Czytaj książkę: «Gleich knallt's»
Über dieses Buch
Ein Gewitter zieht auf, als Lotte und Gabi aufeinander prallen. Dass es gleich knallt, ist vorprogrammiert, denn unterschiedlicher können Frauen nicht sein. Die eine robust, mit beiden Beinen im Leben, altgediente Krankenschwester auf der Chirurgischen und Motorradfreak. Die andere perfekte Hausfrau, kultiviert und vornehm, Repräsentantin an der Seite ihres Ehegatten. Zu dumm, dass ausgerechnet der jetzt auf Gabis Station liegt.
In diesem Buch knallt es deshalb immer wieder, bis beim finalen „Urknall“ die Polizei eingreift …
EVA ENCKE & ROSWITHA KOERT
Gleich knalltʼs
Roman
© 2014

1. Auflage Oktober 2013
©2014 OCM GmbH, Dortmund
Gestaltung, Satz und Herstellung:
OCM GmbH, Dortmund
Verlag:
OCM GmbH, Dortmund, www.ocm-verlag.de
Printed in Germany
ISBN 978-3-942672-23-8
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Inhaltsverzeichnis
Prolog
Teil 1
Teil 2
Epilog
„Wenn das Leben dir eine Zitrone gibt,
mach Limonade daraus!“
Virginia E. Wolff
Prolog
Sie klopfte kurz an die Tür, dann drückte sie zaghaft die Klinke herunter und betrat den Raum.
Sie hasste es, zu spät zu kommen. Aber verdammt noch mal, sie hatte halt so lange nach einem Parkplatz suchen müssen!
Ihr Blick fiel auf die Reihe unterschiedlichster Körper, die sich in mehr oder weniger grazilen Posen zu einer lauten Musik bewegten. Das aggressive Geschrei einer Pop-Diva, die irgendetwas über einen „Boy“ sang, dröhnte in ihren Ohren.
Nun los, willst du hier Wurzeln schlagen, herrschte sie sich selbst an, blieb aber gleich nach dem ersten Schritt wieder stehen. Verdutzt starrte sie auf eine geduckte Gestalt, die sich langsam rückwärts auf sie zubewegte.
Das ist genau so ein armes Schwein wie ich, die möchte sich auch am liebsten in einem Mauseloch verkriechen, schoss es ihr durch den Kopf. Erst dann sah sie den Grund, warum diese Frau sich unsichtbar machen wollte. Ihre Gymnastikhose war genau in der Mitte von der Taille bis zum Zwickel aufgerissen, ein dickes weißes Hinterteil mit Cellulitis-Spuren wie auf einer Landkarte quoll aus dem Kleidungsstück heraus. Durch die Po-Rille wand sich ein aufgeribbelter Strick, wohl Teil eines String-Höschens. Sie musste grinsen. Als die Frau ihr den Kopf zuwandte, hielt sie für einen Moment den Atem an. Das war doch diese … diese Gans, die sie immer so von oben herab behandelt hatte.
„Was machen Sie denn hier? Und dann mit nacktem Hintern?“
Sie hatte vergessen, dass sie sich gerade noch verstecken wollte. Vergessen hatte sie auch, dass sie bei ihrem letzten Zusammentreffen Burgfrieden mit der Gans geschlossen hatte.
Das hier war ihr Auftritt. Endlich konnte sie sich an dieser aufgeblasenen Person rächen.
Die hatte sich jetzt vollends zu ihr umgedreht und zeigte dadurch den übrigen Mitwirkenden ihr bloßes Hinterteil. Getuschel und Gekicher erklangen von allen Seiten. Schadenfroh beobachtete sie, wie die andere versuchte, ihre Blöße mit den Händen zu bedecken.
Die Anspannung, die sie gerade noch verspürt hatte, entlud sich in einem Lachkrampf.
Sie lachte und lachte, konnte gar nicht mehr aufhören und prustete zwischen den Zähnen hervor: „Das sieht ja wirklich geil aus. Dieses ausladende Hinterteil, zum Kaputtlachen.“
„Hör auf, du dumme Kuh!“, kam es bedrohlich leise zurück. Doch ihr Lachkrampf dauerte an, ab und zu versuchte sie, einzelne Wörter wie „fetter Hintern“, „Häkelstring“ oder „Cellulitis“ hervorzubringen.
Immer mehr Damen aus der Gruppe ließen sich von dem Lachen anstecken.
Ihr liefen die Tränen über das Gesicht, deshalb sah sie das gefährliche Aufblitzen in den Augen ihres Gegenübers nicht und konnte dessen Faust nicht mehr ausweichen. Der Schlag traf sie direkt auf die linke Wange, knapp unter dem Auge. Sie schrie auf. Einen Augenblick lang verlor sie das Gleichgewicht. Schwarze Schlieren schlängelten sich in ihren Blick. Sie kämpfte gegen die aufsteigende Ohnmacht an. Verschwommen sah sie, wie Hände auf sie zuschnellten, sie spürte, wie ihr Sportanzug am Ausschnitt einriss. Das gab ihr den Rest. Der Schmerz war schon schlimm genug, aber jetzt noch ihr nagelneuer Gymnastikanzug von Nike!
„Kannst du haben“, schrie sie und kratzte der anderen einmal quer durchs Gesicht. Mit der rechten Hand riss sie ihren Kopf an den Haaren hoch und hieb ihr gleichzeitig das Knie in den Bauch. Sie hörte ihr Blut in den Ohren rauschen, dann ein Grunzen wie von einem Schwein, als ihr Gegenüber sich wieder auf sie stürzte.
Die Kursleiterin, die versuchte, die beiden auseinanderzuziehen, erntete einen Treffer und ging stöhnend zu Boden.
Die beiden Kämpferinnen landeten auf dem Parkett, wälzten sich dort herum, abwechselnd mal die eine, mal die andere oben. Die Gans saß jetzt auf ihr und hielt ihre strampelnden Beine mit dem festen Griff eines Schraubstocks. Sie schnappte nach Luft. Irgendwie musste sie sich befreien, sonst würde sie ersticken … Es dauerte nur Bruchteile von Sekunden, in denen sie merkte, dass sich der Griff lockerte. Diesen Moment nutzte sie, um hochzuschnellen und zuzubeißen. Mit aller Kraft biss sie zu, so fest, dass ihre Zähne schmerzten. Durch das Rauschen in ihren Ohren drang ein tierischer Schrei. Sie registrierte, dass der Körper über ihr wegsackte. Sie spürte einen glitschigen Klumpen in ihrem Mund, nahm einen eigenartigen, metallischen Geschmack wahr. Angewidert spuckte sie den Fremdkörper aus. Erstaunt sah sie, wie er in einem hohen Bogen durch den Raum flog und als zerfetzter blutiger Kloß vor den Füßen einer Kursteilnehmerin landete.
Teil 1

Lotte
„Schon wieder eine neue Blüte!“ Charlotte Reinermann stand im Wintergarten und betrachtete entzückt die riesige Zimmercalla. Seit zwei Wochen brachte sie eine Blüte nach der anderen hervor. Hin und wieder brach Lotte, wie Charlotte allgemein genannt wurde, eine ab und verschenkte sie. Natürlich nur an gute Freunde. Heute Abend würde sie vielleicht wieder jemandem damit eine Freude machen, vielleicht Bernd oder Gisela, mal sehen. Lotte hatte den grünen Daumen und alle bewunderten sie dafür. Sie ließ sich gern bewundern. Der Wintergarten, das große Haus, der Garten mit Teich und Grillplatz, das war ihre Welt. Dafür lebte sie. Sie hatte gern Gäste, bewirtete sie perfekt, war charmant und attraktiv, glänzte an der Seite ihres Mannes. Jetzt fiel ihr Blick auf einige Flecken und Schlieren an den Glaswänden des Wintergartens und sie runzelte die Stirn. Olga, ihre aus Russland stammende Haushaltshilfe, hatte doch erst gestern geputzt, wie konnte sie denn so etwas übersehen? Charlotte schüttelte den Kopf, eilte in den Keller und bewaffnete sich mit Leiter, Putzeimer, Spezial-Glasreiniger und Mikrofasertuch. Dieses Missgeschick musste sie beseitigen, bevor ihre Gäste heute Abend etwas davon bemerkten. Wenn die Gartenbeleuchtung eingeschaltet war, konnte man sehr gut erkennen, ob die Glasscheiben des Wintergartens wirklich glänzend sauber waren oder ob irgendwo Spuren vom Regen oder gar Staub und Dreck waren.
Nein, das musste sie unbedingt nachher Reinhard erzählen. Wenn sich so etwas wiederholen sollte, war es sicherlich besser, sich von Olga zu trennen. Unzuverlässigkeit konnten sie beide nicht leiden, da waren sie einer Meinung.
„Mein Gott, ich muss noch das Filet anbraten, das Gemüse putzen, den Salat waschen … Die blöde Putzerei bringt meinen Zeitplan völlig durcheinander.“
Charlotte spürte, wie eine nervöse Unruhe von ihr Besitz nahm. Sie hasste es, wenn etwas nicht nach Plan lief. Sie war perfekt, aber unvorhergesehene Dinge brachten sie aus dem Gleichgewicht. Eine heiße Welle setzte ihr Gesicht in Brand, als sie jetzt daran dachte, dass sie auch überprüfen wollte, ob der schwarze Rock noch passte, den sie heute Abend anziehen wollte. Wenn nicht, musste sie etwas anderes finden. Vielleicht die anthrazitfarbene Hose oder der graue Seidenrock …?
Sie hatte schon wieder etwas zugenommen, wenn nun alles zu eng war, wenn …
„Verdammt“, fluchte Charlotte, als sie mit dem Fuß gegen den Eimer stieß und der gefährlich ins Wanken geriet. Mit einem schnellen Griff konnte sie zwar verhindern, dass der Eimer umfiel, aber das Wasser war bereits übergeschwappt und hatte glänzende runde Flecken auf den Fliesen hinterlassen.
„Na prima“, rief Charlotte mit hysterischer Stimme, „jetzt kann ich auch noch den Boden wischen.“
Mit fahrigen Händen erledigte sie das Aufwischen und ging dann seufzend in die Küche. Sie enthäutete das Filet, würzte es mit Rosmarin und Salbei und briet es in der schweren gusseisernen Pfanne an.
Zum Glück klappte bei der Zubereitung des Essens alles wie am Schnürchen und Charlotte vergaß allmählich den Ärger über die unzuverlässige Putzfrau. Mit einem Schmunzeln stellte sie sich vor, wie Bernd am Abend ihren Filettopf loben würde. Er aß gern, vor allem so raffinierte Gerichte, wie Lotte sie zubereitete. Die Hausmannskost, die Gisela ihm vorsetzte, hatte ihn zwar im Laufe der Jahre ziemlich rund gemacht, aber wirklich begeistert war er davon nicht. Ihr Filet Bourguignon würde ihm sicherlich wieder ausgezeichnet munden.
Lotte hörte Geräusche im Haus und rief: „Reinhard, bist du es? Gut, dass du so pünktlich kommst. Du musst den Wein noch dekantieren, er steht in der Küche. Und bitte, zieh die Schuhe aus. Ich musste den Wintergarten noch einmal wischen, stell dir vor …“
Weiter kam Lotte nicht, denn Reinhard Reinermann hatte die Küche betreten und sah seine Frau mit leidender Miene an.
„Was ist los, Reinhard, bist du krank?“ Lottes Stimme klang alarmiert, sie wollte das Treffen mit Bernd und seiner Frau auf keinen Fall absagen, sie hatte doch schon alles vorbereitet …
„Ich weiß nicht, es geht mir heute gar nicht gut. Mich plagt so eine seltsame Übelkeit, heute Mittag nach dem Essen musste ich mich übergeben. Danach habe ich sogar die Betriebsprüfung unterbrochen, deshalb bin ich auch so früh hier.“
„Mein armer Liebling, komm trink einen Schnaps, bestimmt geht es dir dann besser.“
Lotte wusste, dass Alkohol bei ihrem Mann Wunder wirkte. Oft lösten sich Beschwerden unterschiedlichster Art nach dem Genuss eines Grappas oder eines Obstlers in nichts auf.
