Czytaj książkę: «Kein Mann für eine Nacht»

Czcionka:

Fae Clarke

Hommes à Femmes

Kein Mann für eine Nacht

Das Leben ist ein Arschloch.

So oder ähnlich würde Abby sagen. Nur mit großer Kraft entkommt sie einer miserablen Beziehung und lernt auch recht bald die wahre Liebe mit all ihren Ecken und Kanten kennen. Und das ist kein Leichtes für sie.

Allein auf eigenen Beinen stehend, wankt sie zwischen Euphorie und tiefem Fall. Doch die Freundin und vor allem ER stehen ihr stets zur Seite. Vor allem er, der sie ein ums andere Mal um den Verstand zu bringen scheint.

Fae Clarke ist das Pseudonym einer deutschen Autorin.

Bereits als Kind war sie eine Leseratte und verschlang reihenweise Bücher. In frühester Jugend schrieb sie immer wieder Kurzgeschichten und Gedichte.

Erst etliche Jahre später entschloss sie sich, ihren ersten Roman "Das bittersüße Traumkonzert" zu veröffentlichen. Eine Fortsetzung folgte allerdings sehr schnell.

Und jetzt wird eine erotische Reihe begonnen.

Bereits erschienen:

»Das bittersüße Traumkonzert«

Eine Vorgeschichte aus der Lilith-Chronik

»Bitter Elation«

Band II aus der Lilith Chronik

Fae Clarke

Hommes à Femmes

~

Kein Mann für eine Nacht

Band I


Impressum

© 2021 Fae Clarke

1. Auflage 2021

Autor: Fae Clarke

c/o autorenglück.de

Franz-Mehring-Str. 15|01237 Dresden

Umschlaggestaltung: Fae Clarke

Druck und Verlag: epubli GmbH|Berlin|www.epubli.de

ISBN: 978-3-754926-52-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

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W

ieder warte ich sprichwörtlich Stunde um Stunde; mir reißt bald der Geduldsfaden. Wieso hält er mich fortwährend so hin? Warum gibt es jedes Mal solch ein Theater? Es ist Samstagabend und wie immer, wenn es daran geht, in den Club zu fahren, lässt er sich Zeit, stellt meine Geduld auf die Probe. Es macht mich wahnsinnig, lässt mich regelrecht unruhig werden. Einmal, wenn wir nach drei Monaten wieder weggehen, stellt er sich wie ein kleines, bockiges Kind an. Seit einer halben Stunde befinde ich mich nun fertig angezogen in der Küche und tigere auf und ab. Der Herr bewegt sich keinen Millimeter von der Couch.

»Nur noch diese eine Folge!«, meinte er vorhin noch schnippisch, bevor ich ins Badezimmer hinaufgegangen war, um mich fertigzumachen. Ich schaue auf die Uhr - das war vor über einer Stunde. Das ist aber eine merkwürdige Serie. Vorsichtig schleiche ich mich hinüber und linse ins Wohnzimmer.

»Gleich!«, bekomme ich prompt zu hören.

»Ich dachte … «, beginne ich und werde auf der Stelle von einem schweren, theatralischen Seufzer unterbrochen.

»Dann schau ich es eben nicht mehr an!«, mault er mich an und schaltet demonstrativ den Fernseher aus, um danach die Fernbedienung lautstark auf den Tisch zu werfen.

Verunsichert schaue ich ihn an. »Du meintest doch vorhin, dass du ›nur noch diese eine Folge‹ anschaust.«

»Ja, da wusste ich aber noch nicht, dass drei Folgen hintereinanderkommen. Aber nun habe ich ihn ja ausgemacht. Zufrieden?« Sein eiskalter Blick macht mir von Mal zu Mal mehr Angst. Wortlos ziehe ich mich in die Küche zurück.

Was will er eigentlich noch von mir? Warum ist er noch mit mir zusammen, wenn er sich doch ständig über mich beschwert und nichts mehr mit mir unternehmen will, sogar nur auf sein Recht pocht? Diese Fragen schwirren mir bereits seit Monaten durch den Kopf.

Tagtäglich behauptet er, dass er mich liebt, doch davon merke ich nichts. Außer Grapschen und feuchten Küssen gibt es nichts Liebevolles mehr in unserer Beziehung. In letzter Zeit komme ich immer öfter zu dem Schluss, dass das Ganze ein Ende haben muss, nur weiß ich noch nicht wie ich das anstellen soll. Die Angst vor einem kompletten Neuanfang hält mich nach wie vor bei ihm.

»Bist du nun zufrieden?«, blafft er mich an, als er mir in die Küche folgt.

Wenn ich jetzt nicht irgendetwas erwidere, bricht gleich wieder ein großes Donnerwetter über mich herein. »Dann schau weiter.« Wieso sage ich das, spinne ich jetzt vollkommen? Nun hat er mich doch wieder in der Hand?

»Ich mach mich jetzt fertig, obwohl ich wirklich keine Lust habe«, hält er mir buchstäblich vor und trottet ins Badezimmer hinauf. Das wird nun wieder eine Stunde dauern, wie immer. Verdammt! Und wieder werden es bloß zwei Stunden im Club werden. Aufseufzend zünde ich mir eine Zigarette an; ich rauche mittlerweile viel zu viel.

Vor acht Jahren hatten wir uns in ebendiesen Club kennengelernt. Wir hatten uns unterhalten und uns bereits nach wenigen Sätzen sympathisch gefunden, aber anscheinend nicht anziehend genug, um uns zu verabreden. Bei einem zweiten zufälligen Aufeinandertreffen einige Wochen später, hatte er mir Komplimente über meinen Tanzstil, meine Kleidung, meine fröhliche Art gemacht. Damals hatte ich eine enganliegende kurze Hose und eine Korsage getragen, das weiß ich noch bis heute. Genauso wie ich mich daran erinnern kann, dass er mit einer dunkelblauen Jeans und einem schwarzen Shirt bekleidet war. Insbesondere waren mir seine außergewöhnlichen Chucks aufgefallen, woraufhin ich ihn auch ansprach.

Auf meine Frage, ob er überhaupt etwas mit der Szene anfangen könne, da er so schlicht gekleidet war, hatte er gemeint: »Ja klar, sonst wäre ich ja nicht hier, oder?«

Schon bald stellte sich heraus, dass dies eine Lüge war, denn er hatte nur vorgegeben, diese Art Musik zu mögen. Nach kurzer Zeit hatte ich den Eindruck, dass er das nur gesagt hatte, um auf diese perfide Weise an eine Frau heranzukommen, dabei war ihm anscheinend egal, wen er da anbaggerte. Wieso er sich überhaupt in dieser Szene aufgehalten hatte, kann er mir bis heute nicht beantworten.

Bei dem dritten Treffen und dem tatsächlich ersten Date, nach über drei Monaten, waren wir zusammengekommen, obwohl ich mich dabei nicht wirklich wohlgefühlt hatte. Irgendetwas in meinem Inneren hatte mir damals gesagt, dass ich es bleiben lassen sollte, doch ich tat dieses Gefühl als trügerisch ab, ignorierte meine Intuition und verrannte mich prompt in eine für mich beinahe ausweglose Situation.

Die ersten Wochen waren romantisch, zu romantisch, wenn ich genau darüber nachdachte. Dieses Level konnte er auf Dauer nicht halten. Oft hatte er mir irgendwelche Kleinigkeiten geschenkt, meist alte oder gebrauchte Dinge von sich, was mich eigentlich stutzig hätte machen sollen. Stattdessen hatte ich mich über diese kleinen Gaben gefreut, wenngleich es schon merkwürdig war, dass er mir CDs und Filme aus seiner Sammlung geschenkt hatte. Nach Monaten stellte sich dann auch heraus, dass er damit nichts mehr anfangen konnte. Diese wären ihm zu düster, wie er meinte. Demzufolge gab er diese Dinge einfach an mich weiter und beschenkte mich damit nicht, wie ich anfangs annahm.

Zu Beginn hatte er mir unmissverständlich erklärt, dass er nicht mit mir zusammenziehen wolle, da er seinen Individualismus beibehalten und sein eigenes Leben weiterführen möchte. Das wäre ja an und für sich in Ordnung gewesen, wenn er sich nicht nach nur vier Wochen klammheimlich bei mir eingerichtet hätte. Wieso kam ich damals nicht auf den Gedanken, dass nicht alles mit rechten Dingen zuging? Denn er bestand nach wie vor darauf, offiziell nicht bei mir zu wohnen. Immer mehr meiner Dinge wurden verdrängt, da er seine eigenen Sachen platzieren wollte. Was ich damals nicht merkwürdig fand, sondern toll. Wie dumm, wie blauäugig von mir!

Nach einem halben Jahr gab er seine Einzimmerwohnung endgültig auf. Ab diesem Zeitpunkt änderte sich einfach alles. Er mäkelte an meinem Kleidungsstil herum, wollte nicht, dass ich so gekleidet in den Club ging. Warum? Immerhin hatte er mich doch genauso kennengelernt. Auf meine Fragen hatte er keine für mich befriedigenden Antworten. Dennoch, ich unternahm schlichtweg nichts! Wieso hatte ich ihn nicht spätestens in diesem Moment meiner Wohnung verwiesen?

Nach und nach schränkte er mich ein, ich durfte mich nicht mehr allein mit Freunden treffen, was ich auch noch okay fand, da er mich immer und überallhin begleitete. Meine Freunde erklärten mich für verrückt, ich empfand es als normal. Dieser Eindruck änderte sich, sobald er nicht mehr mit mir weggehen wollte und mir dementsprechend nicht mehr erlaubte, weiterhin meine Bekannten zu besuchen oder allein in den Club zu gehen. Damit verlor ich nach und nach alle, die mir lieb waren und war plötzlich allein. Zumindest fast, denn meine beste Freundin Alice blieb an meiner Seite, bis heute.

Was ich an ihm von Anfang an mochte, war, dass er sich pflegte. Jeden Tag rasierte er sich, duftete fantastisch und seine glatte Brust lud dazu ein, diese berühren zu wollen. Bis der Zeitpunkt kam, als er sich zu vernachlässigen begann. Plötzlich sprießten Bart- und Brustbehaarung. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Haare auf der Brust, solange es gut aussieht, aber das ist bei ihm eben nicht der Fall. Sein Bart ist zudem äußerst kratzig und ungepflegt, und er ist irrsinnigerweise stolz darauf.

Am schlimmsten war aber der Geruch. So etwas Grauenvolles hatte ich noch nie zuvor wahrgenommen. Zum ersten Mal fiel es mir beim Sex auf. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich auch, warum er immer so viel Deodorant und Eau de Toilette verwendete. Gut, er kann nichts dafür, das sah ich ein, aber die Körperpflege vernachlässigte er schließlich ebenfalls. Er duschte sich nicht mehr regelmäßig und wo sich vorher seine Duschgels stapelten, gähnte auf einmal Leere.

Nach gut zwei Jahren begann die für mich schlimmste Zeit, die bis heute andauert. Er fing an, mich zu bedrängen, immer und überall Sex zu wollen. Am liebsten hätte er täglich gewollt, doch das konnte ich nicht, weil sich in mir alles blockierte. Durch meine Zurückweisungen wurde er aggressiv und enthüllte sein wahres Ich, welches er so lange vor mir versteckt hielt. Deshalb lasse ich ihn bis heute zuweilen über mich rutschen, damit ich für die nachfolgenden Tage meine Ruhe habe.

Obwohl ich es nicht mag, befummelt er mich in der Öffentlichkeit. Er verstand mein Nein nicht, im Gegenteil, er deklarierte es sogar als Spiel, als ob ich ihn damit anheizen wolle. Manchmal packte er mich auch am Arm und tat mir weh, wenn ich ihm sagte, dass ich keine Lust habe. Seine laute Stimmlage machte mir immer öfter Angst, ebenso wie seine Wutausbrüche. Vermehrt zog ich mich deshalb zurück, wollte von mir aus nicht mehr weggehen.

Selbst wenn wir uns mit seinen Freunden trafen, zog er mich vor ihnen durch den Kakao, verkaufte sich als starken Macker. Ich war nur sein lästiges Anhängsel, das er fertigmachen konnte, wann und wo er wollte. Nach einer Weile ertrug ich das nicht mehr und stellte ihn nach etlichen Malen zur Rede. Das war ein großer Fehler, denn nun muss ich mir beinahe täglich anhören, dass ich mich nicht anstellen soll. Schließlich habe ich gewusst, worauf ich mich einlasse. Was aber schlichtweg gelogen war, denn so gab er anfangs überhaupt nicht.

Vermehrt lud er all seinen Frust auf mir ab, seine Ausbrüche eskalierten immer mehr. Die Arbeit ist Scheiße, alle Mitmenschen sind dämlich und das Leben ist eh sinnlos und stinklangweilig, es gab andauernd etwas auszusetzen. Sobald sich der Unmut in meiner Mimik widerspiegelte, weil ich seine Tiraden einfach nicht mehr ertrug, donnerte er los, warum ich solch ein Gesicht ziehe, ich habe schließlich keinerlei Probleme. Die habe doch nur er. Bis heute tut er so, als ob das ganze Leid der Welt auf seinen Schultern laste.

In all diesen Jahren waren wir nie gemeinsam im Urlaub, wobei ich sagen muss, dass das wohl auch besser ist, denn ich möchte nicht wissen, wie er sich gibt, wenn ich ihn zwei Wochen am Stück um mich habe. Nichtsdestotrotz vermisse ich es sehr, mich an den Strand zu setzen, um abschalten zu können. Oder Städtereisen zu unternehmen. England hat so viel zu bieten, es muss ja kein Auslandsaufenthalt sein.

Verträumt blicke ich auf die Postkarten meiner ehemaligen Freunde, die sich über die Jahre bei mir angehäuft haben und mit Magneten an dem großen Kühlschrank heften. Madeira, Toskana, Alpen, sogar eine aus Florida ist dabei. Aber am schönsten finde ich die aus der Provence und den Highlands. Sacht streiche ich über die farbenprächtigen Karten und verliere mich in meinen verflixten Gedanken.

Als wir vor drei Jahren in dieses Haus zogen, hätte ich das nicht tun sollen, ich hätte stattdessen die Flucht ergreifen müssen. Warum tat ich es nur nicht? Ob es daran gelegen hatte, dass er all meine Sachen zuvor entsorgte? Ich hatte zu dem Zeitpunkt kaum mehr etwas besessen, was rein mir gehörte. Als er vor dem Umzug meine Bücher auszusortieren begonnen hatte, bin ich das erste Mal ausgetickt. Niemand darf sich an meiner heiß geliebten Bibliothek vergreifen! Nicht einmal mein cholerischer Freund.

Das hatte er sich natürlich nicht gefallen lassen. Er hatte mich damals gegen das Regal gestoßen, sodass ich mir eine Prellung zuzogen hatte. Ab diesem Moment hatte er anscheinend Blut geleckt, denn die harten Klapse auf mein Hinterteil empfindet er bis heute als lustig, sogar anregend, genauso wie seine Kniffe in meine Brust oder den Bauch. Ich konnte es ihm hundert Mal erklären, dass ich das nicht mag und er mir damit wehtut, es interessierte ihn nicht.

Schlussendlich hatte er begonnen, mich wegen meiner Figur aufzuziehen. Ich hatte zugenommen, das ist richtig, doch so, wie er mich vorzugsweise vor anderen beschrieb und darstellte, war es dann doch nicht. Allerdings fühlte ich mich seitdem fett. Wenn ich ihn hingegen auf seinen schwabbeligen Bauch ansprach, war er sofort beleidigt und zog noch mehr über mich her, um sogleich von sich abzulenken. Seine Hartherzigkeit zehrte nach und nach an mir.

Bis zum heutigen Tag zieht er über die Menschen und die Musik der Szene her, da er nichts mit ihnen anfangen kann. Dabei sind die meisten intelligente Leute, die genauso ihren Spaß haben wie andere auch. Er behauptet allerdings immer wieder, dass sie alle selbstmordgefährdet und viel zu düster wären. Man könne keine normalen Gespräche führen und die Musik, die sie alle hören, ist krank und öde.

Ja, warum war er damals überhaupt in diesem Club und weshalb lief ihm damit über den Weg? Wieso komme ich verdammt noch mal nicht aus dieser verflixten Beziehung raus? Weswegen lasse ich es zu, dass er mich so behandelt? Immer wieder frage ich mich das - seit Jahren. Die Vermutung liegt nahe, dass ich mich mittlerweile mit all dem abgefunden habe. Zudem bin ich auch nicht mehr die Jüngste, um mich so mir nichts, dir nichts auf Partnersuche zu begeben. Kann ich das überhaupt noch – flirten? Hm, zu gern würde ich wissen, wie sich diese berühmten Schmetterlinge im Bauch anfühlen. Ich weiß es nämlich nicht mehr, denn selbst als ich mit Pete zusammenkam, hatte ich dieses Gefühl nicht verspürt. Leider … oder doch nicht?

Warum denke ich eigentlich über dieses verfluchte Gefühl der Verliebtheit nach, anstatt erst einmal mit meinem Leben zu Recht zu kommen? Verdammt! Das kann doch nicht sein? Denn falls ich mich endlich dazu aufraffen kann, mich zu trennen, sollte ich erst einmal das Alleinsein genießen, die Ruhe. Niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen, das wäre ein Traum! Aber wahrscheinlich kann ich gar nicht allein sein, zumindest vermute ich das.

Obwohl … Ich wäre nie ganz allein, da Alice immer für mich da wäre, auch wenn ich sie in den letzten Jahren sehr vernachlässigt hatte. Aber eine beste Freundin ist kein Partner, der mich vielleicht einmal glücklich machen könnte, woran ich allerdings nicht mehr so recht glaube. Und wieder schweifen meine Gedanken ab. Nein, Stopp, rüge ich mich selbst und schüttle energisch den Kopf.

Langsam ziehe ich mir die kniehohen Stiefel an. Vor Langeweile wische ich noch einmal über das schwarze Leder. Die Zeit rast davon, es ist mittlerweile nach 23 Uhr, wir werden erst kurz vor Mitternacht im Club sein. Mit einem enttäuschten Gefühl krame ich in meiner Handtasche, hole einen Geldschein heraus. Heute muss ich alles bezahlen, damit er überhaupt mitfährt.

Niedergeschlagen setze ich mich auf einen Küchenstuhl, rutsche nervös hin und her. Das Nichtstun lässt mich immer wieder grübeln. Ich empfinde schon lange nichts mehr für Pete und er tut so, als ob er das nicht wüsste. Wie dumm oder blind muss man sein? Der Sex ist stinklangweilig, Einheitsbrei und er merkt nicht einmal, dass ich währenddessen keine Gefühlsregung zeige. Hinterher tue ich so, als ob ich erschöpft wäre, um ihn schnell wieder loszuwerden. Er schwitzt und stinkt dabei. Oh Gott! Was habe ich nur für abscheuliche Gedanken?

Schnell schüttele ich mich, um nicht erneut in einen Strudel aus Hass und Ekel zu fallen. Rücksichtsvoll sollte ich schon noch bleiben. Aber warum eigentlich? Er beschimpft mich aufs Übelste, zieht bei Freunden und hinter meinem Rücken über mich her und denkt, dass ich davon nichts mitbekomme. Nun bin ich auch noch den Tränen nahe! Klasse ganz toll gemacht, Abby! Ich sollte mir abgewöhnen nachzudenken.

Erstaunt höre ich ihn schwerfällig die Treppe heruntertappen. Schnell wische ich mir über die Augen, fächle mir Luft zu, damit er nichts bemerkt.

»Na? War ich schnell, oder was?«, tönt er auch bereits hinter mir.

Der Blick auf die Uhr zeigt mir allerdings, dass mittlerweile vierzig Minuten vergangen sind, von wegen. »Ja, ich bin baff«, sage ich und hoffe inständig, dass ich damit überzeugend klinge.

»Siehst du, so geht das! Ich zieh mich an und schau noch was nach, dann können wir meinetwegen los«, lässt er beinahe stolz verlauten und brummelt etwas, als er denkt, dass ich ihn nicht mehr hören kann. Er meckert wieder herum, dass er keine Lust auf den ganzen Mist hat.

Zorn kocht in mir hoch, ich muss jetzt wahrscheinlich weitere zwanzig Minuten warten. Frustriert rauche ich die nächste Zigarette. Wie oft hatte ich mir schon vorgenommen, einfach jemanden zu kontaktieren, der mich mitnimmt. Immer wieder bot Alice mir an, mich abzuholen. Was will er schon machen, außer toben und das tut er so oder so bereits. Warum habe ich es bloß noch nie gemacht? Weil ich einfach dumm bin, antworte ich mir selbst. Etwas anderes kann es schlichtweg nicht sein.

Hach, wäre es nicht einmal schön, ohne größeren Ärger im Vorfeld in den Club zu fahren und einfach den Abend zu genießen? Die Musik, die Gespräche, das Tanzen. Aber Nein, ich dumme Pute muss mich ja immer runterziehen lassen, sodass ich die Zeit, die eh schon so knapp bemessen und vor allem so selten ist, kaum mehr genießen kann.

Grinsend muss ich plötzlich daran denken, dass mich die letzten Male etliche Männer angestarrt haben und ich bis heute nicht weiß, warum. Abgesehen davon war eh keiner darunter, der mir auch nur ansatzweise gefallen hätte. Ja, ich weiß, ich bin oberflächlich, doch seit Monaten habe ich das unergründliche Verlangen, nur einmal einen Mann küssen zu wollen, der ein ansprechendes Äußeres hat. Nur ein einziges Mal, sodass ich mich nur seufzend und schwerlich von ihm lösen kann.

