Czytaj książkę: «Inseln der Macht»

Czcionka:

Frank Westermann

Inseln der Macht

Band 2 der Serie »Andere Welten«

FUEGO

- Über dieses Buch -

Handlungsort: Ein Inselstaat unter totalitärem Regime

Die eine Seite: Ein Diktator, geballte Wirtschaftsmacht, Militär und Polizei und ein ausgeklügeltes Unterdrückungssystem

Auf der anderen Seite: Ein Volk, das von der Hand in den Mund lebt, Slums, Sekten, und Jugendbanden

… darunter: viele Personen und Gruppen, die Widerstand leisten

… und mittendrin: Speedy und seine Freunde … und dann sind da noch die Ausserirdischen …

I was born in a welfare state

ruled by burocracy

controlled by civil servants

and people dressed in grey.

Got no privacy

got no liberty

'cause the 20th century people

took it all away from me.

We gotta get out of here

we gotta find a solution

I'm a 20th century man

but I don't wanna be one.

The Kinks - »20th Century Man«

1.
LERC

Also, das Saubermachen hatte ihn ganz schön angestrengt. Ein Zeichen dafür, dass er nicht mehr fit war - überhaupt nicht mehr. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Aber das Ganze hatte seinen Zweck erfüllt: es hatte ihn für eine Stunde abgelenkt.

Er stellte den Staubsauger in die Ecke, drehte die überlaute Musik ab und warf einen letzten Blick in die Küche. Okay. Vielleicht konnte er jetzt etwas ruhiger an alles rangehen. Er vergewisserte sich, dass die drei Schlösser und die Alarmsicherung in Ordnung waren, und verließ dann ruhig die Wohnung, stieg die vielen stumpfen Stufen hinab und stand schließlich in der brütenden Hitze.

Die Sonne stach unbarmherzig herab, und er verwünschte es, dass er seinen Hut oben gelassen hatte. Egal, er hatte keine Lust zurückzugehen.

Seine Schritte führten ihn durch die engen, schmutzigen Straßen des Proletarier-Viertels. Gleich dahinter begannen die Slums, aber da ließ er sich lieber nicht blicken. Er hatte kein genaues Ziel, hoffte nur, seine Gedanken bei dem Spaziergang etwas ordnen zu können. Er übersah die herumlungernden Süchtigen, die Bettler und Schwarzmarktverkäufer, die Marktschreier und die abgemagerten alten Leute, die vor den Haustüren der grauen, hohen Wohnblocks saßen. Das alles gehörte zum gewohnten Bild, und er nahm es kaum noch wahr.

Er kam an der Ruine vorbei. Das Haus war vor drei Tagen zusammengestürzt. Es hatte eine Menge Tote und Verletzte gegeben. Die Trümmer waren provisorisch von der Straße geräumt worden, sonst sah alles noch aus wie vorgestern. Immer noch hing der üble Geruch in der Luft und Kinder stocherten in dem Schutt herum in der Hoffnung, irgendetwas Wertvolles aufzustöbern. Er ging automatisch schneller.

Er war extra nicht mit den anderen ans Meer gefahren und war auch nicht zum Übungstermin gegangen. Er wollte allein sein, und es war ihm nur recht, dass die Wohnung leer war. Nicht, dass er besonderen Ärger mit seinen Mitbewohnern/innen gehabt hätte - höchstens mit Jungo war die Atmosphäre etwas gespannt. Aber er musste endlich mal zu einer Entscheidung kommen, was die »Gruppe« betraf. Er fühlte sich dort zunehmend unwohl, wusste aber nicht genau, woran das lag.

Teilweise natürlich an den Leuten, allen voran Christer. Sein ganzes Gehabe kotzte ihn schon von weitem an. Es war unübersehbar, dass er sich dauernd als Chef aufspielte. Es hatte deswegen schon mehrere harte Auseinandersetzungen zwischen Christer und ihm gegeben. Aber es hatte nicht viel gebracht. Er stand auf verlorenem Posten. Die anderen schlossen sich entweder Christers Meinung an, hüllten sich in betretenes Schweigen oder probierten es mit dämlichen Schlichtungsversuchen.

Veila tat sich da besonders hervor, - und das war auch ein Grund dafür, dass sie sich aus dem Weg gingen. Sie hatten seit Tagen kaum ein Wort miteinander gesprochen, obwohl sie noch vor drei Wochen fest geglaubt hatten, unsterblich ineinander verliebt zu sein.

Lerc lachte höhnisch vor sich hin. Scheiß drauf'. Keine/r traute sich, ein offenes Wort zu sprechen. Man ließ die Sache lieber versanden. Großes Reden über solche Probleme war schon immer seine Schwäche gewesen. Er wusste außerdem (es war ja auch kein Geheimnis), dass Veila es jetzt auf Christer abgesehen hatte. Das machte ihm auch gar nicht so viel aus, es ärgerte ihn nur, dass er nicht imstande war, seine Beziehung zu ihr erst mal abzuklären.

Dann die Arbeit der Gruppe. Sie beschränkte sich in letzter Zeit auf Wiederholungsaktionen und Flugblattschreiben. Niemandem fiel mehr etwas Neues ein und anscheinend hatte auch keine/r Lust darüber nachzudenken. Die politische Arbeit versackte wie seine Beziehung zu Veila. Es gab auch keine Ansätze zu ernsthafter theoretischer Diskussion mehr. Jede/r bastelte an eigenen Revolutionstheorien. Vielleicht machte der stärker werdende Einfluss des Militärs alle so hoffnungslos. Aber auch das war vorauszusehen gewesen. Nach dem schnellen Sieg über Neu-Ing hatte das Militär auf den Inseln die besten Trümpfe in der Hand und hatte sie im letzten halben Jahr mit Erfolg ausgespielt. Und demnächst würde es am Ruder sein. Schon jetzt kontrollierte es praktisch alle Entscheidungen des Diktators und der zivilen Schattenregierung. Aber auch das Militär würde den Zerfall nicht aufhalten können.

Der Sieg über Neu-Ing hatte alles nur etwas hinausgeschoben. Lerc blieb stehen - und holte sich am Kiosk eine Cola. Auch Alkohol gab's wieder offiziell. Rationierungen bestanden nur noch bei Fleisch und Gemüse. Tja, es war alles wieder da. Bloß konnte es sich kaum jemand kaufen. Die Arbeitslosenzahl stieg weiterhin kräftig und da hatte die neue Kolonie nur das ihre hinzugetan. Vielleicht sah es in dem einst so gelobten Staat jetzt schon schlimmer aus als hier - obwohl er sich das nicht vorstellen konnte.

Eine gepanzerte Luxuslimousine fuhr rasch vorbei. Selten, dass sie sich hier sehen ließen. Und hinter den Scheiben saß ein Weißer. Die Manager aus Neu-Ing hatten sich jetzt auch auf den Inseln niedergelassen. Solche Kriege wurden immer von den oben Sitzenden gewonnen, egal welche Hautfarbe sie hatten oder ob sie der »siegreichen« oder »besiegten« Nation angehörten. Er spuckte dem Wagen hinterher. Die Villen der kleinen, reichen Oberschicht waren weit weg auf anderen Inseln. Nur ihr bewaffneter, regierender Arm saß hier.

Die Trostlosigkeit der Gegend änderte sich nicht, als er weiterging. Nur an den Stränden konnte man von Landschaft sprechen. Er setzte seinen Weg fort, und seine Gedanken kehrten zum Ausgangspunkt zurück.

Er wusste nicht, was ihn außer der Gruppe noch sonst störte, dass er so deprimiert rumhing. Zuhause lief alles ganz gut, vielleicht etwas langweilig, eingefahren, weil die Beziehungen untereinander alle abgeklärt schienen. Er glaubte, dass viel mehr rauszuholen wäre, aber auch hier hatte er keine Ahnung, wie er das anpacken sollte. Aber das machte ihm, wie gesagt, weniger Sorgen, denn er fühlte sich da wirklich wohl.

Und in der Band erst recht. Jetzt, nachdem es so richtig angelaufen war, machte es ihm wahnsinnig Spaß und er freute sich auf jedes Treffen - mit Ausnahme von heute. Demnächst war ihr erster Auftritt fällig - eine Informationsfete der Studentenorganisation. Nichts Besonderes, aber es würde bestimmt Spaß machen, da bei solchen Anlässen immer eine Menge Leute zusammenkamen.

Ging es eigentlich im Moment für ihn darum Entscheidungen zu treffen, außer der, die unausgesprochenen Sachen endlich anzugehen?

Die Antwort wurde ihm abgenommen durch die Gestalt, die ihm mit gebeugtem Kopf entgegenkam. Das war ja Beppo! Er war der Letzte, den er jetzt sehen wollte. Hoffentlich schlug er nicht irgendein Treffen vor. Lerc war sicher, dass es eine Nachricht gab. Die Mitglieder der Gruppe hatten beschlossen, sich öffentlich so wenig wie möglich zusammen zu zeigen. Man wusste nie, welche Informationen der Sicherheitsdienst schon hatte und wer gerade überwacht wurde.

Beppo schlich an ihm vorbei und drückte ihm dabei unauffällig einen Zettel in die Hand. Was wollte er bloß? Sein schwarzer Rücken - er hatte eine dunklere Hautfarbe als Lerc - verschwand um die nächste Ecke.

Lerc ging noch fünf Minuten weiter, dann drückte er sich in einen leeren Hausflur. Bei der Dunkelheit hier konnte er kaum lesen, was auf dem Zettel stand: »Treffen heute Abend bei V. Dringend!« Auch das noch. Der Tag war gelaufen. Sicher wieder eine von Christers zündenden Ideen. V. war natürlich Veila. Lerc verbrannte den Zettel automatisch.

Sein Gehirn war wie ausgetrocknet, als er sich auf den Rückweg machte.

Vor der Haustür stand einer dieser widerlichen Typen von der Cran-Sekte. Lerc erkannte ihn schon von Weitem: weiter, dunkelblauer Umhang, Sandalen, kahlgeschorener Kopf. In der Hand das obligatorische Buch, unter dem Umhang wahrscheinlich ein Arsenal Drogen. Der hatte ihm gerade noch gefehlt! Wollte man ihm noch den letzten Rest Optimismus rauben?

Er wusste, er würde nicht an dem Typen vorbeikommen, ohne sich seine wütenden Tiraden anhören zu müssen. Die Kerle konnten sehr rabiat werden.

So stand er bewegungslos einige Minuten auf dem gegenüberliegenden Gehsteig und wartete auf eine Lösung. Er schwitzte wie verrückt unter seinem schwarzen Kraushaar und wünschte sich nichts als ein kühles Bier. Er hatte Glück. Der alte Daragon trat aus dem Hausflur und lief dem Cran-Typ direkt in die Arme. Geschah ihm recht, dem alten Plappermaul!

