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Felizia Wolf

Der Sohn des Deutschländers

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Anstatt Vorwort

Kapitel I

Kapitel II.

Kapitel III.

Kapitel IV.

Kapitel V.

Kapitel VI.

Kapitel VII.

Kapitel VIII.

Kapitel IX.

Kapitel X.

Kapitel I.

Kapitel II.

Kapitel III.

Kapitel I.

Kapitel II.

Kapitel III.

Kapitel IV.

Kapitel V.

Kapitel VI.

Kapitel VII.

Kapitel VIII.

Kapitel IX.

Kapitel X.

Kapitel XI.

Kapitel XII.

Kapitel XIII.

Kapitel XIV.

Impressum neobooks

Anstatt Vorwort

Ich habe „Ja“ gesagt. Mein Freund hat mir heute das Versprechen abgerungen, ihm zu helfen. Er will seine Geschichte aufschreiben. Seine Lebensgeschichte. Jeder Mensch müsse „sich selbst finden“, sagt er, und Schreiben sei das wirksamste Mittel dazu.

„Oh je! Selbstfindung!“ Ein langgezogenes, womöglich genervtes Stöhnen war meine erste Reaktion auf seine Bitte um Hilfe. „Wenn ich sowas schon höre! Was heißt Selbstfindung eigentlich? Das klingt so schwammig, pathetisch, fast mysteriös! Und im Grunde so nichtssagend. Selbstfindung! Hattest du dich denn mal verloren? Wohin verloren? Du kannst dich ja kaum irgendwo liegen lassen haben wie einen Handschuh.“

Mein Freund denkt lange nach, bevor er mir erklärt: „Sich selbst zu finden bedeutet, ein Leben in Furchtlosigkeit zu erlangen. Furchtlos in dem Sinne, dass man eine lebensbejahende Sicherheit erreicht, und zu einer ganz und gar in sich ruhenden Persönlichkeit wird. Nur dann kann man auch allen Mitmenschen offen und liebevoll in die Augen sehen.“

„Gewaltig, was du dir da vorgenommen hast!“, spotte ich. Und ich habe meine Zweifel, dass so etwas überhaupt möglich ist. Schlieβlich ist man, wie man ist. Begriffe wie „Furchtlosigkeit“, oder „in sich ruhende Persönlichkeit“, genau wie „lebensbejahende Sicherheit“ erzeugen bei mir eigentlich nichts weiter als Ablehnung. Ich traue solchen tiefsinnigen Aussagen einfach nicht.

Ich versuche, meinen Freund zu provozieren, um seine gegenwärtig vorgetäuschte Selbstsicherheit ins Wanken zu bringen und herauszufinden, warum er es nötig hat, sich selbst zu finden.

„Wo willst du denn anfangen zu suchen? In der Kindheit? Schulzeit? Halt… da dämmert mir etwas: Du hast also in der Kirche der Mennoniten gar keine geistige Erleuchtung gesucht, sondern dich selbst! Jahrelang! Na klar! Was sollten sonst all die versuchten Glaubensexperimente, die dich am Ende kein bisschen furchtlos gemacht haben! Ha! Nichts hat dich je so unfroh und ängstlich gemacht, wie die vermeintlich „frohe Botschaft“.

Es hat funktioniert, er ist wütend: „Hör damit auf, Glauben und Evangelium lächerlich zu machen!“, sagt er unwirsch, seine Unterlippe zittert. „Du weißt genau: Meine Unfähigkeit, einfach zu glauben, was mir in der Kirche versprochen, aber auch angedroht wurde, hat mich an den Rand der Verzweiflung gebracht! Ich hatte Angst! Verzweifelte Angst vor alledem, was ich nicht verstanden habe, verzweifelte Angst vor dem Tod, der ewige Strafe bedeuten konnte. Und auch verzweifelte Angst vor dem Leben. Diese Verzweiflung verwandelte sich irgendwann in Wut und Anklagen. Erst gegen die Kirche, dann gegen ‘die Leute’ und schließlich gegen mich selbst. Reicht das?“

Ich beachte seinen Einwand gar nicht. „Da fällt mir ein“, sage ich und schaue sinnierend ins Nichts. „Was ist eigentlich mit den Frauen? Haben dich etwa die Beziehungen immer weiter von deinen eigenen Prinzipien weggebracht, sodass jetzt die Suche nach dir selbst nötig wird? Welche von beiden Frauen war eigentlich schuld? Welche hat dich von dir selbst weggebracht?“

Ich sehe, dass mein Freund blass wird vor Wut. Vielleicht bin ich zu weit gegangen. Schnell rede ich weiter, um ihn gar nicht erst zu Wort kommen zu lassen: „Oder war es am Ende der frühe Tod deiner Mutter? Dann die Auswanderung nach Südamerika, die dein Vater damals als Flucht nach vorn verstanden haben mag? Selbstfindung! Ich mag das Wort nicht. Kannst du denn nicht schlicht und einfach sagen, dass du ein zufriedener Mensch werden willst?“

Mich trifft sein verblüffter Blick. „Es so einfach auszudrücken ist mir bisher noch nicht in den Sinn gekommen.“

„Genau“, sage ich ziemlich überheblich. „Du machst dir zu viele weitschweifige Gedanken über alles. Du ‘zerdenkst’ jedes Erlebnis, jede Frage, jeden Zweifel, jede Anschauung, bis nichts mehr übrig ist, als ein wirres Durcheinander in deinem Kopf.“

„Siehst du“, sagt er grinsend, „du bist genau der Richtige, mir dabei zu helfen, meine Erlebnisse und Gedanken zu entwirren, in Texte zu verwandeln und sie dann aufzuschreiben, damit ich mich begreife und zurück zu einer ganz simplen und zufriedenen Lebensweise finden kann.“

Was bleibt mir nach dieser Feststellung anderes übrig. Ich lasse einen tiefen Seufzer los. „Es sei also. Ich schreibe auf, was du, mein Freund, erlebt und gedacht, angezweifelt und geglaubt, getan oder nicht getan hast. Warum? Weil du mich darum bittest und ich dein Freund bin.

ABER, ich nehme mir die Freiheit heraus, dich vorab zu warnen: Wir werden um die Wahrheit debattieren, auch streiten, vielleicht feilschen. Und einer wird gewinnen.“

Nun gut. Fangen wir an, mein lieber Freund Arthur. Zunächst sehe ich mich gezwungen zu wiederholen, was ich aus Erzählungen über dich weiß. Diese Fakten halte ich allerdings nur der Vollständigkeit halber fest, denn, wie du weißt, hat unsere allererste Begegnung im heißen, nordwindgepeitschten Chaco Paraguays stattgefunden. Und ich behaupte, dass mein Dasein erst dann wirklich angefangen hat, nachdem du und ich Freunde geworden waren. Allerdings ist mir bekannt, dass deine Existenz viel früher, weit weg von Paraguay begonnen hat:

Teil 1

Kapitel I

Kapitel 1

Arthur wurde im Frühjahr 1958 in einem kleinen Nest bei Bielefeld, BRD, auf die Welt gebracht. An seine Taufe in einer kleinen evangelischen Kirche bei Sennestadt kann er sich nicht erinnern. Um den kirchlichen Segen zu seinem Dasein hatte er niemanden gebeten, man hat ihm diesen einfach aufgepfropft – das macht man nun mal so. Obwohl er vermutlich schrie, wie die meisten Säuglinge, denen ein lauwarmes Rinnsal gesegneten Wassers über die dünnen Härchen getröpfelt wird, sprach man später von einem freudevollen Fest. Und an diesem freudevollen Fest sollen folgende Familienmitglieder teil genommen haben: Seine Eltern, zwei Tanten (Schwestern seines Vaters), ein Onkel (Bruder der Mutter), ein Opa sowie eine Oma, die jedoch nicht zusammen gehörten, sondern ihrerseits Vater des Vaters und Mutter der Mutter des kleinen Arthurs waren.

Arthurs Eltern sollen angeblich glücklich miteinander gewesen sein. Ich bezweifle diese Behauptung allerdings, weil man mir außerdem erzählt hat, die Frau Mutter sei eine kränkliche Person gewesen. Und meiner Meinung nach vermittelt ein glücklicher Mensch selten das Bild einer kränklichen Gestalt. Kurz: sie starb drei Jahre nach Arthurs Taufe, auf der auch das einzige Foto, das Arthur von seiner Geburtsfamilie besitzt, entstanden ist.

Hier muss ich nachträglich einfügen: Alles Weitere, was ich über Arthurs Mutter gewusst und aufgeschrieben hatte, wurde von Arthur bei der Kontroll-Lektüre (die vermutlich täglich stattfinden wird) kurzerhand gestrichen. „Überflüssig“, war sein ganzer Kommentar!

Arthurs Vater war seinerseits Sohn eines Kürschners. Das heiβt, der Groβvater besaβ einen kleinen Betrieb, in welchem Pelzjacken und -mäntel hergestellt wurden. Und obwohl Arthur in die Ausläufer des deutschen Wirtschaftswunders hineingeboren worden war, kam der Familienbetrieb in der nordrheinwestfälischen Provinz eher zäh voran.

Etwa ein knappes Jahr nach nachdem Arthurs Mutter ihren Mann unabsichtlich zum Witwer und den Sohn zum Halbwaisen gemacht hatte, meldete sich bei Arthurs Vater das Bedürfnis, seinen „verlorenen Frühling“ nachzuholen. Wir haben immer angenommen, dass er sich mit Mitte dreiβig zu jung fühlte für das Leben, das er führte. Er soll Arthur einmal erzählt haben, die gesamte Atmosphäre im Hause des Großvaters habe dunkel und niederdrückend auf ihm gelastet. Die Großfamilie schien ständig um irgendwas zu trauern. Ob die Trauer eine Art Grundhaltung war oder wirklich seiner Mutter galt, hat Arthur von seinem Vater nie erfahren, somit konnte er mir darüber auch nichts weiter erzählen. Jedenfalls stand dem jungen Witwer nicht der Sinn danach, sein Dasein in einer permanent Trübsal blasenden Familie und in immer gleichem Alltagstrott zu verbringen. So konnte es doch nicht bis ans Ende seiner Tage weitergehen. Er wollte etwas ganz „Neues“. Vorerst weniger von den Frauen, sondern viel weitgreifender: Ein ganz und gar neues Leben.

Über Bekannte aus seiner Gegend hörte er damals von einem Land jenseits des Ozeans, wo es noch so etwas wie eine echte Wildnis geben sollte. Vermutlich wurde ihm diese Wildnis in schillernden Farben und voller Lagerfeuerromantik beschrieben. In einer echten Wildnis gibt es auch echt wilde Tiere. Wo es wilde Tiere gibt, muss es natürlich auch mutige Jäger geben. Den Jägern in diesem Land, so hieß es ebenfalls, sollten die Wildtierpelze praktisch vor die Flinte springen.

Paraguay, mitten in Südamerika. Begeistert lauschte Arthurs Vater den Geschichten, die ehemalige Abenteurer von dort zu erzählen hatten, wenn man sich nach Feierabend in einer Kneipe in Sennestadt oder Asemissen traf. Dass diese Abenteurer in ihrem Alltag in Südamerika keine wild-romantischen Jäger gewesen waren, sondern brave und arbeitsame Familienväter, die allenfalls mal am Wochenende in den Busch gefahren waren, haben die Rückkehrer nicht besonders deutlich betont. Ich frage mich heute, ob Arthurs Vater diese zurückgekehrten Siedler je nach dem Grund ihrer Heimkehr nach Deutschland gefragt hat.

Die romantische Vorstellung, das väterliche Unternehmen von Südamerika aus mit Pelzen beliefern zu können, begann in seinem Hirn zu wachsen und zu wuchern wie ein Tumor. Immer wieder brachte er die zurückgekommenen Auswanderer dazu, über ihre Erlebnisse in Südamerika zu sprechen. Immer wieder düngte er dadurch den aufkeimenden Wunsch nach einem Dasein ohne die Enge des Alltags. Der wachsende Traum von seinem Leben als Jäger im neuen El Dorado hieβ Freiheit, Weite, Frauen, vielleicht Liebe... Aber auf keinen Fall täglich wiederkehrendes Einerlei, täglich wiederkehrende Aufgaben im Betrieb, dieselben Handgriffe, dieselben Gesichter, dieselben Gespräche.

Er malte sich sein Utopia allerdings vorerst ohne seinen inzwischen dreijährigen Sohn Arthur. Schlieβlich hatte er zwei Schwestern. Und jede Frau, so glaubte er, würde mit glückseliger Bereitschaft an die Aufgabe herantreten, sich auf unbestimmte Zeit um das mutterlose Kind ihres Bruders zu kümmern. Falsch.

Der aufregende Traum vom El Dorado in Südamerika wurde, wie nicht anders zu erwarten, von der ganzen Familie als idiotisch bezeichnet. Schließlich hatte er nichts zu beklagen. Sicheres, wenn auch nicht allzu üppiges Einkommen im Familienbetrieb, geregelte Altersversorgung, garantierte ärztliche Versorgung, und nicht zuletzt ein gemütliches Eigenheim – alles das aufzugeben, nur um irgendwo im Urwald auf Abenteuersuche zu gehen, und dabei auch noch das Kind zurückzulassen, wurde von allen als Spinnerei eines frustrierten Witwers abgetan. Und wenn er schon verrückt genug war, an diesem irrigen Vorhaben festzuhalten, dann müsse er auch fair genug sein, die Zukunft seines Sohnes im Voraus abzusichern, indem er von seinem Anspruch auf Anteile des gesamten Familienvermögens zurücktrete. Kinder kosten schließlich Geld. Und nur zu bald würde sich das niedliche Kleinkind in einen Jungen mit ständig wachsendem Appetit und scheinbar kürzer werdenden Hosenbeinen verwandeln.

Arthurs Vater hatte jedoch seine Anteile am Erbe schon in die Berechnungen für Reisekosten und als Startkapital in Südamerika fest eingeplant.

Streit folgte.

Streit um die Verantwortung für den jüngsten Erben in der Kette.

Streit um die vorgezogene Auszahlung von Anteilen am Erbe.

Streit um die geschätzte Höhe des Erbes.

Streit insgesamt um den idiotischen Wunsch nach Paraguay in Südamerika auszuwandern. Terra Incognita, die Arthurs Vater bis dahin nur als kleinen blassen Fleck auf der Landkarte gesehen hatte und nun auf einmal sein „gelobtes Land“ darstellte.

Trotz alledem waren Arthurs Vater und Groβvater irgendwie in finanziellen Fragen übereingekommen. Und was den kleinen Arthur betraf, so hatte sein Vater letztendlich beschlossen, ihn einfach mitzunehmen. In Paraguay würde er das wachsende Problem schon irgendwie mit Kindermädchen oder Erzieherinnen lösen.

Die Überfahrt mit dem Schiff von Amsterdam nach Buenos Aires in Argentinien sollte etwa fünf Wochen dauern. Von dort aus war es nur ein Katzensprung nach Paraguay. Zumindest auf dem Globus, der im Wohnzimmer stand. Andererseits bestand auch die Möglichkeit zu fliegen. In der Hauptstadt Asunción sollte es einen internationalen Flughafen geben. Aus Kostengründen zog Arthurs Vater die Schiffsreise jedoch vor. Auf dem Schiff, versuchte er sich einzureden, würde er endlich einmal genügend Zeit haben, sich um sein Kind zu kümmern. Auβerdem wurde das Gepäck nicht so kleinlich eingeschränkt wie im Flieger.

Kurz und gut: Am 2. März 1962, zwölf Tage vor Arthurs viertem Geburtstag, bestieg Arthurs Vater mit seinem weinenden Kind auf dem Arm in Amsterdam den Dampfer, der als Linienschiff unter argentinischer Flagge fuhr und die beiden nach Buenos Aires bringen würde.

Die Fahrt über den Ozean soll ohne gröβere Komplikationen verlaufen sein. Jedoch war der kleine Arthur schwer seekrank geworden, soll fast eine Woche lang jegliche feste Nahrung verweigert haben, was bei einem knapp vierjährigen Kind natürlich Anlass zu gröβter Sorge bedeutet. Erst einen oder zwei Tage vor seinem Geburtstag sei die Magenverstimmung langsam abgeklungen. Ich wage zu behaupten, dass an dem Aufruhr seiner Innereien nicht allein der Seegang schuld gewesen ist.

Drei Tage nach dem geplanten Ankunftstermin gelangte das Schiff in den Hafen der Rio-de-la-Plata-Bucht. Die Südamerikaner haben diese drei Tage wohl kaum als Verspätung angesehen, denn Zeit- und Terminpläne sind bei nicht wenigen Südamerikanern nur ein relativer Anhaltspunkt für zukünftige Ereignisse. Wie dem auch sei, Arthurs Vater soll total erschöpft an Land gegangen sein. Seine neue Aufgabe als alleinverantwortliches Elternteil hatte sich nicht gerade als das erwiesen, was er sich vorgestellt hatte: mehr oder weniger eine Nebensächlichkeit.

In Buenos Aires machte er sich sofort auf die Suche nach einer billigen Bleibe in der Nähe des Hafens. Dort drückte er einer jungen Hausangestellten sein Kind und zwei, drei Dollarnoten in die Hand, dann machte er sich zu einem Hafenrundgang auf. Er bekam heraus, dass schon am späten Vormittag des nächsten Tages ein kleines Schiff in Richtung Asunción auslaufen sollte.

Die Fahrt auf einem umgebauten Frachtkahn, der einem paraguayischen Reederei-Betrieb gehörte und die beiden von Buenos Aires nach Asunción bringen sollte, muss auf Arthurs Vater tiefen Eindruck gemacht haben. Denn dieses Flussschiff war sozusagen das erste Stück Paraguay, dem Arthurs Vater begegnete.

Mir hat Arthur viel später grinsend erzählt, sein Vater habe die neuntägige Flussfahrt als regelrechten Kulturschock erlebt. Hier auf der „Lancha“ erwies sich als einzige Ordnung, dass täglich drei Mahlzeiten im Speisesaal serviert wurden. Die teilweise romantischen Vorstellungen und Träume vom Leben auf einem fremden Kontinent, denen er sich im kalten Europa hingegeben hatte, machten nach und nach eher ängstlichen Überlegungen Platz. War es vernünftig gewesen, auf´s Geratewohl alle Zelte in der Heimat abzubrechen, um gerade in Paraguay etwas völlig Neues und Aufregendes zu erleben? Würde Paraguay so angenehm und exotisch sein, wie der Name klingt? Der Frachtkahn jedenfalls war alles andere als angenehm oder exotisch.

Die wenigen Kabinen waren vollkommen überfüllt, die Menschenmenge an Deck verhielt sich bei der Abreise wie ein aufgeregtes Ameisenvolk, nachdem irgendwer mit einem Stock im Haufen herumgestochert hat. Jeder Quadratzentimeter auf dem Oberdeck wurde entweder von emsig hin- und herlaufenden Menschen oder herumstehendem Gepäck in Beschlag genommen. Inmitten dieses Gewühls stand Arthurs Vater recht verunsichert herum, überlegte immer wieder, was er auf Spanisch sagen oder fragen würde, um zu erfahren, wohin er sich wenden musste, damit er den eigens für ihn reservierten Platz auf diesem fremdartigen Schiff finden konnte. Niemand interessierte sich für einen „Entschuldigung“ murmelnden Gringo, der mit einem Kleinkind auf dem Arm und einem von Stempeln, Unterschriften und Steuermarken übersäten Blatt Papier in der Hand versuchte, seine Kabine zu finden. Und noch viel weniger interessierte man sich dafür, warum ebendieser Gringo in lauten Protest ausbrach, als er endlich die Tür zu seiner Kabine gefunden und geöffnet hatte. Auf dem Bett in seiner Kabine lag schon jemand, in voller Kleidung, nur die offensichtlich frischgeputzten Schuhe ragten über den Bettrahmen hinaus bis fast an die Tür. Der Fremde im Bett war, trotz des Stimmengewirrs ringsherum, fest eingeschlafen, denn er schnarchte hörbar.

Nach einigem Hin und Her soll es Arthurs Vater gelungen sein, die Kabine allein für sich und seinen Sohn zu beanspruchen. Schließlich hatte er erster Klasse gebucht und bezahlt! Dennoch: so manche Beobachtung an Bord, die er in den kommenden Tagen machen sollte, hätte ihm zuhause das Gefühl gegeben, eine Beschwerde sei nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu seine Pflicht. Hier wusste er jedoch nicht einmal, ob irgendjemand den Sinn seiner Proteste verstand. So hatte er beispielsweise mehr als einmal beobachtet, wie Kellner sich im Speisesaal ungeniert mit den Geschirrtüchern die schweiβnasse Stirn, Hals und Nacken trockenwischten, um gleich darauf Tassen, Teller oder Besteck mit demselben Tuch zu polieren. Das Wasser, das den Passagieren in groβen Kannen aus Zink zum Trinken angeboten wurde, schöpfte man direkt aus dem Fluss, und zwar meist hinten am Heck, während vorne auf dem Kahn die erbärmlich stinkenden Toiletten eingerichtet waren, deren Inhalt selbstverständlich direkt im Fluss landete.

Wie können die alle so zufrieden aussehen, fragte er sich, während er an der Reling entlang über das Deck schlenderte. Möglichst unauffällig beobachtete er dabei die Mitreisenden: Fast alle machten einen irgendwie ärmlichen Eindruck, trotzdem wirkte keiner bedrückt oder sorgenvoll. Sie redeten die ganze Zeit laut miteinander, und immer wieder brach irgendjemand in haltloses Gelächter aus. Erst viel, viel später würde er begreifen, dass ein Groβteil der paraguayischen Landesbevölkerung zwar ausgesprochen unzufrieden mit der angeborenen Armut sein mag, sich aber mit beinahe achselzuckender Ergebenheit dem Schicksal fügt. Und in der Gesellschaft von anderen, ebenso armen Schicksalsgenossen, macht man das bloβe Zusammensein zu einem nie endenden Fest. Nichts geht über Gesellschaft und Geselligkeit.

Immer lauter werdende Zweifel bohrten sich durch seinen Kopf. Wie ein Moskito, der im endlosen Schweigen der Nacht immer näher kommt, schienen die zweifelnden Fragen immer bedrohlicher zu werden. Was, wenn er einen riesigen Fehler gemacht hatte? Was, wenn er sich in diesem fremden Erdteil, unter diesen fremden Menschen nie wirklich zu Hause fühlen würde. Was, wenn er eines Tages feststellen musste, dass er nur noch von der alten Heimat träumen konnte? Hatte er zu impulsiv gehandelt? Die Zweifel wurden durch die Frauen an Bord ein wenig gemildert, denn die mitreisenden Señoras kümmerten sich mit Begeisterung um seinen kleinen Sohn. Sobald der kleine blonde Engel mit den strahlenden, fast dunkelblauen Augen am frühen Morgen auf Deck erschien, wurde er dem Vater buchstäblich aus der Hand gerissen, hingebungsvoll umarmt, geküsst, herumgetragen, mit allen möglichen Leckerbissen verwöhnt, und von den eigenen Kindern der Frauen zum Spielen eingeladen. Und Arthur schien sich wohl zu fühlen inmitten der allesamt schwarzhaarigen Kinder, die auf dem abgeblätterten Holzfußboden saβen und mit Blechbüchsen, Stoffpuppen, Holzautos oder einfach nur mit sich selbst spielten. Rings um die Gruppe spielender Kinder herum stellten die Frauen dann ihre Klappstühle oder aus Korb geflochtenen Hocker auf und grenzten auf diese Weise eine kreisförmige Spielfläche ab. Sie wedelten mit langstieligen, bunt angemalten Fächern aus geflochtenen Palmenfasern die Hitze oder Moskitos weg, schwatzten pausenlos miteinander, immer wieder wurde gekichert, manchmal auch schwermütig geseufzt, wenn eine von ihnen gerade ein Familiendrama beschrieb, um kurz darauf wieder über ein anderes Gesprächsthema zu lachen. Ganz selten hörte man auch einen Schwall von Beschimpfungen auf eines der Kinder niedergehen, welches durch irgendeine Handlung den Unmut der Frauen verdient hatte. Erziehungsarbeit war genauso ein gemeinschaftliches Unternehmen wie die Beaufsichtigung der kleineren und größeren Kinder.

Die Ehemänner dieser Frauen saßen fast den ganzen Tag über in kleinen Gruppen zusammen und spielten Karten oder etwas, das aussah wie selbstgebastelte Dame-Spiele aus einem mit Kästchen bemalten Brett und Kronkorken-Deckeln von Sinalco-Flaschen. Manchmal versuchten sie, Arthurs Vater in ihre Gesprächs- oder Kartenrunden einzubeziehen, die Versuche endeten jedoch meist in hilflosem Gestammel.

Arthurs Vater hatte zwar schon auf der Fahrt über den Ozean versucht, möglichst viele spanische Vokabeln aus einem mitgebrachten, inzwischen leicht zerfledderten Wörterbuch zu lernen, irgendwelchen Unterhaltungen konnte er aber noch nicht folgen. Außerdem hatte er das Gefühl, nicht eine einzige der gelernten Vokabeln hatte auch nur im Entferntesten Ähnlichkeit mit der Sprache, die hier an Deck gesprochen wurde. Das Auswendiglernen spanischer Wörter wollte ihm immer sinnloser erscheinen. Was er nicht wusste: Die meisten Reisenden um ihn herum sprachen fast ausnahmslos ein Spanisch, das stark vom Guaraní, einer indianischen Sprache, durchwachsen war. Alle Gesprächsversuche blieben erfolglos.

Arthurs Vater verbrachte also die Stunden zwischen den nicht gerade üppigen Mahlzeiten in angebrachter Entfernung zu den Frauen (und seinem Sohn) auf dem Schiffsdeck. Dort stand er, um nicht zu ermüden, an die Reling gelehnt und betrachtete fasziniert die vorbeigleitende, vollkommen fremdartige Landschaft.

Die ersten zwei, drei Tage kam er aus dem Staunen nicht heraus. Der wilde Flusslauf mit seinen teilweise sandigen Stränden, den schilfbewachsenen oder jäh abfallenden, lehmigen und tief zerfurchten Ufern bot weiträumigen Lebensraum für farbenprächtige Wasservögel, die sich nicht um das vorbeifahrende Schiff kümmerten, sondern konzentriert auf die Wasseroberfläche starrten. Er sah auch kleine Gruppen von Wasserschweinen, die nie stillzustehen schienen, und schlammbraune Kaimane, die in der Sonne herumlagen, bisweilen ihr Maul weit aufrissen und scheinbar gelangweilt gähnten.

Eines Morgens erkannte er dort, wo dicht mit Lianen und Schlingpflanzen durchflochtene Baumgruppen nah an den Fluss heranreichten, eine Gruppe von kleinen, niedlich anzuschauenden Äffchen. Am selben Tag erblickte er auch Tukane mit riesigen, farbenprächtigen Schnäbeln. Anfangs entfuhren ihm noch begeisterte Ausrufe der Bewunderung, wenn er solch exotische Schönheiten erblickte, woraufhin sich alle anderen auf Deck zu ihm umdrehten. Meist reagierten die Umherstehenden dann mit einem freundlichen, jedoch eher unverständlichen Lächeln, wenn sie den Grund des Gefühlsausbruchs erkannten. Offenbar interessierte sich niemand sonst auf dem Schiff für die wilden Tiere am Ufer.

Mitunter zerriss das Geschrei von Papageienschwärmen das gleichmäßige Murmeln der Schiffsmotoren. Das Kreischen der grünen Vögel durchschnitt die klare Luft über dem Fluss dann derart laut und schrill, dass es noch im Ohr hing, auch wenn der Schwarm längst auβer Hörweite war. In der Nacht sangen, trommelten oder brummten Frösche und Kröten in unterschiedlichsten Stimmlagen. Absolute Stille gab es eigentlich nie.

Nach einigen Tagen wandelte sich die Faszination für die Natur in der Flussebene in gleichmütiges Gefallen, schlussendlich in Langeweile. Das vorbeiziehende Landschaftsbild wiederholte sich im Laufe der abgefahrenen Kilometer immer wieder. Abwechslung vom stundenlangen Hinausstarren boten nur noch die wenigen angesteuerten Häfen. Diese Häfen waren eigentlich nichts weiter als Anlegestellen und bestanden aus einer Hütte, mit Palmenstroh oder Wellblech gedeckt, und einem Landesteg aus Holzbohlen mit wackeligem Geländer. Hier wurden neue Passagiere aufgenommen, andere verlieβen den Kahn. Arthurs Vater beobachtete, wie manche Ankömmlinge mit groβem Hallo in Empfang genommen und zur Heimfahrt auf einen Ochsenkarren mit unendlich groβen Rädern aus sonnengebleichtem Holz kletterten, andere lieβen sich auf einer Wartebank beim Hafengebäude nieder. Diese Unterbrechungen dauerten jedoch selten länger als eine halbe Stunde.

Erst die Ankunft im Hafen von Asunción sollte der langweiligen Ruhe, die sich letzten Endes als der einzige Luxus der Flussfahrt herausgestellt hatte, ein jähes Ende setzen. Von der sprichwörtlichen Gelassenheit der Südamerikaner sah Arthurs Vater hier im Hafen zunächst einmal gar nichts. Beim Entladen von Kisten, Koffern, mit dünnen Hanfschnüren zusammengehaltenen Bündeln und Körben aller Art herrschte ein unübersehbares Chaos. Wie beim Antritt der Schiffsreise erinnerte auch hier das Gewühl der umhereilenden Menschen an ein Ameisenvolk, das durch äußere Umstände in Unruhe geraten ist. Überall hörte man unverständliches Geschrei, koffertragende Reisende schienen planlos hin und her zu hetzen, alle Regeln der Höflichkeit vergessen. Wie ein kurzer, heftiger Sturm fegte die Aufregung der Schiffsankunft über den Hafen. Arthurs Vater hatte in dem hektischen Gewühl keine Möglichkeit, den geschäftig umherlaufenden Hafenarbeitern rechtzeitig klar zu machen, welche Gepäckstücke ihm gehörten. Immer wieder sah er sich nach jemandem um, der den Eindruck machen könnte, nach ihm zu suchen. Irgendwer musste doch erscheinen, um ihn aus dem Gewirr von Reisenden und Hafenarbeitern herauszuholen. Niemand kam. Der Laderaum im Bauch des umgebauten Frachtkahns glich einer Rumpelkammer. Laut rufend versuchte er, irgendjemandem klar zu machen, dass seine Gepäckstücke noch nicht vollzählig neben dem Hintereingang des Hafengebäudes aufgestapelt waren. Und der Kahn wollte offensichtlich wieder ablegen, um das nächste Ziel, Puerto Casado, weiter im Norden anzusteuern. Er sah sich um. Wo blieb der Mann bloß, der ihn abholen sollte? Eine der dickleibigen Señoras vom Schiff kam auf ihn zu, drückte ihm sein Kind in den Arm, strich dem Kleinen über den Blondschopf und rief immer wieder: „Adiós, mi angelito“, und „Dios te bendiga, Dios te bendiga...“ Dann drehte sie sich um und stapfte mit wogenden Hüften und rudernden Armbewegungen zurück auf den Kahn.

