Czytaj książkę: «Die stolze Nymphe»
Ell Wendt
Die stolze Nymphe
Saga
Die stolze NympheCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1942, 2020 Ell Wendt und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726629279
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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1
Pünktlich um sechs Uhr dreißig rasselte der Wecker. Christine krauste im Schlaf die Stirn. Sie ging gerade mit Klaus über eine blühende Sommerwiese, Schwalben schossen durch den blauen Himmel, die Luft war erfüllt vom Zirpen der Grillen. „Sieh nur, wie schön!“ sagte die träumende Christine zu Klaus, aber das Zirpen der Grillen wurde stärker und stärker, es schwoll zu einem ohrenbetäubenden Geräusch an. Christine riß entsetzt die Augen auf; sie konnte sich nicht länger der Erkenntnis verschließen, daß sie sich nicht auf einer blühenden Wiese, sondern in ihrem Bett in der Dirrmoserschen Wohnung befand und zwar in der einzigen Gesellschaft eines Weckers, von dem sie nicht begriff, daß seine mißtönende Stimme sie auch nur einen Augenblick an das Zirpen von Grillen hatte denken lassen. Sie streckte die Hand aus, um den Wecker zum Schweigen zu bringen, aber tückisch, wie Dinge zuweilen sind, verstummte er mit einem letzten röchelnden Laut von selbst.
Christine legte sich zurück, ein wenig ärgerlich, weil sie aus Gewohnheit am Abend zuvor den Wecker auf sechs Uhr dreißig gestellt hatte, obwohl es nicht mehr so eilte mit dem Aufstehen, seitdem sie den vertretungsweise übernommenen Posten in der Leihbücherei wieder an ihre Freundin Mimi abgegeben hatte. Die Arme hinter dem Köpf verschränkt, versuchte sie geschlossenen Auges zur Sommerwiese zurückzufinden, aber nun machte ein auf der Straße vorbeidröhnender Lastwagen die Scheiben erklirren, während sich im Nebenzimmer das Erwachen der Eheleute Dirrmoser unter mannigfachen Geräuschen vollzog. Da die Wände im Hause dünn waren, wurde Christine zur unfreiwilligen Zeugin des Dirrmoserschen Ehelebens, das zu einem erheblichen Teil aus langen vorwurfsvollen Ansprachen bestand, die Frau Dirrmoser an ihren wortkargen Gatten richtete. Den Rest bildeten die allnächtlichen Schnarchduette, ein akustischer Wettbewerb, aus dem Herr Dirrmoser als unbestrittener Sieger hervorging.
Tagsüber war er mit einem schmucken Taxi, dessen Besitzer er war, am Odeonsplatz zu finden. Rechtschaffenheit und Biedersinn standen ihm im Gesicht geschrieben; er sei durch nichts „aus dem Häusl zu bringen“, wie seine Frau behauptete, eine Eigenschaft, die seinem verantwortungsvollen Beruf nur zum Vorteil gereichen konnte. Unbegreiflicherweise fand Frau Dirrmoser hierin einen Grund zur Klage; sie beantwortete Christines Einwand, es müsse doch angenehmer sein, einen ruhigen Mann zu haben als einen, der die Wohnung mit den Ausbrüchen eines überschäumenden Temperaments erfülle, mit einem „O mei, Fräulein!“, das tiefes Mitleid mit Christines Unbewandertheit in ehelichen Dingen verriet.
Christine hatte das Zimmer bei Dirrmosers, das in der Zeitung als „Couchzimmer mit modernem Komfort“ angepriesen worden war, gemietet, weil es den Vorzug der Billigkeit mit einem Ausblick auf unbebaute Grünflächen verband, auf denen zu Christines Entzücken manchmal eine Schafherde weidete. Was den Komfort betraf, so verstand Frau Dirrmoser darunter wohl den alten Rohrsessel mit dem kreuzstichbestickten Polster sowie ein Bärenfell, das sie auf einer Auktion ersteigert hatte, ohne zu ahnen, daß Motten darin hausten. Der Ärger über diese Entdeckung hatte sie veranlaßt, den Bären von seinem Platz vor dem Sofa in der Wohnstube fort in Christines Zimmer zu verbannen, wo er sich, quer über das Linoleum gebreitet, sehr wohlhabend ausnahm. Über der Couch hing ein schwarz gerahmter Stahlstich: „Napoleon auf der Flucht über die Beresina“. Er zeigte den großen Korsen, wie er im Schlitten eine verschneite und äußerst unwirtliche Landschaft durcheilte. Zu seinen Häupten kreisten einige Raben, wodurch wohl symbolisch der nahende Untergang angedeutet werden sollte.
„Schauderhaft!“ hatte Klaus beeindruckt ausgerufen, als er Christine zum erstenmal in ihrem Domizil besuchte. Aber Christine ließ sich nicht entmutigen. Sie fand, daß Männer sehr leicht dem Schein erliegen, und begab sich tapfer daran, den Dirrmoserschen Scheußlichkeiten mit Decken, Kissen und Büchern aus eigenem Besitz zu Leibe zu gehen. Als Klaus das nächste Mal gekommen war, hatte er die Augen aufgerissen und etwas von Feenhänden gemurmelt. Im Gedanken daran lächelte Christine. Es war so komisch, wenn Klaus versuchte, sich poetisch auszudrücken. Nicht etwa, als mangle es ihm an Phantasie, aber seine Phantasie äußerte sich weniger auf geistigem als auf praktischem Gebiet.
Klaus, Elektroingenieur von Beruf, war in erster Linie und mit Leib und Seele Erfinder. Zwar ging es ihm nicht um weltbewegende Neuerungen wie Raketenflugzeuge oder Unterseetunnels; er fühlte nur den unbezwinglichen Drang, die Welt im kleinen zu verbessern, indem er Dinge erfand, die der Erleichterung des täglichen Lebens dienen sollten. Im Anfang ihrer Bekanntschaft hatte er Christine erzählt, wie es ihn als halbwüchsigen Jungen beeindruckt habe, seine Mutter morgens, mittags und abends Berge von Geschirr abwaschen zu sehen. Nicht mit Unrecht vermutete Christine, daß dieser Eindruck weniger stark gewesen wäre, wenn Klaus nicht zur Hilfeleistung beim Geschirrabwaschen und sonstigen Aufgaben in dem kinderreichen Haushalt befohlen worden wäre. Offenbar hatte seine Tätigkeit als Tellerwäscher den Wunsch in ihm reifen lassen, menschliche Hände durch Maschinen ersetzt zu sehen. Schon als Vierzehnjähriger hatte er an einem Apparat gebastelt, der Geschirr selbsttätig reinigen sollte. Damals war er ausgelacht und mit Ohrfeigen in die Wirklichkeit der mütterlichen Küche zurückgetrieben worden. Aber das hinderte ihn nicht, den Plan später wieder aufzunehmen. Er verbrachte seine ganze Freizeit und die halben Nächte mit der Konstruktion eines Apparates, der, elektrisch betrieben, die Hausfrau davor bewahren würde, kostbare Stunden ihres Lebens mit Geschirrabwaschen zu verlieren. Als er damit fertig war, mußte er zu seinem Leidwesen erfahren, daß schon andere Tellerwäscher auf denselben Gedanken gekommen waren. Hotels und Krankenhäuser bedienten sich dieser Erfindung, während sie sich für den heimischen Herd als zu kostspielig erwies. Klaus jedoch, von echtem Erfindergeist beseelt, warf die Flinte nicht ins Korn.
„Die Zeit schreit nach Fortschritt!“ eröffnete er Christine auf ihrem ersten gemeinsamen Spaziergang, und später, als sie schon vertrauter miteinander waren: „Ich will nicht, daß meine Frau einmal den ganzen Tag im Haushalt wurschtelt!“
Es war dies ein Idealismus, den Christine schön und löblich fand, aber inzwischen hatte Klaus ein Patentbügeleisen und einen elektrischen Stopfapparat erfunden, ohne daß beides ihm etwas eingebracht hätte außer der Erkenntnis, daß es offenbar nichts auf der Welt gab, was es nicht schon gegeben hätte, und Christine begann zu hoffen, Klaus möge aus dieser Erkenntnis Nutzen ziehen und sein Sinnen und Trachten auf erreichbare Ziele richten. Nur sagen durfte sie ihm das nicht. Klaus war sehr empfindlich in diesem Punkt und würde sogleich behauptet haben, Christine glaube nicht an ihn. Womit er ihr bitter unrecht getan hätte, denn Christine glaubte mit der ganzen Kraft ihres einundzwanzigjährigen verliebten Herzens an Klaus. Sie bewunderte seine unleugbaren Fähigkeiten ebenso wie seinen zähen Fleiß, und wenn sie etwas wünschte, so war es höchstens, daß er beides stärker in den Dienst der Firma Kienagl & Eisenmann, Elektrische Artikel en gros, stellen möge, anstatt alles von seinen Erfindungen zu erwarten.
Im Nebenzimmer war es still geworden. Frau Dirrmoser hantierte jetzt geräuschvoll in der Küche, und der Duft von Malzkaffee stahl sich unverkennbar durch alle Ritzen.
Christine stand auf. Ein paar Freiübungen am offenen Fenster bewirkten, daß ihre Gedanken von Klaus und dem Sommerwiesentraum fort zu den Gegebenheiten des Tages gelenkt wurden. Eine davon war die Notwendigkeit, sich nach einer neuen Stellung umzusehen, da es sich bei dem Posten in der Leihbücherei ja um ein Provisorium gehandelt hatte. Christine hing an ihrem Beruf. Sie hatte ihn aus freien Stücken erwählt und die Wahl noch nie bereut. Aber nun, da es wieder einmal auf den Sommer zuging, graute ihr ein wenig vor einer Tätigkeit, die sie tagaus, tagein an einen dumpfen Raum fesselte. Auf dem Lande aufgewachsen, hatte sie ein starkes Bedürfnis nach frischer Luft und körperlicher Bewegung. Es geschah bisweilen, daß während der Arbeit eine fast unbezwingliche Sehnsucht nach dem Duft der Erde im Frühjahr sie überfiel, nach der lieblichen Vorgebirgslandschaft, in die das väterliche Gut gebettet war, nach Haus und Hof und allem, was darin lebte. Wenn sie daheim wüßten, daß sie dieses Zimmer gemietet hatte, um ein Stück unbebautes Land und ab und zu eine Schafherde zu sehen!
Christine, in ihrem dünnen Hemdchen am offenen Fenster, war nahe daran, Mitleid mit sich selbst zu bekommen. Grundstücke als Ersatz für blumenbestickte Wiesen und grünende Felder! Aber dann rief sie sich zur Vernunft. Niemand würde sie hindern, eine Zeitlang nach Hause zu fahren, falls sie sich entschließen könnte, von Klaus getrennt zu sein. Das aber konnte sie keinesfalls. Wenn sie auch als vernünftiges, jedem Überschwang abgeneigtes Mädchen niemals zugegeben haben würde, daß die Welt ohne Klaus eine Wüste, mit ihm jedoch ein Paradies sei, so war es doch genau das, was sie im Grunde ihres Herzens empfand.
