Czytaj książkę: «Erhoffte Hoffnungslosigkeit»
Die Frage des Tagebuchs ist zugleich die Frage des Ganzen, enthält alle Unmöglichkeiten des Ganzen. In der Eisenbahn überlegte ich es unter dem Gespräch mit P. Es ist unmöglich, alles zu sagen und es ist unmöglich, nicht alles zu sagen. Unmöglich die Freiheit zu bewahren, unmöglich sie nicht zu bewahren.
Franz Kafka
Frank Witzel
Erhoffte
Hoffnungslosigkeit
METAPHYSISCHES
TAGEBUCH
II

L’espérance n’est qu’un charlatan qui nous trompe sans cesse. Et, pour moi, le bonheur n’a commencé que lorsque je l’ai eu perdue. Je mettrais volontiers sur la porte du paradis, le vers que le Dante a mis sur celle de l’enfer : Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate.
Nicolas de Chamfort
Die Übersetzung aller fremdsprachigen Zitate
findet sich im Anhang.
Inhalt
2018
11.12.2018
12.12.2018
13.12.2018
14.12.2018
15.12.2018
16.12.2018
17.12.2018
18.12.2018
19.12.2018
20.12.2018
21.12.2018
22.12.2018
2019
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16.04.2019
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22.04.2019
24.04.2019
25.04.2019
29.04.2019
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27.05.2019
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03.06.2019
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2020
31.01.2020
01.02.2020
16.02.2020
17.02.2020
24.02.2020
26.02.2020
27.02.2020
ÜBERSETZUNG DER FREMDSPRACHIGEN ZITATE
AUSGEWÄHLTE LITERATUR
2018
11.12.2018
Frühmorgens im Bett: Ich versuche mich von dem Gedanken, verrückt zu werden, eigentlich bereits verrückt zu sein, zu befreien, indem ich mir alles, was gerade geschieht, so erzähle, als sei es bereits geschehen. Es ist eine Art Automatismus. Mir fällt nichts Besseres ein. Das Erzählen macht mich müde. Ich hoffe, noch einmal einzuschlafen und wieder »normal« zu erwachen.
Mein »Wahnsinn« (Anführungszeichen, weil ich natürlich der Meinung bin, so lange nicht wirklich wahnsinnig zu sein, solange ich noch darüber schreiben kann) hat kein Narrativ, sondern zeigt sich als Bild: Es ist eine breite Fläche, eine Art große Scheibe. Ich sehe diese Scheibe, obwohl mir gleichzeitig jegliches Raumgefühl abhandengekommen zu sein scheint. Ich bemerke das Fehlen dieses Raumgefühls, das ich doch zur Wahrnehmung (als Apriori) benötige, und frage mich, wie ich diese Scheibe dennoch sehen oder mir vorstellen kann. Ich sehe folglich etwas, das reine Vorstellung ist. Und genau das erscheint mir eine Definition von Wahnsinn zu sein. Oder besteht der »Wahnsinn« in der Vorstellung, kein Raumgefühl mehr zu besitzen? Oder sind beide Vorstellungen ohnehin dem Gefühl des Wahnsinns nur nachgeordnet als verzweifelter Versuch, einen Zustand zu erklären, für den es keine Erklärung gibt, während der eigentliche »Wahnsinn« weder als Bild sichtbar noch als Gefühl spürbar noch als Gedanke denkbar ist? Alles also, was ich denke, fühle und wahrnehme, ist nicht Teil des Wahnsinns, sondern lediglich hilfloser Versuch, dem Wahnsinn zu entkommen. Ich kann ihm nicht entkommen, weil ich ihm gegenüber keine Hilfsmittel zur Verfügung habe. Er wirkt dadurch, dass er verborgen bleibt.
Der Wahnsinn ist kein Defekt in der Wahrnehmung, keine irrationale Verschiebung des Denkens etc., vielmehr ist er deshalb Wahnsinn, weil er mit den üblichen eingespielten Vorgängen des Denkens, Fühlens und Wahrnehmens in keinerlei Verbindung steht. Alle meine erlernten und alltäglich automatisch benutzten Erkenntnis- und Erfahrungsmöglichkeiten versagen dem Wahnsinn gegenüber, der sich gleichzeitig in diesem Versagen ausdrückt.
Ich habe einmal irgendwo gelesen, dass der Vorgang des Fluchens nicht über das Sprachzentrum im Gehirn verläuft, sondern viel direkter, quasi reflexhaft, angetriggert wird, man aber dennoch Worte von sich gibt, weil der Vorgang des Sprechens eingespielt ist und deshalb schneller funktioniert, als etwa unartikulierte Laute auszustoßen. Ich meine zu sprechen, wenn ich fluche, tatsächlich ist es kein (bewusstes) Sprechen, sondern der Ausdruck eines Reflexes. Ebenso meine ich, weiterhin etwas wahrzunehmen, obwohl ich gleichzeitig sicher bin, nichts wahrzunehmen, meine ich, weiter zu fühlen, obwohl ich nicht fühle, weiter zu denken, obwohl ich nicht denke. Eigentlich müsste dort nichts sein, doch meine Sinnesorgane setzen etwas Wahrnehmbares (das, was ich als »Scheibe« beschrieben habe) an diese Stelle.
Der Wahnsinn ist sprachlich nicht zu fassen. Er ist nicht zu beschreiben. Er ist nicht zu verstehen. Er ist all das nicht, was ich benenne. Im Moment kommt es mir so vor, als wäre das, was von außen zu erkennen ist (quasi das Verrückte am Verrückten), nur der hilflose und verzweifelte Versuch, mit dem Wahnsinn umzugehen. Leicht lassen sich meine Probleme im Umgang mit dem Wahnsinn mit dem Wahnsinn selbst verwechseln. Ich könnte diese Scheibe zum Beispiel bekämpfen oder verehren, schließlich auf den Gedanken verfallen, von anderen (äußeren, fremden Kräften) zu diesem Ersatzdenken, -fühlen, -wahrnehmen getrieben zu werden.
Es ist verblüffend, wie sehr der Versuch, mit dem Wahnsinn umzugehen oder ihn wenigstens begrifflich zu fassen, den Versuchen gleicht, mit Gott umzugehen oder ihn begrifflich zu fassen.
Das Unheimliche ist normalerweise das Nicht-Sichtbare. Das, was vom Unheimlichen zu sehen ist, ist nicht das Unheimliche selbst, sondern das, in dem sich das Unheimliche aufhält, das, hinter dem es sich verbirgt. Was das Sprechen angeht, so entsteht das Unheimliche aus der Ahnung, dass das, was gesagt wird, nicht das ist, um was es geht. Was ist aber, wenn das, hinter dem sich das Unheimliche verbirgt, nicht mehr da ist, wenn nichts gesagt wird, sodass nichts verschwiegen oder anders gemeint werden kann?
Wahnsinn: Es gibt weder ein konkretes Bild noch ein konkretes Gefühl, alles wird zur Ahnung. Die Ahnung überwältigt, weil sie sich jedem Versuch, sie zu konkretisieren, entzieht.
Ich glaube, oder klammere mich unwillkürlich an diesen Glauben, dass es für mich allein die Kategorie des Verrücktwerdens gibt, da das Verrücktsein mir nicht länger die Möglichkeit lässt, über meinen Zustand zu reflektieren. Ich kann also mit einem wie auch immer gearteten Bewusstsein nur verrückt werden und in diesem Prozess des Verrücktwerdens versuchen, das Verrücktsein, in dem quasi keine Form des Selbstbewusstseins mehr existiert, aufzuhalten.
Das Für-sich-Verrücktsein ist also tatsächlich ein Verrücktwerden, da sich allein im Werden die Verrückung noch von mir selbst wahrnehmen lässt. Dort, wo ich verrückt bin, es keinen Zweifel, keine Distanz mehr gibt, bin ich nicht wirklich verrückt, exzentrisch außerhalb eines vermeintlichen Zentrums der Normalität, sondern lediglich in einem anderen, neuen Zentrum angelangt, so wahnhaft angelegt dieses Zentrum auch sein mag.
Bei diesem zuletzt beschriebenen Zustand handelt es sich um das An-sich-Verrücktsein. Im An-sich-Verrücktsein gleiche ich dem Ding ohne Bewusstsein. Das Verrücktsein kann nicht mehr von mir selbst als Für-sich-Verrücktsein, sondern nur noch von außen als An-sich-Verrücktsein wahrgenommen werden. Der Zustand des An-sich-Verrücktseins entspricht einem Gefängnis, in dem ich gefangen bin, so wie die Dinge in ihrer Dinglichkeit gefangen sind.
Ich könnte im Zustand des An-sich-Verrücktseins folgende Vorstellung entwickeln: Um mein Gefängnis der Dinghaftigkeit zu verlassen, sollte ich vom Zustand des An-sich-Verrücktseins in den des Für-andere-Verrücktseins wechseln. Ähnlich dem Hammer, von dem es theoretisch vorstellbar ist, er könnte die Idee entwickeln, seiner Dinghaftigkeit zu entkommen, indem er den ihm zugewiesenen Gebrauchswert akzeptiert und nicht nur (unbewusst) an sich Hammer ist, sondern (bewusst) für andere, könnte ich versuchen, für andere verrückt zu sein. Mein Für-andere-(Verrückt)-Sein wäre allerdings ein schaler Kompromiss, weil ich nicht mehr für mich sein kann und nicht länger an sich sein will. Ich würde diesen Kompromiss eingehen, um mit meiner Umwelt zu kommunizieren, würde aber dabei genau das einbüßen, was ich kommunizieren wollte. Heißt das, der Wahnsinn wird immer auf eine gewisse Weise dargestellt? Oder heißt es sogar, dass der Wahnsinn in manchen Fällen erst durch diese Pattsituation innerhalb der Kommunikation entsteht?
Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen einem Gegenstand und einem Verrückten im Verhältnis zum anderen: Der Hammer wird gebraucht, der Verrückte wird behandelt. Der Gebrauch des Hammers gilt nicht dem Hammer selbst. Der Hammer ist nur zweckgebundenes Werkzeug und tritt in seinem An-sich-Sein erst dann in Erscheinung, wenn er nicht mehr funktioniert. Die Behandlung des Verrückten setzt jedoch dessen Nicht-Funktionieren in seinem Für-andere-Sein voraus. Könnte man daraus schließen, dass analog zum Nicht-Funktionieren des Werkzeugs oder Gegenstands das »Funktionieren« des Verrückten dessen An-sich-Sein hervorrufen könnte?
Eben nicht. Das An-sich-Sein ist ja der Zustand des Verrücktseins, dem der Verrückte durch das Für-andere-Sein in der Behandlung zu entkommen glaubt. Bleibt er im Für-andere-Sein und wird dieses Für-andere-Sein bereits als Heilungserfolg angesehen, weil er den Zustand der Dinglichkeit annimmt, so entwickelt er eine Art Hospitalismus und wird unfähig, das Für-andere-Sein abzulegen und die Anstalt zu verlassen. Da im Für-sich-Sein das Verrücktsein nur in seiner Form des Verrücktwerdens existiert, müsste der Verrückte in diesen Zustand zurückkehren, um in einer negativen Form des Werdens, dem Vergehen, genauer dem »Verrückt-Vergehen«, wieder für sich sein zu können. Das würde bedeuten, dass dem Verrücktsein nur zu entkommen ist, wenn ich mich auf das Verrücktwerden und Verrücktvergehen einlasse, keinerlei »Normalität«, kein Außerhalb, mehr anstrebe, sondern mich in dieser Bewegung des Werdens und Vergehens bewusst aufhalte.
Man könnte diese zyklische Bewegung, ähnlich der Bewegung von Ebbe und Flut, mit dem Weil’schen Begriff der »Entschaffung« (décreation) bezeichnen: eine Entschaffung der Normalität, die von einer Entschaffung des An-sich-Verrücktseins abgelöst wird. Nur wenn ich bereit bin, verrückt zu werden und verrückt zu vergehen, um erneut verrückt zu werden und wieder verrückt zu vergehen und immer so weiter, kann ich für mich sein. Es ist ein Vorgang wie das Atmen, eine beständige Entschaffung, somit eine beständige Ruhelosigkeit.
Deshalb kann ich im Verrücktwerden, auch wenn ich den Zustand des Verrücktseins fürchte, ihn besonders fürchte, weil ich in ihm tatsächlich nicht mehr bewusst sein werde, ihn gleichzeitig herbeisehnen, weil sich im Verrücktsein die Ruhelosigkeit aufhebt, ich nicht länger werde und vergehe, sondern wieder sein kann, auch wenn ich im An-sich-Sein nichts mehr bewusst von diesem Sein erfahre.
Ist nur das bewusst Erfahrene eine Erfahrung?
Das Verrücktwerden ist vielleicht nur deshalb bedrohlich, weil das Werden generell als ein zu überwindender Zustand angesehen wird, dessen Dauerhaftigkeit mich in Unruhe versetzt, vor allem dann in Unruhe versetzt, wenn ich nicht weiß, wohin dieses Werden führt, dieses Werden mir zudem unnütz erscheint, da es unmittelbar vom Vergehen »entschaffen« wird.
