Czytaj książkę: «Kontrolle»
Frank Westermann
Kontrolle
Der Anfang einer utopischen (?) Geschichte
Band 1 der Serie »Andere Welten«
FUEGO
- Über dieses Buch -
ERDE I
Ich glaub, dies war das Schlimmste, was die menschliche Zivilisation bisher durchgemacht hatte. Und das Übelste an der Sache war, dass man diesem Chaos, diesem gigantischen Unterdrückungsapparat nicht entkommen konnte. Früher hatte es immer Auswege gegeben, Fluchtmöglichkeiten, die von Minderheiten, Unterdrückten und Außenseitern mehr oder weniger genutzt wurden. Auswege gab es nicht. Hier existierte nur diese einzige, riesige Stadt - drum herum erstreckte sich Steinwüste, Unfruchtbarkeit und Leblosigkeit. Und es gab meines Wissens keinen Flecken auf der Welt, der sich wesentlich von dem beschriebenen Bild unterschied. Und falls dies nur Propaganda war, konnte man es nicht überprüfen ...
ERDE II
»Keine Angst«, versuchte ich ihn zu beruhigen. »Ich will nur versuchen, unsere Situation zu erklären.«
»Was soll dann die Waffe? Ihr wißt genau, daß ich ungeschützt bin«
»Mann, wir wissen überhaupt nichts!« schrie jemand hinter mir.
»Wir kommen von einer anderen Wahrscheinlichkeitsebene. Darum wissen wir über nichts Bescheid«, sagte ich und hoffte, dass das gleichzeitig eine Erklärung war.
»Wahrscheinlichkeitsebene...?« Der Alte sah mich ungläubig an. »Na, das ist natürlich was anderes. Aber ihr müsst wissen, ich kenne mich in derTheorie nicht so aus.«
»Ich auch nicht«, sagte ich leise ...
Well man created the cardboard box to sleep in
And man converted the newspaper to a blanket
Well you have to admit that he's come a long way
Since swinging about in the trees
We're the smartest monkees
XTC - »The Smartest Monkees«
Vorwort zur E-Book-Ausgabe
Wer hätte das gedacht? 38 Jahre nach dem ersten Erscheinen von »Kontrolle« kommt nun eine E-Book-Ausgabe heraus. Als ich mit 25 Jahren anfing, dieses Buch zu schreiben, hätte ich nicht im Traum an so eine Entwicklung gedacht. Wie auch? Internet, Smartphones und E-Bücher waren damals Science Fiction, kaum vorstellbar tauchen sie auch in diesem Buch (und allen weiteren) nicht auf.
Es fühlt sich an, als wäre ein Teil meines Lebens aufs Neue erwacht - und das sind durchaus ambivalente Gefühle. Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich zum letzten Mal in »Kontrolle« und den Folgebänden der Serie »Andere Welten« geblättert habe. Ab und zu stechen sie mir ins Auge, wenn mein Blick zufällig auf die letzten gedruckten Exemplare im Bücherregal fällt.
Als Friedel Muders von Fuego mich vor ca. einem Jahr anrief mit dem Vorschlag, die Serie nach und nach als E-Bücher »auf den Markt« zu bringen, habe ich spontan eingewilligt. Warum auch nicht? So »überleben« sie immerhin und sind weiterhin für interessierte Leserinnen und Leser erhältlich. Andererseits kamen mir auch Zweifel: Sind sie überhaupt inhaltlich noch aktuell? Haben sie Menschen in der heutigen Zeit noch etwas mitzuteilen oder ist das Ganze nur ein nostalgischer Trip in die Vergangenheit? Immerhin war ich mir schon lange sicher, dass ich die Bücher heute so auf keinen Fall mehr schreiben würde, und hatte mich oft sehr zurückhaltend geäußert, wenn die Sprache darauf kam. Sind sie also »nur« Dokumente der Zeitgeschichte, die heute darüber hinaus keine Bedeutung mehr haben?
Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Das mögen die Leserinnen und Leser selbst entscheiden.
Eine weitere Hürde stelle sich mir in den Weg, als ich »Kontrolle« auf Friedels Wunsch hin noch mal Korrektur lesen sollte. Wie würde es mir ergehen, alles wieder Revue passieren zu lassen? Würde nicht der Drang über mich kommen, Formulierungen zu verändern, Neues einzufügen, ja, alles umzuschreiben? Würde mir manches nicht heute ausgesprochen peinlich sein bzw. geradezu unleserlich? Friedel warnte mich davor und bestand darauf, wirklich nur Rechtschreibfehler/Zeichensetzung zu korrigieren - die meiste Arbeit hatte er in dieser Hinsicht sowieso schon geleistet (Stichwort: Satzerfassung und neue Rechtschreibung).
Im Nachhinein kam es genauso, dass es nur die Alternative gab, alles neu zu schreiben oder nur die Fehler zu verbessern. Und dabei ist mir klar geworden, dass ich inhaltlich gar nicht so viel ändern würde, der Stil und viele Formulierungen dagegen ... (s.o. von wegen »peinlich« etc.)
Nun ist es also fertig und auch die nachfolgenden vier Bände der Serie werden nacheinander erscheinen. Bin ich trotz aller Unzulänglichkeiten stolz darauf? Ja. Und ich hoffe, indem die Bücher so einem ganz neuen Publikum zugänglich werden, dass die eine oder der andere auch heute noch an dieser Science Fiction-Abenteuergeschichte mit sozialpolitischem Hintergrund Gefallen findet und vielleicht sogar durch irgendeine Passage zum Nachdenken angeregt wird. Und was den politischen Hintergrund angeht, ist eventuell 1978 gar nicht so weit von 2016 entfernt und ebenfalls nicht vom Ausgangspunkt der Zukunft, die in »Kontrolle« beschrieben wird.
Können wir uns eine bessere Zukunft vorstellen? Ich hoffe es. Auch wenn sie sicherlich nicht so aussehen wird, wie sie hier und in den weiteren Büchern beschrieben ist.
Mein Dank geht an Friedel Muders, der dieses Projekt (fast) im Alleingang hat Wirklichkeit werden lassen sowie an alle ehemaligen und zukünftigen Leserinnen und Leser und natürlich auch an alle, die damals mitgeholfen haben, diesen 5-bändigen Zyklus in die Tat umzusetzen.
Frank Westermann, März 2016
To be or not to be – Shakespeare
To be is to do – Rouseeau
To do is to be – Sartre
Dobe dobe dobe do – Frank Sinatra
Klospruch, gesehen in Irland
Ähnlichkeiten festzustellen mit lebenden,
toten oder noch nicht lebenden Personen,
bleibt dem Leser überlassen.
We went in low and hit 'em hard
The leathernecks were our rear guard
Audie rode the armoured cars
Between us, between us
Streetwalkers - »Between Us«
I. Teil
And if you can't be with the one you love
Love the one you're with
Crosby, Stills, Nash & Young - »Love The One You're With«
1.
Als ich die polternden Schritte hörte, war mein erster Gedanke, dass ich mit der Alarmleine wohl Mist gebaut hatte. Dass ich trotzdem aufgewacht war, verdankte ich nur der Gleichgültigkeit der staatlichen Ordnungshüter. Ich entschuldigte die Panne vor mir selber damit, dass ich eben keine Erfahrung in solchen Vorsichtsmaßnahmen hatte.
Ich hatte aber auch keinen Grund, in Panik zu verfallen. Die Bullen hatten kein besonders großes Interesse daran, jemanden wie mich zu schnappen. Denn das bedeutete für sie nur Arbeit und Scherereien.
Ich raffte also meine paar Klamotten zusammen - auch die Bücher und das kleine Abspielgerät - ließ die Taschenlampe kurz aufleuchten und schwang mich aus dem Fenster. Außer Abfall lag jetzt nichts mehr in dem verlassenen Gebäude.
Ich rappelte mich hoch und rannte einige Schritte über den steinigen Hof, bis ich die Straße erreichte. Die Cops würden wohl noch einige Zeit damit verbringen, die Ruine zu durchsuchen, in der ich die letzten Tage und Nächte verbracht hatte. Ich sah den Gleiter in einiger Entfernung stehen. Der Fahrer hatte sich lässig im Sitz zurückgelehnt und paffte irgendein Halluzinogen. Ich hatte keine Angst, dass er mich entdecken könnte.
Andererseits war ich ziemlich sauer, dass sie mein Versteck aufgespürt hatten. Denn in der Stadt fand man wohl kaum noch so ein Quartier. Und dabei handelte es sich um eine reine Routinekontrolle! Wieso mussten sie da gerade auf diesen Sektor verfallen?
Scheiße! Und ich hatte so ein Glück gehabt. Sonst wurde man draußen oft von alten Pennern belästigt, oder irgendwelche Banden machten die Gegend unsicher. Hier war es wenigstens ruhig gewesen.
Es war stockduster. Die paar Straßenlampen funktionierten natürlich nicht. Entweder waren sie sowieso kaputt oder sie waren von allen möglichen Geschossen außer Betrieb gesetzt worden. Mond und Sterne schienen heute den gleichen Bedingungen zu unterliegen.
Ich packte mir den Beutel mit meinen Sachen über die Schulter und schlug die Richtung zur Stadt ein. Zumindest vermutete ich sie in dieser Richtung. Ich hatte Mühe, nicht über den herumliegenden Müll zu stolpern. Dass es auch noch andere Hindernisse gab, merkte ich schon nach fünf Minuten.
Ich fiel der Länge nach auf die Fresse. Die Straße hatte hier ein Loch. Ich verfluchte den letzten Krieg und mit ihm wieder mal die ganze verdammte Gesellschaft mit allem, was dazugehörte. Ich war mir nun auch gar nicht mehr sicher, dass ich den richtigen Weg zur Stadt eingeschlagen hatte. Die Außenbezirke kannte ich nur wenig, weil es gefährlich war, sich hier herumzutreiben.
Die letzten Tage hatte ich fast ausschließlich in der Häuserruine verbracht - mit lesen, Musik hören, zeichnen und überlegen. Zu essen hatte ich genug dabei. Die Dosen erwärmten sich von selbst. Ich konnte noch nicht abschätzen, ob mir die Zurückgezogenheit was gebracht hatte. Das würde sich wohl erst später zeigen.
Ich ging also noch vorsichtiger weiter. In die Stadt wollte ich schon, da ich absolut keine Lust hatte, mir die Nacht irgendwo draußen um die Ohren zu schlagen. Zum Glück war es einigermaßen warm und es regnete nicht, obwohl ich wusste, dass hier draußen die Wetterkontrolle oft ausfiel.
Ich wollte gerade meine Marschroute ändern, als ich in der Ferne die Lichter der Stadt entdeckte. Aber das beruhigte mich auch nicht besonders, im Gegenteil. Ich konnte die Stadt nicht ausstehen. Ich spürte den Lärm und die Hektik bis hierher. Aber ich hatte eben keine andere Wahl. Ich ging etwas schneller, damit ich nicht in letzter Minute noch auf irgendwelche unliebsamen Nachtwanderer traf.
Ich hatte die Brücke schon erreicht - ein Symbol der Trennung der Stadt von draußen - und die ersten Wagen zischten an mir vorbei, als ich von hinten einen Stoß bekam, der mich fast zum zweiten Mal in dieser Nacht zu Fall gebracht hätte.
»Haste Feuer?«, fragte mich ein Typ, als ich mich umgedreht hatte.
Ich verneinte. Ich hatte furchtbare Angst. Meine Beine schlotterten, und ich lehnte mich gegen das Brückengeländer. Dabei sah ich mich vorsichtig nach allen Seiten um, weil ich erwartete, dass er nicht allein gekommen war. Gleichzeitig schielte ich zum anderen Ende der Brücke, wo die ersten bewohnten Häuser standen, um eine Fluchtmöglichkeit auszuspähen.
»Hey, ich will dir nichts tun, Brother«, versuchte der andere mich zu beruhigen.
Er hatte ne komische Mütze auf und trug reichlich zerfledderte Klamotten. Sein Gesicht hielt er geschickt aus dem Licht der Brückenlampen, sodass ich kaum etwas erkennen konnte.
»Wo willst du hin?«, fragte er neugierig.
»In die Stadt«, antwortete ich einsilbig. Er schien mir nun doch harmloser zu sein, als ich zuerst angenommen hatte. Jedenfalls sah es nicht so aus, als wollte er mir eins über den Schädel ziehen.
»Okay. Ich komme ein Stück mit runter, obwohl ich die Gegend nicht gut ab kann.«
Ich fand, dass er einen merkwürdigen Slang sprach, den ich nicht richtig einordnen konnte. Seinen Vorschlag fand ich natürlich überhaupt nicht toll, und er wusste das auch, denn ich bemerkte, dass er grinste. Für einen kurzen Moment sah ich sein Gesicht, und es schien mir so verschwommen und undeutlich wie die ganze Gestalt. Ich brummte was vor mich hin und ging weiter, er neben mir her.
»Sei doch nicht so trottelig!«, fuhr er mich an. »Ich will ja nur mit jemand reden.«
»Ja, schon. Ich dachte nur erst, du wärst irgendein Typ mit dem Jolly in der Hinterhand.«
»Quatsch! Du kennst dich hier wohl nicht aus. Niemand geht hier allein auf Beute. Der andere könnte schließlich cleverer sein.«
Ich fasste allmählich etwas mehr Zutrauen, wobei auch mein Bedürfnis, endlich mal wieder mit jemandem zu sprechen, eine Rolle spielte. Ich erzählte ihm, dass ich nur drei Tage draußen gewesen war, und mir die Regeln hier tatsächlich ziemlich fremd waren.
»Da hast du ja ne ganze Portion Glück gehabt«, meinte er. »Wenn man draußen nicht Bescheid weiß, …«
Er hielt mich plötzlich fest. Wir waren am anderen Ende der Brücke angelangt.
»Ich geh nicht weiter«, sagte er aufgeregt. Ein andermal vielleicht. Ich hab heut kein Glückstag, siehst du …«.
Er fischte irgendetwas aus seiner Jackentasche und warf es in die Luft. Als er es wieder auffing, zitterte er.
»Negative Gefühle. Das wusste ich.«
Ich verstand zwar nichts, aber egal. Ich wusste nur, dass er umkehren wollte. Er nahm mich plötzlich in die Arme und drückte mich, dass mir fast die Luft wegblieb. Ich hatte das Gefühl, als würde ich in einen Strudel gerissen. Instinktiv wehrte ich mich, und er ließ mich ebenso schnell wieder los.
»Wir sehen uns!«, rief er.»Irgendwo, irgendwann …«
Und als ich noch erstaunt und starr wie ein Stück Beton dastand, verschwand er unter der Brücke.
Ich musste zugeben, dass mir die Begegnung ganz schön zugesetzt hatte. Um mich zu erholen, setzte ich mich auch für eine Weile unter die Brücke. Der Fluss war schon lange verpufft und hier gab's nur Gestank und Abfall.
Ich spürte, dass ich am liebsten mit dem Typ gegangen wäre und nun saß ich reichlich bedeppert hier herum. Es musste ungefähr Mitternacht sein. Meine Uhr war beim Sturz vorhin kaputt gegangen. Über mir hörte ich das Brummen der Wagen und Gleiter, die von der Kreuzung aus Hightown kamen. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren, geschweige denn das Erlebnis irgendwie verdauen. Ich rappelte mich also wieder auf, steckte ein Stück Plog zwischen die Zähne und marschierte weiter, dem bunten Lichterdschungel entgegen.
Love is a sleeper locked in a room
Waiting for someone to waken it
Holding a key for a heart that's immune
Frightened it's not really making it
Family - »Love is a Sleeper«
2.
Fast übergangslos landete ich in dem Gewirr von dröhnendem Lärm, schreienden Leuten und flimmernden Farben. Neben mir donnerte plötzlich der Lautsprecher einer Musikbox los, und die Leute um mich herum fingen an, wie wild auf der Straße herumzutanzen. Ich musste mich schon in den ersten Minuten bemühen, nicht total auszuflippen.
Ich hatte nämlich noch ein ganzes Stück zu laufen bis zu der Kneipe, die ich aufsuchen wollte. So richtig gemütliche, alte Kneipen gab es schon lange nicht mehr. Ich ging auch nur deswegen dorthin, weil sich da meist einige Leute aufhielten, die ich kannte. Ich hoffte, dort ein paar Freunde zu treffen und irgendwo einen Platz für die Nacht zu finden.
So schob und drängelte ich mich durch eine kreischende, wahnwitzige Menge, wurde einige Male von schwer bewaffneten Cops kontrolliert und konnte nur mit Mühe aufdringlichen Händlern und Frauen entgehen.
Ich hasste die Stadt!
Ich glaubte, dies war das Schlimmste, was die menschliche »Zivilisation« bisher durchgemacht hatte. Und das Übelste an der Sache war, dass man diesem Chaos, diesem gigantischen Unterdrückungsapparat nicht entkommen konnte. Früher hatte es immer Auswege gegeben, Fluchtmöglichkeiten, die von Minderheiten, Unterdrückten und Außenseitern mehr oder weniger genutzt wurden.
