parlierte munter über sich und seinen olympischen Feiertag.
So viel zur olympischen Begegnung zweier Überraschter. Dass ich, bei den Winterspielen wegen meiner Eiskunstlauf-Expertise oft eingesetzt, im selben Jahr auch noch bei den flirrenden Sommerspielen von Barcelona dabei sein durfte, kam mir wie ein großes Geschenk vor, weil ich schon vier Jahre zuvor in Seoul das hochintensive Gefühl ausgekostet hatte, zwei völlig überdrehte, kräftezehrende Wochen zwischen schierer Begeisterung über eine Fülle großartiger Leistungen und blankem Entsetzen über den Jahrhundert-Doping-Sündenfall Ben Johnson erlebt zu haben. Immer an einem Ort und doch stets mobil und woanders zu sein, ständig auf der Suche nach Orientierung bei sonst weniger im Rampenlicht glänzenden Disziplinen wie dem Ringen oder dem Sportschießen zu bleiben und zwischendurch bei den olympischen Superstars vorbeischauen zu dürfen, das kam mir als olympischem Gelegenheitsbeobachter wie der Blick durch ein riesiges Kaleidoskop vor.
Andererseits habe ich dann auch schnell gewusst, dass es für mich als journalistischen Flaneur entlang der olympischen Schaubühnen und Marktplätze nicht zuerst darum ging, immer mehr Knowhow über die Sportart X oder Y anzusammeln. Wichtiger war das Gespür für die Haupt- und Nebendarsteller der gigantischen Show und für das olympische Flair, das die einzelnen Wettbewerbe überstrahlte. Die südkoreanische Hauptstadt Seoul, nur fünfzig Kilometer entfernt von den koreanischen Brüdern aus Nordkorea, das damals die Spiele boykottierte und ähnlich bizarr-stalinistisch anmutete wie heute, nutzte ihre olympische Premiere vor allem dazu, um der Welt des Sports ein guter und auf alles präzise vorbereiteter Gastgeber zu sein. Seoul funktionierte.
Das zur Feier der Spiele um einen pittoresken Stadtstrand bereicherte und auf den genuinen Reiz dieser mediterranen Kapitale setzende Barcelona machte dagegen vier Jahre später aus der einmaligen Gelegenheit ein katalanisches Weltfest, das pure Lebensfreude und mediterranen Genuss an zwei Partywochen im Zeichen des Spitzensports verströmte. Die Stadt, die sich als Kontrapunkt zur spanischen Hauptstadt Madrid versteht, blühte, lebte und bebte rund um die Uhr, während Seoul und die dort versammelten Olympier zwischenzeitlich vom Skandal um den anabolaufgepeppten Sprinter Johnson erschüttert schienen. Barcelona dagegen verdiente sich an jedem seiner sonnigen Festtage eine Goldmedaille ob seines chronischen Stimmungshochs, das Menschen und Athleten auf dem gemeinsamen Weg auf einer Rolltreppe hoch zum Wettkampfolymp, dem Hausberg Montjuïc, mit seinen vielen Wettkampfstätten vom Olympiastadion zum Palau Sant Jordi, auskosteten. Dort fühlte auch ich mich in einem olympischen Flow: unermüdlich unternehmungslustig.
Beim Turnen, vor 28 Jahren noch eine der von mir begleiteten Kernsportarten, war ich zwar wie zu Hause, als ich den von sechs Goldmedaillen gesäumten Triumphzug des Weißrussen Witali Scherbo mit erkennbarer Begeisterung beschrieb. Fast wohler jedoch fühlte ich mich bei Sportarten, die ich bis dahin noch nie von nahem beobachtet hatte. Beim Fechten zum Beispiel, einem besonders raffinierten sportlichen Waffenkampfduell zwischen Attaque und Riposte, die ich am Fernseher nie und an der olympischen Planche nur schwer ergründen konnte. Wer da getroffen hatte oder schwer getroffen wurde, war für mich nur an den Lichtern zu sehen, die im Fall des Falles aufleuchteten. Was ich aber in Barcelona mitbekam, wo die deutschen Florettdamen die Goldmedaille durch eine 6:9-Finalniederlage gegen Italien verpassten, waren die auch jenseits der sportlichen Kampfbahn hörbaren Sticheleien zwischen der nach ihrer Mutterschaft gerade noch rechtzeitig zurückgekehrten Anja Fichtel-Mauritz, der zweifachen Olympiasiegerin von Seoul, und ihren Mitstreiterinnen, unter denen die Tauberbischofsheimerin Zita Funkenhauser eine besonders spitze Zunge hatte. Als fast alle Reporter nach dem Wettkampf den Star Anja Fichtel-Mauritz umlagerten, zischte Zita Funkenhauser: „Sollen sie doch alle zu ihr gehen. Ich werde auch mal Mutter. Aber knapp nach den Olympischen Spielen.“
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Eine deutsche Silbermedaillengewinnerin bei den Seouler Sommerspielen vier Jahre zuvor ging mit ihren Erfolgserlebnissen ohne große Worte ziemlich still um: die Radrennfahrerin Jutta Niehaus. Die Pedaleurin, die völlig überraschend Zweite im Straßenrennen wurde, erfüllte so gar nicht das Klischee der vom eigenen Triumph überrumpelten Medaillengewinnerin. „Ich komme mir vor wie nach einem normalen Rennen“, kommentierte die Rheinländerin ihren größten Tag als Sportlerin, als wäre sie bei einem Kriterium irgendwo in Deutschland Zweite geworden. Der Versuchung, Jutta Niehaus zu etwas mehr Begeisterung zu verhelfen, widerstand ich in jenen Momenten zum Glück. Reporter sollten den Respekt aufbringen, Athletinnen und Athleten auf der Suche nach dem eigenen Glücksgefühl bei sich selbst zu lassen.
