Czytaj książkę: «Mama, wir sind dann mal Gott suchen!»
Frank Bonkowski
„Mama, wir sind dann mal
Gott suchen!“
Wie mein Sohn seinen Glauben verlor
und in Afrika wiederfand

Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 9783865065681
© 2013 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Die zitierten Bibelstellen entstammen der „Hoffnung für alle“. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Brunnen Verlags Basel
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: shutterstock
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
www.brendow-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Teil 1 - Gott verloren?
Anklopfen
Mein Sohn, der Atheist!
Die Idee
Teil 2 - Meine eigene Entdeckungsreise
„Hat hier einer Gott gesehen? Wir haben ihn verloren!“
Samstag, 8. März - 50 Koffer nach Uganda
Sonntag, 9. März - Wie ich mit einer schwarzen Gemeinde Polonaise tanze und als Jesus in eine Hochzeit platze
Montag, 10. März - Andere Sitten
Dienstag, 11. März - Weiche Finger und weiche Herzen
Mittwoch, 12. März - Zwölf kleine Afrikaner in einer Schubkarre
Donnerstag, 13. März - Noel, oder: Ist Gott ein kleines infiziertes Mädchen?
Freitag, 14. März - Am liebsten hätte er aus Steinen Brot gemacht
Samstag, 15. März - Jetzt ist auch noch der Hintern weich
Sonntag, 16. März - Gottesdienst im Slum, Mittagessen im Nobelrestaurant
Stilbruch!
Montag bis Mittwoch, 17.–19. März - Safari
Donnerstag, 20. März - Musik
21. März - Karfreitag – Als ein kleines Kind mir die Füße wäscht
Samstag, 22. März - Acht Stunden im Musikerhimmel
Ostersonntag, 23. März - Regen
Montag, 24. März - Weltfußball
Dienstag 25. März - Uganda – Deutschland 4:6 n. V.
Mittwoch, Donnerstag, 26.und 27. März - Das Dorf
Donnerstag, 27. März - Impressionen aus dem Urwald
Freitag, 28. März - Stärken und Schwächen des ugandischen Schulsystems
Samstag, 29. März - Shoppen
Sonntag, 30. März Abschied
Das Jahr zwischen den Reisen
Teil 3 - Unsere gemeinsame Entdeckungsreise
Mittwoch, 08. April 2009 - Familienurlaub, Karamelleis und reisen, reisen, reisen
Donnerstag, 09. April - Dem Himmel so nah
Freitag, 10. April, bis Ostersonntag, 12. April - Road Stories & Safari
Montag, 13. April - Meine Lieblingsschule
Dienstag, 14. April - Mawanga
Mittwoch, 15. April
Donnerstag, 16. April - „Yes, We Can!“
Freitag, 17. April - Ganz viel Autofahren
Samstag, 18. April - Hier kommt die Braut
Sonntag, 19. April - Kasubi rockt
Montag, 20. April - Endlich ein Lebenszeichen von oben!
Dienstag, 21. April - Abschied
Mittwoch, 22. April - „Warum bilden sie sich ein, sie könnten so schnell fahren?“
Teil 4 - Irgendwas, das bleibt?
Ostern 2010 - Tod, Beinbruch und die Aschewolke
Allein im Krankenhaus
Wann kommt der Rückfall zum Atheismus?
Anhang
Arroganz – „Ich bringe den armen Leuten die Wahrheit!“
Besser
Zu wenig Hintergrundwissen
Sich zu wohl fühlen in der Rolle des Weltverbesserers
Als Gott Golf spielte
Zu guter Letzt
Und ganz zum Schluss ...
Murchison Bay Naomi Froese Nursery & Primary School
Teil 1
Gott verloren?
Zum ersten Mal hat mein Sohn Lukas seinen Glauben im zarten Alter von fünf Jahren verloren. Ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass das ein Alter ist, an dem Kinder noch an so vieles glauben können: den Weihnachtsmann, die Zahnfee, Engel und ganz bestimmt doch an einen lieben Gott, der aus dem Himmel über uns alle wacht.
„Daddy, es kann keinen Gott geben, der uns lieb hat! Wenn Jesus am Kreuz dafür gestorben ist, dass wir uns nicht mehr streiten, dann hat das alles nicht funktioniert.“
Aber Lukas ist auch Pastorenkind, die ja bekanntlich manchmal etwas anders ticken. Entsprechend theologisch – für einen Fünfjährigen dann doch äußerst untypisch – fiel seine Erklärung auch aus. Die Arme verschränkt und das Gesicht tränenverschmiert, erklärte er mir und meiner Frau nach einem fürchterlichen Streit mit seinen beiden Schwestern seinen Übertritt zum Atheismus:
„Daddy, es kann keinen Gott geben, der uns lieb hat! Wenn Jesus am Kreuz dafür gestorben ist, dass wir uns nicht mehr streiten, dann hat das alles nicht funktioniert. Wenn mir immer so viel Schlechtes passiert, dann glaube ich nicht mehr, dass es einen Gott gibt, der gut ist!“
Vielleicht hätte ich in diesem Moment theologisch argumentieren und Lukas zum „Trotzdem-Glauben“ überreden können. Aber mein kleiner Kerl hielt mir in diesem Moment einen Spiegel vor, in dem ich jetzt meine eigenen Zweifel und meinen Frust wiedererkennen konnte …
Etwa ein halbes Jahr zuvor, ein paar Tage vor unserem Umzug nach Deutschland, hatte mein eigener Glaube seinen absoluten Tiefstand erreicht. Loretta und ich fuhren gerade in unserem kleinen weißen Truck am Ufer des Davis Bay vorbei, mit Blick über den Pazifik nach Vancouver Island, den ich immer so sehr genossen hatte. Plötzlich brach meine ganze Wut aus mir heraus:
„Du kannst dir gar nicht vorstellen“, sagte ich zu meiner Frau, „wie ich mich darauf freue, endlich wieder in Deutschland zu wohnen. Dann hab ich meinen letzten Gottesdienst hinter mir und bin endlich frei und muss nie wieder das Innere einer Kirche betreten! Mit diesem ganzen kranken Kirchenzeugs ist es dann endlich vorbei!“
An diesem Tag hätte meine Stimmung kaum mieser sein können, und selbst der schönste Ort der Welt wäre für mich grau gewesen. Knapp dreizehn Jahre hatte ich hier an der Sunshine Coast als Pastor gearbeitet, mit vielen guten Menschen mein Leben geteilt. Doch in diesem Moment wurde meiner Frau die zweifelhafte Ehre zuteil, Zeuge meines ganzen Frusts auf Gott und seine Leute zu werden: „Nie wieder Kirche! Menschen sind doch einigermaßen gut drauf, bis sie Christen werden! Dann will einer besser sein als der andere, und am Ende sind sie alle unglücklich!“ Und um meinem Argument Nachdruck zu verleihen, flog meine Bibel quer durch den Truck. „Und dieses Buch lese ich auch nie wieder! Das ganze Zeug funktioniert sowieso nicht! Gute Ideen, die sowieso kein Mensch anwenden kann!“
Warum so ein Gefühlsausbruch? Man muss dazu sagen, dass ich damals, es war das Jahr 2005, mitten in einem Burnout steckte. Leider war dieser Begriff in kanadischen Kleinstädten kaum bekannt. In evangelikalen Kirchen wurden solche depressiven Stimmungen daher mit einer gelegentlichen Umarmung, einem „Es wird schon wieder“ oder auch einem ernsten Gebet bekämpft – und wenn der Glaube stimmte, natürlich auch sofort geheilt. Das Fiese an diesen Gebeten war, dass man hinterher immer so tun musste, als ob es einem schon viel besser ginge, um nicht auch noch den Glauben des Betenden kaputt zu machen.
