Czytaj książkę: «Digitalisierung und Lernen (E-Book)»

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Erik Haberzeth, Irena Sgier (Hrsg.)

Digitalisierung und Lernen

Gestaltungsperspektiven für das professionelle Handeln in der Erwachsenenbildung und Weiterbildung

ISBN Print: 978-3-0355-1334-9

ISBN E-Book: 978-3-0355-1335-6

1. Auflage 2019

Alle Rechte vorbehalten

© 2019 hep verlag ag, Bern

www.hep-verlag.com

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zur Reihe Forum Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung

Erik Haberzeth und Irena Sgier

Betrachtungsebenen der Digitalisierung in der Erwachsenenbildung – zur Einführung in den Band

Fritz Böhle, Norbert Huchler und Judith Neumer

Wozu noch menschliche Arbeit – Grenzen der Digitalisierung als neue Herausforderung für die Weiterbildung

Felix Stalder

«Den Schritt zurück gibt es nicht» Wie die Kultur der Digitalität das Wissen verändert und was das für die Bildung bedeutet

Ronald Schenkel

Auswirkungen der Digitalisierung auf die Weiterbildung – Vergleich mit der Entwicklung in der Medienbranche

Claudia Bremer

Szenarien des Einsatzes digitaler Medien in Bildungsprozessen – Chancen und Herausforderungen für Weiterbildungseinrichtungen

Irena Sgier, Erik Haberzeth und Philipp Schüepp

Wie gehen Weiterbildungsinstitutionen mit der Digitalisierung um? Resultate einer empirischen Studie

Matthias Rohs

Medienpädagogische Professionalisierung des Weiterbildungspersonals

Karin Julia Rott und Bernhard Schmidt-Hertha

Medienpädagogische Kompetenz von erwachsenenpädagogischen Fachkräften – Eine Frage des Alters?

Sandra Schön, Martin Ebner und Gabriela Lüthi-Esposito

Offene Bildungsressourcen in der Weiterbildung – Ansätze und Entwicklungen im deutschsprachigen Raum

Kerstin Mayrberger

Lernendenorientierung im Kontext von Open Educational Practices – Umsetzungserfahrungen am Beispiel der Hamburg Open Online University

Philippe Wampfler, Tobias Zimmermann und Gregory Turkawka

Personal Learning Environments als Ressource in Lehr-Lern-Settings

Autorinnen und Autoren

Vorwort zur Reihe Forum Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung

Lehren, prüfen, beraten, forschen, organisieren: Diese Themen sind Bestandteil des Aufgabenfelds von Dozierenden oder Lehrenden in der Erwachsenenbildung. Sie sind die Akteurinnen und Akteure im Wissens- und Technologietransfer durch Weiterbildung und Dienstleistungen, betreiben Projektmanagement und engagieren sich in der Qualitätsentwicklung der eigenen Bildungsorganisation.

Lehre und Unterricht an Hochschulen sowie Hochschulentwicklung sind seit der Umsetzung der Bologna-Deklaration herausgefordert: So gestalten Dozierende etwa gemeinsam Curricula oder einzelne Module, planen Leistungsnachweise, integrieren Phasen von selbstorganisiertem Lernen oder implementieren Konzepte wie Problem-Based Learning in ihre Lehrveranstaltungen.

Die Abteilung für Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PH Zürich) unterstützt seit 2009 Hochschulen, Berufsfachschulen und Organisationen der Erwachsenenbildung und ihr Lehrpersonal durch Weiterbildung und Beratung.

Themenschwerpunkte sind dabei Studierendenorientierung, Rollenvielfalt bei Dozierenden, kompetenzorientierte Lehre, erwachsenenbildnerisches Handeln, Mentoring, Tutoring, Beratung, Schreib-, Denk- und Lernförderung in Lehre an Hochschulen und Bildungsorganisationen der Erwachsenenbildung, Hochschulentwicklung, Evaluation und höhere Berufsbildung.

Ein auch für den Weiterbildungsbereich aktuelles Thema ist die Digitalisierung. Der vorliegende Sammelband leistet einen Beitrag zur Diskussion ihrer Chancen und Herausforderungen. Er ist in Kooperation der Professur für Höhere Berufsbildung und Weiterbildung der PH Zürich mit dem Schweizerischen Verband für Weiterbildung SVEB entstanden. Die Autorinnen und Autoren belassen es nicht bei der zu kurz greifenden Diskussion über den Einsatz digitaler Tools in der Lehre. Sie lenken den Blick auf kulturelle und arbeitsweltliche Entwicklungen, mögliche Veränderungen des Weiterbildungssystems sowie auf die Bedeutung für die Weiterbildungsanbieter und das professionelle Handeln in Planung und Lehre.

Die Reihe Forum Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung regt Diskussionen über und Auseinandersetzungen mit aktuellen und praxisrelevanten hochschuldidaktischen und erwachsenenpädagogischen Fragen an. Sie stellt Dozierenden an Fachhochschulen sowie Aus-/Weiterbildungsverantwortlichen in weiteren Institutionen der Erwachsenenbildung nützliche Reflexions- und Handlungsinstrumente zur Verfügung. Üblicherweise erscheint jährlich ein Band.

Folgende Bände sind in Planung:

Band 9: Mehrsprachigkeiten – Jonglieren mit Vielfalt und Professionalisierung in Sek. II und Hochschule (2020)

(Hrsg. Monique Honegger, Dagmar Bach und Tamara De Vito)

Band 10: Improvisieren und Lernen (2020)

(Hrsg. Monique Honegger und Geri Thomann)

Eine Liste der bereits publizierten Bände finden sich hier:

https://phzh.ch/de/Weiterbildung/Hochschuldidaktik-und-entwicklung/publikationen-projekte/#

Bitte kontaktieren Sie uns für Rückmeldungen oder Ideen. Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Geri Thomann

Monique Honegger

Dagmar Bach

Erik Haberzeth

Tobias Zimmermann

(Editorial Board)

Abteilung Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung PH Zürich

geri.thomann@phzh.ch

https://phzh.ch/de/ueber-uns/Organisation/Prorektorat-Weiterbildung-und-Dienstleistungen/abteilung-hochschuldidaktik-und-erwachsenenbildung/

Erik Haberzeth und Irena Sgier

Betrachtungsebenen der Digitalisierung in der Erwachsenenbildung – zur Einführung in den Band

Es ist immer noch relativ wenig bekannt darüber, wie die Anbieter der Erwachsenen- und Weiterbildung[1] mit der Digitalisierung aktuell umgehen, wie sie sie nutzen und umsetzen. Zumindest liegen dazu noch kaum Erkenntnisse aus empirischen Studien vor. Die wenigen bisher durchgeführten Untersuchungen beziehen sich lediglich auf die Lage in Deutschland (z. B. Schmid u. a. 2018; Scharnberg u. a. 2017). Deshalb führten wir eine eigene quantitative Befragung bei Weiterbildungsanbietern in der Schweiz durch (siehe Beitrag von Sgier, Haberzeth und Schüepp in diesem Band; ausführlicher: Sgier/Haberzeth/Schüepp 2018), die darauf zielte, explorativ Daten zu Strukturen zu erheben und entsprechend ein erstes Überblickswissen zumindest zu Teilaspekten dieser Thematik zu generieren. Der Schwerpunkt dieser Erhebung lag auf der Ebene des Lehrens und der entsprechenden technischen Ausstattung. Befragt wurden Weiterbildungsanbieter dazu, wie sich ihr Digitalisierungsgrad bezogen auf die Vermittlungsarbeit darstellt, welche digitalen Technologien sie nutzen und wie sie deren Einsatz bewerten.

Rund 80 Prozent der Anbieter äußerten die Erwartung, die Digitalisierung werde das Feld der Weiterbildung in den nächsten Jahren «maßgeblich beeinflussen» oder gar «grundlegend transformieren und revolutionieren» (ebd., S. 9). Gleichzeitig gibt es Hinweise auf eine durchaus bemerkenswerte Zurückhaltung beim Einsatz von digitalen Technologien in der Lehre als einem Kernbereich von Erwachsenenbildung. Der traditionelle, eher «technologiefreie» Präsenzunterricht scheint weiterhin stark verbreitet, und jüngere Ansätze wie Webinare, Game Based Learning oder MOOCs werden kaum genutzt. Die Frage des pädagogischen Nutzens digitaler Technologien in der Art einer erhöhten Lernmotivation oder verbesserter Lernergebnisse kann oft nicht beurteilt werden oder wird zum Teil gar skeptisch betrachtet.

Eine zentrale Einsicht, die wir auf der Grundlage dieser Daten formulierten, lautete:

«Die Daten liefern Hinweise darauf, dass das Thema als hochrelevant angesehen wird, die reale Entwicklung aber keinesfalls disruptiv erfolgt. Die derzeitige Weiterbildungspraxis scheint insgesamt eher durch eine Behutsamkeit, durch Unsicherheiten und Suchbewegungen gekennzeichnet, wenn es um digitalisierungsbezogene Veränderungen geht. Es bestehen Erwartungen einer Transformation, zugleich ist deren Richtung aber noch unbestimmt. Klare Perspektiven dafür, wie mit der Digitalisierung umzugehen ist und vor allem wie sie gestaltet werden kann, müssen sich im Weiterbildungsfeld noch entwickeln» (Sgier/Haberzeth/Schüepp 2018, S. 5).

Diese vorläufige Diagnose stellt den Ausgangspunkt dieses Buchs dar. Die Absicht ist es, Weiterbildungsanbieter und in der Weiterbildung Tätige dabei zu unterstützen, Ansatzpunkte und Perspektiven für einen reflektierten didaktischen Umgang mit der Digitalisierung zu entwickeln. Dabei stehen Fragen zur Planung von Weiterbildung und zur Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen im Zentrum. Zugleich werden diese Fragen in den weiteren Kontext arbeitsweltlicher und kultureller Veränderungen im Zuge der Digitalisierung eingebettet. Wir diskutieren also auch übergreifende gesellschaftliche Entwicklungen als Einflussgrößen auf die erwachsenenpädagogische Praxis der Planung von Bildungsarbeit.

Digitale Technologien und Erwachsenenbildung: verschiedene Betrachtungsebenen

Digitalisierung in der Weiterbildung ist alles andere als ein neues Phänomen (vgl. Meister 2008). Schon seit mehreren Jahrzehnten sind digitale Technologien in diesem Feld ein Thema und ein wichtiger erwachsenenpädagogischer Handlungsbereich. In den 1990er-Jahren ging es mit der Verbreitung von Computern vor allem um individuell zu nutzende Lernmedien wie Lern-CD-ROMs und Computer Based Trainings. Das sich entwickelnde Internet machte ab den 2000er-Jahren zum Beispiel Web Based Trainings, ab ca. 2005 Web-2.0-Anwendungen möglich, die sich durch Mitgestaltung auszeichneten. Heute werden Mobile Learning oder Massive Open Online Courses (MOOCs) diskutiert und erprobt (vgl. Röthler/Schön 2017, S. 2 ff.). Es gibt demnach schon eine längere Tradition der Beschäftigung mit digitalen Technologien in der Erwachsenenbildung.

Allerdings würde es zu kurz greifen, das Verhältnis von digitalen Technologien und Erwachsenenbildung nur auf der Ebene des Lehr-Lern-Geschehens samt den dazugehörigen Unterrichtsmedien zu diskutieren, wie es derzeit recht häufig geschieht. Die Relevanz der Digitalisierung für Weiterbildungsanbieter zeigt sich vielmehr auf mehreren, weiter gefassten Ebenen (vgl. Schmidt-Hertha/Rohs 2018, S. 2 f.; von Hippel/Freide 2018, S. 974 ff.; erwachsenenbildung.at 2017):

1.Inhaltsebene

2.Lehr-Lern-Ebene

3.Organisationsebene

4.Systemebene

5.Ebene der Professionalität

Über die Gesamtheit der Beiträge in diesem Buch werden alle diese Ebenen aufgegriffen. Dadurch wird ein Horizont der Beschäftigung mit dieser Thematik eröffnet, der die Relevanz der Digitalisierung für die Weiterbildung relativ breit abbildet. Dennoch bleiben selbstverständlich viele Aspekte der Digitalisierungsdiskussion unbehandelt, was an der Komplexität dieser Thematik liegt. Alle Beiträge greifen den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs auf und positionieren sich darin.

Digitalisierung als Thema und Inhalt von Bildungsangeboten

Erwachsene lernen nicht nur mittels digitaler Technologien, sondern auch über digitale Technologien, über ihre Anwendungen und Wirkungen. Digitalisierung wird also auch zum Lerngegenstand selbst. An die Erwachsenenbildung als Teil des Bildungssystems wurden schon immer die unterschiedlichsten, gesellschaftlich dringlichen Bedarfe herangetragen: Fachkräfte sichern, Gesundheit erhalten und fördern, Menschen integrieren und zur sozialen Teilhabe befähigen, neue technologische Veränderungen bewältigen. Auf diese Bedarfe soll die Erwachsenenbildung schnell reagieren und möglichst adäquate Bildungsangebote entwickeln und bereitstellen. Gleichzeitig muss sie ihren professionellen Kern wahren: Es geht um die Unterstützung von Bildungsprozessen, verstanden als lebenslange Aneignung von Wissen, um sich immer wieder kritisch positionieren und begründete Urteile fällen zu können. Bildung setzt entsprechend Autonomie zur Klärung kontroverser Positionen und Interessen voraus und ermöglicht sie zugleich. Die Erwachsenenbildung steht demnach in einem Spannungsfeld andragogischer Ansprüche und der Bedarfe von Ökonomie, Politik und Kultur (vgl. Faulstich/Zeuner 2006).

Der pädagogische Handlungsbereich, in dem diese gesellschaftlichen Bedarfe aufgespürt, ausgelegt und in Bildungsangebote übersetzt werden, ist die Programmplanung bei den Bildungsanbietern (vgl. Gieseke 2003). Die Programmplanung als professionelle Aufgabe steht dabei zwischen einerseits dem Bildungsmanagement und andererseits der Lehre. Es gibt zwar vielfältige Überschneidungsbereiche zwischen diesen Aufgabengebieten, dennoch lässt sich die Programmplanung als ein spezifisch pädagogisches Aufgabenfeld gerade gegenüber dem Management bestimmen. Diese Aufgabe ist höchst wissensintensiv und anspruchsvoll: Da es nur in Teilbereichen Curricula gibt, sind weite Teile der Erwachsenenbildung bezogen auf Inhalte und Didaktik offen und entsprechend fluide – so auch bezogen auf die Digitalisierung. Inhalte und Kompetenzen müssen von daher erst zeitgemäß definiert und in Angebote gegossen werden. Zudem besteht meist keine Teilnahmeverpflichtung; Teilnehmende müssen also erst gewonnen werden, sonst findet Erwachsenenbildung nicht statt.

Seit einiger Zeit steht die Digitalisierung sicherlich auf einem der vordersten Plätze der gesellschaftlichen Bedarfsliste. Der Stellenwert der Erwachsenenbildung hat sich dadurch noch einmal erhöht – zumindest programmatisch; das gesamte Bildungssystem soll auf lebenslanges Lernen ausgerichtet werden, formuliert etwa im Leitbild der Strategie «Berufsbildung 2030» (SBFI 2018). Die Erwachsenenbildung ist nun gefordert, die technologischen Umbrüche als Thema aufzunehmen und in Angebote umzusetzen. Schmidt-Hertha und Rohs (2018) unterscheiden dabei zwei zentrale Fragen: jene nach einer berufsbezogenen Medienkompetenz, die insbesondere in Hinblick auf die Digitalisierung der Arbeitswelt an Bedeutung gewinnt, und jene nach den Folgen der Digitalisierung für die Gesellschaft und für das eigene Medienhandeln.

Bezogen auf den beruflichen Kontext wird aktuell vor allem von «digitaler Kompetenz» oder «Digitalisierungskompetenz» gesprochen, gemeint als die Fähigkeit, mit den auf Digitalisierung beruhenden Technologien umgehen zu können. Darin spiegelt sich eine weit verbreitete, zunächst durchaus naheliegende Sicht auf die Thematik, die als anforderungsorientiert bezeichnet werden kann: Die Beschäftigten müssen lernen, sich an neue technologische Entwicklungen anzupassen, damit sie arbeits- und beschäftigungsfähig bleiben.