Das Schiff legte ab und ganz plötzlich legte sich der Sturm im Hafen. Innerhalb von Minuten kehrte Ruhe in das ganze Hafengelände zurück. Allein Arthurs Vater war alles andere als ruhig. Zwei der Kisten, die er aus Europa mitgebracht hatte, waren noch auf dem Schiff, als es sich langsam wieder in Bewegung gesetzt hatte. Niemand vom Hafenpersonal schien sich davon irgendwie betroffen zu fühlen, dass der Fremde mit dem Kind auf dem Arm protestierend umherlief. Keiner verstand, was er sagte. Warum sollte man sein lautes, nervöses Gerede also beachten?

Der kleine Arthur spürte die hilflose Aufregung seines Vaters und musste sich übergeben. Eine weiβliche, käsig riechende Brühe ergoss sich über die linke Schulter, an der sich der Vierjährige krampfhaft festhielt. Das Gesicht des Vaters wurde blass. Blass vor Wut. Er merkte, dass niemand auch nur ansatzweise daran dachte, ihm behilflich zu sein. Am liebsten hätte er sich heulend wie sein Kind in eine Ecke gesetzt und darauf gewartet, dass irgendjemand seine Situation in Ordnung brächte. Er war der Meinung gewesen, seine Ankunft sei im Voraus ausreichend durchdacht, geplant und organisiert gewesen. Hier empfing ihn jedoch nichts anderes, als ein fremdes unübersichtliches Chaos. Und dieses Chaos schien völlig alltäglich zu sein, denn keiner außer ihm reagierte darauf mit Erstaunen oder gar verärgert. Alle machten Gesichter, als schienen sie sich in diesem Durcheinander auszukennen, sich darin sogar heimisch zu fühlen.

Arthurs Vater fühlte sich plötzlich verlassen. Fremd, allein und hilflos.

Über seine Freunde in Deutschland war die Abmachung mit einem gewissen Julius Deisenhofer in Paraguay getroffen worden, dass dieser in der Woche vom 18. bis zum 25. April täglich am Hafen nach ihm ausschauen würde. Immer wieder fragte Arthurs Vater am einzigen Schalter aufgebracht nach Julius Deisenhofer, aber die Hafenangestellten schüttelten nur verständnislos den Kopf. Je deutlicher sie zeigten, wie wenig wichtig sie die unverständlich hervorgebrachten Fragen nahmen, desto lauter wurde Arthurs Vater in seinem Tonfall. Und je lauter, ärgerlicher und unverständlicher er seine Gesuche um Auskunft formulierte, desto deutlicher zeigten die Hafenangestellten ihr Desinteresse.

Das Hafengebäude hatte sich geleert. Lediglich ein paar Straβenverkäufer, Zeitungsjungen und Schuhputzer lungerten am Schalter bei den Angestellten herum. Leute von der Putzkolonne fegten und wischten laut miteinander schwatzend den Fuβboden. Mitunter schüttelten sie den Kopf und warfen sich untereinander vielsagende Blicke zu, wenn Arthurs Vater mit schweiβnasser Stirn und nach Übergebenem riechend von einer Ecke in die andere lief, während er leise vor sich hin fluchte. Er war wohl nicht auf die Idee gekommen, sich drauβen im Schatten der Flammenbäume, hier Chivatos genannt, niederzulassen und dort auf seine Abholung zu warten. Die stickige warme Luft im Inneren des Gebäudes lieβ den Schweiβ in kleinen Rinnsalen an seinem Hals hinunterlaufen, sein blaukariertes Hemd klebte am Rücken. Wenigstens war der kleine Arthur inzwischen eingeschlafen. Er lag auf dem Fußboden, das Köpfchen auf eine weiche Reisetasche gestützt.

Schon auf der Flussfahrt waren Arthurs Vater viel von seiner Unternehmungslust und seinem Pioniergeist abhandengekommen. Aber dass ihn jetzt niemand abholte, das war zu viel. Schlichtweg zu viel!

Allmählich stieg die dunkle Ahnung in ihm hoch, dass er auf irgendwelche Märchen hereingefallen sein könnte. Phantasiegeschichten. Ein zynisches Grinsen zog über sein Gesicht, als er an die Gespräche in der Kneipe dachte. An die begeisterten Vorträge über Paraguays farbenprächtige Fauna, die vielfältigen und unkomplizierten Geschäftsmöglichkeiten, die Versprechungen. Ihm dämmerte langsam: nur weil er zufällig etwas von Tierhäuten verstand, hatte hier, südlich des Äquators, niemand sehnsüchtig auf seine Ankunft gewartet.

Er verlangsamte sein nervöses Hin- und Herlaufen. Beschämt zwang er sich zur Ruhe und begann darüber nachzudenken, wie er sich selbst aus der geradezu peinlichen Lage befreien könnte. Unsicher wandte er sich erneut an die beiden Männer am Schalter. Er versuchte – höflich – die wenigen Spanischbrocken anzuwenden, die er inzwischen gelernt hatte, und den Beamten seine Bedrängnis klar zu machen. Immer wieder machte er dabei Pausen, um in seinem Wörterbuch nachzusehen. Sein Gestammel dürfte sich etwa so angehört haben: „Ich…kommen von Deutschland,… erwarten Señor Julius Deisenhofer, … mich und Sohn abholen. Er nicht kommen…“ und so weiter. Der Wandel seines Verhaltens erzeugte einen überraschenden Effekt: Während der aufgeregt vor sich hin schimpfende Fremde bei den Umherstehenden lediglich ein Gefühl von Ablehnung oder sogar Verachtung hervorgerufen hatte, bewiesen jetzt alle plötzlich freundliches Interesse an seinen Gesprächsversuchen. Nach wenigen Minuten fand sich Arthurs Vater von einer Traube von Männern umgeben. Selbst die Leute von der Putzkolonne stellten ihre Besen oder Putzzeug in die Ecke und näherten sich dem Schalter. Ebenso die Händler von der Straβe und die Zeitungsjungen. Höchst interessiert bis neugierig und voller Hilfsbereitschaft beteiligten sich alle am nun einsetzenden Gespräch, wie in einer Art Ratespiel. Es ging darum, für jede Handbewegung, jede Geste und jede begleitende spanisch-deutsche Worterklärung den passenden Sinn zu treffen. So gelang es Arthurs Vater, den Leuten deutlich zu machen, dass er einen gewissen Señor Deisenhofer treffen wollte. Dieser Deisenhofer würde zwar eine Stadtwohnung in Asunción besitzen, sein fester Wohnsitz liege jedoch irgendwo im Landesinneren.

Bei dieser Gelegenheit, an seinem allerersten Tag in Asunción, stellte Arthurs Vater fest, dass es in Paraguay immer irgendjemanden gibt, der jemanden kennt, der wiederum die Person kennt, von der die Rede ist. Wie ein Bienenschwarm summte es um ihn herum, nachdem er seine Erklärungsversuche beendet hatte. Scheinbar redeten jetzt alle gleichzeitig. Jeder, der etwas beizutragen hatte, redete lauter als sein Vorredner. Bis sich alle plötzlich einig waren, wer dieser gewisse Deisenhofer denn nun sei und wo er wohne. Jeder Zweifel am gefundenen Ergebnis schien ausgeschlossen. Triumphierende Zufriedenheit in allen Gesichtern.

Ein Hafenangestellter, der sich offensichtlich in seiner speckig glänzenden Uniform sehr wichtig fühlte, schickte einen Zeitungsjungen los, um einen Wagen zu rufen. Kaum eine Viertelstunde später fuhr ein klappernder Pferdewagen aus Holz vor den Eingang des Hafengebäudes. Der Alte, der den Wagen lenkte, brachte den mageren Gaul zum Stehen, zeigte aber mit keiner Miene, dass er eifrig darauf aus gewesen wäre, irgendeinen Auftrag zu erfüllen. Zusammengesunken saβ er auf einem quer über den Wagen gelegtes Brett, und wartete einfach. Der Hafenangestellte schien dem alten Kutscher genau einzuschärfen, wo das Stadthaus von Julius Deisenhofer zu finden sei.

Nachdem alle Gepäckstücke auf den Wagen gehoben worden waren, kassierte der Mann vom Hafenpersonal einen willkürlich angesetzten Betrag von Arthurs Vater, lieβ einige Scheine in die Tasche seiner Uniform wandern und knautschte den Rest in die Hand des ausdruckslos vor sich hin starrenden Kutschers. Dieser warf einen kritischen Blick auf die Scheine in seiner Hand, schien dann aber augenblicklich aus seiner Lethargie zu erwachen. Schwungvoll lieβ er die ledernen Zügel auf den Rücken des Pferdes klatschen und lenkte das knochige Tier mit riesigen Scheuklappen zielsicher durch die holprigen, kopfsteingepflasterten Straβen. Schlieβlich machten sie, nur wenige Straβen vom Hafengebäude entfernt, unter einem Mangobaum vor einer weiβ getünchten Mauer Halt.

„La casa del Señor Deisenhofer“, soll der alte Kutscher gesagt haben, wobei er den Namen etwa wie Däisenchoffe aussprach. Dann sprang der Alte mit überraschend federnder Leichtigkeit ab und stellte die Koffer und Kisten mit Arthurs Vater zusammen an den Straβenrand. Der Kleine Arthur stand schlaftrunken, mit glühend roten Wangen dabei und beobachtete die beiden Männer.

Der Wagen fuhr bereits wieder ab, als Arthurs Vater mit der flachen Hand an das Holztor klopfte, dabei mit lauten Hallo-Rufen versuchte, sich bemerkbar zu machen.

Somit endet der geradezu extrem zeitgeraffte Bericht über Arthurs Reise und Ankunft in Paraguay.

Ich habe versucht herauszufinden, was Arthur heute über die Entscheidung seines Vaters denkt, hier in Südamerika auf’s Geratewohl ein neues Leben zu beginnen. Arthurs Zukunft war davon schlieβlich auch betroffen gewesen.

„Wäre es für dich nicht besser gewesen, wenn du in Deutschland bei deinen Tanten aufgewachsen, eine Ausbildung gemacht, vielleicht irgendwann den Betrieb deines Groβvaters übernommen hättest?“

Arthur hat mich angesehen und sich viel Zeit mit seiner Antwort gelassen: „Komisch. Sonst bist doch du immer derjenige, der mir sagt, ich würde mir zu viele Gedanken machen. Ich nehme es einfach, wie es ist – ich bin hier, basta.“

„Jetzt tu’ nicht so, als hättest du dir diese Frage noch nie gestellt! Ich weiβ doch, dass du oft den Tag verflucht hast, an dem du hierher in den Chaco gekommen bist!“

„Das ist ja auch etwas anderes! Auf jeden Fall habe ich nie, absolut nie! über den Tag geschimpft, an dem mein Vater und ich in das Deisenhofer’sche Hinterhaus gekommen sind. Dass wir schon wenige Jahre später von dort aus wieder fortgegangen sind, um hier im Chaco von vorne anzufangen, hat meine ganze Kindheit kaputt gemacht. Hierher in diese Gegend zu kommen war der schlimmste Fehler meines Vaters. Falsch für mich – für ihn selbst offensichtlich nicht.“

„Du sagst also, dass du nicht die Auswanderung nach Paraguay falsch findest, sondern…“

„Genau! Hier in diese mennonitische Kolonie zu kommen, war verkehrt. Verkehrt für mich!“

„Warum?“

„Was soll diese Frage! Du weiβt ganz genau, was mir erspart geblieben wäre, wenn ich diese Gesellschaft nie kennen gelernt hätte! Wenn ich nie als Außenseiter in eine Gemeinschaft eingedrungen wäre, die arrogant genug ist, sich selbst die Note ‘sehr gut’ auszustellen!“

„Natürlich weiβ ich das. Es geht ja auch darum, deine Begründung für deine Ansichten zu finden, um sie aufzuschreiben.“

„Du hattest mich aber gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, in Deutschland aufgewachsen zu sein. Das ist etwas anderes, mein Lieber! Wenn gewesen wäre, hätte, könnte! Das ist der Konjunktiv – nicht existent!“

„Du solltest bedenken, dass der Konjunktiv die Ausgangsbasis für viele philosophische Betrachtungen ist. Das, was du so hochtrabend als ‘Selbstfindung’ bezeichnest, ist schlieβlich nichts anderes als die Analyse deines Egos, ergo auch die Analyse deines Charakters, und Charakteranalyse kommt an Philosophie nicht vorbei. Du hast dich ja auch jahrelang mit Philosophen, Weltkritikern und dergleichen befasst.“

„Jawohl, habe ich. Das hat aber nichts damit zu tun, was ich vielleicht andernorts getan hätte!“

„Da muss ich dir Recht geben, Arthur.“, habe ich eingeräumt. „Trotzdem möchte ich gern wissen, ob dir nicht so mancher Gewissenskonflikt erspart geblieben wäre, wenn du nicht …“

„Was? Hier in der Mennonitenkolonie zum Mennoniten geworden wäre? Ja, natürlich wäre alles anders gewesen! Aber wenn du damit anfängst, könnte ich dir auch sagen, dass die ganze Menschheitsgeschichte anders verlaufen wäre, wenn… wenn Eva den Apfel nicht gegessen hätte!“

Dieser Vergleich hat mich zum Lachen gebracht. Und ich habe beschlossen, vorerst einfach weiterzuschreiben über das, was gewesen ist.

Kapitel II.

Kapitel 2

Hier war man nun also vor dem Haus, das der Kutscher als „Casa del Señor Deisenhofer“ bezeichnet hatte. Arthurs Vater klopte zuerst mit flacher Hand, dann mit der Faust an das Holztor und rief zuerst auf Deutsch „Hallo!“, dann auf Spanisch „Hola!“, bis endlich Schritte zu hören waren. Das groβe Tor wurde von einer freundlich lächelnden Frau geöffnet. Sie war schätzungsweise Mitte dreiβig, mittelgroβ, recht schlank, aber dennoch wohlgerundet und auffallend schön. Sie trug eine bestickte, kurzärmelige Bluse und einen weiten, knallbunten Rock, der ihr fast bis an die Knöchel reichte. Ihr volles, tiefschwarzes Haar hing in einem losen Zopf über der Schulter. Ein kleines, ausgesprochen mageres Mädchen schlüpfte ebenfalls sofort mit durch den Torspalt hinaus und beäugte den Fremden und sein Kind mit unverhohlener Neugier. Die Señora begrüβte Arthurs Vater mit fragendem Blick und verstand ihn sofort, als dieser umständlich versuchte zu erklären, dass er der Deutsche sei, den Herr Deisenhofer am Hafen hätte treffen sollen.

Daraufhin stellte sich die Frau als Luisa vor und lieβ einen nicht enden wollenden Redeschwall los. Ausholende Gesten begleiteten ihren Vortrag. Plötzlich unterbrach sie sich, Zweifel stand ihr im Gesicht. Sie musste gemerkt haben, dass der dümmlich dreinblickende Gringo kein Wort verstanden hatte. Sie lachte. Dann holte sie Luft und setzte neu zu erklären an. Langsam und mit eindeutigen Handzeichen machte sie Arthurs Vater deutlich, dass Herr Deisenhofer nicht wie geplant aus Independencia in seine Stadtwohnung hatte kommen können. Der Grund dafür schien keine Rolle zu spielen.

Mit der typischen Selbstverständlichkeit einer paraguayischen Frau nahm sie Arthur auf den Arm, strich dem Kleinen liebevoll über die rotglühenden Wangen und forderte seinen Vater auf, ihr am Haupthaus vorbei in den Hinterhof zu folgen. Das beinahe knochige Mädchen, offensichtlich ihre Tochter, lief ohne ein Wort zu sagen neben ihnen her.

Das schlichte Vorgärtchen gleich hinter der Mauer ließ keinerlei Vorstellungen von der bunten Üppigkeit des weiter hinten gelegenen Patios aufkommen. Und die Fassade der weißgetünchten, nicht allzu großen Villa wirkte trotz ihrer vielen Schnörkel irgendwie ernst … gediegen.

Ganz anders zeigten sich Einfahrt und Hinterhof. Wo einst eine relativ breite Auffahrt vom großen Holztor zum Hinterhaus geführt hatte, ließen heute riesige, buntblättrige Büsche gerade mal genügend Freiraum, um zu zweit nebeneinander her zu gehen. Die Farben der Krotons reichten von schwarz-roten, über gelblich orangefarbenen, hin zu gelbgemaserten, tiefgrünen Blättern in verschiedenen Größen und Formen. Diese bunte Blätterpracht war durchwachsen von hohen Drachenbäumen, Yuccas und anderen Grünpflanzen.

Ebenso auffallend wie die Farben und das üppige Grün war der feine, süßliche Duft, welcher schwer über der Auffahrt hing. Bei jedem Schritt, mit dem man an der Villa vorbeiging und sich dem Patio näherte, wurde der Duft betörender. Sein Ursprung, die kaum mehr als Daumennagelgroßen, strahlend weißen Blüten, führten bei der überwältigenden Farbenpracht des Gartens eher ein Schattendasein. Sie verdeckten wirkungsvoll die verwitterte Außenmauer, die das Grundstück zum rechts gelegenen Nachbarn hin abgrenzte.

An derselben Mauer befand sich ein kleines Holzhäuschen. Der herzförmig ausgesägte Abzug in der Tür wies eindeutig auf den Zweck dieses wie weggestellt wirkenden Häuschens hin.

Palmen, deren buschige Wipfel dazu zwangen, den Kopf weit nach hinten zu legen, um ihre hoch über dem Boden schwebenden, meterlangen Blätter sehen zu können, umgaben den Innenhof wie eine Mauer aus lebenden Säulen.

In der Mitte des Patios befand sich, umrahmt von rot und gelb blühenden Hibiskus-Sträuchern, eine nicht allzu große Rasenfläche, die jedoch nicht aussah, als würde sie regelmäßig abgemäht oder mit Sorgfalt gepflegt. Das herumliegende Holzspielzeug, einige herumstehende Hocker und Stühle aus Korbgeflecht schienen genauso in den Patio zu gehören wie der hüfthoch ummauerte Brunnen, der eindrucksvoll in der Mitte posierte, als wüsste er über seine Unverzichtbarkeit genauestens Bescheid. Er war Quell frischen Wassers und somit das Zentrum, basta. Auch die hölzerne Seilwinde, die wie eine überdimensionierte Garnspule darüber hing, wirkte wie ein Bollwerk von Unzerstörbarkeit.

Das Herumhüpfen der zahllosen Spatzen, die sich scheinbar pausenlos im Patio aufhielten, versetzte das Gesamtbild des Hinterhofes auch dann in Bewegung, wenn sich gerade kein Mensch dort aufhielt. Ihr lautes, heiteres Zwitschern wurde nur hin und wieder von Hundegebell aus der Nähe oder weiter Entfernung unterbrochen.

Hier im rundum eingemauerten Garten voller Leben und dennoch friedvoller Atmosphäre setzte Luisa den kleinen Arthur ab. Direkt vor ihm befand sich, den Innenhof nach hinten hin abschließend, das Hinterhaus, welches in den kommenden Jahren sein Zuhause sein sollte.

Ihn interessierte das alles nicht. Er hatte weder Augen für die prachtvollen, bunten Büsche und Blumen, die den gnadenlos zubeißenden Zahn der Zeit an Außenmauern und Gebäuden mit großzügiger Schönheit verdeckten, auch nicht für die auffallend vielen herumflatternden Vögel oder das Spielzeug, das einladend im Rasen lag. Er sah das Mädchen, das scheu in der Nähe seiner Mutter blieb, aber neugierig zu ihm herüber schaute und einmal mit dem Kopf nickte, nachdem Luisa irgendetwas zu ihr gesagt hatte.

Die beiden Erwachsenen machten sich daran, die Koffer vor das Hinterhaus zu schleppen. Die Kisten stellten sie an den Rand der Auffahrt. Unendlich erleichtert darüber, dass er hier offensichtlich erwartet worden war, versuchte Arthurs Vater der hilfsbereiten Luisa, die allem Anschein nach als Haushälterin in Deisenhofers Stadthaus lebte, seine Dankbarkeit klar zu machen und irgendetwas Nettes zu sagen. Sie lachte nur über sein unbeholfenes Gestammel und zeigte ihm, wo er die Koffer abstellen sollte.

Arthur und das Mädchen standen sich währenddessen einfach nur gegenüber und sahen sich an. Sie lächelten nicht, der Ausdruck auf ihren Gesichtern war auch nicht besonders ernst, oder gar feindselig, sondern drückte einfach Interesse aus.

Arthur behauptet heute, er könne sich an die Ankunft im Patio genau erinnern. Selbst der Duft der blühenden Gartensträucher steige ihm noch heute in die Nase, wenn er an die erste Begegnung mit Maria Celeste denkt. Sein Blick wird beinahe nostalgisch, wenn er sagt, in jenem Hinterhof habe seine Kindheit erst angefangen, und sei auch dort zu Ende gegangen.

Vielleicht hat ja der kleine Arthur dort im Patio tatsächlich schon damals genau begriffen, dass er einem Menschen gegenüberstand, der eine groβe Bedeutung in seinem Leben spielen würde.

Ich habe mich oft gewundert: An seinen kurzen Lebensabschnitt im Deisenhofer’schen Hinterhaus in Asunción kann sich Arthur rätselhafterweise erstaunlich gut erinnern. Ich schreibe „rätselhafterweise“ und „erstaunlich“, da es doch eher ungewöhnlich ist, dass man sich an die Zeit zwischen dem vierten und siebten Lebensjahr mit geradezu fotografischer Genauigkeit erinnert. Ich muss allerdings einräumen, dass ich ja außer Arthur kaum jemanden kenne, mit dem ich Unterhaltungen über Kindheitserinnerungen geführt hätte. Vielleicht ist die bildhafte Erinnerung an gewisse Kindheitserlebnisse oder gewisse Zeitabschnitte in der Kindheit ganz normal. Aber ich bezweifle – und das ganz entschieden! – dass ein vierjähriges Kind begreift, oder sogar voraussieht, welche Menschen in seiner Zukunft eine besondere Rolle spielen werden.

„Ich wusste, dass dieses Mädchen meine erste Frau sein sollte“, behauptet Arthur unbeeindruckt von meinen Zweifeln.

„Quatsch! Du hast dich in dem Moment wahrscheinlich einfach gefreut, ein Kind vor dir zu haben, das nur wenig gröβer war als du.“

Arthur widerspricht: „Fakt ist doch, dass Kinder ganz oft viel besser als die Erwachsenen spüren, welche Begebenheiten eine besondere Tragweite haben. Kleinkinder haben oft viel feinere Antennen für die Zukunft. Und das ist eigentlich auch überhaupt nicht verwunderlich: Für die ganz kleinen Wesen ist es noch nicht so lange her, seit sie aus dem zeitlosen Raum herausgetreten sind. Verstehst du, möglicherweise ist ja der Ort, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft noch Eins sind, für Kleinkinder noch eine dunkle Erinnerung. Auβerdem ist in dem Alter vieles noch ‘selbst-verständlich’ im wahrsten Sinne des Wortes! Gerade weil man eben nicht versucht, Ahnungen, Stimmungen, diffuse Gefühle, beziehungsweise wortloses Wissen in Worte zu fassen. Die Sprache reicht doch für alle unsere Gefühle überhaupt nicht aus. Im Gegenteil: sie verkompliziert doch alles, was man meint, erklären oder begründen zu müssen. So wie ein Baby von Natur aus schwimmen kann und das sehr bald wieder verlernt, so hat doch ein Kind ein natürliches Verständnis für das Geschehen, für die Schwingungen im Ganzen, ohne in Zeit und Raum verhaftet zu sein. Als Erwachsene brauchen wir eine logische Folge der Abläufe um dann daraus Schlüsse zu ziehen. Ein Kind trägt das Wissen über den einzig möglichen Schluss noch in sich.“

„Na klar,“ kontere ich, „im Nachhinein lässt es sich leicht sagen, dass du es schon damals gewusst hast. Schwingungen! Wenn ich das schon höre!“

Für einen kurzen Augenblick trifft mich sein wütender Blick. Dann lächelt er und sagt: „Schreib einfach weiter!“

Nachdem Luisa das Tor wieder versperrt hatte, stellte sie eine riesige Wanne aus Zink auf die Rasenfläche, zog den kleinen Arthur aus und setzte ihn behutsam in das angenehm kühle Wasser. Er muss erfreut, vielleicht auch unerwartet laut gelacht oder gequietscht haben, denn das dabeistehende Mädchen, Maria Celeste, die bisher keinen Laut von sich gegeben hatte, fing ebenfalls an zu lachen. Ohne ihre Mutter zu fragen, zog sie sich Hemd und Höschen aus und stieg zu Arthur in die Wanne. Sie strahlte vor Freude.

Man überlieβ die Kinder sich selbst, Luisa zeigte Arthurs Vater das Hinterhaus. Es gab eigentlich nur zwei Zimmer: Küche und Schlafzimmer. Beide Räume hätten Platz genug geboten, um dort Tanzabende zu veranstalten, beide waren jedoch durch Schränke, Vorhänge oder Bretterwände in kleinere Kammern unterteilt. Wie in den Übergangslagern nach dem Krieg, schoss es Arthurs Vater durch den Kopf.

In der großen Küche öffnete Luisa die Tür einer kleinen Kabine aus zusammengenagelten Holzbrettern. Große und kleine, hellere und dunklere Wasserflecken durchzogen die natürliche Maserung des hölzernen Verschlags. Luisa lächelte Augenzwinkernd. Sie zeigte auf einen Behälter, der an der Decke hing. Arthurs Vater hatte etwas Ähnliches noch nie gesehen. Am Boden dieses Behälters war ein rundes Sieb befestigt, das an den Schnabel einer Gießkanne erinnerte. Daneben war ein kleiner Absperrhahn, den Luisa jetzt mit einer blitzschnellen Bewegung aufdrehte, dann sprang sie mit einem Satz zur Seite. Sie lachte schallend über seine verblüffte Miene. Er hatte nicht wissen können, dass der Behälter mit Wasser gefüllt war, feine Tropfen trafen ihn im Gesicht. Das Ding war also eine Art Duschbehälter für Haushalte ohne fließendes Wasser. Luisa zeigte auf ein Handtuch an der Wand und auf ein Stück Seife, das in einer Untertasse am Boden lag. Er hatte verstanden.

Nach der erfrischenden Dusche zeigte sie ihm den großen, an die Küche grenzenden Schlafraum. Ein mehrtüriger Kleiderschrank teilte das Zimmer in zwei Bereiche. Hinter dem Schrank standen zwei Betten. Dort, so erklärte Luisa lachend, sollten Vater und Sohn, und höchstwahrscheinlich auch ihre kleine Tochter in der nächsten Zeit schlafen.

Arthurs Vater nickte dankbar, fühlte sich allerdings nicht ganz wohl dabei. Denn da standen, auf der Vorderseite des Kleiderschrankes, ein Kinderbettchen und ein geradezu riesiges Ehebett. Hier schien eine ganze Familie zu wohnen! Und er sollte nun einfach so als neuer Mitbewohner in diesen Haushalt eindringen?

Luisa plapperte ohne Punkt und Komma über Arthur und Maria Celeste, sagte aber auch irgendetwas von zwei weiteren, kleineren Kindern, was er nicht wirklich verstand. Sie trat an eines der Betten im hinteren Bereich, welches über und über mit Kinderkleidung, Teilen von Bilderbüchern und Spielzeug beladen war. Mit ausladenden Bewegungen packte sie einfach das Bettlaken an den vier Zipfeln und trug den ganzen Krempel in einem riesigen Bündel weg. Dasselbe tat sie beim zweiten Bett, bezog beide frisch und drückte Arthurs Vater schließlich einen Stapel Decken und Kissen in die Hand. Mit zufriedenem Kopfnicken schaute sie zu, wie Arthurs Vater die Sachen auf den Betten verteilte.

Nachdem Luisa die Schlafplatzverteilung mit ihrer durch und durch sorglosen Leichtigkeit geregelt hatte, bugsierte sie Arthurs Vater am Arm über die geräumige Terrasse unter dem Vordach zurück in die Küche. Es sei Zeit für eine Tasse Kaffee, lachte sie.

Beim Eintritt in die Küche riss Arthurs Vater überrascht die Augen auf. Zwischen verschiedenen Küchenschränken und dem Spülbecken hantierte jetzt eine Frau mit Einkaufstaschen und Körben herum, am Küchentisch saß ein junges Mädchen. Die Frau fühlte sich hier ganz offensichtlich ebenso heimisch wie Luisa. Jedenfalls bewegte sie sich mit der gleichen Selbstverständlichkeit im Raum und schien jeden Winkel der Küche zu kennen. Offensichtlich war sie vom Markt zurückgekehrt, während Luisa ihm das Bett im Schlafraum hergerichtet hatte. Sie verteilte Kartoffeln, Reis, kleine grüne Kürbisse und Maniokwurzeln in dafür vorgesehene Tonkrüge und Holzkisten. Das Mädchen am Ende des Tisches schaute Arthurs Vater nur einen kurzen Moment an, dann senkte es verschämt den Kopf. Es konnte sich nur um die Tochter der Frau handeln – die Ähnlichkeit der beiden war unverkennbar, auch wenn sich die Hautfarbe des Mädchens um einige Tonstufen dunkler als die der Mutter zeigte.

