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Émile Zola
Lourdes
Inhaltsverzeichnis
LOURDES
Erster Tag
I
II
III
IV
V
Zweiter Tag
I
II
III
IV
V
Dritter Tag
I
II
III
IV
V
Vierter Tag
I
II
III
IV
V
Fünfter Tag
I
II
III
IV
V
Impressum
LOURDES
Erster Tag
I
Als die Pilger und die Kranken, die in dem dahinrollenden Zuge dicht gedrängt auf den harten Bänken des Wagens dritter Klasse saßen, das Ave maris Stella beendigten, das sie bei dem Verlassen des Orleansbahnhofs angestimmt hatten, sah Marie, die sich, von fieberhafter Ungeduld ergriffen, halb von ihrem Schmerzenslager aufgerichtet hatte, aus dem Fenster.
»Ah, die Befestigungen!« rief sie trotz ihres Leidens in freudig erregtem Tone. »Wir sind jetzt aus Paris heraus, wir sind abgefahren!«
Ihr gegenüber saß ihr Vater, Herr von Guersaint, und lächelte über die Freude seiner Tochter, während der Abbé Pierre Froment, der sie mit brüderlicher Zärtlichkeit betrachtete, sich in seiner liebevollen Besorgnis vergaß und ganz laut sagte:
»Und von jetzt an noch bis morgen früh, denn wir werden erst um drei Uhr vierzig in Lourdes sein. Über zweiundzwanzig Stunden Fahrt!«
Es war halb sechs Uhr; die Sonne ging soeben strahlend auf in der Klarheit eines wunderbaren Morgens. Es war ein Freitag, der 19. August. Aber schon kündigten am Horizonte kleine schwarze Wolken einen furchtbaren Tag gewitterschwangerer Hitze an. Und die Sonnenstrahlen fielen schräg durch die Abteile des Wagens und erfüllten sie mit goldigem, tanzenden Staube.
Marie, die wieder in ihren Schmerz zurückgesunken war, murmelte:
»Ja, zweiundzwanzig Stunden. Mein Gott! Wie lange ist das noch!«
Ihr Vater half ihr, sich wieder in dem engen Behältnis zurechtzulegen, einer Art Dachrinne, in der sie nun schon seit sieben Jahren lebte. Man hatte eingewilligt, ausnahmsweise die vier Räder als Gepäck mitzunehmen, die sich auseinandernehmen ließen und dazu dienten, sie fortzubewegen. So eingeschlossen zwischen die Bretter dieses rollenden Sarges nahm sie drei Plätze auf der Bank ein. Sie lag einen Augenblick ruhig da mit geschlossenen Augenlidern, mit ihrem abgemagerten und erdfahlen Gesichte, das trotz ihrer dreiundzwanzig Jahre noch kindliche Zartheit bewahrt hatte. Sie sah noch reizend aus in der Umrahmung ihrer wunderbaren blonden Haare, Haare einer Königin, vor denen selbst die Krankheit Achtung hatte. Sie trug ein sehr einfaches Kleid von geringer schwarzer Wolle, und an ihrem Halse hing die Karte mit ihrem Namen und der Ordnungsnummer. Sie hatte selbst diese ärmliche Einfachheit gewünscht, da sie den Ihrigen, die nach und nach in große Bedrängnis geraten waren, keine Kosten verursachen wollte. So kam es, daß sie sich hier in der dritten Klasse befand, in dem weißen Zuge, in dem Zuge der Schwerkranken, dem schmerzerfülltesten der vierzehn nach Lourdes gehenden Züge, an dem Tage, an dem sich außer den fünfhundert gesunden Pilgern gegen dreihundert von Schwäche erschöpfte und von Schmerzen gepeinigte Kranke herandrängten, um Frankreich von einem Ende zum andern zu durchqueren.
Verstimmt darüber, daß er sie betrübt hatte, fuhr Pierre fort, Marie mit den zärtlichen Blicken eines älteren Bruders zu betrachten. Er hatte soeben sein dreißigstes Lebensjahr erreicht und sah bleich und zart aus, seine Stirn war breit. Nachdem er alle Vorbereitungen zur Reise getroffen hatte, hielt er es auch für seine Pflicht, sie zu begleiten, und hatte sich deshalb als Aushelfer in die Brüderschaft von NotreDame de Salut aufnehmen lassen. Er trug auf seiner Soutane das rote, orangegelb geränderte Kreuz der Sänftenträger. Herr von Guersaint selbst hatte nur an seinem grauen Tuchrocke das scharlachrote Pilgerkreuz befestigt. Er schien entzückt über die Reise, seine Augen schweiften überall umher, und er konnte seinen liebenswürdigen und zerstreuten Vogelkopf nicht stillhalten. Obgleich er schon die Fünfzig überschritten hatte, sah er noch recht jugendlich aus.
In der benachbarten Wagenabteilung hatte sich trotz des heftigen Schüttelns, das der armen Marie Seufzer entpreßte, Schwester Hyacinthe erhoben, die bemerkte, daß das junge Mädchen ganz in der Sonne lag.
»Herr Abbé, ziehen Sie doch den Vorhang herunter! Wir müssen es uns so bequem wie möglich machen und uns in unserem kleinen Reiche nach Möglichkeit einzurichten suchen.«
In dem schwarzen Gewand der Ordensschwester, das durch die weiße Haube, den weißen Schleier und die große weiße Schürze etwas gemildert wurde, war Schwester Hyacinthe bei ihrer heldenmütigen Tätigkeit immer heiter. Ihre Jugend sprach aus ihrem kleinen, frischen Munde und strahlte aus der Tiefe ihrer schönen blauen, immer zärtlich blickenden Augen hervor. Sie war vielleicht nicht hübsch, aber anbetungswürdig, zart, schlank, mit der Brust eines Knaben unter ihrem Schürzenlatz, eines braven Knaben mit schneeiger Haut, übersprudelnd von Gesundheit, Frohsinn und Unschuld.
»Aber die liebe Sonne löst uns schon ganz auf! Ich bitte Sie, gnädige Frau, ziehen Sie auch Ihren Vorhang herunter!«
In der Ecke neben der Schwester saß Frau von Jonquière und hielt auf ihren Knien ihre kleine Reisetasche. Sie zog langsam den Vorhang herunter. Brünett und kräftig, war sie noch immer eine angenehme Erscheinung, obgleich sie schon eine Tochter von vierundzwanzig Jahren hatte, Raymonde, die sie aus Anstandsrücksichten mit zwei anderen freiwilligen Krankenpflegerinnen, Frau Desagneaux und Frau Volmar, in der ersten Klasse hatte fahren lassen. Sie war Leiterin eines Saales in dem Hospital NotreDame des Douleurs in Lourdes und verließ ihre Kranken nicht. Außen an der Wagentüre hing das vorschriftsmäßige Plakat, auf dem unter ihrem eigenen Namen die Namen der beiden Schwestern von Mariä Himmelfahrt geschrieben standen, die sie begleiteten. Als Witwe eines ruinierten Mannes lebte sie mit ihrer Tochter bescheiden von vier bis fünftausend Frank Rente in einem Hofe der Rue Vaneau und war von einer unerschöpflichen Wohltätigkeit. Sie widmete ihre ganze Zeit und Tätigkeit dem Hospital NotreDame de Salut, dessen rotes Kreuz sie auf ihrem halbseidenen Karmelitergewand trug, und zu dessen tätigsten Anhängerinnen sie gehörte. Sie war von stolzer Gemütsart, liebte es, umschmeichelt und geliebt zu werden; und zeigte sich stets hochbeglückt über diese alljährliche Reise, die ihre Leidenschaft und ihr Herz befriedigte.
»Sie haben recht, Schwester, wir wollen es uns bequem machen. Ich weiß nicht, warum ich mich mit dieser Tasche herumplage.«
Sie stellte sie neben sich unter die Bank.
»Warten Sie«, sagte Schwester Hyacinthe, »Sie haben den Wasserkrug auf den Knien. Er belästigt Sie.«
»Ach nein, ganz gewiß nicht! Lassen Sie ihn nur! Er muß doch irgendwo seinen Platz haben.«
Dann taten sie beide, wie sie gesagt hatten, und richteten sich so bequem wie möglich für einen Tag und eine Nacht mit ihren Kranken ein. Das unangenehme war, daß sie Marie nicht hatten mit in ihre Abteilung nehmen können, da diese Pierre und ihren Vater bei sich hatte behalten wollen. Aber man verkehrte wenigstens gut nachbarlich miteinander und unterhielt sich über die niedere Scheidewand hinweg. Übrigens bildete der ganze Wagen mit seinen fünf Abteilungen, jede zu zehn Plätzen, nur ein einziges Zimmer voll Menschen, gewissermaßen einen fahrenden allgemeinen Saal, den man mit einem Blicke überschauen konnte. Er war mit der nackten gelben Holzbekleidung der Wände und dem weiß angestrichenen Tafelwerk der Decke ein wirklicher Krankensaal und glich auch in der Unordnung und dem Durcheinander einem improvisierten Feldlazarett. Halb verborgen standen und lagen nebeneinander unter der Bank Krüge, Schüsseln, Besen und Schwämme. Da der Zug keinen Gepäckwagen mitnahm, so häuften sich die Gepäckstücke, Mantelsäcke, weiße Holzkisten, Hutschachteln, Säcke, ein elender Haufen, ärmliche, abgenutzte Sachen, mit Bindfaden zugebunden. In der Luft begann diese Platzversperrung von neuem. Dort hingen Kleider, Pakete und Körbe an kupfernen Haken und baumelten ohne Unterlaß hin und her. Und mitten unter all diesem Trödelkram wurden die Schwerkranken, die auf ihren schmalen Matratzen ausgestreckt lagen, von den ächzenden Stößen der Räder hin und her geschüttelt, während die, die sitzen konnten, den Rücken an die Wand lehnten und das bleiche Gesicht in die Hände drückten. Nach der Vorschrift sollte in jeder Abteilung eine barmherzige Schwester sein. Am andern Ende des Wagens befand sich auch eine zweite Schwester von Mariä Himmelfahrt, Schwester Claire des Anges. Gesunde Pilger erhoben sich und fingen schon zu essen und zu trinken an. In einer Frauenabteilung befanden sich zehn Pilgerinnen, alte und junge, eng aneinander gedrückt, alle von derselben traurigen und bemitleidenswerten Häßlichkeit. Und da man es wegen der Schwindsüchtigen, die in der Abteilung waren, nicht wagte, die Fenster herunterzulassen, so entstand bald eine drückende Hitze und ein unerträglicher Geruch, den die Stöße des in voller Schnelligkeit dahinrollenden Zuges nach und nach überallhin auszubreiten schienen.
In Juvisy hatte man den Rosenkranz gebetet. Und es schlug gerade sechs Uhr – man fuhr blitzschnell an dem Bahnhof von Brétigny vorüber – als sich Schwester Hyacinthe erhob. Sie leitete die Andachtsübungen, deren Verlesung die meisten der Pilger in einem Buche mit blauem Einbande folgten.
»Das Angelus, meine Kinder«, sagte sie, wie eine Mutter ihnen zulächelnd, was ihrer Jugend so reizend stand.
Von neuem folgten die Ave aufeinander. Und als sie beendet waren, beobachteten Pierre und Marie voll Teilnahme zwei Frauen, die die anderen beiden Ecken ihrer Abteilung einnahmen. Die eine von ihnen, die zu Mariens Füßen saß, war eine zarte blonde Erscheinung mit dem Aussehen einer Bürgersfrau, etwa dreißig Jahre alt, aber vor der Zeit verblüht. Sie hielt sich bescheiden im Hintergrunde und nahm kaum etwas Platz weg mit ihrem dunklen Kleide, den gebleichten Haaren, ihrer langen, schmerzgebeugten Gestalt, die hoffnungslose Verlassenheit und unermeßliche Trauer atmete. Die andere ihr gegenüber, die auf derselben Bank wie Pierre saß, eine Arbeiterin von gleichem Alter, mit einer schwarzen Haube und einem von Elend und Sorgen entstellten Gesicht, hielt auf ihren Knien ein kleines siebenjähriges Mädchen, das aber kaum vier Jahre alt zu sein schien, so blaß und verkümmert sah es aus. Die Nase war dünn, die Augenlider bläulich und geschlossen in dem wachsbleichen Gesicht. Sprechen konnte das Kind nicht, es hatte nur ein leises Klagen, ein schwaches Stöhnen, das jedesmal das Herz der Mutter zerriß.
»Würde das Kind vielleicht einige Weinbeeren essen?« fragte die bis dahin stumme Dame in zaghaftem Tone. »Ich habe welche in meinem Korbe.«
»Ich danke«, antwortete die Arbeiterin. »Sie nimmt nur Milch und ... Ich habe mich damit vorgesehen und eine Flasche voll mitgenommen.«
Und dann erzählte sie, dem Mitteilungsbedürfnis der Elenden nachgebend, ihre Geschichte. Sie hieß Frau Vincent; sie hatte ihren Mann verloren, der, Goldarbeiter von Beruf, an der Schwindsucht gestorben war. Allein geblieben mit ihrer kleinen Rose, die ihre Leidenschaft war, hatte sie Tag und Nacht als Näherin sich abgearbeitet, um sie groß zu ziehen. Da war die Krankheit gekommen. Seit vierzehn Monaten hatte sie das Kind auf ihren Armen gehalten, das immer elender wurde und zurückging und ganz und gar verfiel. Da war sie, die nie zur Messe ging, eines Tages, von Verzweiflung getrieben, in eine Kirche getreten, um Genesung für ihre Tochter zu erflehen; und da hatte sie eine Stimme vernommen, die ihr riet, das Kind nach Lourdes zu bringen, wo sich die Heilige Jungfrau seiner erbarmen würde. Da sie niemand kannte und auch nicht wußte, wie die Wallfahrten eingerichtet waren, so hatte sie nur den einen Gedanken gehabt: zu arbeiten, Geld zur Reise zu sparen, ein Billett zu nehmen und mit den dreißig Sous, die ihr übriggeblieben waren, abzufahren und nur eine Flasche Milch für das Kind mitzunehmen, ohne auch nur daran zu denken, für sich selbst ein Stück Brot zu kaufen.
»Welche Krankheit hat die liebe Kleine denn?« fragte die Dame.
»Oh, der Leib ist sicherlich nur aufgetrieben. Aber die Ärzte haben andere Namen dafür. Zuerst hatte sie nur leichte Leibschmerzen. Dann schwoll der Leib an, und sie litt so schwer, daß es einem die Tränen aus den Augen trieb. Jetzt hat sich der Leib wieder gesenkt, aber sie lebt eigentlich gar nicht mehr, sie hat keine Kräfte mehr, so mager ist sie geworden, und durch das unaufhörliche Schwitzen zehrt sie sich noch ganz ab.«
Die Mutter beugte sich, als Rose stöhnte und die Augen öffnete, bestürzt und erblassend zu ihr nieder.
»Mein Kleinod, mein Schatz, was willst du? ... Willst du trinken?«
Das kleine Mädchen schloß seine leeren Augen wieder, deren mattes Blau man einen Augenblick hatte sehen können. Sie antwortete nicht einmal und lag in ihrem totenähnlichen Zustand zurückgesunken, in ihrem weißen Kleidchen ganz weiß da, eine letzte Koketterie der Mutter, die diese unnötige Ausgabe gemacht hatte in der Hoffnung, die Heilige Jungfrau würde der kleinen Kranken viel gnädiger sein, wenn sie gut und ganz weiß gekleidet wäre.
Nach einem kurzen Stillschweigen fing Frau Vincent das Gespräch von neuem an:
»Und Sie, Sie reisen gewiß Ihretwegen nach Lourdes? Man sieht es Ihnen an, daß Sie krank sind.«
Die Frau fuhr erschreckt zusammen und sank dann schmerzgebeugt in ihre Ecke zusammen, indem sie murmelte:
»Nein, nein! Ich bin nicht krank ... Wollte Gott, ich wäre krank! Ich würde dann weniger leiden.«
Sie hieß Frau Maze und trug in ihrem Herzen einen unstillbaren Kummer. Nachdem sie mit einem lebenslustigen jungen Manne eine Liebesheirat geschlossen hatte, sah sie sich nach Verlauf eines Jahres voll Glückseligkeit verlassen. Ihr Gatte, der in Bijouteriewaren reiste, beständig unterwegs war und viel Geld verdiente, war seit sechs Monaten verschwunden. Er lockte sie von einem Ende Frankreichs zum andern und hatte sogar liederliche Frauenzimmer bei sich. Und sie betete ihn an und litt darunter so furchtbar, daß sie sich der Religion in die Arme warf. Endlich hatte sie den Entschluß gefaßt, nach Lourdes zu gehen, um die Heilige Jungfrau zu bitten, ihren Gatten zu bekehren und ihn zu ihr zurückzuführen.
Frau Vincent fühlte, ohne das richtige Verständnis dafür zu haben, dennoch den großen moralischen Schmerz, und beide fuhren fort, sich anzusehen, die verlassene Frau, die in ihrer Leidenschaft sich zu Tode grämte, und die Mutter, die daran zugrunde ging, daß sie ihr Kind sterben sah.
Jetzt mischte sich Pierre, der ebenso wie Marie zugehört hatte, in das Gespräch. Er wunderte sich, daß die Arbeiterin ihre kleine Kranke nicht hatte in das Hospital aufnehmen lassen. Die Gesellschaft von NotreDame de Salut war von den Augustinern von Mariä Himmelfahrt nach dem Kriege gegründet worden, um für das Wohl von Frankreich und für die Verteidigung der Kirche durch gemeinschaftliches Gebet und durch Wohltätigkeit zu arbeiten. Sie waren es, die die Bewegung der großen Wallfahrten und ganz besonders die nationale Wallfahrt ins Werk gesetzt und seit zwanzig Jahren ohne Unterlaß vergrößert hatten, die jährlich gegen Ende August nach Lourdes ging. So hatte sich eine kluge Einrichtung nach und nach vervollkommnet. Von überall flossen beträchtliche Almosen zusammen. In jedem Kirchspiel wurden Kranke angeworben, mit den Eisenbahngesellschaften Verträge abgeschlossen, ohne die tätige Hilfe der kleinen Schwestern von Mariä Himmelfahrt und die Gründung der Hospitalität von NotreDame de Salut zu rechnen. Eine weite Verbrüderung aller wohltätigen Gesellschaften wurde geschaffen, in der Männer und Frauen, meistenteils der vornehmen Welt angehörig, unter Aufsicht von Leitern der Wallfahrten die Kranken versorgten, trugen und über gute Ordnung wachten. Die Kranken mußten eine schriftliche Bitte um Aufnahme in das Hospital einreichen, wodurch sie sämtlicher Kosten für die Reise und den Aufenthalt überhoben waren. Man holte sie von ihrem Wohnort ab und brachte sie wieder dorthin zurück. Sie hatten also nur einige Lebensmittel auf die Reise mitzunehmen. Aber die bei weitem größte Anzahl hatte Empfehlungen von Geistlichen und wohltätigen Leuten, die bei den Eintragungen die notwendigen Identitätsnachweise und ärztlichen Zeugnisse prüften. Außerdem hatten die Kranken nur ihre Plätze einzunehmen und waren unter den brüderlich und schwesterlich sorgenden Händen der männlichen und weiblichen Helfer nichts als trauriges Objekt für Leiden und für Wunder.
»Aber, liebe Frau«, setzte Pierre ihr auseinander, »Sie hätten sich doch nur an den Geistlichen Ihres Kirchspiels zu wenden brauchen. Dieses arme Kind verdient volles Mitleid. Man würde es sofort aufgenommen haben.«
»Das wußte ich nicht, Herr Abbé.«
»Wie haben Sie es denn dann gemacht?«
»Ich habe mir an einem Orte ein Billett gekauft, den mir eine Nachbarin nannte, die die Zeitungen liest, Herr Abbé«
Sie sprach von den Fahrkarten, die man unter die Pilger, die bezahlen konnten, verteilte. Marie, die zuhörte, wurde von tiefem Mitleid ergriffen und schämte sich etwas. Ihr, der es nicht an Mitteln fehlte, war es mit Hilfe von Pierre gelungen, in das Hospital aufgenommen zu werden, während diese arme Mutter und das unglückliche Kind, nachdem sie ihre armseligen Ersparnisse hingegeben hatten, ohne einen Sou blieben.
Ein heftiger Stoß des Wagens entriß ihr einen Schrei.
»O Vater, ich bitte dich, richte mich etwas in die Höhe! Ich kann nicht länger so auf dem Rücken liegen bleiben.«
Als Herr von Guersaint sie aufgerichtet hatte, seufzte sie tief auf. Man war in Etampes, anderthalb Stunden von Paris entfernt, und schon fing bei dem glühenden Sonnenbrande, dem Staub und dem Lärm die Abspannung an, sich geltend zu machen. Frau von Jonquière hatte sich erhoben, um das junge Mädchen über die Scheidewand hinweg durch gute Worte zu ermutigen. Auch Schwester Hyacinthe stand wieder auf und klatschte fröhlich in die Hände, um sich von einem Ende des Wagens bis zum andern Gehör zu verschaffen.
»Auf, auf! Denken wir nicht an unsere kleinen Schmerzen! Wir wollen beten und singen, die Heilige Jungfrau wird mit uns sein!«
Sie fing den Rosenkranz an, dann die Gebete von NotreDame de Lourdes, und alle Kranken und Pilger folgten ihrem Beispiele. Es war der erste Rosenkranz, die fünf freudigen Mysterien, die Verkündigung, die Heimsuchung, die Geburt Christi, die Reinigung Maria und der wiedergefundene Jesus. Dann stimmten alle den Choral: »Betrachten wir den himmlischen Erzengel«, an. Die Stimmen vermischten sich mit dem Rasseln der Räder. Man hörte nur das mächtige Rauschen dieses ohne Unterlaß rollenden Stromes menschlicher Stimmen, das im Hintergrunde des Wagens erstickte.
Obgleich darin geübt, kam Herr von Guersaint doch niemals zum Schlusse eines Chorals. Bald stand er auf, bald setzte er sich wieder. Schließlich stützte er sich mit den Ellenbogen auf die Zwischenwand und unterhielt sich halblaut mit einem Kranken, der mit dem Rücken gegen diese Zwischenwand in der nächsten Abteilung saß. Herr Sabathier war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, von untersetzter Gestalt, mit einem guten, dicken Gesicht und einem vollständigen Kahlkopfe. Seit fünfzehn Jahren war er gelähmt, Schmerzen litt er nur zuweilen, aber seine Beine waren vollständig gelähmt, und seine Frau, die ihn begleitete, legte sie wie tote Beine von einer Stelle zur andern, wenn sie ihm schließlich so schwer wurden wie Bleiklumpen.
»Ja, mein Herr, wie Sie mich sehen, bin ich ehemaliger Professor der fünften Klasse am Lyceum Charlemagne. Anfangs glaubte ich, es wäre einfach Hüftweh. Dann aber hatte ich brennende Schmerzen, wissen Sie, ungefähr so, als bekäme ich Stiche mit glühenden Degen in die Muskeln. Seit beinahe zehn Jahren bin ich allmählich ganz davon ergriffen worden. Ich habe alle möglichen Ärzte konsultiert, ich habe alle nur erdenklichen Bäder besucht, und jetzt leide ich allerdings weniger, aber ich kann mich nicht in meinem Stuhle rühren. Da bin ich denn wieder zu Gott zurückgeführt worden durch den Gedanken, daß ich zu unglücklich wäre und daß unsere liebe Frau von Lourdes nichts anderes tun könne, als Mitleid mit mir haben.«
Pierre hatte, von Teilnahme ergriffen, sich auch auf die Zwischenwand gestützt und hörte zu.
»Nicht wahr, Herr Abbé, das Leiden ist der beste Erwecker der Seelen? Jetzt ist es schon das siebente Jahr, daß ich nach Lourdes gehe, ohne an meiner Heilung zu verzweifeln. Und dieses Jahr wird mich die Heilige Jungfrau wieder gesund machen, davon bin ich fest überzeugt. Ja, ich rechne darauf, wieder gehen zu können, ich lebe nur noch von dieser Hoffnung.«
Herr Sabathier unterbrach sich, er wollte, daß seine Frau ihm die Beine mehr nach links schieben sollte. Und Pierre betrachtete ihn und wunderte sich, diese Hartnäckigkeit des Glaubens bei einem Gelehrten, bei einem Universitätslehrer zu finden. Wie hatte der Glaube an das Wunder in diesem Gehirn Wurzel fassen und weiter keimen können? Es war wirklich so, wie er selbst sagte: nur die heftigsten Schmerzen erklärten dieses Bedürfnis der Einbildung, diese Blütezeit der ewigen Trösterin.
»Und wie Sie sehen, sind wir, ich und meine Frau, gekleidet wie Arme, denn ich will dieses Jahr nur ein Armer sein, damit die Heilige Jungfrau mich zu den Unglücklichen, ihren Kindern, rechnet... Da ich aber nicht den Platz eines wirklichen Armen einnehmen wollte, so habe ich bei dem Hospital fünfzig Frank eingezahlt, was, wie Sie ja wissen, dazu berechtigt, daß ein besonderer Kranker mitgeführt wird... Ich kenne ihn sogar, meinen Kranken. Man hat ihn mir gleich auf dem Bahnhofe vorgestellt. Es ist ein Tuberkuloser, wie es scheint, und er ist mir sehr krank vorgekommen, sehr krank...«
Es entstand eine Pause.
»Nun, die Heilige Jungfrau möge auch ihn retten, sie, die alles kann! Und ich werde so glücklich sein, denn sie wird mich mit ihren Wohltaten überschütten!«
Die drei Männer fuhren fort, sich zu unterhalten, indem sie sich von den anderen absonderten und zuerst über Medizin sprachen und dann zu einer Erörterung über romanische Baukunst übergingen, veranlaßt durch einen auf einem Hügel gelegenen Glockenturm, den alle Pilger mit einem Kreuzzeichen begrüßt hatten. Mitten unter diesen armen Kranken, mitten unter diesen durch das Elend stumpfsinnig gewordenen Menschen vergaßen sich der junge Priester und seine beiden Gefährten, von den Gewohnheiten ihres gebildeten Geistes fortgerissen. Eine Stunde verrann, zwei weitere Choräle waren noch gesungen worden, und man hatte die Stationen Toury und Les Aubrais schon passiert, da brachen sie endlich in Beaugency ihre Unterhaltung ab, als sie die Schwester Hyacinthe mit ihrer frischen und klangvollen Stimme das Kirchenlied anheben hörten:
»Parce, Domine, parce populo tuo...«
Das Singen begann von neuem, alle Stimmen vereinigten sich, und wiederum stieg jene Flut von Bitten und Gebeten empor, die den Schmerz erstickt, die Hoffnung neu belebt, und den ganzen Menschen, der von der unablässigen Beschäftigung mit der in so weiter Ferne zu suchenden Gnade und Heilung übermüdet ist, von neuem erweckt und ermuntert.
Als sich Pierre wieder niedersetzte, sah er, daß Marie sehr bleich aussah und die Augen geschlossen hatte. Doch bemerkte er deutlich an ihrem schmerzlich verzogenen Gesicht, daß sie nicht schlief.
»Haben Sie jetzt ärgere Schmerzen?«
»O ja, fürchterliche! Ich werde das Ziel nicht erreichen. Diese fortwährenden Stöße sind...«
Sie stöhnte, öffnete die Augen und fuhr fort, von ihrem Lager aus trotz ihrer zunehmenden Schwäche die übrigen Kranken zu beobachten. In der Abteilung nebenan hatte sich gegenüber von Herrn Sabathier die Grivotte erhoben, die bis dahin wie eine Tote, ohne einen Atemzug zu tun, dagelegen hatte. Sie war ein großes Mädchen, das die Dreißig schon überschritten hatte, lahm und wunderlich, mit einem runden, schmerzentstellten Gesicht, das aber ihre krausen Haare und ihre Flammenaugen fast schön machten. Sie war in höchstem Grade schwindsüchtig.
»Nun, Fräulein«, sagte sie mit ihrer heiseren, kaum verständlichen Stimme, sich an Marie wendend, »wie glücklich würde man sein, wenn man ein kleines bißchen einschlafen könnte. Aber daran ist gar nicht zu denken, diese Räder drehen sich einem ja im Kopfe herum.«
Und trotz der Ermattung, die deutlich beim Sprechen zum Ausbruch kam, ließ sie sich nicht abhalten, Näheres von ihrem Leben zu erzählen.
Sie war Matratzenmacherin und hatte lange Zeit, mit einer ihrer Tanten in Bercy, von Hof zu Hof ziehend, Matratzen gemacht. Die verpestete Wolle, die sie selbst kämmte, hatte ihr in der Jugend ihr Leiden verschafft. Seit fünf Jahren machte sie die Runde in allen Spitälern von Paris. Sie sprach von den großen Ärzten in ganz vertrautem Tone. Die Schwestern von Lariboisière hatten sie, als sie sie von den religiösen Zeremonien leidenschaftlich erregt gesehen hatten, vollends bekehrt und überzeugt, daß die Heilige Jungfrau in Lourdes nur auf sie warte, um sie zu heilen.
»Sie sagten mir, der eine Lungenflügel sei bei mir ganz verloren und der andere nicht viel mehr wert. Wissen Sie, es hatten sich Kavernen gebildet... Zuerst hatte ich nur zwischen den Schultern Schmerzen und beim Husten einen schaumigen Auswurf. Dann magerte ich ab. Es war ein wahrer Jammer. Jetzt bin ich immer von Schweiß gebadet und huste, als wollte es mir die Brust zersprengen. Ich kann aber trotzdem nichts mehr aushusten, so dick ist es... Und wie Sie sehen, kann ich mich gar nicht mehr aufrecht halten, ich esse nicht mehr...«
Ein Erstickungsanfall unterbrach sie, ihr Gesicht wurde ganz schwarzblau.
»Das macht nichts. Ich stecke aber doch noch lieber in meiner Haut als in der des Bruders dort in der Abteilung hinter Ihnen. Er hat dasselbe Leiden, aber er ist noch viel schlimmer daran als ich.«
Sie täuschte sich. Es befand sich allerdings in der Abteilung hinter Marie ein junger Missionar, der Bruder Isidor, der auf einer Matratze lag und den man nicht sehen konnte, da er nicht imstande war, sich einen Finger breit emporzurichten. Aber er war nicht schwindsüchtig, er lag hoffnungslos danieder an einer Leberentzündung, die er sich am Senegal geholt hatte. Er war sehr groß und mager und hatte ein gelbes, eingefallenes Gesicht wie von Pergament. Das Geschwür, das sich an der Leber gebildet hatte, war schließlich nach außen durchgebrochen, und die Eiterung, verbunden mit fortwährendem heftigen Fieber, Erbrechen und Phantasieren, raubte ihm alle Kräfte. Nur allein seine Augen lebten noch, Augen voll unendlicher Liebe, deren warmer Strahl sein Gesicht, das dem sterbenden Heiland glich, verklärte. Sonst war es ein gewöhnliches Bauerngesicht, das nur der Glaube und die Leidenschaft adelten. Er war ein Bretone, das jüngste, kränkliche Kind einer sehr zahlreichen Familie, und hatte den geringen Landbesitz in der Heimat seinen älteren Brüdern überlassen. Eine seiner Schwestern begleitete ihn, Martha, zwei Jahre älter als er, die nach Paris gekommen war, um in seinen Dienst zu treten. Sehr bescheiden in ihrer untergeordneten Stellung als Mädchen für alles, hatte sie ihren Platz verlassen, um ihm zu folgen, und verzehrte nun ihre mageren Ersparnisse.
»Ich stand gerade auf dem Perron, als man ihn in den Wagen hob; vier Männer hielten...«
Sie konnte aber nicht weitersprechen; sie bekam einen Hustenanfall, der sie zwang, sich wieder auf die Bank niederzulegen. Sie rang mühsam nach Atem, die roten Äpfelchen auf ihren Backen wurden ganz blau. Sofort richtete ihr Schwester Hyacinthe den Kopf in die Höhe, trocknete ihre Lippen mit einem Leinentuche, das rote Flecken bekam. Frau von Jonquière war in demselben Augenblicke um die Kranke beschäftigt, die ihr gegenüber saß und ohnmächtig geworden war. Sie hieß Frau Vêtu, war die Frau eines kleinen Uhrmachers, der seinen Laden nicht hatte schließen können, um sie nach Lourdes zu begleiten. Sie hatte sich daher in die Hospitalität aufnehmen lassen, um die nötige Pflege zu haben. Die Furcht vor dem Tode hatte sie zur Kirche zurückgeführt, in die sie seit ihrer ersten Kommunion die Füße nicht mehr gesetzt hatte. Sie wußte, daß sie dem Tode unrettbar verfallen war, da der Krebs ihren Magen zerfraß. Schon hatte sie das zitronengelbe, entstellte Aussehen der Krebskranken. Ihr Auswurf war ganz schwarz, als ob sie Kienruß von sich gegeben hätte. Auf der ganzen Reise hatte sie noch kein einziges Wort gesprochen, ihre Lippen waren fest geschlossen, sie litt entsetzlich. Dann war Erbrechen eingetreten, und sie hatte das Bewußtsein verloren. Sobald sie den Mund öffnete, hauchte sie einen entsetzlich stinkenden Atem aus, einen Pestgeruch, der den Magen zum Umwenden brachte.
»Das kann man unmöglich aushalten«, murmelte Frau von Jonquière, die sich einer Ohnmacht nahe fühlte, »es muß etwas Luft gemacht werden.«
Schwester Hyacinthe war gerade damit fertig geworden, die Grivotte auf ihre Kissen zu betten.
»Gewiß, öffnen wir ein paar Minuten das Fenster. Aber nicht auf dieser Seite hier, denn ich habe Angst vor einem neuen Hustenanfall... Öffnen Sie es auf Ihrer Seite.«
Die Hitze wurde immer ärger. Man erstickte fast in der dicken, ekelhaften Atmosphäre. Es war eine wirkliche Erleichterung, als frische Luft hereinkam. Einige Minuten gab es jetzt andere Geschäfte zu besorgen, und eine allgemeine Reinigung fand statt. Die Schwester wusch alle Geschirre und Becken, deren Inhalt sie zum Fenster hinausschüttete, während die zur Hilfe beigegebene Dame mit einem Schwamme den Fußboden auftrocknete. Dann gab es ein neues Geschäft: die vierte Kranke, die sich bisher noch nicht gerührt hatte, ein zartes Mädchen, dessen Gesicht ganz von einem schwarzen Tuche verhüllt war, sagte, sie hätte Hunger.
Frau von Jonquière erbot sich gleich in ihrer ruhigen, ergebenen Weise, für sie sorgen zu wollen.
»Sie brauchen sich nicht darum zu kümmern, liebe Schwester. Ich werde ihr das Brot in kleine Stücke schneiden.«
Marie hatte sich in ihrem Verlangen nach Zerstreuung für die regungslose Gestalt, die sich unter dem schwarzen Tuche versteckt hatte, lebhaft interessiert. Sie vermutete, daß sie irgendeinen Schaden im Gesicht hätte. Man hatte ihr gesagt, es wäre eine Erzieherin. Die Unglückliche, Elise Rouquet aus der Picardie, hatte ihre Stelle verlassen müssen und lebte in Paris bei einer Schwester, die sie schlecht behandelte. Da sie aber kein anderes Leiden hatte, hatte sie kein Hospital aufnehmen wollen. Bei ihrer großen Frömmigkeit war es schon seit Monaten ihr heißer Wunsch, nach Lourdes zu gehen. Marie wartete mit stummer Besorgnis, ob sich wohl das schwarze Tuch heben würde.
»Sind die Stücke so klein genug?« fragte Frau von Jonquière in mütterlichem Tone. »Können Sie sie selbst in den Mund stecken?«
Unter dem schwarzen Tuche krächzte eine heisere Stimme nur halb verständliche Worte.
»Ja, ja, gnädige Frau.«
Endlich fiel das Tuch, und Marie fuhr entsetzt zurück. Es war ein Lupus, der die Nase und den Mund ergriffen hatte, ein Geschwür, das sich unter einem Ausschlage immer weiter ausbreitete und die Schleimhäute zerfraß. Der Kopf, der sich in die Form einer Hundeschnauze verlängert hatte, war mit seinen struppigen Haaren und seinen großen runden Augen abschreckend geworden. Schon waren die knorpligen Teile der Nase fast ganz zerfressen. Der Mund war eingefallen und nach links gezogen durch das Anschwellen der Oberlippe. Er glich einer schiefen, formlosen und unsaubern Kluft. Eine blutige Flüssigkeit, vermischt mit Eiter, floß aus dieser schrecklichen schwarzblauen Wunde.
»Oh, sehen Sie doch, Pierre!« murmelte Marie zitternd.
Den Priester überlief ebenfalls ein Schauder, als er sah, wie Elise Rouquet vorsichtig die kleinen Brotstückchen in die blutige Öffnung schob, die ihr als Mund diente. Alle in dem Wagen waren bei diesem fürchterlichen Anblicke bleich geworden. Und der gleiche Gedanke stieg in allen diesen so hoffnungsfreudigen Seelen auf: »Oh, Heilige Jungfrau! Oh, welches Wunder, wenn ein solches Leiden geheilt würde!
»Meine Kinder, denken wir nicht an uns, wenn wir uns wohl verhalten wollen«, wiederholte Schwester Hyacinthe, die ihr ermutigendes Lächeln bewahrt hatte.