So schien es auch heute zu sein. Nach dem doppelten Williamsbrand bekam Reinhard wieder etwas Farbe im Gesicht und legte auch die Leidensmiene, die jeder Christusstatue am Kreuz Konkurrenz gemacht hätte, ab.
Lotte atmete auf. Ihr Rock passte, Reinhard erholte sich, der Abend schien gerettet.
Punkt 19.30 Uhr klingelte es an der Tür. Bernd und Gisela wussten, dass die Gastgeberin nichts so sehr hasste wie Unpünktlichkeit.
Lotte führte die beiden in den Wintergarten.
„Wenn ihr brav seid, bekommt ihr als Abschiedsgeschenk eine Calla-Blüte von mir“, versprach Lotte ihren Gästen, um gleich zu Beginn die Aufmerksamkeit auf das Prachtstück zu lenken.
„Wie nett“, erwiderte Gisela, nahm aber sogleich an dem stilvoll gedeckten Tisch Platz. Bernd hingegen ging zu der üppigen Pflanze und besah sich die unzähligen Blüten aus der Nähe. „Wunderschön“, schwärmte er aufstöhnend, „wie machst du das bloß, Lotte? Hast du ein Geheimnis?“
„Aber ja, Bernd“, flötete Lotte und sah Bernd dabei tief in die Augen.
Etwas später verlagerte sich die allgemeine Bewunderung von der Blume auf Lottes Kochkünste. Wie erwartet, stimmte Bernd eine Lobeshymne nach der anderen an.
Gisela saß mit unbeweglicher Miene daneben, nickte aber immerhin ab und zu anerkennend zu den Kommentaren ihres Mannes.
Als Bernd schließlich sagte: „Lotte, wenn du nicht mit meinem besten Freund verheiratet wärst und ich nicht seit Jahren in festen Händen wäre, dann würde ich dir allein wegen deiner Kochkünste einen Heiratsantrag machen“, schrie Reinhard laut auf, presste die Hände auf seinen Bauch und rutschte zusammengekrümmt vom Stuhl auf den Boden.
Lotte dachte zuerst: Gut, dass ich eben noch mal gewischt habe, dann schrie sie ebenfalls auf und rief: „Reinhard, um Gottes willen, was ist denn los?“
Reinhard Reinermann war kalkweiß im Gesicht, Schweiß rann in Bächen über sein Gesicht. Er stöhnte. „Mein Bauch, ich habe solche Schmerzen im Bauch.“
Gisela, die erst kürzlich einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht hatte, weil man ihr kurzzeitig einmal den Führerschein abgenommen hatte, diagnostizierte sofort einen Blinddarmdurchbruch.
„Der Rücken tut mir auch weh und die rechte Schulter.“
Reinhards Stimme klang gepresst, er lag immer noch in einer Art Embryonenhaltung auf dem Boden.
„Ich rufe den Notarzt“, rief Lotte, die nun von einer panischen Angst um Reinhard ergriffen wurde.
Der Krankenwagen war in weniger als fünf Minuten da, zwei Sanitäter kamen mit einer Trage in den Wintergarten. Der Notarzt schien Lotte in einem Alter zu sein, in dem man gerade mal das Abitur machte. Sie beantwortete aber präzise alle Fragen, die der Arzt an ihren Mann richtete. Bei der anschließenden Untersuchung schrie Reinhard mehrmals auf, und Charlotte zuckte jedes Mal zusammen.
„Wir müssen ihren Mann mitnehmen“, kommentierte der junge Arzt, „ich denke, dass es eine Gallenkolik ist.“
„Hab ich doch gleich gesagt“, flüsterte Gisela ihrem Bernd zu, der es vorzog, keine Antwort zu geben.
„Ich fahre mit“, entschied Lotte jetzt. Gisela und Bernd werteten das als Beendigung des geselligen Abends und erhoben sich sofort von ihren Plätzen.
Reinhard Reinermann wurde auf die Trage gehoben und in den Krankenwagen gebracht. Lotte lief hinterher und versuchte, ihren Mann zu beruhigen. „Es wird alles gut, Reinhard. Bestimmt brauchst du nur ein oder zwei Nächte dort zu bleiben. Nur zur Kontrolle. Bestimmt …“
Lotte tätschelte Reinhard die rechte Schulter, doch der schrie gequält auf.
„Sie sollten ihn besser nicht berühren, ihm scheint alles wehzutun“, klärte der Sanitäter Lotte auf.
„Aber eine Gallenkolik hat man doch nicht in der Schulter“, antwortete Lotte beleidigt, stellte aber die Streicheleinheiten für ihren Mann sofort ein.
„Sie können vorn neben dem Fahrer einsteigen.“
Der Notarzt deutete auf den Beifahrersitz. Bernd und Gisela waren ebenfalls mit zum Krankenwagen gelaufen. Als Lotte sie sah, beugte sie sich herunter und flüsterte ihnen zu:
„Die Calla-Blüten gebe ich euch dann nächste Woche.“
Der Fahrer ließ den Motor an und Lotte schlug schnell die Tür zu.
Mit Blaulicht und quietschenden Reifen fuhr der Krankenwagen zum Vincenzhospital.
Gabi
„Upps, ’schuldigung, bin wohl etwas zu flott heute.“
Schwester Gabriele war mit dem Patientenbett schwungvoll um die Ecke zu den Aufzügen gekurvt. Dabei hatte sie eine schlanke weiß gekleidete Person umgefahren. Mit einem erschreckten Keuchen fiel diese auf den Patienten. Lag sozusagen quer über seinem Bett.
„He, nur keine Hemmungen, gute Frau“, spottete der Patient.
„Ach, hallo, Frau von Wolfersdorf.“ Gabi war blutrot angelaufen. „Das ist mir jetzt aber peinlich.“
Die fast schon dünne Frau in den Dreißigern, blond, mit strengem Knoten und dezentem Make-up, wand sich vom Patientenbett und schimpfte. Sie war die Oberschwester, heute hieß das ja Pflegedienstleitung, und zurzeit eine äußerst aufgebrachte Pflegedienstleitung.
„Also, das ist doch die Höhe, Schwester Gabriele, ein bisschen mehr Disziplin, wenn ich bitten darf!“, fauchte sie.
Der Mann in dem Bett fing an zu lachen. „Gabi und Disziplin, ha, ha, findest du nicht auch, Gabi, dass das nicht zusammenpasst?“ Gabi gab einen unwilligen Laut von sich.
„Komm, ist ja gut. Jetzt sei bloß ruhig. Die ist mein Boss. Ich krieg sonst was aufs Dach“, zischte sie. Sie hatte der Oberschwester den Rücken zugedreht und machte sich am Patientenbett zu schaffen.
Dabei hatte es heute Morgen eigentlich ganz gut angefangen.
„Hey, die scharfe Braut kommt!“ „Lieb mich, ich bin ein wilder Stier!“ „Lass die andern, komm zu mir, Gabimaus.“ So tönte es aus den Betten in dem Viererzimmer. Gabi drehte eine kleine Pirouette.
„Okay, Jungs, ihr seid die Größten! Aber jetzt mal piano. Gut geschlafen?“
Ein Brummeln kam zurück.
„Scheiß Tag“, war von vorne links zu hören.
„He, he, die Sonne scheint, und du kannst doch bald nach Hause, kein Grund zu schlechter Laune.“
„Ha, klar ham wa Grund, hasse den BVB gestern gesehn, diese scheiß Bayern, immer hamse Schwein. Inner letzten Minute den Siegtreffer, son Mist, das muss einem doch die Laune vermiesen.“
„Ach komm Siggi, das ist zwar doof und ich gönn den Bayern das auch nicht, aber das ist doch nur ein Spiel und es gibt noch anderes. Zum Beispiel, dass du dich jetzt auf die Socken machst und im Bad verschwindest. In einer Viertelstunde hol ich dich zum Röntgen ab und anschließend kommt der nette Joe und turnt mit dir. So“, sie wandte sich zu dem Bett am Fenster, „gleich geht es los in den OP. Du bist als Erster dran. Glück für dich, brauchst nicht so lange zu warten.“ Sie schob das Bett aus dem Zimmer. „Mach hinne“, rief sie in Siggis Richtung, „du weißt schon, in fünfzehn Minuten. Frühstück gibt’s für dich dann später.“ Schwungvoll schob sie das Bett den Flur runter, bog dann zu den Aufzügen ab.
Und jetzt der Anschiss von der Oberschwester.
„Ach übrigens, Schwester Gabriele, ich erwarte Sie heute nach Dienstschluss in meinem Büro, es gibt noch Fragen zu Ihren Personalpapieren.“ Mit diesen Worten verschwand der weiße Drachen.
Gabi fluchte leise in sich hinein. Klar, nach Dienstschluss, hätte das nicht auch früher sein oder auch telefonisch geklärt werden können, aber nein, in ihrem Büro nach Dienstschluss. Sie wird sich irgendeine Gemeinheit ausgedacht haben. Gabi seufzte. Seit diese doofe Gunilla von Wolfersdorf Pflegedienstleitung im Hause war, wurde das Arbeiten immer unerträglicher. Ständig neue Vorschriften, Schreibarbeiten ohne Ende und dann noch alles reglementiert. Sie arbeitete schon über dreißig Jahre als Schwester und war ein alter Hase. Die Arbeit konnte sie im Schlaf, aber jetzt wurden ständig neue Hürden aufgestellt. Sie wusste nicht, wo das mal hinführte. Und dann hieß diese dumme Pute noch Gunilla von Wolfersdorf, das musste man sich mal reinziehen, Gunilla von Wolfersdorf, so was selten Dämliches und darauf bildete die sich auch noch was ein. Tat ganz elitär und hochnäsig und erwähnte immer, welch wichtige Leute sie kannte. Sicher hatte sie diese Stelle nur mit Vitamin B bekommen, da waren sich alle einig, denn ihr Können war es sicher nicht. Außer es zählte, dass sie ihre Untergebenen alle gegeneinander aufhetzen konnte. Viele, das wusste Gabi, dachten schon daran, sich woanders einen Job zu suchen. Aber für sie war das ausgeschlossen, schließlich war sie schon über fünfzig und in ihrem Alter fand man keine Stelle mehr. Also war Durchhalten die Devise. Gut, dass das Pflegepersonal sich wenigstens gegenseitig was vorheulen konnte. Gemeinsam über jemanden herziehen machte auch Spaß und man reagierte sich ab.
Mittags saß sie mit Knut, dem Pfleger von der Intensivstation, beim Essen in der Cafeteria und rätselte mit ihm herum, was die Gunilla von Wolfersdorf wohl von ihr wollte. Gabi hatte die Stirn in Falten gelegt. Das ganze Gesicht war kummervoll verzogen. Ihre großen hellblauen Augen blickten ihr Gegenüber zweifelnd an. Auch wenn sie im Ganzen rundlich war, so hatte sie doch durch ihre stoppelkurzen, karottenrot gefärbten Haare etwas Aufrührerisches an sich.
immer wieder unvermutet rein und überprüft die Protokolle. Gestern war ich gerade beim Waschen eines Patienten und hatte noch nicht die Temperatur in die Kurve eingetragen, da hat sie schon gemeckert, ich wisse doch, es müsste sofort gemacht werden, damit kein Fehler eintritt. Ich wollte aber erst mit der Pflege fertig sein und dann alles auf einmal eintragen. Aber die: ‚Es geht nicht nach Ihrem Willen, sondern nach den Vorschriften, und die bestimme ich, Herr Knorr, merken Sie sich das. Falls Sie den Anforderungen hier auf der Intensivstation nicht gewachsen sind, werden wir sicher einen weniger anspruchsvollen Posten für Sie finden‘. Mensch Gabi, du weißt doch, wie sehr ich die Kohle brauche und wenn ich auf eine andere Station komme, geht mir die Intensivzulage flöten. Also werde ich mich zusammenreißen und kleine Brötchen backen.“
Gabi und Knut sahen sich an. Irgendwie müsste diese hochgestochene Ziege mit ihrer Schikane mal auf den Bauch fallen. Gabi stöhnte.
