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Ernst Wiechert

Das einfache Leben

Roman

Inhaltsverzeichnis

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Impressum

Ein drittes Mal begegnete Yen-Hui Kung-Fu-Tse und sagte: »Ich komme weiter.«

»Wie das?« fragte Kung-Fu-Tse.

»Ich bin alles losgeworden«, antwortete Yen-Hui.

»Alles losgeworden!« sagte Kung-Fu-Tse ergriffen.

»Was meinst du damit?«

»Ich habe mich von meinem Körper frei gemacht«, antwortete Yen-Hui. »Ich habe meine Gedanken entlassen. Da ich so Leibes und Geistes ledig wurde, bin ich eins mit dem Alldurchdringenden geworden. Das ist es, was ich damit meine, daß ich alles losgeworden bin.«

Reden und Gleichnisse des Tschuang-Tse

1

Nicht lange nach dem großen Kriege stand um die Abendzeit eines Vorfrühlingstages ein Mann an einem der Westfenster seines Hauses und hob, in Gedanken verloren, den Blick von einem alten und unansehnlichen Buch, das er in den Händen hielt. Der große Abendhimmel, wolkenlos und von fernen Feuern brennend, erfüllte durch das weite Fenster den ganzen Raum mit rötlichem Licht. Die farbigen Einbände in der Bücherwand glühten, die fremdartigen Waffen und Masken in einem seitlichen Schrank schimmerten in einem fast bösen Glanz, und der unter Qualm und Nebel feuernde Kreuzer auf dem einzigen Bilde an der Wand schien, so beglänzt, geradeswegs in den flammenden Abgrund einer Götterdämmerung hineinzustürmen.

Aber das verzauberndste Licht sammelte sich auf der gewölbten Fläche des riesigen Globus, der auf einem schwarzen Sockel frei vor der Mitte der Bücherreihen stand. Seine Gebirge waren mit braunen Erhebungen angedeutet, seine Ebenen wie Wiesen getönt, von dem Netzwerk der Ströme durchflochten, und seine blauen Meere schimmerten nun purpurn im Abendlicht.

Die Blicke des Mannes, vom Lichte gelöst, wendeten sich dem bestrahlten Abbild der Erdkugel zu, wo die kleinen Inselgruppen wie Perlen im Indischen Ozean schwammen und der Pik von Colombo einen spitzen Schatten über die Flut zu werfen schien. Die Küsten der Meere waren mit einem feinen Glutstrich gegen die Festländer abgesetzt, und jenseits des Himalaja, auf den gelben tibetanischen Ländern, schien schon eine schweigende Dämmerung auf fremde Sternbilder zu warten.

Lange blieb der Mann in dieses Bild versunken, bis es unter grünlichen und grauen Schatten immer matter wurde, die Küsten verschwammen, die Täler sich verdunkelten und es zu einer blassen Scheibe erlosch, einem fernen Gestirne gleich im Raume schwebend.

Nun, in der wachsenden Stille des Abends, hob das Brausen der abseitigen Hauptstadt sich über die Gärten der Vorstädte und stand wie der Ton ferner Brandung, unmerklich steigend und fallend, über der Dämmerung. In den lichtgrün verblaßten Himmel ragten die Stämme der Kiefern, schwarz und unbewegt, über einer fernen Straße schimmerten weiße Lampen auf, schnell und nacheinander, und wer lange auf dem Meere gelebt hatte, mochte nun bei halbgeschlossenen Augen leicht sich einbilden, wieder auf einer Brücke zu stehen oder hinter den Fenstern der Kajüte, das leise Brausen des Schiffes im Ohr, indes die Lichter des Landes sich fern und lautlos verschoben, zurückglitten und erstarben, hinabgetaucht hinter die Krümmung der Erde, und das Unbefahrene vor dem Bug sich nun beherrschend erhob.

Im letzten Licht nahm der Mann noch einmal das Buch vor die Augen, als wollte er sich einer bestimmten Stelle vergewissern, daß sie auch noch dastehe, nicht mitgelöscht von der Dämmerung der Welt. Dann ließ er es sinken und blickte hinaus, die linke Schläfe an den Vorhang des Fensters gelegt. Sein Gesicht über dem dunklen Rock empfing nun das letzte Abendlicht. Schatten sammelten sich unter der Stirn und in den tiefen Falten, die von den Nasenflügeln zum Munde liefen, und so war das Gesicht nun nicht unähnlich einem verkleinerten und verschmälerten Abbilde jener Erde, die vor den Bücherreihen schwebte, deren Täler im Schatten verdunkelten und deren Umrisse sich verloren, so daß nur ein matter Schein an der Stelle des Gegenständlichen blieb.

Später, als die Tür sich plötzlich öffnete und das Licht des Flures fast grausam in den schweigenden Raum hineinbrach, ließ der Mann sich Zeit, das Gesicht nach der im Türrahmen Stehenden zu wenden, und bevor er sie erblickte, traten zuerst die wenigen nun erhellten Dinge des Raumes in sein Bewußtsein: das Bild des Kreuzers an der Wand, der nun, wie im Licht eines Scheinwerfers, immer noch aus den Panzertürmen seine düsterroten Salven schoß, eine schmale Büchersäule, die scharf begrenzte Bahn eines roten Teppichs und eine schmale Kante des Globus, die wie eine Sichel leuchtete.

Dann erst sah er die Frau, die im Abendkleid auf der Schwelle stand und den bloßen Arm nach dem Lichtschalter ausstreckte. »Laß das!« sagte er scharf.

Sie hielt in der Bewegung inne, ohne den Arm sinken zu lassen, und auch wenn sie nicht im Licht gestanden hätte, würde er gewußt haben, daß sie lächelte, nicht ohne Spott, aber auch nicht ohne Schonung.

»Träumt man wieder?« fragte sie.

»›Man‹ hat gelesen«, erwiderte er, trat an den Schreibtisch und legte das geöffnete Buch sorgfältig auf die leere Platte. »In einem Psalm, in dem man seit der Konfirmation nicht mehr gelesen hatte, und dort hat man den Vers gefunden: ›Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.‹ Darüber hat man nachgedacht.«

»Helden und Denker«, sagte sie mit ihrer tiefen Stimme, »das ist uns nun übriggeblieben aus dem Kriege …«

Es habe Zeitalter gegeben, meinte der Mann, die auf einen solchen Besitz sehr stolz gewesen seien.

Ja, aber eben Zeitalter … nun jedoch, nach diesen furchtbaren Jahren, wolle man weder kämpfen noch denken, sondern eben leben, nichts als leben.

Auch die Tiere wollten das, und zwar das allein.

Ja, das sei eben das Schöne und Gesunde an ihnen. Sie läsen weder Psalmen noch starrten sie in die Abenddämmerung.

»Manchmal«, sagte er, indem er auf die beleuchtete Kante des Globus starrte, »verstehe ich nun die ganz einfachen, ganz primitiven Männer, die ab und zu die Lust ankommt, ihre Frauen zu schlagen …«

Sie lachte, ganz heiter und sorglos, und unter ihrer Hand brach nun doch ohne Warnung das weiße Licht aus der Kuppel unter der Decke heraus. »Das muß ich sehen«, sagte sie, »den Mann, den diese Lust eben angekommen ist.«

»Ich habe nicht von mir gesprochen«, erwiderte er und sah sie über den Raum hinweg finster an. Ihre Gestalt war schmäler geworden in diesen dumpfen Jahren, ihre Züge schärfer, ihre Augen glänzender. Nur ihr Kindermund war der gleiche geblieben, trotz der leuchtenden Farbe, die sie nun auftrug, klein, mit wehmütig geneigten Winkeln, und niemals wußte er, ob sie im Zorn oder im Weinen erbeben würden.

Seine Gedanken gingen zurück zu der Zeit ihrer ersten Liebe, und er begriff, wieviel der Krieg ihnen allen geraubt hatte. »Geh nun«, sagte er freundlich, »es führt ja doch zu nichts …«

Ihre Hand mit den funkelnden Ringen strich an den roten Einbänden neben der Tür herunter. »Es sollte ja auch nur dazu führen«, antwortete sie, »daß du dich rechtzeitig umziehst. Sie kommen in einer halben Stunde, und du weißt, daß auch der Admiral zugesagt hat. Es könnte vielleicht doch nicht ohne Wichtigkeit für dich sein … er hat sehr viel Einfluß.«

Nun ging er doch quer durch den Raum bis zur Schwelle und löschte das Licht. Dann faßte er sie sanft bei den Armen, drehte sie um und schob sie in den Flur. Ihre kühle Haut war ihm fast so fremd wie die einer Toten. »Setze deinen Nelson auf meinen Globus«, sagte er, »und dann kniet vor ihm nieder und betet ihn an, ihn und seine Einflüsse. Mich aber ekelt vor allen diesen Gespenstern, verstehst du? Wer das Spiel verloren hat, soll es zugeben, wie ich es zugebe, und nicht behaupten, beteuern und beschwören, daß falsch gespielt worden sei.«

»Ach, Thomas«, sagte sie und lächelte über die Schulter zurück, »was bist du doch für ein unvorstellbarer Narr …«

Er schloß die Tür, aber der Raum war nun nicht mehr derselbe. Eine Straßenlampe warf ihr unruhiges Licht herein, und der Schatten des Globus lag als ein schwarzer Kreis auf den Bücherwänden. »So ist es«, murmelte er, »eine dunkle Erde, aber sie beleuchten sie mit ihren Eitelkeiten … wer eine Schlacht verloren hat, sollte schweigsam werden, und wir alle haben mehr verloren als eine Schlacht.«

Er lauschte auf das Klirren von Gläsern und Bestecken in einem fernen Raum. Dann trat er vorsichtig in den Flur, nahm Mantel und Hut und öffnete leise die Tür zum Kinderzimmer.

Die Schwester saß auf dem Bettrand und versuchte, ein kleines Holzschiff unter der Decke hervorzuziehen. Aber die kleinen Hände des Jungen hielten es am anderen Ende fest.

Beide Gesichter wendeten sich ihm zu, das errötende der Schwester und das zornige des Kindes. Er blieb stehen und betrachtete es schweigend. Ja, es war sein Gesicht. Noch einmal wiederholt aus einer Unsumme von Möglichkeiten. Leise abgewandelt, fester in der Stirn, härter in den Lippen, aber doch wiederholt. Sein Gesicht und nicht das andere. Die Zukunft, das einzig aus dem Kriege Gerettete.

»Was ist, Joachim?« fragte er, noch immer ernst.

Die Schwester öffnete die Lippen, aber schon hatte eine kleine, braune, zerschrammte Hand sich über sie gelegt. »Schwester Beate sagt«, rief die helle Stimme, »daß man mit einem Kriegsschiff nicht schlafen geht, und ich habe gesagt, daß der Sohn eines Kapitäns mit zwanzig Kriegsschiffen schlafen gehen kann. Sag ihr, daß das recht ist, Vater!«

Thomas trat ans Bett und griff nach dem plumpen Spielzeug. Die feindlichen Hände ließen gehorsam los, und er hob es vor die Augen wie vorher das alte Buch. »Der Sohn eines Kapitäns kann in einem Kriegsschiff schlafen, Joachim, oder auch unter einem Kriegsschiff, aber mit einem Kriegsschiff schlafen, glaube ich, nur kleine Mädchen, die es für eine Puppe halten. Ein Junge stellt sein Schiff auf den Schrank, dort, wo die Morgensonne es trifft, und wenn er aufwacht, dann steht es da und ruft ihn zu seinem Dienst, nicht wahr?«

Er sah, wie die Haut über der jungen Stirn sich faltete in der Anstrengung, jedes Wort zu verstehen, und er wendete sich mit dem kleinen Schiff in der Hand zum Spielzeugschrank, um seine Bewegung zu verbergen. Man hatte im Kriege selten Kinder gesehen.

»Du bist der klügste Mann auf dieser Erde, Vater«, sagte Joachim tief aufatmend, mit zweifelloser Sicherheit.

»Nicht ganz, Joachim, aber wenigstens nicht der dümmste … und jetzt wird geschlafen, nicht wahr?«

» Allright, Vater. Luken dicht und gepennt … sagt man so?«

»Ja, so sagt man.«

»Und wohin gehst du jetzt, Vater? Bleibst du nicht, wenn der Admiral kommt?«

»Nein, ich habe viele Admirale in meinem Leben gesehen. Ich muß jetzt etwas suchen gehen.«

»Was willst du suchen?«

»Das wirst du später sehen. Erst wenn man gefunden hat, soll man sagen, was man gesucht hat. Gebetet?«

»Ja, Herr Kapitän«, sagte die Schwester und zog die Decke zurecht.

Seine Gedanken gingen schon wieder fort. »Später, Schwester«, sagte er, »können Sie den Psalm mit ihm beten, in dem der Vers steht: ›Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.‹ Das ist ein gutes Gebet … ich habe es erst heute gefunden …«

Ihre Augen, die ihn ansahen, füllten sich langsam mit Tränen, aber er stand schon an der Tür und winkte mit der Hand. »Wissen Sie, daß es eine Grabschrift auf Ihren Namen gibt, Schwester Beate?« fragte er. »Hören Sie zu:

›Hier ruhet, die Beate heißen sollte,

und lieber sein als heißen wollte.‹

Ja, von Lessing sogar. Ich habe es neulich gefunden … ›und lieber sein als heißen wollte …‹ Nun gute Nacht und schlaft wohl!«

Er lächelte sein zerstreutes Lächeln und schloß leise die Tür hinter sich.

Draußen blieb er eine Weile unter den Kiefern des Vorgartens stehen und sah zu den ersten Sternen auf. Immer noch war er auf dem Meer und suchte die leitenden Bilder über dem Horizont. Ein Unglück, daß sie schon zu Anfang des Krieges in diese Stadt gezogen war, aber der Hafen war ihr verhaßt gewesen, von Anfang an. Sie hatte das Meer niemals geliebt, die großen Winde, das streng in den Rahmen des Dienstes gespannte Leben. Sie hatte seine Uniform geliebt und ihren Traum, daß er in jungen Jahren Flottenchef werden würde.

Er ging nun schon die Straße zur Untergrundbahn entlang. Nein, so war es doch wohl nicht gerecht … Liebe war gewesen, aber ohne Prüfung und Leid, das war es. Sie alle hatten das Leben ja genommen wie Früchte von einem guten Baum. Der liebe Gott hatte ihn in ihren Garten gestellt, und sie pflückten und aßen. Wehe dem, der zu sagen wagte, daß sie es nicht verdienten! Und doch verdienten sie es nicht, keiner von ihnen. Der Ausgang hatte es bewiesen und auch das, wie sie es nun hinnahmen. Ohne Würde, und wer ohne Würde ist, ist ohne Wert.

Man muß fort, dachte er, wie aus einer Peststadt. Sie wird nicht mitgehen, aber ich muß fort. Ich will nicht einer dieser »unbesiegten Helden« werden. Ich weiß, bei Gott, wie besiegt ich bin, mehr als sie ahnen … nur das Kind, das Kind …

Er stand schon in dem kühlen Tunnel und starrte auf die Fahrkarte in seiner Hand. Ein ungeheurer Preis war quer über das braune Blatt gedruckt … woher nahm sie all das Geld? Für das Haus, die Mädchen, die Schwester? »Es ist eines Offiziers unwürdig, an der Börse zu spielen.« Hieß es nicht so? Aber sie spielte sicherlich Tag und Nacht. Nicht nur Admirale waren unter ihren Gästen. Die alten Götter stürzten, Stunde für Stunde. Ein unvorstellbarer Narr, das war er sicherlich.

Und weshalb wartete er nur auf einen dieser Züge? Auf diese donnernden Ungetüme mit ihrem grellen Licht, ihrer verbrauchten Luft und den verwüsteten Gesichtern, die geradeaus ins Leere starrten? Weshalb wartete er fast jeden Abend auf sie, um ziellos und sinnlos durch diese Stadt zu fahren, die er haßte? Stunde für Stunde, kreuz und quer? Mit der Stadtbahn, dem Autobus, der Straßenbahn? Durch die Elendsviertel und die Paläste (aber sie waren elender als jene), die Augen von Gesicht zu Gesicht wendend, als suchten sie etwas schrecklich Verlorenes? Konnte er nicht mehr ertragen, allein zu sein, oder tat er es gerade, um allein zu sein, hoffnungslos allein unter Verfluchten und Verlorenen? Die anderen kauften Rauschgifte; an dunklen Straßenecken, finsteren Torwegen konnte man sie haben. Und er fuhr und fuhr, stieg aus und fuhr wieder weiter, berauschter als sie alle, aber doch mit der eiskalten Angst im Herzen, es könnte ihm entgehen, es könnte nicht gefunden werden, was er suchte: ein Gesicht, eine Erkenntnis, der Friede … er wußte es nicht.

»Nun, auch das wird ein Ende haben«, sagte er laut. Er sprach nun manchmal mit sich selbst.

Er hatte nicht auf das beleuchtete Schild gesehen und wußte nun nicht, wohin der Zug ihn führte. Er wollte es auch nicht wissen. Er saß in seiner Ecke, sauber und gerade, und ließ wie immer die Blicke von Gesicht zu Gesicht wandern. Manche waren ihm nun längst bekannt: Der Mann mit dem Holzbein und den Schnürsenkeln, der nachher an der großen Kirche stand; die Schauspielerin, die zu ihrer Vorstellung fuhr und aus deren erloschenem Gesicht zu lesen war, daß sie an diesem Abend zum hundertsten- oder zweihundertstenmal dieselbe Rolle spielte; das Fabrikmädchen mit der roten Schleife und die alte Exzellenz, an der alles leise und unaufhörlich zitterte, außer dem Monokel, das wie vor einem Totenauge schimmerte.

Die Türen wurden geöffnet und wieder zugeschlagen, wie Fallen, die sich hinter Gefangenen schlossen. Dann heulte der Motor auf, und die unterirdischen Lampen zogen wie ein zerrissenes Band vorüber. Mitunter hob sich der Zug, Schächte und Fenster sprangen aus verwitterten Hauswänden, und der Fetzen einer Lichtreklame schoß wie auf der Flucht die Dächer hinauf. Dann donnerten wieder die Tunnelwände, Kellerluft strömte durch die halbgeöffneten Fenster, und weiße Gesichter erschienen an den Scheiben, wie tote Fische hinter Glaswänden, von unsichtbaren Strömungen auf und ab getrieben.

Mitunter sah Thomas eine Matrosenuniform, ins Bürgerliche verwahrlost abgewandelt, und er betrachtete sie aus halbgeschlossenen Augen. Den empörerischen Triumph in dem Gesicht darüber, auf dessen Grunde doch auch nur das Verlassensein hauste, die Sehnsucht, zu vielen solchen Gesichtern zu finden, zu einer schutzgebenden Masse, in der es untertauchen konnte, geborgen in der Namenlosigkeit.

Nun waren sie schon ausgestiegen, zu ihrer Arbeit oder der bloßen Füllung leerer Stunden: der Mann mit dem Holzbein, die Schauspielerin, die Exzellenz. Der Zug brauste dem Norden zu, und andere Gesichter tauchten auf, verhärmte, verdorbene, verwüstete. Es war, als schlinge der Zug die Ernte der letzten Jahre in sich hinein, zu dürren Garben hastig gebunden: Mütter, die vor sich hin wie auf Gräber starrten, auf eingesunkene und verfallene Kreuze; Kinder, die für eine gestohlene Stunde beim Haß oder beim Laster zu Gast gewesen waren; Fremde, die auf schmutzige Blätter unleserliche Zeichen malten; und Krüppel, viele Krüppel, die Blutzeugen der großen Opferung, die stumpf oder voll Haß auf die Gesunden blickten; denen man gesagt hatte, daß sie Helden seien, und die in den Blicken der anderen nun zu lesen glaubten, daß man sie für arme Narren hielt, ein unbequemes Heer, das nun mitzuschleppen war auf dem Wege zu einem neuen Ziel.

Thomas schloß die Augen. Er war gesund, aufrecht, gut gekleidet. Er war wie ein Mann in einem Totensaal, der aufstehen und davongehen konnte, indes die anderen sich haßvoll auf ihrem Lager krümmten und mit halb verwesten Gliedern ihn festzuhalten suchten. Alle hatten zu sterben oder keiner von ihnen. Niemand hatte reich zu sein, und wer gesund war, war ein Räuber.

»Der Herr hat ein Rendezvous?« fragte ein Mann, der ihm gegenübersaß. Die Haut über seinem verzehrten Gesicht war so dünn gespannt wie über einem Drahtgestell, und Thomas dachte, daß es einen hellen Ton geben müßte, wenn der Finger des Todes anpochte bei ihm. Aber der Klang der Frage war böse, hohnvoll und von dem Haß des Geschlagenen erfüllt.