Dieser anforderungsorientierte Zugang ist ohne Zweifel notwendig, er sollte aber ergänzt werden um eine subjektorientierte Sicht. Haberzeth und Umbach (2018) drehen die Blickrichtung entsprechend um, weg von der Frage «Was müssen die Arbeitenden können?» hin zu «Was können sie, und wie können sie ihre Kompetenzen auch unter den Bedingungen der Digitalisierung einbringen?» Dieser personalorientierte Ansatz nimmt die menschlichen Potenziale in den Blick und versucht, sie zu erhalten und auszubauen. Es könnte gut sein, dass ein solcher Ansatz nicht nur weniger reaktiv ist, sondern langfristig auch tragfähiger.

Im Sinne eines solchen Ansatzes kann der Beitrag von Fritz Böhle, Norbert Huchler und Judith Neumer in diesem Band gelesen werden. Auf Grundlage langer empirischer Forschung zum Wandel von Arbeit (vgl. z. B. Böhle 2017) zeigen sie zunächst die Grenzen der Digitalisierung auf und verweisen auf menschliche Fähigkeiten, die oft nicht beachtet werden: Eine «verborgene Seite menschlicher Arbeit», die sie mit dem Begriff des «subjektivierenden Arbeitshandelns» bezeichnen. Ein solches Handeln, das sich durch Gespür, Intuition und Experimentalität auszeichnet, gewinnt gerade in hochdigitalisierter Arbeit eine besondere Relevanz, um zum Beispiel die technischen Systeme am Laufen zu halten und gute Arbeit zu ermöglichen. Auf dieser Grundlage werden Themen und Ansatzpunkte für die Weiterbildung wie das Lernen im Arbeitsprozess abgeleitet.

Felix Stalder ist mit seinem 2016 erschienenen Buch «Kultur der Digitalität» bekannt geworden. Das in diesem Band vorliegende Interview fasst Aspekte seiner Gesellschaftsdiagnose zusammen. Mit seiner kulturwissenschaftlichen Perspektive verschiebt er den Fokus von der Technik zum größeren, gesellschaftlichen Kontext und zeigt, dass die wesentlichen Fragen und Herausforderungen der Digitalisierung gar nicht so viel mit Technik zu tun haben. Vielmehr stellt er die folgende Beobachtung zur Diskussion:

«Immer mehr Menschen beteiligen sich an kulturellen Prozessen, immer weitere Dimensionen der Existenz werden zu Feldern kultureller Auseinandersetzung, und soziales Handeln wird in zunehmend komplexere Technologien eingebettet, ohne die diese Prozesse kaum zu denken wären» (Stalder 2016, S. 11).

Dies bringt alte kulturelle Ordnungen zum Einsturz und führt zu neuen, welche durch immer komplexere Technologien geprägt werden. Wir müssen lernen, diesen Komplex zu durchschauen, um die Demokratie aufrechtzuerhalten. Die Erwachsenenbildung ist gefordert, diese Themen in Bildungsangebote umzusetzen.

Digitalisierung als Vermittlungsmedium in der Lehre

Diese Ebene, also das Lehren unter Nutzung digitaler Technologie, steht zumeist im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion und wird im Rahmen mediendidaktischer Überlegungen thematisiert (vgl. Schmidt-Hertha/Rohs 2018). Gegenwärtig geht es oft um «Bring your own device», die Nutzung von Tablets im Unterricht oder die Rolle von Erklärvideos, auch für das selbstbestimmte Lernen, das zum Teil wieder einmal zu einem Königsweg in der Weiterbildung stilisiert wird. Lehrende sollen lernen, «digitale Werkzeuge» im Unterricht zu nutzen. Einige Verbreitung hat beispielsweise der «EBmooc»[2] gefunden, ein offener Online-Kurs aus Österreich für Erwachsenenbildnerinnen und -bildner, in dem solche digitale Werkzeuge wie die Arbeit mit Facebook, Padlet oder Doodle vermittelt werden.

Auch das in der Schweiz etablierte AdA-System des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung, ein modulares System zur Aus- und Weiterbildung von in der Erwachenenbildung Tätigen (Jacober 2018), hat das Thema Digitalisierung inzwischen verstärkt in das Curriculum aufgenommen und mit «Lernprozesse digital unterstützen» ein neues Zusatzmodul eingeführt. Inhaltliche Schwerpunkte sind mediengestützte Didaktik, Methoden und Medieneinsatz, die Rolle als Ausbildnerin und Ausbildner in digital unterstützten Lernprozessen sowie rechtliche Rahmenbedingungen.

Diese Angebote kommen vor allem einem eher instrumentellen Bedürfnis nach sicherer Handhabung von Tools und digital gestützten Methoden entgegen. Gleichzeitig sind sie mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert: Der Einsatz solcher Tools und Methoden muss immer wieder didaktisch eingeordnet werden, damit er nicht zu einem Selbstzweck wird; er muss die Aneignung von Wissen und Handlungsfähigkeit tatsächlich unterstützen und so einen Mehrwert haben. Manche Tools sind nützlich in einem Kontext, nicht aber in anderen wie etwa im eigenen Unternehmen, wo nur bestimmte technische Möglichkeiten vorhanden sind und genutzt werden dürfen. Der Einsatz digitaler Tools und Methoden sollte ferner immer wieder in den größeren Kontext einer andragogisch begründeten Bildungsarbeit gestellt werden.

Entsprechend fordert Claudia Bremer in ihrem Beitrag, dass der Einsatz digitaler Medien bei Bildungsanbietern nicht aus einem «reflexhaften Impuls des Nachholbedarfs» erfolgen soll. Vielmehr gehe es darum, konkrete Mehrwerte zu identifizieren und geeignete Strategien des Einsatzes zwischen einem Anreicherungskonzept, einem Integrationskonzept und einem Virtualisierungskonzept zu entwickeln. In diesem Zusammenhang stellt Bremer eine Planungstabelle vor, die Vergewisserung und Orientierung bieten kann.

Philippe Wampfler, Tobias Zimmermann und Gregory Turkawka gehen mit ihrem Beitrag der Frage nach, wie sich individuelle, in eher informellen Kontexten entwickelte Lernstrategien und -ressourcen – bezeichnet als «Personal Learning Environments» – mit den von Anbietern bereitgestellten Lernplattformen verbinden und untereinander vernetzen lassen. Diese Frage dürfte in der Bildungsarbeit künftig relevanter werden, weil die Lernenden ihre Wissensarbeit noch stärker mit digitalen Technologien organisieren werden und diese Ressourcen auch für die institutionelle Bildungsarbeit nutzbar gemacht werden können. Die Vernetzung von Lernressourcen und -strategien wird zu einer neuen Qualität, die die Bildungsarbeit ergänzt und die «klassische» Weiterbildung bereichern kann. Maßgebend für diese Entwicklung ist weniger der Medieneinsatz als die Lernkultur. Über diese gilt es nachzudenken.

Schließlich thematisieren Sandra Schön, Martin Ebner und Gabriela Lüthi-Esposito Ansätze und Entwicklungen von offenen Bildungsressourcen in der Erwachsenenbildung. Ihr Beitrag führt in die Thematik ein, verweist auf die Gefahr von Verstößen gegen das Urheberrecht und mündet in einen Überblick über Beispiele offener Bildungsressourcen im deutschsprachigen Raum, die gerade für Kursleitende in der Erwachsenenbildung interessant sein dürften.

Digitalisierung in Bildungsmanagement und Programmplanung von Weiterbildungsorganisationen

Weniger im Blickfeld steht die Organisationsebene der Weiterbildungsanbieter selbst, also die Bedeutung der Digitalisierung für die internen Prozesse des Bildungsmanagements sowie der Programm- und Angebotsplanung beziehungsweise -entwicklung (Meister 2008, S. 523). Erstaunlicherweise gibt es dazu bis dato wenig Erkenntnisse und damit ebenso wenige zur Weiterbildung als Teil einer sich durch digitale Systeme wandelnden Arbeitswelt selbst.

Dabei ist offensichtlich, dass der Computer, das Internet, Datenbanken und sonstige digitale Anwendungen die Verwaltung (Online-Anmeldung, Kursmanagementsysteme, Intranet etc.), das Marketing (Internetauftritt, Social Media etc.) und die Angebotsplanung (Online-Einheiten, Digitalisierung als Thema von Kursangeboten, Selbstlernbereiche etc.) massiv verändern. In einer schon länger zurückliegenden Studie ist Stang (2003) am Beispiel der Volkshochschulen der Frage nachgegangen, wie Informations- und Kommunikationstechniken die Arbeitsorganisation der Weiterbildungsanbieter beeinflussen. Untersucht wurde die technische Infrastruktur (Internetzugang, Homepage, Computerarbeitsplätze), die technische Betreuung durch qualifiziertes Personal sowie allgemein die Bedeutung von Technologien zum Beispiel bei der strategischen Ausrichtung. Uns ist keine aktuelle empirische Studie dazu bekannt, obwohl sich Anbieter durchaus damit beschäftigen (z. B. Schöll 2017).

Irena Sgier, Erik Haberzeth und Philipp Schüepp präsentieren in ihrem Beitrag Daten zweier Befragungen in der Schweiz. Im Rahmen dieser Studien wurden 338 Organisationen und 1325 Erwachsenenbildnerinnen und Erwachsenenbildner zu ihrem Umgang mit der Digitalisierung befragt. Zwar lag der Fokus auf dem Lehr-Lern-Geschehen und der entsprechenden technischen Ausstattung sowie auf dem Einsatz digitaler Anwendungen und ihrem pädagogischen Nutzen. Einige Daten geben zudem Hinweise auf die Bedeutung der Digitalisierung für die Bildungsplanung.

Kerstin Mayrberger stellt am Beispiel der Hamburg Open Online University, einem seit 2015 laufenden Verbundprojekt der sechs staatlichen Hochschulen Hamburgs, eine umfassende institutionelle Online-Strategie in der Hochschulbildung vor. Bei der Entwicklung von Angeboten und Materialen sind vier Ideen leitend: Lernendenorientierung, Wissenschaftlichkeit, Öffnung für neue Zielgruppen und zivilgesellschaftliche Relevanz sowie Open Education. Im Beitrag wird insbesondere eine Lernendenorientierung unter den Bedingungen und mit den Möglichkeiten von Digitalisierung diskutiert.

Digitalisierung und das Weiterbildungssystem

Grundsätzlich lässt sich beobachten, dass die Weiterbildung als Bildungsbereich im Zuge der Diskussion um die Digitalisierung weiter in ihrer Bedeutung aufgewertet wird. Wissen und Kompetenz und deren Aneignung über die gesamte berufliche Laufbahn und Lebensspanne sind gefragt. Genauer beobachtet werden müsste allerdings, wie sich der digitale Wandel auf die Strukturen der Weiterbildung auswirkt, etwa in Bezug auf neue Akteure in der Weiterbildung sowie auf neue oder veränderte Kooperationen (vgl. z. B. Meister 2005).

Grotlüschen (2018) legt eine erste vertiefte Analyse zu möglichen Disruptionen im Weiterbildungsmarkt durch den Eintritt von Unternehmen der Digitalwirtschaft vor. Analysiert werden die Geschäftsmodelle von drei Unternehmen (XING, Google und LinkedIn), die sich zunehmend als Akteure auf dem Weiterbildungsmarkt positionieren. Gezeigt wird, wie es diesen Unternehmen gelingt, durch die Nutzung verschiedener Datenbestände wie Lebenslaufdaten, Daten zu Interessensgebieten und beruflichen Positionen sowie Daten aus Stellenausschreibungen sehr gezielt Weiterbildungswerbung zu schalten und Angebote zu platzieren. Grotlüschen vermutet, dass diese Entwicklung vor allem für die kommerziellen Weiterbildungsanbieter relevant wird und eventuell sogar eine wirtschaftliche Bedrohung darstellt. Ein disruptives Potenzial dieser neuen Geschäftsmodelle und Marketingstrategien scheint jedenfalls gegeben.

Ronald Schenkel setzt mit seinem Beitrag in diesem Band an der Analyse von Grotlüschen (2018) an. Er sieht Parallelen zwischen der Medienbranche und der Weiterbildung und malt der Weiterbildung am Beispiel der durch die Digitalisierung bedingten Entwicklung in der Medienbranche aus, was ihr bevorstehen könnte. Die Medienbranche ist durch Suchmaschinen, neue News-Portale und Social Media in ihren Grundfesten erschüttert worden. Folgen sind zum Beispiel eine Entmonopolisierung der Gatekeeper-Funktion, eine zunehmende Abhängigkeit von Plattformen (Suchmaschinen, Social-Media-Kanäle), internationale Konkurrenz oder Kompetenzverschiebungen in den Organisationen selbst. Geliefert werden damit Aspekte, die zur Analyse für aktuelle und mögliche zukünftige Entwicklungen in der Weiterbildung genutzt werden können. Schenkel liefert Beispiel dafür.

Professionelles Handeln unter den Bedingungen der Digitalisierung

Schließlich lässt sich eine Ebene differenzieren, auf der das professionelle Handeln des erwachsenenpädagogischen Personals unter den Bedingungen der Digitalisierung thematisiert wird. Es geht um medienpädagogische Kompetenzen von in der Erwachsenenbildung Tätigen, um die Analyse entsprechender Anforderungen sowie um Angebote und Wege zur Professionalisierung (vgl. Schmidt-Hertha/Rohs 2008, S. 3). Dies betrifft alle erwachsenenpädagogischen Aufgabenbereiche: Management, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, Programm- und Angebotsplanung, Lehre/Unterricht, Beratung sowie Verwaltung (vgl. Kraft 2018, S. 1114).

Interessant ist zunächst die Frage, inwiefern sich medienpädagogische Inhalte überhaupt in den Kompetenzmodellen für Erwachsenenbilderinnen und -bildner sowie in den Aus- und Weiterbildungsangeboten finden. Eine erste Analyse von Modellen und Angeboten im deutschsprachigen Raum nimmt Matthias Rohs in seinem Beitrag vor. Es zeigt sich, dass medienbezogene Inhalte in den Kompetenzstandards zunehmend beachtet werden und inzwischen ein breites und diverses Angebot vorliegt mit Fokus auf mediendidaktische Inhalte. Es deutet sich an, dass weiterführende Thematisierungen der Digitalisierung, die sich von unterrichtsbezogenen Fragen der Methodik und Didaktik absetzen, eher zu kurz kommen. Zu denken wäre hier etwa an eine Thematisierung von möglichen Gefahren einer sozialen Selektivität von Online-Angeboten oder von Fragen des Datenschutzes und der Selbstbestimmung der Lernenden. Sinnvoll wäre es zudem, breitere kulturelle und arbeitsbezogene Fragen, wie sie von Stalder und Böhle u. a. in diesem Band aufgeworfen werden, zu behandeln.

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach möglichen Veränderungen des Berufsbildes des Erwachsenenbildners beziehungsweise der Erwachsenenbildnerin. Matthias Rohs stellt hierzu erste Überlegungen an. Vermutet wird eine «Neukonfiguration und Spezialisierung der klassischen Tätigkeitsfelder in der Weiterbildung». Umfassende empirische Analysen fehlen hierzu allerdings noch.

Ein medienpädagogisches Kompetenzmodell für Erwachsenenbildnerinnen und -bildner stellen Karin Julia Rott und Bernhard Schmidt-Hertha in ihrem Beitrag vor. Sie gehen dabei von Modellen aus, die in der Lehrerbildung entwickelt wurden, passen diese Modelle aber an, um den besonderen Bedingungen im Feld der Erwachsenenbildung gerecht zu werden. Das vorgeschlagene Modell besteht aus den Facetten Feldkompetenz, Fachkompetenz, didaktische Kompetenz sowie Einstellungen und Selbststeuerung. Eine erste empirische Testung des Modells wurde mit 622 Lehrenden vorgenommen. Auf Grundlage dieser Daten gehen Rott und Schmidt-Hertha in ihrem Beitrag der Frage nach, ob die medienpädagogische Kompetenz von Lehrenden in der Erwachsenenbildung vom Alter abhängig ist, wie es auch für die Mediennutzung und Medienkompetenz der Bevölkerung im Allgemeinen gilt.