Schnell wechselte er die Straßenseite und zwängte sich mit einem flüchtigen Gruß an den beiden vorbei. Es war zwar angenehm kühl auf der Treppe, roch aber muffig und nach abgestandenem Essen. Lerc machte, dass er raufkam. Sogar die Schlüsselprozedur nervte ihn heute. Der Spaziergang war ein glatter Reinfall gewesen.

Es war immer noch keine/r zu Hause. Als Erstes riss er den Kühlschrank auf (er funktionierte schon zwei Wochen!) und genehmigte sich das letzte Bier. Seit Jungo den Job hatte, sahen sie mit der Kohle nicht mehr so alt aus. Vorher war's echt eine Plage gewesen. Ewig diese Rechnereien mit dem Haushaltsgeld! Wenn die Band jetzt noch etwas Geld reinbrachte, war alles klar.

Er ging nach nebenan in sein Zimmer, schloss die Vorhänge, weil die Sonne jetzt direkt hereinschien, und stellte den Recorder an. Dann fläzte er sich mit dem Bier in den abgewetzten Sessel und versuchte, an gar nix mehr zu denken, nur der Musik zuzuhören.

Gerade, als ihm das gelungen war, wurde die Wohnungstür aufgerissen, Sachen wurden auf den Boden geschmissen, und Jungos dröhnende Bassstimme machte sich breit. Gegen seinen Willen musste Lerc lachen: diese tiefe Stimme, die gar nicht zu der schmächtigen Gestalt passte. Er sollte die gespannte Atmosphäre zu Jungo schnellstens beseitigen. Wahrscheinlich lag es eher an ihm selbst, weil er schon seit Tagen etwas gereizt rumlief. Vielleicht erinnerte ihn die Stimme auch manchmal an Christer, zu dem sie allerdings passte wie die Faust aufs Auge.

Die Tür ging auf, und Hanne sah herein.

»Lerc, ich lass mal die Tür auf. Dann haben wir auch was von der Musik.«

»Okay. Wie war's am Strand.«

»Ganz lustig. Aber als ein paar Schläger mit Z-Abzeichen kamen, haben wir lieber die Stellung geräumt.«

»Verständlich.«

»He, Lerc.«schrie Jenka aus der Küche.«Hast du etwa sauber gemacht.«

Er knurrte ein Ja in seinen nicht vorhandenen Bart.

»Teufel, Teufel, da kann man ja wieder richtig drin kochen, » brummte Jungo.

»Sag bloß, ihr habt was mitgebracht.«

Lerc sprang aus dem Sessel, vergaß das Bier, vergaß seine Grübeleien. Tatsächlich, sie hatten eingekauft. Mindestens die Hälfte geklaut, dachte er, als er sah, was sie da alles aufgefahren hatten.

Später, beim Essen, als sie alle in der Küche saßen, rückte er mit der Nachricht von dem Treffen raus.

»Ich glaub, es ist etwas Besonderes«, meinte Jenka.

Lerc zuckte die Schultern. Vermutlich war sie besser informiert als er. Tatsächlich hatte er sich überlegt, ob er überhaupt hingehen sollte.

»Wahrscheinlich hast du recht, »stimmte Hanne ihr zu. »Keiner setzt ohne besonderen Grund zu dieser Zeit ein Treffen an. Das ist immer eine gefährliche Sache.«

»Sie hatten bestimmt Mühe, einen von uns aufzutreiben«, vermutete Lerc. »Jenka war nicht im Laden und auch sonst war niemand zu Hause.«

»Na, Beppo hat dich ja gefunden«, warf Hanne ein.

Jungo sah auf die Uhr. »Scheiße, ich muss gehen. Ihr könnt mir ja morgen erzählen, wenn etwas Wichtiges war.«

Alle sahen etwas bedrückt aus, als Jungo seinen Kram zusammenpackte.Er hatte wohl die beschissenste Arbeit von den Vieren zurzeit: Spätschicht in einer Fabrik. Eigentlich war er auch nicht Mitglied der Gruppe, wurde aber trotzdem über alles, was dort besprochen wurde, auf dem Laufenden gehalten.

Die anderen tranken noch in Ruhe ihren Kaffee. Dann ging Hanne als Erste. Es war immer besser, getrennt zu kommen.

»Wie bist du klargekommen«, fragte Jenka, als Hanne zur Tür raus war.

»Ach, pffh, meine Gedanken gehen immer im Kreis. Ich hab irgendwie eine miese Stimmung, und die einzige Ursache, die mir einfällt, ist die Gruppe.«

»Du solltest dich vielleicht nicht zu sehr auf Christer versteifen. Er ist nicht die Gruppe.«

»Manchmal sieht es aber so aus.«

»Vielleicht, aber ich glaube nicht, dass sich die anderen von ihm überreden lassen, wenn's drauf ankommt.«

»Da bin ich nicht so sicher. Vielleicht bin ich auch nur mit mir selbst unzufrieden, weil die Beziehung mit Veila so komisch abgelaufen ist.«

Jenka nickte.«Bist du traurig deswegen.«

»Ich glaube nicht. Aber das ist auch so ein Punkt, wo ich nicht recht weiter weiß.«

»Auf jeden Fall solltest du dich nicht in dein Schneckenhaus zurückziehen.«

Diese Bemerkung ärgerte Lerc und es gab nichts mehr zu sagen. Also stand er auf, räumte den Tisch ab und folgte Hanne. Jenka sah ihm verdrießlich nach. Warum stellte er sich bloß so bockig an? Er tat gerade so, als ob alle was gegen ihn hätten. Und das war bestimmt nicht so.

Auf dem Weg zu Veila versuchte Lerc seinen Ärger runterzuschlucken. Es hatte keinen Zweck, mit so einer Stimmung beim Treffen zu erscheinen. Dann würde er alles von vornherein in einem negativen Licht sehen.

Der Weg war nicht weit. Lerc betrat ein ähnliches Gebäude wie das, in dem sie wohnten, nachdem er sich so gut es ging, vergewissert hatte, dass sich niemand Verdächtiges vor dem Haus rumtrieb. Veila wohnte ganz oben unterm Dach. Sie hatte eine kleine Wohnung mit einer Freundin zusammen, die kaum zuhause war.

Beppo machte ihm auf und grinste ihn wie ein Honigkuchenpferd an. »Ich war den halben Tag unterwegs, um jemand von euch zu finden.”

Man wusste bei ihm nie, ob er scherzte oder es ernst meinte. Lerc sagte gar nichts und ging weiter zu Veilas Zimmer. Veila war da und Christer, in der Ecke Latran und Elfes, Beppo kam jetzt auch, und natürlich Hanne.

»Wird Zeit, dass wir loslegen«, sagte Christer bestimmt.

Seine klotzige, braune Gestalt schien das Zimmer auszufüllen. »Wir können ruhig noch auf Jenka und die anderen warten«, ging Lerc sofort in Opposition.

Hanne sah ihn stirnrunzelnd an. Sollte es schon wieder losgehen?

Aber Christer sagte nichts mehr darauf. Er war immer ungeduldig. Latran und Elfes grinsten sich an. Sie waren Brüder und einander unheimlich ähnlich. Der Streit zwischen Lerc und Christer schien schon allgemeines Gesprächsthema zu sein.

Es klingelte und Beppo eilte diensteifrig zur Tür. Er brachte Hancos mit, einen Typ spanischer Abstammung, der sich zwischen den braunen bis schwarzen Gruppenmitgliedern aber längst nicht mehr unwohl fühlte. Er war sowieso ein fröhlicher Typ und die Stimmung wurde gleich etwas lockerer.

Er kraulte Lerc hinterm Ohr und setzte sich neben Veila.

»Na, wie sieht's aus? Hat Tinni einen Herzanfall gekriegt vom vielen Fressen.«

Veila lachte. »Wenn das unsere einzige Chance ist, den Diktator zu beseitigen …«

»Wir werden sehen«, knurrte Christer.

Zum Glück kamen jetzt auch Big Kid und Jenka. Damit waren sie vollzählig.

»Es ist wohl am besten, wenn Beppo erzählt«, fing Christer an. »Wegen ihm sind wir schließlich hier.«

Beppo sah ihn dankbar an. Lerc schüttelte angewidert den Kopf. Beppo also, der Speichellecker von Christer. Aber es musste wohl etwas Wichtiges sein, denn Beppo arbeitete in der Zentralverwaltung und konnte ab und zu über Umwege und kleine Bestechungen Zugang zum peripheren Rechner bekommen, der direkt an Head Control angeschlossen war. So erhielten sie die besten Informationen. Denn alles lief über Head Control. Das Militär vertraute dem Computer mehr als den Menschen.

»Ich merkte eigentlich schon am Verhalten einiger Techniker, dass etwas im Gange war«, begann Beppo. »Erst mal liefen mehr rum als gewöhnlich und dann hörte ich von Entlassungen. Und zwar waren alles Leute betroffen, die dem Head Control Service angehörten. Es ist völlig ungewöhnlich, dass Head Control-Leute gefeuert werden, weil sie ja direkten Zugang zum Computer haben und ihn bedienen. Sie sind also allesamt Geheimnisträger und tausendmal durchgetestet, bevor sie den Job bekamen.«

»Und dann entlässt man sie einfach so,« hakte Veila ein. »Das ist doch ein viel zu hohes Risiko. Die Leute sitzen ja dann auf der Straße und erzählen jedem, der ihnen etwas Kohle gibt, was er wissen will.«

»Zwei Möglichkeiten«, antwortete Elfes. »Entweder sie kriegen eine Gehirnwäsche oder sie werden alle umgelegt. Und eine dicke Rente ist ihnen eh sicher.«

»Na, egal«, fuhr Beppo fort.«Auf jeden Fall flüsterte mein Chef dauernd mit den hohen Angestellten rum, dass irgendwas am Computer im Gange sei. Und die Techniker richteten sich bei uns häuslich ein und übernachteten sogar in der Verwaltung.«

»Und trotzdem bist du zum Rechner gegangen.« fragte Christer ungläubig.

»Es war gerade eine günstige Gelegenheit. Ich kriegte einen Auftrag vom Chef für die Datenstelle und ein Anschluss für den Peripherie-Rechner ist gleich nebenan. Als Erlaubnis braucht man eine gelbe Karte. Der Chef war gerade zu Mittag und da hab ich mir eine Karte aus seinem Schreibtisch geholt. Wenn sie mich erwischt hätten, konnte ich immer noch sagen, dass ich glaubte, ich müsste den Rechner für das Problem benutzen, und er hätte vergessen, mir die Karte zu geben.«

»Klingt ganz schön kompliziert«, meinte Jenka.