Sie schloß das Fenster, zog ihr Hemdchen über den Kopf und wusch sich tapfer von Kopf bis Fuß mit kaltem Wasser. Dann schlüpfte sie in ihren Morgenrock und begab sich in die Küche, wo das Ehepaar Dirrmoser beim Frühstück saß. Der Taxibesitzer blinzelte ihr über seiner Kaffeetasse wohlwollend zu, während seine Gattin, fünfzigjährig, mit beträchtlichen Rundungen unter der Kittelschürze, sie mit einem Wortschwall empfing. Ihm war zu entnehmen, daß Frau Dirrmoser von einem Traum heimgesucht worden war, in dem eine schwarze Katze die Hauptrolle gespielt hatte.
„Ausgerechnet a schwarze!“ klagte Frau Dirrmoser. Sie hatte im Traumbuch geblättert und herausgefunden, daß schwarze Katzen Trennung und Verlust bedeuteten.
„Schau nur, daß di net derrennst!“ sagte sie drohend zu ihrem Gatten, eine Mahnung, die Herrn Dirrmoser zu einem zweiten Blinzeln an Christines Adresse und dem Stoßseufzer „O mei, die Weiber“ veranlaßte.
„I bring Eahna glei Ihren Kaffee!“ verhieß Frau Dirrmoser. Sie rannte in der Küche umher und schuf Lärm und Aufruhr, wo vorher warme kaffeeduftende Behaglichkeit gewesen war.
„Danke schön“, sagte Christine. „Und wenn ich einen Blick in die Morgenzeitung tun darf, nachdem Herr Dirrmoser sie gelesen hat!“
„Hot scho!“ sagte Herr Dirrmoser gutmütig und schob die Zeitung über den Küchentisch Christine zu. „Vertiefens Eahna nur in den Roman, Fräulein.“
„Es is ja gar nicht zwegn den Roman“, verwies ihm seine Frau, „a neue Stellung sucht das Fräulein Christel, gelt?“
„Ja“, sagte Christine, die Zeitung unter den Arm geklemmt.
„Und was is nacha mit’n Herrn Inschenieer?“ erkundigte sich Frau Dirrmoser boshaft.
„Wieso?“ fragte Christine, obwohl sie genau wußte, wohin Frau Dirrmosers Frage zielte. Die Gattin des Taxibesitzers standKlaus und seinen Erfindungen durchaus skeptisch gegenüber. Sie war überzeugt, daß Klaus „nie nicht“ auf einen grünen Zweig gelangen würde, und versäumte nicht, Christine bei jeder Gelegenheit darauf aufmerksam zu machen.
„I moan, hot er no immer nix erfunden, auf das hin er Sie heiraten kennt?“ beharrte sie unerbittlich. Doch nun griff Herr Dirrmoser ein.
„A Schloß sollt er derfinden, daß die Weiber’s Maul halten“, kam er Christine zu Hilfe, und sie lächelte ihm dankbar zu. Dann nahm sie das Tablett mit dem Frühstück und trug es in ihr Zimmer hinüber. Sie rückte den Rohrsessel vor den Tisch und kauerte sich mit hochgezogenen Knien hinein. Während sie eine Semmel mit Butter bestrich, überflogen ihre Augen den Anzeigenteil der Zeitung. Buchhalterin gesucht! Sekretärin, perfekt in Kurz- und Maschinenschrift! Direktrice für führende Modenwerkstatt! Schon wieder eine Sekretärin, diesmal mit Sprachkenntnissen! ,Lauter Stubenberufe‘, dachte Christine enttäuscht.
Was wollte sie eigentlich? Sie liebte doch den Umgang mit Büchern. Sie setzte ihren Stolz darein, und es machte ihr Freude, das richtige Buch an den richtigen Menschen zu bringen. Der Einwand, daß es ihr im Winter mehr Freude mache als im Sommer, hatte natürlich nicht den geringsten Anspruch darauf, ernst genommen zu werden.
,Ich werde nachher bei Schellhorn hineinschauen‘, beschloß sie. Schellhorn war eine der größten Buchhandlungen der Stadt, und Mimi glaubte zu wissen, daß dort der Posten einer Gehilfin frei wurde.
Christine faltete die Zeitung zusammen, dabei fiel ihr Blick auf eine Anzeige in Sperrdruck rechts unten in der Ecke:
Junge selbständige Person, ge -
scheit und tierliebend, zur Füh -
rung eines frauenlosen Haus -
halts tagsüber gesucht. Vorzu -
stellen bei Sommerhoff, Waldham
bei München, Alpenstraße 4.
Christine las die Anzeige einmal, zweimal, Wort für Wort. Sie mußte lachen. Dies war die sonderbarste Anzeige, die ihr jemals vorgekommen war! Ein Mensch, der an Stelle von Ehrlichkeit, Fleiß, Erfahrung im Kochen und sonstigen Eigenschaften, die man gemeinhin von einer Haushälterin erwartet, Gescheitheit und Tierliebe verlangte, reizte ihre Neugier. Wer war Sommerhoff? Vielleicht ein Silberfuchszüchter oder ein Forschungsreisender, der sich Affen und allerlei exotisches Getier aus fernen Ländern mitgebracht hatte. Auf jeden Fall aber jemand, der auf dem Lande wohnte und vom Herkömmlichen abweichende. Wünsche hatte. Man könnte hingehen und sich ihn und seine Menagerie einmal ansehen, dachte Christine übermütig. Ansehen verpflichtete zu nichts. Aber während sie ihr Frühstück beendete, dachte sie darüber nach, wie weit sich die in der Anzeige geforderten Eigenschaften auf ihre Person beziehen ließen. Jung? Das war sie zweifellos. Selbständig? Nun, bisher hatte sie immer ganz ordentlich ihren Mann gestanden, wenn auch der Haushalt nicht gerade zum Tummelplatz ihrer Fähigkeiten geworden war. Immerhin hatte sie daheim während einer Krankheit der Mutter einmal eine Zeitlang gekocht, und niemand war dabei verhungert! Gescheit? Was das betraf, so kam es darauf an, was man darunter verstand. Klaus hatte sie neulich kurzerhand für dumm erklärt, weil sie sich nicht in den Punischen Kriegen auskannte. Aber es war nicht anzunehmen, daß ein Forschungsreisender ausgerechnet auf Geschichtskenntnisse erpicht war. Und tierliebend? Ja, ja und nochmals ja! Es wurde ihr ja schon warm ums Herz, wenn sie die Schafe auf dem Bauplatz weiden sah! Sie war mit Tieren aufgewachsen und liebte sie alle, die braunweißen Kühe und die schweren Ackerpferde, die Schweine, Enten und Hühner, Muschi die Katze, und Wackerl den Hofhund! Sie würde auch Herrn Sommerhoffs Tiere lieben, mochte es sich um Silberfüchse, Affen oder was sonst immer handeln! Ein Sommer auf dem Lande, und doch nicht so weit von der Stadt entfernt, daß es eine Trennung von Klaus bedeutet hätte! Der Gedanke gewann immer mehr an Reiz!
Natürlich mußte sie mit Klaus darüber sprechen, aber ihm konnte es ja nur recht sein, wenn sie sich im Haushalt vervollkommnete. Am besten rief sie ihn gleich an und fuhr dann nachmittags nach Waldham hinaus. Dieser Entschluß bewirkte, daß sie sich mit dem Anziehen beeilte. Im Hinblick auf den Nachmittag wählte sie ihr Kostüm und eine weiße Hemdbluse. Nichts erweckt so überzeugend den Eindruck anspruchsloser Gediegenheit wie Hemdblusen. Christine fand diesen Eindruck bestätigt, als sie zum Ausgehen fertig ihr Bild ein letztes Mal im Spiegel überprüfte. Übrigens war es ein Kreuz mit dem Spiegel. Er besaß die Eigenschaft, alles, was er spiegelte, ungebührlich in die Länge zu ziehen. Vielleicht hatte gerade dieser Umstand Frau Dirrmoser zum Kauf gereizt, denn der Spiegel ließ ihre ausladenden Rundungen oval erscheinen, was ihr das Recht gab, sich vollschlank zu nennen. Christine hingegen verlieh er etwas Präraffaelitisches. Klaus, dem künstlerische Vergleiche fernlagen, behauptete, sie sehe aus wie jemand, der an Auszehrung leide.
Wie dem auch sein mochte, Christine fand sich an diesem Morgen sogar im Dirrmoserschen Spiegel ganz in Ordnung, gut ausgeschlafen mit rosigen Wangen und blanken Augen, mit einem frischen Mund, der noch keinen Lippenstift brauchte, und mit dem hellblonden Gelock, das dicht und weich unter dem blauen Filzhut hervorquoll.
„Auf Wiedersehen, Frau Dirrmoser!“ rief sie ins Nebenzimmer, wo ihre Wirtin die Ehebetten mit stickereibesetzten Paradekissen versah.
„No, habns was gefunden, Fräulein Christel?“ Die Gattin des Taxibesitzers trat in die Tür, zu längerem Gedankenaustausch bereit. Aber Christine hatte schon die Korridortür geöffnet.
„Vielleicht!“ rief sie fröhlich. Die Korridortür fiel ins Schloß und Frau Dirrmoser kehrte in einem Zustand qualvoller Ungewißheit zu ihren Paradekissen zurück.
2
Schon von der Plattform der Straßenbahn aus sah Christine Klaus, wie er neben der Normaluhr am Odeonsplatz stand, groß und breitschultrig in seinem Sportanzug, den er zu allen Jahreszeiten unter großzügiger Außerachtlassung städtischer Sitten und Gebräuche trug. Er war ein gut aussehender Bursche mit widerspenstigem braunem Haar und blitzblauen Augen. Dieser Gegensatz von Braun und Blau, verbunden mit einem heiteren und gewinnenden Wesen, verhalf ihm zu großer Beliebtheit bei Frauen aller Altersstufen, und manches Mädchen hätte darin zweifellos einen Grund zu eifersüchtiger Unruhe gefunden. Christine aber wußte sich frei von Regungen dieser Art. Sie lachte ihre Freundin Mimi aus, die behauptete, man dürfe keinem Mann auf der Welt trauen, und sei er noch so treuherzig und blauäugig. Mimis Pessimismus in bezug auf Männer entstammte einem Zerwürfnis mit ihrem Freunde Georg, der seine Aufmerksamkeit vorübergehend einer hübschen kleinen Platzanweiserin in den Gloria-Lichtspielen geschenkt hatte. Es war zwar keine ernste Angelegenheit gewesen, aber sie hatte einen Stachel in Mimis Seele hinterlassen, und sie empfahl seither den Kunden der Leihbücherei mit Vorliebe Bücher, in denen der Mann in seiner ganzen Unzuverlässigkeit gebrandmarkt wurde.
Christine pirschte sich vorsichtig an Klaus heran und freute sich über sein verdutztes Gesicht, als sie wie aus dem Erdboden gewachsen vor ihm stand.
„Servus!“ sagte sie und streckte ihm kameradschaftlich die Hand entgegen.
„Servus, Christel!“ Klaus’ Gesicht erstrahlte in einem breiten Lachen. Er schob seinen Arm durch den ihren und zog sie mit sich fort. „Was ist denn in dich gefahren, daß du mich mitten aus der Arbeit hierhergesprengt hast? Ich habe Kienagl etwas vom Zahnarzt vorgeschwindelt. Er sah mich an wie einen armen Irren, aber bevor er loslegen konnte, war ich draußen. Also sag, was —“
„Langsam, langsam!“ sagte Christine. „Zuerst möchte ich, daß du dich freust, weil ich da bin.“
Er drückte ihren Arm an sich. „Natürlich freue ich mich, das weißt du doch! Willst du spazieren gehen, oder trinken wir einen Frühschoppen irgendwo?“
„Gehen wir ein wenig in den Englischen Garten“, entschied Christine.