Ähnlich reagierte in diesem Moment auch meine Frau Loretta, die meine Zweifel so gar nicht teilen konnte und mir vorschlug, meinen „heilen“ Glauben so lange weiterzuheucheln, bis er wieder gesund wäre – der Kinder wegen. Doch dafür schien es mir inzwischen zu spät. Ich hatte in den letzten Jahren genug heucheln müssen!
Als es mir dann immer schlechter ging und ich keine Kraft mehr hatte, dieses Spiel weiter mitzuspielen, hatte ich mir auf Anraten eines Arztes eine Auszeit genehmigt, was in Nordamerika gleichzeitig das Ende meiner Karriere als Pastor und Gemeindegründer bedeutete. Es gab keinen Plan für die Zukunft, außer einer geplanten einjährigen Auszeit in Deutschland. Alles andere war erst einmal ungewiss. Aber „ungewiss“ war für mich zu dieser Zeit ein wesentlich angenehmerer Gedanke als der Status quo.
Diese Situation war für mich nicht nur das Ende meiner beruflichen Laufbahn, sondern auch das Ende meines Glaubens, das Ende meiner Hoffnung, dass Christsein wirklich funktionieren könnte. Der Grund, warum ich damals nicht alles hingeschmissen habe, waren Freunde, die mich, ohne etwas von meinem Seelenzustand zu wissen, in der nächsten Woche mit ganz viel Liebe überschütteten.
Auf die Frage, warum ich immer noch an Jesus glauben kann, habe ich später mal geantwortet: „Weil er meine Unterhosen gefaltet hat!“
Und nicht in Form leerer Worthülsen oder hohler Seelsorgephrasen, sondern mit ganz praktischen Dingen: packen helfen, das Haus für den Vermieter renovieren, Rasen mähen, Essen vorbeibringen und vieles mehr. Auf die Frage, warum ich immer noch an Jesus glauben kann, habe ich später mal geantwortet: „Weil er meine Unterhosen gefaltet hat!“
Ich hatte Freunde, die die Hände und Füße Gottes waren, und das hat meine Zweifel, ob Jesusnachfolge funktionieren kann, erst mal zunichte gemacht. Auf eine ganz reale Art und Weise war es für mich dann so, als ob Jesus mir tatsächlich geholfen, für mich gepackt, meine Wäsche sortiert, meine Wände gestrichen und sich um mich gekümmert hätte, weil ihm mein kleiner Glaube, den ich gerade wegschmeißen wollte, wohl irgendwie wichtig war.
Es ist schwer zu behaupten, dass die Sache mit Jesus nicht funktioniert, wenn du von seinen Anhängern so geliebt wirst. Folgerichtig hielt ich erst mal weiter die Klappe und ging mit meiner Familie auch hier in Deutschland weiter in die Kirche, wie es sich wohl für einen guten Ex-Pastor gehört. Und so überlebte er also, mein kleiner Funke Hoffnung, dass Vertrauen in Gott doch etwas bewirken kann.
Nur, wie vermittele ich das jetzt meinem Sohn?
„Wenn wir uns immer noch streiten, dann hat das mit Jesus und dem Kreuz nicht funktioniert, und wie kann Gott mich lieb haben, wenn mir so viel Schlimmes passiert!“
Wie beantwortet man einem Fünfjährigen so eine Frage? Zunächst einmal ähnlich, wie es in meinem Fall auch funktioniert hatte: mit praktischer Liebe! Sprich: ein paar Keksen und heißer Milch mit Honig … und für den fünfjährigen Lukas war die Welt, inklusive Gott, erst mal wieder in Ordnung.
Aber nur erst mal. Die Frage blieb bei ihm hängen. Und immer wenn der nächste Sturm kam, war sie wieder da. Wenn Freunde keine echten Freunde waren, wenn das Leben mal wieder gemein war zu ihm … „Wenn alles so weh tut, wie soll ich da an einen Gott glauben können, der gut ist, mächtig und der mich mag?“
Und das Leben tat Lukas oft weh in dieser Zeit, seinen ersten Jahren in Deutschland. Wir waren im Sommer 2005, also nach meinem Burnout, in mein Heimatland gekommen, das meine Kinder bisher nur als Urlaubsziel kannten. Ich genoss es zunächst einmal, mich nach Jahren nicht um eine Kirchengemeinde kümmern zu müssen, schrieb ein bisschen, hielt ein paar Vorträge und war endlich wieder auch im Kopf und im Herzen präsent für meine Familie. Was wir aber komplett unterschätzt hatten, waren die kulturellen Unterschiede zwischen Kanada und Deutschland. Ich habe neulich eine soziologische Studie gelesen, warum Menschen, die in eine andere Kultur ziehen – und das kann schon ein Umzug von Bayern nach Norddeutschland sein –, oft so fertig sind: Die einfachsten Aufgaben wie Einkaufen oder Behördengänge werden zu Stressfaktoren, ganz einfach, weil sie anders sind als das, was man bisher kannte.
