Czytaj książkę: «Skyle»
Esther Karline Bertram
Skyle
Band I: Himmelsbeben
Das Buch
Skyle – Himmelsbeben
Die Wolkenwelt von Skyle, durchwirkt von uralter Magie und mächtigen Zaubern, verspricht Freiheit von Horizont zu Horizont. In der schwebenden Inselwelt herrschte lange ein Nebeneinander der Völker und Kulturen. Doch unter den Strahlen der Zwillingssonnen wüten erbitterte Kämpfe um die Vorherrschaft.
Die alte Ordnung bröckelt unter dem Ansturm der Frühlingskönigin und ihrer Marine, Dürre und Hungersnot haben ganze Regionen im Würgegriff und mehr als eines der alten Völker steht kurz vor der Auslöschung.
Drohender Krieg und offene Unruhen lassen niemanden in den Wolkenreichen unberührt. Als sich die Situation zuspitzt, werden schließlich auch jene zum Handeln gezwungen, die lange ihr Bestes getan haben, sich herauszuhalten. Inmitten eines Netzes aus alten Bündnissen, Feindschaften und Intrigen finden sich fünf ungleiche Charaktere, mehr widerwillig als aus freien Stücken, auf einer Reise wieder, die eine große Hoffnung birgt: die Hoffnung auf einen Ort jenseits der Wolken, an dem die Letzten ihrer Art in Frieden leben können.
Die Autorin
Esther Karline Bertram

studiert Literatur und arbeitet nebenher als Norwegischlehrerin und Stimmcoach. Wenn sie nicht neue Welten auf Papier bannt, trinkt sie Kaffee mit Freunden oder steht singend oder sprechend auf der Bühne. Ihre Leidenschaft gilt neben der Phantastik dem Reisen, wobei sie immer wieder die verrücktesten Menschen trifft. Da Hausdrachen auf dem freien Markt so schwer zu bekommen sind, hofft sie darauf, einmal Katzen zu besitzen. Außerdem hat sie immer mindestens sechs Sorten schwarzen Tee im Haus und führt eine stetig wachsende internationale Liste mit Lieblingscafés. Skyle ist ihr Romandebüt.
Impressum
Dieses Buch enthält Triggerwarnungen auf der letzten Seite der eBook-Datei.
Siehe auch: https://skyle.kladdebuchverlag.de/trigger
Eine Karte von Skyle und eine Liste der Figuren gibt es online unter https://skyle.kladdebuchverlag.de
Erste Auflage 2019
Lektorat: Michaela Stadelmann
Korrektorat: Lisa Helmus
Covergestaltung: Jaqueline Kropmanns
Designarrangement: Géraldine Al-Nemri
Buchsatz: Karl-Heinz Zimmer
gesetzt aus der EB Garamond
erstellt mit SPBuchsatz
ISBN: 978-3-945431-38-2
eISBN: 978-3-945431-39-9
aISBN: 978-3-945431-40-5
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Inhalt
1 Das Buch
2 Die Autorin
3 Impressum
4 Für Agnes, die wahre Hüterin von Skyle.
5 Herbst 1044
6 • 1 •
7 • 2 •
8 • 3 •
9 • 4 •
10 • 5 •
11 • 6 •
12 • 7 •
13 • 8 •
14 • 9 •
15 Winter 1044
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50 • 44 •
51 • 45 •
52 • 46 •
53 • 47 •
54 • 48 •
55 • 49 •
56 • 50 •
57 • 51 •
58 • 52 •
59 Frühling 1045
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61 • 54 •
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64 • 57 •
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74 • 67 •
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76 • 69 •
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80 • 73 •
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99 • 92 •
100 • 93 •
101 • 94 •
102 • 95 •
103 • 96 •
104 Danksagung
105 Unterstützer_innen
106 Triggerwarnung
107 Mehr über die Personen, Hintergründe und die Welt von Skyle
Für Agnes, die wahre Hüterin von Skyle.
Herbst 1044
Zweites Jahrtausend der Neuen Zeit von Skyle
52. Jahr der Regentschaft der Frühlingskönigin
• 1 •
Kanonenschüsse hallten von den zerklüfteten Steilwänden der Himmelsinsel wider. Schwarze Rauchschwaden fingen sich in den halb entlaubten Ästen der Bäume, die sich unterhalb des Klippenrands an den schroffen Fels klammerten. Kurz vor der Küste schossen zwanzig oder dreißig wendige Gleiter zwischen den zwei gewaltigen Linienschiffen mit den hellgrünen Segeln hindurch.
Astral saß mit überkreuzten Beinen auf einem Felsen in sicherem Abstand zu den Klippen und beobachtete das Geschehen auf dem Wolkenmeer. Die Piloten der Möwen waren geschickte Flieger. Sie mussten es sein, weil ihre Gegner die Kanonen der Königlichen Marine waren und ihr Leben von ihrer Reaktionsgeschwindigkeit abhing. Jede der Möwen war mit einem Piloten und einem Schützen besetzt, ausgestattet mit Gewehr und Enterhaken.
Astrals Hand ruhte zwischen den Geweihgabeln seines Lunars Yami, der den Kopf auf die gewaltigen mitternachtsblauen Pfoten gelegt hatte. Er hatte seine Augen auf die Möwengleiter gerichtet, seine runden Ohren zuckten aufmerksam und Astral sah seine Anspannung in den halb gefalteten ledernen Schwingen. Er summte leise, um ihn zu beruhigen, und fischte in der Tasche seiner Uniformjacke nach seinem kleinen Skizzenblock, ohne das Gefecht aus den Augen zu lassen. Die Zeichnungen würden ihm später helfen, sich an Details zu erinnern und seine Berichte zu strukturieren.
Was auf den ersten Blick wie ein ungleicher Kampf zugunsten der Kriegsschiffe aussah, war in Wahrheit gut kalkuliert. Denn so mächtig die neuen Linienschiffe der Marine sein mochten, sie waren nicht für die Eiswinde im Norden ausgelegt. Ihre Takelage war mit einer dünnen Eisschicht überzogen, die Ruderblätter durch die Feuchtigkeit festgefroren. So waren sie nichts als steuerlose Giganten, der Macht der Elemente hilflos ausgeliefert. Es kostete die Mannschaften alle Kraft, ihre Schiffe von den vereisten Ausläufern der Klippen fernzuhalten. Die Rebellen machten sich dies zunutze, indem sie systematisch die Deckmannschaft ins Visier nahmen. Sollten sie es schaffen, die Marineschiffe manövrierunfähig, wäre dieser Kampf gewonnen.
Astral war es egal, wer diese Schlacht gewann. Er mochte zwar vom Beraterstab der Frühlingskönigin als Berichterstatter hergeschickt worden sein, aber er war eine Blauschwalbe und als solche immer neutral. Er würde den geforderten Bericht abliefern und dann zusehen, dass er aus Jazli wegkam. Wenn er etwas in seiner bisherigen Laufbahn als Blauschwalbe gelernt hatte, dann dass man niemals zu lange an einem Ort ausharren sollte. Davon abgesehen konnte selbst er nur eine gewisse Anzahl an Aufträgen vom Frühlingshof ertragen.
Eine eisige Böe fuhr über ihn hinweg. Astral zog zitternd seinen Schal fester um sich und suchte mit klammen Fingern nach seinem Stift, um einige Skizzen vom Kampfgeschehen anzufertigen. Yami spürte sein Unbehagen und knurrte leise, ehe er sich enger an Astral presste. Er rieb ihm dankbar über die hellgrau gemusterte Schnauze, bevor er seine Aufmerksamkeit zurück auf die Marineschiffe und die Winterrebellen lenkte.
Ein Gleiter löste sich aus der Formation und tauchte unter dem Bug der Schiffe hinweg, ehe er auf der anderen Seite wieder hervorschoss und steil nach oben zog. Astral wusste aus eigener Erfahrung, dass die Fallwinde so kurz vor der Küste unberechenbar waren, doch die Möwenteams kannten das Terrain. Als eine Böe den Gleiter erfasste, reagierte der Pilot so schnell, dass er kaum von seinem Kurs abwich, doch der Wind riss ihm seine pelzbesetzte Kapuze vom Kopf. Ein schlohweißer Schopf kam zum Vorschein.
Astral kniff die Augen zusammen und hob sein Fernglas. War das … konnte es sein, dass …?
Ein Marinesoldat wies mit ausgestrecktem Arm auf die weißhaarige Gestalt. Einige seiner Kameraden ließen von ihren Positionen ab und richteten ihre Gewehrläufe auf die Möwe, fest entschlossen, sie vom Himmel zu holen.
Der Wind trug einen Ruf zu ihm herüber: »Schützt den Prinzen!« Sofort reagierte ein halbes Dutzend Möwen und positionierte sich zwischen dem Prinzen und den Marineschiffen. Zwei von ihnen wurden abgeschossen und stürzten in die weißen Tiefen des Wolkenmeeres, ehe eine andere Gruppe ihnen zu Hilfe kam. Doch das Feuer konzentrierte sich nun auf die Möwe des Prinzen.
Astral kaute auf dem Ende seines Stiftes herum. Er war es also wirklich, der Winterprinz. Was tat er hier? Eines war offensichtlich: Die Winterrebellen waren zu risikofreudig geworden. Nun zahlten sie den Preis für ihren Leichtmut.
Yamis Schnurrhaare zuckten nervös, als das Gewehrfeuer sich verstärkte. Der Lunar bleckte die langen Säbelzähne. Mit gerunzelter Stirn sah Astral dabei zu, wie eines der Marineschiffe langsam abdriftete. Seine Besatzung war so sehr auf die Rebellen fokussiert, dass sie es zu spät bemerkten. Vielleicht konnten sie auch nichts tun, ihr Ruder schien unverändert nutzlos. Von einer tückischen Strömung erfasst, stellte das Schiff sich vor dem Bug seines Schwesternschiffs beinahe quer. Grimmiger Jubel ertönte aus den Reihen der Rebellen, die ihre Möwengleiter zu immer riskanteren Manövern zwangen. Gewehrschüsse pfiffen als Antwort auf die donnernden Kanonen. Sie konnten einen kleinen Etappensieg erringen, ehe die Hauptflotte sie erreichte.
Astral schüttelte den Kopf und steckte den Stift unverrichteter Dinge wieder ein. Seine Finger waren einfach zu klamm. Er pustete in die behandschuhten Hände, um sie zu wärmen. Wieder einmal war er froh, nicht Partei ergreifen zu müssen. Er wusste, dass beide Seiten unbedingt gewinnen wollten. Wenn die Rebellen es schafften, diese beiden Kriegsschiffe hinab ins Wolkenmeer zu schicken, hätten sie die Atempause erkämpft, die sie so dringend benötigten. Doch auch die Marinesoldaten taten ihr Möglichstes, um ihre Schiffe wieder flottzumachen, während sie die Reihen der Rebellen stetig ausdünnten.
Erneut hob der Blauschwalbenflieger das Fernglas an die Augen. Wieder trudelte eine Möwe abwärts, diesmal von einer Kanonenkugel getroffen. Auf einem Schiffsdeck explodierte eine Handgranate, von einem Rebellen geworfen. Beide, Winterrebellen und Marine, waren fest entschlossen, dem Gegner keine Fingerbreite mehr Raum zu geben. Dieser Kampf würde von nun an noch härter werden.
Astrals Mundwinkel wanderten nach unten. So viele verlorene Leben.
• 2 •
Raven öffnete die Eingangstür der Spelunke und trat in einem Schwall aus stickiger Luft, Grölen und Gelächter auf die Gasse hinaus. Er mochte Orte wie diesen. Sie waren jederzeit laut und voll, und mit der richtigen Anzahl Münzen bekam man nicht nur ein Glas Hochprozentigen, sondern auch Informationen. Er wusste jetzt sicher, dass sich seine Beute in der Stadt aufhielt und heute Abend eine Verabredung in genau dieser Kneipe hatte. Nun musste er nur noch warten.
An der nächsten Hausecke blieb er stehen und zündete sich eine Zigarette an. Von hier aus hatte er die Tür und die Einmündung zur Gasse gut im Blick. Das Gebäude besaß keinen Hinterausgang, wie er zu seiner Zufriedenheit festgestellt hatte. Der Wirt hatte in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit Zechprellern gemacht und deswegen die Tür zum Innenhof fest verrammelt.
Raven rauchte fertig und schnippte den glimmenden Stummel seiner Zigarette in die stinkende Brühe, die in Pfützen auf der Gasse stand. Beim Gähnen entblößte er sein mächtiges Raubtiergebiss. Sein Blick glitt an den Häuserwänden nach oben. Wolkenfetzen jagten über den Himmel und verdeckten den Mond. Die aufziehende Nacht vertrieb die letzten Reste der spätsommerlichen Wärme aus den Straßen von Song Thrush.
Genervt schaute Raven sich um. Er hasste es, zu warten. Er hatte ein Black Board aufgesucht, bevor er hierhergekommen war. Seit dem Morgen hingen die neuen Steckbriefe aus, aber im Grunde war sein Besuch vergeudete Zeit gewesen. Die aktuellen Kopfgeldprämien waren so niedrig, dass sich nur bei zweien oder dreien das Jagen lohnte. Er hatte die Steckbriefe mit seinem Siegel versehen und damit Anspruch auf sie erhoben, weil er wusste, wo sich die Gesuchten befanden. Morgen würde er ihnen einen Besuch abstatten.
Eine Gruppe dunkel gewandeter Gestalten erschien an der Einmündung der Gasse. Sie bewegten sich vorsichtig auf den Kneipeneingang zu und sprachen mit gedämpften Stimmen. Auffällig, viel zu auffällig. Selbst ihre Waffen hielten sie versteckt, was sie viel verdächtiger erschienen ließ, als wenn sie sie offen getragen hätten.
Ravens Hände wanderten zu den Griffen der Loumepistolen an seinem Gürtel. Verdammte Amateure. Er trat zwei Schritte vor und bleckte seine Reißzähne.
Zwei der Gestalten erstarrten bei seinem Anblick. Die anderen drei blieben irritiert stehen, bis sie ihn ebenfalls entdeckt hatten.
Raven schlenderte auf die Gruppe zu. Die Headhunter wichen einige Schritte zurück.
»Ihr jagt in meinem Revier«, stellte er fest und wog die Loumepistolen in seinen Händen.
Der Mann, der ihm am nächsten war, schluckte hörbar. Sein Blick wanderte von den Pistolen über Ravens eisblaues Haar zu seinen blutroten Augen.
»Du … du bist Raven, nicht wahr?«
»Richtig.«
Wieder schluckte der Mann. Der stechende Geruch seiner Angst schlug Raven selbst über den Gestank der Gosse hinweg entgegen.
»Wir wussten nicht, dass du hier jagst. Wir … Song Thrush gehört zu unserem Gebiet, deshalb …« Der Mann brach ab.
»Heute Nacht gehört Song Thrush mir«, entgegnete Raven kalt.
Der Mann nickte heftig. »Natürlich! Wir werden dir nicht in die Quere kommen«, beteuerte er.
Raven hob demonstrativ eine seiner geliebten Loumepistolen hoch. »Das ist eine weise Entscheidung.«
Aus der Querstraße erklang ein gedämpfter Fluch, gleich darauf die Geräusche von Stiefeln, die auf die Pflastersteine hämmerten. Das Warten hatte ein Ende. Raven schritt an den fünf Männern vorbei, die weiter vor ihm zurückwichen. Der Mond schien für einen Moment zwischen den Wolken hervor. Sein Licht glänzte auf Ravens Haar, verfing sich in seinen klimpernden Ohrringen und verwandelte sein Gesicht in eine reißzahnbewehrte Fratze. Die Jagd hatte begonnen.
• 3 •
Das Klirren der Fensterscheiben ließ ihn hochschrecken. Unten auf der Straße rumpelte eine Panzerkolonne vorbei, ihre eisernen Gleisketten knirschten gefährlich auf den Pflastersteinen. Verwirrt blickte Wolf sich um. Die Öllampe neben ihm war verloschen. Das Zwielicht des frühen Morgens erfüllte sein Zimmer, wo er die ganze Nacht über den Berechnungen für den Rumpf des neuen Schiffes gebrütet hatte. Er sah sich seine vollgekritzelten, mit Tinte verschmierten Notizen an. Wie immer würde er der Einzige sein, der sie entziffern konnte. Ihm war es egal, solange die Zeichnungen und Zahlen stimmten.
Gähnend streckte Wolf sich auf dem harten Holzstuhl und rieb sich müde die Augen. Es war zu spät, um noch etwas Neues anzufangen. Am besten, er machte sich auf den Weg zur Werft. So hätte er genug Zeit, um bei den Werkstätten im Tiegel vorbeizuschauen.
Die Aussicht darauf, das Schiff bald fertiggebaut zu haben, entlockte Wolf ein fröhliches Lächeln. Gut gelaunt sammelte er aus der verstreuten Kleidung in seinem Zimmer halbwegs frische zusammen und zog sich um. Er warf einen prüfenden Blick auf eine Strähne seines langen Haares, ehe er es im Nacken zu einem losen Zopf zusammenfasste. Das Braungrau würde nicht mehr lange so dunkel bleiben, an einigen Stellen sah man bereits das natürliche Sonnengelb durchscheinen. Er würde es bald nachfärben müssen.
Gedankenverloren ging er in die Küche und suchte nach der Kaffeedose. Sie war leer. Nach einem Frühstück brauchte er gar nicht erst zu schauen, er war seit Tagen nicht mehr einkaufen gewesen. Zurück in seinem Arbeitszimmer sammelte er seine Papiere und sein Werkzeug zusammen. Wenige Minuten später verließ er die Wohnung.
Die schmale Stiege, die zum Hof hinunterführte, knarzte vertraut. Wolf durchquerte den kleinen Innenhof und trat durch die Durchfahrt auf die Straße. Die Straßenlaterne davor flackerte und verlosch mit einem leisen Zischen, als er sich auf den Weg durch die noch schlafende Stadt machte. Gerade verfärbte sich der Himmel über den schieferblauen Dächern rosa und gelb, doch hier unten war es noch dunkel und still. Die Dämmerung hielt sich lange zwischen den Häusern.
Während er durch die Straßen lief, erwachte die Stadt allmählich zum Leben.
»Guten Morgen«, begrüßte ihn die Bäckerin fröhlich, als er ihren Laden betrat.
»Guten Morgen«, erwiderte Wolf lächelnd.
»Was darf es sein?«
»Drei Madeleines.« Der Kaffee würde warten müssen. Er zahlte für sein Frühstück und hielt einem älteren Herrn die Tür auf, dann schlenderte er Richtung Tiegel. Er dachte über ihr aktuelles Bauprojekt nach. Wenn die bestellten Ösen heute ankämen, könnten sie das Schiff endlich fertigstellen und mit den Reparaturen am nächsten beginnen. Das Gewitterkupfer musste ausgetauscht werden. Es war bereits am Vortag aus den Werkstätten der Alchemisten geliefert worden. So würden sie den Auftrag schnell erledigen können.
Wolf stopfte sich das letzte Stück Madeleine in den Mund und hob die Nase in den Wind.
Dort, wo er jetzt hinwollte, konnte ihn sein Geruchssinn ebenso gut führen wie sein Gehör. Der Tiegel war eine laute, stinkende Ansammlung aus Läden, Werkstätten und Laboren. Die ätzenden Beizen, Farben und die merkwürdigen Gebräue konnte man, wenn der Wind ungünstig stand, in der ganzen Stadt riechen. Die Hammerschläge, das Zischen der Maschinen und das Rauschen der Blasebälge hörte man schon von weitem. Er musste sich also nur auf Nase und Ohren verlassen, um seinen Weg durch Autonne Gale zu finden.
Das Licht der Zwillingssonnen ergoss sich über die Dächer der Stadt, die Straßen füllten sich mit Leben. Die verschiedenen Gerüche, die ihn umgaben, und der steigende Lärmpegel erschwerten es Wolf, sich richtig zu orientieren. Im Tiegel begrüßten ihn die Gerüche von kaltem Metall und heißem Kaffee. Er folgte ihnen und blieb vor einer offenen Schmiede stehen. An der Werkbank war der Schmied gerade damit beschäftigt, filigrane Verzierungen für ein kunstvolles Eisentor zu fertigen. Bestimmt war es für eine der Villen oberhalb der Stadt gedacht. Der Schmied begrüßte ihn mit einem Nicken, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Wolf beobachtete gespannt, wie er Blüten und Blätter aus dem heißen Metall formte.
Die Zwillingssonnen standen bereits hoch am Himmel, als Wolf schließlich seinen Weg fortsetzte. Eigentlich hatte er vorgehabt, vor den anderen Schiffsbauern auf der Werft zu sein. Jetzt würden sie ihn wieder aufziehen. Er lächelte bei dem Gedanken. Merkwürdig, wie gut er sich in den vergangenen acht Jahren hier eingelebt hatte. Das änderte allerdings nichts an dem Umstand, dass er zu spät dran war.
Über ihm glänzten die Dachfirste, noch feucht vom Regen der Nacht. Wolf blinzelte ins Sonnenlicht. Schien so, als würde er mal wieder auf seine Alternativroute ausweichen müssen. Er bog in eine dämmrige Seitengasse ein. Sie schien leer. Links und rechts ragten die Hauswände zwei bis drei Stockwerke in die Höhe.
Die eingeflochtenen Silberperlen in der langen Strähne an seiner rechten Schläfe blitzten auf. Er beugte leicht die Knie, um Schwung zu holen, stieß sich vom Boden ab und landete auf dem Dachfirst. Aus seinem lockeren Zopf lösten sich einige Strähnen und wehten ihm ins Gesicht. Der Wind blies hier oben stärker. Er sah über das schimmernde Meer aus schiefergedeckten Dächern, Türmen und Fabrikhallen, hinab zum Hafen und zur Küste, wo sich die weiße, endlose Masse des Wolkenmeers erstreckte.
Wolf summte zufrieden eine kleine Melodie und genoss für eine Weile Sonnen und Wind auf seinem Gesicht. Dann maß er mit einem Blick die Entfernung zum nächsten Dach, nahm zwei Schritte Anlauf und sprang.
• 4 •
Kajin!«
»Oh, Kajin! Willkommen!«
»Kajin! Ich habe frische Hang-Wurzeln da! Für dich mache ich einen guten Preis!«
Lächelnd winkte Lynx den Händlern zu. »Danke, heute nicht! Ich schicke nächstes Mal eines der Mädchen vorbei!«, rief sie über den Marktlärm hinweg.
»Was? Das ist aber schade! So ein hübsches junges Ding wie du hat doch sicher ein paar Cœurs für einen alten Mann wie mich übrig. Außerdem haben die Wurzeln wirklich hervorragende Qualität!«
Sie schenkte ihm ein Lächeln und sah davon ab, den grauhaarigen Bauern zu berichtigen. »Danke, Gustave, aber diese Woche nicht. Wenn du allerdings Serro da hast, nehme ich gerne etwas.«
Gustave verzog das faltige, braun gebrannte Gesicht. »Tut mir leid, Liebes, aber damit kann ich nicht dienen.«
»Aber ich habe Serro!«, rief der Händler neben ihnen, doch Gustave tat seine Einmischung mit einer wegwerfenden Handbewegung ab.
Lynx bemerkte die tiefen Sorgenfalten auf der Stirn des Mannes. Gustave wirkte erschöpft. Sie wechselte einen kurzen Blick mit Sakura, die neben ihr ungeduldig auf den Zehen wippte. Auf ihr Kopfnicken hin verschwand das Mädchen, um einige weitere Besorgungen von der Liste zu machen, solange Lynx mit dem Bauern sprach.
»Wie geht es dir, Gustave?«
»Gut, gut.«
»Was macht deine Familie?«, fragte Lynx und setzte das Barkeepergesicht auf, mit dem sie selbst die schlecht gelauntesten Gäste zum Reden brachte.
»Meiner Frau geht es gut, sie ist so resolut wie immer.«
Lynx, die seine Gattin kannte, lächelte. »Das freut mich zu hören! Und deine Kinder?«
Ein Schatten legte sich auf Gustaves Gesicht. »Mein ältester Sohn und mein Enkel haben sich die Wolkengrippe geholt.« Er spuckte aus. »Dieser verdammte Regen!«
Lynx' Blick wanderte unwillkürlich zum strahlend blauen Himmel. Er war eine Ausnahme. In Autonne Gale und auf den umliegenden Inseln hatte es seit Wochen beinahe ununterbrochen geregnet, und zwar so viel, dass es bereits schwierig wurde, auf dem Markt die Vorräte für den White Dragon zu besorgen.
»Ich hatte schon fast vergessen, wie blauer Himmel aussieht«, sagte sie zu Gustave.
Dieser nickte. »Daran sind die Alchemisten schuld, darauf wette ich meinen Nurek-Karren!«
Der Händler vom Nachbarstand mischte sich wieder ein. »Verbreitest du schon wieder deine Verschwörungstheorien, alter Mann? Hast du nichts Besseres zu tun, als junge Frauen damit zu belästigen?« Er verzog den Mund zu einem abfälligen Lächeln. »Wie wäre es, wenn du stattdessen versuchen würdest, deine Waren loszuwerden?« Er hielt inne. »Ach, nein, ich hatte vergessen: Du kannst ja nicht einmal die einfachsten Wünsche deiner Kunden erfüllen!«
Lynx schaute den Mann an. »Wenigstens ist Gustaves Verhalten tadellos. Und glücklicherweise gibt es noch andere Stände, an denen ich Serro kaufen kann.«
Der Händler wurde blass. ›Kajin‹, wie man sie hier nannte, war bei den Händlern von Autonne Gale wohlbekannt. Es sich mit der Besitzerin des wohl berühmtesten Wirtshauses der Stadt zu verscherzen, ging niemals gut aus. Lynx ignorierte den Mann geflissentlich und wandte sich wieder Gustave zu.
»Nimm es Benoit nicht übel, Kajin«, bat Gustave leise. »Er meint es nicht so. Er hat bei der Standvergabe für das nächste Jahr ein schlechtes Los gezogen.«
Lynx schnaubte. »Das hätte er sich vorher überlegen sollen«, entgegnete sie, dann wurde ihr Gesichtsausdruck milder. »Ich habe ein bewährtes Hausmittel gegen die Wolkengrippe. Ich werde eines der Mädchen nachher damit vorbeischicken.«
Gustave schüttelte den Kopf. »Das kann ich unmöglich annehmen, Kajin.«
»Oh, ich überlasse es dir nicht umsonst! Wenn es wirkt, erwarte ich, dass du mir für den Rest des Jahres einen guten Preis für deine Hang-Wurzeln machst.«
»In Ordnung.« Gustave sah sie unsicher an und sie lächelte beruhigend. »Nur Hang-Wurzeln, mehr nicht. Du schuldest mir keinen Gefallen.«
Erleichterung huschte über die Züge des alten Mannes.
»Bis bald, Gustave! Lass mich wissen, ob das Mittel gewirkt hat.« Damit drehte sie sich um und setzte ihren Weg durch das bunte Gewimmel des Marktes fort.
Jetzt im Frühherbst herrschte im Marktviertel von Gale lebhafte Betriebsamkeit. Händler aus allen Teilen des Herbstreiches waren zusammengekommen, um ihre Waren feilzubieten. Es wurde angepriesen, gefeilscht und geplaudert, und wie immer blieben die Leute stehen, um Lynx Platz zu machen. Der Preis für die Popularität des White Dragon war ihre Anonymität, und Lynx war bereit, ihn zu zahlen. Solange niemand ihren wahren Namen kannte, war sie sicher.
Sie schlenderte zu der Aussichtsplattform hinüber, die über die Dächer der hangabwärts liegenden Häuser gebaut worden war und den Marktplatz zur Meerseite begrenzte. Umgeben von den Gerüchen der Garküchen und Gewürzhändler lehnte sie sich an das Geländer und genoss für einen Augenblick die Sonnenstrahlen auf dem Gesicht. Ihr Blick wanderte über die Häuserdächer zum Hafen. In den Strahlen der Zwillingssonnen kreuzten gut ein Dutzend Luftschiffe auf dem Wolkenmeer vor der Stadt. Einige von ihnen trugen das Zeichen des Herbstkönigs auf ihren Segeln, andere die Wappen der großen Handelshäuser, und eines hatte die hellgrünen Segel eines Marineschiffes aus dem Frühlingsreich. Die kleineren, wendigeren Gleiter schossen auf den Luftströmungen über der Stadt hin und her und segelten weiter ins Landesinnere. Eine Handvoll Katamarane nutzte die günstigen Winde, um mit geblähten Segeln die Stadt rasch hinter sich zu lassen.
Sie verlor sich für eine Weile im Anblick des Wolkenmeeres und der Schiffe. Erst Sakura holte sie wieder in die Gegenwart zurück.
»Kajin! Ich habe alles besorgt, was auf der Liste stand!« Sie strahlte Lynx an, Grübchen auf den Wangen.
Lynx nickte. »Vielen Dank. Dann fehlen jetzt nur noch die Gewürze, und dann können wir zum Dragon zurück.«
Sakura nickte begeistert. »Darf ich mitkommen?«
»In Ordnung. Wie wäre es, wenn du die Auswahl und das Feilschen übernimmst?«
»Klar, überlass das mir!« Lynx senkte zustimmend den Kopf und folgte Sakura zwischen den Ständen der Gewürzhändler hindurch.
Es dauerte nicht lange, bis Sakura einen Stand gefunden hatte, an dem sie einkaufen wollte. Es war nicht ihr üblicher Händler, aber Lynx bemerkte zu ihrer Zufriedenheit, dass Sakura die Gewürze nach ihrer hohen Qualität und nicht nach dem niedrigen Preis ausgewählt hatte. Preise konnten verhandelt werden, Qualität nicht. Sakura hatte bereits viel gelernt.
Lynx überließ ihrem jungen Schützling das Feilschen und hielt sich im Hintergrund. Der Blick des Händlers wanderte immer wieder zu ihr, als würde sie ihn magnetisch anziehen. Lynx schwieg und ließ ihr Lächeln und den Blick aus ihren bernsteinfarbenen Augen wirken. Schließlich wurde der Händler nervös und ließ sich von Sakura zu einem Preis überreden, der weit unter dem Wert seiner Ware lag. Nachdem er eingewilligt hatte, konnte Sakura ihren Stolz nicht länger verbergen.
Lynx trat vor, um die Säckchen mit den Gewürzen zu bezahlen. Der Mann schluckte vernehmlich. »Es ist mir eine Ehre, mit Ihnen Geschäfte zu machen!«, rang er sich schließlich ab.
Lynx' Lächeln wurde breiter. »Gleichfalls!«, gab sie zurück. Sie zahlte, verneigte sich und dankte dem Verkäufer für das Angebot, seinen Laufburschen mit der Ware zum White Dragon zu schicken. Mit einer zufriedenen Sakura an ihrer Seite machte sich Lynx auf den Heimweg.
»Dir kann keiner widerstehen, oder, Kajin?«, fragte Sakura fröhlich.
Lynx wiegte den Kopf. »Nicht viele«, stimmte sie zu.
Sakura kicherte und hüpfte zwei Schritte voraus, ihre vollen Einkaufstaschen schlenkernd. Eines Tages würde sie eine ebenso gute Barkeeperin wie Mitsu sein. Lynx freute sich darüber, wie sehr sich die Sakura von heute von dem Mädchen von vor zwei Jahren unterschied. Damals hatte sie Sakura vollkommen ausgehungert und vor Dreck starrend dabei erwischt, wie sie ihr die Börse stehlen wollte. Sie hatte das Mädchen dazu überredet, mit ihr zu kommen und im White Dragon für sie zu arbeiten.
Als sie das dreistöckige Gebäude aus hellem Stein erreichten, erwartete Mitsu sie bereits. Auch sie hatte sich in den vier Jahren, in denen sie im White Dragon arbeitete, sehr verändert. Sie war nicht länger eine der gefallenen Schwestern aus den Vergnügungsvierteln von Gale, sondern eine selbstbewusste junge Frau, die stolz die Uniform des Dragons trug.
