Czytaj książkę: «Die Jeromin-Kinder - Zweiter Band»
Ernst Wiechert
Die Jeromin-Kinder - Zweiter Band
Saga
Die Jeromin-Kinder - Zweiter Band
Coverbild/Illustration: Shutterstock
Copyright © 1947, 2021 SAGA Egmont
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 9788726927511
1. E-Book-Ausgabe
Format: EPUB 3.0
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Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.
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I
Der Landjäger Korsanke ritt auf seiner hochbeinigen Fuchsstute durch das Dorf. Er saß gerade wie immer im Sattel, und wenn der leise, kaum fühlbare Schmerz unter dem Koppelschloß sich meldete, der ihm seit Monaten Unbehagen machte, richtete er sich noch gerader auf, zog die Augenbrauen ein wenig zusammen und blickte noch strenger als sonst über die spielenden Ohren des Pferdes hinweg auf die Dorfstraße, auf der die Hühner im Sande scharrten und an deren Rändern die Fliederbüsche nun wieder zu blühen begannen.
Korsankes Haar war nun ganz grau geworden, und wenn er nach rechts blickte, konnte er hinter den niedrigen Hütten den Kirchhof sehen, die alte Mauer aus Feldsteinen, die Holunder- und Fliederbüsche, und dazwischen die Gräber. Und am Ende der Gräber die langen Reihen der kleinen Hügel, unter denen die Kinder schliefen, um deren Tod der Pfarrer Agricola ein Abtrünniger geworden war. Auch Korsankes Sohn schlief dort, so viele Jahre schon, und einen Augenblick lang zog er die Zügel an, starrte hinüber nach dem Ort des Friedens und sah das schmerzverzogene Kindergesicht, das nach Atem rang, und die Gestalt des Pfarrers, der in einem Winkel auf den Knien lag und die Arme zu Gott erhob.
Ja, viel war geschehen, lieber Gott, und den Strom der Zeit hinuntergeschwommen. Vor dem Kriege und während des Krieges und nachher. Dienstritte in Sonnenschein und Regen, tagaus und tagein. Holzdiebstahl und Schlingensteller, Trunkenheit und Prügelei. Tote hatten auf dem Moos gelegen, mit blinden Augen, die nach dem Recht riefen, und feierliche Worte waren über sie gesprochen worden. Die alte Frau in der »Armen Sünde« hatte ihre Beichte in seine Hand diktiert, und am Meiler hatte Jakob gesessen und sich am Sinn der Welt die Seele zergrübelt. Und der Kaiser saß nun nicht auf dem Thron, sondern in einem Schloß in Holland, und Korsanke hatte einen neuen Eid geschworen, einen Eid auf die Republik, aber er wußte nicht, was eine Republik war. Die Großen bestimmten den Weg des Vaterlandes, und der kleine Mann gehorchte. Auch Korsanke gehorchte. Auch in der Republik brauchte man Brot, und Brot gab es für einen alten Beamten nur, wenn man den Eid nachsprach. »So wahr mir Gott helfe ...«
Korsanke erwachte aus seinen Gedanken und ließ dem Pferd die Zügel frei. Der leise Schmerz war wieder da, aber er wollte nicht zum Arzt gehen. Er wollte warten, bis Jons Ehrenreich Jeromin wiederkam, dem sie im Kriege die Hüfte verrenkt hatten und der ein großer Doktor werden würde, ein Wunderdoktor, auf den sein Dorf wartete. Vor ihm würde er den Uniformrock ausziehen und sich nicht schämen, denn Jons hatte er auf den Knien gehalten, und er war einer von den ihrigen. Einer aus dem Jeromin-Hause, aus dem so viel Wunderliches und Erschreckendes und Tröstendes ausgegangen war.
Wieder wollten seine Gedanken in die Vergangenheit zurückgehen, aber nun schüttelte Korsanke den Kopf, richtete sich im Sattel auf und ritt die Dorfstraße weiter, wobei er hier und da zwei Finger an den Helmrand legte und ein paar Worte über Wetter und Saatenstand sprach.
Die Fenster im Schulhaus standen offen, und er konnte die weißblonden und dunklen Köpfe sehen, wie sie sich nach dem gleichmäßigen Gang der Pferdehufe wendeten, und die helle, etwas knarrende Stimme des neuen Lehrers hören, der ein »Roter« war, wie die Kätner sagten. Aber Korsanke hatte seinen Eid geschworen, und es hatte ihm gleich zu sein, ob hinter dem Schulpult ein Roter saß oder ein Schwarzer oder ein sonstwie Gefärbter. Der Eid löschte die Farben aus.
Aber als Korsanke auf der Höhe war, wo der wilde Birnbaum stand und von wo man Dorf und See und Wald und Moor überblicken konnte, seufzte er doch ein bißchen auf, zog noch einmal die Zügel an und nahm den Helm ab, der ihm die Stirne drückte. Er war ein einfacher Mann und einfacher Leute Kind, aber dies konnte er doch fühlen, daß die Erde schön war, über die er ritt. Und daß es seine Heimaterde war. Ein verbranntes Dorf, aber die neuen Rohrdächer waren schon wieder grau, der Flieder blühte an den Zäunen, und auf dem Kirchenhügel stand die dunkle Fichte, die sie den »toten Pfarrer« nannten. Wo die Nonne die Wälder zerfressen hatte, leuchtete das junge Grün, der Fischadler kreiste über dem unbewegten See, und über dem Moor lag das blühende Wollgras wie ein schimmerndes Seidentuch. Friede, soweit seine Augen reichten, Friede nach einem blutigen Krieg, und Friede, solange es denen gefiel, die dem kleinen Mann den Eid abnahmen.
Was für ein seltsamer Tag, an dem seine Gedanken weit fort waren von der Haussuchung, die er im Nachbardorf abzuhalten hatte, und die wirren Wege gingen, die in Vergangenheit und Zukunft führten. Nur in der Krankheit gab es so etwas, im Fieber, aber Korsanke war nie krank gewesen, und Fieber war keine Krankheit, solange man im Sattel sitzen konnte.
Nun kam durch die offenen Schulfenster der Geigenstrich des neuen Lehrers, ein klarer, sauberer Strich, und dann ein paar Doppelgriffe, die sich wunderlich verschlangen und lösten. Die Luft war so still, daß jedes Schwingen der Töne zu hören war.
Wieder nahm Korsanke den Helm ab, weil die Stirn ihn schmerzte und weil er meinte, so besser hören zu können. Fast wie am Sonntag war es ihm zumute. Die Glocken waren mit der Kirche im Feuer vergangen, aber auch eine Geige war schön, wenn sie sich über ein stilles Dorf erhob, und daheim in seiner alten Kiste aus der Soldatenzeit, ganz tief auf dem Grunde, lag die kleine Kindergeige, die er seinem Sohn geschenkt hatte, ehe der Kindertod über das Dorf gekommen war. Er hatte sie nicht mehr gespielt, er hatte nur ein paarmal mit seinen blassen Fingern an den Saiten gezupft, und nachher hatte Korsanke sie in das Dunkle gelegt, und selbst seine Frau wußte nicht, wo sie geblieben war.
Es sei wohl auch nichts für arme Leute, dachte Korsanke noch wie zur Entschuldigung, aber dann hörte er, wie der Geigenbogen auf das Pult klopfte und dann, wie die Kinder zweistimmig in die neue Melodie einfielen. Eine leichtfertige, aufdringliche und, wie es Korsanke schien, unfromme Melodie. Eine Jahrmarktsmelodie, wie sie unter glitzernden Karussells ertönte, und Korsanke beugte sich im Sattel vor, um die Worte des Liedes zu verstehen.
»Im Jahre Sechsundsechzig,
zu Luxemburg am Rhein,
da ward ein Kind geboren
mit Namen Humpelbein.
Zum Hia ... hia ... humpel ...
zum Hia ... humpelbein!«
Korsanke, ohne zu wissen, was er tat, setzte seinen Helm wieder auf, und eine tiefe Falte erschien zwischen seinen grauen Augen.
Die Geige fügte eine fröhliche Kadenz an das letzte Wort, und dann erklangen die Kinderstimmen von neuem.
»Das Kind wollte Schauspieler werden,
die Mutter sagte: ›Nein!
Erst mußt du beten lernen,
verfluchtes Humpelbein!‹
Zum Hia ... hia ... humpel ...
zum Hia ... humpelbein!«
Korsanke saß nun ganz gerade im Sattel, die Zügel angezogen, und lauschte. Aber es kam nichts mehr. Die Geige schwieg, der Gesang schwieg, und nur die Lerchen standen jubelnd über den jungen Saatfeldern.
Da ritt Korsanke langsam weiter, den Blick auf die Ohren des Pferdes gerichtet. So war es also nicht nur der neue Eid und nicht nur die Republik. Es war mehr, und auch seinem einfachen Verstande ging es auf. Auch bei Stilling hatten die Kinder gesungen, und auch dann hatte Korsanke das Pferd angehalten. »Wie schön leuchtet uns der Morgenstern ...«, und das hatte er besonders gern gehört. Und auch bei Martin Gollimbeck hatten sie gesungen, der nun verschollen war in den Steppen Rußlands, und es waren fröhliche Lieder gewesen, wie ein einfaches Herz sie gedichtet hatte.
Dies aber war anders, und so hatten die Kinder von Sowirog noch nie gesungen. Eine neue Zeit, dachte Korsanke, und vielleicht wäre es gut, in Pension zu gehen, ehe sie auch von den Kanzeln solche Lieder sängen ... verfluchtes Humpelbein ... und wie viele humpelten über die Straßen des Reiches, denen er begegnete, mit und ohne Krücken, und mit finsteren Augen auf ihn und das Pferd blickend ...
Erst am Rand des Moores zog er so scharf die Zügel an, daß die alte Fuchsstute sich bäumte. Er hob den Kopf und die rechte Faust, wie ein Mann, dem in allem Grübeln ein großer, leuchtender Gedanke kommt, wendete das Pferd und jagte im Galopp bis zu Daidas Hütte zurück, die die erste am Dorfende war. Dort hing, wie er wußte, eine große Landkarte aus dem Weltkrieg neben dem Küchenfenster, mit Nägeln an das Holz der Wand geschlagen und noch lange nach dem Kriege in Ehren gehalten.
Er achtete nicht auf den erschreckten Ruf der Frau, die einen Herdring fallen ließ, trat dicht an die Karte und fuhr mit dem Zeigefinger über die dunkel gewordenen Flecken der Länder links des Rheines, bis er den Namen gefunden hatte. Er atmete tief auf, sah die blasse Frau mit seinen durchdringenden Augen an und sagte: »Hab' ich doch gewußt! Liegt ja gar nicht am Rhein!«
»Was ist denn, Herr Wachtmeisterchen?« erwiderte die Frau. »Er war ja nie bei der Nacht im Walde, so wahr mir Gott helfe!«
Erst nach einer Weile konnte Korsanke lächeln. Er legte ihr die Hand auf die Schulter und nickte ihr begütigend zu. »Es ist nicht von wegen deinem Mann«, sagte er, »und du brauchst nicht zu schwören. Es ist nur, weil nicht einmal die Geographie in diesem verfluchten Liede stimmt, und das hätte er wenigstens wissen können, dieser neue Heilbringer!«
Und darnach stieg er wieder in den Sattel und trabte aus dem Dorfe heraus, und er achtete nicht mehr auf die Kinderstimmen, die wieder zweistimmig aus den Fenstern des Schulhauses herausdrangen.
Korsanke ritt um den See herum, immer in scharfem Trabe, und auch den leisen Schmerz fühlte er nicht mehr. Erst als der Weißbuchenwald ihn beschattete, den die Leute »das Paradies« nannten, und in dem vor Jahren Friedrich Jeromin erschossen gelegen hatte, zog er wieder die Zügel an und nahm den Helm an der Stelle ab, wo die alte Frau aus der »Armen Sünde« den Toten bewacht hatte. So vieles trug er in seinem Gedächtnis, und nichts war verlorengegangen, weder Menschenbilder, noch Worte, noch Lieder. Nicht einmal der braune Laubhaufen, der zwischen zwei Baumstümpfen lag, und das Sonnenlicht vergoldete die verdorrten Blätter. Ein gutes Gedächtnis war ein Segen für seinen Beruf, aber Vergeßlichkeit war besser für das menschliche Herz.
Und nun ritt er nach dem Dorfe, in dem das Mädchen zu Hause war, das dem Toten die »letzte Freude« geschenkt hatte, wie Jakob am Sarge gesagt hatte, und er hatte nie den Verdacht verloren, daß ihr Bruder um das Verbrechen gewußt hatte. Gegen dieses Haus war wieder eine Anzeige bei ihm eingelaufen, einer der zerknitterten Zettel, die er so wohl kannte und auf dem mit schwarzen Buchstaben geschrieben stand, daß Rehdecken und Gehörne auf dem Boden des Hauses versteckt seien.
Er seufzte beim Weiterreiten, und es verlangte ihn nach ein paar stillen Jahren des Friedens. Nach der Arbeit an den Bienenstöcken, an dem duftenden Nelkenbeet, nach einer stillen Abendstunde bei dem alten Lehrer Stilling, der mit seiner zitternden Hand die Weltkugel leise bewegte, die vor seinen Büchern stand und vor der er so eindringliche Worte der Weisheit zu sprechen verstand. Er war es müde, nach Rehdecken und Drahtschlingen zu suchen, nach Kornsäcken und Fahnenflüchtigen. Er wußte, was Not war, Not des Leibes und der Herzen, und wer das Böse aufhellte, ein ganzes Leben lang, nahm leicht Schaden an seiner Seele, und wenn auch nur an der Freudigkeit, die Gott in jede Seele gelegt hatte.
Er ritt langsam in das kleine Gehöft ein, band das Pferd an den verfallenen Zaun und trat in die Küche. Die Frau stand am Herd und nickte ihm nur spöttisch zu. Unter dem niedrigen Fenster aber saß der Sohn, den er in dem schweren Verdacht hatte, und sein rechter Rockärmel hing ihm lose und leer herab. Korsanke hatte das nicht gewußt. Nicht daß er aus dem Kriege zurückgekehrt war und daß es so geschehen war. Die Sprache verging ihm für einen Augenblick, und er starrte wortlos auf den leeren Ärmel, und hinter dem faltigen leblosen Stoff erblickte er wieder den braunen Laubhaufen aus dem »Paradiese« und die Augen des Toten, über denen die Frau aus der »Armen Sünde« die runzligen Hände gebreitet hielt.
»Damit ist es nun nichts mehr«, sagte er endlich. »Außer wenn du mit der linken Hand allein schießen kannst ...«
Der Angeredete verzog keine Miene, und es war so still wie in der Kirche, bis die Frau einen Herdring klirrend auf die Platte warf.
Da erwachte Korsanke, nahm die kurze Leiter, die an der Wand lehnte, und stieg langsam zur Bodenluke hinauf. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe unter dem Gerümpel umher, rückte hier eine zerfallene Kiste zur Seite und hob dort ein vermorschtes Brett aus dem Fußboden. Dann zuckte er nur die Schultern und stieg wieder hinunter. Er wußte, wie es bei solchen Haussuchungen ging.
»Seid vorsichtig!« sagte er unten. »Manchmal wartet Gott auf den zweiten Arm ...«
Und dann stieg er langsam in den Sattel und ritt die Dorfstraße weiter, ohne nach rechts oder links zu blicken. Es war ihm, als ob er aus einem Gerichtssaal käme.
Er ritt nicht denselben Weg zurück. Er ritt um den ganzen See herum, langsam und in Gedanken verloren, und nur wenn die Haubentaucher am Schilfrand lärmten, hob er den Blick und ließ ihn über die weite Wasserfläche gleiten. So viele Menschen und Schicksale, so viele, so viele. Da war die Insel, auf der der arme Pfarrer gelebt hatte und auf der der Großvater Jeromin im Feuer gen Himmel gefahren war, wie Elias. Und seine Enkel und Urenkel gingen wieder über dieselbe Erde ... Solch ein Dorf, klein und arm und von Leid geschlagen, wie lag es doch tief in der Ewigkeit geborgen. Menschen vergingen und Häuser vergingen, Wälder starben und Glocken zerschmolzen im Feuer. Aber das Dorf blieb stehen, der Urgrund der Menschengemeinde. Ein Hirte trieb die Herden aus und brachte sie am Abend wieder ein. Ein Mann mit dem Sälaken schritt über das sandige Feld, der Balken des Ziehbrunnens hob und senkte sich. Rauch stieg auf über grauen Dächern, und der Wind nahm ihn und trieb ihn fort. Geschlecht auf Geschlecht, Jahrhundert auf Jahrhundert.
Und hier ritt er die sandige Straße entlang, ein kleiner Mensch in einer bunten Uniform, und dachte, daß er die Ordnung aufrechterhalte, das Recht, das Gesetz. Wieviel Torheit unter einem blitzenden Helm! Unter allen blitzenden Helmen der Weltgeschichte!
Er kam von der andern Seite ins Dorf zurück, und vorher lenkte er von der Straße ab und ritt den schmalen Steig zum verlassenen Meiler. Es gab wohl Tage, an denen man immer rückwärts ritt, so regelmäßig auch das Pferd einen Huf vor den anderen setzte.
Die Lichtung lag so still, wie sie vor tausend Jahren gelegen sein mochte. Moos wuchs in grünen Flecken auf dem erloschenen Meiler, und die berußte Stange lehnte noch daran, mit der Jakob die Glut geprüft hatte.
Korsanke zog die Zügel an und sah auf die Schwelle der Hütte, auf der Michael gestorben war. Nun saß Frau Marthe da, in ihrem schwarzen Kleid, die Hände um die Knie gefaltet, und blickte durch ihn hindurch in die sonnigen Gründe.
Es fröstelte ihn wie in einem Totenland, aber er ritt doch näher, hob die Hand an den Helm und fragte nach ihrer Gesundheit.
Sie wendete langsam die Augen nach ihm, diese erloschenen und von Gram leergetrunkenen Augen, vor denen das Dorf sich fürchtete, aber sie antwortete nicht. Er wußte auch nicht, ob sie ihn erkannte, ja, ob sie ihn auch nur sah. Oder ob er nur ein formloser Nebel vor einem weiten Lande war, und niemand wußte, was sie auf diesem Lande sah.
Das Herz tat ihm weh, als er so in ihre Augen niederblickte, die wie Augen einer Blinden waren. Wie schwer konnte Gottes Hand sein, auch in einem kleinen Leben ...
Er nickte ihr zu wie einem Kinde, ritt langsam über den stillen Platz bis zu der Höhe, wo die Wacholder standen und man auf Kiewitts Mooracker sehen konnte, und sah das weiße Pferd unter den Zwergbirken weiden. Das Pferd, von dem sie scherzend sagten, daß schon der heilige Johannes auf der Insel Patmos es gesehen hätte, aber dem sie nicht gern allein in der Dämmerung begegneten, weil es plötzlich den Kopf aufwerfen und mit seinen großen Augen in eine unermeßliche Ferne blicken konnte, indes der Wind in seine fahle Mähne fuhr und sie bewegte wie eine Herde von Schlangen.
Kiewitt war nicht zu sehen, und Korsanke war es nicht leid.
Er holte doch tief Atem, als er den Raum unter den letzten Kiefern verließ und das Dorf nun wieder vor ihm lag. Ein weißlicher Wolkenschleier hatte sich vor die Sonne geschoben, und es sah nach einem frühen Gewitter aus. Davon komme das alles, dachte Korsanke, dieses merkwürdige Reiten und der leise Schmerz unter dem Koppelschloß, diese Begegnungen mit der Gegenwart, aber die Gegenwart war eigentlich Vergangenheit, und in die Vergangenheit reichten die Toten hinein. An solchem Tage sollte man bei den Blumen sitzen und die Haussuchungen lassen. Haussuchung war wie Heimsuchung, und Heimsuchung war ein Wort aus der Bibel, ein großes und schweres Wort, und fast immer ging Gott dabei auf die Suche.
Unter ihm lag das Jeromin-Haus, und der alte Ahorn stand noch immer über dem Seeufer. Es sah schon wieder aus wie ein altes Haus, und von ferne konnte niemand erkennen, daß das Feuer des Krieges auch über diese Hofstätte gegangen war. Häuser wollten nicht jung bleiben wie Menschen, und erst zu einem alten Dach kamen die Eulen und die Unterirdischen. Sowirog hieß das Dorf, und das war der Eulenwinkel. Gute Namen hatten die Alten gewählt, und es würde gut sein, wenn es so auf dem Totenschein stünde: »Gestorben in Sowirog.« Als ob es eine gute Heimat wäre für die Toten.
Aber nun schüttelte Korsanke mißbilligend den Kopf und ritt nun wirklich den schmalen Weg zum Jeromin-Hause hinunter. Es war ihm, als grollte es leise hinter den Kiefern, und über die dunkle Fläche des Sees fiel ein fahler Glanz. Aber es war zu früh im Jahr, und er hatte sich wohl getäuscht. Es war gerade der richtige Tag, um Dinge zu sehen und zu hören, die nicht da waren.
Er hielt am Gartenzaun, zwischen zwei Fliederbüschen, und sah den beiden Kindern zu, die eine kleine, dunkle Spitzmaus beerdigten. Dem kleinen Jons, der Michaels Sohn war, und der kleinen Barbara, die Maria geboren hatte. Der eine Vater hatte erschossen auf der Schwelle der Meilerhütte gelegen, während er geboren wurde, und der andere war in den östlichen Ebenen verschollen, und noch immer saß die Mutter Abend für Abend am Rande des Moores, wo der Weg nach Osten in den Hochwald führte, und wartete, daß eine graue Gestalt zwischen den Stämmen auftauchte, ein Erblindeter vielleicht, oder einer auf zwei Krücken, oder nur einer, den Gott eben geschlagen hatte, wie den anderen ein Gendarm erschlagen hatte, einer aus Korsankes Reihen, der mit einem blitzenden Helm auf Haussuchung ging.
Er hielt ganz still und sah den Kindern zu. Das eine war schweigsam und mit einem tödlichen Ernst in dem jungen Gesicht, gerade so wie Michael gewesen war, ob er nun hinter dem Pfluge herging und den Acker des Schulzen umbrach, oder ob er auf der Schwelle lag, die Kugel in der Brust, und nach rückwärts lauschte, ob ihm ein Sohn geboren würde, ehe der dunkle Vorhang ihm über die furchtlosen Augen fiel.
Das andere war, wie seine Mutter als Kind gewesen war, wenn sie in der Jeromin-Küche die Abendsuppe kochte und die Verse des Märchens über ihre wartenden Geschwister sprach:
»Mantje, Mantje, Timpete,
Buttje, Buttje in de See ...«
Das weißblonde Haar fiel ihr in die Stirn, und manchmal strich sie es mit dem Rücken der Hand zurück, so wie ihre Mutter es getan hatte. »Zuerst Blumen«, sagte sie zärtlich, »daß die Erde es nicht drückt ...«
Jons reichte ihr gehorsam die kleinen Gänseblumen, die wie Sterne im Grase lagen, aber es war seinem Gesicht anzusehen, daß er das nicht billigte und für verkehrt hielt. »Erde ist Erde«, sagte er schließlich. »So hat auch mein Vater gesagt.«
Sie sah ihn verwundert von der Seite an und fuhr fort, das kleine Grab mit Blumen zu füllen. »Väter sagen manchmal so was«, erwiderte sie weise.
Aber dann nahm sie doch von der schwarzen Gartenerde, die er ihr reichte, und streute sie behutsam in die schmale Höhlung. »Es wird gesät verweslich«, sagte sie mit ihrer hohen Kinderstimme, »und wird auferstehen unverweslich ...«
Jons hörte mit unbewegtem Gesicht zu, aber er sah nicht auf ihre Hände, die den kleinen Hügel mit Moos bedeckten, sondern zuerst über den See hin, der wie dunkles Metall vor den Wäldern lag, und dann mit unruhigen Augen den Gartenzaun entlang, über dem der Flieder blühte. Und bei dem ersten leisen Klirren der Kinnkette an Korsankes Pferd sprang er auf wie ein junges Tier aus dem Lager, warf einen langen stillen Blick auf den Reiter und ging dann dem Hause zu, die Hände auf dem Rücken, wie ein Mann, der in Gedanken versinkt.
Barbara aber kletterte mit einem Jubelruf über den Zaun und ließ sich von Korsanke auf den Sattel vor sich heben, aber noch bevor sie das Haus hinter sich gelassen hatten, wandte sie den Kopf zurück und ließ ihre Augen über alle Büsche gleiten. »Immer geht er fort, wenn jemand kommt«, sagte sie. »Und es tut ihm doch niemand was zuleide ...«
Noch nicht, dachte Korsanke. Noch nicht ... Und er streichelte in Gedanken das helle Kinderhaar an seiner Brust. »Halte dich nur immer zu ihm«, sagte er. »Das wird ihm gut tun für alle Zeit.«
Er nahm das Mädchen bis zu seinem Hause mit, gab ihm ein Glas Honig für die Mutter und sah ihm dann nach, wie es die Dorfstraße entlanglief, und es sah aus, als tanze sie.
»Stilling war da«, sagte seine Frau. »Er hat Sorgen, weil die Mark fällt, und Jons soll doch davon studieren.«
Korsanke nickte und schob den Teller zurück. Es schmeckte ihm nicht, obwohl er hungrig war. »Sie wird noch weiter fallen«, sagte er. »Auch die Republik kann nicht alles halten, was fällt. Laß mich nun ein bißchen schlafen, ich will nachher zu ihm gehen.«
In der verdunkelten Kammer horchte er eine Weile auf den leisen Schmerz, der sich verschärft hatte, aber dann schoben sich die Dinge des Vormittags davor, Menschen, Worte und Bäume, und im beginnenden Schlaf war es ihm, als hätte er sein ganzes Leben durchschritten an diesem Tage, weit in die Vergangenheit zurück und weit in die Zukunft hinein. Als hätte Gott ihn leise heimgesucht, während er zu einer Haussuchung unterwegs gewesen sei. Und das letzte beunruhigende Gesicht war die Gestalt des kleinen Jons, wie er von ihm fortging, die Hände auf dem schmalen Kinderrücken, und das altkluge Kinderwort: »Erde ist Erde!«, das nun seinen ersten Traum zu erfüllen begann, sich immer wiederholend, mit einer eintönigen Qual, die wie die Qual eines Fiebers war.