Wenn diese Aufzeichnungen so klingen, als sei ich verrückt geworden, so mag das einerseits stimmen, gemäß dem landläufigen Gebrauch dieses Begriffs. Aber das Verstiegene, Obskure, Arkane dieser Aufzeichnungen ist allein dem Versuch geschuldet, eine Form der Darstellung des Nicht-Darstellbaren zu finden. Es mag natürlich dennoch in gewisser Weise stimmen, dass ich mithilfe eines philosophischen Vokabulars Theorien konstruiere, die weder Hand noch Fuß haben. Leicht könnte mir ein Psychiater nachweisen, dass ich von Verrücktsein und Wahnsinn keine Ahnung habe. Und ich würde ihm sofort zustimmen, nicht nur, weil nach meiner Theorie der Wahnsinnige in seinem An-sich-Verrücktsein nichts von seinem Wahnsinn weiß, sondern weil ich wirklich keine, wirklich nicht die geringste Ahnung vom Wahnsinn habe. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass ich selbst diese Aufzeichnungen zu einem anderen Zeitpunkt als im herkömmlichen Sinne »verrückt« (auch im Sinne von »bekloppt«) ansehen werde. Dennoch habe ich sie geschrieben und dennoch meine ich, auch wenn ich mich irre, dass dieses Schreiben, vielmehr dieses Reflektieren über meinen Zustand, gleichgültig, ob ich mich über diesen Zustand im Irrtum befinde oder nicht, etwas ausdrückt oder versucht, sich einem Ausdruck anzunähern. Und wenn diese Aufzeichnung über meine momentane »Rettung« hinaus nur eins bewirkt, nämlich aufzuzeigen, dass es Zustände gibt, die sprachlich schwer oder gar nicht zu fassen sind.
Es ist vielleicht vergleichbar mit den Visionen eines Mystikers, die der Kurie zur Bewertung vorgelegt werden. Letztlich können die Mitglieder des Ausschusses nur entscheiden, ob sich diese Zeugnisse noch innerhalb der Lehre befinden. Über die Qualität der Offenbarung aber können sie kein Urteil fällen.
Für mich ist die Qualität oder der Gehalt dieser Aufzeichnungen nicht entscheidend, da sie ihren Wert für mich im Vorgang des Aufschreibens selbst haben. Öffnet sich hier vielleicht eine Tür zu einer anderen Möglichkeit, Kunst und Literatur zu begreifen, indem das Geschriebene nicht länger primär wegen seiner Aussage gelesen wird, sondern als abgelegtes Zeugnis für eine Erfahrung? Eine Gratwanderung, denn es könnte natürlich auch dem Phänomen des dilettantischen Aquarellierens ähnlich sein, bei dem während des Malens alles so wunderbar ineinanderfließt und so enttäuschend aussieht, sobald das Blatt getrocknet ist.
12.12.2018
»Die Verunsicherung des Werdens«: ein schöner Titel, dessen Geschmeidigkeit allerdings die existenzielle Dramatik verbirgt. Letztlich verbirgt Sprache immer die Dramatik des Seins, weil der, der spricht, so tut, als habe er etwas überwunden. Aber auch wenn er es nicht »wirklich« überwunden, das heißt bewältigt, hat, so hat er es auf eine bestimmte Weise doch überwunden, indem er darüber spricht. Das Darüber-Sprechen zeigt diese »Überwindung« an, nicht der Inhalt dessen, was gesagt wird. So habe ich mich gestern mit der Erzählung meines Zustands aus diesem Zustand selbst befreit, letztlich, weil mir der Glaube (im Sinne von »Vertrauen«) fehlte, der Glaube, der mich hätte schweigen und damit sein lassen.
Andererseits, wie man an Scheherazade in der Schlafkammer oder an Schweijk vor dem Erschießungskommando oder an mir hier in diesen Aufzeichnungen sehen kann, gelingt es mit dem Reden tatsächlich, den Tod aufzuhalten, allerdings muss dieses Reden auch immer ein Reden im Anblick des Todes sein. Tatsächlich lässt sich der Tod natürlich nicht aufhalten, sondern nur eine bestimmte Todesdrohung zeitweise zurückstellen. Ich glaube, dem Tod »von der Schippe« gesprungen zu sein, aber, wie das Bild bereits verrät, bin ich lediglich seinem Gehilfen, dem Totengräber, von der Schippe gesprungen und muss nicht in dieses eine, bereits ausgehobene Grab. Dafür eben in ein anderes.
Der Unterschied zwischen verrückt und entrückt: ich verrücke mich selbst (werde selbst verrückt), eine andere (göttliche) Macht entrückt mich (ich werde entrückt). Wenn ich also im Verrücktwerden meinen Glauben (der selbst bereits eine Form der Verrücktheit ist) bewahren kann, mehr noch, wenn ich mich der Verrücktheit wirklich hingeben kann, dann werde ich nicht verrückt, sondern lediglich entrückt. Entrückung und Verrückung unterscheiden sich lediglich durch ihre jeweilige Form der Hingabe an den Moment, die Hingabe an das andere, mich Verrückende, das ich über meine Wahrnehmung stelle. So könnte mich der Glaube vom Verrücktwerden bewahren, weil er das Verrücktwerden in ein Entrücktwerden verwandelt. Dieser Glaube müsste aber bereits vor dem Verrücktwerden existieren, weil ich im Verrücktwerden die Unterscheidung von Wissen und Glauben verliere. Dass der zuvor existierende Glaube im Verrücktwerden weiter besteht, wäre ein Zeichen der Normalität. Der Glaube ist so stark, dass er selbst im Verrücktwerden nicht verloren geht, sondern »hilft«.
Warum kann ich nur um Glauben beten, nicht aber um Wissen? Weil ich für das Wissen immer selbst verantwortlich bin, für den Glauben hingegen nicht? Weil dem Wissen immer der Sündenfall, die Abkehr von der Einfalt der Unkenntnis, mit eingeschrieben ist? Oder weil sich die Handlung des Betens nur auf den Glauben beziehen kann, selbst wenn ich das Wissen suche? Bedeutet das »Geheimnis des Glaubens« vielleicht gerade das: »Du hast das Wissen gesucht und dadurch den Glauben gefunden«? Kann ich nur glauben, weil ich wissen wollte? Und weiter: Kann ich nur das Wissen wollen, nicht aber den Glauben? Lautet die Definition des Glaubens: Das, was nicht gewollt werden kann?
Ich meine plötzlich den banalen Satz aus dem Matthäus-Evangelium (»Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen«) bislang falsch verstanden zu haben, nämlich als eine Art des Lobes (»Weil du an mich geglaubt hast, wirst du von mir geheilt«), und jetzt richtig zu verstehen, nämlich als Hinweis auf das eigentliche Heilmittel (»Es ist nicht wichtig, dass du an mich oder an was auch immer geglaubt hast, es war dein Glaube selbst, der dich geheilt hat«).
Beim Verzücken im Vergleich zum Entzücken verhält es sich genau umgekehrt wie beim Verrücktwerden im Vergleich zum Entrücktwerden. Hier ist das Verzücken ein von außen auf mich einwirkender Vorgang, den ich passiv erleide, während das Entzücken aktiv vollzogen wird. Die Verzückung gehört zum Entrücktwerden, das Entzücken zum Verrücktwerden.
Mein vermeintlicher Wahnsinn zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass meine Wahrnehmung an Bedeutung verliert und meine Meinung an Bedeutung gewinnt. Ich schließe nicht mehr aus dem Wahrgenommenen auf eine mich umgebende Realität, sondern ich »weiß«, dass das, was ich wahrnehme, nicht real ist, sondern die Realität allein verbirgt. Was aber ist es, das ich wahrnehme? Letztlich nichts. Ich kann nicht mehr wahrnehmen, weil mein Meinen (oder ist es doch ein Fühlen?) meine Wahrnehmung so stark dominiert, dass dort nichts mehr ist. Ich nehme das Nichts wahr. Ich nehme also etwas wahr, was ich nicht wahrnehmen kann. Weil ich das Nichts nicht wahrnehmen kann, meine ich eine Scheibe vor mir zu sehen, die deshalb unheimlich ist, weil ich »weiß«, dass ich sie nur wahrnehme, weil ich das Nichts nicht wahrnehmen kann, weil ich »weiß«, dass diese Scheibe nicht existiert, obwohl ich sie dennoch sehe. Diese Scheibe ist nicht unheimlich, weil ich meine, dass sich etwas anderes hinter ihr verbirgt, sondern sie ist unheimlich, weil ich weiß, dass sich nichts (das Nichts) hinter ihr verbirgt, dass ich sie geschaffen habe, weil ich das Nichts nicht wahrnehmen kann. Ich meine verrückt zu werden, weil ich etwas wahrnehmen muss, von dem ich weiß, dass es nicht existiert.
Die existenzielle Verunsicherung, die sich als Angst verrückt zu werden ausdrückt, entsteht durch die Erkenntnis, dass ich in der Lage bin, das von mir Wahrgenommene selbst zu erschaffen. Wenn ich dazu in der Lage bin, muss ich meiner Wahrnehmung grundsätzlich misstrauen.
Und jetzt sehe ich auch den wesentlichen Unterschied im Verhalten des Neurotikers im Vergleich zum Psychotiker (jenseits der üblichen psychologischen Terminologie): Der Neurotiker versucht durch seine Handlungen die Psychose zu verhindern, er klammert sich an Abwehrhandlungen und Rituale, weil er keine Definition für die Psychose (den Wahnsinn) findet. Er kann das Nichts nicht ertragen, das ihm der Wahnsinn aufzuzwingen scheint (wahrscheinlich besteht der Wahnsinn ja nur aus genau diesem Gefühl, das Nichts aufgezwungen zu bekommen), weshalb er über diese Angst seine Rituale ausbreitet. Diese Rituale tragen deshalb oft ein auflösendes Moment in sich, das auf das Nichts hinweist (Anorexie, Waschzwang etc.) und es unbewusst herbeiruft.
Ich liege da und meine, mich nicht rühren zu können, obwohl ich mich rühren kann. Das Gefühl ist angenehm und unangenehm zugleich. Es hat etwas von einer Schwerelosigkeit. Wenn man aus einer großen Höhe hinabstürzt, kann man vielleicht auch für einen Moment spüren, wie angenehm es sein könnte, zu schweben, sobald man den Gedanken an den Tod verdrängt, und wahrscheinlich gelingt einem diese Verdrängung sogar noch wenige Sekunden, bevor der Tod eintritt, so gut haben wir diesen Vorgang, der wahrscheinlich Hunderte Male täglich unbewusst vollzogen wird, einstudiert. (Das Leben, seine Grundbedingung, seine Aufgabenstellung für uns, unsere Lebensaufgabe, besteht ja allein darin, den Tod zu verdrängen; selbst »dem Tod ins Auge schauen« heißt ja übersetzt nichts anderes als »leben«.) Ich stürze natürlich nicht in den Tod. Ich kann gar nicht irgendwohin stürzen, weil ich nicht irgendwohin denken kann.
Es gibt, neben dem Verlust der Raumwahrnehmung, auch keine Zeit mehr. Ich bin, kurz gesagt, meiner Apriori verlustig gegangen, doch weil man ihrer nicht verlustig gehen kann, werden in mir weiter Bilder und Abläufe produziert, sodass es so scheint, als gäbe es doch eine Zeit, gäbe es doch einen Raum. Aber diese Zeit ist gedacht, dieser Raum ist konstruiert. (Und ist es nicht vielleicht gerade das Wesen der Apriori, konstruiert zu sein, nur dass sie diese Konstruiertheit normalerweise verbergen?) Wie es kein Bild gibt und doch ein Bild, ein Ersatzbild, kein Gefühl und doch ein Gefühl, ein Ersatzgefühl. Ich bin so sehr daran gewöhnt, wahrzunehmen, zu fühlen, zu denken, dass dies alles mittlerweile auch ohne Voraussetzungen und Inhalte stattfinden kann. Vielleicht sind es Wiederholungen, die mir vorgespielt werden, ist diese Scheibe irgendein Gegenstand, den ich als Kind einmal gesehen habe. Vielleicht habe ich auch nur von ihm geträumt.
Ob die Natur tatsächlich einen horror vacui in sich trägt, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass meine Wahrnehmung durch einen horror vacui bestimmt ist. (Lieber irgendetwas wahrnehmen, sei es auch selbst zusammengebastelt und erfunden, als nichts wahrzunehmen. Weil ich dafür sogar bereit bin, die Grundsätze meiner Wahrnehmung aufzugeben, bin ich verrückt. Dieses Verrücktsein aber folgt natürlich einer eigenen Logik, nämlich dem Grundsatz des horror vacui: besser irgendwas als nichts. Um einen Wahnsinn zu »heilen«, müsste dieser Grundsatz, nach dem sich der Wahnsinnige richtet und dem er alle anderen Grundsätze opfert, herausgefunden werden.)
Definition des Wahnsinns: Ohne Apriori denken.