Lynx begrüßte sie, woraufhin Mitsu sich vor ihr verbeugte.
»Willkommen zurück, Kajin«, sagte sie und nahm Lynx die Taschen mit den Einkäufen ab. Dann verschwand sie, gefolgt von Sakura, durch die Tür des Wirtshauses.
Lynx sah den beiden nach. Kajin … Diesen Namen hatte ihr vor langer Zeit ein Fremder gegeben. Er war ein Reisender aus dem Norden gewesen, der sich zum Ziel gemacht hatte, jeder der Himmelsinseln in allen vier Reichen einen Besuch abzustatten. Seither war es bei diesem Namen geblieben. Kajin. Es war besser, wenn die Leute nicht allzu viel über sie wussten.
Sie wandte sich um und betrachtete die Straße vor dem White Dragon. Das Gewimmel aus Handkarren, schweren Nurek-Wagen, Menschen und Moosvolk war kaum zu überschauen. Ihr Wirtshaus lag im Herzen der Stadt, an einer belebten Straße zwischen dem Tiegel und dem hügelwärts gelegenen Villenviertel. Hier sah man die Anzeichen des Elends nur, wenn man genau hinschaute: die beiden Bettlerkinder, die sich im Schatten einer Gasse herumdrückten. Die junge Frau mit dem schmalen, ängstlichen Gesicht, die ihre dünne Börse mit beiden Händen umklammerte, als sie vorbeieilte. Die Patrouille der Herbstsoldaten in ihren braunen Uniformen, die in einiger Entfernung vorübermarschierte. Der abblätternde Putz an der Häuserfront gegenüber. Das bis zur Unleserlichkeit verwitterte Schild über der Ladentür des Buchhändlers nebenan. Schleichend hatte sich der Verfall in der Stadt ausgebreitet. Lynx wusste, dass er auf lange Sicht nicht mehr aufzuhalten war.
Mit einem Seufzen drehte sie sich um und betrat den White Dragon. Sie wünschte sich, sie könnte mehr tun.
Leise fiel die Eingangstür hinter ihr ins Schloss.
• 5 •
Mit ausdrucksloser Miene saß Hawk auf einem der Sitzpolster im Senatssaal und lauschte den Debatten. Sein Blick glitt durch die Arkadenbögen nach draußen, über das Häusermeer von Estate Phoenix. Die dunklen Augen der Fensteröffnungen spähten im Sonnenlicht misstrauisch aus den weiß getünchten Wänden unter den hellen Lehmdächern. Alle Gebäude waren zwei Stockwerke hoch, lediglich der grauweiße Feuerturm durchbrach das gleichförmige Bild. Hinter den letzten Gebäuden begann das schmutzige Gelbbraun der Staubwüste, die sich bis zum Horizont erstreckte, wo sie mit dem flirrend hellen Himmel verschmolz.
Hawk ließ seine Augen kurz in der Ferne ruhen, dann unterdrückte er ein Seufzen und lenkte seine Aufmerksamkeit in den Senatssaal zurück. Seit Stunden diskutierte der Sommerrat über Nichtigkeiten. Kaum zu glauben, in wie viele Worte so wenig Inhalt gekleidet werden konnte. Die zwölf Senatsmitglieder, allesamt Frauen, saßen auf dicken Sitzpolstern im Kreis um einen niedrigen Tisch, umgeben von der üppigen Pracht des Palastes. Hawk hatte es vor langer Zeit aufgegeben, an die Verschwendung innerhalb der Palastmauern, ja, in ganz Estate Phoenix einen Gedanken zu vergeuden. Er sorgte dafür, dass das Militärbudget nicht zu stark gekürzt wurde und an den richtigen Stellen ankam. Alles andere kümmerte ihn wenig.
Senatorin Siham, eine strenge, verbitterte Frau, war seit einigen Jahren im Rat für das Militär verantwortlich. Sie scherte sich nicht um Finanzen, ein Umstand, der Hawk in der Vergangenheit bereits einige Male zugutegekommen war. So konnte er die Gelder verteilen, wie es am besten in seine Pläne passte. Deshalb legte er keinen Wert darauf, dies an die große Glocke zu hängen. Es war am sichersten, wenn die Senatorinnen weiterhin den Eindruck hatten, dass sie in allen Bereichen die ungeteilte Macht besaßen. Selbstzufrieden und abgeschirmt saßen sie in ihrem Palast und spannen fruchtlose Intrigen gegen die Frühlingskönigin. Solange ihre größte Sorge war, der Herrscherin gleichzeitig den Hof zu machen, um sie nicht zu verärgern, hatte Hawk alle Freiheiten, die er brauchte.
Das Läuten der Stundenglocke erlöste ihn von seiner Langeweile.
Er beugte sich zu Siham hinüber. »Senatorin«, sagte er leise.
Siham nickte unwirsch. »Geh, ich komme später nach.«
Hawk zwang sich, keine Miene zu verziehen. Bevor Siham ihn zur Auswahl der Rekruten begleitete, würden sich die Menschen mit den Rjtak verbrüdern und ein Fest der Liebe feiern.
»Ihr habt den Bericht bis morgen«, murmelte er, ehe er sich erhob und sich verbeugte. »Wenn Ihr mich entschuldigt, werte Senatorinnen, ich empfehle mich.«
»Aber Hawk!« Senatorin Danas Gesicht verriet kaum verhohlenen Neid darüber, dass Hawk dem Senatssaal entfliehen konnte, und echte Verzweiflung. »Du kannst uns doch nicht an diesem entscheidenden Punkt verlassen!« Die übrigen Senatorinnen hatten die Debatte weitergeführt und seine Verabschiedung nur mit einem Kopfnicken zur Kenntnis genommen.
Hawk verbeugte sich erneut. »Es betrübt mich zutiefst, dass ich Euch verlassen muss, Senatorin Dana, aber ich darf meine anderen Verpflichtungen nicht vernachlässigen.« Mit einem letzten Nicken in die Runde verließ er den Saal, erleichtert, dem Geschwafel endlich zu entkommen.
»Sayed Hawk«, sprach ihn eine dünne Stimme von der Seite an. Ein Sklavenjunge reichte ihm den weißen hochgeschlossenen Militärmantel. Hawk schlüpfte hinein und knöpfte ihn zu. Dabei strich er über die eingestickten Doppelsonnen am Kragenaufschlag, das Wappen des Sommerrats. Dann nahm er dem geduldig wartenden Jungen auch seinen weißen Langbogen ab. Er nickte ihm zum Dank zu, bevor er zu seinem Rekrutierungsoffizier aufschloss, der einige Meter den Flur hinunter auf ihn wartete. Auf dem Weg zog er seine schwarze, verspiegelte Sonnenbrille aus der Manteltasche und ließ seinen kobaltblauen Augen dahinter verschwinden.
»Wie viele?«, fragte er und ließ sich die Rekrutenliste reichen.
»Vierunddreißig, Sir.«
Hawk überflog die Liste, auf der Namen, Alter und Herkunft der neuen Rekruten standen, ehe er sie zurückreichte. Er hatte das alte, fehlerbehaftete Bewertungssystem abgeschafft. Stattdessen wohnte er als oberster Befehlshaber der Truppen alle zwei Monate dem Auswahlverfahren in Phoenix bei. Es war eine willkommene Abwechslung.
Sie traten hinaus ins gleißende Licht der Zwillingssonnen. Hawks Hand glitt unbewusst zu dem Rjtak-Talwar an seinem Gürtel. Manchmal ließ er sich auf einen Trainingskampf mit seinen Soldaten ein. Nach den endlosen Debatten des Rates hoffte er beinahe, dass ihn heute jemand um einen Kampf bat.
Auf dem Trainingsplatz hinter den Baracken angekommen, sah er, dass die Rekruten bereits in Paare eingeteilt und mit Holzwaffen ausgestattet worden waren. Als er an ihnen vorbeiging, verstummten ihre Gespräche und machten respektvoller Stille Platz. Mit verschränkten Armen stellte er sich zu seinen Ausbildern unter das Sonnensegel. Ein Windstoß fuhr ihm durchs schwarze Haar und brachte den Geruch nach Wüste und Hitze mit sich und die tausend Düfte des Bazaars.
Hawk nickte seinem Rekrutierungsoffizier zu. »Beginnt.«
• 6 •
Es war später Nachmittag und die Zwillingssonnen verbargen sich hinter einem milchigen Schleier, als Raven zum Headhunter-Schoner zurückkehrte. Er schwang sich über die Reling und ließ den Leinensack auf die frisch gescheuerten Planken fallen. Dann streckte er sich und gähnte.
Dröhnende Schritte ertönten hinter ihm. Ohne sich umzudrehen wusste Raven, dass Kingston stinksauer war.
»Raven, du verfluchter Dreckskerl! Wo bist du gewesen?«
Raven grinste den Kapitän des Schoners an, der sich vor ihm aufgebaut hatte. »Jagen.«
Kingstons buschige Augenbrauen waren zornig zusammengezogen. »Ich habe gesagt, bei Sonnenaufgang laufen wir aus!«, blaffte er. »Bis dahin hat jeder zurück an Bord zu sein!«
»Gleiches Recht für alle Besatzungsmitglieder«, mischte sich Needles, seine Vize, ein.
»Jetzt hängen wir in diesem verdammten Hafen fest, bis die Westwinde wieder einsetzen!«, polterte Kingston.
Beiläufig zog Raven eine Zigarette aus seiner Tasche. Er schnippte und ein tanzendes Flämmchen aus Dämonenfeuer erschien auf seiner Fingerspitze, mit dem er seine Zigarette entzündete. Er stieß mit der Stiefelspitze gegen den Leinensack. »Such dir zwei Köpfe aus«, sagte er.
Inzwischen waren einige Besatzungsmitglieder nähergekommen, die Raven mit finsteren Blicken bedachten. Raven ignorierte sie, seine Zigarette zwischen den Lippen, während er eine weitere drehte. Needles bückte sich und entknotete den Strick, mit dem Raven den Sack verschlossen hatte. Sie blickte hinein und verzog das Gesicht, zu gleichen Teilen angewidert und anerkennend.
Kingston trat neben sie. Er zog den Sack ein Stück weiter auf, ohne die feuchten Blutflecken auf dem durchnässten Material zu berühren.
Nach einem Blick hinein sah er Raven überrascht an. »Die waren gestern unter den Neubetitelten. Wo hast du die gefunden?«
»Weiter östlich«, antwortete Raven vage und reichte Kingston die frisch gedrehte Zigarette.
Der Kapitän nahm sie mit einem Grunzen entgegen. »Das ändert nichts daran, dass wir deinetwegen mehrere Tage hier festsitzen! Es gibt auf diesem Schiff Regeln, an die du dich genauso zu halten hast wie alle anderen!«
Raven sah Kingston mit finsterer Miene an. »Dann nimm von mir aus drei! Ich brauche eh dein Siegel für zwei der anderen.« Er konnte förmlich sehen, wie Kingston die Summe der Kopfgelder überschlug und die Anteile durchrechnete. Raven ließ das Dämonenfeuer auf seiner Fingerspitze aufflammen und hielt es Kingston hin. Mit einem abfälligen Schnauben entzündete Kingston seine Zigarette daran.
Schließlich nickte der Kapitän. »Das war das letzte Mal, Raven«, knurrte er, bevor er zur Gangway davonging.
»Ja, ja!«, entgegnete Raven und verschnürte mit schnellen Handgriffen den blutdurchtränkten Sack. Er machte sich nicht die Mühe, seine Selbstzufriedenheit zu verbergen, als er ihn sich über die Schulter warf und Kingston vom Schiff zum Marinestützpunkt folgte.
• 7 •
Mit dem Handrücken wischte sich Wolf den Schweiß von der Stirn. Er blickte am Schiffsrumpf nach oben.
»Versucht noch mal, es zu drehen!«, rief er hinauf.
»In Ordnung!«, kam prompt die Antwort, und nach wenigen Augenblicken bewegte sich neben ihm das schmale Rudersegel.
Wolf setzte sich zufrieden auf die Fersen zurück. Neben ihm klopften sich zwei der Arbeiter, die ihm in den letzten Stunden zur Hand gegangen waren, gegenseitig auf die Schultern.
Vom Deck des Schiffes tönte Applaus zu ihnen herunter. »Varg, du hast es geschafft! Du bist der Größte!«
Wolf lächelte verlegen ob des Kompliments. »Na, noch wissen wir nicht, ob es auch in den Luftströmungen funktioniert.«
»Natürlich funktioniert es! Deine Konstruktionen funktionieren immer!« Neben ihm hatte sich gerade Jacques, einer der Vorarbeiter, abgeseilt. »Wirklich, Varg! Du bist ein Genie, was Schiffsbau angeht. Ich verstehe nicht, warum du die Beförderungen, die dir der Chef anbietet, immer ablehnst. Du könntest inzwischen längst in Humming Waters deine eigene Werft leiten!«
Wolf winkte ab. »Ich habe dir doch schon erklärt, warum ich nicht will. Ich bin glücklich mit dieser Stelle, ich will nirgendwo anders arbeiten.« Wäre es nur nach seinem Verdienst gegangen, hätte Wolf die nächsten Jahrzehnte nicht mehr arbeiten müssen. »Mir gefällt es viel besser, selbst Schiffe zu bauen, als nur die Pläne dafür zu entwerfen.« Er rümpfte die Nase. »Zu viel Papierkram.«
Jacques schüttelte den Kopf. »Ich werde aus dir nicht schlau, Varg«, stellte er fest und fuhr sich mit der Hand durch den braunen Vollbart. »Aber wie auch immer: gute Arbeit! Dieses Ruder hat uns wirklich Kopfzerbrechen bereitet.« Er lachte dröhnend und verschwand mit einem Winken im angrenzenden Trockendock.
Wolf blickte ihm nach. Wie gut, dass niemand von den Handwerkern auf der Werft wusste, was die wahren Beweggründe für Wolfs konsequente Ablehnung der Führungspositionen waren, die ihm immer häufiger angeboten wurden.
Ferry, ein begabter Geselle mit dunkelblondem Haar, kam auf Wolf zu. Wolf mochte den Burschen, der stets zuverlässig und gewissenhaft seine Arbeit erledigte und ihm häufig eine Thermoskanne mit Kaffee mitbrachte. Wolf versuchte im Gegenzug, dem jungen Handwerker so viel wie möglich beizubringen. Er erkannte echtes Talent, wenn er welches sah.
Ferry grinste von einem Ohr zum anderen. »Mann, Varg, das war einfach unglaublich. Eine Meisterleistung! Weißt du, was ich glaube?«, fragte er. »Ich glaube, die Zeit ist reif, dass wir mal zusammen feiern gehen. Immerhin arbeiten wir schon seit gut zwei Jahren gemeinsam auf der Werft.«
Wolf rieb sich über den Nasenrücken. »Ich weiß nicht so recht …«
Zwei weitere Schiffsbauer hatten sich zu ihnen gesellt. »Komm schon, hab dich nicht so!«
Ferry sah Wolf fragend an. »Was meinst du? Heute Abend im White Dragon?«
Wolf runzelte die Stirn. »Der White Dragon an der oberen Hauptstraße? Da war ich noch nie.«
Die drei Männer starrten ihn an. »Du kennst den Dragon nicht?«, fragte einer. »Mann, diese Bar ist stadtbekannt!«
»Da muss man gewesen sein. Allein wegen der Aussicht.«
»Die Aussicht?« Wolf zog die Augenbrauen in die Höhe.
Ferry klopfte ihm kameradschatflich auf den Rücken. »Komm heute Abend einfach mit.«
Nach Feierabend zogen sie als bunter, lärmender Haufen durch die Straßen von Autonne Gale zum White Dragon. Wolf fühlte sich ein wenig unbehaglich. Er hatte nichts gegen die Schiffsbauer, aber normalerweise vermied er es, außerhalb der Werft Zeit ihnen zu verbringen. Heute Abend konnte er sich allerdings nicht einfach davonstehlen, deswegen beschloss er, das Beste daraus zu machen. Als sie den White Dragon erreichten, war seine Laune genauso ausgelassen wie die seiner Kollegen.
Ferry hatte von einem Freund einen Tisch reservieren lassen, was angesichts der vielen Gäste, die sich auf den beiden Etagen des Wirtshauses tummelten, ein weiser Entschluss gewesen war. Doch obwohl der Lärmpegel hoch war, gab es scheinbar keinen Streit, keine Handgemenge. Stimmen erfüllten die Luft, zusammen mit dem Geruch nach würzigem Bier und gebratenem Yurainfleisch. Wolf lief das Wasser im Munde zusammen.
»Du siehst ziemlich hungrig aus«, sagte Ferry mitleidig und sprach eine der vorbeieilenden Kellnerinnen an. »Hey, Sakura! Unser Varg ist zum ersten Mal da. Meinst du, du kannst ihm einen eurer Spezialteller organisieren?«
Sakura musterte Wolf von den staubigen Stiefeln und der ölverschmierten Arbeitskleidung bis zum langen Haar und der Strähne mit den eingeflochtenen Silberperlen.
»Natürlich! Ich sage sofort Mitsu Bescheid! Sonst bei euch das Übliche?«
Die Schiffsbauer nickten einhellig.
»In Ordnung.« Sie eilte davon.
Ferry rief ihr nach: »Grüß Mitsu von mir, ja?« Die Schiffsbauer am Tisch brachen in Gelächter aus.
»Werde ich!«, rief Sakura Ferry über den Lärm hinweg zu.
Dieser drehte sich mit zufriedener Miene wieder zu Wolf um. »Mitsu ist eine der Barkeeperinnen«, erklärte er. »Eine süße«, fügte er nach einer Pause hinzu.
Eine der wenigen Frauen in der Truppe, ein Moosweiblein, gab Wolf einen Rippenstoß. »Ferry hat schon seit einer halben Ewigkeit ein Auge auf sie geworfen, aber er hat sich bisher nicht getraut, sie zu fragen, ob sie mit ihm ausgehen will!«
Ferry sah die Sprecherin halb verärgert, halb belustigt an. »Ach, halt doch den Mund.«
Wolf musterte seine flachsenden Kollegen aufmerksam. Es schien ein üblicher Schlagabtausch zu sein. Dann spähte Ferry zur Bar hinüber. »Ich werde dir jetzt die Aussicht zeigen, von der wir sprachen.«
Wolf zögerte, als sein Magen laut knurrend protestierte. »Aber unser Essen …«
Ferry winkte ab. »Bei dem Betrieb heute Abend dauert das sowieso noch. Komm mit!«
Er stand auf. Wolf folgte ihm, verwundert darüber, dass Ferry zielstrebig auf die Rückwand des Schankraums zuhielt. An dem langen, halbhohen Tresen blieb Ferry stehen und stützte sich betont lässig mit einem Arm darauf. »Guten Abend, Kajin«, sprach er die Barkeeperin an. »Wie geht es Mitsu?«
Die junge Frau mit dem moosgrünen Haar drehte sich zu Ferry um. Jetzt verstand Wolf auch, was die Jungs mit ›Aussicht‹ gemeint hatten: Sie war eine echte Schönheit. Genau wie die Kellnerinnen, die überall im Wirtshaus die Gäste bedienten, war sie in ein schwarzes Kleid und eine weiße Schürze gekleidet, aber sie trug ihr moosgrünes Haar offen. Es schimmerte sanft in dem gedämpften Licht, das im Raum herrschte.
Ihre bernsteinfarbenen Augen funkelten Ferry an. »Ganz gut, schätze ich mal. Aber warum gehst du nicht zu ihr und fragst sie selbst?«
Ferry wirkte zufrieden. Wolf wurde klar, dass er nur auf diese Worte gewartet hatte.
»Bis nachher!«, raunte er Wolf zu und schlüpfte durch eine Tür neben dem Tresen. Wolf blickte ihm kopfschüttelnd nach.
»Du bist zum ersten Mal hier, nicht wahr?«, fragte Kajin.
»Das ist richtig. Ich hatte bereits vom White Dragon gehört, aber bisher hatte sich noch keine Gelegenheit ergeben, herzukommen.«
»Dann ist es gut, dass sie sich jetzt ergeben hat.«
Wolf gab keine Antwort. Er beobachtete sie eine Weile dabei, wie sie die Gäste bediente. Die meisten von ihnen begrüßte sie mit Namen. Wolf fielen auch die Blicke auf, mit denen die anwesenden Männer sie betrachteten. Fast wie Nachtfalter, die das Licht magisch anzog. Doch es gab nicht einen unter ihnen, der sie ohne den gebührenden Respekt ansprach. Wolf begriff schnell, dass Kajin das Herz dieses Wirtshauses war. Sein Mittelpunkt. Seine Seele.
Gegen seinen Willen war Wolf fasziniert. »Grünes Haar und bernsteinfarbene Augen – das ist eine ungewöhnliche Mischung«, stellte er fest. Kajin war mehr, als sie auf den ersten Blick zu sein schien. Ob er sie aus der Reserve locken konnte?
»Ich bin ein Moosvolk-Menschen-Mischling.«
Wolf nickte mit höflicher Mine. »Ein Moosvolk-Menschen-Mischling, so, so. Dann verrate mir mal … Kajin … Was macht den White Dragon so besonders?«
Sie lachte perlend und hell. »Ich weiß es nicht. Die Leute kommen gerne her. Ihnen gefällt es hier. Aber warum, das weiß ich nicht.«
Wolf beugte sich diskret vor und Kajin tat es ihm auf der anderen Seite des Tresens gleich. Er sah ihr in die bernsteinfarbenen Augen, die zusammen mit seinen aufglühten.
»Kajin, das bedeutet ›schöne Frau‹ in der Alten Sprache, nicht wahr?«, fragte er so leise, dass nur sie ihn verstehen konnte.
Sie sah ihn mit ausdruckslosem Gesicht an. »Wenn du es sagst …«
Wolf lächelte. »Ich glaube, du weißt sehr wohl, warum die Leute hierher kommen. Es liegt daran, dass der White Dragon die Aura eines echten Drachen hat. Eines lebendigen Drachen.«
»Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, sagte sie ungerührt und richtete sich auf.
Für ein paar Minuten nahmen die Gäste am Tresen ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.
»Wie heißt du?«, fragte sie Wolf plötzlich.
»Hier nennt man mich Varg.«
Die Barkeeperin musterte ihn. »Varg … Dann kommst du aus dem Norden, nicht wahr?« Sie verstummte unter seinem belustigten Blick. Dann lachte sie. »Ich gebe zu, dass ich mehr weiß, als ich dir habe weismachen wollen. Aber ich habe selten Gäste wie dich in meinem Wirtshaus.«
»Das liegt vielleicht daran, dass es in Skyle nicht mehr viele Gäste wie mich gibt.«
»Da hast du recht.« Sie wandte sich amüsiert ab. Wolf war klar, dass es an diesem Abend kein weiteres Gespräch mehr mit Kajin geben würde. Langsam ging Wolf zurück zu seinen Kollegen. Ihre Späße und Geschichten vertrieben die geheimnisvolle Schönheit für den Rest des Abends aus seinen Gedanken.
Erst als er früh am nächsten Morgen die schmale Holztreppe zu seiner Wohnung hinaufstieg, dachte er wieder an sie. Kajin war eine von ihnen. Eine wie er. Sie hatte die ganze Zeit hier in Autonne Gale gelebt, und er hatte nichts von ihr gewusst. Er lächelte. Es war ein interessanter Abend gewesen.
• 8 •
Hawk unterdrückte ein Gähnen. Der heiße Wüstenwind, der durch die Arkadengänge in den Senatssaal wehte, verschaffte nur wenig Abkühlung von der einsetzenden Mittagshitze. Er trug die Geräusche und Gerüche der umliegenden Stadt herein. Doch egal, wie sehr Hawk sich danach sehnte, mit einem Glas Tee im Schatten der Sonnensegel auf dem Bazaar zu sitzen, er wusste um seine Pflichten als Ratgeber und zwang seine Aufmerksamkeit zur aktuellen Debatte zurück. Immerhin war der Tee akzeptabel.
Hawk trank einen Schluck und lauschte Senatorin Dana, die über Engpässe in der Wasserversorgung im Osten des Kontinents berichtete. Hawk speicherte die Namen, Orte und Fakten, die sie nannte, in seinem Gedächtnis ab. Möglicherweise würden sie ihm noch nützlich werden. Schließlich einigten sich die Senatorinnen darauf, Pläne für einen Hilfstransport auszuarbeiten. Hawk runzelte die Stirn, ehe er seine Miene wieder unter Kontrolle hatte. Bis die Pläne in ein oder zwei Monaten abgesegnet waren und in die Tat umgesetzt werden konnten, wären die meisten Leute in den kleinen Oasenstädten in ernsthaften Schwierigkeiten.
Das Land hatte schon lange keine solche Dürre mehr erlebt wie in den vergangenen Jahren. Nicht, dass Hawk persönlich das Ausbleiben der Regenzeit störte. Doch mit der Hitze sank der ohnehin niedrige Grundwasserpegel in den Wüstenregionen so tief, dass das Wasser nicht mehr gefördert werden konnte, sofern es noch nicht ganz versiegt war. Anders als die Rjtak im Süden des Sommerreichs waren die Menschen nicht an das Leben in der Wüste angepasst. Nicht genug zumindest, um ohne zusätzliches Regenwasser überleben zu können.
Hawk rechnete durch, welche Kosten ein Wassertransport in den Osten verursachte, als Siham ihn aus seinen Gedanken riss.
»Crimson Flower hat wieder zugeschlagen.« Ihre Stimme war rau von unterdrücktem Zorn und Jahrzehnten des Myralkonsums. Unruhiges Gemurmel ging durch die Reihen der Senatsmitglieder.
Senatorin Fatima beugte sich vor. »Wo?«
»Im Nordwesten, in den Hafenstädten an der Küste.«
Senatorin Suha pfiff leise durch die Zähne. »In allen?«
Siham schüttelte den Kopf. »Die Nachricht kam vorhin erst herein, ich habe noch keine genaueren Informationen.« Wenn es nach Hawk ging, würde sie auch keine weiteren Informationen erhalten.
»Was haben sie dieses Mal angerichtet?«
Siham zuckte mit den Achseln, ihre Miene war hart. »Das Übliche: Sklaven befreit.«
Fatima schüttelte bekümmert den Kopf. »Die großen Handelshäuser werden das nicht mehr lange dulden«, stellte sie fest. Die Senatsmitglieder nickten einhellig. Fatima war Tochter einer einflussreichen Handelsfamilie. Sie wusste, wovon sie sprach. Sie hatte ihrer Familie durch die Arbeit im Sommerrat eine ganze Reihe Privilegien verschafft, wie alle Frauen in diesem Saal.
»Wir müssen härter gegen diese Aufrührer durchgreifen!«, forderte Siham. Wieder war Nicken die Antwort.
»Aber … wo fangen wir an?", fragte Senatorin Afaf, die mit den letzten Wahlen Senatsmitglied geworden war. Sie hatte ihre Familie mit ihren gekauften Stimmen an den Rand des Ruins getrieben, wenn man den Gerüchten Glauben schenken konnte. Für Hawk stand fest, dass sie ihre neue Position dazu nutzen würde, ihren einstigen Reichtum sogar noch zu übertreffen.
»Wir sollten von der Küste aus anfangen zu suchen und alle Städte und Anwesen durchkämmen«, schlug Senatorin Suha vor.
»Unsinn! Crimson Flower muss von Phoenix aus agieren, sonst könnten sie unmöglich immer wieder so schnell im ganzen Land zuschlagen. Wir müssen die Hauptstadt durchsuchen!«, hielt Senatorin Dana dagegen.
Eine weitere hitzige Diskussion entbrannte. Hawk lehnte sich zurück. Wenn es um dieses Thema ging, würde es zu keiner echten Einigung kommen. Das Augenmerk der Senatorinnen lag darauf, möglichst viel Geld in ihre eigenen Taschen zu wirtschaften, ohne ihre Machtposition zu verlieren. Solange die Revolutionäre von Crimson Flower ihren Reichtum nicht angriffen, wurden sie von ihnen nach wie vor nicht als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen. Dieses Mal wurde die Entscheidung über ein weiteres Vorgehen sogar vertragt. Hawk war das ganz recht, es verschaffte ihm ein wenig Handlungsspielraum.
Die Stundenglocke kündigte die Pause für den Senat und das Ende von Hawks Quälerei an. Den Nachmittag würde er in einem Planungstreffen mit seinen Offizieren verbringen. Nicht der schönste Zeitvertreib, aber alles war besser als die Sitzungen des Sommerrats. Er wollte sich gerade erheben, als er sah, wie Senatorin Suha sich Senatorin Siham näherte. Suha, eine übergewichtige Matrone mit einem imposanten Doppelkinn, ließ sich mit einem Schnaufen neben Siham auf ein Sitzpolster sinken.
Sie beugte sich vertraulich zu ihr hinüber. »Was machen wir wegen des letzten Zwischenfalls?«, fragte sie mit gesenkter Stimme.
Siham schnaubte abfällig. »Wir senden einen Spähtrupp in den Westen und warten ab, was sie finden.« Die Betonung des Wortes machte Hawk klar, dass er vermutlich zu diesem Spähtrupp gehören würde, zusammen mit einer Gruppe handverlesener Männer. Er kannte diese Masche von Siham bereits. Wenn sie im Rat ihren Kopf nicht durchsetzen konnte, sandte sie eine kleine Elitetruppe aus, um die schmutzige Arbeit für sie zu erledigen. Solange die Gruppe eine bestimmte Truppenstärke nicht überschritt, lag dies durchaus in ihren Machtbefugnissen als Militärverantwortliche.
Auch Suha wusste das und nickte. »Hervorragend.« Sie wirkte so zufrieden, dass nicht mehr viel fehlte und sie hätte sich die Hände gerieben. »Und die übrigen Sklaven?«
»Die, die Crimson Flower nicht befreit hat? Wir können keinen Aufstand riskieren. Meine Männer werden sich darum kümmern, dass sie ersetzt werden. — He, pass doch auf! Unnützes Pack!«
Ein Sklavenjunge war mit einer Karaffe Wein an die beiden herangetreten und bei Sihams Worten erschrocken zusammengezuckt, sodass er das tiefrote Getränk über Sihams helle Seidengewänder verschüttet hatte. Seine Augen waren voller Angst. Vermutlich hatte er Verwandte oder Bekannte in einem der Häuser an der Westküste. Das Gesicht des Jungen hatte alle Farbe verloren. Er verbeugte sich zitternd.
»Vergebt mir, Lalla!«
Senatorin Siham erhob sich, packte das zierliche Kind bei den Haaren und schlug ihm mit der flachen Hand so kräftig ins Gesicht, dass der Kopf des Jungen nach hinten geworfen wurde. Der Sklavenjunge taumelte und stürzte auf einen der niedrigen Tische aus Nussholz, auf denen während der Pausen das Essen serviert wurde. Polternd und klirrend riss er das Geschirr herunter, Speisen und Getränke landeten auf dem Boden. Siham blickte den Sklaven mit angewidertem Gesicht an.
Mit einem Satz war Hawk neben dem Jungen und packte ihn am Oberarm. Der Sklavenjunge wimmerte und wich zurück. Hawk zerrte ihn wieder auf die Füße. Dass er in dieser Situation eingegriffen hatte, war bereits riskant. Aber er konnte nicht zulassen, dass vor seinen Augen ein Sklave misshandelt wurde.
»Hawk!« Senatorin Sihams Gesicht war eine Maske aus Wut und Ekel. »Schaff ihn mir aus den Augen!«
Hawk verbeugte sich knapp, ohne den Sklaven loszulassen, und bugsierte ihn aus dem Senatssaal. Er würde dafür sorgen, dass der Junge möglichst rasch aus dem Palast gebracht wurde. Nach diesem Fauxpas würde niemand Fragen stellen, wenn der Junge von der Bildfläche verschwand.
