Czytaj książkę: «Die Gedichte»
Else Lasker-Schüler
Die Gedichte
Auswahl
Herausgegeben und kommentiert von Gabriele Sander
Reclam
Zu Else Lasker-Schülers Gedichten gibt es bei Reclam Interpretationen in: Gedichte von Else Lasker-Schüler in der Reihe »Interpretationen« (Nr. 17535)
2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2020
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961710-7
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-019168-2
www.reclam.de
Inhalt
Die Gedichte
Anhang
Zu dieser Ausgabe
Drucknachweise und Kommentar
Literaturhinweise
Nachwort
Register
[7]VorahnungVorahnung [1.]
Verhöhnt mich auch lachend der WirbelwindVerhöhnt mich auch lachend der Wirbelwind,
– Mein Kind, das ist ein Königskind,
Mit Locken, wie Sonnenscheinen.
Ich sitze sinnend unter dem Dach,
Bin in den Nächten fieberwach 5
Und nähe Hemdchen aus Leinen.
– Meiner Mutter Wiegenfest ist heut’,
Gestorben sind Vater und Mutter beid’
Und sahen nicht mehr den Kleinen.
– Meine Mutter träumte einmal schwer. – 10
– Sie sah mich nicht an ohne Seufzer mehr
Und ohne heimliches Weinen. –
Verwelkte MyrtenVerwelkte Myrten [2.]
Bist wie der graue, sonnenlose TagBist wie der graue, sonnenlose Tag,
Der sündig sich auf junge Rosen legt.
– Mir war, wie ich an Deiner Seite lag,
Als ob mein Herze sich nicht mehr bewegt.
Ich küsste Deine bleichen Wangen rot, 5
Entwand ein Lächeln Deinem starren Blick.
– Du tratest meine junge Seele tot
Und kehrtest in Dein kaltes Sein zurück.
[8]TriebTrieb [3.]
Es treiben mich brennende LebensgewaltenEs treiben mich brennende Lebensgewalten,
Gefühle, die ich nicht zügeln kann.
Und Gedanken, die sich zur Form gestalten,
Sie greifen mich wie Wölfe an.
Ich irre durch duftende Sonnentage … 5
Und die Nacht erschüttert von meinem Schrei.
Meine Lust stöhnt wie eine Marterklage
Und reißt sich von ihrer Fessel frei.
Und schwebt auf zitternden, schimmernden Schwingen
Dem sonn’gen Tal in den jungen Schoß. 10
Und lässt sich von jedem Mai’nhauch bezwingen
Und giebt der Natur sich willenlos.
JugendJugend [4.]
Ich hört’ dich hämmern diese NachtIch hörtʼ dich hämmern diese Nacht
An einem Sarg im tiefen Erdenschacht.
Was willst du von mir, bleicher Sensemann,
Mein Herz gehört dem ew’gen Leben an
Mit all den Blüten und der Maienlust. 5
Ich bin so jung wie frühe Morgenglut.
Für deinen Becher ist zu heiß mein Blut.
Scher’ dich des Weges, alter Nimmersatt!
Was soll ich in der kalten Totenstadt
Ich, mit dem Jubel in der Brust! 10
[9]Die schwarze BhowanéhDie schwarze Bhowanéh [5.]
(Die Göttin der Nacht)
(Zigeunerlied)
Meine Lippen glühnMeine Lippen glühn
Und meine Arme breiten sich aus wie Flammen!
Du musst mit mir nach Granada ziehn
In die Sonne, aus der meine Gluten stammen ....
Meine Ader schmerzt 5
Von der Wildheit meiner Säfte,
Von dem Toben meiner Kräfte.
Granatäpfel prangen
Wie die heißen Lippen der Nacht.
Rot, wie die Liebe der Nacht! 10
Wie der Brand meiner Wangen.
Auf dem dunklen Schein
Meiner Haut schillern Muscheln auf Schnüre gezogen.
Und Perlen, von sonnenfarb’gem Bernstein
Durchglühn meine Zöpfe wie Feuerwogen. 15
Meine Seele bebt,
Wie eine Erde bebt und sich auftut
Dürstend nach Luft! nach säuselnder Flut ....
Heiße Winde stöhnen
Wie der Odem der Sehnsucht .... 20
Verheerend, wie die Qual der Sehnsucht ....
Und über die Felsen Granadas dröhnen
Die Lockrufe der schwarzen Bhowanéh!
[10]ChaosChaos [6.]
Die Sterne fliehen schreckensbleichDie Sterne fliehen schreckensbleich
Vom Himmel meiner Einsamkeit,
Und das schwarze Auge der Mitternacht
Starrt näher und näher.
Ich finde mich nicht wieder 5
In dieser Todverlassenheit,
Mir ist: ich lieg von mir weltenweit
Zwischen grauer Nacht der Urangst.
Ich wollte, ein Schmerzen rege sich
Und stürze mich grausam nieder 10
Und riss mich jäh an mich;
Und es lege eine Schöpferlust
Mich wieder in meine Heimat
Unter der Mutterbrust.
Meine Mutterheimat ist seeleleer, 15
Es blühen dort keine Rosen
Im warmen Odem mehr. –
.... Möchte einen Herzallerliebsten haben!
Und mich in seinem Fleisch vergraben.
Nervus erotisNervus erotis [7.]
Dass uns nach all der heißen TagesglutDass uns nach all der heißen Tagesglut
Nicht eine Nacht gehört …
Die Tuberosen färben sich mit meinem Blut.
Aus ihren Kelchen loderts brandrot!
[11]Sag mir, ob auch in Nächten deine Seele schreit, 5
Wenn sie aus bangem Schlummer auffährt,
Wie wilde Vögel schreien durch die Nachtzeit.
