Czytaj książkę: «Professors Zwillinge in der Waldschule»

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Else Ury

Professors Zwillinge in der Waldschule

Eine Reihe Erzählungen

Saga

Professors Zwillinge in der Waldschule

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1925, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726883619

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

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Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

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1. Kapitel. Geographiestunde

»Klinglinglingling« machte die Schulglocke. Da war die Frühstückspause zu Ende. Flinke Beine hielten mitten im Laufen auf dem Schulhof inne. Kleine Schreihälse dämpften plötzlich ihre hellen Stimmen. Ganz geschwind noch einmal vom Frühstücksbrot abgebissen, dann verschwanden die Brote in Blechbüchsen und Ledertäschchen.

»Zu zweien antreten«, rief die Lehrerin, Fräulein Giesicke, die an der Treppe heute die Aufsicht führte. Ja, Fräulein Giesicke hatte gut rufen. Immer wieder erwischte sie ein dreiblätteriges, ja sogar vierblätteriges Freundschaftskleeblatt, das sich nicht einmal auf der Treppe trennen mochte. Besonders die Mädel hingen wie die Kletten zusammen, während es den Jungen gleichgültiger war, neben wem sie gingen.

»Die nächsten schreibe ich unter Tadel.« Fräulein Giesicke war mit Recht ungehalten.

»Suse Winter, was habe ich eben gesagt? Kannst du denn nicht hören, Kind?« Die Lehrerin hielt ein kleines, etwa neunjähriges Mädchen, das, zu vieren eingehakt, gerade an ihr vorbeischlüpfen wollte, fest.

Die Braunaugen der Kleinen sahen erschreckt zu der erzürnten Lehrerin auf. Nein, die Suse, Traumsuschen, wie sie oft genannt wurde, hatte mal wieder nichts gesehen und gehört.

»Ja, ich muß dich jetzt unter Tadel ins Klassenbuch als ungehorsam schreiben, Suse Winter.«

In den braunen Augen des kleinen Mädchens begann es zu flimmern. Tränen stiegen heiß empor, und da überfluteten sie auch schon das rosige Kindergesicht.

»Meine Suse kann ja gar nichts dafür, daß wir zu vieren gehen«, rief da der kleine Junge, der sie untergeärmelt hatte, mit blitzenden blauen Augen. »Wenn wir doch Zwillinge sind! Die gehören immer zusammen. Und jeder hat einen Freund und eine Freundin, den Klaus und die Steffie, das macht vier«, erklärte er eifrig.

Um die Lippen der Lehrerin zuckte es belustigt. »Ei, Herbert, wenn du dich nicht von deiner Schwester trennen magst, dann müssen eben der Klaus und die Steffie allein zu zweit gehen. Hör' nur jetzt auf zu weinen, Suse. Diesmal werde ich dir den Tadel noch schenken«, begütigte Fräulein Giesicke.

Dankbar drückte Suse die Hand des neben ihr gehenden Bruders. »Wie gut, daß wir Zwillinge sind, Herbert«, sagte sie, die Tränen trocknend.

»Du hättest auf keinen Fall den Tadel bekommen, Suse. Dann hätte ich ihn mir geben lassen. Es kann Fräulein Giesicke doch gleich sein, wer den Tadel kriegt, du oder ich. Jungs müssen gegen Mädels immer ritterlich sein, sagt Vater.«

Damit nahmen sie ihre Plätze nebeneinander auf der Schulbank ein.

Die nächste Stunde war Geographiestunde. Die große Landkarte von Deutschland hing an der Wand. Die Klasse erhob sich. Dr. Tiedemann, der Geographielehrer, war erschienen. Er griff nach dem großen Zeigestock und fragte wie stets zu Anfang der Stunde: »Na, Kinder, wohin wollen wir heute reisen?«

»Ins Riesengebirge.« – »Nein, lieber in den Harz.« – »Nach München.« – »An der Ostsee ist's noch viel schöner.« – »Im Schwarzwald, da ist's am allerfeinsten«, überschrie einer den andern.

»Kinder, macht nicht solchen Krach – mein Trommelfell platzt.« Der Lehrer hielt sich die Ohren zu. »Ruhe – mäuschenstill! So – nun werde ich euch mal einen Vorschlag machen. Erst nehmen wir uns eine Rundreisekarte durch Deutschland und wiederholen dabei zur Klassenarbeit für die Osterzensuren. Denn wir wollen doch alle gute Zeugnisse bekommen. Und dann – ja, dann habe ich als Belohnung eine Überraschung für euch.«

»Au fein.« – »Was ist es denn?« – »Herr Tiedemann ist der allernetteste!« so schwirrte das wieder von Jungen- und Mädchenstimmen durcheinander.

Aber als der Lehrer jetzt mit dem Zeigestock gegen die Tafel klopfte, waren sie wirklich mäuschenstill. Denn alle hatten sie den netten Lehrer, der ihnen manche Freiheit ließ, dafür aber auch volle Aufmerksamkeit forderte, gern.

Und nun ging's los. Schneller als der Blitzzug fuhr der Zeigestock durch Deutschland. Jetzt war er an der Ostsee, segelte von Stettin die Oder hinab nach Breslau – hopp, ins Riesengebirge hinauf zur Elbquelle – weiter gesaust an den Rhein. Nun machte er in Köln Station.

»Welches herrliche Bauwerk wollen wir hier in Köln besuchen? Das kann uns mal die Suse Winter sagen.«

Traumsuschen fuhr empor. Es war mit seinen Gedanken im Riesengebirge, im Elbgrund, den es im letzten Sommer mit den Eltern und dem Bruder durchwandert hatte, kleben geblieben. Nun hatte es den Anschluß bei der eiligen Reise verloren. Hilflos blickte es zu dem nebensitzenden Bruder. Von dort pflegte immer Rettung zu kommen.

Suse irrte sich nicht. Herbert ließ sein Zwillingsschwesterchen nicht im Stich.

»Den Dom – Dom«, raunte er ihr zu.

»Rom«, sagte Suse erleichtert.

Unbändiges Gelächter folgte. Die Klasse wieherte vor Vergnügen, besonders die Jungen wollten nicht aufhören. Suse war ein wenig empfindlich. Die Tränen hingen schon wieder locker.

Da klopfte zum Glück Dr. Tiedemann mit dem Stock auf den Klassentisch. »Ich kann das gar nicht lustig finden,« sagte er, nachdem wieder Ruhe eingetreten war, »wenn einer vorsagt und der andere falsch versteht. Ich finde es traurig, daß ihr euren Lehrer täuschen wollt.«

Herbert machte ein bestürztes Gesicht. Er hatte doch den netten Herrn Tiedemann nicht täuschen wollen – nein, ganz gewiß nicht! »Die Suse ist doch mein Zwilling«, stieß er zu seiner Entschuldigung hervor.

»Ich wollte nur hören, was der eine Zwilling weiß, nicht, was sie alle beide zusammen wissen«, sagte Herr Tiedemann, mit dem Finger drohend. »Sonst muß ich euch beide auseinander setzen.«

»Das geht nicht«, sagten die Zwillinge wie aus einem Munde. Nein, das erschien ihnen ganz unmöglich. Hatten sie doch vom ersten Schultage an als kleine Abcschützen immer getreulich nebeneinander gesessen.

Der Zeigestock sauste weiter durch Deutschland; Suses Gedanken jetzt eifrig hinterdrein. Sie war ein fleißiges kleines Mädchen und bemühte sich, ihre Unaufmerksamkeit wieder gutzumachen.

Da gab es noch manche Entgleisung auf der Reise. Steffie verlegte Hamburg an den Rhein, und der Peter gar die Schneekoppe in den Harz. Lenchen meinte, die Wartburg sei berühmt durch Luthers Tintenfleck. Und von Wittenberg wußte der Hans nur, daß es dort besonders guten Apfelkuchen gab. Aber im ganzen konnte Herr Tiedemann mit der Klasse zufrieden sein. Sie hatten etwas gelernt.

»Nun die Belohnung – jetzt kommt die Belohnung!« riefen die Kinder, als der Zeigestock reisemüde haltmachte.

»Richtig.« – Der Lehrer rollte eine Karte, die auf dem Klassentisch lag, auseinander und hängte sie an den Landkartenständer. Darauf sah man lauter Kreise, Linien und Punkte. Viele Hunderte, große und kleine.

Die Jungen und Mädchen machten enttäuschte Gesichter. Das war doch keine Belohnung!

»Wer kann mir sagen, was diese Karte vorstellt? Nehmt mal all euren Grips zusammen, Kinder«, sagte Dr. Tiedemann.

»Das ist ein Irrgarten.« – »Das sind lauter Flüsse mit großen Schiffen und kleinen Booten.« – »Ach wo, das ist der Zoo mit großen und kleinen Tieren«, überschrie sie Rudi, der mit seinen Gedanken stets im Zoologischen Garten war.

»Immer nur einer, Kinder. Wer es weiß, der melde sich, wie es sich gehört. Bis jetzt hat es noch keiner geraten«, sagte der Lehrer.

Herbert und Suse Winter sahen sich beide an. »Das ist doch –.« »Ja, natürlich –,« und da durchbohrten auch schon beider Zeigefinger die Luft.

»Na, Suse oder Herbert, wer von euch weiß es richtig?«

»Das ist der Sternenhimmel«, riefen die Zwillinge wie aus einem Munde.

»Richtig! Es wäre ja auch eine Schmach, wenn Professor Winters Zwillinge das Handwerkszeug ihres Vaters nicht kennen würden. Habt ihr beim Vater schon solche Himmelskarten gesehen?«

»Ach, wie viele!« rief Herbert. Und Suse setzte wichtig hinzu: »Unser Vater zeichnet doch selber welche.«

»Schön. Da werdet ihr am Ende schon ganz gut da oben Bescheid wissen. Die andern Kinder in der Klasse und ich, wir wollen aber auch was vom Sternenreich kennenlernen. Darum nehmen wir uns jetzt ein Luftschiff, und hast du nicht gesehen, geht's durch die Lüfte. So – angelangt! Aussteigen, meine Herrschaften! Nun sind wir mitten im Sternenland. Da gibt's Sterne, die fest angewachsen sind, die nennt man Fixsterne. Wer weiß, welches der bekannteste Fixstern ist, um den sich alle anderen Sterne bewegen?«

»Der Abendstern.« – »Der große Bär«, rief es hier und dort, während die meisten Kinder ziemlich dumme Gesichter machten.

»Falsch! – Ei, Suse und Herbert Winter, wißt ihr es auch nicht?« Suse sah fragend auf den Bruder. Wenn der es nicht wußte, dann brauchte sie es auch nicht zu wissen. Er war ja zwei Stunden älter. Herbert dachte eifrig nach, so daß er ganz rot wurde vor Anstrengung, und sagte schließlich: »Die Sonne.«

»Hahaha – hahahaha! –« Tumultartiges Lachen folgte. Diesmal war es Herbert, der von der Klasse ausgelacht wurde. Suse blickte beschämt drein, als ob es ihr selbst gelte. Es war doch ihr Zwilling, den man auslachte.

»Hahaha! – Die Sonne – das ist doch überhaupt kein Stern, die scheint doch am Tage. Ist der Herbert aber dumm!« rief ein vorlauter kleiner Bursche.

»Seid ihr jetzt fertig mit lachen?« fragte der Lehrer. »Dann will ich euch erzählen, daß ihr euch alle selbst ausgelacht habt. Was der Herbert gesagt hat, war gar nicht dumm, sondern ganz richtig. Die Sonne ist der bekannteste Fixstern, obgleich sie am Tage scheint. Die andern Sterne scheinen auch am Tage – ja, ja, wenn ihr auch so ungläubige Gesichter macht, Kinder. Das ist kein Scherz von mir. Es ist wirklich so. Wir können die Sterne nur nicht sehen, weil das Licht der Sonne viel heller strahlt als das Licht der Sterne. Na, was willst du noch fragen, Max?« Ein tintenbeschmierter Zeigefinger hatte sich zweifelnd erhoben. Bei Herrn Tiedemann durfte man stets Fragen stellen. Der wurde nie überdrüssig, sie zu beantworten.