Und sie fing den zweiten Rosenkranz zu beten an, die fünf Mysterien: Jesus in dem Ölbaumgarten, der gegeißelte Jesus, der dornengekrönte Jesus, der kreuztragende Jesus und der am Kreuze sterbende Jesus. Dann folgte der Choral: »Ich setze mein Vertrauen, Jungfrau, in deine Hilfe ...«
Man fuhr gerade durch Blois und war nun schon drei lange Stunden unterwegs. Marie, die ihre Augen von Elise Rouquet abgewendet hatte, ließ sie jetzt auf einem Mann ruhen, der die eine Ecke der anderen Wagenabteilung zur Linken einnahm, in der Bruder Isidor lag. Schon zu wiederholten Malen hatte sie ihn bemerkt. Er war noch jung und bescheiden in einen alten schwarzen Überrock gekleidet. Sein dünner Bart fing an grau zu werden. Klein und mager, mit einem abgezehrten, bleifarbenen und schweißbedeckten Gesichte schien er schwer zu leiden. Dennoch saß er ganz unbeweglich in seine Ecke gedrückt da, sprach mit keinem Menschen und starrte nur mit großen, weitgeöffneten Augen vor sich hin. Plötzlich bemerkte sie, wie die Augenlider herabsanken und er ohnmächtig wurde.
Sie lenkte die Aufmerksamkeit der Schwester Hyacinthe auf ihn.
»Liebe Schwester, sehen Sie doch! Diesem Herrn dort scheint es schlecht geworden zu sein.«
»Welchem denn, mein liebes Kind?« »Dort drüben dem, der den Kopf zurückgelehnt hat.«
Es entstand eine unruhige Bewegung, alle gesunden Pilger standen auf, um hinzusehen. Und Frau von Jonquière kam auf den Gedanken, Martha, der Schwester des Bruders Isidor, zuzurufen, sie solle dem Manne auf die Hände klopfen.
»Fragen Sie ihn, fragen Sie ihn, ob er leidet!«
Martha trat an ihn heran, schüttelte ihn und richtete wiederholt die Frage an ihn. Aber der Mann gab keine Antwort, er röchelte nur, und seine Augen blieben fest geschlossen.
Eine Stimme rief erschrocken:
»Ich glaube, er wird sterben.«
Die Furcht wurde größer, Worte schwirrten hin und her, und von einem Ende des Wagens zum andern wurden Ratschläge erteilt. Niemand kannte den Mann. Er hatte sich nicht in die Hospitalität aufnehmen lassen, denn er trug am Halse nicht die Karte mit der weißen Farbe des Zuges. Einer erzählte, er hätte ihn drei Minuten vor Abgang des Zuges ankommen sehen, sich mühsam fortschleppend, und dann habe er sich mit dem Ausdrucke unendlicher Müdigkeit in die Ecke fallen lassen, in der er jetzt im Sterben läge. Dann hätte er nicht mehr geatmet. Man sah übrigens sein Billett, das in dem Bande seines alten hohen Hutes steckte, der neben ihm hing.
Schwester Hyacinthe stieß einen freudigen Ruf aus.
»Oh, er atmet, er atmet! Fragen Sie ihn doch nach seinem Namen!«
Als ihn Martha aber von neuem fragte, stieß der Mann nur einen Klagelaut, den kaum verständlichen Schmerzensschrei aus:
»Oh, wie ich leide!«
Und von da an gab er nur diese eine Antwort. Auf alles, was man von ihm wissen wollte, wer er wäre, woher er käme, welches sein Leiden sei, was man für ihn tun könnte, antwortete er nicht, sondern stieß nur fortwährend den Klageruf aus:
»Oh, wie ich leide ... Oh, wie ich leide!«
Schwester Hyacinthe geriet in fieberhafte Aufregung. Wenn sie sich nur in der gleichen Abteilung befunden hätte! Und sie nahm sich vor, auf der nächsten Station, an der man halten würde, den Platz zu wechseln. Aber es kam jetzt lange keine Haltestelle. Der Kopf des Mannes sank immer tiefer herab.
»Er stirbt, er stirbt!« rief die Stimme von neuem.
Mein Gott! Was sollte man anfangen? Die Schwester wußte, daß ein Pater von Mariä Himmelfahrt sich im Zuge befand, der Pater Massias, der das geweihte Öl bei sich hatte und jederzeit bereit war, den Sterbenden die Letzte Ölung zu geben. Es starben jedes Jahr während der Fahrt mehrere Pilger. Aber sie wagte es nicht, das Alarmsignal in Bewegung zu setzen. Auch befand sich in dem von der Schwester SaintFrançois beaufsichtigten Kantinenwagen ein Arzt mit einer kleinen Apotheke. Wenn der Kranke nur noch bis nach Poitiers käme, wo man eine halbe Stunde Aufenthalt hatte. Hier würde ihm alle erforderliche Hilfe zuteil werden. Schrecklich wäre es, wenn er plötzlich sterben würde. Schließlich beruhigte man sich etwas. Der Unbekannte war zwar immer noch ohnmächtig, aber er atmete doch wenigstens regelmäßig und schien zu schlafen.
»Sterben, bevor man dort wäre!« murmelte Marie zitternd. »Sterben, bevor man das gelobte Land ...«
Und als ihr Vater sie zu beruhigen suchte, flüsterte sie:
»Auch ich leide, auch ich leide so sehr!«
»Haben Sie Vertrauen!« tröstete Pierre. »Die Heilige Jungfrau wacht über uns.«
Sie konnte nicht mehr in ihrer sitzenden Stellung bleiben, man mußte sie wieder in ihren engen Sarg legen. Ihr Vater und der Priester mußten dabei mit der größten Vorsicht zu Werke gehen, denn der leiseste Stoß entlockte ihr ein schmerzliches Stöhnen. Und dann lag sie da, ohne zu atmen, wie eine Tote, mit ihrem Leidensgesichte, umwallt von ihrem blonden, königlichen Haarschmucke. Man fuhr nun schon seit beinahe vier Stunden, und rastlos rollte der Zug immer weiter und weiter. Daß der Wagen in so unerträglicher Weise hin und her geschleudert wurde, lag daran, daß er sich am Ende des Zuges befand. Die Verbindungsketten kreischten, und die Räder rasselten entsetzlich. Durch die Fenster, die man notgedrungen halb offen hatte stehen lassen müssen, drang Staub herein, sonnendurchglüht und beißend. Dabei nahm die Hitze immer mehr zu. Eine gewitterschwangere, erschlaffende Hitze. Der Himmel hatte ein fahles Aussehen und bedeckte sich allmählich mit schweren, unbeweglichen Wolken. Überhitzten Backöfen glichen die Abteilungen, diese engen dahinrollenden Behausungen, in denen man aß und trank, in denen die Kranken alle ihre Bedürfnisse in der verdorbenen Luft befriedigten und unter dem betäubenden Durcheinander von Klagen, Gebeten und Gesängen.
Marie war nicht die einzige, deren Zustand sich verschlimmert hatte, die anderen litten in gleicher Weise unter der Reise. Auf den Knien ihrer verzweifelten Mutter, die sie mit ihren großen, von Tränen verdunkelten Augen betrachtete, lag die kleine Rose bewegungslos mit so bleichem Gesicht, daß sich Frau Maze schon zweimal zu ihr herabgebeugt hatte, um ihre Händchen anzufassen, in der Furcht, sie kalt zu finden. Jeden Augenblick mußte Frau Sabathier den Beinen ihres Mannes eine andere Lage geben, denn sie wurden ihm so schwer, wie er sagte, als ob man sie ihm aus den Hüften herausreißen wollte. Der Bruder Isidor fing an in seinem totenähnlichen Zustande Schreie auszustoßen, und seine Schwester hatte ihn nur dadurch beruhigen können, daß sie ihn etwas in die Höhe richtete und in ihren Armen hielt. Die Grivotte schien zu schlafen, doch erschütterte ununterbrochen ein Schlucken ihren Körper, und aus ihrem Munde rieselte langsam ein dünner Faden Blut. Frau Vêtu hatte wieder eine schwarze, ekelhafte Flüssigkeit von sich gegeben. Elise Rouquet dachte nicht mehr daran, die entsetzliche Wunde in ihrem Gesichte zu verbergen. Der Mann dort drüben fuhr fort, so dumpf zu röcheln, als wenn es jede Sekunde mit ihm zu Ende gehen wollte. Umsonst mühten sich Frau von Jonquière und Schwester Hyacinthe ab. Sie konnten nichts weiter tun, als die Jammernden trösten. Für Augenblicke war dies alles wie ein Traum, dieser Wagen voll Elend und Jammer, der mit voller Geschwindigkeit dahinfuhr und die Gepäckstücke, die alten aufgehängten Kleider, die abgenutzten Körbe, die mit Bindfaden notdürftig geflickt waren, hin und her schüttelte, während in der hintersten Abteilung zehn Pilgerinnen, alte und junge, alle von einer bedauernswerten Häßlichkeit, ohne Unterlaß in jammervollen, gellenden und falschen Tönen sangen.
Pierre dachte an die anderen Wagen des weißen Zuges. Alle rollten dahin voll des gleichen Elends mit dreihundert Kranken und fünfhundert Pilgern. Dann dachte er an die anderen Züge, die an diesem Tage Paris verließen, an den grauen und den blauen Zug, die vor dem weißen von Paris abgefahren waren, an den grünen Zug, an den gelben, an den rosa und an den orangefarbenen Zug, die ihm folgten. Und er dachte an andere Züge, die an dem gleichen Tage von Orleans, Le Mans, Poitiers, Bordeaux, Marseille und Carcassone abgingen. Die Erde Frankreichs sah sich zur selben Stunde nach allen Richtungen hin durchfurcht von ähnlichen Zügen, die alle der heiligen Grotte zustrebten und dreißigtausend Pilger und Kranke zu den Füßen der Heiligen Jungfrau führten. Und er dachte daran, daß ein solcher Menschenstrom wie an diesem Tage sich auch an den anderen Tagen des Jahres dorthin wälzte, daß keine Woche verging, ohne daß Lourdes eine Wallfahrt ankommen sah, und daß nicht nur Frankreich allein, sondern daß ganz Europa, daß die ganze Welt sich auf den Weg dorthin machte, und daß es in besonders frommen Jahren dreimalhunderttausend, ja sogar bis fünfmalhunderttausend Pilger und Kranke dort gegeben hatte.
Pierre glaubte sie zu hören, diese im Rollen begriffenen Züge, die Züge, die überallher kamen und die alle derselben Felsengrotte zustrebten, in der die Kerzen flammten. Alle rollten rasselnd dahin unter Schmerzensgeschrei und dem Rauschen der frommen Gesänge. Es waren fahrende Hospitäler voll verzweifelter Kranker, Züge menschlichen Leidens zu der Hoffnung und der Heilung; ein großes brennendes Verlangen nach Trost vor dem Drohen des schrecklichen Todes. Sie rollten dahin, sie rollten immer weiter, sie rollten ohne Unterbrechung dahin, das Elend dieser Welt mit sich führend, auf dem Wege zu einem heiligen Wahne, der Gesundheit der Kranken und dem Troste der Niedergedrückten.
Pierres Herz floß über von unendlichem Mitleid. Es war traurig, zu sterben. Eine heiße Barmherzigkeit flammte in ihm auf, das unlöschbare Feuer einer brüderlichen Liebe zu allen Dingen und allen Wesen.
Als man um halb elf Uhr den Bahnhof von SaintPierre du Corps verließ, gab Schwester Hyacinthe das Zeichen, und man betete den dritten Rosenkranz, die fünf glorreichen Mysterien: die Auferstehung unseres Herrn, die Himmelfahrt unseres Herrn, die Ausgießung des Heiligen Geistes, die Himmelfahrt der Allerheiligsten Jungfrau und die Krönung der Jungfrau. Dann sang man das Lied der Bernadette, ein endloses Klagelied von sechzehn Strophen, bei denen der englische Gruß den immer wiederkehrenden Schlußvers bildete, eine künstlich in die Länge gezogene Quälerei, die schließlich das Bewußtsein trübte und die Kranken in einen verzückten Traumschlaf versenkte in der köstlichen Erwartung des Wunders.
II
Jetzt zogen die grünen Gefilde von Poitou vorüber, und der Abbé Pierre Froment sah, die Augen starr nach außen gerichtet, die Bäume vorbeifliegen, bis schließlich alles vor seinen Augen verschwamm. Ein Kirchturm erschien und verschwand; alle Pilger bekreuzigten sich. Man sollte um zwölf Uhr fünfunddreißig Minuten in Poitiers sein; der Zug rollte unaufhaltsam weiter und weiter in der erschlaffenden Schwüle des gewitterschwangeren Tages. Und der junge Priester verfiel in eine tiefe Träumerei. Das Singen traf sein Ohr nur noch wie das einschläfernde langsame Auf und Abwogen des Meeres.
Ein Vergessen der Gegenwart, ein Wiedererwachen der Vergangenheit nahm sein ganzes Wesen gefangen. Er ging in seinen Erinnerungen zurück, soweit ihm das möglich war. Er sah das Haus in Neuilly wieder, in dem er geboren worden war und das er jetzt noch bewohnte, dieses Haus des Friedens und der Arbeit mit seinem Garten, in dem schöne Bäume standen. Nur eine lebende Hecke trennte ihn von dem Garten des Hauses nebenan, das dem seinigen ähnlich war. Er war drei, vielleicht auch vier Jahre alt, und er sah, wie an einem Sommertage in dem Schatten eines alten Kastanienbaumes sein Vater, seine Mutter und sein älterer Bruder an einem Tische beim Frühstück saßen. Sein Vater, Michel Froment, hatte kein besonders auffallendes Gesicht; er sah ihn nur verwischt und unbestimmt vor sich, den berühmten Chemiker, der Mitglied des Instituts war und der sich in seinem Laboratorium vergrub, das er im Hintergrunde seines weltentlegenen Besitztums hatte errichten lassen. Seinen Bruder Guillaume, der damals vierzehn Jahre alt und am Morgen zu einem kurzen Ferienaufenthalte aus dem Lyzeum eingetroffen war, sah er ganz deutlich vor sich, und vor allem seine sanfte Mutter, aus deren Augen eine so rührende Demut sprach. Später hatte er die Sorgen dieser frommen, gläubigen Seele kennengelernt, die sich aus Achtung und Dankbarkeit dazu verstanden hatte, einen Ungläubigen zu heiraten, der fünfzehn Jahre älter als sie war und der ihrer Familie große Dienste geleistet hatte. Er selbst, ein Spätling dieser Ehe, der erst geboren worden, als sein Vater schon in den fünfzig stand, hatte seine Mutter nur als demütige und ergebene Frau ihrem Gatten gegenüber gekannt, den sie heiß liebte mit der schrecklichen Qual im Herzen, ihn dem ewigen Verderben verfallen zu wissen. Und plötzlich stieg ihm eine andere Erinnerung auf, die entsetzliche Erinnerung an den Tag, an dem sein Vater in seinem Laboratorium, durch das Platzen einer Retorte, getötet worden war. Er war damals fünf Jahre alt gewesen. Er erinnerte sich noch der unbedeutendsten Einzelheiten, des Schreies seiner Mutter, als sie den zerrissenen Körper gefunden hatte mitten unter all den Trümmern, und dann ihres Entsetzens, ihres Jammers und ihrer Gebete bei dem Gedanken, Gott habe den Gottlosen, auf ewig Verdammten niedergeschmettert. Da sie seine Papiere und Bücher nicht zu verbrennen wagte, hatte sie sich damit begnügt, sie in ein Zimmer zu schließen, das niemand mehr betrat. Seit diesem Augenblicke wurde sie von dem Bilde der Hölle heimgesucht, und sie hatte nur noch den einen Gedanken, ihren jüngeren Sohn ganz strenggläubig zu erziehen als Sühne und zur Erlösung seines Vaters. Der ältere, Guillaume, war ihr schon entwachsen, er war im Lyzeum auferzogen und ganz von den Gedanken und Bestrebungen des Jahrhunderts erfüllt. Er selbst, der jüngere, durfte das Haus nicht verlassen und erhielt einen Geistlichen als Erzieher. Ihr geheimer Traum, ihre heiße Hoffnung war, ihn eines Tages selbst als Geistlichen zu sehen, wie er seine erste Messe las und die leidenden Seelen tröstete.
Ein anderes lebhaftes Bild tauchte zwischen den grünen, von den Sonnenstrahlen durchbrochenen Zweigen auf. Pierre sah plötzlich Marie von Guersaint, so wie er sie eines Morgens durch ein Loch in dem Zaune erblickt hatte, der die beiden benachbarten Besitzungen trennte. Herr von Guersaint, einem kleinen Adelsgeschlecht der Normandie entstammend, war Architekt, damals gerade mit der Erbauung von Arbeitersiedlungen mit Kirche und Schule beschäftigt. Eine schwere Aufgabe, zu der er nicht genügende Vorbereitung besaß und bei der er seine dreimalhunderttausend Frank Vermögen riskierte, dank der ihm eigenen Hartnäckigkeit und künstlerischen Unvorsichtigkeit. Die gleiche tiefe Frömmigkeit hatte Frau von Guersaint mit Frau Froment zusammengebracht. Aber die erstere war eine entschlossene, strenge Frau, die das Regiment führte und mit eiserner Hand verhinderte, daß Katastrophen über das Haus hereinbrachen. Sie erzog ihre beiden Töchter streng religiös. Die ältere war schon ernst wie sie, während die jüngere, obgleich sehr fromm, doch Spiel und Fröhlichkeit sehr liebte in dem lebhaften Jugenddrange, der sich in ihrem schönen, klangvollen Lachen kundgab. Seit ihrer frühesten Jugend spielten Pierre und Marie zusammen. An jenem sonnenhellen Morgen, an dem er sie jetzt wieder vor sich sah, wie sie die Zweige auseinanderbog, war sie zehn Jahre alt. Er zählte sechzehn Jahre und sollte am folgenden Dienstag in das Seminar eintreten. Niemals war sie ihm so schön erschienen. Ihre wie reines Gold glänzenden Haare waren so lang, daß sie, wenn sie sich lösten, sie ganz umhüllten. Er sah ihr Gesicht von damals ganz deutlich vor sich, ihre runden Backen, ihre blauen Augen, ihren roten Mund und vor allem den Glanz ihrer schneeweißen Haut. Sie war heiter und strahlend wie die Sonne. An ihren Augenlidern schimmerten Tränen, denn sie wußte, daß er fortgehen würde. Sie saßen zusammen im Schatten der Hecke im Hintergrunde des Gartens. Ihre Hände waren verschlungen und ihre Herzen schwer. Dennoch hatten sie niemals bei ihren Tändeleien Schwüre ausgetauscht, so unberührt waren noch ihre Seelen. Aber am Abende vor ihrer Trennung trat ihnen ihre zärtliche Liebe auf die Zunge. Sie sprachen davon, ohne es zu wissen, sie schwuren, unablässig aneinander zu denken und sich eines Tages wiederzufinden, wie man sich im Himmel wiederfindet, um glücklich zu sein. Dann hatten sie sich in die Arme genommen, ohne weiter zu fragen, und sich bis zum Ersticken geküßt und heiße Tränen vergossen. Es war eine köstliche Erinnerung, die Pierre damals mit fortgenommen hatte und die er immer noch lebendig in sich fühlte, trotzdem so viele Jahre und so viel schmerzliches Entsagen dazwischen lagen.
Ein heftiger Stoß weckte ihn aus seinen Träumereien. Er blickte im Wagen umher und sah in undeutlichen Umrissen die Gestalten der Leidenden; Frau Maze saß, unbeweglich und von ihrem Schmerz betäubt da. Die kleine Rose stöhnte leise auf den Knien ihrer Mutter. Einen Augenblick trat die heiter lächelnde Gestalt der Schwester Hyacinthe in den Vordergrund mit ihrer weißen Haube und dem weißen Brusttuche. Dann verschwamm alles von neuem in einem Nebel, der aus der fernen Vergangenheit herbeizog. Es blieb nur noch der einschläfernde Gesang der undeutlichen Traumstimmen, die aus dem Unsichtbaren hervordrangen.
Später war Pierre auf dem Seminar. Deutlich erschienen ihm wieder die Schulzimmer, der kleine Klosterhof mit seinen Bäumen. Plötzlich aber sah er wie in einem Spiegel die Gestalt eines jungen Menschen, so, wie er damals war, und er betrachtete sie genau, er zergliederte sie, wie die Gestalt eines Fremden. Groß und schlank, hatte er ein langes Gesicht mit einer stark entwickelten Stirn, hoch und gerade wie ein Turm, während die Kinnbacken zurücktraten und in einem sehr feinen Kinn endigten. Er schien ganz Verstand zu sein; nur der etwas große Mund war zart. Wenn das ernste Gesicht einen freundlicheren Ausdruck annahm, dann verrieten der Mund und die Augen eine unendliche Zärtlichkeit, ein unstillbares Verlangen zu lieben, sich hinzugeben und zu leben. Daneben stand die geistige Leidenschaft hochstehender Wesen, Neues zu lernen und zu erfahren. Diese Begierde hatte stets an ihm gezehrt. Mit Erstaunen gedachte er dieser Seminarjahre wieder. Wie hatte er nur so lange Zeit die herbe Lehre des blinden Glaubens ruhig hinnehmen können, wie hatte er sich gehorsam ohne Prüfung all dem unterwerfen können? Man hatte von ihm eine vollständige Preisgabe seines Verstandes verlangt. Er hatte sich zwingen lassen und war schließlich dahin gelangt, das quälende Verlangen nach Wahrheit ganz in sich zu ersticken. Ohne Zweifel hatten ihn die Tränen seiner Mutter gerührt. Er kannte nur den Wunsch, ihr das erträumte Glück zu verschaffen. Dennoch erinnerte er sich in dieser Stunde an manche aufrührerische Gedanken. Er fand in seinem Gedächtnis die in Tränen zugebrachten Nächte wieder, ohne daß er gewußt hatte, warum, Nächte voll unklarer Bilder, in die das freie Leben des Mannes von außen eindrang und in denen dann immer und immer Mariens Bild erschien, so, wie er sie eines Morgens gesehen hatte, erblassend und in Tränen gebadet und ihn mit heißer Inbrunst küssend. Dieses Bild blieb ihm jetzt allein vor Augen. Die Jahre seiner frommen Studien mit ihren eintönigen Stunden, mit ihren immer gleichen Übungen und Zeremonien verschwanden in einem unklaren Halbdunkel, erfüllt von einer schwülen Totenstille.
Dann gingen ihm, gerade als man eine Station durchfahren hatte, bei dem betäubenden Gerassel der Räder eine Menge Dinge in buntem Durcheinander durch den Sinn. Sein Traum verwirrte sich. Ein langes Unwohlsein das ihn in seinen Studien sehr zurückbrachte, hatte ihn veranlaßt, aufs Land zu gehen. Lange Zeit hatte er Marie nicht wiedergesehen. Zweimal verbrachte er seine Ferien in Neuilly, ohne daß er sie dort antraf, denn sie befand sich fast immer auf Reisen. Er wußte, daß sie sehr leidend war infolge eines Sturzes vom Pferde, den sie im Alter von dreizehn Jahren getan hatte, gerade als sie Weib zu werden anfing. Ihre Mutter schleppte sie in ihrer Verzweiflung jedes Jahr an einen andern Kurort. Dann hatte er den neuen schweren Schlag, der sie getroffen, erfahren, den plötzlichen Tod ihrer strengen, aber so besorgten Mutter: in fünf Tagen hatte sie eine Lungenentzündung hinweggerafft, die sie sich bei einem Abendspaziergang in La Boule geholt, als sie ihren Mantel ausgezogen hatte, um ihn Marie um die Schultern zu legen. Ihr Vater hatte in Eile abreisen und seine vor Schmerz halb wahnsinnige Tochter und die tote Mutter heimbringen müssen. Das schlimmste war, daß nach dem Hinscheiden der Mutter sich die Verhältnisse der Familie wieder verschlechterten und nach und nach immer verwickelter wurden, da der Architekt sein Vermögen, ohne zu rechnen, in den Abgrund seiner Unternehmungen warf. Marie konnte sich nicht mehr von ihrem Krankenstuhl erheben. So war nur Blanche da zur Leitung des Hauswesens, und diese war ganz in Anspruch genommen von den Prüfungen, die sie noch zu bestehen hatte, und von den Zeugnissen, die sie sich in den Kopf gesetzt hatte, da sie voraussah, daß sie sich eines Tages ihren Lebensunterhalt selbst würde verdienen müssen.
Plötzlich trat vor Pierres Augen eine lichte Erscheinung, die sich loslöste von der Masse dieser halb vergessenen trüben Ereignisse. Es war während eines Urlaubs, den er wegen seines Gesundheitszustandes hatte nehmen müssen. Er war vierundzwanzig Jahre alt, aber in seiner Ausbildung sehr zurück, denn er hatte bis dahin erst die vier niederen Weihen erhalten. Nach seiner Rückkehr sollte er das Unterdiakonat bekommen, das ihn für immer durch einen unverletzlichen Eid band. Und die Szene trat ihm wieder vor die Augen, in dem kleinen Garten in Neuilly, der Guersaint gehörte und in den er einst so oft zum Spielen gekommen war. Man hatte unter die großen Bäume in der Nähe des Zaunes Mariens Krankenstuhl gerollt. Sie waren allein in dem trübseligen Frieden des Herbstnachmittags. Er sah Marie in tiefer Trauer um ihre Mutter halb ausgestreckt mit gelähmten Beinen daliegen, während er selbst ebenfalls schwarz gekleidet schon in der Soutane neben ihr auf einem eisernen Stuhle saß. Sie zählte achtzehn Jahre und sah sehr bleich und abgezehrt aus, ohne daß sie aufgehört hatte, anbetungswert zu sein. Er glaubte, sie wisse, daß sie für immer gelähmt und verdammt sei, niemals Mutter zu werden. Die Ärzte, die sich nicht miteinander verständigen konnten, gaben sie auf. Jedenfalls sie erzählte ihm alles das an jenem trübseligen Nachmittage, indes die welken Blätter auf sie herabregneten. Aber er erinnerte sich nicht mehr ihrer Worte, nur ihr trauriges Lächeln, ihr noch so jugendlich reizendes und doch schon durch den Verzicht auf das Leben gezeichnetes Gesicht waren ihm gegenwärtig. Dann dachte er daran, wie sie den Tag ihrer Trennung ihm ins Gedächtnis zurückrief, ihrer Trennung auf der gleichen Stelle hinter der von den Sonnenstrahlen durchschienenen Hecke. Alles dies war tot, ihre Tränen, ihre Umarmung, ihr Versprechen, sich eines Tages wiederzufinden in der Gewißheit ihres Glückes. Sie hatten sich wiedergefunden, aber was nützte ihnen das jetzt, wo sie ja wie tot war und er im Begriffe stand, für das Leben dieser Welt zu sterben? Von dem Augenblicke an, da es gewiß war, daß sie nicht mehr Frau, weder Gattin noch Mutter werden würde, konnte auch er darauf verzichten, Mann zu sein, und konnte ganz in dem Gott aufgehen, dem seine Mutter ihn geweiht hatte. Er fühlte noch die süße Bitterkeit dieser letzten Zusammenkunft in sich. Marie lächelte schmerzlich über ihre alten Träume und sprach von dem Glück, das er in dem Dienste Gottes finden würde, und er war gerührt bei dem Gedanken, daß sie sich von ihm hatte versprechen lassen, sie zur Anhörung seiner ersten Messe einzuladen ...
Auf der Station SainteMaure entstand ein Lärm, der die Aufmerksamkeit Pierres wieder auf seine Umgebung in dem Wagen richtete. Er glaubte, es wäre irgendein Unfall vorgekommen. Aber die Leidensgesichter, denen seine Augen begegneten, waren noch dieselben, zeigten noch dieselben schmerzverzerrten Züge und die angstvolle Erwartung auf die göttliche Hilfe, die nur langsam herankam. Frau von Jonquière hatte ein Zinngeschirr, das sie reinigte, auf den Boden fallen lassen. Sofort ließ die Schwester Hyacinthe den Rosenkranz von neuem beten, wobei sie mit dem Angelus noch wartete, das nach dem festgestellten Programm erst in Châtellerault gebetet werden sollte. Die Ave folgten rasch aufeinander, es war nur noch ein dumpfes Murmeln, das in dem Lärm und dem Rasseln der Räder sich verlor.
Pierre zählte sechsundzwanzig Jahre und war Priester. Noch einige Tage vor seiner Weihe waren ihm Bedenken gekommen. Das dumpfe Bewußtsein bedrückte ihn, daß er sich binden wollte, ohne sich streng geprüft zu haben. Aber er hatte absichtlich unterlassen, dies zu tun, da er glaubte, mit einem einzigen Entschluß alle Menschlichkeit in sich ertötet zu haben. Sein Fleisch war mit dem unschuldigen Romane seiner Kindheit abgestorben. Er hatte seine Vernunft zum Opfer gebracht in der Hoffnung, das Wollen an sich genüge, das Denken sei gar nicht nötig. Jetzt war es zu spät. Er konnte im letzten Augenblicke nicht zurücktreten. Und wenn er in der Stunde, in der er den Schwur leistete, von einem geheimen Schrecken sich gepackt gefühlt hatte, von einem unendlichen, ungeheuren Bedauern, so hatte er alles vergessen und war göttlich belohnt worden für sein Opfer an dem Tage, als er seiner Mutter die große, lange ersehnte Freude bereitet hatte, ihn seine erste Messe lesen zu hören. Er sah sie noch, seine arme Mutter, in der kleinen Kirche zu Neuilly, in der das Leichenbegängnis seines Vaters gefeiert worden war; er sah sie noch, wie sie an jenem kalten Novembermorgen fast ganz allein in der kleinen dunklen Kapelle kniete und, das Gesicht in die Hände gedrückt, lange weinte, während er die Hostie in die Höhe hob. Sie hatte damals ihr letztes Glück genossen, denn sie lebte einsam und verhärmt. Ihren älteren Sohn sah sie nie. Der war, von anderen Ideen ergriffen, fortgegangen und hatte alle Beziehungen zu seiner Familie abgebrochen, seitdem sein Bruder sich entschlossen hatte, Priester zu werden. Man sagte, daß Guillaume, wie sein Vater ein bedeutender Chemiker, aber verbummelt und in revolutionären Träumereien befangen, ein kleines Haus an der Bannmeile bewohnte, wo er sich mit gefährlichen Studien über Sprengstoffe beschäftigen sollte. Man fügte hinzu, er habe jedes Band zwischen sich und seiner frommen und ehrbaren Mutter dadurch gelöst, daß er in wilder Ehe mit einer Frauensperson lebte, von der man nicht wußte, woher sie stammte. Seit drei Jahren hatte ihn Pierre, der in seiner Jugend Guillaume wie einen älteren väterlichen und guten, lustigen Freund verehrt hatte, nicht wiedergesehen.
Der Tod der Mutter war der nächste schwere Kummer seines Lebens. Es war ein ganz unerwarteter Schlag. Nach einer nur dreitägigen Krankheit war sie plötzlich verschieden. Er hatte sie eines Abends, als er weggelaufen war, um einen Arzt zu holen, bei seiner Rückkehr tot wiedergefunden. Während seiner Abwesenheit war sie gestorben, und seine Lippen hatten noch den erkalteten Hauch ihres letzten Kusses bewahrt. An das übrige erinnerte er sich nicht mehr, weder an die Totenwache noch an die Vorbereitungen, noch an die Beerdigung. Alles dies verschwand in dem Dunkel seines Schmerzes, der so wild sich aufbäumte, daß er beinahe daran gestorben wäre. Bei der Rückkehr vom Friedhof hatte ihn ein heftiger Schüttelfrost befallen, ein Fieber stellte sich ein, und drei Wochen schwebte er, unaufhörlich phantasierend, zwischen Leben und Tod. Sein Bruder war gekommen und hatte ihn gepflegt. Dann hatte Guillaume sich mit der Erbschaftsangelegenheit beschäftigt und nach der Teilung des kleinen Vermögens ihm das Haus und eine kleine Rente überlassen, während er seinen Anteil in barem Gelde mitnahm. Als er ihn außer Gefahr gesehen hatte, war er wieder gegangen und in sein Dunkel zurückgekehrt. Pierre hatte nichts getan, um Guillaume zurückzuhalten, denn er sah ein, daß zwischen ihnen eine weite Kluft sich gebildet hatte. Anfangs hatte er unter der Einsamkeit schwer gelitten. Dann aber hatte er sich in der tiefen Stille der Zimmer, die der Lärm der Straße nicht störte, und unter dem verschwiegenen Schatten des kleinen Gartens sehr wohl befunden. Sein Zufluchtsort war vor allem das alte Laboratorium seines Vaters, das seine Mutter zwanzig Jahre sorgfältig verschlossen gehalten hatte, gleichsam als wollte sie auf diese Weise dort die Vergangenheit mit ihrem Unglauben und ihrer Verdammnis einmauern. Vielleicht wäre sie trotz ihrer Sanftmut und ihrer andächtigen Verehrung für den Gatten doch noch eines Tages zur Vernichtung der Bücher und Papiere geschritten, wenn der Tod sie nicht überrascht hätte. Pierre hatte die Fenster wieder öffnen, den Schreibtisch und die Bücher abstauben lassen, sich in dem großen Lehnstuhl niedergelassen und verbrachte dort köstliche Stunden. Wie neugeboren durch seine Krankheit und in die Tage seiner Jugend zurückversetzt, genoß er durch die Lektüre der Bücher, die ihm unter die Hände kamen, ein ihm unbekanntes geistiges Behagen.
Während dieser zwei Monate langsamer Wiedergenesung hatte er, soviel er sich erinnerte, nur den Doktor Chassaigne empfangen. Das war ein alter Freund seines Vaters, ein gediegener Arzt, der sich bescheiden auf seine Eigenschaft als Praktiker beschränkte und nur den einen Ehrgeiz besaß, seine Kranken zu kurieren. Vergebens bemühte er sich um Frau Froment, aber er durfte sich rühmen, den jungen Priester aus einer schlimmen Lage gerettet zu haben. Von Zeit zu Zeit besuchte er ihn, plauderte mit ihm und suchte ihn zu zerstreuen. Er erzählte ihm von seinem Vater, dem großen Chemiker. Er wußte reizende Anekdoten von ihm zu berichten und rührende Einzelheiten einer innigen Freundschaft. So hatte sich der Sohn während seiner langsam fortschreitenden Erholung von seinem Vater ein Bild von verehrungswürdiger Einfachheit, Güte und Liebenswürdigkeit gebildet. Das war sein Vater, wie er wirklich war, und nicht der Mann der strengen Wissenschaft, wie er sich ihn früher nach den Erzählungen seiner Mutter vorgestellt hatte. Sie hatte ihn allerdings niemals anderes als aufrichtige Verehrung und Hochachtung des teuren Verstorbenen gelehrt. Aber war er nicht der Ungläubige, der Mann der Verneinung, der die Engel weinen machte, der Helfershelfer der Ruchlosigkeit, die sich gegen Gottes Werk richtete? So war er eine düstere Schreckenserscheinung gewesen, ein Verdammter, der als Gespenst im Hause umging, während er jetzt zum hellen, freundlichen Licht wurde, als ein von heißem Verlangen nach Wahrheit beseelter Arbeiter, der niemals anderes erstrebt hatte als die Liebe und das Glück aller. Doktor Chassaigne, ein Sohn der Pyrenäen, geboren in einem Dorfe, wo man noch an Hexen glaubte, würde sich noch eher der Religion zugewendet haben, wenn er auch seit den vierzig Jahren, die er in Paris lebte, seinen Fuß niemals in eine Kirche gesetzt hätte. Er war der felsenfesten Überzeugung, daß Michel Froment, wenn es irgendwo einen Himmel gäbe, sich dort befände und auf einem Throne zur Rechten des lieben Gottes säße.
Und Pierre durchlebte noch einmal in wenigen Minuten die entsetzlichen zwei Monate, in deren Verlauf ihn eine schwere Krisis heimgesucht hatte, nicht etwa, weil er in der Bibliothek Bücher antireligiösen Inhalts gefunden hatte, sondern es war nach und nach ganz gegen seinen Willen in ihm eine wissenschaftliche Klarheit aufgestiegen, ein Ganzes von bewiesenen Phänomenen hatte sich gebildet und die Dogmen zerstört und in ihm nichts von all den Dingen übriggelassen, an die er glauben sollte. Er kam sich nach der Krankheit wie neugeboren vor, es schien, als ob er noch einmal anfinge zu leben und zu lernen in dem angenehmen körperlichen Befinden des Wiedergenesenden, in jenem noch nicht ganz gekräftigten Zustande, der seinem Verstande eine durchdringende Klarheit verlieh. Im Seminar hatte er unter dem Einflusse seiner Lehrer seinen nachgrübelnden Geist, seinen unstillbaren Wissensdurst im Zaume gehalten. Was man ihn lehrte, das überraschte ihn wohl. Aber er kam doch dahin, seine Vernunft der Lehre zum Opfer zu bringen. In jener Zeit wurde der mühsame Bau des Dogmas durch eine Empörung der siegenden Vernunft gestürzt, die ihr Recht forderte und nicht mehr zum Schweigen gebracht werden konnte. Die Wahrheit brach sich mit so unwiderstehlicher Gewalt Bahn, daß er einsah, er würde niemals wieder den Irrtum in seinem Geiste von neuem zur Herrschaft bringen können. Es war der vollständige Zusammenbruch des Glaubens. Wenn er es vermocht hatte, das Fleisch in sich zu töten, indem er auf den Traum seiner Jugend verzichtete, wenn er so sehr Herr über seine Sinnlichkeit war, daß er aufgehört hatte, Mann zu sein, so wußte er jetzt doch, daß ihm der Verzicht auf seine Vernunft unmöglich sein würde. Und er täuschte sich nicht. Es war sein Vater, der in seinem Innern wieder erstand, und der schließlich in diesem ererbten Dualismus über die Mutter den Sieg davontrug. Sein langes Gesicht mit der hohen Stirn seinen sich noch verlängert zu haben, während das feine Kinn und der weiche Mund immer mehr zurücktraten. Und doch empfand er Trauer darüber, daß er nicht mehr glaubte, und das heiße Verlangen, noch glauben zu können, überwältigte ihn immer wieder, wenn sein gutes Herz, sein Bedürfnis nach Liebe wach wurde in stillen Dämmerstunden. Dann mußte erst die Lampe kommen, er mußte wieder Helligkeit in und um sich sehen, um die Energie und die Ruhe seiner Vernunft wiederzufinden, die Stärke des Märtyrers, den Willen, alles für den Frieden seines Gewissens zu opfern.