Hawk musterte das schmale, hübsche Gesicht des Sklaven: hohe Wangenknochen, lange, dunkle Wimpern und ausdrucksstarke Augen. Dieser Junge war wie die meisten Sklaven im Palast aufgrund seines Aussehens ausgewählt worden. Die Gier der Senatorinnen nach immer neuen Lustsklaven war landläufig bekannt.
Tränen liefen dem Jungen über die Wangen. Seine rechte Wange schwoll von Sihams Schlag an. In seinen Augen stand nackte Angst. Hawk unterdrückte ein Seufzen und schleifte den Jungen weiter. Er konnte kein Mitleid mit dem Sklavenjungen zeigen. Zu viel stand auf dem Spiel.
Nachdem sie die labyrinthischen Flure des Palastes durchquert hatten, gelangten sie zu den Sklavenunterkünften, wo sich auch zwei Dutzend Zellen befanden. Sie waren eigens zu dem Zweck errichtet worden, ungehorsame Sklaven zu maßregeln. Dorthin musste Hawk den Jungen bringen, wenn er kein Aufsehen erregen wollte. Hawk bedeutete dem diensthabenden Wächter, eine der Zellen zu öffnen. Er stieß den Jungen hinein, der mit einem Aufschrei zu Boden stürzte, und warf zornig die Tür ins Schloss. Dieser ganze Ort war ihm zuwider. So viele unschuldig weggesperrte Menschen!
Der Schlüssel knirschte, als der Wächter ihn umdrehte.
Beim Hinaustreten warf Hawk einen Blick auf den Stand der Sonnen, dann machte er sich zielstrebig auf den Weg aus dem Palast und tauchte in das Gassengewirr von Estate Phoenix ein. Wenn er sich beeilte, schaffte er es vor dem anberaumten Treffen, Crimson Flower auf dem Bazaar über den Jungen zu unterrichten und sie anzuweisen, ihn so schnell wie möglich aus dem Palast zu holen.
Während er sich durch die lärmende Menschenmenge schob, die wie jeden Tag den alten Markt zu beiden Seiten der Nord-Süd-Handelsroute belebte, dachte er über das bevorstehende Gespräch nach. Die Senatorinnen planten die Einrichtung einer neuen Militärakademie in Kooperation mit dem Herbstkönig und hatten Hawk als Drache des Sommerrates die Verantwortung übertragen. Je nachdem, wie sich die Dinge entwickelten, würde er im kommenden Frühling nach Crown's End reisen, um mit dem König und seinem Stab zu verhandeln. Bis dahin musste er mit seinen Offizieren alle organisatorischen und logistischen Fragen geklärt haben.
Wie immer waren es vor allem die Frauen, die den Bazaar bevölkerten. Ihre wallende, farbenfrohe Kleidung und die hellen Stimmen verwandelten sie in eine Masse bunter aufgeregt zwitschernder Vögel. Goldschmuck glänzte auf bronzener Haut, weiße Zähne blitzten in lachenden Mündern, dunkles Haar wogte im Wüstenwind.
Die Frauen feilschten lautstark, tratschten und schoben sich gestikulierend durch den Strom der Bazaarbesucher. Hawk war sich sicher, dass jeder einzelne der wenigen Männer eine genau abgezählte Menge an Münzen und eine Liste der Dinge in der Tasche hatte, die er besorgen sollte. Einige Männer schoben sich voll beladen hinter ihren Frauen durchs Gedränge, die die Menge mit ihren ausladenden Busen teilten wie ein Schiff die Wolken des Meeres.
Hinter dem Stand einer besonders lauten Händlerin, die neben Steingut mit traditionellen Rjtak-Mustern auch Porzellan aus dem Frühlingsreich feilbot, befand sich ein Teezelt. Hier ließ Hawk sich nieder. Er setzte seine Sonnenbrille ab und machte die Besitzerin mit einem Handzeichen auf sich aufmerksam. Sie nickte und brachte ihm kurz darauf eine Kanne mit Milchtee. Hawk dankte ihr und lehnte sich zurück. Milchtee bedeutete, dass sie nicht offen sprechen konnte und er ein anderes Mitglied von Crimson Flower für die Befreiung des Sklavenjungen finden musste. Das war allerdings kein Grund, hervorragenden Tee zu verschmähen.
• 9 •
Die Mauern des Weißen Klosters verschmolzen beinahe mit dem Schnee des Berghangs, in den es hineingebaut worden war. Einzig die wenigen beleuchteten Fenster und die schwarzen Torflügel hoben sich vom Schnee und den Wolken ab.
Auf dem höchsten der rechteckigen Türme schlug jemand eine bronzene Glocke. Die Mönche in den blauen und grünen Trachten des Klosters versammelten sich zum Abendgebet. Die Nacht senkte sich schnell auf die Landschaft herab, während die Mönche in kleinen Gruppen zu zweit oder zu dritt den verschneiten Innenhof überquerten, um in die Gebetshalle zu gelangen. Sie unterhielten sich leise. Ihre Stimmen hallten dumpf von den Wänden wider.
Als sie die Halle betraten, verstummten sie und mit ihnen der Gesang, der seit Tagesanbruch unaufhörlich durch das Kloster geklungen war. In stiller Meditation verbrachten sie die Zeit des Abendgebets, bevor sie schweigend ihr Nachtmahl einnahmen und sich in ihren Schlafkammern zur Ruhe legten. Erst wenn die Sonnen aufgingen, würden sie wieder zu ihren Gesängen anheben und die einsame Bergwelt mit ihren Stimmen füllen.
Die Mönche waren nicht mehr jung. Sie hatten seit mehr als vierzig Jahren keinen Novizen mehr aufgenommen, doch dies würde sich ändern, wenn die Zeit gekommen war. Der Abt selbst, gekleidet in mitternachtsblaue Gewänder, war beinahe hundertzwanzig Jahre alt. Als Dank dafür, dass er sein Dasein der vielgestaltigen Götterwelt der Berge widmete, war ihm ein ungewöhnlich langes Leben geschenkt worden.
Der Abt fühlte, dass etwas nicht stimmte. Schon während des Gebets war er unkonzentriert gewesen, etwas, was ihm für gewöhnlich nicht so leicht passierte. Er hatte eine Veränderung gespürt.
Anstatt mit den anderen Mönchen zum Essen zu gehen, bat er zwei Wächtermönche, mit ihm zu kommen. Gemeinsam stiegen sie im Schein einer Pechfackel die Wendeltreppe ins Innere der Himmelsspitze hinab, jenes Berges, an dessen Hang das Weiße Kloster vor Tausenden von Jahren gebaut worden war.
Schließlich hielten sie vor einer Tür aus weißem Granit. Der Abt rezitierte mit gesenktem Kopf die Worte, mit denen er um Einlass in die Halle der Zeit bat. Nur den Wächtern und dem Abt war es gestattet, die heilige Halle zu betreten.
Flache, mit Lampenöl gefüllte Steinschalen an den Wänden erhellten die Halle mit einem goldenen Schein. In ihrer Mitte befand sich jener Teppich, der der Grund für den Bau dieses Klosters gewesen war. In prächtigen Farben leuchtete er auf dem Steinboden der Halle. Der Abt trat an den Abschnitt heran, an dem sich Skyles Schicksal selbst wob.
Die Fäden des Teppichs verknüpften sich miteinander und lösten sich wieder, nur um sogleich neue Verbindungen einzugehen. So entstand ein verwirrendes Muster, zu vielschichtig, um es auf Anhieb zu begreifen. Der Abt sann lange darüber nach, was die nahe Zukunft der Welt bringen mochte. Die ferne Zukunft veränderte sich so stetig und so gravierend, dass es keinen Zweck hatte, sie deuten zu wollen. Es waren die Wesen dieser Welt selbst, die mit jeder Entscheidung, die sie fällten, die Zukunft formten.
Er stutzte. Es gab Dutzende Fäden, die sich immer wieder kreuzten. Er verfolgte sie durch die Knotenreihen zurück und sah, dass sie den Mustern längst vergangener Jahrhunderte entsprangen. Das war nichts Besonderes. Es gab viele Geschöpfe in Skyle, die viel älter wurden als die kurzlebigen Menschen. Doch dass diese Muster zusammenliefen, irritierte ihn. Er konnte nicht sagen, ob die Muster ein Ereignis ankündigten oder ob sie sich auf Personen bezogen. Was auch immer sie bezeichneten: Ihr Zusammenlaufen im Zeitteppich bedeutete Ärger.
Er seufzte tief. Skyle standen schwere Zeiten bevor.
Winter 1044
Zweites Jahrtausend der Neuen Zeit von Skyle
52. Jahr der Regentschaft der Frühlingskönigin
• 10 •
Der Glaspalast der Frühlingskönigin thronte als schillerndes Juwel über den Wasserfällen von Jazli, einige Meilen außerhalb von Primavera Melody. Am Morgen gingen die Zwillingssonnen golden vor den Toren des Palastes auf. Am Abend versanken sie blutrot in den Fluten der Wasserfälle und Seen hinter seinen weißen Mauern.
Gerade erhoben sich die Zwillingssonnen von ihrer Nachtruhe und schoben sich durch den Schleier der Sturmwand über den Horizont. Wo ihre Strahlen auf das milchige Glas trafen, brachen sie sich und ließen die Wände erstrahlen. Wie ein eingefangener Regenbogen schimmerte der Palast und tauchte die Wasserfälle zu seinen Füßen in ein Kaleidoskop aus Farben.
Fly stand am Fenster und blickte in die hinabstürzenden Fluten. Hier drinnen kam das Getöse der Wassermassen nur als leises Rauschen an. Die Architekten des Palastes hatten mit den Magiewebern dafür gesorgt, dass kaum ein Laut die Glaswände durchdrang.
Hinter den Wasserfällen von Jazli und den dazugehörigen Seen erstreckten sich die Ebenen des Frühlingsreiches, deren fruchtbarer Boden Skyles Kornkammern bildete. Felder und Hügel waren seit diesem Morgen mit einer dünnen Schneedecke überzuckert. Das Weiß des Landes verschmolz im Südwesten mit dem Weißgrau der Sturmwand und dem blauen Himmel. Fly liebte dieses Land über alles, seine Weite, die liebliche Landschaft, das milde Klima. Dass es in der vergangenen Nacht geschneit hatte, grenzte an ein Wunder. Es war Jahre her, dass es im Frühlingsreich Schnee gegeben hatte, noch dazu so früh im Winter. Es juckte sie in den Fingern, hinauszugehen und in dem knirschenden Schneezucker eine Schneeballschlacht mit Juuba anzuzetteln.
Von hinten näherten sich leise Schritte. Ihre Mundwinkel zuckten nach oben, doch sie blieb, wo sie war. Erst, als Juuba bis auf wenige Armlängen herangekommen war, drehte sie sich um. Dabei zog sie einen ihrer Wurfdolche aus seiner Scheide und parierte damit Juubas Schwertstreich, der ihrer Kehle gegolten hatte. Sofort zog sie den Dolch zurück und duckte sich unter dem nächsten Schlag weg. Gleichzeitig setzte sie einen gut gezielten Beinfeger an und riss Juuba zu Boden.
Juuba stürzte schwer. Ihr Schwert glitt einige Meter über den Glasfußboden. Nur einen Augenblick später war Fly über ihr und setzte ihr den Dolch an die Kehle. Sie starrten sich an. Flys smaragdgrüne Augen bohrten sich in Juubas braune.
Dann zog Fly den Dolch zurück und richtete sich auf. »Du wirst besser«, lobte sie ihre Freundin und half ihr auf die Beine.
Juuba schüttelte den Kopf. »Ich bin immer noch nicht gut genug, um dich zu schlagen.« Betrübt ging Juuba, um ihr Schwert zu holen.
»Keine Sorge, irgendwann schaffst du auch das«, munterte Fly sie auf und klopfte Juuba auf die Schulter. »Komm. Wir sollten die Königin nicht warten lassen.«
Juuba senkte den Blick. »Sehr wohl«, sagte sie, doch sie konnte nicht lange ernst bleiben. Sie hüpfte an Fly vorbei den Flur entlang, der zu den Gemächern der Frühlingskönigin führte. Fly folgte ihr. Sie genoss das Vertrauen, das Ihre Majestät ihr entgegenbrachte. Es war nach wie vor eine große Ehre, bei den wöchentlichen Audienzen dabei zu sein und es machte doppelt so viel Spaß, wenn Juuba dabei war.
Bald schon hatte sich ihr ausgelassenes Hüpfen zu einem fröhlichen Wettrennen entwickelt. Vor der hohen, doppelflügligen Quarzglastür, die zum Morgensalon der Königin führte, blieben sie keuchend stehen. Eine Weile rangen sie nach Luft, dann überprüfte Fly den Sitz ihrer Uniform, warf einen kurzen Blick auf Juubas Kleidung und klopfte entschlossen an die Tür.
»Herein!«, tönte es durch das milchige Glas.
Juuba warf Fly einen raschen Blick zu. »Die Königin scheint gute Laune zu haben.« Sie öffnete den Türflügel, woraufhin eine Folge heller Glockentöne erklang. Juuba nahm Haltung an und ging hinein. Fly folgte ihr. Sie liebte Morgende wie diesen, an denen ihr alles perfekt schien.
• 11 •
In dicken, weißen Flocken fiel der Schnee vom nächtlichen Himmel und legte sich auf die gerefften Segel, die breite Reling und die Bohlen des Oberdecks. Raven lehnte rauchend am Brückenaufgang und beobachtete, wie das Schiff nach und nach von der weißen Schicht überzogen wurde. Die Luke, die auf das Gefangenendeck des Schoners führte, war bereits verschwunden. Dort unten saßen die vier Menschen, die sie in den vergangenen Tagen aufgespürt hatten. Kingston hatte beschlossen, dass sie dieses Mal nach Autonne Gale segeln sollten, um ihre Beute direkt an die Soldaten des Herbstkönigs zu übergeben. Aktuell lagen sie eine halbe Tagesreise vor der Hauptstadt des Herbstreiches vertäut, morgen würden sie Gale erreichen.
Raven war es egal, wohin sie segelten, solange er die Gelegenheit bekam, ein paar neue Aufträge anzunehmen. Er überlegte, ob er zu den Gefangenen hinuntersteigen sollte, um ihnen einen kurzen … Besuch abzustatten, doch er verwarf diesen Gedanken wieder. Tot nützten sie ihm weniger als lebend. In der Regel sank die Höhe des Kopfgelds, je schlechter der Zustand der Gesuchten war. Nur wenige Aufträge waren mit einem Tot-oder-lebendig-Siegel versehen, jenem kleinen Symbol, das es Raven erlaubte, seinem Lieblingsspiel nachzugehen: die Beute zu Tode zu hetzen. Er fletschte in seiner schuppigen Schnauze ein mächtiges, mehrreihiges Gebiss. Einen Lidschlag später war von der monströsen Schnauze nichts geblieben als ein breites Feixen, dazu das mörderische Funkeln in seinen Augen.
Er hatte beim Jagen schon lange nicht mehr richtig Spaß gehabt. Höchste Zeit, sich in Autonne Gale ein paar anständige Aufträge zu besorgen. Mit einem Seufzen stieß er den Rauch aus und schnippte den glimmenden Zigarettenstummel in den frischen Schnee. Nachtwachen waren echt das Letzte. Er freute sich schon auf die Hauptstadt, auch wenn das Wetter im Herbstreich zu dieser Jahreszeit wenig anheimelnd war. Ob der kleine schwarzhaarige Kater aus der Straße bei den Casinos noch seinem Gewerbe nachging? Es war fast zwei Jahre her, seit er das letzte Mal in Gale gewesen war, die letzten Aufträge hatte er sich in anderen Städten gesucht. Die meiste Zeit waren sie mit dem Schoner im Frühlings- und Sommerreich unterwegs gewesen – besseres Wetter, leichtere Beute. Wenn ein Gesuchter in den Wälder des Herbstreiches abtauchte, war das Aufspüren eine elende Schinderei. Die Hauptstadt des Herbstreiches war nicht sein liebster Aufenthaltsort, nicht zu vergleichen mit Moon Bay, Tolpor oder Primavera Melody, aber besser als nichts. Und der schwarzhaarige Kater … Wenn er noch im Geschäft war, würde er ihm einen Besuch abstatten. Seine Streifzüge machten ihm besonders Spaß, wenn er alte Bekannte traf.
»Hör auf, so anzüglich zu grinsen, Raven.«
Eine belustigte Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Raven blickte in die Takelage, aus der die Stimme gekommen war, und ließ die langen schwarzen Krallen an seinen Händen verschwinden, die er instinktiv ausgefahren hatte. Dann strich er sich das eisblaue Haar aus der Stirn und legte den Kopf schief. »Was willst du, Wolf?«
»Dich besuchen, was sonst?« Wolf sprang aufs Deck und landete sicher neben dem Fockmast. Er ging zu Raven und umarmte ihn fest. »Schön, dich zu sehen.«
»Gleichfalls«, antwortete Raven und erwiderte die Umarmung.
Sie ließen sich auf die Stufen zum Deckaufbau sinken.
Raven zog einen Flachmann mit Rum aus der Manteltasche, nahm einen Schluck und reichte ihn Wolf. »Wir haben ein paar Pakete bei den Herbsttruppen abzuliefern. Wenn du noch einen Tag gewartet hättest, hätte ich dich in Gale besucht.«
»Ich war sowieso auf dem Unteren Wolkenmeer unterwegs, als ich dich gerochen habe.«
»Verstehe. Wo warst du?«
»Bei Viper.«
»Ich dachte, du hättest nichts mehr mit dem Südlichen Drachenkaiser zu schaffen.«
Wolf zuckte mit den Achseln. »Er hatte mich gebeten, vorbeizukommen, weil er einen Auftrag für mich hatte.«
»Hast du ihn angenommen?«, fragte Raven neugierig.
»Ja, ich konnte ihn gleich vor Ort erledigen. Außerdem habe ich Crow getroffen. Es geht ihm gut.«
Raven verzog den Mund, als er an seinen kleinen Bruder dachte. »Schön für ihn.« Er lehnte sich zurück und hielt das Gesicht den Schneeflocken entgegen. Sie kitzelten auf seiner Haut wie winzige Eisfedern.
»Apropos Drachenkaiser. Hat Scarab sich bei dir gemeldet?«
Das Bild der Westlichen Drachenkaiserin stieg vor Ravens innerem Auge auf. Er schüttelte den Kopf. »Nein. Sie dürfte für den Winter aber in ihrem südlichen Versteck sein. Wollen wir sie besuchen?« Sie hatten ihre alte Freundin schon viel zu lange nicht mehr gesehen.
»Ich vermute, sie hat genug zu tun«, meinte Wolf. »Sie wird sich melden, wenn sie Zeit hat.« Er trank einen Schluck Rum. »Wie lange wird sie sich noch aus der Menschenpolitik heraushalten können?«
»Keine Ahnung«, antwortete Raven. »Nicht mehr lange, wenn ich mir die letzten Entwicklungen angucke.«
»Meinst du die Winterrebellen?«
»Ja, und den Umstand, dass auf immer mehr Drachen grundlos Kopfgelder ausgesetzt werden.«
»Dann stecken die Frühlingskönigin und die Marine dahinter. Das geht auch wieder vorüber. Wir können unsere Kopfgelder einfach aussitzen, bis sie verjährt sind.«
Raven schüttelte den Kopf. »Diesmal nicht. Ich habe Gerüchte gehört, dass die Exorzisten wieder unterwegs sein sollen.«
Wolf ließ den Flachmann, den er an die Lippen gehoben hatte, wieder sinken. »Die Drachentöter sind zurück? Bist du dir sicher?«
Raven hob abwehrend die Hände. »Das sind nur Gerüchte. Ich weiß nicht, wie viel dran ist.«
»Aber wenn sie wahr sind, dann werden die Drachenjagden wieder beginnen.«
»Vermutlich«, stimmte Raven Wolf unbekümmert zu. Mit ihren Fähigkeiten brauchten sie sich wenig Sorgen um die Exorzisten zu machen.
»Vielleicht ist die Zeit reif«, überlegte Wolf. »Vielleicht sollte ich meine Pläne endlich fertigstellen.«
Raven betrachtete ihn von der Seite. In der Dunkelheit schimmerten die eingeflochtenen Silberperlen an Wolfs Strähne blass. »Die Baupläne? Dann willst du das Schiff wirklich bauen?«
»Was dachtest du denn?«, kam Wolfs belustigte Gegenfrage. »Dass ich die Pläne nur zum Spaß zeichne?«
»Bei dir weiß man nie«, erwiderte Raven leichthin und nahm den Flachmann entgegen.
»Ja, es ist Zeit«, verkündete Wolf. »Kannst du jemanden für mich suchen?«
»Kommt drauf an, wie gut du mich bezahlst.«
»Ich möchte für den Bau das alte Team der Wonder zusammentrommeln, aber ich weiß nicht, wo Kel steckt. Er ist ein Rjtak und sollte sich irgendwo im südlichen Herbstreich aufhalten. Er agiert unter dem Namen ›der Zerleger‹.«
Raven brummte unbestimmt.
Wolf erhob sich. »Sag mir Bescheid, wenn du dich entschieden hast. Du weißt ja, wo du mich findest.«
»Willst du schon wieder los?«
»Ja. Wenn ich die Pläne vervollständigen will, dann habe ich noch viel zu tun.«
Raven blieb sitzen. »Halt die Augen offen, vielleicht hörst du in Gale etwas über unsere Exorzistenfreunde.«
»Mache ich. Wir sehen uns!« Damit verschwand Wolf. Raven trank den letzten Schluck Rum und schloss die Augen. Um ihn herum versank die Welt in kalter Stille.
• 12 •
Der Wind scharrte über die Dünenkämme und riss den Sand in langen Schlieren mit sich. Hawk spürte das feine Reiben der Sandkörner auf der Haut, während er durch die Straßen des kleinen Ortes lief. Sandstürme waren auf dem Wüstenkontinent nichts Ungewöhnliches, und dieses war ein natürlicher, kein magischer. Die Sturmwand hinter den südlichen Gebirgszügen hatte seit Jahren keine Stürme mehr gesandt. Ob die Große Sandschlange sie davon abhielt? Aber sie schlief, wenn er den Rjtak glauben konnte, und würde nicht erwachen, ehe sie nicht den Haupttempel zurückerobert hatten. Hawks Blick suchte automatisch das grauschwarze Band der Sturmwand im Südosten, obwohl sein Blick von den Gebäuden ringsum verstellt wurde. Solange der Sandsturm über der Wüste tobte, saß er mit seiner Truppe in diesem Nest fest, doch Hawk kam das sehr gelegen.
In der Mitte des Städtchens erhob sich der Stamm eines mächtigen Drachenbaumes, um den sich die flachen Häuser scharten wie Küken um die Glucke. Nur der Drachenbaum erinnerte noch an die Erbauer der Stadt, sonst war jede Erinnerung an sie ausradiert worden. Hawk kannte nicht einmal mehr den alten Namen des Baumes. Der Sommerkönig war bei der Auslöschung der Baumhüter und ihrer Kultur sehr gründlich gewesen.
Hawk hatte diesen Senatsauftrag genutzt, um mit Crimson-Flower-Mitgliedern entlang der Westküste in Kontakt zu treten und sich über ihre Lage zu informieren. Diese Stadt war der letzte Halt für ihn und seine Truppe, bevor sie nach Estate Phoenix zurückkehrten. Trotz des Risikos, in einer kleinen Stadt wie dieser aufzufliegen, hatte er ein Treffen vorgeschlagen. Denn wann waren die Treffen von Aufrührern und Revolutionären je risikofrei gewesen? Ihre bloße Existenz war bereits ein Risiko. Hawk war schon zu lange Teil des Spiels, um sich von einer Organisation wie dem Sommerrat und seinen Marionetten einschüchtern zu lassen.
Bald stand er vor einer niedrigen Tür, die in ein flaches, unscheinbares Gebäude führte, genauso nichtssagend wie die Straße, in der es sich befand. Hawk hatte darauf geachtet, dass ihm niemand folgte. Dennoch blickte er sich einmal um, ehe er seinen linken Handschuh auszog und die Handfläche auf die Tür legte. Das Holz glomm unter seiner Berührung einmal auf, dann öffnete sich die Tür knarrend nach innen. Hawk zog seinen Handschuh wieder an, zufrieden, dass ihr neuer Sicherheitsmechanismus so gut funktionierte.
Sie hatten davon Abstand genommen, Losungen oder Klopfrhythmen zu benutzen. Diese Methoden waren einfach zu unsicher. Stattdessen hatten sie die Rjtak um Hilfe gebeten, die ihnen einen alten Schutzzauber als Gegenleistung für eine Reihe anderer Gefallen geboten hatten. Eines ihrer Schutzhäuser wurde mit der Wüstenmagie belegt, die es nur befugten Personen erlaubte, das Gebäude zu betreten. Wurde der Personenkreis erweitert, musste die neue Person von jemandem in den Zauber eingeführt werden, der das Haus bereits betreten konnte. Diesen Zauber mussten sie an jedem neuen Ort neu initiieren. Entsprechend wurde jedes neue Schutzhaus für jedes Mitglied von Crimson Flower neu entschlüsselt.
Hawk hatte Sorge getragen, dass er derjenige war, der als einziger von Anfang an Zugang zu allen Schutzhäusern im Sommerreich hatte. Er war der Hüter der Schutzhäuser und einiger anderer Räume und Gebäude, von denen die meisten anderen Mitglieder nicht einmal ahnten, dass sie existierten. Inzwischen gab es darüber hinaus mehrere Orte, die Crimson Flower nutzte, aber deren Lage er selbst nicht kannte. Falls es jemals dazu kam, dass jemand ihm die Geheimnisse von Crimson Flower abzwang, gab es so immer noch Schutzhäuser, in die sich die anderen Führungsmitglieder zurückziehen konnten.
Er ging durch einen kurzen Flur und betrat einen von Öllampen erhellten Raum. Zwielicht fiel durch die vergitterten Fensteröffnungen.
»Da bist du ja!«, sagte Kinu, eine der Rjtak in ihren Reihen, und erhob sich. Allgemeines Stühlerücken folgte, als der Rest ihrem Beispiel folgte. Hawk begrüßte die Rjtak, indem er ihren Unterarm umfasste. Sie schenkte ihm ein blitzendes Lächeln. Ein alter Mann mit schlohweißem Haar und einem sonnengegerbten, faltigen Gesicht kam ihm entgegen.
»Hawk«, begrüßte er ihn und neigte den Kopf. »Willkommen.«
»Resul. Ich hätte nicht erwartet, dich hier zu sehen.« Hawk hatte angenommen, dass Resul sich irgendwo im Nordosten des Kontinents herumtrieb. Dass er hier war, kam ihm entgegen. Er hatte einiges mit ihm vor.
Resul betrachtete Hawk amüsiert. »Ich habe gehört, dass du hier durchkommen würdest, deswegen bin ich ein wenig länger geblieben. Und ich habe jemanden mitgebracht.« Er machte eine auffordernde Geste zum anderen Ende des Raumes.
Eine Frau trat aus den Schatten. »Sayed Hawk«, sagte sie und verbeugte sich tief. »Es ist mir eine Ehre.«
Hawk lächelte kurz. »Arzu, lass die Ehrenbezeugungen. Ich habe sie weder verdient, noch erstrebe ich sie. Es ist gut, dich zu sehen.«
Arzu richtete sich auf und strahlte Hawk an. Ihre Zähne leuchteten im Halbdunkel.
Hawk blickte sich um. »Setzt euch! Wir haben viel zu besprechen.« Die Anwesenden ließen sich nieder, doch Arzu blieb stehen.
»Was ist los?«, fragte Hawk. »Setz dich, habe ich gesagt!«
Arzu zögerte noch immer, dann nahm sie ebenfalls am Tisch Platz. Das Licht der Öllampen fiel auf ihre dunkle Haut und Hawk erkannte den Grund für ihre Unsicherheit: Ihre rechte Gesichtshälfte war von einem Netz schimmernder Narben entstellt, die sich ihren Hals hinunterzogen und unter ihrem leichten Gewand verschwanden. Einige Narben waren kaum zu sehen, andere waren wiederum wulstig und schlecht verheilt. Es grenzte an ein Wunder, dass ihr Auge nicht in Mitleidenschaft gezogen worden war.
Arzu senkte beschämt den Kopf. Ein Vorhang dunkler Haare verdeckte ihr Gesicht. »Vergib mir, Sayed«, flüsterte sie leise.
Hawk runzelte die Stirn. »Lass die Förmlichkeit. Wer hat das getan?«
Die junge Frau schwieg.
»Das war eine Gruppe Sklavenhändler aus dem Süden«, ergriff Resul das Wort. Seine Stimme klang trotz seines Alters klar. »Sie haben Arzu in ihre Gewalt gebracht, als sie versucht hat, die Sklaven zu befreien.«
Hawks Augen verengten sich zu Schlitzen. Hinter seiner Stirn begann es, fieberhaft zu arbeiten.
»Wie lange warst du gefangen?«, fragte er schärfer als beabsichtigt.
Arzu zuckte unter dem Klang seiner Stimme zusammen. »Sechs … sechs Tage«, hauchte sie.
»Wir sind ihr zu Hilfe gekommen, so schnell es ging«, schaltete sich Resul ein.
Hawk betrachtete Arzu nachdenklich. »Haben sie irgendetwas von dir erfahren?«
Der Kopf der jungen Frau ruckte hoch. Sie starrte Hawk mit angstgeweiteten Augen an. »Nein, nichts! Ich schwöre es, Hawk! Ich habe kein Wort gesagt!«
»Gut.« Hawk machte sich keine Illusionen. Wäre Arzu den Folterknechten der Sommertruppen in die Hände gefallen, hätte sie geredet. Alle Mitglieder der Führungsriege von Crimson Flower waren darauf eingestellt, für ihre Überzeugung zu sterben, doch systematische Folter brachte selbst die abgebrühtesten Veteranen zum Reden. Aber mit den Sklavenhändlern hatte Arzu zweifelhaftes Glück gehabt. Wenn sie sagte, dass sie nichts verraten hatte, dann glaubte er ihr, wie Resul es offensichtlich auch tat. Sie gehörte zum inneren Kreis. Sie hatte sein Vertrauen verdient.
Er wandte seine Aufmerksamkeit den anderen Anwesenden zu. »Welche Neuigkeiten gibt es aus den Stammesgebieten?«, fragte er.
»Nichts Neues«, antwortete ein Mann mittleren Alters. »Aber wir stehen in Kontakt. Kinu?«
Die Rjtak verneinte. »Ich habe seit Monaten nichts mehr gehört.«
Hawk schürzte die Lippen. Nicht zu ändern. »In Ordnung. Hat jemand Nachrichten aus dem Winterreich?«
Eine Frau nickte. »Die Winterrebellen halten weiterhin die Stellung, und die Frühlingskönigin hat eine neue Flotte losgeschickt.«
»Obwohl der Winter kommt?«, fragte jemand.
»Offensichtlich kümmert es sie nicht, wie viele Schiffe sie verliert. Aber diese Offensive wird die letzte vor den Winterstürmen sein.«
»Das bedeutet, die Königin wird uns mehr Aufmerksamkeit schenken können«, bemerkte Resul.
Hawk hatte dasselbe gedacht.
»Aber erst nach der Sturmpause«, warf Arzu ein.
»Das heißt nicht, dass ihre Planungen bis dahin ruhen«, gab Hawk zu bedenken. Wie er die Königin kannte, hatte sie mehr als einen Trumpf im Ärmel. Sie mussten auf der Hut sein.