Die Sonne strahlte hell an einem blanken Himmel, es war April und noch ziemlich kalt, aber über den weiten wintergrauen Rasenflächen lag schon ein Schimmer von Grün, die Forsythien standen in golden flammender Blüte, und hie und da am Wegrand gab es Büschel dunkler Veilchen. Sie fanden eine sonnenwarme Bank im Schutz des Monopteroshügels. Den Kopf an Klaus’ Schulter gelehnt, überließ sich Christine dem Zauber des erwachenden Frühlings. Klaus hingegen, in dem die Erinnerung an Kienagls saures Gesicht keine reine Freude an Sonnenglanz und jungem Grün aufkommen ließ, begehrte nun ernstlich zu wissen, was es mit diesem unprogrammäßigen Spaziergang auf sich habe.
„Willst du mir nicht endlich sagen —“, begann er, und Christine beeilte sich, ihre Handtasche zu öffnen und zwischen Geldbörse, Taschentuch und allerlei Krimskrams den Zeitungsausschnitt hervorzuangeln!
„Lies!“ sagte sie.
Klaus las gehorsam; er drehte den Ausschnitt hin und her und sah nach, ob sich auf der Rückseite etwas Lesenswertes befinde.
„Na — und?“ fragte er verständnislos.
„Wie gefällt dir die Anzeige?“ fragte Christine.
„Wie mir die Anzeige gefällt?“ Klaus warf einen mißtrauischen Blick auf das Fetzchen Papier in seiner Hand. „Warum sollte mir die Anzeige gefallen?“
„Weil ich mich um den Posten bewerben möchte“, sagte Christine freundlich.
„Du? Du möchtest dich —“ es war ein beleidigendes Gelächter, das Klaus von sich gab — „sag mal, wie kommst du auf diesen gottverlassenen Gedanken?“
Christine versuchte, sich des Zeitungsausschnitts wieder zu bemächtigen, was ihr mißlang. „Da gibt es nichts zu lachen“, sagte sie ärgerlich, „und von gottverlassen kann gar keine Rede sein. Ich habe einfach keine Lust, wieder den ganzen Sommer in einem muffigen Laden zu sitzen, und außerdem“, setzte sie entschlossen hinzu, „glaube ich die Eigenschaften zu haben, die in der Anzeige gewünscht werden“.
„Was für Eigenschaften? Laß sehen!“ Klaus las mit erhobener Stimme vor: „Jung — stimmt! Selbständig? Wenn das soviel bedeutet wie eigenwillig, dann bist du auch das. Gescheit?“ Er grinste.
„Fang nur nicht wieder von den Punischen Kriegen an“, sagte Christine erbittert.
„Tierliebend?“ fuhr Klaus unbeirrt fort. „Mir scheint, hier liegt der Hund begraben. Du willst einen muffigen Laden mit einem stinkenden Kaninchenstall vertauschen.“
„Wer sagt dir, daß es sich um Kaninchen handelt?“ fragte Christine gereizt, weil sie Kaninchen nicht in den Kreis ihrer Erwägungen einbezogen hatte. Warum eigentlich nicht? Angorakaninchen waren große Mode.
„Es können auch Meerschweinchen sein“, sagte Klaus. „Auf jeden Fall handelt es sich um einen frauenlosen Haushalt, und in einen frauenlosen Haushalt gehst du mir nicht.“
„Warum nicht?“ Christine hob den Kopf und sah Klaus aus funkelnden Augen an. „Willst du es mir etwa verbieten?“
„Christel!“ bat Klaus, „nimm doch Vernunft an! Alleinstehende Männer, die eine junge Stütze für ihr Hauswesen suchen, haben meist irgendwelche dunklen Hintergedanken dabei, und —“
„Erlaube mal!“ unterbrach Christine und wies mit spitzem Finger auf die Anzeige. „Du hast übersehen, was hier steht. Hier steht: Junge selbständige Person!“
„Ja — und?“ verwunderte sich Klaus.
„Jemand, der Person schreibt, hat keine dunklen Hintergedanken. Person klingt so — so —“ sie suchte nach einem Wort und verkündete triumphierend: „neutral! Außerdem wird die junge Person nur tagsüber gesucht.“
„Und du glaubst, gewisse dunkle Hintergedanken ließen sich nur bei Nacht verwirklichen?“ erkundigte sich Klaus.
„Klaus!“ rief Christine empört. Dieser Zynismus ging entschieden zu weit. „Du solltest dich schämen, immer gleich das Schlechte anzunehmen. Sicher ist es ein einsamer alter Herr —“
„Mit einer Kaninchenzucht“, schaltete Klaus ein.
Christine hob einen Stein vom Boden auf und schleuderte ihn zornig fort. Es hatte keinen Sinn, mit Klaus über eine Sache zu reden, wenn er nicht vernünftig darüber reden wollte. Noch nie hatten lächerliche Einwände einen Menschen von einem Vorhaben zurückgehalten. Im Gegenteil, wenn irgendetwas, so waren sie dazu angetan, ihn zu bestärken. Auch Christine fühlte sich bestärkt. Sie setzte ihren Hut wieder auf, den sie abgelegt hatte, um ihren Kopf an Klaus’ Schulter ruhen zu lassen, und zog ihre Handschuhe an.
„Gehen wir!“ sagte sie kühl.
Klaus sah sie betreten an. Eine innere Stimme sagte ihm, daß er zu weit gegangen sei.
„Christel —“ begann er bittend, aber sie hatte schon ein paar Schritte von ihm fortgetan, und es blieb ihm nichts übrig als ihr zu folgen. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her den Weg zurück, den sie gekommen waren. Die Sonne lockte einen Duft von feuchter Erde hervor, in den noch kahlen Bäumen lärmten die Spatzen wie toll, ein Eichhörnchen lief gerade vor ihnen einen Stamm hinauf.
Klaus schob seine Hand unter Christines Arm. Er brannte darauf, ihr mitzuteilen, daß er gestern seine neueste Erfindung zum Patent angemeldet hatte. Es handelte sich um einen Apparat, der die lästige und zeitraubende Arbeit des Schuhputzens zu einem Vergnügen machen sollte, und Klaus war überzeugt, diesmal so etwas wie das Ei des Columbus erfunden zu haben. Auch Christine stand dieser neuen Erfindung weniger skeptisch gegenüber als dem Stopfapparat und dem Bügeleisen. Sie fand Schuheputzen so schauderhaft, daß sie glaubte, jeder müsse froh sein, wenn er seine Schuhe fortan nur noch mit ein paar elektrisch betriebenen Bürsten in Verbindung zu setzen brauche, um sie in kürzester Zeit blank und glänzend zu sehen. Der Apparat bedeutete wirklich eine nicht zu unterschätzende Leistung auf dem Gebiet der Erleichterung des Alltags, und das Wunderbare war, daß diesmal niemand Klaus zuvorgekommen zu sein schien. Er hatte zahlreiche Konferenzen mit seinem Patentanwalt gehabt, wochenlang war er mit rauchendem Kopf umhergegangen — denn auch hier hatte die Schwierigkeit hauptsächlich darin bestanden, den Apparat zu einer erschwinglichen Anschaffung für jedermann zu machen — und manchen Abend hatten er und Christine damit zugebracht, einen schlagkräftigen Namen für die Erfindung zu ersinnen. Er müsse kurz wie ein Flintenschuß sein, fand Klaus, und vor allem müsse er einen deutlichen Hinweis auf die Schnelligkeit des Verfahrens enthalten. Christine hatte Hurtig, Prompt und Quick vorgeschlagen. Klaus jedoch wünschte das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, indem er Schlagkraft mit Wohlklang paarte. Er hatte sich „Rapid“ in den Kopf gesetzt, obwohl Christine ihn darauf aufmerksam machte, daß „Rapid“ weder originell noch besonders wohltönend sei.
„Wenn du schon durchaus dabei bleiben willst, so nenne ihn wenigstens ,Rapido‘“, hatte sie schließlich gemeint, und Klaus war begeistert gewesen. „Rapido“ klang zwar nicht wie ein Flintenschuß, aber dafür war es einprägsam, verheißungsvoll und melodiös. An jenem Abend hatte er ein Werbeblatt entworfen:
Achtung!
Befreien Sie sich von unnötigem Ballast!
Seien Sie auf eine rationelle Lebensweise be-
dacht! Schonen Sie Ihre Kräfte, indem Sie
Klaus Martens’ Schuhputzapparat „Rapido“
benutzen! „Rapido“ erhöht Ihr Lebens-
gefühl, indem er Ihnen Arbeit erspart.
Äußerst sparsam im Stromverbrauch!
Darum: Kein Haushalt ohne
„Rapido“!
„Du hättest Reklamechef werden sollen“, hatte Christine beeindruckt gesagt.
Die Hauptsache war natürlich, einen Produzenten für den „Rapido“ zu finden, aber mit der Anmeldung zum Patent war doch schon ein allererster Schritt getan. Klaus warf Christine einen Seitenblick zu und begegnete ihren Augen in dem Augenblick, als sie die seinen suchten. Die Folge davon war, daß sie beide lachen mußten.
„Christel“, sagte Klaus, „was sind wir für Idioten! Da streiten wir herum, und dabei habe ich eine Überraschung für dich!“
„Eine Überraschung?“ Christines Augen hefteten sich blank und erwartungsvoll auf sein Gesicht.
„Gestern habe ich den ,Rapido‘ zum Patent angemeldet“, verkündete Klaus.
„Ach so —“ machte Christine. Es klang ein wenig gedehnt. Eine Sekunde lang hatte sie gedacht, Klaus habe vielleicht eine besser bezahlte Stellung in Aussicht, oder es sei ihm gar ein Gewinn in der Lotterie zugefallen.
„Freust du dich denn gar nicht?“ fragte ihr Verlobter vorwurfsvoll.
,Natürlich freue ich mich‘, wollte Christine sagen, aber er ließ sie nicht zu Worte kommen. Während er sie im Sturmschritt mit sich fortzog — wenn er in Erregung geriet, mußte er rennen — entwarf er ihr zum hundertsten Male ein starkfarbiges Bild der Möglichkeiten, die sich aus dem Erfolg des „Rapido“ ergeben würden. Er sprach von der gesicherten Grundlage für ihr Glück, von Wohlstand, Ansehen und Sorglosigkeit. Seihe Rede war eindringlich wie ein Werbefilm; zum Schluß verstieg er sich zu der Behauptung, Christine habe es überhaupt nicht mehr nötig, sich nach einer Stellung umzusehen, da ihrer Heirat nun nicht mehr die geringsten Schwierigkeiten im Wege stünden.
„Du tätest besser daran, an deiner Aussteuer zu nähen“, rief er erzürnt, „anstatt einem Kaninchenzüchter in Waldham die Wirtschaft führen zu wollen!“
„Hör auf!“ bat Christine erschüttert. Sie war ein fleißiges Mädchen, das keine Arbeit scheute, aber Handarbeiten waren ihr von jeher ein Greuel gewesen. Die Vorstellung von sich selbst, wie sie dasaß und Kissenbezüge und Laken mit endlosen Hohlsäumen versah, jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Klaus, der Erfinderische, vom Fortschritt Besessene, bekam zuweilen atavistische Anwandlungen!