»Nee, ist es nicht. Schließlich bin ich schon fünf Jahre da und blicke einigermaßen durch. Ich ging also ganz offen zum Anschluss vom Rechner und wie erwartet lungerten einige Techniker rum. Als sie sahen, dass ich eine Erlaubnis hatte und der Computer mir grünes Licht gab, beachteten sie mich nicht weiter. Ich zog den Scheiß, den ich zu bearbeiten hatte, etwas in die Länge und stellte auch nur eine Frage dazwischen. Das war das einzige Risiko¡ denn es konnte sein, dass die Information so geheim war, dass sie nur an besonders autorisierte Personen abgegeben wurde. Vielleicht hätte in so einem Fall der Rechner sogar meine Frage gespeichert und gleich an die Kontrolle weitergeleitet. Dann wäre sofort Alarm gegeben worden und alles aufgeflogen.«

»Mensch, das war doch viel zu riskant.« entfuhr es Big Kid.

»Er wird schon wissen, worauf er sich eingelassen hat«, entgegnete Lerc.

Beppo sah erstaunt hoch. Seit wann verteidigte Lerc ihn? Er schluckte trocken und erzählte dann weiter:

»Nun, wie sich rausstellte, war's in dieser Hinsicht recht harmlos. Die Information soll sowieso an die gesamte Bevölkerung gegeben werden. Nur eben jetzt noch nicht.«

»Also, mach's nicht so spannend!«, fuhr Christer ihn an. »Einen Orden kriegste von uns nicht.«

»Also, Scheiße noch mal …,« Lerc verstummte wieder. Christers Tonfall brachte ihn auf 180. Aber es hatte keinen Zweck, jetzt eine Debatte über Personen ins Spiel zu bringen.

»Unterbrecht mich nicht immer, dann geht's auch schneller«, sagte Beppo gereizt. »Also, ich fragte, was mit Head Control passiert, und erhielt als Antwort zwei ganz kurze Infobits: Head Control Überwachung, Erweiterung und neue Kontrollmarken.«

»Was ist los.«

»Blöde Computersprache.«

»Mensch, damit kann doch keiner was anfangen.«

Alle redeten durcheinander. Lerc wechselte einen kurzen Blick mit Christer. Dann wusste er Bescheid. Es war nicht allzu schwer zu verstehen. Und langsam kamen auch die anderen dahinter.

»Du meinst, sie stellen neue Marken aus«, fragte Hanne entsetzt.

Beppo nickte.«Es sieht nach einer groß angelegten Aktion aus. Wahrscheinlich bringen sie an alle möglichen Straßen und Orten Kontrollgeräte an - natürlich unsichtbar für uns. Und die neuen Marken werden so beschaffen sein, dass die Kontrollgeräte sie aus der Entfernung überprüfen können.«

»Aber dann fällt der ganze Plan mit Bergotos in sich zusammen«, rief Hancos erschüttert.

Genau das war es, dachte Lerc. Das war die direkte Auswirkung. Die Konsequenzen dieser Maßnahme waren denkbar schlecht. Niemand, der gesucht wurde, konnte sich noch irgendwo blicken lassen. Die Kontrollgeräte würden ihn sofort registrieren.

Und ohne Marke war man sowieso verloren. Man brauchte sie zu allem: zum Einkaufen, als Eintrittsbeleg, als Ausweis … Und wahrscheinlich würden die Geräte auch Personen ohne Marke erkennen.

»Wie weit sind sie mit den Marken?«, erkundigte sich Christer.

»Ich weiß nicht.«

»Es dauert bestimmt noch zwei Wochen«, schätzte Latraa. »Immerhin brauchen sie Zeit, um alles umzustellen.«

»Nehmen wir vorsichtshalber eine Woche«, sagte Jenka. »Damit wäre schon alles hinfällig.«

»Und die drei können in Bergotos verfaulen, was.« regte sich Veila auf.

»Mensch, um das zu verhindern, sitzen wir ja hier«, schnappte Big Kid.

»Wie soll denn das Ganze überhaupt ablaufen?«, fragte Elfes. »Machen sie eine große Umtauschaktion.«

»So ähnlich stelle ich es mir vor«, warf Lerc ein. »Dabei können sie gleich alle noch mal überprüfen. Man gibt die alte Marke zurück und kriegt eine neue. Das wird sich auch eine Zeit hinziehen.«

»Klar, aber im Organisieren sind sie Meister«, gab Jenka zu bedenken.

»Okay, wir haben also rund eine Woche Zeit«, vermutete Big Kid. »Bis dahin sind die Marken nicht fertig.«

»Auf keinen Fall«, bekräftigte Latran, der die Verbindung zu den Fälschern hatte.

»Außerdem ist es wohl der Sinn dieses Markentausches, endlich fälschungssichere Marken auszugeben«, fügte Elfes einen weiteren Grund hinzu.

»Es ist also klar, dass wir die drei in ein paar Tagen rausholen müssen«, sagte Christer bestimmt. »Und zwar ohne Marken.«

Er hat sich schon alles zurechtgelegt, dachte Lerc. Natürlich war Beppo mit der Nachricht gleich zu Christer gelaufen und sie hatten hier eine Show abgezogen. Und jetzt wird er uns allen gleich einen wunderhübschen Plan servieren, wie wir alles managen können.

»Wir brauchen gar nicht viel an dem alten Plan zu ändern«, fuhr Christer fort. »Es muss halt alles sofort anlaufen. Die Wachzeiten wissen wir, die Klamotten muss Hancos so schnell wie möglich besorgen, und wir schaffen die Waffen und Transportmittel ran.«

Mit »wir« meint er wohl sich und Elfes, dachte Lerc. Sicher schlägt er gleich vor, die drei bei ihnen zu verstecken, bis die Marken fertig sind.

»Die drei können dann eine Zeit bei uns untertauchen«, erklärte Christer. »Unsere Wohnung ist sauber und wir sind bisher wahrscheinlich nicht auf ihrer Liste.«

»Da sei dir nicht so sicher«, warnte Jenka ihn.

»Na gut, aber wo sollen sie sonst hin.«

Darauf wußte keine/r eine Antwort. Christer wohnte wirklich von allen am Seriösesten. Er war Mathematiker bei einer großen Firma und wohnte nicht in einer WG. Lediglich mit Elfes zusammen, mit dem er auch arbeitete. Sie hatten sozusagen eine Betriebswohnung.

»Und wann soll nun das Ganze steigen?«, fragte Beppo.

»Ich schlage vor in vier Tagen. Bis dahin müssten wir die Vorbereitungen schaffen.«

Christer saß jetzt da wie in Siegerpose und Lerc fragte sich, warum sie ihn nicht gleich zum Chef wählten. An dem Plan selbst gab es nicht viel auszusetzen, nur an der Art, wie er zustande gekommen war. Lerc fühlte sich reichlich unwohl.

»Das ist aber eine dicke Scheiße«, ließ sich da plötzlich Big Kid vernehmen. »Die Tage bin ich doch gar nicht da. Wir müssen die Maschine aus Hemston in Neu-Ing holen und ich muss dabei sein, weil nur ich den Verbindungsmann kenne. Und er nur mich.«

Christer sackte in sich zusammen wie ein angestochener Luftballon. Lerc hätte beinahe losgelacht. Big Kid war nämlich als Offensivmann vorgesehen.

»Okay, dann übernehme ich halt seine Rolle«, schlug Lerc vor.

»Was?« Christer guckte entgeistert. »Du bist doch nie mit unseren Plänen einverstanden. Erinnerst du dich nicht mehr an das Hickhack, ob wir nur die drei oder gleich alle befreien sollen.«

»Klar, und ich bin immer noch dafür. Aber die Sache ist gegessen und ich bin genauso zuverlässig wie Big Kid.«

Ein schönes Team: Christer, Veila und er. Lerc sah zu Veila rüber. Sie starrte ihn misstrauisch an. Wieder stieg der Ärger in ihm hoch. Was sollte das? Nur weil er öfter Kritik übte, traute man ihm nicht mehr zu, eine aktive Rolle zu übernehmen? Er hatte nicht vor, sich auf einen Zuschauerplatz zu begeben.

»Warum soll Lerc denn nicht mitmachen«, schlug sich Jenka auf seine Seite. »Es gibt keinen vernünftigen Grund ihn abzulehnen. Er hilft uns aus der Klemme, da sollten wir ihn schon helfen lassen.«

Lerc war überrascht. Er war es nicht gewohnt, dass sich jemand auf seine Seite stellte. Und dann gerade Jenka, die sich sonst immer so passiv verhielt …

Anscheinend hatte jetzt niemand mehr etwas dagegen und Christer war wohl letztendlich auch froh, dass sich ein Ausweg gefunden hatte.

»Ich kann ja mit Big Kid noch mal alles durchsprechen«, meinte Lerc optimistisch. »Dann läuft die Sache schon.«

Wahrscheinlich grübelte Veila, warum gerade er sich gemeldet hatte. Tatsache war, er war erstens die dauernden Diskussionen leid und wollte wieder was tun und dann war er lediglich zu dem Schluss gekommen, dass er eh der Einzige war, der übrigblieb. Alle anderen hatten entweder eine andere Aufgabe oder konnten aus besonderen Gründen nicht dabei sein. Es hätte alles wieder umgestoßen werden müssen. Warum sollte man groß was ändern, wenn er einspringen konnte?

Der Rest des Treffens war dann nur noch Laberei und Lerc machte sich auf den Heimweg, nachdem er sich für den nächsten Tag mit Big Kid verabredet hatte. Mal sehen, was bei der Sache rauskommt, dachte er. Es kam diesmal wesentlich auf die Zusammenarbeit untereinander an. Und die Sache war zu ernsthaft, als dass sich jemand einen Schnitzer erlauben konnte. Er erinnerte sich kurz an den Streit vom letzten Mal, als er vorgeschlagen hatte, doch gleich so viel Gefangene wie möglich aus Bergotos rauszulassen. Die Gegenargumente gingen von »dazu haben wir keine Zeit« bis »wo sollen die denn alle hin?« und am Ende stand er allein da, ohne irgendwie von den Argumenten überzeugt zu sein. Gut, sie konnten keine Marken für alle herstellen, aber sicher machte sich jeder Gefangene Gedanken darüber, was er bei einer Befreiung unternehmen konnte. Und dies war eine großartige Möglichkeit, dadurch dass sie an geeignete Klamotten und den Krankenwagen rankamen. Nach der Diskussion hatte er sich trotzig aus allem Weiteren rausgehalten. Ein Fehler, wie er inzwischen eingesehen hatte. Auch daher ein Grund für seine Meldung als Ersatz für Big Kid.