Am Abend stieg er langsam den Hang zum »Zwergenhäuschen« hinauf, wo Stilling nun mit seiner Schwester lebte. Die Sonne beglänzte die Weltkugel, die vor den Büchern stand, und es war der Große oder Stille Ozean, der Korsanke seine blaue Unendlichkeit zuwendete.
Aber der alte Lehrer saß nicht vor der Weltkugel, sondern er stand vor seinem schmalen Lesepult, das mit Papieren bedeckt war, und hatte den weißen Kopf in seine Hände gestützt. »Sie fällt, Korsanke«, sagte er und nickte dem Gast zu. »Sie fällt, und mit ihr wird auch Jons Ehrenreich fallen, denn wovon soll er nun seine Kolleggelder bezahlen? Bin ich ein ungetreuer Hausvater gewesen, Korsanke?«
Seine blauen Augen, die im Alter nun ganz hell geworden waren, gingen bekümmert über die Bücherreihen hin, als gehe ihm nun die Erkenntnis auf, daß er diese Weisheit aller Zeitalter mißverstanden habe, weil sie ihn nicht vor dem Irrtum bewahrt hatte, daß das Geld etwas Bleibendes und Unveränderliches sei.
Aber Korsanke machte nur eine begütigende Bewegung mit seiner rechten Hand und fuhr fort, den Stillen Ozean zu betrachten, über den die feinen Linien des Gradnetzes liefen. »Mache dir keine Sorgen, Stilling«, sagte er. »Oder meinst du, daß Elisa vor einer Inflation die Waffen strecken wird? Ich habe noch nichts gesehen, wovor sie ihre Waffen gestreckt hätte. Und sie können nicht alle Studenten entlassen, die nicht ihre Taschen mit Gold gefüllt haben.«
»Ach, sie können alles, Korsanke«, erwiderte Stilling und legte seine mit Zahlen bedeckten Papiere übereinander. »Sie können Kriegsanleihen mit einem Strich zunichte machen und morgen eine neue Kriegsanleihe auflegen. Der Staat hat kein Gewissen, weißt du. Alle anonymen Mächte, hinter denen nicht ein einzelner Mensch steht, haben kein Gewissen. Schon wo zwei oder drei sich zusammentun, gibt es eine Firma oder einen Verein, aber kein Gewissen. Nur der einzelne hat es, du oder ich ... morgen will ich zum Herrn von Balk gehen, der denkt immer für sich allein, nicht wie die Zeitungen denken, wo es auch kein Gewissen gibt. Er hat Kühe und Felder, und Kühe haben keine Inflation.«
Korsanke nickte, aber seine Gedanken waren weit fort. »Meinst du, Stilling«, sagte er nach einer Weile und deutete auf den Stillen Ozean, »daß sie dort auch so leben? Die kleinen Dörfer, meine ich. Daß die Toten in den Tag hineinreichen, bis an die Türschwelle sozusagen, und daß das meiste nichtig und eitel ist?«
Stilling sah ihn prüfend von der Seite an und schob ihm dann den Tabakkasten zu. »Laß es gut sein, Korsanke«, sagte er freundlich. »Grüble nicht auf deine alten Tage. Sorge ein bißchen für die Gerechtigkeit, und das andere wollen wir dem Herrgott überlassen.«
»Ja, ja«, erwiderte Korsanke und stopfte sich langsam seine kurze Pfeife. »Aber siehst du, heute bin ich um den See geritten, und es war so ein seltsamer Tag. Es war so, weißt du, als wäre die Erde aufgetan, und ich konnte alles sehen, was verborgen war. Menschen, weißt du, und Lebensläufe, und Heimsuchungen ... ja besonders Heimsuchungen ...«
Und er sagte langsam das Lied auf, das die Kinder am Morgen in der Schule gesungen hatten. »Das singen sie nun, Stilling«, sagte er bekümmert. »Erst mußt du beten lernen, verfluchtes Humpelbein ...«
Der Lehrer lächelte hinter seinen Rauchwolken. »Laß es gut sein, Korsanke«, sagte er noch einmal. »Sie denken immer, daß sie wie Gott sind und ein kleines Dorf nur wie die ›Finsternis‹ in der Schöpfungsgeschichte, aus der sie eine neue Welt erschaffen könnten. Aber die kleinen Dörfer, weißt du, sind immer stärker als diese neuen kleinen Propheten. Denn ein Dorf besteht nicht nur aus Kindern, denen man Lieder beibringen kann. Ein Dorf besteht aus Alten und Jungen, aus Toten und noch nicht Geborenen, aus Sand und Wasser und Wald, aus Vergangenheit und Zukunft. Ein Dorf ist nämlich in die Ewigkeit eingebettet, wie ein Kind in seine Mutter, und solch ein Lied, Korsanke, macht der Ewigkeit nichts aus. Es ist nur wie ein einziger Wimperschlag in einem ganzen langen Menschenleben.«
»Ja, ja«, sagte Korsanke. »Aber siehst du, dann war da der Mann mit dem leeren Rockärmel ... und dann war die Jerominfrau vor dem Meiler ... und Kiewitts Pferd ... und zuletzt war der kleine Jons, wie er sich umdrehte und von mir fortging wie von einem Mörder, und ich war es doch nicht, der Michael erschossen hat ... ich will dir sagen, wie es war, Stilling: es war, als hätte Gott mich bei der Hand genommen heute früh, um mir zu zeigen, daß wir keine Haussuchungen halten sollen. Es ist nicht unser Haus, Stilling, es ist sein Haus!«
»Du mußt ein bißchen ausspannen, Korsanke«, sagte Stilling und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Es kommen mal so Zeiten, siehst du, in denen die Uniform von uns abfällt, und sie braucht gar nicht bunt und glänzend zu sein wie deine. Das Angemaßte fällt ab, verstehst du? Das kleine Menschliche. Und wenn wir dann nackt sind, ist es uns plötzlich, als rühre Gottes Finger uns zum ersten Male an. Aber er hat uns immer angerührt, wir haben es nur nicht gemerkt durch die Uniform hindurch.«
»Und was will er? Weshalb rührt er uns an?«
»Vielleicht will er nur, daß wir die Augen aufmachen, Korsanke, so wie wir einen Schlafenden leise mit dem Finger berühren. Er will, daß wir seine Füße sehen, wie sie durch Zeit und Ewigkeit gehen. Nicht die neuen Lehren oder die neuen Lieder, nicht die leeren Rockärmel oder die leeren Augen. Sondern eben nur sein Füße, die vor uns hergehen wie eine goldene Spur.«
»Ja, vielleicht hast du recht«, sagte Korsanke nach einer langen Weile und drehte die Weltkugel langsam um ihre Achse. »Und vielleicht tut es deshalb auch wieder ein bißchen weh ...«
Stilling sah ihn bekümmert an. »Weshalb gehst du nicht zum Arzt, Korsanke? Es kann eine Kleinigkeit sein. Nach diesen Hungerjahren müssen solche Dinge kommen, und du würdest dann doch beruhigt sein.«
Der Gendarm schüttelte den Kopf und stand auf. »Ich warte, Stilling«, sagte er. »Ich warte auf Jons Ehrenreich. Ich denke mir immer, daß er wie ein Heiland zu uns kommen wird. Und siehst du, ich bin nun einmal ein bißchen komisch darin: ich könnte mich nicht ausziehen vor den Leuten in der Stadt. Zwölf Jahre bin ich Soldat gewesen, und da habe ich es ja oft genug tun müssen. Aber nun widersteht es mir. Es ist mir, als könnte ich das nur hier tun, in Sowirog, vor einem, der der Unsrige ist ... Hab nun schönen Dank, Stilling. Es ist mir doch leichter ums Herz. Und auf den Humpelbeinsänger will ich ein bißchen achtgeben, damit er nicht zu schnell wächst.«
»Das tu nur«, sagte Stilling gutmütig und begleitete ihn bis zur Tür. »Aber der liebe Gott wird schon dafür sorgen, daß er nicht zu schnell wächst. Er hat einen guten Zollstock, der liebe Gott.«
Dann sah er ihm noch eine Weile nach, wie er den Steig langsam hinunterging, ein bißchen gebeugt in den Schultern, wie niemand es bisher an ihm gekannt hatte. Und dann kehrte er an sein Pult zurück und schloß die Papiere in die Schublade.
»Aber qualmen muß er noch wie ein armer Mann, der Brot backt«, sagte Elisa und öffnete die Fenster. »Auch wenn Gott ihn schon gezeichnet hat.«
»Wen zeichnet er nicht, Schwester?« erwiderte Stilling. »Wir sind von Kindesbeinen an gezeichnet, nur daß wir es nicht sehen. Und das Rauchen gönne ihm schon. Für manchen ist Rauchen so gut wie ein Gebet.«
»Manchmal redest du wie ein Nebukadnezar«, sagte Elisa zornig. »Und manche Männer bekommen nur aus Versehen weiße Haare.«
Nach dem Abendessen setzte Stilling sich auf den kleinen Balkon unter dem Dach, der wie ein Vogelbauer aussah. Es gab nicht viel mehr Platz als für den alten grünen Ohrenbackenstuhl, aber von hier aus lagen Dorf und Wald und See fast wie auf einer Landkarte ausgebreitet, und für einen alten Mann, der sein Leben hier zugebracht hatte, war es schön, hier zu sitzen und zuzusehen und zuzuhören, wie der Friede des Abends über die Erde kam. Es gab keinen Giebel, von dem er nicht wußte, was er bedeckte, und keinen Ton im Dorfe, von dem er nicht wußte, wohin er gehörte und was er bedeutete. Das Abendrot stand groß und feierlich über Wasser und Wald, und die Welt sah aus wie aus Glas gesponnen. Ein durchsichtiges und zerbrechliches Sein, und die Kette der Kraniche über dem Moor erschien wie ein feiner Sprung im Glase, der sich mit einem leisen Tönen weiterfraß nach dem Horizont.
Eine schrille, scheltende Stimme drang von einem der Hofräume bis an das Zwergenhaus, und Stilling wußte, daß es die alte Frau Kroll war, die ihr Altenteil verteidigte. Das böse Herz des Dorfes, und weder Krieg noch Hungersnot würden sie dämpfen. Ein zweistimmiges Lied vom Seeufer, langgezogen und traurig, und eine helle Kinderstimme ging wie eine Vogelschwinge darüber hin. »Es dunkelt schon auf der Heide«, sangen sie. »Nach Hause wollen wir gehn.« Das waren die Frauen aus dem Jeromin-Haus, und die Kinderstimme gehörte der kleinen Barbara. Das Mädchen aus dem Nachbardorf, um das Friedrich gestorben war, sang nicht mehr. Es saß wohl still dabei, wie es unter Menschen zu tun pflegte, die Hände im Schoß gefaltet, und blickte nach der Insel hinüber. Es hatte einmal eine Flöte gehört, die einen Zauber über Menschen und Tiere geworfen hatte, und danach sang man nicht mehr. So ein wunderliches Haus ..., dachte der alte Lehrer, und noch ist es nicht zu Ende mit den Wundern ...
Und dann kam jemand über das Moor gegangen und hatte in beiden Händen etwas an der Brust geborgen, einen Vogel oder eine Pflanze. Und das war Goguns Sohn. Der Sohn des Kranichräubers, der im Moor versunken war, den Dolch in der fröhlichen Brust, und die Kosaken hatten nach ihm wie nach einer Zielscheibe geschossen. Das schweigsamste Kind im ganzen Dorf, noch schweigsamer als der kleine Jons, und das Schicksal zog wie eine rostige Kette hinter seinen Füßen her.
Lieber Gott, dachte Stilling, wie öffnest du doch deine Erde vor meinen Augen und bin doch nur ein blinder und alter Mensch vor dir ...
Er sah nach dem hohen Walde hinüber, hinter dessen blauer Wand der verlassene Meiler stand, und am Meiler die verlassene Frau, deren Herz versteinert war. Aber Stilling wußte, daß es ein glühender Stein war, und niemand wußte, wie so etwas schmerzte, nicht einmal er. Und daß die Lichtung vor ihrer Hütte voller Gestalten war, Tote und Lebende, und daß sie lautlos die Hände um sie rang.
Aber von da gingen seine Gedanken zu Ehrenreich in die große Stadt, der über dicken und schweren Büchern sitzen mochte, und in den Büchern war Gottes Ebenbild gemalt, ohne Hüllen, ganz nackt und bloß, und die jungen Augen glitten die roten und blauen Linien entlang, die Adern und Muskeln und Nervenstränge, und in der Mitte war das große Wunder, das ewige Geheimnis, das Menschenherz. Stilling sah ihn dasitzen, das Lampenlicht auf dem hellen Haar, und hinter ihm stand die ernste Wand der Bücher, die dem toten Jumbo gehört hatten. Schweigen war in dem großen Haus, und auch der Buchfink unter seiner Decke hatte den Kopf unter den Flügel gesteckt und schlief. Nur das junge Menschenkind wachte, dessen Gesicht doch nicht mehr jung war, weil es aus einem dunklen Hause kam und durch Krieg und Sterben gegangen war, und durch Dinge, die schwerer waren als Krieg und Sterben. Aber es war hindurchgegangen, weil sein Vater und Großvater hinter ihm gestanden hatten, eine erhobene Tafel in ihren verarbeiteten Händen, und auf der Tafel stand das Gesetz der armen und rechtlichen Leute, die »Gerechtigkeit auf dem Acker«, oder wie man es nun nennen wollte. Und hinter den Vätern stand das Dorf, das kleine und unbekannte Dorf Sowirog, in dem er gegen den Tod kämpfen wollte. Und hinter dem Dorf alle anderen kleinen und unbekannten Dörfer der Erde, die große, die unendliche Gemeinde der Armen und Mißhandelten, und wenn der Lesende einmal die Augen von den Blättern und Bildern hob, mochte er sie wohl alle sehen, die im Schatten standen und warteten, von Korsanke an, mit seinem leisen Schmerz unter dem Koppelschloß, bis zu der geschlagenen Frau vor dem erloschenen Meiler, und das Pendel der alten, wurmstichigen Uhr, die Jumbo bei einem Trödler erworben hatte, mochte mit jedem seiner eiligen und etwas heiseren Schläge ihn daran erinnern, daß es für ihn keine Müdigkeit zu geben habe, keine flache Lust, kein Sichverweilen. Das Salz der Erde wartete, daß er es dämpfe, wie der alte Gastwirt gesagt hatte, und der hatte nicht zu schlafen, um dessen Lager die Tränen fielen.
Stilling hatte die Hände gefaltet und den Kopf an den grünen Rips des Stuhles zurückgelehnt. Der Abendstern stand nun schon leuchtend über dem Kiefernwald, die Dächer waren zu dunklen Flecken geworden, die Stimmen waren verstummt, und ein paar matte Lichter hoben sich verloren aus der fallenden Nacht. Die Fliederbüsche dufteten, und von den Nebeln über dem Moor kam der Geruch der Birken in schweren Wellen über das Dorf. Die Erde atmete, lautlos und wie eine unendliche Zuversicht, und der alte Mann saß dort über Nebel und Dunkelheit, unter dem hellen Schein seines weißen Haares, das stille Gewissen des Dorfes, und sein siebzigster oder fünfundsiebzigster Frühling war ihm so schön wie irgendeiner seiner Kinderzeit. Das Dorf Sowirog, das der Eulenwinkel hieß, was hatte der Herr mit ihm vor, indes die Sterne sich langsam entzündeten und über den Wald stiegen?
Er wußte es nicht, aber er hielt die Hände gefaltet und fühlte die große Geduld, in die sein Herz eingebettet war wie die Sterne in das dunkle Himmelsgewölbe.
II
»Wie gehen deine Tage, Jons Ehrenreich?« fragte Stilling in einem seiner Briefe, und Jons blickte auf die kleinen, etwas zittrigen Buchstaben, die wie gestochen aussahen, und dann von dem Briefblatt durch das Fenster, vor dem der alte Buchfink saß, auf die graue Mauer, von der der Bewurf nun in großen Stücken abgefallen war. Und hinter der Mauer sah er das Dorf Sowirog mit See und Wald und Feld, und auf dem Moor sah er die grünen Birken wehen und Pionteks Herde hinter dem kleinen Hirtenfeuer, und auf der sandigen Straße sah er die Kinder spielen, und am Meiler sah er die Mutter sitzen, im schwarzen, hochgeschlossenen Kleid, und die berußte Fichtenstange lehnte immer noch an dem erloschenen Hügel.
Wie so eine Welt sich aufbauen konnte hinter einer fleckigen Wand, und so nahe war sie, daß er nur die Hand auszustrecken brauchte, um den grauen Zaun zu berühren, der um das Jeromin-Haus lief ... Das Auge, das war die Retina, und Stäbchen und Zäpfchen, und der nervus opticus und die lens crystallina, und hundert andere Namen und Wunder, und wenn man die Namen und Wunder zusammensetzte, blieb doch immer noch das große Geheimnis, wie alles in einem winzigen Keim zusammengeschlossen war und sich entfaltete und das nackte Bild mit Farben erfüllte, mit Vorstellungen, mit Leiden und Schmerzen, und darüber hinaus mit der Idee der Ewigkeit.
Er seufzte leise und schüttelte den Kopf, indes seine abwesenden Augen sich langsam wieder mit der Wirklichkeit zu erfüllen begannen. Ja, wie gingen seine Tage? Sie begannen in der Frühe, wenn der erste Sonnenstrahl die grüne Spitze des Kirchturms rötete, und sie endeten in der Nacht, wenn das Sternbild des Großen Bären sich über die Mauer neigte. Lange Tage, an dem heiseren Schlag des Perpendikels gemessen, und kurze Tage, an dem Bewußtsein gemessen, das von ihnen erfüllt wurde. Erfüllte Tage, wenn man sie auf die Waagschale der Arbeit legte, und dürftige Tage, wenn man die Frucht maß, die sie trugen. Eine Tasse Tee in der Frühe, auf einem kleinen Spirituskocher bereitet, und ein Stück Schwarzbrot aus dem Jeromin-Haus. Und danach eine von Jumbos kurzen Pfeifen, aus dem Tabakkasten gefüllt, den er zurückgelassen hatte, und ein paar Minuten vor der Bücherwand, die er Jons vermacht hatte. Hier und da ein behutsamer Griff nach einem der abgeschabten Bände und das Umblättern von ein paar Seiten, um die Bleistiftnotizen in der winzigen Schrift des Toten zu lesen. »Laufe nicht«, stand da, »denn du überholst das Schicksal nicht!« Oder: »Wenn der Tod kommt, reiche ihm noch den Schleifstein, damit er sieht, daß du bereit bist.« Oder ähnliche frühe Früchte eines stillen, tapferen und nachdenklichen Lebens.
Jons war es, als seien sie nur für ihn aufgeschrieben und als habe der Tote lange vorher gewußt, daß er hier einmal stehen würde, das »Mönchlein«, ohne Berater und ohne Freund, und sein schweres Tagewerk mit einem solchen Leitwort beginnen. Er hatte soviel gewußt, dieser Gastwirtssohn, der nun unter den Tannen in Rußland schlief, die vermoderte kurze Pfeife in der vermoderten Hand. Ja, von dieser Unsterblichkeit wußte Jons nun, von der des Wortes, das man still und vorsichtig in die Furchen des Herzens streute.
Er stellte den Band langsam in die Reihe zurück, gab dem Buchfink Körner und Wasser und schlug dann ein Buch und seine Kolleghefte auf, den Kopf in beide Hände gestützt, so wie der Vater über der Bibel gesessen hatte.
»Wie gehen deine Tage, Jons?« So wenigstens begannen sie, am Werktag wie am Sonntag, und tausend oder zweitausend Tage würden so beginnen, nur daß die Bücher wechselten und der Stand der Sonne über der noch schlafenden Stadt. Von dem, was das Herz erfüllte, war nicht zu reden, obwohl Stilling wohl mehr daran dachte als an die Kolleghefte. Das Herz war zugetan und verschlossen, für lange Jahre. Das Herz war für die Reichen und Sorglosen, für die Dichter und die Liebenden, aber nicht für jemanden, der von eines alten Mannes Erspartem lebte, wie ein Kranker von gespendetem Blut lebt. Er aber hatte nur im Geist zu leben, in dem, was er früh als das Brüchige, das Unvollkommene erkannt hatte, in dem, worauf die Menschheit des Abendlandes immer schneller zutrieb, wie in einen rasenden Strudel, und niemand wußte noch, was auf dem verborgenen Grunde mahlte. Und es kam nur darauf an, das andere still zu bewahren, das, was der Vater gehabt hatte, der Großvater, was das Dorf besaß: die dumpfe Einfalt des Herzens. Und einmal, wenn er sein Rüstzeug erworben hatte, dieses beides wieder zu vereinen, nicht das eine um des andern zu verlieren, ganz zu bleiben, auch wenn es für Jahre nur um das Handwerk ging, um Namen und Kenntnisse, um Instrumente und Methoden, um die Überlistung dessen, was sie den Tod nannten. Und es war doch nur eine arme Überlistung, ehe man nicht wußte, daß er nur die andere Seite des Lebens war. Erst wer ein Freund des Lebens war, konnte ein Arzt sein, nicht, wer nur ein Feind des Todes war.
Langsam begann das Haus zu erwachen, die leisen Geräusche hinter dem Vorhang, wo die Schwestern Holstein immer noch schliefen, der erste rauhe Kampfschrei der ländlichen Pensionäre, die erste Schlagermelodie aus einer heiseren jungen Kehle. Aber es kam nur wie hinter dicken Mauern zu ihm her, aus einer fernen, ihm nicht zugehörigen Welt. Es war nicht, wie ein Feld erwacht, ein Wald, ein Dorf. Nur der Mensch erwachte, der Gefangene, der vom großen Dasein Abgetrennte, und so mochte das Erwachen in einem Gefängnis sein, das leise Klirren der Ketten, der Riegel, der Laut von vielen Füßen, und darüber ein wildes, aber ganz und gar vergebliches Lied.
Und dann kam die älteste der Schwestern, die ihm zugetan war mit ihrem freudlosen Leben, so wenig sie die jungfräuliche Angst vor ihm ganz überwunden hatte, vor den dunklen und blutigen Schicksalen seines Hauses, vor dem tödlichen Ernst seines Weges. Sie brachte ihm die kleine Kanne mit Kornkaffee und zwei Brötchen, wenn die Bäcker nicht gerade im Streik standen. Sie setzte alles leise auf die Tischdecke, nachdem sie sich ängstlich vergewissert hatte, ob in den Büchern nicht gerade eine der schrecklichen Abbildungen aufgeschlagen war, in denen der Mensch, das Ebenbild Gottes, wie ein geschlachtetes und ausgeweidetes Tier in grellen Farben vor ihr lag. Und dann setzte sie sich auf den Rand des alten Sofas mit den weißen Porzellanknöpfen, legte die blutlosen Hände im schwarzen Schoß zusammen und sah Jons an. Die Witwe Holstein war nun gestorben, an den Entbehrungen des Krieges, dem Hunger, der Kälte und der grauen Zwecklosigkeit ihres Lebens, und die »drei Parzen«, wie der ländliche Witz die Schwestern immer noch nannte, fochten nun allein den bitteren Kampf gegen die Unbotmäßigkeit ihrer Pensionäre, gegen Lebensmittelkarten und Steuern, gegen Streiks und Revolutionen, gegen das unendliche und grauenvolle Einerlei des Lebens und gegen den stillen, fressenden Haß, den sie immer noch gegeneinander trugen.
Für diese aber, die wenigstens einer sanften Traurigkeit noch geöffnet sein konnte, war diese Viertelstunde in der Sofaecke wie eine Frühmesse für den verlassenen Gläubigen. Hier war nicht einer, der Widerstand leisten oder quälen wollte, nicht einer, der verachtete oder an rohen Scherzen Gefallen hatte. Hier war einer, der aus einem schweren Leben kam und in ein schwereres ging. Der die Erde des Dorfes noch unter seinen sauberen Schuhen trug und die Frömmigkeit seines Vaters noch in seinen Händen bewahrte. Der nicht mit Zucker, Kaffee und Zigaretten handelte wie die anderen. Den sie in den Krieg hatte ziehen sehen und aus ihm zurückkommen, nicht lärmend, nicht prahlend, nicht verbittert und nicht aufrührerisch, sondern mit seinem stillen, früh gezeichneten Gesicht, und um den sie gebangt hatte wie um ein Kind, das sie selbst unter dem Herzen hätte tragen können. Der andere war gegangen, der wie ein lächelnder Mönch hier gelebt hatte, und sein Lächeln war ihr unheimlich gewesen, unheimlich wie sein Tod, von dem Jons ihr erzählt hatte, und wie sein Vater, der ein Trinker war und mit der zitternden Hand seinen Zylinder geglättet hatte.
Aber dieser war geblieben, und er war nun fast ein Stück ihres armen Herzens geworden, von dem Augenblick an, als er mit dem alten, komischen Lehrer zum ersten Male auf ihrer Schwelle gestanden hatte, das Bauer mit dem Vogel in der Hand und die ernsten Augen klar und ohne Falsch zu ihr aufgeschlagen, bis zu diesen Morgenstunden, in denen sie ein Weilchen bei ihm saß und zusah, wie er mit abwesenden Gedanken aß und trank, ein früher Arbeiter, dessen Augen schon beim nächsten Werk waren und von dessen Hoffnungen und Leiden sie so wenig wußte wie von denen eines Bergmannes oder eines Königs.