Die ganze Welt scheint rot,
Als ob des Lebens weite Seele blutet.
Mein Herz stöhnt wie das Leid der Hungersnot, 10
Aus roten Geisteraugen stiert der Tod.
Sag mir, ob auch in Nächten deine Seele klagt
Vom starken Tuberosenduft umflutet,
Und an dem Nerv des bunten Traumes nagt.
Das Lied des GesalbtenDas Lied des Gesalbten [8.]
Zebaoth spricht aus dem AbendZebaoth spricht aus dem Abend:
Verschwenden sollst Du mit Liebe!
Denn ich will Dir Perlen meiner Krone schenken,
In goldträufelnden Honig Dein Blut verwandeln
Und Deine Lippen mit den Düften süßer Mandeln tränken. 5
Verschwenden sollst Du mit Liebe!
Und mit schmelzendem Jubel meine Feste umgolden
Und die Schwermut, die über Jerusalem trübt,
Mit singenden Blütendolden umkeimen.
Ein prangender Garten wird Dein Herz sein, 10
Darin die Dichter träumen.
O, ein hängender Garten wird Dein Herz sein,
Aller Sonnen Aufgangheimat sein,
Und die Sterne kommen, ihren Flüsterschein
Deinen Nächten sagen. 15
[12]Verschwenden sollst Du mit Liebe!
Tausend greifende Äste werden Deine Arme tragen
Und meinem Paradiesheimweh wiegende Troste sein.
SulamithSulamith [9.]
O, ich lernte an Deinem süßen MundeO, ich lernte an Deinem süßen Munde
Zu viel der Seligkeiten kennen!
Schon fühl’ ich die Lippen Gabriels
Auf meinem Herzen brennen,
Und die Nachtwolke trinkt 5
Meinen tiefen Cederntraum.
O, wie Dein Leben mir winkt,
Und ich vergehe
Mit blühendem Herzeleid!
Und verwehe im Weltraum, 10
In Zeit,
In Ewigkeit,
Und meine Seele verglüht in den Abendfarben
Jerusalems.
ChronicaChronica [10.]
(Meinen Schwestern zu eigen)
Mutter und Vater sind im HimmelMutter und Vater sind im Himmel
Und sprühen ihre Kraft
An singenden Fernen vorbei,
An spielenden Sternen vorbei
Auf mich nieder. 5
[13]Himmel bebender Leidenschaft
Prangen auf,
O, meine ganze Sehnsucht reißt sich auf
Durch goldenes Sonnenblut zu gleiten!
Fühle Mutter und Vater wiederkeimen 10
Auf meinen ahnungsbangen Mutterweiten.
Drei Seelen breiten
Aus stillen Morgenträumen
Zum Gottland ihre Wehmut aus.
Denn drei sind wir Schwestern, 15
Und die vor mir träumten schon in Sphinxgestalten
Zu Pharaozeiten.
Mich formte noch im tiefsten Weltenschoß
Die schwerste Künstlerhand.
Und wisset, wer meine Brüder sind! 20
Sie waren die drei Könige, die gen Osten zogen
Dem weißen Sterne nach durch brennenden Wüstenwind.
Aber acht Schicksale wucherten aus unserem Blut
Und lauern hinter unseren Himmeln:
Vier plagen uns im Abendrot, 25
Vier verdunkeln uns die Morgenglut,
Sie brachten über uns Hungersnot
Und Herzensnot und Tod!
Und es steht:
Über unserem letzten Grab ihr Fortleben noch, 30
Den Fluch über alle Welten zu weben,
Sich ihres Bösen zu freuen.
Aber die Winde werden einst ihren Staub scheuen.
Satanas miserere eorum!!
[14]MutterMutter [11.]
Ein weißer Stern singt ein TotenliedEin weißer Stern singt ein Totenlied
In der Julinacht,
Wie Sterbegeläut in der Julinacht.
Und auf dem Dach die Wolkenhand,
Die streifende, feuchte Schattenhand 5
Sucht nach meiner Mutter.
Ich fühle mein nacktes Leben,
Es stößt sich ab vom Mutterland,
So nackt war nie mein Leben,
So in die Zeit gegeben, 10
Als ob ich abgeblüht
Hinter des Tages Ende,
Versunken
Zwischen weiten Nächten stände,
Von Einsamkeiten gefangen. 15
Ach Gott! Mein wildes Kindesweh!
… Meine Mutter ist heimgegangen.
WeltfluchtWeltflucht [12.]
Ich will in das GrenzenloseIch will in das Grenzenlose
Zu mir zurück,
Schon blüht die Herbstzeitlose
Meiner Seele,
Vielleicht – ist’s schon zu spät zurück! 5
O, ich sterbe unter Euch!
Da Ihr mich erstickt mit Euch.
Fäden möchte ich um mich ziehn –
[15]Wirrwarr endend!
Beirrend, 10
Euch verwirrend,
Um zu entfliehn
Meinwärts!
OrgieOrgie [13.]
Der Abend küsste geheimnisvollDer Abend küsste geheimnisvoll
Die knospenden Oleander.
Wir spielten und bauten Tempel Apoll
Und taumelten sehnsuchtsübervoll
Ineinander. 5
Und der Nachthimmel goss seinen schwarzen Duft
In die schwellenden Wellen der brütenden Luft,
Und Jahrhunderte sanken
Und reckten sich
Und reihten sich wieder golden empor 10
Zu sternenverschmiedeten Ranken.
Wir spielten mit dem glücklichsten Glück,
Mit den Früchten des Paradiesmai,
Und im wilden Gold Deines wirren Haars
Sang meine tiefe Sehnsucht 15
Geschrei,
Wie ein schwarzer Urwaldvogel.