Ich habe keine Angst. Ich könnte auch meinen, nicht verrückt zu werden, sondern entrückt, und alles zu begreifen. Alles zu begreifen, weil es nichts zu begreifen gibt: weder Zeit noch Raum noch Gefühl noch Gedanken. Aber alles ist noch da. Und doch ist es gleichzeitig nicht da. Das, was da ist, ist vorgeschoben. Ein Ersatz. Das ist der Grund, weshalb nicht vielmehr Nichts ist: nicht, dass es das Nichts nicht gäbe, aber es ist nicht wahrnehmbar. Selbst dort, wo nichts ist, lasse ich unmittelbar etwas entstehen. Dieses Entstehen vollzieht sich so schnell, dass ich es selbst nicht bemerke. Oder ist dies ohnehin ein beständiger Vorgang, den ich jedoch allein im Verrücktwerden zu erkennen meine? Ich erkenne nicht nur die Leere hinter allem, sondern auch die Leere in dem allen, weil das, was angeblich ist, durch die Leere geschaffen wurde. Diese Erkenntnis kann ich aber nicht erkennen, sondern lediglich vermuten. Da ich diese Erkenntnis aber zu erkennen meine, befinde ich mich im Irrtum. Und weil ich diesen Irrtum für eine Erkenntnis halte, bin ich verrückt. Solange ich das aber feststellen kann, bin ich nicht verrückt. Doch auch dieser Gedanke ist nur vorgeschoben. Deshalb bin ich doch verrückt. Das »Vorschieben« und »Entstehen-Lassen« geht unablässig weiter. Alles geht weiter. Es ist alles wie immer. Man kann von außen nichts erkennen. Ich muss mich nur ruhig verhalten. Dann geht alles vorbei. Ich werde müde, schlafe ein und wache auf und alles ist vorbei. Es war wie ein Traum. Es war ein Traum. Alles ist wieder echt. Es ist aber nicht deshalb echt, weil es echt wäre, sondern weil ich – glücklicherweise – keine andere Wahl mehr habe, als es für echt zu halten.
Etwas »für wahr nehmen« heißt, keine andere Möglichkeit der Wahrnehmung zu haben. Deshalb laufen Diskussionen über Wahrheit in die Leere, weil man sich zuerst über die Wahrnehmung unterhalten müsste.
Ich bin fasziniert von dieser Freiheit des Unerträglichen. Alles ist gleichzeitig anwesend und abwesend, da und doch nicht da. Da und fort. Wenn ich sage, dass sich etwas vor das Unheimliche schiebt, so ist das nur der Versuch, etwas zu benennen. Tatsächlich schaue ich in eine Leere. Das Problem ist jedoch, dass ich Leere immer nur als Metapher verstehen kann, indem ich mir doch etwas darunter vorstelle, einen Abgrund etwa oder etwas Ähnliches. Selbst, wenn ich sage, ich bin mit dem Nichts konfrontiert, ist da immer noch etwas, weil »Nichts« und »Leere« gemeinhin nur Metaphern sind. Ich starre aber in keinen Abgrund oder etwas Ähnliches, vielmehr ist dort, wohin ich schaue, nichts, aber auf eine Art und Weise, dass ich auch meinen könnte, ich hätte mich versehen, oder hätte nicht die Fähigkeit zu sehen, oder wäre selbst nicht anwesend, um zu sehen. Natürlich bin ich anwesend, aber ich kann nicht unterscheiden, ob ich nichts sehe, weil es nichts zu sehen gibt, oder weil ich es nicht sehen kann. Ähnlich ist es mit dem Fühlen, vielleicht gibt es nichts zu fühlen, vielleicht fühle ich aber auch das Gefühl nicht.
Mir ist schwindlig, ich bin müde, ich spüre also doch etwas, und vielleicht ist es nur ein Irrtum, aus dem heraus ich meine, nichts zu spüren. Bestimmt sogar. Und doch ist es nicht nur ein Irrtum. Immer noch gibt es keine richtig fassbaren Bilder, es gibt Abstraktionen, organische Formen, als könnte ich in mein Inneres schauen und dort meine Blutgefäße und Organe sehen, eine tatsächliche Introspektion. Dazwischen, zu kurz, um sie zu erfassen, flackern Bilder wie Erinnerungen an Erinnerungen auf, als wollten sie markieren, dass es hier einmal etwas gegeben hat. Der Schwindel tritt nur auf, wenn ich bewusst versuche, das Apriori von Raum und Zeit wiederherzustellen.
Mir fällt mit einem Mal ein früherer Klassenkamerad ein, der in einem Heim sitzt und sich an nichts mehr erinnern kann. Dieser Gedanke führt mich zurück in die Realität. Die Realität ist immer die Realität der anderen. Das Andere muss da sein, sonst kann keine Realität entstehen. Die Setzung des Nicht-Ich schafft das Ich.
Kann ein Wahnsinn einen anderen verstecken? Kann ich mich mit anderen Problemen auseinandersetzen und beschäftigen, nicht um etwas zu lösen, sondern um mich abzulenken, damit ein anderer Wahnsinn sich unbemerkt in mir ausbreiten kann? Wie ein Tumor, der sich durch Schmerzlosigkeit auszeichnet, während mich der Körper mit irgendwelchen Zipperlein ablenkt. Wenn er das aber täte, wäre der Körper ja nicht nur mein Feind, sondern sein eigener Feind. Warum sollte ich mich selbst von meinem Wahnsinn ablenken? Geht es nicht vielleicht um eine Mischung aus Ernstnehmen und Nicht-Ernstnehmen? Es geht wieder einmal um die Frage der Unterscheidung. Und: Warum setzt gleichzeitig ein Gefühl der Entspannung ein, wenn ich doch befürchte, verrückt zu werden?
Was ist eine Imitation? Ich verstehe die Imitatio Christi, aber kann man Denken und Fühlen imitieren? (Mir kommt gerade das Wort imitieren seltsam vor, als müsste es intermitieren heißen.) Auf der einen Seite: etwas vorgeben, um es sein zu können, das heißt, man meint zu wissen, was man sein will, auf der anderen Seite etwas imitieren, weil man nicht weiß, was man sein soll.
Kann ich denken imitieren? Kann ich Sexualität imitieren? Eine Erektion imitieren, ohne zu begehren? Worin würden sich diese Erektionen von einer »wirklichen« Erektion unterscheiden? Das Schreiben lässt sich imitieren, ich kann vorgeben, etwas zu können, was ich nicht kann, und so lange Zitate nebeneinandersetzen, bis man meint, ich hätte etwas verstanden, aber das Denken selbst kann ich nicht imitieren, ich kann allerdings vorgeben, es zu tun. Ist Vorgeben immer nur für andere, Imitieren immer für einen selbst? Vorgeben nach außen gewandt, imitieren nach innen?
Dann ist das hier kein Schreiben, sondern Denken. Es kann nichts vorgeben und weiß nichts zu imitieren – selbst dort, wo es natürlich dennoch vorgibt und selbstverständlich auch imitiert.
13.12.2018
Warum halte ich jetzt bereits den dritten Tag an einer Erfahrung fest, die doch von außen betrachtet so unbedeutend erscheint, so banal, dass ich sie genauso gut auch hätte übergehen oder schlicht und einfach vergessen können? Nur weil ich für einen Moment meinte, verrückt zu werden oder verrückt geworden zu sein? Und ist nicht vielleicht dieses Meinen das »Verrückte«?
Ist es nicht eigenartig, dass ich nichts von meinen Gefühlen schreibe, sondern unmittelbar eine relativ sachliche Beschreibung meiner Wahrnehmung beginne und mich in ihr und ihrer Einordnung verliere, und dass ich bereits jetzt, zwei Tage später, nicht mehr sagen könnte, was genau ich gefühlt habe, obwohl es doch das Gefühl war, verrückt zu werden, das mich überhaupt dazu brachte, meinen Zustand zu beschreiben, mich mit den Formen der Wahrnehmungen zu beschäftigen?
War es vielleicht so, dass genau dieses entsprechende Gefühl (etwa der Panik, des inneren Aufruhrs etc.) fehlte, dass es die völlige Ruhe war, mit der ich die Feststellung, verrückt zu werden, traf, die diesem Erlebnis seine Bedeutung verlieh? War aber diese Feststellung unter Umständen nichts weiter als eine Interpretation, obwohl ich doch lediglich »Eigenartig!« hätte sagen und aufstehen können? Kann man einem Wahnsinn entkommen, indem man ihn übergeht? Ist das vielleicht das Kennzeichen des »normalen« und »gesunden« Menschen, dass er in der Lage ist, Dinge zu übergehen, zu übersehen, zu überhören? Und bewahren diese Begriffe nicht das Übergangene in sich, das, was über sie hinausgeht?
Ich habe mich mehr oder minder bewusst in eine analytische Sachlichkeit geflüchtet, um dem Wahnsinn zu entkommen, und stoße genau in dieser Sachlichkeit auf den eigentlichen Wahnsinn. Oder anders: Es ist das beständig Ungesagte, Ungefühlte, das ich mit einem Mal als tatsächlich unsagbar und unfühlbar empfinde. Meine Illusion, von der ich bislang nichts wusste, das Ungesagte einmal zu sagen, das Ungefühlte einmal zu fühlen, hatte sich aufgelöst, beinahe wie nebenbei, unauffällig, sodass ich diese Auflösung auch hätte verpassen können. Ist es also gar kein Versagen, dass ich die Banalität der Situation nicht habe übergehen können, vielmehr eine Fähigkeit? Es sind vor allem die Zweifel, die dieses Erlebnis hinterlässt, Zweifel von einer ganz anderen Natur, als ich sie bislang kannte. Viel grundsätzlicher, ohne dass ich diese Grundsätze benennen könnte. Es ist eben nicht die große Erschütterung, das Infragestellen von allem Bisherigen, sondern genau das Gegenteil, das Fehlen all dessen. Es geht quasi um die »feinen« Unterschiede. Es geht um das Kaum-Wahrnehmbare. Und der Zweifel, der sich hier auftut, ist deshalb so groß, weil er aus so Geringem entsteht.
Die Gnade des Versäumens.
Entsprechend waren meine Träume in den letzten Nächten. Es passierte nichts weiter in ihnen, außer – und erst jetzt fällt mir auf, dass sie mir diese Möglichkeit des Nacherlebens gaben – diesen feinen Unterschied in der Wahrnehmung noch einmal zu spüren. Ich stand zum Beispiel an einem Sommertag in einem Hof und schaute an den Hauswänden hoch zum blauen Himmel. Das war alles – zumindest erinnere ich es so. Und doch war etwas anders. Es wäre übertrieben, würde ich sagen, dass ich diese Szene, vor allen Dingen die Fassaden der Häuser, gleichzeitig aus einer anderen Perspektive sah, und dass sie in dieser Perspektive eigenartig flach und eindimensional wirkten. Die Unterschiede in der Wahrnehmung waren feiner, unbedeutender, und genau das gab ihnen ihre Bedeutung. Ich ging den Hof entlang, und aus einem Ladengeschäft kam ein Mann mit einem Teller, auf dem ein Plunderstückchen lag. Und auch hier wäre es übertrieben, maßlos übertrieben, würde ich sagen, dass ich im selben Moment, eigentlich noch bevor ich das Stückchen auf dem Teller sah, es bereits schmecken konnte. Dennoch ging meine Wahrnehmung in diese Richtung, ich konnte quasi auf Entfernung schmecken, so wie man etwas auf Entfernung sieht oder hört. Aber auch das ist eigentlich banal, jeder, der hungrig in einem Laden steht, meint die Dinge zu schmecken, die er sich gleich kaufen wird. Und dennoch war es so und war es so gleichzeitig nicht. Vielleicht war es überhaupt diese Gleichzeitigkeit unterschiedlicher, leicht gegeneinander verschobener Wahrnehmungen, die das Eigenartige dieses Moments ausmachte. Vielleicht ist es gerade diese erstaunliche »Sachlichkeit«, das Fehlen von Gefühlen, überhaupt das Fehlen von allem, was ich gemeinhin mit dem Wahnsinn in Verbindung bringen würde. Vielleicht ist es die Erkenntnis, tatsächlich nichts wirklich von meinen Erfahrungen, besser meinen Erfahrungsmöglichkeiten, zu wissen. Selbst die Vorstellung, alles nur wie hinter einem Schleier wahrzunehmen, speist sich aus dieser falschen Vorstellung. Jede Idee von einer Erkenntnis beruht auf völlig verkehrten Prämissen. Alles, was es bedurfte, war diese leichte, diese beinahe unmerkliche Verschiebung. Eine kaum wahrnehmbare Erschütterung.
Ist es eigentlich Vernunft oder Wahnsinn, wenn man ganz sachlich bei allem, was man wahrnimmt, gleichzeitig wahrnimmt, dass es auch anders wahrgenommen werden könnte? Ist es vielleicht wirklich nur diese Möglichkeit einer anderen Wahrnehmung, die hier auftaucht, kaum merklich zwar, jedoch beständig da und alles begleitend?
Es stimmt natürlich nicht, dass diese Möglichkeit beständig da ist, ganz im Gegenteil, sie war lediglich für einen Moment da, ein Moment, der mir mittlerweile so kurz und unbedeutend erscheint, dass ich auch meinen könnte, ihn mir eingebildet zu haben. Genau das aber zeichnet diesen Moment aus, verleiht ihm seine Kraft: Diese Verschiebung ist so unmerklich, dass ich nicht einmal weiß, ob sie nun da ist oder nicht. Sie hat einen nachhaltigen Zweifel gesät. Dieser Zweifel bleibt bestehen, weil ich ihn nicht beschreiben, ihn nicht kategorisieren, nicht einordnen kann. Je mehr ich es versuche, beinahe notwendigerweise versuche, um ihn abzuschütteln, ihn loszuwerden, desto weiter breitet er sich aus, befällt alles, was ich versuche, ihm als Erklärung entgegenzustellen.