»Dann müßte die Sonne doch auch in der Nacht heller sein als die Sterne, so daß man die Sterne auch nachts nicht sehen könnte«, gab Max zu bedenken.

Schon wieder machte die Klasse Miene, in Lachen auszubrechen.

Aber der Lehrer bändigte zum Glück noch den Sturm. »Ilse Kunze, warum lachst du?«

»Weil die Sonne doch nachts überhaupt nicht zu sehen ist.«

»Warum ist sie nicht zu sehen?«

»Weil sie abends untergeht«, rief die Klasse wie aus einem Munde.

»Was bedeutet das, wenn wir sagen, die Sonne geht unter? Ist sie wirklich nicht mehr am Himmel?« fragte der Lehrer.

Da gingen die Meinungen wieder sehr auseinander.

»Die Sonne liegt nachts im Meer drin – ich hab's ganz deutlich gesehen, wie wir letzten Sommer in Horst waren«, rief der Klaus.

»Ist ja gar nicht wahr, ganz hinten im Wald ist sie untergegangen; der Wald sah aus, als ob er brannte«, ließ sich eine andere hören.

»Nun, Steffie, was hast du noch dazu zu sagen?«

»Hinter den Bergen ist die Sonne nachts. Im Riesengebirge konnte man das ganz deutlich sehen«, sagte das kleine Mädchen eifrig.

»Und ich war neulich mit meinem Vater in Mecklenburg, und da ist die Abendsonne in den Wiesen untergegangen«, meldete sich wieder einer.

»Ja, das ist doch eine höchst merkwürdige Geschichte, Kinder«, meinte der Lehrer lächelnd. »Der eine sagt, die Sonne sei nachts im Meer, der andere, hinter den Bergen. Die Lisbeth hat sie im Walde untergehen sehen und der Fritz in den Wiesen. Wie mag das wohl nun zusammenhängen?«

»Die Sonne geht überall unter«, sagte die Klassenerste.

»Du meinst das Richtige, Anneliese, wenn du es auch noch nicht ausdrücken kannst. Die Sonne geht nicht überall unter, sondern wir sehen sie nach unserem jeweiligen Standpunkt verschieden, bald im Meer, bald hinter den Bergen oder auch in Wald und Wiesen untergehen. Nun, was haben die Winterschen Zwillinge noch dazu zu äußern?«

Herbert und Suse renkten sich schon seit geraumer Zeit die Arme aus. Aber der Lehrer hatte mit Willen erst die Ansicht der anderen Kinder eingeholt. Da der Vater der Zwillinge Professor der Sternenkunde war, mußten die zwei ja besser Bescheid wissen als die anderen.

Wie aus einem Munde riefen sie jetzt: »Die Sonne geht überhaupt nicht unter, die steht immer am Himmel fest. Wir nennen das bloß so, weil wir sie nicht mehr sehen«, setzte Suse noch erklärend hinzu.

»Schön. Wenn ihr so schlau seid, müßt ihr uns aber noch verraten, warum wir die Sonne des Nachts nicht sehen können, wenn sie am Himmel feststeht«, verlangte Dr. Tiedemann.

Das war eine schwierige Frage. So weit gingen Suses Kenntnisse nicht. Sie erinnerte sich wohl, daß der Vater ihnen das mal erklärt hatte, aber Traumsuschen hatte wohl nicht genügend aufgepaßt.

Ob Herbert besser Bescheid wußte? Ja, Herbert meldete sich. »Weil die Erde sich dreht und der Sonne des Nachts die andere Hälfte zuwendet, auf der wir nicht sind.«

»Wie heißt denn die Erdhälfte, die des Nachts von der Sonne beschienen wird, Herbert?«

»Amerika!« Das riefen die Zwillinge wieder zusammen.

»Stimmt. Also nun wissen wir's. Die Sonne steht fest, ist also ein Fixstern. Die Erde dreht sich, daher haben wir Tag und Nacht. Wenn es bei uns Tag ist, haben die Menschen in Amerika Nacht, weil die Sonne dann unserer Erdhälfte ihr Licht zukommen läßt. Habt ihr das alle begriffen?«

»Ja – natürlich – bloß –«

»Na, was gibt's da noch für ein bloß?«

»Ist's denn in Amerika auch dunkel, wenn es dort Nacht ist?« fragte einer, der noch nicht ganz klug daraus geworden war.

»Wer will dem Hans das erklären?«

»Ich.«

»Nein, ich.«

»Also schön, unsere Erste, die Anneliese.«

»Bei Nacht ist es immer dunkel, weil die Sonne dann die andere Seite der Erde bescheint, wo es Tag ist.«

»So ist's. Nun will ich euch noch zum Schluß verraten, daß unsere Erde kein Fixstern ist, sondern ein Planet, auch Wandelstern genannt. Und jetzt seid ihr für heute klug genug, Kinder. Das nächste Mal haben wir wieder Himmelskunde. Da gehen wir dann auf Fixsterne, die man in Sternbilder einteilt, und auf Planeten näher ein. Ich bin sicher, ihr kennt schon eine ganze Menge davon. Nicht nur der Herbert und die Suse Winter. Na, Herbert, hast du immer noch etwas auf dem Herzen? Schnell, schnell – unser Luftschiff geht gleich wieder ab. Wir müssen zurück auf die Erde.«

»Unser Vater hat gesagt, es gibt ein Sternenbild bei den Fixsternen, das gehört mir und der Suse. Es heißt nach uns«, teilte Herbert wichtig mit.

»Der Tausend«, lachte der Lehrer, während die Klasse halb bewundernd, halb neidisch lauschte. »Davon ist mir ja gar nichts bekannt.«

»Die Zwillinge – das sind zwei Sterne, die immer beieinander stehen. Die gehören uns beiden und heißen nach uns«, gab Herbert Auskunft.

»Na, mein Junge, ich glaube, daß die Zwillinge am Himmel doch etwas älter sind als ihr beide hier unten. Die haben schon vor Tausenden von Jahren am Himmel gestanden, als ihr noch nicht auf der Welt wart. Aber wenn das euer Namensstern ist, dann will ich wünschen, daß es ein Glücksstern für euch bedeutet.«

Klinglingling – war das die Glocke des Luftschiffes, die zur Abfahrt läutete? Nein, es war ja bloß die Schulglocke, die den Schluß der Stunde anzeigte. Was war die Himmelskunde heute für eine hübsche Unterrichtsstunde gewesen. Die ganze Klasse freute sich schon auf die nächste Geographiestunde bei dem netten Herrn Dr. Tiedemann, wo sie wieder ins Sternenreich reisen würden.

2. Kapitel. Eine große Neuigkeit

Aus der Grundschule draußen in Treptow strömten die Schüler und Schülerinnen. Den Schulranzen auf dem Rücken, die Mütze schief auf dem Kopf, so drängten sie sich durch das breite Tor hinaus in den Frühlingssonnenschein. Eigentlich war es noch gar nicht richtiger Frühling. Man schrieb erst den dritten März. Aber die Sonne schien heute so lustig und warm, daß die Buben bereits Pläne machten, am Nachmittag auf der großen Sportwiese zum erstenmal wieder Drachen steigen zu lassen.

»Ach, lieber Murmeln spielen im Park, Herbert, da können wir Mädel auch dabei sein«, bat Suse leise den Bruder.

»Ihr könnt auch ruhig mit Drachen steigen lassen«, sagte Herbert großmütig. »Ich bringe meine Schwester mit.«

»Ich auch.« – »Ich auch«, rief es hier und dort.

»Nee, ach nee, das ist gar nicht schön, wenn die Mädchen wieder dabei sind. Die sind ja aus Marzipan und heulen, wenn man bloß mal ein bißchen doller mit ihnen boxt.«

»Der Herbert Winter muß immer seine Schwester dabei haben. Als ob wir Männer nicht auch mal unter uns sein können!« rief ein Knirps, sich in die Brust werfend.

»Schön, dann gehen wir eben Murmeln spielen, Suse«, bestimmte Herbert.

»Wenn es dir aber mehr Freude macht, Drachen steigen zu lassen?« wandte Suse als gute Schwester ein.

»Ohne dich macht's mir keine Freude.« So war das schon immer bei den Winterschen Zwillingen gewesen. Einer ohne den andern war undenkbar.

»Wir spielen auch lieber Murmeln im Park.« – »Wir auch.« – »Also um vier heute nachmittag!« Herbert und Suse Winter erfreuten sich besonderer Beliebtheit. Der Knirps und sein Freund blieben schließlich allein zum Drachensteigen zurück. Aber auch die Winterschen Zwillinge sollten heute trotz des schönen Sonnenscheins nicht zum Spielen im Park kommen.

Die Geschwister hatten den gleichen Heimweg von der Schule wie ihre Freunde Klaus und Steffie. Jetzt gingen sie nicht zu vieren untergeärmelt, sondern rannten durch die Wege des Treptower Parkes. War das stundenlange Stillsitzen in der Schule oder der erste Vorfrühlingstag mit seinem lustigen, von der nahen Spree herüberjagenden Wind daran schuld, sie jagten sich mit dem Winde um die Wette. Wie Vögel, die dem Käfig entronnen, flogen sie hinaus in das Sonnenlicht.

An der Treptower Sternwarte trennten sich die vier Freunde. Hier pflegten die Winterschen Kinder jeden Mittag auf den Vater zu warten, der dort als Professor der Sternkunde tätig war. Darum glaubte Steffie, der Name Sternwarte käme daher, weil Herbert und Suse stets dort ihren Vater erwarteten.

Heute warteten die beiden umsonst. Der Vater kam nicht zum Vorschein. Sooft sich auch die große Tür zur Sternwarte auftat, wenn auch die Kinder jedesmal einen Anlauf nahmen, ihm entgegenzustürzen. Es war immer ein anderer. Fünfmal hatten sie bereits das beliebte Spiel »Himmelhops« gespielt, und noch immer erschien er nicht. Wo blieb der Vater denn heute nur?

Ein befreundeter Kollege des Vaters kam vorbei und nickte den Kindern freundlich zu.

»Geht nur heim, Kinderchen. Euer Vater ist heute schon lange zu Hause. Es gibt eine Überraschung.« Damit schritt Dr. Schwarz vorüber. Herbert sah Suse an, und die Suse den Herbert. Eine Überraschung – was konnte das bloß sein? Überraschungen gab es doch nur zu Geburtstagen oder zu Weihnachten.

»Ich weiß, Herbert,« sagte Suse pfiffig, »unsere kleine Omama ist zu Besuch gekommen.« Denn das war jedesmal eine freudige Überraschung für die Kinder, wenn sie den weiten Weg nach Treptow herauskam.

»Glaub' ich nicht«, entschied Herbert. »Deshalb geht der Vater nicht früher aus der Sternwarte fort. Dann muß es schon die große Omama aus Freiburg sein.« Die Kinder nannten die Großmütter väterlicher- und mütterlicherseits zum Unterschiede die kleine und die große Omama.

Jedenfalls ging es jetzt im Trab heim. Denn sie waren beide sehr neugierig, was das wohl mit der Überraschung für eine Bewandtnis habe. Die Schulmappe auf ihrem Rücken hopste bei jedem Schritt mit.

Ganz frühlingsmäßig war es heute im Park. Kinderwagen mit munter krähenden Kleinen, Spaziergänger, Kreisel peitschende Kinder. Ja, selbst der Luftballon-Mann, der sich den ganzen Winter nicht hatte sehen lassen, stand mit seinen bunten Ballons wieder da. Plötzlich brach Suse in einen Jubelruf aus: »Veilchen – ach, sieh bloß mal, Herbert. Die ersten Veilchen! Die nehme ich Mutti mit.« Wirklich, da lugte es blau am Wegrande, wo die Sonne besonders warm hinschien, hervor. Suse pflückte die ersten Frühlingsboten zu einem winzigen Sträußchen.