Die Beiträge dieses Bandes stecken ein Feld von Digitalisierung, Weiterbildung und Lernen ab und zeigen eine Vielfalt der Themen, die in diesem Zusammenhang zu diskutieren sind. Die Weiterbildung muss sich in vielerlei Hinsicht mit der Digitalisierung auseinandersetzen. Dies macht die vorgestellte Differenzierung unterschiedlicher Ebenen im Verhältnis von digitalen Technologien und Erwachsenenbildung deutlich. Eine primär tool- und methodenbezogene Diskussion, wie sie häufig anzutreffen ist, würde die Thematik stark verkürzen und wäre den möglichen Wandlungsprozessen nicht angemessen. Ebenso verkürzt ist die Rede vom «digitalen Lernen», womit meist nicht mehr gemeint ist als die Nutzung von digitalen Anwendungen im Lernprozess wie Videos oder Apps. Lernen an sich ist nicht mehr oder weniger digital, sondern es handelt sich um einen psychischen Prozess, der darauf gerichtet ist, seine Handlungsmöglichkeiten zu erweitern, indem gemachte Erfahrungen angeeignet werden (Faulstich-Wieland/Faulstich 2006, S. 31). Es geht darum, dieser Komplexität menschlichen Lernens auch in der aktuell stark technikbezogenen Diskussion gerecht zu werden und das professionelle Handeln daran auszurichten.

Literatur

Böhle, Fritz (Hg.) (2017). Arbeit als Subjektivierendes Handeln. Handlungsfähigkeit bei Unwägbarkeiten und Ungewissheit. Wiesbaden: Springer VS.

erwachsenenbildung.at (2017). Wie digitale Technologien die Erwachsenenbildung verändern. Zwischen Herausforderung und Realisierung. Ausgabe 30.

Faulstich, Peter; Zeuner, Christine (2006). Erwachsenenbildung. Eine handlungsorientierte Einführung in Theorie, Didaktik und Adressaten. Weinheim und München: Juventa.

Faulstich-Wieland, Hannelore; Faulstich, Peter (2006). BA-Studium Erziehungswissenschaft. Ein Lehrbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Gieseke, Wiltrud (2003). Programmplanungshandeln als Angleichungshandeln. Die realisierte Vernetzung in der Abstimmung von Angebot und Nachfrage. In: Gieseke, Wiltrud (Hg.). Institutionelle Innensichten der Weiterbildung. Bielefeld: W. Bertelsmann, S. 189–211.

Grotlüschen, Anke (2018). Erwachsenenbildung und Medienpädagogik: LinkedIn & Lynda, XING und Google als Bildungsanbieter. In: MedienPädagogik, H. 30, S. 94–115.

Haberzeth, Erik; Umbach, Susanne (2018). Digitalisierung und Kompetenz – subjektbezogen erforscht. In: Education Permanente EP, H. 4, S. 48–49.

von Hippel, Aiga; Freide, Stephanie (2018). Erwachsenenbildung und Medien. In: Tippelt, Rudolf; von Hippel, Aiga (Hg.). Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung. Wiesbaden: Springer VS, S. 973–999.

Jacober, Christina (2018). Qualifizierungs- und Karrieremöglichkeiten für Berufsbildner/-innen. Das AdA-System des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung. In: BWP, H. 3, S. 19–23.

Kraft, Susanne (2018). Berufsfeld Weiterbildung. In: Tippelt, Rudolf; von Hippel, Aiga (Hg.). Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung. Wiesbaden: Springer VS, S. 1109–1128.

Meister, Dorothee M. (2005). Einflüsse Neuer Medien auf die Weiterbildung. Rahmenbedingungen, System- und Feldadaption sowie Anforderungen und Potenziale. Paderborn: Universität Bielefeld.

Meister, Dorothee M. (2008). Medien in der Erwachsenen- und Weiterbildung. In: Sander, Uwe; von Gross, Friederike; Hugger, Kai-Uwe (Hg.). Wiesbaden: VS, S. 519–526.

Röthler, David; Schön, Sandra (2017). Editorial. Wie digitale Technologien die Erwachsenenbildung verändern. Zwischen Herausforderung und Realisierung. In: erwachsenenbildung.at, Ausgabe 30. Wien.

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Scharnberg, Gianna; Vonarx, Anne-Cathrin; Kerres, Michael; Wolff, Karola (2018). Digitalisierung der Erwachsenenbildung in Nordrhein-Westfalen – Herausforderungen und Chancen wahrnehmen. In: erwachsenenbildung.at, Ausgabe 30. Wien, S. 1–12.

Schmid, Ulrich; Goertz, Lutz; Behrens, Julia (2018). Monitor Digitale Bildung. Die Weiterbildung im digitalen Zeitalter. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.

Schmidt-Hertha, Bernhard; Rohs, Matthias (2018). Editorial: Medienpädagogik und Erwachsenenbildung. In: MedienPädagogik, H. 30, S. 1–8.

Schöll, Ingrid (2017). (Keine) Zeit für Experimente. Beobachtungen zur Digitalisierung der Volkshochschule. In: DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung, H. 3, S. 32–34.

Sgier, Irena; Haberzeth, Erik; Schüepp, Philipp (2018). Digitalisierung in der Weiterbildung. Ergebnisse der jährlichen Umfrage bei Weiterbildungsanbietern (Weiterbildungsstudie 2017/2018). Zürich: SVEB & PHZH. Online unter: https://edudoc.ch/record/130478/files/SVEB_Weiterbildungsstudie2017_2018.pdf [03.03.2019].

Stalder, Felix (2016). Kultur der Digitalität. Berlin: Suhrkamp.

Stang, Richard (2003). Neue Medien in Organisationen der Weiterbildung: Empirische Befunde am Beispiel der Volkshochschulen. REPORT Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung, H. 2, S. 78–96.

Fritz Böhle, Norbert Huchler und Judith Neumer

Wozu noch menschliche Arbeit – Grenzen der Digitalisierung als neue Herausforderung für die Weiterbildung
Abstract

In der bildungspolitischen Diskussion wird die Entwicklung von Kompetenzen für den Umgang mit den auf Digitalisierung beruhenden Techniken gefordert («Digitalisierungskompetenz»). Demgegenüber wird in diesem Beitrag die Auseinandersetzung mit den Grenzen der Digitalisierung als wichtige Anforderung an die Weiterbildung ausgewiesen. In der allgemeinen Diskussion und in den Medien entsteht der Eindruck, dass es mit der Digitalisierung möglich ist, menschliches Denken und Handeln nahezu umfassend zu simulieren und zu ersetzen – bis hin zu Emotionen und Intuition. Doch dies ist ein Irrtum. Die Grenzen der Technisierung treten nun jedoch nicht mehr entlang der Unterscheidung von standardisierten und nicht standardisierten beziehungsweise körperlich-einfachen und geistig-höherwertigen Tätigkeiten auf. Das Kriterium ist vielmehr die Möglichkeit der Formalisierung. Damit erweisen sich zum einen bisher als höherwertig geltende Tätigkeiten als technisierbar, zum anderen geraten menschliche Fähigkeiten in den Blick, die bisher in der Arbeitswelt wenig beachtet und wertgeschätzt wurden. Vor diesem Hintergrund wird die Befähigung zu einem subjektivierenden Handeln zur neuen Herausforderung für die berufliche Weiterbildung.

Bei der Diskussion von Anforderungen an die berufliche Bildung kann man zwischen produkt- und technikbezogenen Anforderungen unterscheiden. Ersteres bezieht sich auf die Beschaffenheit und das Material des jeweiligen Produkts eines Produktions-, Verwaltungs- oder Dienstleistungsprozesses, Letzteres auf die zur Herstellung und Erzeugung des jeweiligen Produkts eingesetzten Verfahren und Technologien. Dabei wurde bereits in den 1970er-Jahren diagnostiziert, dass mit zunehmender Technisierung eine Verlagerung von produkt- zu technikbezogenen Anforderungen bis hin zu prozessunabhängigen Anforderungen, wie technische Intelligenz und abstraktes Denken, erfolgt (vgl. Kern, Schuhmann 1985; Mickler et al. 1976). Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, bei der Diskussion neuer Anforderungen an die berufliche Bildung und Weiterbildung durch die Digitalisierung den Fokus auf neue technikbezogene Herausforderungen zu legen – von den Fertigkeiten im Umgang mit technischen Apparaten und Systemen bis hin zu allgemeinen Kenntnissen über die Beschaffenheit und Wirkungen der auf Digitalisierung beruhenden Technologien. Hierauf bezieht sich auch der in der bildungspolitischen Diskussion eingebrachte Begriff der Digitalisierungskompetenz (vgl. BMBF 2017).

Wir greifen dies im Folgenden auf, lenken den Blick aber auf einen Aspekt, der bisher bei der Diskussion technikbezogener Anforderungen an die berufliche Bildung kaum aufscheint: Grenzen der Technik und Dysfunktionalitäten. Etwas vereinfacht und plakativ ausgedrückt: Es geht nicht um das technisch Machbare und Mögliche, sondern um das, was technisch nicht machbar und – zumindest auf absehbare Zeit – auch nicht möglich ist. Denn gerade hier zeigen sich die speziell menschlichen Kompetenzen, die im Zusammenspiel mit neuen Technologien an Relevanz gewinnen. Wir diskutieren in dieser Perspektive zunächst Grenzen und Probleme digitalisierter technischer Systeme, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der technischen Erfassung und Verarbeitung von Informationen über reale Gegebenheiten liegt (1). Hieran anschließend erfolgt eine Diskussion menschlicher Fähigkeiten, die bisher wenig beachtet und wertgeschätzt werden, sich aber im Unterschied zu der «Logik» der Digitalisierung als sehr bedeutsam erweisen (2). Vor diesem Hintergrund werden der Wandel von Arbeit diskutiert (3) und Konsequenzen für die Weiterbildung dargelegt (4). Dabei wird sich zeigen, dass für einen souveränen Umgang mit der Digitalisierung nicht nur technikbezogene Kenntnisse, sondern auch ein auf das jeweilige «Produkt» bezogenes Wissen erforderlich ist. Neben systematischem Wissen spielt hier vor allem ein besonderes Erfahrungswissen und dessen Erwerb im Arbeitsprozess eine wichtige Rolle.

1Grenzen der Digitalisierung

In den Diskussionen in öffentlichen Medien und Veranstaltungen zur Digitalisierung und entsprechenden Berichten erscheinen die Möglichkeiten der Digitalisierung nahezu unbegrenzt. Sie reichen von der Automatisierung industrieller Produktion und dem Dienstleistungsroboter über dem Menschen weit überlegene Expertensysteme bis hin zum autonomen Fahren und versierten Go-Spielen. Big Data verspricht einen Zugang zu Informationen und Wissen, angesichts derer sich menschliche Intelligenz zunehmend als beschränkt erweist. Zudem erscheinen nun auch Kreativität, Gefühle, Emotionen oder Intuitionen als technisch simulierbar. Soweit sich angesichts solcher technischer Prognosen und Visionen Kritik äußert, bezieht sie sich primär auf die Folgen der fortschreitenden Digitalisierung, wie bspw. die Gefährdung persönlicher Daten oder ethische Fragen bei Entscheidungen autonomer technischer Systeme. Die kritische Frage lautet dementsprechend: Wollen wir diese Entwicklungen? (vgl. Lesch 2018) Die Frage allerdings, ob solche technischen Prognosen, Visionen und Versprechungen überhaupt realistisch sind, taucht hier kaum auf; und damit auch nicht die Frage, wie die Welt umgestaltet wird oder werden müsste, damit die Technik das einlösen kann, was sie verspricht und welche Folgen auftreten, wenn die technischen Systeme nicht einlösen, was sie versprechen.

Dabei geht es nicht um ein Für oder Wider die technische Entwicklung, sondern um die Diskussion unterschiedlicher Schwerpunkte und Richtungen der technischen Entwicklung. Im Zusammenhang mit der Digitalisierung stellt sich hier die grundsätzliche Frage, ob sich die technische Entwicklung an dem «Ideal» autonom agierender technischer Systeme orientiert oder aber eher die wechselseitige Ergänzung und Kooperation von Mensch und Technik angestrebt und als realistisch erachtet wird. Die Diskussion um Grenzen der Digitalisierung ist für die Diskussion zu solchen unterschiedlichen Entwicklungspfaden der Technisierung von zentraler Bedeutung.

1.1Die Logik der Digitalisierung

Bei der Diskussion von Grenzen der Digitalisierung ist zu unterscheiden zwischen dem, was durch diese Technik «noch nicht», aber potenziell und in absehbarer Zeit bewältigt werden kann, und dem, was durch diese Technik und die ihr zugrunde liegende «Logik» nicht erfasst werden kann (vgl. Huchler 2018).

Die Digitalisierung beruht auf einer formalen «Zeichenlogik» (Rammert 2009), bei der Eigenschaften und Verhaltensweisen konkreter Gegebenheiten sowie Wissen in einer «Zeichensprache» erfasst werden bzw. werden müssen. In der Praxis sind jedoch die für die Erreichung von Zielen und Lösungen von Problemen relevanten Informationen keineswegs immer umstandslos in dieser Weise verfügbar. Allgemein lässt sich dies als Problem der informationstechnischen Beschreibung und datentechnischen Erfassung realer Gegebenheiten formulieren. Dabei zeigt sich, dass die Digitalisierung vor allem dort erfolgreich ist, wo (bereits) explizite Informationen über reale Gegebenheiten vorliegen und es im Wesentlichen darum geht, diese aufzugreifen und zu verarbeiten. Ein Beispiel hierfür sind das Internet oder Expertensysteme, die im Wesentlichen auf dokumentiertes Wissen und in Datenbanken abgelegte Informationen zugreifen. Eine grundlegend andere Konstellation besteht jedoch, wenn die mit virtuellen Objekten agierende «Welt der Software» mit der «Welt realer physischer Objekte» verbunden wird (vgl. Lee 2008, Huchler 2016), so wie dies bei den cyber-physical systems (CPS)[1] der Fall ist und angestrebt wird (Song et al. 2016). In der virtuellen Welt der Software hängen die Erfolge der Technisierung im Wesentlichen vom Umfang und der Geschwindigkeit der Rechenleistungen sowie der Identifizierung von Algorithmen ab. Die Frage, wie die Informationen, die dabei erfasst und verarbeitet werden, zustande kommen, erscheint sekundär. Bei der Verbindung der virtuellen Welt der Informationen mit realen Gegebenheiten, so wie dies beispielsweise bei der Steuerung, Regulierung und Überwachung komplexer technischer Systeme der Fall ist, erweisen sich demgegenüber jedoch die Bereitstellung und Erfassung von Informationen über die realen Gegebenheiten als ein wesentlicher Erfolgsfaktor und zugleich als sehr voraussetzungsvoll. Vergleichsweise einfach ist die Bereitstellung von Informationen, wenn die jeweils in Frage stehenden Sachverhalte durch exakt und eindeutig bestimmbare Merkmale beschreibbar sind. Exemplarisch hierfür sind physikalische Messgrößen. Weit schwieriger wird dies jedoch, wenn die realen Gegebenheiten Eigenschaften und Verhaltensweisen aufweisen, die sich nicht exakt beschreiben und erfassen lassen. In der Praxis stellt sich hier das Problem der Komplexität, der Unvollständigkeit und Mehrdeutigkeit von Informationen (vgl. Huchler, Rhein 2017). Lenkt man den Blick hierauf, so zeigt sich, dass die viel zitierten Beispiele für die Erfolge künstlicher Intelligenz, wie der Schachcomputer und neuerdings das Go-Spiel, in – informationstechnisch gesehen – vergleichsweise einfachen Umwelten agieren. Schachfiguren oder Go-Steine sowie deren jeweilige Stellung und Bewegung sind durch vergleichsweise wenig und eindeutige Informationen erfassbar. Die Komplexität ergibt sich erst durch die möglichen Spielzüge und Strategien. Beim Schachspiel bestehen zudem eindeutig beschreibbare Regeln, nach denen sich das Spiel zu richten hat.[2] Das selbstfahrende Auto ist im Unterschied zum Schachspiel oder Go-Spiel mit einer grundlegend anderen Umwelt konfrontiert und Gleiches ist auch im Bereich der industriellen Produktion, der Verwaltung sowie bei Dienstleistungen der Fall. Komplexität, Unvollständigkeit und Uneindeutigkeit von Informationen über reale Gegebenheiten sind hier kein Sonderfall und die Ausnahme, sondern vielfach die Normalität – und zwar gerade auch bei physikalisch-technischen Gegebenheiten. Im Folgenden sei dies exemplarisch an der Uneindeutigkeit von Informationen näher erläutert.