Ich hatte einige Bücher gelesen, verbotene natürlich, in denen Menschen in »demokratischere« Länder ausreisten, sich in die Natur zurückzogen oder im Untergrund in politischen Organisationen gegen Terrorregime kämpften.
Nichts von all dem war hier möglich. Nach dem letzten kurzen und schrecklichen Krieg waren nicht viele Menschen übrig geblieben - gemessen an der Bevölkerungsdichte, die vor dem großen Knall herrschte. Kaum hatten die Wissenschaftler und Politiker, die Bürokraten und Militaristen die ultimate Bombe entdeckt, gab es für sie nichts Eiligeres zu tun, als sie auch anzuwenden. Ein Bereinigungskrieg sollte wieder Platz für Investitionen machen. Der Vorteil: Die Bombe hinterließ keine Radioaktivität. Das Sterben war schmerzlos schnell, der Wirkungskreis enorm. Gegenden vom Ausmaß kleinerer Länder versanken in Sekundenschnelle in Schutt und Asche, Überlebende gab es kaum.
Der Krieg dauerte nur ein paar Tage. Dann wurde auch dem letzten hirnverbrannten, wahnsinnigen Faschisten klar, dass es keinen Zweck hatte, alle Menschen auszurotten. Denn über wen hätten sie dann das Netz der Ausbeutung auswerfen können?
Die Wirtschaft, die Technologie und der Verwaltungsapparat hatten durch den Krieg wenig Schaden genommen und erholten sich schnell, mit Ausnahme der »unbedeutenden« Staaten, die gleich völlig von der Landkarte ausradiert worden waren. Die neuen/alten Machthaber verstanden es, die alte Wirtschaftsordnung, das alte Gesellschaftssystem fast übergangslos fortzusetzen - noch perfekter und brutaler, als es vorher schon gewesen war. Sie hatten es dadurch leicht, weil sie während des Krieges alle Widerstandsgruppen systematisch zerschlagen hatten.
Das Leben jetzt konnte man entfernt mit der Welt, die Orwell in 1984 beschrieb, vergleichen, obwohl es gravierende Unterschiede gab. Die Überwachung und das gesamte Sicherheitssystem der Stadt jedenfalls funktionierten genauso, nur unauffälliger.
1984 stand natürlich auch auf der Liste der staatszersetzenden Bücher, und ich hatte Glück gehabt, dass ich wenigstens Bruchstücke hatte lesen können. Einem neutralen Beobachter wäre dort die Unterdrückung sofort aufgefallen, während die Stadt den Eindruck vermittelte, als lebten ihre Bewohner in Freiheit.
In der Tat wurde niemand gezwungen, einen erniedrigenden, dreckigen 10-Stunden-Tag in einer gigantischen Fabrik zu arbeiten. Doch dann gab's auch kein Geld, und damit auch nicht all die hübschen kleinen und großen Sachen, die man sich davon kaufen konnte. Und was anderes als kaufen und Geld ausgeben gab es nun mal nicht. Höchstens das Konsumieren des täglichen Tri-Di-Programms.
Das Leben stellte sich nicht so eintönig grau dar wie bei Orwell - es war viel bunter, schreiender. Und somit auch weniger leicht zu durchschauen. Von Kind auf wurden jedem eigene, kritische Gedanken oder Formen von Eigeninitiative ausgetrieben. Geschichtsfälschung und Medien spielten dabei eine große Rolle. So wurde praktisch das Leben vorprogrammiert, obwohl es aussah, als könnte jeder tun und lassen, was er wollte. Nur wenige hatten die Möglichkeit,diese Fassade zu durchschauen, sei es durch Zufall oder günstige Umstände.
Wer kam schon gegen eine sich überschlagende Vergnügungsindustrie, eine an allen Ecken ins Auge stechende Werbung und Mode, ein ewiges Durcheinander von Konkurrenz, Neid, Hass und Aggressionen an? Dies alles war von den Regs offiziell sanktioniert, Auswüchse und Widerstand wurden ohne Rücksicht restlos ausgetilgt.
Auswege gab es nicht. Hier, im ehemaligen Südengland, existierte nur diese einzige riesige Stadt - rundherum erstreckte sich Steinwüste,Unfruchtbarkeit und Leblosigkeit. Allein die Regs und ihre Vertrauten hielten Kontakt zu anderen Städten und Erdteilen. Und es gab meines Wissens keinen Flecken auf der Welt, der sich wesentlich von dem beschriebenen Bild unterschied. Und falls dies nur Propaganda war, konnte man es nicht überprüfen.
Bei all diesen immer wiederkehrenden Gedanken hatte ich fast im Traum die besagte Kneipe erreicht. Die Flügel der breiten Tür standen weit offen, und aus dem knallgrünen Gebäude drang ein Schwall von lauten Worten und beißendem Qualm.
Ich spähte erst mal vorsichtig hinein, um mich an das Dämmerlicht und die Rauchschwaden zu gewöhnen. Es stank nach Drogen, Schweiß und Zigaretten. Ich quetschte mich durch einen Wust von gestikulierenden, schreienden Menschen, Stühlen, Tischen und Glücksspielautomaten. Irgendjemand drückte seine Zigarette fast in mein Auge, ein anderer leerte sein Bier auf meiner Hose aus. Schimpfend und schwitzend entdeckte ich endlich im Hintergrund an einem kleinen Tisch einige bekannte Gesichter und schlängelte mich zu ihnen durch.
»Hey, Speedy!« rief jemand, und ich erkannte Yate, einen schon etwas älteren Saufbruder.
«Hallo!«, sagte ich müde und schob mich mühsam neben ihn auf die abgeschabte, rote Plastikbank.
Ich stellte den Beutel zwischen meine Füße - aus Vorsicht, falls jemand die Absicht hatte, ihn unauffällig mitzunehmen.
Die Mechano-Bedienung brachte mir ein großes, gepanschtes Bier, das mich erst mal einige Zeit in Anspruch nahm.
»Wo hast du dich rumgetrieben?«, fragte Cab.
Er beugte sich zu mir herüber, sodass ich sein tätowiertes Gesicht bald mit der Nase berührte.
»Ich war ne Zeit draußen.«
»Was?! Hast du ne Macke? Was hast du denn da gesucht?«
»Musik gehört, gelesen, nachgedacht …«
»Schön blöd!«, meckerte Yate. »Hast Glück gehabt, dass du mit heilen Knochen wieder hier gelandet bist.«
Das »Gespräch« fing an, mich total zu nerven. Aber welche Leute hatte ich hier sonst erwartet? Ich hielt also den Mund und versuchte mich etwas zu entspannen. Doch die ganze Hektik hier ließ auch das nicht zu. Yate und Cab beschäftigten sich wieder mit sich selbst, ihren Motorrädern, Glücksscheinen, Tri-Di-Filmen und Doog-Stangen.
Dann hielt mir jemand von hinten die Augen zu.
»Lucky?«, riet ich vorsichtig.
Er lachte leise, zog mich hoch und nahm mich in die Arme. Und plötzlich fiel das alles von mir ab, die Unsicherheit, die Angst, die Traurigkeit und die Müdigkeit. Ich konnte mich nur noch freuen, brachte sogar ein Lachen zustande. Ich hielt ihn krampfhaft fest und versank beinahe in seiner Umarmung. Dann drängte sich jemand anders an uns. Flie, die große, warme Flie!
»Schön, dass du wieder da bist«, sagte sie leise und küsste mich auf die Nase.
»Ich freu mich auch. Aber dass ihr hier seid …«
»Reiner Zufall«, grinste Lucky. »Wir wollten nur ein paar Knollen X abstauben. War aber nix.«
»Kommst du mit zu uns?«, fragte Flie spontan.
»Sofort.«
Ich spülte den Rest vom Bier hinunter und folgte den beiden.
Zurück ließ ich versoffene, langweilige, angepasste Typen wie Yate und Cab, aber auch Stucker, der still in einer Ecke saß, sodass ich ihn erst gar nicht bemerkt hatte und mich mit traurigen Augen musterte. Ich konnte es nicht ändern. Ein Gespräch mit ihm lag im Moment für mich nicht an.
An der Tür schloss sich uns noch eine Frau an, die auch nur mal reingeschaut hatte. Ich kannte sie nicht. Sie schien aber eine Freundin von Lucky und Flie zu sein.
Es war ziemlich spät geworden oder auch nicht - wie man's nimmt. Trotzdem war es dank der überwältigenden Beleuchtung auf den Straßen taghell. Wir versuchten, so gut es ging, dem Trubel auszuweichen und nahmen dafür auch einige Umwege in Kauf.
Flie und die andere Frau unterhielten sich lebhaft. während Lucky und ich schweigend nebeneinander hergingen.
Ich wunderte mich, dass er so ruhig war, denn gewöhnlich alberte er meist etwas herum oder versuchte ein Gespräch anzufangen. Schließlich fragte ich ihn, was los sei.
»Nicht einfach«, sagte er nachdenklich und kniff die Augen zusammen.»Ich fühle mich nur in letzter Zeit so komisch. Aber ich weiß nicht, woran das liegt. Ich bin unruhig und nervös und finde keinen Grund dafür.«
Er hörte wieder auf zu sprechen, und ich wusste auch nicht, was ich dazu sagen sollte. Ich hatte in den vergangenen Wochen viel zu wenig Kontakt zu ihm gehabt, sodass ich auch keine Vermutungen anstellen konnte, warum er unruhig war. Und dann erzählte er auf einmal was ganz anderes.
»Neulich bei der Arbeit«, fing er an - er arbeitete jetzt schon fast ein Jahr in der größten Bibliothek der Stadt, der Job war vielleicht ne Ecke besser wie so mancher andere - »du weißt ja, was ich mache, und dass ich mich nie so für die Bücher, die da rumstehen, interessiert habe. Ich bin eben der Meinung, dass das ganze Gewäsch niemandem helfen kann. Heutzutage werden kaum noch Bücher geschrieben außer Krimis, Heldengeschichten, Pornos und Love Stories. Ich habe früher einiges von dem alten Zeug konsumiert, aber ich finde, es ist einfach für heute nicht mehr interessant oder nicht anwendbar.«
Er war wieder ne Weile ruhig und ich drängte ihn nicht, weiterzumachen. Ich fand alles nur ziemlich unzusammenhängend und verstand noch nicht, worauf er hinauswollte, oder ob er überhaupt auf etwas hinauswollte. Aber irgendwas musste ihn ganz schön aufgerüttelt haben. Er wirkte direkt etwas hilflos auf mich.
»Also, pass auf!« Plötzlich sprudelte er los. »Neulich kam ein Typ bei uns rein, so kurz vor Mittag. Er ging sofort auf mich zu, obwohl Louis viel näher bei ihm stand. Er fragte mich etwas unbeholfen nach einem ganz bestimmten Buch. Also ehrlich, ich hatte weder Titel noch Verfasser jemals vorher gehört. Ich ging also rüber zum Computer und fragte in der Zentralkartei nach, aber das war auch negativ. Ich sagte dem Typ also Bescheid und fragte mich im Stillen, woher er den Titel hatte oder ob das vielleicht ein Index-Buch war. Da griff der plötzlich ins Regal und holte ein Buch raus. Er zeigte es mir, und es war genau das Buch, das er haben wollte.«
«Was?«, machte ich ungläubig. »Das gibt es doch gar nicht.»
«Tja, das dachte ich auch. Aber er hielt es mir hin und machte mich an, dass ich es nicht rausgesucht hätte. Ich erklärte ihm, dass das Buch nicht in der Kartei war, und fragte ihn, wie er es gefunden hätte. Er grinste mich ein bisschen blöd an, und weißt du, was er dann machte? Er hielt mir das Buch hin und sagte, ich sollte es mir mal gut durchlesen. Dann haute er wieder ab.«
»Ist der bekloppt?« Ich konnte das nicht begreifen. »Erst gibt er sich so viel Mühe, an das Buch ranzukommen und dann gibt er es dir.«
»Was meinst du, was ich dachte. Ich stand echt da wie ein Hampelmann.«
»Merkwürdig. Muss ich schon sagen. Hast du das Buch denn eigentlich gelesen?«
Jetzt wurde er ganz unsicher. »Ja, ich bin gestern damit fertig geworden. Aber ich bin nicht ganz durchgestiegen. Ich will es noch mal lesen.«
»Muss ja interessant sein, wenn du schon was liest und dann gleich doppelt.«
»Weißt du, es ist einfach ne Beschreibung. Ne Beschreibung, wie es auf der Welt heute aussieht und was aus ihr mal wird.«
»Das gibt es ja gar nicht«, wiederholte ich mich. »Bestimmt ein verbotenes Index-Buch.«
»Okay. Ich kann es dir ja zeigen, wenn wir oben sind.«
Wir waren nämlich inzwischen bei dem alten, grauen Wohnblock angekommen, in dem Flie, Lucky und noch fünf andere Leute zusammen wohnten. In den zwei anderen Wohnungen lebten ebenfalls Wohngemeinschaften.
Flie stieß die Tür auf. Es war stockduster. Wir stolperten im Eingangsbereich über ein Chaos von Abfall und Müll.
»Da hat schon wieder jemand den Müll umgekippt«, schimpfte Flie. »Der wird auch schon seit Wochen nicht mehr abgeholt.«
Der Block war nicht an das automatische Versorgungs- und Verwertungsnetz der Stadt angeschlossen. Normalerweise wurde der Müll regelmäßig abgefahren.
Auch das Licht funktionierte nicht, und wir tasteten uns im Dunkel die steinerne Treppe rauf.
»Ich glaube, die wollen uns hier vergraulen«, knurrte Flie.
»Ach was, die wollen nur testen, was wir aushalten können«, widersprach Lucky. »Sie haben uns hier besser unter Kontrolle als auf der Straße. Aber was anderes - wir könnten mal versuchen, jemand mit Wagen aufzutreiben, der uns den Dreck wegfährt.«
»Kennst du etwa jemand, der sich nen Wagen leisten kann?«, fragte Flie ironisch.
Sie öffnete die Wohnungstür und wir betraten einen kleinen Flur. Links lagen Bad und automatische Küche, rechts ging es zu den Zimmern. Alles war eng und niedrig. Ab und zu tropfte das Wasser von den Wänden, und es quietschte und knarrte bei jedem Schritt. Es hatte auch keinen Zweck, hier noch großartig was zu renovieren. Hier war wirklich alles zu spät und die Leute hatten gerade genug Bucks, um die notwendigsten Reparaturen durchführen zu können.
Wir schlichen durch Bowlers Zimmer - er schlief schon - dahinter lag Flies. Sie zündete schnell ein paar Kerzen an, die dem Raum ein warmes, gemütliches Licht gaben. Hinten links lagen mehrere bezogene Matratzen mit einer bunten Decke auf dem Boden - Flies Bett -, davor lag ein weicher, brauner Teppich. Eine VID-Kompakt-Anlage, einige persönliche undefinierbare Gegenstände und eine wuchtige Holztruhe mit ihren Klamotten füllten das winzige Zimmer ganz aus.
Wir setzten uns auf den Teppich und Flie stellte leise Musik an. Sie setzte sich mir gegenüber. Ihr langes, schwarzes Haar fing das Licht einer Kerze ein. Ich kannte sie schon lange, länger als Lucky oder Stucker. Und ich war vor einigen Jahren ne ganze Zeit mit ihr zusammen gewesen. Noch bis vor Kurzem hatten wir manchmal Tage und Nächte gemeinsam verbracht, bis ich mich von allem zurückzog.
Lucky war vor ungefähr vier Monaten aufgetaucht und einer ihrer besten Freunde geworden - und einer von meinen, wenn nicht überhaupt der beste, einzige. Er war hier eingezogen, nachdem die vorige Bewohnerin ihr Leben durch einen Sprung von der grünen Mauer beendet hatte. Ich hatte sie nicht gekannt, aber die Nachricht von ihrem Tod rief in mir wieder all die Gedanken über Selbstmord hervor, die ich schon tausendmal im Schädel gehabt hatte. Es führte zu nix, außer dass ich einige Tage wie besoffen in den Straßen rumhing. Im übrigen war die grüne Mauer natürlich nicht grün. Sie war nur von irgendwelchen Leuten so genannt worden, um an Gras und Pflanzen zu erinnern. Ich hatte noch nie Gras gesehen und ich glaubte auch nicht, dass es noch welches gab.
Mit Lucky hing ich damals oft zusammen. Tagelang waren wir sozusagen unzertrennlich. Er konnte einfach auf Leute eingehen, wie ich es noch nie erlebt hatte. Und er hatte ähnliche Gedanken im Kopf wie ich. Wir erzählten uns gegenseitig, wie wir uns ein besseres Leben vorstellten und lauter so 'n Zeug. Wir packten Sachen gemeinsam an, die keiner von uns allein geschafft hätte. Er half mir, manchen Job durchzustehen. Ich besuchte ihn oft in der Bibliothek. Es konnte uns natürlich nie gelingen, eine alternative Lebenspraxis zu entwickeln. Das waren halt immer nur Überlegungen. Bis ich es dann nicht mehr aushielt und alles hinschmiss. Lucky konnte da etwas mehr ertragen. Er hatte auch einen nicht allzu schlechten Job.