„Schlimm genug, dass meine Männer schlechte Laune haben wegen dem Bayernsieg gestern, jetzt auch noch Obrigkeitsprobleme.“
Knut machte eine beschwichtigende Bewegung.
„Warte ab, wenn erst der Kerl zu dir auf die Station kommt, der zurzeit das hinterste Intensivbett belegt, dann hast du erst recht nichts zu lachen. Eine perforierte Gallenblase. Kann natürlich noch nichts essen, hat natürlich Schmerzen, na, und wie es eben auf Intensiv ist, laut und unruhig, man kann nicht schlafen. Dafür wird auch gut auf einen aufgepasst. Dieser Kerl aber ist ewig unzufrieden, dabei ist er eben noch mal von der Schippe gehüpft. Das wäre ja alles nicht schlimm, unzufriedenen Personen kann man ein wenig mehr Sedierung geben. Aber seine Frau, so ein Superweibchen, hilflos und zart und mit weinerlicher Stimme, dafür knallhart, ein Durchsetzungsvermögen sag ich dir, die lässt alle springen, und wenn man nicht macht, was sie will, geht sie zum Chef. Wir freuen uns schon alle, wenn dieser Herr Reinermann auf Normalstation kann. Nur für dich tut es mir leid, die beiden zusammen sind wirklich Nervensägen hoch drei. Kannst du nicht Urlaub nehmen oder ein paar Überstunden abfeiern, wenn es soweit ist?“
Gabi verdrehte die Augen. Klar könnte sie Überstunden abfeiern, wenn man es ihr erlauben würde und wenn die Station nicht chronisch unterbesetzt wäre. Und jetzt, wo Melanie schwanger war und nur noch in der Frühschicht arbeiten durfte und Karin außerdem zur Kur war, war an Abfeiern gar nicht zu denken. Und Urlaub? Würde nie und nimmer genehmigt werden. Aber was soll’s. Ein schwieriger Patient, es wäre nicht der Erste, und auch der würde bald verschwinden. Das war das einzig Gute an der neuen Politik, dass die Patienten, kaum dass sie kriechen konnten, entlassen wurden. Seit nur noch die Zahl der Fälle bezahlt wurde, achtete der Chef darauf, dass die Patienten möglichst schnell ihr Bett räumten. Angehörigen konnte man recht wirkungsvoll aus dem Weg gehen. Einmal war man viel unterwegs um Dinge zu besorgen, Patienten wegzubringen und zu holen und zum anderen war für Anfragen schließlich der Doktor zuständig. Auch wenn er sich fast immer im OP aufhielt, irgendwann kam er mal raus, und dann wollte sie diese Frau, wie hieß sie doch gleich – Reimann oder so – auf ihn hetzen. Mit Doktor Schilling hatte sie sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen. Nicht nur, dass unendlich viel zu tun war, nein, da kam dieser Doktor und häufte den Schwestern auch noch zusätzliche Aufgaben auf, die eigentlich sein Job waren. Nur, weil er einigen leidtat, kaum Zeit hatte und ewig viele Überstunden machte, wurde alles für ihn erledigt. Ich möchte bloß wissen, was Gunilla dazu sagen würde. Denn das wusste sie, Gunilla stand Ärzten durchaus ablehnend gegenüber. Und ärztliche Aufgaben durften schon gleich gar nicht von den Schwestern übernommen werden. Vielleicht steck ich es ihr heute Nachmittag, das wird sie ablenken, überlegte Gabi.
„Bestimmt eine Schweinerei“, mutmaßte Knut. „Auf der Intensiv fällt ihr auch ständig was ein. Sie kommt „Schwester Gabriele, ich habe Sie aus mehreren Gründen hergebeten. Das Wichtigste ist, dass mir Ihr Ton den Patienten gegenüber gar nicht passt. Es ist nicht zu tolerieren, dass Sie alle Patienten duzen und noch dazu diese flapsigen Sprüche von sich geben. Sie wissen, hier liegen ausschließlich kranke Menschen, deren Würde mit Achtung begegnet werden muss. Höflichkeit, Zuwendung und Respekt den Patienten gegenüber ist das Mindeste, was ich von meinen Schwestern fordere. Ich garantiere Ihnen, ich werde Sie in der nächsten Zeit genau beobachten. Falls Sie wieder auffällig werden, muss ich mir disziplinarische Maßnahmen vorbehalten. Überdenken Sie also Ihr Verhalten und ändern Sie es.“
Gabi starrte die Pflegedienstleitung an.
„Aber, aber“, stammelte sie, „die Männer auf der Chirurgischen, wenn die nur so einen Knochen kaputt haben, dann kann man sie nicht wie Todkranke behandeln, dann muss man sie bei Laune halten, sonst werden sie aggressiv. Und so ein paar flotte Sprüche wirken Wunder auf die Stimmung. Das ist doch nichts Schlimmes … das …“
„Das wird es in diesem Krankenhaus jedenfalls nicht mehr geben. Wir verstehen uns? Da ist noch eine zweite Sache. Ich habe ihre Papiere durchgesehen und dabei festgestellt, dass da eine Lücke ist, kurz nach ihrer Ausbildung, eine Lücke von vier Jahren, wo keine Anstellung nachgewiesen ist. Dafür müssten Sie noch Papiere nachreichen.“
„Da hab ich gar nicht gearbeitet, ich war verheiratet. Erst nach der Trennung bin ich wieder in den Beruf. Dafür gibt’s keinen Nachweis oder wollen sie eine Bestätigung von meinem Ex? Ich weiß gar nicht, ob ich seine Adresse habe. Ist das alles, Frau von Wolfersdorf?“ Diese nickte huldvoll.
Gabi ging zum Ausgang. „Mist, Mist, Mist“, fluchte sie leise vor sich hin.
Hinter ihr lachte jemand. „He, Gabi, war’s schlimm? Lass uns nachher eine kleine Tour machen und dann erzählst du mir alles. Okay?“
Gabi freute sich, dass Knut die Motorradtour vorschlug. Der Fahrtwind würde ihr den Kopf schon wieder frei machen. Motorradfahren war ihre große Leidenschaft, die sie mit Knut und einigen anderen verband. Sie nannte sie im Stillen die Mopedgang.
Knut war ein echter Kumpel und außerdem noch gut aussehend. Warme braune Augen und ein anziehendes Lächeln, dabei einen Superbody, aber leider, leider nicht für die Damenwelt. Ein Umstand, den die Schwestern schon oft bedauert hatten. Knut stand nun mal hundertprozentig auf Männer und dabei noch nicht mal auf junge, eher auf ältere, grau melierte.
„Weißte, Gabi“, hatte er ihr mal anvertraut, „vielleicht suche ich so was wie ’nen Vatertyp. Mein Vater war ja eher abwesend, als ich Kind war. Wenn jemand eine tiefe Stimme und graue Haare hat und souverän rüberkommt, dann fahr ich eben voll drauf ab. Schade bloß, dass diese Typen dünn gesät und dann auch noch hetero sind. Nun, irgendwann find ich ihn vielleicht, den Bestimmten. Bis dahin muss ich mich wohl mit dir rumplagen und meine Freizeit mit Mopedfahren vergeuden“, grinste er sie an. „Du, ich hab da eine Supermaschine gesehen, total scharf, aber natürlich nix für meinen Geldbeutel. Nachdem es letztes Jahr mein Baby zerlegt hat, knabber ich immer noch daran, die Suzuki abzubezahlen. Obwohl, du weißt ja, Japaner sind eigentlich nicht so mein Ding.“
Über Gabis Aussprache mit Gunilla konnte Knut lang und anhaltend schimpfen. Die hätte ja keine Ahnung und langsam müsste man der mal Einhalt gebieten. Nur gut, dass seine Patienten überwiegend im Koma lagen und seine flotten Sprüche nicht hören konnten und Gunilla durch die Glasfenster der Intensivstation schon von Weitem zu sehen war, sonst müsste er sich schon längst eine neue Stelle suchen.
Gabi schaute nur unglücklich drein.
„Immer hab ich so ein Pech im Leben, erst so einen lahmarschigen Ehemann und dann all die Nieten, auf die ich immer wieder reinfalle. Obwohl Michael … ach, er ist auch nicht so … Eine verdammte Scheiße ist das. Bisher war der Spaß an der Arbeit das Stabilste in meinem Leben, aber jetzt … Ich glaub, ich geh so bald wie möglich in Rente. Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich früher aufhören. Ich hab es mir mal ausrechnen lassen. Du, ich müsste auf ein Drittel der Rente verzichten, wenn ich früher gehe. Das reicht nicht zum Leben. Erst recht nicht für mich und meine Maschine. Ein Leben ohne ein wenig Spaß, da könnt’ ich mich doch gleich um die Ecke bringen. Ne, ne, ich muss durchhalten, egal wie schlimm die Gunilla ist. Vielleicht, ja vielleicht bleibt die ja nicht so lange hier am Haus. Sie könnte ja schwanger werden, man munkelt doch, dass sie sich ein Kind wünscht oder sie könnte was Besseres finden oder sie geht dem Klinikchef so auf die Nerven, dass er sie auch loswerden will.“
„Davon träumst du auch nur“, grinste Knut.
„Ach, lass uns von was Nettem sprechen, viel schlimmer kann es doch gar nicht mehr werden. Außer, dass sie mir das freie Wochenende streicht. Aber so was bin ich ja schon gewohnt. Leid tät es mir schon um unsere Tour. Jetzt ist endlich das Wetter dafür, und wer weiß, was später kommt.“
Knut grinste, „Jau, auf die erste Fahrt im Jahr freu ich mich schon lange. Aber was ist übrigens mit Michael? Sollte der nicht bald zurückkommen?“
„Ach weißte, so fest ist das mit uns nicht und außerdem glaub ich, dass die Sache am Versanden ist. Richtig Sehnsucht nach ihm hab ich jedenfalls nicht und ’ne Motorradtour zieh ich dem Michael allemal vor.“
Lotte
Die letzten Tage waren an Charlotte Reinermann vorbeigezogen wie ein Film.
Die Einlieferung ihres Mannes ins Krankenhaus, die Notoperation, die Intensivstation, all das brachte Lotte an die Grenzen ihrer nervlichen Belastbarkeit. Der Gedanke, dass sie um ein Haar plötzlich allein im Leben gestanden hätte …
Lotte wagte es nicht, das zu Ende zu denken. Ihre Kinder waren längst aus dem Haus, lebten ihr eigenes Leben, kamen nur zum Geburtstag oder zu Weihnachten mal vorbei. Was wäre, wenn …? Nein, es war alles gut gegangen. Reinhard würde sich wieder erholen. Sie war nicht allein, brauchte keine Angst mehr zu haben. Aber der Schock saß tief in Lottes Unterbewusstsein. Die Angst umklammerte sie immer noch und machte Lotte nervös und aggressiv.
Und dann diese schreckliche Intensivstation!
Die Hektik, das nervtötende Piepen der Geräte, die permanenten Kontrollen und die grelle Helligkeit brachten Lottes Seelenfrieden vollends durcheinander. Während ihr Mann sich allmählich von den Strapazen der Operation erholte, wurde Lotte von Tag zu Tag reizbarer.
„Mein Mann schläft so schlecht, können Sie ihm nicht etwas Wirksames für die Nacht geben?“, so hatte sie den Pfleger Knut ganz freundlich angesprochen. Doch als dieser dann erwiderte, ihr Mann bekäme bereits ein starkes Schlafmittel und weitere Medikamente seien nicht erforderlich, war Lotte total ausgerastet.