Und junge Himmel fielen herab,
Unersehnbare, wildsüße Düfte;
Wir rissen uns die Hüllen ab 20
Und schrieen!
Berauscht vom Most der Lüfte.
[16]Ich knüpfte mich an Dein Leben an,
Bis dass es ganz in ihm zerrann,
Und immer wieder Gestalt nahm 25
Und immer wieder zerrann.
Und unsere Liebe jauchzte Gesang,
Zwei wilde Symphonieen!
Dein SturmliedDein Sturmlied [14.]
Brause Dein Sturmlied Du!Brause Dein Sturmlied Du!
Durch meine Liebe,
Durch mein brennendes All.
Verheerend, begehrend,
Dröhnend wiedertönend 5
Wie Donnerhall!
Brause Dein Sturmlied Du!
Und lösche meine Feuersbrunst,
Denn ich ersticke in Flammendunst.
Mann mit den ehernen Zeusaugen, 10
Grolle Gewitter,
Entlade Wolken auf mich.
Und wie eine Hochsommererde
Werde ich
Aufsehnend 15
Die Ströme einsaugen.
Brause Dein Sturmlied Du!
[17]WeltschmerzWeltschmerz [15.]
Ich, der brennende WüstenwindIch, der brennende Wüstenwind,
Erkaltete und nahm Gestalt an.
Wo ist die Sonne, die mich auflösen kann,
Oder der Blitz, der mich zerschmettern kann!
Blick’ nun: ein steinernes Sphinxhaupt, 5
Zürnend zu allen Himmeln auf.
Hab’ an meine Glutkraft geglaubt.
Sterne des FatumsSterne des Fatums [16.]
Deine Augen harren vor meinem LebenDeine Augen harren vor meinem Leben
Wie Nächte, die sich nach Tagen sehnen,
Und der schwüle Traum liegt auf ihnen
Unergründet.
Seltsame Sterne starren zur Erde, 5
Eisenfarb’ne mit Sehnsuchtsschweifen,
Mit brennenden Armen, die Liebe suchen
Und in die Kühle der Lüfte greifen.
Sterne in denen das Schicksal mündet.
[18]Sterne des TartarosSterne des Tartaros [17.]
Warum suchst Du mich in unseren NächtenWarum suchst Du mich in unseren Nächten
In Wolken des Hasses auf bösen Sternen!
Lass mich allein mit den Geistern fechten.
Sie schnellen vorbei auf Geyerschwingen
Aus längst vergess’nen Wildlandfernen. 5
Eiswinde durch Lenzessingen.
Und Du vergisst die Gärten der Sonne
Und blickst gebannt in die Todestrübe.
Ach, was irrst Du hinter meiner Not!
FortissimoFortissimo [18.]
Du spieltest ein ungestümes LiedDu spieltest ein ungestümes Lied,
Ich fürchtete mich nach dem Namen zu fragen,
Ich wusste, er würde das alles sagen,
Was zwischen uns wie Lava glüht.
Da mischte sich die Natur hinein 5
In unsere stumme Herzensgeschichte,
Der Mondvater lachte mit Vollbackenschein,
Als machte er komische Liebesgedichte.
Wir lachten heimlich im Herzensgrund,
Doch unsere Augen standen in Tränen 10
Und die Farben des Teppichs spielten bunt
In Regenbogenfarbentönen.
[19]Wir hatten beide dasselbe Gefühl,
Der Smyrnateppich wäre ein Rasen,
Und die Palmen über uns fächelten kühl, 15
Und unsere Sehnsucht begann zu rasen.
Und unsere Sehnsucht riss sich los
Und jagte uns mit Blutsturmwellen:
Wir sanken in das Smyrnamoos
Urwild und schrieen wie Gazellen. 20
Mein KindMein Kind [19.]
Mein Kind schreit auf um die MitternachtMein Kind schreit auf um die Mitternacht
Und ist so heiß aus dem Traum erwacht
Wie meine sehnende Jugend.
Gäb’ ihm so gern meines Blutes Mai,
Spräng’ nur mein bebendes Herz entzwei. 5
– Der Tod schleicht im Hyänenfell
Am Himmelsstreif im Mondeshell.
Aber die Erde im Blütenkeusch
Singt Lenz im kreisenden Weltgeräusch.
Und wundersüß küsst der Maienwind 10
Als duftender Gottesbote mein Kind.
[20]MeinlingchenMeinlingchen [20.]
(Meinem Jungen zu eigen)
Meinlingchen sieh mich an –Meinlingchen sieh mich an –
Dann schmeicheln tausend Lächeln mein Gesicht,
Und tausend Sonnenwinde streicheln meine Seele,
Hast wie ein Wirbelträumchen
Unter ihren Fittichen gelegen. 5
Nie war so lenzensüß mein Blut,
Als Dich mein Odem tränkte,
Die Quellen Edens müssen so geduftet haben
Bis Dich der Muttersturm
Aus süßem Dunkel 10
Von meinen Herzwegen pflückte
Und Dich in meine Arme legte,
In ein Bad von Küssen.
MüdeMüde [21.]
All’ die weißen SchlafeAll’ die weißen Schlafe
Meiner Ruh’
Stürzten über die dunklen Himmelssäume.
Nun deckt der Zweifel meine Sehnsucht zu
Und die Qual erdenkt meine Träume. 5
O, ich wollte, dass ich wunschlos schlief,
Wüsst’ ich einen Strom, wie mein Leben so tief,
Flösse mit seinen Wassern.
[21]MelodieMelodie [22.]
Deine Augen legen sich in meine AugenDeine Augen legen sich in meine Augen
Und nie war mein Leben so in Banden,
Nie hat es so tief in Dir gestanden
Es so wehrlos tief.