»Die Mark fällt, Herr Jons«, sagte sie mit ihrer leisen, bekümmerten Stimme und blickte die Bücherreihen entlang, wo die vergebliche Weisheit gesammelt stand, die Weisheit, die nicht verhindern konnte, daß es Hunger und Kriege und Inflation gab. »Was soll werden, Herr Jons?«
Jons kehrte von den Geheimnissen der Sehnerven, der Zäpfchen und Stäbchen zurück und sah sie an. Das gütige, karge Lächeln seines Vaters war um seine Lippen, als er begütigend sagte: »Was immer war, Fräulein Holstein, und was schon im Alten Testament geschrieben steht: ›Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht‹, davon haben die Leute in Sowirog gelebt, hundert oder tausend Jahre, und davon werden auch wir leben. Solange die Mark fällt, ist nichts verloren. Erst wenn die Erde fällt, wird es schlimm. Aber sie fällt noch nicht, und Sie sollen eines tun: Sie sollten Ihre jungen Leute nur gegen Lebensmittel aufnehmen und sich Ihre Arbeit mit Roggen oder Weizen bezahlen lassen. Herr von Balk hat mir das geschrieben, und er weiß mehr als alle Nationalökonomen.«
Fräulein Holstein nickte vor sich hin und sah ihn dann mit ihrem scheuen Lächeln an. Es war nur wie der Rest eines Lächelns, das, was aus fünfzig Jahren übriggeblieben war, aber es verschönte ihr blasses, langes Gesicht. »Immer gibt es einen Trost bei Ihnen, Herr Jons«, sagte sie, »wenn es überall nur Haß und Tränen gibt. Und sicherlich werden Sie ein großer Arzt werden.«
»Werde ich?« fragte Jons und sah aus dem Fenster auf die graue Wand. »Ich will mir Mühe geben, Fräulein Holstein.«
Dann stand sie leise auf, weil seine Augen schon wieder weit fort waren, nahm das Geschirr lautlos von der Tischecke und ging zur Tür. Aber dort drehte sie sich noch einmal um und umfing mit ihren traurigen Augen das Bild des Raumes und des über die Bücher Gebeugten, und es war ihr, als werde sie sterben müssen, wenn diese Gestalt dort nicht mehr sitzen werde, dieser stille Abendschein ihres freudlosen Lebens, dieser lautlose Brunnen in der grauen Wüste ihres Lebens.
Jons aber sah nach der alten, wurmstichigen Wanduhr, packte seufzend seine Hefte zusammen, sprach ein paar leise Worte mit dem Buchfinken und ging dann die stillen Straßen zum Botanischen Institut hinunter, wo sein Tagewerk begann. Die Hüfte schmerzte immer noch, und an Regentagen nahm er einen Stock zu Hilfe.
Er ging langsam, und seine Augen nahmen alles auf, was der Weg ihm bot. So wie alles geordnet und bedacht war in seinem jungen Leben, so hatte er gleich zu Beginn des Semesters beschlossen, auf diesen Wegen von Institut zu Institut seine Bücher zu vergessen und dieses steinerne Leben so aufmerksam zu durchwandern, wie er als Kind einen Wald durchwandert hatte. Er wußte, daß Bücher wie Mauern sein konnten, die die Welt verschlossen, und da er mit einer frühen Erkenntnis über den Gefahren seiner Anlage wachte, fiel es ihm nicht schwer, nach einem »Plan« zu leben, wie er es nannte, auch wenn er sich mit einem spöttischen Lächeln nicht verhehlte, daß eben auch dieser Plan eine Gefahr war. Sein Vater und Großvater hatten nicht nach einem »Plan« gelebt, sie hatten nur versucht, den Plan zu erfüllen, den Gott mit ihnen gehabt hatte; aber unter seinen Geschwistern hatte es Warnungen für ihn gegeben, die er nicht vergaß.
So gingen seine stillen Augen über Häuser und Menschen dahin, immer noch unbestechliche Augen, und ihnen entging nicht, daß mancher Putz von beiden abgefallen war, ja daß die neue Freiheit mehr daran getan hatte als die harte Hand des Krieges. Er kannte nun nach zehn Jahren das Gesicht der kleinen Läden wie die großen, prahlerischen Schaufenster, den Mann, der das ausgefahrene Pflaster fegte, wie die alten Rentner, die mit ihren letzten Schmucksachen heimlich zum Trödler schlichen, um das nackte Leben zu fristen. Das Lehrmädchen, das in der Munitionsfabrik Geld gewonnen und Besseres verloren hatte, und den Sohn der Waschfrau, der mit einer zu bunten Krawatte vor dem schwarzen Schild stand, auf dem mit Kreide der Dollarkurs angeschrieben war. Es war ihm, als blicke das Schicksal aus allen den vielen Fenstern, ein hartes Schicksal, ungerührt von Zeitungsaufsätzen, von Umzügen und Versammlungen, das Schicksal, das über die Entwurzelten gesetzt war, und als lebten die Leute von Sowirog ein sichereres Leben trotz ihrer Armut, weil die Kartoffeln am Moorrand für sie wuchsen, der kümmerliche Roggen auf den sandigen Feldern, die kleinen, sauren Birnen an den Ackerrainen. Die Revolutionen reichten nicht bis in die Erde, und die einzigen Umzüge, die sie kannten, gingen mit dem Taufkind zur Kirche, oder mit einem Fichtensarg zum Friedhof, oder Piontek zog mit der Herde zum Walde und am Abend wieder heim. Der Kaiser war nicht mehr da, sondern ein Reichspräsident, aber sie hatten keinen von ihnen je gesehen. Sie sahen nur Korsanke und den alten oder neuen Lehrer und sehr selten den Landrat. Sie hörten, daß der Arbeiter nun dicht an Gottes Thron stehe, aber sie merkten nichts davon. Es galt wohl nicht für den Eulenwinkel.
Jons ertappte sich dabei, daß er wieder träume, und er lächelte sich gutmütig zu. Er merkte, daß die Straßenbahn nicht fuhr, und mußte an einer Hauptstraße eine Weile warten, weil ein langer Zug von Männern, Frauen und auch Kindern vorüberkam. Sie trugen rote Plakate mit vielen Aufschriften, und ein kleines Mädchen mit zwei festgeflochtenen, abstehenden Zöpfen blickte andächtig zu dem Schild auf, das ihre Hände trugen. »Nieder mit der Reaktion!« stand dort mit ungeschickt gemalten Buchstaben zu lesen, und während das Kind an Jons vorüberkam, strich er ihm lächelnd einmal über das sauber gescheitelte Haar. Aber es wich ihm aus und blickte zornig über die Schulter zurück, als habe er nicht begriffen, daß es sich um große Dinge handle, und daß diese großen Dinge gefährdet seien, wenn die dünne Stange in den schwachen Händen nicht sorgsam und senkrecht getragen werde.
Jons wartete, bis der lange Zug der Gesichter zu Ende ging, trotzige und eitle, bittere und leuchtende Gesichter, aber alle verhungert und entkräftet, seine Gedanken gingen mit einer unvermittelten schweren Traurigkeit zu dem Mädchen Margreta, dem er am Herzen gelegen hatte, bevor der Krieg ihn genommen hatte, und deren junger und zärtlicher Leib von Sprengstoffen zerrissen worden war, ehe er hatte blühen können zu seiner gottgewollten Bestimmung.
»Nun, Jeromin, ist der Dollar zu hoch gestiegen?« fragte sein Nachbar im Hörsaal, ein Lehrerssohn, der noch auf Krücken ging.
Aber Jons sah ihn an wie einen Fremden, und es war zu merken, daß er gar nicht wußte, wer neben ihm saß. Erst nach einer Weile kehrten seine Augen zurück, und er versuchte zu lächeln. »Nein«, erwiderte er und öffnete sein Kollegheft, »ich habe nur an das Lied gedacht: ›Dann gehet leise, auf seine Weise, der liebe Herrgott durch den Wald ...‹«
Der andere sah ihn vorsichtig von der Seite an. »Ein komischer Kauz sind Sie doch, Jeromin«, sagte er.
Dann kam der Professor, und sie nahmen ihre Bleistifte zur Hand.
Für Jons gab es schon im ersten Semester nicht viel mitzuschreiben. Davor bewahrte ihn die Erinnerung an Jumbos Weisheiten, und er wußte, daß alles, was der Professor sagte, viel klarer und faßlicher in den schweren Bänden aufgezeichnet war, die Jumbo ihm hinterlassen hatte. Er notierte nicht viel mehr als den »Gang der Handlung«, aber er zeichnete gern, was die zitternde Hand des Vortragenden mit merkwürdiger Sicherheit auf der Wandtafel erscheinen ließ. Man sagte, daß der Professor ein Morphinist sei, und um dieses Gerücht ließ Jons seine Gedanken wandern. Um die grauen und wie zerklüfteten Züge des abweisenden Gesichtes, um die schmalen, zitternden Hände, um das Leben dieses Fremden, wie es aus Sicherheit und Wissen in das Dumpfe des Rausches gelangt sein mochte, und wie der Geist wohl doch nicht ausreichte, um die Rätsel des Daseins zu bestehen.
Und von da ließ er seine Gedanken weitergehen, zu den vielen Gesichtern, die sich über die Hefte beugten, müde und erleuchtete Gesichter, rohe und demütige, und er versuchte zu erkennen, wie sie nun fünf oder sieben Jahre später sich über einen Sterbenden beugen würden, über das Mädchen etwa, das mit dem Plakat gegen die Reaktion so tapfer die Straßen entlanggegangen war, über den alten Lehrer Stilling etwa, oder gar über den furchtlosen Herrn von Balk. Und dann kehrte er wieder zu dem Mann an der Tafel zurück, der heimlich nach seiner Armbanduhr sah, und manchmal war ihm, als sei dies alles nicht ganz richtig, was hier betrieben wurde, als fehle etwas, was sich mit Worten nicht sagen ließ, aber er wußte nicht, was es war. Nur, daß er ab und zu an den jungen Studenten Tobias denken mußte, wie er nachts auf dem Grabenrand gestanden hatte, den Stahlhelm in den schmutzigen Händen, um die Seligpreisungen über die verbrannte Erde zu sprechen. Als liege da eine Lösung verborgen, aber als werde man lange Zeit brauchen, um sie zu finden.
Dann nickte er seinem Nachbarn mit den Krücken zu und ging langsam durch die stillen, grauen Straßen, zum Chemischen Institut, oder zur Anatomie, oder wohin sein Stundenplan ihn nun gehen hieß.
Was ihm am meisten Sorge machte, war nicht die Vielfalt der Arbeit, sondern ihr zäher und langsamer Gang. Daß der vorausfliegende Geist immer wieder zurückkehren mußte zu den Elementen und daß der Hand noch immer nichts zu tun blieb, als zu schreiben oder zu zeichnen, indes sie doch ein Messer halten wollte, um mit einem ganz behutsamen Schnitt in das Innere einer Schöpfung zu dringen, das Kranke vom Gesunden zu trennen und die Wurzeln des Lebens wieder freizulegen für Wachstum und Atem. Und unterdessen fiel die Mark, wie Fräulein Holstein sagte, wurden die Umzüge häufiger und länger, der Haß der Zeitungen bitterer, der Beifall der Studenten immer lauter, wenn einer der Professoren mit billigem Spott sich an die neuen Männer heranmachte, die nun das Schicksal des Reiches aus der Zerstörung herauszuführen versuchten.
Ja, auch der Krieg war ihnen ein Beruf gewesen, dachte Jons, wenn er die Gesichter in den Hörsälen betrachtete, ein Beruf wie dieses Studium, und es galt ihnen ganz gleich, ob sie den Tod gaben oder vor ihm retteten. Sie waren nicht neu geworden im Feuer der Schlachten, wie sein Vater neu geworden war, oder Jumbo; sie waren nur zurückgekommen und hatten einen anderen Rock angezogen. Einen Alltagsrock, aber an besonderen Gedenktagen hefteten sie ihre Orden an diesen Rock und verglichen heimlich, ob sie zahlreicher oder bedeutender waren als die Orden anderer.
In der Mittagszeit saß Jons für anderthalb Stunden auf dem alten Sofa mit den Porzellanknöpfen, aß schnell, was Fräulein Holstein ihm brachte, und nahm dann eines der Bücher aus den langen ernsten Reihen. Es war die einzige Zeit des Tages oder der Nacht, in der er nicht an sein Studium dachte. In der er Verse las oder die Lebensweisheit der Alten oder was andere Völker über den Weg der Menschheit gedacht hatten und dachten. Es war die »zwecklose« Stunde, wie er sie nannte, oder die »verbotene«, aber aus ihr gewann sich für ihn der tiefste Trost des Tages und der Nacht, die Ablösung von den Zwecken, die Erkenntnis der Macht des wahren Geistes, die immer zugleich eine Macht des Herzens war, und das leise Erschauern vor dem Zauber der Schönheit, die nicht an eine Menschenform gebunden war, nicht einmal an die Sprache allein, weil die Sprache nur eines der Mittel war, der vielen, mit denen das Tor der Wunder sich öffnen ließ.
Und am seltsamsten war ihm die Erfahrung, daß auf dem Grunde dieser Stunden, ja eigentlich hinter ihrem Grunde das Bild seines Dorfes mit einem ganz stillen Leuchten stand, als hätten die Alten wie die Neuen von ihm gewußt. Von den sanften Linien der Wälder und Hügel bis zu den ärmlichen Gespannen, die über die Äcker gingen, und von dort zu den stillen Gesichtern, die sich über den Pflug oder den Spinnrocken beugten. Als sei auch dort und gerade dort diese geheimnisvolle Schönheit zu Hause, die aus Tagewerk und Ehrfurcht sich zusammenwob, und die nur dort gedeihen konnte, wo Mensch und Menschenwerk sich nicht entfernt hatten von dem alten Urgrund, weder durch die Empörung noch durch den Geist.
Ging er dann wieder am frühen Nachmittag zur nächsten Vorlesung, so trug er die Erinnerung an diese Stunde wie einen stillen Talisman mit sich, ähnlich der feinen silbernen Kette, die er um seinen Hals fühlte und die das Mädchen Margreta ihm umgehängt hatte, als er in den Krieg gegangen war.
Brannte dann am Abend die kleine Petroleumlampe auf seinem Tisch, war der Buchfink zugedeckt und das Fenster hinter dem Vorhang verschwunden, so wischte er mit einer Bewegung seiner Hand die Zeit von seinem Tisch, Vergangenheit wie Gegenwart und Zukunft, und auf seinem Gesicht erschien der harte und gespannte Zug, den sein Vater gehabt hatte, wenn der Meiler zu glühen begann, der Zug eines Mannes, der sich zu verantworten beginnt, nicht vor einem Menschengericht, aber vor seinen Vorfahren oder seinen Kindern, und in diesen Stunden bis zur Mitternacht lernte er, was Arbeit ist, schwere, an die Menschen gewendete Arbeit, ohne Lohn, ohne Ruhm, aber von dem tödlichen Ernst erfüllt, der die Hand des Mannes zum Segen oder zum Fluch wenden kann.
In diesen Stunden formte sich ohne sein Wissen das Gesicht, auf das die Studenten mit Mißtrauen oder Spott, die Professoren mit einer überraschten Aufmerksamkeit und Fräulein Holstein mit Sorge zu blicken begannen, als ein paar Semester vorübergegangen waren.
»Wie gehen deine Tage, Jons Ehrenreich?« fragte Stilling in seinen Briefen, aber darauf war nicht viel zu antworten. Sie reihten sich wie Perlen an eine Schnur, aber wenn man die einzelne in der Hand hielt, war sie grau und unscheinbar, und man wußte nicht, ob das Ganze einmal leuchten würde. Man wußte wenig von Frühling und Herbst, von Hunger und Kälte. Sie waren nur Hülsen, in denen das Korn wuchs, und es wuchs unendlich langsam.
Manchmal, am Sonntagabend, saß er bei Charlemagne, sprach über Menschen und Zeiten oder hörte lieber zu, und manchmal bat er die Frau seines alten Lehrers, wieder ein Lied zu singen. »Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten, es schlafen die Menschen in ihren Betten ...«, oder »Tödlich graute mir der Morgen ...« Und schwang die Stimme sich dann auf mit den strahlenden Akkorden, zu dem »Bis der Sieg gewonnen hieß!«, dann fühlte er die gleiche wunderbare Reinigung seines Daseins wie bei den Klängen der Orgel oder wie damals, als das Wunderkind vor den schwarzen und weißen Tasten gesessen hatte. Auch so also konnte man zu den Quellen kommen, aber es bedurfte der Gnade, nicht des Schweißes, der Gnade, die Friedrich gehabt hatte und um die er erschlagen worden war.
»Sie arbeiten zuviel, Jons«, sagte die Frau, wenn er wieder gehen wollte. »Und Sie gönnen sich keine Freude.«
Aber er schüttelte den Kopf. »Die Meinigen kennen das nicht, ›zuviel Arbeit‹«, erwiderte er. »Wenigstens die nicht, nach denen ich mich zu richten habe. Und Freude hat mein Vater wohl nur am Meiler gehabt.«
Manchmal auch saß er am Sonntagabend bei dem alten Schuster, von dem er damals den Kinderwagen zu entleihen pflegte, wenn er nach Kohlen fuhr, blickte in das gedämpfte Licht der Glaskugel und hörte zu, wie der alte Mann vom Staat der Zukunft sprach, von der Herrschaft des Volkes und der Arbeiterbataillone, und seine Arme, die sich beschwörend und prophetisch hoben, warfen wilde, verzerrte Schatten auf die weißgetünchte Wand. »Das Kapital ist der Fluch der Menschheit«, sagte er mit seiner heiseren, beschwörenden Stimme. »Der Fluch, der uns das Mark aus den Knochen saugt.«
Und Jons hörte zu, mit der gespannten Miene, die er an alles wendete, das den Weg der Menschheit betraf. Er wußte längst, daß es nicht das Kapital allein war, daß die Wurzeln in einen Boden reichten, der schon seit Jahrtausenden in der Verwitterung begriffen war, in einer unabänderlichen und tödlichen Verwitterung, aber er hörte zu, geduldig, aufmerksam, achtungsvoll, und wenn er wieder auf die Straße trat und zu den matten Sternen aufblickte, war er nicht klüger geworden, aber williger. Noch williger, das Salz der Erde zu »dämpfen«, und er dachte mit einem bitteren Lächeln an die unzähligen Kreuze, die in aller Welt verwittert standen und unter denen die Hände und die Herzen derer vermoderten, die gleich ihm willens gewesen waren, an dieses schwere Werk zu gehen. Nur daß der Staat es für nötiger gehalten hatte, sie in den Tod zu schicken statt in das Leben. Und es war ganz gleichgültig, ob der Absolutismus oder die Demokratie sie geschickt hatte. In diesen Dingen waren sie einer Meinung gewesen.
Manchmal auch, aber sehr selten, ging er am Sonntagabend zum Strom hinunter, wo er mit Margreta Kohlen gefahren hatte. Er ging nicht, bevor die Dämmerung gefallen war, und nur wenn Regengewölk über dem Horizont aufzog und jenes gedämpfte, etwas traurige Licht über der Erde war, das ganz anders war als das Sternenlicht. Er nannte es das Licht der Toten, weil es die Erinnerung heraufrief, die Sonnenlicht und Sterne scheute, und er meinte, wenn er ein Dichter wäre, dann würden ihm unter solchem Licht die Verse zufallen. Im Westen, wo das ferne Haff sich dehnte, lag noch ein rötlicher Schein über der Erde, aber alles andere war ohne Farbe, nur grau und dunkel, und die belaubten Wipfel standen wie verlassene Kuppeln über dem fahlen Glanz des Stromes, der lautlos wie ein Totenfluß dahinglitt.
Hier saß er dann über dem Ufer, die Hände um die Knie gefaltet, den Kopf an die warme Rinde einer Weide gelehnt, und blickte über Schilf und Wasser in die dunkle Ferne. Er dachte nichts, er glaubte nichts, er erinnerte sich nicht einmal. Er sah nur Bilder aufsteigen und versinken, ohne daß er sie verknüpfte, die Bilder seines jungen Lebens und ungelebte dazu, und am meisten das Margretas, dieses früh wissende, von Entsagung und Zärtlichkeit beglänzte Gesicht, wie es sich über ihn neigte, mütterlich und mädchenhaft, und die tiefe Traurigkeit ihrer Liebe doch wie einen goldenen Strom über ihn fließen ließ, in dem die grauen Dinge der Zukunft wie unter einem Regenbogen erschienen, mit farbigen Rändern, die sich auf die Erde stützten.
Dann erst fühlte er mit einem brennenden Gram, was er verloren hatte, unwiederbringlich verloren, die andere Seite des Lebens, das Angeknüpftsein an die Ewigkeit, das Geborgensein im Plan der Schöpfung, die Hand, die tröstend wie eine Engelshand in seine schreckliche Einsamkeit griff.
Hier, über dem fahlen Licht des Stromes und unter der grenzenlosen Verlassenheit des zerklüfteten Himmels, konnte es sein, daß er weinte. Aber er wußte es nicht. Die Tränen fielen aus seinen offenen Augen, und erst wenn er die Hand hob, um eine der Haffmücken zu verscheuchen, fühlte er, daß seine Wangen naß waren.
Dann erschrak er und stand schnell auf. Es war so dunkel, daß er den Umriß des Baumes kaum erkannte, unter dem er gesessen hatte, aber er sah sich scheu um, als hätte ihm jemand zugesehen.
Er ging am Ufer entlang zurück, dort, wo er bei seiner Heimkehr aus dem Kriege den grauen Kahn mit den Kindern gesehen hatte, die mit einem zerrissenen Netz nach Fischen gesucht hatten. Aber er ging nicht die Straße entlang, in der Margretas Haus lag. Bei dem ersten dieser Gänge hatte er von ferne gesehen, daß der Laden mit den Wachspuppen wieder erleuchtet war wie damals, denn die Zeiten waren nicht sicherer geworden, und er hatte sich umgedreht, als hätte jemand zum Schlage gegen ihn ausgeholt. Es gab Dinge, denen er noch nicht begegnen konnte.
Sprach ihn in den dunklen Hafengassen ein Mädchen an, so erschrak er wie vor einem Gespenst, und erst wenn die Lampe in Jumbos Zimmer brannte, war es ihm, als sei er zu den Lebenden zurückgekehrt. Aber seine Hände zitterten noch, und das Herz schlug ihm wie nach einer schweren Flucht.
Ja, Jons Ehrenreich, »wie gehen deine Tage?« Die Tage des Mannes, der ausziehen wollte, um das Salz der Erde zu dämpfen, aber noch war das eigene Salz nicht gedämpft, sondern fraß in den Augenwinkeln und in dem schwer schlagenden Herzen. Schwer war der Schritt vom Selbst zum andern, schwerer als Stilling wußte, denn ihm war es als eine Gnade zugefallen. Aber Jons war nicht in der Gnade. Er war in der Anfechtung, und seine Knie zitterten wie nach dem Ringen mit einem Engel.
Er hatte keine Freunde. Für die Studenten war er ein Sonderling oder ein Streber, und wenn seine Augen durch sie hindurch in eine ihnen unbekannte Ferne blickten, sahen sie zur Seite, als hätte Jons sie bei einem Unrecht ertappt. Und doch gewann er einen frühen Ruhm, sowenig er ihn gewollt hatte.
Es studierten nämlich damals schon eine Reihe von jungen Mädchen, und der verlorene Krieg mit Hunger und Verstümmelung zog sie mehr als früher in die medizinischen Hörsäle. Sie waren still, ernst und fleißig, und Professoren wie Studenten blickten mit einer Art von Mißbilligung auf sie. Es gefiel ihnen nicht, daß sie nicht mehr unter sich waren, in einem rauhen und oft rohen Männerhandwerk, daß sie Rücksichten zu nehmen hatten, die die Erziehung vorschrieb, aber die sie ungern übten, und daß die ernsten Augen dieser Mädchen mit einer bedrückenden Klarheit auf ihre Gespräche, ihre Verbindungsbänder, ihre Orden blicken konnten.
Es gab Gelegenheit genug für die Professoren, auf eine schamlose Weise Dinge vorzutragen und zu demonstrieren, die sie anders hätten vortragen können, und der betonte Beifall der männlichen Hörer war ein billiger Lohn für die Gewagtheit ihrer zynischen Scherze. Es gab viele, die sich gänzlich fern davon hielten und die sich damit begnügten, ihre weiblichen Zuhörer zu übersehen. Aber einige von ihnen versäumten keine Gelegenheit der Quälerei an Wehrlosen, und bei dem rohen Gelächter der Beifallspendenden pflegten sie mit einer Miene des Erstaunens aufzublicken, als sei dies ganz gegen ihren Willen mißverstanden worden. Besonders der Gynäkologe, ein schwerer Mann mit einem von Narben durchpflügten Gesicht, war ein Meister solcher eiskalten Spaße, als wollte er sich am ganzen weiblichen Geschlecht für die Mühe schadlos halten, die es ihm in seiner Klinik bereitete.
Jons hatte zuerst gar nicht verstanden, worum es bei solchen Anlässen ging. Er hatte von seiner Zeichnung aufgesehen, als sei ihm etwas entgangen, woran die anderen Freude hatten, und erst als er einmal sah, wie ein junges, stilles Mädchen neben ihm die Hände unter der Bank zusammenkrampfte, indes Tränen aus den gequälten Augen schossen, begriff er, was vorgegangen war und sah mit bösen Augen zu dem Professor auf. Er trug dies ein paar Tage mit sich herum, nicht mehr als den dumpfen Groll eines Menschen, dem man Schmutz in sein sauberes Haus wirft, und er war dabei, es als eine Erscheinung der gedankenlosen Roheit zu den übrigen Erscheinungen zu legen.