Seine Überraschung machte einer grenzenlosen Erleichterung Platz, als er merkte, dass die Frau, die sich mit zaghafter Stimme als Justina Klassen vorstellte, Deutsch sprach.

„Wir hatten schon gewusst, dass jemand mit einem kleinen Kind aus Deutschland ankommen sollte“, sagte sie, ohne Arthurs Vater direkt anzusehen.

Ihre Äuβerungen wirkten zwar etwas ungelenk, jedoch sprach sie herrlich verständliches Deutsch! Der fremde Akzent und Tonfall kamen allerdings nicht aus dem Spanischen, sondern erinnerte ihn eher an die Leute aus der Gegend von Ostpreuβen, dem heutigen Polen. Auch die Tochter, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt, die sich auf einen Wink der Mutter erhob, mit einem braven Knicks grüβte und sich als Hildegard vorstellte, sprach eindeutig Deutsch!

Arthurs Vater war begeistert. „Ja Wunderbar!“, rief er. „Endlich jemand, der Deutsch sprechen kann! Justina und Hildegard, euch schickt der Himmel!“

Für den letzten Satz erntete er von Justina einen befremdeten, annähernd tadelnden Blick.

Ohne zu überlegen zog er einen Stuhl vom Tisch ab, drehte ihn in Justinas Richtung und lieβ sich darauf fallen. Er zog auch einen Stuhl für Luisa ab, jedoch ohne sie weiter zu beachten. Er hatte nur noch Augen und Ohren für Justina. Statt sich zu setzen, verlieβ Luisa die Küche. Er hatte nichts bemerkt, aber ihr Gesicht dürfte wie versteinert gewirkt haben. Erst viel, viel später würde Arthurs Vater begreifen, dass er die schöne Luisa soeben zutiefst beleidigt hatte. Derart offen zu zeigen, wie sehr er sich über das Zusammentreffen mit einer Deutschsprachigen freute, und dass ihm Justinas Gesellschaft in diesem Moment bei Weitem wichtiger war als ihre, war für Luisa schwer zu schlucken. Dass sie sich gerade erst kennen gelernt hatten, spielte dabei keine Rolle. Vielleicht wäre sein Verhalten im Normalfall auch etwas feinfühliger gewesen, doch für heute hatte ihn die fremde Sprache genug Anstrengung gekostet.

Aber auch Justina gegenüber zeugte sein Verhalten nicht gerade von Feinfühligkeit: Ihre Zurückhaltung, fast schon Ablehnung, war unverkennbar. Trotzdem stellte er unzählige Fragen und versuchte, sie in ein geselliges Gespräch zu verwickeln. Sie antwortete höflich aber knapp auf alle seine Fragen. So erfuhr er, dass sie aus einer mennonitischen Siedlung im Chaco stammte, der westlichen Region Paraguays. Er erfuhr auch, dass sie seit dreizehn Jahren in Asunción und seit etwa fünf Jahren hier im Hinterhaus lebte und bei den Deisenhofers als Köchin und Näherin ihren Lebensunterhalt verdiente. Er bombardierte die immer verlegener werdende Justina auch mit Fragen über Luisa, erfuhr, dass sie drei Kinder hatte und sich darum kümmern musste, dass das Hinterhaus, aber auch das wesentlich gröβere Haupthaus direkt an der Straße, zu jeder Zeit aufgeräumt und sauber waren. Auf seine Frage, ob auch Luisas Mann im Hinterhaus lebe, bekam Justina einen hochroten Kopf und zischte nur: „Luisas Kinder haben keinen Vater.“

Diese Antwort verwirrte Arthurs Vater. Für einen Moment war er sprachlos. Er lachte verlegen, um sich gleich darauf wieder zu fangen und Justina weiter auszufragen.

Die Frage danach, wer oder was die Mennoniten eigentlich seien, interessierte ihn nur am Rande, deshalb stellte er sie nicht. Auch nach Hildegards Vater zu fragen vermied er vorerst. Sie hatte nur von sich und ihrer Tochter gesprochen, deshalb hielt er es für möglich, dass Justina Witwe sein könnte – so wie er Witwer war. Das Mädchen saβ während der Unterhaltung ihrer Mutter mit dem „Deutschländer“ schweigend da und beobachtete den Mann verstohlen, aber höchst interessiert aus den Augenwinkeln.

Er hatte sich bequem nach hinten gelehnt und seine Beine weit unter den Tisch gestreckt, während er mit der verkrampft wirkenden Justina redete. Sein Blick fiel auf die lackierte Bretterwand, welche die Küche nach hinten hin abgrenzte. Ohne zu überlegen sagte er: „Und dort hinten schlaft ihr beide wohl, was?“

Justina fühlte sich offensichtlich von der Frage unangenehm berührt. Sie erhob sich und machte sich an irgendwelchen Küchenutensilien zu schaffen. In diesem Augenblick betrat Luisa die Küche wieder. Sie ignorierte Arthurs Vater ostentativ und fing an, mit Justina über das Abendessen und den Speiseplan für den nächsten Tag zu reden. Ihre Stimme wirkte irgendwie unnatürlich laut.

Ach du liebes Bisschen, dachte er, ich verstehe zwar nicht viel, aber diese Luisa scheint ja das Regiment hier im Haus fest im Griff zu haben. Fehlt nur noch, dass Justina stramm steht und die Hacken zusammenknallt.

Er beobachtete die beiden Frauen. Sehr unterschiedliche Frauen, stellte er insgeheim fest. Justina nickte nur hin und wieder zu all dem, was die schöne Luisa in kurzen Sätzen aufzählte. Dabei standen sie, soweit man bei den beiden Frauen von Rangordnung sprechen konnte, auf der gleichen hierarchischen Stufe. Die eine war zuständig für Küche, Speiseplan und Einkäufe, die andere für die Sauberkeit in allen anderen Räumen in Haupt- und Hinterhaus.

Ich werde es schon noch begreifen, wer hier wen gängelt und herumkommandiert, dachte Arthurs Vater amüsiert. Vielleicht ist es auch unwichtig für mich, denn dieser Deisenhofer wird ja hoffentlich bald auftauchen und mich und Arthur mit auf’s Land nehmen. Er scheint ja häufig in die Hauptstadt zu kommen, sonst hätte er hier ja kaum ein derart groβes Haus mit ständig darin wohnendem Hauspersonal. Wenn ich Justina richtig verstanden habe, soll er sich hier ja oft mit irgendwelchen Geschäftsleuten treffen. Menschenskind, bin ich froh, dass es hier einen Menschen gibt, mit dem ich mich richtig unterhalten kann! Sie hat etwas davon gesagt, dass sie aus einer „Kolonie“ kommt. Ein Ort mitten im Urwald, wo nur Deutsch gesprochen wird. Seltsam… aber, hat nicht Walter aus Sennestadt so was Ähnliches auch mal erwähnt? Es gibt hier ganz und gar deutsche Siedlungen. Auch Deisenhofer soll ja in einer deutschen Siedlung wohnen. Aber, wenn ich das richtig verstanden hab, sind das zwei unterschiedliche Orte. Und noch nicht einmal nahe zusammen liegend. Wie Justina dann hier ins Haus zu den Deisenhofers gekommen sein mag? Ach, womöglich einfach über zufällige Bekanntschaften. Werde ich ja alles noch erfahren. Und bis Deisenhofer kommt, müssen ich und der Kleine hier irgendwie klar kommen. Ich begreife nur nicht, was das Ganze hier eigentlich ist. Gleich zwei „Haushälterinnen“, die die Stadtwohnung eines … ja was? Eines reichen Geschäftsmannes aus dem Inland in Stand halten? Das ist doch alles irgendwie unlogisch. So, wie sich diese beiden Frauen anhören, leben sie ja nicht gerade aus purer Freundschaft unter einem Dach.

Es sollte noch relativ lange dauern, bis Arthurs Vater sämtliche Zusammenhänge für den Grund dieser Wohngemeinschaft durchschauen würde. Vorerst nur so viel dazu: Luisa, die schon wesentlich länger als Justina in dem Haus lebte, hatte von Anfang an eine gewisse Überlegenheit gegenüber der hinzugezogenen Mitbewohnerin und Mitarbeiterin an den Tag gelegt. Und Justina hatte sich nie dagegen aufgelehnt, war sie doch froh, dass sie hier überhaupt eine kostenlose Bleibe gefunden hatte und dass sie meistens lediglich die Küchenarbeit erledigen musste. Das Wenige, was sie an Bargeld benötigte, um sich selbst und ihre Tochter einzukleiden, verdiente sie sich mit gelegentlichen Näharbeiten. Manchmal brauchte eine der Damen aus Frau Deisenhofers Bekanntenkreis ein Kleid, oder sie nähte Hosen für die Arbeiter, die bei Julius Deisenhofer in Independencia im Wald und auf dem Feld beschäftigt waren.

Luisa schien mit ihren Anweisungen zum Menü des nächsten Tages fertig zu sein. Sie drehte sich um und lächelte Arthurs Vater herausfordernd an. Dabei blitzten ihre schönen Zähne. Mit einer leicht herrisch wirkenden Geste machte sie ihm deutlich, dass er mitkommen sollte, um die Kleidung für sich und seinen Sohn auszupacken, um sie dann in einem der Fächer im Schrank, das sie inzwischen frei gemacht hatte, unterzubringen.

Indessen waren Arthur und Maria Celeste glücklich darüber, dass sich die Erwachsenen so lange nicht um sie kümmerten. Zuerst waren sie sich im Zuber nur gegenübergesessen, hatten sich gegenseitig genau betrachtet und angelächelt. Ihre Unterhaltung verlief schweigend, auf unhörbarer Ebene. Einmal streckte Arthur die Hand nach Maria Celeste aus, als wolle er feststellen: „Gibt es dich wirklich?“ Da beugte sie sich spontan vor, um mit ihrem Gesicht Arthurs Fingerspitzen zu erreichen. Lachend bewegte sie mehrmals ihr Gesicht auf und ab, so dass seine Finger an ihrer Wange entlangstrichen.

Jegliches Treiben, Kommen und Gehen im Patio war für die beiden unwichtig. Sie hatten weder auf Justina und Hildegard geachtet, als diese an ihnen vorübergegangen waren, noch bemerkten sie die Frau, die mit einem Kind an der Hand und einem Kleinkind im Arm zu Luisa ins Schlafzimmer gegangen war und kurz darauf den Hof wieder verließ. Erst als Luisa mit einem groβen Badetuch an die Wanne trat und sie kräftig abrubbelte, kehrte ihr Interesse für die Umgebung zurück. Die Sonne senkte sich bereits und lieβ die Schatten länger werden.

Im Laufe des Abends lernte Arthur die kleinen Brüder seiner neuen Freundin sowie Justina und Hildegard kennen. Zu Beginn war er tief beeindruckt von den anderen Kindern, die im Haus lebten, jedoch würde er nur zu bald feststellen, dass ihn die Spielereien der beiden Jungen, von denen der Kleinere noch nicht einmal gehen konnte, langweilten. Die groβgewachsene Hildegard hingegen übte von Anfang an eine gewisse Faszination auf ihn aus, da sie sozusagen ein „Schwellenwesen“ war. Sie stand auf der Schwelle zwischen Kind und Erwachsenem. Mit ihren fast dreizehn Jahren war sie beinahe so groβ wie eine erwachsene Frau, wies jedoch bei fast knabenhafter Magerkeit keine für Frauen typischen Rundungen auf. Sie benahm sich auch nie wie die Großen und reagierte immer sofort darauf, wenn einer von den Erwachsenen sagte „Kinder, macht dieses oder jenes.“

Die neu zusammengewürfelte Hinterhausgemeinschaft hatte zu Abend gegessen, jetzt krabbelten Arthur und Maria Celeste in das gemeinsame Bett. Sie kicherten noch lange über irgendetwas, am Ende schliefen sie Händchen haltend ein.

Luisa hatte auch ihre beiden kleinen Söhne schlafen gelegt, danach fing sie an, in einer Ecke des Gartens Holz aufzuschichten. Allem Anschein nach wollte sie ein kleines Lagerfeuer anzuzünden. Leicht verwundert fing Arthurs Vater an, ihr zu helfen. Auch wenn er sich Mühe gab, seine Blicke nicht aufdringlich an ihr kleben zu lassen, beobachtete er Luisas geschmeidige Bewegungen sehr genau. Das Feuermachen schien eine alltägliche Angelegenheit zu sein. Jeder ihrer Handgriffe war geübt, selbstsicher und irgendwie elegant.

Tief in die einfachen Gartenstühle gedrückt saβen sie wenig später am Feuer und versuchten fast krampfhaft, so etwas wie eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Arthurs Vater musste immer wieder gähnen, wartete insgeheim darauf, dass auch Justina irgendwann herauskommen und sich dazusetzen würde. Sie war nach dem Abendessen aufgestanden und hatte die anderen energisch aus der Küche geschickt. Wer noch das Bedürfnis hatte zu duschen, dem würde sie einen Kessel heiβes Wasser bereitstellen, aber dann hieβ es „raus!“ Sein Angebot, ihr beim Aufräumen der Küche behilflich zu sein, hatte sie wortlos, mit kategorischem Kopfschütteln abgelehnt.

Das Gespräch im Garten zog sich in schwerfälliger Suche nach dem richtigen Vokabular in Richtung freundliches Schweigen.

Irgendwann wird Justina ganz bestimmt noch herauskommen, überlegte Arthurs Vater seufzend. Kann ja nicht ewig dauern, die Küche in Ordnung zu bringen... Luisa ist ja wirklich bezaubernd und ich will, so schnell ich kann, diese verflixte Sprache lernen, aber für heute habe ich eigentlich genug. Ich möchte nur noch ein paar brauchbare Informationen über den groβen „Don Julio“ und den Ort Independencia hören. Justina kann mir bestimmt noch vieles erzählen. Sie muss doch endlich herauskommen... Ich höre gar kein Töpfegeklapper mehr aus der Küche. Sie ist demnach mit dem Abwasch fertig.

Justina gesellte sich nicht zu den anderen im Garten.

Auch am nächsten Abend blieb sie nach dem Essen allein in der Küche.

Und an kommenden Abenden ebenso.

Die nächsten Tage nutzte Arthurs Vater, um sich die Stadt anzusehen. Täglich schnürte er am Morgen nach dem Frühstück seine Wanderschuhe und ging einfach los. Zielloses Erkunden. Auf diesen ziellosen Erkundungsgängen hatte er viel Zeit zum Nachdenken. Im Grunde hatte er keine konkreten Vorstellungen, was er als nächstes tun sollte, um hier in Paraguay Fuβ zu fassen und seine Träume zu verwirklichen. Vertrauensselig hatte er sich darauf verlassen, dass sich am Ende schon alles irgendwie „ergeben“ werde. Schlieβlich hatten ihm die Freunde in Asemissen und Sennestadt versprochen, dass Julius Deisenhofer alles in die Wege leiten würde. Er konnte also vorerst gar nichts anderes tun, als auf diesen Deisenhofer zu warten. Ein mulmiges Gefühl beschlich ihn trotzdem, wenn er daran dachte, dass er die Gastfreundschaft eines Fremden einfach beanspruchte, ohne eine konkrete Abmachung mit ihm getroffen zu haben. Noch nicht einmal persönlichen Briefkontakt hatte er aufgenommen, sondern seine Absicht, nach Paraguay zu kommen, nur über Freunde angekündigt.

Wenn er mir nun am Ende eine Rechnung stellt, die ich gar nicht bezahlen kann? Er hat mir zwar ausrichten lassen, dass er mich in Empfang nehmen würde, und dass er sich über einen neuen Siedler in Independencia freuen würde, aber von Geld hat keiner geredet. Nun ja, immerhin habe ich nichts unterschrieben.

Bei dem Gedanken, am Ende vielleicht doch zur Rückreise nach Deutschland gezwungen zu sein, lief ihm ein Schauer über den Nacken. Sein Kapital wäre nach einer weiteren Schiffsreise beträchtlich zusammengeschrumpft. Und dann? Ein dumpfer Anflug von Schuldbewusstsein legte sich auf sein Gemüt, wenn er daran dachte, wie ärgerlich seine Schwestern über sein Weggehen gewesen waren. Gewissermaβen hatte er dadurch alle Brücken abgerissen.

Was soll’s, dachte er seufzend. Jetzt bin ich hier und muss schauen, was ich machen kann. Und wenn ich sie erst einmal mit Jaguar- oder Pumafellen beliefern kann, werden sich alle Wogen glätten.

Sein heutiger Stadtrundgang führte ihn zunächst durch die unmittelbare Nachbarschaft. Er sah stattliche Villen, aber auch Wohnhäuser, die nicht einmal als armselig bezeichnet werden konnten. Selbst in der Nachkriegszeit hatte in seiner Heimat niemand über lange Zeit in derart miserablen Verhältnissen gelebt. Aber die Bewohner dieser schäbigen Behausungen standen oder saβen vollkommen gelassen in kleinen Gruppen am Straβenrand und unterhielten sich laut und lachten scheinbar pausenlos über irgendetwas. Manche spielten Brettspiele, wie er es auf der Flussreise gesehen hatte. Immer wieder sah er auch Gruppen in kleinen Runden zusammen sitzen und diesen seltsamen, bitter schmeckenden Tee trinken. Nur ein einziger Becher, die so genannte „Guampa“, wurde von allen benutzt, die in der jeweiligen Runde saβen. Je nach Tageszeit und Witterungsverhältnissen wurde ein wenig heiβes oder eisgekühltes Wasser auf den Brei aus fein gemahlenen Teeblättern in der Guampa gegossen und durch ein kleines Metallröhrchen, die Bombilla, gesaugt. Sobald ein schlürfendes Geräusch anzeigte, dass alle Flüssigkeit aufgesaugt war, wurde wieder Wasser aufgegossen und der nächste in der Runde kam an die Reihe. Ob es sich bei dieser Prozedur eher um ein Ritual oder reine Erfrischung handelte, konnte er noch nicht einschätzen.

Immer wieder begegnete er auch Straβenhändlern, die mit kleinen Bauchläden oder einem riesigen Korb auf dem Kopf durch die Gassen wanderten. Manche begrüßten ihn, als würden sie ihn schon lange kennen und versuchten, ihm irgendetwas zu verkaufen. Wenn er dankend ablehnte, schauten sie ihn vorwurfsvoll oder ungläubig an und streckten fragend die Arme in die Luft. Erst wenn er dann das Futter seiner Hosentaschen nach außen zog und den Kopf schüttelte, zogen sie mit einem enttäuschten Seufzen die Stirn in Falten und setzten ihren nie endenden Weg fort.

Schon nach wenigen Tagen hatte Arthurs Vater durch Zufall den Weg zum Hafen wieder gefunden. Bei dem Gedanken an seine Ankunft musste er grinsen. Er versuchte, durch die offenstehenden Flügeltüren einen Blick ins Innere des Hafengebäudes zu werfen, konnte aber nur schattenhafte Konturen ausmachen. Und hineinzugehen, danach stand ihm nicht der Sinn. Womöglich erkannte man ihn. Also ging er an dem schmucklosen Gebäude, das die meiste Zeit recht verlassen dastand, vorüber und erreichte kurz darauf ein prächtiges, wenn auch nicht sonderlich groβes, so doch geradezu prunkvolles Bauwerk. Überrascht von so viel baulicher Üppigkeit und architektonischer Liebe zu verschnörkelten Details blieb er stehen und schaute sich den Prunkbau an. Er musste die Augen etwas zukneifen, denn das strahlende Weiß der Mauern und Säulen warf das Sonnenlicht so leuchtend zurück, dass es blendete. Schmucke Arkaden und arabeskenverzierte Kapitelle prangten auf den Säulen des Mitteltraktes, der Balkon ging ohne Trennung in zwei Seitenflügel über. All das schien so gar nicht in die ärmliche Umgebung zu gehören. Hinter dem Gebäude, in Flussnähe, konnte er die gleichen ärmlichen Behausungen erkennen, wie in der Gegend, aus der er gerade gekommen war. Um gleichzeitig Prunk und Pracht neben Elend und Misere im Blickfeld zu haben, brauchte er nicht einmal den Kopf wenden.

Durch einen scheltenden Ruf wurde er aus seiner Faszination gerissen: Soldaten kamen hastig näher und deuteten unmissverständlich an, dass er die Straβenseite zu wechseln habe. Der „Palacio de Gobierno“, von wo aus das gesamte politische Geschick des Landes geleitet wurde, war streng bewacht und es war für Unbefugte nicht erlaubt, sich davor aufzuhalten. Schlieβlich herrschte in Paraguay seit der Regierungsübernahme durch Alfredo Stroessner ein permanenter Ausnahmezustand. Die Bevölkerung des Landes hatte sich daran gewöhnt, und so war die Ausnahme zum Normalzustand geworden – und das schon seit beinahe einem Jahrzehnt!

Nach einem leichten Schulterzucken und entschuldigendem Kopfnicken in Richtung der Uniformierten setzte Arthurs Vater setzte seine Wanderung fort. Überall konnte man Spuren der einstigen spanischen Eroberer entdecken, doch obwohl ihn die Bauten der spanischen Einwanderer beeindruckten, hatte er kein wirkliches Interesse für die Geschichte des Landes oder politische Entwicklungen. Es freute ihn eher, dass er solches Interesse im Deisenhofer’schen Hinterhaus vor niemandem zu simulieren brauchte.

Sobald am späten Nachmittag seine Füße vom vielen Herumspazieren zu brennen anfingen, machte er kehrt. So wie in den letzten Tagen auch.

Noch bevor er durch das Tor in den Patio kam, wusste er schon, was im Hinterhaus gerade vor sich ging: Justina war dabei, das Abendessen vorzubereiten, während Luisa die Kleinen badete. Hildegard half ihrer Mutter beim Kochen, Maria Celeste und sein Sohn saßen entweder in der Badewanne oder alberten in der Duschkabine herum.

Wenn er Justina fragen würde, ob er irgendwie behilflich sein könnte, würde sie stumm den Kopf schütteln, ihn gar nicht weiter beachten.

Er setzte sich also im Patio auf einen der Korbstühle und wartete einfach auf den Abend. Vor ein paar Tagen hatte er sich eine Tageszeitung mitgebracht, weil er nicht einfach immer nur dasitzen wollte bis man ihn zum Abendessen rief. Das komplizierte Vokabular des spanischsprachigen Nachrichtenblattes überforderte ihn jedoch.

Ihm entfuhr ein Seufzer beim Gedanken an die beiden Kisten, die auf dem Schiff zurückgeblieben waren. In diesen Kisten aus Fichtenholz befand sich seine gesamte Bibliothek, größtenteils ein Nachlass seiner Frau. Sie war eine leidenschaftliche Leserin gewesen, hatte Goethe ganz gern gehabt, Franz Kafka, Hermann Hesse und Theodor Storm geliebt, sich aber auch intensiv mit philosophischer Lektüre befasst. Er selbst hatte oft den Kopf geschüttelt, wenn sie sich stundenlang über Werke von Schopenhauer, Nietzsche oder Sartre den Kopf zerbrach, krampfhaft versuchte, die Aussagen dieser unterschiedlichen Denker gegenüberzustellen und den eigenen Sinn herauszuziehen.

Nicht dass er jetzt auf die Idee gekommen wäre, sich näher mit derart schwieriger Lektüre zu beschäftigen, aber Zugriff auf deutschsprachige Literatur hätte sich zum ersten Mal in seinem Leben als eine willkommene Abwechslung erwiesen.

Das untätige Warten auf Deisenhofer machte ihn nervös. Alle anderen jedoch, vor allem sein Sohn, schienen sich mit der neuen Routine wunderbar zu arrangieren.

Die Abende, wenn alle Kinder schliefen, verbrachte er allein mit Luisa im Garten. Auch dieser Teil der neuen Routine machte ihn nur nervös. Innerlich fluchte er darüber, dass Justina nie dabei sein wollte. Offenbar war sie krankhaft menschenscheu.

Justina saβ jeden Abend nach dem Putzen der Küche allein am groβen Esstisch. Sie las in der Bibel. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand folgte sie Zeile um Zeile dem Text, den ihre Lippen tonlos mitsprachen. Wieder und wieder hatte sie sich im Laufe der Jahre durch sämtliche Bücher der Bibel gekämpft. Sie war immer erleichtert, wenn sie mit dem Alten Testament fertig war und sich dem Neuen Testament zuwenden konnte. Ihre Gewissenhaftigkeit erlaubte es ihr aber nicht, sich ausschlieβlich mit dem Neuen, bei Weitem leichter lesbaren Bibelteil zu befassen. Das Hinwegblättern über den ersten Teil ihrer Lutherbibel wäre ihr frevelhaft erschienen.

Zwar war sie nie wirklich offiziell aus der „Mennoniten Brüdergemeinde“ ihres Heimatortes hinausgeflogen, aber ihr fehlte aus gutem Grunde der Mut, in ihrer Kirche zu erscheinen – auch nicht in der Brüdergemeinde hier in der Hauptstadt. Denn das, was sie damals vor vielen Jahren in Filadelfia erlebt hatte, kam einer Exkommunikation gleich. Durchaus verdiente Exkommunikation, fand sie selbst. Die täglich in der Küche zelebrierte Abendandacht würde, so hoffte und betete sie inständig, die Gottesdienste in der Kirche ersetzen. Göttliche Gnade und Vergebung all ihrer Sünden waren ihr einziges Lebensziel.

Ihr ganzes Leben, alles was sie tat und nicht tat, auch das Leben ihrer Tochter Hildegard und alles, was sie an dieses Kind weitergeben wollte, sollte einzig und allein dazu beitragen, dass sie für sich doch noch erhoffen könnte, Göttliche Gnade zu finden.

Hildegard, dieses stille, äuβerst schüchterne, leicht verstört wirkende Mädchen lieβ bei allen so etwas wie Mitleid aufkommen. Sie schien die beinahe verbissene Ernsthaftigkeit ihrer Mutter geerbt zu haben wie die Form der Nase oder der Augen. Ganz selten hörte man sie lachen oder mit den anderen Kindern herumalbern. Auch ihre gesamte Garderobe schien nur aus der Pflichtuniform für die Schule und dunklen, knielangen Hemdblusenkleidern mit steifen Kragen zu bestehen. Ihr haselnussbraunes Haar flocht sie jeden Morgen blitzschnell in zwei lange Zöpfe, die ihr fast bis an die Taille reichten. Und die dunkelgrünen Augen, mit einem grauen Kranz in der Mitte, blickten mit stechender Aufmerksamkeit in die Welt. Sie schienen nichts zu übersehen. Niemand hätte sagen können, was in diesem fast unheimlich wirkenden Kind vor sich gehen mochte. Aber jeder, der sie ansah, konnte ahnen, dass sie schon sehr bald eine junge Frau von auffallender Schönheit sein würde.

Täglich machte sie sich frühmorgens auf den Weg, um auf der Don Bosco einen Bus zu nehmen, später in eine der langsam ruckelnden Straβenbahnen umzusteigen, die sie schlieβlich bis zur Goethe-Schule auf der Calle España brachte. Die etwa zwanzigsitzigen Busse, die durch die Innenstadt donnerten, waren um diese Tageszeit meist völlig überfüllt. Dieselgestank und wolkiger Qualm von Zigarro Poí, den einige Passagiere den Mitreisenden ungeniert ins Gesicht bliesen, machten den täglichen Schulweg für Hildegard zu einem ständigen Kampf mit der Übelkeit.

Nach dem Unterricht kehrte sie während der gröβten Mittagshitze auf demselben Weg zurück nach Hause. Die Heimfahrt hatte den Vorteil, dass es zu dieser Tageszeit meist möglich war, einen Sitzplatz zu ergattern. Die Nachmittage verbrachte sie in der Küche am Esstisch, wo sie unter Aufsicht der Mutter ihre Schulaufgaben erledigte. Damit war ihr tägliches Lernpensum jedoch längst nicht erfüllt: Justina lieβ sie unendlich lange Bibeltexte vorlesen und Verse oder auch Liedtexte aus einem Kirchengesangbuch auswendig lernen. Ganz selten erlaubte sie ihrer Tochter, sie bei den Einkäufen auf dem Markt zu begleiten, um ihr beim Tragen der schweren Einkaufsnetze zu helfen. Nur wenn sie einen Auftrag zum Schneidern hatte, und den ganzen Küchentisch in Beschlag nehmen musste, durfte Hildegard manchmal mit den anderen Kindern hinaus ins Freie.

Kapitel III.

Kapitel 3

Im vorigen Kapitel habe ich über Justina und ihre Tochter Hildegard geschrieben. Arthurs Vater hatte bei seiner Ankunft überrascht und hoch erfreut festgestellt, dass die beiden Deutsch sprachen.

„Ich will die Herkunft der beiden näher beschreiben“, sage ich zu Arthur, nachdem er den bisherigen Text gelesen hat.