»Ja, mit dem Engel«, sagte Thomas schnell.

Der Blick des andern verwirrte sich und lief die Fensterreihe entlang, über der in läppischen Versen die Unfallwarnungen standen. Dann kehrte er langsam zurück. »Es gibt keine Engel mehr«, sagte er, und seine Stimme war nun müde und hoffnungslos.

Die Bremsen setzten ein, und Thomas stand auf. »Doch«, sagte er im Vorbeigehen, »es gibt noch Engel … nur haben sie eine Rüstung an …«

»Verschüttet gewesen«, murmelte eine Stimme, als Thomas ausstieg.

Er bog in eine der Nebenstraßen ein, die wie ein unendlicher Schacht in eine ferne Wüste zu laufen schien. Ein grünlicher Mond hing über den Dächern, fragwürdig wie alles Licht in dieser Stadt. Die Tritte der Menschen hallten an den Wänden empor, und man hörte diejenigen heraus, die noch auf Holzsohlen gingen. Das Licht hinter den Fenstern war trübe, und wenn ein Torweg sich auf die Hinterhöfe öffnete, wehte es dumpf heraus wie von einem Friedhof, auf dem die Kränze welkten. Grammophone kreischten aus der Ferne, erstickt wie unter nassen Tüchern, und ganz weit vor ihm, hoch über unsichtbaren Dächern, raste ein zerrissener Kreis, bald grün, bald rot erstrahlend, um seine Achse. Er sah aus wie ein verstümmeltes Signal aus der Unendlichkeit.

Die Hände in den Taschen, den Hut zurückgeschoben, ging Thomas die Straße hinunter. Diese und die nächste und wieder die nächste. Plätze leuchteten auf und blieben zurück, Gärten hinter bröckelnden Mauern, ein Schienenstrang, ein Autobus, der wie ein feuriger Drache in einer Höhle verschwand. Er liebte es, so zu gehen. Er hatte nicht Freude daran. Er war nur wie ein Schiff vor dem Winde. Fünf Jahre waren vertan. Der Krieg war die Probe gewesen, und er hatte nicht bestanden. Viele hatten nicht bestanden, aber das tröstete ihn nicht. Nur, er wollte von neuem anfangen, und das unterschied ihn von vielen. Er wußte noch nicht, wo es beginnen würde, aber er hoffte, ihm zu begegnen. Hier vielleicht, und wenn nicht hier, dann an einer anderen Stelle. Er wußte, daß andere studierten oder in einer Bank arbeiteten oder in einer Fabrik. Aber das wollte er nicht, weil es kein neuer Anfang war. Sie hatten ihn über Bord geworfen, als er nach der Flagge gefaßt hatte. Das Meer war über ihm zusammengeschlagen, und er war nur durch ein Wunder gerettet worden. Der Engel hatte ihn angeblickt und war weitergegangen, aber er würde ihm wieder begegnen. Vielleicht an der nächsten Straßenecke, wo das weiße Schild über dem Bürgersteig leuchtete. Vielleicht vor der Erdkugel, die vor seinen Büchern stand, vielleicht erst im Angesicht des Todes. Aber er würde ihm begegnen.

Er sah an den matten Sternen, daß er nach Osten ging, und er merkte es an dem Gesicht der Stadt. Härter als in den andern Vierteln hatte der Krieg hier regiert. Die Häuser waren wie vom Aussatz zerfressen, die Fenster erblindet, die Gesichter verwüstet, und was aus den Torwegen sich auf die Straße schlich, hatte fahle Stirnen und einen leisen Schritt, wie über verlassenen Schlachtfeldern. Mädchen sprachen ihn an und folgten ihm eine Weile, und es war ihm, als könnte man durch ihre Augen hindurchsehen ins Bodenlose. Selten empfing er ein böses oder rohes Wort, und auch dies klang nur wie hinter einer zugeschlagenen Tür. Er fürchtete sich nicht, denn er besaß nichts. Er war so allein wie diese Ausgestoßenen aus Kellern und Hinterhöfen, und was sie ihm zum Besitz rechneten, war ihm so schal, wie ihnen die Luft, die sie atmeten.

Er wollte sie weder prüfen noch bekehren. Er wollte nur eine Welt erfahren, die er nicht kannte. Was sie in seinem Hause hinter den dunklen Vorhängen sprachen und dachten und begehrten, kannte er alles. Weder Brot noch Wein würde ihm daraus wachsen. Aber dies hier kannte er nicht, und er wollte alles kennen, die ganze Erde, wie sie rund und schweigend vor seiner Bücherwand schwebte. Gefecht und Schlacht, Tod und Zerstörung, das konnte nicht alles sein. Irgendwo schleiften die zerrissenen Zügel dieses Wagens über die Erde, und so lange mußte man gehen, bis sie über einen hinwegfegten und man versuchen konnte, ein Stück zu ergreifen. Den Sinn mußte man zu finden suchen; nicht das Ganze, die Lösung, das Letzte, aber ein Stückchen Sinn, den Schimmer eines Planes, und dann wollte man in Gottes Namen noch einmal anfangen.

Der Weg führte über eine Brücke, die sich hoch und weit über Schienenstränge spannte. Im Osten erloschen die Lichter allmählich in der Nacht, und er sah die Fernzüge hineinbrausen in die schweigende Schwärze, die schon über Äckern und Wäldern stand. Im Westen aber schoben die Signale sich dicht zusammen, weiße, rote und grüne Lichter, wie in einer Hafeneinfahrt. Ein leiser Wind ging über seine Hände, die auf dem kalten Eisen des Geländers lagen, und es war nun alles wieder wie vor fremden Küsten, mit halbgelöschten Feuern, wo man nach trügerischen Lichtsektoren steuerte und der Tod, schweigend, aber wachsam, unter den Sternen hing.

Dann saß er auf dem Verdeck eines Autobusses. Die Lichtreklamen wurden zahlreicher, wilder und gehetzter, die Straßen belebten sich, Portiers standen wie Könige in Marmoreingängen, und über die Köpfe der Menge hoben sich farbige Arme mit Zeitungen, und heisere Stimmen schrien die Ernte des Tages aus, die Kurse, die Morde, die Streiks, die Revolutionen.

Thomas stieg aus und ließ sich treiben. Die Menge schluckte ihn auf wie der Strom einen Tropfen. Krüppel kauerten an den Gittern der Vorgärten, und ihre eintönigen Verse fielen wie stumpfe Messer in die Menge. Geld klirrte, und die meisten Hände fuhren schnell zurück, als hätten sie sich losgekauft von dem steinernen Antlitz des Krieges, das immer noch über die Dächer hinunterstarrte. Die breiten Hüte der Heilsarmee tauchten ab und zu aus lichtüberfluteten Eingängen auf, und die Gesichter darunter blickten still und wie entrückt, als hätten sie schon auf der Schwelle Hohn oder Mitleid abgestreift, die sie dort innen empfangen hatten.

Einen Augenblick lang lächelte Thomas, als ihm der Gedanke kam, was sie für Gesichter machen würden, wenn er zu Hause als Offizier dieser Heilstruppe erscheinen würde. Thomas, der Leutnant Gottes. Gott war fortgegangen, aber die Propheten kamen. Aus allen Kellerhöhlen stiegen sie empor, auf den Tribünen hoben sie die nackten, verzehrten Arme, in den Parlamenten beschworen sie das Reich der Liebe, aus den Sternen rissen sie Weisheit und Schicksal: aber der Engel war fort, der einzige, der die Lose trug und wußte.

Ein Polizist mit weißen Handschuhen sperrte die Kreuzung. Jemand rief Thomas an, und er trat unlustig an den haltenden Wagen. Ein Kamerad von seinem letzten Schiff, und er rückte zur Seite, um ihm Platz zu machen. Aber Thomas schüttelte den Kopf. Nein, eine Bar sei nichts für ihn, er wolle noch in der frischen Luft bleiben. Was er denn treibe? Oh … nichts … er warte. Der andere lächelte: »Solltest zu mir auf die Bank kommen, Thomas«, sagte er. »Geld wird dort verdient, sage ich dir, und das Ganze ist so wie ein Nachtgefecht. Du weißt nie, wie du herauskommst, aber wenn du herauskommst, hat es gelohnt. Soll ich dir einen Tip geben, Thomas? Macht mehr aus als deine Pension für ein Jahr!«

Nein, auch dafür dankte Thomas. Die Straße wurde frei, und der Wagen fuhr langsam an. »Mach's gut, Thomas! Bis zum nächsten Orlog …«

Eine Weile blickte er dem Wagen nach, dann bog er die nächste Straße zur Stadtbahn ein. Ihn verlangte plötzlich, den Strom zu sehen, dunkles Wasser, in dem die Masten sich spiegelten und über dem die Sterne standen. Nein, der Erfolg konnte nicht das Letzte sein. Auch Spieler hatten Erfolg, aber ihr Leben ging nicht in die Bücher ein, aus denen Kinder lernen, wie man leben soll. Ein guter Offizier war jener gewesen und ein guter Kamerad, aber wenn man die Uniform auszog, mußte man wohl mehr sein als dies. Das Leben verlangte mehr, als ein Kriegsschiff verlangt. Ungewißheit überfiel ihn wieder, und im Augenblick dachte er, daß es gut sein müßte, Adressen zu schreiben oder Pakete auszutragen, irgend etwas, das das Blut in den Fingern bewegen würde. Es gab keine Feierjahre für junge Hände.

Er blieb an einem Blumenladen stehen und starrte auf die Gläser mit Treibhausflieder. Wenn ich geschossen hätte, grübelte er, so würden sie mich erschlagen haben, und alles würde gut sein … eine Sekunde versäumt, nein, eine halbe Sekunde … die Entscheidung verpaßt, das ist es, weshalb der Engel nicht kommt …

In der Stadtbahn saß ein alter Mann ihm gegenüber, der auf ein Blatt Papier starrte, das mit Kreisen und Zeichen bedeckt war. Sein Haar fiel bis zum Rockkragen, und seine Füße steckten in wunderlichen, vielfach geflickten Reformschuhen. Wie reich und geduldig ist diese Zeit, dachte Thomas. Sollte sie nicht auch für mich einen Platz und ein Ziel haben? Man muß nur warten, bis die Magnetnadel zu beben beginnt …

Der Mann sah seufzend auf und blickte Thomas an. Er hatte gute Augen, von einem etwas wässerigen Braun, leise erstaunt und viel geprüft, und Thomas dachte, daß eine Kuh so vor sich hinsehen könnte, wenn sie außer der Reihe gemolken würde. Doch mißfiel ihm der Vergleich sofort, und er tadelte sich, daß er so über Menschen urteile.

Doch da hob der Mann den Zeigefinger der rechten Hand und sagte flüsternd: »Steinbock, nicht wahr? Dreiundzwanzigsten Dezember bis dreiundzwanzigsten Januar, ja?«

Aber Thomas vergaß seine guten Vorsätze über dem Formlosen und Vertraulichen der Ansprache. »Nein«, erwiderte er schroff und wechselte den Platz.

Der Sternkundige stieg an der nächsten Haltestelle aus, und als er die Türen öffnete, beugte er sich ohne Kränkung zu Thomas und flüsterte hinter der vorgehaltenen Hand: »Die Knie sind bedenklich beim Steinbock … sehr gefährlich … immer schön auf die Knie achten, mein Herr!« Er lächelte freundlich, hob noch einmal mahnend den Zeigefinger und verschwand.

Die Straße senkte sich leicht zum Strom, und als Thomas die Stufen zum Bollwerk hinunterschritt, dachte er an seine Knie und lächelte. Dann ging er langsam am Wasser entlang.

Die Flut zog dunkel und träge dahin, mit zitternden Sternbildern, die auf der gleichen Stelle verharrten. Kähne lagen an der Mauer vertäut, die Deckplanken glänzten, und die Bordlaternen leuchteten über Tauwerk und Holz. Mitunter bellten die Wachhunde, zuerst einzeln und dann den ganzen Strom entlang. Dann war nur wieder das Wasser zu hören und der leichte Wind, der durch das Geäst der Birken zog.

»Wasser müßte es doch sein«, sagte Thomas, »nur stiller als das Meer … ich möchte keine Brandung mehr hören.«

Auf einem der Uferpfähle saß er dann lange, rauchte und hielt dann die Hände müßig zwischen den Knien gefaltet. Die Luft war warm, und es roch nach Erlen und Schilf. In der Ferne glitten die glühenden Bänder der Züge durch die Nacht, fast ohne Lärm, wie schöne Schnüre. Der Himmel war hell, wie bestickte Seide, und einmal meinte er ganz weit Wildgänse ziehen zu hören. Er vergaß nun alles, die letzten Stunden und die mühsamen Jahre. Wie ein Bauer auf seinem Grenzstein saß er da und hörte zu, wie die Erde sich regte. Dies war ihnen allen doch geblieben, wieviel der Brand auch verzehrt haben mochte: die Füße still auf der kühlen Erde zu halten und zu sehen, wie die Sterne kreisten. Auch Joachim sollte das lernen, sobald wie möglich, ehe sie ihn verdarben mit ihrer fraglichen Wissenschaft.

Erst als ihn zu frieren begann, stand er auf. Die Laternen brannten immer noch, und ein dünner Nebel hing müde über dem Wasser. Die nahe Stadt sah aus, als sei sie nur zu Gast bei diesem Strom.

Niemand sprach ihn mehr an auf der Heimfahrt, und dann ging er auf Umwegen nach Hause, damit die Gäste schon fort wären, wenn er käme. Doch fand er alle Fenster noch hell und kehrte noch einmal um. Vom nahen Kirchturm schlug es Mitternacht, und er hörte zu, wie der letzte Klang in immer dünner werdenden Wellen verging. Dann fiel ihm etwas ein, und er ging schnell die wenigen Straßen zur Kirche hin. Der Turm stand dunkel in der hellen Nacht, aber im Predigerhaus, hinter dem großen Garten, waren zwei Fenster noch erleuchtet.

Thomas stieg über den niedrigen Zaun und ging auf das Licht zu. Die Fenster lagen zu ebener Erde, und als der Kies unter seinen Schuhen knirschte, trat oben ein Mann ins Licht. Er war dunkel gekleidet, und Thomas meinte noch niemals einen so großen, schweren Menschen gesehen zu haben. Er war noch nicht in der Kirche gewesen.

»Es ist spät, Herr Pfarrer«, sagte er, »aber ich würde Sie gern noch gesprochen haben.«

Der Geistliche beugte sich schweigend vor, um das beleuchtete Gesicht zu erkennen. Dann trat er wortlos zurück, und Thomas hörte ihn die kurze Treppe herunterkommen, bis er die Haustür aufschloß. »Treten Sie leise auf«, sagte er, »sie schlafen schon alle.«

Der große Raum war nur mit Büchern gefüllt. Ein bäuerlicher Christus aus grauem Holz hing lebensgroß zwischen den Fenstern. Thomas setzte sich nicht ohne Verwirrung, weil das Ausmaß der Figur ihn erschreckte. Doch ließ der Pfarrer sich nichts merken und sah ihn nur ruhig an. »Es kommen manche um diese Zeit«, sagte er, »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ich weiß dann wenigstens, daß es ernst ist.«

Nun erst sah Thomas ihn an. Sein Vater noch mochte hinter dem Pflug hergegangen sein, aber es war wohl ein grüblerischer Gang gewesen, und in diesem Sohn war es nun ausgebrochen. Stirn und Mund waren zersorgt und zerquält, aber über dem glatten grauen Haar mochte doch zu Zeiten derselbe Schein stehen wie über dem Holzbild an der Wand. Das Gesicht war zugeschlossen, aber die Augen sahen ihn nicht ohne Freundlichkeit an, alte und vielwissende Augen, und Thomas fühlte sich jung und töricht unter ihrem Blick.

Er seufzte, bevor er begann. »Ich bin kein Kirchengänger, Herr Pfarrer«, sagte er entschuldigend.

Der andere erhob nur die Hand. »Wir wollen von den wichtigen Dingen sprechen«, unterbrach er.

»Auch die Bibel habe ich lange nicht gelesen«, fuhr Thomas fort, »seit meiner Einsegnung nicht. Der Dienst war schwer, und es wollte nie recht zusammenstimmen … Heute nun fand ich unter meinen Büchern den Psalter, eine ganz alte Ausgabe, groß gedruckt, durch eine Erbschaft während des Krieges zu mir gekommen. Ich habe darin geblättert und fand den neunzigsten Psalm. Ich entsann mich wieder auf das meiste wenigstens, aber ein Vers war mir unbekannt. Als Kind liest man darüber hinweg, und auf Kinder trifft er ja nicht zu. ›Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz‹, steht dort geschrieben. Zuerst las ich weiter, als sei es wie das übrige, aber dann kehrte ich gleich wieder zurück und las ihn noch einmal. Und dann las ich nicht mehr weiter … es war wie ein Mast, der über einen stürzt, und man kann nicht aufstehen unter ihm …«

Der Pfarrer nickte. Er hatte den Kopf in die rechte Hand gestützt und Thomas unbeweglich angesehen. »Ja«, sagte er, »Sie werden das natürlich als einen Zufall bezeichnen, daß Sie gerade dies gelesen haben. Ich selbst, wenn es mir widerfährt – und es widerfährt mir oft –, ich sehe es natürlich anders an. Ich weiß dann, daß ein solcher Vers gewartet hat, bis es Zeit geworden ist. Verstehen Sie? Es ist nicht so, daß ein Mensch für sich lebt und ein Vers wieder für sich, und vielleicht kreuzen ihre Wege sich einmal. Sondern es ist so, für mich natürlich nur, daß der Vers auf seinen Menschen wartet und der Mensch auf seinen Vers. Aber wenn es sich erfüllt hat, ein bestimmtes Stück der Lebensbahn, ein Sturz oder ein Aufstieg, oder auch nur eine bestimmte Düsternis und Verwirrung, dann ist der Vers da. Er schlägt gewissermaßen das Buch auf, er selbst, er enthüllt sich, er stellt sich auf den Weg. Und dann kann man nicht herumgehen oder ausweichen. Er ist wie Eisen, das zuschlägt. Er hat uns … ist es nicht so?«

»Ja«, sagte Thomas leise, »er hat uns … so ist es.«

»Und nun soll ich Ihnen sagen, was Sie damit anfangen sollen, nicht? Der Vers bedrückt Sie, er ist wie ein leiser, dumpfer Schmerz, der immer da ist. Sie lesen etwas anderes, oder Sie gehen spazieren, viele Stunden lang, am Tage oder lieber in der Nacht. Oder Sie denken an Skagerrak oder an das Ende. Aber er geht immer mit Ihnen, er ist nicht mehr außen, in einem Buch, das in Ihrem Hause bleibt, wenn Sie das Haus verlassen. Er ist schon in Ihnen, in Ihrem Blut, ganz tief. Sie sind nicht mehr sein Herr.«

»Ja«, sagte Thomas, »so ist es.«

»Sie müssen es nun so ansehen«, fuhr der Pfarrer fort, »oder vielmehr, es ist wohl richtig, wenn Sie es so ansehen: Der Vers hat das Seine getan, er hat sich gleichsam vom Tode auferweckt, er ist für Sie auferstanden. Und nun fragt sich, ob Sie das Ihre tun wollen. Ich will es nicht ›auferstehen‹ nennen, denn das ist ein sehr großes Wort. Es fragt sich, ob Sie den Vers wieder begraben wollen, ihn erwürgen und zuschütten … ja, ich sagte, ›erwürgen‹! Dann rührt er sich noch eine Weile, so wie das Kind bei Tolstoj, wissen Sie? In der Nacht, wenn Sie aus einem Traum auffahren, oder in einer Gesellschaft, oder vielleicht, wenn Sie Ihren Jungen ansehen. Aber dann ist er still, so still wie vorher. Er hat angeklopft, und Sie haben nicht aufgemacht. Sie haben die Hunde auf ihn gehetzt, und er ist tot. Für sie ist er tot, ewig und unabänderlich.

