Czytaj książkę: «Franziskus»

Czcionka:

Esther-Marie Merz

Mathilde Schwabeneder

FRANZISKUS

Vom Einwandererkind zum Papst

Mit einem Vorwort von

Bischof Erwin Kräutler


Inhalt

Cover

Titel

Vorwort von Erwin Kräutler, Bischof vom Xingu

1 Fast vom Ende der Welt

2 Kindheit und Jugend. Ein erfülltes und bescheidenes Leben

3 Jesuit, Lehrer, aber kein Professor

4 Militärdiktatur. „Keiner sollte seine Hände in Unschuld waschen“

5 Seite an Seite. Der alltägliche Kampf gegen die Ungerechtigkeit

6 Freundschaft und interreligiöser Dialog

7 Ein weiser Großvater

8 Geht an die Ränder der Gesellschaft

9 Petrus hatte kein Bankkonto

10 Ich will keinen Jugendlichen, der nicht protestiert

11 Seid Hirten mit dem Geruch der Schafe

Schlussworte der Autorinnen

Kurzbiografie von Papst Franziskus

Bibliografie

Bildnachweis

Impressum

Fußnoten

Die Kapitel 1 und 7 bis 11 wurden von Mathilde Schwabeneder verfasst, die Kapitel 2 bis 6 stammen von Esther-Marie Merz.


Papst Franziskus

Amazonien.
Bewährungstest für Kirche und Gesellschaft in Brasilien
Der Weltjugendtag in Rio 2013,
Papst Franziskus und Amazonien

Ein Vorwort von Erwin Kräutler,

Bischof vom Xingu

Der erste abraço

Schon kurz nach seiner Ankunft beim Weltjugendtag in Rio de Janeiro am 22. Juli 2013 erwähnte Papst Franziskus Amazonien. Seine Grußadresse an Präsidentin Dilma Rousseff und Vertreterinnen und Vertreter der politischen Szene Brasiliens schloss er mit den Worten: „In diesem Augenblick weiten sich die Arme des Papstes, um die ganze brasilianische Nation in ihrem vielschichtigen menschlichen, kulturellen und religiösen Reichtum zu umarmen. Von Amazonien bis zur Pampa, von den Trockenregionen bis zum Pantanal, von den kleinen Dörfern bis zu den Metropolen fühle sich keiner von der Zuneigung des Papstes ausgeschlossen.“ Jemand könnte argumentieren, dass sich der Papst auf diese Makroregion nur im rein „geografischen“ Sinn bezog. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass er „Amazonien“ ausdrücklich nennen wollte, denn Amazonien macht mehr als die Hälfte Brasiliens aus. Er hätte ja auch sagen können „Von Chuí bis Oiapoque“ (die äußersten geografischen Punkte im Süden und Norden), wie es ansonsten hierzulande der Brauch ist, wenn jemand von ganz Brasilien spricht. Amazonien erregt heute weltweit mehr Aufmerksamkeit als der Karneval in Rio und die Seleção. Und so verbinde ich mit der Umarmung Amazoniens auch den Aufruf an die Präsidentin und Regierungsmitglieder und selbstverständlich an die Jugendlichen: „Geht über die Grenzen des menschlich Möglichen hinaus und gestaltet eine Welt von Geschwistern!“

„Eine Welt von Geschwistern“

Die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte und die Gegenwart beweisen uns offenkundig, dass viele Menschen in Amazonien über das menschlich Mögliche hinausgegangen sind und immer noch gehen. In positiver, nachahmenswerter, aber auch in negativer, krimineller Hinsicht!

Seit Jahrhunderten haben Frauen und Männer in Amazonien Strapazen und Schikanen auf sich genommen, um den Ureinwohnern und später den Siedlern entlang der Flüsse und Straßen hilfreich zur Seite zu stehen und für sie und mit ihnen gegen Unterdrückung und Diskriminierung anzukämpfen. Frauen und Männer gingen über die „Grenzen des menschlich Möglichen“ hinaus bis zum Äußersten, wie es in der Einleitung zur Fußwaschung im Johannesevangelium (Joh 13,1)1 heißt, und wurden deshalb verfolgt, des Landes verwiesen und schreckten nicht einmal davor zurück, ihren Einsatz mit dem eigenen Blut zu bezahlen.

Wer denkt da nicht an die Grundsatzrede über die Aufgabe der Kirche, die Kardinal Bergoglio wenige Tage vor Konklavebeginn vor den bereits in Rom versammelten Kardinälen hielt. In dieser Rede forderte er die Kirche auf, dass sie aus sich herausgehen und nicht nur die geografische, sondern auch die existenzielle Peripherie erreichen müsse. In Amazonien geht die Kirche seit Jahrhunderten an die geografische, viel mehr aber noch an die existenzielle Peripherie.

Es gab und gibt aber gleichzeitig andere, die auch vor nichts zurückschrecken und über die „Grenzen des menschlich Möglichen“ hinaus wollen, um Amazonien skrupellos auszubeuten. In ihrer Habgier gehen diese Leute über Leichen. Im Namen von „Entwicklung“ und „Fortschritt“ verfolgen und ermorden sie Menschen, die ihren Ambitionen im Wege stehen und die Rechte der indigenen Völker und Siedler, die Würde der Frauen und Kinder verteidigen.

Das ist der grausame Hintergrund, der den ersten Appell des Papstes an Brasilien, an Kirche und Gesellschaft, motiviert und ihn ausrufen lässt: „Gestaltet eine Welt von Geschwistern!“

Amazonien als Nagelprobe

Ein Untertitel seiner Ansprache an die Bischöfe am 27. Juli 2013 bringt das Thema der gewünschten Geschwisterlichkeit auf den Punkt. Papst Franziskus spricht von Amazonien als Bewährungstest für die brasilianische Kirche und Gesellschaft. Amazonien ist so etwas wie die Nagelprobe „für den augenblicklichen wie den zukünftigen Weg nicht nur der Kirche in Brasilien, sondern auch für das gesamte gesellschaftliche Gefüge“.

Wörtlich sagt der Papst: „Ich möchte alle einladen, über das nachzudenken, was Aparecida über Amazonien gesagt hat, auch über die eindringliche Aufforderung zur Achtung und Bewahrung der gesamten Schöpfung, die Gott dem Menschen anvertraut hat, nicht um sie skrupellos auszubeuten, sondern um sie wie einen Garten zu pflegen.“

Das Schlussdokument der V. Konferenz der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik, die von 13. bis 31. Mai 2007 im brasilianischen Nationalheiligtum Aparecida (São Paulo) tagte, trägt ganz sicher die Handschrift des Papstes. Der Kardinal von Buenos Aires war Mitglied der Redaktionskommission. Als Papst beweist er nun, dass er voll und ganz hinter diesem Dokument steht. Bei der ersten Begegnung mit der Präsidentin Argentiniens Cristina Kirchner überreichte er ihr ein Exemplar des Schlussdokuments von Aparecida. Und die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff bekam kurz darauf dasselbe Geschenk aus der Hand des Papstes.

Aparecida beklagt, dass die Urbevölkerung des Kontinents bei Entscheidungen über die Nutzung von Naturreichtümern praktisch ausgeschlossen sei. Amazonien werde geplündert, die Erde vergiftet, Wasser zum Handelsgegenstand degradiert und Wasserreserven monopolisiert (DAp 84). Weiters betont das Dokument die Bedeutung Amazoniens für die gesamte Menschheit. Ein Entwicklungsmodell sei zu schaffen, „das den Armen dient und das Gemeinwohl fördert“ (DAp 475).

Parrhesia: Seid corajudos!

Papst Franziskus erinnert, dass die Kirche in Amazonien von Anfang an präsent war, und will, dass sie auch weiterhin bestimmend für die Zukunft dieser Region sei. Das„amazonische Gesicht“ der Kirche soll immer mehr zum Ausdruck kommen. „Ich bitte euch, seid mutig, setzt euch ein mit Parrhesia2. Oder, wie wir in Buenos Aires sagen, seid corajudos (= kühn, wagemutig, verwegen)“.

„Wir verfassen Dokumente, aber sind zu wenig vor Ort.“

Besonders aufschlussreich war das Interview, das der Papst der TV Globo gegeben hat. Als der Reporter fragte, was er zu den Statistiken sage, die ein Zunehmen der Evangelikalen und Abnehmen der Katholiken in der brasilianischen Bevölkerung aufzeigen, wies der Papst auf die unzureichende „Präsenz“ der katholischen Kirche in bestimmten Regionen hin und sagte, dass wir zwar viele Dokumente verfassen, aber zu wenig vor Ort seien.

Papst Franziskus vergleicht die Kirche mit einer Mutter. Eine Mutter beweist ihren Kindern ihre mütterliche Liebe nicht nur durch Briefe und Erklärungen. Nein, sie ist da durch ihre fühlbare Gegenwart. Sie hat Zeit für ihre Kinder, „ist zärtlich mit ihnen, herzt sie, küsst sie, liebt sie“. „Wenn die Kirche mit tausend Dingen beschäftigt ist, diese Nähe verliert und nur über Dokumente mit den Menschen in Kontakt tritt, dann ist sie wie eine Mutter, die ihrem Kind nur Briefe schreibt.“

Für Amazonien ist dieser Vergleich von ganz besonderer Bedeutung. Amazonien ist Ziel einer scheinbar unaufhörlichen innerbrasilianischen Migration. Die Kirche ist aber noch weit davon entfernt, tatsächlich „gegenwärtig“ zu sein, um entwurzelten Menschen Heimat zu bieten. Dieses Bild von der Mutter, die da ist und nicht nur Briefe schreibt, ist ein gezielter Appell an die gesamte Kirche in Brasilien, den Schrei Amazoniens zu hören und tatsächlich ihre Verantwortung für Amazonien wahrzunehmen. Wenn tausende Familien nach Amazonien ziehen, können Priester und Ordensleute nicht daheim bleiben und ihren Mitmenschen nur eine gute Reise wünschen. Besser situierte Diözesen in anderen Regionen Brasiliens sind verpflichtet, den Menschen in Amazonien tatkräftig zu helfen, nicht durch wohlgemeinte pastorale Erklärungen, sondern in liebender Solidarität durch die Präsenz von Priestern, Ordensleuten und Laien, die sich den Diözesen in Amazonien bedingungslos und im schlichten Stil des Papst Franziskus anspruchslos, bescheiden und selbstlos zur Verfügung stellen.

Papst im Federschmuck

Der Weltjugendtag war für Papst Franziskus auch eine Gelegenheit, sich mit der Realität der indigenen Völker auseinanderzusetzen. Wenn er auch keine spezifische Erklärung dazu abgegeben hat, so war es doch eine ergreifende Szene, als der Papst die Pataxó aus Bahia, Frauen und Männer, liebevoll umarmte und ihren Federschmuck aufsetzte.

Vertreter der indigenen Völker übergaben dem Papst auch schriftlich abgefasste Berichte über ihre Situation, ihre Probleme und ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft, in der sie in ihren Rechten und ihrer Würde respektiert werden. Levi Xerente, einer der Indigenas, die den Papst begrüßten, sagte: „Wir hoffen, dass er uns hilft, die Regierung zu überzeugen, damit sie auf alle Großprojekte und staatlichen Bauvorhaben (in indigenen Gebieten) verzichtet.“

Papst Franziskus ist längst wieder zurück im Vatikan. Wir hoffen, dass sein Herz, das er beim Abschied am Fenster des Hubschraubers mit seinen Fingern formte, weiter für Brasilien und Amazonien schlägt.