„Wozu?“, fragt er und sieht mich überrascht an. „Ich kenne ihre Lebensgeschichte und sie hat nichts mit mir zu tun.“

„Falsch. Ich rede auch noch gar nicht von Justinas Geschichte im Speziellen, sondern von ihrem religiösen Hintergrund.“

„Auch die Geschichte der Mennoniten ist mir auch zur Genüge bekannt und auch sie hat nichts mit mir...“

„Nichts mit dir zu tun? Dass ich nicht lache! Immerhin bist du zu den Mennoniten ‘übergelaufen’ und einer von ihnen geworden.“

„Ich bin nicht ‘übergelaufen’! Die mennonitische Gesellschaft war die einzige, die ich hatte, nachdem wir von Asunción nach Filadelfia im Chaco umgesiedelt waren!“

„Richtig. Und deshalb halte ich es für wichtig, dass du dir die Herkunft und Entstehung dieser Gesellschaft noch einmal vor Augen führst und mir diese Geschichte genau erzählst.“

„Jetzt mach mich nicht schwach! Du hast genau wie ich in der Schule das Fach ‘Mennonitengeschichte’ durchkauen dürfen bis zum Geht-nicht-mehr! Auβerdem haben wir uns seit Jahren nächtelang über den Sinn und Unsinn von Abspaltungen in der Christlichen Kirche unterhalten.“

„Arthur, mein Freund, wir haben uns über alles unterhalten. Über dein ganzes Leben! Und trotzdem willst du jetzt, dass ich es aufschreibe. Es geht ja nicht um mich und was ich über dich und dein Leben weiβ, sondern darum, dass du alles, dein ganzes Leben schwarz auf weiβ lesen willst. Wenn ich über deine Begegnung mit Justina und Hildegard schreibe und ihr leicht verschrobenes Verhältnis zum Glauben, dann kommen wir doch an einer näheren Betrachtung der Mennoniten gar nicht vorbei. Schlieβlich sind Justina und Hildegard zentrale Figuren in deinem Leben geworden. Also – wie und wann sind die Mennoniten entstanden?“

„Im 16. Jahrhundert, wie du weiβt“, antwortet Arthur muffelig.

„Woher kommt der Name ‘Mennoniten’?“

Jetzt muss Arthur doch grinsen. „Ja, eigentlich hätten sie genauso gut ‘Simoniten’ heiβen können. Einer der ersten Anführer dieser Gruppe hieβ Menno Simons. Wenn sich die ersten Lutheraner auch nach dessen Vornamen benannt hätten, dann hieβen sie heute Martiniten und nicht Lutheraner.“

Ich gehe über diesen schlechten Witz hinweg und fordere Arthur auf, mir Näheres über Menno Simons zu erzählen.

Aber Arthur schnaubt nur ärgerlich. „Wenn du meinst, dass das hier wichtig ist, dann erzähle doch, was wir beide in der Schule über die Geschichten der Mennoniten gelernt haben. Ich habe nichts dagegen. Aber ich habe absolut keine Lust, diese ganze Geschichte noch einmal durchzukauen. Schlimm genug, wenn ich das Ganze nachher lesen muss.“

Ich lasse mich nicht beirren in meiner Meinung, dass die Entstehungsgeschichte der Mennoniten und ihre „Völkerwanderung“ Teil seiner eigenen Geschichte sind. Immerhin war Justina im Jahr 1933 zusammen mit einer gröβeren Gruppe dieser Religionsgemeinschaft nach Paraguay eingewandert. Und Arthur muss zugeben, dass sie ein Teil seines Lebens geworden war, genauso wie Luisa und Maria Celeste. Auf die beiden kommen wir sicherlich auch noch näher zu sprechen.

Menno Simons war im Jahr 1524 in Friesland, einer Provinz der Niederlande, katholischer Priester geworden, ohne je die Bibel in der Hand gehabt zu haben. Nur ganz wenige Kirchenmänner hatten damals das Vorrecht, eine Bibel zu besitzen. Das muss man sich einmal vorstellen: da predigt einer jahrelang, und weiβ gar nicht genau, welche Botschaft er eigentlich vertritt. Es gab damals in sämtlichen kleineren Kirchgemeinden nur so etwas wie mündliche Unterweisung. Simons muss zu Gute gehalten werden, dass er sich trotzdem eine Bibel beschafft und sie genau durchstudiert hat. Keine Selbstverständlichkeit zu jener Zeit.

Er stellte fest, dass es nirgendwo in der Bibel heiβt, Säuglinge müssten getauft werden. Diese Feststellung hatten vor ihm auch andere namhafte Priester gemacht und versucht, diese Tradition als unbiblisch abzuschaffen. Aber die Säuglingstaufe war ein fester katholischer Brauch. Fast alle Aufwiegler waren deshalb durch die katholische Kirche, die ja das Glaubensmonopol innehatte, grausam hingerichtet worden. Trotzdem entstanden irgendwann so genannte Wiedertäufer-Bewegungen. Das heiβt, erwachsene Gläubige lieβen sich erneut taufen, weil laut Bibel eine überzeugte Glaubenshaltung der Taufe vorausgehen sollte.

Durch diese Erwachsenentaufe grenzte sich eine Gruppe von den anderen Protestanten ab. Einer dieser anderen Protestanten war Martin Luther gewesen, der ja schon sieben Jahre bevor Menno Simons zum Priester geweiht wurde, eigene Verbesserungsvorschläge öffentlich gemacht hatte.

Neben der Taufe im Erwachsenenalter machte sich Simons unter anderem dafür stark, dass Gewalt und Kriegsdienst sich für einen Gläubigen nicht gehören. Gewalt hatte lediglich in der Kindererziehung ihren Platz, nicht aber im öffentlichen Leben. Ebenso wenig wie das Schwören. Alles, was einer Vereidigung bedurfte, wurde abgelehnt. „Eure Rede sei ‘ja’ und ‘nein’, was darüber ist, ist von Übel“, heiβt es schließlich in der Bibel.

Simons fing damals an, kleine Traktate zu schreiben und wurde dadurch in seinen Kreisen immer bekannter und gefragter. Historischen Berichten zufolge wurde er von einer Gruppe tiefgläubiger Menschen gebeten, ihr „Ältester“ zu werden. Er reiste daraufhin eine Zeit lang predigend durch die Gegend, was zu jener Zeit, um 1545, keine leichte Aufgabe gewesen sein dürfte. Es gab viele Feinde seitens der staatlichen Kirche. In Aufzeichnungen heiβt es, Simons sei „einer der wichtigsten Führer der verfluchten Sekte der Wiedertäufer“ gewesen. Seine Ansichten und Hartnäckigkeit passten offensichtlich vielen Politikern und auch Kirchenmännern nicht, zumal er, wie andere Reformer und Wiedertäufer auch, vehement dafür sprach, dass Staat und Kirche voneinander getrennt werden sollten. Das bedeutete für ihn, dass er damals gefährlich lebte. Sie haben ihn aber, soweit ich weiβ, nie gekriegt, denn er soll eines natürlichen Todes gestorben sein. Aber bevor er starb, war es ihm gelungen, eine relativ groβe, in sich geschlossene Gruppe von gläubigen Christen zusammenzubringen, die sich streng an seine Grundsätze halten würde.

Diese Gruppe von Christen, die von anderen Protestanten und Katholiken spöttisch „Mennisten“ genannt wurde, wuchs immer weiter. Man war darauf bedacht, Gemeinschaft untereinander und Traditionen zu pflegen. Allerdings waren die Gebiete, in denen das möglich war, stark begrenzt, obwohl gewisse Staatsoberhäupter bemerkten, dass dort, wo Mennoniten ansiedelten, Fortschritt und wachsender Reichtum die Folge waren. So war es ihnen beispielsweise gelungen, die Sumpflandschaften der Weichselniederung trockenzulegen und in Weideland zu verwandeln. „Betet und arbeitet“ war einer ihrer wichtigsten Grundsätze geworden.

Die Landstriche aber, die sie über mehrere Generationen lang bewirtschaften und dabei die eigene Lebensweise pflegen durften, wurden zu eng. Man brauchte weitere Ausdehnungsmöglichkeiten. Und man hat sie bekommen: In Russland, am Schwarzen Meer, gab es genug Ländereien, wo freiwillig und ohne schwerwiegenden Grund niemand hin wollte. Katharina die Groβe hatte von den ganz und gar nicht arbeitsscheuen Mennoniten gehört...

Etwa 900 Mennoniten waren im Jahr 1788 nach Russland ausgewandert. Neuer Reichtum an den Ufern des Dnjepr und der Wolga! Diesem neuen Reichtum waren, wie ich gerechterweise erwähnen muss, harte Arbeit und viele Entbehrungen vorausgegangen. Es war ihnen sicherlich nichts geschenkt worden. Wenn ihnen der Kommunismus erspart geblieben wäre, hätten sie in Russland heute sicherlich groβe Landesteile besiedelt. Aber der Kommunismus sollte kommen und viele der deutschstämmigen Siedler, die in ihren Kirchen kein Deutsch mehr singen und predigen durften, sind nach Kanada, in die USA und von dort aus auch nach Mexiko gezogen. Und eine Gruppe beschloss eben, nach Paraguay auszuwandern, weil es hieβ, dass man dort in Ruhe beten und arbeiten, aber auch deutsche Predigten hören dürfte.

Justina war in Russland geboren worden und hatte als kleines Mädchen an dem Teil der Wanderung teilgenommen, der eine relativ kleine Gruppe des „mennonitischen Volkes“ von Russland über Deutschland nach Paraguay gebracht hat.

„Mennonitisches Volk!“, hat Arthur gerufen, nachdem er meinen extrem zusammengefassten Bericht über den Ursprung der Mennoniten gelesen hatte.

„Sie sind doch kein Volk, sondern eine Religionsgemeinschaft! Zuerst so etwas wie eine Abspaltung der Protestanten, dann eine ganz eigenständige Bewegung. Jeder kann sich heutzutage auf den mennonitischen Glauben taufen lassen und einer von ihnen werden!“

„Das ist schon richtig, aber du wirst mir wohl kaum widersprechen, wenn ich sage, dass sie sehr genau wissen, wer seine Wurzeln in der ursprünglichen Gemeinde hat und wer nicht. Selbst ihre alte, plattdeutsche Mundart grenzt den Kern ihrer Gruppe ganz stark gegen alle dazugekommenen Mitglieder ab. Bis heute.“

„Na gut, das mag stimmen.“

Justina konnte sich nur noch dunkel daran erinnern, jemals in einem anderen Land als Paraguay gelebt zu haben. Schlieβlich war sie bei der Auswanderung aus Russland erst ganze sechs Jahre alt gewesen. In ihren Erinnerungen schwebten noch langsam verblassende Bilder vom ukrainischen Dorf, in dem sie als Kleinkind gelebt hatte. Ganz deutlich erinnerte sie sich allerdings an die Ungewissheit und die niedergedrückte Stimmung, die auf der Flucht spürbar gewesen waren. Niemand hatte ihr damals erklärt, warum sie alles stehen und liegen lassen mussten und wohin die lange Reise gehen sollte.

Das Leben hatte im Chaco neu angefangen... und war dort für sie auch in gewisser Weise zu Ende gegangen. Zwischen ihrem jetzigen Dasein in der Stadt und dem behüteten Leben, das sie in der mennonitischen Siedlung im Chaco geführt hatte, herrschte ein krasser Gegensatz. Sie hatte sich „der Unzucht schuldig gemacht“. Schande und Verbannung in die Stadt. Ausbürgerung. Kein Weg zurück. Deshalb war sie jetzt fest entschlossen, überhaupt nicht an dem städtischen Leben teilzunehmen.

„Nicht an dem Leben in der Stadt teilzunehmen! Was soll denn das schon wieder heiβen?“ Arthur kann es nicht lassen, an meinen Formulierungen herumzumeckern.

„Dann schreib doch selber, wenn es dir nicht passt!“

„Es geht nicht darum, ob es mir passt oder nicht, ich finde deine Ausdrucksweise nur manchmal ein bisschen seltsam, so melodramatisch, fast theatralisch!“

„Was ist daran theatralisch, wenn ich behaupte, Justina hätte am Leben nicht teilgenommen! Sie ging in Asunción nie aus, hatte keine Freunde, die sie besuchten, sie hörte noch nicht einmal Radio!“

„Ja, ja, das stimmt ja alles.“ Arthur denkt eine Weile nach. Dann sagt er: „Vielleicht war es mir nur bisher nicht wirklich bewusst, dass es ihr eigener Entschluss war, sich vollkommen auszugrenzen.“

„Ich fand es, nach allem was du mir über eure Zeit im Hinterhaus erzählt hast, immer ganz offensichtlich, dass sie sich selbst bestrafen wollte, indem sie das Leben einer Büβerin lebte. Sie muss ja sehr wohl mitgekriegt haben, dass andere Stadtbewohner, obwohl sie oft arm waren, so etwas wie Lebensfreude zeigten. Es gab in der Nachbarschaft Feste und Feierlichkeiten, es gab selbst in der nächsten Nachbarschaft Kneipen oder Restaurants in denen getrunken, gelacht und getanzt wurde. Wahrscheinlich hat sie diese öffentlich zur Schau gestellte Lebensfreude als das erkannt, was man bei ihr zu Hause als ‘verderbliches Verhalten’ bezeichnet hatte. Und davor war sie schlieβlich, neben der ‘Unzucht’, immer gewarnt worden, seit sie denken konnte.“

„Hm. Ja. Sie hat ihre eigenen kategorischen Grenzen gezogen, weil sie die Groβstadt als mögliche Rutschbahn in den Sündenpfuhl gesehen hat.“

„Musste sie ja! Schlieβlich war vorher, in ihrem Dorf im Chaco alles gut, richtig und gottgefällig gewesen. Hier war alles ganz anders, also schlecht. Aber ganz offensichtlich hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, am Ende doch noch von höherer Instanz als guter Mensch bewertet zu werden. Sie hat ja ihre abendliche Andacht nie versäumt, wie wir von deinem Vater wissen. Auch die permanent gut gelaunte Luisa hatte es längst aufgegeben, sie zu einem Abendspaziergang oder zu einem Plauderstündchen am Lagerfeuer einzuladen. Justina soll bei solchen Angeboten immer nur mit ernster Miene den Kopf geschüttelt und gesagt haben: ‘Ich muss in meiner Bibel lesen, ich will nie wieder meinen Weg verfehlen’.“

Arthur denkt lange nach ohne ein Wort zu sagen.

Schlieβlich sage ich: „Übrigens, bei aller Kritik an meiner Schreiberei: Ob es dir passt oder nicht, ich schreibe auch solche Gespräche auf, wie das, das wir gerade geführt haben.“

„Wenn du meinst“, sagt er nur, zuckt die Achseln und geht aus dem Zimmer.

Kapitel IV.

Kapitel 4

Julius Deisenhofer hatte sein Eintreffen in der Hauptstadt angekündigt. Zwei seiner Arbeiter waren von ihm als Begleiter eines Holztransportes vorausgeschickt worden. Der Verkauf von Brennholz an das staatliche Elektrizitätswerk in Luque machte einen nicht unerheblichen Teil seiner Geschäfte aus.

Am späten Nachmittag schlenderten zwei Arbeiter, Miguel und Adalberto, gemächlich und mit fröhlichem Grinsen im Gesicht über den Patio zum Hinterhaus. Ganz offensichtlich waren sie nicht zum ersten Mal hier, denn sie kamen unbefangen und wie selbstverständlich bis unter das Vordach. Auch auf das übliche In-die-Hände-Klatschen, welches hier in Paraguay zum guten Ton gehört, um sich bemerkbar zu machen, hatten die beiden verzichtet. Einer der Männer versuchte durch die offen stehende Tür in Luisas Schlafzimmer zu schielen. Maria Celeste bemerkte den Schatten in der Tür, erkannte den Arbeiter und sprang ihm sofort entgegen. Auch ihre Brüder empfingen die beiden mit fröhlichem Geschrei.

„Morgen kommen Onkel Julio und Tante Christa!“, rief Maria Celeste erfreut, als sie die Nachricht hörte. Adalberto packte das jubelnde Kind daraufhin bei den Händen und drehte sich um sich selbst, so dass Maria Celestes Füβe sich vom Boden lösten und durch die Luft wirbelten. Arthur stand dabei und wurde von ihrem Lachen angesteckt. Da packte ihn Miguel und lieβ ihn ebenfalls an den Händen durch die Luft fliegen. „Du musst Maria Celestes neuer Freund sein! Haben schon von dir gehört, kleiner Weißkopf!“

Übermütig tobten Deisenhofers Waldarbeiter mit den Kleinen herum und lieβen sich ständig neue Albernheiten einfallen, um die Kinder zum Lachen zu bringen. Alle wurden von der ausgelassenen Stimmung angesteckt. Selbst Hildegard erhielt von Justina die Erlaubnis, eine Viertelstunde mit den anderen zu spielen. Anfangs stand sie mit schüchternem Lächeln daneben. Aber als Maria Celeste und Arthur beim Packenspielen hinter ihr her jagten, konnte sie auch sie endlich einmal aus vollem Halse lachen. Selbst die Vögel schienen lauter zu zwitschern als sonst, die ganze Luft flimmerte vor Fröhlichkeit.

Erst kurz vor Sonnenuntergang rief Justina zum Abendessen. Eilig wuschen sich alle die Hände und kamen in die Küche. Arthurs Vater fiel auf, dass die beiden Besucher von einer Minute zur anderen wie ausgewechselt schienen. Es mochte an Justina liegen. Aus irgendeinem Grund schien in ihrer Gegenwart jedes Anzeichen von Ausgelassenheit und Freude unangebracht. Mit gesenkten Köpfen kamen Miguel und Adalberto in die Küche und fragten Luisa fast flüsternd, wo sie sich setzen sollten. Dann warteten sie schweigend, bis Justina ihr Tischgebet mit einem lauten „Amen“ beendet hatte und anfing, den Braten zu zerteilen. Auch beim Essen herrschte fast schüchterne Schweigsamkeit, obwohl die aufgetischte Mahlzeit wie immer üppig war und hervorragend schmeckte.

Und genauso plötzlich wie die Stille eingetreten war, verschwand sie auch wieder, als alle satt waren und Justina die Mahlzeit für beendet erklärte, indem sie aufstand und anfing, den Tisch abzuräumen.

Luisa zog Adalberto am Arm nach drauβen und forderte ihn in neckischem Befehlston auf, Brennholz bei der üblichen Feuerstelle aufzuschichten. Über alle Maßen witzige Bemerkungen schienen zwischen den Arbeitern und Luisa hin und herzufliegen, denn die wenig geistreichen Gespräche endeten immer wieder in Luisas perlendem Lachen. Arthurs Vater konnte annähernd den Sinn verstehen, als sie dann die Stimme senkte und zu Miguel sagte: „Du könntest die Korbsessel von der Terrasse in den Garten bringen, während ich mich um die Kinder kümmere. Und lass dir von der Küchenhilfe eine Flasche Wein und Gläser geben! Ich bin gleich wieder da.“

Küchenhilfe! Ich lag also gar nicht so verkehrt mit meinem Eindruck, dachte Arthurs Vater. Luisa spielt vor den Arbeitern die überlegene Hausherrin. Ich möchte mal sehen, ob sie genauso herablassend über Justina spricht, wenn die Deisenhofers da sind.

Miguel hatte seine Finger in die Öffnungen der vier Gläser gesteckt, um sie zusammen mit der Weinflasche in den Patio zu tragen. Arthurs Vater wollte behilflich sein, und Miguel etwas abnehmen, dieser ignorierte ihn jedoch. Also beeilte Arthurs Vater sich, einen Hocker bereitzustellen. Miguel nickte nur, stellte Flasche und Gläser ab, dann machte er sich ohne ein Wort zu sagen daran, eine Hängematte zwischen den Pfeilern des Vordachs aufzuspannen. Adalberto tat das Gleiche, ebenfalls in tiefes Schweigen gehüllt.

Komisch, dachte Arthurs Vater, diese beiden Kerle scheinen nur mit Kindern und Luisa zu sprechen.

Er setzte sich. Miguel war mit dem umständlichen Knoten an seiner Hängematte fertig, also setzte er sich ebenfalls. Wenig später ließ sich auch Adalberto auf einen Stuhl fallen. Keiner der drei sagte etwas. Die Stille hing bleiern über ihnen, war irgendwie peinlich. Alle warteten auf Luisa.

Nachdem sie die Kinder ins Bett gebracht hatte, kam sie langsam, mit leicht wiegenden Hüften in den Patio. Sie streckte sich genussvoll, fuhr mit der Hand über ihren Nacken und löste dabei wie zufällig die Spange, die ihr langes schwarzes Haar in einem dicken Pferdeschwanz zusammengehalten hatte. „Nun Männer, kriege ich ein Glas Wein?“, fragte sie mit kecker Stimme. Und sofort griffen alle drei Männer nach dem Weinglas, das man für sie bereitgestellt hatte. Luisa lachte etwas zu laut.

Auch wenn sie sich betont fröhlich gab und versuchte, die Männer mit ihrer guten Laune anzustecken, war die Stimmung am Lagerfeuer eher angespannt. Von der lustigen Ausgelassenheit, die beim Spielen mit den Kindern geherrscht hatte, war bei Deisenhofers Arbeitern nun nichts mehr zu spüren. Jeder von ihnen bemühte sich, Luisa in ein Gespräch zu verwickeln, wurde aber früher oder später vom anderen unterbrochen.

Ich glaub es kaum!, dachte Arthurs Vater. Die Beiden versuchen anscheinend, sich bei Luisa einzuschmeicheln und sich dabei untereinander auszustechen! Allerdings, wie mir scheint, nicht zum ersten Mal! Und Luisa, dieses kleine Biest, scheint das auch noch in vollen Zügen zu genieβen! Jedenfalls kichert sie heute herum, wie ein Backfisch. Der Wein tut das Seinige dazu.

Auch wenn er jetzt so tat, als ginge ihn die kleine gesellschaftliche Runde nichts an, beobachtete und interpretierte Arthurs Vater mit lauernder Achtsamkeit alles, was die fremden Männer taten oder sagen mochten. Denn nicht einmal ansatzweise konnte er verstehen, was da wirklich zur Sprache gebracht wurde. Zu häufig glitten die Arbeiter, und damit auch Luisa, ins Guaraní ab, die eigentliche Muttersprache der meisten Paraguayer. Und sosehr er auch versuchte sich selbst einzureden, dass es ihm einerlei sei, worüber die untereinander offensichtlich befreundeten Arbeiter mit Luisa reden könnten, konnte er sich nicht dazu entschließen, die Runde einfach zu verlassen und ins Bett zu gehen. Luisas häufiges Kichern in leicht überhöhter Tonlage wirkte einerseits abstoßend auf ihn, andererseits hätte er nicht abstreiten können, dass es ihn auch irgendwie faszinierte. Er tat also, als sei er angestrengt mit dem Lagerfeuer beschäftigt, stocherte in der Glut herum, schob die brennenden Holzscheite immer wieder zurecht und beobachtete aus den Augenwinkeln die sich anbahnende Rivalität der beiden Arbeiter. Miguel bemühte sich gerade deutlich darum, irgendetwas Originelles zu erzählen und Luisas Aufmerksamkeit zu fesseln, irgendwann schien sein Tonfall immer persönlicher zu werden, schließlich redete er regelrecht schmeichelnd auf sie ein, bis Luisa anfing schelmisch zu kichern, dann laut zu lachen. Da mischte sich Adalberto in das Gespräch, das eigentlich ein Monolog gewesen war und redete seinerseits über irgendetwas Witziges, über das Luisa lachen konnte, um dann wiederum in einen schmeichelnden Tonfall überzugehen. Immer wieder versuchte einer von beiden, Luisas Aufmerksamkeit ganz für sich zu gewinnen.

Arthurs Vater verstand nichts von der Unterhaltung, aber das war auch nicht notwendig. So viel war offensichtlich: im Alltag und bei der Arbeit waren die Männer Kollegen. Jetzt, am Lagerfeuer und in Gegenwart einer schönen Frau waren sie nur Rivalen. Je später der Abend und je höher der Alkoholgehalt im Blut der Besucher, desto deutlicher die Bereitschaft zum Wettstreit. Mochten sie ansonsten auch gute Kameraden, fast Freunde sein.

Arthur behauptet an dieser Stelle, dass allen Latinos eine gewisse Rivalität untereinander „angeboren“ sei. Selbst wenn sie sich als Freunde bezeichnen, käme in Gegenwart einer mehr oder minder schönen Frau immer so etwas wie eine „Hahnenkampf-Mentalität“ zutage.

„Ist es nicht so“, frage ich ihn herausfordernd, „dass dieses Balzgehabe bei allen Männern zu finden ist? Haben wir dann nicht alle das Bedürfnis, den Frauen angenehm aufzufallen? Ich glaube kaum, dass die Latinos da eine Ausnahme sind.“

„Ausnahme ist das falsche Wort. Wir haben sicherlich die gleichen biologischen Voraussetzungen... aber ich glaube, dass die unterschiedliche Lebensweise, die unterschiedlichen Kulturen sich auch in der Veranlagung niedergeschlagen haben.“

„Quatsch!“, rufe ich. „Es mag zwar richtig sein, dass man den Männern des Südens eine ausgeprägtere Heiβblütigkeit nachsagt, als uns Männern aus dem ’kalten Norden‘, aber das ist doch letztendlich eine Frage der Erziehung!“

„Bist du da wirklich sicher?“

„Ja natürlich! Ein Weißhäutiger aus dem hohen Norden kann genauso den Kopf verlieren, wie ein Südländer, wenn er verliebt ist. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Wer kennt das nicht? Nicht unsere hellere Hautfarbe macht uns ‘kalt’, sondern die antrainierte Beherrschung unserer Gefühle! Schon unseren Kindern bringen wir schlieβlich bei: halte deine Gefühle zurück, brülle deine Wut nicht unkontrolliert heraus, schreie nicht drauflos, wenn dir etwas nicht passt, weine nicht in der Öffentlichkeit, sobald du ein gewisses Alter erreicht hast, aber singe auch nicht lauthals, nur weil du grad’ fröhlich bist und so weiter! Und dieses Abgewöhnen von unkontrolliertem Verhalten geht schlicht und einfach mit der allgemeinen Bildung Hand in Hand! Mit Herkunft oder Hautfarbe hat das absolut nichts zu tun!“

„Ich wäre da nicht so sicher. Kann es nicht auch sein, dass sich das ständige Niederkämpfen von leidenschaftlichen Gefühlen auf unsere gesamte Veranlagung auswirkt? Es heiβt schlieβlich nicht umsonst, dass ein blasser Nordländer auch in seinen Gefühlen irgendwie ‘blasser’ ist, als beispielsweise der ‘heiβblütige’ Spanier oder Italiener, oder eben ‘Latino’!“

„Wenn du dir jetzt die Frage stellst, ob sich Verhaltensweisen, die über Generationen hinweg an- oder abtrainiert werden, irgendwann im genetischen Material festsetzen, muss ich passen. Keine Ahnung. Auf jeden Fall glaube ich, dass unsere Vorfahren, die wilden Germanen, hübsch dieselben genetischen Veranlagungen hatten wie wir.“

Wie immer scheint Arthur meine Argumente einfach zu ignorieren, wenn ihm kein passendes Gegenargument auf meine Aussagen einfällt. Er denkt nach und schweigt.

Die beiden Don Juans, Miguel und Adalberto, waren natürlich nicht zum ersten Mal bei Luisa im Hinterhaus. Möglicherweise war es dem einen oder anderen zuvor schon einmal gelungen, ihr näher zu kommen. Heute, als sie ins Hinterhaus gekommen waren, hatten sie zunächst einmal geglaubt, dass sie bei Luisa ohnehin keine Chancen mehr hätten. Denn der blauäugige Alemán, der neuerdings hier wohnte, musste ja die besseren Chancen bei einer Frau haben. Schlieβlich war es eine allgemein bekannte Tatsache, dass alle Frauen eingewanderte Extranjeros bevorzugten. Die eigenen Landsleute konnten da versuchen, was sie wollten.

Allerdings standen Miguel und Adalberto vor einem Rätsel. Es hatte den Anschein, als habe dieser großgewachsene Deutsche mit den blauen Augen nichts bei Luisa erreicht – aus welchem Grund auch immer. Er schien auch gar keine Ansprüche an die Frau zu stellen, obwohl sie immerhin seit einigen Wochen mit ihm unter einem Dach lebte.

Caramba!, dachte Luisa. Der Einzige, der mich kaum beachtet, ist mal wieder mein Rubio, mein Blondschopf!

Sie hielt ihr Gesicht Adalberto zugewandt, lächelte zuckersüß und nickte ab und zu mit dem Kopf. Dass sie nicht wirklich hörte, was er sagte, schien er nicht zu bemerken. Ihre Gedanken beschäftigten sich mit Arthurs Vater.

Hat er denn keine Augen im Kopf, oder will er wirklich nicht sehen, dass ich eigentlich schon ganz gerne mit ihm... Seit fast drei Wochen lebt er jetzt hier bei uns. Er schläft sogar im selben Raum wie ich! Und noch kein einziges Mal hat er auch nur den kleinsten Versuch gemacht, mich anzufassen. Das ist doch nicht normal! Oder... vielleicht – um Himmels Willen! – könnte es sein, dass er am Ende nur zu schüchtern ist? Habe ich vielleicht nur nicht darauf geachtet, wenn er versteckte Andeutungen gemacht hat?

Welche Signale hatte sie übersehen? Da fiel ihr ein: gestern erst war es wieder sehr spät geworden... sie hatten mühsam versucht, am Lagerfeuer über Deisenhofer und dessen Arbeit zu reden... irgendwann war Arthurs Vater aufgestanden und hatte mit auffallend freundlichem Lachen gesagt, dass er lieber schlafen gehen sollte... und sie erinnerte sich: er hatte angedeutet, dass ihm kalt geworden war, indem er seine Arme um die eigenen Schultern legte. Hatte er damit am Ende andeuten wollen, dass er nicht allein schlafen wollte?

Sie sagte zu sich selbst, dass sie in Zukunft besser darauf achten würde, ob er irgendwelche Andeutungen machte. Notfalls müsste sie eben doch den berühmten ersten Schritt machen, auch wenn sie den eigentlich prinzipiell ablehnte.

Aber warum sollte sie jetzt nicht einfach genieβen, dass sich heute gleich zwei Männer ohne irgendwelche Scheu um sie bemühten! Sie brauchte nur die Hand nach dem Weinglas ausstrecken, da war einer der Caballeros zur Stelle um sicherzugehen, dass sie auch noch genügend Wein hatte. Trotzdem: Wenn sie ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass sie die beiden Arbeiter längst nicht so interessant fand wie den fremdländischen Mann aus Europa, Arthurs Vater.

Dieser blickte die ganze Zeit scheinbar teilnahmslos in die Runde.