Wie hell eine Bronzemedaille leuchten kann, erlebte ich in der Kabine der Olympiamannschaft des Deutschen Fußball-Bundes mit. Sie schaffte es 1988 als einzige aus der Bundesrepublik Deutschland, dank des 3:0-Sieges über Italien im Spiel um Platz drei, den Traum von Olympia zu einer Abenteuerreise mit Gewinn zu machen. Beseelt vom olympischen Geist und an den letzten Tagen beflügelt vom ganz besonderen Spirit des Olympischen Dorfs, genossen die zwei Jahre später als Weltmeister gefeierten Bundesligastars Frank Mill, Jürgen Klinsmann, Thomas Häßler und Karl-Heinz Riedle im Kreise ihrer Mannschaftskameraden ein Gemeinschaftsgefühl, das sie 1990 in noch intensiverer Weise beim Weltmeisterschaftstriumph in Italien umhüllte. Mill, der damals Kapitän der von Hannes Löhr trainierten Olympia-Auswahl war, schwärmt heute noch von zwei unvergesslichen Wochen in Südkorea. „Diese Eindrücke vergisst du nicht“, sagt er beim Blick zurück auf seine einprägsame olympische Episode.
Und so ergeht es auch olympischen Zeitungsreportern, die in ihrem steten Drang und Eifer zu einem Teil der olympischen Bewegung werden, mögen sie auch hier und da auf dem rastlosen Weg zwischen Nähe und Distanz zu den Protagonisten an ihre eigenen Grenzen stoßen und Sieger mit Besiegten verwechseln. Egal. Sie waren dabei und haben zu spüren bekommen, dass sie sich dem ganz besonderen Reiz dieses größten und atmosphärisch dichtesten Sportfest der Welt nicht entziehen können. Warum auch?
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2020, Nr. 170, S. 28
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Tokio 1964
„Ich muss, muss, muss!“
Willi Holdorf war der erste deutsche Olympiasieger im Zehnkampf. Sein Zusammenbruch nach dem 1500-Meter-Lauf 1964 in Tokio ist legendär geblieben.
Von Hartmut Scherzer
Wie betrunken torkelt Willi Holdorf auf den letzten zehn Metern. Der „Sterbende“, so die dramatische Metapher des französischen Journalisten Edouard Seidler in seiner preisgekrönten Reportage über die Olympischen Spiele 1964 in Tokio, taumelt quer über die Aschenbahn. Der wie ums Überleben kämpfende deutsche Athlet erreicht die Ziellinie hart an der Balustrade. Dann bricht er zusammen.
Der Este Rein Aun im roten Trikot der Sowjetunion hebt den Sieger auf, der nichts vom Goldgewinn weiß. Noch halb bewusstlos und noch immer schwankend, klammert sich Holdorf an ihn. Ich habe die Szene von der Pressetribüne im Medji-Nationalstadion aus beobachtet. Weil es ein „German final“ sei, hat der amerikanische Sportchef der Nachrichtenagentur United Press International (UPI) seinen deutschen Reporter zusätzlich – und erstmals – zu den Leichtathleten geschickt. „The balding German“ (balding = schütteres Haar) führt nach dem ersten Tag. „He could win.“ Chancen hatte auch Hans-Joachim Walde. Es ist der frühe Abend des 20. Oktober, kühl und feucht. Am Himmel hängt der gelbe Vollmond. Das Flutlicht ist eingeschaltet. Nur ein paar tausend schweigsame Japaner haben ausgeharrt. Deutsche Olympia-Teilnehmer und die Jungen und Mädchen des deutschen Jugendlagers machen sich lautstark bemerkbar.
„Es muss ein Sadist gewesen sein, der den mörderischen 1500-Meter-Lauf an das Ende des Zehnkampfes gesetzt hat“, kommentiert die Frankfurter Journalisten-Legende Richard Kirn die finale Qual. Seidler hat das „Happy End“ wunderbar beschrieben: „Aun sagt zu Holdorf: ,Olympic champion – you olympic champion.’ Holdorf sah ihn fragend an, blieb aber stumm und brach abermals zusammen. Aun wartete lange. Er blieb wie ein Wachposten bei seinem siegreichen und ausgepumpten Rivalen. Dann hob er ihn ein zweites Mal auf und sagte ihm noch einmal, dass er gewonnen habe. Holdorf verstand ihn jetzt und lächelte ihm zu. Von Aun gestützt ging er einige Schritte auf den Rasen zu, wo der alte Meister Yang noch immer ausgestreckt lag. Jetzt richtete auch er sich auf, er war vielleicht noch erschöpfter. Yang hängte sich bei seinem jungen Bezwinger ein, und beide wankten fest umschlungen und taumelnd auf den Ausgang zu. Der olympische Zehnkampf klang mit einem ,Ballett zweier Betrunkener’ aus.“
Yang Chuan-Kwang, 31 Jahre alt, startete für Formosa, wie Taiwan damals hieß, studierte und trainierte seit Jahren an der University of California in Los Angeles (UCLA). Rafer Johnson, der hünenhafte afroamerikanische Olympiasieger von 1960, war sein Trainingskamerad. C. K. Yang, Achter 1956 in Melbourne und Zweiter in Rom hinter seinem Freund, war der große Favorit gewesen. Für Tokio wurde aber kurzfristig eine neue Punktwertung eingeführt, um mehr Ausgeglichenheit bei den zehn Disziplinen zu schaffen.
Ungünstig für Yang, dessen Weltrekord von 9121 auf 8089 Punkte schrumpfte. Er konnte nicht länger seine Wurfschwäche durch seine Sprungstärke ausgleichen – wie mit 4,84 Meter (Bestleistung) im Stabhochsprung. Im Kampf um die Medaillen hatte er kaum noch Chancen und wurde auch nur Fünfter. Willi Holdorf siegte mit der persönlichen Bestleistung von 7887 Punkten – als erster Deutscher. Der Vorsprung vor Aun: knappe 45 Punkte. Er beendete die Hegemonie der Amerikaner, die seit 1932 alle sechs olympischen Zehnkämpfe gewonnen hatten. Großen Wert legte Holdorf stets auf den Vergleich, „dass ich auch nach der alten Wertung Olympiasieger geworden wäre“. Mit 8119 Punkten.