Als weiteren Stoff zum Nachdenken für den verbleibenden Rest des Abends hatte er das Verhalten von Jenka. Ihre zwei Sätze hatten mehr zu bedeuten, als wenn Christer eine ganze Stunde redete. Jenka engagierte sich selten, wenn die Standpunkte klar waren und alles bereits mehrmals gesagt war. Es steckte also mehr dahinter. Und das Mehr konnte ein mehr an Sympathie für ihn sein. Hatte er etwas übersehen? Während seiner Streitereien mit Christer, dem Aufbau der Band und dem Grübeln über Veilas Verhalten war ihm vielleicht Naheliegendes entgangen. Lerc pfiff leise vor sich hin. Seine Zuneigung zu Jenka war so alt wie ihre Bekanntschaft und, wie er bisher angenommen hatte, ebenso hoffnungslos. Aber vielleicht könnte sich da jetzt was ändern …

We're only making plans for Nigel

Nigel just needs that helping hand

XTC - »Making Plans For Nigel«

2.
SPEEDY

Ich hatte natürlich furchtbar verrückte Sachen geträumt. Kein Wunder nach so einem Erlebnis. Als ich aufwachte, schien es wärmer geworden zu sein, ja ein wenig heiß sogar.

Ich schlug die Augen auf und dachte, ich würde immer noch träumen. Doch ich kriegte den Traum nicht weg. Das kahle Zimmer mit den weißen Wänden und der hohen Decke blieb bestehen. Langsam glaubte ich nicht mehr an einen Traum. Hatte man mich fortgebracht? Fort von Traumschwester und den anderen Dorfbewohnern?

Mit einem Schrei sprang ich auf. Nein, das war kein Alptraum mehr! Mein Rücken schmerzte ungeheuer und mein Magen knurrte erbärmlich. Teufel auch! Das war nicht mal mehr ein Zimmer!

Es erinnerte mich eher an die Knastzelle in der Geld-Stadt. Ein hartes, schmales Bett, Waschbecken, Gitterfenster.... Ich war mit einem Satz bei der Tür. Natürlich verschlossen! Man hatte mich in eine Art Nachthemd gesteckt und mir nichts gelassen. Nicht mal einen Spiegel gab es hier.

Alle möglichen Gedanken schossen mir durch den Kopf: das Dorf konnte überfallen worden sein oder jemand hatte mich entführt... Aber ich hatte davon nicht das Geringste gemerkt. Und mein Schlaf war normalerweise so leicht, dass ich bei einem ungewohnten Geräusch sofort aufwachte. Hatte man mich etwa betäubt? War ich deswegen so schlapp? Und Traumschwester, wo war Traumschwester?

Draußen war plötzlich ein eifriges Gerenne zu hören, ein Trampeln wie von schweren Stiefeln. Dann wurde die Tür aufgerissen, und zwei Typen mit angelegter MP stürmten herein. Ich brachte nur einen würgenden Laut hervor und tastete mich zum Bett zurück. Was mich entsetzte waren nicht nur die Bewaffnung und das Auftreten der Männer, sondern auch ihre Hautfarbe. Ihre dunkelbraunen Gesichter. Wo war ich da hineingeraten? Dunkelhäutige Menschen wurden schon seit langem in Neu-Ing nur noch absolut selten gesehen als Folge von sogenannten Säuberungen von Terroristen. Aber vielleicht war das in der Stammesrealität anders, obwohl mir dort auch bisher nur »Weiße« begegnet waren.

Es stellte sich heraus, dass die zwei nur als Geleitschutz dienten, denn Minuten später trat ein dritter Schwarzer auf. Etwas wuchtiger als die beiden ersten und mit einigen Orden dekoriert. Alle drei trugen hellrote Uniformen. Der dritte redete mich sofort barsch in einer Sprache an, die ich nicht verstand. Das schien ihm allerdings auch aufzufallen, denn er wechselte in ein nicht ganz astreines Neu-Ing.

»Ich habe die Ehre mit Mr.Spike Wallen?« spottete er.

Ich nickte betäubt.

»Gut, Sie haben wohl angenommen, wir würden Sie nicht identifizieren nach der langen Zeit und in Ihrem Zustand.«

Ich antwortete nicht, weil es mir nichts sagte. Außerdem hatte ich enorme Schwierigkeiten, mich auf die Situation einzustellen. Mit meinen Gedanken war ich immer noch bei Traumschwester.

»Hör zu!« Er kam einen Schritt näher und der vertrauliche Ton gefiel mir noch weniger. »Du solltest besser gleich reden. Wir können verdammt ungemütlich werden. Head Control hat dich identifiziert und damit ist die Maskerade für dich gelaufen.«

»Ich möchte ja gerne was dazu sagen, wenn Sie mir erst mal verraten, wo ich bin«, presste ich hervor.

Jetzt verschlug es ihm die Sprache. Wahrscheinlich dachte er, ich wollte ihn verarschen und es sah aus, als ob er sich im nächsten Moment auf mich stürzen würde, als eine Stimme von hinten in verständlichem Neu-Ing sagte:.

»So kommen wir doch auch nicht weiter, Major.«

Der mit Major angeredete drehte sich wütend um.

»Halten Sie sich daraus, Doktor! Dies ist keiner Ihrer Patienten.«

»In gewissem Sinne doch. Jedenfalls bin ich erst mal für seinen gesundheitlichen Zustand verantwortlich.«

Der Typ, zu dem die Stimme gehörte, ein schmächtiger Schwarzer in grünem Kittel, drängte sich in die Zelle. Wenn das so weiterging, benötigten wir bald einen Konferenzraum.

Der Major brummelte was in der anderen Sprache vor sich hin, befand sich aber offensichtlich auf dem Rückzug.

»Er war immerhin den ganzen Tag bewusstlos«, sagte der Arzt.

So, war ich das? Was für ein Spiel trieb man mit mir?

»Wie fühlen Sie sich?« wandte sich der Arzt an mich.

»Wie ein ausgetrocknetes Handtuch.«

»Das heißt also, Sie haben Hunger und Durst.«

Ich nickte bestätigend. Der Typ war zwar freundlicher, aber ich hielt ihn auf seine Art vielleicht für gefährlicher als die Soldaten.

Der Major brüllte einen Befehl, woraufhin mir einer seiner Wachen etwas Ess- und Trinkbares holte. Das Ganze erinnerte mich an ähnliche Szenen in der Geld-Stadt. Hier hatte offenbar der Arzt die höheren Kompetenzen.

»Wie sind Sie überhaupt in diese üble Gegend geraten?« fragte mich der Arzt.

»Ich habe keine Ahnung, von welcher Gegend Sie sprechen«, antwortete ich wahrheitsgemäß. Allmählich begriff ich, dass die Schwarzen nichts von dem Bergdorf wussten.

»Verkaufen Sie uns nicht für dumm! Oder hat Ihnen die Hitze im Freien so sehr zugesetzt? Ich warne Sie, wir können alles aus Ihnen herauskriegen.«

Jetzt war ich mir sicher. Ich musste mich ganz woanders befinden. In der Umgebung des Dorfes war es zur Zeit schneidend kalt!

»Hören Sie Ich mache Ihnen nichts vor. Ich weiß wirklich nicht, wie ich in diese Gegend komme«, sagte ich verzweifelt.

Der Arzt sah mich eine Weile an.

»An was erinnern Sie sich denn.«

»Na, an meinen Namen zum Beispiel, obwohl die meisten Speedy zu mir sagen«, erwiderte ich vorsichtig. Von dem Dorf wollte ich nicht unbedingt gleich erzählen.

»Und Sie wissen nicht, wo Sie sich befinden.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Hören Sie, Doktor«, brabbelte der Major dazwischen - zum Glück auf Neu-Ing.«Ich will Ihnen ja nicht hineinreden, aber er kann mir doch nicht weismachen, dass er es fertigbringt, von Neu-Ing zu fliehen, sich fast ein Jahr verborgen zu halten und Head Control zu entgehen und dann auf einmal sein Gedächtnis verliert.«

Jetzt wurde mir schwindelig, und ich musste mich an der Wand abstützen. Dann setzte ich mich aufs Bett. Wie war das möglich? Ich befand mich wieder in der Ausgangsrealität!

Automatisch griff ich nach dem Napf mit dem undefinierbaren Essensbrei. Ich brauchte unbedingt Ruhe! Zum Glück hörte die Fragerei erst mal auf. Der Arzt hatte wohl meinen Schwächeanfall erkannt.

Es war alles vorbei! Das Dorf, Traumschwester, die Anarcho-Stadt, die ganze Stammeswelt! Dabei hatte es gerade erst angefangen. Ich war gerade dabei gewesen mich zurechtzufinden. Und wo war ich hier gelandet? Jedenfalls nicht in Neu-Ing.

Sie hielten mich für einen Flüchtling. Wahrscheinlich befand ich mich irgendwo auf den Südlichen Inseln. Dazu passten auch die Hautfarbe der Leute und das Klima. Aber was hatte das alles zu bedeuten? Oder hielt ich mich vielleicht sogar in einer dritten Realität auf, machte plötzlich Realitätswechsel wie Lucky? Oder war ich total durchgedreht?

Ich musste versuchen, es zu akzeptieren. So schwer es mir fiel. Sonst würde ich wirklich verrückt werden. Ich musste mir immer wieder sagen: ich bin auf den Südlichen Inseln!

Ich unterbrach mein Essen einen Augenblick.

»Entschuldigen Sie, aber wer hat den Krieg gewonnen, Neu-Ing oder die Inseln, oder ist er noch im Gange?« beschloss ich Näheres rauszufinden.

»Was soll das?« brüllte der Major sofort.«Jedes Kind weiß, dass wir den Krieg gewonnen haben. Neu-Ing ist eine heruntergekommene Kolonie. Hätten wir es nicht besetzt, wäre es von selbst in Trümmer gefallen.«

Also, die alte Realität oder zumindest eine sehr ähnliche.

»Sie erinnern sich also an den Krieg?« hakte der Arzt ein.

»Nur dass er kurz bevorstand.«

Der Schmächtige runzelte die Stirn.

»Lassen wir's erst mal dabei.«

Das sollte wohl eine Art Verabschiedung sein. Jedenfalls machten die Vier Anstalten, die Zelle zu verlassen.

»He!« rief ich kraftlos hinterher. »Warum bin ich überhaupt hier.«

Einer der Wächter brach in Lachen aus und der Major fuhr mich an: »Selbstverständlich bist du Kriegsgefangener. Wir haben deine gesamte Akte vom Cop-Center aus Neu-Ing übernommen. Das reicht wohl.«

Die Tür krachte ins Schloss. Es reichte wirklich. Ich brach auf dem Bett zusammen und heulte alles aus mir raus. Ich musste stundenlang so gelegen haben, ohne mich rühren zu können. Zum Schluss ging mir nur noch Traumschwester durch den Kopf, dann gar nichts mehr. Irgendwann kriegte ich plötzlich Angst, dass ich einfach so sterben könnte, und ich setzte mich mühsam auf, strich mir die Haare aus dem verheulten Gesicht und begann den Rest Brei runterzuwürgen und das Wasser zu trinken.