Wieso hege ich solch einen quälenden Gedanken überhaupt? Schließlich weiß ich, dass es nie dazu kommen wird. Klar, ein attraktiver Kerl küsst mich einfach so, ohne Hintergedanken. So was Dummes, schelte ich mich selbst und richte mich auf. Ich gehe in den Vorraum, ziehe meine Jacke über und stelle mich dabei vor den großen Spiegel, um mein Make-up noch einmal zu überprüfen. Das bekommt Pete natürlich im Vorbeigehen mit, fasst es sofort als Druck auf und murrt erneut herum. Mit den Händen in der Jackentasche versuche ich unsichtbar zu wirken, was ihn aber anscheinend noch wütender macht.

»Dadurch gehts auch nicht schneller!« Nicht dass er noch herummault, weil ich atme oder existiere! »Geh doch schon raus, wenn du es nicht erwarten kannst.«

Pete öffnet die Haustür und schmeißt mich tatsächlich hinaus. Es sind Minusgrade, ziemlich kalt in dem gerade einmal knielangen Rock. Zitternd gehe ich zum Zaun und warte frierend weitere fünf Minuten, bis er endlich herauskommt. Aufgebracht knallt er die Tür zu, schließt nicht ab, wie immer. Mittlerweile weise ich ihn nicht mehr darauf hin, da er mich doch nur anfährt. Sollen sie eben bei uns einbrechen, dann hat er wieder etwas zum Meckern, wenn die Versicherung nichts zahlt, da nicht abgeschlossen wurde. Soll mir nur recht sein, gebe ich resigniert auf.

Mit schnellen Schritten rauscht er an mir vorbei und lässt mich links liegen. Wie ein begossener Pudel trotte ich ihm zum Auto hinterher. Auf dem Beifahrersitz liegen wie immer CDs, Kopfhörer, Essensreste. Und wieder muss ich warten, nimmt das heute denn gar kein Ende? Kaum sitze ich endlich im Auto, fährt er auch schon los, ohne dass ich mich anschnallen konnte. Hastig greife ich nach dem Gurt, um ihn zu fixieren.

Fluchend, worüber weiß er wohl selbst nicht, rast er die schmale Gasse entlang. Auf dem Weg in den Club herrscht eisiges Schweigen, ich starre aus dem Seitenfenster und tue so, als ob es etwas Interessantes in der Dunkelheit zu sehen gäbe. Besser diese bedrückende Stille ertragen als eine dieser endlos nervigen Diskussionen.

»Was ist los?«, fragt er mich plötzlich allen Ernstes. Zu früh gefreut.

»Nichts«, antworte ich ihm tonlos. Augenverdrehend wende ich mich wieder dem Fenster zu und starre hinaus. Wie sehr ich diese Fragerei satthabe. Was soll schon los sein?

Anfangs habe ich zu Genüge den Fehler begangen und ihm ehrlich darauf geantwortet. Das Ergebnis war meist, dass wir uns stritten, über nichts. Nie wieder werde ich auf diese Frage wahrheitsgemäß Auskunft geben, zumal er weiß, was los ist. Und erst recht nicht jetzt, wo wir doch bald da sind.

Endlich wieder tanzen, mich mit den wenigen Freunden und Bekannten, die mir noch geblieben sind, unterhalten und mit denen ich Spaß haben kann. Er wird wiederum dumm rumstehen und sich deplatziert vorkommen. Über die Musik und die Leute nörgeln, nur ab und an frustriert nach draußen gehen, um zu rauchen. Die restliche Zeit wird er mich genau beobachten, jeden Mann um mich herum mustern, um sich aufregen zu können. Jeder Typ will schließlich etwas von mir.

Nun muss ich doch schmunzeln, er sieht es glücklicherweise nicht. Es ist Jahre her, dass es einer gewagt hatte mich anzusprechen. Sofort stand Pete wutschnaubend neben mir und tötete den Mann mit Blicken. Seitdem versuche ich lieber eine eiskalte Miene aufzusetzen, damit ja keiner auf die Idee kommt mich anzusprechen, obwohl dies gar nicht meiner Natur entspricht. Ich würde mich nämlich sehr gern unterhalten, neue Freundschaften schließen, aber das kann ich mir abschminken. Jeden, den wir bisher zusammen kennengelernt haben, hat er auf seine Seite gezogen, für sich vereinnahmt und ich wurde außen vorgelassen. Allerdings sind das auch nie Leute aus dem Club gewesen. Tom war der Letzte, mit dem ich mich frei unterhalten konnte, bevor Petes Eifersucht zu groß wurde. Beinahe heimlich haben wir uns angefreundet. Ob er heute ebenfalls da ist?

Auf dem Parkplatz hinter dem Club hält Pete an, doch er denkt nicht daran auszusteigen. Er werkelt hier und da herum, tut so, als ob er etwas suchen würde, wie immer eben. Dann schaut er mich gelangweilt an. »Na? Noch immer keinen Kuss?«, fragt er.

Eigentlich ist das keine Frage, sondern eine Aufforderung. Ich weiß, wenn ich ihn jetzt nicht küsse, werde ich wieder vor allen anderen ein Drama erleben. Also beuge ich mich hinüber und spüre seine feuchten, aufgestülpten Lippen auf meinem Mund und Kinn. Rasch muss ich mich innerlich schütteln. Küssen konnte er wirklich noch nie, es ist nur ekelhaft nass. Tief einatmend steige ich nun doch aus, mir ist es plötzlich egal, ob er folgt oder nicht, ich muss auf der Stelle aus diesem Auto raus. Fort von dieser Enge, diesem Gefühl des Ausgeliefertseins und weg von ihm.

Nun kann so einiges nachkommen, allerdings ist er heute erstaunlich gelassen und schlingt nur seinen Arm um mich. Die übliche Demonstration, dass ich ihm gehöre. So betreten wir auch den Club, jedoch muss er sich gezwungenermaßen von mir lösen, damit ich den Eintritt zahlen kann. Max, der Türsteher, zwinkert mir klammheimlich zu, als ich das Geld hinblättere.

In der Garderobe im Eingangsbereich hilft Pete mir wie immer nicht aus der Jacke, sondern stöhnt erst einmal lautstark über die Menschenmassen und wie wenige Kleiderbügel es doch gäbe. Früher hatte er mir galant geholfen, aber auch nur, wenn er wollte, das macht er allerdings schon lange nicht mehr. Somit knülle ich meine Jacke zusammen und lege sie weit hinten in eine Ecke auf den Boden. Was soll ich groß herummachen? Mich über den Mangel an Aufbewahrungsmöglichkeiten ärgern?

Bei dem ersten Schritt in den Barbereich erkenne ich einige bekannte Gesichter, umgehend werde ich kopfnickend gegrüßt. Nur Alice kann ich nirgends entdecken, wahrscheinlich steht sie wie üblich auf der Tanzfläche. Als Erstes besorge ich mir eine Cola und für Pete ein Bier. Kaum stehen die Getränke auf dem Tresen, schnappt er sich seine Flasche und geht seines Weges. Darüber bin ich sehr dankbar, denn nun kann ich mich um die Bekannten kümmern. Nach nur wenigen Minuten bin ich auch schon in ein Gespräch verwickelt und wippe dabei zur Musik, die dumpf aus dem Tanzbereich herüberschallt.

Tom, der sich rasch zu mir gesellt hat, sieht mich nach einer Weile mit einem verschmitzten Grinsen an und meint: »Na los, gehen wir tanzen!« Noch einmal linse ich zu Pete hinüber, der mich aber schon vergessen zu haben scheint, da er einen alten Freund getroffen hat. Heute könnte ich Glück haben und die Zeit genießen, ohne mir ständig sein Gezeter anzuhören, wie Scheiße doch alles wäre. Ist das fies? Nein, es ist nur die Wahrheit!

Aufgeregt folge ich dem Freund in den Tanzbereich hinüber. Sein hellblondes Haar fällt in der Menge ziemlich auf. Er nimmt mir die Flasche aus der Hand und stellt sie mit seiner auf den Tisch neben dem Eingang. Ich kann mich weder umsehen noch nach Alice suchen, denn er zieht mich augenblicklich mit sich auf die Tanzfläche und ich bin sofort in meinem Element.

Diese Musik macht mich glücklich, lässt alle Sorgen von mir abfallen; ich werde augenblicklich zu dem Menschen, der ich eigentlich bin. Rhythmisch bewege ich meinen Körper im Takt, ich weiß selbst, dass das nicht uninteressant wirkt, doch keiner würde es wagen mich anzusprechen, ebenso wenig wie eine der anderen Frauen im Club. Hier wahren die Männer respektvoll Abstand. Die Jungs um mich herum nicken mir nur wiedererkennend zu. Ich bin bekannt, auch wenn ich in den letzten Jahren so selten anwesend war, kenne die meisten, zumindest vom Sehen oder vom Namen her. Früher war ich schließlich Stammgast und immer hier, wenn der Club geöffnet hatte, ließ kaum eine Veranstaltung aus, im Gegensatz zu heute.

Als die Musik umschwenkt, kehre ich zu dem kleinen Tisch zurück. Heute sind ungewöhnlich viele neue Leute zugegen, fällt mir auf, während ich neugierig in die mir unbekannten Gesichter blicke. Aber was weiß ich schon, ich bin nicht mehr allzu oft hier und kann darüber gar nicht urteilen. Wahrscheinlich werde ich bereits als Neuling eingestuft, denke ich schmunzelnd.

Ich greife zu der Flasche und lasse trinkend meinen Blick schweifen, nicke denen, die ich flüchtig kenne, leicht zu. In dem Moment, als ich mich herumdrehe, halte ich abrupt inne, sodass ich mich beinahe an der Cola verschlucke, und schaue ungläubig zurück.

Ein äußerst attraktiver Mann, den ich noch nie hier gesehen habe, blickt mir direkt in die Augen. Er lehnt mit verschränkten Armen nur einige Meter von mir entfernt an der Wand gegenüber und mustert mich ebenfalls neugierig. Trotz der schummrigen Beleuchtung kann ich sein leichtes Schmunzeln, das seine Mundwinkel umspielt, erkennen. Verlegen schaue ich schnell weg, viel zu schnell. Auffälliger konnte ich das Ganze nicht gestalten!

»Hey Süße!«, ertönt es neben mir und werde von der zuckersüßen Alice umarmt. »Bist du auch mal wieder da? Wie gehts dir? Wo ist Pete?«

»Draußen an der Bar«, lasse ich recht abfällig verlauten, nachdem ich mich kurz gesammelt habe.

»Na Gott sei Dank!«, ruft sie. Und schon schnattert die quirlige, schwarzhaarige Schönheit los. Verstohlen blicke ich wieder zu dem dunkelhaarigen Typ hinüber und bemerke, dass er mich unverhohlen von oben bis unten betrachtet. Fahrig streiche ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und versuche die plötzlich aufkommende Nervosität unter Kontrolle zu bekommen. Meine Hände zittern, als ich die Flasche auf den Tisch stelle. Was ist denn nur los mit mir? Ich muss mich auf der Stelle ablenken!

»Entschuldige, ich geh tanzen«, unterbreche ich hastig den nicht enden wollenden Redeschwall der Freundin und flüchte regelrecht auf die Tanzfläche. Normalerweise lasse ich niemanden einfach so stehen, aber dieses Mal muss ich es tun. Alice wird das sicherlich verstehen, wenn ich es ihr in einer ruhigen Minute erkläre.

Mal sehen, ob der alte Trick noch funktioniert, um herauszufinden, ob ich mir das nur einbilde oder er tatsächlich Interesse an mir zeigt. Ich positioniere mich so, dass er sich etwas vorbeugen muss, um mich beobachten zu können. Doch selbst nach einigen Minuten kann ich ihn nicht entdecken. Was solls, dann genieße ich eben seine Blicke, wenn ich wieder am Tisch stehe. Schulterzuckend drehe ich mich herum und tanze zu einem langsamen Lied.

Jemand tippt mir nach einer Weile auf die Schulter und ich mache kehrt, um die Person böse anzufunkeln; ich mag es nämlich gar nicht, wenn man mich beim Tanzen stört. Nur sehr wenige dürfen das und einer derjenigen steht vor mir. Ich muss meinen Kopf in den Nacken legen, um dem Hünen Adam in die Augen sehen zu können. Dieser nimmt mich lächelnd in den Arm und hebt mich hoch. Laut aufquiekend schlinge ich meine Arme um seinen Hals und knuddle ihn.

Adam ist mit seinen 48 Jahren einer der Ältesten unter den Stammgästen und ein langjähriger Bekannter, den ich bloß hier antreffe. Seitdem ich mit Pete zusammen bin, sehe ich ihn deshalb nur noch selten. Es ist immer spaßig, seinen Geschichten zu lauschen, die stets lustiger werden, je später der Abend wird und desto mehr Guinness er intus hat. Aber er ist selbst nach Stunden noch so klar, dass er beim nächsten Treffen weiß, was er wem erzählt hat.

»Hey Abby, schön dich mal wieder zu sehen!«, sagt er freudig und stellt mich wieder auf den Boden zurück. »Lass dich nicht aufhalten. Ich wollte dich nur begrüßen.«

Damit zieht er sich zurück und während ich wieder zu tanzen beginne, bemerke ich zufällig, dass der Schönling mich nun doch anschaut. Wie erwartet, muss er sich etwas zur Seite lehnen, um mich zu beobachten. Triumphierend senke ich den Kopf. Ja, ich habe mir das also doch nicht eingebildet!

Aber was mache ich nun mit der Tatsache, dass er anscheinend Interesse an mir zeigt oder ich zumindest seine Neugier geweckt habe? Ich kann ihn ja schließlich kaum anquatschen. Pete würde vor Wut rasen und mich unter Dauerbeobachtung stellen, mich keine Sekunde mehr aus den Augen lassen. Das wäre mehr als peinlich und der Abend wäre somit gelaufen. Verzweifelt überlege ich hin und her, komme zu keinem Schluss.

Kurz schaue ich auf und unsere Blicke begegnen sich erneut. Sein Gesicht zeigt keinerlei Regung, ich kann plötzlich nicht mehr sagen, ob er angetan ist oder ob es doch nur meine Einbildung ist. Vielleicht ist es Zufall und es steckt nichts dahinter. Das kenne ich von mir selbst, bloß keine Emotionen zeigen, um nichts zu provozieren. Mir ist es eigentlich auch egal, aus welchem Grund er mich gerade ansieht, seine Blicke tun mir einfach gut.

Auf einmal wendet er sich ab. Aus Gewissensgründen? Aus Desinteresse? Wie jung mag er wohl sein? Er wirkt wie Anfang dreißig, aber es ist dunkel und er ist zu weit weg, da kann man so etwas schwerlich einschätzen. Stopp! Was mache ich denn nur? Wieso frage ich mich, was er denkt und wie alt er ist? Bin ich nun vollkommen durchgeknallt?

Verloren drehe ich mich wieder herum, um ihn nicht weiter anzustarren. Doch nur weil ich ihn nicht mehr betrachte, heißt das nicht, dass ich nicht mehr an ihn denken muss, er nicht mehr vor meinem geistigen Auge auftaucht. Wie kann es sein, dass ein Wildfremder, den ich noch nie zuvor gesehen habe, mich innerhalb von Minuten so sehr in ein Gedankenchaos versetzen kann?

Okay, Abby. Ruhig bleiben! Ich plustere meine Wangen auf und presse die Luft stoßartig aus meinen Lungen. Vielleicht ist er ja auch mit seiner Freundin hier, die nur gerade anderweitig beschäftigt ist, womöglich sogar mit mir auf der Tanzfläche steht. Oder er ist ein Idiot, mit dem ich niemals etwas zu tun haben möchte. Eventuell ist er auch ein Macho, der reihenweise Frauen flachlegt und nur in einem neuen Revier wildert, um ein neues Opfer zu suchen, was ich total abtörnend finden würde. Mein Hirn rattert, arbeitet auf Hochtouren, Hauptsache, ich finde einen absurden Grund, warum ich ihn überhaupt nicht leiden kann. Was ist, wenn er ein toller Küsser ist?

Ah! Ich muss hier raus an die frische Luft. Sofort! Noch bevor das Lied zu Ende ist, quetsche ich mich an wogenden Körpern vorbei. Manch einer würde mich wahrscheinlich am liebsten töten, mir aber völlig einerlei. Da ich Alice auf die Schnelle nicht entdecken kann, gehe ich weiter. Als ich an ihm vorbeieile, bemerke ich aus dem Augenwinkel, dass er mich verwundert anstarrt und somit doch eine Reaktion zeigt. Verdammt, was soll ich nur tun? Immerhin bin ich gebunden, ich kann nicht mit einem anderen Mann flirten! Das verbietet mir meine momentane Moral, selbst mit den Augen ist dies ein Tabu. Obwohl ich so etwas sehr gerne tat, vor Pete. Hastig gehe ich zur Garderobe, um meine Jacke aufzulesen und mir überzustreifen.

»Hey! Ohne mich?«, vernehme ich plötzlich Petes Stimme hinter mir. Instinktiv verdrehe ich die Augen, warum muss er mir immer und überallhin folgen? Kann ich nicht einmal den Raum ohne ihn verlassen? Ich brauche gerade Ruhe und nicht sein nerviges Getue. Nicht jetzt!

»Ich wollte euer Gespräch nicht unterbrechen«, rechtfertige ich mich leise. Gut, dass ich ihn tatsächlich vor wenigen Sekunden mit jemandem unterhalten gesehen habe.

»Nerv ich dich etwa?«, erwidert er sofort gereizt.

Was soll das nun wieder? Wieso kann ich jetzt nicht einfach hinausgehen, um eine zu rauchen? »Nein, ich wollte dich nur nicht stören«, wiederhole ich schwach.

»Ich komme mit.« Doch damit ist es nicht getan, er muss sich erst anziehen, sehr langsam, und ich sollte den Club jetzt nicht ohne ihn verlassen, ein Krach wäre sonst vorprogrammiert. Eigentlich will ich nicht auf ihn warten, ich wollte doch nur an die frische Luft. Pete richtet sorgfältig seine Kapuze, zupft hier und da an sich herum, schaut immer wieder zu mir, um in meinem Gesicht eine Reaktion ablesen zu können. Bilde ich mir das ein oder sucht er nach einem Grund, um meckern zu können? Unvermittelt fällt mir wieder der süße Typ ein und eine leichte Röte steigt in mein Gesicht.

»So warm da drüben?«, fragt er mich belanglos.

Aufseufzend drücke ich die Tür auf und gehe voraus, ich kann nicht mehr warten, ich muss hier raus.

»Hey! Warum antwortest du mir nicht?«, fragt er mich erzürnt, als er mir hinterhereilt.

Am liebsten würde ich losrennen, ihn einfach stehen lassen. »Na klar ist es drinnen warm«, antworte ich, obwohl ich ihn vorzugsweise anschreien möchte. Aber ich hasse öffentliche Szenen, im Gegensatz zu ihm. Er liebt die Aufmerksamkeit, die er damit erregen kann.

Mit zitternden Fingern zünde ich mir eine Zigarette an, ignoriere dabei sein hingehaltenes Feuerzeug. »Dann eben nicht, Emanze«, fährt er mich an. Wenn er das sagt …

Zum Glück gesellt sich Tom einige Augenblicke später zu uns und lenkt Petes Aufmerksamkeit auf sich. Bibbernd hüpfe ich von einem Bein aufs andere. Normalerweise würde er mich jetzt ungefragt an sich drücken, doch da er nun Unterhaltung hat, interessiert er sich momentan nicht für mich. Das soll mir auch ganz recht sein. Nach zehn Minuten verkünde ich, dass ich wieder hineingehe, da es mir zu kalt wäre. Was ja stimmt, doch im Grunde genommen, möchte ich den Fremden wiedersehen. Desinteressiert nickt Pete, klatscht mir beiläufig einen Kuss auf die Lippen. Wie ich das hasse!

Ich drehe mich zur mittlerweile geöffneten Tür um und sehe den Typ mit einem desillusionierten Gesichtsausdruck darin stehen. Verdammt! Er hat den Kuss gesehen, das war’s dann wohl.

Beschämt senke ich den Blick und murmle: »Danke«, und husche schneller als gewollt in den Club. Im Vorbeigehen komme ich ihm sehr nahe und bemerke einen fantastischen Duft. In diesen Millisekunden schließe ich unwillkürlich die Lider, als ob ich diesen Geruch abspeichern könnte. Drinnen drehe ich mich noch einmal nach ihm um und bemerke, dass er grün-braune Augen hat, die mich unvermittelt anlächeln. Sein Haar ist dunkelbraun, fast schwarz und sein schöner Mund …

Aufseufzend löse ich meinen Blick von ihm und gehe zur Garderobe, um meine Jacke abzulegen. Als ich auf dem Weg zur Bar wieder am Eingang vorbeigehe, ist er verschwunden. Aus unerfindlichen Gründen hoffe ich, dass er noch nicht gegangen ist. Wieso klammere ich mich auf einmal an einen mir völlig unbekannten Kerl? Bin ich wirklich schon so verzweifelt? Zumal wir uns wahrscheinlich niemals unterhalten werden. Hm, aber er soll mich doch einfach nur weiter anschauen.

So ein Unsinn, schelte ich mich selbst und gehe wieder in die Halle, in der die Bässe hämmern. Nach meiner Flasche greifend blicke ich mich um. Alice tänzelt ausgelassen auf mich zu. »Boah, ist das heute voll!«, ruft sie mir zu, um die laute Musik zu übertönen.