»Der Winterkönig hält sich nach wie vor zurück«, schloss die Frau ihren Bericht. Hawk war nicht überrascht. Der Winterkönig war der Frühlingskönigin und der Marine militärisch unterlegen, selbst wenn sich die Wintergarde mit den Rebellen zusammenschloss. Er konnte allerdings nicht abschätzen, wie lange die Situation im Norden noch so bleiben würde, bevor sie endgültig eskalierte. Er hoffte, dass die Winterrebellen weiterhin dem Ansturm der Marine standhielten. So bestand die Chance, dass sich Crimson Flower mit den Winterrebellen verbünden konnte, falls sie irgendwann gegen die Frühlingskönigin ziehen sollten. Aber das lag noch in weiter Ferne. Der Sommerrat war ihr dringlichstes Problem und erstes Ziel.
»Wie steht es mit den Wasservorräten im Osten?«, erkundigte Hawk sich ernst.
»Auf Cormorant Island kümmert sich Drachenkaiser Viper um Nachschub. Auf dem Kontinent sieht es schlecht aus. Loroch und Zwyn sind fast komplett trocken«, antwortete Hadi, einer ihrer stärksten Kämpfer, der Resul auf allen Reisen begleitete.
»Loroch und Zwyn?« Das waren zwei der größten Siedlungen im Osten des Kontinents. Hawk seufzte. Schlechte Nachrichten. Sie mussten so schnell wie möglich handeln. »Wie weit sind die Planungen für die Wassertransporte?«, fragte er Resul.
»Die erste Sandschlitten-Karawane ist bereits auf dem Weg.«
»Sehr gut.«
»Was macht der Rat?«, fragte Resul im Gegenzug.
»Ich bin seit einigen Wochen nicht mehr in Phoenix gewesen, aber beim letzten Mal konnten sie sich noch nicht einmal darüber einig werden, ob sie überhaupt etwas gegen uns unternehmen wollen. Die Truppen werden wie immer zum Winter in Phoenix und Port Gallowsway zusammengezogen. Es gibt ein paar vielversprechende Neulinge, die inzwischen mit dem Training angefangen haben dürften.«
»Meinst du, wir können von ihnen welche rekrutieren?« Hadi dachte wie immer voraus.
»Wenn wir es geschickt anstellen, ja. Aber wir sollten noch ein paar Wochen warten.« Hawk blickte in die Runde. »Sobald ich in Phoenix ankomme, werde ich einen Bericht über die Hafenstädte an der Westküste abliefern, in dem ich davon erzähle, dass alle Sklaven unschädlich gemacht wurden. Der Spähtrupp, der bei mir war, wird diesen Bericht bestätigen, weil sie glauben, dass sie genau das gesehen haben. Seht zu, dass ihr die Sklaven so schnell wie möglich vom Kontinent wegbringt.«
Arzu tauschte einen Blick mit Kuni. »Wir werden uns darum kümmern.«
»Wir haben die Sklaven aus den Transporten im Süden in die Stammesgebiete gebracht. Die Rjtak sind einverstanden, sie bis zum Frühling aufzunehmen«, fügte Hadi hinzu.
»Ich weiß, ich bin bereits verständigt worden«, sagte Hawk. »Das Wichtigste ist jetzt, dass wir uns auf den Sommerrat konzentrieren und dabei der Frühlingskönigin aus dem Weg gehen. Wir müssen hoffen, dass die Winterrebellen sie noch bis zu den Winterstürmen beschäftigen.«
»Was sagen unsere Gruppen an der Westküste?«, fragte Hadi.
Hawk dachte an seine letzten Treffen. »Sie sind bereit. Wir werden den Sommerrat dieses Jahr während der Winterstürme stürzen können.«
Hadi nickte zufrieden. Auf Arzus entstelltes Gesicht stahl sich ein Lächeln.
»Im Hinblick auf die Pläne sehe ich übrigens noch eine Reihe von Problemen«, sagte Resul.
Hawk machte es sich auf seinem Stuhl bequem. »Also gut. Lass hören.« Es würde ein langer Nachmittag werden.
• 13 •
Stimmengewirr und Gelächter drangen aus dem Schankraum in die Küche, wo Lynx mit routinierten Handgriffen das Essen zubereitete. Der White Dragon war wie immer bis auf den letzten Platz besetzt und Mitsu hatte heute frei. Ferry hatte sie kurz zuvor abgeholt. Heute Abend hatte er endlich den Mut aufgebracht, mit ihr auszugehen. Er hatte mit einer weißen Pfeffernelke, einem hochroten Kopf und einem etwas dümmlichen Grinsen auf sie gewartet. Lynx konnte sich nicht daran erinnern, Mitsu jemals so glücklich gesehen zu haben.
Sie dachte an die Nachricht, die Ferry außerdem für sie dabeigehabt hatte. Varg hatte sie geschickt, zusammen mit einem Strauß Feuerlilien. Varg, der merkwürdige, geheimnisvolle Varg, der in der letzten Zeit so oft bei ihr im White Dragon gewesen war. Jetzt war er schon seit über einer Woche nicht mehr aufgetaucht, und heute brachte Ferry Vargs Entschuldigung, dass er in nächster Zeit nicht kommen würde. Was er wohl trieb? Lynx machte sich ein wenig Sorgen. Sie erinnerte sich nicht, wann sie das letzte Mal so viel Kontakt zu einem anderen Drachen gehabt hatte. Varg hatte recht, es gab nicht mehr viele von ihnen. Nicht seit Beginn der Drachenjagden vor achthundert Jahren, noch vor ihrer Geburt. Drachen waren nie besonders zahlreich gewesen, wenn man den Legenden Glauben schenken durfte.
»Kajin!«
Sakuras Stimme riss sie aus ihren Grübeleien. Das Mädchen kam durch die Schwingtür zum Schankraum, die Arme voll mit dreckigem Geschirr. »Wir müssen die Bestände für die obere Bar aufstocken!«, rief sie Lynx über die Schulter zu.
»Ich kümmere mich darum. Hakaze?«
Hakaze tauchte lautlos neben Lynx auf, blass und unscheinbar wie immer.
»Lass dir von Sakura sagen, was fehlt. Und sieh nach, was wir noch in den Vorratskammern haben.«
Hakaze nickte und verschwand so still, wie sie gekommen war.
Lynx wandte sich wieder den Töpfen und Pfannen zu. Um sie herum wirbelten die Mädchen, rührten in Töpfen, bereiteten Zutaten vor, wuschen ab, machten Teller zurecht, brachten Tabletts mit Speisen in den Gastraum und kehrten mit noch mehr dreckigem Geschirr zurück. Emsiges Geklapper, helle Stimmen und Gelächter erfüllten die Küche, zusammen mit den Gerüchen der Speisen und leichtem Schweißdunst. Lynx fühlte sich inmitten dieser Betriebsamkeit wohl. Sie liebte es, mit den Mädchen in der Küche zu arbeiten, genauso wie sie es liebte, draußen bei ihren Gästen hinterm Tresen zu stehen. Der White Dragon war ihr Ruhepol, ihre Oase in Autonne Gale, dieser Stadt voll altem Glanz und Verfall.
Vor einigen Tagen hatte es das erste Mal geschneit. Der Schnee war zwar nicht liegengeblieben, aber er hatte klar gemacht, dass der Winter endgültig Einzug gehalten hatte. Nicht mehr lange, dachte Lynx sorgenvoll, und Schnee und Winterstürme würden die Hauptstadt des Herbstreiches wieder in ihre eisigen Fänge nehmen. Die Winter auf den Herbstinseln waren stets hart und lang, wenn auch nicht so extrem wie auf den Winterinseln hoch im Norden. Doch dieses Mal würden sie Probleme bekommen. Die ohnehin schon karge Ernte war bei der anhaltenden Feuchtigkeit verfault, die Wälder, in denen sonst gejagt wurde, waren versumpft. Bis vor knapp einer Woche hatten sich starke Winde und sintflutartige Regenfälle abgewechselt, und jetzt kam auch noch der Schnee.
Besorgt dachte Lynx an die zu Neige gehenden Vorräte in der Stadt. Das Wetter hatte dafür gesorgt, dass die Schiffe der großen Handelsflotten erst spät oder gar nicht eingetroffen waren, und so waren die meisten Getreidelieferungen von den Frühlingsinseln im Osten ausgeblieben. Noch konnten sie das Fehlen des Getreides mit Nussmehl ausgleichen, das aus Früchten der Wälder des Herbstreiches gewonnen wurde. Doch schon jetzt waren Getreide und Mehl fast ihr Gewicht in Cœurs wert. Lynx hatte ausreichende Rücklagen, um über den Winter zu kommen, aber danach würde es schwierig werden. Für die meisten anderen Einwohner von Gale sah es anders aus, vor allem, da die alljährlichen Steuererhöhungen um Mittwinter noch bevorstanden. Sie waren abhängiger denn je von den Launen der Frühlingskönigin, die jedes Jahr die Steuern in neue Höhen trieb. Die Königin war nicht das offizielle Oberhaupt des Herbstreiches, aber der Herbstkönig war nichts weiter als eine Marionette in ihrem Kabinett – sie ordnete an, die Schergen des Herbstkönigs führten ihre Befehle aus. Der Herbstkönig war eine traurige, heruntergekommene Gestalt, weltfremd und halb verrückt vor Angst. Soweit Lynx wusste, hatte er Crown's End seit Jahren nicht mehr verlassen. Er würde nichts gegen die drohende Hungersnot unternehmen, denn nichts anderes war es, was Autonne Gale bevorstand. Lynx schauderte, wenn sie an die Leute dachte, die diesen Winter nicht überstehen würden. Wer in Gale lebte, hatte wenigstens noch eine Chance, aber die Leute in den kleineren, abgelegeneren Orten …
»Kajin.«
Lynx zwang sich, ihre Aufmerksamkeit in die Gegenwart zurückzulenken. Hakaze stand neben ihr und Lynx fragte sich, wie lange sie ihren Gedanken nachgehangen hatte.
Sie schenkte Hakaze ein freundliches Lächeln. »Wie sieht es aus?«, fragte sie das Mädchen. »Haben wir noch alles, was wir für die obere Bar brauchen?«
Hakaze nickte stumm.
»Hervorragend! Kannst du die Sachen nach oben bringen?«
Hakazes »Ja« war kaum vernehmlich, ehe sie verschwand.
Lynx' Blick fiel auf Vargs Feuerlilien, die eines der Mädchen in eine Vase gestellt hatte. Warum schickte Varg ihr Blumen? Ihr fiel plötzlich ein, dass Ferry noch etwas gesagt hatte. Varg hatte ausrichten lassen, sie würde die Bedeutung der Blumen erkennen. Lynx starrte den Strauß an. Welche Bedeutung hatten Feuerlilien?
Sakura steckte den Kopf in die Küche. »Kajin, kannst du uns draußen helfen?«
»Ich komme«, sagte sie und sah sich um. »Schafft ihr das hier ohne mich?«, fragte sie in die Runde. Die Küchenmannschaft bejahte einhellig. Lynx wechselte ihre Küchenschürze gegen die weiße Rüschenschürze aus, die sie im Ausschank trug, und löste ihren geflochtenen Zopf, sodass ihr Haar in moosgrünen Kaskaden über Rücken und Schultern fiel. Dann griff sie nach der Vase mit den Feuerlilien und verließ die Küche.
Eine Weile war sie ganz und gar eingenommen von dem Geschehen an der Bar und im Schankraum. Handwerker, Händler, Soldaten, Tagelöhner, Fabrikbesitzer – es machte keinen Unterschied, wer sie waren, woher sie kamen, ja, es machte noch nicht einmal einen Unterschied, welchem Volk sie angehörten: Hier waren sie einander so ähnlich wie an keinem anderen Ort im Herbstreich. Ihr Wirtshaus war für sie alle neutraler Boden. Lynx staunte immer wieder darüber, was ein wenig Tintenmagie bewirkte. Die wenigsten Gäste bemerkten beim Eintreten die verblassten Schriftzüge auf der Schwelle und dem Türrahmen. Lynx würde die Zauber bald wieder erneuern müssen.
Die Tür zum Dragon öffnete sich und eine Gruppe Leute trat ein. Lynx stutzte, dann richtete sie sich erwartungsvoll auf. Während sich die anderen zurückhielten, kam eine Frau zur Bar und legte unauffällig ein Siegel auf den Tresen. Headhunter. Lynx hatte sich nicht geirrt. Warum hatte sie bis jetzt nicht gewusst, dass sie in der Stadt waren? Sie betrachtete das Siegel, ehe sie kurz den Kopf senkte und die Frau es wieder einsteckte.
Lynx suchte den Blick der Frau. »Willkommen im White Dragon.«
Die Frau erwiderte ihren Gruß mit einem Lächeln.
Lynx ging an dem Regal hinter der Bar vorbei und zur Treppe hinüber. In dem hellen Paneel daneben verbarg sich eine Tür, die Lynx mit geübten Handgriffen öffnete. Die Headhunter traten nacheinander ein.
Lynx wollte gerade die Tür hinter ihnen schließen, als ihr Blick auf den letzten der Headhunter fiel. Er schlug seine Kapuze zurück und sein Haar kam zum Vorschein. Es war kurz geschnitten und stand unordentlich strubbelig von seinem Kopf ab, wie es in Primavera Melody gerade Mode war. Doch die Frisur war es nicht, die Lynx stocken ließ. Es war die Farbe des Haares: Es war blau, ein helles, kaltes Eisblau. Jeden Augenblick erwartete Lynx, dass ein frostiger Windstoß aufkam und sich an den Haarspitzen Eiskristalle bildeten.
Als hätte er ihren Blick bemerkt, drehte der Mann sich im Dunkel des Durchgangs um. Seine Augen glommen in einem tiefen, dunklen Rot auf. Es waren die Augen eines Dämons und doch ganz anders. Der Fremde grinste, als er Lynx' Augen in einem tiefen Bernsteingold aufleuchten sah. Lynx fuhr ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Dann folgte der Fremde den anderen Headhuntern, die längst den Raum am Ende des Durchgangs erreicht hatten. Das Letzte, was Lynx sah, ehe er um die Ecke bog, waren die polierten Griffe zweier Pistolen, die unter seinem schwarzen geöffneten Mantel hervorlugten.
Gedankenverloren schloss sie die Tür und kehrte zur Theke zurück. Sie würde Hakaze mit den üblichen Getränken und Anweisungen nach hinten schicken. Am besten sagte sie ihr, dass sie den blauhaarigen Fremden besonders im Auge behalten sollte.
Ihr Blick fiel auf den Blumenstrauß, den Varg ihr hatte bringen lassen. Plötzlich fiel ihr auch der Name ein, unter dem die Feuerlilien früher bekannt gewesen waren: Drachenköpfchen. Bei der bizarren Form der Blüten und der roten Farbe überraschte es Lynx, dass dieser alte Name in Vergessenheit geraten war. Und Varg war davon ausgegangen, dass sie die Bedeutung der Blumen kannte … Unwillkürlich sah Lynx zu der verborgenen Tür neben der Treppe hinüber.
Drachenköpfchen. Hatte Varg sie warnen wollen? Etwa vor ihm? Aber woher hatte er gewusst, dass der blauhaarige Fremde in der Stadt war? Mit einem Finger strich sie über die verschlungenen Blütenkelche.
Feuerlilien …
Oder hatte er ihr etwas anderes mitteilen wollen? Sie wurde aus Varg einfach nicht schlau. Kopfschüttelnd kehrte sie zu ihrer Arbeit zurück und ließ sich einmal mehr vom Lärm des Dragon verschlucken.
• 14 •
In einer Hafenkneipe in Autonne Gale saß Raven bei einem Glas Rum und beobachtete die Prügelei am anderen Ende des Raumes. Needles wich gerade den Fäusten eines grobschlächtigen Mannes aus und antwortete mit einem gut gezielten Kinnhaken. Die gesamte Besatzung des Schoners hatte Landgang, deswegen war er nicht überrascht, sie zu sehen. Solange sie ihn in Ruhe ließ, war es ihm egal.
Raven trank einen Schluck Rum. Das hübsche brünette Kätzchen, das er auf dem Weg hierher aufgegabelt hatte, schmiegte sich hingebungsvoll seufzend an seine Brust. Raven strich der jungen Frau über den wohlgeformten Körper und küsste ihren Hals, woraufhin sie leise kicherte.
»Fremder, ich kenne noch nicht einmal deinen Namen«, schnurrte sie und küsste ihn auf das Schlüsselbein, das der weite Ausschnitt seines Hemdes entblößte.
»Ich glaube nicht, dass mein Name besonders wichtig für das ist, was ich mit dir vorhabe«, stellte Raven fest und ließ seine Hände tiefer wandern. Sie war eigentlich kaum eine Frau, eher noch ein Mädchen, doch er merkte, dass sie Erfahrung hatte.
Sie sah ihn mit gespieltem Entsetzen an. »Was denkst du von mir? Ich bin keines dieser Mädchen! Mich kriegst du nicht so leicht herum.«
Raven küsste ihren Nacken. »Ach nein? Was für eine Art Mädchen bist du denn?«, fragte er. Dann hob er sie hoch. Sie schlang automatisch die Arme um seinen Hals, ohne von seinen Lippen abzulassen. »Ich glaube nämlich, dass ich dich schon ziemlich gut herumgekriegt habe.«
Sie kicherte. »Vielleicht …«
Raven trug sie zu einer halb versteckten Tür, die sich vor ihnen ebenso lautlos öffnete, wie sie sich hinter ihnen schloss. Von dem Gang dahinter gingen links und rechts Türen ab. Mit dem Fuß stieß er eine davon auf und betrat den Raum. Behutsam legte er sein lockiges Kätzchen auf dem breiten Bett ab. Sie sah ihm dabei zu, wie er seine Stiefel auszog.
Schließlich beugte sie sich vor, strich ihm mit kühlen Fingern über den Nacken und sagte: »Lass mich das machen.« Raven ließ sie gewähren. Es war nicht von der Hand zu weisen, dass sie wusste, was sie tat. Sie stockte noch nicht einmal, als sie die beiden Pistolen aus seinem Gürtel zog. Dieses Mädchen hatte Mut. Das gefiel ihm.
Sie brauchte ungleich kürzer zum Entkleiden, was daran lag, dass sie außer einem knappen Seidenkleid und hohen Stiefeln nichts trug.
Raven zog sie neben sich auf das Bett. Er begann, ihr Kichern zu mögen. Seine Finger glitten liebkosend über die glatte Haut. Sie beugte sich vor und küsste seinen Mund. Ihre braune Lockenpracht ergoss sich über sein Gesicht und seine Schultern.
Raven waren die Blicke, mit denen sie seinen nackten Körper betrachtet hatte, nicht entgangen. »Mhm, ich habe das Gefühl einer Frau auf meiner Haut vermisst«, bekannte er. Nach den letzten Wochen auf dem Schiff hatte er sich tatsächlich auf die ersten Nächte in der Zivilisation gefreut. Am vergangenen Abend, dem ersten an Land, war seine Begleitung keine Frau gewesen.
Das braunhaarige Kätzchen lachte. »Dann werde ich dir einen Abend bereiten, den du so schnell nicht vergessen wirst«, schnurrte sie. Raven glaubte ihr aufs Wort.
****
Er kehrte noch vor Sonnenaufgang zum Hafen zurück. Für ein paar Stunden hatte er sich den Händen seines Kätzchens und seiner Lust überlassen, gefolgt von einem kurzen, tiefen Schlaf. Jetzt brauchte er frische Luft. Unbemerkt gelangte er an Bord des Headhunter-Schoners. Er hatte kein Interesse daran, sich mit der Nachtwache auseinanderzusetzen. Stattdessen begab er sich mit ein paar Sprüngen in die Takelage und ließ sich auf der Vorrah des Fockmasts nieder. Dort zündete er sich eine Zigarette an und sah zur Stadt hinüber, die am Hang über dem Hafen lag.
Eine Weile rauchte er und betrachtete Autonne Gale in der Dämmerung. Die Viertel rings um den Hafen waren auch um diese Zeit erleuchtet, die Kneipen, Casinos, Freudenhäuser und Pfandleiher hatten jederzeit geöffnet, und auch in einigen Warenhäusern und Lagerhallen wurde gearbeitet. Der Tiegel und der Wolkenmeerarm mit den angrenzenden Docks und Werfthallen lagen weitgehend im Dunkel, ebenso wie die Wohnviertel auf halber Höhe des Hanges. Im Villenviertel knapp oberhalb der Stadt brannten die wenigen Straßenlaternen, ein Luxus, den sich sonst niemand leisten konnte. Sie ließen die breiten Straßen dort wie gewundene Lichtschlangen erscheinen. Außerhalb der Stadt, auf der anderen Seite des Hangs, befanden sich unmittelbar am Fluss die niemals stillstehenden Fabriken. Sie bildeten den letzten Flecken Licht in der Dunkelheit. Mit seinem feinen Gehör hätte Raven selbst hier den Lärm aus den Fabriken noch hören können, wenn der Wasserfall nicht gewesen wäre. So verschluckte das Getöse, mit dem der Fluss über den Rand der Himmelsinsel hinausschoss und ins Wolkenmeer stürzte, alle anderen Geräusche.
Schließlich wandte Raven sich von den Gedanken an die süßen Stunden mit dem Kätzchen und dem Anblick von Autonne Gale ab, lehnte sich an den Mast und schloss die Augen. Bis zu diesem Moment hatte er es geschafft, Wolfs Auftrag aus seinem Kopf zu verbannen. Er hatte sich immer noch nicht entschieden, ob er ihn annahm. Leute aufzuspüren war Ravens Job, aber die Suche nach dem Zerleger konnte ihn, wenn er Pech hatte, Wochen kosten. Er hatte sich umgehört, sobald sie in Autonne Gale an Land gegangen waren. Gerüchte besagten, dass der Zerleger ein ehemaliger Schiffsbauer war, der sich irgendwo auf den dicht bewaldeten Himmelsinseln im südlichen Herbstreich aufhielt. Er war eine Legende, eines der vielen Schreckgespenster der Wolkenmeere. So viel hatte Raven heraushören können. Keine der vielen Geschichten wies allerdings auf seinen echten Namen hin, oder darauf, dass er ein Rjtak war. Raven schloss daraus, dass Kel nicht gefunden werden wollte, was ihm seine Suche deutlich erschweren würde. Vielleicht wäre er endlich einmal wieder eine Herausforderung für seine Fähigkeiten. Zudem war die Prämie, die Wolf Raven versprochen hatte, wenn er es schaffte, den gesuchten Mann vor Mittwinter zurück nach Autonne Gale zu bringen, äußerst großzügig bemessen.
Allerdings konnte Raven während seiner Suche keine weiteren Aufträge annehmen, wenn er vor Mittwinter zurück in Gale sein wollte. Immerhin würde er Kingston leicht überzeugen können, mit dem Headhunterschoner zu den südlichen Herbstinseln zu segeln. Es war allgemein bekannt, dass sich eine ganze Reihe von Gesuchten auf den Himmelsinseln zwischen Sommer- und Herbstreich aufhielten. Sie waren mit ihrem milden Klima ein beliebtes Winterquartier für Schmuggler, Wolkenpiraten und Kleinverbrecher.
Es wurmte Raven, dass er die Vorzüge einer Großstadt wie Autonne Gale so schnell wieder aufgeben musste. Aber wenn er Wolfs Zahlung erhielt, würde er sich für eine Weile nach Primavera Melody oder die Piratenstadt Moon Bay absetzen und den Rest des Winters an einem angenehmeren Ort verbringen. Was das Geldausgeben anging, hatte es ihm noch nie an Ideen gemangelt. Ein bekanntes Gefühl ergriff von ihm Besitz. Er entblößte das mächtige Raubtiergebiss. Sein Jagdfieber war erwacht.
• 15 •
Gähnend kam Wolf aus dem niedrigen Gebäude, in dem die Verwaltung der Werft untergebracht war. Er überlegte, wann er das letzte Mal geschlafen hatte, doch er konnte sich nicht erinnern. Stattdessen überschlug er, wann die Lieferungen, die er in Auftrag gegeben hatte, wohl in Autonne Gale eintreffen würden. Die Metallteile würde er erst kurz vor Ende des Winters abholen können. Die Materialien für die Segel hatte er im Tiegel bestellt, genau wie alles andere, was er neben dem Holz noch brauchte.
Er war erst vor wenigen Stunden wieder in Autonne Gale eingetroffen, nachdem er die letzten Tage bei den Holzhändlern und Sägewerken in der Umgebung verbracht hatte. Ein einziger Händler hatte genügend Wolkenbaumholz vorrätig und konnte es innerhalb der nächsten drei Wochen nach Gale liefern. Er war sich bewusst, dass der Preis, den er für das Baumaterial bezahlte, unverschämt hoch war, aber er hatte keine Lust, es bei verschiedenen Leuten zu kaufen, von denen am Ende doch wieder ein oder zwei nicht liefern konnten.
Seit die großen Werften nach Humming Waters abgewandert waren, gingen fast alle Holzlieferungen ohne Umwege ins Frühlingsreich, und das, obwohl die Werften in Gale nach wie vor als die besten galten. Aber im Gegensatz zu Autonne Gale wuchs und gedieh die Hauptstadt des Frühlingsreiches, dessen nächstgelegener Hafen Humming Waters. Und so war es kein Wunder, dass die Händler ihr Holz dorthin verkauften.
Wolf schlenderte am Fjord entlang zu den Docks. Es war gerade Mittagspause und die Handwerker der unterschiedlichen Werften strömten aus den Hallen. Die Geschäftigkeit zwischen den Gebäuden täuschte. Von den Docks, die beidseitig des Wolkenfjords in Autonne Gale lagen, stand inzwischen fast die Hälfte leer. Besonders im hinteren Bereich, wo der Fjord schmaler wurde, waren die meisten Werfthallen verlassen.
Wolf arbeitete auf einer der Werften im vorderen Drittel des Wolkenfjords, der, schmaler werdend, wie eine Scharte von der Bucht mit dem Hafen ins Landesinnere ragte. Traditionell gab es einen harten Wettbewerb um die vorderen Docks. Nur ganz vorne, direkt an der Küstenlinie, war der Fjord breit genug, sodass auch große Handelsschoner und die neuartigen Linienschiffe der Marine in die Docks hineinpassten. Weiter hinten mussten sich die Werften mit dem Bau und der Reparatur kleinerer Schiffstypen begnügen.
Wolf hatte es stets vorgezogen, auf einer der mittelgroßen Werften zu arbeiten. So hatte er genug Freiraum bei dem, was er tat, und vermied in der Regel, Aufträge von der Marine ausführen zu müssen. Nicht, dass er nicht jeden Monat Anfragen von den großen Werften in Gale und Humming Waters erhielt oder die Königliche Marine regelmäßig versuchte, ihn abzuwerben. Nur hatte er kein Interesse daran, sich in die Dienste der Frühlingskönigin zu begeben. Nein, er war lange Zeit zufrieden gewesen mit seiner Arbeit als einfacher Schiffsbauer. Doch die Zeiten änderten sich. Er war schon zu lange in Gale gewesen, der Ort wurde ihm zu klein. Außerdem hatte er seit seinem Treffen mit Raven weitere Gerüchte über die Exorzisten gehört. Wenn sie erst einmal ausschwärmten, würde es nicht lange dauern, bis sie ihn hier aufgespürt hatten. Die Zukunft der Drachen von Skyle war düsterer denn je. Die Zeit war reif für sein Schiff.
Wolf entdeckte Jacques und Ferry zwischen den Schiffsbauern aus dem Vorplatz. »Jacques! Hast du ein paar Minuten?«
»Klar!« Der Vorarbeiter verabschiedete sich von Ferry und ging zu Wolf. »Was gibt es?«
Wolf reichte Jacques eine Rolle mit Bauplänen. »Würdest du mal einen Blick auf diese Pläne werfen?«
»Ist das ein neuer Auftrag?«, erkundigte sich Jacques und zog die Pläne aus der Kartenrolle.
»Das sind die Pläne für mein Schiff«, entgegnete Wolf und zog aus der Innentasche seiner Jacke die Auftragspläne, die die Werftleitung soeben abgesegnet hatte.
Jacques überflog Auftrag und Unterschriften, ehe er seine Aufmerksamkeit den Blaupausen zuwandte. »Das heißt, du hast sie gezeichnet?«
»Ja.« Wolf strich sich sein frisch gefärbtes Haar aus der Stirn und fasste mit einem Lederband den Pferdeschwanz im Nacken neu zusammen. Dabei ließ er Jacques nicht aus den Augen. Der Vorarbeiter genoss hohes Ansehen unter den Handwerkern. Wenn er nicht willens war, Wolfs Schiff zu bauen, würde Wolf sich eine andere Werft suchen müssen.
Jacques betrachtete die Zeichnungen eingehend. Schließlich rollte er sie schweigend wieder ein und reichte sie Wolf zurück. Er setzte sich in Bewegung und Wolf folgte ihm summend. Sie betraten Dock vier durch den Nebeneingang. In einer stillen Ecke blieb Jacques endlich stehen und drehte sich zu Wolf um. »Ich habe keine Ahnung, wie du es geschafft hast, die Werftleitung dazu zu bringen, diesen Auftrag anzunehmen, aber der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig.«
»Ich habe ihnen gesagt, dass ich die Vorarbeiterposition einnehmen würde«, antwortete Wolf. »Das hat sie überzeugt.« In Wirklichkeit war es vor allem die großzügige Entlohnung gewesen, die dieser Auftrag versprach. »Außerdem will ich, dass dieses Schiff bis zum Ende des Winters fertiggestellt wird. Und du weißt, dass wir hier um jeden Auftrag kämpfen sollten.«
Jacques seufzte abermals. »Das ist mir bewusst!«, knurrte er. »Aber diese Pläne … Das ist ein Mordsaufwand für so ein kleines Schiff!«
»Das stimmt, aber ich denke nicht, dass wir viele unserer Schiffsbauer benötigen werden. Ich habe noch ein paar zusätzliche Leute an der Hand. Die Werftleitung ist einverstanden.«
Jacques sah ihn misstrauisch an. »Du willst Externe dazuholen? Bist du dir sicher?«
»Warum nicht? Ich weiß, dass wir neben den beiden Handelsschiffen für die Rousseau-Familie noch eine ganze Menge Reparaturaufträge haben. Ohne zusätzliche Arbeiter können wir dieses Schiff nicht bauen, wenn wir bei den anderen Aufträgen keine Abstriche machen wollen.«
»In Ordnung, du hast recht. Wir können den Auftrag wirklich gut brauchen.« Er blickte wieder auf die Pläne und strich sich grübelnd über den Vollbart. »Diese Zeichnungen erinnern mich an die legendären Blaupausen der Wonder.« Wolf sah ihn verblüfft an. Die Wonder mochte ein legendäres Piratenschiff sein, aber er hatte bisher noch niemanden außerhalb des Teams getroffen, der ihre Baupläne kannte.
»Der Mann, mit dem ich meine Lehrjahre verbracht habe, hat bei ihrem Bau mitgeholfen«, fuhr Jacques fort. »Coram und ich waren damals beste Freunde. Als wir uns viele Jahre später wiedergetroffen haben, hat er mir einen Teil der Pläne gezeigt.«
»Ach, du kennst Coram?« Wie klein die Welt doch war. »Ich wollte ihn fragen, ob er bei diesem Projekt dabei sein kann. Wenn ihr Glück habt, seht ihr euch bald wieder.«
»Ist Coram einer der Externen, von denen du gesprochen hast?«
Wolf nickte. »Die anderen sind genauso gut«, versprach er.
»Du warst beim Bau der Wonder dabei«, sagte Jacques. Das war eine Feststellung, keine Frage.
»War ich«, bestätigte Wolf. Er sah keinen Grund, es abzustreiten. Er brauchte Jacques' Unterstützung bei diesem Auftrag. Wenn der Vorarbeiter eins und eins zusammenzählte, würde er auch erkennen, dass Wolf die Pläne der Wonder entworfen hatte.