Und unter Deinen schattigen Träumen 5
Trinkt mein Anemonenherz den Wind zur Nachtzeit,
Und ich wandle blühend durch die Gärten
Deiner stillen Einsamkeit.
WeltendeWeltende [23.]
Es ist ein Weinen in der WeltEs ist ein Weinen in der Welt,
als ob der liebe Gott gestorben wär,
und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.
Komm, wir wollen uns näher verbergen … 5
Das Leben liegt in aller Herzen
wie in Särgen.
Du, wir wollen uns tief küssen …
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
an der wir sterben müssen. 10
[22]Die LiebeDie Liebe (Es rauscht durch unseren Schlaf) [24.]
Es rauscht durch unseren SchlafEs rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen wie Seide,
Wie pochendes Erblühen
Über uns beide.
Und ich werde heimwärts 5
Von Deinem Atem getragen,
Durch verzauberte Märchen,
Durch verschüttete Sagen.
Und mein Dornenlächeln spielt
Mit Deinen urtiefen Zügen, 10
Und es kommen die Erden
Sich an uns zu schmiegen.
Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen wie Seide –
Der weltalte Traum 15
Segnet uns beide.
TraumTraum [25.]
Der Schlaf entführte mich in Deine GärtenDer Schlaf entführte mich in Deine Gärten,
In Deinen Traum – die Nacht war wolkenschwarz umwunden –
Wie düstere Erden starrten Deine Augenrunden,
Und Deine Blicke waren Härten.
[23]Und zwischen uns lag eine weite, steife, 5
Tonlose Ebene .......
Und meine Sehnsucht hingegebene,
Küsst Deinen Mund, die blassen Lippenstreife.
EvaEva [26.]
Du hast Deinen Kopf tief über mich gesenktDu hast Deinen Kopf tief über mich gesenkt,
Deinen Kopf mit den goldenen Lenzhaaren,
Und Deine Lippen sind von rosiger Seidenweichheit,
Wie die Blüten der Bäume Edens waren.
Und die keimende Liebe ist meine Seele, 5
O, meine Seele ist das vertriebene Sehnen,
Und Du zitterst von Ahnungen
Und weißt nicht, warum Deine Träume stöhnen.
Und ich liege schwer auf Deinem Leben,
Wie eine tausendstämmige Erinnerung. 10
Und Du bist so blindjung, so adamjung ....
Du hast Deinen Kopf tief über mich gesenkt.
RuthRuth [27.]
Und Du suchst mich vor den HeckenUnd Du suchst mich vor den Hecken,
Ich höre Deine Schritte seufzen,
Und meine Augen sind schwere dunkle Tropfen.
[24]In meiner Seele blühen süß Deine Blicke
Und füllen sich, 5
Wenn meine Augen in den Schlaf wandeln.
Am Brunnen meiner Heimat
Steht ein Engel,
Der singt das Lied meiner Liebe,
Der singt das Lied Ruths. 10
Als ich noch im Flügelkleide …Als ich noch im Flügelkleide ... [28.]
Unter süßem VeilchenhimmelUnter süßem Veilchenhimmel
Ist unsere Liebe aufgegangen,
Und ich suche allerwegen
Nach Dir und Deinen Morgenwangen.
Und den Ringelrangelhaaren 5
Rötlichblonden Rosenlocken,
Und den frühlingshellen Augen,
Die so frischfreifrohfrohlocken.
Zwischen dicken Gummipflanzen
Lauern hinter Irdentöpfen 10
Strickpicknadelspitze Augen
Tüksch aus bitteren Frauenköpfen.
Dass die beiden alten Damen
Hinter unsere Liebe kamen
Und Dich in Gewahrsam nahmen, 15
Sind die Dramen unserer Herzen.
[25]Mein stilles LiedMein stilles Lied [29.]
Mein Herz ist eine traurige ZeitMein Herz ist eine traurige Zeit,
Die tonlos tickt.
Meine Mutter hatte goldene Flügel,
Die keine Welt fanden.
Horcht, mich sucht meine Mutter, 5
Lichte sind ihre Finger und ihre Füße wandernde Träume.
Und süße Wetter mit blauen Wehen
Wärmen meine Schlummer
Immer in den Nächten,
Deren Tage meiner Mutter Krone tragen. 10
Und ich trinke aus dem Monde stillen Wein,
Wenn die Nacht einsam kommt.
Meine Lieder trugen des Sommers Bläue
Und kehrten düster heim.
Verhöhnt habt ihr mir meine Lippe 15
Und redet mit ihr.
Doch ich griff nach euern Händen,
Denn meine Liebe ist ein Kind und wollte spielen.
Einen nahm ich von euch und den zweiten
Und küsste ihn, 20
Aber meine Blicke blieben rückwärts gerichtet
Meiner Seele zu.
[26]Arm bin ich geworden
Von eurer bettelnden Wohltat.
Und ich wusste nichts vom Kranksein, 25
Und bin krank von euch,
Und nichts ist diebischer als Kränke,
Sie bricht dem Leben die Füße,
Stiehlt dem Grabweg das Licht,
Und verleumdet den Tod. 30
Aber mein Auge
Ist der Gipfel der Zeit,
Sein Leuchten küsst
Gottes Saum.
Und ich will euch noch mehr sagen, 35
Bevor es finster wird zwischen uns.
Bist Du der Jüngste von euch,
So sollst Du mein Ältestes wissen.
Auf Deiner Seele werden es fortan
Alle Welten spielen. 40
Und die Nacht wird es wehklagen
Dem Tag.
Ich bin der Hieroglyph,
Der unter der Schöpfung steht.