Ich versuchte mich umzustellen, die Stammeswelt als Vergangenheit zu betrachten. Ich musste mich dazu zwingen, mir das ins Gedächtnis zurückzurufen, was ich über die Südlichen Inseln wusste. Viel war es nicht: tropisches Klima, wenig industrialisiert und als Regierungsform eine Diktatur.

Dann verbrachte ich wieder eine Zeit zwischen Alpträumen und Halbschlaf, bis ich irgendwann auf den Gedanken kam, dass ich mich entscheiden musste: entweder ich gab auf und gab mich meiner Hoffnungslosigkeit hin oder ich versuchte zu überleben, mit der Situation fertig zu werden und auf eine Chance zu warten, wenn ich mir selbst keine schaffen konnte.

Da mir das Sterben nicht so behagte, entschied ich mich fürs Zweite. Dabei war mir klar, dass ich die Entscheidung vielleicht rückgängig machen würde, wenn ich keinen Ausweg sah. Aber bis ich nicht wusste, wie meine Chancen standen, konnte ich bestimmt durchhalten.

Was mich am meisten verwirrte, war dieses Durcheinander mit den Realitäten. Kaum dachte ich, etwas Durchblick zu haben, da verflüchtigte sich wieder alles. Ich hatte langsam den Eindruck, als Spielfigur hin-und hergeschoben zu werden. Waren nun meine Erlebnisse in der Stammeswelt nur Illusion gewesen? War ich in Wirklichkeit irgendwann geistig weggetreten und aus irgendeinem Grund zu den Inseln verschleppt worden? Was war dann aus den anderen geworden, aus Winnie, Lucky, Flie, Yuka und Vic? Oder aus den »Traumgestalten« Adlerauge, Cuper, Willoc und Traumschwester? Waren sie weniger wirklich? Oder gab es für jeden eine eigene Realität und die Realitätsebenen hielten verschiedene Eigenrealitäten in einem Zusammenhang? Dann musste bei mir irgendwie der Zusammenhang gerissen sein.

Mir drehte sich der Kopf vor so viel Theorie, und ich musste mich wieder hinlegen. Vielleicht konnte ich erst wieder etwas Ordnung da reinbringen, wenn ich mehr Informationen und einen klareren Kopf besaß. Falls sie mich nicht vorher umbrachten. Schließlich wollten sie was von mir, und ich wusste es nicht. Ich konnte ja nichts von einem Traum erzählen.

Zwei Sachen waren für mich erst mal wichtig: ich musste mich mit den Gegebenheiten hier vertraut machen und die fremde Sprache lernen, wenn ich überhaupt die Chance auf eine Flucht haben sollte. Denn selbst wenn ich hier einfach rausspazieren könnte, hätte ich nicht gewusst, wohin ich mich wenden sollte. Je länger ich darüber nachdachte, desto entmutigender wurde es, darum hörte ich auf damit. Ich schlug die dünne Decke über mich, weil mich trotz der Hitze plötzlich fror.

Da berührten meine Finger ein Stück Papier.

Ich holte es hervor und faltete es auseinander. Trotz des schwachen Zellenlichts erkannte ich es sofort. Das war der Zettel, den Traumschwester mir zugesteckt hatte!

MACHT DIE MACHT MACHTLOS

DIE SICHERHEIT LIEGT IN DER UNSICHERHEIT

FRAGEN SIND BESSER ALS NICHT EXISTIERENDE ANTWORTEN

Und das war bestimmt kein Traum! Das war Traumschwesters Schrift! Da war ich mir ganz sicher und mein Selbstbewusstsein kehrte andeutungsweise zurück. Und helfen konnte mir der Zettel auch gleich. Vielleicht sollte ich nicht so sehr nach Antworten auf meine Fragen, wie und warum ich hierhergekommen war, suchen.

Ich zerriss ihn in kleine Schnipsel und spülte sie mit dem letzten Wasser hinunter. Damit verschwand auch der letzte Beweis für eine andere Realität. Es hätte sicher Unannehmlichkeiten gegeben, wäre er bei einer Durchsuchung gefunden worden. Ich würde wohl nie rauskriegen, wie er hierher gelangt war. Vielleicht hatte ich ihn während meines unbewussten Realitätswechsels in der Hand gehalten. Damit gab ich mich zufrieden.

Danach schlief ich komischerweise relativ ruhig und lange und wurde durch das Essenfassen geweckt. Dabei lernte ich wieder einen neuen Wärter kennen. Wohl mit Absicht, denn dieser sprach kein Neu-Ing oder wollte es nicht. Mittags erhielt ich sowas wie Hofgang und bekam dadurch Gelegenheit, mir den Knast aus anderer Perspektive anzusehen. Er wirkte dadurch nicht schöner. Er bestand aus einem einzigen, annähernd hufeisenförmigen Gebäude, das aber anscheinend in zwei Bereiche aufgeteilt war. Ein Teil wirkte nämlich eher wie eine Krankenstation und es gab dort auch keine vergitterten Fenster.

Der Hof war allerdings ziemlich großzügig angelegt und irgendwie verstärkte das meine Vermutung, dass es sich nicht nur um ein Gefängnis handelte. Dazu kamen die relativ »humane« Zelle, die Spitzenposition des schmächtigen Arztes.

Ein paar andere Gefangene marschierten mit mir, alles Männer. Und fast alles Schwarze. Wir trugen jetzt alle graue, verwaschene Hemden und Hosen. Ich versuchte, mich mit ihnen zu verständigen, aber selbst die Weißen verstanden mich nicht. Einigen schien die Gesellschaft von Weißen sogar unangenehm zu sein, und einer spuckte vor mir aus.

Nach dem Rundgang wurde ich wieder in die Zelle gebracht. Es wurde mir sofort klar, dass sie durchsucht worden war. Nun, ich hatte nichts mehr zu verbergen. Der Gang durch den Knast hatte mir gezeigt, dass eine Flucht äußerst schwierig war. Überall, vor und hinter einem, wurden Gitter runtergelassen, und an jeder Ecke standen die Rotuniformierten mit MPs. Mein einziger Weg schien über den Arzt zu führen. Vielleicht konnte ich eine Zeit auf sein Spiel eingehen, ohne dass er merkte, dass ich nichts zu bieten hatte. Wenn er das rauskriegte, würde er mich ohne Zweifel den harten Methoden des Majors überlassen.

Etwa zwei Stunden später wurde ich wieder abgeholt. Diesmal von zwei Typen in Grün. Also wollte mich wohl der Arzt sehen. Sein Bereich lag in der anderen Abteilung, denn die beiden führten mich über eine Art Brücke, die sich über die Einfahrt des »Hufeisens« schwang. Dort begann dann der medizinische Teil. Die Absicherungen waren zwar gleich, aber die Gänge waren weiß gestrichen, schwarzhäutige Grünkittel und Krankenschwestern liefen überall herum und es stank penetrant nach Krankenhaus. Auch hier hielten Soldaten in Rot Wache. Ab und zu lief uns ein »Patient« über den Weg mit stumpfen Augen, die Reichweite meiner Führer meidend. Allmählich begann ich zu begreifen, um was es sich bei dieser Abteilung handelte! Wer weiß, was für Experimente hier an den Menschen unternommen wurden....

Schließlich betraten wir ein geräumiges Büro. Auf dem Schild an der Tür stand: Dr. Jorantes, Direktor. Knapp und deutlich. Dr. Jorantes war wie vermutet der Typ, der mich vorerst vor den Klauen des Majors bewahrt hatte, natürlich nur, weil er glaubte, mit seiner Methode besser ans Ziel zu kommen.

»Ah, Mr. Wallen, setzen Sie sich doch.«

Er zeigte zuvorkommend auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch und winkte die Wachen hinaus. Nach einer Weile sah er von seinen Papieren auf.

»Nun, es wird Zeit, dass wir uns mit Ihnen beschäftigen. Sicher liegt es auch in Ihrem Interesse, wenn sich dieser Gedächtnisschwund aufklärt.«

»Natürlich«, bestätigte ich vorsichtig.

»Was wir über Sie wissen, stammt aus den Aufzeichnungen vom Cop Center, das inzwischen Head Control, dem Zentralcomputer, unterstellt wurde. Die letzten Informationen besagen, dass Sie sich einer Gruppe angeschlossen hatten, die in einem sogenannten Camp außerhalb der Großstadt von Neu-Ing lebte. Diese Leute wurden von Ihrer damaligen Regierung als Verbrecher eingestuft. Daher Ihr vorläufiger Status als Kriegsgefangener, bis wir das geklärt haben. Man kann auch nicht behaupten, dass Sie ansonsten ein geregeltes Leben geführt haben. Sie lebten von der Hand in den Mund, ohne Ausbildung, immer bestrebt, sich von der Gesellschaft zu isolieren. Gut, ob wir Sie wegen Zugehörigkeit zu einer subversiven Gruppe anklagen, steht noch aus. Uns interessiert auch in erster Linie Ihr Auftauchen hier. Sie wurden praktisch in Unterzeug aufgelesen, das aus einem Material besteht, das uns hier zumindest unbekannt ist. Und weiterhin wollen wir wissen, wie Sie es geschafft haben, von Neu-Ing hierher zu gelangen, ohne in einer Kontrolle steckenzubleiben.«

»Aber das ist mir ja selbst auch ein Rätsel«, beklagte ich mich heuchlerisch. Denn jetzt war mir völlig klar geworden, dass ich, nach der Beschreibung, die der Arzt von mir gab, von meiner letzten Erinnerung an die Stammes-Realität sofort auf die Südlichen Inseln meiner Ursprungsrealität versetzt worden war. Bloß wie?

»Wir werden Sie untersuchen und dann entscheiden, ob Sie hierher zu den Geisteskranken oder zu den politischen Gefangenen gehören.«

»Und wonach richtet sich Ihre Entscheidung, wenn Sie feststellen, dass meine Angaben der Wahrheit entsprechen.«

»Sehen Sie«, der Arzt breitete seine Arme aus, »die Übergänge sind immer fließend. In gewissem Sinne sind die politischen Gefangenen ja auch geisteskrank. Denn ist es nicht krankhaft, dauernd sinnlos gegen eine vernünftige Gesellschaftsordnung anzurennen und nicht dabei zu helfen, sie vielleicht noch vernünftiger zu gestalten? Und umgekehrt sind die psychiatrischen Fälle in dem Sinn politisch, da der Ursprung ihrer Krankheit ein mehr oder minder bewusstes Auflehnen gegen die Gesellschaftsordnung ist - allerdings hier durch irgendeinen Defekt bewirkt.«

Bei so viel Verdrehungen, Unwahrheiten und Zynismus blieb mir glatt der Mund offen stehen. Wie der wohl den Unterschied zwischen »politischen« und »sozialen« Gefangenen definierte? Wahrscheinlich richtete sich das letztendlich nach ihrer Gefährlichkeit für den Staat. So viel hatte ich jedenfalls verstanden: die Entscheidungen richteten sich hier allein nach Kriterien der Nützlichkeit für Dr. Jorantes.