»Die Wonder ist ein Traum! Sie ist nicht weniger ein Kunstwerk«, schwärmte Jacques, ohne das Grinsen auf Wolfs Gesicht zu bemerken. »Aber dieser Auftrag, dieses Schiff«, sagte er eindringlich und wedelte mit den Bauplänen, »ich glaube, es hat das Potenzial, die Wonder in ihrer Herrlichkeit noch zu überbieten.«
»Würdest du mithelfen?«, fragte Wolf.
Jacques sah ihn überrascht an. »Beim Bau?« Wolf konnte die Begeisterung auf Jacques' Gesicht sehen, aber er überlegte einen Augenblick, ehe er antwortete. Wolf schätzte es, dass er sich nicht Hals über Kopf in den Auftrag stürzte, sondern sich Zeit nahm, darüber nachzudenken. »Ich nehme an, die anderen Aufträge können auch ohne meine Hilfe erledigt werden. Und ehrlich gesagt: So ein großzügiger Lohn kommt mir gerade recht, bevor ich ins Frühlingsreich gehe. Meine Familie wäre jedenfalls dankbar. Ich habe es den anderen noch nicht gesagt, aber ich werde im Frühling auf die königlichen Werften von Humming Waters wechseln. Dieser Winter wird mein letzter hier sein. Ich hatte gehofft, du könntest meine Stelle als Vorarbeiter übernehmen, Varg. Die Werft braucht junge, geniale Köpfe wie dich.«
Wolf lachte leise. »Tut mir leid, aber ich habe selbst nicht die Absicht, länger als bis zum Frühling hierzubleiben. Es wird Zeit, dass ich Autonne Gale den Rücken kehre.«
Jacques musterte Wolf eine Zeit lang. Mit Sicherheit ahnte Jacques, dass Wolf kein gewöhnlicher Mensch war. Sie arbeiteten schon seit Jahren zusammen, und manche Dinge konnte ein Drache auf Dauer nicht verbergen. Spätestens jetzt, wo Jacques wusste, dass Wolf die Wonder mitgebaut hatte, musste ihm alles andere auch klar sein.
»Tja, da kann man wohl nichts machen«, sagte Jacques schließlich. »Du bist schon ein komischer Vogel, Varg.«
»Das kann schon sein. Hilfst du mir auch, unser Team zusammenzustellen?«
Jacques nickte zögernd. »Sicher. Wenn du mir verrätst, wen du als Externe eingeplant hast.«
»Sie sind alle Experten auf ihren Gebieten. Sie werden unsere Leute hier hervorragend ergänzen.«
»Wenn sie alle so gut sind wie Coram, habe ich daran keine Zweifel.« Jacques zupfte sich gedankenverloren am Vollbart. »Ich glaube, ich weiß schon, wen ich ins Team holen möchte.«
Wolf nickte lächelnd. »Ich bin gespannt auf deine Vorschläge.«
• 16 •
Ein Sturm zog auf. Schwarze und schwefelgelbe Wolken sammelten sich zu einem gewaltigen Gebirge, das alle Augenblicke von zuckenden weißen Blitzen erhellt wurde.
Die Kapitänin der Storm Riders behielt mit besorgter Miene den Horizont im Südosten im Auge. Die Wonder machte gute Fahrt und sie hatte ihrer Besatzung bereits die nötigen Befehle gegeben, um gegen die Sturmfront gewappnet zu sein.
Sie hatten in den vergangenen Wochen bereits eisigen Fallwinden und tückischen Strömungen, Himmelsschlangen und lokalen Gewitterstürmen getrotzt. Ihre Mannschaft bestand aus Menschen und Moosvolk, einer Handvoll Antinanco, drei Rjtak und einer Moena. Inzwischen konnte LeClaire es sich leisten, nur die Besten der Besten für den Dienst an Bord der Wonder auszuwählen. Die Wonder war eines der wenigen Wolkenschiffe in Skyle, die die Wolkenmeere relativ unbehelligt kreuzen konnten. Und dieser Sturm war nichts gegen das, was sie schon bewältigt hatten.
Trotzdem beunruhigte er sie. Sie befanden sich auf halber Strecke zwischen den Winter- und den Frühlingsinseln. Hier waren Stürme zu keiner Jahreszeit ungewöhnlich. Doch diese Wolken … Die obere Schicht des Wolkengebirges zerfaserte im Blau des Himmels, schlug kleine Wellen und Wirbel. Sie veränderte sich beständig, schnell und unaufhaltsam. LeClaire kniff die Augen zusammen. Irgendetwas war da.
Wind peitschte über das Deck. Er trug den beißenden Geruch von frischem Blut und Eisen in sich. Kapitänin LeClaire zog ihr Fernrohr hervor und richtete es auf die Sturmfront. In den wirbelnden Schleiern der Wolken wurden graue und schwarze Leiber sichtbar. Sie nahm das Fernrohr wieder herunter.
Hollister, ihr erster Maat, lehnte sich an die Reling. »Schicksalswinde, was, Käpt'n?«
Die Kapitänin nickte. Die jagenden Wesen zwischen den Wolken gingen ihr nicht aus dem Kopf. In ihrer langen Zeit als Himmelsseglerin und Wolkenpiratin hatte sie so etwas erst einmal gesehen. »Das sind Sturmspiele, Hollister. Sie jagen.«
Hollister spuckte aus. »Hoffen wir, dass sich keines ihrer Opfer an Bord unserer Wonder befindet.« Er spielte damit auf eine alte Legende an, nach der die Meute der Sturmspiele in ihrer immerwährenden Himmelsjagd die Seelen der Meuterer und Fahnenflüchtigen von den Schiffen holte.
LeClaire schüttelte den Kopf. Sie hatte genug Wundersames und Gefährliches gesehen, um eine gehörige Portion Aberglaube in sich zu tragen, aber um diese Himmelswesen machte sie sich keine Sorgen. »Die Wonder ist ein stolzes Schiff. Hier an Bord muss sich niemand vor den Sturmspielen fürchten.« Damit entließ sie ihren ersten Maat. Hollister tippte kurz an seine Schirmmütze, drehte sich um und bellte einige kurze Befehle.
LeClaire wandte sich wieder der Jagd der Sturmspiele zu. Inzwischen hörte man auch ihr Kläffen und Knurren, unheimliche, widerhallende Laute, die an das Geschrei von Wildgänsen und Donnergrollen erinnerten. Ein solches Schauspiel konnte man wahrhaftig nur selten bewundern.
Die Wonder war auf dem Unteren Wolkenmeer unterwegs, auf dem Weg nach Moon Bay im Norden des Frühlingsreiches. Es gab nicht viele Himmelssegler, die die hier vorherrschenden Gefahren auf sich nahmen. Das hier war kein Ort für Jungspunde und Grünschnäbel. Zahllose Schiffe hatten hier ihr frühes Grab gefunden, und niemand wusste, was in den Tiefen des Meeres schlummerte oder hinter dem nächsten Wolkenberg wartete. LeClaire dachte an die Sagen, die man sich von Sturmspielen, Silbertrabern, Windphantomen und den anderen düsteren Gestalten erzählte, die die Himmel von Skyle bevölkerten. Geschichten von Wiedergängern und geisterhaften Kriegsschiffen kamen ihr in den Sinn, von verfluchten Schätzen und mächtigen Waffen, versunken im Wolkenmeer. Unwillkürlich spitzte sie die Ohren, lauschte auf die unhörbaren Schläge einer fernen Glocke. Als ihr bewusst wurde, was sie tat, schürzte sie die Lippen und schüttelte den Kopf. Sie war kein kleines, verängstigtes Mädchen mehr, sondern Wolkenpiratin und seit bald einem Jahrzehnt Kapitänin eines eigenen Schiffes.
Entschlossen wandte sie sich vom Anblick der Sturmwolken ab und stapfte zum Oberdeck hinüber. Sie bedeutete ihrer Steuerfrau, dass sie sie ablösen wollte, und übernahm das Steuer. Beherzt hielt sie auf die dunklen Wolken zu. Sie hatten nichts zu befürchten.
• 17 •
In der Morgendämmerung waren die Schatten in den Bogengängen tiefer als gewöhnlich. Die Mauern des Palastes verschwanden im hellen Grau des Nebels. Fly stand in Paradeuniform unter einer Arkade, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Zwei Soldaten flankierten sie. Über dem kleinen, von Wandelgängen umgebenen Innenhof kreisten drei gewaltige Schatten. Fly durchzuckte beim Anblick der Drachen ein vertrauter Schmerz, doch sie bewahrte Haltung.
Mit mächtigen Flügelschlägen setzten die drei Drachen zur Landung an. Kaum hatten ihre Krallen den Marmorboden berührt, ließ sich Fly auf die Knie sinken. Die Soldaten folgten ihrem Beispiel. Sie neigten die Köpfe. Fly erhaschte dennoch einen Blick auf den mittleren Drachen, dessen Ankunft sie erwartet hatte. Er war kleiner als die anderen beiden und silberweiß, mit dünner, durchscheinender Schuppenhaut, die auf dem Rücken und am Kopf grün schimmerte. Es dauerte nur einen Wimpernschlag, bis statt der Drachen ein Mann und zwei Frauen auf dem Hof standen. Fly hielt den Blick starr auf die Marmorplatten gerichtet und versuchte, sich nicht an der Nacktheit der Neuankömmlinge zu stören. Verdammte Drachen!
Als sie den Kopf nach einer Weile wieder hob, waren die drei in weite Roben gekleidet. Sie machten einen Schritt auf Fly und ihre Begleiter zu. Fly erhob sich geschmeidig.
»Drachenkaiser Viper«, begrüßte sie den Mann mit dem silbernen Haar und senkte abermals den Kopf. »Wir haben Euch erwartet.«
****
Die Strahlen der Mittagssonnen fielen durch die breiten Fenster. Staubkörner tanzten in den Säulen aus Licht. Die flachen, langgestreckten Trainingshallen waren um diese Tageszeit gut besucht.
Die meisten, die hier trainierten, waren Soldaten. Wie immer fanden sich auch junge Adelige, die gegeneinander fochten oder ihre Leibdiener Schaukämpfe austragen ließen, flankiert von Trauben junger Damen in ausladenden Röcken, die den wenig reiferen Männern aus den Adelshäusern fächernd und kichernd hinterherliefen. Der schwere Stoff ihrer Kleider schleifte raschelnd über den Boden und die Absatzstiefel knallten auf den hellen Holzbohlen. Fly warf den jungen Leuten einen entnervten Blick zu. Warum mussten sie sich ausgerechnet hier treffen? Konnten sie sich nicht einen besseren Ort für ihre Flirts suchen?
»Fly! Fokus!«, bellte ihr Schwertmeister. Juubas Dolchklingen zischten nur eine Handbreit vor ihrem Gesicht durch die Luft. Blitzschnell sprang Fly zurück und hieb nach ihrer Gegnerin. Juuba wich aus, doch Fly riss im letzten Moment ihren Dolch hoch und durchtrennte das rote Seidenband, das ihre Freundin am Oberarm trug. Sofort hob Juuba ihre Dolche in Paradestellung und trat einen Schritt zurück. Das Band segelte zu Boden und blieb als kleines Stoffhäufchen auf den Bohlen liegen. Damit hatte Fly das Ziel der heutigen Trainingseinheit erreicht.
Juuba verzog enttäuscht das Gesicht. Fly steckte ihre Dolche weg. Sie hatte sich in der vergangenen Stunde zurückgehalten, um Juuba die Möglichkeit zu geben, sie vielleicht doch noch zu schlagen. Aber es waren zu viele Leute anwesend, die hier nichts zu suchen hatten, und sie wollte nur noch so schnell wie möglich wegkommen.
»Du hast wieder gewonnen«, stellte Juuba unzufrieden fest. Fly entgegnete nichts darauf. Abrupt wandte sie sich ab und stapfte auf den Ausgang zu. Sie wusste, dass es albern war, Juuba einfach stehenzulassen und das Training frühzeitig zu beenden, aber es war ihr egal. Sie wünschte sich nichts sehnlicher als die Stille der gläsernen Palastkorridore. Doch sie hatte sich zu früh gefreut.
»Fly!«, rief Meister Bastien kühl.
Fly blieb stehen. »Was?«, fauchte sie.
Der Krieger hatte die Arme verschränkt und bedeutete ihr mit einer knappen Kopfbewegung, dass sie zurückkommen sollte. Fly schnaubte abfällig und wandte sich zum Gehen.
»Einen Schritt weiter, Fräulein«, hörte sie Bastien grollen, »und ich sorge dafür, dass die Königin von deinem Benehmen erfährt.«
Fly fuhr herum. »Das ist Erpressung!«, zischte sie empört, doch sie machte trotzdem kehrt. Sie wollte nicht, dass die Frühlingskönigin von ihrem kindischen Verhalten erfuhr, aber sie wollte sich auch von niemandem herumkommandieren lassen. Sie reckte herausfordernd das Kinn vor. »Was gibt es?«
»Ich will, dass du gegen mich antrittst.«
»Warum?«, fragte Fly.
»Keine Widerrede! Du kämpfst gegen mich, jetzt und hier, und ich wähle die Waffe.«
»Was? Das ist nicht fair!«, empörte sie sich. Es war üblich, dass der Herausforderer Zeit und Ort des Duells bestimmte, aber der Verteidiger durfte in der Regel die Waffen wählen.
»Langschwerter, östlicher Stil. Wer zwei Runden für sich entscheidet, gewinnt«, knurrte Bastien. »Nimm deine Position ein, jetzt!«
Fly tat murrend, wie ihr geheißen. Juuba reichte ihr ein Langschwert und Fly und ihr Meister bezogen Position. Einige Wimpernschläge verharrten sie regungslos, dann stürzten sie aufeinander zu.
Meister Bastien hatte mit dem östlichen Stil eine Schwerttechnik befohlen, die sich auf den Angriff konzentrierte. Hier war Geschwindigkeit alles. Die Attacken, Paraden und Finten dieses Stils boten wenig Gelegenheit, eine starke Verteidigung aufzubauen und zu halten. Der zweite Schwertkampfstil, der in Skyle verbreitet war, war die nördliche Schule, die auch als Weißer Schwerttanz bezeichnet wurde. Lange, fließende Bewegungen, eine möglichst lückenlose Deckung und gut vorbereitete Angriffe zeichneten ihn aus. Er war das Gegenteil der östlichen Schule, die der Volksmund Rosenfeuer nannte.
Die Schwierigkeit beim östlichen Schwertkampfstil war der Umstand, dass man als Kämpfer schnell ermüdete. Das Rosenfeuer war aggressiver und schneller als der Schwerttanz und kostete daher in kürzerer Zeit viel mehr Kraft.
Mit zusammengebissenen Zähnen wich Fly Meister Bastiens Attacken aus und versuchte, selbst einen Angriff zu starten. Der Weiße Schwerttanz und das Rosenfeuer – Fly hatte bisher niemanden getroffen, der beide Stile in Vollkommenheit beherrschte. Ihr Schwertmeister war in beiden Schulen bewandert, aber er war im Frühlingsreich geboren und seine Stärken lagen deswegen beim Rosenfeuer, wie Fly bei diesem Kampf wieder einmal feststellen musste.
Es dauerte keine drei Minuten, bis Bastien sie mit einem unvorhersehbaren Ausfall entwaffnete. Flys Langschwert wurde ihr aus der Hand gerissen. Meister Bastien verstärkte kurz den Druck seiner Klingenspitze an Flys Rippen, ehe er seine Waffe senkte. Fly knurrte ungehalten. Innerhalb weniger Augenblicke hatte sie sich ihre Klinge geschnappt und erneut Stellung bezogen.
Heftig prallten sie aufeinander. Ihre Langschwerter verkeilten sich, lösten sich, trafen sich wieder. Der Schlagabtausch war hitzig und kräftezehrend. Nur wenige Minuten später landete Fly einen Treffer und schlug ihrem Meister das Schwert aus der Hand. Die Klinge kam klirrend auf dem Boden auf. Fly setzte triumphierend ihre Schwertspitze an die Kehle ihres Gegners.
Meister Bastien reckte zum Zeichen seiner Niederlage die Faust seiner Schwerthand in die Höhe. »Sehr gut, Fly. Eine Runde noch.«
Fly nickte und nahm ein letztes Mal ihre Kampfstellung ein.
Juuba hatte sich etwas abseits auf dem Boden niedergelassen und beobachtete zusammen mit ein paar Zuschauern den Kampf. Auch Offiziersanwärter und Soldaten aus anderen Wolkenreichen waren zugegen. Ihre Uniformen zeigten ihre Zugehörigkeit: hellgrüne Frühlingsuniformen, dunkelgrün für die Marine. Braune Uniformen aus dem Herbstreich, weiße für die Truppen des Sommerrates, schwarze Umhänge aus dem Winterreich. Die offiziellen Beziehungen zum Winterreich mochten sich sonst auf Handelsabkommen beschränken, doch noch immer kamen junge Angehörige der Wintergarde nach Melody, um hier einen Teil ihrer Ausbildung zu absolvieren. Im Gegenzug gingen die Soldatinnen und Soldaten aus dem Frühlingsreich und vereinzelt Mitglieder der Marine an den Winterhof. Fly hatte sich schon häufiger gefragt, warum die Frühlingskönigin dies zuließ. Das Herbstreich und die Sommerinseln waren Verbündete, zumindest auf dem Papier, doch das Winterreich war eine vollkommen andere Angelegenheit. Sie war überzeugt, dass Ihre Majestät schon längst einen offenen Krieg gegen das Winterreich deklariert hätte, wenn es keine so engen verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Königshäusern gegeben hätte.
Bastien hatte sein Schwert aufgehoben. Auf der Suche nach besserem Stand rutschten seine Füße in den weichen Lederschuhen über den Boden. Das eigentümliche Geräusch riss Fly aus ihren Gedanken. Sie packte ihr Langschwert fester und stellte mit Schrecken fest, dass sie kurz davor gewesen war, den schlimmsten Fehler zu begehen, den ein Krieger machen konnte, indem sie ihren Fokus verlor.
»Konzentration, Fly!«, murmelte sie sich selbst zu. Mit grimmigem Gesicht und fest aufeinandergepressten Zähnen erwartete sie den Angriff. Sowohl Fly als auch Bastien wussten, dass sie diese dritte und letzte Runde schnell beenden mussten, wenn einer von ihnen den Sieg davontragen wollte.
Sie beobachteten einander und versuchten, eine Lücke in der Verteidigung des Gegners zu finden. Sie hatten nicht umsonst all die Jahre miteinander trainiert. Die ersten Runden waren mit Überraschungsangriffen gewonnen worden, nun waren sie auf der Hut. Ohne es zu merken, waren sie in eine Mischform aus beiden Schwertstilen übergegangen. Das führte dazu, dass keiner einen kritischen Treffer landen oder den anderen entwaffnen konnte.
So kam es, dass dieser letzte Kampf nach einer knappen Viertelstunde schließlich unentschieden endete. Fly und Meister Bastien waren vollkommen außer Atem und am Ende ihrer Kräfte, doch nach diesem ausgeglichenen Kampf konnten sie beide mit einem Unentschieden leben. Sie stützten sich schwer atmend auf ihre Schwerter, die Gesichter verschwitzt, einander musternd. Dann fingen sie beide fast gleichzeitig an zu grinsen und reichten sich die Hand zum Zeichen der Anerkennung.
»Das war ein fairer Kampf«, stellte Bastien fest, als Juuba ihnen Handtücher und Wasser reichte. Fly nahm einen tiefen Schluck Wasser, ehe sie den Krug an ihren Meister weiterreichte. Schon lange hatte sie nicht mehr so ein gutes Training gehabt. Sie legte die rechte Faust an die linke Handfläche und verbeugte sich tief.
»Vielen Dank für diesen lehrreichen Kampf!«, sagte sie, und sie meinte ihre Worte ernst.
Bastien setzte den Krug an und nahm einen Schluck. »Ich glaube, es ist an der Zeit, dass du dir einen neuen Meister suchst. Es gibt nichts mehr, was ich dir beibringen kann.«
Erschrocken richtete Fly sich auf. »Ich habe mit den anderen Ausbildern gesprochen«, fuhr Bastien fort. »Sie denken dasselbe.«
»Aber wenn ich hier nichts mehr lernen kann, wo dann?« Flys Blick schweifte zu den verschiedenfarbigen Uniformen in der Halle, ehe er zu Meister Bastiens Gesicht zurückkehrte.
»Fly, da draußen wartet eine Welt auf dich!«, verkündete er. »Irgendwo gibt es immer einen Kämpfer, der stärker ist als man selbst, ein Ort, der einem eine größere Herausforderung bietet als die, die man schon überwunden hat. Es geht immer weiter, und das macht den ganzen Reiz des Lebens aus.«
Fly starrte ihn sprachlos an, etwas, das selten geschah. Ihre Gedanken rasten, als sie sich der Tragweite der Aussage bewusst wurde. Sie sollte den Hof der Frühlingskönigin verlassen, um sich einen neuen Meister zu suchen? Ihre Majestät zurücklassen und losziehen in der vagen Hoffnung, irgendwo einen Kämpfer zu finden, der sie mehr lehren konnte? Niemals! Sie würde die Königin nicht verlassen, um nichts in der Welt. Ihr Platz war im Glaspalast von Jazli, und niemand würde sie hier wegbringen.
Anscheinend hatte Meister Bastien ihr ihre Gedanken an der Nasenspitze angesehen, denn er lachte leise.
»Warum lachen Sie?«, fragte Fly gereizt.
Ihr Schwertmeister schüttelte amüsiert den Kopf. »Du bist mindestens doppelt so alt wie ich und verhältst dich schlimmer als meine jüngste Tochter. Du erinnerst mich ehrlich gesagt sehr an sie.«
Fly warf ihm einen todbringenden Blick zu und wandte sich ab.
Juuba trat neben sie, um sie zu beglückwünschen. »Das war unglaublich! Ich habe dich selten so verbissen kämpfen sehen.« Sie strahlte über das ganze Gesicht. »Du warst wirklich, wirklich gut. Übrigens, wir haben eine Einladung für morgen Abend. Ein paar von den Herbstadeligen haben eine Feier geplant. Ich habe gehört, ihr Quartier ist eine der Prachtvillen am Südrand der Stadt.«
Fly runzelte kurz die Stirn. »Haben sie gesagt, was sie vorhaben?«
Juuba schüttelte den Kopf. »Nein, aber scheinbar sind wir nicht die einzigen Gäste. Wenn du willst, kann ich mich umhören.« Fly zögerte, doch Juuba stieß sie sanft an. »Komm schon«, drängte sie, »es wird dir guttun, mal ein bisschen aus Jazli rauszukommen. Außerdem haben wir uns schon lange nicht mehr so richtig amüsiert.«
»Wie, du meinst seit dem Ausritt vorgestern?«, stichelte Fly. Andererseits, vielleicht würde es ja ganz lustig werden. Also stimmte sie zu.
Juuba klatschte übermütig in die Hände. »Wunderbar! Dann sage ich ihnen gleich Bescheid!« Und schon war sie verschwunden.
Fly bückte sich, um ihre Trainingswaffe aufzuheben, als ein Palastdiener auf sie zueilte. Fly erkannte ihn als einen Leibdiener der Königin.
»Ihre Majestät, die Frühlingskönigin, wünscht, dich zu sprechen.« Der Mann senkte die Stimme. »Sie bittet um eine Eskorte für den Drachenkaiser Viper.«
Fly hatte ihren ungewöhnlichen Besucher beinahe vergessen. »Warte kurz«, bat sie den Diener. Sie verschwand im Umkleideraum, schlüpfte in ihre offizielle Uniform und den kurzen hellgrünen Militärmantel und folgte dem Mann zügig zum Audienzsaal der Königin.
Lautlos trat Fly durch eine verborgene Tür in den Audienzsaal und nahm ihren Platz hinter dem Thron der Frühlingskönigin ein.
Die Königin und Drachenkaiser Viper kamen gerade aus dem angrenzenden Besprechungsraum zurück, in ein angeregtes Gespräch vertieft. Fly fiel auf, wie sehr sie sich ähnelten. Beide hatten die stolze, selbstbewusste Haltung der Herrschenden. Man konnte ihre Macht förmlich greifen.
Fly konnte kaum die Augen von Viper lassen. Seine wächserne Haut verstörte sie, die silbernen farblosen Haare, seine blutleeren Lippen. Schwacher, metallischer Blutgeruch umgab diesen Mann, und der süßliche Gestank von Gift. Flys Blick huschte zu Bat, die mit zwei weiteren Hofdamen an einem der Bogenfenster saß. Die Drachin verzog keine Miene.
Vipers Geruch bestätigte nur, was Fly schon wusste: Viper war gefährlicher als andere Drachen. Seine Macht und sein Ansehen gaben ihm die Möglichkeit, Dinge zu tun, die sich Fly nicht einmal ausmalen wollte. Sie wusste nichts über ihn, nur dass er als Südlicher Drachenkaiser großen Einfluss besaß.
Die beiden waren inzwischen in Hörweite. Viper schüttelte gerade den Kopf. »Ich danke Euch für Euer Angebot, es ehrt mich. Aber ich fürchte, dass ich ablehnen muss.«
Die Königin lächelte mild. »Das ist sehr bedauerlich. Ich hatte gehofft, zwischen unseren Völkern könnte eine dauerhafte Allianz entstehen.«
Viper erwiderte ihr Lächeln schmallippig. »Ich fürchte nicht.« Er entdeckte Fly, die sich im Hintergrund hielt. Fly fiel zum ersten Mal auf, dass seine Augen genauso farblos waren wie der Rest seines Körpers. Und obwohl Vipers Augen sie nur streiften, sah sie, dass die Iris seines rechten Auges blassgolden war, die seines linken silbern. »Ihr habt einen exquisiten Geschmack«, bemerkte Viper, als sein Blick weiter durch den Raum schweifte. Er ließ dabei offen, worauf er sich bezog.
»Vielen Dank«, erwiderte die Frühlingskönigin. »Ich bedauere, dass Ihr den weiten Weg vergebens gemacht habt.«
Vipers Miene wurde berechnend. »Es war mir eine große Ehre.«
Fly ging auf, wie gefährlich es war, diesen Mann ins Innerste des Glaspalastes eingelassen zu haben, so nah bei der Königin. Sie wusste, dass es Ihre Majestät gewesen war, die den Drachenkaiser eingeladen hatte. Sie hatte ihn in die Mitte ihrer Macht vorgelassen, nicht umgekehrt. Fly wusste plötzlich, dass die Königin dieses politische Machtspiel verloren hatte. Unwillkürlich knirschte sie mit den Zähnen.
»Ich danke Euch für ein äußerst erhellendes Gespräch«, sagte Viper höflich.
Die Frühlingskönigin nickte und gab einem ihrer Leibdiener ein Zeichen. Der Diener öffnete die Flügeltür des Audienzsaals und die beiden Drachinnen, die Viper am Morgen bei seiner Ankunft begleitet hatten, traten ein, gefolgt von Ministern und Beratern der Königin.
Der Drachenkaiser dankte der Königin und verabschiedete sich förmlich. Fly schauderte leicht, als Viper an ihr vorüberging und sein Geruch sie einhüllte. Alles in ihr schrie danach, auf dem Absatz kehrtzumachen, doch sie hielt die Luft an und bewahrte Haltung.
Die Königin wandte sich an sie. »Fly, sei so gut und geleite unsere Gäste nach draußen. Ich wünsche, dass sie wohlbehalten nach Hause zurückkehren können.«
Fly salutierte knapp. Sie hatte verstanden, dass die Königin Viper aus dem Palast geführt wissen wollte. Sie traute den Drachen ebenso wenig wie Fly.
Fly verbeugte sich tief vor Viper und seinen Begleiterinnen. »Wenn Ihr mir folgen mögt …«
• 18 •
Der anhaltende Regen tauchte die Landschaft in graue Schleier. Raven kochte. Seit Ewigkeiten, so schien es ihm, durchkämmte er die südlichen Herbstinseln auf der Suche nach dem Zerleger. Er verspürte nicht übel Lust, dem Rjtak, wenn er ihn erst einmal gefunden hatte, den Hals umzudrehen. Seine Beute war ihm immer einen Schritt voraus. Es war ein gefährliches Spiel, das sie spielten. Doch Raven war kein Kind mehr, und auch Kel trieb schon so lange sein Unwesen, dass er an die sechzig Lebensjahre heranreichen musste.
Raven wusste immerhin, dass er auf der richtigen Spur war. In Gedanken versunken stapfte er durch den regennassen Wald auf einer der Inseln, einem Tipp folgend, den ihm ein Dorfbewohner gegeben hatte. Angeblich hielt sich seit Tagen eine merkwürdige Gestalt in einer verlassenen Köhlerhütte auf. Raven hatte wenig Hoffnung, dass es tatsächlich der Zerleger war, aber auch diesem Hinweis musste er nachgehen.
Raven starrte grimmig vor sich hin. Oh, Wolf würde ihn für diese Jagd entschädigen müssen, so viel stand fest, und zwar mit weit mehr Geld, als er ihm versprochen hatte!
Stetig rauschte der Regen auf ihn herunter. Die letzten Blätter raschelten, als der Wind durch sie hindurchfuhr. Die schlanken Gestalten der Sciuri huschten an den Baumstämmen auf und ab oder glitten mit weiten Sprüngen von Baumkrone zu Baumkrone. Ihr grünes Fell glänzte vom Regen und ihre keckernden Schreie hallten im Wald wider. In der Ferne riefen Wildgänse. Eine Horde Buschschweine mit rostgelbem Fell und weißen Pinselohren suchte unter dem Laub nach den letzten Früchten des Waldes. Irgendwo über den Baumwipfeln schrie ein Schelladler. Das Unterholz war erfüllt vom Rascheln und Wispern kleiner Lebewesen. Der ganze Wald strotzte nur so vor Leben.
Am Rand der gesuchten Lichtung blieb Raven stehen. Es war genau, wie der Mann im Dorf gesagt hatte: Dort im Schatten der Felsen stand die windschiefe Köhlerhütte. Ringsum ragten drohend die Bäume in der Dämmerung auf.
Witternd hob Raven den Kopf. Er roch einen Rjtak unter den Schichten der Walddüfte, doch die Spur war kalt und mindestens zwei Tage alt. Raven fluchte leise. Wieder eine Sackgasse. Aber vielleicht fand er ja in der Hütte einen Hinweis darauf, wohin der Zerleger gegangen war.
Er trat auf die Lichtung. Ein weiteres Mal witterte Raven, nahm alle Spuren in sich auf und fügte in seinem Kopf ein Duftbild der Lichtung zusammen, das sich wie ein Schleier über das Bild legte, welches seine Augen ihm lieferten. Kels Spur war jetzt ganz deutlich zu erkennen. Sie führte auf der anderen Seite der Lichtung zwischen den Felsen hindurch und verschwand im Wald.
Ein Rascheln ließ ihn herumfahren.
Noch bevor die Gestalt hinter ihm ihre Klingen gezogen hatte, wirbelte Raven herum und zückte seine Pistolen.
Reglos verharrten die Opponenten. Die Dunkelheit machte es schwer, zwischen Körper und Schatten zu unterscheiden.
»Bist du der Black Sniper?«, kam die volltönende Stimme des Mannes aus der Dunkelheit.
Diesen Namen hatte er schon lange nicht mehr gehört. Als Antwort hob Raven seine Pistolen.
Dann brach der Mond zwischen den Wolken hervor. Sein Silberlicht ließ die Klingen in der Hand des Mannes glänzen. Er war hochgewachsen und muskulös, mit weißem Haar und dunkler Haut. Kaum war der Mond wieder hinter einer Wolke verschwunden, griff der Fremde an. Raven wich ihm mühelos aus.