Aber als nach ein paar Tagen bei der Behandlung des weiblichen Beckens von den lächelnden Lippen des Professors ein Wortspiel von außergewöhnlicher Schamlosigkeit fiel, ein wohlvorbereitetes, wie man leicht merken konnte, und das Mädchen neben Jons mit einer unwillkürlichen Bewegung die Hände vor das Gesicht legte, wie um sich vor einem Steinwurf zu schützen, überkam ihn das jähe Erbteil seiner Mutter, so daß er in dem Lärm von Gelächter und Hohn aufsprang, sein Hefte zusammenraffte und aus der Bank heraustrat, in der man ihm bestürzt Platz machte. In dem jähen und lautlosen Schweigen des Raumes sah er den Vortragenden an, der vor seinen finsteren Augen erblaßte, und sagte laut und bis in den letzten Winkel wahrnehmbar: »Gehorche deinem Vater, der dich gezeugt hat, und verachte deine Mutter nicht, wenn sie alt wird!« Und er wußte nicht, wie dieser Vers aus den Sprüchen Salomonis ihm auf die Lippen gekommen war. Er wußte nachher nur, daß er ihn vor langen Jahren am Meiler gehört hatte, und sein Vater ihn gesprochen, als Gotthold in die Stadt gezogen war.
Danach verließ er, ohne sich umzusehen, den Hörsaal.
Es bedrückte ihn. Nicht daß er gegen die Ordnung gehandelt hatte, sondern daß er im Jähzorn gehandelt hatte, nicht viel anders als seine Mutter, wenn sie zugeschlagen hatte, und er war zu bescheiden, um zu erkennen, daß es nicht dasselbe war.
Er wurde schon am nächsten Tag vor den Universitätsrichter gerufen. Er war als ein ernster, strenger Mann bekannt, und man wußte, daß er beide Söhne im Krieg verloren hatte. Er ließ Jons mit einer Handbewegung Platz nehmen und sah ihn schweigend an. Hinter einer bläulich gefärbten Brille waren seine Augen nicht zu erkennen, und Jons wußte nicht, was für ein Blick auf ihn gerichtet war. Aber er fühlte, daß nichts Böses in diesen schmalen Lippen war, nur ein Gram, der das Gesicht wie erfroren scheinen ließ. Die blutlosen Hände spielten mit einem Bleistift.
Dann schob der Richter ein paar Akten zur Seite und beugte sich vor. »Wo steht das geschrieben?« fragte er leise. »Das von Vater und Mutter?«
»In den Sprüchen Salomonis, Herr Geheimrat«, antwortete Jons.
Der Richter nickte ein paar Male und sah aus dem großen Fenster, wo die Äste einer alten Birke im Winde wehten.
»Und woher wußten Sie das?« fragte er weiter.
»Mein Vater hat es gesagt, vor vielen Jahren, als mein Bruder in die Stadt gegangen war.«
»Und wer war Ihr Vater?«
»Mein Vater war ein Köhler und besorgte den Meiler für den Herrn von Balk.«
»Ein Köhler ...« wiederholte der Richter, und nun war er doch ein wenig überrascht.
»Er las in der Bibel?«
»Ja, Herr Geheimrat.«
»Und was tut er jetzt?«
»Er liegt in Rußland.«
Nur ein leises Zucken um die schmalen Lippen, als hätte jemand mit einer Nadel heimlich in den regungslosen Körper gestochen. Dann nahm er die Brille ab, und ein paar sanfte Augen sahen Jons an, die wie ertrunken in ihrer verborgenen Trauer waren. »Ich muß Ihnen einen Verweis erteilen«, sagte er leise, »nicht weil Sie es gesagt haben, sondern weil Sie die Vorlesung gestört haben ... aber ich wünschte, daß Sie mein Sohn wären.«
Eine stille Handbewegung, und Jons ging hinaus. Die Kehle war ihm zugeschnürt, und er konnte kein Wort sprechen.
Er schrieb es an Stilling, und dieser antwortete, daß er sich an die Geschichte mit dem Schalksknecht erinnern möge. Wer im Rechten angetreten sei, gehe auch im Rechten weiter, nur daß die Majestätsbeleidigungen langsam schwerer würden. Aber wer sich an Wehrlosen vergreife, müsse gezüchtigt werden. Das unterscheide den Edelmann vom Knecht, und so solle er es weiter halten.
In den Vorlesungen geschah nichts mehr desgleichen, und das Mädchen gab ihm vor aller Augen die Hand. Der Professor sah nicht nach seiner Ecke hin, und die Studenten ließen es bei einer Art von achtungsvollem Grinsen bewenden. Es sahen ihm nun viele nach, wenn er in den Pausen den Korridor entlangging.
Aus seiner anfänglichen Bedrücktheit kam er langsam in eine stille und beglückende Fröhlichkeit hinein. Nicht durch das, was er gesagt hatte, sondern durch das, was der Universitätsrichter gesagt hatte. Sein Herz war ihm leicht und gleichsam der Zukunft gewiß. Er bestand seine Semesterprüfungen mit einer ungewöhnlichen Auszeichnung, aber er wußte, daß er eine schwerere Prüfung bestanden hatte.
Und so fuhr er fröhlich in seine ersten Ferien.
III
Es waren die großen Ferien, denn zu Ostern war er in der Stadt geblieben. Das Anatomische Institut war umgeräumt und neu geordnet worden, und es war ihm gelungen, einen der Helferposten zu bekommen. Er verdiente etwas Geld damit, ein paar alte Präparate, ein paar zerlesene Bände, und einmal war der alte Geheimrat bei ihm stehengeblieben, hatte nach seiner Arbeit und seinem Zuhause gefragt und dann eine Weile aus den bestaubten Fenstern gesehen. »Auch bei uns gibt es Kärrner«, hatte er dann gesagt, »aber ich sehe Ihnen schon ein paar Wochen zu. Es gibt nicht viele, denen ich gern zusehe, und einmal wird Ihr Dorf Freude an Ihnen haben ... wie heißt es doch ... Sowa ...«
»Sowirog, Herr Geheimrat.«
»Sowirog, ja ... alles slawische Namen ... und was bedeutet es?«
»Der Eulenwinkel, Herr Geheimrat.«
»Der Eulenwinkel, ja ... dort wird keiner von diesen jungen Herren hingehen ... Sie werden allein sein dort, Jeromin, allein mit Ihrer Kunst und Ihrem Gewissen. Denn das gibt es wohl dort noch, ein Gewissen, nicht wahr?«
»Ja, das gibt es, Herr Geheimrat.«
Dann nickte der alte Mann ihm unmerklich zu und ging mit seinem schweren, schleppenden Gang in den nächsten Raum, wo das Gelächter der Helfer plötzlich verstummte.
An dieses Gespräch dachte Jons, als er am Waldrand stand und auf Kiewitts Acker blickte. Er hatte sich nicht angemeldet und war zu Fuß gekommen. In der Erntezeit gab es keine Fuhrwerke in Sowirog.
Er stand eine Weile, auf seinen Stock gestützt, und sah zu, wie Kiewitt die mageren Korngarben auflud. Das weiße Pferd drehte den Kopf und sah ihm entgegen. Es war wachsamer als ein Schäferhund.
Ja, das gibt es hier noch, dachte Jons, und das wird es wohl noch eine Weile geben ...
Niemand war da, der Kiewitt hätte helfen können, aber er lud die Garben so sauber auf, daß er auch keiner Hilfe bedurfte. Er konnte alles allein, Kochen, Säen und Pflügen, und sicherlich würde er auch allein sterben können.
Aber Jons ging doch schnell über das Feld. »Soll ich hinauf aufs Fuder, Kiewitt?« fragte er. »Ich will schon ordentlich laden.«
Kiewitt zuckte einmal mit der Schulter, denn er hatte ihn nicht kommen hören, aber dann schüttelte er den Kopf und lehnte sich an die lange Gabel. »Der Herr Student«, sagte er und sah ihn nachdenklich an. »Hat Gott sie eingerenkt, Jons?«
»Ich denke, ja«, erwiderte Jons, »und er hat wohl auch mehr zu tun, als sich um meine Hüfte zu kümmern.«
Kiewitt ließ die hellen Augen einmal über seinen Acker und dann in der Richtung des Meilers gehen. »Viel hat er zu tun«, sagte er. »Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen, und die ihn gestochen haben; und werden heulen alle Geschlechter der Erde. Ja, Amen.«
Jons wußte nicht recht, was er erwidern sollte. Die Sonne schien über das warme Feld, und vom See hörte man den Schrei des Adlers. Es kam etwas unerwartet über ihn, dieses »Donnerwort« aus Kiewitts Munde.
»Das ist aus der Offenbarung?« fragte er zaghaft.
Kiewitt nickte. »Nein«, sagte er dann. »Laß es nur sein, Jons. Ich werde auch so fertig. Sie warten auf dich ... kannst du es nun schon, helfen und heilen?«
»Ich fange an, Kiewitt, ganz von vorne. Es dauert lange Zeit, viele Jahre.«
Kiewitt nickte noch einmal und stach dann langsam die Gabel in die nächste Garbe. Die Sonne neigte sich schon. Aber bevor Jons ging, rief er ihn noch einmal an und deutete auf den Meiler. »Es steht kein Rauch mehr über dem Wald«, sagte er, »aber vergiß es doch nicht, Jons ... auch dies steht geschrieben: ›Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem verborgenen Manna, und will ihm geben einen weißen Stein und auf dem Stein einen neuen Namen geschrieben, welchen niemand kennt, denn der ihn empfahet.‹«
Und dann legte er die nächste Garbe auf den Wagen.
Nein, Jons vergaß es nicht. Nicht den Meiler und nicht Herrn Stilling, nicht Korsanke und den alten Piontek, die Lebenden nicht und die Toten nicht. Es war ihm, als sei er länger fortgewesen als während des Krieges, aber als sei es nun eine bessere Heimkehr.
»Jeromin ... Jeromin, hilf mir, meine Zunge ist jrien ...«, sangen die Kinder auf der Dorfstraße. Sie hatten Hasenklee gekaut und zeigten ihren grünen Mund. Dann lächelte Jons wie in Kinderzeiten, zupfte sie an den weißblonden Haaren und dachte, das seien nun die ersten Patienten, die nach ihm verlangten. Aber sie wollten nicht sagen, von wem die ungeschickten Verse stammten, und Jons war auch ohnedies sicher, daß die fröhliche Barbara die Urheberin war.
Die ersten Tage, bevor er wieder zu arbeiten begann, war er wie in einem Zauber. Von der frühen Morgenstunde an, wenn das Rindenhorn des alten Piontek ihn weckte, bis zur Nacht, wenn der rote Mond über den Giebeln stand und die Fledermäuse lautlos um den Ahorn glitten. Es war nicht nur dies, daß er wieder zu Hause war; daß die Kammer, in der er schlief und lebte, ebenso gebaut war wie die, in der sie als Kinder gelebt hatten; daß Steine und Straßen versunken waren. Es war dies, daß er nicht mehr allein war. Daß er wieder hineingeflochten war in das Schicksal des Dorfes, ein kleines Schicksal, aber es ging ihn an. Die Kuh bei Gina Bojar, die an Blutnetzen erkrankte, ging ihn an. Die Eiterung an Pionteks Hand, die er mit einem Messerschnitt öffnete, ging ihn an. Stillings Zahlentabellen und Korsankes leiser Schmerz. Das Gewitter, das über der Haferernte heraufzog, und das Feuer am Moorrand, das sie mit Spaten und Löscheimern bis in die Nacht bekämpften. Es war nicht zu glauben, wieviel in einem so kleinen Dorfe geschah. Und alles geschah auch ihm, und viele glaubten, daß nur er allein helfen könnte. Die Hochachtung vor aller Wissenschaft war tief in ihre gläubigen Herzen gesenkt.
Er war zur Meilerhütte gegangen, noch bevor er das Dorf betreten hatte, und die Mutter hatte auf der Schwelle gestanden und ihm entgegengesehen. Wieder war der Zug einer leisen Angst in ihrem Gesicht gewesen, der ihn beim Abschied so ergriffen hatte. Sie hatte nicht viel gesprochen, und ihre Stimme war ganz leise geworden, wie die eines Menschen, der von Geistern umgeben ist. »Bist du gesund, Jons?« hatte sie gefragt. Und: »Bleibst du lange, Jons?« Das war alles gewesen. Aber zum Abschied war ihre harte, kalte Hand einmal über seine Wange geglitten, wo sie ihn damals geschlagen hatte, scheu und wie aus Versehen, und sie hatte sie gleich wieder zurückgezogen. »Gehe nun zu den Deinigen, Jons«, hatte sie gesagt. »Sie warten auf dich.« Und ehe er etwas hatte sagen können, war sie zurückgetreten und hatte leise die Tür hinter sich geschlossen.
Und er hatte eine lange Weile am Waldrand stehen müssen, ehe er imstande gewesen war, zu den »Seinigen« zu gehen. Und auf dem Stein einen neuen Namen geschrieben ..., dachte er. Ja, sie wußten wohl alle nicht, daß Kiewitt der Klügste von ihnen war. Und nicht nur, weil er noch einmal getauft worden war.
Er hatte auch bei Stilling gesessen, und hier hatte er am tiefsten das Bewußtsein der Zeit verloren. Er rührte mit der Hand leise die Weltkugel an, bis die Festländer und Meere sich lautlos zu drehen begannen. »War das nicht gestern, Herr Stilling«, fragte er leise, »als ich noch hier saß und die schönen amerikanischen Namen lernte? Minnesota und Minnehaha?« Und der alte Lehrer blickte mit ihm auf die langsam kreisende Erde, an deren einem nie zu wissenden Punkt der verlorene Sohn nun wandern oder schlafen mochte, und nickte seinem Schüler zu. »Alles war gestern, Jons Ehrenreich«, sagte er, »und auch morgen wird schon alles ›gestern‹ sein. Aber du hast für das ›Morgen‹ zu leben, Jons Ehrenreich, du ganz besonders, und das sollst du nie vergessen.«
Und dann fragte er nach der Mark, und Jons beruhigte ihn. »Daß die Ärzte sich um die Mark kümmern, glaube ich schon«, sagte er, »aber die Medizin kümmert sich nicht um sie. Auch für sie wird das einmal ›gestern‹ sein.«
Aber Stilling schüttelte weiter den Kopf und blickte auf die kreisende Erde, als ziehe sie alles Ersparte der Welt mit sich und lasse es hinter der Krümmung der Kugel ins Bodenlose stürzen.
Dann kam Elisa herein und betrachtete ihn mit der milden Nachsicht, die sie für »geistige Arbeiter« übrig hatte. »Ist es wahr«, fragte sie, »daß ihr dort einen Polizeipräsidenten habt, der ein Roter ist und früher ein Maurergeselle war?«
Ja, das sei wahr, erwiderte Jons lächelnd, und er sei nicht schlechter als die Herren von und zu, die sie früher gehabt hätten.
»Aber ein Auge soll er nur haben«, sagte Elisa mit nüchterner Kälte. »Das andere hat Gott ihm genommen für seinen Unglauben.« Und sie sah ihn prüfend an, ob er selbst noch beide Augen habe, oder ob eines schon im Begriff sei, zu erblinden.
»Du bist eine Närrin, Elisa«, sagte Stilling milde.
Aber sie hob drohend die Hand mit der Stricknadel und deutete mit der grauen Spitze auf sie beide. »Wer aber zu seinem Bruder sagt: ›Du Narr!‹ der ist des höllischen Feuers schuldig«, sagte sie, und es war, als verurteile sie beide zum Tode.
Stilling lächelte nur, aber Jons hielt die Stricknadel scherzend fest und meinte: »Sie kennen die Bibel so gut wie mein Vater, Tante Elisa. Nur daß er die anderen Worte sagte, die guten und die tröstenden.«
»Er war ein Jeromin«, erwiderte sie ungerührt, »und auch du wirst nicht anders werden. Auch wenn du Ehrenreich heißt.«
Er hatte auch beim Herrn von Balk gesessen, vor dem Kamin, und auch hier hatte er gemeint, daß es keine Zeit gebe. Zeit gab es wohl nur in den Städten, wo die Erde nicht mehr war. Die langen Bücherreihen schimmerten im Schein des Feuers, und der Papagei rührte sich leise in seinem vergoldeten Käfig. »Allons, enfants ...« sagte er mit seiner heiseren, verschlafenen Stimme.
»Ist das neu?« fragte Jons lächelnd.
»Ganz neu«, erwiderte Balk. »Wußtest du nicht, daß sie mich den ›roten Balk‹ nennen? Meine Standesgenossen?«
Nein, das wußte Jons nicht, und er glaube auch nicht ganz, daß das wahr sei.
Er auch nicht, meinte Balk. Aber für manche Leute sei derjenige schon rot, der einen Stock statt einer Reitpeitsche trage. »Die neue Zeit, Jons«, sagte er. »Auch zu uns ist sie gekommen. Unglaublich, wo sie überall hinfindet. Sogar in den Eulenwinkel!«
Aber er habe noch nichts davon bemerkt, erwiderte Jons.
»Medizineraugen fangen erst beim Mikroskop an«, sagte Balk spöttisch. »Sieh dir euren neuen Pestalozzi an! Das ist der Keimträger der neuen Kulturen. Landschullehrer waren immer Keimträger, so oder so. War hier und beschwerte sich, daß die Kinder beim Kartoffelsetzen helfen müssen. Sei eine Mißachtung des Geistes, meinte er. Eine Versklavung der Unmündigen. Konnte schöne Sätze sagen, Des-dur mit Pedal. Fragte ihn, ob er lieber Kartoffeln oder Unmündige zum Abendbrot esse. Zog die roten Augenbrauen hoch, als ob ich vom Monde gefallen wäre, ihm gerade vor die Füße.«
»Und wie ging es aus?« fragte Jons belustigt.
» Es ging nicht aus«, erwiderte Balk, »sondern er ging aus. Der Papagei nämlich. Muß ihm etwas verdächtig vorgekommen sein, denn plötzlich saß er auf dem Pestalozzihaupt und flog mit der Perücke davon. Hatte es selbst kaum bemerkt. War alles so glatt an dem Burschen, daß auch dies in einem hinging. War eine große Jagd, weil er auf der Platonbüste saß mit seinem Raube. Hielt ihn wahrscheinlich für eine Platonische ›Idee‹. Rief den ganzen Hof zu Hilfe. Zeugen machen so etwas lustiger. Er stand wie ein kochender Seehund dabei. Mit abgekrümelter Würde. Tröstete ihn, daß Papageien unmündig seien, gerade so wie Kinder. Schließlich überreichten wir sie ihm wieder, etwas derangiert. Stülpte sie auf und schoß wie ein Bolzen aus der Bibliothek. Die Leute grinsten, und der Papagei kreischte natürlich ›Idiot!‹ Findet immer das Passende ... Ist nie wiedergekommen.«
Jons lachte, und Herrn von Balk fiel es plötzlich ein, daß er ihn lange nicht lachen gesehen hatte, Jahre wahrscheinlich.
»Aber die anderen«, fragte Jons, »Daida und Gonschor, und das Dorf eben, nennt man sie auch die ›Roten‹?«
Herr von Balk zog die Augenbrauen hoch. »Immer gemeint, daß Studium ein gefährliches Handwerk ist«, sagte er. »Ärzte sollen nicht farbenblind sein. Noch nicht gewußt, Jons, daß die Armut grau ist? Begehrlichkeit ist rot, und Dummheit ist schwarz, aber die Armut, mein Freund, war immer grau, und das wird auch die Farbe in Sowirog bleiben. Nein, der Volksbeglücker und sein Freund Czwallinna sind vorläufig die einzigen. Natürlich möchten die anderen eine ganze Menge haben, mehr Lohn und mehr Weide und mehr Hasen, aber sie trauen der Geschichte nicht. Siehst du, der Kaiser ist unabsetzbar für solch ein Dorf. Sie begreifen nicht, daß Leute ihm die Krone nehmen können, Leute, von denen sie nie gehört haben. Sie meinen, daß es da eine Rechenschaft geben wird, wie bei einer Brandstiftung oder einem Pferdediebstahl, und deshalb machen sie das lieber auf eigene Faust, mehr Weide und mehr Hasen zum Beispiel. Das sind sie gewohnt, und das geht im stillen ab. Die anderen reden ihnen zuviel.«
»Und hier, bei Ihnen, Herr von Balk?«
»Ja, hier ist das schon ein bißchen anders. Nicht bei den alten Leuten, aber bei denen, die ein paar Jahre in Gefangenschaft waren. Da hilft denn nichts, als ihnen vom Deputat abziehen, wenn sie streiken wollen. Kartoffeln und Roggen, das sind reale Dinge, realer als Geld. Und schließlich hilft gegen die Phrase nur eines, Jons: das Wort. Das richtige, klare, ruhige Wort. Das ist natürlich immer noch eine Macht. Stärker als Gendarmen. Und das Beispiel, Jons! Czwallinna und der Volksbeglücker geben schlechte Beispiele, und daran scheitert die Färbung hier, die richtige, meine ich, und für die richtige ist es die höchste Zeit in diesem sogenannten Ostelbien.«
Dann fragte Jons noch, ob Herr von Balk es für richtig halte, daß er von nun an während der Ferien in eine Fabrik gehe, um Geld zu verdienen und etwas von der »akademischen Würde« abzustreifen.
Aber Herr von Balk hielt es für ganz und gar falsch. »Das sind so moderne Mätzchen, Jons«, sagte er. »Für das Geld werde ich sorgen, denn Stilling wird bald aufhören damit, wie ich die Entwicklung sehe. Er hat seine Pension und sein Erspartes, aber ich habe Felder und Herden und Wald, und das ist ein gewaltiger Unterschied. Das ist der Lohn der Erde, sozusagen, und der ist unveränderlich. Und das andere ist einfach Unsinn. Würde hast du genug, aber keine akademische, und diese Art von Würde streifst du nicht ab, hoffentlich nicht. Und wer in Sowirog aufgewachsen ist, und dazu im Jeromin-Haus, weiß von Gott und von der Armut so viel, daß die Universitätsprofessoren Deutschlands von ihm lernen können ... aber reiten könntest du wieder ein bißchen mit mir.«
Jons schüttelte den Kopf. »Erstens habe ich zu arbeiten, Herr von Balk«, sagte er, »vom Morgen bis zur Mitternacht. Und dann kommt es mir nicht zu, zu reiten, wenn andere auf Krücken gehen. Ihnen kommt es zu, und Korsanke auch, aber nicht mir.«
Auch bei Piontek hatte Jons gesessen, am Abend, bevor er die Herde eintrieb. Piontek trug noch immer silberne Ohrringe, und seine Hände, mit denen er Pilze auf die Holzkohlen legte, waren wie Baumrinde anzusehen. Er erzählte nicht viel, denn vom Unveränderlichen ist nicht viel zu sagen, aber er war derjenige, der am meisten von allen wissen wollte. Ob die Professoren vierspännnig in die Universität führen und ob sie mit »Gnädiger Herr« angesprochen würden. Ob es wahr sei, daß sie Tote zerschnitten auf großen Tischen und nachher wieder lebendig machten, und dann fehle meistens ein Stück, ein Bein, oder ein Arm, oder gar das Herz. Und ob es wahr sei, daß vor einer Taglöhnersfrau nun jeder aufstehen müsse, wenn sie in ein Theater komme, und sich erst hinsetzen dürfe, wenn sie sich auf ihren Hintern gesetzt habe.
Jons versuchte, ihm seine Arbeit und sein Leben zu erklären, aber es gelang ihm nicht recht. Piontek kannte das Dorf und das Moor, die Jahreszeiten und seine Herde. Er kannte den Urgrund der Schöpfung und den Ablauf uralter Gesetze. Aber er konnte sich nicht vorstellen, wie die Menschen dort lebten, wenn sie am Morgen über ihre Schwelle traten, und ein großer Wagen ohne Pferde klirrte an ihnen vorüber. Oder zehntausend Menschen zogen in einem einzigen Zuge durch steinerne Straßen und hielten Stangen in den Händen, und auf den Stangen war etwas zu lesen. Und am wenigsten konnte er begreifen, daß Mädchen neben Jons in den großen Sälen saßen, richtige Mädchen, »mit Kopftüchern und Schürzen«, wie er sagte, und das hielt er für eine richtige Lüge.
»Du flunkerst, Jons«, sagte er und schüttelte mißbilligend seine Ohrringe. »Die olle Baronsche hinterm See, wo mein Schwesterkind im Dienst ist, die soll ja auch eine Menge Schrauben los haben. Spielt auf der Fiedel und raucht Zigarren wie der Herr von Balk. Aber das hat sich noch keiner von ihr zu sagen getraut, daß sie mang das Mannsvolk 'rumgesessen und an Toten 'rumgeschnipselt hat.«
Auch das versuchte Jons ihm zu erklären, aber Piontek lächelte nur listig. »Du hast das von Jakob«, sagte er schließlich wie erleichtert. »Der war ein zuverlässiger Mann, aber manchmal konnte er so Dinge erzählen, daß dir die Augen übergingen. Dann kam es wohl über ihn, der Meiler und der dunkle Wald und daß er mit keinem Menschen sprach als mit sich selbst. Und so kommt es wohl auch über dich, und du weißt es nur nicht.«
Dabei blieb es nun, aber bevor sie das Feuer löschten, nahm der alte Hirt Jons vorsichtig am Arm. Eine Rohrdommel rief im Moorwasser, und Piontek deutete mit seinem weißen Kopf in die Richtung des dumpfen Rufes. Sein Gesicht nahm den geheimnisvollen Ausdruck an, der seine alten Geschichten begleitete, und Jons war es immer, als komme dann plötzlich das tausend Jahre Alte zum Vorschein, das in Großvaters Augen gewesen war und das tief unter dem Sandboden des Dorfes schlief, in den Särgen, die übereinander standen und zu Staub zerfielen.
