Czytaj książkę: «Geisterenthüller John Bell»
Herausgeber
Erik Schreiber
Übersinnliche Detektive
Saphir im Stahl
e-book 060
Übersinnliche Detektive 2
Erste Auflage 01.10.2021
© Saphir im Stahl Verlag
Erik Schreiber
An der Laut 14
64404 Bickenbach
www.saphir-im-stahl.de
Übersetzung: Tanja Bröse-Kronz
Lektorat: Esther Haffner
Titelbild: Jan-Aziz Smailovic
Vertrieb neobooks
Herausgeber
Erik Schreiber
Übersinnliche Detektive
John Bell
Saphir im Stahl
Inhaltsverzeichnis
Das Geheimnis der kreisrunden Kammer The mystery of the circular chamber
Der Wächter der Tür The warder of the door
Das Geheimnis des Felwyn-Tunnels The mystery of the Felwyn tunnel
Die Acht-Meilen-Schleuse The eight-mile lock
Wie Shiva sprach How Shiva spoke
Um ein Alibi zu geben To prove an alibi
Das Geheimnis der Emu-Ebene The secret of Emu plain
Das Geheimnis der kreisrunden Kammer
Eines Tages Ende September erhielt ich den folgenden Brief von meinem Anwalt:
„Mein lieber Bell,
ich würde es begrüßen, wenn Sie es einrichten könnten, mich morgen Vormittag um 10:00 Uhr aufzusuchen. Die Angelegenheit ist äußerst privater Natur.“
Zur angegebenen Zeit fand ich mich in Mr. Edgcombes privaten Räumen ein. Ich kannte ihn schon seit Jahren – tatsächlich waren wir alte Freunde – und jetzt war ich bestürzt über den Ausdruck der Sorge, um nicht zu sagen Angst, auf seinen üblicherweise gelassenen Gesichtszügen.
„Sie sind genau der Mann, den ich brauche, Bell“, rief er aus. „Setzen Sie sich. Ich habe Ihnen einiges zu erzählen. Es gibt ein sehr ernstes Geheimnis, dass Sie hoffentlich für mich lösen können. Es steht in Verbindung mit einem Haus, von dem gesagt wird, dass es darin spukt.“ Er fixierte mein Gesicht mit seinen hellen Augen, während er sprach. Ich schwieg und wartete darauf, dass er weitersprechen würde.
„Zunächst“, fuhr er fort, „muss ich Sie darum bitten, diese Angelegenheit absolut vertraulich zu behandeln.“
„Selbstverständlich“, antwortete ich.
„Sie wissen, dass ich mich oft über Ihr spezielles Hobby lustig gemacht habe, aber gestern wurde mir klar, dass die Erfahrungen, die Sie besitzen, Sie dazu befähigen, mir wertvollen Beistand in diesen Schwierigkeiten zu leisten.“
„Ich werde mein Bestes für Sie tun, Edgcombe“, erwiderte ich.
Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und verschränkte die Hände.
„Der Fall ist kurzgefasst folgender“, begann er. „Es geht um die Familie Wentworth. Der einzige Sohn, Archibald, ein Künstler, ist vor Kurzem unter mysteriösen Umständen gestorben. Er war, wie Sie wahrscheinlich wissen, einer der vielversprechendsten Aquarell-Künstler der modernen Schule und seine Bilder wurden dieses Jahr in der Akademie auf Höchste gelobt. Er war der Erbe des Wentworth-Vermögens und sein Tod hat wegen der Ansprüche eines Mitglieds eines entfernten Zweigs der Familie, dem das Vermögen zusteht, falls der derzeitige Gutsherr stirbt, einige Komplikationen verursacht. Dieser Mann hat den größten Teil seines Lebens in Australien verbracht, ist knapp bei Kasse und gehört offensichtlich zu einer Gruppe Krawallmacher. Er hat mich zwei oder drei Mal aufgesucht und ich muss offen zugeben, dass ich von seinem Auftreten nicht begeistert war.“
„Hatte er irgendetwas mit dem Tod des Künstlers zu tun?“, unterbrach ich.
„Scheinbar überhaupt nichts, wie Sie bald feststellen werden. Wentworth hatte sich angewöhnt, von Zeit zu Zeit in verschiedenen Teilen des Landes auf Skizzier-Touren zu gehen. Er war zu Fuß unterwegs und besichtigte auf der Suche nach Motiven sonderbare, abgelegene Ecken. Er trug niemals viel Geld bei sich und reiste scheinbar immer als armer Mann. Vor einem Monat begab er sich allein auf eine dieser Reisen. Er hatte einen lukrativen Auftrag von Barlow&Co erhalten, Gemäldehändlern aus The Strand. Er sollte verschiedene Teile des Flusses Merran malen, und obwohl er das Geld nicht wirklich nötig hatte, schien er froh zu sein, einen Grund für eine schöne Reise zu haben. Er verließ seine Familie in bester Gesundheit und Stimmung und schrieb ihnen von Zeit zu Zeit. Aber vor einer Woche erhielten sie die Nachricht, dass er plötzlich in einem Gasthaus am Merran verstorben sei. Natürlich gab es Ermittlungen und eine Autopsie. Dr. Miles Gordon, der Arzt der Wentworths, wurde herbeigerufen und war bei der pathologischen Untersuchung dabei. Er ist völlig ratlos, was die Todesursache anbelangt. Die medizinische Untersuchung ergab, dass Wentworth zum Zeitpunkt des Todes völlig gesund war. Es gab keine Verletzungen , die einen anderen Schluss nahegelegt hätten, und alle Organe waren in Ordnung. Auch gab es keinerlei Spuren von Gift oder Gewalt. Das Urteil des Pathologen war, dass Wentworth an Herzversagen gestorben war, was, wie Sie wissen, nur ein Synonym für eine unbekannte Todesursache ist.
Das Gasthaus, in dem er starb, ist sehr einsam gelegen und hat den Ruf, dass es dort spukt. Der Wirt schien einen schlechten Charakter zu haben, obwohl ihm nie etwas bewiesen werden konnte. Aber ein junges Mädchen, das in dem Gasthaus wohnt, machte eine Aussage, die zunächst jeden erschreckte. Auf Nachfrage sagte sie, dass sie Wentworth ernsthaft gewarnt habe, in dem von Geistern heimgesuchten Raum zu schlafen. Sie hatte dem Gerichtsmediziner kaum davon erzählt, als sie zu Boden fiel und einen epileptischen Anfall erlitt. Als sie wieder zu sich kam, war sie missmutig und schweigsam und man konnte nichts mehr aus ihr herausbringen. Der alte Mann, der Inhaber, erklärte, dass das Mädchen zurückgeblieben sei, aber er machte keinen Versuch zu bestreiten, dass das Haus den Ruf eines Spukhauses hat, und sagte, dass er selbst Wentworth gebeten hatte, nicht dort abzusteigen.
Nun, das ist die ganze Geschichte. Die Nachforschungen des Gerichtsmediziners scheinen Fremdeinwirkung auszuschließen, aber ich habe einen sehr starken Verdacht. Was ich von Ihnen möchte ist, dass Sie diesen beweisen, falls er korrekt sein sollte. Werden Sie den Fall übernehmen?“
„Selbstverständlich werde ich das“, antwortete ich. „Bitte informieren Sie mich über weitere Einzelheiten und geben Sie mir ein schriftliches Dokument mit, das bezeugt, dass ich in Ihrem Auftrag handele, nur für den Fall.“
Edgcombe stimmte zu und schon bald machte ich mich auf den Weg. Der Fall klang nach einem interessanten Problem und ich hoffte, dass ich ihn erfolgreich lösen können würde.
An diesem Abend bereitete ich mich sorgfältig vor. Ich würde früh am nächsten Morgen nach ... shire aufbrechen, um für meine Zwecke die Rolle eines Amateurfotografen anzunehmen. Da ich alle notwendigen Details von Edgcombe bekommen hatte, ging ich meine Vorgehensweise schon einmal sorgfältig im Geist durch. Zunächst würde ich ein kleines Dorf namens Harkhurst besuchen und in dem Gasthaus, dem ‚Crown and Thistle‘, absteigen. Hier hatte Wentworth zwei Wochen verbracht, als er mit seinem Auftrag, den Fluss Merran zu zeichnen, startete. Ich hielt es für wahrscheinlich, dass ich dort einige Informationen erhalten konnte. Die Umstände würden dann meine weiteren Schritte bestimmen, aber meine Absicht war, von Harkhurst zum ‚Castle Inn‘ zu reisen, das etwa sechs Meilen Fluss aufwärts lag. Das war das Gasthaus, in der sich die Tragödie zugetragen hatte.
Gegen Abend des folgenden Tages kam ich in Harkhurst an. Als meine Kutsche vor dem ‚Crown and Thistle‘ vorfuhr, stand die Wirtin in der Tür. Sie war eine drall gebaute Dame mit gütigem Gesicht. Ich fragte nach einem Zimmer.
„Natürlich, mein Herr“, antwortete sie. Sie geleitete mich in das kleine Gasthaus und führte mich die Treppe hoch, um mir ein kleines Zimmer zu zeigen, recht sauber und bequem, mit Fenster zum Hof. Ich sagte, dass ich es nehmen würde, und sie eilte nach unten, um das Abendessen vorzubereiten. Nach dem Mahl, das sich als hervorragend herausstellte, beschloss ich, den Wirt in der Bar aufzusuchen. Er zeigte sich sehr gesprächig und aufgeschlossen.
„Das ist ein abgelegener Ort“, sagte er. „Wir haben nicht oft jemanden, der einen ganzen Monat bleibt.“ Während er sprach, ging er zur Tür und ich folgte ihm. Die Schatten der Nacht begannen sich herabzusenken, aber sie konnten die Schönheit des malerischen Weilers nicht vor mir verbergen.
„Und doch ist es ein wunderschöner Platz“, sagte ich. „Ich hätte gedacht, dass er Touristen anlocken würde. Zumindest für Fotografen ist es ideal hier.“
„Sie haben recht, mein Herr“, antwortete der Mann, „und obwohl wir nicht oft Gesellschaft im Gasthaus haben, kommt hier und da ein Künstler auf Wanderschaft vorbei. Es ist keine drei Wochen her“, fuhr er fort, „dass ein Gentleman wie Sie bei uns war, nur ein wenig jünger, der für ein oder zwei Wochen blieb. Er war ein Künstler, und er zeichnete von morgens bis abends – ach, der arme Kerl!“
„Warum sagen Sie das?“, fragte ich.