Ich hatte dann weder Wohnung noch Arbeit. Ich konnte eben die Wuchermiete ohne Arbeit nicht bezahlen. Der Staat aber ließ einen nicht verhungern. Das passte nicht in das Image einer Wohlfahrtsstadt. Er war so großmütig, dass er jedem erlaubte zu leben - unter seinen Bedingungen. Bloß wie soll man mit 300 Bucks im Monat auskommen. Das war gerade so viel, dass man nicht verhungerte. Und so arbeitete man eben meistens lieber.
Aber ich konnte nicht mehr arbeiten, nicht in den riesigen, brutalen Maschinenhallen. Und was anderes kriegte ich nicht ohne so ne Scheiß Uni-Ausbildung. Da nahm ich doch lieber den entmenschlichenden Gang zum Wohlfahrtsamt auf mich und bettelte um das Geld, um mich so gut ich konnte durchzuschlagen. Jedes Mal machten mich die Verwaltungstypen an, dass sie mir gar kein Geld zu geben brauchten. Ich hätte ja selbst Schuld, dass ich mein Studium aufgegeben hätte. Und wenn ich schon nicht studieren würde, sollte ich wenigstens arbeiten. Sie saßen da lässig zurückgelehnt in ihren Stühlen, laberten gnädig wie Pfaffen, elende Arschkriecher. Sie wussten genau, dass sie Menschenleben entscheidend beeinflussen konnten, dass die Leute, die zu ihnen kamen, von ihnen abhängig waren. Und so zwangen sie einen, ihre Predigt bis zum Schluss anzuhören, nichts dagegen zu sagen, nur stumm zu nicken, sich selbst zu verleugnen. Widerlich!
Gerade das mit der Uni hatten kaum Leute verstanden. Denn mit so einer Ausbildung hätte ich ja selbst einer von diesen Blutegeln werden können. Oder vielleicht Oberaufseher in einer Fabrik, immer vergnügt die Leute zur Arbeit anhaltend. Oder Jurist, um einen Computer um Gnade für einen Systemschädling anzuflehen. Oder Architekt, um einen prunkvolleren Regierungspalast zu entwerfen. Oder … nein danke. Das reicht wohl. Und man kann sich vorstellen, mit was für Leuten ich da zusammengekommen bin. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich es eigentlich geschafft habe, mich von dieser erlauchten Gesellschaft abzusetzen. Ich hatte ja damit nicht nur einen Beruf verloren, sondern gleichzeitig alle Rechte. Als Abschaum der Gesellschaft wird man von niemandem akzeptiert außer von denen, die auch in dem Schaum rumspülten.
Tja, so waren mal wieder die Gedanken mit mir durchgegangen. Lucky hatte längst Bier aus seinem Zimmer geholt. Eine leichte Unterhaltung über Gott und die Welt war in Gang gekommen. Ich erfuhr, dass das fremde Mädchen Yuka hieß und das Glück hatte, in einem der Randbezirke im Büro zu arbeiten. Ich beteiligte mich kaum an dem Gespräch, denn ich war eigentlich schrecklich müde und überlegte dauernd, ob ich mich in Luckys Zimmer schlafen legen sollte.
Und dann geschah auf einmal etwas Merkwürdiges mit mir.
Ich lehnte an der Wand und hatte plötzlich den Eindruck, als ob sie nach hinten wegkippte. Ich fand keinen Halt mehr und fiel hintenüber. Mir kam flüchtig der Gedanke, dass irgendein Dope im Bier gewesen war, aber ich verwarf das sofort wieder, da ich keinem hier so was zutraute. Ich versuchte mich aufzurichten - vergeblich. Ich steckte irgendwie in einer dicken, zähen Suppe. Ich konnte weder rufen noch mich sonst irgendwie bemerkbar machen. Ich kriegte furchtbare Angst, da ich mir das alles nicht erklären konnte. Dann verschwand auch noch die gewohnte Umgebung, und ich sah nur noch ein milchigweißes Flimmern.
Und dann hörte ich auch noch Stimmen. Stimmen, die ich noch nie vorher gehört hatte. Ich dachte, ich würde durchdrehen. Von dem, was sie sagten, verstand ich immer nur einzelne Satzbrocken, weil sie manchmal so leise waren, dass sie bis auf ein Flüstern erstarben. Ich hörte:
»… funktioniert … wenig … Energie … sichtbar machen.«
Und die zweite Stimme;
»… Unsinn … nichts … anfangen … vor dem Rat.«
Es machte mich stutzig, dass vom Rat die Rede war, denn so nannte sich die Regierung.
Ehe sich mein Kopf noch weiter vernebelte, verschwand der ganze Spuk wieder und ich rappelte mich mühsam auf.
»Bist du eingeschlafen?«, fragte Flie.
Ich schüttelte vollkommen benommen den Kopf.
»Leg dich doch zu mir rüber. Ich muss morgen erst später hin. Wir können dann noch zusammen frühstücken.«
Das ließ ich mir von Lucky nicht zweimal sagen. Es war auch das Beste, was ich jetzt tun konnte. Mein Kopf fühlte sich an, wie ein Feuerwerk. Und dieser Spuk war richtig unheimlich gewesen. Er hatte den Eindruck hinterlassen, als hätte ich das alles nicht nur gefühlt und gehört, sondern mit dem ganzen Körper aufgenommen. Und das war trotz aller Angst ein gutes Gefühl gewesen. Es war heute einfach zu viel geschehen. Ich war unheimlich froh, als ich auf Luckys Bett lag. Ich brachte es gerade noch fertig, meine Klamotten auszuziehen, bevor ich einschlief.
I am a man who looks after the pigs
Usually I get along okay.
I am man who reveals all he digs,
Should be more careful what I say.
I'm getting put down,
I'm getting pushed round,
I'm being beaten every day.
My life's fading,
But things are changing,
I'm not gonna sit and weep again.
The Who - »The Dirty Jobs«
3.
Als ich aufwachte, schien die Sonne. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die meisten Gebäude jetzt so hoch gebaut wurden, dass die Sonne keine Chance hatte, dazwischen durchzuscheinen. Aber hier mussten sie eine Lücke gelassen haben - wohl ein Konstruktionsfehler. Ob der Chef-Architekt deswegen degradiert worden war?
Ich hatte reichlich fest und tief geschlafen.
Nur langsam kamen die Erinnerungen an den letzten Tag hervor. Ich schüttelte ungehalten den Kopf. Ein andermal! Jetzt war ich wirklich nicht in Stimmung, darüber nachzudenken.
Neben mir vernahm ich die regelmäßigen Atemzüge von Lucky. Vorsichtig, um ihn nicht aufzuwecken, stützte ich mich auf meinen linken Arm und sah ihn an. Aber es war gar nicht Lucky. Es war Flie, die neben mir lag. Schon wieder eine Überraschung. Aber diesmal eine schöne, freudige. Ich hatte das Gefühl, als würde ich mit einer Gewaltkur aus meinem Gewohnheitstrott herausgerissen. Trotzdem war ich mir nicht sicher, ob es ausreichen würde.
Es sah aus, als hätte sich Flie im Schlaf in ihr Haar eingewickelt. Ihr Mund hatte sich zu einem kleinen Lachen verzogen. vielleicht träumte sie gerade was Angenehmes. Ich hatte nichts gemerkt, als sie zu mir ins Bett gekrochen war. Ich dachte kurz an die Zeit zurück, als wir näher und öfter zusammen waren. Mir fiel nur ein, dass sie oft verrückte Ideen im Kopf hatte und dass wir uns manchmal gestritten hatten, dass die Fetzen flogen.
Ich sah auf Luckys Uhr auf dem niedrigen Tisch neben dem Bett. Es war noch nicht so spät, wie ich gedacht hatte. Ob Flie noch immer diese blöde Schule besuchte? Dann hatte sie wohl Ferien.
Und wieder musste ich daran denken, was ich aus mir machen sollte. Ich war mir irgendwie sicher, dass ich es nicht aushalten würde, noch längere Zeit hier zu leben. Wenn man bloß irgendwie raus könnte! Mit ein paar Freunden. Außerdem brauchte ich dringend Geld. Ich hatte Schulden. Und dann wollte ich mir zwei oder drei bestimmte verbotene Bücher beschaffen. Ich kannte einen Typen, der welche vertickte, nicht weil er damit eine Überzeugung oder so verbreiten wollte, sondern weil es ihm nen Haufen Bucks einbrachte. Ich erinnerte mich, dass ich Lucky fragen wollte, ob er ein Buch verstecken konnte, das ich bei mir trug. Andere hatte ich draußen gelassen. Draußen … Ob ich jemals wieder so einen
Platz finden würde? Ich hatte Ruhe gehabt und Zeit. Aber es war auch nichts auf die Dauer.
Flie bewegte sich leicht und legte im Halbschlaf den Arm um meinen Nacken.
»Komm her, Speedy. Du siehst so traurig aus.«
Das stimmte wahrscheinlich. Aber nun hatte ich wirklich keine Lust mehr, über irgendwas nachzudenken. Ich begriff nur, dass sich zwischen uns nicht so viel geändert hatte, wie ich angenommen hatte. Ich kuschelte mich an sie und eine Welle von Wärme und Zärtlichkeit breitete sich aus. Zeit und Gegenwart verschwammen und hatten keine Gültigkeit mehr.
Es wurde ein glücklicher, beruhigender Tagesanfang. Ich hatte mich lange Zeit nicht mehr so wohl gefühlt. Welch ein Unterschied zu gestern, dieser Verwirrung und Niedergeschlagenheit! Da kam ich wirklich nicht so recht mit. Und trotzdem konnte ich mir vorstellen, dass meine Stimmung ebenso plötzlich wieder umschlagen konnte.
Irgendwann kam Lucky rein, setzte sich zu uns, nahm uns in die Arme und fragte, ob wir mit frühstücken wollten. Wir standen dann langsam auf, und ich glaubte, dass ich mich in Flie immer wieder verlieben konnte, ein unheimlich gutes, befriedigendes Gefühl. Wir hatten mal darüber gesprochen, und sie meinte, dass es ihr auch so ginge. Und so war die Beziehung wie eine immerwährende Wiederkehr zueinander.
Die Barriere von Misstrauen, Neid, Eifersucht und Konkurrenz hatte ich eigentlich ziemlich schnell überwunden, weil es sie unter diesen Leuten hier nicht gab. Das ganze Hin und Her um Zweierbeziehungen, Besitzansprüche, mit wem man schläft und mit wie vielen, konnte mich auch reichlich ankotzen. Nachdem ich das einmal durchgespielt hatte, reichte es mir für immer. Die Gesellschaft tolerierte alle Arten von Beziehungen offiziell. Aber unter der Hand waren Ehe und Zweierbeziehungen nach wie vor erwünscht. Niemand sagte etwas gegen Vielbeziehungen oder Kommunen. Aber man bekam die Benachteiligung auf andere Art zu spüren. Man erhielt nicht so schnell einen Job, kriegte weniger Geld als andere für die gleiche Drecksarbeit. Und man wurde von den ganzen gesellschaftlichen Etiketten, Traditionen und Zeremonien ausgeschlossen, was uns natürlich wenig kratzte, aber für viele ein Grund war, sich den Standardnormen zu unterwerfen. Denn ein Outsider lebt nicht besonders angenehm.
Die Kirche dagegen hatte kaum noch Einfluss, seitdem die Regs alles in die Hände genommen hatten. Das hatte wenigstens uns geholfen, veraltete Moral- und Lebensvorstellungen über den Haufen zu werfen. Denn wir hatten sowieso nicht vor, uns in irgendeiner Weise zu etablieren.
Wahrscheinlich war die Sexualerziehung nicht mehr so verklemmt wie vor dem Krieg, aber in einer solchen Gesellschaft ist Sexualität natürlich eine beliebte Ware und so blühte das Geschäft mit dem Sex und männliche und weibliche Prostitution standen hoch im Kurs. Von Liebe Zärtlichkeit und Gefühlen blieb dabei natürlich nicht viel übrig.
Unter Leuten in unserem Alter war es weiterhin üblich, Zweierbeziehungen einzugehen, allerdings oft ohne Ehe. Aber was besagte das schon. Die Eingeengtheit, Stumpfsinnigkeit und eingefahrenen Gewohnheiten machten sich genauso breit und lähmten jegliche Neugier und Erfahrungsmöglichkeit - sehr im Sinn der Regs und ihrer Bürokratie.
Wir waren Außenseiter - eine geduldete Minorität -, weil wir diese Tretmühle und die Scheinsicherheit in dieser Form des Zusammenlebens grundsätzlich ablehnten. Es klappte natürlich auch bei uns bei Weitem nicht alles - es war eben wahnsinnig schwierig seine Gefühle unter Kontrolle zu haben und gleichzeitig auszuleben -, aber immerhin besser als das sogenannte normale Gefühlsleben. Was wir im Großen und Ganzen überwunden hatten, waren Konkurrenzkisten und Eifersucht, großartige Szenen, in denen sich jeder beweisen musste, und die Brutalität einer eheähnlichen Lebensweise. Ich hatte den Kram ja mal praktiziert, und mir wurde schlecht vor mir selbst, wenn ich daran dachte.
Da wir mit mehr Leuten engen Kontakt hatten, waren wir sensibler geworden, empfänglicher für andere Gedanken und Handlungen, wir verstanden einander besser und konnten uns mehr aufeinander einstellen. Wir lernten viel mehr Anschauungen, Ideen, Lebensweisen, Fantasien kennen als der Durchschnittsbürger. Während meiner Studiumszeit an der Hohen Universität hatte ich oft mit Leuten diskutiert, die den Normen entsprachen und sie verteidigten. Das ganze Geschwafel, dass man sich eben nur auf eine Person konzentrieren könnte, eine besondere Geborgenheit brauchte, darum auch nur eine(n) lieben könnte und so weiter, durchschaute ich jetzt als mühsame Verteidigung vorgelebter Erfahrungen, alles schon etliche Male und Generationen vorexerziert, ohne jeglichen neuen Erfahrungswert für jemanden, der sich nicht an die überlieferten Schemata zu halten gedachte, teilweise mit einem progressiven Touch (»du kannst auch ruhig mit nem anderen Typen schlafen«), und teilweise ebenso verlogen, wenn man sich die Praxis der Leute ansah, die mit so vielen und nichtssagenden Worten um sich warfen. Ich hatte die Lebensgewohnheiten dieser Klugscheißer kennengelernt, ihre versteckten Streitereien, ihre nur notdürftig verborgene Geilheit auf andere Frauen und Typen, den wöchentlichen Gruppensex und seine wissenschaftliche Begründung, die Konkurrenten, die sich am liebsten duelliert hätten, und es sehr hinterhältig und versteckt auch taten, die Gutgläubigen, die immer eins aufs Dach kriegten, weil sie die Spielregeln nicht beherrschten, die dummen Mitspieler und die Leidenden (oft Frauen), die Macker und Regisseure, immer potenzkräftig, problemlos und modern gekleidet, die Redner und Zuhörer, die Zupacker und die Always Loser -, bis der morsche Bühnenboden unter mir krachend nachgab, und Unwissenheit und Unsicherheit meine sicheren Begleiter wurden.
Dafür waren wir Ausgestoßene. Die Regs wussten, welches Potenzial in uns stecken konnte, in den Fragen, auf die es keine Antwort gab. Sollte es zum Vorschein kommen, würden wir radikal bekämpft werden. Es gab eine ungeschriebene, unausgesprochene Grenze, bis zu der wir uns bewegen durften. Und darüber hinaus war Sense.
Beim Frühstück fragte ich Lucky, ob er das Buch verstecken könnte, was ich bei mir hatte. Er war leicht erstaunt.
»Ja, sicher. Ich kenn genug Plätze. Aber ich wusste gar nicht, dass du noch welche liest.«
»Ich hab nie damit aufgehört.«
»Trotzdem begreife ich immer noch nicht, was du davon hast.«
»In den Index-Büchern steht zum Beispiel oft viel drin, was uns in der Schule oder an der Uni nicht erzählt oder falsch erzählt wird. Hauptsächlich so geschichtliche Sachen. Das ist heute oft ne richtige Fälschung. Hast du mal was von Gewerkschaften gehört?«
»Nee. Was soll das denn sein?«
»So genau weiß ich das auch nicht. Es stand mal in einem Roman über Arbeiter und die waren in einer Gewerkschaft organisiert. Und als ihnen die Löhne zu niedrig waren, hat es diese Gewerkschaft erreicht, dass sie mehr Geld kriegten.«
»Wie denn?«
»Tja, da hab ich auch nicht durchgeblickt«, musste ich zugeben. »Immerhin wird uns hier nie was davon gesagt, dass Arbeiter mal was gemacht haben.«
Lucky blieb skeptisch und Flie warf ein: »Woher willst du wissen, dass diese Geschichte nicht erfunden war, und das, was wir hier lernen richtig ist?«
»Weil ich das oft gelesen habe, dass es politische Bewegungen gab, die gegen die Regs gekämpft haben.«
»Meinst du wie die Gangs hier?«, fragte Flie.