Sie bogen in die Ludwigstraße ein; von der Theatinerkirche schlug es ein Uhr.
„Um Himmelswillen!“ rief Klaus. „Höchste Zeit fürs Geschäft! Kienagl wird mich fressen. Christel, versprich mir —“ er blieb im Strom des mittäglichen Verkehrs stehen und sah sie durchbohrend an — „Versprich mir, daß du den Posten beim Kaninchenzüchter nicht annehmen wirst, wenn er aussieht wie einer, der Hintergedanken hat.“
Christine mußte lachen. „Wie soll er denn deiner Meinung nach aussehen?“ fragte sie.
Klaus sah sich genötigt, seine Stimme zu erheben, um den Lärm der Straßenbahn, die heftig klingelnd einen Lastwagen zum Ausweichen veranlaßte, zu übertönen.
„Alt wie Methusalem!“ schrie er. „Am besten mit einem Vollbart oder einer Glatze, oder beidem! Hallo, da kommt mein Sechsundzwanziger! Servus Christel, um sechs bin ich bei dir!“
„Halt!“ rief Christine unter Hinweis auf die Verkehrsampel, die gerade von Gelb zu Rot wechselte, aber Klaus war schon drüben und schwang sich behende auf die überfüllte Plattform. Über die Köpfe der Fahrgäste hinweg winkte er Christine zu. Da stand sie, schlank und schön gewachsen wie ein junger Baum. Sie legte die Hände trichterförmig an den Mund. „Hallo!“ schrie sie, so laut sie konnte, „möchtest du etwa auch noch, daß er schielt?“
3
Nach Tisch setzte sie sich auf ihr Rad und fuhr nach Waldham hinaus. Wenn der Morgen mit Sonnenschein und Frühlingsduft verfrühte Hoffnungen hatte keimen lassen, rief der Nachmittag die Tatsache, daß man April schrieb, unbarmherzig ins Gedächtnis zurück. Ein frischer Westwind trieb bedrohliche Wolken vor sich her, es sah aus, als könne es jeden Augenblick beginnen zu regnen, und Christine, in Cape und Kapuze aus mohnrotem Ölstoff, kämpfte sich tapfer gegen die Unbilden der Witterung vorwärts.
Obwohl sie schon zwei Jahre in München lebte, war sie sich der Ausdehnung dieser schönen Stadt noch nie so bewußt geworden wie an diesem Tage, wo sie sie von einem Ende zum änderen durchqueren mußte, um endlich in eine Gegend zu gelangen, in der die langen eintönigen Straßenzeilen in Grünflächen übergingen. Hier gab es nur noch kleine Siedlungshäuser, reihenweise ins Grüne hineingestellt und umgeben von Gärtchen, in denen es zaghaft zu sprießen begann. Hinter ihnen stand wie eine schwarze Kulisse der Wald.
Christine freute sich, als sie die letzten Stätten menschlichen Siedlungswillens hinter sich hatte und auf einem moosigen Weg zwischen hochstämmigen Tannen dahinradelte. Leider begann es nun auf eine stille und beharrliche Weise zu regnen, eine Tatsache, die, verbunden mit der Aussicht, diese Entfernung nun womöglich täglich überwinden zu müssen, Christine ein wenig nachdenklich stimmte. Aber ging es nicht auf den Sommer zu, und waren nicht Luft und Bewegung gerade das, wonach sie sich gesehnt hatte? Beides würde sie nun reichlich bekommen. Und wenn wirklich einmal ein Hundewetter war, so konnte sie mit der Bahn herausfahren. Der Vorortverkehr bewältigte die Strecke in einer Viertelstunde. Nein, in diesem Punkt lag keine Schwierigkeit, vorausgesetzt, daß überhaupt etwas aus der Sache wurde. Wenn Christine auch Klaus’ Furcht vor Hintergedanken keineswegs teilte, so konnte es sich bei dem Marin mit der sonderbaren Anzeige doch um einen unangenehmen alten Knaben handeln, dessen Haushalt zu führen nichts Verlockendes hatte.
Christine entschloß sich, keine Erwägungen theoretischer Natur über etwas anzustellen, von dem sie sich in Kürze praktisch überzeugen konnte. Aber sie verspürte eine gewisse Spannung, als sie nun Waldham vor sich sah. Ihre wachsamen Augen stellten fest, daß es sich um einen hübschen geräumigen Ort handle, halb Dorf, halb Siedlung mit netten kleinen Häusern, die alle aussahen, als seien sie von Rentnern bewohnt. Die einschlägigen Geschäfte, Metzgerei, Bäckerei und Gemischtwarenhandlung, lagen an der Hauptstraße. Christine vermerkte es mit Befriedigung, als gehe es sie schon etwas an. Aber nachdem sie die Hauptstraße durchfahren hätte, sah sie sich genötigt, abzusteigen und nach der Alpenstraße zu fragen. Eine Frau erteilte bereitwillig Auskunft.
„Da müssens durch die Bahnunterführung durch“, erläuterte sie, „und dann gleich rechts. Zu wem wollens denn?“
Christine verspürte keine Lust, müßige Neugier zu befriedigen, sie dankte und schwang sich wieder auf ihr Rad. Sie fuhr am Wirtshaus „Zum Wilden Mann“, ausgeübt von Michael Schmiededer, vorbei, dann kam die Unterführung. Sie flitzte hindurch, auf der änderen Seite ging es wieder ein Stückchen bergauf, und endlich fand sie sich vor einem kleinen weißgetünchten Haus mit grünen Fensterläden und einem Giebel aus dunklem Holz. Es stand mitten in einem Stück eingezäunten Waldes, ein paar Leberblümchen blühten im Tannenschatten, über der Gartenpforte wölbte sich ein Bogen aus Rosen, die noch in einer winterlichen Umhüllung steckten. Als Christine auf die Klingel drückte, neben der sich ein Messingschild mit dem Namen Gregor Sommerhoff befand, erscholl im Innern des Hauses unverzüglich die Baßstimme eines großen Hundes, übertönt von einem hysterischen Zetern, wie es Schoßhündchen von sich geben.
,Hunde!‘ dachte Christine beglückt. Daß sie darauf nicht gekommen war!
Die IIaustür wurde geöffnet, ein helles zappelndes Etwas schoß hervor, gefolgt von einem schwarzen Neufundländer im Zockeltrab, und in der Tür erschien ein untersetzter breitschultriger Mann in einem weißen Kittel, wie ihn Ärzte tragen, Nur war der Kittel nicht so sauber.
„Kommen Sie nur herein!“ rief eine unwirsche Stimme. „Die Gartentür ist offen. Kaspar, Bibi hierher!“
Der Neufundländer gab ein letztes pflichtbewußtes Bellen von sich, bevor er schweifwedelnd zu dem Mann in der Haustür zurückkehrte. Das zappelnde Etwas aber hörte nicht auf zu kläffen und zu zetern. Während Christine den kurzen Weg zum Hause zurücklegte, sprang es an ihr hoch in dem hoffnungslosen Bemühen, ihren Rocksaum zu erwischen.
„Bibi!“ donnerte der Mann in der Tür.
„Lassen Sie nur!“ sagte Christine lachend. „Er wird mich nicht fressen.“
Sie lehnte ihr Rad gegen die Hauswand. Dann stand sie vor dem Mann im weißen Kittel und sah in ein großes, ziemlich verwittertes Gesicht mit hellen durchdringenden Augen unter buschigen Brauen. Es war nicht zu verkennen, daß diese Augen sie mit unverhohlenem Mißvergnügen betrachteten.
„Was wünschen Sie?“ fragte Sommerhoff mürrisch.
„Ich komme wegen der Anzeige.“ Christine kramte aus ihrer Tasche den Zeitungsausschnitt als Beweisstück hervor. ,Er sieht mich an, als halte er mich für eine Hochstaplerin‘, dachte sie beklommen, aber nun schien er sich zu erinnern.
„Kommen Sie herein“, sagte er, und, während er die Haustür hinter ihr schloß: „Es sind heute schon zwei dagewesen.“
„So?“ sagte Christine töricht. Sie wünschte sehr, Bibi möchte aufhören zu bellen. Sein durchdringendes Organ zwang sie beide zu einem Stimmaufwand, der einer Verständigung nicht förderlich sein konnte. Man mußte schon gute Nerven haben, um dieses Gezeter ohne Wutausbruch zu ertragen. Vielleicht war es das, was Herr Sommerhoff unter Tierliebe verstand? Gottseidank schien er ebenfalls genug zu haben, denn er ergriff Bibi kurzerhand beim Wickel und beförderte ihn in ein Gemach, dessen Tür er schnell wieder schloß, jedoch nicht, ohne daß Christine einen Blick auf einen Tisch, vollbepackt mit Töpfen und Geschirr, hätte werfen können. Dann öffnete er eine zweite Tür und ließ sie eintreten.
Staunend überschritt Christine die Schwelle zu einem großen weiß getünchten Raum, der sein Licht durch ein Atelierfenster empfing. Der erste Eindruck vermittelte Kühle und Nüchternheit. Ein großer Tisch mit vielerlei Werkzeug nahm die Mitte ein, daneben erhob sich auf hölzernem Sockel die unvollendete Tonplastik eines Kinderkopfes. Statuetten in Bronze und Gips standen herum, das kalte Weiß einer Wand war durch einen herrlichen Wandteppich in leuchtenden Farben gemildert. An Möbeln gab es nur das Nötigste: ein paar Stühle, eine schöne alte Truhe, ein Regal mit Büchern und ein Tischchen mit Rauchgerät vor dem breiten Diwan in der Ecke, der das einzige Zugeständnis an Bequemlichkeit zu sein schien, das der Bildhauer Sommerhoff sich gestattete.
„Setzen Sie sich“, forderte er Christine mit einer Handbewegung zum Diwan hin auf.
Christine ließ sich unter dem feindseligen Blick einer hellblonden Angorakatze auf einer Ecke des Diwans nieder. Dabei entdeckte sie neben den Büchern einen Käfig mit einem türkisfarbenen Wellensittich.
„Idomeneo!“ sagte Sommerhoff, der ihrem Blick gefolgt war, und unter Hinweis auf die Katze: „Agathe!“ Er stand breitbeinig vor ihr, die Hände in den Taschen seines Kittels, und sah sie unter gerunzelten Brauen prüfend an. Neben ihm saß der Neufundländer Kaspar und hielt ebenfalls den Blick seiner goldgelben Augen wachsam auf sie gerichtet.
Christine lächelte. Zwei Hunde, eine Katze, ein Wellensittich! Und sie hatte an Affen, Papageien und Silberfüchse gedacht! Nun, auch so war es eine nette kleine Menagerie!
„Haben Sie Zeugnisse?“ fragte die unwirsche Stimme.
Das Lächeln erstarb auf Christines Lippen. Sie besaß keine Zeugnisse, außer einem, das ihre Leistungen im Buchhandel würdigte. Aber damit dürfte ihr in diesem Fall kaum gedient sein.
„Ich bin — ich habe —“ stotterte sie.
Sommerhoff winkte ungeduldig ab. „Was können Sie?“ wollte er kategorisch wissen.