[27]Und ich artete mich nach euch, 45
Der Sehnsucht nach dem Menschen wegen.
Ich riss die ewigen Blicke von meinen Augen,
Das siegende Licht von meinen Lippen –
Weißt Du einen schwereren Gefangenen,
Einen böseren Zauberer, denn ich. 50
Und meine Arme, die sich heben wollen,
Sinken ......
Mein VolkMein Volk [30.]
Der Fels wird morschDer Fels wird morsch,
Dem ich entspringe
Und meine Gotteslieder singe ....
Jäh stürz ich vom Weg
Und riesele ganz in mir 5
Fernab, allein über Klagegestein
Dem Meer zu.
Hab mich so abgeströmt
Von meines Blutes
Mostvergorenheit. 10
Und immer, immer noch der Wiederhall
In mir,
Wenn schauerlich gen Ost
Das morsche Felsgebein,
Mein Volk, 15
Zu Gott schreit.
[28]ZebaothZebaoth [31.]
Gott ich liebe Dich in Deinem RosenkleideGott ich liebe Dich in Deinem Rosenkleide,
Wenn Du aus Deinen Gärten trittst, Zebaoth.
O, Du Gottjüngling,
Du Dichter,
Ich trinke einsam von Deinen Düften. 5
Meine erste Blüte Blut sehnte sich nach Dir,
So komme doch,
Du süßer Gott,
Du Gespiele Gott,
Deines Tores Gold schmilzt an meiner Sehnsucht. 10
Mein SterbeliedMein Sterbelied (Die Nacht ist weich von Rosensanftmut ...) [32.]
Die Nacht ist weich von Rosensanftmut …Die Nacht ist weich von Rosensanftmut ...
Komm gieb mir Deine beiden Hände her,
Mein Herz pocht spät
Und durch mein Blut
Wandert die letzte Nacht und geht 5
Und naht so weit und ewig wie ein Meer.
Und hast Du mich so sehr geliebt,
So nimm das Jubelndste von Deinem Tag,
Gieb mir, was keine Wolke trübt,
Das Gold von seinem frühsten Lenzschein … 10
Es wallen Harmonien aus der Nachtlandferne
Ich ziehe ein
Und werde Leben sein
Und Leben mich an Leben schmiegen,
[29]Wenn über mir Paradiessterne 15
Ihre ersten Menschen wiegen.
Mein WanderliedMein Wanderlied [33.]
Zwölf Morgenhellen weitZwölf Morgenhellen weit
Verschallt der Geist der Mitternacht,
Und meine Lippen haben ausgedacht
In stolzer Linie mit der Ewigkeit.
Torabwärts schreitet das Verflossene, 5
Indessen meine Seele sich im Glanz der Lösung bricht,
Ihr tausendheißes, weißes Licht
Scheint mir voran ins Ungegossene.
Und ich wachse über all Erinnern weit
So ferne Musik … und zwischen Kampf und Frieden 10
Steigen meine Blicke hoch wie Pyramiden,
Und sind die Ziele hinter aller Zeit.
Der LetzteDer Letzte [34.]
Wilde Winde wehte ichWilde Winde wehte ich,
Bis ich stand.
Alle Sterne träumen von mir,
Und ihre Strahlen werden goldener,
Und meine Ferne undurchdringlicher. 5
Ich lehne am geschlossenen Lid der Nacht
Und horche in die Ruhe.
[30]Wie mich der Mond umwandelt,
Immer leises, blindes Geschimmer murmelnd,
Ein Derwisch ist er in seinem Wandeltanz. 10
Weißgelbenjung hing sein Schein
Schaumleicht an der Nacht,
Und jäh über die Wolken sein Lawinengedröhne
Immer grauab
Mir zur Seite streifte sein Gold. 15
Mein Heimatmeer lauscht still in meinem Schoß,
Helles Schlafen – dunkles Wachen .....
In meiner Hand liegt schwer mein Volk begraben,
Und Wetter ziehen schüchtern über mich.
Ich lehne am geschlossenen Lid der Nacht 20
Und horche in die Ruhe.
HeimHeim [35.]
Unsere Zimmer haben blaue WändeUnsere Zimmer haben blaue Wände,
Und wir wandeln leisehin durch Himmelweiten,
Und am Abend legen Innigkeiten
Mit Engelaugen ineinander unsere Hände.
Und wir erzählen uns Geschichten, 5
Bis der Morgen kommt, in Silberglocken
Und dem Dämmersteine in den Locken,
Der Sonne winkt durchs Tor von Wolkenschichten.
Und wie sie tanzt auf unseren wiesenhellen
Teppichen; leicht über sanftverschlungene Blumenstiele! 10
Zum Liebeslauschen laden unsere Stühle,
Und von den Pfeilern fallen Seidenquellen.
[31]Heimlich zur NachtHeimlich zur Nacht [36.]
Ich habe dich gewähltIch habe dich gewählt
Unter allen Sternen.
Und bin wach – eine lauschende Blume
Im summenden Laub
Unsere Lippen wollen Honig bereiten 5
Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.
An dem seligen Glanz deines Leibes
Zündet mein Herz seine Himmel an –
Alle meine Träume hängen an deinem Golde
Ich habe dich gewählt unter allen Sternen. 10
Das Lied meines LebensDas Lied meines Lebens [37.]
Sieh in mein verwandertes Gesicht ....Sieh in mein verwandertes Gesicht ....
Tiefer beugen sich die Sterne
Sieh in mein verwandertes Gesicht.
Alle meine Blumenwege
Führen auf dunkle Gewässer, 5
Geschwister, die sich tötlich stritten.
Greise sind die Sterne geworden .....
Sieh in mein verwandertes Gesicht.
[32]An GottAn Gott [38.]