»Es ist etwas unterwegs, Jons«, sagte Piontek leise, und seine hellgrauen Augen erfüllten sich mit einem fremdartigen Licht. »Sie rufen, wie sie siebzig Jahre nicht gerufen haben, und es bedeutet etwas ...«
»Was soll es bedeuten?« fragte Jons, und auch seine Stimme wurde leise.
Aber Piontek schüttelte den Kopf. »Nur der Herr weiß es«, sagte er einfach.
Und dann stand er auf und trieb die Herde zusammen, und es war, als hätte er Jons ganz und gar vergessen.
Und dann waren die Abende um den großen Herd im Jeromin-Haus, und Maria stand wie früher am Herd, und der kleine Jons und Barbara hörten zu, wie sie das Märchen vom Fischer und seiner Fru erzählte. Und Jons Ehrenreich hörte noch stiller zu als die Kinder. Die Stimme war noch die gleiche, die tiefe, tröstende, mütterliche Stimme wie in seiner Kinderzeit, aber die Augen waren andere geworden, und mitten in den Versen von »Buttje in de See« konnten sie den Bruder anblicken, mit einer verlorenen Zärtlichkeit und einem Gram, der ihm das Herz zusammenpreßte. Und wenn sie den Blick über ihn hinweg zum Fenster wendete, wußte er, daß die unendlichen Ebenen vor ihr lagen, durch die Jumbo und er und der Verschollene marschiert waren. »Liebe Schwester ...«, sagte er ganz leise. Aber sie schüttelte unmerklich den Kopf und fuhr fort, zu erzählen, wie die Frau nun Kaiser geworden war.
War sie aber zurückgekehrt von ihrem abendlichen Gang zum Rand des Moores, hatte sie alles draußen gelassen, was den Bruder bedrücken konnte, und wie eine junge Mutter des Hauses saß sie am Tisch, wo Jakob gesessen hatte, oder am Spinnrocken. »Erzähle, Jons«, sagte sie. »Von den Professoren und vom schwarzen Fräulein. Von den Streiks und vom Schuster. Alles vom Leben und Sterben ...«
Erdmuthe kauerte vor der Herdflamme, immer noch wie ein verflogener Vogel, und das Mädchen aus dem Nachbardorf hatte die Hände im Schoß gefaltet, über ihrem Strickzeug, lehnte den Kopf an die Wand hinter sich und blickte mit weit offenen Augen auf die rötlichen Lichter, die über die Balkendecke glitten. Wahrscheinlich sah sie die Insel im See oder das »Paradies«, und wahrscheinlich hörte sie das Lied der Flöte, das Menschen und Tiere bezaubert hatte. Und nicht zuletzt ihr eigenes Herz.
Und in der dunkelsten Ecke saß Christean, die Krücken neben sich, und blickte heimlich auf Jons, als hätte er ihn seit zehn Jahren nicht gesehen. Von allen Menschen des Dorfes war Christean der scheueste geworden, und er stand vor seinem Bruder, als trüge dieser schon den Lorbeer des Berufes um seine Stirn, indes er selbst am Boden kauerte, mit durchschnittenen Sehnen, und nichts erwartete als den Hohn aller Sieger.
Es traf Jons wie ein unverdientes Gericht, und er fühlte den schweren Preis, um den man sich über seine Brüder erhob.
Erst am dritten Tage, als er mit Christean in der kleinen Werkstatt stand, zu der er fast mit Gewalt hatte vordringen müssen, fand er die Brücke zu dessen hilflosem Herzen. Er erkannte sofort, daß in dem kleinen sauberen Raum etwas geschehen war, was nur aus Einsamkeit und Schmerz hatte geboren werden können: daß alles Spielerische und Kindliche aus seiner Kunst verschwunden war und daß die wahre Schöpfung sich abzuzeichnen begann, der Sieg über das tote Holz, die Beseelung des Leblosen zu einem neuen, höheren Leben. Da war eine Büste des Vaters, noch nicht vollendet, aber schon aus dem Unvollendeten blickte Jons die Ewigkeit entgegen. Nicht das Zeitliche des Vaters, wie er es am Meiler gesehen hatte und dann, als er Abschied genommen hatte, um nicht mehr wiederzukehren. Dieses Zeitliche, wie es in der Form und Haltung gelegen hatte, in der Bewegung der Lippen, im Blick der Augen. Sondern eben das Ewige, wie es immer dahinter gestanden hatte, aber sie hatten es nicht erkannt: die ungesprochenen Worte eben, die ungedachten Gedanken, die Verklärung, die hinter den Grenzen der Leiblichkeit gelegen hatte, immer da, immer bereit, aber erst der Tod hatte sie frei gemacht, und erst Christean hatte das Freigemachte erkennen und wieder in die faßliche Form zurückbringen können.
Lange stand er davor, wie vor einem Auferstandenen, und dann erst legte er den Arm um Christeans Schulter. »Du dachtest, lieber Bruder«, sagte er leise, »daß ich vorausgelaufen wäre, schnell und in großen Ehren, und du dachtest, daß es dir zukomme, dich im Dunklen zu verbergen, so lieb du mich hattest. Ja, gerade weil du mich so lieb hattest. Und indessen weißt du nicht, daß du mir so weit voraus bist, daß ich dich niemals einholen werde. Niemals, lieber Bruder. Weil du ein Schöpfer bist und ich ein Handwerker. Denn in einem Jahr werde ich dir jede Faser und jeden Knochen und jede Funktion in diesem Kopf sagen können, aber niemals mehr. Namen und Bilder, nichts mehr. Du aber hast ihn von den Toten auferweckt, was nur Christus gekonnt hat, und du wirst alles auferwecken können, was du in deine Hand und in dem Herz nehmen willst. Du bist nicht gering, lieber Bruder, so daß du dich vor mir verbergen mußt, sondern du bist der Größte aus unserm Hause, und ich bitte dich nur, Nachsicht mit mir zu haben, wenn ich soviel Platz und Zeit für mein Leben brauche.«
Er hatte den Weinenden lange trösten müssen, aber er wußte sehr gut, daß Christean nur vor Glück weinte.
Die Kinder aber lehnten zwischen Jons' Knien und wendeten die glänzenden Augen nicht von seinen Lippen, und wenn er auf Erdmuthens Kind niederblickte, war ihm alles wie ein Traum, und er sah des Bruders Gesicht noch einmal auf die Erde zurückgekehrt, das strenge, ernste, fast finstere Gesicht, für das es keine bestechlichen Worte gab und vor dem das Leben wie ein steiniger und gefährlicher Acker lag.
War er schon alt, daß er hier saß und Geschichten erzählte, Kinder zwischen seinen Knien, aus denen das Gesicht von Toten wie aus einer Dämmerung herausschien? Oder waren es nur das Haus und das Dorf, die ihn einspannen? Aus denen er hervorgegangen war und zu denen er wieder zurückkehren würde? Und am Meiler saß die Mutter, ohne Märchen und Geschichten, und trug ihre Welt zu Grabe ...
Es fröstelte ihn plötzlich zwischen den Schultern, und er sah nach dem Fenster, ob dort jemand stehe. Aber nur die Schwärze der Nacht war hinter den Scheiben, und Barbara fragte, ob da etwas sei.
»Nein«, sagte er, »es ist nichts ... nur die Zeit war da ...«
Aber es blieb nur der letzte Abend zum Geschichtenerzählen. In der Nacht stellte Jons einen seiner »Pläne« zusammen, und damit war das Tagwerk von drei Monaten entschieden. Es begann bei Sonnenaufgang und endete vor Mitternacht, wie in der Stadt. Er hatte die vier Bände der topographischen Anatomie mitgebracht, und zu Beginn des neuen Semesters wollte er sie in sich haben, so daß er nur Blatt um Blatt in seinem Geiste umzuschlagen hatte, um sie vor sich zu haben. Und dann war da ein Grundriß der Botanik, der Zoologie und der Chemie, eine Geschichte der Medizin und seine Notizen aus zwei Semestern.
Er lag in der Kammer, die so gebaut worden war wie die Kinderkammer im abgebrannten Hause. Er sah die Sterne hinter dem Fensterkreuz langsam vorüberziehen, und es war ihm, als hörte er den Atem der Geschwister sanft oder unruhig in dem kleinen Raum. Ja, die Zeit war da, die vor dem Küchenfenster gestanden hatte, und aus dem Erdgeschoß hörte er ganz leise die alte Uhr, deren Pendel diese Zeit zerteilte und maß. Die Bäume warteten, die dunklen Giebel, das schlafende Dorf. Und am meisten wartete der Vater, der soviel stille Sorge um ihn getragen hatte, ob er bleiben würde, ein Gefangener des Dorfes, oder ob er sich aufmachen würde in die große und drohende Welt, um das Licht zu holen für die Armen. Die »Gerechtigkeit auf dem Acker« oder nur den Trost für die Beladenen. Damals, auf der Laubstreu in der Meilerhütte, hatte das Kind es versprochen, und es hatte nichts vergessen, und am allerwenigsten den tiefen Seufzer des Glücks, mit dem der Vater das Versprechen empfangen hatte.
Er lag ganz still und lauschte, wie die Nacht über das Dorf ging. Ein Hund bellte, ganz fern, hinter dem »Paradies«, und die Eulen riefen vom Moorwald. Und ab und zu ging der dumpfe Ruf über die Erde, von dem Piontek gesagt hatte, daß er etwas bedeute. Aber er bedeutete nur, daß eine neue Nacht über das Land gefallen war und daß die Zeit wartete.
Er öffnete seine Hände und schloß sie langsam wieder zu, und es war ihm, als halte er nun alles zwischen ihnen, was sein Leben ausmachen werde: Kraft und Freudigkeit und jenes große Geheimnis, mit dem man das Salz der Erde dämpfen konnte.
Aber es war nun doch anders als in der großen Stadt. Wenn die Sonne aufging und das Dorf und den See aus der Nacht heraushob, hörte er Maria vorsichtig die Herdringe aufheben. Dann ging er leise die Treppe hinunter und saß bei ihr vor dem knisternden Feuer. Sie aßen noch immer den Buchweizenbrei aus ihrer Kinderzeit und das schwarze Brot, und Jons erzählte von Fräulein Holstein und wie sie nun wohl einsam und in verlassener Trauer auf dem Sofa sitzen und an das Ende der Ferien denken würde. Die Schwester konnte so gut zuhören, und mitunter glitt das alte kindliche Lächeln um ihre verhärmten Lippen. »Wir finden immer jemand, der uns gern mag, Jons«, sagte sie. »Und wir kommen doch alle aus einem schweren Hause. Auch der Küster mochte mich gern, auf seine Weise, als ich im Dienst war, und nur ihr Herz habe ich nicht gewinnen können. Es war ein Pfennigherz.«
Einmal, als eine Woche vergangen war und er schon in der Tür stand, um zur Arbeit hinaufzugehen, drehte er sich noch einmal um und sagte leise: »Ist es noch immer so mit dir, liebe Schwester?«
Sie verstand ihn sofort, und er erkannte es an dem fieberhaften Glanz, der in ihre Augen trat. Sie wandte das Gesicht nach dem Fenster, als täten sich draußen nun sofort die weiten Ebenen auf, über die der Verschollene wanderte. »Ich weiß es, Jons«, erwiderte sie mit einer leisen, abwesenden Stimme. »Ich fürchte mich, aber ich weiß es.«
Dann sprach er nie mehr davon.
Bis zur Mittagsstunde blieb er nun in der Kammer, deren Fenster auf den Wald ging und auf eine stille Bucht des Sees. Nur daß er ein oder zweimal für eine Viertelstunde in den kleinen Garten ging, um mit den Kindern zu spielen. Nach dem Essen lag er für eine Stunde am Ufer oder ruderte zur Insel hinüber, wo das Kreuz für den Großvater groß und einsam über dem Wasser stand. Und an jedem Nachmittag, bei Sonnenschein oder Regen, ging er ein paar Stunden durch den Wald oder über das Moor, sammelte Heilkräuter, deren Wissenschaft ihm nun sehr am Herzen zu liegen begann, und brachte heimlich einen Frosch, eine Eidechse, eine Kreuzotter heim, die er ebenso heimlich in den Nachtstunden unter das Messer nahm, bis er jeden Knochen aus dem Gedächtnis aufzeichnen konnte. Er tat es heimlich, weil er nicht wollte, daß die Kinder es wüßten.
Ab und zu fuhr ihm Maria mit der Hand über das Haar. »Ist es nicht zuviel, Jons?« fragte sie. »Hast du nicht zu wenig Schlaf?«
Aber er lächelte. »Ich bin jung«, sagte er, »und nach so vielen Geschlechtern muß einer wachen. Und weißt du, was mein bestes Erbteil ist, Schwester? Ein untrügliches Gedächtnis und ein Hunger, der dort alles aufzeichnet wie in einem Vorratshaus. Der Vater hat es an die Bibel gewendet, und ich muß es nun an den Menschen wenden.«
Aber am schönsten waren die Nachmittage vor dem Sonntag. Dann hatte er wirklich Ferien, auch in seinem Gedächtnis, und wenn er die Treppe herunterkam, standen sie schon in der offenen Haustür mit leuchtenden Gesichtern: der kleine Jons, Barbara, Johannes, der schweigsame Gogunsohn, der seines Vaters unsichtbares Grab gesehen hatte, und manchmal Christean, der in einem kleinen Wagen saß, die Krücken über die Leitern gelehnt, und immer mit der bedrückten Frage, ob er ihnen nicht zu schwer sei. Aber Jons sagte, für die Jerominkinder sei nichts zu schwer, und wenn sie durch das Dorf zogen, standen die Leute in den Türen und erinnerten sich der Zeit, als Christean so zur Schule gefahren wurde, und ihre Gedanken gingen zu den anderen Geschwistern, den Toten und den in einem fernen Glanz oder einer fernen Sünde Lebenden, und sie meinten, daß Jons Ehrenreich ein guter Doktor werden würde, einer mit hilfreichen Händen und einem hilfreichen Herzen.
Sie aber zogen langsam über die sonnige oder schattige Straße nach den Erdbeerhängen und später nach den Himbeeren und dann nach den Brombeeren. Jons und Johannes hielten die Deichsel, das Mädchen lief ein paar Schritte voraus, und der kleine Jons, den sie nun Micha nannten, ging hinter dem Wagen her, eine ernste, schweigsame Nachhut, und seine Augen waren ganz die seines Vaters, als stünde immer rechts oder links des Weges ein Feind unter den Büschen.
Johannes tat nicht viel mehr, als daß er ab und zu mit der Hand in den Wald deutete, und sie erstaunten, wie vertraut ihm alles war. Dort wußte er den Horst der Gabelweihe, hoch in der Fichtenkrone, und dort den des Hühnerhabichts, der der Todfeind des Dorfes war. Dort führte er sie zu dem verborgenen Fuchsbau und wies ihnen die Fährten der jungen Füchse im feuchten Sand. Hier war ein Ameisenbau, und als er die oberste Spreu zur Seite räumte, erschien ein schneeweißes, leuchtendes Gebilde, der Kopf eines Raubvogels, von dem die letzte Spur von Federn und Fleisch abgezehrt worden war. Er wußte, wo die Mandelkrähe brütete, der Wiedehopf, der schwarze Storch. Sein stilles, schmales Gesicht leuchtete, wenn die anderen Freude an seinen Geheimnissen hatten, und seine schwermütigen Augen waren so schön wie die eines treuen Hundes.
Nach den Kranichen fragte Jons ihn nicht.
Dann ließen sie Christean unter einer alten Kiefer, ein Stück Holz und sein Schnitzmesser in den Händen, und begannen die Früchte zu sammeln. Die großen weißen Wolken zogen über den Wald, und wenn Jons sich heimlich aufrichtete, um nach seinen Schützlingen zu sehen, atmete er den Duft der Nadeln und des Harzes ein, und oft war ihm, als sei dies das Glück: mit Kindern Erdbeeren zu sammeln und hinter den rotbeleuchteten Stämmen das Dorf zu wissen, den Abend, das Feuer im Herd, die Zeit hinter dem dunklen Fenster. Aber er wußte, daß am Meiler die Gestalt des Vaters stand, auf die Stange gelehnt, und ihm zunickte. »Es ist nicht genug, Jons«, sagte er, und Jons wußte es.
Dann saßen sie um Christean im Heidekraut, die gefüllten Körbe zwischen sich, aßen ihr schwarzes Brot, tranken die Milch aus der großen, dunkelgrünen Flasche, und manchmal legte Johannes Pilze auf das kleine Feuer und erzählte seine kleinen Geschichten. Von den Irrlichtern im Moor, von der Kröte mit der goldenen Krone, von der Rohrdommel, die eine Hexe gewesen war. Und der schöne, tiefe Aberglaube versunkener Geschlechter stand aus ihnen auf und erfüllte die erste Dämmerung unter den leise rauschenden Wipfeln. Der wilde Fingerhut leuchtete auf den Lichtungen wie eine Zauberpflanze, der Pirol rief noch, der aus dem Paradies verstoßene Vogel, der sein Lied nicht wiederfand und es immer von neuem versuchte, und der Schwarzspecht, der die Springwurzel trug, rief klagend aus den finsteren Gründen.
Dann saßen sie regungslos und lauschten, und über die kindlichen Gesichter ging jeder Ton des großen Waldes mit einer sichtbaren Spur der Spannung, der Angst oder nur der süßen Verzauberung. Barbaras kleine, schmutzige Hand stahl sich ganz leise und heimlich in die von Jons, und an ihrem Handgelenk konnte er den Schlag des kleinen Herzens spüren. Eine unendliche Zärtlichkeit erfüllte ihn, zu diesen Kindern seines Blutes und seiner Erde, zu dem schweigenden Wald und der Weite des großen, östlichen Himmels, zu dem Leben, das in seiner Hand schlug, zu allem Lehen, das er behüten und retten wollte. Und wenn sie aufbrechen mußten, rief er sie leise dazu auf, und leise zogen sie aus dem Walde, bis das große brennende Abendrot über dem Dorfe sie wieder tröstend umfing.
Am schönsten aber, am »allerschönsten«, wie Barbara sagte, war es, wenn sie einmal im Monat auf die Krebsjagd gingen. Dann hatte Johannes alle Fugen in dem großen grauen Kahn gedichtet und den Boden mit Kalmus bestreut, hatte kleine Weißfische und Frösche gefangen, deren Fleisch unter Wasser weißlich leuchten sollte, die kleinen Fangnetze nachgesehen und die an einem Ende aufgespaltenen Haselnußstöcke zusammengelegt, an denen der Köder befestigt wurde. Dann wurde Christean in das Boot getragen, und während die Frauen ihnen vom Ufer nachblickten, fuhren sie ab.
Hinter der Insel stiegen sie ans Ufer, alle nun fiebernd vor Aufregung, und Christean steuerte das Boot langsam in das schwarze Fließ, das düster und fast ohne Bewegung unter Erlenwipfeln dahinfloß und wo in schwarzen Höhlungen und unter grauen Wurzeln die Krebse wohnten. Hier war eine fahle, geheimnisvolle Landschaft, Ausläufer des Moores mit Hügeln, auf denen alte Eichen wuchsen; Binsenwälder, deren Halme sich immer unheimlich rührten, von unsichtbarem Getier, das verstohlen an sie streifte; Rohrweihen, die niedrig und lautlos über die Schilfhalme glitten, und Kraniche, die sich plötzlich mit tönendem Schrei bläulich aus der Rohrinsel hoben. Von den grauen Wipfelästen der Eichen schwang sich der Schreiadler oder der Wanderfalke ab, mit klagendem Ruf, der wie aus einem anderen Himmel herabfiel, und die Kinder standen atemlos, mit ihren Netzen und Fangstöcken beladen, und nahmen mit großen Augen diese fremde, gefährliche Landschaft in sich auf, die wie ein anderer Erdteil war, und selbst der Ruf des Wiedehopfes, der sie doch jeden Morgen weckte, klang hier wie der Ruf eines Zauberers, der sie zu Schritten verlockte, die in die Seligkeit oder auch ins Verderben führen konnten.
Nur der Gogunsohn blickte still, mit schwermütigen Augen, in die braune, flimmernde Ferne, und er mochte wohl den dunklen Flecken im Moor erblicken, an dessen Rand ein Haselhuhn lag und an dem die leeren, gelbglänzenden Patronenhülsen das Ende eines Lebensweges bezeichneten.
Dann rief Jons sie mit einem fröhlichen Wort in die Wirklichkeit zurück, und dann verteilten sie sich lautlos am Ufer des Fließes, steckten den Köder in das Haselnußholz und dieses unter dem schwarzen Wasser in die Uferböschung, so daß das weißliche Fleisch eine Handbreit unter der Oberfläche leuchtete. Dann kauerten sie sich im hohen Grase nieder, das Fangnetz an einem langen Stiel in der zitternden Hand, und warteten. Dann stahl Barbaras Hand sich wieder in die ihres Beschützers, und wieder fühlte er ihr Herz schlagen, wenn aus den Höhlungen unter den Erlenwurzeln die ersten Schatten herauskamen und sich langsam und vielgliedrig auf die schimmernde Speise hinabbewegten.
Selbst Jons fröstelte es ein wenig, wenn er auf das gespenstische und lautlose Sichregen der Totenesser niederblickte, und während er die linke Hand fest und tröstlich um das zarte Handgelenk des Kindes schloß, schob er mit der Rechten langsam und unmerklich das Fangnetz unter das dunkle Gewühl, das um den Köder tastete, und hob nach einer atemlosen Pause mit einer jähen Bewegung das Ganze in die Höhe, Netz und Köder und Wasserblasen und ein Dutzend schwerer, feucht gepanzerter Krebse, während die Entkommenen in wilder Flucht wieder in die schwarze Tiefe hinunterschossen.
Dann atmete das Kind wie aus einem bösen Traum auf, und der Jubel deckte das leise Grauen zu, auch wenn es schnell ein paar Schritte zurücktrat, wenn Jons die Beute in den geflochtenen Korb schüttete und mit frischen Brennesseln zudeckte.
»War es schön, kleine Barbara?« fragte er und strich ihr über das Haar.
Sie behielt seine Hand eine Weile an ihrer Brust und seufzte tief auf. »Ganz schrecklich schön, Onkel Jons!« erwiderte sie.
Das war der große Krebsfang, das wilde Abenteuer ihrer jungen Herzen, und selbst Micha blickte mit strahlenden Augen von einem zum andern, wenn er seine Beute vorwies. Keiner von ihnen aber erreichte den Sohn Goguns, der wie ein Zauberer des Moores an sich lockte, was er wollte, und dem alles gehorsam zu sein schien, was hier auf und unter der Erde war.
Dann halfen sie Christean aus dem Kahn und saßen unter einer der alten Eichen, das Schwarzbrot mit dem Erdbeermus in den Händen, und es dauerte lange Zeit, bis ihre Erregung vorüber war und das große Schweigen der Landschaft sie wieder umschloß. Immer Neues und Seltsames erschien unter dem hohen, dunstigen Himmel: ein schwarzer Storch, der in großen, ruhigen Kreisen sich über das Moor schraubte; ein Kolkrabenpaar, wie dunkle Adler anzusehen, und Johannes kannte seinen verborgenen Horst; der Fischadler, der vom See zurückkam, und der gekrümmte Fisch in seinen Fängen schimmerte wie ein Silberreif, und einmal ein Zug von Kronschnepfen, deren hoher, klagender Ruf wie aus den letzten Bezirken des Himmels herniederfiel und die Lauschenden einsam und verloren zurückließ.
»Wieviel hier geschieht ...«, sagte der kleine Micha und wendete die ernsten Augen wieder vom Himmel auf das bräunliche Moor zurück.
»Es gibt dort einen Weg«, begann Johannes nach einer Weile und deutete auf die Binsenwälder, »ich habe ihn gefunden, und keiner weiß ihn außer mir. Rechts und links ist das Grab.«
›Er spricht wie ein alter Mann‹, dachte Jons und sah ihn von der Seite an. »Du solltest vorsichtiger sein, Johannes«, sagte er.
Aber Johannes blickte weiter mit seinen schwermütigen Augen nach dem Binsenwald. »Ich habe ihn mit kleinen Ästen gezeichnet«, fuhr er fort, »und die Rinde von ihnen fortgenommen, damit sie auch nachts zu sehen sind. Man weiß nicht, wozu man es brauchen kann ... man kommt tief ins Moor hinein. Keiner kann einen mehr sehen. Dort habe ich eine kleine Hütte gebaut, aus Rasen und Schilf. Kein Regen kommt durch das Dach. Wenn man die letzten Zweige herauszieht, ist man allein ...«
Sie starrten ihn alle an.
»Aber wozu?« fragte Jons.
Johannes blickte mit seinen traurigen Augen über das Moor hinaus nach Osten. »Wenn sie kommen ...«, erwiderte er wie im Traum.
»Wer soll kommen?« fragte Christean.
»Die mit den kleinen Pferden ...«
Eine schmale Wolke glitt über die Sonne und dämpfte das Licht. Es war nicht das erstemal, seit sie hier saßen, aber es war ihnen, als hätten sie es vorher nie gemerkt. Ein schmaler Schatten glitt über das Moor, über Schilf und Binsen, verdunkelte das Fließ für einen Augenblick und wanderte dann zum Hochwald hin.
Sie schwiegen bedrückt, und alle außer Johannes folgten mit ihren Augen der schmalen, lautlosen Spur. Es war, als ginge jemand ohne Füße über das Moor.