Schließlich hatte sich die Krisis gelöst. Er war Priester und glaubte nicht mehr. Wie ein unendlicher Abgrund tat sich diese Erkenntnis vor ihm auf. Das war das Ende seines Lebens, der Zusammenbruch von allem. Was sollte er tun? Gebot ihm nicht die Ehrlichkeit, die Soutane von sich zu werfen und wieder in die Welt zurückzukehren? Aber er hatte schon genug abtrünnige Priester gesehen, und hatte sie verachtet. Ein verheirateter Priester erfüllte ihn mit Abscheu. Das war ohne Zweifel ein Überbleibsel seiner langen religiösen Erziehung. Er hielt noch fest an der Unverletzlichkeit des Priestertums, an dem Gedanken, daß der, der sich Gott geweiht hatte, sich nicht wieder frei machen könnte. Vielleicht hielt er sich auch schon für zu sehr gekennzeichnet, für so verschieden von den anderen Menschen, daß er fürchten mußte, von ihnen als ein Fremder in ihrer eigenen Welt angesehen zu werden. Da man ihn seiner Männlichkeit beraubt hatte, wollte er auch in seinem schmerzensreichen Stolze für sich bleiben. Und nach langen qual und angstvollen Tagen, nach unaufhörlich wiederkehrenden Kämpfen, in denen sich sein Verlangen nach Glück und die Kraft seiner wiedergewonnenen Gesundheit stritten, faßte er den heroischen Entschluß, Priester zu bleiben, und zwar ein ehrbarer Priester. Da er sein Fleisch ertötet hatte, wenn es ihm auch nicht gelungen war, seine Vernunft zum Schweigen zu bringen, so war er sicher, daß er das Gelübde der Keuschheit halten würde. Und das Leben, das er lebte, war nach seiner festen Überzeugung ein reines und rechtschaffenes. Was bedeutete es für ihn, daß er zu leiden hatte, wenn nur niemand auf der Welt den erloschenen Vulkan in seinem Herzen ahnte, die Nichtigkeit seines Glaubens, die entsetzliche Lüge, an der er sich zu Tode quälte! Sein fester Halt würde seine Unbescholtenheit sein, er würde sein Priesteramt als ehrbarer Mann ausüben, ohne eines der Gelübde zu brechen, die er getan hatte. Er wollte fortfahren, nach den Kirchenvorschriften seine Pflichten als Diener Gottes auszuüben. Er würde predigen, er würde am Altar das Hochamt abhalten, er würde an die Gläubigen das Lebensbrot austeilen. Wer würde wagen, es ihm als Verbrechen anzurechnen, daß er den Glauben verloren hatte? Was konnte man von ihm denn noch mehr verlangen? Hatte er nicht sein Leben seinem Gelübde geweiht, hatte er sein Priestertum nicht hochgehalten, hatte er nicht alle Werke der christlichen Liebe ausgeübt, ohne jede Hoffnung auf eine zukünftige Belohnung? So hatte er sich schließlich beruhigt, stolz und mit hocherhobenem Haupte, in der trostlosen Größe eines Priesters durch die Welt zu gehen, der nicht mehr glaubt und doch fortfährt, über den Glauben der anderen zu wachen. Er stand gewiß nicht allein, er wußte, daß er Brüder hatte, Priester, die dem Zweifel verfallen waren, die aber dennoch am Altare blieben, wie Soldaten ohne Vaterland, und die den Mut hatten, den frommen Betrug auf die kniende Menge herabstrahlen zu lassen.
Seit seiner vollständigen Genesung hatte Pierre sein Amt an der kleinen Kirche zu Neuilly wieder übernommen. Jeden Morgen las er seine Messe. Er war fest entschlossen, jede andere Stellung, jede Beförderung abzulehnen. So gingen Monate, Jahre dahin. Hartnäckig blieb er bei seinem Vorsatze, nur ein gewöhnlicher Priester zu sein, der unbekannteste und niedrigste der Priester, die man in einem Kirchspiel duldet, die erscheinen und wieder verschwinden, wenn sie ihre Pflicht erfüllt haben. Jede höhere Würde wäre ihm nur wie eine Verschlimmerung seiner Lage vorgekommen, wie ein Raub, den er an Würdigeren beging. Er mußte sich wehren gegen die Anerbieten, denn seine Verdienste konnten nicht unbeachtet bleiben. Man wunderte sich im erzbischöflichen Palaste über diese eigensinnige Bescheidenheit. Man wollte die Kraft, die man in ihm ahnte, nutzbar machen. Nur zuweilen empfand er es mit bitterem Bedauern, daß er sich nicht nützlich machte, daß er nicht an einem großen Werke arbeitete, an der Wiederherstellung des Friedens auf der Erde, an dem Heile und dem Glücke aller. Glücklicherweise waren seine Tage frei, und er tröstete sich durch wahre Arbeitswut. Alle Bücher der Bibliothek seines Vaters wurden verschlungen. Dann nahm er seine Studien und Untersuchungen wieder vor und beschäftigte sich eifrig mit der Geschichte der Völker, von dem Wunsche erfüllt, dem sozialen und religiösen Übel auf den Grund zu kommen. Er wollte sich Klarheit verschaffen, ob denn wirklich gar keine Hilfe vorhanden wäre.
Eines Morgens hatte Pierre, als er in einer der großen Schubladen kramte, die sich unten in den Bibliothekschränken befanden, ein Bündel Abhandlungen und Akten über die Erscheinungen von Lourdes entdeckt. Es befanden sich darunter die vollständigen Dokumente, Abschriften der Verhöre der Bernadette, der behördlichen Protokolle, der Polizeiberichte und der ärztlichen Konsultationen, dazu Privatbriefe und vertrauliche Schreiben vom höchsten Interesse. Er war sehr erstaunt über diesen Fund und hatte den Doktor Chassaigne darüber befragt, der sich auch erinnerte, daß sein Freund, Michel Froment, sich leidenschaftlich mit dem Fall der Bernadette beschäftigt hatte. Er selbst, der aus einem in der Nachbarschaft von Lourdes gelegenen Dorfe stammte, hatte dem Chemiker einen Teil dieser Akten verschafft. Pierre hatte sich einen Monat lang leidenschaftlich mit der Sache beschäftigt, von der reinen Gestalt der Seherin wunderbar angezogen, zugleich aber auch empört über das, was später geschehen war, über den rohen Fetischismus, über den jammervollen Aberglauben, über die triumphierende Geschäftstüchtigkeit. In seinem Ringen mit dem Unglauben schien diese Geschichte nur dazu zu dienen, die Niederlage des Glaubens zu beschleunigen. Zugleich aber war sie auch derart, daß sie seine Wißbegierde reizte. Er hätte gern eine Untersuchung angestellt, die wissenschaftliche Wahrheit festgestellt und dem reinen Christentum den Dienst erwiesen, es von dieser Schlacke zu befreien. Er hatte sein Studium aufgeben müssen, da er vor einer Reise nach der Grotte zurückschreckte und die übergroßen Schwierigkeiten erkannte, die ihm die Beschaffung der ihm fehlenden Aufschlüsse machte. So lebte in ihm nur seine zärtliche Liebe für Bernadette fort, an die er nie ohne eine wunderbar rührende Empfindung und ohne unendliches Mitleid denken konnte.
Die Tage schwanden dahin. Pierres Leben wurde immer einsamer. Doktor Chassaigne war plötzlich nach den Pyrenäen gereist. Er hatte seine Praxis aufgegeben und seine kranke Frau nach Cauterets gebracht, die, wie er und seine Tochter mit Bekümmernis sahen, täglich mehr und mehr dahinschwand. Seit dieser Zeit war es in dem kleinen Haus in Neuilly ganz einsam geworden. Pierre hatte keine andere Zerstreuung als die Besuche, die er von Zeit zu Zeit bei Guersaints machte. Sie waren schon lange aus dem Nachbarhaus fortgezogen und hatten sich in einer elenden Straße des Stadtviertels in einer kleinen Wohnung eingemietet. Die Erinnerung seines ersten Besuches dort lebte noch so in ihm, daß er jedesmal einen Stich in seinem Herzen verspürte, wenn er sich seine Aufregung beim Anblick der armen Marie wieder ins Gedächtnis zurückrief.
Er erwachte aus seinen Träumereien, sah sich um und bemerkte Marie ausgestreckt auf der Bank liegen, so, wie er sie damals wiedergefunden hatte, gefesselt an ihren einer Dachrinne ähnlichen Sarg, an dem man Räder anbringen konnte, um sie fortzubewegen. Sie, die einst übersprudelte, immer bereit, zu lachen und zu springen, litt unter der Untätigkeit und dem erzwungenen Stilliegen. Nur ihre Haare hatten sich erhalten. Sie umhüllten sie wie ein goldener Mantel. Sie selbst war so abgemagert, daß sie kleiner geworden zu sein und die Finger eines Kindes wiederbekommen zu haben schien. Was aber in diesem bleichen Gesichte am schmerzlichsten berührte, das waren die leeren, starren Blicke, die nichts sahen, die einen Ausdruck des vollständigen Aufgehens in ihrer Krankheit hatten. Dennoch bemerkte sie, daß er sie ansah, und wollte ihm zulächeln. Nur Klagelaute entschlüpften den Lippen dieses armen, gelähmten Wesens, das überzeugt war, es würde vor dem Wunder sterben! Er war tief erschüttert. Er hörte nur noch sie, er sah nur noch sie unter allen den anderen Kranken, die der Wagen beherbergte, gleichsam als ob sie all die anderen Qualen in dem Todeskampf ihrer Schönheit, ihres Frohsinns und ihrer Jugend zusammenfaßte.
Allmählich kehrte Pierre, ohne daß seine Augen Marie verließen, in die Vergangenheit zurück. Er durchkostete noch einmal die Stunden, die er in ihrer Nähe verlebt hatte, wenn er in die armselige Wohnung hinaufgestiegen war, um ihr Gesellschaft zu leisten. Herr von Guersaint hatte sich vollständig ruiniert, da er sich in den Kopf gesetzt hatte, die Fabrikation von Heiligenbildern zu verbessern, deren Mittelmäßigkeit ihn ärgerte. Sein letztes Vermögen hatte der Bankerott eines Farbendruckgeschäftes verschlungen. In seiner Zerstreutheit und seinem Mangel an Umsicht bemerkte er gar nichts von der peinlichen Lage, die sich immer mehr verschlimmerte. In seiner kindlichen Liebe verließ er sich ganz auf den lieben Gott und war schon wieder mit dem Problem der Lenkbarkeit der Luftballons beschäftigt, ohne zu sehen, welch übermenschliche Anstrengungen seine ältere Tochter Blanche machen mußte, um wenigstens den Lebensunterhalt für die kleine Familie zu erwerben, für ihre beiden Kinder, wie sie ihren Vater und ihre Schwester nannte. Blanche schaffte das nötige Geld, das die Pflege Mariens erforderte, herbei, indem sie vom Morgen bis zum Abend in ganz Paris bei Hitze und Regen umherlief und französischen Sprachunterricht und Klavierstunden erteilte. Marie war oft der Verzweiflung nahe, brach in Tränen aus und klagte sich an, daß sie die Hauptursache des Zusammenbruchs der Familie sei, weil man ihretwegen schon seit so vielen Jahren die Ärzte bezahlen mußte, und sie in alle nur denkbaren Bäder gebracht hätte. Jetzt hatten die Ärzte sie nach zehnjähriger Behandlung aufgegeben. Die einen meinten, daß die großen Sehnen zerrissen wären, die anderen glaubten an das Vorhandensein einer Geschwulst, während die dritten sagten, die Lähmung käme vom Rückenmark. Und da sie jede genauere Untersuchung aus jungfräulichem Schamgefühl ablehnte und die Ärzte keine eingehenderen Fragen zu stellen wagten, so hielt jeder an seiner Erklärung fest, daß sie nicht wieder geheilt werden könne. Sie rechnete auf nichts anderes als auf die Hilfe Gottes, da sie seit ihrem Kranksein nur noch Tröstung in ihrem inbrünstigen Glauben fand. Ihr größter Kummer war, daß sie nicht in die Kirche gehen konnte, und sie las die Messe an jedem Morgen.
In diesem Augenblicke stieg Pierre eine neue Erinnerung auf. Es war an einem Abend, bevor man noch die Lampe angezündet hatte. Er saß bei ihr in der Dunkelheit. Plötzlich sagte ihm Marie, daß sie nach Lourdes gehen wollte und daß sie überzeugt wäre, sie würde von dort geheilt zurückkehren. Er hatte bei ihren Worten ein heftiges Unbehagen empfunden und, sich völlig vergessend, gerufen, es wäre eine Torheit, an dergleichen fromme Märchen zu glauben. Niemals hatte er mit ihr über Religion gesprochen. Er hatte sich stets geweigert, ihre Beichte zu hören und sie in den großen und kleinen Gewissensnöten, die sie als Gläubige hatte, auf den rechten Weg zu leiten. Scham und Mitleid hielten ihn davon ab. Er würde schwer darunter gelitten haben, wenn er sie hätte belügen müssen, und andererseits würde er sich für einen Verbrecher angesehen haben, wenn er auch nur mit einem Hauche den großen, reinen Glauben getrübt hätte, der sie stark gegen das Leiden machte. Daher hatte er auch den Ausruf bereut, den er nicht hatte zurückhalten können. Da hatte er gefühlt, wie die kleine, kalte Hand der Kranken die seinige ergriff; und ermutigt durch die Dunkelheit, hatte sie gewagt, mit sanfter, stockender Stimme ihm zu sagen, daß sie sein Geheimnis, daß sie sein Unglück kenne, das für einen Priester so entsetzliche Elend, nicht mehr zu glauben. Bei dem darauffolgenden Gespräche hatte er ihr ganz gegen seinen Willen alles gesagt. Sie war ihm bis auf den Grund des Gewissens gedrungen mit dem feinen Erkennungsvermögen der leidenden Freundin. Sie geriet darüber seinetwegen in furchtbare Unruhe und beklagte ihn wegen seiner tödlichen seelischen Krankheit noch mehr als sich selbst. Als er dann, tief ergriffen, nichts darauf zu antworten wußte und durch sein Schweigen die Wahrheit eingestand, hatte sie wieder angefangen, von Lourdes zu sprechen, und hinzugefügt, es sei ihr inniger Wunsch, daß auch er sich der Heiligen Jungfrau anvertrauen und sie anflehen sollte, ihm den Glauben wiederzugeben. Von diesem Abend an hatte sie nicht mehr aufgehört, davon zu reden. Aber die Geldfrage hielt sie in Paris fest. Sie hatte es nicht einmal gewagt, mit ihrer Schwester darüber zu sprechen. Zwei Monate vergingen. Sie wurde von Tag zu Tag schwächer und erschöpfte sich in sehnsüchtigen Träumen, die Augen dem himmlischen Glänze der Wundergrotte zugewendet.
Pierre hatte damals schlimme Tage verbracht. Zuerst hatte er es Marie rundweg abgeschlagen, sie zu begleiten. Dann wurde sein Wille durch den Gedanken erschüttert, daß er, wenn er sich zur Reise entschlösse, die Untersuchungen über Bernadette wieder aufnehmen und fördern könne. Und endlich hatte er gefühlt, wie eine wonnige Empfindung ihn durchdrang, eine uneingestandene Hoffnung, daß Marie vielleicht recht hätte und die Heilige Jungfrau sich seiner in Gnaden annehmen und ihm den Glauben wiedergeben würde, den Glauben des Kindes, das liebt und nicht prüft. Oh, wenn er doch von ganzer Seele glauben, wenn er doch in dem Glauben versinken könnte! Es gab kein anderes Glück. Er trachtete nach dem Glauben mit der ganzen Freude seiner Jugend, mit der ganzen Liebe, die er für seine Mutter empfunden hatte, mit all dem brennenden Verlangen, das ihn erfüllte, der Qual des Erkennens und Wissens zu entgehen und für immer im Schoße der göttlichen Unwissenheit einzuschlummern. Es war köstlich, nichts mehr zu sein als ein willenloses Ding in den Händen Gottes.
Acht Tage später war die Reise nach Lourdes beschlossen. Pierre hatte eine letzte Besprechung der Ärzte gefordert, um zu erfahren, ob Marie den Anstrengungen der Reise wirklich gewachsen sei. Zwei der Ärzte, die die Kranke früher behandelt hatten, und von denen der eine an ein Zerreißen der großen Sehnen glaubte, der andere aber es für eine Lähmung des Rückenmarkes ansah, hatten sich schließlich dahin geeinigt, daß es Lähmung des Rückenmarkes sei in Verbindung mit Verletzungen, die sich vielleicht an den großen Sehnen befänden. Der Fall schien ihnen so klar, daß sie kein Bedenken trügen, jeder für sich einen Krankenschein auszustellen, der bei beiden beinahe gleich lautete. Sie hielten die Reise für möglich, wenn sie auch der Kranken heftige Schmerzen verursachen würde. Das hatte Pierre bestimmt, denn er hatte gefunden, daß die beiden Herren sehr klug und eifrig bestrebt gewesen waren, die Wahrheit zu ergründen. Eine unklare Erinnerung blieb ihm an den dritten Arzt, de Beauclair mit Namen, einen jungen Mann mit regem Verstande, noch wenig bekannt und, wie man sagte, etwas wunderlich. Nachdem er Marie lange betrachtet, hatte er sich genau nach ihren Vorfahren erkundigt und mit lebhaftem Interesse dem zugehört, was man ihm von Herrn von Guersaint erzählte, dem Architekten und verunglückten Erfinder mit dem schwachen Charakter und der üppig wuchernden Phantasie; dann hatte er den tatsächlichen Befund der Krankheit geprüft und dabei in diskreter Weise festgestellt, daß der Schmerz sich im linken Eierstock lokalisiert hatte, und daß dieser Schmerz, wenn man dort drückte, wie eine dicke Masse, die sie zu ersticken drohte, bis in ihre Kehle hinaufstieg. Auf die Lähmung der Beine schien er gar keinen Wert zu legen. Dann hatte er auf eine Frage sich sogar dahin geäußert, daß man sie nach Lourdes bringen müßte, da sie dort sicherlich geheilt werden würde, wenn sie davon überzeugt sei. Lächelnd fügte er hinzu, daß der Glaube genüge, daß zwei von seinen Patienten, sehr fromme Damen, von ihm im vorigen Jahre hingeschickt und strahlend von Gesundheit wieder zurückgekommen wären. Er gab sogar an, wie sich das Wunder vollziehen würde: beim Erwachen würde eine furchtbare Aufregung die Kranke ergreifen, während das Übel, jener quälende Druck, der sie zu ersticken drohte, zum letztenmal in ihr aufsteigen und verschwinden würde, als ob er durch den Mund entschlüpft wäre. Er schlug es rundweg ab, einen Krankheitsschein auszustellen. Seine beiden Kollegen behandelten ihn sehr kühl wie einen Kurpfuscher. Pierre hatte, wenn auch nur unklar, einige Stellen aus dem von Beauclair abgegebenen Gutachten behalten: eine Verrenkung des Organs mit leichten Rissen in den Sehnen infolge des Sturzes vom Pferde, dann eine langsame Wiederherstellung des natürlichen anatomischen Zustandes. Die Kranke habe jedoch stets unter dem nervösen Drucke der ersten Furcht gelebt. Ihre ganze Aufmerksamkeit sei auf die verletzte Stelle gerichtet; sie besitze gar nicht mehr die Fähigkeit, neue Vorstellungen zu bilden, es sei denn, daß dies durch die plötzliche Einwirkung einer heftigen Erregung geschähe. Allein der Gedanke, daß Mariens Leiden nur ein eingebildetes sein sollte, daß die entsetzlichen Schmerzen, die sie quälten, von einer längst geheilten Verletzung herrühren sollten, war Pierre so unglaublich vorgekommen, daß er sich dabei gar nicht weiter aufgehalten hatte. Er war bloß darüber glücklich, daß die drei Ärzte einmütig ihre Einwilligung zur Reise nach Lourdes erteilten. Es genügte ihm zu wissen, daß sie geheilt werden konnte. Er hätte sie bis an das Ende der Welt begleitet.
Ach, jene letzten Tage in Paris, in welcher Aufregung hatte er sie verbracht! Der nationale Pilgerzug war zum Aufbruch bereit. Er war auf den Gedanken verfallen, Marie in das Hospital aufnehmen zu lassen, um die großen Kosten zu ersparen. Dann hatte er seinen eigenen Eintritt in die Hospitalität von NotreDame de Salut durchgesetzt. Herr von Guersaint brannte vor Verlangen, die Pyrenäen kennenzulernen. Im übrigen bekümmerte er sich um gar nichts, nahm es ruhig an, daß der junge Priester für ihn die Reise bezahlte und sich seiner wie eines Kindes annahm. Seine Tochter Blanche hatte ihm noch im letzten Augenblicke ein Zwanzigfrankstück zugesteckt. Er hielt sich daher für reich. Die arme, heldenmütige Blanche besaß einen verborgenen Schatz, fünfzig Frank Ersparnisse, die man hatte annehmen müssen, denn auch sie wollte etwas zur Heilung ihrer Schwester beitragen. Sie konnte nicht mitreisen, da sie durch ihre Stunden in Paris zurückgehalten war, indes die Ihrigen in weiter Ferne in dem Zauberbanne der Wundergrotte auf den Knien lagen. So war man abgefahren und rollte nun dahin, rollte rastlos immer weiter.
Auf der Station Châtellerault riß ein lautes Stimmengewirr Pierre aus seinen Träumen. Was gab es denn? War man schon in Poitiers angekommen? Aber es war ja kaum Mittag, und Schwester Hyacinthe hatte das Angelus beten und dreimal drei Ave wiederholen lassen. Die Stimmen verhallten, ein neuer Gesang hob an und wurde nach und nach zu einem Klageliede. Noch fünfundzwanzig lange Minuten dauerte es, ehe man nach Poitiers kam. Dort sollte ein halbstündiger Aufenthalt den Leidenden Erleichterung verschaffen. Alle befanden sich in sehr trauriger Verfassung in dem verpesteten, glühendheißen Wagen. Tränen rollten über die Wangen der Frau Vincent, ein leiser Fluch war dem sonst so geduldigen Herrn Sabathier entschlüpft, während der Bruder Isidor, die Grivotte und Frau Vêtu gar nicht mehr zu leben schienen und Trümmerstücken glichen, die von der Flut mit fortgerissen wurden. Marie hatte ihre Augen geschlossen und gab keine Antwort mehr; sie wollte sie nicht wieder öffnen, da der entsetzliche Anblick des Gesichtes der Elise Rouquet, der für, sie das Bild des Todes war, sie unablässig verfolgte. Und während der Zug, der diese menschliche Verzweiflung mit sich führte, unter dem gewitterschwangeren Himmel dahinbrausend seine Geschwindigkeit vergrößerte, wurden alle in einen neuen Schrecken versetzt. Der Mann atmete nicht mehr, eine Stimme rief, er habe seinen Geist aufgegeben.
III
Als der Zug in Poitiers anhielt, beeilte sich Schwester Hyacinthe, auszusteigen. Die Bahnbediensteten öffneten die Türen. Die Pilger stürzten ins Freie.
»Wartet, wartet!« wiederholte sie immer von neuem. »Laßt mich zuerst heraus, ich will nachsehen, ob es ganz aus mit ihm ist.«
Als sie in die andere Abteilung eingestiegen war, richtete sie den Kopf des Mannes in die Höhe; anfangs glaubte sie, daß er in der Tat hinübergegangen wäre, als sie ihn bleich und mit leeren Augen daliegen sah. Aber sie fühlte noch ein schwaches Atmen.
»Nein, nein! Er atmet noch! Schnell, wir müssen uns beeilen!«
Und als sie die andere Schwester bemerkte, die an diesem Ende des Wagens ihres Amtes waltete, rief sie:
»Ich bitte Sie, Schwester Claire des Anges, holen Sie schnell den Pater Massias herbei, er muß im dritten oder vierten Wagen sein. Sagen Sie ihm, daß wir einen Kranken haben, der in großer Gefahr schwebt; er soll sogleich das geweihte Öl bringen.«
Ohne zu antworten, verschwand die Schwester in dem Gewühle. Sie war klein, fein und zart, mit stillen Gesichtszügen und Märchenaugen und dabei unermüdlich tätig.
Pierre, der in der andern Abteilung stand und dem Vorgange gefolgt war, erlaubte sich eine Bemerkung.
»Sollte man nicht vielleicht auch den Arzt holen?«
»Gewiß, ich dachte auch schon daran«, antwortete Schwester Hyacinthe. »Oh, Herr Abbé, würden Sie wohl so liebenswürdig sein und selbst zu ihm laufen?«
Pierre war gerade im Begriff, in die Kantine im Packwagen zu gehen, um für Marie eine Bouillon zu holen. Die Kranke, die sich etwas leichter fühlte, seitdem sie nicht mehr hin und her geschüttelt wurde, hatte die Augen geöffnet und sich von ihrem Vater in die Höhe setzen lassen. Sie hätte gar zu gerne gehabt, wenn man sie nur einen Augenblick an die frische Luft getragen hätte. Aber sie fühlte, daß dies zuviel verlangt wäre, daß es zuviel Mühe machen würde, sie dann wieder in den Wagen hineinzuschaffen. Herr von Guersaint, der wie die meisten Pilger und Kranken in dem Wagen gefrühstückt hatte, blieb in der Nähe der offenstehenden Wagentür, um eine Zigarette zu rauchen, während Pierre in die Kantine im Packwagen eilte, wo sich der diensthabende Arzt aufhielt.
In dem Wagen waren noch andere Kranke geblieben, die man unmöglich hätte herausschaffen können. Die Grivotte hatte Erstickungsanfälle und phantasierte. Sie hielt auch Frau von Jonquière im Wagen fest, die sich mit ihrer Tochter Raymonde, mit Frau Volmar und Frau Desagneaux am Büfett verabredet hatte, um dort zusammen zu frühstücken. Aber wie konnte sie dieses unglückliche Geschöpf, das im Todeskampfe zu liegen schien, ganz allein auf der harten Bank lassen? Herr Sabathier erwartete, an seinen Platz festgeschmiedet, seine Gattin, die fortgegangen war, um ihm eine Weintraube zu holen, während Martha ihren Bruder nicht verließ, dessen leises Wehklagen noch immer fortdauerte. Die anderen, die gehen konnten, drängten nach den Türen hin, um auszusteigen, in der Absicht, nach siebenstündiger Fahrt nur einen kurzen Augenblick aus diesen Wagen voll Jammer und Elend herauszukommen. Frau Maze war sofort beiseite geschlichen und hatte einen einsamen Winkel des Bahnhofs aufgesucht, wo sie sich wieder in ihre Melancholie vergrub. Ganz stumpfsinnig vor Schmerz hatte Frau Vêtu die Kraft besessen, einige Schritte zu tun und sich im vollen Sonnenscheine, dessen Brennen sie nicht einmal fühlte, auf eine Bank zu setzen, während Elise Rouquet, die ihr Gesicht wieder mit dem schwarzen Tuche umwickelt hatte, einen Brunnen suchte, von dem Verlangen nach frischem Wasser verzehrt. Frau Vincent wandelte, ihre kleine Rose auf dem Arm, mit langsamen Schritten auf und ab, lächelte zärtlich auf sie herab und suchte sie zu erheitern, indem sie ihr rohbemalte Bilder zeigte, die das schwerkranke Kind anstarrte, ohne etwas davon zu sehen.
Indessen hatte Pierre die größte Mühe, sich durch die Menschenmenge, die den Bahnsteig überflutete, einen Weg zu bahnen. Mehr als tausend Menschen wogten hin und her und drängten sich mühsam aneinander vorbei. Jeder Wagen hatte seine elenden Insassen herausgelassen, wie ein Hospitalssaal, den man ausräumt. Man konnte jetzt sehen, welch eine entsetzliche Menge von Leiden dieser schreckliche weiße Zug mit sich führte. Hier schleppten sich einige Kranke mühsam fort, dort wurden andere getragen und viele blieben auf dem Perron eng zusammengedrückt liegen. Schreie wurden laut und heftige Rufe, und ununterbrochen gab es ein Hasten und Drängen nach der Bahnhofsrestauration. Jeder beeilte sich, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Er war so kurz, dieser Aufenthalt von einer halben Stunde, der einzige, den man bis nach Lourdes haben sollte. Den einzig heiteren, erbaulichen Anblick mitten unter den schwarzen Soutanen, den abgetragenen Kleidern der armen Leute, die keine bestimmte Farbe mehr hatten, bot das lachende Weiß der kleinen Schwestern von Mariä Himmelfahrt, die in ihren schneeigen Hauben, Schleiern und Schürzen geschäftig hin und her eilten.
Als Pierre endlich an den Kantinenwagen in der Mitte des Zuges kam, fand er ihn vollständig umlagert. Ein Petroleumherd befand sich dort und eine kleine Kücheneinrichtung. Die Bouillon, aus konzentrierter Brühe hergestellt, kochte in schmiedeeisernen Töpfen. Von der in Flaschen eingeschlossenen kondensierten Milch war nur so viel verdünnt und genießbar gemacht worden, als wirklich gebraucht wurde. Verschiedene andere Vorräte waren auf Brettern aufgestapelt, Biskuit, Früchte und Schokolade. Aber beim Anblick der vielen Hände, die sich ihr gierig entgegenstreckten, verlor die Schwester SaintFrançois, die mit der Leitung der Küche betraut war, eine kleine, dicke Frau von fünfundvierzig Jahren, von gutem, frischen Aussehen, den Kopf. Sie mußte die Verteilung fortsetzen, während sie Pierre anhörte, der nach dem Arzte fragte. Als ihr der Priester nähere Erklärungen gab und von dem armen Manne berichtete, der im Sterben lag, ließ sie eine andere an ihren Platz treten, da sie selbst nach dem Unglücklichen sehen wollte.
»Liebe Schwester, ich bin auch hierhergekommen, um Sie um eine Bouillon für eine Kranke zu bitten.«
»Gut, Herr Abbé. Ich werde sie bringen. Gehen Sie nur voraus.«
Der Arzt und der Abbé beeilten sich, und tauschten unterwegs rasch einige Fragen und Antworten aus. Ihnen folgte Schwester SaintFrançois, welche die Tasse Bouillon vorsichtig durch die Menschenmenge trug. Der Arzt war ein brünetter Mann von ungefähr achtundzwanzig Jahren, mit dem Kopfe eines jungen römischen Cäsaren, eine Gestalt, wie sie noch den sonnenverbrannten Gefilden der Provence entsproßt. Sobald Schwester Hyacinthe ihn erblickte, rief sie erstaunt aus:
»Wie, Sie sind es, Herr Ferrand?«
Sie waren beide auf das höchste verwundert über dieses Zusammentreffen. Die Schwestern von Mariä Himmelfahrt haben die schwere Aufgabe, Kranke zu pflegen, und zwar nur die armen Kranken, die nicht zahlen können, die in elenden Dachkammern mit dem Tode ringen. Sie richten sich häuslich ein in der Nähe des armseligen Lagers, leisten den Kranken alle erdenklichen Dienste, besorgen die Küche und die Haushaltung und leben als Dienerinnen und als Verwandte bis zur Genesung oder bis zum Tode des Kranken. So hatte sich auch eines Tages Schwester Hyacinthe mit ihrem jugendfrischen, milchweißen Gesicht des jungen Mediziners, der damals noch studierte und von einem typhösen Fieber befallen war, angenommen. Wegen seiner großen Armut bewohnte er in der Rue de Four ein kellerartiges Loch, das nicht geheizt werden konnte. Sie hatte ihn nicht mehr verlassen, sie hatte ihn gerettet in ihrer Leidenschaft, für andere zu leben, sie, die einst als kleines Mädchen an einer Kirchentüre gefunden worden war, und die keine andere Familie hatte als die Leidenden, denen sie sich widmete mit ihrem heißen Verlangen nach Liebe. Und welch köstlicher Monat folgte dann, welch vortreffliche Kameradschaft in diesem reinen, durch das Leiden herbeigeführten geschwisterlichen Verhältnisse! Wenn er sie »liebe Schwester« nannte, so war es wirklich seine Schwester, mit der er sprach. Sie war aber zugleich auch seine Mutter, die ihn in die Höhe richtete und wieder in die Kissen bettete wie ihr Kind, ohne daß irgendein anderes Band zwischen ihnen bestanden hätte als wie das innigste Mitleid, die göttliche Liebe der Barmherzigen.
»O Schwester Hyacinthe! Schwester Hyacinthe!« flüsterte er entzückt.
Ein Zufall hatte sie einander wieder zu Gesicht gebracht; denn Ferrand war kein Gläubiger, und wenn er sich hier befand, so kam das nur daher, daß er in der letzten Minute sich bereit erklärt hatte, für einen Freund einzuspringen, der plötzlich verhindert worden war. Seit beinahe einem Jahre war er Assistenzarzt an der Pitié
Die Freude des Wiedersehens ließ sie den Kranken vergessen. Sie faßte sich zuerst wieder.
»Sehen Sie, Herr Ferrand, hier ist der arme Mensch! Wir hielten ihn schon einen Augenblick für tot ... Seit Amboise macht er uns viel Sorge und Angst, und ich habe soeben nach dem geweihten Öle geschickt ... Glauben Sie auch, daß es so schlimm mit ihm steht? Können Sie ihm nicht etwas Lebenskraft einflößen?«
Der junge Arzt untersuchte ihn. Die Teilnahme der anderen Kranken, die in dem Wagen geblieben waren, wurde wach. Marie, der Schwester SaintFrançois die Tasse Bouillon gereicht hatte, hielt sie mit so heftig zitternder Hand, daß Pierre sie ihr wieder abnehmen und versuchen mußte, ihr den Trank einzuflößen. Aber sie konnte nicht trinken. Ihre Augen ruhten starr und in banger Erwartung auf dem Manne, gleich als ob es sich um ihr eigenes Leben gehandelt hätte.
»Sagen Sie mir«, sagte Schwester Hyacinthe von neuem, »wie finden Sie ihn? Welche Krankheit hat er?«
»Oh, welche Krankheit!« murmelte Ferrand. »Er hat alle möglichen.«
Dann zog er ein kleines Fläschchen aus seiner Tasche und versuchte dem Kranken einige Tropfen durch die fest aufeinander gepreßten Zähne einzuflößen. Dieser stieß einen Seufzer aus, hob die Augenlider langsam in die Höhe und ließ sie gleich wieder niederfallen. Dies war alles, sonst gab er kein anderes Lebenszeichen.
Schwester Hyacinthe, die so gefaßt war und niemals in Verzweiflung geriet, wurde ungeduldig.
»Das ist schrecklich, und Schwester Claire des Anges kommt auch gar nicht zurück! Ich habe ihr doch ganz genau den Wagen des Paters Massias bezeichnet ... Mein Gott! was sollen wir nur machen?«
Schwester SaintFrançois schickte sich an, in ihren Küchenwagen zurückzukehren, da sie sah, daß sie hier unnötig war. Vorher fragte sie jedoch, ob der Kranke nicht vielleicht nur vor Hunger stürbe. Das käme vor, und sie wäre nur hierhergekommen, um ihre Vorräte anzubieten. Als sie fortging, versprach sie, Schwester Claire des Anges zur Eile antreiben zu wollen, wenn sie ihr zufällig begegnen würde. Sie war noch nicht zwanzig Meter weit entfernt, als sie sich umdrehte und mit der Hand auf die Schwester wies, die mit kleinen und geräuschlosen Schritten zurückkehrte.
An die Tür gelehnt rief Schwester Hyacinthe mit verstärkter, hastiger Stimme:
»So beeilen Sie sich doch! So beeilen Sie sich doch ... Nun, und Pater Massias?«
»Er ist nicht da!«
»Wie? Er ist nicht da?«
»Nein. Man kann unmöglich vorwärtskommen durch die Menschenmasse. Als ich endlich den Wagen erreichte, war Pater Massias schon ausgestiegen und vom Bahnhof weggegangen.«
Der Pater müsse, wie man ihr erzählt habe, eine Zusammenkunft mit dem Kurat von SainteRadegonde verabredet haben. In den früheren Jahren hätte der nationale Pilgerzug hier einen Aufenthalt von vierundzwanzig Stunden gehabt. Man hatte die Kranken in das Hospital in der Stadt gebracht und sich in Prozession nach SainteRadegonde begeben. Dieses Jahr wäre jedoch ein Hindernis eingetreten, der Zug führe direkt bis Lourdes. Der Pater wäre sicher dort und spräche mit dem Kuraten, mit dem er etwas zu verhandeln hätte.
»Man hat mir versprochen, ihm den Auftrag auszurichten und ihn mit dem geweihten Öle herzuschicken, sobald man ihn finden würde.«
Das war ein wirkliches Unglück für Schwester Hyacinthe. Da die Wissenschaft nicht helfen konnte, so hätte vielleicht das geweihte Öl dem Kranken Erleichterung verschafft. Sie hatte das schon oft gesehen.
»Oh, liebe Schwester, liebe Schwester! Was habe ich für Kummer und Sorge ... Würden Sie vielleicht so liebenswürdig sein und noch einmal hingehen und auf den Pater Massias warten, damit Sie ihn mir gleich bringen können, wenn er zurückkommt?«
»Ja, liebe Schwester«, antwortete Schwester Claire bereitwillig und machte sich mit ihrer ernsten, geheimnisvollen Miene wieder auf den Weg, indem sie sich geschmeidig durch die Menschenmenge wand.
Ferrand war untröstlich darüber, daß er der Schwester Hyacinthe nicht die Freude bereiten konnte, ihn wieder zu beleben. Als er sein Unvermögen durch eine bedauernde Geste zu erkennen gab, bat sie flehentlich:
»Bleiben Sie bei mir, Herr Ferrand, warten Sie, bis der Pater kommt ... Ich werde dann etwas ruhiger sein.«
Er blieb, er half ihr den Mann wieder in die Höhe richten, wenn er von der Bank herunterrutschen wollte. Das Warten zog sich lange hinaus unter dem Unbehagen der in dem Wagen zurückgebliebenen Kranken und der Neugierde derjenigen, die sich draußen anzusammeln begannen.