„Bis an die existenzielle Peripherie“

Seit dem Abend des 13. März 2013 hat sich die katholische Kirche verändert.

Das vorliegende Buch von Mathilde Schwabeneder und Esther-Marie Merz ist ein ungemein spannender Bericht zweier Journalistinnen. Esther-Marie Merz hat das Leben von Jorge Mario Bergoglio in Argentinien umfassend dargestellt. Mathilde Schwabeneder, die ich auch persönlich kenne, hat Papst Franziskus seit seiner Wahl aus unmittelbarer Nähe begleitet. Sie war auch in Lampedusa und in Rio des Janeiro dabei. Mathilde liefert keine trockene Reportage, sondern sie schreibt mit dem Herzen und beweist durch die Hintergrundinformationen, die sie in den Text einfließen lässt, dass sie den Vatikan sehr gut kennt und um die Probleme weiß, mit denen der Papst nun tagtäglich konfrontiert ist.

Ich hatte das Glück, Mathilde im Mai 2000 in Wien kennenzulernen. Sie moderierte im Albert-Schweitzer-Haus eine Podiumsdiskussion zum Thema „Alte Rechnungen und neue Nachbarschaft. Brasilien und Europa in einer globalisierten Welt“, an der ich teilnahm. Damals äußerte sie auch den Wunsch, mich am Xingu zu besuchen, um eine Sendung für den ORF zu gestalten. Dieser Wunsch ging 2006 in Erfüllung. Als sie an den Xingu kam, standen wir gerade unter dem Schock des Mordes an unserer Mitschwester Dorothy Stang.3 Sie starb aufgrund ihres Einsatzes für die Menschen in Amazonien und unserer Welt. Mathilde kam nicht nur an eine geografische, sondern an eine „existenzielle Peripherie“.

Altamira, 7. September 2013

Erwin Kräutler

Bischof vom Xingu


Papst Franziskus auf der Mittelloggia des Petersdoms am Abend der Papstwahl

Fast vom Ende der Welt

„Es könnte schon heute Nachmittag geschehen“, flüstert mir mein Kameramann zu. Das Konklave dauert noch nicht einmal 24 Stunden, aber das anstehende, historisch einmalige Ereignis heizt die Gerüchteküche an. Eine Papstwahl nach einem Papstrücktritt, das hat die Welt noch nicht gesehen – und so viele Journalisten auf einmal in Rom auch nicht. Ein Monat ist seit der völlig überraschenden Entscheidung Papst Benedikts XVI. vergangen. Die Stadt wird seitdem von Reportern aus allen Kontinenten belagert. Alle warten wir auf den weißen Rauch.

Ich ordne meine persönliche Favoritenliste. Von meinen zwanzig ursprünglich erstellten Mini-Biografien wähle ich zehn aus. Das Profil des zu wählenden Papstes scheint klar umrissen – darüber sind sich die meisten Kollegen rund um den Globus einig: Stark genug sollte er sein, um mit Vatileaks und anderen Skandalen aufräumen zu können; ein Seelsorger; ein guter Organisator; kein Europäer und, ganz wichtig, nicht älter als 70 Jahre.

Ein Blick auf meine Zettel und ein kurzer Austausch mit einem römischen Vatikanisten machen klar: Das könnte der Erzbischof von Buenos Aires sein, wäre da nicht das Geburtsdatum 17. Dezember 1936. Nein, Kardinal Jorge Mario Bergoglio rutscht in unserer Reihung nach hinten. Wenige Stunden später straft die Geschichte diese Überlegung Lügen.

Es ist nicht der Nachmittag, es ist der Abend des 13. März 2013. Das Ende eines kalten und regnerischen Tages. Spätestens um 19 Uhr sollte an jedem Wahltag, so hat Vatikansprecher Federico Lombardi in einem seiner täglichen Presse-Briefings versichert, Rauch aus dem auf der Sixtinischen Kapelle angebrachten Schornstein aufsteigen. Schwarz oder weiß, je nach Ergebnis.

Ich nehme meinen Platz für die Live-Schaltung ein. Der Petersplatz ist schon seit Stunden gerammelt voll und die Spannung hoch. Alle richten unter ihren Regenschirmen den Blick starr nach oben.

Um 19.06 Uhr ist es soweit: Ein Aufschrei hallt über den Platz und erreicht die Dächer und Terrassen, von denen wir Journalisten unsere Live-Einstiege machen. Ein untrügliches Zeichen, denn der Rauch ist weiß: Habemus papam. Doch wen haben die 115 Kardinäle im fünften Wahlgang zum Kirchenoberhaupt gewählt?

Der kurz darauf genannte Name des 265. Nachfolgers Petri lässt viele Menschen etwas ratlos zurück. Zu unbekannt ist dieser Name und akustisch schwer zu verstehen. Doch die vom Protodiakon, Kardinal Jean-Louis Tauran, verkündete Entscheidung des neuen Mannes im Vatikan, sich Franziskus zu nennen, löst Jubel und Begeisterung auf dem Petersplatz aus. Die Kommentatoren überschlagen sich.

Auch bei Twitter ist Franziskus sofort das alles beherrschende Thema. Insgesamt bringt der Tag über sieben Millionen Tweets zum Konklave. Unmittelbar nachdem der neue Papst, Franziskus, vorgestellt wird, erreicht die Aktivität der Twitter-Nutzer mit 130.000 Mitteilungen pro Minute ihren Höhepunkt.

Keiner hatte bisher den Mut gehabt, als Papst den Namen des großen Reformers aus Assisi zu wählen, kommentiert der Vatikanexperte von TV 2000, dem Sender der italienischen Bischofskonferenz, völlig überrascht. Und nur wenige Monate zuvor hatte der „Guru“ der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung, Roberto Casaleggio, im Buch Il grillo canta sempre al tramonto geschrieben: „Es kann ja kein Zufall sein, dass es bisher noch keinen Papst gab, der sich Franziskus nannte. Wir haben die 5-Sterne-Bewegung ganz bewusst am Tag des heiligen Franziskus gegründet. Politik ohne Geld. Die Achtung von Natur und Umwelt.“

Doch jetzt ist plötzlich alles anders. Jetzt ist es der Erzbischof von Buenos Aires – der erste Jesuit auf dem Stuhl Petri –, der die Ideale des christlichen Revolutionärs zur römisch-katholischen Chefsache erhebt. „Ein Name, ein Programm“ schreiben Tage später Journalisten aus aller Welt.

Ein Erneuerer war der heute zu den beliebtesten Heiligen zählende poverello, wie Franz von Assisi genannt wurde, zu seinen Lebzeiten. Radikal setzte der „Narr Gottes“ das Evangelium in die Tat um. Der 1182 geborene Sohn eines reichen Tuchhändlers hielt dem von moralischem Verfall gezeichneten Klerus einen Spiegel vor. Er schwor dem süßen Leben ab, gründete den „Orden der minderen Brüder“ und reformierte so von innen die Kirche, die damals – wie auch heute – eine schwere Glaubwürdigkeitskrise durchlebte.

Und die Kirche? Diese tat sich lange Zeit durchaus schwer mit dem heutigen Schutzpatron Italiens, der für viele als größter Heiliger der römisch-katholischen Kirche gilt.

Bei seiner Audienz für 6.000 Journalisten, die nach dem Papstrücktritt und während der Papstwahl in Rom anwesend sind, plaudert Franziskus wenige Tage später freimütig aus dem Konklave. Als sich die Lage bei der Auszählung der Stimmen „für mich zuspitzte“, habe ihn sein Sitznachbar und „großer Freund“, der emeritierte Erzbischof von São Paulo, Kardinal Claudio Hummes, ein Jesuitenschüler und Franziskaner, „bestärkt“. Und als die Anzahl der Stimmen zwei Drittel erreichte, erscholl der übliche Applaus, da der Papst gewählt war. „Da umarmte und küsste er mich. Und er sagte zu mir:, Vergiss die Armen nicht!‘ Da setzte sich dieses Wort tief in mir fest: die Armen, die Armen.“ Er habe dabei sofort an Franz von Assisi gedacht. „Franziskus war ein Mann der Armut und des Friedens; einer, der sich für die Schöpfung eingesetzt hat“, erläutert der frisch gewählte Papst seine viel beklatschte Entscheidung, um schließlich uns Medienvertretern sein zentrales Anliegen mitzugeben: „Ich möchte eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen.“

Wie ernst es Jorge Mario Bergoglio mit Demut und Bescheidenheit ist, kann man bereits bei seinem ersten Auftritt erkennen: In einer weißen Soutane und ohne Stola betritt er die Mittelloggia des Petersdoms. Auf der Brust ein schlichtes Kreuz aus Eisen, das er bereits als Erzbischof von Buenos Aires getragen hat. Mit einem „buonasera“ wendet Franziskus sich an die jubelnden Menschen auf dem Petersplatz und mit einfachen Worten beschreibt er die Arbeit der Kardinäle. „Ihr wisst, es war die Aufgabe des Konklaves, Rom einen Bischof zu geben. Es scheint, meine Mitbrüder, die Kardinäle, sind fast bis ans Ende der Welt gegangen, um ihn zu holen.“ Kein einziges Mal fällt an diesem Abend das Wort „Papst“. Franziskus spricht vielmehr vom gemeinsamen Weg von Volk und Bischof, „einem Weg der Geschwisterlichkeit, der Liebe, des gegenseitigen Vertrauens“. Und er bittet die Anwesenden „um einen Gefallen“. Bevor er die Menschen segnet, „bitte ich euch, den Herrn anzurufen, dass er mich segne: das Gebet des Volkes, das um den Segen für seinen Bischof bittet.“ Als er zum Schluss noch eine gute Nacht und angenehme Ruhe wünscht, hat er die Herzen der Römerinnen und Römer bereits erobert.

Es sind unglaubliche Szenen, die wir rund um den Petersplatz miterleben. Lachende und strahlende Menschen fallen einander um den Hals und gehen glücklich nach Hause. Die meisten hier sind sich einig, dass eine neue Ära beginnt.

Franziskus’ Stärke ist seine Authentizität. Wo Franziskus draufsteht, ist Jorge Mario Bergoglio drinnen. Daran sollte auch die Papstwahl nichts ändern. Das, was die gesamte Weltpresse in den folgenden Tagen in Erstaunen versetzt, ist für den 76-jährigen ehemaligen Erzbischof nur eine logische Konsequenz seines bisherigen Lebens. So legt er am Abend der Wahl den Weg zum Abendessen nicht in einer luxuriösen Papstlimousine zurück, sondern steigt wie bisher mit den anderen Kardinälen in einen Kleinbus. Humor und Tatendrang, so werden einige dann erzählen, sind weitere Eigenschaften des Argentiniers. Wo Joseph Ratzinger angesichts der Bürde des Amtes vom „Fallbeil“ gesprochen hat, zeigt sein Nachfolger eine Art südländische Leichtigkeit des Seins. Mit den Worten „Möge Gott Euch vergeben für das, was Ihr getan habt!“ bedankt sich ein heiterer Franziskus während des Abendessens bei den Kardinälen.