Sein Angreifer sprang zurück und warf eine Klinge. Raven duckte sich überrascht. Der Mann hatte mit dem Sichelmesser genau auf seine Kehle gezielt – er wollte ihn töten! Rasselnd kehrte die Sichelklinge in die Hand des Fremden zurück. Sie war, ebenso wie ihr Gegenstück, an einer schwarzen Metallkette befestigt. Der Mann konnte die Klingen sowohl werfen als auch im Nahkampf einsetzen. Und er wusste sich gut zu verbergen. Raven hatte ihn nicht bemerkt, bevor er sich zu erkennen gegeben hatte.
Anerkennend hob Raven die Augenbrauen. »Außergewöhnliche Waffen für einen außergewöhnlichen Kämpfer. Wer bist du?«
Der Fremde starrte ihn hasserfüllt an. »Ich bin Rhino. Und ich bin gekommen, um dich zu töten.«
Das tiefe Rubinrot in Ravens Augen wurde augenblicklich heller, als sie auf Rhinos hellroten, stechenden Blick reagierten.
»Tatsächlich?«, fragte Raven kalt. Demonstrativ hob er eine seiner Pistolen. Das kalte Metall fühlte sich wie eine Liebkosung auf seiner Haut an. Ohne Vorwarnung schoss er.
Rhino duckte sich unter den leuchtenden Loumegeschossen weg und startete einen neuen Angriff. Seine Klingen durchschnitten die Luft.
Raven wich zur Seite aus und feuerte zurück. Minutenlang waren sie sich beinahe ebenbürtig. Es war wie ein Tanz, der aus Angreifen und Ducken bestand, aus Vorstoßen und Zurückziehen. Es war ein Tanz des Todes.
Ravens schlanke, durchtrainierte Gestalt tänzelte über den unebenen Boden der Lichtung, während Rhino sichtlich an Geschwindigkeit verlor und schwerer atmete. Er mochte ein Drache sein, doch er konnte mit Raven nicht mithalten. Außerdem hatte er einen Streifschuss an der Schläfe abbekommen, sodass ihm immer wieder Blut in die Augen rann und ihm die Sicht raubte. Schließlich ließ der weißhaarige Fremde einen Moment seine Deckung sinken. Schon tauchte Raven wie ein schwarzer Schatten vor ihm auf. Er setzte seine Pistolenläufe auf Rhinos Brust.
»Ich hasse dich!«, zischte Rhino, ohne zurückzuweichen.
Raven lächelte kalt. »Und welchen Grund habe ich dir gegeben, mich zu hassen?«, fragte er.
Rhino starrte ihn ungläubig an. »Soll das ein Scherz sein?«, schrie er. Er stieß mit seinen Sichelmessern nach Raven. Der sprang zurück, ohne die Läufe seiner Pistolen hochzunehmen. Sie zielten noch immer auf das Brustbein des Drachen. »Du hast sie umgebracht! Du hast sie alle umgebracht! Verdammt! Du bist der Black Sniper! Ich habe jahrelang nach dir gesucht, du verfluchter Bastard! Sie sind alle tot. Du hast sie auf dem Gewissen, elender Verräter! Ich bringe dich um!«
»Wen habe ich getötet?«
Rhino war außer sich vor Wut. »Meine Familie, du verfluchter Hurensohn! Racoon! Du hast meine Schwester und ihre ganze Familie getötet!« Der Schmerz schien Rhino zu überwältigen. »Du hast nicht einmal ihren Partner verschont, obwohl er nicht bei ihnen war, als du sie umgebracht hast! Du hast sie gejagt und zu Tode gehetzt! Sie waren Alchemisten, sie haben nichts getan! Wie kannst du das vergessen? Sie waren Drachen, verstehst du, Drachen! Wie kannst du so gleichgültig sein?«
Mit der Kraft der Verzweiflung bäumte Rhino sich auf und hieb mit seinen Sichelmessern nach Raven. Mit reglosem Gesicht feuerte Raven zweimal. Er traf Rhino ins rechte Schlüsselbein und in den linken Oberschenkel. Der weißhaarige Drache stürzte zu Boden, nur um sich sofort wieder aufzurappeln.
»Du verdammter Überläufer! Warum hilfst du ihnen, uns auszurotten? Warum?« Er schwankte. Blut strömte aus seinen Wunden. Schwer atmete er durch seine zusammengebissenen Zähne. Er war erledigt, das wusste er ebenso gut wie Raven.
Der hielt seine Pistolen locker in den Händen und sah Rhino kalt an. »Lass mich eines klarstellen: Es ist mir egal, wen ich töte. Ich töte um des Tötens willen, und solange ich dafür gut bezahlt werde, ist es mir gleichgültig, ob meine Beute Menschen, Drachen oder sonst einem Volk angehört.« Er breitete die Arme aus. »Außerdem macht es mir Spaß, zu jagen und meine Beute zur Strecke zu bringen. Und natürlich macht es Spaß, sie am Ende zu töten.«
Rhino erschauerte. Zum ersten Mal zeigte er Angst. »Das ist es also.« Er senkte den Kopf. Sein helles, blutgesträhntes Haar fiel ihm in die Stirn. »Die Drachen sind dir gleichgültig.« Er atmete rasselnd ein. »Es ist nicht wahr, was sie über dich erzählen, Black Sniper. Sie sagen, du seist grausam und mitleidlos, aber sie liegen falsch. Du bist völlig wahnsinnig!«
Raven feixte. »Meinst du, ja?« Er tat, als würde er nachdenken. »Vielleicht hast du recht. Vielleicht bin ich wahnsinnig, vielleicht auch nicht. Aber was auch immer ich bin, es ändert nichts daran, dass ich dich jetzt töten werde.«
Rhino umfasste seine blutigen Klingen fester. Es war Rhinos eigenes Blut, das daran herabtropfte. Dieser Kampf war längst entschieden. Seine Miene war eine Maske aus Schmerz und Hass. »Du verfluchtes Monster! Ich werde nicht zulassen, dass du weiterhin Drachen tötest!«
»Ganz, wie du willst.« Damit zielte Raven und drückte ab. Die Loumegeschosse schlugen lautlos in Rhinos Brust ein und traten aus seinem Rücken wieder aus. Der weißhaarige Drache fiel, und dieses Mal würde er nicht wieder aufstehen. Seine muskulösen Glieder zuckten unter Krämpfen. Er hob ein letztes Mal den Kopf und sah Raven an. »Bastard«, stieß er hervor, dann brach der Blick seiner hellroten Augen und er lag still.
Ein Windstoß fuhr durch die Baumwipfel. Der Wald schien aufzuseufzen. Ein Wispern raunte auf der Lichtung, als sich der Bannzauber auf Rhino löste und er seine ursprüngliche Drachenform zurückgewann.
Ohne den Toten eines weiteren Blickes zu würdigen, stieg Raven über ihn hinweg und hielt auf die verfallene Jagdhütte und die Felsen dahinter zu. Der schwere Blutgeruch überdeckte beinahe die Duftspur, die der Zerleger hinterlassen hatte. Raven steckte mit einer geübten Bewegung seine Pistolen in die Halfter. Er sah sich um. Es war an der Zeit, diesen Ort zu verlassen. Schließlich hatte er einen Auftrag zu erledigen.
• 19 •
Lynx stand an der Brüstung einer der zahlreichen Brücken, die über den Fluss von Autonne Gale führten, und starrte versonnen hinab auf die wirbelnden schwarzen Wassermassen. Es war bitterkalt. Eisschollen trieben den Fluss hinunter, von der Steinbrüstung hingen kleine Eiszapfen. Sie hatte sich den Tag freigenommen, um ihre Gedanken zu sortieren und die Buchführung der letzten Wochen zu machen. Ab und an, so wie heute, hatte sie das Bedürfnis, raus an die frische Luft zu kommen, irgendwo anders zu sein. Die Spaziergänge halfen ihr, einen klaren Kopf zu bekommen. Meistens lief sie zum Ufer der Himmelsinsel, zu den Klippen beim Wasserfall, der hinter ihr mit ohrenbetäubendem Lärm über den Klippenrand hinausschoss. Heute allerdings war sie auf der Brücke hängengeblieben, gebannt vom stetig wechselnden Muster des dunklen Wassers.
Die Brücke war zu schmal für Nurek-Wagen oder andere schwere Gefährte, und so war es ein Fluss aus Leibern, der an Lynx vorbeifloss. Vor allen Dingen waren es Menschen und Moosvolk, vereinzelt auch Angehörige anderer Völker, schwer bepackt mit Bündeln oder Paketen. Einige zogen Handkarren hinter sich her, andere hielten Kinder an der Hand, sie bildeten einen stetigen Strom wie der Fluss, über den sie wanderten. Doch Lynx nahm die Leute kaum wahr, ihre Gedanken waren in den schwarzen Fluten und den grauen Wolken.
Dieser Winter forderte seinen Preis. Wie immer traf es die Ärmsten zuerst. Lynx war schon seit Monaten nicht mehr in den Slums unterhalb des Wasserfalls gewesen. Aber einige Mädchen hatten dort Familie und sie erzählten von der Verzweiflung, die in den Armenvierteln herrschte. Im oberen Teil der Stadt war die Situation nicht viel besser. Auf dem Markt gab es kaum noch Lebensmittel zu kaufen, die Kornspeicher der Stadt waren leer. Lynx bezweifelte, dass Kornlieferungen aus dem Frühlingsreich noch vor der Sturmpause am Winterende ankämen, selbst wenn die Handelsschiffe umgehend lossegelten. Keiner wusste, wie sie diesen Winter überstehen sollten.
Wäre es möglich, die Vorräte umzuverteilen? Sie hatte Amanda, die Besitzerin des Pfeifenden Ebers, vor einigen Tagen getroffen und mit ihr darüber diskutiert. Am Ende war ihre ernüchternde Erkenntnis gewesen, dass eine Umverteilung nur funktionierte, wenn man die reichen Fabrikinhaber und die Herbstadeligen in ihren Villen einbezog. Und erfahrungsgemäß hatten ebendiese kein Interesse am Wohlergehen der Ärmeren. Immer das gleiche Problem: Die Macht weniger baute auf dem Elend vieler auf.
Vielleicht konnte Lynx den Stadtrat überzeugen. Viele seiner Mitglieder kamen regelmäßig mit ihren Familien in den Dragon. Vermutlich konnte Lynx sie dazu bewegen, zumindest einen Vorstoß zu wagen, um die Hungersnot abzuwenden. Aber wollte sie das? Es würde Aufmerksamkeit auf sie lenken und das war das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Die Gefahr, dass sie als Drachin enttarnt wurde, war zu groß. Wenn sie so starken Einfluss auf den Stadtrat nahm, setzte sie alles aufs Spiel, was sie sich hier in Gale aufgebaut hatte. Dieses Risiko würde sie nicht eingehen.
Sie bemerkte ihn erst, als er direkt neben ihr stand. Für einen Augenblick fragte sie sich, wie lange er wohl schon dort gestanden hatte. Dann überwog die Freude über das unverhoffte Wiedersehen.
»Varg! Was machst du denn hier?«
»Ich war auf der Suche nach dir.«
Lynx sah ihn überrascht an. »Nach mir? Warum das?«
»Ich habe dir etwas mitgebracht, darum.« Aus dem Nichts zauberte er einen üppigen Strauß Blauastern hervor und reichte ihn ihr. »Schöne Blumen für eine schöne Frau.«
»Vielen Dank! Sie sind wirklich schön. Wo hast du sie her?«
»Ich habe sie gepflückt.«
»Wer hat sie gebunden?«
»Ich, wer sonst?«
Lynx hatte bereits vor Wochen aufgehört, sich über Varg zu wundern. »Ich wusste gar nicht, dass es noch Astern gibt.«
»Ich habe sie auf den Frühlingsinseln gepflückt«, erwiderte er.
»Was hast du da getrieben?«
»Ich habe etwas gesucht. Aber das ist eine lange Geschichte.«
»Ich würde sie gerne hören.«
»Gern. Sie ist ohnehin einer der Gründe, weshalb ich dich gesucht habe, zusammen mit einer Bitte. Hast du Zeit?«
»Ja«, antwortete sie. »Ich habe mir bis heute freigenommen. Aber was hältst du erst einmal von Mittagessen?«
Varg machte keinen Hehl aus seinem Magenknurren. »Viel. Meine Geschichte ist allerdings nicht für fremde Ohren bestimmt.«
»Wir können im White Dragon reden.«
»Aber hast du nicht frei?«
»Ich bin nicht die Einzige, die kochen kann. Die Mädchen sind alle ziemlich gut.«
»Wenn sie bei dir in die Lehre gehen, müssen sie das sein.«
Gemeinsam kehrten sie zum White Dragon zurück. Auf dem Weg erzählte Varg von seiner Arbeit auf der Werft und von dem neuen Projekt, das er in den kommenden Tagen beginnen würde, und Lynx berichtete vom White Dragon und ihrem Leben mit den Mädchen. Varg brachte sie mit witzigen Kommentaren und intelligenten Bemerkungen zum Lachen. Sie merkte, dass sie ihn in den letzten Wochen vermisst hatte.
Als sie den Dragon erreichten, hielt er ihr die Tür auf. Sie bedankte sich mit einer kleinen Verbeugung. Kaum war die Eingangstür hinter ihnen ins Schloss gefallen, steckte Sakura den Kopf durch die Schwingtür zur Küche.
»Oh, Kajin! Willkommen zurück! Hey, Varg! Lange nicht gesehen!«
»Hallo, Sakura«, begrüßte Varg sie freundlich.
Mitsu erschien neben Sakura und bedachte Varg mit einem prüfenden Blick. »Mittagessen, nehme ich an?«
Lynx nickte. »Ja, bitte.«
»Ist in einer halben Stunde fertig, ich bringe es euch hoch.« Damit verschwand sie wieder in der Küche. Lynx und Varg folgten ihr. Varg blickte sich neugierig um.
»Das ist also das Herz des Dragon«, stellte er fest. Gerade, als Lynx die Tür zum privaten Teil des Dragons öffnete, stand Hakaze plötzlich neben ihr und hielt ihr eine Vase hin.
»Für die Blumen«, sagte sie ausdruckslos, den Blick gesenkt. Wenn Hakaze den Mund öffnete, um zu sprechen, musste Lynx immer wieder ein Schaudern unterdrücken. Die Fähigkeit, sich ihr fast unbemerkt zu nähern, beeindruckte Lynx noch immer.
»Du musst Hakaze sein«, sagte Varg und lächelte das schmale, unscheinbare Mädchen an.
Hakaze zuckte zusammen.
»Keine Angst, ich tu dir nichts.«
Hakazes Mundwinkel wanderten ein wenig nach oben, ehe sie im geschäftigen Küchentreiben verschwand.
Varg lachte und bedeutete Lynx mit einer kleinen Verbeugung, voranzugehen. Schweigend führte sie ihn zwei Stockwerke hinauf in ihre Räume, die gleichzeitig die ungestörtesten Zimmer im Dragon waren. Als sie eintrat, leuchteten die Tintenmagieformeln über den Fensterrahmen und rings um die Tür kurz auf. Sie erkannten ihre Meisterin.
Im Kamin knisterte bereits ein Feuer. Hakaze hatte die beiden Diwane und den niedrigen Tisch davorgeschoben und sogar die Gaslampen an den Wänden entzündet. Wie immer hatte Hakaze bereits vor Lynx gewusst, was sie brauchte. Vielleicht war das Mädchen doch mehr Wisperweib als Mensch.
»Willkommen.« Sie wies auf die Diwane. »Bitte, nimm Platz.«
»Danke.« Varg legte seinen Mantel unzeremoniell über die Armlehne und setzte sich.
Bevor Lynx sich zu ihm gesellen konnte, klopfte es an der Tür. Sakura stand davor und reichte ihr ein Tablett mit zwei Kannen und einem Teller Gebäck.
»So.« Lynx stellte das Tablett auf den niedrigen Tisch vor dem Kamin. »Was für eine Geschichte wolltest du mir erzählen?«
»Wie gesagt, sie ist mit einer Bitte verbunden. Willst du sie trotzdem hören?«
»Natürlich.«
Varg beugte sich vor, um sich eine Tasse Kaffee einzuschenken.
»Kaffee?«, fragte Lynx erstaunt. »Ich wollte doch eigentlich Kräutertee haben.«
»Ich aber nicht. Tut mir leid, ich habe seit Tagen nicht mehr geschlafen. Kaffee ist für mich jetzt genau das Richtige. Deine kleine Sakura kennt mich besser, als ich dachte. Aber falls es dich beruhigt: In der anderen Kanne ist Tee.« Er schenkte Lynx eine Tasse ein und reichte sie ihr.
Sie trank einen Schluck und lehnte sich zurück. »Also, Varg …«
»Mein echter Name ist Wolf. Ich denke, du solltest ihn kennen, bevor ich dir meine Geschichte erzähle.«
»Wolf also.« Sie musterte ihn. »Das passt tatsächlich besser.«
»Findest du?«
»Absolut. Ich bin Lynx.« Wenn Wolf ihr genug vertraute, ihr seinen echten Namen zu nennen, gab es für sie keinen Grund mehr, ihren eigenen geheim zu halten.
»Ich hatte schon gerätselt, wie du wirklich heißt.« Wolf trank einen Schluck Kaffee. »Kajin passt aber genauso gut zu dir.«
»Danke. Ein Bekannter hat mir den Namen irgendwann gegeben und er ist hängengeblieben. Aber du hast von einer Bitte gesprochen. Was für eine Bitte ist das?«
Wolf grinste. »Du kommst gleich zum Kern, das gefällt mir. Ich habe dir erzählt, dass ich ein neues Bauprojekt starte. Dieses Wolkenschiff wird etwas Besonderes werden.« Er griff in seine Manteltasche und zog ein kleines Bündel hervor. »Öffne es, dann weißt du, was ich meine.«
Neugierig nahm Lynx Wolf das Päckchen ab. Als sie es öffnete, fiel ein Tintenfass heraus, das eine tiefschwarze, wirbelnde Flüssigkeit enthielt.
»Schattenblut!« Sie blickte Wolf an. »Wo hast du das her?«
»Ich habe meine Beziehungen. Ich hatte genug Jahrhunderte, um Kontakte zu knüpfen.«
Lynx konnte das leise Wispern des Schattenbluts hören. »War das der Grund, weshalb du im Frühlingsreich warst?«
»Unter anderem«, bestätigte Wolf.
»Du willst also, dass ich dir beim Bau mit Tintenmagie helfe.«
»Nicht nur beim Bau. Ich möchte, dass du das Schiff mit permanenten Zaubern belegst.«
Mit Schattenblut wäre das, anders als mit gewöhnlicher Tinte, kein Problem, aber … »Das kostet eine Menge Zeit.«
»Und eine Menge Magie, ich weiß. Aber ich bin eine echte Niete in Tintenmagie.« Er überlegte. »Eigentlich in jeder Magie, außer meiner eigenen. Ich habe noch nicht einmal die Grundprüfung der Magie bestanden.«
Lynx sah ihn ungläubig an. »Wie bitte?« So etwas hatte sie noch nie gehört.
»Ich sagte doch, dass ich wirklich schlecht in Fremdmagie bin.«
»Aber warum kommst du dann zu mir?«, fragte Lynx.
Wolfs Miene war ernst. »Meinst du wirklich, ich hätte die Zauber rings um den Dragon nicht bemerkt? Die Bannkreise, die Schwellenzauber – die übrigens ziemlich beeindruckend sind. Ich habe schon lange nicht mehr eine solche Magie gespürt.«
Lynx runzelte irritiert die Stirn. Sie wirkte ihre Bannkreise immer so, dass die Zauber nicht zufällig aufgespürt werden konnten. »Das sollte eigentlich unmöglich sein.«
Wolf zuckte mit den Schultern. »Ich bin darin ausgebildet, Magielinien zu spüren.«
Das war eine Information, die Lynx erst einmal verarbeiten musste. Sie betrachtete das Tintenfass, das sie auf den niedrigen Tisch gestellt hatte, und atmete tief durch.
»Echt?« Sie schüttelte den Kopf. »Wie bist du bloß an dieses Zeug gekommen? Und wozu?«
»Das werde ich dir erzählen. Aber erst einmal muss ich wissen, ob du bereit bist, mir zu helfen.« Da war es, das ewige Misstrauen. Es war eine schlechte Angewohnheit, die jedes Wesen annahm, das länger als zwei Jahrhunderte lebte. Oder wollte er ihr eine Wahl lassen? Ihre Entscheidung war längst gefallen. Lynx setzte ihr Verhandlungsgesicht auf.
»Warum sollte ich dazu bereit sein?«
»Weil ich dich gut bezahlen würde.«
»Ich bin die Besitzerin des White Dragon. Meinst du wirklich, ich hätte dein Geld nötig?«
»Vermutlich nicht. Aber es wäre mal etwas Neues, oder? Oder hast du schon mal ein Wolkenschiff mit Tintenmagiezaubern belegt?«
»Nein. Ein Wolkenschiff noch nie.« Und genau dieser Umstand machte Lynx neugierig. Vermutlich wusste Wolf das ganz genau. Das Wolkenschiff interessierte sie, ebenso wie der Drache mit den stahlgrauen Augen. »Okay. Erzähl mir von diesem Schiff und davon, weshalb du so was«, sie wies auf das Tintenfass mit dem Schattenblut, »in deiner Manteltasche herumträgst.«
Wolf nickte erfreut. »Mit Vergnügen!«
• 20 •
Eine leichte Brise ließ die Seidenvorhänge vor den Fenstern tanzen. Hawk saß mit untergeschlagenem Bein auf dem Sitzkissen und täuschte Interesse an dem Bericht des Boten vor. Senatorin Suhas Blick war berechnend, während sie dem Boten lauschte. Senatorin Fatimas Finger trommelten auf ihr Knie und Hawk konnte förmlich sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Die Aufmerksamkeit der beiden war so auf den Boten konzentriert, dass Hawk es sich erlaubte, seine Gedanken wandern zu lassen. Er wusste ohnehin, was der Bote zu berichten hatte. Schließlich war er es gewesen, der die Nachricht ursprünglich formuliert und über Umwege Leute finanziert hatte, den Boten zu senden. Hawk hatte gehofft, dass die Nachricht rechtzeitig zum Besuch der Senatorinnen auf Hawks Anwesen eintraf, und er hatte richtig kalkuliert.
Es kam häufiger vor, dass die Senatorinnen des Sommerrats ihn auf seinem Landsitz besuchten, meist unter dem Vorwand, seinen Rat zu brauchen, wenn sie in Wahrheit die Sammlung seiner Gärten bewundern wollten. Hawk ließ sie gewähren. Doch gerade jetzt, kurz vor den nächsten öffentlichen Gerichtssitzungen, gab es mehr als genug zu besprechen, sodass viele Senatorinnen Hawk als Berater in Anspruch nahmen.
In Zeiten wie diesen konnte Hawk am meisten Einfluss auf das politische Geschehen nehmen, ohne Angst haben zu müssen, dass er Misstrauen erweckte. Wenn er mit den Senatorinnen einzeln oder in kleinen Gruppen sprach, seine Worte sorgfältig abwog und seine Macht nicht zu offensichtlich ausspielte, erreichte er am meisten. Sobald er vor dem gesamten Rat sprach, gab es unter den Mitgliedern immer welche, die ihn missbilligten und ihm nicht trauten. Kamen die Senatorinnen aber zu ihm, konnte Hawk davon ausgehen, dass sie seine Beraterrolle akzeptierten und ihm bestenfalls sogar vertrauten. So konnte er sie leicht manipulieren.
Die Kunst, seine eigenen Ideen als die des Gegenübers zu verkaufen, hatte Hawk über Jahre perfektioniert. Sie leistete ihm gute Dienste, zusammen mit der Fähigkeit, seine Gegner schonungslos in Grund und Boden zu argumentieren. Es gab nicht viele, die in einer Diskussion mit ihm die Oberhand gewannen. Doch er bevorzugte eine diskretere Vorgehensweise, agierte lieber aus den Schatten als im Rampenlicht. Besonders im Umgang mit dem Sommerrat erschien ihm diese Herangehensweise besser. Schließlich versuchte er nicht nur, mit Crimson Flower Einfluss auf den Rat zu nehmen, sondern ein ganzes System zu verändern.
Sie mussten sich sorgfältig vorbereiten und sichergehen, dass sie nicht in ein Vakuum gerieten, wenn sie den Sommerrat absetzten. Der Plan war nie gewesen, das Sommerreich ins Chaos zu stürzen, zumindest nicht für eine längere Zeitspanne. Ihr vordringliches Ziel war es, die korrupten Ratsmitglieder durch gewählte Vertreter zu ersetzen. Sie wollten den Sommerrat nicht nur für Männer, sondern für alle Volksgruppen öffnen, besonders für die Rjtak.
Die stolzen Stämme waren die Einheimischen in diesen Breiten von Skyle. Seit die Menschen begonnen hatten, auf dem Kontinent zu siedeln, hatte es Streit um Handelsrouten, Oasen und die wenigen fruchtbaren Landstriche gegeben. Dabei hatten die Menschen nie verstanden, worauf es beim Leben in der Wüste ankam. Anderenfalls hätten sie längst angefangen, Ba-anad zu züchten, Sandschlitten zu konstruieren oder Kakteen anzubauen.
Doch erst mit dem Kampf um die Hauptstadt, der Ermordung des Sommerkönigs und der anschließenden Gründung des Sommerrates war der Konflikt eskaliert. Seit die Menschen die Rjtak aus Estate Phoenix verdrängt hatten, herrschte Krieg. Die ausgehandelte Waffenruhe war bestenfalls brüchig. Es war vor allem der Verdienst von Hawks jahrzehntelangen, engen Beziehungen zu den Stämmen, dass diese vorübergehend die befreiten Kindersklaven aufnahmen und beim Kampf gegen die Karawanen der Sklavenhändler halfen, wenn sie durch die südlichen Staubwüsten nahe des Zinar-Gebirges zogen. Der Hass gegen die Menschen saß tief, auch wenn es unter den Mitgliedern von Crimson Flower inzwischen eine ganze Reihe Rjtak gab, die für die gemeinsame Sache kämpften. Sie glaubten ebenso wie Hawk daran, dass nur ein Zusammenschluss der Völker im Sommerreich den Pfad in die Zukunft öffnete.
Der Bote hatte inzwischen seinen fingierten Bericht über Schmuggler auf der Nord-Süd-Handelsroute beendet und sah sich jetzt den Fragen von Suha und Fatima ausgesetzt. Ihre Reaktionen waren genauso, wie Hawk gehofft hatte.
»Der Mann ist sicher erschöpft. Wir sollten ihn ruhen lassen«, raunte er den Senatorinnen zu.
Auf seinen Wink hin trat einer seiner Diener durch den steinernen Türbogen und bedeutete dem Boten, ihm zu folgen.
Fatima protestierte, doch Suha unterbrach sie. »Du hast recht, Hawk. Lassen wir den Mann ausruhen.« Der Bote verneigte sich und verschwand mit dem Diener aus dem Raum. Hawk wusste, dass irgendwo bereits ein Tablett mit Erfrischungen und ein Ruhelager auf den Mann warteten. Die Bewirtung in seinem Haus war stets exzellent.
Suha beugte sich zu Hawk hinüber. »Was hältst du von dem Bericht?« Ihr heißer Atem strich über Hawks Gesicht, so nah war sie ihm. Hawk konnte nur mit Mühe seine Abscheu verbergen.
»Ich denke, dass Ihr der Sache nachgehen solltet. Wenn tatsächlich Schmuggler versuchen, die Nord-Süd-Handelsroute auf dem Kontinent unter ihre Kontrolle zu bringen, dann wird auch der Rat davon nicht lange unbehelligt bleiben. Soweit ich weiß, nutzt Eure Familie diese Route oft für ihre Karawanen, nicht wahr, Senatorin Fatima?«
»Ich werde diese Angelegenheit in der nächsten Ratssitzung zur Sprache bringen«, verkündete Fatima entschlossen. »Senatorin Dilara muss ebenfalls davon erfahren. Meinst du, du kannst den Boten zu ihrem Stadthaus weiterschicken?«
»Selbstverständlich.«
»Gut«, sagte Fatima zufrieden. »Sorg dafür, dass er bis zum Abend dort ist. Ich werde Dilara beim Essen Gesellschaft leisten, dann können wir gleich die nächsten Schritte besprechen.«
Suha erhob sich. »Wir sollten auch die Hafenstädte im Norden im Auge behalten. Die Wolkenpiraten wildern seit dem Frühling vor der Küste von Topaz. Wenn das so weitergeht, werden unsere Handelspartner sich beschweren.«
Hawk wusste, dass auch Suha einen Großteil ihres Vermögens durch Lufthandel machte. »Dann ist eine Verstärkung der Truppen in Gallowsway sicher ratsam.«
Suha grinste süffisant. »Ich denke, ich werde mich persönlich darum kümmern und Senatorin Siham besuchen.«
Hawk neigte in gespielter Anerkennung den Kopf. »Eine exzellente Idee.«
Er begleitete seine beiden Besucherinnen zum Vorhof und sah zu, wie sie umständlich ihre Sänften bestiegen, die sie zurück nach Phoenix bringen würden. Sie hoben zum Abschied grüßend die Hand und die Sänftenträger setzten sich in Bewegung.
Hawk blickte ihnen nach, bis sich das hohe, doppelflüglige Tor hinter ihnen schloss. Was wollten die Menschen in den lebensfeindlichen Wüsten des Kontinents? Die nördlicheren Sommerinseln, die an das Frühlings- und das Herbstreich angrenzten, waren üppig bewachsen und bevölkert von ganzen Gruppen merkwürdiger Spezies. Dort lebte es sich leichter als hier auf dem Kontinent. Gewiss, inzwischen waren einige der Inseln im Osten nicht mehr bewohnbar. Der Blutwald hatte sich in den letzten Jahrhunderten ausgedehnt, indem seine giftigen Pollen sich von einer Insel zur nächsten ausbreiteten. Er überwucherte den fruchtbaren Boden, vergiftete das Wasser der Quellen, und nur die Sturmwinde wussten, was dieser Dschungel in seiner unstillbaren Gier schon alles geschluckt hatte. Hawk konnte verstehen, dass die Menschen ihn mieden. Aber die staubigen Steinwüsten und die Wanderdünen auf dem Kontinent waren kaum freundlicher. Wenn gerade keine Sandstürme tobten, trockneten Dürreperioden das Land aus. Das Leben war sogar noch härter geworden, seit der Sommerrat den Angehörigen anderer Völker den Zutritt nach Estate Phoenix verboten und damit das Moosvolk mit seinen Magiewebern aus dem Land vertrieben hatte. Über so viel Kurzsichtigkeit konnte er nur den Kopf schütteln. Selbst der Sommerrat musste einsehen, dass das Fehlen der Magieweber einen gesellschaftlichen Rückschritt bedeutete.
»Sir!«
Er blickte auf. Ein Offiziersanwärter kam auf ihn zu, begleitet von Hassan, seinem Leibdiener. Der Anwärter salutierte. »Ich bringe den Militärreport!«
Hawk bedeutete ihm, bequem zu stehen. »Geben Sie her. Haben Sie etwas Zeit?«
Der Mann bejahte und reichte ihm den versiegelten Bericht.
»Gut. Lassen Sie sich von Hassan ein paar Erfrischungen bringen. Hassan?«
Hassan verbeugte sich knapp. »Sehr wohl, Sir. Wenn Sie mir folgen mögen?«
Hawk sah den beiden nach, wie sie in den Tiefen des Gartens verschwanden. »Wundergärten« nannten seine Bediensteten und Besucher seinen Besitz. Die Gärten waren der einzige Teil seines Anwesens, an dem Hawk tatsächlich etwas lag.