Ein junges Mädchen drängte lebhaft durch die Menge und wendete sich, auf das Trittbrett steigend, an Frau von Jonquière:
»Warum kommst du denn nicht, Mama? Die Damen warten mit dem Essen auf dich.«
Es war Raymonde von Jonquière. Schon etwas verblüht für ihre fünfundzwanzig Jahre, sah sie ihrer Mutter auffallend ähnlich mit ihrem dunklen Teint, ihrer kräftigen Nase, ihrem großen Munde und ihrer vollen, angenehmen Gestalt.
»Wie du siehst, liebes Kind, kann ich diese arme Frau nicht verlassen.«
Und sie zeigte auf die Grivotte, die wieder einen Hustenanfall hatte, der sie furchtbar mitnahm.
»O Mama, das ist schade! Frau Desagneaux und Frau Volmar haben sich so sehr auf das kleine Frühstück zu vieren gefreut!«
»Was willst du, mein armes Kind? Fangt nur immer ohne mich an ... Sage den Damen, daß ich mich, sobald ich könnte, hier losmachen und sie aufsuchen würde.«
Dann kam ihr plötzlich ein Gedanke.
»Halt, dort ist ein Arzt! Ich will versuchen, ob ich ihm meine Kranke anvertrauen kann. Geh voraus, ich werde dir sofort folgen. Du weißt, daß ich fast vor Hunger sterbe!«
Raymonde kehrte rasch ans Büfett zurück, während Frau von Jonquière Doktor Ferrand bat, zu ihr zu kommen und zuzusehen, ob er der Grivotte nicht etwas Erleichterung verschaffen könnte. Schon hatte er auf Marthas Wunsch den Bruder Isidor untersucht, dessen Stöhnen nicht aufhörte, und wiederum hatte er mit tiefbetrübter Miene sein Unvermögen zu helfen eingestehen müssen. Dennoch beeilte er sich, dem Rufe der Frau von Jonquière Folge zu leisten, richtete die Schwindsüchtige in die Höhe, da er wollte, daß sie aufrecht sitzen sollte, in der Hoffnung, den Husten dadurch etwas zu mildern, der auch allmählich nachließ. Dann half er Frau von Jonquière, der Kranken einen beruhigenden Trank einzuflößen. Die Anwesenheit des Arztes in dem Wagen fuhr fort, die Kranken aufzuregen. Herr Sabathier, der langsam die Weintraube verzehrte, die ihm seine Frau geholt hatte, befragte ihn nicht, da er die Antwort im voraus kannte und der Sache müde war, nachdem er schon, wie er sagte, alle Fürsten der Wissenschaft konsultiert hatte. Er fühlte jedoch ein gewisses Wohlbehagen, als er sah, wie der Arzt das arme Mädchen in die Höhe richtete, dessen Nachbarschaft ihn störte.
Auf dem Perron wurde der Lärm und das Gedränge immer stärker. Man hatte nur noch eine Viertelstunde Aufenthalt. Wie unempfindlich, mit weitgeöffneten Augen und dennoch ohne etwas zu sehen, schläferte Frau Vêtu ihre Schmerzen in dem glühenden Brande der vollen Mittagsonne ein, während vor ihr mit immer gleichen wiegenden Schritten Frau Vincent ihre kleine Rose spazieren trug. Viele Leute liefen an den Brunnen, um ihre Trinkgefäße, Krüge und Flaschen zu füllen. Frau Maze, die sehr sauber und auf ihr Äußeres bedacht war, ging auch hin in der Absicht, sich die Hände zu waschen; als sie aber hinkam, traf sie Elise Rouquet dort, die gerade dort trank. Sie wich entsetzt zurück vor diesem Schreckbilde, vor diesem Hundskopfe mit dem zerfressenen Munde, an dessen Stelle ein schiefgezogenes Loch ihr entgegengähnte, aus dem die Zunge heraushing. Alle packte dasselbe Entsetzen, alle zauderten, ihre Flaschen, Krüge und Trinkgefäße aus demselben Brunnen zu füllen, aus dem sie getrunken hatte. Eine große Anzahl Pilger hatte sich den Perron entlang gelagert, um zu essen. Man vernahm das Klappern von Krücken, auf denen eine Frau mitten durch die verschiedenen Gruppen hindurch ruhelos hin und her stelzte. Dieses ganze Heer von Kranken, dieses rollende Hospital, das für eine einzige halbe Stunde sich geleert hatte, atmete mitten unter dem unaufhörlichen Auf und Ab der Gesunden in dem vollen Mittagssonnenschein frische Luft.
Pierre verließ Marie nicht, denn Herr von Guersaint war verschwunden, angelockt von dem grünen Fleckchen Erde, das man am Ende des Bahnhofs wahrnahm. Der junge Priester bemühte sich mit lächelnder Miene, als er mit Besorgnis sah, daß sie die Bouillon nicht austrank, den Appetit der Kranken zu erregen, indem er sich erbot, einen Pfirsich zu kaufen. Aber sie dankte; sie litt zu sehr, nichts machte ihr Vergnügen. Sie sah ihn mit ihren großen, traurigen Augen an, hin und her schwankend zwischen ihrer Ungeduld über diesen Aufenthalt, der ihre Heilung so lange verzögerte, und ihrer Angst vor der qualvollen, endlosen Eisenbahnfahrt.
Ein dicker Herr trat heran und berührte Pierres Arm. Sein Haar war ergraut; er trug einen Vollbart, und sein breites Gesicht hatte einen väterlich besorgten Ausdruck.
»Verzeihung, Herr Abbé, befindet sich nicht in diesem Wagen ein Kranker, der mit dem Tode ringt?«
Und als der Priester bejahend antwortete, wurde er sofort sehr freundschaftlich und vertraut.
»Ich heiße Vigneron, bin Abteilungsleiter im Finanzministerium und habe meinen Abschied erbeten, um mit meiner Frau meinen Sohn Gustave nach Lourdes zu begleiten ... Das liebe Kind setzt seine ganze Hoffnung auf die Heilige Jungfrau, zu der wir morgens und abends beten ... Wir sind dort in dem Wagen vor dem Ihrigen, wo wir eine Abteilung zweiter Klasse besetzt haben.«
Dann drehte er sich herum und rief seine Leute herbei.
»Kommt her, kommt her, hier ist es! Der unglückliche Kranke befindet sich wirklich sehr schlecht.«
Frau Vigneron war klein und ihr Gesicht lang und bleich und sehr blutarm, was sich auf ihren Sohn Gustave in erschreckender Weise vererbt hatte. Dieser, ein Knabe von fünfzehn Jahren, der jedoch kaum zehn alt zu sein schien, war schief gewachsen und dürr wie ein Skelett. Das rechte Bein war infolge von Blutarmut zu einem Nichts zusammengeschrumpft, was ihn zwang, an einer Krücke zu gehen. Er hatte ein kleines, feines, etwas schiefes Gesicht, von dem man eigentlich nichts weiter als die Augen sah, aber Augen, aus denen ein klarer Verstand blitzte, die durch die Schmerzen geschärft waren und bis auf den Grund der Seele zu blicken schienen. Eine alte Dame mit gepudertem Gesicht, die die Beine mühsam nachschleppte, folgte, und Herr Vigneron, der sich daran erinnerte, daß er sie vergessen hatte, trat wieder an Pierre heran und holte die Vorstellung nach.
»Frau Chaise, die ältere Schwester meiner Frau, die ebenfalls unsern Gustave, den sie sehr liebhat, begleiten wollte.«
Und sich nahe zu Pierre hinbeugend, fügte er mit leiser Stimme in vertraulichem Tone hinzu:
»Das ist Frau Chaise, die Witwe des Seidenhändlers, ungeheuer reich. Sie hat ein Herzleiden, das ihr viel Sorge und Unruhe verursacht.«
Dann sah die ganze Familie, in eine Gruppe zusammengedrängt, mit lebhafter Neugierde zu, was im Wagen vor sich ging. Immer mehr Zuschauer sammelten sich an, der Vater hob seinen Sohn, damit er alles gut sehen konnte, eine Zeitlang auf seinen Armen in die Höhe, während die Tante die Krücke hielt und die Mutter sich auf die Fußspitzen stellte.
In dem Wagen bot sich noch immer der nämliche Anblick: der Mann saß starr und leblos auf seinem Platze in der Ecke und lehnte den Kopf an die harte Holzwand. Er war ganz bleich, die Augenlider fest geschlossen, der Mund im Todeskampfe verzerrt und das Gesicht von kaltem Schweiße bedeckt, den Schwester Hyacinthe von Zeit zu Zeit mit einem Linnentuche abtrocknete. Sie hatte ihre Ruhe wiedergefunden und rechnete auf den Himmel. Zuweilen warf sie einen Blick auf den Bahnsteig, um zu sehen, ob der Pater Massias immer noch nicht käme.
»Sieh genau hin, Gustave«, sagte Vigneron zu seinem Sohne, »das soll ein Schwindsüchtiger sein.«
Das Kind schien sich leidenschaftlich für diesen Todeskampf zu interessieren. Er hatte keine Furcht, nur ein unendlich trauriges Lächeln flog über sein Gesicht.
»Oh, das ist entsetzlich!« murmelte Frau Chaise, die aus Angst vor dem Tode ganz bleich war.
»Donnerwetter!« sagte Vigneron philosophisch, »jeder zu seiner Zeit, wir sind alle sterblich!«
»Laß ihn wieder herunter«, sagte Frau Vigneron zu ihrem Gatten. »Du ermüdest ihn, wenn du ihn so lange an den Beinen hältst.«
Sie war ebenso wie Frau Chaise eifrig darauf bedacht, das Kind vor jedem Stoß zu bewahren. Der arme Liebling hatte es nötig, sorgfältig behütet und gepflegt zu werden. Jede Minute fürchtete man ihn zu verlieren. Auch der Vater war der Meinung, daß es besser wäre, wenn man ihn wieder in den Wagen zurückbrächte. Als die beiden Frauen den Kleinen fortführten, wandte sich Herr Vigneron noch einmal an Pierre und fügte tiefbewegt hinzu:
»Ach, Herr Abbé! Wenn der liebe Gott ihn uns nehmen würde, was wäre dann unser Leben... Ich will gar nicht von dem Vermögen seiner Tante reden, das auf andere Neffen übergehen würde. Und nicht wahr, es wäre doch ganz gegen die Natur, wenn er vor ihr sterben würde, besonders bei dem Gesundheitszustande, in welchem sie sich befindet... Nun, wir stehen alle in der Hand der Vorsehung, und wir rechnen fest auf die Heilige Jungfrau, die sicherlich ein Wunder tun wird.«
Endlich hatte Frau von Jonquière vom Doktor Ferrand die Versicherung erhalten, sie könne die Grivotte ruhig verlassen. Dennoch gebrauchte sie noch die Vorsicht, Pierre zu sagen:
»Ich sterbe vor Hunger und will einen Augenblick an das Büfett gehen. Aber ich bitte Sie dringend, mich sofort wieder holen zu lassen, wenn der Husten meiner Kranken von neuem beginnt.«
Als es ihr endlich mit großer Mühe gelungen war, sich auf dem Bahnsteig durchzuarbeiten, geriet sie am Büfett in ein anderes Gedränge. Die bemittelteren Pilger hatten mit Sturm die Tische genommen, und besonders viele Priester waren zu dem Geklapper der Messer, Gabeln und Teller herbeigeeilt. Die drei oder vier Kellner kamen nicht dazu, ihres Amtes zu walten, da die Menschenmenge sie daran hinderte, die sich an den Ladentisch herandrängte und Früchte, kleine Brote und kaltes Fleisch kaufte. Im Hintergrunde des Saales frühstückte Raymonde an einem kleinen Tische mit Frau Desagneaux und Frau Volmar.
»Ah, Mama, endlich!« rief sie. »Ich wollte gerade noch einmal kommen und dich holen. Man muß dich doch wenigstens essen lassen.«
Sie lachte, sehr angeregt und beglückt von all den Reiseerlebnissen, von dieser schlechten Mahlzeit, die man mit Windeseile hinunteressen mußte.
»Hier habe ich dir deine Portion Forelle aufgehoben, und dort ist auch noch ein Kotelett, das auf dich wartet... Wir anderen sind schon bei den Artischocken.«
Dann wurde es reizend. Es war ein Winkel des Frohsinns und der Heiterkeit, den man nur mit Vergnügen betrachten konnte.
Besonders anziehend war die junge Frau Desagneaux, eine zarte Blondine mit eigensinnigen, fliegenden Haaren, einem runden, milchweißen Gesicht und Grübchen in Wangen und Kinn. Sie lachte stets und besaß ein gutes Herz. Reich verheiratet, ließ sie seit drei Jahren ihren Mann mitten in den schönen Augusttagen in Trouville allein, um die nationale Pilgerfahrt zu begleiten. Es war ihre Leidenschaft, sich während dieser fünf Tage ganz den Kranken zu widmen. Es war ein wahres Schwelgen in vollständiger Hingabe, die sie hoch beglückte. Ihr einziger Kummer war, daß sie noch kein Kind hatte, und sie bedauerte zuweilen, ihren Beruf als barmherzige Schwester verkannt zu haben.
»Oh, mein liebes Kind«, sagte sie lebhaft zu Raymonde, »bedauern Sie doch Ihre Mutter nicht, daß sie so sehr von ihren Kranken in Anspruch genommen ist. Sie hat doch wenigstens eine Beschäftigung.«
Dann wandte sie sich an Frau von Jonquière und sagte:
»Wenn Sie wüßten, wie langsam die Stunden in unserem schönen Kupee erster Klasse verrinnen! Man darf sich nicht einmal mit einer kleinen Arbeit beschäftigen, das ist verboten... Ich hatte gebeten, man sollte mich bei den Kranken verwenden. Aber es waren schon alle Plätze besetzt, und ich bin deshalb gezwungen, heute nacht den Versuch zu machen, in meiner Ecke zu schlafen.«
Sie lachte und fügte dann hinzu:
»Nicht wahr, Frau Volmar, wir werden schlafen, da die Unterhaltung Sie zu ermüden scheint?«
Diese mußte schon die Dreißig überschritten haben; sie war sehr brünett mit einem schmalen Gesicht, feinen, müden Zügen und prachtvollen Augen, die glühenden Kohlen glichen, über welche für Augenblicke ein Schimmer huschte, der sie auszulöschen schien. Sie war auf den ersten Blick nicht schön. Je länger man sie aber betrachtete, um so berückender, sieghafter und begehrenswerter wurde sie. Übrigens bemühte sie sich, so unbeachtet wie möglich zu bleiben, war sehr bescheiden und zurückhaltend, kleidete sich immer schwarz und trug nie Schmuck, obgleich sie die Frau eines Pariser Diamantenhändlers war.
»Oh«, flüsterte sie, »wenn man mich nur nicht allzusehr hin und her stößt, bin ich zufrieden.«
Sie war schon zweimal nach Lourdes gegangen als Pflegerin, aber man sah sie dort niemals in dem Hospital NotreDame des Douleurs, da sie jedesmal nach der Ankunft von einer solchen Abspannung ergriffen wurde, daß sie, wie sie sagte, sich gezwungen sah, das Zimmer zu hüten.
Frau von Jonquière zeigte sich ihr gegenüber von liebenswürdiger Nachsicht.
»Oh, mein Gott! Sie haben jetzt Zeit, sich auszuruhen. Schlafen Sie doch, wenn Sie können. Wenn ich mich nicht mehr aufrechthalten kann, wird auch die Reihe an Sie kommen.«
Dann wandte sie sich an ihre Tochter.
»Du, mein Liebling, wirst guttun, dich nicht zu sehr aufzuregen, wenn du deinen Kopf freihalten willst.«
Aber Raymonde sah sie vorwurfsvoll an und sagte lächelnd:
»Mama, Mama! Warum sagst du mir das... Bin ich denn ein unvernünftiges Kind?«
Sie brauchte sich nicht zu rühmen, denn ein starker Wille und der feste Entschluß, sich ihr Leben selbst zu gestalten, sprach aus den grauen Augen und leuchtete aus ihrem jugendlich unbekümmerten Wesen und der lauten Freude am Leben hervor.
»Es ist wahr«, gestand die Mutter etwas verwirrt, »dieses kleine Mädchen hat zuweilen mehr recht als ich... Bitte, gib mir jetzt das Kotelett her! Gott im Himmel, was hatte ich für einen Hunger!«
Das Frühstück nahm seinen Fortgang, durch das Lachen der Frau Desagneaux und Raymondens erheitert und gewürzt. Diese lebte ordentlich auf, und ihr Gesicht, das schon etwas verblüht war, bekam die rosige Farbe des zwanzigsten Jahres wieder. Man nahm doppelte Bissen, denn man hatte nur noch zehn Minuten. In dem Saale herrschte jetzt ein noch größerer Lärm als vorher, da die Gäste fürchteten, keine Zeit mehr zum Kaffee zu haben.
Da erschien Pierre. Die Grivotte hatte einen neuen Erstickungsanfall bekommen. Frau von Jonquière verzehrte rasch ihre Artischocke. Dann kehrte sie zu ihrem Wagen zurück, nachdem sie vorher ihre Tochter umarmt hatte, die ihr heiter und unter Scherzworten gute Nacht sagte. Inzwischen hatte der junge Priester, als er Frau Volmar mit dem roten Kreuz auf ihrem schwarzen Kleide erblickte, seiner Verwunderung Ausdruck gegeben, sie hier zu finden. Er kannte sie, denn er besuchte, wenn auch selten, die alte Frau Volmar, die Mutter des Diamantenhändlers, eine alte Bekannte seiner Mutter. Sie war ihm die schrecklichste aller Frauen und von einer solch übertriebenen Frömmigkeit und Strenge, daß sie die Fensterläden stets geschlossen hielt, damit ihre Schwiegertochter nicht auf die Straße sehen konnte. Er kannte ihre Geschichte: seit dem Tage nach ihrer Hochzeit lebte die arme junge Frau wie eine Gefangene zwischen ihrer Schwiegermutter, die sie terrorisierte, und ihrem Manne, der in seiner Eifersucht so weit ging, sie zu schlagen, obgleich er sich selbst verschiedene Mädchen hielt. Man ließ sie kaum allein in die Kirche gehen. Pierre war eines Tages hinter ihr Geheimnis gekommen, als er sie hinter der Kirche rasch einige Worte mit einem eleganten Herrn von vornehmem Aussehen wechseln sah. Verwirrt reichte sie ihm ihre kleine, schmale, kühle Hand.
»Oh, welche Überraschung, Herr Abbé... Es ist schon lange her, daß man sich nicht gesehen hat.«
Sie teilte ihm mit, es sei nun schon das drittemal, daß sie nach Lourdes gehe. Ihre Schwiegermutter habe sie gezwungen, der Association de NotreDame de salut beizutreten.
»Es ist merkwürdig, daß Sie sie nicht auf dem Bahnhofe gesehen haben. Sie hat mich in den Zug gesetzt und wird mich auch bei der Rückkehr wieder abholen.«
Das wurde sehr einfach gesagt, aber mit solch scharfer Ironie, daß Pierre sich das Seinige dabei dachte. Er wußte, daß sie an nichts glaubte und die Religion nur ausübte, um sich dadurch von Zeit zu Zeit eine freie Stunde zu verschaffen. Und plötzlich kam ihm die Erkenntnis, daß sie in Lourdes erwartet wurde, daß sie nur ihrer Leidenschaft nacheilte mit ihrem heißen Gesicht und den Flammenaugen, die sie unter dem Schleier toter Gleichgültigkeit verbarg.
»Ich begleite eine Jugendfreundin, ein armes, krankes junges Mädchen«, sagte er seinerseits. »Ich empfehle sie Ihnen, Sie können sie vielleicht pflegen.«
Sie wurde etwas rot, und nun zweifelte er nicht mehr. Raymonde brachte die Rechnung in Ordnung mit der Sicherheit einer Person, die mit Zahlen umzugehen weiß. Frau Desagneaux führte Frau Volmar fort. Die Kellner verloren ihren Kopf vollständig, die Tische leerten sich und alles stürzte eilig davon, als man eine Glocke läuten hörte.
Auch Pierre beeilte sich, zu seinem Wagen zurückzukehren. Da wurde er von neuem aufgehalten.
»Ah, Herr Kurat!« rief er. »Ich habe Sie schon bei der Abfahrt gesehen, aber ich konnte leider nicht bis zu Ihnen gelangen, um Ihnen die Hand zu drücken.«
Er reichte einem alten Geistlichen von ehrwürdigem Aussehen die Hand, der ihn lächelnd betrachtete. Der Abbé Judaine war Kurat in Saligny, einer kleinen Gemeinde der Oise. Von großer und kräftiger Gestalt, hatte er ein breites, rotes, von weißen Locken umrahmtes Gesicht. Man fühlte es, daß er ein frommer Mann war, den weder das Fleisch noch der Verstand jemals gequält hatte. Von ruhiger Frömmigkeit, glaubte er fest und unerschütterlich, ohne jede Anfechtung mit dem bequemen Glauben eines Kindes, das keine Leidenschaft kennt. Nachdem ihn in Lourdes die Heilige Jungfrau von einem Augenleiden durch ein Wunder befreit hatte, von dem man noch jetzt sprach, war sein Glaube noch blinder und inniger geworden.
»Ich bin zufrieden, daß ich Sie hier bei uns sehe, mein junger Freund«, sagte er sanft, »weil die jungen Priester bei diesen Pilgerfahrten viel lernen können ... Man hat mir versichert, daß zuweilen unter ihnen ein aufrührerischer Geist herrsche. Nun, sie sehen, daß alle diese armen Leute hier beten gehen; das ist ein Schauspiel, das einem Tränen entlocken muß ... Und wie ist es möglich, daß man sich nicht Gott in die Hände gibt beim Anblick von so viel geheilten oder doch wenigstens gemilderten Leiden?«
Auch er begleitete eine Kranke. Er zeigte auf eine Abteilung erster Klasse: »Abbé Judaine, reserviert.« Dann fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu:
»Wissen Sie, es ist Frau Dieulafay, die Frau des großen Bankiers. Ihr Schloß, ein wahrer Königssitz, gehört zu meinem Kirchspiele. Da sie wußten, daß die Heilige Jungfrau sich mir so außerordentlich gnädig erwiesen hatte, haben sie mich gebeten, für die arme Kranke Fürsprache einzulegen. Ich habe Messen gelesen, heiße Gelübde getan ... Sehen Sie, dort, auf der Erde! Sie hat durchaus gewollt, daß man sie einen Augenblick herausschaffen soll trotz der Mühe, die es kosten wird, sie wieder hineinzubringen.«
An einer schattigen Stelle des Perrons lag eine Frau, deren schönes Gesicht von reinem Oval mit wunderbaren Augen auf ein Alter von nicht mehr als sechsundzwanzig Jahren schließen ließ. Sie war von einer schrecklichen Krankheit befallen, dem Schwinden der kalkartigen Salze, das eine Erweichung des ganzen Knochengerüstes nach sich zog. Als sie vor drei Jahren mit einem toten Kinde niedergekommen war, verspürte sie unbestimmte Schmerzen in der Wirbelsäule. Dann waren die Knochen nach und nach dünn geworden und veränderten ihre Form, die Wirbelknochen wurden krumm, die Beckenknochen platt, die Arm und Beinknochen schrumpften zusammen, und so war sie wie zusammengeschmolzen zu einem kleinen Stückchen Mensch, das man nicht aufrecht setzen konnte, das man nur mit aller erdenklichen Sorgfalt transportieren durfte in der stetigen Angst, es durch die Finger entschlüpfen zu sehen. Der Kopf, der regungslos dalag, bewahrte seine Schönheit. Und diesen beklagenswerten Rest von einer Frau umgab ein verschwenderischer Luxus, der dem Beschauer das Herz noch mehr bedrückte: ihre Tragbahre war mit blauer Seide gepolstert, sie selbst war eingehüllt in kostbare Spitzen. Der Reichtum breitete sich noch über das Totenbett aus.
»Oh, welch ein Jammer!« begann der Abbé Judaine von neuem mit leiser Stimme, »sich sagen zu müssen, daß sie noch so jung, daß sie so reizend und so ungeheuer reich ist! Und wenn Sie wüßten, wie man sie liebt, mit welcher Verehrung man sie noch jetzt umgibt ... Der vornehme Herr, der bei ihr steht, ist ihr Gemahl, und dort die elegante Dame ist Frau Jousseur, ihre Schwester.«
Pierre erinnerte sich, den Namen der Frau Jousseur in den Zeitungen gelesen zu haben. Sie war die Gattin eines Diplomaten und spielte eine große Rolle in der vornehmen katholischen Welt in Paris. Sie war sehr hübsch, mit einer wunderbaren Einfachheit gekleidet und um ihre arme Schwester mit dem Ausdrucke der hingehendsten Aufopferung beschäftigt. Der Gatte, der vor kurzem das große Bankhaus seines Vaters geerbt hatte, war ein schöner, mit peinlicher Sorgfalt gekleideter Mann von fünfunddreißig Jahren, mit hellem Teint. Seine Augen schwammen in Tränen, denn er liebte seine Frau abgöttisch und hatte alle seine Geschäfte im Stich gelassen, da er seine Frau durchaus selbst hatte nach Lourdes bringen wollen. In diesen Anruf der göttlichen Barmherzigkeit setzte er seine letzte Hoffnung.
Pierre hatte viele entsetzliche Leiden gesehen in diesem schmerzensreichen weißen Zuge. Aber nichts erschütterte ihn so wie dieses jammervolle Frauenskelett, das sich mitten in seinen Spitzen und seinen Millionen auflöste.
»Die Unglückliche!« flüsterte er zusammenschaudernd.
Den Abbé Judaine überkam eine Freudigkeit himmlischer Hoffnung. Er sagte vertrauensvoll:
»Die Heilige Jungfrau wird sie heilen, ich habe sie so heiß darum angefleht.«
Jetzt ertönte noch einmal die Glocke, und diesmal war es das Zeichen zur Abfahrt. Noch zwei Minuten hatte man Zeit. Ein letztes Drängen und Hasten begann. Leute kamen zurück mit Nahrungsmitteln in Papier eingewickelt, mit Flaschen und Krügen, die sie an dem Brunnen gefüllt hatten. Viele konnten ihren Wagen nicht wiederfinden, und liefen verzweifelt den Zug entlang, während die Kranken sich unter dem beschleunigten Geklapper der Krücken rascher vorwärtsschoben und andere, denen das Gehen Schwierigkeiten verursachte, am Arme von Pflegerinnen ihre Schritte zu beschleunigen suchten. Vier Männern kostete es unendliche Mühe, Frau Dieulafay wieder in ihre Abteilung erster Klasse zurückzuschaffen. Schon waren die Vignerons, die sich begnügten, zweiter Klasse zu reisen, wieder in ihrer Abteilung mitten unter einer gewaltigen Menge von Körben, Kasten und Koffern, die es dem kleinen Gustave unmöglich machten, seine armen, verkrüppelten Glieder auszustrecken. Dann erschienen sie alle wieder: Frau Maze glitt in ihrer stummen Weise herein; Frau Vincent hob ihr liebes Töchterchen vorsichtig in den Wagen, immer von der Angst gepeinigt, sie plötzlich einen Schrei ausstoßen zu hören. Frau Vêtu mußte hereingeschoben werden, nachdem man sie aus der Betäubung ihrer Schmerzen erweckt hatte. Elise Rouquet, die sich bei ihrem gierigen Trinken naß gemacht hatte, wischte sich ihr furchtbares Gesicht ab. Während jeder seinen Platz wieder einnahm, hörte Marie ihrem Vater zu, der ganz entzückt war, daß er bis an das Ende des Bahnhofs gegangen, bis zu einem kleinen Weichenstellerhäuschen, von wo aus man ein wirklich sehenswertes Landschaftsbild zu sehen bekäme.
»Wünschen Sie, daß wir Sie sofort wieder niederlegen?« fragte Pierre, den das angstverzerrte Gesicht der Kranken tief bekümmerte.
»O nein, nein, nachher!« antwortete sie. »Ich habe noch Zeit genug, die Räder in meinem Kopfe rasseln zu hören!«
Schwester Hyacinthe bat Ferrand, noch einmal nach dem Manne zu sehen, bevor er in den Küchenwagen zurückkehrte. Sie wartete immer noch auf den Pater Massias, sehr verwundert über sein unerklärliches Ausbleiben. Sie verzweifelte aber trotzdem nicht, denn auch Schwester Claire des Anges war noch nicht wieder erschienen.
»Bitte, Herr Ferrand, sagen Sie mir, ob der Unglückliche in direkter Gefahr schwebt.«
Von neuem untersuchte, behorchte und beklopfte ihn der junge Arzt. Dann zuckte er entmutigt die Achseln und sagte mit leiser Stimme:
»Meine feste Überzeugung ist, daß Sie ihn nicht mehr lebend nach Lourdes bringen werden.«
Alle Köpfe fuhren beängstigt in die Höhe. Wenn man nur wenigstens den Namen des Mannes gewußt hätte, woher er käme und wer er wäre! Aber niemand kannte den Unglücklichen, aus dem kein einziges Wort herauszubringen war und der in dem Wagen sterben wollte, ohne daß jemand imstande gewesen wäre, einen Namen auf sein Grab zu setzen!
Schwester Hyacinthe kam der Gedanke, ihn zu durchsuchen.
»Herr Ferrand, sehen Sie doch einmal in seine Taschen!«
Vorsichtig durchsuchte er den Mann. In den Taschen fand er nichts weiter als einen Rosenkranz, ein Messer und drei Sous. Daraus ließ sich nichts entnehmen.
Eine Stimme meldete in diesem Augenblicke die Schwester Claire des Anges und den Pater Massias. Dieser hatte sich bei einem Gespräch mit dem Kuraten von SainteRadegonde in einem Wartesaale verspätet. Es entstand eine lebhafte Bewegung. Alles schien einen Augenblick gesund. Aber der Zug wollte abfahren, die Bahnbediensteten schlossen schon die Türen, man mußte die Letzte Ölung in aller Eile vornehmen, wenn man nicht eine zu lange Verzögerung verursachen wollte.
»Hier, hier, verehrungswürdiger Pater!« rief Schwester Hyacinthe. »Ja, ja, steigen Sie ein! Unser unglücklicher Kranker ist hier!«
Pater Massias, der, obgleich fünf Jahre älter als Pierre, doch dessen Mitschüler im Seminar gewesen war, hatte einen großen, hageren Körper mit dem Gesichte eines Aszeten, das ein lichter Bart umrahmte, und in dem zwei unstät hin und her flackernde Augen glühten. Er war weder der von Zweifeln gepeinigte Priester, noch der Priester mit dem blinden Glauben eines Kindes, er war ein Apostel, von glühendem Fanatismus beseelt und stets bereit, zu kämpfen und zu siegen für den unbefleckten Ruhm der Heiligen Jungfrau. Unter seinem schweren Pilgergewande mit großer Kapuze strahlte er von Kampfesmut.
Sogleich hatte er aus seiner Tasche das Fläschchen mit dem geweihten Öl hervorgezogen. Die Zeremonie nahm ihren Anfang unter dem Zuschlagen der Türen und dem hastigen Hin und Her der Pilger, die sich verspätet hatten, während der Stationschef mit unruhigen Blicken auf die Bahnhofsuhr schaute, da er wohl sah, daß er einige Minuten zugeben mußte.
»Credo in unum Deum ...«, murmelte der Pater rasch.
»Amen!« antworteten Schwester Hyacinthe und der ganze Wagen.
Die es vermocht hatten, waren auf den Bänken niedergekniet. Die anderen falteten die Hände, verdoppelten das Zeichen des Kreuzes. Als bei dem Murmeln der Gebete das Klagelied der Agende folgte, da hoben sich die Stimmen, und kräftig erbrauste mit dem Kyrie eleison das heiße Verlangen nach der Vergebung der Sünden. Sein ganzes Leben, das man nicht kannte, sollte ihm vergeben sein und unbekannt und triumphierend sollte er eingehen in das Reich Gottes!
»Christe, exaudi nos.«
»Ora pro nobis, sancta Dei Genitrix.«
Pater Massias hatte die silberne Nadel herausgezogen, an der ein Tropfen geweihten Öles zitterte. Er konnte bei der Unordnung und vor den vielen Neugierigen, die ihre Köpfe durch die Tür steckten, nicht daran denken, die Ölung, wie es sonst gebräuchlich war, an allen Sinneswerkzeugen vorzunehmen als den Türen, die das Schlechte eindringen lassen. Wie ihn die Vorschrift ermächtigte, wenn der Fall dringend war, mußte er sich mit einer einzigen Salbung begnügen. Er nahm sie an dem Munde vor, an dem bleichen, halbgeöffneten Munde, aus dem kaum ein leiser Atemzug kam, während das Gesicht mit den geschlossenen Augenlidern, schon vollständig erstarrt, wieder zu Staub und Erde geworden zu sein schien.
»Per istam sanctam unctionem et suam piissimam misericordiam indulgent tibi Dominus, quidquid per visum, auditum, oderatum, gustum, tactum deliquisti.«
Der Schluß der Zeremonie ging in dem Lärm und der Abfahrt verloren. Der Pater hatte kaum noch Zeit, den kleinen Tropfen mit dem Stückchen Watte aufzutrocknen, das Schwester Hyacinthe bereit hielt. Er mußte den Wagen verlassen und den seinigen so rasch als möglich zu erreichen suchen, nachdem er die Flasche mit dem geweihten Öle wieder sorgfältig verwahrt hatte.
»Wir können nicht länger mehr warten, es ist unmöglich«, wiederholte der Stationschef in großer Erregung. »Sorgen Sie dafür, daß man sich beeilt!«
Endlich war es so weit. Alles hatte seinen Platz wieder eingenommen und war wieder in seine Ecke zurückgekehrt. Frau von Jonquière hatte, da der Zustand der Grivotte sie immer noch heftig beunruhigte, ihren Platz gewechselt und sich in ihre nächste Nähe gesetzt, Herrn Sabathier gegenüber, der in resigniertem Stillschweigen verharrte. Schwester Hyacinthe war nicht wieder in ihre Abteilung zurückgekehrt, da sie sich entschlossen hatte, bei dem Manne zu bleiben, um über ihn zu wachen und ihn zu pflegen. So konnte sie auch gleich mit für den Bruder Isidor sorgen, dessen Schwester Martha nicht wie sie dem Unglücklichen Erleichterung schaffen konnte. Marie fühlte erbleichend auf ihrem traurigen Lager schon jetzt das Stoßen des Zuges, noch bevor er unter der bleischweren, niederdrückenden Sonnenhitze seine Fahrt von neuem begonnen hatte, mit seiner Krankenlast in der verpesteten Atmosphäre der überhitzten Wagen weiterrollend.
Da ertönte ein lauter, langgezogener Pfiff, die Lokomotive begann zu schnaufen, und Schwester Hyacinthe erhob sich mit den Worten:
»Das Magnifikat, meine lieben Kinder!«
IV
Als der Zug sich in Bewegung setzte, wurde die Türe noch einmal geöffnet und ein Bahnbediensteter schob ein kleines Mädchen von vierzehn Jahren in die Abteilung, in der Marie und Pierre sich befanden.
»Hier ist noch ein Platz! Rasch, rasch!«
Die Gesichter wurden länger, man wollte Einspruch erheben. Aber Schwester Hyacinthe rief mit lauter Stimme:
»Wie? Du bist es, Sophie? Du willst also die Heilige Jungfrau wieder besuchen, die dich im letzten Jahre geheilt hat?«
Und Frau von Jonquière sagte zu gleicher Zeit:
»Ach, meine kleine Freundin Sophie! Das ist hübsch, daß du so dankbar bist!«
»Gewiß, liebe Schwester! Gewiß, gnädige Frau!« antwortete das Mädchen artig.
Die Tür hatte sich schon wieder geschlossen und man mußte wohl oder übel die neue Pilgerin aufnehmen, die wie vom Himmel herabgefallen war, gerade in dem Augenblicke, da der Zug abfuhr, den sie beinahe verfehlt hätte. Sie war schmächtig und nahm nur wenig Platz weg. Dann kannten die Damen sie, und die Augen aller Kranken hatten sich auf sie geheftet, als man sagen hörte, die Heilige Jungfrau hätte sie geheilt. Man hatte den Bahnhof verlassen, die Maschine keuchte und Schwester Hyacinthe wiederholte, während sie in die Hände klatschte:
»Vorwärts, vorwärts, meine lieben Kinder, das Magnifikat!«
Während der Jubelgesang angestimmt wurde, betrachtete Pierre die kleine Sophie. Sie war ein Bauernmädchen, die Tochter eines armen Landmannes in der Nähe von Poitiers, die ihre Eltern verwöhnten und als Fräulein erzogen, nachdem sie eine durch ein Wunder Begnadete, eine Auserwählte geworden war, die die Geistlichen des ganzen Arrondissements aufsuchten. Sie trug einen Strohhut mit roten Bändern und ein grauwollenes Kleid, mit einem Volant ausgeputzt. Ihr Gesicht war nicht hübsch, aber liebenswürdig, frisch und von einem Paar heller, verschmitzter Augen belebt, die ihr ein freundliches und bescheidenes Aussehen gaben.
Als man das Magnifikat beendet hatte, konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, Sophie zu fragen. Ein Kind in diesem Alter und von so unschuldigem Aussehen, das keine Lügnerin zu sein schien, interessierte ihn lebhaft.
»Sie hätten aber beinahe den Zug versäumt, liebes Kind?«
»Oh, Herr Abbé! Ich wäre untröstlich gewesen ... Ich war schon seit Mittag auf dem Bahnhofe. Da sah ich den Herrn Kuraten von SainteRadegonde, der mich gut kennt und mich zu sich rief, um mich zu küssen, wobei er sagte, ich wäre ein gutes kleines Mädchen, weil ich wieder nach Lourdes ginge. Dann schien es, als ob der Zug abführe, und ich hatte nur noch so viel Zeit, daß ich rennen mußte ... Oh, wie bin ich gelaufen!«
Sie lachte, noch etwas außer Atem, und bereute zugleich, daß sie im Begriff gewesen war, aus Leichtsinn einen Fehler zu begehen.