Kaum ist Franziskus im Amt, ändert sich der Stil im Vatikan. Auch Benedikt XVI. war ein bescheidener Mensch, doch als Papst vermittelte er äußerlich ein vom 19. Jahrhundert geprägtes Kirchenbild. Rote Schuhe, prunkvolle Gewänder und selbst der Camauro – eine fellbesetzte Samtmütze – kamen zum Einsatz. Hermelin und edle Stoffe sind jedoch nicht die Sache von Franziskus. Auch die roten Schuhe wird er ablehnen. Bei einem Treffen mit Seminaristen und jungen Ordensfrauen zum „Jahr des Glaubens“ macht er einmal mehr deutlich, was es für ihn bedeutet, Geistlicher zu sein. Wer sich der Kirche verschreibe, müsse dem Gebot der Armut folgen. „Es tut mir weh, wenn ich einen Priester oder eine Nonne in einem nagelneuen Auto sehe. So etwas geht nicht!“ Dem Papst geht es dabei nicht darum, zu Fuß zu gehen, „es reicht ein bescheidenes Auto, nicht wahr? Denkt daran, wie viele Kinder verhungern.“ Das Glück der Welt liege nicht darin, das „modernste Smartphone oder das schnellste Auto“ zu besitzen.

Franziskus setzt also gleich zu Beginn Akzente. Als die Kardinäle dem frisch gewählten Papst in der Sixtinischen Kapelle ihren Respekt erweisen, nimmt Franziskus nicht wie üblich auf dem Papstthron Platz. Er nimmt die Huldigungen stehend entgegen. „Sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, das ist die größte Gefahr für die Kirche.“ Dieser Satz wird noch öfter von ihm zu hören sein.

Franziskus bleibt bodenständig. Legendär ist inzwischen sein Auszug aus dem Priesterwohnheim, in dem er bis zum Beginn des Konklaves in Rom gewohnt hatte. Er packt eigenhändig seine Sachen und bezahlt an der Hotelrezeption seine Rechnung. Damit wolle er ein gutes Beispiel für andere Priester und Bischöfe geben, erzählt Vatikansprecher Federico Lombardi. Ein Gast im Haus erinnert sich: „Man merkte nicht, dass er ein Kardinal war. Er fragte nie nach einem Auto, nahm immer ein öffentliches Verkehrsmittel oder ist gelaufen.“ Ein normaler Gast sei er gewesen.

So normal wie möglich will er auch hinter den Mauern des Vatikans weiterleben. Das Protokoll sieht den Einzug in das Gästehaus Domus Sanctae Marthae (auch Casa Marta genannt) vor. Die Verbleibdauer in der Suite 201 hängt von den Restaurierungsarbeiten der päpstlichen Gemächer ab. Diese sind schnell fertig, jedoch Franziskus macht keine Anstalten, Casa Marta zu verlassen. Dort ziehen nach dem Konklave die ursprünglichen Bewohner, rund fünfzig Prälaten, die dauerhaft an der Kurie arbeiten, wieder ein. „Der Papst will eine normale Weise des Zusammenlebens mit anderen ausprobieren“, heißt es offiziell Ende März im Vatikan. Anfang Juni nimmt Papst Franziskus bei einem Treffen mit 9.000 Schülerinnen und Schülern im Vatikan selbst Stellung. Auf die Frage eines Mädchens, „Warum hast Du die Reichtümer des Papstes, zum Beispiel das große Apartment, abgelehnt?“, antwortet Franziskus: „Ich glaube nicht, dass es nur um Reichtum geht. Bei mir ist das alles eine Frage der Persönlichkeit. Ich muss unter Leuten leben. Würde ich allein leben, oder sogar isoliert, würde mir das nicht gut tun. Mich hat auch ein Lehrer gefragt. Und ich habe gesagt: Herr Professor, ich mache das aus psychiatrischen Gründen. Ich kann nicht anders.“ Dann kommt Franziskus auf die Frage von Arm und Reich zurück: „Die Armut in der Welt ist ein Skandal. In einer Welt, in der es so viele Reichtümer gibt, so viele Ressourcen, um allen Essen zu geben, kann man nicht verstehen, warum so viele Kinder hungrig bleiben; dass es Kinder ohne Ausbildung gibt und so viele arme! Die Armut heute ist ein Aufschrei. Wir alle müssen darüber nachdenken, wie wir ein wenig ärmer werden können.“

Franziskus bleibt also in der Casa Marta. Er nimmt die Mahlzeiten wie alle im großen Speisesaal ein, setzt sich zu den Mitbewohnern an den Tisch, nimmt den Aufzug gemeinsam mit anderen, telefoniert wann und mit wem er will. Er gratuliert alten Bekannten zum Geburtstag, ruft seinen Zahnarzt in Buenos Aires an oder Ämter in Rom. Er entscheide selbst, wen er sehen oder sprechen muss, und nicht seine Sekretäre, vertraut er einem Freund an. Die Vorrechte der Papstsekretäre hätten die Päpste oft zu Gefangenen gemacht. Die Sicherheitsbeamten werden noch lange brauchen, um sich an diesen direkten und wenig kurialen Stil zu gewöhnen.

Franziskus sorgt von Anfang an fast stündlich für Schlagzeilen. Schon am Morgen nach der Wahl verlässt er den Vatikan und begibt sich in Richtung der Basilika Santa Maria Maggiore, der größten Marienkirche Roms. Dort betet er, der Bischof von Rom, vor der von den Römerinnen und Römern hochverehrten Marienikone Salus Populi Romani und bringt einen einfachen Blumenstrauß als Danksagung. Immer wieder kehrt er in die Basilika, die den Beinamen Maria vom Schnee trägt, zurück: Hier stimmt er sich im Vorfeld des Weltjugendtags auf seine erste Auslandsreise ein. Hierher kommt er nach seiner Rückkehr, um sich zu bedanken. Der „Papst der Armen“ ist wie Johannes Paul II. ein großer Marienverehrer, was sich auch in Brasilien besonders zeigen wird.

Franziskus’ erste Amtshandlung gilt jedoch der jüdischen Gemeinde Roms. Ihr – der ältesten Diaspora-Gemeinde der Welt – schreibt er nach seiner Wahl einen Brief. „Ich hoffe sehr, zu jenem Fortschritt beitragen zu können, den die Beziehungen zwischen Juden und Katholiken ausgehend vom Zweiten Vatikanischen Konzil erfahren haben, in einem Geist der erneuerten Zusammenarbeit und im Dienst einer Welt, die nach dem Willen des Schöpfers immer harmonischer sein kann“, heißt es in dem Schreiben an Oberrabbiner Riccardo Di Segni, das auf der Internetseite der jüdischen Gemeinde veröffentlicht wird. Darin ist auch die Einladung zur Amtseinführung enthalten. In einem Interview mit der Tageszeitung Corriere della Sera zeigt sich Di Segni optimistisch. Hoffnungsvoll und neugierig sei er. Die zu lösenden Knoten in den katholisch-jüdischen Beziehungen seien schwierig, manche vielleicht auch unlösbar, aber was zähle, sei der gute Wille des Papstes. „Es gibt alle Voraussetzungen für einen gemeinsamen Weg des Dialogs.“ Die Einladung nimmt der Oberrabbiner an, nicht ohne hinzuzufügen, dass auch Benedikt XVI. eine solche ausgesprochen habe. Damals, 2005, „war jedoch Pessach“ – eines der wichtigsten jüdischen Feste – und er konnte diese nicht annehmen. Riccardo Di Segni ist so der erste römische Oberrabbiner, der an der Amtseinführung eines römisch-katholischen Papstes teilnimmt.

Unmittelbar nach der Wahl zum Papst lädt auch der israelische Präsident Schimon Peres Franziskus ein, „das Heilige Land bei erster Gelegenheit zu besuchen“. Das Verhältnis zwischen dem Vatikan und den Juden sei „in den vergangenen 2000 Jahren“ nicht allzu gut gewesen. Er hoffe aber, dass sich die Beziehung vertiefe, schreibt Peres, der Franziskus Ende April einen vielbeachteten Besuch abstatten wird.

Keiner genießt in diesen Tagen eine derartige weltweite Aufmerksamkeit wie Franziskus. Jubelmeldungen auf allen Kanälen. Bescheiden, humorvoll, volksnah – so wird er beschrieben. Sein Stil färbt sogar auf die neue italienische Regierung ab. Die Präsidentin der Abgeordnetenkammer, die Menschenrechtlerin Laura Boldrini, verzichtet auf ein Dienstauto und geht ohne Polizeischutz zu Fuß zur Angelobung. Ihr politisches Pendant, der zum Senatspräsidenten gewählte Mafiajäger Piero Grasso, zeigt sich in Jeans und sportlichen Schuhen. Von einer neuen Schlichtheit, einem neuen „franziskanischen Stil“ in den römischen Machtzentralen spricht die römische Tageszeitung La Repubblica. Ein Stil, der vom Heiligen Stuhl in die römischen Institutionen eingedrungen sei.

Mitten in der allgemeinen Begeisterung treffen jedoch Meldungen über Jorge Mario Bergoglios Verhalten in der Zeit der argentinischen Militärdiktatur (1976 – 1983) ein. Franziskus gerät ins Kreuzfeuer der Kritik. Ihm wird vorgeworfen, in den 1970ern nicht eindeutig gegen das brutale Regime von General Jorge Rafael Videla Stellung bezogen zu haben. Unter dem Diktator, der von 1976 bis 1981 an der Macht war, sind rund 30.000 Menschen verschwunden oder ermordet worden. Bergoglio, damals argentinischer Provinzial des Jesuitenordens, soll darüber hinaus mitverantwortlich für die Verschleppung von zwei Ordensbrüdern, Franz Jalics und Orlando Yorio, gewesen sein, die in Buenos Aires in den Elendsvierteln von Bajo Flores arbeiteten. Beide wurden 1976 von den Militärs entführt und erst fünf Monate später freigelassen. Unterstützung in der Causa erhält der frisch gewählte Papst von prominentester Seite. Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel, der im März nach Rom kommt, nimmt den Papst in Schutz. „Es gab Bischöfe, die Komplizen der Diktatur waren. Bergoglio war nicht darunter“, bekräftigt der Bürgerrechtler, der 1977 selbst verhaftet wurde und schwere Folterungen erleiden musste. Ähnlich äußert sich auch der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff. Er sieht keine Grundlage für eine angebliche Nähe des neuen Papstes zur früheren argentinischen Diktatur. „Im Gegenteil: Er hat viele gerettet und versteckt, die von der Militärdiktatur verfolgt wurden“, sagt Boff gegenüber der Nachrichtenagentur DPA in Rio de Janeiro.

Schützenhilfe bekommt Franziskus auch von einem früheren Gegner der Diktatur in Uruguay. Gonzalo Mosca war nach eigenen Angaben „Mitglied einer linken Gruppe“, die offen gegen die Diktatur eintrat, und schwebte in Lebensgefahr. Sein Bruder, ein Jesuit, habe sich in seiner Not an Padre Bergoglio gewandt. Der habe dem damals 28-jährigen Mosca seine Hilfe zugesagt und ihm die Flucht nach Argentinien und von dort über Brasilien nach Europa ermöglicht.