Hier ein paar Beispiele aus Lukas‘ Erfahrung: Er und seine Schwester wurden oft als unhöflich abgestempelt, weil sie auf Familienfeiern nicht herumliefen und jedem Verwandten die Hand schüttelten. In Kanada ruft man eben nur ein kurzes „Hi“ und „Bye“ in die Runde, wenn man sein Kommen oder Gehen bekannt geben möchte! Oft spürten sie, dass Erwachsene sie als unhöflich empfanden, obwohl sie gar nicht wussten, was sie falsch gemacht hatten.
Deutschland ist ein Sicherheitsland. Wie hat Grönemeyer es mal umschrieben? „Wir machen vieles richtig, aber wir machen‘s uns nicht leicht!“ Viele Dinge macht man hierzulande halt so, ohne dass sich Außenstehenden der Sinn unbedingt erschließt. So gab es irre lange Diskussionen mit Verwandten und Erziehern, warum es nicht ginge, im Oktober noch in Flip-Flops rumzulaufen. „Man kann sich doch erkälten, man kann auf dem halben Kilometer zum Kindergarten umknicken“, bekamen wir als Begründung vorgehalten. Was in Kanada normal war, wurde plötzlich zum Problem.
Kanadier sind – außer beim Eishockey – sehr höflich und zurückhaltend. Wenn sie nicht auf dem Eis sind, benutzen sie ihre Ellbogen nie. Auch nicht in einer Schlange. Dort stellen sie sich normalerweise lächelnd an, ohne sich vorzudrängeln. Es gibt dort im Straßenverkehr sogar sogenannte Four-Way-Stop-Kreuzungen, wo jeder Fahrer höflich wartet, bis er an der Reihe ist. Diese Methode geht auf, weil dort alle mitmachen. In Deutschland läuft das anders. So standen meine Kinder mit ihrem ersten deutschen Satz „Eine Kugel Banane bitte!“ sehr lange und immer höflich lächelnd in der Schlange vor der Eisdiele und wurden von den Erwachsenen nach hinten durchgereicht. Das kann, auch wenn du höflich lächelst, auf Dauer sehr frustrierend sein. „Kinder, so kommt ihr nie dran! Ihr müsst euch die Leute als Gegner beim Eishockey vorstellen!“, lautete mein hilfloser Ratschlag.
Die Schule! In British Columbia waren die Kindergartenkinder und die Erstklässler in einer gemeinsamen Klasse. Jetzt, als Lukas in Deutschland endlich zu den „Großen“ in die Schule durfte, entschloss diese sich nach nicht einmal zwei Wochen, ihn zurückzustufen und wieder in den Kindergarten zu schicken. Er könne die Sprache noch nicht gut genug, so die Begründung. Wer weiß, vielleicht hatte die Schulleitung ja sogar recht, aber für Lukas fühlte sich das anders an. Degradiert. Statt endlich bei den Großen mitzumischen – Kindergarten mit seiner kleinen Schwester.
Die Sprache! „Warum hast du deinen Kindern in Kanada denn nicht deine Muttersprache beigebracht?“ Gute Frage. Ich hatte nicht geplant zurückzuziehen! Es war irgendwie komisch, abends nach Hause zu kommen und auf einmal mit Deutsch anzufangen! Ich war zu faul! Auf jeden Fall mussten meine Kinder meinen Fehler jetzt ausbaden, und obwohl sie unglaublich schnell lernten, war der Anfang sehr, sehr schwer. Meine Tochter Jubilee kam fast täglich aggressiv und verletzt aus der Schule nach Hause: „Ich bin doof, ich bin hässlich!“, sagte sie immer wieder. Heißt übersetzt: „Die anderen Kinder haben mich auf dem Pausenhof wie immer komplett ignoriert, und weil ich schüchtern bin und die Sprache nicht so gut kann, habe ich mich nicht getraut, sie anzusprechen.“
„Ich bin doof, ich bin hässlich!“, sagte sie immer wieder. Heißt übersetzt: „Die anderen Kinder haben mich auf dem Pausenhof wie immer komplett ignoriert.“
Lukas war zunächst nicht ganz so schüchtern und versuchte es mit Körperkontakt. Wenn die anderen Jungs ihn ignorierten, dann klatschte er sie ab mit den Worten: „Wanna play?“ Was die natürlich nicht verstanden und sich prompt bei der Lehrerin beschwerten. Jetzt war er also auch noch ein Schläger! Zu seinem sechsten Geburtstag versuchten wir dann irgendwie, „Freunde“ für eine Party zusammenzutrommeln. In seiner Heimat hatte er sich vor Kumpels kaum retten können, und jetzt schrieben wir Einladungskarten an alle Jungs in seiner Klasse. Einer hat die Karte vor seinen Augen zerrissen: „Wieso Geburtstagsparty? Ich kenn dich doch gar nicht. Du kannst ja noch nicht einmal richtig Deutsch!“
Anklopfen
„Bittet, so wird euch gegeben! Sucht, und ihr werdet finden! Klopft an, und euch wird die Tür geöffnet! Denn wer bittet, der bekommt. Wer sucht, der findet. Und wer anklopft, dem wird geöffnet. Würde jemand von euch seinem Kind einen Stein geben, wenn es um ein Stück Brot bittet? Oder eine giftige Schlange, wenn es um einen Fisch bittet? Wenn schon ihr hartherzigen Menschen euren Kindern Gutes gebt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes schenken, die ihn darum bitten!“ (Matthäus 7,7 – 11)
Das Leben war also nicht leicht, und die Fragen in Lukas‘ Kopf wurde immer lauter:
„Wenn Gott gut ist, warum hilft er dann nicht?“
„Warum ist alles so schwer?“
„Warum hab ich hier so viel weniger Freunde?“
„Warum bekomme ich ständig Ärger in der Schule?“
„Warum fällt mir so vieles so schwer, was früher mal so leicht war?“
„Warum gibt es so oft Streit, wenn ich das eigentlich gar nicht möchte?“
„Warum …?“
Ganz normale Situationen, die fast jedes Kind mitmacht … aber für ihn war in diesen Jahren alles irgendwie so schwer.