Da hat sie allerdings recht, es ist wirklich ungewöhnlich voll. Dann tanzen wir eben hier auf der Stelle, diesbezüglich kennen wir nichts, die Stammgäste sind das auch bereits von uns gewohnt. Ausgelassen bewegen wir uns neben dem Tisch, wobei ich mich immer wieder umblicke, ob ich ihn nicht irgendwo entdecke, doch er bleibt verschwunden. Mit keinem Wort erwähne ich Alice gegenüber diesen Typen, sie fragt aber auch nicht, was vorhin los war. Es war sicherlich eh alles nur Einbildung, er war einfach bloß nett und hat mich angelächelt.

Nach und nach leert sich der Club etwas und wir haben wieder mehr Platz für uns. Es ist mittlerweile kurz vor zwei. Bald wird Pete mit einem langen Gesicht hinter mir stehen und immer wieder entnervt auf die Uhr blicken. Dieser wortlose, immense Druck lässt meine Laune jedes Mal ins Bodenlose sinken. Unverhofft zieht Alice mich auf die noch immer gut gefüllte Tanzfläche.

Ob dieser Typ ebenfalls tanzt? Und wenn ja, wie würde das wohl wirken? Wie oft musste ich belustigt feststellen, dass ein Mann, der einigermaßen gut aussah, sich überhaupt nicht im Takt bewegen konnte oder so sehr herumhampelte, dass ich mir das Lachen regelrecht verbeißen musste. Doch das werde ich heute wohl nicht mehr herausfinden, leider. Etwas enttäuscht lasse ich mich lustlos zur Musik treiben. So etwas kommt wirklich sehr selten vor. Ob er noch einmal auftauchen wird, irgendwann? Hoffentlich!

Bedrückt verlasse ich nach einiger Zeit wieder die Tanzfläche, um mich zu Pete zu stellen, der mittlerweile an unserem Platz steht. Und schon tippt er auf seine Uhr, er will fahren. Na gut, heute werde ich eh keinen Spaß mehr haben, da der Fremde mich zu sehr an sich gefesselt hat, sodass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen und mich selbst die Musik nicht einmal mitreißen kann. Das ständige Absuchen des Clubs macht es auch nicht besser. Er ist schlicht und ergreifend nicht mehr da. Aber noch immer trage ich diesen Wunsch im Herzen, das er eines Tages wieder auftauchen wird. Obwohl … Ach verdammt!

Auf der Heimfahrt herrscht Stillschweigen, worüber ich mehr als froh bin, denn so kann ich in Gedanken dem süßen Typen nachhängen. Leise seufze ich auf, als mir wieder klar wird, dass er mich beim Küssen gesehen hat und anscheinend danach enttäuscht von dannen gezogen ist. Warum schießen mir jetzt Tränen in die Augen? Das kann doch nicht wahr sein! Verzweifelt versuche ich gegen das Chaos in meinem Kopf anzukämpfen. Ich muss endlich in mein Bett, um ihn überwinden zu können. Die Nacht wird fürchterlich werden, aber danach werde ich ihn bestimmt so gut wie vergessen haben, da bin ich mir sicher. Morgen sieht alles anders aus.

Gerade bin ich mal wieder mehr als froh darüber, dass wir seit Jahren in getrennten Zimmern schlafen. Pete hatte mir vorgeworfen, ich würde ihn zu sehr herumschubsen, wenn er schnarcht. Was stimmt, denn sein lautes Schnarchen machte mich damals wahnsinnig, ließ mich keine Nacht mehr durchschlafen. Jeden Morgen war ich wie gerädert und gereizt. Heute ist mir diese Tatsache mehr als recht. Herrje, wieso habe ich auf einmal solch bösartige Gedanken?

Kaum halten wir vor unserem Haus, steige ich aus. Der kalte Wind lässt mich auf der Stelle wieder zur Besinnung kommen. Als wir das Haus betreten, drängt Pete mich gegen die Kommode und beginnt mich abzuschlabbern. Augenblicklich fühle ich mich ausgeliefert, komme weder vor noch zurück. Unbewusst macht sich Abscheu in meinem Gesicht breit und sofort stößt er mich von sich.

»Na dann mal wieder nicht. Wann willst du mal wieder ficken? Mir steht das Weiße schon in den Augen«, keift er bissig und findet seinen Spott auch noch lustig. »Dann muss ich eben wieder selbst Hand anlegen. Willst du zuschauen, vielleicht törnt dich das ja an?«

Seine Worte verletzen mich, ich will ihn anbrüllen, doch keine Silbe verlässt meine Kehle. Ich bin wie gelähmt, will nur noch hinauf in mein Zimmer, will mich zurückziehen. Er wettert immer weiter, lässt mich nicht gehen.

»Ich bin müde, Pete. Bitte, ich möchte ins Bett«, bettle ich ihn nach einer Weile regelrecht an.

Abwinkend geht er wütend nach oben in sein Zimmer. Erleichtert lehne ich mich gegen die Kommode und atme tief durch. Das war verdammt knapp. Geräuschlos ziehe ich die Jacke und Stiefel aus, damit ich ihn nicht noch einmal auf mich aufmerksam mache und gehe hinauf, um mich abzuschminken. In meinem Zimmer ziehe ich mich um und schlüpfe anschließend unter die wärmende Decke, wickle mich regelrecht darin ein. Hoffentlich kann ich schnell einschlummern.

Doch je mehr man um Schlaf bemüht ist, desto wacher und aufgedrehter wird man, das ist immer so. Denn kaum schließe ich meine Augen, sehe ich den Schönling vor mir. Sein süßes Lächeln, seine tollen Augen, seinen Duft. Immer wieder schalte ich das Licht ein, um zu lesen. Was mich kurzfristig auch ablenkt, doch an Schlaf ist bis in die frühen Morgenstunden nicht zu denken. Erst nach stundenlangem Herumwälzen dämmere ich endlich mit einem letzten Gedanken an den schönen Unbekannten fort.

2

I

ch vergaß die Jalousien herunterzulassen. Zum ersten Mal seit Wochen scheint die Sonne und genau heute mitten in mein Gesicht. Missmutig kehre ich dem Fenster den Rücken und zähle sinnloserweise die Muster auf meinem Kissen, nur um nicht aufstehen zu müssen.

Jeder Sonntag verläuft ähnlich; erst fläzt er mit seinem Handy auf dem Sofa, zappt sich anschließend durch die Fernsehprogramme, um sich einen Mist nach dem anderen anzusehen und schnauzt mich nach Stunden an, warum ich nicht mit ihm kuschle, sondern in meinem Arbeitszimmer am Rechner sitze oder nähe.

Wenn ich dann doch mal einen Sonntag neben ihm auf der Couch Platz nehme, langweile ich mich zu Tode, da mich seine merkwürdigen Männerserien nicht die Bohne interessieren. Am Anfang war es ja noch amüsant, da es mal etwas Neues war, aber mittlerweile sind sie nur noch trivial oder er schaut sich tatsächlich die Wiederholung der Wiederholung an. Nach einigen Stunden meint er dann meistens, dass wir uns irgendeinen grottenschlechten Film anschauen könnten, zumindest empfinde ich seine vorgeschlagenen Werke als solche, denn sie sind genauso langweilig wie er. Also versuche ich mich meist um einen gemeinsamen Sonntag zu drücken.

Wie erwartet schläft er noch, als ich in die Küche herunterkomme. Wieder darf ich alles allein machen. Während der Kaffee vor sich hin tröpfelt, drehe ich das Radio auf und putze summend die Küche. Da ich morgens nie etwas esse, schenke ich mir nur eine Tasse ein und setze mich nach getaner Arbeit an den Küchentisch. Rauchend lese ich in dem Buch weiter, welches ich bereits in der Nacht begonnen hatte.

Nach knapp einer Stunde kommt Pete nur in Unterhose bekleidet in die Küche geschlurft und kratzt sich erst einmal demonstrativ vor mir im Schritt. Sehr sexy, schießt es mir durch den Kopf und wende mich angewidert ab.

»Gu’n Morng«, nuschelt er gähnend.

»Guten Morgen«, erwidere ich und bin von seinem fast nackten Anblick nicht unbedingt beeindruckt.

Er denkt noch immer, dass er gut gebaut ist. Ja, er ist groß, aber seine Proportionen stimmen nicht. Sein Bauch wackelt, als er sich zu mir hinunterbeugt, um mich feucht zu küssen. Dabei schiebt er mir die Zunge beinahe bis zum Anschlag in den Hals.

Ich weiß selbst, dass ich nicht mehr die Schlankeste bin, was auch daran liegt, dass mein einziger Sport das Tanzen und Schwimmen war, was ich ja nun nicht mehr machen kann oder darf. Denn weggehen will er sehr selten und schwimmen hasst er. Und allein darf ich nicht. Halb nackt vor anderen herumturnen, hatte er einmal verlauten lassen. Ja, soll ich im Ganzkörperanzug schwimmen gehen? Manchmal komme ich mir wie im Mittelalter vor.

Seit Monaten will ich wenigstens zu Hause Sport treiben, aber ich kann mich nicht zu diesen stupiden und monotonen Übungen hinreißen lassen, die ich zudem für absolut affig halte.

Pete stakst barfuß über den kalten Küchenboden und schenkt sich Kaffee ein. Seine Frisur ist zerzaust, ebenso wie sein ungepflegter Bart, den er sich seit Wochen wachsen lässt. Wenn ich mir vorstelle, dass er mit dem kratzigen Ding unten an mir rummacht … schnell schüttle ich jeden weiteren Gedanken ab. Wieso kommen mir seit einiger Zeit vermehrt solche gehässigen Eingebungen hoch?

Seit Monaten versuche ich mir vorzustellen, wie es wäre, mich von ihm zu trennen. Und immer öfter komme ich zu dem Schluss, dass es sein muss, auch wenn es alles andere als einfach werden wird. Aber ich muss hier raus, weg von ihm. Seine Psychospielchen machen mich krank, wirklich seelisch krank. Bis heute weiß ich noch nicht wann und wie. Planen tue ich es nicht, irgendein Wink des Schicksals wird mir schon aufzeigen, dass der richtige Zeitpunkt da ist.

Plump lässt er sich auf den Stuhl mir gegenüber fallen, reißt mich damit aus meinen Überlegungen. Dabei entfleucht ihm ein Lüftchen, innerlich schüttle ich mich, er ist einfach nur noch widerlich! »Tschuldige, aber das muss raus«, meint er beinahe vorwurfsvoll.

Warum er mich anblafft, weil er seine Körperfunktionen nicht unter Kontrolle hat, wird mir ein Rätsel bleiben, denn das tut er immer.

»Und heute wieder PC«, fragt er abfällig, »oder meinst du, wir schaffen es mal einen Tag zusammen zu verbringen?« Und wie immer schwingt dieser missbilligende Tonfall mit.

»Was hast du denn geplant?« Ich versuche interessiert zu klingen, obwohl ich jetzt schon weiß, wie der Tag enden wird, wie immer.

»Du sollst auf meine Fragen nicht immer mit einer Gegenfrage antworten! Ich hasse das!« Erbost knallt er die Tasse auf den Tisch, sodass der Kaffee überschwappt. »Warum soll ich mir immer was einfallen lassen? Jedes Mal, wenn ich was vorschlage, jammerst du eh nur wieder rum, dass dir dies oder jenes nicht gefällt.«

Da hat er ausnahmsweise recht, aber nur, weil unsere Interessen so weit auseinanderliegen, dass wir uns niemals einig werden können, welchen Film wir beispielsweise anschauen wollen. Meist endet es damit, dass wir erst seine merkwürdigen Komödien ansehen, mit denen ich gar nichts anfangen kann und danach einen meiner DVDs, bei denen er grundsätzlich einschläft. Bei Thrillern oder Action einschlafen, am helllichten Tag!

»Okay, hm. Alien?« Der geht immer, denke ich mir und der gefällt ihm angeblich auch.

»Ach nee.« Und er schlägt wieder einen dieser langweiligen Filme vor. Abermals bestimmt er, was wir schauen, aber erst einmal Theater machen. Seufzend stimme ich zu und er erhebt sich, fasst sich wieder an seinen Sack. Wieso tut er das immer dann, wenn er vor mir steht, also direkt vor meiner Nase? Es kann nur Absicht sein, obwohl er mehrfach das Gegenteil behauptet hatte. Grinsend verschwindet er ins Bad. Ekliger Mistkerl. Hoffentlich lässt er mich heute in Ruhe.

Er kann sich keine halbe Stunde beherrschen. Sein Drängen ist widerwärtig und alles andere als sinnlich oder verführerisch. Nachdem ich einsehe, dass er die nächste Zeit nicht von mir ablassen würde, ergebe ich mich ihm widerwillig, in der Hoffnung, dass er mich tatsächlich ein paar Tage in Ruhe lässt.

Pete zerrt an meiner Jeans, ich lasse ihn gewähren, ich werde aber keinen Finger rühren, denn ich habe keinerlei Lust auf ihn, warum soll ich ihm also auch noch helfen. Er versucht mich mit zusammengekniffenen Augen sinnlich anzuschauen, es bleibt nur bei dem Versuch, denn nichts an seinem Antlitz ist betörend. Verführung ist seit Jahren Fehlanzeige, denn kaum hat er mir meine Hose samt Slip abgestreift, steckt er seine Finger in mich. »Warst schon mal feuchter«, meint er. Oh ja Baby, ich steh auf deine Anmachsprüche! Ihm zum tausendsten Mal zu erklären, dass man eine Frau erst einmal anheizen sollte, damit sie erregt ist, macht keinen Sinn, also lasse ich es seit Jahren.

Minutenlang schiebt er seine Finger in mich, leckt und reibt wie immer an den falschen Stellen. Ich recke ihm nach einer gefühlt endlosen Zeit mein Becken entgegen, damit er endlich loslegt. Hastig entkleidet er sich, schiebt mein Shirt nach oben, um meine Brüste zu kneten und auf meinen Brustwarzen herumzubeißen. Nur zu gut weiß er, dass ich nicht darauf stehe, aber es ist ihm egal.

»Hm?«, ertönt es aus seinem Mund. Ich hasse es, denn das bedeutet immer, dass er nicht weiß, was er machen soll. Er erwartet meist, dass ich die Führung übernehme und er sich bedienen lassen kann. Das mache ich allerdings seit Jahren nicht mehr. Wenn er was von mir will, muss er sich bemühen.

Während er in mir herumstochert, denke ich verzweifelt an den süßen Typen aus dem Club. Versuche mir dabei vorzustellen, wie es mit ihm wäre, wie er mich sinnlich küsst. Ich nutze die Erinnerung an ihn, um mich selbst etwas anzuheizen. Irgendwie kommt das Gefühl in mir auf, als ob ich ihn missbrauchen würde. Verloren seufze ich innerlich auf. Pete merkt nicht einmal, dass ich meine Augen geschlossen halte, da er eh nebenbei in den Fernseher starrt. Eigentlich fehlt nur noch ein Bier, um das Ganze abzurunden.

Dann dringt er in mich ein. Ich spüre ihn kaum, weil er einen ziemlich kleinen Schwanz hat und immer den falschen Winkel nutzt. Sex ist für mich eine Farce geworden, es macht keinen Spaß, es bringt mir nichts und es ekelt mich an. Also lasse ich es über mich ergehen. Nachdem er, wie gewöhnlich, schnell fertig ist, ziehe ich mich rasch an. Ich kann mir bei ihm nicht einmal das holen, was ich brauche. Denn, sobald ich etwas stürmischer werde, um ebenfalls etwas in den Genuss zu kommen, spritzt er sofort ab und will anschließend noch mal, was ich aber unbedingt vermeiden will, da das zweite Mal immer länger dauert und er sich dabei grundsätzlich bedienen lässt.

Seine Fragerei währenddessen, ob es gut sei, geht mir gehörig auf den Keks. Deshalb antworte ich entweder gar nicht und tue so, als ob ich es nicht gehört hätte oder reagiere mit einem knappen Ja. Natürlich ist es mies und langweilig, aber das werde ich ihm nicht immer und immer wieder sagen. Ich bin schließlich nicht seine Lehrmeisterin auf Lebenszeit, die ihm alles erklären oder beibringen muss, obwohl ich es ihm schon tausendmal gezeigt und beschrieben habe.

Er will es nicht verstehen, das ist zu viel Arbeit. Ganz am Anfang hatte er noch versucht mich glücklich zu machen, doch das wurde ihm irgendwann zu viel. Hauptsache er kommt innerhalb von Minuten zum Höhepunkt, was mir allerdings seit Jahren recht ist, denn mehr als diese zehn Minuten würde ich auch nicht mehr ertragen.

»Ich geh duschen«, sage ich und will mich an ihm vorbei schlängeln. Doch da habe ich nicht mit Petes Bedürfnis nach vermeintlichen Kuscheleinheiten gerechnet.

»Halt! Komm her.« Er zieht mich lüstern an sich und fasst mir an die Brust. »Ich liebe deine Titten!«

Toll, Danke auch, ich habe ja sonst keine Körperteile, an denen ich zu gern einmal berührt werden möchte, weil es einfach guttut und mir ein Gefühl der Geborgenheit und des Geliebtwerdens vermitteln würde. Kaum gedacht greift er mir an den Po. »Und deinen dicken Hintern.«

Er zwickt und knetet ihn. »Aber weißt du«, beginnt er erneut, »man merkt, dass du alt wirst.« Geschockt starre ich ihn an. Habe ich mich gerade verhört? Doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, zucke ich heftig zusammen. Er greift mir tatsächlich in den Schritt und fährt an der Naht entlang. »Aber deine Muschi mag ich am meisten.« Tränen schießen mir in die Augen, das ist zu viel des Guten. Hastig versuche ich mich aus seinem Griff zu winden, um nach oben zu eilen.

»Hey! Hast du nicht was vergessen?« Damit packt er meinen Hinterkopf und schiebt damit mein Gesicht zu sich. Und wieder drängt er seine Zunge zwischen meine Lippen. Er spielt nicht, so wie ich es mir wünsche, im Gegenteil, seine Zunge rotiert wild in meinem Mund herum. Wenn es nach ihm ginge, würde das Ganze minutenlang andauern, doch das konnte ich ihm wunderlicherweise, aber zu meinem Glück gleich zu Beginn schnell abgewöhnen, da Schnappatmung mich nicht unbedingt antörnte.

»Okay, ich geh mal hoch, schau du ruhig weiter. Ich kenn den Film ja schon«, versuche ich so ruhig wie möglich zu sagen, obwohl ich mir am liebsten auf der Stelle den Mund auswaschen würde.

»Lass dir Zeit, ich zocke dann noch.« Dabei schaut er mich nicht einmal mehr an. Er hat bekommen, was er wollte, nun kann ich verschwinden. Immer wieder komme ich mir wie eine Hure vor, die er benutzen kann, um mich danach wegzuschmeißen oder zu demütigen. Aber ist es nicht genau das, was ich seit Jahren provoziere?

Sobald er sich abgewendet hat, haste ich nach oben und schließe mich im Badezimmer ein. Duschen werde ich tatsächlich und zwar ausgiebig, da sein Schweiß noch immer an mir klebt. Angewidert entkleide ich mich, um in die Duschkabine zu steigen. Das heiße Wasser tut meiner geschundenen Seele gut. Schon allzu oft habe ich das anschließende Ritual hinter mir, ich fühle mich benutzt und muss diesen Schmutz von mir herunterschrubben, bis meine Haut feuerrot ist.

Doch heute ist es besonders schlimm. Einige Striemen zieren bereits meinen Oberkörper, doch ich kann nicht aufhören, selbst als ich vor Schmerzen zusammenzucke, während ich immer und immer wieder über die offenen Wunden schrubbe. Tränen rinnen meine Wangen herab, vor allem wegen dem seelischen Schmerz. Wie lange werde ich das noch durchstehen können?

Ich bin auch nicht fehlerfrei, das weiß ich selbst, ich habe etliche Macken, wie diese, mir den Körper wund zu schrubben, wenn ich psychisch am Boden bin. Auch schimpfe ich wie ein Rohrspatz, wenn mir etwas gegen den Strich geht, oft auch viel zu voreilig. Eine weitere Marotte ist das zu intensive Grübeln, meist unbegründet und exzessiv.

Wenn mir etwas nicht schnell genug geht, werde ich unruhig und beginne an meinen Lippen zu knabbern. Ich mag mich selbst nicht im Spiegel anschauen, da ich mich als zu dick empfinde. Und ein ganz neuer Fehler hat sich nun auch aufgetan, ich vergucke mich viel zu schnell in wildfremde Männer. Nun muss ich doch wieder lächeln und der Gedankengang lenkt mich von dem Geschehenen ab.

Nach gut einer halben Stunde, greife ich nach meinem Handtuch und tupfe vorsichtig über die mittlerweile leicht blutenden Wunden. Sofort werfe ich das Badetuch in die Wäschetonne, ich will nicht, dass Pete meinen Schmerz entdeckt. Er würde mich doch nur wieder als abartig betiteln, wie allzu oft.

Was soll ich jetzt tun? Hinuntergehen will ich nicht. Da fällt mir ein, dass ich das Großprojekt weitermachen könnte. Es steht ein guter Gewinn ins Haus, wovon Pete natürlich nichts weiß, denn das könnte ein gutes Startkapital für mich sein. Mit dem Ersparten hätte ich insgesamt knapp 12.000 Pfund zusammen, was für einen Neuanfang reichen würde und ich hätte noch etwas Puffer für einen schlechten Neustart.

Zum zweiten Mal nähe ich ein außergewöhnliches Brautkleid, es ist zwar nicht meine Stärke, aber ich kann es ganz gut. Alice hatte mir diesen Auftrag vermittelt, wofür ich ihr unheimlich dankbar bin. Gemeinsam haben wir es so gedreht, dass ich etwas für sie anfertige, was sehr aufwendig ist. Und selbst wenn er das Kleid entdecken sollte, würde er es nicht mal als solches erkennen. Warum? Weil es ihn nicht interessiert, antworte ich mir selbst.