Von den beiden 1976 in Argentinien entführten Jesuitenpatres ist bei der Wahl Bergoglios zum Papst nur mehr Franz Jalics am Leben. Orlando Yorio war am 9. August 2000 in Montevideo verstorben. Pater Jalics verfasst zwei Tage nach der Wahl einen Brief und entlastet den Papst.

„Seit 1957 lebte ich in Buenos Aires. Im Jahre 1974, vom inneren Wunsch bewegt das Evangelium zu leben und auf die schreckliche Armut aufmerksam zu machen, und mit der Erlaubnis von Erzbischof Aramburu und dem damaligen Provinzial P. Jorge Mario Bergoglio bin ich gemeinsam mit einen Mitbruder in eine ‚Favela‘, ein Elendsviertel der Stadt, gezogen. Von dort aus haben wir unsere Lehrtätigkeit an der Universität fortgesetzt.

In der damaligen bürgerkriegsähnlichen Situation wurden von der Militärjunta binnen ein bis zwei Jahren ungefähr 30.000 Menschen, linksgerichtete Guerillas wie auch unschuldige Zivilisten umgebracht. Wir zwei im Elendsviertel hatten weder mit der Junta noch mit den Guerilla Kontakt. Durch den damaligen Informationsmangel bedingt und durch gezielte Fehlinformationen war jedoch unsere Lage auch innerkirchlich missverständlich. In dieser Zeit haben wir die Verbindung zu einem unserer Laienmitarbeiter verloren, als die Person sich den Guerillas angeschlossen hatte. Nachdem er neun Monate später von den Soldaten der Junta gefangengenommen und verhört wurde, haben diese erfahren, dass er mit uns in Verbindung stand. In der Annahme, dass auch wir mit den Guerilla zu tun haben, wurden wir verhaftet. Nach einem fünftägigen Verhör hat uns der Offizier, der die Befragung geleitet hat, mit diesen Worten entlassen: ‚Patres, Sie hatten keine Schuld. Ich werde dafür sorgen, dass Sie ins Armenviertel zurückkehren können.‘ Dieser Zusage zum Trotz wurden wir dann, auf eine für uns unerklärliche Weise, fünf Monate lang mit verbundenen Augen und gefesselt in Haft gehalten. Ich kann keine Stellung zur Rolle von P. Bergoglio in diesen Vorgängen nehmen.

Nach unserer Befreiung habe ich Argentinien verlassen. Erst Jahre später hatten wir die Gelegenheit mit P. Bergoglio, der inzwischen zum Erzbischof von Buenos Aires ernannt worden war, die Geschehnisse zu besprechen. Danach haben wir gemeinsam öffentlich Messe gefeiert und wir haben uns feierlich umarmt. Ich bin mit den Geschehnissen versöhnt und betrachte sie meinerseits als abgeschlossen.

Ich wünsche Papst Franziskus Gottes reichen Segen für sein Amt.

P. Franz Jalics

15. März 2013“

(www.jesuiten.org)

Am 19. März 2013, dem Tag der Amtseinführung Franziskus’, sind die Schatten der Vergangenheit wieder weit weg. Seinen Landsleuten hat Franziskus empfohlen, nicht nach Rom zu kommen, sondern das Geld lieber karitativen Zwecken zukommen zu lassen. Gekommen sind trotzdem viele. Argentinische Fahnen sind überall in der Menge zu sehen.

Auch an diesem Tag, dem Hochfest des hl. Joseph, des Patrons der Weltkirche, trägt Franziskus seine einfache weiße Soutane. 132 Delegationen aus aller Welt sind angereist. An die versammelten Staatsoberhäupter und Regenten richtet er in Erinnerung an „Joseph, dem Gott anvertraut hat, Hüter von Maria und Jesus zu sein“, seine „herzliche Bitte“:

„Lasst uns, Hüter‘ der Schöpfung, des in die Natur hineingelegten Planes Gottes sein, Hüter des anderen, der Umwelt; lassen wir nicht zu, dass Zeichen der Zerstörung und des Todes den Weg dieser unserer Welt begleiten! Doch um zu , behüten‘, müssen wir auch auf uns selber Acht geben!

Erinnern wir uns daran, dass Hass, Neid und Hochmut das Leben verunreinigen! Hüten bedeutet also, über unsere Gefühle, über unser Herz zu wachen, denn gerade von dort gehen unsere guten und bösen Absichten aus: die, welche aufbauen, und die, welche zerstören! Wir dürfen keine Angst vor der Güte haben. Ja, nicht einmal vor der Zärtlichkeit!“

Und Franziskus spricht vor hunderttausenden Mitfeiernden seine zentrale Botschaft an: „Vergessen wir nie, dass die wahre Macht der Dienst ist.“ Es gehe um „die Hungernden, die Durstigen, die Fremden, die Nackten, die Kranken, die Gefangenen. Nur wer mit Liebe dient, weiß zu behüten!“

Bei der Amtseinführung des Bischofs von Rom sind auch Vertreter vieler Kirchen und Religionsgemeinschaften anwesend. Erstmals in der Geschichte – seit dem Schisma von 1054 – nimmt auch der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel daran teil. Bartholomaios I., der dieses Amt seit 1991 innehat, unterstreicht die verbesserten Beziehungen zwischen Katholiken und Orthodoxen. Seine Entscheidung, zur Feier nach Rom zu reisen, bezeichnet er selbst als „historische Entwicklung“. Die herzliche Umarmung der beiden gilt als wichtiges Zeichen für die Einheit der Kirchen.

Mit der Messe beginnt das Pontifikat offiziell. Der erste Papst aus Lateinamerika, der erste Jesuit in der Geschichte, ist zu diesem Zeitpunkt im Vatikan so gut wie unbekannt. Papstsprecher Federico Lombardi, Jesuit wie Franziskus, sagt im Gespräch, dass er Jorge Mario Bergoglio vor dem Konklave nur einmal gesehen habe.

Fremd im Vatikan – das ist für Franziskus Chance und Risiko zugleich.


Bei der Amtseinführung am 19. März 2013


Jorge Mario Bergoglio (stehend, 2. von links) mit seinen Eltern und Geschwistern

Kindheit und Jugend.
Ein erfülltes und bescheidenes Leben

„Von meiner Großmutter lernte ich das Beten.“

Papst Franziskus

Die Tickets für die Überfahrt nach Argentinien mit dem Luxusdampfer Principessa Mafalda waren gekauft. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Rosa Margarita Vasallo und seinem Sohn Mario Giuseppe Francisco sollte für Giovanni Angelo Bergoglio im Oktober 1927 die Reise nach Südamerika beginnen. Seine drei Brüder hatten Italien bereits verlassen und in Argentinien, wohin damals viele Italiener auswanderten, eine neue Existenz aufgebaut. Giovanni Angelo vermisste seine Brüder so sehr, dass er beschloss, die Heimat der norditalienischen Region Piemont zu verlassen, um gemeinsam mit der Familie an einem Tisch in Argentinien zu sitzen. Die Bürokratie wollte es jedoch, dass er und seine Familie nicht an Bord der Principessa Mafalda gehen konnten – einige Ausreisepapiere waren verspätet ausgestellt worden. So verließ das Passagierschiff am 11. Oktober 1927 den Hafen von Genua ohne sie. Zum Glück, denn am 25. Oktober 1927 sank der italienische Luxusdampfer auf dem Weg von Genua nach Buenos Aires vor der brasilianischen Küste. Über tausend Menschen befanden sich an Bord, 312 kamen ums Leben.

Im Januar 1929 war es dann endlich soweit, an Bord der Giulio Cesare begann für Giovanni Angelo Bergoglio und seine Familie die langersehnte Überfahrt nach Südamerika. Die Großmutter des heutigen Papstes, Rosa Margarita Vasallo, hatte ihre gesamten Ersparnisse in einen Pelzmantel eingenäht und weigerte sich – trotz der hochsommerlichen Temperaturen –, diesen bei der Ankunft im Hafen von Buenos Aires auszuziehen. Eine Anekdote, die Papst Franziskus bei einem der wenigen Interviews erzählte, die er als Erzbischof von Buenos Aires gab.

1931 litt Argentinien unter einer schweren Wirtschaftskrise. Die neue Existenz, die sich die Brüder Bergoglio in der Stadt Paraná, nördlich von Buenos Aires, aufgebaut hatten, zerfiel. Von dem palastähnlichen Gebäude, in dem die drei Brüder mit ihren Familien gewohnt und das sie Palacio Bergoglio getauft hatten, bis hin zur Familiengruft mussten sie alles verkaufen, um überleben zu können. Als der älteste Bruder von Giovanni Angelo Bergoglio nach einem Krebsleiden verstarb und der jüngste von ihnen nach Brasilien umsiedelte, beschloss Giovanni, in die Hauptstadt Buenos Aires zu ziehen. Mithilfe eines Kredits konnte er einen kleinen Lebensmittelladen erwerben. Sein Sohn Mario Giuseppe Bergoglio, Vater des heutigen Papstes, war damals 23 Jahre alt und suchte als gelernter Buchhalter eine Anstellung.

Während eines Gottesdienstes in einer Kirche im Viertel Almagro von Buenos Aires begegneten sich 1934 zum ersten Mal die Eltern von Papst Franziskus. Ein Jahr später heirateten sie. Am 17. Dezember 1936 brachte Regina María Sívori ihren ersten Sohn zur Welt. Jorge Mario Bergoglio war das älteste von fünf Kindern. Von den vier Geschwistern Oscar, Marta, Alberto und María Elena lebt heute nur noch seine jüngste Schwester.

María Elena Bergoglio lebt in Ituzaingó, einer kleinen, malerischen Stadt rund sechzig Kilometer außerhalb von Buenos Aires. In den ersten Tagen und Wochen nach der Papstwahl am 13. März 2013 hatte sich die kleine Straße Darragueyra in eine Art Treffpunkt für zahlreiche nationale und internationale Journalisten verwandelt. Seither steht ein Polizeiauto an der Straßenkreuzung – ein mögliches Indiz, dass hier die Schwester des Papstes leben könnte. Hausnummer 785, kein Namensschild an der Haustür, zugezogene Gardinen an den Fenstern. Die Türklingel wird von energischem Hundegebell übertönt. Ein junger Mann öffnet die Tür – es ist der Neffe von Jorge Mario Bergoglio.

Es ist kühl und nebelig an diesem Tag, die hohe Luftfeuchtigkeit hat bereits im Wohnzimmer von María Elena Bergoglio Einzug gehalten. In einen warmen Poncho gehüllt bemerkt diese: „Heute ist es ungewöhnlich kalt, nicht wahr?“ Der große Holztisch bildet das Zentrum des Raumes, der als Ess- und Wohnzimmer dient. Ein paar einfache Sitzgelegenheiten, eine kleine Kommode, auf der einige eingerahmte Familienfotos stehen, und ein kleiner Ecktisch mit einem alten Fernseher füllen den Raum. An der kalt und klamm wirkenden Wand hängt ein auffallend großes Bild, auf dem Papst Franziskus mit einem strahlenden Lächeln vor einem hellblauen Hintergrund abgebildet ist. „Das haben mir Freunde aus Rom mitgebracht“, erklärt María Elena stolz, jedoch mit einem beinahe rechtfertigenden Unterton.