1.2Uneindeutigkeit von Informationen

Bei Informationen, die explizit als solche definiert und ausgewiesen sind, wie bspw. technische Anzeigen oder Verkehrsschilder, ist es grundsätzlich möglich, auch deren Bedeutung explizit zu definieren und zu kommunizieren. Bei impliziten, in konkrete Gegebenheiten eingebundenen Informationen wie bspw. Geräusche und Vibrationen bei technischen Systemen oder der Tonfall und die Körperhaltung bei der verbalen Kommunikation stellt sich jedoch nicht nur das Problem, sie (überhaupt) als relevante Information zu erfassen, sondern es ist auch weit schwieriger, deren Bedeutung zu entschlüsseln (vgl. Böhle, Huchler 2016). Sie sind vielfach auf den ersten Blick «nichts sagend» und ihre Bedeutung ergibt sich erst durch den Kontext und eine bestimmte Perspektive der Betrachtung. So erscheinen Geräusche an technischen Anlagen allgemein lediglich als belastender Lärm. Für Fachkräfte, die mit der technischen Anlage arbeiten, sind sie aber eine wichtige Informationsquelle über den technischen Verlauf. Veränderungen des Geräusches «informieren» über «kritische Situationen» (Schulze 2001, S. 67 ff.), in denen sich einzelne Veränderungen in einem «schleichenden Prozess» wechselseitig aufschaukeln und zu weitgehenden Störungen bis hin zum Stillstand der Anlage führen können.[3] Ein anderes Beispiel sind kleinere, punktuelle zeitliche Verzögerungen, sachliche Unstimmigkeiten oder auch Personalausfälle in administrativen Prozessen und bei Dienstleistungen. Auf den ersten Blick und isoliert betrachtet erscheinen sie als unbedeutend; de facto können sie jedoch Indizien und Symptome für grundlegende Fehlplanungen sowie organisatorische und personelle Schwachstellen sein. Es ist in der Praxis notwendig, solche Unregelmäßigkeiten im Prozessverlauf rechtzeitig zu erkennen und ihnen entgegenzusteuern. Welche Einflussfaktoren, Parameter und Wirkungszusammenhänge hier jeweils ausschlaggebend sind, lässt sich nicht präzise bestimmen und ebenso wenig, welche Eigenschaften von Geräuschen hier relevant sind, die Lautstärke, Frequenz oder «Klangfarbe».

Bei der Diskussion von cyber-physical systems findet sich dementsprechend die Feststellung, dass aufgrund der physikalischen «Unschärfen» die Umwelt- und Prozessbedingungen technischer Anlagen nicht vollständig erfasst, geplant und beeinflusst werden können. Die physische Welt ist demnach im Vergleich zur Cyberwelt der Software nicht vollständig durch explizite Informationen beschreibbar und erfassbar. Je mehr sich die Digitalisierung zudem nicht nur auf die physikalische Welt, sondern auch auf die soziale Welt richtet und sich zu soziotechnischen Systemen entwickelt, so wie dies beispielsweise bei Verkehrssystemen und Dienstleistungen der Fall ist, desto komplexer und uneindeutiger wird deren informationstechnische Erfassung.

Aber auch bei expliziten Informationen können solche Uneindeutigkeiten auftreten. Bekannt ist dies beispielsweise bei Übersetzungsprogrammen. Ihre Erfolge beschränken sich im Wesentlichen auf sachbezogene Texte, bei denen die Bedeutung einzelner Wörter sowie die jeweiligen Kontexte, in denen sie verwendet werden, vergleichsweise eindeutig definiert sind. Solche Programme scheitern jedoch bei poetischen Texten, in denen Wörter und Formulierungen neben ihrer expliziten Bedeutung vor allem einen impliziten, assoziationsbezogenen Bedeutungshorizont haben. So kann die Formulierung «ein sonniger Tag» sowohl auf das physikalisch beschreibbare Wetter als auch auf eine bestimmte emotionale Atmosphäre und Stimmung verweisen. Was hiermit angesprochen werden soll, ergibt sich jedoch nur aus dem Kontext oder kann gegebenenfalls auch bewusst offen gelassen werden, sodass es letztlich den Rezipierenden überlassen bleibt, was sie hier jeweils «heraus lesen». Doch auch bei sachbezogenen Texten selbst im technischen Bereich sind schriftliche Formulierungen keineswegs immer eindeutig, sondern erfordern ein kontextbezogenes Wissen, um ihre Bedeutung zu verstehen. Ein Beispiel sind Konstruktionszeichnungen, die unter Bezug auf die praktische Umsetzung immer auch offene Stellen oder Möglichkeiten für Alternativen beinhalten (vgl. Bolte 2017, S. 119 ff.).

In der neueren Diskussion und Entwicklung künstlicher Intelligenz wird versucht, das Problem der Uneindeutigkeit und Vieldeutigkeit von Informationen durch die Strategie der Big Data und das induktive Erfassen von Algorithmen zu bewältigen. Dies richtet sich letztlich darauf, in der Vielfalt der empirisch beobachtbaren Phänomene standardisierbare und typisierbare Situationen und Kontexte zu identifizieren. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass bereits Beispiele und Erfahrungen zu jeweils bestimmten kontextbezogenen Bedeutungen vorliegen, diese ausgewertet und die Ergebnisse auf gegebenenfalls zukünftige Situationen übertragen werden können. Im Fall von Übersetzungsprogrammen heißt dies, dass bereits vorliegende, nicht technisch erzeugte Übersetzungen ausgewertet werden. Überträgt man dies auf implizite, in konkrete Gegebenheiten eingebundene Informationen, wie beispielsweise Geräusche, so ist beziehungsweise wäre es notwendig, eine Vielzahl empirischer Dokumentationen über Zusammenhänge zwischen Geräuschen und technischen Verläufen zur Verfügung zu haben. Um zu verhindern, dass dabei ex ante bereits eine Selektion der Informationen erfolgt, müssten diese Dokumentationen akustisch sein. Um nicht ex ante mögliche Informationen abzuspalten, wäre nicht nur die messbare Frequenz und Lautstärke, sondern auch die Klangfarbe zu dokumentieren sowie allenfalls auch der jeweilige Kontext, in dem die Geräusche entstehen.[4]

2Verborgene Seiten menschlicher Arbeit

Wie praktische Erfahrungen und empirische Untersuchungen zeigen, sind Menschen in der Lage, auch bei unzureichenden Informationen erfolgreich Ziele zu erreichen und Probleme zu lösen. Dabei sind allerdings Handlungsweisen und Kompetenzen maßgeblich, die im bisherigen Verständnis von Arbeit und Bildung kaum auftauchen.

2.1Objektivierendes Handeln als Leitbild

Die Planmäßigkeit und rationale Regulierung des Handelns gilt als charakteristisch für Arbeit. Ein solches Handeln kann als objektivierendes Handeln bezeichnet werden, da es sich an – im Prinzip – allgemeinen, subjektunabhängig darstellbaren und explizierbaren Regeln, Wissen und Informationen orientiert. Der informationstechnische Zugang zu Informationen korrespondiert hiermit und gründet hierauf den Anspruch und das Versprechen, die «Welt, so wie sie ist» erfassen zu können. In einer übergreifenden Perspektive korrespondiert dies mit einem rationalen, naturwissenschaftlich geprägten Weltbild, so wie es in modernen Gesellschaften entstanden ist. Auch wenn sich die Geistes-, Human- und Sozialwissenschaften gegenüber dem naturwissenschaftlichen Blick auf die Welt abgrenzen, so eint sie doch die Orientierung an einem «objektivierenden Verhältnis zur Welt» und entsprechend objektivierenden Informationen und Wissen. Das subjektive Erleben und Empfinden wird dabei keineswegs ausgeschlossen. Es bezieht sich jedoch bei dieser Sicht ausschließlich auf die subjektive «Innenwelt» und gibt keine Auskunft über die objektive bzw. objektivierbare «Außenwelt» (vgl. Schmitz 1990; Böhle, Porschen 2012). Und schließlich korrespondiert auch der Anspruch, konkrete Gegebenheiten in der Natur ebenso wie im Sozialen und Kulturellen durch Algorithmen erfassen zu können, mit der von Max Weber als typisch für moderne Gesellschaften herausgestellten Überzeugung «alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen» beherrschen zu können (Weber 1988, S. 594). Die zuvor umrissenen Grenzen der Digitalisierung verweisen demgegenüber jedoch auch auf Grenzen eines solchen objektivierenden Zugangs zur Welt. Im Folgenden sei dies mit einem erweiterten Blick auf menschliche Arbeit und menschliches Handeln ergänzt und vertieft begründet.

In der neueren wissenschaftlichen Diskussion wird die Vorstellung, dass nur durch ein planmäßig-rationales Handeln und systematisches Wissen erfolgreich Ziele erreicht und Probleme gelöst werden können, in mehrfacher Weise modifiziert. Zu nennen sind hier insbesondere die Konzepte des nicht verbalisierbaren, inkorporierten «impliziten Wissens» (Polanyi 1985), die mentalen Heuristiken und auf «Bauchgefühlen» beruhende «Intuition» (Gigerenzer 2007) des nicht planmäßigen, «situierten Handelns» (Suchman 2007) und einer hierauf beruhenden Könnerschaft (Neuweg 2015) sowie der auf die besondere «Logik» der Praxis ausgerichtete «praktische Sinn» (Bourdieu 1987; Alkemeyer 2009). Daran anknüpfend und weiterführend akzentuieren wir im Besonderen die Wahrnehmung von Informationen. Im Rahmen des objektivierenden Handelns beruht die menschliche Wahrnehmung auf dem sensomotorischen Registrieren von Daten aus der Umwelt und deren geistigen Deutung und Interpretation – so wie dies bereits Kant in der Feststellung zum Ausdruck gebracht hat, dass nur die verstandesmäßig geleitete, rationale Begriffsbildung der empirischen Wahrnehmung «einen Sinn» verleiht (vgl. Münch 1992, S. 201). Die menschliche Wahrnehmung beschränkt sich jedoch nicht hierauf, und zwar gerade auch dann nicht, wenn es darum geht, Ziele zu erreichen und Probleme zu lösen. Unter Bezug auf das zuvor umrissene Phänomen der Uneindeutigkeit von Informationen sei dies am Beispiel der spürenden und empfindenden Wahrnehmung näher ausgeführt. Hierdurch werden Informationen über «objektive» Gegebenheiten zugänglich, die durch einen allein objektivierenden Zugriff ausgeblendet werden.

2.2Spürende und empfindende Wahrnehmung

In phänomenologischen Theorien wird die menschliche Wahrnehmung als ein Teilnehmen und Partizipieren an der Umwelt begriffen (vgl. Merleau-Ponty 1966). Grundlegend hierfür sind die leibliche Verbundenheit mit der Welt und die leibliche Resonanz. Äußere Gegebenheiten werden dabei nicht nur sensomotorisch registriert und verstandesmäßig verarbeitet, sondern körperlich und leiblich ge- sowie erspürt. Über eine «leibliche Kommunikation» (Schmitz 1978 u. 1990) werden Eigenschaften und Verhaltensweisen der Außenwelt auf körperlich-leibliche Qualitäten bezogen und «einverleibt». Im Arbeitsbereich werden dementsprechend Geräusche an technischen Anlagen von Fachkräften nicht nur in ihrer Lautstärke und Frequenz wahrgenommen, sondern auch als «warm» oder «schmerzhaft» und in dieser Weise als Information über Bearbeitungsvorgänge genutzt (vgl. Carus; Schulze 2017, S. 91 ff.). Zugleich wird auch das sinnlich Wahrnehmbare selektiv gefiltert und differenziert. So werden unabhängig von der physikalischen Beschaffenheit aus einer allgemeinen Geräuschkulisse einzelne Geräusche «herausgehört» und gegenüber anderen hervorgehoben und von ihnen unterschieden. Solche Informationen sind eine wichtige Grundlage für die Orientierung in Situationen, in denen explizite und eindeutige Informationen nicht verfügbar sind oder trotz vielfältigen expliziten Informationen die bestehenden Anforderungen nicht bewältigt werden können. So ist es beispielsweise bei der Überwachung komplexer technischer Anlagen notwendig, eine sich anbahnende Störung möglichst frühzeitig wahrzunehmen und bereits zu erahnen, bevor diese durch technische Anzeigen eindeutig angezeigt wird. Erfolgt eine explizite und eindeutige technische Anzeige über Unregelmäßigkeiten, ist es zumeist zu spät, um gegenzusteuern und ein wechselseitiges Aufschaukeln einzelner Veränderungen zu vermeiden (vgl. Böhle, Rose 2017, S. 191 ff.). In der Pflege – als Beispiel für den Dienstleistungsbereich – beruht auf einer solchen spürenden und empfindenden Wahrnehmung die Fähigkeit, durch körperliche Berührungen die physische und psychische Verfassung wahrzunehmen, oder sich beim Heben und Wenden der Patientinnen und Patienten unmittelbar körperlich durch eine «Kommunikation ohne Worte» abzustimmen (vgl. Weishaupt 2017, S. 648 f.). Des Weiteren kann sich die Wahrnehmung einer Situation darauf richten, diese in ihrer «Gesamtheit aufzunehmen». Dabei werden einzelne Merkmale nicht isoliert und punktuell erfasst und addiert, sondern unterschiedliche Eigenschaften und Verhaltensweisen konkreter Gegebenheiten werden gleichzeitig erfasst und als Gesamteindruck aufgenommen. Es entstehen dabei «vielsagende Eindrücke» (Schmitz 1990), deren Bedeutung sich entweder unmittelbar «ohne langes Nachdenken» ergibt, oder diese Eindrücke lösen erst allmählich eine bestimmte Einschätzung und Beurteilung der jeweiligen Situation aus. Dabei wird nicht verstandesmäßig reflektiert und interpretiert; maßgeblich ist vielmehr, wie und was körperlich-leiblich gespürt wird. Exemplarisch hierfür sind bei einer sich anbahnenden Gefahrensituation das Gefühl, dass «hier etwas nicht stimmt», sowie eine emotionale Erregtheit. Die oft gebräuchliche Unterscheidung zwischen bewusster und unbewusster Wahrnehmung (vgl. Nørretranders 1994, S. 311) greift hier zu kurz und übersieht, dass hier das Bewusstsein keineswegs ausgeschaltet ist, sondern sich im Modus eines wachen «Bei-der-Sache-Seins» befindet (Schön 2002).

Bei der technischen Simulation einer solchen Wahrnehmung stellt sich nicht nur das Problem der Erfassung der hierfür jeweils relevanten Informationen beziehungsweise Eigenschaften und Verhaltensweisen konkreter Gegebenheiten, was gegebenenfalls durch eine elaborierte Sensortechnik möglich ist; das eigentliche Problem liegt in der Deutung und Interpretation des Wahrgenommenen beziehungsweise dessen Transformation in die Qualität leiblich-körperlichen Spürens und der hierauf bezogenen Entschlüsselung von Bedeutungen.

2.3Subjektivierendes Handeln

Mit dem Konzept des subjektivierenden Handelns (Böhle 2017) werden die beschriebenen Modalitäten sinnlicher Wahrnehmung handlungstheoretisch eingebunden und erweitert. Damit wird deutlich, dass nicht nur die menschliche Wahrnehmung mehr umfasst als ihr durch das Modell des objektivierenden Handelns zugesprochen wird. Auch das praktische Handeln selbst beschränkt sich nicht nur auf den Vollzug ex ante getroffener Entscheidungen und Planungen oder einfacher Aktions- und Reaktionsprozesse. Im Unterschied zu einer ex ante Planung des praktischen Handlungsvollzugs nach dem Grundsatz «Erst denken, dann handeln» erfolgt menschliches (praktisches) Handeln auch durch ein explorativ-dialogisches Vorgehen, durch das (erst) die jeweiligen Ziele sowie die Wege, um diese zu erreichen, eruiert und festgelegt werden. Die beschriebenen Modalitäten sinnlicher Wahrnehmung sind wichtige Voraussetzungen für ein solches Vorgehen und zugleich beruhen sie hierauf. Die spürende und empfindende Wahrnehmung erfolgt nicht im Modus «passiver Wahrnehmung», sondern beinhaltet eine «Teilhabe» an der Umwelt und aktive Begegnung. Dem entspricht eine besondere Nähe und Verbundenheit mit der Umwelt. Und schließlich erfolgen dabei mentale Prozesse nicht im Modus eines logisch-analytischen, begrifflichen, sondern in Form bildhaften und assoziativen Denkens. Eine solche handlungstheoretisch ausgerichtete Betrachtung menschlicher Wahrnehmung macht darauf aufmerksam, dass das Modell des sensomotorischen Registrierens von Daten und deren geistige Verarbeitung keine anthropologische Konstante ist, sondern mit den Strukturen planmäßig-objektivierenden Handelns korrespondiert.