Du wehrst den guten und den bösen Sternen nichtDu wehrst den guten und den bösen Sternen nicht
All ihre Launen strömen.
In meiner Stirne schmerzt die Furche
Die tiefe Krone mit dem düsteren Licht.
Und meine Welt ist still 5
Du wehrtest meiner Laune nicht.
Gott wo bist du?
Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen
Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen
Wenn goldverklärt in deinem Reich 10
Aus tausendseligem Licht
Alle die guten und die bösen Brunnen – rauschen – rauschen.
Und suche GottUnd suche Gott [39.]
Ich habe immer vor dem Rauschen meines Herzens gelegenIch habe immer vor dem Rauschen meines Herzens gelegen
Und nie den Morgen gesehen
Nie Gott gesucht.
Nun aber wandele ich um meines Kindes
Goldgedichtete Glieder 5
Und suche Gott.
Ich bin müde vom Schlummer
Weiß nur vom Antlitz der Nacht.
Ich fürchte mich vor der Frühe
Sie hat ein Gesicht 10
Wie die Menschen, die fragen.
Ich habe immer vor dem Rauschen
Meines Herzens gelegen
Nun aber taste ich um meines Kindes
Gottgelichtete Glieder. 15
[33]HeimwehHeimweh [40.]
Ich kann die SpracheIch kann die Sprache
Dieses kühlen Landes nicht
Und seinen Schritt nicht gehn.
Auch die Wolken, die vorbeiziehn,
Weiß ich nicht zu deuten. 5
Die Nacht ist eine Stiefkönigin.
Immer muss ich an die Pharaonenwälder denken
Und küsse die Bilder meiner Sterne.
Meine Lippen leuchten schon
Und sprechen Fernes, 10
Und bin ein buntes Bilderbuch
Auf deinem Schoß;
Aber dein Antlitz spinnt
Einen Schleier aus Weinen –
Meinen schillernden Vögeln 15
Sind die Korallen ausgestochen,
An den Hecken der Gärten
Versteinern sich ihre weichen Nester.
Wer salbt meine toten Paläste –
Sie trugen die Kronen meiner Väter, 20
Ihre Gebete versanken im heiligen Fluss.
[34]Mein LiebesliedMein Liebeslied (Auf deinen Wangen liegen) [41.]
Auf deinen Wangen liegenAuf deinen Wangen liegen
Goldene Tauben.
Aber dein Herz ist ein Wirbelwind,
Dein Blut rauscht, wie mein Blut –
Süß 5
An Himbeersträuchern vorbei.
O, ich denke an dich – –
Die Nacht frage nur.
Niemand kann so schön
Mit deinen Händen spielen, 10
Schlösser bauen, wie ich
Aus Goldfinger;
Burgen mit hohen Türmen!
Strandräuber sind wir dann.
Wenn du da bist, 15
Bin ich immer reich.
Du nimmst mich so zu dir,
Ich sehe dein Herz sternen.
Schillernde Eidechsen
Sind deine Geweide. 20
Du bist ganz aus Gold –
Alle Lippen halten den Atem an.
[35]Pharao und JosephPharao und Joseph [42.]
Pharao verstößt seine blühenden WeiberPharao verstößt seine blühenden Weiber,
Sie duften nach den Gärten Amons.
Sein Königskopf ruht auf meiner Schulter,
Die strömt Korngeruch aus.
Pharao ist von Gold. 5
Seine Augen gehen und kommen
Wie schillernde Nilwellen.
Sein Herz aber liegt in meinem Blut.
Zehn Wölfe gingen an meine Tränke.
Immer denkt Pharao 10
An meine Brüder,
Die mich in die Grube warfen.
Säulen werden im Schlaf seine Arme
Und drohen.
Aber sein träumerisch Herz 15
Rauscht auf meinem Grund.
Darum dichten meine Lippen
Große Süßigkeiten,
Im Weizen unseres Morgens.
[36]Die LiebeDie Liebe (Verstecke mich in deinem Süßblut) [43.]
Verstecke mich in deinem SüßblutVerstecke mich in deinem Süßblut
Nähe mich in den Saum deiner Haut ein.
Immer tragen wir Herz vom Herzen uns zu.
Pochende Naht
Hält unsere Schwellen vereint. 5
Wo mag der Tod mein Herz lassen?
In einem Brunnen, der fremd rauscht –
In einem Garten, der steinern steht –
Er wird es in einen reißenden Fluss werfen.
Mir bangt vor der Nacht 10
Daran kein Stern hängt.
Denn unzählige Sterne meines Herzens
Vergolden deinen Blutspiegel.
Liebe ist aus unserer Liebe vielfältig erblüht.
Wo mag der Tod mein Herz lassen? 15
Leise sagen –Leise sagen – [44.]
Du nahmst dir alle SterneDu nahmst dir alle Sterne
Über meinem Herzen.
Meine Gedanken kräuseln sich
Ich muss tanzen.
[37]Immer tust du das, was mich aufschauen lässt, 5
Mein Leben zu müden.
Ich kann den Abend nicht mehr
Über die Hecken tragen.
Im Spiegel der Bäche
Finde ich mein Bild nicht mehr. 10
Dem Erzengel hast du
Die schwebenden Augen gestohlen.
Aber ich nasche vom Seim
Ihrer Bläue.
Mein Herz geht langsam unter 15
Ich weiß nicht wo –
Vielleicht in deiner Hand.
Überall greift sie an mein Gewebe.
VersöhnungVersöhnung [45.]
Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen ...
Wir wollen wachen die Nacht,
In den Sprachen beten
Die wie Harfen eingeschnitten sind.
Wir wollen uns versöhnen die Nacht – 5
So viel Gott strömt über.