„Ich habe guten Grund dazu, mein Herr. Hier, Weib“, rief er über seine Schulter zu Mrs. Johnson, seiner Frau, die gerade dazu kam, „dieser Gentleman hat nach unserem Gast, Mr. Wentworth, gefragt, aber vielleicht sollten wir ihm heute Nacht nicht so eine düstere Geschichte erzählen.“
„Bitte tun Sie es“, sagte ich. „Was Sie angedeutete haben, hat meine Neugierde geweckt. Warum bedauern Sie Mr. Wentworth?“
„Er ist tot, mein Herr“, sagte die Wirtin mit feierlicher Stimme. Ich täuschte Entsetzen vor und sie fuhr fort: „Und es war alles seine eigene Schuld. Ach je, ich muss beinahe weinen, wenn ich daran denke. Er war der netteste Gentleman, den ich je getroffen habe, und so stark, herzlich und angenehm. Nun, mein Herr, alles ging gut, bis er eines Tages zu mir sagte: ‚Ich werde Sie verlassen, Mrs. Johnson. Ich werde zu einem kleinen Gasthaus namens ‚Castle Inn‘ gehen, weiter den Merran hinauf.‘
‚Das ‚Castle Inn‘‘, rief ich aus. ‚Nein, Mr. Wentworth, das werden Sie nicht, nicht wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist.‘
‚Und warum nicht?‘, fragte er, mich mit seinen so strahlend blauen Augen anschauend, wie Sie sie noch bei niemandem gesehen haben. ‚Warum sollte ich nicht im ‚Castle Inn‘ einkehren? Ich habe den Auftrag diese spezielle Flussbiegung zu zeichnen.‘
‚Nun dann, mein Herr‘, antwortete ich, ‚wenn das so ist, nehmen Sie ein Pferd und einen Wagen von hier und fahren hinüber, sooft Sie möchten. Das ‚Castle Inn‘ ist kein christlicher Ort zum Einkehren.‘
‚Wie meinen Sie das?‘, fragte er mich.
‚Ihm wird nachgesagt, dass es dort spukt, mein Herr, und was in diesem Haus passiert, weiß Gott allein, aber das ,Inn‘ hat jahrelang keinen Gast gehabt, nicht seit Bailiff Holt dort zu Tode gekommen ist.‘
‚Zu Tode gekommen?‘, fragte er. ‚Und wie ist das passiert?‘
‚Gott weiß es, ich nicht‘, antwortete ich. ‚Und die Untersuchung des Gerichtsmediziners ergab, er sei an Herzversagen gestorben, was immer das bedeutete, aber die Leute hier meinen, es war vor Entsetzen.‘ Mr. Wentworth hat nur gelacht. Er glaubte kein Wort von dem, was ich sagte, und am nächsten Tag, mein Herr, war er weg und hatte alle seine Habseligkeiten mit sich genommen.“
„Und was passierte dann?“, fragte ich, als sie innehielt.
„Was dann passierte, mein Herr? Genau das, was ich erwartet hatte. Zwei Tage später erhielten wir die Nachricht von seinem Tod. Armer junger Gentleman! Er starb in demselben Zimmer, in dem Holt seinen letzten Atemzug getan hat. Und oh, und es gab einen großen Wirbel, denn es stellte sich heraus, dass er, obwohl er auf uns ziemlich arm gewirkt hatte, mit wenig oder gar keinem Geld, nicht mittellos war und dass er reiche Verwandtschaft hatte und ein großes Vermögen auf ihn wartete. Natürlich gab es gerichtsmedizinische Ermittlungen und all das, und berühmte Ärzte kamen aus London und unser Dr. Stanmore, der die Straße hinunter wohnt, wurde gerufen. Obwohl sie alles taten, was in ihrer Macht stand, und ihn auch mit dem Mikroskop untersuchten, konnten sie keine Todesursache finden, und so bescheinigten sie Herzversagen, wie auch im Fall des armen Holt. Aber, mein Herr, das war es nicht. Es war Entsetzen, blankes Entsetzen. An diesem Ort spukt es. Es ist ein geheimnisvolles, schauderhaftes Haus und ich hoffe nur für Sie, dass Sie nichts mit ihm zu tun haben werden.“
Sie fügte noch ein paar Sätze hinzu und verließ uns.
„Das ist eine merkwürdige Geschichte“, sagte ich, mich zu Johnson wendend. „Ihre Frau hat meine Neugier angefacht. Ich würde nur zu gerne noch mehr Einzelheiten erfahren.“
„Da scheint es nicht mehr zu erzählen zu geben, mein Herr“, erwiderte Johnson. „Es ist wahr, was meine Frau sagt, dass das ,Castle Inn‘ einen schlechten Ruf hat. Es nicht der erste, noch nicht mal der zweite Todesfall dort.“
„Sie erwähnten den Dorfdoktor. Denken Sie, er könnte mich weiter über das Thema aufklären?“
„Ich bin sicher, er wird sein Bestes tun, mein Herr. Er wohnt nur sechs Häuser weiter, in dem roten Haus. Vielleicht möchten Sie die Straße hinuntergehen und mit ihm sprechen?“
„Sind Sie sicher, dass er es nicht als zu aufdringlich empfindet?“
„Nicht er, mein Herr. Er wird nur zu erfreut sein, sich mit jemandem von außerhalb dieses kleinen verschlafenen Nests zu unterhalten.“
„Dann werde ich ihn aufsuchen“, antwortete ich, nahm meinen Hut und ging die Straße hinunter. Ich hatte Glück, Dr. Stanmore zu Hause anzutreffen und in dem Moment, in dem ich sein Gesicht sah, beschloss ich, ihn ins Vertrauen zu ziehen.
„Die Sache ist die“, sagte ich, nachdem wir uns die Hände geschüttelt hatten, „ich hätte mir nicht die Freiheit genommen, bei Ihnen vorzusprechen, wenn ich nicht das sichere Gefühl hätte, dass Sie mir helfen können.“
„Und auf welche Weise?“, fragte er, nicht steif, sondern mit einem eifrigen, forschenden, interessierten Blick.
„Ich wurde aus London hierher geschickt, um in dem etwas rätselhaften Wentworth-Fall zu ermitteln“, sagte ich.
„Wirklich?“, fragte er überrascht. Dann fuhr er ernst fort: „Ich fürchte, da haben Sie sich auf eine wahrlich aussichtslose Unternehmung eingelassen. Man hat bei der Autopsie nichts herausgefunden, was den Tod verursacht haben könnte. Es gab keine Verletzungsspuren am Körper und alle Organe waren gesund. Ich habe Wentworth öfter getroffen, als er hier verweilte, und er war ein herzlicher und stark aussehender junger Mann, wie ich selten jemanden getroffen habe.“
„Aber das ,Castle Inn‘ hat einen schlechten Ruf“, warf ich ein.
„Das ist wahr. Die Leute hier fürchten sich davor. Man sagt, es spukt dort. Aber ehrlich, mein Herr, Sie und ich müssen uns über solch dumme Geschichten keine Sorgen machen. Der alte Bindloss, der Wirt, lebt seit vielen Jahren dort und es konnte ihm nie etwas Verwerfliches nachgewiesen werden.“
„Ist er alleine?“
„Nein, seine Frau und seine Enkelin leben auch dort.“
„Eine Enkelin?“, sagte ich. „War das nicht das Mädchen, dass eine überraschende Aussage bei der Befragung machte?“
„Nichts von Bedeutung“, antwortete Dr. Stanmore, „Sie hat nur wiederholt, was Bindloss selbst schon gesagt hatte – dass es im Haus spukt und dass sie Wentworth gebeten habe, nicht in diesem Zimmer zu schlafen.“
„Wurde jemals versucht zu klären, warum es in diesem Zimmer spukt?“, fragte ich weiter.
„Nicht, dass ich wüsste. Wahrscheinlich sind Ratten der Auslöser.“
„Aber gab es nicht schon andere Todesfälle in dem Haus?“
„Das stimmt.“
„Wie viele?“
„Nun, ich selbst hatte mit nicht weniger als drei ähnlichen Vorkommnissen zu tun.“
„Und was war das Urteil der Jury?“
„In allen Fällen Tod durch Herzversagen.“
„Das heißt, Todesursache unbekannt,“ sagte ich, ungeduldig aufspringend. „Es wundert mich, Dr. Stanmore, dass Sie sich mit diesem Stand der Sache zufrieden geben.“
„Was hätte ich denn machen sollen?“, fragte er. „Ich werde gebeten, die Leiche zu untersuchen. Ich finde alle Organe völlig gesund vor. Ich kann nicht die kleinste Spur von Gewalteinwirkung entdecken noch irgendeines Giftes. Welch andere Aussage kann ich mit gutem Gewissen treffen?“
„Ich kann nur sagen, dass es für mich nicht zufriedenstellend wäre“, antwortete ich. „Ich möchte hinzufügen, dass ich von London hierhergekommen bin mit der festen Absicht, dieses Rätsel zu lösen. Ich werde selbst im ,Castle Inn‘ absteigen.“
„Und?“, fragte Dr. Stanmore.
„Und in dem verfluchten Zimmer schlafen.“
„Natürlich glauben Sie nicht an den Geist.“
„Nein, aber ich glaube an falsches Spiel. Nun, Dr. Stanmore, werden Sie mir helfen?“
„Sicherlich, wenn ich kann. Was soll ich tun?“
„Dies – ich werde morgen zum ,Castle Inn‘ gehen. Wenn ich nach drei Tagen nicht zurückgekehrt bin, werden Sie nach mir suchen und gleichzeitig diesen Brief an Mr. Edgcombe, meinem Londoner Anwalt, senden.“
„Wenn Sie nach drei Tagen nicht wieder hier erschienen sind, werde ich die Hölle in Bewegung setzen“, versprach Dr. Stanmore, „und natürlich Ihren Brief absenden.“
Kurz darauf schüttelten der Doktor und ich uns zum Abschied die Hände.
Nach einem frühen Abendessen am folgenden Tag verließ ich meine gutmütigen Wirtsleute; mit Rucksack und der Kamera über der Schulter machte ich mich auf den Weg. Ich achtete darauf, niemandem zu erzählen, dass ich zum ,Castle Inn‘ ging, und aus diesem Grund nahm ich auch einen Umweg durch ein Waldstück.