Auf dem Weg ins Arbeitszimmer überflog er den Bericht. Am Schreibpult griff er Papier und Federhalter und verfasste in seiner ordentlichen Schrift Befehle an seine Offiziere. Er löschte die Tinte mit Sand, schuf eine blau leuchtende Loumekugel und griff nach seinem schweren Siegel. Einen Augenblick lang betrachtete er den fliegenden Reiher mit der stilisierten Blüte darunter, ehe er sorgfältig ein Dokument nach dem anderen mit blau pulsierenden Siegeln verschloss. Sein Blick wanderte aus dem Fenster zu seinen Gärten und verlor sich eine Weile im Anblick des Grüns.
Dann erhob er sich. Es wartete noch viel Arbeit auf ihn.
• 21 •
Ich werde diese Mode nie verstehen«, murmelte Fly, als zwei Gäste mit blau gefärbter Haut zum Eingang der Salzgrotten gingen.
Juuba starrte den beiden Männern unverhohlen hinterher. »Was passiert eigentlich, wenn die Farbe nicht wieder verschwindet?«, überlegte sie laut und Fly stellte sich unwillkürlich vor, wie die Hälfte des königlichen Hofstaats dauerhaft mit blauer Haut herumlief.
»Dann müssen sie hoffen, dass wir nie Krieg gegen das Moosvolk führen«, meinte sie.
Juuba lachte. »Stimmt, dann hätten sie ein Problem.«
Die Haut der Angehörigen des Moosvolks hatte alle Schattierungen von Maigrün bis Olivfarben, je nachdem, aus welcher Region von Skyle sie stammten. Vermutlich würde unter den blau gefärbten Mitgliedern des Hofes Panik ausbrechen.
Es war üblich und sogar erwünscht, dass man bei Hofe mit den Gegnern des Frühlingsreiches sympathisierte. Seit bekannt geworden war, dass die Frühlingskönigin plante, die Marinepräsenz im Sommerreich zu verstärken, dominierten Blau- und Schwarztöne die Kleidung. Besonders seit man von einer Offensive auf die Echsenkrieger munkelte, überschlug sich der Hofstaat mit Modespielchen.
Der Beitrag der Alchemisten waren die Mittelchen, mit denen die hohen Hofbeamten ihre Haut färbten. So liefen Männer und Frauen mit glänzender blauer Haut herum, auf der die schwarze Streifenzeichnung und den Stammestätowierungen nachempfundene Muster zu sehen waren. Die Färbung hielt nur wenige Stunden, aber allein die Vorstellung, dass den Alchemisten ein Fehler unterlief und die Haut hinterher blau blieb, war amüsant.
Die nächste Kutsche hielt vor den flachen Stufen, die zum Eingang der Salzgrotten hinaufführten. Die Aepicela vor der Kutsche schnaubten und stampften mit den zierlichen Hufen. Fly warf den hübschen Antilopen mit den gedrehten Hörnern einen sehnsüchtigen Blick zu. Viel zu lange war sie schon nicht mehr geritten.
Ihre eigene Aepicela, ein hübsches weißes Rassetier mit einer klaren Streifenzeichnung auf den Flanken, war in den Ställen des Glaspalasts von Jazli untergebracht. In den letzten Wochen hatte sie kaum Zeit für sich gehabt. Fly beschloss, am nächsten Morgen auszureiten.
Ein Diener öffnete den Verschlag der Kutsche und zwei hochgewachsene Echsenkrieger stiegen aus. Fly kannte sie, sie waren Gesandte der Stämme. Juuba und sie knicksten tief, als sie vorbeigingen.
»Was sie wohl von der Farbe halten?«, fragte Juuba leise.
»Keine Ahnung. Aber sie dürften die Eskapaden des Hofes inzwischen gewohnt sein.« Wenn Fly sich richtig erinnerte, waren diese beiden Gesandten schon seit einigen Jahren in Jazli. Vermutlich waren sie selbst inzwischen so tief in das Netz aus Intrigen und Oberflächlichkeit verstrickt, die den Frühlingshof ausmachten, dass es sie kaum interessierte.
Charles, der Hauptmann der Leibgarde, trat an sie heran, um ihren Bericht zu hören. Fly und Juuba waren an diesem Abend für die Sicherheit des Geländes zuständig und deswegen bereits seit dem frühen Nachmittag vor Ort.
Charles nickte, als sie ihren Report beendet hatten. »Coline und Félix lösen euch ab.«
Fly und Juuba sahen ihn verblüfft an. »Jetzt schon?«, fragte Juuba. »Aber wir haben bis Mitternacht Schicht.«
»Ihre Majestät hat strikte Anweisung gegeben, dass ihr euch zu amüsieren habt. Also amüsiert ihr euch.«
Fly verengte die Augen. »Hat sie das wirklich gesagt?«
Charles lachte. »Nein, aber sie sagte, dass sie sich freuen würde, dich im Laufe des Abends zu sehen. Apropos.« Er wies mit einem Kopfnicken zu der Kutsche mit dem königlichen Wappen, die die Einfahrt herauffuhr. Sofort sanken Juuba und Fly in einen tiefen Knicks, während Charles sich verbeugte.
Die Königin und eine Hofdame kamen die Stufen herauf, ins Gespräch vertieft. Vor Fly und Juuba hielten sie kurz an. Die beiden hoben die Köpfe. Ihre Majestät bedeutete ihnen mit einer kleinen Handbewegung, ihr zu folgen. Fly warf Charles einen schnellen Blick zu, der kaum merklich nickte, ehe sie und Juuba hinter der Königin die Salzgrotten betraten.
Das Licht der Kronleuchter wurde glitzernd von den stuckverzierten Wänden und weißen Möbeln zurückgeworfen, die wie alles hier aus Steinsalz bestanden. Die Gäste flanierten in Grüppchen oder zu zweit durch die Säle, unterhielten sich gedämpft oder lauschten der Musik des kleinen Ensembles im mittleren Saal.
Die Königin glitt durch die Menge, wohlwollend und zurückhaltend wie immer. Doch Fly wusste, dass die Königin auch unbarmherzig und skrupellos sein konnte, genauso wie sie manchmal jähzornig und brutal war. Sie war von Anfang an dabei gewesen. Fly hatte die Ermordung ihres Prinzgemahls ebenso miterlebt wie den Aufstieg des Frühlingsreiches zur alchemistischen Großmacht. Ihre Majestät spielte in jeder Situation ihre Rolle perfekt.
Heute Abend trug die Frühlingskönigin eine imposante, mitternachtsblaue Robe. Ihre bleiche Haut hob sich stark von dem glänzenden Stoff ab. Eine Kette aus kostbaren schwarzen Perlen zierte ihr Dekolleté, schwere tropfenförmige Ohrringe fingen das Licht der Kronleuchter und Kerzen ein und brachen es funkelnd. Ihr langes dunkelbraunes Haar war kunstvoll aufgetürmt. Sie hatte auf Schleifen und Perlen verzichtet, sodass die natürliche Fülle ihres Haares ihr einziger Schmuck war.
Obwohl ihr zierlicher Körper dank der Künste der königlichen Alchemisten jung geblieben war, konnte man vom Gesicht der Königin ihr wahres Alter ablesen. In den letzten Monaten hatte sich um ihre Augen und die Mundwinkel ein Netz aus feinen Fältchen gebildet, und die Blässe ihrer Haut wirkte unnatürlich, beinahe weiß. Die dunklen Haare der Königin waren von silbernen Fäden durchzogen, kaum sichtbar im gedämpften Licht der Salzgrotten.
Fly fand nicht, dass diese Dinge der würdevollen Ausstrahlung Ihrer Majestät einen Abbruch taten, im Gegenteil: Sie wirkte reifer, bestimmter, weiser. Und die grünen Augen der Königin, die Flys so ähnlich waren, versprühten noch immer dieselbe Energie wie vor fünfzig Jahren, als sie sich das erste Mal getroffen hatten. Fly verehrte sie. Wenn es sein musste, würde sie für die Frühlingskönigin in den Tod gehen.
»Was hälst du von den Gerüchten?«, holte Juuba sie in die Gegenwart zurück.
»Welche? Es gibt zu viele, ich habe den Überblick verloren.«
»Die von der Offensive«, sagte Juuba mit gesenkter Stimme und betrachtete den Rücken der Königin. »Glaubst du, sie will wirklich die Echsenkrieger angreifen?«
Fly wiegte den Kopf und dachte an den letzten Wochenreport. »Wir hätten die Mittel dazu.«
»Hm. Was denkst du über die Exorzisten?«
Fly blieb stehen. »Woher weißt du davon?«
Juuba schnaubte. »Also bitte! Dieser Hof lebt von Gerüchten! Das weißt du besser als ich!«
Fly setzte sich erneut in Bewegung, um den Anschluss an die Königin nicht zu verlieren. »Ich weiß es nicht. Aber ich kann mich umhören.«
»Frag Magpie, wenn du ihn das nächste Mal siehst.«
Fly verzog das Gesicht. »Lieber nicht.« Sie konnte den Marinedrachen nicht ausstehen.
»Was hast du eigentlich gegen ihn?«
»Er ist ein Drache«, antwortete Fly mit finsterer Miene und beobachtete, wie der neue Verteidigungsminister zur Königin trat. »Das reicht.«
Sie standen in der Nähe des Musikensembles und konnten deswegen nicht hören, was der Minister zu sagen hatte, doch die Königin nickte und entließ Fly, Juuba und ihre Hofdame mit einer Handbewegung. Der Minister verbeugte sich tief und geleitete die Königin in eine Suite am Rande der Säle. Juuba und Fly sahen ihnen nach.
»Und jetzt?«, fragte Juuba.
»Jetzt suchen wir uns etwas zu essen. Ich sterbe vor Hunger!« Flys Magen knurrte zustimmend und Juuba lachte.
Nachdem sie dem Buffet einen Besuch abgestattet hatten, streiften sie eine Weile durch die Säle. Tiefer in den Grotten befanden sich die unterirdischen Soleseen, die dank der Zauber der Magieweber türkisblau leuchteten. Fly schmeckte das Salz auf den Lippen und roch den nassen Stein. Sie liebte diesen Ort, er hatte etwas Magisches.
In einer der Logen, die den größten der Seen umgaben, hatte sich eine Handvoll Hofdamen und Offiziersanwärter zusammengefunden. Ihre Ausgelassenheit war ansteckend, und als einer von ihnen Fly und Juuba heranwinkte, folgten sie der Einladung, ohne zu zögern. Ehe sie sich versahen, war eine laute Feier im Gange.
Fly war überrascht, als jemand die kleine Kristallglocke in der Eingangshalle der Salzgrotten schlug und damit das Zeichen zum Aufbruch gab. Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Sie erhob sich wehmütig, denn sie hatte schon lange nicht mehr so viel gelacht wie an diesem Abend. In der Ferne ertönte die Glocke ein weiteres Mal. Ihr Klang schwebte wie ein Signal aus einer anderen Welt durch die Grotte. Fly lauschte, bis der letzte Glockenschlag verklungen war.
Juuba knuffte sie in die Seite, als sie die Loge verließen. »Der Typ aus dem Winterreich, der mit den kurzen braunen Haaren, starrt dir die ganze Zeit hinterher!«
Fly wusste, wen Juuba meinte. Der junge Mann war ihr mit seinen intelligenten Kommentaren bereits aufgefallen. »Lass ihn«, sagte sie. Sie würde ihn ein wenig zappeln lassen.
Juuba lachte. »Du bist ein Biest!«
»Er darf sich ruhig ein bisschen anstrengen.« Ein drittes Mal ertönte die Kristallglocke. »Die Königin wird sich gleich auf den Weg machen. Wir sollten sie nicht warten lassen.«
Juuba grinste. »Ganz, wie du willst.«
• 22 •
Sonnenlicht durchflutete die Räume des alten Herrenhauses im Süden des Herbstreiches. Der Wald ringsum hatte bereits vor langer Zeit die weitläufigen Gartenanlagen und die Seitenflügel des halb verfallenen Gemäuers zurückerobert. Kleine Bäume wuchsen aus den Fensteröffnungen, deren Scheiben zersplittert am Fuße des Steinhauses lagen. Ranken bildeten verschlungene Muster auf ihrem Weg ins Innere. Zwischen den Steinplatten im Eingangsbereich und auf der Terrasse hatte sich Gras angesiedelt und Moos wuchs auf den roten Tonziegeln, die einst mit dem Dachgebälk ins obere Stockwerk eingebrochen waren. Die Pracht des alten Herrenhauses war schon lange Vergangenheit.
Die beiden Menschen näherten sich vorsichtig der Ruine. Immer wieder blickten sie sich um, prüften, ob niemand ihnen gefolgt war. Dies waren gefährliche Zeiten.
Der Wind fuhr Ida durch das lange gelbbraune Haar und bauschte Tronds dunkelroten Umhang auf. Er trug den vertrauten Geruch des Nordwinters mit sich, obwohl diese Region des Herbstreiches stets vom Schnee verschont blieb.
Plötzlich erstarrten die beiden. Wie auf ein geheimes Kommando zogen sie ihre Waffen. Ida spannte ihren Langbogen aus schwarzem Holz, während Trond zwei Krummdolche aus den Scheiden zog. Kaum hatten sie sich kampfbereit gemacht, als sie auch schon von einem halben Dutzend hell gewandeter Gestalten umzingelt wurden. Sie trugen lange Stoffbahnen um den Kopf, die ihre Haare und den Großteil ihrer Gesichter verbargen. Die verschiedenen ungewöhnlichen Augenfarben konnten sie allerdings nicht verstecken. Das hier waren Drachen, keine Menschen. Heron hatte richtig gelegen.
Ida und Trond ließen ihre Waffen sinken.
»Wir kommen mit friedlichen Absichten!«, rief Trond.
Eine der Gestalten trat vor. Ihre goldgelben Raubtieraugen blitzten. »Was wollt ihr?« Die Stimme verriet, dass es eine Frau war.
»Wir sind Mitglieder der Winterrebellen. Andor, der Prinz des Winterreichs schickt uns. Wir möchten mit der Drachenkaiserin Scarab sprechen.«
»Die Kaiserin spricht nicht mit Unterhändlern«, sagte die Frau mit den Raubtieraugen. »Der Prinz sollte es besser wissen, als zwei seiner Gefolgsleute zu schicken!«
Ida trat vor. »Der Prinz weiß darum, aber die derzeitige Situation erlaubt es ihm nicht, die Winterinseln zu verlassen. Er bittet trotzdem um eine Audienz bei der Drachenkaiserin, auch wenn er nicht persönlich zugegen sein kann.«
Die Drachin schüttelte den Kopf. »Es werden keine Ausnahmen gemacht.«
Ida verzog das Gesicht. Sie hatten befürchtet, dass so etwas geschehen würde.
»Aber …«, setzte Trond neben ihr an, doch sie legte ihm eine Hand auf den Arm.
»Lass gut sein. Du hast sie gehört.« Ida verbeugte sich vor der Drachin. »Vielen Dank für Eure Zeit. Entschuldigt die Störung.«
Die Haltung der Raubtierfrau entspannte sich und sie hob die Hand, um die Stoffbahn abzuwickeln, die ihre Haare verdeckte. Ein kurzer feuerroter Haarschopf kam zum Vorschein. Sie lächelte die beiden Rebellen an.
»Das Gesetz der Gastfreundschaft gebietet es uns, euch ein Nachtquartier und Verpflegung anzubieten.«
Erleichterung durchströmte Ida. Wenn sie nicht sofort wieder weggeschickt wurden, fanden sie eventuell doch noch eine Möglichkeit, Scarab ihr Anliegen vorzutragen. Sie war nicht gewillt, die Hoffnung so schnell aufzugeben. »Habt vielen Dank. Es war ein langer Weg, wir nehmen das Angebot gerne an.«
Die Rothaarige gab den anderen vermummten Gestalten ein Zeichen. So lautlos, wie sie gekommen waren, verschwanden sie wieder. Sie blieb im Eingang des Herrenhauses stehen und wartete, bis Ida und Trond zu ihr aufgeschlossen hatten. Dann betrat sie die Ruine.
»Mein Name ist Cougar«, sagte sie und ging voran. »Ich bin die oberste Befehlshaberin in der Leibwache der Kaiserin. Ich möchte euch in ihrem Namen willkommen heißen, auch wenn eure Reise vergebens war.«
»Schön, dich kennenzulernen, Cougar. Ich bin Ida und das hier ist mein Gefährte Trond. Wir sind Mitglieder in den Rebellentruppen des Winterprinzen und gehören zu seinem Beraterstab.«
»Ich weiß«, sagte Cougar über die Schulter.
Ida senkte den Kopf. »Wir dachten uns, dass ihr informiert seid.«
»Wissen ist Macht, besonders in solch unruhigen Zeiten wie diesen«, entgegnete Cougar.
Sie berührte die nächste Steinwand, die daraufhin lautlos verschwand und einen Gang offenbarte. Ida wechselte einen schnellen Blick mit Trond. Sie bekamen nicht oft den Einsatz von Magie zu sehen. Die menschlichen Mitglieder der Winterrebellen verfügten nicht über sie, und Heron und Marmoset zeigten ihre Kräfte selten.
»Nach euch.« Cougar machte eine auffordernde Geste zum Durchgang, aus dem Fackelschein fiel.
Zögernd gingen sie weiter. Cougar folgte ihnen und verschloss den Zugang hinter sich, ehe sie sich an ihnen vorbeischob und sie durch weitere Gänge und über eine Treppe hinab zu einer Holztür führte. Dort angelangt, drehte sie sich zu den Rebellen um. Offenbar würden sie nicht näher als bis hier an die Drachenkaiserin herankommen.
»Dies ist euer Quartier für die kommende Nacht.«
»Habt Dank für eure Gastfreundschaft.« Wieder verbeugte sich Ida vor der Frau mit den Raubtieraugen.
Cougar winkte ab. »Keine Ursache. Ruht euch aus. Wenn ihr etwas braucht, scheut euch nicht, Bescheid zu sagen.« Sie wandte sich zum Gehen, drehte sich dann aber doch noch einmal um. »Es tut mir leid, dass ich nicht mehr für euch tun konnte.«
»Nicht zu ändern«, antwortete Ida verständnisvoll. »Bestellt der Kaiserin unseren ergebensten Dank und die besten Wünsche.«
»Werde ich. Bis morgen früh.« Damit drehte sie sich um und verschwand im nächsten Gang. Das Letzte, was Ida und Trond von ihr sahen, waren ihre feuerroten Haare, die im Licht der Öllampen glänzten.
»Und jetzt?«, fragte Trond.
»Jetzt machen wir das Beste draus und holen Schlaf nach«, meinte Ida und öffnete die Tür. Im kleinen Kamin brannte ein Feuer, und ein Tablett mit Speisen stand auf dem Tisch.
»Sie wussten, dass wir kommen«, stellte Trond kopfschüttelnd fest und setzte sich auf eines der Betten.
»Überrascht dich das tatsächlich? Heron hatte so etwas doch schon vermutet.«
»Nein.« Trond seufzte. »Aber ich hatte mir mehr erhofft.«
»Vielleicht bekommen wir morgen noch eine Chance«, tröstete Ida ihn halbherzig. Nachdem Hound als Nördlicher Drachenkaiser abgelehnt hatte, den Winterrebellen zu helfen, brauchten sie Scarabs Unterstützung dringender denn je.
»Was erzählen wir den anderen, wenn wir zurückkommen?«, fragte Trond.
»Dass wir nichts erreichen konnten.« Ida setzte sich auf das zweite Bett und streifte ihre Stiefel ab. »Entweder Andor und Heron kommen selbst her, oder Scarab muss zu uns kommen.«
Trond betrachtete nachdenklich das Tablett mit Essen. »Glaubst du wirklich, die Drachenkaiserin wird die Winterrebellen unterstützen?«
»Kommt darauf an, wie sich die politische Lage entwickelt. Aber ich hoffe es. Wir können ihre Unterstützung gut gebrauchen.«
• 23 •
Die Straßen von Autonne Gale waren spiegelglatt und Eisblumen wuchsen an den Fensterscheiben. Zuvor hatte es noch heftig geregnet, und nach dem plötzlichen Kälteeinbruch war die regennasse Stadt in einen Eispanzer gehüllt. Es war bitterkalt.
Wolf stand am Fenster seiner Wohnung und blickte hinaus. Es war beinahe Mittwinter. Zu dieser Zeit war es stets dunkel und kalt. Dies war in vielerlei Hinsicht eine Zeit der Entbehrungen, doch er hatte den Eindruck, dass es dieses Mal besonders schlimm war. Die Bürger zitterten bereits vor den gefürchteten Steuererhöhungen der Frühlingskönigin, die in den nächsten Wochen auf sie zukommen würden. In diesem Jahr hatte es das Herbstreich schwer getroffen.
Wolf sah zu seinem Reißbrett hinüber. Die halb fertigen Baupläne erinnerten ihn an einen ganzen Stoß anderer Pläne, die es nun endlich fertigzustellen galt. Er überlegte, wie viel Zeit ihm noch blieb, bevor er die Metallteile im Tiegel abholen konnte. Glücklicherweise war vor ein paar Tagen endlich das Holz angekommen, das er geordert hatte. Das Handelsschiff mit der kostbaren Ladung hatte es gerade noch in den Hafen geschafft, ehe der Schneefall eingesetzt hatte.
Die Glocken des alten Tuchhallenturms läuteten das Ende des Markttags ein. Sie verrieten Wolf, dass er wieder einmal vergessen hatte, eine ordentliche Mahlzeit zu sich zu nehmen. Plötzlich merkte er, wie hungrig er eigentlich war. In der Küche warf er einen wenig hoffnungsvollen Blick in seinen leeren Vorratsschrank. Vorerst würde er sich mit einem Kaffee begnügen müssen. Er nahm die Kaffeedose und suchte zwischen Zeichenutensilien und Geschirr auf dem Küchentisch nach einem Löffel. Schließlich gab er auf und schüttete den Kaffee ohne abzumessen in den Filter, bevor er die Gasflamme des Sieders entzündete. Gebannt beobachtete er, wie das Wasser im unteren Glaskolben zu sprudeln begann und sich im dünnen Glasrohr nach oben durch den Filter drückte. Er war immer wieder fasziniert von der Einfachheit des Vorgangs und dem ausgeklügelten System des gläsernen Sieders. Langsam füllte sich die Kugel über dem Filter. Wolf atmete tief ein. Nichts ging über einen guten, frischen Kaffee.
Er hatte gerade den Schrank in der Hoffnung geöffnet, dort vielleicht einen sauberen Becher zu finden, als es klopfte. Verwundert ging er, um die Tür zu öffnen. Im dämmrigen Licht des Treppenaufgangs stand Raven, der eine in einen Kapuzenumhang gehüllte Gestalt in Wolfs Wohnung schob.
»Mach die Tür zu!«, knurrte Raven zur Begrüßung. Wolf folgte der Aufforderung.
Mürrisch wischte sich Raven die Schneeflocken vom schwarzen Mantel und schüttelte seine Kapuze aus. »Scheißwetter!«, fluchte er. »Kel war schwerer zu finden als ein Buschschwein im Dschungel!«
Wolf umarmte Raven freundschaftlich. »Gut, dass du ihn trotzdem gefunden hast.« Seine Augen leuchteten auf, als sie Ravens begegneten. Dann wandte er sich seinem zweiten Gast zu. »Kel. Schön, dich wiederzusehen.«
Kel schlug die Kapuze zurück. Zum Vorschein kam die lange, geschuppte Echsenschnauze eines Rjtak.
»Wolf!« Er umarmte ihn herzlich.
Wolf trat einen Schritt zurück, um seinen ehemaligen Lehrling zu betrachten. Sie hatten sich viel zu lange nicht gesehen. Kels Schuppenfarbe war wegen der Kälte draußen blasser als sonst, sodass seine schwarzen Stammestätowierungen deutlich zum Vorschein traten. Davon abgesehen sah der Rjtak genauso aus, wie Wolf ihn in Erinnerung hatte. Es würde eine Freude werden, wieder mit ihm zusammenzuarbeiten. Er klopfte Kel freundschaftlich auf die Schulter, dann kehrte er in die Küche zurück. »Werft eure Mäntel einfach da irgendwo hin. Ich habe gerade Kaffee gemacht. Wollt ihr auch eine Tasse?«
»Ich denke nicht, dass Kaffee eine gute Idee ist«, sagte Kel skeptisch und stieg über Wolfs Sachen.
»Kaffee ist immer eine gute Idee«, gab Wolf zurück, während er drei Becher abwusch. »Bitteschön!«, sagte er, als er sie auf den Tisch stellte und seine Zeichenutensilien mit einer Armbewegung auf den Boden fegte. Raven sah zur Wohnungstür und wechselte einen Blick mit Kel, ehe er sich setzte.
»Was hast du so getrieben, Kel?«, wollte Wolf wissen.
»Ich habe es mir im südlichen Herbstreich bequem gemacht und Schiffe abgewrackt.«
»Davon habe ich gehört. Du hast dir einen ziemlichen Namen gemacht.«
Kel lachte heiser. »Ja, ich nehme an, der Zerleger ist ein weiteres Schreckgespenst der Wolkenmeere geworden.« Er wirkte sehr zufrieden.
»Ich bin froh, dass Raven dich gefunden hat.«
Ravens Antwort beschränkte sich auf ein unwilliges Knurren.
»Ich hatte echt keine Ahnung, wo du steckst.«
Kel schmunzelte. »Unser letztes Treffen liegt inzwischen auch fast zehn Jahre zurück. Es wäre mir allerdings lieber gewesen, wenn du jemanden geschickt hättest, der weniger brutal vorgeht als Raven.«
Raven starrte teilnahmslos aus dem Fenster, als hätte er Kel nicht gehört. Wolf fiel erst jetzt auf, dass der hochgewachsene Echsenmann einen weißen Verband um den Schuppenkopf trug.
»Ich hatte Raven eigentlich darum gebeten, dich mir unversehrt zu bringen«, meinte Wolf entschuldigend.
Kel machte eine wegwerfende Handbewegung. »Kein Problem.«
»Nicht meine Schuld«, kommentierte Raven.
»Ich weiß um deine Kunst des Versteckspielens, Kel.« Wolf trank einen Schluck Kaffee. »Ich weiß nicht, ob dich jemand anderes als Raven gefunden hätte.«
Kel wiegte den Kopf. »Das stimmt vermutlich. Mit dem Geld, das wir für die Wonder bekommen haben, bin ich abgetaucht. Zehn Jahre sind eine lange Zeit, um seine Spuren zu verwischen.«
Wolf klopfte Raven anerkennend auf die Schulter. »Gute Arbeit, Raven. Ihr seid genau zur rechten Zeit gekommen. Für dieses Projekt habe ich das alte Team zusammengetrommelt«, sagte er zu Kel gewandt. »Rensa und Coram sind auch vor zwei Tagen angekommen. Sturmerprobte Hände schaffen mehr.«
»Rensa? Die alte Schachtel lebt immer noch?« Kel lachte wieder. »Sieht aus, als würdest du wieder mal etwas Großes planen, Meister.«
Wolf rieb sich verlegen über den Nasenrücken. »Ich habe dir gesagt, du sollst mich nicht Meister nennen! Du bist vor mehr als sechzig Jahren bei mir in der Lehre gewesen!«
Kel sah ihn neugierig an. »Sag lieber, was hast du vor?«
In diesem Augenblick wurden in der Gasse vor dem Küchenfenster Stimmen laut. Stiefel dröhnten auf dem Kopfsteinpflaster, Befehle wurden gebrüllt. Wolf sah verwundert hoch. Kel fluchte und sprang auf. Raven befand sich bereits auf halbem Wege zum Flur.
»Gibt es einen Hinterausgang?« Er warf sich seinen Mantel über.
Wolf bejahte. »Durch das Fenster im Bad.«
»Vielen Dank!«, rief Kel Wolf zu und verschwand hinter Raven im Nachbarraum.
Wolf stand auf und schlenderte ihnen hinterher. Er lehnte sich gegen den Türrahmen und sah Kel dabei zu, wie er über die Badewanne kletterte. »Wir treffen uns in einer Stunde im White Dragon. Fragt die Besitzerin nach Coram und Rensa. Sie weiß Bescheid.«
Raven hockte bereits auf dem Fensterbrett. »Alles klar, den White Dragon kenne ich. Ich würde jetzt sagen: Tut mir leid wegen der Unannehmlichkeiten, aber eigentlich …« Er zuckte mit den Achseln.
Wolf grinste zurück. »Verschwinde, elender Unruhestifter!«
Raven schwang sich aufs Dach, Kel folgte. Wolf schloss das Fenster hinter ihnen. Zurück in der Küche räumte er die beiden Becher weg und versetzte den Raum in seinen üblichen chaotischen Zustand, indem er die Kleidungsstücke auf die Stühle zurücklegte und seine Zeichenutensilien wieder auf dem Tisch verteilte.
Schritte polterten die Treppe herauf. Gelassen nahm Wolf sich die neueste Zeitung und setzte sich erneut an den Küchentisch. Er schlug sie auf und trank einen Schluck Kaffee. Wenige Augenblicke später wurde seine Wohnungstür aufgebrochen. Gardesoldaten mit schussbereiten Gewehren und grimmigen Gesichtern stürmten herein. Ein Offizier in Uniform folgte ihnen.
»Durchsucht alle Räume!«, bellte er. »Ich will sie lebend!« Dann erst bemerkte er Wolf. Unwillkürlich nahm der Offizier Haltung an.
Wolf lehnte sich zurück, Kaffeebecher und Zeitung in der Hand, und sah ihn freundlich an.
»Kann ich den Herren vielleicht helfen?«
• 24 •
Raven hatte es sich auf einem Stuhl im Besprechungszimmer des White Dragon bequem gemacht. Er lauschte dem hitzigen Gespräch zwischen Wolf und der Besitzerin des White Dragon, die auf dem Flur vor der geschlossenen Tür standen. Die Tintenmagiezauber am Türrahmen dämpften ihre Stimmen, aber dank seiner geschärften Sinne konnte Raven trotzdem jedes Wort verstehen. Offensichtlich war Kajin nicht begeistert davon, dass Wolf ihn mit in den Dragon gebracht hatte.
»Und so einem traust du?«, fragte sie gerade entgeistert. »Warum?«
»Ganz einfach: Weil er mein bester Freund ist«, war Wolfs Antwort.
An dieser Stelle blendete Raven ihre Stimmen aus und konzentrierte sich auf die drei Handwerker, die mit am runden Tisch saßen. Raven kannte Wolfs Freunde mit Namen, hatte sie aber noch nie getroffen.
Rensa saß mit überkreuzten Beinen auf ihrem Stuhl. Sie trug die traditionelle Toga der Antinanco über dem gefiederten Oberkörper, die so geschlungen war, dass ihre Schwingen die größtmögliche Bewegungsfreiheit hatten. Ihr gelber Schnabel schimmerte gefährlich und in ihren Augen blitzte der Schalk.
Coram hatte sich ihr gegenüber an den runden Tisch gesetzt und trank schweigend seinen Tee. Er war ein Hüne von einem Mann mit einem Kreuz wie ein Nurek und blondem, kurz geschorenem Haar. Seine breite Gestalt ragte wie ein Ungetüm auf, drohend und düster. Auch seine helle Kleidung konnte nichts daran ändern, dass er die Ausstrahlung eines Schwerverbrechers hatte.
Raven fiel auf, dass sein finsteres Auftreten nur Fassade war. In Wirklichkeit war Coram ein interessierter Mensch. Vielleicht machte ihn genau dieser Umstand gefährlich. Raven schüttelte unwillig den Kopf. Kaum traf er neue Leute, sah er gleich wieder überall Gegner. Chronische Paranoia gehörte zum Headhunter-Dasein.