[38]Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.
Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du? 10
Grenzt nicht mein Herz an deins –
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.
Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.
Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen. 15
Meine MutterMeine Mutter [46.]
War sie der große EngelWar sie der große Engel,
Der neben mir ging?
Oder liegt meine Mutter begraben
Unter dem Himmel von Rauch –
Nie blüht es blau über ihrem Tode. 5
Wenn meine Augen doch hell schienen
Und ihr Licht brächten.
Wäre mein Lächeln nicht versunken im Antlitz,
Ich würde es über ihr Grab hängen.
[39]Aber ich weiß einen Stern, 10
Auf dem immer Tag ist;
Den will ich über ihre Erde tragen.
Ich werde jetzt immer ganz allein sein
Wie der große Engel,
Der neben mir ging. 15
Ein alter TibetteppichEin alter Tibetteppich [47.]
Deine Seele, die die meine liebetDeine Seele, die die meine liebet
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet
Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.
Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit 5
Maschentausendabertausendweit.
Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.
RastRast [48.]
Mit einem stillen Menschen will ich wandernMit einem stillen Menschen will ich wandern
Über die Berge meiner Heimat
Schluchzend über Schluchten,
Über hingestreckte Lüfte.
[40]Überall beugen sich die Zedern 5
Und streuen Blüten.
Aber meine Schulter hängt herab
Von der Last des Flügels.
Suche ewige, stille Hände:
Mit meiner Heimat will ich wandern. 10
Dem BarbarenDem Barbaren [49.]
Ich liege in den NächtenIch liege in den Nächten
Auf deinem Angesicht.
Auf deines Leibes Steppe
Pflanze ich Cedern und Mandelbäume.
Ich wühle in deiner Brust unermüdlich 5
Nach den goldenen Freuden Pharaos.
Aber deine Lippen sind schwer,
Meine Wunder erlösen sie nicht.
Hebe doch deine Schneehimmel
Von meiner Seele – 10
Deine diamantnen Träume
Schneiden meine Adern auf.
Ich bin Joseph und trage einen süßen Gürtel
Um meine bunte Haut.
[41]Dich beglückt das erschrockene Rauschen 15
Meiner Muscheln.
Aber mein Herz lässt keine Meere mehr ein.
O du!!
Mein Herz heult schon über deine rauhen Ebenen
Und verscheucht meine seligen Sterne. 20
AbelAbel [50.]
Kains Augen sind nicht gottwohlgefälligKains Augen sind nicht gottwohlgefällig,
Abels Angesicht ist ein goldener Garten,
Abels Augen sind Nachtigallen.
Immer singt Abel so hell
Zu den Saiten seiner Seele, 5
Aber durch Kains Leib führen die Gräben der Stadt.
Und er wird seinen Bruder erschlagen –
Abel, Abel, dein Blut färbt den Himmel tief.
Wo ist Kain, da ich ihn stürmen will:
Hast du die Süßvögel erschlagen 10
In deines Bruders Angesicht?
Durch dein dumpfes Herz
Klagt Abels flatternde Seele.
Warum hast du deinen Bruder erschlagen, Kain?
[42]EstherEsther [51.]
Esther ist schlank wie die FeldpalmeEsther ist schlank wie die Feldpalme
Nach ihren Lippen duften die Weizenhalme
Und die Feiertage, die in Juda fallen.
Nachts ruht ihr Herz auf einem Psalme
Die Götzen lauschen in den Hallen. 5
Der König lächelt ihrem Nahen entgegen –
Denn überall blickt Gott auf Esther.
Die jungen Juden dichten Lieder an die Schwester
Die sie in Säulen ihres Vorraums prägen.
BoasBoas [52.]
Ruth sucht überallRuth sucht überall
Nach goldenen Kornblumen
An den Hütten der Brothüter vorbei –
Bringt süßen Sturm
Und glitzernde Spielerei 5
Über Boas Herz;
Das wogt ganz hoch
Über seine Korngärten
Der fremden Schnitterin zu.
[43]Abraham und IsaakAbraham und Isaak [53.]
Abraham baute in der Landschaft EdenAbraham baute in der Landschaft Eden
Sich eine Stadt aus Erde und aus Blatt
Und übte sich mit Gott zu reden.
Die Engel ruhten gern vor seiner frommen Hütte
Und Abraham erkannte jeden; 5
Himmlische Zeichen ließen ihre Flügelschritte.
Bis sie dann einmal bang in ihren Träumen
Meckern hörten die gequälten Böcke
Mit denen Isaak opfern spielte hinter Süßholzbäumen.
Und Gott ermahnte Abraham; 10
Er brach vom Kamm des Meeres Muscheln ab und Schwamm
Hoch auf den Blöcken den Altar zu schmücken.
Und trug den einzigen Sohn gebunden auf den Rücken
Zu werden seinem großen Herrn gerecht –
Der aber liebte seinen Knecht. 15
Paul ZechPaul Zech [54.]
Sing Groatvatter woar dat verwunschene BäuerleinSing Groatvatter woar dat verwunschene Bäuerlein
Aus Grimm sinne Märchens.
Der Enkelsonn ist ein Dichter.
Paul Zech schreibt mit der Axt seine Verse.
[44]Man kann sie in die Hand nehmen, 5
So hart sind die.
Sein Vers wird zum Geschick
Und zum murrenden Volk.
Er lässt Qualm durch sein Herz dringen:
Ein düsterer Beter. 10
Aber seine Kristallaugen blicken
Unzählige Male den Morgen der Welt.
Giselheer dem HeidenGiselheer dem Heiden [55.]
Ich weine –Ich weine –
Meine Träume fallen in die Welt.
In meine Dunkelheit
Wagt sich kein Hirte.