Ich besitze zwar eine Schneiderpuppe, benutze sie aber nur zum Fotografieren. Das ist mein Stil, der mich relativ bekannt gemacht hat, ich probiere die Kleidungstücke nie an der Puppe, ich arbeite nach Gefühl und das hat mich noch niemals im Stich gelassen. Der ultimative Test wird an der Frau selbst durchgeführt, dann erst nehme ich die Feinarbeiten vor. Denn somit können die Kundinnen einschätzen, wie meine Arbeit werden wird und können währenddessen Änderungen bestimmen. Dadurch habe ich schon so einige Kontakte geknüpft.

Zudem fertige ich sowieso keine 0815-Klamotten und es sind immer Einzelstücke. Das aktuelle Kleid entsteht aus schwarzer Spitze und blutrotem Taft. Es soll eine ungewöhnliche Hochzeit werden, nämlich eine Vampirhochzeit, ich freue mich jetzt schon auf die Fotos. Die passenden Accessoires wie Tasche, Stola, Armstulpen und Kopfschmuck habe ich bereits fertiggestellt.

Im Arbeitszimmer lege ich eine CD ein und drehe laut auf, um keinen Gedanken mehr fassen zu können. Musik lenkt mich meistens von meinem Gedankenchaos ab, weil ich mitsinge und somit gar nicht mehr überlegen kann. Sofort bin ich in meinem Element und komme bis zum Abend gut voran. Wenn ich so weiter arbeite, kann die Kundin das Kleid bereits nächste Woche anprobieren.

Als ich Petes Schritte auf der Treppe höre, versuche ich es so zu legen, dass er es nicht als solches erkennt. »Na? Wieder am Arbeiten? Ich dachte, wir wollten den Sonntag zusammen verbringen?«, fragt er gängelnd.

Ist das wirklich sein Ernst? »Du sagtest doch, dass du zocken wolltest?«, erwidere ich ruhig, obwohl ich gerade explodieren könnte.

»Ja und? Hätte ja sein können, dass du wieder runterkommst, dann hätte ich bestimmt die DVD eingelegt, die du sehen wolltest.«

»Echt? Cool, ich schneide noch schnell den Stoff zurecht, dann komm ich runter«, sage ich begeistert, da ich mich wirklich auf den Film freue.

»Na ja, dafür ist es aber schon ein bisschen spät, oder? Schau mal auf die Uhr.«

Kann er irgendwann mit seinen abartigen Spielchen aufhören? Zudem ist es noch nicht einmal 20 Uhr, wir hätten also genug Zeit! Dieses Hin und Her geht seit Jahren so. ›Ällabätsch, hättest du mal, dann könnten wir …‹ Es macht mich wahnsinnig. »Und was willst du dann jetzt von mir?«, entgegne ich nun doch sichtlich entnervt.

»Na, wenn du mal runtergekommen wärst, dann …«

»Ach hör endlich mit dem Mist auf, Pete!«, fahre ich ihn mit einem Mal an. Ich kann seinen verbalen Müll nicht mehr hören, es reicht mir schlagartig und ich bin selbst erstaunt.

»Was ist denn nun wieder los?«, fragt er mich allen Ernstes. »Und was habe ich jetzt wieder Falsches gesagt?« Er zieht die Worte gekünstelt in die Länge, um so seinem Unmut Ausdruck zu verleihen. Theatralisch holt er tief Luft und geht in die Hocke. Nein! Nicht jetzt! Wir werden im Moment keine unsinnige Diskussion starten, die eh wieder darauf abzielt, dass er heulend vor mir hockt und ich wie immer alle Schuld auf mich nehmen muss.

»Du hast nichts falsch gemacht, okay? Geh bitte, ich habe einen dringenden Auftrag. Tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe«, erwidere ich rasch und beuge mich vor, damit er mich endlich feucht küssen kann, was er, wenn auch widerwillig, sofort macht.

Kaum verlässt er vor sich hin schimpfend mein Zimmer, wische ich mir angewidert den Mund ab. Wie so häufig vernehme ich übelste gegen mich gerichtete Beleidigungen, doch diese prallen mittlerweile an mir ab. Zu oft habe ich diese schon zu hören bekommen.

Bereits zwei Stunden später kommt es zum großen Krach, wie fast jedes Wochenende, das bin ich gewohnt. Wieder geht es darum, warum ich keine Zeit für ihn finde. Pete hat im Endeffekt auch recht. Ich will nicht ständig für ihn da sein, zumal sich eh alles nur um das Thema Sex dreht. Er glotzt die heißen Frauen im TV an, nicht dass er gleich lossabbern würde, und macht sofort wieder Anspielungen. Diese sind aber mitnichten verführerisch, im Gegenteil. Das mag am Anfang einer Beziehung noch reizvoll und neu sein, aber doch nicht nach Jahren? Oder ticke ich da vollkommen falsch?

3

D

ie nachfolgenden Monate verflogen im Nu, für mich leider immer noch nicht schnell genug. Das Hochzeitskleid hatte ich zwischenzeitlich mit großer Begeisterung an die Kundin verkauft, seitdem konnte ich mich vor Aufträgen kaum retten. Zwar waren es meist Kleinigkeiten, aber dadurch war ich beschäftigt und konnte mir auf die Schnelle immer mehr ansparen, da ich so gut wie keine Materialkosten hatte. Und der beste Nebeneffekt war, dass die Zeit sehr schnell verrann.

Vor vier Wochen fand ich endlich, dank Alice, eine kleine Wohnung. Der Mietvertrag war ohne langes Überlegen unterschrieben. Nächste Woche kann und werde ich diese beziehen. Ab dem Zeitpunkt werden wir uns sehr oft sehen können, da sie nur zwei Häuser weiter wohnt. Endlich hatte ich mich dazu durchgerungen Pete zu verlassen und einen Schlussstrich zu ziehen. Nur weiß dieser davon nichts. Den Mut dazu brachte ich tatsächlich durch den Schönling im Club auf, wenn auch indirekt. Er inspirierte mich einfach dazu, selbst wenn er gar nichts dazu tat, denn das konnte er überhaupt nicht.

Natürlich hatte ich ihn, entgegen meiner Hoffnung, nicht vergessen. Und trotz dessen, dass ich ihn nicht wieder sah, obwohl ich zwischenzeitlich wieder im Club war, hatte er bei mir solch einen enormen Eindruck hinterlassen, dass ich ihn als meinen Wink des Schicksals sah und mich dazu entschloss, auf Wohnungssuche zu gehen. Natürlich tat ich es nicht für ihn, sondern für mich allein, für meine Zukunft.

Seit der Zusage traf ich mich heimlich tagsüber mehrfach mit Alice, um alles durchzuplanen. Sie war entsetzt, als ich ihr das erste Mal ausführlich erklärte, was die letzten Jahre alles vorfiel. Unverzüglich kontaktierte sie Tom, um ihm alles zu berichten, mit meiner Zustimmung, womit ich mich allerdings schwertat. Denn über meine Probleme zu reden fiel und wird mir immer schwerfallen. Nun hilft auch er mir beim Umzug, da konnte ich gar nicht widersprechen. Und das alles unter der Woche. Das wird noch was werden, denke ich schmunzelnd.

Für den Auszug haben wir bloß wenige Stunden Zeit, da ich Pete nach wie vor kein Sterbenswörtchen gesagt habe. Nur zu gut weiß ich, dass er mich noch am selben Tag auf die Straße setzen würde und dann könnte ich lange auf meine Sachen warten. Damit hatte er mir nämlich von Anfang an gedroht. Schluss heißt Schluss, mit sofortigen Konsequenzen. Und er wird dieses Haus nicht freiwillig verlassen. Zudem kann ich mir die Miete gar nicht leisten.

Panik kriecht in mir hoch und lässt meinen Atem stocken. Jetzt nur nicht durchdrehen! Mein Puls rast, ich muss mich beruhigen, sofort! Ich drehe die Musik laut auf und lehne mich mit geschlossenen Augen in meinem Schreibtischstuhl zurück. Atmen! Ganz tief hole ich Luft, halte sie kurz an. Langsam wird es besser. Warum passiert das in letzter Zeit nur so oft? Ist es eher die Angst oder doch die Aufregung?

Gerade jetzt kann ich keine Attacke gebrauchen, da wir heute in den Club gehen. Eigentlich wollte ich gar nicht, aber Alice hat mich dazu überredet. Nun muss ich mich doch noch einmal mit ihm zeigen. Ob das gut geht? Ich hoffe es, da ich gerade jetzt keine weitere Szene möchte. Warum habe ich mich auch von der Freundin breitschlagen lassen. Kurz überlege ich, ob ich das Ganze nicht absagen sollte, verwerfe diesen Gedanken aber gleich wieder. Schließlich kann ich Pete kaum sagen, dass ich jetzt doch keine Lust habe wegzugehen. Das würde ihn nur misstrauisch machen.

Na gut, dann werde ich mich langsam fertigmachen. Mir ist es völlig egal, wie lange er brauchen wird. Diese aufkommende Gleichgültigkeit lässt mich ganz ruhig werden, sodass ich schneller fertig bin als gedacht. Ich blicke auf die Uhr, es ist erst kurz nach neun. Hm, was soll ich jetzt mit der noch verbleibenden Zeit anfangen? Mit dem Mobiltelefon in der Hand gehe ich nach unten und schreibe Alice eine Nachricht.

Im Vorbeigehen fällt mir auf, dass Pete bereits im Bad ist, das Wasser läuft. Wie kommt’s? Er wird doch nicht etwas ahnen? Quatsch, sonst würde er sich erst gar nicht fertigmachen, oder? Verwundert zünde ich mir in der Küche eine Zigarette an, als mein Smartphone vibriert. Alice schreibt: »Nein, Süße. Du kommst! Vergiss es, du hast Lust zu haben! Aus, Ende, fertig, verstanden? Bis dann, hab dich lieb.«

Kichernd antworte ich: »Jawoll Ma’am! Aber mal davon abgesehen, kann ich ab nächste Woche immer, wenn ich möchte. Also warum ist dir das heute nur so wichtig?«

Keine zwei Minuten später folgt die Antwort: »Weil ich das sage und weil … Ach, du wirst schon sehen. Auf gehts, Party!«

Bevor ich antworten kann, steht Pete hinter mir. Fix und fertig angezogen. Das gibts doch nicht! So schnell war er noch nie fertig! Was ist nur los? Erst die ominösen Zeilen der Freundin, dann ist er auch noch so geschwind fertig. Hängt das zusammen? Nein, das glaube ich nicht, da Alice jeglichen Kontakt zu ihm abgebrochen hatte, nachdem sie all die Geschichten über uns erfuhr.

Hastig schlüpfe ich in meine Jacke und Stiefel, stecke mein Handy und die Zigarettenschachtel ein. Vorsichtshalber nehme ich noch Geld mit. Ich will nicht auf ihn angewiesen sein. Dann folge ich ihm zu seinem Auto. Er ist ungewöhnlich still. Was ist nur los? Plötzlich fällt mir wieder ein, dass heute eine etwas andere Veranstaltung stattfindet. Es werden vermehrt alte Sachen gespielt, die sogar ihm gefallen. Vielleicht wird es tatsächlich ein entspannter Abend? Die Hoffnung stirbt ja erfahrungsgemäß zuletzt.

Max, der Türsteher, umarmt mich überraschend zur Begrüßung. Wir kennen uns eine halbe Ewigkeit, haben aber so gut wie nie miteinander gesprochen. Unterdessen Pete hineingeht, hält er mich überraschend fest.

»Viel Spaß Abby.« Dabei zwinkert er mir verschwörerisch zu. Verwirrt gehe ich hinein, das hat er noch nie zu mir gesagt. Jetzt reicht es, ich muss auf der Stelle Alice suchen, denn irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht, etwas ist im Busch.

Während ich meine Jacke abstreife, die ich heute tatsächlich einmal aufhängen kann, geht Pete bereits an die Bar. Als ich ihm folge, sehe ich, dass er sich mit mehreren Leuten unterhält. Er hat also etwas mit Bekannten ausgemacht, darum hatte er es so eilig, es hatte demnach gar nichts mit mir oder uns zu tun. Ein schwerer Brocken fällt mir vom Herzen und macht Platz für eine unsägliche Erleichterung. Dann habe ich tatsächlich einige Zeit für mich.

Der Barkeeper stellt mir ungefragt eine Cola auf den Tresen, er kennt mich lang genug. Dankend zahle ich und schlendere in den Tanzbereich hinüber. Da es dank dieser Uhrzeit nicht einmal annähernd voll ist, kann ich Alice schnell ausfindig machen.

»Was ist hier los?«, frage ich sie, anstatt sie zu begrüßen, während sie mich umarmt.

»Was soll denn los sein?«, entgegnet sie verwirrt.

»Nun tu bloß nicht so!«, sage ich etwas aufgebracht.

»Sei doch nicht gleich sauer, Süße.«

»Dann sag mir, warum Max mich so komisch angequatscht hat und warum du mir so eine ominöse Nachricht schickst.« Demonstrativ verschränke ich meine Arme vor der Brust und wippe theatralisch mit meinem rechten Fuß.

»Okay, okay. Ich sag’s dir. Aber du musst mir versprechen nicht böse zu werden.«

»Ich versuch’s.« Gespannt blicke ich sie an und mache mich auf das Schlimmste gefasst.

»Mich hat letzte Woche ein Typ angesprochen. Hier, im Club. Er wollte wissen, wann du wieder auftauchst und …«

»Bitte was? Wer?«, unterbreche ich sie beunruhigt.

»Du kennst ihn nicht.«

»Du aber?«

»Nein. Na ja … also nicht direkt.«

»Wie kommt er dann darauf dich anzusprechen? Ist er heute da?« Das ist mir ja noch nie passiert. Nun ist meine Neugier geweckt, ich will alles wissen.

»Ja, er ist da, darum hab ich dir auch geschrieben, dass du kommen sollst«, verkündet sie grinsend. Reflexartig blicke ich mich um. »Du sollst jetzt nicht wie eine Irre herumschauen! Das ist nicht gerade unauffällig. Er meinte, dass er uns zusammen gesehen hatte, deshalb sprach er mich auch an.«

»Wie sieht er aus?«

»Gut! Sehr gut sogar.«

Das ist alles? »Ach komm schon, erzähl mir mehr.«

»Dunkle Haare, schwarze Klamotten.«

Sehr witzig! Das trifft auf die meisten hier zu. »Na danke, das bringt mich ja auch sehr viel weiter.«

Kichernd zuckt Alice die Achseln. »Jetzt wart’s mal ab.«

Krampfhaft überlege ich, welchen Typ die Freundin meint. Das muss ja einer gewesen sein, der das letzte Mal da gewesen ist. So unauffällig wie möglich schaue ich mich um. Die Beschreibung ist wirklich nicht sehr hilfreich. Fast jeder hat dunkle Haare und schwarze Klamotten tragen sie alle. Klasse! Aber als attraktiv würde ich die meisten nun nicht gerade betiteln, da Alice und ich allerdings einen ähnlichen Geschmack haben, muss er tatsächlich gut aussehen.

»Jetzt komm, lass uns tanzen«, unterbricht die Freundin meine Grübelei und zieht mich mit sich auf die Tanzfläche.

Was solls! Kaum nehme ich die Musik zum ersten Mal bewusst wahr, bin ich auch schon in meinem Element und bewege mich automatisch im Rhythmus. Aber immer wieder schaue ich mich um. Kein männlicher Gast beobachtet mich, meine Nervosität ebbt nicht ab. Schnell drehe ich mich herum, um nicht ständig auf den Durchgang zu starren, in der Hoffnung, dass dieser geheimnisvolle Fremde auftaucht, der in Alice’ Augen als attraktiv gilt. In diesem Moment erblicke ich ihn.

Mit verschränkten Armen steht er auf der anderen Seite der Tanzfläche und sieht mich regungslos an. Mit jedem hätte ich gerechnet, nur nicht mit ihm. Ich merke, dass ich erröte, wie peinlich. Hastig schaue ich weg. Ob er mich ebenfalls wiedererkannt hat? Oder meinte Alice womöglich ihn? Falls ja, dann muss ich ihr Recht geben, er sieht wirklich verdammt gut aus, aber das hatte ich bereits vor Monaten festgestellt. Ich rufe mir sein Gesicht in Erinnerung, als er an der Eingangstür unter dem doch grellen, unvorteilhaften Licht stand. Er wirkte jung, zumindest jünger als ich. Ist er sich dessen bewusst, dass er damals wie heute einen alten Hasen beobachtet? Wie soll ich mich jetzt verhalten?

Kurz beäuge ich ihn, er schaut mich noch immer teilnahmslos an. Nichts lässt sich aus seinem Gesicht ablesen. Ist er angenehm überrascht oder schaut er mich nur desinteressiert an? Da ich nicht das typische Frauchen auf der Tanzfläche bin, ziehe ich die Blicke auf mich. Ich tanze wie die Männer im Club, nur bei langsamen Liedern lasse ich meine Hüften schwingen. Pete passt das bis heute nicht, da er nicht kapiert, dass mir beim Tanzen fast alles egal ist und ich meine introvertierte Art an der Garderobe ablege.

Als ich erneut zu dem Typ herüber linse, lächelt er mich plötzlich an. Herrje, sein Lächeln ist zum Dahinschmelzen! Ob ihm das bewusst ist? Mit Sicherheit. Er weiß bestimmt, wie er auf Frauen wirkt. Tapfer lächle ich zurück, ich kann ihn ja nicht ständig ignorieren. Doch lange kann ich seinem Blick nicht standhalten, dazu bin ich einfach zu nervös.

Dieses Hin und Her geht eine ganze Weile so weiter bis ich die Tanzfläche verlasse, um ihn nicht ständig zu fixieren. Alice folgt mir auf den Fuß und wir schlendern nach draußen an die Bar. Pete ist nirgends zu sehen, er wird sich wohl auf der Straße aufhalten.

Mittlerweile ist das Gedränge größer geworden, da sich der Club gefüllt hat und das bereits um diese doch recht frühe Uhrzeit. Wir setzen uns rasch auf die letzten beiden freien Barhocker am hinteren Ende der halbrunden Theke. Von hier aus habe ich einen guten Blick über das gesamte Geschehen im Barbereich.

»Vermute ich richtig, dass der besagte Typ hinten an der Tanzfläche steht?«

Überrascht schaut die Freundin mich an. »Ich weiß nicht, ich habe leider nicht aufgepasst.«

Na toll! Nach über einer Stunde weiß ich noch immer nicht, wen sie meint. Alice winkt den Barkeeper zu sich und bestellt etwas. Währenddessen blicke ich mich um. Das Stimmengewirr um mich herum ist extrem laut. Auf der anderen Seite der Bar drängen sich die Leute, sodass sich ein regelrechter Stau bildet, da es genau an dieser Stelle in den Eingangsbereich übergeht.

»Zum Wohl, Abby«, meint Alice und reicht mir ein Glas meines Lieblingsweines, den sie gerade geordert hatte.

»Cheers!«

Ich setze zum Trinken an, als sie mich anstupst und ich mich am Wein verschlucke. »Da! Das ist er«, wispert sie aufgeregt.

Hustend setze ich das Glas ab und schaue in die Richtung, in die Alice nickt. Eine schwarze Menschenmasse, aber dazwischen sehe ich ebendiesen süßen Typen. Also meinte sie tatsächlich ihn. Und er soll nach mir gefragt haben? Ernsthaft?

»Ist er nicht ein Sahneschnittchen?«, höre ich sie sagen, denn ich kann meinen Blick nicht von ihm abwenden. Er tritt an die gegenüberliegende Seite der Bar und bestellt etwas. Dann entdeckt er mich und beginnt beinahe automatisch zu grinsen. Nun muss er selbst den Blick abwenden, stelle ich amüsiert fest. Als der Barkeeper ihm eine Wasserflasche hinstellt, sagt er etwas zu ihm, woraufhin der Mann ihm Zettel und Stift reicht. Was tut er denn da? Kaum reicht er die Sachen wieder zurück, erhebt er sich und lächelt mich an. Dieses freche Schmunzeln gehört definitiv verboten!

Wie auf Kommando taucht im unpassendsten Moment Pete hinter ihm auf. Im direkten Vergleich schaue ich von einem zum anderen. Es liegen Welten zwischen ihnen, der Fremde ist gut und gern zehn Zentimeter kleiner, aber markanter. Der Schönling dreht sich um, schaut meinen Noch-Freund an und quetscht sich hernach an ihm vorbei nach draußen. Geht er jetzt womöglich wieder?

»Das soll ich dir geben«, sagt der ältere Barkeeper und schiebt mir einen Zettel zu. Nur mühsam senke ich meinen Blick gen Tresen. Wie in Trance versuche ich die Worte zu analysieren.

»Den nehme ich«, murmelt Alice, greift nach dem Papier und nimmt es an sich. Das ist auch gut so, denn schon tritt Pete neben mich und fordert einen Kuss. Nur noch ein paar Tage, schießt es mir durch den Kopf. Eigentlich will er gar nicht mit uns reden, doch er will zeigen, dass ich ihm gehöre und je mehr Publikum anwesend ist, desto besser.

Nach einigen endlos scheinenden Minuten verschwindet er endlich wieder, da er sich mit uns langweilt. Kaum ist er außer Sichtweite, steckt Alice mir den Zettel zu. »Lies schon. Ich passe auf«, flüstert sie.

Nervös pfriemle ich ihn auseinander. »Hallo Schöne. Ich würde mich freuen, wenn du mich kontaktieren würdest. Rob

PS: Es freut mich, dass du wieder da bist.« Darunter steht seine Handynummer.