Kel hatte sich den Platz gesucht, der am nächsten am Feuer war. Raven konnte das gut verstehen. Schließlich kamen die Rjtak von den südlichen Sommerinseln, wo es sogar im Winter wärmer war als in Autonne Gale im Hochsommer. Der Echsenkrieger mit der blauen Schuppenhaut riss gähnend die Schnauze auf, sodass seine zwei Zahnreihen aufblitzten. Die dunklen Zeichnungen auf seinem Reptilienkörper waren im Feuerschein kaum von seinen Stammestätowierungen zu unterscheiden.
Alle drei hatten wie Raven Kaffeetassen vor sich stehen und bedienten sich an der Kuchenplatte in der Mitte des Tisches. Kel und Rensa gingen in einer hitzigen Diskussion auf, die Coram aufmerksam verfolgte.
»Einer der gefährlichsten und tödlichsten Headhunter von ganz Skyle, hm?«, begrüßte Raven Wolf leise, als er zurückkehrte. »Danke für das Kompliment.«
»Es stimmt doch, oder?«
Raven erlaubte sich ein überhebliches Lächeln. »Vermutlich.«
»Ich habe Lynx vor dir gewarnt«, sagte Wolf gedämpft und setzte sich neben Raven.
»Ich habe es gehört.«
»Ich bitte dich, Raven: Lass sie in Ruhe«, mahnte Wolf.
»Du hast es doch selbst gesagt, oder? Ich bin niemand, der schnell lockerlässt.«
Wolf runzelte verärgert die Stirn, doch Rensa mischte sich ein, ehe er eine Antwort geben konnte. »Wolf! Verrat uns endlich, warum wir hier sind!«, dröhnte sie. »Ich kann mir schönere Orte vorstellen als Autonne Gale mitten im Winter.«
»Allerdings!«, rief Kel und nieste. »Du weißt, wie sehr ich Schnee hasse. Bei diesen Temperaturen stehe ich kurz vor der Kältestarre!«
»Das, mein lieber Freund, werden wir hoffentlich zu vermeiden wissen«, stellte Wolf fest. »Ich habe einen Auftrag, der uns ziemlich ins Schwitzen bringen könnte.«
»Nun rück schon mit den Details raus!«, beschwerte sich Rensa und raschelte ungeduldig mit den Federn.
Wolf zog eine lange lederne Kartenrolle hinter seinem Stuhl hervor. Er öffnete sie und legte einen Stapel Zeichnungen auf den Tisch. »Ich will ein Schiff mit euch bauen, nach diesen Plänen.«
»Ein Schiff also.« Rensa verengte die Augen, als sie die Linien und Anweisungen genauer betrachtete. »Nein, nicht irgendein Schiff«, verbesserte sie sich. »Ein Schiff, das Wolf konstruiert hat. Die Zeichnungen sind doch von dir, oder?«
»Ja«, bestätigte Wolf.
Kel schnappte sich eines der Papiere. »Ich hätte es wissen müssen.«
Coram nickte stumm.
Rensa blickte in die Runde. »Das letzte Schiff, das wir zusammen gebaut haben, war die Wonder vor fast zehn Jahren, oder?«
»Die Wonder? Das legendäre Piratenschiff der Storm Riders unter dem Kommando von Roxanne LeClaire?« Raven erinnerte sich an die beeindruckende Frau.
»Du kennst die Kapitänin?«, fragte Rensa überrascht.
»Kennen wäre zu viel. Es war eher eine … flüchtige Bekanntschaft.«
»Raven hier liebt flüchtige Bekanntschaften«, bemerkte Wolf.
»Die Pläne sind nicht fertig«, stellte Coram fest.
Wolf schüttelte den Kopf. »Was ihr hier seht«, fing er an, doch Kel unterbrach ihn.
»Ich glaube, wir alle wissen, was wir hier sehen«, sagte er und wechselte einen Blick mit Rensa und Coram. »Das sind die Pläne, an denen du seit Jahrzehnten arbeitest. Du hast mit der Planung angefangen, als ich noch bei dir in der Lehre war. Diese Konstruktionspläne beinhalten alles, was die Schiffsbaukunst in Skyle jemals hervorgebracht hat. Das hier sind die Zeichnungen eines Genies!«
»Aber sie sind unvollständig«, stellte Rensa scharf fest.
»Ich weiß«, beschwichtigte Wolf. »Aber die Pläne sind so weit fertig, dass wir mit dem Bau beginnen können.«
Kel verschränkte die Arme vor der Brust. »Du weißt doch, Wolf: kein Schiff ohne vollständige Konstruktionspläne.«
»Er hat recht«, murmelte Rensa. »Das können wir unmöglich umsetzen. Wolf, das ist Wahnsinn.«
»Noch nicht«, bemerkte Raven. Genie und Wahnsinn lagen bei Wolf so eng beieinander, dass es oft schwerfiel, sie auseinanderzuhalten. Wie Raven seinen Freund kannte, war in diesen Plänen eine gehörige Portion von beidem.
»Das hast du damals bei der Wonder auch gesagt, Rensa. Wir haben sie trotzdem gebaut.«
Alle wandten sich Coram zu. Offenbar sagte er nur, was ihm wirklich wichtig schien. Raven gefiel der Mann immer besser.
Coram tippte auf die Zeichnung. »Ich glaube, ich weiß, was an dieser Stelle fehlt.«
»Ich dachte mir schon, dass ihr noch einige Ideen zur Verbesserung der Pläne habt«, sagte Wolf. »Deshalb wollte ich sie vorher mit euch durchsprechen.«
Die Tür öffnete sich und die Besitzerin des White Dragon trat ein. Raven erinnerte sich daran, dass Wolf die Drachin Lynx genannt hatte. Er versuchte, unauffällig ihren Geruch zu erhaschen. Er war ebenso betörend wie ihr Körper. Wenn er darüber nachdachte, hatte er ihn schon bei seinen vorangegangenen Besuchen im Dragon in der Nase gehabt. Das Gebäude und die Umgebung waren getränkt davon. Sie musste schon eine ganze Weile hier leben.
Lynx setzte sich zu Rensa. »Sakura bringt gleich das Essen.«
»Gut«, sagte Rensa. »Ich habe Hunger. Und ich glaube, das wird eine lange Nacht.«
Kel lachte. »Wann hast du keinen Hunger?«
****
Der Morgen dämmerte bereits, als sie den White Dragon endlich verließen. Es hatte aufgehört zu schneien und der Himmel war erstaunlicherweise klar. Bald würden sich die Zwillingssonnen über den Horizont schieben und dem Herbstreich einen weiteren kurzen Wintertag bescheren.
Raven schüttelte entgeistert den Kopf, als er sah, dass es schon wieder hell wurde, und hielt nur kurz an, um sich eine Zigarette anzuzünden. Dann folgte er Wolf durch die vereisten Straßen.
»Ich kann nicht glauben, dass wir die ganze Nacht über die blöden Pläne für ein Schiff diskutiert haben!« Ursprünglich hatte er nur ein kostenloses Abendessen abgreifen wollen, aber die anderen hatten ihn so sehr in ihre Diskussion einbezogen, dass er geblieben war.
»Aber es hat sich gelohnt«, gab Wolf zurück. »Wenn ich heute die Änderungen an den Plänen vornehme und sie noch einmal zeichne, dann können wir sie morgen endgültig an die Werft geben und mit dem Bau beginnen.«
Raven blies nachdenklich den Zigarettenrauch aus. Eine blaue Nebelschwade blieb in der eisigen Luft hängen. »Bist du sicher, dass du das durchziehen willst?«
»Absolut. Die Zeit ist reif«, erklärte Wolf im Brustton der Überzeugung. »Du willst ganz bestimmt nicht noch einmal über mein Angebot nachdenken?«
»Habe ich schon.« Raven hatte keine Ambitionen, auf der Werft festzuhängen. »Ich kann mir schönere Städte als Autonne Gale im Winter vorstellen.« Abgesehen davon, dass Wolf und seine Handwerkerfreunde viel mehr Ahnung von dem hatten, was sie taten, als er.
»Wenn ich wüsste, dass ich dich vielleicht überreden kann, würde ich sagen, dass wir jemanden wie dich gebrauchen können«, sagte Wolf, als hätte er Ravens Gedanken gelesen. »Aber ich kenne dich zu gut.«
»Das stimmt wohl.« Raven fuhr sich geistesabwesend mit der Hand durchs Haar. »Nein, ich werde mich von dir auszahlen lassen, dann meine Quote für Kingston erfüllen, und hinterher suche ich mir irgendeine nette Hafenstadt im Sommerreich, um den Rest des Winters dort zu verbringen. Ohne Aufträge.«
»Wenn du eh im Süden unterwegs bist, kannst du doch bestimmt noch ein paar Erledigungen für mich machen, oder?« Wolf versuchte gar nicht erst, unschuldig zu klingen.
»Würde das bedeuten, dass ich vor Ende des Winters noch einmal nach Autonne Gale kommen muss?«
»Vermutlich, ja.«
Raven gefiel der Gedanke nicht. Andererseits waren Aufträge für Wolf leicht verdientes Geld. »Na gut. Ich erledige deinen Kram. Aber ich will dafür bezahlt werden.«
»Das dachte ich mir schon fast.« Wolf schaute zu einer Turmuhr hoch, an der sie vorbeikamen. »Noch fast eine Stunde, bevor die Bank öffnet«, stellte er fest. »Dann besorgen wir uns erst mal ein Frühstück.«
»Sag mal, Wolf, wo läufst du eigentlich hin?«, fragte Raven und spähte in ein leerstehendes Lagerhaus hinein.
Wolf blinzelte ihn an und Raven seufzte. »Lass mich einfach vorgehen, okay?«
»Okay, wenn du meinst …«
Raven zog ein letztes Mal an seiner Zigarette, dann warf er sie auf die Straße und trat sie aus. »Meine ich.«
• 25 •
Vorsichtig setzte Fly einen Fuß auf den umgestürzten Baumstamm, testete, ob er stabil genug war, und sprang hinauf. Leiv, der ihr folgte, beobachtete sie. Fly balancierte mühelos über den vereisten Stamm, der zwischen zwei Bäumen verkeilt lag. Ihr Atem hinterließ weiße Wolken in der kalten Winterluft.
Irgendwo in der Ferne hörte Fly den Rest ihrer Gruppe, von der sie sich mit Leiv rasch abgesetzt hatte. Die jungen Männer des Hofes waren sofort Feuer und Flamme gewesen, als einige Hofdamen der Königin einen Winterspaziergang angeregt hatten. Fly wäre um keinen Preis der Welt mitgekommen, wenn Juuba nicht mit einer kleinen Kopfbewegung auf Leiv gedeutet hätte. Flys Widerstand war dahingeschmolzen, als Leiv unter seinen braunen zerzausten Haaren ihren Blick gesucht und gefunden hatte. Wenn er dieses Spiel spielen wollte, würde sie gern mitmachen.
Leiv interessierte sie. Sie waren vor ein paar Tagen zu einer Feier in seinem Stadthaus eingeladen gewesen. Zu Flys Erstaunen hatte sie bis dahin nicht einmal den Namen des jungen Mannes gekannt, und nun brachte er sie bereits mit einem einzigen Blick dazu, den Palast und die Frühlingskönigin allein zu lassen. Fly sprang vom Baumstamm. Dieser Mann war ebenso faszinierend wie geheimnisvoll. Gerade deswegen reizte er sie.
Es hatte in den vergangenen Tagen noch einmal kräftig geschneit, sodass das Land rings um Primavera Melody und der Palast von Jazli unter einer dicken Schneedecke verborgen war. Fly mochte den Winter. Die Jahreszeit vereinte häusliche Gemütlichkeit und kühle Distanz in sich. Wenn es schneite, war das ganze Land wie verwandelt, fast so, als würde man durch eine neue Welt wandern.
Ein zerbrechliches Geflecht aus Eis verband die Ufer eines kleinen Baches miteinander, darunter floss klares Wasser. Fly kniete sich hin und hielt die Finger hinein, um die eisige Kälte des Wassers auf der Haut zu spüren. Leiv hockte sich neben sie und gemeinsam beobachteten sie schweigend, wie das Wasser in Wirbeln und Wellen durch den verschneiten Wald plätscherte. Schließlich erhob er sich und reichte ihr eine Hand. Fly ergriff sie. Ihre Finger blieben in seinen liegen, als sie ihren Weg fortsetzten. Schnell wandte sie den Kopf ab, damit Leiv ihren triumphierenden Gesichtsausdruck nicht sehen konnte. Jetzt hatte sie ihn.
****
Juuba lag bäuchlings auf dem Bett, aß Gebäck und sah Fly dabei zu, wie sie ihren Kleiderschrank durchwühlte.
»Und?«, fragte sie zwischen zwei Bissen. »Wie ist er so?«
Fly zog ein gerüschtes Kleid aus einem Kleidungshaufen, begutachtete es und warf es wieder beiseite.
»Nett«, antwortete sie knapp und konzentrierte sich auf ihre Suche nach einem geeigneten Outfit.
»›Nett‹«, äffte Juuba Flys Stimme nach und schnaubte. »So einfach kommst du mir nicht davon. Erzähl, erzähl!«
Fly seufzte und ließ sich neben sie aufs Bett fallen. »Er ist …« Nachdenklich kaute sie auf ihrem Unterlippenpiercing. »Süß. Zuvorkommend, aufgeweckt …«
»… gut aussehend«, ergänzte ihre Freundin und angelte nach einem Marmeladenkeks. »Und sonst so?«
»Sonst?«, fragte Fly unschuldig.
»Komm schon! Als ihr gestern vom Spaziergang wiederkamt, warst du genauso rot im Gesicht wie er. Du kannst mir nicht erzählen, dass das gestern Mittag schon das Ende der Geschichte war!«
»Du kennst mich viel zu gut.«
Juuba winkte ab. »Du kennst mich immer noch besser als ich dich. Also?«
»Er hat Erfahrung«, sagte Fly, nachdem sie die Bilder der vergangenen Nacht zurückgedrängt hatte »Aber er ist gefährlich«, fügte sie hinzu.
»Also ist er genau dein Typ«, stellte Juuba zufrieden fest und schob sich eine Nussmakrone in den Mund.
Statt zu antworten sah Fly auf die Kleiderberge auf ihrem Fußboden. »Oh Mann. So viele Klamotten und trotzdem nichts zum Anziehen.«
»Steht ein Winterbankett an?«
Fly nickte. »Bist du nicht eingeladen?«
»Dieses Mal nicht.«
»Normalerweise würde ich dich ja als Begleitperson mitnehmen, aber in diesem Fall …«
»Ich mache mir nichts draus, keine Sorge. Du darfst Leiv gerne mitnehmen.« Juubas Augen blitzten belustigt.
»Du lachst mich aus, kann das sein?«
»Ach was! Das bildest du dir ein.«
Fly warf eine Hose nach ihr. »Du solltest dir mal lieber selbst einen Freund suchen!«
»Vielleicht«, sagte Juuba unbestimmt. »Und du solltest zusehen, dass du deine nicht so schnell verschleißt!«
»Sie werden so schnell langweilig.« Ein verstohlenes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Zwischen zwei Kleidern entdeckte sie einen kurzen schwarzen Rock. »Ich weiß jetzt, was ich tragen werde!«
Juuba betrachtete den Rock abschätzig. »Den da? Der ist doch total aus der letzten Saison.«
»Es kommt auf die richtige Kombination an, meine Liebe.«
»Ich weiß«, gab Juuba zurück und betrachtete skeptisch Flys Kleiderberge. »Und ich finde trotzdem, dass es wieder Zeit wird, dass wir beide Klamotten kaufen gehen.«
»Definitiv.«
Juuba erhob sich vom Bett. »Ich fürchte allerdings, für heute müssen wir mit dem arbeiten, was da ist. Ich denke, ich weiß, was du zu dem Rock tragen solltest.«
Fly ließ sie gewähren, lauschte ihrem endlosen Geplapper, lachte mit ihr und ließ ihre ganze fröhliche Persönlichkeit auf sich wirken. Sie spürte ein angenehmes Prickeln, wenn sie an den bevorstehenden Abend dachte. Ihre Freundin hatte recht: Leiv war genau ihr Typ.
• 26 •
Im White Dragon war es brechend voll. Einen Moment hielt Lynx inne und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Sie zog ihr Haarband fester, bevor sie sich wieder ihren Gästen zuwandte. Sie war nur froh, dass Kel, Coram und Rensa gerade nicht hier waren. Seit sie vor ein paar Tagen gemeinsam über den Plänen gebrütet hatten, hielten die drei sie ganz schön auf Trab.
Sie schüttelte belustigt den Kopf, als sie an die schräge Truppe dachte, die Wolf angeschleppt hatte. Sie passten zu dem Drachen mit den stahlgrauen Augen. Und dieses Schiff, das sie planten … Lynx war wirklich gespannt. Sie stellte immer wieder fest, dass es mit ihren knapp sechshundert Jahren noch so viele Dinge gab, die sie nicht wusste. Was den Schiffbau betraf, würde sich das bald ändern, das hatte sie sich fest vorgenommen. Irgendwann würde sie Wolf und seine Truppe auf der Werft besuchen, und dann würden sie ihr alles haarklein erzählen müssen. Aber nicht heute.
Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie so viele Gäste haben würden. Mitsu hatte ihren freien Tag, den sie wie so oft in letzter Zeit mit Ferry verbrachte. Deshalb war Lynx umso dankbarer, dass Hakaze ihr an der Bar half und Sakura die Mädchen beim Kellnern beaufsichtigte.
Die Eingangstür öffnete sich und ein junger Mann trat ein. Er trug eine dunkelblaue Schiebermütze, über deren Schirm eine Fliegerbrille saß. Er klopfte sich den Schnee von der Kleidung und winkte Lynx kurz zu, ehe er sich an den Tischen vorbeischlängelte. Zielstrebig hielt er auf das verborgene Paneel unter der Treppe zu und verschwand dahinter. Hakaze, die gerade hinter Lynx herlief, erstarrte bei seinem Anblick.
»Kajin!«, sagte sie eindringlich mit ihrer heiseren Stimme.
»Ich habe ihn schon gesehen«, gab Lynx leise zurück. Laut rief sie: »Sakura! Kannst du mich für eine Weile hier vertreten? Ich muss mich um eine Lieferung kümmern!«
Sakura servierte einem Moosvolk-Paar ihre Suppe und richtete sich auf. »Komme sofort!« Sie nahm Lynx' Platz hinter der Bar ein. »Léo ist da«, murmelte sie.
»Ich weiß. Ich komme gleich wieder.«
Damit legte Lynx ihre Schürze ab und trat hinter der Theke hervor. Sie kannte Léo, er war immer hungrig, deswegen holte sie Kaffee und ein paar belegte Brote aus der Küche. Dann schrieb sie mit dem Finger einige Runen in die Luft und hüllte sich in einen kurzlebigen Illusionszauber. So geschützt, lief sie durch den Schankraum und verschwand einige Augenblicke später unter der Treppe.
Léo hatte es sich wie üblich in dem langgestreckten Raum am Ende des Flures bequem gemacht. Er saß neben dem Kamin, die Beine ausgestreckt. Der hellgraue Schal und seine dunkelblaue Jacke, beide Teil seiner Blauschwalbenuniform, hatte er neben das Feuer gehängt, um sie zu trocknen. Sein Gesicht verriet tiefe Erschöpfung, doch es hellte sich auf, als Lynx den Raum betrat. Sie umarmten sich zur Begrüßung.
»Schön, dich zu sehen.«
»Die Freude ist ganz meinerseits, Kajin.« Léo goss sich eine Tasse Kaffee ein und nahm einen Schluck.
Lynx lächelte beim verzückten Ausdruck auf Léos Gesicht. »Es geht nichts über heißen, frisch gebrühten Kaffee«, murmelte Léo. Unwillkürlich dachte Lynx an Wolf. Er hätte vermutlich dasselbe gesagt.
Léo sah sie verwirrt an. »Was ist?«
Lynx winkte ab. »Nicht so wichtig, vergiss es.«
Léo verkniff sich seinen Kommentar, der vermutlich gewohnt spitzzüngig ausgefallen wäre. Stattdessen stellte er seine Tasse ab und kramte in seiner geräumigen Umhängetasche. Er zog einen Packen zusammengerollter Blätter hervor und reichte ihn Lynx.
»Das ist für dich.«
»Neue Fahndungsplakate?« Lynx nestelte an dem Band, das die Blätter zusammenhielt.
Léo nahm sich ein belegtes Brot. »Dieses Mal sind einige interessante dabei. Es könnte sein, dass du demnächst ungewöhnlichen Besuch bekommst.«
Lynx dachte an Kel, Coram, Rensa, Wolf und Raven und schüttelte den Kopf. »Viel ungewöhnlicher kann er jetzt auch nicht mehr werden«, stellte sie fest.
Léo grinste und biss beherzt in sein Brot. Einige Minuten herrschte Stille. Léo aß hungrig und Lynx ging währenddessen die frisch gedruckten Steckbriefe durch. Irgendwann stutzte sie.
»Diese Steckbriefe meine ich«, nuschelte Léo.
Eingehend betrachtete Lynx die Silberstaubbilder auf dem Pergament. Langsam blätterte sie weiter. »Heron, Marmoset, Armadillo … Das sind Drachen.«
»Es kommt noch dicker.«
Lynx blätterte weiter. Sie erstarrte. »Das ist Andor! Das ist der Prinz des Winterreiches! Ist die Frühlingskönigin jetzt vollkommen übergeschnappt?«
Léo schüttelte traurig den Kopf. »Nein, sie meint es leider vollkommen ernst. Ich habe den Auftrag, diese Steckbriefe auf den gesamten Herbstinseln zu verteilen.«
»Léo, das kannst du nicht machen! An wie vielen Stellen hast du diese Briefe schon ausgehängt?«
»Kajin, du weißt, dass ich die Steckbriefe des Prinzen nicht einfach rausnehmen kann. Die Trucca kommen, um zu kontrollieren, überall! Die Stürme wissen, warum sie es bei dir nicht tun, aber sonst kontrollieren sie an jeder götterverfluchten Stelle, an der Steckbriefe ausgehängt werden.« Er fuhr sich mit der Hand durch die strohblonden Locken. »Ich verliere meinen Job, wenn die merken, dass ich willkürlich die Fahndungsplakate entfernt habe.«
Plötzlich hatte Lynx ein schlechtes Gewissen. Sie wusste, wie viel Léo die Arbeit als Blauschwalbe bedeutete. Er hatte hart dafür gekämpft, in die Riege der fliegenden Boten aufgenommen zu werden.
Léo hob entschuldigend die Hände. »Außerdem ist es jetzt eh zu spät. Außer dem Dragon hier in Autonne Gale habe ich nur noch zwei weitere Städte, dann bin ich mit meiner Tour durch.«
Lynx starrte auf den Steckbrief des Prinzen. Eine halbe Millionen Cœurs für einen Menschen. Als Einstiegskopfgeld. Wohin sollte das führen? »Es ist schlimmer, als ich dachte«, murmelte sie.
Léo lehnte sich zurück, die Kaffeetasse in der Hand, und blickte ins Feuer. »Oh ja«, sagte er leise, »das ist es. Es ist schlimmer, als wir alle dachten.«
»Du hast mir noch nicht alles erzählt, oder?«
Léo schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht nur wegen der Steckbriefe hier.« Er holte tief Luft. »Man erzählt sich, die Frühlingskönigin wolle ihre Truppen aussenden. Angeblich plant sie eine Offensive gegen die Rjtak.«
»Jetzt? Im Winter? Sie sollte warten, bis die Sturmpause vorbei ist, sonst verliert sie die eine Hälfte ihrer Leute auf dem Weg ins Sommerreich und die andere Hälfte in der Wüste.«
»Alle gehen davon aus, dass sie tatsächlich warten wird, bis die Stürme vorbei sind, wenn es überhaupt dazu kommt. Noch hat sie ihren Zug nicht gemacht. Aber ich habe das Marinehauptquartier gesehen, als ich die Steckbriefe abgeholt habe. Sie mobilisiert, Kajin. Es kommt etwas in Bewegung.«
Lynx wurde unruhig. Der letzte große Krieg in Skyle war viele Jahrzehnte her, auch wenn der Frieden immer brüchig gewesen war. Sie machte sich keine Illusionen: Wenn die Frühlingskönigin mobilisierte, würde es Krieg geben.
Léo fuhr fort: »Und sie verdoppelt die Anzahl der Soldaten hier im Herbstreich. Bis zum Jahreswechsel sollen in Autonne Gale alle Soldaten durch Trucca ersetzt werden.«
Lynx schauderte, als sie an die Maskenwesen dachte. »Die Alchemisten der Königin müssen fleißig gewesen sein«, murmelte sie.
»Nicht nur sie. Die Rebellen im Winterreich sehen sich ständigen Angriffen durch ihre Flotte ausgesetzt, selbst jetzt im Winter.« Léo schüttelte den Kopf. »Sie ist vollkommen übergeschnappt, Schwester. Sie verliert ständig Schiffe in den Sturmwinden vor den Klippen der Winterinseln. Und die Schiffe, die es durch die Fallwinde und die Schneestürme schaffen, werden von den Winterrebellen abgeschossen. Man sagt, dass ein Großteil der Truppen des Winterkönigs Andor gefolgt sind und sich den Rebellen angeschlossen haben.« Er deutete mit dem Kinn auf den Steckbrief des Winterprinzen. »Deshalb hat sie auch ein Kopfgeld auf ihn aussetzen lassen.«
Lynx betrachtete sorgenvoll den Steckbrief. »Er ist noch nicht einmal vorbestraft, und dann schon so ein hohes Kopfgeld. Eine halbe Million Cœurs …« Auf ihren eigenen Großneffen! Was dachte sie sich dabei?
»Die Frühlingskönigin will ihn unbedingt lebend. Er wäre ein immenses Druckmittel gegen Winterkönig Halvor.«
»Aber sein Vater hat doch mit Andors Beweggründen gar nichts zu tun! Der Prinz ist achtzehn!« Lynx konnte sich nicht vorstellen, wie sich der Junge fühlen musste. Er war so jung und wurde schon als Verbrecher gejagt. Hoffentlich hatte er Leute, denen er vertrauen konnte.
»Wahrscheinlich hofft die Königin, dass der Winterkönig endlich dem politischen Druck bei den Verhandlungen nachgibt und den Handelsbedingungen zustimmt, die sie an ihn stellt«, mutmaßte Léo.
»Das würde König Halvor niemals tun«, sagte Lynx überzeugt. »Die Erze und Metalle sind die einzigen handelsfähigen Güter im Winterreich. Das Wohl seines Volkes hängt davon ab. Er wird sein Monopol nicht an die Königin abtreten.«
Léo aß den letzten Bissen Brot. »Wenn das Leben seines Sohnes auf dem Spiel steht, vielleicht schon.«
Lynx dachte an ihre Begegnung mit dem früheren Winterkönig, die inzwischen Jahrzehnte zurücklag. »Wenn er auch nur etwas von seinem Vater hat, dann wird der jetzige Winterkönig nicht klein beigeben.«
Léos Augenbrauen wanderten in die Höhe. »Kanntest du den Altkönig, Kajin?«, fragte er listig.
Lynx lachte. »Sei nicht albern! Sehe ich so alt aus?«
Léo schenkte sich Kaffee nach. »Nein. Aber ich weiß, dass du genauso wie ich zumindest zum Teil Drache bist. Du bist auch ein Salamander. Wer weiß, vielleicht ist ja in dir mehr als nur ein Viertel Drachenblut und du lebst schon länger, als du zugibst.«
»Du fantasierst dir schon wieder Dinge zusammen, Léo«, sagte Lynx mit leichtem Tadel in der Stimme.
Léo trank einen Schluck Kaffee. »Könnte sein, könnte aber auch nicht sein.« Er umfasste mit beiden Händen seine Tasse. »Fest steht nur, dass gefährliche Zeiten auf uns zukommen.«
Bilder aus ihrer Zeit als Jungdrachin schossen Lynx durch den Kopf. »Die Zeiten sind immer gefährlich, auf die eine oder andere Weise.«
»Das meinte ich nicht.«
»Was dann?«
Léo sah Lynx ernst an. »Was ich dir jetzt sage, musst du unbedingt vertraulich behandeln. Sie hat die Exorzisten ausgesandt, Schwester.«
Lynx wurde blass. »Die Exorzisten …« Lynx versuchte, sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal von ihnen gehört hatte. »Ihr Orden ist vor mehr als hundertfünfzig Jahren verboten worden!«
»Ich weiß. Aber es gab immer Gerüchte, dass er trotzdem weiter existiert. Ich habe das immer für das wirre Gerede alter Leute gehalten.« Er drehte geistesabwesend die leere Kaffeetasse in der Hand. »Scheinbar lagen sie richtig.«
Lynx starrte ins Feuer. Ein Holzscheit fiel knackend in sich zusammen und sandte einen Funkenschauer den Kamin hinauf. Die Exorzisten. Die Frühlingskönigin hatte die Drachentöter losgeschickt. Krampfhaft versuchte sie, nicht an die Zeit zurückzudenken, als die Exorzisten auf der Höhe ihrer Macht gewesen waren. Die Lage war ernster, als sie sich ausgemalt hatte. »Wir müssen auf der Hut sein.«
Léo erhob sich. »Ich weiß.« Als er seine Sachen zusammensammelte, fielen zwei Blätter aus seiner Jackentasche. Er stutzte und reichte sie Lynx. »Das hätte ich fast vergessen. Diese Steckbriefe sind heute als Nachzügler per Fischexpress gekommen. Sieh zu, dass du sie aufhängst.«
Lynx legte sie zu den anderen. »Mache ich.«
Léo schlang sich den Schal um und setzte seine geliebte blaue Schiebermütze mit dem weißen Schwalbenemblem auf.
»Und du willst heute Nacht nicht hierbleiben?«
»Nächstes Mal vielleicht. Ich muss heute noch ein bisschen Strecke machen.«
Lynx musterte den jungen Mann von oben bis unten, wie er müde und abgekämpft, aber stolz in seiner Blauschwalben-Uniform dastand.
»Du bist erwachsen geworden«, stellte sie fest und stand auf.
»Du nicht, Schwester«, gab er vorlaut zurück. »Du bist immer noch die Alte.« Er legte den Kopf schief. »Ich habe das Gefühl, du bist schon immer erwachsen gewesen.«
»Vielleicht ist das auch so«, gab Lynx zurück und zwinkerte ihm zu.
Léo lachte leise. »Doch, du bist wirklich immer noch die Alte. Geheimnisvoll wie immer.« Dann gab er ihr einen Kuss auf die Wange. »Pass auf dich auf.«
Lynx' Lächeln vertiefte sich. »Du auch, Léo.«
»Werde ich, keine Sorge.« Er zog den Gurt seiner Umhängetasche fester. »Orquidea wartet, er ist bestimmt schon ganz unruhig.« Er tippte sich an den Schirm seiner Mütze. »Es war mir eine Ehre.«
»Besuch mich mal wieder.«
»Bis bald, Schwester.« Damit verschwand er in dem schmalen Flur. Lynx blickte ihm eine Weile nach. Das Kopfgeld des Winterprinzen, die Trucca in Gale, die Exorzisten – diesmal hatte Léo ihr viele schlechte Neuigkeiten gebracht. Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter, als sie an die Drachentöter dachte, und sie schaute sich gehetzt im Raum um. Sie war sicher. Der Dragon war sicher. Sie atmete tief durch und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, ehe sie sich nach Tablett und Kaffeekanne bückte. Dabei fiel ihr Blick auf die beiden Nachzüglersteckbriefe, die Léo ihr dagelassen hatte.
Darauf waren zwei Männer mit groben Kohlestiftzeichnungen abgebildet, aber die Gesichtszüge waren unverkennbar. Es waren der Echsenkrieger Kel und Raven.
Lynx studierte die Bilder und die Beschreibungen der Gesuchten.
»Wolf«, murmelte sie, »jetzt hast du ein Problem.«
Darmowy fragment się skończył.