Das ist der eine Weg. Der andere ist ebenso klar, nämlich, daß auch Sie nun das Ihrige tun, nicht wahr? Daß Sie eben aufhören damit, Ihre Jahre zuzubringen wie ein Geschwätz. Und wenn Sie das tun, dann ist der Vers still. Das heißt, seine Mahnung ist still, sein Vorwurf, seine Klage. Er trifft nicht mehr zu für Sie, Sie haben ihn erlöst. Im Märchen wird aus einem Drachen eine Prinzessin. Im Leben ist es so, daß man eben aufhört, so zu sein. Daß man anders wird, kein Heiliger, und kein Prophet, aber eben anders, nicht?«

»Ja«, sagte Thomas, »aber wenn man nun das nicht so ohne weiteres kann … fromm werden, meine ich, oder glauben, oder wie man es nennt …«

»Fromm werden? Glauben?« Der Pfarrer beugte sich vor und sah ihn erstaunt an. »Wie kommen Sie darauf? Arbeiten soll man, arbeiten! Verstehen Sie? Nichts als arbeiten! Das heißt es.«

»Aber Sie als Pfarrer …«

Der schwere Mann stand auf und trat vor das riesige Christusbild. Er war ebenso groß wie das Bildwerk, und sie sahen einander aus gleicher Höhe in die Augen. »Dieser hier«, sagte der Pfarrer leise, sich halb umwendend, »wird mir verzeihen, daß ich seinen Namen so selten nenne. Daß ich nur von dem einen spreche, das uns heute not tut, von der Arbeit. Auch in der Kirche, gerade in der Kirche. Vier Jahre haben wir seinen Namen mißbraucht, nun wollen wir ihn vier Jahre verschweigen. Wir haben getötet, und nun wollen wir arbeiten, schwer und keuchend und schweißbedeckt, nichts als arbeiten. Und dann wollen wir sehen, ob wir wieder würdig sind, seinen geliebten Namen auszusprechen.«

»Und wie arbeiten, Herr Pfarrer? Welche Arbeit? Ich selbst, ich …«

Der Pfarrer hob die Hand. Er stand nun mit dem Rücken gegen das Fenster, als sei er eben aus dem Dunkel der Nacht herausgestiegen, ein Bauer, den seine Felder nicht schlafen lassen. »In dieser Gemeinde«, sagte er, »wohnen Minister und Straßenkehrer. Beide kommen nicht in die Kirche, aber beide arbeiten, und beider Arbeit ist mir gleich wert. Die eine kann ich sehen, wenn ich aus dem Hause trete, die andere kann ich nicht sehen, ich errate sie höchstens oder lese in der Zeitung davon. Ich glaube auch, daß der Straßenkehrer glücklicher ist mit seiner Arbeit als der Minister. Er hat seinen Abschnitt, seinen Besen und seine Karre. Er hat seine Grenzen, über die ihm keiner hereinkommt. Das hat der andere nicht. Und ein Pferdeapfel ist leichter zu beseitigen als Intrigen oder politische Feindschaft oder was sie sonst wollen. Aber außerdem kann der Straßenkehrer immer hoffen, einmal Minister zu werden, während jener keinen Stern hat, den er aus dem Himmel herunterholen könnte. Aber das ist alles gleich, ganz gleich. Sie dürfen nicht fragen: ›Welche Arbeit?‹ Sehen Sie meinen Tisch an! Sehen Sie die Briefe! Dutzende, Hunderte von Briefen, mit Blut geschrieben, ja, ich sage es ausdrücklich: ›Mit Blut geschrieben!‹ Wissen Sie nicht, wie Gott uns geschlagen hat? Furchtbar und erbarmungslos geschlagen? Ach …« Er hob die Hände und rang sie über seinem grauen Haar, und für einen Augenblick war sein Gesicht verzweifelter als das des grauen Bildes an der Wand.

Aber dann ließ er die Hände sinken und lächelte wie zur Abbitte. »Es ist nur manchmal«, sagte er, »und geht gleich vorbei … ich sehe Ihnen schon lange zu, fast fünf Jahre, Herr von Orla. In dieser Gemeinde bleibt ja nichts verborgen. Wie Sie mit Ihrem Jungen gehen und wie Sie allein gehen, lange und viel allein. Aber ich war immer getrost, wenn ich an Sie dachte. Er trifft seinen Engel schon, habe ich gedacht. Wer so viel geht, trifft ihn schon einmal. Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, das sind so neumodische Dinge. Wenn die Kirchen leer sind, wandern die Pfarrer in die Häuser, um Eintrittskarten zu verschenken. Nein, nein. Die Bauern warten auch, bis man kommt. Aber Sie wollen ja auch nicht das ›Wort Gottes‹, wie es so heißt. Sie wollten nur eine Bestätigung, daß es nicht recht ist mit Ihrem Leben. Und Sie haben gedacht, ein Pfarrer, wenn er um Mitternacht noch auf ist, vielleicht weiß er es …«

»Ich war schon an meinem Hause«, sagte Thomas, »und erst als ich sah, daß die Fenster noch alle hell waren und die Wagen unten hielten, bin ich umgekehrt.«

»Ja, sie leben wie Belsazar und seine Knechte … immer war das so in solchen Zeiten … man soll nicht schelten, man soll nur immer dasein, immer dasein …« Er legte den Kopf an die Lehne seines Stuhles und schloß die Augen. Jede Linie des Gesichtes erstarb in erschreckender Müdigkeit.

Thomas stand leise auf. »Ich danke Ihnen, Herr Pfarrer«, sagte er.

»Danken soll man erst, wenn man beim Morgenlicht nicht bereut, Herr von Orla. Und auch dann ist es meistens überflüssig. Es kommt uns nämlich nicht zu, verstehen Sie? Sehr wenigen kommt es zu, und ich bin nicht einer von den wenigen.«

Er brachte ihn noch ans Gartentor, schloß hinter ihm zu und sah einmal zu den Sternen auf. »Ich war heute bei einem Mörder«, sagte er halb im Fortgehen. »Ja, Sie dürfen nicht erschrecken, das sind so meine Pflichten … Morgen wird er hingerichtet. Ich saß eine Stunde bei ihm und habe gebetet. Allein, denn er wollte nicht beten. Er wollte auch nicht sprechen, kein Wort. Aber ich dachte, vielleicht tut es ihm wohl, daß nun einer da sei außer den furchtbaren Wänden. Aber als ich fortging – der Wärter kam mich holen – und ich noch einmal zurücksah auf seine gekrümmte Gestalt, da richtete er sich auf und sagte: ›Ein Segen, daß es drüben keine Pfarrer geben wird!‹ Ganz freundlich sagte er es … was aber muß ein Stand gesündigt haben, Herr von Orla, daß so etwas gesagt werden kann? Verstehen Sie? Aber es ist nicht der einzige Stand, glauben Sie mir. Keiner von uns weiß, wie er schuldig ist an allem, was geschieht. An allem, hören Sie? Ja, an allem …«

Dann ging er zu den hellen Fenstern zurück, und Thomas sah, wie gebeugt die schweren Schultern waren.

Später müßte Joachim zu ihm, dachte er, langsam die Straße hinuntergehend. Wenn ich einmal arbeite – und es wird sicherlich nicht hier sein –, dann müßte er zu ihm und ab und zu in diesem großen Raum sitzen und ihm zusehen. Wie sein Gesicht lebt unter allen Toten, die um uns sind.

Schwester Beate stand schon in der Wohnungstür, als er die Treppe heraufkam. »Die gnädige Frau ist krank«, flüsterte sie verstört, »ich weiß nicht, was es ist.«

Er ging noch im Mantel hinein. Mit einem schnellen Blick umfing er den großen Raum, die Tische mit Gläsern und Aschenschalen, die Falten in den Teppichen, die geknüllten Kissen in den Sofas und Sesseln. Der abgestandene Zigarettenrauch machte ihm nach der reinen Nachtluft übel. »Öffnen Sie alle Fenster, Schwester«, sagte er leise. Dann ging er zum Kamin, in dem das Feuer noch brannte.

Seine Frau kauerte in einem der tiefen Stühle. Sie hatte die Füße hochgezogen und den Kopf auf die Lehne zurückgelegt. Ihr Gesicht war weiß und erschöpft, mit kleinen Schweißtropfen auf der gefalteten Stirn. Als er die Hand ausstreckte, um sie auf ihr Haar zu legen, öffnete sie die Augen und lächelte. Ihr Blick war trübe und fast bewußtlos, ihr Lächeln wie das einer entstellten Maske. »Tho … mas«, flüsterte sie mühsam. Sie war betrunken.

Seine Hand hielt in der Bewegung inne, und er starrte regungslos in ihr Gesicht. Er fühlte, wie seine Haut kalt wurde und sein Mund sich in einem bitteren Geschmack zusammenzog. »An allem«, ging es ihm durch den Sinn, »ja, an allem …«

Sie trugen sie ins Schlafzimmer, und Thomas schickte die Schwester nach einem Glas aufgewärmter Milch. Er blieb am Fußende des Bettes stehen, bis sie zurückkam. »Eine leichte Vergiftung«, sagte er. »Nach diesem wird es besser werden, verstehen Sie? Wenn es schlechter wird, rufen Sie mich!« Er sah ihr befehlend in die Augen, bis sie verstanden hatte.

»Ich mache es nun schon allein, Herr Kapitän«, sagte sie.

In seinem Zimmer setzte er sich auf das schmale Ruhesofa und stützte den Kopf in die Hände. Er wußte, daß es ohne Hoffnung war. Die Nachernte des Krieges war so erbarmungslos wie seine blutige Zeit. Vor zehn Jahren noch würde er geglaubt haben, mit dem Schiff untergehen zu müssen. Nun glaubte er es nicht mehr. Sein Vater hatte es nie geglaubt. »Ein Mann, Thomas, der sich von einer Frau in den Strudel ziehen läßt, hat aufgehört, ein Mann zu sein!« Sie hatten an der Leiche eines Gespannknechtes gestanden, der sich ertränkt hatte, weil seine Frau ihn betrog. Thomas hatte noch seine Kadettenuniform getragen, aber der Vater hatte ihn mitgenommen, um es ihm zu zeigen. Er sah ihn dastehen, beide Hände auf den Stock gestützt, und über den Toten hinweg auf die grünen Felder blicken. Weiße Wolken zogen wie dunkle Schatten über die junge Saat, und in der Ferne hörte man eine Sense dengeln. »Du wirst dich erinnern, Thomas«, hatte der Vater gesagt. »Es wird eine Zeit kommen, wo euer Leben nicht euch oder den Frauen gehören wird, keinem von euch …«

Nun erinnerte er sich. Es war nicht gut, daß der Vater so früh gestorben war.

Er holte sich ein Kissen und eine Decke aus dem Gastzimmer. Bevor er das Licht löschte, trat er noch einmal an den Globus. Er legte einen Finger auf die Gipfel des Himalaja und schob sie mit leisem Schwung zur Seite. Die große Kugel begann sich leise surrend in ihrem Lager zu drehen, und Gebirge, Ebenen und Meere glitten mit einem flüsternden Ton an seinen Augen vorüber. Tauchten wieder auf und versanken wieder, Farbflecke und ein Netz von Linien, Licht, Dämmerung und Schatten, und er stand vorgebeugt, leise verwundert, als stehe er auf einem fremden Stern und sehe zu, wie die alte Heimat vorüberschwebte, ganz weit, durch den eisigen Weltenraum, und alles Schicksal auf ihr sei so fremd wie ein Märchen aus längst vergangenen Tagen.

Dann wurde die Drehung langsamer und erstarb. Der heimische Erdteil breitete sich vor seinen Blicken aus, und seinem Abbild waren Brand und Verwüstung der letzten Jahre nicht anzusehen. Ruhig lagen die Festländer und Meere, die Ströme spannten sich blau und dünn über die gekrümmte Fläche, und das Bild der Stadt, in der er lebte, lag als ein kleiner dunkler Kreis zwischen Wasser und Wald. Nach Osten aber zogen die großen leeren Ebenen, immer leerer, je weiter seine Blicke ihnen folgten, bis zur verstümmelten Grenze des Reiches, und dort, im wieder gehäuften Blau und Grün der Seen und Wälder, ruhte das Auge noch einmal aus, ehe das Endlose der Krümmung der Kugel verschwand.

2

Thomas war eine Nacht und einen halben Tag gefahren, als er an der kleinen Haltestelle ausstieg. Er holte sein Fahrrad aus dem Gepäckwagen, sah hinter dem Bahnhofsgebäude einmal in seine Karte, machte den Rucksack fest und fuhr die birkengesäumte Straße hinunter, den Wäldern zu, die blau und groß im Süden die Welt verschlossen.

Obwohl das Land nicht unähnlich seiner märkischen Heimat war, schien es ihm doch, als sei er in der Nacht über fremde und riesige Ströme gefahren und als sei dies hier keiner Erde zu vergleichen, die er während seines Lebens betreten hatte.

Indes er fast geräuschlos dahinglitt, von einem sanften seitlichen Winde je nach der Biegung der Straße gehindert oder getrieben, versuchte er zu ergründen, weshalb sein Atem leicht zu gehen schien in dieser Landschaft, obwohl sie doch im ersten Anschauen streng, weit und nicht ohne Düsterkeit sich ihm darbot. Er bemerkte, daß die Luft rauher ging, daß Wachstum und Feldbestellung gegen seine Heimat weit zurückgeblieben waren, daß Häuser und Dörfer ärmlicher, fast liebloser in den umgebenden Raum gebettet waren. Doch schienen wiederum Straßen und Pfade menschenleerer, alles Gerät einfacher und verbrauchter, ja auch alle Ansprüche bescheidener, als ob die Erde noch unbedingter hier herrsche, den Forderungen des Menschen noch widerwilliger verschlossen als in anderen Bezirken des Reiches, und als ob der Mensch hier mehr auf eigener Kraft und im eignen Inneren beruhen müsse, ohne die gedankenlose Unterstützung der Masse, die ihm woanders, zumal in den Städten, so leicht und so verhängnisvoll zufalle.

Doch schien ihm vor allem der Himmel über alle Maßen groß und gewaltig. Geschwader von Wolken zogen ruhevoll an seiner Wölbung entlang, aber selbst sie mühelos geordnet in dem unermeßlichen Raum, und ihre schweren Schatten stießen sich nirgends auf den noch bräunlichen Feldern. Auf den Hügeln der Äcker standen einzelne Bäume, das Astwerk ohne Hindernis ausgebreitet oder von immer wehenden Winden nach einer Seite gebeugt, und da sie fast alle ohne Hintergrund vor dem leeren Himmelsraum standen, so trugen die Felder in aller Kargheit ein Gesicht des Stolzes, als lägen sie noch da wie zu Beginn der Schöpfung und niemals sei anderes als Wind oder Regen oder eine kühle Sonne über sie hingegangen.

Auch der Schrei der Vögel dünkte ihn heller und wilder zu sein, und nirgends glaubte er so viele Raubvögel gesehen zu haben, die spähend über den Feldern hingen oder in Kreisen sich unter die Sonne schoben. Doch verknüpfte ihr Bild sich ihm immer mehr mit der Erscheinung der großen Wälder, denen er zufuhr und die ihm als die eigentliche Heimat alles dessen erschienen, was sich hier spielend oder beutesuchend unter dem Himmel bewegte.

Kam er so auch nicht zu der gewünschten Klarheit seiner Gedanken und blieb die Ursache seines Gefühls der Freiheit ihm im Letzten noch verborgen, so nahm er doch mit Beglücktheit wahr, daß sein ganzes Wesen vorwärts gewendet war, bestrebt, Kommendes und Neues in sich aufzunehmen, und daß die grübelnden Gedanken der letzten Tage, ja noch der Nachtfahrt, wie ein Nebel hinter ihm verflogen waren.

Indessen wuchs das Gesicht der Wälder immer näher und deutlicher in ihm auf, und es war ihm, als sei dort eigentlich erst das verborgen, was den Sinn der Landschaft ausmache und dazu auch das, was zu suchen er ausgezogen sei. Von ferne schon war zu erkennen, daß der schweigende Ernst dieses Raumes dort nicht von einer Heiterkeit der Form abgelöst werden würde, ja daß vielmehr mit dem Zurückbleiben von Dorf, Feld und Gehölz sich alles in eine einzige, gesammelte Erscheinung zurückziehen würde, an Größe nur dem Meere oder dem Hochgebirge zu vergleichen, und nicht nur an Größe, sondern eben auch an Schwere und aufrufender Einsamkeit.

Schon jetzt sah er die Geradheit grauer, sehr hoher Stämme, ohne Unterbrechung nebeneinandergestellt, ohne Zierlichkeit verbindender Linien, und darüber den leise gewellten Saum der Wipfel, abgerundet wie die Form des Granits im Urgebirge. Zwar erblickte er, je näher er kam, vermittelnde Einzelheiten, Fichtenschonungen etwa, die einem in die Tiefe gesunkenen Waldstück von ferne glichen, einen Weißbuchenhain oder einen Hang mit jungen Birken, zwischen denen der Wacholder dunkel stand, aber gleich schloß die graue Wand sich wieder zu und tat sich nur auseinander, um die Straße hineinzulassen, aufzunehmen und gleichsam sofort zu begraben.

Hier war es natürlich, daß Thomas abstieg und von der hohen Böschung den Blick noch einmal zurückwendete. Er saß auf einem Baumstumpf, um den schon die blauen Sterne der Leberblümchen standen, stopfte langsam seine kurze Pfeife, und indes der Rauch mit dem leisen Wind in das Holz hinter ihm zog, nahm er die eben durchfahrene Landschaft noch einmal in sich auf, ruhiger nun, auch größer vielleicht, da der Weg sich langsam gehoben hatte und nun vieles nebeneinander lag, was vorher Stück für Stück aufeinandergefolgt war.

Wieder kam ihm das Leere des großen Raumes beruhigend und beglückend ins Bewußtsein, die sanfte, lang ausholende und abklingende Schwingung der Linien, die Armut an Siedlungen, die Stille der Luft und das unendlich Gespannte des Horizontes. Er versuchte sich vorzustellen, wie der Wechsel der Jahreszeiten dies Bild verändern würde, wie er selbst in diesem Wechsel bestehen oder unsicher werden würde und ob die Frische des ersten Eindruckes auch erhalten bleiben würde, wenn er nun aus einem Wanderer zu einem Bewohner und aus einem Betrachtenden zu einem Tätigen würde.

Doch erschien ihm, auch so angesehen, das vor ihm ausgebreitete Bild von immer gleicher Kraft und Tröstlichkeit erfüllt, und als er sich nun gar auf seinem Sitz wendete und der Blick durch die Vielheit der Stämme in das Innere des Waldes ging, wo die Sonne schmale Brücken auf Moos und Blaubeerkraut legte, wo rotbeschienene Stämme immer tiefer zurückwichen in eine bläuliche Dämmerung und nur das Klopfen des Spechtes das Schweigen nicht zerbrach, sondern tiefer machte: da glaubte er, auf der Höhe eines vielgeprüften Lebens noch einmal Frieden und Glück der Kindheit vor seinen Händen ausgebreitet zu sehen, als gelte es nur, vertrauend zurückzukehren, um mit der Ruhe der Landschaft auch alles wiederzugewinnen, was damals heiter, leicht und unveränderlich erschienen war. Und wiewohl er wußte, daß keine Rückkehr dieser Art dem Menschen vergönnt sei, daß vielmehr jedes Alter seinen eigenen Frieden zu gewinnen habe, so gab er sich doch willig für eine Weile jener träumerischen Rückschau hin, wohl wissend, daß die nächsten Tage schon ihm fordernd entgegenkommen würden.

Noch einmal hielt er an diesem Tage inne, als er von einer der Waldhöhen aus zum erstenmal rechts und links der Straße zwei der großen Gewässer sich ausbreiten sah, auf denen an jenem vergangenen Abend bei der Drehung seines Globus seine Blicke anhaltend geruht hatten. Anders war nun das wirkliche Bild, aber noch tiefer als damals kam ihm das Gefühl zurück, hier an der Grenze nicht nur des Reiches zu stehen. Was sich hier in die Wälder hinein dehnte, blau, in den Buchten noch von grauem Eise bedeckt, von braunen Rohrflächen gesäumt, vom klagenden Ruf der Haubentaucher überhallt, schien ihm nach den brennenden und dann verfinsterten Jahren wie ein Land, das außer allem Geschehen geblieben war, als sei es von Eisbergen bedeckt gewesen und nun erst in makelloser und strenger Klarheit wieder ans Licht gestiegen. Es erschien ihm unähnlich allen anderen Ländern des Reiches, nicht wie ein Blatt, auf dem die Hand des Menschen geschrieben, gestrichen, gelöscht und wieder geschrieben hatte, sondern als ein Unberührtes, auf dem ein Anfang geschehen könnte, keine Wiederholung, Verbesserung oder Berichtigung, sondern eben ein Anfang, eine erste Furche, und die Vögel unter dem Himmel würden sich über ihr versammeln und zusehen, was nun hier unter der Hand des Menschen zum ersten Male geschehe.