„Können Sie als Pfleger überhaupt beurteilen, ob ein Schlafmittel wirksam ist oder nicht? Und wenn mein Mann nicht schlafen kann, ist es eben nicht wirksam. Ich möchte sofort den Chefarzt sprechen, schließlich ist mein Mann Privatpatient, da lass ich mich doch nicht von so einem … so einem … so einer Hilfskraft, wie Sie es sind, abspeisen.“
Lottes Puls raste, ihr wurde schwindlig, während Pfleger Knut mit stoischer Ruhe die Schultern zuckte und sich umdrehte.
Wenig später verließ Lotte das Krankenhaus und machte einen Spaziergang durch Dortmund-Hörde. Doch der Verkehrslärm und die hastenden Menschen trugen nicht zu ihrer Beruhigung bei. Erst in einem Straßencafé bei einem Cappuccino fand sie ihre Fassung wieder.
Von diesem Schnösel lasse ich mir nichts gefallen, schwor sie sich und bestellte zur weiteren Stärkung ihres Selbstbewusstseins einen Ramazzotti auf Eis.
Gegen 18.00 Uhr kehrte sie zurück an das Krankenbett ihres Mannes. Sie wollte überprüfen, ob er heute endlich feste Nahrung zum Abendessen bekam.
Aber außer einer Tasse Tee fand sich nichts auf dem Tablett, das die russische Pflegehelferin, die nur wenig Deutsch sprach, hereinbrachte.
Lotte spürte ein Kribbeln, das von ihrem Magen aus die Speiseröhre hinauf in ihren Hals kroch. Doch bevor sich ein weiterer Wutausbruch anbahnen konnte, trat Chefarzt Dr. Pohl an das Krankenbett ihres Mannes. Er begrüßte Reinhard Reinermann und Ehefrau per Handschlag, erkundigte sich nach dem Befinden, während er unentwegt den Blick auf das Krankenblatt des Patienten gerichtet hatte. Die Kompetenz und Persönlichkeit des Chefarztes hingen wie eine Wolke im Raum, doch Lotte nahm ihren ganzen Mut zusammen und formulierte vorsichtig mit gewählten Worten ihre Beschwerde.
„Ich habe schon davon gehört, liebe gnädige Frau. Und ich verstehe sehr gut, dass Sie sich Sorgen um Ihren Mann machen. Aber verstehen Sie, bitte, auch unser Personal. Natürlich möchte ein Pfleger nicht eine überhöhte Dosis eines Hypnotikums verantworten. Doch ich habe angeordnet, dass Ihr Mann ab sofort ein anderes, absolut wirksames Mittel bekommt. Und damit, lieber Herr Reinermann“, der Chefarzt klopfte mit der Hand auf die Bettdecke, „werden Sie schlafen wie ein Baby.“
„Dankeschön, Herr Chefarzt, Sie glauben gar nicht, wie beruhigt ich jetzt bin.“
Lotte hätte Dr. Pohl am liebsten die Hände geküsst, aber sie konnte sich gerade noch zurückhalten. Als der Chefarzt sich einem anderen Patienten zuwandte, sagte Lotte zu ihrem Mann:
„Siehst du, Reinhard, so macht man das. Hat doch geklappt. So etwas steht dir als Privatpatient doch zu.“
Insgeheim hoffte Lotte, dass der arrogante Pfleger von seinem Chef einen ordentlichen Verweis bekommen würde. Das gönnte sie ihm von Herzen. Morgen würde Reinhard auf die normale Station verlegt werden. Dann würde bestimmt alles besser. Und dann durften ihn endlich auch Bernd und Gisela besuchen, die fast täglich bei ihr anriefen und sich nach Reinhards Befinden erkundigten. Auch Axel und Andrea konnten dann mal ins Krankenhaus kommen, soviel Zeit würden sie ja wohl für ihren Vater erübrigen können.
Am nächsten Tag machte Charlotte sich besonders hübsch für den Besuch im Krankenhaus. Sie wählte das elegante beige Kostüm, suchte noch ein passendes Seidentuch dazu aus und zwängte sich in die hochhackigen hellen Pumps, obwohl sie wusste, dass ihr rechter Fuß in kaum einer halben Stunde darin erbärmlich schmerzen würde.
Reinhard saß im Bett, als Lotte das Zimmer betrat. Er hatte frische rote Wangen, der Aufenthalt auf der Normalstation schien ihm gut zu bekommen. Lotte küsste ihren Mann flüchtig, fragte dann sogleich: „Warum hast du denn immer noch das Engelhemdchen an, konnten die dir nicht einen deiner Schlafanzüge anziehen? Du hast doch genug hier, aber da war wohl wieder keine Zeit …“
„Das ist ein sauberes“, unterbrach Reinhard seine Frau.
„So ein Blödsinn. Du brauchst doch jetzt kein OP-Hemd mehr, ich werde dich gleich umziehen. Oder ich rufe die Schwester. Eigentlich ist die doch dafür da, die kann …“
„Mach mal runter.“ Reinhard hatte versucht, seine Frau anzusehen, doch die Sonne schien direkt ins Fenster hinein und blendete ihn. Deshalb deutete er jetzt auf das Rollo.
„Mein Gott, was muss man hier noch alles selbst machen?“
Lotte hasste Rollos, die Dinger reagierten nie so, wie sie es wollte. Trotzdem startete sie jetzt den Versuch, die Jalousie etwas herunterzulassen. Sie zog an der linken Schnur, dann an der rechten, aber die Sperre oben an dem Rollo ließ sich nicht lösen. Ärgerlich über ihre eigene Unfähigkeit begann sie zu schimpfen.
„Wie kann man so blöde Dinger hier anbringen? Und das nennt sich Privatstation. Ich werde jetzt die Schwester holen, soll die sich doch damit rumplagen.“
Lotte rauschte aus dem Zimmer und machte sich auf die Suche nach einer Krankenschwester.
„Hallo?“, rief sie über die menschenleeren Flure, aber niemand schien sie zu hören. Endlich sah sie in einem Zimmer eine Frau an einem Schreibtisch sitzen.
Typisch, dachte Lotte. Die klammert sich hier an ihrem Stift fest, während die Patienten sich selbst überlassen sind.
Entsprechend patzig brachte Lotte ihr Anliegen hervor und war innerhalb kürzester Zeit mit Schwester Gabi, den Namen las sie auf einem kleinen Schild, das rechts oben auf einer üppigen Rundung prangte, in ein Streitgespräch verwickelt.
Nein, diesmal würde sie nicht den Chefarzt behelligen, sondern gleich zum Klinikdirektor eilen, schwor Lotte sich auf dem Rückweg zu ihrem Mann.
Die neuerliche Aufregung war ihr auf die Blase geschlagen, deshalb war sie froh, eine Tür mit der Aufschrift ‚Besuchertoilette‘ zu sehen, bevor sie ins Zimmer ihres Mannes zurückkehrte.
Wenige Augenblicke später traf sie Schwester Gabi am Bett ihres Mannes an und konnte gerade noch verhindern, dass die ihren Mann mit Antibiotika vollstopfte. Ausgerechnet Antibiotika, die Reinhard doch gar nicht vertragen konnte und dann von dieser Person. Lotte fühlte sich plötzlich wie eine Löwenmutter, die ihr Junges beschützen musste.
Die Schwester faselte irgendwas von Fieber und Infusion, schien aber dennoch von Lottes Tiraden beeindruckt und verließ schulterzuckend das Zimmer.
Bis zum Klinikdirektor konnte Lotte an diesem Tag zwar nicht mehr durchdringen, aber einen Termin bei der Pflegedienstleitung bekam sie ohne Schwierigkeiten. Gunilla von Wolfersdorf war Lotte sympathisch. Sie strahlte Ruhe und Kompetenz aus und hörte sich Lottes Beschwerden aufmerksam an.
„Ich werde Schwester Gabriele zur Rede stellen. Selbstverständlich ist unser Personal angewiesen, auf das Wohl der Patienten in jeder Hinsicht zu achten. Am besten komme ich gleich mit auf die Station.“
Die Worte von Frau von Wolfersdorf klangen wohltuend in Lottes Ohren und in Gedanken rieb sie sich schon die Hände bei der Vorstellung, wie die kleine Dicke sich gleich drehen und wenden würde.
Für Lottes Geschmack blieb Gunilla von Wolfersdorf viel zu sachlich, sie hätte sich mehr Androhungen und Repressalien gewünscht.
Und dann wurde Schwester Gabriele zu einem dringenden Fall gerufen und die Standpauke noch vor ihrem Höhepunkt abgebrochen.
Ach, sie hätte eben doch gleich zum Direktor oder wieder zum Chefarzt gehen sollen!
In den kommenden Tagen erholte sich Reinhard Reinermann gut.
Seine Frau erschien jeden Tag pünktlich um 14.00 Uhr an seinem Krankenbett und brachte den neuesten Klatsch aus der Nachbarschaft und aus dem Freundeskreis mit. Wie gut er sich inzwischen mit Schwester Gabi verstand, behielt Reinhard allerdings lieber für sich. In den vielen Ehejahren hatte er ein Gespür dafür entwickelt, was er seiner Frau erzählen konnte und was nicht.
Aber eine Neuigkeit wollte er ihr nicht länger vorenthalten.
„Stell dir vor, ich komme zur Kur. Heute Morgen war eine Sozialarbeiterin da, die hat schon alles vorbereitet. Der Antrag ist schon raus. Wahrscheinlich komme ich nach Bad Kissingen, das liegt im Frankenland. Vielleicht kannst du mich mal mit Axel besuchen. An einem Sonntag oder so …“
Lotte riss die Augen auf. „Kur, ja aber, wieso denn? Warum sollst du denn zur Kur? Wir wollten doch in Urlaub fahren. Und was ist mit mir? Ich bin dann ja ganz allein zu Hause. Was soll ich denn dann …?“
Lottes Stimme klang tränenerstickt. Reinhard tätschelte ihr vorsichtig die Hand.
„Möchtest du denn vielleicht mit mir …?“
„Nein!“ Lottes Antwort kam ziemlich heftig. „Wie stellst du dir das vor? Wir haben Anfang Mai. Bald sind die Eisheiligen. Und danach muss ich die Gartenbepflanzung in Angriff nehmen. Die Blumenkästen müssen mit Geranien bepflanzt werden, der Rasen muss vertikutiert werden, die Rosen müssen geschnitten werden, die Blumenampeln vorn am Haus aufgehängt werden, wie soll ich da mit dir zur Kur fahren? Außerdem, wenn es weiter so trocken bleibt, muss ich jeden Tag gießen, wer soll das denn sonst machen? Ende Juni wollten wir in Urlaub, dann sollte Gisela die Pflanzen versorgen, das ist doch alles schon abgesprochen.“
Lotte kramte ein Taschentuch aus ihrer Kroko-Handtasche und schnäuzte sich geräuschvoll. Reinhard seufzte. Was sollte er machen?
„Wann soll das denn losgehen mit der Kur?“
Lotte war wie ein Häufchen Elend auf ihrem Stuhl zusammengesackt und sah ihren Mann aus geröteten Augen an.
„Gleich im Anschluss an den Krankenhausaufenthalt. Anschlussheilbehandlung nennt sich so etwas. Ich dachte, du freust dich darüber.“
„Ach nein, ich soll mich freuen? Dass du mich mutterseelenallein lässt mit all der Arbeit im Garten, mit unseren gesellschaftlichen Verpflichtungen, mit unseren beiden Kindern …? Fährst einfach allein zur Kur, auch noch so weit weg, ins Fränkische … lässt mich allein und ich soll mich auch noch freuen!“
Lotte liefen die Tränen in Bächen übers Gesicht.