Die Sonne ging fast unter, als ich mich einem zerbrochenen Wegweiser näherte, auf dem in halbverwitterten Buchstaben zu lesen war: ‚To the Castle Inn‘. Ich befand mich am Anfang eines schmalen Trampelpfads, der offensichtlich kaum benutzt wurde, denn er war dicht mit Gras bewachsen. Von dort aus konnte ich kein bewohntes Grundstück erblicken, aber gerade in diesem Moment drang ein leises, etwas zusammenhangloses Lachen an mein Ohr. Ich drehte mich schnell um und sah ein hübsches Mädchen mit hellen Augen und kindlichem Gesicht, dass mich mit Interesse betrachtete. Ich hatte kaum Zweifel, dass es sich um die Enkelin des alten Bindloss handelte.
„Würdest du mir freundlicherweise sagen“, bat ich, „ob dies der Weg zum ,Castle Inn‘ ist?“
Meine Bemerkung überraschte sie offensichtlich. Sie beugte sich vor, packte mich an der Hand und versuchte, mich von dem Trampelpfad wegzuziehen, zurück auf den Hauptweg.
„Gehen Sie weg!“, schrie sie, „wir haben keine Betten im ,Castle Inn‘, die zu einem Gentleman passen. Gehen Sie! Gehen Sie!“, fuhr sie fort und zeigte auf den sich windenden Weg. Ihre Augen loderten nun in ihrem Gesicht, aber ich bemerkte, dass ihre Lippen zitterten und dass sie kurz davor stand, in Tränen auszubrechen.
„Aber ich bin müde und meine Füße schmerzen“, antwortete ich. „Ich sollte für die Nacht in dem Gasthaus absteigen.“
„Tun Sie das nicht!“, wiederholte sie. „Sie stecken Sie in einen Raum mit einem Geist. Gehen Sie nicht dorthin. Es ist kein Ort für Gentlemen.“ Nachdem sie dies gesagt hatte, brach sie nicht in Tränen aus, sondern in ein helles, schrilles, fast idiotisches Lachen. Sie schlug sich plötzlich mit einer Hand an die Stirn, drehte sich um und floh so schnell wie der Wind den schmalen Pfad entlang und außer Sicht. Rasch folgte ich ihr. Ich glaubte nicht, dass das Mädchen nur annähernd so verrückt war, wie sie wirkte, aber ich hatte keinen Zweifel, dass etwas Außergewöhnliches ihren Verstand belastete.
Nach der nächsten Kurve kam das Gasthaus in Sicht. Es war ein eigenartiges Gebäude und ich blieb einen Augenblick lang stehen, um es anzusehen. Das Haus war ganz aus Stein gebaut. Im mittleren Teil gab es zwei Stockwerke. Er hatte eine quadratische Grundfläche und an jeder der vier Ecken ragte ein runder Turm empor. Das Haus war direkt am Fluss errichtet worden, direkt unterhalb eines großen Mühlteichs. Ich ging zur Tür und klopfte mit meinem Stock an. Sie war verschlossen und sah genauso wenig einladend aus wie der Rest dieser Gegend. Nach einem Moment wurde sie zwei oder drei Inch weit geöffnet und das mürrische Gesicht einer alten Frau tauchte in dem Spalt auf.
„Was wollen Sie?“, fragte sie.
„Ein Bett für die Nacht“, antwortete ich. „Können Sie mich unterbringen?“
Sie schaute misstrauisch zunächst auf mich, dann auf meine Kamera.
„Sie sind ein Künstler, ohne Zweifel“, sagte sie, „und die wollen wir hier nicht mehr.“
Sie war dabei, mir die Tür vor der Nase zuzuschlagen, aber ich schob meinen Fuß in den Türspalt.
„Ich bin leicht zufriedenzustellen“, sagte ich. „Können Sie mir nicht irgendeine Lagerstätte für die Nacht anbieten?“
„Sie haben besser nichts mit uns zu schaffen“, antwortete sie. „Gehen Sie nach Hackhurst. Sie können dort im ‚Crown and Thistle‘ absteigen.“
„Da komme ich her“, antwortete ich. „Und die Wahrheit ist, ich kann keinen Meter mehr laufen.“
„Wir wollen keine Gäste im ,Castle Inn‘“, beharrte sie. Dabei lehnte sie sich vor und sah mir ins Gesicht. „Sie gehen besser“, warnte sie mich, „sie sagen, der Ort sei verflucht.“
Ich brachte ein Lachen hervor.
„Sie erwarten nicht, dass ich das glaube, oder?“, sagte ich. Sie betrachtete mich von Kopf bis Fuß. Ihr Gesichtsausdruck war furchtbar düster.
„Sie müssen alles wissen, mein Herr“, sagte sie nach einer Pause. „Etwas geht in diesem Haus vor und keine lebendige Seele weiß, was es ist. Denn es gab niemanden, der überlebt hätte, um davon berichten zu können. Es ist nicht mehr als eine Woche her, dass ein junger Gentleman herkam. Er war wie Sie, tolldreist, und auch er wollte ein Bett und akzeptierte kein Nein. Ich sagte ihm deutlich, und mein Mann ebenso, dass dieser Ort von Geistern heimgesucht wird. Er glaube es genauso wenig wie Sie. Nun, er schlief in unserem einzigen Gästezimmer, und er – er starb dort.“
„Woran ist er gestorben?“, fragte ich.
„Angst“, war die kurze, lakonische Antwort. „Nun, möchten Sie hereinkommen oder nicht?“
„Ja. Ich glaube nicht an Geister. Ich möchte ein Bett und ich bin entschlossen, Ihres zu nehmen.“
Die Frau stieß die Tür weit auf.
„Sagen Sie nicht, dass ich Sie nicht gewarnt hätte“, rief sie aus. „Kommen Sie herein, wenn Sie unbedingt müssen.“ Sie führte mich zur Küche, wo ein Feuer im Ofen glimmte.
„Setzen Sie sich, ich rufe Bindloss“, sagte sie. „Ich kann Ihnen nur dann ein Bett versprechen, wenn Bindloss zustimmt. Liz, komm mal für eine Minute her.“
Man hörte schnelle, jugendliche Schritte im Flur und das hübsche Mädchen, dass ich am Anfang des Trampelpfades gesehen hatte, trat herein. Ihre Augen suchten mein Gesicht, ihr Lippen bewegten sich, um etwas zu sagen, aber kein Laut kam heraus.
„Geh, und finde deinen Großvater“, befahl die alte Frau. „Sag ihm, hier ist ein Gentleman, der ein Bett wünscht. Frag ihn, was zu tun ist.“ Das Mädchen bedachte mich mit einem langen und eigenartigen Blick, drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Raum. Sobald sie fort war, lehnte die alte Frau sich vor und schaute mich neugierig an.
„Es tut mir leid, dass Sie bleiben“, sagte sie. „Vergessen Sie nicht, dass ich Sie gewarnt habe. Denken Sie daran, das hier ist wirklich kein anständiges Gasthaus. Einst war es eine Mühle, aber das war vor Bindloss‘ und meiner Zeit. Einst kamen die Herren im Sommer zum Fischen, aber dann kam die Geschichte mit dem Geist auf und zuletzt hatten wir so gut wie keine Gäste mehr, nur dann und wann einen seltsamen und ungewollten Gast. Sehen Sie, es gab drei Todesfälle hier. Ja“ – sie hob eine ihrer knochigen Hände und begann an den Fingern abzuzählen – „ja, drei bisher. Drei, genau. Ah, da kommt Bindloss.“
Man hörte einen schlurfenden Schritt aus dem Flur und ein alter Mann, vom Alter gebeugt, mit einem langen weißen Bart betrat den Raum.
„Wir haben keine Betten für Fremde“, rief er in einem lauten und aggressiven Tonfall. „Hat Ihnen das meine Frau nicht gesagt? Wir vergeben keine Zimmer hier.“
„Wenn das der Fall ist, sollten Sie keinen Wegweiser am Ende des Pfades aufstellen“, entgegnete ich. „Ich bin nicht in der Stimmung, noch einmal acht Meilen durch unbekanntes Gelände zu laufen, um einen anderen Unterschlupf zu finden. Können Sie mich nicht irgendwie unterbringen?“
„Ich habe dem Gentleman alles erzählt, Sam“, sagte seine Frau. „Er ist genauso wie der junge Mr. Wentworth und fürchtet sich kein bisschen.“
Der alte Wirt kam näher und schaute mich an.
„Passen Sie gut auf,“ sagte er, „Sie bleiben auf eigenes Risiko. Ich möchte Sie nicht hier haben, und meine Frau auch nicht. Also ja oder nein?“
„Ja“, sagte ich.
„Es gibt nur ein Zimmer, in dem Sie schlafen können.“
„Ein Zimmer ist ausreichend.“
„Es ist das, in dem Mr. Wentworth gestorben ist. Wollen Sie nicht lieber Ihre Sachen nehmen und gehen?“
„Nein, ich werde bleiben.“
„Dann gibt es nichts mehr zu sagen.“
„Lauf, Liz“, sagte die Frau, „und zünde den Kamin im Salon an.“
Das Mädchen verließ den Raum und die Frau nahm eine Kerze in die Hand und sagte, sie würde mir die Kammer zeigen, in der ich schlafen sollte. Sie führte mich einen langen engen Flur entlang und öffnete eine Tür. Zwei Stufen führten in den eigenartigsten Raum hinunter, den ich je gesehen hatte. Die Wand war komplett rund und mit einer grotesk gemusterten Tapete ausgekleidet. Ein schmales Bettgestell aus Eisen fand sich in der Mitte und der Boden war bis auf eine kleine Fußmatte neben dem Bett blank. Ein billiger Waschplatz, zwei Stühle und ein kleiner Tisch mit einer stumpfen Glasplatte standen an der Wand neben einer tiefen Schießscharte, die das Fenster bildete. Der Raum befand sich offensichtlich in einem der Rundtürme. Ich hatte noch nie ein weniger einladendes Quartier bezogen.
„Ihr Abendessen wird sofort fertig sein, mein Herr“, sagte die Frau und stellte die Kerze auf den kleinen Tisch, bevor sie mich alleine ließ.