»Seit wann kämpfen die denn?«, bemerkte das Mädchen mit dem merkwürdigen Namen Yuka. »Die tun doch nix.«
Ich sah sie jetzt das erste Mal bewusst an. Sie hatte kurzes braunes Haar und eine auffällige Narbe an der Nase. Sie trug ein kurzes Kleid mit lustigen Motiven aus irgendwelchen Comics.
»Und wie haben die gekämpft?«, bohrte Lucky nach. »Mit zehn Leuten und Steinen gegen Schocklader?«
»Mensch, das weiß ich doch nicht. Ich bin doch keine lebendige Bücherei!« Ich fühlte mich hilflos und wütend.
»Es greift dich doch keiner an«, beruhigte Yuka mich. »Wir können es uns eben nicht vorstellen.«
»Okay«, brummte ich. »Ich les ja auch noch andere Sachen.«
Flie musste krampfhaft lachen und prustete ihren Kaffee über den Tisch. Lucky brachte sich mit einem Satz in Sicherheit während Yuka die Brühe übers Kleid lief.
»Oh, Scheiße!«, rief sie, während ich nun auch noch lachen musste.
Daraufhin sah sie mich so komisch an, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte zu lachen. Ich weiß nicht, was in dem Moment alles aus mir rausgekommen ist.
»Flie, ich brauch ein paar Klamotten von dir.«
Yuka ärgerte sich nicht mehr, hatte aber ihr Gesicht immer noch so komisch verkniffen. Lucky wischte den Tisch ab, Yuka ging sich umziehen und ich wühlte das Buch, das ich mitgenommen hatte, hervor. Flie nahm es mir aus der Hand.
»Zwanzig Sterne über mir«, las sie, während sie kaute. »Komischer Titel.»
»Es handelt von einem Typ, der zwanzig verschiedene Welten besucht und auf keiner leben kann«, versuchte ich zu erklären.
Lucky verzog das Gesicht. »Das ist ja schlimmer als hier. Wir haben wenigstens nur eine Welt, mit der wir fertig werden müssen.«
»Es geht auch mehr um die Lebensformen, die da beschrieben werden«. Ich war schon wieder in so ner Verteidigerrolle.
»Leider gibt's die ja nicht. Was hat es also für einen Sinn, sich damit zu beschäftigen?«
Wollte Flie schon wieder ne Diskussion anfangen? Yuka kam wieder rein. Sie hatte sich ne Hose und nen Pullover von Flie angezogen.
»Es könnte solche Lebensformen aber geben«, nahm ich den Faden wieder auf.
»Siehst du welche?«, fragte Flie ironisch.
»So weit bin ich auch schon, aber ich weiß nicht, was das bedeutet oder ob es was bedeutet.« Ich hatte keine Lust mehr.
Yuka blickte uns fragend an und dann stand Lucky auf.
»So, ich muss jetzt gleich weg. Was hast du denn nun vor, Speedy?«
»Na, ich muss wohl Arbeit suchen. Und wenn nur für einige Wochen. Aber ich brauche Bucks. … Bevor du gehst, kannst du mir mal das Buch zeigen, das der Typ dir in der Bibliothek gegeben hat.«
»Ja, klar. Hätte ich ganz vergessen.«
Lucky verschwand kurz in seinem Zimmer. Flie stellte das Geschirr zusammen - alles eklige Plastiksachen, aber es gab nix anderes oder es war wahnsinnig teuer - und ließ Wasser einlaufen. Die anderen aus der Wohngemeinschaft waren schon lange zur Arbeit.
Lucky brachte das Buch. Der Titel sagte mir überhaupt nichts: Zone Null.
»Ich lese einige Stellen daraus immer wieder. Aber ich begreife die ganze Sache einfach nicht. Ich lese sonst ja kaum was, aber davon komm ich nicht weg.«
Lucky war wieder ziemlich durcheinander, als er von dem Buch sprach. Mich machte sein ganzes Verhalten neugierig. Er sah auf die Uhr und sprang auf.
»Jetzt muss ich aber los, sonst feuern sie mich.«
»Kannst du mir das Buch mal ausleihen?«, rief ich ihm hinterher. »Ja, klar. Aber behalt's nicht zu lange. Ich les auch immer drin.«
Ich packte das Buch weg und fragte Yuka und Flie danach. Aber sie hatten es nicht gelesen und interessierten sich auch nicht sonderlich dafür. Ich fragte Flie ein bisschen über die Schule aus, aber sie hatte - verständlicherweise - keine Lust darüber zu sprechen.
»Immer derselbe Mist«, wehrte sie ab. »Unterricht nach Programm und nichts davon kann man gebrauchen. Das einzige, wo ich was Nützliches lerne, ist der Selbstverteidigungskurs. Ich glaube immer noch, dass da beim Computer ne Schraube locker war, sonst hätten wir das bestimmt nicht.«
»Da habt ihr ganz schön Glück«, warf Yuka ein. »Nachts kann man sich allein kaum noch auf die Straße trauen. Und als Frau schon gar nicht. Ich habe den Eindruck, dass die Gangs schon fast die Stadt beherrschen.«
»Genau«, bekräftigte Flie. »Neulich lief so ne Truppe in der City rum und schlug wahllos Leute zusammen und räumte ihnen die Taschen aus. Keiner half den Leuten. Einige sahen sogar interessiert zu.«
»Und die Cops?«, fragte ich.
»Ach, die ließen sich gar nicht erst blicken. Sie kamen, nachdem alles vorbei war, und gaben den Leuten gute Ratschläge, wie sie sich besser schützen sollten.«
Yuka knirschte mit den Zähnen. »Da haben die Leute sogar noch Glück gehabt. Neulich haben die Cops sich an einer dunklen Ecke ne Frau gegriffen, ihr das Geld abgenommen und sie vergewaltigt. Ich hab nur den Anfang gesehen, dann bin ich weggerannt Zuhause musste ich erst mal kotzen.«
Ich fühlte mich plötzlich sehr schlecht und so überflüssig.
»Als ich wegging, war doch mit den Gangs nicht viel los«, sagte ich leise.
»Einen Tag später haben sie praktisch die Stadt überschwemmt«, klärte Flie mich auf.
»Sie stecken alle unter einer Decke«, entfuhr es mir zornig.
Es war mehr oder weniger ein offenes Geheimnis, dass die Gangs von den Regs toleriert und zeitweise auch unterstützt wurden. Sie wurden draußen geduldet, und man unternahm nichts gegen sie, wenn ihre Überfälle in der Stadt ein gewisses Maß nicht überschritten. Ich vermutete, dass es Absprachen gab, zwischen irgendwelchen Behörden und den verschiedenen Banden. Und solange sie sich nur untereinander abstachen, störten sie ja auch niemand. Die Regs konnten es sich jedenfalls nicht leisten, sie zu Feinden zu haben, obwohl sie ab und zu Treibjagden auf sie veranstalteten, eine große Show, die die Bevölkerung beruhigen sollte. Ich dachte an meinen Bruder, der irgendeine wichtige Rolle bei den Gangs spielte. Ich hatte ihn ewig nicht gesehen. Eigentlich kannte ich ihn gar nicht. Trotzdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass er solche Überfälle inszenierte. Aber ich konnte es mir wohl nur nicht vorstellen, weil er mein Bruder war. Ich wusste nicht, ob die Gangs die Regs ebenso hassten wie wir. Wenn ja, waren sie eigentlich potenzielle Verbündete …
Wir halfen Flie dann beim Abwasch, auch so ein Anachronismus. Nahezu 90% aller Haushalte besaßen eine Spülautomatik ebenso wie einen Abfallkonverter und einen Anschluss an das Rohrpostsystem, und viele hatten sogar eine Wareneinkaufsautomatik. Nichts davon hier. Die Bewohner mussten ihre Post abholen, einkaufen gehen, ihren Müll nach draußen stellen. Als die Leute hier einzogen, mussten sie alles renovieren - auf eigene Kosten natürlich. Mauern, tapezieren, streichen, abdichten usw. Alles ohne die Hilfe irgendwelcher Automaten, denn dafür war kein Geld da. Außerdem war es gut, die Arbeit mit den eigenen Händen zu tun, zu sehen, wie alles langsam Formen annahm, das Material zu fühlen und schließlich ein Endprodukt zu haben, in dem man selbst drinsteckte. Ich hatte damals ähnlich in meiner Wohnung arbeiten müssen, wenn man so was Wohnung nennen konnte. Da die Leute alle nur sporadisch arbeiteten, dauerte es ne ganze Zeit, bis es in der Wohngemeinschaft so aussah, wie jetzt.
Langsam kam mir zu Bewusstsein, dass ich mich ja nun mal auf den Weg machen musste zum Arbeitscomp. Mir grauste davor, aber mir blieb nichts anderes übrig.
»Vielleicht hab ich was für dich«, unterbrach Yuka das Geschirrklappern.
»Was meinst du damit?«
»Ich arbeite in einen Randbezirk – beim Bau. Dort sollen neue Wohnblocks entstehen - eng und hoch, stickig und monoton. Beton- und Plastikklötze wie alles, du weißt schon. Wir könnten mal fragen, ob sie was für dich haben. Ich hab mir zwar heute freigenommen, aber wir können zusammen hingehen. Es ist besser als am Fließband oder in einer Maschinenhalle.«
Na, wenn das keine Gedankenübertragung war!
»Begeistert bin ich zwar nicht, aber was Besseres wird sich wohl kaum finden. Wenn du Lust hast, deinen Arbeitsplatz auch heute zu sehen …«
Yuka lachte. »Von Lust kann wohl keine Rede sein.«
Ne Stunde später saßen wir im A-Grav-Bus. Es war voll und stinkig. Sitzplätze gab es nur wenig. Und alle waren unheimlich eng zusammengepfercht. Die Platzangst war ein Phänomen, mit dem man fertig werden musste. Aber das war man sozusagen von Kind auf gewohnt. Es sollte allerdings Leute geben, die dadurch krank wurden. Die staatliche Propaganda benutzte dieses Argument, wenn sie mal wieder Leute in ihre Irrenhäuser sperrten. Dort sollte es schlimmer zugehen als im Knast. Doch niemand, den ich kannte, hatte jemals eine solche Anstalt von innen gesehen. Ich wusste nur, dass dorthin die »politischen Fälle« geschafft wurden, während im Knast die »einfachen Verbrecher« saßen.
An Platz wurde gespart, da es dem Staat überflüssig erschien, mehr als gerade eben notwendig bereitzustellen, und es kostete ihn schließlich was, neue Häuser bauen zu lassen. Der ganze Bausektor war zwar in staatlicher Hand, aber die Zulieferungsfirmen mussten bezahlt werden - und die Arbeiter. Ich glaubte, wenn man alles aufschlüsseln würde, blieben im Endeffekt gerade vier oder fünf Konzerne übrig, die alles beherrschten. Der Staat war der größte. Opposition dagegen gab es nicht. Gewerkschaften waren abgeschafft - wozu auch in einem Wohlfahrtsstaat? - Parteien gab es noch - Wahlen auch - aber sie unterscheiden sich nur in der Farbe ihrer Kleidung.
Der A-Grav-Bus flog kreischend etwa fünf Meter über der Straße dahin und ich konnte die Menschen sehen, die sich auf den Bürgersteigen drängten. Jetzt ging es ja noch, aber bei Feierabend wurden manchmal Menschen auf dem Heimweg zerquetscht.
An der nächsten Station geschah etwas, das etwa alle zehn Minuten außerhalb der Wohnung üblich war. Zwei Robot-Kontrolleure stiegen ein. Die Maschinen sagten keinen Ton, doch die Prozedur war allgemein bekannt. Wir mussten unsere Identitätsplaketten überprüfen lassen, wurden nach staatsfeindlichen Waren durchsucht und unsere Fahrtmarken wurden kontrolliert. Die Robots schoben rücksichtslos alte Leute und Kinder beiseite, um sich Platz zu schaffen. Widerstandslos ließen wir alle diese unwürdige Behandlung über uns ergehen. Dann erwischten die Roboter eine ältere Frau, die anscheinend ihre Plakette vergessen hatte. Verzweifelt suchte sie in ihren Taschen und beteuerte immer wieder, dass sie die Plakette nicht etwa verloren hatte, denn darauf stand eine hohe Strafe. Schließlich wurde sie gepackt und zum Ausgang gezerrt, wobei ein Mann, der unbeabsichtigt im Weg stand, von den Automaten niedergeschlagen wurde. Keiner sagte ein Wort. Wir waren alle abgestumpft und wehrlos. Fast jeden Tag war man Augenzeuge solcher Vorfälle. Nur ein Kind fing an zu weinen, wurde aber schleunigst von seiner Mutter wieder beruhigt. Yuka und ich versuchten, den am Boden liegenden Mann wieder auf die Beine zu kriegen. Ein Typ reichte uns schweigend ein Taschentuch, mit dem wir das Blut abwischen konnten. Langsam erholte er sich wieder. Er sah uns nur erstaunt an und stieg an der nächsten Station aus. Hätte er sich was gebrochen, kein Krankenhaus hätte ihn aufgenommen, und er hätte Schwierigkeiten gehabt, einen Arzt zu finden, der ihn behandelte. Jemand, der durch die Kontrollorgane in Schwierigkeiten geriet, hatte keinen Anspruch auf Hilfe.
Wir brauchten bestimmt ne Stunde Fahrtzeit, und als wir ausstiegen, fühlte ich mich elend und dreckig und wäre am liebsten wieder umgekehrt. Ich kannte die Gegend nicht, aber es sah aus wie überall. Graue Hochhäuser mit kleinen Fenstern. Bei vielen konnte man die obersten Stockwerke nicht mehr erkennen. Mir schwindelte leicht, und ich sah mich nach Yuka um, die ein ganzes Stück vorausgegangen war.
»Man merkt dir an, dass du ne Zeit weg warst«, sagte sie neugierig. Doch ich wollte nicht darüber reden. Ich wusste auch nicht, was ich dazu sagen sollte.
»Was machst du denn auf'm Bau?«, fragte ich sie.
»Ich zeichne Pläne, bediene ein paar Maschinen und koch Kaffee für den Chef.«
»Schöner Job«, murmelte ich.
»Ich will auch sehen, dass ich ihn behalte, wenn ich nicht zu viel Zugeständnisse machen muss.»
Ich verstand, was sie meinte.
Nach einem zehnminütigen Fußweg durch diesen Häuserdschungel kamen wir zu der Baustelle. Ein riesiges Gelände, vollgepfropft mit Sand, Beton, Plastikmaterial und ungeheuren Maschinen, die brummende, wütende Arbeitsgeräusche von sich gaben.
viele Arbeiter konnte ich nicht entdecken. Wahrscheinlich lief das meiste vollautomatisch und computergesteuert. Yuka führte mich zu einem Wellblechschuppen gleich vorne an.
»Lass mich allein reingehen. Du weißt ja, als Frau …«
Ich wusste. Auch das alles gab es noch immer. Mit einem netten Lächeln konnte eine Frau immer noch mehr erreichen als eine ganze Horde Männer mit einem Sack voll Argumenten. Das sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Frauen in allen Belangen den Männern untergeordnet waren. Sie bekamen zwar für gleiche Arbeit gleichen Lohn, aber das besagte nichts, da sie nur in den seltensten Fällen die gleiche Arbeit bekamen. Sie hatten in der Regel die stupidesten und monotonsten Arbeiten zu verrichten, die natürlich auch am schlechtesten bezahlt wurden. Der Slogan war nur dazu da, der Regierungspropaganda von der Gleichberechtigung zu helfen.
Ich lehnte mich an die Hütte und versuchte mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich hier arbeiten sollte. Ich konnte es nicht. Es hatte alles nichts mit mir zu tun. Ich konnte mich mit nichts und niemandem identifizieren. Alle Gefühle in mir reagierten mit Abwehr. Ich konnte mir tausendmal sagen, dass es besser war, als die anderen Jobs, die ich gemacht hatte. Es half nichts. Ich fluchte lautlos herum und danach überkam mich wieder das Gefühl einer wahnsinnigen Einsamkeit und Leere. Ich war hilflos, wir alle waren hilflos. Und Hoffnung hatte ich auch keine - worauf auch? Aber ich wollte irgendwie leben. Es gab Leute, mit denen ich alles irgendwie über die Runden bringen konnte. Wir waren doch irgendwie eine merkwürdige Gemeinschaft, wo sich alle gegenseitig halfen und wieder auf die Füße stellten.