Dann legte Christean seine Hand auf Johannes' Schulter und lächelte ihm zu. »Der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann ...«, sagte er leise.
Sie saßen dort, bis die Schatten länger wurden und stiegen dann wieder in den grauen Kahn. Eine Weile vorher hatte Johannes den großen Kochtopf genommen und war am Fließ entlang zum Ufer gegangen. Sie sahen von weitem, wie er Hose und Hemd abstreifte und dann ins Wasser ging. Sein schmaler Körper leuchtete hell vor dem dunklen Hintergrund. Mit einer Hand hielt er den großen schimmernden Topf vor sich im Wasser, mit der anderen schwamm er langsam nach der Insel, um Feuer zu machen und den Kessel mit Wasser aufzusetzen. Er dachte an alles, obwohl er in diesem Frühjahr erst siebzehn Jahre alt geworden war.
Sie folgten ihm langsam. Das Wasser war nun ganz still und dunkel, und an der Mündung des Fließes lagen die weißen Seerosen wie große Sterne auf der Schwärze.
»In jeder geht zur Nacht ein Elfenkind schlafen«, sagte Barbara und beugte sich über den Bootsrand. »Dann schließen die Blätter sich zu ... es ist wie in einem Haus.«
»Und wenn der Mond scheint?« fragte Christean.
»Wenn der Mond scheint, ist es, wie wenn die Mutter nebenan sitzt und die Lampe brennt noch.«
Die Sonne sank schon hinter den Wald, und das Kreuz des Großvaters auf der Insel schnitt mit den beiden schwarzen Balken in das erste Abendrot. Die Fische sprangen, und die hellen zitternden Kreise liefen bis unter ihre Ruder. Rauch stand über den Schornsteinen des Dorfes, und das Echo von Pionteks Rindenhorn lief rings die Wälder entlang.
»Siebenmal!« sagte Barbara andächtig und hob die Finger in die Höhe. »Ach, ich bin so glücklich ...«
Sie lächelten alle, aber sie verbargen es. Jons ließ einen Augenblick die Ruder sinken, und sie lauschten, wie das Kielwasser leise unter ihren Füßen dahinzog.
Das Feuer brannte schon, ohne Rauch, der Kessel stand in der Glut, und Johannes trug noch neues Holz hinzu. Eine Weile standen sie vor dem Kreuz des Großvaters, aber für Micha und Barbara war er nur ein toter alter Mann. Sie wußten noch nicht viel von ihm.
In der Ferne sahen sie Maria vom Moorrand zurückkommen, klein und armselig gegen den großen Abendhimmel. Dann fuhr Johannes hinüber, um die Frauen zu holen.
Der Abendstern stand schon über den Kiefern, als sie die roten Krebse aus dem Wasser nahmen. Sie zerbrachen die Scheren mit den Fingern und redeten einander zu, daß es herrlich schmeckte. Aber Krebse sind wohl kein Kätneressen, und Barbara drehte sich ab. Nein, sie mochte nicht. »Sie riechen«, sagte sie und zog die Schultern zusammen, als friere sie.
Und für alle war das Feuer schöner als die Krebse, dieser ganze herrliche Tag mit Vorfreude und Abenteuer, mit Wasser und Schilf und dem Ruf der fremden großen Vögel. Mit etwas Traurigkeit, die plötzlich da war und wieder ging, wie eine Wolke geht. Mit etwas Angst, die aus dem schweigenden Moor aufstieg wie ein kühles Gespenst, und soviel Sicherheit, wenn man Jons ansah. Mit etwas Müdigkeit, die sich aus der Glut des Feuers über sie legte. Aber, alles zusammengenommen, mit einem ungeheuren Glück, das sich schwer über die Herzen legte. Ein erfüllter Tag, ein ganz und gar erfülltes Leben, und eine unbewußte Ahnung von Traurigkeit, die hinter dem schwarzen Wasser stand. Wie ein Mensch hinter einer geschlossenen Tür.
Sie legten sich zurück und blickten zu den Sternen hinauf. Ab und zu schoß eine goldene Bahn aus dem Unendlichen herunter, ein glühender Streif, und sie warteten, ob es im Wasser aufzischen würde in einer Wolke von Dampf. Zuerst riefen sie ihre Wünsche hinterher, aber sie kamen immer zu spät, und das Schweigen war so groß, daß sie verstummten. Der kleine Hund bellte wieder hinter dem »Paradies«, und die Rohrdommel rief aus dem Moor. Die Erde und das Wasser atmeten, und mitunter kam es warm aus dem Walde herüber, ein Luftstrom, der die Flamme leise zur Seite neigte, und es roch nach Erdbeeren.
Dann sangen sie leise, und auch der Gesang war nur ein Teil der Erde und der Nacht. Ihre Gesichter waren rötlich vom Feuer beschienen, die Grashalme, der Rand des Schilfes. Dahinter war eine abgründige Schwärze, und nur vor dem westlichen Himmel zerlegte die Erde sich wieder in Himmel und Wald.
Jons sah zu, wie die Sterne sich neigten und andere Bilder über den östlichen Erdrand stiegen. War es nicht genug der Welt in diesem kleinen Raum? Das Grabkreuz des Großvaters und darunter die Kinder, die mit glänzenden Augen in die Flamme blickten? Sterne und Wasser, das die Sterne spiegelte? Ach, er wußte wohl, daß es nicht genug war, aber es war schön, es zu denken. War er je so jung gewesen wie diese Kinder, deren Atem seine Wange streifte? Er mußte es wohl, aber er hatte es vergessen. Der schwere, einsame Lauf der jungen Jahre, und nun lag er und atmete, so langsam und tief, wie die Erde atmete.
Er streckte leise die Hand aus und legte sie auf Marias Hand. Sie erzitterte kaum merklich unter der Berührung und lag dann still. Dasselbe Blut floß in ihnen, dasselbe Schicksal, dieselben Toten.
Ein neuer Stern schoß hernieder, und die kleine Barbara legte aufseufzend ihre Wange an Jons' Schulter. Sie schlief schon, ehe die Bewegung zu Ende war ...
Im Spätherbst ging Jons wieder in die Stadt. Die Frauen von Sowirog standen in den Türen und winkten ihm. »Geh mit Gott, Jons!« riefen sie. »Geh mit Gott!«
Die Mutter küßte ihn nicht, aber sie nickte ihm zu. Er hatte sie am Meiler gefunden, wie sie die Hand um Jakobs rußige Fichtenstange hielt. Sie stand wie eine Träumende. »Manchmal ist mir«, sagte sie abwesend, »als halte er das andere Ende ...«
IV
»Rara avis«, sagte der Dekan der medizinischen Fakultät, als er Jons das Zeugnis über das bestandene Physikum überreichte. Sein glattes, hochmütiges Gesicht war nicht ohne Freundlichkeit, aber selbst die Freundlichkeit war ein bißchen spöttisch. »Rara avis, weil man zugleich im Medizinischen wie im Moralischen eine Leuchte sein kann.«
Jons sah ihm ruhig in die kühlen grauen Augen.
»Und was wird nun werden, junger Kollege? Sie könnten wahrscheinlich eine Zukunft haben ...«
Die denke er auch zu haben, erwiderte Jons. In seinem Dorfe namens Sowirog.
Der Professor schüttelte den Kopf. Es gebe nur eine Zukunft in der Medizin, sagte er, und das sei die Chirurgie. Alles andere sei Geburtshilfe.
»Zukunft genug, Herr Professor«, sagte Jons und faltete sein Zeugnis zusammen.
Der Dekan lächelte wie zu einer Kinderantwort. »Auch auf unsere Ideale fällt der Staub«, erwiderte er. »In zehn Jahren werden Sie wissen, was Zukunft ist und an mich denken.«
Aber Jons dachte nicht mehr an ihn als an andere, auch nicht, wenn er vor der Klinik seinen glänzenden Wagen sah, mit einem Chauffeur, der auf die Studenten blickte, als seien sie Bäume an einer geraden Straße.
Er schickte keine Telegramme nach Sowirog, denn sie kosteten schon Tausende, und »Tausend« schien ihm immer noch eine ungeheure Zahl, auch wenn man nur eine Briefmarke dafür kaufen konnte. Er wußte nicht, ob der Vater je diese Zahl gekannt hatte.
Aber er schrieb ein paar Postkarten und saß eine halbe Stunde ohne Arbeit auf dem Sofa in Jumbos Zimmer, die Augen auf die Bücherreihen gerichtet und auf das, was er dahinter sah. Er war müde, aber Müdigkeit war die Speise der Armen, und er kannte viele in Sowirog, die müder waren als er.
Fräulein Holstein klopfte leise an die Tür und brachte ihm einen Blumentopf. Rote Alpenveilchen, und sie standen leuchtend vor dem grauen Fenster. »Ich habe es gewußt, Herr Jons«, sagte sie, »aber was hilft es Ihnen alles, wenn die Mark weiter fällt?«
Sie werde einmal aufhören zu fallen, erwiderte Jons lächelnd, und der große Professor habe immer noch seinen glänzenden Wagen. Es müsse also doch gehen.
Sie schüttelte ablehnend den Kopf mit dem längst ergrauten Haar. »Werden Sie auch tausend Mark für eine Operation nehmen, Herr Jons?« fragte sie. »Oder hunderttausend oder eine Million?«
Wahrscheinlich werde er ein Pfund Butter nehmen und eine Rauchwurst, erwiderte er lächelnd, und es habe immer Zeiten gegeben, in denen das mehr gewesen sei als eine Million.
»Ja, Sie sind auch ein Mensch, Herr Jons«, sagte sie, »und kein Blutsauger!«
»Das würde nun den Professor kränken und den Schuster freuen«, meinte Jons.
Aber sie seufzte nur und wischte ein Staubkorn vom Tisch. »Es ist nun alles gleich«, sagte sie müde. »Republik oder Monarchie. Es wird immer mit den armen Leuten gekocht, nicht mit Holz oder Kohle. Auch die Kommunisten würden es nicht anders machen. Nur daß die Frauen dann jedem gehören würden.«
Jons lächelte wieder, weil er dachte, daß er keinen Kommunisten kenne, der sich an Fräulein Holstein vergreifen würde. Nicht einmal der alte Schuster würde das tun. »Lassen wir die anderen ihre Sorgen haben, Fräulein Holstein«, sagte er. »›Du aber gehe hin und verkünde das Reich Gottes!‹, sagte mein Vater.«
»Ich sagte ja, daß Sie ein Mensch sind, Herr Jons«, wiederholte sie, rückte den Blumentopf noch einmal zurecht und glitt dann wie ein Schatten aus dem Zimmer.
Jons aber blieb noch eine Weile sitzen, den Kopf an die schwarze Sofaecke gelegt, und dachte an das »Reich Gottes«. Die Streiks nahmen zu, die Umzüge, die Arbeitslosen, die Prügeleien, die Abzeichen auf den Rockumschlägen. Die Studenten hatten einen Fackelzug für einen General gemacht, an den Jons nicht mit besonderer Hochachtung dachte, und mit den brennenden Fackeln auf diejenigen eingeschlagen, die dem General alles andere bringen wollten, nur keinen Fackelzug. Auch Jons hatte mitgehen sollen, aber er hatte nicht gewollt. Er habe an drei Jahren Fackelzug genug, hatte er nur gesagt. Man hatte ihn böse angesehen und dann die Achseln gezuckt. Wo es um »Weltanschauungen« gehe, werde immer gern mit den Achseln gezuckt, hatte Jons gedacht.
Dieses wenigstens schien wahr und unantastbar zu sein, daß das Reich Gottes nicht von dieser Welt sei. Wieder blickte er über Jumbos Bücher hin und hörte die sanfte, spöttische, liebevolle Stimme. »Dreißig Morgen, Jons, hörst du? Dreißig Morgen!« Nein, er hatte noch nicht den Pachtvertrag, aber das Papier dazu hatte er vielleicht schon in den Händen. Und etwas mehr als das Papier. Sein Herz war noch nicht enttäuscht worden. Weder durch den Professor, dessen Vorlesung er verlassen hatte, noch durch die Witze, mit denen Studenten eine Sektion begleiteten, noch durch den großen Chirurgen, der von der Zukunft gesprochen hatte. Sie alle hatten ein Sprechzimmer vor sich und ein kleines oder großes Messingschild an der Tür. Und hinter sich hatten sie eine Schule oder eine Verbindung oder die kümmerliche Enge eines bürgerlichen Lebens. Urteile, Gesetze, Traditionen. Eben eine »Weltanschauung«.
Aber Jons hatte keine Weltanschauung außer dem Satz von den dreißig Morgen. Statt dieser Weltanschauung aber hatte er ein Dorf, das der Eulenwinkel hieß, und die Erinnerung an ein nächtliches Feuer, das auf einer Insel brannte. Er hatte des Vaters schwere Bibel mit den ungefügen Buchstaben und dahinter des Vaters Bild, wie er am Meiler stand oder zum letzten Male aus dem Dorfe ging. Er hatte die Mutter, die ihre Hand um die Fichtenstange gelegt hatte, und Maria und die beiden Kinder, und eines von ihnen hatte den Kopf an seine Schulter gelegt, um zu schlafen. Er hatte Herrn Stilling und den Herrn von Balk und die Frauen von Sowirog, die ihm zugewinkt hatten. »Geh mit Gott, Jons!« Und er hatte »einen weißen Stein und auf den Stein einen neuen Namen geschrieben«. Er war so reich, daß er keiner Fackelzüge und keiner Weltanschauung bedurfte.
Aber es war nicht zu übersehen, daß er hungerte und fror. Mit oder ohne Weltanschauung. Daß er seine Anzüge bis auf den Grund abgebürstet hatte und daß er, sobald ein Geldschein eintraf, zu dem kleinen Laden stürzen mußte, um Hanfsamen für den Buchfinken zu kaufen, ehe der Geldschein wieder nichts als ein Stück Papier war. Er war lange nicht zu Hause gewesen, und sie wußten dort wohl nicht recht, wie es in den Städten zuging. Nicht einmal Herr von Balk, der so viel wußte.
Aber es würde weitergehen wie »Hagel über dem Wald«, und er hatte nur zuzusehen, fertig zu werden. Nicht so fertig, wie die meisten anderen es meinten, mit einem Examen und etwas klinischer Praxis, sondern so, daß er mit einem ruhigen Herzen und einer ruhigen Hand nach Sowirog gehen könnte. Ein Mann ohne Zukunft, aber ein »Geburtshelfer«. Ein Mann ohne Angst, der nicht heimlich und atemlos in Büchern blättern mußte, um zu erkennen. Ein Mann, der im Gefühl hatte, wo der Tod sich einschlich, oder eine verschluckte Gräte so sicher herausnehmen konnte wie einen vereiterten Blinddarm. Der nicht fassungslos dastand, wenn Grünheids Stier jemand unter den Hörnern gehabt hatte oder eine schwere Kiefer auf den Rücken eines Waldarbeiters gestürzt war. Vieles geschah in einem kleinen Dorf, wo die Menschen der Natur unterworfen waren, ebensoviel wie in einer großen Stadt, und nur zu einem würden sie aufblicken, auf den sie gewartet hatten. Den sie »mit Gott« hatten gehen heißen und von dem sie mit einer unerschütterlichen Sicherheit glaubten, daß er auch mit Gott wiederkehren würde.
Und dann fielen ihm doch die Augen zu, und als Fräulein Holstein ihm das Mittagessen brachte, blieb sie regungslos in der Tür stehen und hielt den Atem an. Nun im Schlafe erst war das Gesicht von aller Spannung des Willens erlöst, und die schwere Erschöpfung aller Jahre war mit tiefen Zeichen in die jungen Züge eingegraben. Die Brust atmete ruhig, aber die Hände waren mit einer Gebärde tödlicher Ermattung auf dem schwarzen Leder ausgebreitet, und der Mund war der eines Kindes, das mit Tränen eingeschlafen war.
Fräulein Holsteins Hände zitterten so, daß das Glas mit Heidelbeersaft an den Tellerrand stieß. Jons erwachte sofort, aber es dauerte eine Weile, eh er sie erkannte. Dann versuchte er ein schuldbewußtes Lächeln, und wieder war ihr, als stehe er zum erstenmal auf der Schwelle, das Bauer mit dem Buchfinken in der Hand, ein Kind ohne Arg und Falsch, das aus den großen Wäldern aufgebrochen war.
»Herr Jons«, sagte sie leise, »ich habe die Furchen der Armen gesehen ...«
Er mußte erst eine Weile nachdenken, aber dann sprang er auf und legte den Arm um ihre zitternde Schulter. »›Es ist viel Speise in ihnen‹, steht dort geschrieben, Fräulein Holstein. Und es ist mir ein Trost, daß auch das Korn eine Weile schlafen muß, ehe es gemahlen wird.«
Er bekam seine Glückwünsche aus Sowirog und einen eingeschriebenen Brief von Gina, in dem eine Reihe von Dollarscheinen lagen. Er wendete sie langsam in seinen Händen, legte sie dann still beiseite und öffnete dann das Päckchen, das von seiner Mutter gekommen war. Es war mit Moos gefüllt, und er mußte es zuerst ans Gesicht heben, um den Duft einzuatmen. Dann tat er es vorsichtig zur Seite, und dann lag auf dem Grunde unter einem groben Briefblatt ein rötlich angestrichenes Kinderpferd, mit geschnitzten Beinen und zu großem Kopf. Schwanz und Mähne waren aus Pferdehaaren angeleimt. Ein Teil der Farbe war abgescheuert und abgeblättert, und darunter kam das helle, glänzende Lindenholz zum Vorschein. Das Ganze war nur so groß, daß es auf der Hand Platz hatte.
Lange blickte Jons auf dies ungeschickte Gebilde nieder. Er erinnerte sich des Geburtstages, an dem der Vater es ihm geschenkt hatte, und er sah die rauhe, schwärzliche Hand, die es ihm mit einer verlegenen Scheu auf die grobe Bettdecke geschoben hatte. »Ich habe es selbst gemacht, Jons«, hatte er gesagt. »Es ist nicht sehr schön, aber man kann es doch vielleicht erkennen.« Und dazu war dieses wunderbare, stille Lächeln um seine Lippen gewesen, das Lächeln, von dem Jons nun wußte, daß es das Lächeln eines Heiligen gewesen war. Damals hatte er es noch nicht gewußt, aber das Pferd hatte er herrlich gefunden, und jahrelang hatte er es zur Nacht auf das Laublager in der Meilerhütte genommen. Dann war es von anderen Dingen abgelöst worden und in Vergessenheit geraten.
Immer noch starrte er grübelnd auf dieses Zeichen versunkenen Lebens. Er sah die harten Hände der Mutter, wie sie das Moos aufhoben vom Meilergrund und es behutsam um das Spielzeug legten. Wie mochten ihre Augen darauf niedergeblickt, wie mochte ihr Herz dazu geschlagen haben? Er wußte es nicht, und wahrscheinlich würde er es niemals wissen.
Dann öffnete er das zusammengefaltete Blatt und sah die zitternden Buchstaben. Eine enge, hohe Schrift, aber jeder Zug in ihr hatte das Zeichen einer gramvollen Müdigkeit. Eine Schrift, die sich »zur Grube neigte«.
»Dieses hatte der Vater mit«, stand dort geschrieben, ohne Anrede, »als er in den Krieg ging. Sie haben es mir geschickt. Es lag im Tornister, zuunterst, und es war ein seidenes Tuch darum gewickelt.«
Nichts weiter. Kein Gruß, kein Glückwunsch, keine Unterschrift.
Aber auch ohne dies war es ein Testament. Das Testament eines Herzens, dem nur eine karge Sprache gegeben war.
Jons setzte das kleine Pferd auf den Tisch, neben die Dollarscheine, die in schönen Farben schimmerten, und blickte dann von einem zum andern. Es war ein Blut, aus dem sie kamen, und Blut war ein »geheimnisvoller Saft«.
Endlich stellte er das kleine Pferd auf das mittelste der Bücherbretter, über die vier Bände der »Reden Gotama Buddhas«, und dort stand es nun wie ein schüchternes magisches Symbol, der kleine Fetisch eines kleinen Dorfes und der Talisman eines großen Herzens.
Von Herrn von Balk war ein neues mattglänzendes Mikroskop gekommen. In seinen Sockel war das Vorwort zum »Nathan« eingegraben: »Introite, nam et heic Dii sunt.« Jons mußte lächeln, und er sah die ironischen Falten um Balks Augen, als er den Auftrag für die Schrift gegeben hatte. Für ihn waren in jeder Arbeit Götter, und deshalb gelang ihm jede. Für die meisten aber war nur Geld in der Arbeit, und deshalb mißlang sie ihnen.
Ja, nun mußte er weitergehen und einen neuen »Plan« aufstellen. Denn neben Semestern und Übungen mußte es Geld geben. Es ging nicht an, daß er von Gnade lebte oder von Freundschaft. Stillings Haar war weiß, und ein Teil davon fiel ihm zu, Jons allein.
Er wußte noch nicht, daß ihm um diese Stunde noch mehr davon zugefallen war. So viele an Jons' Schicksal teilnahmen, mit Erwartung, mit Sorge, mit Stolz, so war von allen doch der alte Lehrer derjenige, in dessen Lebensbahn die seine am tiefsten eingesenkt war, seit Jakob in der russischen Erde schlief. Es war nicht nur, weil er ein Menschenleben lang für ihn gespart und gedarbt hatte. Es war, weil Jons das Licht war, das über seinem Herzen und denen des Dorfes brannte. Das er angezündet hatte und um das er die Hände glaubte halten zu müssen, als es schon nicht mehr nötig war. Aller Irrtum des Lebens, alles Versäumte und nicht Gelungene war ausgelöscht, wenn dieses gelang: daß ein Kind des Dorfes sich aus der Dumpfheit und Fron erhob und aus einem Tagelöhner ein Segen würde. Es war nichts mit der Gerechtigkeit auf dem Acker und würde auf dieser Erde nie etwas sein. Es war auch nichts mit einem Statthalter Gottes, der durch die armen Dörfer fuhr und das Leid fortnahm, wie man Heu mit dem Rechen nimmt. Aber damit war es etwas, daß in einem dumpfen und beladenen Hause ein Fenster aufgestoßen wurde, und aus dem Fenster reichte eine Hand Brot an die Hungrigen, nachdem sie jahrhundertelang nur genommen hatte.
Und mit dieser Hand war ein ganzes Geschlecht geehrt, und mit dem Geschlecht das Dorf Sowirog, und mit ihm alle armen Dörfer dieser Erde. Ein altes Leben war nicht vertan, wenn dieses gelang. Fünfzig Jahre hatte es zwischen der Fibel und dem Buch der Bücher zugebracht, zwischen dem Geringsten und dem Höchsten. Es war nicht viel, daß die verarbeiteten Hände ihren Namen schreiben, und die ermüdeten Augen eine Bekanntmachung lesen, die gefurchten Stirnen ausrechnen konnten, was fünf Scheffel Hafer brachten, wenn der Scheffel drei Mark kostete. Es war nicht viel, weil ihre Urgroßväter keines davon gekonnt hatten und doch die geweihte Erde auf ihren Augenlidern trugen. Aber das war etwas, daß sie wußten, was recht und unrecht war, was Wesen und Unwesen, und daß sie wußten oder ahnten, daß die Bergpredigt auch unter dem verkrümmten Birnbaum auf dem sandigen Hügel über ihrem Dorfe gesprochen und verheißen worden war.
Und an allem diesem hatten Stillings Hände und sein weißes Haar ihren wohlgemessenen Anteil.
Er trug an Jons' erstem Examen schwerer als dieser. Er erinnerte sich der verwunderten oder hochmütigen Gesichter, die damals vor langen Jahren im Gymnasium auf seinen Hohenzollernmantel und auf des kleinen Jons eisenbeschlagene Schuhe geblickt hatten. Und die Professoren an der Universität würden nicht besser sein, sie würden wahrscheinlich gefährlicher sein. Könige der Wissenschaft, und Könige hatten selten Geduld. Köhler gab es nur noch in Märchen, und vor Köhlersöhnen würden sie keine besondere Hochachtung haben.
Aber selbst wenn dieses gelang, diese erste große Sprosse auf der Leiter der Zukunft, dann blieb immer noch dies, daß der Mann auf der Sparkasse bedauernd die Achseln gezuckt und gesagt hatte: »Es ist nichts mehr, Herr Stilling. Es tut mir leid, aber für den Rest können Sie noch sieben Brote kaufen. Genau sieben! Wenn Sie sie nämlich heute kaufen. Es trifft alle, und es tut mir wirklich leid.«
Stilling hatte die großen Scheine mit zitternden Händen genommen, den Rest seiner »Nobel-Stiftung«, und war langsam durch die Straßen der Kreisstadt gegangen, von Schaufenster zu Schaufenster. Die Steinplatten des Bürgersteiges lagen so fest wie immer unter seinen schweren Schuhen, aber er fühlte, daß sie schwankten. Wie bei einem Erdbeben, dachte er.
Schließlich blieb er vor dem kleinen Buchladen stehen und starrte auf die Auslagen. Das meiste waren große Titel mit grellen Farben auf schlechtem Papier, und sie sprachen von der Hölle der letzten Jahre oder dem Paradies der Zukunft. Stahlhelme oder Fackeln oder Schwerter, ganze und zerbrochene, blickten ihm als Symbole entgegen, und es war wie ein kümmerliches und lautes Menschengericht, mit Anklage und Verteidigung, wo Bruder gegen den Bruder stand.
Seine Augen gingen grübelnd die Reihen entlang, indessen seine noch immer zitternden Hände die großen Geldscheine umklammert hielten. Ein Buch sei mehr als sieben Brote, dachte er. Sieben Brote reichten für eine oder zwei Wochen, aber ein Buch könne für ein ganzes Leben reichen.