Auch das Haus, in dem sie wohnten, sah heute ganz frühlingsmäßig drein. Der blanke Wetterhahn auf dem Dach funkelte nur so in der Sonne. Die rote Zipfelmütze von dem Steinzwerg, der im Winter irgendwo im Keller geschlafen, leuchtete heute den Kindern wieder aus dem Vordergärtchen entgegen. Am Dachfirst piepsten die Sperlinge, und im Hintergarten gackerten die Hühner. Und da war ja auch wieder der Papagei der Frau Lehmann auf dem Balkon. All ihre guten Freunde hatte der warme Sonnenschein herausgelockt.

Die Treppe hinaufgestürmt. Herbert nahm sogar immer zwei Stufen auf einmal, damit es schneller ging. Sturm geläutet an der Eingangstür. Die Überraschung winkte ja – was war das bloß für eine Überraschung?

Lautes Hundegekläff kam als Echo. Man hörte vier Beine den Gang entlangrasen – das war Bubi, Herberts Hündchen. Der erwartete seine kleinen Freunde jeden Mittag mit Sehnsucht.

»Tag, Lene. Ist die Omama gekommen?« begrüßte Suse das öffnende Mädchen.

Das schüttelte den Kopf. »Nee, Besuch is keiner nich da, aber 'ne jroße Neuigkeit jibt's.« Lene machte ein geheimnisvolles Gesicht.

»Eine Neuigkeit? Ich denke eine Überraschung.« Herbert ließ den vierfüßigen Bubi, dessen glattes, schwarzes Fell er väterlich geklopft hatte, laufen und stürmte weiter ins Wohnzimmer. Suse und Bubi hinterdrein.

»Tag, Mutti – Tag, Vati. Was ist denn los?« riefen sie schon in der Tür.

Vater saß am Schreibtisch und schrieb. Mutti hatte gerötete Augen. Ihre lustige Mutti traurig – nein, das konnte keine schöne Neuigkeit sein, wenn die Mutti deswegen geweint hatte. Die noch eben so lebhaften Kinder sahen betreten drein. Bubi sprang mit fragendem Bellen von einem zum anderen. Selbst der Hund merkte, daß da irgend etwas nicht in Ordnung war.

»Ruhig, Bubi – kusch dich!« befahl sein kleiner Herr. Dann machte er dem drückenden Schweigen beherzt ein Ende. Während Suse sich an Vaters Arm schmiegte, trat er zur Mutter.

»Warum hast du geweint, Muttichen? Und was ist das für eine Neuigkeit?«

»Nee, eine Überraschung«, rief Suse dazwischen.

»Also ihr wißt es schon?« fragte der Vater, das Töchterchen auf das Knie ziehend.

»Wir wissen noch gar nichts. Aber Herr Dr. Schwarz sagte, weil du nicht mehr in der Sternwarte warst, es gäbe eine Überraschung.«

»Unser Vater hat eine Aufforderung bekommen, an einer anderen Sternwarte in Italien zu arbeiten«, erklärte die Mutter mit zuckender Lippe.

»Au fein!« Mit einem Satz war die Suse vom Knie des Vaters. »Famos!« schrie auch Herbert. »Da können wir uns Apfelsinen von den Bäumen pflücken, und Palmen gibt es da nicht nur in Blumentöpfen –, und da ist es auch im Winter schön warm.« – Die Kinder hatten sich bei den Händen gefaßt und vollführten einen wilden Freudentanz, zu dem Bubi mit lautem Gebell die Musik machte.

Vater und Mutter sahen sich an. Selbst die Mutter mußte wieder lächeln. »Glückliche Kinder!« sagte sie leise.

»Nun hört mal mit dem Radau auf, ihr Gören«, dämpfte der Vater den lauten Freudenausbruch. »Vorläufig reise ich erst mal für ein Jahr allein nach Italien. Sollte meine Tätigkeit dort länger notwendig sein, so lasse ich Mutti und euch nachkommen.«

»Nimm uns doch lieber gleich mit, Vatichen«, schmeichelte Suse, wieder auf ihrem gewohnten Sitz, Vaters Knie, Platz nehmend. »Dann bist du da in dem großen Italien nicht so allein.« Eigentlich aber waren es die Apfelsinen, die sie dort lockten.

»Warum können wir nicht alle gleich mit?« erkundigte sich auch Herbert angelegentlich.

»Weil ich erst mal meine Tätigkeit und das Leben in Neapel kennen lernen muß. Ich weiß nicht, wie die Schulen dort sind, ob wir gleich Wohnung bekommen, und manches andere noch. Wenn ich nur ein Jahr dort bleibe, lohnt es nicht, euch alle erst dorthin zu verpflanzen.«

»Schade!« sagte Suse mit tiefem Seufzer.

»Wird dir denn die Trennung so schwer, mein Mädichen?« Manchmal nannten die Eltern ihre Zwillinge noch wie früher mit den Kleinkinder-Kosenamen »Bubi« und »Mädi«. Herbert liebte das nicht. Er fühlte sich dadurch in seiner neunjährigen Mannesehre beeinträchtigt. Aber Suse ließ sich gern ein bißchen verzärteln.

»Natürlich wird mir die Trennung schwer, doll schwer. Und dann ist es schade, daß wir nicht nach Italien verpflanzt werden, weil da doch alles so schnell wächst. Das haben wir in Naturgeschichte gehabt. Meine Freundin Steffie ist schon einen ganzen halben Kopf größer als ich.«

Die Eltern mußten schon wieder lachen. Es war doch merkwürdig, sobald die Kinder heimkamen, hielten trübselige Stimmung oder gar Sorgen vor dem Sonnenschein, den sie verbreiteten, nicht stand.

»Ganzer halber Kopf ist Quatsch«, belehrte inzwischen der gründliche Herbert die Schwester. »Entweder ist es ein ganzer Kopf oder ein halber. Und wachsen tust du noch lange nicht in Italien. Das gilt nur von Pflanzen und Bäumen.« Man merkte doch gleich, daß der Herbert zwei Stunden älter war als die Suse.

»Wann reist du, Vatichen?« erkundigte sich diese inzwischen.

»Zum ersten April soll ich schon mein neues Amt antreten. Es sind also nicht mehr als vier Wochen bis dahin. Und da gibt es noch kolossal viel zu erledigen. Eine andere Wohnung für euch, der Umzug, eure Umschulung – springe jetzt wieder ein bißchen herum, Suschen. Es sind wichtige Briefe, die ich zu schreiben habe.«

Aber Suse dachte gar nicht daran, Vaters Knie zu verlassen. Die Neuigkeiten waren viel zu interessant.

»In eine andere Schule kommen wir, Vater?«

»Warum können wir nicht in unserer Wohnung bleiben?« Herbert fand sich ebenfalls beim Vater ein. Beide Kinder hatten heiße Backen.

»Mein Nachfolger im Amt bezieht diese Wohnung. Wir haben aber schon eine andere in Aussicht am anderen Ende von Berlin, in Westend. Da hättet ihr ebenfalls gute Luft und seid nicht allzu weit von der Omama«, erklärte der Vater.

»Und unser Radio, Vater, was wird aus dem?« Der lag dem Herbert am meisten am Herzen. Aber nicht etwa der große Röhrenapparat des Vaters, nein, sein kleiner Detektorapparat, den er sich selbst an Galeriegitter und Kinderstubenbeleuchtung angelegt hatte.

»Den nehmen wir mit in die neue Wohnung.«

»Hurra – wir ziehen um! Hurra – wir kommen in eine andere Schule!« Wieder gab es einen wilden Freudentumult, bei dem der arme Bubi leider einen Fußtritt abbekam, so daß er sich winselnd unter einem Stuhl verkroch.

»Kinder, mir brummt mein Kopf. Seid bloß nicht so wüst. Frau Lehmann unter uns beschwert sich sonst wieder«, beschwichtigte die Mutter. »Ich bin traurig, sehr traurig, daß unser Vater auf so lange Zeit von uns fortgeht, daß wir unsere hübsche Wohnung, in der einem jedes Eckchen lieb und vertraut ist, hergeben müssen.« Tränen ließen sie nicht weiter sprechen.

»Mutti –, liebes Muttichen!« Da waren die Zwillinge bei der Mutter und umfingen sie liebevoll. »Nicht traurig sein. Ein Jahr ist ja gar nicht lang. Dann holt uns der Vater auch nach Italien«, tröstete Herbert. Man hätte dem lebhaften, wilden Jungen gar nicht diese Zärtlichkeit zugetraut.

»Ein Jahr ist sehr lang«, sagte die Mutter leise vor sich hin.

»Und ein Umzug ist famos, da gibt's so viel zu sehen. Und in der neuen Wohnung ist sicher keine Frau Lehmann, die immer raufschickt, wenn wir mal Krach machen. Ach, wird mich die Steffie beneiden«, rief Suse begeistert.

»Eine andere Schule ist noch viel famoser! Was wird der Klaus bloß dazu sagen!« überschrie sie Herbert.

»Und an die Trennung von euren Freunden und von der Schule denkt ihr gar nicht?« fragte die Mutter. »Wird es euch denn nicht schwer, von ihnen fortzugehen?«

»Die Steffie und der Klaus können uns ja besuchen, jede Woche«, meinte Suse nun doch ein wenig nachdenklich.

»Und in der Schule wird es mir bloß schwer, von Herrn Dr. Tiedemann fortzugehen, weil der der allernetteste ist und uns jetzt Himmelskunde in Geographie gibt. Vater, die Suse und ich, wir haben heute am allermeisten von den Sternen gewußt. Wir haben dir keine Schande gemacht«, berichtete Herbert eifrig.

»Der Tausend!« Professor Winter ließ seine wichtigen Briefe liegen und wandte sich den Kindern wieder zu. »Was habt ihr denn von der Sternenlehre durchgenommen?« Sein Interesse war geweckt.

»Ach, man bloß, warum es nachts dunkel ist und am Tage hell«, meinte das Töchterchen so nebenbei. Suses Interesse galt jetzt anderen Dingen – dem bevorstehenden Umzug.

»Und daß die Sonne ein Fixstern ist, und die Erde ein Wandelstern oder Planet!« Der Herbert war ganz bei der Sache. »Und nächstes Mal lernen wir die Fixsterne und Planeten näher kennen. Aber daß die Zwillinge, die beiden Sterne oben am Himmel, nach Suse und mir heißen, hat Dr. Tiedemann nicht geglaubt.«

»Kann ich dem Herrn Doktor auch nicht verdenken, Herbert«, lachte der Vater. »Die Hauptsternbilder unter den Fixsternen habe ich euch doch schon gezeigt, Kinder. Aus dem Tierkreis – wißt ihr nicht mehr?«

»Doch – doch, ich weiß noch! Widder, Stier, Zwillinge –«

»Zwillinge sind doch keine Tiere«, lachte Suse den Bruder aus.

»Herbert hat recht – die Zwillinge gehören auch dazu, es sind nicht nur Tiernamen. So, Herbert, das waren die Fixsterne, die im Frühling gut sichtbar sind. Nun kommen die, welche im Sommer besonders hell leuchten. Na, Suschen, hast du alles vergessen? Weißt du gar nichts mehr?«

»Doch – der große Bär.« Die Suse wollte nicht dümmer sein als ihr Zwilling.

»Nein, Suschen, der gehört nicht dazu. Wenn es auch ein Tiername ist. Also, dann sage du es uns, Herbert.«

»Steinbock, Wassermann, Fische –, Vater, Krebs und Löwe gehören doch auch dazu, nicht wahr?«

»Freilich, aber du bringst alles durcheinander, Junge. »Krebs, Löwe und Jungfrau sind die Zeichen des Sommers. Im Herbst sieht man Wage, Skorpion und –«

»Schütze« – schrie Herbert dazwischen.