Alles hat sich verändert, weil sich dort nichts verändert hat, wo sich doch alles hätte verändern müssen. Genau aber in solchen Formulierungen zeigt sich das Problem: Dem Bewusstsein geht es um die großen Kategorien, um Entweder-Oder, Alles oder Nichts usw. Alles andere sind Unterkategorien, die zur Stärkung der großen Dichotomien beitragen, hinter denen sich lediglich die eine Grund-Dichotomie von Ich und Nicht-Ich versteckt. Es geht darum, auf dem Kategorielosen, dem Nicht-Einordbaren, auf den minimalen Unterschieden zu beharren.
Und auf gar keinen Fall ist die Sprache das Haus des Seins. Bestenfalls ist die Sprache das Gefängnis des Seins. Barthes hat die Sprache völlig zu Recht faschistisch genannt, weil sie zum Sprechen zwinge. Es gilt, gegen die Sprache »an zu sein«. Sprachlosigkeit als Waffe.
14.12.2018
Vielleicht liegt im Verrücktwerden auch die Weigerung, sich zu verändern, in eine andere Logik einzutreten. Obwohl man es muss, weigert man sich – und wird verrückt.
Gibt es ein Äquivalent des Verrücktseins für den Körper? Was würde Verrücktsein in Bezug auf den Körper bedeuten? Ist das Verrücktsein des Körpers lediglich eine Unfolgsamkeit dem Willen gegenüber? Und doch käme man nie darauf zu sagen: »Mein Arm ist verrückt geworden«, sobald er eine unwillkürliche Bewegung ausführt oder nicht mehr gehorcht. Der Körper ist also doch lediglich ein Instrument, dessen ich mich bediene, er ist an sich, während der Geist weder Hand noch Fuß hat, weder etwas berühren noch zu etwas hingehen oder vor etwas fliehen kann, weshalb er sich, es ist seine einzige Chance, als unverrückbares Zentrum ansieht, um das der Körper, und um diesen wiederum die Welt, kreist. Jede Bedrohung dieses Zentrums, jede Möglichkeit, aus diesem statischen Zentrum verrückt zu werden, wertet er zwangsweise als Verrücktheit.
Es zeigt sich ein Problem darin, den Geist – noch nicht einmal ihn direkt, sondern allein seine Form der Wahrnehmung – mit dem Ich gleichzusetzen. Immer ist es gleich das Ich, das verrückt wird. Genauso wenig, wie ich von meinem Körper oder Teilen meines Körpers sage, dass sie verrückt werden oder verrückt geworden sind, sollte ich es von meinem Geist oder von meinem Ich sagen. Ich sollte die Sprache des Körpers auf den Geist selbst anwenden: »Heute Morgen beim Aufwachen habe ich mir irgendwie den Geist geprellt.« Oder: »Ich hab mir neulich die Wahrnehmung verknackst und kann alles um mich herum immer noch nicht richtig einordnen.« Wäre das nicht sinnvoller, als immer sofort das große Geschütz des Ich, mit seiner ohnehin fragilen bis fragwürdigen Identität aufzufahren? Natürlich wäre es erst einmal eine Kränkung für das Ich, aber da müsste es halt durch.
Man spricht doch von den drei Kränkungen des Menschen, erst die durch Kopernikus, nicht mehr auf einem Planeten zu leben, der sich im Mittelpunkt des Universums befindet, dann die durch eine verzerrte Darwin-Rezeption, keine eigene Spezies und schon gar nicht die Krone der Schöpfung zu sein, und schließlich die durch Freud, nicht Herr des eigenen Bewusstseins zu sein. Aber sind und waren das tatsächlich Kränkungen? »Ob die Erde sich um die Sonne dreht, oder die Sonne um die Erde – das ist im Grunde gleichgültig«, sagt Camus zu Recht. Und ebenso gleichgültig ist es, ob ich vom Affen abstamme oder nicht, ob ein smart design oder ein weniger smartes Design in der Evolution am Wirken ist. Und auch die Erkenntnis Freuds hat das Ich keineswegs geschwächt, sondern im Gegenteil gestärkt, weil es sich über sich selbst erhoben und eine Theorie seiner selbst entworfen hat, in der es sich selbst in einer Geste des uneingeschränkten Herrschers nach außen hin relativiert, um sich nach innen hin zu verabsolutieren. Es ist nicht das naive Kind, ohne Vorbildung, das auf die Nacktheit des Kaisers hinweist, nein, der Kaiser selbst stellt seine eigene Nacktheit in einem mehrbändigen Werk und einer umfassenden Theorie aus und kleidet sich zugleich damit an. Das Ich arbeitet immer nur an seinem Erhalt, selbst wenn diese Arbeit nach außen hin die Form einer Dekonstruktion anzunehmen scheint. Es wähnt sich so umfassend, dass alles in ihm Platz findet, selbst die Kritik, selbst die Selbstkritik, selbst seine Entthronung.
Deshalb ist der Wahnsinn die einzige wirkliche Bedrohung des Ich, weshalb es wie besessen daran arbeitet, auch ihn einzuordnen und für sich nutzbar zu machen. Das Ich ist der geborene Kapitalist. Es ist die Logik des Ichs, die sich im Kapitalismus zeigt. Weder bestimmt das Sein das Bewusstsein noch das Bewusstsein das Sein, sondern dieser absolutistische Knotenpunkt, an dem Sein und Bewusstsein scheinbar zusammenlaufen und eins werden: das Ich.
Das kapitalistische Ich mit seiner faschistischen Sprache.
Nein, die Freud’schen Topologien waren keine Kränkungen für das Ich, vielmehr wurde es endlich in seiner göttlichen Dreifaltigkeit erkannt.
Das Verrücktwerden ist ein Zustand des Verlierens (ich verliere den Verstand), und dieser Zustand ängstigt deshalb so, weil ich den Moment des Verlierens sonst nicht erlebe, denn entweder ich habe etwas verloren oder es ist vorhanden. Wenn ich merke, dass ich etwas verliere, kann ich das Verlieren aufhalten und den Verlust verhindern. Beim Verrücktwerden erlebe ich das Verlieren, ohne etwas dagegen tun zu können.
Im Wahnsinn verliere ich gerade nicht das Bewusstsein, sondern ich werde mir meines Bewusstseins bewusst. Das Bewusstwerden des Bewusstseins fühlt sich an, als würde ich das Bewusstsein verlieren.
Ich durchschaue die Konstruktion des Bewusstseins, indem ich sie nicht durchschaue. Ich komme zu keiner Lösung, komme zu keinem Ergebnis. Genau damit hebele ich das Bewusstsein aus, das sich sonst jede Einordnung, jede Kategorisierung wieder selbst gutschreiben würde.
Die wirkliche Kränkung: zu erkennen, dass ich keinen Einfluss auf mein Sprechen habe, dass die Sprache, die ich benutze, nicht meine Sprache ist und ich mir diese fremde Sprache niemals, selbst mit größter Mühe nicht, aneignen kann, um endlich das auszudrücken, was ich wahrnehme, sie vielmehr immer etwas anderes ausdrückt und damit meine eigene Wahrnehmung im Ausdruck verfälscht, mehr noch: vernichtet, denn die Sprache ist ja nicht nur ein Mittel, um mit anderen zu kommunizieren, sondern das Mittel, mit dem ich mich selbst in der Welt befinde. Wenn ich mich aus der Vereinbarung zu lösen versuche, in der die Sprache mir vorgibt, was ich wahrnehme, scheine ich verrückt zu werden, während ich lediglich auf meiner Wahrnehmung beharre.
Der Verrückte meint, es gäbe eine Wahrnehmung, die der Sprache vorausgeht. So hingeschrieben scheint diese Meinung relativ verständlich, tatsächlich aber, wenn man sie mit allen Konsequenzen in Bezug auf die Sprache überdenkt, ist sie, wenn nicht verrückt, so doch vermessen. Mehr noch, sie kommt einer Lästerung der Naturgesetze gleich, einer Gotteslästerung, und hier findet sich ein Indiz für die Entstehung des Glaubens, dass nämlich die Sprache in ihrem Entstehen Gott schuf und sich unauflösbar mit ihm verband – wie man selbst und gerade in der negativen Theologie erkennen kann –, einerseits, um von sich als der wahren Herrscherin abzulenken, andererseits, um sich immer wieder selbst zu erneuern. Was ist an dem Satz »Im Anfang war das Wort« eigentlich nicht zu verstehen?
Der Verrückte meint, es gäbe eine Wahrnehmung, die der Sprache vorausgeht. Das ist der Grund, weshalb er entweder katatonisch und aphatisch wird oder manisch versucht, seine eigene Sprache zu entwickeln. Und weshalb er von Gott spricht und »Stimmen« hört. Vielleicht sind diese »Stimmen« das Andere Gottes, Hinweise auf eine Wahrnehmung ohne ihn, das heißt ohne Sprache.
Deshalb auch sollen wir beten, um immer wieder sprachlich Gott zu erschaffen. Wir beten nicht zu Gott, wir beten ihn.
Und auch deshalb soll ich meine Sünden bekennen, werden sie mir durch das Bekenntnis vergeben, weil ich in der sprachlichen Formulierung meiner Sünden die einzig wirkliche »Sünde«, das einzig wirkliche Vergehen gegen Gott-Sprache nicht begehe: zu schweigen.
Nicht der Satan, oft noch beredter als Gott, ist Gottes Gegenspieler, sondern die Aphasie.
Wir müssen von der apophatischen Theologie zur aphatischen Theologie gelangen.
Und deshalb bestand mein Verrücktsein gerade darin, nichts Außergewöhnliches wahrzunehmen, aber eben auch gleichzeitig nichts Gewöhnliches, und genau das nicht ausdrücken zu können. Und weil ich es nicht ausdrücken konnte, scheint zwischen Gewöhnlichem und Außergewöhnlichem nichts Drittes zu existieren. Der Wahnsinn dringt zwischen die Dichotomien und entdeckt dort, wo gemäß unserem Menschenverstand nichts sein darf, eine dritte Welt. Der Leitsatz des Wahns lautet: Tertium datur.
15.12.2018
Unica Zürn: »Für das erste Anagramm, das sie in diesem Sommer macht, nimmt sie als Ausgangs-Satz: Der eingebildete Wahnsinn. (…) Dieses Ergebnis ist arm und unvollkommen. Das Gesetz für das Anagramm heißt: Alle Buchstaben, die der Ausgangssatz enthält, müssen auch in seinem Anagramm verwendet werden. Hier aber sind Buchstaben übrig geblieben, und das ist verboten. Am nächsten Tag liest sie in der Zeitung, daß man den Körper Nehrus auf Sandelholz und Rosenblättern verbrannt hat. Der Ausgangssatz für ihr zweites Anagramm heißt also: Auf Sandelholz und Rosenblättern.«
Diese Stelle, auf die ich mehr oder minder zufällig gestoßen bin, auch wenn ich das Buch natürlich bewusst herausgeholt hatte, erschreckt mich unwillkürlich. Es erschreckt mich, dass selbst Unica Zürn von einem »eingebildeten« Wahnsinn spricht. Aber vielleicht kann man vom Wahnsinn immer nur als »eingebildet« sprechen. Schließlich ist er auch eingebildet. Weshalb es ein Irrtum ist, zu glauben, ich sei nicht wahnsinnig, nur weil ich mir meinen Wahnsinn einbilde.
Was bedeutet es, dass Unica Zürn den Mann im Jasmin in der dritten Person verfasst? Lässt sich anhand der verwendeten Person der Grad an Wahnsinn ausmachen? Tatsächlich habe ich das Gefühl, würde ich das alles hier in der dritten Person verfassen, »wirklich« und nicht nur »eingebildet« verrückt zu sein. Doch weshalb, wenn ich doch durch die Verwendung der dritten Person eine größere Distanz herstelle? Gerade deshalb. Ich objektiviere etwas, das nicht zu objektivieren ist. Ich versuche auf Distanz zu gehen, steigere mich aber in Wirklichkeit nur stärker in das hinein, was ich zu verlassen suche. Ich ahme mich in der dritten Person mimetisch nach. (Natürlich greifen diese Gedanken nicht wirklich, denn ich könnte mich natürlich auch in der ersten Person nachahmen, oder ist die erste Person von sich aus schon immer nachgeahmt? Höchstwahrscheinlich.)
Vielleicht kann man nur in der Rede der dritten Person etwas erfahren, und vielleicht möchte ich gerade gar nichts »erfahren«, weil ich ohnehin beständig viel zu viel erfahre, sondern möchte, statt zu erfahren, einfach nur sein.
Es ist etwas anderes, das mich an diesem Buch ganz unwillkürlich und unerwartet befremdet. Nachdem ich eine Weile darin gelesen habe und auf der Suche nach dem Inhaltsverzeichnis ganz nach hinten blättere, stoße ich auf eine Anzeige für andere Bücher des Ullstein Verlags, genauer seiner Reihe »Die Frau in der Literatur«. Die dort aufgeführten Titel erzeugen für mich eine starke, kaum zu überwindende kognitive Dissonanz, weil sie den Text Unica Zürns zwischen Paveses Die einsamen Frauen, Marie de Lafayettes Die Prinzessin von Cleve, Urys Nesthäkchen und ihre Küken, Henry James’ Bildnis einer Dame und anderen einordnen. Eingeordnet aber zerfällt ein Text, besonders ein Text wie der Unica Zürns, hier noch verstärkt durch die Tatsache, dass diese »Frau in der Literatur« wahllos mal Subjekt, mal Objekt ist, das heißt generell Objekt (weil sie zum Subjekt »gemacht« wird), gleichgültig ob sie schreibt oder ob über sie geschrieben wird.