Als sie ihrem Bruder mitteilte, dass sie zu seiner Amtseinführung nach Rom fliegen wollte, habe er ihr gesagt: „Du wirst mehr von mir sehen und von mir haben, wenn du die Zeremonie am Fernsehbildschirm verfolgst. Wir werden in diesen Tagen keine Zeit miteinander verbringen können.“ María Elena Bergoglio flog nicht nach Rom. Jeden Samstag telefoniert sie mit ihrem ältesten Bruder. Momente, in denen sie über alles Mögliche miteinander sprechen können. Momente, in denen zwei Geschwister sich über ihr Leben austauschen.

Das letzte Mal sahen die beiden sich am Heiligen Abend 2012. Vor seiner Abreise nach Rom Ende Februar 2013 rief er sie noch einmal an, um sich zu verabschieden. „Bis in zwei Wochen“, sagte er ihr. Es sollte anders kommen, denn wann sie sich nun wiedersehen werden, wissen sie nicht. María Elena erklärt: „Ich vermisse ihn sehr. Bis heute haben mir die Journalisten kaum Zeit gelassen, alles, was geschehen ist, zu verarbeiten.“ Und dann kann sie ihre Emotionen nicht mehr zurückhalten und beginnt zu weinen.

María Elena ist 65 Jahre alt, sie war das Nesthäkchen in der Familie Bergoglio. An das gemeinsame Zusammenleben mit ihrem älteren Bruder hat sie wenige Erinnerungen. „Er zog ins Priesterseminar von Villa Devoto in Buenos Aires, als ich neun Jahre alt war“, erklärt sie. In einer minutenlangen Stille scheint sie ihren Kindheitserinnerungen nachzugehen. Dann sagt sie plötzlich: „Jorge war immer fröhlich und gut gelaunt“, und fast stolz fügt sie hinzu: „Er hatte stets einen sehr ausgeprägten Beschützerinstinkt.“

Trotz der geografischen Distanz, die beide Geschwister ihr Leben lang trennte, pflegte Jorge Mario Bergoglio stets einen engen Briefkontakt zu seiner kleinen Schwester. In einem der Briefe, so erinnert sich María Elena, bat er sie um Unterstützung bei seiner Arbeit als Priester. Sie solle lernen, dankbar dafür zu sein, dass sie – im Gegensatz zu vielen anderen – keinen Hunger oder Kälte erleiden müsse. Er bat sie auch, jeden Tag den Rosenkranz zu beten, und sie befolgte seine Bitte. Bis heute, so erzählt María Elena, bewahre sie die Briefe ihres Bruders auf.

Der Familienzusammenhalt der Bergoglios war sehr stark. Sowohl für ihren ältesten Bruder als auch für María Elena selbst spielte vor allem die Großmutter Rosa María Vasallo eine bedeutende Rolle. Sie verbrachten viel Zeit bei den Großeltern, erklärt María Elena und beschreibt ihre abuela – Großmutter – mit folgenden Worten: „Sie war eine zierliche Person mit einem starken Temperament und viel Energie, die stets gepaart war mit großer Sanftmut.“

Rosa María Vasallo spielte eine entscheidende Rolle in der religiösen Entwicklung ihres Enkels. Sie sei es gewesen, die ihm das Beten beigebracht habe, gibt Jorge Mario Bergoglio seinem Freund Abraham Skorka gegenüber preis. Er erzählt ihm, wie seine Großmutter für ihn als kleinen Jungen oft Verse rezitierte, die er bis heute nicht vergessen habe, wie zum Beispiel den folgenden:

„Mensch, der du voranschreitest, halte inne und denke über deine letzten Schritte nach, denke vor allem an deinen letzten Schritt.“

Seine Großmutter erinnerte ihn auch daran, dass alles ein Ende habe und dass es wichtig sei, Dinge im Guten abzuschließen. „Im Christentum sollte der Tod ein steter Begleiter auf dem Weg sein. Ich denke zum Beispiel jeden Tag daran, dass ich sterben werde, ohne Angst davor zu haben, denn Gott und das Leben haben mich auf diesen Augenblick vorbereitet.“

Rosa María Vasallo hatte ihren Enkeln nicht nur das Beten beigebracht, sondern sie erzählte auch häufig Geschichten von katholischen Heiligen. Und dann verrät María Elena eine der kulinarischen Spezialitäten ihrer Großmutter: gefüllter Tintenfisch. Es sei noch immer ihr Lieblingsgericht, welches ihr Bruder am besten zubereite: „Jorge kocht die gefüllten Tintenfische wie kein anderer!“

Den Wert der Dinge zu schätzen hatte stets Priorität in der Erziehung der Kinder. „Es fehlte uns nie an etwas“, versichert María Elena, „aber wir haben von den Eltern gelernt, sparsam mit den Dingen umzugehen und nichts wegzuwerfen, was noch verwertet werden konnte. Mutter verwandelte die Essensreste des Vortages am darauffolgenden Tag stets in ein neues Gericht, denn Vater aß nicht gerne zwei Tage hintereinander dasselbe Gericht.“

Die Eltern des Papstes, Mario Giuseppe Bergoglio und Regina María Sívori, lehrten ihre fünf Kindern nicht nur sparsam zu sein, sondern auch die Wichtigkeit der Bildung und die Liebe zur Arbeit. Bergoglio erinnert sich im Buch El Jesuita (Der Jesuit), wie ihm sein Vater in dem Augenblick, als er mit der Oberstufen-Ausbildung begann, mitteilte: „Jetzt, da du Oberstufenschüler sein wirst, solltest du auch mit dem Arbeiten beginnen. Ich werde dir in den Ferien einen Job finden.“ So arbeitete der 13-jährige Jorge Mario Bergoglio in einer Strumpffabrik zunächst als Reinigungskraft und später gemeinsam mit seinem Vater in der Verwaltung.

Es war eine lehrreiche Zeit, wie der heutige Papst bekräftigt. Arbeit und Bildung sollten auch in Zukunft das Leben des jungen Bergoglio begleiten. Als er mit siebzehn Jahren seine Ausbildung zum Chemietechniker begann, arbeitete er vormittags in einem Labor und am Nachmittag besuchte er den Unterricht, der bis abends um 8 Uhr ging. Bergoglio bekräftigt im Buch El Jesuita: „Ich danke meinem Vater dafür sehr, dass er mich zum Arbeiten geschickt hat. Die Arbeit ist eines der Dinge gewesen, die mir in meinem Leben stets gut getan haben. Denn letztlich ist es die Arbeit, die einem Menschen Würde verleiht.“ Und dann erläutert Bergoglio, wie der europäische Einwanderer, der damals nach Lateinamerika gekommen sei und oftmals nichts mehr besaß, durch harte Arbeit das heutige Amerika erschaffen habe. Er warnt weiter vor der möglichen Dekadenz, die mit den Kindern oder Enkeln zu kommen drohe, wenn diese nicht den Wert der Arbeit vermittelt bekämen. „In meiner Jugend“, erklärt Bergoglio, „hat der Einwanderer es nicht toleriert, wenn seine Kinder oder Enkel arbeitsscheu waren.“

Bescheidenheit war eine weitere Eigenschaft, die der Familienvater Mario Giuseppe Bergoglio seinen Kindern, neben der Liebe zu Arbeit und Bildung, vermittelte. „Grüße die Leute, wenn du aufsteigst, denn du wirst ihnen wieder begegnen, wenn du absteigst. Bilde dir nie etwas darauf ein, was du machst oder geleistet hast.“ Diese Worte seines Vaters begleiten Jorge Mario Bergoglio noch heute.

Néstor Carabajo ist ein ehemaliger Schulfreund von Bergoglio. Gemeinsam absolvierten sie die Ausbildung zum Chemietechniker. „Wir waren vierzehn, fünfzehn Jahre alt, und schon damals stand Jorge dem Glauben sehr nahe. Keiner von uns hat verstanden, weshalb er Chemie studierte, denn seine Lieblingsfächer waren Literatur, Psychologie und Religion“, erzählt Carabajo den argentinischen Medien. Gemeinsam spielten und diskutierten die Freunde über Fußball. Es war häufig der junge Bergoglio, der die Mannschaften zusammenstellte und den strategischen Verlauf der Spiele bestimmte. Auch wenn er kein guter Fußballer war, wie sein Freund Carabajo behauptet, stach er dennoch als Teamführer hervor. Nicht selten sei in der Nachbarschaft die eine oder andere Fensterscheibe zu Bruch gegangen, gesteht Carabajo lachend und dann erklärt er: „Jorge war ein Anführer, immer bescheiden aber bestimmt, wie ihn die gesamte Welt heute erlebt.“

Nach der Papstwahl im März 2013 scheint es in Buenos Aires kaum eine Person zu geben, die nicht eine persönliche Begebenheit mit Bergoglio zu erzählen weiß – so auch Amalia. Vor Journalisten, die äußerst bemüht sind, auch noch das letzte Geheimnis aus dem Leben von Jorge Mario Bergoglio aufzudecken, und vor zahlreichen laufenden Kameras erklärt die 76-jährige Amalia vor ihrer Haustür, Papst Franziskus sei ihre erste Jugendliebe gewesen. Sie stammten aus derselben Nachbarschaft und waren beide zwölf Jahre alt. Der junge Jorge Mario Bergoglio habe ihr in einem Brief geschrieben: „Wenn ich Dich nicht heiraten kann, werde ich Priester.“ Angeblich hatte er neben der Zeichnung eines Hauses mit einem roten Dach die Worte geschrieben: „Dieses Haus werde ich Dir kaufen, wenn wir heiraten werden.“ Besagten Brief konnten die Übereifrigen der journalistischen Branche aber nie in Augenschein nehmen. Die Jugendliebe, erklärt Amalia, wurde damals von ihrem Vater untersagt.