»Stimmt. Und nun kommt der Winter.«

»Im Winter sieht man Steinbock, Wassermann und Fische am deutlichsten. Weißt du's jetzt, Suse?« Herbert fühlte sich für die Kenntnisse seiner Zwillingsschwester mit verantwortlich.

»Ja, jetzt weiß ich's. Aber morgen habe ich es wieder vergessen,« sagte Suse ehrlich.

»Weil du unser Traumsuschen bist«, scherzte der Vater. »Meine Kinder müssen doch die Fixsterne kennen, wenn ich an dem großen Werk ›Geschichte des Fixsternhimmels‹ seit Jahren mitarbeite, und deshalb sogar die ehrenvolle Aufforderung an die Sternwarte in Neapel erhalten habe.«

»Du wirst nicht hinkommen, Paul, wenn du die wichtigen Briefe nach Italien nicht schreibst«, mahnte seine Frau. »Kommt, Kinder, wir wollen den Vater jetzt allein lassen.«

Draußen fiel Suse der Mutter um den Hals. »Ach, Muttichen, sei bloß nicht mehr traurig, weil wir uns doch so freuen. Ich helfe dir auch doll beim Packen.«

»Ich sorge für dich, Mutti, wenn der Vater fort ist«, versprach Herbert. »Gut, daß ich nicht auch ein Mädel bin, daß doch wenigstens ein Mann im Hause ist.«

Da konnte die Mutter nicht länger ernst bleiben. Sie lachte so herzlich wie sonst. »Ihr seid meine guten Kinder – wenn ich euch nicht hätte!«

Beim Mittagessen stand der Mund der Kinder nicht still. »Vati, nimmst du dein großes Fernrohr mit nach Italien?«

»Wird die Lene auch mit umgezogen? Und darf ich auf dem Bock vom Möbelwagen sitzen?« So ging das ohne Ende.

»Kinder, jetzt wird der Mund nur noch zum Essen aufgemacht. Nun wird nichts mehr gefragt«, gebot die Mutter Einhalt. Nach dem Essen machte sich Frau Professor tatkräftig daran, die ganze Wirtschaft einer eingehenden Musterung für den bevorstehenden Umzug zu unterziehen.

Auch in der Kinderstube wurde Musterung abgehalten. In ihrem Puppenwinkel saß Suse zwischen den sie mit erstaunten Glasaugen anschauenden Puppenkindern. »Ja, wundert euch nur, Kinder, wir ziehen um. Den Puppenkoffer packe ich mit Elschens Sachen, und das Reisekörbchen kann die Lilli haben. Wo aber tue ich Lottis Sachen hin?« überlegte sie. »Was meinst du, Herbert, ob es Puppenmöbelwagen gibt?«

»Glaub' ich nicht«, meinte Herbert, der dem vierfüßigen Bubi, der nach ihm, dem zweifüßigen Bubi, seinen Namen erhalten hatte, gerade um seine Meinung befragte, was er wohl zu der großen Neuigkeit sagte. Bubi wedelte mit dem Schwänzchen und ließ ein kurzes Bellen hören. »Er freut sich«, übersetzte sein kleiner Herr dasselbe.

»Und meine Kinder freuen sich auch. Sieh bloß mal, wie die Lotti lacht«, rief Suse.

»Weil sie die Schramme vom Mund bis zum Ohr hat«, entschied Herbert. Der Bruder blickte ziemlich von oben herab auf Suses Puppenwinkel. Er fand, daß man mit neun Jahren entschieden schon zu alt sei, um mit den »dummen, leblosen Dingern« zu spielen. So respektlos pflegte er Suses Puppen zu bezeichnen. Das war aber auch das einzige, worin die Zwillinge nicht eins waren. Suse ließ sich durch Herberts abfällige Kritik nicht in ihren Pflichten als gutes Puppenmütterchen stören. Besonders die Schwarzwald-Lotti, welche die Großmama aus Freiburg ihr einst geschenkt hatte, war ihr Liebling. Jetzt sah das kleine Mädchen Wäsche, Kleider und Strümpfe ihrer Kinder durch, die mit rosa Bändern versehen in der Puppenkommode lagen. Denn wenn man umzieht, muß alles in bester Ordnung sein.

»Kind, Elschen, was bist du für ein Reißteufel«, seufzte sie. »Es wird wirklich bald Zeit, daß du dir deine Strümpfe selbst stopfst.« Elschen schlug beschämt die Klappaugen nieder. Aber noch einer stand beschämt und blickte, das Schwänzchen zur Erde gesenkt, auf den zerlöcherten Puppenstrumpf. Das war Bubi, dessen scharfe Zähne noch deutlich an dem feinen, hellblauen Gewebe sichtbar waren. Elschen war zu edeldenkend, um den vierfüßigen Freund zu verklatschen.

Im allgemeinen waren die Sachen in schönster Ordnung. Denn Suse, die früher, als sie noch die kleine Mädi gewesen, ihre Puppenkinder in recht verwahrlostem Zustand hatte aufwachsen lassen, war inzwischen eine sorgsame, liebevolle Puppenmutter geworden. Die Kinder wurden regelmäßig gewaschen, gekämmt und angezogen. Suse kochte für sie in der großen Puppenküche ihre Leibgerichte: Schokoladensuppe, Rosinenbraten und Mandelspeise. Sie führte sie in dem schönen, weißen Puppenwagen im Park spazieren. Und sie sorgte als gute Puppenmutter dafür, daß die Kinder zeitig ins Bett kamen, denn das war gesund. Die Puppen waren jetzt sehr zufrieden mit ihrer kleinen Mutter.

Einen ganzen Berg Puppenwäsche hatte sie in einem niedlichen Wäschekorb aufgeschichtet. »Da gibt es noch viel Arbeit, Kinder. Das muß alles noch gewaschen und gebügelt werden.«

»Suse, laß doch die langweiligen Puppen. Komm doch mal her und hilf mir lieber. Ich mache alles schon zum Umzug zurecht.«

»Ich auch«, sagte Suse nicht weniger wichtig. Ließ aber als gute Schwester ihr Puppenzeug im Stich, um Herbert zu helfen.

Ja, was hatte denn der Junge inzwischen alles angestellt? Die Bücherschwinge über seinem Arbeitspult, in der die Märchen- und Geschichtenbücher der Kinder ihren Platz hatten, war bereits geleert. Die Bücher lagen teils auf dem Fußboden verstreut, teils waren sie mit Bindfaden, den Herbert für alle Fälle immer in der Hosentasche hatte, bereits zu Paketen zusammengeschnürt. Auch sämtliche Spiele, die Anker-Baukästen, die Eisenbahn nebst Schienen und Signalstangen, waren aus den Kästen herausgerissen und türmten sich auf der Erde.

»So weit bin ich schon«, frohlockte Herbert. »Die Schulbücher müssen wir noch zurücklassen, denn die brauchen wir noch«, überlegte er. »So, jetzt hilf mir meinen Laubfrosch verpacken. Die Maikäferschachtel vom vorigen Jahr hat Löcher. Da kriegt er Luft und kann nicht ersticken.«

Jetzt zeigte sich Suse, obgleich sie zwei Stunden jünger war, als die verständigere. »Willst du den armen Frosch beinahe vier Wochen lang in dem alten Kasten lassen? Dann stirbt er sicherlich, Herbert. Oder er wird gemütskrank, wie der Papagei von Frau Lehmann unten, der spricht jetzt gar nicht mehr.«

»Frösche können nicht sprechen, also können sie auch nicht gemütskrank werden«, behauptete Herbert. »Aber ich kann ja erst unsere Schmetterlingssammlung verpacken und unser Mätzchen.«

»Wo kommt denn Mätzchen hin?« Suse sah mit etwas mißtrauischen Blicken von dem Kanarienvögelchen, das, Unheil ahnend, im Bauer umherflatterte, auf den geschäftigen Bruder.

»Vielleicht in deinen Puppenwagen, Suse. Da liegt er weich und warm.«

»Nee, ach nee, da haben meine Puppen Angst, wenn er da drin rumflattert. Und überhaupt, da kann er doch wegfliegen«, gab die Schwester zu bedenken.

»Im Möbelwagen? Der ist doch geschlossen«, lachte Herbert sie aus.

»Aber wenn er aufgemacht wird. Laß ihn doch lieber in seinem Bauer.«

Aber Herbert schüttelte den Kopf. »Dann weiß Mätzchen ja überhaupt nicht, daß er umzieht. Aber halt – ich hab's. Ich schlinge ihm eine Leine ans Bein und binde ihn damit am Kutscherbock vom Möbelwagen fest. Da hat er schöne frische Luft und kann gleich ziehen helfen.«

»Das kleine Vögelchen den großen, schweren Möbelwagen? Das tut ihm weh, Herbert.« Suse liebte Blumen und Vögel besonders.

»Na, dann können wir ihn ja auch vor deinen Puppenwagen spannen. Der ist nicht so schwer.« Mit dieser Lösung war auch Suse einverstanden.

»Und wo kommt Bubi hin?« erkundigte sie sich.

»Der hat sich bereits seinen Platz gesucht, sieh mal«, lachte Herbert und wies auf das Hündchen, das es sich in Suses Puppenwaschkorb bequem gemacht hatte.

»Meine schöne Puppenwäsche – willst du wohl raus, Bubi!« Eine wilde Jagd tobte durch die Kinderstube.

»Kinderchen, ihr sitzt ja bei dem schönen Wetter im Zimmer. Vielleicht geht der Vat...« Das Wort blieb der zur Tür hereinschauenden Mutter in der Kehle stecken, als sie die entsetzliche Unordnung und die den Hund dazwischen herumjagenden Kinder erblickte. »Ja, was soll denn das heißen, Kinder, dieses wüste Durcheinander? Schämt ihr euch denn gar nicht, so unartig zu sein?«

»Aber, Muttichen, wir helfen dir doch. Wir haben schon den größten Teil zum Umzug gepackt«, verteidigte Herbert sich und die Schwester. »Bloß Mätzchen und der Laubfrosch fehlen noch.«

»Na, ihr seid mir ja eine nette Hilfe!« Die Mutter mußte gegen ihren Willen lächeln. »Tut mir bloß den Gefallen und wartet noch drei Wochen damit. Und wenn ihr durchaus packen wollt, dann packt die herausgerissenen Sachen wieder ordentlich in die Schubfächer zurück. Ihr wollt mir doch nicht noch mehr Arbeit machen, als ich sowieso schon habe, nicht wahr?«

Nein, das wollten sie ganz gewiß nicht. Nur fand Herbert, daß man nicht früh genug anfangen könnte, damit man auch bestimmt fertig würde.

»Habt ihr denn überhaupt schon angefangen, eure Schularbeiten zu machen?« erkundigte sich die Mutter zum Glück noch.

Himmel – wer soll denn an Schularbeiten denken, wenn der Vater nach Italien reist, und wenn man in eine neue Wohnung zieht. Nein, ob man sonst auch noch so fleißig war, das konnte kein Mensch verlangen.

Mutti verlangte es aber doch. Sie wünschte, daß ihre Zwillinge im Kinderzimmer erst wieder Ordnung machten, und daß sie sich dann an ihr Arbeitspult, das vor jedem Fenster stand, setzten.

So kam es, daß Professors Zwillinge heute trotz des warmen Frühlingssonnenscheins beim Murmelspiel im Park fehlten.

3. Kapitel. Umzug

Der große, grüne Möbelwagen stand vor der Tür. Männer in blauen Arbeitsblusen schleppten lärmend Sofa, Tische, Stühle, das große Eichenbüfett, ja, sogar den Flügel und die elektrischen Kronen die Treppe hinunter.

Der Steinzwerg im Vordergärtchen hatte heute nicht Augen genug. Er reckte den Hals, daß seine rote Zipfelmütze fast an die Rosenstöcke anstieß. Also war es doch richtig, was die Spatzen vom Dach pfiffen: Professors zogen aus.