Er dachte an sein Kind und wie es dort aufwachsen mußte, behütet, aber inmitten der Bilder des Verfalls und des Rausches; wie er es für ein paar Jahre zurücklassen mußte, aber wie er hier mit ihm einmal stehen wollte, hier oder an ähnlicher Stelle, um ihm zu zeigen, wofür man leben müßte, überall auf der Erde, wo die Menschen sich noch Mühe gaben.

Um die Dämmerung erst kehrte er ein, in einem Waldkrug, den er an der Straße fand und den auch seine Karte angezeigt hatte. Kaum in seinem Leben hatte er Armut und Verfall so nahe gesehen, doch schien ihm das erste eine gute und nützliche Einleitung zu dieser Reise zu sein, die ja, wie er hoffte, nicht nur eine Reise bleiben sollte. Und da er sein kleines Zimmer sauber fand, mit dem freien Blick auf abendliche Schonungen, war er es alles zufrieden und bat nur, bis zur Bereitung des Essens am Feuer in der Küche sitzen zu dürfen, was ihm nach einigem Widerstreben auch gewährt wurde.

Eine schweigsame Frau schaffte am Herde, zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, in Joachims Alter etwa, sahen mit großen Augen von der Holzbank aus ihm zu, indes der Mann hinter dem Tisch stehenblieb, den Rücken gegen das Fenster gewendet, und erst auf besonderen Zuspruch hin seine Arbeit an einem kleinen Netz wiederaufnahm, durch das er mit einer hölzernen Nadel neue Maschen zog. Er war gekleidet wie die Menschen, die Thomas unterwegs gesehen hatte, in hohe Stiefel und hartgewebtes graues Zeug, und auch in der Wärme des Raumes hatte er sein Halstuch nicht abgenommen, das in zwei Zipfeln ihm über den Kragen hing. Die Gesichter schienen Thomas schwer, müde und gleichsam schon von den großen Ebenen mitgeformt, die sich hinter diesen Wäldern und Seen nach Asien hin erstreckten.

Ja, er sei zur See gefahren, sagte Thomas auf die erste ungeschickte Frage hin, sein ganzes Leben lang, als Steuermann auf einem großen Dampfer. Aber da es nun damit zu Ende sei, es ihm auch in den engen Städten nicht gefiele, wo der Wind nur Staub und Papierfetzen vor sich hertreibe statt des salzigen Schaumes der See, so habe er beschlossen, sich in dieser Landschaft umzutun, ob er nicht etwas wie eine Fischereipacht fände, von der man bei harter Arbeit doch sein Brot habe und zum mindesten sein Essen, wenn das bedruckte Geld schon immer schneller in den Rauchfang stiege.

Das könne wohl möglich sein, meinte der Mann langsam, und wenn er auch hier in der Gegend nichts wisse, vielmehr alles in festen Händen sei, so könne er ihm doch hier und da einen Namen an den Seen sagen, wo er Bescheid und wohl auch Rat finden werde. Denn es sei viel Unruhe in der Landschaft, nicht nur wegen der Angst vor den Polen, sondern es sei überall auch wie bei ihnen selbst, daß die jungen Leute den Dienst aufsagten, nicht nur, weil es ihnen zu einsam sei, sondern auch weil sie meinten, die Arbeit werde nun abgeschafft oder mindestens denen aufgelegt, die bisher nach ihrer Meinung nicht gearbeitet hätten. So seien auch sie allein geblieben, und Knecht und Magd seien des Weges gegangen, in die Hauptstadt der Provinz, wo sie nun wahrscheinlich schon auf einem goldenen Throne säßen.

Nur eines scheine ihm bedenklich, daß der Herr bei aller schweren Arbeit auf See doch so zarte Hände behalten habe und daß es ihm vielleicht nicht leichtfallen könnte, bei allem guten Willen, an dem er nicht zweifle, dies harte Handwerk zu ergreifen.

Darüber beruhigte ihn Thomas nun, schrieb sich auch die Namen in sein Taschenbuch, die der Mann ihm nannte, und bat schließlich, daß er zusammen mit ihnen hier in der Küche essen dürfte, wo es warm sei, er ihnen Mühe erspare und er sich schließlich auch gleich zu Beginn an die Welt gewöhne, in der er doch nun sich einrichten wolle.

Beim Essen, vor dem die Frau ein Gebet gesprochen hatte, erfuhr er, daß sie einer religiösen Gemeinschaft angehörten, die in der Gegend weit verbreitet sei, daß sie mit Sorgen auf den Gang der Zeit blickten und einige von ihnen sogar der Meinung seien, daß die Gesichte des heiligen Johannes sich nun bald erfüllen würden.

Dem widersprach nun Thomas, meinte, daß das deutsche Volk auch aus diesen Zeiten der Wirrnis sich wiederaufrichten werde, und berichtete auch von seinem Besuch bei dem Pfarrer, der ihn recht eigentlich auf diesen Weg gebracht habe und bei dem er wieder gelernt habe, wie gefährlich es sei, ganze Klassen oder Stände oder Berufe leichthin abzuurteilen, da wir ja doch nie mehr als einzelne Menschen unter ihnen kennten.

Dann ging das Gespräch auf seine Fahrten und die Seeschlachten des Krieges und wieder zurück zu Schicksalen und Gebräuchen dieser Landschaft, indes sie ihre kurzen Pfeifen rauchten, die Frau ihr Strickzeug in den Händen hielt und die Kinder atemlos auf seine Reden lauschten, als sei Sindbad der Seefahrer aus den vertrauten Kiefernwäldern aufgestanden, um seinen Glanz über ihr Leben zu legen.

Und als Thomas ihnen gute Nacht bot und die schmale Treppe zu seinem Schlafraum hinaufstieg, ein Licht in der Hand, schien das Ganze ihm als ein schönes Tor zu seiner neuen Welt, voll guter Vorbedeutung und von allem Gewohnten und Vergangenen wie durch Jahrzehnte geschieden.

Immer tiefer nahm das Land ihn nun auf. Tag für Tag fuhr er an den Seen entlang und von Dorf zu Dorf, mitunter verweilend, wenn ihn etwas zu halten schien. Die Witterung wechselte in den Zeiten der Nacht- und Taggleiche, Stürme und Regen fielen über das Land, und eines Abends trieb sogar der Schnee in weißen Streifen zwischen den grauen Stämmen hin. Dann aber gewann die Sonne wieder das Feld, trocknete Straßen und Pfade, das Eis in den Buchten schmolz, und über der jungen Saat hingen hoch im Blau die singenden Lerchen. Immer aber gingen die großen Wälder mit ihm mit, wechselnd zwischen Laub- und Nadelholz, aufblauend, erglühend und sich wieder verdunkelnd mit dem Gang der Sonne, und mit ihnen die strenge und reine Luft, die das Atmen leicht machte und die sorgenlosen Jahre wieder heraufrief, als er hoch über Segeln und Meer im Mastkorb gesessen hatte.

Der Rat des Mannes aus dem Waldkrug hatte sich als nützlich erwiesen, einige Angebote fand er gut und sogar verlockend, doch hielt er die Zusage noch hin, weil ihm das Letzte noch zu fehlen schien, die jähe Zustimmung des Herzens, von der er meinte, daß sie einmal kommen werde, und die ihm wichtiger schien als Verstand und kühle Berechnung.

So kam er am späten Nachmittag des zehnten Tages zu einem Meilenstein an einer breiten Landstraße, von dem ein schmaler Weg zu einer Försterei abbog, und da der Wald ihm schöner schien als jeder andere, den er bisher durchfahren hatte, von Birkenschonungen und alten Eichen durchsetzt, so ließ er den breiten Weg und meinte, er werde zur Nacht schon unterkommen, wenn nicht im Forsthaus, so doch wenigstens in einer Feldscheune oder in einem der Wildheuhaufen, die er hier und da in den Schonungen angetroffen hatte. Die Luft war milder geworden, ein südlicher Wind ging durch den Wald und brachte den schweren Duft des Seidelbastes mit, der an den sonnigen Hängen blühte.

Der Förster trat aus dem Hoftor, als Thomas das Gehöft erreichte. Er war ein großer, gebeugt gehender Mann, die Schläfen unter dem Hut schimmerten schon weiß, und der Blick seiner ganz hellen Augen ging durch Thomas hindurch, als sehe er gar nicht ihn, sondern hinter ihm einen anderen, der unbemerkt in seinen Spuren stände. So einsam schien er Thomas vor dem schweigenden Gehöft, daß er meinte, es sei nicht recht, ihn anzusprechen und seine Bitte vorzutragen, so daß er stumm dastand, die Hände auf der Lenkstange des Rades und den Fuß schon wieder auf dem linken Pedal, als sei er sofort bereit, umzukehren, wenn jener den Wunsch dazu zu erkennen gebe.

Doch trat der Förster wider Erwarten auf ihn zu, hob die Hand grüßend an den Hut und fragte ihn mit leiser Stimme ohne Vorbereitung, ob er ein Seemann sei. Und als Thomas das mit einiger Verwirrung bejahte, nahm der andere ihn sanft beim Arm, bat ihn, ein Stück Weges mit ihm mitzukommen, und meinte dann, als der Wald sie schon wieder aufgenommen hatte, er dürfe nicht verwundert sein, es habe jeder harte Beruf seine Kennzeichen und wäre es hier auch nur eine bestimmte Helligkeit der Augen und die Schärfe der Linien von den Nasenflügeln zum Munde. Zudem kenne er sich etwas aus unter Seeleuten, da sein Sohn selbst einer gewesen sei, und es freue ihn, hier in seinem Walde einen wiederzusehen, der wahrscheinlich auch »dabeigewesen« sei.

Ja, dabeigewesen sei er allerdings, erwiderte Thomas.

Das habe er gedacht, meinte der Förster, und er brauche nun vor seinem Hause nicht umzukehren, sei als Gast willkommen und müßte ihn zuerst nur auf den Schnepfenzug begleiten, da er gern zunächst allein mit ihm sein möchte. Etwas wunderlich sei seine Frau, ja vielleicht sogar sehr wunderlich, wie nach dem Kriege ja überhaupt seltsame Menschen übriggeblieben seien, als habe der Tod sie nicht gewollt nach all dem jungen Blut, das er getrunken habe.

Zuerst schwieg Thomas, auf eine merkwürdige Weise ergriffen von der Art dieses Mannes, der wie nach einer langen Krankheit sprach, leise, eilig, als wisse er nicht genau, ob die Gespenster des Fiebers noch um ihn ständen oder ob er schon voller Vertrauen zu den Wachenden und Gesunden von den Gesichtern seiner Träume sprechen dürfe. Dann aber begann er zu erklären, wer er sei – immer noch der Steuermann auf großen Dampfern – und weshalb er hier sich umsehe. Auch daß er eigentlich vorgehabt habe, der großen Straße bis zur Stadt zu folgen, und nur etwas nicht Bewußtes ihn veranlaßt habe, zur Försterei zu fahren. Wahrscheinlich, weil der Wald ihm so gut und vertraut vorgekommen sei, oder auch nur, weil der Südwind ihn müde gemacht habe.

Der Alte nickte dazu, auf eine sichere Weise, als wisse er das besser, und meinte, sie würden eine gute Nachbarschaft halten. Er sei dessen gewiß, denn er zweifle nicht daran, daß hier das Ziel des Gastes erreicht sei; doch wollten sie erst später darüber sprechen, jetzt aber ihren Stand einnehmen.

Sie waren unterdes an den Rand niedriger Schonungen gekommen, gingen einen grasbewachsenen Weg hinaus, bis sie über einem kleinen Bruch standen, in dessen Wasserblänken der Abendhimmel sich spiegelte, und blieben dann zwischen ein paar Wacholderbüschen, der Förster auf seinem Sitzstock und Thomas auf einem der breiten Baumstümpfe, die die Sonne des Tages eingesogen hatten.

Noch nie meinte Thomas den Wald so groß und unberührt gesehen zu haben, fast daß er zum Fürchten hätte sein können, wäre nicht das hundertfältige Lied der Drosseln gewesen und der fremde Ton hoher Zugvögel, die mit dem Winde über den Wald zogen. Auch gingen seine Gedanken immer wieder zu dem Wort von der Nachbarschaft zurück, und von Zeit zu Zeit betrachtete er unaufdringlich den etwas vor ihm Sitzenden, der zwar das Gewehr über den Knien hielt, aber dessen Auge und Ohr weit von aller Jagd entfernt zu sein schienen, zu den Abendwolken aufgehoben, die schmal, lang und rotgesäumt in den nördlichen Horizont fuhren, ein schweigendes Geschwader, das den Schauplatz verließ.

Als dann endlich die Drosseln verstummten, eine nach der andern, und zuletzt nur noch aus dem schwarzgewordenen Hochwald auf der andern Seite ab und zu ein Flötenton in das Schweigen fiel, meinte Thomas, seiner Jugendjahre sich erinnernd, daß es nun Zeit sei, alle Sinne auf die Jagd zu richten und auf den Ruf der Schnepfe zu warten, der bei aller Sanftheit so erregend in das Herz des Jägers fällt.

Aber gerade da, als er leise aufstehen wollte, begann der Förster zu sprechen, und es war aus dem Klang seiner Stimme unschwer zu erraten, daß seine Gedanken die ganze Zeit nicht bei der Jagd gewesen waren.

Beim Skagerrak sei er vielleicht auch dabeigewesen, fragte er behutsam. Und auf Thomas' bejahende Antwort, ob sogar vielleicht auf einem der Panzerkreuzer? Der »Seydlitz« etwa?

Nicht gerade dort, aber auf einem Schwesterschiff, erwiderte Thomas und begann zu ahnen, worüber er Rede und Antwort zu stehen haben werde. Doch war nun gerade der Ruf der ersten Schnepfe zu hören, über die Schonungen sich nähernd, über den kleinen Bruch, immer näher und deutlicher, bis das graue, leise schwankende Bild aus dem Hintergrund des Abends sich löste, der im Suchen sich hin und her wendende Kopf mit dem langen Schnabel gerade über ihnen, der sanfte, wie tief aus der Kehle dringende Ton … und nun alles vorüber war, schon hinter ihnen, immer leiser wurde und verschwand.

Thomas war aufgesprungen und hatte die Hand nach dem vor ihm Sitzenden ausgestreckt, doch ließ er sie beschämt wieder sinken, als er von der Seite das Gesicht sah, das einem fernen Vorgang zugewendet schien, einem Vorgang, der weit hinter der Erscheinung des Vogels seine Umrisse in den Abendhimmel zu zeichnen schien.

»Sahen Sie … das Feuer?« fragte die leise Stimme.

»Ja.«

»Aus dem vorderen Turm?«

»Ja, alle sahen es.«

»Eine hohe Säule?«

»Höher als die Masten … aber niemand hat Schmerz gelitten dort, niemand. Es muß gewesen sein wie unter einem Blitzschlag, vorbei, ehe man ahnt, daß es trifft.«

»So sagen sie, und so schrieben sie auch, aber keiner ist dabeigewesen, den es nur versengt hätte, nur das Haar und die Augenbrauen, und er hätte es dann erzählen können …«

Nun legte Thomas doch leise die Hand auf die gebeugte Schulter vor ihm. »Man soll das nicht ausdenken«, sagte er. »Wie sollten wir leben, tapfer und ordentlich, wenn wir das täten?«

»Ja, ja … auch ich sage so, zu ihr, die darüber wunderlich geworden ist … nur … er fürchtete sich so vor dem Feuer, verstehen Sie? Da war so eine schreckliche Geschichte in seiner Kindheit … wir hatten den Backofen geheizt, zum Brotbacken. Die Glut war schon herausgenommen und dann auch die Brote. Der Backofen stand allein im Garten, abseits, wie auf allen Förstereien. Da kam er mit den Hunden hinter der Katze her, so im Spiel, und sie sprang hinein. Er lachte und warf die Türe zu, er wußte nicht, daß es glühend heiß war. Und im selben Augenblick schoß ich am Gartenzaun einen Hühnerhabicht. Da vergaß er alles, die Katze, den Ofen, die Hunde. Er lebte immer im Augenblick, ganz und gar … Erst nach zwei Tagen fiel es ihm ein. Wir hörten ihn schreien, so schrecklich, daß ich es heute noch höre. Da hatte er sie gefunden … und nun er selbst, ebenso … das Wasser ist kühl und tief, und ich denke, daß man dort schlafen kann, auf dem Grunde, wo die fremden Pflanzen wehen … aber so, verkohlt und verbrannt … Gottes Ebenbild zerstört und geschändet …«

Er hob nicht die Hand vor die Augen, er sah immer noch geradeaus, dorthin, wo der Abendstern mit sanftem Strahlen über dem Walde stand.

»Nein«, sagte Thomas mit Entschiedenheit, »dann hat man Ihnen Falsches gesagt und geschrieben. Wir haben es in den Hafen gebracht, das zerschossene Schiff, und von meinen Kameraden waren einige dabei, als sie die Türme öffneten … nichts war geschändet, sie waren … sie zerfielen in Staub und Asche, als man sie heraustrug … ich sage Ihnen die Wahrheit, und Sie müssen es mir glauben!«

»Staub und Asche«, flüsterte der alte Mann, »das ist besser, viel besser … das ist, wie Gott es vorgeschrieben hat in der Bibel … Staub und Asche, das ist gut, und ich brauche nicht mehr zu hadern …«

Er blieb noch sitzen, bis der Waldkauz lautlos über ihnen kreiste. Dann gingen sie den dunklen Weg zurück. »Gruber hieß er«, sagte er, »Valentin Gruber … aber Sie haben ihn nicht gekannt? Nein, die Schiffe waren ja auch so groß … keiner von uns weiß, weshalb er so aufs Meer wollte, niemals gab es das in unserer Familie … Der See hat es ihm angetan, dort am Hause, nicht der Wald, nur der See. Sie werden noch merken, daß er einen Zauber über den Menschen wirft. Valentin hieß er, weil ich katholisch bin, und in meinem Glauben wurde er getauft und aufgezogen. Die Frau hat immer gesagt, wir hätten einen falschen Gott, und davon sei es alles gekommen … Sagen Sie ihr nichts und wundern Sie sich auch nicht. Wer leidet, ist in allem entschuldigt, nicht?«

»Ja«, sagte Thomas leise.

Der Tisch war schon gedeckt, aber die Frau stand am Fenster und sah hinaus. Sie wendete sich erst um, als Gruber sagte, ein Gast sei da. »Willkommen!« sagte sie und streckte ihre Hand aus. Die Hand war kalt und fast wie Holz, und ihre Stimme kam wie aus einem Automaten heraus. Dann ließ sie die Hand wieder fallen und ging an Thomas vorbei, um ein drittes Gedeck zu holen. Sie sah ihn nicht. Ihr Gesicht war nicht vergrämt oder versteint, sondern erloschen. Es war erblindet und ertaubt, ausgehöhlt vom Schmerz, und nur die Hülle war noch zurückgeblieben, brüchig und tot wie die Haut einer Larve.

Als sie an den Tisch traten und die Frau die Hände zum Gebet zusammenlegte, machte Gruber eine Bewegung, als wollte er sie hindern, aber dann sah er nur vor sich nieder. Die Frau blickte auf den Brotkorb in der Mitte des Tisches, und ihre Lippen bewegten sich, wie von einer verborgenen Maschine getrieben. Sie betete:

»Lieber Gott, sei unser Gast

und sieh, was du angerichtet hast.

Sollen die Toten dir gut bekommen,

alle Heiden und alle Frommen,

und was du ertränkt hast und verbrannt

nimm es fröhlich in deine Hand!

Amen.«

Dann setzte sie sich. Ihr schwarzes, zerschlissenes Seidenkleid knisterte bei jeder Bewegung, und wenn sie einen Bissen zu sich nahm, sah es aus, als fütterten fremde, nicht ihr gehörige Hände ein starres, totes Götzenbild. Sie sprach kein Wort und sah auch Thomas nicht an. Sie wußte sicherlich nicht, daß ein Fremder am Tisch saß. Sie hatte es längst vergessen. Vielleicht sah sie ein Kind, das mit dem Ruder durch den Wald lief, zum Seeufer hinunter, oder sie sah die Feuersäule aus den Geschütztürmen brechen, oder sie sah die Gestalt eines Gottes, der mit blutigen Händen seine Toten aß. Sie war hinausgetreten aus allem Menschlichen, und Thomas schien es, als gehe ein kühler Hauch von ihrem Kleide aus, wie von einem Grabgewölbe. Es fröstelte ihn, und er schwieg.