Willi Holdorf ist der „König der Leichtathleten“, mit 7887 Punkten gewann er die Goldmedaille im olympischen Zehnkampf. Über die Bronzemedaille freut sich ein weiterer Athleten der gesamtdeutschen Mannschaft: Hans-Joachim Walde. Silber ging an den für die Sowjetunion startenden Esten Rein Aun. Foto: picture alliance / dpa
Dank Satellitenübertragung schaut die Welt zu – erstmals sogar in Farbe.
Ausgerechnet in Yangs Spezialdisziplin, der drittletzten, droht Holdorf zu scheitern. Die Latte liegt in 4,10 Meter Höhe. Zweimal hat er sie heruntergerissen. Bei einem dritten Fehlsprung würden nur 3,70 Meter zu Buche stehen. Holdorf (Bestleistung 4,30 Meter) weiß: „Schaffe ich die Höhe nicht mehr, kann ich eine Medaille vergessen.“ Ihm sei „der Arsch auf Grundeis gegangen“, erzählte er mir bei einem Besuch in Achterwehr. Bundestrainer Friedel Schirmer habe ihm signalisiert, zum Anlauf den rechten Fuß zurückzunehmen. Walde, direkt bei ihm, rät: „Setze den rechten Fuß vor.“ Holdorf hört auf den Kameraden und genießt das „erlösende Gefühl, wenn man unten im Schaumgummi liegt und sieht, wie die Latte oben bleibt“.
Das Hightech-Zeitalter ist angebrochen. Durch Satellitenübertragung kann die ganze Welt zusehen – erstmals sogar in Farbe. Die vollelektronische Zeitmessung hat Premiere. Die aktuellen Zwischenstände im Zehnkampf aber müssen noch anhand der Wertungstabellen erstellt werden. Fieberhaft rechnen Schirmer und Heimtrainer Bert Sumser nach dem Speerwerfen die Situation vor dem 1500-Meter-Finale aus. Eine riskante Rechnung: Maximal 17 Sekunden – 14 wären sicherer – darf Holdorf langsamer sein als Aun. Bei 18 Sekunden ist der Este Olympiasieger.
Wer könnte das nun folgende Drama besser schildern als Willi Holdorf? In seinem 1965 erschienenen Buch „König der Athleten“ lässt er den Leser mit ihm leiden, sich quälen – und kämpfen: „Ich nehme gleich die Spitze, achte auf gleichmäßige, raumgreifende Schritte. Natürlich versuche ich, das Tempo zu drosseln. Ich spüre noch den Stabhochsprung in den Beinen. Doch Aun merkt sofort, was ich versuche, und geht vorbei. Er will ,sein’ Tempo laufen. Ich spüre, wie gegen Ende der ersten Runde meine Kräfte nachlassen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich die restlichen zweieinhalb Runden noch schaffen soll. Hans-Joachim geht vorbei. Damit nimmt er mir den Wind. Bei 800 Meter sehe ich Aun weit vorn. Wenn ich noch gewinnen will, muss ich unbedingt zulegen. Bei jedem Schritt spüre ich die Schwere meines Körpers. Doch ich muss schneller werden – ich muss, muss, muss! Hans-Joachim macht mir Platz. Ich gehe vorbei. Ich höre weder die Rufe der Zuschauer noch die Zeit, die mir mein Trainer zuruft. Ich sehe nur noch Aun. Leicht wie eine Feder läuft er vor mir her. Nein, er fliegt. Es ist wie ein Wunder – die Entfernung bleibt konstant. Das gibt mir Auftrieb. Jetzt wird die letzte Runde eingeläutet. Wir haben etwa 100 Meter Abstand. Ich sehe, wie der Russe schneller wird. Ich versuche, den Abstand zu halten. Meine Beine sind schwer wie Blei. Ich muss mich zu jedem Schritt zwingen.“
In Tokio beendet Holdorf seine Karriere, was er später bereut.
„Plötzlich finde ich mich auf der Zielgeraden wieder. Eben verschwindet Aun im Ziel. Meine letzte Chance. Ich werfe den Kopf zurück und versuche einen Endspurt. Kurz vor dem Ziel verlassen mich die Kräfte. Ich wanke schräg hindurch – sehe die Bahn auf mich zukommen und falle der Länge nach hin. Ich kann es nicht fassen. Das Rennen ist zu Ende. Ich bin erlöst. Ich will liegen, nur liegen und mich ausruhen.“ Der Rückstand: 12 Sekunden, die Gold wert sind.
Zur anschließenden Siegerehrung – barfuß nach Zehnkämpfer-Brauch und ohne Trainingsanzug – springt Holdorf aufs Treppchen, rutscht aus und wäre fast auf Willi Daume gestürzt. Der deutsche Spitzenfunktionär hängt ihm die Goldmedaille um den Hals, dann Rein Aun das silberne und Hans-Joachim Walde das bronzene Schmuckstück. Horst Beyer, der Sechste, schwärmt: „So schön hat Musik noch nie in meinen Ohren geklungen, wie Beethovens Ode an die Freude.“ Die Mannschaft trat 1964 noch gesamtdeutsch auf, mit neutraler Hymne und Fahne (die olympischen Ringe auf Schwarz-Rot-Gold). Auf der anschließenden Pressekonferenz – eine eher interne deutsche Plauderrunde – fragt Holdorf plötzlich: „Wo ist Aun?“ Der Este fühlte sich nicht gefragt und war davongeschlichen.