Dieser Ort fühlte sich klamm und zugig an. Die Flamme der Kerze flackerte und brachte den Talg einseitig zum Schmelzen. Es gab keinen Kamin im Zimmer und oben verjüngten sich die Wände zu einem Punkt hin, was dem ganzen Raum den Anschein eines riesigen Trichters gab. Ich machte mich kurz frisch, so gut es mir gelang, und ging in den Salon. Dort stand ich beim Feuer, dass nur ärmlich brannte, als sich die Tür öffnete und das Mädchen Liz hereinkam, ein Tablett in der Hand. Sie stellte es auf den Tisch und näherte sich mit leisen Schritten.
„Nur Narren kommen in dieses Haus“, sagte sie, „und Sie sind einer von ihnen.“
„Lass mich bitte mein Abendessen einnehmen, ohne zu reden“, antwortete ich. „Ich bin müde und hungrig und möchte zu Bett gehen.“
Liz stand für einen Moment völlig still.
„Das ist es nicht wert“, erwiderte sie wie zu sich selbst. „Nein, das ist es nicht wert. Aber ich sage nichts mehr. Die Leute nehmen meine Warnungen nie an!“
Die Stimme ihrer Großmutter, die sie rief, veranlasste sie, aus dem Raum zu eilen.
Mein Abendessen war besser als erwartet. Nachdem ich es beendet hatte, wanderte ich in die Küche in der Hoffnung, ein weiteres Gespräch mit dem alten Mann führen zu können. Er saß alleine am Feuer, ein riesiger Mastiff lag zu seinen Füßen.
„Können Sie mir sagen, warum man dem Haus nachsagt, es sei verflucht?“, fragte ich plötzlich, während ich mich zu ihm hinunterbeugte.
„Woher soll ich das wissen?“, fragte er heiser. „Das Weib und ich, wir sind seit zwanzig Jahren hier und haben nie etwas gehört oder gesehen, außer dass bestimmte Leute im Haus gestorben sind. Das ist ziemlich unangenehm für mich, denn sowohl Ärzte als auch der Gerichtsmediziner kommen hierher und es gibt unzählige Verhöre und viel Wirbel. Die Leute sterben, obwohl niemand Hand an sie gelegt hat. Die Ärzte können nicht herausfinden, warum sie tot sind, aber sie sind tot. Nun, es macht keinen Sinn noch mehr zu erzählen. Sie sind hier und vielleicht überstehen Sie die eine Nacht ja heile.“
„Ich sollte gleich zu Bett gehen“, sagte ich, „aber ich hätte gerne ein paar Kerzen. Könnten Sie mir welche geben?“
Der Mann drehte sich um und schaute zu seiner Frau, die gerade in die Küche gekommen war. Sie ging zur Kommode, öffnete eine Holzkiste und legte mir drei oder vier Talgkerzen in die Hand. Ich stand mit einem demonstrativen Gähnen auf.
„Gute Nacht, mein Herr“, sagte der alte Mann, „Gute Nacht. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“
Einen Moment später war ich auf meinem Zimmer und schloss die Tür. Ich unterzog es einer gründlichen Untersuchung. Sofern ich auf den ersten Blick erkennen konnte, gab es keinen anderen Zugang außer der Tür, die passend zu der runden Wand geformt war. Ich bemerkte jedoch einen minimalen Luftzug und fand schließlich heraus, dass er hinter der eichenen Wandvertäfelung hervorkam. Ich konnte zunächst keine Ursache für den Luftzug entdecken, aber er war auf unangenehme Weise da. Ferner fiel mir auch, dass das Bett recht eigenartig war. Es hatte nicht, wie üblich, Rollen an den vier Beinen, stattdessen waren diese etwa einen halben Inch in dafür gedachte Sockel im Holzboden eingelassen. Diese Entdeckung erweckte weiteres Misstrauen in mir. Es war offensichtlich, dass das Bett dazu gedacht war, in einer bestimmten Position zu bleiben. Ich sah, dass es direkt zu dem kleinen, tief in der Wand versunkenen Fenster zeigte. Als ich auf die Uhr schaute, stellte ich fest, dass es bereits nach elf war, und platzierte zwei Kerzen auf einem kleinen Tischchen neben dem Bett. Dann legte mich hin, ohne zuvor meine Kleidung abzulegen. Ich lauschte gespannt, um auch nur das leiseste Geräusch zu erhaschen, aber die Stunden vergingen und nichts geschah.
Im Haus war alles still und von draußen konnte ich deutlich das Wasser hören, wie es über das Mühlrad plätscherte.
Ich lag die ganze Nacht wach, aber als die Morgendämmerung hereinbrach, fiel ich in einen unruhigen Schlaf. Ich erwachte vom grellen Tageslicht, dass durch das schmale Fenster hereinfiel.
Nach einer schnellen Morgentoilette machte ich einen Spaziergang und begab mich anschließend zum Frühstück. Dieses war für mich in der großen Küche vorbereitet worden und der alte Mann saß beim Ofen.
„Nun“, sagte die Frau, „ich hoffe, Sie haben gut geschlafen, mein Herr.“ Ich bejahte und mir fiel auf, dass der alte Bindloss und seine Frau jetzt wesentlich besser gelaunt waren. Sie sagten, dass ich, wenn ich mit dem Zimmer zufrieden sei, eine weitere Nacht im Gasthaus bleiben könne. Ich verriet ihnen, dass ich eine Menge Fotos aufnehmen müsse und mir das sehr gelegen käme. Während ich sprach, sah ich mich nach dem Mädchen um, Liz. Sie war nirgends zu sehen.
„Wo ist Ihre Enkeltochter?“, fragte ich die alte Frau.
„Sie ist den Tag über unterwegs“, war die Antwort. „Es ist zu viel für Liz, Fremde zu treffen. Sie regt sich auf und dann bekommt sie Anfälle.“
„Was für Anfälle?“
„Ich kann Ihnen nicht sagen, wie man sie nennt, aber sie sind übel und schwächen sie. Armes Ding! Liz darf sich nicht zu sehr aufregen.“ An dieser Stelle warf Bindloss seiner Frau einen warnenden Blick zu. Sie schaute zu Boden und ging auf die andere Seite des Raumes, um etwas in einem Topf umzurühren.
Am Nachmittag lieh ich mir, unter dem Vorwand, Hechte angeln zu wollen, ein paar Schnüre von Bindloss und außerdem ein altes Boot, das am Ufer des Mühlweihers festgemacht war. Das Wetter war perfekt für diese Zeit des Jahres.
Auf meine Gelegenheit wartend, steuerte ich mit dem Boot das Ufer des Dammes an, der den Weiher vom Fluss trennte, und ging diesen in Richtung des Mühlrades entlang, über welches das Wasser rauschte.
Als ich das Haus so vom gegenüberliegenden Ufer aus beobachtete, sah ich, dass der Turm, in dem sich mein Zimmer befand, einst ein Teil der Mühle selbst gewesen sein musste und ich bemerkte weiterhin, dass das Mauerwerk dort vergleichsweise neu war. Es musste also Umbaumaßnahmen gegeben haben, als die Mühle stillgelegt und in ein Gasthaus verwandelt worden war. Ich kletterte an der Seite des Mühlrads hinunter, indem ich mich an den Streben festhielt, welche grün und glitschig waren, und spähte zwischen den Schaufeln hindurch.
Während ich noch meine Untersuchungen anstellte, erschreckte mich plötzlich eine Stimme.
„Was machen Sie dort unten?“
Ich sah auf. Der alte Bindloss stand am Ufer und schaut auf mich hinab. Er war alleine, sein Gesicht verzerrt vor Angst und Aufregung. Ich zog mich selbst hastig wieder nach oben und stand dann neben ihm.
„Was schnüffeln Sie hier unten herum?“, fragte er mit seinem hässlichen alten Gesicht direkt vor meinem. „Sie Narr! Wenn Sie gestürzt wären, hätten Sie ertrinken können. Niemand kann auch nur einen Zug in diesem Mühlbach schwimmen. Und dann hätte es einen weiteren Todesfall gegeben und der ganze Ärger hätte von Neuem begonnen! Würden Sie die Güte haben, mein Herr, und diesen Ort verlassen? Ich will Sie hier nicht mehr haben.“
„Ich habe vor, morgen früh abzureisen“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen, „und ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden, dass Sie mich vor der Mühle gewarnt haben.“
„Sie wären besser gar nicht in ihre Nähe gekommen“, sagte er in drohendem Tonfall und wendete sich dann hastig ab. Ich beobachtete, wie er den steilen Damm emporkletterte und dann aus meinem Sichtfeld verschwand. Er ging in entgegengesetzte Richtung vom Haus. Die Gelegenheit seiner Abwesenheit wahrnehmend, näherte ich mich wieder der Mühle. War es möglich, dass Wentworth in sie hineingeraten war? Aber wenn das der Fall gewesen wäre, hätte es Wunden und Abdrücke auf seinem Körper gegeben. Ich kletterte kühn hinunter. Es dämmerte schon, aber ich konnte sehen, dass eine Verlängerung der Achse in die Mauer des Turmes hineinragte. Die Mechanik war in wunderbar gutem Zustand und der Bolzen, der das riesige Rad hielt, musste nur ein wenig herausgezogen werden, um es in Bewegung zu setzen.
An diesem Abend dachte ich während des Essens angestrengt nach. Ich bemerkte, dass Bindloss verärgert war, auch war er misstrauisch und alarmiert. Mir wurde klar, dass der einzige Weg aufzudecken, was Wentworth angetan worden war, war, zu versuchen, den alten Grobian dazu zu bringen, dasselbe mit mir zu versuchen, um mich loszuwerden. Das war ein gefährliches Unternehmen, aber ich war fest entschlossen und meine Neugier und Interesse waren aufs Äußerste geweckt. Nachdem ich mit dem Abendessen fertig war, betrat ich den Gang, der zur Küche führte. Ich hatte Filzschlappen angezogen und meine Schritte waren geräuschlos. Als ich mich der Tür näherte, hörte ich Bindloss zu seiner Frau sagen:
„Er hat um das Mühlrad herumgeschnüffelt. Ich wünschte, er würde von selbst verschwinden.“
„Oh, er kann nichts herausfinden“, bekam er zur Antwort. „Verhalt dich ruhig, Bindloss, er wird morgen früh weg sein.“
„Kann sein“, sagte der Wirt daraufhin und dann folgte ein raues und äußerst unangenehmes Lachen. Ich wartete einen Moment und betrat die Küche. Bindloss war jetzt allein. Er beugte sich rauchend über den Kamin.