Und dann sah er ganz hinten, beschattet von allem Glanz und allerlei Prahlerei der leuchtenden Titel, ein kleines, altes Bändchen in einem schönen Einband aus vergangener sicherer Zeit, und es hieß »Der arme Mann im Toggenburg«, und er erinnerte sich, daß er einmal davon gehört oder gelesen hatte als von dem berühmten Bericht eines einfachen, redlichen Lebens.
Er ging hinein und bekam das Buch, und es war so, daß die Scheine gerade dafür reichten.
Während er den langen Weg nach dem Dorfe zurückging, zwei Meilen lang, unter einem windzerklüfteten Himmel, durch den die Kranichzüge sich nach Süden pflügten, blieb er oft und immer öfter stehen und las die tapferen, einfachen und tröstlichen Worte, Seite für Seite. Der Wind trieb die Pelerine und die Falten seines Hohenzollernmantels zur Seite, die welken Birkenblätter fielen auf sein weißes Haar und die Blätter des Buches, und wenn er auf einem der sandigen Hügel stehenblieb, eine einsame, dunkle Gestalt vor dem ungeheuren Himmelsraum, war er wie ein Magier anzusehen, der ausgegangen war, um den Sturm zu beschwören oder die Tränen dieser armen Erde, oder den Stein der Weisen unter den brausenden Wipfeln zu finden.
Und es war auch in Wirklichkeit so, daß er wenigstens seine eigenen Tränen beschwor. Denn der »arme Mann« legte seine kummervollen und gläubigen Hände auch über Herrn Stillings Leid, die schwankende Erde wurde wieder fest, das Bleibende hob sich wieder aus den Trümmern heraus, und als er in der tiefen Dämmerung wieder am Dorfrande stand und den Balken des Ziehbrunnens und den »toten Pfarrer« vor dem glühenden Abendrot erblickte, und hier und da ein mattes Licht hinter erblindeten Fensterscheiben, faltete er seine Hände um das kleine Buch und meinte, daß er nun wohl wie Noah auf dem Berge Ararat sei und daß keine Sintflut ein gläubiges Herz erreichen könne, wenn aus einem dieser Herzen einmal ein solches Buch aufgestiegen sei.
So bekam Jons Ehrenreich zu dem kleinen Kinderpferd und den bunten Dollarscheinen, zu dem glänzenden Mikroskop und den roten Alpenveilchen nun auch dieses kleine Buch vom »armen Mann«, und es war ihm, als sei er damit über alle Gebühr an Ehren reich.
Aber für Herrn Stilling war es damit nicht abgetan. Er hatte ein Geschenk erworben für den großen Examenstag und für lange Zeit darüber hinaus, aber er hatte nichts für des Leibes Notdurft erworben, das er Jons hätte schicken können, und dies hatte er versprochen, als er ihn zum ersten Male an der Hand in die große Stadt geführt hatte. Viele Tage stand er grübelnd vor seinen Büchern und den Schränken des Zwergenhauses, nahm etwas in die Hand und legte es wieder fort, so lange, bis Elisa ihn mit scharfer Stimme fragte, ob er etwas verloren habe oder eine Auktion veranstalten wolle.
Da schüttelte er den Kopf und ging schuldbewußt zu der Weltkugel zurück, die sich immer noch gehorsam drehte, sobald man den Finger an die sichere Wölbung legte.
Und am Abend ging er heimlich zu Korsanke.
»Du weißt doch viel, Korsanke«, sagte er ohne Einleitung. »Und du weißt, wie es mit Jons Ehrenreich und der Mark steht. Meinst du, daß ich etwas habe, wofür ich Dollars bekommen könnte? Sie sind doch jetzt nun der einzige Zauber, den es auf der Welt gibt. Wie soll er leben und studieren, Korsanke, wenn er nichts als diese kleinen Bilderbücher in die Hand bekommt, die wir Geld nennen? Ich kann nicht mehr schlafen, Korsanke.«
Der Gendarm schüttelte langsam den Kopf hinter den Rauchwolken seiner langen Pfeife. »Laß du lieber deine Finger davon, Stilling«, sagte er. »Sie erzählen ja, daß hinter dem Landratsamt so ein Laden ist mit alten Hosen und Kupferkesseln und daß der Mann hinter dem Ladentisch Gold, Brillanten und Platin kauft und Dollars dafür gibt. Aber ich glaube es nicht, und der Mann hat auch keinen guten Leumund. Er wird schon durchkommen, unser Wunderdoktor, und du bist zu alt dazu, Stilling. Sie würden dich doch betrügen.«
Der Lehrer nickte und stand dann bald auf. »Wo sollte ich auch Brillanten bekommen?« sagte er nur mit einem unsicheren Lächeln.
Aber am nächsten Nachmittag, als hinter den schweren Regenböen schon die erste Dämmerung zwischen den Häusern stand, drückte Stilling, nachdem er sich scheu umgeblickt hatte, die Klinke der Ladentür auf, erschrak vor dem blechernen und rasselnden Geläut der Türglocke und zog dann mit zitternden Fingern die goldene Uhr aus der Tasche, die er nach über fünfzig Dienstjahren bei seiner Pensionierung von den Lehrern des Kreises als eine Ehrengabe erhalten hatte. Es war eine kostbare Uhr, alt, ganz flach, mit einem matten Zifferblatt, und wenn man auf eine Feder drückte, gab ein verborgenes Werk mit zarten, lieblichen Tönen die Viertelstunde und die Stunde an, die eben vorübergegangen war. Der Name eines berühmten Schweizer Dorfes war in die Innenseite des Deckels gestochen, und darunter stand in winziger Schrift: »Adalbert Stilling für fünfzig Jahre Treue und Redlichkeit.« Er hielt sie hoch in Ehren, und manche Nacht, wenn er schlaflos gelegen und an das Kind gedacht hatte, das in der großen Stadt in seiner Kammer lag, hatte er auf die Feder gedrückt und den leisen Glockentönen gelauscht, mit denen die Stunde angezeigt wurde, die über dem Dorfe Sowirog und der schlafenden Erde stand.
Der Mann hinter dem schmutzigen Ladentisch beugte seinen Habichtskopf über die Uhr, öffnete sie, blickte mit einer Lupe hinein und drückte dann nach Stillings geflüsterter Anweisung auf die Feder. Er lauschte und hob dann die Uhr an sein großes, behaartes Ohr.
Dann betrachtete er Herrn Stillings müde über den Ladentisch gebeugte Gestalt, um die der regentriefende Hohenzollernmantel in schweren Falten hing, und bat ihn, eine Weile zu warten, bis er in seinem Arbeitsraum das Werk untersucht haben werde. Er deutete mit seiner Hand auf einen Stuhl, und Stilling sah bei aller fiebernden Aufregung, daß die Nägel dieser Hand schwarze Ränder hatten. Es kam ihm vor, als sei diese Ehrengabe »für Treue und Redlichkeit« dort nicht in den besten Händen.
Nun konnte Herr Stilling in dem Dorfe Sowirog nicht wissen, daß drei Nächte zuvor in dieser Kreisstadt ein Uhrenladen erbrochen worden war, aber der Mann mit dem Habichtskopf wußte es sehr gut. Er kannte auch die Höhe der ausgesetzten Belohnung, und da man sich in letzter Zeit auf eine unangenehme behördliche Weise um seinen Laden gekümmert hatte, hielt er es für klüger, diesmal auf ein gutes Geschäft zu verzichten und dafür seinen Leumund zu verbessern. Und selbst wenn der alte Komiker die Uhr nicht gestohlen hatte, würde es einen guten Eindruck machen, daß er, der einfache, schlichte Bürger, an diese Möglichkeit gedacht hatte.
Herr Stilling aber erschrak zu Tode, als die blecherne Glocke, wie von Geisterhand bewegt, den halbdunklen, verlassenen Raum mit ihrem Lärm erfüllte und in der Tür die schwere Gestalt eines Polizisten erschien, im regennassen Umhang und den glänzenden Tschako über dem rötlichen, wohlgenährten Gesicht. Hinter ihm war für einen Augenblick die stürmende Dämmerung zu sehen, Regenstreifen und ein klapperndes Barbierschild auf der anderen Seite der Straße.
»Dieser da?« fragte der Polizist und deutete mit dem Daumen auf Stilling.
Der Mann mit dem Habichtskopf, der plötzlich wieder hinter dem Ladentisch stand, als sei er die ganze Zeit in einer Höhle unter den Dielen gewesen, nickte mit düsterem Gesichtsausdruck und schob die goldene Uhr über die Platte des Ladentisches. »Und dieses ist sie«, sagte er. »Ein kostbares Werk. Schweizer Fabrikat.«
Der Polizist ergriff die Uhr, hob sie näher vor die Augen und blickte dann von ihr auf Stilling und wieder zurück.
»Papiere?« fragte er kurz und schob die Uhr in die Tasche.
»Aber ...«, begann Herr Stilling, und der Laden kreiste vor seinen entsetzten Augen. »Aber ich bin doch ... Stilling ist mein Name ... ein geachteter ...«
»Papiere?« wiederholte der Beamte, und seine Stimme war nun schärfer und lauter geworden.
Stilling fing an, in seinen Taschen zu suchen, aber der schwere Mantel kam ihm immer wieder zwischen die Finger, und was er endlich zutage förderte, war das abgelaufene Sparkassenbuch. »Ein geachteter Name ...«, sagte er hilflos und sah sich um, als würden die Zeugen nun aus den dunklen Ecken heraustreten, hinter den alten, schäbigen Anzügen, die leer von den Haken hingen wie Gehenkte.
Aber der Polizist verstand seine Blicke falsch, löste den Gummiknüppel von seinem Koppel und war mit zwei schnellen Schritten an Stillings Seite. »Ausreißen gibt es nicht hier, alter Freund!« sagte er drohend, und seine wasserblauen Augen waren nun böse geworden und von dem Schimmer der Macht erfüllt, die vor einem Wehrlosen stand.
»Aber das geht nicht!« rief Stilling nun erzürnt. »Das ist kein Recht mehr, sondern ...«
»Schnauze halten!« befahl der Polizist grob. »Mitkommen!«
Der Trödler öffnete höflich die Tür, und wieder gellte die Ladenglocke; »Zeiten sind das ...«, sagte der Mann mit dem Habichtskopf bekümmert. »Zeiten sind das ... so ein alter Mann mit weißen Haaren ...«
Stilling wurde in eine schäbige Wachtstube geführt und dort verhört. Aber er gab nun keine Antwort. Er starrte durch die Fragenden auf das vergitterte Fenster, hinter dem nun schon die gnädige Nacht stand, und schwieg. Ich hätte es noch einmal lesen sollen, dachte er bekümmert, das von Treue und Redlichkeit ... es war nun doch wohl nicht ganz redlich, ein Geschenk in Dollar zu tauschen. Auch wenn es für Jons war.
Er war nun ganz ruhig, nur müde wie nach einem Gang über das Moor, und er sah auch die beiden Gesichter gar nicht. Andere Zeiten seien gekommen, dachte er. Nichts mehr für einen alten Mann, der mit den Erzvätern aufgewachsen war und immer ruhigen Herzens aufgestanden war, wenn Gott ihn vorgerufen hatte aus seiner Bank. Zeiten des Gummiknüppels und des rohen Wortes, in denen man nicht aufstand vor einem weißen Haupte.
Einer von den beiden Beamten, nachdem sie ihre Versuche erschöpft hatten, klopfte an die Tür des Nebenraumes und kam mit dem Kommissar wieder, einem älteren Mann, der mit gleichgültigen Augen auf Stilling blickte. Aber plötzlich veränderte sich sein Gesicht, ein erschrockenes Lächeln trat um seine Lippen, und er streckte die Hand nach dem Regungslosen aus. »Ja, Herr Stilling«, sagte er, »was ist denn? Sind Sie es denn?«
Der Lehrer blickte zu ihm auf und erkannte ihn nach einer Weile. Sie hatten im Verein für Bienenzüchter oft miteinander gesprochen. »Ja, Herr Kommissar«, sagte er langsam, »ich bin es, und ich bin nun wohl ein Dieb oder noch Schlimmeres in den Augen Ihrer Leute.«
»Was ist los?« fragte der Kommissar streng, und der Beamte mit den wasserblauen Augen gab, nun etwas verlegen und stotternd, Auskunft. Er reichte seinem Vorgesetzten die Uhr, und dieser öffnete den Sprungdeckel, las die Inschrift und sah den Übereifrigen zornig an. »Rindvieh!« sagte er mit Deutlichkeit.
Dann legte er Stilling die Hand auf die Schulter. »Kommen Sie, Herr Stilling«, sagte er herzlich. »Bitte, vergessen Sie es ..., die unruhigen Zeiten verwirren die Leute ..., ein Glück, daß ich noch da war ..., hier, nehmen Sie Ihre Uhr wieder ..., ein schönes Stück ..., gut, daß Sie sie dem Halunken nicht verkauft haben ...«
Stilling nahm die Uhr und stand langsam auf. »Es macht nun nichts mehr«, sagte er. »Es tut nur etwas weh und wird noch eine Weile weh tun. Nicht der Irrtum, aber das andere.« Und er sah den Beamten, der ihn verhaftet hatte, mit seinen klaren Augen eine Weile an. »Das Recht zu schützen«, sagte er dann, »ist ein schöner Beruf. Aber es mit Roheit zu schützen, nimmt die Schönheit fort. Alles Wehrlose steht in Gottes Hand ...«
Der Kommissar hörte ihm etwas verlegen zu. »War etwas nicht in Ordnung, Herr Stilling?« fragte er. »Ich will es streng bestrafen ...«
Aber Stilling nickte ihm nur zu und hatte die Türklinke schon in der Hand. »Wir wollen es dabei bewenden lassen«, sagte er leise.
Es war ein langer Weg für den alten Mann, aber draußen war die gnädige Nacht, und der Regen hörte auf. Nur der Wind blieb, riß den Himmel auf und spaltete ihn in große Wolkenmassen, aus deren Lücken der halbe Mond rötlich heraustrat. Unruhe war über dem einsamen Land, und in den großen Wäldern roch es nach welkem Laub und nach den letzten Pilzen, an denen die Schnecken saßen.
Aber Stillings Herz war ruhig. Es war noch ein wenig betäubt von dem Gewesenen, wie ein Mensch von einem unvermuteten Schlage betäubt ist, aber seine Gedanken versuchten schon, Ordnung in diesen trüben und dumpfen Ablauf zu bringen. Da waren die drei Menschen, die beteiligt gewesen waren, und sie hatten wohl alle ihre Pflicht getan oder doch das, was sie dafür hielten. Einer war hinterlistig, und einer war roh gewesen, aber vielleicht lag es an der unruhigen Zeit, und vielleicht würde es ihnen schon jetzt leid tun. Dem Habichtsmann, daß er sich die Uhr hatte entgehen lassen, dem anderen, daß er nun einen Rüffel bekam, nachdem er schon ein Rindvieh genannt worden war. Merkwürdig, daß die Menschen im Zorn immer zu Tiernamen griffen und dazu, wie in diesem Falle, nach den Mustern der Sanftheit. Auch da war etwas nicht in Ordnung, ein Hochmut, der aus dem stillen Gesetz der Schöpfung heraustrat und mit Verachtung auf das Brüderliche blickte.
Ja, mit Jons Ehrenreich war es nun nichts, aber wenn Gott es nicht gewollt hatte, so hieß das, daß er schon einen anderen Weg bereit hielt, und Stilling hatte ihn nur nicht erkannt. Er war ungeduldig und voreilig gewesen, und er war belehrt worden.
Die Wolken jagten über den Kiefernwald, aber es sah aus, als jagte der Mond an den Wolken vorbei, eine Sichel, die schneiden wollte. Stilling blieb stehen und nahm den Hut ab. Der nasse Mantel war schwer und drückte auf seine Schultern, und es war schön, den kühlen Wind in seinem Haar zu fühlen. »Alter Freund«, hatte der Polizist gesagt, aber auch das war ein Mißbrauch der Sprache. Sie hatten die Ehrfurcht vor dem ursprünglichen Sinn verloren. Sie schoben andere Bilder hinter das Wort. Sie taten, was ihnen gefiel. Es war eine Welt der Willkür geworden, und deshalb war Stilling nicht mehr zu Hause in ihr. Für den einfachen Mann war Willkür immer gleich Sünde gewesen.
Er zog die Uhr aus der Tasche und drückte auf die Feder. Die zarten, zerbrechlichen Töne der vollen und der Viertelstunde verwehten im Wind, aber es blieb doch ein wunderbarer Trost von ihrem Klang zurück. Die Menschenhand, die die Zeit maß und sie in ein schmales, goldenes Gehäuse geborgen hatte. »Treu und Redlichkeit« ..., er hatte es überhören wollen, aber nun war es wieder da. Er brauchte nur einen Finger an den goldenen Rand zu legen, und sie waren wieder da. Es gab Dinge, die keine Willkür und keine Polizei den Menschen nehmen konnten.
Es war sehr spät, als er wieder in das Zwergenhaus trat. Elisas Stricknadeln klapperten, und sie sah ihn über die Brille hinweg an. »Wie ein Baalspriester«, sagte sie, »der zur Nacht seine Götzen beschwört!«
Aber Stilling lächelte wie immer. »Ich wurde aufgehalten«, sagte er in seiner stillen Weise. »Es tut mir leid, daß du dich geängstigt hast.«
»Kinder und Narren stehen in Gottes Hand«, erwiderte sie ungerührt und brachte ihm sein Abendbrot.
Als er allein war, saß er noch eine Weile vor der Weltkugel, die alte Bibel auf den Knien. Er hatte das Buch Hiob aufgeschlagen, und seine Augen gingen langsam von den blauen, schweigenden Meeren zu den großen, altertümlichen Buchstaben in dem schwarzen Buch. »Denn wir sind von gestern her«, las er, »und wissen nichts, weil unsere Tage nur ein Schatten auf Erden sind.«
Auch jene wußten es nicht, dachte er, daß sie von gestern her sind ..., aber auch sie werden es erfahren ..., ein Tag, der am Abend seinen Trost hat, ist ein schöner Tag.
Eine Weile blieb es verborgen, aber dann kam es natürlich unter die Leute. Die Spöttischen belächelten es, aber vielen anderen tat es leid. In Sowirog ballte man die Fäuste wie über einen Schimpf, und Korsanke schämte sich. Herr von Balk lachte zwar, aber er schrieb auch einen Brief an den Landrat, der mit Hohn getränkt war wie ein Schwamm und den der Landrat in seiner Faust zerdrückte, ehe er ihn in den Ofen warf. Elisa schäumte vor Zorn und nannte fortan jede Uniform das »Kleid der Sodomiter«.
Nur Jons erfuhr es erst viel später, weil alle fühlten, daß es ihn am schwersten treffen würde.
V
Als Dr. Lawrenz und Jons Ehrenreich einander zum ersten Male begegneten, war der Arzt schon ein alter Mann, und auf den ersten Blick war nichts Bedeutendes an ihm. Er sah wie ein alter Lehrer aus oder wie ein Mann, der in einer Druckerei die feuchten Fahnen korrigierte und seine rätselhaften Zeichen mit einer etwas zittrigen Hand an den Rand der Blätter setzte. Sein Gesicht war gelblich und schwer, mit Tränensäcken unter den müden Augen, und der Kneifer an der schwarzen Schnur fiel ihm immer wieder von der etwas formlosen Nase, wenn er sich über die Frau beugte, die im nassen Schnee auf dem Pflaster lag, inmitten einer blassen Blutlache, die sich schnell nach allen Seiten verbreiterte. Sein abgetragener Wintermantel war geöffnet, und Jons sah, daß der unterste der Knöpfe fehlte und statt seiner nur ein Rest des schwarzen Fadens die Stelle bezeichnete, an der er einmal befestigt gewesen war.
Aber er hatte sehr schöne, schmale Hände mit zarten, bläulichen Adern, an denen die feuchten Schneeflocken haften blieben.
Es war eine ärmlich gekleidete Frau, und sie war von einem schweren Lastwagen überfahren worden. Die Räder waren unterhalb des rechten Knies über ihr Bein gegangen und hatten es fast abgetrennt. Sie war bewußtlos.
Jons war von der Vorlesung gekommen und gerade in seine Straße eingebogen, als es geschehen war. Er hatte seine Tasche auf das Pflaster gelegt und mit seinem Ledergürtel das Bein oberhalb des Knies abgebunden. Der Fahrer stand in seiner Lederjacke daneben und redete unaufhörlich von seiner Unschuld.
Dann hatte der Doktor sich über die Frau gebeugt und nach ihrem Puls gefühlt. »Ein bißchen loser«, hatte er zu Jons gesagt.
Dann hoben sie die Frau auf eine Decke und trugen sie in das Haus hinein. Es war gerade vor der Tür des Arztes geschehen. »Notieren Sie die Nummer!« sagte er zu einem der Umstehenden, den er zu kennen schien.
»Sollten wir nicht den Unfallwagen kommen lassen?« fragte Jons, als sie die Treppen hinaufstiegen.
Sie standen schon vor der Tür, und Jons las den Namen. Der Arzt zog einen Schlüsselbund aus der Tasche und drehte sich nicht um. »Möchten Sie lieber in einem Wagen oder auf einem Bett erwachen, wenn Sie sehen, daß Sie ein Bein oder einen Arm verlieren werden?« fragte er.
Dann kam die Schwester, und Jons sah an ihrer Haube, daß sie katholischen Glaubens war. Sie sagte nichts, sah nur schnell auf die Bewußtlose und öffnete dann eine Doppeltür. Man hörte keinen Laut bei ihr, außer dem leisen Knistern ihrer gestärkten Schürze.
Jons sah zu seinem Erstaunen, daß es ein Operationszimmer war, ganz klein, aber mit allem versehen, was er aus den großen Kliniken kannte. Sie legten die Frau auf eine fahrbare Bahre im Gang, und der Arzt bedankte sich bei den Trägern. »Kennt einer sie?« fragte er, indem er schnell den Mantel auszog. Es sah aus, als ließe er ihn nur von seinen geneigten Schultern fallen.
Ja, einer kannte sie. »Erst nach einer Stunde Nachricht geben«, sagte Dr. Lawrenz. »Kann jetzt niemanden brauchen.«
»Sie bleiben hier«, sagte er nebenbei zu Jons.
Er reichte ihm Mantel, Maske und Handschuhe und deutete auf eines der Becken. »Vorsicht, das Wasser ist fast kochend«, sagte er. Er selbst trat an ein zweites, nachdem er die Instrumente aus einem der Schränke herausgenommen und in heißes Wasser gelegt hatte. Alles geschah so still und schnell, als gleite ein schweres, behendes Tier lautlos von einem Raum zum nächsten.
Jons gehorchte, und er war wie in einem Zauber befangen. »Aber ...«, begann er und ließ die Bürste sinken.
Der Arzt schüttelte nur den Kopf, und der Kneifer fiel ihm wieder von der Nase. »Wieviel Semester?« fragte er kurz.
»Im fünften«, erwiderte Jons.
Der Arzt nickte und richtete seine schönen, traurigen Augen auf Jons. »Sie oft gesehen«, sagte er. »Viele Jahre. Man sieht alles in solch einer stillen Straße. Früher trugen Sie Eisen unter den Absätzen ...«
Dann schob die Schwester die Bahre herein. Die Frau war schon entkleidet, und unter dem Tuch zeichneten sich ihre mageren Glieder ab.
»Signum paupertatis«, sagte der Arzt leise. Sein Gesicht war müde, und als es unter der Maske verschwand, war es, als sei es nun erst zu Hause. Bevor Jons die Spritzen für die örtliche Betäubung zureichte, machte die Schwester das Zeichen des Kreuzes über die Bewußtlose. Es geschah so behutsam, als fürchte sie, die Schlafende zu erwecken.
Jons blickte mit atemloser Bewunderung auf die Hände des Arztes. Er gehorchte wie im Traum allen geflüsterten Befehlen, und er fühlte, daß er nichts falsch machen konnte. Es war wie in einer Erleuchtung, und erst als der Arzt ihm die Knochensäge zuschob, erschrak er, und seine Hände begannen zu zittern. »Hier«, flüsterte der Arzt und deutete auf die Stelle.
Jons setzte den schimmernden Stahl an, und bei der ersten Berührung des Werkzeugs mit dem regungslosen Körper waren seine Hände wieder ruhig. Wie eine Vision stand für die Länge eines Herzschlags der Meiler vor ihm und der Eichenbock, an dem er Holz sägte, dann war auch das vorüber, und seine Hand glitt behutsam und stetig auf und ab. Der Arzt sah ihm zu, die Hand am Puls der Frau, und nickte nur, als er fertig war.
Als der Verband gelegt war und sie die Masken wieder abgenommen hatten, merkte Jons, daß ihm eine kalte Feuchtigkeit auf der Stirne lag. »Das ist beim erstenmal«, sagte Dr. Lawrenz leise.
Die Operierte war wieder auf den Gang geschoben worden, und der Arzt blieb noch eine Weile bei ihr stehen. »Haben Sie die Klinik angerufen, Schwester Monika?« fragte er.
Sie nickte nur, ohne ihre stillen Augen von dem weißen Gesicht zu wenden. »Wir wollen sie erst dort aufwecken lassen«, sagte Dr. Lawrenz. »Wenn sie eine Aufwärterin oder eine Waschfrau ist«, fuhr er nach einer Weile fort, »dann wird es schlimm sein für sie und ihre Kinder. Für die Armen ist ein Bein viel ... ein großer Besitz ...« Und er glitt einmal mit seiner zarten Hand über die Stelle, wo sich unter der Hülle der dicke Verband abzeichnete. »Das ist bei Ihnen auch so ..., wie ist doch Ihr Name? Jeromin ... richtig ... in Ihrem Dorf, nicht wahr?«
Jons nickte.