Und irgendwann, Lukas war gerade acht, reichten Milch und Kekse nicht mehr als Antwort auf seine vielen „Warumist-das so“-Fragen. Er hatte endgültig genug!
Und irgendwann, Lukas war gerade acht, reichten Milch und Kekse nicht mehr als Antwort auf seine vielen „Warum-istdas-so“-Fragen. Er hatte endgültig genug! „Daddy, beten hilft nicht! Gott hilft nicht! Ich glaube gar nicht mehr, dass es ihn überhaupt gibt! Ich will nicht mehr mit euch in die Kirche gehen! Keiner von meinen Freunden glaubt an Gott. Und denen geht es viel besser als mir!“
Wie reagiert man auf so eine Frage?
Ich habe meinem Sprössling damals einen Deal vorgeschlagen. Jesus habe versprochen, dass er sich meldet, wenn wir uns auf die Suche machen. „Es gibt da sogar diesen Bibelvers!“, habe ich ihm erklärt. Also würden wir anklopfen und jeden Abend gemeinsam beten, zusammen, regelmäßig, für einen Monat.
„In deinem Buch steht doch, dass du antwortest, wenn wir anklopfen. Aber das machst du überhaupt gar nicht. Du sagst einfach nichts.“
Wenn Gott auftauchte, wollte Lukas gerne glauben. Würde Er sich aber verstecken, dann hätte mein Sohn das Recht, erst mal zum Atheismus überzutreten, und wir dürften ihn nicht mehr in die Kinderstunde „zwingen“. Es ist gar nicht so leicht für einen Papa, so einen Vorschlag zu machen, und er war mit viel Herzklopfen verbunden. Aber ich bin überzeugt: Wenn Gott tatsächlich existiert, dann ist Er für den Glauben meines Sohnes verantwortlich.
Also fingen wir an zu beten. Jeden Abend. Lukas nahm das sehr ernst. Als ich zwei Tage nicht zu Hause sein konnte, wollte er die Gebete unbedingt nachholen. Zuerst sollte ich Sätze vorbeten. Dann fing er an, mir ins Wort zu fallen, und formulierte seine eigenen Gedanken:
„Hallo, Gott, hier ist Lukas. Ich würde wirklich gerne an dich glauben. Ich finde das total beknackt. In deinem Buch steht doch, dass du antwortest, wenn wir anklopfen. Aber das machst du überhaupt gar nicht. Du sagst einfach nichts. Wie soll man denn da glauben können, dass du mich magst und mir helfen möchtest? Ich glaube fast gar nicht mehr, dass du noch irgendwann die Tür aufmachst. Aber wenn es dich doch gibt, dann würde ich echt gerne an dich glauben!“
Und fast jeden Abend habe ich hoffnungsvoll nachgefragt, ob Gott denn sein Gebet erhört und sich irgendwie gezeigt hätte. Die Antwort war immer die gleiche: Nein! Also beteten wir weiter.
Dann kam er irgendwann, der „letzte“ Gebetsabend. Nach dem Amen stellte ich Lukas wieder meine Frage: „Ist Gott schon irgendwo bei dir aufgetaucht?“ „Nein!“ „Dann brauchst du also nicht mehr an ihn zu glauben!“
In mir tobte ein Sturm: Was jetzt, du pädagogisch und theologisch geschulter Papa? Ich war inzwischen selbst sauer auf die nervende Stille dieses Gottes.
„Was machen wir denn jetzt, Kumpel?“
Und dann fragte mich mein Sohn, ob wir weiter einfach beten könnten? Weil es cool wäre, wenn es Gott tatsächlich gäbe. Und kleine Dinge waren tatsächlich passiert: Lukas kam ein bisschen besser in der Schule klar. Irgendwie war er in letzter Zeit fröhlicher. Steckte da doch ein liebender Gott dahinter?
Seine Gebete wurden jetzt immer ehrlicher. „Ich finde das voll doof, dass Du Dich nicht zeigst, Du hast es doch versprochen. Ich würde Dich so gerne lieb haben, aber dann muss ich wissen, dass Du da bist und mich lieb hast!“
So suchten wir gemeinsam weiter nach Gott. Ich war total beeindruckt, wie wichtig diese Suche nach Gott meinem kleinen Kerl war. Also beteten, klopften, suchten wir weiter und hofften … und irgendwie veränderte uns diese Suche. Aber ein deutliches Lebenszeichen, eine klare Reaktion, von oben blieb aus!
Mein Sohn, der Atheist!
Mitten in dieser Phase passierte eine total verrückte Geschichte. Wir wurden als Familie eingeladen, in einem christlichen Camp Englisch zu unterrichten und Musik zu machen.
Lukas hatte die Chance, parallel auf dem Gelände bei einer Cowboy- und Indianer-Freizeit mitzumachen. Wir wohnten in Bad Segeberg, dem Zentrum der Karl-May-Festspiele, haben Freunde in Kanada, die Indianer sind. Warum also nicht?!
An einem Abend, als ich auf der Bühne stand und mit all diesen christlichen Teenagern Lobpreis machte, war ich mal wieder total frustriert. Worship kann manchmal so unglaublich unecht sein. Wir singen Texte von totaler Hingabe, die wir eigentlich gar nicht meinen. Wir singen, als ob wir ganz genau wüssten, dass Gott immer da ist, immer hilft, immer unser Steuermann und Lebenslenker und natürlich unser bester Freund ist; und wenn wir dann zurück im wahren Leben sind, leben wir ganz anders; so häufig jedenfalls, wie ich Jesus ignoriere, ist der Satz vom „besten Freund“ oft nur ein leeres Versprechen.
Und dann erzählte ich von meinem Sohn, dem kleinen Atheisten, der sich nicht zufriedengeben will mit oberflächlichen Wahrheiten, der kritisch ist und sich auf die Suche macht, bis er Gott wirklich begegnet. Von dem ich so viel lerne.