„Ich werde morgen in der Früh aufbrechen,“ sagte ich, „also machen Sie mir bitte die Rechnung fertig.“ Ich setzte mich neben ihn und zog meinen Stuhl nah ans Feuer. Er sah aus, als ob ihn das ärgerte, aber sagte nichts.
„Die Todesfälle in diesem Haus haben mich sehr neugierig gemacht“, sagte ich nach einer Weile. „Wie viele waren es nochmal, sagten Sie?“
„Das geht Sie nichts an“, antwortete er. „Wir wollten Sie hier nicht haben, Sie können gehen, wann es Ihnen passt.“
„Ich werde morgen früh gehen, aber ich möchte noch etwas sagen.“
„Und was wäre das?“
„Ich glaube nicht an diese Geschichte, dass es hier spukt.“
„Oh, tun Sie wirklich nicht, eh?“ Er ließ seine Pfeife sinken und seine Augen funkelten mich mit einer Mischung aus Ärger und schlecht verborgener Beunruhigung an.
„Nein“, ich hielt inne, dann sagte ich langsam und eindringlich: „Ich ging trotz Ihrer Warnung zur Mühle zurück, und ...“
„Was?“, schrie er und sprang dabei auf die Füße.
„Nichts“, antwortete ich. „Nur dass ich nicht an den Geist glaube.“
Sein Gesicht wurde nicht nur blass, sondern fahl. Ich verließ ihn ohne ein weiteres Wort. Ich sah, dass sein Misstrauen durch meine Worte stärker geworden war. Das hatte ich beabsichtigt. Den Grobian aufs Äußerste zu reizen, war der einzige Weg, ihm das Geheimnis zu entlocken.
Mein kleines Zimmer sah genauso aus wie am vorigen Abend. Die grotesken Muster der Tapete schienen wie ein Relief hervorzustehen. In diesem Moment schienen einige der hässlichen Linien in meiner Vorstellung fast menschliche Formen anzunehmen, sich in trollähnliche Gesichter zu verwandeln und mich anzugrinsen. Wagte ich zu viel? War es falsch, mein Leben auf diese Weise zu riskieren? Ich war furchtbar müde und, so seltsam es scheinen mag, meine größte Angst in diesem entscheidenden Moment war, dass ich einzuschlafen drohte. Ich hatte zwei Nächte fast ohne Rast verbracht und fühlte, dass jeden Moment trotz all meiner Anstrengungen der Schlaf mich übermannen könnte. Um Bindloss die volle Gelegenheit zu geben, seinen Plan in die Tat umzusetzen, war es notwendig, dass ich zu Bett ging und sogar, dass ich mich schlafend stellte. In meinem momentanen erschöpften Zustand konnte vorgetäuschter Schlaf sehr schnell zu Echtem werden. Dieses Risiko, so groß es auch war, musste ich allerdings eingehen. Ohne mich auszuziehen, legte ich mich ins Bett und zog die Bettdecke weit über mich. In meiner Hand hielt ich meinen Revolver. Ich löschte bewusst die Kerzen und bewegungslos wartete ich auf das, was da kommen sollte.
Das Haus war still wie ein Grab – es gab keinerlei Bewegung und mit der Zeit beruhigten sich meine Nerven, so angespannt sie zuvor gewesen waren. Wie ich es erwartet hatte, übermannte mich der Schlaf und trotz aller Anstrengung driftete ich in das Land der Träume ab. Ich begann mir zu wünschen, dass egal, welche Erscheinung es war, die sich zeigen würde, sie es jetzt gleich tun sollte, damit wir es hinter uns bringen konnten. Langsam, aber sicher schien ich mich von all den Erinnerungen der realen Welt zu entfernen und in eine seltsame und schreckliche Fantasiewelt abzutauchen. In diesem Zustand schlief ich, in diesem Zustand träumte ich auch und es waren Albträume.
Mir war, als ob ich einen Walzer mit einer enorm großen Frau tanzte. Sie türmte sich über mir auf, hielt mich fest in ihren Armen und begann mich in einem schwindelerregenden Tempo im Kreis zu wirbeln. Ich konnte die polternde Musik einer Band in der Ferne hören. Schneller und schneller wurde ich in einem großen leeren Saal umhergewirbelt. Ich wusste, dass ich das Bewusstsein zu verlieren begann, und schrie sie an, aufzuhören und mich gehen zu lassen. Plötzlich gab es einen furchtbaren Knall ganz in meiner Nähe. Guter Gott! Ich merkte, dass ich wach war – aber ich bewegte mich immer noch. Wo war ich? Wohin ging ich? Ich versuchte einen Sprung auf das Bett zu machen, nur um zu torkeln und rückwärts wieder auf den Boden zu fallen. Was war das? Warum schlitterte ich? War ich plötzlich verrückt geworden oder erlitt ich einen furchtbaren Albtraum? Ich versuchte, mich zu bewegen, auf die Füße zu kommen.
Dann, ganz allmählich, begannen meine Sinne zurückzukehren und ich wusste, wo ich war. Ich war in der runden Kammer, in dem Zimmer, in dem Wentworth gestorben war. Aber was mit mir passierte, konnte ich nicht begreifen. Ich merkte nur, dass ich mit einer Geschwindigkeit im Kreis gewirbelt wurde, die jeden Moment zunahm. Im Mondlicht, das sich durch das Fenster quälte, sah ich den Boden und das Bett darauf drehen. Nur der Tisch lag auf der Seite, er musste mich geweckt haben, als er umgefallen war.
Ich konnte nichts von den anderen Möbeln im Zimmer sehen. Aber auf welch geheimnisvolle Weise waren sie entfernt worden? Mit unheimlichem Aufwand kroch ich zur Mitte dieser furchtbaren Kammer und, das Fußende des Bettes greifend, kämpfte ich mich auf die Füße. Ich wusste, hier würde weniger Bewegung sein und ich konnte gerade so die Umrisse der Tür ausmachen. In weiser Voraussicht hatte ich den Revolver in meine Tasche geschoben, und war mir immer noch sicher, dass ich damit mein Leben gegen jede menschliche Erscheinung verteidigen konnte. Aber der Horror, den ich durchlebte, war mit Sicherheit nicht menschlicher Natur! Als sich der Boden des Raumes in Richtung der Tür bewegte, stürzte ich auf sie zu, wurde aber prompt vorbeigetragen und fiel erneut schwer. Als ich wieder an der gleichen Stelle vorbeikam, machte ich einen verzweifelten Versuch, mich an einer der Stufen festzuhalten, aber vergeblich. Das Kopfteil der Bettstatt erwischte mich, als es in einer nächsten Runde an mir vorbeiflog, und zog mir die Arme weg. Einen Moment später glaubte ich, ich würde verrückt durch den ganzen Horror. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er platzen. Es war mir unmöglich, logisch zu denken. Der einzige Gedanke, der mich wirklich beherrschte, war der sehnliche Wunsch, diesem furchtbaren Ort zu entkommen. Ich kämpfte mich zum Bett, zog dessen Beine aus den Sockeln und schleifte es in die Mitte des Raumes, weg von der Wand. Als es aus dem Weg war, schaffte ich es schließlich zur Tür.
In dem Moment, in dem ich den Türgriff erhaschen konnte, sprang ich auf die kleine Stufe und versuchte die Tür aufzureißen. Sie war verschlossen, von außen verschlossen. Sie widerstand all meiner Anstrengungen. Dort, wo ich stand, hatte ich gerade so Platz für meine Füße. Unter mir raste der Boden des Raumes immer noch in furchtbarem Tempo im Kreis. Ich wagte kaum, darauf zu blicken, denn der Schwindel in meinem Kopf nahm ständig zu. Im nächsten Moment waren deutlich leise Schritte zu hören, und ich sah einen Lichtschimmer durch einen Spalt in der Tür. Ich hörte jemandem am Schloss fummeln, die Tür wurde langsam von außen geöffnet und ich sah das Gesicht des alten Bindloss. Er nahm mich nicht wahr, denn ich hockte auf der Stufe, und im nächsten Moment warf ich mich mit all meiner Kraft auf ihn. Er stieß einen Schreckensschrei aus. Die Laterne, die er getragen hatte, fiel herunter und ging aus, aber ich hatte ihn am Hals gefasst und bohrte meine Finger tief in seine hagere, sehnige Kehle. Rasch zog ich ihn durch den Flur zu einem Fenster, durch welches das Mondlicht schien. Hier löste ich meinen Griff von seiner Kehle, aber bedrohte ihn augenblicklich mit meinem Revolver.
„Auf die Knie oder Sie sind ein toter Mann!“, rief ich. „Geben Sie alles zu oder ich schieße Ihnen mitten ins Herz.“
Sein Mut hatte ihn offensichtlich verlassen. Er begann zu wimmern und weinte bitterlich.
„Verschonen Sie mein Leben“, heulte er. „Ich werde alles erzählen, aber verschonen Sie mein Leben.“
„Dann rasch“, sagte ich, „ich bin nicht in der Stimmung, gnädig zu sein. Heraus mit der Wahrheit!“
Ich lauschte besorgt nach den Schritten seiner Frau, aber außer dem leisen Summen der Maschine und dem Plätschern des Wassers hörte ich nichts.
„Reden Sie“, forderte ich und schüttelte den alten Mann. Seine Lippen zitterten, die Worte kamen stockend.
„Es war Wentworths Werk“, keuchte er.
„Wentworth? Doch nicht der Ermordete?!“, rief ich.
„Nein, nein, sein Cousin. Dieser Verbrecher, der Fluch meines Lebens. Dank dieses letzten Todesfalls erbt er das Anwesen. Er ist der eigentliche Besitzer der Mühle und er erfand den sich drehenden Boden. Es gab Todesfälle – oh ja, oh ja. Es war so leicht und ich wollte das Geld. Die Polizei schöpfte nie Verdacht, genauso wenig die Ärzte. Wentworth war furchtbar hart mit mir und hatte mich in der Hand.“ An dieser Stelle würgte und schluchzte er. „Ich bin ein schlechter alter Mann, Sir“, japste er.
„Also töteten Sie Ihre Opfer wegen des Geldes?“, vermutete ich und packte ihn bei den Schultern.