In Tokio beendete Willi Holdorf mit 24 Jahren seine Karriere, was er vier Jahre später in Mexiko bereute: „Die neue Kunststoffbahn wäre mir entgegengekommen. Ich war ja ein bisschen schwer und habe tiefe Löcher in die Aschenbahn getreten.“ Dennoch gewinnt er 1968 eine Silbermedaille – als Leverkusener Trainer von Claus Schiprowski im Stabhochsprung. Von da an zieht sich die Zwei als rote Zahl durch sein bewegtes Leben: zwei Ehen, zwei Söhne, zwei Diplome (Sport- und Fußball-Lehrer), EM-Zweiter im Zweierbob, zwei Schlaganfälle, zwei Knieoperationen, zwei neue Gelenke. Die außergewöhnliche Eins steht für den Bundesliga-Trainer von Fortuna Köln.
Der Zehnkampf, klagte Holdorf, habe leider an Bedeutung verloren.
Willi Holdorf ist am 17. Februar 2020 80 Jahre alt geworden. „Ich habe achtzig Jahre lang Glück und Spaß gehabt. Da kann es mir jetzt auch mal nicht so gut gehen“, sagte er am Telefon, als wir uns vier Monate später für den 29. Juni um 11 Uhr bei ihm zu Hause in Achterwehr bei Kiel verabredeten. Wir kannten uns näher, seit er von 1965 bis 1967 in dem Taunusort Ober-Erlenbach lebte, als Immobilienmakler den Lebensunterhalt für seine Familie verdiente und für die „SGO“ in der Bezirksliga Rechtsaußen spielte.
Ländliche Idylle umgibt das Dorf vor den Toren Kiels. Die weiße Traumvilla am Ende der abschüssigen Straße überstrahlt die dunkelroten Klinkerhäuser. Danach grünt nur noch weite Natur. Holdorf, als Sportler und Trainer ein Leverkusener, war bekennender Holsteiner. Geboren in Blomesche Wildnis bei Glückstadt an der Elbe, verbrachte er seinen Lebensabend mit seiner zweiten Frau Sabine in der Abgeschiedenheit und Beschaulichkeit von Achterwehr. Er legte zum Gespräch im großräumigen, hellen Wohnzimmer mit Panoramafenster ein Buch auf den Couchtisch, das im Oktober 2014 zum 50. Jahrestag seines historischen Triumphes von Tokio erschien. „Der Titel gefällt mir nicht“, sagte er. „Da steht die Welt still.“ Ein Zitat, das Holdorf im Interview mit dem Autor so dahingesagt hatte.
Das Gesicht war hager und ernst. Kaum ein Lächeln. An den epischen Wettkampf 1964, an jedes Detail, konnte er sich erinnern, „als wäre es gestern gewesen“. Er redete klar, aber ohne Emotion. Mit seiner Frau wollte er zu „Tokyo 2020“ fliegen. Wegen Niklas Kaul, weil er dem Weltmeister zutraute, nach 56 Jahren als dritter Deutscher – nach ihm und Christian Schenk 1988 für die DDR – Olympiasieger zu werden.
Der Zehnkampf habe leider an Bedeutung verloren, klagte Holdorf. Wie wahr: Der zweite Sieg des Amerikaners Ashton Eaton in Rio 2016 ging völlig in der Erwartung des 200-Meter-Finales mit Usain Bolt unter. Doping? „Ich bin froh, dass zu unserer Zeit das kein Thema war.“ Der Amateurstatus war das Problem.
Nach einer knappen Stunde fragte ich nach seiner Gesundheit. Die Antwort war ein Schock. „Nicht so gut. Ich habe ein Karzinom am Übergang der Speiseröhre zum Magen. Ich werde künstlich ernährt. Das kannst du ruhig erwähnen.“ Den Krebs, vor einem Jahr erkannt. Willi Holdorf nahm sein Schicksal sehr gefasst. „Meine Frau macht sich mehr Sorgen als ich. Die meisten schaffen die achtzig nicht. Ich bin der Einzige der ersten sechs von Tokio, der noch lebt. Von dem Amerikaner Herman weiß ich das allerdings nicht.“
Zum Abschied umarmte ich Willi Holdorf auf dem Sofa und flüsterte ihm ins Ohr: „Kämpfe wie vor 56 Jahren!“ Er antwortete ruhig: „Ja. Wenn es geht, will ich nächstes Jahr zu den Olympischen Spielen nach Tokio fliegen.“ Er starb an einem Sonntagabend, nur fünf Tage nach meinem Besuch.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2020, Nr. 155, S. 30
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Mexiko-City 1968
Der schwarze Anti-Rebell
1968 in Mexiko-City, als bei Protesten Menschen starben, als Smith und Carlos die Fäuste erhoben, stolzierte Olympiasieger George Foreman mit Stars and Stripes durch den Ring.
Von Hartmut Scherzer
Die weltweiten Demonstrationen der „68er“ flauten auch vor den Spielen der XIX. Olympiade nicht ab. Die wochenlangen Studentenunruhen in Mexiko-Stadt endeten in einem Blutbad am 2. Oktober 1968, zehn Tage vor der Eröffnung. Wie perfide: Mit einem Massaker sicherte die eigens geschaffene Eliteeinheit „Batallón Olimpico“ den olympischen Frieden. Auf der Plaza de las Tres Culturas im Stadtteil Tlatelolco starben Hunderte Menschen. Eine genaue Zahl der Getöteten existiert bis heute nicht. IOC-Präsident Avery Brundage, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, verließ sich in Zeiten des Aufruhrs auf das Wort der Regierung: „Wir haben die Zusicherung erhalten, dass die Wettbewerbe durch nichts gestört werden.“ Wie die Sicherheit hergestellt wurde, interessierte ihn offensichtlich nicht. Hauptsache: The games can start.