Bestimmt steckt diese Gabi dahinter, dachte sie wutentbrannt.
Hab doch schon längst gemerkt, dass die sich nicht mehr blicken lässt, wenn ich da bin. Aber sobald der Reinhard allein ist, kommt sie anscharwenzelt. Hat mir der Patient aus dem Nachbarzimmer doch längst gesteckt. Fehlt nur noch, dass die zufällig auch zur Kur in Bad Kissingen ist, wenn Reinhard dorthin fährt. Aber dann soll die mich kennenlernen. Nicht mit Charlotte Reinermann, oh nein, mein Flittchen. Nicht mit mir.
Gabi
„Mist, Mist.“ Gabi kniete unter dem Stationsschreibtisch und versuchte aus der Ecke den Befundbericht rauszufischen, der ihr hinuntergesegelt war. Ihr Po reckte sich in die Höhe und wackelte vor Anstrengung. Das Papier hatte sich in die äußerste Ecke verzogen. Sie merkte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg. Wenn es bloß nicht so schwer zu fassen wäre.
„Aber ich bitte Sie, Schwester Gabriele, was ist das für ein Aufzug?“
Bei der schneidenden Stimme zuckte Gabi zurück und versuchte sich aufzurichten. Dabei schlug ihr Kopf mit einem klingenden ‚Dong‘ an das Gestänge des Schreibtisches. Ihr wurde heiß. Diese verfluchte Oberschwester tauchte wirklich immer auf, wenn man es nicht gebrauchen konnte. Als sie wieder stand, sah sie die Frau neben Gunilla. Ein Unglück kam wirklich selten allein, ging ihr durch den Kopf.
Dabei hatte der Tag so friedlich angefangen. Sie dachte an den Morgen.
Sie wusch ihm in kreisenden Bewegungen die linke Pobacke. Was für ein schöner Hintern. Sie mochte es, wenn die Männer gerade da etwas rund waren. Ihre Hand hatte sich irgendwie selbstständig gemacht. Immer wieder strich sie um die Rundung.
„Sie haben noch ganz schön viel Farbe von der OP“, sagte sie und kreiste dann um seine rechte Backe. „Aber das dauert noch, bis es endgültig weg ist.“
„Hm“, brummte er, oder war es „Hmmm“? Gabi schrak hoch und wusch dann den Rücken. Sie verteilte den Franzbranntwein und klopfte ihn ein.
„So, Sie können sich jetzt wieder zurück auf den Rücken drehen.“ Sie entfernte sein Flügelhemd. „Gleich bringe ich Ihnen ein sauberes. Können Sie sich Gesicht, Arme und Oberkörper selber waschen?“
Sie reichte ihm einen Lappen und ließ das Oberteil des Bettes hochfahren. Als er so entblößt vor ihr lag, musterte sie ihn. Was für ein schönes Stückchen Mann. Sie mochte es, wenn die Rippen nicht zu fühlen waren und der Bauch sich etwas rundete. Er war noch verschlafen, trotzdem fühlte sie sich ihrerseits von ihm angestarrt. Sie wusste, sie sah eher durchschnittlich aus. Vielleicht ein bisschen poppig mit ihren roten Haaren. „Das lässt dich flott aussehen“, hatten ihre Kollegen gemeint. Ihr Busen war üppig für ihre Größe und kam bei den Männern gut an. Sie hatte von ihren Patienten so manche anzügliche Bemerkung gehört und diese zu parieren gelernt.
„So, Herr Reinermann, jetzt noch die Thrombosespritze, dann hol ich Ihnen das Frühstück, heute leider nur Tee und Zwieback, aber wenn Sie brav sind, gibt es heute Abend ein Süppchen. Und dazu, als Leckerbissen, diverse Pillen.“
Für einen anstrengenden Patienten ist er doch ziemlich friedlich, dachte sie im Rausgehen.
„Danke Schwester … ehm!“, rief er ihr noch hinterher.
Na ja, im Namen merken war er nicht so gut.
Sie war gerade dabei, die Doku, wie die Dokumentation genannt wurde, auszufüllen, da hörte sie eine hohe Stimme.
„Hallo, Schwester? Hallooo. Nun hören Sie doch mal. Hallo, sind Sie taub?“
Gabi hob den Kopf, um die penetrante Tusse zu mustern. Elegant, stellte sie fest, ganz in beige von Kopf bis Fuß, von dem dezent gemusterten Seidentuch bis zu den hochhackigen Pumps. Und dann dieser hochnäsige Ausdruck, das also war Frau Schreckschraube persönlich.
„Einen Moment, bitte“, rief sie zurück. Von der würde sie sich nichts gefallen lassen, so viel war schon mal klar, auch wenn sie nach dem letzten Anschiss der Oberschwester Gunilla, die sie im Stillen Godzilla nannte, versuchte, höflich zu bleiben.
„Also, das ist doch die Höhe, Sie haben gar nichts zu tun, sitzen da nur rum und bequemen sich nicht hierher. Nun wird ’s aber Zeit, jetzt mal dalli.“
„Was möchten Sie denn?“
„Meinem Mann scheint die Sonne ins Gesicht und blendet ihn. Stellen Sie das ab, Schwester.“
„Am Fenster ist ein Rollo, das heruntergelassen werden kann, mit der Schnur auf der rechten Seite.“
„Ja, dann tun Sie das auch.“
„Bitte gedulden Sie sich …“
„Also, muss ich Ihnen noch Beine machen oder was ist? Pff, Pflegenotstand, Schwesternträgheit trifft es wohl besser, sitzen rum und träumen vor sich hin.“
„Nun, meine Dame, ich habe hier sehr wohl etwas zu tun, und wenn Sie hier noch lange stehen, wird es noch länger dauern. Vielleicht könnten Sie so freundlich sein und Ihrem Mann helfen, indem Sie das Rollo herunterlassen. Das ist durchaus nicht schwer und auch von Ihnen machbar.“
„Also das eine sag ich Ihnen, Sie unverschämte Person, mein Mann liegt hier im Krankenhaus und ist schwer krank, wir bezahlen nicht für ein Privatzimmer, um dann alle Arbeit selber zu machen. Wenn sich sein Zustand verschlechtert, dann mache ich Sie persönlich verantwortlich. Es ist doch die Höhe, was man sich hier alles sagen lassen muss.“ Ihre Stimme war immer schriller geworden und einige Patienten, die auf dem Flur herumflanierten, waren stehen geblieben. Gabi war jetzt ganz ruhig.
Mit langsamer und betonter Stimme sagte sie: „Von etwas Frühlingssonne wird Ihr Mann sicher nicht kränker, also, bitte, gehen Sie zu ihm, ich komme gleich nach, wenn ich diese Dokumentationen ausgefüllt habe.“
„Dieser Papierkram hat also Vorrang vor schwerkranken Patienten? Das wird ein Nachspiel haben, ich gehe mich jetzt beschweren.“
Gabi sah der wegeilenden Person hinterher. Insgeheim gratulierte sie sich, dass sie so ruhig geblieben war.
„Na, Gabimädchen, da ham se die olle Scharteke gesittet abblitzen lassen.“
Der schrumpelige Fred mit dem einen Kuchenzahn im Mund grinste sie an. „Ne, ne“, schüttelte er den Kopf, „was manche Weiber für ’n Ton drauf ham, ich sag ’s ja. Viel Spaß noch mit der. Wenn de Hilfe brauchst, sach Bescheid.“ Lachend schlurfte er den Gang runter.
Gabi seufzte. Wie konnte ein so properer Mann, wie dieser Reinermann, so eine Schreckschraube heiraten? Aber, wenn sie so überlegte, dann war es oft so, eine dufte Frau verheiratet mit einer öden Flasche und akzeptable Männer mit Zimtzicken. Gut, dass sie heute nicht im Stress war, sonst hätte sie ganz anders reagiert. Sie riss die Zimmertür auf.
„So, wer wird hier geblendet? Ach ne, die Sonne ist wieder weg.“
Sie ging zum Fenster.
„Also, diese Schnur hier ist für das Rollo, und so kann es herabgelassen werden, okay?“
Sie führte es vor. Dann ging sie zum Bett und legte die Hand auf die Stirn des Mannes.
„Na, Sie fühlen sich aber heiß an, nicht dass Sie hier noch Fieber kriegen, haben Sie schon ihre Pillen genommen?“
In dem Moment kam seine Frau rein.
„Gehen Sie weg von meinem Mann“, rief sie in schrillem Diskant, „weg, weg.“
Gabi starrte sie mit offenem Mund an. Der Mann schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Gabi sah den vollen Tablettendispenser und beschloss die Frau zu ignorieren.
„Die Tabletten müssen genommen werden, da ist ein Antibiotikum dabei, das ist wichtig.“
Sie nahm die Pillen raus, gab sie ihm und griff nach dem Wasserglas.
„Nein, die darf er nicht nehmen, Antibiotika sind ganz schlecht und die verträgt mein Mann nicht, lassen Sie das! Ich bestimme hier, was mein Mann nimmt, nicht Sie.“
„Frau Reinermann, nun seien Sie doch vernünftig, diese Medizin ist vom Arzt angeordnet und notwendig. Er scheint doch etwas Fieber zu haben und gerade da ist die regelmäßige Einnahme besonders wichtig. Er hat ja nun keine Infusionen mehr, deshalb muss er die Medizin in Tablettenform bekommen.“
„Sie, Sie … Sie haben hier gar nichts zu bestimmen … Sie …“
Gabi zuckte die Schultern und ging wortlos hinaus. Das würde sie protokollieren, wortwörtlich, das war ja mal klar. Hier würde sie sich nichts anhängen lassen.
Und jetzt stand sie da neben Gunilla. Diese verrückte Frau Reinermann hatte wohl im Augenblick das letzte Wort, jedenfalls wenn es nach Gunilla, dem Oberdrachen, ging, die nun in einer langen Predigt Gabis Benehmen und Verhalten anprangerte. Diese Zicke stand grinsend dabei. Gott sei Dank wurde Gunillas Tirade von einem dringenden Ruf nach Gabi unterbrochen. Kollegin Renate hatte sie erlöst. Von diesem Zickenehemann würde sie sich erst mal fernhalten. Es gab schließlich noch andere Schwestern hier auf der Station.
Diese gewissen Tage wurden immer häufiger. Tage, die kaum noch zu ertragen waren.
Eines Morgens balancierte Gabi das Tablett mit der linken Hand und öffnete schwungvoll die Tür zu Herrn Reinermanns Zimmer.
„So, da …“
Ihre fröhlichen Worte gingen in einem Krachen und einem dann folgenden lauten Kreischen unter. Unverständliche Worte bohrten sich in die Ohren derer, die das Pech hatten, in der Nähe zu sein. Gabi hätte sie sich am liebsten zugehalten, wozu sie jetzt auch beide Hände freigehabt hätte. Denn das Tablett mit dem Frühstück, insbesondere der heiße Kaffee, war auf Frau Reinermann gelandet. Deren ehemals adrette Kleidung war braun durchnässt. Ihr Gesicht war krebsrot angelaufen und der Mund unschön verzogen. Gabi sandte ein Stoßgebet zum Himmel, obwohl sie wusste, dass keine Hilfe zu erwarten war.
Der Ehegatte dieser Heulboje lag regungslos im Bett. Schaute nicht mal zum Unglücksort hin, atmete nur etwas heftig. Komisch.
Gabi hatte in den vergangenen Tagen zu Herrn Reinermann, in Abwesenheit seiner Gattin, ein ganz nettes Verhältnis bekommen. Sie hatten sogar ein-, zweimal miteinander gelacht. Er war vielleicht ein wenig penibel, zeigte aber einen stillen Humor. In drei Tagen würde er zur Reha fahren und hatte vorsichtig angedeutet, dass er sich freue, mal ein paar Tage allein zu sein. Das erstaunte Gabi nicht. Seine Frau hatte sie in den letzten Tagen mehr als zur Genüge ertragen und dabei noch verbindlich bleiben müssen, weil die Gunilla oft über den Flur schlich. Die Schreckschraube hätte natürlich jede Verfehlung brühwarm weitergegeben.