„Ja“, sagte er, „Ja. Bailiff hatte zwanzig Pfund in Gold, niemand wusste davon. Ich nahm es und konnte Wentworth für eine Weile befriedigen.“
„Und was war mit Archibald Wentworth?“
„Das war sein Werk, und ich sollte bezahlt werden.“
„Und jetzt wollten Sie schließlich mich loswerden?“
„Ja, denn Sie hatten Verdacht geschöpft.“
Während des Gesprächs bemerkte ich im fahlen Mondlicht eine weitere Tür in der Nähe. Ich öffnete sie und sah, dass es der Eingang zu einem dunklen Abstellraum war. Ich stieß den alten Mann hinein, drehte den Schlüssel herum und rannte nach unten. Die Ehefrau war immer noch unerklärlicherweise abwesend. Ich öffnete die Vordertür und zitternd, erschöpft, in Schweiß gebadet stand ich an der frischen Luft. Ich war erschüttert. In diesem schrecklichen Moment war ich alles andere als Herr meiner selbst. Mein einziger Wunsch war von diesem schrecklichen Ort zu fliehen. Ich hatte gerade das kleine Tor erreicht, als eine Hand, leicht wie eine Feder, meinen Arm berührte. Ich sah auf. Das Mädchen, Liz, stand vor mir.
„Sie sind gerettet,“ sagte sie, „Gott sei Dank! Ich habe alles versucht, was ich konnte, um das Rad zu stoppen. Schauen Sie, ich bin nass bis auf die Knochen. Ich schaffte es nicht. Aber zumindest habe ich Großmutter eingeschlossen. Sie ist in der Küche, friedlich schlafend. Sie hat ein Menge Gin getrunken.“
„Wo warst du gestern den ganzen Tag?“, fragte ich.
„Eingeschlossen in einer Kammer im anderen Turm, aber ich schaffte es, aus dem Fenster zu klettern, obwohl es mich fast umbrachte. Ich wusste, wenn Sie bleiben, würden sie es diese Nacht wieder versuchen. Gott sei Dank sind Sie in Sicherheit.“
„Nun, dann halte mich jetzt nicht auf“, sagte ich. „Ich bin wie durch ein Wunder gerettet worden. Du bist ein gutes Mädchen. Ich verdanke dir viel. Du musst mir ein anderes Mal erzählen, wie du es geschafft hast, den ganzen Horror hier zu überleben.“
„Bin ich nicht verrückt geworden?“, war ihre traurige Antwort. „Oh, mein Gott, wie ich leide!“ Sie presste die Hände aufs Gesicht. Der Ausdruck ihrer Augen war furchtbar. Aber ich konnte nicht länger warten, um mich mit ihr zu unterhalten. Ich verließ den Ort hastig.
Wie ich Harkhurst erreichte, kann ich nicht mehr sagen, aber früh am Morgen traf ich dort ein. Ich ging direkt zu Dr. Stanmores Haus und weckte ihn. Ich erzählte ihm alles. Sofort suchten wir gemeinsam den Polizeichef auf. Nachdem ich meine aufregende Geschichte erzählt hatte, nahmen wir eine Droschke und kehrten zu dritt zum ‚Castle Inn‘ zurück. Wir waren noch vor acht Uhr morgens da.
Aber wie der Polizeibeamte vermutet hatte, war der Ort verlassen. Bindloss war aus der dunklen Kammer entkommen und mit seiner Frau und Liz geflohen. Der Arzt, der Polizist und ich gingen hoch zur runden Kammer, dann hinunter in den Keller und nach einer sorgfältigen Untersuchung entdeckten wir eine niedrige Tür, durch die wir krochen. Wir gelangten in ein dunkles Gewölbe, das voll mit Maschinen war. Im Licht einer Laterne untersuchten wir es. Hier fanden wir die Erklärung des ganzen Tricks. Die Achse des Mühlrads, die durch ein Loch in der Wand des Turmes hereinragte, bildete fortlaufend auch die Achse eines senkrechten Zahnrades, dass ein großes horizontales Rad bewegte, von dem ein senkrechter Pfosten nach oben führte. Dieser endete in der Mitte von vier Querbalken, die den Boden des Raumes trugen, in dem ich geschlafen hatte. Um den runden Rand des Bodens war ein Stahlrand gezogen, der sich in einem runden Sockel drehen konnte. Es brauchte nur einen einzigen Handgriff, um diesen furchtbaren Apparat in Bewegung zu versetzen.
Die Polizei veranlasste augenblicklich die Fahndung nach Bindloss und ich kehrte nach London zurück. Noch am Abend besuchten Edgcombe und ich Dr. Miles Gordon. Alter dickköpfiger Arzt wie er war, war er fassungslos, als ich meine Geschichte erzählte. Er erklärte mir, dass ein Mann in der Position, in der ich mich befunden hatte, als sich der Boden zu bewegen begonnen hatte, auf Grund der Zentrifugalkraft eine enorme Stauung des Gehirns erleiden würde. In der Tat würde der sich drehende Boden künstlich den Zustand eines Schlaganfalls hervorrufen. Wenn das Opfer unter Drogeneinfluss stand oder auch nur tief schlief, und der Boden sich langsam zu drehen begann, würde dies fast augenblicklich zur Bewusstlosigkeit führen, die bald in Koma überging und zum Tode führte. Aber eine Autopsie einige Stunden später würde keine Ergebnisse bringen, denn das Gehirn würde absolut intakt erscheinen, nachdem das Blut es wieder verlassen hatte.
Nach dem Besuch bei Dr. Miles Gordon gingen Edgcombe und ich mit unseren Ergebnissen zu Scotland Yard und die ganze Angelegenheit wurde in die Hände der Londoner Ermittlungseinheiten gelegt. Mit den Hinweisen, für die ich fast mit meinem Leben bezahlt hätte, erledigten sie den Rest schnell. Wentworth wurde festgenommen und unter Druck konnte er zu einem vollen Geständnis bewegt werden, aber der alte Bindloss hatte mir schon das Wesentliche der Geschichte erzählt. Wentworths Vater war der Besitzer der Mühle gewesen, er war in Konflikt mit dem Gesetz geraten und hatte seinen Namen geändert. Tatsächlich hatte er sogar fünf Jahre Strafdienst verrichtet. Dann war er nach Australien gegangen und zu Geld gekommen. Er starb, als sein Sohn noch ein junger Mann war. Dieser erbte allerdings alle Untugenden des Vaters. Er kehrte nach Hause zurück, besuchte die Mühle und erfand, da er Talent für Mechanik besaß, den rotierenden Boden. Er verwandelte die Mühle in ein Gasthaus und setzte Bindloss, einen seiner ‚Kumpels‘, als Eigentümer ein, mit der vollen Absicht, von Zeit zu Zeit nichtsahnende Reisende ihres Geldes wegen umzubringen.
Die Polizei jedoch suchte ihn bald darauf wegen einer geprellten Rechnung und er dachte, es sei das Beste zu fliehen. Bindloss war alleine mit der ganzen Sache. Aus Angst vor Wentworth, der ihn wegen eines lange zurückliegenden Verbrechens in der Hand hatte, ermordete er in zwei Fällen selbst das Opfer in der runden Kammer. Inzwischen waren mehrere unerwartete Todesfälle im alten Zweig der Wentworth-Familie eingetreten und Archibald Wentworth allein stand zwischen seinem Cousin und dem riesigen Vermögen. Wentworth kehrte nach Hause zurück und mit der Hilfe von Bindloss brachte er auch Archibald in seine Gewalt. Der junge Künstler schlief in dem verhängnisvollen Zimmer und sein Tod war die Folge. Zu diesem Zeitpunkt stehen Wentworth und Bindloss vor Gericht am Old Bailey und es gibt keine Zweifel, wie das Urteil ausfallen wird.
Das Rätsel um den Geist vom ‚Castle Inn‘ ist natürlich für immer und ewig gelöst.
Der Wächter der Tür
„Wenn Sie es nicht glauben, können Sie es selber lesen“, sagte Allen Clinton, während er die Sprossen einer Leiter emporkletterte und unter den Büchern im obersten Regal suchte.
Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück. Die Strahlen der untergehenden Sonne schienen durch das bunte Glas der Fenster in die alte Bibliothek und warfen gelbe und rote Bänder auf die Reihen von in schwarzes Leder gebundenen Ausgaben.
„Hier, Bell!“
Ich nahm Allen Clinton die modrige Ausgabe ab, die er zu Tage gefördert hatte.
„Es ist ungefähr in der Mitte des Buches“, fuhr er eifrig fort. „Sie werden es sehen, in großen schwarzen altenglischen Buchstaben.“
Ich blätterte durch die Seiten, die den Familienstammbaum und andere Aufzeichnungen der Clintons enthielten, bis ich zu derjenigen kam, die ich suchte. Auf ihr stand der Fluch geschrieben, der seit dem Jahre 1400 auf der Familie lastete. Langsam und mit Schwierigkeiten entzifferte ich dessen schreckliche Worte:
„Und in dieser Kammer liegt sein Sarg, ein Sarg von nichtmenschlicher Form, den kein heiliger Boden aufgenommen hat. Hier soll es ruhen und die Familie der Clintons verfluchen von Generation zu Generation. Und aus diesem Grunde soll die Seele eines jeden Erstgeborenen, der Erbe ist, sobald sie dessen Körper verlässt, der Wächter der Türe werden bei Tage und bei Nacht. Tag und Nacht soll seine Seele bei der Türe stehen, die Türe geschlossen halten, bis der Sohn die Seele des Vaters ablöst von der Wache und seinen Platz einnimmt, bis auch dessen Sohn stirbt. Und wer die Kammer betritt, soll der Gefangene der Seele sein, die bewachet die Türe, bis sie ihn gehen lässt.“
„Was für ein grässlicher Gedanke!“, rief ich mit einem Blick auf den jungen Mann, der mich während des Lesens beobachtet hatte. „Aber Sie sagen, diese Kammer sei nie gefunden worden. Ich würde sagen, ihre Existenz ist ein Mythos und der Fluch, dass die Seele des Erstgeborenen die verschlossene Tür bewachen muss, ist natürlich absurd. Materie gehorcht keiner Hexerei.“
„Der merkwürdige Teil der Geschichte ist“, antwortete Allen, „dass jedes andere Detail der Abtei, auf welche diese Aufzeichnungen Bezug nehmen, identifiziert worden ist. Aber diese Kammer mit ihrem gruseligen Inhalt wurde nie gefunden.“
Es war auf jeden Fall eine eigenartige Legende und ich gebe zu, dass sie mich beeindruckte. Ich war auch der Meinung, dass ich irgendwo schon einmal etwas Ähnliches gehört hatte, aber meine Erinnerung ließ mich im Stich.