In welcher Weise es möglich ist, mit der Digitalisierung das subjektivierende menschliche Handeln zu ersetzen, scheint fraglich. Bisherige Versuche und «Erfolge» in dieser Richtung entpuppen sich bei genauerer Betrachtung nicht als Simulation, sondern als Transformation in die Logik der «Objektivierung». Ein Beispiel hierfür ist die vermeintliche technische Simulation menschlicher Intuition, so wie dies beispielsweise bei dem für das Go-Spiel entwickelten Roboter der Fall ist. Das Go-Spiel gilt gegenüber dem Schach als weniger regelhaft und aufgrund seiner Komplexität als ein intuitives Spiel. Doch die künstliche Intelligenz simuliert hier keineswegs die menschliche Intuition, sondern ersetzt sie durch ein hoch elaboriertes System der Datenerfassung und Rechenleistungen, zu denen der Mensch kaum fähig ist (vgl. Huchler 2018, FN 3).[5] Gleiches ist auch bei der vermeintlichen Simulation der Emotionserkennung oder des emotionalen Ausdrucks der Fall. Solche Phänomene werden im informationstechnischen Zugriff als Modifikation und Differenzierung der Logik der Objektivierung begriffen und nicht als eine grundlegend andere «Methodik» und «Logik» des menschlichen Zugangs zur Welt. Wesentliche Elemente solcher Phänomene bleiben dabei bereits in der Ausgangsbeschreibung verborgen und werden somit ausgeblendet. Dabei sollen solche technischen Entwicklungen nicht pauschal diskreditiert werden. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass Anforderungen und Aufgaben, die von Menschen durch subjektivierendes Handeln bewältigt werden und nur hierdurch angemessen bewältigt werden können, informationstechnisch nach Maßgabe der Objektivierung zugänglich sind. Auch hierfür ist das Schachspiel ein passendes Beispiel. Versierte Schachspieler und Schachspielerinnen reflektieren nicht nur formal-logisch und «rechnen» sämtliche möglichen Spielzüge durch, sondern stellen sie sich bildhaft vor und orientieren sich an Heuristiken (vgl. Kauke 1992, S. 85 ff.). Schachcomputer und Roboter sind hier im Modus der Objektivierung dem menschlichen Spieler weit überlegen. Da sich das Schachspiel in besonderer Weise für den informationstechnischen Zugang eignet, sind diese Leistungen nicht verwunderlich. Bemerkenswert ist vielmehr, dass der Mensch trotz begrenzter «Rechenleistung» in der Lage ist, hier (noch) mitzuhalten.

Betrachtet man demgegenüber aber beispielsweise die Entwicklung ballspielender Roboter, so sind die Erfolge weit geringer und ernüchternder. Die Ursachen hierfür liegen nicht darin, dass in solchen Entwicklungen weniger Ressourcen eingesetzt werden; mit der humanoiden Robotik ist hier eher ein neuer Schwerpunkt entstanden. Ausschlaggebend ist vielmehr, dass Ballspiele in grundlegend anderen Umwelten stattfinden und auf grundlegend anderen (physikalischen) Regeln basieren als das Schachspiel.

3Wandel von Arbeit

Mit den zuvor umrissenen Ausführungen zu ihren Grenzen zeigt sich, dass Digitalisierung vor allem dort stattfindet und stattfinden kann, wo für die Bewältigung von Arbeitsanforderungen vorwiegend ein objektivierendes Handeln notwendig und möglich ist. Neu und teilweise überraschend ist, dass damit gerade auch solche Arbeitsbereiche und Aufgaben betroffen sind, die bisher als höherwertige geistige Arbeit gelten, wie beispielsweise die problembezogene Systematisierung von Informationen und die Auswertung von Dokumenten. Typische Beispiele sind juristische Recherche von Vergleichsfällen, Auswertung von großen Mengen an Röntgenbilder, Schadensmeldungen bei Versicherungen, Sportberichterstattung und so weiter. Roboter und Expertensysteme erweisen sich hier gegenüber dem Menschen nicht nur als gleichwertig, sondern vielfach sogar als überlegen. Das Kriterium ist dabei jedoch nicht (mehr) die Standardisierung im Sinne starrer Festlegungen und Regeln, so wie sie Prognosen zugrunde liegt, die insbesondere einfache, standardisierte Tätigkeiten von der Digitalisierung betroffen sehen. Das Kriterium ist vielmehr die Möglichkeit der Formalisierung und Formalisierbarkeit von Informationen und Verfahren, so wie dies grundsätzlich bei Rechenoperationen der Fall ist. Auf dieser Basis ist es möglich, auch höherwertige geistige sowie dynamische und flexible Prozesse zu technisieren. Damit treten aber auch die Grenzen der Technisierung nicht mehr entlang der Unterscheidung von körperlich ausführenden und geistig höherwertigen Tätigkeiten auf, sondern sie liegen eher quer dazu. Sie zeigen sich sowohl bei Tätigkeiten, für deren Ausführung keine besondere formale Berufsausbildung erforderlich ist, wie beispielsweise in der Montage, als auch bei qualifizierten, wissensintensiven Tätigkeiten, wie etwa in der technischen Entwicklung. Beispiele hierfür sind die Bewältigung von Instabilitäten in komplexen technischen Prozessen, die Anpassung der Bearbeitung an Qualitätsschwankungen bei Materialien und kleinere, aber für die Bearbeitung folgenreiche konstruktive Veränderungen, der Ausgleich von zeitlichen Verzögerungen bei vor- und nachgelagerten Prozessen sowie die Abstimmung mit Kundinnen und Kunden oder Patientinnen und Patienten.[6]

Solche Unwägbarkeiten treten in nahezu sämtlichen Arbeitsprozessen auf, und Tätigkeiten, die auf den ersten Blick als standardisierbar und formalisierbar erscheinen, erweisen sich bei genauerer Betrachtung als höchst widerständig (vgl. Pfeiffer, Suphan 2015). Daher fällt es schwer, einzelne Tätigkeiten und Aufgaben pauschal als digitalisierbar auszuweisen, und ebenso ist es umgekehrt eher nur in Ausnahmefällen möglich, bestimmte Tätigkeiten und Aufgaben als grundsätzlich nicht digitalisierbar zu bestimmen. Realistisch erscheint vielmehr ein «mehr oder weniger». Folgt man einer solchen Diagnose und Prognose, wird die Frage virulent, in welcher Weise es in unterschiedlichen Arbeitsbereichen jeweils zu bestimmten Konfigurationen zwischen der Digitalisierung und menschlicher Arbeit kommt beziehungsweise diese zukünftig notwendig werden. An die Stelle der Ersetzung menschlicher Arbeit durch Technik oder der Beherrschung und Steuerung der Technik durch den Menschen tritt demnach die «Kooperation» zwischen Mensch und Technik. Paradigmatisch hierfür ist das Konzept der «verteilten» beziehungsweise hybriden Handlungsträgerschaft zwischen Mensch und Technik (vgl. Rammert 2009, Huchler 2018).

Soll verhindert werden, dass sich die nicht ersetzbare, notwendige menschliche Arbeit erst im Nachhinein bei dem praktischen Einsatz technischer Systeme zeigt – so wie dies in der Praxis oft der Fall ist –, wäre es notwendig, bereits prospektiv Grenzen der Digitalisierung zu thematisieren und die Auslegung der technischen Systeme nicht an der Vision der Automatisierung, sondern am Konzept der wechselseitigen Ergänzung von Mensch und Technik und der Nutzung ihrer jeweiligen Stärken auszurichten (Huchler 2018). Den diskutierten Grenzen der Digitalisierung und den Perspektiven einer verteilten Handlungsträgerschaft von Mensch und Technik wäre dann auch in der beruflichen Bildung und speziell in der Weiterbildung Rechnung zu tragen.

4Konsequenzen für die Weiterbildung

Zu unterscheiden ist zwischen der von öffentlichen oder privaten Trägern sowie Unternehmen angebotenen Weiterbildung in schulischen Einrichtungen wie Seminaren oder Kursen zum einen und der Weiterbildung unmittelbar im Arbeitsprozess im Sinne eines arbeitsintegrierten Lernens und eines Lernens durch Arbeit zum anderen. Wir bezeichnen Ersteres als formelle Weiterbildung und Letzteres als Lernen im Arbeitsprozess.

4.1Formelle Weiterbildung

Es ist eine wichtige Aufgabe der beruflichen Weiterbildung, Kenntnisse für den Umgang mit den verschiedenen, auf Digitalisierung beruhenden Technologien zu vermitteln (Boes et al. 2012). Für unterschiedliche Arbeitsbereiche und Tätigkeiten ergeben sich dabei neben allgemeinen Grundkenntnissen jeweils besondere Anforderungen wie die Arbeit in Netzwerken, die Interaktion mit komplexen teilautonomen Systemen, Statistikkenntnisse im Umgang mit Big Data, Mustererkennung und lernenden Systemen/KI, Umgang mit Assistenzsystemen der «Entscheidungsvorbereitung» (Decision Support Systems) und so weiter.

Vor dem hier diskutierten Hintergrund wäre es jedoch notwendig, im Rahmen der formellen Weiterbildung auch Grenzen der Digitalisierung zu thematisieren und die damit verbundenen Anforderungen an Arbeit sichtbar zu machen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die genannten Grenzen der Digitalisierung vielfach erst beim praktischen Einsatz der jeweiligen technischen Systeme sichtbar werden. Zu unterscheiden ist daher zwischen explizit definierten Anforderungen an menschliche Arbeit, wie z. B. die Auswahl von Programmen, das Controlling von festgelegten Prozessen, das Anfahren komplexer technischer Anlagen und deren Überwachung, und den eher implizit im praktischen Einsatz auftretenden Anforderungen, wie bspw. das Erkennen der Entstehung von Fehlern und Gefahrenquellen, Abweichen vom Standard, Gegensteuerung bei Unregelmäßigkeiten, bevor hierzu exakte Informationen vorliegen etc.

Neben der Diskussion der grundlegenden Methodik und Logik der Digitalisierung und ihrer Grenzen wären auch Erfahrungen aus der Praxis einzubeziehen, wobei die jeweiligen Erfahrungen der Teilnehmenden eine wichtige Informationsquelle sein könnten. Schwierigkeiten beim Umgang mit «neuen» Technologien wären dementsprechend nicht vorschnell als individuelle Defizite oder lediglich als Frage der Gewöhnung abzutun. Sie sind vielmehr aufzugreifen und es ist darüber zu diskutieren, in welcher Weise hier Anforderungen an menschliche Arbeit sichtbar werden, die bei der Auslegung der technischen Systeme nicht ausreichend berücksichtigt wurden.

Korrespondierend mit der Diskussion über Grenzen der Digitalisierung und verteilte Handlungsträgerschaft wäre ein weiterer notwendiger thematischer Schwerpunkt menschliche Fähigkeiten und Handlungsweisen, so wie sie zuvor mit dem Konzept des subjektivierenden Handelns umrissen wurden. Die bisher vorherrschende einseitige Orientierung am Modell des objektivierenden Handelns und wissenschaftlich begründeten Fachwissens ist entsprechend zu ergänzen. Dabei geht es nicht um eine Ersetzung, sondern um die Erweiterung objektivierenden Handelns und Wissens. Wie zuvor ausgeführt weist das subjektivierende Handeln eine besondere Systematik auf; es beruht bei der Erreichung von Zielen und Lösung von Problemen auf einer besonderen Ausprägung des Vorgehens, der Wahrnehmung, des Denkens und der Beziehung zur Umwelt sowie deren wechselseitigen Zusammenhang. Dabei handelt es sich zwar um grundlegende menschliche Fähigkeiten, sie müssen aber ebenso wie die Fähigkeit zu einem objektivierenden Handeln entwickelt, gefördert und gelernt werden. Im Folgenden sind die grundlegenden Merkmale des subjektivierenden Handelns und seine Unterschiede zum objektivierenden Handeln nochmals systematisch dargestellt.


Abbildung 1: Objektivierendes und subjektivierendes Handeln; Quelle: Böhle u. a. 2011; Böhle u. a. 2004

Wie die hierzu vorliegenden Untersuchungen zeigen, erlangt das subjektivierende Handeln in unterschiedlichen Arbeitsprozessen eine jeweils besondere, konkrete Ausprägung und muss ebenso wie das objektivierende Handeln an die Veränderungen von Produkten, Materialien, Verfahren und Technologien angepasst werden. Im Rahmen formeller Weiterbildung ist es jedoch nur begrenzt möglich, diese konkreten Fähigkeiten zu erwerben. Vielmehr ist hierfür ein besonderes erfahrungsgeleitetes Lernen im Arbeitsprozess erforderlich, auf das wir im Folgenden noch näher eingehen. Gleichwohl ist respektive wäre es notwendig, auch im Rahmen formeller Weiterbildung darauf vorzubereiten und das Verständnis für die hier maßgeblichen menschlichen Fähigkeiten zu fördern. Ein erster Schritt dazu ist die Vermittlung vorliegender wissenschaftlicher Erkenntnisse, so wie sie zuvor umrissen wurden. Ein Beispiel für die Entwicklung von allgemeinen Fähigkeiten zu subjektivierendem Handeln ist die Schulung der Imaginationsfähigkeit auf der Grundlage eigener sinnlicher Erfahrungen. Beim Lesen eines Wortes, wie beispielsweise Bahnhof, soll möglichst konkret eine visuelle Vorstellung über einen bestimmten Bahnhof entstehen bis hin zur Imagination eines Rundgangs oder Einkaufs in Geschäften– «wie in einem Film». Dies kann auch auf die Imagination von Arbeitssituationen, sowohl der eigenen als auch der von Kolleginnen und Kollegen oder Kundinnen und Kunden, angewendet werden. Weitere Hinweise hierzu finden sich etwa im Modell erfahrungsgeleiteten Lernens im Rahmen beruflicher Bildung in der chemischen Industrie (vgl. Bauer et al. 2006) sowie bei Modellen zu erfahrungsgeleitetem Lernen im Rahmen von Innovationsprozessen (vgl. Bauer et al. 2012). Dabei zeigt sich, dass in besonderer Weise künstlerische Lernarrangements für die Entwicklung der Fähigkeiten zu subjektivierendem Handeln geeignet sind und hierfür grundlegende Erfahrungsmöglichkeiten eröffnen (vgl. Trobisch, Kraft 2018).

4.2Lernen im Arbeitsprozess

Grundlegend für den Erwerb der Fähigkeiten für ein subjektivierendes Handeln ist – wie schon erwähnt – ein erfahrungsgeleitetes Lernen, das mit den Merkmalen subjektivierenden Handelns korrespondiert (vgl. Bauer, Munz 2004). Auf das Lernen im Arbeitsprozess bezogen heißt dies vereinfacht ausgedrückt: Das subjektivierende Handeln und dessen jeweils besondere, auf konkrete Arbeitszusammenhänge bezogene Ausprägung wird gelernt, indem man es praktiziert. Auf den ersten Blick erscheint diese Feststellung ebenso banal wie die Aussage: Man lernt Fahrradfahren, indem man Fahrrad fährt. Doch bei genauerer Betrachtung ergeben sich hieraus für die Gestaltung von Weiterbildung (zumindest) zwei Konsequenzen: Zum einen ist subjektivierendes Handeln nicht in gleicher Weise wie objektivierbares Wissen und objektivierendes Handeln lehrbar, es ist aber durchaus lernbar. Zum anderen kann dieses Lernen dadurch gefördert werden, dass das subjektivierende Handeln durch Organisation, Arbeitsumgebungen und -gegenstände und Führung ermöglicht und unterstützt wird. In den Blick gerät damit die lernförderliche Gestaltung von Arbeit.