Meine Ausgabe des Buches stammt aus dem Jahr 1985. Ich war damals, so vermute ich zumindest, auf Unica Zürn gekommen, weil ich für einige Wochen in einem Appartement gewohnt hatte, das schräg gegenüber dem Haus lag, aus dem sie sich 1970 gestürzt hatte. Obwohl ich bestimmt jeden Tag mehrmals auf die Straße und auf dieses Haus gesehen habe, will sich kein Bild, keine Erinnerung, keine Verbindung, noch nicht einmal ein Gefühl einstellen. Auch das scheint immer noch eine Nachwirkung dieser eigenartigen Wahrnehmung, die meinen nostalgischen Erinnerungsapparat zeitweilig außer Kraft gesetzt hat. Alles erscheint mir in einer kalten, winterlichen Klarheit, wie hinter einer Glasscheibe. Jede Erinnerung wie nicht wirklich von mir erlebt in einem Diorama aufgebaut und weggesperrt.
16.12.2018
Noch einmal: Ich kann nur deshalb allein um Glauben beten und nicht um Wissen, weil die Prämisse des Betens dem Wissen bereits widerspricht. Wissen baut auf Erfahrung, auf geistige Durchdringung, auf Ordnung und Systematik auf, auf der Arbeit am Begriff, kurz, auf einer Herrschaft der Sprache. Genau diesen Bereich verlasse ich im Vorgang des Betens, durch den ich das Andere des Wissens, Gott, mithilfe scheinbar sinnloser, sprachlicher Äußerungen erschaffe. Gerade weil das Beten in früheren Zeiten vielleicht einmal eine List des Verstandes war, ihn heute aber nur noch demütigt, weshalb er sich nach außen hin längst säkularisiert hat, obwohl er schon immer nur einen Gott kannte, nämlich sich selbst in seiner sprachlichen Darstellung, sollte ich das Gebet wieder nutzen, wie man überhaupt alles nutzen sollte, was das Ich demütigt und verunsichert.
Es wird gemeinhin als Erfolg angesehen, wenn »die Wissenschaft« (der Singular, mit dem sie sich oft selbst schmückt, weist sie bereits als unwissenschaftliche Scharlatanerie aus) mit einem Mal »objektiv feststellt«, dass Rituale, Meditation, Beten, etc. etwas »bewirken«, sei es eine Veränderung der Hirntätigkeit oder des Metabolismus o. ä., eben das, was man bislang so messen kann. Wird daran nicht deutlich, dass »die Wissenschaft« wie ein Moloch ist, der alles verschlingen, alles vereinnahmen will, weil er kein Außerhalb seiner selbst zulassen, nichts »Anderes« anerkennen, keinen Gott neben sich dulden kann, weil allein die Existenz des Anderen die Wissenschaften narzisstisch und bis ins Mark kränkt? Ist es dabei nicht ungemein naiv und hochgradig peinlich, dass die Wissenschaften jetzt erst feststellen, dass etwas »wirkt«, was außerhalb von ihnen bereits seit vielen Jahrhunderten bekannt ist? Schon daran kann man erkennen, dass der Wissenschaftsdiskurs ein Machtdiskurs ist. Erst wenn die Wissenschaft es auch begriffen und mit ihrem Gütesiegel versehen hat, ist es »gültig«.
Letztlich ist die Wissenschaft natürlich auch ideologisiert, sind ihre »Erkenntnisse«, spätestens, wenn sie als solche präsentiert werden, Kampfbegriffe. Das Haus ihres Seins ist die Sprachkaserne.
17.12.2018
Wittgenstein entwarf das Bild von einer Schachtel mit einem Käfer. Jeder Mensch besitzt eine entsprechende Schachtel, kennt aber nur den eigenen Käfer, von dem er auf die Käfer der anderen schließt. Was aber, wenn ich selbst nie in meine Schachtel geschaut habe? Etwa aus Angst, keinen Käfer in meiner Schachtel vorzufinden. Aus Angst habe ich meine Schachtel nie geöffnet und tue nur so, als wüsste ich über meinen Käfer und damit auch über die Käfer der anderen Bescheid, während ich in Wirklichkeit keine Ahnung habe und diese Unsicherheit, nie zu wissen, wovon die anderen sprechen, mit mir herumtrage. Aber vielleicht haben die anderen aus derselben Angst heraus auch nie in ihre Schachtel geschaut. Ich bekomme eine Schachtel, über deren Inhalt bereits alle reden und die zum allgemeinen gesellschaftlichen Kulturgut gehört, sodass ich nicht meiner eigenen Erfahrung traue, vielmehr gleich mitrede, ohne zu verstehen, um was es überhaupt geht. So wie ich bislang über Wahrnehmungen gesprochen habe und jetzt noch einmal dazu gezwungen werde, anders über Wahrnehmungen nachzudenken, quasi aus einem Anliegen, einem Mangel heraus, weil mir etwas in der Selbstverständlichkeit meiner Wahrnehmung abhandengekommen ist. Ich habe das Gefühl, nur Worthülsen zur Verfügung zu haben, simulierte Begriffe, die ich mir irgendwann einmal mimetisch angeeignet und mit denen ich ein Leben lang auszukommen gemeint hatte. Vielleicht bleibt einem gerade die Muttersprache auf immer fremd, und es ist die Tragik des menschlichen Ausdrucks, sich gerade auf sie zu verlassen und sie für alle anderen Sprachen zum Vergleich heranzuziehen, während ich gerade dort, wo ich nach Worten suchen, um Worte ringen muss, viel eher zu einem wirklichen sprachlichen Ausdruck gelangen könnte. Das Eigenartige, beinahe schon Beängstigende aber ist der Umstand, dass ich gemeint hatte, »die« Sprache nicht unbewusst oder nachlässig zu benutzen, sondern, allein schon wegen meines Berufs, zu reflektieren. Jetzt erscheint sie mir als Fremdsprache. Das Fremde aber an ihr ist, dass ich mich in ihr zu gut, zu fließend ausdrücken kann. Diese Sprache fließt mir aus dem Mund und aus der Hand und reißt mich in ihrem Strom davon.
Die Wörter erscheinen mir als eine Reihe kleiner leerer Schachteln. Der Käfer ist das Behauptete.
Weil wir ohnehin imitieren, weil wir ohnehin so tun, als kennten wir den Käfer in unserer Schachtel, weil ohnehin alles Nachahmung ist, unsere Begierde nur mimetisch erzeugt wird, ist die bewusste Imitation, so wie die Imitatio Christi, womöglich der einzig gangbare Weg: mich bewusst dazu entscheiden, zu imitieren, damit ich nicht auf eine falsche Authentizität hereinfalle. Nicht im Sinne des popkulturellen Diskurses, der etwas Richtiges meint, es dann aber falsch zu einer reinen Oberflächenaffirmation verkürzt, sondern aus der schlichten Erkenntnis heraus, dass mich das vermeintlich Echte zwangsweise überfordert, überfordern muss, diese Suche nach einem identischen, authentischen Leben, das es nicht geben kann, schon deshalb unter Umständen nicht geben kann, weil mir schlicht und einfach die Möglichkeiten fehlen, seine Existenz wahrzunehmen – auch und gerade, weil ich im Strom meiner Sprache darüber hinwegrase.
Wenn ich aber sage, ich imitiere mein Leben, dann nicht, um eine Persona, eine Maske, eine Hülle, um das Eigentliche herum zu erstellen, einen Kokon, sondern um eine Annahme zu formulieren. Um etwas annehmen (akzeptieren) zu können, muss ich annehmen (vermuten), was es ist. Aber ich kann nur dann annehmen (vermuten), was etwas ist, wenn ich es zuvor annehme (akzeptiere). In diesem Vorgang ist die Imitatio bereits eingeschrieben.
Der Schwindel weist mich darauf hin, dass körperliche Zustände sich nicht imitieren lassen. Der Körper beantwortet meine Frage, löst sie aber nicht. Was aber ist der Grund, dass der (Dreh-)Schwindel (Vertigo) seine Bezeichnung mit der unwahren Aussage oder Handlung teilt? Wird mir schwindlig, wenn ich einen Schwindel entdecke? Weshalb?
Ähnlich wie der Schwindel ist auch der Schmerz eine Gnade. Die Vorstellung, ohne Schmerzen, aber bei Bewusstsein zu sterben, erscheint mir schrecklicher, als mit Schmerzen zu sterben. Schwindel und Schmerz befreien mich von dem, was mich wirklich schwindeln lässt (und zum Schwindeln veranlasst) und schmerzt: dem Diktat des Bewusstseins.
Ich weiß nie, wohin ein Werden führt, gebe mich aber im Allgemeinen einer Art nützlichem Irrtum hin, indem ich so tue, als wüsste ich, worauf etwas hinausläuft, oder könnte es zumindest vermuten. Wahrscheinlich ist es noch nicht einmal ein Irrtum, sondern eine Lüge, eine nützliche Lüge, weil jedes Werden natürlich letztlich ein Werden zum Tod ist, weil es lediglich eine Illusion ist, irgendein Zwischenziel auf diesem Werden zum Tod als Endziel anzusehen, um sich damit über die im Werden angelegte Verunsicherung hinwegzutäuschen.
Ferit Güven: »We will see that madness is that which cannot be spoken or written about in its own terms. One cannot correct this situation by trying to give a voice to madness, because madness would thereby become something other, something rational. Hence, one has to distinguish two seemingly different questions concerning the relationship between madness and rationality. One can say that madness itself does not have a truth, that the madman is quite simply wrong concerning the external world. Yet there is also a truth to madness, one that is accessible only to reason. Unfortunately, the difficulty is that these questions cannot be easily separated. What we designate as truth seems already to be defined by what we designate as rational. This is not as strong a claim as Hegel’s statement that what is rational is the real. It only suggests that the terms of rationality seem to be parallel to the terms of truth. It is rational to believe what is true, and it is not rational not to believe in what is true – unless of course one’s judgment concerning what is true is mistaken. Hence, even if the mad establishes the truth of madness this truth does not belong to madness; one cannot explain the truth of madness if one is mad.«
Derrida: »Je ne philosophe que dans la terreur, mais dans la terreur avouée, d’être fou.«
18.12.2018
Es gibt einen Gedanken, der mich seit sehr vielen Jahren begleitet: Ich stelle mir vor, mich mit einem einzigen Buch zu begnügen, einem umfangreichen beziehungsweise komplexen Buch natürlich, und über einen längeren Zeitraum nur noch dieses Buch zu lesen, langsam, sehr langsam, sehr genau, bis ich seine Sprache und seinen Inhalt völlig verinnerlicht habe, weil ich hoffe, dadurch einen anderen Zugang zur Welt, die mich umgibt, oder meinem Leben in mir und bestenfalls beidem gleichermaßen zu finden. Es erscheint wie eine leichte Übung, doch sobald ich damit anfange, stoße ich auf andere Autoren, Bücher, Begriffe, und meine, zuerst diese klären zu müssen, um das eine Buch auch wirklich in seiner ganzen Tragweite verstehen zu können. Zumindest sage ich mir das, auch wenn ich weiß, dass es sich dabei nur um eine Ausrede handelt. Natürlich habe ich mich immer wieder über Monate mit einem einzigen Autor beschäftigt, aber diese wirkliche Beschränkung auf das eine Buch ist mir nie über einen längeren Zeitraum gelungen. Eher konnte ich Zeit mit einer Suite von Bach, einem Satz daraus, ein, zwei Takten daraus, verbringen, und je länger und langsamer ich sie übte, desto befriedigender war das Gefühl, was ich dabei empfand, weil es sich immer weiter von dem Gedanken an ein Resultat entfernte. Auch darin liegt bei diesem imaginierten eingeschränkten Lesen natürlich meine Hoffnung: mich von einem Resultat, überhaupt einem Verstehen-Wollen, weg- und auf etwas zuzubewegen, das von mir bislang gar nicht oder nur in dürftigen Ansätzen erfahren wurde. Eher war es mir gelungen, über einen längeren Zeitraum hinweg gar nicht mehr zu lesen, nur noch dazusitzen und meine Atemzüge zu zählen. Auch hier hoffte ich, etwas Grundlegendes in meinem Leben zu ändern, und tatsächlich gab es auch eine Änderung, die sich über ein halbes, einmal sogar über ein ganzes Jahr erstreckte, um mich dann doch wieder zu dem zurückkehren zu lassen, was ich zu verlassen versucht hatte. Die Frage, die sich natürlich unmittelbar aufdrängt, ist die, warum ich nicht alles beim Alten belasse, es einfach so laufen lasse, wie es ohnehin läuft.