Christines Verwirrung wuchs. Seine Art, einem die Pistole auf die Brust zu setzen, hatte etwas Atemraubendes. „Ich kenne mich ziemlich gut im Haushalt aus“, sagte sie vorsichtig, „und —“ ihre Stimme wurde sicherer: „ich liebe Tiere.“
Nun zog Sommerhoff einen Schemel heran und ließ sich darauf nieder. Sein bemerkenswerter Kopf, von wirrem graublondem Haar umstanden, war dicht vor Christines Augen. Sie versuchte sein Alter einzuschätzen und kam zu dem Ergebnis, daß er ebenso gut fünfzig wie sechzig Jahre zählen könne.
„Es kommt mir darauf an“, sagte er, „jemand zu bekommen, der dies alles —“ er wies mit einer ausladenden Gebärde um sich — „in Ordnung hält, ohne mich zu behelligen. Ich habe genug von den Putzweibern“, fügte er mit Abscheu hinzu.
Christine nickte teilnehmend. Er sah verdrossen und verbittert aus, ganz wie ein Mensch, der schlechte Erfahrungen gemacht hat.
„Sie arbeiten ohne Sinn und Verstand, bringen alles durcheinander und verstehen nicht, mit Tieren umzugehen“, faßte Sommerhoff sein Urteil über die „Putzweiber“ zusammen. „Obwohl es wahrhaftig kein Kunststück ist, Idomeneos Käfig geschlossen zu halten, so lange das Fenster offen steht. Dreimal hatte ich die größte Mühe, ihn wiederzubekommen. Und was die Hunde betrifft — nur Dummheit kann sie dafür verantwortlich machen wollen, daß sie Schmutz ins Haus bringen.“ Er lachte grimmig. „Ich für meine Person will nichts als in Ruhe gelassen werden. Aber das ist Putzweibern nicht beizubringen. Sie kommen mit ihren Eimern herein und setzen das Atelier unter Wasser. Ich möchte wirklich wissen“, schloß er erbittert, „ob es unmöglich ist, Ordnung zu schaffen, ohne vorher ein Chaos zu entfesseln!“
„Ich würde mich bemühen —“ begann Christine, aber er schnitt ihr das Wort ab.
„Die erste, die sich heute früh vorstellte, war wieder so eine Besen-Amazone. Sie sah aus, als brenne sie darauf, mit hochgekrempelten Ärmeln loszulegen. Dafür war die zweite auf getakelt wie eine Fregatte am Sonntag und duftete zehn Kilometer gegen den Wind. Offenbar hatte sie die Anzeige für eine verkappte Heiratsannonce gehalten. Und nun kommen Sie daher —“ sein Blick ruhte gedankenvoll auf Christine — „Zeugnisse haben Sie nicht, aber Sie behaupten, sich im Haushalt auszukennen. Sie sehen leidlich vernünftig aus und haben sich durch Bibis Gezeter nicht aus der Fassung bringen lassen.“
Die Tatsache, daß sie sich durch Bibi nicht aus der Fassung hatte bringen lassen, schien ihr Ansehen in seinen Augen zu erhöhen.
„Ich habe Tiere sehr gern“, wiederholte Christine, obwohl sie für zeternde kleine Biester von Bibis Art wenig übrig hatte.
„Wie heißen Sie?“ fragte Sommerhoff inquisitorisch.
„Christine Reisinger.“
„Alter?“
„Einundzwanzig Jahre.“
Er stand auf und ging mit großen Schritten im Atelier auf und ab. Die Angorakatze erhob sich ebenfalls von ihrem blauen Kissen, sie machte einen krummen Rücken und beantwortete einen schüchternen Annäherungsversuch Christines mit einem unbeschreiblich hochmütigen Blick.
„Man könnte ja einmal einen Versuch machen —“ Sommerhoff blieb stehen und sah Christine ungewiß an. „Glauben Sie, daß Sie mehr als ein paar Stunden täglich brauchen würden, um den ganzen Krempel in Ordnung zu halten?
Christine sah sich um. Was das Atelier betraf, so war es übersichtlich und leicht aufzuräumen, vorausgesetzt, daß er sie überhaupt heranließ.
„Hat das Haus viele Räume?“ erkundigte sie sich vorsichtig.
„Ob das Haus — ach ja, das müssen Sie natürlich wissen. Kommen Sie, ich werde es Ihnen zeigen.“ Und schon war er, gefolgt von Kaspar, an der Tür.
Während der folgenden zehn Minuten gewann Christine den Eindruck eines chaotischen Durcheinanders, dessen Herr zu werden schier übermenschliche Kräfte erfordern würde. In der Küche, die der eingesperrte Bibi mit dem vollen Zauber seiner Stimme erfüllte, türmten sich Kochtöpfe und Geschirr zu Bergen. Christine fragte sich beklommen, wie es möglich sei, daß ein Mensch für sich allein so viel Geschirr benötige. Sommerhoffs unwirsche Erläuterung, daß er das letzte Putzweib vor zehn Tagen an die Luft gesetzt habe, brachte zwar etwas Licht in die Sache, aber erst, als er sagte, er verabscheue den Wirtshausfraß und habe sich infolgedessen selber etwas zusammengekocht, wurde ihr das Ganze klar.
Das Schlafzimmer war die hoffnungslos verwilderte Bude eines Junggesellen. Es gab zwar einen Schrank, aber er schien nicht zur Aufnahme von Kleidungsstükken bestimmt, denn die trieben sich auf allen Möbeln unter besonderer Berücksichtigung des Bettes herum. Christine sah, wie die Katze Agathe an Sommerhoff vorbei das Bett gewann und sich wohlig schnurrend in einen Pullover schmiegte, der im trauten Verein mit einem Pyjama und etlichen Krawatten das Kopfkissen zierte. Es sei ihr Lieblingsplatz, erklärte Sommerhoff, er selbst ziehe es vor, auf dem Diwan im Atelier zu schlafen. Das begriff Christine. Es konnte kein Vergnügen sein, das Nachtlager allabendlich von einem Wust von Gegenständen zu befreien, um es dann mit einer Katze zu teilen.
Sommerhoff drückte die Klinke einer Tür nieder, die ins Nebenzimmer führte, und fand sie, offenbar zu seiner Befriedigung, verschlossen. Um dieses Zimmer brauche Christine sich nicht zu kümmern, erklärte er, es sei unbewohnt. Dann stiegen sie schweigend die Treppe wieder herunter, und Christine konnte nicht umhin, festzustellen, daß auch auf dem Treppengeländer der Staub fingerdick lag.
„Nun?“ fragte Sommerhoff, als sie wieder im Atelier waren. Es klang nicht sehr hoffnungsvoll.
„Ich glaube, ich werde es schaffen“, sagte Christine zuversichtlich. Ihr Ehrgeiz war erwacht. Es reizte sie geradezu, Ordnung in das Chaos zu bringen. Am liebsten hätte sie gleich angefangen.
Auch ihr zukünftiger Arbeitgeber sah um eine Schattierung weniger düster drein, obwohl von Zuversicht bei ihm noch nicht die Rede sein konnte. Christine fand es nach den vielen schlechten Erfahrungen begreiflich. Sie nahm sich vor, zu tun, was in ihren Kräften stand, um seinen verschütteten Glauben an weibliche Tüchtigkeit zu neuem Leben zu erwecken.
„In ein paar Tagen wird es hier schon ganz anders aussehen“, sagte sie und lächelte ihn ermutigend an.
„Hm —“ machte er. Es konnte ebenso gut Zweifel wie Zustimmung bedeuten. Christine neigte eher dazu, es für Zweifel zu halten, denn er äußerte noch einmal nachdrücklich seine Abneigung gegen Säuberungsaktionen im Atelier. Anschließend bat er sie, ihre Arbeit so geräuschlos wie möglich zu verrichten.
„Ich hasse Lärm“, sagte er, „und vor allem eins: belästigen Sie mich nicht mit Haushaltfragen! Ich lasse Ihnen freie Hand, und wenn Sie wirklich gescheit sind, werden Sie Ihre Sache schon richtig machen.“
„Ich werde mich bemühen“, sagte Christine. Das hatte sie schon einmal gesagt, und sie war durchaus gewillt, den Worten die Tat folgen zu lassen. Der Appell an ihre Gescheitheit sollte nicht ins Leere gerichtet sein! Sie sah ihm zu, wie er seine Wanderung durch das Atelier wieder aufnahm. Seine Hosen hatten es nötig, aufgebügelt zu werden. Das, was von ihnen unter dem Kittel zu sehen war, war verbeult und zerknittert und ohne die geringste Bügelfalte. Und am Kittel selbst fehlte ein Knopf. Dabei sah er nicht etwa verwahrlost aus. Was er auf dem Leibe trug, verriet Sinn für Qualität, wenn auch keinen für Ordnung. Nach dem Zustand der Kleider zu schließen, mußten seine Strümpfe voller Löcher sein. Christine ahnte, daß Sommerhoffs Strümpfe zum dunklen Punkt in ihrer neuen Tätigkeit werden würden. Aber wer A gesagt hat, muß auch B sagen. Entschlossen, B zu sagen, erhob sie sich, um sich von ihrem zukünftigen Arbeitgeber zu verabschieden.
„Wann soll ich antreten?“ fragte sie fröhlich.
Sommerhoff blieb stehen Und richtete den Blick seiner durchdringenden Augen auf sie. „Da wäre noch —“ sagte er zögernd, „die Frage des Honorars zu klären.“ Er war sich bewußt, daß das Wort Honorar in diesem Falle ungewöhnlich klang, aber es widerstrebte ihm, dem netten gutgekleideten Mädchen vor ihm von Lohn oder Gehalt zu sprechen. Wer konnte wissen, welche Umstände sie zwangen, sich des verlotterten Hauswesens eines einsamen alten Knaben anzunehmen! Sie sah so hübsch und adrett aus. Wenn er sie irgendwo gesehen hätte, würde er sie für eine Sekretärin oder etwas dergleichen gehalten haben. Ihre Augen hatten einen hellen wachsamen Blick, sie machte einen gescheiten Eindruck, und Gescheitheit war gerade das, was er brauchte. Der Gedanke an die Putzweiber und ihr sinnloses Walten ließ ihn schaudern. Er war kein Krösus, aber es sollte ihm auf ein paar Mark nicht ankommen, wenn er dafür Ruhe und Ordnung bekam.
„Wie haben Sie es sich gedacht?“ fragte er.
Christine errötete. Von dieser Seite hatte sie die Sache noch gar nicht betrachtet. Nicht, als könne sie es sich leisten, die Frage des Gehalts außer acht zu lassen. Sie war ebenso darauf angewiesen wie die meisten ihrer Berufskameradinnen, und die zwanzig Mark Taschengeld, die der Vater monatlich beisteuerte, waren nicht mehr als eine willkommene Dreingabe. Aber sie hatte, fasziniert durch das Neuartige der Aufgabe, die finanzielle Seite in den Hintergrund geschoben. Was konnte sie fordern? Sie besaß weder Zeugnisse noch sonstige Beweise häuslicher Fähigkeiten. Sommerhoff verpflichtete sie gewissermaßen auf Treu und Glauben. Eigentlich mußte man es ihm hoch anrechnen nach dem Fegefeuer trüber Erfahrungen, durch das er gegangen war.
„Bitte, machen Sie es so, wie Sie es bisher gemacht haben“, sagte sie und errötete noch mehr.