Meine Frau sagt mir immer, ich denke zu viel und soll einfach singen, aber ich kann so was nicht, war wieder frustriert und hielt eine brennende Rede: „Warum schluckt ihr all diese platten christlichen Wahrheiten? Genügt euch das? Hat hier keiner Zweifel, dass all das, was wir hier besingen und erzählen, wirklich wahr ist?“ Und dann erzählte ich die Story von meinem Sohn, dem kleinen Atheisten, der sich nicht zufriedengeben will mit oberflächlichen Wahrheiten, der kritisch ist und sich auf die Suche macht, bis er Gott wirklich begegnet. Von dem ich so viel lerne. Und wie man in so einer Phase des Unglaubens fast mehr lernt über Gott als in Zeiten, wo man alles ohne Vorbehalte für voll nehmen kann.
Ich dachte anschließend eigentlich, ich hätte mein Anliegen ganz gut erklärt, aber dann kam der letzte Tag. Wir waren gerade beim Packen und wollten Lukas von den Cowboys und Indianern befreien, als zwei Bibelschüler – der eine trug sein Cowboykostüm sogar noch – mich sprechen wollten.
Ich kann den Bekehrungseifer der beiden Cowboys ja verstehen. Ich war früher selbst jemand, der solche „Skalps“ gesammelt hat.
„Hallo, wir haben gerade das Cowboycamp geleitet!“ Echt? Ich hatte schon befürchtet, ihr jungen Leute lauft jetzt alle so rum! „Bist du der Vater von Lukas, der denkt, dass sein Sohn ein Atheist wäre?“ Wie antwortet man jetzt auf so eine Frage? „Ja, ich bin Lukas‘ Vater, und prinzipiell habe ich das gesagt, obwohl es so formuliert jetzt etwas platt rüberkommt … “ „Aha!“, sagte der Cowboy und grinste dabei stolz. „Wir wollten dir nämlich erzählen, dass dein Sohn kein Atheist mehr ist. Wir haben ihm gestern Abend den Weg der Erlösung erklärt, und Lukas hat mit uns gebetet und den Herrn Jesus in sein Herz aufgenommen!“ Na, was sagst du jetzt?, schienen die Gesichter der beiden zu sagen. „Wir dachten nur, es wäre wichtig, dass wir dir das persönlich sagen, dass Lukas jetzt ein Gläubiger ist!“
Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Muss ich jetzt „Danke“ sagen? Viel lieber wollte ich den beiden grinsenden Gesichtern eine reinhauen. Aber ich hab mich dann doch höflich bedankt. Ich kann den Bekehrungseifer der beiden Cowboys ja verstehen. Ich war früher selbst jemand, der solche „Skalps“ gesammelt hat.
Ich war natürlich gespannt auf das, was Lukas mir darüber erzählen würde. Er meinte dann nur, dass er seine Bekehrung schon irgendwie so gemeint hätte, aber vor allem hätte er seine Campbetreuer nicht enttäuschen wollen. Sicher wäre er sich wegen der Gottsache jedenfalls immer noch nicht, und wir sollten unbedingt weiter anklopfen.
Also würde sie weitergehen, unsere Suche nach einem Gott, den man erleben kann, der mehr ist als ein paar geistliche Glaubenssätze in einem Bekehrungsgebet, die man einmal im Leben nachgesprochen haben sollte.
Die Idee
Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan! (Matthäus 25,40)
Als ich diesen Vers in meiner Bibel sah, kam mir eine Idee, die selbst Lukas‘ Mama umwerfend fand – nur leider nicht im positiven Sinne. Am Abend erzählte ich Lukas, dass Jesus mal gesagt hat, man findet ihn immer da, wo Schwache sind. Wenn man also einem ganz armen Menschen, der keine Rechte hat und sich nicht wehren kann, die Hand schüttelt, dann würde man Jesus die Hand schütteln. Wenn man sich um jemanden kümmert, der schwächer ist, dann wäre das, als ob man sich um Jesus kümmere. Wenn man jemandem etwas zu essen gibt, der Hunger hat, dann ist das, als hätte man Jesus geholfen!
„Und weißt du, wo es viele Menschen gibt, denen es nicht so gutgeht, die wenig zu essen haben?“
„Afrika?“
„Richtig! Also: Auf nach Afrika!“
So verkündeten wir an diesem Abend unseren Plan, nach Afrika zu fliegen, um dort Jesus zu finden.
Nebenbemerkung: Diese Idee ist grundsätzlich durchaus nachahmenswert, aber auch mit Vorsicht zu genießen. Meine Frau fand den Gedanken, ihren achtjährigen Sohn den Gefahren des afrikanischen Dschungels auszusetzen, eher gewöhnungsbedürftig!
Kleiner Tipp: Solche Ideen immer ZUERST mit deiner Frau teilen!
Aber wir beiden Männer fanden diese Idee von Tag zu Tag besser. Ein Freund von mir fliegt jedes Jahr mit einem kleinen Team nach Kampala, wo er eine Schule aufbaut und Teammitgliedern die Chance bietet, Uganda und seine Menschen zu erleben. Die Schule, die er quasi adoptiert hat, für die er Geld sammelt und regelmäßig mit Freiwilligen besucht, um selbst Hand anzulegen, ist ein Projekt des Kinderhilfswerks Global Care und wurde nach seiner verstorbenen kleinen Tochter, Naomi Froese, benannt.
Siegfried hatte noch Platz in seinem Team und wollte uns mitnehmen. Unser Plan wurde immer konkreter … bis Lukas die Riesenspritzen sah, mit denen man sich gegen alles Mögliche impfen sollte. „Daddy, am besten, du fliegst erst einmal alleine, fragst, ob Gott da ist, und ich flieg dann ein bisschen später hinterher!“
Teil 2 Meine eigene Entdeckungsreise
„Hat hier einer Gott gesehen?
Wir haben ihn verloren!“
Also habe ich mich alleine impfen lassen und saß im März 2008 mit 20 anderen Deutschen und ganz viel Gepäck im Flieger nach Uganda. Was wollte ich dort eigentlich?