Einerseits kommt es mir unheimlich abenteuerlich, andererseits wie eine billige Anmache vor. Aufseufzend schließe ich die Augen, stelle mir vor, wie es wäre, seine Lippen auf den meinen zu spüren. Fehler! Nein, Schluss damit!

»Was schreibt er denn?« Was solls, ich reiche der neugierigen Freundin das Briefchen. Grinsend liest sie.

»Willst du?«

»Was will ich?«

»Na ihn anschreiben«, bohrt sie weiter.

»Ich weiß nicht.«

Verdutzt gibt sie mir das Stück Papier zurück. »Warum denn nicht? Er sieht doch gut aus, scheint interessant zu sein und in ein paar Tagen kannst du eh machen, was immer du willst.«

»Ja, das schon, aber findest du das Ganze nicht etwas abgedroschen?«

Mit einem entsetzten Gesichtsausdruck dreht sie sich zu mir herum. »Was? Nein, überhaupt nicht. Wieso? Wie kommst du denn bloß darauf?«

»Ach ich weiß nicht.«

»Oh Abby, nun hab dich nicht so. Was soll er denn machen? Dir zu Füßen liegen? Dich etwa anquatschen und damit riskieren, dass Pete es bemerkt?«

Sie hat ja Recht. »Dann sag mir, was ich jetzt tun soll.«

»Na anschreiben natürlich, am besten sofort.«

Das hat sie jetzt nicht wirklich gesagt, oder? »Ich kann ihn doch jetzt nicht anschreiben?«, entgegne ich entsetzt.

»Warum denn nicht?«

»Na weil … Pete …« Mir fällt kein einleuchtender Grund ein, der auch nur annähernd überzeugend klingen würde und schiebe ausgerechnet meinen Typen vor.

»Das ist jetzt ein Witz, oder? Los, gib mir dein Handy!« Auffordernd hält sie ihre Hand auf.

»Bestimmt nicht! Hab es außerdem eh nicht bei mir.«

Lachend springt sie vom Barhocker und schlängelt sich durch den Menschenpulk zur Garderobe. Das kann jetzt nicht wahr sein! Sie wird doch nicht … doch wird sie, denn da geht sie auch schon mit meinem Smartphone winkend Richtung Ausgang. Hastig schnappe ich mir meine noch immer halbvolle Colaflasche, den Schluck Wein lasse ich stehen, und schiebe mich zwischen den Besuchern zum Eingangsbereich, nicht ohne mir vorher meine Jacke überzustreifen, um ihr auf der Stelle zu folgen. Wer weiß, was sie vorhat!

Draußen bleibe ich wie angewurzelt stehen; denn ebendieser Rob hält sich direkt neben der Tür auf und blickt auf sein Handy. Er hat mich noch nicht bemerkt, und da ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll, will ich unauffällig den Rückzug antreten und wieder hineingehen. Doch in dem Moment, als ich zur Türklinke greife, blickt er auf und lächelt mich an. Na gut, was solls! Da ich Alice nicht sofort ausmachen kann, will ich mir mit zittrigen Fingern eine Zigarette anzünden, doch er kommt mir zuvor und hält mir galant ein Feuer hin.

Da entdecke ich die Freundin auf der anderen Straßenseite, wie sie uns feixend beobachtet. Bevor ich zu ihr hinübereilen kann, meint er: »Du hast da was verloren.« Seine relativ tiefe Stimme, die so gar nicht zu seinen feinen Gesichtszügen passen will, lässt mich beinahe erzittern.

Rasch blicke ich auf den Boden und sehe den sorgsam zusammengefalteten Zettel zu meinen Füßen. Noch ehe ich mich hinunterbeugen kann, bückt er sich und hebt ihn für mich auf. Als er ihn mir reicht, berühren sich unsere Fingerspitzen. Können eigentlich Funken sprühen, wenn man die Haut eines anderen streift?

»Danke«, sage ich leise. »Entschuldige, aber ich muss mal eben zu meiner Freundin da drüben.«

»Klar, kein Problem.« Damit strahlt er mich an. Herrje, kann ich ihm das nicht einfach verbieten?

Hastig stopfe ich das Briefchen wieder in die Jackentasche zurück. Viel zu schnell überquere ich die schmale Straße, flüchte regelrecht vor ihm.

»Das zahl ich dir heim!«, zische ich Alice zu, doch sie grinst mich im Gegenzug an.

»Warum? Lief doch prima.«

Von wegen! »Hast du ihm schon geschrieben?«

»Wie denn? Du hast schließlich den Zettel mit seiner Nummer«, erwidert sie belustigt. Das war also nur ein Trick, um mich hier rauszulocken! Am liebsten würde ich ihr den Kopf waschen.

»Los schreib ihm!« Damit hält sie mir mein Smartphone entgegen.

»Nein, ich kann das nicht!«

Kaum habe ich den Satz ausgesprochen, nimmt sie den Zettel aus meiner Tasche und rennt kichernd weg. Nun wirds kindisch, denke ich und bleibe diesmal demonstrativ stehen. Als ich mich endlich traue, zu ihm hinüberzublicken, schaut er schmunzelnd von seinem Handy auf. Erst mustert er mich, dann sucht er anscheinend meine Freundin, sie hat ihm wohl bereits in meinem Namen geschrieben, Miststück. Wenn auch ein liebes, denn ich weiß ja, dass sie es nur gut meint.

»Da«, ruft sie prustend, als sie zurückgeeilt kommt und mir mein Mobiltelefon und den Zettel hinhält. Sofort greife ich danach, nicht, dass ihr noch mehr dumme Ideen einfallen. Hastig suche ich die Nachricht im Postausgang. Kreidebleich lese ich den Text: »Hi. Hier hast du meine Nummer.«

Na das hätte ich bestimmt auch gerade noch hinbekommen. Ein Vibrieren ertönt, irritiert schaue ich auf die Anzeige im Display – Rob Knackarsch. Na ganz toll, jetzt hat sie ihn auch noch unter einem subtilen Namen abgespeichert. Kichernd stupst sie mich in die Seite.

»Danke oder sollte ich mich besser bei deiner Freundin bedanken«, lese ich seine Antwort.

Ich traue mich gar nicht, zu ihm hinüberzuschauen, aber ich muss, unweigerlich. Mittlerweile sitzt er mit verschränkten Armen auf einem kleinen Mauervorsprung neben dem Eingang und scheint sich köstlich über uns beide zu amüsieren. »Na toll«, murmle ich.

Die Tür öffnet sich und Pete kommt heraus. Geschwind schiebe ich mein Handy samt Zettel in die Jackentasche. Rob schaut ihm mit einem seltsamen Gesichtsausdruck hinterher, als dieser auf mich zukommt.

»In einer Stunde ungefähr?«, fragt er mich, obwohl es mal wieder keine Frage sondern eine Anweisung ist.

»Okay.« Es waren bisher zwar gerade einmal eineinhalb Stunden, aber was solls. Eine Diskussion will ich jetzt nicht lostreten.

»Könnten wir in nächster Zeit mal dahin gehen, wo es mir auch gefällt? Ich will mal wieder normale Leute sehen«, lässt er hingegen lautstark verlauten, obwohl er sich anscheinend gut unterhalten hatte, denn gesehen hatte ich ihn nicht, was davon zeugt, dass er sich amüsiert. Und nun ist es ihm völlig egal, ob er mit seinem Spruch die umstehenden Leute beleidigt. Wie peinlich, und wieder schäme ich mich fremd.

Aus den Augenwinkeln merke ich, dass der süße Typ sein Gesicht schmunzelnd abwendet. Am liebsten würde ich im Erdboden versinken. Wieso tut Pete mir das wieder an? Es ist ja nicht so, als ob nur er sich damit Feinde machen würde, sondern er zieht mich immer weiter mit sich in seine gewollte Einsamkeit. Wenn er wüsste, dass er ab dem nächsten Wochenende allein dahin gehen kann, wohin er möchte.

»Was meinst du genau? Was sind denn normale Leute für dich? Die Musik passte doch für dich?«, frage ich ihn nun doch provokant, um mich aus diesem elenden Sog herauszuwinden und den anderen zu zeigen, dass nur er so denkt und nicht ich.

»Einfach normal denkende Menschen. Hauptsache keine Goths, das geht mir auf den Sack!«, erwidert er bissig.

Er tut ja gerade so, als ob wir wöchentlich ausgehen würden. »Aber wir sind doch jetzt zwei Monate nicht mehr fortgegangen«, werfe ich kleinlaut ein.

»Ja eben, ich will auch, dass du mit mir mal dahin gehst, wohin ich möchte, nicht nur hierher.«

Das ist nicht sein Ernst, oder? Und ich bin dummerweise auch noch den Tränen nahe. Wie oft waren wir zwischenzeitlich schon bei seinen Freunden und Arbeitskollegen zu Hause, um Filme zu schauen, wobei er ständig eingeschlafen ist. Toll! Aber Hauptsache herumposaunen, dass ich nie mit ihm weggehe. Die Wut kocht in mir hoch, ich muss mich abwenden, da er sonst meinen Aufruhr erblickt und gleich darauf ein Donnerwetter folgen würde. Dafür sieht Alice meine Anspannung und schaut mich beinahe bedauernd an. Sie mischt sich lieber nicht ein, was auch gut so ist. Seinen Zorn würde ich sonst wieder abbekommen.

»Ich geh wieder rein.« Damit geht er zum Club zurück und lässt die Tür laut ins Schloss krachen. Die Umstehenden schauen mich verwundert an. Das ist die schrecklichste Situation, die man sich vorstellen kann, denke ich. Aber davon gab es schon so viele.

»Kopf hoch, nur noch ein paar Tage«, beschwichtigt Alice mich, »dann hast du es überstanden.«

»Und das werden die Schlimmsten in meinem ganzen Leben, wetten?«

»Quatsch, was soll jetzt noch schlimmer werden. Klar, es ist wirklich mehr als unangenehm, aber freu dich auf den Tag der Tage, Süße«, sagt sie und nimmt mich in die Arme. »Jetzt lass uns noch etwas Spaß haben. Und ich kille ihn zwischenzeitlich gedanklich auf alle erdenklichen Arten für dich.«

»Danke, das wäre toll.« Dabei blicke ich über ihre Schulter hinweg. Der süße Typ legt seinen Kopf schräg, als ob er mich etwas fragen würde. Dann gehen wir Arm in Arm zum Eingang hinüber. Er springt auf, um uns die Tür aufzuhalten.

»Alles Okay«, lasse ich ihn im Vorbeigehen wissen.

Sein Gesicht scheint sich mit einem Mal zu entspannen. Theatralisch stolziere ich an ihm vorbei, sodass er wieder grinsen muss. Ich lege meine Jacke ab und deponiere sie diesmal auf den Boden der Kleiderabgabe. Dabei streife ich Robs Bein, der plötzlich neben mir steht. Kurz zucke ich zusammen, da stand doch noch gerade Alice. »Entschuldige«, stammle ich und blicke zu ihm hoch.

Er beugt sich zu mir herunter. »Wofür denn?«, erwidert er leise und hilft mir auf. Dieses leise Raunen in seiner Stimme … Was passiert hier nur mit mir?

Nun muss er aber erkennen, wie alt ich bin, da die Garderobe hell beleuchtet ist. Doch er schaut nicht einmal überrascht, nein, seine Augen leuchten eher auf, als ob ihm gefällt was er erblickt. Verlegen schaue ich weg und er macht mir sofort Platz, damit ich an ihm vorbeitreten kann. Kurz berührt er meinen Arm und hält mich somit auf. Diese kleine Berührung lässt mich erzittern.

Er will wohl etwas sagen, doch es kommt kein Ton über seine Lippen. Sichtlich verwirrt lässt er mich wieder los. Mir ergeht es nicht anders, deshalb haste ich an ihm vorbei in den Tanzbereich. Dabei versuche ich meinen rasenden Herzschlag unter Kontrolle zu bekommen. Ich geselle mich zu Alice auf die Tanzfläche.

»Biest!«, zische ich ihr zu, was sie allerdings nur zum Schmunzeln bringt.

Beinahe lustlos bewege ich mich im Takt, bis ich den Typ erblicke. Erneut lehnt er mit verschränkten Armen an einem Tisch und lässt seinen Blick immer wieder wie zufällig zu mir schweifen. Wieso denke ich gerade jetzt daran, wie es wäre, wenn er mich mit seinen wahrlich sinnlichen Lippen küssen würde. Ob er sanfte Hände hat? Oh Abby! Lass es doch einfach!

Als ein neues Lied erklingt, kommt er auf die Tanzfläche und stellt sich rücklings vor mich. Ist es Absicht, dass er meine Aufmerksamkeit auf seinen knackigen Po lenkt? Alice hatte recht. Erst jetzt fällt mir auf, dass er relativ normal gekleidet ist, schwarze Jeans und ein schlichtes schwarzes Shirt. Selbst wenn er kein Szenegänger ist, er ist schwärzer als Pete und er kann sich bewegen. Und wie er das kann! Rasch muss ich die Augen schließen, um nicht ständig auf seinen Hintern zu starren. Was ist nur mit mir los? Wieso rast mein Herz denn so? Das ist doch nicht normal! So etwas habe ich seit Jahren nicht mehr erlebt oder gar gespürt.

Als ich dann doch wieder aufschaue, bleibt mein Blick an seinem Nacken und den Schultern hängen. Seine Arme sind nicht übermäßig muskulös, eher dezent, was anziehend auf mich wirkt. Seine Haare sind kurz, aber noch so lang, dass ich meine Finger darin vergraben könnte. Oh nein, nicht schon wieder!

Jemand bedrängt mich von hinten und ich muss einen Schritt nach vorn treten, somit stehe ich nun sehr dicht hinter ihm. Da er wohl meine Nähe spürt, blickt er mich über seine Schulter hinweg an.

»Entschuldige«, meine ich und deute auf den Typ hinter mir, der wild herumhampelt und mir den Platz raubt.

»Da muss ich mich ja beinahe bedanken«, lässt er leise verlauten und sein Lächeln bringt mich kurzfristig aus dem Takt. Und das passiert mir selten! Um mich herum herrscht reges Treiben, es ist eng, sodass ich ihn immer wieder am Rücken berühre, wobei ich jedes Mal zusammenzucke, da es mir unangenehm ist.

Beim nachfolgenden Lied lässt er mich vor sich treten, womit er das Geschubse von mir fernhält. Ein Gentleman ist er also auch noch! Mit seinen geschätzten 1,85 verdeckt er mich gleichzeitig vor Petes möglichen Blicken. Ich weiß nicht, ob dieser mittlerweile dasteht und auf mich wartet. Es interessiert mich im Moment überhaupt nicht, nach mir die Sintflut.

Rücklings vor ihm stehend merke ich, wie er mich nun immer wieder streift. Es sind allerdings keine zufälligen Berührungen, wie die meinen, dazu sind seine viel zu gezielt und zu sanft. Da ich eine Hand hin und wieder auf meinen Rücken lege, streicht er einmal sacht über meine Handfläche. Aufseufzend schließe ich die Augen, was glücklicherweise nicht auffällt, da ich das ab und an tue, wenn ich die Musik spüren will. Aber nun würde ich am liebsten seine Nähe genießen, würde mich zu gern gegen ihn lehnen. Nein, das will ich nicht! Ich darf so etwas nicht einmal denken!

Ein langsames Lied ertönt, er verlässt nun vermutlich die Tanzfläche. Seine Anwesenheit macht mich beinahe wahnsinnig. Erwartungsvoll drehe ich mich herum, um sicherzugehen, doch er steht noch immer da. Das kann doch nicht wahr sein! Nun tanzt er auch noch auf eine Weise, die mich fast durchdrehen lässt. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass Pete sich mit Tom an unserem Platz unterhält. Mein Blick streift erneut den Schönling, der mich herausfordernd anlächelt. Sofort senke ich mein errötendes Gesicht und bewege meinen Körper etwas sinnlicher, so wie immer. Das werde ich wegen ihm nicht einstellen und mitnichten intensivieren.

»Oh Gott!«, höre ich ihn leise sagen.

Überrascht blicke ich auf und bemerke seinen verklärten Blick. Er beißt sich auf die Unterlippe. Irgendetwas in mir lässt mich selbstsicherer werden und kehre ihm wieder meinen Rücken zu. Somit ist mein Hüftschwung offensichtlicher. Ja, ich spiele vorsätzlich mit meinen Reizen und ich fühle mich mit einem Mal pudelwohl dabei. Mir ist alles egal, ich will seine Blicke auf mir spüren, nur einmal wieder das Gefühl haben, wirklich begehrt zu werden, auch wenn es mir gar nichts bringt.

Erst als das Lied endet, wird mir bewusst, was ich getan habe. Fahrig drehe ich mich um und blicke zu Pete, der auch sofort auf seine Uhr tippt. Er will los, punktgenau. Dieser Rob sieht mich an und weiß sofort, was los ist, denn er meint leise: »Ich freu mich auf eine Nachricht von dir.«

Im Vorbeigehen streife ich seine Hand und unsere Finger verhaken sich kurzzeitig ineinander. Das Kribbeln in meinem Bauch ist unermesslich. Alice nimmt mich unterwegs in den Arm, um an unseren Platz zu gehen. »Wenn du dich nicht bei ihm meldest, reiße ich dir den Kopf ab, das weißt du hoffentlich!«

»Ich weiß zwar nicht, was ich ihm schreiben soll, aber ja, ich verspreche es.« Ich werde in der Hölle landen!

Während ich mich von Tom verabschiede, lässt Alice Pete einfach stehen, kein Sterbenswörtchen wird sie mehr an ihn richten. Aber das scheint ihn nicht einmal zu interessieren. Als wir zur Garderobe gehen, zeigt dieser mal wieder demonstrativ, dass ich ihm gehöre, indem er mich am Po packt und vor sich herschiebt.

Rob tritt überraschenderweise aus der Kleiderabgabe, er muss sich während der Verabschiedungsrunde vorbeigeschlichen haben, und Pete schaut ihn an, als ob er ihn töten wollte. Ein Blick in meine Richtung reicht dafür schon aus. Doch dieser beachtet ihn gar nicht, bietet ihm keine Angriffsfläche, schaut allerdings an der Tür noch einmal zurück. Dabei beobachtet er, wie mein sogenannter Freund mir auf den Hintern haut, unterdessen ich mich nach unten beuge, um meine Jacke aufzusammeln.

Bestürzt blicke ich den süßen Typen an, in der Hoffnung, dass er es nicht mitbekommen hat. Meine Augen füllen sich mit Tränen, denn er tat es und das ist erniedrigend, der Schlag schmerzt zudem auch noch. Kopfschüttelnd verlässt der Schöne den Club.

Auf der Heimfahrt schiebe ich Robs kleingefalteten Zettel unter meinen großen Ring und schalte vorsichtshalber mein Smartphone aus. Später werde ich noch einmal darauf schauen. Nur jetzt will ich auf Nummer sichergehen.

Der Fernseher flimmert vor sich hin, während ich in meinem Bett Robs Nachricht lese, die er mir vor wenigen Minuten geschickt hat. »Hallo Schöne. Ich hoffe, dir geht es gut! Wenn ich gedurft hätte, würde dein Macker jetzt nicht mehr aufrecht stehen. Sollte etwas sein, melde dich. LG Rob

PS: Verrätst du mir deinen Namen? x«

Als ob er ihn nicht schon längst kennen würde. Schmunzelnd streife ich den Ring ab und der Zettel fällt auf mein Kissen. Vorsichtig falte ich ihn auseinander und streiche ihn glatt. Er hat eine schöne Handschrift, was ich von meinem Gekrakel nicht behaupten kann. Kurz überlege ich.

»Hallo Rob. Mir geht es gut, danke. Auch dafür, dass du meinem Macker nicht die Rübe eingehauen hast. LG Abby

PS: Jetzt kennst du ihn. x«

Noch einmal lese ich den Text durch und drücke anschließend auf Senden. Völlig harmlos und unverbindlich, bis auf das x, aber er hat damit angefangen. Ich lege das Handy beiseite und starre in den Fernseher. Eine dieser allgegenwärtigen Krimiserien läuft und lullt mich bald ein, zumindest bis mein Smartphone erneut vibriert. Schlaftrunken taste ich danach. Das Licht blendet mich und ich kneife die Augen zusammen, um überhaupt etwas entziffern zu können.

»Hey Abby. Schön endlich deinen Namen zu kennen. Sweet dreams, Rob. x« Seufzend drücke ich die Nachricht weg. Schmetterlinge, ach was, ein ganzer Bienenstock schwirrt durch meinen Bauch. Mit einem wohligen Gefühl schlafe ich ein.

4

A

us Gewohnheit schaue ich als Erstes nach dem Aufwachen auf mein Handy. Tatsächlich hat er mir erneut geschrieben. »Guten Morgen Abby. Sorry, dass ich dich schon wieder anschreibe, aber ich kann nicht anders, du gehst mir einfach nicht mehr aus dem Kopf! Wenn dir das alles zu viel wird, sag es bitte. Dann werde ich mich zurückziehen. LG Rob. x«

Hm, ob das eine Masche von ihm ist? Es könnte ja auch sein, dass er mich nur in sein Bett zerren will, um mich danach wegzuschmeißen, denn immerhin denkt er ja, ich wäre vergeben. Solch eine Methode kenne ich bereits, damals fing es genauso an, das war allerdings weit vor Pete und ich war jung und dumm. Wie kann ich nur herausfinden, ob er mit mir spielt? Will ich das überhaupt? Hm, und wenn er so wäre, was sollte ich dann tun? Außerdem müsste er mich ja erst einmal dazu bringen, mit ihm in die Kiste zu steigen und das werde ich bestimmt nicht in Erwägung ziehen! Niemals … Sicher … Okay, eventuell.