„Wie bisher?“ Er rang sichtlich mit sich. Dann sagte er: „Die Putzweiber bekamen Stundenlohn und das Essen natürlich.“
„Na also!“ sagte Christine fröhlich. „Ich werde mir alle Mühe geben, ein ordentliches Putzweib zu werden.“
Ein Schmunzeln erschien auf seinem Gesicht. „Sie dürfen das nicht so auffassen, als verachte ich die Zunft der Putzweiber“, sagte er. „Wahrscheinlich tun sie ihr Bestes. Nur ist ihr Bestes leider nicht das meine.“
Christine mußte lachen. Er besaß einen grimmigen Humor, und wenn er lächelte, sah er gleich um zehn Jahre jünger aus.
„Ist es Ihnen recht, wenn ich gleich morgen anfange?“ fragte sie.
„Je eher, desto besser!“ Er streckte ihr die Hand entgegen, und Christine legte die ihre einen Augenblick hinein. Dann begleitete er sie hinaus. Es hatte aufgehört zu regnen, die Hunde wälzten sich jaulend im feuchten Gras. Christine rollte ihr Ölcape zusammen, stopfte es in die Kapuze und verstaute beides auf dem Gepäckträger ihres Rades.
„Sehr praktisch!“ lobte Sommerhoff, der in der Tür stehend ihrem Aufbruch beiwohnte. „Gedenken Sie immer mit dem Rad herauszufahren?“
„Bei schlechtem Wetter fahre ich mit dem Vorortverkehr“, sagte Christine und schob ihr Rad zur Gartenpforte. „Bis morgen also, Herr Sommerhoff!“
„Bis morgen, Fräulein — darf ich Fräulein Christine sagen?“
„Sagen Sie ruhig Christel!“ Christine schwang sich auf ihr Rad, als ein dröhnendes „Hallo“ sie veranlaßte, noch einmal abzusteigen. Sommerhoff stand mit windzerzaustem Haar am Zaun und rief: „Das Fahrgeld vergüte ich Ihnen selbstverständlich!“
„Danke schön!“ rief Christine zurück.
Ihr neuer Arbeitgeber war ein Sonderling, soviel stand fest. Es würde nicht ganz einfach sein, es ihm recht zu machen, aber im Grunde — das spürte sie — war er viel gutmütiger , als er sich gab. Hätte er ihr das mit dem Fahrgeld zum Beispiel nicht ebenso gut morgen sagen können?
Während sie die nun schon bekannte Hauptstraße gewann, fand Christine, es spreche für ihn, daß er es schon heute getan hatte.
4
Zu Hause, unter dem Bild des flüchtenden Korsen, saß Klaus und wartete auf Christine. Er saß schon eine geraume Weile dort. Mit dem Glockenschlag fünf hatte er die Firma Kienagl & Eisenmann verlassen, ja, er hatte sogar eine Unterredung mit einem Herrn Kerngruber, den „Rapido“ betreffend, verschoben, nur weil es ihn drängte zu erfahren, was aus Christines verrücktem Einfall geworden war. Noch mehr drängte es ihn, ihr zu sagen, daß er nach wie vor dagegen sei. Hundertprozentig dagegen! Klaus liebte es, sich in Prozenten auszudrücken, wenn er einer Meinung oder einem Gefühl Nachdruck verleihen wollte. Seitdem Christine am Mittag seinen Blicken entschwunden war, hatte er über ihr Vorhaben nachgedacht. Und je mehr er nachgedacht hatte, um so weniger gefiel es ihm. Warum in aller Welt blieb sie nicht bei ihren Büchern? Konnte es einen besseren und nützlicheren Umgang geben als Bücher?Klaus’ literarischeBedürfnisse beschränkten sich zwar auf Abenteuer- und Kriminalromane. Ein Mann, der aktiv an der Verbesserung der Welt beteiligt ist, und sei es auch nur im kleinen, kann seinen Kopf nicht mit allen möglichen abseitigen Problemen vollstopfen. Aber Christines Belesenheit imponierte ihm, abgesehen davon, daß es hübsch gewesen war, sie abends in ihrer Buchhandlung abzuholen. Während sie mit dem eindringlichen Eifer, dessen sie fähig war, einem Käufer die Vorzüge eines Buches pries, hatte Klaus ihr über eine Zeitschrift hinweg zugeblinzelt, ganz erfüllt von dem beglückenden Wissen, daß dieses schöne Geschöpf eines Tages ihm gehören werde.
Sein Stolz auf Christine kannte keine Grenzen. Er hatte Mädchen vor ihr gekannt, keines von ihnen hatte es ihm schwer gemacht, es zu besiegen. Christine besiegen zu wollen, wäre dem Versuch gleichgekommen, eine Knospe vorzeitig zum Blühen zu bringen. Aber diese Unerschlossenheit erhöhte nur ihren Reiz. Schamhaft und scheu, wenn es um Dinge des Herzens ging, ließ sie sich selten zu unmittelbaren Gefühlsäußerungen hinreißen. Ihre Zärtlichkeit war lind und kühl wie Sonnenschein an einem Vorfrühlingstag. Und trotzdem gab es Augenblicke, in denen Klaus spürte, was sie sein würde, wenn sie erst einmal ganz zu sich selbst erwachte. Um dieser Verheißung willen war er bereit zu warten, denn er wollte sein Glück nur ihrer Freiwilligkeit verdanken. Inzwischen hütete er sie wie ein Kleinod. Er ertrug es nicht, die Blicke anderer Männer mit Wohlgefallen auf ihr ruhen zu sehen, niemals aber würde er zugegeben haben, daß seine Wachsamkeit etwas mit Eifersucht zu tun haben könne. Es sei die verdammte Pflicht und Schuldigkeit eines Mannes, seine Braut vor Zudringlichkeiten zu schützen, behauptete er, und Christine verzichtete gutmütig darauf, ihn wissen zu lassen, daß sie selbst dazu sehr wohl imstande sei.
Klaus warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Schon halb sieben! Wo blieb Christine? Zornig drückte er seine Zigarette aus und warf den Rest dem mottenzerfressenen Bären in den Rächen. Es verbesserte seine Laune nicht, daß Frau Dirrmoser alle fünf Minuten den Kopf zur Tür hereinsteckte und heuchlerische Besorgnis über Christines Verbleib äußerte. Beiläufig gab sie ihm zu verstehen, daß es ihrer unmaßgeblichen Meinung zufolge nicht gut tue, wenn ein junges Mädchen einem alleinstehenden Herrn die Wirtschaft führe. Da dies auch Klaus’ Meinung war, geriet er allmählich in Raserei. Mit unverkennbarem Widerwillen folgte er Frau Dirrmosers Bericht über die Tochter der Familie Zacherl im ersten Stock, die von „so einem“ ein Kind davongetragen habe. Im Begriff, die Gattin des Taxibesitzers zu allen Teufeln zu wünschen, hörte er, wie draußen die Korridortür geöffnet wurde. Frau Dirrmoser unterbrach sich in einer blumigen Schilderung der Einzelheiten und enteilte. Eine Sekunde später vernahm Klaus Christines helle Stimme, und dann stand sie, frisch und fröhlich Wie nur je, im Zimmer. Sein Vorhaben, ihr mit Zurückhaltung zu begegnen, scheiterte an der Freude, sie wohlbehalten vor sich zu sehen.
„Gottseidank, daß du endlich da bist!“ sagte er und gab ihr einen Kuß.
„Ich fuhr mit dem Rad hinaus“, berichtete Christine. Sie legte Hut und Jacke ab und ordnete vor dem Spiegel ihr Haar. „Auf dem Heimweg hatte ich Gegenwind und kam kaum vom Fleck.“
Gegenwind! Klaus atmete auf. Daß man nie an das Nächstliegende dachte!
„Aber es war wunderbar draußen! “Ihre Augen glänzten, und ihre Wangen waren rosig überhaucht. „Ich bekam beinah Heimweh, als ich den Duft der Tannen roch. “
„Na — und?“ fragte Klaus ungeduldig. Schließlich war Christine nicht des Tannenduftes wegen hinausgefahren.
„Einen Augenblick!“ bat sie. Sie goß Wasser in die Waschschüssel und wusch sich die Hände. Unnötig lange, fand Klaus. Aber dann kauerte sie sich endlich neben ihn auf den Diwan, eine blanke, seifenduftende Christine, und sagte: „Morgen früh trete ich meinen neuen Posten an.“
Also doch! Hatte Klaus wirklich gehofft, Christine werde etwas unterlassen, das zu tun sie sich vorgenommen hatte? Neben vielen schätzenswerten Eigenschaften besaß sie einen stark ausgeprägten und zielbewußten Willen. In zornigen Augenblicken neigte Klaus dazu, ihn Eigensinn zu nennen.
„Ich habe mir die Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen“, nahm er gleichwohl den Kampf auf. „Glaubst du, deine Eltern haben dich den Buchhandel erlernen lassen, damit du hingehst und einem Kaninchenzüchter die Wirtschaft führst?“
Christine lachte. Ihre Eltern waren ein Argument, das er gern ins Treffen führte, wenn die eigenen versagten. „Er ist kein Kaninchenzüchter“, sagte sie, ohne darauf einzugehen, „weißt du, was er ist?“
„Wie soll ich das wissen?“ knurrte Klaus. Von ihm aus konnte Sommerhoff der Mann im Mond sein, und er beabsichtigte, das Christine wissen zu lassen, da sagte sie: „Er ist Bildhauer.“
Diese Mitteilung verfehlte ihren Eindruck nicht. Als Mann des praktischen Lebens besaß Klaus in bezug auf Künstler eine Menge Vorurteile. Er war geneigt, sie in Bausch und Bogen für wurzellose Existenzen zu halten, die dem lieben Herrgott die Tage und redlichen pflichtbewußten Männern die Frauen stahlen. Die Erfahrungen eines Freundes, dem von einem Kunstmaler die Braut ausgespannt worden war, hatten Klaus in seiner Abneigung gegen alles, was da malte, schrieb und musizierte, sehr bestärkt. Und das farbenfrohe Bild, das Christine nun von Sommerhoffs Hauswesen entwarf, war nicht dazu angetan, sein Mißtrauen zu verringern.
„Eine schöne Wirtschaft!“ sagte er feindselig.
„Es ist halb so schlimm“, beruhigte Christine. „In einer Woche bringe ich die Sache in Schwung. Er hat bisher nie eine vernünftige Hilfe gehabt.“
„Warum nicht?“ forschte Klaus verbissen. „Frauen fliegen doch bekanntlich auf Künstler.“
„Besonders Putzfrauen!“ Christine mußte lachen im Gedanken an die „Putzweiber“, wie sie auf Sommerhoff flogen. Doch dann entsann sie sich des Gesprächs vom Morgen und sagte: „Sei nicht lächerlich, Klaus! Sommerhoff könnte mein Vater sein.“
„Wie alt ist er denn?“ fragte Klaus mit Überwindung.
„Mindestens fünfzig“, sagte Christine. Sie sah den Bildhauer vor sich, seine kräftige untersetzte Gestalt, den Kopf mit dem graublonden zerzausten Haar, die zahllosen Fältchen um die hellen Augen und den sarkastischen Zug um den Mund. „Mindestens fünfzig!“ wiederholte sie nachdrücklich.
„Das sind die Schlimmsten“, sagte Klaus wider alle Vernunft.