Nach dem Essen räumte sie den Tisch ab und kam nicht wieder.

»So ist es nun«, sagte Gruber, als sie ihre Pfeifen angezündet hatten. »Sieben Jahre, mein lieber Herr … sieben Jahre … andere würden trinken oder fluchen, aber ich kann das nicht. Er war doch auch mein Sohn, nicht wahr? Und so bin ich doch auch schuldig, nicht wahr? Sehen Sie, manchmal im Walde, wenn ich so vor mich hingehe, dann spreche ich für mich, laut und lange, um zu sehen, ob ich es noch kann, und ich lächle auch, denn das will man doch nicht verlernen. Ich spreche mit ihm, wie früher, als wir zusammen durch den Wald gingen. Er war immer fröhlich, und wir lachen, damit er nicht tot ist, verstehen Sie? Hier, im Hause, ist er immer aufgebahrt, wissen Sie, und das will ich nicht. Der Krieg hat ihn genommen, aber er ist immer bei mir, und seitdem Sie das gesagt haben, das von Staub und Asche, da will ich wieder ganz fröhlich sein … so gut ist es, daß Sie gekommen sind …«

Wenn er sie sähe, dachte Thomas und sah den schweren Mann vor dem hölzernen Christus stehen, aber auch er würde nicht helfen … sieben Jahre, und ich habe mich beklagt? Es war ihm fast, als liebte er diesen alten Mann, der wieder fröhlich sein wollte. Das Haar fiel ihm noch schwarz in die Stirne, nur die Schläfen waren weiß, und nun wußte er auch, weshalb der Sohn zur See gefahren war: die Augen mußten es sein. Er mußte dieselben Augen gehabt haben, denen die Dinge immer zu nahe waren und die erkennen wollten, was hinter den Dingen war. Er hatte geglaubt, daß man das auf dem Meere lerne, dem einzigen Element, das keinen Vordergrund hatte. Aber er hatte wohl nur gelernt, daß der Tod in allen Elementen zu Hause ist.

»Und … es gibt keine Hilfe?« fragte er.

Der andere schüttelte den Kopf. »Pfarrer und Ärzte«, sagte er, »die arbeiten immer mit den Dingen, die für sie aufgehört haben, wissen Sie. Gott und Pflicht und guter Wille und so weiter.« Er sah sich vorsichtig um. »Ich bin ein einfacher Mensch«, fuhr er leise fort, »aber ich weiß es. Es gibt Mütter und Kinder, bei denen man die Nabelschnur nicht zerschnitten hat, verstehen Sie? Und so war es hier. Sie bleiben immer eins, sie werden nie zwei. Sie hat es auch gewußt, als das dort geschah. Sie kam zu mir auf den Hof, weiß wie eine Tote, und zeigte mit dem Arm in den Wald. ›Jetzt haben sie ihn fortgerissen‹ sagte sie. ›Mein Blut fließt aus.‹ Und so war es auch, daß ihr Blut ausgeflossen ist … Mein lieber Herr, das muß man nun so lassen, und nun ist es so gut, daß Sie hierbleiben und ich manchmal ein bißchen bei Ihnen sitzen darf … wie ist Ihr Name, lieber Herr?«

Sein Gesicht war von innen beglänzt, als er sich vorbeugte und lächelnd in Thomas' Augen sah.

»Orla«, sagte Thomas. »Thomas Orla … es ist ein märkischer Name. Aber weshalb meinen Sie immer, daß ich hierbleiben werde?«

»Sie sind gesandt, lieber Herr Orla, ja, ich muß es wohl so nennen. Gesandt wie ein Engel des Herrn. Sehen Sie, manchmal in diesen Jahren habe ich gezweifelt, an Gott, ja, das habe ich getan. Aber an den Heiligen nicht. Von Kind auf war ich bei ihnen, das ist in unserem Glauben so, näher bei ihnen mitunter als bei Gott. Er ist so weit, so schrecklich weit. Aber sie sind nahe, an unserer Seite, denn sie haben auch gelitten, ebenso wie wir, mehr noch. Aber Gott leidet nicht, wissen Sie. Nun, und die Heiligen, sie haben Sie gesandt. Sie haben gesehen, daß ich nicht mehr weiter wußte, und da haben sie mir das geschickt, das von Staub und Asche, nicht wahr? Das ist wie ein neues Leben, denn ich glaube es. Und dafür werden Sie hier finden, was Sie suchen. Alles hängt zusammen bei den Menschen, gute Tat und guter Lohn … Der See hier, er ist zu verpachten, oder nicht zu verpachten, sondern der Fischerposten ist zu vergeben, Fischer und Jäger, beides zusammen. Ein ruhiger Posten, auch wenn der General wunderlich ist … alle sind hier wunderlich … man kann leben davon, bequem leben, wenn man einfach ist. Ein kleines Haus auf der Insel, mir gegenüber, einen Büchsenschuß weit, ein Rohrdach, ein großer Herd, ein Netzschuppen. Und ein kleiner Wald, ein schöner Wald, Jungholz mit Fichten und Birken und dazwischen alte Eichen mit trockenen Wipfeln, wo die Reiher abends einfallen. Und ganz allein, verstehen Sie? Ganz allein, nur Wasser und Wald in der ganzen Runde. Man braucht ein Boot, um zu Ihnen zu kommen …«

»Und der General?« fragte Thomas. Seine Pfeife war ausgegangen, und er lauschte wie in einem Märchen. Ein Zauber fiel von dem alten Mann über ihn.

»Ja, ihm gehört das alles, lieber Herr. Das Schloß und das Gut und der See. Ein armer Mann, beide Söhne gefallen, und ich habe sie beide auf den Knien gehalten. Nur eine Enkelin ist bei ihm, und sie ist wie ein Engel in dem dunklen Haus … und Sie werden die Stelle bekommen, ich selbst will es ihm sagen. Der sie jetzt hat, ist ein Bolschewik, verstehen Sie? Einer, der ›Herr‹ genannt werden will, und seine Mutter hat noch Kartoffeln von meinem Feld gestohlen. Und der den General einen ›Blutsäufer‹ nennt, und jedes Kind weiß, daß er nur Rotwein trinkt. Nur daß Kanonen in der Schloßhalle stehen und zwei Diener in Uniform dabei. Einen Putsch will er machen, sagen die Bolschewiki, aber jeder weiß, daß die Kanonen nicht geladen sind.«

»Können wir es sehen?« fragte Thomas und stand auf. »Die Insel, meine ich, und alles … der Mond scheint doch, und vielleicht ist morgen früh alles fort, und Sie haben nur geträumt.«

Der alte Mann lächelte.

»Auch er war so«, sagte er, »alles gleich und sofort, damit es nicht verschwunden ist am nächsten Tag. Aber nichts verschwindet, lieber Herr. Wenn man alt geworden ist, weiß man, daß nichts verschwindet. Aber wir können gehen … beim Mondlicht wirft es die Netze über Sie, mehr noch als am Tage.«

Die Luft war noch wärmer geworden, und ein paar Regentropfen aus einer verlorenen Wolke fielen schwer in das trockene Laub unter den Eichen. »Geht dort wer?« fragte Thomas leise. Nein, nein, das sei nur der Regen und eben der Zauber. Immer klinge es hier so, als gehe wer durch die Nacht. Aber niemand gehe, ganz still und leer sei der Wald. Außer daß die Toten umgingen aus Land und Meer, aber darüber wisse er nichts.

Der Mond stand noch tief, vor ihnen, und sie sahen nur sein Licht. Der Himmel war sanft beglänzt, wie aus einem fernen Tor, und mitunter blitzte es im Walde auf, ein einzelner Strahl, der durch ein Lücke im Geäst auf feuchte Rinde fiel. Eulen riefen, und vom Wasser schrie ein unbekannter Vogel. Es war, als frage jemand nach dem Wege.

Der Fußpfad senkte sich, und dann war das Wasser zu sehen. Es lag als eine matte Scheibe in einem dunklen, vielfach gesprungenen Rahmen. Es dehnte sich, weit hinaus, und in der Ferne wurde es grauer und matter, bis es mit der Schwärze verfloß. Eine schmale Mondbahn lief bis zu ihren Füßen, und in der Höhe, zwischen dunklen, leise treibenden Wolken, standen die Sterne. Nichts bewegte sich, nicht einmal die Brücke des Mondlichts, und die Schilfhalme standen wie Speere mit glühenden Spitzen am Ufer. Und doch war es wieder, als ginge jemand leise durch den Wald und über das Wasser hin, verstohlen und atemlos, bald zur Rechten und bald zur Linken.

»Dort ist sie«, sagte der Förster leise.

Thomas sah die Insel, einen Büchsenschuß weit. Sie lag in vollkommener Schwärze auf der matten Scheibe, nur um die Wipfellinie war ein fließender, weißer Schein, und die trockenen Äste der Eichen standen wie Gittermasten gegen den Mond. Dunkle, schwere Vögel saßen regungslos in ihrem Netzwerk.

»Hier ist der Kahn«, sagte der Förster.

Aber Thomas wollte nicht fahren. Er wußte, daß es hier war, wo er leben und wahrscheinlich auch sterben würde. Seine Augen sahen es, und mehr noch sagte es sein Herz. Aber er wollte nicht hingehen wie in einem Zauber. Zuviel stand auf dem Spiel. Er war fünfundvierzig Jahre alt und brauchte den Tag, um dies zu sehen. Auch am Morgen würde es noch dasein, und es würde gut sein, wenn es regnete und ein harter Wind ginge, daß alles grau und wirklich aussähe. »Nein, morgen früh«, sagte er.

Sie standen noch eine Weile und sahen hinaus. Einer der großen Vögel über der Insel richtete sich auf und schlug mit den Flügeln. Ein heiserer Ruf kam über das Wasser herüber. Dann war alles wieder wie zuvor.

»Das sind die Reiher«, sagte der Förster. »Der General liebt sie nicht, aber es sind edle Vögel, und außer ihnen haben Sie niemand auf der Insel.«

»Ich hoffe, daß das gut sein wird«, sagte Thomas.

Dann gingen sie den gleichen Weg wieder zurück.

Das Haus war dunkel, und Thomas stieg mit einer Kerze die Treppe hinauf.

»Nebenan war sein Zimmer«, sagte Gruber. »Sie läßt keinen hinein. Aber es ist ganz still dort, und Sie brauchen sich nicht zu fürchten.«

Thomas stand noch am offenen Fenster. Nein, er fürchtete sich nicht. Alles würde gut sein, wie er es gesehen hatte. Er wußte, daß es auf ihn gewartet hatte, sonst würde er ja weitergefahren sein, die breite Straße zur Stadt. Man mußte nur gehorsam sein.

Er ließ das Fenster offen und sah noch im Dunkeln zur niedrigen Zimmerdecke auf. Der große Vogel … wie er die schweren Flügel geöffnet hatte … und dann wieder in Schlaf versunken war … der Mond fiel in ihre geschlossenen Augen … die Sterne kreisten … alles war gut und ruhig dort … er wollte aussteigen dort und arbeiten … nie war er allein gewesen … Schiffe, Menschen, Häuser … er hatte keinen Ehrgeiz mehr und wenig Glauben … wie ein Geschwätz … aber dort wollte er sich bereden, so einsam wie die großen Vögel …

Dann schlief er ein.

3

Er erwachte davon, daß der Regen auf das Dach rauschte und daß nebenan, hinter der dünnen Wand, jemand ging. Er erriet es nur daraus, daß in regelmäßigen Abständen eine Diele leise knarrte. Es war ein seufzender Ton, als wenn im Walde zwei Bäume sich aneinander rieben. Ein ganz schwacher Schein stand schon hinter dem Fenster, aber es mußte noch Nacht sein. Die Dinge des Zimmers zeigten noch keinen Umriß.

Er richtete sich auf und lauschte. Die Schritte mußten langsam und ganz regelmäßig sein, auch glaubte er, als sein Atem ruhiger ging, das Knistern eines Seidenkleides zu hören. So war es die Frau, die im Zimmer ihres Sohnes war. Er wußte nicht, ob sie dort zu schlafen pflegte.

Der Regen rauschte, kein Wind ging, und der Wald empfing bewegungslos die strömenden Tropfen. Ein einziger Ton stand um das Haus, groß und tröstlich wie Meeresrauschen. Aber nun hob sich eine Stimme dazwischen auf, tief und ganz leise, die mit geschlossenen Lippen eine Melodie erklingen ließ. Die Frau sang, so leise wie über einem schlafenden Kind, aber das Lied sonderte sich doch ab von dem eintönigen Rauschen des Regens, weil es Höhe und Tiefe hatte, einen Gang der Töne, der anders geordnet war als das Fallen der Tropfen, eine menschliche Bewegtheit, die nicht einmal die der Klage war, sondern fast wie ein leiser Marsch vor sich hinging, selbstvergessen wie ein Kind auf abendlicher Straße.

Thomas war es, als kenne er das Lied, ja er wußte, daß er es kannte, so genau, wie man seinen Namen kennt, aber in dem Zwielicht des dämmernden Morgens und in der Unwirklichkeit alles Geschehens konnte er sich nicht erinnern. Traum und Morgen verwischten sich ihm, und während er lauschte, war er geneigt zu meinen, daß auch dies dazugehöre zu dem neuen Leben, die singende Frau wie der Regen, daß der Kummer sich hier nicht verberge wie in den Städten, sondern singend durch die Nacht gehe und es ihn nicht berühre, ob ein Mensch zuhöre, ein Fremder gar, den es aus dem Schlafe wecke.

Nun verstummte das Lied oder es verschmolz mit dem Regen, und auch die Bewegung der Diele klang nun weit her, als seien es doch zwei Kiefern im Walde, die in der Morgenluft erschauernd sich rührten. Schließlich war es, als lache es leise hinter der Wand, ein Mensch, der mit sich allein wäre, ganz allein, und eine Erinnerung riefe den leisen Ton in seiner Brust herauf.

Doch war Thomas wohl schon eingeschlafen, als dies geschah.

Am Morgen dann fand er niemanden in der Stube unten, aber neben seinem Frühstück lag ein Zettel des Försters, daß er auf die Insel fahren (der Kahn liege unten am Ufer) und ihn dort oder wieder im Hause erwarten möge. Die Schrift war fest und gerade, und Thomas dachte wieder an das Lied in der Nacht und wie seltsam es wohl aussehen würde, wenn die Frau die Worte in ihrer Schrift daruntersetzen wollte. »Sieben Jahre, mein lieber Herr …«

Leise ging er aus dem Haus. Der Regen hatte fast aufgehört, aber die Wolken zogen noch dunkel, in langen Zügen über den Wald. Aus den Bäumen tropfte es unaufhörlich in das welke Laub, und bei jedem Windstoß rauschte es schwer und sprühend herab. Es war immer noch warm, und die Walderde roch bitter und schwer.

Dünne Nebel zogen über den See, und die Insel lag düster über dem grauen Wasser. Das Haus war nun zu sehen, nicht mehr als eine große Hütte, und es war eigentlich nur ein schweres Rohrdach über einer niedrigen weißen Wand. Aber Rauch stieg aus dem Schornstein, und daneben hob der bewaldete Hügel sich bis zu den Eichen auf seiner Krone. Die trockenen Wipfel verschwammen im Nebel.

Thomas stand am Ufer und lauschte, ob er einen Ton vernähme, aus den Wäldern oder über dem Wasser, aber nur der Rohrsänger rief im hohen Schilf, und die Tropfen fielen im Wald. Er stand lange und sah hinüber. Er hörte sein Herz mit ruhigen Schlägen klopfen und dachte, daß er als erstes ein kleines, leichtes Boot für Joachim besorgen müßte, wenn er zu den Sommerferien käme. Alles andere schien ihm geordnet und selbstverständlich.

Er fuhr stehend hinüber, da die Ruderbänke naß waren. Das Boot hatte einen flachen Boden, und mit jedem Schlag des langen Ruders hob die Spitze sich leise rauschend aus dem Wasser. Zuerst sah er den Grund, hellen Sand, über den kleine, erstarrte Wellenmarken liefen, dann wurde das Wasser dunkel, fast schwarz, und grüne Gewächse hoben sich schwankend aus der Tiefe auf. Mitunter sprang ein schwerer Fisch ins Licht, und ein silberner Schein blitzte matt durch die graue Luft. Dann liefen dünne Ringe über den See, griffen über sein Boot hinaus und erstarben wieder. Es war ihm, als sei er immer so gefahren, als brauchte es nicht aufzuhören und als seien Schiffe und Meer nur ein Traum gewesen, eine gespenstische Vergrößerung aus unruhigem Schlaf, und nun ziehe sich alles wieder zurecht zu geordneter und bescheidener Wirklichkeit.

Der flache Kiel stieß leise auf den Sand des Ufers, und er stieg aus. Ohne sich umzusehen, ging er den Hang zum Hause hinauf und klopfte an die Tür. Als niemand antwortete, trat er ein.

In dem dämmrigen Licht sah er nur das Feuer im Herd und eine dunkle Gestalt, die hineinstarrte, die Arme auf die Knie gestützt, das Kinn in den Händen. Da keine Antwort auf seinen Gruß erfolgte, ging er um den Mann herum und setzte sich auf einen Holzschemel neben dem Herd. Unter dem grauen Haarbusch sah er nun das Gesicht des Mannes, finster, aber nicht böse, wie es unbewegt in das Feuer blickte, den Widerschein der Flamme auf der gefalteten Stirn und in den fast schwermütigen Augen. Ein grauer Bart hing ihm ungepflegt auf die Brust, und ein dumpfer Geruch von Rauch und Fischen ging von ihm aus.

Es war noch stiller hier als auf dem Wasser, nur das Feuer knisterte hinter der halbgeöffneten Herdtür. Durch die kleinen Fenster fiel das graue Licht widerwillig auf die dunklen Bohlen, aus denen die Wände zusammengefügt waren. Netze hingen an Holzpflöcken, und Ruder standen in den Ecken.

»Na?« sagte der Mann und sah einmal flüchtig auf.

Thomas erwiderte, daß er sein Nachfolger werden wolle.

»Nachfolger« sei gut, meinte der Mann und sah ihn von der Seite an. »Thronfolger« sei besser, denn die Throne wackelten heute, und dieser insbesondere, auf den er sich zu setzen gedenke, sei mehr als wacklig.

Nun, er habe nicht gerade die Absicht gehabt, sich auf einen Thron zu setzen, sagte Thomas.

Sondern?

Sondern zu arbeiten. Er bekomme kein Schiff mehr als Steuermann, und es sei ihm auch zu laut in den Städten.

Der Mann nahm die Pfeife aus dem Munde und sah ihn lange an. »Was du doch für ein komischer Vogel bist«, sagte er nachdenklich. »Bist du ein Verkleideter, hm?«

Nein, er sei nicht verkleidet, erwiderte Thomas lächelnd.

Tja, heute sei alles möglich. Von rechts und von links. Nun, mit dem Lärm, da brauche er hier nicht bange zu sein. Auf der Insel sei noch keiner von den Bonzen gewesen, um Reden an das notleidende Proletariat zu halten. Und arbeiten? Das könne er hier schon, wenn es ihm Spaß mache, für die Blutsauger zu arbeiten. Ihm mache es keinen Spaß mehr.

Auf See habe niemand danach gefragt, sagte Thomas, für wen er arbeite. Sie wollten eben zur See fahren, das sei ihnen Freude genug gewesen. Und so wolle er hier arbeiten, weil es ihm Freude machen werde.

»Na ja«, sagte der Mann. »Warst du schon drüben?« Und er deutete mit dem Daumen über die Schulter.

»Nein«.

»Nicht uneben in seiner Art, der General, aber dämlich, sage ich dir, furchtbar dämlich. So aus der Zeit der Kreuzzüge, verstehst du? ›Mein See, mein Wald, mein Schloß!‹ Nicht beizubringen, daß das ebenso mir gehört wie ihm. ›Eigentum ist Diebstahl‹, nie was gehört davon. Aber ordentlich ausgesprochen wir beide manchmal, alles was recht ist … bis auf die Fahne.«

»Welche Fahne?«

Der Fischer knöpfte langsam den Rock auf, an dem die Fischschuppen glänzten, und holte aus der Brusttasche sorgsam ein rotes Tuch heraus, vielfach zusammengelegt und brüchig in den Falten. Er breitete es auf seinen Knien aus und strich mit der schweren Hand darüber.