Der Zwerg machte ein betrübtes Gesicht. Wie hatte er die Zwillinge, den drolligen Bubi und die reizende Mädi, die sich so ähnlich sahen, von klein auf in sein Herz geschlossen. Schon damals, als sie noch im weißen Kinderwagen von ihrer Kinderfrau an ihm vorbeigeschoben wurden, da hatte er schon seine Freude an den munter krähenden Kleinen gehabt. Und als sie dann mit Sandeimer und Schaufel auf den Spielplatz zogen, da waren sie gute Freunde geworden. Er hatte sie später, als aus dem Bubi der Herbert, und aus der Mädi die Suse geworden war, des Morgens in die Schule wandern sehen und ihnen des Mittags den ersten Willkommen daheim zugenickt. Und nun wollten sie ihn verlassen, seine kleinen Freunde. Es war wirklich zu traurig. Sogar ein steinernes Herz konnte dabei weich werden.

Herbert und Suse selbst empfanden nichts von diesem Trennungsweh. Für die war heute der schönste Tag in ihrem neunjährigen Leben. Noch schöner als Weihnachten.

Kisten und Körbe standen hoch aufgestapelt mitten in den Zimmern. Die Fenster waren gardinenlos, die Wände leer. Die Puppenküche hatte einen weißen Leinenbezug erhalten. Die Puppenkinder sahen nicht weniger aufgeregt in dieses Durcheinander als ihre kleine Mutter. Sie fürchteten sich vor den großen, starken Männern, die solchen Radau machten.

Vor denen hatten Herbert und Suse nun gar keine Angst. Im Gegenteil, sie waren schon gut Freund mit ihnen. Sie halfen dem Maxe, Karle und Fritze beim Aufladen. Ja, sie schleppten sogar selber kleinere, leichte Gegenstände, Fußkissen, Papierkörbe, den Geigenständer, zusammengerollte Betteppiche hinunter, natürlich auf dem Rücken, genau wie die Ziehleute. Sie waren von einer grenzenlosen Geschäftigkeit und Lebhaftigkeit und waren jedem im Wege.

»Platz da, kleine Herrschaften«, rief Karle mit feuerrotem Gesicht, der gerade eine schwere Bücherkiste zum Möbelwagen transportierte.

»Herrje, Suschen, lauf mir doch bloß nicht vor die Beine«, ranzte Lene, die heute auch etwas aufgeregt war, die Kleine an.

»Kinder, ich hätte euch doch lieber zur Omama schicken sollen. Ihr macht hier nichts als Dummheiten und haltet bloß die Leute auf«, meinte auch die Mutter, die überall zugleich war.

»Was – wo wir so schön helfen?«

»Und wo ich dir extra das schöne Wetter für den Umzug bestellt habe?« beschwerte sich Herbert, mit Recht ungehalten über die Undankbarkeit der Welt. Hatte er doch seinem Laubfrosch so lange zugesetzt, bis wirklich herrlichster Sonnenschein zum Umzugstage war.

»Suse – Suse, sieh doch bloß mal, mein altes Schaukelpferd. Na, Braunchen, lebst du auch noch?« Herbert gab seinem ehemaligen Gaul, der gerade aus der Bodenkammer vorübergetragen wurde, liebevoll einen Klaps auf die Flanken.

»Ach, und da ist ja Nauke mit der Pauke. Und hier guckt Schnuteken mit seinen rosa Karnickelohren aus der Spielzeugkiste. Wo mag bloß Fifi, unser alter Filzdackel sein?« Suse begann mitten auf der Straße, wo die Männer die Sachen aus der Rumpelkammer abgesetzt hatten, das ehemalige Spielzeug zu untersuchen.

»Suse, wirst du wohl alles stehen lassen. Überhaupt, es ist zu kalt auf der Straße. Kommt mal gleich wieder herauf«, rief die Mutter vom Balkon herunter, von wo sie das Einladen beobachtete.

»In der Sonne ist es ganz heiß.« Nur schwer trennten sich die Kinder von ihrem ehemaligen Spielzeug. Erst als Braunchen, Nauke mit der Pauke und Schnuteken in dem großen, bunten Möbelwagen, der beinahe wie ein kleines Haus war, verschwunden waren, verschwanden auch sie nach oben.

Auf der Treppe gab es eine Aufregung. Vaters großes Fernrohr, das draußen auf der Galerie seinen Platz hatte, wurde gerade hinuntergetragen. Der Herr Professor war selbst dabei, damit nur nichts verbogen und verdorben wurde.

»Wir können ja aufpassen, Vati, daß sie das Fernrohr nicht hinschmeißen«, erbot sich Herbert.

»Und daß die fremden Männer nicht etwa durchgucken«, setzte Suse eifrig hinzu. Denn das war den Kindern ohne Beisein des Vaters streng verboten.

Aber Herr Professor Winter hielt es doch für sicherer, selber den Transport des ihm von allen Gegenständen am meisten am Herzen liegenden Fernrohrs zu bewachen. Auch der Rundfunkapparat wurde von ihm eigenhändig transportiert. Herbert machte es mit seinem kleinen natürlich ebenso.

Die Zimmer leerten sich. In der Kinderstube war nur noch die weiße Puppenkommode übriggeblieben. Sie fühlte sich recht unbehaglich in dieser Öde und Einsamkeit. Zum Glück kam der schwarze Bubi und umkreiste sie mit wildem Gebell. Der Hund war heute ganz vom Bändel, genau wie die Kinder.

Die letzte Kiste war aufgeladen. Die Ziehmänner waren frühstücken gegangen. Das taten sie mehrere Male am Tage zur Verwunderung der Kinder.

Leere Wände ringsum, an den die dunkler gebliebenen Tapeten noch genau die Umrisse der früher dort gestandenen Möbel abzeichneten. Waren die Zimmer jetzt groß und geräumig! Ganz fremd sahen sie aus. Alles Behagen war mit in den großen, grünen Möbelwagen gewandert.

Professor Winter und seine Frau schritten Arm in Arm durch die leeren, kahlen Zimmer. Hier hatten sie mehr als zehn glückliche Jahre verlebt. Hier hatten die Kinder das Licht der Welt erblickt und – Frau Professor fuhr sich über die Augen. Blendete die Sonne so sehr?

»Nicht traurig sein, Fränzchen. Die neue Wohnung in Westend ist schöner als unsere alte. Zentralheizung, warmes Wasser – denke mal, wie bequem du es haben wirst«, sprach ihr der Gatte liebevoll zu.

»Ich würde auf all die Bequemlichkeiten gern verzichten, wenn ich hier in meinen lieben, alten Räumen hätte bleiben können. Oder wenn du wenigstens in der neuen Wohnung bei uns bliebest, Paul.« Gleich darauf biß sie sich auf die Lippen. Nun war es ihr doch entschlüpft. Fest hatte Frau Professor Winter es sich vorgenommen, tapfer zu sein und ihrem Manne nicht zu zeigen, wie schwer es ihr wurde, aus ihrem alten Leben in ein neues zu gehen.

»Unser Glück geht ja mit uns in das neue Heim, Fränzchen, unsere Zwillinge«, sagte der Professor, auf die Kinder weisend, die reisefertig, Matrosenmützen auf dem Kopf, soeben erschienen. Herbert hielt das Glas mit dem Laubfrosch, das er doch lieber nicht mit eingepackt hatte, in der Hand. Im anderen Arm Bubi, der aufmunternd blaffte. Suse trug behutsam das Vogelbauer mit Mätzchen. Im Arm aber hatte sie ihre Schwarzwald-Lotti, die sie als gute Mutter nicht dem dunklen Möbelwagen anvertrauen mochte. Die Kinder wirkten mit ihrem Gepäck so komisch, daß selbst die Mutter, so weh ihr auch ums Herz war, in das Lachen ihres Mannes mit einstimmen mußte.

»Warum lachst du denn, Muttichen, wenn du traurig bist?« erkundigte sich das Töchterchen. Ja, wußte das die Mutter denn selber? Das Menschenherz ist ein merkwürdiges Ding.

»Kommt, Kinder, es ist Zeit«, mahnte der Professor, der den Abschied, der seiner Frau so schwer wurde, nicht verlängern mochte. Da kam auch die Lene mit dem Besen und kehrte Stroh, Papier, Bindfadenreste, alle Überbleibsel des Umzuges, von Zimmer zu Zimmer zusammen. Denn eine ordentliche Hausfrau hinterläßt ihre Wohnung den Nachfolgern in gutem Zustande.

»So, jetzt kehre ich euch aus dem Hause, Kinder«, scherzte die Lene, die Zwillinge mit ihrem Besen vor sich herschiebend.

»Wir können doch noch gar nicht fort. Der Karle, Maxe und Fritze haben ja noch gar nicht fertig gefrühstückt«, wandte Herbert ein.

»Weshalb müßt ihr denn auf die Männer warten? Die kommen schon, wenn sie fertig sind. So, nun schließen wir hier zu und geben den Schlüssel unten beim Verwalter ab.«

Klapp – machte die Tür. Sie schlug hinter der ersten Kinderzeit von Professors Zwillingen zu. Nun kam ein neuer Abschnitt ihres Lebens.

Frau Lehmann aus dem Parterregeschoß war auf ihren Balkon hinausgetreten, um den langjährigen Hausgenossen noch ein Lebewohl zuzuwinken. Auch der Papagei hatte sich zum Abschied eingefunden.

»Lebt wohl, Kinderchen, und denkt mal an uns hier zurück«, rief sie.

»Wir werden immer an Sie denken, wenn wir Krach machen, Frau Lehmann«, versprach Herbert.

Der Papagei aber sagte gar nichts, denn er war ja gemütskrank und konnte sich nicht mal darüber freuen, daß die kleinen Lärmmacher aus dem Hause kamen.

Auch der Steinzwerg unten im Vorgärtchen sagte nichts. Aber Suse hätte nie gedacht, daß sein lustiges Gesicht so betrübt dreinschauen könnte.

Herbert war gerade im Begriff, mit Laubfrosch und dem bellenden Bubi auf das Vorderrad des großen Möbelwagens zu klettern und von dort aus den Kutschersitz zu erklimmen, als der Vater ihn plötzlich am Schlafittchen hatte.

»Junge, jetzt wird hier nicht mehr herumgeturnt.«

»Ich turne doch nicht. Ich will doch nur auf den Bock. Komm, Suse, ich helfe dir.«

»Ja, was habt ihr denn da oben zu suchen?«

»Karle, Maxe und Fritze haben erlaubt, daß wir alle beide bei ihnen auf dem Bock sitzen dürfen«, verkündete Suse strahlend.

»Aber Kinder, seid ihr denn nicht gescheit!« Die Mutter wußte nicht, ob sie lachen oder ärgerlich sein sollte. »Wir fahren natürlich mit der Stadtbahn.«

»Was – Stadtbahn? Wenn wir umziehen? Das ist gar nicht richtig. Dann muß man doch mit dem Möbelwagen fahren«, empörte sich Herbert.

»Die Herren Ziehmänner haben es doch erlaubt. Da mußt du es auch erlauben, Muttichen«, bettelte auch Suse.

»Fritze, Karle und Maxe wissen überhaupt nicht, wo unsere neue Wohnung ist. Wenn wir ihnen nicht Bescheid sagen, fahren die sicher falsch«, machte Herbert noch geltend.

»Und Klaus und Steffie kommen doch auf den Balkon, um uns mit dem Möbelwagen vorüberfahren zu sehen.«

Aber trotz dieser wichtigen Gründe blieben die Eltern unerbittlich.

»Dann macht der ganze Umzug überhaupt keinen Spaß.« Da fing der große Junge doch wirklich an zu weinen, noch dazu auf der Straße. Suse half ihm dabei getreulich, denn sie war ja sein Zwilling.

So zogen die beiden weinend von ihrem alten Hause fort und sahen nicht, daß ihr Freund, der Steinzwerg, hinter ihnen ebenfalls nasse Augen hatte.