Im nächsten Augenblick wünschte er, er hätte es nicht gesagt, denn Christine vertauschte ostentativ den Platz an seiner Seite mit dem Rohrsessel. Es war schon dämmerig im Zimmer, eigentlich hätte sie auf stehen und das Licht andrehen müssen, schon um Frau Dirrmoser, die natürlich draußen herumspionierte, keinen Grund zu falschen Vorstellungen zu geben. Aber sie blieb sitzen, den Blick eigensinnig auf den verblassenden Abendhimmel im Ausschnitt des Fensters geheftet. Warum verdarb Klaus ihr die Freude an ihrer neuen Arbeit? Weil Sommerhoff Künstler war? Nein, weil er ein Mann war! ,Am liebsten sperrte er mich in ein Kloster ein‘, dachte Christine ärgerlich.
Seine Stimme kam durch die Dunkelheit zu ihr: „Christel?“
„Ja?“
„Bist du böse?“
„Nein — aber —“
„Schau“, sagte er eindringlich, „du bekommst eine Menge Arbeit und verdienst weniger als bisher.“
Aha, nun versuchte er, es auf dieses Geleise zu schieben!
„Ja“, sagte sie, „ich verdiene wohl etwas weniger, aber dafür muß ich nicht den ganzen Sommer im Laden stehen, und außerdem habe ich das Essen frei.“
„Das du selbst gekocht hast“, schaltete Klaus mit einem unverkennbaren Unterton von Hohn ein.
Christine beschloß, ihn zu überhören. „Selbstverständlich!“ sagte sie fest. „Übrigens hast du den Nutzen davon, denn ich werde mich zu einer Musterhausfrau entwickeln.“
Klaus gab es auf. Frauen hatten eine Art von Logik, gegen die ein Mann einfach nicht aufkam. „In Gottes Namen also!“ seufzte er und fügte kriegerisch hinzu: „Aber das sage ich dir: sobald ich einen Produzenten für den ,Rapido‘ habe —“
„Wird geheiratet“, vollendete Christine. Sie stand auf und lehnte ihre weiche kühle Wange einen Augenblick an die seine. Dann drehte sie das Licht auf. Es entquoll einer von einem Behang aus weißen und grünen Perlen umgebenen Birne hoch oben an der Decke, und der jähe Übergang von sanfter Dunkelheit zu grellem Licht machte sie beide blinzeln. Klaus hatte sich erboten, einen Lampion zu stiften, um mit seiner Hilfe die Beleuchtung weniger unbarmherzig zu gestalten, aber Christine fürchtete, es werde nach Budenzauber aussehen und die brave Frau Dirrmoser zu moralischen Bedenken veranlassen.
„Für fünfundzwanzig Mark im Monat kann man nun einmal keinen Luxus verlangen“, stellte sie vernünftig fest, während sie hin und her ging und etwas zum Abendessen zusammensuchte. Aber plötzlich blieb sie wie angewurzelt mitten im Zimmer stehen.
„Klaus!“ sagte sie und sah ihren Verlobten vorwurfsvoll an. „Wie oft habe ich dir gesagt, daß du die Zigarettenstummel nicht dem Bären ins Maul werfen sollst!“
5
Wenn Christine später an die ersten Tage ihrer Tätigkeit bei Sommerhoff zurückdachte, kam sie sich vor wie Don Quixote im Kampf gegen die Windmühlenflügel. Sie war so tapfer und von unbändigem Eifer erfüllt ans Werk gegangen, aber sie hatte nicht gewußt, daß Unordnung etwas ist, das schichtweise auftritt. Wenn sie an einer Stelle dem Chaos mit Aussicht auf Erfolg zu Leibe gerückt war, wurde unter dem einen Chaos ein neues sichtbar. Ein weniger willensstarkes Mädchen hätte vielleicht die Waffen gestreckt, aber Christine, bis an die Zähne mit Besen, heißem Wasser und schwarzer Seife bewaffnet, war entschlossen, durch sämtliche Schichten zu den Regionen blitzender Sauberkeit und segensreicher Ordnung vorzudringen.
Ihre Aufgabe wurde durch den Wunsch ihres Arbeitgebers nach Ruhe und Ungestörtsein erschwert. Am ersten Morgen hatte er ihr einen Fünfzigmarkschein zwischen die Berge von Geschirr auf den Küchentisch gelegt und die Hoffnung geäußert, sie werde ihn nun nicht mehr behelligen, bis das Geld ausgegeben sei.
„Legen Sie mir dann die Abrechnung vor“, hatte er gesagt und war im Atelier verschwunden.
Christine sah einen Beweis ehrenden Vertrauens in der Tatsache, daß ihr eine so große Summe anvertraut wurde. Andrerseits konnte sie nicht umhin zu befürchten, daß dieses Vertrauen Sommerhoff manchmal zum Schaden gereicht habe. Ihr Vater pflegte zu sagen, man dürfe die Menschen nicht allzu großen Prüfungen auf ihre Ehrlichkeit aussetzen. Aber schließlich war es nicht ihre Sache, Sommerhoff darauf aufmerksam zu machen. Sie würde sparsam wirtschaften und ihr Bestes tun. Während sie an Töpfen und Tiegeln herumscheuerte, dachte sie an Klaus und seine Bestrebungen, der Hausfrau das Leben zu erleichtern. Zum erstenmal begriff sie wirklich, daß sein Apparat zum Geschirrabwaschen etwas Großartiges war, ebenso wie der „Rapido“. Sie brauchte nur die Schuhe ihres Brotherrn nach einem Regenspaziergang anzusehen, um sich nach den elektrisch betriebenen Bürsten zu sehnen. Sommerhoff liebte es, Wald und Flur bei jedem Wetter zu durchstreifen, und seine Schuhe legten beredtes Zeugnis von der Beschaffenheit des heimischen Bodens ab. Christine begann, den Himmel von anderen Gesichtspunkten aus zu betrachten als bisher; sie freute sich, wenn die Sonne schien, nicht nur weil Sonnenschein an sich des Menschen Herz erfreut, sondern weil sie dann hoffen durfte, Sommerhoffs Schuhe nur von einer leichten Staubschicht bedeckt vorzufinden.
Wirkliches Kopfzerbrechen verursachte ihr aber weder die Sommerhoffsche Fußbekleidung noch das allgemeine Tohuwabohu. Wirkliches Kopfzerbrechen verursachte ihr lediglich der Speisezettel. In der Nacht vor ihrem Dienstantritt hatte sie nicht einschlafen können, weil sie sich vorgestellt hatte, es frage sie jemand auf Ehre und Gewissen, was sie eigentlich kochen könne. Einem im Examen durchgefallenen Schüler hätte nicht erbärmlicher zumute sein können als Christine, wie sie gleichsam an den Fingern abzählte: Sahnenschnitzel, Bratkartoffel, Spiegeleier. — Wie eine Erleuchtung kam der Gedanke an Apfelstrudel über sie. Apfelstrudel war ihre Spezialität, es fragte sich nur, ob ein Mann besonders darauf erpicht war. Ihr Vater und Klaus zum Beispiel liebten das Handfeste in Gestalt von Kalbshaxen und Geräuchertem mit Kraut. Ein Glück, daß es auf den Sommer zuging! Im Sommer gab es Salat, ja, der Sommer warb geradezu für das Kühle, Erfrischende, Vitaminreiche in Gestalt von Salat! Mit der Vision einer Salatschüssel vor Augen, die sie mit hartgekochten Eiern verzieren würde, schlief Christine endlich ein.
Als sie ihrem Brotherrn das erste Schnitzel mit Salat vorsetzte, war sie froh, daß er nicht ahnte, wie oft er beides noch bekommen würde. Er sah sie zerstreut und freundlich an, während sie den Tisch deckte, und fuhr fort, an etwas herumzukneten, das wie eine Katze aussah. Ein ärgerlicher Ausruf, als Agathe vom Diwan heruntersprang, bewies ihr, daß sie sich nicht getäuscht hatte.
„Die Prinzessin hat genug“, sagte Sommerhoff. Er liebte es, Agathe „Prinzessin“ zu nennen mit der Begründung, sie sehe so huldreich aus. „Na, lassen wir es für heute. Sie hat wunderbar Modell gesessen. Tiere sind herrlich, weil sie unbewußt sind.“
Christine erlaubte sich einen Blick auf die tönerne Agathe. Sie steckte erst in den Anfängen, aber alles war schon im Ansatz vorhanden, der lässig hingestreckte Körper, die weichen Pfoten und der schöne hochmütige Kopf. Einen Augenblick stand sie bewundernd, das Tablett in der Hand, dann besann sie sich auf ihre Pflicht und sagte höflich: „Darf ich zu Tisch bitten.“
Über den Erfolg dieses ersten Mittagessens erfuhr sie leider nichts. Da Sommerhoff sich nicht mißbilligend dazu äußerte, hoffte sie, es habe ihm geschmeckt. Damals wußte sie noch nicht, daß man ihm, wenn er in der Arbeit steckte, gebratene Schuhsohlen versetzen konnte, ohne daß er es bemerkte. Aber er bekümmerte sich um das, was die Tiere bekamen.
„Nicht zuviel Fleisch für die Prinzessin“, mahnte er, „sonst wird sie zu blutdürstig. Und Bibi sollte nur ein wenig gekochten Reis bekommen. Er hat einen schwachen Magen.“
,Vielleicht ist er darum so bösartig‘, dachte Christine. Sie besaß eine Großmutter, deren Magenleiden der Familie manche schwere Stunde bereitete. Warum sollte es bei Tieren anders sein! Was an ihr lag, hatte sie getan, um Bibis Zuneigung zu gewinnen, aber vielleicht spürte der Pekinese, daß ihre Bemühungen mehr dem guten Willen als einem zärtlichen Herzen entsprangen. Jedenfalls fuhr er fort, sie anzukläffen, und sie fühlte sich vor heimtückischen Attentaten auf ihre Kleider niemals sicher.
„Er ist ein kleines Mistvieh“, sagte Sommerhoff, als er einmal dazu kam, wie Bibi sich in Christines Rock verbiß. „Eigentlich gehört er nicht recht hierher, aber —“
Christine, die derselben Meinung war und nun gespannt auf nähere Erläuterungen aus Sommerhoffs Mund wartete, kam nicht auf ihre Kosten, denn der Bildhauer beendete den angefangenen Satz nicht. Er hob die Schultern, murmelte: „Da kann man nichts machen“ und kehrte ins Atelier zurück. Enttäuscht setzte Christine ihre Arbeit fort. ,Wenn ich ebenso dächte, würde es hier niemals anders aussehen‘, dachte sie in einer Anwandlung von Ärger. Es gab Augenblicke, in denen sie sich wie eine Märtyrerin vorkam. Sommerhoff spendete ihr nicht die geringste Anerkennung, er schien gar nicht zu bemerken, wie sie schuftete und sich plagte. Und von Klaus hatte sie auch nichts als ein triumphierendes „Habe ich es dir nicht gleich gesagt!“ zu erwarten, wenn sie gegen Abend todmüde nach Hause kam.