Meine Augen zeigen nicht den Weg 5
Wie die Sterne.
Immer bettle ich vor deiner Seele;
Weißt du das?
Wär ich doch blind –
Dächte dann, ich läg in deinem Leib. 10
Alle Blüten täte ich
Zu deinem Blut.
[45]Ich bin vielreich
Niemand kann mich pflücken;
Oder meine Gaben tragen 15
Heim.
Ich will dich ganz zart mich lehren;
Schon weißt du mich zu nennen.
Sieh meine Farben,
Schwarz und stern 20
Und mag den kühlen Tag nicht,
Der hat ein Glasauge.
Giselheer dem KnabenGiselheer dem Knaben [56.]
An meiner Wimper hängt ein SternAn meiner Wimper hängt ein Stern,
Es ist hell
Wie soll ich schlafen –
Und möchte mit dir spielen.
– Ich habe keine Heimat – 5
Wir spielen König und Prinz.
Ich bin dein Prinz
Dein Leib ist hold
Aus allen bunten Farben.
Dein Leib ist eine Seele. 10
[46]Höre! Höre! [57.]
Ich raube in den NächtenIch raube in den Nächten
Die Rosen deines Mundes,
Dass keine Weibin Trinken findet.
Die dich umarmt,
Stiehlt mir von meinen Schauern, 5
Die ich um deine Glieder malte.
Ich bin dein Wegrand.
Die dich streift,
Stürzt ab.
Fühlst du mein Lebtum 10
Überall
Wie ferner Saum?
Der alte Tempel in PragDer alte Tempel in Prag [58.]
(Paul Leppin, dem Dichter, gewidmet)
Tausend Jahre zählt der alte Tempel schon in PragTausend Jahre zählt der alte Tempel schon in Prag,
Staubfällig und ergraut ist längst sein Ruhetag,
Und die alten Väter schlossen seine Gitter.
Ihre Söhne ziehen nun in die Schlacht.
Der zerborstene Synagogenstern erwacht 5
Und er segnet seine jungen Judenritter.
Wie ein Glückstern über Böhmens Judenstadt,
Ganz aus Gold wie nur der Himmel Sterne hat:
Hinter seinem Glanze beten wieder Mütter.
[47]Senna HoySenna Hoy [59.]
Seit du begraben liegst auf dem HügelSeit du begraben liegst auf dem Hügel
Ist die Erde süß.
Wo ich hingehe nun auf Zehen,
Wandele ich über reine Wege.
O, deines Blutes Rosen 5
Durchtränken sanft den Tod.
Ich habe keine Furcht mehr
Vor dem Sterben.
Auf deinem Hügel blühe ich schon
Mit den Blumen der Schlingpflanzen. 10
Deine Lippen haben mich immer gerufen,
Nun weiß mein Name nicht mehr zurück.
Jede Schaufel Erde, die dich barg,
Verschüttete auch mich.
Darum ist immer Nacht an mir 15
Und Sterne schon in der Dämmerung.
Und ich bin unbegreiflich unseren Freunden
Und ganz fremd geworden.
Aber du stehst am Tor der stillsten Stadt
Und wartest auf mich, du Großengel.
[48]Georg Trakl †Georg Trakl † [60.]
Seine Augen standen ganz fern –Seine Augen standen ganz fern –
Er war als Knabe einmal schon im Himmel.
Darum kamen seine Worte hervor
Auf blauen und weißen Wolken.
Wir stritten über Religion; 5
Aber immer wie zwei Spielgefährte;
Und bereiteten Gott von Mund zu Mund;
Im Anfang war das Wort!
Des Dichters Herz, eine feste Burg.
Seine Gedichte, singende Thesen. 10
Er war wohl Martin Luther.
Seine dreifaltige Seele trug er in der Hand,
Als er in den »heiligen Krieg« zog.
Dann wusste ich, er war gestorben –
Sein Schatten weilte unbegreiflich 15
Auf dem Abend meines Zimmers.
[49]〈An Franz Marc〉<An Franz Marc> [61.]
Franz Marc, der blaue Reiter vom RiedFranz Marc, der blaue Reiter vom Ried,
Stieg auf sein Kriegspferd.
Ritt über Benediktbeuern herab nach Unterbayern,
Neben ihm sein besonnener, treuer Nubier
Hält ihm die Waffe. 5
Aber um seinen Hals trägt er ein silbergeprägtes Bild
Und den totverhütenden Stein seines blonden Weibes.
Durch die Straßen von München hebt er sein biblisches Haupt
Im hellen Rahmen des Himmels.
Trost im stillen Mandelauge, 10
Donner sein Herz.
Hinter ihm und zur Seite viele, viele Soldaten.
Milly StegerMilly Steger [62.]
Milly Steger ist eine BändigerinMilly Steger ist eine Bändigerin,
Haut Löwen und Panther in Stein.
Vor dem Theater in Hagen
Stehen ihre Großgestalten.
Böse Tollpatsche, ernstgewordene Hännesken, 5
Clowne, die mit ihren blutenden Seelen wehen.
Aber auch Brunnen, verschwiegene Weibsmopse
Zwingt Milly rätselhaft nieder.
[50]Manchmal spielt sie mit Zündhölzchen,
Die entzünden sich in der Gulliverin Hand. 10
Sie schnitzt aus dem Holze Adam
Hinterrücks sein Weib.
Und Millys Herz lacht wie ein Apfel,
In ihren stahlblauen Augen sitzt ein Schalk.
Milly Steger die Bildhauerin ist eine Welt, 15
Meteore stößt sie von sich
Eine Büffelin an Wurfkraft,
Freut sie sich auch zart an dem blühenden Kern der Büsche.
Darmowy fragment się skończył.