Czytaj książkę: «Zauberer Magnus»

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Erstes Abenteuer

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Zweites Abenteuer

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Drittes Abenteuer

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Impressum neobooks

Alle Rechte an der Geschichte liegen beim Autor.

1. Auflage 2021

Copyright © 2021 Florian Rattinger

Cover Gestaltung » Dahlia Mouton

www.instagram.com/dahliamouton/

Illustrationen » Ana Povedano

Verlag (Self-Publishing) » Florian Rattinger

c/o Block Services

Stuttgarter Str. 106

70736 Fellbach

Lektorat » Magdalena Rattinger

Vertrieb » epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Sämtliche Privatpersonen und Handlungen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Buchbeschreibung:

Zauberer Magnus: Im Kampf gegen die Purpurraben vereint die ersten drei Abenteuer des jungen Zauberers und seiner Freunde zu einem Band. Magnus, Gino und Sheri legen sich mit einer kriminellen Organisation von Magiern an, die ihre Schule unterwandert zu haben scheint. Magnus muss gelingen, woran sein verschollener Vater vor fünf Jahren gescheitert ist: Purpura Effodiant Corvi endlich das Handwerk zu legen!

Über den Autor:

Florian Rattinger kam 1989 im schönen Deggendorf, am Rande des Bayerischen Walds, zur Welt. Seit er schreiben kann, werkelt er an Geschichten. Bevor er sich daran machte, Kinder- und Jugendbücher zu verfassen, studierte er das Lehramt für Grundschule an der Universität Passau. Er war Lehrer im Landkreis Landshut und in München. Seit fünf Jahren lebt und arbeitet der Autor mit seiner Familie im beschaulichen Ostalbkreis. Florian Rattinger ist verheiratet und Vater einer Tochter.

Florian Rattinger

Zauberer Magnus

Im Kampf gegen die Purpurraben

Roman


Für Helena – ohne die es diese Geschichten nicht geben würde.

Erstes Abenteuer

1

„WENN ICH DICH IN DIE FINGER BEKOMME!“, dröhnt eine garstige Stimme durch die Gänge der Schule.

„Was hat er jetzt schon wieder angestellt?“, fragt sich Sheri und seufzt. Sheri ist 13 Jahre alt und ihr herausstechendes Merkmal ist ihr purpurviolett leuchtendes Haar. Sie ist auf dem Weg zu ihrem nächsten Kurs. Im Zentrum des Innenhofs bleibt sie stehen.

Zuerst erscheint Frau Demir-Magislav auf der Bildfläche. Die Indogermanisch-Lehrerin, die an der ganzen Schule für ihre unerbittliche Strenge bekannt ist. Sie versteckt sich hinter einer der großen Flügeltüren. Nur ihr Kopf lugt hervor. Frau Demir-Magislav tobt.

Aus der Tür stürmt Magnus. Sheris Freund. Ein Spargeltarzan im selben Alter wie sie. Magnus rennt um sein Leben. Mit der einen Hand hält er seinen Zylinder fest, mit der anderen schubst er Schüler aus dem Weg.

„Bitte mal durchlassen! Vielen Dank! Aufpassen! DANKE!“

Magnus rempelt Tim de Baal an, den Sportstar der Schule, und stößt ihn zu Boden. Der Schönling packt Magnus am Bein und ruft: „Hey, Möchtegern-Zauberer, das zahl‘ ich dir heim!“, doch Magnus befreit sich mit einem schnellen Schüttler aus dem Griff des Sport-Asses. Er sieht seine Freundin.

„Oh, hey, Sheri! Könntest du mir vielleicht kurz aushelfen?“, fragt Magnus und setzt ein charmantes Lächeln auf. Er keucht.

Sheri ist nicht begeistert.

„Was hast du verbrochen?“

„Ich? Wieso? Äh… Hm…? Also…“

„Raus mit der Sprache“, nötigt ihn Sheri.

„Ich habe aus Versehen Frau Demir-Magislavs Rock weggezaubert.“

Eine von Sheris Augenbrauen schießt nach oben.

„Du hast was?“

„Ja, also, ich bin in ihrem Zusatzkurs eingeschlafen. Er war halt so langweilig. Sie hat mich geweckt, indem sie ihr Indogermanisch-Buch auf meinen Tisch geknallt hat. Dann hat sie mich zum Übersetzen von fünf Texten verdonnert. Nach der Stunde wollte ich nochmal mit ihr reden. Sie bitten, ob sie mir die Strafe nicht erlässt.“ Magnus blitzt Sheri an. „Ich wollte ihr versprechen, dass ich mich in der nächsten Stunde besonders anstrenge.“

„Und weiter?“

„Ich hab‘ sie vor einem Elterngespräch erwischt. Sie ist vor dem Spiegel gestanden, hat sich die Haare gemacht und Lippenstift aufgelegt.“ Magnus schüttelt sich. „Ich hab‘ sie nur gefragt, für wen sie sich so aufbrezelt und daraufhin ist sie komplett ausgerastet. Sie hat mich angeschrien und mit den Füßen gestampft.“

„Hast du denn angeklopft, bevor du reingekommen bist?“, will Sheri wissen.

„Nein, hätte ich das tun sollen?“

Sheri ächzt. „Hast du wieder überreagiert?“

„Nein, ich war das nicht. Ehrlich! Mein Zauberstab hat sich selbstständig gemacht. Blöd nur, dass im selben Moment der Vater, auf den sie gewartet hat, in der Tür gestanden ist. Herr Wendigo. Du weißt schon, der Papa der Drillinge.“

Sheri patscht sich an die Stirn.

„Herrn Wendigo wären beim Anblick von Frau Demir-Magislavs gelber Sternchen-Unterwäsche beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen. Sie hat ihm mit dem Indogermanisch-Buch eins übergezogen und seitdem jagt sie mich.“

„MAAAAAAAGNUS!“, brüllt Frau Demir-Magislav. Sie kommt zuerst zögerlich, dann stampfend wie ein Tyrannosaurus rex auf den Innenhof. In einer Hand hält sie den abgebrochenen Rest ihres blauen Lippenstifts. In der anderen eine Heftmappe, mit der sie versucht, ihren Po zu bedecken. Einige Kinder kichern und deuten mit dem Finger auf sie. Tim de Baal meint sogar: „Hübsche Unterwäsche haben Sie da, Frau DM!“

Frau Demir-Magislav kocht vor Wut. Sie malt Tim de Baal ein dickes, blaues X auf die Stirn, packt sich Paul Pech, den Streber der Schule, und schüttelt ihn. „WO IST ER?“, kreischt sie ihn an.

„I…Ich w-weiß e-es nicht!“, stammelt der Junge. Ihm rutscht die Brille mit den Gläsern dick wie Flaschenböden von der Nase. Sie fällt auf das Pflaster und bricht in der Mitte auseinander. Nichts Neues für Paul Pech. Genau für diese Fälle hat er eine Auswahl extrastarker Klebebänder im Schulranzen.

„DU NICHTSNUTZ!“, schnaubt Frau Demir-Magislav und lässt ihn los. Dabei verrutscht ihre Heftmappe. Paul Pech bekommt beim Anblick, der sich ihm bietet, knallrote Ohren.

„Biiiiiiitte, Sheri, hilf mir aus der Patsche!“, fleht Magnus an.

„Gibt es keinen Zauber, mit dem du dich weghexen kannst?“

„Du weißt, dass ich meine Zauber nicht auf mich selbst anwenden kann.“

„Ach ja, das hab‘ ich vergessen“, sagt Sheri und lächelt rechthaberisch. „Na gut, ich will ja nicht so sein. Halt still!“

Sheri kramt in ihrer Tasche. Sie ist vollgestopft mit technischen Geräten. Überall hängen Kabel heraus, funkeln Transistoren wie Juwelen, klappert Metall und Plastik. Sheri findet, wonach sie sucht. Eine kleine schwarze Dose mit weißem Kreppband beklebt. »Invisi-MAX«, steht auf dem Band, darunter in winzigen Buchstaben: »Prototyp«.

„Halt dir die Nase zu“, sagt Sheri zu Magnus. „Das Zeug kitzelt ganz schön.“

„Danke, Sheri, du bist die Beste!“, sagt Magnus und drückt seine Freundin, bevor er sich mit Daumen und Zeigefinger die Nase zuhält.

Sheri sprüht ihren Freund großzügig mit dem »Invisi-MAX« ein. Zuerst ist das Spray ein Nebel aus tausenden glitzernder Partikel. Dann legt es sich auf Magnus‘ Haut und Kleidung und macht ihn unsichtbar.

„Hat es funktioniert?“, fragt Magnus Sheri.

„Ja“, antwortet sie. „Und jetzt halt die Klappe!“

Frau Demir-Magislav kommt herangetrampelt. Sie baut sich wie ein Turm vor Sheri auf und schenkt ihr einen misstrauischen Blick.

„Sheri Dorli!“

„Frau Demir-Magislav?“, antwortet Sheri und gibt sich Mühe, Frau DMs Sternchen-Schlüpfer keine Beachtung zu schenken.

„Hast du deinen dämlichen Freund Magnus gesehen?“

„Nein, tut mir leid. Am Freitag haben wir leider nur eine Stunde gemeinsam. Astrochemie bei Professor Samson. Heute habe ich ihn noch nicht gesehen.“

„Aha?“

„Außerdem ist Magnus nicht dämlich. Genauso wenig wie ich – oder Sie. Sonst wären wir nicht auf dieser Schule, habe ich Recht?“

Magnus kichert. Frau Demir-Magislav scheint das glücklicherweise nicht zu hören.

„Ja, ich muss dann auch weiter. Auf Wiedersehen, Frau Demir-Magislav!“

Beinahe hätte ihr Trick funktioniert. Doch um Frau Demir-Magislav ihre Bemerkung über Magnus heimzuzahlen, gibt sich Sheri übertrieben angeberisch. Sie wirft ihre Haare hoch und streift dabei Magnus‘ Nase.

„HAAAATSCHI!“

Glitter verteilt sich über Frau Demir-Magislavs Bluse und macht sie pünktchenweise unsichtbar. Gleichzeitig erscheint Magnus‘ Nase wie aus dem Nichts.

„Mann, verflucht!“, sagt Sheri.

Frau Demir-Magislav holt ein Taschentuch aus der Brusttasche ihres Jacketts und putzt Magnus Sheris Unsichtbarkeitsspray aus dem Gesicht.

„Hallo, Frau Demir-Magislav“, sagt Magnus, nachdem das Taschentuch vollständig verschwunden ist. Sein Kopf schwebt scheinbar körperlos in der Luft.

Frau Demir-Magislavs Blick springt zwischen Magnus’ Kopf und Sheri hin und her. Ihre Augen blitzen gefährlich. Sie lässt die Heftmappe fallen und stupst erst Magnus dann Sheri mit dem Zeigefinger auf die Nasenspitze.

Dass die übrigen Kinder auf dem Innenhof vor Lachen brüllen, macht Frau Demir-Magislav nichts aus.

„Du und dein dämlicher Freund habt jetzt erst mal eine Verabredung mit dem Direktor.“

2

Magnus und Sheri sitzen duckmäuserisch auf zwei Stühlen vor dem Tisch des Rektors – Professor Dr. Dr. Roland Feynmann.

„Opal, ich weiß, dass ich dir und Melefer versprochen habe, mich um Magnus zu kümmern, aber das ist bereits der dreizehnte Vorfall dieses Schuljahr.“ Der alte Herr mit den zu Zöpfen geflochtenem goldenen Vollbart spricht in die Lautsprechanlage seines Telefons. Um sein Argument zu bekräftigen, hat Professor Feynmann Magnus‘ Akte aus dem Schrank geholt. Daneben liegt Sheris. Während sich Sheris Schülerakte eher wie die Speisekarte eines Restaurants liest, gleicht Magnus‘ einem Roman.

„LASSEN SIE MEINEN VATER AUS DEM SPIEL! ER HAT NICHTS DAMIT ZU TUN!“, zischt Magnus. Professor Feynmann ignoriert Magnus‘ Ausbruch und spricht weiter mit seiner Mutter. „Wenn sich sein Verhalten nicht bessert – fürchte ich – muss ich ihn der Schule verweisen.“

„Es tut mir leid, Roland“, entschuldigt sich eine Frauenstimme am Telefon. „Auch bei Ihnen möchte ich mich für das Verhalten meines Sohnes entschuldigen, Frau Demir-Magislav! Wenn Sie ihn deswegem der Schule verweisen wollen, dann ist das so. Wir haben zuhause schon oft genug über diese Vorfälle gesprochen, oder Magnus?“

Magnus antwortet mit einem leisen „Ja“. Er guckt in den Boden.

„Trotzdem bitte ich dich, Roland. Gib‘ Magnus noch eine Chance! Versprichst du dich denn zu bessern, Sohnemann?“

Nach einer kurzen Weile nickt Magnus. Es wirkt, als könne Opal das hören.

„Und entschuldigst du dich auch bei Frau Demir-Magislav?“

Magnus wirft seiner Indogermanisch-Lehrerin einen Seitenblick zu (sie trägt nun eine schwarze Jogging-Hose) und schmollt.

„Ja“, entkommt seinen Lippen.

„Gut, dann reden wir zuhause weiter. Natürlich unter der Bedingung, dass du alle Strafen akzeptierst, die Professor Feynmann und Frau Demir-Magislav dir auferlegen.“

„Wenn es sein muss…“

„Danke für den Anruf, Roland. Ich sehe zu, dass ich so bald wie möglich zu dir in die Sprechstunde komme. Bis dann.“

„Bis dann, Opal“, sagt Professor Feynmann und legt den Hörer auf die Gabel.

Nach einer Minute des Schweigens, die Magnus wie eine Ewigkeit vorkommt, sagt er zu Frau Demir-Magislav: „Es tut mir leid, dass ich Ihnen den Rock weggezaubert habe. Das war nicht in Ordnung von mir.“

Frau Demir-Magislav lächelt süffisant, bis Magnus ergänzt: „Aber die vielen Indogermanisch-Strafarbeiten waren total übertrieben!“

„DU!!!“, knurrt Frau Demir-Magislav. Professor Feynmann springt in die Bresche.

„Priscilla, beruhigen Sie sich. Magnus hat sich entschuldigt und das rechne ich ihm hoch an.“ Professor Feynmanns ist milde gestimmt. „Und jetzt kommen wir zu Sheri!“

Professor Feynmann richtet seine Aufmerksamkeit auf ein kleines metallisches Kästchen auf seinem Tisch. Es ist ein mobiles Bildtelefon. Eine von Sheris Erfindungen. Auf der Mattscheibe ist ein kugeliger Mann mit feisten Backen und blau leuchtendem Haar zu sehen: Sheris Vater Sherwin. Die ganze Familie hat diese glühenden Haare. Sheris Mutter Regula hat ein spezielles Färbemittel erfunden, das die Haare im Dunkeln leuchten lässt. Sheris sind purpurn, Sherwins sind blau und die ihrer Mutter strahlend gelb.

„Da sich Sheri bisher noch nie etwas zu Schulden hat kommen lassen, lasse ich bei ihr Nachsicht walten“, meint Professor Feynmann zum Mann im Metallkästchen. „Vorausgesetzt, auch Sie entschuldigt sich bei Frau Demir-Magislav.“

„Entschuldigung, Frau Demir-Magislav! Ich hätte Sie nicht anlügen dürfen. Das weiß ich jetzt.“, rattert es aus Sheri. Ihr ist die ganze Situation unangenehm. Nicht, weil sie es bereut, ihrem Freund geholfen zu haben, sondern wegen ihres Vaters.

„Das ging schnell“, stutzt selbst Professor Feynmann. „Aber gut! Nehmen Sie die Entschuldigung an, Frau Demir-Magislav?“

„Natürlich“, antwortet sie, mit eben demselben selbstgefälligen Grinsen.

„Ich möchte Sheri gerne heute eine Stunde zum Nachsitzen dabehalten, damit sie darüber nachdenken kann, wie man sich einer Lehrperson gegenüber respektvoll verhält.“

„Schicken Sie mir das Protokoll des Gesprächs einfach per Mail. Sheri kann Ihnen die Adresse geben. Ich versuche, es dann auch zeitnah zu lesen. Wie hart sie Sheri bestrafen wollen, überlasse ich ganz Ihnen. Ich stimme jeglichen Maßnahmen zu, die Sie für angemessen halten“, meint Sheris Vater. „Ich habe nun leider einen wichtigen Termin. Auf Wiedersehen!“

Damit endet die Video-Übertragung und der Bildschirm wird schwarz.

„Blöder Hornochse“, haucht Sheri, doch bis auf Magnus hört sie niemand.

„Gut, dann sieht die Sache nun folgendermaßen aus“, fasst Professor Feynmann zusammen. „Sheri sitzt nach Unterrichtsende noch eine Stunde nach. Damit ist ihre Strafe abgegolten. Magnus, ich habe vorher mit deiner Mutter ausgehandelt, dass du heute und die ganze nächste Woche nachsitzt. Am Montag wirst du Hausmeister Gold bei seiner Arbeit unterstützen. Er hat angekündigt, dass er Hilfe bei der Reperatur des alten Warmwasserboilers benötigt. Dabei wirst du ihm zu Hand gehen.“

Magnus stöhnt, Sheri erträgt ihre Strafe mit Würde.

„Irgendwelche Einwände?“

„Nein, Professor Feynmann!“, bellen die beiden Freunde unisono.

„Gut, damit seid ihr entlassen. Sheri, bist du so lieb und schreibst mir die Mail-Adresse deines Vaters auf? Über die Einzelheiten des heutigen Nachsitzens wird euch Frau Demir-Magislav informieren.“

Sheri kritzelt etwas Unleserliches auf einen Notizzettel. Währenddessen nimmt Frau Demir-Magislav einen ganzen Stapel Indogermanisch-Bücher vom Tisch des Direktors.

„Nächste Woche wirst du viel Zeit haben, dich intensiv mit indogermanischen Texten auseinanderzusetzen“, sagt sie und lacht triumphal.

Magnus schreit nach Hilfe, aber nur innerlich, wo ihn niemand hört.

3

„Entschuldigen Sie bitte, dass wir zu spät sind!“, sagt Sheri.

Magnus und sie stehen gemeinsam in der Tür zum Observatorium. Über ihren Köpfen leuchten hunderte funkelnde hyperreal wirkender Sterne. Eine Handvoll Himmelskörper strahlt besonders hell.

„Wir hatten ein Gespräch mit Professor Feynmann“, fährt Magnus fort. Das ist nur die halbe Wahrheit. Auf dem Weg zur Sternwarte haben Magnus und Sheri Dampf abgelassen und sich lauthals über die unfaire Behandlung und das Nachsitzen beschwert.

„Davon habe ich gehört“, sagt der Astrochemie-Lehrer Herr Samson. „Setzt euch. In der letzten Reihe sind noch zwei Plätze frei.“

Herr Samson ist erst seit diesem Jahr Lehrer an der Schule für Kinder mit besonderen Begabungen. Neben Astrochemie unterrichtet er außerdem orientalische Geschichte. Viele mutmaßen, dass er aus der Vorliebe für sein Nebenfach ständig eine rote Schakalmaske trägt. Noch nie hat ihn ein Schüler ohne gesehen. Das sorgt für Gerüchte. Eines besagt, er sei unsagbar hässlich, ein anderes, dass er in Wirklichkeit eine Berühmtheit oder ein Supergenie sei. Ein paar Spinner an der Schule glauben, er sei ein international gesuchter Verbrecher.

Niemand kennt die Wahrheit.

Abgesehen von der Maske ist Herr Samson ein anständiger und geduldiger Lehrer. Das denkt auch Magnus.

Die übrigen Kinder kichern oder tuscheln, während Sheri und Magnus auf ihre Plätze in der letzten Reihe schleichen. Magnus heimst die Blicke seiner Mitschüler ein. Die Nachricht über seinen neusten Streich hat schon längst die Runde gemacht.

„Sirius ist der hellste Stern am Firmament“, fährt Herr Samson seine Vorlesung fort. „Er ist von überall auf der Welt am Himmel zu sehen. Sein lateinischer Name lautet »Canis Major«, was zu Deutsch »Großer Hund« bedeutet. Sirius besteht neben Wasserstoff und Helium zu großen Teilen aus schwereren Elementen, beispielsweise Eisen. Er ist doppelt so hell wie der zweithellste Stern, Canopus…“

Magnus und Sheri packen ihre Schulsachen aus. Seinen Zauberstab behält Magnus sicherheitshalber in seiner Hosentasche. Für einen Tag hat er damit schon genug Unheil angerichtet.

„Hey, psht, Magnus! Sheri!“, dröhnt es aus einer der vorderen Reihen. Es ist Gino, der die beiden ruft. Das fehlende dritte Mitglied von Magnus‘ Clique. Er ist ein Klotz mit breiten Schultern und einer ordentlichen Wampe. Er hat einen blau gefärbten Irokesen und gehört zu einer Familie der besten Tierbändiger der Welt. Aufgrund seiner Talente ist Gino vor zwei Jahren an die Schule für Kinder mit besonderen Begabungen gekommen. Seit dem ersten Tag kennt er Magnus und Sheri. „Was war los im Büro vom Direx?“

„Das erzähl‘ ich dir später“, formt Magnus mit seinen Lippen.

„Ich will es jetzt wissen“, flüstert Gino.

Gino dreht sich zu Herrn Samson um. Er ist dabei, der Klasse die elementare Zusammensetzung präsolarer Materie zu erklären. „Präsolare Minerale sind das älteste Gestein in unserem Sonnensystem und stammen höchstwahrscheinlich von Roten Riesen oder sind Überreste von Supernova-Explosionen. Während ein Teil der präsolaren Materie auch ganz normal als herkömmliche Mineralien in der Erdkruste vorkommen – zum Beispiel Korund, Diamant oder Rutil – kommen Silicium- oder Titancarbid für gewöhnlich nur im Weltall vor.“

Gino holt etwas aus seiner extrabreiten Gürteltasche: eine Handvoll karamellisierter Insekten – größtenteils Grillen und Kakerlaken. Als Nächstes öffnet er das kreisrunde Fach an der Vorderseite seines waschmaschinengroßen Rucksacks und wirft die Süßigkeiten hinein.

Der Rucksack klimpert, er faucht und dann ist Stille. Ein Reptil hüpft aus dem runden Loch und landet auf Ginos Arm. Es sieht sich die Sterne an der Decke mit zwei großen unabhängig voneinander bewegbaren Augen an.

Das Reptil ist ein gestreiftes papageigrünes Chamäleon. Gino tätschelt es und flüstert ihm etwas in das Ohrloch. Danach setzt er das Chamäleon auf seinen Tisch und dreht sich zu Magnus um.

„Hex‘ mich klein!“, wispert Gino in die letzte Reihe.

„Nein, mach ich nicht!“, formt Magnus mit den Lippen.

„Jetzt komm‘ schon!“

Magnus wägt seine Optionen ab und gibt schließlich nach. Er holt seinen Zauberstab aus der Hosentasche und spricht hinter vorgehaltener Hand einen kurzen Zauberspruch.

„YES!“, sagt Gino und ballt die Fäuste. Ein kleiner kupferspangrüner Blitz schießt aus der Spitze des Zauberstabs und saust zu Magnus‘ Freund. Der Blitz verkleinert Gino auf die Größe einer Springmaus. Er landet wie eine Katze auf allen vieren. Gleichzeitig verwandelt sich das Chamäleon in ein makelloses Abbild seines Besitzers. Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Wenn man von der langen rosa und ultraklebrigen Zunge absieht.