1. Nicht immer nur über soziale Gerechtigkeit reden, sondern endlich was tun!
Wobei ich zugeben muss, dass ich mir in diesem Moment in der Rolle des guten Menschen mit einem ausgeprägten sozialen Gewissen sehr gefiel. Was tut man nicht alles, damit Leute einen gut finden! Was würde ich für coole Geschichten erzählen können, wenn ich wieder zurück wäre …
2. Ich wünsche mir eine Möglichkeit, eine Partnerschaft für unsere Gemeinde (ein Dorf, eine Schule, eine Kirche) zu beginnen, durch die wir zusammen aktiv mithelfen können, damit ein Ort mehr und mehr Gottes neue Welt erlebt!
Das war mir jetzt wirklich ein Anliegen, ganz einfach deswegen, weil es die praktische Hilfe von Mitchristen gewesen war, die in der Zeit des Burnouts meinen Glauben hatte überleben lassen!
3. Und natürlich wollte ich hier nachfragen, ob jemand Gott gesehen hat, damit ich Lukas davon erzählen kann!
Stimmt das tatsächlich, dass man Gott trifft, wenn man einem Schwachen die Hand schüttelt? Das man sich mit Gott anfreundet, wenn man Freund von jemandem wird, der nichts zu essen hat? Läuft Gott tatsächlich in Uganda rum? Werde ich ihn tatsächlich selbst erleben?
Stimmt das tatsächlich, dass man Gott trifft, wenn man einem Schwachen die Hand schüttelt?
Auf jeden Fall schrieb ich zum ersten Mal in meinem Leben Tagebuch. Falls Er tatsächlich auftauchen würde, wollte ich das nicht verpassen! Los geht´s!
Samstag, 8. März
50 Koffer nach Uganda
Nach fast genau 24 Stunden Bahnfahrt, Flugzeug und Busreise haben wir unser Ziel Kampala erreicht. Allerdings geht’s erst mal nicht ins Hotelzimmer – also keine Dusche, kein Bett, obwohl es jetzt genau das wäre, was ich unbedingt bräuchte. Auf dem Programm steht aber zunächst eine Jubiläumsparty in der Naomi-Froese-Schule, um die es bei unserem Einsatz hier hauptsächlich gehen wird. Die Schule ist gerade zehn Jahre alt geworden, und wir sind natürlich die Ehrengäste, wie fast überall, wo wir ab jetzt hinkommen. Was mir zuerst auff ällt: Sobald wir aus den alten Bussen steigen, sind wir von Kindern umringt. Ein paar ganz Mutige sind anscheinend von den anderen „bestochen“ worden und trauen sich, unsere weiße Haut anzufassen.
Irgendwann sitzen wir auf weißen Plastikstühlen – wie sooft in der nächsten Zeit –, um das Jubiläumsprogramm zu genießen. Wir werden in den nächsten Wochen ständig bei irgendwelchen Programmen dabei sein und meistens den Anfang und das Ende verpassen, weil noch andere Termine hinzukommen. Die Afrikaner haben einfach ein ganz anderes Zeitgefühl, und nie scheint jemand noch andere Termine zu haben oder nach Hause zu müssen, um sich auszuruhen. Jetzt sitzen wir also hier und genießen unsere ersten Eindrücke. Es werden viele Lieder gespielt, und die Gerüchte stimmen: Hier kann absolut jeder tanzen. Mir fällt auf, dass fast alle Kids die Mikrofone wie amerikanische Rapper halten. Die westliche Welt hat hier natürlich auch schon Einzug gehalten.
Das Essen ist auch eine spannende Angelegenheit: Erst werden uns mit Wasser in großen Kanistern die Hände gewaschen, dann werden wir von lächelnden, vor uns knienden Damen abgetrocknet. Das ist schon ein komisches Gefühl! Es folgen gekochte Bananen, Obst (das angeblich gefährlich ist, weil es andere Keime hat als die zu Hause), Hühnchen (ich passe, weil meine Schwester Sonja mich gewarnt hat), Reis und immer so weiter. Wir bekommen Gabeln, alle anderen essen mit der Hand. Das Händewaschen hatte also nicht nur metaphysisch-symbolische Bedeutung.
Nach dem Essen kommen ganz viele Reden. Die Afrikaner sind dankbar für die Naomi-Froese-Schule. Bildung ist hier absolut nichts Selbstverständliches. Ich erinnere mich an den Abend, als ich meine Tochter Jubilee mal ins Kino eingeladen habe, um zusammen „Die Päpstin“ zu sehen. Natürlich mit dem Hintergedanken, dass sie bestaunt, wie sehr Mädchen damals kämpfen mussten, um eine Schule besuchen zu dürfen. Ich weiß nicht, ob der Film meine Tochter tatsächlich dankbarer für ihre Hausaufgaben gemacht hat, aber ich weiß, dass sie zumindest von den negativen Umständen, den wenigen Bildungsangeboten, die es im Mittelalter für Frauen gab, beeindruckt war.
Hier in Afrika ist es auch nur für Kinder mit verhältnismäßig wohlhabenden Eltern möglich, eine Schule zu besuchen, und diese Freude, diesen Stolz, dazuzugehören, kannst du wirklich bei allen – Eltern, Lehrern, Schülern – spüren.
Fast jeder der locker 500 Leute, die hier rumsitzen, wird dann auch einzeln vorgestellt. Ein besonderer Höhepunkt ist erreicht, als wir der Schule ein Keyboard und ein paar der Gitarren übergeben, die meine Konfis gespendet haben, ebenso wie einen Haufen Fußbälle; jetzt kommt Stimmung auf.
Mein persönliches Highlight sind die vielen Kinder. Total lebendig, fröhlich und gleichzeitig absolut diszipliniert. Einfach schön! Irgendwann verlassen wir die Party, was der Stimmung aber keinen Abbruch zu tun scheint. Nach einem letzten spontanen Abendbrot im Hause der Missionare, in dem wir die kommende Zeit hier untergebracht sein werden, dem Aufhängen der Moskitonetze und Ohrstöpsel-Ausprobieren – falls einer meiner fünf Zimmerkollegen schnarcht – falle ich knappe 35 Stunden nach dem Aufstehen ins Koma!
Fazit des 1. Tages: Keine Ahnung, ob ich hier tatsächlich Gott finden werde. Keine Ahnung, ob ich hier irgendetwas Wertvolles, Gutes zurücklassen werde, obwohl ich das wirklich möchte. Aber schon nach den ersten Eindrücken ist mir klar, dass ich hier viel Gutes lernen werde.