»Dies eben«, sagte er. »Ich habe sie aufgezogen über dem Haus, und jedesmal sind sie gekommen und haben sie heruntergeholt, er und seine Schergen. Schließlich habe ich gekündigt, Fahne muß sein!« Er stützte den Kopf wieder in beide Hände und starrte auf das rote Tuch.

»Aber hier, auf der Insel?« fragte Thomas. »Muß das sein?«

»Überall«, sagte der Mann finster. »Über der Insel und über dem Sarg.«

»Und nun?«

»Nun? Weiß nicht. In die Stadt ziehen wahrscheinlich und 'reinschlagen in die Bande, mit dem Ruder, rechts und links. Keine Lust mehr zu arbeiten. Sechzig Jahre gearbeitet für einen Dreck, und jetzt kannst du nicht mal die Fahne aufziehen, wenn du willst!« Er spuckte ins Feuer und nahm einen Schluck aus der weißen Flasche.

Nein, Thomas dankte.

»Alles lernen, Freundchen, hier, alles lernen …«, murmelte er finster.

Thomas nahm aus seiner Brieftasche ein in Seidenpapier gewickeltes Päckchen, dünn wie ein Brief. Er schlug das Papier auseinander und nahm einen Tuchfetzen heraus, nicht größer als eine Handfläche, mit eingerissenen Rändern. Er war schwarz, und nur an einer Ecke, längs einer geraden Naht, war ein weißer Fleck wie angeheftet. »Sehen Sie«, sagte er, »das ist nun meine Fahne. Sie schlugen mich über den Kopf damals und warfen mich über Bord, aber ich ließ nicht los und riß mit der Hand ein Stück heraus. Ich hielt es noch in der Faust, als sie mich herausfischten, andere, und ich habe es behalten. Es sieht nicht schlechter aus als Ihres, nicht wahr? Nur kleiner und unansehnlicher. Aber aufziehen darf ich sie auch nicht mehr, das haben wir nun gemeinsam.« Er lächelte und ließ den Schein des Feuers über das Tuch spielen.

»Also doch verkleidet!« sagte der Fischer, beugte sich aber vor und sah auf den Fahnenrest in Thomas' Hand. »Schlechte Farben«, sagte er bekümmert, »haben viele dran glauben müssen … alle farbenblind … hinein mit ›Hurra!‹ und kopfüber auf den Grund … so dumm die Welt, so furchtbar dumm …«

»Auch Sie werden kopfüber auf den Grund gehen, in der Stadt«, sagte Thomas.

Der Mann fuhr mit der Hand waagerecht durch die Luft. »Egal!« sagte er. »Werde aber einige mitnehmen, und dies kommt auf meinen Sarg!«

Er faltete das Tuch wieder zusammen und barg es unter seinem Rock. »Mit Sechzig hat man keine Angst mehr, Freundchen … verwahre auch du deines, hat mir gefallen, auch wenn du verkleidet bist. Wer sich über den Schädel hauen läßt dafür, ist ordentlich. Die anderen kneifen nur den Schwanz ein wie die Köter.«

Ja, er wolle ihm alles zeigen, sei nicht viel zu besehen hier. In der Tür blieb er noch einmal stehen und sah zurück. »Fahnenwechsel«, sagte er, »was für ein Spaß! Wir beide, was?« Dann ging er auf dem schmalen Steig voran, der durch die Schonung bis zu den Eichen führte. Eine graue Leiter war an einen der Stämme gelehnt, und sie stiegen hinauf. Oben, zwischen den riesigen Ästen, war eine kleine Plattform und ein einfacher Sitz angebracht. Man sah die ganze Insel unter sich, den See, die Wälder und ein fernes Dorf zwischen Wiesen und Ackerstreifen.

»Kommandoturm«, sagte der Alte und lehnte sich über das Geländer. »Von hier kannst du sehen, ob sie kommen, Rote oder Schwarze oder Schwarzweißrote. Sauberer Platz für ein Maschinengewehr, aber ich hatte keins … nun paß auf! Reusen und Stellnetze in die beiden Buchten! Bei Ostwind hier, bei Westwind dort. Vor dem Gewitter überall. Bei Nordwind zu Hause bleiben und Netze trocknen. Krebsreusen dort entlang! Zwei bis drei Meter tief. Wenn du was nicht weißt, nicht den General fragen, sondern durch das Fließ dort in den nächsten See fahren. Da lebt der Alte, achtzig oder hundert Jahre alt. Heißt Peter, die Leute sagen Petrus. Habe ihn selber noch nicht auf den Wellen wandeln sehen. Weiß alles von den Fischen, spricht mit ihnen, weiß, wann sie ziehen und wann nicht, sieht in die Zukunft und priemt … wie heißt du übrigens?«

»Thomas.«

»Na also, die ganze Jüngerschaft zusammen … und ich heiße Christoph und kann euch über das Wasser tragen … will übrigens gar nicht, daß du viel fängst, der Alte. Stadtmenschen sollen verhungern, meint er. Hast ein gutes Leben hier, wenn du was ausgefressen hast und dich verkleiden mußt. Kommt hier keiner schnüffeln, nicht mal der Fischmeister. Angst vor dem Alten … Aber ist nicht immer so wie jetzt, Freundchen. Kommen dunkle Tage, wenn der Schneesturm dir über den Schornstein heult. Denkst an alles, was du falsch gemacht hast, ist keiner da, der mit dir eine Pfeife raucht. Bloß das Eis brüllt im See, und die Füchse bellen, und manchmal heult der Wolf aus den Schonungen. Dann fängst du an zu trinken, Freundchen, weil wir nichts anderes haben als Schnaps, verstehst du? Wer in keiner goldenen Wiege gelegen hat, kann seine Netze stellen wie er will, sechzig oder achtzig Jahre lang, geht ihm doch der Fisch mit der Goldkrone nicht hinein. Ob du Rot hier aufziehst oder Schwarzweißrot, das bleibt sich alles gleich … und still wirst du, sage ich dir, so still wie ein Stein auf dem Grund …«

Er fuhr mit der Hand durch den leeren Raum und stieg die Leiter wieder abwärts. »Stimmt alles mit den Netzen«, sagte er an der Haustür, »keines zuviel und keines zuwenig. Nur mit den Mäusen mußt du aufpassen im Winter, daß sie dir keinen Schaden machen … Heute abend gehe ich los, der Kahn liegt da an der hohen Fichte.«

Er stand schon in der geöffneten Tür, und Thomas schien es, als sei er der Geist dieser Insel, grau, verwittert und gebeugt, und als würde er selbst nach zwanzig Jahren auch so dastehen. Das Tor der Zukunft tat sich in geräuschlosen Angeln auf, mit blitzenden Flügeln, einen Herzschlag lang. Er sah sich, wie eine Vision, auf der Schwelle stehen und sich umwenden wie jener, nur mit einem anderen Gesicht, und dann hineingehen und vor dem Feuer niedersitzen. Der Schein der Flamme spielt über den Globus, Länder und Meere, Berge und Ströme. Er hat den Kopf in die Hände gestützt und blickt darüber hin, ohne Wunsch und Begehren, vieles hinter sich, wenig vor sich, ein einsamer Mann, schweigsam wie die Steine auf dem Grund.

»Ich werde ihn fangen, Christoph«, sagte er, »den mit der goldenen Krone … ich werde ihn fangen!«

Aber der andere verzog nur die Lippen über dem grauen Bart, winkte mit der Hand und ging hinein.

Eine unsichtbare Uhr schlug elf helle Schläge, als Thomas vor der Schloßtreppe stand. Das Schloß war nicht mehr als ein großes Gutshaus, mit einem hohen braunen Dach über zwei Flügeln. Doch lag es breit und stattlich über der Seebucht, und der Efeu, der bis an die Fenster des oberen Stockwerks rankte, ließ es alt und ganz auf sich zurückgezogen erscheinen. Das Wappen über der schweren Tür war so verwittert, daß es nicht mehr als eine gepanzerte Faust erkennen ließ, die etwas trug, aber es konnte ein Lilienstengel wie eine Streitaxt sein. Der Park hinter dem Hause mußte gleich in den Wald übergehen, hinter dem Hof aber hob sich gerade der dünne Nebel über dunklen Feldern, die erst vom Horizont begrenzt schienen. Ein blaues Tor tat sich zwischen den ziehenden Wolken auf, und ein heller Schein fiel auf die regennasse Erde, auf die leuchtenden Dächer und auf die Spitze der Fahnenstange, die sich über der Mitte des Hauses erhob.

Dann stieg Thomas die Stufen hinauf. Er läutete an einem alten Glockenzug, und die schwere Tür wurde von einem Riesen in altertümlicher Uniform geöffnet. Thomas meinte, sie müsse aus der Zeit Friedrichs des Großen stammen, mit weißem Lederzeug und verschnürtem Rock, doch trug der Mann keine Bärenmütze, sondern kurz verschnittenes Haar, sah auch so aus, als hätte man ihn eben vom Pfluge fortgeholt und er hätte sich dort wohler befunden als in seinem gegenwärtigen Amt.

»Der Herr General lassen bitten«, sagte er düster und half Thomas aus dem Mantel. Es klang, als liege der General im Sterben.

Thomas nahm mit einem Blick die riesige Halle wahr, die bis in das obere Stockwerk reichte, eine schöne und breit aufsteigende Treppe von dunkelbraunem, glänzendem Holz, Schaufeln, Geweihe, Vögel, Waffen, Ahnenbilder, einen riesigen Feuerplatz, in dem ein ganzer Baumstumpf verkohlte, und im Hintergrund, zu beiden Seiten einer zweiflügeligen Tür, zwei alte Kanonen aus mattglänzendem Metall, die dunklen Münder drohend auf den Eingang gerichtet. Doch standen keine Kanoniere neben ihnen, mit brennenden Lunten etwa, wie Christoph erzählt hatte, bereit, das Feuer sofort auf jeden zu eröffnen, der es etwa an Haltung oder Gesinnung gleich beim Eintritt sichtbar fehlen ließe. Aber auch eine Regimentskapelle, ein Schellenbaum und Bombardon, wie Thomas sie eher vermutet hatte, war nicht sichtbar, so daß er guten Mutes, wenn auch etwas verwirrt von dem Anblick düsterer Feierlichkeit, dem riesigen Grenadier oder was er sonst sein mochte, durch ein büchergefülltes Vorzimmer bis an die Eichentür folgte, an der dieser nun deutlich, aber doch in geziemender Bescheidenheit klopfte.

Eine etwas heisere Stimme rief »Herein!«

Der Große öffnete die Tür, trat oder sprang vielmehr mit erstaunlicher Gewandtheit über die Schwelle, schlug daneben die Absätze seiner Schuhe unter den geschnürten Gamaschen zusammen und meldete mit heller Stimme: »Der Herr Christoph Nachfolger, Herr General!«

Ein kleiner, breiter Mann mit grauer Litewka hob den Kopf von den Papieren auf seinem Schreibtisch, sagte »Schafskopf!« zu dem Riesen und winkte Thomas mit der Hand, näher zu treten. Er wies auf einen Stuhl an der Schmalseite des Tisches, wartete, bis der Riese das Zimmer verlassen hatte, und blickte dann Thomas an.

Dieser meinte, sein Gesicht schon als Kind gesehen zu haben, in der vielbändigen »Geschichte der Eroberung des indischen Reiches«, die in den Bücherschränken seines Vaters gestanden hatte, ganz unten, sechs dunkelbraune, schwere Bände, und in denen er die Bilder vor allem liebte, in matten Wasserfarben, unzureichend für die Glut jener Landschaften, aber erfüllt von seltsamen Menschen, Tieren und Pflanzen. Dort, inmitten edelsteinbedeckter Maharadschas und dämonischer Tempel, hatte es auch Porträts der Eroberer gegeben, Soldaten, Kapitäne und Könige des Handels, mit brauner Haut und weißem, buschigem Haar, mit strengen, mitunter grausamen Lippen und kindlich gebliebenen hellblauen Augen; Männer, von denen man nie wußte, ob sie Blut aus den Hirnschalen erschlagener Landesfürsten tranken oder ob sie, wieder heimgekehrt auf ihre grüne, neblige Insel, vor den riesigen Kaminen ihrer Schlösser den schweren Wein tranken, der in alten Eichenfässern die Reise nach Indien und zurück immer wieder gemacht hatte, um jene Glut und Milde zu gewinnen, von der ihre Gesichter so braunrot und fröhlich geworden waren. Männer, die er sich von der Meute ihrer Hunde und zahlreichen Enkelkindern umgeben vorgestellt hatte und für die alle es nur einen geheimnisvollen und fast tropischen Namen in seiner Gedankenwelt gegeben hatte: den Namen der Nabobs. Er hatte nicht gewußt, woher dieser Name stammte, aber etwas Drohendes und gleichzeitig Heiteres war aus dem Klang der Silben aufgestiegen, Fremdheit und Zauber, Macht und Einsamkeit, und einmal hatte er seinen Lehrer in das hilfloseste Erstaunen versetzt, als er auf die Frage, was er einmal werden wolle, laut und ohne Überlegung geantwortet hatte: ein Nabob!

Nun mußte er fast ein Lächeln verbergen, als er bedachte, wie wenig er selbst jenes kindliche Versprechen eingelöst hatte, weder im Äußeren des Glanzes noch im Inneren selbstgewisser und fast allmächtiger Haltung, von einer Meute von Grauhunden so weit entfernt wie von einer Schar hellblonder Enkelkinder, und wie auch jener, dessen Gesicht ihm aus jenen Büchern vertraut war, in seinem Leben und Sein, in Erinnerungen, Macht und Reichtum wohl weit hinter den Urbildern jenes seltsamen Namens zurückgeblieben sein mochte, außer daß er vielleicht in den Kellern dieses Hauses einen ansehnlichen, aber immer mehr abnehmenden Vorrat jenes Weines besäße, der, vor riesigen Kaminen an langen Abenden getrunken, jene Hautfarbe verleihen mochte, die wie von indischer Sonne gebräunt und gebrannt erschien.

Doch fühlte Thomas sich nun durch diese kindliche Erinnerung über die Schranken des Alters und des Ranges leichter hinweggehoben und glaubte auch alle Wunderlichkeiten, auf die er vorbereitet war und deren Anfang er nun schon erfahren hatte, guten Mutes überstehen zu können.

»Heißen Orla?« fragte die heisere Stimme, die die Worte wie aus einer Gewehrmündung hervorstieß.

»Jawohl, Herr General.«

»Gedient?«

»Jawohl, Herr General.«

»Dekoriert?«

»Jawohl, Herr General.«

Eine kleine Pause trat ein, in der der General fortfuhr, seinen Besucher gleichsam durchbohrend zu betrachten, nicht etwa aus Mißtrauen, sondern aus einer alten Übung, die sich ihm vor der erstarrten Front unzähliger Soldatenkolonnen als nützlich erwiesen haben mochte. Thomas war überzeugt, daß er ein Waisenkind oder ein neugeborenes Kalb im Stall auf genau die gleiche Weise zu betrachten pflegte, blieb also unverändert in seiner guten Haltung und wich den blauen Blitzen nicht für eine Atemlänge aus.

»Gruber erzählt«, fuhr die heisere Stimme fort, »Steuermann, Skagerrak und dergleichen. Mißtrauisch gegen alles Seefahrende. Anfang mit Schande gemacht. Hoffe, Regel durch Ausnahme bestätigt sehen. Hier nur brauchen, was in Gesinnung und Haltung zuverlässig … Zu … ver … läs … sig! Verstanden?«

»Jawohl, Herr General.«

»Gut … Vorgänger Esel. Güterteilung, Weltfriede, rote Fahne und dergleichen. Kein Lump, aber Esel. Auf Barrikaden fallen. Gloriose Zeiten für Lumpen und Esel. Insel Stützpunkt Wasserseite. Vor dem Feinde fallen, wenn nötig, verstanden?«

»Jawohl, Herr General.«

Nach dieser Versicherung entspannte das drohende Gesicht sich ein wenig, und eine zweite Pause trat ein, in der Thomas sich zu erinnern versuchte, welcher der preußischen Könige diese Redeweise geliebt hatte. Doch begann nun, als er des weiteren Verlaufes sicher war, die Insel sich wieder zwischen seine Gedanken zu schieben, und unvermittelt überkam ihn nach diesen ruhelosen und von fremden Bildern überladenen Tagen das warme Gefühl tröstlicher Geborgenheit, eine glückliche Müdigkeit, die danach verlangte, den Schein des Herdfeuers auf den dunklen Bohlen zu sehen und den Wind um das Rohrdach gehen zu hören.

Zuvor aber hatte er noch einmal seine Worte mit Bedacht zu wägen, um die etwas zögernden Fragen des Generals nach Schulbildung, Reisen und Familienverhältnissen zu beantworten; empfing darauf seine Dienstanweisung, die sich auf den Jagdschutz erstreckte, und unterschrieb schließlich den kurzen Vertrag, den sein Brotherr nach einem alten, schon vergilbten Muster mit großen, altertümlichen Buchstaben aufsetzte und ihm hinschob.

Thomas las, was er an Rechten und Pflichten besitzen würde, an Geldlohn und »Naturalien«, erfuhr, daß Mehl, Kartoffeln und Winterobst ihm zuständen, wobei er das letzte besonders bemerkenswert fand, daß »ein grauer Fischerrock nebst einem Paar Wasserstiefeln, so bis über die Knie zu ziehen«, ihm jährlich zukämen und daß er »allezeit in Treue zu seiner Herrschaft zu stehen« habe, wie auch diese gelobte, ihn »in Bedürfnissen des Leibes und der Seele gut und geachtet zu halten«. Schien ihm also, als er dies langsam gelesen hatte, daß der Vertrag wohl aus der Zeit jenes wortkargen Königs stammen mochte, daß aber gleichwohl Rührendes in diesen alten Wendungen liege, mehr als er sonst in Verträgen mit Hauswirten oder Mietern erfahren hatte, und als er noch einmal, bevor er die Feder ansetzte, in die Augen des alten Mannes sah, wußte er, daß dieser Vertrag noch niemals mit besserem Willen und vielleicht auch mit tieferer Berechtigung unterschrieben worden war als eben nun.

Eine feste, breite Hand streckte sich ihm über die Tischplatte entgegen, und als er aufsprang und sie ergriff, war es ihm, als könnte er für diesen alten, wunderlichen Mann, um den eine vergangene Zeit gleichsam wie eine Rüstung stand, gern, »wenn nötig«, vor dem Feinde fallen.

»Gute Haltung!« sagte die drohende Stimme. »Gleich gesehn. Gut auskommen.«

Sie traten an den Gewehrschrank, und der General zeigte ihm die kleine Büchse und Doppelflinte, die er ihm ins Forsthaus schicken werde. »Dem Esel abgenommen«, sagte er. »Auf Eiche gestanden und auf ›Blutsauger‹ gewartet. Bei armen Leuten Auge mal zudrücken, bei Lumpen Finger krumm machen! Denken, daß Eigentum aufgehört hat. Zucht und Ordnung halten! Selbst darin groß geworden. Soldat bleiben auch im Fischerrock, verstanden?«

»Jawohl, Herr General.«

Sie vereinbarten, daß Thomas den Dienst in vierzehn Tagen antreten sollte, mit dem Fischfang aber nicht vor dem Mai zu beginnen sei. »Mal auf Insel besuchen«, schloß der General und streckte noch einmal seine Hand aus. »Kein Weltmeer herum, aber gutes Wasser. Nicht schlechteste Devise: ›Ich dien'.‹«

Dann war Thomas entlassen. Der friderizianische Riese lehnte schwermütig an der Kanonenmündung, und Thomas hatte ihn im Verdacht, mit seiner Nase beschäftigt gewesen zu sein. Doch half er ihm freundlich in den Mantel. »Unbequem?« fragte Thomas und deutete auf die Uniform.

»Nein, Herr, bloß im Dorf rufen sie ›Kasperle‹ und schmeißen mit Pferdeäppeln.« Er lächelte melancholisch und begleitete den Gast zur Tür.

»Damals«, sagte Thomas und zeigte auf das weiße Bandelier, »haben sie noch mit anderen Dingen geworfen …«

»Jawoll, Herr, und ich kriege sie schon noch einmal!«

Als er die Tür öffnete und Thomas hinaustrat, kam ein schwarzgekleidetes Mädchen die Steintreppe heraufgestiegen. Es war vielleicht dreizehn Jahre alt, hielt sich sehr gerade und warf eben mit einer Kopfbewegung das Haar zurück, das ihm lose bis auf die schmalen Schultern fiel. Ein junger, hagerer Mann mit einer Brille, ebenfalls in Schwarz gekleidet, beendete eben einen Satz, aus dem Thomas entnahm, daß von der Stellung der germanischen Frau im Altertum die Rede gewesen war.