Jetzt dieser Zusammenstoß, nun steckte sie richtig in der Tinte. Wie krieg ich sie nur ruhig, ging es Gabi durch den Kopf, und was ist mit dem Reinermann, der gefällt mir gar nicht … diese Gesichtsfarbe …? Eine unheilvolle Ahnung ließ sie die Sirene umrunden und zu dem Bett eilen. Schaum stand Herrn Reinermann vor dem Mund. Die Augen waren geschlossen und der Atem ging hastig. Sein Gesicht war blassblau. Sie fühlte nach dem Puls – er raste. Scheiße, Mist, ausgerechnet. Sie drückte auf die Schelle und rannte zur Tür.
„Sie werden hier nicht so einfach verschwinden, Sie dumme Kuh. Sehen Sie, was Sie angerichtet haben. Jetzt ist aber Schluss. Dafür werden Sie zahlen, dafür sorge ich. Das lass ich mir nicht gefallen. Trampel … unverschämte … Sie … Sie …“
Gabi schob die Wütende heftig zur Seite und eilte aus dem Raum. Dabei rutschten Frau Reinermanns zierliche Pumps auf dem nassen Kaffeefleck aus. Sie fiel hin. Was sie nicht hinderte, die Lautstärke zu steigern. Die Flüche, die zu hören waren, hatte sie sicher noch nie zuvor in den Mund genommen.
„Du tittenschwingende Idiotin. Komm her, du feige Schlampe, ich werd dir … Wenn ich mit dir fertig bin, schaut dir keiner mehr in deine ordinäre Fratze … du … du … du …“, kreischte sie hinter ihr her.
Gabi hatte den Notruf abgegeben und rannte, den Notfallwagen vor sich herschiebend, zurück. Schwester Renate hatte sich ihr angeschlossen. Sie drückten die Schmähtröte zur Seite, um in das Zimmer zu kommen, was ihr noch einen schmerzhaften Stoß von Frau Reinermanns Ellbogen einbrachte. Renate hatte schon das Fußbrett des Bettes abgemacht und gemeinsam schoben sie es unter den Oberkörper des Patienten. Gabi befestigte den Sauerstoffspender und schob die Sauerstoffbrille unter seine Nase. Sie nahm eine Schere und schnitt das Schlafanzugoberteil des bewusstlosen Patienten auf. Gut, dass Renate da war. Sie arbeiteten Hand in Hand. Schließlich war es nicht der erste Notfall, den sie gemeinsam erlebten. Gabi betete, dass das Notfallteam endlich einträfe, wenigstens bevor er aufhörte zu atmen. Sie hängte die Infusion an den Bettgalgen und legte die Staubinde um den Oberarm, nachdem sie seinen Blutdruck gemessen hatte.
„Sechzig“, murmelte sie. „Scheiße, hoffentlich beeilen die sich.“ Im gleichen Augenblick hörte man auf dem Flur eilige Schritte und Türen schlagen und kurz darauf wurde es im Zimmer eng. Als Gabi zum Stationszimmer lief, um die Krankenakte zu holen, kam sie an Frau Reinermann vorbei. Mit offenem Mund hatte diese die Invasion des Notfallteams beobachtet und kam langsam wieder zu sich.
„Was … was ist da los? Ist was mit Reini …?“, stammelte sie.
„Ich komm gleich zu Ihnen, Frau Reinermann.“
Wenn sie eins hasste, dann jetzt zu dieser Megäre auch noch nett sein zu müssen. Aber es half ja nichts. Er war ihr Ehemann und ihm ging es wirklich dreckig. Höchstwahrscheinlich hatte er eine Lungenembolie erlitten. Das wird uns den Herrn noch eine Weile erhalten. Sie holte die Akte aus dem Rollwagen und ging zurück. Das Team kam ihr mit dem Bett samt Patienten entgegen. Herr Reinermann hatte eine Sauerstoffmaske auf dem Gesicht und ein Monitor fuhr piepsend auf seinem Bett mit.
„Wir bringen ihn wieder auf Intensiv“, rief ihr der Anästhesist zu.
Gabi legt die Akte aufs Bett und nickte ihm zu.
Kurz darauf kehrte Ruhe auf der Station ein. Renate kam mit dem Notfallwagen und verschwand im Stationszimmer. Gabi atmete tief durch. Jetzt eine Zigarette. Das wäre schön! Aber das Rauchen hatte sie vor Langem aufgegeben. Nicht, dass sie es ernsthaft vermisste, außer bei solchen Gelegenheiten. Zum Entspannen. Jetzt würde sie die Ehefrau beruhigen, dann einen Kaffee trinken, das würde auch helfen.
Frau Reinermann saß in dem Patientenzimmer auf einem Stuhl. Sie schluchzte leise vor sich hin. In ihrem Gesicht blühten rote Flecken. Vom Kaffee? Oder hektische Flecken von ihrem Ausbruch vorhin? Gabi wusste es nicht, aber sie wusste, dass die Gesichtsfarbe neben den Flecken käsig war. Diese Frau sah aus wie Quark mit Erdbeeren. Um sie herum ein Chaos. Abfall von der Notfallversorgung, der Nachttisch in die Ecke geschoben, immer noch der Kaffee auf dem Fußboden.
„Frau Reinermann?“, fragte Gabi vorsichtig.
Die hob das Gesicht und schniefte.
„Stirbt Reini jetzt?“ Das Schluchzen wurde heftiger. „Ich hab doch nur ihn, was soll ich dann … Ohne ihn, da …“
Sie verlor völlig die Fassung. Gabi legte ihr die Hand auf die Schulter.
„Wissen Sie was? Wir verschließen jetzt den Schrank ihres Mannes und räumen den Nachttisch aus. Dann kommen Sie mit mir ins Stationszimmer und trinken erst mal eine schöne Tasse Kaffee. Auf Ihren Mann wird gut aufgepasst, er wird schon wieder.“
Frau Reinermann wurde richtig zutraulich, als sie mit Gabi im Stationszimmer saß. Sie lächelte sogar, was bei ihrem scheckigen Gesicht ziemlich daneben aussah. Gabi ließ ein paar lockere Sprüche los und da lachte sie. Just in diesem Moment kam Gunilla von Wolfersdorf herein.
„Schwester Gabriele!“, rief sie aus. „Was soll das bedeuten? Eine Privatperson im Stationszimmer, wissen Sie nicht, dass das verboten ist? Ach, Sie sind das.“
Sie sah Frau Reinermann jetzt an. „Was ist denn mit Ihnen passiert? Sehen Sie nur Ihre Kleidung.“
„Wir sind zusammengestoßen und ich trug das Frühstückstablett“, sagte Gabi, „aber …“
„Was, Sie haben das verursacht, kein Wunder liebe Frau … ehm, dass Sie unglücklich sind …“
„Aber …“
„Ich …“, fingen Gabi und Frau Reinermann gleichzeitig an zu reden. Gunilla schnitt ihnen mit einer Handbewegung das Wort ab.
„Ihr Schaden wird selbstverständlich ersetzt, reichen Sie mir nur die Quittung der Reinigung in mein Büro rein und Sie, Schwester Gabriele, Sie möchte ich morgen nach Dienstschluss bei mir sehen, guten Tag.“
Damit verschwand sie aus dem Zimmer. Die beiden Frauen sahen sich an. Mist, dachte Gabi, jetzt bin ich geliefert. Egal, was ich sage, es wird keinen Einfluss haben. Frau Reinermann schaute richtig eingeschüchtert.
„Die ist ja ganz schön schroff. Dabei wollte ich ihr gerade sagen, dass es ein Missgeschick war“, fügte sie noch leise hinzu.
Gabi war so in ihre dunklen Gedanken versunken, dass sie gar nicht mitbekam, wie die Frau das Zimmer verließ. Diese Frau Reinermann war eine Hexe und brachte ihr nur Unglück. Da änderte eine kurze Feuerpause nichts daran.
Abends saß Gabi in ihrer Stammkneipe bei Doris am Tresen und klagte ihr Leid.
„Wenn ich daran denke, dass ich noch so viele Jahre malochen muss. Mir wird ganz schlecht. Vielleicht schmeiß ich doch alles hin und geh auf Stütze. Aber mit dem bisschen Kohle …“
Doris schaute sie mitfühlend an. Dann schob sie ihr ein neues Bier hin.
„He, kannst du nicht was gegen dieses Miststück unternehmen? Wenn ihr euch alle einig seid, dann könntet ihr sie doch sabotieren oder so was oder ihr irgendetwas unterschieben. Ich hab gerade so einen Krimi gelesen, da war das so, die haben einfach irgendwelche Dokumente manipuliert und so den Chef abgewürgt.“
„He, glaubst du etwa, wir leben in einem Roman?“
„Du hast schon recht, aber vielleicht kannst du früher in Rente gehen. Du musst nur berufsunfähig sein. Der Rudi, du weißt schon, der Typ von der Nadine, der ist erst an die vierzig und hat schon Rente und ich sag dir, die ist gar nicht knapp.“
„Ja, und weswegen hat der Rente? Da musst du schon ziemlich kaputt sein, um berufsunfähig zu sein. Aber du hast mich da auf eine Idee gebracht, ich muss Prozente, so ein Behindertending, kriegen, dann ist es einfacher. Prozente. Muss mich mal erkundigen. Ja … ich weiß auch schon bei wem.“
Ihr Gesicht hellte sich auf, sie trank ihr Bier. Gleich darauf kamen aber wieder die dunklen Gedanken. Morgen der Termin bei der Chefin, wer weiß, was dabei herauskam. Eine Verbannung bestimmt. Dabei fühlte sie sich so wohl bei den chirurgischen Männern. Aber Gunilla hatte sicher nichts Gutes mit ihr vor.
Den restlichen Abend verbrachte sie damit, ihren Frust zu ersäufen.
Es kam wie befürchtet. Während der gesamten Schicht quälte Gabi ein dumpfes Gefühl. Und das, obwohl sie erfahren hatte, dass der Reinermann praktisch wieder fit war und auch die anderen Patienten so was von gut zu händeln waren, dass sie normalerweise einen Luftsprung gemacht hätte. Aber da war dieses Schwert, das über ihr hing. Und das Ding hatte einen Namen: Gunilla.
Sie fühlte sich wie ein schwerer nasser Sack, als sie vor deren Tür stand. Das herrische „Herein“ brannte sich schmerzhaft in ihren Bauch. Die Oberschwester thronte hinter ihrem Riesenschreibtisch wie eine Fürstin, als wolle sie sagen: ‚Seht her, ich Gunilla von und zu, empfange eine Untergebene, ich werde sie in den Staub schicken, sie soll vor mir kriechen.‘
Und so war es auch. Gabi wurde ins Archiv versetzt. Den ganzen Tag würde sie staubige Akten einsortieren oder suchen, Papiere zuordnen und die Fremdbefunde einscannen müssen. Eine Arbeit für Idioten, nicht für eine qualifizierte Schwester, das war schon mal klar. Und, da sie keine Schwesternstelle besetzte, würden sich auch ihre Bezüge verändern; sie käme in eine niedrigere Gehaltsstufe. Vielleicht würde sie dann zu einem späteren Zeitpunkt eine Chance bekommen und wieder auf einer Station eingesetzt werden.
Gabi war blass geworden und brachte gar kein Wort heraus. Nachdem sie das Büro verlassen hatte, fielen ihr eine Menge Sätze ein, die sie hätte sagen können und wollen, wenn auch die meisten nicht dem guten Ton entsprachen. Sätze, die mit: ‚Sie blöde …‘ anfingen, fielen ihr zum Beispiel haufenweise ein. Gabi schleppte sich die Treppe runter. Was sollte sie nur tun? Das war das Ende. Selbst wenn sie die Arbeit hinschmisse. Ein gutes Zeugnis konnte sie vergessen. Und das alles nur wegen dieser Kuh Reinermann.