Hallo! Spinne ich jetzt vollkommen? Was mache ich denn da? Denke ich gerade ernsthaft darüber nach, etwas Dummes zu tun? Ärgerlich werfe ich mein Handy aufs Bett zurück, dabei wird es von der Matratze zurückgefedert und fällt prompt hinter das Bett. Das ist mir jetzt aber auch egal, ich bin sauer, auf mich selbst. Was ist nur mit mir los? Da sehe ich einmal einen attraktiven Typ und in meinem Kopf geht alles drunter und drüber. Wie bescheuert bin ich eigentlich?

Noch stundenlang grübele ich darüber nach, dass ich bloß nicht so dämlich sein sollte, mich jetzt gleich wieder auf den nächsten Typen einzulassen. Zuerst einmal sollte ich meine bald neu gewonnene Freiheit genießen, dann kann ich ja immer noch entscheiden. Bloß nicht zu früh auf etwas Neues einlassen und nur nicht auf den Nächsten hereinfallen!

Am späten Abend, als Pete endlich ins Bett gegangen ist, rufe ich Alice vom Festnetz aus an, weil ich mein Handy auf die Schnelle nicht finden kann, um mit ihr die Umzugsvorbereitungen zu besprechen. In drei Tagen wird es so weit sein, sogar zwei Tage früher als geplant, denn ich halte es einfach nicht mehr aus. Alice meint auch, je früher, desto besser. Sie wird das schon machen, dass Tom frei bekommt und sie kann sich eh immer freinehmen, immerhin sei sie nicht umsonst selbstständig.

Kaum lege ich auf, packe ich meine Nähsachen zusammen. Diese Kleinigkeiten rauben sonst ungemein viel Zeit. Morgen werde ich die letzten Ummeldungen vornehmen. Kurz nach Mitternacht tappe ich früher als sonst müde in mein Schlafzimmer.

Die nächsten zwei Tage verfliegen im Nu, da ich schlicht und ergreifend viel zu tun habe. Das Einzige, was mir momentan Sorgen macht ist mein Smartphone, das ich seit Tagen nicht finden kann. Irgendetwas war damit, aber ich kann mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, was wohl auch der stressigen Situation zuzuschreiben ist. Ich weiß nur, dass es hier im Haus sein muss, also wird es schon wieder auftauchen, spätestens beim Umzug.

Am Mittwochmorgen schlüpfe ich behände aus dem Bett, sobald ich höre, dass Pete die Haustüre hinter sich zuschlägt. Rücksichtsvoll wie eh und je, aber das kann mir ab sofort egal sein. Er ahnt noch immer nichts und denkt nach wie vor, dass alles seinen gewohnten Gang geht. Heute Abend wird er mit Sicherheit aus allen Wolken fallen! Beschwingt kleide ich mich an, reiße das Fenster ein letztes Mal auf und begebe mich nach unten.

Während der Kaffee vor sich hin tröpfelt, baue ich Kartons zusammen, die ich gestern von Alice bekommen habe. Diese hatte ich vorsorglich unter meinem Bett versteckt. Eine Stunde habe ich Zeit, bevor sie und Tom auftauchen. Hastig räume ich meinen Kleiderschrank leer und stopfe die Klamotten in meine Koffer. Gut, dass ich wenigstens diese behalten kann, denn sie gehören mir.

Gerade als ich den Rest in einen der Kartons verfrachte, klingelt es an der Haustür. Freudig eile ich nach unten, um die Freunde zu begrüßen. Überrascht erblicke ich hinter Alice Max, der wiederum zwei Kumpels, Frank und Matt, motivieren konnte, die ich aus dem Club vom Sehen her kenne. Tom eilt auf mich zu. Sowohl er als auch der Türsteher haben Transporter organisiert, sodass wir alles in einem Aufwasch schaffen sollten. Das geht dann sicherlich schneller, als ich vermutete.

»Bevor wir loslegen, wird erst einmal gefrühstückt. Und bitte Süße, hast du Kaffee?«, erkundigt sich Alice und hält dabei Tüten hoch, die mit Backwaren gefüllt sind.

»Ja klar, sogar zwei Kannen!«

»Sehr gut Abbymaus«, meint Tom und schiebt sich an mir vorbei in die Küche, nachdem er mich auf die Wange geküsst hat.

Unterdessen wir gemütlich essen, besprechen wir den Ablauf, was wer wann machen wird. Nun heißt es all meine Filme, Bücher und CDs aussortieren. Gut, dass ich bereits am Montag eine Liste geschrieben hatte, somit können Alice und ich gleich loslegen. Zudem habe ich eine wirklich umfangreiche Büchersammlung. Beinahe alle Bücher gehören mir und jedes Einzelne davon kommt mit. Da kann rummeckern, wer will.

»Ich glaube, wir werden spätestens am frühen Nachmittag fertig sein«, verkündet Max zuversichtlich und geht nach oben, um mit Frank den Kleiderschrank zu zerlegen. Tom baut unterdessen mit Matt mein Nähzimmer ab, da ich nur ihn an meine geschäftlichen Unterlagen lasse, die auch noch verpackt werden müssen. Ganz schön viel Arbeit für ein paar Stunden! Nur gut, dass Pete heute länger arbeitet, das war auch einer der Gründe, warum ich den Umzug vorgezogen hatte, da er eine Besprechung hat, die bis zum späten Abend dauern wird. Somit haben wir genügend Zeit.

Gemeinsam mit Alice sitze ich auf dem Boden des Wohnzimmers und lege die letzten Bücher in einen Karton. Plötzlich höre ich Max rufen: »Abby! Hier liegt ein Handy unter dem Bett!«

Da war es also! Siedeheiß fällt mir ein, dass ich es frustriert auf die Matratze warf und dabei flog es hinter das Bett. »Danke Max. Ich habe es schon gesucht!«, rufe ich laut, während ich nach oben eile.

»Gut, das du ausziehst. Das war ein Omen!«, meint er grinsend, als ich das Schlafzimmer betrete und es ihm abnehme.

»Das stimmt, das hätte ich sonst ewig nicht mehr gefunden.« Es ist aus, wahrscheinlich weil der Akku leer ist, weshalb ich auch nie ein Freizeichen bekam, als ich darauf anrief, um es zu orten. Schnell stöpsle ich es in der Küche an, damit es sich wenigstens etwas auflädt.

»Wie lang vermisst du es denn eigentlich schon?«, fragt Alice hinter mir.

Erschrocken drehe ich mich herum. »Seit Sonntag.«

»Oh je! Das heißt, dass er dir schreiben konnte, was er wollte, du hast es nicht einmal lesen können. Das ist nun echt doof. Los schalte es ein, schau nach, ob er dir geschrieben hat.«

Alice ist witzigerweise nervöser als ich, was das Thema Rob angeht. »Ach, ich mag jetzt nicht. Nachher, okay? Lass uns doch erst mal alles fertig einpacken.«

Doch da habe ich nicht mit ihrer Hartnäckigkeit gerechnet. Sie schaltet das Handy ein und tippelt mit ihren Fingern ungeduldig auf die Arbeitsplatte, bis ich meine Geheimnummer eingebe. Und schon blinken mehrere neue Nachrichten auf.

»Hm …« Gedankenversunken scrollt sie durch den Verlauf, anscheinend haben mir mehrere Leute geschrieben. »Ah, da ist er ja.« Schmunzelnd liest sie und hält mir danach das Smartphone vor die Nase.

»Hey Abby. Ich hoffe, dass es dir gut geht. Schade, dass du dich nicht mehr meldest. Habe ich etwas falsch gemacht oder etwas Falsches gesagt? Rob x«

»Na los, antworte ihm«, fordert sie mich auf.

»Nein, nicht jetzt. Wir haben doch noch so viel zu tun.«

»Quatsch, die eine Minute haben wir Zeit.«

Was solls, aber einfach werde ich es ihm nicht machen, denn ich will mich nicht gleich wieder auf ein neues Abenteuer einlassen. Immerhin habe ich ihn in dem Stress nicht wirklich vermisst, also sollte ich mich nicht sofort wieder in eine womögliche Gefühlsduselei verstricken.

»Hallo Rob. Sorry, dass ich mich jetzt erst melde. Ich hatte mein Handy verlegt. Nein, hast du nicht. Allerdings weiß ich nicht so recht, was du von mir möchtest. Abby«

»Erledigt«, teile ich Alice mit. Diese strahlt übers ganze Gesicht. Wenn sie wüsste, dass ich ihm keine wirklich positive Nachricht geschickt habe.

Kurz nach 15 Uhr sind all meine Habseligkeiten in den Fahrzeugen verstaut. Schneller als erwartet kann ich die Tür hinter mir absperren und den Schlüssel in den Briefkasten werfen. Am Zaun blicke ich noch einmal zum Haus zurück.

An sich war es schön hier, auch die Nachbarn waren wirklich nett. Aber das Eigentliche, der Partner war falsch und ich muss diesen Abschnitt meines Lebens mit einem Schlag hinter mir lassen. Leise aufseufzend steige ich in Alice’ Auto. »Ab sofort wird nach vorn geblickt, Süße!«, meint diese und startet den Wagen.

Während der Fahrt geht mir so vieles durch den Kopf. Morgen muss ich unbedingt einen neuen Handyvertrag abschließen, damit ich meine alte Nummer nach und nach abschalten kann. Meine Post habe ich bereits vor ein paar Tagen umleiten lassen, sodass Pete nicht weiterhin in meinen Sachen schnüffeln kann. Die nächsten Wochen werden emotional vermutlich die Hölle, aber da muss ich jetzt durch und mit so tollen Freunden werde ich auch das schaffen.

Vor dem Gehweg zu meinem neuen Heim stoppt die Wagenkolonne. Lediglich ein paar Schritte werden Alice und mich in Zukunft trennen. Diese Wohnung hatte ich auch nur mit ihrer Hilfe bekommen, da es derselbe Vermieter ist und sie sich für mich verbürgen konnte. Dafür bin ich ihr nach wie vor mehr als dankbar. Diese Anlage ist nur zu Fuß betretbar. Mein Haus ist das erste von vielen in diesem ruhigen Viertel. Viel Grün und schön angelegte Wege lassen mich die Wehmut vergessen.

Aufgeregt eile ich in den zweiten Stock hinauf und schließe die Wohnungstür auf. Mein neues, eigenes Reich! Das Gefühl ist überwältigend. Tränen schießen mir in die Augen, die Anspannung der letzten Monate fällt mit einem Mal von mir ab. Schluchzend lasse ich mich im schmalen Eingangsbereich an der Wand auf den Boden gleiten.

»Oh Süße!«, ruft Alice und setzt sich neben mich, um mich in den Arm zu nehmen.

So sitzen wir da, während die Männer die ersten Sachen hereintragen, wobei wir ihnen vollkommen im Weg sind, doch ich kann gerade nicht aufstehen. Als Tom mich so sieht, stellt er den Karton ab, beugt sich herab und umarmt mich. »Erleichtert, was?«

Zustimmend murmle ich unverständliche Dinge, die auch vollkommen unwichtig sind. Schmunzelnd zieht er mich nach oben. »So, du bekommst jetzt die ehrenvolle Aufgabe uns einen Kaffee zu kochen. Hier ist sogar gleich der richtige Karton. Bin gut was?« Feixend knufft er meinen Oberarm.

Kichernd wische ich mir die Tränen vom Gesicht und packe den Karton in der Küche aus. Gut, dass die Wohnung über eine Einbauküche verfügt, sonst könnte ich in den ersten Wochen nicht kochen, geschweige denn etwas verstauen. Es ist eine geschmackvoll eingerichtete Küche, hell und mit allen Geräten ausgestattet, die das Herz begehrt. Nur meine Kaffeemaschine musste ich mitnehmen. Jetzt muss Pete zwar zusehen, wie er an seinen morgendlichen Kaffee kommt, aber das kann mir egal sein.

Die Maschine brodelt vor sich hin, während ich in das große Wohnzimmer hinübergehe. Tom hat mir vor zwei Wochen Regale und Schränke zusammengebaut. Auch eine neue Couch ziert mittlerweile den riesigen Raum, die er für mich vor einigen Tagen empfangen hat und haargenau an die Stelle gestellt hat, wohin ich sie wollte. Ich habe schon tolle Freunde, schießt es mir durch den Kopf.

Einen Esstisch habe ich noch nicht, dieser wird nächste Woche geliefert, aber in der Küche befindet sich ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen, das reicht für den Anfang vollkommen, finde ich. Immerhin habe ich auch nicht vor, hier große Gelage abzuhalten oder riesige Partys zu feiern.

Nach und nach tragen wir ein Teil nach dem anderen herein und schon bald sind all meine Möbel und Kartons in den jeweiligen Räumen. Neugierig luge ich ins Schlafzimmer. Alle Möbelteile lehnen vorsortiert an den Wänden ebenso in dem kleinen Zimmer nebenan, in dem mein Nähzimmer entstehen wird. Das wird eng, aber es muss gehen, eine größere Wohnung kann ich mir nicht leisten.

»Das wird schon. Wirst sehen, wir machen dir das schon heimelig«, meint Alice hinter mir und legt ihre Arme um mich. Ich weiß nur zu gut, dass sie aus allem etwas zaubern kann, immerhin ist sie Innenarchitektin.

»Danke«, wispere ich.

»Wofür?«

»Für alles.«

»Ach Quatsch, dazu sind Freunde da, oder? Und ich bin froh, mal wieder einen Raum so zu gestalten, wie es mir gefallen würde.« Da wir nicht nur bei Männern den gleichen Geschmack haben, habe ich keinerlei Zweifel.

»So, wenn ihr uns mal reinlasst, würden wir den Kleiderschrank aufbauen, dann kannst du jederzeit mit dem Einräumen loslegen, Süße«, lässt Max hinter uns verlauten. Sofort treten wir einen Schritt beiseite, um die Jungs hereinzulassen.

Matt grinst Alice an, als dieser sich an uns vorbeischlängelt. Mir ist bereits vor einigen Stunden aufgefallen, dass er sie auffällig mustert. Kichernd schiebe ich sie in die Küche. »Na, da scheint ja jemand ein Auge auf dich geworfen zu haben«, flüstere ich ihr zu.

»Hm, und er sieht auch noch gut aus«, schmachtet sie. »Aber warten wir’s mal ab.«

Schmunzelnd packe ich die verbliebenen Küchenkartons aus, während die Freundin Pizza bestellt. Der dunkelhaarige Matt ist Stammgast im Club und ist mir bereits von Anfang an aufgefallen. Vor über zehn Jahren hätte ich mir selbst vorstellen können, etwas mit ihm anzufangen, aber es kam nie dazu. Dafür kam Pete. Oh Gott, ich muss ihn schleunigst aus meinem Kopf bekommen!

Innerlich schüttelnd gehe ich ins Wohnzimmer hinüber, um eine CD einzulegen. Gut, dass ich meine kleine Anlage eingemottet hatte, bevor Pete sie in die Finger bekam. Kaum ertönen die ersten Takte ruft Tom aus dem Schlafzimmer: »Dreh mal lauter!« Was ich auch liebend gern tue. Tänzelnd kehre ich in die Küche zurück, mit Musik macht einfach alles viel mehr Spaß.

Am späten Abend sind die Männer mit dem Aufbau der gesamten Möbel fertig. Selbst im Nähzimmer stehen die beiden Tische an Ort und Stelle, wie es Alice vorgegeben hatte. Ich muss ihr beipflichten, nicht, dass ich an ihrer Fertigkeit jemals gezweifelt hätte, aber es ist wirklich platzsparend und ich kann mich um die Arbeitsflächen herumbewegen. Besser als an die Wand geklatscht, wie ich es vorhatte.

Gerade sitzen wir im Wohnzimmer auf meiner nigelnagelneuen Couch bei einem Glas Wein und plaudern über unsere liebsten Themen – Musik und Filme. So entspannt hätte ich mir das Ganze nicht vorgestellt. Nebenbei sortiert Tom die CDs in eines der Regale, was immer wieder für neuen Gesprächsstoff sorgt, sobald er einen interessanten Musikträger in Händen hält.

»Apropos Musik: Sag mal, Abby«, beginnt Max, »was ist eigentlich aus Rob geworden?«

Wie kommt er denn jetzt von Musik auf ihn?

»Rob? Unser Rob?«, hakt Matt neugierig nach und erstickt meine Frage somit im Keim.

Der Türsteher nickt zustimmend.

»Was hast du denn mit ihm zu schaffen?«, fragt Frank mich interessiert.

»Eigentlich nichts. Er hat mich angesprochen, nicht ich ihn«, erkläre ich errötend.

»Okay? Und was ist daraus geworden?« Matt schaut mich erwartungsvoll an.

»Nichts, da ich mein Handy ja verlegt hatte. Kennt ihr ihn wohl auch?«

»Ja klar, wir hatten ihn damals das erste Mal mit in den Club geschleift«, erwidert Frank feixend.

Nicht wahr, oder? Nun habe ich hier drei Typen sitzen, die ihn auch noch kennen. »Oh!«

»Dann bist du also diejenige, weswegen er in den letzten Monaten so angespannt war. Ich verstehe.«

Wie? Was sagt Matt da? Fragend schaue ich von einem zum anderen.

»Genau, sie war der Grund«, lässt Max verlauten.

Ach verdammt, nun starren mich auch noch alle an. »Ja, meine Süße verdreht eben jeden den Kopf«, hilft Alice mir aus der Bredouille. »Nun aber genug. Sie soll jetzt erst einmal wieder auf die Beine kommen, oder?«

»Das stimmt allerdings«, tönt der Türsteher und erhebt das Glas. »Auf die Unabhängigkeit!«

Keine halbe Stunde später lassen sie mich allein, damit ich anfangen kann, mich einzuleben. Ich freue mich auf die erste Nacht in meiner eigenen Wohnung. Keine Rechenschaft mehr, warum ich jetzt dies oder jenes mache. Lächelnd beginne ich meinen Kleiderschrank einzuräumen, dabei höre ich weiterhin Musik. Endlich kann ich rund um die Uhr das anhören, was ich möchte. Mit einem Mal wird mir bewusst, wie viele Freiheiten ich plötzlich habe. Aber ich bin zu müde, um mich weiter an diesem Gefühl zu laben, ich muss dringend ins Bett. Das war ein sehr langer und vor allem anstrengender Tag!

Wo ist mein Handy? Ich habe seit heute Vormittag nicht mehr darauf geschaut. Wahrscheinlich werden etliche Anrufe von Pete eingegangen sein. Tatsächlich, 10 entgangene Anrufe prangt es auf dem Display, als ich es aus der Jackentasche krame. Morgen muss ein neuer Handyvertrag her, das ist ganz wichtig!

Im Bett liegend döse ich etwas vor mich hin, bevor ich erneut das Mobiltelefon ergreife. Nachdem ich den Hinweis gelöscht habe, sehe ich, dass neue Nachrichten eingegangen sind. Diese werde ich morgen lesen, da ich ahne, dass keine Positive darunter sein werden. Weder von Pete noch von diesem Rob und das kann ich im Moment nicht brauchen. Kaum lege ich das Smartphone aus der Hand, schlummere ich schon ein.

Verdammt, was ist das? Schlaftrunken öffne ich die Augen. Mein Handy klingelt penetrant, obwohl ich den Wecker gestern Nacht vorsorglich abgestellt hatte. Wer ruft mich denn bitte in aller Frühe an? Das kann ja wohl nicht wahr sein! Wütend starre ich aufs Display. Pete, wer sonst. Idiot!

Wütend schalte ich das Handy aus. Es ist noch nicht einmal 8 Uhr und dieser Mistkerl hat nichts anderes zu tun, als mich zu terrorisieren? Bah! Die Wut kocht in mir hoch, das war’s mit Schlaf. Zornig springe ich auf und rumple erst einmal gegen einen Karton. »Autsch!«, schreie ich laut auf. Na, der Tag geht ja super los.

Also krabbele ich über das Bett zum Fenster, um das Rollo hochzuziehen. Wenn ich mich vorbeuge, kann ich sogar Alices Haus teilweise sehen, die wahrscheinlich noch friedlich schlummert. Mürrisch tappe ich in die Küche, zumindest denke ich das. Verdammt, das ist das Badezimmer, stelle ich fest, als ich mich irritiert umschaue. Hier war doch … Mist, ich sollte mir Wegweiser basteln. Also wieder zurück in den Gang. Die Wohnung ist doch nun gar nicht so groß.

Merke: Die Tür gegenüber vom Schlafzimmer ist die Küche. Nicht das ich eines Tages denke, dass ich im Bad bin und … ach, lassen wir das. Kichernd reibe ich mir die Augen. Ja, hier bin ich richtig. Gut, dass ich gestern Nacht alles neben die Maschine gestellt hatte, sonst würde ich vermutlich ewig das Kaffeepulver suchen. Danach gehe ich ins Wohnzimmer, um die Musik einzuschalten.

Mmh, der Kaffeeduft durchzieht allmählich die gesamte Wohnung. Lecker! Sofort hebt sich meine Laune und ich tänzle ins Badezimmer, hier will ich diesmal wirklich hin. Der Blick in den Spiegel lässt mich stutzen. Meine Augen strahlen mich regelrecht an, trotz des wenigen Schlafes. Hat mir diese eine kurze Nacht in meinem eigenen Reich wirklich schon so gutgetan? Es muss wohl so sein. Kein Anmaulen vor dem Zubettgehen scheint wahrhaftig die Stimmung zu heben. Wieder wird mir bewusst, dass ich ab sofort das machen kann, was immer ich möchte.