Er machte sich inzwischen Gedanken darüber, welche Dinge er mit Deisenhofer klären müsste. Morgen würde er endlich mehr über die deutsche Siedlung Independencia erfahren und von Möglichkeiten hören, selbst dort anzusiedeln und zu arbeiten oder Geschäfte zu machen.

Vielleicht kann er mir beim Start im Pelzgeschäft helfen, dachte er. Nach allem, was ich jetzt schon über Julius Deisenhofer gehört habe, muss er ein recht vermögender Kolonist sein. Und als erfolgreicher Geschäftsmann hat er sicherlich gute Geschäftskontakte. Vielleicht kennt er sich sogar im Exporthandel aus, mit Zollbestimmungen und dergleichen.

Außerdem muss ich hier weg! Ich habe die Schnauze gestrichen voll davon, dass ich jeden Abend mit Luisa verbringen muss! Und in der Nacht bin ich nur durch einen miserablen Kleiderschrank von diesem rassigen Weib getrennt. Das hält ja auf die Dauer keiner aus! So nah und doch unerreichbar. Inzwischen weiß ich zwar, dass sie keinen festen Partner hat, aber ich kann doch nicht einfach mit der Hausangestellten... Ich bin hier schließlich Gast. Deisenhofers Gast!

Ein einziges Mal hatte sich Arthurs Vater vor ein paar Tagen mit einer kleinen Straβendirne einlassen können. In der Nähe des Hafens war er einer grell geschminkten, zierlichen Person mit strohblond gefärbtem Haar und hochhackigen Schuhen in ein kleines, widerlich muffig riechendes Zimmer gefolgt. Das Ganze hatte nicht lange gedauert. Daraufhin hatte er kurzfristige Erleichterung verspürt, mehr nicht. Dies Erleichterung war jedoch rein körperlich, denn darüber hinaus war ihm nur zu bewusst, dass irgendwelche Geschlechtskrankheiten bei den Nachtschwälbchen nichts Ungewöhnliches sein dürften.

Bevor ich mich wieder so abfertigen lasse, kann ich mir den Drang in meiner Leistengegend auch selbst wegrubbeln, sagte er sich wütend.

Aber auch diese zynischen Gedanken halfen Arthurs Vater nicht dabei, seine uneingestandene Sehnsucht herunterzuspielen. Ein Sehnen, das durch seine unfreiwillige Nähe zu Luisa nicht gerade geschmälert wurde.

Unwillkürlich musste er seufzen. Luisa, Miguel und Adalberto sahen ihn erstaunt an.

„Der Wein ist gut“, sagte er schnell, nur um überhaupt etwas zu sagen. Daraufhin nickten alle drei einverstanden und prosteten ihm zu.

Im Wettkampf um die Gunst der Frau schien sich Miguel langsam als klarer Favorit herauszuschälen. Arthurs Vater waren die immer dreister werdenden Annäherungsversuche dieses Mannes zuwider und er hoffte immer noch, dass Luisa die platten Schmeicheleien irgendwann ersticken und sich zurückziehen würde. Zumal Mitternacht längst vorbei sein musste. Aber sie spielte ihre Rolle als umworbene Trophäe noch immer mit offensichtlichem Genuss.

„Nein, nein, nein und nochmal nein!“, hat Arthur nach eingehender Lektüre meiner letzten Seiten gerufen.

„Du stellst Luisa als eine geradezu männerverschlingende und fast boshafte Nymphomanin hin! Luisa mag ja ihre Rolle als vielumschwärmte Schönheit genossen haben, aber sie war und ist keine liederliche Person! Sie hatte und hat sehr liebenswerte Eigenschaften, ein beneidenswert fröhliches Gemüt und sie hat ein riesengroßes Herz!“

„Das ist richtig“, sage ich. „Du hast mir Luisa immer als fröhlich, liebenswert und hilfsbereit beschrieben. Aber du hast mir auch erzählt, dass sie sich nie gescheut hat, sich so in Szene zu setzen, dass kaum ein Mannsbild an ihr vorübersehen konnte. Es fiel ihr auch nie ein, die geradezu geifernden Männer in Schranken zu verweisen.“

„Ja, sie mag es genossen haben, umschwärmt und begehrt zu werden“, räumt Arthur ein. „Man muss sich aber dabei ihr Selbstbild vor Augen halten. Denn du vergisst das Bild, welches man in ihrer Gesellschaft von den Frauen hatte und vielleicht noch hat. Sie musste ihren Erfolg bei Männern als ihren Erfolg im Leben ansehen, verstehst du? Das Bild, das sie von sich selbst hatte, war davon abhängig, was die Männer in ihr sahen und wie sie auf sie reagierten. Und wie könnte es bei ihrer Vergangenheit auch anders sein!“

„Hört, hört!“, rufe ich spottend. „Da spricht der Psychologe in dir, was? Selbstbild und Vergangenheit! Es mag ja sein, dass Luisa ein liebenswerter Mensch war und ist. Sie war sicherlich auch eine zärtliche Mutter und ein insgesamt fröhliches Menschenkind. Aber bei ihrer Vergangenheit wäre es doch viel eher logisch gewesen, wenn sie die Männer gehasst und mit Füβen getreten hätte!“

„Ja, das stimmt schon, aber du darfst nicht vergessen, dass Männer in ihrem Leben immer...“

„Ja, ich weiβ. Aber auf ihr Leben kann ich später eingehen. Das würde uns jetzt zu weit von dem Geschehen im Deisenhofer’schen Hinterhaus wegbringen.“

„Hm, ja, vielleicht hast du Recht“, murmelt Arthur.

Ich weise also nur darauf hin, dass Luisas Bestreben, in der Männerwelt stets als umworbene Trophäe zu gelten, auf Begebenheiten in ihrer Vergangenheit beruhten. Und diese Begebenheiten waren im wahrsten Sinne des Wortes gewaltig. Aber dazu kommen wir später.

Arthurs Vater fühlte sich äuβerst unbehaglich in seiner aufgezwungenen Rolle als Zuschauer. Er erhob sich übellaunig ohne etwas zu sagen und ging auf die Küchentür zu. Durch die zugezogenen Vorhänge des Küchenfensters fiel mattes Licht unter das Vordach. Also konnte er hoffen, dass auch Justina heute länger aufgeblieben war als sonst. Er klopfte kurz an die Tür und trat ohne eine Antwort abzuwarten ein. Justina sah ihn erstaunt an. Jedoch sah er nicht nur ihr Erstaunen über sein ungebetenes Erscheinen. In ihren Augen, ihrem Blick, aber auch in den angespannten Gesichtszügen war so etwas wie blanke Wut und tiefe Verachtung zu erkennen. Obwohl er wusste, dass Justina über seinen nächtlichen Besuch in ihrer Küche alles andere als erfreut war, zog er einen Stuhl vom Tisch ab und setzte sich.

„Das ist lächerlich, was die sich da drauβen liefern“, sagte er statt einer Entschuldigung. „Ich hab es satt, mir diesen Hahnenkampf länger anzusehen!“

Justina sagte nichts, erhob sich aber und goss den restlichen Kaffee aus einer leicht zerbeulten, emaillierten Blechkanne in eine Porzellantasse und stellte sie, immer noch wortlos, vor Arthurs Vater auf den Tisch und setzte sich wieder.

„Diese Hure!“, brach es kurz darauf völlig unvermutet aus ihr heraus. „Jedes Mannsbild zieht sie in ihr Bett! Auf Sie hat sie es doch auch vom ersten Tag an abgesehen! Warten Sie nur, bald macht sie sich wie eine läufige Hündin an Sie heran und legt Ihnen neun Monate später den nächsten Bastard ins Nest! Und sie schämt sich noch nicht einmal dafür! Jeder wird früher oder später von ihr benutzt, um sie zufrieden zu stellen. Zuletzt tut sie auch noch so, als sei sie die Verführte gewesen und ist ganz stolz darauf. Dabei ist sie eine gierige Schlampe! Möge der Herr ihr zu gegebener Stunde verzeihen, aber dieses Weib ist sicherlich noch nicht einmal zu Gefühlen wie Reue und Schuldbewusstsein fähig!“

Arthurs Vater holte tief Luft. Einen derart wortreichen Gefühlsausbruch hatte er von Justina nicht erwartet. Auch überraschte ihn die Heftigkeit ihrer Anschuldigungen. Zwar war ihm inzwischen klar, dass die beiden Frauen nicht gerade die besten Freundinnen waren, aber eine solch feindliche Rede verschlug ihm beinahe die Sprache.

„Aber nicht doch“, setzte er zu beschwichtigen an. „Es ist doch nur natürlich, dass eine allein stehende, hübsche junge Frau...“ Weiter kam er nicht, da er bestürzt feststellte, dass Justina in Tränen ausgebrochen war. Sie hatte den Kopf gesenkt und eine Hand vor die Augen gelegt. Stumme Schluchzer schüttelten sie. Augenblicklich erwachte sein Beschützerinstinkt, er rückte seinen Stuhl näher an Justina heran und legte einen Arm auf ihre Schulter. Wie elektrisiert sprang Justina auf und kreischte geradezu hysterisch: „Fassen Sie mich nicht an!“

In ihrer Linken hielt sie die Kaffeekanne in unmissverständlicher Drohgebärde hoch über ihren Kopf.

„Raus!“, rief sie mit schriller Stimme. „Ihr seid doch alle gleich! Alle wollen nur das Schmutzige, Gottlose! Gehen Sie raus!“

Völlig perplex stand Arthurs Vater da. Er war zu erschrocken, um irgendetwas zu tun oder zu sagen. Nach kurzem Zögern verlieβ er fluchtartig die Küche.

Drauβen stellte er fest, dass einer von Deisenhofers Arbeitern seinen Werbefeldzug aufgegeben und sich in seine Hängematte verkrochen hatte.

Luisa und der Sieger hatten sich jedoch nicht etwa ins Schlafzimmer zurückgezogen, sondern saβen ineinander verschlungen und kichernd auf einem der Korbsessel im Patio und blickten Arthurs Vater fragend an. Justinas Wortschwall war auch hier drauβen nicht zu überhören gewesen.

Arthurs Vater fiel es allerdings nicht ein, irgendeine Erklärung abzugeben. Verstört und entnervt fuhr er die beiden grob an: „Habt ihr nicht vor, endlich ins Bett zu kriechen, oder wollt ihr eure Orgie unbedingt hier drauβen vor Publikum feiern?“ Diese Frage, in wütendem Ton auf Deutsch gestellt, war von derart eindeutiger Mimik begleitet gewesen, dass Luisa und Miguel nach kurzem Blickwechsel aufstanden und wortlos im Schlafzimmer verschwanden.

Grimmig blickte Arthurs Vater den beiden hinterher und dachte: Ich kann nur froh sein, dass mein Kleiner und Maria Celeste einen so gesegneten Schlaf haben! Dieser ganze Zirkus! Ich fürchte, ich habe mir in den letzten Wochen viel zu wenig Zeit für Arthur genommen. Aber er sah die ganze Zeit über so zufrieden aus! Viel zufriedener, als er mir in Deutschland je erschienen ist. Aber wenn nun die Gesellschaft hier im Haus doch nicht das Richtige für ihn ist? Wenn ich nur wüsste, wie es weitergeht! So ein Abend hat mir gerade noch gefehlt!

Seine Finger zitterten vor Wut, als er die Schnürsenkel seiner Schuhe löste. Dann legte er sich in die freie Hängematte. Er war wütend auf Luisa und ihre Männer, wütend auf ebendiese Männer, die in ihrer Gegenwart zu hirnlosen geilen Böcken geworden waren und sich noch nicht einmal darum bemüht hatten, ihre einschlägigen Bedürfnisse ein wenig dezenter auszudrücken. Auch wütend auf Deisenhofer, der so lange auf sich warten lieβ, letztendlich wütend auf sich selbst, weil er sich impulsiv dazu entschlossen hatte, auf’s Geratewohl nach Paraguay und letztendlich in dieses Hinterhaus zu kommen, um hier ein neues Leben zu beginnen.

Wut muss irgendwann jede Faser seines Körpers durchzogen haben.

Er war nicht sicher, ob er sich die Geräusche im Schlafzimmer einbildete, oder ob er tatsächlich hörte, was er sich sowieso die ganze Zeit über ungewollt im Geist ausmalte. Seine Wut wurde noch gröβer als er merkte, dass ihn der Gedanke an das Geschehen im Schlafzimmer erregte. Irgendwann erhob er sich leicht fröstelnd und ging auf die Straβe hinaus, um die Bilder in seinem Kopf abzuschütteln. Er wollte es sich zwar nicht eingestehen, aber der jäh aufflammende Neid auf Miguel peinigte ihn geradezu.

Er wanderte kilometerweit durch die nächtlichen Gassen der Stadt. Einfach geradeaus, einfach immer weiter. Plötzlich verlangsamte er seine gehetzten Schritte und musste lachen. Du bist ja nur so wütend, weil du schrecklich neidisch bist, sagte er zu sich selbst. Gesteh es dir doch endlich ein, wie gern du selbst an Miguels Stelle gewesen wärest! Dabei hast du immer so getan, als würde sie dich nicht interessieren! … Nicht interessieren! Dieses tolle Weib mit diesen wunderschönen Brüsten und runden Hüften. Und dieses wundervolle, glänzende Haar... und sie scheint immerzu fröhlich und guter Dinge zu sein. Naja, zumindest solange sie weiβ, dass man sie ansieht. Hm, stimmt eigentlich… Genau das ist es ja! Sie will ja auch angesehen werden! Warum würde sie sich sonst so bewegen! Sie setzt ja auch alles daran, einen verrückt nach ihr zu machen. Und mit der „Moral“ scheint sie sich auch nicht gerade das Leben schwer zu machen! Aber, im Grunde genommen, was ist das schon – Moral! Vielleicht mache ich mir die ganze Zeit über das Leben unnötig schwer! Nur, andererseits, was sollten denn die Deisenhofers von mir denken, wenn sie kommen und feststellen dass ich mit ihr... Nein. Wahrscheinlich war es das einzig Richtige, mich mit stundenlangem Spazierengehen aus dem Haus fernzuhalten. Aber die Abende im Patio, und vor allem die verflixten Nächte im gleichen Zimmer! Ich hoffe nur, dass ab morgen alles anders wird.

Er sog die nächtliche Luft, die jetzt im Mai schon ziemlich frisch sein konnte, tief ein und fühlte sich erleichtert, weil ihm die Ursache seines Grolls immer klarer wurde: Er brauchte, verdammt nochmal, eine Frau!

Eine Frau wie Luisa ständig neben sich zu haben, sie aber nicht haben zu können, war die reinste Qual. Qualen des Tantalus…

Aber wieso, ging es ihm immer wieder durch den Kopf, sollte ich sie eigentlich nicht haben können? Sie hat keinen wirklich festen Partner, wie mir scheint. Wieso bin ich noch nicht auf die Idee gekommen, sie einfach zu heiraten und mit ihr ein neues Leben anzufangen? Aber gleich mit insgesamt vier Kindern? Wo bliebe da meine Unabhängigkeit? Und ich weiβ ja auch noch gar nicht, welche Möglichkeiten sich für mich auftun werden, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Da ist es sicherlich nicht ratsam, gleich eine ganze Familie zu heiraten. Aber selbst eine Frau ohne Kinder... Passt da überhaupt eine Frau hinein? Also doch einfach hie und da ein kleiner Schmetterling von der Straβe? Aber, verdammt, bezahlte Liebe ist auch nicht das, was mir fehlt. Also doch nur ein kleines Abenteuer mit Luisa? Vielleicht schert es Deisenhofer ja nicht im Geringsten. Von irgendwas hat sie schließlich drei Kinder, auch wenn Justina mal gesagt hat, Luisas Kinder hätten keine Väter. Warum gehe ich nicht einfach genauso vor, wie die anderen Mannsbilder, die Luisa umturteln, es irgendwann schaffen, mit ihr ins Bett zu steigen und am nächsten Tag ist alles wie vorher!

Dieser Gedanke hatte etwas Verlockendes. Aber wenn dann ein Miguel, Adalberto oder sonst wer kämen, ihr gerade besser passten... Heute Nacht in ihrem Bett und morgen Nacht hinter dem Kleiderschrank?

Seine Überlegungen schweiften zu dem, was Justina in ihrer unerklärlichen, bodenlosen Wut über Luisa ausgespuckt hatte. Woher kam dieser Zorn? War das wirklich nur moralische Entrüstung? Oder steckte vielleicht auch da tief sitzender Neid dahinter? Neid auf Luisas Schönheit und die Art, ihre üppigen Rundungen in Szene zu setzen? Schlieβlich achtete sie gekonnt darauf, dass die Schnitte ihrer Kleider genau da etwas enger anlagen, wo etwas herausgestrichen werden sollte und, andererseits, all das kaschierten, wo man ihrem Körper vielleicht ansehen könnte, dass sie immerhin drei Kinder zur Welt gebracht hatte.

Was hatte Justina so aufgebracht? Woher kam ihre Wut? Wer war Justina eigentlich? Arthurs Vater hatte sie die ganze Zeit über für eine relativ mittellose Witwe gehalten, die sich und ihr Kind irgendwie durchbringen musste. Sie konnte nicht viel älter sein als Luisa. Dennoch lieβ ihr Anblick Männerherzen kaum höher schlagen. Dabei war, wenn er es sich recht überlegte, nichts an ihr wirklich hässlich oder abstoβend. Ihre Hüften waren vielleicht ein wenig zu prall, jedoch konnte man die Gitarrenform mit der ebenfalls üppigen Oberweite im Ganzen als rubenshaft weiblich ansehen. Ein wenig mollig vielleicht, aber höchst harmonisch.

Allerdings musste er sich eingestehen, dass sie sich sehr unvorteilhaft kleidete. Selbst jemand, der nichts von weiblicher Garderobe verstand, konnte nicht übersehen, dass sie sich um ihre Kleidung keinen Deut scherte. Die wadenlangen Kittel mit der durchgehenden Knopfreihe, die sie immer trug, verliehen ihrer Gestalt etwas Baumstammhaftes. Das mittellange, hellblonde Haar knotete sie tagtäglich, auβer wenn es frischgewaschen und noch nass war, im Nacken zusammen. Neben der stark umrandeten, an den Seiten spitz zulaufenden Hornbrille, verlieh ihr das ein strenges, fast gouvernantenhaftes Aussehen. Ihre wässrigblauen Augen waren hinter dieser Brille beinahe unsichtbar.

Ob sie sich willentlich so unschön zurechtmachte? Arthurs Vater seufzte und dachte: Ich weiβ nicht viel über diese Frau. Sie macht einen so verschrobenen, fast verbitterten Eindruck! Sie lacht nie, sagt von sich aus nie einen einzigen Ton, außer wenn man sie ganz direkt etwas fragt, sie schaut einem noch nicht einmal direkt ins Gesicht. Und sie scheint sich fest vorgenommen zu haben, aus ihrer Tochter ein ebenso weltabgewandtes Wesen zu machen. Das arme Mädchen. Sie sollte sich wie ein lebenslustiger Backfisch benehmen dürfen und nicht jeden Nachmittag in der Küche eines Hinterhauses verbringen!

Er seufzte erneut und machte kehrt. Immerhin hatten sich die Wogen in seinem Inneren geglättet.

Die Nacht lag noch schwer und feucht über der Stadt, als er zurück ans groβe Tor gelangte. Jedoch deutete ein erstes, sanftes Zwitschern von Spatzen sowie vereinzeltes Krähen der Hähne aus der Nachbarschaft darauf hin, dass der Morgen in Begriff war, die Nacht abzulösen.

Er fand den Patio in friedlicher Stille, lediglich bei der kleinen, matt erleuchteten Glühlampe neben der Auffahrt zum Hinterhof herrschte reges Leben: Wie die Planeten des Sonnensystems kreisten Insekten um ihr selbstgewähltes Heliozentrum. Arthurs Vater ging daran vorbei, legte sich geräuschlos in seine Hängematte und war wenige Minuten später fest eingeschlafen.

Das Pfeifen des Wasserkessels hätte alle im Hinterhaus und im Patio wecken müssen, aber an diesem Morgen lieβ sich keiner davon stören. Nur Justina war, pünktlich wie immer, um Viertel vor sechs aufgestanden. Sie weckte ihre Tochter und fing an, das Frühstück für das Mädchen vorzubereiten. Hildegard zwängte sich eilig in ihre Schuluniform und feste, hartlederne Schuhe. Schon zu dieser frühen Tageszeit standen winzige Schweiβperlen auf ihrer Stirn. Nachdem sie ein Marmeladebrötchen gegessen und etwas heiβe Milch getrunken hatte, rannte sie zur Ecke der Avenida Don Bosco, hielt mit ausgestrecktem Arm einen der Busse an und sprang auf das langsamer werdende Fahrzeug auf.

Wenig später krochen Arthur und Maria Celeste aus ihrem Bett, schlüpften am groβen Kleiderschrank und Luisas Bett vorbei unter das Vordach. Wie immer stand dort bereits eine Schüssel mit frischem Wasser für die Kinder, damit sie sich Hände und Gesicht waschen konnten. Patschend tauchten sie ihre Hände ein und fuhren sich mit den nassen Fingerspitzen über die zugekniffenen Augen. Dann liefen sie in die Küche und krabbelten auf ihre Stühle. Justina begrüβte die Kleinen wie jeden Morgen knapp, aber freundlich. Sie falteten die kleinen Händchen und schauten nach unten auf den Fuβboden, während Justina das morgendliche Gebet sprach. An den Brauch, vor dem Essen zu beten, hatten sich alle Bewohner des Hauses – auch die jeweiligen Besucher – längst gewöhnt. Man senkte den Kopf und wiederholte Justinas „Amen“ am Ende.

Arthur und Maria Celeste waren Genieβer. Sie nahmen sich alle Zeit der Welt für das Frühstück. Die keineswegs opulente Morgenmahlzeit bestand aus weichen Milchbrötchen, Guaven-Marmelade oder Griebenschmalz und honiggesüβter, warmer Milch.

Als sie satt waren, besprachen Maria Celeste und Arthur, was sie heute unternehmen könnten und obwohl Justina keinerlei Erziehungsgewalt über sie hatte, schauten die Kinder sie fragend an. Sie schienen auf ihre Zustimmung zu warten. Erst wenn Justina lächelnd nickte, rutschten die beiden von ihren Stühlen und rannten hinaus.

Heute schliefen die Erwachsenen, auβer natürlich Justina, besonders lange. Deshalb legte Maria Celeste den Zeigefinger auf die Lippen. Leise kichernd liefen sie am Schlafzimmer und den Hängematten vorbei auf die Straβe, dann in Richtung ihres kleinen Parque, wie sie es nannten.

Bei diesem „Park“ handelte es sich um eine kleine Grünanlage an der Ecke beim Hafen. Früher einmal mochte dieser Platz hübsch und gepflegt ausgesehen haben, inzwischen kümmerte sich niemand mehr um die vielen Büsche und den Gehweg, der von Sitzbänken gesäumt war, an denen die Farbe abblätterte. Maria Celeste liebte die vielen Chivatos. Bäume, die hier entweder in herrlich sattem Orange blühten oder armlange Schoten voller riesiger Samenkörner trugen. Diese Samenkörner ließen sich wunderbar leicht aus den reifen Schoten lösen und als Spielgeld oder dergleichen verwenden.

An der Auβenseite des Platzes, nicht weit vom Hafengebäude entfernt, ging ein abschüssiger Erdwall ohne Zaun oder Mauer in die Flussniederung über. Dort standen ärmliche Hütten in wildem Durcheinander. Die meisten dieser Hütten bestanden aus dürftig zusammengenagelten Brettern, waren mit Pappe beschlagen und hatten Dächer aus Wellblech, Stroh oder Zeltplane. Nur ganz wenige hatten ein Ofenrohr, durch das der Rauch von der Feuerstelle abziehen konnte. Die meisten erhitzten das Wasser für das morgendliche Mate-Ritual auf einem offenen Feuer vor ihrer Hütte. Arthur und Maria Celeste hatten hier unter einem riesigen Busch ihre eigene Casita, ein Häuschen, aufgebaut: Ein altes Tischgestell ohne Platte, das sie einmal an einer Straβenecke gefunden hatten, diente als Gerippe für das Haus. Fast einen ganzen Vormittag hatten sie gebraucht, um das Gestell hierher zu schleppen. In einer Holzkiste unter Deisenhofers Vordach hatten sie dann ein Stück Zeltplane „gefunden“, mitgebracht und über das Tischgestell gespannt. Die harte, gummierte Stoffplane reichte bis auf den Boden. Ringsherum hatten sie den Rand der Plane mit groβen Steinen beschwert. Selbst bei Regenwetter blieben sie hier so lange trocken, wie der Boden nicht völlig durchgeweicht war.

Ihre Casita stand nun schon seit zwei Wochen hier unter dem Gebüsch und bisher waren weder die Plane, noch das Tischgestell verschwunden. Somit war deutlich, dass ihr Häuschen von den anderen Bewohnern des Ufers als Nachbarhaus akzeptiert, und als „Propiedad privada“, ihr Privateigentum, respektiert wurde.

Hier lebten Maria Celeste und Arthur in ihrer gespielten Welt. Manchmal war das Häuschen ein Krankenhaus, in dem Maria Celeste Kranke operierte und heilte, manchmal war es eine Schule, ein Kaufladen oder das Wohnhaus einer groβen Familie. Leere Flaschen, abgebrochene Ruder oder ein angeschwemmtes Stuhlbein wurden zu Mitschülern, zu todkranken Patienten oder zu Geschwistern innerhalb einer groβen Familie.

Heute hatte Maria Celeste Lust auf Schule, weil sie gestern im Papierkorb in der Küche ein altes Heft von Hildegard gefunden hatte. Seite für Seite war es mit wichtig aussehenden Zeichen vollgeschrieben. Arthur saβ gelehrig unter ihrer Aufsicht da und malte mit einem abgebrochenen Zweig die seltsamen Zeichen nach.

Ein paar Straßen weit entfernt wachte Arthurs Vater auf und stellte enttäuscht fest, dass ihn nicht die Ankunft der Deisenhofers geweckt hatte, sondern Stimmen, die gedämpft durch das Fenster von Luisas Schlafzimmer zu hören waren. Für einen Augenblick spürte er wieder den Ärger der vergangenen Nacht in sich hochkommen. Schwerfällig wälzte er sich aus der Hängematte, streckte die steifen Glieder. Der Tag war viel zu wichtig, um sich mit Gedanken über den gestrigen Abend herumzuschlagen, beschloss er. Deisenhofer würde endlich kommen, er hatte lange auf diesen Tag gewartet.

Justina war gerade dabei, Teig für ihre allseits beliebten Milchbrötchen zu kneten. Sie schaute nicht von ihrer Arbeit auf, murmelte nur leise „Guten Morgen“, als Arthurs Vater mit einem Kopfnicken an ihr vorbei in die kleine Duschkabine verschwand, um die muffige Unausgeschlafenheit von sich abzuwaschen.

Als er halbwegs erfrischt, mit nacktem Oberkörper die Dusche verlieβ, wendete sich Justina rot anlaufend ab. „Ziehen Sie sich doch bitte anständig an!“, zischte sie und warf den Teig mit einer heftigen Bewegung in eine Plastikschüssel.

„Verzeihung, Gnädigste“, sagte Arthurs Vater mit gespielter Unterwürfigkeit und verbeugte sich leicht. Dann wickelte er seinen Oberkörper in sein groβes Badehandtuch.

„Ich kann mir ja kein frisches Hemd aus meinem Zimmer holen, wo die beiden Turteltäubchen miteinander beschäftigt sind“, erklärte er grinsend und zuckte die Achseln.

Justina seufzte und murmelte etwas Undeutliches, das wie „Sodom und Gomorrah“ klang.

Arthurs Vater wollte sich nicht von Justinas anklagender Stimmung anstecken lassen. „Jetzt spielen Sie doch nicht den moralischen Scharfrichter, Justina! Luisa und ihre Männer sollen doch machen, was sie wollen! Solange sie uns nur mit ihrem Gehabe in Ruhe lassen!“

Er musste sich selbst über seine lapidare Äuβerung wundern. Ganz offensichtlich hatte die Einsicht, zu der er auf dem nächtlichen Spaziergang gekommen war, dem Stachel namens Luisa die Spitze genommen.

In diesem Augenblick trat sie mit triumphierendem Blick und strahlendem Lächeln in die Küche. Ihr „Buenos días“ klang eher gesungen als gesprochen. Sie verschwand in der Duschecke, lieβ das Wasser laufen und man hörte, wie sie sich fröhlich summend einseifte.

Arthurs Vater wusste, dass in dem Duschbehälter kaum noch Wasser übrig war. Er sprang auf, eilte mit groβen Schritten zum Brunnen, holte einen groβen Krug voller Wasser und wartete neben der Dusche. Grinsend zwinkerte er Justina zu, die mit weit aufgerissenen Augen da stand. Ihre Mundwinkel zuckten. Erst als Arthurs Vater hörte, dass die letzten Wassertropfen aus dem Duschbehälter gerieselt waren und Luisa im Trockenen stehen musste, trat er an die hölzerne Abtrennung heran und hielt den Krug hoch. „Bitteschön, liebes Fräulein“, sagte er und betonte dabei fast zynisch das Wort Fräulein.

Einen Moment lang blieb alles still. Schlieβlich streckte Luisa ihre nassen Arme über die Holzwand und sagte mit trockener Stimme „gracias“. Arthurs Vater und Justina konnten hören, wie sie den Duschbehälter herunterließ, das Wasser einfüllte und weiter duschte, ohne jedoch ihr fröhliches Summen wieder aufzunehmen.

Das zaghafte Lächeln, das unwillkürlich um Justinas Mundwinkel herum erschienen war, hatte sie sofort wieder heruntergeschluckt. Sie presste wie üblich die Lippen zusammen und begann, angeklebte Teigreste mit einem kleinen Küchenmesser vom Tisch abzukratzen. Dann machte sie das Frühstück für Arthurs Vater, Luisa und die beiden Arbeiter. Für Luisas kleine Jungen kochte sie einen Brei aus grob geschrotetem Weizengrieβ mit Milch. Sie beachtete Arthurs Vater nicht weiter, tat so, als sei er nicht im Raum. Er hatte jedoch das unbestimmte Gefühl, ihm sei vorhin zum ersten Mal eine kleine Sympathiewelle von ihr zugeflogen.