Yuka kam heraus und sagte mir, dass ich morgen anfangen könnte. Ich sollte die Maschinen sauber halten und andere solche Dreckarbeiten verrichten. Der Boss wollte mich nicht mal mehr sehen heute. Ich war nur eine Nummer, ein weiterer Arbeitssklave. Yuka bestätigte mir, dass hier sowieso nicht viele arbeiteten. Es war ja auch alles genormt und vorgegeben, sodass es leicht von den Maschinen allein erledigt werden konnte. Menschliche Fantasie oder Eigeninitiative waren unerwünscht.
Auf dem Rückweg fiel mir etwas ein.
»Arbeit habe ich ja jetzt«, sagte ich langsam zu Yuka. »Aber keine Wohnung. Und bei Flie und Lucky kann ich auch nicht immer wohnen. Ich komme mir da schon etwas blöd vor. Schließlich habe ich schon mal zwei Monate da gewohnt. Und das ist doch ein bisschen reichlich.«
»Und bei deinen Eltern?«
»Das geht auf keinen Fall!« Ich zuckte richtig zusammen.
»Da würde ich es nicht mal zwei Tage aushalten.»
»Ist wohl reichlich schlimm?«
»Mit meiner Mutter gehts ja noch. Aber der Alte … weißt du, er versteht einfach nichts. Er kann seine Vorstellungen und Ansichten um keinen Deut mehr ändern. Und so geraten wir uns nach zehn Minuten immer in die Wolle, wenn wir uns unterhalten. Ich müsste mich da total zurückhalten oder unterordnen und das kann ich nicht. Und meine Mutter gibt ihm am Ende immer Recht oder verteidigt ihn, obwohl sie sonst manchmal versucht, sich in meine Sachen reinzudenken. Aber sie hat eben ihre Normen und aus denen kommt sie nicht raus.«
»Hm. Bei mir ist es so ähnlich, nur andersherum. Mein Vater ist manchmal sogar richtig lieb und weiß ziemlich gut über mich Bescheid.«
Sie lächelte, als fiele ihr dabei was ein.
»Du kannst ja ne Zeit bei mir wohnen, bis du was Eigenes hast«, schlug sie vor.
»Ja, aber …« Ich kam mir wirklich etwas bescheuert vor. Das hatte ich ja nun nicht gewollt. Oder?
»Oh, es macht nichts«, sagte sie fröhlich. »Ich hab ne ziemlich große Wohnung. Zwar nur ein Zimmer, aber wir werden das schon hinkriegen. Hast du was zum Schreiben?«
Ich nickte. Sie war auf einmal furchtbar lebendig. Da kam ich überhaupt nicht mit, denn mir war das Ganze noch immer unangenehm. Wir waren schon wieder beim Bus-Stop angelangt, und sie schrieb mir ihre Adresse auf. Dann kam auch schon der Bus. Da ich erst mal gar nicht wusste wohin, blieb ich stehen. Sie gab mir noch schnell einen Kuss und rief aus der Tür:
»Tschau, Speedy. Ich bin heute Abend zuhause.«
Dann war sie weg - und alles noch etwas vertraute mit ihr. Ich merkte, dass ich sie eigentlich recht gerne mochte. Ich hatte zwar schlechte Erinnerungen an zusammen mit ner Frau wohnen, aber jetzt kam es mir gar nicht mehr so schlecht vor. Und außerdem war der Vorschlag von ihr gekommen und so war ich für sie wohl nicht irgendein blöder Macker.
What do you get for pretending the danger's not real
Meek and obedient you follow the leader
Down well trodden corridors into the valley of steel
What a surprise!
A look of terminal shock in your eyes
Now things are really what they seem
No, this is no bad dream.
Pink Floyd - »Sheep«
4.
Ich wollte mich irgendwo ausruhen - wovon wusste ich auch nicht recht. Aber es war kein Platz da zum Hinsetzen. Leute strömten um mich herum, ich wurde gestoßen und gedrängt. Ich musste weg von der Straße, bevor es Feierabend wurde. Der Gedanke, was ich zu tun hatte, war schon länger in meinem Kopf gewesen, doch ich hatte es bisher abgelehnt, mich damit zu befassen. Jetzt musste ich es.
Es blieb nichts anderes zu tun, als zu meinen Eltern zu gehen. Einerseits, weil ich Geld brauchte, um wenigstens die erste Zeit über die Runden zu kommen, bevor ich den ersten Lohn bekam. Alle anderen Leute, die ich kannte, hatten ebenso wenig Geld wie ich. Außerdem hatte ich bei vielen von ihnen schon Schulden, die ich auch wenigstens teilweise zurückzahlen wollte. Andererseits fühlte ich mich noch immer verpflichtet, mich ab und zu bei meinen Eltern sehen zu lassen. Und ich war bestimmt drei Monate nicht bei ihnen gewesen. Die Vorstellung allerdings, mit meinem Alten zu sprechen und in diesem scheußlichen Wohnzimmer zu sitzen, war mir unerträglich. Trotzdem nahm ich den nächsten Bus und klingelte völlig erschöpft ne halbe Stunde später an ihrer Haustür.
Sie lebten in einem dieser riesigen Wolkenkratzer, anonym wie in einem Ameisenhaufen. Ich musste den Lift benutzen, denn sie hatten ihre Wohnung im 85. Stockwerk, wo ich nicht mal aus dem Fenster sehen konnte, ohne dass mir schwindelig wurde. Man konnte auch sowieso kaum was erkennen, da hier die Abgase und der Smog in dicken Schwaden vorbeizogen.
In diesem Teil der Stadt hatten sie angefangen, in der Höhe des zehnten Stockwerks eine zweite Fußgängerebene zu bauen. So wurde, das Ganze noch verschachtelter unübersichtlicher und abstoßender. Vor den Fenstern in dieser Höhe erstreckte sich praktisch eine riesige Baustelle, und der Krach war ohrenbetäubend. Auf der unteren Ebene würde man nicht mal mehr den Himmel sehen können. Das Wort Natur war längst nicht mehr im Sprachgebrauch, es sei denn fürs Wetter. Auch ich hatte noch nie Gras gesehen, geschweige denn Bäume oder gar irgendein Tier außer Ratten und Katzen. Das kannte ich alles nur aus Büchern und Abbildungen.
Ich schwang mich behutsam aus dem Lift - ich war diese Technik nicht so recht gewohnt und immer auf Defekte gefasst. Zögernd drückte ich auf den Summer und meine Mutter öffnete mir. Sicher hatte sie vorher den Spion aktiviert, um nicht irgendeinen Strolch reinzulassen.
»Spike!«, rief sie überrascht.
Ich hatte diesen Namen so lange nicht gehört und verzog schmerzhaft das Gesicht. Er stand für eine Vergangenheit, die ich lieber vergessen hätte.
»Du hast dich ja ewig nicht blicken lassen. Wir dachten schon, es wäre was passiert!«
Es ging schon wieder los. Das übliche Gerede. Ich murmelte nur was vor mich hin. Ich hatte es längst aufgegeben, gegen diese Bevormundung zu protestieren. Es hätte weder was genützt noch was geändert.
Sie zog mich herein. Ihr Gesicht war noch grauer und spitzer geworden. Auch das neue Kleid (war es neu?) konnte eine gewisse Bitterkeit nicht übertünchen - trotz der grellen gelben Farbmuster auf dem Plastikstoff.
Sie machte mir was zu essen, stellte tausend Fragen und ich versuchte, so gut wie möglich, zu antworten. Hauptsächlich betrafen die Fragen meine Gesundheit und mein Auskommen, und sie spiegelten die Furcht wieder, dass ich irgendetwas Ungesetzliches tun könnte, was mich noch weiter außerhalb der Gesellschaft stellen würde. Sie hatte immer noch Hoffnung, dass ich irgendwas Richtiges lernen würde, das mir ein sicheres Auskommen und einen Platz in der Maschinerie ermöglichte. Meine Mutter schwelgte in Erinnerungen an die Zeit, in der ich mit Winnie zusammen gewesen war und studiert hatte. Das war für mich längst vergangen, aber sie klammerte sich daran.
Mein Bruder war ausnahmsweise auch da, ein wild aussehender breitschultriger Typ, der in irgendeiner Bande eine gute Stellung hatte. Er schaute nur kurz rein, knurrte einige den Lauten nach freundliche Worte und verschwand wieder. Meine jüngere Schwester wurschtelte in der Küche rum und backte zur Freude der Familie gerade Kuchen für den nächsten Kaffeeklatsch. Sie schwatzte uns die Ohren voll von irgendwelchen dämlichen Gesangsstars und wie sie sich am besten gegenüber ihren Schulfreundinnen herausputzen konnte. Ich konnte es nicht ertragen.
Es war üblich, dass die Kinder so spät wie möglich das Elternhaus verließen. So sparte man länger Raum für neue Wohnungen, denn die Geburten übertrafen bei Weitem die Todesfälle - trotz allerlei Verhütungsmittel. Unter gewissen Umständen konnte man sogar bestraft werden, wenn man zu früh auszog. Mich hatten sie nicht halten können. Aber das war eine Ausnahme. Auch mein Bruder wohnte woanders - ich wusste nicht wo - und hatte sein Zimmer hier nur noch pro forma.
Na ja, es lief alles so wie üblich … Ich legte mich auf das Sofa im Wohnzimmer und schloss die Augen. So konnte ich mich besser ausruhen und brauchte gleichzeitig diesen grässlichen Raum nicht länger anzustarren. Es war alles künstlich, Stühle, der Tisch, die Tapete … aus Plastik oder einem Leichtmetall und in abscheulichen grellen Farben. Das war modern. Meine Eltern fanden das auch nicht gerade toll, aber es gab kaum was anderes und die Nachbarn hatten es auch. Außerdem hatten sie sich so daran gewöhnt, dass sie es nicht mehr wahrnahmen. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sie sich an alles gewöhnen konnten, wenn es nur nicht wieder Krieg gab. Irgendwie war es ja auch verständlich. Sie kannten zum Beispiel noch Vögel, Gras und das ganze Zeugs vor dem Krieg. Aber sie hatten wohl schon damals nicht gewusst, was dies für sie bedeutete, und so war das Ausrotten der Natur anscheinend nicht weiter aufgefallen, auch wenn meine Mutter manchmal etwas traurig über ihre Kindheit sprach. Und das Argument, dass keiner den Krieg ungeschehen machen konnte, und es eben keine Natur mehr gab, konnte ich schlecht widerlegen.
Leider dauerte die Ruhe nicht allzu lange. Mein Alter kam nämlich von der Arbeit. Nicht, dass er sich nicht freute, mich zu sehen.
Oh nein, er war anfangs sogar richtig nett und brachte sogar ein Lächeln auf seinem sonst so harten Gesicht zustande. Doch dann setzten die unvermeidlichen Fragen ein: Was machst du gerade? Wo wohnst du? Lernst du was Ordentliches? Was, du hast die ganze Zeit herumgegammelt? Du hast keine Wohnung? Warum hast du nur dein Studium aufgegeben? Dann würdest du jetzt nicht so dastehen! Schließlich habe ich dich die ganze Zeit finanziert! Du bist auch nicht besser als dein Bruder! Wir rackern uns hier ab, und was ist der Dank dafür? Wo soll das noch hinführen? Alle Leute in deinem Alter haben ne ordentliche Arbeit! Man muss sich ja direkt für seine Kinder schämen usw. usw.
Meine Mutter hatte uns Kaffee gemacht und wir saßen alle, außer meinem Bruder, um den Tisch herum. Sie versuchte vergeblich irgendwie einzugreifen, oder das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Doch der Alte ließ sich nicht stoppen. Er war in seinem Fahrwasser und jetzt ging alles automatisch. Er gab mir kaum Zeit zu antworten, und nach zwei Sätzen hörte ich sowieso auf, denn gegen so viel Unverständnis und Borniertheit kam ich nicht an.
Es war einfach eine andere Welt, andere Werte, genormte Werte, andere Vorstellungen, eine andere Lebensweise und eine widerliche, unterdrückende Moral. Es zeigte sich mal wieder die ganze Abhängigkeit von Regeln, Gesetzen und Normen, die dieser Staat seit Generationen versuchte jedem einzuimpfen und das mit großem Erfolg. Denn er war liberal. Jeder konnte hier und da abweichende Meinungen vertreten, es gab einen weitläufigen Spielraum - immer im Rahmen der herrschenden Ordnung - versteht sich. Der Staat war elastisch, aber was ihn ernsthaft gefährden konnte, wurde nicht geduldet. Nach dem Motto: Wehret den Anfängen! wurden solche Ansätze ausgemerzt. Eine Mischung aus bürgerlicher Scheindemokratie und abschreckender Härte.
Ich trank, so schnell ich konnte, den Kaffee aus und ergriff die Flucht. Es war umsonst. Hier konnte ich nichts erben. In dieser Stimmung meinen Vater um Geld zu bitten, wäre Wahnsinn gewesen. Erstens hätte ich nichts bekommen und zweitens wäre seine Wut in Gebrüll ausgeartet. Ich kannte das und wollte es uns ersparen.
Ich hatte genug.
Ich verabschiedete mich hastig, nahm meine Sachen und ging. Meine Mutter versuchte sich noch in der Tür für den Alten zu entschuldigen. Ein trauriges Spiel. Ich unterbrach es schnell und versprach ihr wiederzukommen, wenn er nicht da war.
Ich lief einige Treppen in dem grauen öden Treppenhaus zu Fuß hinunter. Ich konnte nicht verbergen, dass ich ne ganz schöne Wut im Bauch hatte. Mein Alter und ich hatten uns schon so oft angebrüllt. Ich konnte diesen Schwachsinn von ihm einfach nicht begreifen und war von ihm noch ganz andere Sachen gewöhnt.
Mein Vater war ein Musterexemplar des Beamtentyps: korrekt, ordentlich, streng aber gerecht. Er arbeitete irgendwo in einem riesigen Büro, gab Unterschriften, sah Akten durch, diktierte an einem Computer, telefonierte. Es war zweifelhaft, ob er überhaupt wusste, was durch seine Tätigkeit in Gang gesetzt wurde. Ein Tastendruck von ihm konnte nichts bedeuten oder jemandem die Existenzgrundlage rauben. Er befehligte eine Armee von Boten, Maschinen und Kaffee kochenden Sekretärinnen -, falls diese nicht ebenfalls durch Maschinen ersetzt waren. Ich war zwei- oder dreimal dagewesen und hätte am liebsten losgeschrien. Seine Arbeit musste für einige hohe Herren ziemlich wichtig sein, denn er bekam ne ganze Stange Bucks dafür. Im Grunde ein einsamer, nervöser Mann, der genauso funktionierte, wie es gewünscht wurde.
Als mir die Luft vom Stufenspringen ausging, nahm ich den Lift. Ich kam aus dem Wohnblock und stand auf einmal recht verloren da. Ich schauderte - Rush Hour. Es war gegen fünf Uhr und ich hatte kein Ziel mehr.
»Hey, Brother!«, hörte ich eine kräftige Stimme aus dem Schatten der Mauer.
Ich drehte mich misstrauisch um und stand meinem Bruder gegenüber. Er lachte laut und trat seine Zigarette aus.
»Lass uns irgendwo hingehen«, schlug er vor.
Ich sah ihn an: ein großer, stämmiger Typ mit Lederjacke und einer dieser neuen ich-weiß-nicht-was-Hosen. Sein Gesicht war reichlich zerdeppert. Er hatte bestimmt ne Schlägerei hinter sich. In dem breiten Gürtel seiner Hose steckten ein Dolch und eine Waffe, von der ich nicht wusste, was sie darstellte.
»Guck nicht so dumm und komm«, forderte er mich barsch auf. »Ich habe keine Lust, meine Beine krumm zu stehen.«
»Gut, wenn du mich nicht in eine Runde kraftstrotzender, lauter Typen verschleppst.«
»Quatsch! Steig auf!«
Ich kannte seine Art und störte mich eigentlich nicht daran, außer wenn es zu viel wurde. Er zeigte auf ein Motorrad, ein blitzendes, neues Modell, das sich statt auf Rädern per Antigravitation fortbewegte und wahrscheinlich Geschwindigkeiten erreichte, die man kaum ausnutzen konnte. Es sah eher aus wie einer dieser Schlitten aus der Vergangenheit, wie ich sie von Bildern kannte. Das Armaturenbrett war voll von Knöpfen, Schaltern und Tasten. Ich konnte erkennen, dass auch nachträglich einige Sachen eingebaut waren.
Vic beobachtete mich. Er grinste.
Ich hatte nicht gewusst, dass Vic so ein Ding besaß. Er musste an Geld rangekommen sein.
»Los, mach schon!«, drängelte er.
Er saß vorn und ließ das Ding an. Es gab ein blubberndes, donnerndes Geräusch von sich, das mich zurückschrecken ließ. Doch ich überwand meine Abneigung und setzte mich - meine Tasche über der Schulter - hinter ihn. Und es war bequem. Man wurde irgendwie festgehalten. Ich fand Griffe für die Hände und Einbuchtungen, wo ich Beine und Füße unterbringen konnte. Es war nicht übel!