Ihr Kopf konnte einfach nicht mehr denken. Er war ausgefüllt mit einer Masse, die in klebriger Schwere nur noch schwarz und schwärzer zuließ. Ihre Füße konnte sie kaum vom Boden heben, fühlen konnte sie nichts mehr, alles vermischte sich zu einem ungenießbaren Einheitsbrei. Gabi spürte die Tränen nicht, die ihre Wangen herunterliefen. Schmerz, Trauer, Wut, alles eins.
Auch diesen Abend verbrachte sie bei Doris an der Theke. Sie kippte ein Bier nach dem anderen und mehr als nur ein paar Klare, bis Doris ihr nur noch Cola gab und ein paar Kumpels aufforderte, sie nach Hause zu bringen. Später erinnerte sie sich an fast nichts, nur dass es zu viel Alkohol war. Das sagte ihr auch ihr Kopf, der sich anfühlte, als wären an ihrer Schädeldecke Stacheln nach innen gewachsen, die sich in jede ihrer Gehirnwindungen bohrten.
Morgens lag sie stöhnend im Bett und verfluchte jeden Sonnenstrahl, der sich in ihre Nähe wagte. Die Vorhänge hatte sie vergessen zu schließen, als sie sich in voller Montur auf die Matratze geworfen hatte. Ins Bad musste sie kriechen. Dort kauerte sie sich auf den Boden vor der einladenden Schüssel und gab von sich, was noch in ihrem Magen war. Es dauerte Stunden, bis sie in der Lage war, etwas bei sich zu behalten. Gott, und dabei hatte sie Mittagsschicht. Am Telefon nuschelte sie was von „Magen-Darm“ in den Hörer und sie würde sich melden, wenn es ihr besser ginge. Dann verzog sie sich wieder in ihre Koje.
Lotte
„Au, verdammt!“ Charlotte warf das Unterhemd ihres Mannes auf den Boden. Seit zwei Stunden saß sie im Gästezimmer, das bei Bedarf in ein Nähzimmer umfunktioniert wurde, und besserte Unterwäsche ihres Mannes aus. Obwohl sie immer nur erste Qualität für Reinhard kaufte, schlichen sich nach einiger Zeit winzige Löcher ein. Deshalb hatte sie den ganzen Stapel, den sie vor sich auf dem Tisch aufgetürmt hatte, sorgfältig durchgesehen. Sie konnte doch ihren Mann nicht mit löchrigen Unterhemden zur Kur schicken!
Nun hatte sie sich auch noch in den Finger gestochen und auf dem strahlend weißen Baumwollfeinripp Blutflecken hinterlassen.
Das musste sie noch mal kochen, am besten vorher kalt einweichen, sonst bekam sie die Flecke nicht heraus.
Lotte seufzte tief. Bis morgen musste sie alles fertig haben. Wie sollte sie das bloß schaffen?
Anschlussheilbehandlung! Direkt nach dem Krankenhausaufenthalt zur Kur! Wer dachte sich so etwas nur aus? Die armen Ehefrauen der Patienten konnten zusehen, wie sie das alles schafften! Aber das interessierte ja die kompetenten Vertreter des Gesundheitswesens nicht. Die hatten ja Wichtigeres zu tun!
Ob sie ihm auch noch zwei wärmere Pullover einpacken sollte? Es war zwar schon Mai, trotzdem konnte es noch mal richtig kalt werden.
Besser ist besser, dachte sie und eilte ins Schlafzimmer, um die Pullover aus dem Kleiderschrank zu holen.
Sie packte immer für ihren Mann den Koffer, auch wenn sie in Urlaub fuhren.
Dann machte sie es gern, die Vorfreude auf den gemeinsamen Urlaub machte die Arbeit leicht.
Aber nun fuhr er ja allein weg. Mit dem Zug nach Bad Kissingen. Ohne sie!
„Ich bekomme meine Entlassungspapiere morgen schon ganz früh.“
Reinhard Reinermann saß im Jogginganzug an dem kleinen Tisch unter dem Fenster und nahm sein Abendessen ein. In den letzten Tagen hatte er einen guten Appetit entwickelt, auch seine Gesichtsfarbe war nicht mehr so fahl und die Wangen wirkten wieder voller.
„Um zehn Uhr geht der Zug ja schon. Du kommst also mit dem Koffer hierher, lädst mich ins Auto ein und fährst direkt mit mir zum Bahnhof.“
Reinhard lächelte seine Frau etwas schief an.
„Ich bin dir ja so dankbar, dass du das alles für mich machst, mein Engelchen.“
Lotte schluckte eine bissige Bemerkung hinunter und strich ihrem Mann stattdessen über den Kopf.
„Ich bin froh, dass es dir wieder so gut geht. Und die Kur wird dir sicherlich auch bekommen. Die Ärzte werden schon wissen, was das Richtige für dich ist.“
Bei den letzten Worten sah Lotte angestrengt aus dem Fenster. Sie wusste, dass Reinhard es spürte, wenn sie etwas anderes sagte, als sie meinte. Aber er erwiderte nichts und daraus schloss Lotte, dass ihr Mann im Augenblick nicht so gut im Gedankenlesen war.
Nein, sie dachte in Wahrheit ganz anders über diesen Kuraufenthalt. Reinhard hatte sich gut erholt von der Operation und den nachfolgenden Komplikationen. Wenn sie ihn mit nach Hause nehmen dürfte, würde die Rekonvaleszenz sicherlich optimal verlaufen. Wo könnte sich Reinhard besser erholen als in seiner gewohnten Umgebung? Gehegt und gepflegt von seiner Frau, aufgemuntert von Besuchen seiner Freunde und seiner Kinder. Diese Kur war doch eine Schnapsidee. Sie diente doch nur dem Zweck, die leer stehenden Kurkliniken mit Privatpatienten zu füllen.
Lotte hielt es für besser, diese Gedanken für sich zu behalten.
Sie würde ihn morgen früh zum Bahnhof bringen, so, wie man es von einer guten Ehefrau erwartete.
Gestern hatte sie sich beiläufig nach Schwester Gabi erkundigt. Sie hatte sie seit Tagen nicht mehr gesehen. Aber der Verdacht, dass Gabi, die ja offensichtlich ein Auge auf Reinhard geworfen hatte, vielleicht auch in Bad Kissingen eine Kur antrat, bestätigte sich nicht.
„Schwester Gabi ist nicht mehr hier auf der Station tätig. Sie arbeitet jetzt in der Registratur“, hatte die Oberschwester berichtet und Lotte triumphierend angelächelt. Seltsamerweise empfand Lotte keine Schadenfreude bei dieser Mitteilung, im Gegenteil, irgendwie tat Schwester Gabi ihr plötzlich leid.
Nach Reinhards Zusammenbruch tranken sie Kaffee im Schwesternzimmer und dabei hatte sie eine ganz andere Gabi kennengelernt. Eine, die aufmerksam zuhören konnte, die aus ihrem Geheule und Gestammel herausgehört hatte, wie verzweifelt sie war.
Doch bevor sie das Gespräch vertiefen konnten, war die Oberschwester aufgetaucht und Gabi musste eine erneute Standpauke über sich ergehen lassen.
Danach hatten sie sich nicht mehr gesehen. Die Versetzung in die Registratur war mit Sicherheit eine Art Bestrafung, die Arme …, dachte Lotte.
Andererseits, warum war sie auch so zickig zu ihr gewesen?
Nein, sie würde nicht noch einmal mit der Oberschwester sprechen und aufklären, dass Gabi eigentlich nicht schuld war an dem Zusammenstoß im Krankenzimmer.
Bei dem Gedanken an Gunilla von Wolfersdorff spürte Lotte ein Ziehen im Magen. Der erste Anschein war wohl falsch gewesen, diese Dame war alles andere als sympathisch!
„Von Schwester Gabi kann ich mich gar nicht mehr verabschieden“, unterbrach Reinhard Reinermann plötzlich die Stille und Lotte spürte wieder einmal, dass ihre Gedanken ihren Mann erreichen konnten.
„Ich habe gehört, sie arbeitet jetzt in der Registratur. Warum sie diesen Wechsel wohl gemacht hat? Wahrscheinlich ist da weniger Stress. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass diese lebhafte Frau sich in einem Ablagekeller wohlfühlt.“
Reinhard sah seine Frau erstaunt an.
„Und ich dachte, du magst sie nicht.“
Reinhard Reinermanns Abreise nach Bad Kissingen klappte wie am Schnürchen. Pünktlich wurde er aus dem Krankenhaus entlassen, pünktlich erschien seine Frau, um ihn abzuholen, pünktlich lief der Zug im Dortmunder Hauptbahnhof ein.
Als Charlotte ihrem Mann am Bahnsteig mit einem Taschentuch hinterher winkte, musste sie schlucken. „Nein, fang jetzt bloß nicht an zu flennen, blöde Kuh“, schimpfte sie sich selbst aus.
„Er ist weg und jetzt denkst du mal ein bisschen an dich!“
Mit energischen Schritten verließ Lotte das Bahnhofsgebäude.
Sie lenkte das Auto durch den lebhaften Vormittagsverkehr und sah plötzlich vor sich das Hinweisschild mit der Grafik, die die Westfalenhalle symbolisierte.
Westfalenpark, schoss es Lotte durch den Kopf. Warum nicht? Ein Spaziergang im Frühling durch den Park war bestimmt herrlich. Das Haus und der Garten konnten warten. Sie wollte ihre neue und so ganz und gar ungewohnte Freiheit genießen.
Ohne weiter nachzudenken, reihte sich Lotte in die Abbiegespur ein und fuhr Richtung Westfalenpark.
Sie parkte unten an der Buschmühle. Dort war jetzt am Vormittag der Parkplatz menschenleer und das war Lotte nur recht. Schließlich wollte sie nicht unbedingt gesehen werden, denn wie wollte sie erklären, dass sie mitten in der Woche morgens um 11.00 Uhr im Park spazieren ging?
Lotte holte tief Luft. Warum war es ihr immer so wichtig, was andere dachten und sagten, warum wollte sie immer so perfekt sein und warum drehte sich in ihrem Leben alles nur um Reinhard, das Haus und die Kinder? Hatte sie kein Anrecht auf ein eigenes Leben, auf eigene Bedürfnisse, eigene Gefühle?
Die Sonne schien warm, als Lotte den Weg vorbei am Buschmühlenteich nahm und dann rechts zum Japanhaus abbog. Sie war lange nicht mehr hier gewesen. Schon von Weitem sah sie die japanischen Kirschbäume leuchten. Die rosa Blütenpracht war überwältigend. Lotte stellte sich direkt unter einen Baum, schaute nach oben und sah nichts anderes als üppige Blüten. Sie begann langsam, sich im Kreis zu drehen, und die Blüten drehten sich mit, verschmolzen wie in einem Kaleidoskop miteinander, eine rosa Spirale, die sich immer und immer wieder änderte und doch ihre Schönheit beibehielt.
Lotte spürte, dass ihr schwindelig wurde und sie schloss die Augen. So blieb sie stehen, atmete den süßen Duft der Blüten ein und sah deren Pracht auch mit geschlossenen Augen.
Als der Schwindel nachließ, wagte Lotte, wieder hochzuschauen. Und dort, unter dem vergänglichen Traum einer japanischen Kirschblüte kam Lotte zu einer überraschenden Erkenntnis: „Du vergeudest deine beste Zeit!“
Lotte stürzte ans Telefon, als es klingelte.