Gino rast durch eine Reihe Stuhlbeine zu Magnus. Magnus lässt Gino auf seine Hand hüpfen, holt ihn zu sich hoch und versteckt ihn hinter seinem Mäppchen.

„Hast du Frau DM tatsächlich den Rock weggehext?“, fragt Gino mit einer Fistelstimme. Sheri stupst Magnus mit dem Ellbogen an und deutet auf Herrn Samson. Sie legt den Zeigefinger auf ihre Lippen und macht „Pscht!“.

„Sheri, ist alles gut“, meint Magnus, dann sagt er zu Gino: „Ja, leider. Aus Versehen. Ich schwör’s!“

„Wie hat Feynmann reagiert?“

„Ich muss die ganze nächste Woche nachsitzen und Hausmeister Gold dabei helfen, den Warmwasserboiler zu reparieren.“

Plötzlich trifft Magnus etwas an der Stirn. Als er sich an den Kopf fasst, hat er auf einmal weiße Farbe an den Fingern, die sich leicht zerreiben lässt. Kreide.

„Kannst du mir die elementare Zusammensetzung des Minerals Nierit nennen, Magnus? Tipp: Es wird auf der Erde ausschließlich in Meteoriten gefunden“, fragt Herr Samson.

Magnus sucht Hilfe bei Sheri, die zuckt aber nur die Schultern und sagt: „Ich hab‘ dich gewarnt.“

Durch Kopfschütteln gibt Gino Magnus zu verstehen, dass er die Antwort ebenfalls nicht kennt.

„Äh, hm, also…“, stammelt Magnus.

„Mann, es ist Siliciumnitrid!“, stöhnt eine Schülerin in der ersten Reihe. Es ist ein Mädchen mit gemeinen Augen, Sommersprossen und einem roten Pagenschnitt. Cosima. Eines der Drillingsmädchen. Ihre schwarzhaarige Schwester Stella auf dem Platz daneben kichert. Die blonde Schwester Astra am Rand guckt peinlich berührt in den Boden.

„Du Versager. Kein Wunder, dass dein Vater deine Familie verlassen hat. Bei so einem Nichtsnutz als Sohn.“

„Sagt die, deren Vater feuerrote Ohren bekommen hat, als er Frau Demir-Magislavs Po gesehen hat. Ihm wären fast die Augen aus dem Kopf gefallen!“

Eine ganze Menge „Uh!“- und „Oh!“-Rufe raunen durch das Klassenzimmer. „Das reicht“, sagt Herr Samson. Die Klasse schweigt. Herr Samson steht neben Ginos Tisch und tätschelt ihm liebevoll über den Kopf. Ginos Chamäleon leckt ihm mit seiner langen Zunge den Arm. Herr Samsons Reaktion darauf ist durch die Maske verschleiert.

„Scheibenkleister!“, meint Gino, der hinter Magnus‘ Mäppchen hervorlugt.

„Cosima, das ist richtig“, sagt Herr Samson. „Aber weißt du auch, wozu es verwendet wird?“

„Als Projektionskristall“, antwortet Sheri wie aus der Pistole geschossen. „Aus Siliciumnitrid lässt sich Elektronik bauen, die in der Lage ist, vierdimensionale Gittermatrizen zu erzeugen.“

„Das ist richtig“, antwortet Herr Samson. „Das größte Stück Siliciumnitrid, das auf der Erde gefunden worden ist, wurde im alten Ägypten zu einem Edelstein mit dem Namen „Stern des Osiris“ verarbeitet. Ein schwarzes Juwel mit der Leuchtkraft eines Regenbogens. Ich hätte gedacht, du würdest das wissen, Magnus. Glaubt man den Geschichten, ist dein Vater aktuell im Besitz dieses Juwels.“

Magnus weiß nicht, was er sagen soll. Herr Samson geht zurück zu seinem Pult. Er stützt beide Arme auf den Tisch. „Wie dem auch sei: Magnus, Gino und Cosima. Ich möchte euch Drei gerne nach dem Unterricht sprechen.“

Danach fährt Herr Samson mit seinem Vortrag über präsolare Mineralien fort. Gino flitzt zurück zu seinem Platz und Magnus hext ihn auf normale Größe.

Der Rest der Stunde verläuft störungsfrei. Unter anderem liegt das daran, dass Magnus interessiert zuhört.

4

Es ist 17.45 Uhr. Noch eine Viertelstunde bis Magnus endlich nach Hause darf. Er kauert über einem Stapel Indogermanisch-Bücher. Eine Seite Übersetzung hat er hinbekommen, jetzt schwirren die Silben in seinem Kopf wild umher wie die Buchstaben in einer Buchstabensuppe.

Magnus wirft einen Blick zur Seite.

Sheris Finger fliegen über die Seiten. Sie hat fünf Bücher gleichzeitig geöffnet. Mit ihrer freien Hand schreibt sie. Magnus bildet sich ein, zu sehen, wie Rauch über dem Stift aufsteigt.

„Und trotzdem bekommt sie vor jedem Test eine Panikattacke“, denkt er. „Sie ist die Jahrgangsbeste und glaubt trotzdem jedes Mal, eine Sechs zu schreiben. Ich wäre gerne so klug wie sie.“

Gino hat sich Tommaso auf das Gesicht gesetzt. Das ist der Name seines Chamäleons. Während das Reptil Gino sanft die Wangen wärmt und mit seinen Verwandlungskünsten dafür sorgt, dass Magnus‘ schnarchender Freund nicht auffliegt, fischt es gelangweilt Staubflusen aus der Luft.

„Herr Revo, ich weigere mich auch nur noch eine von Herr Samsons Aufgaben zu erledigen! Seine Strafe war total überzogen. Glauben Sie mir, wenn mein Papa davon erfährt, wird er sich sofort bei Herrn Feynmann beschweren. Eigentlich sollte ich gar nicht hier sein. Das ist alles seine Schuld!“

Cosima deutet mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Magnus. Magnus zeigt ihr die Zunge. Herr Revos Augen und Nase schweben einen Moment über seiner Zeitung. Sein Blick springt von Magnus zu Cosima. Danach verschwinden die Augen des Werk-Lehrers wieder hinter der Wand aus Recyclingpapier.

„Ja gut, Sie wollten es ja so!“, schnaubt Cosima und schmollt. Sie ist den Tränen nahe. Ihr raucht genauso die Rübe wie Magnus. Sie legt ihre Astrochemie-Aufgaben zur Seite und widmet sich ihrem Skizzenblock. Sie malt irgendetwas mit Aquarellstiften hinein.

Magnus guckt auf die Uhr. 17.47 Uhr.

„Waaaaaas? Das kann nicht sein!“

Er überlegt, wie sich Zeit totschlagen lässt und gelangt zum Schluss, dass er es seinem Freund gleichtun sollte.

„Hokus Visus!“, flüstert Magnus und berührt dazu den Zauberstab in seiner Hosentasche. Eine Brille erscheint auf Magnus‘ Nase, die ihn aussehen lässt, als hätte er die Augen offen. An Tommasos Raffinesse kommt die Brille nicht heran.

Kurze Zeit später schläft Magnus ein.

Im Traum sieht er einen schwarzen Edelstein. Ein geschliffenes Juwel in der Form eines Brillanten. Es schillert in tausend Farben. Der Edelstein ist der Stern des Osiris und er ist zum Greifen nahe. Zahlreiche dunkle und enge Gänge liegen hinter Magnus. Er ist im Herzen eines altägyptischen Tempels. Den Stein will Magnus Opal zum Geschenk machen. Er will sie mit seinen schillernden Farben beeindrucken.

Der Edelstein steckt in einem Steinrelief. Magnus stolpert auf den Stein zu. Er hat heißen Wüstensand in den Schuhen, aber auch in Mund und Nase. Er streckt seine Hand aus und berührt den Stern des Osiris. Als Magnus‘ Finger den Stein streifen, sendet das Juwel purpurviolettes Licht aus. Schwarzer Nebel dringt aus dem Stein, umströmt Magnus und verschluckt ihn.

Magnus schnappt keuchend nach Luft. Köpfe schnellen in seine Richtung.

„Entschuldigung!“, sagt er. „Mir ist nur eingefallen, dass ich heute noch für einen Test lernen muss.“

Tatsächlich hat Magnus davon geträumt, wie sein Vater den Stern des Osiris geborgen hat.

Sheri seufzt, Cosima schaut panisch drein („Welcher Test?“, steht ihr ins Gesicht geschrieben), Gino schnarcht ungestört weiter. Herr Revos Kopf erscheint erneut über seiner Zeitung und verschwindet genauso schnell wieder.

„Es ist nur ein Traum gewesen!“, beruhigt sich Magnus.

Er sieht auf die Uhr. Es ist 17.49 Uhr.

„Argh! Das kann nicht waaaahr sein!“, schreit er innerlich auf.

„Hey, du, pscht!“

Die Stimme kommt aus der letzten Reihe.

„Bist du wegen Samson hier?“, fragt Kozak. Er hat von Magnus‘ neustem Streich offenbar noch nichts gehört. Kein Wunder. Kozak ist der Kopf hinter unzähligen Verschwörungstheorien. In der Freizeit strickt er sich Mützen aus Stahlwolle, um sich vor Gedankenkontrolle durch Radiowellen zu schützen. Er hält Handys für die Erfindung einer geheimen Regierung, die die Gehirne ihrer Bürger kontrollieren will. Kozak und seine Eltern besitzen keinen Fernseher, kein Radio, nicht einmal einen Elektroherd. Zu groß ist seine Angst vor Einflussnahme durch geheimnisvolle Kräfte. Zu seinen Mitschülern hält Kozak Abstand. Oder sie zu ihm. Den neuen Schülern macht er auch schon mal Angst. Kozak sieht mit seinem kreidebleichen Gesicht und den schwarzen Augenringen aus wie ein Panda.

„Nein, Frau Demir-Magislav hat mich zum Nachsitzen verdonnert“, antwortet Magnus und fügt nach einer kurzen Pause an: „Lange Geschichte.“

„Achso…“, sagt Kozak und ergänzt nach einer Unterbrechung seinerseits: „Hast du schon gehört, dass Herr Samson der Anführer einer geheimen Sekte namens »Purpura Effodiant Corvi« – oder kurz PEC – sein soll?“

„Purpur Fondant Korfu?“

„»Purpura Effodiant Corvi« oder zu deutsch: »die purpurnen Raben«.“

„Habe ich noch nie gehört, sorry“, antwortet Magnus. „Über Herrn Samson gibt es die wildesten Gerüchte. Keiner weiß, weshalb er diese Maske trägt.“

Kozak seufzt.

„Oh, doch, ich!“, widerspricht Kozak. „Weil er den purpurnen Raben angehört. Das ist die Wahrheit. Und überhaupt: Es ist seltsam, dass ausgerechnet du nicht über PEC Bescheid weißt.“

„Wieso?“, fragt Magnus. Es gibt angenehmere Dinge, als sich mit Kozak zu unterhalten. Auf der anderen Seite warten Dutzende Seiten Indogermanisch darauf, vom jungen Zauberer übersetzt zu werden.

„Na, weil sie eine Vereinigung krimineller Magier sind, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die stärksten magischen Artefakte der Welt zu sammeln!“

Jetzt ist Magnus ganz Ohr.

„Das Buch von Babel haben sie sich bereits unter den Nagel gerissen, genauso wie der Stab von Avalon. Was ihnen noch fehlt, ist der Stern des Osiris. Dein Vater hatte ihn doch, als er verschwunden ist, oder?“

„Ja, er hat ihn mitgenommen…“, bleibt Magnus absichtlich vage.

„Nein, nein, nein, das ist alles Schwachsinn!“, denkt Magnus.

„Ist dir schon aufgefallen, dass seit neuestem die seltsamsten Dinge verschwinden?“, setzt Kozak nach. „Paul Pechs Chemiekasten mit allen 118 Elementen. Tim de Baals Glücks-Schweißband und Astras dreihundertjährige Bratsche, die angeblich Theobald Süßgrund höchstpersönlich gehört haben soll – dem talentiertesten Komponisten des 17. Jahrhunderts.“ Kozak deutet, um seine Behauptung zu bekräftigen, auf Cosima, Astras Schwester. „Das stinkt doch zum Himmel. Ich bin mir sicher, dass PEC ebenfalls hinter diesen Diebstählen steckt. Angeblich soll es hier an der Schule ein ebenso mächtiges Artefakt geben wie das Buch von Babel oder den Stab von Avalon.“

„Woher willst du das wissen?“, fragt Magnus nach.

„Ich habe recherchiert. Über die Geschichte unserer Schule. Das Schlösschen, in dem sie sich befindet, hat eine lange Geschichte. Angefangen hat sie als Reitstall für die Pferde irgendeines Königs, danach ist sie als Gästehaus für Reisende aus aller Welt, dann als Kirche und schließlich als Kuhstall verwendet worden. Ein berühmter Arzt aus dem 18. Jahrhundert hatte hier ein halbes Jahrhundert lang seine Praxis, und im Krieg ist sie ein Krankenhaus für Verletzte gewesen. Bevor das Schlösschen zur Schule für Kinder mit besonderen Begabungen geworden ist, war sie ein geschichtliches Museum. Kann es da nicht sein, dass irgendein Artefakt hier versteckt ist?“

„Das klingt alles sehr… interessant“, antwortet Magnus. „Aber hätte Professor Feynmann nicht schon längst nach dem Artefakt suchen lassen?“

„Was ist, wenn er mit PEC unter einer Decke steckt?“

„PFT!“ Magnus prustet. „Ganz bestimmt nicht. Ich kenne Professor Feynmann schon mein Leben lang. Er ist ein guter Freund meiner Eltern. Er ist sicherlich kein Bösewicht!“

„Wenn du meinst“, sagt Kozak und richtet seinen Oberkörper auf. „Du wirst schon sehen. Hier stinkt irgendwas zum Himmel. Früher oder später wirst du mir glauben!“

Damit steckt Kozak seine Nase tief in sein Astrochemie-Buch. Magnus legt den Kopf auf den Tisch und denkt: „So ein Spinner!“ Dennoch nimmt er sich vor, seine Mutter nach Purpur Fondant Korfu zu befragen. Vielleicht ist an der Sache doch etwas dran.

Dann endlich. Der erlösende Gong.

„So, raus mit euch!“, drängt Herr Revo. Er hat seine Sachen schon eingepackt und sich Mantel und Schal angezogen. Seine Hände stecken in den Hosentaschen.

Gino schreckt hoch. Tommaso hüpft ihm in den Schoß. Damit sieht es so aus, als ob Ginos Wampe Augen hätte. Herr Revo scheint das nicht zu kümmern. Cosima bricht dafür in schallendes Gelächter aus. Das Chamäleon erschrickt dermaßen, dass es Cosima ins Gesicht springt, die daraufhin kreischend aus dem Zimmer rennt. Gino schultert sich seinen waschmaschinengroßen Rucksack um und läuft (noch bedröppelt) Tommaso hinterher.

„Hey, Tommaso, stehen bleiben!“, hört man Gino aus dem Gang rufen.

Kozak schlendert an Sheri und Magnus vorbei, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Beim Hinausgehen wirft er Magnus einen letzten verschwörerischen Blick zu.

„Indogermanisch ist ziemlich einfach gewesen, findest du nicht auch?“, fragt Sheri.

„Ich hab‘ nicht mal eine Seite geschafft“, schnaubt Magnus. „Das gibt am Montag Stress mit Frau Demir-Magislav!“

„Du kannst abschreiben, wenn du willst.“

Um die Perfektion von Sheris Übersetzung und seinen eigenen Fähigkeiten wissend, lehnt Magnus dankend ab. Der Schwindel würde sofort auffliegen.

„Ich setz mich am Wochenende mit Mama hin…“

„Was wollte Kozak denn von dir?“, fragt Sheri.

„Er hat mir Gruselgeschichten über die Schule und Herr Samson erzählt…“

„Glaubst du, da ist irgendwas dran?“

„Ich weiß es nicht…“, meint Magnus und bemerkt dann, dass sein Zauberstab aus der Hosentasche verschwunden ist.

5

Magnus und seine Mutter Opal sitzen gemeinsam am Esszimmer-Tisch. Opal hat vor sich eine Tasse Granatapfel-Tee stehen, in den sie mit einer Zange ein violettes Stück Kandis-Zucker gibt. Den Salbeizucker hat sie auf einem Markt in einem kleinen Städtchen in der Türkei gekauft. Wie so viele Dinge, die Opal besitzt, hat sie ihn vor allem seiner Farbe wegen erstanden.

Magnus trinkt Kakao und schmollt. Trotz einer intensiven Suche, bei der er den halben Werkraum auf den Kopf gestellt und zu der er sogar Herr Revo überredet hat mitzuhelfen, ist sein Zauberstab nicht wiederaufgetaucht. Aber nicht nur das. Neben Magnus‘ Stab ist Sheris neuste Erfindung verschwunden: Der Prototyp eines Materiegenerators, der mithilfe von Magnus‘ Magie die Grenze zwischen Zauberei und Technik hätte sprengen können.

„Was ist heute nur mit dir losgewesen?“, fragt Opal ihren Sohn.

„Frau Demir-Magislav ist gemein zu mir gewesen“, antwortet Magnus und kann dabei seiner Mutter nicht in die Augen sehen.

„Du musst endlich aufhören, die Fehler immer bei anderen zu suchen, Magnus. Du bist für dein eigenes Handeln verantwortlich. Roland scherzt nicht. Sollte sich dein Verhalten nicht bessern, wird er dich von der Schule werfen!“

„Ich weiß“, gibt Magnus kleinlaut zu.

„Und das, obwohl du sehr genau weißt, dass wir uns nur wegen deines Stipendiums den Schulbesuch überhaupt leisten können. Was würde Papa sagen, wenn er davon erfährt?“

„Papa ist nicht da!“, antwortet Magnus.

„Nein, das ist er nicht…“

„Was weißt du über Purpur Fondant Korfu?“

„NEIN, NEIN, NEIN, DAS IST SO NICHT richtig!“, denkt Magnus.

„Ich meine Purpura Effodiant Corvi.“

Opal stutzt.

„Du fragst nach den purpurnen Raben?“

Magnus ist baff.

„Woher weißt du von ihnen?“, fragt seine Mutter.

„Ein Mitschüler hat gemeint, sie könnten etwas mit Papas Verschwinden zu tun haben.“

„Das bezweifle ich…“, antwortet Opal. „PEC ist eine Organisation von Möchtegern-Zauberern. Melefer hat das ein oder andere Mal ihren Weg gekreuzt. Er hat sie aber niemals als wirkliche Bedrohung angesehen. Er ist schon gegen ganz andere Kaliber von Magiern angetreten.“ Opal stupst ihrem Sohn auf die Nase. „Gegen die Fähigkeiten deines Vaters kommt niemand an!“

„Und jetzt habe ich seinen Zauberstab verloren…“, wirft Magnus ein.

„Der taucht schon wieder auf“, sagt Opal und nippt an ihrem Salbeitee. „Als Papa ihn dir geschenkt hat, hat er dafür gesorgt, dass er immer den Weg zurück in deine Hände findet, selbst wenn er verloren geht.“

„Das sagst du so leicht!“

„Ich vertraue den Versprechen deines Vaters.“

„Kommt er irgendwann zurück?“

„Spürst du es denn nicht?“, fragt Opal.

„Was denn?“

„Dass dein Vater auf dich Acht gibt. Ich spüre, dass er an uns denkt.“

Nach einer Weile sagt Magnus: „Ja, kann sein.“

„Mach dir wegen dem Stab keinen Kopf. Du solltest dich jetzt lieber vor deine Indogermanisch-Hausaufgaben klemmen. Nicht, dass Frau Demir-Magislav am Montag schon wieder die Geduld mit dir verliert.“

Magnus seufzt. Seine Mutter hat einen Turm Indogermanisch-Bücher neben sich aufgebaut. „Und morgen kaufst du Frau Demir-Magislav die teuerste Tafel Schokolade, die du finden kannst. Natürlich von deinem Taschengeld!“

„Das ist unfair!“, protestiert Magnus. „Ich muss wegen ihr schon die ganze Woche nachsitzen!“

„Für seine Fehler muss man geradestehen“, meint Opal, trinkt ihren Tee aus, küsst ihren Sohn auf die Stirn und überlässt ihn seinen Hausaufgaben.

6

Frau Demir-Magislav fällt Magnus um den Hals. Die Orangen-Schokolade mit Krokantsplittern, die er für knapp 15€ im »Fais de Beaux Rêves« gekauft hat, ist zufällig ihre Lieblingssorte.

„Noch nie hat mir ein Schüler Schokolade geschenkt!“, jauchzt sie.

Frau Demir-Magislav gibt Magnus einen dicken Schmatzer auf die Wange. Er bemüht sich, den blauen Lippenstift sofort mit dem Daumen abzureiben, hat damit aber seine Schwierigkeiten. Da seine Wange nun knallrot ist, sieht niemand, wie heiß in Wirklichkeit seine Ohren sind.

„Gern geschehen“, sagt er. „Und entschuldigen Sie bitte nochmal den Vorfall letzte Woche. Ich wollte Ihnen nicht den Rock wegzaubern.“

„Ach, das ist vergeben und vergessen!“, sagt Frau Demir-Magislav und legt die Tafel Schokolade auf ihr Pult. Sie schiebt die Tafel so lange mit dem Zeigefinger umher, bis die Kanten der Tafel parallel zu denen des Tisches ausgerichtet sind.

„Hier sind noch die Sachen, die ich nachgearbeitet habe“, sagt Magnus und türmt einen Stapel Hefte und Bücher auf Frau Demir-Magislavs Pult auf. Am Schluss ist Magnus hinter dem Turm nicht mehr zu erahnen.

„Wie ich sehe, ist es dir ernst.“

Dass er nur die Hälfte der angeforderten Aufgaben erledigt hat, verschweigt Magnus seiner Indogermanisch-Lehrerin. Sie wird es schon merken und dann hat sie die Schokolade, um ihr Gemüt zu besänftigen.

„Ist dein Zauberstab noch aufgetaucht?“, will Sheri wissen.

„Nein, und dein Prototyp?“

„Nein, auch nicht. Ich bin noch nicht dazu gekommen, einen GPS-Sender einzubauen.“

„Hey, vermisst ihr auch etwas?“, mischt sich Gino ein. Er sitzt in der Reihe vor den beiden. Um Frau Demir-Magislavs Zorn nicht auf sich zu ziehen, dreht er nur leicht den Kopf nach hinten.

„Meine Trillerpfeife ist seit Freitag weg“, murmelt Gino. „Seither gehorcht mir keines meiner Tiere mehr. Weil ich das Futter vergessen haben, hätte mich Davino in der Vorstellung am Samstag fast aufgefressen.“

Davino ist der weiße Löwe, den Ginos Vater Mercurio in Afrika vor Wilderern gerettet hat. Ginos Familie betreibt einen weltbekannten Zirkus. An den Wochenenden tritt Gino in den Shows auf.

Magnus fällt das Gespräch mit Kozak wieder ein. Er berichtet seinen Freunden, was ihn der Verschwörungstheoretiker beim Nachsitzen über die verschwundenen Gegenstände von Tim de Baal, Paul Pech und Astra Wendigo erzählt hat.

„Hm, das scheinen mir ein paar Zufälle zu viel zu sein“, meint Sheri. „Sollen wir der Sache auf den Grund gehen?“

„Bin dafür“, stimmt Magnus zu. Ein wenig missmutig fügt er hinzu: „Das verspricht, spannend zu werden.“

In der Mittagspause flehen die drei Herr Revo an, dass er ihnen den Werkraum aufsperrt.