»Und wie heißen Sie, liebes Kind?«
»Sophie Couteau, Herr Abbé.«
»Sie sind nicht aus Poitiers selbst?«
»Nein ... Wir sind aus Vivonne, sieben Kilometer von Poitiers entfernt. Mein Vater und meine Mutter haben ein kleines Besitztum, und es würde uns nicht schlecht gehen, wenn nicht acht Kinder im Hause wären ... Ich bin das fünfte; glücklicherweise fangen die vier älteren schon zu arbeiten an.«
»Und du, liebes Kind, was tust du denn?«
»Ich? O Herr Abbé! Mit meiner Hilfe ist es nicht weit her ... Seit dem letzten Jahre, seitdem ich als geheilt aus Lourdes zurückgekehrt bin, hat man mich keinen Tag in Ruhe gelassen, weil man mich, wie Sie sich denken können, aufgesucht hat. Man hat mich auch zum Erzbischof gebracht und dann in die Klöster und überallhin ... Vorher, da bin ich lange krank gewesen, ich konnte nicht ohne Stock gehen, ich schrie bei jedem Schritte, so sehr tat mir mein Fuß weh.«
»Dann hat dich die Heilige Jungfrau also von einem Fußleiden geheilt ?«
Sophie hatte keine Zeit zu antworten. Schwester Hyacinthe, die zugehört hatte, mischte sich jetzt in das Gespräch.
»Vom Knochenfraß an der linken Ferse, der vor drei Jahren angefangen hatte. Der Fuß war geschwollen und unförmig geworden, und Fisteln hatten sich gebildet, aus denen unablässig Eiter floß.«
Mit einem Schlage fingen alle Kranken im Wagen an, sich für das Wundermädchen zu begeistern. Ihre Augen wichen nicht mehr von der hübschen Kleinen. Sie suchten an ihr das Wunder. Diejenigen, die aufstehen konnten, erhoben sich, um sie besser zu sehen, und die Kranken, die auf Matratzen lagen, versuchten, sich emporzurichten, und den Kopf nach ihr zu drehen. In dem Jammer, der seit der Abfahrt von Poitiers mit erneuter Gewalt über sie gekommen war, war für sie, die mit Entsetzen an die fünfzehn Stunden dachten, die sie noch fahren sollten, das Erscheinen dieses Kindes wie eine von Gott gesandte Erleichterung, wie ein Hoffnungsstrahl, aus dem sie die Kraft schöpften, bis ans Ziel der Reise geduldig standzuhalten.
Marie besonders war wie neu belebt; sie hatte sich halb aufgerichtet, faltete ihre zitternden Hände und wandte sich dann mit sanfter Stimme an Pierre:
»Ich bitte Sie, fordern Sie sie auf, uns alles zu erzählen ... Geheilt, mein Gott! Geheilt von einem so furchtbaren Leiden!«
Frau von Jonquière hatte sich tief gerührt über die Scheidewand herübergebeugt, um das Kind zu küssen.
»Gewiß, unsere kleine Freundin soll uns alles erzählen ... Nicht wahr, mein Liebling, du wirst uns erzählen, was die Heilige Jungfrau für dich getan hat?«
»Oh, gewiß, gnädige Frau ... Soviel Sie wollen ?«
Sie lächelte freundlich, und ihr Gesicht mit den strahlenden Augen, aus denen ein klarer Verstand leuchtete, hatte einen bescheidenen Ausdruck. Sogleich wollte sie beginnen, hob die rechte Hand in die Höhe und forderte zur Aufmerksamkeit auf. Da kam Schwester Hyacinthe auf einen guten Gedanken.
»Steige auf die Bank, Sophie, und sprich etwas laut des Lärmes wegen.«
Das machte ihr großes Vergnügen, und sie brauchte erst einige Zeit dazu, wieder ernst zu werden, bevor sie beginnen konnte.
»Als mein Fuß damals krank war, konnte ich mich nur noch in die Kirche schleppen und mußte ihn immer in Leinwand einwickeln, da stets etwas sehr Häßliches herausfloß ... Doktor Rivoire hatte einen Schnitt gemacht, um hineinsehen zu können, und sagte, er sei gezwungen, ein Stück davon herauszunehmen, wodurch ich ganz bestimmt lahm geworden wäre ... Nachdem ich dann die Heilige Jungfrau angefleht hatte, habe ich meinen Fuß in das Wasser getaucht, mit einem so heißen Verlangen, gesund zu werden, daß ich mir nicht einmal die Zeit genommen habe, ihn aus der Leinwand zu wickeln. Und alles ist im Wasser zurückgeblieben, an meinem Fuß war gar nichts mehr, als ich ihn herauszog.«
Ein Murmeln der Überraschung, der Verwunderung und des Verlangens durchlief den Wagen bei diesem schönen Wundermärchen. Aber die Kleine war noch nicht zu Ende. Sie nahm sich Zeit und beendete, nachdem sie wieder durch eine Handbewegung zur Aufmerksamkeit aufgefordert hatte, ihre Erzählung, wobei sie die Arme ausgebreitet hielt.
»Als Doktor Rivoire dann in Vivonne meinen Fuß wieder sah, sagte er: ›Mag es nun der liebe Gott oder der Teufel gewesen sein, der dieses Kind geheilt hat, das ist mir gleichgültig; aber geheilt ist es, das ist wahr!‹«
Diesmal erhob sich ein freudiges Gelächter. Sie hatte ihre Geschichte, die sie schon so oft wiederholt hatte, so daß sie sie auswendig kannte, wie am Schnürchen hergesagt. Das Wort des Doktors war von sicherer Wirkung. Sie lachte daher auch schon im voraus darüber, da sie ganz genau wußte, daß man lachen würde.
Sie mußte jedoch eine Einzelheit vergessen haben, denn Schwester Hyacinthe flüsterte ihr leise zu:
»Sophie, und deine Worte an die Frau Gräfin, die Vorsteherin deines Saales?«
»Ach ja ... Ich hatte nicht genug Leinwand für meinen Fuß mitgebracht; und ich sagte zu ihr: »Die Heilige Jungfrau ist so gut gewesen, mich gleich am ersten Tage zu heilen, denn morgen würde mein Vorrat schon erschöpft sein.«
Von nun an erhob sich freudiger Lärm. Man war entzückt, daß sie auf diese Weise geheilt worden war! Und sie mußte auch noch auf eine Frage der Frau Jonquière die Geschichte von den Stiefeln, von den schönen, ganz neuen Stiefeln erzählen, die ihr die Frau Gräfin geschenkt hatte, und mit denen sie in ihrem seligen Entzücken herumgelaufen, gesprungen und gehüpft war. Man denke nur, Stiefel! Sie, die seit drei Jahren keinen Pantoffel hatte tragen können!«
Pierre, den ein unbestimmtes Mißbehagen erfüllte, war ernst geworden und fuhr fort, sie genau zu betrachten. Er richtete Fragen an sie. Sie log nicht, allein er argwöhnte eine langsame Entstellung der Wahrheit, eine leicht begreifliche Ausschmückung aus Freude darüber, daß sie gerettet und dadurch eine wichtige Person geworden war. Wer konnte denn jetzt wissen, ob die vollständige Vernarbung, die in wenigen Sekunden vor sich gegangen sein sollte, nicht Tage in Anspruch genommen hatte? Wo waren die Zeugen?
»Ich war da«, erzählte Frau von Jonquière. »Sie befand sich nicht in meinem Saale, aber ich hatte sie an dem betreffenden Morgen selbst getroffen, sie hinkte ...«
Lebhaft unterbrach Pierre sie:
»Ah! Sie haben ihren Fuß vor und nach dem Eintauchen gesehen?«
»Nein, nein! Ich glaube überhaupt nicht, daß irgend jemand ihn hat sehen können, denn er war vollständig mit Kompressen umwickelt ... Sie hat Ihnen ja selbst erzählt, daß die Kompressen in die Quelle gefallen wären ...«
Und sich an das Kind wendend, sagte sie:
»Aber sie kann Ihnen ja ihren Fuß zeigen ... Nicht wahr, Sophie? Ziehe deinen Schuh aus!«
Diese zog schon ihren Schuh und dann ihren Strumpf aus mit einer Gewandtheit und Leichtigkeit, die deutlich bewiesen, wie sehr sie bereits an diesen Vorgang gewöhnt war. Und sie streckte ihren sehr sauberen, weißen und sogar gepflegten Fuß aus mit rosigen, sauber verschnittenen Nägeln und drehte ihn mit einem gewissen Wohlgefallen herum, damit ihn der junge Priester bequem untersuchen könnte. Unter dem Knöchel befand sich eine lange Narbe, deren weißliche Spur von der Schwere des Leidens Zeugnis ablegte.
»Oh, Herr Abbé, nehmen Sie nur den Knöchel in die Hand und drücken Sie ihn mit Ihrer ganzen Kraft. Ich fühle nichts mehr.«
Pierre machte eine Bewegung mit der Hand, und man konnte glauben, die Allmacht der Heiligen Jungfrau bezaubere ihn. Zweifel beunruhigten ihn. Welche unbekannte Macht hatte da gewaltet? Oder vielmehr, welche falsche Diagnose des Arztes, welches Zusammenwirken von Irrtümern und Übertreibungen hatten zu diesem schönen Märchen geführt?
Die Kranken wollten alle den Wunderfuß sehen, diesen sichtbaren Beweis der göttlichen Heilung, die sie alle suchten. Marie, auf ihrem Lager sitzend und schon weniger Schmerzen leidend, war die erste, die ihn berührte. Dann gab ihn Frau Maze, ihrer Melancholie entrissen, der Frau Vincent in die Hand, die ihn gern geküßt hätte wegen der freudigen Hoffnung, die er in ihr erweckte. Herr Sabathier hatte mit glückseligem Gesichte zugehört. Selbst Frau Vêtu, Frau Grivotte und der Bruder Isidor öffneten die Augen und zeigten einige Teilnahme. Sogar das Gesicht der Elise Rouquet hatte sich durch ihren Glauben verändert. Wenn eine solche Wunde verschwunden war, sollte sich da nicht auch ihre Wunde wieder schließen können, so daß ihr Gesicht nur eine leichte Narbe behielte und wieder wie die Gesichter aller Menschen wurde ? Sophie mußte sich an einer der Eisenstangen festhalten und ihren Fuß bald rechts und bald links auf die Scheidewand legen; sie wurde nicht müde, sondern war sehr stolz und glücklich über die Ausrufe, die überall laut wurden, Ausrufe voll zitternder Bewunderung und frommer Scheu, die man vor ihrer kleinen Person, vor dem kleinen Fuße empfand, der jetzt wie geweiht und geheiligt war.
»Es ist ohne Zweifel ein fester Glaube nötig«, dachte Marie ganz laut; »man muß eine vollkommen reine Seele haben ...«
»Und sich an Herrn von Guersaint wendend, sagte sie: »Vater, ich fühle, daß ich geheilt würde, wenn ich zehn Jahre alt wäre, wenn ich die vollkommen reine Seele eines jungen Mädchens hätte.«
»Aber du bist ja doch noch ganz wie ein Kind von zehn Jahren, mein Liebling! Nicht wahr, Pierre, Mädchen von zehn Jahren können gar keine reinere Seele haben?« Mit seiner lebhaften Einbildungskraft und seinem phantastischen Sinne liebte er natürlich Wundergeschichten. Der Priester, tief bewegt von der inbrünstigen Reinheit des jungen Mädchens, vermied es, auf Erörterungen einzugehen und ließ sie ganz der tröstlichen Einbildung sich hingeben, die wie ein Wehen durch den Wagen rauschte. Seit der Abfahrt von Portiers war die Temperatur noch drückender geworden. Ein Gewitter zog an dem kupferfarbigen Himmel auf, und es war, als ob der Zug durch einen Schmelzofen hindurchführe. Ausgestorben und verlassen in der glühenden Sonne flogen Dörfer vorüber. In CouhdVernac betete man den Rosenkranz noch einmal. Dann wurde ein Choral gesungen. Aber diese Andachtsübungen kamen lässiger zur Ausführung. Schwester Hyacinthe, die bis jetzt noch nicht einmal hatte frühstücken können, hatte sich endlich dazu entschlossen, rasch ein kleines Brot und ein paar Früchte zu essen, fuhr aber trotzdem fort, den fremden Mann zu überwachen, dessen leises, mühsames Atmen seit einigen Minuten regelmäßiger zu sein schien. Es war drei Uhr, als man in Ruffee die Abendmette der Heiligen Jungfrau betete.
»Ora pro nobis, sancta Dei Genitrix, Ut digni efficiamur promissionibus Christi.«
Als man damit zu Ende war, wandte sich Herr Sabathier, der die kleine Sophie beobachtet hatte, während sie ihren Strumpf und ihren Schuh wieder anzog, an Herrn von Guersaint.
»Der Fall dieses Kindes ist ohne Zweifel sehr interessant. Das ist aber noch gar nichts, es gibt noch viel wunderbarere Fälle ... Kennen Sie die Geschichte von Pierre de Rudder, dem belgischen Arbeiter?«
Alle schickten sich sofort an, die Geschichte mitanzuhören.
»Dieser Mann hatte bei dem Sturze von einem Baume das Bein gebrochen. Nach Verlauf von acht Jahren waren die beiden Knochenfragmente noch nicht wieder zusammengewachsen, man sah die beiden Enden tief drinnen in einer großen Wunde, aus der fortwährend Eiter floß. Das Bein hing kraftlos herunter und ließ sich nach allen Richtungen hin drehen und wenden ... Nun, bei ihm genügte es sogar, daß er ein Glas von dem wundertätigen Wasser trank, sein Bein war mit einem Schlage wiederhergestellt. Er konnte ohne Krücken gehen, und der Arzt hat zu ihm gesagt: ›Ihr Bein ist wie das eines soeben geborenen Kindes.‹ Es stimmte vollkommen! Ein wirklich ganz neues Bein!«
Niemand sprach, es fand nur ein Austausch von verzückten Blicken statt.
»Und so«, fuhr Herr Sabathier fort, »so ist auch die Geschichte des Steinhauers Louis Bouriette, eines der ersten Wunder von Lourdes. Kennen Sie die? ... Er war bei einer Minenexplosion verwundet worden. Das rechte Auge war ganz verloren, das linke stark gefährdet ... Da ließ er sich eines Tages von seiner Tochter eine Flasche Wasser von der Quelle holen, die noch kaum richtig floß. Mit diesem Wasser wusch er sein Auge und betete dabei heiß und inbrünstig. Plötzlich stieß er einen Schrei aus, er sah, er sah ebensogut wie Sie und ich ... Der Arzt, der ihn behandelte, hat darüber eine sehr ausführliche Abhandlung geschrieben, so daß auch nicht der leiseste Zweifel möglich ist.«
»Es ist wunderbar«, sagte Herr von Guersaint entzückt.
»Wollen Sie noch ein anderes Beispiel? Francois Macary, Fischer von Lavour, hatte seit achtzehn Jahren an der inneren Seite des linken Beines ein krampfaderiges Geschwür. Es war mit ihm schon so weit gekommen, daß er sich gar nicht mehr rühren konnte, und die Wissenschaft verurteilte ihn zu ewigem Siechtum ... Da schließt er sich eines Abends mit einer Flasche Wasser aus Lourdes ein. Er löst die Bandagen, wäscht sich die beiden Beine und trinkt den Rest der Flasche aus. Dann legt er sich nieder und schläft ein. Als er wieder erwacht, befühlt und betrachtet er sich, und siehe da, nichts ist mehr vorhanden! Alles ist verschwunden ... Die Haut am Knie war so glatt und so frisch, wie es mit zwanzig Jahren sein muß.«
Diesmal erfolgte ein stürmischer Ausbruch des Erstaunens und der Verwunderung. Die Kranken und die Pilger traten ein in das Zauberland der Wunder, wo das Unmögliche sich verwirklicht, wo man gemächlich von Wunder zu Wunder schreitet. Jeder hatte eine Geschichte zu erzählen und brannte vor Begierde, seinen Glauben und seine Hoffnung durch ein Beispiel zu stützen.
Die schweigsame Frau Maze war die erste, die sich zum Erzählen veranlaßt fühlte.
»Ich habe eine Freundin, die die Witwe Rizan gekannt hat, die Dame, deren Heilung ebenfalls so großes Aufsehen erregte ... Seit vierundzwanzig Jahren war sie auf der ganzen linken Seite gelähmt. Sie gab wieder von sich, was sie aß, sie glich einer leblosen Masse, die man im Bette umdrehen mußte. Eines Abends befand sie sich so schlecht, daß der Arzt sagte, sie würde in der Nacht sterben. Eine Stunde später erwachte sie aus ihrer Betäubung und bat mit schwacher Stimme, ihre Tochter solle bei einer Nachbarin ein Glas Wasser aus Lourdes holen. Aber erst am folgenden Morgen konnte sie das Glas Wasser bekommen und rief: ›Oh, liebe Tochter, es ist das Leben, was ich trinke! Reibe mir das Gesicht, den Arm, das Bein, den ganzen Körper!‹ Und als die Tochter ihrem Befehle nachkam, sah sie, wie sich die Geschwulst nach und nach legte, wie die gelähmten und aufgetriebenen Glieder allmählich ihre Geschmeidigkeit und ihr natürliches Aussehen wiedergewannen ... Das war aber noch nicht alles; Frau Rizan rief, sie sei geheilt, sie habe Hunger, sie wolle Fleisch und Brot haben, sie, die seit vierundzwanzig Jahren kaum gegessen hatte. Und sie stand auf und zog sich an, während ihre Tochter den Nachbarinnen, die sie für eine Waise hielten, als sie sie so erschüttert sahen, antwortete: ›Nein, nein! Mama ist nicht tot, Mama ist auferstanden!‹«
Tränen waren Frau Vincent in die Augen getreten. Oh, wenn sie doch hätte sehen können, daß ihre kleine Rose wieder auflebte, mit gutem Appetit äße und fröhlich herumspränge! Ein anderer Fall, der eines jungen Mädchens, den man ihr in Paris erzählt und der viel zu ihrem Entschlusse, ihre kleine Kranke nach Lourdes zu bringen, beigetragen hatte, kam ihr wieder ins Gedächtnis. »Auch ich kenne die Geschichte einer Gelähmten, Lucie Druon, die in einem Waisenhause aufgezogen wurde und schon in ihrer frühesten Jugend nicht mehr niederknien konnte. Ihre Glieder waren ganz verkrümmt; ihr rechtes Bein war viel kürzer und hatte sich schließlich um das linke geschlungen. Wenn eine ihrer Gefährtinnen sie trug, so sah man die Beine wie abgestorben in der Luft herumbaumeln. Bemerken Sie wohl, daß sie nicht nach Lourdes gegangen ist. Sie hat einfach eine neuntägige Andacht gehalten. Aber während dieser neun Tage hat sie gefastet, und ihr Verlangen nach Heilung war ein so großes, daß sie sogar die Nächte im Gebet zubrachte. Am neunten Tage endlich, als sie etwas Wasser aus Lourdes trank, fühlte sie in ihren Beinen eine heftige Erschütterung. Sie stand auf und sank zurück, stand wieder auf und konnte gehen. Alle ihre Gefährtinnen waren erstaunt, beinahe erschreckt und riefen immerfort: ›Lucie geht! Lucie geht!‹ Und es war wahr, ihre Beine waren in wenigen Sekunden wieder gerade, gesund und kräftig geworden. Sie durchschritt den Hof, konnte in die Kapelle hinaufsteigen, wo die ganze Gemeinde mit dankerfülltem Herzen das Magnifikat sang ... Ach, das liebe Kind! Sie durfte glücklich sein, sehr glücklich!«
Tränen rannen über ihre Wangen auf das bleiche Gesicht ihrer Tochter herab, das sie mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte.
Das Interesse nahm immer mehr zu, und die begeisterte Freude über diese schönen Erzählungen, in denen der Himmel über die menschliche Schwachheit triumphierte, regte diese kindlichen Seelen so sehr auf, daß die am schwersten Kranken von neuem auflebten und die Sprache wiederfanden. Hinter der Erzählung eines jeden verbarg sich die Beschäftigung mit seinem eigenen Leiden, das Vertrauen, daß auch er geheilt werden würde, da ja schon einmal eine gleiche Krankheit wie ein wüster Traum durch einen göttlichen Hauch vertrieben worden war.
»Ah!« stammelte Frau Vêtu mit schmerzverzerrtem Munde, »da war auch eine, Antoinette Thardivail, deren Magen wie der meinige zerfressen war. Geschwülste bildeten sich so zahlreich, daß sie acht Monate hindurch Blut spie. Auch war sie dem Tode schon nahe, weil sie verhungerte. Ihre Haut lag wie festgeleimt auf den Knochen, bis sie Wasser aus Lourdes trank und sich damit die Magengrube waschen ließ. Drei Minuten später fand sie ihr Arzt, der sie am Abend vorher mit dem Tode ringend verlassen hatte, außerhalb des Bettes am Kamin sitzend, wie sie mit dem besten Appetit einen Hühnerflügel verspeiste. Sie hatte keine Geschwülste mehr, sie lachte wie mit zwanzig Jahren, und ihr Gesicht fing an, den strahlenden Glanz der Jugend wiederzubekommen. Ach, glücklich der, der essen kann, was er mag, der wieder jung wird, der nicht mehr leidet!«
»Und die Heilung der Schwester Julienne!« sagte die Grivotte, die sich auf den Ellenbogen erhoben hatte und deren Augen im Fieber glühten. »Sie wurde, wie ich, von einem schlimmen Katarrh gequält und fing dann an, Blut zu speien. Alle sechs Monate bekam sie einen Rückfall und mußte sich ins Bett legen. Vergeblich hatte man es mit allen möglichen Arzneimitteln versucht, mit Jod, mit Zugpflastern und sonstigem. Endlich war es richtige Schwindsucht geworden, wie sechs Ärzte übereinstimmend erklärt hatten ... Gut! Da kommt sie nach Lourdes, Gott weiß, unter welchen Schmerzen und Leiden! In Toulouse stand es so schlimm mit ihr, daß man glaubte, sie würde sterben. Die Schwestern trugen sie auf ihren Armen. Am Quell wollten die Helferinnen sie nicht baden. Sie war wie tot ... Nun, man zog sie schließlich doch aus, man tauchte die ganz Bewußtlose und über und über mit Schweiß Bedeckte unter, zog sie ganz totenbleich wieder heraus und legte sie auf den Erdboden nieder, da man glaubte, es sei mit ihr zu Ende. Da röteten sich plötzlich ihre Wangen, ihre Augen öffneten sich und sie holte tief und kräftig Atem. Sie war geheilt, sie konnte sich allein wieder anziehen und aß tüchtig, nachdem sie vorher in die Grotte gegangen war, um der Heiligen Jungfrau zu danken ... Nun, das war doch gewiß eine Schwindsüchtige, und sie ist dennoch geheilt worden!«
Dann wollte Bruder Isidor sprechen; aber er konnte nicht und begnügte sich daher, unter großer Anstrengung zu seiner Schwester zu sagen:
»Martha, erzähle doch die Geschichte von der Schwester Dorothea, die uns der Kurat von SaintSauveur mitgeteilt hat.«
»Schwester Dorothea«, begann die Bäuerin unbeholfen, »stand eines Morgens mit einem geschwollenen Beine auf. Von diesem Augenblicke an konnte sie das Bein nicht mehr gebrauchen. Es wurde kalt und schwer wie ein Stein. Dabei hatte sie große Schmerzen im Rücken. Die Ärzte verstanden nichts davon. Sie hatte ein halbes Dutzend um Rat gefragt, die sie mit Nadeln tief ins Fleisch stachen und ihr mit einer Menge Arzneimitteln die Haut verbrannten. Das war alles, was sie konnten ... Schwester Dorothea hatte bald eingesehen, daß allein die Heilige Jungfrau das richtige Heilmittel finden würde. So reiste sie denn nach Lourdes und ließ sich in den Weiher setzen. Zuerst glaubte sie, darin sterben zu müssen, denn es war so kalt. Dann aber wurde das Wasser weicher, so daß es ihr fast lauwarm vorkam und köstlich wie Milch. Noch niemals hatte sie etwas so Wohltuendes verspürt. Ihre Adern öffneten sich, und das Wasser drang hinein. Das Leben kehrte in ihren Körper zurück von dem Augenblicke an, da sich die Heilige Jungfrau in die Sache gemischt hatte ... Ihr fehlte von da an nicht das geringste mehr, sie ging spazieren, aß zum Abend eine ganze Taube und schlief die ganze Nacht hindurch wie eine Selige. Ruhm und Ehre der Heiligen Jungfrau! Ewige Dankbarkeit der allmächtigen Mutter und ihrem göttlichen Sohne!«
Elise Rouquet hätte auch gar zu gern ein Wunder, das sie kannte, angebracht. Aber sie sprach wegen ihres entstellten Mundes so schlecht, daß sie bis jetzt noch nicht an die Reihe hatte kommen können. Als aber eine Pause entstand, benützte sie diese, nachdem sie das Tuch, das ihre entsetzliche Wunde verbarg, etwas zur Seite geschoben hatte.
»Bei dem, was man mir erzählt hat, ist nicht von einer schweren Krankheit die Rede, aber die Geschichte ist sehr komisch ... Es handelt sich um eine Frau, Cölestine Dubois mit Namen, die sich beim Einseifen von Wäsche eine Nadel in die Hand gestochen hatte. Sieben Jahre lang blieb sie darin stecken, da kein Arzt imstande gewesen war, sie wieder herauszuziehen. Ihre Hand hatte sich ganz zusammengezogen, und sie konnte sie gar nicht mehr aufmachen. Sie kommt in Lourdes an, sie taucht die Hand in den Weiher. Aber sofort stößt sie einen Schrei aus und zieht sie wieder zurück. Mit Gewalt steckt man die Hand in das Wasser hinein und hält sie dort fest, während die Frau jammert und stöhnt und ihr Gesicht sich ganz mit Schweiß bedeckt. Dreimal tauchte man sie unter, und jedesmal sieht man, wie die Nadel wieder ein Stück weiter gewandert ist, bis sie endlich an der Spitze des Daumens zum Vorschein kommt ... Natürlich war ihr Schreien dadurch veranlaßt worden, daß die Nadel in dem Fleische vorwärtswanderte, als wenn sie von jemand gestoßen würde, um sie herauszubekommen ... Cölestine hat niemals mehr Schmerzen gehabt, und ihre Hand hat nur eine kleine Narbe behalten zu dem einzigen Zwecke, das Werk der Heiligen Jungfrau zu zeigen.«
Diese Anekdote hatte noch mehr Wirkung als die Wunder der großartigen Heilungen. Eine Nadel, die vorwärtsdrang, gleich als wenn sie jemand gestoßen hätte! Das war eine Steigerung des Wunderbaren, das zeigte jedem Kranken seinen Schutzengel, der hinter ihm stand, bereit, ihm auf einen Wink des Himmels zu helfen. Dann wie reizend und wie kindlich war das, eine Nadel, die durch das wunderbare Wasser zum Wandern gebracht wurde, nachdem sie sieben Jahre ruhig auf einem Platze geblieben war! Und alle gaben ihrer Freude lauten Ausdruck und lachten vor Vergnügen und strahlten vor Glück, daß dem Himmel nichts unmöglich war, daß sie alle, wenn der Himmel wolle, gesund, jung und glücklich würden. Es genügte, zu glauben und innig zu beten, damit die Natur verstumme und das Unglaubliche sich verwirkliche.
»Oh, Vater, wie schön ist das!« flüsterte Marie, durch die Erregung neu belebt und stumm vor Ergriffenheit. »Du erinnerst dich noch an das, was du mir selbst erzählt hast von jener Joachine Dehaut, die aus Belgien gekommen war und ganz Frankreich durchquert hatte mit ihrem verkrüppelten, von Geschwüren bedeckten Beine. Zuerst wurde das Geschwür geheilt. Man konnte das Knie drücken, ohne daß sie etwas verspürte; es blieb nur eine leichte Röte zurück. Dann kam die Verrenkung an die Reihe. Im Wasser schrie sie, es war ihr, als ob man ihr die Knochen zerbräche, als ob man ihr das Bein herausrisse. Zur gleichen Zeit sahen sie und die Frau, die sie badete, wie der ungestaltete Fuß sich wieder geradestreckte mit der Regelmäßigkeit eines Zeigers, der über ein Zifferblatt wandert. Das Bein richtete sich wieder ein, die Muskeln dehnten sich und das Knie trat an seinen richtigen Platz unter so heftigen Schmerzen, daß Joachine schließlich ohnmächtig wurde. Als sie aber wieder zu sich kam, sprang sie gewandt und rasch auf und trug ihre Krücken in die Grotte!«
Herr von Guersaint lachte entzückt über dieses Wunder und bestätigte durch Kopfnicken diese Erzählung, die er von einem Pater von Mariä Himmelfahrt hatte. Der hätte, wie er sagte, noch zwanzig ähnliche Fälle erzählen können, von denen der eine immer ergreifender und wunderbarer als der andere gewesen war. Er forderte Pierre zum Zeugen auf, und dieser, der nicht glaubte, begnügte sich damit, den Kopf zu schütteln. Zuerst hatte er sich bemüht, um Marien nicht zu betrüben, sich zu zerstreuen, und zum Fenster hinausgesehen und die Felder, Bäume und Häuser, die vorüberflogen, betrachtet. Man durchfuhr gerade Angoulême, dessen endlos sich ausbreitende Wiesenflächen mit den langen Reihen von Pappelbäumen vor dem Wagenfenster vorüberglitten. Pierre hörte aber trotzdem, ganz gegen seinen Willen, Bruchstücke der Erzählungen und interessierte sich für diese Geschichten, die das laute Gerassel der Räder übertönten. Es war als ob die sich selbst überlassene Lokomotive sie alle in das göttliche Land der Träume geführt hätte. Man rollte dahin, man rollte weiter und weiter, und schließlich gab er es auf, hinauszublicken, und überließ sich ganz dem einschläfernden Einflüsse der drückenden Atmosphäre im Wagen, in dem die Verzückung wuchs, die wirkliche Welt aber, durch die man so raschen Laufes dahineilte, gänzlich entrückt war. Das neu belebte Gesicht Mariens erfüllte ihn mit aufrichtiger Freude. Er überließ ihr seine Hand, die sie ergriffen hatte, um ihm durch einen innigen Druck all die Hoffnungsfreudigkeit kundzutun, die in ihr eingekehrt war. Warum sollte er sie durch seinen Zweifel betrüben, da er doch ihre Heilung wünschte? Mit unendlicher Zärtlichkeit hielt er die kleine, krankhaft feuchte Hand in der seinigen fest. Von mitleidender brüderlicher Liebe erfüllt, wollte er gern an eine höhere Gnade glauben, die den Verzweifelten den Schmerz nach ihrem Ermessen zuteilt und wegnimmt.
»Pierre«, wiederholte sie, »wie ist das schön, wie ist das schön! Und welch ein Ruhm für mich, wenn sich die Heilige Jungfrau in ihrer Gnade meiner erbarmen würde ... Glauben Sie wirklich, daß ich dessen würdig bin?«
»Gewiß!« rief er laut. »Sie sind die beste und die reinste, die ganz fleckenlose Seele, und es gibt nicht genug gute Engel im Paradiese, um Ihnen als Ehrengeleit zu dienen.«
Aber das Erzählen war noch nicht zu Ende. Schwester Hyacinthe und Frau von Jonquière teilten jetzt alle Wunder mit, die sie kannten, eine lange Reihe von Wundern, die seit mehr denn dreißig Jahren in Lourdes emporblühten, wie der ununterbrochene Blütenreichtum der Rosen in einem zauberhaften Rosengarten. Man zählte sie nach Tausenden, und jedes Jahr wucherten neue empor in dem üppigen Grün eines verschwenderischen Wachstums, und erregten immer mehr Aufsehen. Die Kranken, die mit zunehmender Erregung zuhörten, waren wie die kleinen Kinder, die nach einem schönen Feenmärchen noch ein anderes und dann wieder ein anderes hören wollten. Oh, nur immer mehr solche Geschichten, in denen die schlimme Wirklichkeit verspottet und die ungerechte Natur geohrfeigt wird, in denen der liebe Gott als der letzte, der größte Heilkünstler erscheint, als der, der die Wissenschaft verlacht und Glück stiftet!
Es waren zunächst die Tauben und die Stummen, die wieder hören und sprechen konnten. Aurelie Bruneau, der das Trommelfell zersprungen und die deshalb unheilbar war, wurde ganz plötzlich durch die himmlischen Töne eines Harmoniums entzückt. Louise Pourchet, bis zu ihrem fünfundvierzigsten Lebensjahre stumm, rief plötzlich vor der Grotte: »Ich grüße dich, Marie!« und noch viele andere mehr, die alle dadurch vollständig geheilt wurden, daß sie einige Tropfen von dem Wasser in ihre Ohren oder auf ihre Zunge träufelten. Dann kamen die Blinden: Pater Hermann, der gefühlt hatte, wie die Heilige Jungfrau mit sanfter Hand den Schleier fortzog, der vor seinen Augen schwebte. Fräulein von Pontbriant, der der Verlust beider Augen gedroht hatte und die infolge eines Gebetes bessere Augen bekam, als sie früher besessen hatte. Ein Kind von zwölf Jahren, dessen Pupillen Marmorkügelchen glichen, und das in drei Sekunden wieder klare und tiefe Augen bekam, aus denen die Engel herauszulächeln schienen. Vor allen aber sind es Gelähmte, die sich wieder frei bewegen, Lahme, die wieder gerade gehen können, solche, die sich von ihrem Siechbett nicht zu rühren imstande waren und zu denen der Herr sagte: »Erhebe dich und geh!« Der gelähmte Delaunoy, der schon fünfzehnmal in Pariser Hospitälern gewesen war, von wo er die übereinstimmenden Diagnosen von zwölf Ärzten mitbrachte, fühlt plötzlich eine Kraft in sich, die ihn beim Vorüberziehen des heiligen Sakramentes in die Höhe treibt und ihn in den Stand setzt, mit gesunden Beinen zu folgen. Marie Luise Delgron, vierzehn Jahre alt, deren Beine infolge der Lähmung steif, deren Hände zusammengezogen und deren Mund schief geworden war, sah ihre Glieder wieder geschmeidig werden und sich strecken und die Verzerrung des Mundes verschwinden, als hätte eine unsichtbare Hand die entsetzlichen Bande zerschnitten, die sie entstellten. Marie Vachier, seit siebzehn Jahren an ihren Krankenstuhl gefesselt, lief und sprang nicht nur, nachdem sie aus dem Weiher gestiegen war, sondern fand sogar nicht einmal die Spuren der Wunden wieder, mit denen ihr Körper sich infolge ihrer langen Regungslosigkeit bedeckt hatte. Georges Hauquet, der an Rückenmarkserweichung litt und vollständig gefühllos war, wird ein kerngesunder Mensch. Und Leonie Charton, die ebenfalls Rückenmarkserweichung hatte und deren Wirbelknochen einen Höcker bildeten, fühlt, wie die Verkrümmung ihres Rückgrates verschwindet, wie ihre Beine sich strecken und kräftig und wie neu geschaffen werden.
Dann kämen noch alle Arten von Übeln an die Reihe. Zuerst die verschiedenen skrofulösen Krankheiten. Marguerite Gehier, die seit siebenundzwanzig Jahren an Hüftweh litt, deren Hüfte von der Krankheit ganz zerfressen und deren rechtes Knie gelähmt war, fiel plötzlich auf dieses Knie nieder, um der Heiligen Jungfrau für ihre Rettung zu danken. Philomene Simonneau, eine junge Vendeerin, deren linkes Bein drei fürchterliche Wunden hatte, auf deren Grunde die angefaulten Knochen sichtbar wurden, ließ plötzlich die Krücken fallen, und ihre Knochen, ihr Fleisch und ihre Haut bildeten sich neu. Dann kamen die Wassersüchtigen: Frau Ancelin, deren Füße, deren Hände und deren ganzer Körper abschwollen, ohne daß man hätte sagen können, wo all das Wasser abgeflossen wäre. Fräulein Montagnon, der man zu wiederholten Malen zweiundzwanzig Liter Wasser abgezapft hatte, entleerte sich, als sie von neuem angeschwollen war, nach Anlegung einer einfachen Kompresse, die man in die wunderwirkende Quelle getaucht hatte, ohne daß man etwas davon in dem Bette oder auf dem Fußboden gefunden hätte. Ebensowenig hält eine Magenkrankheit dem Wunder stand. Alle verschwinden auf das erste Glas. So fand Marie Souchet, die schwarzes Blut spie und immer mehr abzehrte, so daß sie zum Skelett abgemagert war, innerhalb zweier Tage ihre Körperfülle wieder. Marie Jarland, die aus Versehen ein Glas Lauge getrunken und sich den Magen verbrannt hatte, findet die Gesundheit wieder. Geschwulstbildungen verschwinden so vollständig in dem Weiher, daß auch nicht die leiseste Spur davon zurückbleibt. Was aber noch mehr in Staunen setzt, das sind die Geschwüre, die Krebsschäden, alle die entsetzlichen sichtbaren Wunden, die das heilige Wasser heilt. Ein Schauspieler, ein Jude, brauchte seine von einem Geschwür zerfressene Hand nur einzutauchen, und sie war geheilt. Ein junger reicher Ausländer, an dessen rechtem Handgelenk sich ein Lupus gebildet hatte, groß wie ein Hühnerei, sah ihn schwinden. Rose Duval, die infolge einer Eitergeschwulst am linken Ellenbogen ein Loch hatte, so groß, daß eine Nuß gut Platz darin fand, konnte der raschen Arbeit des neuen Fleisches zusehen, das das Loch zufüllte. Die Witwe Fromond, deren Lippe zur Hälfte vom Krebs zerfressen war, brauchte die kranke Stelle nur abzuwaschen, und es blieb nicht einmal eine leise Röte zurück. Marie Moreau, die entsetzlich an Brustkrebs litt, legte sich zum Schlafen nieder, nachdem sie sich in ein mit Wasser von Lourdes getränktes Tuch eingewickelt hatte, und als sie zwei Stunden später wieder erwachte, hatten die Schmerzen aufgehört, und das Fleisch war fest und von rosiger Frische.