Aber das Gute trägt seinen Lohn in sich. Nach einiger Zeit begann Christine die Früchte ihres Fleißes zu ernten. Die Küche sah nun wie ein Schmuckkästchen aus, jedes Ding stand an seinem Platz. Und Sommerhoff hätte den Diwan im Atelier gut und gern mit seinem Bett vertauschen können, das frisch überzogen im aufgeräumten Schlafzimmer stand. Christine sah sich befriedigt um. Was in ihrer Macht lag, war geschehen, um aus einer chaotischen Junggesellenbude ein vernünftiges Schlafzimmer zu machen. Vielleicht wirkte es nun ein wenig nüchtern mit den schmucklosen Möbeln und der Atmosphäre von schwarzer Seife, die gleichbedeutend mit Sauberkeit war. Ein Mensch, der Unordnung als malerisch und zum Heim eines Künstlers gehörig empfand, würde nicht mehr auf seine Kosten kommen. Aber Christine war in einem geordneten Hauswesen aufgewachsen, in dem es weder wahllos verstreute Kleidungsstücke noch Katzen auf den Betten gab.
Sehr zufrieden mit sich, stieg sie in die unteren Räume hinab. Sie war allein im Hause, nachdem Sommerhoff in der Küche erschienen war, um ihr mitzuteilen, daß er in der Stadt zu tun habe. Er hatte in einem grauen Straßenanzug, dessen Hosen dank Christine keine zerbeulten Knie aufwiesen, sehr adrett und beinah bürgerlich ausgesehen, aber der Eindruck eines unauffälligen älteren Herrn war durch einen kreisrunden Filzhut, der jeder Mode Hohn sprach, hoffnungslos zerstört worden. Die Art, wie er ihn, nachlässig auf den Hinterkopf gedrückt, trug, sicherte ihm etwas, das er im Grunde verabscheute: die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen.
Christine beschloß, seine Abwesenheit zu benutzen, um im Atelier ein wenig nach dem Rechten zu sehen. Sie hatte ein schlechtes Gewissen dabei, denn Sommerhoff versicherte ihr täglich, daß sie im Atelier nichts zu suchen habe. Er behauptete, dort selbst für Ordnung zu sorgen, aber Christine hatte ihn noch nie bei dieser lobenswerten Tätigkeit angetroffen, und die mehltarbene Staubschicht auf allen Gegenständen bewies ihr, daß er seiner Ordnungsliebe nicht allzu häufig die Zügel schießen ließ.
Vorsichtig ging sie daran, aufzuräumen. Kaspar, auf seinem Platz vor dem Diwan, begleitete ihr Tun mit wohlwollenden Blicken. Im Gegensatz zu Bibi war er ihr vom ersten Tag an freundlich begegnet. Auf ihrem blauen Kissen ruhte die „Prinzessin“ neben dem Pekinesen, mit dem sie eine auf Gewinnsucht beruhende Freundschaft verband. Gegensätzlich von Natur, fanden sie sich in dem Bestreben, Kaspar die besten Brocken aus dem Freßnapf zu stehlen, und der Neufundländer ließ es in seiner tolpatschigen Gutmütigkeit geschehen. Auf dem Bücherbrett neben einem Tonkrug mit blühenden Zweigen hockte schön und türkisfarben Idomeneo. Christine nahm sich vor, seinen Käfig einer gründlichen Reinigung zu unterziehen. Zunächst jedoch erlag sie der Versuchung, sich einmal gründlich im Atelier umzusehen. Wenn Sommerhoff da war, wagte sie es nicht, und so hatte sie seine Arbeiten noch nie aus der Nähe betrachtet. Auf Zehenspitzen wie ein Kind, das auf verbotenen Wegen wandelt, ging sie umher und betastete mit scheuen Händen die Tierkörper aus Gips oder Bronze, die alle mit einem bewundernswerten Sinn für verspielte Anmut gestaltet waren. Sie bewunderte die Statuette eines Jünglings, der mit erhobenen Armen zum Kopfsprung anzusetzen schien, und stand lange vor dem bronzenen Kopf einer Frau mit reizvoll unregelmäßigen Zügen unter kurzen stilisierten Locken. Die Locken erinnerten Christine an die Bildwerke römischer Kaiserinnen, aber das Gesicht war nichts weniger als klassisch. Eine breite Stirn, die Nase ein wenig zu kurz, volle, weiche Lippen — jedes für sich eher häßlich als schön, und als Ganzes doch von einem ungewöhnlichen Zauber.
,Man müßte die Farbe der Augen sehen‘, dachte Christine, da schrillte die Haustürklingel, und die Hunde brachen in ein wahres Indianergeheul aus. Christine beeilte sich zu öffnen und stand ziemlich atemlos einer kleinen rundlichen Person mit flinken Eichhörnchenaugen und blondem Wuschelhaar gegenüber. Die Farbe ihrer Wangen wetteiferte mit dem mohnfarbenen Rot eines Pullovers, der einen gefälligen Busen umschloß. Eine kornblumenblaue Jacke, ein sehr kurzes, schottisch gemustertes Plisseeröckchen, buntgeflochtene Sandalen — alles in allem war es das Farbigste, das Christine jemals in Gestalt einer Dame mittleren Alters vorgekommen war.
„Guten Tag!“ rief die bunte Dame in einem Falsett, das Bibi alle Ehre gemacht hätte, „ist Herr Sommerhoff im Atelier?“
„Nein“, sagte Christine, bemüht, den Pekinesen vom Plisseeröckchen der Dame fernzuhalten. „Er ist nicht daheim.“
„Er ist nicht daheim?“ Die Eichhörnchenaugen wurden starr wie Schuhknöpfe.
„Nein“, wiederholte Christine und beförderte Bibi in die Küche. „So“, sagte sie aufatmend, „wollen Sie nicht hereinkommen?“
„Ich war verreist“, erklärte die Dame ohne ersichtlichen Zusammenhang. „Aber Gregor wußte doch — nun, vielleicht kommt er bald wieder“, meinte sie und sah Christine Zustimmung heischend an. „Übrigens kennen wir uns ja noch nicht. Mein Name ist Herbst. Seit wann sind Sie denn hier im Hause?“
Christine gab bereitwillig Auskunft, während sie den Gast ins Atelier treten ließ. Daß etwas so Buntes ausgerechnet Herbst hieß! Blieb nur noch die Frage, ob Frau oder Fräulein Herbst. Christine entschloß sich, „gnädige Frau“ zu sagen aus der Erwägung heraus, daß Damen um die Vierzig keinen übermäßigen Wert darauf legen, für unverheiratet gehalten zu werden. Aber die Besucherin gehörte offenbar nicht zu den Menschen, die ein Hehl aus ihrer Person machen.
„Fräulein!“ sagte sie, während sie ihre Augen wachsam im Atelier spazieren gehen ließ. „Fräulein Herbst, liebes Kind. Also, Sie führen Gregor Sommerhoff den Haushalt! Nun, ich sagte ihm immer, er solle jemand Vernünftiges in sein Haus nehmen. Ich bekümmere mich ja um ihn, so viel es geht, aber schließlich kann man nicht überall sein, nicht wahr?“
„Nein“, gab Christine zu. Es war anzunehmen, daß Fräulein Herbsts Bemühungen um Sommerhoff sich auf sein seelisches Wohl beschränkt hatten. Mit Staubwischen und Geschirrabwaschen hatten sie jedenfalls nichts zu tun gehabt.
„Eine langjährige Freundschaft verbindet uns“, schwärmte Fräulein Herbst, „man kann wohl sagen, eine Freundschaft fürs Leben. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden wäre, wenn nicht ich —“ Täuschte sich Christine, oder schweiften des bunten Fräuleins Blicke wirklich zu dem Frauenkopf mit den römischen Locken? Auf jeden Fall schaltete sie eine vielsagende Pause ein und vollendete dann seufzend: „Er ist so hilflos, der Ärmste!“
„Wirklich?“ fragte Christine zweifelnd. Hilflosigkeit war ihr bisher nicht als ein hervorstechender Charakterzug ihres Arbeitgebers aufgefallen, im Gegenteil, er schien sehr genau zu wissen, was er wollte und durchaus imstande, seinen Willen in die Tat umzusetzen.
„Man merkt es ihm nicht an, nicht wahr?“ fragte Fräulein Herbst lebhaft. „Er ist eigensinnig. Aber Eigensinn ist ein Panzer, mit dem hilflose Menschen ihre Schwäche schützen.“
Diese Weisheit gab sie triumphierend wie einen Fanfarenstoß von sich, um dann milde hinzuzufügen: „Sie sind natürlich noch zu jung, um das zu begreifen, Kind.“
„Mag sein“, gab Christine friedfertig zu. Sie hätte gern zu bedenken gegeben, daß es nicht ihres Amtes sei, Sommerhoff seelisch zu begreifen, aber Fräulein Herbsts Redestrom war nicht zu stoppen. Sie entwarf ein leuchtendes Bild von ihren Beziehungen zu Sommerhoff, in dem sie als Muse und Seelenfreundin erschien. Man mußte den Eindruck gewinnen, als sei der Bildhauer ohne Fräulein Herbst niemals das geworden, was er heute war.
Christine benutzte eine Atempause, das bunte Fräulein zu fragen, ob sie noch länger auf Sommerhoff warten wolle.
„Ich bin mit meiner Arbeit fertig“, erklärte sie, „und fahre jetzt nach Hause.“
Fräulein Herbst schien ratlos. „Wissen Sie denn gar nicht, wann er wiederkommt?“ fragte sie, und als Christine verneinte: „Natürlich konnte er nicht wissen, daß ich gerade heute — aber ich hatte ihm doch geschrieben — nun, ich werde noch ein wenig warten“, entschied sie munter. „Fahren Sie ruhig nach Hause, Kind.“
Christine verabschiedete sich. In der Tür drehte sie sich noch einmal um; Fräulein Herbst saß auf dem Diwan wie eingerammt.
Als sie das Haus verließ, schlug es fünf Uhr. Sie hatte das Rad daheimgelassen, weil der Tag mit Regen begonnen hatte. Nun mußte sie sich beeilen, ihren Zug zu erwischen. Es gab zwar alle zwanzig Minuten einen, aber daheim saß gewiß schon Klaus und wartete. Seitdem sie bei Sommerhoff arbeitete, schien er nichts Besseres zu tun zu haben als auf sie zu warten.
Sie nahm die steile Treppe zum Bahnsteig zwei Stufen auf einmal und kam gerade zurecht, um Sommerhoff dem aus der Stadt kommenden Zuge entsteigen zu sehen. Christine atmete auf — das bedeutete noch drei Minuten bis zu ihrem Zug. Sie benutzte sie, um ihrem Arbeitgeber mitzuteilen, daß eine Dame auf ihn warte.
„Eine Dame?“ Sommerhoffs Gesicht drückte tiefes Mißtrauen aus.
„Ein Fräulein Herbst“, berichtete Christine.
„Mathilde!“ Der Bildhauer schob den runden Hut noch tiefer ins Genick und schien zum erstenmal, seitdem Christine ihn kannte, wirklich hilflos. „Was sagte sie?“ erkundigte er sich vorsichtig.
„Ich glaube, sie nahm an, sie werde von Ihnen erwartet.“
Er schmunzelte grimmig. „Eben drum“, sagte er, doch bevor Christine dieser seltsamen Äußerung auf den Grund gehen konnte, fuhr ihr Zug ein, und sie mußte sich verabschieden.
Sommerhoff sah ihr gedankenvoll nach. „Ich hätte halt einen noch späteren Zug nehmen sollen“, murmelte er.
Darmowy fragment się skończył.