„Bitte, wir haben am Freitag etwas sehr Wichtiges darin vergessen“, jammern Magnus und Gino unisono.

„Ach, habt ihr das?“, fragt Herr Revo. Eine dicke Augenbraue verschwindet in seinen schwarzengrauen Locken. „Nach der ganzen Suchaktion?“

„Ja, bitte, Herr Revo! Sperren Sie uns bitte auf!“

Sheris Rehaugen zeigen Wirkung.

„Hier, aber ihr bringt mir den Schlüssel vor halb 2 zurück!“ Es ist 13.15 Uhr.

Herr Revo händigt Sheri etwas aus, das man kaum als Schlüsselbund bezeichnen kann. An Ende einer dünnen Eisenkette hängen dermaßen viele Anhänger und Schlüssel, dass man den Schlüsselbund für einen Magneten halten könnte, der in einen Behälter voller Metallschrott gefallen ist.

„Vielen Dank, Herr Revo!“, bedankt sich Sheri und schenkt ihm ein zuckersüßes Lächeln.

„Ja, danke!“, sagen Magnus und Gino.

Damit schließt Herr Revo die Tür zum Lehrerzimmer.

Im Werkraum ist von den verlorenen Gegenständen keine Spur. Magnus kriecht auf dem Boden. Gino lässt eine seiner zahmen Taranteln nach den Sachen suchen. Sheri scannt das Zimmer mit einem Gerät, das wie eine Mischung aus Radar und einem Besen aussieht.

Um 13.27 Uhr lautet das abschließende Urteil: „Hier ist nichts!“ Die Enttäuschung wiegt schwer.

Magnus will aufstehen und sich die dreckigen Hände ausklopfen, da pikst ihn etwas in die Handfläche.

„Aua!“, schreit er und zieht sich den Spreißel aus der Haut. Nur, dass es kein Spreißel ist.

„Hey, seht euch das an!“, ruft Magnus seine Freunde zusammen.

In Magnus‘ Hand liegt ein kleiner Gegenstand in der Form eines Gitarren-Spielblättchens. Er ist durchsichtig und wenn man ihn gegen das Licht hält, schimmert er in Regenbogenfarben. Das Ding ist außerdem ziemlich hart.

„Gib‘ mal her!“, sagt Gino und schnappt sich Magnus‘ Fund.

„Hm, das ist eine Schuppe“, sagt er, nimmt sie in den Mund und beißt zu. „Könnte eine Fisch- oder eine Reptilschuppe sein, vielleicht sogar von einem Armadillo.“

„Ist das ein Hinweis?“, fragt Magnus.

„Dazu bedarf es einer genaueren Analyse“, antwortet Sheri, nimmt Gino die Schuppe ab und wischt sie an ihrem Pullover ab. Danach steckt sie sie in einem kleinen Glaszylinder, den sie aus ihrer Tasche holt. „Eine Untersuchung der molekularen Zusammensetzung wird uns mehr sagen.“

„Und jetzt?“, fragt Magnus.

„Wir sollten uns umhören“, meint Sheri. „Wenn Kozak Recht hat, haben möglicherweise Tim, Paul oder Astra einen Tipp für uns.“

Tim de Baal knöpfen sich die Freunde als Ersten vor. Nachdem sie Herrn Revos Schlüssel zurückgebracht haben, machen sich die Drei auf den Weg zur Sporthalle.

Tim de Baal ist beim Aufwärmen. Er ist vom engen Kreis seiner Sportlerfreunde umgeben. Magnus muss sich räuspern, um Tims Aufmerksamkeit zu erregen.

„Hey, Tim! Kommst du mal bitte rüber?“

„Was ist, Hosentaschen-Zauberer?“, raunzt Tim de Baal, dann erinnert er sich an den Vorfall vom Freitag und grinst.

„Man erzählt sich, dass dir dein Glücks-Schweißband abhandengekommen ist! Stimmt das?“, will Magnus wissen.

„Mensch, Klappe zu, Houdini!“, zischt Tim de Baal und schirmt Magnus mit den Armen von den übrigen Sportlern ab. „Wer hat dir das erzählt?“

Magnus ist davon überzeugt, dass es besser ist, seine Quelle fürs Erste geheim zu halten.

„Ja, es stimmt“, gibt Tim de Baal nach einer Weile zu. „Und wehe einer meiner Teamkameraden bekommt Wind davon! Wir haben die letzten drei Spiele gegen mittelklassige Clubs verloren. Wenn jetzt noch herauskommt, dass das Glücks-Schweißband des Starspielers fehlt, ist die Moral im Eimer!“ Tim stupst Magnus auf die Hühnerbrust. „Weißt du etwa, wo es abgeblieben ist?“

„Nein“, antwortet Magnus. „Aber wir gehen der Sache nach. Uns ist auch etwas gestohlen worden.“

„Du glaubst, mein Glücksi wurde gestohlen?“ Tim de Baal macht große Augen.

„Ja, genau wie ein ganzer Haufen anderer Dinge“, ergänzt Gino.

„Also, erzähl uns, wo du dein Glücksi das letzte Mal gesehen hast“, fordert Sheri Tim auf.

„Das war nach dem Duschen am Mittwoch. Ich bin mir sicher, dass ich Glücksi in meinen Spind gelegt habe. Aber nach dem Training war es dort nicht mehr.“

„Ist dir irgendetwas Merkwürdiges aufgefallen?“, fragt Magnus.

„Ehrlich gesagt war bei dem ganzen Dampf nicht viel zu erkennen. Aber jetzt, wo du fragst: Ich habe da im Nebel kurz etwas blitzen sehen. Ungefähr auf Kniehöhe. Knallrot. Könnte aber auch die Akkuanzeige eines Fitnessbandes in der Tasche von jemandem gewesen sein.“

„Sonst ist dir nichts aufgefallen?“, fragt Magnus.

„Nichts außergewöhnliches“, antwortet Tim de Baal. „Aber ich muss jetzt weiter. Ohne mein Glücksi muss ich extra hart trainieren. Morgen ist das nächste Spiel, und wenn wir das auch verlieren, dann macht uns Herr Kwotabeck die Hölle heiß!“ Bevor Tim de Baal zu seinen Kumpanen zurückkehrt, flüstert er Magnus ins Ohr: „Wenn ihr Glücksi findet, gebt mir Bescheid. Aber behandelt die Sache bitte diskret. Du hast dann was gut bei mir, Hoschentaschen-Zauberer!“

„Danke“, sagt Magnus. „Das ist… gut zu wissen.“

Paul Pech erzählt den drei Schnüfflern, dass er dabei war, ein Experiment in Super-Quantenphysik vorzubereiten, als er bemerkt hat, dass sein Chemiekasten mit allen 118 Elementen verschwunden ist.

„Ich habe der Klasse gerade den Hawking-Koeffizenten im Zusammenhang mit der Halbwertszeit ultraleichter Elemente bei der exokinesischen Fusion außerhalb eines astrozerebralen Raumes erklärt und wollte im Anschluss einen Versuch zeigen, der diesen Effekt demonstriert. Als ich mich an den Versuchsaufbau im Rauchabzug machen wollte, musste ich feststellen, dass mein Koffer mit den Elementen plötzlich nicht mehr an seinem angedachten Platz vorzufinden war.“

Paul Pech holt Luft. Er keucht wie ein Marathonläufer. „Natürlich habe ich für das Verschwinden sofort eventuell auftretende Quanteneffekte in Betracht gezogen, musste aber nach fünf Femtosekunden präziser Berechnungen zum Schluss kommen, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass gut 10 Quadrillionen Atome spontan und synchron ihren Quantenzustand wechseln.“

„Verstehe“, sagt Sheri.

„Bitte, was?“, raunzen Magnus und Gino. Die beiden sind während Pauls Vortrag fast eingeschlafen.

„Ich nehme an, du hattest den Versuchsaufbau im Vorfeld deines Experiments bereits vorbereitet?“, fragt Sheri.

„Allerdings!“, antwortet Paul Pech.

„Wieso hat dann niemand bemerkt, dass dein Koffer mit den Elementen abhandengekommen ist?“

„Ich hab‘ da eine These“, meint Magnus und gähnt.

„Was soll das heißen?“, zischt Paul und stupst seine Brille die Nase hoch. Dabei rutscht sie ihm fast aus dem Gesicht.

„Ich hatte bei der Kurzversion schon Probleme, die Augen offen zu halten. Wahrscheinlich hast du deine Mitschüler mit deinem Vortrag eingeschläfert.“

„Also, das ist ja unerhört!“, empört sich Paul. Dann wird er Zeuge davon, wie Gino im Stehen zu schnarchen beginnt. „Ja, gut, vielleicht habe ich ein wenig über die Köpfe der meisten hinweg referiert.“

„Dann haben wir ja schon mal die Erklärung, warum niemand das Verschwinden deines Kastens bemerkt hat“, schlussfolgert Magnus.

„Ist dir denn irgendetwas Verdächtiges aufgefallen?“, fragt Sheri.

„Falls du meinst, ob ich den Dieb gesehen habe? Nein.“

Magnus‘ Gesicht wird lang.

„Aber mir ist durchaus etwas seltsam vorgekommen…“

„Spann uns nicht lange auf die Folter, und sprich!“, fordert Magnus Paul auf.

„Ja, schon gut. Also, es ist folgendes…“ Paul Pech nimmt einen Schluck Wasser aus seiner Flasche. „Zuerst habe ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht, wir waren ja schließlich im Chemie-Saal, aber…“

„Was aber? Komm zum Punkt!“, schimpft Magnus.

„Es hat verbrannt gerochen. Im ganzen Chemie-Saal. Und das, obwohl ich mein Experiment noch gar nicht begonnen hatte.“

„Das ist alles?“, fragt Magnus.

„Das ist alles“, bestätigt Paul Pech.

„Dann danke für deine Hilfe!“, sagt Sheri.

„War ich euch denn eine Hilfe?“, fragt Paul.

„Das wird sich zeigen“, antwortet Magnus.

„Gut, gebt mir bitte Bescheid, wenn ihr meinen Chemiekasten gefunden habt! Herr Dedekind hat mir bis nächste Woche Zeit gegeben, um das Referat nachzuholen. Sollte ich bis dahin meinen Koffer nicht zurückhaben, ist meine perfekte Note von 0,9 ernsthaft in Gefahr!“

Paul Pech bückt sich, um seine Tasche aufzuheben. Dabei rutscht ihm die Brille von der Nase, fällt auf den Boden und bricht in der Mitte auseinander.

„Nicht schon wieder!“, jammert Paul. Er schnappt sich die zwei Teile seiner Brille, kramt Klebeband aus seiner Tasche und tastet sich auf dem Weg zum nächsten Kurs an der Wand entlang.

Magnus rempelt Gino mit dem Ellbogen in die Rippen.

„Huh, hab‘ ich was verpasst?“, schreckt der Riese hoch.

„Wir sind immer noch keinen Schritt weiter“, sagt Magnus.

„Wir haben aber auch noch nicht Astra befragt“, meint Sheri.

„Als ob uns einer der Drillinge bei der Sache weiterhelfen könnte“, wirft Magnus ein.

„Astra hat ihre Bratsche verloren. Ich bin mir sicher, dass sie alles tun wird, um sie zurückzubekommen“, antwortet Sheri.

„Wenn du meinst“, sagt Magnus.

„Wisst ihr, eine gute Sache hatten die Diebstähle an unserer Schule aber“, sagt Sheri.

„Und die wäre?“, fragt Gino.

„Hätte Paul Pech sein Experiment wie geplant durchgeführt, dann wäre die gesamte Schule in die Luft geflogen.“

„Ich bin froh, dass meine Bratsche weg ist“, beichtet Astra der erstaunten Gruppe Freunde.

Es sind fünf Minuten bis zum Beginn der letzten Stunde.

„Als ich davon gehört habe, dass Dinge in der Schule auf unerklärliche Weise verschwinden, habe ich meine Bratsche kurz vor dem Nachmittagsunterricht neben eine Bank im Innenhof gestellt. Nach Schulschluss war sie verschwunden.“

„Wieso hast du das gemacht?“, fragt Magnus. Er rauft sich die schwarzen Locken. Er sieht den letzten Hinweis zur Lösung dieses Rätsels wie Sand durch seine Finger rinnen.

„Weil ich meine Bratsche hasse!“, antwortet Astra. „Zuhause hat es deswegen zwar einen Mordsärger gegeben - es ist schließlich eine der Bratschen von Theobald Süßgrund – aber das war es wert.“

Astra friemelt am Saum ihres Pullovers.

„Übrigens möchte ich mich für Cosimas Anfall von letzter Woche entschuldigen. Sie hat sehr unnette Dinge gesagt, die sie nicht so gemeint hat.“

„Ja, das ist schon okay“, sagt Magnus. „Ist dir denn etwas verdächtig vorgekommen, als du nachgeguckt hast, ob deine Bratsche noch da ist?“

„Weißt du, Papa hat wegen der Sache mit Frau Demir-Magislav das Wochenende über im Hotel geschlafen. Das war schon ziemlich schräg. Wie dem auch sei…“ Astra sucht Magnus‘ Blick. „Eigentlich nichts besonderes. Aber an dem Tag hatte es nachmittags geregnet. Es ist keine deutliche Spur gewesen. Ihr könnt sie euch vielleicht noch ansehen, wenn ihr Glück habt. Auf jeden Fall sind auf dem Weg zur Bank und von der Bank weg seltsame Fußabdrücke im Dreck gewesen. Lange schmale Abdrücke wie von Clownsschuhen. Ganz seltsam.“

Magnus‘ Augen leuchten. Es ist bisher die einzige Spur, die die Drei tatsächlich voranbringen könnte.

„Danke!“, sagt Magnus und ist dabei sogar ein wenig überschwänglich. Er nimmt Astra an beiden Händen und schüttelt sie.

Astra läuft rot an. Magnus entgeht das vor lauter Euphorie. Sheri nicht.

„Gern geschehen!“, sagt Astra und fügt an: „Solltet ihr die Bratsche finden, dann tut mir den Gefallen und lasst sie wieder verschwinden, okay? Weil Cosima Bilder malt und Stella Geschichten dazu schreibt, haben meine Eltern gedacht, sie müssten für mich auch ein Hobby suchen, bei dem ich mich kreativ austoben kann. Dabei stricke ich viel lieber.“ Sie holt etwas aus ihrer Tasche. „Hier, die habe ich für euch gemacht!“

Astra überreicht Magnus, Sheri und Gino drei gestrickte Mützen. Eine Pastellgrüne in der Form eines Zylinderhuts für Magnus, eine schwarze für Sheri mit zwei Löchern für ihre Zöpfe und eine, die wie ein orangener Feuerwehrhelm aussieht, für Gino. Die drei Freunde sind überwältigt.

„Du hast echt Talent!“, sagen die Freunde im Chor. Astra kichert.

„Danke, das hört man gern! Vielleicht bringen sie euch Glück bei euren Ermittlungen!“

„Bestimmt!“, sagt Magnus, setzt sich die Mütze auf. Sie passt wie angegossen.

Bevor Magnus seine Strafe bei Silas Gold, dem Hausmeister, antritt und ihm bei der Reparatur des Warmwasserboilers zur Hand geht, machen die drei Freunde einen kurzen Abstecher zum Innenhof der Schule. Sie untersuchen die Bank, von der Astra gesprochen hat, und werden herb enttäuscht.

„Von den Fußabdrücken ist nichts mehr zu sehen, oder?“, fragt Gino. „Ich könnte Maximilio darauf ansetzen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob er noch eine Witterung aufnehmen kann!“

Maximilio ist ein goldener Shiba-Rüde und kommt aus Japan. Er entstammt einer Linie gut ausgebildeter Hunde, die vor 200 Jahren an der Seite der Samurai gekämpft haben.

„Hey, hier, könnte es das nicht sein?“, meint Sheri und deutet auf den Teil eines Fußabdrucks im Boden, zwei Meter von der Bank entfernt, auf der Astra ihre Bratsche einem unbekannten Dieb dargeboten hat. Er ist dünn und schmal, wie der Abdruck eines Clownschuhs.

„Hmmmm!“, meinen Magnus und Gino. Ihre Köpfe schweben über der Fährte.

Als Sheri sich zu den beiden Jungs hinunterbeugt, hat sie ein elektronisches Spielzeug in der Hand. Einen Roboterdackel mit Raupenantrieb. Sheri setzt den Dackel auf den Boden ab. Er fährt über den Fußabdruck und vermisst ihn mit einem grünen Laser. Danach düst der Robo-Hund davon und scannt viele weitere Fußabdrücke.

„Was ist denn das Cooles?“, will Gino wissen.

„Meine neuste Erfindung“, antwortet Sheri. „Dabei habe ich an dich gedacht. Mein Dackel verfügt über 5000-mal so viele empfindliche Geruchsrezeptoren als ein herkömmlicher Hund. Zudem über Laseraugen.“ Zu Magnus sagt sie: „Das wird jetzt eine Weile dauern, bis DAISY alles gescannt und abgeglichen hat. Außerdem gibt es keine Garantie dafür, dass sie überhaupt etwas findet. Aber es ist besser als nichts.“

Frau Demir-Magislav kommt mit einem Haufen Indogermanisch-Büchern in der Hand aus dem Mittelgang. Magnus sieht vor seinem geistigen Auge, wie sich die Tragödie entfaltet. Frau Demir-Magislav weist die Schüler in ihrem Weg mit scharfen Worten zurecht.

„AUS DEM WEG!“, ruft sie. Sie tritt mit ihren hochhackigen Schuhen die letzten tauben Hindernisse aus dem Weg. Doch DAISY, der Robodackel scheint sich einzig und allein um die Fußabdrücke auf dem Innenhof zu kümmern. Die Hundedame steuert direkt auf Frau Demir-Magislav zu und scheucht ihrerseits Schüler aus dem Weg.

„PASSEN SIE AUF!“, ruft Magnus.

Doch da ist es schon zu spät.

DAISY fährt Frau Demir-Magislav gegen das Schienbein. Sie stößt einen schrillen Schrei aus und lässt den Stapel Bücher fallen. Direkt auf ihren rechten großen Zeh. Was dazu führt, dass sie lauter schreit, auf einem Bein hüpft und sich dadurch die Hacken ihres Designer-Schuhs abbricht. Sie fällt auf ihren Hintern und ihr Rock reißt auf.

Währenddessen verschwindet DAISY hinter dem Physikgebäude und fahndet dort weiter nach verdächtigen Fußabdrücken.

„WER WAR DAS?!“, schreit Frau Demir-Magislav so laut, dass Magnus Angst bekommt, alle Fensterscheiben in der Umgebung könnten zerspringen.

„Kommt! Lasst uns verschwinden!“, sagt Sheri und macht sich ganz klein. Magnus und Gino folgen ihr, während sich Frau Demir-Magislav in Rage kreischt.

7

Magnus reicht Silas Gold einen frischen Lappen. Im Gegenzug bekommt Magnus einen feuchten, öligen Lumpen in die Hand gedrückt. Magnus wringt den Stoff mit von Ekel verzogener Miene in einen Eimer aus. Die Flüssigkeit riecht nach Marzipan.

„Diese Edelkern-Heizung ist ein reines Desaster, sage ich dir! Ein reines Desaster! Das Ding ist schon seit Jahrzehnten marode, aber man tauscht sie nicht aus, weil eine neue Heizung zu teuer wäre. Sie sagen: „Edelkern-Heizsysteme sind besonders umweltfreundlich.“ Das mag stimmen, doch von denen hat noch nie jemand so eine Heizung gewartet. Jedes Jahr derselbe Käse!“ Silas Gold zieht Schleim die Nase hoch. „Schraubenschlüssel!“, diktiert er Magnus.

„Hier!“, sagt Magnus und gibt Herrn Gold das Werkzeug.

Von hinter dem Warmwasserboiler steigt Dampf auf.

„So!“, schnaubt Herr Gold. Er hält Magnus einen heißrotleuchtenden oktaedrischen Kristall unter die Nase.

„Keine Sorge. Der ist nicht heiß.“

Magnus nimmt den glühenden Kristall entgegen. Er ist tatsächlich nicht heiß, dafür aber von einer Vielzahl von Rissen durchzogen, aus denen kleinen Säulen Dampf aufsteigen.

„Das ist der Edelkern“, sagt Herr Gold. „Verzwacktes Ding. Magisch. Um es aufzuladen muss er alle zwei Jahre in einen aktiven Vulkan geworfen werden. Das letzte Mal, als ich ihn in den Edna geworfen habe, wäre ich beinahe selbst hineingefallen.“

Magnus betrachtet den Edelkern mit Respekt. Plötzlich findet er es gar nicht mehr so doof, zum Aushelfen verdonnert worden zu sein.

„Der ist magisch?“, fragt er.

„Solltest du ja wissen, oder? Bist ja schließlich der Sohn eines berühmten Zauberers.“

„Ja, das bin ich wohl“, sagt Magnus. Er ist sich sicher, sein Vater hätte ihm erklärt, wie Edelkerne funktionieren, wäre er hier.

„Was ist mit dem Kristall?“

„Er ist undicht. Er verliert viel zu schnell Energie. Wenn das so weitergeht, dann stehen wir im Winter ohne Heizung da. Und ich fahre nicht noch mal nach Italien um dieses vermaledeite Ding in einen Feuerschlund zu werfen. Da darf sich Feynmann gerne einen neuen Dummen suchen!“

„Was kann man dagegen tun?“, fragt Magnus. „Ich meine, wie kann man verhindern, dass der Kristall noch mehr Energie verliert?“

Silas Gold setzt sich auf. „Gib‘ mir das Ding!“

Als Magnus Hausmeister Gold den Kristall aushändigt, glühen seine Handflächen einen Moment lang nach.

Herr Gold holt eine Dose aus seinem Werkzeugkoffer und schraubt sie auf. Darin enthalten ist eine weiße fettige Paste. Er nimmt eine Handvoll und schmiert den Kristall damit von allen Seiten ein.

„Rissversiegelung“, meint Herr Gold.

Das Glühen des Kristalls verändert sich. Es nimmt einen dunkleren Ton an. Beinahe violett.

„Soweit ich weiß, gibt es nur noch eine Edelkern-Heizung in ganz Deutschland. Deswegen gibt es auch niemanden, der sich um die Reperaturen kaputter Kristalle kümmert. Die Versiegelung hält eine Weile. Aber wenn wir Pech haben, muss ich schon morgen eine neue Schicht auftragen. Du gehst mir doch auch nochmal zur Hand, oder?“

„Ja“, antwortet Magnus. „Die gesamte Woche.“

„Gut, dann kannst du mir ja beizeiten helfen, das Ding noch einmal auseinanderzunehmen. Für heute sind wir aber fertig. Den Rest bekomme ich selbst hin. Danke für die Hilfe!“

„Gern geschehen“, antwortet Magnus. „Darf ich dann nach Hause gehen?“

„Klar, aber pass auf, dass du dich nicht verläufst. Schon so mancher Schüler hat den Weg nach oben nicht mehr gefunden. Ein Schüler war sogar mal einen halben Tag verschwunden, viele andere haben sich hier unten schon einen Schreck geholt. Mutproben und solche Geschichten.“ Herr Gold verschwindet erneut hinter dem großen Heizkessel. Der leuchtende Edelkern wirft einen phantomartigen Schatten an die Wand. „Soweit ich das beurteilen kann, gibt es hier unten nichts, vor dem man sich fürchten muss.“

Magnus schluckt. Es ist kurz vor halb 7. So spät war er noch nie in der Schule.