Wenig später saβen sich er und Luisa allein am Frühstückstisch gegenüber. Miguel und Adalberto zogen es vor, gemeinsam im Patio zu sitzen und dort Mate zu trinken. Eisiges Schweigen. Kein Wort wurde gewechselt. Weder am Küchentisch noch im Garten. Keiner von ihnen würde ein Wort über den vergangenen Abend verlieren.

Justina schälte inzwischen die Mandioca für das Mittagessen. Aus unerklärlichen Gründen genoss sie das Schweigen zwischen Luisa und Arthurs Vater, denen sie den Rücken zugekehrt hatte. Sie war sicher, dass niemand ihr Gesicht sehen konnte, deshalb brauchte sie jetzt nicht verhindern, dass ein kaum wahrnehmbares Lächeln ihre sonst so fest zusammengepressten Lippen umspielte.

Der Kaffee war noch nicht ausgetrunken, als lautes Poltern alle aus ihren Gedanken riss. Maria Celeste und Arthur wurden nie vor Mittag zurückerwartet, deshalb konnte der Lärm nur bedeuten, dass Julius Deisenhofer und seine Frau endlich angekommen waren. Und tatsächlich hörte man in diesem Moment eine Männerstimme laut nach Miguel und Adalberto rufen.

Alle rannten an das Tor. Jeder von ihnen war erleichtert darüber, dass endlich etwas geschah, das sie von Gedanken über das peinliche Verhalten in der vergangenen Nacht ablenken würde.

Kapitel V.

Kapitel 5

Deisenhofers äuβere Erscheinung wirkte auf Arthurs Vater im ersten Moment fast enttäuschend. Er hatte sich unter dem von allen als „Don Julio“ bezeichneten Groβgrundbesitzer und Geschäftsmann eine irgendwie eindrucksvollere Persönlichkeit vorgestellt. Deisenhofer war wesentlich kleiner als er selbst, hatte einen gewichtigen Bauchansatz und trug bei dieser ersten Begegnung ein verknittertes, kariertes Arbeitshemd zu staubigen Jeanshosen und knöchelhohe, stark dreckverkrustete Lederschuhe mit offenen Schnürsenkeln. Hingegen entsprach seine Frau, Christa Deisenhofer, voll und ganz dem Bild einer begüterten Dame aus der so genannten „Campaña“, eine Ortsbezeichnung, die sich auf alle ländlichen Provinzen Paraguays beziehen kann.

Ihre Frisur war sportlich elegant, der ständig schwülen Witterung angepasst: Das mittellange, leicht gewellte Haar war für Reisen wie diese mit einer schlichten Metallspange hochgesteckt. Sonst lieβ sie es offen auf die Schultern fallen. Sie trug meist wadenlange Röcke. Dazu, je nach Bedarf, Arbeitsstiefel, wie sie auch von Männern getragen wurden oder hochhackige, meist farblich auf die Kleidung abgestimmte Sandaletten.

Beide, sowohl Herr als auch Frau Deisenhofer waren braungebrannt, hatten blaue Augen und waren wohl einmal dunkelblond gewesen. Mittlerweile wurde das Haar von grauen Strähnen durchzogen, wobei man bei Julius von Strähnen eigentlich gar nicht sprechen konnte, da die vordere Hälfte seines Kopfes ohnehin frei von jeglicher Haarpracht war und der Hinterkopf so kurzgeschoren, dass sich das helle Grau hier eigentlich eher in Form von Flecken als von Strähnen zeigte.

An der Art, wie Deisenhofer mit seinen Arbeitern, Miguel und Adalberto, aber auch Justina und Luisa umging, merkte Arthurs Vater sehr schnell, dass er als humorvoller, freundlicher und beliebter Arbeitgeber bezeichnet werden konnte, der jedoch auch daran gewöhnt war, absoluten Respekt zu genieβen.

Das Auftreten seiner Frau Christa war weitaus weniger dominant, dafür umso majestätischer. Sie schien jede einzelne Handlung vollkommen bewusst und wohlüberlegt auszuführen – selbst wenn sie in Eile war. Wenn sie sprach, bekam man den Eindruck, sie habe ihre Wortwahl lange vorher getroffen. Jede Silbe, jedes Wort wurde perfekt in makellose Sätze eingefügt. Alles was sie tat oder sagte, wirkte protokollarisch, allerdings nie steif oder gekünstelt.

Im Groβen und Ganzen erwiesen sich sowohl Don Julio als auch Doña Christa als freundliche, angenehme Menschen. Arthurs Vater war erleichtert. Schon nach dem ersten Kennenlernen konnte er sich vorstellen, dass sein Entschluss, nach Paraguay zu kommen, vielleicht doch richtig gewesen sein könnte. Deisenhofer, selbstständiger und geradezu leidenschaftlicher Geschäftsmann, war schon nach ihrem ersten Gespräch davon überzeugt, dass Arthurs Vater mit seiner Idee von der Vermarktung von Tierhäuten vollkommen falsch lag. Aber das behielt er für sich. Er wartete jedoch nicht lange mit dem Hinweis darauf, dass mit dem Verkauf von Edelhölzern zurzeit gutes Geld zu machen sei.

Nachdem sich die Deisenhofers von der Fahrt etwas erfrischt hatten, forderte Don Julio Arthurs Vater auf, ihn zu begleiten und bei den anstehenden Geschäftsbesuchen dabei zu sein.

„Es kann nicht schaden, wenn meine Kontaktleute Sie auch kennen lernen, mein Freund!“

Auf dem Weg nach Luque, wo Deisenhofer die Bezahlung für das am Vortag gelieferte Brennholz einkassierten wollte, malte er Arthurs Vater aus, wie er ein eigenes Holzgeschäft angehen und die Ausfuhr von Fellen allenfalls nebenbei betreiben könnte. Praktisch auf jede Frage zu gesetzlichen Regelungen und Bestimmungen wusste er eine Antwort. Arthurs Vater geriet in einen Taumel der Begeisterung angesichts der Möglichkeiten, die Deisenhofer ihm vorschlug. Don Julio schien sich mit allem auszukennen und jegliche Bedenken zur Finanzierung der verschiedenen Projekte wischte er mit einer wegwerfenden Handbewegung vom Tisch. „Ach, lassen Sie mich nur machen, mein Freund. Das sag ich Ihnen: ich kenn mich da aus!“

Der Ausflug in das kleine Städtchen Luque war für Arthurs Vater eine willkommene Abwechslung. Er stellte dabei fest, dass Julius Deisenhofer groβe Bekanntheit und ebenso groβen Respekt genoss. Auf dem Gelände des Elektrizitätswerkes der ANDE, die Administración Nacional de Electricidad, wurde er von einfachen Arbeitern an der Dampfmaschine mit Stromgenerator ebenso freundlich begrüβt wie von Büroangestellten in Schlips und Kragen.

Nachdem er abkassiert hatte, klopfte er sich lachend auf die Hemdtasche, in die er den erhaltenen Wechsel gesteckt hatte.

„Das sag ich Ihnen, mein Freund“, rief er, „wer den Pfennig nicht ehrt, ist den Taler nicht wert! Das Geschäft mit dem Brennholz ist ein Nebenerwerb, der zwar nicht das groβe Geld bringt, aber nicht zu verachten!“

„Nebenerwerb?“, fragte Arthurs Vater verständnislos.

„Nun ja, das eigentliche Geschäft beim Roden machen wir mit den Riesen! Die Baumstämme, die nach Argentinien in die Parkettfabrik oder in den Hafen gehen und von dort aus wer-weiβ-wohin. Edelstes Holz, das sag ich Ihnen, mein Freund. Meterlange Stämme, schnurgerade! Jeder Kubikmeter ein Schmuckstück! Das Kleinholz, das ich hierher bringen lasse, sind sozusagen die Späne, die beim Hobeln abfallen, wenn ich ein Stück Land sauber mache. Aber das zeige ich Ihnen, wenn wir nach Independencia kommen.“

Abends sollten Arthur und sein Vater mit den Deisenhofers im Haupthaus essen. Justina brachte das Essen aus der Küche hinüber und servierte im groβen Speisesaal des vorderen Hauses. Für alle übrigen Hausbewohner deckte sie wie immer in der Küche den Tisch.

Den kleinen Arthur hatte Luisa heute nach dem Bad besonders nett angezogen und sein Haar sauber gescheitelt. Doch als ihn sein Vater an die Hand nehmen wollte, um hinüberzugehen, schüttelte der Junge den Kopf und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Nicht einen einzigen Schritt weit würde er ohne Maria Celeste gehen.

Diese saβ bereits am Tisch in der Küche des Hinterhauses und hatte ihr Gesicht in die gleichen bockigen Falten gelegt wie Arthur.

„Jetzt komm, Kleine, iss etwas!“, sagte Luisa energisch. „Justina hat heute etwas besonders Gutes gekocht!“ Maria Celeste schüttelte den Kopf, verschränkte die Arme vor der Brust und schaute trotzig aus dem Fenster.

Sie sah, wie Arthur von seinem Vater sanft an der Schulter gepackt und in Richtung Haupthaus geschoben wurde. Arthur stemmte seine Fersen ins Gras.

Doña Christa wartete bereits auf die beiden. Als sie jedoch sah, wie sehr sich der Kleine gegen einen Besuch im Haupthaus wehrte, sagte sie lachend zu Arthurs Vater: „Lassen Sie mal, wir werden den Kleinen schon irgendwann kennen lernen. Es ist nur zu verständlich, dass er mit den Kindern von Luisa zusammen bleiben möchte.“

Auf die Idee, Maria Celeste ebenfalls zu sich einzuladen, schien sie nicht einmal zu kommen.

Augenblicklich drehte sich der kleine Arthur um und lief auf die Küchentür im Hinterhaus zu. Auch Arthurs Vater war erleichtert über Christas Verständnis. Er wischte sich den Schweiβ von der Stirn folgte ihr an den festlich gedeckten Tisch im Vorderhaus.

Am nächsten Morgen ging Arthurs Vater wie immer in die Küche. Er wirkte verschlafen, kniff die Augen zusammen, schüttelte kurz den Kopf und lächelte. „Der Wein!“, sagte er entschuldigend zu Justina und setzte sich an den Tisch. Während er sich ein Marmeladebrötchen zurechtmachte bat er sie, sich in nächster Zeit zusammen mit Luisa ein wenig um seinen Sohn zu kümmern.

„Ich werde endlich dieses Independencia kennen lernen! Wir fahren schon heute ab“, erklärte er gutgelaunt.

Justina bemühte sich, ihre Enttäuschung nicht zu zeigen. Würde der nette Deutschländer, wie sie ihn insgeheim nannte, vielleicht schon jetzt endgültig nach Independencia siedeln? Aber dann lieβe er ja seinen Sohn kaum hier in der Stadt. Sie nickte also und meinte achselzuckend: „Der Kleine macht ja ohnehin nie etwas anderes als Maria Celeste.“

Sie traute sich nicht, Arthurs Vater zu fragen, wie lange er wegbleiben würde und welche Pläne er für die Zukunft hatte. Trotzdem erzählte er beim Essen ausführlich, was er und Deisenhofer am Vorabend miteinander durchgesprochen hatten und dass er vorhätte, sich gemeinsam mit Deisenhofer ein Stück Land in einem Waldgebiet nördlich von Independencia anzusehen. Dieses Waldstück wolle er vielleicht kaufen und als Partner in Deisenhofers Holzgeschäfte einsteigen. Seine Begeisterung war nicht zu überhören, als er davon sprach, dass er auβerdem die Möglichkeit sähe, dort Kontakt zu Jägern aufzunehmen, Felle aufzukaufen und natürlich selbst zu jagen. Durch den Export von Fellen könnte er dann sicherlich die Abzahlung der Kredite, die er aufnehmen müsste, schneller vorantreiben.

Justina hörte aufmerksam zu. Sie hätte nicht erklären können warum, aber sie hatte das undeutliche Empfinden, dass Arthurs Vater mit allzugroβer Begeisterung von seinen Plänen sprach. Ihr war diese heitere und unvoreingenommene, man könnte auch sagen: siegessichere Art, an ein völlig neues Vorhaben heranzugehen, fremd. In ihrer Familie, auch innerhalb der weiter entfernten Verwandschaft, hatte sie die Männer immer als sehr vorsichtig erlebt, wenn es darum ging, in neue Geschäfte einzusteigen. Immer, wenn gröβere Geldbeträge im Spiel gewesen waren, wurde innerhalb der Gruppe von männlichen Familienmitgliedern – Frauen waren immer von solchen Besprechungen ausgeschlossen gewesen – zunächst um Weisheit und Gottes Führung gebetet und dann gemeinsam entschieden, ob man alle eventuellen Risiken am jeweiligen Geschäft erkannt hatte.

Die vollkommen unbeschwerte, sorglose Fröhlichkeit, mit der Arthurs Vater über sein Vorhaben sprach, wunderte Justina ebenso wie die Tatsache, dass er gerade ihr seine Pläne mitteilte. Einfach so. Sie hätte so gern gefragt, weshalb er ihr das alles erzählte. Ihre jahrelang antrainierte Zurückhaltung schnürte ihr jedoch die Kehle zu. Und schon gar nicht fühlte sie sich berechtigt, kritische Einwände gegen seine – oder Deisenhofers – scheinbar unfehlbare Geschäftsideen zu äuβern. Alles, was ihr auf der Zunge lag, könnte falsch sein. Sie sagte also gar nichts.

Schlimm genug war, dass sie sich seit zwei Tagen mit heftigen Vorwürfen gegen sich selbst herumplagte. Wie hatte sie nur so unbeherrscht herausposaunen können, welches Bild sie von ihrer Mitbewohnerin Luisa hatte! Jeder – auch Arthurs Vater – würde doch irgendwann selbst feststellen, was für ein Weibsbild diese Luisa war! Sie hatte einfach die Beherrschung verloren und herausgebrüllt, was ihr seit langem auf der Seele und der Zunge lag. Nie wieder wollte sie die Gewalt über sich selbst verlieren und sich zu derartigen Beschimpfungen hinreiβen lassen, nahm sie sich fest vor. Wer wollte schon ihre Meinung wissen!

Arthurs Vater wischte sich mit dem Handrücken die Krümel von den Lippen und erhob sich. Justina bemerkte, dass er in der Küchentür stehen blieb und sie ansah. Offensichtlich erwartete er irgendeinen Kommentar von ihr. Aber sagte sie nur: „Schön“, und „gute Reise“, dann fuhr sie fort, die Kaffeetassen und Teller vom Frühstück mit heiβem Wasser abzuspülen.

Er hatte sich in der Tat ein deutlicheres Echo auf die ausführliche Schilderung seiner Zukunftsvisionen versprochen. Vielleicht hatte er sogar erwartet, Justina ein bisschen mit seiner Begeisterung anzustecken. Ihre gesamte Haltung drückte jetzt aber wieder das übliche „Lassen Sie mich in Ruhe“ aus. Intuitiv begriff er, dass Justina nicht preisgeben wollte, was sie dachte und welches Bild sie sich von ihm machte. Er begriff allerdings nicht wirklich, welches Bild sie von sich selbst hatte. Und dass sie auf keinen Fall zulassen wollte, irgendjemanden einen Blick darauf werfen zu lassen. Ihre Augen schienen nur für ganz kurze Momente den Schleier zu durchdringen, hinter den sie sich selbst gestellt hatte. Nichts sollte irgendwelche Hinweise auf ihr eigentliches Ich geben.

Arthurs Vater holte tief Atem, sein Instinkt sagte, dass er sie nicht mehr ansehen sollte. Also drehte er sich um, sagte nur kurz und trocken „auf Wiedersehen“ und winkte ihr über die Schulter hinweg zu. Eigentlich hätte er ihr gerne wenigstens die Hand geschüttelt, weil er schlieβlich auf unbestimmte Zeit verreisen würde. Beim Weggehen glaubte er zu spüren, dass sie den Blick von dem schmutzigen Geschirr gehoben hatte und ihm nachsah.

Er machte sich auf die Suche nach Luisa, denn er sollte sich auch von ihr in aller Form verabschieden, fand er. Und sich endlich einmal für ihre Aufmerksamkeit und Bemühungen in Bezug auf seinen Sohn bedanken.

Sie war mit ihrem Jüngsten zwischen den Büschen beim Brunnen. Herumalbernd wusch sie dem Baby gerade das kleine, verschmutzte Hinterteil. Dann hob sie Manuel aus der Wanne, legte mit der freien Hand eine frische Windel aus Baumwollstoff im Gras zurecht und wickelte ihn geschickt darin ein. Darüber zog nur ein kleines Höschen und lieβ den Kleinen mit einem Holzspielzeug im Gras sitzen. Tief durchatmend drehte sie sich zu Arthurs Vater um.

Sie lächelte nicht. Seit vorgestern Abend hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt.

Er schluckte. Sein spanischer Wortschatz war zwar in den vergangenen drei Wochen dank Luisa so weit angewachsen, dass er einige elementare Ausdrucksformen beherrschte, jetzt wollte ihm jedoch nichts Passendes einfallen. Plötzlich schienen alle unausgesprochenen Dinge zwischen ihnen zu stehen. Beide wussten, dass es Unausgesprochenes gab. Sekundenlang schauten sie sich in die Augen.

„Verflixt bist du schön!“, sagte er schlieβlich auf Deutsch und musste lachen. Sie stimmte erleichtert ein.

Wozu über Dinge reden, die nur in meinem Kopf existiert haben, sagte er sich und reichte Luisa die Hand.

„Danke für alles, und bitte kümmere dich weiter so nett um meinen Kleinen.“

„Mach dir keine Sorgen. Maria Celeste wird ihn sowieso keinen Augenblick aus den Augen lassen“, sagte sie lachend. Dann umarmte sie ihn, küsste seine Wangen und flüsterte: „Adiós“.

Arthurs Vater hatte sehr wohl bemerkt, dass sie dabei einen Seitenblick auf das Küchenfenster warf. Und ihm war sehr wohl bewusst, dass Justina beim Abwaschen einen freien Blick in den Garten hatte.

Luisa begleitete ihn an das Tor. Dort waren Christa und Julius Deisenhofer sowie Miguel und Adalberto bereits dabei, ihr Gepäck auf der relativ kleinen Ladepritsche der „Camioneta“ zu verstauen. Dicht daneben auf der Mauer hockten Arthur und Maria Celeste und alberten fröhlich herum.

Er küsste beide Kinder auf die Wangen, dann hob er seine Reisetasche mit Schwung auf den Wagen. Die Unternehmungslust stand ihm deutlich im Gesicht, als er in Deisenhofers staubigen Ford Pick-up stieg.

Die geschlossene Kabine des wuchtigen Wagens bot Platz für vier oder fünf Leute, jedoch würden nur die Deisenhofers und Arthurs Vater vorn sitzen. Die beiden Arbeiter Miguel und Adalberto kletterten auf die offene Pritsche.

Die Kinder winkten noch, als das Auto längst um die Straβenecke gebogen war. Und auch Luisa stand noch lange gedankenversunken an der Straβe. Sie dachte über Arthurs Vater nach. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm. Obwohl sie die Nacht vor Deisenhofers Ankunft mit einem der Arbeiter verbracht hatte, zeigte er kein bisschen Eifersucht. Er schien allenfalls peinlich berührt gewesen zu sein. Die Gleichgültigkeit, die er in den vergangenen Wochen vor ihr an den Tag gelegt hatte, war vielleicht doch echt gewesen. Selbst wenn sie abends im luftigen Nachthemd an ihm vorübergegangen war, hatte er nie Anstalten gemacht, sich ihr zu nähern. Natürlich hatte sie bemerkt, dass es ihn nicht völlig kalt gelassen hatte, wenn sie in seiner Nähe war, dennoch hatte er nie einen Finger gerührt, um sie zu erobern. Auf der einen Seite schien sie ihm zu gefallen, auf der anderen Seite zeigte er kein Interesse für sie.

Es kam ihr nicht in den Sinn, dass es Männer geben könnte, die sich von einer Frau etwas anderes wünschen, als ein wenig Koketterie, Erotik und blanken Sex.

Hiermit gelange ich an den Punkt, wo ich versuchen will, Luisas Einstellung zu Männern begreifbar zu machen.

Vorweg sei erwähnt, dass das Leben in der ländlichen Gegend, der „Campaña“, wo Luisa ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte, kaum etwas mit der Lebensweise in der Hauptstadt gemeinsam hatte. Dort im Landesinneren schien die Zeit still zu stehen. Was heute nicht erledigt werden konnte, wurde mit einem Achselzucken auf morgen verschoben. „Mañana“, morgen, ist wohl deshalb noch heute eine äuβerst wichtige Vokabel im Wortschatz der Leute vom Land. Es ist aber, meiner Meinung nach, falsch, diese Einstellung bei allen mit Trägheit gleichzusetzen. Schicksalsergebene Gelassenheit trifft wohl eher den Sinn des Wortes.

Auch hatten sich die Lebensgewohnheiten über Jahrzehnte hinweg kaum verändert. Die Schulbildung der Landbevölkerung war, wenn sie denn überhaupt stattfand, meist abgeschlossen, sobald ein Kind leidlich lesen und schreiben, Zahlen zu addieren und subtrahieren verstand und sämtliche Helden der paraguayischen Geschichte aufzählen konnte.

Ebenso erstarrt schienen die Familienstrukturen, insbesondere das Verhalten der Männer. In der Welt, in der Luisa aufgewachsen war, gab es Frauen, Kinder und Machos. Der Ausdruck Macho ist hier in all seiner Härte und Klischeehaftigkeit zu verstehen.

Für die Frauen in ihrem Umfeld hatte stets gegolten: setzte deine weiblichen Reize ein, dann schaffst du es vielleicht, wenigstens zeitweise von einem Mann versorgt zu werden! Danach sollten genügend Kinder da sein, die für dich sorgen können. Die eheliche, lebenslange Bindung zweier Menschen wurde zwar als hehres Ziel angestrebt und manchmal vorgetäuscht, jedoch sei jede Frau, die darauf baue, ihr Leben lang für ein und denselben Mann an erster Stelle zu stehen, letzten Endes eine arme Verliererin. Natürlich war Luisas Vater bis zu seinem Tod immer wieder bei seiner Frau und Familie gewesen, jedoch war sich Luisas Mutter durchaus bewusst, dass sie zwar seine rechtmäβige Gattin, keineswegs aber seine einzige Frau war. Genauso wenig wie ihre Kinder seine einzigen Nachkommen waren.

Wie jedes Kind von einfachen Landarbeitern hatte Luisa es für eine Selbstverständlichkeit gehalten, dass die Familie sich um die Mutter anordnet. Sie führte den Haushalt an. Der Vater war manchmal da, galt zu diesen Zeiten auch unangefochten als „Hahn im Korb“, von der Frau hofiert, von den Kindern bedient, jedoch machte er, solange er jung und kräftig war, keinen Hehl daraus, dass ihm auch andere Körbe offen standen. Eine Frau wie Luisa hatte sich schon als Kind damit abzufinden, dass sie eben „nur“ als Frau auf die Welt gekommen war. Jedoch konnte sie sich glücklich schätzen, dass sie sehr hübsch war. Eine Tatsache, die als „himmlische Mitgift“ gesehen wurde und im Idealfall ihre Zukunft sichern konnte.

Diese sozialen Strukturen hatte Luisa als Kind natürlich nicht durchschaut. Sie war ein fröhliches Kind gewesen, ging am Morgen fast immer gut gelaunt in die Schule und kehrte am Mittag meist singend oder im Rudel gleichaltriger Kinder herumalbernd wieder nach Hause in das windschiefe Häuschen, das Ranchito zurück. Dieses Ranchito war nicht mehr als eine Hütte aus dicht nebeneinander gesetzten Palmenstämmen. Das Dach bestand aus Stroh und bei Regen tropfte es fast immer irgendwo herein. Bei trockenem, warmem Wetter spielte sich das gesamte Leben drauβen ab: Über einer Feuerstelle hing ein schwerer Kochtopf aus Gusseisen, unter den Bäumen stand der Esstisch mit einigen Stühlen und am nicht weit entfernten Bach wurde die Wäsche gewaschen sowie das Geschirr gespült. Nachdem die Familie immer weiter angewachsen war, wurde eine zweite, recht kleine Hütte für Luisa und ihre Schwester gebaut.

Hausaufgaben für die Schule musste Luisa eigentlich nie machen, denn die Lehrer wussten, dass es in den meisten Familien keinen Platz dafür gab. Sie hütete am Nachmittag fast immer die kleinen Geschwister, während die Mutter beim Wäschewaschen war oder das Abendessen kochte. Manchmal musste sie auch bei der Arbeit auf dem Maniok-Feld mithelfen.

Ihre Welt war in heiler Ordnung. Selbst die immer wiederkehrenden, lautstarken Streitereien der Eltern hatten irgendwann ihre Bedrohlichkeit für das Mädchen verloren, auch wenn der Vater nach solchen Kämpfen oft für eine Zeitlang verschwand. Früher oder später kehrte er ja doch immer zu ihnen zurück. Manchmal war er nach seiner Heimkehr ins heimische Nest überaus freundlich und brachte Geschenke für Luisa und ihre Geschwister mit, manchmal kam er aber auch abgemagert, schlecht gelaunt und wortkarg nach Hause.

Luisa war gerade zwölf Jahre alt und ihre sprieβende Weiblichkeit lieβ schon erahnen, dass sie versprach, eine Schönheit zu werden. Noch vor ihrer ersten Menstruation wurde sie zum ersten Mal vergewaltigt. Was ich über diese Geschichte weiβ, hatte Luisa ihrer Tochter Maria Celeste erzählt, dabei aber nie das Wort Vergewaltigung in den Mund genommen. Und Maria Celeste hat viele Jahre später mit Arthur über das gesprochen, was sie von ihrer Mutter gehört hatte.

Arthur und ich haben oft über die eigentümliche Gesellschaftsform des Landes diskutiert. Einerseits erkennt man deutlich matriarchalische Strukturen in den Familien, andererseits ist die machohafte Haltung der meisten Männer nicht von der Hand zu weisen. Ein scheinbarer Widerspruch, der wohl auf die Folgen des verheerenden Krieges im vorigen Jahrhundert zurückgeführt werden muss.

Im Jahr 1870 war die paraguayische Bevölkerung durch den Krieg gegen Brasilien, Argentinien und Uruguay beinahe vollständig ausgelöscht worden. Der paraguayische Machthaber Franzisco Solano Lopez wollte die Grenzen seines Landes neu festlegen. Von den eine Million dreihunderttausend Einwohnern waren nach diesem wahnsinnigen Gemetzel noch ganze Zweihunderttausend Menschen am Leben. Lächerliche zehn Prozent davon waren Männer. Das heißt zwanzigtausend Männer! Knaben, Greise und Krüppel eingeschlossen! Das muss man sich einmal vorstellen: ein Land praktisch ohne Männer.

Da verwundert es kaum noch, dass sich die Männer Paraguays daran gewöhnten, allseits begehrte Erzeuger zu sein. Die Frauen hatten den häuslichen Alltag sowie die Nahrungsmittelbeschaffung allein zu bewältigen und sich auch um das möglichst schnelle Anwachsen der Familie zu kümmern. Glücklich die, die viele männliche Nachkommen in die Welt setzte. Wer wollte da einem Mann noch verbieten, diese oder jene Frau zu schwängern! Welchem Mann wollte man da die freie Auswahl nicht gestatten! Freie Fahrt zu jeder Zeit! Frauen, rollt eure roten Teppiche aus, sobald sich ein potentieller und potenter Kindererzeuger nähert! Und bitteschön, verbietet ihnen auch eure Töchter nicht!

Diese Einstellung hatte sich in den Köpfen der Männer – aber leider oft auch der Frauen – verfestigt. Zu der Zeit, als Arthur und sein Vater ins Land kamen, regierte der deutschstämmige General Alfredo Stroessner das Land. Und auch er, als allseits respektiertes Vorbild für die kleinen Leute war es gewohnt, unter den Frauen seines Landes willkürlich auszuwählen, was ihm gerade gefiel. Es heiβt, er habe eine seiner Geliebten rein zufällig zum ersten Mal gesehen, als das knapp fünfzehnjährige Mädchen gerade aus der Schule kam. Vom Fenster seiner Staatskarosse aus hatte der nicht mehr ganz junge Mann das fröhliche Mädchen beobachtet. Die hübsche Señorita hatte dem General und Diktator gefallen, also lieβ er ihrer Familie die Botschaft zukommen, dass er bereit sei, sich um sie zu „kümmern“. Angeblich erhoben weder das Mädchen selbst, noch ihre Familie Einwände dagegen. So wurde ihm die Zweitfrau gewissermaβen, mit dem Einverständnis aller ihrer Familienmitglieder, auf einem Silbertablett serviert. Was konnte einem Mädchen ihres Standes schon Besseres passieren!

In Luisas Familie hingegen hatte niemand mitbekommen, was dem Mädchen geschehen war. Und Luisa hatte ihren „Onkel“ nie für sein Verbrechen verantwortlich gemacht.

Während der traditionellen Feier zum ersten Geburtstag ihres kleinen Bruders war es nicht weiter aufgefallen, dass der Compadre Luís, bester Freund ihres Vaters (und ihr Taufpate!), immer wieder versucht hatte, in der Nähe der damals Zwölfjährigen zu bleiben. Während man gemeinsam in groβer Runde um das Lagerfeuer herum saβ, aβ und trank, fröhliche Volkslieder zu Gitarrenmusik sang, gelegentlich auch tanzte, achtete niemand auf Luís, der sein Patenkind immer wieder seine bildschöne Königin nannte, sie ungefragt packte und auf sein Knie setzte und dabei lüstern ansah und betatschte. Niemanden hatten seine pausenlosen, schlüpfrigen Komplimente für „die bezaubernde Tochter des Hauses“ gestört und niemandem war aufgefallen, wie peinlich Luisa sein Gehabe war. Allerdings hatte sie sich eingestehen müssen, dass sie sich auch ein ganz kleines Bisschen geschmeichelt fühlte.