4. Kapitel. Die neue Wohnung

Wenn man neun Jahre alt ist, trocknen Tränen schnell. Die Stadtbahnfahrt quer durch Berlin war recht lustig, beinahe so schön wie die mit dem großen Möbelwagen. Überall konnte man den Leuten in die Fenster hineingucken. Hier saßen Kinder bei den Spielsachen, dort stand eine Köchin am Herd. In dem großen Bureau beugten viele Herren fleißig die Köpfe über Arbeitspulte. Da unten im Schulhof tobten Schulkinder während der Zwischenpause. Die Gedanken der Zwillinge flogen zurück zu ihrer Schule, von der sie gestern Abschied genommen. Jetzt war Geographiestunde bei Herrn Dr. Tiedemann. Eigentlich recht schade, daß sie die Himmelskunde nicht mehr mitnehmen konnten. Und den Klaus und die Steffie würden sie auch sehr entbehren. Mit wem die wohl jetzt in der Zwischenpause gingen?

In einem großen, schönen Hause, beinahe noch mal so groß wie das alte Haus in Treptow, war die neue Wohnung. Es wohnten sehr viele Mieter darin. Wenn die sich alle beklagten, wenn sie mal Radau machten, das konnte ja nett werden. Die erste Überraschung in dem neuen Hause war, daß man mit dem Fahrstuhl zu der im dritten Stockwerk gelegenen Wohnung emporfuhr. Herrlich! Allerdings wurde die Freude der Kinder dadurch etwas gedämpft, daß es ihnen nur erlaubt wurde, in Begleitung von Erwachsenen den Fahrstuhl zu benutzen. »Ihr habt junge Beine und springt die Treppen schnell hinauf und hinunter«, sagte der Vater.

Oben aber in der neuen Wohnung gab es noch eine Überraschung. Die kleine Omama empfing sie dort mit einem herzlichen »Willkommen im neuen Heim, meine lieben Kinder!« Und Frau Annchen, die ehemalige Kinderfrau von Professors Zwillingen, die zur Großmama, ihrer früheren Herrin, wieder zurückgekehrt war, als Herbert und Suse ihrer Pflege entwachsen waren, ja, Frau Annchen war auch da. Sie hatte Körbe mit fertig gekochtem Mittagessen mitgebracht, mit Tellern und Bestecks, denn in der neuen Wohnung gab es ja noch nichts. Eins aber hatte sie vergessen: daß auch noch Tisch und Stühle in der neuen Wohnung fehlten. Frau Annchen aber wußte sich zu helfen. Auf dem Küchenherd deckte sie ein weißes Tischtuch auf und richtete darauf das schnell gewärmte Essen an. Daß man dasselbe stehend einnehmen mußte, machte den Kindern besonders viel Spaß.

Die Wohnung war hell und geräumig. Sie hatte eine Loggia nach vorn heraus und einen Hinterbalkon. Von der Loggia sah man bis zu dem großen, schönen Platz, in den die Straße mündete.

»Fein ist's hier«, entschied Herbert, von ihrem neuen Reich Umschau haltend. Man sah hohe Häuser mit vielen Balkonen und Loggien, viele Dächer und Schornsteine und darüber ein Stück blauen, von weißen Flatterwölkchen übertuschten Frühlingshimmel.

»Fein!« echote Suse hinter dem Zwillingsbruder drein, obgleich sie eigentlich nicht recht einsah, was so fein sein sollte.

»Nun müssen wir uns die Welt vom Hinterbalkon ansehen, Suse.« Trotz der ängstlichen Mahnung der Omama, sich nur nicht zu erkälten, ging es trapp – trapp – über den Parkettfußboden durch die Zimmer. Bubi jagte mit lautem Blaffen hinterdrein. Er schien der Ansicht zu sein, daß die neue Wohnung nur für seine Bewegungsfreiheit als Sportplatz genommen worden sei. Denn er raste von hinten nach vorn und von vorn nach hinten, steckte die Nase in alle Ecken und schien sich in den neuen, leeren Räumen nicht viel behaglicher zu fühlen als Frau Professor Winter.

»Unsere Untermieter können sich gratulieren. Die werden denken, die wilde Jagd hat über ihnen ihren Einzug gehalten. Kinder, trampelt doch nicht so, man muß rücksichtsvoll sein«, mahnte der Vater.

»Jugend muß austoben.« Die Großmama entschuldigte immer ihre Lieblinge.

Der Vater war seinen Kindern auf den Hinterbalkon, der am Schlafzimmer lag, gefolgt. Hier war es ungleich freier als vorn. Über Bahngleise hinweg sah man auf Laubengelände bis zu einem dunklen Streifen.

»Das ist schon der Grunewald, Kinder.«

»Vati, was ist das für ein hoher Turm da neben dem flachen, großen Gebäude? Ist das eine Sternwarte?«

»Nein, Herbert. Das muß das Funkhaus sein.«

»Herrlich!« sagte der Junge und blickte mit glänzenden Augen von dem Eisenbahnnetz mit seinen vielen Signalen zu dem Funkhaus. »Mein Schulpult muß hier ans Fenster. Da kann ich immer alle Züge abnehmen und den Funkturm sehen und –«

»Und kann recht unaufmerksam bei den Schularbeiten sein und viele Fehler machen«, vollendete der Vater den Satz. »Im Sommer wird es hier draußen gewiß hübsch werden, wenn erst alles grünt und blüht. Aber nun kommt hinein, Kinder. Es weht ziemlich kühl über das freie Gelände. Unser Möbelwagen wird bald hier sein.« Der Professor zog seine Uhr.

»Glaubst du wirklich, Vati, daß die Männer bis hierher finden?« Herbert war recht zweifelhaft.

Die Omama schien seine Zweifel zu teilen. Auch sie war unruhig, wo denn nur die Möbel blieben. Ihr Sohn beruhigte sie, daß der Weg von Treptow bis »ans andere Ende der Welt« für den schweren Wagen mehrere Stunden in Anspruch nähme. Nichts ist ermüdender als Warten. Und noch dazu in leeren, unbehaglichen Räumen. Man wußte nichts mit der Zeit und mit sich selbst anzufangen. Die Arbeit drängte. Aber man konnte nichts unternehmen. Denn vorläufig waren das Froschglas, das Vogelbauer mit Mätzchen und die Schwarzwald-Lotti das einzige vorhandene Mobiliar. Frau Annchen hatte vom Portier Stühle besorgt, daß ihre Damen doch wenigstens nicht die ganze Zeit stehen mußten. Die waren aber viel zu unruhig, um unbeschäftigt sitzen zu bleiben. Sie gingen von Zimmer zu Zimmer und überlegten, wo jedes Stück Möbel seinen Standort finden solle. Lene putzte noch mal die Fenster, denn der Tapezierer würde gewiß bald kommen, um die Gardinen und Vorhänge anzumachen. Frau Annchen beschäftigte sich damit, immer wieder zu versichern, daß »Bubi und Mädi« – so nannte sie »ihre Kinderchen« noch – mindestens seit dem letzten Male einen halben Kopf gewachsen seien. Herbert untersuchte die Heizkörper, die ihn ungemein interessierten, und drehte die Hähne von kalt auf warm und von warm wieder auf kalt. Suse zählte das Tapetenmuster und langweilte sich. So hatte jeder seine Beschäftigung.

»Mutti – Muttichen, ich will dir helfen«, bat das kleine Mädchen gähnend.

»Ich will auch helfen«, meldete sich Herbert.

»Wir können uns allein nicht helfen, Kinder, wir müssen in Geduld abwarten«, sagte die Mutter ziemlich ungeduldig.

»Wenn wir doch unseren Radio schon hier hätten!« seufzte Herbert.

Ja, das wünschten sie alle. Da hätte man doch Unterhaltung gehabt.

Wieder verging geraume Zeit. Es klingelte. Die Kinder und Bubi stürzten zur Eingangstür. Aber es war nicht der sehnlichst erwartete Möbelwagen, sondern der Monteur, der schon die Kronen, die noch gar nicht da waren, anmachen wollte. Der Mann mußte wieder fortgeschickt werden. Bubi blaffte wütend hinter ihm her.

Die Omama nahm sich schließlich der von dem langen Warten schon ganz müde gewordenen Kinder an. »So, Mädichen, nun komm mal hierher zu mir. Bubi, du auch. Ihr könnt beide auf einem Stuhl sitzen. Ich nehme den anderen. Nun erzählt mir mal, wie der Abschied von der Schule war.«

»Doof«, sagte Herbert bloß.

»Schön war er«, rief Suse, wieder lebhafter werdend. »Fräulein Giesicke hat uns die Hand gegeben und uns viel Glück gewünscht. Und Osterzensuren haben wir schon gestern bekommen, weil wir am Dienstag doch nicht mehr da sind.«

»Sind sie denn gut ausgefallen, mein Goldkind?« erkundigte sich die Omama.

»Herbert hat eine feine Zensur bekommen«, verkündete Suse stolz.

»Na, und du, Herzchen?«

»Die Suse auch«, kam der Bruder ihr zuvor. »Man bloß –«, er schwieg.

»Na, wo hat's denn gehapert, Kinderchen?«

»Gehapert hat's gar nicht. Man bloß in Aufmerksamkeit hab' ich nicht immer aufgepaßt, und da habe ich bloß gut und nicht sehr gut bekommen«, berichtete die Kleine ein wenig beschämt.

»Weil sie doch unser Traumsuschen ist!« rief der Vater aus dem Nebenzimmer.

»Suse hat mir versprochen, daß sie sich in der neuen Schule zusammennehmen und nicht mehr verträumt sein wird, nicht wahr, mein Mädel? Damit die Oktoberzensur auch in Aufmerksamkeit ein ›sehr gut‹ hat.« Die Mutter fuhr dem Töchterchen liebevoll über das kurzgeschorene braune Haar.

»Gut ist gut«, sagte die Omama, und in diesem kurzen Ausspruch lag eine lange Entschuldigung.

»Nach der Sexta sind wir gekommen, Omama.«

»I, der Tausend! Sextaner? Alle beide? Die Mädi auch? Ja, wollt ihr die Kleine denn auch aufs Gymnasium schicken, Fränzchen? Zu meiner Zeit –«

»Ja, Mutterchen, zu deiner Zeit war das anders«, lachte ihr Sohn. »Da dachte kein Mädchen daran, aufs Gymnasium zu gehen und zu studieren. Aber das ist ja jetzt anders geworden. Und gut ist es, daß die Mädel ebensoviel lernen wie die Jungen.«

»Sind unsere Kinder denn schon in einer neuen Schule angemeldet?«

»In der Waldschule!« riefen die Zwillinge wie aus einem Munde.

»Wie – was?« Die kleine Omama guckte so verwundert von einem zum andern, daß Suse und Herbert lachen mußten. »Waldschule? Was ist denn das schon wieder für ein neumodisches Ding? Ich habe zwar schon etwas von Baumschule gehört, wo junge Bäume einer bestimmten Art angepflanzt werden, aber eine Waldschule ist mir bisher noch nicht begegnet.«

»Die Waldschule ist eine sehr segensreiche Einrichtung, Mutterchen«, erklärte der Professor. »Sie geht von dem Standpunkte aus, daß in einem gesunden Körper auch ein gesunder, frischer Geist wohnt. Sie will unsere Jugend kräftig und sporttüchtig machen und ihr möglichst in freier, reiner Luft, nicht in engen Klassenräumen, die notwendige Schulweisheit eintrichtern. Für unsere Volksgesundheit ist die Waldschule von unschätzbarem Wert. Elende Kinder gedeihen dort draußen –«

»Nun, ich denke, unsere beiden sind ganz prächtig gediehen«, meinte die Großmama, immer noch kopfschüttelnd. »Die brauchten weiß Gott die Waldschule nicht.«

»Die Waldschule ist nicht nur körperlich empfehlenswert, Mutterchen, sondern soll auch einen vorzüglichen Unterricht erteilen, sowohl die Volksschule wie das angrenzende Realgymnasium. Es wäre allen Großstadtkindern zu wünschen, daß sie im Zusammenhange mit der Natur aufwüchsen«, nahm die Schwiegertochter das Wort. »Unsere Kinder wollen sich durchaus nicht voneinander trennen. Sie sind so an den gemeinschaftlichen Unterricht gewöhnt, daß es eine große Betrübnis gab, als sie hörten, daß die Schulen hier draußen entweder Jungen- oder Mädchengymnasien sind. In der Waldschule ist gemeinschaftlicher Unterricht. Das hat uns eigentlich hauptsächlich bestimmt, den Herbert und die Suse dort anzumelden.«

»Und im Freien wird dort unterrichtet? Auch im Winter? Du meine Güte, unsere Kinderchen können sich da ja den Tod holen.« Die Omama war gar nicht einverstanden.