„Gut, ich geh‘ dann also“, sagt Magnus mit beinahe unmerklich bebender Stimme (zumindest redet er sich das ein).

„Ciao, Junge. Und danke nochmal für die Hilfe!“

Magnus macht die schwere Eisentür hinter sich zu. Grüne Lampen in Käfigen erhellen den dunklen Gang. Hätte er seinen Zauberstab, könnte Magnus Licht machen. So muss er darauf bauen, dass ihn sein Mut nicht verlässt.

Er macht ein paar Schritte und legt dann seine Hand auf das Gemäuer. Magnus erinnert sich an etwas, das ihm sein Vater vor langer Zeit erklärt hat.

„Solltest du dich jemals in einem Labyrinth wiederfinden, lege einfach die rechte Hand auf die Wand neben dir und folge dem Weg. Du darfst nur niemals die Hand von der Wand nehmen. Dann findest du den Ausgang!“

Doch nach dreimal Abbiegen (er erinnert sich jedes Mal genau, welche Abzweigung er zu nehmen hat) ist Magnus bei den Treppen, die ins Erdgeschoss führen.

Nach der letzten Stufe atmet er aus. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass er die Luft angehalten hat.

„Wäre ich ein Dieb und auf der Flucht, würde ich mich hier unten verstecken“, denkt er. „Hier würde mich niemand finden.“

Kaum hat er den Gedanken zu Ende gedacht, hört Magnus aus den Tiefen des Kellers der Schule für Kinder mit besonderen Begabungen ein hohes schrilles Pfeifen.

Es ist unverkennbar die Trillerpfeife seines Freundes Gino.

„Heiliger Mist!“, denkt Magnus und stürmt nach oben.

8

„Glaubt mir: All die geklauten Gegenstände sind im Keller der Schule!“, erzählt Magnus Sheri und Gino am nächsten Tag. „Ich hab‘ gestern deine Trillerpfeife da unten gehört, Gino! Hunderprozentig!“

„Kann das nicht nur der Warmwasserboiler gewesen sein? Du hast doch gesagt, dass Herr Gold noch daran gearbeitet hat, als du gegangen bist“, wirft Sheri ein.

„Das ist nicht bloß der Warmwasserboiler gewesen.“

„Wie Magnus gesagt hat: Wäre ich ein Dieb, würde ich mich auch an einem Ort verstecken, an dem es verlassen und die meiste Zeit finster ist. Ich bin ja kein Schisser!“, sagt Gino.

„Na ja, das würde auch erklären, wieso ich die Signatur meines Materiegenerators nicht empfange. Entweder jemand hat ihn von hier weggebracht oder hinter Mauern versteckt, die so dick sind, dass sie keine elektromagnetischen Wellen durchlassen. Der Keller der Schule wäre da eine Option“, schlussfolgert Sheri.

„Ob mein Zauberstab auch da unten ist?“, fragt sich Magnus. „Ich spüre ihn nicht…“

Möglicherweise hat Sheri recht und das hat etwas mit den dicken Mauern zu tun.

„Ja, gut, aber was machen wir nun?“, fragt Gino. „In den Keller der Schule kommen wir nicht ohne weiteres. Dich ausgenommen – du musst ja noch die ganze Woche Herrn Gold aushelfen. Und selbst dann wird er ein Auge auf dich haben.“

„Wir brauchen den Hausmeisterschlüssel“, sagt Sheri.

„Ja, den brauchen wir“, stimmt Magnus zu.

„Hast du eine Idee, wie wir an den rankommen?“, fragt Gino.

„Lass mich nachdenken…“, sagt Magnus. „Ich glaube, mir fällt da was ein.“

„Na, Junge, wie war die Schule heute?“, fragt Herr Gold, direkt bei Magnus‘ Dienstantritt.

„Ganz okay“, meint Magnus. „Analytische Musik war interessant. Wir haben den Jazz der 1940er mit Mozarts 19. Symphonie verglichen.“

„Mhm.“ Herr Gold nickt. „Ihr jungen Leute habt schon ganz schön exotische Fächer. Braucht man die denn alle?“

„Ein paar davon sind ganz interessant“, sagt Magnus.

Sein liebstes Fach zurzeit ist Astrochemie. Seit Kozak ihm von der Verschwörungstheorie rund um Purpur Fondant Korfu erzählt hat, sieht Magnus seinen Lehrer in einem neuen Licht. Magnus hält Kozaks Theorie weiterhin für ein reines Hirngespinst, vor allem seitdem er davon überzeugt ist, dass sich der Dieb im Keller versteckt. Was bitteschön hätte ein geheimer Bund boshafter Magier im Keller einer Schule zu suchen?

Aber dennoch, ein kleiner Zweifel bleibt.

„Müssen wir heute zurück in den Keller?“, fragt Magnus. „Die Heizung nochmal reparieren?“

Herr Gold kratzt sich an den Bartstoppeln.

„Ne, das ist heute nicht nötig“, antwortet Herr Gold. „Der Edelkern hält besser durch als ich dachte. Liegt vielleicht an deinem magischen Talent.“

Das schmeichelt Magnus dermaßen, dass er einen Augenblick seinen Plan vergisst.

„Was steht dann an?“, sagt er und räuspert sich. „Müssen irgendwelche Dinge transportiert werden oder sollen wir einen Schrank aufbauen, oder so?“

„Die Toiletten im ersten Stock machen Probleme. Da sollte vielleicht mal jemand in die Rohre gucken“, sagt Herr Gold und wartet Magnus‘ Reaktion ab. Der guckt doof aus der Wäsche. Seine Lust, sich an Toiletten zu schaffen zu machen, hält sich in Grenzen.

„Aber um die kümmere ich mich besser selbst!“ Herr Gold lacht ein bellendes Lachen.

„Du kannst mir heute bei der Inventur zur Hand gehen. Ich geb‘ dir ein Klemmbrett, Papier und Stift und du notierst alles, was ich dir diktiere. Du hast doch mit dem Rechtschreiben keine Probleme, oder?“

„Nein“, antwortet Magnus. „Deutsch ist eines meiner besten Fächer in der normalen Schule gewesen.“

„Mit Indogermanisch sieht es da heute anders aus“, denkt er zu Ende.

Magnus wittert seine Chance.

„Wenn Sie mir erklären, wie das mit der Inventur geht, können wir uns die Arbeit doch auch teilen?“, sagt Magnus und setzt eine Unschuldsmiene auf.

Herr Gold überlegt. Er kratzt sich erneut am Kinn.

„Bist du denn noch so aufnahmefähig? Ich meine, nach einem Tag Schule…“

„Meine Lehrer würden vielleicht etwas anderes behaupten, aber sehen wir es doch so: Wenn wir uns die Arbeit teilen, können wir beide früher Feierabend machen.“ Das ist ein stichhaltiges Argument.

Herr Gold lässt seine dritten Zähne blitzen. „Gut, dann zeige ich dir, wie das geht und du darfst dir aussuchen, ob du das Erdgeschoss, den ersten oder den zweiten Stock inventarisierst. Ich übernehme die restlichen zwei.“

„Okay!“, stimmt Magnus zu und gibt sein Bestes, um zu verbergen, wie ihm ein Stein vom Herzen fällt.

Magnus sucht sich das Erdgeschoss aus. Das beherbergt nur normale Klassenzimmer. Die Räume im ersten und zweiten Stock beinhalten den Musiksaal, das biotechnische Labor, die Sternwarte und die Quasi-Ausgrabungsstätte.

Magnus und Herr Gold beginnen im zweiten Stock, im Klassenzimmer der Oberstufler.

Herr Gold erklärt Magnus, wo er die Codes der elektronischen Geräte findet und wie er sie in die Liste einträgt.

„In keinem Klassenzimmer sind weniger als zehn Geräte“, erklärt Herr Gold Magnus. „Manche sind etwas versteckt. Manchmal musst du auch in den Pulten der Lehrer nachschauen. Die sollten alle offen sein. Ich habe ihnen Bescheid gegeben, dass ich heute Inventur mache.“

„Okay“, sagt Magnus und nickt. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals, als er fragt: „Sperren Sie mir die Klassenzimmer auf, oder darf ich mir Ihren Schlüssel ausleihen?“

Herr Gold denkt kurz über Magnus‘ Vorschlag nach und sagt: „Ich hab‘ das Gefühl, ich kann dir vertrauen, Junge.“

Herr Gold gibt Magnus seinen Schlüsselbund. An dem Schepperkranz hängen an die fünfzig Schlüssel. Nicht mal Herr Revo besitzt so viele. Der Schlüssel für die Klassenzimmer ist leicht zu erkennen. Er ist vergoldet und in den Schlüsselkopf ist Herr Golds Name und die Zahl 35 eingraviert.

Herr Gold entgeht nicht, dass Magnus den goldenen Schlüssel bestaunt.

„Hat mir Professor Feynmann zu meinem 35. Dienstjubiläum geschenkt. Der Schlüssel ist schon eine feine Sache. Pass mir gut darauf auf.“

„M-Mach ich!“, stammelt Magnus und rennt davon. Auch vor seinem schlechten Gewissen. Unten im Erdgeschoss, auf der Jungstoilette, warten Gino und Sheri. Sheri ist es offenbar peinlich, sich auf dem Jungsklo aufzuhalten. Die Pieselbecken irritieren sie.

„Hier, ich hab‘ den Schlüssel“, sagt Magnus zu seinen beiden Freunden. „Wie machen wir jetzt eine Kopie davon?“

„Sheri hat bestimmt eine Wundermaschine dabei, die das im Nu erledigt“, meint Gino.

„Ich hab‘ das hier!“, sagt Sheri und präsentiert Magnus und Gino einen Klumpen Knete.

„Was sollen wir damit machen?“, fragt Gino. „Mit einem Schlüssel aus Knete kann man keine Türen aufschließen.“

„Ach, gib‘ mir einfach den Schlüssel!“, seufzt Sheri und schnappt sich den Schlüsselbund.

Sheri rollt die Knete zu zwei Platten aus und drückt den Schlüssel von beiden Seiten in jeweils eine Platte. Anschließend legt sie die Knetplatten vorsichtig aufeinander und holt eine kleine Glasflasche aus ihrer Tasche. Die Flasche ist mit einer klaren, fein schimmernden Flüssigkeit gefüllt.

„Plasticometall!“, sagt Sheri und öffnet das Glasfläschchen. „Formbar wie Plastik, hart wie Metall. Eine Erfindung meiner Mutter.“

Sie gießt das Plasticometall in die kleine Öffnung zwischen den beiden Platten, schüttelt die Form und wartet einen Augenblick. Dann bricht Sheri die Platten auseinander und hält eine perfekte Kopie des Generalsschlüssels in den Händen. Nur die Farbe ist anders. Statt golden ist er durchsichtig wie Glas.

„Am besten wir teilen uns die Arbeit“, schlägt Sheri vor. „Bring du den Schlüssel zurück und ich kopiere in der Zwischenzeit die Liste.“

„Hast du dafür etwa ein High-Tech-Gerät?“, fragt Gino. „Einen Super-Scanner oder einen 3D-Dokumenten-Drucker?“

„Du meinst einen Kopierer?“, fragt Sheri. „Ich sperre mit dem Generalschlüssel den Kopierraum auf und lass die Liste zwei Mal für uns durch.“

„Achso“, sagt Gino enttäuscht. „Klar…“

Magnus bringt Herr Gold den Schlüssel zurück und flitzt anschließend zu seinen Freunden. Sheri hat die ersten Geräte schon inventarisiert. Jetzt erklärt sie Gino die weitere Vorgehensweise.

„Okay, ich hab’s gecheckt, glaub ich“, bestätigt Gino.

Sheri drückt Magnus Klemmbrett und Papier in die Hand.

„Du und Gino kümmert euch um die Klassenzimmer rechts im Gang, ich mache alle Linken.“

„Wieso kriegst du mehr Klassenzimmer als wir?“, protestiert Gino.

„Weil sie schneller ist als wir beide zusammen“, antwortet Magnus und schiebt seinen Freund den Gang hinunter, in das erste Klassenzimmer.

Nach fünfzehn Minuten ist die Arbeit erledigt. Sheri ist in einer Rekordzeit von sieben Minuten fertig gewesen. Magnus und Gino haben für die Hälfte der Zimmer doppelt so lange gebraucht. Dazu kommt, dass Gino die Hälfte der Geräte vergessen hat und Sheri eine Zusatzrunde einlegen musste, um die fehlenden Stücke in die Liste aufzunehmen.

„Hier, ich habe alle zusammen“, sagt Sheri und drückt Magnus die komplettierte Liste in die Hände. Sie hat die drei Listen zu einer zusammengefasst und dabei Magnus‘ Handschrift perfekt nachgeahmt.

Als Magnus Herrn Gold die vollständige Liste bringt, staunt der Hausmeister.

„Donnerlittchen! Das ging ja flink! Da hast du dir ein Extra-Lob verdient, Magnus! Leider kann ich dir nicht mehr anbieten, als dass du jetzt schon offiziell Feierabend machen darfst, wenn du willst.“

„Ist das Ihr Ernst?“, fragt Magnus nach.

„Ja! So einen fleißigen Lehrling wie dich könnte ich öfter gebrauchen!“ Herr Gold verwuschelt Magnus die schwarzen Locken. Magnus mag das Gefühl.

Er nimmt Herrn Golds Angebot an und bedankt sich.

Seinen Freunden sagt er: „Alles klar, unser Plan hat funktioniert.“

„Und was machen wir jetzt?“, fragt Gino.

„Wir warten“, antwortet Sheri. „Herr Gold ist noch mindestens bis 18 Uhr hier, danach haben wir die Schule für uns.“

„Und was, wenn sich unsere Eltern Sorgen machen?“, meint Gino.

„Darum habe ich mich bereits gekümmert“, antwortet Sheri. „Ich habe mit verzerrter Stimme bei euren Eltern angerufen und ihnen gesagt, dass ihr heute bei mir übernachtet. Damit wir uns gemeinsam auf einen großen Test vorbereiten können.“

„Mein Vater hat dir das abgekauft?“, stutzt Gino.

„Und meine Mutter auch?“, fragt Magnus.

„Ich musste schon einiges an Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Sheri. „Aber am Ende haben sie eingesehen, dass es am sinnvollsten ist, wenn ihr mit mir zusammen lernt.“

Sheri grinst ein breites Grinsen.

„Du bist echt genial!“, himmelt Gino sie an.

„Ja, das bist du!“, stimmt Magnus zu.

Sheri läuft rot an. Da vergisst sie die Tatsache, dass als sie bei ihrem Vater angerufen hat, er ihre fadenscheinige Ausrede sofort akzeptiert hat, ohne nachzuhaken.

„Wo sollen wir ausharren?“, fragt Magnus.

„Auf dem Jungsklo“, antwortet Sheri. Und das, obwohl ihr die Pieselbecken unheimlich sind.

9

Der Keller der Schule ruft bei allen Dreien ein klaustrophobisches Gefühl hervor. Die engen Gänge, die dunklen Ecken und der modrige Geruch vieler Jahrzehnte lassen Magnus an unheimliche Monster und Gespenster denken.

Es ist kurz vor 20 Uhr. Herr Gold hat sich für den Rest der Inventur Zeit gelassen und sich nach seinem Feierabend noch ein Zwegenbräu in seinem Büro gegönnt. Um 19.30 Uhr hat er die Schule abgeschlossen und ist nach Hause gegangen.

Magnus wünscht sich jetzt nichts mehr, als seinen Zauberstab bei sich zu haben.

„Er muss hier irgendwo sein“, flüstert Magnus.

Sheri aktiviert DAISY. Sie setzt die Dackeldame auf dem Boden ab und drückt einen rosa Knopf an ihrem Rücken. DAISY guckt die drei Freunde mit ihren grünen Laseraugen an und kläfft. Anschließend düst sie los, ohne auf weitere Anweisungen seitens Sheri zu warten. Mit ihren Scannern erstellt DAISY eine Karte der verzweigten Gänge. Gleichzeitig vergleicht sie Fußabdrücke mit denen aus ihrer Datenbank.

Sheri verfolgt den Fortschritt von DAISYs Suche auf dem Display ihrer Uhr mit.

„Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass DAISY etwas findet“, meint Sheri. „Ihre Datenbank ist – trotz des vermeintlich verdächtigen Fußteilabdrucks – leider alles andere als vollständig“, sagt Sheri.

Kaum hat Sheri das gesagt, funkt DAISY die ersten Ergebnisse.

„Oh, okay!“, sagt Sheri. „DAISY hat anscheinend bereits sieben Paar verschiedener Spuren ausfindig gemacht. Die Fußabdrücke sind von dir, Magnus, von Herrn Gold und Herrn Feynmann, sowie von Frau Demir-Magislav. Die anderen drei konnte DAISY nicht zuordnen.“

„Das heißt, jemand ist hier gewesen!“, sagt Gino.

„Das ist alles sehr seltsam“, sagt Magnus. Ihm stellen sich die Nackenhaare auf. Die drei Freunde sind definitiv einem Mysterium auf der Spur.

Jetzt führt kein Weg mehr zurück.

„Riecht ihr das auch?“, fragt Gino und reißt Magnus damit aus seinen Gedanken.

Magnus will fragen, was Gino meint, nimmt aber dann doch erst einmal selbst eine Nase.

„Es riecht… angekokelt! Oh Mann! Die Edelkernheizung!“

Magnus schreitet voran und scheitert daran, sich an den Weg zum Heizungsraum zu erinnern. Als er Herrn Gold geholfen hat, ist er drei Mal abgebogen. Aber ist das links oder rechts gewesen? Magnus‘ Nervosität setzt seinen Orientierungssinn Schachmatt.

Seine Freunde folgen ihm dennoch. Auf ihre Nachfragen reagiert er nicht. Magnus ist wie von der Tarantel gestochen.

Magnus verläuft sich ein paar Mal, findet aber schlussendlich den Weg zum Heizungsraum. Die Tür steht sperrangelweit offen und rotes Licht scheint aus dem Raum.

„Oh nein, der Edelkern ist Schrott!“, ruft Magnus und läuft hinein. „Wir müssen Herrn Gold Bescheid geben.“

Kaum hat Magnus den Raum betreten, tritt eine Person aus dem Schatten. Sie packt Magnus an der Schulter, schüttelt ihn und fragt: „Was machst du denn hier?“

Magnus gibt dieselbe Frage an sein Gegenüber zurück.

„Wie bist du hierher gekommen?“

„Das könnte ich dich fragen!“

POW!

Gino zieht dem Eindringling eins mit seinem Rucksack über die Rübe.

„Haben wir dich!“, ruft er triumphierend. „Wo hast du all die gestohlenen Gegenstände versteckt?“

Kozak geht auf die Bretter. Der Verschwörungstheoretiker schlägt quer mit dem Gesicht auf den Boden auf. Magnus stellt sich vor, wie ein Dutzend kleine Vögelchen im Kreis um seinen Kopf schwirren.

„Kozak ist der Dieb?“, staunt Gino.

„Ich glaube nicht…“, entmutigt ihn Magnus. Magnus dreht Kozak auf den Rücken. Er schläft friedlich und sägt dabei wie im Sägewerk. Seine schwarzen Augenringe sind ausnahmsweise mal eher von grauer Farbe.

„Was hatte er dann hier unten zu suchen?“, fragt Gino.

„Ich vermute, er hat eigene Ermittlungen angestellt“, schlussfolgert Sheri. „Schaut mal, was ihm da aus dem Rucksack gefallen ist.“

Aus dem Reißverschluss von Kozaks Rucksacks quellen ein Dutzend Dokumente. Bilder von Herrn Samson, eine Kopie seines bestandenen Lehrerexamens und Artikel unterschiedlicher Zeitungen (und in verschiedenen Sprachen), die sich mit den geheimen Machenschaften von Purpura Effodiant Corvi beschäftigen.

„Kozak glaubt wirklich, dass Herr Samson hinter den Diebstählen steckt, oder?“, hakt Gino nach.

„Kann sein. Außerdem scheint er wirklich an PEC interessiert zu sein“, meint Sheri.

„Was machen wir jetzt mit ihm?“, fragt Magnus.

„Überlass das mir“, sagt Sheri und zaubert aus ihrer Tasche eine kleine Maschine hervor, die aus einem runden Motor, vier flexiblen Kabeln und einem ausklappbaren Rotorblatt besteht. Sheri bindet Kozak die Kabel an Arme und Beine und drückt dann einen grünen Knopf am Gehäuse der Maschine. Das Rotorblatt dreht sich zunehmend schneller und Kozak hebt ab.

„Nach deinem Schlag, müsste er noch eine ganze Weile schlafen“, meint Sheri. „Ich schicke ihn hoch ins Krankenzimmer und lass seine Vitalfunktionen überwachen. Sollte er aufwachen oder sich sein Zustand verschlechtern, bekomme ich einen Alarm auf meine Uhr.“

„Halt!“, ruft Magnus dazwischen. Er hat einen Geistesblitz. „Kannst du DAISY rufen?“

„Wieso?“, stutzt Sheri, aber dann fallen ihr die Schuppen von den Augen. „Achso!“

Sheri dreht ein Rädchen an ihrer Uhr und binnen einer Minute erscheint DAISY an der Tür zum Heizungsraum.

„Kannst du bitte Kozaks Schuhe scannen?“, fragt Magnus den elektronischen Dackel. DAISY bellt freundlich und schießt einen grünen Laserstrahl auf Kozaks Turnschuhe. Gleich darauf bekommt Sheri eine Benachrichtigung auf ihre Uhr.

„Das eliminiert einen der drei unbekannten Fußabdrücke! Kozak muss sich extra neue Schuhe gekauft haben, um keinen Verdacht zu erregen. Vielleicht hat er damit gerechnet, dass wir Nachforschungen anstellen. Er muss DAISY bei der Arbeit gesehen haben.“

Magnus legt Kozaks Rucksack auf den Bauch des ohnmächtigen Verschwörungstheoretikers. Sheri stopft die Dokumente zurück in die Tasche, macht aber zuvor von jedem ein Bild mit ihrer Uhr. Danach pfeift sie mit Daumen und Zeigefinger und die kleine Drohne schwebt mit Kozak im Schlepptau davon.

Ginos Augen funkeln, als er endlich eine von Sheris Erfindungen in Aktion erlebt.

„Armer Kozak“, sagt Sheri. „Er hätte es verdient, die Wahrheit zu erfahren. Sollte er aufwachen, bevor wir hier fertig sind, stelle ich ihn per Livestream zu uns durch.“

Gino tut Sheris Besorgnis um Kozak mit einem „Hmpf!“ ab.

„Also, wieso riecht es hier so verbrannt?“, fragt Gino.

„Ah, die Edelkernheizung!“, ruft Magnus. Er schlittert am Boden entlang, vorbei an rostigen Rohren, um an die Rückseite des Warmwasserboilers am hinteren Ende des Raumes zu gelangen.

„Er ist weg!“, stellt Magnus fest. „Der Edelkern ist weg! Ohne ihn kann die Heizung nicht betrieben werden.“

„Bist du dir sicher?“, fragt Sheri.

„Ja, hier steht ein kleines Türchen offen und in der Halterung in der sich der Kristall eigentlich befinden sollte, ist nichts.“

„Glaubst du, Kozak hat den Kristall geklaut?“, fragt Gino Sheri.

„Keine Ahnung“, antwortet sie.

Magnus zwängt sich durch das Netz an Rohren zurück zu seinen Freunden.

„Kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Magnus. „Der Kristall leuchtet extrem grell. Hätte Kozak ihn bei sich gehabt oder irgendwo in der Nähe versteckt, hätten wir ihn sehen müssen. Außerdem kann ich mir nur schwer vorstellen, was Kozak mit einem magischen Kristall angefangen hätte, wo er doch selbst nicht hexen kann.“

„Das heißt, der Dieb muss hier noch irgendwo sein?“, unterbricht Gino.

Plötzlich donnert es im Gang vor dem Heizungsraum. Magnus, Sheri und Gino stürmen zur Tür – und das alle gleichzeitig, sodass sie mit ihren Schultern den Ausgang verstopfen. Am Ende des Flures leuchtet eine seltsame Form mit grellrotem Licht.

„Das ist er! Der Dieb!“, brüllen alle drei. Keinem gelingt es, sich durchzuzwängen.

Der Dieb dreht den Dreien den Rücken zu. Dabei erlischt das Licht. Er flüchtet. Es ist Magnus, der als Erstes statt nach vorne zu rennen, zurück in den Heizungsraum drückt. Er drängt sich an Gino und Sheri vorbei und nimmt die Verfolgung auf.

„GIB MIR MEINEN ZAUBERSTAB ZURÜCK!“, brüllt er dem Dieb hinterher, gerade als er einen Haken schlägt und in eine der unzähligen verwirrenden Abzweigungen biegt.

In diesem Moment ergattert Magnus den ersten genaueren Blick auf den Dieb. Der Zauberer erstarrt zu einer Steinsäule und bleibt stehen, bis seine Freunde ihn endlich mithilfe von DAISY einholen.

Magnus dreht sich zu Sheri und Gino um. Der Schock steht ihm ins Gesicht geschrieben.

„Das werdet ihr mir nicht glauben!“, sagt er.

10

„DU HAST EINEN DRACHEN GESEHEN?“, rufen Sheri und Gino gleichzeitig.

„Bist du dir sicher? Also, du meinst die Echse mit Flügeln und feuerspeiendem Atem und nicht das Spielzeug, das Kinder im Herbst in den Himmel steigen lassen?“, hakt Sheri nach.

„Wenn ich es euch doch sage!“, versichert ihr Magnus. „Und ja, das Fabeltier. Ich weiß selbst, wie verrückt das klingt und das obwohl ich selbst zaubern kann. Ich habe Drachen bisher für Sagengestalten gehalten. Aber jetzt habe ich einen mit eigenen Augen gesehen!“

„Ja, das klingt verrückt“, stimmt Sheri zu. „Wie hat er ausgesehen?“

„Er ist weiß“, antwortet Magnus. „Das erklärt die seltsame Schuppe, die wir im Werkraum gefunden haben. Außerdem ist er ungefähr so groß—“ Magnus lässt seinen Handteller auf Hüfthöhe schweben. „Seine Augen waren ganz komisch. Außen zitronengelb und innen stechend rot. Sie haben im Dunkeln geleuchtet. Der Drache hat sich den Edelkern gekrallt. Er wollte Feuer spucken, als er gemerkt hat, dass ich ihn verfolge. Zumindest glaube ich das. Als ich vor Schreck stehen geblieben bin, ist er um die Ecke gebogen und samt Kristall davongerannt.“

Roboterdackel DAISY bellt. Sie wedelt mit ihrem mechanischen Schwanz und leckt Sheri mit seiner Metall-Zunge die Hand.

„87%-ige Übereinstimmung mit den Fußabdrücken auf dem Innenhof“, sagt Sheri. „Das ist unser Dieb!“

„Also die Augen dieses Drachen – haben sie wirklich geleuchtet?“, fragt Gino.

„Ja, wieso?“, antwortet Magnus. „Wie Autoscheinwerfer.“

Gino stellt seinen Rucksack auf den Boden, öffnet die kreisrunde waschmaschinenähnliche Tür und verschwindet bis zur Taille in seinem Tornister. Anschließend präsentiert Gino seinen Freunden eine kleine Kreatur: eine winzige Schnecke mit smaragdgrüner Haut und einem roten Häuschen. Die Stielaugen der Schnecke leuchten im Dunkeln hellgelb.

„Die Augen des Drachen haben genauso geleuchtet!“, sagt Magnus und klopft sich auf die Schenkel.

„Das ist eine Bellerophon Mortega. Ein petrolgrüner Juwel-Schlegel. Eine der seltensten Schnecken-Arten der Welt. Man sagt, sie ist die einzig überlebende Art aus einem Ort namens Lorisland. Man findet sie eigentlich nur an der West-Küste Madagascars. Habt ihr schon mal davon gehört? Von Lorisland?“

„Nein“, sagt Magnus, und überraschenderweise auch Sheri.

„Es gibt da diese Legende. In Lorisland soll es vor Jahrtausenden mystische Ungeheuer gegeben haben. Basilisken, Gorgonen, Chimären, Greife, Zentauren, Minotauren, Zyklopen und Drachen. In Lorisland sollen sie friedlich nebeneinander existiert haben. Man weiß nicht, was geschehen ist, aber heute sind – mit Ausnahme der Juwelschlegel – all diese Tiere ausgestorben. Es ist überliefert, dass alle Ungeheuer der Insel ein Merkmal teilten: Die leuchtenden Augen!“

„Okay, nehmen wir an, du hast Recht und wir haben es mit einem Überlebenden aus diesem… Lorisland zu tun. Wieso sollte ein Fabelwesen hier auftauchen und ein Glücks-Schweißband, einen Chemie-Kasten, eine Bratsche, eine Trillerpfeife, einen Materiegenerator und einen Zauberstab klauen? Das ergibt alles keinen Sinn!“, wirft Magnus ein.

„Sollten wir uns nicht erst darauf konzentrieren, die Sachen zurückzuholen, bevor wir uns in das wieso und warum verstricken?“ Das ist eine ungewohnt nüchterne Aussage von Sheri. Normalerweise ist sie es, die Rätseln stets auf den Grund geht. Jetzt aber steht ihr der pure Tatendrang ins Gesicht geschrieben.

„Okay?“, lenkt Magnus ein. „Vielleicht ist es wirklich besser, das ganze Rumgerate auf später zu verschieben. Wir sollten dem Drachen hinterher, solange er sich noch in der Nähe aufhält.“

„Und was machen wir, wenn er Feuer spuckt?“, wirft Gino ein. „Ich habe zwar ein oder zwei Kristallwasserkröten dabei, aber selbst die sprühen nicht genug Wasser, damit sie uns löschen könnten.“

„Die Elektronik meiner Geräte ist auch nicht für große Hitze ausgelegt“, sagt Sheri. „Mit dem Materiegenerator ließe sich unter Umständen ein Kraftfeld erzeugen, aber den hat der…“ Sheri hat Schwierigkeiten, es auszusprechen „…Drache ja geklaut!“

„Mit meinem Zauberstab könnte ich die Flammen in Wolken aus Zuckerwatte oder Glitter verwandeln. Das wäre kein Problem. Aber den haben wir ja auch nicht.“

„Sprich, uns sind die Hände gebunden“, fasst Sheri zusammen.

Die drei Freunde grübeln eine Weile vor sich hin. Schließlich sagt Magnus: „Es müsste uns gelingen, uns anzuschleichen und herauszufinden, wo er die Sachen versteckt hat. Wenn wir unsere Dinge zurückhätten, könnten wir uns ihm direkt stellen.“

Sheris Augen blitzen. Sie ist von einem Geistesblitz getroffen worden.

„MEIN INVISI-MAX-SPRAY! DAMIT KÖNNEN WIR UNS UNSICHTBAR MACHEN!“

Magnus und Gino ploppt der Mund auf.

„Auf diese Idee hätten wir schon viel früher kommen müssen!“ Magnus patscht sich an die Stirn. „Dann wäre Kozak vielleicht noch bei Bewusstsein und könnte uns jetzt unterstützen.“ Magnus runzelt die Stirn. „Oder auch nicht. Der Kerl hat echt verrückte Ideen.“ Zu Sheri sagt er: „Hast du das Spray dabei?“

„Nur die Dose, die ich benutzt habe, um dich vor Frau Demir-Magislavs rasenden Blick zu verstecken. Der Prototyp hat aber einen entscheidenden Nachteil. Das Spray ist wirkungslos ist, wenn es mit Wasser in Berührung kommt. Die Spiegelpartikel, die in der Suspension enthalten sind, sind ultrahydrophil.“

„Also – kein Angstschweiß, sonst fliegen wir auf“, sagt Gino.

„Ich glaube, bevor uns der Drache zu Gesicht bekommt, wird er uns längst erschnuppert haben. Aber einen Versuch ist es wert“, antwortet Sheri.

Sie sprüht erst Magnus und dann Gino mit ihrem Unsichtbarkeitsspray ein. Der Rest reicht auch für Roboterdackel DAISY. Zum Schluss macht Sheri sich selbst unsichtbar. Nur eine vage Silhouette der drei Freunde und ihres elektronischen Begleiters ist noch zu erahnen.

„Sollen wir uns den… Dieb nun schnappen?“, fragt Sheri. Dass sie einen Drachen jagen, geht Sheri nicht in den Kopf.

„Ja, holen wir uns die gestohlenen Gegenstände zurück!“, schwört Magnus seine Freunde ein.

11

Wie sich herausstellt, ist es nicht die beste Idee gewesen, sich mit Unsichtbarkeitsspray einzusprühen. Zwar hat es der Drache so schwer, die drei Freunde kommen zu sehen, aber auch die Drei untereinander kämpfen damit, sich nicht aus den Augen zu verlieren.

„Seid ihr in der Nähe?“, tönt Magnus praktisch aus dem Nichts.

„Ja, ich bin direkt hinter dir“, sagt Sheri. Magnus spürt ihren Atem im Nacken.

„Ich bin hier!“, antwortet Gino. Seine Stimme kommt vom anderen Ende des Ganges. DAISY bellt. Sie fährt zu Gino und schubst ihn in die richtige Richtung. Mit ihren speziellen Infrarotsensoren hat sie keine Probleme, die Freunde ausfindig zu machen.

„Hey, uh, au, oh!“, macht Gino und stolpert los.

Dass sie es kaum schaffen, zusammenzubleiben, ist schon schlimm genug, aber die Drei haben noch mit einem anderen Problem zu kämpfen. Von dem weißen Drachen, den Magnus gesehen haben will, fehlt jede Spur.

Sie haben alle Ecken des Kellers durchsucht. Gino hat sich zur Hilfe einen Großohr-Galago auf die Schulter gesetzt (und ihn zuvor mit dem Rest aus der Invisi-MAX-Dose unsichtbar gemacht). Mit seinem feinen Gehör schnappt der Affe selbst die leisesten Geräusche auf. Bisher hat er keinen Alarm geschlagen.

„Die Fußspuren enden hier“, sagt Sheri. „Der Drache hat nichts unversucht gelassen, um seine Fährte zu verwischen, aber hier ist definitiv Schluss.“

„Was hat das zu bedeuten?“, fragt Magnus.

„Na, entweder der Dieb hat sich in Luft aufgelöst“, antwortet Sheri. „Oder du hast Recht, der Dieb ist tatsächlich ein Drache und er hat beschlossen, dass er bessere Chancen hat, uns loszuwerden, wenn er fliegt.“

„Das heißt, das hier ist eine Sackgasse?“, hakt Magnus nach.

Das Piepsen von Sheris Hightech-Uhr ertönt.

„Ich empfange immer noch keine Signatur von meinem Materiegenerator. Und auch der radioaktive Zerfall der Elemente in Paul Pechs Chemiekasten ist nicht messbar. Vielleicht täten wir besser daran, die Suche für heute abzubrechen und es morgen noch einmal zu versuchen. Jemand muss sich schließlich um Kozak kümmern. Vielleicht weiß er ja tatsächlich etwas, das uns weiterhilft.“

Es folgt langes Schweigen.

„Ich will es nicht morgen noch einmal versuchen“, sagt Magnus. „Ich weiß, der Drache und unsere Sachen sind hier irgendwo. Ich spüre es!“

Magnus folgt seinem Bauchgefühl. Er packt Sheri und Gino an den Handgelenken (er findet sie auf Anhieb), schließt die Augen und zerrt sie mit sich.

„Mama meint, dass Papas Zauberstab immer zu mir zurückfindet?“, denkt er. „Was ist, wenn ich den Spieß einfach umdrehe und ich finde den Stab?“

Magnus bringt seine Freunde vor eine weißlackierte Metalltür, die er mit seiner Generalschlüssel-Kopie aufschließt. Auf der anderen Seite der Tür ist eine Gerümpelkammer. Der Raum ist vollgestopft mit alten Paletten, Vasen, Krügen, Eimern, Holzlatten – Dinge, die kein Mensch mehr braucht. Magnus schaltet das Licht an. Die Lampen an der Decke erwachen flackernd zum Leben.

Magnus hat ein heißes Gefühl in der Brust. Sein Herz schlägt wie ein Presslufthammer.

„Hier ist er gewesen“, sagt Magnus leise zu sich selbst.

„Sieht mir hier eher wie eine Abstellkammer aus“, sagt Gino. „Guckt, da hinten ist sogar noch Deko vom 50-jährigem Jubiläum der Schule. Das ist vor fast 25 Jahren gewesen, wenn ich mich nicht irre.“

„Ne, tust du nicht“, meint Sheri. „Genau sind es 27 Jahre.“

„Doch, hier ist es!“, sagt Magnus. Der Zauberer verrückt Kisten, schiebt sie zur Seite, wühlt sich durch sie hindurch. Es wirkt, als würde ein Geist sein Unwesen treiben. Magnus‘ Freunde bleiben mit verschränkten Armen in der Tür stehen.

„Hier ist nichts“, sagt Sheri. Im Hintergrund ist das Piepen ihrer Uhr zu hören. Der Affe auf Ginos Schulter lacht.

„Hilft mir mal bitte jemand!“, sagt Magnus. Ein Schrank an der hinteren Wand des Raumes macht einen Satz in die Luft und kommt scheppernd zurück auf den Boden.

„Hey, übernimm dich nicht“, sagt Gino und eilt zu seinem Freund. Sie krachen ineinander. Kopf an Kopf, weil beide an der gleichen Seite schieben.

„Au!“, kreischen die Jungs. Der Affe lacht lauter.

„Ich drücke oben, du übernimmst unten, einverstanden?“, fragt Gino.

„Einverstanden“, sagt Magnus und reibt sich die Stirn. Sein Freund hat einen Eisenschädel.

Die beiden schieben mit aller Kraft. Der Schrank bewegt sich zur Seite. Dahinter kommt ein Riss im Gemäuer zum Vorschein, der hell strahlt und bunt leuchtet.

„Was ist das?“, fragt Gino. Er hat nicht damit gerechnet, hinter dem Schrank tatsächlich etwas zu finden.

„Das ist nicht gut“, sagt Sheri.

„Sag‘ schon, was ist das?“, drängt Magnus.

„Sieht aus wie ein interkonnektiver Raumzeit-Riss. Meine Eltern haben dazu mehrere Abhandlungen geschrieben. Sie haben ihre Forschung jedoch aufgegeben, weil sie in eine Sackgasse geführt hat. Wenn sie das jetzt sehen könnten. Warte kurz, ich muss ein Foto machen.“

In der Rumpelkammer blitzt es.

„Okay, gut, das muss ich meinen Eltern unbedingt zeigen.“

„Könntest du uns bitte aber vorher erklären, was es mit diesem interkonfetti Raumkleid-Riss auf sich hat?“, fragt Magnus.

„Ein interkonnektiver Raumzeit-Riss ist eine Variante des Wurmlochs, die ohne Krafteinwirkung von außen über eine längere Zeit bestehen bleibt“, erklärt Sheri, ohne mit der Wimper zu zucken. „Oder anders gesagt: Er ist eine Brücke – entweder zu einem anderen Ort oder in eine andere Zeit. In seltenen Fällen auch beides.“

„Das ist ein Dimensionsriss?“, versucht Magnus zu verallgemeinern.

„Ja, so könnte man das auch sagen“, stimmt Sheri zu.

„Und der Drache könnte durch diesen Riss geflohen sein?“

„Das wäre eine Möglichkeit.“

Gino pfeift ein Fü-Fü.

„Der Drache ist durch ein Tor in eine andere Dimension entkommen, meinst du das?“, fragt Gino entsetzt nach.

„Wie gesagt, das ist eine Möglichkeit“, antwortet Sheri. „Das würde zumindest erklären, wieso ich weder eine Spur der radioaktiven Elemente noch die Signatur meiner Maschine empfange.“

„Dieser Riss führt bestimmt nach Lorisland“, sagt Gino mit einem unsichtbaren Funkeln in den Augen.

„Was machen wir jetzt?“, will Magnus wissen.

„Ist doch klar“, antwortet Gino. „Wir folgen dem Drachen!“

„Hältst du das für eine gute Idee?“, fragt Magnus Sheri.

„Es kann sein, dass wir beim Hindurchgehen wie in einem schwarzen Loch zu einer Singularität zerquetscht werden oder es passiert eben gar nichts und wir kommen heil auf die andere Seite. Da der Riss zwei Ebenen des Raumes oder der Zeit verbindet, müssten wir dann auch ohne Probleme wieder zurückkehren können.“

Plötzlich fliegt ein ausgemustertes Buch über die Bewegung großer Körper von 1910 durch die Luft und in den Riss. Der Riss schluckt das Buch und macht anschließend ein Geräusch, das einem Rülpsen erschreckend nahekommt.

„Wer ist das gewesen?“, fragen Magnus, Sheri und Gino gleichzeitig. Ginos Großohr-Galago lacht.

„Sorry, war wohl Davide“, entschuldigt er sich.

Magnus untersucht den Riss näher, da fliegt das Buch postwendend zurück aus dem Loch und klatscht ihm gegen die Stirn.

„Au, verdammt!“, ruft er. Und dann: „Es ist noch ganz!“ Magnus verschweigt seinen Freunden die tiefen Rillen auf der Rückseite des Buches, die aussehen wie die Kratzspuren einer riesigen Raubkatze.

Gino steckt die Hand in seinen Rucksack. Schwarze Punkte erscheinen aus dem Nichts. Kleine Ameisen, die winzige Helme tragen. Sie krabbeln Ginos unsichtbaren Arm hoch bis zu seiner unsichtbaren Schulter. Gino flüstert ihnen etwas zu, dann kraxeln sie in einer Straße an ihm herunter zum Spalt in der Wand. Die ersten mutigen Arbeiterinnen marschieren in den Riss.

„Sie kundschaften aus, was sich auf der anderen Seite befindet“, sagt Gino. „Keine Sorge! Die kleinen Racker sind zäh. Die werden sich gegen das, was sie auf der anderen Seite erwartet, schon zur Wehr setzen können.“

Quälende Minuten vergehen. Dann kehrt die erste Ameise zurück. Sie bringt Freunde mit. Zusammen krabbeln sie an Ginos unsichtbares Ohr.

„Sie sagen, auf der anderen Seite befindet sich eine Art Strand. Vielleicht auch eine Insel. Es gibt dort seltsame Tiere. Riesige Vögel, Echsen mit langen klebrigen Zungen und etwas, das wie eine Mischung aus einem Löwen und einem Skorpion aussieht. Und, haltet euch fest: Die Augen all dieser Tiere leuchten. Das ist der Beweis! Das ist Lorisland!“

„Das kann nicht sein“, stutzt Magnus.

„Oh doch!“, meint Gino. Sein dickes Grinsen ist nicht zu sehen, deswegen malt Magnus es sich aus.

„Also, wir nehmen die Verfolgung auf?“, fragt Gino.

„Ich bin für eine Mehrheitsentscheidung“, antwortet Sheri prompt.

„Ich bin dafür!“, sagt Gino.

„Ich bin dagegen! Die Daten sprechen zwar dafür, dass ein Übergang auf die andere Seite des Risses ohne die Gefahr größerer Verletzungen theoretisch möglich ist, dennoch ist mir die Sachlage zu undurchsichtig.“

„Magnus, jetzt kommt es auf dich an!“, tönt Gino.

„Also, gut…“, stammelt er. „Ich bin dafür. Lasst uns nachschauen, was sich auf der anderen Seite befindet.“

12

Die Freunde stellen sich in einer Reihe vor dem Riss auf. Magnus voran, dann Gino, zum Schluss Sheri und DAISY. Der Großohr-Galago und die Ameisen haben sich in Ginos Rucksack zurückgezogen. Die drei (plus DAISY) halten sich an den Händen (beziehungsweise den Pfoten). Das bunte Licht des interkonnektiven Raumzeit-Risses wirkt hypnotisierend.

„Mein Vater wäre ohne zu überlegen, sofort in den Riss gesprungen“, denkt Magnus. Seine Mutter hat Magnus oft erzählt, dass ihr Mann sich als Junge stets Hals über Kopf in Schwierigkeiten gestürzt hatte. Nicht selten hatte er in Konfrontationen weit mehr als ein blaues Auge kassiert. Als Opal Melefer kennengelernt hat, hatte er sich schon jeden Knochen im Körper einmal gebrochen.

Magnus schluckt und tritt in den Riss.

Es ist wie die Reise in ein altmodisches Videospiel. Die Welt löst sich in zig Millionen kleine Quadrate auf. Sie verschieben sich mit knallenden Geräuschen, ordnen sich neu an und werden zu einer anderen Welt. Magnus taumelt hinein, hat plötzlich Probleme, die Balance zu halten und endet mit einer Ladung feinem Sand im Mund. Bevor sich Magnus aufrappelt, folgen seine Freunde. Gino fällt über seine eigenen Beine und plättet Magnus zu einem Pfannkuchen. Sheri stolpert ebenfalls. Ihr Fall ist graziler. Sie landet mit dem Hintern auf Magnus‘ Kopf.

„Tschuldigung!“, sagt sie. Sheri sieht Magnus zwar nicht, aber sie spürt seine Locken unter sich. Gino klatscht Magnus auf den Rücken, statt sich zu entschuldigen.

„Schon gut!“, sagt Magnus und spuckt nassen Sand aus. „Hauptsache ihr hattet eine weiche Landung.“

„Ist das wirklich Lorisland?“, fragt sich Sheri.

Die Freunde finden sich am Rande eines schwarzen Sees wieder. Es könnte genauso gut ein Meer sein, oder ein Ozean. In der Dunkelheit der Nacht lässt sich das nur schwer sagen. Ein silbergrauer Mond und ein Band aus unendlich vielen bunten Sternen scheint auf sie herab. Große dürre Palmen schwingen in der sanften Brise hin und her. Das seichte Branden der Wellen ist ein beruhigendes Geräusch.

„WAS WAR DAS?“, ruft jemand hinter einer sandigen Düne und zerstört damit die Stille.

Ein mittelalterlich angezogener Mann erscheint. Er trägt einen Lendenschurz aus rotgegerbtem Leder, ein Kettenhemd und eine mit Stahl verstärkte Mütze. Er führt ein Tier mit sich. Ein schwarzes dickes Borstenschwein. Die Augen des Mannes leuchten wie die des Schweins hell wie Scheinwerfer.

Das Borstenschwein schnüffelt und grunzt. Plötzlich wiehert es wie ein Pferd. Der Mann zieht ein Schwert aus reinem Kristall aus seinem Gürtel.

„WER IST DA?“, ruft er und führt ein paar Hiebe in die Luft.

„Er kann uns doch nicht sehen, oder?“, flüstert Gino seinem Freund ins Ohr.

„Normalerweise nicht“, gibt Magnus zurück.

Wie aus heiterem Himmel schießt das Borstenschwein eine Wasserfontäne aus seinem Maul und trifft damit Magnus mitten ins Gesicht. Magnus, dem das Wasser in Mund, Nase und Ohren läuft, quietscht angeekelt los.