Um die Fähigkeit zu subjektivierendem Handeln zu erwerben, müssen Arbeitsprozesse so gestaltet sein, dass Spiel- und Experimentierräume für ein solches Handeln bestehen. Dinge auszuprobieren und aus Fehlern zu lernen gehört ebenso dazu wie die Akzeptanz und das Vertrauen von Vorgesetzten, dass auch Entscheidungen und Vorgehensweisen, die nicht vollständig rational begründbar und explizierbar sind, «richtig» sind (vgl. Böhle et al. 2014). Was dies in der Praxis bedeutet und in welche Richtung hier weitere Entwicklungen speziell im Zusammenhang mit der Digitalisierung zu gehen hätten, soll abschließend am Beispiel wissensintensiver Tätigkeiten im technischen Bereich illustriert werden.

Durch die Digitalisierung verstärkt sich u. a. die Vernetzung der eigenen Tätigkeit mit anderen Bereichen. So besteht bspw. bei Ingenieurinnen und Ingenieuren in der technischen Konstruktion eine direkte und indirekte Kooperation und Korrelation mit vorgelagerten Prozessen, technischen Entwicklungen und übergreifenden Planungen sowie nachgelagerten Bereichen der Realisierung technischer Konstruktionen bis hin zu ihrem praktischen Einsatz und ihrer praktischen Nutzung. Durch die Digitalisierung wird es möglich, zunehmend Informationen aus anderen Bereichen zeitnah zu erhalten und auszutauschen. Zugleich erweisen sich aber in der Praxis unmittelbare Erfahrungen «vor Ort» und direkte persönliche Kontakte als unverzichtbar, um die digitalisierten Informationen vollständig zu verstehen und effektiv nutzen zu können. Ingenieurinnen und Ingenieure benötigen «erfahrungsbasiertes Kontextwissen», also ein «Wissen über vor- und nachgelagerte Arbeitsprozesse und -bedingungen sowie das Wissen über hierfür notwendige Kooperationen» (Sauer, Bolte 2018, S. 10), um Informationen mit konkreten Gegebenheiten und Arbeitsbedingungen «vor Ort» zu unterfüttern und um (damit) einschätzen zu können, an welchen Stellen der Produktionskette beziehungsweise des Produktlebenszyklus Unwägbarkeiten auftreten könnten. Erfahrungsbasiertes Kontextwissen bezieht sich auf die Dimensionen Produkt, Prozess, Kultur und Soziales und ist sowohl hinsichtlich des konkreten Arbeitsgegenstands als auch der Zusammenarbeit über Bereichsgrenzen hinweg erfolgskritisch.


Abbildung 2: Erfahrungsbasiertes Kontextwissen; Quelle: Sauer/Bolte 2018

Bei zunehmender digitaler Vernetzung von Arbeit wird dieses erfahrungsbasierte Kontextwissen nicht etwa durch den digitalen Informationsfluss überflüssig, im Gegenteil: Bedeutung und Umfang steigen, da die eigene Arbeit verstärkt in weiterreichende direkte und indirekte Wirkungszusammenhänge eingebunden ist, für die ein Verständnis entwickelt werden muss, um ein sinnvolles Arbeitsergebnis erzeugen zu können. Der Erwerb dieses Wissens erfordert erfahrungsgeleitetes Lernen im Arbeitsprozess, bei dem nicht nur auf vorhandenen Erfahrungen aufgebaut wird, sondern immer wieder neue Erfahrungen gemacht werden können. Dafür müssen Arbeitsaufgaben als Lernaufgaben begriffen werden können (vgl. Buschmeyer et al. 2017), was wiederum eine lernförderliche Gestaltung des Arbeitsprozesses selbst und entsprechende organisationale Rahmenbedingungen (vgl. Sauer et al. 2018) erfordert. Dazu gehört es auch, Lernhemmnisse bei qualifizierten Tätigkeiten abzubauen. In verschiedenen empirischen Studien ließen sich derartige lernhemmende Aspekte identifizieren wie etwa Leistungsverausgabung unter permanentem Zeit- und Leistungsdruck, extensive und belastende Meetingkulturen, wechselseitige Schuldzuweisungen bei Null-Fehler-Toleranz oder auch Mangel an informellem Austausch (vgl. Sauer et al. 2018, S. 22).

Es ist in diesem Sinne nötig, das Nebeneinander von Arbeiten und Lernen, wie es in Ansätzen des arbeitsnahen und arbeitsintegrierten Lernens vorherrscht, durch Ansätze einer unmittelbaren Verbindung zumindest zu ergänzen. Dabei gilt es im Besonderen, die von den Beschäftigten selbst wahrgenommenen Lernbedarfe und Problemstellungen aufzugreifen. Hierfür eignen sich v. a. tendenziell selbstorganisierte Arbeitsweisen wie etwa in agiler Projektarbeit und ergebnisoffenen Innovationsprozessen. Auch diese sind jedoch keine Selbstläufer für den Erwerb erfahrungsbasierten Kontextwissens, sondern müssen hierfür im oben beschriebenen Sinn lernförderlich gestaltet sein, also direkte Kooperation, informellen Austausch und erfahrungsgeleitetes Vorgehen ermöglichen.

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Felix Stalder

«Den Schritt zurück gibt es nicht»
Wie die Kultur der Digitalität das Wissen verändert und was das für die Bildung bedeutet

Felix Stalder, Professor für Digitale Kultur und Theorien der Vernetzung an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK und Autor des Buchs «Kultur der Digitalität» im Interview mit Irena Sgier.

Abstract

Neben dem omnipräsenten Begriff der Digitalisierung taucht in Fachpublikationen und öffentlichen Debatten zunehmend ein neuer Begriff auf: die Digitalität. Felix Stalder hat den Begriff mit seinem Buch «Kultur der Digitalität» maßgeblich geprägt. Mit seiner kulturwissenschaftlichen Perspektive verschiebt er den Fokus von der Technik zum größeren gesellschaftlichen Kontext und zeigt, dass die grossen Fragen und Herausforderungen der Digitalisierung gar nicht so viel mit Technik, aber sehr viel mit sozialer Bedeutung zu tun haben. Im folgenden Gespräch gehen wir der Frage nach, wie sich das Denken und die Bildung unter den Bedingungen der Digitalität verändern.

Mit dem Begriff der Digitalität setzen Sie der technologielastigen Sicht auf die Digitalisierung eine neue, kulturwissenschaftliche Perspektive entgegen. Was bedeutet «Digitalität» und in welchem Verhältnis steht sie zur Digitalisierung?

Digitalisierung ist ein Prozess, der analoge Medien und darauf basierende Prozesse in digitale Medien überführt. Bei der Digitalisierung handelt es sich also um einen Prozess des Übergangs von einer Bedingung in eine andere. Die Digitalität ist eine solche Bedingung. Sie ist die Bedingung des Lebens und Arbeitens, des Sichorientierens unter der Voraussetzung, dass digitale Medien flächendeckend implementiert sind. Digitale Medien bilden die Infrastruktur einer Kultur der Digitalität, sie prägen die sozialen, kulturellen und politischen Prozesse.

Den Gipfelpunkt der Digitalisierung haben wir vermutlich bereits überschritten. Die digitalen Technologien sind allgegenwärtig und haben die Voraussetzungen, unter denen wir leben und arbeiten, grundlegend verändert. Diese neuen Voraussetzungen würde ich als Digitalität bezeichnen. Die Frage, die sich jetzt stellt, lautet: Was geschieht unter diesen veränderten Bedingungen?

Bevor wir auf diese veränderten Bedingungen eingehen, möchte ich kurz den zweiten Schlüsselbegriff Ihres Buches aufgreifen: die Kultur. Sie definieren Kultur als Prozesse, in denen soziale Bedeutung verhandelt und realisiert wird. Das ist ein breites Feld. Was untersuchen Sie konkret?

Mich interessiert die Frage: Wie kommen wir zu Wissen über die Welt? Und zwar nicht zu faktischem Wissen, sondern zu normativem Wissen. Woher wissen wir, was richtig und was falsch, gut und schlecht, erstrebenswert oder zu vermeiden ist? Solche Fragen kann das Individuum nicht für sich allein beantworten, da geht es um Aushandlungsprozesse und um geteilte soziale Bedeutung. Ich untersuche die Bedingungen, unter denen solche Aushandlungsprozesse stattfinden. Dabei wird deutlich, dass die soziale Verständigung unter den Bedingungen der Digitalität ganz andere Formen annimmt als wir sie aus klassischen, massenmedial organisierten Strukturen kennen.

Zurück zur Digitalität: In Ihrem Buch betonen Sie, dass im Verlauf der Digitalisierung Neues entsteht. Sie bezeichnen auch die Pluralisierung der Möglichkeiten als Kennzeichen der Digitalität. Wo entstehen denn aus Ihrer Sicht zurzeit die interessantesten neuen Möglichkeiten?

Spannend finde ich unter anderem die Frage: Wer sind die zentralen neuen, wirtschaftlich mächtigen Akteure, die eine grosse Zahl von Nutzern ansprechen? Sie versprechen ihnen Orientierung in einem riesigen, chaotischen Informationsuniversum. Diese Akteure geben den Nutzern die Möglichkeit, grosse Informationsmengen zu verarbeiten und den Umgang mit diesen Informationsmengen produktiv zu gestalten. Produktiv in dem Sinn, dass die Nutzer Informationen nicht nur aufnehmen, sondern auch eigene Meinungen, Haltungen oder Werturteile in einer für andere wahrnehmbaren Weise zum Ausdruck bringen können. Das ist für mich einer der interessantesten neuen Spielräume.

Gab es das nicht immer schon?

Die Möglichkeit, eigene Haltungen gegenüber Informationen und Wissen auszudrücken, gab es natürlich schon immer. Die «Cultural Studies» der 1980er- und 1990er-Jahre haben die Interpretationsleistung des Publikums auch bereits ins Zentrum gestellt. Was wir jetzt erleben, ist aber, dass diese Interpretationsleistung durch die Verbreitung in Netzwerken in einem Ausmaß produktiv gemacht wird, das alles Bisherige übersteigt. Dabei entsteht die Möglichkeit, ungeheuer viele verschiedene Informationsfilter dafür zu generieren, was verschiedene Menschen als interessant erachten und mit ihrem Umfeld teilen wollen. Was wir hier erleben, ist eine starke kulturelle Diversifizierung. Erstmals entsteht auch für marginale oder sehr spezialisierte Interessen eine kritische Masse an Personen, die diese Themenfelder bearbeiten können. Wenn ich das sage, benenne ich strukturelle Möglichkeiten, ich fälle kein Werturteil darüber, wie sinnvoll es ist, allen diesen Interessen eine Bühne zu geben.

Die Möglichkeit der Nutzer, sich im Informationschaos zu orientieren und ihre eigene Meinung zu verbreiten, ist die eine Seite der neuen Spielräume. Die andere Seite ist, dass technologisierte Plattformen entstehen, die über ihre Gestaltung selbst sehr mächtig sind. Zwischen diesen beiden Seiten ist ein zentraler Konflikt entstanden, der ein hohes Potenzial hat, sich in verschiedenste Richtungen zu verschärfen.

Ein Konflikt zwischen Mensch und Technik?

Es ist ein Konflikt zwischen der Ermöglichung der Nutzer, aktiv und selbstbestimmt an der sozialen Verhandlung von Bedeutung teilzunehmen, und den Plattformen, die diese Tätigkeit in schwierig nachvollziehbarer Weise algorithmisch steuern und beeinflussen. Da geht es also um das Verhältnis zwischen denen, die die Infrastruktur durchaus selbstbestimmt nutzen, und denen, die die Bedingungen herstellen, unter denen diese Nutzung stattfindet. Das ist eigentlich ein klassischer politischer Konflikt. Wie er gehandhabt wird, hat entscheidenden Einfluss darauf, unter welchen medialen Bedingungen wir künftig leben werden. Klar ist einzig: Den Schritt zurück gibt es nicht.

Die Zeiten der klassischen Filter, in denen zum Beispiel Zeitungsredaktionen ein Monopol über die Darstellung der Welt besassen, sind vorbei. Dafür ist die Welt zu komplex, zu vielschichtig, sind die Interessenlagen und Weltwahrnehmungen zu unterschiedlich geworden. Wenn eine Redaktion heute entscheiden wollte, was für alle relevant ist, würde eine steigende Zahl von Leuten sagen: «Hey, Moment mal, da kommt meine Welt aber nicht vor!» So entstehen das Bedürfnis und die Möglichkeit, andere Weltzugänge zu schaffen. Das sehe ich grundsätzlich als etwas Positives.

Die klassischen Institutionen und Filter mögen an Definitionsmacht verlieren, aber sie sind immer noch da.

Ja, sie sind noch da, und ich würde sie auch nicht unterschätzen, aber sie sind nur noch einer von vielen Filtern. Die Frage ist, in welchen Fällen die Nutzer welche Filter als die besseren ansehen. Klassische Massenmedien nehmen Themen aus anderen Medien auf, sie holen sie aus ihren Nischen und geben ihnen eine breitere Sichtbarkeit. Oft reagieren sie auch nur auf Informationen aus anderen Quellen. Zu beobachten ist das beispielsweise, wenn Trump die Nachrichtenlandschaft über Twitter steuert. Insofern sind die klassischen Massenmedien nach wie vor ein wichtiger Filter, aber es liegt nicht mehr in ihrer Macht zu definieren, wo die Trennung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten verläuft. Früher bestimmten die Massenmedien darüber, was im medialen Raum öffentlichkeitsrelevant war, das funktioniert heute nicht mehr.

Sie haben vorhin skizziert, dass die Kultur der Digitalität neue Spielräume eröffnet, indem sie die Möglichkeiten erweitert, individuellen Meinungen und Werturteilen Gehör zu verschaffen. Gehen in dieser Kultur auch bisherige Spielräume verloren?

Eine grosse Herausforderung liegt darin, dass die Kontextualisierung von Handlungen und Äußerungen brüchig wird. Vor der Digitalisierung war klar, dass in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Regeln herrschten und unterschiedliche Äußerungsformen möglich waren. Worüber ich mit meinem Arzt sprach, was ich meinen Freunden erzählte oder in einem beruflichen Meeting sagte, blieb auf den jeweiligen Kontext beschränkt. Innerhalb des einzelnen Kontextes konnte man sich äußern, experimentieren und Rollen ausprobieren, ohne damit rechnen zu müssen, dass dies in anderen Kontexten bekannt wird.

Jetzt erleben wir, dass es sehr einfach geworden ist, Dinge von einem Kontext zum anderen zu transferieren. Was im halbprivaten Raum gesagt wurde, kann plötzlich eine gesamtpolitische Bedeutung erhalten. Ich glaube, da geht sehr viel an Spielraum und Experimentiermöglichkeiten verloren.

Die Möglichkeit, an unterschiedlichen Orten aufzutreten, ist ein Phänomen der Moderne. In den früheren traditionellen, dörflichen Gesellschaften gab es das nicht, dort war immer alles gleichzeitig präsent. Diese Errungenschaft der Moderne, verschiedene Kontexte zu schaffen, die unterschiedlich funktionieren und unterschiedliche Formen von Freiräumen bieten, geht heute teilweise verloren, wenn die verschiedenen Kontexte wieder stärker zusammengeführt werden. Medien wie Facebook fördern diese Entwicklung. Sie befördern beispielsweise die Vorstellung, dass es pathologisch wäre, nicht immer dieselbe Person zu sein. Die gesellschaftliche Erwartung, immer die gleiche, authentische, wahre Person sein zu müssen, halte ich aber für sehr problematisch. Wenn die Möglichkeiten schwinden, in einem klar begrenzten Rahmen mit neuen Denk- und Verhaltensweisen zu experimentieren, gehen wichtige Spielräume verloren.

Wenn gleichzeitig eine Pluralisierung und eine Entgrenzung der verschiedenen Kontexte stattfindet, hat die Freiheit, sich in vielen Kontexten zu bewegen, eigentlich ein doppeltes Gesicht.

Diese Freiheit hat auf jeden Fall ein doppeltes Gesicht. Wenn wir den Prozess der Pluralisierung genauer betrachten, sehen wir, dass zwar neue Nischen entstehen, aber die Forderung besteht, in diesen immer als ganze Person zu erscheinen. Natürlich gibt es voneinander abgegrenzte Nischen und Communitys, aber die Grenze zwischen den Communitys ist instabil und unvorhersehbar geworden. Das ist ein neues Phänomen.

Wie kommt es, dass die unterschiedlichen Räume und Kontexte wieder stärker zusammenwachsen?