»Im Winter ist natürlich Klassenunterricht. Aber die Kinder sind dazwischen immer wieder im Freien in reiner Luft. Sie spielen, turnen, treiben allerlei Sport und arbeiten im Sommer im Garten. Sicher werden sie dabei abgehärtet.«

»Mir will das nicht –«

»Der Möbelwagen – der Möbelwagen kommt!« Die Zwillinge, die den Erörterungen über die Waldschule schon längst nicht mehr gefolgt waren, sondern vom Fenster Ausschau hielten, trompeteten es in die Worte der alten Dame hinein, die erschreckt zusammenfuhr.

Ja, da kam er wirklich. Schwer und mächtig kroch er heran, wie ein Riesenungetüm. Vorn thronten Fritze und Karle, mit den Beinen bammelnd, während Maxe hinten aufsaß. Jetzt gab es keine Langeweile mehr.

Was beherbergte der Möbelwagen alles in seinem grünen Leib. Nein, was kam da alles wieder zum Vorschein. Mit jedem Stück feierten die Kinder ein freudiges Wiedersehen. Jedes Möbel, das die Männer heraufschleppten, begrüßten sie mit lautem »Hurra«, bis die Mutter dieser stürmischen Freude ein Ende machte. Wer sollte denn das aushalten, noch dazu am Umzugstage?

An einem Fenster des schönen Hauses gegenüber, auf der anderen Seite der Straße, standen ebenfalls Kinder. Neugierig beobachteten sie das Abladen. Und jetzt nickten sie den Neuzugezogenen sogar einen Gruß herüber. Herbert und Suse nickten wieder. Die fremden Kinder winkten grüßend mit der Hand. Herbert riß das Fenster auf und schrie aus Leibeskräften: »Guten Tag – wie heißt ihr? Wir heißen Herbert und Suse.« Aber da kam leider der Vater dazwischen und schloß das Fenster energisch. »Die Türen sind auf, wir fliegen ja davon. Ihr glaubt wohl, Kinder, es muß heute überall ziehen, weil Umzugstag ist«, scherzte er.

Nun hatte das große, grüne Ungeheuer das letzte Stück ausgespien. Fritze, Karle und Maxe waren dankend mit ihrem Trinkgeld abgezogen. Auch die kleine Omama und Frau Annchen gingen nun nach Hause. Die Möbel standen an richtiger Stelle und sahen in der fremden Umgebung ganz verändert aus. Körbe und Kisten waren in einem Zimmer aufgestapelt. Morgen ging man erst an das Auspacken derselben, denn man war hundemüde. Nur der Bettenkorb war geöffnet worden. Lene bezog die Kissen und Decken, damit die Kinder bald ins Bett kämen. Sie tobten vor Müdigkeit und waren kaum noch zu bändigen. Suse ritt auf Herberts Braunchen, das noch nicht wieder den Weg in die Rumpelkammer gefunden hatte. Herbert half dem Monteur, der noch schnell die elektrische Beleuchtung in Ordnung bringen sollte, indem er eine Birne entzwei machte.

Aber schließlich waren die Zwillinge, nachdem sie zehnmal wieder entwischt waren, doch glücklich in der neuen Kinderstube untergebracht. Sie hatte Rosenknospentapeten, die Suses Begeisterung erweckten. Herbert begeisterte sich mehr für das fließende warme und kalte Wasser, dessen Hähne er unaufhörlich auf und zu drehte. An jedem Fenster stand bereits das Arbeitspult der Kinder. In der Ecke hatte der Puppenwagen mit sämtlichen Puppen schon seinen Platz gefunden. Die rissen die Glasaugen nicht schlecht auf, um sich das neue Heim zu betrachten. Auch Mätzchen, dessen Bauer bereits im Ständer hing, merkte die fremde Umgebung. Das Vögelchen war unruhig, aufgescheucht und ließ ein ängstliches Piepsen hören. Während der Laubfrosch stumm und dumm, gleichgültig gegen die neue Behausung, in seinem Glase saß.

Und nun lagen die Zwillinge endlich tüchtig abgerubbelt – denn solch ein Umzug macht staubig – in ihren frischen Betten. Vater und Mutter kamen zum Gutenachtkuß. Alles war wie sonst und doch ganz anders.

»Herbert, sieh doch mal, Herbert.« Suse wies aufgeregt zum Fenster, das noch keine Vorhänge hatte. Da draußen ging ein blendend helles Licht im Kreise herum.

Was war das bloß?

Wie der Wind waren beide Kinder wieder aus den Betten und am Fenster. Der hell leuchtende, sich drehende Lichtkreis warf seine Strahlen von einem hohen Turm über die Bahngleise und Laubenkolonien und machte die ganze schwarze Gegend tageshell.

»Ist das ein Leuchtturm wie am Meer?« fragte Suse.

»Das ist ja der Turm, Suse, den Vater uns heute gezeigt hat, der Funkturm ist das.«

»Vati – Vatichen –.« Zwei Hemdenmätze erschienen plötzlich im Zimmer der erstaunten Eltern. »Guck bloß mal, auf dem hohen Turm am Funkhause läuft ein großes Licht immer im Kreise herum. Und hier gibt's doch gar keine Schiffe, wie an der See, denen es den richtigen Weg weisen muß.«

»Aber Schiffe in der Luft, ihr kleinen Schlauköpfe. Der Scheinwerfer ist für Luftschiffe und Flieger zur Orientierung. Und nun marsch ins Bett, Gören. Es wird Zeit, daß ihr zur Ruhe kommt.«

Aber so schnell ging das nicht. Von ihren Betten beobachteten die Zwillinge noch geraume Zeit das kreisende Licht des hohen Turmes. Bis die Lene hereinkam, um die Schuhe zum Putzen herauszunehmen.

»Paßt auf, was ihr träumt, Kinder«, sagte sie. »Was man in der ersten Nacht in einer neuen Wohnung träumt, geht in Erfüllung.«

»Dann will ich träumen, daß Vati bei uns bleibt und nicht nach Italien fahren muß«, sagte Suse schon ganz schlaftrunken.

»Und ich will träumen, daß alle Tage Umzug ist«, wünschte sich Herbert.

Und dann schliefen sie beide fest und traumlos.

5. Kapitel. Als Vater fortfuhr

Gut, daß man schon Osterferien hatte. Da konnte man doch beim Auspacken der großen Kisten helfen. Und auch noch soviel wie möglich mit dem Vater zusammen sein. Der hatte allerdings jetzt viele Wege, um alles für seine lange Abwesenheit zu ordnen und zu erledigen. Hin und wieder gab er dem Quälen seiner Zwillinge nach und nahm sie mit. Denn es hatte jetzt keiner Zeit, mit den Kindern spazieren zu gehen.

Aber auch zu Hause war es fein. Jede Kiste war ein Geheimnis. Es gab jedesmal vorher ein Raten und Wetten, was wohl drin sein mochte. Beim Auspacken halfen die Kinder der Mutter recht nett. Sie schleppten die schweren Bücher in die Bibliothek des Vaters, die vielen Sternkataloge und großen Himmelskarten. Sie räumten ihre eigenen Bücher ganz verständig ein, wobei es allerdings vorkam, daß ein Kinderkalender zwischen die Schulbücher geriet, und das Rechenbuch zwischen die Märchenbücher. Sie waren unermüdlich im Hin- und Herlaufen, beim Papiersammeln und Bindfadenaufwickeln. »Meine Heinzelmännchen«, nannte Mutti ihre Zwillinge.

Für die Mutter war es recht gut, daß sie jetzt so viel zu tun und gar keine Zeit zum Nachdenken hatte. Da merkte sie es weniger, wie ein Tag nach dem anderen dahinging, daß die Abreise des Vaters näher und näher rückte.

Wunderschön sah die neue Wohnung aus. Man konnte wirklich seine Freude daran haben. Selbst der etwas liederliche Herbert gab sich Mühe, seine Mütze beim Heimkommen nicht wie gewöhnlich auf einen Stuhl zu schleudern, und den Mantel auf den anderen, sondern hübsch an den Garderobenhaken zu hängen, wie es sich gehörte. Er hatte seinen kleinen Radioapparat wieder eigenhändig in der Kinderstube angeschlossen, diesmal an Wasserleitung und elektrischem Licht. Er funktionierte vorzüglich – besser als Vaters Röhrenapparat, fand der Junge.

Suse hatte ihren Puppenwinkel mit besonderer Liebe hergerichtet. Blitzblank war jedes Kesselchen in der Puppenküche geputzt. Die Puppenstube hatte reine Gardinen bekommen wie Mutters Zimmer und eine bunte, von Suse selbst gestickte Tischdecke. Den Puppenkindern gefiel es ungemein in der neuen Heimat. Sie blühten ordentlich auf bei der guten Luft, die vom Grunewald über die Laubengelände in die Kinderstube wehte. Auch Mätzchen hatte sich in die Veränderung hineingefunden und weckte seine kleinen Freunde jeden Morgen noch jubelnder als früher. Nur einem schien die Luft hier draußen nicht zu bekommen: das war Bubi.

Es war Hundesperre von der Polizei angeordnet. Bubi konnte diese Verordnung nicht lesen. Er machte die neue Wohnung dafür verantwortlich, daß er nicht mehr im Freien wie ein losgelassener Pfeil dahinschnellen durfte, sondern sittsam an der Leine geführt wurde, wie ein kleines Mädchen an der Hand seiner Gouvernante.

Allzu sittsam ging Bubi eigentlich trotz der Leine nicht. Dazu hatte er ein zu lebhaftes Temperament und ein zu eigensinniges schwarzes Köpfchen. Es ging nie ohne Kampf ab bei den gemeinsamen Spaziergängen. Der vierbeinige Bubi zerrte nach links, wo ein zartes, weißes Hundefräulein sein Wohlgefallen erweckt hatte, der zweibeinige nach rechts, wo gerade ein Schnellzug über die Bahnstränge schnaubend dahergebraust kam. Herbert blieb meistens Sieger bei dieser Meinungsverschiedenheit. Anders war die Sachlage, wenn Suse den vierbeinigen Freund an der Leine führte. Sie verfocht den Kampf mit weniger Kraft und Energie als der Bruder. Ja, es kam sogar öfters vor, daß die Sache umgekehrt war. Daß der Hund die Suse an der Leine führte, daß diese mitmußte, wohin der Köter wollte. Im Galopp die ganze Straße hinunter – Suschen immer hinterdrein. Denn sie mochte Bubi nicht wehtun und ihn mit Gewalt zurückreißen. Die Eltern und Herbert, die ihnen folgten, hielten sich die Seiten vor Lachen.

Sonst war den Eltern heute eigentlich gar nicht so vergnüglich zumute. Es war der letzte Abend vor der Abreise des Vaters, der letzte gemeinschaftliche Spaziergang für lange.

»Bald gehst du am Mittelländischen Meer spazieren, Paul«, sagte die Mutter aus ihren stillen Gedanken heraus.

»Ich hätte euch doch lieber gleich mitnehmen sollen«, meinte der Professor nachdenklich. Die Trennung von Frau und Kindern wurde ihm schwerer, als er sich vorgestellt hatte.