In einem Gespräch mit Abraham Skorka, das in dem Buch Sobre el cielo y la tierra (Über Himmel und Erde) nachzulesen ist, schildert Jorge Mario Bergoglio, dass er nie in seinem Leben an Heirat gedacht habe. Es soll jedoch eine junge Dame gegeben haben, die er als Novize bei der Hochzeit eines Onkels kennengelernt habe, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Und so offenbart Bergoglio seinem Freund: „Ihre Schönheit und ihr intellektuelles Licht haben mich überrascht, und sie ging mir eine ganze Weile nicht mehr aus dem Kopf. Wenn ich beten wollte, sah ich immer wieder ihr Antlitz. Ich musste meine Entscheidung, Priester zu werden, noch einmal überdenken. Und ein weiteres Mal entschied ich mich, dem religiösen Weg zu folgen. Es wäre nicht normal gewesen, wäre meine Entscheidung damals nicht auf diese Weise auf die Probe gestellt worden.“

Es war am 21. September 1954, Frühling in Buenos Aires, ein Datum, das der Papst bis heute nicht vergessen hat. Er war Schüler auf der Industrie-Schule, auf der er später sein Fachabitur zum Chemietechniker absolvierte. An diesem Tag wollte er mit seinen Freunden zu einem Frühjahrsfest gehen, als sie an der Kirche San José im Stadtviertel Flores vorbeikamen. Plötzlich verspürte er einen starken Wunsch, hineinzugehen und zu beichten. In einem Radiointerview vor seiner Reise nach Rom erzählt Bergoglio Ende Februar 2013 über diesen Tag:

„Ich bin nie beim Frühlingsfest angekommen. Gott war an diesem Tag schneller. Ich weiß nicht wieso, aber ich musste in dem Augenblick, als ich vor der Kirche stand, hineingehen. Als ich drinnen war, schaute ich mich um und sah, wie ein Priester auf mich zukam. Ich kannte ihn nicht, er war nicht von dieser Kirche. Er ging zum letzten Beichtstuhl und nahm dort Platz. Ich spürte, wie mich jemand innerlich packte und mich zum Beichtstuhl führte. Was wirklich in diesem Augenblick geschah, kann ich nicht mit Worten erklären. Ich legte die Beichte ab. Zum Schluss fragte ich den Priester, woher er kam. Er antwortete, dass er von der Provinz Corrientes wäre und ab und zu die Messe hier zelebrieren würde. Er hatte Krebs, Leukämie. Ein Jahr später starb er. Von diesem Augenblick in der Kirche an wusste ich, ich muss Priester werden, und hatte nicht den geringsten Zweifel daran.“

Heute stehen vor der Kirche von Flores immer wieder große weiße Touristenbusse. Von hier aus bietet die Stadt Buenos Aires sogenannte „Papst-Touren“ für alle an, die sich auf die Spuren von Papst Franziskus begeben wollen. Unweit von der Kirche San José, in der Straße Membrillar, weist eine Messingtafel auf dem Haus mit der Nummer 531 darauf hin, dass hier einmal die Familie Bergoglio lebte. In dieses Haus zog sich der damals 17-jährige Jorge Mario Bergoglio zurück, nachdem er den Ruf Gottes an jenem 21. September 1954 verspürt hatte. Zunächst sprach er mit niemandem darüber, was ihm an jenem Frühlingstag widerfahren war. Später erzählt Bergoglio in einem Interview, dass er in den darauffolgenden Jahren in einer Art „passiver Einsamkeit“ lebte. Eine Einsamkeit, in der er für sich allein eine Entscheidung von großer Bedeutung treffen musste.

Zwei Jahre später hatte Bergoglio seine Fachhochschulreife in der Tasche und äußerte seinen Eltern gegenüber den Wunsch, Medizin zu studieren. Seine Mutter Regina war erfreut über seine Entscheidung und richtete ihm im Haus sogar ein eigenes Studierzimmer ein, erinnert sich seine Schwester María Elena. Sie erzählt: „Eines Tages ging Mutter in sein Zimmer, um aufzuräumen, und erlebte eine Überraschung. Statt auf seinem Schreibtisch Medizinbücher vorzufinden, entdeckte sie Theologie- und Philosophiebücher. Als sie Jorge fragte, weshalb er sie angelogen habe, indem er behauptete, Medizin studieren zu wollen, erwiderte er ihr:, Ich habe dich nicht angelogen, ich werde die Medizin der Seele studieren.‘ Mutter war an diesem Tag sehr traurig.“

1957 teilte Bergoglio seine Entscheidung, Priester zu werden, schließlich auch seinen damaligen Klassenkameraden und Freunden aus der Nachbarschaft mit. Viele freuten sich für ihn, andere bedauerten, dass sie in Zukunft nicht mehr denselben Umgang miteinander haben würden, einige Mädchen weinten sogar, erinnert sich Alba Colonna. Sie gehörte damals zur Freundesgruppe von Bergoglio. Dieser sei ein sehr höflicher, zurückhaltender junger Mann gewesen, der stets im Anzug gekleidet die Mädchen zum Tangotanzen aufforderte. Er habe gerne und sehr gut Tango getanzt, versichert Alba Colonna.

Doch bevor er am 11. März 1958 in das Noviziat der Jesuiten eintreten sollte, erkrankte der 21-jährige Bergoglio an einer schweren Lungenentzündung. Eine Erfahrung, die ihn im Nachhinein in seinem Glauben noch mehr bestärken sollte. Zu diesem Zeitpunkt besuchte er das Priesterseminar der Erzdiözese von Buenos Aires. Seine damaligen Seminarkollegen erinnern sich an diese Zeit: „Wir besuchten ihn in unserer Freizeit im Krankenhaus und verbrachten den Tag mit ihm, manchmal übernachteten wir sogar dort. Er hatte große Schmerzen“, erzählt der 82-jährige Bonet Alcón in einem Interview.

Der Gesundheitszustand Bergoglios verschlimmerte sich zunehmend. Die Ärzte entdeckten drei Zysten. Sie entschieden sich zu einem aus heutiger medizinischer Sicht überflüssigen Schritt und entfernen einen Teil des entzündeten rechten Lungenflügels. Ein lebensgefährlicher Eingriff, der durch eine Antibiotikagabe hätte vermieden werden können.

Seine starken Schmerzen beschreibt Bergoglio Jahre später wie einen Eisenstab, der seinen Brustkorb durchbohrte. Fiebernd fragte er seine Mutter, was mit ihm geschehe. Doch seine Mutter konnte ihm diese Frage nicht beantworten. Als ihn eines Tages an seinem Krankenbett Schwester Dolores besuchte, die ihn Jahre zuvor auf die erste Kommunion vorbereitet hatte, sagte sie ihm: „Mit deinem Schmerz imitierst Du das Leben von Jesus Christus.“ Dieser Satz, so erzählt Bergoglio später, habe ihm sehr viel Ruhe und Frieden gegeben und geholfen, die Bedeutung des Schmerzes zu verstehen. Später thematisiert er im Buch Sobre el cielo y la tierra den Schmerz:

„Der Schmerz ist in sich keine Tugend, doch die Art und Weise, wie man mit dem Schmerz umgeht, kann eine Tugend sein. Die Berufung des Menschen ist, nach Glück und Vollkommenheit zu streben. Der Schmerz weist uns dabei immer wieder Grenzen auf. Aus diesem Grunde kann man den Schmerz als Vollkommenheit empfinden, wenn man diesen als Schmerz Gottes sieht, der sich im Körper Jesus Christus widerspiegelt.“

Seit seiner Wahl zum Papst, erklärt María Elena Bergoglio, sei es, als würde ihr Bruder jeden Tag mehr Kraft, Energie und Lebensfreude gewinnen. Anfangs hatte sie Sorge, dass die Aufgaben und die Verantwortung, die auf ihren Bruder zukommen würden, seinen Gesundheitszustand schwächen könnten, doch genau das Gegenteil sei eingetroffen. Ein Beweis dafür, so María Elena Bergoglio, dass er in Rom am richtigen Ort sei – auch wenn er niemals daran gedacht habe, eines Tages der erste lateinamerikanische Papst zu werden.


Pater Mario Rausch mit einem Brief von seinem Freund und Lehrer Jorge Mario Bergoglio aus dem Jahr 1979

Jesuit, Lehrer, aber kein Professor

„Bildung setzt stets ein Missverhältnis voraus. Man beginnt dann zu laufen, wenn man feststellt, dass einem etwas fehlt, denn wenn einem nichts fehlt, läuft man nicht.“

(„Siempre la educación supone un desequilibrio. Uno empieza a caminar cuando nota lo que le falta, porque si no le falta algo no camina.“)

Jorge Mario Bergoglio El Jesuita

Der Ort San Miguel liegt eine Zugreise von Buenos Aires entfernt. Es ist eine kleine Weltreise hin zum Jesuitenkolleg. Die Bahnlinie San Martín – benannt nach dem argentinischen Befreiungskämpfer General José de San Martín – zählt zu den moderneren in Argentinien. Es ist 9 Uhr morgens. Der Zug hat Buenos Aires verlassen. Ein Verkäufer schiebt sich an den eng aneinandergedrängten Passagieren vorbei und preist lauthals seine Ware an: „Zweilagige Papiertaschentücher, extra weich für die empfindliche Nase, zwei Pakete für nur fünf Pesos.“ Einer der Reisenden will sich das Angebot nicht entgehen lassen und zeigt Interesse. Er bekommt auch einen Sonderpreis, wenn er gleich drei Pakete kauft. Plötzlich bremst der Zug auf offener Strecke. Mütter greifen nach ihren Kindern, der Zeitungsleser verliert das Gleichgewicht und entgeht einem Sturz, indem er von den Körpern anderer Passagiere abgefedert wird. Langsam und holprig setzt der Zug sich wieder in Bewegung. Nach einer dreiviertel Stunde fährt er dann endlich in eine kleine Bahnstation ein. Der Name San Miguel fliegt an den Fenstern vorbei. Die Odyssee ist zu Ende. Der Bahnsteig füllt sich mit den erschöpft wirkenden Reisenden. Neben ihnen reihen sich schnellen Schrittes lokale Verkäufer ein, immer auf der Jagd nach dem nächsten potenziellen Kunden.

Jorge Mario Bergoglio ist diese Strecke oft gefahren, wenn er von Buenos Aires aus das Jesuitenkolleg in San Miguel aufsuchte. Ein Bus brachte ihn schließlich die letzten fünf Kilometer von der Bahnstation bis vor die Tore des 1930 erbauten, imposanten Gebäudes.

Ein strahlend blauer Himmel begrüßt den Reisenden und ein milder Wind lädt ein, die Lungen mit frischer Luft zu füllen, fernab der Großstadtabgase. Aus hohen Palmen sind schrille Schreie zu vernehmen. Kleine grüne Papageien starten unermüdlich aus dichten Palmenblättern heraus, um wenig später wieder darin zu landen. Mario Rausch lebt seit 1977 hier. Er kommt aus der argentinischen Provinz Entre Ríos. Von dort wurde er damals als Novize zum Jesuitenkolleg geschickt, um sein Theologie- und Philosophiestudium zu absolvieren. „Du wirst hier aber leiden“, waren die Worte des Provinzials, die den 23-Jährigen auf die Probe stellen und ihm noch einmal die Möglichkeit geben sollten, seine Entscheidung für das Priesteramt zu überdenken. Doch Mario Rausch antwortete ruhig: „Das macht mir nichts aus.“ Der Provinzial und zukünftige Rektor des Jesuitenkollegs war überzeugt. „Mit großer Freude nehmen wir dich in unseren Orden auf“, waren die Worte von Jorge Mario Bergoglio.