Das hat mehrere Gründe. Einerseits hat es etwas mit der medialen Verfasstheit zu tun, damit, dass alles im selben Medium, im Internet stattfindet. Die unterschiedlichsten Tätigkeiten sind immer nur eine Suchanfrage voneinander entfernt. Diese Medien sind dafür gebaut, Dinge von einem Kontext in den anderen zu überführen, was ja durchaus positive Seiten hat. Ein einfaches Beispiel: Sie teilen auf Facebook ein Bild mit fünf Ihrer Freunde, und einer davon teilt das Bild mit seinen 500 Freunden, die es ihrerseits mit ein paar Hundert Freunden teilen. So etwas ist nicht möglich, wenn man zu fünft an einem Tisch sitzt und ein Bild betrachtet.

Ein zweiter Grund hat mit der Veränderung der Arbeitswelt zu tun. Es gibt immer mehr Tätigkeiten, die ein Involviertsein der ganzen Person verlangen, die man also nicht in der Haltung ausüben kann: Ich mache hier nur meinen Job, aber das interessiert mich gar nicht und eigentlich bin ich das gar nicht. Tätigkeiten, die ein Involviertsein der ganzen Person verlangen und versprechen, fordern uns auf, die Grenzen zwischen den verschiedenen Kontexten aktiv zu durchlöchern.

Hier klingt die Diskussion um die Subjektivierung der Arbeit an, die man auch aus der Arbeitssoziologie kennt. Die Unternehmen erwarten von den Mitarbeitenden zunehmend, dass sie sich mit Haut und Haaren in die Arbeit einbringen. Würden Sie das auch als Ausdruck einer Kultur der Digitalität sehen?

Ich würde sagen, das ist Teil einer größeren historischen Transformation, die durch die Digitalisierung verstärkt wird. Die Rolle von Technologie im sozialen Prozess ist eine alte, ungelöste Frage. Verbreitet ist die Optik, wonach die Technologie in einen bestehenden Prozess einfällt und den Prozess verändert. So verläuft die Entwicklung aber nicht. In meinem Buch «Kultur der Digitalität» versuche ich aufzuzeigen, dass soziale Prozesse aus ganz unterschiedlichen Gründen und an vielen verschiedenen Stellen in Bewegung geraten und neue Möglichkeiten oder Zwänge schaffen. Ein solcher Prozess war eine Veränderung der Arbeitswelt, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht und zunächst nichts mit Computern, aber sehr viel mit der steigenden Komplexität der Arbeitsabläufe zu tun hatte.

Damals wurde beispielsweise die Fabrik zum Forschungsstandort und die kommunikativen Tätigkeiten nahmen zu. Sie fanden zwar analog statt, stellten aber andere Anforderungen an die Arbeitssubjekte und schufen damit die Voraussetzungen für die Suche nach neuen Infrastrukturen. Diese Infrastrukturen wurden dann so entwickelt, dass sie jene veränderten Anforderungen und Prozesse unterstützen konnten. Sobald sie eingeführt werden, fördern die Infrastrukturen also die Ausbreitung von Prozessen nach verändertem Muster und erhöhen damit den Veränderungsdruck weiter.

Technologien können diese Transformationen beschleunigen, sind aber nicht deren Auslöser. Zunächst muss es eine Vorstellung davon geben, etwas verändern zu wollen. Außerdem braucht es einen gewissen Druck, die Mühe der Veränderung auf sich zu nehmen. In diesem Prozess verändert sich das Spielfeld nicht nur für Akteure, die eine Veränderung anstreben, sondern auch für alle anderen. Sobald irgendwo ein neues Organisations- und Arbeitsparadigma erfolgreich eingeführt ist, steigt der Veränderungsdruck auf alle Akteure.

Dass überhaupt ein Raum für Veränderungen und eine gesellschaftliche Notwendigkeit für Investitionen geschaffen wird, hat also mit der vorhergehenden Dynamik in der Gesellschaft zu tun. Dieser Prozess wird nicht durch die Technik ausgelöst.

Was bedeutet diese Entwicklung für die Bildung? Wo entstehen in der Kultur der Digitalität Aufgaben und Herausforderungen für das Lernen von Erwachsenen?

Um diese Frage zu beantworten, muss man einen Schritt zurücktreten. Die Digitalisierung als Übergang und die Digitalität als Bedingung zeichnen sich durch eine enorm hohe Komplexität aus, was damit zusammenhängt, dass die einfacheren, linearen, monokausalen Erklärungsmuster nicht mehr greifen. Was das bedeutet, sehen wir beispielsweise im ökologischen Bereich. Wir leben heute in einer hochkomplexen Welt und bemühen uns, unsere gesellschaftlichen Institutionen dieser Komplexität anzupassen. Das hat sehr direkte Folgen für die Bildung. Eine der für die Struktur des Wissens zentralen Folgen betrifft die Art und Weise, wie wir etwas über die Welt erfahren und dieses Wissen zugänglich machen.

Die klassische Methode der Wissenschaft und des kritischen Diskurses, Wissen zu generieren, beruht auf Distanz. Ich brauche eine gewisse Distanz zum Phänomen, um darüber reflektieren zu können. Dahinter steht die Vorstellung, dass ein Phänomen aus der Distanz besser überschau- und sichtbar ist als aus der Nähe. Distanz schafft also eine gewisse Freiheit, sie schafft die Möglichkeit einer eigenständigen, kritischen Reflexion. Das funktioniert aber nur, wenn der Gegenstand, den man aus der Distanz betrachtet, bezüglich Größe und interner Komplexität gewisse Grenzen hat. Nun bekommen wir es aber zunehmend mit Phänomenen zu tun, die enorm gross und weitverzweigt, also sehr komplex und dynamisch sind. Da ist es kaum mehr möglich, die Distanz zu gewinnen, aus der man ein Phänomen unbeteiligt beurteilen kann.

Sehen Sie Ansätze dafür, wie man Wissen generieren und kritisch reflektieren kann, wenn der Blick aus der Distanz nicht mehr möglich ist?

Die Gegenbewegung dazu sind zunehmend partielle Sichten auf Phänomene, in die man selbst involviert ist. Diese Entwicklung wirft Fragen nach der eigenen Position auf: Von welchem Ort, von welcher Position aus spreche ich? Solange man sich auf die klassische Idee der wissenschaftlichen Distanz berufen konnte, gab es darauf eine einfache Antwort: Ich spreche von der Position aus, aus der man einen adäquaten Blick auf das Problem hat. Heute bleibt einem statt dieser klassischen, kritischen Distanz oft nur die Möglichkeit, eine von mehreren möglichen Positionen auf ein Phänomen zu artikulieren und sich dessen bewusst zu sein, dass die eigene Position nicht notwendigerweise adäquater ist als irgendeine andere. Die Erfahrung eines Phänomens speist sich aus dem Verhältnis der verschiedenen Positionen, die alle Teil des Netzwerks sind, das sie zu erfassen versuchen. Die Position der Nähe hat gewisse Vorteile. Aus der Nähe kann man mit Dynamik und Geschwindigkeit wesentlich besser umgehen als aus der Distanz, nicht zuletzt, weil wir Technologien haben, die uns dabei unterstützen.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass die traditionellen Repräsentationsformen brüchig werden. Diese Entwicklung steht in unmittelbarem Bezug zur Frage, was es heißt, etwas über die Welt zu wissen und dieses Wissen zu vermitteln. Oder besser: was es heißt, Wissensfähigkeit zu vermitteln. Man sieht das beispielsweise in Diskussionen darüber, was Bildung leisten soll. Dabei gibt es grob gesagt zwei Vorstellungen. Die eine stellt die Persönlichkeitsbildung ins Zentrum und konzentriert sich auf kritisches, selbstbestimmtes Denken und Handeln. Die andere begreift Bildung im Sinn von Ausbildung und zielt darauf, nützliches Wissen zu vermitteln. Während das vorwiegend auf die Arbeitswelt ausgerichtete nützliche Wissen einen hohen Stellenwert hat, befindet sich die kritische Bildung in einer wesentlich schwierigeren Situation. Traditionellerweise war die kritische Bildung an einen Bildungskanon gebunden; mit dem Verschwinden dieses Kanons wird sie in ihrer Positionalität selber fragwürdig.

In der Bildung ist also ein weiterer klassischer Filter am Verschwinden?

Ja, das kann man so sagen. Auf der kulturellen Ebene oder auf der Ebene des Wissens erleben wir heute eine tiefe, fundamentale Krise der Repräsentation. Wie stellen wir etwas dar? Wie gelangen wir zu Wissen? Diese Krise ist allgegenwärtig. Man sieht sie auch im Journalismus, wo beispielsweise Erlebnisberichte eine enorme Aufwertung erfahren. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht hat man der Position des «Ich war dabei und habe es gesehen» immer misstraut. Was haben die Leute tatsächlich gesehen? Wie interpretieren sie das, was sie gesehen haben? In den Sozialwissenschaften ging es immer darum, über die Beschränktheit des individuellen Blicks hinauszugehen und Wissen in irgendeiner Weise intersubjektiv oder objektiv zu erfassen.

Was wir heute erleben, ist eine grundlegende Veränderung der Art, wie Wissen generiert und dargestellt wird. Die Digitalität – verstanden als von digitalen Technologien geprägte Bedingung, wie wir etwas über die Welt erfahren und wie wir mit der Welt verbunden sind – erlaubt uns, andere Beziehungen zu knüpfen, neue Muster der Darstellung zu suchen und den bisherigen Mustern zu misstrauen. Die Dinge kommen oft wesentlich direkter und weniger oder anders gefiltert auf uns zu als früher. Das ist eine nicht nur positive Entwicklung, wie ich auch bei meinen Studenten beobachten kann. Zurzeit entsteht eine neue Form der unkritischen Kritik, die sich beispielsweise in der Ansicht zeigt, die Medien würden alle mit irgendwelchen Agenten zusammenarbeiten.

Ein grundlegender Verdacht gegenüber etablierten Institutionen?

Ja, eine Form des pauschalisierten Verdachts. Die kritische Forschung zeigt, dass es immer schon Misstrauen gegenüber den Institutionen gab, aber diese Form des Pauschalverdachts geht darüber hinaus. Ähnlich gelagert wie das Misstrauen gegenüber den etablierten Medien ist die verbreitete Vorstellung, dass die repräsentative Demokratie die Bürger nicht mehr repräsentiere und die Politik von einer politischen Klasse oder von Lobbyisten gemacht werde. Diese Kritik ist ja nicht einfach falsch. Aber wenn sie sich zu einem pauschalen Konsens verdichtet, haben wir es, glaube ich, mit einer Krise der Repräsentationsformen zu tun. Entstehen konnte diese Krise, weil die Darstellungs-, Steuerungs- und Wissensformen, die uns zur Verfügung stehen, den komplexen Phänomenen, auf die sie sich richten, nicht mehr gerecht werden. Hinzu kommt, dass vierzig Jahre Dekonstruktion Begriffe wie Objektivität und Neutralität fast unmöglich gemacht haben.

Inwiefern erfasst diese Krise der Repräsentation auch die Bildungsinstitutionen?

Die Bildungsinstitutionen stehen mittendrin in dieser Krise und werden wie alle übrigen Institutionen von der ganzen Widersprüchlichkeit dieser Krise erfasst. Wir erleben heute einen unglaublichen Boom von Bildung, Weiterbildung und lebenslangem Lernen. Überall werden neue Studiengänge eingerichtet. Darin wird nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Begehren nach gesichertem Wissen und gesicherten Fähigkeiten sichtbar. Hier an der Kunsthochschule stehen wir im Spektrum dessen, was unterrichtet wird, auf der experimentellen Seite, aber auch hier spürt man die Erwartung der Studenten: Ich will mir brauchbares Wissen aneignen und ich will am Ende wissen, was ich weiß.

Geht es bei diesem Wissensdurst denn primär um ein Bedürfnis nach Sicherheit und Gewissheit?

Es geht darum, sich ein Gebiet abzustecken und es so zu bearbeiten, dass sich das Gefühl einstellt: Ich weiß etwas, ich habe das Phänomen erfasst. Das ist die eine Seite des zunehmenden Verlangens nach Wissen und Bildung. Auf der anderen Seite steht eine starke Idealisierung des «Do-it-Yourself»: Bring es dir selber bei, wozu brauchen wir noch Bildungsinstitutionen, die ohnehin fünf Jahre hinterherhinken? Die wahren Helden sind in dieser Optik Schulabbrecher, die ihrer eigenen Passion gefolgt sind. Erzählungen dieser Art gibt es sehr viele. Und ich habe den Eindruck, dass sich diese Ambivalenz auch auf die Bildungsinstitutionen richtet. Einerseits kann Bildung nicht mehr im klassischen Sinn die Karrierewege vorgeben; eine akademische Ausbildung ist keine Garantie für einen guten Job. Andererseits kann man sich die Fähigkeit, mit komplexen Situationen umzugehen, auch nicht einfach mal schnell selber beibringen. Es gibt also sicher ein Bedürfnis nach neuen Angeboten und neuen Formen des Lernens, das an die Bildungsinstitutionen herangetragen wird.

Kann man daraus ableiten, dass Sie den Umgang mit Komplexität als Schlüsselproblem der Bildung in einer Kultur der Digitalität sehen?

Das würde ich so sehen, ja. Mit steigender Komplexität werden die Dinge so vielschichtig und vernetzt, dass der Charakter des einzelnen Dings sehr wandelbar wird. Je nachdem, in welchem Zusammenhang die Dinge stehen, kann es sein, dass sie kaum mehr als einzelne Phänomene erfassbar sind. Damit wird auch die Positionalität des Betrachters extrem wichtig, weil sie ja an der Herstellung der Zusammenhänge beteiligt ist. Die Dinge sehen aus verschiedenen Orten und Blickwinkeln unterschiedlich aus, was dem Ganzen eine zusätzliche Dynamisierung verleiht und die Komplexität weiter erhöht. Unter den Bedingungen der Digitalität kommt eine zeitliche Komponente hinzu, weil die auf digitalen Technologien beruhenden Infrastrukturen dazu geschaffen sind, die Abläufe zu dynamisieren. Die Geschwindigkeit, mit der Facebook seine Strukturen bauen kann, ist wesentlich höher als die Geschwindigkeit, mit der Fabrikabläufe bei BMW umgebaut werden, wobei auch Letztere bereits eine erhebliche Beschleunigung erfahren haben.

Natürlich sind diese Abläufe auch eine Frage der Ebene. Auch Facebook verfolgt mittel- und langfristige Investitionsprogramme, aber auf der Ebene der Datencenter ist die Flexibilität hoch, und die nächsttiefere Ebene, die User-Ebene, auf der ich Freunde hinzufügen und Inhalte lesen kann, ist nochmals flexibler. Wir haben Infrastrukturen, die diese Flexibilität und Dynamisierung sowie die Komplexität unterstützen, womit sie jene Akteure privilegieren, die damit umgehen können. Dabei geraten diejenigen, die mit der Komplexität nicht umgehen können, unter enormen Druck, diese Lernkurve ebenfalls zu nehmen. Die Komplexität wird weiter steigen, was ich trotz dieser Problematik als etwas grundsätzlich Positives sehe. Insofern: Ja, aus meiner Sicht spielt die Komplexität in der Kultur der Digitalität eine Schlüsselrolle.

Wenn die Komplexität weiter steigt, wächst auch die Macht jener, die damit umgehen können. Ist dieser Machtzuwachs nicht problematisch?

Der Machtzuwachs ist tatsächlich enorm und kann aus demokratischer Perspektive problematisch sein. Aber die Tatsache, dass wir als Kollektiv, als Gesellschaft die Möglichkeiten erhalten, komplexere Phänomene zu verstehen und in sie einzugreifen, halte ich für eine grundsätzlich positive Entwicklung. Nehmen Sie beispielsweise den Umgang mit Ressourcen: Wir können uns nicht länger auf den Standpunkt stellen, dass die Dinge aus dem Nichts kommen und nach Gebrauch wieder spurlos im Nichts verschwinden. Diese Haltung haben wir in den letzten zweihundert Jahren vertreten, heute brauchen wir wesentlich komplexere Vorstellungen von Kreisläufen und Zusammenhängen, um den Umgang mit Ressourcen zu verstehen und verändern zu können.

Für die Gesellschaft und die Institutionen ist es eine enorme Herausforderung, komplexere Vorstellungen zu entwickeln. Diese Herausforderung muss auf vielen Ebenen gleichzeitig angegangen werden, auch auf epistemologischer Ebene: Wie wissen wir überhaupt etwas über die Welt? Und wie vermitteln wir dieses Wissen? Wie generieren wir es so, dass es für andere Menschen zugänglich wird?

Mich würde interessieren, was in diesem Prozess mit den Inhalten geschieht. In Ihrem Buch gibt es Hinweise auf eine Entwertung der Inhalte, beispielsweise im Zusammenhang mit Social Media. Besteht diese Gefahr auch in der Bildung? – In der Weiterbildung wird beispielsweise darüber diskutiert, ob man überhaupt noch Wissen vermitteln oder den Teilnehmenden nur noch den Umgang mit Wissen beibringen sollte.

Die Entwertung von Inhalten sehe ich durchaus als Gefahr, und zwar aus mehreren Gründen. Der eine liegt in der Halbwertszeit gewisser Inhalte. So gibt es beispielsweise die Haltung: Weil dieses Wissen so schnell veraltet, können wir es gar nicht mehr vermitteln, also beschränken wir uns besser darauf, den Umgang damit zu lehren. Der andere Grund liegt im enormen Quantifizierungsschub, den wir zurzeit im Zusammenhang mit der Digitalisierung erleben. Dazu gehört beispielsweise die Quantifizierung der eigenen Freunde – eine Vorstellung, die vor der Erfindung von Facebook undenkbar gewesen wäre, außer für Teenager, die immer schon wussten, wie viele Freunde sie hatten. Für Erwachsene besass Freundschaft viele Graustufen, aber keine quantitative Dimension. Wenn sie nun beginnen, auf Facebook Freunde und Likes zu sammeln und zu zählen, besteht die Gefahr, dass der Inhalt der Mitteilungen an Bedeutung verliert. So können die neuen Systeme bei sehr heterogenen Phänomenen eine gewisse Übersichtlichkeit schaffen und zugleich die Inhalte entwerten, wenn die Quantität so ins Zentrum rückt, dass die Inhalte zweitrangig werden.

In Bezug auf die Bildung stehen wir vor der Frage: Was braucht man, um mit Wissen umgehen zu können? Dazu benötigen wir sehr viel mehr als die Fähigkeit zu googeln und die Qualität eines «How-to»-YouTube-Videos einzuschätzen. Ich bin überzeugt, dass wir vor allem Denkstrukturen brauchen, die uns erlauben, Zusammenhänge zu generieren und einzuschätzen. Dazu ist die Auseinandersetzung mit konkreten Ideen und Denkgebäuden erforderlich, das geht nicht ohne Inhalte. Die Tendenz zur Entwertung der Inhalte sehe ich daher als sehr problematisch. Diese Entwertung geht einher mit einer ökonomischen Entwertung und mit einer Entwertung der Geschwindigkeit. Zehn Bücher kann ich lesen, tausend Bücher nicht. Bei größeren Mengen an Wissen brauchen wir andere Zugänge als die klassische «Close-Reading»-Inhaltsanalyse. Die Voraussetzung, mit diesem Wissen umgehen zu können, hat mit einer Denkfähigkeit und mit der Strukturiertheit des Denkens zu tun. Diese Fähigkeit kann man nicht unabhängig von Inhalten, als blosse praktische Methode vermitteln.

Wie muss man sich diese Denkfähigkeit vorstellen? Und wie kann man sie fördern?

Das ist eine schwierige Frage. Darauf kann ich im Moment nur eine vorläufige, spekulative Antwort geben. Als Reaktion auf die steigende Komplexität beobachte ich oft einen Rückzug in die Subjektivität. Oft werden Aussagen und Informationen ohne weitere Differenzierung als Meinungen eingestuft und verschiedene Meinungen als gleichwertig nebeneinander gestellt. Die Herausforderung im Umgang mit dieser Problematik besteht darin, die Positionalität – dieses «Wir reden über das Gleiche, aber von verschiedenen Orten oder Positionen aus» – ernst zu nehmen und ihr ein Gewicht zu geben, ohne in die absolute Subjektivierung zu verfallen. Die Frage ist: Wie verbindet man die Vorstellung, dass unterschiedliche Personen Dinge unterschiedlich sehen können, mit der Tatsache, dass manche Elemente dieser Positionen nicht subjektiv sind? Die Dinge, über die wir reden, existieren ja unabhängig davon, ob ich etwas darüber sage oder nicht.

Ich vermute, dass die Denkfähigkeit, die wir in einer Kultur der Digitalität brauchen, etwas mit der Verbindung zwischen Positionalität, Subjektivität und Intersubjektivität zu tun hat. Wie können wir erfassen, dass etwas vielgestaltig, aber nicht beliebig ist? Die Lösung liegt weder in der klassischen, kritischen Distanz noch im Rückzug auf die Unvergleichbarkeiten des extremen Relativismus.

In Ihrem Buch thematisieren Sie in Bezug auf den Umgang mit immer komplexerem Wissen auch die Möglichkeit einer permanenten Überforderung: Der Einzelne muss ständig sortieren, einordnen und bewerten, verfügt aber oft nicht über die Kompetenzen, die er dafür benötigen würde.

Es gibt tatsächlich Anzeichen von Überforderung, aber die Überforderung ist etwas Relatives. Es ist ja nicht so, dass die Überforderung bei tausend Textzeilen oder fünfhundert Bildern und siebzig Nachrichten pro Tag beginnt. Wäre es so, wäre man vielleicht vor hundert Jahren auch schon überfordert gewesen. Überforderung ist eine Frage des Verhältnisses zwischen der Menge und Komplexität der Informationen und den Mitteln, die man zur Verfügung hat, um damit umzugehen.

Man kann dies auch in der historischen Entwicklung der Wissenschaften sehen: Die biologischen Klassifizierungssysteme entstanden beispielsweise zu einem Zeitpunkt, als plötzlich enorm viele neue Pflanzen zu erfassen waren und dieses Wissen über das Universum des Lokalen hinaus verfügbar sein musste; dass der Bauer oder die dörfliche Bevölkerung die Pflanzen kannten, reichte nicht mehr aus. So begann man, Ordnungssysteme und Stammbäume zu schaffen, die jedem Ding einen eindeutigen, genau definierten Platz zuwiesen. Damit wurde eine enorme Menge an Dingen, die ein traditionelles, vorwissenschaftliches, intimes und direktes Wissen ermöglicht hatten, in abstraktes Wissen überführt. Man schuf eine Vorstellung des Waldes, verwies aber den einzelnen, konkreten Baum in die Anonymität. Beim lokalen Wissen verhält es sich genau umgekehrt. Dort fehlt es an Wissen über das Ganze, dafür hat man ein sehr intimes, direktes Verhältnis zu den einzelnen Dingen.

Heute stehen wir wieder an einem ähnlichen Punkt. Die Menge und Komplexität des zu Erfassenden ist enorm gestiegen, uns fehlen aber teilweise die Werkzeuge und die mentalen, subjektiven Haltungen, um damit umzugehen. Für unsere gewohnte Art, Dinge zu ordnen, ist die Menge an Dingen einfach zu gross geworden. Daraus entsteht ein Gefühl der Überforderung, das aber wie gesagt relativ und nicht bloss eine Frage der Quantität ist.

Als Kulturwissenschaftler analysieren Sie diese komplexe Entwicklung aus der Distanz. Sie unterrichten aber auch an einer Bildungsinstitution und sind folglich selbst mit den Auswirkungen der Digitalisierung in der Bildungspraxis konfrontiert. Wo begegnet Ihnen die Digitalität in Ihrem Alltag als Dozent?

Digitalität begegnet mir vor allem dort, wo ich es mit Gebieten zu tun habe, auf denen meine Studenten weit mehr wissen als ich. Die Komplexität der Gegenstände und Felder ist so stark gestiegen, dass es illusorisch wäre zu meinen, ich könnte über das ganze Fachwissen verfügen. Tatsächlich wissen die Studenten vieles, was ich nicht weiß. Sie können sich wesentlich tiefer in ein spezifisches Thema einarbeiten als ich, der damit beschäftigt bin, einen Überblick zu erstellen und den Studenten die Mittel an die Hand zu geben, mit ihrem spezifischen Wissen sinnvoll umzugehen.

Meine Aufgabe als Dozent besteht unter anderem darin, das dekontextualisierte Wissen, das die Studenten aus Suchmaschinen beziehen, in einen reflektierten, größeren Zusammenhang einzubetten. Woher kommt das Wissen? Wohin geht es? Warum taucht es in diesem oder jenem Kontext auf? Das ist eine meiner zentralen Aufgaben und eigentlich das, was mich am Unterrichten am meisten interessiert. Es geht nicht primär darum, meine Fähigkeiten oder mein Wissen jemandem zu vermitteln, der dieses Wissen nicht hat. Natürlich gehört auch das zu meinen Aufgaben als Dozent, es steht für mich aber nicht im Vordergrund.

Zur Digitalität gehören auch die digitalen Medien. Welche Rolle spielen diese für Sie als Dozent?

Die digitalen Technologien sind für mich zweitrangig, dazu habe ich ein eher instrumentelles Verhältnis. Die wichtigste Folge der Digitalität ist für mich die Veränderung des Verhältnisses zwischen mir und den Studenten sowie zwischen den Studenten untereinander. Die digitalen Technologien spielen dabei eine Rolle, weil sie die Formen der Zusammenarbeit beeinflussen. Konkret ist das in meinem Alltag als Dozent zum Beispiel der Fall, wenn die Studenten das, was ich erzähle, auf Wikipedia nachprüfen und mir sagen: Moment mal, du hast da ein falsches Datum genannt.

Das muss man als Dozent aushalten können.

Ja, aber damit habe ich überhaupt kein Problem. Ich bin froh, wenn sie meine Aussagen überprüfen, statt ihre E-Mails zu checken. Die technologische Komponente ist überall dort interessant, wo sie die sozialen Verhältnisse verändert.

Die Erwachsenenbildung hat sich seit ihren Anfängen immer auch für die Veränderung sozialer Verhältnisse interessiert. Zu ihrem Selbstverständnis gehört der Anspruch, die Selbstbestimmung und die Mitbestimmung der Einzelnen in der Gesellschaft zu fördern. Wie gut stehen die Chancen, die Selbstbestimmung unter den Bedingungen der Digitalität zu fördern?

Diese Frage spielt auch hier an der Kunsthochschule eine wichtige Rolle, weil Autonomie und Kunst eng miteinander verknüpft sind. Künstler werden auch als Figuren gesehen, die sich ihre Welt selber schaffen. Den individualisierten Autonomiebegriff halte ich aber nicht mehr für adäquat. Autonomie bedeutet heute, über die eigene Verortetheit bestimmen zu können. Es geht nicht darum, unabhängig zu sein. Es geht darum, die eigenen Abhängigkeiten, die eigene Involviertheit selbst bestimmen und verändern zu können. Diese Fähigkeit kann man erlernen. Insofern stehen die Chancen, unter den Bedingungen der Digitalität die Selbstbestimmung zu fördern, aus meiner Sicht nicht schlecht, ich bin durchaus optimistisch oder zumindest positiv gestimmt.

Wenn Sie Selbstbestimmung in einer Kultur der Digitalität als Fähigkeit definieren, über die eigenen Abhängigkeiten zu bestimmen, drängt sich mit Foucault die Frage auf: Gibt es ein Außerhalb der Digitalität?

Diese Frage würde ich mit Nein beantworten. Ein Außen gibt es nicht, aber es gibt verschiedene Innen. Wenn man von Autonomie spricht, geht es auch um die Frage: Welches Innen will ich? Die Antworten können sehr unterschiedlich ausfallen, denn die Breite der Innenpositionen hat zugenommen. Gesellschaftlich gesehen, aber auch in Bezug auf die Bildung, ist es wichtig, die Freiheit zu fördern, diese Positionen und die Art, wie sie sich miteinander verbinden, zu verändern. Diese Freiheit nicht nur zu bewahren, sondern auszubauen, sehe ich als zentrale demokratische Notwendigkeit.

Und wie steht es mit der Mitbestimmungsfähigkeit, mit den Partizipationsmöglichkeiten?

Heute entwickeln sich viele Partizipationsmöglichkeiten, die den Kern der Strukturen nicht mehr erreichen. Ich stelle das auch hier an der Hochschule fest, wo gewisse strukturelle Entscheidungen merkwürdigerweise an den Partizipationsmöglichkeiten, die hier zahlreich vorhanden sind, vorbei getroffen werden. Gegenüber der Forderung nach mehr Partizipation bin ich deshalb kritisch eingestellt. Was wir brauchen, ist eine Partizipation, die ihre eigenen Bedingungen des Partizipierens bestimmen kann.

Zum Schluss würde ich gern einen Blick in die Zukunft werfen. Wenn Sie die Aufgabe hätten, die Bildung der Zukunft zu gestalten: Wo würden Sie ansetzen?

Das ist eine sehr generelle Frage.

Wie würden Sie mit den Bildungsinstitutionen umgehen? Würden Sie sie umgestalten – oder vielleicht ganz abschaffen?

Abschaffen würde ich die Institutionen auf keinen Fall. Ich bin überzeugt, dass Bildung nach wie vor die Aufgabe hat, soziale Mobilität zu ermöglichen. Eine gute öffentliche Bildung trägt entscheidend dazu bei, eine harte Stratifizierung der Gesellschaft abzumildern. Dazu müssen wir in der Bildung einerseits die Fähigkeit vermitteln, mit standardisierten Situationen umzugehen, und andererseits die Fähigkeit, das individuell Spezifische zu artikulieren. Es reicht nicht, einen Partizipations-Grundkurs anzubieten und zu meinen, damit hätten alle das Rüstzeug, um an gesellschaftlichen Prozessen teilzunehmen.

Um die Komplexität bewältigen zu können, braucht es beides, eine gewisse Standardisierung – in dem Sinn, dass wir uns mit Situationen befassen, die auch von anderen geteilt werden – und die Auseinandersetzung mit dem Individuellen, Spezifischen. Die Individualisierung sollte allerdings auch ihre Grenzen haben. Wie man zurzeit in Bezug auf die digitalen Medien sieht, kann Individualisierung so weit gehen, dass sich Leute in ihrer eigenen Welt einsperren und kaum mehr eine Vorstellung davon haben, in welchen Welten sich andere bewegen.

Um nochmals auf den Anfang unseres Gesprächs zurückzukommen: Warum ist die Digitalität plötzlich so viel populärer als die Digitalisierung?

Vielleicht liegt es daran, dass inzwischen viele Bereiche digitalisiert sind und man sich fragt: Was jetzt? Mit der Digitalisierung sind die Probleme nicht gelöst, sie fangen damit erst an. Außerdem gilt hier, was wir aus der Geschichte anderer Technologien kennen: Technologien werden sozial interessant, wenn sie technologisch langweilig werden.

Das ist vielleicht das Stadium, in dem sich die Weiterbildung gerade befindet. Wir haben Weiterbildungsorganisationen zur Digitalisierung befragt und festgestellt, dass viele Organisationen die Digitalisierung als strategische Priorität einstufen, obwohl 90 % primär auf Präsenzunterricht setzen und die Hälfte davon sich noch kaum mit dem Einsatz und dem pädagogischen Nutzen digitaler Technologien befasst hat.

Im Hochschulbereich sieht es ähnlich aus. Den Einsatz digitaler Technologien sollte man aber nicht aus einer Investitionslogik heraus denken – nach dem Motto «Wir haben Hunderttausende in die Infrastruktur investiert, also nutzt sie!» –, sondern aus der Logik heraus, welche neuen Formen des gemeinsamen Lernens sie ermöglichen.

Entscheidend ist für mich nicht, ob man Distanz- oder Präsenzunterricht durchführt und ob die Studenten ein Skript zuhause bearbeiten, meine Vorlesung auf der Plattform hören oder im Hörsaal sitzen. Interessanter ist die Frage, wie man andere Arten des gemeinsamen Lernens mobilisiert. Je höher die Bildungsstufe, desto leichter geht das, aber im Grunde kann man schon in der Volksschule fragen: Wie kann man das Wissen, das die Schüler mitbringen, in einer produktiven Form mobilisieren, zum Beispiel das Wissen um einen anderen Kulturkreis? Wo dieser Unterricht stattfindet, ist zweitranging. An der Kunsthochschule haben wir nicht übermäßig viel Präsenzzeit, und diese wird weiter abnehmen. Ich finde Präsenzunterricht aber durchaus wichtig, um einen gemeinsamen sozialen Raum zu schaffen.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

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316 str. 27 ilustracji
ISBN:
9783035513356
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Bookwire
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