Sonntag, 9. März
Wie ich mit einer schwarzen Gemeinde Polonaise tanze und als Jesus in eine Hochzeit platze
Der Tag beginnt mit einem kanadischen Frühstück, Pfannkuchen und Ahornsirup. Unsere Gastgeber, die Stevensons, sind Kanadier, und das spielt mir natürlich in die Karten. Essen wie zu Hause mit der Familie. Als wir anschließend mit einer kleinen Gruppe durch die Slums von Motunga zu einem Einzimmergebäude mit dem obligatorischen Blechdach fahren, um einen Gottesdienst zu feiern, werden wir, auch schon obligatorisch, von einer Horde Kinder begrüßt. Wieder dieses Ritual im Gottesdienst: Alle Gäste werden einzeln vorgestellt und gebeten, ihre Geschichte zu erzählen. Mein Kommentar: „Ich bin hier, weil mein Sohn nicht mehr an Gott glauben kann, obwohl er ihn gerne treffen würde, und ich soll hier in Uganda nach ihm suchen!“ Das Statement wird interessiert, aber mit Unverständnis aufgenommen: „Wieso sollte jemand nicht an Gott glauben können? Der ist doch einfach überall!“
Ich lasse den Blick über die hier versammelten Menschen streifen. Sofort fallen mir die angelesenen Infos ein, die ich mir vor der Reise reingezogen habe: Überall in diesem eigentlich so wunderschönen Land herrscht Aids. Auch hier gibt es kaum eine Familie, die nicht betroffen ist. Was mich an diesem Morgen total berührt: Fast jede Familie in dieser kleinen Kirche hat Aidswaisen als Kinder angenommen!
Durch die schreckliche Krankheit fehlt fast eine ganze Generation.
Durch die schreckliche Krankheit fehlt fast eine ganze Generation,,aber hier sitzen (bzw. tanzen) Omas, Opas, Onkel und Tanten und ihre neuen Kinder – und feiern einen Gott, der so unglaublich gut zu ihnen ist.
Im Gottesdienst wird dann einer meiner Träume wahr: Ich darf mit einer afrikanischen Gemeinde und ganz vielen Kindern „When I think about his goodness“ („Wenn ich an Seine Güte denke“) singen. Mein Lieblings-Kinderaktions-Lied! Dabei wird natürlich eine verrückte afrikanische Polonaise getanzt. Irre! So ganz anders als die norddeutsche Variante, für die ich jetzt wohl für immer verloren sein werde.
Nach dem Gottesdienst geht es gleich weiter zu einer Verlobungsfeier. Wir kennen eigentlich niemanden dort, aber der Bräutigam gehört zu einer der Kirchen, die durch die Arbeit unserer Missionare gegründet worden ist. Und wenn die Missionare eingeladen sind, dann natürlich auch deren Gäste aus Deutschland.
Colleen hat extra verschiedene Sets von Kleidern für die Brautjungfern gesammelt und zusammengestellt. Für uns Männer befiehlt die Sitte bei so einer Feier, dass wir ein weißes Kleid unter einer Anzugsjacke tragen. Wir wechseln also an einer Tankstelle die Klamotten, was ungefähr zwei Stunden dauert. Da meine Anzugsjacke den Gepäcktransport nicht überlebt hat, sehe ich nur mit meinen langen Haaren und meinem Kleid von hinten aus wie eine deutsche Braut. Auf die Frage, wie viel Zeit wir denn für die Verlobung einplanen sollten, bekomme ich einen Vortrag gehalten, dass Zeit hier keine Rolle spiele. „Steck deine Uhr die nächsten drei Wochen am besten einfach weg!“ Meine Frau würde es hier lieben.
Als wir ankommen, wird erst mal um den Preis der Braut gefeilscht. Diesmal ist sie zwei Kühe wert. Eine Sitte, die viele ugandische Kirchen bekämpfen, um das Statement zu setzen, dass Frauen kein Besitz sind. Viele Familien stürzen sich deswegen nämlich in unglaubliche Schulden, um die Familie der Braut mit Geschenken zu beeindrucken.
„Steck deine Uhr die nächsten drei Wochen einfach weg!“
Es gibt Geschichten von Großeltern, die mit Mitte 70 endlich genug Geld zusammenhaben, um zu heiraten. Oder Pärchen, die sich nur heimlich treffen, weil eine Hochzeit finanziell außer Reichweite ist, bis das Mädchen schließlich an einen Reicheren verheiratet wird. Oder eben Heiratswillige, die nie heiraten.
Der Umgang mit den vielen unverheiratet zusammenlebenden Paaren ist manchmal ein Problem für die Missionare. Die sind schließlich davon überzeugt, dass es eine Sünde ist, unverheiratet zusammenzuleben. Aber was sollen sie einem Paar raten, das sich eine Hochzeit schlichtweg nicht leisten kann und auch in absehbarer Zukunft nicht können wird?
Als Deutscher, der eine Kanadierin geheiratet und selbst 17 Jahre im Ausland gewohnt hat, versuche ich, andere Sitten und Bräuche nicht mehr mit „Bei uns ist es aber besser!“ zu kommentieren (dazu hat auch der ständige Widerspruch meiner Frau einen guten Teil beigetragen). Manche Traditionen und Gebräuche sind einfach über Jahrhunderte entstanden, und es ist unglaublich schwer, sie wieder loszuwerden.
Irgendwann gibt es dann eine Prozession, bei der die Gäste des Bräutigams – zu denen auch wir gehören – zu den Trucks gehen, um die dort gelagerten Brautgeschenke reinzutragen. Unter dem Jubel der Gäste marschieren wir also in Reih und Glied mit unseren Päckchen vor den Vater der Braut, um die Sachen vor ihm aufzubauen. Ich habe mir einen 50 Pfund schweren Sack Mehl geschnappt und über die Schulter geschmissen – schließlich muss man mit langen Haaren und weißem Kleid hart arbeiten, wenn man trotzdem männlich rüberkommen will. Als ich meinen Mehlsack gekonnt durch die Stuhlreihen schleppe, fangen die Afrikaner plötzlich an zu kichern, was man in dieser Kultur vor allem dann macht, wenn man peinlich berührt ist. Als ich später die Missionare frage, was denn der Grund für die Heiterkeit gewesen sei, fingen sie an zu lachen: Auch in Afrika kennt man das alte Jesusbild vom langhaarigen, weißgekleideten Hippie mit dem langen Gewand. Ich muss die Gruppe in meinem Outfit daran erinnert haben, und später kursierte tatsächlich das Gerücht, Jesus selbst wäre auf dieser Verlobungsfeier erschienen. Ich war eigentlich hier, ihn zu finden, jetzt werde ich mit ihm verwechselt. Wenn die nur wüssten!