Das erinnert mich an eine Stelle bei Kierkegaard: »Der Pharisäer im Evangelium ist ein Heuchler, sofern er sich über den Zöllner und andere Menschen erhebt; wie er das aber im Gebet zum Ausdruck bringt, ist komisch. Man denke sich: er spricht mit Gott, und sagt zu Gott, daß er dreimal die Woche faste und von allem was er habe, bis auf Kümmel und Minze hinaus, den Zehnten gebe. Man sieht leicht, daß er nicht mit Gott spricht, wie er meint, sondern mit sich selbst oder einem anderen Pharisäer.« Auch wenn es kein Gebet ist, bin ich insofern ein Pharisäer, weil ich so tue, als spräche ich zu mir, obwohl ich in Wirklichkeit zu einem anderen spreche, oder eigentlich noch genauer: vor mir, oder später, wenn ein anderer das liest, so tue, als spräche ich zu mir oder zu ihm, wo ich lediglich einer Vereinbarung folge, weder mich selbst noch den anderen anspreche, sondern ein Konstrukt vor dem errichte, was Lacan den großen Anderen genannt hat. Ich befinde mich beinahe automatisch in diesem Spannungsfeld, und selbst innerhalb eines persönlichen Textes wie dem eines Tagebuchs gelingt es mir nicht, etwas an dieser Rollenverteilung zu ändern.
Wie man an den beiden Abschnitten sehen kann, versuche ich gerade wieder, in mein »normales« Denken zurückzukehren. Aber noch funktioniert es nicht so ganz, denn zumindest fällt mir gleich, nachdem ich es hingeschrieben habe, auf, dass ich hier Denken simuliere, dass ich etwas reproduziere, auch wenn ich meine, es zu produzieren. Ich höre mich mit einer fremden Stimme sprechen, die doch meine eigene ist. Diese Stimme sagt etwas auf, was sie irgendwann einmal auswendig gelernt hat. Gleichzeitig ist es beinahe rührend, wie ich mir auch inhaltlich eine Lösung anbiete: »Das eine Buch, die paar Takte Bach. Eigentlich könnte ich es doch so einfach haben. Eigentlich läuft doch alles. Ein paar Gedanken, ein paar Texte. Niemand würde etwas merken. Selbst ich nicht.« Aber ist es nicht verständlich, dass ich die Beschäftigung mit meinem vermeintlichen Wahnsinn nicht dauerhaft durchhalte, weil sie selbst die Form des Wahnsinns anzunehmen scheint?
Selbst dem Verrückten gelingt es nicht immer, verrückt zu sein.
Dazu fällt mir ein Witz ein. In einem Varieté treten sowohl der angeblich größte Mann der Welt als auch der kleinste Mann der Welt auf. Ein Verehrer des Riesen möchte ein Autogramm von ihm und klopft nach der Vorstellung an dessen Garderobentür. Als zu seiner Überraschung nicht er, sondern der kleinste Mann der Welt öffnet, sagt er unwillkürlich: »Ach, sind Sie nicht der größte Mann der Welt?« »Doch«, antwortet der, »aber wissen Sie, nach Feierabend mache ich es mir gern etwas bequem.«
Was aber ist dieses Gefühl des Wahnsinns im Vergleich zu dem eigenartigen Tick, der mich seit einigen Tagen verfolgt und mir mehrfach am Tag eine Textzeile eingibt, nämlich: »I know a happy place where I must go.« Es ist eine Zeile aus dem Song Good Side of June von den Lords. Die Lords, der Inbegriff des Uncoolen, wie ich sie schon mit 12 empfunden habe. Allein der Name, der aus dem Schlager (Lord Leicester aus Manchester), der Vorabendserie (Lord Percy Stuart vom Excentric Club) und der Zigarettenmarke meiner Tante stammte, und die Angewohnheit der Bandmitglieder, sich Spitznamen zu geben, die sie dann auch noch mit dem Adelstitel versahen (Lord Ulli, Lord Max usw.), von dem Kellner-Livree, in dem sie auftraten, einmal ganz abgesehen. Ästhetisch unsicher wurden sie nie ihre Skiffle-Vergangenheit los, auch wenn sie ein paar Beat-Nummern coverten und daraus einen einzigen eigenen Hit destillierten: »Poor Boy«. Unergründlich und verschlungen bleiben die Wege des Unbewussten, das mir eine Textzeile auf die Lippen zwingt, die ich, wo schließlich auch?, seit mehreren Jahrzehnten unter Garantie nicht mehr irgendwo gehört habe und die sich mir dennoch eingeprägt hat, obwohl mir das Lied selbst nie gefiel. Ist es ähnlich wie mit dem Fluchen, dass der Schlager eben nicht über das ästhetische Empfinden, sondern über andere Wahrnehmungskanäle verarbeitet und entsprechend gespeichert wird? Was kommt als Nächstes? »Gloryland«? »Have a Drink On Me«?
19.12.2018
Das, was man seit Erfindung des Films die Zeitlupe nennt, existiert auch im wirklichen Leben. Es ist die Aufhebung der Zeit in Momenten völliger Panik. Im Gegensatz zum Film, in dem ich im Nachhinein verlangsamt anschauen kann, was geschah, findet diese Wahrnehmung im Moment des Geschehens statt. Zusammen mit dieser Zeitlupe existiert das, was man analog eine Raumlupe nennen könnte – und was im Film vielleicht »Zoom« hieße. Die Raumlupe ist aber etwas anderes als der Zoom, weil die Raumlupe ähnlich wie die Zeitlupe funktioniert, das heißt der Raum, so wie ich mich in ihm zu befinden meine, wenn ich ihn lediglich als Voraussetzung meiner Wahrnehmung begreife, besteht weiterhin, nur dass ich ihn bewusst wahrnehme, er nicht länger Hintergrund ist, vor dem, oder Bedingung, durch die etwas geschieht. Die Raumlupe vergrößert nicht, sondern macht sichtbar, ähnlich den Röntgenbrillen, die in meiner Kindheit in Zeitschriften angeboten wurden und vorgaben, mit ihrer Hilfe durch die Kleidung von vorzugsweise Frauen schauen zu können. Mit der Raumlupe kann ich durch die Dinge hindurch den Raum sehen, der sie ermöglicht. Ähnlich existiert bei der menschlichen Zeitlupe die Zeit als Voraussetzung meiner Wahrnehmung weiterhin, nur meine ich, die Zeit in ihrem Verlauf (besser: die Zeiten in ihren Verläufen) selbst zu erkennen und nicht wie sonst das Vergehen der Zeit im Moment dieses Vergehens nicht wahrzunehmen, sondern nur im Nachhinein. Raum und Zeit verschieben sich zueinander (man könnte etwa meinen, dass zum Raum hier die Zeit wird oder umgekehrt), werden in ihrer gegenseitigen Bedingtheit fühlbar und rufen in mir, der ich durch diese innere Zeit- und Raumlupe schaue, einen Schwindel hervor, ein Gefühl zu stürzen, zu fallen, orientierungslos zu schweben. Es sind Zustände, die einer Möglichkeit zur Wahrnehmung, noch dazu einer so genauen, zu widersprechen scheinen. Ich meine sogar, und genau das bewirkt eine zusätzliche Desorientierung, das Denken setze aus, bemerke aber in Wirklichkeit, was Denken unter anderem auch ist, nämlich ein beständiges Einordnen und Filtern.
Die oft postulierte Trennung von Denken und Fühlen existiert erst in dem Moment dieses Schwindels, existiert vor allem erst dadurch, dass ich wahrnehme, dass mein Fühlen und Denken gar nicht, wie ich anfänglich meinte, getrennt sind, sondern mein Fühlen permanent durch das Raster meines Denkens läuft und für mich allein auf diese Weise gefiltert wahrgenommen wird. Dazusitzen, um über etwas nachzudenken, ist eine sinnlose Tätigkeit, die sich immer an eine andere Tätigkeit koppeln muss, zum Beispiel das Schreiben, das Sprechen, das Arbeiten, um sich vollziehen zu können. Das Denken nämlich ist sprachlos, auch wenn ich meine, dass es sprachlich stattfindet, weil Anfänge von Sätzen, Wortfetzen, Sprachfragmenten in meinem Inneren aufzutauchen scheinen, die aber lediglich die Geräusche sind, die bei der Tätigkeit des Denkens, das heißt des sprachlosen Einordnens von Empfindungen entstehen, etwa so wie eine Tür quietscht, wenn man sie öffnet oder schließt, und man kaum auf den Gedanken verfallen würde, das Auf- und Zumachen geschehe lediglich, um dieses Geräusch hervorzurufen und nicht, um jemanden hereinzulassen oder selbst hindurchzugehen.
In der Panik lösen sich die Bezüge voneinander, werden die Gründe unscharf, weshalb man diesen Zustand auch als ein Außer-sich-Sein bezeichnet. Ich bin in der Panik jedoch nicht außer mir, sondern in mir, eins der seltenen Male höchstwahrscheinlich. Das Außer-mir-Sein lässt mich erfahren, dass das Denken tatsächlich sprachlos ist, ein Filter, durch den Raum und Zeit in mir abgebildet werden und der nicht mehr auf gewohnte Art und Weise funktioniert, sondern wie bei einer Kamera, die sich nicht mehr scharf stellen lässt, einem Bandgerät, dessen Geschwindigkeit nicht mehr zu regulieren ist, nur noch ein Gefühl von Unschärfe und Ungewissheit in mir hervorruft. Diese Momente dauern in der Regel nicht lange, sind für viele Menschen Ausnahmesituationen, die sie oft traumatisieren, zumindest schockieren, zumindest für eine Zeit lang desorientiert zurücklassen. Aber noch etwas anderes scheint sich zu beweisen: Raum- und Zeitempfinden scheinen doch keine angeborenen Grundlagen der Wahrnehmung zu sein, vielmehr erlernte Konstruktionen (vielleicht: erlernte Apriori). Mein Gefühl des Wahns bestand wahrscheinlich allein darin, dass mir diese angeblichen Grundlagen für einen Moment verloren gegangen waren, und aus nichts weiter.
20.12.2018
Ich meine zu verstehen, warum ich mich im ersten Tagebuch immer wieder geweigert habe, gewisse Ereignisse zu schildern. Es lag nicht allein an einer Scham, es war nicht nur der Versuch, eine Intimität zu bewahren, sondern war Ausdruck einer Weigerung, meine Erfahrung aufzugeben. Eine Erzählung, und genau das ist ihr grundsätzliches Problem und auch der Grund, warum sich viele Stoffe ihrer Bearbeitung zu verweigern scheinen, überschreibt die Erfahrung. Während die Erfahrung ambivalent bleibt, legt die Geschichte fest. Und ich kann nicht anders, als mit immer neuen Erzählungen auf diese Festlegung zu reagieren. Bestenfalls, nur geschieht das sehr selten, wird das komplette Leben zu einer Erzählung umgeformt wie bei Proust. Da mir das für mich nicht möglich scheint (Warum?), suche ich im Schreiben immer auch etwas, das über das Erzählte hinausgeht, mich von seiner Zwanghaftigkeit befreit und in das Leben zurückführt.
Vielleicht ist alles Schreiben ein Anschreiben gegen das Schreiben, der Versuch, sich aus dem Schreiben hinauszuschreiben.
Und weil ich dachte, Theorie sei keine Erzählung, hoffte ich, mit ihrer Hilfe der Erzählung zu entkommen, und bohrte meinen Kopf immer tiefer in sie hinein, während der Körper allerdings draußen blieb.
Ich muss mich entscheiden zwischen dem Narrativ, das mich trösten, aber auch einschläfern kann, und der Erfahrung, die mich wund, aber wach hält.
21.12.2018
Es ist die Normalität, die den Wahnsinn ausmacht. Die Normalität wird als Normalität sichtbar. Wird jedoch etwas sichtbar, ist es nicht mehr normal. Es ist ähnlich wie die Erfahrung von Raum und Zeit, das, was ich zeitweise für eine »apriorilose« Wahrnehmung hielt, während es sich wahrscheinlich genau umgekehrt verhält, der Raum durch alles, was sich in ihm befindet, hindurchscheint, die Zeit nicht länger unauffällig vergeht oder erst im Nachhinein in ihrem Vergangensein erkannt wird, sondern in einer ständigen Unruhe in allem nach vorne drängt.
Binswanger beschreibt die Schizophrenie als »Unmöglichkeit eines ungestörten Aufenthalts bei den Sachen«. Aber wie soll man sich »ungestört« bei ihnen aufhalten können, wenn sie ihr Vergehen beständig zur Schau stellen, indem sie unsichtbar im Raum werden, vielmehr der Raum sichtbar durch sie hindurchscheint, sie unsichtbar in der Zeit werden, vielmehr die Zeit sichtbar aus ihnen herauspulsiert?
Binswanger ist der Meinung, dass sich die Fähigkeit (des Nicht-Verrückten), sich bei den Dingen aufhalten zu können, darin zeigt, »daß wir das Seiende, alles Seiende, sein lassen, wie es an sich selbst ist«. Diese Fähigkeit aber kann nur der haben, der umgekehrt vom Seienden sein gelassen wird. Das genau aber ist das Problem des Wahnsinnigen, der von den Dingen, vielmehr von den durch die Dinge durchscheinenden Apriori seiner Wahrnehmung bedrängt wird und gezwungen ist, sich diesen Dingen gegenüber zu verhalten, weshalb er immer aufs Neue versucht, und wohl meist vergeblich, sie in eine Ordnung zu bringen. Das ist der Grund, warum sich Unica Zürn an das »Einmaleins mit der 9« klammert und es von 1 bis 9 aufzählt, nicht aber, logischerweise, zur 10 gelangt. Einen Text widmet sie sogar diesem Einmaleins und ihrem Sohn, er beginnt mit dem Satz: »Meine Augen sind weitsichtig geworden: das entfernte Objekt sehen sie deutlich.« Ja, allein das entfernte Objekt kann noch deutlich wahrgenommen werden, weil es in der Ferne des Raums liegt, weil es in diese Ferne versetzt werden musste, um überhaupt deutlich werden zu können, da der »ungestörte Aufenthalt bei den Sachen« unmöglich geworden ist. Das entfernte Objekt, auf das sich die Begierde richtet, die gleichzeitig weiß, dass eine Annäherung unmöglich ist.