Dann fing Schwester Hyacinthe von den Heilungen der Schwindsucht zu erzählen an. Das setzte allem die Krone auf. Die schreckliche Krankheit, die die Menschen verheert und die, wie die Ungläubigen behaupteten, die Heilige Jungfrau nicht heilen könne, wurde dennoch von ihr geheilt durch eine einzige Bewegung ihres kleinen Fingers. Hundert Fälle, der eine immer außergewöhnlicher als der andere, folgten rasch aufeinander. Die seit drei Jahren schwindsüchtige Marguerite Coupel, an deren Lungenspitzen die Tuberkeln fraßen, steht auf und geht fort, strotzend vor Gesundheit. Frau de la Rivière, die Blut speit, und deren Nägel schon bläuliche Farbe angenommen haben, so daß man glaubte, sie stehe auf dem Punkte, ihren letzten Seufzer auszuhauchen, hat nur nötig, einen kleinen Löffel voll Wasser zu trinken. Das Todesröcheln hört auf, sie richtet sich empor, antwortet auf die Litaneien und verlangt eine Bouillon. Bei Julie Jadot waren vier Löffel nötig. Aber sie hielt schon ihren Kopf nicht mehr aufrecht und war von so zarter Konstitution, daß die Krankheit sie ganz aufzulösen schien. In wenigen Tagen wurde sie gesund. Anna Catry, die die Schwindsucht im höchsten Grade hat – ihr linker Lungenflügel ist bereits zur Hälfte zerstört –, wird fünfmal in das kalte Wasser getaucht, ganz gegen jede Vernunft. Sie ist geheilt, die Lunge ist gesund. Eine andere, ein schwindsüchtiges junges Mädchen, von fünfzehn Ärzten aufgegeben, hat gar nichts weiter getan, als daß sie in der Grotte niederkniete, ganz zufällig, und war auf das freudigste überrascht, so im Vorbeigehen, durch einen glücklichen Zufall geheilt worden zu sein. Sie war ohne Zweifel gerade zu der Stunde gekommen, da die Heilige Jungfrau, von Mitleid ergriffen, das Wunder aus ihren unsichtbaren Händen herabgleiten läßt.
Und Wunder und immer neue Wunder folgten! Wie Traumesblumen regneten sie von einem klaren, milden Himmel hernieder. Es waren ergreifende dabei, aber auch kindische befanden sich darunter. Eine alte Frau, die eine steife Hand hatte und sie seit dreißig Jahren nicht rühren konnte, wusch sich und machte das Zeichen des Kreuzes. Die Schwester Sophie, die wie ein Hund bellte, taucht in den Quell und steigt heraus, mit klarer Stimme einen Choral singend. Mustapha, ein Türke, betet zu der weißen Frau und bekommt sein rechtes Auge wieder, nachdem er eine Kompresse aufgelegt hat. Ein Offizier der Turkos wurde bei Sedan beschützt, und ein Kürassier von Reichshofen wäre durch einen Schuß ins Herz getötet worden, wenn die Kugel, die sein Notizbuch durchbohrt hatte, nicht vor einem Bilde der Jungfrau von Lourdes steckengeblieben wäre. Und die Kinder, die armen, leidenden Kleinen, auch sie finden Gnade. Ein gelähmter kleiner Knabe von fünf Jahren wurde ausgezogen, fünf Minuten lang unter den kalten Strahl der Fontäne gehalten und konnte aufstehen und gehen. Ein anderer von fünfzehn Jahren, der in seinem Bette nur tierische Schreie ausstieß, sprang aus dem Weiher heraus mit dem Freudenrufe: »Ich bin geheilt!« Ein dritter, ein ganz kleiner Junge von zwei Jahren, der noch keinen Schritt gegangen war, blieb eine Viertelstunde in dem kalten Wasser und machte dann, vergnügt lächelnd, wie ein kleines Menschenkind die ersten Schritte. Bei allen, bei den Kleinen wie bei den Großen, waren die Schmerzen heftig, indes das Wunder wirkte. Aber welches Wohlbefinden folgte dann! Die Ärzte trauten ihren Augen nicht, ihr Erstaunen wuchs bei jeder Heilung, wenn sie ihren Kranken laufen, springen und mit einem wahren Heißhunger essen sahen. Alle diese Auserwählten, diese geheilten Frauen gingen kilometerweit, setzten sich dann zu Tisch vor ein junges Huhn und schliefen schließlich zwölf Stunden lang mit geballten Fäusten. Keine Rekonvaleszenz trat ein, es war ein plötzlicher Sprung aus dem Todeskampfe zur vollen Gesundheit. Die Glieder hatten sich neu gebildet, die Wunden geschlossen, alle Organe befanden sich wieder in vollkommen unversehrtem Zustande, die Körperfülle war zurückgekehrt, und alles in der Geschwindigkeit eines Blitzstrahls. Die Wissenschaft war verhöhnt, man gebrauchte nicht einmal die einfachsten Vorsichtsmaßregeln, da die Schwindsüchtigen schweißbedeckt in das eiskalte Wasser stiegen. Man ließ die Wunden ruhig in Fäulnis übergehen, ohne irgendwelche antiseptische Vorkehrung zu treffen. Und welch ein Jubelgesang erschallt dann nach jeder Heilung, welche Rufe der Dankbarkeit und Liebe! Die durch das Wunder Gerettete wirft sich auf die Knie nieder, alles weint, Bekehrungen finden statt, Protestanten und Juden treten zum Katholizismus über, und andere Wunder des Glaubens ereignen sich, bei denen der Himmel triumphiert. Die Bewohner stehen in Menge versammelt, um die Geheilte bei ihrer Rückkehr in das Dorf zu empfangen, während die Glocken ihre feierlichen Stimmen erschallen lassen. Wenn man sie leichtfüßig aus dem Wagen springen sieht, ertönen Freudenrufe, und man stimmt das Magnifikat an. Ruhm und Ehre der Heiligen Jungfrau! Ewige Dankbarkeit und Liebe!
Der Zug rollte vorwärts, rollte weiter und weiter. Man fuhr gerade durch Coutras, es war sechs Uhr. Schwester Hyacinthe erhob sich, klatschte in die Hände und wiederholte noch einmal:
»Das Angelus, meine Kinder!«
Niemals waren die Aves mit gläubigerer Inbrunst gebetet worden. Da begriff Pierre plötzlich, da fand er die richtige Erklärung für diese Pilgerfahrten, für alle die Züge, die durch die ganze Welt rollten, für diese zusammenströmenden Menschenmassen, für Lourdes selbst, das wie das Heil für Leib und Seele strahlte. Jammergestalten sah er seit diesem Morgen vor sich, sah, wie sie in ihren Schmerzen röchelten und stöhnten! Sie waren alle von der Wissenschaft verurteilt und aufgegeben und waren es überdrüssig, Ärzte zu konsultieren und sich mit nutzlosen Heilmitteln quälen zu lassen. So begriff man auch, daß sie in dem heißen Verlangen, zu leben, und nicht gewillt, sich mit den Anordnungen der ungerechten Natur zufrieden zu geben, sich dem Traume einer überirdischen Gewalt hingaben, einer allmächtigen Gottheit, die vielleicht die bestehenden Gesetze aufheben, den Lauf der Gestirne verändern und die Vergangenheit wieder wachrufen würde. Blieb ihnen denn Gott nicht, wenn die Erde sie im Stiche ließ? Oh, wer doch glauben könnte, daß es irgendwo einen höchsten Gerichtsherrn gibt, der die Ungerechtigkeiten der Menschen und der Dinge ausgleicht, wer doch glauben könnte, daß es einen Erlöser gibt, einen Tröster, der der Herr ist, der die Ströme zu ihrer Quelle zurückfließen lassen, den Greisen die Jugend wiedergeben und die Toten auferwecken kann! Wer sich sagen könnte, wenn man mit Wunden bedeckt ist, wenn man verkrüppelte Glieder hat, wenn der Leib durch Geschwüre angeschwollen und die Lunge zerstört ist, wer sich dann sagen könnte, das hat nichts zu bedeuten, alles das kann verschwinden und wiedererstehen auf ein Zeichen der Heiligen Jungfrau, und es genügt, zu ihr zu beten, sie zu rühren und von ihr mit einem Wunder begnadet zu werden! Und dann, welch eine Quelle himmlischer Hoffnungen ist es, wenn man den überreichen Strom dieser schönen Geschichten fließen läßt, die die fieberhaft erregte Einbildungskraft der Kranken und Siechen bezaubert und berauscht! Seitdem die kleine Sophie Couteau mit ihrem geheilten weißen Fuß in den Wagen gestiegen war und den grenzenlosen Himmel des Göttlichen und Übernatürlichen aufgetan hatte, wie verstand man da den Hauch von wunderbarer Genesung, der durch den Raum zog, die Verzweifelten von ihrem Siechbett emporrichtete und die Augen aller erglänzen ließ. Das Leben war auch für sie noch möglich, vielleicht würden sie selbst es bald von neuem anfangen.
Ja, so verhielt es sich. Wenn dieser jammervolle Zug dahinrollte und immer weiter und weiter rollte, wenn der Wagen voll war, wenn die anderen voll waren, wenn Frankreich und die Welt von den entferntesten Winkeln der Erde her von ähnlichen Zügen durchbraust wurden, wenn mehr als dreimalhunderttausend Gläubige, die Tausende von Kranken mit sich führten, von einem Ende des Landes zum andern sich in Bewegung setzten, so geschah dies alles, weil dort unten die Grotte in ihrer Glorie strahlte wie ein Leuchtturm der Hoffnung und des Glaubens, wie der Triumph des Unmöglichen über die unerbittliche Materie. Diesen Traum zu träumen, das war das große, unaussprechliche Glück. Wenn von Jahr zu Jahr der Erfolg der Pilgerzüge sich steigerte, so kam das daher, weil den in ihrem Verlangen nach Trost herbeigeeilten Völkerscharen das köstliche Brot der Hoffnung winkte, nach dem die leidende Menschheit unaufhörlich Hunger hat. Und es waren nicht nur die physischen Leiden, die nach Heilung riefen, das ganze moralische und intellektuelle Sein klagte laut sein Leid in dem unstillbaren Durste nach Glück. Glücklich sein, die Gewißheit seines Lebens in den Glauben setzen, sich bis zum Tode auf diesen festen und einzig sicheren Reisestab stützen können, das war der Wunsch, der aus allen Herzen aufstieg, der alle Schmerzen niederknien ließ in dem Flehen um Gnade, um das geistige Heil für sich selbst und für die, die man liebt. Der ungeheure Schrei pflanzte sich fort, stieg empor und erfüllte den Raum, der Schrei: Glücklich sein für immer, im Leben und im Tode!
Pierre hatte gesehen, wie alle die Leidenden, die ihn umgaben, das Rasseln der Räder nicht mehr vernahmen und wie sie ihre Kräfte wiederfanden mehr und mehr nach jeder zurückgelegten Meile, die sie dem Wunder näherbrachte. Selbst Frau Maze wurde gesprächig in der festen Überzeugung, daß die Heilige Jungfrau ihren Gatten zu ihr zurückführen würde. Frau Vincent wiegte selig lächelnd ihre kleine Rose und fand sie viel weniger krank als jene halbtoten Kinder, die man in das eiskalte Wasser tauchte und die dann spielten. Herr Sabathier plauderte mit Herrn von Guersaint und erzählte ihm, daß er im Oktober, wenn er seine Beine wieder gebrauchen könnte, nach Rom gehen würde, eine Reise, die er schon seit fünfzehn Jahren von Jahr zu Jahr verschoben hätte. Frau Vêtu, die sich ebenfalls etwas beruhigt hatte, wenn ihr Magen sie auch noch immer quälte, glaubte Hunger zu haben und bat daher Frau von Jonquière, ihr kleine Brotschnitten in ein Glas Milch einzutauchen, während Elise Rouquet, ohne an ihre Wunde zu denken, ihr Gesicht enthüllt hatte und eine Weintraube aß. Und Frau Grivotte, die auf ihrem Platze saß, und Bruder Isidor, der aufgehört hatte zu stöhnen, waren infolge dieser schönen Märchen in einem glücklichen Fieberzustande, so daß sie in ihrem ungeduldigen Verlangen nach Heilung sich sichtlich beruhigten. Sogar der Unbekannte kam, wenn auch nur auf eine Minute, zum Bewußtsein. Als Schwester Hyacinthe von neuem den kalten Schweiß von seinem Gesichte abtrocknete, öffnete er die Augenlider, während einen Augenblick ein Lächeln sein Gesicht verklärte. Noch einmal hatte er gehofft. Marie hielt noch immer die Hand Pierres. Es war sieben Uhr; man sollte um siebeneinhalb Uhr in Bordeaux sein. Der Zug, der sich etwas verspätet hatte, beschleunigte, um die verlorenen Minuten wieder einzuholen, seine Geschwindigkeit. Das Gewitter hatte aufgehört zu toben, und von dem weiten, klaren Himmelszelte senkte sich ein unendlich süßer Friede auf die Erde herab.
»Oh, Pierre, wie schön ist das! Wie schön ist das!« wiederholte Marie von neuem und drückte ihm die Hand in überschwellendem Zärtlichkeitsgefühle.
Dann beugte sie sich zu ihm hin und flüsterte ihm mit ganz leiser Stimme zu:
»Pierre, ich habe vorhin die Heilige Jungfrau gesehen und sie um Ihre Heilung gebeten. Sie hat sie mir zugesagt.«
Der junge Priester verstand sie und wurde ganz verwirrt von dem himmlischen Glanze ihrer Augen, die sie auf die seinigen geheftet hielt. Sie hatte sich selbst vergessen und nur um seine Bekehrung gebeten. Dieser Glaubenswunsch, der so rein von diesem leidenden Wesen ausging, brachte seine Seele zur Umkehr. Warum sollte er nicht eines Tages glauben? Er selbst war von den vielen außergewöhnlichen Erzählungen wie verwirrt. Die erstickende Hitze in dem Wagen hatte ihn betäubt, und der Anblick von so viel Elend und Jammer ließ sein mitleidiges Herz bluten. Die Ansteckung wirkte. Er wußte nicht mehr genau, wo das Wirkliche und das Mögliche aufhörte, er war unfähig, diese Überfülle verwirrender Tatsachen zu erklären oder zu verwerfen. Er gehörte sich nicht mehr selbst, er bildete sich in dem verzückten Taumel dieses rollenden Hospitals schließlich ein, daß er glaube.
V
Der Zug verließ Bordeaux nach einem Aufenthalte von einigen Minuten, den die, die noch nicht zu Mittag gegessen hatten, dazu benützten, sich in aller Eile Vorräte einzukaufen. Die Kranken bekamen etwas Milch zu trinken und hörten nicht auf, wie Kinder um Biskuit zu bitten. Sobald sich der Zug von neuem in Bewegung gesetzt hatte, klatschte Schwester Hyacinthe in die Hände und rief:
»Vorwärts, beeilen wir uns! Das Abendgebet!«
Dann folgte beinahe eine Viertelstunde ein wirres Gemurmel der Paternoster und Aves, eine Gewissensprüfung, eine Bußübung, die gänzliche Hingabe an Gott, an die Heilige Jungfrau und an die Heiligen, ein Dankgebet für den glücklich verbrachten Tag, das mit einer Fürbitte für die Lebenden und für die Verstorbenen schloß.
»Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes ... Amen!«
Es war acht Uhr zehn Minuten, die Abenddämmerung sank auf das Land nieder, auf eine unermeßliche Ebene, die durch den Abendnebel vergrößert wurde, und in der von fern her aus vereinzelt gelegenen Häusern helles Licht freundlich herüberleuchtete. Die Lampen im Wagen flackerten unruhig hin und her und beleuchteten mit ihrer gelblichen Flamme das zahlreiche Gepäck und die Pilger, die durch die schaukelnden Bewegungen durcheinander gerüttelt wurden.
»Ihr wißt, meine lieben Kinder«, begann Schwester Hyacinthe, die stehengeblieben war, »daß ich in Lamothe, ungefähr eine Stunde von hier, Ruhe anordnen werde. Ihr habt also noch eine Stunde, um euch zu unterhalten. Aber seid vernünftig und regt euch nicht zu sehr auf! Und dann nach Lamothe, versteht mich wohl, kein Wort mehr, nicht eine Silbe! Denn ich will, daß ihr alle gut schlafen sollt!«
Diese Worte brachten sie zum Lachen.
»Ja, das ist die Regel, und ihr seid sicherlich zu vernünftig, um nicht zu gehorchen.«
Sie hatten seit dem Morgen pünktlich das Programm der religiösen Übungen ausgeführt, die für jede Stunde bestimmt waren. Jetzt, wo alle Gebete gesprochen, die Rosenkränze hergesagt und die frommen Lieder gesungen waren, der Tag also sein Ende erreicht hatte, blieb noch eine Stunde vor der Nachtruhe der Erholung gewidmet. Aber sie wußten nicht, was sie anfangen sollten.
»Liebe Schwester«, sagte Marie, »wollen Sie nicht vielleicht den Herrn Abbé beauftragen, uns etwas vorzulesen? Er liest vortrefflich, und ich habe da ein kleines Buch, eine hübsche Geschichte der Bernadette ...«
Man ließ sie nicht vollenden, alle riefen ungestüm und leidenschaftlich wie Kinder, denen man ein schönes Märchen versprochen hatte:
»O ja, liebe Schwester! O ja, liebe Schwester!« .
»Selbstverständlich gestatte ich es«, erwiderte die Nonne, »da es sich um ein gutes Buch handelt.«
Pierre mußte einwilligen. Aber er wollte unter der Lampe sitzen und mußte deshalb mit Herrn Guersaint den Platz wechseln, der von der Ankündigung einer Geschichte ebenso entzückt war wie die Kranken. Als der junge Priester den passenden Platz gefunden und erklärt hatte, daß er gut sehen könnte, öffnete er das Buch. Ein Zittern durchlief den Wagen, alle Köpfe reckten sich in die Höhe, alle sammelten ihre Gedanken und spitzten die Ohren. Glücklicherweise hatte er eine deutliche und starke Stimme, mit der er den Lärm der Räder übertönte, die durch die endlose Ebene dahinrollten.
Bevor Pierre jedoch mit dem Lesen anfing, prüfte er das Buch. Es war eines jener kleinen Kolportagebücher, die von katholischen Buchhandlungen herausgegeben und in einer Unzahl von Exemplaren in der ganzen Welt verbreitet werden. Schlecht gedruckt und auf billigem Papier, trug es auf seinem blauen Umschlag ein Bild unserer lieben Frau von Lourdes, ein naives Kunstwerk von steifer, unbeholfener Grazie. Eine halbe Stunde würde sicherlich genügen, es vorzulesen, ohne sich dabei zu übereilen.
Und Pierre begann mit seiner schönen, klaren Stimme, die einen angenehmen, durchdringenden Ton hatte:
»Es war in Lourdes, einer kleinen Stadt in den Pyrenäen, am Donnerstag, den 11. Februar 1858. Das Wetter war kalt und der Himmel etwas bedeckt. Es fehlte in dem Hause des armen, aber ehrlichen Müllers, Francois Soubirous, an Holz, um das Essen zu bereiten. Seine Frau, Louise, sagte zu ihrer zweiten Tochter Marie: ›Geh an das Ufer des Gave oder in den Gemeindewald und suche Holz!‹ Der Gave ist ein Gebirgsbach, der durch Lourdes fließt.
Marie hatte eine ältere Schwester, Bernadette mit Namen, die vor kurzem vom Lande zurückgekehrt war, wo sie bei braven Bauersleuten als Schäferin gedient hatte. Sie war ein schwaches, zartes Kind von großer Unschuld, dessen ganzes Wissen darin bestand, daß es den Rosenkranz hersagen konnte. Louise Soubirous trug wegen der Kälte Bedenken, sie mit ihrer Schwester in das Holz zu schicken. Aber auf die inständigen Bitten Mariens und einer kleinen Nachbarin, Jeanne Abadie mit Namen, ließ sie sie mitgehen.
Die drei Gefährtinnen, die den Gebirgsbach hinaufkletterten, um trockenes Holz zu sammeln, befanden sich einer Grotte gegenüber, die in das Innere eines großen Felsens hineinführte, den die Bewohner des Landes Massabielle nannten ...«
Als Pierre beim Vorlesen zu dieser Stelle gekommen war, hielt er, das Blatt umwendend, inne und ließ das kleine Buch zurücksinken. Die Kindlichkeit der Erzählung und all die leeren, nichtigen Redereien machten ihn ungeduldig, ihn, der die vollständigen Akten über diese außerordentliche Geschichte in den Händen gehabt, der mit leidenschaftlichem Eifer die unbedeutendsten Einzelheiten geprüft hatte und tief in seinem Herzen innige Liebe und unendliches Mitleid für Bernadette hegte. Er hatte sich gerade wieder gesagt, daß er die entscheidende Untersuchung, deretwegen er einst davon geträumt hatte, nach Lourdes zu gehen, schon am folgenden Tage würde beginnen können.
Und von neuem erwachte all seine Wißbegierde. Er hätte gar zu gerne diese wunderbare Geschichte zerlegt und erklärt. Sie log gewiß nicht, sie hatte die Erscheinung gehabt, Stimmen gehört wie Jeanne d'Arc, und wie Jeanne d'Arc befreite sie, nach der Ansicht der Katholiken, Frankreich. Welches war die Kraft, die sie und ihr Werk hervorgebracht hatte? Wie hatte die Vision bei diesem Kinde entstehen, wie hatte sie alle gläubigen Seelen in solche Aufregung versetzen können, daß sich die Wunder der Urzeit wieder erneuerten und man fast eine neue Religion stiftete in einer heiligen Stadt, mit einem Male um Millionen erbaut und überschwemmt von gläubigen Menschenmassen, wie man sie seit der Zeit der Kreuzzüge nicht mehr gesehen hatte?
Er las nicht weiter vor, sondern erzählte das, was er wußte, das, was er erraten und sich selbst hinzugedacht hatte. Er kannte das Land, die Sitten und die Gebräuche sehr genau, dank der langen Gespräche, die er mit seinem Freunde, dem Doktor Chassaigne, darüber geführt hatte. Er besaß eine wohltuende Leichtigkeit des Sprechens und ein durch und durch reines Feuer aufrichtiger Begeisterung, Gaben, die er schon vom Seminar her in sich fühlte, ohne daß er jemals Gebrauch davon gemacht hätte. Als man in dem Wagen sah, daß er die Geschichte viel besser und viel ausführlicher kannte als das kleine Buch, und daß er sie mit einer so begeisterten Stimme vortrug, steigerte sich die Aufmerksamkeit von neuem, und die schmerzensreichen Gemüter, die nach Glück dürsteten, gaben sich ihm mit ganzer Seele hin.
Zuerst kam die Kindheit Bernadettes, die sie in Bartrès verbracht hatte. Sie war dort bei ihrer Amme, der Frau Lagûes, die, nachdem ihr neugeborenes Kind gestorben war, den Soubirous' die Gefälligkeit erwiesen hatte, ihr Kind zu nähren und bei sich zu behalten. Dieses Dorf von vierhundert Seelen lag eine Meile von Lourdes entfernt, weit ab von allen Verkehrswegen, mitten im Grünen verborgen. Der Weg führte steil abwärts, die wenigen Häuser standen in ziemlicher Entfernung voneinander, mitten auf Grasflächen, die mit Walnuß und Kastanienbäumen bepflanzt waren, während klare Bäche, die niemals schwiegen, den Abhängen plätschernd folgten. Die kleine, alte, romanische Kirche stand, alles beherrschend, auf einem mit den Gräbern des Friedhofes bedeckten Hügel. Nach allen Seiten steigen bewaldete Abhänge wellenförmig empor. Das Dörfchen ist wie ein Loch in dem blühenden Pflanzenteppich voll köstlichen Wohlgeruchs und tiefen Grüns. Bernadette, die, nachdem sie ein großes Mädchen geworden war, ihren Unterhalt damit bezahlte, daß sie die Schafe hütete, führte diese monatelang auf den waldigen Abhängen umher, ohne daß sie einer menschlichen Seele begegnete. Nur zuweilen erblickte sie von dem Gipfel eines Hügels den Pic du Midi oder den Pic de Viscos. Sie sah auch, wie andere, in Dunst gehüllte Berge sich riesenhaft vergrößerten und zu unklaren und verschwommenen Erscheinungen wurden. Das Haus der Lagûes war ein einsames, stilles Haus, das letzte im Dorfe. Eine Wiese breitete sich davor aus, bepflanzt mit Apfel und Birnbäumen. In dem niedrigen und feuchten Hause befanden sich zur Rechten und Linken der Holztreppe, die auf den Speicher führte, zwei große, mit Steinplatten belegte Räume, deren jeder vier bis fünf Betten enthielt. Die kleinen Mädchen schliefen zusammen und schlummerten jeden Abend in der Betrachtung der schönen, an die Wand geklebten Bilder ein, während die große Uhr in ihrem Gehäuse aus Tannenholz mit ernsten Schlägen in der tiefen Stille die Stunden ankündigte.
Ach, diese Jahre in Bartrès, in welch seligem Entzücken hatte Bernadette sie verlebt! Sie wuchs nur langsam und war immer krank, da sie an nervösem Asthma litt, das sie bei dem geringsten Wehen des Windes zu ersticken drohte. Im Alter von zwölf Jahren konnte sie weder lesen noch schreiben und sprach nur den Dialekt der Umgegend. Sie war ein gutes kleines Mädchen, sehr sanft und sehr artig, im übrigen ein Kind wie jedes andere, nur nicht schwatzhaft. Sie liebte es vielmehr, zuzuhören als selbst zu reden. Obgleich sie nicht begabt war, zeigte sie natürlichen Verstand und hatte sogar bisweilen eine schlagfertige Antwort bei der Hand, ein einfaches Scherzwort, das Lachen verursachte. Man hatte unendliche Mühe gehabt, ihr den Rosenkranz beizubringen. Als sie ihn endlich auswendig wußte, schien sie ihr ganzes Wissen darauf beschränken zu wollen. Sie sagte ihn während des ganzen Tages, vom Morgen bis zum Abend, her, so daß man sie schließlich bei ihren Schafen nur noch mit dem Rosenkranz in der Hand antraf, die Pater und Aves betend. Wie viele Stunden hatte sie so auf den grasigen Abhängen der Hügel verlebt, umwogt von dem geheimnisvollen Rauschen der Blätter, während sie von der Welt nichts weiter sah als nur auf kurze Augenblicke in weiter Ferne die höchsten Gipfel der Berge, in strahlendes Licht getaucht, wie ein Traumbild rasch entschwindend. Die Tage schwanden dahin, und immer begleitete sie bei ihrem Herumziehen der engbegrenzte Traum, das einzige Gebet, das sie fortwährend wiederholte und welches ihr keine andere Gefährtin und Freundin gab als die Heilige Jungfrau mitten in dieser frischen, kindlichnaiven Einsamkeit. Welch schöne Abende verlebte sie dann während des Winters in dem saalartigen Raume links von der Treppe, in dem ein Feuer brannte! Ihre Amme hatte einen Bruder, der Priester war und ihnen manchmal wunderbare Geschichten vorlas, Geschichten von heiligen Männern und Frauen, von ungeheuerlichen Abenteuern, die einen vor Angst und Freude zittern machten, von Erscheinungen des Paradieses auf der Erde, während der halbgeöffnete Himmel den Glanz der Engel offenbarte. Die Bücher, die er mitbrachte, waren oft voll von Bildern, sie zeigten den lieben Gott in seiner ganzen Glorie, die zarte und freundliche, lichtumflossene Gestalt Jesu Christi, vor allem aber die Heilige Jungfrau, die immer wiederkehrte, glänzend und weiß, azurblau und gold gekleidet. Die Bibel war das Buch, das man am fleißigsten las, eine alte, vergilbte Bibel, die sich seit hundert Jahren in der Familie vererbt hatte. An jedem Spinnstubenabend nahm der Pflegevater, der lesen gelernt hatte, eine Nadel, steckte sie auf gut Glück in die Bibel und fing dann oben zu lesen an unter der gespannten Aufmerksamkeit der Frauen und Kinder, die schließlich den Text auswendig wußten und hätten fortfahren können, ohne sich um ein Wort zu irren.
Bernadette zog die frommen Bücher vor, in denen die Heilige Jungfrau mit ihrem Lächeln vorkam. Doch fand sie auch Gefallen an einer andern wunderbaren Geschichte, an der von den vier Haimonskindern. Auf dem gelben Einbande des Buches sah man in einem naiven Stiche die vier ritterlichen Helden, Renaud und seine Brüder, die alle vier zusammen auf Bayard, ihrem berühmten Schlachtroß, saßen, mit dem sie einst von der Fee Orlande königlich beschenkt worden waren. Ferner erblickte man die Erbauung und Belagerung von Festungen, blutige Kämpfe, schreckliche Gefechte zwischen Roland und Renaud, der endlich auszog, das Heilige Land zu befreien, nicht zu vergessen den Zauberer Maugis mit seinen wunderbaren Zauberkünsten, und die Prinzessin Clarisse, die Schwester des Königs von Aquitanien, die schöner war als der Tag. Wenn ihre Einbildungskraft erregt war, kostete es Bernadette zuweilen viel Mühe, einzuschlafen, besonders an den Abenden, an denen man die Bücher beiseiteließ und einer von den Anwesenden eine Hexengeschichte erzählte. Sie war sehr abergläubisch, und man hätte sie niemals dazu bringen können, nach Sonnenuntergang an einem Turme in der Nachbarschaft vorüberzugehen, den der Teufel öfters besuchen sollte. Die ganze Gegend war sehr fromm und einfältig und wimmelte von Geheimnissen, von Bäumen, welche sangen, von Steinen, aus denen Blut perlte, von Kreuzwegen, an denen man drei Vaterunser und drei Aves beten mußte, wenn man nicht dem wilden Tiere mit den sieben Hörnern begegnen wollte, das die Mädchen ins Verderben schleppte. Und welcher Reichtum an Märchen! Es gab deren Hunderte, man würde an einem Abend damit gar nicht fertig geworden sein. Zuerst kamen die Abenteuer der Werwölfe, jener unglücklichen Menschen, die von dem Teufel gezwungen werden, in eine Hundehaut zu fahren, in die Haut eines jener großen weißen Berghunde. Wenn man auf den Hund einen Flintenschuß abgibt und wenn eine einzige Kugel ihn trifft, so ist der Mensch erlöst. Wenn die Kugel aber nur den Schatten trifft, dann stirbt der Mensch sofort. Dann folgten die Zauberer und die Hexen. Eine dieser Geschichten hörte Bernadette leidenschaftlich gern, die eines Gerichtsschreibers von Lourdes, der den Teufel sehen wollte, und den eine Zauberin am Karfreitag um Mitternacht auf ein ödes Feld führte. Der Teufel kam, prächtig in Rot gekleidet. Sofort machte er dem Gerichtsschreiber den Vorschlag, seine Seele zu kaufen, worauf jener scheinbar einging. Der Teufel trug unter seinem Arme das Register, in dem die Leute der Stadt eingezeichnet waren, die sich ihm schon verkauft hatten. Aber der schlaue Schreiber zog aus seiner Tasche ein Fläschchen heraus, in dem sich angeblich Tinte befinden sollte, während es nichts anderes als eine Flasche geweihten Wassers war. Er besprengte damit den Teufel, der entsetzliche Schreie ausstieß, während der Schreiber selbst die Flucht ergriff und das Register mitnahm. Dann begann eine tolle Jagd, deren Beschreibung den ganzen Abend hätte in Anspruch nehmen können, eine Jagd über die Berge, durch Täler, durch Wälder, durch Wildbäche. »Gib mir das Register wieder!« – »Nein, das wirst du nicht wiederbekommen.« Und dieses kurze Zwiegespräch fing immer von neuem an. »Gib mir das Register wieder!« – »Nein, das wirst du nicht wiederbekommen!« Dem Gerichtsschreiber, der schon ganz atemlos und nahe daran war, zu unterliegen, kam endlich ein rettender Gedanke: er warf sich auf den Kirchhof in geweihte Erde und verspottete von dort aus den Teufel, indem er das Register lustig hin und her schwenkte. Auf diese Weise hatte er die Seelen all der Unglücklichen gerettet, die darin verzeichnet standen.
Einen ganzen Winter hindurch fand die Spinnstube in der Kirche statt. Der Kurat Ader hatte es erlaubt, und viele Familien kamen, um das Licht zu sparen, ganz abgesehen davon, daß man es auch viel wärmer hatte, wenn alle so beisammen waren. Man las aus der Bibel vor oder man sagte in Gemeinschaft Gebete her. Die Kinder schliefen dabei ein. Nur Bernadette kämpfte bis zum Schluß mutig gegen den Schlaf, glücklich, hier in dem schmalen Schiff der kleinen Kirche verweilen zu dürfen, deren dünnes Balkenwerk rot und blau angestrichen war. Im Hintergrunde erhob sich in gelbroter, etwas barbarischer Pracht der Altar mit seinen gewundenen Säulen und seinen Altarblättern, die Maria und die Enthauptung des heiligen Johannes darstellten. Das Kind mußte in der Schlaftrunkenheit, die es übermannte, die Vision dieser grell gemalten Bilder, mußte das Blut aus den Wunden fließen, die Heiligenscheine strahlen und die Heilige Jungfrau immer wieder kommen sehen, die sie mit ihren lebhaften blauen Augen anschaute, während es ihr vorkam, als ob die Gebenedeite im Begriffe stände, ihre Lippen zu öffnen, um das Wort an sie zu richten. Monatelang verbrachte sie auf diese Art und Weise ihre Abende, vor dem prunkvollen Altar, in einem Halbschlafe, in welchem schon der göttliche Traum begann, den sie dann nach Hause mitnahm, um ihn in ihrem Bett weiter zu träumen, während sie unter dem Schutze ihres guten Engels schlief.
Es war auch in jenem alten, ärmlichen Kirchlein, wo Bernadette anfing, den Katechismus zu lernen. Sie war gerade vierzehn Jahre alt geworden und mußte an ihre erste Kommunion denken. Ihre Pflegemutter, die für geizig galt, schickte sie nicht in die Schule, da sie sie vom Morgen bis zum Abend im Hause verwendete. Der Lehrer, Herr Barbet, sah sie niemals in seiner Klasse. Als er eines Tages die Katechismusstunde in Stellvertretung des erkrankten Abbé Ader abhielt, fiel sie ihm wegen ihrer Frömmigkeit und ihrer Bescheidenheit auf. Der Priester liebte Bernadette sehr. Er sprach oft mit dem Lehrer von ihr und sagte zu ihm, er könnte sie nicht ansehen, ohne daß er an die Kinder der Salette dächte. Denn diese Kinder müßten so ohne Falsch, so gut und fromm wie sie gewesen sein, daß ihnen die Heilige Jungfrau erschienen wäre. Als die beiden Männer sie dann eines Morgens außerhalb des Ortes mit ihrer kleinen Herde von weitem zwischen den großen Bäumen verschwinden sahen, drehte sich der Geistliche nach ihr um und sagte zu seinem Begleiter: »Ich weiß nicht, was in mir vorgehe aber jedesmal, wenn ich dieses Kind treffe, glaube ich Melanie, die kleine Schäferin, die Gefährtin des kleinen Maximin, zu erblicken.« Er war wie besessen von diesem Gedanken, der sich schließlich als eine richtige Prophezeiung erweisen sollte. Und hatte er nicht eines Abends während der Spinnstube in der Kirche jene wunderbare Geschichte erzählt von der Frau in dem blendend weißen Kleide, die über das Gras dahinschritt, ohne es zu krümmen, von der Heiligen Jungfrau, die sich auf dem Berge an dem Rande des Baches der Schäferin Melanie und dem kleinen Maximin gezeigt hatte, um ihnen ein großes Geheimnis anzuvertrauen? Seit diesem Tage heilte eine Quelle, die aus den Tränen der Heiligen Jungfrau entstanden war, alle Krankheiten, während das Geheimnis, einem mit drei Wachssiegeln verschlossenen Pergament anvertraut, in Rom ruhte. Bernadette hatte in fieberhafter Aufmerksamkeit mit dem stummen Antlitz einer wachenden Träumerin diese wunderbare Geschichte angehört und sie dann mitgenommen in die Waldeinsamkeit, in der sie lebte, um sie, wenn sie hinter ihren Schafen her wandelte, sich zu wiederholen, während eine Perle ihres Rosenkranzes nach der andern durch ihre zarten Finger glitt.
So verfloß ihre Kindheit in Bartrès. Was an Bernadette alle entzückte, das waren ihre schwärmerischen Augen, die schönen Augen einer Seherin, an denen die Träume vorüberflogen wie die Vögel an dem klaren Himmelszelte. Ihr Mund war groß, stark entwickelt und verriet Güte. Der breite Kopf mit der geraden Stirn und den dichten schwarzen Haaren würde ohne den Ausdruck liebenswürdigen Eigensinns gewöhnlich ausgesehen haben. Wer ihr aber nicht in die Augen sah, der bemerkte sie gar nicht. Sie war dann nichts anderes als ein gewöhnliches, armes Straßenkind, ein kleines, körperlich zurückgebliebenes Mädchen von einfältigem Verstande. In ihren Blicken lag alles, was in ihr zur Blüte gelangen sollte, das Leiden, das ihren armen Mädchenkörper in der Entwicklung hemmte, die Waldeinsamkeit, in der sie aufgewachsen war, die Sanftmut ihrer Schafe, der englische Gruß, den sie bei ihrem Umherziehen unter freiem Himmel bis zur Verzückung wiederholte, die ungeheuerlichen Geschichten, die sie im Hause ihrer Pflegemutter gehört, die Spinnstubenabende, die sie vor den lebenden Altarbildern der Kirche mitgemacht hatte, und die ganze Atmosphäre urwüchsigen Glaubens, die sie in dieser abgelegenen, von Bergen umschlossenen Gegend eingeatmet hatte.