Damit war ich dann auch vorerst entlassen.

Die nächsten Tage verliefen in ähnlichem Rhythmus. Es gelang mir nicht, auch nur den geringsten Kontakt zu meinen Mitgefangenen zu kriegen. Ihre Sprache blieb mir verschlossen und meine Mutlosigkeit nahm zu. Ich blieb weiterhin in Einzelhaft und das einzige, was ich erfuhr, war der Name dieser Anstalt: Bergotos. Die Untersuchungen zogen sich tagelang hin, teilweise waren sie schmerzhaft, aber von Folter konnte bisher keine Rede sein. Noch nicht. Nach einer Woche verkündete mir Dr. Jorantes, dass ich an partieller Amnesie litt. Ich übersetzte das mit teilweisem Gedächtnisverlust. Man würde mich einige Tage mit starken Medikamenten behandeln, die in so einem Fall zuverlässig helfen sollten. Man ließ offen, was geschehen würde, sollten sich nicht wenigstens Anzeichen einer Veränderung bemerkbar machen. Ich befürchtete, er würde mir dann die Gedächtnislücke nicht mehr abkaufen.

Ich erhielt einige Bücher auf Neu-Ing, Sachen zu Schreiben und Malen und sogar ein Radio. Dann begann die Behandlung.

Ich hielt mich mit den Sachen zwar einigermaßen über Wasser, aber trotzdem begann eine schreckliche Phase. Meine Hoffnung auf eine Änderung der Situation schwand immer mehr, schon bald wurde ich unruhiger, nervöser. Ich konnte nicht einschlafen und sehnte mich zum Verzweifeln nach menschlicher Gesellschaft. Bei den sporadischen Verhören wurde ich immer gereizter und die Gegenseite daraufhin immer aggressiver .Anschließend fiel ich in Perioden von Depressionen und Selbstmordgedanken. Inwieweit das alles auf die Medikamente zurückzuführen war, konnte ich nicht beurteilen. Es war auch egal, da ich nicht umhinkam, sie zu nehmen.

Meine Träume zeigten mir zuerst die Gefahr. Wenn es keine Alpträume waren, waren sie ausgefüllt mit Erinnerungen an das Leben in der Stammes-Realität, von Natur und freien Menschen. Ich wusste selbst, dass ein Zusammenbruch kurz bevorstand. Ich wartete nur noch auf die Tage der Folter und sah mich schon als ausgebranntes Wrack in der psychiatrischen Abteilung rumlaufen.

Dem Geheimnis meiner Zurückversetzung in die alte Realität kam ich kein Stück näher. Ich konnte mich schon bald nicht mehr darauf konzentrieren und verfluchte nur noch diese unkontrollierbare Macht.

I could be a hero

Live and die for their 'important' cause.

A united nation

or an independent state with laws.

And rules and regulations

that merely cause disturbances and wars.

That is what I've got now

All thanks to the freedom-seeking hordes.

They wanna waste my life

They wanna waste my time

They wanna waste my life

And they've stolen it away.

Stiff Little Fingers - »Wasted Life«

3.
LERC

Sie trafen sich in der Garage: Lerc, Veila und Christer. In der hinteren rechten Ecke war gerade noch Platz zum Umziehen. Allen anderen Raum füllte der Krankentransporter aus. Sie hatten ihn am Vorabend besichtigt und waren mit Elfes einer Meinung: Es gab nichts auszusetzen. Die grünen Pflegerkittel lagen hinten im Wagen.

»Packt eure Klamotten lieber in die Tüte«, sagte Christer leise. »Veila, denk daran, dass du sie mitnimmst.«

»Klar, wir haben doch alles hundertmal durchgesprochen, »

Lerc setzte sich hinters Steuer. Es war genau elf Uhr. Wenn alles nach Plan ging, würden sie in Bergotos zu einer Zeit ankommen, in der die wenigsten Posten Dienst hatten.

»Okay, also los!« wies Christer Lerc an.

Veila öffnete die Garagentür. Vor ihnen lag eine schmutzige, menschenleere Seitengasse. Eine Gegend, die von den meisten Leuten gemieden wurde. Hier hielten sich höchstens Alkoholiker und nachts Straßenbanden auf. Veila gab das Zeichen für »okay«, und Lerc startete den Wagen. Veila stieg ein, die Fahrt begann.

Lerc schwitzte. Diesmal nicht nur von der Hitze. Er war sich nicht sicher, ob sie an alles gedacht hatten bei diesem Riesenunternehmen. Ihre Informantin in Bergotos hatte nicht zu allem Zugang. Aber sie hatten entschieden, das Risiko auf sich zu nehmen.

Sie brauchten nicht lange, um aus dem Vorort rauszukommen.

Die Anstalt lag abseits, weiter draußen, um sie vor neugierigen Blicken und Verdächtigungen zu schützen. Die einzige Zufahrtsstraße wurde sorgfältig überwacht. Christer hatte das Funkgerät eingeschaltet: Es kamen nur die üblichen Meldungen. Nur zehn Minuten später kamen sie an die Sperre.

Die Schranke war runtergelassen und zwei Militärpolizisten näherten sich gelangweilt dem Transporter. Sie lasen die Beschriftung an der Außenseite und Lerc kurbelte das Seitenfenster runter.

»Ihr kommt vom Hospital-Süd?« sprach ihn der eine Rotuniformierte an. »Da habt ihr eine schöne Strecke hinter euch. Wen wollt ihr denn diesmal zum Umkrempeln abholen.«

Lerc reichte ihm wortlos die Legitimationspapiere, wobei er sich bemühte, sein Gesicht im Schatten zu halten. Sie hatten zwar ihr Aussehen verändert, aber ein Risiko blieb immer.

»Oho, gleich drei von der scharfen Sorte!« rief der Rote aus. Sein Kollege kam neugierig näher.

»Wird ja auch Zeit, dass die drankommen,« brummte er. »Die sitzen hier schon viel zu lange bei Speis und Trank.«

Es war klar, wer nach Süd kam, war nach der Behandlung nicht mehr wiederzuerkennen - wenn er überhaupt lebend rauskam. In Süd wurden chirurgische Gehirnexperimente durchgeführt.

»Wollt ihr Geleitschutz?« fragte der Erste mit einem abschätzenden Blick auf Veila.

»Nein, nicht nötig«, antwortete Lerc schnell. »Der Wagen ist mit Fesselungssicherungen ausgestattet.«

»Na, denn man zu«, sagte der Zweite. »So kriegen wir wieder Platz für neue.«

Lerc schauderte, als sie unter der sich öffnenden Schranke durchfuhren. Die Soldaten waren total abgebrüht. Er musste sich zusammennehmen, um nicht laut loszufluchen. Mit Sicherheit würden noch ein paar Begegnungen dieser Art folgen.

Sie parkten den Wagen nahe beim Portal. Christer und Lerc stiegen aus, während Veila hinters Steuer rutschte. Sie drückte beiden verstohlen die Hand, bevor sie die Tür öffneten. Am Portal stand ein weiterer Uniformierter.

»Okay, ihr seid angemeldet«, sagte er, ohne die Papiere sehen zu wollen. »Aber setzt euch das nächste Mal einen Tag vorher mit uns in Verbindung, damit wir alles vorbereiten können. Das haben wir euch doch schon so oft gesagt.«

»Ist ja nicht unsere Sache«, gab Christer zurück. »Aber wir sagen Bescheid, wenn wir zurück sind.«

»Schon gut. Wisst ihr, wo's langgeht.«

Die beiden verneinten.

»Rechtes Gebäude, erster Stock, links runter. Meldet euch beim Major. Er wird dann alles veranlassen.«

Lerc bedankte sich - auch das noch! - und sie folgten der Beschreibung des Postens. Natürlich kannten sie den Weg, aber es hätte sein können, dass die Wache sie als Neulinge erkannt hätte, und dann hätten sie eine Ausrede erfinden müssen. Christer klopfte an die Tür mit dem Namensschild des Majors. Sein Knurren nahmen sie als Aufforderung einzutreten.

Das Büro des Majors sah aus wie im Bilderbuch: Fotos vom Diktator und den Inseln an den Wänden, die Flagge hinterm Schreibtisch, alles sauber und ordentlich.

»Sie sind die Pfleger, die die drei Terroristen abholen sollen?« fragte er barsch.

»Ja, sie sollen einer Gehirnwäsche unterzogen werden«, antwortete Christer.

»Wird ja auch Zeit »Den Antrag dafür habe ich schon vor Monaten gestellt. Ihre Papiere, bitte!« verlangte der Major.

Er begutachtete die Legitimation, die ihm Lerc reichte, unter ständigem Brummen und Knurren.

»Scheint in Ordnung zu sein. In Süd haben sie sowieso bessere Möglichkeiten, mit solchem Gesindel fertig zu werden.«

Er betätigte die Sprechanlage: »Leutnant Bredou, sofort zu mir ins Büro! Und bringen Sie Karanka gleich mit.«

Die beiden Leutnants betraten das Büro kurze Zeit darauf. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet.

»Die drei Terroristen werden nach Süd gebracht«, informierte sie der Major kurz. «Sorgen Sie dafür, dass der Transport ohne Zwischenfälle auf die Reise geht. Sie haben das ja schon öfter gemacht. Alle weitere Verantwortung liegt dann bei Süd.«

Er nickte Christer und Lerc zu.

»Unterschreiben Sie die ordnungsgemäße Übergabe und folgen Sie den Leutnants. Und noch was: Seien Sie vorsichtig, die drei sind gefährlich. Wir haben sie zwar ordentlich rangenommen, aber man weiß nie, was noch in ihnen steckt.«

Christer beeilte sich, die Formulare zu unterschreiben. Je eher sie hier rauskamen, desto besser.

Dann führten die Soldaten sie zu den drei Einzelzellen. Der entscheidende Augenblick rückte näher. Wenn die drei Christer und Lerc trotz Verkleidung erkannten, konnte sie jede Bewegung verraten. Die Soldaten schlossen die Zellentüren nacheinander auf, wobei immer einer den anderen mit der Waffe deckte.

»Los, kommt raus, ihr Aasgeier!« schrie der eine. »Ihr werdet nach Süd gebracht. Dort ist Endstation für euch.«

Die drei traten aus ihren Zellen. Lerc erschrak bei ihrem Anblick. Sie waren total abgemagert und ausgezehrt und glichen eher Skeletten als menschlichen Wesen. Ihre Augen sahen durch alles hindurch und ihre Hände zitterten.