Die Eltern von Jorge Mario Bergoglio am Tag ihrer Hochzeit


Jorge Mario Bergoglio (rechts) mit zwei Klassenkollegen


María Elena Bergoglio, die Schwester des Papstes


Das Haus, in dem Jorge Mario Bergoglio seine Kindheit verbrachte


Papst Johannes Paul II., Kardinal Jorge Mario Bergoglio und sein Schüler Mario Rausch


Im Gespräch mit einem Mitreisenden


Fußwaschung im Elendsviertel 1 - 11-14 in Buenos Aires mit Pater Gustavo Carrara


Jorge Mario Bergoglio in Buenos Aires


Feier einer Messe auf der Plaza Constitución


Der „Rock-Priester“ Cesar Scicchitano mit einem Aktivisten von La Alameda bei einer Messe auf der Plaza Constitución


Der neu gewählte Papst Franziskus blickt auf den Petersplatz


In der Kirche Santa Maria Maggiore am Tag nach der Papstwahl

Diese Begebenheit ist nun 36 Jahre her. Damals hätte Mario Rausch nicht erwartet, dass die Freundschaft, die sich im Laufe der Jahre zwischen ihm und seinem Provinzial und späteren Rektor entwickeln sollte, heute das Interesse zahlreicher Journalisten wecken würde. Seit dem 13. März 2013 führt er immer wieder internationale Reporter mit ihren Kamerateams durch die schlichten, hohen Gänge und Räume des Jesuitenkollegs. Mit neugierigen Augen versuchen sie jedes Bild festzuhalten, das ihnen ein weiteres Detail über die Vergangenheit von Papst Franziskus verraten könnte.

Zehn Tage nachdem Bergoglio als der erste argentinische Papst vor die Weltöffentlichkeit getreten war, erhielt Mario Rausch einen Anruf. Es war der 23. März, sein Geburtstag. Die Sekretärin nahm das Gespräch entgegen. Am anderen Ende stellte sich ein „Jorge“ vor, der mit Bruder Mario sprechen wollte. Es sollte ein persönlicher Anruf sein. Die Sekretärin erkannte jedoch die Stimme sofort und kündigte nicht „Jorge“, sondern den Papst an, erzählt sie heute stolz. „Er hat nie einen Geburtstag vergessen“, erklärt Mario Rausch. Und wie jedes Jahr dauerte auch dieses Mal das Gespräch keine zwei Minuten. Zur Verabschiedung bat der Papst seinen Freund, für ihn zu beten. „Jetzt, da er Papst ist und noch mehr Verantwortung tragen muss, ist es für mich noch wichtiger geworden, ihn mit meinen Gebeten zu unterstützen“, versichert der Jesuit.

Am 11. März 1958 trat der junge Jorge Mario Bergoglio in das Noviziat der Jesuiten ein. 1960, nachdem er die ersten Gelübde von Armut, Keuschheit und Gehorsam abgelegt hatte, wurde er nach Chile entsandt, wo er Geisteswissenschaften studierte und Schüler der dritten und vierten Klasse unterrichtete. Schon bald fiel seinen Vorgesetzten sein Talent für die Lehre auf. Und es stellte sich heraus, dass sich hinter dem schüchtern wirkenden Bergoglio ein aufgeweckter, hoch intelligenter junger Mann verbarg, der stets um das Wohl seiner Mitmenschen bemüht war. „Wenn du dich auf den Weg machst, etwas zu erledigen, kommt er bereits verrichteter Dinge zurück“, war damals ein häufiger Kommentar über Bergoglio, erklärt Mario Rausch.

Jorge Mario Bergoglio beendete 1963 sein Philosophiestudium im Kollegium von San Miguel – zu einer Zeit, in der die Prüfungen noch auf Latein stattfanden und die Seminarteilnehmer angehalten wurden, in den Pausen untereinander auf Latein zu kommunizieren. Keine zwanzig Jahre später, 1980, wurde er zum Rektor ernannt. Bis 1986 war er verantwortlich für die Ausbildung der Jesuiten. Sein ehemaliger Schüler Mario Rausch erinnert sich: „Er ist ein sehr positiver Mensch und betonte immer wieder, dass es in erster Linie darum ginge, das Positive im anderen zu sehen. Er ermahnte uns, wenn wir dies vergaßen.“

Der Schlüssel lässt sich nur schwer im Schloss drehen. Nach etlichen Versuchen gelingt es Mario Rausch, die Tür zu öffnen. Ein kleines Schild verrät, dies sei das Rektorenzimmer. Ein großer Schreibtisch aus massivem Holz füllt den Raum, darauf stehen ein Telefon mit Wählscheibe und eine kleine Lampe, daneben liegt eine Ledermappe. Mario Rausch erklärt: „Dieses Zimmer ist zur Zeit nicht bewohnt. Seitdem Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt wurde, ist es, als sei er wieder in diesen Räumen eingezogen – zumindest für die zahlreichen Journalisten.“ In seinem Gesicht spiegelt sich so etwas wie Verständnis wider.

Ein gepolsterter Lehnstuhl, ebenfalls aus dunklem Massivholz, ein Heizkörper und ein Bücherschrank – das ist die gesamte Ausstattung dieses imposant wirkenden Raumes. Ein Sonnenstrahl dringt durch die halbgeöffneten Fensterläden und fällt auf ein einfaches Kreuz an der Wand. Dann öffnet Mario Rausch eine weitere Holztür und erklärt: „Das war das Schlafzimmer des Papstes.“ Ein fensterloser Raum von knapp zehn Quadratmetern erschließt sich dem Blick, darin ein einfaches Bett, ein Nachttisch, auf dem eine kleine Lampe ohne Glühbirne ihre Funktion zurzeit nicht erfüllt. An der kargen Wand gegenüber stehen ein Kleiderschrank und ein Stuhl.

Keine zehn Schritte trennen die Ruhestätte vom Arbeitsplatz. Arbeit und Studium beherrschen die Atmosphäre in diesen Räumen. Eine zweite Tür führt in ein kleines Badezimmer. Die Kacheln entsprechen der Moderne vergangener Zeiten. Beim Verlassen der Räumlichkeiten sucht ein letzter intensiver Blick ein persönliches Detail, das den eindeutigen Hinweis liefern könnte, hier weilte einst der Papst. Die Suche bleibt erfolglos. Doch der Schein trügt, denn der Beweis liegt in jedem einzeln beschriebenen Detail. Mario Rausch schließt die Tür, und dann erklärt er: „Bruder Jorge ist eine Person, die stets das einfache, arbeitsreiche Leben in der Enthaltsamkeit begrüßte und vorlebte.“ Und nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Bergoglio war mein Provinzial, mein Lehrer, mein Rektor, doch in erster Linie war er der Ausbilder meines Herzens.“ Die Erklärung für diesen Satz liefert Bergoglio selbst in einem Interview mit der argentinischen Journalistin Francesca Ambroghetti. Auf die Frage nach den Prioritäten der Ausbildung antwortet er:

„Der Ausgangspunkt in der Bildung muss die Liebe sein. Wenn man nur die theoretischen Prinzipien als Grundlage nimmt, ohne sich darüber klar zu sein, dass es in erster Linie darum geht, wen wir ausbilden, verfallen wir in einen Fundamentalismus. Dieser bringt die Kinder in keiner Weise weiter, denn sie übernehmen von uns nur das, was wir ihnen mit emotionaler Nähe beibringen und vorleben.“

Diese emotionale Nähe haben seine Schüler stets gespürt, wie Mario Rausch bezeugt: „Er war jederzeit für uns ansprechbar. Teil unserer Ausbildung war es, regelmäßig Gespräche mit ihm zu führen, in denen wir eine Art Berichterstattung über unser Gewissen machen mussten. Dabei gelang es ihm immer, das Gefühl zu vermitteln, bei ihm emotional gut aufgehoben und verstanden zu sein. Er war respektvoll dem Menschen gegenüber und strikt in seinen Überzeugungen, die er erklärte und vermittelte. Dabei fehlte nie die notwendige Prise Humor. Er ist jemand, der gerne lacht und andere zum Lachen bringt.“ Und dann schweift Mario Rausch sichtlich gerührt in Erinnerungen ab, die noch einmal bezeugen, wie Bergoglio, als er Rektor des Kollegiums war, wenn nötig stets Hand anzulegen wusste: „An Sonntagen ist er nach der Messe einfach in die Küche gegangen, um mitzuhelfen, das Mittagessen vorzubereiten.“

In dem Buch Sobre el cielo y la tierra, in dem sich Jorge Mario Bergoglio mit seinem Freund, dem Rabbiner Abraham Skorka, unter anderem über das Thema Bildung unterhält, erklärt der ehemalige Lehrmeister den Unterschied zwischen einem Lehrer und einem Professor:

„Der Professor lehrt trocken sein Fach, während der Lehrer sich persönlich einbringt und sein Fach vorlebt. Es besteht ein sichtlicher Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und seinem Leben. Er gibt nicht einfach trocken seine Wissenschaft weiter wie der Professor. Wir müssen den Männern und Frauen dabei behilflich sein, Lehrer, sprich Zeugen zu sein, das ist der Schlüssel zur Bildung.“

1963 wurde Jorge Mario Bergoglio in die Provinz Santa Fé entsandt, wo er im Rahmen seiner Priesterausbildung am ältesten Jesuitenkolleg Argentiniens, dem Colegio Inmaculada Concepción de Santa Fé, unterrichten sollte. 1610 hatten die Jesuiten hier eine Grundschule errichtet, fünf Jahre später die Oberstufen-Ausbildung eingeführt und seit 1873 konnten hier auch höhere Ausbildungen und Studien absolviert werden.

Den Jesuitenorden hatte der Spanier Ignatius von Loyola im Jahr 1540 gegründet. Schon bald spielte der Orden eine dominierende Rolle im Bildungssystem in Europa. Die Missionsarbeit der Jesuiten führte sie in die Neue Welt. 1585 kamen sie von Peru aus nach Argentinien. Im Norden des Landes, wo sich der Großteil der Bevölkerung aus den sogenannten Guaraní, einem indigenen Volk, zusammensetzte, gründeten sie zahlreiche Ausbildungsstätten und sogenannte Reduktionen. Das sind Siedlungen, in denen die Ureinwohner zum Schutz vor Sklavenjägern und den spanischen Einwanderern angesiedelt wurden und wo sie lernten, von ihrer eigenen Landwirtschaft zu leben. Diese bestand vor allem aus dem Anbau des Mate-Strauchs, aus dem der Mate-Tee gewonnen wird. Ein Getränk, das die Guaraní vor allem wegen seiner stimulierenden und hungerstillenden Wirkung konsumierten. Es waren die Jesuiten, die ganze Plantagen der Mate-Pflanze in Paraguay und im Norden Argentiniens kultivierten. Durch den Handel mit dem Mate-Tee, der bis nach Uruguay und Brasilien gelangte, erlebte die gesamte Region eine wirtschaftliche Blütezeit. Schon bald erhielt der Mate-Tee auch den Beinamen „Jesuiten-Tee“.

In weniger als zwei Jahrhunderten verzeichnete die Region eine beachtliche Entwicklung. Die Guaraní hatten nicht nur zahlreiche Berufe erlernt und somit zum wirtschaftlichen Aufschwung der Gegend beigetragen, sondern brachten auch bedeutende Maler, Musiker und Künstler hervor. Die Beziehung zwischen den Guaraníes und den Nachfahren der spanischen Einwanderer, den Criollos, war konstruktiv und beide Kulturen glichen sich immer mehr einander an. Eine Entwicklung, die der spanischen Krone jedoch missfiel. 1767 wurden die Jesuiten auf Befehl des spanischen Königs Karl III. aus Argentinien vertrieben. Unter dem Druck der europäischen Königshäuser sprach Papst Clemens XIV. im Jahr 1773 ein Verbot des Jesuitenordens aus. Erst 1814, nach dem Fall Napoleons, wurde der Jesuitenorden von Papst Pius VII. wieder zugelassen.