Am 7. Januar war Bernadette vierzehn Jahre alt geworden, und ihre Eltern, die Soubirous', entschlossen sich, da sie sahen, daß sie in Bartrès nichts lernte, sie ganz zu sich nach Lourdes zu nehmen, damit sie regelmäßig die Katechismusstunden besuchen und sich auf diese Weise auf ihre Kommunion vorbereiten konnte. So war sie schon zwei bis drei Wochen in Lourdes, als am 11. Februar, an einem Donnerstage, bei kaltem Wetter und etwas bedecktem Himmel ...«
Aber er mußte sich hier unterbrechen, denn Schwester Hyacinthe war aufgestanden und sagte, nachdem sie kräftig in die Hände geklatscht hatte:
»Liebe Kinder! Es ist jetzt über neun Uhr ... Also Ruhe! Ruhe!«
Man war in der Tat gerade an Lamothe vorübergefahren, und der Zug rollte durch die endlose Ebene des Landes, die in tiefes nächtliches Dunkel getaucht dalag. Eigentlich hätte man schon seit zehn Minuten im Wagen kein Wort mehr sprechen, sondern nur ruhig seine Schmerzen ertragen oder schlafen sollen. Aber trotzdem erhob sich lauter Widerspruch.
»O liebe Schwester«, rief Marie, deren Augen vor Aufregung funkelten, »nur noch ein kleines Viertelstündchen! Wir sind jetzt gerade an dem interessantesten Punkte.«
Zehn Stimmen, zwanzig Stimmen erhoben sich.
»Oh, bitte! Nur noch ein kleines Viertelstündchen!«
Alle wollten die Fortsetzung hören, sie brannten vor Neugierde und waren von den Einzelheiten rührender Menschlichkeit, die der Erzähler berichtete, so gepackt, als ob sie die Geschichte noch nicht gekannt hätten. Aller Blicke hingen an Pierre, die Köpfe streckten sich nach ihm aus, seltsam beleuchtet von den hin und her schwankenden Lampen. Und es waren nicht nur die Kranken, die in fieberhafter Spannung zuhörten, sondern auch die zehn Frauen am Ende des Wagens wendeten ihre armen, häßlichen Gesichter, die der kindliche Glaube merkwürdig verschönte, dem Erzähler zu, glücklich darüber, daß sie nicht ein einziges Wort verloren.
»Nein, ich kann nicht«, erklärte Schwester Hyacinthe zuerst. »Das Programm ist feststehend. Es muß jetzt Ruhe eintreten.«
Schwester Hyacinthe war jedoch nicht unbeugsam, da sie selbst ihr Herz unter dem Busenschleier klopfen fühlte. Marie fing von neuem inständig zu bitten an, während ihr Vater, Herr von Guersaint, der mit vergnügtem Gesichte zuhörte, erklärte, man würde krank davon werden, wenn die Erzählung nicht fortgeführt würde. Als dann auch Frau von Jonquière nachsichtig lächelte, gab die Schwester schließlich nach.
»Nun, gut! Also noch eine kleine Viertelstunde! Aber nicht mehr als eine kleine Viertelstunde, nicht wahr? Sonst würde ich mich einer Ordnungswidrigkeit schuldig machen.«
Pierre hatte ruhig gewartet. Dann fuhr er mit der gleichen, durchdringenden Stimme zu erzählen fort.
Jetzt begann seine Erzählung in Lourdes, in der Rue des PetitsFossés, einer engen und krummen Gasse, die zwischen armseligen Behausungen und roh beworfenen Mauern abwärts führte. Im Erdgeschoß eines dieser Gebäude bewohnten die Soubirous' am Ende eines dunklen Ganges ein einziges Zimmer, in dem sieben Personen, der Vater, die Mutter und fünf Kinder zusammengepfercht waren. Man konnte kaum deutlich sehen. In den inneren Hof fiel nur ein grünlicher Schimmer vom Tageslicht. Dort schlief man zusammen, dort aß man, wenn man Brot hatte. Seit einiger Zeit fand der Vater, ein Müller seines Zeichens, nur schwer Arbeit. Und aus diesem tiefen Elend war Bernadette, die älteste, an jenem kalten Donnerstag im Februar fortgegangen, um trockenes Holz zu sammeln, mit ihrer jüngeren Schwester Marie und mit Jeanne, einer kleinen Freundin aus der Nachbarschaft.
Dann ging die schöne Erzählung lange weiter: wie die drei kleinen Mädchen hinunter an das Ufer des Gave geklettert waren, an der andern Seite des Schlosses, wie sie sich schließlich auf der Insel du Chalet befunden hatten, dem Felsen von Massabielle gegenüber, von dem sie nur der enge Kanal der Mühle von Savy trennte. Es war ein wilder Ort, an den der Gemeindehirt die Schweine trieb, die bei plötzlichen Regengüssen Schutz unter jenem Felsen von Massabielle suchten, an dessen Fuße, unter Himbeersträuchern und wilden Rosenstöcken verborgen, sich eine nicht sehr tiefe Grotte befand. Das trockene Holz war selten; Marie und Jeanne durchwateten den Kanal, da sie auf der andern Seite einen ganzen Haufen von trockenen Zweigen bemerkten, die das Wasser dort zusammengetragen hatte. Die zartere Bernadette blieb zurück, da sie es nicht wagte, ihre Füße naß zu machen. Sie hatte einen leichten Ausschlag am Kopfe, und ihre Mutter hatte ihr dringend ans Herz gelegt, sich ja recht sorgfältig in ihr Kopftuch einzuhüllen. Da sie sah, daß ihre Gefährtinnen ihr jede Hilfe verweigerten, entschloß sie sich, ihre Holzschuhe auszuziehen und ihre Strümpfe abzustreifen. Es war gegen zwölf Uhr mittags, die drei Schläge des Angelus mußten bald an der Pfarrkirche ertönen und sich emporschwingen zu dem stillen, weiten Himmelszelt, das von einem feinen Wolkenschleier überzogen war. Da bemächtigte sich ihrer eine heftige Aufregung, es brauste ihr so betäubend in den Ohren, daß sie glaubte, einen Sturm vorüberrasen zu hören. Sie sah die Bäume an und konnte sich vor Verwunderung nicht fassen, denn es regte sich nicht ein einziges Blatt. Dann glaubte sie, sie hätte sich getäuscht, und wollte gerade ihre Holzschuhe aufheben, als von neuem dieses heftige Brausen an ihr vorüber tobte. Aber diesmal traf dieses Sausen nicht ihre Ohren, sondern ihre Augen, Sie sah die Bäume nicht mehr, sie war geblendet von einem weißen Schimmer, von einem grellen Lichte, das sich oberhalb der Grotte an den Felsen zu drücken schien in eine enge und hohe Spalte, die einem Spitzbogen an einer Kathedrale glich. Erschrocken fiel sie auf die Knie nieder. Was war denn das, mein Gott? Nach und nach wurden gewisse Umrisse sichtbar, sie glaubte eine Gestalt zu erkennen, die in dem grellen Lichte ganz weiß aussah. Aus Furcht, es könnte der Teufel sein – ihr Gehirn wurde oft von derartigen Spukgeschichten heimgesucht –, hatte sie sofort angefangen, den Rosenkranz zu beten. Das Licht erlosch dann allmählich, und als sie wieder mit Marie und Jeanne zusammentraf, nachdem sie den Kanal durchwatet hatte, war sie sehr verwundert, daß keine von ihnen, während sie vor der Grotte Holz zusammenlasen, etwas wahrgenommen hatte. Als die drei Mädchen nach Lourdes zurückkamen, erzählten sie davon; Bernadette hätte also wirklich etwas gesehen? Sie wollte keine Antwort geben, sie war unruhig und schämte sich ein wenig. Endlich sagte sie, sie hätte etwas Weißes gesehen.
Seitdem verbreitete sich das Gerücht rasch und wuchs immer weiter. Die Soubirous', die dies erfuhren, wurden der kindlichen Schwätzereien müde und verboten ihrer Tochter, noch einmal an den Felsen von Massabielle zu gehen. Aber schon erzählten sich alle Kinder des Stadtviertels die Geschichte, und so mußten die Eltern denn schließlich nachgeben und Bernadette am Sonntag in die Grotte gehen lassen mit einer Flasche geweihten Wassers, um in Erfahrung zu bringen, ob man es nicht mit dem Teufel zu tun hätte. Sie sah wieder die Helligkeit und die Gestalt, die deutlicher hervortrat und lächelte, ohne Furcht vor dem geweihten Wasser zu haben. Am Donnerstag ging sie in Begleitung von anderen Personen wieder hin. An diesem Tage erst hatte die lichte Glanzerscheinung die Gestalt einer Frau angenommen, die endlich das Wort an sie richtete, indem sie zu ihr sagte: »Tut mir den Gefallen und kommt vierzehn Tage lang hierher.« Allmählich hatte sich so aus der undeutlichen Lichterscheinung eine Frauengestalt entwickelt, aus dem weißen Etwas war eine Jungfrau geworden, schöner als eine Königin, wie man sie nur auf Bildern sieht. Zuerst hatte sich Bernadette den Fragen gegenüber, mit denen die Nachbarschaft vom Morgen bis zum Abend sie überschüttete, sehr zurückhaltend gezeigt, von Zweifeln gepeinigt. Dann hatte es geschienen, als ob unter dem Einfluß dieser Verhöre die Gestalt deutlichere, bestimmtere Formen annähme, als ob sie wirkliches Leben gewänne und Formen und Farben, von denen das Kind bei seinen Beschreibungen nicht mehr abweichen durfte. Die Augen waren blau und sehr sanft, der runde Mund rot und lächelnd, das Oval des Gesichtes zeigte zu gleicher Zeit jugendliche und mütterliche Anmut. Am Rande des Schleiers, der das Haupt bedeckte und bis zu den Knöcheln hinabreichte, sah man kaum das wunderbare blonde Haar. Das schneeweiße, glänzende Gewand mußte von einem auf der Erde unbekannten Stoffe sein, der aus Sonnenstrahlen gewoben schien. Die leicht geschlungene Schärpe von der Farbe des Himmels ließ zwei lange, fliegende Enden herabhängen, mit denen der leise Morgenwind zu spielen schien. Der Rosenkranz, der um den rechten Arm geschlungen war, hatte milchweiße Perlen, während die Gelenke und das Kreuz von Gold waren. Und auf den nackten Füßen, diesen anbetungswürdigen Füßen von jungfräulichem, schneeigen Weiß, blühten zwei goldene Rosen, die mystischen Rosen des unbefleckten Leibes der Gottesmutter. Wo hatte Bernadette sie denn gesehen, diese Heilige Jungfrau, deren einfache Darstellung sich durch Überlieferung fortpflanzte, ganz ohne Schmuck in der ursprünglichen Anmut des im Kindesalter stehenden Volkes? In welchem mit Bildern geschmückten Buche des Bruders ihrer Pflegemutter, des guten Priesters, hatte sie sie schon gesehen? Vielleicht als Statue oder auf einem Gemälde, auf einem gemalten und vergoldeten Kirchenfenster in dem Orte, wo sie aufgewachsen war? Namentlich jene goldenen Rosen auf den nackten Füßen, diese köstliche Liebesphantasie, diese fromme Blüte des Frauenkörpers, aus welchem Ritterromane stammten sie, aus welcher Geschichte, die der Abbé Ader in der Katechismusstunde erzählt hatte, aus welchem Traume, den sie auf ihren Streifereien im Waldesschatten bei Bartrès geträumt hatte, während sie ohne Ende die zehn Verse des englischen Grußes wiederholte?
Die Stimme Pierres war noch rührender geworden, denn wenn er auch den geistig Armen, die ihm zuhörten, nicht alles sagte, so verlieh doch die menschliche Erklärung, die er diesen Wundern zu geben versuchte, seiner Erzählung eine Färbung, durch die brüderliche Sympathie hindurchschimmerte. Er liebte Bernadette wegen des Reizes ihrer Vision, die sie mit so vollendeter Liebenswürdigkeit bei ihrem Erscheinen und Verschwinden begrüßt hatte. Das große Licht zeigte sich zuerst, dann bildete sich die Erscheinung, ging, kam, verneigte sich und bewegte sich in leichter, unmerklicher Weise. Als sie verschwand, blieb das Licht noch einen Augenblick da, dann verlosch es wie ein Stern, der stirbt.
Pierre erzählte dann die anderen Erscheinungen. Die vierte und die fünfte hatten am Freitag und Sonnabend stattgefunden. Die von einem Strahlenkranze umflossene Jungfrau, die ihren Namen noch immer nicht genannt hatte, begnügte sich, zu lächeln und zu grüßen, ohne ein Wort zu sprechen. Am Sonntag weinte sie und sagte zu Bernadette: »Betet für die Sünder!« Am Montag machte sie dem Kinde den großen Kummer, nicht zu erscheinen, ohne Zweifel, um sie zu prüfen. Am Dienstag vertraute sie ihr ein persönliches Geheimnis an, das niemals bekanntwerden durfte. Dann endlich teilte sie ihr den Auftrag mit, den sie ihr erteilen wollte: »Geh und sage den Priestern, daß hier eine Kapelle gebaut werden muß.« Am Mittwoch murmelte sie zu wiederholten Malen: »Buße! Buße! Buße!« was das Kind wiederholte, indem es die Erde küßte. Am Donnerstag sagte sie: »Geh und trinke aus der Quelle und wasche dich darin, und essen sollst du von dem Grase, das daneben steht«, Worte, die die Seherin erst dann begriff, als eine Quelle im Hintergrunde der Grotte hervorsprudelte. Das war das Wunder des Zauberbrunnens. Dann verfloß die zweite Woche. Am Freitag erschien sie nicht, stellte sich aber an den fünf folgenden Tagen pünktlich ein, wiederholte ihre Befehle und betrachtete lächelnd das demütige Mädchen, das sie erwählt hatte und das bei jeder Erscheinung den Rosenkranz betete, die Erde küßte und auf den Knien bis an die Quelle herankroch, um daraus zu trinken und sich darin zu waschen. Endlich am Donnerstag, dem 4. März, dem letzten Tage dieser geheimnisvollen Zusammenkünfte, forderte sie den Bau einer Kapelle, damit die Völker in feierlicher Prozession wallfahrten sollten von allen Punkten der Erde. Dennoch aber hatte sie bis jetzt auf alle Bitten der Bernadette sich geweigert, zu sagen, wer sie wäre; erst drei Wochen später, am Donnerstag, dem 25. März, sagte die Jungfrau, indem sie die Hände faltete und die Augen zum Himmel aufschlug: »Ich bin die Unbefleckte Empfängnis!« Noch zweimal in ziemlich langen Zwischenräumen, am, 7. April und am 16. Juli, erschien sie: das erstemal wegen des Wunders mit der Kerze, über die das Kind aus Unachtsamkeit die Hand gehalten hatte, ohne sich zu verbrennen. Das zweitemal, um Abschied zu nehmen, um ihr das letzte Lächeln und den letzten Gruß voll liebenswürdiger Anmut zu spenden. Das waren achtzehn Erscheinungen. Seitdem zeigte sie sich niemals wieder.
Pierre hatte sich gleichsam geteilt. Während er sein schönes Märchen, das die Unglücklichen so gern hörten, erzählte, erweckte er für sich selbst die bedauernswerte und liebe Bernadette, deren Leidensblume so schön geblüht hatte. Nach dem brutalen Ausspruche eines Arztes war dieses vierzehnjährige Mädchen, das in seiner verspäteten Reife von Schmerzen gequält wurde und vom Asthma zugrunde gerichtet war, nichts als eine geistig und körperlich Entartete. Wie viele Schäferinnen hatten schon vor Bernadette in derselben kindlichen Weise die Heilige Jungfrau gesehen! War es nicht immer dieselbe Geschichte: die lichtumflossene Jungfrau, das anvertraute Geheimnis, die hervorsprudelnde Quelle, die zu erfüllende Mission, die Wunder, deren Zauber die Massen bekehren soll? Und immer war es der Traum eines armen Kindes, dieselbe Schilderung des Pfarrgeistlichen, immer das Ideal, aus Schönheit, Sanftmut und Freundlichkeit gebildet, dieselbe Kindlichkeit der Mittel und der gleiche Zweck, Befreiung von Völkern, Erbauung von Kirchen und Wallfahrt von Gläubigen! Gleichartig sind auch alle vom Himmel gesprochenen Worte, Ermahnungen zur Buße und Verheißungen der göttlichen Hilfe. Hier war etwas Neues hinzugekommen, nämlich die außerordentliche Erklärung: »Ich bin die Unbefleckte Empfängnis!«, die wie die nützliche Anerkennung des Dogmas von Seiten der Heiligen Jungfrau selbst klang, des Dogmas, das drüben am päpstlichen Hofe drei Jahre vorher verkündet worden war. Es war nicht die unbefleckte Jungfrau, die erschienen war, sondern die Unbefleckte Empfängnis, die Abstraktion selbst, die Sache, das Dogma. Daß Bernadette die anderen Worte gehört und in einem unbewußten Winkel ihres Gedächtnisses bewahrt hatte, war möglich. Woher aber stammte denn dieses Wort, daß es dem noch umstrittenen Dogma den gewaltigen Beistand des Zeugnisses der Mutter, die ohne Sünde empfangen hat, lieh? Pierre, der von der vollkommenen Glaubwürdigkeit der Bernadette überzeugt war, der sich dagegen wehrte, sie für das Werkzeug eines Betruges anzusehen, wurde von Unruhe gepeinigt, und sein klares Denken verwirrte sich, da er fühlte, daß seine These ins Schwanken geriet.
In Lourdes war ungeheure Aufregung. Scharen von Menschen strömten herbei, Wunder fingen an zu geschehen, während die unvermeidlichen Verfolgungen nicht ausblieben, die den Triumph der neuen Glaubenssätze bestätigten. Der Kurat von Lourdes, Abbé Peyramale, ein gelehrter, ehrenwerter Mann mit rechtschaffenem Sinne und gesundem Verstande, konnte mit vollem Recht sagen, er kenne dieses Kind gar nicht, da er es noch niemals im Katechismusunterricht gesehen habe. Wo war also die treibende Kraft, die eingelernte Lektion? Es lag nichts anderes vor als die in Bartrès verlebte Kindheit, der erste Unterricht durch den Abbé Ader, vielleicht Gespräche, religiöse Zeremonien zur Ehre des neuen Dogmas oder eine Medaille, wie man sie in Unmengen verbreitet hatte. Niemals durfte der Abbé Ader sich zeigen, der die Mission der Seherin prophezeit hatte. Er sollte der Geschichte der Bernadette fernbleiben, nachdem er der erste gewesen war, der gemerkt hatte, wie diese kleine Seele unter seinen frommen Händen sich zu regen anfing. Die unbekannten Kräfte des weltverlorenen Dorfes, dieses grünen Erdenwinkels, voll von Beschränktheit und Aberglauben, fuhren fort, sich geltend zu machen, indem sie die Sinne verwirrten und die ansteckende Krankheit des Mysteriums verbreiteten. Man erinnerte sich, daß ein Schäfer von Argelès bei einem Gespräche über den Felsen von Massabielle vorausgesagt hatte, daß sich große Dinge dort ereignen würden. Kinder gerieten in Verzückung, wobei ihre Glieder von Krämpfen geschüttelt wurden. Aber sie sahen den Teufel. Ein Wahnsinnsrausch schien die ganze Gegend gepackt zu haben. In Lourdes erklärte eine alte Dame, Bernadette sei nichts als eine Hexe. Sie habe den Krötenfuß in ihrem Auge gesehen. Für die anderen, für die Tausende der herbeigeströmten Pilger war sie eine Heilige, deren Kleider sie küßten. Lautes Schluchzen ertönte und eine wilde Glaubensraserei bemächtigte sich aller Seelen, wenn sie vor der Grotte auf die Knie niederfiel, in der rechten Hand eine brennende Kerze haltend, während sie durch ihre linke Hand die Perlen ihres Rosenkranzes im Gebete gleiten ließ. Sie wurde dann sehr blaß, sehr schön und wie verklärt. Langsam kam Leben in ihre Züge. Sie nahmen einen Ausdruck ungewöhnlicher Seligkeit an, während sich ihre Augen mit Glanz füllten und der halbgeöffnete Mund sich bewegte, als wenn er Worte aussprechen wollte, die niemand hören konnte. Es stand fest, daß sie nicht mehr ihren eigenen Willen hatte, daß ihr Traum sie ganz erfüllte, so daß sie ihn selbst im wachenden Zustand fortträumte, daß sie ihn für die unanfechtbare Wirklichkeit ansah, bereit, diese um den Preis ihres Lebens zu bekennen, sie immer wiederholend und so mit allen Einzelheiten in ihren Gedanken festhaltend. Sie log nicht, denn es lag ihr fern, etwas anderes zu wollen, sie konnte es gar nicht und wollte es auch gar nicht.
Pierre vergaß sich jetzt und entwarf ein reizendes Bild von dem alten Lourdes, dem kleinen, frommen Städtchen, das am Fuße der Pyrenäen schlummerte. Früher war das Schloß, auf einem Felsen am Kreuzungspunkt der sieben Täler des Lavedan gelegen, der Schlüssel der Berge. Jetzt aber ist es geschleift und nur noch ein altes Mauerwerk am Eingange eines engen Tales. Hier stieß das moderne Leben gegen die furchtbare Mauer der gewaltigen schneebedeckten Bergriesen. Nur die transpyrenäische Eisenbahn würde, wenn man sie erbaut hätte, etwas Bewegung in das Leben gebracht haben, das in diesem weltverlorenen Winkel träumte. Von der Welt vergessen, schlummerte Lourdes glücklich und träge in seinem jahrhundertelangen Frieden mit seinen engen Straßen, mit seinen schwarzen Häusern und seiner marmornen Umrahmung. Die alten Häuser gruppierten sich um den östlichen Fuß des Schloßberges, die Straße nach der Grotte, die Rue du Bois hieß, war ein verlassener, unbefahrbarer Weg. Die Häuser gingen nicht bis zum Gave hinunter, der damals seine schäumenden Wellen durch eine tiefe Einsamkeit von Weiden und hohen Gräsern rollte. Auf der Place du Marcadal sah man selten Menschen, Hausfrauen, die rasch dahineilten oder kleine Rentner, die ihre Mußezeit zum Spazierengehen verwendeten. Man mußte warten, bis ein Sonntag oder die Meßzeit kam, um auf dem Gemeindeplatz die sonntäglich gekleidete Bevölkerung zu finden. Während der Badesaison brachten die Badegäste von Cauterets und Bagnères etwas Leben. Zweimal täglich passierten Postwagen die Stadt. Sie kamen auf einem abscheulichen Wege von Pau und mußten den Lapaca, der oft über seine Ufer trat, auf einer Furt durchfahren. Dann ging es den steilen Abhang der Rue Basse hinauf und an der Terrasse entlang, auf der die von hohen Ulmen beschattete Kirche lag. Tiefer Friede herrschte in dieser alten Kirche. Sie war in spanischem Stile erbaut und angefüllt mit alten Skulpturen, Säulen, Bildern und Statuen, bevölkert von goldumwobenen Visionen und von alten Wandbildern, die im Laufe der Zeit so verblichen waren, daß man sie nur wie im Schimmer mystischer Lampen sah. Von der Bevölkerung wurde sie viel besucht, Ungläubige gab es nicht; das Volk hatte seinen Glauben bewahrt. Jede Zunft scharte sich um die Fahne ihres Heiligen; Bruderschaften aller Art vereinigten die ganze Stadt an Feiertagen zu einer einzigen christlichen Familie, Große Sittenreinheit herrschte, einer wunderbaren Blume gleich, die in einer auserlesenen Vase emporgesproßt war. Die jungen Männer fanden keine Gelegenheit, sich, zu vergessen, denn alle jungen Mädchen wuchsen in dem Dufte und der Schönheit der Unschuld unter den Augen der Heiligen Jungfrau auf.
So begreift man, daß Bernadette, eine Tochter dieser frommen Gegend, emporblühte wie eine natürliche Rose; die an den wilden Rosenstöcken am Wegesrande sich entfaltet. Sie war die Blüte dieses Landes altväterlichen Glaubens und altväterlicher Ehrbarkeit. Sie konnte nur dort entstehen. Sie konnte sich nur dort so entwickeln in dem friedlichen Schlummer eines noch im Kindesalter stehenden Volkes unter der moralischen Zucht der Kirche. Und welche Liebe war sofort für sie aufgeflammt, welch blinder Glaube an ihre Sendung, welch unermeßlicher Trost und welche Hoffnungen seit den ersten Wundern! Lauter Jubel der Erleichterung begrüßte die Heilung des alten Bourriette, der sein Augenlicht wieder bekam, und des kleinen Justin Bouhohorts, der in dem eisigen Wasser des Brunnens wieder zum Leben erwachte. Die Heilige Jungfrau trat ins Mittel zugunsten der Verzweifelten und zwang die Rabenmutter Natur, gerecht und barmherzig zu sein. Es war die neue Herrschaft der göttlichen Allmacht, die die Gesetze der Welt umstürzte zum Heile für die Leidenden und für die Armen. Die Wunder vermehrten sich; sie wurden von Tag zu Tag immer außerordentlicher und leuchteten hell und klar als unanfechtbare Beweise der Wahrhaftigkeit der Bernadette.
Pierre war bis dahin gekommen. Er erzählte von neuem die Wunder und wollte eben in seinem Berichte über den Triumph der Grotte fortfahren, als Schwester Hyacinthe plötzlich aus der Verzauberung aufwachte, in der sie die Erzählung gefesselt hielt und rasch aufstand.
»Das ist aber wirklich nicht mehr vernünftig ... Es wird jetzt bald elf Uhr schlagen.«
Es war richtig, man hatte schon Morceux passiert und kam nach MontdeMarsan. Schwester Hyacinthe klatschte in ihre Hände.
»Ruhe, meine Kinder, Ruhe!«
Diesmal wagte man nicht zu widersprechen, denn sie hatte recht, es war nicht mehr vernünftig. Aber wie sehr bedauerte man es, daß man mitten in der schönen Geschichte stehenbleiben mußte. Die zehn Frauen in der letzten Abteilung ließen sogar ein Murmeln des Mißfallens laut werden, während die Kranken mit gespanntem Gesicht noch immer zuzuhören schienen. Die Wunder, die ohne Unterbrechung aufeinander folgten, erfüllten sie mit unendlicher, überirdischer Freude.
»Daß ich also jetzt keine einzige Silbe mehr höre!« fügte die Nonne in scherzendem Tone hinzu; »sonst müßte ich strafen.«
Frau von Jonquière lächelte freundlich und sagte:
»Seid folgsam, meine lieben Kinder! Schlaft, schlaft ruhig, damit ihr morgen die Kraft habt, aus vollem Herzen in der Grotte zu beten!«
Dann trat Stillschweigen ein, niemand sprach mehr und man hörte nur das Rasseln der Räder, das Rütteln des Zuges, der durch die tiefschwarze Nacht dahin rollte.
Pierre konnte nicht schlafen. Neben ihm schnarchte Herr von Guersaint und lächelte glückselig trotz der harten Bank. Lange hatte der junge Priester Mariens Augen weit geöffnet gesehen, erfüllt von dem Glänze der Wunder, die er soeben erzählt hatte. Ihre Blicke ruhten heiß auf ihm. Dann hatte sie ihre Augen geschlossen und er wußte nicht, ob sie schlief oder ob sie bei geschlossenen Augenlidern das Wunder noch einmal an ihrem Geist vorüberziehen ließ. Viele von den Kranken träumten laut. Bald lachten sie, bald stießen sie, ohne es zu wissen, Klagen aus. Vielleicht sahen sie, wie die Erzengel in ihr Fleisch schnitten, um ihr Übel herauszureißen. Andere waren von Schlaflosigkeit gequält. Sie warfen sich hin und her, seufzten tief und schwer und starrten unverwandt in das Halbdunkel. Pierre, der sich in großer Aufregung befand, verwünschte schließlich seine Vernunft und war entschlossen zu glauben. Was hatte die physiologische Untersuchung über Bernadette, die so verwickelt und so voller Lücken war, für einen Zweck? Warum wollte er sie denn nicht für eine Auserwählte des göttlichen Unbekannten ansehen? Die Ärzte waren Stümper mit rohen Händen, während es herrlich sein mußte, in dem Glauben der Kinder, in dem Zaubergarten des Unmöglichen einzuschlummern. Er versuchte nicht mehr, sich etwas zu erklären, und nahm die Seherin, wie sie war, mit all ihrem überreichen Gefolge von Wundern und überließ es dem lieben Gott, für ihn zu denken und an seiner Stelle zu wollen. Er blickte durch das Fenster hinaus, das man der Schwindsüchtigen wegen nicht zu öffnen gewagt hatte. Er sah in die tiefe Nacht, die sich auf die Gefilde herabgesenkt hatte, durch die der Zug raste. Der nächtliche Himmel war von einer wunderbaren Reinheit. Helle Sterne funkelten auf dunklem Samt und beleuchteten mit ihrem geheimnisvollen Lichte die stummen Gefilde. Durch die Heiden, durch die Täler und an den Hügeln vorüber rollte der Zug voller Elend und Leiden weiter und weiter, überheiß und verpestet, bejammernswert, inmitten der Reinheit dieser hehren, so schönen und süßen Nacht.
Um ein Uhr morgens hatte man Riscle passiert. Tiefes Stillschweigen herrschte, das nur von den regelmäßigen Stößen der Wagen und von den gelegentlichen Seufzern eines Kranken unterbrochen wurde. Um zwei Uhr in Vic de Bigorre begann dumpfes Stöhnen und Klagen, der schlechte Zustand der Bahn verursachte den Kranken viele Beschwerden. In Tarbes endlich unterbrach man um zwei und ein halb Uhr das Stillschweigen. Man sprach die Morgengebete, obgleich es noch vollständig Nacht war. Das Vaterunser, das Ave und das Credo wurden gebetet und Gott angefleht um das Glück eines ruhmwürdigen Tages. O mein Gott! Gib mir genug Kraft, auf daß ich alles Schlimme vermeiden, alles Gute ausüben und alle Schmerzen ertragen kann!
Jetzt wurde nicht wieder angehalten als in Lourdes selbst. Noch dreiviertel Stunden, und Lourdes zeigte sich, mit seinem hoffnungsreichen Glanze in die lange und bange Nacht hinausstrahlend. Beim Erwachen bemächtigte sich aller eine heftige Aufregung. Die Leiden begannen von neuem.
Besonders beunruhigte sich Schwester Hyacinthe des fremden Mannes wegen. Er hatte bis jetzt noch gelebt. Sie war bei ihm geblieben, ohne einen Augenblick die Lider zu schließen. Auf den leisesten Atemzug hatte sie aufgepaßt, da es ihr sehnlichster Wunsch war, ihn wenigstens noch lebend nach Lourdes zu bringen.
Plötzlich bekam sie Angst und wandte sich daher an Frau von Jonquière mit den Worten:
»Ich bitte Sie, reichen Sie mir rasch die Flasche mit dem Weinessig herüber ... Ich höre ihn gar nicht mehr atmen.«
In der Tat hatte der Mann seit einem Augenblick sein leises Atmen ganz eingestellt. Seine Augen waren immer fest geschlossen und sein Mund halb geöffnet. Seine Blässe aber hatte nicht zunehmen können. Er war kalt und sein Gesicht von der Farbe der Asche.
»Ich werde ihm die Schläfen reiben«, begann die Schwester von neuem. »Bitte, helfen Sie mir.«
Plötzlich fiel der Mann bei einem heftigen Stoße des Wagens mit dem Gesicht nach vorn.
»O mein Gott! Helfen Sie mir doch, richten Sie ihn doch wieder in die Höhe!«
Man richtete ihn wieder empor. Er war tot. Man mußte ihn in eine Ecke zurücksetzen und seinen Rücken gegen die Scheidewand lehnen. Er blieb sitzen, sein Körper war schon steif geworden, nur der Kopf wackelte noch etwas bei jedem Stoße. Der Zug raste weiter, während die Lokomotive gellende Pfiffe ausstieß, die wie ohrenzerreißende Fanfaren durch die Stille der Nacht hallten.
Eine nicht enden wollende halbe Stunde in Gesellschaft des Toten folgte, und dann war die weite Reise zu Ende. Dicke Tränen waren über die Wangen der Schwester Hyacinthe herabgerollt. Dann hatte sie die Hände gefaltet und zu beten angefangen. Der ganze Wagen zitterte vor Entsetzen über diesen schrecklichen Gefährten, den man zu spät zur Heiligen Jungfrau brachte. Aber die Hoffnung war stärker als der Schrecken, der Jubelgesang ertönte nicht weniger laut bei dem Einzug in das Land des Wunders. Die Kranken stimmten unter Tränen, die ihnen ihre Schmerzen auspreßten, das Ave Maria Stella an. Ihr Schmerzensschrei nahm zu, bis sich die Klagen in Hoffnungsschreie auflösten.
Marie hatte die Hand Pierres wieder zwischen ihre kleinen, fieberheißen Finger genommen.
»O mein Gott! Nun ist der Mann gestorben, und ich fürchtete so sehr, sterben zu müssen, bevor wir das Ziel erreichten ... Aber jetzt sind wir da, jetzt sind wir endlich da!«
Der junge Priester zitterte vor tiefer Ergriffenheit.
»Sie müssen geheilt werden, Marie, und auch ich werde wieder genesen, wenn Sie für mich beten.«
Die Lokomotive ließ einen gellenden Pfiff durch die blaue Finsternis erschallen. Man hatte das Ziel erreicht, die Lichter von Lourdes erglänzten am Horizont, und der ganze Zug sang die Geschichte der Bernadette, ein endloses Klagelied, in dem der englische Gruß als Refrain wiederkehrte, ein Gesang, der den Himmel der Verzückung öffnete.
Zweiter Tag
I
Die Bahnhofsuhr zeigte drei Uhr zwanzig Minuten. Unter dem Schutzdach, das in einer Länge von ungefähr hundert Metern den Bahnsteig bedeckte, kamen und gingen Schatten in geduldiger Erwartung des Zuges. Weit draußen sah man in dem dunklen Gefilde ein rotes Signalfeuer blinken.
Zwei auf und ab wandelnde Männer blieben stehen. Der größere von ihnen, der ehrwürdige Pater Fourcade, Direktor der nationalen Pilgerfahrt, der schon am vorhergehenden Tage eingetroffen war, war ein Mann von sechzig Jahren. Sein schöner Kopf mit klaren, gebieterischen Augen und einem dichten, ergrauten Barte glich dem eines Feldherrn, aus dem das Siegesbewußtsein spricht. Er schleppte das eine Bein etwas nach, da er an der Gicht litt, und stützte sich auf die Schulter seines Begleiters, des Doktor Bonamy, der als Arzt bei dem Büro zur Feststellung der Wunder angestellt war, eines untersetzten, stämmigen Mannes mit einem breiten, rasierten Gesicht und ruhigen, etwas groben Zügen.
Pater Fourcade hatte den Bahnhofsvorstand, der mit raschen Schritten aus seinem Büro herausgetreten war, gefragt:
»Hat der weiße Zug viel Verspätung?«
»Nein, ehrwürdiger Vater, höchstens zehn Minuten. Er wird in einer halben Stunde hier sein ... Was mich aber beunruhigt, das ist der von Bayonne kommende Eilzug, der schon durchgefahren sein müßte.«
Er eilte fort, um einen Befehl zu erteilen. Dann kam er wieder zurück, ganz abgehetzt von der Aufregung, die ihn zur Zeit der Pilgerfahrten am Tage und bei der Nacht auf den Beinen hielt. Heute erwartete er, abgesehen von seinem gewöhnlichen Dienste, achtzehn Züge mit mehr als fünfzehntausend Reisenden. Die zuerst von Paris abgefahrenen Züge, der graue und der blaue, waren zur vorschriftsmäßigen Stunde eingetroffen. Die Verspätung des weißen Zuges war um so unangenehmer, als auch der Expreßzug aus Bayonne noch nicht angemeldet war. Man begriff die Aufregung, in der das Bahnpersonal lebte.
»Zehn Minuten also?« wiederholte Pater Fourcade.
»Ja, zehn Minuten, wenn wir nicht genötigt sind, die Strecke zu sperren«, rief der Bahnhofsvorstand, der nach dem Telegraphenbüro eilte.
Der Mönch und der Arzt nahmen ihren Spaziergang wieder auf. Sie waren mit Recht erstaunt, daß sich noch niemals ein ernster Unglücksfall bei diesem Durcheinander ereignet hatte, besonders in den letzten Jahren, in denen eine unglaubliche Unordnung herrschte. Der Pater erinnerte sich an die erste Pilgerfahrt, die er im Jahre 1875 geleitet hatte, an die schreckliche, endlose Fahrt ohne Kopfkissen, ohne Matratzen, mit halbtoten Kranken, bei denen man gar nicht wußte, wie man sie ins Leben zurückrufen sollte. Und vollends die Ankunft in Lourdes! Nicht das geringste Transportmaterial war hergerichtet, weder Tragbahren, noch Wagen. Heute war alles auf das beste geordnet, ein Hospital erwartete die Kranken, die man nicht mehr in Wagenschuppen auf Stroh zu legen brauchte. Welche Qual war das damals für jene Unglücklichen! Welche Willenskraft mußte der Mann besitzen, der sie dem Wunder zuführte! Der Pater lächelte sanft bei dem Gedanken an das Werk, das er vollbracht hatte.