„HALT! STEHEN BLEIBEN!“, ruft der Mann. „HÄNDE HOCH!“

Dann spritzen eine zweite und dritte Wasserfontäne, die Gino und Sheri treffen. Zu dem Schwein sagt der Mann: „Gut gemacht, Hamlet!“

Magnus blickt in die zwei erschrockenen und in der Luft schwebenden Gesichter seiner Freunde. Das Wasser hat Sheris Invisi-MAX-Spray abgewaschen. Es tropft in glitzernden Perlen an den Dreien herab.

„HÄNDE HOCH!“, sagt der Mann ein weiteres Mal, und das, obwohl Magnus längst die Hände hochgenommen hat. Das Schwein bellt jetzt wie ein Hund. Magnus handelt. Er bückt sich und wäscht sich die Hände im schwarzen Wasser hinter sich. Seine Freunde besprenkelt er, damit ihre Hände sichtbar werden.

„Wer seid ihr?“, will der Mann wissen. Seine leuchtenden Augen springen zwischen Magnus, Sheri und Gino hin und her. „Und was habt ihr hier zu suchen?“

Sheri springt in die Bresche. Magnus ist froh darum. Von den Dreien hält Magnus Sheri für am diplomatischsten.

„Wir kommen von weit her“, sagt Sheri. „Wir wollen nichts Böses. Wir sind hierhergekommen, weil...“ Sheri zögert. „...wir eine weiße.... Echse finden wollen. Sie hat uns etwas gestohlen, das wir gerne zurückhätten.“

Hamlet, das schwarze Borstenschwein quiekt.

„Oh oh!“, macht Gino. Er hat keine Probleme, die Geräusche von Hamlet zu deuten. „Das hättest du nicht sagen sollen.“

„WAS WISST IHR ÜBER DEN WEISSEN DRACHEN?“, fragt der Mann mit dem Schwert. Er stochert ein weiteres Mal wild in die Luft. „HABT IHR IHN GESEHEN?“

„Jetzt fuchtel bitte nicht so mit deinem Schwert herum. Das macht einen ja ganz nervös“, sagt Magnus. „Wie gesagt, wir sind nicht hier, um Stunk zu machen.“

Hamlet quiekt erneut. Der Mann in der Mittelalter-Kluft steckt sein Schwert zurück in seinen Gürtel.

„Hamlet sagt, ihr sprecht die Wahrheit. Auch, wenn das Unsichtbarkeitspulver euch verdächtig erscheinen lässt. Ein wahrer Feind von Lorisland wäre jedoch wesentlich gewiefter gewesen und hätte keinen Puder benutzt, der wasserlöslich ist. Schließlich besitzt beinahe jeder Ritter hier auf der Insel ein Meerschwein. Mein Name ist Pastell, wer seid ihr?“, sagt der Ritter und reicht Magnus die Hand.

Magnus ist perplex. Er nimmt die Hand und schüttelt sie. Sie ist rau und schwielig.

„Mein Name ist Magnus, das hinter mir sind meine Freunde Sheri und Gino.“

„Schön, euch kennenzulernen. Also, erzählt mir – was wisst ihr über den weißen Drachen?“

Mit einem Mal wirkt Pastell überhaupt nicht mehr bedrohlich, eher einfühlsam und besorgt.

„Sollen wir ihm die Wahrheit erzählen?“, mauschelt Gino. „Das kleine Schweinchen, das er mit sich führt, kann Lügen schnuppern.“

„Sollte er uns angreifen, springen wir einfach zurück in den interkonnektiven Raumzeit-Riss. Ich bin mir sicher, so schnell wird er uns nicht einholen“, meint Sheri. „Vor allen nicht in den Gängen der Schule. Da hätten wir den Heimvorteil.“

„Wie ihr meint“, stimmt Magnus zu.

„Also, das klingt verrückt, ich weiß...“, beginnt Magnus, „...aber wir kommen aus der Zukunft. Wir wollen uns nicht großartig in die Geschäfte Lorislands einmischen. Wir wollen tatsächlich nur unsere Sachen zurück und machen dann die Fliege, versprochen!“

„Sagt doch gleich, dass ihr Zeitreisende seid“, entgegnet ihnen Pastell und lacht. „Das ist hier nichts Ungewöhnliches. Jeden Tag kommen um die 100 Besucher aus allen möglichen Epochen zu uns.“

„Dann wisst ihr…“, unterbricht Sheri.

„Dass Lorisland in 479 Jahren ausgelöscht wird. Ja. Bis dahin wird sich unser Königreich zu den Sternen aufgemacht haben. Wir arbeiten bereits heute an der Technologie dafür. Und das bringt uns direkt zurück zu unserem kleinen Dieb. Er hat etwas gestohlen, dass uns Lorisländern sehr wichtig ist. Ein mächtiges magisches Artefakt. Den Schild von Temez. Ohne den Schild wird unsere Arche die strapaziöse Reise durch den Kosmos nicht überstehen. Was hat er euch gestohlen, wenn ich fragen darf?“

Magnus stutzt, ebenso wie Gino. Selbst Sheri.

„Äh, also, mir meinen Zauberstab“, sagt Magnus.

„Mir eine meiner Erfindungen“, antwortet Sheri.

„Und dir, Junge?“, fragt Pastell Gino.

„Mir? Also mir wurde eine Trillerpfeife gestohlen.“

Statt zu lachen, verfinstert sich Pastells Gesichtsausdruck.

„Ich nehme an, diese Gegenstände haben euch viel bedeutet?“, fragt Pastell.

„Ja!“, antworten die drei Freunde gemeinsam.

Das Gleiche gilt für Tim de Baals Glücksi, für Paul Pechs Chemiekasten, weniger für Astra Wendigos Bratsche.

„Wie ich mir dachte! Der Drache scheint es auf Gegenstände abgesehen zu haben, die mit Magna Vis aufgeladen sind.“

„Magna Vis?“, stutzt Magnus.

„Große Kraft“, übersetzt Sheri.

„Ja, das ist richtig. Dingen, die jemandem viel bedeuten, reichern sich mit einer bestimmten Form von Energie an. Man nennt diese Kraft Magna Vis. Sammelt man genügend, kann man sie konzentrieren und freisetzen. Würde der Drache eine große Menge Magna Vis freisetzen, hätte das katastrophale Folgen! Deswegen müssen wir den Drachen unbedingt aufhalten, bevor er genügend Macht gesammelt hat um einen Angriff auf das Königreich zu starten.“

„Mit aufhalten, meinen Sie—“

„Töten.“

Das ist harter Tobak. Sicher, der Drache hat ein paar Sachen entwendet. Darunter den Edelkern, der gefährlich werden könnte – der aber laut Herr Gold mehr oder minder unbrauchbar ist. Von der Idee, dass der Drache mit den gestohlenen Gegenständen die Zerstörung einer ganzen Insel bewirken wollen könnte, hält Magnus nichts. Magnus findet nicht, dass der Drache wegen der Diebstähle den Tod verdient hat.

„Drachen – besonders weiße Drachen – stellen schon seit Anbeginn der Zeit eine große Gefahr für Lorisland dar. Deswegen sind sie heute so gut wie ausgerottet. Nur dieses eine Exemplar konnte uns immer wieder entkommen. Wenn er noch dazu ein Zeitenspringer ist, erklärt das auch, wie er uns so lange an der Nase herum führen konnte. Wer weiß, wie viele mit Magna Vis aufgeladene Gegenstände er bereits gestohlen hat.“

Magnus hat Probleme, das Ganze zu glauben.

„Das klingt gar nicht gut“, sagt Gino.

„Da hast du recht“, entgegnet Pastell. „Glaubt ihr, ihr könnt mir helfen, den Drachen aufzuspüren? Der König von Lorisland hat ein hohes Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Sollte es uns gelingen, den Drachen zu fangen und zu erlegen, würden wir die Belohnung natürlich gerecht teilen.“

Magnus und seine Freunde zeigen sich wenig begeistert von diesem Vorschlag.

„Reicht es nicht, wenn wir alle gestohlenen Gegenstände bergen und ihren Besitzern zurückgeben?“

„Ich fürchte nicht“, antwortet Pastell. „Der Drache muss ausgerottet werden.“

Die Freunde sind ratlos. Sie sind hier in der Falle. Klar können sie nach Hause, in ihre Welt, aber das bringt Magnus‘ Zauberstab nicht zurück (ganz zu schweigen von den anderen Gegenständen). Schlagen sie das Angebot von Pastell aus, heißt das, dass sie sich in einer unbekannten Welt voller gefährlicher Monster selbst durchschlagen müssten.

„Okay“, stimmt Magnus geknickt zu. „Finden wir den Drachen.“

Er denkt: „Wir werden ihm aber nichts zu Leide tun.“

Insgeheim fragt sich der Zauberer, was sein Vater in dieser Situation gemacht hätte.

Just in diesem Moment ploppt der vierte Besucher aus dem interkonnektiven Raumzeit-Riss. DAISY landet mit den Vorderpfoten voran im schwarzen Wasser des weiten Ozeans. Helle Funken blitzen und DAISY hüpft wie vom Hai gebissen vor Sheris Füße. Sie schüttelt sich den letzten Rest Feuchtigkeit aus den Roboterohren. Kleine Rauchsäulen steigen ihr aus den Nasenlöchern.

„Hey!“, sagt Sheri liebevoll. „Du hast aber ganz schön lange gebraucht. Hast du auf dem Weg hierher noch einen Dimensionshasen gejagt?“

„Wer oder was ist das?“, fragt Pastell. Seine Stimme ist erneut voller Skepsis.

„Jemand, der uns helfen wird, deinen Drachen zu finden“, antwortet Sheri.

13

Magnus, Sheri und Gino schleichen – angeführt von Roboterhund DAISY – durch den Dickicht. Ritter Pastell und Meerschwein Hamlet machen den Abschluss und sorgen für Schutz.

Hunderte bunt leuchtender Augenpaare beobachten die Sechs und verfolgen jeden ihrer Schritte. Dazu kommen das ständige Rascheln und die schaurigen Rufe fremder Tiere.

„Kein Grund zur Sorge“, hatte Pastell versucht, die drei Freunde zu beruhigen, als sie das erste Augenpaar in der Dunkelheit haben aufblitzen sehen. „Solange ich oder Hamlet bei euch sind, wird euch keines der Tiere etwas anhaben wollen.“

Bleibt nur zu hoffen, dass Pastell die Wahrheit sagt.

Während Sheri darauf fixiert ist, DAISY zu folgen und Magnus, nicht in Sheri hineinzulaufen, genießt Gino die mitternächtliche Wanderung durch den Dschungel. Er hat sich den petrolgrünen Juwel-Schlegel auf die Schulter gesetzt und zeigt ihm jetzt seine alte Heimat.

„Ob wir wohl einen deiner Vorfahren treffen?“, meint Gino zu seiner Schnecke. Sie trägt den Namen Ernesto.

„Die Prinzessin von Lorisland hält die gleiche Gattung als Haustier“, sagt Pastell. „Ihre Exemplare reichen allerdings bis zu den Burgzinnen und sind auch um ein Vielfaches… ich nenne es mal verspielter.“

„Die Spuren werden frischer“, unterbricht Sheri. Zu Magnus und Gino sagt sie: „Außerdem empfange ich nun endlich die Signatur meines Materiegenerators und ein Signal, das definitiv vom Edelkern aus der Schule stammt. Die Sendequellen überlappen sich nicht – was bedeutet, dass der Drache noch nicht in sein Versteck zurückgekehrt ist. Das, oder, dass er zu einem ganz anderen Ort unterwegs ist.“

„Einem Vulkan vielleicht?“, schießt es Magnus in den Kopf.

„Ich bekomme noch keine genauen Koordinaten rein, aber eines kann ich sagen: der Drache befindet sich knapp einen Kilometer nördlich von uns. Wenn wir uns beeilen, können wir ihn noch einholen.“

„Gegen Sheris Waffen hast du leider keine Chance, kleiner Drache…“, denkt Magnus traurig.

„Der Drache befindet sich einen Kilometer nördlich von hier, hast du gesagt?“, fragt Pastell.

„Ja, wieso?“

„Dort beginnt die verbotene Zone.“

„Verbotene Zone?“, tönen die drei im Chor.

„Dort hat vor 20 000 Jahren ein Krieg stattgefunden. Eine böse Macht ist mit einem Meteor auf die Erde gestürzt. Die zahmen Tiere von Lorisland haben sich in scheußliche Bestien verwandelt. Nur mit einer hochgefährlichen Waffe ist es den Altlorisländern gelungen, die Monster zu besiegen. Der Boden, auf dem diese letzte Schlacht stattgefunden hat, ist noch heute verseucht. Es ist viel zu gefährlich, sich an diesem Ort aufzuhalten!“

„Was hat der Drache dort verloren?“, fragt Magnus.

„Das hat nichts gutes zu bedeuten“, meint Sheri.

„Der Drache hat den Edelkern sicher verloren und hat dann Kehrt gemacht“, versucht Gino die anderen zu beruhigen. Damit scheitert er.

Sie kommen zu einem fünf Meter hohen Zaun aus blau leuchtendem Draht. Dahinter liegt eine trockene zerklüftete Wüstenlandschaft. Es sieht aus wie auf einem fremden Planeten. An manchen Stellen sind am Zaum Schilder angebracht. Magnus und die anderen können die geheimnisvolle Schrift darauf nicht lesen, deswegen übersetzt Pastell für sie.

„Betreten strengstens untersagt!“, steht da geschrieben. „Personen, die dieses Gelände unbefugt betreten, haben mit schweren Strafen zu rechnen!“

„Das ist sie, oder? Die verbotene Zone?“, fragt Magnus.

„Ja“, antwortet Pastell.

„Ich messe hier Spuren von Siliciumcarbid in der Erde. Außerdem eine exorbitant hohe Konzentration von Iridium“, sagt Sheri.

Magnus erinnert sich.

„Ist das nicht eines dieser präsolaren Mineralien? Hat das nicht Herr Samson in seinem Unterricht erwähnt?“

Sheri zieht ihre Mundwinkel beeindruckt nach unten.

„Nicht schlecht, Herr Specht!“, sagt sie. „Ja, du hast Recht. Siliciumcarbid gehört zu den ältesten chemischen Verbindungen in unserem Sonnensystem. Zusammen mit dem Iridium ist das der Beweis dafür, dass hier vor langer Zeit ein Meteorit eingeschlagen ist.“

„Ja, schön und gut, dass ihr euch über die Zusammensetzung des Bodens unterhaltet, aber ich glaube, wir haben gerade andere Probleme“, meint Gino. Er bezieht sich dabei auf das große, aufgeschmorte, grob drachenförmige Loch im Zaun.

Hamlet quiekt aufgeregt.

„Der Drache ist hier durchgegangen“, sagt Magnus.

„Ja?“, bekräftigt Gino das Offensichtliche.

„Folgen wir ihm?“, wendet sich Magnus an Pastell.

Der Ritter kratzt sich am Kinn. „Das ist sehr gefährlich“, sagt er. „Aber welche Wahl bleibt uns? In der verbotenen Zone ist er mehr oder minder gefangen. Auf der anderen Seite befinden sich hohe Berge. Es ist unwahrscheinlich, dass er über die steilen Abhänge entkommt.“

„Und was ist, wenn er fliegt?“, wirft Gino ein.

„Das ist in der verbotenen Zone zu anstrengend. Der Boden saugt einem förmlich das Leben aus den Knochen“, antwortet Pastell.

„Was sagst du?“, fragt Magnus Sheri, die schon eine ganze Weile auf ihre Uhr starrt. Sie hat DAISY vorausgeschickt, um Untersuchungen durchzuführen. Jetzt wartet sie auf die Ergebnisse.

„Ich nehme noch schwache Spuren erhöhter Radioaktivität wahr. Aber nichts besonders Besorgniserregendes. Pastell hat Recht. Unser kleiner Freund hat das Fliegen aufgegeben. Was bedeutet, dass er sich nicht mehr so schnell fortbewegt. Wenn wir Glück haben und uns beeilen, schaffen wir es vielleicht sogar noch, ihn einzuholen.“

Hinter einem der Hügel blitzt etwas auf. Es leuchtet hellweiß.

„Ist er das?“, fragt Magnus.

„Moment!“, sagt Sheri und tippt in das Display ihrer Uhr. DAISY fährt in einiger Entfernung ihre Dackelaugen aus. Auf Sheris Uhr erscheint ein Bild aus DAISYs Sicht. Es ist herangezoomt und vom Vergrößern unscharf.

Der weiße Drache hinter dem Hügel ist zweifelsfrei zu erkennen.

Er hält den Edelkern triumphierend in der Pranke, macht ein Siegestänzchen und zeigt der Truppe zum Schluss die Mittelklaue.

„Duuuuu!“, knurrt Magnus. Der Drache dreht sich um und stapft davon.

„Los, hinterher!“, ruft Pastell und schreitet voran. Hamlet quiekt und schließt zu DAISY auf. Magnus, Sheri und Gino nehmen zögerlich die Verfolgung auf.

Nach knapp 100 Metern stürzt Gino. Eine Schlange mit purpur leuchtenden Schlitzaugen und einer Haut aus felsenähnlichem Material hat sich um sein rechtes Bein geschlungen.

„AAAAAH!“, schreit er und versucht, sich zu befreien. Ernesto auf seiner Schulter hat sich in sein Schneckenhaus verkrochen. Pastell und Hamlet preschen ungebremst weiter nach vorne.

Magnus und Sheri machen Halt, um ihrem Freund zu helfen.

„Verfolgt den Drachen!“, sagt Gino durch zusammengebissene Zähne. „Ich komm klar. Die kleine Schönheit hier ist zwar ein bisschen stur, aber sie hat auch noch keine Bekanntschaft mit Gino Aldente gemacht!“

„Bist du dir sicher?“, fragt Sheri. Sie kramt in ihrer Tasche nach einem Gerät, mit dem sie Gino aus der Patsche helfen könnte.

„100 pro. Schnappt euch den Drachen, bevor er entwischt oder euch dieser Ritter mit seinem Meerschwein zuvorkommt!“

Gino klatscht Magnus und Sheri ab und kümmert sich im Anschluss um die Felsschlange. Er öffnet seinen Rucksack. Schreckliches Grölen donnert aus dem riesigen Ding.

„Gino schafft das doch, oder?“, fragt Sheri.

„Was glaubst du?“, antwortet Magnus mit einer Gegenfrage.

Pastell und Hamlet haben ihren Vorsprung auf 500 Meter ausgebaut. Magnus und Sheri haben Probleme, in der Steinwüste mitzuhalten. Magnus klettert einen großen Felsblock empor, als er hinter sich Sheri schreien hört.

„Ich stecke fest!“, ruft sie. Magnus weiß im ersten Augenblick nicht, was seine Freundin meint. Sie steht in der Mitte eines glatten Felsen. In alle Richtungen sind gut zwei Meter Platz. Sheri tastet mit den Händen gegen unsichtbare Mauern. Es dauert eine Weile, bis Magnus kapiert, dass Sheri kein Spiel spielt. Sie steckt in einem Gefängnis aus verborgenen Wänden.

„Ich muss eine Falle ausgelöst haben!“, ruft sie ihm zu. Sie tippt Befehle in ihre Uhr. „Sieht aus, als wäre sie technischen Ursprungs. Außerdem ungewöhnlich komplex für das Zeitalter. Gib‘ mir fünf Minuten und ich habe den Mechanismus geknackt.“

DAISY ist bei ihrem Frauchen und bellt ihr von außerhalb des Gefängnisses ermunternd zu. „Sieh du zu, dass du Pastell und Hamlet einholst. Ganz ehrlich, ich traue den beiden nicht. Wenn sie den Drachen erreichen, bevor du es tust, könnte ein Unglück geschehen.“

„Aber ich sollte dir helfen!“, protestiert Magnus.

„Nette Geste, aber ich komme zurecht. Genau wie Gino.“

Magnus wägt seine Optionen ab und entscheidet, dass Sheri Recht hat.

„Halt die Ohren steif!“, ruft Magnus seiner Freundin zu und macht sich alleine auf.

Pastell und Hamlet sehen sich einem dreimannshohen metallischen Exo-Skelett eines Bären mit purpurleuchtenden Plasmakugelaugen gegenüber. Der Kiefer des Bären schnappt aggressiv nach dem Ritter und seinem Meerschwein. Mit seinen riesigen Pranken schlägt er Stein zu Staub. Pastell wehrt die Angriffe des Bären geschickt mit seinem Kristallschwert ab, während Hamlet immer wieder gezielt Wasserstrahlen in das Innere der Maschine schießt. Die beiden sind ein eingespieltes Team.

„Ein kleines Überbleibsel der Alt-Lorisländer“, bringt Pastell heraus, als Magnus sich auf knapp 15 Meter nähert. „Sie haben mit Tieren aus Metall gegen die Monster gekämpft. Dieses Exemplar hat offenbar 20 000 Jahre Winterschlaf gehalten.“

Als der Metallbär Magnus wittert, ruft ihm Pastell zu: „Überlass den uns! Kümmere du dich um den Drachen. Wir hätten ihn fast eingeholt, als uns dieses Monster attackiert hat. Er kann nicht weit sein.“

Dieses Mal bedarf es keiner großen Anstrengung, Magnus zu überzeugen. Er lässt seine letzten Mitstreiter hinter sich und nimmt die steile Route über einen Abhang.

Auf der Kuppe präsentiert sich Magnus eine regelrechte Kraterlandschaft. Die Narben des uralten Kriegs sind noch tausende Jahre später deutlich zu erkennen. In einiger Entfernung sieht Magnus den weißen Drachen. Er hält den Edelkern eng umklammert. Doch im Gegensatz zu vorher wirkt er um ein Vielfaches aufgekratzter. Er macht Schritte, als wäre er mitten in einem Minenfeld.

Magnus hat keine Zeit. Er setzt zum Sprint an und versucht, so schnell wie möglich zum Drachen aufzuholen. Magnus springt über violett leuchtende Kristalle, rostige Überreste hochtechnologischer Waffen und einen schwarzen Totenschädel mit Hörnern. Als der Drache bemerkt, dass Magnus keine Mittel scheut, um ihn zu fangen, wirft er seine Vorsicht über Bord und beginnt ebenfalls wie von der Tarantel gestochen zu rennen. Sein Ziel ist ein Krater, aus dem ein seltsames Leuchten kommt. Obwohl der Abstand von Magnus zum Drachen immer kleiner wird, hält der Letztere daran fest, zu hüpfen statt zu fliegen.

Kurz vor dem Kraterrand stellt Magnus den Drachen. Der Drache steht mit dem Rücken zum riesigen Loch in der Erde.

„Gib‘ mir den Edelkern zurück, oder es setzt was!“, wütet Magnus. Er schnaubt vor Anstrengung. Schweiß steht ihm auf der Stirn. Erst jetzt fällt ihm auf, dass er wehrlos ist. Doch das ist ihm egal. Notfalls benutzt Magnus seine Fäuste.

Der Drache grinst. Er zeigt Magnus die Zunge und zieht sich mit einer scharfen Kralle das Augenlid nach unten. Anschließend erhebt er sich in einem Strudel in die Luft und wirft den Edelkern mit Schmackes in das Zentrum des Kraters.

Magnus trifft seine Entscheidung im Bruchteil einer Sekunde. Er rennt zum Kraterrand, springt hoch und hechtet dem Edelkern hinterher.

Magnus bekommt den Kristall zu fassen.

Und stürzt in die Tiefe.