Ich war drei Tage zuvor nach Clinton Abbey zur Fasanenjagd gekommen.
Jetzt war es Sonntag Nachmittag. Die Familie, abgesehen von dem alten Sir Henry, Allen und mir, war beim Gottesdienst. Sir Henry, mittlerweile fast achtzig Jahre alt und ein chronischer Kranker, hatte sich zu einem Nachmittagsschläfchen auf sein Zimmer zurückgezogen. Der jüngere Clinton und ich hatten einen Spaziergang über das Anwesen gemacht und seit wir zurückgekehrt waren, drehte sich unsere Unterhaltung um die Familiengeschichte. Schließlich gelangten wir zu dem Punkt mit dem Familienfluch. Beinahe im selben Moment wurde die Tür der Bibliothek langsam geöffnet und Sir Henry trat herein, gekleidet in einen schwarzen Samtmantel, der einen bemerkenswerten Kontrast zu seinem schneeweißen Haar und Bart bildete. Ich erhob mich aus meinem Sessel und reichte ihm den Arm, um ihn zu seinem Lieblingssofa zu geleiten. Mit einem Seufzen ließ er sich tief in die luxuriösen Kissen sinken, doch währenddessen fiel sein Blick auf das alte Buch, dass ich auf den Tisch daneben gelegt hatte. Er beugte sich hastig vor, nahm das Buch in die Hand und schaute zu seinem Sohn hinüber.
„Hast du das Buch heruntergeholt?“, fragte er scharf.
„Ja, Vater. Ich nahm es heraus, um es Bell zu zeigen. Er ist sehr interessiert an der Geschichte der Abtei, und ...“
„Dann stell es sofort zurück“, unterbrach ihn der alte Mann, seine schwarzen Augen blitzten vor plötzlichem Zorn. „Du weißt, wie sehr ich es verabscheue, wenn meine Bücher umgestellt werden, und vor allem dieses. Warte, gib es mir.“
Er kämpfte sich von dem Sofa hoch, nahm das Buch und schloss es in einer der Schubladen seines Schreibtisches ein. Dann setzte er sich zurück aufs Sofa. Seine Hände zitterten, als ob ihn eine plötzliche Angst überkommen hätte.
„Hattest du gesagt, dass Phyllis Curzon morgen ankommt?“, fragte der alte Mann kurz darauf seinen Sohn mit gereizter Stimme.
„Ja, Vater, natürlich. Erinnerst du dich nicht? Mrs. Curzon und Phyllis möchten für vierzehn Tage bleiben, und übrigens“, er starrte auf seine Füße, als er hinzufügte: „Das erinnert mich daran, dass ich gehen muss und Grace erzählen ...“
Der Rest des Satzes verlor sich im Schließen der Tür. Sobald wir alleine waren, schaute Sir Henry für einige Minuten schweigend zu mir herüber. Dann sagte er: „Es tut mir leid, dass ich gerade so kurz angebunden war. Ich bin nicht ich selbst. Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Ich fühle mich wie in Stücke zerbrochen. Ich kann nicht schlafen. Ich glaube, meine Zeit ist gekommen, und ich sorge mich um Allen. Die Sache ist die, ich würde alles geben, diese Verlobung aufzulösen. Ich wünschte, er würde nicht heiraten.“
„Es tut mir leid, das von Ihnen zu hören, Sir“, antwortete ich. „Ich hätte gedacht, Sie könnten es kaum abwarten, Ihren Sohn glücklich verheiratet zu sehen.“
„Den meisten Vätern würde es so gehen“, war die Antwort, „aber ich habe meine Gründe, dass ich mir die Dinge anders wünsche.“
„Was meinen Sie?“ Ich konnte nicht widerstehen zu fragen.
„Ich kann es Ihnen nicht erklären. Ich wünschte, ich könnte. Es wäre das Beste für Allen, die Familie aussterben zu lassen. Das ist vielleicht töricht und natürlich kann ich die Hochzeit nicht wirklich verhindern, aber ich bin beunruhigt und besorgt wegen vieler Dinge.“
„Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, Sir“, sagte ich spontan. „Wenn es mir irgendwie möglich sein sollte, etwas zu tun, wissen Sie, dass Sie mich nur bitten müssen.“
„Ich danke Ihnen, Bell, ich weiß, dass Sie das würden. Aber ich kann es Ihnen nicht sagen. Vielleicht eines Tages. Aber, verstehen Sie, ich habe Angst – furchtbare Angst.“
Das Zittern überkam ihn wieder und er deckte die Hände über die Augen, als ob er sie vor einem furchtbaren Anblick schützen wollte.
„Sagen Sie nichts von dem, was ich Ihnen erzählte habe, Allen oder irgendjemand anderem weiter“, sagte er plötzlich. „Es ist möglich, dass ich Sie eines Tages um Hilfe bitte. Und denken Sie daran, Bell, ich vertraue Ihnen.“
Er streckte seine Hand aus, die ich annahm. Im nächsten Moment kam der Butler mit Lampen herein und ich nutzte die Unterbrechung, um mich auf den Weg zum Salon zu machen.
Am nächsten Tag kamen die Curzons an und ich sah auf den ersten Blick, dass Phyllis ein ganz charmantes Mädchen war. Sie war groß und schlank, ihre Figur sowohl aufrecht als auch anmutig und ihr Gesicht hübsch und auf eine gewisse Weise stolz. Waren ihre Züge entspannt, wirkte sie ein wenig hochmütig. Aber in dem Moment, in dem sie sprach, wurde ihr Gesicht äußerst lebhaft, freundlich und liebenswert. Sie hatte ein fröhliches Lachen, ein süßes Lächeln und eine sympathische Art. Ich war sicher, sie hatte ein gutes Herz, und auch, dass Allen eine vorzügliche Wahl getroffen hatte.
Es vergingen ein paar Tage und es kam der letzte Abend vor meiner Rückreise nach London. Phyllis‘ Mutter war kurz zuvor zu Bett gegangen, da sie an Kopfschmerzen litt, und Allen schlug plötzlich vor, dass wir vor die Tür gehen und einen Spaziergang im Mondlicht machen sollten, die Nacht sei perfekt dafür.
Phyllis lachte bei dem Vorschlag vor Vergnügen auf und rannte sogleich in die Eingangshalle, um einen Umhang vom Haken zu nehmen.
„Allen“, sagte sie zu ihrem Liebsten, der ihr folgte, „du und ich, wir werden vorangehen.“
„Nein, junge Lady, in diesem Fall werden Sie und ich dieses Privileg haben“, sagte Sir Henry. Er war ebenso in die Eingangshalle gekommen und kündigte zu unserem Erstaunen seine Absicht an, uns auf unserem Spaziergang zu begleiten.
Phyllis bedachte ihn mit einem überraschten Blick, dann legte sie ihre Hand sanft auf seinen Arm, nickte Allen mit einem Lächeln zu und ging recht zügig voraus. Allen und ich folgten nach.
„Nun, was bezweckt mein Vater damit?“, fragte mich Allen. „Er verlässt niemals bei Nacht das Haus. Aber in letzter Zeit ging es ihm nicht gut. Ich denke manchmal, er wird jeden Tag komischer.“
„Ich bin sicher, er ist weit entfernt von Wohlbefinden“, antwortete ich.
Wir waren etwa eine halbe Stunde unterwegs und kehrten auf einem Pfad zurück, der durch einen Nebeneingang ins Haus führte. Phyllis erwartete uns in der Eingangshalle.
„Wo ist mein Vater?“, fragte Allen, als er zu ihr ging.
„Er war müde und ist zu Bett gegangen“, antwortete sie „Gute Nacht, Allen.“
„Möchtest du nicht mit in den Salon kommen?“, fragte er mit einigem Erstaunen.
„Nein, ich bin müde.“
Sie nickte ihm zu, ohne seine Hand zu berühren. Ich kam nicht umhin zu bemerken, dass ihre Augen einen seltsamen Ausdruck hatten. Sie rannte nach oben.
Ich sah, dass Allen verwundert über ihr Verhalten war. Aber da er nichts sagte, schwieg auch ich.
Am nächsten Tag beim Frühstück wurde mir mitgeteilt, dass die Curzons schon die Abtei verlassen hätten. Allen war völlig erstaunt und auch, das konnte ich sehen, zu einem guten Teil verärgert. Er und ich frühstückten alleine in der alten Bibliothek. Sein Vater fühlte sich zu krank, um herunterzukommen.
Eine Stunde später befand ich mich auf meinem Weg zurück nach London. Einige Dinge dort erforderten meine unverzügliche Aufmerksamkeit und Allen, seine Verlobung, Sir Henry und der alte Familienfluch verdrängte ich in meinem Hinterkopf.
Drei Monate später, am siebten Januar, sah ich zu meinem Bedauern in der Times die Todesanzeige von Sir Henry Clinton.
In der Zwischenzeit hatte ich dann und wann von seinem Sohn gehört, dass sein Vater stark abbaute. Er erwähnte weiterhin, dass seine eigene Vermählung für den einundzwanzigsten diesen Monats angesetzt wäre. Jetzt musste sie natürlich verschoben werden. Es tat mir wirklich leid für Allen und ich schrieb sogleich einen langen Kondolenzbrief.
Am folgenden Tag erhielt ich ein Telegramm von ihm, in dem er mich inständig bat, so schnell wie möglich nach Clinton Abbey zu kommen, denn er wäre in großen Schwierigkeiten. Ich packte rasch ein paar Dinge zusammen und kam um sechs Uhr am Abend in Clinton Abbey an. Das Haus wirkte still und bedrückt – die Beisetzung sollte am nächsten Tag stattfinden. Clinton kam in die Eingangshalle und ergriff mich innig bei den Händen. Ich bemerkte sofort, wie abgespannt und besorgt er aussah.
„Das ist sehr nett von Ihnen, Bell“, sagte er. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass Sie gekommen sind. Sie sind der Einzige, der mir helfen kann, denn ich weiß, dass Sie viel Erfahrung in solchen Dingen haben. Kommen Sie in die Bibliothek und ich werde Ihnen alles erzählen. Wir werden diesen Abend alleine speisen, da meine Mutter und die Mädchen diese Nacht in ihren eigenen Wohnungen bleiben.“
Sobald wir uns gesetzt hatten, begann er ohne Umschweife mit seiner Geschichte.