Die mexikanische Leichtathletin Enriqueta Basilio war die erste Frau in der olympischen Geschichte, die das Olympische Feuer entzündete: am 12. Oktober 1968 während der Eröffnungsfeier im Estadio Olímpico Universitario. Foto: picture-alliance / dpa
Die Proteste der „68er-Bewegung“ gegen den Krieg in Vietnam, gegen Rassismus nach der Ermordung Dr. Martin Luther Kings am 4. April 1968 und gegen all die anderen Ungerechtigkeiten dieser Welt blieben nicht außen vor. Die Auflehnung stieg stumm, in schwarzen Socken, mit gesenktem Haupt und gen Himmel gereckter Faust im schwarzen Handschuh auch aufs Medaillen-Podest des Estadio Olimpico. Während der Siegerehrung für den 200-Meter-Lauf, bei Hymne und Hissen der Flaggen, demonstrierten die amerikanischen Gold- und Bronzemedaillengewinner, Tommie Smith und John Carlos, „Black Power“. Die schwarzen Sprinter bekannten sich zur radikalen Form der ansonsten friedlichen Bürgerrechtsbewegung. Smith und Carlos wurden aus der Mannschaft und dem Dorf geworfen. Sie mussten innerhalb von 48 Stunden das Land verlassen.
Für die einen bedeutet die schweigende Empörung ein allzeitiges Athleten-Symbol für mutigen Widerstand. Für andere war die Demonstration von Mexiko respektlos, ja sogar Verrat. „Eines ist sicher: Das Bild bleibt unvergessen“, schrieb die „New York Times“ vier Jahrzehnte später zum „andauernden Disput“. Die Protest-Szene von Smith und Carlos steht als Denkmal in Lebensgröße auf dem Campus ihrer Universität San José State.
Zur patriotischen Gegendemonstration fühlte sich zehn Tage danach ein gewisser George Foreman berufen. Der neunzehnjährige Hüne aus Houston, Texas, hatte im Schwergewichtsfinale des Boxturniers den Russen Ionas Tschepulis nach Strich und Faden verprügelt. Dieser schwarze Olympiasieger stolzierte mit einem Stars-and-Stripes-Fähnchen in der rechten Pranke durch den Ring und verbeugte sich nach allen vier Seiten. Das Image vom „Uncle Tom“ störte Foreman nicht.
Im Gegenteil: „Ich liebe diese Fahne und diese Hymne“ – mit diesen Worten sollte der zweimalige Profiweltmeister ein halbes Jahrhundert später während der allgemeinen Diskussionen um den Kniefall des Football-Stars Colin Kaepernick sein patriotisches Bekenntnis wiederholen. Den gegen Rassismus und Polizeigewalt protestierenden Quarterback der San Francisco 49ers schimpfte der ehemalige Boxchampion und bekennende Donald-Trump-Anhänger einen „sore loser“. Der „schlechte Verlierer“ hatte in der National Football League (NFL) der Hymne und Fahne den Respekt verweigert, indem er während der traditionellen Zeremonie vor den Spielen auf einem Bein kniete.
Zwischen den Black-Power-Fäusten von Smith/Carlos am 16. Oktober 1968 und dem Kniefall Kaepernicks am 1. September 2016 führte George Foreman (Jahrgang 1949/10. Januar) im krassen Kontrast zu Muhammad Ali das nach dem „Größten“ außergewöhnlichste Leben eines Champions in der Geschichte des Schwergewichtsboxens. Der historische „Rumble in the Jungle“ in Kinshasa (30. Oktober 1974), wo „Big George“ den Weltmeistertitel durch K.o. in der 8. Runde an Ali verlor, verkümmert in seiner bewegenden Biographie fast zur Randgeschichte. Nach seinem Übertritt zu den Profis hatte der Gigant mit seiner urwüchsigen Kraft alles umgehauen, am 22. Januar 1973 in Kingston, Jamaika, den Ali-Bezwinger Joe Frazier in den ersten beiden Runden sechsmal zu Boden geschlagen und war Weltmeister geworden.
Es ist der 17. März 1977. Unerträgliche Hitze hat das Roberto Clemente Coliseum in San Juan, Puerto Rico, in einen Backofen verwandelt. George Foreman verliert den Kampf, den sechsten seines Comebacks, gegen Jimmy Young über zwölf Runden einstimmig nach Punkten. Als der völlig erschöpfte Boxer in der Kabine, auf einer Pritsche liegend, nach Atem ringt, glaubt er, zu sterben. Foreman verfällt in Halluzinationen und behauptet anschließend: „Jesus Christus ist mir erschienen. Es hat mich zerrissen, kein Christ zu sein. Ich bin wirklich gestorben. Nach einigen Momenten kam das Leben in mir zurück.“
Aus dieser Sinnestäuschung heraus, die für ihn keine war, zieht der erst 28-Jährige eine radikale Konsequenz und überrascht die Sportwelt mit seinem sofortigen Rücktritt. Foreman gründet in einem Armenviertel von Houston eine Kirchengemeinde, „The Church of The Lord Jesus Christ“. Der Profiboxer wird Laienprediger (Christian Minister) und zieht in den folgenden zehn Jahren keinen Boxhandschuh mehr an. Die Rückkehr 1987 begründet er mit finanziellen Schwierigkeiten für seine Kirche und das von ihm gegründete Jugendzentrum. Er will Teenager davor bewahren, was auch ihm einst drohte: auf die schiefe Bahn zu geraten. „Big George“ ist noch „bigger“, wiegt bei einer Größe von 1,92 Meter massige 121 Kilo, als er am 9. März 1987 in den Ring zurückkehrt und in der Folge zwei Dutzend „tomato cans“ (Fallobst), wie die amerikanische Presse spottet, k.o. schlägt.