Vic band sich sein langes, strähniges Haar zusammen, setzte einen Helm auf und reichte mir auch einen. Das Gefährt machte einen Satz und schob sich heulend in die Schlange der Autos.
Es war Feierabend. Etwas Schlimmeres konnte ich mir nicht vorstellen. Doch Vic meisterte es wirklich fantastisch. Er brauste zwischen den Wagen hindurch, wo ich keine Lücke entdecken konnte. Manchmal benutzte er die obere Spur für Schnellfahrzeuge, was für Motorräder verboten war. Dann spürte ich den Sog der über uns fliegenden Gleiter. Wir brauchten nur fünfzehn Minuten durch eine stinkende, schwitzende Hölle bis zur City. Vic fuhr in eine Nebenstraße und hielt vor einem glitzernden Gebäude, das ich nicht kannte. Doc Farner stand in riesigen Leuchtbuchstaben über dem Eingangstor. Auch mit dem Namen konnte ich nichts anfangen. Vielleicht war es auch nur ein Fantasieprodukt. Die Fassade schimmerte in allen möglichen Farben. Sie schien in sich selbst zu verschwimmen. Es behagte mir schon jetzt nicht.
»Komm rein«, knurrte Vic mich an.
Etwas ungeschickt kletterte ich von dem Motorrad.
Unten in dem Haus war ein Restaurant, poppig und teuer. Wir stiegen in den Aufzug und fuhren fünf Etagen höher. Vic ging voraus. Er sagte nicht viel - im Gegensatz zu sonst, wo er mir manchmal die Ohren mit lauter krausem Zeug vollquatschte.
Wir kamen in einen hohen Raum ganz in Grün mit dämmrigem Licht. Eine Musikbox orgelte ohrenbetäubend. Es roch nach Drogen und Halluzinogenen, obwohl ich nicht viele Leute erkennen konnte. Es war noch zu früh. Überall standen niedrige Tische und Bänke herum. Von der Decke hingen irgendwelche Horrorfiguren an Fäden herab, die sich ab und zu bewegten, indem sie die Glieder verrenkten und blöde Schreie von sich gaben.
Vic dirigierte mich in eine Ecke, wo der Lärm auf die Hälfte reduziert war.
»Glaubst du etwa, mir gefällt es hier?«, fragte ich provozierend. »Mir auch nicht, aber das interessiert auch nicht.«
Langsam reichte es mir. Andererseits war ich neugierig, was er von mir wollte. Es schien jedenfalls nicht auf eine seiner üblichen Spinnereien rauszulaufen. Wir setzten uns. Es war weitaus unbequemer als auf dem Motorrad.
»Willste was trinken?«, fragte Vic mich. Er holte ein paar Buckies aus der Tasche.
»Wenn du was ausgibst. Ich bin völlig pleite.«
Er steckte die Münzen in einen Schlitz an der Seite des Tisches. Auf der Platte erschienen augenblicklich zwei Bier. Auch dieses Automatic-System war mir neu. Es schien, als wäre ich etwas Out of Time. War mir aber auch egal. Aber vielleicht hatte ich mich wirklich zu lange zurückgezogen. Erst in meine Bude und dann nach draußen.
Vic schien etwas unruhig. Sein Blick wanderte von Tisch zu Tisch. Er zog seine rote Lederjacke aus und holte eine dieser Halu-ci-gars hervor.
»Wartest du auf jemanden?«, riet ich.
Das Bier schmeckte scheußlich synthetisch.
»Ja, aber egal. Außerdem ist es immer gut, sich dort umzusehen, wo man hinkommt. Jedenfalls in meiner Situation. Obwohl es hier einigermaßen sicher ist.«
Ich glaube, es kostete ihn Überwindung weiterzureden, um auf sein eigentliches Anliegen zu kommen.
»Du kannst dir denken, dass wir nicht zum Spaß in dieser lausigen Kaschemme sitzen.«
»Also, fang an!« Ich hatte genug von dem hin und her.
»Okay. Was weißt du über die Gangs?«
»Machen wir ein Ratespiel?«
Vic lehnte sich zurück, und ich fragte mich plötzlich, was zum Teufel ich mit ihm zu tun hatte.
»Es ist wichtig. Sonst muss ich nachher alles dreimal erzählen,« fuhr er fort.
Ich ließ mich also drauf ein und gab so das Übliche von mir. Ich musste gestehen, dass mir nicht sehr viel zu dem Thema einfiel. Die alten Geschichten und meine Vermutung, dass sie sich irgendwie mit den Regs arrangiert hatten.
»Stop!«, unterbrach mich mein Bruder. »Das sind die typischen Sachen, die überall rumgeistern, weil sie von den Regs selbst unter die Leute gebracht werden. Erstaunlich, dass du überhaupt auf die Idee von einer Zusammenarbeit zwischen Regierung und
Gangs gekommen bist. Übrigens, dass du selbst draußen gewesen bist, hätte ich dir gar nicht zugetraut.«
Er grinste herüber zu mir. Ich wurde etwas ärgerlich.
»vielleicht bin ich nicht so, wie du dir das vorstellst. Du kannst dir also dein Geschwafel sparen.«
»Schon gut«, beschwichtigte Vic mich. »Ich will nicht mit dir rumstreiten.«
Er kam wieder auf das Thema zurück.
»Worum es mir in erster Linie geht, ist, dass dir meine Situation ansatzweise verständlich wird. Und darum spreche ich über die Gangs und die Vorurteile, die da bestehen. Du hast auch insoweit recht, dass ein Teil der Banden wirklich mit der Regierung rummauscheln. Sie kriegen sogar Bucks und Waffen dafür. Als Gegenleistung dürfen sie die Bevölkerung nicht zu sehr beunruhigen, das heiß, die Zahl der Toten und Verletzten muss sich in Grenzen halten. Aber das geht eher mich was an. Es ist nicht dein Problem und ich will es auch nicht dazu machen. Was wichtig ist, ist der andere Teil der Gangs, der weitaus größere, ich schätze so 70%. Wir - du kannst mich dazu zählen - haben eine Zusammenarbeit mit allem, was die jetzige Ordnung aufrechterhält, immer abgelehnt. Wir alle hassen den Staat und sind damit seine größten Feinde - das sogenannte Outsider-Problem. Aus Überlebensgründen haben wir wiederum unsere Abmachungen mit den von den Regs geförderten Gangs, von denen ebenfalls nicht wenige Mitglieder mit uns sympathisieren. viele von denen sind nur aus Bequemlichkeit oder Angst da, denn wir werden gejagt und müssen eben Zusehen, wie wir uns durchschlagen. So kann letzten Endes der Staat nicht an uns ran, obwohl er es manchmal möchte. Aber erstens können die nicht eine Gang von der anderen unterscheiden und zweitens halten im Notfall alle Banden zusammen.»
»Und was gebt ihr dafür, dass die anderen Banden euch nicht an die Cops verraten?«
»Wir unternehmen nichts gegen sie und geben ihnen einen Teil der Beute.«
Er sagte das alles so cool, dass er dabei wohl ganz vergaß, was sie eigentlich anstellten!
»Jetzt hör mir mal zu, Vic! Ihr schlagt ohne Grund Leute tot, Leute, die euch nichts getan haben, raubt ihnen noch das letzte Hemd und plündert sie aus, und du stellst es so dar, als wärt ihr ne Art Stammtisch!«
»Ich glaube, du bist da reichlich falsch informiert.«
»Ja klar, das wird dann immer gesagt. Habt ihr euch mal überhaupt überlegt, was ihr damit gegen das System ausrichtet? Nämlich gar nichts! … Ach, was soll's. Ich habe damit jedenfalls nichts zu tun und lass mich auch von dir da nicht reinreißen.«
Wenn er glaubte, er könnte mich zu irgendwas überreden, hatte er sich jedenfalls geirrt. Ich stand auf, aber Vic packte mich am Arm.
»Bleib hier, du verstehst nichts!«
»Lass mich los, ich bin nicht einer von deinen Sklaven.«
Das brachte ihn, ganz schön hoch.
»Du Blödmann! Am liebsten würde ich dir eine reinhauen. Hör doch wenigstens erst mal zu, was ich will!«
Aus dem Halbdunkel näherte sich eine Gestalt. Vic ließ mich endlich los.
»Wird auch Zeit, dass du kommst!«
»Hm«, machte die Gestalt. »Nun reg dich nicht über mich auf, wenn du Speedy meinst.«
Ich erkannte die Stimme sofort.
»Stucker!«, rief ich. »Was hast du hier zu suchen?«
»Nicht so laut«, zischte er. »Was ist denn bloß los mit euch? Man hört euch ja im ganzen Haus. Wollt ihr unbedingt die Cops anlocken?«
Der stille, schweigsame Stucker! Ich konnte es kaum begreifen. Ich kannte ihn als einen nachdenklichen, philosophischen Typen. Klein und hager mit einem mächtigen Bart und oft trug er eine alte Mütze. Ich erinnerte mich noch gut an seine traurige, zusammengesunkene Gestalt, als ich Flie und Lucky in der Kneipe getroffen hatte. Was hatte er mit meinem Bruder zu tun?
»Okay, Stucker. Setz dich hin. Du hast natürlich recht. Wir werden über alles in Ruhe reden.«
Vic tastete ihm ebenfalls ein Bier. Jetzt war ich natürlich auch wieder neugierig geworden und vergaß, dass ich ja eigentlich gehen wollte. Mein Zorn war auch schon abgekühlt.
»Um es kurz zu machen, Speedy«, fuhr mein Bruder in seiner Story fort, »wir killen niemand, höchstens in Notwehr. Und wir nehmen nur denen was weg, die sowieso schon genug haben. Die Schauermärchen im Tri-Video sind teilweise erfunden, um die Leute ängstlich und in Schach zu halten, teilweise machen die anderen Gangs diesen ganzen Shit und dafür würden wir sie am liebsten in die Stadt zurückjagen.«
»Ein moderner Robin Hood-Club, was?« Ich blieb skeptisch.
»Nun spiel mal nicht den Ironischen», meldete sich Stucker. »Die Tour kennen wir auch schon. Wir geben das Geld schließlich nicht als Almosen an irgendwelche armen Leute, sondern beschaffen uns dafür, was wir zum Leben brauchen und außerdem Waffen und andere Ausrüstung.«
Langsam merkte ich, worauf sie hinauswollten. Ich begriff es noch nicht ganz. Aber wenn ich richtig vermutete, war es ein gefährliches Spiel. Ein Tödliches.
»Wir haben ein paar Leute in der Hand, von denen wir Waffen kriegen«, sagte Stucker in seiner ruhigen Art.
Ich stellte die entscheidende Frage.
»Und was wollt ihr damit, wenn ihr sie nicht für Überfälle benutzt?«
»Wir werden sie schlagen!« Vic schlug mit der Faust auf den Tisch. »Und dann wird sich ganz schön was ändern.«
»Wen wollt ihr schlagen? Die Regs? Die sind doch viel zu stark«, sagte ich erregt.
»Nein, nicht wenn es nach unserem Plan geht.« Das Gesicht meines Bruders war ganz nahe bei mir. »Man muss nur die Nervenstellen kennen.«
»Aber die Cops und das Militär! Sie sind euch weit überlegen. Und die Bevölkerung wird euch bestimmt nicht unterstützen«, gab ich zu bedenken.
»Richtig. Aber wir können dir schließlich nicht alles erzählen«, sagte Stucker. »Du bist hier, weil wir wissen wollen, ob du eventuell mitmachst. Hätte Vic dich nicht zufällig bei deinen Eltern getroffen, hätte ich dich gesucht. Überleg es dir. Ich weiß, dass du was tun willst gegen dieses verdammte System!«
»Es wird nicht funktionieren«, murmelte ich vor mich hin.
Ich konnte es nicht fassen. Der Gedanke an Gewalt in diesem Zusammenhang war einfach absurd.
Vic stand auf.
»Ich muss los. Man sollte uns nicht zusammen sehen. Stucker kann dir noch Einzelheiten erklären.«
Er ließ sein Bier stehen und ging. Ich hatte ihn nicht wiedererkannt. So hatte er nie vorher zu mir gesprochen. Besser noch: ich hatte ihn bisher nicht gekannt. Ich hatte nicht gewusst, was er dachte, was er tat. Und auch jetzt wusste ich nicht viel mehr. Jedenfalls nicht genug. Obwohl er mein Bruder war, war er mir nie aufgefallen. Irgendwann hatte ich gedacht, dass meine und seine Interessen zu verschieden waren, um sie miteinander vereinbaren zu können. Vielleicht war das falsch gewesen, und ich hätte mich mehr mit ihm auseinandersetzen sollen.
»Wenn du Näheres wissen willst …«, brach Stucker das Schweigen. »Nein, nein«, wehrte ich ab. »Ich muss ja erst mal überhaupt die Idee akzeptieren. Nur eins: wie kommst du da rein?«
»Du weißt, ich überlege viel. Und ich hab ja auch Zeit dazu, weil ich mir wegen des nötigen Geldes keine Sorgen zu machen brauche.« Ich erinnerte mich, dass er ne Menge Bucks von seinen Alten bekam. Wenn die wüssten, mit welchen Leuten er zu tun hatte …
»Eigentlich ist die Sache ziemlich einfach - letzten Endes. Ich sehe jedenfalls nur einen einzigen Ausweg, alles zu ändern: Gewalt. Gewalt gegen die Gewalt, die wir täglich erfahren, der wir immer ausweichen oder unterliegen. Und die Gewalt, der Terror von oben, ist nicht mit den Leuten zu brechen, die sich seit eh und je daran gewöhnt haben, sich angepasst haben und sie sogar als notwendig erachten. Fast alle in der Stadt sind psychisch total unter Kontrolle der Regs. Keine Krise oder Naturkatastrophe kann die Regs überraschen. Auf solche Situationen sind sie vorbereitet. Ein paar Knopfdrücke, und das entsprechende Programm läuft ab, die Bevölkerung ist beruhigt. Die Gegengewalt kann nur von außerhalb kommen und da gibt es nur die Gangs.»
Er machte eine Pause, trank ein paar Schlucke von seinem Bier.
»Ich hatte furchtbare Angst. Na, du kennst ja auch die Gerüchte, die über die Gangs verbreitet werden. Aber es gab keinen anderen Weg. Ich ging also nach draußen, und zum Glück traf ich auf jemand, der mir nicht gleich das Messer zwischen die Rippen stieß.
So bekam ich Kontakt mit Vic und erfuhr, dass die Idee nicht nur auf meinem Mist gewachsen ist, sondern schon seit Langem in gewissen Gangs diskutiert wird. Und der Zeitpunkt ist nicht mehr weit weg.«
Eine irre Geschichte. Und nebenbei wurde mir mal wieder klar, dass man oft nur eine Seite eines Menschen kennt. Man kennt ihn eben so, wie man ihm immer begegnet.
Und plötzlich überkam mich wieder dieses Gefühl, das ich in letzter Zeit so häufig hatte: ich musste weg, allein sein, nachdenken. Ich hielt es hier nicht mehr aus.
»Stucker, ich muss weg. Ich komm zu dir, wenn ich was wissen will. Mach's gut!«
»Okay. Und sag niemand was!«
»Ist doch klar.«
Ich hastete die Stufen runter, immer weiter, immer weiter …
Ich kam völlig außer Atem unten an. Ich sehnte mich nach draußen, fort von hier. Doch es wurde mir gleichzeitig bewusst, dass dies nur wieder Flucht bedeuten würde. Flucht vor Menschen, vor Entscheidungen, vor Gewohnheit und Arbeit und tausend anderen Sachen. Manchmal braucht man eine Flucht, aber sie ändert nichts, und wenn man zurückkommt, ist alles noch, wie es vorher war. Und wenn sich wirklich was geändert hatte, war man nicht beteiligt gewesen und steht außen vor. Flucht ist gut, um abzuschalten und sich über seine Identität, seine Wünsche, Bedürfnisse und Fähigkeiten klarer zu werden. Ab und zu gelingt das.
Und ich hatte das gerade hinter mir. Es wäre gerade jetzt falsch, es zu wiederholen. Nun gut, ich musste mich erst wieder an die Umgebung gewöhnen, aber ich musste ganz sicher Entscheidungen treffen, wie es für mich selber weitergehen sollte. Die Entscheidung zu arbeiten war ein erster Ansatz, obwohl er durch die Umstände diktiert wurde und mehr ein Zwang war. Außerdem musste ich vor mir selber zugeben, dass meine letzte Flucht in die Einsamkeit mir nur sehr wenig geholfen hatte. Ich war den wesentlichen Sachen nicht nähergekommen.
Im Grunde wusste ich immer noch nicht, was ich tun sollte. Für mich bedeutete dieser Zustand Hilflosigkeit, Angst und Unsicherheit.
Ich fühlte mich von Personen und Ereignissen zu Handlungen getrieben. Diese Aktionen gingen aber nicht von mir aus, sie wurden mir aufgedrängt. Und das ist wirklich ein schreckliches Gefühl.