„Ich muss Ihnen eine kleine Einführung geben zu dem, was gerade passiert ist. Sie erinnern sich, als Sie das letzte Mal hier waren, wie plötzlich Phyllis und ihre Mutter die Abtei verlassen haben?“
Ich nickte. Ich erinnerte mich gut.
„Am Morgen, nachdem Sie uns abgereist waren, erhielt ich einen langen Brief von Phyllis“, fuhr Allen fort. „Darin erzählte sie mir von einer außergewöhnlichen Bitte, die mein Vater während dieses Spaziergangs im Mondschein an sie gerichtet hatte – nicht mehr und nicht weniger als den ernsthaften Wunsch, dass sie unsere Verlobung von sich aus beenden würde. Sie sprach sehr offen, wie sie es immer tut, versicherte mir ihre unveränderte Liebe und Ergebenheit, sagte aber, dass unter diesen Umständen eine Erklärung absolut unabdingbar wäre. Rasend vor Wut suchte ich meinen Vater in seinem Arbeitszimmer auf. Er sah mich mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Erschöpfung und Pathos an.
‚Ja, mein Junge, das habe ich getan‘, sagte er. ‚Phyllis hat recht. Ich bat sie, so eindringlich ein alter Mann bitten kann, dass sie die Verlobung auflöst.‘
‚Aber warum?‘, fragte ich. ‚Warum?‘
‚Das kann ich dir nicht sagen‘, antwortete er.
Ich verlor die Beherrschung und sagte Dinge zu ihm, die ich jetzt bereue. Er gab keinerlei Antwort. Als ich fertig war, sagte er langsam:
‚Ich gestehe dir all deine Wut zu, Allen. Deine Gefühle sind nur natürlich.‘
‚Du hast mich sehr tief verletzt‘, erwiderte ich. ‚Was soll Phyllis davon halten? Sie wird nie wieder dieselbe sein. Ich werde sie heute noch treffen.‘
Er sagte kein Wort und ich ging. Ich war etwa eine Woche von zu Hause weg. Ich brauchte fast diese ganze Zeit, Phyllis zu überzeugen, diese außergewöhnliche Bitte meines Vaters zu übergehen und alles wieder so werden zu lassen, wie es vorher gewesen war. Nachdem ich unsere Verlobung gefestigt, wenn das möglich ist, fester als je zuvor, und auch das Datum für die Vermählung arrangiert hatte, kehrte ich nach Hause zurück. Danach erzählte ich meinem Vater, was ich getan hatte.
‚Wie du willst‘, antwortete er und dann versank er in tiefe Trübseligkeit. Von diesem Moment an, obwohl ich Tag und Nacht über ihm wachte und alles tat, was Liebe und Zärtlichkeit bieten können, schien er sich nicht zu erholen. Er sprach kaum und verharrte, wann immer wir zusammen waren, in tiefer und schmerzvoller Zurückgezogenheit. Vor einer Woche schlief er für immer ein.“
Hier machte Allen eine Pause.
„Ich komme jetzt zu den neuesten Vorkommnissen“, sagte er. „Natürlich war ich, wie Sie annehmen werden, bis zuletzt bei meinem Vater. Wenige Stunden, bevor er verstarb, rief er mich an sein Bett und zu meiner Verwunderung begann er nochmal über meine Verlobung zu sprechen. Selbst jetzt, zur elften Stunde, flehte er mich mit größter Eindringlichkeit an, sie aufzulösen. Es wäre nicht zu spät, sagte er, und fügte dann hinzu, dass nichts in der Welt ihm das Sterben mehr erleichtern würde als das Wissen, dass ich ihm versprechen würde, unverheiratet zu bleiben. Natürlich versuchte ich, ihm das Herz nicht unnötig schwer zu machen.
Er nahm meine Hand und sah mir mit einem Ausdruck in die Augen, den ich niemals vergessen werde. Dann sagte er: ‚Allen, mach mir das feierliche Versprechen, dass du niemals heiraten wirst.‘ Dies musste ich natürlich ablehnen und dann erzählte er mir, dass er mir in Erwartung meiner Widerspenstigkeit einen Brief geschrieben habe, den ich in seinem Tresor finden würde, aber ich dürfe ihn nicht vor seinem Tode öffnen. Ich fand ihn heute Morgen. Bell, es ist das außergewöhnlichste Schreiben, das ich je gelesen habe. Entweder es ist ein reines Gebilde seiner Einbildung, denn seine geistigen Kräfte ließen zuletzt stark nach, oder es ist die furchtbarste Sache, von der ich je gehört habe.
Ich nahm ihm das Blatt aus der Hand und las Folgendes in zitternder, fast unleserlicher Schrift:
‚Mein lieber Junge,
wenn du diese Zeilen liest, werde ich endgültig tot sein. Die letzten sechs Monate meines Lebens waren bereits ein lebendiger Tod. Der Schrecken begann folgendermaßen. Du weißt, wie sehr ich immer an der Familiengeschichte unseres Hauses interessiert war. Ich habe die letzten Jahre meines Lebens damit verbracht, jedes Detail nachzuprüfen, und meine Absicht war es, wenn es mir die Gesundheit ermöglicht hätte, einen Großteil davon in angemessenen Bänden zu veröffentlichen.
In dieser speziellen Nacht, auf die ich mich beziehe, saß ich noch spät in meinem Arbeitszimmer und las in jenem Buch, das du vor Kurzem Bell gezeigt hattest. Genauer gesagt, ich war sehr vertieft in den schrecklichen Fluch, mit dem der alte Abt im vierzehnten Jahrhundert die Familie belegt hatte. Ich las die furchtbaren Worte wieder und wieder. Ich wusste, dass alle anderen Angaben in dem Band schon belegt worden waren, aber dass das Gewölbe mit dem Sarg niemals gefunden worden war. Während ich las, wurde ich schläfrig und döste ein. In meinem Schlaf hatte ich einen Traum. Ich hatte das Gefühl, jemand käme in den Raum, berührte mich bei der Schulter und sagte: ‚Komm.‘ Ich schaute auf. Eine hochgewachsene Gestalt beugte sich über mich. Die Stimme und die Figur gehörten meinem verstorbenen Vater. In meinem Traum stand ich augenblicklich auf, obwohl ich nicht wusste, warum oder wohin ich ging. Die Gestalt schritt voran in die Eingangshalle. Ich nahm eine der Kerzen vom Tisch und den Schlüssel zur Kapelle, entriegelte die Tür und ging hinaus. Die Stimme sagte immer noch: ‚Komm, Komm!‘, und die Gestalt meines Vaters ging vor mir her. Ich durchquerte den quadratischen Innenhof, schloss die Tür zur Kapelle auf und ging hinein.
Um mich herum herrschte eine Todesstille. Ich durchquerte das Hauptschiff zum nördlichen Seitenschiff, die Gestalt immer noch vorne weg. Sie betrat das große Kastengestühl, dem man nachsagt, dass es dort spukt und ging geradewegs zum Bildnis des alten Abts, der den Fluch ausgesprochen hatte. Dieses ist, wie du weißt, an der gegenüberliegenden Wand eingelassen. Sich vorbeugend presste die Gestalt gegen die Augen des alten Mönchs und augenblicklich rutschte ein Stein von seinem Platz und gab eine Treppe dahinter frei. Ich wollte vorwärtseilen, als ich gegen etwas gestoßen sein muss. Ich spürte einen Schmerz und plötzlich wachte ich auf. Was für eine Verblüffung, als ich mir bewusst wurde, dass ich, im Traum gehandelt, den Innenhof überquert hatte und mich in der Kapelle befand. Mehr noch, ich stand in dem alten Kastengestühl! Natürlich war dort keinerlei Gestalt sichtbar, aber das Mondlicht legte einen kühlen Schimmer über den ganzen Ort. Ich war sehr verblüfft und beeindruckt, wollte schließlich aber doch zum Haus zurückkehren, als ich meinen Blick hob und sah, dass wenigstens ein Teil dieser seltsamen Vision, die ich gehabt hatte, real gewesen sein musste. Der alte Mönch schien mich aus seinem Marmorbildnis heraus anzugrinsen und neben ihm befand sich eine Öffnung. Ich lief mit schnellen Schritten dorthin und sah eine schmale Treppenflucht. Ich kann nicht erklären, welche Emotionen mich überkamen, aber das mächtigste Gefühl in diesem Moment war eine starke und furchtbare Neugier. Die Kerze in der Hand ging ich die Stufen hinunter. Sie endeten am Anfang eines langen Ganges. Diesen durchquerte ich rasch und fand mich neben einer Eisentür wieder. Sie war nicht verschlossen, aber der Riegel ließ sich nur sehr schwer öffnen. Tatsächlich brauchte ich fast all meine Kraft. Schließlich konnte ich sie zu mir hin aufziehen, und dort in einer kleinen Kammer stand der Sarg, genau, wie ihn der Wortlaut des Fluches beschrieben hatte. Ich erstarrte vor Entsetzen. Ich wagte es nicht, einzutreten. Es war ein keilförmiger Sarg, mit riesigen Nägeln verschlossen. Aber während ich ihn betrachtete, gefror mir das Blut in den Adern, denn langsam, ganz langsam, als ob sie von einer unsichtbaren Hand bewegt würde, begann sich die riesige schwere Tür zu schließen, schneller und schneller, bis sie sich mit einem Schlag, der durch das alte Gewölbe hallte, schloss. Vom Schrecken gejagt, rannte ich nach draußen, bis ich mein Zimmer erreichte.
Nun weiß ich, dass dieser große Fluch wahr ist. Dass die Seele meines Vaters die Tür bewacht und sie schließt, denn ich sah es mit meinen eigenen Augen, und während du dies liest, wisse, dass ich dort bin.
Ich beschwöre dich, heirate nicht – bring kein Kind in diese Welt, das diesen schrecklichen Fluch weitertragen müsste. Lass diese Familie aussterben, wenn du den Mut hast. Es ist viel verlangt, ich weiß. Aber ob du es tust oder nicht, komm zu mir dorthin, und wenn ich, durch Zeichen oder Worte, mit dir kommunizieren kann, werde ich es tun, nur behalte dieses Geheimnis für dich. Triff mich dort, bevor mein Körper zu Grabe getragen wird, solange Körper und Seele noch nicht weit voneinander entfernt sind. Lebwohl,
dein dich liebender Vater,
Henry Clinton‘
Darmowy fragment się skończył.