»Wir können noch mit!« Herbert war nie um einen Ausweg verlegen. »Unsere Koffer sind schnell gepackt, meine zerrissene Hose flickt mir Mutti heute abend noch, – ja, nimm uns doch mit, Vater!«

»Nimm uns doch mit, Vatichen, bitte, bitte!« fiel Suse, die inzwischen ein paar Minuten Ruhe zum Verschnaufen hatte, da Bubi sich eingehend mit einem Laternenpfahl befaßte, nun auch ein.

»Und die neue Wohnung, Kinder? Und die Waldschule?«

»Die Lene kann ja in der neuen Wohnung bleiben.«

»Du meldest uns einfach wieder ab von der Waldschule, Vati.«

»Ja, aber das Ostereiersuchen am ersten Feiertag bei der kleinen Omama! Was machen wir damit?« gab Suse plötzlich zu bedenken.

»Ostereier kann es natürlich nicht geben, wenn wir fortreisen, Kinder«, ging die Mutter scherzhaft auf den Vorschlag ein. »Ihr wißt doch, daß Vater die Feiertage unterwegs ist. Im Eisenbahnzug legt der Osterhase keine Eier.«

»Aber ihr könnt sie ja mitnehmen. In der Eisenbahn gibt es sogar feine Verstecke.« Herbert glaubte sowieso nicht mehr, daß der Osterhase die Eier legte.

»Wir können ja auch nach Ostern nachgereist kommen.« Suse fand es sicherer, die Ostereier bei der kleinen Omama zu suchen als im Eisenbahnzuge.

»Ja, vielleicht Ostern übers Jahr«, lachte der Vater.

Suse hatte jetzt genug von Bubis Gesellschaft. »Herbert, nimm du den Bubi mal. Ich möchte gern noch ein bißchen mit Vati gehen.«

»Ich auch.« Herbert ließ die Hand des Vaters nicht los.

Was tat die gute Mutter? Sie, der doch sicher die Trennung am schwersten wurde, gab den Arm des Vaters frei und begnügte sich mit Bubi. Damit auch Suse noch mit dem Vater gehen konnte.

»Vati, erzähle uns noch mal von dem großen Berg bei Neapel, der immer Feuer spuckt, und der die Städte – wie hießen sie nur noch? – unter seiner Asche begraben hat«, bat Herbert.

»Nee, lieber nicht, Vatichen, das ist so graulich«, erhob Suse Einspruch.

»Aber Suschen, das ist doch nichts zum Graulen. Noch dazu, wenn du hier in Berlin bist«, lachte der Vater die kleine Furchtsame aus. »Vesuv heißt der feuerspeiende Berg – man sagt nicht Feuer spucken, sondern Feuer speien, Herbert.«

»Das ist doch ganz dasselbe«, verwunderte sich Herbert.

»Und die Städte, die er unter seiner Asche begraben hat, heißen – ei, wißt ihr's wirklich nicht mehr, Kinder?«

»Pompeji«, antwortete Herbert nach kurzem Besinnen.

»Richtig. Und die andere? Na, Suschen? Ich habe es euch doch erst erzählt.«

»Herr – mit irgendeinem Herrn war das doch was?«

»Hahaha – Herkulanum. Aber mit einem Herrn hat der Name nichts zu tun, mein Dummerchen. Nun müßt ihr mir aber noch sagen, wie man die feuerspeienden Berge nennt und auch die Asche, die sie auswerfen.«

Da machten sie beide lange Gesichter. Keiner von den beiden hatte es behalten.

»Also dann muß ich es euch noch mal sagen. Feuerspeiende Berge heißen Vulkane. Und die Asche heißt –«

»Lava«, schrien die Kinder, die sich plötzlich wieder erinnerten.

»So ist es. Und nun lauft ein bißchen mit Bubi herum, Kinder, damit ich auch noch mit Mutti gehen kann.«

»Verwechsele – verwechsele das Bäumelein«, kommandierte Herbert, während die Mutter an Vaters Arm zurückwanderte und Bubi von beiden Kindern zu einem kleinen Galopp mitgezerrt wurde.

»Wie wirst du unseren Kindern fehlen, Paul!« sagte die Mutter nachdenklich. »Wie hast du auf den Spaziergängen stets ihr Wissen bereichert und ihren geistigen Gesichtskreis erweitert.«

»Das mußt du nun übernehmen, mein Herz. Wozu hättest du denn früher in der Jugendfürsorge gearbeitet«, scherzte der Professor.

»Durch die Waldschule entwachsen sie mir auch, unsere beiden. Sie bekommen draußen ihr Mittagessen. Vor fünf Uhr nachmittags werden sie kaum daheim sein, im Sommer noch später.«

»Ja, Fränzchen, das ist mir auch gar nicht recht. Aber nicht der Kinder wegen, sondern deinetwegen, mein Herz. Du wirst nun bei der Mittagsmahlzeit ganz allein sein. Wir haben das doch nicht genügend in Erwägung gezogen.«

»Ich habe es hin und her überlegt, Paul. Aber ich wollte nicht selbstsüchtig sein und an meine eigenen Wünsche denken. Für unsere Kinder ist es sicher besser, daß sie beisammen bleiben und nicht getrennt werden.« So war sie immer, die Mutter. Nie dachte sie an sich selbst. Stets nur an das Wohl der anderen.

Beim Gutenachtsagen schloß der Vater seine Zwillinge heute besonders liebevoll in die Arme. »Wie werde ich euch entbehren, meine Kinderchen.«

»Du hast ja den Vesuv dafür«, tröstete Herbert.

»Und die vielen Apfelsinen in Italien,« meinte auch Suse.

»Nun müßt ihr mir aber auch versprechen, Kinder, für Mutti zu sorgen, wenn ich fort bin. Und sie vor allem nicht zu ärgern. Stets artig und fleißig zu sein. Ja, versprecht ihr mir das?«

»Ein Mann, ein Wort!« sagte Herbert voll Überzeugung und reichte dem Vater seine Hand zur Bekräftigung hin.

»Ich bin jetzt als einziger Mann im Hause der Beschützer von den dreien, von Mutter, Lene und Suse. Die Suse, die ist noch zu klein dazu, weil sie doch zwei Stunden jünger ist als ich. Und dann ist sie überhaupt ein Mädel.« Es kam nicht oft vor, daß der Zwillingsbruder sich derart gegen die Schwester aufspielte.

Die empfand das denn auch. »Ich will auch für Mutti sorgen«, sagte sie ein bißchen weinerlich.

»Ihr seid meine guten Kinder und werdet beide für eure Mutter sorgen. Und vor allem sorgt dafür, daß ihr sie nicht quält, nicht ärgert, ihr nur Freude bereitet.«

Ja, das wollten sie alle beide ganz gewiß.

»Weißt du, Herbert«, überlegte Suse drin in der Kinderstube, »wir müssen Vati noch irgend etwas Hübsches zum Andenken mitgeben. Die kleine Omama hat ihm das Lederkissen zur Reise geschenkt, und Mutti die feine Reisedecke. Was könnten wir ihm denn schenken?«

Herbert machte ein betroffenes Gesicht. Das war ihm noch nicht in den Sinn gekommen. Aber er wußte wie immer Rat.

»Ich weiß schon, wir lassen uns photographieren. Dann kann Vati uns mitnehmen.«

»Geht nicht«, widersprach Suse. »Wir haben ja gar kein Geld. Und dann hat Mutti auch heute Vati versprochen, daß sie ihm zu seinem Geburtstag ein Bild von sich und uns schickt.«

»Ende Mai, das ist noch lange hin.« Herbert untersuchte auf alle Fälle seine Hosentaschen nach etwaigen Geldmitteln. Da kamen allerlei Herrlichkeiten zutage: Bindfaden in allen Stärken. Ein altes, vom Vater geerbtes Taschenmesser. Eine lederne, ziemlich abgeschabte Geldtasche desselben Ursprungs. Leider war sie leer. Drei Taschentücher, die einstmals weiß gewesen sein mochten. Elf Murmeln. Ein Kreisel. Mehrere verbogene Nägel, vom Umzug her. Zuletzt noch drei Kupferpfennige. »Das ist alles«, sagte er betrübt, auf seine Barschaft deutend.

»Dafür kriegen wir nichts.« Beide Kinder überlegten angestrengt, womit sie dem Vater zum Abschied wohl noch eine Freude machen könnten.

Suse blickte in ihren Puppenwinkel. Ihr Blick begegnete dem ihrer Schwarzwald-Lotti, die noch nicht schlief. »Was meinst du, Lotti?« fragte das Auge des kleinen Mädchens. Lotti nickte unmerklich mit dem Zelluloidkopf. »Wird es dir auch nicht zu schwer, Lotti?« flüsterte die Kleine der Puppe ins Ohr. Denn ihr wurde es ganz entsetzlich schwer, sich von ihrem Kinde zu trennen. Aber mußte sich der Vater nicht auch von seinen Kindern trennen, die er doch sicher ebenso lieb hatte? Na also.

»Ich gebe Vati meine Schwarzwald-Lotti zum Abschied mit, damit er in Italien nicht so doll Sehnsucht nach uns kriegt«, sagte Suse mit möglichst fester Stimme.

»Quatsch mit brauner Butter. Was soll denn ein Herr Professor mit einer dummen Puppe? Nee, nee – denn schon eher –«, Herbert verstummte plötzlich. »Bubi«, hatte er sagen wollen. Aber konnte er das seinem Hündchen antun? Würde der sich nicht nach ihm bangen in dem großen Italien? Herbert kämpfte einen schweren Kampf. Wollte die Suse nicht auch ihr Liebstes für den Vater hingeben? War er weniger opferfreudig als sie? Nein, gewiß nicht. Aber die Puppe war ein lebloses Ding. Und Bubi hatte ein Herz. Was für ein zärtliches kleines Hundeherz! Es schien dem Jungen unmöglich, sich von seinem vierfüßigen Freunde zu trennen. »Der Laubfrosch ist auch sehr schön«, sagte er schließlich. »Und dann weiß Vati wenigstens, was für Wetter in Italien ist.« Er griff nach dem Laubfroschglas.

»In Italien ist immer schönes Wetter, auch ohne Laubfrosch«, warf Suse ein.

Aber Herbert ließ keine Einwände gelten, denn Bubi – nein, den gab er nicht fort. Auch Suse ließ sich durch den Bruder nicht von ihrem Vorhaben abbringen.

Am anderen Tage, als der Vater seinen Koffer packen wollte, fand er zu seinem Erstaunen darin bereits Einquartierung: die Puppe und den Laubfrosch. Gerührt trug er beide wieder an ihren Platz zurück, empfand er doch die große Liebe seiner Kinder, die sich in dieser Abschiedsgabe offenbarte.

Aber die Zwillinge waren doch ungeheuer erleichtert, daß Vaters Koffer zu klein war, um Puppe und Laubfrosch zu beherbergen. –

Und nun war es so weit. In der großen Halle des Anhalter Bahnhofs stand der Schlafwagenzug nach Rom abfahrtbereit. Die Zwillinge hatten bereits das Abteil, in dem der Vater heute sein Bett hatte, gründlich untersucht. Es war recht gemütlich darin. Sie wären auch ganz gern mitgefahren.

Vater und Mutter standen Hand in Hand. Sie sprachen nicht viel, fühlten aber um so mehr. Nur die kleine Omama, die ihren Sohn zur Bahn begleitet hatte, trug die Kosten der Unterhaltung. Denn Herbert war von der Zusammenkoppelung der Eisenbahnwaggons ganz und gar in Anspruch genommen. Und Suse half ihm bei der Besichtigung.

»Einsteigen«, rief der Schaffner.

Wie ein Schuß traf das Wort, riß Menschen, die sich lieb hatten, voneinander.

Herbert und Suse fühlten sich an Vaters Brust, fest, ganz fest. »Leb' wohl, Bubi – bleib gesund, mein Mädichen!« In dieser Abschiedsstunde kam auch dem Vater wieder der Kosename der Kleinkinderzeit.

Darmowy fragment się skończył.

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ISBN:
9788726883619
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