Ich merkte, dass ich nicht Herr meines Lebens war, noch nicht mal da, wo ich vielleicht die Möglichkeit hätte, es zu sein. Meine Zukunft wurde von anderen verplant und verbaut. Ich hatte nicht die Illusion, vollständig autonom über mein Leben entscheiden zu können. Schließlich und glücklicherweise lebte man immer mit anderen zusammen und musste da was draus machen. Aber im Moment machte ich nichts draus. Ich ließ vielmehr zu, dass andere etwas mit mir machten. Wenn ich meine Identität noch weiter verlor, konnte ich ja auch gleich abtreten. Es musste sich was ändern!
Alle diese Gedanken wirbelten durch meinen Kopf, während ich im Eingang des Restaurants stand. Ich sah schon einen Roboter auf mich zukommen, der mich mehr oder weniger höflich auf die Straße setzen würde, wenn ich hier noch länger blieb. Also entfernte ich mich lieber vorher. Hier herumzustehen war ja auch schließlich unnütz. Und unnütze Sachen wurden nicht gern gesehen in dieser Welt.
They seek us in this unquiet zone
They chase us on from hole to hole
They hunt us down like carrion crows
They search us out like frightened moles
This surely is a dreadful war
An awful waste of guts and gore
An awful waste of human life
This senseless, bloody, bitter strife
We huddled close against the ground
Scared to make the slightest sound
And all around the great guns boom
The constant march of pending doom
Procol Harum - »The Unquiet Zone«
Zwischenbericht - Vic
Die Entscheidung war bereits getroffen. Soweit glaubte er seinen Bruder zu kennen. Das Verlangen nach Zeit zum Überlegen hätte nichts anderes zu bedeuten, als dass er nicht mitmachen würde.
Aber hatte er etwas anderes erwartet?
Scheiße! Da versuchte er nun, seinem Bruder irgendwie zu helfen, ihm etwas anzubieten, und der Typ schlug es geradewegs ab.
Vic stieg auf sein Motorrad und ließ es wütend an. Wie hatte er nur annehmen können, dass ein so anderer Mensch als er, in irgendeiner Weise auf sein Angebot eingehen könnte? Nicht, dass er Angst hätte, Speedy könnte etwas verraten, aber diese verschleierte Absage irritierte ihn doch ganz gewaltig, obwohl er sich so was hätte denken können.
Was sollte man mit so einem Träumer anfangen? Speedy war immer auf der Suche, jagte irgendwelchen Hirngespinsten hinterher. Wahrscheinlich wusste er noch nicht mal, wonach er suchte. Na, es würde auch ohne ihn hinhauen. Schließlich waren sie nicht auf ihn angewiesen, es wäre nur ganz schön gewesen …
Während Vic die Stadt hinter sich ließ - unbehelligt von Cops -, musste er flüchtig an das Camp denken. vielleicht wäre Speedy dort besser aufgehoben. Er selbst konnte mit den Leuten nicht allzu viel anfangen. Er war überzeugt davon, dass dieses Experiment eines Tages in die Hose gehen würde. Der äußere Druck war einfach zu groß und wirkte sich zunehmend auf die ganze Gruppe aus. Es würde einfach auffliegen, mit einem Schlag. Er konnte daran nichts ändern. Diese Leute konnten höchstens durch das schnelle Zuschlagen der Gangs gerettet werden.
Es war eben schon richtig, erst in der Stadt selbst die Verhältnisse zu ändern. Und das war gar nicht mehr so lange hin. Er hoffte, dass diesmal nichts dazwischenkam. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren.
Diese Gedanken gaben ihm wieder Auftrieb. Vic öffnete den Helm. Er donnerte mit Vollgas über die Brücke, welche die Stadt von draußen trennte. Die Abendluft schnitt ihm ins Gesicht. Manchmal glaubte er, die Cops wagten es gar nicht, ihn zu kontrollieren, da sie die Folgen fürchteten. Aber das war wohl nur eine Illusion. Drohend schüttelte er die Faust gegen das Stadtbild.
»Du wirst nicht mehr lange so stehen!«, rief er.
Und dann fühlte er sich wieder zu Hause. Ein warmes, sicheres Gefühl stellte sich ein, als er den gewohnten Schleichweg einschlug. Dies war sein Bereich, hier spielte sich zum großen Teil sein Leben ab, schon lange Zeit. Aber bald brauchten sie sich nicht mehr zu verstecken. Die Stadt und alles andere würde ihnen offenstehen. Es würde sich alles grundlegend ändern.
Er umfuhr spielend alle größeren Hindernisse und wich den gefährlichen Stellen aus. Hier war es schon dunkel. Kein Licht funktionierte mehr, die Ruinen, Straßenspalten und Steinklötze waren im Mond- und Sternenlicht kaum sichtbar. Aber er kannte sich aus, und es machte ihm wahnsinnig Spaß, die Maschine voll auszufahren, wo es ging.
Er hatte lange daran herumgebastelt. Wenn die Cops wüssten, was in ihr steckte, würden sie ihn bestimmt nicht noch mal ohne weitere Untersuchung durch eine Kontrolle lassen. Wahrscheinlich würde er nicht lebend durchkommen. Nicht nur die hohe Geschwindigkeit und der eingebaute A-Grav waren gesetzeswidrig, es gab einen Schutzprojektor gegen Energiewaffen und eine getarnte Mini-MP. Und auf unerlaubten Waffenbesitz stand seit eh und je die Todesstrafe. Außerdem war der Schlitten durch seine Kompaktbauweise enorm wendig und bot einen ungemein sicheren Halt. Er war schon ziemlich stolz darauf. Davon abgesehen war seine Gang sowieso eine der Bestausgerüstetsten. Schließlich hatte sie ja auch die Führungsrolle und damit die gefährlichste Aufgabe in der bevorstehenden Schlacht übernommen. Das kam hauptsächlich daher, dass sie die Pläne und die Strategie lange vor den anderen entwickelt hatten. Vic sorgte allerdings dafür, dass die anderen Gangs nicht überfahren oder bevormundet wurden. So etwas wie Streit im eigenen Lager war das Letzte, was sie gebrauchen konnten.
Er mied wie immer das Tonc-Vicrtel. Die Tonc-Gang war nicht gerade gut auf sie zu sprechen. Man wusste nicht recht, auf welcher Seite sie stand. Seit einiger Zeit gingen die Gangs zwar Auseinandersetzungen untereinander aus dem Weg, aber man brauchte sie ja nicht gerade zu provozieren. Und die Toncs hatten eine extrem andere Einstellung als zum Beispiel die Change-Gang, deren Chef er war. Die Toncs arbeiteten ziemlich offen mit der Bürokratie zusammen. Den Cop-Streifen waren sie manchmal lieber als irgendwelche irren Amokläufer, die sich in den Randbezirken verkrochen hatten. Und natürlich profitierten beide Seiten davon.
Vics Bemühungen war es schließlich zu verdanken, dass es zu einer Art Waffenstillstand zwischen Toncs und Change gekommen war. Andererseits sahen sich die Toncs nämlich einem wachsenden Druck der anderen Gangs ausgesetzt, die vor kurzem beschlossen hatten, nach dem Grundsatz zu handeln, sich vor von außen drohenden Angriffen gegenseitig zu schützen - egal, welche Differenzen es sonst zwischen ihnen gab.
Dieser Beschluss war das Ergebnis einer eilig einberufenen Zusammenkunft der verschiedensten Gangs. Nie hatte es vorher eine solche Versammlung gegeben. Diese war notwendig gewesen, als die Entscheidung der Regs, die zersplitterten Gangs aufzureiben, bekannt geworden war. Die eingeschleusten Spitzel der Gangs in den Reihen der Bürokratie hatten damals eine äußerst dringende Warnung durchgegeben. Die Aktion der Militärs und Cops stand unmittelbar bevor, und es war die Anweisung erteilt worden, ohne Rücksicht auf Verluste vorzugehen und somit das Problem der Gangs ein für allemal zu beseitigen.
Und auch hier hatte Change eine wichtige Rolle gespielt. Es war ihr nämlich gelungen, nach harten Redeschlachten und offenen Kämpfen sogar ehemals verfeindete Gangs zu dem Bündnis zusammenzuschließen. Seitdem hatte Change immer wieder die Position des Vermittlers eingenommen, was allgemein unter den Gangs respektiert wurde. Dies Bündnis war aber auch das Einzige, was die Banden zusammenhielt. Die anderen Konflikte wurden weiterhin mehr oder weniger brutal ausgefochten.
Immerhin wurden die Kommandos der Regs erfolgreich zurückgeschlagen. Anscheinend hatten sie so massiven Widerstand nicht erwartet. Und es kostete die Regs sehr viel Mühe, diese Schlappe vor der Bevölkerung zu verheimlichen. Nach der offiziellen Version war die Niederlage ein Sieg gewiesen, ein Terrorschlag krimineller Elemente, die die Staatsordnung bedrohten, war verhindert worden. Diese in aller Eile zusammengeschusterte Propaganda hatte ihre Wirkung aber nicht verfehlt. In der Stadt regte sich nichts.
Als dann die Gangs ihrerseits drohten, ihre Streifzüge in die Stadt auszudehnen und etwas großzügiger anzulegen, hatten die Regs nichts Eiligeres zu tun, als den Befehl zur Ausrottung zurückzunehmen und den Gangs zu versichern, dass sie in Zukunft vor Aktionen der Cops sicher sein würden, wenn sie es nicht zu schlimm trieben.
Vic sah noch das Gesicht von Doc Warwick auf der entscheidenden Zusammenkunft. Unsicher war er gewesen, der hohe Herr. Vic hatte es ihm deutlich angemerkt. Trotzdem machte er sich nichts vor. Gut, die Regs hatten sich zu diesem Zeitpunkt keine offene Konfrontation leisten können. Aber wenn sie gut vorbereitet wären und nicht wie diesmal überrascht werden konnte, würde von den Gangs nicht viel übrig bleiben. Er war sicher, dass die Bürokraten schon jetzt für dieses Ereignis rüsteten. Schon deshalb musste man ihnen zuvorkommen. Es war die einzige Möglichkeit zum Überleben.
Die gesamte Stärke der Staatssicherheitstruppen war ziemlich genau bekannt. Deshalb war auch der ursprüngliche Plan von Change und einigen befreundeten Gangs, die Stadt offensiv anzugreifen, immer wieder abgelehnt worden. Vic wurde etwas mulmig, wenn er daran dachte, dass er selbst mal hinter dieser Absicht gestanden hatte.
Aber selbst als Leader hatte er nicht die Macht, den Mitgliedern einfach etwas aufzuzwingen, schon gar nicht eine so lebensentscheidende Sache. Die meisten Gangs waren ohnehin gegen diesen Plan, sodass er nie durchgeführt wurde - zum Glück, wie Vic jetzt wusste.
Dadurch wurde er daran erinnert, wie Stucker zu ihnen kam. Die Dorados hatten ihn aufgelesen. Er hatte vor Angst und Unsicherheit gezittert, als er Vic gegenüberstand. Und er hatte wirklich unverschämtes Glück gehabt. Wäre er zum Beispiel den Toncs in die Hände gefallen, hätte man wohl kaum seine Leiche wiedererkannt. Aber er hatte es geschafft, bis zu ihm vorzudringen. Woher er Vics Bedeutung innerhalb der Hierarchie der Gangs kannte, hatte er nie verraten. Vic argwöhnte, dass da Speedy eine ungewollte Rolle spielte.
Egal, als er jedenfalls dastand, hatte er vor Stottern kaum einen Satz hervorbringen können. Er hatte viel drumrumgeredet, bis Vic ihm zu verstehen gab, dass er offen sprechen konnte. Hier würde ihm keiner die Kehle aufschlitzen. Und dann rückte Stucker mit dieser erstaunlichen Idee heraus: ein Angriff auf ausgewählte Ziele, der den Verteidigungsapparat der Stadt lahmlegen sollte. Vic und die anderen von Change waren zunächst sehr misstrauisch gewesen: ein Spion hätte keinen besseren Vorschlag machen können. Dann hatten sie Stuckers Vergangenheit durchleuchtet, ihn pausenlos verhört, seine Freunde befragt und seine Wohnung peinlich genau durchsucht. Es hatte sich jedenfalls kein Hinweis ergeben, dass Stucker nicht der war, für den er sich ausgab: ein Typ, der die Schnauze von dem erbarmungslosen Leben in der Stadt voll hatte und sich einige umstürzlerische Gedanken zur Veränderung dieser Situation gemacht hatte.
Und Stucker besaß vorzügliche Informationen. Er hatte Connections zu allen möglichen behördlichen Stellen und kannte selbst Leute bei den Cops und im sogenannten Parlament. Daher wusste er auch, wo die Nervenstellen der Regs lagen: die Computerzentrale, die Ausweichstation, das Robot-Lager, die Befehlssektion usw.
Der Plan war lange diskutiert worden, bis er von der Mehrheit akzeptiert wurde. Und dann kam noch die lange Zeit der Vorbereitungen: die Suche nach Verbündeten, das Beschaffen von geeigneten Waffen-, die Organisation von Störmanövern und strategischem Vorgehen.
Zu diesen Vorbereitungen gehörte auch, dass Vic Stucker mit zum Camp nahm. Er hoffte, dass diese Leute sich vielleicht beteiligen würden, wenn sie Stucker zugehört hatten. Aber es war vergebliche Mühe gewesen. Sie hatten eben einen anderen Weg eingeschlagen. Es bestanden zwar lose Verbindungen zwischen Change und dem Camp, aber die Auffassungen waren zu verschieden, als dass gemeinsame Aktionen möglich gewesen wären. Außerdem vertrat die Mehrheit im Camp die Ansicht, dass der Plan nicht zum Erfolg führen könnte - aus fadenscheinigen Gründen, wie Vic fand.
Und nun stand die Offensive kurz bevor. Selbst Vic hatte ein merkwürdiges Gefühl, wenn er daran dachte. Schließlich war es die zweite Entscheidung, die sein Leben grundsätzlich verändern würde. Der erste Schritt war sein Eintritt bei Change gewesen. Doch das war lange her und gehörte schon der Vergangenheit an, über die er nicht mehr nachdachte.
Vic bog um die Ecke eines Trümmerblocks und überquerte eine aufgerissene Straße. Er überlegte kurz, ob er bei Moro vorbeifahren sollte. Aber er hatte irgendwie keine Lust, sie zu sehen. Wenig später stoppte er vor der verborgenen Einfahrt: das Quartier von Change!
Millions have cried for millions that died
Oh that's right
Oo that's right
For things that they strived, more millions just sighed
Oh that's right
Oo that's right
Made excuses and lied, stood numb stupified
Oh that's right
Oo that's right
And they're wondering which side of the fence they should fall
Rats in the cellar their backs to the wall
Cornered, a rat can be very tall
No Solomon wisdom around
I just might
Burn it down
I just might …
Streetwalkers - »Burn It Down«
5.
Ich entschied mich, Yuka aufzusuchen, obgleich ich vor diesem Schritt etwas zurückschreckte. Er bedeutete wieder etwas Unbekanntes, vielleicht ein neuer Abschnitt in meinem Leben. Ich brauchte immer ziemlich lange, bis ich mich an unbekannte Sachen oder Leute rantraute. Ich hatte mir zwar schon oft vorgenommen, das zu ändern, aber bis jetzt hatte es nur selten hingehauen.
Ich raffte mich endlich auf und nahm wieder den Bus. Diesmal fuhr ich gezwungenermaßen schwarz, weil ich einfach keinen losen Buck mehr hatte. Die Fahrt endete in einem Bezirk, den ich ziemlich genau kannte.
Hier in der Nähe hatte ich mal fast ein Jahr mit Winnie zusammengewohnt. Die Erinnerung daran löste immer ein beklemmendes Gefühl in mir aus, das ich nicht abschütteln konnte. Auch jetzt kam es wieder hoch, als ich die Gegend wiedersah und durch die einigermaßen leeren Straßen ging - es war Essenszeit. Damals hatte ich noch in diesem abscheulichen Prunkbau namens Universität studiert. Damit gehörte ich zu einer privilegierten Schicht, die mal was Besseres werden sollte. Der Staat war eben stolz auf seine Studenten, sorgfältig ausgesiebte Nummern, denen die herrschende Ideologie behutsam und geschickt eingetrichtert wurde. Schließlich sollten sie diese Ideologie später vertreten und anwenden.
Mein Alter wollte, dass aus mir ein tüchtiger, ordentlicher, fleißiger Beamter wurde - und ich wollte es auch - damals. Nun, es war nichts draus geworden und er konnte das nicht begreifen. Wie sollte er auch?
Es war drei Jahre her, seit ich hier gewohnt hatte. Ich kannte Winnie da schon zwei Jahre und ich kannte fast ausschließlich sie. Das beruhte aber auf Gegenseitigkeit. Also zogen wir zusammen.