Der Rest der Feier besteht aus Stand-up-Comedy, Modeschauen und Geschenken. Die Frauen müssen ständig knien, während wir Männer essen. Das Ganze dauert ungefähr sechs Stunden. Glaube ich zumindest, ich habe ja jetzt keine Uhr mehr um. Irgendwann verlassen wir die Party, was eigentlich unhöflich ist, aber was soll man machen? Wenn man hier jede Party zu Ende feiern würde … wir sind nun mal Deutsche und schließlich zum Arbeiten hier. Zeit ist für uns eben anders. Also gibt es eine große Abschiedsszene, und wir fahren nach Hause.
Fazit des 2. Tages: Wir dürfen die Zeit kontrollieren, sie ist ein Geschenk! Andersrum ist doof!
Montag, 10. März
Andere Sitten
Heute gab es endlich die Einführung in die ugandische Kultur, die uns helfen soll, uns hier nicht komplett danebenzubenehmen und zu verstehen, was um uns herum passiert. Hier ein paar der Regeln, die ich in den nächsten drei Wochen ausleben darf:
Regel Nummer 1: Zeit ist uninteressant!
Regel Nummer 2: Es wird erwartet, dass du deine Geschichte erzählst! Dafür ist immer Zeit da!
Regel Nummer 3: Männer, die lange Händchen halten, sind nett, nicht schwul!
Regel Nummer 4: Männer, die ihre Beine übereinanderschlagen, sind unhöflich; in der Nase popeln ist aber okay!
Regel Nummer 5: Eine schöne Oberweite ist uninteressant, ein dicker Hintern dafür sexy!
Regel Nummer 6: Knien ist höflich!
Regel Nummer 7: Lehne niemals etwas zu essen ab!
Regel Nummer 8: Auch wenn es heiß ist, ist es schön, so eng wie möglich zusammenzusitzen!
Regel Nummer 9: Beziehungen sind wichtiger, als die Arbeit fertigzukriegen!
Regel Nummer 4: Männer, die ihre Beine übereinanderschlagen, sind unhöflich; in der Nase popeln ist aber okay!
Regel Nummer 10: Man darf zu Bitten „nein“ sagen! Aber wenn du nickst, hast du ein Versprechen gemacht, und Versprechen werden nicht gebrochen!
Regel Nummer 11: Sei vorsichtig, wenn jemand deine Telefonnummer will! Das ganze Dorf wird dich anrufen!
Und noch ein paar Fakten über Uganda:
1. 60 % der Bevölkerung sind unter 16! Kaum etwas ist wichtiger als eine gute Schulbildung!
2. Aids ist überall! Fast jede Familie in Uganda ist davon betroffen, über 50 % der medizinischen Ressourcen werden hierfür verbraucht!
3. Keiner weiß so richtig, wie viele Menschen es in Uganda gibt. Von der Regierung werden die Zahlen eher kleingeredet, um den Bedarf einer besseren Infrastruktur zu vertuschen.
Gegen Mittag sind wir wieder zur Schule gefahren, in der wir von jetzt an viel Zeit verbringen werden. Ich bin zusammen mit Teammitglied Claudia der Einladung gefolgt, anstelle von Steineschleppen (unsere eigentliche Aufgabe an diesem Tag) zwei Stunden lang Musikunterricht zu geben. Man darf hier manchmal Sachen machen, die man sich nie zu träumen gewagt hätte. In den Pausen kann ich dann immer wieder mit Kindern spielen, die sich inzwischen alle trauen, mich anzufassen und mit meinen komisch glatten Haaren zu spielen. Die anfängliche Schüchternheit ist schnell verflogen, und mit den ganz Kleinen kann man herrlich durch Tiergeräusche in Kontakt kommen.
Dann erlebe ich meine erste ganz besondere Begegnung. Ich bin gerade dabei, einem Jungen ein paar Gitarrengriffe beizubringen, als mir Joseph vorgestellt wird. Meine Schwester Sonja (die so einen Einsatz auch schon mal mitgemacht hat) hatte ihn vor zwei Jahren vier Tage lang unterrichtet und ihm sogar ihr Instrument geschenkt; Joseph ist seitdem der Gitarrenlehrer von Kampala. Als der junge Lehrer erfährt, dass ich Sonjas Bruder bin, wird es sehr emotional: Es gibt Umarmungen, Tränen, und Bilder werden gezeigt. Spontan bildet sich jetzt ein Afrikanischer Chor, und erst bringe ich ihnen ein neues Lied bei, dann wieder Joseph, dann wieder ich und immer so weiter. Alle Lieder von Joseph, die er selbst komponiert hat, werden übrigens in der gleichen Akkordfolge gespielt: G - C - D - C - G. Also im Prinzip wie unsere westliche Worship-Musik, nur dass hier Moll-Akkorde unbekannt sind. Mein absolutes Highlight: „Jesus, you are the hope of Africa“. Man kann kaum beschreiben, was da gefühlsmäßig abgeht, wenn die fünfjährigen Kinder und ich als reicher Europäer das zusammen brüllen.
Irgendwann muss ich leider los, weil der Bus längst auf mich wartet. Ich bin eigentlich kein Nachtschwärmer, aber wenn du zwei Jahre später dort weitermachen kannst, wo deine Schwester etwas Wunderschönes angefangen hat, ist das wirklich was Besonderes! Ich wäre am liebsten die ganze Nacht dortgeblieben!
Fazit des 3. Tages: Jesus is the hope for Africa! Für einen Moment kann ich das heute glauben!
Darmowy fragment się skończył.