Einem imponiert der drollige Glatzkopf mit den schlagharten Fäusten und schlagfertigen Sprüchen: Donald Trump. Der New Yorker Immobilien-Mogul war ins Casino- und Boxgeschäft eingestiegen, „to make Atlantic City great“ – mit Mike Tyson als Attraktion für die Zocker im Trump Plaza Hotel and Casino. Als Tyson seinen Titel sensationell in Tokio verlor, Evander Holyfield inzwischen Champion wurde, Trumps geplanter WM-Kampf Holyfield-Tyson platzte, weil der Herausforderer wegen Vergewaltigung zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde, erfand der heutige amerikanische Präsident „The Battle of the Ages“: Evander Holyfield, 28 Jahre alt, gegen den 42-jährigen George Foreman. Datum: 19. April 1991. Ort: Das Convention Center direkt neben dem Trump Plaza in Atlantic City. Die garantierte Börse: 12,5 Millionen Dollar für Foreman. Donald Trump habe ihn damals vor dem Bankrott gerettet, erzählt der 71-Jährige in jeder Talkshow: „Dafür bin ich ihm ewig dankbar. Donald Trump ist ein guter Präsident.“
Die Punktniederlage Foremans nach zwölf Runden wurde hymnischer gewürdigt als jeder seiner Siege. Zum „Volkshelden“ erklärte die Zeitung „Philadelphia Inquirer“ den „Oldie“, dessen nicht für möglich gehaltenes Durchstehvermögen Fernsehkommentatoren als „historisches Ereignis“ priesen. Auf der Pressekonferenz predigte der humorvolle Ring-Methusalem, ganz „Reverend“: „Ich habe aller Welt bewiesen, dass sich niemand zu schämen braucht, ein älterer Mensch zu sein.“ Alte Paare sollten „wieder Rock ‚n’ Roll tanzen“. Demonstrativ war Foreman in den Pausen stehen geblieben und verzichtete „auf das Vorrecht alter Leute, sich zu setzen“. Die beiden Schwellungen um beide Augen machten sein breites Gesicht noch breiter – und sein Grinsen. Er kündigte seinen Rückflug nach Houston noch in der Nacht an: „Ich muss mich auf die Sonntagspredigt vorbereiten. Aber ihr habt mich nicht zum letzten Mal im Ring gesehen. Ich werde zurückkehren.“
Und wie! Am 5. November 1994 schlägt Foreman in Las Vegas, uneinholbar nach Punkten zurückliegend, den WBA/IBF-Weltmeister Michael Moorer in der 10. Runde mit einem rechten Donnerschlag k.o. und wird zwanzig Jahre nach der Niederlage gegen Ali wieder Weltmeister. Mit 45 Jahren und 67 Tagen geht George Foreman als ältester Champion des Schwergewichts in die Geschichte ein. Durch ein Fehlurteil behält er am 22. April 1995 in Las Vegas gegen Axel Schulz den IBF-Titel, den er anschließend niederlegt. Foreman boxt noch dreimal, letztmals am 22. November 1997, und verliert in Atlantic City gegen Shannon Briggs nach Punkten. Da ist er fast 48 Jahre alt. Sein Kampfrekord zwischen 1969 und 1997: 76 Siege, davon 68 durch K.o., fünf Niederlagen, davon eine durch K.o.
Nach seinem endgültigen Rücktritt vom Ring wurde der populäre Boxer smarter Verkäufer. Vor allem verstand es der charmante Koloss glänzend, sich selbst zu verkaufen. Der fünfmal verheiratete (einmal mehr als Ali) Vater von zehn Kindern (eines mehr als Ali) verkaufte sein abwechslungsreiches Familienleben 2008 ans Fernsehen für eine sechsteilige Reality-Serie: „The Foreman Family“. Seine fünf Söhne heißen alle George. Mit seiner fünften Frau seit 1985, Mary Joan, hat er die fünf gemeinsamen Kinder, zwei Töchter und George IV, V und VI, großgezogen. Der von ihm vermarktete, fettabsaugende Foreman-Elektro-Grill soll seit 1996 an die 100 Millionen Mal verkauft worden sein. “I am a grillionaire”, rühmt sich der clevere Geschäftsmann. Und George Foreman verkauft Donald Trump: “President Trump is the most down-to-earth guy.”
Der Plattform „The Undefeated“ des einstigen Box- und Football-Kolumnisten der Zeitung „USA Today“, Jon Saraceno, sagte George Foreman in einem Interview zum 50. Jahrestag seines Olympiasiegs am 26. Oktober 2018 mit einem Lachen; „Ich würde es wieder tun. Nur würde ich dann zwei Fähnchen schwenken.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2020, Nr. 171, S. 36
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München 1972
Leuchten und Dunkelheit
Am Morgen will ich beschwingt über Ulrike Meyfarths Triumph schreiben. Da treffen die ersten Nachrichten von der Geiselnahme in München ein.
Von Steffen Haffner
Lang, lang her! Doch immer, wenn das Kürzel „München 1972“ auftaucht, läuft in meinem Kopf ein Film ab. Blenden wir zurück auf den 4. September. Gut eine Woche schon haben wir mit Olympia gelebt, haben bis jetzt unter einem konstant weißblauen Himmel die Spiele genossen. Es sollen heitere Spiele werden, ist das Diktum von Willi Daume, dem Vater der Münchner Spiele. Die Welt soll ein neues, unverkrampftes Deutschland erleben. Aus der Brache im Münchner Norden ist eine vielfältige Landschaft entstanden. Im zentral gelegenen Olympiapark haben sich schon vierzig Vogelarten eingenistet.