„Mensch, das war eine echte blöde Idee“, sagt sich der Zauberer und schließt die Augen. Das Licht aus den Tiefen des Kraters brennt auf der Haut. Es ist so hell, dass Magnus die Welt selbst durch geschlossene Lider weiß sieht.

Magnus denkt an seinen Vater. Er wäre sicher gerade stolz auf ihn. Seine Mutter hingegen, würde ihm die Ohren langziehen.

„Um das muss ich mir vielleicht bald keine Gedanken mehr machen.“

Etwas sticht ihn in beide Schultern.

Magnus öffnet die Augen und sieht den weißen Drachen über sich schweben. Er hat Magnus gepackt und trägt ihn durch die Luft. Der Drache grölt Magnus etwas zu. Er klingt ehrlich besorgt. Gar nicht mehr hämisch. Magnus wünscht sich, Gino wäre bei ihm. Er könnte übersetzen.

Der Edelkern in Magnus‘ Händen scheint hell. Von den Rissen in seiner Oberfläche ist nichts mehr zu sehen.

„Du wolltest den Edelkern mit neuer Kraft aufladen“, sagt Magnus und strampelt unbeholfen mit den Füßen. „Wo bringst du mich jetzt hin? HEY!“

Der Drache antwortet mit unverständlichem Gemurmel. Aus dem Tonfall schließt Magnus, dass der Drache nicht vor hat, ihn in einen Vulkan zu werfen. Aus der Luft bietet sich Magnus ein noch besserer Blick auf die zerstörte Landschaft. An manchen Stellen lugen chromglänzende Teile riesiger Maschinen aus der Erde. Sie sind eingerahmt von einer Vielzahl leuchtender Kristalle. Daneben sieht Magnus Spuren, die von gigantischen Bestien zu stammen scheinen. Risse in der Erde wie von Krallen. Löcher wie Fußspuren. Gesprengter Fels wie durch Fäuste bearbeitet.

„Du bist ein ganz schönes Risiko eingegangen, um hierhierzukommen“, sagt Magnus. Magnus sieht Sheri und Gino. Beide konnten sich befreien und winken Magnus nun von der Erde aus zu. Der Ritter hat den mechanischen Bären mit seinem Kristallschwert besiegt. Er und Hamlet sind bei Sheri und Gino. Pastell gibt sich entrüstet.

Von seinem Blickwinkel aus sieht Magnus etwas Erstaunliches. Hinter einer Kuppe haben sich etwa 50 Mann versteckt. Sie sind angezogen wie Pastell, fast alle haben ein Meerschwein dabei.

„Warte mal!“, jappst Magnus. „Das ist ein Hinterhalt!“

Magnus will seinen Freunden zurufen, dass sie rennen sollen – dass Pastell nichts Gutes im Schilde führt, dafür ist er jedoch zu weit weg. Magnus fleht den Drachen an, umzukehren. Doch der Drache weicht nicht von seinem Kurs ab.

14

„LASS MICH LOS!“, brüllt Magnus. Der Drache sieht Magnus mit einem Blick an, der sagt: „Ach, wirklich? Das möchtest du also? Mehrere Hundert Meter in den Tod stürzen?“

Das stopft Magnus‘ großes Maul. Der weiße Drache grinst selbstzufrieden (was Magnus auf die Palme treibt) und macht keine Anstalten, umzudrehen.

„Wenn du mich schon nicht zurück zu meinen Freunden bringst, verrate mir zumindest, was Pastell wirklich von dir will! Wieso hat er dich mit einer ganzen Armee verfolgt? Er hat gesagt, du hast diesen magischen Schild gestohlen. Den Schild von Temez.“

Der Drache grölt eine Reihe wehklagender Laute, die – obwohl er nichts versteht – Magnus‘ steinernes Herz erweichen.

„Pastell hat erzählt, dass du mit dem Schild ganz Lorisland vernichten willst.“

Dieser Vorwurf bringt den Drachen in Rage. Er stößt ein wütendes Brüllen aus und lässt aus seinen Nasenlöchern heiße Flammen züngeln. Danach straft er Magnus mit einem strengen Blick.

„Sorry!“, antwortet Magnus. „Aber mir wurde das so erzählt.“

Der Drache setzt zu einem Steilflug an. Er dreht sich ein und wird dabei immer schneller. Magnus wird speiübel. Sein Manöver vollendet der Drache mit einem Salto. Anschließend schleudert er Magnus in die Luft. Der Zauberer macht ein paar Pirouetten, landet zum Schluss aber sicher (dafür hart) auf dem Rücken des Drachen.

„MUSSTE DAS SEIN?“, fragt Magnus und klatscht dem Drachen mit Schmackes auf den Rücken. Der Drache schlägt zwei Mal mit den Flügeln und lacht. Magnus hat plötzlich Schwierigkeiten, dieses Wesen für eine Maschine der Zerstörung zu halten.

Der Drache macht eine Schleife nach rechts und ändert seinen Kurs.

„Wieso fliegst du jetzt woanders hin?“, will Magnus wissen, doch dieses Mal bleibt der Drache dem Zauberer die Antwort schuldig. Nach einer Weile erscheint ein hoher schiefergrauer Turm am Horizont. An seinem Fuß befindet sich ein prächtiges schwarzes Schloss, samt einer von einer Mauer umschlossenen Stadt. Turm, Schloss und Stadt wirken durch und durch altertümlich. Schon aus der Ferne erkennt Magnus das Leuchten der purpurnen Kristalle, die den Boden der verbotenen Zone gespickt haben.

Der Drache bellt. „Da sind wir!“, soll das heißen, oder etwas in diese Richtung.

„Ist das das Schloss von Lorisland?“

Der Drache nickt. Als Nächstes fliegt er hinter eine graue Regenwolke und flattert mit den Flügeln, damit er in der Luft stehen bleibt. Er dreht seinen Kopf zu Magnus und macht mit seinen Pranken eine Geste, als würde er sich den vollen Bauch reiben. Magnus braucht eine Weile, bis er versteht.

„Ah, der Edelkern! Ich soll ihn verstecken?“

Der Drache nickt erneut.

Magnus steckt sich den leuchtenden Kristall unter sein Hemd. Vom grellen Schein des Edelkerns ist (beinahe) nichts mehr zu sehen. Der Drache grinst.

Sein Schuppenkleid schimmert plötzlich bläulich. Das Schimmern springt auf Magnus über und bereitet ihm einen weiteren Schreckmoment. Er sieht seine Knochen in den Armen und Beinen. Seine Kleidung, seine Haut und Muskeln werden unsichtbar. Zum Schluss auch seine Knochen. Vom Drachen ist bald ebenfalls nichts mehr zu sehen.

„Das ist ja viel besser als Sheris Invisi-MAX!“, staunt Magnus. Der Drache gackert vergnügt.

Magnus und der Drache nähern sich dem Schloss von Lorisland. Schon aus einiger Entfernung erkennt Magnus die Schnecken, von denen Pastell gesprochen hat. Haushohe giftgrüne Tiere mit grellgelbleuchtenden Stielaugen. Sie sind in einen Käfig aus schweren Holzstämmen gepfercht. Insgesamt sind es knapp zwanzig Stück. Die Hälfte hat sich in ihr rotes Schneckenhaus zurückgezogen. Das mag an dem Salz liegen, mit dem ihre Häuser eingerieben sind. Die Tiere, die sich nicht verkrochen haben, geben ein unangenehmes Geräusch von sich. Zu ihren Füßen stehen zahlreiche Lorisländer Soldaten mit schweren Peitschen, die den Schnecken Kommandos zurufen. Von einer Burgzinne aus beobachtet eine Frau in einem rosa Rüschen-Kleid das Geschehen. Sie trägt eine goldene Krone, die mit einer Vielzahl Diamanten besetzt ist.

„Ist das die Prinzessin von Lorisland?“, fragt Magnus. Der Drache antwortet mit einem fast schon menschlichem „Mhm!“

„Aber sie quält die Schnecken“, sagt Magnus. „Es sieht so aus, als würden die Soldaten sie für eine Art Angriff trainieren!“

Der Drache stimmt erneut zu.

„Die Prinzessin…“, beginnt Magnus. „Sie wirkt… grausam!“

Dieses Mal antwortet der Drache nicht. Stattdessen dreht er ab und fliegt mit Magnus in eine andere Richtung. Bald schweben sie über einem schwarzen Platz, der zu den Seiten mit allen möglichen Waffen dekoriert ist. Soldaten haben sich in Reihen postiert und trainieren. Magnus‘ Aufmerksamkeit fällt auf einen kleinen Kreis aus drei Personen. Eine davon ist zweifelsohne der König vor Lorisland. Ein stämmiger Mann mit grauem Rauschebart, der eine größere Krone trägt als seine Tochter und in königlich-roten Brokat gekleidet ist. Neben ihm steht eine Art Offizier. Die dritte Person ist vermutlich ein Mann. Er ist in eine purpurne Robe gehüllt, auf der deutlich ein Rabe zu sehen ist.

„Warte mal: Ist dieser Typ tatsächlich von Purpur Fondant Korfu?“, fragt Magnus entsetzt. „KOZAK HATTE RECHT?“

Die drei Personen inspizieren etwas, das aussieht wie Knochen-Waffen. Schwerter, Speere, Pfeil und Bogen, Äxte. Jedem dieser unheimlichen Gegenstände haftet ein seltsames Leuchten an. Und in jeden ist ein schwarzer Edelstein eingelassen. Magnus glaubt, auf den Edelsteinen ebenfalls das Emblem des Raben zu erkennen.

Der König vor Lorisland scheint zufrieden zu sein. Sein Offizier schwingt eines der Schwerter durch die Luft. Selbst aus hundert Metern Entfernung spürt Magnus ihre magische Kraft.

„Sind… sind diese Waffen aus Drachenknochen gefertigt?“, fragt Magnus. Der weiße Drache wimmert. „Wollte dich Pastell deswegen fangen – um aus dir weitere Waffen zu machen?“

Der Drache heult erneut.

In Magnus lodert Zorn auf. Gleichzeitig schämt er sich. Fast hätte er sich überreden lassen, Pastell bei seinem Plan zu unterstützen. Immer mehr wird Magnus klar, dass in Lorisland etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

„Diesen magischen Schild, den du gestohlen hast – sie brauchen ihn, stimmt’s? Es ist eine genauso mächtige Waffe wie die da unten.“

Der Drache gurrt wie eine Taube.

„Danke, dass du mir das gezeigt hast“, sagt Magnus. Er macht sich plötzlich große Sorgen um seine Freunde. Dann versichert er sich: „Sie sind tough genug, um sich gegen Pastell und sein Meerschwein zu behaupten, sollten sie ihnen krumm kommen. Außerdem haben Gino und Sheri für Pastell noch einen Nutzen.“

„Kannst du mich zu meinen Freunden bringen? Wir können dir bestimmt helfen“, sagt Magnus.

Dieses Mal versteht Magnus den Drachen ohne Probleme: „Keine gute Idee. Zu gefährlich!“

Der Drache dreht erneut ab.

„DA IST ER!“, brüllt jemand vom Boden aus. Es ist die Gestalt in der purpurnen Robe. „DER DRACHE! ER TARNT SICH!“

Die königliche Garde sucht den Himmel mit Adleraugen ab. Kurz darauf sausen purpurne Energiestrahlen an Magnus‘ Ohren vorbei. Sie stammen von den Bögen aus Drachenknochen. Die eingelassenen schwarzen Steine leuchten unheilvoll.

„SCHNELL, FLIEG LOS!“, ruft Magnus dem Drachen zu. Der Drache seufzt, als würde er sagen wollen: „Hab’s kapiert!“. Er fliegt eine Spirale und dann im Zickzack gen Westen in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Nach einiger Zeit gibt der Drache seine Tarnung auf. Die Soldaten und ihre Waffen liegen weit hinter ihnen.

15

Der Drache fliegt mit Magnus zum Gipfel eines hohen Berges. Als sie sich dem Gipfel nähern, sieht Magnus immer mehr Maschinenteile aus der kahlen Erde ragen. In manchen erkennt er Teile wie die des mechanischen Bären, der Pastell und Hamlet attackiert hat. Andere Trümmer ordnet Magnus einem Löwen, einem Adler und einem Krebs zu. Als der weiße Drache sie passiert, fangen sie erst an zu leuchten und dann Laserstrahlen zu verschießen. Der Drache weicht den Strahlen mit Leichtigkeit aus.

„Hast du die Teile hierhergebracht?“, will Magnus wissen. Sein Freund nickt. „Wieso die Mühe?“

Die Antwort darauf erhält Magnus am Ende ihres Flugs. Sie landen in einem riesigen Nest. Dort angekommen schüttelt der Drache Magnus sanft vom Rücken. Magnus stößt sich dabei das Steißbein. Der Schmerz lässt ihn wie ein Flummi hüpfen. Der Drache breitet neben dem Zauberer seine Schwingen aus.

„Hast du das alles gestohlen?“, fragt Magnus. Das Nest ist voller Gerümpel. Da sind Bücher, Kuscheltiere, ein Stuhl, Bowling-Kegel, eine Spielekonsole, eine Modelleisenbahn, eine künstliche Blume und noch viel mehr weiterer Ramsch. Magnus erspäht Tim de Baals Glücksschweißband, Paul Pechs Chemiekasten und Astras Bratsche. In diesem Haufen müssen auch Magnus‘ Zauberstab, Sheris Materiegenerator und Ginos Trillerpfeife versteckt sein.

Der Drache nickt.

Allen gestohlenen Gegenständen haftet ein seltsames Leuchten an.

„Hast du diese Dinge alle in den Krater geworfen? Um sie mit Energie aufzuladen?“

Der weiße Drache stupst Magnus mit der Schnauze an. Magnus fällt der Edelkern aus dem Hemd. Der Kristall purzelt über das Stroh. Im Anschluss schiebt der Drache einen Haufen Gerümpel mit seinen Schwingen zur Seite.

Zum Vorschein kommt ein bläulich schimmerndes Ei. Es ist das größte Ei, das Magnus jemals gesehen hat. Es ist kugelrund wie ein Tischtennisball, aber tausendmal größer.

„Ist das deins?“, fragt Magnus, obwohl die Antwort auf der Hand liegt. Der weiße Drache stupst Magnus erneut an, in die Richtung seines Eis. Magnus legt den Edelkern neben das restliche Gerümpel. Dann berührt er das Ei. Es ist eiskalt. Obwohl Magnus noch nie eines gesehen hat, geht er davon aus, dass sich ein Drachenei nicht kalt anfühlen sollte. Magnus hebt den Edelkern auf und fährt mit dem Kristall vorsichtig an der Schale entlang.

Aber es springt kein Funke über.

Der weiße Drache heult auf.

„Du hast all diese Gegenstände gestohlen – Dinge, die Menschen wichtig sind – in der Hoffnung, dass ihre Energie genügt, um dein Ei zum Schlüpfen zu bringen. Aber es hat nicht gereicht. Darum hast du das Gerümpel in diesen Krater geworfen. Doch auch das hat nichts gebracht.“

Der traurige Drache nickt.

„Das kann nicht alles umsonst gewesen sein“, sagt Magnus und ballt die Fäuste. Er stürzt sich in das Gerümpel, schließt die Augen und lässt sich von seinem Herzen leiten. Neben einer Puppe und einem alten Schaukelpferd wird Magnus fündig.

„Ich hab‘ ihn!“

Das Gefühl, seinen vertrauten Zauberstab in den Händen zu halten, tritt eine Gefühlslawine los. Magnus ist nun nicht mehr wehrlos.

Wie die übrigen Gegenstände glüht Magnus‘ Zauberstab seltsam nach.

„Den hast du also auch in den Krater geworfen…“, sagt Magnus und dreht und wendet seinen Zauberstab.

„Hokus Krokus!“, ruft Magnus. Nicht weit entfernt geht ein gewaltiger lila Blitz auf die Erde nieder. Der Drache schlägt die Flügel über dem Kopf zusammen und winselt. Magnus entschuldigt sich. Er ist selbst schockiert. „Du hast ihn stärker gemacht!“

Allerdings hat der Zauber einen Teil der neuen Macht gleich wieder aufgebraucht. Magnus muss sparsam sein, wenn er seine Freunde retten will.

„Ich glaube ich habe eine Idee, wie ich dir helfen kann“, sagt Magnus.

„Zeter Staubfänger!“, ruft er und beschwört aus der Spitze seines Zauberstabs einen Tornado. Magnus fuchtelt wild umher. Der Sog des Tornados saugt das Gerümpel, das der Drache mühsam angehäuft hat, ein.

Der Drache sieht Magnus verdutzt an.

„Keine Sorge!“, sagt Magnus. „Gehört alles zum Plan.“

Magnus‘ Zauberstab blinkt drei Mal. Das letzte Mal grün. „Es hat geklappt!“

Magnus richtet seinen Stab auf das Drachenei.

„Mordio Öffne Ventil!“

Magnus‘ Zauberstab spuckt das Gerümpel aus. Es ordnet sich auf magische Art und Weise wieder genau so an wie zuvor. Der seltsame Glanz der Gegenstände ist verschwunden.

Der Zauberstab leuchtet dafür umso intensiver. Magnus tippt mit seiner Spitze auf den Edelkern. Der Kristall ist der einzige Gegenstand, den Magnus nicht aufgesogen hat. Die Energie springt mit einem bitzelnden Funken auf Magnus‘ Zauberstab über.

„Maximus Wärme!“, ruft Magnus. Ein roter Balken aus Licht schießt aus dem Stab und hüllt das Ei in eine wohlig warme Schicht.

„Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass es funktioniert“, sagt Magnus. Er hat knapp ein Viertel der Kraterenergie für seinen Zauber verwendet.

Schon kurze Zeit später tut sich etwas. Zuerst wackelt das Ei, dann rollt es, zum Schluss hüpft es in seinem Nest auf und ab. Es bekommt einen Riss, dann einen zweiten, zum Schluss eine ganze Menge.

Magnus betrachtet das Spektakel mit offenem Mund. Die Drachenmutter ist aus dem Häuschen. Sie hüpft ebenso wie ihr Junges im Kreis.

Es macht ein lautes KNACK und der Kopf des Drachenbabys lugt aus seiner Schale hervor. Es lächelt seine Mutter an. Der weiße Drache stürmt auf sein Junges zu und bricht den Rest des Eis auf. Dann nimmt die Drachenmutter ihr Kind liebevoll in den Arm.

Magnus kann nicht anders. Er gesellt sich dazu und knuddelt den Drachen und sein Küken.

Doch schon bald wird das Gesicht der Mutter wieder ernst.

„Die Gefahr ist noch nicht gebannt“, sagt Magnus. Die Drachenmutter knurrt. „Der König von Lorisland hat es immer noch auf dich und dein Kleines abgesehen.“ Magnus betrachtet seinen finster leuchtenden Zauberstab. Er ist mit genügend Kraft aufgeladen, um selbst die mächtigsten Zauber zu wirken, die Magnus kennt. Er sucht Ginos Trillerpfeife und Sheris Gerät aus dem Haufen Gerümpel heraus (auf einer Plakette steht ihr Name), dann sagt er zum weißen Drachen: „Bring mich zu meinen Freunden! Gemeinsam können wir den König besiegen. Und danach werden wir auch dieses ganze Gerümpel wieder los.“

16

Magnus klammert sich an den Rücken des Drachen. Das Junge haben sie in seinem Nest zurückgelassen. Zuvor hat ihn seine Mutter das erste Mal mit angedauten Essensresten gefüttert. Magnus hat sich anstrengen müssen, nicht sein eigenes Angedautes herzugeben. Im Anschluss hat Magnus das Gerümpel in der Form von Käfigstäben um das Nest des Jungen herum angeordnet. Drachenbabys darf man nicht unbeaufsichtigt lassen, ohne die nötigen Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Zum Schluss hat Magnus eine der gestohlenen Puppen groß gehext, damit sich der junge Drache nicht einsam fühlt.

Der Drache ist mit Magnus unterwegs zurück zur verbotenen Zone. Doch da sind Gino und Sheri nicht mehr.

„Kannst du sie damit finden?“, sagt Magnus vom Rücken des Drachen aus und hält ihm Ginos Trillerpfeife und Sheris handtellergroßen Materiegenerator vor die Nase. Der Drache nimmt einen tiefen Zug. Nach kurzer Zeit dreht er ab und fliegt in entgegengesetzte Richtung.

Pastell und Hamlet treiben Sheri und Gino vor sich her. Beiden Freunden haben sie die Arme hinter dem Rücken zusammengebunden. Pastell schwingt sein Kristallschwert durch die Luft und bringt so den aus der Puste geratenen Gino dazu, schneller zu rennen. Hamlet stupst DAISY immer wieder mit der Schnauze an, um sie vorwärts zu bewegen. DAISY scheppert fürchterlich. Pastell muss Sheri gezwungen haben, DAISY auszuschalten.

Hinter den Vieren hat sich Pastells Trupp, bestehend aus fünfzig Lorisländer Rittern, aufgereiht. Sie unterhalten sich lautstark miteinander und lachen dabei. Hamlet quiekt vergnügt.

„So ein Dummdödel!“, ärgert sich Magnus. „Kannst du mich näher an Sheri und Gino heranbringen?“ Dann hat Magnus eine Idee. „Mach dich unsichtbar! So wie du es vor dem Schloss gemacht hast.“

Der Drache lässt seine Schuppen schillern. Im Nu sind er und Magnus nicht mehr zu sehen. Am Boden vibriert Sheris Uhr. Pastell bekommt davon nichts mit. Gino schon.

„Hey, was war das?“, flüstert er seiner Freundin zu. „Hat DAISY einen Schaden? Kannst du sie reparieren?“

Sheri tut ihr Möglichstes, um die Überraschung zu verbergen.

„Nein, das ist es nicht! Das ist der Detektor-Alarm für meinen Materiegenerator. Meine Uhr vibriert stärker, je näher wir ihm kommen. Gerade bricht sie mir fast das Handgelenk.“

Plötzlich schießt eine gewaltige Feuersäule vom Himmel und schließt Pastells Truppe in einen brennenden Kreis ein. Die Ritter sind überrumpelt, dennoch versuchen sie sofort, Schneisen in das Feuer zu schlagen. Die Meerschweine unter Hamlets Führung haben ebenfalls kein Glück damit, den stechend heißen Brand zu löschen. Sie bekommen ihn nicht unter Kontrolle.

Magnus springt vom Rücken des Drachen ab und positioniert sich zwischen Pastell, Hamlet und seinen Freunden.

„Evanescet Fesseln!“

Die Taue, die Sheri und Gino die Hände abschnüren, fallen zu Boden. Magnus wirft seinen Freunden zwei Gegenstände zu: Sheri ihren Materiegenerator und Gino dessen silberne Trillerpfeife. „Hier, hab‘ ich gefunden!“

„Hey, danke!“, ruft Gino. „Und falls du es noch nicht bemerkt haben solltest, ich glaube, Pastell ist eigentlich der Böse.“

„Zu diesem Schluss bin ich auch gekommen“, antwortet Magnus. Der Drache zieht Kreise über den Köpfen der Drei und ihren Widersachern.

Zu Pastell meint Magnus: „Du lässt uns jetzt gehen, und meinen Freund da oben lässt du ab sofort in Ruhe!“

„Ich fürchte, das kann ich nicht tun“, antwortet Pastell – plötzlich mit einem selbstgefälligen Grinsen im Gesicht. „Wir brauchen den Drachen für unsere Waffen. Mit ihnen werden wir den Kosmos erobern! Außerdem verfügen deine Freunde über Talente, die sich für unsere Zwecke als ganz brauchbar erweisen könnten.“

„Na gut, wenn du es nicht anders willst! Glacies totalis!“

Magnus verwendet einen Teil des Magna Vis für seinen Zauber. Hamlet versucht, ihn mit einem Wasserprojektil aus seiner Schnauze abzuwehren, doch bevor das Wasser Magnus‘ Zauber erreicht, gefriert es. Das schwarze Borstenschwein wird in einem Block Eis eingeschlossen. Pastell wehrt Magnus‘ eisigen Blitz mit seinem Kristallschwert ab. Magnus‘ Zauber bricht eine Scherbe aus der Klinge.