Damit ließen wir zwar unser Elternhaus räumlich hinter uns, aber in uns selbst lebte es fleißig weiter. Woher sollten wir auch eine andere Lebensweise nehmen, wir kannten ja nichts anderes. Man hörte zwar ab und zu von irgendwelchen Outsidern, die angeblich versuchten, eine andere Lebensart zu praktizieren, aber wir hielten das meiste davon für Spinnerei und hatten auch keine Möglichkeit, diese Gerüchte zu überprüfen, da wir einfach nicht in Kontakt mit solchen Leuten waren.
Winnie und ich fochten zusammen und gegeneinander die erbitterten Kämpfe einer eingegrenzten Beziehung aus, die Eifersuchtsszenen, die Wunschträume, die Versöhnungen, die Unterdrücker-Sexualität und vor allem, die alles abstumpfende zäh dahinfließende Gewohnheit. Es war ein einziges Gerangel um Liebesbeweise, eine ewige Konkurrenz, wer was besser wusste oder konnte, furchtbare Angst vor Liebesentzug, da wir glaubten, wir seien aufeinander angewiesen. Wir kamen praktisch gar nicht dazu, uns außer mit unserer Arbeit bzw. dem Studium und unserem häuslichen Kram noch mit anderen Sachen auseinanderzusetzen - eine sehr wichtige Funktion, die eine solche Beziehung damit für die Regs spielt.
Alles lastete noch immer wie ein großer schwerer Schatten auf mir, ein Teil einer bedrückenden Vergangenheit, Fortsetzung und Höhepunkt aus Kindheit, Schule und allem, was dazugehört. Und eine Erfahrung, die mich auch jetzt noch in meinen Handlungen gehörig beeinflusste, sowohl positiv als auch negativ.
Dann, unerwartet, traten Leute wie Lucky und Flie in mein Blickfeld. Es war reiner Zufall, dass ich sie kennengelernte. Winnie und ich hatten mal wieder Streit gehabt. Es ging darum, ob ich mich zum Militär melden sollte oder nicht. Ich hielt nichts davon, zu kämpfen und auf andere zu schießen. Außerdem hatte ich Angst, dass ich da total untergebuttert würde. Winnie vertrat die Ansicht, dass es praktisch meine Pflicht sei, mich zu melden, und ich außerdem keine Chance hätte, ohne Militärzeit sehr hoch in der staatlichen Hierarchie zu kommen. Da die Militärs Zulauf genug hatten, war die Entscheidung jedem selbst überlassen, das heißt, Winnie konnte sich letzten Endes nicht durchsetzen.
Sie schloss sich schimpfend im Schlafzimmer ein, und ich rannte vor Wut kochend auf die Straße in der Absicht, mich irgendwo sinnlos zu besaufen. Ich ging in die erstbeste Kneipe in der City und bestellte ein Bier nach dem anderen. Ich kannte keinen Menschen hier, da wir selten in Kneipen gingen und schon gar nicht in solche. Irgendwann im Lauf des Abends fing sich alles um mich herum an, zu drehen. Ich schaffte es nicht mehr, nach draußen zu kommen und kotzte voll über den Tisch. Das passte anscheinend zwei Typen nicht, und ich sah verschwommen, dass sie Anstalten machten, mich zu verprügeln. Dann kam ein anderer dazwischen. Ich kriegte nur noch mit, wie er versuchte, die beiden zu beruhigen, dann wurde mir so schlecht, dass ich ganz vom Stuhl kippte. Ich wusste nicht mehr, wie ich in Luckys Bude gekommen war, aber er hatte mich den ganzen Weg geschleppt! Den nächsten Tag ging ich auch nicht nach Hause, weil es da nur weiteren Ärger gegeben hätte und Lucky mich im Augenblick weitaus mehr interessierte als Winnie. Bald darauf packte ich meine Klamotten und zog aus. In der ersten Zeit traf ich mich noch öfter mit Winnie, dann nur noch zufällig und jetzt hatte ich sie bestimmt ein paar Monate nicht gesehen. Unsere Lebensweisen hatten sich im Lauf der Zeit so voneinander entfernt, dass wir uns nur noch schwer verständigen konnten, und es auch einfach nicht wollten, da nichts dabei rauskam. Soweit ich wusste, lebte sie seit ungefähr einem Jahr wieder mit einem Typen zusammen in unserer alten Wohnung. Ich kannte ihn nicht.
Die Denkanstöße, die ich damals bekam, der Strudel der Ereignisse der mich mitriss - alles änderte mein Leben von Grund auf. Ich verstand die Gedanken, Worte und Taten eigentlich erst richtig ne ganze Zeit später, und auch meine Änderung und die Richtung, in die sie zielte, wurde mir erst später bewusst. Auf jeden Fall führte es weg von Studium, Gleichgültigkeit und Winnie.
Plötzlich stand ich vor Yukas Haustür. Ich musste schon länger hier stehen, war aber so in Gedanken gewesen, dass ich es gar nicht wahrnahm. Ich hatte irgendwie etwas anderes erwartet, aber es war ein Wohnblock wie alle anderen auch. Zögernd stieg ich die Treppen rauf. Sie wohnte schon in der dritten Etage. Ich klopfte. Es dauerte ne Weile, und dann stand sie vor mir mit nassen Haaren und lachte mich an.
»Komm rein. Ich bin gerade fertig mit Haare waschen.«
Sie brachte mich in ein großes Zimmer, das unheimlich gemütlich eingerichtet war. Mit dicken bunten Teppichen und selbstgemalten Bildern an der Wand. Ich stellte meine Tasche in die Ecke und setzte mich auf den Boden. Sie setzte sich mir gegenüber. Ihre Haare trieften vor Nässe.
»Du siehst ja nicht gerade sehr fröhlich aus.«
»Bin ich auch selten in letzter Zeit. Leider.«
»Man hat auch nicht viel Grund dazu«, meinte sie verständnisvoll.
Ihr schien es nicht viel auszumachen, dass ich nicht gerade in bester Laune war. Dann sprang sie wieder auf.
»Komm mit in die Küche. Ich zeig dir alles und mach erst mal Kaffee.«
Ich hatte den Eindruck, dass sie ständig in Bewegung sein musste. Irgendwie versucht man wohl immer, sich gleich zu Anfang ein Bild zu machen. Ich musste mich bloß davor hüten, sie nicht in irgendeine Kategorie einzuordnen. Aber das würde mir bei ihr auch bestimmt schwerfallen.
Auch die Küche war bunt und bequem. Alles in allem passte die Wohnung überhaupt nicht in diesen trostlosen Block.
»Wie wollen wir das mit dem Zimmer machen?«, fragte ich vorsichtig, während sie Kaffee machte.
»Ach, es ist ja groß genug. Und wenn wir Ruhe voneinander haben wollen, muss eben einer in die Küche ausweichen.«
»Na ja, ganz so einfach wird es nicht sein.«
»Wir werden ja sehen. Du machst dir Gedanken über Sachen, die du nicht vorausplanen kannst.«
Das stimmte. Ich machte das immer. Und es kam natürlich immer anders, als ich gedacht hatte.
»Hast du Hunger?«, fragte sie.
Ich musste zugeben, dass ich ganz schrecklichen Hunger hatte. Andererseits gefiel es mir nicht, dass ich mich wie ein Gast bedienen lassen musste. Aber ich wusste nicht, wo die Sachen waren und konnte es nicht ändern. Aber das würde mit der Zeit auch anders werden.
Später saßen wir lange zusammen in dem einzigen Zimmer und langsam wurde mir warm. Ich merkte, dass ich mich hier wohlfühlen konnte. Die Gegenstände würden mir vertraut werden und eine Bedeutung für mich bekommen. vielleicht konnte ich mich hier zuhause fühlen.
Yuka wurde mir schon an diesem Abend vertrauter. Wir sprachen über alles Mögliche, schmusten herum, versuchten uns kennenzulernen und näherzukommen. Es war ein guter Anfang, mal sehen, was draus wurde. Dann gingen wir zusammen ins Bett, und ich wusste, dass wir morgen zusammen aufstehen, essen und zur Arbeit gehen würden.
Die nächsten Tage wurden ziemlich schwer für mich. Ich musste mich an die Arbeit gewöhnen, und das war reichlich hart. Sie bestand hauptsächlich darin, dass ich den ganzen Tag in riesigen, dreckigen Maschinen rumkriechen musste. Hier putzen und da kratzen, mit Pulvern und Lösungen, die mir fast die Haut verbrannten. Es war wie in einem dunklen Dschungel aus Metall und Plastik. Ich hatte immer Angst, irgendwo steckenzubleiben oder mich ernsthaft zu verletzen. Einige Maschinen waren so groß wie ein vierstöckiges Haus, andere waren zwar kleiner, aber ich musste sie vollständig auseinandernehmen. Da alle in einem bestimmten Turnus gereinigt werden mussten, hatte ich immer alle Hände voll zu tun. Ich hatte den Eindruck, als hätten sie nur auf mich gewartet, weil niemand diese Sauarbeit erledigen wollte. Die Sonne bekam ich selten zu sehen, obwohl ich auf einer offenen Baustelle arbeitete. Dafür schwitzte ich tierisch und fühlte mich jeden Tag wie gerädert.
Zu allem kam ein Höllenlärm, wenn die Maschinen in Betrieb waren und ein furchtbarer Gestank.
Ich muss zugeben, dass ich den Job nach drei Tagen hinschmeißen wollte, aber das Geld hielt mich zurück. Ich verdiente ganz gut. Außerdem hatte ich Yuka gegenüber sowieso schon ein schlechtes Gewissen, da ich bis zur ersten Abrechnung auf ihre Kosten lebte und sie verdiente auch nur das Nötigste.
Menschen bekam ich wenig zu sehen. Ein Obertyp, der mir sagte, was ich als Nächstes zu tun hatte, ein paar Techniker, die die Maschinen neu programmierten und mir dauernd vorwarfen, ich würde sie nicht ordentlich warten, und einige Handlanger wie ich für den Abfall. Pausen teilte der Boss nach Belieben ein. Oft gab's gar keine und angenehm war's nur, wenn er ab und zu mal besoffen war. Mit den anderen Typen konnte ich leider auch nicht viel anfangen. Sie sprachen kaum miteinander und schon gar nicht mit mir und hatten anscheinend keine anderen Probleme und Gesprächsthemen, als dass die Zeit zu langsam verging. Was sie sonst machten, erfuhr ich nie, und wenn ich anfing zu reden, zeigten sie mir ziemlich deutlich, dass sie mit mir lieber nichts zu tun haben wollten.
Yuka sah ich immer erst zu Feierabend. Zum Glück hatten wir zur gleichen Zeit Schluss. Zwischen uns beiden lief es zu der Zeit ganz gut und außer ein paar Reibereien um Kleinigkeiten kamen wir gut zurecht auch in einem Zimmer.
Anfangs war ich abends total kaputt und konnte überhaupt nichts mehr machen. Ich fragte mich nur immer wieder, ob das jetzt so mein ganzes Leben lang weitergehen sollte. Andererseits wusste ich genau, dass ich das bestimmt nicht durchhalten konnte und wollte. Ich konnte mir aber auch keine Alternative vorstellen, jedenfalls nicht praktisch. Es war einfach alles verbaut.
Irgendwann zwang ich mich dazu, weiter in dem Buch zu lesen, das ich mir von Lucky geliehen hatte, damit ich es ihm schnell zurückgeben konnte. Es war wirklich eine merkwürdige Story: das Buch zeigte ziemlich genau auf, wie unsere Gesellschaft organisiert war, und wie wir lebten. Wenn es bekannt wäre, hätte es deswegen sicher auf der Liste gestanden. Der Schluss des Buches überraschte mich vollkommen, denn der Verfasser verließ plötzlich die reine Beschreibungsebene. Er machte einen Schritt in die Zukunft und skizzierte einen neuen Weltkrieg, der das System von einer Scheindemokratie in eine offene Diktatur umwandelte. Das Ganze war ziemlich absurd, und ich konnte mir auch nicht vorstellen, was damit beabsichtigt war. Es schien mir sogar so, als würde der Autor mit diesem diktatorischen Zustand sympathisieren. Schließlich kam ich sogar auf den Gedanken, dass der Inhalt eigentlich ziemlich beliebig war und es auf was ganz anderes ankam. Kurz und gut, ich wusste überhaupt nicht mehr, was ich davon halten sollte.
Als ich Lucky das Buch zurückgab und mit ihm darüber sprechen wollte, benahm er sich reichlich cool und sagte nur, er hätte dazu keine Lust, er müsse sich das Buch erst noch mal durchlesen. Ich nahm einfach an, dass er einen schlechten Tag erwischt hatte, denn so abweisend kannte ich ihn nicht.
Indem ich mich an die Arbeit gewöhnte, mehr Leute zu Besuch kamen, und ich auch wieder öfter wegging, vergaß ich die Sache mit dem Buch eigentlich recht schnell, bis Flie eines Abends ganz aufgeregt hereinstürzte. Yuka war auf Achse, und wir setzten uns bei ner Tasse Tee zusammen.
»Speedy, ich weiß nicht, wie ich anfangen soll«, fing sie an. »Mit Lucky ist der Teufel los. Er spricht kaum noch mit mir, schließt sich in sein Zimmer ein, und wenn er rauskommt, rast er wie wild in der Wohnung rum. Er ist dauernd aggressiv, tut nichts mehr zuhause und geht auch kaum noch zur Arbeit.«
»Das ist ja ne ganze Menge. Hast du mal mit ihm darüber gesprochen?«
»Ich habe es versucht, aber er hat es immer abgeblockt. Ich sollte ihn in Ruhe lassen. Er könnte eben nichts dazu sagen … Alle in der Wohnung reden permanent über ihn und er lässt sich nicht mal blicken!«
Stimmt. Auch ich hatte ihn wochenlang nicht gesehen. Als ich ihn mal besuchen wollte, sagte mir jemand aus der WG, er wäre krank und wollte mit niemand sprechen.
»Als ich ihm das Buch zurückgegeben habe, reagierte er auch schon so komisch«, erinnerte ich mich.
»Wir überlegen schon, ob wir ihn rausschmeißen sollen«, fuhr Flie fort. »Denn so kann man es wirklich nicht aushalten. Und es wird immer schlimmer. Gestern hat er nen Wutanfall gekriegt, nur weil Arno ihn fragte, ob er nicht auch mal abwaschen wollte.«
»Vielleicht ist das Ganze nur ne vorübergehende Phase. Er hat irgendwas, kann darüber aber nicht sprechen, weil er vielleicht selbst überhaupt nicht durchblickt.«
»Die Phase dauert aber schon ganz schön lange.«
»Dann weiß ich auch nicht, was ihr machen könnt.«
»Ich dachte, du könntest vielleicht mal mit ihm reden, auf ner ganz anderen Ebene. Du bist irgendwie sehr fest mit ihm verbunden.«
Sie fing an zu weinen, und ich fühlte eine dumme Hilflosigkeit, weil ich mir die Lage nicht so recht vorstellen konnte. Aber die Geschichte klang wirklich zum Heulen, und ich verspürte ganz von selbst den Drang zu prüfen, was mit Lucky wirklich los war. Flie beruhigte sich dann wieder etwas.
»Das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, was eigentlich bei Lucky anliegt. Es kam alles so plötzlich und ich konnte keinen äußeren Anlass erkennen. Er muss irgendwas Besonderes erlebt haben.«
»Mal sehen. Ich werd mal zu ihm hingehen. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass er sich nicht mit mir unterhält. Schließlich kennen wir uns lange genug und wissen, was wir voneinander zu halten haben. Er hatte noch nie irgendwelche Privatgeheimnisse. Er muss ja mal mit jemand drüber reden, sonst kommt er ja selbst auch nicht weiter.«
Ich konnte Flie mit dem ganzen Gerede aber nicht beruhigen und mich selbst auch nicht. Ich machte mich dann gleich am nächsten Abend auf den Weg.
Ich kam an und er war auch zu Hause. Er erzählte mir, dass ich wieder gehen sollte, er wäre müde und hätte noch was zu tun. Normalerweise wäre ich auch sofort abgehauen, aber diesmal wusste ich, dass was anderes dahintersteckte.
Lucky sah aus wie eine wandelnde Leiche, blass und kaputt, als hätte er nächtelang nicht geschlafen. Sein Gesicht war ne Mischung aus Hass, Trotz und Resignation.
Ich machte also einfach die Tür hinter mir zu und setzte mich auf sein Bett. Das fiel mir allerdings unheimlich schwer, denn es kam mir vor, als wollte er sich gleich auf mich stürzen. Wenn er nur endlich irgendwas Vernünftiges sagen würde!
Doch stattdessen brach er total zusammen. Er fiel vor mir auf den Boden und fing an zu schreien wie wahnsinnig. Irgendwas von Schmerzen und seinem Kopf. Ich war vollkommen perplex, als er sich da herumwälzte, und bekam furchtbare Angst. Er musste irgendwie krank sein. Endlich sprang ich auf, um Flie oder jemand anders zu holen. Ich fühlte mich der Situation echt nicht gewachsen Doch da setzte Lucky sich hin und hielt mich fest.
Darmowy fragment się skończył.