Zu dieser Zeit wurde Argentinien von dem Befehlshaber und Diktator General Juan Manuel Rosas regiert, der die Jesuiten wieder ins Land zurückholte. Sie sollten für die Ausbildung der nachkommenden Generationen Sorge tragen. Als die Jesuiten jedoch merkten, dass General Rosas immer mehr politischen Einfluss auf die Inhalte des Lehrstoffs nehmen wollte, wehrten sie sich dagegen, was eine erneute Vertreibung zur Folge hatte. Erst nach seinem Sturz im Jahr 1852 kehrten die Jesuiten wieder ins Land zurück. In Lateinamerika sind heute 2.447 Jesuiten tätig, davon 197 in der Region Argentinien und Uruguay.

Die Ausbildung zum Jesuiten kann bis zu dreizehn Jahre dauern und zeichnet sich durch den Wechsel zwischen Theorie und Praxis aus. Als der 27-jährige Jorge Mario Bergoglio 1963 nach Santa Fé geschickt wurde, stand ihm eine zweijährige praktische Tätigkeit bevor – das sogenannte Magisterium. An der Hochschule des Kollegiums der Immaculata in Santa Fé lehrte er Literatur und Psychologie.

Einer der damaligen Schüler von Bergoglio ist der argentinische Journalist und Schriftsteller Jorge Milia. Bis heute pflegen beide einen engen Kontakt. Milia erinnert sich, wie es seinem damaligen Literaturlehrer gelang, die Schüler für eine Materie zu begeistern, die 17-Jährigen zunächst langweilig erscheinen mochte. Milia gehörte jedoch zu denen, die sich von Bergoglio für dieses Fach begeistern ließen und nahm an zusätzlichen Literaturstunden teil, die dieser für interessierte Schüler anbot.

Der heutige Anwalt José María Candioti ist ein weiterer ehemaliger Schüler Bergoglios, der das kreative Engagement seines damaligen Literaturprofessors in lebhafter Erinnerung hat. Er sei ein anspruchsvoller Lehrer gewesen und habe keine Mühe gescheut, um die künstlerische, literarische Ader, die in jedem schlummern konnte, zu fördern, erklärt er in einem Interview.

Dem jungen Lehrer Bergoglio gelang es, angesehene argentinische Schriftsteller, wie etwa María Esther de Miguel oder María Esther Vázquez, zu seinem Literaturunterricht einzuladen. 1965 überraschte Bergoglio seine Schüler im Unterricht mit einem besonderen Gast: dem international renommierten argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges (1899 – 1986). Fünf Tage lang konnten die Schüler mit einem der angesehensten lateinamerikanischen Schriftsteller Einblicke in die Literatur gewinnen. Am Anfang der Woche hielt Borges einen Vortrag über die Gaucho-Literatur, ein Kurzgeschichten-Wettbewerb war dann der Höhepunkt dieser Begegnung. Die besten Texte der jungen Schüler wurden ausgewählt und es entstand das Buch Cuentos originales, für das Borges das Vorwort schrieb. Bergoglio ist bis heute ein großer Bewunderer von Borges, der sich mit der 1931 in Buenos Aires gegründeten Zeitschrift Sur vor allem dem kulturellen Austausch zwischen Lateinamerika und Europa widmete. Jorge Luis Borges verstarb 1986 in Genf, wo er auch begraben ist.

Doch das Engagement des Lehrers Bergoglio für den Kurzgeschichten-Wettbewerb seiner Schüler war mit der Veröffentlichung des Buches noch nicht zu Ende. Er schrieb dem damaligen Direktor der größten Tageszeitung der Region in der benachbarten Stadt Paraná einen Brief mit der Bitte, einen Artikel über das erschienene Buch seiner Schüler zu veröffentlichen.

„Unser Wunsch ist, die Werte dieses Buches hervorzuheben. Es ist bereits in der Region Santa Fé zu einem Bestseller geworden. Sie würden uns eine große Freude machen und wir wären Ihnen zu großem Dank verpflichtet, wenn Sie uns die Ehre geben, das erschienene Buch in Ihrer Zeitung zu erwähnen und somit Ihre Leser in Paraná über dieses Werk zu informieren.“

Nach seiner Zeit als Lehrer ging Jorge Mario Bergoglio 1967 wieder zurück nach San Miguel, wo er an der theologischen Fakultät des Jesuitenkollegs San José sein Theologiestudium beendete. Am 13. Dezember 1969 – vier Tage vor seinem 33. Geburtstag – wurde Bergoglio zum Priester geweiht. Seine Überraschung war groß, als er am Ende der Zeremonie seine Mutter Regina María Sívori sah, die ihn auf Knien um seinen Segen bat. Ein bewegender Moment für Mutter und Sohn, denn von allen Familienmitgliedern fiel es ihr schwersten zu akzeptieren, dass ihr ältester Sohn sich für das Priesteramt entschieden hatte.

Ebenfalls anwesend an diesem Tag war seine Großmutter Rosa. Sie war es, die ihm als kleinen Jungen beigebracht hatte, den Rosenkranz zu beten und ihm Geschichten von katholischen Heiligen erzählte. In einem der wenigen Radiointerviews, die Bergoglio während seiner Zeit als Kardinal in Buenos Aires gab, erzählt er, dass er als Kind sehr viel Zeit bei seinen Großeltern verbracht habe.

Die erste religiöse Prägung erhielt der junge Bergoglio durch seine Großmutter. Als er ihr seinen Wunsch offenbarte, Priester zu werden, waren ihre Worte: „Wenn Gott dich ruft, gesegnet sei deine Entscheidung. Aber vergiss nie, dass dir die Türen deines Zuhauses stets offen stehen. Und keiner wird dich dafür verurteilen, wenn du deinen Entschluss widerrufen solltest.“ Den Worten seiner Großmutter misst er bis heute große Bedeutung bei. So zitierte Papst Franziskus sie am 24. März 2013 in seiner Palmsonntag-Predigt:

„Schauen wir uns um: Wie viele Wunden schlägt das Böse der Menschheit! Kriege, Gewalttaten, Wirtschaftskonflikte, die die Schwächeren treffen; Gier nach Geld – und keiner kann es doch mitnehmen; man muss es zurücklassen! Meine Großmutter sagte zu uns Kindern:, Das Totenhemd hat keine Taschen.‘ Gewinnsucht, Machtstreben, Korruption, Spaltungen, das sind Verbrechen gegen das menschliche Leben und gegen die Schöpfung!“

Die ältere Generation, die in der heutigen Gesellschaft häufig hinter den Türen der Altenheime als Wissens- und Erfahrungsquelle missachtet wird, zählt für Jorge Mario Bergoglio zu einer der wichtigsten Lernquellen, die dem Menschen zur Verfügung stehen. In dem Buch Sobre el cielo y la tierra unterhalten sich Abraham Skorka und Bergoglio über das Alter. Bergoglio erklärt darin:

„Der ältere Mensch ist ein Überlieferer der Geschichte, er ist derjenige, der in uns Erinnerungen wach ruft, die mit unserem Volk, Heimatland, unserer Familie, Kultur und Religion zu tun haben. Ältere Menschen vermitteln uns ein Erbe, das ist eine der wichtigsten Aufgaben, die man mit dem Alter übernimmt. Der ältere Mensch hat Vieles erfahren, und auch, wenn er sein Leben töricht gelebt hat, verdient er unsere Achtung und unseren Respekt. Wenn wir denken, die Geschichte beginnt mit unserer eigenen, hören wir auf den älteren Menschen zu ehren.“

María Elena Bergoglio, die elf Jahre jüngere Schwester des Papstes, erinnert sich, wie ihr Bruder in den vergangenen Jahren, nachdem er am Heiligen Abend in der Kathedrale von Buenos Aires die Messe zelebriert hatte, ins Altenheim der Priester ging. Er zog es vor, seinen Glaubensbrüdern im Altenheim in dieser Nacht Gesellschaft zu leisten, statt im Kreis seiner eigenen Familie zu feiern. „So ist er“, meint María Elena und fügt mit Stolz hinzu: „Er wandte sich immer zuerst denen zu, die seinen seelischen Beistand brauchten. Er wäre nicht mein Bruder, hätte er in der Heiligen Nacht anders gehandelt.“

Als Bergoglio 1971 sein viertes und letztes Gelübde als Jesuit ablegte – den besonderen Gehorsam gegenüber dem Papst –, konnte er nicht ahnen, dass es dieses Gelübde sein sollte, das die Weichen für seinen Weg nach Rom stellen würde. Der Jesuit, der das Leben in Enthaltsamkeit im Dienste der Bedürftigen gewählt hatte und für den Lehre und Arbeit immer von höchster Bedeutung waren, hatte nie Ambitionen, Papst zu werden, erklärt María Elena Bergoglio. Und ihr Bruder folgte lediglich dem vierten Gelübde, das er als Jesuit abgelegt hatte, als er von Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof von Buenos Aires ernannt wurde.

Sowohl die Schwester als auch Mario Rausch vermissen die Anwesenheit und regelmäßigen Gespräche mit „Jorge“. Für sie wird Papst Franziskus in erster Linie Bruder und Freund bleiben. Mario Rausch bewahrt die Weihnachtskarten und einige Briefe von Bergoglio sorgsam auf und ab und zu liest er sie – sie würden ihm Kraft geben, erklärt er. Auch María Elena Bergoglio hebt die Briefe ihres Bruders auf. Einer aus dem Jahr 1960 ist ihr besonders wichtig. Ihr Bruder hat ihn ihr aus Chile geschickt, wo er als junger Novize erste Erfahrungen als Lehrer machte. Ein Brief, in dem er seiner damals 12-jährigen Schwester seine Gedanken über die Armut mitteilte und der ein Beweis dafür ist, dass schon der junge Bergoglio von der Wichtigkeit der Bildung und im Besonderen der religiösen Bildung überzeugt war.

„Ich werde Dir etwas erzählen: Ich unterrichte an einer kleinen Schule in Chile Schüler aus der dritten und vierten Klasse Religion. Die Jungen und Mädchen sind sehr arm; einige von ihnen kommen barfuß in die Schule. Oft haben sie nichts zu essen, und im Winter erfahren sie die Kälte in ihrer grausamsten Art und Weise. Du kannst Dir das vielleicht nicht vorstellen, denn Du hast immer etwas zu Essen gehabt. Und wenn Dir kalt ist, gehst Du in die Nähe einer Heizung. Ich erzähle Dir dies, damit Du darüber nachdenkst. … Wenn Du glücklich bist, gibt es viele Kinder, die weinen. Während Du ein Zuhause hast, leben viele in Wellblechhütten und haben zum Teil noch nicht einmal eine Decke. Vor ein paar Tagen sagte eine ältere Dame zu mir:, Vater, wenn ich eine Decke hätte, wie gut mir das täte, denn ich friere jede Nacht.‘ Das Traurigste ist, dass diese armen Leute Jesus nicht kennen. Sie kennen ihn nicht, da ihnen niemand von ihm erzählt hat. Verstehst Du nun, weshalb ich immer sage, dass wir viele kleine Heilige brauchen?“


Die Madres de la Plaza de Mayo zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur

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Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
23 grudnia 2023
Objętość:
236 str. 45 ilustracji
ISBN:
9783990402269
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