Beide blieben stehen und sahen Thomas an, der junge Mann zerstreut und noch mit seiner Beweisführung beschäftigt, das Mädchen aufmerksam und ohne Verlegenheit.

Thomas wollte mit einer leichten Verneigung zur Seite treten, doch blieb er stehen, nahm den Hut ab und sagte zu beiden gewendet, er sei Thomas Orla, der neue Fischer.

Während der junge Mann sich überrascht verbeugte und einen unverständlichen Namen murmelte, neigte das Kind auf eine altertümliche Weise den Kopf, ohne die Augen von seinem Gesicht zu lassen, und fragte: »Wie heißt du?«

Thomas wiederholte seinen Namen.

»Ist das ein Name aus einem Märchenbuch?«

Nein, das sei sein wirklicher Name.

Das Kind ließ die linke Hand nachdenklich über die schwarze Holzperlenkette gleiten, die es um den Hals trug. »Ich heiße Marianne von Platen«, sagte es. »Alle Mädchen heißen so bei uns. Und das ist mein Lehrer, Herr Bergengrün … aber ›Orla‹ habe ich noch niemals gehört … wirst du mit Christoph zusammen fischen?«

Nein, Christoph gehe fort. Er werde allein auf der Insel leben.

Christoph sei ein armer Mann, sagte das Kind. Er habe immer böse zu ihr sein wollen und sei immer freundlich gewesen.

Ob es nicht besser sei als umgekehrt, fragte Thomas.

Das wohl, aber am besten sei es doch, freundlich sein zu wollen und es auch zu sein, nicht wahr?

Da habe sie sicherlich recht.

»Herr Bergengrün«, fuhr Marianne fort, »sagt immer, alle Menschen sind anders, als sie aussehen. Aber ich glaube das nicht. Herr Bergengrün sieht immer aus wie ein aufgeschreckter Wichtelmann, und so ist er auch, nicht wahr, Herr Bergengrün?« Ein leises Lächeln bewegte ihren Mund, und sie legte ihre rechte Hand mit einer zärtlichen Bewegung auf den Arm des verlegenen Kandidaten.

»Das sind so unsere Scherze«, sagte er entschuldigend, »doch würde es uns wohltun, wenn wir dann und wann auf die Insel kommen könnten. Mit Christoph hatte es seine Sonderheiten …«

Mit dir auch, mein Guter, dachte Thomas und sagte, daß es ihn freuen werde, sie bei sich zu sehen.

»Und wirst du dort wirklich fischen?« fragte das Kind.

»Ja, ich habe Christoph gesagt, daß ich den Fisch mit der goldenen Krone fangen werde.«

»Gibt es den?«

»Die Märchen sagen es.«

»Und dann?«

»Dann will ich ihn dir schenken.«

Sie atmete einmal tief auf, und Thomas sah, wie die Perlenschnur über der zarten Kehle sich einmal bewegte.

Dann verneigte er sich ernsthaft wie vorher und stieg die Treppe hinunter.

Im Walde erst, als er seine Pfeife stopfte, kam ihm zum Bewußtsein, daß es nun geschehen war, ja, daß er darüber hinaus gelobt hatte, vor dem Feinde zu fallen, wenn es nötig sei, und eine goldene Krone zu verschenken, wenn er sie gewänne.

Er saß auf einem Baumstumpf in der Sonne und begann zu rechnen. Er war immer ordentlich in diesen Dingen gewesen und wußte, was einem Mann an Brot, an Fleisch, an Tabak und Kleidung zukam. Er wußte auch, was er hier nicht brauchen würde und wo die Grenze zwischen gewollter Einfachheit und erzwungener Ärmlichkeit lag. Es zeigte sich, daß seine Pension den Seinigen ohne Abzug bleiben konnte und daß ihm jeden Monat eine geringe Summe übrigbleiben würde, um ein paar Bücher zu kaufen oder einen Garten anzulegen. Daß also selbst in dem grauen Hause Schönheit oder Freude einkehren dürften, wenn ihn danach verlangte. Ja, daß er sogar Gäste mit Anstand würde aufnehmen können, das ernsthafte Fräulein, das wahrscheinlich aus einem Goldrahmen in der Halle heruntergestiegen war, und den biblischen Begleiter, der so feierlich sprach, als wäre er schon mit den Erzvätern durch die Wüste gezogen.

Er sah nun alles so weit, als hätten sich Jahre davorgeschoben: das Haus mit den Kiefern im Vorgarten, die donnernden Züge der Untergrundbahn, den Strom mit den Schiffslampen, vertraute und fremde Gesichter. Er bedachte, wie leicht es war, sich von allem zu lösen, außer von dem Kinde, und erschrak darüber. Ein brüchiges Gewebe, das unter den Händen zerfiel. Es konnte nicht nur so sein, daß er von allem Abschied genommen hatte, als sie ausfuhren damals, in den ersten Nächten des großen Krieges, daß sie die Fäden aufgelöst hatten, die sie mit der Zeit verbanden. Denn sie wollten doch wiederkehren, das hatten sie doch alle gehofft. Aber es war wohl so, daß sie nun mit anderen Augen wiederkehrten, er wenigstens, und die alte Welt ihnen seltsam verändert war, Menschen, Meinungen, selbst das Geliebteste der Erde. Das alte Glück war kein Glück mehr, ein welker Strauß stand da, und man ging um ihn herum, sah, daß es nicht an Wasser fehlte, nicht an Sonne, und doch blieb er welk. Dies war es: der welke Strauß! Man warf ihn nicht fort, wo die frischen Blumen wuchsen, ganz andere und noch unbekannte, und den anderen schien er auch nicht welk, sondern glühend und leuchtend wie zuvor. Sie sahen den Wurm nicht, aber er sah ihn. Etwas mußte falsch gewesen sein, von Anfang an, aber er konnte es nicht erklären. Er hatte gefühlt, daß er den Boden verlor, und nichts war da, an das er sich klammern konnte.

Nun also würde er fortgehen, und nur als von einem Narren würde von ihm geredet werden. Sein Vater würde es wissen, aber sein Vater war tot. Man mußte es nun allein wissen. Sich abends mit frohem Herzen niederlegen können, das war vielleicht das ganze Geheimnis. Froh, wenn man an den gewesenen Tag, und froh, wenn man an den kommenden Tag dachte. Keine Erlebnisse, keine Heldenrolle, kein Glanz um die Stirn. Die Netze auslegen und wieder einziehen, Haus und Insel sauberhalten, ein paar Seiten lesen und abends am Wasser sitzen und in die Sterne sehen. Den Vertrag erfüllen, den man unterschrieben hatte.

Wann war er froh gewesen zur Nacht? Er legte Jahr auf Jahr beiseite und kam wieder bis zu seiner Kinderzeit. Der Vater, der gute Nacht sagte, das offene Fenster, durch das die leisen Geräusche des Gutshofes kamen, der Zigarrenrauch aus dem Nebenzimmer, wo der Vater noch über den Rechnungsbüchern saß oder in einem Band Fontane las. Die Bilder, die sich immer mehr verwirrten … der Weizenschlag mit der brennenden Sonne … der Waldsee mit den alten Hechten … das Pferd, das er ritt, immer mit etwas klopfendem Herzen … die Uhr auf dem Hof, die ihre Schläge über die nebligen Felder schickte, und der letzte Schlag tönte lange nach, Welle auf Welle, immer mehr ersterbend … frohen Herzens, so war er eingeschlafen und wieder aufgewacht.

Aber dann nicht mehr. Nicht als Kadett und nicht als Leutnant. Dienst und Pflicht immer wie eine Rüstung auf der Brust, und manchmal schmerzte die Rüstung … die Segel, der Mastkorb und dann die Geschütze, die Navigation, Zahlen, Formeln, Kurven, Rechnungen, Gesichter, die feierlich oder höhnisch oder spöttisch waren … und dann der Krieg, Menschenleben und Boote, die in seiner Hand lagen, und die Hand war nicht immer stark, nein, nicht immer … kein frohes Herz, auch nicht unter den Kameraden, ein Sonderling, still, scheu, verschlossen … der Krieg, ein bitteres Handwerk, ohne Glanz, töten und vernichten … und dann das Ende und die Leere der Tage und Nächte, wie ein Brett auf dem Ozean, auf … ab, auf … ab … wie ein Geschwätz …

Dies aber war gut, die hohen, grauen Stämme, ernst wie Masten; die Wipfel, aus denen der Dampf vergangenen Regens stieg; der Specht, der hinter dem Hügel hämmerte, fleißig wie ein einsamer Hausvater; der See, der durch die Bäume blitzte, und Vögel riefen über sein Glänzen hin; Wolken, hoch im blauen Raum, durch den die Keile der Kraniche sich drängten. Gut und still. Alte Gesetze, denen die Kreatur gehorchte, die den Tag einschlossen und die Nacht. Krieg auch hier, Leiden auch hier, aber aus Gesetz und nicht aus Willkür.

Und der Vertrag, der ihn einschloß in diese Welt, der ihm die Stunde erfüllte und die geöffneten Hände. Ein einfaches Werk, in dem die Räder sich kreuzten und überschnitten, ein Werk, das nichts brauchte als Fleiß und guten Willen und Gehorsam vor der Ordnung der Dinge. Zu erfüllen auch von denen, die noch die alten Waffen trugen, deren Sinn nach dem Einfachen trachtete, weil sie fremd waren im Verwickelten der Zeit. Die ein Dach wollten, einen Herd, eine Arbeit und ein frohes Herz.

Es fiel ihm ein, daß er die Mönche immer geliebt hatte, obwohl er anderen Glaubens war. Die aus der alten Zeit, die den Wald urbar machten und beim Kerzenlicht die großen Buchstaben auf gelbe Pergamente malten. Die das Schwert nahmen, wenn es um den Acker ging oder um Gott, aber es wieder fortstellten, wenn der Acker und Gott gerettet waren. Fern rauschte ihnen die Welt, ein Strom hinter Weiden, aber sie wollten nichts von ihr. Sie wollten den Pflug und das Bild der Heiligen Mutter und den Kerzenschein über der weißen Zellenwand. Sie wollten sein wie die Steine auf dem Grund, und das Werk ihrer Hände sprach immer noch, hin durch die Jahrtausende. Kein vertanes Leben, kein Aufruhr, kein Geschwätz. Getreue Knechte, die unter Steinplatten schliefen, aber der Hausvater hatte ihre Namen gesammelt und bewahrt.

Wenn sie älter ist, dachte Thomas und stand auf, wird sie wissen, daß die goldene Krone unsichtbar ist, und vielleicht wird auch Joachim es wissen. Daß es nur das Letzte des Lebens ist, sein wahrer Sinn, heraufgezogen mit dem Netz, an dem das Leben gesponnen hat. Güte und Weisheit und nichts haben wollen. Frieden schließen, aber den Frieden, hinter dem kein Krieg mehr steht … vielleicht gewinne ich es, daß ich es ihnen zeigen kann, nur ihr und ihm … zwei Menschen sind schon viel, und ich selbst bin der dritte … drei … was für eine große Zahl, was für eine Riesenzahl für eine Menschenhand … Es war schwer, das Kind dort zu lassen, schwerer als alles andere, aber es gab Wege, die man ohne Kinder gehen mußte, ohne Frau und auch ohne Kind. Erst mußte man fest stehen wie der Mann im Zirkus, bevor man Frau und Kind auf seine Schultern heben konnte. Und er würde Joachim bei sich haben, ein paarmal im Jahr.

Er würde ihn erfüllen mit dem, was er inzwischen gewonnen haben würde. Er würde getreulich teilen. Nur das Geringste würde er für sich selbst behalten wollen. Er ging schon zu Tal, aber das Kind würde fortzusetzen haben, in das neue Leben hinein …

Der Förster stand am Zaun und winkte ihm. »Ein gutes Jahr, lieber Herr. Die Saat steht schön, und auf der Insel wird es wieder lebendig sein. Ein Geist hat da gewohnt, und nun zieht der Mensch wieder ein. Ein gutes Jahr …«

Sie hatten ein schweigsames Mahl, und dann war Thomas den ganzen Nachmittag auf dem Wasser. Er fuhr das Ufer ab. Bucht für Bucht und Schilfrand nach Schilfrand. Er betrachtete den Grund, Sand und Moor, Seerosenstengel und verwitterte Baumstämme, deren Äste hinaufgriffen, einen schmalen Pfad im hohen Gras und die Otterspur, die sich weich in den Boden drückte. Er fuhr um die Waldecke und weiter bis zum Fließ, hinter dem der zweite See begann. Und überall Wald und Wiese, Erlengehölz und Feld, ein graues Dorf vor einem bläulichen Kiefernstreifen, ein Land ganz für sich, mit einem hohen Himmel, unter dem nur der Wind leise tönend ging.

Er sah Christoph abfahren und das Boot an der hohen Fichte verlassen. Er trug einen Sack auf dem Rücken, sein ganzes Hab und Gut, und grau und gebeugt verschwand er im Uferwald, die Fahne sicherlich um den Leib gebunden, ein Mann nach einer verlorenen Schlacht.

Nun war niemand auf der Insel. Die Sonne sank hinter die Eichenwipfel, Gewitterwolken hoben sich bläulich über den Wald, über dem Schornstein hing kein Rauch, ein großer Vogel kreiste über dem grauen Dach und verschwand im dunklen Gewölk.

Thomas holte das leere Boot und fuhr zur Försterei zurück. Sie wollten zusammen das Haus ansehen und was geändert werden sollte, solange Thomas wieder fort war. Am nächsten Morgen wollte er fahren und nach zwei Wochen wiederkommen.

Es war niemand auf dem Hof, aber aus dem kleinen Garten hörte er wieder den leisen, schlafwandlerischen Gesang. Die Frau stand über der frischgegrabenen Erde, im schwarzen Kleid wie bisher, ein Tuch um die Schultern, und streute Samen in die neuen Beete. Aber es war nichts in ihrer Hand. Die Hand war leer, und nur die Gebärde war voller Sinn. Das Lied ging eintönig durch die Stille, einfach und fast heiter, wie ein Kinderlied oder ein Lied über kindlichem Schlaf. Und Thomas meinte ihn dort knien zu sehen, den das Feuer im dunklen Turm versengt hatte, zu Staub und Asche verwandelt, eine kleine Gestalt, die nach den Samenkörnern griff, und sie wußte noch nichts von der kommenden Ernte der Zeit.

Die Luft war schwül wie am Abend zuvor, die Wolken hatten die Sonne bedeckt, und ein gedämpftes Licht fiel von den glühenden Rändern über die Erde. In diesem Licht ging der schwarze Arm der Frau langsam hin und her, die Reihen der Beete auf und ab, eine arme, kindliche Mühle, die das tote Leben streute.

Wieder fröstelte es Thomas, und er ging leise ins Haus. »Ja, ein frühes Gewitter kommt«, sagte der Förster. »Dann ist sie unruhig und bleibt nicht im Hause. Sie kann das große Feuer nicht sehen über dem Wald, und doch bleibt sie auf, solange das Wetter leuchtet, die Hände vor den Augen. Sie sieht ihn wohl im Feuer, lieber Herr …«

Sie fuhren schweigend über den See und traten ins Haus. Es war so leer wie zuvor, und es war nicht zu sehen, daß ein Mensch es verlassen hatte. Sie sahen alles an, und Thomas schrieb sich die Maße in sein Buch. Er wußte gleich, was er brauchte, und sie rechneten die Preise aus. Ein Fußboden sollte gelegt, ein kleiner Herd zum Kochen im Nebenraum gesetzt und das Fenster sollte höher und um das Vierfache verbreitert werden. Alles andere sollte unverändert bleiben, und der Förster wollte zusehen, daß in zwei Wochen alles fertig wäre. »Ein Palast, lieber Herr«, sagte er lächelnd, »und im Winter werde ich das Licht durch die Bäume sehen … Gott segne Ihren Einzug, lieber Herr!«

Ja, Thomas wollte noch ein wenig auf der Insel bleiben. Er sah das Boot zurückfahren, in die Dämmerung hinein, und verschwinden. Das Licht über dem See war schon erloschen, und hinter den Uferwäldern flammte das Wetter schon rötlich auf.

Thomas ging um die Insel herum über Sand und braunes Gras, am Schilf entlang, dessen Halme sich leise aneinander rieben, und wieder zurück. Er war so einsam wie auf dem Ozean. Sein Herz schlug, wie es vor der Schlacht geschlagen hatte, aber was vor ihm lag, war schöner als eine Schlacht. Er fand eine Stelle auf der Westseite des Hügels, unterhalb der Eichen, wo Heidekraut und junge Fichten sich zum Ufer senkten. Dort konnte man auf einem Baumstumpf sitzen und weit über das Wasser sehen. Es war wie auf einer Brücke, und hinter ihm ragten die Masten auf.

Es dunkelte jetzt über den Wäldern, und das Feuer hinter den Wolken blitzte scharf und rötlich über das Wasser hin. Der Wind strich niedrig über das Schilf, und wenn er erstarb, hörte Thomas das leise erzene Dröhnen hinter der Wolkenwand. Mitunter tastete nur ein fahler Schein über die Insel und den Wald, dazwischen aber flammte es böse und drohend auf, wie von langen Rohren über grauer Panzerwand, ein greller Strahl schoß den Himmel hinauf, und lange hinterher, aus begrabener Finsternis, rollte der ferne Donner lange nach und bewegte die Erde, auf der Thomas saß.

Er sah mit weitoffenen Augen in das Licht hinaus. Er sah die grauen Leiber vorwärts stürmen und die zerwühlte See zwischen ihnen. Er hörte Glocken, Signale und verwehenden Schrei. Er saß wie in einem Traum, und vor seinen Augen und Ohren zog es vorbei, die Summe vergangenen Lebens, die Probe vieler Jahre, die Entscheidung junger und bebender Herzen: die Schlacht.

Dann hörte er die Flügel der großen Vögel rauschen und den heiseren, schwankenden Schrei. Er sah sie im nächsten Leuchten über sich, den schmalen Hals gehoben, und wie die trockenen Wipfel unter ihnen erbebten.

Da ging er leise fort, zum Ufer hinunter und an diesem entlang bis zu seinem Boot. Ein paar Tropfen fielen, warm und schwer, und er stand noch eine Weile, bevor er abfuhr, das Gesicht zu ihnen aufgehoben, mit offenen Augen, in denen die Blitze sich spiegelten.

4

Die Uhr über dem Gutshof des Schlosses ist Maß und Regel für die Landschaft um den See. Der Gutshof liegt hoch über dem Wasser, und der Turm über dem Stalldach liegt hoch über dem Hof. Wenn die Luft ruhig ist oder nur ein leiser Wind über die Wälder geht, dringt der helle Schlag weit in die Runde hinaus, und die Menschen richten sich auf von Arbeit oder Schlaf, lauschen auf die Zahl der Töne und messen Schlaf oder Tagwerk danach ab. Die Kirche ist weit, die Eisenbahn ist weit, die Schneidemühlen sind weit. Aber die Glocke des Schlosses ist in ihrer Mitte, und schon das vorige Geschlecht hat sie gekannt. Ihr Alter verliert sich in der ländlichen Sage. Sie schweigt nur, wenn im Schloß sich jemand zum Sterben bereitet; sie wollen nicht, daß der Schlag der Stunde in den letzten Atem fällt.

Die ersten, die der Uhr gehorchen, sind der Kämmerer und der Eleve im Schloß, Thomas und der Fischadler. Die beiden ersten reiben sich den Schlaf aus den Augen und sind nicht immer fröhlich. Die beiden andern sind ganz wach und auf ihr Tagwerk bedacht. Thomas sitzt an dem grauen Tisch vor seinem Haus, hat seinen Kaffee getrunken und raucht die erste Pfeife. Die Sonne steht rot über den schwarzen Kiefern, der ganze See brennt, und die Nebel stehen wie glühender Rauch über den Buchten. An ihrem Rande kann er als feine graue Striche die Stöcke erkennen, zwischen denen die Reusen auf dem Grunde liegen.

Der Adler kommt von Osten hoch über den Wald, stumm, eilig, in gerader Bahn. Er überfliegt die Insel und wendet sich erst am westlichen Wald. Schneeweiß leuchtet seine Brust auf, wenn die Sonne sie trifft. Über der Otterbucht zieht er den ersten Kreis, wo das Wasser immer unbewegt ist und die alten Fische unter der Oberfläche stehen. Dann faltet er die Schwingen zusammen und stößt hinunter. Eine Schaumwolke steht auf, und aus ihr, einmal das Gefieder schüttelnd, hebt er sich langsam wieder auf, höher und höher, bis die Beute in seinen Fängen gegen den weißen Morgenhimmel sich abzeichnet. Hoch über der Insel ertönt sein Schrei, ehe er in der Sonne verschwindet.