Ich bin Stammgast im Olympiastadion. Hier schlägt mit der Leichtathletik das Herz der Spiele. Unter dem luziden Zeltdach Günter Behnischs feiern täglich 80 000 Zuschauer ohne fanatische Töne das Fest Olympia. Das Publikum lässt die Irin Mary Peters, die Weitsprungsiegerin Heide Rosendahl im Fünfkampf auf Platz zwei verwiesen hatte, mit Sprechchören hochleben. Und den erfolgreichen DDR-Athleten wird so fair applaudiert, als wäre dies trotz aller politischer Spannungen selbstverständlich. Doch bei aller Fairness: Es gibt nichts Schöneres, als die „eigenen“, die bundesdeutschen Athleten siegen zu sehen. Und das war am Tag zuvor in einem ungewöhnlichen Maße gelungen. Hildegard Falck stürmte über die 800 Meter der Konkurrenz voraus. Der nur 1,76 Meter große Klaus Wolfermann schleuderte den Speer zwei Zentimeter weiter als der für die Sowjetunion startende Lette Janis Lusis, seines Zeichens Olympiasieger und Weltrekordler. Und der Geher Bernd Kannenberg erschien nach 50 Kilometern Hitzemarsch als Erster im Stadion. Die Arena erbebte in freudiger Erregung. Dreimal Gold in einer Stunde!
Heute verspricht das Programm keine (bundes-)deutschen Medaillen. Alle erwarten, dass „unsere“ Hochspringerinnen, zum Beispiel, nicht mit den Favoritinnen werden mithalten können. Die knapp zwanzigjährige Renate Gärtner, zweimalige deutsche Meisterin, steht für solides Mittelmaß. Von der siebzehnjährigen Ellen Mundinger, die vor einem Jahr hier in München den deutschen Titel gewann, sind auch keine Supersprünge zu erwarten. Und schon gar nicht von der Jüngsten, der sechzehnjährigen Ulrike Meyfarth. Die Gymnasiastin aus Wesseling bei Köln ragt allenfalls mit ihrer Länge von 1,86 Metern heraus.
14.20 zeigt die Uhr, als 23 Hochspringerinnen in das grelle Licht der Arena treten. Alle haben sie in der sogenannten Qualifikation die ominöse Querlatte mit einer Höhe von 1,76 Metern überwunden. Es gehört Mut dazu, die Hochsprunglatte anzuspringen wie einen Gegner. Und besonders verwegen ist es, rücklings einen Blindflug ins Ungewisse zu wagen. Unter jungen Mädchen ist dieser Fosbury-Flop, benannt nach dem Olympiasieger von 1968, populär geworden. Auch die deutschen Teenager Meyfarth und Mundinger springen auf diese Weise. Die Favoritinnen Jordanka Blagoewa aus Bulgarien, Rita Schmidt aus der DDR und die österreichische Weltrekordlerin Ilona Gusenbauer, alle schon über 20, halten sich nach wie vor an den bewährten Straddle- oder Tauchstil, bei dem der Körper sich in Querlage um die Latte dreht.
Nach drei Stunden Wettkampf haben fünfzehn Springerinnen 1,82 Meter, nach dreieinhalb Stunden sieben 1,85 Meter geschafft. Und zur allgemeinen Verwunderung ist als einzige Westdeutsche Ulrike Meyfarth noch dabei. 1,85 Meter – das ist bundesdeutscher Rekord. Was ist denn nur los mit der langen Rheinländerin? Der Beifall für sie zeigt: Die 80 000 werden neugierig. Die Höhe von 1,88 Meter wird aufgelegt. Die Spannung steigt. Dann beginnen die Ovationen. „Meyfarth! Meyfarth!“ Medaillenträume werden wach. Und tatsächlich: Die Sechzehnjährige überspringt die Höhe, hat Bronze sicher. Nach vier Stunden sind nur noch drei Springerinnen unter sich: Ilona Gusenbauer, Jordanka Blagoewa und – Ulrike Meyfarth. Unfassbar! Eben noch als Außenseiterin eine Randfigur, steht die Jüngste nun im Zentrum des Interesses – der Zuschauer im Stadion und vieler Millionen Fernsehzuschauer.
1,90 Meter: Eine nach der anderen reißt die Latte. Die Hürde zum Glück scheint einfach zu hoch zu sein. Die Spannung knistert. Der zweite Versuch: Ulrike Meyfarth läuft entschlossen an und fliegt, beflügelt vom Aufwind der Begeisterung, über die Latte. Grenzenloser Jubel des staunenden Publikums. Neben uns erhebt sich feierlich Bruno Dechamps, der vornehm-zurückhaltende Mitherausgeber dieser Zeitung, und spendet mit leuchtendem Gesicht Beifall. Der dritte, der letzte Versuch: Alles wartet auf Jordanka Blagoewa. Die Bulgarin springt genauso hoch. Doch streift ihr Körper die Latte ganz leicht, sie vibriert und fällt doch noch herunter. Kurz darauf springt Ilona Gusenbauer entmutigt gegen die Latte. Die Spiele haben ihre Sensation: eine Sechzehnjährige ist Olympiasiegerin.
Ulrike Meyfarth schlägt die Hände vors Gesicht, das gleich darauf ein glückliches, erstauntes Lachen überzieht. Doch damit nicht genug, lässt sie die Latte auf 1,92 Meter legen: Ilona Gusenbauers Weltrekord. Und mit wunderbarer Leichtigkeit nimmt sie auch diese Hürde. Die chancenlos scheinende Außenseiterin ist Olympiasiegerin und Weltrekordlerin. Eine Berühmtheit, die noch nicht ahnt, dass Ruhm Lust und Last zugleich ist.
Am anderen Morgen sehen wir dem neuen Tag beschwingt entgegen. Ich werde gleich den Triumph Ulrike Meyfarths journalistisch nachfeiern. Doch schlimme Gerüchte stören unsere Hochstimmung: In der vergangenen Nacht sei die israelische Olympiamannschaft überfallen worden. Nein, bitte nicht! Beklommen laufe ich hinüber zum Pressezentrum. Hier reißt mich die schreckliche Wahrheit aus meinem olympischen Traum.