»Was soll das?« brachte Pantar, der kleine, hervor. »Habt ihr nicht genug mit uns angestellt.«

Sein Blick streifte Lerc und Christer. Er kniff die Augen zusammen. Das war alles. Lerc war sicher, dass er sie erkannt hatte und wusste, was auf dem Spiel stand. Es hing nicht zuletzt von ihrem Verhalten ab, wie alles ausging. Christer setzte ein höhnisches Lächeln auf, bereit nach Kräften mitzuspielen.

»Die Herren sehen entschieden zu gut aus. Sie sind ein Luxusleben gewohnt. Ich fürchte, das wird sich für Sie ändern.«

Die Soldaten trieben die drei vor sich her. Lerc drückte die Daumen. Bis jetzt lief alles nach Plan. Er hatte es nicht geglaubt. Wenn es so weiterging, brauchten sie keine Gewalt anzuwenden und die Verantwortlichen würden erst viel später merken, dass sie genarrt worden waren. Hauptsache, sie kamen heil aus Bergotos raus, denn Waffen hatten sie nur im Wagen. Hier drin hätten sofort die Alarmanlagen angesprochen.

Die Situation änderte sich jedoch schlagartig, als sie schon am Ende des Korridors kurz vor dem letzten Sperrgitter standen. Eine Zellentür wurde geöffnet und ein Arzt trat mit einem Gefangenen heraus. Lerc und Christer tauschten einen erstaunten Blick: Der Gefangene war ein Weißer. Der Arzt sah die Gruppe auf sich zukommen und versperrte ihr den Weg.

»Halt! Wohin wollen Sie mit den Terroristen?« herrschte er die Soldaten an.

»Auftrag von Süd, Dr.Jorantes«, erwiderte der eine. »Sie sollen abtransportiert werden.«

»Was?« Der Arzt riss die Augen auf. »Das ist ja noch schöner! Eine Unverschämtheit! Das alles, ohne mich zu informieren? Ich war mit ihnen noch lange nicht fertig.«

»Aber, wir dachten«, stammelte der zweite Soldat.

Lerc sah in diesem Moment das Unglück voraus, als er den ungläubigen Blick auf dem schwarzen Gesicht des Arztes bemerkte. Handeln! schoss es ihm durch den Kopf. Mit einem Satz war er bei einem der Bewaffneten und entriss ihm die MP.

»Los, raus hier. «brüllte er mit sich überschlagender Stimme.

Christer reagierte jetzt ebenfalls. Er sprang den Arzt an, bevor sich dieser von seiner Überraschung erholt hatte.

»Die Waffe weg.« befahl er dem zweiten Soldaten.

Dieser sah sich durch Lerc bedroht und seinen obersten Vorgesetzten in der Gewalt von Christer. Ruhig schmiss er die MP zu Boden.

»Ihr werdet nicht weit kommen«, prophezeite er.

»Halt's Maul!« fuhr ihn Pantar an.

Das Leben war in die drei Gefangenen zurückgekehrt. Pantar griff nach der MP.

»Mach das Gitter auf!« befahl er dem Soldaten.

Der Uniformierte gehorchte. Sein Schlüssel öffnete das vorerst letzte Hindernis. Lerc passte auf, dass er nicht wie zufällig einen Alarmknopf betätigte. Dann musste der Soldat die Handfesseln der drei lösen. Bis jetzt war weit und breit niemand anderes auf dem Gang zu sehen.

Da unterbrach eine Stimme das hektische Geschehen. Lerc drehte sich um. Der Gefangene, den der Arzt aus der Zelle geholt hatte, machte sich bemerkbar. Lerc verstand ihn zuerst nicht, dann schaltete er. Der Weiße sprach Neu-Ing! Lerc hatte es zu lange nicht gehört, geschweige denn gesprochen, als dass er den Typ gleich verstanden hätte. Aber kein Zweifel: Er bat darum, mitgenommen zu werden.

»Was ist?« zischte Christer. »Wir haben keine Zeit. Was will der Typ.«

»Wir sollen ihn mitnehmen«, übersetzte Lerc unsicher.

»Ist er verrückt? Ein Weißer, noch dazu ohne Marke! Los, lass uns gehen.«

Das Gitter stand jetzt offen, aber Lerc zögerte.

»Nehmt mich mit!« beschwor ihn der Weiße erneut. »Sie wollen mich umbringen. Es ist meine letzte Chance.«

»Okay«, rang sich Lerc zu einer Entscheidung durch. »Aber sei ruhig und behindere uns nicht.«

Der Gefangene schloss sich ihnen an. Lerc nahm die Tränen in seinen Augen wahr.

»Sag mal, spinnst du?« fuhr Christer ihn an. »Das wird Konsequenzen haben.«

Lerc zuckte die Achseln. Er verzog keine Miene. Es war seine Entscheidung. Sie konnten sich jetzt keinen Streit leisten. Christer musste unter dem Druck der Situation nachgeben.

Sie trieben den Arzt und die zwei Soldaten vor sich her. Als sie den Hof erreichten, schrillte der Alarm. Der Pförtner hatte sie entdeckt. Sie hätten es nicht verhindern können.

»Verpisst euch!« rief Lerc den drei Geiseln zu.

Es hatte keinen Zweck, sie weiter mitzunehmen. Sie wären nur ein Hindernis auf der Flucht gewesen. Selbst der Arzt hatte keinen Wert. In so einer Situation wurde selbst auf hochgestellte Persönlichkeiten keine Rücksicht genommen. Das hatten ähnliche Fälle zur Genüge bewiesen.

Draußen heulte der Motor des Kombis auf. Veila hatte schnell begriffen und wendete den Wagen. Der Soldat, der als Wache am Portal stand, sprang aus seinem Häuschen. Seine Verwirrung - er wusste nicht, ob er den Wagen oder die anstürmende Gruppe unter Feuer nehmen sollte — kam ihnen zugute. Als sich der Soldat für die Gruppe entschied, schoss Christer aus seiner MP.

Der Uniformierte brach zusammen. Christer erreichte die Seitentür des Transporters und riss sie auf. Die Befreiten keuchten vor Anstrengung und ließen sich erschöpft ins Wageninnere fallen - zum Schluss der Weiße. Lerc sah die ersten Soldaten im Hof auftauchen. Der Alarm zeigte seine Wirkung. Er feuerte panikartig auf alles, was sich bewegte. Das erste Mal, dass er eine Waffe benutzte. Keine Zeit zum Überlegen. Christer saß schon im Wagen und hielt ihm die Tür auf. Lerc stieg als letzter ein. Veila war bereits angefahren.

»Vollgas!« keuchte Christer.

Lerc atmete ein paarmal tief ein und aus. Er versuchte vergeblich, sich zu beruhigen. Dann hieb er mit dem Schaft der MP auf die Seitenscheibe ein. Das Plexiglas splitterte, und Lerc beugte sich vorsichtig mit der Waffe hinaus. Dabei riss er sich eine lange Wunde in den rechten Oberarm. Ein paar Salven aus den Fenstern der Anstalt verfehlten den Kombi knapp.

»Fahr zu, sie machen sich startklar!« schrie 1ère, als er sah, dass sich die Soldaten in die bereitstehenden Wagen schwangen.

Er zog den Kopf zurück.

»Scheiße! Sie werden schneller sein als wir.«

»Hauptsache, wir erreichen die Stadt«, sagte Christer. »Dass uns auch dieser Arzt dazwischenkommen musste! Sonst wäre alles glatt gelaufen.«

»Wer ist der Weiße?« unterbrach Veila sie.

»Lerc hat ihn aufgegabelt«, erklärte Christer.

Lerc wich Veilas Blick aus. »Wir müssen die Schranke durchbrechen«, sagte er trocken, ohne auf sie einzugehen.

»Sie werden vorbereitet sein«, fügte Christer hinzu. Er öffnete das Gerätefach. »Zeit für das hier.«

Er holte den kleinen Werfer raus und schraubte ihn mit fliegenden Fingern zusammen. Gut, dass sie sieh für alle Fälle vorbereitet hatten. Lerc ahnte Christers Absicht und zerschlug auch die Windschutzscheibe. Veila ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit den schnurgeraden Weg weiter.

Als die Schranke in Sicht war, lud Christer die Raketenwaffe.

Er zielte an Veila vorbei. Der Gegner war nicht zu sehen. Er hatte sich hinter der Schranke verschanzt. Ein Schuss rechts, einen links, und nochmal rechts und links. Die Detonationen erschütterten den Kombi und Veila verlor kurz die Kontrolle über den Wagen. Sie fuhr einen Schlenker, dann hatte sie das Steuer wieder fest im Griff. Lerc glaubte, durch die Hölle zu fahren, als sie die Schranke mit einem trockenen Knall durchbrachen.

Die Posten mussten dort tot unter den Trümmern liegen. Ihm wurde schlecht. Der Rauch biss ihm in den Augen, ringsherum brannte das trockene Gras. Er musste husten, die Augen tränten, da der Qualm ungehindert in das Auto eindrang. Es gab kein Zeichen von Gegenwehr, die Raketen hatten alles Lebende ausgelöscht. Dann waren sie durch.

»Wie viele haben wir noch?« fragte Lerc und verbannte seine ablenkenden Gedanken. Er meinte die Raketen.

»Drei«, hustete Christer. »Was für ein Mordinstrument. Nur ein Knopfdruck.«

Lerc beugte sich wieder hinaus und sah mit zusammengekniffenen Augen nach hinten. In dem Qualm konnte er nichts erkennen.

Er war sich aber sicher, dass die Jeeps mit den Soldaten sie weiter verfolgten .Und sie mussten inzwischen aufgeholt haben.

Er streckte die Hand aus.

»Gib mir den Werfer.«

Christer verstand, und Lerc schoss auf gut Glück die letzten Raketen in die Richtung, wo er die Jeeps vermutete.

»Okay, auf in die Stadt«, keuchte er, als er wieder zusammengekrümmt auf seinem Platz saß.

Hinter ihnen brach erneut ein Inferno aus.

Veila wischte sich mit der Hand über die Stirn. Eine graue Schicht aus Schweiß und Ruß kam herunter.

»Eine kleine Atempause, was«, sagte sie leise.

Lerc war jedenfalls total geschafft. Hoffentlich war das bald zu Ende. Lange konnte er es nicht mehr durchhalten. Er spähte durch die rückwärtige Scheibe in den Transportraum.

Die drei - der Ausdruck war eine feste Bezeichnung geworden - und der Weiße waren ordentlich durchgerüttelt worden. Sie lagen halb benommen und quer übereinander auf dem Boden. Keiner schien ernsthaft verletzt zu sein. Leider gab es keine Sprechverbindung nach hinten und so informierte Lerc nur Christer und Veila.