Die Schwester, die sonst mit Luisa zusammen in der kleineren Palmenhütte schlief, war während des Festes auf einem weichen Schaffell unter dem Vordach der groβen Hütte eingeschlafen. Luisa hatte sich kurz vor Mitternacht müde zurückgezogen, die Erwachsenen feierten noch bis spät in die Nacht bei Gitarrenmusik und johlendem Gesang. Klarer Schnaps sorgte für Stimmung und zum Teil auch für Übelkeit. Natürlich hatte Luisas Mutter für alle Gäste, die einen weiten Heimweg hatten, ein Nachtlager hergerichtet. Auch für den Freund der Familie, Compadre Luís. Dieser hatte jedoch darauf bestanden, in seiner mitgebrachten Hängematte zu schlafen, die er, nachdem sich die letzten Gäste verabschiedet hatten, direkt vor Luisas Palmenhütte aufspannte. Eine ältere Freundin der Mutter hatte sich, fast bis zur Besinnungslosigkeit betrunken, direkt neben Luisas Bett auf den Fuβboden gelegt. Lediglich eine Decke aus Schafwolle diente ihr als Unterlage.

Luisa wurde wach, als von drauβen kein Festlärm mehr zu ihr ins Zimmer drang. Nur das Schnarchen der Frau neben ihrem Bett war zu hören, da bemerkte sie, dass sich die leise quietschende Tür ihrer Kammer öffnete. Onkel Luís stand einen Moment leicht schwankend im Raum und blickte sich suchend um. Nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit in der Hütte gewöhnt hatten, machte er einen weiten Schritt über die Gestalt am Boden und kroch zu Luisa ins Bett. Das Mädchen hielt erschrocken den Atem an, unfähig etwas zu sagen oder gar zu schreien. Das mit Lederriemen bespannte Holzgestell ihres Bettes knarrte laut, als er sich neben sie legte. Augenblicklich drehte sich Luisa zur Wand, ihr Herz klopfte immer schneller, und, wie es ihr schien, immer lauter und lauter. Luís umfasste sie von hinten mit einem gedämpften und langgezogenen Seufzer. Der Körper der schmächtigen Luisa wurde ganz steif, aber er zog sie näher zu sich heran und flüsterte ihr ins Ohr, dass sie die Schönste auf dem Fest gewesen sei, dass sie schon wie eine richtige Señorita aussehe, dass er den ganzen Abend nur darauf gewartet habe, bis er endlich eine Gelegenheit dazu haben würde, diese Schönheit zu fragen, ob sie nicht die Seine werden wolle, schlieβlich sei er ihr Taufpate und Namensgeber und seit ewigen Zeiten Freund der Familie.

Während er leise auf Luisa einredete, hatte er mit seinen schweiβnassen Händen ihr Nachthemdchen nach oben geschoben und streichelte ihr mit sanften Berührungen den Bauch und den Rücken. Sie wollte seinen Händen ausweichen, indem sie sich weiter in die Ecke verkroch, da küsste er ihr, ständig weiter auf sie einredend, den Hals und den Nacken. Obwohl alles in ihr „nein“ schrie, war sie vor Angst wie versteinert, unfähig etwas zu tun oder um Hilfe zu rufen, zumal ihr seine überaus zarten Liebkosungen und sein heiβer Atem in ihrem Nacken eine unbekannte, trotz aller ablehnenden Gefühle, wohlige Gänsehaut über den Rücken rieseln lieβen. Für einen Moment wünschte sie sich, dass er nie aufhören würde, sie zu streicheln. Wenn nur dieses gierige Küssen nicht gewesen wäre! Er redete heiser flüsternd weiter, verglich sie mit einer Knospe, die in Begriff sei, ihre prächtige Schönheit zu entfalten, bat sie mit salbungsvoller, scheinbarer Hingabe darum, der Gärtner sein zu dürfen, der dieser Knospe zur Blüte verhelfen dürfte.

Natürlich hatte Luisa längst eine verschwommene Ahnung von dem Geheimnis, das Frauen und Männer miteinander erleben. Ihr war es ebenfalls längst bekannt, dass es das Gefühl von Verliebtheit gab, aber dieser Mann war etwa dreiβig Jahre älter als sie selbst, hatte Frau und Kinder in ihrem Alter, mit denen er viele Kilometer weit von hier als Peón auf einer groβen Estancia lebte und arbeitete. Auβerdem hatte sie bei Tieren gesehen und von Freundinnen gehört, dass sich die geschlechtliche Liebe in jenem verborgenen Winkel des Körpers abspielte. Sie wusste nicht genau wie, und was dabei geschah. Aber sie wollte es auch gar nicht näher wissen! Sie wollte es noch nicht wissen!

Anfangs hatte sie sich nicht dagegen wehren können, seine Zärtlichkeiten trotz ihrer Angst und der Ablehnung auch als angenehm zu empfinden. Aber dieses Streicheln war jetzt kein Streicheln mehr, wie sie es sich wünschte. Sein Atem wurde flach und stoβartig und seine Liebkosungen gingen unaufhaltsam weiter, ebenso seine erhebenden Reden, die ihr das Gefühl geben sollten, ein Geschöpf von überirdischer Schönheit zu sein. Und er lieβ sich Zeit, streichelte sanft ihren Nacken, ihre Schultern, ihren schmalen Rücken. „Du liebst doch deinen Tío Luís, meine kleine Blume, nicht wahr?“, fragte er sie flüsternd. Alles in ihr schrie: Ja, ich liebe meinen Onkel. Aber nicht so! Die Angst und ahnungsvolles Grauen schnürten diese Antwort jedoch ab. Für einen kurzen Moment gaben ihre Glieder scheinbar willenlos nach, als er sie an den Schultern packte und langsam auf den Rücken rollte und ihren Bauch mit seinen gierigen Küssen bedeckte. Panik und abgrundtiefer Widerwillen durchzogen ihren zierlichen Körper jetzt bei jeder Berührung. Ekel und stummes, grenzenloses Entsetzen schnürten ihr förmlich die Luft ab, als seine Hand fest zwischen ihre Beine glitt und diese brutal auseinanderdrückte.

Panische Angst, Angst, Angst!

Unendliche Scham und Hilflosigkeit unter seinen hart gewordenen Griffen veranlassten sie, nicht zu rufen, sondern die nächsten schmerzhaften, zutiefst demütigenden Minuten still auszuhalten.

Aushalten. Aushalten. Aushalten.

Nur Aushalten...

Vorbei.

Die Frau am Boden soll im Schlaf geseufzt und sich schwerfällig umgedreht haben, als das Stöhnen des Mannes immer lauter wurde. Sie war aber nicht aufgewacht.

Onkel Luís hatte sich danach schnell wieder in seine Hängematte zurückgezogen. Luisa lag bis zum Morgen weinend im Bett. Sie hatte am Morgen nicht den Mut, ihrer Mutter gleich alles zu erzählen und als es Luís im Laufe des Vormittags gelang, unbeobachtet an sie heranzutreten, sagte er ihr grinsend, sie solle lieber den Eltern nichts verraten, denn ihr Vater wäre vielleicht enttäuscht, weil er ja seine Tochter nun nicht mehr als Jungfrau verheiraten könnte. Abgesehen davon, fügte er mit raunender Stimme und wiederum gierigen Blicken hinzu, würde er keine Minute zögern, eine wunderschöne Frau wie sie zu heiraten, wenn er nur könnte. Und er sei ganz sicher, dass auch sie die Nacht genossen habe. Denn ansonsten hätte sie ihn ja weggeschickt, nicht? Dass es am Ende mit Schmerzen verbunden gewesen war, sei schlieβlich beim ersten Mal völlig normal.

So blieb Luisa nur das Gefühl, an dieser demütigenden Erfahrung auch noch selbst schuld zu sein.

Arthur hat mir all das, was er von Luisa und dieser Geschichte weiβ, mit wütendem Schweiβ auf der Stirn erzählt und dabei immer wieder über Männer geflucht, ohne eine Verallgemeinerung zu vermeiden.

„Und es gibt immer wieder solche Schweine, die sich über hilflose kleine Mädchen hermachen!“

„Und es hat sie immer gegeben“, antworte ich.

„Oh nein!“, ruft Arthur auβer sich. „Jetzt komm mir bloβ nicht mit solchem Geschwätz: hat es immer gegeben und wird es immer geben! Verdammt! Das ist eine krankhafte, niederträchtige...“

„Ja, ja, ich weiβ! Und ich will auch nicht sagen, dass es verzeihlich ist, ein Kind zu missbrauchen. Du sagst krankhaft, genau! Eine krankhafte Erscheinung, die es in fast jeder Zivilisation gibt und schon immer gegeben hat. Was mich nur wundert, ist, dass auch Völker wie die Mestizen in Südamerika, die man doch so gern als naturnah und naturverbunden hinstellt, von dieser Krankheit genauso betroffen sind wie die ‚hochzivilisierten’ Volksgruppen, beispielsweise in Europa.“

„Naturverbunden! Was heiβt das schon! Sie haben hier...“

„Eben! Sie haben hier wie überall solche unnormalen, psychisch kranken Mannsbilder, die ihre Machtgelüste an Kindern auslassen. Egal, ob Weiβe, Mestizen oder Indianer. Es gibt eben keine von Natur aus ‚edlen Wilden’!“

„Edle Wilde! Idiotische und romantische Schönmalerei der wilden Unzivilisation!“, meint Arthur.

Angesichts dieser längst vergangenen Ereignisse mag es vielleicht nicht mehr verwundern, dass sich Luisa jetzt, nach Abfahrt der Deisenhofers, nur fragte, warum sie wohl für Arthurs Vater nicht attraktiv genug gewesen war. Irgendetwas an ihr musste ihn abgestoβen haben, denn der Mann hatte nichts unternommen, sie zu „nehmen“. Sie holte einen Besen und fing an, die kleinen Sanddünen, die der Wind auf dem Gehweg vor dem Tor zusammengeweht hatte, auf die Straβe zu kehren.

Kapitel VI.

Kapitel 6

Über seine Erlebnisse in und um Independencia muss Arthurs Vater seinem Sohn viel erzählt haben. Er war hingerissen von der wilden Natur, die er dort kennen lernen sollte. Zwar war er auch in der Umgebung der Hauptstadt des Öfteren über die Pflanzenwelt ins Staunen geraten, jedoch hatte er auf seinen Erkundungsgängen nie wirklich Augen für die Umgebung, und schon gar nicht für landschaftliche Besonderheiten gehabt. Bisher war irgendwie alles von der Ungewissheit über die Zukunft überschattet gewesen.

Ganz anders konnte er sich jetzt, auf der Fahrt nach Independencia, dem Gefühl von fast ehrfürchtiger Bewunderung hingeben. Die wilde Schönheit der Natur übertraf selbst die Erinnerungen an die Flussfahrt vor drei Wochen. Fast auf der gesamten Strecke säumten tropische Bäume und Palmen die schwarzen oder ziegelroten Erdstraβen. Ein fast undurchdringliches, blütendurchsetztes Gewirr von Schlingpflanzen lag über dem ganzen Wald wie ein von riesigen Spinnen gewebtes Netz. Zwischendurch gab die hügelige Landschaft immer wieder den Blick frei auf kilometerweite Täler, wo man zwischen mannshohen Termitenhügeln groβe Herden grasender Zebu-Rinder erkennen konnte. Der Ausblick auf die scheinbar unendlichen Weiten ließ ihn tief Luft holen und endlich so etwas wie Zuversicht und sogar Freude auf alles Bevorstehende aufkommen.

In Independencia ging meist ein leiser, erfrischender Wind über die offenen Flächen an den Weinbergen, die sich Arthurs Vater bei seinem ersten Besuch in der deutschen Kolonie mit wachsender Begeisterung anschaute. Diese geordnet angelegten Pflanzungen hoben sich krass von dem wilden Landschaftsbild der Umgebung ab. Deisenhofer fuhr seinen Gast nicht ohne Stolz durch die Siedlung, redete dabei immer wieder von den verschiedenen Möglichkeiten sich in der Gegend selbstständig zu machen. Er zeigte Arthurs Vater zahlreiche Alternativen zu seinem ursprünglichen Vorhaben auf, die, seiner Meinung nach, bei Weitem lukrativer wären als der Verkauf von Tierhäuten. Arthurs Vater hörte Deisenhofer aufmerksam zu und die Vorstellung, sich hier in Independencia so bald wie möglich endgültig niederzulassen, setzte sich immer tiefer in seinem Kopf fest. Den klangvollen Namen des Ortes, Independencia, wertete er dabei als gutes Omen.

Die Häuser in dieser Siedlung waren nach deutschem Vorbild konstruiert, jedoch waren die Fenster deutlich gröβer, um den erfrischenden Wind hereinzulassen. Und die Dächer hörten nicht abrupt an den Auβenmauern auf, sondern reichten etwa einen bis anderthalb Meter weit hinaus, um die heiβen Sonnenstrahlen von der Hauswand abzuhalten.

Arthurs Vater musste das Bild, das er sich von Independencia gemacht hatte, vollkommen korrigieren. In seiner Vorstellung war der Ort so etwas wie ein Dorf oder eine Kleinstadt gewesen. Jetzt stellte er jedoch fest, dass so etwas wie ein Ortskern gar nicht zu erkennen war. Es gab lediglich einen kleinen Laden in Form eines schlichten, rechteckigen Gebäudes aus Holz mit einer Veranda, zu der drei ausgetretene, knarrende Treppenstufen hinaufführten. Etwas weiter auf derselben Straβe fand man die Dorfschenke, ein ebenfalls schmuckloser, rechteckiger Kasten aus Holz, wo man sich am Abend oder sonntags nach dem Gottesdienst zum Frühschoppen traf. Die einzelnen Wohnhäuser lagen weit verstreut im Umkreis mehrerer Kilometer, fast immer mitten im Wald.

Die sonntäglichen Gottesdienste in Independencia waren ein unausgesprochenes Muss für jeden Anwohner. Zwar ging es dabei nicht so sehr um die religiösen Inhalte der Predigten, sondern in erster Linie darum, Gemeinschaft zu pflegen. Dazu gehörten Klatsch und Tratsch ebenso wie geselliges Beisammensein in fröhlicher Runde beim Frühschoppen, woran sich „Evangelische“ genauso beteiligten wie „Katholische“.

Die Deisenhofers waren evangelisch und gehörten somit zur Minderheit von Independencia. Es gab wohl Leute, die meinten, die Katholiken der Siedlung seien durchweg besser betucht und von höherem Status, jedoch hat Julius Deisenhofer darüber nur den Kopf geschüttelt.

Während der nächsten Tage, die Arthurs Vater in Independencia verbrachte und auch bei dem feierlichen Frühschoppen nach deutscher Tradition erkannte er, dass es eine wichtige Gemeinsamkeit gab, die die Leute miteinander verband: Die deutsche Denkart. Was diese Denkart wirklich ausmachte, hätte er nicht ohne lange zu überlegen sagen können, aber irgendetwas schien alle hier in der Fremde zu verbinden, was nicht allein in der Sprache liegen konnte. Und obwohl die wenigsten je Sehnsucht nach der Heimat äuβerten, schienen genau die typisch deutschen Eigenarten das Band zu sein, das verhinderte, dass sich die Gruppe auflöste. Und schon kurze Zeit nachdem Arthurs Vater zum ersten Mal mit Christa und Julius Deisenhofer in der Dorfschenke gewesen war, hatte er das Gefühl, von allen wie ein alter Bekannter behandelt zu werden. Gastfreundschaft war hier wie in Asunción eine Selbstverständlichkeit.

Wenn sie zu dritt von ihren Ausflügen in der Umgebung zu den Deisenhofers nach Hause zurückkehrten und sich am Abend bei einer Flasche Wein auf die Veranda setzten, erzählte Deisenhofer meist von der Geschichte der Kolonie, von den Anfängen seiner Eltern als Pioniere in dieser Wildnis und den nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, die das Land bot.

„Man kann hier so viel auf die Beine stellen, mein lieber Freund“, sagte er immer wieder. Auf vorsichtiges Drängen von Arthurs Vater, die Möglichkeiten der Pelztierjagd etwas konkreter in Betracht zu ziehen, reagierte er zwar durchaus erfreut, allerdings nie mit handfesten Vorschlägen. Für Deisenhofer schien es gemachte Sache zu sein, dass Arthurs Vater mit Begeisterung in seine eigenen Geschäfte miteinsteigen würde.

Von geschäftlichen Fragen abgesehen war es Arthurs Vater irgendwann am Abend gelungen, das Gespräch auf Luisa und Justina im Deisenhofer’schen Stadthaus in Asunción zu lenken. Zu oft kreisten seine Gedanken um die beiden Frauen im Hinterhaus. Es musste eine Erklärung dafür geben, dass eine Frau wie Luisa mit gleich drei Kindern in Deisenhofers Stadtwohnung praktisch schalten und walten konnte wie es ihr behagte.

Was er von Deisenhofer über Luisas Geschichte erfuhr, verschlug ihm die Sprache. Dabei hatte Deisenhofer noch nicht einmal von ihren grausamen Kindheitserlebnissen gesprochen.

„Das schöne Kind ist schon als Siebzehnjährige zu uns in mein Elternhaus gekommen“, fing Deisenhofer zu erzählen an. „Franzisco, ihr Vater, hatte schon viele Jahre vorher bei meinen Eltern als Feldarbeiter mitgeholfen. Verstehst du, mein Freund, er kam immer dann, wenn sein Geldbeutel leer war und hat die Felder sauber gehalten, bei der Weinlese mitgeholfen und so weiter. Mein alter Herr hat Franzisco immer wieder Arbeit gegeben, weil ein zäher Bursche war und eine angefangene Arbeit nie abgebrochen hat.“

„Und seine Familie? Haben sie hier gewohnt?“, wollte Arthurs Vater wissen.

„Nein. Zu Anfang wussten meine Eltern nicht einmal, dass er Frau und Kinder hatte. Die Familie, also auch unsere kleine Luisa, lebte einige Kilometer weiter südlich an der Straβe nach Villarica. Franzisco hat sich bei uns im Arbeiterhaus einquartiert, solange es bei uns etwas zu tun gab. Aber das sag ich dir, mein Freund, ein Kind von Traurigkeit war der nicht! Am Abend hat er sich fast immer irgendwo in der Gegend herumgetrieben und seinen Spaβ gehabt. Trotzdem kam er am Morgen immer auf’s Feld, sobald es hell wurde. Aber mit den Jahren fingen bei ihm dann die kleinen Zipperlein an: die Knochen taten weh, manchmal auch die Zähne, wie das so ist. Da war er dann zwar nicht mehr der Richtige für schwere Feldarbeit, aber er wurde immer beständiger, verschwand nicht mehr monatelang und mein Vater konnte sich auf ihn als Arbeiter verlassen, auch wenn er eigentlich nur noch zum Aufpasser und Handlanger taugte.

Aber weißt du mein lieber Freund, mein Vater selbst wurde ja auch nicht jünger. Er wollte, dass mein kleiner Bruder Anton und ich die ganze Wirtschaft nach und nach übernähmen. Jeder zur Hälfte! Da gab es für meinen alten Herrn nichts, mein Freund. Von wegen ältester Sohn, Alleinerbe und so weiter. Das sag ich dir: mein Vater war da sehr gerecht! Ich hatte inzwischen meine Christa kennen gelernt und mein Vater hat mir geholfen, dieses Haus zu bauen. Anton ist bei den Eltern geblieben. Aber meine Mutter, die gute Frau, war eben auch schon recht alt und irgendwann fiel ihr die Hausarbeit schwer. Sie hatte zwar schon lange eine Haushaltshilfe, die das Haus sauber gehalten, gewaschen und gebügelt hat, aber Kochen, Einkaufen, Nähen und im Herbst das Obst einkochen und so weiter hatte sie sich nie nehmen lassen. Und auch das wurde ihr irgendwann zu viel, deshalb haben wir eine zweite Hausangestellte gesucht, die waschen, bügeln und putzen sollte, während das frühere Hausmädchen die Küchenarbeit übernehmen würde. Ja, und Franzisco hat meinen Eltern erzählt, dass er eine siebzehnjährige Tochter hätte… und alles Weitere ergab sich für unsere Luisa wie von selbst. Ich sage dir, mein lieber Freund, sie war glücklich über die Stelle. Meine Eltern waren zwar streng, aber immer freundlich und gerecht zu der Kleinen.“

„Und wieso lebt Luisa heute in der Stadt?“, warf Arthur Vater ein.

Deisenhofer grinste eine Weile schweigend, dann fuhr er fort: „Ja weiβt du, mein lieber Freund, mein kleiner Bruder Anton war damals, als dieses schöne Weibsbild zu meinen Alten ins Haus kam, grade mal fünfundzwanzig Jahre alt! Da kannst du sicherlich verstehen, dass mein lieber kleiner Bruder ganz und gar nicht abgeneigt war, dieses hübsche junge Ding näher kennen zu lernen, was? Es hat nicht lange gedauert, bis die beiden alles andere waren als ‘Sohn des Hauses’ und Hausangestellte, ha ha ha! Und wen hat das schon gestört? Warum sollte jemand etwas dagegen haben, dass Anton und das hübsche Dienstmädchen ihren Spaβ miteinander hatten? Ich glaube, meine alten Herrschaften haben zwar gewusst, dass ihr kleiner Bub das Hausmädchen dann und wann in seinen eigenen Dienst einspannte, aber niemand zerbrach sich den Kopf darüber.“

Deisenhofer lächelte bei der Erinnerung. „Allerdings stand für uns alle immer fest: der Junge müsste irgendwann seine Hörner abgestoβen haben und sich eine Frau zum Heiraten und Kinderkriegen suchen. Und zwar eine Hellhäutige mit blauen Augen! Eine von uns eben!“

Arthurs Vater schluckte peinlich berührt. Deisenhofers selbstgefälliges Kichern ärgerte ihn, er sagte aber nichts.

Julius Deisenhofer entging nicht, dass seine Ansichten nicht gerade Zustimmung hervorriefen. „Überleg doch einmal: Da wartet ein bildhübsches Frauenzimmer allabendlich in ihrer Schlafkammer nur darauf, dass der junge Sohn des Hauses einen Besuch bei ihr abstattet. Und Luisa, dieses Frauenzimmer, war schon mit ihren siebzehn Jahren mit allen Wassern gewaschen, das sag ich dir, mein Freund. Also nein, das konnte man dem Anton nu’ wirklich nicht verdenken, dass er annahm, was die Kleine ihm nur zu bereitwillig geboten hat. Aber – wenn er am Abend Besseres zu tun hatte, als seine kleine Luisa in ihrer Kammer zu besuchen, dann konnte sie ihm natürlich keine Vorwürfe machen. Anton konnte ohne jegliche Verantwortung seine Erfahrungen sammeln. Und davon träumt doch jeder junge Mann! Diese unverbindliche Beziehung hat ihn doch allenfalls mal ein kleines Geschenk gekostet. Etwas Flitterkram in Form von bunten Plastikperlen oder mal ein kleines Taschenspiegelchen, da sind doch diese Weibsen glücklich und zufrieden, empfangen dich bereitwillig wann immer du willst. Jedenfalls war unsere Luisa vollkommen zufrieden mit ihrem Dasein und hat dabei nicht vergessen, auch meine alten Herrschaften immer zufrieden zu stellen mit ihrer Arbeit als Dienstmädchen. Denk’ dir doch mal, mein Freund, wie viel komfortabler ihr Leben im Haus meiner Eltern war. Bei ihnen zu Hause hatte es nur eine ärmliche Palmenhütte mit Löchern im Dach gegeben, dort musste sie auf dem Feld mithelfen, hat kaum richtig satt zu Essen gehabt.“

Arthurs Vater nickte nachdenklich. Es leuchtete ihm ein, dass Luisa damals womöglich glücklich über ihre Arbeit als Hausmädchen gewesen war. Dass sich ein junges Mädchen von siebzehn Jahren jedoch für ein paar wertlose Geschenke an den Sohn ihrer Arbeitgeber wegwarf, wollte er nicht so ganz glauben. Er blickte hinüber zu Christa Deisenhofer, die bisher kein einziges Wort gesagt hatte. Sie saß da und schaute in die Ferne. Ihr Gesicht glich einer hölzernen Maske.

„Irgendwann hatte unser Anton allerdings beschlossen, ebenfalls zu heiraten und in sein eigenes Haus umzusiedeln“, redete Julius Deisenhofer weiter. Der ablehnende Ausdruck auf den Gesichtern seiner Zuhörer schien ihn nicht zu stören.

„Das heiβt, Vater und Mutter lebten nun allein in ihrem recht groβen Haus. Das Haus kann ich dir morgen einmal zeigen, mein lieber Freund, ist ja hier gleich um die Ecke. Haben wir für gutes Geld an den Schulmeister und seine Familie vermietet.

„Nun gut, am Ende war Anton verheiratet, meine Eltern waren plötzlich allein, hatten eine Köchin und noch die Putz- und Waschfrau Luisa. Aber in ihrem Haushalt fiel, nachdem Anton ausgezogen war, gar nicht mehr so viel Arbeit an, dass meine Mutter gleich zwei Haushaltshilfen hätte voll beschäftigen können. Deshalb hatte die gute Luisa von heute auf morgen viel, viel freie Zeit. Und meine überaus praktisch denkende Mutter mit ihrem groβen Herzen bietet ihrer neuen Schwiegertochter an, ihr drei Mal pro Woche für ein paar Stunden eine ihrer Arbeitskräfte abzugeben. Verstehst du? Luisa sollte, wie immer, die Arbeit im Haus meiner Eltern erledigen, dann blieb noch genügend Zeit, Antons Frau unter die Arme zu greifen. Eine perfekte Lösung für alle! Ja, und anfangs war es das auch. Es hat nur leider niemand daran gedacht, dass Anton auch als verheirateter Mann noch Augen für das hübsche Dienstmädchen haben könnte. Seine Braut hatte ja auch nie erfahren, was da zwischen ihrem Anton und dem Mädchen jahrelang gelaufen war. Vielleicht hätte meine Mutter wissen sollen, dass das nicht gut gehen konnte.“

„Was hat Luisa denn getan?, fragte Arthurs Vater, Ahnungslosigkeit vortäuschend, obwohl er natürlich längst begriff, auf welche Weise Luisa zu einem Problem für die Familie Deisenhofer geworden war. Julius Deisenhofer schien jetzt mit jedem Schluck aus seinem Weinglas redseliger zu werden und Arthurs Vater wollte die Gelegenheit nutzen, so viel wie nur möglich über Luisa zu erfahren.

„Getan?“, Deisenhofer machte ein spöttisches Gesicht. „Die Gute hat getan was sie konnte, um ihre alte Verbindung zu meinem Bruder wieder in alte Bahnen zu lenken! Sie ging pünktlich jeden Montag-, Mittwoch- und Freitagnachmittag rüber zu Anton und seiner Frau, um der frischgebackenen Ehefrau die Hausarbeit zu erleichtern. Und Luisa war schlau genug, meine Schwägerin nicht merken zu lassen, wie gut sie ihren ‘neuen’ Patrón schon seit Jahren kannte. Verstehst du, mein lieber Freund, sie hat perfekt Theater gespielt, wenn Rosemarie in der Nähe war. Sie war dann das nette bescheidene Dienstmädchen und sonst gar nichts. Und Rosemarie hatte keine Ahnung davon, was zwischen den beiden gelaufen war, solange Anton noch zu Hause wohnte. Und warum sollten wir es ihr sagen, keiner hat doch im Traum daran gedacht, mein lieber Bruder könnte die grenzenlose Dummheit besitzen, in seinem eigenen Haus...

Na, jedenfalls hat Luisa damals ganz schnell mitbekommen, dass ihre neue Chefin, Doña Rosemarie, immer am Mittwochnachmittag zum Nähkreis ins Dorf ging. Das war so eine Art regelmäβiges Treffen junger Frauen, die gemeinsam genäht oder gestickt oder sonst irgendwelchen Handarbeiten gemacht haben. In erster Linie ging es natürlich darum, unter Freundinnen den neuesten Tratsch von Independencia auf den aktuellen Stand zu bringen. Also, und was hat die schlaue Luisa gemacht? Am Mittwoch hat sie ihre Hausarbeiten in Windeseile erledigt und sich dann um den Hausherren gekümmert! Denn Anton, dieser Idiot, hat dafür gesorgt, dass er – rein zufällig – gerade am Mittwochnachmittag früher nach Hause kommen konnte als sonst.“

Deisenhofer schüttelte missbilligend den Kopf und tat so, als würde er sich vehement vom Verhalten seines Bruders distanzieren. Jedoch sagten weder Christa noch Arthurs Vater etwas, deshalb redete er weiter und machte dabei nicht den Eindruck, als wäre ihm das Thema unangenehm.