Wieder schlägt die Glocke über den See. Der Kuckuck ruft, und das »Hup … hup … hup« des Wiedehopfs geht wie ein Kinderspielzeug durch den Wald. Die Gespanne verlassen den Gutshof, und auf den betauten Waldwegen ziehen die Mädchen zur Pflanzarbeit, die bloßen Füße in schweren Schuhen, weil der Seidenstrumpf das Knien auf der feuchten Erde nicht verträgt. Hier und da murrt eine über die Sklavenarbeit, aber dann zieht doch ein Lied vor ihnen her über die glänzenden Schonungen, weil das Leben stärker ist als das andere. Der Förster hebt einen Bastfetzen von der niedrigen Kiefer, an der der Bock gefegt hat, und Thomas fährt mit den ersten nassen Netzen ans Land.

Die Sonne hebt sich über den Wald, und in dem östlichen Giebelzimmer des Schlosses versucht Herr Bergengrün, an einem kleinen Globus die Drehung der Erde anschaulich zu machen. Marianne von Platen sieht mit ernsten Augen zu und fragt, ob Herr Orla jetzt wohl den Fisch mit der Goldkrone aus dem schwarzen Wasser hebe. Der General sitzt im Sattel, und der friderizianische Soldat begibt sich an die Mündung der Kanone zurück. Die Glocke schlägt, ein weißer Taubenschwarm steigt in die blaue Luft, und in Feld und Wald ziehen braune Hände den Kork aus den Blechkannen mit kaltem Kaffee. Die Pferdeleiber dampfen, und der Morgenschweiß von Mensch und Tier trocknet im warmen Wind. Thomas breitet die nassen Netze aus. Er trägt nur ein Hemd und eine kurze Hose, seine Haut ist braun, und Fischschuppen blitzen in seinem dunklen Haar.

Die Frau mit dem erloschenen Gesicht geht in dem Giebelzimmer auf und ab und singt ohne Worte das Lied mit der heiteren Marschmelodie. Wenn die Sonne auf die zerschlissene Seide fällt, schimmert es alt und grünlich über den demütigen Schultern.

Die Glocke schlägt, und Rauch steht über den Schornsteinen, auch über dem grauen Dach auf der Insel. Thomas kocht seine Fischsuppe, und die blauen Schleie zerfallen nicht mehr nach den ersten mißglückten Versuchen. Die Gespanne kehren heim, die Mädchen auf der Pflanzung liegen im Schatten, und Gruber sagt zu der blassen Frau, daß es ihm lange nicht so gut geschmeckt habe. Sie wendet den Kopf, als höre sie ihm zu, aber ihre Augen gehen durch ihn hindurch, weit fort, bis zu dem dunklen Meer wahrscheinlich, wo sie nun Kränze versenken zum Gedächtnis der Toten und der schrille Schrei der Möwen hinter den Schiffen herzieht. Der General hebt seinen Rotwein gegen das Licht und fragt sein Enkelkind, was es sich zum Geburtstag wünsche. Herr Bergengrün meint vor sich hin, man mache jetzt viel Rühmens von einer neuen Ausgabe der Märchen von den Gebrüdern Grimm, und das Kind nickt ihm zu. Der melancholische Riese steht bolzengerade an der Anrichte, und auf seinem weißen Lederzeug sitzen ein paar hartnäckige Fliegen.

Die Glocke hat den Kreis ihrer Schläge vollendet und beginnt von neuem mit einem einzigen hellen Ton. Der Zeiger rückt vor, und die Arbeit folgt, wird langsamer und müder und endet. Der Adler ist dreimal dagewesen, und Thomas kehrt vom Netzauslegen heim. Neben ihm auf der Bank liegt die kleine Büchse, aber ihr Lauf ist noch blank. Er hat seine Post von der Försterei mitgebracht, eine Zeitung, voller Hader, Unruhe und Lärm, eine Karte von Joachim, daß er im Rechnen jetzt »sehr gut« sei und der Ordinarius ihn gefragt habe, ob er nicht bald den schwarzweißroten Wimpel von seinem Fahrrad abnehmen werde. Dazu hatte er in Klammern in seiner großen steifen Schrift »Fehlanzeige!« hingesetzt. Und daß es bis zu den großen Ferien noch zweiundfünfzig Tage seien. Auf der Vorderseite stand gehorsam: »An Herrn Thomas Orla.«

Thomas hörte die Glocke über den See schlagen, sechs helle Töne, und so bleiben noch vier Stunden, die er für sich allein hat. Um zehn wird die Lampe gelöscht. Tür und Fenster stehen weit auf in seinem Haus, und er bleibt eine Weile auf der Schwelle und sieht hinein, ob Christoph vielleicht vor den Büchern steht und den Kopf schüttelt. Denn die Bücher sind nun da, fünf breite und hohe Bretter, die ganze dunkle Bohlenwand entlang. Der Globus ist da, und der Messingstreifen des Äquators blitzt in der Sonne, die durch das breite Fenster fällt. Und die beiden schweren Sessel stehen vor der Herdtür, ein schmales Feldbett ist an der andern Wand, der Schrank mit den Waffen und Masken und in der Fensterecke der schwere graue Tisch mit der Holzbank. An den Wänden nichts als das Bild des feuernden Kreuzers im Goldrahmen.

Und alles ist sein, ganz allein sein, erfüllt von seinem eigenen Leben, von der Erinnerung an Tage und Nächte, die er diesen Dingen hingegeben hat, mit Lesen, Denken, Grübeln und Sein. So ganz sein Eigentum wie die Kleider, die er trägt, und der Atem, der aus seinem Munde geht. Das aus dem Schiffbruch Gerettete, das doppelt Teure und Kostbare, mit eigenen Händen auf die Insel getragen wie aus der Brandung des Meeres. Christoph hatte sich fürchten müssen, die Schneestürme und das Klagen im Schornstein, die Nebel und die heiseren Rufe der winterlichen Tiere. Er hatte nur das Feuer, die Pfeife und den Schnaps. Und das brennende Bild der Zukunft, die immer Zukunft blieb.

Aber Thomas hatte mehr. Er hatte eine Arbeit, die er liebte, und seine Hände waren hart vom Rudern. Er hatte die Glocke, die durch sein Tagwerk ging, und die Bank, von der er die Sonne untergehen sah. Er wußte, daß sie nur für die Müden unterging. Er hatte die Weltkugel da, und sie schwang sich leise durch den unendlichen Raum, wenn seine Hand sie berührte. Und er hatte alles, was auf dieser Kugel Unsterblichkeit gewonnen hatte. Auf den schmalen Brettern vor der vom Herdrauch dunkel gewordenen Wand standen die Ewigen und sahen ihn an, nah und vertraut, denn bei ihnen allen war er zu Gast, und der Blick seiner Augen war ihnen bekannt, die sorgsame Bewegung, mit der er die Blätter umwendete, die Neigung der Stirn, mit der er ihnen nachsah. Er besaß ihre Vergangenheit, die alles umfassende, und in ihrer Vergangenheit lag alle Zukunft beschlossen, eine reine und gläubige Zukunft, von Haß und Hochmut gereinigt, die große Stille, nach der sie getrachtet hatten am Ende ihres Lebens, und nach der auch er trachtete, ein demütiger Schüler, von ihrem Hauche genährt.

Die Glocke schlägt, und alle hören sie, die wissen, was der Feierabend ist. Thomas sitzt auf dem Baumstumpf unter den Eichen und weiß, weshalb die Menschen Gott gelobt haben. Nur als Kind hat er so gewußt, wie schön die Welt ist, so schön, daß es in der Brust schmerzt. Das letzte rote Licht auf dem See, der schlafende Wald, das junge Birkenlaub vor dem weißen Himmel und sein Duft, der keinem andern zu vergleichen ist. Und nun beginnen die Eulen zu rufen, der Nebel steigt, Sterne zünden sich an. Die Ruhe der Nacht breitet sich aus wie Wellenkreise von einem letzten Stein, weiter und weiter, und in der Mitte sitzt er selbst, regungslos, und sein Blut rauscht und singt wie ein Brunnen im Traum.

Die Glocke schlägt. Das Licht der Lampe fällt auf die Seiten des Buches in seiner Hand, die rot beschienen ist von der Flamme des Herdes. Wenn er den Kopf hebt, sieht er durch das offene Fenster ein fernes, zitterndes Licht. Das ist das Licht im Forsthaus, und es ist das einzige, das er sieht. Auch der alte Mann wird am Fenster sitzen, rauchen und schweigen. »Sieben Jahre, lieber Herr …« Er wird es gelernt haben. Und im Giebelzimmer singt die Frau. Die Diele knarrt, und der Mann am Fenster hört den Ton nicht mehr. Oder er denkt an seine Bäume im Wald, und wie der Wind noch leise an sie rührt. Und daß er einen Nachbarn gewonnen hat, bei dem er manchmal sitzt um diese Zeit, wenn das Dach ihn erstickt, und der leise Gesang, der wie ein Kindermarsch unter den Sternen ist.

Der Nabob aber hebt den Rotwein gegen die Flamme im riesigen Kamin und sieht, wie rot er im Glase leuchtet, wie dunkles Blut, und er hat zwei Söhne begraben. Das große Haus liegt dunkel und tot. Wie eine Kirche ist die gewaltige Halle über ihm, ein Goldrahmen funkelt, und die ausgestopften Tiere stehen wie dunkle Heilige auf ihren Sockeln. Die Flamme leckt und erlischt und glüht wieder auf. So viele Bilder und Gesichter, Lachen und leiser Gesang. Ein Ast, der sich krümmt und verfällt. Ein Gesicht mit einem Goldhelm, zuerst rot, dann grau, dann weiß … der Helm zerfällt, die Stirn bricht auf, in Asche sinkt das Bild zusammen … »Haltung, Generalmajor!« Schon gut, schon gut. Das Wappenschild wird zerbrochen, aber die Toten bleiben. Die Toten und der königliche Herr. Er hebt das Glas, und es leuchtet rot.

Die Glocke schlägt, und die Lichter erlöschen. Schlaf fällt wie Tau über die Augenlider. Ein Reiher schlägt mit den Flügeln und faltet sie wieder zusammen. Er sieht das Wasser voller Sterne, wie goldene Fische stehen sie tief und unbewegt. Eine Kröte sitzt vor der Schwelle des Hauses. In ihren dunklen Flanken geht der Atem leise auf und ab.

Die Glocke schlägt, und Joachim von Orla fährt aus seinem ersten Schlaf. Er ist im Traum in die Kreuzerschlacht gefahren, und eine Glocke hat ihn in den Kommandoturm gerufen. Aber alles ist dunkel, kein Admiral ist da, der ihm den großen Auftrag erteilt, mit dem er, Joachim, die Schlacht entscheiden wird. Nur auf dem Schrank ihm gegenüber schimmert das Schiff aus Lindenholz in dem matten Licht, das durch das Straßenfenster fällt. Ansehen müsse man es, hat der Vater gesagt, daß es einen zum Dienst rufe. Weit ist der Vater, auf einem großen See, wo er der Herr ist über Adler, Reiher und Fische, und es sind nur noch fünfzig Tage, bis er alles das sehen wird. Und vielleicht tausend Tage, bis er als Kadett eintreten wird, um Flottenchef und Admiral zu werden. Der Vater hat zu früh aufgehört, aber er wird es wiedergutmachen … zuerst aber kommt das Kriegsspiel in nächster Woche, das ganz heimliche, und morgen gibt es Zitronenspeise, das hat Schwester Beate versprochen … gut ist die Schwester und wie das weiße Schaf anzufühlen, das die Mutter ihm zu Weihnachten geschenkt hat … er hält noch einmal den Atem an, um zu hören, ob Schwester Beate hinter der geöffneten Tür schläft, und als sie sich leise unter ihrer Decke bewegt, legt er sich wieder auf die Seite und macht die Augen zu … die lieber sein, als heißen wollte … so merkwürdige Dinge, die der Vater manchmal sagt …

Die Glocke schlägt von dem Kirchturm hinter den Kiefern, der Wecker schnarrt, und mit einem Sprung ist Joachim aus dem Bett, die Augen noch ohne Besinnung und schwer von Schlaf. Aber nur Frauen drehen sich noch einmal auf die andere Seite und betrügen Uhr und Tag. Die kalte Dusche rauscht, die Amseln flöten vor dem schmalen Fenster. Schwester Beate schwankt noch vor Müdigkeit, und er spritzt ihr das kalte Wasser ins Gesicht.

Dann ißt er sein Ei, die lateinische Grammatik neben dem Teller. Seine hellen Augen sind ganz wach und laufen die Spalten hinauf und hinunter.

»Heute schreibe ich die beste Arbeit, Schwester Beate«, sagte er.

Sie ist immer ein bißchen verwirrt unter seiner Klarheit und Sicherheit. Der Vater würde sicherlich nicht geglaubt haben, die beste Arbeit zu schreiben. »Du weißt alles so genau, Joachim«, seufzt sie. Er sieht sie von der Seite an und lächelt. »Das muß man auch, wenn man etwas werden will«, sagt er weise. »Sie möchten sowieso gern auf der Penne, daß alle dumm und faul sind, die ein ›von‹ vor dem Namen haben, aber für meine Person: Fehlanzeige, ihr Lieben!« Die Schwester lächelt, und einen Augenblick lang sieht sie die zerstreuten und traurigen Augen des Kapitäns vor sich. »Jaja, Joachim«, sagt sie in Gedanken, »sei nur tüchtig, daß der Vater sich freuen kann …«

Dann fährt er die stille Straße entlang, die Hände über der Brust gekreuzt. Der Wimpel an der Lenkstange flattert im Wind.

Die Glocken schlagen. Die Stunden gehen dahin. Er schreibt wirklich die beste Arbeit, und in der großen Pause trägt er die Sache mit dem Bankierssohn endgültig aus. Seine Nase blutet zwar, und ein langer Riß geht über seine linke Wange, aber der andere wird ausgezählt, nach einem prima Kinnhaken, und stößt mit dem Kopf an die Korridorwand, als er wieder in seine Klasse torkelt. Ekelhafter Bursche. Im Auto vorfahren und Kuchen fressen, das hat das Vaterland gerade nötig!

Er ist beliebt und etwas gefürchtet in der Klasse. Das Feuer springt zu schnell in seine grauen Augen. Aber niemals wird er Unanständigkeit in Haltung oder Gesinnung dulden. »Orla hat gesagt, das geht nicht.« Also fertig und erledigt. Den meisten Lehrern ist er etwas unheimlich, ein Pfeil, der immer gespannt auf der Sehne liegt. Aber der Direktor, Major der Landwehr, liebt ihn mehr als sein eigenes Kind. »Vom Vater gehört, Joachim?« – »Jawohl, Herr Direktor, fischt vom Morgen bis zum Abend und ißt wie ein Wolf!« Die grauen Augen leuchten, und die zerschrammten Hände liegen fest an der Naht der kurzen Hose. »Recht so!« sagt der Direktor und fährt ihm über den hellen Schopf. »Zeigt den Leuten, was Arbeit heißt. Fabelhafter Mann, dein Vater!«

Zum Schluß die Turnstunde, und noch einmal leuchtet Joachim. Wie eine Katze läuft er das Tau hinauf, und der Turnlehrer, immer verdrießlich, sieht ihm mit schrägen Augen nach. »Geh nur nicht gleich durch die Decke!« sagt er. Aber Joachim ist schon wieder unten. »Die Wanten sind höher«, bemerkt er nachlässig.

Die Finken schlagen, als er mittags heimfährt. An der Straßenecke stürzt er sich mit schrillem Geklingel auf den Hund des Nachbarn, und strahlend kommt er die Treppe herauf.

Ja, auch die Mutter ist einmal zu sehen. Er mag die Farben auf ihrem Gesicht nicht und hält ihr nur die Wange zum Kuß hin, die rechte. Aber als sie bei Tisch sitzen, will sie alles wissen, was er erlebt hat und wie seine Kameraden sind. Sie kennt fast alle Eltern, und der Vorort ist wie ein Dorf.

Er erzählt bereitwillig, noch ganz ohne Eitelkeit, aber im Bewußtsein des eigenen Wertes. Es ergibt sich, daß in der Klasse ein paar »prima Kerle« sind, aber auch, daß sie in Kleinigkeiten nicht ganz an ihn heranreichen. Auch daß Wohlhabenheit und Verträumtheit ihm als nebensächliche, wenn nicht gar verächtliche Dinge erscheinen.

Frau von Orla, mit tiefen Schatten unter den Augen, hört ihm halb ernsthaft und halb belustigt zu. Nur als er vom Gelde spricht, meint sie, er solle nicht so früh anfangen, die Wirklichkeiten des Lebens und der Macht geringzuschätzen. Schon der Vater habe bedenkliche Ansichten darüber.

Fabelhafter Mann, der Vater, habe der Direktor gesagt.

Ja, ja, meint sie lächelnd, nur würden die Werte des Lebens im allgemeinen nicht von Schuldirektoren bestimmt, eher schon von Bankdirektoren. Ob er denn auch später einmal, mit fünfundvierzig Jahren, als Fischer leben möchte?

Er denkt eine Weile nach, und wieder erscheinen die gespannten Falten auf seiner steilen Stirn. Nein, das möchte er nun wohl nicht, entscheidet er schließlich. Das sei zu wenig, wenn auch für einen Sommer wahrscheinlich sehr schön. Ein Kreuzer sei besser als ein Boot, und ein Geschwader besser als ein Kreuzer. Ein bißchen zu früh aufgehört habe der Vater, aber das werde er selbst schon am besten wissen.

Ja, meint Frau von Orla für sich, vielleicht habe er gar nicht angefangen gehabt, und da eben die Zitronenspeise erscheint, so hat Joachim auch nichts gehört.

Nur Schwester Beate sitzt die ganze Zeit in einer leisen Befangenheit da, und am Schluß will sie das Fischbesteck statt der Speiselöffel reichen. Ihre großen, den Tränen so leicht geöffneten Augen sehen das Gesicht des Kapitäns, wie es sich von der Treppe noch einmal zurückwendet … »Und der Junge, Schwester, hören Sie? Achten Sie mir auf den Jungen, Tag und Nacht!«

Gott weiß, daß sie es tut, aber so vieles dürfte nicht sein wie eben, und für vieles ist es wohl auch zu spät. Sie weiß, daß Kinder in vielen Dingen fertige Leute sind. Die Eltern wollen es meistens nicht wissen, aber sie weiß es. Man lebt nicht umsonst mit fremden Kindern, und sie zählt die fünfzig Tage ebenso wie Joachim. Wenigstens mit der Zitronenspeise ist es noch so, wie es sein soll.

Als Frau von Orla noch einmal Joachims Teller nimmt, bleibt die Spitze ihres losen Ärmels an einer Falte des Tischtuches hängen, und der leichte Stoff schiebt sich bis über den Ellbogen hinauf. »Sind das Narben, Mutter?« fragt Joachim und fährt mit dem Finger über die Beugung. Aber sie dreht das Gelenk hastig zur Seite und zieht den Ärmel herunter. Nein, es seien Mückenstiche, das Mädchen müsse die Drahtfenster wieder in den Schlafzimmern einsetzen. Sie ist blaß geworden und sieht Schwester Beate an, aber diese hat sich über einen leeren Glasteller gebeugt und zieht mit dem Finger die Linien des Schiffes nach.

Die Glocken der Kirche läuten, immer drei Töne in trauriger Folge hintereinander, und Schwester Beate läßt die Wäsche sinken, die sie mit der Nadel ausbessert, und denkt nach, wer in der Umgebung gestorben sein könnte. Aber es sterben so viele in dieser Zeit, nicht nur an Krankheiten, sondern an der Armut, an der Verzweiflung, ja am Hunger. Die Zeit hat den Besitz gefressen, schwindelnd schnell, und nun, da die Scheine schon zehnstellige Zahlen tragen, kommt die Nachernte. Sie trifft die alten Exzellenzen wie die neuen Reichen, nur daß jene leiser dahinzugehen pflegen als diese. Das Land ist wie ein kranker Wald, in dem die Bäume gezeichnet werden, und die Glocken läuten jeden Tag. Sie seufzt und sieht verstohlen auf das Kind.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

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400 str.
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9783754180945
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