Binswanger scheint allerdings diese »Konsequenz der natürlichen Erfahrung«, der die »Inkonsequenz« der Geisteskrankheit gegenübersteht, für eine Form der Leistung zu halten, die erbracht werden muss, um die geistige Normalität zu erhalten: »Dieses Seinlassen ist aber keineswegs das Selbstverständliche und Bequeme, vielmehr stellt es, wie gerade unsere Fälle, und zwar auf defiziente Weise, zeigen, die allerpositivste Tätigkeit dar.« Ich vermute, dass Binswanger mit »allerpositiv« kein Werturteil formuliert, sondern auf den Positivismus verweist, allerdings widerspricht er sich insofern, als er einmal davon spricht, dass das »Seinlassen« nicht selbstverständlich oder bequem sei, dann aber die Erfahrung des Seinlassens als »natürlich« beschreibt. Ist es nun eine Art kulturelle Leistung des Menschen, das Seiende sein lassen zu können, während der »inkonsequente« Wahnsinnige die Rolle des verrückten Wilden annimmt, der aus der Kultur herausgefallen ist, oder entfernt sich der Wahnsinnige mit seiner »Kultur« von der »natürlichen« Gemeinschaft der Normalen?
Handelt es sich hier um ein Problem der positivistischen Weltanschauung, die von einer allgemeingültigen Wahrnehmung objektiver Befunde ausgeht und den Wahnsinn in den Bereich der Metaphysik verweist? Aus der Sicht des Wahnsinnigen ist es ja nicht die eigene Unruhe, die seinen »ungestörten Aufenthalt bei den Sachen« verhindert, sondern die Sachen selbst, die unruhig sind.
Das Ding an sich ist das, was den Raum sichtbar macht.
Die Ordnungssysteme der Wahnsinnigen, das ist natürlich nur eine Annahme, sind ein Versuch, den »natürlichen« Ordnungssystemen etwas entgegenzusetzen. Unwillkürlich und unabsichtlich parodieren sie dabei diese Ordnungssysteme und legen den Wahnsinn frei, der unserer Normalität innewohnt.
22.12.2018
Freud schreibt in Jenseits des Lustprinzips: »Ich gestatte mir an dieser Stelle ein Thema flüchtig zu berühren, welches die gründlichste Behandlung verdienen würde. Der Kantsche Satz, daß Raum und Zeit notwendige Formen unseres Denkens sind, kann heute infolge gewisser psychoanalytischer Erkenntnisse einer Diskussion unterzogen werden. Wir haben erfahren, daß die unbewußten Seelenvorgänge an sich ›zeitlos‹ sind. Das heißt zunächst, daß sie nicht zeitlich geordnet werden, daß die Zeit nichts an ihnen verändert, daß man die Zeitvorstellung nicht an sie heranbringen kann. Es sind dies negative Charaktere, die man sich nur durch Vergleichung mit den bewußten seelischen Phänomenen deutlich machen kann.«
Diese Aussage auf meine Erfahrung von vor einer Woche angewandt, könnte folglich bedeuten, dass mir das Unbewusste ins Bewusstsein getreten ist, und zwar in seiner unverfälschten Form, nicht vermittelt, nicht über Umwege erschlossen und zurechtgedeutet, sondern in Form einer Art Un-Bewusstwerdung.
Wenn ich mir das Bewusstsein als etwas vorstelle, das lediglich ordnet und die Welt beständig nach Stellen absucht, an denen etwas in Unordnung geraten, »verrückt« ist, das wieder geradegerückt werden muss, dann würde ich ihm, das ist ein ganz automatischer Impuls, nur sehr ungern mein Unbewusstes anvertrauen, weil es dessen Strukturen nur verzerren und verfälschen kann.
In dem immer wieder an verschiedenen Stellen stilistisch uneinheitlichen Text (was bei einem hervorragenden Stilisten wie Freud besonders auffällt), wie Texte oft stilistisch misslingen, wenn die Dringlichkeit der Mitteilung an erster Stelle steht, ist Freud, wie ich finde, insofern ein Fehler unterlaufen, als er die Psychoanalyse, die er doch gerade hier zu stabilisieren sucht, schwächt, da die Frage der Psychoanalyse gegenüber nicht allein »Wie?« lautet, wie nämlich soll das ordnende Bewusstsein das Unbewusste erfassen, sondern vor allem »Wozu?«, wozu soll das Bewusstsein das Unbewusste erfassen, wenn es dessen Inhalt am Ende doch nur aus einem fließenden Prozess herausnimmt und in eine statische Ordnung presst.
Natürlich ging es ursprünglich einmal um Heilung. Das Ordnen des Unbewussten sollte die Heilung ermöglichen. Nur was bedeutet, in diesem psychoanalytischen Kontext »geheilt zu sein«? Und bin ich denn, einmal analysiert, wirklich geheilt oder doch nur geordnet? Ja, die Ordnung ist nicht zu unterschätzen, sie fühlt sich verlässlich an, stabil, aber doch nur, wenn man anschließend von ihr aus in das faszinierende Farbenspiel des unbewussten Sumpfs schauen kann, nicht wenn dieser dann trockengelegt ist, nicht damit auch da noch Ich ist, wo Es sich kaum hat entfalten können.
Und wenn das Unbewusste jenseits der Kategorien von Raum und Zeit existiert, dann kann es nicht wie eine Sprache konstruiert sein, denn die Sprache bildet nicht nur die Zeiten, vielmehr erschafft sie die Zeit generell.
Ist es nur ein anti-ödipaler, anti-psychiatrischer Reflex, auf den ich an dieser Stelle in mir gestoßen bin und der mich dazu bringt – und das wäre auch leicht als eine Form der Rationalisierung und damit des Widerstands zu enttarnen –, das Unbewusste gegen das Bewusstsein zu verteidigen? Es nicht vereinnahmen lassen zu wollen? Ein naiver Gedanke wahrscheinlich, dessen schmerzliche Rechnung ich schon bald wieder zu begleichen habe, wenn ich mich mit ganzer Kraft nach der ordnenden Kraft des Bewusstseins zurücksehne und widerspruchslos bereit bin, die durch das Reglement verursachten Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen.
Und liegt hier nicht gerade das Problem, dass ich mit einem Mal wieder die alten Dichotomien aufmache (Unbewusstes / Bewusstsein), wo gerade dieses Denken doch für einen kurzen Moment außer Kraft gesetzt zu sein schien? Aber schon wieder ist die »Neue Sachlichkeit«, die Unschärfe, das Einbeziehen der feinen Unterschiede in die Wahrnehmung vergessen, eingetauscht gegen eine vermeintliche Klarheit, auf der sich dann schon bald wieder die alten Emotionen ausbreiten können, die Erinnerungen, Befürchtungen und natürlich das Bedauern.
Sei doch froh, sage ich mir, und natürlich bin ich auch froh. Ich mache mir keine Illusionen über den bewusstseinserweiternden Wert des Wahnsinns, dennoch bin ich gleichermaßen desillusioniert über die Normalität des rationalen Denkens, in die ich unwillkürlich und wie aus einem antrainierten Reflex zurückkehre. Dieser Büroalltag, noch dazu selbstgewählt und nicht durch Umstände aufgezwungen. Ich sitze bei offenem Fenster in der beißend kalten Luft auf dem Bett, so als wollte ich mir wenigstens die Umgebung so unangenehm wie möglich gestalten. Gegen die Kälte andenken, wie die tibetanischen Mönche, die in nasse Tücher gewickelt in den Schnee gelegt werden und sich mithilfe der eigenen Wärme trocknen müssen. Dagegen sind das hier doch alles nur Spielereien. Noch etwas Kant lesen. Oder Berkeley. Dann einen Tee machen und aus dem Fenster schauen, während es dunkel wird. Gnade des Abends, der von der Arbeit befreit. Und dann noch mal als Nachtgebet zusammengefasst: Das Bewusstsein ist der Kapitalist, die Sprache ist der Faschist, und der, der die beiden in Schach zu halten versucht, das, was man vielleicht früher einmal die Seele nannte, das ist der Bürokrat, der sich nur Ordnungssysteme ausdenken kann, angeblich, um die permanenten Querelen dieser unter dem Begriff des Ich zusammengefassten Dreifaltigkeit zu schlichten, während er sie in Wirklichkeit immer wieder selbst entfacht.
2019
22.02.2019
Heute Morgen wachte ich sehr früh auf, es war noch dunkel, und meinte, während ich noch dalag und mich orientierte, eine Figur meinen Körper verlassen und in einem Abstand von vielleicht zwei Metern über mir schweben zu sehen. Diese Figur hatte kaum Tiefe, sondern schien eher wie eine der Gestalten aus den Experimenten von Schrenck-Notzing: ein nachlässig auf Pappkarton aufgezogenes Schwarz-Weiß-Foto, das einen Kopf mit Spitzbart auf einem armlosen Oberkörper darstellte. Starr und ohne sich zu bewegen oder gar ein Wort zu sagen, mehr noch, ohne sich überhaupt bewegen oder sprechen zu können, harrte diese Figur über mir aus. Es war eine absolut lächerliche Erscheinung, die dennoch ein eigenartiges Gefühl der Rührung in mir hervorrief. Gerade weil sie nichts tat, nichts tun konnte, da ihr sämtliche Gliedmaßen fehlten, ich sie trotz ihrer absurden Gestalt jedoch auf eine gewisse Weise ernst nehmen musste, entstand ein Gefühl in mir, wie es sich vielleicht einstellt, wenn man hypnotisiert wird. Ich fing grundlos, das heißt ohne Beteiligung von Emotionen, an zu weinen, so als hätte ich von dieser Pappfigur den Befehl dazu erhalten. Dann schlief ich wieder ein.
Während mich das Erlebnis im Dezember vor zwei Monaten beunruhigt hatte, weil für einen Moment die Wahrnehmung als Wahrgenommenes in mein Bewusstsein getreten war, irritierte mich an dieser eigenartigen Erscheinung vor allem ihre scherenschnittartige Banalität, die mich dennoch, oder wahrscheinlich gerade deshalb, über den ganzen Tag hinweg begleitete. Beinahe so, als hätte mein Verstand das Auftauchen eines Trugbildes nicht verhindern können und versucht, ähnlich den abgeschwächten Flüchen und Verwünschungen im Märchen, es in etwas Harmloses und Ungefährliches umzulenken, denn ein Pappgespenst, das direkt dem Handbuch der Parapsychologie entnommen zu sein scheint, kann keinen wirklichen Schrecken erzeugen. Und tatsächlich verspürte ich anfänglich, als ich mich beim erneuten Aufwachen an diese Situation erinnerte, keine Form der Verunsicherung.
Es dauerte jedoch nicht lang, bis sich eine Art sekundäre Verunsicherung einstellte. Bislang war ich, ohne genauer darüber nachgedacht zu haben, davon ausgegangen, dass Visionen oder andere Formen der Geistestrübung immer mit einem Gefühl des Überwältigtseins einhergehen und in der Regel einen starken Eindruck hinterlassen. Hier nun hatte ich erlebt, dass etwas völlig Lächerliches, etwas, das von mir in seiner Pappdeckelhaftigkeit unmittelbar als Konstrukt erkannt worden war, dennoch eine Wirkung auf mich entfalten konnte und dass seine Wirkung gerade deshalb so erstaunlich war, weil sämtliche Insignien des Sonderbaren, Wunderbaren oder Unheimlichen nicht unmittelbar in Erscheinung traten, sondern wie sekundär vermittelt wirkten. Diese mittelbare Wirkung erzeugte eine Distanz, in der die Erscheinung unzureichend und lächerlich wirkte, vor allem aber sofort als Erscheinung erkennbar war. Dies aber war, wie gesagt, nur der erste Effekt, als ich die Erscheinung noch, ähnlich der Verschiebung in der Wahrnehmung des Raums im Dezember, als ein Durchbrechen unbewusster Kräfte verstanden hatte. Doch diese Gestalt war kein Produkt meines Unbewussten, sondern ein Produkt meines Bewusstseins, das einen unbewussten Affekt mehr oder minder erfolgreich umgelenkt hatte. Eher minder, denn tatsächlich hatte das Unbewusste das Bewusstsein vorgeführt und mit dieser Erscheinung gezeigt, wes Geistes Kind dieses Bewusstsein ist, nämlich das des Unbewussten, dem es mithilfe der eigenen Hilflosigkeit selbst in seiner Abwehr noch zuarbeitete.
Was aber meine ich, wenn ich diese »Erscheinung« als unzureichend bezeichne? Kann eine Erscheinung denn unzureichend sein? Reicht denn nicht allein die Tatsache aus, dass sie erscheint? Und ist sie nicht vielleicht gerade durch das, was ich als unzureichend empfinde, etwas Ungewöhnliches und Besonderes, weil sie sich damit meinen Kategorisierungen entzieht, sie unterläuft? Konnte sie quasi nur banal und lächerlich sein, weil ich mit allem anderen ja in gewisser Weise hätte rechnen können? Leicht hätte sich der Verdacht einstellen können, dass ich lediglich etwas reproduziere, über das ich gelesen oder das ich auf einem Gemälde dargestellt gesehen hatte. Hier aber entstand Authentizität durch bewusste Ausstellung des Nicht-Authentischen, entstand das Sublime durch den bewussten Einsatz von Banalität.