Am Küchentisch sitzend trinke ich den ersten Schluck Kaffee. Vor mir liegt das Handy. Soll ich, soll ich nicht? Nach einigem Hin und Her beschließe ich es einzuschalten. Wie erwartet etliche Anrufe und Nachrichten von Pete. Ich lese sie erst gar nicht, sondern schreibe ihm sofort, dass ich ihn nie wieder sehen möchte. Er solle doch bitte darüber nachdenken, was er mir in den letzten Jahren alles zugemutet hatte. Und als Abschluss fordere ich ihn auf, mich in Ruhe zu lassen.

Mit zitternden Händen lege ich das Smartphone auf den Tisch. Langsam macht sich Erleichterung breit, dass tat verdammt gut! Moment! Waren da nicht noch Mitteilungen von Rob? Na, wenn schon, denn schon. Zur Musik wippend suche ich seine Nachrichten. Abrupt stoppe ich meine Bewegungen. Die Erste kam gestern Nachmittag. »Was meinst du damit? Denkst du ernsthaft, dass ich dich in mein Bett zerren will? Du bist schließlich vergeben und ich verfüge über Anstand.«

Oh, ich habe ihn wohl wirklich verärgert und er hat mein Geschriebenes richtig gedeutet, ich habe ihn eindeutig unterschätzt. Am Abend folgte die Zweite. »Sorry, das war nicht so gemeint, wie es vielleicht rüberkam. Tut mir leid! Aber das war unfair von dir, findest du nicht? Ich finde dich überaus anziehend, aber nicht auf eine primitive Weise. Schätzt du mich wirklich so ein?«

Kurz vor Mitternacht folgte die Letzte. »Okay, um dir deine Frage zu beantworten: Ich habe mich wohl etwas zu sehr in dich verguckt, als mir lieb ist, aber ich weiß auch, dass du in einer Zwickmühle steckst. Ich will einfach nur für dich da sein, wäre das in Ordnung? Rob x«

Da ist es wieder, dieses x. Und wie auf Kommando kehrt das Kribbeln zurück, dieser Typ raubt mir noch den Verstand. Warum darf er mich so einfach mit ein paar Worten um den Finger wickeln? Unverschämtheit! Das habe ich ja noch nie erlebt. Dieses Gefühl ist einfach berauschend, ich erröte sogar, was mich wiederum zum Lächeln bringt. Was soll ich ihm nur darauf antworten? Eine Entschuldigung wäre nun wohl angebracht.

»Hallo Rob. Bitte verzeih mir meinen Verdacht, tut mir wirklich leid. Ich habe natürlich gehofft, dass du nicht so bist! Ja, sicherlich wäre das in Ordnung. Hm, ich kann auf dein Geständnis leider nicht wirklich etwas erwidern, da ich mir über vieles klar werden muss. Sorry. Abby x«

Es ist zwar hart, aber ehrlich. Klar, wenn er mich verführen würde, wäre ich wohl nur allzu gern bereit dazu, da brauche ich mir nichts vorzumachen, aber eine Beziehung? Nein, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, egal wie charmant er auch sein mag. Ich muss schließlich erst einmal mein eigenes Leben in den Griff bekommen.

Apropos! Langsam sollte ich los, um mir eine neue Handykarte zu besorgen. Gemächlich spüle ich die Tasse ab, gehe auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Erst danach streife ich den Mantel über und ziehe meine Stiefel an. Nach meiner Handtasche greifend verlasse ich schlussendlich die Wohnung.

Erst am Abend kehre ich zurück. Ich hatte mich mit Alice in der Stadt getroffen und wir haben uns stundenlang in einem Café unterhalten. Immerhin kann ich das ja jetzt tun, wann immer ich will. Keiner wartet auf mich oder nervt mich andauernd übers Mobiltelefon, wann ich denn endlich nach Hause komme. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen, denn ab und an habe ich auf mein Handy geblickt, um nachzusehen, ob Pete sich nicht schon gemeldet hat.

Natürlich hatte er mir geschrieben, genauso wie Rob. Beide Nachrichten hatte ich allerdings absichtlich nicht gelesen, ich wollte mir den entspannten Tag nicht vermiesen lassen. Noch im Café aktivierte ich die neue Karte in meinem nagelneuen Smartphone und teilte den Freunden meine neue Nummer mit.

Auf dem Balkon sitze ich nun dick eingemummelt auf einem der beiden Stühle und starre in den dunklen Himmel hinauf. Aus dem Wohnzimmer dringt leise Musik an mein Ohr, die mich beinahe einlullt. Mein altes Handy leuchtet auf. Oh je, ich habe tatsächlich Rob vergessen. Zögerlich nehme ich es in die Hand und öffne seine Nachrichten. »Hey Schöne. Kein Problem, ich verzeihe dir und mach dir bitte keine Gedanken, wie du reagieren sollst. Ich danke dir für deine ehrliche Antwort. Rob x«

Das war seine Nachricht von heute Vormittag und soeben kam: »Sorry, ich bekomm dich einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ich möchte dich gern kennenlernen, rein freundschaftlich, ehrlich. Ein Vorschlag: Frag mich irgendetwas, egal was, damit du siehst wer oder wie ich bin. Dagegen spricht doch nichts, oder? Sweet dreams x«

Mir fällt auf, dass ich anfange, Gefühle zu diesem wahrlich reizvollen Fremden zu entwickeln. Aber wie kann das sein? Vor allem nach den wenigen Worten, die wir bisher gewechselt und den wenigen Stunden, die wir uns in der langen Zeit gesehen hatten. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Was soll ich nur tun? Grübelnd zünde ich mir eine Zigarette an und greife nach meinem Weinglas. Allabendliches Weintrinken sollte nicht zur Gewohnheit werden, aber es war eh der letzte Schluck aus der gestrigen Flasche.

Sofort fallen mir auch einige Fragen ein. Hm, soll ich ihn noch zappeln lassen? Das wäre allerdings gemein, da er bereits den ganzen Tag gewartet hat. Ich würde schon gern einiges über ihn erfahren. Also warum nicht?

Dann schreibe ich von meinem neuen Handy aus: »Hey Rob. Darin sehe ich kein Problem. Gut, dann frage ich direkt los: Wie alt bist du eigentlich? Darf man das einen Mann überhaupt fragen? Magst du wirklich die schwarze Szene? Ist Rob ein Spitzname? Warum habe ich dich vorher noch nie im Club gesehen (bis auf die beiden Male)? Schlaf gut x

PS: Das ist übrigens meine neue Nummer. Abby«

Wieso teile ich ihm eigentlich nicht mit, dass ich mich von Pete getrennt habe? Er hat zwar nicht danach gefragt, aber dann wäre alles etwas einfacher. Auch für ihn, und genau hier liegt wohl mein innerer Konflikt. Da ich es ihn nicht wissen lasse, kann er mir nicht zu nahe kommen. Es ist schlicht und ergreifend die Angst, mich Hals über Kopf zu verlieben. Viel lieber wahre ich weiterhin den respektvollen Abstand zwischen uns.

Seufzend nehme ich alles an mich und gehe wieder hinein. Da ich die Tür offengelassen hatte, um draußen die Musik zu hören, ist es im Wohnzimmer kalt geworden. Immerhin haben wir Temperaturen um den Gefrierpunkt. Schnell schalte ich alles aus und haste sofort in die Federn. Nach wenigen Minuten ist mir endlich wieder warm und ich krame das neue Buch aus meiner Tasche, die ich nach dem Einkaufen auf das Bett geworfen hatte. Die Nachttischlampe spendet gerade so viel Licht, dass ich die Schrift entziffern kann. Nach wenigen Seiten bin ich allerdings eingeschlafen.

Mit lauter Musik und vor mich hin summend sortiere ich die letzten Bücher in das Regal ein. Als ich fertig bin, tanze ich laut singend durch das Wohnzimmer. Seit dem Aufwachen fühle ich mich rundum zufrieden und pudelwohl in meiner Haut. Robs Nachricht trug wohl auch einen kleinen Teil dazu bei.

»Guten Morgen Schöne. Ich heiße Robert, also ist Rob eine Abkürzung. Ich bin 35 und ich würde mich nun nicht unbedingt als Goth bezeichnen, aber ich mag die Szene sehr gern, ebenso wie die verschiedenen Musikstile. Ich schaue lieber zu und beobachte gern die Menschen, bewundere die, die sich so extravagant aufstylen. Also ich bin eher der passive Typ. Du sahst übrigens bezaubernd in deiner Aufmachung aus. Find ich klasse, nicht so zurückhaltend wie ich.

Ich bin schon seit knapp einem Jahr im Club und war schon einige Male da, aber du leider nicht. Und um gleich eines vorwegzunehmen, ich bin recht glücklicher Single. Darf ich dich auch etwas fragen? x«

Er scheint mir nicht mit seinen Antworten gefallen zu wollen, sonst hätte er mir wohl, wie Pete vorgemacht, dass er voll und ganz in der schwarzen Szene unterwegs wäre. Kurz schließe ich meine Augen und rufe ihn mir in Erinnerung, als er vor mir getanzt hatte. Schmunzelnd schüttle ich mich, das Kribbeln im Bauch wächst an, das sollte ich auf keinen Fall zulassen. Da fällt mir ein, dass ich ihm ja noch gar nicht geantwortet hatte.

Schnell zücke ich mein Smartphone und tippe: »Hey Rob. Dankeschön fürs Kompliment. Ich ahnte es, du bist jünger als ich. Geschockt? Hm, war wirklich nicht mehr so oft im Club. So, so, glücklicher Single, gibt es so etwas wirklich? Spaß! Frag mich ruhig, solange es nicht zu persönlich ist, beantworte ich dir auch alles. x«

Verblüfft stelle ich fest, dass die Konversation zwischen uns vertrauter wird. Aber vormachen sollte ich mir trotzdem nichts, denn wer weiß, welchen Charakter er tatsächlich hat. Schreiben kann er viel, das heißt noch lange nichts. Na ja, zumindest sieht er gut aus und schriftlich ist er auch ganz nett. Hm, wieso habe ich Matt und Frank vorgestern nicht einfach über ihn ausgequetscht? Ach egal. Es kommt wie es kommt und außerdem, ich will ja keine Beziehung, von daher kann es mir gleich sein. Sollte es zumindest.

Kichernd über meinen Zwiespalt tänzle ich in mein neues Nähzimmer und beginne auch hier auszupacken. Die Stoffe müssen unbedingt aus den Kartons raus. Gut, dass Tom meinen PC bereits angeschlossen hatte, somit kann ich nebenbei E-Mails abrufen. Wieder neue Aufträge! Zwar freue ich mich wahnsinnig darüber, aber ich werde nicht alle schaffen. Darum kümmere ich mich allerdings nachher, denn ich muss nun wirklich die Schränke einräumen.

Am späten Nachmittag bin ich endlich fertig. Alles ist fein säuberlich in den Regalen verstaut und auch meine Tische sind komplett ausgestattet. Wenn ich wollte, könnte ich auf der Stelle loslegen, aber ich verspüre noch keine Lust. Außerdem sollte ich langsam mal etwas zu mir nehmen, mein Magen knurrt lautstark.

In der Küche fällt mir ein, dass ich mich nach niemandem mehr richten muss, ich kann essen, was und wann immer ich will. Das Glücksgefühl endet jedoch abrupt, als ich den Kühlschrank öffne. Gähnende Leere. Stimmt, ich konnte ja schlecht die Lebensmittel mitnehmen. Ob Alice morgen mit mir Einkaufen fahren kann?

Ich sollte mir unbedingt ein kleines Auto zulegen, ohne komme ich gerade bei solchen Großeinkäufen nicht weit. Gut, dass ich gestern noch einige Kleinigkeiten eingekauft hatte, aber an Gewürze und all die wichtigen Dinge hatte ich jedoch nicht mehr gedacht.

Während die Pizza im Ofen bäckt, schreibe ich eine ellenlange Einkaufsliste. Alice hat vor einigen Minuten zugestimmt, mit mir einkaufen zu fahren. Dafür habe ich Robs Nachricht noch nicht gelesen, denn die lebenswichtigen Sachen haben Priorität. Erst als ich die Liste erneut durchgegangen bin und zufrieden nicke, öffne ich seine Mitteilung, die ebenfalls nicht gerade kurz ist.

»Hey Abby. Wieso sollte ich geschockt sein? Klar, du siehst jünger aus, darum bin ich erstaunt, aber nicht geschockt, warum auch. Wie alt, sorry, wie jung bis du denn? Darf ich das fragen? Und falls du deine Gedankengänge weiter webst: Nein, es würde mir nichts ausmachen. Ich stehe nicht auf junge Dinger, ist mir schlichtweg zu anstrengend.

Wie lautet denn dein richtiger Name? Abby klingt definitiv nach einer Abkürzung. Hast du Kinder? Darauf brauchst du nicht zu antworten. Ich will damit nur sagen, dass ich Kinder liebe, wollte allerdings nie selbst welche. Sag mir einfach, wenn es zu persönlich für dich wird!

Wieso tust du dir das eigentlich an? Wieso trennst du dich nicht? Du leidest, das sieht sogar ein Blinder! Brauchst du das? Die Erniedrigung, meine ich. Sorry, falls ich zu direkt bin. Würdest du mich treffen wollen? In einem Café zum Beispiel, auf neutralem Boden mit vielen Menschen, falls du dich dann wohler fühlst. Ich kann es jederzeit einrichten. Ich freue mich auf deine Antwort. x«

Der Herd piepst und reißt mich sofort in die Realität zurück. Ach verdammt, dabei wollte ich den Text noch einmal lesen, aber das muss nun warten. Wo waren denn die Topflappen? Puh, das wird noch was werden. Nicht nur eine neue Wohnung, sondern auch neue Küchenmöbel, da muss ich mich erst einmal wieder zurechtfinden. Im dritten Hängeschrank finde ich dann auch endlich das Gesuchte.

Während ich den ersten Bissen kaue, lese ich das Geschriebene noch einmal. Irgendwie ist er süß, finde ich. Er möchte sich also mit mir treffen. Das wäre an sich kein Problem mehr, aber davon weiß er ja schließlich noch nichts. Hm, was soll ich ihm denn darauf nur antworten, ohne ihm gleich den Eindruck zu vermitteln, dass er Chancen bei mir hätte. Aber auf die anderen Dinge kann ich ihm schon einmal antworten, vielleicht ergibt sich der Rest von selbst.

»Hey. Das sollte man eine Lady tatsächlich nicht fragen … Ach was solls: Ich bin 38. Danke für das Kompliment, du Charmeur. Was ist denn an jüngeren Partnern falsch? Du weißt, dass du dich gerade selbst reingeritten hast, oder? Ich bin schon gemein, ich weiß.

Nicht lachen, okay? Mein Name ist Abigail, etwas altbacken, dennoch finde ich ihn toll. Mich nennen alle nur Abby, darum wurde es für mich zur Gewohnheit, mich auch so vorzustellen. Nein, ich habe keine Kinder, möchte auch ehrlich gesagt keine. Aber nicht, weil ich sie nicht mögen würde, es fehlte der richtige Partner.

Hm, ich weiß nicht, ob es so gut ist, mich mit dir zu treffen. Dafür kenne ich dich noch viel zu wenig. Aber ja, treffen würde ich dich schon gern wollen, nur nicht sofort. Bitte hab etwas Geduld mit mir. x«

Und wieder habe ich mit keinem Wort meine Trennung erwähnt. Kurzerhand schalte ich das Handy aus und setze mich nach dem Essen an meinen PC. Ich picke mir einige Mails heraus und schreibe die potenziellen Kundinnen an. Solange ich keine Rückmeldungen von ihnen erhalte, werde ich meinen letzten Auftrag fertigstellen. Um nicht nachzudenken, drehe ich die Musik etwas lauter und beginne die Applikationen für die Tasche herzustellen. Diese sehr filigranen Arbeiten erfordern meine gesamte Konzentration und lassen mich an nichts denken.

Weit nach Mitternacht richte ich mich stöhnend auf - mein Rücken schmerzt. Seit gut sechs Stunden sitze ich an dem Schneidertisch, aber dafür habe ich es geschafft. Stolz halte ich die fertige Tasche hoch, nun noch Fotos machen, dann kann ich der Kundin die frohe Botschaft übermitteln.

Müde schlurfe ich in mein Schlafzimmer. In den nächsten Tagen sollte sich endlich alles eingependelt haben. Kaum liege ich unter der warmen Decke, schalte ich mein Smartphone an und wieder ist eine Mitteilung eingegangen. Er lässt nicht locker, denke ich beinahe belustigt.

»Hey du wunderschöne 38-jährige Abigail. Ich finde deinen Namen richtig toll. Nein, ich liebe ihn!

Eines solltest du wissen: Ich nehme mit Anlauf jedes Fettnäpfchen, welches sich mir in den Weg stellt, das ist ein Hobby von mir. Hm, ich meinte ja auch Frauen, was mich somit als jüngeren Partner ausschließt. Außerdem, was sind schon drei Jahre? Oh, ich muss zugeben, dass ich mir doch mehr Gedanken mache, als ich wohl sollte. Entschuldige, kommt nicht wieder vor.

Das mit den Kindern ist doch okay, manchmal ist es auch besser keine Würmchen in diese grausame Welt zu setzen, finde ich. Abigail – ich werde bei diesem Namen echt noch schwach – ich finde es zwar schade, dass du dich in nächster Zeit nicht mit mir treffen möchtest, aber ich verstehe dich. Gib mir einfach Bescheid, wenn du dazu bereit bist. Wir treffen uns dort, wo du möchtest. Ich erfahre deine Adresse nicht, es sind viele Leute da, gern auch deine Freunde, mir egal, Hauptsache ich kann dich sehen. Nur sehen und reden, versprochen! Sweet dreams x«

Bevor mir die Augen komplett zufallen, tippe ich: »Okay, ein Vorschlag: Wir sind morgen ab 21 Uhr in der Cambridgebar. Wenn du Lust hast, stoß doch dazu. Träum was Schönes. x«

Schmunzelnd lege ich das Handy beiseite, damit werde ich ihn völlig überrannt haben, ebenso wie mich selbst, wenn ich ehrlich bin. Welcher Teufel hat mich denn da soeben geritten, aber es wird schon seine Gründe haben. Viel mehr bin ich allerdings auf seine Reaktion gespannt, die aber leider auf sich warten lässt. Mit einem Lächeln auf den Lippen schlafe ich auch schon bald ein.

5

K

urz vor zehn wache ich mit einem rasenden Herzschlag auf, als ob ich verschlafen hätte. Erleichtert erblicke ich die Uhrzeit, der Wecker hat noch nicht einmal geklingelt. Ich bin etwas zu früh wach, aber schlafen kann ich nun auch nicht mehr, da mir augenblicklich dieser süße Typ in den Sinn kommt.

In diesen tollen Gedankengängen versunken, plärrt mich der Wecker an. Panisch stelle ich ihn aus. Verdammtes Ding, nun bin ich mehr als wach. Eine neue Nachricht ist eingegangen. Wie wird er wohl reagiert haben? Ich will noch nicht nachschauen, erst will ich mir die verschiedenen Szenarien ausmalen, die Spannung aufrecht halten. Anscheinend quäle ich mich gern selbst, stelle ich schmunzelnd fest.

Nachdem ich geduscht und mich fertiggemacht habe, öffne ich Kaffee trinkend seine Mitteilung, die er mir noch mitten in der Nacht geschickt hatte. »Guten Morgen Abigail. Ich bin sprachlos. Mit allem hätte ich gerechnet, nur nicht damit! Natürlich werde ich da sein. Rob x«

Ein leiser Aufschrei entfleucht meinen Lippen. Verwundert halte ich mir den Mund zu, nachdem ich hastig die Tasse abgestellt habe. Warum gerate ich denn jetzt in Euphorie? Doch die Antwort ist schnell gefunden, ich freue mich tatsächlich auf ihn. Ja, ich bin gespannt auf ihn. Ob er überrascht sein wird, dass Matt, Frank und Max ebenfalls da sein werden? Immerhin sind es seine Freunde und sie haben ihm anscheinend noch nichts gesteckt.

Okay, ich will nicht so sein und schreibe: »Guten Morgen Rob. Ein kleiner Tipp: Melde dich doch mal bei Max. Dann bis heute Abend. x«

Die Nervosität treibt mich kurz darauf aus dem Haus. Eigentlich wollte Alice mich abholen, aber ich kann keine Stunde mehr warten, lieber spaziere ich etwas durch die Straßen, um wieder herunterzukommen. Ein eisiger Wind weht mir um die Ohren, doch ich merke es nicht einmal. Mir ist so warm, dass ich am liebsten den schweren Mantel ausziehen würde. Allerdings fällt mir auf, dass alle dick eingemummelt herumlaufen, dann muss es also kalt sein. Immerhin ist Februar. Ich vergrabe meine Hände tief in den Taschen, weil das alle um mich herum ebenfalls tun.

Die Passanten müssen auch denken, dass ich völlig durchgeknallt bin, weil ich die ganze Zeit breit vor mich hin grinse. Aber ich bekomme ihn einfach nicht aus meinem Kopf. Mein Handy halte ich in der Manteltasche fest umklammert, deshalb spüre ich auch das Vibrieren. Schnell schaue ich nach und lese seine Nachricht. »Was auch immer das bedeuten soll, ich werde es tun. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich auf dich freue! x«

Nachher werde ich ihm antworten, ich will nicht den Eindruck vermitteln, als ob ich nur auf seine Mitteilungen warten würde. Schmunzelnd schiebe ich das Mobiltelefon zurück in meine Jackentasche. Er muss gerade aufgewacht sein und mir gleich als Erstes geantwortet haben. Mit einem beschwingten Gefühl schlendere ich an dem kleinen Flüsschen entlang. Eigentlich wären es nur wenige Meter bis zu Alice’ Haus, allerdings will ich sie mitnichten stören und wähle einen großen Umweg hinter den Häusern, aus dem Viertel heraus.