Palästinensische Terroristen der Gruppe „Schwarzer September“ sind in den frühen Morgenstunden in das Quartier der israelischen Olympiamannschaft eingedrungen. Sie haben einen Gewichtheber erschossen und einen Trainer der Ringer so schwer verletzt, dass er kurz darauf stirbt. Neun Athleten sind in der Gewalt der Geiselnehmer. Entsetzen breitet sich aus und erfasst die ganze Welt. Um 4.30 Uhr waren die Terroristen in Trainingsanzügen und mit Sporttaschen, vermutlich voller Waffen, über den Maschendrahtzaun geklettert, wie zwei Postbeamte, die Telefonleitungen überprüften, beobachtet hatten. Sie dachten, es wären Sportler, die den Zapfenstreich überschritten hätten. Das Olympische Dorf ist nicht allzu streng bewacht: ganz nach den Vorstellungen der Gastgeber, der Welt das Bild eines friedfertigen Deutschlands zu bieten. Eine verhängnisvolle Fehleinschätzung!
Im Foyer des Pressezentrums flimmern Live-Bilder vom Dressurreiten und vom Boxen über die Fernsehschirme. Daneben verliest Regierungssprecher Conrad Ahlers eine Erklärung zum Geiseldrama. Ich kann es kaum ertragen, dass im Schatten des Schreckens weiter Sport getrieben wird. Um 15.35 Uhr werden die Wettkämpfe endlich ausgesetzt. Für immer?
Gemeinsam mit zahlreichen anderen Reportern beobachte ich von einem Damm aus das Haus Connollystraße 31. Hier sind die israelischen Athletinnen und Athleten gefangen, zwischen Todesangst und verzweifelter Hoffnung. Als Sportler und Ordner getarnte Sicherheitskräfte gehen auf den umliegenden Dächern mit ihren Gewehren in Stellung. Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher verhandelt auf einem Balkon mit einem Mann mit breitkrempigem Hut, wohl dem Chef des Terrorkommandos. Genscher, Walther Tröger, der Bürgermeister des Olympischen Dorfs, und Münchens Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel haben sich, wie zu hören ist, zum Austausch mit den Geiseln angeboten. Vergebens!
Im Transistorradio kommt die Nachricht, die Geiselnehmer forderten, dass 200 inhaftierte Palästinenser und die beiden RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof sofort freigelassen würden. Dazu freies Geleit. Die Regierungen in Tel Aviv und Bonn hätten die Forderung abgelehnt. Mittlerweile ist alles in Dunkelheit gehüllt. Nur einige Lampen tauchen das Haus der Geiseln in schummriges Licht. Gegen 22 Uhr rollt ein Bus der Bundeswehr in die Autoebene, auf die ich freien Blick habe. Die Spannung steigt. Was wird jetzt geschehen? Wird geschossen werden? Eine Gruppe von vierzehn Personen kommt durch einen Versorgungsschacht, eskortiert von einem Mann mit Maschinenpistole. Es müssen die neun Geiseln und fünf Terroristen sein. Alle steigen in den Bus, der gleich losfährt. Um 22.15 Uhr sind über dem Olympischen Dorf Helikopter zu sehen. In einem werden die israelischen Sportler sein. Unsere Hoffnungen begleiten sie. Und tatsächlich: Während der Taxifahrt hinüber zum Pressezentrum kommt im Radio die Nachricht: „Alle Geiseln sind befreit!“ Gott sei Dank!

Die Gedenkstätte „Einschnitt“ für die Opfer des Olympia-Attentats vom 5. September 1972 wurde nach langer Diskussion am 6. September 2017 im Münchner Olympiapark von Israels Staatspräsident Reuven Rivlin und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Beisein von Hinterbliebenen eröffnet. Foto: picture alliance / Sven Hoppe/dpa
Doch das Gefühl des Glücks währt nicht lange. Mein Kollege Thomas Meyer von der politischen Redaktion und andere Reporter, die vom Militärflughafen Fürstenfeldbruck zurückkehren, berichten, wie sie aus der großen Distanz der Absperrung das Geknatter automatischer Handfeuerwaffen und den Knall einer Explosion gehört hätten. Weit nach Mitternacht kommt in einer gespenstischen Pressekonferenz die grausame Wahrheit ans Licht: Alle Geiseln sind ums Leben gekommen. Elf junge Menschen aus Israel ermordet. Daume, Genscher, tausend Journalisten und viele Millionen in der ganzen Welt verfallen in eine Schockstarre des Schreckens.
Erst am anderen Tag wird das Ausmaß der gescheiterten, dilettantischen Befreiungsaktion offenbar. Und ein ausgebrannter Hubschrauber wird zum Symbol des Desasters. Nur wenige Stunden nach der nächtlichen Pressekonferenz verwandelt sich das Olympiastadion in eine Stätte der Trauer. Auf dem Rasen sind die Särge mit den Leichen der elf israelischen Sportler aufgebahrt. Es werden bewegende Reden gehalten. Shmuel Lalkin, der Chef de Mission der israelischen Mannschaft, verspricht nach Worten emotionaler Erschütterung: „Ich darf Ihnen hier versichern, dass die Sportler Israels … auch weiterhin an olympischen Wettkämpfen … teilnehmen werden.“ Dann sagt IOC-Präsident Avery Brundage den zukunftweisenden Satz: „The games must go on!“ Wir jungen Reporter empfinden diese Forderung im Angesicht der ermordeten Sportler als Zumutung.
Die Olympischen Spiele „danach“ wirken so leblos, als hätte ihnen jemand den Strom abgestellt. Nur einmal kehrt die Begeisterung zurück. Beim mitreißenden Duell in der Sprintstaffel zwischen den Schlussläuferinnen Heide Rosendahl und Renate Stecher, der zweifachen DDR-Olympiasiegerin, vergesse ich für ein paar Minuten den Albtraum.
Heute, fast ein halbes Jahrhundert danach, sind in mir die düsteren Bilder von München noch lebendig. Doch über die Szenen des Schreckens und der Trauer triumphiert in meiner Erinnerung das glückliche Lachen eines jungen Mädchens.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.07.2020, Nr. 30, S. 31
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Darmowy fragment się skończył.