»Wir wissen, was uns noch bevorsteht«, kündigte Veila die nächste Etappe an.

Sie werden die Ausfallstraßen abgeriegelt haben, also nehmen wir gerade die«, erläuterte Christer.

So war der Plan. Es gab noch zwei kleinere Straßen, die vorher abzweigten und auf Umwegen in die Stadt führten. Die Gruppe hatte darauf spekuliert, dass die Militärpolizei eher annahm, sie würden eine dieser Straßen benutzen. Darauf hatten sie ihren Plan ausgerichtet und so fuhren sie weiter die Hauptstraße entlang.

»Auf zu unserem letzten Streich«, sagte Christer mit einem Anflug von Galgenhumor.

Er holte den Zünder aus dem Gerätefach. Wären sie bei der Anfahrt durchsucht worden, der Plan wäre von vornherein gescheitert. Sie hatten alles auf den Kombi und die hervorragend gefälschten Papiere gesetzt. Und fast gewonnen.

Die Stadt kam näher und mit ihr eine Reihe rotglänzender Punkte.

»Es sind mindestens zwanzig«, vermutete Christer.

»Aber ohne Geschütze soweit ich erkennen kann«, ergänzte ihn Veila.

»Ein paar Werfer werden ihnen reichen«, schloss Lerc. »Es wird Zeit«, wandte er sich an Christer. »Die Werfer haben eine hübsche Reichweite.«

Er zitterte vor Spannung. Seine schweißnassen Hände umklammerten die MP. Sein Pflegerkittel war schwärzer als seine Hautfarbe. Im gleichen Moment als Christer den Knopf drückte, lenkte Veila den Wagen von der Straße auf das holprige Feld. Eine gewaltige Stichflamme loderte am Horizont. Dann ertönte ein ohrenbetäubendes Krachen. Es hatte geklappt. Die Sprengladung am Ende der Straße hatte gezündet. Sie hatten den Platz, wo sich die Soldaten postierten, richtig einkalkuliert. Und sie brauchten sich keine Gedanken um unschuldige Menschenleben zu machen. Häuser waren nicht in der Nähe und sonst hatte die Militärpolizei sicher alles abgesperrt.

In rasender Fahrt schossen sie an dem brennenden, rauchenden Trümmerhaufen vorbei und schwenkten dann wieder auf die Strasse. Ein widerlicher Gestank hing schon jetzt in der Luft. Lerc glaubte zu ersticken. Er kotzte aus dem Seitenfenster.

»Wir sollten nicht denken, dass wir es geschafft haben«, warnte Christer, als sie schon durch den Vorort fuhren.

Noch war weit und breit keine Streife zu sehen. Sie hatten sich darauf verlassen, die Fliehenden am Ende der Ausfallstraße zu erwischen.

»Aber jetzt geht's mir besser«, meinte Veila.

Ohne weitere Zwischenfälle erreichten sie kurz darauf die Garage .Im Schatten der Einfahrt stand Elfes. Kaum war der Kombi drin, schloss er das Tor.

»Was für eine Schweinerei!« war sein einziger Kommentar, während Christer, Veila und Lerc ausstiegen.

Er öffnete die Seitentür.

»Los, ihr Glücklichen, kommt raus, ihr werdet noch einmal umgeladen und dann habt ihr hoffentlich erst mal Ruhe.«

»Ich dachte schon, ihr wollt uns rösten«, bemerkte Pantar.

Die drei kletterten unsicher heraus.

»Wer, zum Teufel, ist das?« fragte Elfes erstaunt, als er den Weißen sah.

Er hielt den drei andere Klamotten hin. Die anderen hatten schon begonnen sich umzuziehen.

»Eine Erinnerung an unseren Betriebsunfall«, gab Christer sarkastisch zurück.

Elfes stellte sich sofort darauf ein. »Scheiße, wir haben nichts anzuziehen für ihn.«

»Schmeißt ihn in den Kofferraum«, löste Christer drastisch die Verlegenheit.

Lerc war nicht sehr wohl zumute. Bis jetzt hatte es wegen dem Weißen nicht viel Scherereien gegeben. Hoffentlich blieb das so. Er erklärte ihm auf Neu-Ing, was ihm bevorstand. Der Weiße sagte kein Wort. Er nickte nur zum Zeichen, dass er verstanden hatte.

Ein Blick überzeugte Lerc davon, dass die drei fertig waren. Sie schmissen die Anstaltsklamotten in den Kombi. Christer warf die Pflegerkittel hinterher. Elfes spähte hinaus.

»Moment!« zischte er.

Alle drückten sich in das Halbdunkel der Einfahrt. Auf der anderem Straßenseite schlurfte ein alter, verdreckter Typ vorbei. »Okay, der merkt eh nichts mehr«, sagte Christer.

Ruhig stiegen Lerc, Veila, Christer und die drei in den bequemem Wagen, der hinter der Garage versteckt geparkt war. Den Weißen brachten sie im Kofferraum unter. Keine schöne Fahrt für ihn, dachte Lerc. Aber gegen den Anfang war dies eine Erholung. Und selbst wenn Sachen da gewesen wären, ein Weißer in einer Art Luxuslimousine war einfach undenkbar. So saßen sie da, genug Platz für sechs Leute, in feinen Anzügen. Die drei hatten ihre modernen, breitkrempigen Hüte tief ins Gesicht gezogen.

Veila fuhr an. Straßensperren waren kaum zu befürchten. Die Militärs hätten die ganze Innenstadt absperren müssen. Es kann nichts mehr schiefgehen, hoffte Lerc, als sie aus dem verfallenen Vorort in die öde Wohngegend kamen. Etwa zehn Minuten später würde Elfes den Wagen anzünden und verschwinden. Wahrscheinlich würde nicht mal jemand auf die Idee kommen, die Feuerwehr zu alarmieren. Es gab nur Schutt rund um die Garage und das Feuer konnte sich nicht ausbreiten. Selbst für die Penner würde nachher nichts Verräterisches übrigbleiben.

»Wohin fahren wir?« erkundigte sich Pantar.

Die anderen zwei waren wie immer schweigsame Gefährten.

»Zu Christer«, antwortete Veila.

»Ich habe ehrlich gesagt nicht mehr damit gerechnet, dass uns jemand rausholt.«

Pantars Stimme klang gleichzeitig erschöpft und erleichtert. »Bedankt euch bei der Gruppe«, sagte Christer »Wird es nicht auffallen, wenn so viele Leute auf einmal bei dir reingehen? Vielleicht sollten wir uns lieber vorher trennen.«

»Nicht nötig«, meinte Christer leichthin. »Erstens sind um diese Zeit die meisten Leute noch bei der Arbeit und zweitens hab ich mich schon seit einigen Tagen krank gemeldet. Und für die Klatschtanten in unserem Haus habe ich durchsickern lassen, dass ab und zu mal so kleine Privatkonferenzen bei mir stattfinden, so eine Art geheime Arbeitsgespräche. Die haben sowieso ziemlich Respekt vor mir, weil ich für sie ein hohes Tier bin.« Er lachte vor sich hin.

»Ist ja ein bisschen windig«, überlegte Pantar.

»Ach was!« regte sich Veila auf. »Sollen wir jetzt nochmal umdisponieren? Wenn nicht wieder sowas wie vorhin passiert, geht alles klar. Was war eigentlich los.«

»Wir hatten die drei schon rausgeholt, als uns plötzlich so ein dämlicher Arzt in den Weg trat«, erzählte Christer.

»Der dämliche Arzt ist zufällig der Chef von ganz Bergotos«, fügte Pantar hinzu.

»Na, das erklärt alles«, entfuhr es Christer. »Dem wird natürlich so ein wichtiger Transport vorher angekündigt. Der blöde Major glaubte ja noch, es sei alles in Ordnung, als er unsere Papiere sah. Tja, Lerc hat dann schnell reagiert, als er sah, was auf uns zukam, und so sind wir rausgekommen.«

»Und der Weiße.«fragte Veila.

»Er war im Schlepptau des Arztes«, fuhr Christer fort. »Er spricht nur Neu-Ing. Ich hab natürlich nichts verstanden, und daran mag es liegen, dass Lerc mich so überrumpeln konnte und den Weißen mitnahm. Ich weiß nicht, was ihn dazu getrieben hat. Und schließlich konnte ich mich in der Situation nicht mit Lerc rumstreiten. Wir müssen zusehen, dass wir den Weißen so schnell wie möglich irgendwo abladen.«

»Das kommt nicht infrage«, protestierte Lerc energisch.

»Hör zu!« Christers Gesicht verdunkelte sich noch eine Spur. »Soll er etwa bei dir wohnen.«

»Quatsch, du weißt genau, dass uns jetzt erst mal Razzien bevorstehen. Und bei dir bestimmt nicht. Wenn wir ihn laufenlassen, wäre das ohne Marke sein Ende. Außerdem hat er uns gesehen, und wenn er geschnappt wird, könnte er viel erzählen. Und was hat es für einen Sinn, ihn zu befreien und dann wieder auszuliefern? Ich hab ihn mitgenommen und werde mich um ihn kümmern, sobald es geht.«

»Da wirst du's aber sehr schwer haben zuhause.«

»Okay, Christer, halt dich da raus. Das ist mein Problem.«

Christer schwieg. Damit war also der Streit endgültig wieder ausgebrochen. Hätte er den Weißen etwa da lassen sollen? Das hätte er nicht gekonnt. Schließlich hatte er seine Worte verstanden. Er wusste zwar nicht, wie es hier für ihn weitergehen sollte, aber Bergotos wäre die Hölle gewesen.

Die Limousine erreichte Christers Wohnung. Die drei, Christer und Veila gingen sofort hinauf. Lerc öffnete den Kofferraum und tat, als ob er was suchte.

»Pass auf!« sagte er zu dem Weißen. »Ich hol dir gleich ein paar Klamotten und was zu essen. Mit etwas Geschick kannst du die Sachen da drin anziehen und im dunkeln rauskommen. Ich lass den Kofferraum offen. Klopf dreimal im zweiten Stock bei Doculos und Brenner.«

Er hörte eine schwache Zustimmung, dann ließ er den Deckel wieder zuschnappen. Seine Gedanken überschlugen sich, als er die Treppe raufging. Wenn niemand aus der Gruppe für seine Entscheidung Verständnis hatte, dann musste er sich in der Tat überlegen, seine politische Arbeit dort einzustellen. Ohne allerdings eine Alternative zu wissen. Aber so hielt er es ohne Zweifel nicht mehr lange aus.

Darmowy fragment się skończył.

21,80 zł

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
202 str. 4 ilustracji
ISBN:
9783862871810
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki