Czytaj książkę: «Spreelore»

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Erdmann Graeser

Spreelore

Roman

Saga

Spreelore

© 1955 Erdmann Graeser

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711592496

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I. Teil

1

Die große Stadt singt ihr lautes Lied vom Morgen bis tief in die Nacht hinein. Über viele Brücken tost das Leben Berlins. Unten aber, auf der Spree und auf den Kanälen, gleiten lautlos große Frachtkähne dahin, bringen Holz und Ziegelsteine, Sand und Mörtel, Kohlen und Torf. Etlichen dient ein kleiner Dampfer als Vorspann, aber die meisten werden mühselig vorwärtsgestakt. Die Frau des Schiffers, den Strickstrumpf in der Hand, steht am Steuer, einige Kinder spielen bei der Kombüse; aus dem Schornstein steigt dünner Rauch, ein kläffender Spitz jagt ruhelos auf den Planken hin und her.

Die Menschen oben auf der Brücke, die eben hinuntergeblickt hatten, als der große Kahn mit dem grünen Vordersteven unter der dunklen Wölbung verschwand, diese Menschen, deren Stadt, „ihr“ Berlin, sich von Jahr zu Jahr wandelt, haben vor sich ein Bild, das seit alten Zeiten unverändert ist. Was Berlin auch durchzumachen hatte und was es noch erleben wird, die Schiffer mit ihren Kähnen kamen und werden nach wie vor kommen. Immer werden sie zu dem steinernen Ungeheuer hinüber starren. Sie bringen ihm das, was es braucht, und dann ziehen sie wieder davon, langsam, gemächlich, bis sie draußen, auf den großen Seeflächen oder der Elbe, den Mast wieder aufrichten und die Segel setzen können.

Aber zuweilen geschieht es, daß jemand von solch einem Frachtkahn in der Stadt zurückbleibt und vielleicht sogar auch seßhaft wird. Dann sucht er sicherlich die auf, die schon vor ihm heimisch wurden, und nicht zuletzt in den Gäßchen nahe dem Spreeufer, und dort findet er wohl meistens ebenfalls Unterschlupf.

So kommt es, daß hier am Wasser Menschen zusammenwohnen, die sich mitunter schon von ihrer Jugendzeit her kennen und nun ebenso zu der großen Stadt gehören, wie alles andere, was in ihr lebt.

In solch einer Straße nahe am Wasser – der Friedrichsgracht – die mit ihren kleinen, schmalen Häusern in den siebziger Jahren noch ganz unberührt von baulichen Veränderungen war, hatte auch die Witwe Anna Lorenzen mit ihrem Töchterchen Zuflucht gefunden. Nach dem spurlosen Verschwinden ihres Mannes, der vom Kahn unbemerkt ins Wasser gestürzt und wohl ertrunken war, hatte sie damals den „Spreewinkel“ aufgesucht. Zumal nicht weit davon – in der Breiten Straße – der steinreiche Ziegeleibesitzer Semper wohnte, in dessen Haus sie früher in Stellung gewesen war. Für Herrn Semper hatte ihr Mann in den letzten Jahren Steine nach Berlin gebracht, und zwar auf seinem eigenen Kahn, den er schon vom Vater her besaß.

Nun wusch und plättete Frau Lorenzen für Sempers und andere wohlhabende Leute. Auch heute, an diesem schönen Frühlingstag, war sie damit beschäftigt. Die kleine Küche, die beinahe der auf einem Frachtkahn glich, war von feuchtem, warmem Dunst erfüllt. Ihr Mädelchen, Lore, ein blondes Ding mit schmalem, feinem Gesichtchen, saß in der Nebenstube, in der das Bemerkenswerteste das Bild des Vaters war, das über dem Bett hing. Freilich nur eine allmählich verblaßte Photographie, die noch aus der Bräutigamszeit stammte. Lorenzen, der ebenso blondes, aber krauses Haar gehabt hatte wie seine Lore jetzt, stand breitbeinig vor dem Beschauer, eine Ziehharmonika in der Hand und lachte über das ganze Gesicht, er schien zu singen ... „Juvivallera!“ hatte er unter das Bild geschrieben und es seiner Braut geschenkt – damals, als er noch Matrose gewesen war auf Käpten Gundermanns Vollripper. „Juvivallera!“ war sein Leitspruch gewesen, bis sich – ja, bis sich das Kind gemeldet hatte ... Damals, da mußte er schleunigst das hübsche Dienstmädchen von Sempers heiraten, und mit dem lustigen Matrosenleben in Hamburg war es ziemlich plötzlich zu Ende; er wurde Spree- und Elbschiffer. Doch sein ungestümes Blut war damit nicht zur Ruhe gekommen, und wenn er zur Feierabendzeit auf Deck saß und seine Harmonika spielte, ging ihm so manche prickelnde Erinnerung durch den Kopf: Wie ihn der Vater damals aus Schönfließ zur Tante nach Berlin in Pflege gegeben hatte, damit er endlich eine ordentliche Schule besuchte, und wie er dann eines schönen Abends auf einem Frachtkahn nach Hamburg durchgebrannt und Schiffsjunge geworden war ... Wie ihn später Käpten Gundermann geheuert, der Schwiegervater des reichen Semper, der ihn schließlich auch zur Heirat zwang, als sich die Geschichte mit der Anna nicht länger verheimlichen ließ. Ja – natürlich – der Abend in Stralau war schuld gewesen, sonst wäre er – Lorenz Lorenzen – doch noch, wie er so gern gewollt, nach Südamerika, nach dem Äquator, gekommen. Aber solch ein Tanzvergnügen am Tage des „Fischzuges“ hatte schon so manchem lustigen Burschen Fesseln fürs ganze Leben angelegt, doch daß es nun gerade auch ihm so gehen mußte, ihm – dem „Juvivallera-Lorenz“, wie man ihn nannte, das war ihm eigentlich immer noch unfaßbar. Dem alten Vater Lorenzen war es wie ein großes Glück erschienen, daß der wilde Junge nun doch gebändigt war – eine ebenso tüchtige wie hübsche Frau bekam und – das war ihm die Hauptsache gewesen – Schiffer wurde, wie es alle Lorenzen gewesen waren, so weit man zurückdenken konnte. –

Von der Küche her kam der Geruch der feuchten Wäsche, durch das Schlafstubenfenster aber wehte von draußen herein der Dunst, der dem Spreewinkel so eigentümlich ist: ein Gemisch von Holz- und Torffeuerrauch. Und wer eine so empfindliche Nase wie die kleine Lore Lorenzen hatte, der spürte auch noch, daß es nach Teer, nach Fischbottichen und nach den vielen Katzen roch, die überall vor den dunklen Kellerluken hockten.

Auf der Straße spielten die Kinder die uralten Frühlingsspiele, mit Murmeln und Trieseln oder das geliebte „Himmel und Hölle“. Unter den Spreewinkelkindern hier waren auch ein paar fremde von den Zillen, die an der Fischerbrücke jetzt vor Anker lagen. Auch der große Junge mit den roten gestopften Wollstrümpfen war wieder da, Gustav Holzer hieß er, der Kahn seines Vaters war aus dem Schifferdorf Marienwerder.

Lore mochte den Gustav nicht, er starrte sie immer so an; und dann diese häßlichen, roten, dicken Strümpfe, die ihm so locker um die Beine saßen, so „Wasser zogen“. Als er heute auf die Gasse kam, war sie sofort ins Haus gegangen, mit ihm wollte sie nicht weiterspielen ... Nun saß sie mit einer dicken Schmalzstulle in der Hand an ihrem Bett, starrte die verblaßte Photographie ihres verschwundenen Vaters an und dachte angestrengt nach. Kaum, daß sie den Sonnenstrahl bemerkte, der in der Glasscheibe aufblitzte.

Ja – wenn sie fünf Groschen hätte ... Da könnte man zu Lili Sempers Geburtstagsfeier gehen ... Die fünf Groschen brauchte man dazu, denn man mußte doch ein Geburtstagsgeschenk kaufen. Der gleichen Meinung war auch Mutter Lorenzen. Sie hatte, als sie vor acht Tagen die frischgewaschene und glänzendgebügelte Wäsche ablieferte und Frau Semper dabei die Lore eingeladen hatte, sofort an das Geburtstagsgeschenk gedacht. Freilich hatte sie zu Lore gesagt, eine kleine Stickerei oder Näherei werde es auch tun – das Mädel hatte ja so geschickte Finger – aber sie war sehr nachdrücklich belehrt worden, daß es eine Blume sein müsse.

Ja freilich – eine Blume! Vielleicht so eine schöne rote Tulpe, wie sie der Gärtner im Schaufenster hatte. Aber solch ein Tulpentopf kostete fünf Groschen – hatte der Gärtner gesagt – und das sei noch billig; denn in der vorigen Woche hätte er zehn Silbergroschen dafür bekommen. Aber weil es Frau Lorenzen sei und die Tulpenzeit beinahe vorüber, so wollte er nur fünf Groschen haben.

„Selbstkostenpreis, für den Topf allein und die schöne bunte Seidenpapiermanschette – die Tulpenzwiebel gar nicht gerechnet!“ Seitdem spielte die Möglichkeit des Tulpenankaufs eine große Rolle bei den beiden. Bei Lore bestand die Überlegung darin, daß sie sich „bestimmt“ vornahm, ihre Pfennigausgaben einzuschränken. Wenn sie die Wäsche fortschaffte, dann bekam sie von Frau Drogist Bertram jedesmal einen Sechser und von Fräulein Lohr, der Modistin, einen Groschen. Die Groschen waren bisher regelmäßig in die Sparbüchse gewandert, die Sechser oder Pfennige aber hatte Lore ebenso regelmäßig in Johannisbrot, Süßholz oder Naute angelegt. Nun war der Geburtstag aber nahe herangekommen. Beim Konditor sprach man schon davon, daß er von Frau Semper Auftrag erhalten habe, eine Schokoladentorte – man bedenke: eine „Schokoladentorte!“ zu liefern. Lore erfuhr es, als sie gestern die von Fräulein Lohr geschenkten Pfennige in Zuckererbsen verwandelte. Sie hatte zwar etwas gezögert, aber na – nun war es mit dem Sparen ja doch einmal zu spät!

In den letzten Tagen war sie mit einer wahren Gier in den Straßen umhergelaufen. Konnte es denn nicht leicht sein, daß sie etwas fand ...? So viele Leute verloren täglich Geld, nicht nur Pfennige und Groschen, sondern sogar Goldstücke, ganze Geldtaschen – konnte sie also nicht noch im letzten Augenblick zu Reichtum kommen? – Aber Lore fand nichts. Nun saß sie also wieder hier und überlegte und überlegte. Plötzlich stand sie auf, schlich in einen Winkel und begann laut zu heulen.

„Ja – heul man zu!“ rief die Mutter aus der Küche herüber und rieb die Wäsche, daß ihr der weiße Seifenschaum nur so um den Kopf flog. Als das Mädel gar nicht wieder aufhörte, ja offenbar absichtlich mehrmals mit der Stirn gegen die Bettkante stieß und sogar mit den Nägeln auf der Diele kratzte, da wischte Frau Lorenzen den Seifenschaum an der blauen Schürze ab und ging hinüber. Gleich darauf hörte man es klatschen ...

„Nu biste aber stille, verstehste!“ sagte die Mutter. Es hatte geholfen; das Heulen verstummte, nur ab und zu gab Lore noch einen hohen, langgezogenen Ton von sich, dem Jaulen eines Hundes nicht unähnlich. Frau Lorenzens Nerven waren ziemlich robust – man konnte sogar mit einem harten Griffel auf einer Schiefertafel quietschen, sie vertrug alles, aber dieser Ton da aus der Stube war ihr doch zuviel. Sie wischte sich deshalb nochmals die Hände an der blauen Schürze ab, ging wieder hinüber, nahm kurzerhand den großen Kamm, der seinen Platz unter der Kommodendecke hatte, zog die entsetzte Lore mit einem Ruck aus ihrem Winkel und begann, ihr das blonde Haar zu strählen. Dann wurde ebenso energisch der braune alte Kattunfetzen heruntergezogen und das weiße Sonntagskleidchen übergeworfen. Mit einem feuchten Lappen fuhr die Mutter dem Kinde über das verheulte Gesicht, schließlich ging sie zum Schrank, schloß die Sparbüchse auf, nahm fünf Groschen heraus und sagte: „Nu lauf man zu – aber wehe dir, wenn du mir Schande machst!“

Lore wußte eigentlich nicht, wie ihr geschah. Wie verstört ging sie in den Laden des Gärtners, zeigte wortlos auf die Tulpe und legte das Geld hin.

Der Mann strich erst mal die Groschen ein, dann holte er die Tulpe her, befestigte eine feine Manschette aus rosa Kreppapier an dem Topf und schlug zum Schluß noch einen Bogen Seidenpapier darum, den er oben mit einer Stecknadel verschloß.

Aber trotz all dieser Herrlichkeit war es der Lore, als sie nun das Geschenk wie eine zarte Seifenblase vor sich hertrug, doch nicht so ganz wohl, und als sie dann in Sempers feinem Haus auf der Treppe war, konnte sie es vor innerer Unruhe nicht mehr aushalten und mußte doch erst einmal die Tulpe ansehen, denn es war ihr vorgekommen, als ob sie nicht mehr so ganz frisch wäre ... Sie öffnete behutsam das Seidenpapier und sah etwas Entsetzliches: Eins der sechs roten Blütenblätter war abgefallen und hing an der rosa Papiermanschette ... Und die Tulpe zeigte an jener Stelle eine Lücke, so – als wenn jemand einen Zahn verloren hatte ... Was machen ... Vielleicht, wenn man das Blatt vorsichtig wieder dazwischen schiebt? Aber mit den zitternden Fingern konnte das nichts Richtiges werden. Man versuchte es zwar trotzdem, aber – es wurde nur noch schlimmer. Denn nun lösten sich rechts und links die nächsten beiden Blätter auch ab, und Lore hatte plötzlich nur noch eine halbe Tulpenblume ...

Wenn man jetzt die Stecknadel nahm und alle drei zusammen mit einem geschickten Stich an dem dicken, grünen Stiel befestigte ...? Das war sicherlich ein sehr guter Gedanke, nur durfte man eben nicht wie das Mädel so aufgeregt sein. Denn als nun diese drei Blätter glücklich festsaßen, gingen, wie auf Kommando, die anderen drei ab... Das Ganze sah wieder nur aus wie eine halbe Tulpe!

Lore suchte an sich herum. – Ja, wenn sie in ihrem alten, braunen Kattunkleid gewesen wäre, hätte sie wohl noch eine Stecknadel gefunden. Das aber, was jetzt notgedrungen gemacht werden mußte: sechs Blätter mit einer einzigen Stecknadel zu befestigen, das wäre eines Hexenmeisters würdig gewesen. Ein Wunder nur, daß der Stiel nicht ganz und gar entzweiging, zerstochen sah er nun nachgerade genug aus – und die roten Blütenblätter wurden schon etwas schwärzlich ...

Da überkam Lore dasselbe merkwürdige Gefühl wie damals, als sie den kleinen Sperling gefunden hatte, der durchaus nicht mehr hatte fliegen wollen, so oft und so hoch sie ihn auch in die Luft geworfen hatte, weil er – tot war. Den hatte sie schließlich auf einen Zweig gesetzt, daß es aussah, als wenn er etwas pickte ... Sie bog die rosa Papiermanschette herunter, bis man die Erde sah, und legte die sechs roten Blumenblätter wie die Strahlen eines Sterns rund um den grünen Stengel. Eigentlich sah es nun beinahe noch schöner aus, als wenn die Blätter oben am Stengel saßen, so fand es wenigstens Lore. Dann stellte sie den Topf vor Herrn Sempers Tür, zog an der Messingklingel und wollte die Treppe hinunter – und davonlaufen ... Aber das Mädel hatte in seiner Aufregung gar nicht bemerkt, daß hinter dem Fenster des Wintergartens jemand gewesen war, der alle Bemühungen mit den Tulpenblättern beobachtet hatte, und in demselben Augenblick, da Lore klingelte, wurde die Tür aufgemacht, und Herr Semper selbst hielt sie fest, ehe sie entwischen konnte. „Nein – was ist das für eine schöne Tulpe!“ sagte er. „So eine habe ich noch nie gesehen – da wird sich Lili aber freuen!“ Ehe Lore etwas erwidern konnte, hatte Herr Semper sie in sein Arbeitszimmer geführt und redete weiter: „Warte, ich bringe dich gleich zu den anderen.“ Er ließ sie allein und nahm die Tulpe mit. Doch es dauerte keinen Augenblick, daß er wieder da war. Er trug den Tulpentopf im Arm, aber das Seidenpapier hatte er wieder hoch darum geschlagen: „Denn es soll eine Überraschung geben“, erklärte er.

Als Lore gleich darauf unter all den anderen geputzten kleinen Mädchen stand und Herr Semper das Seidenpapier auseinanderschlug, saßen alle sechs Blütenblätter wieder oben am Stengel und sahen frisch und rot aus ... Lili war ganz entzückt – gerade über diese Tulpe, die sie für die schönste erklärte von allen, die sie erhalten, weil es genau solch eine war, wie sie ihr Papa in seinem Wintergarten hatte ...

Seitdem glaubte Lore an höhere Mächte, die sie sich dienstbar machen könnte.

Das wurde ihr erst recht zur Gewißheit, als sie auf dem Heimwege, statt des Blumentopfes nun ein großes Stück Schokoladentorte für die Mutter in der Hand, erstaunlicherweise in ihrer Kleidertasche etwas klimpern hörte und beim Hineinfassen einen ganzen Taler und zwei blanke Groschen fand ...

Aufgeregt erklärte sie ihr Erlebnis der Mutter, die so fassungslos über den unerwarteten Reichtum war, daß sie gar nicht näher fragte, wer denn alles an Gästen dagewesen wäre.

Lore drängte sich mit solcher Berichterstattung auch nicht weiter auf – sie wußte ja, daß die Mutter über manches merkwürdig andere – verkehrte? – Ansichten hatte als sie selbst, die „Lore Lorenzen, geboren auf einem Spreekahn an der Fischerbrücke“, wie auf dem großen, steifen Papier stand, das die Mutter in der Bibel aufbewahrte.

„Gottes Sonne scheint über Gerechte und Ungerechte“, so hatte sie bei Lehrer Klaus in der Religionsstunde gelernt – nun, sie war wohl eine Ungerechte, so kam es Lore auch jetzt wieder in den Sinn. Denn, warum durfte sie nicht auch in die „Schule für höhere Töchter“ gehen, wie die feinen, kleinen Mädchen, die als Geburtstagsgäste bei Lili Semper gewesen waren ...?

Es war kein Trost für sie, daß Agnes Bertram, die Tochter des Drogisten, auch zu Lehrer Klaus in die Gemeindeschule ging. Das sollte nur „so was heißen“, so hatte selbst die Mutter gemeint, denn Herr Bertram wollte damit beweisen, daß er, wie er stets betonte, „ein strammer Mittelständler“ sei. Auch Mutter Lorenzen wußte nicht genau, was dies bedeutete, die Lore aber erklärte es sich damit, daß Herrn Bertram die Weste immer so furchtbar stramm auf dem runden Bäuchlein saß ...

2

Hinter der Glasscheibe des kleinen Küchenschrankes stand noch immer das Stück Schokoladentorte, das Lore gestern mit heimgebracht hatte. Nur ein schmaler Streifen war bisher „zum Kosten“ abgeschnitten, der Rest aber sorgfältig weggeschlossen worden, denn Frau Lorenzen hatte es „in den Gliedern“, daß „Pelters“ heute kommen würden.

Und sie kamen auch wirklich. In einem der Zillenbeiboote ruderten sie herüber und legten unten an der Ufermauer an, unweit von Lorenzens Haus.

Mit Händeschütteln und Kopfnicken, ohne viele Worte, begrüßte man sich, denn die Bekanntschaft war alt. Die Pelters waren schon damals auf die Zille gekommen, als Lores Vater noch gelebt hatte. Sie wußten stets alle Neuigkeiten, die das Schiffervolk angingen, übernahmen Bestellungen von Abfahrenden und Kommenden – aber das war nicht die Hauptsache. Nein, Frau Pelter konnte mehr. Sie konnte Gliederreißen und Warzen besprechen, wußte unbedingt wirksame Mittel gegen Zahnschmerzen und Bandwürmer, – und das war wohl das Merkwürdigste an ihr – sie konnte auch in die Zukunft sehen. Dazu brauchte sie keine Karten, sondern nichts weiter als eine große Tasse starken, schwarzen Kaffees. Und wie schnell wußte sie „Bescheid“. Ein Blick in den „Satz“ – das genügte, und der Fragende kannte seine Zukunft.

Auch Lorenzens Verschwinden hatte sie prophezeit, ganz genau. „Sie werden“, so hatte sie kurz vorher zu der jungen Frau gesagt, „bei nächstem Vollmond viel Geld zählen!“ Und so war es eingetroffen. Frau Lorenzen hatte, als Vollmond war, das Geld für die nach dem Verschwinden des Mannes verkaufte Zille gezählt und auf die Sparkasse getragen. Das war jetzt noch immer der Notpfennig, von dem sie mit ihrem Mädel lebte, wenn der Verdienst knapp war.

Frau Pelter saß am Herd, goß sich den Kaffee aus der Ober- in die Untertasse und schlürfte behaglich. Die Schokoladentorte war verzehrt, und Herr Pelter hatte sich den Tonpfeifenstummel zwischen die Eckzähne geklemmt und paffte.

Ja – jeder hatte seine Sorgen, darüber war man einig geworden, nachdem man sich gegenseitig erzählt, wie es in der Zwischenzeit dem und jenem ergangen war.

Nach einer Weile nahm Frau Pelter die braune Kaffeekanne von der Ofenplatte und goß den schwarzen Satz in Frau Lorenzens Tasse. Als sie da so hineinsah, war sie ganz betroffen vor Überraschung – kopfschüttelnd betrachtete sie die Witwe. „Aber Lorenzen“ –, sagte sie beinahe vorwurfsvoll, „Sie werden doch nich!“ Die Witwe bekam rote Wangen und einen trotzigen Zug um die Mundwinkel. Doch gleich darauf verdüsterten sich Frau Pelters Mienen, und sie starrte mit einem Gesicht in die Tasse, als ob es um ihre eigene Zukunft ginge. „Zwee sind da – zwee kommen“, murmelte sie endlich. „Aber der zweete kommt viel später als der erste ...!“ Wie erschlagen von diesem Orakel saß die Witwe da. „Zweie?“ stammelte sie. „Nu – wollen Se denn noch mal wieder ...?“ erkundigte sich nun Herr Pelter sehr interessiert und stocherte mit einer Haarnadel seiner Frau in seinem Pfeifenstummel. „Man is ja noch nich alt“, sagte Frau Lorenzen leise und mehr zu sich selbst. „Nu – denn man immer zu!“ ermutigte Herr Pelter, „aber dann nehmen Sie nur den Richtigen!“

Seine Frau nahm inzwischen das wollene rote Tuch, das sie bei ihrem Kommen abgelegt hatte.

„Adschüs“, sagte sie und nochmals: „Adschüs, Lorenzen. Ich bin ja selbst neugierig, welcher es nu werden wird!“ „Ich nicht weniger“, pflichtete Pelter bei. „Adschüs! Halten Se nur die Ohren steif ...!“

Damit waren sie bereits auf den Flur hinausgetreten.

... Es war Abend geworden, und der Schein der Gaslaterne am Hause tanzte im Wasser. Irgendwo auf einem der vor Anker liegenden Kähne wurde Harmonika gespielt; Mutter Lorenzen summte leise die Melodie des alten Volksliedes mit. Wie oft hatte sie es und manches, manches andere gesungen – damals, als sie selbst noch auf solch einem Kahn gewesen.

Sie hörte im Geiste wieder ihre frische Stimme, hörte, wie sie über das Wasser klang, vielleicht bis hinüber zum Kiefernwald, dessen Stämme im Abendsonnenlicht immer so ergreifend schön rot aufglühten. Ja – und dann war jener schreckliche Unglückssonntag gekommen. Die Zille lag am Ufer von Moabit vor Anker, und sie – die junge Frau – saß auf Deck und strickte. In einem Korb zu ihren Füßen schlief das Mädelchen, der weiße Spitz kläffte vom Dach der Kombüse nach dem Ufer, woher der Wind Tanzmusik herübertrug ... Da war Lorenzen heraufgekommen – in seinem Sonntagsstaat, die silberne Uhrkette auf der blauen Weste. Er hatte wieder einmal den Blick gehabt, vor dem sie sich heimlich immer fürchtete, denn dann war nichts mit ihm anzufangen, und er schien von allen guten Geistern verlassen zu sein.

Unbeweglich stand der breitschultrige Mann da, sah die Frau an, dann das Kind – den Hund, sagte aber nichts. Und Anna hütete sich, den Mund aufzutun, denn sie wußte ja, daß sie dann verlorenes Spiel hatte. Er suchte doch nur Streit, um vor sich selber einen Grund zu haben, an Land gehen zu können – nach den Zelten zum Tanzvergnügen. Der dünne, blaue Rauch aus dem Schornstein der Kombüse war plötzlich dick und schwarz geworden, der Spitz mit erschrecktem Aufbellen in den leeren Laderaum hinuntergesprungen, sie selbst aber war eiligst das Treppchen hinuntergestiegen. Denn das Abendbrot stand ja auf dem Feuer. Daß sie das ganz vergessen hatte ...

Und wirklich: alles bereits angebrannt! – – Von Deck her hörte sie Lore schreien – hm ... Aber der Mann war ja bei dem Kinde. Jetzt kam es vor allem darauf an, dem Schaden hier unten abzuhelfen. Gut nur, daß da noch genügend geschälte Kartoffeln in der Wasserschüssel lagen. Man brauchte also nicht ganz von vorn mit der Kocherei anzufangen. Als Anna nach einer kleinen Weile schuldbewußt wieder an Deck kam, war Lore still, sie schlief wieder. Doch – ihr Mann – wo war denn ihr Mann ...?

Das Laufbrett zum Uferrand lag noch eingezogen an Deck, die Entfernung zu der steilen Böschung war doch zu groß, um vom Kahn aufs Ufer springen zu können. Aber auch die nächste Zille lag so weit entfernt, daß es ganz unmöglich war, daß Lorenzen etwa drüben sein könnte.

Der Spitz stand jetzt am Kahnrand und blickte ins Wasser. Winselte er etwa kläglich –? Aber dort war doch auch nichts zu sehen, obwohl sich das Tier anscheinend nicht beruhigen konnte. Herrgott – hatten denn die anderen Schiffer nichts bemerkt? Sie rief hinüber und fragte nach ihrem Mann. Aber keiner hatte etwas gesehen oder überhaupt etwas Auffälliges beobachtet.

Mit dem Rettungskahn war stundenlang das Wasser abgesucht worden – alles vergeblich! So war damals Lorenzen verschwunden, spurlos. Denn selbst seine Leiche war nicht zum Vorschein gekommen, wie sonst andere Wasserleichen ...

Anna Lorenzen stand etwas schwerfällig auf, ging zur Kommode und nahm aus der Bibel hinten den Zeitungsausschnitt. Beim Schein der Laterne draußen las sie – ach, zum wievielten Mal? –: „Da der von hier gebürtige, frühere Matrose, zuletzt Schiffseigner Johann Friedrich Lorenz Lorenzen, ehelicher Sohn des weiland hiesigen Schiffseigners Carl Theodor Lorenzen und der Auguste Maria Rentner, seit fünf Jahren abwesend von hier ist, ohne daß von ihm oder seinem Aufenthalt irgendeine Nachricht eingegangen wäre, so wird auf Antrag seiner Ehefrau Friederike Anna Lorenzen, geb. Stiege, dieser abwesende Johann Friedrich Lorenz Lorenzen hierdurch geladen, sich im Termin, den 18. Mai n. J., vormittags 11 Uhr, vor dem Königl. Preußischen Stadtgericht allhier entweder in Person oder durch genügend Bevollmächtigte zu melden oder den Ort seines Aufenthaltes anzuzeigen, widrigenfalls der vorstehend benannte Johann Friedrich Lorenz Lorenzen für tot erklärt wird.

Berlin, im November

Königl. Preußisches Stadtgericht“

Nein, Lorenz hatte sich nicht gemeldet, obwohl diese Vorladung in allen Hafenplätzen angeschlagen worden war, und an einem schönen Maitag hatte ihn das Gericht „für tot“ erklärt und seitdem war sie – Friederike Anna Lorenzen geb. Stiege, eine Witwe.

3

Die kleinen Häuser des Spreewinkels mit ihren schrägen Ziegeldächern und ungewöhnlich tiefen Kellern waren wie alte, zähe Invaliden, die dem Tod schmunzelnd ein Schnippchen schlagen. Sie standen jetzt im Frühlingssonnenschein wie alte Spittelleute, die in Gartenanlagen herumsitzen und die morschen Knochen von den Strahlen wärmen lassen. Die Bewohner lebten bei kümmerlicher Beschäftigung von heute zu morgen, zufrieden schon, daß es überhaupt weiterging.

Die Fischer allerdings, die waren eine Gilde für sich, die ihr gutes Einkommen und lohnende Arbeit hatten. Ihr immer etwas lautes Treiben erfüllte die Uferstraße bis zum Mühlendamm hinunter, dort, wo die Kleiderhändler vor ihren mit alten Uniformen, Pelzen und Anzügen vollgestopften Buden saßen oder standen.

Aber die seßhaft gewordenen Schiffer und ihre Angehörigen, soweit sie nicht in ihre märkischen Dörfer zurückgekehrt waren, schlugen sich eben doch nur mühsam durch mit allerlei Gelegenheitsarbeit. Katzen saßen überall und beobachteten blinzelnd die im Pferdemist hackenden Sperlinge. Auf dem Wasser zogen Zillen gemächlich dahin; aus dem Schornstein auf dem Bäckerhaus stiegen Rauchringel empor und erfüllten, zuweilen vom Winde niedergedrückt, die ganze Gegend mit ihrem Geruch. Auf den Blumenbrettern vor vielen Fenstern oder hinter den Scheiben Myrten, Kakteen oder Oleanderableger – auch in Bierflaschen ... so zeigte sich das Bild des „Spreewinkels“, in dem sich manchmal die Bewohner anderer Stadtviertel einfanden und dann Menschen und Häuser hier anstarrten, als wären sie in eine absonderliche Welt geraten.

Wenn sie dann wohl die Lore erblickten, die in ihrem blauen Kleidchen auf den steinernen Treppenstufen wie die anderen Kinder hockte, so stießen diese und jene sich an – das hier war etwas Besonderes –. Dann aber zog die Kleine meist ihre Holzpantoffeln unter das Röckchen, denn sie fühlte sich unbehaglich. Heute saß sie einsam da und blickte den großen, weißen Wolken nach, die so schnell dahinsegelten. Sie war heute aufgeregt, denn sie wußte, daß die Tochter des Drogisten – Goldkäferschuhe bekommen hatte! – Sie grübelte nun: wie bekomme ich ebenfalls welche, und wenn es irgendwie anging, noch ein bißchen schönere ...? Freilich – Agnes Vater war wohlhabend, er hatte wunderbar große Gläser voll Zuckerkand und Pfefferminzplätzchen. Aber meine Mutter, so stellte Lore weiter fest, war zwar jetzt bloß Waschfrau und früher Dienstmädchen, aber sie hatte eine ganz feine, rote Korallenbrosche und eine Tigermuschel – wenn man die ans Ohr hielt, dann hörte man das Weltmeer brausen ... Wenn das auch alles sehr schön war, so half es Lore doch jetzt nicht darüber hinweg, daß Agnes Goldkäferschuhe besaß und sie nicht ... Das eine war sicher, hier mußte etwas geschehen, und zwar bald, sonst erstickte man ja an dem Knoten, den sie jedesmal im Halse spürte, sobald sie an die Drogistentochter dachte. Das war doch eine ganz Schlaue! Sie hatte sich an Lili Semper herangemacht und war seit dem Geburtstag alle Tage bei ihr. Wenn man nun mal starb – ob dann die Mutter einem vielleicht Goldkäferschuhe in den Sarg mitgeben würde ...? Lore wäre unter diesen Umständen bereit gewesen, sofort zu sterben. Aber jetzt war es zunächst einmal nötig, die alten, schweren Holzpantinen loszuwerden. Daß man einen davon verlieren könnte, das ginge schon – aber beide ...? Und lügen durfte man nicht, das war Sünde. Aber wenn man nun sagte, Lehrer Klaus habe angeordnet, daß alle Kinder von morgen ab mit Goldkäferschuhen in die Schule kommen müßten ...? Dann würde freilich die Mutter wohl zu Frau Niclas in den Gemüsekeller gehen und sich erkundigen, wo denn sie für ihre Marie solche Goldkäferschuhe kaufen werde? Nein – das lieber nicht, denn es war ja nicht sicher, was Marie von den Goldkäferschuhen gehört hatte.

Nein, es mußte schon etwas sein, das jedermann sofort glaubte? Was tun ...?

Mal probieren: „Verflucht und verhext ...!“ Manche sagen doch, das hilft immer.

Und siehe da – es half sofort.

Um die Ecke kam Briefträger Pankraz mit einem großen, schwarzgeränderten Brief gerade auf Lore zu. Sie sah ihn mißtrauisch an und schnüffelte unwillkürlich. Wenn der hagere Mann sonst meist nur nach Leder und Schnupftabak roch, heute duftete er ganz bestimmt tüchtig nach Pech und Schwefel, und wer weiß, was das außerdem noch für ein besonderer Geruch war, den er da um sich verbreitete. In dem schwarzen Brief, den er Lore mit der Weisung gab, ihn sofort der Mutter zu geben, steckten ja nun ganz sicherlich keine Goldkäferschuhe, das konnte man fühlen. Die Mutter war jetzt nicht zu Hause: wenn man mal ein bißchen nachsah, was in dem Briefe drin stand ...? Nein, da war nichts zu machen, denn hinten auf dem Umschlag klebte ein Siegel, schade! Frau Lorenzen wusch heute bei Sempers, zur Aushilfe, denn Frau Palmer, die Waschfrau, konnte es diesmal allein nicht schaffen. Wenn Lore nun hinging und der Mutter den Brief brächte? Daß sie nicht gleich auf diesen Gedanken gekommen war!

Den Brief in der linken, die Pantoffeln in der rechten Hand, lief sie in Strümpfen nach der Breiten Straße. In Strümpfen! – Das war nun ungefähr das Schlimmste, was sie tun konnte.

Die Mutter dachte wahrscheinlich, es brenne zu Hause – denn das war stets ihr erster Gedanke – als Lore in die Waschküche stürmte. Sie mußte sich erst einmal setzen und starrte den Brief fassungslos an, wollte ihn gar nicht öffnen. Denn aus solchen versiegelten Briefen kam ja doch immer Unglück.

Aber schließlich ging sie damit zu Frau Semper, um sich Rat zu erbitten, und als sie zurück in die Waschküche kam, hatte sie rotgeweinte Augen. Sie hörte auch gleich mit der Wäsche auf und sagte Frau Palmer, daß sie ein paar Tage verreisen müsse, denn ihre Schwester Amalie in Brandenburg sei gestorben. Gleichzeitig zeigte sie ein paar Geldscheine, die in dem Briefe gesteckt hatten, damit sie gleich zum Begräbnis kommen könne.

Lore hörte zu und sah mit großen Augen von einer zur anderen. Es tat ihr leid, daß Tante Amalie der Goldkäferschuhe wegen hatte sterben müssen ... Denn es war ja ganz klar: das „Verflucht und verhext!“ vorhin hatte der Teufel gehört, und nun hatte er gleich Tante Amalie sterben lassen. Warum wohl ...?

Und der so furchtbar geizige Onkel Christian hatte der Mutter Geld geschickt ...?

Ob die Mutter es wohl merkte, wofür das Geld bestimmt war? Natürlich für die Goldkäferschuhe, denn Reisegeld hatten sie doch; für so etwas war immer ein Notgroschen im Kommodenkasten. Frau Lorenzen dachte nur an ihre Schwester Amalie – wie gut die immer gewesen war. Plötzlich blieb sie mitten auf der Straße stehen, zählte die Geldscheine und ging in tiefem Sinnen weiter. Nach einer Weile sagte sie: „Lore – du fährst mit, aber da muß ich dir erst noch ein Paar neue Schuhe kaufen!“

Na – endlich! Lore war schon nahe daran gewesen, noch mal leise für sich „verflucht und verhext“ zu sagen. – Schuster Kranold freute sich, daß Frau Lorenzen, oder „Madam Lorenzen“ – wie er sagte, denn er war ein galanter Mann, der die Witwe immer für eine stattliche Frau gehalten hatte –, daß also Madam zu ihm kam. Als er aber hörte, daß es sich nur um Lore handele, bedauerte er, daß nicht auch Madam sich ein Paar neue Schuhe kaufen wolle, denn er habe schon seit langem etwas ganz Feines für sie zurückgestellt. Lore wurde ungeduldig, daß er so viel redete und nicht gleich die Goldkäferschuhe brachte, die dort in dem Glasschrank standen. Wie lange dauerte es doch, bis er merkte, worauf es eigentlich ankam. Wohl ein gutes Dutzend Schuhe standen nun schon um Lore herum, und es war für das Mädel wahrlich keine Kleinigkeit gewesen, bei jedem Paar zu beweisen, daß es nicht paßte. Hinkend war sie jedesmal um den Ladentisch herumgegangen und hatte dann immer gemeint, daß sie in diesen Schuhen auch nicht einen Schritt mehr weiterkäme. Schuster Kranold hatte schon einen roten Kopf bekommen und schwitzte. Schließlich sagte er, nun wolle er doch einmal die Probe machen und sehen, ob es nur an dem Leder oder an der Fasson läge. Und damit ging er an den Glasschrank und holte endlich die Goldkäferschuhe heraus. Merkwürdig, wie gut die paßten. Freilich, hinten drückten sie ein klein wenig, und von dem linken Fuß hätte eigentlich die große Zehe abgeschnitten werden müssen, weil sie nicht recht Platz finden konnte, aber das verschwieg Lore. Sie sagte, die Schuhe wären so weich wie Filzpantoffeln, und wirklich – die Mutter kaufte sie. Sie hatte auch nicht länger Zeit, und Schuster Kranold, der ein gefälliger Mann war, ließ sie ihr obendrein so billig, als wenn es nur ein Paar ganz gewöhnliche Schuhe gewesen wären.

So hätte alles also in schönster Ordnung sein können. Kaum aber war Lore aus dem Laden getreten, da mußte sie vor Schmerzen hinken, das schlimmste war, sie durfte es nicht einmal verraten. Ohne Strumpf, den Schuh nur auf dem bloßen Fuß, war es, wie sie dann zu Hause heimlich probierte, mit den Schmerzen nicht ganz so schlimm, da hätte man nur die kleine Zehe abzuhacken brauchen – aber immerhin, auch das war gerade nicht sehr angenehm. Sie mußte immer wieder denken, daß sie eben kein feines Mädchen sei, weil ihr die Goldkäferschuhe nicht paßten. Sie hatte nun mal nicht so kleine, feine Füße wie die Agnes Bertram – daran lag es wohl! Die Zehen mußten wohl oder übel dranbleiben, das sah Lore nach und nach ja ein ... Sonst konnte man später auch nicht tanzen – und das wollte Lore auf jeden Fall. Aber wenn man nun ein Stück von der Ferse absäbelte? Wenn man es mit einem Ruck machte, dann war es sicherlich nicht so schmerzhaft. Am besten mit dem kleinen Beil, das sich damals Steuermann Jens ausgeliehen hatte, als er den jungen Hunden die Schwänze abhacken wollte. Und ehe es ihr etwa wieder leid werden konnte, nahm das Mädel wirklich das Beil vom Nagel, setzte das Bein auf die Fußbank, machte die Augen zu, damit sie es nicht sähe, und hackte zu. – – – Na – das war eine schöne Geschichte! Frau Lorenzen wußte ja, daß ein Unglück niemals allein kommt, aber gleich zwei so große – womit hatte sie das verdient! Weder Spinnweben noch Essigumschläge hatten genutzt. Der Doktor hatte geholt werden müssen, um das Blut zu stillen, und dann hatte er sogar die Wunde zugenäht ... Und nun lag Lore im Bett und war nicht mit zu Tante Amalies Begräbnis gefahren, und die Goldkäferschuhe konnte sie auch nicht anziehen.

Es gefiel ihr gar nicht, von der Marie Niclas aus dem Kartoffelkeller gepflegt zu werden, denn die roch immer nach Salzheringen und hatte stets eine verstopfte Nase. Ach – Lore hatte gehofft, ihr Unglück würde sich herumsprechen, und die feinen Mädchen von Lilis Geburtstagsfest würden sie nun besuchen und ihr Blumen und Schokolade bringen ... Nein, niemand ließ sich sehen, nur die Waschfrau Palmer erschien einmal mit zwei Apfelsinen und einem Kristallfläschchen „Maiglöckchenduft“ – die Lili schickte es ihr und wünschte „baldige Genesung“.

Na ja – so waren eben die „feinen Mädchen“! Wenn man bei ihnen eingeladen war, taten sie so, als wäre man ebenso fein wie sie selbst, taten es aus Artigkeit und Falschheit. Doch, wenn sie es nicht gerade nötig hatten, dann ließen sie ihre Feinheit nur riechen ... An Kristallfläschchen mit Maiglöckchenduft ... Es war ihnen ganz gleichgültig, ob man Goldkäferschuhe hatte! Man mußte eben noch etwas ganz Besonderes haben, um sie zu übertrumpfen und zu wirklichen Freundinnen zu bekommen.

Lore dachte angestrengt nach, was das Besondere wohl sein könnte, um das selbst eine Lili Semper sie beneiden würde. Ob sie es noch einmal mit dem Teufel versuchte? Und auf einmal, als hätte es ihr der Böse eingegeben – wußte sie, was es sein mußte. Eine Uhr, eine kleine goldene Uhr mußte sie haben. Wie die ganz feinen Damen sie am schwarzen Samtband um den Hals trugen. Eine Uhr, und wenn sie auch nicht tickte, die man aber dafür aufmachen konnte, um ein Bildchen hineinzustecken.

„Verflucht und verhext!“ Hatte sie das bloß gedacht oder laut gesagt? So oder so –. Ja – der Teufel hatte es gehört ... Da war doch jemand vor der Tür! Aber ach, nur Marie Niclas kam herein und brachte das Mittagessen – weiße Bohnen mit Speck. Aber – der Teufel ...?

4

Zwei Tage vergingen, da erlaubte der Doktor, daß Lore wieder aufstehen durfte. Ja, er verlangte sogar, daß sie draußen auf der Straße Gehversuche mache. „Aber vorsichtig, liebes Kind, ganz vorsichtig, sonst platzt die Wunde wieder auf!“

Lore hatte sich bis an die Fischerbrücke geschleppt, hockte nun auf dem Ufergelände und sah dem Treiben dort zu. Von irgendwoher hallte das helle Pinkpank aus einer offenen Schmiede – Karrenräder quietschten, Holzpantoffeln klapperten. In den Läden und Lädchen dort drüben in den schmalen Häuschen gab es leider nichts für Lore. Nur Bedarf für Schiffersleute: Ölmäntel, Mützen, „echten Hewimsa-Waterküken“, Kentucky-Kautabak, Tonpfeifen, ja. – Aber dann war auch noch ein Laden dort, in dem die Schiffer für ihre Bräute bunte Kopftücher, weiße Schürzen, rote Korallenketten kaufen konnten ...

Dort standen ein paar Schiffer, die kurze Pfeife im Mundwinkel, und besahen sich lange die Herrlichkeiten. Dann stampften sie mit ihren schweren Schuhen weiter und suchten das Makler- und Vermittlungsbüro auf, in dessen Fenster ein kleines Schiffsmodell ausgestellt war.

Ein paar alte, verwitterte Kerle lehnten sich müßig ans Brückengeländer, spieen im weiten Bogen den überschüssigen Priemsaft ab und zu in das glitzernde Wasser und schauten dann wieder in gelassener Ruhe der schweren Kärrnerarbeit im Hafen zu. Von der Nikolaikirche hallte noch mal der Schlag der Uhr herüber. „Ja, was war denn nun eigentlich mit der Uhr? Verhext und verflucht!“ Als die Mutter vom Begräbnis ihrer Schwester heimkehrte, brachte sie, außer den Kleidern der Verstorbenen, auch eine kleine, goldene Uhr mit, die sie ebenfalls geerbt hatte. Es war eine richtige Medaillonuhr, wenigstens hatte die Mutter sie so genannt, als sie das kostbare Ding den Frauen im Kartoffelkeller zeigte. Inwendig war sie mit blauer Seide gefüttert und hatte Fächer, gerade wie ein Portemonnaie.

Und diese kostbare Uhr gehöre ihr nun, behauptete Lore in der Schule, die Mutter habe sie ihr geschenkt – jawoll! Keines der Mädel wollte es ihr glauben – auch nicht Agnes Bertram, ja selbst nicht mal die dumme Marie Niclas. So war Lore schließlich nichts übriggeblieben, als zu prahlen: „Also morgen bringe ich meine Uhr mit – bäh!“ Aber – wie sollte sie dieses Kunststück nun fertigbekommen ...? Die Mutter um die Uhr bitten ...? Ach – wie die unter Tränen versichert hatte, war ihr dieses Andenken ja lieber als sonst irgend etwas, und darum hatte sie es auch nicht Lore gegeben. Die Uhr lag in dem Kästchen, in dem die Mutter auch ihre rote Kette und die Tigermuschel als Andenken an den verschwundenen Vater aufbewahrte. Und dieses Kästchen wieder war in der Kommode tief unter wollenen Strümpfen versteckt. Bisher hatte die Mutter jeden Abend vor dem Schlafengehen nochmals nachgesehen, ob das Kästchen auch nicht gestohlen worden war. Als Lore am nächsten Morgen das Quietschen der Kaffeemühle in der Küche hörte, kletterte sie aus dem Bett und schlich nach der Kommode, und als Frau Lorenzen eine halbe Stunde später ihr Mädel wecken wollte, wunderte sie sich, wie fest es heute noch schlief. Sie ahnte nicht, daß ihre kostbare Uhr, in ein wenig ansehnliches Schnupftuch geknüpft, in Lores Kleidertasche steckte ...

Keines der Mädchen hätte es für möglich gehalten, daß Lore wirklich die Uhr mitbringen würde. Zuerst, als sie so langsam und ganz feierlich an der um den Hals geschlungenen Seidenschnur zogen, hatten sie geglaubt, daß sicherlich nur ein Knopf zum Vorschein kommen werde und daß Lore nachher behaupten würde, irgendeine böse Hexe habe ihr die Uhr verwandelt. Aber nun hing da wirklich eine Uhr an der Schnur. Eine Uhr, die sich richtig öffnen ließ und inwendig himmelblauseidene Fächer besaß. Alle hatten diese Uhr wie ein Wunder angestaunt – am meisten aber Bertrams Agnes. Fein! – von ihr würde es ja jetzt Lili Semper erfahren. Na, und dann: vielleicht kam Lili schon morgen aus dem feinen Hause in der Breiten Straße nach dem Häuschen in der Friedrichsgracht und wollte Lores Freundin sein ... Plötzlich stoben sie alle auseinander, denn die Tür hatte geklappt – Lehrer Klaus trat in die Klasse – oh, wenn er nur nicht heute Diktat schreiben läßt ...! Glücklicherweise kam es anders. Agnes Bertram, die er immer vorzog, weil er in der Drogerie bei dem „strammen Liberalen“ alles billiger erhielt, sollte aus der „Biblischen Geschichte“ vorlesen. Die anderen Mädchen aber mußten kerzengerade dasitzen, die Hände gefaltet, und Herrn Klaus unverwandt ansehen. Wer das nicht tat, mußte zu Hause als Strafarbeit hundertmal aufschreiben: „Ich bin ungehorsam gewesen.“

Nachdem sich die Klasse von ihrem Schreck über diese Anordnung erholt hatte, saßen alle wie versteinert da und hörten bald darauf, von der Agnes fein säuberlich vorgelesen, daß Lots Frau nur, weil sie sich einmal umgedreht hatte, zur Salzsäule erstarrt war. Das war übrigens eine Geschichte, die Lore schon kannte. Sie fand sie gar nicht so wunderbar, denn nach ihrer Ansicht waren doch alle Menschen inwendig salzig – man merkte es doch an den Tränen, die ganz salzig schmeckten. Ja, wenn die Frau eine Pfeffersäule geworden wäre ...!

Das mußte sie gleich mal ihrer Nachbarin Marie sagen, und sie tat das auch trotz des strengen Verbots, nicht zu sprechen. Marie aber saß selbst wie eine Salzsäule da, regungslos und rührte sich auch nicht, als ihr Lore mit den Holzpantinen – die Goldkäferschuhe zog sie nur sonntags an – auf die Stiefelspitzen trat. Daß Marie solche Angst vor Lehrer Klaus hatte ...! Fürchtete sie sich denn wirklich so sehr ...? Dies festzustellen, schien der Lore jetzt viel wichtiger als zu erfahren, was da schließlich aus den Leuten von Sodom und Gomorrha wurde. Flugs tauchte sie hinter dem breiten Rücken Berta Dieters ihren Bleistift ins Tintenfaß und wischte ihn dann an Maries gefalteten Händen ab.

Marie tat, als merke sie gar nichts und starrte beharrlich den Lehrer an. Nun aber zog Lore plötzlich die kostbare Uhr vorn aus dem Halsbündchen und ließ sie an der Schnur dicht vor Maries Nase hin und her baumeln – wie ein Perpendikel. Aber da geschah etwas Furchtbares ...! Wie alles möglich gewesen war, konnte Lore auch später nicht recht begreifen. Wie ein Habicht fuhr plötzlich eine große, rote Hand nach der Uhr, umkrallte sie und riß sie weg! Und im nächsten Augenblick stand Lehrer Klaus selbst in seiner ganzen Größe vor der entsetzten Lore ... Genau so mußte es Lots Frau zumute gewesen sein, als sie damals zur Salzsäule erstarrte! Aber Lots Weib hatte damit genug und konnte nun bleiben, wo es war. Lore aber, der das Entsetzen in die Beine gefahren war, wurde von ihrem Platz weggezerrt und vorn nach dem Katheder geführt. Vierzig Augen sahen zu, was Lehrer Klaus jetzt weiter tat. Er sah sich die Uhr an, machte sie auf und zu und – einige der kleinen Mädchen hätten beinahe laut aufgeschrien! – legte sie in sein Pult ... Fast gleichzeitig verabreichte er Lore einen „Katzenkopf“. Das hatte gar nicht so schlimm ausgesehen, aber Lores Kopf hing wie bei einer geknickten Butterblume plötzlich nach der rechten Seite. Nun faßte Herr Klaus Lore wieder ganz sanft an. Und da schrie das Mädel, das bisher keinen Laut von sich gegeben hatte, plötzlich so schrill auf, daß man es sicherlich bis unten im Zimmer des Rektors gehört haben mußte – jeden Augenblick konnte der also heraufkommen.

Lehrer Klaus wußte genau, daß Lore Lorenzen sich verstellte. Aber immerhin; sie war imstande und hielt den Kopf schief, bis die Schule aus war, ging wohl gar so nach Hause. Da würde man viele gute Worte geben müssen, damit die Witwe Lorenzen nicht zum Rektor lief. Soweit durfte es nicht kommen. Man sollte nicht sagen, daß er sich habe hinreißen lassen und ein Kind womöglich zum Krüppel geschlagen.

Obwohl Lehrer Klaus nun so tat, als wenn er Lore gar nicht mehr sähe, wie sie da vor dem Pult stand und den Kopf schief hielt, merkten es die Kinder doch, daß er heimlich nach ihr schielte, während Agnes Bertram jetzt die Geschichte vom Turmbau zu Babel lesen mußte. Tat ihr denn der Hals noch immer nicht weh? So etwas von Trotz und Eigensinn war dem Lehrer wahrhaftig noch nicht vorgekommen. Freilich, er ahnte, was das Mädel damit bezweckte: es handelte sich um die Uhr. Die würde er wieder herausrücken müssen. Nach einer Weile war er sich klar. Er befahl der Agnes Bertram, auch gleich noch die nächste Geschichte zu lesen und rief den übrigen zu, ganz still zu sitzen. „Ich komme gleich wieder, gehe nur einmal hinunter, um nachzusehen, ob der Herr Rektor da ist.“ Er ging. Zur Sicherheit lehnte er die Klassentüre nur an ...

Nur wenige Minuten blieb Herr Klaus fort, aber inzwischen hatte Lore es fertigbekommen, unter den Blicken der vor Entsetzen starren Klasse den Kathederdeckel hochzuheben, die Uhr herauszunehmen, sie in die Tasche verschwinden zu lassen und sich wieder vor das Pult zu stellen. Als Lehrer Klaus hereinkam, sagte er Lore ganz freundlich, daß sie sich jetzt wieder auf ihren Platz setzen dürfe.

Als wäre nichts geschehen, ging die Stunde zu Ende – schließlich auch der Vormittag. Lehrer Klaus war glücklicherweise nicht auf den Gedanken gekommen, im Pult nach der Uhr zu sehen.

Endlich war die Schule aus. Wenn nun der Lehrer aber morgen – oder übermorgen – die Uhr suchen würde? Was dann ...? Das war heute das Gesprächsthema auf dem Nachhauseweg. Merkwürdigerweise war Lore weniger besorgt als alle anderen, sie hatte nur den einen Gedanken, die Uhr wieder in Mutters Kommodenschublade unterzubringen ...

Und das glückte ihr gleich nach dem Mittagessen.

Hm – die Kopfnuß ...! Was tat die schon! Viel schlimmer wäre es gewesen, den Kopf so lange schief halten zu müssen, bis Lehrer Klaus doch endlich mürbe geworden war.

Auf alle Fälle wußte nun wenigstens die ganze Klasse, daß sie, die Lore Lorenzen, eine feine goldene Damenuhr besaß. Doch – wo blieb denn die Lili? Der Pankraz brachte nicht einmal ein Briefchen mit einer Einladung in das feine Haus. Oder hatte die Agnes der Lili gar nichts von der Uhr erzählt? Es wäre ihr schon zuzutrauen.

Nun, das nächste Mal, wenn Lore bei Sempers die Plättwäsche abliefern würde, bot sich vielleicht eine Gelegenheit, die Lili selbst zu sprechen.

5

Endlich war die Mutter mit dem letzten Stück fertig, und Lore konnte gehen und die Kragen und Oberhemden abgeben. „Eine schöne Empfehlung von meiner Mutter, und hier ist die Plättwäsche – bitte, nachzählen!“ sollte sie wie immer sagen. Es wurde ein Paket, das sie auf beiden Armen tragen mußte, kaum, daß sie darüber hinwegsehen konnte. Deshalb sollte sie auch hübsch langsam gehen. Das tat Lore denn auch und kam glücklich mit ihrem Paket an. Aber sie mußte erfahren, daß Frau Semper mit Lili weggefahren sei, auch Herr Semper! Warum sie denn die Wäsche nicht dem Mädchen geben wolle ...? „Nein, das darf ich nicht. Aber kann ich sie vielleicht dem Herrn Käpten Gundermann, dem Großvater, abliefern?“ „Ja, gewiß, wenn du so genau bist!“ „Es ist man bloß wegen meiner Mutter – – –“, erwiderte Lore überlegen.

Das Mädchen wollte also einmal nachsehen. Und dann bekam Lore den Bescheid, daß sie hineinkommen möchte. Aber der Herr Kapitän habe eben sein Nachmittagsschläfchen gemacht, und da sei er dann öfter nicht gerade bei bester Laune. Lore solle sich also nicht wundern, wenn der alte Herr kurz angebunden wäre. „Nee – jewiß nich!“ setzte Lore etwas großspurig dagegen und überlegte dabei blitzschnell, daß es doch die Hauptsache war, daß man sehen konnte, ob Lili wirklich nicht da war. Und auch ob die Schale mit den Apfelsinen auf dem Tisch steht. Denn sich vom Mädchen so einfach im Flur abspeisen lassen – das ging doch nicht! Wenn man, weil Frau Semper nicht da war, nun auch keine Apfelsine bekommen würde, wie sonst immer, wenn alles stimmte, so konnte man doch wenigstens etwas riechen.

Vielleicht konnte man auch – das ginge doch! – einen Kragen im Tuch zurückbehalten und morgen früh nachliefern, wenn Frau Semper wieder da war. „Also, so gehe hinein! Recht laut sprechen! Denn der Herr Kapitän hört nicht mehr gut“, sagte das Mädchen. Der alte Herr war also eben erst erwacht und hatte noch den ganzen Abdruck vom gestickten Sofakissen im Gesicht. Lore machte ihren Knicks und sagte, so laut wie sie konnte: „Eine Empfehlung von meiner Mutter, und hier is die Wäsche, bitte nachzählen!“ „Warum schreist denn du so?“ fragte der Kapitän und sah sie nicht gerade freundlich an. „Nimm dir ja nischt raus – mit einem alten Mann – du ...!“ „Nee, aber ich habe jeglaubt, weil Sie solche dicke, weiße Püscheln an die Ohren haben, könnten Sie nich jut hören.“ „Wat – wie ...?“ Und weiter fuhr er sie an, ob das wohl Lebensart sei, solche Bemerkungen zu machen? In ihrem Alter habe er, der Käpten Gundermann, den Mund gehalten, bis er gefragt worden sei. „Aber ich habe doch eben bloß – – –“ „Na, na – nicht räsonieren! Für ein Frauenzimmer deines Alters schickt sich das nicht! Was hast du da in dem Tuch ...?“ Lore hatte nicht übel Lust, ihm jetzt zu sagen, daß die dicken Püscheln an seinen Ohren ihn doch schwerhörig machten, denn sie habe doch gleich beim Eintritt gesagt, daß sie mit der Plättwäsche komme. „Wie komme ich – Käpten Gundermann – dazu, Wäsche nachzuzählen ...?“ Lore murmelte etwas von Beschwerden und wurde sich dabei darüber klar, daß sie diesmal wohl kein Glück mit der Apfelsine haben werde. Es sei denn, daß sie mit dem Herrn Kapitän anders verfahre ... Endlich war er bereit, die Wäsche anzusehen. Das Mädel reichte ihm die Stücke hin, und er verglich ihre Angaben mit den Zahlen auf dem Zettel. „Dreizehn Kragen“, sagte Lore jetzt. „Es sind nur zwölf“, sagte der Kapitän. „Vielleicht is das ein Schreibfehler aufs Papier!“ Auf so etwas lasse er sich – Käpten Gundermann – nicht ein. Geschrieben sei geschrieben, und seine Tochter, die Frau Semper, sei gerade mit Zahlen höllisch genau. Wenn Lore nicht dreizehn Kragen abliefere, so gäbe er eben die ganze Wäsche zurück, und dann könne sie sich ja morgen mit Frau Semper selbst auseinandersetzen.

Lore überlegte eine kleine Weile, hantierte in dem Einschlagetuch und – meinte bereitwillig: „Ich werde noch mal nachzählen.“ Es waren wirklich dreizehn Kragen. Der Herr Kapitän müsse sich versehen haben ... „Hm!“ Als er jetzt nachprüfte, stimmte es wirklich: dreizehn Stück. – „Hm! Hm! Noch etwas? – Nee? – Also die Wäsche stimmt; auf was wartest du noch?“ „Also – mit die Bezahlung eilt es nicht so“, erwiderte sie zögernd. „Mutter kommt morgen sowieso her!“ „Gut – gut – und adjes!“ Ja, damit war Lore also wohl entlassen und wußte nun nicht mehr, wodurch sie ein längeres Verweilen begründen könnte. So ging sie zögernd nach der Tür und schnupperte, so viel sie konnte, von dem süßen Duft ein: die Apfelsinenschale stand wirklich auf dem Tisch. „Adje, Herr Kapitän!“ Einen so schönen Knicks hatte sie noch nie gemacht. „Biste denn noch immer nich draußen?“ Sie kam gleich wieder zurück. „Herr Kapitän, sind Sie mir nich böse, aber ...“ „Na – wat jiebts denn noch ...?“ „Herr Kapitän, können Sie mir das nich mit dem Nordpol und dem Südpol erklären? Ich hab’s nich richtig verstanden, als es uns Herr Lehrer Klaus heute früh gesagt hat – und morgen muß ich’s doch wissen!“ „Dann paß andermal besser auf. Das ist doch ’ne janz einfache Sache: Der Nordpol is oben und der Südpol unten – verstehste ...?“

„Aber die Erde dreht sich doch! Lehrer Klaus hat es an ’ner Apfelsine klargemacht, ich hab’s bloß nicht so jenau sehen können!“ „So – an einer Apfelsine? Ja – da müßte man es doch eigentlich sofort begreifen. Also, mal aufgepaßt! – Hier oben, wo der schwarze Knubben sitzt, da ist der Nordpol – und hier unten – das ist der Südpol. Und wenn sich die Erde dreht, denn dreht sie sich um ihre eigene Achse und doch nicht von oben nach unten!“ „Hat denn ’ne Apfelsine och ’ne eigne Achse?“ „Aber janz gewiß!“ „Sag mal, willst du mir eigentlich verrückt machen mit deine dusseligen Fragen, du Jöre ...?“

„Nee – aber ich muß es morgen jenau wissen, denn Lehrer Klaus is so streng!“ „Das muß er auch, falls etwa noch mehr solcher dummen Jören in eurer Klasse sind!“

„Ooch – so dumm bin ich nu jrade auch nicht! Ich hab’ es damals gleich verstanden, daß die Kuh einen vierfachen Magen hat. Und auch das von die zwei Vorkammern und die zwei Herzkammern des Menschen weiß ich janz jenau!“ „Häh – von was ...? Herzkammern? Zu meine Zeit hat man so was in die Schule nich gelernt, ich – Käpten Gundermann – weiß auch nich, ob das nu so absolut notwendig ist!“

„Aber das von die Achse?“ „Ja – das muß jeder Mensch wissen, der etwas auf sich hält!“ „Na – Herr Kapitän, wollen Sie da nicht so gut sein und mir’s erklären?“ Der alte Herr sah das vor ihm stehende Mädel eine Weile starr an. Dann sagte er: „In Brasilien hab’ ich mal – ’ne Klapperschlange gesehen, die hat noch geklappert, als sie schon tot gewesen ist. Und an diese Klapperschlange muß ich denken, wenn ich dir so vor mir sehe.“ „Ich bin noch nie in Brasilien gewesen!“ „Na – dann wünsche ich dir, daß du möglichst schnell dorthin kommst!“ „Wachsen denn da Appelsinen?“ „Nee, aber Pfeffer! Und nu ’raus! – Deine Mutter wartet schon lange auf dir!“ „Nee – das nu grade nich!“ Lore schüttelte den Kopf. „Möchste nicht jetzt endlich die Freundlichkeit haben, nach Hause zu gehen?“ klang es nun schon dringlicher. Nun war also wirklich nichts weiter zu machen, und so empfahl sich Lore nochmals mit einem schönen Knicks und ging.

Als Frau Semper mit ihrer Tochter ein paar Stunden später nach Hause kam, fand sie den alten Herrn in der mürrischsten Laune. „Die Kinder von heute“, sagte er, „lernen lauter dummes Zeug in die Schule! Mit Kuhmagen und den Herzmuskeln wissen sie Bescheid, aber wie es mit die Erdachse is, das begreifen sie nicht, selbst wenn man es ihnen janz jenau erklärt. Und deutlicher wie hier – an so ’ner Appelsine – kann man es doch wahrhaftig nich zeigen.“ So – so! Also deshalb sei er so verstimmt. Und die Lore Lorenzen habe es nicht begreifen können ...? Ja – mit der sei das aber auch so eine Sache – ob sie denn eine Apfelsine bekommen habe, meinte Frau Semper. „Nee! Gerade weil sie sich so furchtbar dämlich anstellte, hab’ ich ihr keine gegeben!“ „Aber das Mädel bekommt doch immer eine Apfelsine, wenn sie die Wäsche abliefert!“ „Hä – wat ...?“ Dazu schüttelte der Alte den Kopf und lächelte verschmitzt. Er kniff das linke Auge zu und dachte offenbar angestrengt über etwas nach. Und dann brummelte er vor sich hin: „Na – sowat is mir wahrhaftig noch nich vorgekommen!“ Eine halbe Stunde später aber mußte das Mädchen gehen und der Witwe Lorenzen das Geld für die Plättwäsche bringen. Außerdem hatte das Mädchen noch einen Auftrag. „An Lore?“ „Ja – an Lore! Der sollen Sie diese Tüte mit den beiden Apfelsinen geben und dazu bestellen: Herr Kapitän Gundermann hat sie selbst ausgesucht, es sind die beiden schönsten, und Lore soll mal sehen, ob sie die Achsen darin findet.‘“

Na – das mit den Apfelsinen war ja nach Lores Meinung nur recht und billig, aber sie wunderte sich und war sehr enttäuscht, daß nicht auch Lili eine Bestellung für sie mitgegeben hatte. Sie fragte danach das Dienstmädchen besonders. „Was bildest du dir eigentlich ein?“ fragte die Mutter, als das Mädchen gegangen war. Lore verzog sich mit ihrer Apfelsine – die andere behielt die Mutter für morgen – und aß sie samt der Schale auf, ohne sich um die „Achse“ zu kümmern. Sie kam dabei zu der Überzeugung, daß sie nur durch die Agnes Bertram an Lili Semper herankommen könne. Aber da galt es schlau zu sein ....

6

Am nächsten Nachmittage trafen sich Lore und Agnes, wie sie es in der Schule verabredet hatten, vor der Drogerie, gerade als die Nikolaiturmuhr die vierte Stunde schlug. Eilig, wie zwei, die etwas im Schilde führen, gingen sie durch allerlei Nebenstraßen bis in die Nähe von Lehrer Klaus’ Wohnung. Kein Wort hatten sie bis jetzt miteinander gesprochen, denn das Vorhaben war ja bereits bis in die kleinste Einzelheit sorgfältig überlegt worden. Aber nun, als sie den Molkenmarkt betraten, blieb Agnes stehen. „Erst schwöre, daß du es auch wirklich nicht verraten willst“, sagte sie. „Ich schwöre!“ sagte Lore ebenso feierlich und zog dabei, wie es die Zeremonie der Klasse verlangte, mit dem Absatz der Goldkäferschuhe, die sie heute angezogen hatte und die gar nicht mehr drückten, drei Kreuze auf den Steinen. Aber das genügte Agnes nicht. „Nee – schwöre lieber, daß du ’ne Spinne werden und ewig Fliegen essen willst, wenn du es doch verrätst!“ Lore beschwor auch dies, war also bereit, ein Tier zu werden, das Agnes jederzeit zertreten konnte. Um es gleich zu sagen: es handelte sich um einen furchtbaren Racheakt gegen den Lehrer Klaus, der heute morgen Agnes einen Tadelstrich ins Klassenbuch gegeben hatte, weil sie ihr Lesebuch vergessen hatte. Man denke: ihr, der Agnes Bertram – die doch jederzeit in die Schule für höhere Töchter gehen konnte. Gleich nachdem Agnes am Mittag nach Hause gekommen war, hatte sie aus der Zeitung so viele gedruckte Buchstaben ausgeschnitten, daß sie damit folgenden Vers zusammensetzen konnte:

„Lehrer Klaus –

Hast ’ne böse Frau zu Haus!

Ja, sie ist ’ne böse Sieben – – –

Darum gehst du Kegel schieben.“

Eine halbe Flasche Gummiarabikum hatte es gekostet, ehe es geglückt war, die einzelnen kleinen Buchstaben dieses Gedichts, das zusammen mit Lore während der Religionsstunde verfaßt worden war, richtig zusammenzustellen. Es wäre ja einfacher gewesen, das Gedicht aufzuschreiben, aber die Handschrift ... Sie hätte natürlich leicht zum Verräter werden können.

Der teuflische Plan, das Gedicht aus Druckbuchstaben zusammenzusetzen, stammte von Lore. Agnes zeigte ihr nun – hier am Molkenmarkt – das kunstvolle Machwerk, an dem sie so lange gearbeitet hatte. Lore überzeugte sich, daß das Gedicht wirklich Wort für Wort stimmte, und nun war sie an der Reihe, ihre Aufgabe zu erfüllen: den Zettel mit dem Gedicht in den Briefkasten des Lehrers zu stecken, an der Tür zu klingeln und davonzulaufen. Geschworen hatte sie nun einmal, es gab also kein Zurück mehr. Also nahm sie das Papier in Empfang, während Agnes wartete. Lore schlich an den Häusern entlang in den dunklen Hausflur, stieg doch ein wenig beklommen die Treppen hinauf, bis sie im dritten Stock das Schild mit der Aufschrift „Klaus“ entdeckte und steckte das Gedicht in den Briefkasten. Dann riß sie an der Klingel und raste wieder hinunter. Agnes war zunächst noch mißtrauisch, ob die Lore den Auftrag auch wirklich ausgeführt hatte und wollte nochmals einen Schwur ... Aber da – und das war schließlich überzeugender als alle Schwüre zusammen – fing Lore plötzlich zu weinen an. „Ich hab’ Jewissensbisse“, heulte sie. „Wenn es nu ’rauskommt“ ... Agnes nannte sie eine alte Pute, doch es half nichts – Lore hatte furchtbare Angst. Agnes nannte sie „affig“ – „dumme Jans“, aber Lore begann nur noch heftiger zu schluchzen, bis sie schließlich der Bock stieß. Und nun merkte Agnes mit Schrecken, daß sie sich in Lore nicht die richtige Helfershelferin gewählt hatte. Morgen, wenn Lehrer Klaus fragte, wer das Gedicht in seinen Briefkasten gesteckt habe, dann würde die dumme Lorenzen sicherlich rot und blaß werden, und wenn er dann weiter forschte, würde Lore sicherlich den Finger hochheben und alles verraten. Agnes Bertram hatte sich die Sache so hübsch gedacht: Sie wollte mit ihrer Freundin, nachdem alles geglückt war, zu Konditor Gumpert gehen und dort entweder Nußtorte mit Sahne oder vielleicht auch zwei Tassen Schokolade spendieren. Und dann wollten sie sich ausmalen, wie Lehrer Klaus unterdessen sicherlich wie ein Wilder in seiner Wohnung hin und her rannte, weil er nicht herausbekam, wer ihm diesen Streich gespielt hatte. Als Lore hörte, daß es zum Konditor gehen sollte, wurde sie ruhiger. Und als sie dann beide in der Hinterstube auf dem schwarzen Ledersofa saßen und die heiße Schokolade kosteten, da wurde sie sogar ganz vergnügt und machte es übermütig nach, wie Lehrer Klaus wahrscheinlich vor Wut an seinem Bart kaute. Als aber der süße Schmaus vorbei war, wurde Lore wieder melancholisch und sah plötzlich alles in sehr trübem Licht. Schon das grüne Papier, auf das die Buchstaben geklebt waren, konnte ja so leicht zum Verräter werden, denn solch grünes Papier gab’s doch nur in der Drogerie. Um auch diese Bedenken zu beschwichtigen, bestellte Agnes noch zwei Nußtorten mit Sahne, und die Freundin wurde wiedervergnügt und gab zu, daß freilich auch der Kaufmann manchmal solches Papier nähme, z. B. wenn er Seife einpackte. Als sie den letzten Bissen der Nußtorte verschluckt hatte, begann sie jedoch plötzlich wieder heftig zu weinen. „Es is jemein von dir, daß du mir tottreten willst! Is doch schon Strafe jenug, wenn ich eine Spinne werden und Fliegen oder anderes ekliges Zeug fressen muß.“ „Ja – wenn du aber den Schwur nicht hältst“, sagte Agnes kalt. „Den Schwur will ich schon halten! Hast du mal Bonbons mit Himbeerfüllung gegessen – wie schmecken die eigentlich?“ Agnes zählte unter dem Tisch verstohlen ihr Geld und ließ die Absicht durchblicken, ein viertel Pfund Bonbons mit Himbeerfüllung zu kaufen. Wenn Lore dann aber immer noch nicht ihren Schwur halten wolle, dann sollte sie eine Küchenschabe werden, und Agnes werde sie in kochendes Wasser werfen ... Lore war nun sehr beleidigt: „Pfui – so ein ekliges Tier!“ Sie wollte durchaus nichts mehr von Bonbons mit Himbeerfüllung wissen. Im Gegenteil, sie wollte nach Hause. Denn ihr sei so schrecklich angst und bange.

Am anderen Tage, als Lehrer Klaus wirklich fragte, wer das schändliche Gedicht in seinen Briefkasten gesteckt habe, behaupteten auch sie beide mit eiserner Stirn, von nichts zu wissen. Nein, nicht das geringste wußten sie von solch einer Gemeinheit ... So kam Lehrer Klaus auf seine ursprüngliche Vermutung zurück, daß ihm nur ein Junge diesen Schimpf angetan haben könnte. Nun – er würde es ja doch noch herausbekommen.

Doch die Geschichte hatte noch ein unerwartetes Nachspiel: Agnes kam bald darauf in die „Schule für höhere Töchter“. Sie hatte ihrer Mutter erzählt, welch schändlichen Verdacht Lehrer Klaus gegen sie gehabt habe, daß er sie schon lange „auf dem Strich“ habe und sie neulich sogar wegen nichts und wieder nichts tadelte. Das war endlich der rechte Anlaß für Frau Bertram, ihrem Gatten klarzumachen, daß er sein einziges Kind doch wohl nicht mit „Waschweiberjören“ auf einer Bank sitzen lassen dürfe. So „stramm liberal“ auch der Herr Drogist im allgemeinen war – seiner Frau gegenüber drang er nicht immer mit seinen Ansichten durch. Auch diesmal trug sie den Sieg mit ihrer konservativen Anschauung davon, daß eine Drogistentochter unbedingt in eine „Schule für höhere Töchter“ gehöre.

7

Immer dann, wenn Kapitän Gundermann sich die Haare hatte schneiden lassen, war er verdrießlich. „Es fehlt ihm dann was“ – pflegte sein Schwiegersohn als Erklärung zu sagen. Obgleich Herr Semper eigentlich am besten mit dem Alten auskam, so war es doch auch ihm an solch einem Tage lieber, wenn sie sich nicht sahen. Heute, als Kapitän Gundermanns Kopf nach der Prozedur bei Barbier Quarge wieder so viel kleiner geworden war und die weißen Ohrpüschel noch weiter als sonst abstanden, war der Alte gleich nach dem Mittagessen mit seinem Stock aus Bambus davongestampft. Wo sollte er denn auch – Schockschwerenot! – bleiben, wenn es, wie heute am Sonnabend, in jeder Straße nach frischer Wurst roch und zu Hause, bei Sempers, Tanzstunde war! „Tanzstunde ...!“ Dieses Kroppzeug – was brauchte das jetzt schon tanzen zu lernen! Wenn er in seinen jungen Jahren ein Mädel umfaßte, hatte es sofort tanzen können, ohne je im Leben Tanzunterricht gehabt zu haben ... Es kam ja nur auf die Musik an, ob es ein Schleifer oder ein Schottischer werden sollte. Freilich – einer mußte dann Harmonika spielen, so ein verflixter neumodischer Klimperkasten taugte nichts Richtiges. Ach überhaupt, die liebe Zeit heutzutage! Es kann ja gar nicht genug Geld hinausgeschmissen werden für allerhand dummen Unterricht, wenn nur dieser Zieraffe – seine Enkeltochter Lili – so dressiert wurde, daß sie mit all diesen teuer gewordenen Eigenschaften später einen Mann ergatterte. Hatte er – Kapitän Gundermann – etwa seine Tochter tanzen lernen lassen ...? Näh! Und hatte sie im richtigen Augenblick nicht schließlich doch so gut getanzt, daß sie die beste Partie machte und den reichen Fabrikherrn erwischte...? Und was war denn das nun wieder für ein parfümierter Wiedehopf, der sich eben so schnell an ihm vorbeischlängelte, ohne zu knicksen? Das war doch die Agnes Bertram, mit der die Lili hinter seinem Rücken jedesmal vor Lachen zerplatzen wollte. Eilig hatte sie’s, damit sie ja bloß noch rechtzeitig zu der Hopserei kam. Wie eine Fregatte im Sturm segelte sie dahin in ihrer weißen Kledasche ... Dieser Kerl von Barbier – dieser verflixte Quarge – mußte ihm diesmal sicherlich doch die Haare zu kurz geschnitten haben. Das war ja, als wenn man Pfefferminzplätzchen auf dem Kopf hatte. Nein, bei diesem Winde kann man es im Freien heute wahrhaftig nicht aushalten. Vielleicht, wenn er mit Steuermann Jens einen Grog trinken würde oder ein Fläschchen von dem guten Roten im Bulettenkeller am Molkenmarkt – oder einen Schwedenpunsch? Aber da würde es dann gleich wieder heißen: „Kapitän Gundermann heizt jetzt schon am hellichten Tage ein ...!“ Er mußte sich’s also verkneifen, genauso wie seinerzeit, als seine Selige noch lebte, die es ihm sogar anriechen wollte, wenn er sich auf seinen Reisen da oben bei Grönland mal mit einem „Steifen“ ein bißchen aufgetaut hatte. Steuermann Jens war nicht zu Hause. Na, also, da hieß es, jetzt Backbord steuern und den Kurs auf die „Nußbaum“-Kneipe nehmen. Der Alte erinnerte sich, daß er dort einmal einen ganz unheimlich guten Tropfen bekommen hatte. Wie Lakritzenwasser hatte es ausgesehen, aber wie alter Portwein hatte es geschmeckt. Vielleicht war Steuermann Jens dort – der hatte ja auch so seine Erfahrungen von früher.

Als Kapitän Gundermann in der Schummerstunde den „Nußbaum“ verließ, da kam es ihm schließlich vor, als sei es draußen inzwischen etwas nebelig geworden ... Aber das tat nichts, denn ihm war ja nun wieder warm – auch um den Kopf herum – und seine Stimmung hatte sich ebenfalls gebessert.

Sie war so gut geworden, daß er zuweilen glaubte, auf seinem braven Schiff, dem „Pottwal“, zu sein. Fest an sich gepreßt trug er unter dem Arm eine alte Ziehharmonika. Die hatte er in seiner Begeisterung soeben dem Schiffer abgekauft, der im „Nußbaum“ das „Lang – lang ist’s her“ so rührend vorgetragen und als Zugabe dann noch einen Hopser gespielt hatte. Die gute alte Melodie klang ihm noch immer in den Ohren, und nun wollte er daheim mal probieren, ob er sie auch so schön herausbekäme. Er besaß doch so gute musikalische Anlagen. Aber – standen da nicht zwei kleine Mädchen vor dem Haus in der Breiten Straße und gafften in die Stuben, wo die geputzten Dinger immer noch um den Klimperkasten hopsten? Nein – das war nur ein einziges Mädel – in dem verwünschten Nebel sah man es nur nicht gleich so genau ... Es hatte blonde Haare und eigentümlich blaue Strümpfe und sah akkurat so aus, wie die Witwe Lorenzen früher ausgesehen hatte, ehe sie die große Dummheit machte, ihre gute Stellung aufzugeben und sich mit dem Juvivallera-Lorenzen zu verheiraten. Ja, so sah das Ding da drüben mit den blonden Haaren und den blauen Strümpfen aus. „Häh – was stehst du denn hier und glotzt anderen Leuten heimlich in die Fenster?“ Lore Lorenzen fuhr erschrocken herum: „Na – is denn das verboten?“ „Verboten, höh? Aber was brauchst du draußen zu stehen in dem kalten Nebel, wenn du ebensogut drin sein kannst ...?“ Lore sagte zur Erklärung, daß sie – weil doch heute Sonnabend sei – die Plättwäsche für den Herrn Semper hergebracht habe. Kapitän Gundermann meinte daraufhin rundheraus, daß das eine infame Lüge sei. Er wollte sich selbst krumm schließen und in Eisen legen, wenn sie – „du Kücken der Witwe Lorenzen!“ – nicht den geputzten Zieraffen nachgelaufen sei, weil sie neidisch wäre. „Wo is denn die Appelsine, hä ...?“

„Die Appelsine?“ „Ja, ich, Kapitän Gundermann, weiß janz jenau, daß du für das Wäscheabliefern doch immer eine Appelsine bekommst – na – wo ist denn die heute ...?“ „Diesmal hat es keine gegeben, denn Frau Semper hatte keine Zeit – von wegen des Balles!“ „Ball – wa – at? Daß die Frauenzimmer für jeden Quark so hochnäsige Ausdrücke haben müssen! Wenn du meine Tochter wärst, bekämst du jetzt eine jeschwappt. Denn Hochmut kommt vor dem Fall; hast du das nich in der Religionsstunde gelernt? Aber nu erstmal vorwärts marsch ins Haus! Das mit die Appelsine muß jenau untersucht werden. Und dann sollst du auch einen Hopser lernen, damit du später mal einen rechtschaffenen Mann bekommst. Häh – wie? Heimlich davonsegeln ...? Nee, nee, das jiebt’s nich! Willst wohl meinen Enterhaken ins Jenick haben? Nee? Na denn also los!“ Und so erschien Kapitän Gundermann mit einer Harmonika und Lore in dem Salon ... Es wurde gerade Quadrille getanzt, und Frau Semper teilte mit Liebe und kluger Berechnung die Schokoladentorte ein. Es sah zuerst nach einer Panik aus: Madame Kühn, der Tanzlehrerin, blieb vor Entsetzen das Kommando im Halse stecken, und ihre Schwester Aline, die am Klavier saß, bekam plötzlich den Krampf in die Finger. „Duddelduddeldei – man weiter“, schrie der Alte, „scheniert euch bloß nich – hopsassa – trallala!“ Frau Semper, seine Tochter, war eine sehr verständige Frau und nicht umsonst ein Kapitänskind. Sie wußte, daß ein Schiff, selbst wenn es zum Wrack geworden war, Leuchttürme und Blinkfeuer nicht unbeachtet ließ. Hochaufgerichtet stand sie inmitten der brandenden Wogen von weißen Kleidchen, und ihre Augen wirkten wie Scheinwerfer. „Häh – wat?“ Nein, er, der Kapitän Gundermann, ließ keine Raketen hochgehen, denn es war kein Schiff in Not. Sicher und glatt landete er in einem bequemen Sessel und sang dabei: „A Yankee boy is trim and tall ...“ Aber plötzlich unterbrach er sich und schrie wie ein Nebelhorn: „Jut’n Tag, kleine Damen, alle miteinander! Jetzt wird Käpten Gundermann mal aufspielen, und die Lorenzen da soll was vortanzen!“ Von allen wie ein Wunderkind angestarrt, stand Lore mitten auf der blank gebohnerten Diele. Aber sie „schenierte“ sich nicht, sondern faßte sofort mit beiden Händen ihr Kleid und begann, sich – während der Alte noch die Harmonika in Gang brachte – wie ein Boot auf dem Wasser – in den Hüften zu wiegen. Und dann ging’s los. Die Augen fest auf die feine, schlanke Lili und die geputzte Agnes gerichtet, sang Lore mit ihrer hohen Stimme:

„Wenn da ein Pott mit Bohnen steht –

Und da ein Pott mit Brüh’ –

So laß ick Brüh’ und Bohnen stehn

Und tanz’ mit mein’ Marie!“

„Hoho, wat sagen Sie nun dazu, Madame Kühn?“ schrie begeistert der Alte. Aber die konnte sich bei dem Klappern von Lores Holzpantoffeln nicht verständlich machen, wollte es offenbar auch nicht und hielt sich beide Ohren zu. Und während sich nun Kapitän Gundermann, rachegierig wie ein alter Tiger, an die Großen hielt, überzeugt, daß er gar keinen ärgeren Greuel verüben könnte – höchstens, wenn er noch ein bißchen fluchte – tanzte Lore immer gerade auf die von den kleinen Mädchen zu, die sie schon lange gerne einmal auf die Zehen getreten hätte, weil sie sie nicht leiden konnte. „Eine Zimtkröte – wer nicht mittanzt!“ schrie da der Alte. Plötzlich tat sich die Tür auf, und Herr Semper selbst erschien. Er trug, wie immer, einen feinen, schwarzen Rock, aber sein rotes, frisches Gesicht unter dem grauen Haar sah heute noch verschmitzter aus als sonst.

„Bravo, bravo!“ sagte er, als es einigermaßen still geworden war. „Ob denn aber die Lore und auch die anderen ‚Flim die Modderken‘ singen und tanzen können?“ Nein – na, dann wolle er es mal vormachen, und alle sollten es ihm nachmachen. „Und Großvater“ – sagte er mit etwas erhobener Stimme, „du bist wohl so gut, mir einen Augenblick die Harmonika zu leihen“. Kapitän Gundermann erklärte, daß das Instrument jetzt keinen Wert mehr für ihn habe, wenn er auch die Absicht gehabt, noch „Schüttelt die Büx“ zu probieren. „Na, dann man los!“ – sagte Herr Semper und begann zu spielen. – „Vorwärts, Lore, hinter mir her!“ „En avant“ – kommandierte Madame Kühn, die nicht umsonst in Paris gewesen war. Rasch öffnete sie die Flügeltür zum Nebenzimmer: „En avant – en avant“ ...

„Flim die Modderken,

Flim die Modderken –

Flim die Modderken, flim!“

sang Herr Semper, und im Tanzschritt ging’s hinaus. Er selbst mit der Harmonika voran, Lore mit einem Knallbonbon, den sie in der Ecke gefunden hatte, hinterher, dann Agnes und Lili, die beiden Unzertrennlichen, Hand in Hand und dann die ganze Schar der kleinen Mädchen, jetzt Fräulein Aline mit ihren Noten und endlich Madame Kühn mit ihrem Pompadour. Und ganz zum Schluß kam auch noch mit der Schokoladentorte Frau Semper. Kaum, daß sie im Zimmer war, schloß sie die Flügeltür hinter sich, weil Kapitän Gundermann, nun ganz für sich allein, so laut er konnte, das Niederländische Dankgebet zu singen begann. Zweimal ging der Tanz um den großen, runden Eßtisch herum, und dann wurde die Schokoladentorte verteilt, und Lore bekam das größte Stück, weil sie so gut getanzt und damit eigentlich das Beste zum Gelingen des Abends beigetragen hatte.

Als die kleinen Mädchen bald darauf nach Hause gingen – der Alte nebenan sang gerade: „God save the King“ – waren sie einig, daß es bei Sempers noch nie so schön gewesen wäre wie heute. Der spaßige Kapitän Gundermann aber war in ihren Augen völlig gerechtfertigt, trotz der komischen Ohrpüschel, die er besaß.

8

Bald eine Woche später kam der Briefträger Pankraz in der Morgenfrühe bedächtig über das Katzenkopfpflaster des Spreewinkels, ging durch den Küterhof und bog in die Friedrichsgracht ein. – Von jedem Fenster und aus jeder Haustür spähten neugierige Augen, wohin er wohl seine Schritte lenken werde. Vor dem Häuschen, in dem Frau Lorenzen wohnte, blieb er stehen und klopfte an die Scheibe. Als die Witwe aus dem Fenster sah und Pankraz erblickte, bekam sie einen gewaltigen Schreck: Briefe brachten ja ihrer Ansicht nach stets Unglück. Aber Pankraz hatte heute gar keinen Brief für sie, sondern eine mündliche Bestellung. Ja – von Meister Kranold, dem Schuhmacher, rein aus Gefälligkeit. Pankraz schnupfte schnell noch einmal und fragte die Witwe, die ganz rot geworden war, ob er einen Bescheid mitnehmen solle. Meister Kranold wolle heute Schlag drei der Witwe Lorenzen einen Besuch machen. Ob es ihr passe oder ob sie etwa Wäsche habe, und welcher Tag ihr dann sonst für seinen Besuch angenehm wäre?

Anna Lorenzen entschied sich schneller, als ihr nachher lieb war. Denn kaum, daß Pankraz fort war, bekam sie Bedenken und bereute es heftig, daß sie den Besuch so rasch angenommen hatte. Aber sie wußte ja längst, daß Kranold ein Auge auf sie geworfen hatte. Nun war er also entschlossen, ihr seinen Antrag zu machen. Lange genug hatte er damit gewartet ... Obwohl ihre Stube sowieso blitzblank war und noch nach grüner Seife roch, bekam Anna doch plötzlich das Reinemachfieber. Es hätte nicht viel gefehlt, daß sie noch rasch einmal die Gardinen abgenommen und gewaschen, obwohl die Vorhänge kaum vor drei Tagen frisch aufgehangen waren. Erst als Lore aus der Schule kam, dachte sie an das Mittagbrot. Na – an solch einem Tage fehlte es einem ja doch an dem rechten Appetit; die Aufregung war viel zu groß. Und so machte die Mutter nur für das Mädel einen Eierkuchen, dicker als sonst mit Zucker bestreut. Lore riß die Augen auf, als sie diese Gunst gewahr wurde. Sie sah die Mutter verwundert an – sie ahnte ungewöhnliche Ereignisse. Aber wenn die Mutter auch Lores Staunen bemerkte, so hatte sie doch nicht Lust, sich jetzt mit ihr in Auseinandersetzungen einzulassen. „Wenn du fertig bist, werde ich dir das Haar machen!“ Das Haar machen ...? Lore machte Stielaugen, aber sie sagte nichts, sie wußte, abwarten war in solcher Lage das beste. Da begann sich Anna Lorenzen plötzlich über ihre Tochter zu ärgern: „Siehste vielleicht ein Jespenst, daß du so jlotzt ...?“ „Ein Jespenst? Nee, aber mir ist so unheimlich zumute!“ erwiderte Lore etwas kleinlaut. „Damals, als Tante Amalie gestorben war, hast du auch solche roten Backen jehabt – und denn hat es auch Eierkuchen jejeben – und ...“ „Ja – und du bist ’ne dumme Gans! Denn damit du es nun weißt: Ein jroßes Glück steht uns bevor, weil Meister Kranold kommen und dein zweiter Vater werden will. Kiek nich so dämlich, Mädel, mach die Klappe zu!“ Das tat Lore denn auch nach einer Weile, aber gescheiter sah sie trotzdem nicht aus. „Muß ich dann zu dem Schuster Vater oder Stiefvater sagen? Das bring’ ich nicht fertig – nee, nich so und nich so!“ „Herr Kranold is ein sehr netter und freundlicher Mann!“ „Aber er hat einen schwarzen Daumen wie ein Mörder ...!“ „Wa–at!“ Die Mutter hielt es für nötig, ihrer Tochter wieder einmal zu zeigen, daß sie noch immer die resolute Frau von früher war, die mit einem einzigen Griff so ein kleines, ungezogenes Ding über das Knie ziehen konnte ... Und dann saß Lore in der Kammer und heulte zum Gotterbarmen und hörte erst auf, als es klingelte und nebenan in der Stube die zaghafte Rede des Schuhmachers Kranold laut wurde. Lore konnte ihn genau durch das Schlüsselloch sehen. Wenn er nur nicht diesen Daumen gehabt hätte, der so bösartig von den anderen Fingern abstand ...! Dann sähe er in dem blauen Sonntagsrock mit dem hohen weißen Kragen wirklich ganz stattlich aus. Und jetzt sprach die Mutter ... Aber ganz anders als sonst, ebenso feierlich, wie Kranold gesprochen hatte. Nein, noch feierlicher! Und dabei machte sie ab und zu eine Art Knicks ... Aber was war das? Was sagte die Mutter ...? „Es jeht nich – da is ein Hindernis! Lore, meine Tochter, die sich nicht fügen will!“ Dann ging die Rede wieder hin und her. Bald schien es, als wollten die beiden sich umarmen, dann aber wieder, als seien sie einander wildfremd. Meister Kranold wurde immer hitziger und röter und fuchtelte mit dem Daumen, aber dann schrie er plötzlich mit schrecklicher Stimme: „Dieses Hindernis wird beseitigt! – Ick werde es beseitigen ...!“ Und damit kam er auf die Kammertür zu.

Als Lore das bemerkte, riß sie die Tür auf und stürmte mit einem Satz an dem Manne vorbei in die Stube. Dort sprang sie zum offenen Fenster hinaus auf die Gasse und rannte weg, heulend und keuchend, denn morden wollte sie sich nicht lassen ... Das sagte sie auch Herrn Bertram, als sie an seinem dicken Bauch anprallte, und auch Herrn Semper, dem sie bald zwischen die Beine lief, und schließlich auch dem Lehrer Klaus, den sie auf ihrer Flucht vor dem schrecklichen Kranold traf.

„Ja – ich bin ein Hindernis und soll beseitigt werden, damit der Schuster meine Mutter heiraten kann!“ Alle wollten das Mädel aufhalten, aber es rannte weiter. Dann kam ihr noch Kapitän Gundermann in den Weg. Hier aber ging die Sache schief. Er verstand sie nicht gleich wegen seiner Schwerhörigkeit – und dann geriet er selbst in Wut, weil ihm Kranold einmal zu enge Stiefel gemacht hatte. Als Lore nun auch hier eiligst weiter wollte, schob er ihr seinen gelben Bambusstock zwischen die Beine. Bums – da lag sie! Dann faßte er sie beim Zopf und ließ sie nicht mehr los. Die Sache müsse doch gründlich untersucht werden, sagte er. Und wenn Lore jetzt nicht gleich mit Brüllen aufhöre, würde er ihr sein großes Taschentuch in den Mund stopfen. Kapitän Gundermann konnte wegen der Gicht in seinen Knochen nicht so schnell vorwärts, und weil es doch bis zur Friedrichsgracht ein ganzes Stück Weg war, nahm er eine Droschke. Aber Kranold war nicht mehr da, und mit der aufgeregten Witwe hatte Kapitän Gundermann nichts weiter zu schaffen: hier sei ihre Tochter – und sie, Frau Lorenzen, solle auf sie aufpassen, wenn sie das Ding in die Welt gesetzt habe! Ob es an einer solchen Jöre nicht schon genug sei. Der Teufel aber solle dreinschlagen und dem verdammten Kerl, dem Kranold, in die Gedärme fahren! Nun wisse man ja, warum er zu enge Stiefel mache – wenn er mit solchen Gedanken ’rumliefe! Und sie, Lorenzen, solle sich schämen. Sie wäre doch bisher eine ganz reputierliche Person gewesen. Aber daß bei ihr auch etwas nicht in Ordnung sei, hätte er, Kapitän Gundermann, schon bei der letzten Wäsche bemerkt. Blau sei sie gewesen wie der Stille Ozean! Und so ging das noch eine ganze Weile fort, und es nutzte auch nichts, daß die Witwe Lorenzen hoch und heilig versicherte, daß sie den Antrag Kranolds abgelehnt habe. Der Kapitän wurde nur noch wütender. Als er in seiner Droschke endlich wieder abgefahren war, wußte man im ganzen Viertel, daß an der Witwe Lorenzen und am Schuhmacher Kranold kein gutes Haar war. Denn der Kapitän Gundermann, wenn er auch alt war, hatte immer noch eine Stimme, die straßenweit reichte. Im „Nußbaum“ besprach man später die Angelegenheit ebenfalls. Der Steuermann Jens machte niederträchtige Witze über den forschen Kranold, und Briefträger Pankraz, der sich gar nicht ganz unschuldig an dem Unheil wußte, stand dabei und grinste über das ganze Gesicht. Die anderen sagten „Hm“ und „Tja“ und schnalzten vor Vergnügen ein ums andere Mal. Gut nur, daß es auch noch Frauen gab, die es schändlich fanden, wenn Männer so wie die alten Weiber klatschten, ohne zu begreifen, daß eine so ehrbare Person, wie die brave Lorenzen, durch solch einen Kerl wie den Kranold doch nicht ins Gerede kommen dürfe. Diese Frauen waren kurze Zeit danach im „Gemüsekeller“ versammelt. Man nannte ihn so, obwohl es nur Heringe und Kartoffeln dort zu kaufen gab, abgesehen davon, daß an der Treppe, auf einem Bindfaden aneinandergereiht, auch einige klobige Holzpantoffeln hingen. Auch an hellen Tagen brannte hier unten immer eine Petroleumampel, die an der Decke schaukelte und stets blakte, so daß der obere Teil des zersprungenen Zylinders stark verrußt war, denn die dicke Frau Niclas hatte es längst aufgegeben, diesen Zylinder zu putzen. Die Kartoffeln lagen, als großer Berg aufgeschichtet, in einer durch schwere Holzbretter abgetrennten Bucht und die Heringe in riesigen Fässern voll brauner, schuppendurchsetzter Salzlake. Da Frau Niclas immer aufgesprungene Hände hatte, mußte es für sie eigentlich ein wahres Martyrium sein, die Fische aus dieser scharfen Salzlake herauszuholen. Doch sie war mit den Jahren unempfindlich dagegen geworden, nur ihre Lebensanschauung hatte etwas Salziges bekommen. Auf dem Ladentisch, neben der kleinen Waage, standen zwei runde, irdene Gefäße. In dem einen befanden sich Rollmöpse, in dem anderen marinierte Heringe – von Frau Niclas selbst mit Gurken und Zwiebeln eingelegt. Diese beiden Gefäße übten stets große Anziehungskraft auf die Besucher aus, eine so große, daß viele gleich an Ort und Stelle eine oder die andere Delikatesse zu essen begehrten. Dann holte Frau Niclas eine Untertasse, fischte den Rollmops oder den Hering mit einem Holzlöffel heraus und forderte zum Platznehmen auf, indem sie auf eine kleine Bank an der Wand wies, die aber ja nicht abgerückt werden durfte, weil sie nur drei Beine hatte.

Der Gast mußte also still an der Wand sitzenbleiben, wenn er nicht umfallen wollte. Und auf dieser Bank saß jetzt Frau Palmer, die Waschfrau, einen Hering auf der Untertasse, während am Ladentisch ein paar andere weibliche Wesen standen, die ihre Rollmöpse gleich vom Holzstäbchen aßen.

Alle waren darin einig, daß jetzt etwas geschehen müsse, selbst wenn die Lorenzen den Schuster an den Haaren zurückholen sollte. Frau Niclas war bereit, diese Ansicht der Witwe eindringlich darzulegen. Ja – irgend etwas mußte geschehen, so konnte die Sache nicht bleiben ... Am Abend war auch Kapitän Gundermann zu derselben Ansicht gelangt. Er war wohl wieder einmal ein bißchen zu hitzig gewesen heute nachmittag, aber das hatten die Gichtschmerzen gemacht, nun waren sie – Gott sei Dank – ein wenig vergangen. Als er sich jetzt die Kranoldschen Stiefel anzog, schien es ihm, als ob sie doch eigentlich recht gut paßten, wenn die Füße nicht gerade geschwollen waren. Er mußte doch gleich mal probieren, ob er damit ein Stück laufen konnte. Es ging sogar recht gut, und er hatte noch gar keine Lust, schon wieder umzudrehen. So ging er noch weiter und wunderte sich, daß er jetzt plötzlich vor dem Hause in der Friedrichsgracht stand. Durch das Fenster konnte man ein bißchen in die Stube sehen. Na ja – da war Frau Lorenzen und plättete, daß es rauchte; sie tat ihre Arbeit wie immer. Das war so richtige Weiberart: wegen eines Nichtsnutz von Jöre aufs eigene Glück zu verzichten und dann noch so tun, als sei überhaupt nichts gewesen ...! Fuchsteufelswild konnte man da wieder werden, wenn man so etwas mit ansehen mußte. Hatte man da nicht die Pflicht, wie ein Donnerwetter dreinzufahren? Als er nun an die Scheibe geklopft und die Witwe das Fenster aufgemacht hatte und Kapitän Gundermann gerade loslegen wollte, da blieb ihm das Wort im Munde stecken. „Häh – was soll denn det bedeuten?“ Denn dort in der Ecke saß doch wirklich die Lore mit dem Schuhmacher Kranold und lachte über seinen schwarzen Daumen.

„Häh?“ machte Kapitän Gundermann noch einmal in seinem unbändigen Erstaunen. Je nun – die Witwe Lorenzen war zwar ein bißchen verlegen, aber doch resolut. „Herr Kapitän“, sagte sie, „entschuldigen Sie man, aber ich hab’ jedacht, wenn meine Plättarbeit nischt mehr taugt und Kranolds Schusterei auch zu wünschen übrigläßt – ja, na denn is es wohl am besten, wenn wir uns beizeiten zusammentun, um gemeinsam zu verdienen. Vielleicht brauch’ ich dann keine solche Angst mehr um die Zukunft zu haben! Ja – und wenn jetzt die Plättwäsche fertig is, wollen wir ’rüber in den ‚Nußbaum‘ und Verlobung feiern!“ Ganz sachte wurde währenddem das Fenster zugemacht, aber nicht so schnell, daß Kapitän Gundermann nicht noch hätte sagen können: „Jott sei Dank – und meinetwegen könnt ihr Mazurka tanzen, bis euch die Stiefelsohlen um den Kopf fliegen!“

II. Teil

Der Schuhmachermeister Kranold hatte zweifellos eine poetische Ader, die sich oft in schönen Vergleichen äußerte: „Glückliche Jahre“ – sagte er heute – „sind wie ein Taubenflug!“ Dieser Vergleich, den er aber nicht näher erklärte und den daher Briefträger Pankraz nicht ganz so wunderschön fand wie frühere Aussprüche, war Kranold am Morgen eingefallen, als die Tauben von der Dachkante des Nachbarhauses knatternd in die klare Winterluft aufgestiegen waren, dann – bei einer Schwenkung – mit ihrem grellen Weiß die Augen blendeten und sich nachher in sanftem Bogen wieder niederließen. Als Kranold die Tiere zählte, waren es sieben Stück, gerade soviel Jahre, wie seit dem Tage vergangen waren, da er die Witwe Lorenzen geheiratet hatte. Schnell und leuchtend waren diese Jahre vergangen – wie ein Taubenflug – einen besseren Vergleich gab es gar nicht. Und wenn Pankraz das nicht einsah, so lag es wohl daran, daß er in der letzten Zeit etwas dösig geworden war.

Die Werkstatt in der Petrigasse hatte Kranold behalten. Er war nach der Hochzeit nur mit seiner Kommode nach der Friedrichsgracht übergesiedelt.

Das Mittagessen mußte Lore ihm bringen, und wenn er das Mädchen ansah, dann merkte er erst, wie schnell doch die Zeit vergangen war. Denn wie hatte sich das kleine Ding in diesen Jahren verändert. Seit ihrer Einsegnung, seitdem sie den dicken, langen Zopf hochgesteckt wie eine Erwachsene trug, sprach sie immer wieder davon, bei Fräulein Lohr, der Putzmacherin am Molkenmarkt, als Lehrmädchen eine Stellung anzunehmen. Sie wollte hoch hinaus, die Lore, gut nur, daß er, Meister Kranold, ein so demütiger und gottesfürchtiger Mann war, der wohl wußte, daß die Heilige Schrift vor dem Laster des Hochmuts warnte. Ja – es war eine glückliche Zeit gewesen, aber trotzdem sah die Witwe – diese resolute und entschlossene Frau – gar nicht sehr glücklich aus. Schuster Kranold schob es auf die erregten Auseinandersetzungen mit der oft recht aufsässigen Tochter; doch es hatte einen anderen Grund, den nur die Mutter selbst kannte. Aber sie hätte sich eher die Zunge abgebissen, als ein Wort davon gesagt.

Nein, niemand ahnte etwas von dem Grund ihrer zeitweiligen Schwermut. Selbst Briefträger Pankraz nicht, obwohl er ihr eines Morgens – Gott sei Dank, daß sie allein gewesen war! – doch den Brief mit der komischen, ausländischen Briefmarke gebracht hatte. Als Anna diesen Brief in dumpfer Vorahnung, weil sie doch wußte, daß so etwas immer nur Unheil brachte, aufgerissen hatte, las sie nur ein einziges Wort auf dem Papier. Und dieses Wort hieß: „Juvivallera ...!“ Sie war damals wie erschlagen auf die Bettkante gesunken und hatte erst Kraft sammeln müssen, ehe sie es fertigbrachte, nach dem Küchenherd zu gehen und den Brief in das Ofenloch zu stecken. Wochenlang war sie danach wie verstört umhergegangen, und es war erst wieder etwas besser mit ihr geworden, nachdem ihr Frau Pelter geraten hatte, sich die Schläfe mit Senfspiritus einzureiben.

„Bei Ihnen, liebe Lorenzen – Jottejott, ick sage immer noch Lorenzen, entschuldigen Sie man also, liebe Kranold, bei Ihnen sind die Tränendrüsen verstoppt, und Senfspiritus macht sie wieder offen. Passen Sie mal auf, wat Sie für klare Augen nach die Einreibung kriegen werden!“ Nun ja, die Augen hatten in den letzten Wochen wieder Glanz bekommen – vielleicht aber nur deshalb, weil Anna auch ohne Senfspiritus so viel geweint hatte, – nachts, wenn Lore und Kranold schon längst schliefen. Vielleicht aber auch deshalb, weil nicht das geringste weiter erfolgte, nichts von dem eingetroffen war, was Frau Kranold so sehr gefürchtet hatte. – – –

Am Abend schneite es, und in der Nacht kam wieder scharfer Frost, das richtige Weihnachtswetter war da. Steuermann Jens, der immer einen spekulanten Kopf gehabt und diesmal die am Mühlendamm zugefrorene Spree als Eisbahn gepachtet hatte, konnte vielleicht nun noch sein Glück machen und mit einem Schlage ein reicher Mann werden, wie er so oft prophezeite. Wenn nur das Eis noch ein paar Zoll dicker würde, daß es all die Menschen tragen konnte, die sich zu Weihnachten auf der Spree tummeln und ihre Schlittschuhkünste zeigen wollten. Alle Befürchtungen, daß sich der Wind drehen und plötzlich wieder Tauwetter eintreten könnte, waren überflüssig gewesen. Der Schnee knirschte wie Kies so hart unter den Füßen, und die Spree war jetzt beinahe bis zum Grund gefroren. Am ersten Feiertag, ganz früh, brachte der Laufbursche aus Herrn Bertrams Drogerie einen Brief mit der strikten Anweisung, daß er ihn nur „persönlich an Fräulein Lore“ abgeben dürfe. Die Mutter ließ sich dadurch aber nicht beirren, sondern nahm dem Jungen den Brief ab und öffnete ihn. Auf blauem Elfenbeinpapier, das nach Maiglöckchen duftete, stand geschrieben:

„Liebe Lore!

Du hast hoffentlich Deine Schulfreundin Agnes nicht vergessen? Möchtest Du nicht heute mit mir und Lili Semper zusammensein? Bringe, bitte, Deine Schlittschuhe mit. Wir erwarten Dich um drei Uhr bei Lili. Mit vielen Grüßen

Agnes Bertram“

„Is jut“, sagte die Mutter zu dem Burschen. „Bestelle man, daß meine Tochter kommen wird.“ Und dann ging sie hinein. Über die Enttäuschung, daß die Mutter dieses wichtige Schreiben zuerst geöffnet hatte, kam Lore durch die Überraschung über diese Einladung fort. Nach so langer Zeit eine Einladung ...! Und noch dazu für den ersten Weihnachtsfeiertag! Und das – obwohl Lili doch so stolz geworden war, daß ihr selbst Agnes kaum noch als Umgang genügte! Denn diese Lili Semper war doch in der französischen Schweiz erzogen worden – ein Wunder, daß sie überhaupt noch etwas von der Waschfrau- und Schustertochter wußte. Lore war wie im Fieber. Wahrscheinlich gab es große Gesellschaft bei Sempers, der Diener hatte sicher weiße Handschuhe an und servierte Fisch und Braten auf silbernen Platten – es galt also, sich zu putzen, um mit Ehren bestehen zu können. Die Handschuhe und die Pelzkappe mit dem weißen Kaninchenschwanz an der Seite genügten ihr nun kaum noch, so sehr sie sich auch gestern, am Heiligen Abend, über diese schönen Geschenke der Mutter gefreut hatte.

Eine halbe Stunde vor der angesetzten Zeit war sie schon in der Nähe von Sempers Haus; dann ging sie noch ein Weilchen wartend auf und ab, und dann hielt sie es nicht länger aus und zog die gelbe Messingklingel in der Breiten Straße. Ach, wie lange war es her, daß Lore hier in dieses Haus gekommen war, um die Wäsche abzuliefern. Das Dienstmädchen, das sie heute einließ, wußte es wohl kaum noch, oder hatte besondere Anweisung bekommen, es nicht merken zu lassen. Denn Lore Lorenzen wurde wie eine richtige Dame, die zum Besuch kam, behandelt.

Im Vorraum mußte sie ihre Sachen ablegen, dann wurde sie durch eine Reihe von Zimmern, die vornehm still dalagen, in einen kleinen, reizenden Raum geführt, wo es – trotz der Winterzeit – blühende Maiglöckchen am Fenster gab. Und dann trat Agnes aus dem Nebenzimmer. „Es ist schön, daß du gekommen bist“, sagte sie sehr freundlich und gab Lore die Hand. Aber es war doch etwas Eigenartiges in ihrem Wesen, als wolle sie es merken lassen, daß sie hier, in diesem vornehmen Hause, etwas Besonderes sei. „Wärme dich nur noch etwas, daß du keine kalte Luft mit hereinbringst – Lili kann das nicht vertragen! Es handelt sich um eine wichtige Sache, weswegen wir dich gebeten haben. Das verdankst du mir ...“ setzte sie geheimnisvoll hinzu. Eine kleine Enttäuschung – dieser Empfang durch Agnes. – – – Na, man konnte ja nicht wissen, was dahintersteckte. Und dann traten sie in ein Zimmer, in dem alles blau war: Die Tapete, die Teppiche, die Vorhänge und blaue Hyazinthen an den Fenstern strömten einen schweren, betäubenden Duft aus. Dort lag Lili, blaß und schlank und vornehm, auf einem blauen Diwan und hob grüßend ihre schmale Hand, aber ohne auch nur einen Versuch zu machen, aufzustehen. „Nimm Platz, Lore“, sagte sie mit süßer, etwas singender Stimme und deutete auf einen der blauen Sessel, „wir wollen dich in eine Angelegenheit einweihen. Agnes wird dir alles sagen.“ „Erst den Schwur!“ sagte diese erinnernd und zündete drei gelbe Wachskerzen in einem bereitstehenden silbernen Armleuchter an. „Na, natürlich, erst den Schwur“, sagte Lili und preßte wie erschöpft ihr Taschentuch an die Stirn. „Also Lore, du mußt schwören, niemals auch nur ein Sterbenswörtchen von dem zu verraten, was wir dir heute sagen. Und wenn du es doch tust, soll dein Leben ebenso schnell verlöschen, wie diese drei Flammen, die ich jetzt auspuste.“ Agnes blies die Lichter aus und sah Lore erwartungsvoll an. „Ich schwöre!“ sagte diese sofort, denn was war das für ein leichter Schwur gegen den von damals, als sie darauf eingegangen war, eine Spinne zu werden, wenn sie verriete, wer den Spottvers in Lehrer Klaus’ Briefkasten gesteckt hatte. „Nun sage ihr alles“, flüsterte Lili und schüttelte sich wie im Fieber. „Du mußt wissen“, sagte Agnes, „es handelt sich um eine romantische Liebe, wie sie sonst nur in Büchern vorkommt. Doch das verstehst du wohl nicht ganz und sollst deshalb gleich hören, worauf es ankommt. Lili hat sich also genau vor einem Jahr, gerade am ersten Weihnachtsfeiertag, mit ihrem Vetter Johannes Perkholz verlobt, und sie haben sich ihr Wort gegeben, sich später zu heiraten.“ „Du mußt erst mal sagen, wer mein Vetter ist“, flüsterte Lili mit verlöschender Stimme. „Ja – das mußt du freilich auch wissen, Lore, damit du nachher alles richtig machst. Johannes Perkholz ist jetzt noch Primaner – er will später studieren. Dann bekommt er übrigens eine noch flottere Hose. Jetzt ist er über Weihnachten zu Besuch hier – er trägt eine grüne Kappe mit schwarzem Schirm!“ „Und er hat – sage du es, Agnes ...“ hauchte Lili. „Er hat Stege an den Hosen, aber darauf brauchst du nicht so zu achten; es ist nur, wenn du einen Zweifel hast.“ Lore nickte. Es war ihr, als habe sie dieser Tage schon jemanden gesehen, auf den diese Beschreibung paßte, aber hauptsächlich war er ihr gerade wegen der Stege aufgefallen. „Und nun kommt etwas furchtbar Trauriges“, sagte Agnes und zog ebenfalls ihr Taschentuch hervor. „Du siehst, wie schwach Lili ist – sie hat sich durch Hyazinthenduft töten wollen, denn sie hat in einem Roman gelesen, daß alle – alle Männer untreu sind. Sie betrügen ihre Frauen und schon ihre Verlobten, wenn – darauf kommt es an, Lore! – wenn sie in Versuchung geführt werden.“ „Gib ihr erst mal von den kandierten Früchten, Agnes“, hauchte Lili. Solche Köstlichkeiten, die mit einem kleinen Löffel aus einer Kristallschale genommen werden mußten, hatte Lore noch nie gegessen. Die Zähne wurden ganz rebellisch gegen diese Süßigkeit, die bis in die große Zehe drang. Agnes und Lili beobachteten sie, bis sie das letzte Stück verschluckt hatte. „Möchtest du wohl eine ganze Schachtel solcher französischer Früchte haben? Und möchtest du ...“ Aber Agnes unterbrach Lili. „Erst müssen wir hören ...“, sagte sie bedeutungsvoll. „Also Lore, damit du es weißt: Wir haben dich dazu bestimmt, Johannes Perkholz in Versuchung zu führen. Willst du diesen Auftrag übernehmen, so bekommst du eine ganze Schachtel solcher feinen Süßigkeiten.“ Und als Lore sie nur starr ansah, flüsterte Lili: „Es handelt sich um mein Leben – bedenke das, Lore! Denn ich kann die Ungewißheit nicht mehr länger ertragen und muß erfahren, ob auch er mir – untreu werden könnte.“ „Du brauchst“, erklärte Agnes weiter, „nur auf die Eisbahn zu gehen, und wenn du Johannes Perkholz siehst, dich recht flott und verführerisch zu benehmen.“ „Und wenn er nu anbeißt?“ fragte Lore. Lili hielt sich plötzlich das Taschentuch vor die Nase, als habe sie etwas ganz Ekliges gerochen. „Du mußt uns den Beweis liefern“, sagte Agnes. „Du mußt sehen, daß du ihn zum Konditor Gumpert in die Hinterstube bringst – aber nicht in das Damenzimmer, denn da werden wir sitzen und hinter der Gardine aufpassen.“ „Wir müssen sie schmücken“, hauchte Lili, „sonst ist es ihm ja leicht, ihr zu widerstehen.“ Und sich zu Lore wendend, sagte sie: „Du mußt sehr geheimnisvoll tun und keine – hm – starken Ausdrücke gebrauchen.“ „Aber du darfst auch nicht merken lassen, daß du uns kennst oder gar, daß du etwa unsere – Freundin bist!“ „Habt man alle beide keine Bange, ich werde euch schon nicht blamieren“, sagte Lore. Da bekam sie einen feinen Pelzkragen umgelegt und dazu einen blauen Schleier, der ganz eigenartig verführerisch flatterte. „Das kannst du behalten – für immer ...“ sagte Lili, und ihre Stimme zitterte. „Denn nachher würde ich diese Sachen doch nicht wieder tragen mögen, wenn er dich geküßt hat.“ „Jeküßt ...?“ fragte Lore. „Küssen soll er mir ...?“ „Beim Konditor – ja in der kleinen Stube“, erklärte Agnes Bertram. „Denn nur das ist uns ein wirklicher Beweis. Aber hab dich nicht, wir lassen es gar nicht dazu kommen, daß er dich wirklich – küßt!“

Auf der Eisbahn wimmelte es. Steuermann Jens verstand seine Sache. Er hatte eine Musikkapelle zusammengebracht und über die Eisfläche Drähte gespannt, an denen nun bunte Papierlaternen und Flaggen hingen. Wenn es dunkelte, sollte bengalische Beleuchtung gemacht werden. Dann gab’s eine Bude, in der man Punsch und Pfannkuchen bekommen und sich an einem eisernen Ofen auftauen konnte. Bei der Musikkapelle produzierte sich Primaner Perkholz als Kunstläufer. Er hatte wirklich Stege, so daß die Hosen ganz straff saßen und warf die Beine hoch in die Luft, wenn er eine „Acht“ beschrieb. Keiner hatte ihm das bisher so elegant nachmachen können, aber nun erschien da eine junge Dame mit blauem Schleier und flottem Pelzkragen. Sie war außerordentlich fesch und holländerte in so verwegener Weise, daß sie allgemeines Aufsehen erregte. Kühn und verwegen warf sie dem Primaner so feurige Blicke zu, daß er bis ins Herz hinein getroffen wurde und mitten in einer Schleife beinahe zu Fall gekommen wäre, wenn ihm die junge Dame nicht schnell die Hand hingestreckt hätte. Schade – nun konnte man nicht mehr sehen, was weiter daraus wurde, denn nun liefen sie zusammen. Die ganze Bahn machten sie unsicher, und als sie nachher einmal in die Punschbude kamen, konnte man merken, daß ihre Bekanntschaft inzwischen sehr große Fortschritte gemacht hatte. Als ihr der Herr Primaner auf einem Teller einen Pfannkuchen brachte, sagte er: „Bitte, Fräulein Eisfee!“ und sie erwiderte gnädig: „Danke, Herr Eiszapfen!“ Aber diese Namen paßten gar nicht, denn beide sahen sehr feurig aus. Und als sie wieder davonglitten, glichen sie akkurat dem jungen Paar, das man seit Jahren in Glasermeister Müllers Schaufenster auf einem Holzschnitt sehen konnte mit der Unterschrift: „Liebesfrühling auf dem Eise.“ Nachdem das erste bengalische Feuer abgebrannt war, waren die beiden plötzlich verschwunden. Sie wollten noch ein bißchen promenieren, hatte man das Fräulein sagen hören, aber etwas abseits von den vielen Menschen.

Und in der dunklen Uferstraße wurde Johannes Perkholz zudringlich und wollte einen Kuß ... „Nee, hier nich, es jeht hier nich“, sagte die Eisfee, „hier kann man uns ja sehen!“ „Es ist doch aber ganz dunkel!“ „Was haben Sie denn davon – von so ’nem Kuß ...?“ „Ja – ich habe was davon“, sagte der Primaner. „Na, dann – nee, hier lieber nich, aber vielleicht beim Konditor – wenn’s da jeht!“

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Eisfee zum Konditor zu führen. Dort, auf einem langen, weißgedeckten Tisch, stand der große Weihnachtsbaum gerade so, daß man nicht ins Damenzimmer sehen konnte. Der Primaner fand, daß das sehr gut sei und bestellte zwei Tassen Schokolade mit Schlagsahne. Als die Mamsell hinaus war, fing er wieder vom Küssen an. „Sind Sie denn nicht auch ein bißchen in mich verliebt?“ Die Eisfee meinte, das sei eine etwas komische Frage, auf die ein anständiges Mädchen doch gar nicht antworten könne. „Sie brauchen wirklich nicht zu denken, daß das etwas Schlimmes ist. Meine Kusine Lili Semper, die doch gewiß ein anständiges Mädchen ist, läßt sich von mir küssen, so oft ich bloß will ...“ „So – na ja, die ist auch Ihre Kusine!“

„Und ihre Freundin, die Agnes Bertram, die doch auch ein anständiges Mädchen ist, habe ich ebenfalls schon mindestens zwölfmal geküßt!“ – – – Es war ein Wunder, daß der Weihnachtsbaum durch den heftigen Stoß, den er gerade jetzt bekam, nicht auf Johannes Perkholz gefallen war. Im ersten Augenblick glaubte der Herr Jüngling, daß er ihn wohl in seiner Kußwütigkeit umgerissen habe. Als er sich dann aber umsah, bemerkte er im Damenzimmer seine Kusine Lili, und hinter ihr, auf dem Sofa, lag halb ohnmächtig Agnes Bertram ... „Geh zu deiner Schlange und werde glücklich mit ihr“, sagte im gleichen Augenblick Lili hoheitsvoll und deutete auf Agnes. Dann war ihre Kraft zu Ende. Auf Lores Arm gestützt, wankte sie hinaus.

Lore aber tat es bitter leid, daß sie nicht erst noch ihre Schokolade hatte austrinken können. Aber eins tröstete sie: Nun hatte sie doch Aussicht – endlich, endlich, Lilis einzige Freundin zu werden. – – – Aber ach, das Mädel aus der Friedrichsgracht kannte die feinen Mädchen noch immer nicht.

Denn Lili ließ nichts von sich hören, und als Lore dann eines Tages nach der Breiten Straße ging, um sich nun selbst in Erinnerung zu bringen, war das Dienstmädchen, das ihr öffnete, höchst verwundert. „Fräulein Lili ist verreist!“ sagte das schnippische Ding und drückte gleichzeitig die Tür ins Schloß. Aber das war eine infame Lüge. Denn als Lore am nächsten Tage wieder vorbeikam, hielt gerade die Equipage vor der Haustür, und Lili stieg mit ihren Eltern ein – vielleicht zu einer Spazierfahrt durch den Tiergarten. „Dann soll sie mir den Buckel langrutschen“, dachte Lore. Doch – sie erlebte noch eine weitere Demütigung. Als sie bald darauf die Agnes Bertram traf, sah diese sie nur von oben bis unten an und ging hochmütig an ihr vorbei.

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9788711592496
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