„Weißt du, lieber Freund, Anton hatte Luisa früher, als Junggeselle, nie irgendwelche Versprechungen gemacht. Trotzdem war sie erst einmal ganz schrecklich enttäuscht gewesen, als sie erfahren hatte, dass Anton eine Alemana heiraten würde. Ihr Selbstbewusstsein mag damals eine leichte Erschütterung erfahren haben, ha ha ha. Aber, das sag ich dir: Durch das praktische Arrangement zwischen Rosemarie und unserer Mutter wurde das Seelchen der lieben Luisa schon sehr bald nach der Hochzeit wieder geheilt. Sie hatte ganz schnell begriffen, dass der junge Herr noch immer ganz in ihrer Hand war, seit sie mittwochs schnell die nötigste Arbeit erledigte, um ihn dann nach allen Regeln der Kunst zu verwöhnen, sobald seine Ehefrau auβer Haus war. Anton hatte ihr sehr wohl eingeschärft, dass seine Frau nichts mitbekommen dürfte. Oh ja, mein Lieber, ich weiβ, wovon ich spreche: Er hat mir erzählt, dass er Luisa in aller Deutlichkeit ans Herz gelegt hatte, dass sie augenblicklich die Bühne verlassen müsste, sollte Rosemarie auch nur den leisesten Verdacht schöpfen. Denn eines war dem Dummkopf klar: Seine Frau würde es nicht einfach so hinnehmen, dass er ein Techtelmechtel mit der Putzfrau hatte. Und die Aussicht, zurück in ihre Palmenhütte zu müssen, war bestimmt nicht reizvoll für Luisa. Sie hat also die Klappe gehalten und vor Rosemarie das brave und züchtige Hausmädchen gespielt.“

Deisenhofer lächelte und schwieg einige Sekunden. Dann sagte er nachdenklich: „Nun ja, Hausmädchen? Mädchen konnte man sie ja inzwischen weiβ Gott nicht mehr nennen! Zu dem Zeitpunkt muss sie schlieβlich schon drei- oder vierundzwanzig Jahre alt gewesen sein. Egal. Auf alle Fälle hat sie Antons Wohnung immer in einem tadellosen Zustand gehalten, auch wenn sie einige Arbeitsstunden nicht wirklich mit Hausarbeit verbracht hat. Ja, ha ha ha, und stell dir vor: Sie hat es sich nicht nehmen lassen, am Mittwoch immer so lange dazubleiben, bis Rosemarie wieder nach Hause kam! Mit engelsgleicher Unschuldsmiene hat sie ihre Patrona erwartet! Das muss man sich mal vorstellen: Erst hat sie mit dem Hausherren weiβ der Kuckuck was getrieben, dann hat sie ihre Chefin empfangen, gefragt, ob es noch irgendetwas zu tun gäbe und sich höflich verabschiedet, bevor sie zu Fuβ wieder zurück ins Haus meiner Eltern gegangen ist.“

Die geheuchelte Entrüstung in Deisenhofers Gesicht wirkte nicht besonders glaubwürdig, fand Arthurs Vater. Er sagte nur „hmm“, obwohl er merkte, dass Deisenhofer einen wortreicheren Kommentar erwartet hatte. Aber was sollte er schon dazu sagen? Es lag ihm nicht, andere zu verurteilen. Schon gar nicht, solange er nicht die Version der anderen Seite kannte. Er schaute verstohlen zu Christa Deisenhofer hinüber und konnte unschwer erkennen, dass sie wütend auf ihren Mann war. Nur zu verständlich, dachte Arthurs Vater, immerhin erzählt er mir hier im Weinrausch Familiengeheimnisse, die mich nichts angehen.

Nachdem Deisenhofer überzeugt war, dass der erwartete Ausruf der Entrüstung seitens seiner Zuhörer ausbleiben würde, erzählte er mit sensationsversprechendem Gesichtsausdruck weiter: „Und weiβt du, Luisa hatte zum Glück kapiert, dass die Arbeit im Haus meines Bruders auf der einen Seite ihre Anstellung bei meinen Eltern sicherte, auf der anderen Seite hat sie sicherlich ein kleines Extrageld für ihre ‘Extratätigkeiten’ eingeheimst, ha ha ha! Also kein Wunder, dass sie ihren Mund gehalten hat, nicht? Wenn es rausgekommen wäre, hätte sie schlieβlich ihre Siebensachen packen dürfen. Und dann? Was hätte sie denn zuhause in ihrem Dörfchen schon anfangen können! Ja sicher – irgendeiner hätte unsere kleine Luisa bestimmt geheiratet. Sie war immerhin ein gesundes, kräftiges Weibsbild, das ans Arbeiten gewöhnt war und bei ihrem Aussehen konnte sie mit ihren vierundzwanzig oder fünfundzwanzig noch so manche Achtzehnjährige in den Schatten stellen, das sag ich dir, mein lieber Freund! Selbst heute mit über dreiβig sieht das Weib ja noch verdammt gut aus, was, mein Freund?“

Arthurs Vater musste schlucken. Christas Miene wurde immer eisiger, Deisenhofers Gesicht hingegen glühte vor Erzähleifer.

„Ja, und das kleine Luder hat auch nichts gesagt, als sie feststellte, dass sie schwanger war! Sie...“

„Julius!“, rief Christa Deisenhofer jetzt energisch dazwischen. „Es war ausgemacht, das wir darüber nicht sprechen! Wie kannst du...“

„Jetzt reg’ dich nicht auf, meine Liebste. Von den Leuten im Ort kriegt ja keiner was mit, wenn ich unserem Freund erzähle, wer Luisa in Wirklichkeit ist. Früher oder später hätte er ja selbst gemerkt, warum sie in unserem Haus in der Stadt wohnt. Aber ich bin sicher, dass die Geheimnisse bei ihm gut aufgehoben sind, nicht wahr, mein lieber Freund?“

Noch bevor Arthurs Vater irgendetwas entgegnen konnte, war Christa aufgesprungen und mit langen Schritten im Haus verschwunden. Die Terrassentür fiel mit lautem Knall zu.

Deisenhofer schüttelte den Kopf und lachte leise. „Ach, diese Frauen!“, sagte er und verschluckte sich an einem Rülpser. Dann füllte er mehr Wein in beide Gläser.

Arthurs Vater wusste, dass Christas Einwand berechtigt gewesen war und er das Gespräch eigentlich abbrechen sollte. Trotzdem blieb er sitzen und hoffte insgeheim, dass Deisenhofer den Erzählfaden wieder aufnehmen würde. Er musste nicht lange warten.

Deisenhofer kniff für einen Moment die Augen zu, dann streckte er sich und seufzte ausgiebig. Er musste sich zusammenreiβen, um beim Reden nicht zu lallen. „Ja, mein Lieber, die Kleine war schwanger und keiner wusste was davon“. Dann kicherte er, hickste und fügte lachend hinzu: „Halt dich fest, sonst fällst du noch vom Stuhl: Wir wussten alle nichts von dem, was sich mittwochs im Haus meines Bruders abspielte. Wir hatten überhaupt keine Ahnung, sage ich dir. Wie sollten wir auch was mitkriegen – schlieβlich schien zwischen Anton und Rosemarie alles in bester Ordnung zu sein. Und Luisa hat so lange ihren hübschen Mund gehalten, bis sie es Anton gar nicht mehr zu erzählen brauchte, dass sie ein Kind erwartete! Ja, du hast richtig gehört: das raffinierte Frauenzimmer war schwanger und sie hat nicht einmal Anton was davon gesagt, bis er es selbst gesehen hat. Oh, und der war wütend!

Vielleicht ist dir ja auch schon mal aufgefallen, dass Maria Celeste eine wesentlich hellere Hautfarbe hat als ihre kleinen Brüder? Ich sag dir, die Kleine wird auch mal eine Schönheit!“

„Sie ist also...“, wollte Arthurs Vater fragen, aber Deisenhofer fiel ihm ins Wort: „Ja, stell dir vor: die kleine Maria Celeste ist Antons Tochter. Meine Nichte! Aber kein Mensch weiβ davon. Oh, Anton war wütend, als er von unserer lieben Luisa vor gemachte Tatsachen gestellt wurde! Sie war ja inzwischen fast zehn Jahre lang seine Geliebte gewesen! Und mittlerweile war er überzeugt davon, dass sie keine Kinder bekommen könnte. Zehn Jahre, verstehst du? Zehn Jahre lang war alles gut gegangen. Eine Bilderbuchgeliebte, sag ich dir! Kein Wort an niemanden, keine Forderungen, keine Vorhaltungen. Und dann das! Mein guter Bruder war am Boden zerstört, sag ich dir. Und da kam er dann natürlich zu mir gelaufen! Sein groβer Bruder musste ihm irgendwie aus der Patsche helfen. Ja, ja, so war es schon immer gewesen: Wenn er irgendetwas gründlich verbockt hatte, war der groβe Bruder plötzlich nicht mehr der ‘spieβige Spielverderber’, sondern der Einzige, der aus dem Schlammassel heraushelfen konnte!

Und Rosemarie ahnte noch immer nichts. Zum Glück! Aber es blieb ja gar nicht mehr viel Zeit, bis jedermann sehen konnte, was mit Luisa los war. Es half Anton auch nichts mehr, seine erste Wut auf die Kleine niedergehen zu lassen. Schwanger ist eben schwanger! Da konnte nur noch der weise Rat des groβen Bruders helfen, bevor ganz Independencia erfahren hätte, was da gebrütet wurde. Es blieb ihm nichts anderes übrig als mir alles zu erzählen. Und denk dir mal nicht, dass ich ihn mit Samthandschuhen angepackt hätte, diesen unverbesserlichen Dummkopf. Um ein Haar hätte er den Ruf unserer ganzen Familie ruiniert und sich selbst zur öffentlichen Witzfigur gemacht. Weiβt du, eine liebe heimliche Ausweichmöglichkeit hie und da ist eine Sache, aber eine Zweitfrau aus dem Haus der eigenen Eltern, die noch dazu der ganzen Dorfgemeinschaft bekannt ist! Das hätte Wellen geschlagen, das sag ich dir. Völlig fertig war der arme Idiot. Damit hatte er nach so vielen Jahren nicht mehr gerechnet. Ja, ja, in den ersten Jahren hatte er sich noch zurückgehalten. Du weiβt schon, was ich meine, mein Freund. Aber was heiβt das schon, sich im Moment der Wahrheit zurückhalten! Ha ha ha! Das wissen wir ja alle! Und trotzdem: zehn Jahre lang war es gut gegangen... naja, irgendwann hat es mal Munkeleien darüber gegeben, dass Luisa schon einmal Hilfe bei einem ‘Curandero’, du weiβ schon: bei einem dieser selbstgestrickten Heiler gesucht haben soll, aber wir haben uns um diese Dinge gar nicht weiter gekümmert. Jetzt hatten wir das Problem auf der Hand, beziehungsweise in Luisas Bauch! Und zwar war dieses Bäuchlein etwa so groβ wie eine halbe Wassermelone, als mein liebes Brüderchen überhaupt was gemerkt hat. Stell dir das mal vor, mein lieber Freund! Viel Zeit blieb uns da nicht, wir mussten schnell handeln. Und halt dich fest, es kommt noch besser.“

Deisenhofer schwieg einen Moment, um die Spannung zu erhöhen.

„Nur drei oder vier Tage, nachdem ich von dem Dilemma erfahren hatte, hat Antons Frau die ganze Familie zum Abendessen eingeladen. Verstehst du, so ein richtig festliches Familienessen, mit allem Drum und Dran. Keiner wusste, ob es einen speziellen Anlass zu dieser Einladung gab, denn Rosemarie hat immer gerne gekocht und Leute um sich gehabt. Luisa half ihr selbstverständlich bei den Vorbereitungen. Ha ha, sie musste schon sehr vorsichtig bei der Auswahl ihrer Garderobe sein, damit keiner was bemerkte. Und als wir uns alle an den Tisch gesetzt hatten, um zu essen, steht Rosemarie auf und sie sagte wortwörtlich: ‚Meine Lieben, ich habe euch etwas zu sagen: In einem halben Jahr wird euer Anton glücklicher Vater werden’. Ha! Luisa hätte fast das Tablett mit den Salaten fallen lassen und der liebe Anton ist erst einmal weiβ geworden wie ein Bettlaken und hat gar nicht kapiert, weshalb seine Frau strahlte wie ein Honigkuchenpferd! Zuerst war alles still. Und nun stell dir vor: Luisa war die allererste, die auf Rosemarie zugegangen ist, ihrer Chefin die Hand reichte und gratulierte!“

Arthurs Vater war sprachlos. Kopfschüttelnd griff er nach seinem Weinglas und trank den Rest aus. Nach einer Weile sagte er: „Unglaublich. Aber sag mir, was hatte das mit dem Arzt auf sich, den Luisa zuvor angeblich aufgesucht haben soll?“

„Ach, alles Gerede, wer weiβ von wem“, antwortete Deisenhofer schon etwas undeutlich mit wegwerfender Handbewegung. „Ist ja auch unwichtig. Wichtig war damals, dass uns schnell was einfallen musste, um die Sache aus der Welt zu schaffen. Nun ja, aus der Welt schaffen ging zwar nicht, aber zumindest aus Independencia raus. Und den Rest kannst du dir ja wohl selbst zusammenreimen, mein lieber Freund, nicht? Ich wusste, was ich wissen musste und ich habe gehandelt. Richtig gehandelt, das sag ich dir.“

Ein Lächeln voller Selbstgefälligkeit umspielte seine vom Wein geröteten Augen.

Langsam begriff Arthurs Vater, wie explosiv die Familiengeheimnisse waren, in die er soeben eingeweiht worden war. Es blieb nur zu hoffen, dass Luisa verschwiegener wäre als Julius Deisenhofer. Schlieβlich war sie die Mutter seiner Nichte Maria Celeste. Und allem Anschein nach hatte seine Schwägerin Rosemarie, die hier in Independencia nur ein paar Straβen weit entfernt von ihm lebte, bis heute keine Ahnung von der Tochter ihres Mannes.

Arthur und ich haben diese Geschichte nur teilweise von seinem Vater erfahren. Jedoch hat Luisa viel später über gewisse Dinge mit ihrer Tochter gesprochen. Und Maria Celeste ihrerseits sollte dann Arthur irgendwann sehr nahe stehen, so nah, dass es keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen gab. Und wie ich bereits am Anfang angedeutet hatte, ist alles was mein Freund Arthur je erlebt, gedacht und gehört hat, irgendwann in meine zerebralen Windungen geflossen, sozusagen.

Luisa war nicht zum ersten Mal in ihrem Leben schwanger, als sie das Kind von Anton Deisenhofer austrug. Viele Jahr zuvor war sie vom Freund ihres Vaters, jenem Luís, geschwängert worden.

Damals, nach jener Nacht, war die Zwölfjährige nicht sicher gewesen, ob und inwieweit sie selbst schuld daran gewesen war, dass Luís sie bedrängt und schlieβlich vergewaltigt hatte. Hatte er nicht durch ihr anfänglich fast genussvolles Hinnehmen seiner Liebkosungen Anspruch auf mehr gehabt? Völlig absurd, könnte man sagen. Die Tatsache, dass sie nicht den Mut aufgebracht hatte sich zu wehren, bedeutet ja keinesfalls, dass sie sein weiteres Verhalten provoziert hätte. Jedoch wurde hier ein regelrechter Teufelskreis der Schuldgefühle in Gang gesetzt: Die kleine Luisa fühlte sich schuldig, sich nicht von Anfang an gewehrt zu haben, dann wurde sie gezwungen, ihr Fehlverhalten geheim zu halten, dadurch wiederum hatte der „Onkel“ sie in der Hand und konnte sie zu weiterem Schweigen und Stillhalten verpflichten!

Sie hatte jedenfalls zu viel Angst gehabt, dass er ihren Eltern von ihrem anfänglichen, zaghaften Genieβen seiner Zärtlichkeiten erzählen würde. Schlieβlich hatte sie es anfangs tatsächlich so ein ganz kleines bisschen genossen, dass er ihr nette Sachen ins Ohr geflüstert hatte. Selbst die ersten Liebkosungen waren noch ganz nett gewesen... sie hatte es einfach nicht fertig gebracht zu sagen, bis hierher und nicht weiter! Wie würde sie nun dastehen! Für Luís war es jedenfalls denkbar einfach, dem Kind weiszumachen, sie selbst trage die Schuld an seinem Verhalten. Auf keinen Fall, schärfte er dem verzweifelten Kind ein, dürfte ans Licht kommen, was geschehen war! Also verfiel das Kind in ein gequältes Schweigen. Die kleine Luisa weinte heimlich und schwieg. Und mit ihrem Schweigen hatte sie dem Freund des Vaters den Weg geebnet, sie weiterhin zu besuchen. Die folgenden nächtlichen Besuche waren bei Weitem komplizierter als das erste Mal, da ja in Luisas Elternhaus nicht ständig gefeiert wurde. Auch stellte ihre kleine Schwester, mit der sie ja die Hütte teilte, ein Hindernis für Luís dar. Trotzdem hatte der Mann es im Laufe der Jahre noch mehrmals geschafft, mit Luisa allein zu sein. Sie gehorchte ihm demütig, weil sie Angst hatte. Angst, verraten zu werden! Angst vor der Strafe der Eltern, und, was noch viel schlimmer war: Angst vor der Verachtung der Eltern!

Arthur gerät noch heute jedes Mal in Wut, wenn er nur daran denkt: „Das muss man sich einmal vorstellen, verdammt! Dieses kleine Mädchen von zwölf, dreizehn, vielleicht vierzehn Jahren gehorchte dem alten geilen Bock, der nicht dazu fähig war, sich an Frauen seines Alters zu halten!“

Irgendwann war Luisas Pubertät natürlich an ihr Ende gelangt. Sie hatte sich zu einer gesunden, empfängnisfähigen Frau entwickelt. Und sie empfing. Mit fünfzehn Jahren war sie zum ersten Mal verzweifelte, werdende Mutter. Inzwischen kannte sie sich ausreichend aus, um die ersten Anzeichen der Schwangerschaft richtig zu deuten. Tränenüberströmt erzählte sie ihrem Taufpaten Luís davon und der verwies sie ohne zu zögern an einen „Doctor“.

Hierüber hat Arthur allerdings lediglich herausgefunden, dass das Mädchen in jenem Consultorio, einem Holzverschlag, der als Arztpraxis galt, beinahe verblutet wäre. Die Mutter jenes vermeintlichen Arztes hatte Luisa nach der blutigen Prozedur nach Hause zu ihren Eltern gebracht. Nun konnte sie nichts mehr geheim halten. Ihre Ehre war verloren. Der Vater hätte sie vielleicht verprügelt, wäre sie nicht ohnehin unter den Händen des Curanderos fast gestorben. Luís, der Freund ihres Vaters, hat sich daraufhin nie wieder im Haus von Luisas Familie blicken lassen.

Luisa hatte ihren Eltern aber nicht erzählt, dass sie von der alten Mutter des selbsternannten „Heilers“ aufgefordert worden war, sie zu besuchen, sobald sie wieder gesund sei. Heimlich hatte sie die Alte einige Wochen später aufgesucht und sich zeigen lassen, wie man die Luftwurzeln eines agavenartigen Gewächses zerstampft und einen bitteren Tee daraus braut. „Yuyo de mil hombres“, Kraut der tausend Männer, wurde der Trank im Volksmund genannt. Dieser Tee, so erklärte die Alte, habe eine stark abführende, aber auch abtreibende Wirkung. Sie warnte Luisa eindringlich davor, dieses Gebräu leichtfertig einzusetzen, da man mit heftigen, krampfartigen Bauchschmerzen rechnen müsse. Dennoch soll Luisa sich Jahre später mehrmals erfolgreich selbst damit behandelt haben, wenn ihre Menstruation ausgeblieben war.

Aus irgendeinem Grund hatte sie einmal darauf verzichtet. Möglich ist aber auch, dass der Tee seine Wirkung verfehlt hatte. Arthur und ich nehmen jedoch an, dass Luisa die Schwangerschaft gewollt hatte. Denn sie hatte die ersten Anzeichen vor Anton verschwiegen und dafür gesorgt, dass er ihren Zustand erst bemerkte, als die Schwangerschaft schon weit fortgeschritten war. Und sie muss gewusst haben: Für Anton stand damit alles auf dem Spiel.

Julius Deisenhofer hatte schlieβlich eine Lösung für das Problem gefunden: Ohnehin hatte er seit Langem mit dem Gedanken gespielt, sich ein Haus oder eine Wohnung in der Hauptstadt zu kaufen, um von dort aus seinen Holzhandel und andere Geschäfte zu betreiben. Diese Geschäfte waren weitaus rentabler als das väterliche Weingut.

Seine Mutter hatte anfangs lautstark dagegen protestiert, dass ihr zweites Dienstmädchen nach Asunción umziehen sollte. Die alte Frau wollte nicht einsehen, weshalb ihr Sohn glaubte, er bräuchte ausgerechnet Luisa als Haushaltshilfe, wo sie doch nun schon so lange im Hause Deisenhofer gedient hatte. Es war Julius schlieβlich gelungen, seiner Mutter deutlich zu machen, dass er für seine Stadtwohnung jemanden bräuchte, dem er absolut vertrauen könnte. Von dem wirklichen Grund durfte sie natürlich nichts wissen.

So war Luisa im Hinterhaus in Asunción einquartiert worden. Zuvor hatten die Deisenhofers – Christa und Julius – eine längere ernsthafte Unterredung mit ihr geführt, um ihr deutlich zu machen, was für alle auf dem Spiel stand. Am Ende hatte Luisa ihr Ehrenwort gegeben, nie ein Wort über die Vaterschaft ihres Kindes zu verlieren. Sie wurde also gewissermaβen zwangsversetzt in der Annahme, dass es in der Hauptstadt niemand interessieren würde, wer der Vater des Kindes sei, welches irgendeine zugezogene „Campesina“ dort im Hafenviertel bekommen sollte. Und laut Julius Deisenhofer war Luisa über diese Zwangsversetzung in die Hauptstadt überglücklich.

Julius Deisenhofer beendete seinen Bericht mit einem beinahe hämischen Grinsen. Luisa, sagte er, wusste seit damals sehr genau, was sie zu verlieren hätte. Sie säße buchstäblich auf der Straße, wenn sie jemals vor Bekannten aus Independencia auch nur mit einer Silbe Anton als den Vater ihrer Tochter Maria Celeste verraten sollte. Luisas Eltern waren schließlich inzwischen so alt, dass sie nicht mehr erwarten konnte, von ihrer Familie durchgefüttert zu werden. Ihn selbst kostete es doch nur wenig mehr als ein Trinkgeld, Luisa als Hausangestellte in Asunción zu unterhalten. Auβerdem, sinnierte Julius mit glasigen Augen weiter, sei Luisa bestimmt intelligent genug, diese Geldquelle nicht wegen irgendwelcher Rachegefühle abzustellen. Schlieβlich habe sie sich seinem Bruder Anton doch freiwillig jahrelang an den Hals geworfen! Falls sie am Anfang noch geglaubt hatte, dass der Sohn ihres Patróns sie eines Tages heiraten würde, könnte man ja nur lachen! Die meisten Dienstmädchen mussten schlieβlich damit rechnen, dass die Hausherren oder die Söhne der Hausherren auch manchmal andere Dienstleistungen für sich beanspruchten! Und wenn sich der jeweilige Dienstherr groβzügig und spendabel zeigte, könnten die Mädchen, die meistens aus armen Gesellschaftsschichten kamen, ja schon fast vom groβen Glück reden.

„Warum ist ihr aber nie der Gedanke gekommen, dass dein Bruder Anton seine Vaterschaft an Maria Celeste abstreiten könnte? Und warum ist sie so sicher, dass sie bei euch in Asunción eine lebenslange Bleibe gefunden hat?, fragte Arthurs Vater, noch immer nicht restlos davon überzeugt, dass sich Luisa für immer in Sicherheit wiegen konnte.

Julius Deisnhofer nippte am Weinglas und antwortete tief seufzend: „Sie weiβ eben, dass es schon genügen würde, hier in Independencia auch nur andeutungsweise verlauten zu lassen, dass Anton sie verführt hat oder ihr irgendwie zu nahe getreten ist. Verstehst du, selbst wenn wir dann versucht hätten, alles abzustreiten, wäre es zu einem Skandal gekommen. Luisa hat Verstand bewiesen. Meiner Familie einen Skandal unterzuschieben hätte uns womöglich Kopf und Kragen gekostet, aber sie auch, mein Lieber, sie auch. Sie war schlau genug, nicht den Ast abzusägen, auf dem sie ihr Nest gebaut hatte.

Aber das sage ich dir: hie und da sorge ich schon auf ganz nette Art und Weise dafür, dass die gute Luisa immer wieder daran denkt, dass wir sie jederzeit auf die Straβe setzen könnten. Und dann wäre sie gezwungen, hart zu arbeiten, um sich und ihre Kinder durchzubringen. Immerhin ist es für eine Frau von über dreiβig nicht mehr so ganz einfach, einen Mann zum Heiraten zu finden. Dieses Weib sieht zwar auch heute noch verdammt hübsch aus, aber überleg doch mal! Die Männer in ihrem Alter sind doch alle längst verheiratet! Und wer nicht verheiratet ist, ist entweder verkrüppelt oder krank. Natürlich hindert Verheiratetsein die wenigsten Kerle daran, sich mal eine schöne Nacht mit der Kleinen zu machen, aber heiraten...“

Deisenhofer schüttelte den Kopf. Und sein Bauch hüpfte vor Lachen als er spöttisch hinzufügte: „Und du hast es doch sicher längst mitbekommen, mein lieber Freund: Unsere schöne Luisa scheint ihr Dasein als unverheiratetes ‘Mädchen für Alle’ nicht gerade abzulehnen.“

Nachdem beide eine Weile geschwiegen hatten, bemerkte Arthurs Vater, dass Deisenhofer die Augen zufallen wollten. Justina!, dachte er. Ich habe ihn noch nicht nach Justina gefragt. Er versuchte, seine Frage möglichst beiläufig klingen zu lassen: „Und diese Justina, durch welche Umstände sind sie und ihre Tochter eigentlich zu euch ins Stadthaus gekommen?“

Für einen Moment schien es, als sei Deisenhofer nicht mehr in der Verfassung, seine Gedanken zu sammeln und weitere Erklärungen liefern zu können. „Wie?“, sagte er und ließ sich die Frage wiederholen. Dann drückte er seine Augen fest zu, schüttelte den Kopf und holte tief Luft. Ein wenig schwerfällig fing er aber wieder zu Reden an:

„Diese arme Frau hat meiner Christa einfach leid getan, weißt du? Meine Christa hat ein riesengroßes, gutes Herz, weiβt du? Justina, das arme Wesen, kommt aus Filadelfia im Chaco und ist von ihrer mennonitischen Familie fallenlassen worden, wie eine heiβe Kartoffel, weil sie ein uneheliches Kind bekommen hat: Hildegard. Ha ha ha! Ja, so ist es: unsere brave Hildegard ist auch’n kleiner Bastard!“

Wieder lachte Deisenhofer selbstgefällig und sagte: „Ja, ja, mein lieber Freund, ich bin förmlich zum barmherzigen Retter der in Schande lebenden Frauen von Asunción geworden! Gleich zwei Frauen und eine Handvoll kleiner Bastarde! Da steht mir doch eigentlich eine öffentliche Anerkennung für meine Menschlichkeit zu, was, alter Freund? Immerhin führe ich sowas wie ein Frauenhaus plus Kinderheim! Meinst du nicht auch?“

Nach kurzem Schweigen und lautem Rülpsen schien er plötzlich wieder redselig zu werden. „Wir sind Justina zum ersten Mal vor etwa drei oder vielleicht vier Jahren begegnet. Sie hat als Putzfrau und Näherin bei einer Familie gearbeitet, die ein groβes Stoff- und Bekleidungsgeschäft in Asunción führen, in dem meine Christa zur Stammkundschaft gehört. Dort hat die arme Justina jeden Tag mindestens sechzehn Stunden arbeiten müssen, um sich und die Kleine über Wasser zu halten. Ich sagte ja schon: meine Christa hat ein weiches Herz. Wenn sie Stoffe eingekauft hat, saβ die arme Justina immer in einer Ecke an der Nähmaschine. Irgendwann hat sie die Arme einfach angesprochen und nach vielem geduldigem und hartnäckigem Bohren herausbekommen, dass sie eine von den Mennoniten im Chaco ist, dass sie aber jeglichen Kontakt nach Hause verloren hatte, weil sie Schande über ihre Familie gebracht hatte. Diese Sektenbrüder kennen da kein Pardon! Nun ja, und Christa hat mich davon überzeugt, dass wir im Hinterhaus noch genügend Platz für eine ausgezeichnete Köchin und fleiβige Näherin hatten. Ja, mein lieber Freund, so war das. So ist die arme Justina zu uns gekommen.“

Ob es tatsächlich ein Akt reiner Nächstenliebe gewesen war, der Christa dazu bewogen hatte, die bemitleidenswerte Justina ins Haus zu holen, sei fraglich, fand Arthurs Vater, behielt diesen Gedanken jedoch für sich. Ganz ohne Zweifel stimmte die Behauptung, dass Justina ihr leid getan hatte. Aber möglicherweise erfüllte Justina auch die Rolle einer Anstandsdame im Hause Deisenhofer in Asunción. Es war Arthurs Vater nicht entgangen, wie kritisch Christa geblickt hatte, als Julius Luisa zum Abschied auf beide Wangen geküsst hatte.

Die Tatsache, dass Justina von ihrer Familie sozusagen endgültig verstoβen worden war, fasste Arthurs Vater einerseits als radikale und äuβerst ungnädige Verurteilung auf, jedoch war ihm, andererseits, diese abschätzige Haltung nur zu vertraut. Auch dort wo er herkam, in der eigenen Sippe, hatte es ähnlich gnadenlose Urteile gegeben. Meistens hatte es auch dort die Frauen getroffen. Er konnte sich an Fälle erinnern, wo „unsittliches Verhalten“ schwerer wog als kriminelle Straftaten. Es war wohl schon immer und überall so, sagte er sich. Es ist so einfach, sich als Richter über Gut und Böse, über Schwäche und Sittlichkeit aufzuspielen. Und es ist so einfach, solche Menschen für immer kaputt zu machen.

Bei Justina hatten sie dabei nur zu offensichtlich ganze Arbeit geleistet, indem sie sie von zu Hause wegjagten. Justina machte einen durch und durch unglücklichen Eindruck. Lebendig, gesund, und doch am Ende. Arthurs Vater konnte sich darüber nicht einmal aufregen, nur Mitleid mit der armen Justina empfinden. Egal, ob mennonitisch, katholisch oder evangelisch, dachte er, es ist doch überall das Gleiche. Jedes Fehlverhalten wird anmaβend verurteilt – insbesondere sittliche Fehltritte! Früher hat man Leute dafür sogar gesteinigt. Und schlieβlich liefert die Jämmerlichkeit der anderen immer die bequeme Überzeugung mit, dass man selbst weniger jämmerlich ist. Wie heiβt es schon in der Bibel? Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!

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0+
Objętość:
580 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783748591658
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
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