Vielleicht kann das Erhabene nur noch als Banales in Erscheinung treten, weil seine sonstigen Erscheinungsformen von Ideologie und Kitsch vereinnahmt wurden.
Dass mich dieser Pappkamerad zu einer Form des emotionslosen Weinens hatte bringen können, ließ darauf schließen, dass ich unter seinem Blick selbst zu einer Art hilflosen Marionette geworden war, aus der man wie bei einem Zaubertrick nach Belieben Tränen herausfließen lassen konnte, ohne dass sie sich dagegen zur Wehr setzen könnte. Ich war tatsächlich nicht mehr Herr meiner selbst, aber auf eine ganz andere, indirektere und viel banalere Art und Weise, als ich es mir bislang vorgestellt oder im Ansatz erlebt hatte.
Die Banalität dieser Erscheinung hatte bewirkt, dass mir meine Vorstellungen von Wahnsinn, Ekstase, Überwältigung etc. ungemein banal und klischiert erschienen. Bislang, so musste ich mir eingestehen, hatte ich die Welt des Wahns mit »schönen Verrückten« bevölkert, mit visionären Heiligen und genialen Schizophrenen, die ihre organlosen Körper kontemplierten. Gerade weil mich etwas Ähnliches unter Umständen nicht weiter überrascht, mein Denksystem gerade nicht infrage gestellt hätte, gerade weil ich mir alles Mögliche, jedoch gerade das nicht hätte vorstellen können, musste etwas »erscheinen«, das durch seine Banalität, seine Unechtheit, seine Lächerlichkeit wirkte, dadurch, dass es gerade keine Verbindung zu etwas Überirdischem oder Jenseitigem herstellte, sondern im Gegenteil, Fantasie und Vorstellungswelt unterlief und trivialisierte und gerade dadurch noch unvorstellbarer, noch beeindruckender, noch wahrhaftiger erschien.
Eine Erscheinung, die dadurch beeindruckt, dass sie nicht beeindruckt, sich nicht in den etablierten Kontext des Wahns einordnet: ein Außerhalb des Außerhalb, ein Verrücken (Weiterrücken) des Verrückten (hin zum Normalen?).
Die wichtigste Frage in Bezug auf den Wahn ist die, inwieweit er neben der Normalität bestehen kann oder inwiefern er diese Normalität kontaminiert und letztlich eliminiert. Bislang war ich davon ausgegangen, dass die Normalität sich verändert, dass sie »verrückt« wird, und nicht, dass etwas außerhalb dieser Normalität existiert, das man als Wahn bezeichnen könnte. Vielleicht könnte man es so beschreiben: Ich stellte mir den Wahn unwillkürlich als eine Form der Beziehung zu etwas vor, sodass dieses Etwas eine untergeordnete Rolle spielte und im Endeffekt auch leer hätte sein können, dennoch in der Beziehung zu ihm ein Wahn ausgelöst würde.
Und darin liegt auch die Verbindung, zu der »Erscheinung« im Dezember, die meine Vorstellungen gleichermaßen unterlief und banalisierte – und dennoch eine Wirkung entfaltete.
23.02.2019
Als ich nach dem Bild suche, das als Vorlage für meine morgendliche Erscheinung gedient hatte, stoße ich auf vier Fotografien, von Schrenck-Notzing am 27. November 1912 aufgenommen. Zwei zeigen das Medium Eva C. im Begriff, eine Art Ektoplasma zu produzieren, die beiden anderen sind Vergleichsaufnahmen, auf denen eine weitere Frau eine Fotografie von Raymond Poincaré vor sich hält. Aus dem Text lässt sich leider nicht erschließen, welcher Beweis mit diesen Vergleichsaufnahmen erbracht werden sollte. Aber tatsächlich ähnelt meine »Erscheinung« von gestern in gewisser Weise Poincaré, noch mehr aber einer weiteren Aufnahme von Schrenck-Notzing aus dem Jahr 1926, auf der ein Mann, ebenfalls mit Spitzbart und von daher Poincaré ähnlich, hinter einem Medium erscheint. Er trägt ein weißes Gewand (Totenhemd?), seine Arme sind nicht zu sehen.
Es ist also eine Gestalt, die sich aus diesen Fotos, die ich seit bestimmt zwanzig Jahren nicht mehr angeschaut habe, zusammengesetzt hat und ihren Ursprung auch nicht verleugnet, sich vor allem an etwas orientiert, das mich nie wirklich beeindruckte oder beschäftigte wie zum Beispiel andere Bilder oder Kunstwerke. Wie in einer Traumanalyse könnte ich jetzt natürlich noch genauer alles untersuchen und sehen, welche Assoziationen sich möglicherweise einstellen, aber so, wie ich manchmal gerade die Träume, die mich stärker beeindrucken, nicht aufschreibe, um sie wirken zu lassen, habe ich hier das Gefühl, diese Erscheinung selbst nicht weiter aufschlüsseln zu wollen. Interessant wäre vielleicht allerdings, das ästhetische Moment daran zu verfolgen, die Möglichkeiten der Darstellung des Erhabenen im Banalen usw.
Jean Étienne Esquirol: »The activity of the brain is so intense, that the visionary or the hallucinator gives a body and a substance to images reproduced by memory, without the senses interverning.« Und: »A man who has the inward conviction of a presently perceived sensation at a moment when no external object capable or arousing this sensations is within the field of his senses, is in a state of hallucination. He is a visionary.«
24.02.2019
Interessanterweise hat diese banale Bewusstseinstrübung im Halbschlaf ausgelöst, dass ich nach einer mehrwöchigen Pause wieder angefangen habe, etwas zu notieren. Gleichzeitig, so ging es mir auch im Dezember, weshalb die Aufzeichnungen nach ein paar Tagen wieder abbrechen, verhindert derselbe Impuls, dass ich zu der üblichen Form der Notate und Gedanken zurückkehre, die mir banal, überflüssig, unnötig erscheinen. Es ist etwas, und darum geht es im Wesentlichen, das unterhalb aller Reflexionen und Gedanken über Wahn und Bewusstsein persistiert, und auf eine gewisse Weise auch insistiert. Nicht, dass diese Vorstellungen mit dem Satz einhergingen: »Du musst dein Leben ändern!«, aber es bleibt irgendeine Form der Aufforderung zur Veränderung zurück, gerade weil ich weder glaube, tatsächlich verrückt zu werden, noch, und noch viel weniger, eine Art Erscheinung gehabt zu haben. Gerade weil das, was ich erlebt habe, nicht das Potenzial hatte, mich wirklich zu ergreifen. Und mich dennoch, wenn auch auf andere Art, ergriffen hat – vermutlich, weil das, was vorgeben würde zu ergreifen und mit allem dazu Nötigen ausgestattet wäre, mich noch weniger ergreifen könnte.
Und wenn ich schon beim Archaïschen Torso Apollos bin: »denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht«, hier findet ja auch eine unerwartete Umkehr statt, in der der Betrachter zum Betrachteten wird, und vielleicht war das Eindrückliche des Erlebnisses von vorgestern, dass ich dort stumm betrachtet wurde, dass sich das Subjekthafte des Traums, in dem sonst immer ich agiere, wahrnehme etc., umgekehrt hat. Und ein Torso war diese Pappfigur in gewissem Sinne auch, zumindest ohne Gliedmaßen, wenn auch mit Kopf.
Weshalb aber gibt es das Gefühl, ich müsste diesen Erlebnissen auf irgendeine Weise »gerecht« werden, dürfte nicht mehr in die »Normalität« zurück, müsste quasi von nun alles auf hohen Touren laufen lassen? Verfalle ich hier nicht dem Fehler, doch wieder das Besondere zu suchen, wo es doch gerade das Banale war, das mich beeindruckt hatte?
Nach dem Erlebnis im Dezember hatte ich immer wieder, wenn ich irgendwo stand und etwas ansah, eine Landschaft oder Aussicht zum Beispiel, die Empfindung, dass sich ein Hintergrund und ein Vordergrund unverbunden voneinander abhoben. Und wenn ich das Gefühl hatte, alles sei in gewissem Sinne Vordergrund, so meinte ich dahinter einen Hintergrund, wenn auch nicht sehen, doch wahrnehmen zu können. Eigentlich war das gar nicht weiter ungewöhnlich, nur, dass mir beide Ebenen bewusst wurden und ich die eine schärfer und die andere unschärfer stellen konnte, was ja ebenfalls ein völlig normaler Vorgang ist, der eben meist nur unwillkürlich und unbewusst geschieht. Weil mir dieser Vorgang aber bewusst war, hatte ich das Gefühl, ich könnte auch den Hintergrund zum Vordergrund machen und so zwar nicht wahrnehmen, dass sich auch hinter diesem noch etwas befindet, eine Art zweiter Hintergrund, aber es zumindest »wissen«. Es ist meine Vermutung, dass es ohnehin nur darum geht, gewisse Wahrnehmungen nicht entsprechend einordnen bzw. nicht genau beschreiben zu können. Es geht wahrscheinlich gar nicht um Wahnsinn oder zweifelhafte Erscheinungen, sondern allein darum, auf die Grenzen der Sprache gestoßen zu sein. So wie es im Traum beständig geschieht. Etwas zu »wissen«, was sich nicht benennen lässt, oder etwas zu »wissen«, was sich auf keine Wahrnehmung stützt, oder etwas wahrzunehmen, was man gar nicht wahrzunehmen meint usw.
August Natterer hatte eine Himmelsvision und war danach und für den Rest seines Lebens damit beschäftigt, diese Vision in Worte und Bilder zu fassen und immer genauer auszuloten, bis hin zu Zeichnungen, auf denen er seine eigenen Augen »zur Zeit der Erscheinungen« darstellte, also auch den Wahrnehmungsapparat miteinbezog. Eine Vision ist auch deshalb Vision, weil sie sich nur ungenügend beschreiben lässt. Und war Natterer nur deshalb verrückt und in der Psychiatrie, weil er keinen zufriedenstellenden Ausdruck für seine Vision fand, Dante aber nicht verrückt, weil er die Commedia schreiben konnte? Ist also gar nicht die Vision selbst Kennzeichen und Ursache des Wahnsinns, sondern der Umgang mit dieser Vision?
25.02.2019
Man darf keine Ideen haben. Und das Gute an der Chronologie des Tagebuchs ist, dass sie mir die Ideen austreibt. Ideen haben immer etwas Eitles. Ich erachte einen Gedanken für wert, ausgearbeitet zu werden. Ich fange an zu sammeln und zu arrangieren und ersticke damit den Funken, der vielleicht etwas wert war. Wenn man schon Ideen hat, dann darf man sie nicht auch noch ausführen. Man muss sie verglühen lassen.
Es sind nur Vorstellungen, falsche Vorstellungen, wenn ich meine, ohne meine Ängste, ohne dieses Changieren innerhalb meiner Wahrnehmung von Realität, der Befürchtung verrückt zu werden, der Hypochondrie, der Melancholie usw. besser leben und ruhiger arbeiten zu können. Ich versuche etwas aus meinem Leben herauszunehmen, von meinem Leben zu trennen, was von ihm nun einmal nicht zu trennen ist. Ich denke tatsächlich nicht anders als Kants Taube. So peinlich es ist, das erneut und scheinbar immer wieder aufs Neue zugeben zu müssen.
Nicht eine Metaphysik des Alltags: der Alltag ist die Metaphysik.
Und wenn sich das Metaphysische im Alltag findet und die Chronologie das Denken bestimmt, gibt es auch nicht die Frage nach der Scham, der Peinlichkeit, dem Verbergen.
Aus der Erkenntnis der Endlichkeit entstehen die melancholischen Gedanken, mit denen ich mich langsam von dem zu lösen versuche, was ich ja doch zurücklassen muss, das, was mich umgibt, und das, was umgeben wird, also mich selbst. Und obwohl ich versuche, diese Einsicht zu praktizieren, bleibt eine Melancholie enthalten. Wie kann das sein? Weil das Klammern an das, was vergeht, ein leeres Gefühl ist, wie das Begehren, und weil Denken nichts mit Erkennen zu tun haben muss? Wenn ich genau hinschaue, habe ich mich vielleicht hier und da bereits von Dingen gelöst, aber nicht von den Gedanken an diese Dinge oder der Meinung über diese Dinge. Und so hat sich meine Beziehung zu den Dingen durch ihre Abwesenheit nicht gelöst, sondern im Gegenteil sogar noch verstärkt. Erst war es der Samstagabend mit seinem eigenartigen Geschmack von Einsamkeit, dann die Gedanken an diesen Samstagabend. Wenn also Denken einen Sinn haben soll, dann kann dieser Sinn nur darin liegen, sich selbst zur Ruhe, zu einem Ende zu bringen. Die Suche nach Transzendenz hat ihren Kern in der Ahnung, dass sich jegliches Denken transzendieren muss, sich übersteigen muss, um das zu erreichen, was es anstrebt: nicht mehr es selbst zu sein. Und damit: nicht mehr zu sein.
Darmowy fragment się skończył.