„Mist!“, sagt Magnus.

Plötzlich pustet Gino mit voller Kraft in seine Trillerpfeife. Die Geräusche um sie herum verstummen. Doch es geschieht nichts. Entnervt fragt Pastell: „Was sollte das, Junge?“

„Das wirst du schon sehen, du Blödian!“ Gino zeigt dem Lorisländer Ritter die Zunge.

Am Himmel erscheinen zwei leuchtende Blitze. Sie erzeugen einen Donnerknall und schlagen rechts und links neben Gino ein. Es sind zwei Greife. Ungeheuer aus Legenden mit leuchtend blauen Augen. Dem linken Greif sitzt jemand auf dem Rücken. Ginos Juwelschlegel Ernesto.

„Als du uns gefangen genommen hast, habe ich den Kleinen hier losgeschickt, um Hilfe zu holen. Manchmal ist es eben doch von Vorteil, wenn man klein ist, was?“

Sheri stürmt nach vorne und schnappt sich die Scherbe, die aus Pastells Kristallschwert gebrochen ist.

„Vielen Dank!“, sagt sie. „Die kann ich gebrauchen.“ Dann zu Magnus: „Ich brauche meine Tasche!“

Pastell hat Sheris Tasche an sich genommen, als er ihr die Fesseln angelegt hat. Ginos waschmaschinengroßen Rucksack ist ihm dagegen zu schwer gewesen.

„Hokus Sum Summ!“, ruft Magnus und zielt mit seinem Zauberstab auf die Tasche seiner Freundin. Pastell versucht, sich abzuschirmen, doch dieses Mal trifft ihn Magnus‘ Zauber frontal. Zusammen mit Sheris Tasche hebt er ab. Magnus wackelt mit dem Zeigefinger und die Tasche fliegt zu ihm. Er reicht sie Sheri weiter.

„Gut, viel ist nicht mehr drin. Aber es müsste noch reichen.“

Sheri sprüht sich, Gino, Magnus, die zwei Greife und Ernesto mit dem letzten Rest Invisi-MAX-Spray ein. Danach rennt sie zu DAISY und hebt sie auf. Auch der kleine Roboterhund verschwindet kurze Zeit später.

„Magnus, dein Freund kann uns doch erschnüffeln, oder?“, fragt Sheri. Ihre Stimme ist ein Flüstern im Wind.

„Noch viel besser“, antwortet Magnus. „Er kann sich selbst unsichtbar machen.“

„Gut, dann lasst uns von hier verschwinden! Du zeigst uns den Weg! Wir folgen dir auf den Greifen. Das geht doch, oder Gino?“

„Na, klar!“, lacht Gino.

Ein kurzes Gerangel ist zu hören. Danach herrscht Stille.

17

Gino spielt mit dem Drachenbaby. Er kitzelt ihm den Bauch und verfüttert Gummiwürmer aus seinem Rucksack. Das kleine Drachenjunge lacht und spuckt vergnügt tiefrote Funkenfontänen aus den Nasenlöchern. Die Greife, die Gino gerufen hat, patrouillieren in Kreisen über dem Drachennest und halten nach Feinden Ausschau.

Währenddessen schrumpft Sheri mit einem Gerät, dessen Einzelteile sie mit ihrem Materiegenerator gedruckt hat, das angesammelte Gerümpel auf Miniaturgröße und verstaut es in ihrer Tasche.

„Was machen wir nun?“, meint Sheri beim Ordnen der Sachen. „Wir können nicht einfach verschwinden, oder?“

„Nein, da hast du Recht. Der Drache und sein Kleines sind hier nicht sicher. Außerdem ist da noch dieser Typ im Purpurmantel. Ich bin immer mehr der Überzeugung, dass Kozak Recht gehabt hat. Diese Geheimorganisation, von der er gesprochen hat, hat hier seine Finger im Spiel. Sie fertigen Waffen aus Drachenknochen. Ihr habt Pastell selbst gehört. Die Lorisländer wollen den Kosmos erobern.“

„Dass sie das in unserer Zeit noch nicht getan haben, heißt vermutlich, dass sie aufgehalten worden sind“, mutmaßt Sheri.

„Vielleicht sind wir das gewesen?“, stellt Magnus in den Raum. „Gut, dass wir das hier haben.“

Magnus hält den Schild von Temez von sich gestreckt. Bisher hatte er keine Zeit gehabt, den Schild aus Platin und Gold mit dem eingelassenen, mindestens 2 Kilo schweren Diamanten genauer zu betrachten. Der Schild ist prachtvoll, das stimmt. Faszinierender ist jedoch die Aura, die er ausstrahlt. Trotz des Magna Vis überstrahlt die Macht des Schildes die seines Zauberstabes um ein Vielfaches.

„Wir müssen sie stoppen. Hat jemand eine Idee, wie?“, fragt Magnus. Gino hält kurz inne und zuckt die Schultern.

„Wir sollten uns wappnen“, antwortet Sheri und präsentiert den Freunden die Scherbe Kristallglas von Pastells Schwert. „Ich habe diese Probe von meinem Materiegenerator analysieren lassen. Die Molekularstruktur dieses Materials ist sehr eng gepackt und zu 99,9% rein. Das lässt sich nur bewerkstelligen, indem man Kohlenstoffatome unter hohem Druck und hoher Temperatur mit der genau richtigen Menge an Spurenelementen erhitzt. Kurzum: Dieses Material ist härter als Diamant. Es kommt einem Wunder gleich, dass du Pastells Schwert überhaupt beschädigen konntest.“

„Schön für Pastell“, meint Magnus. „Aber was hat das jetzt mit unserer Situation zu tun?“

Gino antwortet für Sheri: „Sie kann dieses Material in ihrem Materie-Dingsbums herstellen. Das wolltest du doch damit sagen, oder?“

„Jap!“, stimmt Sheri zu.

„Was, echt? Krass!“, sagt Magnus.

„Gebt mir eine halbe Stunde und ich stelle uns etwas nettes her.“

Gino spielt in der Zwischenzeit weiter mit seinem neuen Freund und Magnus übt Flugmanöver auf dem Rücken des weißen Drachen. Sheri arbeitet unter Hochdruck.

Als Gino und Magnus 29 Minuten später das Ergebnis von Sheris Tüftelei zu Gesicht bekommen, fallen ihnen beinahe die Augen aus dem Kopf. Sheri hat jedem eine Rüstung aus knallrosanem Kristall kreiert. Sogar an den Drachen und die zwei Greife hat Sheri gedacht. Die Rüstung passt wie angegossen, ist äußerst hart und extrem leicht. In Magnus‘ Brustpanzer hat Sheri den Schild von Temez integriert.

„Damit müsste sich deine Magie besser bündeln lassen“, meint sie.

Beim Anlegen der Rüstung spürt Magnus die Macht des Schilds sofort. Zwischen seinem Stab und dem Schild stellt sich eine Verbindung her, durch die ein unsichtbarer Strom fließt.

„So können wir Pastell und seine Schergen schlagen!“, sagt Magnus. Der Drache legt seinen Kopf auf den Boden, um Magnus aufsteigen zu lassen. Gino knuddelt das Drachenbaby ein letztes Mal und lässt ihm ein Knäuel Gummiwürmer da, dann ruft er seine Greife zu sich, hilft ihnen dabei, ihre Rüstungen anzulegen, und Sheri beim Aufsteigen auf ihr Flugtier. DAISY lassen sie hier. Sie muss ihre Batterien laden. Außerdem kann der kleine Drache Gesellschaft gebrauchen. So wird ihm schon nicht langweilig.

„Zeig uns den Weg!“, sagt Magnus zum Drachen. Die drei Freunde winken dem Baby von hoch oben ein letztes Mal zu. Dann machen sie sich auf den Weg zum Schloss von Lorisland.

18

Magnus und der Drache nähern sich dem Schloss von Lorisland im Tarnflug und ziehen dabei Kreise. Als er zu seinen Freunden zurückkehrt, hat er schlechte Neuigkeiten.

„Von den Waffen, die sie auf dem Hof gelagert haben, fehlt jede Spur“, sagt der Zauberer. „Überhaupt wirkt das ganze Schloss wie ausgestorben. Glaubt ihr, dass sie die Waffen in Sicherheit gebracht haben?“

„Könnte eine weitere Falle sein“, meint Sheri.

„Kannst du mit deinen Geräten die Umgebung nicht nach Feinden absuchen?“, fragt Gino.

„Ja, mit DAISY vielleicht. Aber selbst sie hätte mit einem derart großen Areal Probleme. Ich fürchte, dieses Mal sind wir auf uns allein gestellt.“

„Na ja, nicht ganz“, sagt Gino und zeigt verwegen seine Trillerpfeife.

„Also, was meint ihr, sollen wir landen?“, fragt Magnus.

„Du reitest auf dem Drachen, auf den sie es abgesehen haben. Außerdem bist du im Besitz des Schilds von Temez. Ich gehe davon aus, dass sie sich erst einmal anhören müssen, was du zu sagen hast. Notfalls machen wir eine Kehrtwende und sortieren uns neu“, meint Sheri.

„Also, wie lautet der Plan?“, fragt Gino.

„Wir stürmen das Schloss!“, sagt Magnus.

Und genau das tun sie.

Magnus springt aus fünf Metern Höhe vom Rücken des Drachen und landet wie ein Komet im Hof der Lorisländer Ritter. Dank der Rüstung, die die Energie des Aufpralls schluckt, bleibt Magnus unverletzt.

„Cooles Ding!“, sagt er. Gino und Sheri sind da etwas zurückhaltender. Sie lassen sich von ihren Greifen bis zum Boden bringen und steigen dann vorsichtig ab.

„Es war nicht sehr klug von euch zu kommen“, sagt Pastell, der aus dem Schatten eines großen Tors auf die Drei zukommt. Hamlet ist bei ihm. Er schlottert. Ein dicker Tropfen Nasensekret hängt an seinem Rüssel. Das Meerschwein muss sich durch Magnus‘ Eiszauber erkältet haben. „Gib‘ mir den Schild, und ich vergesse, dass du uns an der Nase herumgeführt und mit dem Drachen gemeinsame Sache gemacht hast.“

„Wenn hier jemand jemanden an der Nase herumgeführt hat, dann doch ganz sicher du!“, erwidert Magnus. „Den Drachen bekommt ihr nicht. Keine Chance!“

„Große Worte für einen kleinen Bengel.“

Aus dem Ost-, West- und Südtor drängen Lorisländer Soldaten. Die meisten haben ein Meerschwein bei sich. Viele davon tragen aus Drachenknochen gefertigte Waffen. Der schwarze Stein, der in jede von ihnen eingelassen ist, leuchtet purpurn. „Du bist umzingelt, Kleiner! Rück den Schild raus!“

„Wo ist dieser Purpurmantel?“, will Magnus wissen. „Gehört er zu—“ Magnus zwingt sich, dieses Mal den richtigen Namen zu benutzen. „Purpura Effodiant Corgi?“ Na ja, fast. Corgi ist eine Hunderasse. „Wisst ihr eigentlich, dass es dieser Verein auf magische Artefakte wie den Schild von Temez abgesehen haben?“

„Da hast du Recht!“, sagt eine Gestalt, die wie aus dem Nichts erscheint. „Der König von Lorisland hat mir den Schild im Gegenzug für meine Unterstützung versprochen. Mit meiner Hilfe wird Lorisland in ein neues Zeitalter katapultiert!“

Der Purpurmantel hebt eine Hand. Magnus spürt wie ein magnetischer Sog den Schild in seiner Rüstung erfasst. Aber nicht nur das – sein Zauberstab wird ebenfalls von der Hand des Raben angezogen. Magnus widersetzt sich mit Mühe der Krafteinwirkung.

Plötzlich zerteilt eine Schneise heißen Feuers das Feld. Der Sog auf den Schild lässt schlagartig nach.

„Verflucht!“, zischt der Purpurmantel. „Kümmert euch zuerst um den Drachen! Anschließend nehmen wir uns den Bengel und seine Freunde vor!“

„Hokus Krösus!“, ruft Magnus aus voller Kehle. Ein gigantischer lila Blitz schießt aus dem wolkenlosen Nachthimmel. Magna Vis steckt in diesem Zauber. Der Blitz trifft den Purpurmantel an der Schulter. Er lässt einen schmerzverzerrten Schrei los, doch bis auf ein bisschen brennenden Stoff scheint der Zauber dem Raben nicht geschadet zu haben.

„GREIFT AN!“, brüllt Pastell und mobilisiert damit den Rest seiner Truppen. Sie versuchen, die drei Freunde in einen Kreis einzuschließen, bevor sie – bewaffnet mit Kristallschilden – näherkommen.

Die Greife schießen immer wieder aus dem Himmel und stibitzen Pastells Männern Waffen oder Helme. Die Soldaten mit den Drachenknochen-Waffen halten strategisch Abstand.

Hamlet drängt sich durch die Schilde der Ritter. Es ist klar, dass er es auf Magnus abgesehen hat. Das Meerschwein zieht seine Nase hoch, bläht sich dabei auf wie ein Kugelfisch und feuert ein Schnodder-Projektil direkt auf den Zauberer. Magnus duckt sich im letzten Moment weg, so dass das Geschoss einen Ritter trifft, der hinter ihm steht. Sofort beginnt die Nase des Ritters zu laufen und er schießt eine Niessalve nach der anderen ab.

„Hast du etwa die Schweinegrippe?“, fragt Magnus entsetzt.

Auf den schwarzen Zinnen der hohen Mauern erscheint jemand Neues.

„Schnappt sie euch, meine Kleinen!“, ruft die grausame Prinzessin von Lorisland. Mit ihren blonden Locken, den blauen Augen, dem rosa Rüschenkleid und dem goldenen Krönchen wirkt sie wie ein Unschuldsengel. Ihr bösartiges Lächeln spricht jedoch eine andere Sprache. Über die hohen Mauern kriechen riesige grüne Schnecken mit roten Häusern und leuchtenden Augen.

„Kein Problem!“, ruft Gino und zückt seine Trillerpfeife. Bevor er in die Öffnung pusten kann, trifft ihn Schleimball einer der gigantischen Schnecken. Gino schüttelt ihn sich angeekelt vom Körper. In seiner Igelfrisur bleibt er allerdings kleben. Gino trällert los.

Lange Sekunden geschieht nichts. Dann erscheint ein riesiger Vogel am Himmel, der wie eine Mischung aus einer Taube und einem Pfau mit blau schillernden Federn aussieht. Die Augen des Vogels leuchten rotebeeterot. „Schau zu, dass du den Tierchen nicht weh tust!“, sagt Gino dem Vogel. „Auch, wenn sie ganz schön dreist sind.“

Der Riesenpfau pickt mit seinem goldenen Schnabel nach den Schnecken. Aufgeschreckt ziehen sich die meisten in ihr Schneckenhaus zurück.

An anderer Stelle stürmt Pastell auf Magnus zu. Hamlet ist an seiner Seite und bläht sich auf, um ein weiteres Schnodder-Projektil auf ihn zu feuern. Pastell hebt sein Kristallschwert über den Kopf und macht sich bereit, zuzuschlagen, als Sheri dazwischen geht und seine Attacke mit einem von ihr geschaffenen, ebenso hartem Schild blockt.

„Aus dem Weg!“, brüllt er Sheri an.

„An mir kommst du nicht vorbei!“, gibt sie zurück. Sie schlägt mit etwas zu, dass man als Hammer bezeichnen könnte. Zwischen Stiel und Kopf des Hammers befindet sich eine Apparatur, die aus einer Kette und einer großen Anzahl mechanischer Federn besteht.

„Was willst du kleines Gör schon gegen einen Ritter von Lorisland ausrichten?“, schreit Pastell sie an, als Sheri den Hammer über ihren Kopf schwingt.

Pastell versucht, Sheris Attacke mit seinem Schild abzuwehren, doch kurz bevor der Hammer auf den Schild schlägt, verstärkt sich die Wucht des Schlags. Sheri trifft Pastell mittig am Helm.

„Du magst mir körperlich überlegen sein, aber die Macht der Physik ist auf meiner Seite! Dieser Hammer multipliziert meine Kraft! Die Hebel in seinem Innern sind präzise aufeinander abgestimmt. Dagegen kommst du nicht an!“

Das hält Hamlet nicht davon ab, weiter zu attackieren. Er niest und schleudert Sheri einen Schnodderball entgegen. Sheri wehrt ihn mit ihrem Hammer ab, als wäre er ein Baseball-Schläger. Und wieder trifft das Projektil einen von Pastells Männern. Sofort geht der Soldat mit grippeähnlichen Symptomen zu Boden.

„Hier, fang!“, ruft Gino Sheri zu. Er geht nun auf dem Rücken des Riesenpfaus gegen die Prinzessin von Lorisland vor. Auch sie hat ein Talent im Tiere-Bändigen. Ein Dutzend Löwen-Ziege-Skorpion-Mischwesen mit lila leuchtenden Augen haben den Weg auf das Schlachtfeld gefunden und gehorchen den Befehlen der Prinzessin. Die Greife können sie momentan noch mit Hieben aus der Luft im Zaum halten.

Sheri nimmt eine Hand von ihrem Hammer, um zu fangen, was Gino ihr zuwirft. Es ist eine rosa Kugel mit Zuckerüberzug, so groß wie eine Faust.

„Fütter das Hamlet!“, ruft Gino ihr zu. Sheri wirft die Kugel kurzerhand in die Luft und führt in ihrem Kopf eine Reihe unheimlich komplexer Berechnungen durch. Anschließend drischt sie mit voller Kraft des Hammers auf die Zuckerkugel ein und feuert sie damit direkt in Hamlets Rachen.

„Volltreffer!“, jubelt Sheri. Hamlet ist zuerst tief schockiert, dann angenehm überrascht vom Geschmack des Zuckerballs. Er kaut und kaut. Dabei bewegen sich seine Kiefer mit jedem Biss langsamer auseinander, bis das Schwein sie gar nicht mehr aufbekommt. Der Zuckerball ist Kaugummi gewesen. Mit jedem Nieser bläht sich Hamlet nun mehr auf. Bis er so voll mit Luft ist, dass er abhebt und in den Himmel steigt.

Pastell hat Angst um sein Meerschwein. Er lässt Sheri hinter sich, taucht in die Reihen seiner Männer ein, nur, um dann mit Flügeln aus Drachenknochen zurückzukommen. Er holt seinen Freund aus der Luft, steigt auf seinen Rücken und schießt von oben wahllos schwarze Laserstrahlen auf die Leute am Boden. Dabei ist es ihm egal, ob er Freund oder Feind trifft. Sheri kann das nicht mitansehen. Sie pfeift einen Greif zu sich und versucht, Pastell einzuholen. Während sie dem Ritter hinterherjagt, weicht sie unentwegt Laserschüssen aus. Doch so hält sie zumindest Magnus den Rücken frei, der sich jetzt mit dem Purpurmantel duelliert. Es ist ein Kampf der Zauberstäbe. Der Purpurmantel verschießt einen dunkelgrünen Fluch nach dem anderen. Magnus hat Schwierigkeiten auszuweichen, doch Treffer, denen er nicht ausweichen kann, werden von Sheris Kristallrüstung reflektiert. Die Rüstung kommt langsam an seine Grenzen. An den Schultern ist sie schwarz verfärbt und heiß.

„Hokus Kröte!“, ruft Magnus und versucht, den Purpurmantel damit in eine Amphibie zu verwandeln. Der Zauber prallt an einem unsichtbaren Schild ab und trifft erneut einen von Pastells Männern.

„Verdammt, so wird das nichts!“, zischt Magnus. „Alle meine Zauber prallen einfach ab!“

„Hast du nicht mehr drauf?“, lacht der Purpurmantel. „So jemand wie du schimpft sich also Zauberer?“

„Dir werd ich’s schon zeigen!“, knurrt Magnus.

Er bekommt Unterstützung aus der Luft. Der Drache feuert heiße Feuerbälle auf den purpurnen Magier, doch auch sie dringen nicht durch die unsichtbare Barriere.

„Warte, das ist die Lösung!“, japst Magnus. Er hat einen Geistesblitz. „Ich muss das testen!“ Magnus richtet seinen Zauberstab auf sich, fügt seinem Zauber etwas Magna Vis hinzu und feuert einen Hokus Krokus direkt auf sich selbst. Ein Blitz fährt vom Himmel herab und schlägt in seine Rüstung ein. Magnus lässt es geschehen.

Der Zauber schadet ihm nicht. Stattdessen absorbiert Magnus die Energie des Blitzes, und der Diamant im Schild von Temez blinkt grün. Eine Vibration geht durch seinen Körper.

„HEY, DRACHE, SPUCK EINEN FEUERBALL AUF MICH!“, schreit Magnus in den Himmel. Der Drache sieht seinen neuen Freund mit großen Augen an. Er zieht eine schuppige Augenbraue nach oben und zuckt dann die Schultern. Er spuckt ein flammendes Geschoss auf seinen Freund.

„Vielleicht war das zu viel des Guten!“, denkt Magnus, als die Hitze des Feuerballs schon aus zehn Metern Entfernung die Haut in seinem Gesicht spannt. Er spielt noch mit dem Gedanken, auszuweichen, da schließt ihn der Feuerball bereits in heiße Flammen ein.

„Lass das gutgehen!“, betet Magnus. Er konzentriert sich auf seinen Zauberstab. Zapft seine Macht an. Und schluckt die Flammen.

Der Schild von Temez leuchtet grell. Magnus‘ Zauberstab strahlt wie heißes Eisen.

„Heiliger Strohsack, es hat funktioniert!“

Plötzlich herrscht Stille auf dem Schlachtfeld. Sämtliche Augen sind auf Magnus gerichtet. Er leuchtet so hell, dass man kaum schafft, hinzusehen.

„Das Spiel ist vorbei!“, sagt Magnus, richtet seinen Zauberstab auf den Purpurmantel und ruft: „Hokus Phönix!“

Aus der Spitze von Magnus Zauberstab kommt ein Wesen aus schillernden Flammen. Es kreischt wie ein Adler, schwingt sich in die Luft und stürzt dann auf den Purpurmantel. Der Phönix hüllt den Magier mit seinem Körper vollständig ein und flammt auf.

Der Purpurmantel versucht, dem Phönix mit seiner Barriere standzuhalten, doch sie bricht nach nur wenigen Sekunden ein. Die Flammen fressen am Mantel des Zauberers.

Der Purpurmantel stößt ein furchtbares Geheul aus, das einem durch Mark und Bein geht und das ganz und gar nicht menschlich klingt. Schwarzer dicker Qualm steigt aus der Robe und verschwindet mit einem Knall, der den Rest der Phönixflammen mit einem Schlag löscht.

Ein Ruck geht durch die Reihen Lorisländer Krieger. Aus ihren Mündern kommt derselbe dicke Qualm, der sich mit lauten Donnerschlägen in nichts auflöst. Die leuchtenden Augen der Soldaten bekommen eine andere Farbe. Sie lassen ihre Waffen fallen und sehen sich entgeistert um.

Darmowy fragment się skończył.

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382 str. 5 ilustracji
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9783742770035
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Bookwire
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