Heute amüsieren mich sogar die abwertenden Blicke der Mitmenschen, wobei ich mir fast sicher bin, dass der eine oder andere eher anerkennend ist. Ich bin es gewöhnt, dass die Leute mich nie so akzeptieren werden, wie den stinknormalen Banker oder eine leicht bekleidete Tussi, wobei ich diese auch abwertend anschaue, wenn ich ehrlich bin. Mir ist dieses Schubladendenken egal, ich fühle mich wohl, so wie ich bin und so gebe ich mich auch, meistens zumindest. Denn lang genug musste ich mich nach anderen richten, nun breche ich wieder aus.

Im Winter ist es eigentlich nicht ungewöhnlich, dass jemand dunkle Farben trägt, aber allein mein Mantel ist schon ausgefallen. Er wirkt militärisch, ist dick, wärmt und steht mir verdammt gut, wie ich zumindest finde. Meine flachen, kniehohen Stiefel, die ab und an hervorblitzen, sind ebenfalls nicht die Norm. Nur meine schwarze Jeans und der Rollkragenpullover könnte man als 0815 betiteln. Dafür fallen meine dunkelroten Haare umso mehr auf, die schwer auf den tiefschwarzen Mantel fallen, wodurch diese noch mehr hervorstechen.

Pete meckerte immer über meinen Stil, ihm war es peinlich, so mit mir durch die Straßen zu laufen. Das hatte mich damals mehr getroffen als die giftigen Blicke der Menschen, die ich eh nicht kannte und mir somit völlig egal waren. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich meinen alltäglichen Kleidungsstil etwas dezenter gehalten. Aber das werde ich nicht mehr tun, deshalb habe ich diesen Mantel gewählt. Ich mag introvertiert sein, aber sobald es um Kleidung, Haare oder das Tanzen geht, trage ich mein eigentliches Wesen nach außen.

An der großen Straße kehre ich um und schlendere den Weg zurück. Die Uhr zeigt halb zwölf, ich sollte langsam zu Alice gehen, nicht das sie auf die Idee kommt früher loszugehen und vor meiner verschlossenen Wohnung steht. Bald darauf betätige ich den Knopf auf dem Klingelschild. Keine zehn Sekunden später surrt der Türöffner und ich kann eintreten.

»Boah, nächstes Mal viel früher oder viel später!«, stöhnt Alice und wirft sich auf den Fahrersitz.

Das war wirklich die Hölle. »Oder unter der Woche, aber ich danke dir, Süße!«

»Kein Problem. Wir wollen dich ja schließlich nicht verhungern lassen.« Kichernd startet sie das Auto.

»Das hatte ich völlig vergessen, dass ich ja nicht einmal Salz zu Hause habe! Man wie doof!«, erwidere ich Augen verdrehend.

»Ach, das kann doch passieren. Hast du eigentlich mal wieder was von Pete gehört?«

»Von wem?«, entgegne ich feixend. »Ja, er ruft dauernd an, aber seit gestern ist das Handy aus.«

»Und das ist gut so!«

Sie stoppt vor der verkehrsberuhigten Zone, in der wir wohnen und laden die unzähligen Tüten aus dem Wagen, um sie anschließend nach oben zu tragen. Nach dreimaligem Hoch- und Herunterlaufen haben wir es endlich geschafft. Erschöpft lässt sich Alice auf die Couch fallen, während ich beginne, den Einkauf einzuräumen.

»Hey! Komm her, ruh dich erst mal kurz aus. Danach helfe ich dir«, ruft sie mir zu.

Kaum sitze ich neben ihr, beginnt Alice mich auszuquetschen. Ich erzähle ihr, dass ich Rob ebenfalls eingeladen habe, in die Cambridgebar zu kommen. »Cool! Ich bin ja echt gespannt«, meint sie und setzt sich aufrecht hin. »Aber nun sag mal, wie findest du ihn denn nun?«

»Hab ich dir doch schon gesagt. Süß, charmant und rücksichtsvoll. Aber wer weiß, wie er sich persönlich gibt. Ich kann ihn nicht nach seinem Geschriebenen beurteilen. Da kann er mir ja sonst etwas auf die Nase binden.«

»Hm, da hast du auch wieder recht. Na ja, wir werden es sicher heute herausfinden. Die Jungs haben ihm anscheinend nichts erzählt, oder?«

»Nein. Auch nicht, dass ich mittlerweile ausgezogen bin. Er weiß von gar nichts.«

Mit großen Augen schaut sie mich an. »Wie? Er weiß noch nicht einmal, dass du dich von Pete getrennt hast?«

»Nein, er weiß überhaupt nichts.«

Ich bemerke das Funkeln in ihren Augen. »Du willst ihm wohl keinen Grund geben, dir zu nahe zu kommen?«

»So kann man es auch sehen, ja. Wer weiß, was er für ein Typ ist. Vielleicht ist er ja ein Arsch.«

»Na das glaubst du ja wohl selbst nicht«, entgegnet Alice lachend und steht auf, um die Anlage einzuschalten. Sofort ertönt die Musik von gestern Nacht. »Du hast dich verknallt, oder?«

Ertappt erröte ich und senke den Blick, ich kann ihr einfach nichts vormachen. »Etwas, aber ich will das eigentlich gar nicht. Nicht jetzt, so kurz nach Pete.«

»Kann ich verstehen, Süße. Doch es kommt, wie es kommt, dagegen kannst du dich nicht wehren. Na los.« Sie reicht mir ihre Hände und zieht mich von der Couch.

Gemeinsam räumen wir die Einkäufe in den Kühlschrank und in die kleine Vorratskammer am hinteren Ende der Küche. Nachdem wir damit fertig sind, machen wir uns Sandwiches. In der Bar gibt es zwar auch etwas zu essen, aber hier ist es viel gemütlicher und ruhiger.

Im Anschluss geht Alice nach Hause, um sich umzuziehen, wir machten uns früher schon bei jeder Gelegenheit, die sich uns bot, chic. Und gerade ich will das nun auch wieder ausnutzen, jetzt nachdem mir Pete nicht mehr vorschreiben kann, wie ich mich zu kleiden habe.

Aufgeregt durchstöbere ich meinen Kleiderschrank. Ich komme zu dem Schluss, dass ich mir unbedingt neue Klamotten zulegen muss. Die gibt es aber nicht in Oxford, dazu müsste ich nach London. Allein der Gedanke an die Millionenstadt lässt mir die Haare zu Berge stehen. Aber da gibt es keinen Weg dran vorbei, wenn ich neue, ausgefallene Klamotten will, muss ich in die Metropole. Das hat allerdings noch Zeit, denke ich mir und schlüpfe in eine schwarze Bluse mit Stehkragen. Darüber ziehe ich einen schwarzen Cardigan. Zwiebellook ist immer gut.

Vor dem Badezimmerspiegel betrachte ich mein Gesicht. Wieso nennt er mich eigentlich immer wieder Schöne? Ich empfinde mich nicht als schön. Graue Augen, wer will schon graue Augen? Okay, meine Lippen sind voll, für meinen Geschmack etwas zu voll, da sie nicht zu meinem schmalen Gesicht passen. Seufzend zücke ich den Kajalstift und ziehe die Linien nach, tusche noch einmal meine Wimpern. Fertig! Und nun?

Mein Handy leuchtet vor mir auf. Mittlerweile schleppe ich es überall mit hin, ich könnte ja etwas verpassen. Rob!

»Okay Abigail, nun bin ich wirklich gespannt. Max wollte nichts herausrücken, außer dass ihr euch heute Abend alle trefft. Aber das hat er mir auch nur gesagt, weil ich ihn direkt gefragt habe. Bis gleich. x«

Oh, Max hat also wirklich dichtgehalten? Schmunzelnd tippe ich: »Bis gleich, mein Schöner. x«

Ah, warum habe ich das denn geschrieben? Peinlich! Im Spiegel erblicke ich die leichte Röte auf meinem Gesicht. Die Türklingel erlöst mich und ich habe keine Zeit, länger darüber nachzudenken. Alice kommt nicht allein herauf, Tom hat sie überraschenderweise abgeholt. Im Grunde genommen könnten wir auch die Strecke zur Bar laufen, aber wenn es heute Abend zu kalt werden sollte, hätten wir ein Problem.

»Hey Süße«, begrüßt mich Tom. »Du bist fertig?«

»Mit den Nerven! Aber ja, wir können los«, antworte ich grinsend, als ich seinen verblüfften Gesichtsausdruck sehe. Ich schlüpfe in meinen Mantel und schließe die Tür hinter mir ab. Aufgedreht eilen wir an Tom vorbei nach unten. Wenn er wüsste!

Wir betreten den kleinen, verglasten Vorraum. Das mahagonifarbene Holz der Türrahmen findet sich auch in dem langen Tresen wieder. Ächzend schlängeln wir uns an den Menschen vorbei, die vor der Bar dicht an dicht stehen. Da meine beiden Freunde regelmäßiger hier sind, werden sie von den Barkeepern begrüßt. Aber auch ich werde überraschenderweise wiedererkannt, obwohl ich in den letzten Jahren selten anwesend war.

Der verspielte Kronleuchter, der von der verglasten Decke hängt, verströmt ein angenehmes Licht. Matt und Frank sitzen bereits an dem reservierten Tisch, der sich links neben der Bar in einer Nische befindet. Nach den Umarmungen setze ich mich neben Tom auf die braune U-förmige Sitzgruppe. Alice platziert sich mir gegenüber auf die rechte Seite, wie erwartet neben Matt. Wir müssen nicht einmal nach vorn gehen, um zu bestellen, da wir zum Auftakt immer eine Cola nehmen, die uns auch prompt serviert wird.

Mittlerweile kümmert es keinen mehr, dass wir schwarz angezogen sind. Einer der Barkeeper, der mit Tom befreundet ist, verkehrt ebenfalls im Club, weshalb wir auch bevorzugt diesen Tisch zugewiesen bekommen.

»Max hat mich vorhin angerufen und mich gefragt, ob ich Rob etwas erzählt hätte. Weißt du was darüber?«, fragt Frank mich.

Überrascht blicke ich ihn an. »Nein, ich habe ihm nur geschrieben, dass wir heute Abend hier sind. Mehr nicht.«

»Ah, okay. Also weiß er von gar nichts?«

Kopfschüttelnd erwidere ich: »Nein, von nichts.«

»Na das kann ja ein lustiger Abend werden«, lässt Matt feixend verlauten.

Kurz überlege ich, ob ich die beiden nicht fragen sollte, wie Rob denn so ist. Nachdenklich nippe ich an meiner Cola, als plötzlich jemand neben mir sagt: »Hallo Abby.«

Und wie sollte es auch anders sein, verschlucke ich mich und muss erst einmal husten. Lachend klopft Tom mir auf den Rücken. Ich war wieder so tief in Gedanken versunken, dass ich nicht mitbekommen habe, dass Rob und Max zwischenzeitlich aufgetaucht sind.

»Tschuldige«, krächze ich und blicke in sein hübsches Gesicht hinauf. Ein Lächeln umspielt seine schönen Lippen. Wenn ich nicht bereits sitzen würde, müsste ich mich jetzt definitiv hinsetzen, denn ich merke wie meine Knie weich werden. Herrje, das kann ja noch was werden!

Die Männer begrüßen sich mit Handschlag. Tom rückt zu Frank auf, sodass sich Rob neben mich setzen kann. Max platziert sich neben Alice. Es ist etwas eng für meinen Geschmack, was wohl auch daran liegt, dass Robs Nähe mir etwas zu heikel ist. Er scheint zu spüren, dass ich mich unwohl fühle und rutscht ein kleines Stückchen von mir ab. Innerlich dankend beginne ich mich zu entspannen. Die junge Bedienung tritt an unseren Tisch und serviert die Bestellung der Männer. Verwundert schaue ich ihn an, als vor ihm ein Wasser und Espresso platziert wird. Wasser? Ernsthaft? Aber vielleicht muss er ja noch fahren.

Seine faszinierenden Augen leuchten mich regelrecht an, als er sich mir zuwendet. Wenn er mich jetzt anspricht, werde ich keinen Ton über meine Lippen bringen. Doch er sagt kein Wort, senkt sogar den Blick. Mit einem Mal fällt mir siedeheiß ein, dass ich Max noch gar nicht begrüßt und auch Robs Hallo nicht erwidert hatte. Wie peinlich! Und nun?

»Hey Süße«, hilft Alice mir aus der prekären Situation.

Innerlich wachrüttelnd entgegne ich: »Hm?« Dieser simple Laut kostet mich mehr Überwindung als gedacht.

»Unser Türsteher hier ist eingeschnappt.« Damit deutet sie mit dem Daumen auf ihn, der mir allerdings grinsend zuzwinkert.

»Oh je, sorry, Max! Komm her, lass dich drücken«, sage ich und stehe auf, um mich über den Tisch zu beugen und ihn zu umarmen.

»Kein Problem, Abby«, erwidert dieser.

Als ich mich wieder hinsetze, reiche ich Rob die Hand. »Entschuldige bitte, ich weiß gar nicht, wo meine Manieren geblieben sind. Hi!«

Schmunzelnd ergreift er meine Hand. »Wahrscheinlich da, wo sich meine auch gerade befinden.«

Die Freunde lachen laut auf. Grinsend entziehe ich ihm meine Hand, wenn auch ungern. Drei silberne Ringe zieren seine schlanken Finger. Solche schlichten Ringe finde ich an Männerhänden sehr anmutig und ihm stehen sie gleich noch mal so gut. Max verwickelt ihn recht schnell in ein Gespräch, sodass ich ihn etwas von der Seite mustern kann. Wow, was für ein Profil! Und dieser Typ hat allen Ernstes Interesse an mir? Ihm rennen doch wahrscheinlich die Frauen in Scharen hinterher!

Leise aufseufzend richte ich meine Aufmerksamkeit auf Tom, der sich gerade mit Frank unterhält und versuche dem Gespräch zu folgen. Hoffnungslos! Dieser Schönling neben mir, hat mir eiskalt den Kopf verdreht und ich komme nicht dagegen an. Dabei wollte ich das gar nicht, aber was ich will, ist dem Schicksal anscheinend vollkommen egal.

»Abby? Du wirkst heute irgendwie anders«, stellt Rob fest und reißt mich aus meinen Gedanken.

Überrascht wende ich mich ihm wieder zu. »Positiv oder negativ?«

»Du strahlst etwas aus, was ich zwar nicht einordnen kann, aber es scheint positiv zu sein. Du wirkst entspannter.« Liegt vielleicht daran, dass ein gewisser Jemand nicht hier ist? Doch statt einer Antwort grinse ich in mich hinein.

Alice schmunzelt mir zu und übernimmt anstatt meiner die Erklärung. »Ja, damit liegst du völlig richtig. Gut beobachtet.«

Und schon nimmt das Gespräch seinen Lauf. Mir ist das ganz recht, da ich es ihm somit nicht direkt auf die Nase binden muss.

»So? Und was ist der Grund?«, hakt er neugierig nach. Wieso fragt er nicht direkt heraus, warum mein Macker heute nicht dabei ist?

»Es ist in den letzten Tagen ziemlich viel passiert.« Sie lässt sich aber auch jedes Wort aus der Nase ziehen, denke ich amüsiert.

»Na nun spannt mich doch nicht so auf die Folter. Ihr wisst doch alle Bescheid, oder?« Seine Augen huschen von einem zum anderen. Ich kann seine Ungeduld spüren.

»Ja«, bestätigt Matt. »Wir waren ja auch alle dabei.«

»Wo wart ihr dabei?« Rob wirkt irritiert. Keiner der Angesprochenen reagiert sofort, die Luft ist zum Zerreißen gespannt. Will keiner dem andern den Vortritt nehmen?

»Ich habe Pete verlassen«, lasse ich völlig unerwartet die Bombe platzen. Ich kann seine Anspannung nur zu gut nachvollziehen und will ihn nicht länger zappeln lassen.

Mit großen Augen schaut er mich an. »Du hast was?« »Ich habe meinen Macker, wie du ihn so schön nanntest, von heute auf morgen verlassen und bin ausgezogen«, kläre ich ihn auf.

Er bekommt kein Wort heraus, damit hatte er wohl partout nicht gerechnet. Die Verwirrung ist ihm anzusehen. Feixend setzt Max fort: »Genau und wir haben ihr geholfen, deshalb wissen wir auch alle Bescheid.«

»Wann?«, hakt er nun wieder nach.

»Am Mittwoch, als ich dir geschrieben habe.«

»Okay«, entgegnet er konfus. Das muss er erst einmal setzen lassen. Ihm wird auch klar werden, dass er mich zwischenzeitlich gefragt hatte, wieso ich Pete nicht verlasse und warum ich ihn darauf nicht geantwortet hatte. »Okay«, murmelt er erneut.

Lachend erhebt sich Max, um an die Bar zu gehen und Whiskey für alle zu bestellen. Ich erkläre umgehend, dass ich nicht mittrinken möchte, aber er winkt nur ab. »Einen Schluck können wir jetzt wohl alle brauchen.«

»Ja, aber Whiskey?«, erwidere ich mit gerümpfter Nase.

»Ich trink deinen schon«, lässt Rob verlauten, was die anderen zum Lachen bringt. »Den brauch ich jetzt wirklich.«

Das kann ich ihm nicht einmal verdenken und schiebe ihm mein Glas hin, nachdem die Bedienung uns die Getränke serviert hat. Er schüttelt den Kopf und meint: »Ich bestehe allerdings auf einen kleinen Schluck.« Dabei hält er mir sein Glas entgegen, damit ich mit ihm anstoße. Nur widerwillig erhebe ich es, ich hasse Whiskey! Nach einem kleinen Schluck verziehe ich angewidert das Gesicht.

»Bäh!«

Feixend nimmt er mir das Glas aus der Hand. »So schlimm ist es doch gar nicht.«

»Rutsch mal«, fordere ich ihn auf. Mit einem fragenden Blick dreht er sich nach außen und lässt mich vorbei. »Ich hol mir jetzt etwas, was mir auch wirklich schmeckt.«

»Bringst du mir auch einen mit?«, ruft Alice mir hinterher. Bestätigend hebe ich die Hand und gehe zum anderen Ende des Tresens, zu Sean, dem befreundeten Barkeeper. Kaum sieht er mich, weiß dieser, was ich möchte. Dazu brauche ich bloß zwei Finger zu zeigen.

Aus den Augenwinkeln sehe ich Rob auf mich zukommen. Neben mir angekommen, lehnt er sich rücklings gegen die Bar und schaut mich von der Seite an, spricht allerdings kein Wort. Im Grunde genommen braucht er auch nichts zu sagen, wir haben uns gesehen, ein paar Silben gewechselt und sofort war alles klar. Es bedarf keiner Erklärungen, Geständnisse oder Bitten. Da kann ich mir sonst etwas vormachen. Er kam, sah und siegte, fällt mir plötzlich belustigt ein und muss unwillkürlich grinsen.

Dies bleibt ihm natürlich nicht verborgen. Mit einem Lächeln blickt er zu den gegenüberstehenden Gästen neben dem Eingang. »Glaubst du mir, dass das keine Masche von mir war oder ist?«

»Hm? Was meinst du?«, frage ich ihn verwirrt und schaue ihn endlich an. Ich bin mir nicht sicher, was er damit meint.

»Na das ich dich nicht nur rumkriegen will«, antwortet er und wendet sich mir mit funkelnden Augen zu.

Der Barkeeper stellt mir die beiden Weingläser hin. Als ich diese ergreifen will, hält Rob meine Hand fest. »Rede bitte mit mir. Glaubst du mir das?«

»Was ist, wenn ich Nein sage?« Woher nehme ich denn auf einmal den Mut, ihm so etwas vor den Bug zu knallen?

»Dann müsste ich das akzeptieren, obwohl es mir nicht leichtfallen würde. Ist das denn deine Antwort?«

»Ich weiß es nicht. Tut mir leid«, entgegne ich abbittend. Ich weiß es tatsächlich nicht, da ich ihn einfach zu wenig kenne. Zu gern würde ich Ja sagen, aber das würde nicht der Wahrheit entsprechen und er hat eine ehrliche Antwort verdient.

»Okay.« In seiner Stimme klingt ein leises Bedauern mit. »Dürfte ich mich trotzdem kurz mit dir unter vier Augen unterhalten?«

Irgendwie tut er mir auf einmal leid. »Ja. Hier an der Bar?« Als er zustimmend nickt, meine ich: »Ich bringe Alice nur schnell ihren Wein, dann bin ich ganz Ohr.»

»Danke«, sagt er sichtlich erleichtert. »Lass mal, ich mach das schon. Warte kurz hier.« Damit nimmt er mir ein Glas ab und geht zu den anderen hinter. Was wird er mir jetzt wohl sagen wollen? Was hatte ich denn auch gedacht, als ich ihn hierher eingeladen hatte? Das wir nur schweigend dasitzen würden? Sehr naiv, Abby!

Nervös drehe ich mein Glas hin und her, starre auf die darin wogende Flüssigkeit, die durch den Lichteinfall leicht honigfarben wirkt.

»Hey«, raunt er nah an meinem Ohr. Dieser hinreißende Tonfall und sein Atem auf meiner Haut lassen mich beinahe erzittern. »Da bin ich wieder.«

Er sollte aufhören so mit mir zu sprechen, das bringt mich völlig durcheinander! Nur mit großer Überwindung kann ich ihn anschauen und wie erwartet leuchten seine Augen. Sein oder wahrscheinlich mein Whiskeyglas stellt er auf den Tresen, was vermuten lässt, dass es wohl etwas länger dauern wird.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
17 września 2025
Objętość:
390 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783754926529
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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