»In einer Klinik sind sie nun fertig mit solch einem Fall«, sagte er weiter, und es war immer, als spreche er zu sich selbst. »Keine Komplikationen, Rechnung, fertig! Bei uns fängt es erst an.« Er sah müde nach seiner Uhr. »Wenn sie kommen, bringen Sie sie zu mir herein, Schwester. Wahrscheinlich werden es die Kinder sein. Der Mann ist bei der Arbeit. Urlaub gibt es nicht, wenn nur ein Bein fehlt ... wie ist es mit Ihnen, Jeromin? Paßt es Ihnen heute abend um acht?«
Jons nickte, nahm seine Tasche und ging wie im Traum durch die Tür und die Treppe hinunter. Auf den untersten Stufen traf er ein hochaufgeschossenes, blasses Mädchen, das still vor sich hinweinte. Eine Frau in einem schwarzen Umschlagtuch führte es bei der Hand.
Es schneite noch immer, und ein paar Kinder standen auf der Straße, die Hände in den Taschen, und starrten auf den roten Fleck, der sich mit dem weißen Schnee vermischte.
So begann Jons Ehrenreichs Freundschaft mit einem alten Mann, und sie begleitete und erfüllte und trug viele Jahre seines Lebens, wie ein stiller Strom einen gebrechlichen Kahn trägt. Später sah er darin eine der wunderbaren Fügungen seines Schicksals, wie es an einer bestimmten Stelle an einen Lebensweg tritt und mit einer sanften, kaum gespürten Bewegung die eingeschlagene Richtung ändert. Zuerst erscheint diese Änderung so unmerklich, daß das Ziel am Horizont nur um Haaresbreite neben dem ursprünglichen zu liegen scheint. Aber je weiter die Jahre gehen, desto weiter rücken die Zielpunkte auseinander, gehorsam den Gesetzen der Projektion, und am letzten Horizont des Lebens stehen sie weit voneinander ab, wie zwei Sterne, zwischen denen ein Viertel des Weltallkreises liegt.
Der Doktor hatte einen kleinen Bibliotheksraum, bis zur Decke mit Büchern gefüllt, und in einer Ecke einen runden Tisch mit einem grünbezogenen Sofa und zwei Sesseln. Es gab nur ein Bild in diesem Zimmer, und es war in die Bücher wie in einen Rahmen eingelassen. Es war das Bild einer Frau mit weißen Haaren, die einen Stieglitz auf der etwas erhobenen linken Hand trug und ihre dunklen Augen mit einer leisen Zärtlichkeit auf ihn gerichtet hielt. Aus den stumpfen Farben des Bildes leuchtete der kleine Vogelkörper so verwirrend heraus, als hätte der Maler seine ganze Palette an ihm geprobt. Er zog den Blick immer wieder auf sich, und nach einer Weile meinte Jons, daß der Maler das vielleicht nicht ganz recht gemacht habe, wenn der Vogel ihm mehr gewesen sei als die Frau.
»Sehr recht«, sagte Lawrenz, »denn es zeigt die Essenz ihres Wesens. Sie war immer für andere da, nie für sich. Höheres kann der Mensch nicht erwerben.«
»Es ist meine Mutter«, fuhr er nach einer Weile fort. »Sie war eine Jüdin, und auch ich bin ihres Glaubens.«
Jons starrte ihn an wie eine Erscheinung. Er war immer noch das Kind vom Meiler, das bei allem Unvermuteten den Schritt anhielt.
»Ja, mein Vater hieß Lawrenz«, sagte der Doktor gleichmütig. »Er hatte eine Knopffabrik, und für ihn war jeder Knopf eine Offenbarung. Anderes hatte er nicht. Er ist gleichgültig. Er hat mir nichts als den Namen gegeben ... Sie war eine wunderbare Frau. Alte Rassen bringen manchmal so etwas hervor. Sie ruhte in Gott, so muß man es sagen. Nicht erst im Tode, sondern schon im Leben, und das ist viel, mein junger Freund, sehr viel. Fast alles, was ich habe, habe ich von ihr ..., sie hatte einen schweren Tod, Carcinoma heparis, auf deutsch Leberkrebs ... man sagt, daß die Anlage dazu sich vererben könne ... oder, was sagt man auf den hohen Schulen heute dazu?«
Jons wußte es nicht, und Lawrenz lächelte sein stilles Lächeln. Nur der Mund lächelte, die Augen blieben traurig und unberührt.
Ja, der Doktor lebte ganz still. »Wie ein Mönch«, sagte er, »›Ora et labora‹. Ich bete viel, Jeromin. Auch das ist ein Erbteil. Ich habe nie ganz verstanden, wie man Arzt sein kann, ohne zu beten. Wenn Sie die Säge in die Hand nehmen, zum Beispiel wie heute. Ein Eingriff in das Ebenbild Gottes, eine Entstellung, und Sie wissen nicht einmal, wie es ausgeht. Die großen Professoren wie der unsrige denken: ›Tausend Mark‹, oder auch ›zweitausend Mark‹, wenn es ein Knopffabrikant ist. Ich denke an Isaak, wie er unter dem Messer lag. Wenn sie es wüßten, würden sie mich wahrscheinlich entmündigen. Wir haben zuviel erfunden, Jeromin. Mikroskope und Röntgenstrahlen. Wir haben die Decke aufgehoben, die der Gott unserer Väter über die Schöpfung gebreitet hat, und wenn unter der Decke der nackte Mensch liegt, glauben wir, daß wir das Geheimnis haben. Aber wir haben nur die Nacktheit, nicht das Geheimnis. Wir sind wie Kinder, die eine Uhr auseinandernehmen. Das können wir schon, aber wir können sie nicht wieder zusammensetzen.«
Er goß den schweren Portwein in die Gläser und nahm eine der schwarzen Zigarren aus dem alten Kästchen mit dem altertümlich eingelegten Deckel. »Dies ist mein Zoll an die menschliche Gebrechlichkeit, Jeromin«, sagte er. »Beides ist Gift für mich, aber das Leben ist so mühselig. Wußten Sie, daß es mühselig ist?«
Jons glaubte es zu wissen. Er rauchte eine von des Doktors schweren Virginia-Zigaretten und trank den Wein in kleinen Schlucken. Er konnte die Augen nicht von dem schweren, müden Gesicht abwenden, das doch von einer inneren sanften Heiterkeit leuchtete wie von einem fernen Licht.
»Ich sagte schon, daß ich Ihnen seit Jahren zusehe, Jeromin«, fuhr Lawrenz fort. »Jeden Morgen vor der Sprechstunde sitze ich eine Stunde am Fenster und sehe hinaus. Das Leben zieht vorüber, und ein Arzt will auch ein bißchen vom Leben sehen. Nicht nur vom Tode. Das erstemal sah ich Sie, als der Mann mit dem Hohenzollernmantel Sie an der Hand führte. Ich mußte das sehen, weil das in dieser Straße etwas Unerhörtes war. Von da ab habe ich Sie nicht mehr aus den Augen verloren. Sie waren wie Joseph mit dem bunten Rock. Ich dachte, Sie müßten viele Brüder haben. Haben Sie Brüder, Jeromin?«
Jons nickte.
»Sehen Sie, ich bin ganz allein. Meine Mutter hat nur mich geboren, und die Lawrenze sind fremdes Blut. Sie erfüllen die Welt, aber es ist nicht meine Welt. Und da muß man sich an etwas halten. An ein paar Bücher oder ein paar Tiere. Aber manchmal auch an ein Kind. Kinder haben noch nicht durch Mikroskope gesehen. Die Schöpfung ist ihnen noch nicht zerlegt. Sie gehen noch aus und ein im Garten Eden. Solch ein Kind waren Sie. Ich dachte mir, daß Sie aus dem Walde kämen. Man geht anders, wenn man aus dem Walde kommt. Man hat auch andere Augen.
Im Kriege verlor ich Sie für ein paar Jahre. Ich war selbst fort. Auch jüdische Ärzte braucht man im Krieg. Aber dann kamen Sie wieder. Ich sah, daß Sie nicht umsonst draußen gewesen waren. Die meisten tragen eine Uniform, auch wenn sie längst einen Sportanzug tragen. Sie haben nie eine Uniform getragen. Gott hat keine Uniformen verliehen, die verleiht nur der Staat.
Ich wußte, daß Sie Arzt werden wollten, und ich hörte sogar von der Sache mit dem großen Gynäkologen. Solche Dinge verbreiten sich schnell, weil das einer der seltenen Fälle ist, wo der Mensch aus der Uniform ausbricht. Und nichts ist seltener bei uns als der Mensch. Aber nun sollen Sie erzählen. Von Ihrem Wald und Ihren Brüdern. Und alles andere.«
Und Jons erzählte. Die Bücher standen schweigend und unbeweglich wie bei Jumbo, nur daß hier der bunte Vogel war statt des Kinderpferdchens vom Meiler. Aber Jons sah den Faden des Schicksals sich von einem zum andern spinnen, und darüber sah er das Gesicht der Frau, das schöne, alte, traurige Gesicht, das »in Gott« geruht hatte, und manchmal war ihm, als laufe der Faden durch ihre matten, schmalen Hände, die der Doktor geerbt hatte.
Er wußte nicht viel von seinen jüdischen Kommilitonen, aber er wußte viel vom Alten Testament. Seine Kindheit war getränkt worden damit, und der Vater hatte das meiste dazu getan. Der Vater hatte keinen Haß gekannt, weder den der Rassen noch den der Religionen. Auch der Vater hatte in Gott geruht.
Von ihm erzählte er zuerst. Und dann alles andere, wie es ihm in den Sinn kam. Es war wie eine Beichte, und auch Margreta ließ er nicht aus. Lawrenz wendete keinen Blick von seinem Gesicht, und selbst wenn er nach seinem Glase griff, tastete er nur mit der Hand vorsichtig über die Tischplatte, ohne die Augen von Jons zu lassen
Erst als die kleine goldene Pendüle in der Ecke zwölf schnelle silberne Töne erklingen ließ, hob er die Hand. »Genug für heute, Jeromin«, sagte er. »Die Zeit ist auch der Herr der Ärzte. Nehmen Sie sich immer vor, ihr zu gehorchen. Viele Operationen mißlingen, weil man ihr nicht gehorcht hat.«
Er stand auf und blickte in Gedanken auf das Bild seiner Mutter. »Das ist die gefährliche Naht in Ihrem Leben«, sagte er. »Die Mutter. Es scheint Ihnen, als seien keine Fäden mehr da, aber in Wirklichkeit hat man vergessen, sie herauszuziehen ... Sie sind ein verflochtener Mensch, Jeromin. Sie ziehen den ganzen Wald und das ganze Dorf hinter sich her. Deshalb gehen Sie so mühsam ...«
Er brachte ihn die Treppe hinunter und stand noch einen Augenblick mit ihm vor der Haustür. Es schneite, und die Luft war kälter geworden. Der rote Fleck war nicht mehr zu sehen, aber der Doktor starrte auf die Stelle, als sähe er ihn noch. »Sie wird nur noch einen Schuh brauchen«, sagte er seufzend. »Aber es hilft ihr nichts. Die Geschäfte verkaufen nur paarweise. Auf morgen, Jeromin, und schlafen Sie wohl!«
»Auf morgen ...«, so hieß es nun fast an jedem Abend. Die Universität trat für Jons zurück wie hinter eine Wolke. Nicht daß er sie versäumte. Er ließ Kollegs und Übungen nicht aus, er verarbeitete sie so fleißig wie früher. Aber sie war nicht mehr der Boden, auf dem er wuchs. Ein neues Feld hatte sich aufgetan, und Jons stürzte sich in seine Furchen, als trügen sie die erste und letzte Saat.
Lawrenz hatte eine kleine Privatklinik, mit katholischen Schwestern, in einem armen Viertel, und sie war auch eine Klinik für Arme. Wollte jemand anders hinein, so zuckte er bedauernd die Schultern: es sei alles belegt. Er log mit unbewegtem Gesicht, um der Armen willen. »Sehen Sie, Jeromin«, sagte er, »das ist der Fluch, daß sie glauben, mit Geld lasse sich auch der Tod abkaufen, und daß die Ärzte sie in diesem Glauben bestärken. Unsere Hand und unser Auge, das sind schöne Dinge, wunderbare Dinge sogar, aber ohne das Herz sind sie dem Fluch zugänglich, dem Ruhm, dem Gold. Wir sollten alle umsonst lehren und helfen, Jeromin. Ärzte und Lehrer, Dichter und besonders die Pfarrer. Und daneben ein kleines Handwerk treiben oder die Herden hüten, wie David oder die Erzväter. Oder wie Ihr Vater am Meiler. Der Geist verdirbt uns, Jeromin, die ratio. Wir sind wie eine Termitenkönigin, unförmlich, immer gebärend. Wir hassen die Natur, weil sie keinen Geist hat, und wie die Termitenarbeiter höhlen wir die Balken der Schöpfung aus, damit die Königin Speise bekomme. Die Primitiven wissen es noch, was das Magische ist, vielleicht noch die östlichen Völker. Aber das Abendland ist schon wie eine Puppenhülle, aus der der Schmetterling sich aufgehoben hat. Dort können Sie ihn noch sehen« – und er wies auf die dunklen Bücherreihen –, »unter Glas und Stecknadeln, und für manche von uns lebt er noch. Aber langsam fällt der Staub auch auf seine Flügel. Was Sie heute um sich sehen, Jeromin, Arbeiter und Studenten, Beamte und Offiziere, das lebt nicht mehr für das Magische. Das lebt nur noch für den Stoff, die Karriere, das Geld. Vielleicht nennen sie es noch das Leben, aber es ist ein entzaubertes Leben. Bei Ihnen im Dorf, da kann es noch sein. Der Großvater wußte es noch, nein, er wußte es nicht, er hatte es, Euer alter Hirt vielleicht, und auch Kiewitt. Die Klugen hier würden sagen, es sei eine ungesunde Welt, eine der Bescheidung, des Sichbeugens, eben eine östliche Welt. Aber was wissen diese Klugen von der wahren Welt? Die Chinesen wußten es, und die Märchen wissen es noch. Aber von den Chinesen wissen die Klugen nur, daß sie einen Zopf tragen oder trugen, daß sie Porzellan und Pulver gemacht haben und daß sie Opium rauchen. Und von den Märchen wissen sie, daß sie für Kinder sind. Sie selbst leben in Zeitungen, über oder unter dem Strich, in Kinos und am Radio. Lemuren auf einem sinkenden Kontinent, und es wird keinen Berg Ararat mehr für sie geben.«
»Aber wenn man so denkt, Herr Doktor«, sagte Jons, »kann man dann leben und arbeiten?«
»Gerade dann, Jeromin«, erwiderte Lawrenz, »und eigentlich nur dann. Der Mensch, der in der Karriere lebt, im Gewissen, im Verbürgten, er wird nur gelebt. Die Karriere lebt ihn. Erst in der Resignation lebt man. Ihr geht die Erkenntnis voraus. Sie zerstört die Trugbilder, und sie gibt die wahre Tapferkeit. Die ohne Orden und ohne Rausch. Der Mann, der auf dem sinkenden Schiff bleibt, weil es seine Pflicht ist. Lassen Sie die anderen von Fortschritt und Kultur reden. Sie aber sollen ein fleißiges, sauberes und tapferes Leben führen! Ihr Fortschritt ist eine bessere Diagnose, eine bessere Operation, ein immer liebevolleres Herz. Ihre Kultur ist, daß Sie die Form Ihres Vaters erfüllen, Ihres Geschlechtes. Panzerkreuzer und Tanks sind weder Fortschritt noch Kultur. Sie sind Lemurenträume unter einem wechselnden Mond. Einmal gab es Dinosaurier, heute gibt es Tanks. Aber das Herz eines Mannes und eines Arztes ist auch heute nicht mehr als das Herz Davids, der die Harfe schlug, oder das Mose, als er auf dem Berge Nebo stand.«
»Aber die jungen Menschen, Herr Doktor? Die Arbeitslosen, die Kriegsgefangenen, die die Niederlage enterbt hat?«
»Wer ist enterbt?« fragte Lawrenz und beugte sich in seinem Sessel vor. »Wer ist arbeitslos? Daß die Sprache doch ein so gehorsames Werkzeug unserer Irrtümer ist! Haben Sie jemals einen Menschen gesehen, den Gott enterbt hätte? Ein Vater, eine Mutter kann enterben, und auch sie nur Geld und Besitz. Das Blut schon nicht mehr. Aber Gott enterbt nicht. Nicht einmal die Ungläubigen. Er zieht uns nicht die Erde unter den Füßen fort, das Licht der Sonne, das stille Bild der Blumen. Und wenn er uns an Krücken gehen und erblinden läßt, dann gibt er uns immer noch die Kraft zur Schöpfung einer neuen Welt. In unserem Geiste.
Wenn wir ein Vermögen verlieren, sagen wir, wir seien enterbt. Die Zeitungen und die Zeitungsherzen sagen es. Aber wenn wir die Liebe aus dem Herzen verlieren, sagen sie, wir hätten Erfolg gehabt und seien Männer der Tat.
Und wer ist arbeitslos, Jeromin? Es gibt Zeiten mit zu vielen Händen und zu wenigen Herzen. Herzlose Zeiten, aber nicht arbeitslose. Wenn eine Zeit krank ist und nicht für alle Hände Arbeit hat, dann spricht sie eine stille Mahnung aus, die Mahnung, mit den Herzen zu arbeiten statt mit den Händen. Und ich habe noch keine Zeit gekannt, die nicht für alle Herzen Arbeit gehabt hätte.
Auch meinen sie das gar nicht, wenn sie ›arbeitslos‹ sagen. Sie meinen geldlos, lohnlos. Arbeit ist für uns zu Geld geworden, und das ist eine prostituierte Arbeit, so wie Liebe zu Geld werden kann. Wenig braucht der Mensch, Jeromin, und so war es ihm bestimmt. Kein Palast und kein Auto war ihm bestimmt, sondern ein niedriges Dach über dem Kopf, ein Kleid gegen die Kälte, ein Mahl gegen den Hunger. Jesaias hatte nicht mehr, aber noch heute tönt der Donner aus seinem Wort. Kommen sie zu euch, nach Sowirog, die Arbeitslosen, und sagen: ›Laßt uns euren Acker umgraben, denn uns verlangt nach Arbeit‹? Kommen sie in die Klinik, um den Armen die Füße zu waschen? Gehen sie zu den Kindern und sagen: ›Hört zu, ich will euch ein Märchen erzählen oder eure Aufgaben zu morgen mit euch machen‹? Sie sehen auf eure Hand, und wenn in der Hand etwas liegt, dann werden sie arbeiten. So wie das Straßenmädchen auf die Hand blickt, wieviel in ihr liegt.
Ohne Götter, ohne Hoffnung, ohne Zukunft, ohne Arbeit. Das ist das Lied der neuen Zeit. Aber es ist ein altes Lied, Jeromin. Schon Hiob sang es und die Juden an den Ufern Babylons. Es ist nicht ein Lied der alten Zeiten, sondern der alten Herzen. Keine Zeit ist ohne Gott, ohne Hoffnung, ohne Zukunft, ohne Arbeit. Nur die Herzen sind es, und sie sind es meistens, wenn ihnen etwas zerbrochen ist, was sie zu Göttern gemacht haben. Das sogenannte Vaterland, oder die sogenannte Ehre, oder die sogenannten Ideale. Aber haben Sie gesehen, daß ein Vaterland zerbricht? Die Macht und die Grenzen eines Vaterlandes können zerbrechen, und dann ist es meistens ein Zeichen, daß es eine falsche Macht und falsche Grenzen waren. Daß das Vaterland neu erfüllt werden muß, die zerbrochene Macht und die zerbrochenen Grenzen. Nicht mit neuen Panzerkreuzern, sondern mit neuen Herzen.
Aber sehen Sie sich Ihre Kommilitonen an, mit Mensuren und Fackelzügen! Sie haben die Schrift gelesen an der weißen Wand, das Menetekel, aber sie hängen die alten Bilder darüber und stellen die Steine zur neuen Partie auf. Und bis sie anfängt, klagen sie, daß sie keine Arbeit und keine Zukunft haben.
Wer aber gibt ihnen ein Beispiel? Wer streckt ihnen die Hand hin? Ein Gestrauchelter braucht keine Vorwürfe, sondern eine Hand. Und gestrauchelt sind sie, weil ihre Erzieher strauchelten. Ihre Lehrer, ihre Pfarrer, ihre Vorgesetzten, eben ihre Väter. Und hinter ihren Vätern der Staat, und hinter dem Staat das Abendland. Wer gibt ein Beispiel, Jeromin? Unter den Armen sind einige, unter den Frommen sind einige. Ihr Vater war ein Beispiel, denn er war ein leuchtender Mensch, am Meiler wie in seiner Kompanie. Der Landrat wird wohl über ihn gelächelt haben, und unsere Professoren würden dasselbe tun, weil sie meinen, daß sie zum Leuchten bestellt seien. Und die Zeitungsschreiber würden über ihn lächeln und beweisen, daß es ein falsches Leuchten gewesen sei, zu demütig, zu altmodisch, zu östlich, eben nicht zeitgemäß. Aber Sie haben nicht gelächelt, Jeromin, als er das Alte Testament vor Ihnen aufschlug, oder die Schönheit seines armen, tapferen Lebens, oder als er aus dem Dorf ging, und er war schon seines Todes gewiß.
Und dasselbe sollen Sie werden, Jeromin, und das war es, was ich gedacht habe, als ich Sie zum erstenmal sah, mit Eisen unter den Absätzen und mit Hunger in den Augen. Sie könnten wahrscheinlich ein großer Arzt werden, das weiß ich heute schon. Eine ›Kapazität‹, wie es heute heißt. Aber ich hoffe, daß Sie nur ein kleiner Arzt werden, wie ich einer geworden bin. Ein kleiner Chirurg, ein kleiner Internist und ein kleiner Geburtshelfer. Und einer, bei dem die Menschen gern sterben, wenn ich ihnen sage, daß gestorben werden muß. In den großen Kliniken sterben sie nicht gern, Jeromin. Es ist da ein bißchen Massenbetrieb, vom Chefarzt bis zur jüngsten Schwester. Exitus-Betriebsgenossenschaft. Ich sehe mir immer die Totenkammern an, wenn ich in ein solches ›Institut‹ komme. Totenkammern und Polikliniken sind Waagschalen unserer Wissenschaft, Jeromin! Und Amtsärzte! Diese drei! Ich werde Sie besuchen, Jeromin, wenn Sie Ihr Schild in Sowirog angemacht haben. Ich werde mir ansehen, wie die armen Leute hereinkommen und wie sie wieder hinausgehen. Mehr brauche ich nicht zu wissen. Ein Arzt ist eine Brücke, Jeromin. Alle Wissenschaften sind Brücken, aber die ärztliche ist die gebrechlichste. Sie führt zum Lächeln oder zur Verzweiflung. Das heißt, sie führt zu Gott oder zum Teufel.«
Er trank sein Glas leer und behielt es noch eine Weile in der Hand. »Wir denken zuviel, Jeromin«, sagte er mit seinem schönen, traurigen Lächeln. »Auch auf uns liegt der Fluch der Zeit. Wir sind nicht unverwundbar ...«
Hier also, unter dem Bild der Frau mit dem bunten Vogel auf ihrer Hand, und in der ärmlichen Klinik im Armenviertel erwarb Jons Tag für Tag dasjenige, worauf bei den Übungen Professoren und Studenten mit Überraschung und Neid blickten. Nicht nur das sogenannte ärztliche Rüstzeug, sondern das geheimnisvolle Gefühl in Augen und Händen, mit dem er einen kranken Körper sich entkleiden und offenbaren sah. Und er gewann dort auch das Kostbarere: die immer wache und fast fromme Neugier des Herzens vor jeder Veränderung der Natur. Die Bewahrung vor der abstumpfenden Macht der Wiederholung, der Gewohnheit. Und die Bewahrung vor dem Hochmut des Gesellen, der sich ein Meister zu sein dünkt. Bei Lawrenz gab es keine Meisterschaft. Es gab nur Dienst bei ihm, und aller Dienst war unvollkommen. War gehorsam und voller Hingabe, aber doch unvollkommen. Stückwerk, das man im Laufe eines langen Lebens zusammensetzen konnte, aber es wurde nie das Ganze daraus. Es blieb immer »von gestern her«, wie es im Buche Hiob stand.
Dort, unter den stillen Schwestern, die wie sanfte und frohe Abgeschiedene von Bett zu Bett glitten, lernte Jons, was sich in den großen Hörsälen und Kliniken nur unvollkommen lernen ließ: Diagnosen stellen, operieren und an den weißen Betten sitzen. Er lernte es unter Irrtümern und Enttäuschungen und Verzagtheit, aber er lernte es. Die stillen Augen des Arztes sahen ihm zu, immer geduldig, immer unbestechlich, immer tröstlich. Und wenn etwas mißlang, war er immer da, das Mißlungene zu heilen, und immer war die Hand einer der Schwestern da, die leise über seinen weißen Mantel glitt, wortlos, aber mit einem zarten Trost erfüllt. Er konnte lange Zeit ihre Namen nicht unterscheiden und behalten, altertümliche und fromme lateinische Namen, Maxima oder Perpetua, und er konnte auch ihre Gesichter lange nicht unterscheiden, weil sie alle auf gleiche Weise aus dem Besonderen zu einem Allgemeinen geformt worden waren. Durch denselben Glauben, dieselbe Tätigkeit, dieselbe Hingabe und Liebe. Zu sanften, stillen, fast schattenhaften Gesichtern, in denen der Mund entsagt hatte, und in denen nur die Augen den Glanz des Lebens bewahrt und vertieft hatten. Den Glanz eines dienenden Lebens, das sich hingab, entäußerte und verströmte, weil Christus oder die Jungfrau es so wollten.
Darmowy fragment się skończył.