Er fragte jetzt den Arzt, auf dessen Arm er sich stützte:
»Wie viele Pilger haben Sie denn im letzten Jahre gehabt?«
»Ungefähr zweimalhunderttausend. Das ist seither die Durchschnittssumme gewesen. Im Jahre der Krönung der Jungfrau stieg die Zahl auf fünfmalhunderttausend. Das war natürlich ein Ausnahmefall, der sicherlich beträchtlicher Anstrengungen der Propaganda bedurft hat. Selbstverständlich wird sich eine solche Menschenmenge nicht so leicht wieder hier zusammenfinden.«
Eine kurze Pause entstand, dann murmelte der Pater:
»Ohne Zweifel ... Das Werk ist gesegnet, es gedeiht von Tag zu Tag. Wir haben mehr als zweimalhunderttausend Frank Almosen für die Reise zusammengebracht. Gott wird mit uns sein, und ich bin überzeugt, wir werden morgen zahlreiche Heilungen zu konstatieren haben.«
Dann unterbrach er sich und fuhr nach einer Weile fort:
»Ist der Pater Dargelès nicht gekommen?«
Doktor Bonamy machte eine Bewegung mit der Hand, die besagen sollte, daß er es nicht wüßte. Der Pater Dargelès war mit der Redaktion des »Journal de la Grotte« betraut. Er gehörte dem Orden der Väter von der Unbefleckten Empfängnis an, die vom Bischof in Lourdes angesiedelt und dort unumschränkte Herren waren. Wenn aber die Väter von Mariä Himmelfahrt den nationalen Pilgerzug aus Paris hergebracht hatten, dem sich die Gläubigen aus den Städten Cambrai, Arras, Chartres, Troyes, Reims, Sens, Orleans, Blois und Poitiers anschlossen, hatte es den Anschein, als ob sie vollständig verschwunden wären. Man merkte ihre Allmacht weder in der Grotte noch in der Basilika. Sie schienen mit der Ablieferung aller Schlüssel auch jede Verantwortlichkeit von sich abzuwälzen. Allein wenn auch die Väter von der Unbefleckten Empfängnis verschwunden waren, so spürte man sie trotzdem wie die verborgene und höchste Kraft, die ohne Ermüdung an dem siegreichen Gedeihen des Hauses arbeitet. Sie machten sich nützlich bis zur eigenen Erniedrigung.
»Es ist wahr«, begann Pater Fourcade von neuem das Gespräch in einem heiteren Tone; »es ist wahr, man muß bei guter Zeit aufstehen, schon um zwei Uhr morgens ... Aber ich wollte doch da sein. Was würden denn sonst meine armen Kinder gesagt haben?«
»Drei Uhr fünfundzwanzig, noch fünfundzwanzig Minuten«, sagte Doktor Bonamy, der nach der Uhr sah und ein Gähnen unterdrückte und trotz seiner unterwürfigen Haltung im Grunde doch verdrießlich darüber war, daß er sein Bett zu so früher Morgenstunde hatte verlassen müssen.
Müßige Leute, in Gruppen geteilt, Geistliche, Herren in Überröcken und ein Dragoner offizier kamen und gingen auf dem matt erleuchteten Bahnsteig auf und ab. Andere saßen auf Bänken und plauderten oder schauten mit erwartungsvollen Blicken in die finstere Landschaft. Die hellerleuchteten Wartesäle öffneten ihre Pforten. Die Lichter in dem Restaurationszimmer wurden angezündet. Man bemerkte Marmortische und das mit Brot und Fruchtkörben, mit Flaschen und Gläsern beladene Büfett.
Am rechten Ende des Schutzdaches herrschte ein gewaltiges Durcheinander. Dort befand sich ein Tor für die Wagen, mit denen man die Kranken, wegschaffte. Eine Unmenge von Tragbahren und kleinen Wagen, ein Berg von Kissen und Matratzen versperrte den Bahnsteig. Drei Abteilungen von Sänftenträgern waren da, Männer aus allen Klassen, besonders junge Leute aus den besseren Ständen. Alle trugen auf ihren Röcken das rote, orangefarbengeränderte Kreuz. Die einen rauchten, während die anderen es sich in ihren kleinen Wagen bequem gemacht hatten und schliefen oder bei dem Lichte einer der Gasflammen eine Zeitung lasen.
Plötzlich grüßten die Sänftenträger. Ein Mann von väterlichem Aussehen, mit schneeweißen Haaren, einem guten, dicken Gesicht und großen, gläubigen Kinderaugen erschien. Es war der Baron Suire, Besitzer eines der größten Vermögen und großer Liegenschaften in Toulon, der Präsident der Hospitalität NotreDame de Salut.
»Wo ist Berthaud?« fragte er jeden mit geschäftiger Miene. »Wo ist Berthaud? Ich muß mit ihm sprechen.«
Jeder antwortete, und jeder gab einen andern Bescheid. Berthaud war der Direktor der Sänftenträger. Die einen hatten den Direktor soeben mit dem ehrwürdigen Pater Fourcade gesehen, die anderen behaupteten, er wäre auf dem Bahnhofsplatze und besichtige die Krankenwagen.
»Wenn der Herr Präsident wünscht, daß wir den Herrn Direktor holen sollen ...«
»Nein, nein, ich danke! Ich werde ihn wohl selbst finden.«
Während dieser Zeit saß Berthaud auf einer Bank am andern Ende des Bahnhofs und plauderte in Erwartung der Ankunft des Zuges mit einem jungen Freunde, Gérard de Peyrelongue. Er war ein Mann von vierzig Jahren mit schöner, großer und ebenmäßig gebauter Gestalt, der aus Liebhaberei ein Amt übernommen hatte. Einer streitbaren legitimistischen Familie angehörend und selbst von sehr reaktionärer Gesinnung, war er Staatsanwalt der Republik in einer Stadt des Südens, bis er am Tage nach der Veröffentlichung der Dekrete gegen die geistlichen Orden sich gewissermaßen selbst entlassen hatte durch einen aufsehenerregenden, beleidigenden Brief an den Justizminister. Er hatte die Waffen aber nicht aus der Hand gelegt, sondern war wie zum Protest der Hospitalität Notre Dame de Salut beigetreten und kam jedes Jahr nach Lourdes, überzeugt, daß die Wallfahrten der Republik unangenehm und schädlich wären, und daß Gott allein die Monarchie wieder herstellen konnte durch eines der Wunder, mit denen er in der Grotte so freigebig war. Im übrigen war er ein sehr vernünftiger Mann, er lachte gern und bewies eine liebenswürdige Barmherzigkeit für die armen Kranken, für deren Transport er während der drei Tage der nationalen Wallfahrt zu sorgen hatte.
»Also für dieses Jahr steht deine Heirat fest, mein lieber Gérard?« fragte er den jungen Mann, der neben ihm saß.
»Ohne Zweifel, wenn ich die Frau finde, die ich brauche«, antwortete dieser. »Vorwärts, Vetter! Gib mir einen guten Rat!«
Gérard de Peyrelongue, ein kleiner, magerer Mann mit rötlichbrauner Gesichtsfarbe, kräftig ausgebildeter Nase und stark hervorstehenden Backenknochen, stammte aus Tarbes, wo sein Vater und seine Mutter vor kurzem gestorben waren und ihm eine Rente von mehr als achttausend Frank hinterlassen hatten. Von starkem Ehrgeiz beseelt, hatte er in seiner Provinz die Frau nicht finden können, die er wollte, eine Frau aus einer vornehmen Familie, durch deren Verwandte er hoch steigen und es weit bringen würde. Auch er war der Hospitalität NotreDame de Salut beigetreten und begab sich ebenfalls jedes Jahr nach Lourdes in der unbestimmten Hoffnung, daß er dort unter der Menge der Gläubigen die Familie finden würde, deren er bedurfte, um seinen Weg in dieser Welt hienieden zu machen. Aber obgleich ihm schon mehrere junge Mädchen zu Gesicht gekommen waren, hatte doch noch keine ihn vollständig befriedigt.
»Nicht wahr, du wirst mir einen guten Rat geben ... Da ist zuerst Fräulein Lemercier, die mit ihrer Tante hierherkommt. Sie ist sehr reich, man spricht von mehr als einer Million. Aber sie stammt nicht aus unseren Kreisen, und ich halte sie für einen argen Tollkopf.«
Berthaud hob den Kopf.
»Ich habe dir schon gesagt, ich, für meine Person, ich würde Fräulein von Jonquière nehmen, die kleine Raymonde.«
»Aber sie hat ja keinen Sou.«
»Das ist wahr, kaum so viel, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber ihre Person allein genügt schon vollständig. Sie ist vortrefflich erzogen und hat keine Neigung zum Verschwenden. Das ist ausschlaggebend, denn was hat es für einen Zweck, eine Reiche zu nehmen, wenn sie alles verbraucht, was sie dir mitbringt? Und dann, siehst du, kenne ich diese Damen gut, denn ich treffe sie während des Winters in den Salons von Paris. Du darfst schließlich auch den Onkel nicht vergessen, den Diplomaten, der den traurigen Mut gehabt hat, im Dienste der Republik zu bleiben, und der aus dem Neffen machen kann, was er will.«
Einen Augenblick war Gérard in seinem Entschlusse wankend geworden.
»Nicht einen Sou! Nicht einen Sou! Nein! Das ist zu arg ... Ich will es mir lieber noch überlegen, ich habe wirklich zu große Angst!«
Diesmal fing Berthaud laut zu lachen an.
»Aha, du bist ehrgeizig, da muß man allerdings ein guter Rechner sein. Ich sage dir, du hast ein Gesandtschaftssekretariat, ehe zwei Jahre vergehen ... Die Damen befinden sich übrigens in dem weißen Zuge, den wir erwarten. Entscheide dich also, mache ihr den Hof!«
»Nein, nein ... Später! Ich will es mir erst noch einmal überlegen.«
In diesem Augenblicke wurden sie unterbrochen. Baron Suire, der schon zweimal an ihnen vorübergegangen war, ohne sie zu bemerken, hatte soeben das Kinderlachen des ehemaligen Staatsanwalts der Republik erkannt. Sofort erteilte er ihm mit unglaublicher Zungenfertigkeit verschiedene Befehle, wobei er heftig beklagte, daß man die Kranken nicht gleich nach der Ankunft in die Grotte bringen konnte wegen der frühen Morgenstunde.
Während der Baron und der Vorstand der Krankenträger die zu ergreifenden Maßregeln besprachen, drückte Gérard einem Priester die Hand, der sich neben ihm niedergelassen hatte. Der kaum achtunddreißigjährige Abbé des Hermoises war ein eleganter Weltgeistlicher, ein sorgfältig frisierter und parfümierter, sehr liebenswürdiger und sehr vornehmer Liebling der Frauen. Er kam wie viele nur zum Vergnügen nach Lourdes. Aus seinen Augen leuchtete ein lebhafter Verstand, und seine Lippen umspielte das Lächeln eines Skeptikers, der über allen Götzendienst erhaben ist.
»Nun«, fragte er Gérard, »macht dieses Warten in der Nacht nicht einen tiefen Eindruck? Ich bin einer Dame wegen hier, einer meiner ehemaligen Beichtkinder in Paris. Ich weiß zwar nicht genau, mit welchem Zuge sie kommt, aber ich bleibe doch, so lebhaft interessiert mich das Ganze.«
Ein anderer Geistlicher, ein alter Landpfarrer, mischte sich in das Gespräch und sprach in freundlichem Tone von der Schönheit der Gegend von Lourdes. Es sei wie in einem Theater, wenn die Berge beim Aufgang der Sonne sichtbar würden, wie es gerade jetzt der Fall war.
Plötzlich geriet alles in Aufregung. Der Bahnhofsvorstand erteilte mit lauter Stimme Befehle. Der Pater Fourcade ließ den Arm des Doktors Bonamy los und trat hinzu.
»Ach, es ist wegen des Eilzugs von Bayonne, der Verspätung hat«, antwortete der Vorstand auf alle an ihn gerichteten Fragen. »Die Sache beunruhigt mich.«
In diesem Augenblick ertönte das Läutewerk von neuem, ein Bahnbediensteter eilte, eine Laterne schwingend, in die Finsternis hinaus, während in der Ferne ein Signallicht erschien.
»Ah! Diesmal ist es der weiße Zug!« rief der Stationsvorsteher. »Hoffentlich haben wir noch genügend Zeit, unsere Kranken auszuladen, bevor der Expreßzug einläuft.«
Er eilte weiter und verschwand. Berthaud rief Gérard zu sich, der eine Abteilung von Krankenträgern leitete. Sie beeilten sich, zu ihren Leuten zu kommen, bei denen sie den Baron Suire schon in voller Tätigkeit fanden. Die Krankenträger strömten von allen Seiten herbei und machten sich an ihre Arbeit. Sie zogen ihre kleinen Wagen bis an die Haltestelle des weißen Zuges, einem unbedeckten Teil des Bahnsteiges, der in tiefer Finsternis lag. Bald befand sich dort ein Lager von Kissen, Matratzen und Tragbahren, die alle auf die Kranken warteten, während Pater Fourcade, Doktor Bonamy und die anderen Geistlichen und Herren, sowie der Dragoneroffizier die Geleise überschritten, um bei der Ausladung behilflich zu sein. Noch sah man nur in weiter Ferne die Lokomotive, die einem roten, immer größer werdenden Sterne glich. Pfiffe gellten durch die Nacht. Dann schwiegen sie plötzlich, und es war nur noch das Schnauben der Lokomotive und das Rollen der Räder zu vernehmen, das allmählich immer langsamer wurde. Man hörte den Gesang, das Klagelied der Bernadette, das der ganze Zug sang, mit den Aves am Schlusse eines jeden Verses. So fuhr denn dieser Leidens und Glaubenszug, dieser klagende und singende Zug in Lourdes ein und hielt.
Sofort wurden die Türen geöffnet, und die Pilger und die Kranken, die gehen konnten, strömten heraus und überfluteten den Bahnsteig. Die wenigen Gaslaternen beleuchteten spärlich diese armseligen Menschen in den fragwürdigen Kleidern, beladen mit allen möglichen Gepäckstücken, mit Körben, mit Mantelsäcken und Holzschachteln. Aus der aufgeregten Menschenmenge heraus, die nicht wußte, nach welcher Seite sie sich wenden sollte, ertönte wirres Geschrei, Rufe wurden laut von Leuten, die sich verloren hatten und einander suchten, während an einer andern Stelle Freunde und Verwandte sich begrüßten und umarmten. Eine Frau erklärte mit einem Blicke seliger Befriedigung: »Ich habe gut geschlafen.« Ein Kurat ging mit einem Mantelsack von dannen, einer verwachsenen Dame »Guten Erfolg!« zurufend. Die meisten machten ein betroffenes, verschlafenes und zugleich freudiges Gesicht, wie Leute, die ein Vergnügungszug auf einem unbekannten Bahnhof absetzt. Das Gedränge wurde schließlich so arg und die Verwirrung nahm bei der Finsternis derart zu, daß die Reisenden die Beamten nicht mehr verstanden, die mit lauter Stimme: »Hierher! Hierher!« riefen, um die Räumung des Bahnsteigs zu beschleunigen.
Schwester Hyacinthe war flink aus dem Wagen gestiegen, indem sie den Verstorbenen unter dem Schutze der Schwester Claire des Anges zurückließ. Sie hatte etwas den Kopf verloren und eilte nach dem Kantinenwagen, von dem Gedanken beseelt, Ferrand würde ihr helfen. Glücklicherweise traf sie dort den Pater Fourcade, dem sie den Vorfall erzählte. Er vermied es, durch irgendein Zeichen seinen Verdruß darüber kundwerden zu lassen und rief den Baron Suire herbei, der vorüberging. Einige Sekunden flüsterten sie miteinander. Dann eilte der Baron hinweg und brach sich mit zwei Krankenträgern, die eine Bahre trugen, durch die Menschenmenge einen Weg. Der Tote wurde hinweggetragen wie ein Kranker, der die Besinnung verloren hat, ohne daß die Menge der Pilger sich weiter um ihn gekümmert hätte. Die beiden Krankenträger, denen der Baron vorausschritt, setzten ihn in dem Gepäckraum hinter Fässern nieder. Der eine von ihnen, Sohn eines Generals, blieb bei dem Leichnam als Wache.
Schwester Hyacinthe war inzwischen in den Wagen zurückgeeilt, nachdem sie die Schwester SaintFrançois und Ferrand gebeten hatte, auf dem Bahnhofsplatze bei dem reservierten Wagen zu warten, der sie zusammen nach dem Hospital NotreDame des Douleurs bringen sollte. Als sie sagte, daß sie noch ihren Kranken beim Aussteigen behilflich sein möchte, wollte Marie nicht zugeben, daß sie sich mit ihr befaßte.
»Nein, nein! Sie brauchen sich meiner nicht anzunehmen, liebe Schwester, ich will bis zuletzt hierbleiben ... Mein Vater und der Abbé Froment holen die Räder im Gepäckwagen. Ich warte hier ruhig, bis sie wiederkommen. Sie wissen ganz genau, wie alles gemacht wird, und werden mich dann wegführen. Sie brauchen sich also meinetwegen keine Sorge zu machen.«
Auch Herr Sabathier und der Bruder Isidor wünschten nicht eher fortgebracht zu werden, als bis sich die Menge etwas verlaufen hätte. Frau von Jonquière, die sich der Grivotte angenommen hatte, versprach dafür Sorge zu tragen, daß Frau Vêtu in einem Ambulanzwagen fortgeschafft würde. Schwester Hyacinthe entschloß sich, sofort aufzubrechen, um alles im Hospital vorzubereiten. Sie nahm auch die kleine Sophie Couteau mit und Elise Rouquet, der sie das Gesicht sorgfältig verhüllte. Vor ihnen ging noch Frau Maze fort, während Frau Vincent sich in der Menge durchkämpfte, nur von dem einen Gedanken beseelt, ihre Tochter, die totenbleich und bewußtlos auf ihrem Arme ruhte, so schnell als möglich in die Grotte zu bringen und dort zu Füßen der Heiligen Jungfrau niederzulegen. Auf dem viereckigen Platze, der an drei Seiten von niedrigen Bahngebäuden eingeschlossen ist, herrschte fürchterliches Durcheinander von Fahrzeugen aller Art. Die Hotelomnibusse trugen auf großen Schildern den heiligsten Namen, die von Maria und Jesus, vom heiligen Michael, vom Rosenkranz und vom heiligen Herzen. Dann folgte eine Menge von Ambulanzwagen und Landauern, Kabrioletts, Möbelwagen und kleinen Eselkarren, deren Kutscher schrien, fluchten und mit den Peitschen knallten. Es war ein Tumult, der durch die Dunkelheit, die die Laternen mit ihrem flackernden Licht zu durchdringen versuchten, nur noch vergrößert wurde. Der Gewittersturm hatte einen Teil der Nacht hindurch gewütet, die Fußgänger wateten bis an die Knöchel im Schmutze. Herr Vigneron, dem seine Gattin und Frau Claire in liebevoller Besorgnis folgten, trug seinen Sohn Gustave und dessen Krücke in den Omnibus des Hotels des Apparitions, in den auch er und seine Damen sich setzten. Frau Maze gab ängstlich dem Kutscher eines alten Coupés ein Zeichen, stieg ein und verschwand. Schwester Hyacinthe endlich konnte mit Elise Rouquet und Sophie Couteau in einem geräumigen Wagen Platz finden, in dem sich Ferrand und die Schwestern SaintFrancois und Ciaire des Anges niedergelassen hatten.
Beim Anblick der Menschenmenge trug Frau Vincent Bedenken, mit der teuren Last in ihren Armen weiterzugehen. Als sich der Bahnhof etwas leerte, wagte sie es. Wie schrecklich wäre es gewesen, wenn sie in diesen Pfützen, in diesem Stockdunkel mit dem Kinde zu Fall gekommen wäre! Als sie die Straße erreichte, bemerkte sie dort Gruppen von Frauen aus der Gegend, die den Fremden Wohnungen mit oder ohne Beköstigung, je nach ihrem Geldbeutel, anboten.
»Liebe Frau«, fragte sie ein altes Weib, »welches ist der Weg zu der Grotte, bitte?«
Die Frau gab ihr keine Antwort, sondern bot ihr nur ein Zimmer an.
»Alles ist besetzt; Sie werden nichts mehr in den Hotels finden ... Vielleicht werden Sie noch etwas zu essen bekommen, aber sicherlich nicht das kleinste Loch zum Schlafen.«
Essen, schlafen, oh, mein Gott! Wie durfte Frau Vincent daran denken mit dreißig Sous in der Tasche.
»Liebe Frau, bitte, welches ist der Weg nach der Grotte?«
Unter den Frauen, die an der Straße warteten, befand sich auch ein großes und starkes Mädchen in sauberer Kleidung, mit sehr einnehmendem Gesicht und gepflegten Händen. Sie zuckte mit den Schultern. Als ein Priester vorüberging mit breiter Brust und gesundheitstrotzendem Gesichte, stürzte sie auf ihn zu und bot ihm ein möbliertes Zimmer an. Unablässig folgte sie ihm, indem sie ihm fortwährend in die Ohren zischelte.
»Gehen Sie diesen Weg hinunter«, sagte schließlich ein anderes Mädchen, das mit der armen Frau Vincent Mitleid fühlte, »dann wenden Sie sich nach rechts und kommen so zu der Grotte.«
Auf dem Bahnsteig dauerte das Gedränge fort. Nachdem die gesunden Pilger und die Kranken, die gehen konnten, den Bahnsteig geräumt hatten, befanden sich die Schwerkranken noch dort, deren Transport viel Mühe verursachte.
Berthaud, der gefolgt von Gérard, lebhaft gestikulierend vorüberging, bemerkte in der Nähe einer Gaslaterne zwei Damen und ein junges Mädchen, die zu warten schienen. Er erkannte sofort Raymonde und hielt seinen Begleiter mit einer lebhaften Handbewegung zurück.
»Ah, mein gnädiges Fräulein! Wie glücklich bin ich, Sie wiederzusehen! Ihre Frau Mama befindet sich doch wohl, und Sie haben eine angenehme Fahrt gehabt, nicht wahr?«
Dann fügte er, ohne zu warten, hinzu:
»Mein Freund, Herr Gérard de Peyrelongue.«
Raymonde sah den jungen Mann mit ihren hellen Augen fest an.
»Oh, ich habe das Vergnügen, den Herrn zu kennen. Wir sind bereits früher in Lourdes zusammengetroffen.«
Gérard, der fand, daß sein Vetter Berthaud sehr eigenmächtig verfuhr, begnügte sich, eine sehr höfliche Verbeugung zu machen.
»Wir erwarten Mama«, nahm das junge Mädchen wieder das Wort. »Sie ist sehr beschäftigt, da sie sehr schwere Kranke hat.«
Die kleine Frau Desagneaux mit ihrem reizenden Kopfe und ihrem wirren blonden Haar erhob Einspruch und sagte, es geschähe der Frau von Jonquière ganz recht, da sie die ihr angebotenen Dienste zurückgewiesen hätte. Sie brannte vor Begierde, sich nützlich zu machen, während Frau Yolmar sich bescheiden und still im Hintergrunde hielt und nicht das geringste Interesse zeigte. Sie suchte nur mit ihren Augen, in denen ein Vulkan glühte, die Finsternis zu durchdringen, als ob sie jemand erwartete.
In diesem Augenblicke entstand ein großer Auflauf. Man trug Frau Dieulafay aus ihrer Wagenabteilung erster Klasse, und Frau Desagneaux konnte einen mitleidigen Klageruf nicht unterdrücken.
»Ach! Die arme Frau!«
Es war herzzerreißend, diese junge Frau zu sehen, wie sie in ihren Spitzengewändern in einem Sarge lag, in solch jämmerlichem Zustande, daß sie ein Stück Nichts zu sein schien. Sie wartete auf dem Bahnsteig, bis man sie forttragen würde. Ihr Gatte und ihre Schwester blieben bei ihr, beide sehr elegant und sehr traurig, während ein Diener und eine Kammerfrau mit den Gepäckstücken forteilten, um sich zu versichern; ob der Wagen, den man bestellt hatte, auch wirklich im Hofe hielt. Auch der Abbé Judaine stand bei der Kranken, und als zwei Männer sie emporhoben, beugte er sich zu ihr nieder, nahm von ihr Abschied und sagte ihr noch einige freundlich tröstende Worte, die sie aber nicht zu verstehen schien. Als er sah, wie man sie forttrug, fügte er, zu Berthaud gewendet, hinzu:
»Die armen Leute! Wenn sie doch nur die Heilung kaufen könnten! Ich habe ihnen aber gesagt, daß bei der Heiligen Jungfrau das Gebet für das kostbarste Gold gelte. Ich bin der festen Hoffnung, auch selbst genug gebetet zu haben, um den Himmel zu rühren ... Sie bringen aber trotzdem ein großartiges Geschenk mit, eine goldene Laterne für die Basilika, ein wahres Wunderwerk, mit wertvollen Steinen besetzt ... Möge sie die unbefleckte Maria eines Lächelns würdigen!«
Da kam Frau von Jonquière. Als sie Berthaud und Gérard bemerkte, rief sie: »Ich bitte Sie dringend, meine Herren, gehen Sie schleunigst zu dem Wagen, der dort ganz in der Nähe hält. Man hat dort Männer nötig, denn man muß drei oder vier Kranke herausholen ... ich bin ganz verzweifelt, ich kann nicht mehr.«
Gérard eilte sofort hinweg, nachdem er Raymonde gegrüßt hatte, während Berthaud der Frau von Jonquière den guten Rat erteilte, mit ihrer Tochter und den beiden anderen Damen sofort wegzufahren und nicht länger auf dem Bahnsteig zu bleiben. Er versicherte, daß man sie durchaus nicht mehr nötig hätte, daß er alles übernehmen wolle, und daß sie, noch bevor drei Viertelstunden vergangen wären, ihre Kranken im Hospital in dem ihrer Obhut anvertrauten Saale finden würde. Sie gab nach und nahm zusammen mit Raymonde und der Frau Desagneaux Abschied. Im letzten Augenblick war Frau Volmar verschwunden. Man glaubte gesehen zu haben, wie sie an einen unbekannten Herrn herangetreten war, ohne Zweifel, um ihn über etwas um Auskunft zu bitten. Man würde sie ja wohl im Hospital wiederfinden.
Vor dem Wagen traf Berthaud mit Gérard zusammen, als dieser mit Hilfe zweier anderen Kameraden sich abmühte, Herrn Sabathier aus dem Wagen zu helfen. Das war ein hartes Geschäft. Denn er war sehr dick, sehr schwer, und man glaubte, er würde kaum durch die Tür zu bringen sein. Zwei Träger mußten bei der andern Tür einsteigen und nachhelfen. So gelang es endlich, ihn auf den Bahnsteig zu bringen. Die ohnmächtig gewordene Grivotte lag schon auf einer Matratze. Man wartete für sie auf eine Tragbahre, während man die von einem heftigen Anfall ergriffene Frau Vêtu an einer Gaslaterne hatte niedersetzen müssen. Sie litt derart, daß man sie kaum zu berühren wagte. Pfleger mit Handschuhen an den Händen rollten unter allerlei Schwierigkeiten ihre kleinen Wagen weg. Wieder andere konnten mit ihren Tragbahren, auf denen starre Leiber sich streckten, kaum von der Stelle kommen, sich kaum einen Weg bahnen, indessen einige Kranke es versuchten, sich durchzuwinden, so ein junger, hinkender Priester und ein kleiner Knabe mit Krücken, buckelig und mit einem amputierten Bein, der sich, einem Gnom ähnlich, hinschleppte. Um einen Mann herum hatte sich eine Gruppe gebildet. Eine Lähmung hatte ihn derart verkrüppelt, daß man ihn, die Füße und den Kopf nach unten, auf einem umgekehrten Tragsessel transportieren mußte.
Der Wirrwarr erreichte seinen Höhepunkt, als der Bahnvorstand herbeistürzte und rief:
»Der Expreßzug von Bayonne ist angemeldet. Beeilen wir uns! Beeilen wir uns! Ihr habt nur noch drei Minuten Zeit!«
Der Pater Fourcade blieb am Arm des Doktors Bonamy im Gewühl und sprach den Kranken mit freundlicher Miene Mut zu. Mit einer Gebärde rief er Berthaud heran und sagte zu ihm:
»Lasset sie zuerst alle aussteigen. Ihr könnt sie hernach forttragen.«
Der Rat war voll Klugheit. Man brachte die Ausladung auf den Bahnsteig zu Ende. Im Wagen befand sich nur noch Marie, die geduldig wartete. Endlich erschienen Herr von Guersaint und Pierre mit den Rädern. Pierre half dem jungen Mädchen, von Gérard unterstützt, in Eile heraus. Sie hatte die Leichtigkeit eines armen frierenden Vogels. Die Männer legten ihre Trage auf die Räderpaare und befestigten diese mit Bolzen. Pierre hätte sodann Marie wegführen, sie augenblicklich fortrollen können, wenn ihn nicht die Menge, die den Weg versperrte, daran gehindert hätte.
»Beeilen wir uns! Beeilen wir uns!« wiederholte der Bahnhofsvorstand.
Er half selbst mit, hielt dort die Füße eines Kranken, damit man ihn schneller aus der Wagenabteilung zöge. Er stieß die kleinen Wagen fort und räumte den Rand des Bahnsteigs von Menschen. Allein in einem Wagen der zweiten Klasse wurde eine Frau von einer heftigen Nervenkrise befallen. Sie heulte, schlug mit Händen und Füßen um sich. Man durfte nicht daran denken, sie anzufassen. Dabei war jeden Augenblick die Ankunft des Expreßzuges zu erwarten. Man mußte die Tür wieder schließen und den Zug auf ein Nebengeleise führen, wo er stehenbleiben und drei Tage lang warten sollte, bis er seine Ladung von Pilgern und Kranken wieder aufnahm. Während sich der Zug entfernte, hörte man die Schreie der Unglücklichen, die mit einer Ordensschwester hatten drin bleiben müssen, Schreie, die immer schwächer wurden, wie die Schreie eines kraftlosen Kindes, das man endlich beschwichtigt!
»Guter Gott!« murmelte der Stationsvorstand, »das war höchste Zeit!«
In der Tat lief der Expreßzug von Bayonne ein und fuhr mit Blitzesschnelle an diesem jammervollen Bahnsteig vorüber, auf dem das Elend eines in allgemeiner Verwirrung begriffenen Spitals sich ausbreitete.
Nach und nach wurde es heller, ein lichtes Morgenrot färbte den Himmel, dessen Widerschein die dunkle Erde erleuchtete. Man fing an, die Leute und Dinge zu unterscheiden.
»Nein, nicht jetzt!« sagte Marie zu Pierre. »Wir wollen warten, bis die Flut sich ein wenig verlaufen hat.«
Ein ungefähr sechzig Jahre alter Mann von militärischem Aussehen, der unter den Kranken herumschlenderte, fesselte seine Aufmerksamkeit. Mit seinem viereckigen Kopf und den weißen, bürstenähnlich geschnittenen Haaren würde er noch rüstig ausgesehen haben, wenn er nicht den linken Fuß nachgezogen hätte. Mit der Hand stützte er sich fest auf einen dicken Rohrstock.
Herr Sabathier, der seit sechs Jahren hierherkam, bemerkte ihn und rief lebhaft:
»Ah! Sie sind es, Herr Hauptmann!«
Vielleicht hieß er Hauptmann. Vielleicht hatte er auch nur diesen Titel wegen seiner Ordensauszeichnung. Er war dekoriert und trug ein breites rotes Band. Niemand kannte seine Geschichte. Er befand sich schon seit drei Jahren auf dem Bahnhof, mit der Überwachung der Warenräume beauftragt. Es war eine einfache Beschäftigung, die man ihm aus Mitleid gegeben hatte und die ihm erlaubte, vollständig glücklich zu leben. Mit fünfundfünfzig Jahren traf ihn zum erstenmal ein Schlagfluß, der ihm eine kleine Lähmung der linken Seite zurückgelassen hatte. Ganz Lourdes kannte ihn wegen seiner fixen Idee, mit schleppendem Fuß und auf sein Rohr sich stützend, zu jedem einfahrenden Zug zu gehen, sich dort zu verwundern und den Kranken Vorwürfe zu machen wegen des Verlangens, das sie erfüllte, geheilt zu werden.
Seit drei Jahren sah er Herrn Sabathier. Auf diesen fiel sein Zorn.
»Wie! Sie sind schon wieder da? Sie halten also viel darauf, dieses abscheuliche Leben weiter zu leben? Aber, zum Teufel! Sterben Sie doch ruhig daheim, in Ihrem Bett! Ist das nicht das Beste auf der Welt?«
Herr Sabathier lachte, ohne ungehalten zu werden.
»Nein, nein«, sagte er, »ich will lieber gesund werden!«
»Gesund werden – gesund werden, das verlangen alle! Hunderte von Meilen zurücklegen, heulend vor Schmerz ankommen, und das, um zu genesen, um alle Pein, alle Leiden von vorne wieder durchzumachen und dann weiter zu tragen ... Ach, mein Herr! Sie in Ihrem Alter, mit Ihrem verwüsteten Körper, Sie wären schön angeführt, wenn Ihre Heilige Jungfrau Ihnen die Beine wiedergäbe! Mein Gott, was wollten Sie denn damit machen? Welche Freude hätten Sie denn daran, die Abscheulichkeit des Greisenalters um ein paar Jahre zu verlängern? Wohlan! Sterben Sie doch sofort, da Sie einmal so weit sind. Das ist das einzige Glück!«
Während Herr Sabathier gutwillig die Achseln zuckte, gleichsam als hätte er's mit einem Kinde zu tun gehabt, blieb der Abbé Judaine auf dem Bahnsteig stehen, um den Hauptmann, den auch er gut kannte, freundschaftlich auszuschelten.
»Lästern Sie nicht, mein lieber Freund«, sagte er; »auf das Leben verzichten und die Gesundheit nicht lieben, heißt Gott beleidigen. Sie selbst, wenn Sie auf mich gehört hätten, würden die Heilige Jungfrau schon um die Heilung Ihres Beines gebeten haben.«
Darüber ungehalten, antwortete sodann der Hauptmann:
»Mein Bein! An dem kann sie nichts machen, darüber bin ich ruhig! Der Tod mag nur kommen, es soll zu Ende gehen für immer ... Wenn man sterben muß, dreht man sich gegen die Wand und stirbt. Damit basta!«
Aber der alte Priester unterbrach ihn. Er zeigte ihm Marie, die, in ihrer Kiste ausgestreckt, ihnen zuhorchte.
»Sie würden alle unsere Kranken zurückschicken«, sagte er, »damit sie in ihrer Heimat sterben könnten, nicht wahr? Selbst das Fräulein, das in voller Jugend steht, und das leben will?«
Marie öffnete ihre großen Augen in heißer Sehnsucht und mit dem Wunsch, zu leben, dem Wunsch, auch teilzuhaben an der Welt. Der Hauptmann hatte sich ihr genähert und betrachtete sie. Er wurde plötzlich von einer tiefen Bewegung ergriffen, welche seine Stimme zittern machte.
»Wenn das Fräulein gesund wird«, sagte er, »so wünsche ich ihm ein zweites Wunder: jenes, daß sie glücklich würde.«
Und er ging weg und setzte als heftig gekränkter Philosoph seinen Spaziergang mitten unter den Kranken fort, indem er den Fuß nachzog und die eiserne Spitze seines dicken Rohrstockes auf die Steinfliesen stieß.
Nach und nach hatte sich der Bahnsteig geleert, man hatte Frau Vêtu und die Grivotte weggetragen. Gérard führte Herrn Sabathier in einem kleinen Wagen fort, während der Baron Suire und Berthaud bereits Befehle für den grünen Zug gaben, den man demnächst erwartete. Nur Marie war noch da, und Pierre nahm sich ihrer mit Eifer an. Als sie wahrnahmen, daß Herr von Guersaint verschwunden war, hatte er sie auf den Hof der Bahnstation gefahren. Dort bemerkten sie sofort Herrn von Guersaint, der sich mit dem Abbé des Hermoises, dessen Bekanntschaft er gemacht hatte, angelegentlich unterhielt. Die gleiche Freude an der Natur hatte sie einander genähert. Der Tag war vollständig angebrochen. Die Berge der Umgebung zeigten sich in ihrer Majestät. Herr von Guersaint rief entzückt:
»Welche Landschaft! Nun sind es dreißig Jahre, daß ich das Tal von Gavarnie zu besuchen wünsche. Das ist aber noch weit und so teuer, daß ich diesen Ausflug gewiß nicht werde machen können.«
»Sie täuschen sich! Nichts ist leichter auszuführen. Wenn mehrere daran teilnehmen, ist die Ausgabe bescheiden. Und gerade dieses Jahr will ich wieder dorthin reisen. Wenn Sie sich also uns anschließen wollen ...«
»Wie, war' es möglich? Nun, wir werden noch darüber sprechen. Tausend Dank!«
Seine Tochter rief ihn, und nach einem Austausch von herzlichen Grüßen gesellte er sich zu ihr. Pierre hatte beschlossen, Marie bis zum Hospital zu fahren, um ihr die Umlagerung in einen andern Wagen zu ersparen. Schon kamen die Omnibusse, die Landauer und die Möbelwagen zurück und füllten, auf den folgenden Zug wartend, den Hof aufs neue an. Es kostete einige Mühe, mit dem kleinen Karren, dessen Räder in den Schmutz einsanken, die Straße zu erreichen.
Als der kleine Wagen etwas freier auf der abhängigen Straße hinrollte, fragte Marie Herrn von Guersaint, der neben ihr ging, plötzlich:
»Vater, welchen Tag haben wir heute?«
»Samstag, mein Liebling.«
»Wahrhaftig, Samstag, den Tag der Heiligen Jungfrau ... Wird sie mich heute heilen ?«
Hinter ihr brachten zwei Träger auf einer bedeckten Bahre den Leichnam des Mannes, den sie im Hintergrund des Gepäcksaales im Dunkel der Fässer aufgeladen hatten, um ihn an einen von Pater Fourcade bezeichneten verborgenen Ort zu bringen.
Darmowy fragment się skończył.