„Reinhard, endlich, ich habe mir schon Sorgen gemacht. Warum rufst du erst jetzt an?“
Reinhard Reinermann überhörte den leisen Vorwurf seiner Frau und berichtete von der tollen Kurklinik, seinem schönen Zimmer, dem schmackhaften, aber dennoch gesunden Essen und den medizinisch so wichtigen Therapien. Lotte runzelte die Stirn, soviel Euphorie war sie von Reinhard eigentlich nicht gewohnt. Trotzdem hörte sie sich geduldig die Schilderungen ihres Mannes an und freute sich für ihn.
„Und sonst, wie geht es dir denn gesundheitlich, Reinhard?“
„Oh, ich bin sehr zufrieden, Lotte. Ich glaube, ich bin hier in den besten Händen. Auch mit den anderen Kurenden hab ich großes Glück. Man lernt hier interessante Leute kennen. Aber am wichtigsten ist natürlich die medizinische Kompetenz hier. Du wirst sehen, wenn ich wieder nach Hause komme, bin ich ein ganz neuer Mensch.“
Insgeheim wartete Lotte darauf, dass ihr Mann sich auch nach ihrem Befinden erkundigte, aber er schien daran gar nicht zu denken. Also berichtete sie nicht von den quälenden Rückenschmerzen, die sie seit ein paar Tagen plagten und die einfach nicht weggehen wollten. Jeden Abend saß sie mit dem Wärmekissen in ihrem Fernsehsessel, doch der Schmerz wurde immer schlimmer.
Aber warum sollte sie Reinhard damit belasten, jetzt, wo es ihm endlich etwas besser ging?
Also erkundigte sie sich noch nach dem Wetter und beendete dann das Gespräch, in dem sie ihrem Mann versicherte, dass sie ihn liebe.
„Ich dich auch“, antwortete er, aber sie fand, dass sich der unvollständige Satz wie eine leere Floskel anhörte.
Die Sitzhaltung auf dem kleinen Hocker mit dem Telefonhörer in der Hand hatte Lottes Rückenschmerzen aufflammen lassen. Stöhnend erhob sie sich jetzt, ging ins Bad, um sich die schmerzende Lendenwirbelsäule mit einer lindernden Salbe einzureiben.
„Du musst zum Arzt“, hielt Lotte ein Selbstgespräch. „Das wird sonst nicht besser“, flüsterte sie ihrem Spiegelbild zu und erschrak über die steile Stirnfalte, die sich in den vergangenen Tagen auf ihrem Gesicht gebildet hatte.
Die orthopädische Arztpraxis von Dr. Henrichs war hoffnungslos überfüllt. Charlotte stand an eine Wand gelehnt, einen Sitzplatz hatte sie nicht mehr ergattert. Ihr Rücken schmerzte mittlerweile unerträglich und sie verspürte eine zunehmende Übelkeit in sich aufsteigen.
„Die Luft ist hier drin so schlecht“, sagte Lotte zu der Arzthelferin am Empfang, doch die zuckte nur mit den Schultern. „Wenn wir ein Fenster öffnen, beschweren sich andere Patienten sofort, dass es zieht“, antwortete eine andere Kollegin, ohne von ihrem PC aufzublicken.
Lotte presste die Hände in ihren Rücken.
Eine beleibte Dame in einem knallroten Kostüm berichtete von ihrer Knieoperation.
„Eigentlich setzt man in meinem Alter noch kein künstliches Gelenk ein, aber bei mir ging es einfach nicht anders“, erfuhr der Herr zu ihrer Rechten, dem man an seinem Gesicht ablesen konnte, dass ihn diese Information eigentlich nicht so recht interessierte. „Na, so jung sind Sie ja auch nicht mehr“, antwortete er jetzt und die Rotgekleidete drehte sich beleidigt um.
„Ich habe zwei neue Kniegelenke und jetzt soll noch die linke Hüfte gemacht werden“, meldete sich eine hutzlige Oma von der gegenüberliegenden Stuhlreihe.
„Dass die Krankenkasse so was noch finanziert“, wunderte sich ein Herr mittleren Alters im dunkelblauen Anzug. „Na hören Sie mal, ich habe doch ein Anrecht auf ein schmerzfreies Leben, auch wenn das nur noch ein paar Jahre sind“, regte die Oma sich auf und mehrere grauhaarige Köpfe ringsum nickten dazu.
„Lohnt doch nicht mehr, Geldverschwendung“, murmelte der Herr in Blau.
Zum Glück hatten die betagten Patienten wohl kein so gutes Gehör mehr.
Trotz ihrer Schmerzen musste Lotte lächeln.
Die Hutzeloma wurde jetzt aufgerufen und humpelte an einem Stock Richtung Behandlungszimmer. Lotte wollte sich auf den freigewordenen Stuhl setzen, aber eine junge Frau, die Kaugummi kauend neben ihr gestanden hatte, war schneller.
Lotte seufzte. Wenn sie noch lange warten musste, würde sie wahrscheinlich …
Lotte gelang es nicht mehr, den Gedanken zu beenden. Das Wartezimmer mit den vielen verschiedenen Gesichtern wurde dämmerig, irgendjemand musste wohl das Licht ausgemacht haben, jetzt war es plötzlich stockdunkel und wunderbar ruhig.
Als Lotte wieder wach wurde, lag sie auf einer Liege in einem steril wirkenden Zimmer mit blanken Stahlmöbeln. Ein weiß gekleideter Herr beugte sich über sie und fragte lächelnd: „Na, kehren die Lebensgeister langsam zurück?“
Lotte nickte, obwohl sie nicht so genau wusste, was der Mann von ihr wollte. Lebensgeister? Zurückkehren? Wo waren die denn?
„Ich bin Dr. Henrichs“, stellte der Mann im weißen Kittel sich jetzt vor. „Sie sind umgekippt. Wahrscheinlich die schlechte Luft in unserem Wartezimmer, aber manche Patienten regen sich sofort auf, wenn wir mal ein Fenster …“
Lotte nickte. Das hatte sie ja schon erfahren.
„Haben Sie Schmerzen?“, erkundigte sich Dr. Henrichs nun und Lotte stellte überrascht fest, dass das nicht der Fall war. Sie schüttelte den Kopf.
„Hatten Sie vor der Ohnmacht Schmerzen?“
Lotte nickte und begann nun etwas stockend, Dr. Henrichs von ihren Beschwerden zu berichten.
Dr. Henrichs war ein gründlicher Arzt. Das Röntgenbild von Charlottes Lendenwirbelsäule hatte ihm eine ausgeprägte Bandscheiben-Degeneration gezeigt.
Deshalb ordnete er eine CT-Untersuchung in den städtischen Kliniken an und hielt nun den Befund in der Hand.
An Lottes angstvoll aufgerissenen Augen erkannte Dr. Henrichs, dass sie den Bericht, der der Patientin in einem verschlossenen Umschlag für den behandelnden Arzt mitgegeben worden war, ebenfalls gelesen hatte. Immer das Gleiche!
Formulierungen wie „Spondylarthrose L4/5 und L3/4, sowie Höhenminderung des Bandscheibenraumes L2/3 und L5/S1 mit rezidivierenden Lumbalgien“ jagten dem Laien Angst ein.
Dr. Henrichs lächelte, tätschelte Lotte die linke Hand und sagte: „Keine Sorgen, Frau Reinermann, wir kriegen das schon wieder hin.“
„Sie haben“, fuhr er dann fort, „zur Akutbehandlung ja bereits zwei medikamentöse Infiltrationen bekommen.“ Lotte brauchte eine Weile, bis sie begriff, dass damit die beiden Spritzen gemeint waren, die Dr. Henrichs ihr gegeben hatte. „Aber nun müssen wir an eine dauerhafte Lösung ihres Problems denken.“
Lotte merkte, wie ihre Hände feucht wurden. Gleich würde er ihr bestimmt eine Operation vorschlagen, man würde ihr den Rücken aufschneiden, die Wirbelsäule freilegen, die Bandscheiben … Lottes Stimme klang rau, als sie zaghaft fragte: „An, an was haben Sie denn gedacht, Dr. Henrichs?“
„Ich würde Ihnen dringend empfehlen, einen Wirbelsäulen-Gymnastikkurs zu besuchen.“
„Einen was?“ Lotte glaubte, sich verhört zu haben.
„Begleitend werde ich Ihnen noch eine Akupunkturbehandlung, ein paar Massagen und Fango-Packungen verordnen. Aber das Wichtigste zum Aufbau der Rückenmuskulatur ist der Gymnastikkurs.“
Lotte nickte. „Mehr kann man nicht machen?“, flüsterte sie leise.
„Oh, damit tun Sie schon eine ganze Menge“, erklärte Dr. Henrichs.
„Bei entsprechendem Training kann ein flexibler und starker Körper erzielt werden. Die Muskeln werden aufgebaut und geben der geschädigten Wirbelsäule Halt. Selbstverständlich werde ich Ihnen ein Attest über die medizinische Notwendigkeit ausstellen, damit Ihre private Krankenkasse die Kosten des Kurses übernimmt. Das Einzige, was Sie tun müssen ist, sich einen schicken Gymnastikanzug zu besorgen.“
Dr. Henrichs lachte schelmisch.
„Na …“, stotterte Lotte und versuchte dabei, ihre Gedanken etwas zu sortieren. Offensichtlich war sie schwer krank, sie hatte es doch selbst in dem Befundbericht gelesen. Und nun sollte alles durch einen Gymnastikkurs, ein paar Nadeln und etwas Massage geheilt werden? Das konnte doch nur ein Witz sein! Schließlich litt sie unter schier unerträglichen Schmerzen!
Gerade öffnete Lotte den Mund, um Dr. Henrichs die Unerhörtheit seines Vorschlages vorzuhalten, als der Orthopäde ihr ein Rezeptformular mit ein paar Kritzeleien hinhielt und sich erhob, um das Ende der Behandlungseinheit zu signalisieren.
„Am besten erkundigen Sie sich beim Gesundheitszentrum Vitafit in der Chemnitzer Straße, wann der nächste Wirbelsäulen-Gymnastikkurs beginnt. Vielleicht können Sie auch in einen bereits laufenden Kurs noch hineinkommen. Termine für die Akupunktur und die Massagen bekommen Sie vorn an der Rezeption. Ich wünsche Ihnen gute Besserung, Frau Reinermann.“
Lotte spürte Tränen in sich aufsteigen, als sie hilflos mit dem Rezept in der Hand wieder vor der Anmeldung stand. Die Arzthelferin nahm ihr die Verordnung ab, warf einen kurzen Blick darauf und begann dann mit ihren Anweisungen:
„Das Attest reichen Sie zusammen mit der Bestätigung über die Entrichtung der Kursgebühr bei ihrer Krankenkasse ein. Dann bekommen Sie das erstattet. Hat er gesagt, dass Sie zum Vitafit gehen sollen? Wenn Sie wollen, rufe ich da mal an. Der letzte Kurs hat erst vergangene Woche angefangen, vielleicht können Sie da noch rein.“ Lotte nickte matt. Die Arzthelferin flötete zwischenzeitlich schon ins Telefon und meldete Lotte beim Kurs an. Na prima, wo sie doch im Sport immer nur eine Vier gehabt hatte!
Lottes Schritte waren schleppend, als sie die Arztpraxis verließ. Nein, auf einen Gymnastikkurs hatte sie eigentlich gar keine Lust.
„Trotzdem, du musst etwas für dich tun. Reinhard macht doch auch diese Hopserei in der Kur mit. Und der ist ganz begeistert davon.“
Erschrocken sah Lotte sich um, weil sie sich nicht sicher war, ob sie ihr Selbstgespräch laut geführt hatte.
„Ich zieh das durch“, machte Lotte eine innere Kehrtwende. „Jetzt gehe ich erst mal ins Sporthaus und kauf mir den teuersten Gymnastikanzug, den die haben. Am besten in einer Neonfarbe!“
Die letzten Gedanken hatte Lotte wirklich laut vor sich hingesprochen und es war ihr völlig egal, dass einige Leute sich erstaunt nach ihr umsahen.
Darmowy fragment się skończył.